Der Mann ohne Gewissen

1.

Draußen war es noch stockdunkel, als August Gläser mit einem lauten Schrei aus einem wüsten Traume erwachte. Im Schlafe hatte er an dem Kreuze eines entsetzlich hohen Kirchturms gehangen, bis er die Kraft verlor und in die fürchterliche Tiefe stürzte. Und so saß er jetzt einige Augenblicke wie gelähmt da, mit dem Gefühle eines Menschen, der einen unheimlichen Druck im Gehirn verspürt, den er erst allmählich überwinden muß.

»Was hast du denn?« fragte Anna Schiman, die den Platz auf dem langen, niedrigen Holzkoffer mit ihm teilte und nun besorgt seine große, knochige Hand mit ihrer kleinen, runden tätschelte. Sie hatte immer warme Hände, die sie während der ganzen Fahrt unter dem dicken Seelenwärmer verborgen hielt. Und so empfand er im Augenblick das Wohlige dieses Streichelns, mit dem sie ihn des Nachts hin und wieder ermuntert hatte, um zugleich immer aufs neue damit anzudeuten, daß er sich ihres unbeschränkten Besitzes erfreuen dürfe.

»Sind wir schon da?« gab er zurück und reckte, nun zur Besinnung gekommen, den langen Hals aus dem dicken, gestrickten Schal hervor, den er sich mehrfach umgewürgt hatte und dessen Knotenenden unter den Knöpfen des dicken Flausrockes verborgen waren.

Sie lachte, denn jedesmal, wenn bei einer Station das Gerassel der Eisenbahn langsam erstarb und der Wagen die letzten Püffe bekam, die sich endlos fortzusetzen schienen, richtete er dieselbe Frage an sie wie jemand, der, fortwährend wie betäubt, nichts versäumen kann, weil eine andere gute Seele ihn stets daran erinnert.

»Es ist noch lange nicht so weit, willst du eine Stulle haben?« sagte sie dann und griff auch sofort in den Klappkorb, der neben ihr stand und in dem sich das Eßmaterial für eine ganze Woche befand.

Er nickte nur, denn stets hatte er Hunger, weil sein unergründlicher langer Magen immer der Arbeit bedurfte, falls die Langeweile nicht durch das Tabakrauchen getötet wurde. Und so biß Gläser gierig in das dick bestrichene Schmalzbrot hinein, dessen Umfang dem eines kleinen Tellers glich. Er sagte kein Wort dabei, ließ aber nun die beweglichen Augen, aus denen er sich den letzten Schlaf wischte, durch den langen Wagen vierter Klasse schweifen, in dem die Fahrgäste, fast unkennbar im trüben Schein der nur winzig brennenden Flamme an der Decke, auf ihren geringen Habseligkeiten wild durcheinander lagen und hockten gleich den Überresten menschlichen Unglücks, die, über der letzten Hoffnung brütend, allmählich sanft entschlummert waren. In dem kahlen Kasten, der keine Bänke hatte, waren Männer, Frauen und Kinder eng zusammengepfercht wie eine einzige große Familie, in der keins auf das andere Rücksicht zu nehmen brauchte. Man hörte das Atmen, ohne die Gesichter zu sehen, denn die strenge Kälte dieser Novembernacht hatte die Reisenden dazu getrieben, sich bis über die Ohren zu vermummen, und so sah Gläser unförmliche dunkle Körper, die äußerlich kein Leben zeigten. Nur gerade unter der Glaskuppel der Lampe schimmerten die bleichen Gesichter zweier Kinder, die Arm in Arm in dem Schoße ihrer Mutter lagen, einer mageren, noch jungen Frau, die, ganz in einen alten Mantel gehüllt, den Rücken gegen eine große Kiste gelehnt hatte und deren Haupt wie das einer armen Madonna weit auf der Brust ruhte.

Trotzdem dieser Anblick etwas Rührendes, fast versöhnendes mit dem Schicksal all der zusammengewürfelten Menschen hatte, empfand Gläser nichts Besonderes dabei. Ein anderer hätte sich an dem unschuldigen Reiz dieser kleinen Wesen erfreut, die einer unbestimmten Zukunft entgegengetragen wurden – er sah nur das alltägliche Leben darin, den Stumpfsinn der Masse, der, ob schlafend oder wachend, sein ewiges Geleise zog.

»Hast du denn ein bissel gedruselt?« fragte er endlich, nachdem er sich mit seinem durchdringenden Blick davon überzeugt hatte, daß die ganze Gesellschaft noch beisammen war.

Anna Schiman verneinte. Einmal sei sie nahe daran gewesen, aber ihr Nachbar habe sie immer wieder munter erhalten. Neben ihr auf einem Sack, gegen die Außenwand gedrückt, saß ein polnischer Jude in langem Kaftan und mit Ohrenlocken, dessen hohler Husten sich wie das verlorene Krächzen eines Raben anhörte. Er kam aus Kattowitz, von der äußersten Grenze Oberschlesiens, und hatte die weite Reise nach Berlin nur zu dem Zweck unternommen, um sich einem reichen, wohltätigen Glaubensgenossen vorzustellen, der ihm die Mittel zur Heilung im Süden geben sollte. Fast jedem der Mitfahrenden hatte er es erzählt, bis er, endlich erschöpft davon, in Schweigen zurückgesunken war, ohne die Ruhe zu finden. Eine mächtige Decke über der Brust, murmelte er nach jedem Hustenanfall etwas Gebetartiges vor sich hin und scheuchte durch seine andauernde Munterkeit die lebhaften Nerven seiner Nachbarin wie eine Schar Vögel auf, so daß sie gleich ihm nicht schlafen konnte.

Aber weit davon entfernt, sich darüber zu beklagen, hatte sie jetzt zu ihrem Bräutigam nur Worte des Mitleids bereit, obgleich sie einige derbe Bemerkungen nicht unterdrücken konnte.

August Gläser jedoch, der bei solcher Gelegenheit die schlimmsten Instinkte seiner Kraftnatur walten ließ, spie bezeichnend aus und machte laute Andeutungen darüber, was man sich als viertklassiger Mensch alles gefallen lassen müsse. Er habe für keinen Schweinewagen bezahlt und werde sich bei dem Schaffner beschweren, damit anständige Leute endlich schlafen könnten. Das hatte er bereits mehrmals gesagt, ohne es zu tun, denn stets war er von andern Gedanken in Anspruch genommen worden. Fortwährend dachte er an Berlin, an diese große Stadt, von der er in der Enge seines Heimatsnestes wie von einem Märchenland geträumt hatte und die er erobern wollte mit allen Kniffen seiner natürlichen Schlauheit, wie man eine begehrte Schöne für sich gewinnt, die man durch süße Worte umstrickt und umgarnt.

Anna Schiman sah nicht gern seine böse Seite, und so wollte sie ihn sofort beschwichtigen. »Hast du auch das bissel Geld noch?« fragte sie und tätschelte nun mit beiden Händen seine Rechte, die sie in ihren Schoß genommen hatte. Sie wußte, daß er dann eine andere Miene aufsteckte, wie alle Selbstlinge, die nur fröhlich und guter Laune sind, sobald sie den Mammon klingen hören.

Jetzt lachte August Gläser, aber er lachte anders, als seine Braut vorhin. Es war mehr der Spott über ihre ewige Sorge, während sie seinen wiederholten Fragen nach ihrer Ruhe mehr mit Lustigkeit begegnet war.

»Aber natürlich, Madel, es ist noch da. Tu dir nur keine Gedanken machen!« Und als wollte er sie noch außerdem beruhigen und bei guter Stimmung erhalten, fuhr er mit der Rechten um ihre volle Büste, preßte den warmen Körper an sich und drückte einen langen Kuß auf ihre schwellenden Lippen, den sie mit Glut erwiderte. Noch enger schmiegten sie sich aneinander, und während rechts und links das graue Elend träumte, empfanden sie die Kraft ihrer jungen Jahre und wie das Blut gleich wohligen Wellen durch ihre Körper ging und auf Minuten alle Kälte verdrängte.

August Gläser hätte über die stete Angst seiner Braut, die ringsum Diebe witterte, lachen mögen, denn selbst während er schlief, hatte er immer die linke Hand in der Hosentasche gehabt, festgedrückt auf den Beutel, der Annas Ersparnisse enthielt. Und eher hätte man ihm den Arm zerteilen können, ehe er die Fingerkrallen von diesem Gut gelassen haben würde. Etwas umständlich zog er die billige silberne Uhr, die in einer Hornkapsel steckte, aus der Westentasche und entzifferte mühsam die Zeit. Es war erst kurz vor sechs, also hatten sie noch volle zwei Stunden, bevor sie an ihr Ziel kamen. Laut begann er zu gähnen, während Anna Schiman aus einem Wust von Tüchern eine große Flasche auswickelte, in der sich gemilchter Kaffee befand. Er war noch warm, denn gleich nach Mitternacht hatte sie sich auf einer Station eine Tasse Schwarzen und dazu heißes Wasser geben lassen, womit sie den vorhandenen Rest vermengte. Abwechselnd nahmen beide einen Schluck aus der Flasche, wobei Gläser gehörig den Mund verzog, denn diese Lorche schmeckte ihm doch zu sehr nach gar nichts. Immerhin fühlte er Wärme in seinem Magen, und so erhob er sich etwas angefeuert, um zu sehen, was eigentlich draußen los sei.

Der Zug hielt auf freiem Felde, es mußte also etwas nicht in Ordnung sein. Gläser konnte durch die Scheibe nichts bemerken, und so ließ er das Fenster ein wenig herunter und steckte vorsichtig den Kopf mit dem Vogelgesicht hinaus, nachdem er die Pelzmütze tiefer über den Schädel gedrückt hatte. Die eisige Luft drang ihm entgegen und kühlte mit einem scharfen Winde fast schmerzhaft seine Wangen, trotzdem aber sog er mit vollen Nüstern den frischen Kältegeruch ein, denn drin hatten sich üble Düfte entwickelt, die unerträglich geworden waren.

Eine unermeßliche Schneefläche dehnte sich vor seinem Blick, die aber nichts Leuchtendes hatte, denn fast schwarz wölbte sich der sternenlose Himmel über der grauen Masse, wie bleiern senkte sich das Gewölk zur Erde, als wollte es mit seinem feuchten Dunst die ganze Landschaft erdrücken, um sie noch starrer und trostloser zu machen. Gleich schaurigen Wachtposten ragten zwei einsame Kiefern aus der Öde heraus, kahl und schwarz durch den Sturm geworden, der die letzten Flocken von den Ästen geschüttelt hatte. Der Zugführer und ein Schaffner, die Laterne in der Hand, schritten die Wagen ab, bückten sich, leuchteten und musterten die Räder. Einmal wurde ein Eisen angesetzt; dann standen beide mit einem dritten zusammen und besprachen etwas. Im Lichtschein der Laternen konnte Gläser sehen, wie ihr Atem dampfte, der in hellen Wolken von der Kälte verschlungen wurde. Kein Haus war zu erblicken, nichts, was die Nähe menschlicher Wohnungen verriet. Der lange Zug stand in einer Kurve, und so tauchte hinter ihm der endlose Wald empor, der auf der anderen Seite die Schienen begleitete und nun die Täuschung hervorrief, als hätten sich die unzähligen Wagen aus seiner Tiefe herausgewunden.

»Ist etwas passiert?« ließ sich eine angenehm klingende Stimme hinter ihm vernehmen.

Es war Dolinsky, ein junger, schmächtiger Mann, der an ihn herantrat und nun den Versuch machte, seinen Kopf ebenfalls hinauszustecken. Er war der einzige, der während der ganzen Fahrt immer am gegenüberliegenden Fenster gestanden und, das Gesicht gegen die Scheiben gedrückt, in die Nacht hinausgeblickt hatte, als könnte er sich am besten dadurch die Zeit verkürzen. Fortwährend rauchte er Zigaretten, und kaum war die eine verbraucht, so drehte er sich bereits eine frische, wozu er den Tabak einer Büchse entnahm. Bis jetzt hatte er nur in dumpfem Schweigen verharrt; nun aber schien es ihm Bedürfnis zu sein, einige Worte zu wechseln. Schon im Wartesaal zu Breslau hatte er das Pärchen beobachtet und sich an dem hübschen Gesicht des Mädchens erfreut, das so gesund und munter in die Welt blickte, während ihr Begleiter eine auffallende Verschlossenheit zeigte.

»Oh, es tut sich weiter nichts«, gab Gläser kurz zurück, indem er mit Willen diese verrenkte Redensart anwandte, in der er sich manchmal gehen ließ.

»Sind Sie Pole?« fragte der andere wieder, der das gebrochene Deutsch zu erkennen glaubte.

»Nee, noch nicht«, sagte Gläser nun lachend. »Ich muß also sehr bedauern, nicht Ihrer Nationalität zu sein«, fügte er dann höflich hinzu, um den Gebildeten zu markieren.

Dolinsky bat um Entschuldigung und gab ihm dann die nötige Aufklärung. Sein Vater stamme schon mütterlicherseits von einer Deutschen, und seine Mutter sei ebenfalls eine Deutsche, es könne also höchstens noch ein Achtel Pole in ihm stecken, was vielleicht daher komme, daß er noch polnische Verwandte habe. Trotz dieser Beteuerung hatte er eine zwar durchaus richtige, aber harte Aussprache, wie sie Fremdländern eigen ist, oder doch Menschen, die längere Zeit eine andere Sprache auf sich wirken lassen mußten.

»Sagen Sie, wir werden doch nicht liegen bleiben?« fuhr er nach einem Weilchen fort. »Es wäre mir sehr unangenehm.«

»Wollen Sie vielleicht heute noch Hochzeit machen?« fragte Gläser, dem es nun ein gewisser Genuß war, sich mit einem andern Menschen unterhalten zu können. Er hatte das Fenster wieder schließen müssen, weil im Hintergrunde jemand laut über den hereindringenden Zug geschimpft hatte. Auch die Frau unter der Lampe war munter geworden und verhüllte mit den Enden ihres Mantels die Gesichter der noch schlafenden Kinder.

»Das nicht, dazu muß man wohl auch erst verlobt sein«, erwiderte Dolinsky gut aufgeräumt. »Ich bin nicht für das zu frühe Heiraten. Man findet auch zu schwer die Richtige, vielleicht ist sie schon in Berlin? Wer kann es wissen!« ergänzte er heiter. »Ich bleibe nämlich dort, Sie auch?« Und als Gläser zur Bestätigung nickte, weil ihm der Hinweis auf die »Richtige« im Kopf herumging, sprach Dolinsky weiter: »Die Sache ist nämlich die, wissen Sie: ich soll mich schon um zwölf Uhr vorstellen. Ich bin Bautechniker und komme aus Münsterberg … Na, es wird wohl nicht weit sein vom Schlesischen Bahnhof. Da herum soll das Geschäft liegen.«

Anna Schiman spitzte die Ohren, denn das Wort »Techniker« hatte ihr Respekt eingeflößt. Ihr Vater war Werkführer in einer Fabrik, und so wußte sie den Beruf des Fremden sofort zu schätzen. Eine gewisse Freude beschlich sie bei dem Gedanken, es könnte zwischen den beiden zu einer Annäherung kommen, die man in der großen Stadt vielleicht fortsetzen würde. Schon längst hatte sie diesen jungen Mann, der sich so auffallend abseits hielt, für etwas Besseres gehalten, nun war sie von Stolz erfüllt darüber, daß er gerade ihren Bräutigam ausgewählt hatte, um sich mit ihm zu unterhalten. Was sonst noch um sie herumlag und sich flegelte, war ihrer Meinung nach doch nur Pack, richtige »Usinger«, mit Ausnahme der Mutter vielleicht, deren vergrämtes Gesicht so seine Züge zeigte.

Der polnische Jude neben ihr spuckte wieder, und so benutzte sie das als eine willkommene Gelegenheit, sich nun ebenfalls zu erheben und zu den beiden zu treten. Trotzdem sie kaum bis zur Mittelgröße ragte und durch das dicke Schaltuch über den Schultern sich ungestaltig ausnahm, konnte man ihr doch die Lebhaftigkeit ihrer Bewegungen anmerken, die von Frohsinn und Jugend sprachen. Unter der Kapuze des Tuches brannten die dunklen Augen im geröteten Gesicht, und als Dolinsky sie ansah, erfreute er sich an dem Spiel ihres Blickes, das jedesmal erhöht wurde, sobald sie lächelte und die kernigen Zähne zeigte. Das geschah oft, als wäre es eine liebliche Angewohnheit, unzertrennbar von ihrem frischen Wesen. Schweigend hörte sie den Männern zu.

»Und Sie, was wollen Sie in Berlin machen?« fragte Dolinsky wieder.

»Ich? Ich will es mir kaufen«, gab Gläser trocken zurück. Und zugleich bekam er von Anna einen neckischen Schlag, der von den Worten begleitet war: »Ach, du! Hast es wohl schon in der Tasche.«

»Hab' ich auch«, erwiderte er bedeutungsvoll und fühlte dabei, ob der Beutel noch vorhanden sei.

»Er hat immer soviel Rosinen im Kopf,« fuhr sie gutmütig fort, nun zu dem andern gewendet, »er könnte damit handeln gehen, wenn er's nur amol täte.« Da sie aber seinen leicht erglühenden Zorn über ihre kleinen Spitzen kannte, hakte sie sich sofort an seinen Arm und drückte heimlich seine freie Hand.

Dolinsky stimmte mit in diesen Scherz ein, indem er abermals begann: »Das ist ein guter Witz. Aber sagen Sie mal, woher werden Sie das Geld bekommen? Berlin hat viele Häuser. Und ich wäre schon froh, wenn ich eins davon hätte.«

»Geld, Geld?« gab Gläser mit einem bestimmten Hochmut zurück, »was brauche ich mir jetzt schon den Kopf darüber zerbrechen! Ich bin ja noch gar nicht da. Sehen Sie, in Berlin liegt das Geld auf der Straße. So hab' ich gehört. Man muß nur verstehen, es aufzuheben.«

»Ach, so meinen Sie es?« warf Dolinsky lachend ein. »Dann werden Sie sich aber oftmals bücken müssen, ehe Sie genug gegrabscht haben.«

»Das werde ich auch tun, verstehen Sie. Das heißt, wenn morgen noch welches da ist. Man kommt ja hier nicht von der Stelle!« Ärgerlich riß er aufs neue das Fenster mit einem gewaltsamen Ruck herunter und schrie laut in die Nacht hinein: »Weiterfahren! Meine Schwiegermutter wartet mit dem Kaffee!«

Irgendwo am Ende des Zuges lachte jemand und fügte hinzu: »Meine auch!« Zugleich jedoch empfing Gläser einen heimlichen Rippenstoß von seiner Braut, der ihn daran erinnern sollte, daß ihre Mutter längst das Zeitliche gesegnet hatte.

Bereits vorher hatte die Todesstille, durch die das gewohnheitsmäßige Rasseln des Zuges abgelöst worden war, verschiedene Schläfer munter gemacht, die sich nun reckten, laut gähnten und mißgestimmt fragten, was der Lärm zu bedeuten habe. Allmählich folgten die übrigen, und bald sah man Säcke und Tücher fallen, bis sich die ganze Gesellschaft wie aus Bergen dumpfer Kleidungsstücke herausschälte und verfrorene Gesichter mit verschlafenen Augen zeigte. Alle fröstelten und rieben sich die Hände, denn nun erst empfanden sie die Strenge des Winters, der sich durch alle Ritzen des Wagens schlich.

Ein untersetzter, rotbärtiger Mann mit krummen Knien, die aus hohen, mit Stroh gefütterten Schmierstiefeln ragten, erhob sich in der Nähe des eisernen Ofens und legte die Hand auf das kalte Rohr, das zur Decke führte.

»Schweinebande! Unsereins kann frieren«, sagte er mit seiner vertrunkenen Stimme, nahm einen Schluck aus der Flasche und schlug dann kräftig die Arme zusammen, um die blaugewordenen, steifen Finger zu erwärmen. Dann trommelte er aus Ärger mit dem Stiefelabsatz gegen das große Schutzblech des Ofens, so daß es dumpf dröhnte.

»Bist wohl verrückt geworden?« fragte sein Reisebegleiter, ein riesiger Viehtreiber, der in einem weißen Schafspelz steckte und sich nun ebenfalls in seiner ganzen Länge erhob, so daß er fast oben anstieß.

»Spuck' doch in den Ofen, du hast immer Hitze«, gab der andere zurück und schlug die Arme aufs neue zusammen.

»Zieh' doch das Stroh aus den Stiebeln, dann brennt's gleich«, sagte der Riese wieder. Und er langte ebenfalls seine Flasche hervor und ließ erst den Korken an dem Glase quietschen, bevor er die Öffnung an die Lippen setzte.

Der Schaffner, eine breite Gestalt im Dienstpelz mit schwarzem Flockenkragen, trat ein und fragte, wer an der nächsten Station aussteige. Alle wollten nach Berlin. Der Rotbärtige fiel sofort mit Worten über ihn her. Es sei polizeiwidrig, die Menschen frieren zu lassen; das Vieh habe es besser, denn es liege auf der Streu. Er werde sich in Berlin das Beschwerdebuch geben lassen und seine Klage vorbringen.

Der Schaffner lachte gutmütig, »Weiter nichts?« sagte er dann. »Das Vieh ist auch manchmal mehr wert als die Menschen.«

»Da hast du recht«, stimmte ihm der Riese im Schafspelz zu und reichte ihm die Flasche mit den Worten: »Da, beiß' auch einen ab!«

Sie kannten sich schon näher, denn seit langem machte der Viehtreiber diese Fahrt, die sich etwa alle vier Wochen wiederholte. Der Schaffner ging und kehrte nach einem Weilchen mit glühenden Kohlen auf einer Schippe zurück, die er in das Ofenloch warf und denen er dann eine Ladung Koks folgen ließ. Bald knisterte das Feuer lustig und sandte zu seiten des Bleches einen rötlichen Schein in den Wagen. Alles rückte an den Ofen, und es sah wie ein Nachtlager aus, über dessen geheimnisvolle Gestalten feuriger Schimmer tanzte, während in den Winkeln tiefe Schatten gähnten.

Der polnische Jude, der fortwährend fror, hatte brennende Sehnsucht nach dem strahlenden Ofen. Mühsam richtete er sich empor, stöhnend und ächzend wie ein Todkranker, der sein letztes Stündlein kommen fühlt und doch die Lust zum Leben verspürt.

Der Viehtreiber sah es. »Komm', Alter«, sagte er und bückte sich, so daß es in ihm wie in einer mächtigen Eiche knackte. »Platz da, Ekel, du kannst mehr vertragen als dieses Häufchen Unglück«, rief er dem Rotbärtigen zu. Und er nahm den Kranken an Armen und Beinen und trug ihn wie ein Bündel Flicken an die Wand, dicht neben dem Ofen, wo er ihn sorgsam niederließ. »Nun spuck' mich aber auch dafür nicht an«, schloß er lachend. Ein Blick des Dankes traf ihn aus den großen, tiefliegenden Augen, die zeitweilig von den Adern halb verdeckt waren, als bereiteten sie sich langsam auf das Schließen für ewig vor. »Der liebe Gott soll's vergelten, und ich will bleiben immer in Ihrer Schuld«, stieß er mit kurzem Atem hervor. Er rückte sich den alten Sack unter seinem Haupt Zurecht, faltete dann die abgemagerten, durchsichtigen Hände über der Leibdecke, schloß die Augen und blieb so liegen, ein wohliges Lächeln um die dünnen Lippen im blassen, seinen Gesicht. Deutlich sah man, wie er die Wärme einatmete, die ihn in Gedanken bereits nach dem Süden führte …

2.

Langsam setzte sich der Zug wieder in Bewegung und allmählich kam er in das alte klappernde Rollen, durch dessen Eintönigkeit die meisten Fahrgäste aufs neue in Sinnen und Schlaf versanken. Nur die drei jungen Leute blieben munter und plauderten zusammen. Das Brautpaar hatte sich wieder niedergelassen, während Dolinsky die unbesetzte Kiste eines Schläfers heranzog und ebenfalls Platz nahm. Er holte ein zierliches Fläschchen mit Likör hervor und bot es Gläser an. Dieser lehnte aber ab; er trank nie Schnaps, weil es einer seiner Grundsätze war, immer einen klaren zu behalten. Sein Vater war am Trunke zugrunde gegangen, und so fürchtete er sich vor jedem Tropfen wie vor einem Feinde, der ihn hinterrücks unterkriegen könnte. Und er sah doch im Geiste schon die ganze Armee, die er besiegen wollte, um wie ein König zu herrschen.

»Sagen Sie, wie wollen Sie das aber aushalten, wenn Sie sich ganz Berlin gekauft haben werden?« fragte der Techniker heiter, als er den deutlichen Abscheu des andern zu verstehen bekommen hatte. »Sie werden doch dann gewiß auch mal Sekt trinken müssen.«

Das Mädchen lachte, während Gläser verächtlich erwiderte: »Nur trinken? Die Füße will ich mir drin waschen. Übrigens ist das auch ganz etwas anderes. Schnaps zieht nieder, Sekt macht frei und gibt Gedanken.«

»Haben Sie denn schon welchen getrunken?« fragte Dolinsky aufs neue, diesmal mit einem bedenklichen Kopfschütteln.

Gläser nickte. »Einmal, bei der Hochzeit meines Prinzipals, wir hatten selbst ein paar Flaschen im Laden. Ich war nämlich in einem Kolonialwarengeschäft, damit Sie's gleich wissen. … Na, und ich kann Ihnen sagen, ich habe eine Rede bei Tisch gehalten, eine Rede! Trotzdem ich vorher nie gesprochen hatte. Es kam ganz plötzlich über mich. Und sehen Sie, das hat der Sekt gemacht. Nur.«

»Was haben Sie denn gesprochen?« fragte Dolinsky neugierig.

Gläser lachte und zeigte seine spitzen Zähne, die wie die eines Raubtieres groß unter den dünnen Lippen lagen. »Das will ich Ihnen sagen«, erwiderte er dann. »Ich habe einfach meinen Prinzipal angeulkt, ohne daß er mich verstand. Der Kerl war viel zu dumm. Ich sprach von seiner gewichtigen jungen Frau – sie ist nämlich eine dicke Person – und wie leicht sie ihm das Dasein machen werde. Und er faßte es immer anders auf. Zum Dank dafür fiel er mir um den Hals und küßte mich, als er genug hatte. Auch eine Hochzeitsgratifikation von zwanzig Mark gab er mir. Sehen Sie, so macht man's. Der Mensch kann alles sagen, wenn er nur die nötige Miene dabei zeigt.«

Er hatte die Arme verschränkt, um die verfrorenen Hände zu verbergen, deren Röte aus dem kalten Laden stammte, den er dadurch noch immer mit sich herumtrug. Etwas wie Triumph sprach aus seinen kleinen grauen Augen, die manchmal, versteckt, ganz in den Winkeln lagen, bis sie jäh wieder aufblitzten und beweglich hin und her gingen.

»Sie uzen wohl gern?« fragte Dolinsky harmlos, jedoch mit pfiffigem Gesicht.

»Man muß die Leute zum Narren halten, dann kommt man zu etwas«, sagte Gläser, ohne eine Miene zu verziehen. »Und ich will zu etwas kommen. Sehen Sie, das ist mein Wahlspruch: Erst komme ich, und dann die anderen noch lange nicht.«

»Ist das wirklich Ihre Meinung?« fragte Dolinsky und blickte dabei prüfend die Braut an, als wollte er aus ihren Zügen lesen, ob diese Lebensweisheit sie nicht stutzig mache. Aber sorglos hatte sie sich mit dem linken Arm wieder an ihren Bräutigam gekettet, und wenn ihre Augen hätten sprechen können, so wäre entschieden daraus zu lesen gewesen: »Ist er nicht ein kluger Mann? Der wird mir goldene Häuser bauen.«

»Gewiß ist das meine Meinung. Die Ihrige vielleicht nicht?« gab Gläser gleichmütig zurück. Er hatte dankend eine Zigarette angenommen und zündete sie nun behaglich an, so daß das Seidenpapier aufflackerte.

»Nein, ich kann Ihnen nicht recht geben«, sagte Dolinsky dann. »Das wäre doch alles Heuchelei.«

»Heuchelei? Aber erlauben Sie mal!« Gläser lachte laut auf. »Was kann ich dafür, wenn die andern sich das gefallen lassen. In dieser Welt ist sich doch jeder selbst der Nächste, und nur die Intelligenz herrscht, wer Bildung hat, der siegt. Na, und die besitze ich. Ich habe die ganze Leihbibliothek in unserem Neste ausgelesen, und da weiß ich, was die Menschen für Finten machen und wie's in allen Erdteilen zugeht. Nicht wahr, Anna?«

Das Mädchen nickte und lächelte glücklich, und diesmal sprach aus ihren klaren Augen etwas wie Bewunderung für ihn. Der Ofen pustete jetzt vor Hitze, und so waren ihre Wangen in einen rosigen Schein getaucht, was Dolinsky ganz besonders gefiel. Immer wieder mußte er sie ansehen und immer aufs neue verglich er sie mit dem andern, dessen pergamentne Gesichtsfarbe dieselbe Strenge angenommen hatte, wie sein ganzes Denken.

»Mag sein, mag sein,« sagte er zerstreut, »aber Sie werden zugeben, Bildung verpflichtet auch. Der Intelligente soll dem Minderintelligenten mit gutem Beispiele vorangehen. Nichts ist leichter auszubeuten als die Dummheit der Menschen.«

»Das ist richtig, das ist richtig!« warf Gläser wie begeistert ein. »Und da die Dummen in der Mehrzahl sind, so werden es auch immer nur die wenigen sein, die zu etwas kommen. Das wird Ihnen doch einleuchten.«

»Leider ist es so«, erwiderte Dolinsky lebhaft, da es ihm Befriedigung gab, diesen Gesprächsstoff einmal gründlich behandeln zu können. »Dafür haben die Dummen auch das reine Gewissen.«

»Ach, was heißt Gewissen!« wandte Gläser ein, wie jemand, der sich über diesen Punkt längst klar ist.

»Ja, aber sagen Sie – ich verstehe Sie gar nicht!« rief der Bautechniker aufgebracht aus. »Darüber kommen wir alle nicht hinweg.«

»Doch, doch!« hielt ihm Gläser hartnäckig entgegen. Die Ausnahmemenschen kommen darüber hinweg, die großen Eroberer, die immer nur den Zweck sehen und niemals das Mittel dazu, wer ein neues Haus bauen will, muß das alte erst abreißen, und wenn auch schöne Erinnerungen darin sitzen. Und sehen Sie, gerade so ist es mit den Menschen. Wer die Schlacht gewinnen will, muß über Leichen reiten, auch wenn vielleicht noch einer liegt, der die Hände zu uns emporhebt. Da heißt's: nicht umsehen, sonst wird der Sieg in Frage gestellt, was uns die Völker lehren, das können wir als einzelne auch befolgen. Alles kommt auf die Tat an. Schon die Natur gab dem Stärkeren das Recht, seine Kräfte auszunutzen.«

»Ja, aber sie auch nicht zu mißbrauchen«, wandte Dolinsky wieder zähe ein.

»Siehst du!« sagte Anna Schiman mit einer gewissen Bedeutung, auf die aber der junge Mann nicht achtete. Gläser wußte, was sie damit meinte. Kurz vor ihrer Abreise waren sie in Streitigkeiten darüber gekommen, ob sie mit nach Berlin solle oder nicht. Er wollte sein Heil zuerst allein versuchen mit dem Versprechen, sie zur Hochzeit im Frühjahr nachkommen zu lassen. Inzwischen wollte er mit ihrem Gelde die Wohnungseinrichtung besorgen und die angenehme Häuslichkeit vorbereiten. Sie aber hatte Angst, daß er sie sitzen lassen könnte, und so hatte ein Wort das andere gegeben, bis er sich zu einer Ohrfeige hinreißen ließ aus Ärger darüber, daß sie sich nicht fügen wollte und überhaupt wagte, Mißtrauen gegen ihn zu hegen. Dann aber nahm er sie mit, um seine Pläne nicht zerfallen zu sehen, schließlich brauchte man doch den Rock nicht zu verlieren, wenn auch das Anhängsel gelegentlich flöten ging!

Mißgestimmt über ihre Andeutung, machte er eine unruhige Bewegung, empfand aber zugleich, daß er sich in eine Sackgasse hineinreden würde, aus der er nicht mehr herauskommen könnte, wenn der andere sich ihm weiter so entgegenstellte. Und so versuchte er plötzlich, der ganzen Sache eine scherzhafte Wendung zu geben, indem er die Bemerkung machte, daß das ja schließlich alles nur Ansichten seien, wie man sie so habe, um sich die Zeit zu vertreiben. Seine Schlauheit drängte ihn dazu, denn er befürchtete, er könnte sich hinreißen lassen, noch mehr aus sich herauszugehen, und dann würde er seiner Braut immer deutlicher den Weg zeigen, auf dem er selbstsüchtig allein in die Zukunft wollte.

»Ja, man drischt nur leeres Stroh, wenn man sich darüber streitet«, stimmte ihm der Techniker bei. »Wenn es auf die Kraftprobe ankommt, dann, wissen Sie, werde ich wohl ewig ein armer Teufel bleiben.«

»Klugheit ist auch Kraft«, warf Gläser nochmals ein, aber doch schon in der Art eines Menschen, der keine Lust mehr hat, sich weiter darüber zu ereifern.

Dolinsky stieß einen leichten Seufzer aus. »Ja, wissen Sie, daran gerade hat's mir immer gemangelt«, sagte er wieder.

»Dann wärst du ja auch mein Mann«, dachte Gläser und ließ ein Lächeln spielen, wobei er in der Regel den Mund schief verzog.

»Ich könnte Ihnen Geschichten erzählen, wenn ich wollte!« fuhr Dolinsky fort, indem er tief Atem holte. »Ein Bautechniker ist doch eigentlich nur ein besserer Arbeiter, dafür trägt er aber auch einen Kragen.«

Das Mädchen lachte, während Gläser wieder sagte: »Wenn Sie das Zeug dazu haben, können Sie aber mal Architekt werden, vielleicht ein großer. In Berlin ist doch alles möglich.«

»Danach strebe ich ja,« erwiderte Dolinsky bescheiden, »wenn ich auch nur ein kleiner bleibe.«

»Na, sehen Sie,« fuhr Gläser fort, »dann wollen wir uns also nicht aus den Augen lassen. Geben Sie mir Ihre Adresse. Sobald ich Millionär geworden bin, bauen Sie mir meine Villa. Und ein Mausoleum will ich haben, wissen Sie, ein großes, prachtvolles Mausoleum mit kleinen Kirchenfenstern, wie es sich nur die ganz reichen Leute gestatten können. Bei Lebzeiten will ich mich schon daran erfreuen, und das können Sie mir dann ebenfalls bauen. Eventuell.«

Dolinsky fand das alles so komisch, daß er in große Heiterkeit geriet. Er hatte wieder zwei neue Zigaretten gedreht, reichte dem andern eine davon und wandte sich an Anna: »Sie können sich jetzt schon darauf freuen, einmal darin beigesetzt zu werden. Das heißt – ich wünsche Ihnen ein langes Leben … Aber sagen Sie, wie steht's mit den Baugeldern?« sprach er wieder zu dem Bräutigam. »Können Sie mir nicht gleich eine kleine Rate Vorschuß geben? Sehen Sie, das ist die Hauptsache in unserem Gewerbe. Ich könnte ja einstweilen immer mit den Zeichnungen beginnen. Die paar Behm in meiner Tasche reichen nicht.«

»Darüber sprechen wir noch«, erwiderte Gläser gewichtig mit der Miene eines Menschen, dem es durchaus ernst um die Sache ist. »Geben Sie mir nur erst Ihre Adresse.«

Während Anna aufs neue lachte, langte Dolinsky ein großes, abgenutztes Notizbuch hervor, legte es auf die Knie, kritzelte beim Stoßen des Wagens rasch einige Zeilen auf das Blatt, riß es aus und überreichte es Gläser mit der Bemerkung, daß er vorläufig bei seinem Onkel wohne und dort zu finden sein werde. »Also ein Millionär wollen Sie werden! Eine hübsche Sache, im Ernste«, sagte er dann gutmütig. »Sie sind ein ganz merkwürdiger Mensch.«

»Ja, das ist er«, warf Anna ein. »Was er will, das will er.«

Gläser nahm das Blatt, warf einen Blick darauf, faltete es zusammen und verbarg es vorsichtig mit einem Dankeswort. Dann endlich nannte er ebenfalls seinen Namen und stellte auch die Braut vor.

Der Zug hielt wieder und hatte längeren Aufenthalt, weil an dieser Station mehrere Güterwagen angekoppelt werden mußten. Gläser stieg aus. Nach einem Weilchen folgte ihm Dolinsky, um eine Tasse Kaffee zu trinken, wie er zu dem Mädchen sagte. Im Osten graute bereits der Tag, der mit seiner noch fahlen Riesenstirn langsam zum Himmel strebte, um die Nacht zu vertreiben. Sonst aber herrschte noch Dunkel, das hier, wo die Schienen zwischen Kiefernwaldungen eingeengt waren, noch beängstigender auf die Seele wirkte. Eine einsame Öllaterne stand auf dem Damm, und in ihrem rötlichen Lichtschein glitzerte der festgefrorene Schnee und ließ die unzähligen Eiskristallchen wie Diamantsplitter leuchten. Es sah aus wie ein herrliches Diadem, das die Nachtkönigin über den Pfahl gestreift hatte, um ein trügerisches Spiel zu treiben. Dolinsky, der Augen für solche Dinge hatte, erfreute sich einige Sekunden daran und lief dann dem Bahnhof zu, der unten am Ende des Zuges lag und aus dem die erleuchteten Fenster lockten. Vereinzelt nur waren die Reisenden zu sehen, denn alles wartete auf die große Stadt. Rasch stürzte er den heißen Kaffee hinunter und packte sich ein paar Würstchen ein, die er im Wagen verzehren wollte.

Dann sah er sich nach Gläser um, aber er fand ihn nicht. Endlich, wieder draußen, entdeckte er ihn hinter dem Bahnhofsgebäude, wie er den Fuß auf einem Stein hielt und etwas in den Schaft des Stiefels hineinpreßte mit aller Sorgfalt, als hätte er eine Kostbarkeit zu verbergen; dann nahm er eine Schnur, band sie oben um den Schaft herum und knotete sie umständlich zusammen. Und, fertig damit, streifte er das Beinkleid wieder herunter, stieß mit dem Fuß auf den Boden auf, machte einige heftige Armbewegungen und sprach wie erregt vor sich hin: »Du kannst dich fest darauf verlassen, es kann nur dort gewesen sein. Nirgends wo anders. Ich bin ja unglücklich, tief unglücklich darüber! Es ist schrecklich, schrecklich! Aber was ist zu machen!« Und er arbeitete mit den Händen in der Luft herum und murmelte noch etwas vor sich hin, was der Lauscher nicht mehr verstehen konnte. Fast sah es aus, als übte er sich auf etwas ein, was er bei irgendeiner Gelegenheit zum besten geben wollte.

Dolinsky lachte still in sich hinein und dachte: »Daß eine Schraube bei ihm los ist, das habe ich längst gemerkt. Woher wohl sonst sein Größenwahn? Mag er machen, was er will.« Der Techniker kannte die Leute, die ihr Geld in die Stiefel steckten, und so fand er nichts Besonderes darin. So etwas sah man am besten nicht, um dem andern nicht die Freude zu verderben. Was ging ihm das auch alles an! Leid tat ihm nur das arme Mädel, das sich an einen so verrückten Menschen gehängt hatte, der jedenfalls aus seinen Wahnideen nicht herauskommen und ihr dadurch nur üble Stunden bereiten würde. Und trotzdem glaubte sie an ihn und hoffte von der Zukunft! Er hatte es wohl bemerkt, mit dem Blicke des begabten Mannes, der alles hört und sieht, auch wenn er nur einen unscheinbaren Eindruck macht. Und diesmal hatte er aufmerksam beobachtet, weil es sich um ein rundes, frisches Ding handelte, das, wenn auch unbewußt, ihn in ihren reizvollen Bann gezogen hatte. Und so war es gar nicht merkwürdig, daß er gerade jetzt die Sehnsucht empfand, mit ihr ein paar Worte zu wechseln, ohne daß der andere sie hörte.

So machte er denn Kehrt, bevor Gläser ihn bemerken konnte, und lief eiligst nach dem Wagen zurück.

»Wo ist er?« fragte Anna Schiman.

»Er wird schon kommen, er steckt im Wartesaal«, gab er zurück, ohne ein Wort darüber zu verlieren, was er gesehen und gehört hatte; dann beruhigte er sie durch den Hinweis, daß man ihn sicher nicht zurücklassen werde. »Und wenn er sie verlassen sollte, na, dann bin ich ja noch hier, um Sie zu beschützen«, schloß er lachend, »wissen Sie, ich würde es für ein Verbrechen halten, sich solch einer hübschen Braut nicht beizeiten zu erinnern.«

»Ei, wie keck er jetzt reden kann«, dachte Anna, ließ sich aber diese offene Schmeichelei gerne gefallen. Sie konnte sich nicht entsinnen, daß ihr Bräutigam seit einem Jahre etwas Ähnliches gesagt hätte; stets hat er nur die praktische Seite dieses Verhältnisses im Auge gehabt und sie wie eine Sache behandelt, die zu dem Gepäck des Mannes auf seinem Lebenswege gehöre. Und sie hatte sich daran gewöhnt, ihm dereinst Köchin und Dienerin zu sein, und war froh, daß sich ein Reeller gefunden hatte, der die beste Absicht zeigte, ihr den Ring auf den Finger der rechten Hand zu stecken. Denn das war doch schließlich der Wunsch aller Mädchen, dem sie nachjagten, ob sie nun hoch oder niedrig standen.

Dolinsky hatte sich wieder zu ihr gesetzt, diesmal wirklich angenehm berührt durch das Schnarchkonzert, das sie umgab. Auch der Viehtreiber, der vorhin aufgestanden war, hatte sich wieder auf seinen Pelz hingeworfen, den er nun als Kopfkissen benutzte; und selbst der polnische Jude, der sonst die Ruhe nicht finden konnte, lag nun mit geschlossenen Augen da, die wie weiße Kuppeln in den Höhlen saßen. Sie alle schliefen und träumten noch einmal von der Heimat, bevor sie unsanft aufgerüttelt würden, um den Kampf mit dem neuen Dasein aufzunehmen.

»Er wird mich schon nicht vergessen«, sagte sie einfältig, in dem Gedanken an den Schatz, den er bei sich führte. Zugleich aber stellte sie heimlich einen Vergleich an zwischen ihrem Bräutigam und diesem jungen Manne, dessen offenes Gesicht mit den sinnenden Augen und dem blonden Schnurrbärtchen ihr besser gefiel als die langen harten Züge ihres Verlobten, in die die Unzufriedenheit mit dem Dasein deutlich ihre Merkmale geschrieben hatte. Dieser hier zeigte sich äußerlich nicht so vorwitzig wie der andere, dafür sprach aber Klugheit aus seinem Antlitz und eine gesunde, lustige Lebensfreude. Dabei schien er es gründlich mit der Ehrlichkeit zu halten, denn nichts von dem war ihr entgangen, was er gesprochen hatte.

Den ganzen Wagen durchzog der Geruch von Armut, den die Wärme noch besonders aufgerüttelt hatte. Dolinsky zog ein kleines Fläschchen aus der Westentasche, öffnete es und hielt es gegen die Nase. Tränen traten ihm in die Augen, aber er sog tapfer weiter mit einem gewissen wohltuenden Gefühle. »Wollen Sie auch einmal? Es ist Salmiakgeist«, sagte er dann. »Wenn man auf dem Lande in die Bauernstuben kommt, ist es immer gut, wenn man so was bei sich hat. Na, und hier riecht's noch schlimmer.« Und er fügte hinzu, daß sein Vater Maurermeister auf einer kleinen ländlichen Besitzung sei und daß er, sein einziger Sohn, den ganzen Sommer über in den Dörfern auf eigene Faust gebaut habe, um seinen Alten, der immer am Zipperlein leide, zu vertreten. Natürlich sei das keine Kunst gewesen, Baracken aus rohen Steinen zu errichten, aber es habe wenigstens gesunde Bewegung gemacht. Nun sei er froh, sich in Berlin weiterbilden zu können, denn er habe nur eine einfache Baugewerkschule besucht, strebe aber danach, sein Zeichentalent weiter auszubilden.

Er hielt ihr das Stärkungsmittel ebenfalls hin, und sie roch gleich ihm daran.

»Das tut mal wohl, 'n bissel erfrischt's doch«, erwiderte sie und wischte sich das Naß aus den Augen, die ihr übergegangen waren.

»Mit diesem hier dürfen wir nicht so leicht umspringen«, sagte er wieder und zeigte ihr ein anderes Fläschchen, das, verkapselt und versiegelt, bis zur Hälfte mit einem weißglitzernden, trockenen Inhalt gefüllt war, den er wie Salz hin- und herschüttelte. »Ein paar Körnchen davon genügen, und wir sind hinüber. Sie müssen nämlich wissen, es ist Arsenik, das schärfste Gift, das es gibt.«

Sie schlug die Hände zusammen. »Und so was tun Sie bei sich tragen? Wenn Sie's nu mal verwechseln …«

Er lachte. »Kann gar nicht vorkommen. Und ein anderer wird sich schön dafür bedanken. Sehen Sie, das Etikett ist drauf, mit der Warnung … Sie können es dreist anfassen. Davon stirbt man noch nicht.«

Erst nach einer gewissen Überwindung nahm sie das Fläschchen und betrachtete neugierig das Etikett mit der Aufschrift »Gift« und mit dem Totenkopf, der auf zwei gekreuzten Knochen ruhte. Und als sie sich überzeugt hatte, daß bei diesem Betasten nichts Gefährliches passieren könne, wollte sie wissen, weshalb er sich nicht davon zu trennen vermöge. Und so erzählte er ihr mit kurzen Worten, daß er als Zwanzigjähriger in die Nichte des Dorfpastors verliebt gewesen sei und aus Verzweiflung über ihre Gleichgültigkeit sich habe das Leben nehmen wollen. Sein Vater sei aber dahinter gekommen und habe ihm einen so gründlichen Denkzettel gegeben, daß er von seinem Lebensüberdruß sofort geheilt worden sei. Dazwischen lägen nun schon vier Jahre, und wenn er jetzt an die dumme Geschichte denke, müsse er lachen. Aber das Fläschchen trage er immer noch als Spielzeug bei sich, eigentlich mehr als eine Art Kraftprobe auf sich selbst, denn er könne ja doch nie wissen, ob er nicht noch einmal in eine ähnliche Lage käme.

Dabei sah er sie so sonderbar an, daß sie seine scherzhafte Andeutung hätte verstehen müssen, wenn sie im Augenblick nicht von einem andern Gedanken geplagt worden wäre. »Nein, das dürfen Sie nicht! Machen Sie sich bloß nicht wieder solche Gedanken, das ist ja schrecklich!« rief sie erregt aus. »Wie kann solch junger Mensch nur an so was denken! Wegwerfen werde ich es nachher.«

»Aber erlauben Sie mal –«, wandte er mit komischer Verblüffung ein.

»Ach, da gibt's gar nichts zu erlauben, das gehört jetzt mir.« Plötzliche Willenskraft sprach aus ihr, die er diesem lustigen Ding bisher nicht angemerkt hatte. Er wußte nicht, sollte er lachen oder sich ärgern über diese Vorenthaltung seines Eigentums. Es war so warm geworden im Wagen, daß sie sich bereits vorher das wollene Brusttuch abgebunden hatte; jetzt nestelte sie an den oberen Knöpfen ihrer Taille, und ehe er es verhindern konnte, hatte sie das Fläschchen in der Öffnung verschwinden lassen.

»Das ist ja Diebstahl!« rief er aus, ohne es ernst zu meinen.

»Ich werde 's schon verantworten«, gab sie zurück und hielt die Hände schützend über die Taillenöffnung, da er rücksichtslos zugreifen wollte.

Der polnische Jude hatte alles gehört, trotzdem er so tat, als wenn er schliefe; und wie im Selbstgespräch sagte er, immer noch mit geschlossenen Augen: »Der liebe Gott wird's danken, daß Sie ihm haben genommen das Gift. Andere möchten behalten gerne ihr Leben, und er will den Tod herausfordern. Es ist schon schwer, daß man ihn mit sich tragen muß gegen seinen Willen.«

»Ach, laß deine abgestandene Weisheit«, sagte Dolinsky aufgebracht.

»Was Gott gegeben hat, soll man behalten, bis er's wieder nimmt«, klang es tonlos am Ofen weiter.

Das Mädchen war rot geworden, denn sie hatte Dolinskys Finger auf ihrer Haut verspürt. Unwillkürlich stieß sie einige Worte auf polnisch hervor, und sogleich antwortete er in derselben Weise, aber nicht so fließend wie sie, denn er konnte sich nur mit einiger Mühe verständigen. Sie äußerte jedoch ihre Freude darüber und belehrte ihn, daß ihr Bräutigam nur deutsch verstünde. Während sie rasch die Knöpfe wieder schloß, nun froh darüber, den Sieg erfochten zu haben, kehrte Gläser gerade in dem Augenblick zurück, als Dolinsky einen letzten Versuch machte, sein Eigentum wiederzuerlangen.

»Na, was hast du denn?« fragte Gläser und maß den andern mit einem geringschätzigen Blick, als wollte er sagen: »Was machst du? Ich bin dir nicht nur geistig, sondern auch körperlich überlegen.« Er war hager, aber knochig, und schon oftmals hatte er Kraftproben seiner Muskeln abgegeben.

Anna merkte ihm die schlechte Stimmung sofort an, und so erwiderte sie schüchtern: »Was soll ich haben? Nichts habe ich.«

»Da hast du eigentlich recht«, dachte Gläser, aber er meinte damit etwas anderes. Mit seinem Scharfsinn erriet er sofort die Tändelei, und so bedachte er sie mit einem kalten Blick. Aufs neue suchte sie nach Worten, aber schon kam Dolinsky ihr zuvor, indem er einwarf: »Ich wollte mir mal das schöne Kreuz ansehen, aber denken Sie, sie läßt es zu?«

»Recht so«, sagte Gläser, darauf eingehend, und trat sich rücksichtslos die kaltgewordenen Füße warm, so daß die Diele des Wagens zitterte. Der Viehtreiber fluchte und legte sich dann auf die andere Seite.

Als sie sich vorhin am Halse zu schaffen machte, war das einfache goldene Schmuckstück zum Vorschein gekommen, das sie an einem schwarzen Bande auf der Brust trug. Auf dieses Kreuz, das ein Einsegnungsgeschenk ihrer Mutter war, hatte ihr Gläser feierlich schwören müssen, sie nie in der großen Stadt zu verlassen, denn mit Angst und Bangen sah der alte Vater sie unverheiratet fahren.

»Na, was sieht man auch daran, es ist ein Kreuz wie jedes andere«, sagte sie gleichgültig und stopfte den blanken Gegenstand wieder in den Halsausschnitt des Kleides hinein. Innerlich aber war sie erfreut, daß sich Dolinsky so fein ausgeredet hatte.

»Man muß nicht alles sehen«, fiel Gläser unfreundlich ein.

»Das dachte ich auch, als ich vorhin draußen war«, sagte Dolinsky kurz, um ihn zu ärgern.

Gläser stutzte. »So, Sie waren auch draußen?« fragte er und sah ihn prüfend an.

»Ich mußte Sie doch suchen, der Zug hätte ja abgehen können«, log Dolinsky tapfer. »Aber ich sah Sie nirgends.«

Gläser traute ihm aber trotzdem nicht, sondern fühlte sich erst beruhigt, als er die Braut beiseite genommen und vorsichtig ausgehorcht hatte; dann stellte er sich wieder ans Fenster und ließ die beiden weiter plaudern, denn so wurde Anna davon abgelenkt, die ewige Frage nach dem Gelde an ihn zu richten.

»Geben Sie doch das Fläschchen wieder!« sagte Dolinsky leise auf polnisch, unter dem erneuten Rasseln des Zuges.

»Sie sollen es ja haben, warten Sie nur«, erwiderte sie zu seiner Beruhigung. »Wenn er's sieht, wird er eifersüchtig. Dann gibt's gleich Kloppe in Berlin.« Sie band sich den Seelenwärmer wieder um, als befürchtete sie, dieser kecke Mensch, der schon eine unglückliche Liebe mit sich herumtrug, könnte sich zu einer neuen Dummheit hinreißen lassen. Denn sie war doch schon vergeben, für immer und ewig.

Dolinsky tröstete sich mit dieser Ausrede und sprach nicht mehr davon. Als Gläser etwas von ihrem Polnisch aufschnappte, riß ihn das aus seinem Gedankengang.

»Sprich doch deutsch, hörst du?« schnauzte er sie an. »Du kannst es doch.«

Dolinsky wollte ihr keine Unannehmlichkeiten bereiten, und so erhob er sich und suchte den Platz am gegenüberliegenden Fenster auf, wo er vorher stundenlang gestanden hatte.

Beide Männer blickten in den grauen Morgen hinein, dessen fahles Licht allmählich Himmel und Erde voneinander loslöste und dem Schnee die Leuchtkraft des Tages gab. Deutlicher konnte man die vorübereilende Landschaft beobachten, von der sich bereits erkennbar die winzigen Dörfer abhoben, sobald sie nicht zu weit in der Ebene lagen. Denn hinten wogte noch der letzte Dunst der Nacht, den erst die sieghaften Sonnenstrahlen verdrängen sollten. Häuser huschten vorüber, ganze Wälder blieben zurück, oben weiß gekuppelt, in ihrem Inneren voll tiefer, gähnender Schatten. Ein Schnellzug brauste vorbei, gleich einem Teufelsspuk, der mit einem raschen Schall davonfliegt. Man merkte schon die Nähe der großen Stadt, die ihre steinernen Fühlhörner nach jeder Richtung sandte. Die Schlote einsamer Fabriken dampften, feurige Fensteraugen blinkten in den Schnee hinaus, und abgerissene Straßenzüge mit riesigen Mietskasernen deuteten die Vororte an, die jäh auftauchten und wieder verschwanden. Die Arbeiter zogen schon zum Werk. Wie ein Gewirr von dunklen Punkten strebten sie dem roten Hause zu, das einsam auf winterlicher Flur lag. Eine Menschenherde schien sich in den Stall zu ergießen, der Futter und Wärme für den Tag gab. Wagen und Schlitten hielten an der gesperrten Barriere, hinter der die kahlen Bäume in zwei endlosen Reihen, immer kleiner werdend, sich im Schnee verloren. Der Riesengasometer einer Gasanstalt zeigte sich wie ein schwarzer Koloß, ganz nahe der Bahn. Dann wieder Fabriken, Häuserblöcke und endlich Schienenstränge, die nun zwischen halbbebauten Straßen lagen. Man verspürte die Stadt, ohne daß man sie sah.

Als der erste Kirchturm auftauchte, dachte Gläser an seinen Traum. Weshalb hatte er gerade an einem Kreuze gehangen, hoch oben in den Lüften? War es vielleicht, weil seine Braut so an ihrem Kreuzlein hing, fromm wie eine einfältige Kirchgängerin, und weil er seine Finger beteuernd darauf gelegt hatte? Sollte ihm das eine Warnung sein, mit dem Heiligsten nicht zu spielen, nach dem alten Sprichworte: »Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein?«

Mit den neuen Eindrücken vor seinen Augen verflogen auch diese Gedanken. »Dummheit«, dachte er. »Eine hübsche Deutung für Schwächlinge, aber nicht für Leute mit starken Nerven.« War es nicht ganz natürlich? Er hatte vor dem Einschlafen an den seltsamen Schwur gedacht, und so war alles mit seinem Traume verwoben worden. Was träumte der Mensch nicht alles zusammen, wenn er sich den Magen vollgeschlagen hatte!

Die Fahrgäste waren munter geworden und packten ihre Habseligkeiten zusammen, denn schon befand man sich mitten im Schienengewirr des Rangierbahnhofes. Der Zug fuhr langsamer; Männer und Frauen drängten sich an das Fenster. Alle fröstelten aufs neue, weil das Feuer allmählich wieder erloschen war. Aus den übernächtigten Gesichtern sprach mehr Spannung als Freude, denn nun trat allmählich die Ernüchterung ein. Die meisten hatten geglaubt, ein Paradies zu sehen, und nun erblickten sie nur graue Häuser, die traurig ihre Häupter reckten. Der dunkle Wintermorgen ohne Sonne lastete auf dem Gemüt und ließ die Sehnsucht nach der warmen Stube der Heimat noch einmal still erwachen.

»Ist das Berlin?« fragte die blasse Frau, die sorgsam die noch halbverschlafenen Kinder in Mützen und Schals vermummte. Man sah jetzt erst, daß sie in Trauerkleidung war und daß sie gerötete Augen hatte, wohl vom letzten Weinen unter ihrer Kapuze.

»Immer noch, Madamm«, erwiderte der Viehtreiber gemütlich und zündete sich die Pfeife an.

Keiner sprach mehr ein Wort; niemand zeigte Teilnahme für den andern, ein jeder hatte den Blick auf seine Siebensachen gerichtet.

3.

»Berlin! Alles aussteigen!«

Das Dampfroß fauchte noch einmal schwach, wie ermattet nach Stunden schwerer Arbeit, und aus seinem vielgegliederten langen Leib, der schneebedeckt und bereift den Winter in die Halle getragen hatte, entleerte sich der dunkle Schwarm der Fahrgäste, der gleich menschlichen Bienen emsig durcheinanderwimmelte. Man stieß und drängte sich und gebrauchte tapfer die Ellbogen, als gälte es jetzt schon, den Nächsten zu überflügeln.

Gläser und Anna hatten ihren Kasten erfaßt, und, in der freien Hand die sonstigen Kleinigkeiten, beeilten sie sich, von dannen zu kommen, wobei er immer voraus war, während das Mädchen Mühe hatte, gleichen Schritt mit ihm zu halten. Sie hörten nur noch, wie der polnische Jude fast kindisch um Beistand bettelte, und sahen dann, wie der Viehtreiber ihn samt der alten Reisetasche aus dem Wagen hob. Eigentlich hatte der Kranke sich an Gläser gewandt; dieser aber hatte jetzt andere Dinge im Kopfe.

»Vorwärts, vorwärts!« war seine Parole. Kaum daß er Dolinsky noch bemerkte, der, sein kümmerliches Köfferchen in der Hand, hinter ihnen herschritt.

Sie waren auf der Straße, die hier draußen im äußersten Osten der Stadt keinen angenehmen Eindruck machte. Es war gegen Ende der siebziger Jahre, zur Zeit, als Berlin sich erst zu entwickeln begonnen hatte. Man sah nur Bretterzäune und alte Häuser mit langweiligen Fronten, ohne jeden Schmuck. Hin und wieder ragte schon eine neue Mietskaserne zwischen den Baracken empor, als wäre mitten aus plundrigem Gemäuer ein frischer Keim steinern aufgeschossen. Nicht weit entfernt lag der unfertige Bau der Stadtbahn, der nun bei der Kälte öde und verlassen sich zeigte, eingeengt von zerrissenen Häusern, die dieser rote Mauerblock kraftvoll durchschnitten hatte. An einer abgetrennten Wand hing noch die blaue Tapete und nahm sich aus wie ein Stück künstlichen Himmels an diesem grauen Tage. Große Schneehaufen waren zusammengekehrt und harrten der Abfuhr. In den Läden der Häuser brannte noch Licht, das wie Irrflammen hinter den gefrorenen Scheiben glänzte.

Das Pärchen ließ den Holzkoffer auf den Steinen nieder und schöpfte Luft. »Ja, wohin nun?« sagte Gläser verdrießlich, ohne es jetzt noch eilig zu haben. Fortwährend wurde er von einem häßlichen Gedanken geplagt, den er als das große Ereignis dieses Tages ausspielen wollte. Nicht weit von ihnen stand ein Schneeschipper, ein bärtiger Aushilfsmann, der sich mit seiner Arbeit durchaus nicht übereilte.

»Ja, nu heißt's wohin?« plärrte er das Pärchen an, das er nicht für etwas Besseres hielt. »So sagt ihr alle, wenn ihr ankommt. Was wollt ihr hier? Es gibt schon genug Arbeitslose, das seht ihr ja. Bleibt hübsch zu Hause!«

»Halten Sie Ihr Maul, sonst hol ich gleich 'n Schutzmann«, rief ihm Gläser zu. »Belästigen Sie keine Bürger!«

»Maul halten? Na ja, das will ich auch tun«, erwiderte der Schneeschipper, verblüfft über diese Kühnheit, und kratzte mit seinem Eisen weiter auf den Steinen.

»Da haben Sie's, so muß man auftreten, um sich Respekt zu verschaffen«, sagte Gläser mit einer gewissen Befriedigung zu Dolinsky, der sich auf einen großen Abschied vorbereitete. »Ist das nicht ein guter Einzug in Berlin?«

Dolinsky lachte und stimmte ihm scherzhaft bei; dann rief er plötzlich aus: »Aber sagen Sie mal, – Sie sehen ja gar nicht das Geld auf der Straße, und hier liegt es schon.« Er bückte sich und hob einen schwarzen Pfennig auf, der vor ihm im festgefrorenen Schnee lag und den irgend jemand erst frisch verloren haben mußte.

»Ei, das wird Glück bringen«, warf Anna lächelnd ein.

»Das meine ich auch, und deshalb will ich ihn behalten«, fuhr Dolinsky fort und bespuckte den Heller erst mehrfach, bevor er ihn wegsteckte. »Wenn ich ihn heute noch auf Zins anlege, dann bin ich in hundert Jahren sicher ein Großkapitalist … Sie lachen natürlich.«

»Na, wenigstens sehen Sie, daß ich recht hatte mit meiner Prophezeiung«, sagte Gläser und reichte ihm zum Abschied die Hand, um ihn loszuwerden.

»Ich geh ja schon, ich geh ja schon«, sagte Dolinsky etwas ärgerlich. »Na, dann also auf baldiges Wiedersehen, ich wünsche Ihnen beiden alles Gute, Ihnen, Fräulein, ganz besonders.« Sie fühlte seinen heißen Handdruck, und als sie den letzten Blick austauschten, sah sie, wie seine Augen aufflackerten und die wortlose Sprache redeten, die ein Weib immer versteht, wenn es weiß, daß es einem Manne nicht gleichgültig ist.

Gläser nickte nur nachlässig, denn ihm dauerte dieses Gerede schon viel zu lange. Am liebsten hätte er sagen mögen: »Scheren Sie sich zum Teufel und suchen Sie sich eine andere zum Anschmachten aus!«

»Na, dann also Adieu zum letzten Male«, sprach Dolinsky aufs neue. »Und was ich Ihnen noch sagen wollte, mein Bester. Wenn Sie sich Berlin erobern, denken Sie daran: alle großen Eroberer sind einsam gestorben. Ich könnte Ihnen eine ganze Menge Namen nennen, sie fallen mir nur nicht gleich ein. Machen Sie es nicht ebenso. Etwas Liebe muß der Mensch immer haben. Und dann vergessen Sie mir das Mausoleum nicht. Das will ich bauen.«

Er hatte sich schon vorher bei den Bahnbeamten erkundigt, welchen Weg er zu nehmen hätte, und so zog er nun den Hut und ging die nächste schmale Straße entlang, ohne sich noch einmal umzusehen. Das Brautpaar blickte ihm nach, aber mit verschiedenen Gefühlen. Gläser wollte ihn erst aus den Augen haben, Anna Schiman jedoch war von einem gewissen Weh erfüllt, wie man es bei der Trennung von rasch liebgewordenen Menschen empfindet.

Vor dem Bahnhof stand ein gelber Omnibus, der soeben leer angelangt war, während der andere, voll besetzt, sich bereits davongemacht hatte. Die blasse Witwe, die ihre Reisegefährtin war, stieg mit den Kindern ein, geleitet von einem alten Manne, der sie in der Halle in Empfang genommen hatte.

»Die fahren auch, siehst du«, redete Anna ihrem Bräutigam zu, als er noch immer zögerte. »Komm, es ist noch Platz.« Gerne hätte sie gleich etwas von dem großen Berlin gesehen, denn immer hatte sie von den »Linden« sprechen gehört, und so glaubte sie, man könnte in den Omnibus mit Sack und Pack hinein.

»Dummchen, wo soll der Koffer bleiben? Das geht doch nicht«, murrte er mit seltsamem Gesichtsausdruck. »Eine Droschke werden wir uns nehmen.«

Im geheimen hatte sie auch schon daran gedacht, ohne den Mut zu finden, es zu äußern, denn sie hatten sich vorgenommen, die Groschen zusammenzuhalten. Nun aber stimmte sie ihm freudig zu, denn es wurde ja von ihren Mitteln bezahlt. Plötzlich wühlte er in seinen Taschen, blickte sie wie sprachlos an und wühlte dann aufs neue los wie ein Verrückter. »Das Geld! Du, das Geld!«

»Mein Gott … Hast du es nicht?« Der Atem stockte ihr, und im Augenblick wich alle Farbe aus ihrem Gesicht.

»Ja, wo ist es denn?«

»Mein Gott, sieh doch ordentlich nach! Es wäre ja schrecklich!«

Er knöpfte sich den Flausrock auf, suchte und wühlte immer aufs neue; er kehrte die Hosentaschen um, – er fand es nicht. Tränen traten ihr in die Augen, und leises Jammern kam über ihre Lippen, in das sich verhaltenes Schluchzen mischte.

»Warte hier!« rief er aus und eilte in den Bahnhof zurück.

Ganze fünf Minuten stand sie so, einsam und verlassen, mit kalten Füßen und einem unbeschreiblichen Gefühl im Herzen. Keinen Augenblick dachte sie an Täuschung, nur der Schrecken peinigte sie bei dem Gedanken, was nun werden würde, wenn er den Beutel mit den Goldstücken nicht mehr fände, oder wenn man ihn gestohlen hätte. Und sie kam sich wie in ein fremdes Land versetzt vor, wo nur Öde und Starrheit auf sie warteten. Langsam rollten ihr große Tränen über die Wangen, die sie mit dem Ärmel ihrer dicken Jacke trocknete. Ein Mann mit hagerem Gesicht, der fast wie ein Herr gekleidet war und schon eine Zeitlang am Eingang des Bahnhofs gestanden und die Herauskommenden gemustert hatte, trat an sie heran, zog ein wenig den Hut und erkundigte sich nach ihrem Schmerze.

»Suchen Sie Unterkunft? Bei anständigen Leuten?« fragte er mit blecherner Stimme, wobei der Zigarrenstummel in seinem Munde hin- und herrutschte. »Kann Ihnen eine brave Familie empfehlen, wo Sie gut aufgehoben sind. Wenig Kostgeld. Stellung wird Ihnen auch besorgt … Haben Sie nur den einen Koffer, he? Dann kommen Sie rasch! Ich helfe Ihnen tragen, es ist nicht weit.«

Es war einer von jenen Gaunern, die sich vor den Bahnhöfen herumtrieben und sich unter der Maske der Menschenfreundlichkeit zugereisten Provinzmädchen näherten, um sie liederlichen Wirtsleuten zuzuführen, wo sie gründlich ausgeplündert wurden und in steter Frone blieben, bis die Verzweiflung sie auf schlechte Wege trieb. Dieser hier hatte es nur auf das Gepäck abgesehen, denn Annas Sauberkeit, die einen gewissen Wohlstand verriet, hatte ihn dazu gereizt. So wollte er sie erst in einer anderen Straße haben, um sie, nach einem bekannten Kniff, mit Bestellungen in ein Haus zu schicken und dann eiligst mit dem Koffer zu verschwinden. Öfters diente auch ein Eckgebäude mit zwei Ausgängen dazu, vor dem man das Mädchen unter der Ausrede warten ließ, die Sachen einstweilen in gute Hände zu geben, womit man aber nur bezweckte, in der andern Straße zu verschwinden.

Anna hegte kein Mißtrauen, im Gegenteil fand sie es hübsch, daß ein völlig Fremder sich ihrer annehmen wollte. Sofort erwog sie alles. »Warten Sie doch, nur 'ne Minute«, sagte sie trotz ihres Unglücks eifrig. »Mein Bräutigam muß gleich kommen. Wir haben's vielleicht nötig.«

»Wie? Bräutigam? Aehh!« Unangenehm berührt davon blickte er sich um. »Was ist er denn?«

»Ein kluger Mann«, gab sie zurück.

»Na, dann werde ich gleich wieder hier sein«, sagte er und schritt auffallend rasch davon.

»Vergessen Sie's auch nicht, ich werd's Ihnen danken«, rief sie ihm noch nach, denn im Augenblick malte sie sich schon aus, was sie tun würde, wenn die Hochzeit hinausgeschoben werden müßte.

Währenddessen ging Gläser den Bahnsteig auf und ab und suchte nach dem verlorenen Gelde. Auch in den Wagen vierter Klasse ließ er sich von dem Schaffner führen, da der Zug noch an derselben Stelle stand. Anna hätte ihm nachkommen können, und so mußte er Vorsicht üben. Innerlich lachte er sich selbst aus, aber es bereitete ihm eine gewisse Genugtuung, ganz die Rolle eines Schauspielers zu erschöpfen, der da weiß, daß alles doch nur erdichtet ist. Dann, als er den Verlust beim Stationsvorsteher ordnungsmäßig angemeldet hatte, stand er wieder im Schalterraum und überlegte. Sollte er Anna Schiman gleich verlassen, sich ihren Augen für immer zu entziehen? Einmal mußte es ja doch kommen, denn niemals hätte sie auf seinen zukünftigen Lebensweg gepaßt, darüber war er längst mit sich im reinen. Er träumte von einer Frau mit Bildung, aus sogenannter guter Familie, die ihm Reichtum und noble Verwandtschaft ins Haus brächte. Und groß und stattlich sollte sie sein, eine jener Schönheiten, wie er sie aus den Romanen kannte.

Schon trieb ihn der Teufel dazu, zur andern Seite hinauszugehen, als er sich wieder besann, nicht aus Gewissensbissen, sondern aus Gründen vernünftiger Erwägung. Er durfte nicht in üblen Verdacht bei ihr kommen, und überdies konnte sie ihm noch nützlich sein auf seinem ersten Pfade zur Größe. Zurückgekehrt, fand er sie in derselben Verfassung, ausschauend in bangem Harren. Und sogleich sprach er die Mutmaßung aus, daß er den Beutel nur im Wartesaal auf der letzten Haltestelle verloren haben könne. »Du kannst dich fest darauf verlassen, es kann nur dort gewesen sein. Ich bin ja unglücklich, tief unglücklich darüber. Es ist schrecklich! Aber was ist zu machen!«

Es waren genau dieselben Worte, die er sich eingeübt und die Dolinsky von ihm belauscht hatte. Und jetzt ließ er auch die Armbewegungen folgen und zeigte die Miene des Verzweifelten, der schwer über eine Sache hinwegkommen kann. Dann versuchte er sie mit dem Hinweis zu trösten, daß man sofort nach der betreffenden Station telegraphieren werde und daß man ihm den Rat gegeben habe, selbst nach dort zurückzufahren, um an Ort und Stelle zu suchen. Sobald der nächste Zug gehe, wollte er sich aufmachen, zunächst aber die Rückantwort hier auf dem Bahnhofe abwarten.

Trübe schüttelte sie mit dem Kopf, denn sie glaubte an keine bessere Wendung. »Es wird wohl halt alles vergeblich sein, ich ahne es schon«, sagte sie leise unter den letzten Tränen.

Und da er wußte, daß sie recht hatte, schwieg er und nickte mit derselben verzweifelten Miene vor sich hin. Drüben an der Straßenecke lag ein »Logis für Fremde«, wie es schwarz auf weiß zu lesen war. »Gasthof zur Heimat« prangte es darüber, schmutzig-goldig auf verwittertem Schilde, in vielversprechender Deutung, um es weder mit dem Osten noch dem Süden zu verderben. Dorthin lenkten beide ihre Schritte, denn rasch hatte Gläser eingestanden, daß er unterwegs eins der Goldstücke gewechselt habe und den größten Teil noch davon besitze.

Ein Stein fiel ihr vom Herzen, weil die Sorge für die nächste Nacht und den nächsten Tag wenigstens entwich. Im Korbe waren obendrein noch genügend Eßwaren, und so konnte man nach dieser Seite hin sparen.

Der Flur des Gasthofes war naß von dem geschmolzenen Schnee, den man hereingetragen hatte und der seine Spuren auch auf den Stufen der alten Holztreppe zeigte, die hinauf zu den Zimmern führte. Ein verkümmerter Oleander stand unten am Geländer als einzige verlockende Zierde dieser besseren Herberge. Die übliche schwarze Fremdentafel hing an der kahlen, grau getünchten Wand, wies aber keine Namen auf. An dem Haken hing nur ein einziger großer Schlüssel mit einem Riesenklotz daran, der, noch in Bewegung, hin und her baumelte. Es roch nach Nässe und angebranntem Kaffee, denn im Hintergrund stand die Küchentür offen, durch die helle Dampfwolken herausdrangen. Ein Weib schimpfte laut und warf die Herdringe, so daß sie klirrten. Dazwischen erklang eine Stimme, wie die eines Knaben.

Gläser hustete, um sich bemerkbar zu machen, und gleich darauf kam durch die geöffnete Tür ein Pikkolo, der seinem ganzen Aussehen nach nichts gemein hatte mit den sauberen Kellnerlehrlingen im Innern Berlins. Er trug graue, geflickte Beinkleider, die ihm weit auf den großen Stiefeln lagen, eine lange, tief ausgeschnittene, aber befleckte Weste und eine schwarze, viel zu weite Jacke. Das ganze dreizehnjährige Kerlchen sah aus, als hätte man es in den Anzug eines Erwachsenen gesteckt. Nur sein gescheiteltes und geschmalztes Haar glänzte neu aufgefrischt und gab ihm im Verein mit dem weißen Kragen ein etwas reinliches Aussehen; denn auch das riesige rotumränderte Wischtuch, das er als Zeichen seiner Würde in der Hand schwenkte, schien mit dem Küchenruß schon bedenklich in Berührung gekommen zu sein.

»Wünschen die Herrschaften ein Zimmer?« plapperte er gewohnheitsmäßig, ohne aber den üblichen Kopfnicker zu machen.

»Vor allem sagt man guten Tag, verstehst du?« schrie ihn Gläser ärgerlich an. »Natürlich wollen wir ein Zimmer, ein gutes. Wo ist der Oberkellner?«

Der Junge hatte sofort eine Verbeugung gemacht, denn Gäste, die ihn anschnauzten, hielt er für etwas Besonderes. Dann lachte er, so daß sein Mondgesicht in die Breite ging. »Der Oberkellner bin ich«, erwiderte er so drollig, daß auch Gläser nicht ernst bleiben konnte.

»Dann besorge den Koffer, Herr Oberkellner und bestelle Kaffee für uns, recht heißen … Ist jemand in der Gaststube?«

»Der Ap'theker ist drin«, gab der Kleine mit einer Miene zurück, als wäre das ganz selbstverständlich.

»Wer ist das?«

»Nun, der Ap'theker. Der ist immer drin.« Er lachte aufs neue, als freute er sich darüber, daß man das nicht begreifen könne. »Der tut Ihnen aber nichts, der spricht immer mit sich selbst. Werden die Herrschaften längere Zeit hierbleiben?«

»Das hängt ganz davon ab«, brummte Gläser und bestellte noch eine Portion Rührei mit Schinken, zum stillen Entsetzen Annas, die nicht wußte, wie er das alles bestreiten wollte. Sofort stiegen die Gäste in den Augen des Pikkolos, der die Wünsche laut in die Küche rief und dann den Namen »Johann!« die Treppe hinauftutete. Der Hausknecht, ein kräftiger junger Mann, der eine Reservistenmütze trug, kam die Stufen heruntergestolpert, wünschte freundlich »guten Morgen« und ergriff den Koffer.

»Nummer 4, wenn ich bitten darf«, sagte der Pikkolo wieder und lud mit einer Handbewegung ein, ihm zu folgen.

»Geh' nur und wasch' dich ein wenig,« sprach Gläser zu seiner Braut, »mach' dich auch gleich zurecht für die Stadt. Ich komme nach.« Er wollte erst unbemerkt den Beutel sicher unterbringen, denn wenn er die Stiefel wechselte, würde sie ihm gewiß auf die Finger sehen. So ging er denn in die Gaststube, um sich ein sicheres Plätzchen auszusuchen. Es war der gewöhnliche Durchschnittsraum dieser Art von Wirtschaften, mit einer Büfettnische und den üblichen Tischen und Stühlen, die bereits Parade gestellt waren. Es roch nach den letzten Gästen vom Abend, nach dem Qualme schlechter Zigarren und den abgestandenen Resten von Bier und Schnaps. In der Milchglasglocke an der Decke zirpte eine einsame Gasflamme, die man auf das nötigste Maß zurückgeschraubt hatte und sich bleich ausnahm gegen den rötlichen Schein, der auf die sandbestreute Diele aus dem Kachelofen fiel, in dem schon das Morgenfeuer lustig knisterte.

Zwei der Tische trugen rote Decken; auf einem von ihnen stand noch das Frühstücksgeschirr der Herbergsbewohner, die es wohl eilig mit der frühen Abfahrt hatten. Gläser nahm Platz am Fenster, in einer Ecke, wo eine Bank die Stühle ersetzte. Auf dem alten Ledersofa gegenüber saß ein Mann, der zu schlafen schien, denn der mächtige Kopf mit dem wirren grauen Haar ruhte tief auf den verschränkten Armen. Jedenfalls also der »Apotheker«, der seine Morgensprache hielt und nicht zu fürchten war. Unter den Tischen lag tiefer Schatten, denn draußen herrschte noch immer das Grauen des Tages. Gläser klappte sein Messer auf, langte unauffällig zur Erde, durchschnitt die Strippe um den Stiefel und holte den Beutel heraus, den er vorsichtig noch einmal in der Hand wog, mit dem stillen Ergötzen des Geizigen, der die Freude auch in den Fingerspitzen fühlt. Es waren noch fünfhundertachtzig Mark darin, teils in Scheinen, teils in blankem Golde, die Anna ihm anvertraut hatte. Damit konnte er schon etwas anfangen, wenn er erst festen Fuß gefaßt hatte. Er öffnete den Beutel unter dem Tisch, zog die Schnüre wieder fest zu und band ihn dann in sein rotes Taschentuch ein, das er vorläufig in der Rocktasche verbarg. Zuvor hatte er ihm abermals ein Zwanzigmarkstück entnommen, denn man konnte nicht wissen, was heute noch alles passierte.

Drüben bewegte der Mann die Hände, ohne aufzublicken. Die Arme gingen auseinander, wie bei einem Prediger, der seine Worte noch bekräftigen möchte. »Was ist das Leben? Ein Kunststück«, sprach er vor sich hin, wie verinnerlicht, mit geschlossenen Augen. »Eine raffinierte Grausamkeit. Ein Gummiball, den man springen läßt, bald hoch, bald niedrig. Nur platzen darf er nicht, sonst hat die Herrlichkeit ein Ende … Gewiß doch, gewiß doch! Reden Sie nicht! Schweigen Sie doch, was verstehen Sie davon!« Die Lippen bewegten sich stumm weiter, während die auffallend weiße Hand mechanisch nach dem Schnapsglas tastete, das zwar schon leer war, das er aber doch an den Mund führte. Dann schob er es in demselben, fast traumhaften Zustande auf den Tisch zurück.

Die Augenlider hoben sich ein wenig; ein matter Blick glitt zu Gläser, aber teilnahmslos, mit alltäglicher Gleichgültigkeit. Ein stilles Lächeln huschte über sein glattes, unrasiertes Gesicht. Dann setzte er das Selbstgespräch fort: »Eine Gans ist das Leben, aus Papiermaché, die man in schöne Sauce getaucht hat, wissen Sie das? Eine Stelzenparade … ein ewiges Pillenschlucken … ein ungegorener Sauerteig, ein mixtum compositum, eine ganze Apothekeneinrichtung ist es, verstehen Sie? Streiten Sie doch nicht, streiten Sie doch nicht! Es ist so. Der Laie sieht nur die Kästen und Büchsen, weiß aber nie, was darin steckt … Emil, einen Schneeluft! … Emil! Sei fromm, mein Jungchen. Einen Schneeluft … Nichts Menschliches sei dir fremd. Komm', mein Jungchen, dir sollen noch mal die Haare wachsen, so sie dir ausgegangen sind. Du kennst mein schönes Mittel: Aqua Balsamum magicum schwindelorum … Firnis coronat opodeldok.«

Diesmal lachte er laut vor sich hin; dann faltete er die Hände über dem Leib und verharrte in Schweigen.

Gläser bekümmerte sich zuerst nicht um ihn, denn solcher Trunkenbolde gab es genug. Bei den letzten Worten jedoch wurde er aufmerksamer. Er hatte seine Fellmütze abgenommen und fuhr sich unwillkürlich mit den Fingern über seine Haare, die auf dem Hinterschädel bereits bedenklich dünn zu werden begannen, infolge einer allgemeinen Familienveranlagung, wie er stets zu sagen pflegte. Mehrfach hatte Anna ihn damit aufgezogen und sich darüber gewundert, weil er erst dreißig Jahre zählte. Eitel, wie er war, hätte er gern diesem Übel abgeholfen, immer aber hatte ihn Mißtrauen gegen derartige angepriesene Heilmittel erfüllt. Nun aber nahm er sich vor, endlich einmal einen Versuch zu wagen.

Er erhob sich, um hinaufzugehen. Draußen stieß er wieder auf den Pikkolo. »Wer ist der Mann da drin?« fragte er.

»Er war Provisor in 'ner Apotheke, jetzt ist er 'runtergekommen. Unsere Frau kennt ihn noch von früher, da kriegt er immer 'was zu essen.«

»Der Wirt hier ist wohl tot?«

»Das weiß ich nicht, aber er ist der Frau durchgebrannt«, erwiderte Emil, indem er lachte, was er bei jeder Gelegenheit tat.

»Ich habe ja soeben schöne Geschichten über dich gehört, von dem Alten«, fuhr Gläser fort. »Du sollst bald 'ne kahle Platte bekommen. Er will dir schon jetzt 'was dafür verschreiben.«

Emil zeigte diesmal seine sämtlichen Vorderzähne und schwenkte sein Berufstuch unwillkürlich so lustig, daß er mit ihm den Fußboden fegte. »Nu, da wird's wohl noch Zeit haben bei mir«, gab er heiter zurück. »Der Ap'theker spricht manches, wenn er einen im Kopf hat. Er trägt immer so 'was bei sich, was er Haarsalbe nennt. Den Leuten dreht er's an, aber ich glaube, es ist Schwindel. Der Frau hat's auch nicht geholfen, als ihr die Haare ausgefallen waren.«

In diesem Augenblick schoß Gläser ein Gedanke durch den Kopf, der ihm wie die Lösung eines großen Rätsels erschien, über dem er lange gebrütet habe. »Wie kannst du von Schwindel sprechen, wie kannst du so etwas wagen, naseweiser Junge du!« sagte er durchaus ernst, so daß Emil das Lachen verging. Es gibt große Wundermittel in der Welt, die du Knipperling noch nicht begreifst, nur glauben muß man daran, verstehst du?« Verblüfft ließ er ihn stehen und schritt die Treppe hinauf, so daß die Stufen unter seinen schweren Tritten knarrten.

Man hatte die beiden für ein Ehepaar gehalten und ihnen ein geräumiges Zimmer angewiesen, das nach dem kleinen, dunklen Hof hinauslag, weil Gläser auf Billigkeit Anspruch machte. Fast schwarz starrten die schwindelnden Mauern, an deren Dachfirsten man nur ein Stückchen des trüben Himmels sehen konnte. Überall erblickte man noch die weißen, fest zugefrorenen Fensterscheiben, die erst vereinzelt abzutauen begannen. Im Zimmer war es noch kalt, trotzdem der Hausknecht sofort Feuer gemacht hatte. Nichts Erfreuliches sprach aus dieser Umgebung, aus den wenigen, nußbaumartig gestrichenen Möbeln, die alt und klapprig wie das ganze Haus waren. Das Öde der Fremde lag auf allem und ließ keinen warmen Hauch des Willkommens ausströmen. Es schien, als wenn das Schicksal der vielen Menschen, die jahrelang hier aus- und eingeflogen waren, noch schweigend sich bemerkbar machte, um jeden Neueingekehrten in einem dumpfen Bann zu halten. Die Tapete prahlte mit ihrem stumpfsinnigen Gelb, Nüchternheit prangte von der weißgetünchten Decke herab, und aus den Winkeln lugte grinsend die Unsauberkeit in verdächtigen Gestalten.

Anna saß weinend auf einem Stuhl; so wie sie ging und stand, hatte sie sich hingepflanzt, untätig harrend, bis er käme.

»Weinst du schon wieder?« fragte er kurz, weil er ihre Empfindung nicht teilen konnte.

»Muß ich denn nicht?« wandte sie ein. »Was soll ich auch besseres tun?«

Der plötzliche Einfall, den er unten bekommen hatte, stimmte ihn freundlich. »Aber so laß doch den Kopf nicht hängen, was hat es für einen Zweck? Jetzt sind wir doch hier«, sprach er begütigend auf sie ein. »Sieh', ich hab' mich schon darin gefunden, denn mir ahnt, daß wir's nicht wieder bekommen. Nun heißt's, von neuem anfangen, das wirst du einsehen. Ich werde mein Päckchen schwerer tragen müssen, als du, denn ich habe nun wieder für alles zu sorgen.«

Sie nickte verständig und seufzte nur. Er aber fuhr fort: »Hättest du nicht gleich wieder nach dem Gelde fragen können, als ich eingestiegen war? Dann hätte ich mich sofort auf die Beine gemacht. Sonst hast du mich fortwährend daran erinnert. Aber mit dem Kerl hast du geschwatzt und alles darüber vergessen. Ja, siehst du!«

Es war ihm eine gewisse Genugtuung, ihr diese Spitze zu versetzen, denn nun konnte sie denken, sie trage mit ihm die Schuld. Und einmal im Zuge, spielte er den Großmütigen und Verzeihungsvollen. »Möchtest du nicht auch wieder zurück, bis ich dich holen kann? Zu Hause wärst du besser aufgehoben.«

Sofort kam Leben in sie. »Nein, nein. Ich bleibe bei dir. Ich will arbeiten, soviel ich kann, nur verlaß mich nicht, verlaß mich nicht!« Die dunkle Ahnung, er könnte sie nun nicht mehr haben wollen, in diesem großen Berlin, wo die Verführung winkte, packte sie so mächtig, daß sie sich ihm leidenschaftlich an die Brust warf.

»Ich meinte es ja nur gut«, redete er sich aus, plötzlich sich gehoben fühlend durch ihre hingebungsvolle Liebe. Was für ein Mann mußte er doch sein, wenn ein kerniges, hübsches Mädchen so bat und flehte! Und er küßte sie und redete ihr aufs neue gut zu, denn nun empfand er selbst die große Einsamkeit an diesem ersten Tage.

4.

Er sah ein, daß sie hier nicht zusammen wohnen konnten, denn bei Beginn des neuen Lebens wollte er frei und unabhängig bleiben. Gleich allen eigennützigen Menschen, die bloß äußerliche Güter im Auge haben, belog er nicht nur andere, sondern auch sich selbst, und so setzte er sich über seine Handlungsweise leicht mit dem Gedanken hinweg, daß er eigentlich Anna ganz gern habe, aber nicht als Braut, nicht als ewiges Hindernis seines kühnen Fluges. Keinen Augenblick dachte er daran, sie für immer um das Geld zu betrügen. Sicher würde er bald in die Höhe kommen und ihr dann die »paar Kröten« mit einem Extrageschenk großmütig wieder zurückgeben. Er wußte, daß sie ihm auch freiwillig alles geopfert hätte und geduldig alles abgewartet haben würde, dann aber wäre er immer in ihrer Verpflichtung geblieben und sie nicht losgeworden. Darum hatte er diese Komödie gespielt, die seiner Verschlagenheit alle Ehre machte. Anna war darüber nicht gestorben, das blieb die Hauptsache, und wenn er obendrein noch bedachte, daß sie trotz alledem hierbleiben wollte, so empfand er den Gewissensdruck um so weniger.

Auf dem Bahnhof empfing er die Nachricht, daß die telegraphische Anfrage auf der betreffenden Station [
Zeile fehlt, Druckfehler. Re.]schade um das Geld, noch 'mal zurückzufahren,« sagte er zu ihr, »schließlich säßen wir hier noch ganz blank.«

Sie nickte nur, denn es war ihr gleichgültig, was geschähe.

Wie ein Feldherr niemals ohne fertigen Plan in die Schlacht geht, so war auch Gläser kenntnisreich in sein Eroberungsgebiet eingerückt. Schon monatelang vorher hatte er sich aus der Ferne mit Berliner Verhältnissen vertraut gemacht, denn er las eifrig die Zeitung der Reichshauptstadt, die sein Prinzipal hielt, und erlebte förmlich alles mit, was in der großen Stadt passierte. Das übrige tat der engere Verkehr mit einem geborenen Berliner, der in das kleine Nest verschlagen worden war und der ihm immer aufs neue Einzelheiten mitteilen mußte. So hatte er ein ganzes Notizbuch vollgeschrieben mit allen diesen Dingen, die sich nicht nur auf das tägliche Leben, auf den Erwerb und auf die Verkehrsverhältnisse bezogen, sondern auch vollgespickt waren mit allerlei Redensarten, die er anwenden müsse, um sich nicht verblüffen zu lassen. Es war wie ein großes ABC im Umgang mit Berlinern, das er bei sich trug und aus dem er bei jeder Gelegenheit schöpfen konnte.

Als Anna Schiman ihm von dem Mann erzählte, der sie angesprochen habe, rief er unwillig aus: »Aber warum hast du mich denn nicht gerufen? Das war ein Bauernfänger. Dem hätte ich bald Hoppegarten beigebracht.« Und als sie ihn fragend ansah, gab er ihr die Aufklärung, daß »Hoppegarten« der große Rennplatz außerhalb der Stadt sei und daß man so sage, wenn einer lange Beine machen sollte. Ja, ja – ihm durfte keiner kommen, er war gewappnet für Spreeathen!

Beim Frühstück im Gastzimmer, wo sie nun ganz allein saßen, da der Apotheker jetzt die Schneeluft draußen atmete, statt sie zu trinken (er nannte Korn mit Pfefferminz so), studierte Gläser eifrig das »Intelligenz-Blatt«, in dessen vielen Beilagen zur Zeit die meisten Stellen angekündigt waren, besonders für das große Volk. »Das ist etwas für dich,« sagte er und las laut vor: »Anständiges Mädchen von außerhalb, das auch in der Wirtschaft helfen kann, wird sofort bei seiner Herrschaft verlangt, Potsdamerstraße.«

Sie hatten beide ihre Sonntagskleider angelegt und machten sich auf den Weg. Der Omnibus am Bahnhof fuhr nach jener Richtung und zwar mitten durch die Stadt, so daß Gläser sich von der weiten Fahrt ein besonderes Vergnügen versprach. Trotz der Kälte kletterte er auf das Verdeck, während Anna im Wagen Platz nehmen mußte, wo sie sich in die Ecke am Eingang drückte, um in stiller Bekümmernis über die rasche Wendung des Schicksals nachzudenken. Gern hätte sie etwas im Fluge von den Sehenswürdigkeiten der großen Stadt erhascht, aber ein dichter Nebeldunst hatte sich plötzlich über die Straßen gelegt und nahm dem Blick die Aussicht.

Oben spreizte sich Gläser möglichst behaglich, eine Zigarre im Munde, die er tüchtig paffte, um sie in Brand zu halten. »Kalten Mut und warm angezogen«, dachte er, wieder nach Berliner Art, als der Rumpelkasten, von den kräftigen Litauern in Gang gebracht, den dicken, grauen Dunst durchschnitt. Unter dem Geklapper der schweren Hufeisen keuchten die Rosse auf den glatten Steinen, und ihr heißer Atem stieg hell empor durch die Nebelwogen, die das steinerne Meer durchzogen.

Ja, steinernes Meer! Das war die richtige Bezeichnung, wie Gläser sich bei dieser ersten Durchquerung Berlins gestand. Zwar hatte er kein Wasser unter sich, zwar saß er auf keinem Schiff, aber er thronte auf schwankem Fahrzeuge, vernahm das unaufhörliche Branden und sah die gefährlichen Riffe auf beiden Seiten. Und war es nicht dasselbe wie auf empörten Meereswogen, dieses Auf und Nieder des Daseins, das die einen zerschellen ließ, die andern reich beladen ans Ziel führte? Wie es in die Luft klang, das Großstadtgetöse, mit seinen tausend Tönen aus tausend verschiedenen Noten, die sich schließlich in dem Riesenorchester doch zu einem erhabenen Ganzen fanden, mit dem Leitmotiv: »Kämpfe, kämpfe! Lebe, lebe! Genieße, genieße!« Wie sie aneinander vorüberhasteten, die Zehntausende und aber Zehntausende, so friedlich äußerlich, und doch mit der deutlichen Gier, über die Nächsten hinwegzukommen, ganz gleich, ob es ihnen schade oder nicht. Und wie still das alles abging! Wie sie sich durchschlängelten, rechts und links, sich liebenswürdig auswichen, die vom Osten und Westen, und die vom Süden und Norden, als könnten sie sich gegenseitig kein Wässerchen trüben. Aber recht so, denn so mußte es sein nach Gläsers Geschmack: Sturm laufen ohne Blutvergießen, Sieg ohne Lärm und Aufregung, Begehen strafloser Verbrechen im Gewande harmloser Bürger, ein verbindliches Lächeln auf den Lippen. Alles mit Gemütsruhe, alles unter dem Schutze des Gesetzes.

Gläser fühlte sich gehoben bei diesen Betrachtungen, die er am liebsten der Menge da unten, die wie ein Gespenstertroß im Nebel wandelte, zugerufen hätte mit der spöttischen Schlußbemerkung: »Seid vorsichtig, ihr lieben Leute, ich bin da – ich, August Gläser!«

Ein sehr verfroren aussehender Mann, der bis jetzt mit ihm allein das Verdeck teilte, kam von der andern Bank herüber und setzte sich mit auffallender Geschäftigkeit neben ihn. Er steckte noch in einem alten Sommerüberzieher, über dessen emporgeschlagenem Kragen die spitze, rot angelaufene Nase verwegen in die Welt ragte. Nachdem er das Pärchen aus dem Gasthof hatte kommen sehen, war er gleich nach Gläser auf den Omnibus gestiegen und hatte den Fremden aufmerksam gemustert, ohne recht klug aus ihm zu werden; nun jedoch ging er zum Angriff über. Zähneklappernd vor Frost begann er mit einer gewissen gemachten Höflichkeit: »Entschuldigen Sie nur, mein Herr, wenn ich mir erlaube … aber Sie sehen so vertrauenerweckend aus.«

Er wollte Gläser einen schweren Siegelring mit einem großen roten Stein, einem »echten«, wie er sagte, für die Hälfte des Wertes verkaufen, weil er augenblicklich in Not sei. Schon lange habe er keine Arbeit und er trenne sich nur ungern von diesem alten Erbstück, aber er möchte es in guten Händen wissen. Mit zwei Talern würde er sich zufriedengeben.

Gläser spielte den Harmlosen, nahm den unechten Ring, der jedenfalls mit Blei gefüllt war, und sagte durchaus ernst: »Fünf Groschen will ich dafür geben. Haben Sie noch mehr davon?«

Sofort bekannte der andere Farbe. »Sie sind wohl nicht von hier?« rief er entrüstet und rückte von ihm fort.

»Da haben Sie recht«, erwiderte Gläser gelassen. Als er den andern, der unaufhörlich schimpfte, die eiserne Stiege hinunterklettern sah, lachte er hinter ihm her. Ihn wollte ein Ringnepper hineinlegen – ihn, der er mit Schlauheit vollgepfropft aus der Provinz gekommen war, um selbst andere hineinzulegen! Als wenn er nicht schon genug über dieses Gesindel gelesen hätte, das sich an »die von außerhalb« heranmachte, um sie gründlich zu betölpeln! Gläser war mit sich zufrieden, denn er hatte das erste offene Gefecht erfolgreich bestanden. In diesen Sieg mischte sich nur der leichte Ärger darüber, daß man ihn auch für einen der »Dummen, die nicht alle werden«, gehalten hatte, aber rasch tröstete er sich damit, daß der Mangel an Lebenskenntnis bei dem Gauner vorhanden sei, nicht bei ihm.

Und als nun plötzlich die Sonne das graue Gewölk am Himmel durchbrach und den Straßennebel kraftvoll durchleuchtete, bis er allmählich wie durch Zauberspruch verschwand, erfaßte ihn der Dünkel, das geschähe allein seinetwegen, um ihn würdig zu begrüßen. Nun lag das steinerne Meer im Glanze des hellen Tages, nun sahen die Menschenwogen freundlicher, verheißungsvoller aus, und die Häuserriffe verloren den finsteren Schrecken, denn unten zeigten sich die Läden mit ihren buntgefüllten Schaufenstern, und an den Straßenecken prahlten die Litfaßsäulen mit rot, blau und grün.

Der Omnibus durchwackelte den Mühlendamm mit seinen dunklen Gewölben voll alter Kleider, vor denen die berüchtigten »Anreißer« unruhig auf und ab schritten, um jeden, der eine neugierige Miene zeigte, fast mit Gewalt in den Laden zu schleppen. An den Türhaken hingen Uniformen mit roten Kragen und goldenen Tressen, Fräcke, Hosen und Westen friedlich nebeneinander. Öfters saß ein dickes Weib unter den Bergen von Kleidungsstücken und trank Kaffee, die Finger krampfhaft um die heiße Tasse geklammert. Die jungen Leute aber übten sich im Dauerlauf oder lehnten an den Säulen mit der stolzen Miene zukünftiger Rothschilds.

Gläser fiel der schöne Vers ein, den er irgendwo gelesen hatte:

»Auf dem Mühlendamm
Sitzt ein Mann mit Schwamm,
Der hat so schön karierte Hosen an.«

Plötzlich reckte er den Hals, denn er sah den polnischen Juden aus der Eisenbahn langsam, auf einen Stock gestützt, an den Läden vorüberschreiten und dann vor einem Glaubensgenossen haltmachen, mit dem er eifrig sprach. Zwei der Anreißer kamen hinzu und beäugten ihn neugierig von oben bis unten.

»Heda!« rief Gläser laut hinunter, erfreut darüber, ein bekanntes Gesicht zu sehen.

Der Mann im Kaftan blickte sich um und erkannte ihn, aber statt seinen Gruß zu erwidern, spie er aus, und zwar so deutlich, daß Gläser die Absicht merkte. Er verstand: das sollte die Quittung darüber sein, daß er den Kranken hilflos im Wagen hatte liegen lassen. Beschämt und wütend wandte er den Kopf und tat so, als wäre er nicht damit gemeint.

Man durchfuhr die Leipziger Straße, die glänzendste Verkehrsader Berlins, die aus dem Herzen der Stadt hinein in den vornehmen Westen führte. Gläser blickte eifrig nach rechts und links; er trank förmlich mit den Augen, um sich heimlich zu berauschen an diesem großen Getriebe, das ihn aufnehmen sollte in seine Mitte. In zehn Jahren wollte er hier anders lang fahren, als auf einem Omnibus. Im Fond seiner Equipage würde er dann sitzen, Gleichgültigkeit im Gesicht und nicht die Spannung des heutigen Tages. Er las jedes Schild, prägte sich fast die Namen ein, lächelte befriedigt bei solchen, die ihm aus den Zeitungsankündigungen im Gedächtnis lagen, und begrüßte sie in Gedanken wie gute Bekannte, denen er baldigst seinen Besuch machen müsse.

Die Wunden der Gründerzeit begannen bereits zu heilen, die unzähligen Krachs waren verhallt, Berlin reckte sich aufs neue zur Weltstadthöhe, aber diesmal mit gesunder Kraft. In den Fabriken und Kaufmannshäusern regte sich wieder das Leben, Palast an Palast war entstanden, ganze Straßenzüge hatten sich verwandelt, die riesigen Mietskasernen mit ihrem modernen Stuck zerdrückten allmählich die kleinen, schmucklosen Gebäude, und der Steinkoloß, der innerlich immer mehr wuchs, dehnte seine Fülle nach allen Seiten und streckte, gleich einer ungeheuren Spinne, seine Fänge weit nach den Vororten hin aus. Noch stand die berühmte alte Apotheke am Potsdamer Platz, wie eine kümmerliche Baracke, trotzend dem neuen Ansturm, der sie auf Nimmerwiedersehen wegfegen würde; und als Gläser sich bei seinem Nebenmann auf dem nun vollbesetzten Verdeck nach dem Zweck dieses verwitterten Mauerwerks erkundigte, mußte er unwillkürlich an den wunderlichen Mann draußen im Gasthof denken, der so sonderbare Ansichten vom Leben hatte. Er sollte ihm gewiß nicht durch die Finger gehen, denn auf ihn setzte er seine Hoffnung, wie jemand, der eine unbeachtete Quelle entdeckt hat, die Heilung für die Menschheit verspricht. Aufmerksam hatte er die Straßen mit ihren Hausnummern verfolgt. Schon vor der Fahrt, noch im Wirtszimmer, hatte er den Plan von Berlin emsig studiert, weil er es vermeiden wollte, durch Fragen allzusehr als Fremder zu gelten. Und als sie nun hinter der Potsdamerbrücke ausgestiegen waren, nahm er gleich den richtigen Weg.

Es war ein altes, zweistöckiges Gebäude mit großen Fenstern und einem riesigen Torweg, das sie betraten, eins jener Häuser, die noch aus früherer Zeit stammten und sich in ihrem Innern durch eine auffallende Raumverschwendung auszeichneten. Eine breite Treppe mit flachen Stufen, deren Geländer schmiedeeiserne Füllungen zeigte, wand sich in freier Schwingung zu den Stockwerken hinauf, so daß man in die Tiefe blicken konnte. Bronzefiguren standen in den Nischen, und die Wände trugen Malereien in pompejanischer Manier, stark verblaßt durch die Jahre.

Gläser wollte keck hinauf über den ausgetretenen Läufer, der Portier jedoch, ein kleiner Mann mit Arbeitsschürze, der sofort aus dem Keller herausgekommen war und nach seinem Begehr gefragt hatte, bedeutete ihm, daß er den Weg hübsch die Hintertreppe hinauf nehmen müsse. Dabei wies er auf die zweite Flurtür, durch deren Scheiben man einen großen Garten erblicken konnte, in dem alles verpuppt im Winterschlafe lag.

»Wie? Was? Wofür halten Sie uns denn?« schrie Gläser ihn an, getreu seinem Grundsatze, sich nicht verblüffen zu lassen. »Man wird Ihnen nachher schön den Marsch blasen.« Schlau, wie er war, hatte er ihn ausgeforscht und dabei erfahren, daß die Dame im zweiten Stock die Witwe eines Versicherungsdirektors sei und mit ihrer einzigen Tochter zusammenlebe. Es war also kein Mann vorhanden, und so brauchte man nicht zu fürchten, schlecht empfangen zu werden. Der Portier, der nun erst Verständnis für die Feiertagskleidung des Pärchens zu haben schien und etwas anderes dahinter witterte, zog sich eingeschüchtert zurück. Gläser lachte und ging großspurig die Treppe hinauf, Anna mit sich ziehend, die vor Angst bebte.

»Siehst du, so muß man's machen«, sagte er gemütlich. »Laß mich nur reden und sage so wenig als möglich. Sonst verdirbst du uns alles; denn manche Herrschaften wollen genommen sein.« Und er brachte ihr bei, daß es besser für sie wäre, nicht als Braut zu gelten, denn man könnte Anstoß daran nehmen. Wenn er etwa zu viel sage, solle sie sich nichts daraus machen, es geschehe nur zu ihrem Besten. Erst als sie das Haus betreten hatten, war ihm das alles durch den Kopf geschossen, und so erlag er wie immer dem augenblicklichen Einfall; denn sobald etwas Böses in ihm auftauchte, stand er unter dem unbezwinglichen Drange, ihm zu folgen. Anna, die darin keinen Hintergedanken sah, widersprach nicht, sondern hatte nur den lebhaften Wunsch, es möchte in diesem feinen Hause alles gut für sie ablaufen.

Oben wurden sie von einer alten, aber noch sehr beweglichen Dame empfangen, die ein goldenes Pincenez auf der Nasenspitze trug und sofort lebhaft in ein Nebenzimmer rief: »Klothilde, sei doch so gut!«

Gleich darauf ließ sich die Tochter sehen, ein großes, stattliches Mädchen mit nicht unschönen, aber vergrämten Zügen, wie sie die späten Mädchen manchmal haben, deren heißeste Wünsche niemals in Erfüllung gegangen sind. Sie steckte in einem sehr eleganten Morgenkleid und hatte sich so stark parfümiert, daß der ganze geräumige Korridor, der sich fast wie ein Zimmer ausnahm, davon erfüllt war. Mit vollen Nüstern sog Gläser diesen Duft ein, wie das Geschenk einer ihm bisher fremden Welt, durch das er sich beglückt fühlte.

»So mach' doch das allein ab, Mama«, sagte sie mit einer gewissen Müdigkeit in ihrer Stimme, nachdem sie beide rasch gemustert hatte. Sie hielt Gläser, der sie mit seinen Augen fast verschlang, für einen Vermittler ohne Manieren, der diesmal die Mietsfrau ersetzen sollte. Schon wollte sie wieder verschwinden, als sie durch den beginnenden Höflichkeitsschwall des zudringlichen Menschen zurückgehalten wurde.

»Die gnädigen Damen wollen entschuldigen, wenn wir so früh schon stören, aber als ein Verwandter des jungen Mädchens fühle ich mich verpflichtet –« Und es folgte ein ganzer Blütenstrauß schöner Redensarten, die rasch alles erschöpften, was er für nötig hielt, vorzubringen. »Moralische Verpflichtung … Gefahren der Weltstadt … Sorge des alten Vaters daheim … Erfüllung des Versprechens, ein junges Mädchen in guten Händen zu wissen«, und noch anderes mehr. Leben war in sein Vogelgesicht gekommen, das mit verbindlichem Lächeln bald zur Mutter, bald zur Tochter ging; und während er sorgsam jeden Satz abwog, dienerte er unaufhörlich, als stünde er noch hinter dem Ladentisch seines Heimatsnestes und fertigte die Kunden ab. Trotzdem er sich geschniegelt und gebügelt hatte und den Gebildeten herausbiß, wurden die Damen nicht ganz klug aus ihm; aber seine übertrieben richtige Aussprache und die offenbarte Gesinnung erweckten ein gewisses Interesse und den Wunsch, ihn näher kennenzulernen. Frau Teichert hatte zwar bereits erklärt, betreffs der Stelle keine bindende Zusage machen zu können, aber teilnahmsvoll bat sie das Pärchen in das Wohnzimmer hinein. Als alle sich gegenübersaßen, nickte Anna nur oder sagte kurz ja oder nein. Gläser jedoch, der schwarze Glacés anhatte und den neuen steifen Hut kokett auf das Knie gestemmt hielt, sprach unaufhörlich und musterte dabei hin und wieder die teure Einrichtung des Zimmers, die ihn mit Wohlbehagen erfüllte. Dann wieder ließ er dreist seinen Blick auf Klothilde ruhen, an der er immer nur die majestätische Figur sah, die seinen Respekt herausforderte. Es war, als wollte er ihr fortwährend zurufen: »Du gefällst mir! Weshalb bist du eigentlich unverheiratet geblieben?« Und sie, die anfing, diese Unverfrorenheit komisch zu finden, erwog inzwischen bei sich, in welchem tieferen Zusammenhang diese beiden Menschen wohl stehen könnten und ob das Schweigen des Mädchens nur Verstellung sei.

»So so, Sie sind also heute erst angekommen«, sagte Frau Teichert. »Dann ist es hübsch von Ihnen, daß Sie sich Ihres Schützlings gleich so wacker annehmen.« Und sie fügte hinzu, daß sie die Sache in Erwägung ziehen wolle. Jedenfalls mache das junge Mädchen einen netten Eindruck auf sie und würde es gut bei ihr haben. »Was meinst du, Klothilde?« fragte sie wieder.

»Ich füge mich ganz deinen Wünschen«, gab die Tochter nachlässig zurück. »Vielleicht könnte man sie für meine Dienste anlernen, sie sieht danach aus.«

»Oh, sie ist nicht dumm«, warf Gläser ein, der nichts Besonderes darin fand, seine Braut wie eine Sache behandelt zu sehen.

Anna lachte leicht auf, weil sie diese Bemerkung von ihm wie einen seiner Späße empfand. Dann sah sie ein, daß sie endlich etwas sagen müsse, und so gab sie die Aufklärung, daß sie bei der Frau Fabrikdirektor daheim, wo sie drei Jahre gewesen sei, schon Zofendienste verrichtet habe, im übrigen aber halb zur Familie gerechnet worden sei. Sie werde bestrebt sein, sich die Zufriedenheit der gnädigen Frau und des gnädigen Fräuleins zu erringen.

»Und Sie, was sind Sie denn eigentlich?« wandte sich die alte Dame wohlmeinend an Gläser. »Wollen Sie auch hier bleiben?«

»Aber gewiß doch, Berlin hat ja schon auf mich gewartet«, erwiderte er mit pomadiger Ruhe. »Ich bringe eine große Neuheit mit, die mir schweres Geld verspricht. Sie müssen nämlich wissen, daß ich Kaufmann bin, aber keiner von der gewöhnlichen Sorte … Na, und dann möchte ich mir meinen eigenen Hausstand gründen, wenn ich so weit bin. Aber erst muß ich meine Christenpflicht gegen das arme Mädel hier erfüllen, ich sagte es ja schon. Solche armen Verwandten hängen allen guten Familien an … Sie hat kräftige Arme, also ersparen Sie ihr nichts. Immer tüchtig arbeiten, so heißt's im Leben. Und dann soll sie besonders streng gehalten werden, das ist die Hauptsache.«

Anna war sprachlos über diese Kühnheit, die sie in Gedanken als etwas viel Schlimmeres bezeichnete, aber aus seiner Aufschneiderei hörte sie doch wieder die Worte heraus, die ihr am besten gefielen.

»Sie nehmen sie doch, nicht wahr?« fuhr Gläser fort in einer Art, als verstünde sich das von selbst. »Und wenn Sie erlauben, erkundige ich mich öfters nach ihrem Wohlergehen. Ich muß dem Vater schreiben, was sie treibt.«

Als er von der Gründung des Hausstandes sprach, glaubte Klothilde sich von ihm besonders beobachtet zu sehen; und diesmal färbte sich ihr Gesicht, denn ein anderer hatte plötzlich gesprochen, ein Mann, der zwar keine tadellosen Manieren und kein besonders einnehmendes Äußere besaß, aber unzweifelhaft zu der gebildeten Klasse gehörte und einen würdigen Beruf vertrat. Und daß er so unaufgefordert seine Pläne enthüllte, konnte eigentlich nur für seinen Ehrgeiz sprechen. Frau Teichert, die wie jede Mutter einer unversorgten Tochter sich sofort ihre Gedanken machte, betrachtete diesen merkwürdigen Besuch wie einen kleinen Fingerzeig, den man nicht so ganz ohne weiteres außer acht lassen dürfe. Auf alle Fälle kostete es nichts, wenn man sich für diesen Mann näher interessierte. Es lag etwas Bestimmtes in ihm, ein gewisses Selbstbewußtsein, eine Begabung, andere zu fesseln, und das entsprach um so mehr ihrer Auffassung vom Leben, als sie gerade in diesen Minuten an den Unternehmungsgeist ihres Seligen erinnert wurde.

Mutter und Tochter erhoben sich und flüsterten etwas zusammen; dann erklärte man sich bereit, vorläufig einen Versuch mit dem Mädchen zu machen. Anna ließ ihr Buch da und bedankte sich; Gläser aber ergriff ungeniert die Hand der alten Dame und drückte einen Kuß darauf, so daß sie ersichtlich in Verlegenheit geriet. Dieser Schlangenkünstler mit der zurückgebliebenen Provinzmode und der einfältigen Zuversicht kam ihr sonderbar vor, aber seine Liebenswürdigkeit beim Abschied war doch so bezwingend, daß sie sich vergaß und das Pärchen bis zur Tür begleitete.

»Nun, was sagst du zu den beiden?« fragte sie ihre Tochter, als sie wieder allein waren.

Klothilde stand mitten im Zimmer und lachte wie ein überreifes Mädchen, das gerne noch etwas Kindliches markieren möchte. »Hast du nicht bemerkt, wie mich dieser Mensch fortwährend ansah?« sagte sie. »Ich habe mich diebisch amüsiert, ich hätte platzen mögen.«

»Da siehst du wieder, was du noch für 'n Eindruck machst«, gab Frau Teichert zurück.

»Gerade keine Schmeichelei für mich, Mama. Du wirst doch nicht etwa glauben –? Mama, es wäre eine Beleidigung für mich! Solche findet man noch alle Tage. Hände hat er wie kleine Handkoffer.«

»Aber ein gutes Herz scheint er zu haben. Doch hübsch von ihm, sich so des Mädchens anzunehmen. Denk' doch an die trüben Erfahrungen! Röderlich machte einen so feinen Eindruck, und doch hat er uns gehörig angepumpt und sich nachher ohne jeden Grund zurückgezogen. Und wir mußten obendrein noch ruhig sein, damit wir mit dem Schaden nicht noch den Spott hätten.«

Klothilde war das Lachen vergangen. Sie seufzte nur leicht, trat an das Fenster und blickte nachdenklich auf die Straße, wo die Schneeflocken wieder ihren Wirbeltanz begannen. Und sie dachte noch weiter zurück, an alle die, die ihr den Hof gemacht hatten, die sie aber nicht wollte, bis dann allmählich der umgekehrte Fall eintrat und man sie zu den Sitzengebliebenen rechnete, die sich innerlich verzehrten und die äußerlich verblühten, wenn auch das Fleisch dicker und fetter wurde.

Draußen auf der Treppe fühlte sich Gläser noch immer von dem Parfümduft verfolgt, der etwas Berauschendes für ihn hatte. Im ersten Stockwerk angelangt, blieb er stehen. »Siehst du, so kriegt man die Leute 'rum«, sagte er in vortrefflicher Laune. »Hätte ich ihnen die Wahrheit gesagt, so wären wir bald wieder unten gewesen, so aber haben wir Glück gehabt. Wenn wir nur alles über uns wissen, andere brauchen's nicht. Nun heißt's für dich, mich nicht bloßzustellen, dann kommen wir beide vorwärts.« Und noch im Weitergehen paukte er ihr alles ein: was sie bei ihrer neuen Herrschaft verschweigen müsse. Innerlich beglückt, wollte sie sich an seinen Arm haken, er aber duldete es nicht mit dem Hinweis auf den Portier, der sie so sehen und darüber plaudern könnte.

5.

Noch am Abend desselben Tages zog Anna zu der Herrschaft, und so atmete Gläser auf, wie von einer Last befreit. Nun erst sah er das Leben vor sich, nun konnte er die Hände rühren. Er war so vergnügt, daß er zu dem deutschen Beefsteak im Gasthause eine halbe Flasche Rotwein trank, was Emil mit noch größerem Respekt vor ihm erfüllte, denn meistens wurde hier Bier und Grog getrunken. Selbst Frau Meckert, die ungeschiedene Verlassene des Wirts, eine etwas sehr in die Breite gegangene, zweifelhafte Schöne in stets fettiger Bluse, an der der mittelste Knopf regelmäßig fehlte, war einigermaßen starr bei diesem noblen Auftreten; und so putzte sie denn, hinter dem Schanktisch stehend, eigenhändig mit der Schürze an dem Glase herum und hielt es gegen das Licht, um ihre Aufmerksamkeit zu beweisen. Sie lächelte sogar freundlich, was den Pikkolo in Verblüffung versetzte, denn sonst schlich sie stets mißmutig im Hause herum und geiferte mit dem Personal. Seitdem ihr Mann nichts mehr von sich hören ließ, widmete sie sich heimlich der Kognakflasche, und so geriet sie auch häufig mit den Stammgästen zusammen, die den Durchbrenner noch gekannt hatten und sich manchmal dreiste Anspielungen über die andauernde Strohwitwenschaft erlaubten.

Gläser gefiel ihr, weil er zurückhaltend war und sie beinahe wie eine Dame behandelte. Er hatte zu ihr über Anna dasselbe Märchen vorgebracht, wie in der Potsdamerstraße, und als Frau Meckert nun hörte, daß er ohne Anhang sei und noch einige Tage hier wohnen bleiben wolle, bis er sein »Geschäftslokal« aufgetan hätte, zeichnete sie ihn besonders durch einen großen Teller mit Bratkartoffeln aus, den sie neben dem Beefsteak auftragen ließ.

»Ein netter, gebildeter Herr, nicht so stoffelig wie die andern«, sagte sie zu Emil. »Wie man sich doch täuschen kann! Ich hielt ihn auch für so einen Windbeutel, der die armen Frauen betrügt.« Sie hätte ein Liedchen davon singen können, denn was kam nicht alles in ihren Gasthof!

Gläser jedoch dachte bei sich: »Ei, die klappert ja mit den Augen, so ein fettes, schmutziges Weib! Aber gute Portionen gibt's.« Und er vergnügte sich innerlich über den Eindruck, den er abermals gemacht hatte, und nahm sich vor, auch hier die Menschen als das zu nehmen, was sie ihm wert erschienen. Im Fremdenbuch glänzte er als Kaufmann, und da er gelegentlich einen Hundertmarkschein sehen und wiederholt das Wort »Gründung« fallen ließ, so wurde er rasch zu jenen Leuten gerechnet, die mit ihrem kleinen Kapital nach Berlin gekommen waren, um ihren Wohlstand zu vergrößern. Daß er gerade hier am Ende der Welt abgestiegen war, das, du lieber Himmel, sprach eigentlich für ihn; denn nur durch Bedürfnislosigkeit kam man vorwärts.

Zwei Tage lang sah sich Gläser Berlin an, wobei er gehörig geizte und stets kreuz und quer Omnibus oben fuhr, weil er so am besten und billigsten den Kampfplatz kennenzulernen glaubte. Von Anna Schiman hatte er einen beruhigenden Brief erhalten, in dem sie ihm in ihrer Schulhandschrift mitteilte, daß sie sich ganz wohl fühle, aber Sehnsucht nach ihm habe. Er möchte sich doch am nächsten Sonntag schon blicken lassen, was auch die Frau Direktor hoffe, denn diese habe eine sehr gute Meinung von ihm. Sie, Anna, lache sich immer eins, wenn sie an die »arme Verwandte« denke. Ob er von dem Gelde wieder etwas erfahren habe, wie es ihm gehe und ob er sich auch nach einer Stellung umsehe? Sie freue sich schon auf den ersten freien Tag, nur um mit ihm zusammensein zu können. Das gnädige Fräulein habe sie gefragt, was der »wohlhabende Cousin« denn Großes beabsichtige. Und sie habe sich wieder eins gelacht. Die Hauptsache sei, es gebe eine feine Küche; das Essen schmecke ihr vortrefflich.

Gläser schnalzte förmlich mit der Zunge, und als er die Worte »gnädiges Fräulein« las, roch er aufs neue das scharfe, süßliche Parfüm, das merkwürdige Vorstellungen in ihm erweckte. Gewiß wollte er mit Anna wieder zusammenkommen, aber in anderer Weise, als sie sich es ausmalte, denn er betrachtete sie nur noch als seine verflossene Braut, als einen Irrtum seines Daseins, den er durch andere Wünsche richtigstellen müsse.

In dem kleinen schlesischen Neste hatten sie sich gefunden, wie etwas Notwendiges, das aus Familienbeziehungen hervorgeht. Seit ihrer Kindheit kannten sie sich, und so waren sie später wie die Kletten aneinander hängen geblieben. Selbst bessere Eltern schickten dort ihre Mädchen in den Dienst, der nicht als das trostlose Gewerbe aufgefaßt wurde wie in den großen Städten. Zwei Jahre hatte er sich so mit ihr herumgeschleppt und ihre Jugend ausgekostet, nun war die richtige Zeit gekommen, um die Trennung zu vollziehen. Zu Hause hätte es Aufsehen gemacht und zu lautem Geschrei Veranlassung gegeben, hier aber, im mächtigen steinernen Meere, würden die Menschen- und Zeitwogen besänftigend darüber hinweggehen. Deshalb hatte er sie mitgenommen und das ganze Nest im schönsten Glauben gelassen. War sie nicht ebenso schuldig, als er?« Hatte er ihr nicht geraten, noch daheim zu bleiben? Was konnte er dafür, daß die Natur ihm diese brennende Sucht nach Reichtum gegeben hatte, die im letzten Jahre so stark erwacht war, daß er förmlich darunter litt, wie unter einer Krankheit, von der er mit aller Macht geheilt zu werden wünschte? So war es immer in der Welt gewesen: es gab Herren und Knechte, und er war zum herrschen geboren und sie zum dienen.

Als er am Abend des zweiten Tages die fast endlos sich dehnende Friedrichstraße von Norden nach Süden durchfuhr, um die Riesenstadt auch einmal beim Laternenglanz von oben zu sehen, erblickte er einen Trunkenbold, von johlenden Kindern verfolgt, der eine auffallende Ähnlichkeit mit seinem verstorbenen Vater hatte. Und er dachte an gleiche Auftritte daheim, wenn der Alte, der früher Steuereinnehmer gewesen war und als Pensionierter noch mehr herabkam, sein letztes Geld vertrunken hatte und öffentlich häßliche Szenen aufführte. Was für ein widerwärtiges Familienleben, in dem er groß geworden war! Er wollte nüchtern durch das Dasein wandeln, aber mit jener grausamen Nüchternheit, die ihn für die Entbehrungen seiner Jugend rächen sollte. Noch war die alte Mutter da und eine erblindete Schwester, die auf ihn hofften und die er liebte. Beide würden bald von ihm hören, aber als von einem Manne mit früh erworbenen Schätzen. Niemals wollte er sie darben lassen, aber auch niemals würde er Belehrungen von ihnen entgegennehmen, wie sie ihm ähnliche mit auf den Weg gegeben hatten in der Art von regelmäßigen Sonntagskirchengängerinnen, die bei jeder Gelegenheit ihre Gebetsprüche im Kopfe haben.

Am andern Tage hatte er glücklich herausgebracht, weshalb der alte Apotheker Dähne so tief gesunken war. Frau Meckert, die sich im Gasthofszimmer zu ihm an den Tisch setzte, weihte ihn in die Geschichte ein. Der Provisor hatte sich eines Tages bei den Medikamenten vergriffen und statt harmloser Medizin eine gefährliche Flüssigkeit verabreicht und war wegen fahrlässiger Tötung eines Menschen angeklagt und zu Gefängnis verurteilt worden. Schon halb gebrochen dadurch und obendrein seiner Stellung verlustig gegangen, hatte er sich alles so zu Herzen genommen, daß er sich dem Trunke ergab und schließlich dem Schnapsteufel verfiel, was ihm nicht schwer wurde, weil er schon in soliden Zeiten zum Genüsse alkoholischer Getränke veranlagt war. Einige Jahre hielten ihn gute Bekannte über Wasser, die noch an eine Wendung in seinem Leben glaubten; dann aber ließen auch diese ihn fallen, und so fristete er endlich sein armseliges Dasein teils als Schnorrer, teils als eine Art Winkeldoktor, der seine Apothekererfahrungen gegen Nickel verkaufte.

Die fette Wirtin glaubte ihm Dank schuldig zu sein, denn sie hatte arg an Rheumatismus gelitten, wovon sie durch ihn befreit worden war, wie sie behauptete, und so spendete sie ihm ihre Mildtätigkeit. Tauchte er auf und bezahlte, so war es gut; hatte er nichts, so ließ sie es ihn nicht merken, sondern schrieb es einfach in den Rauchfang. Schließlich kam sie doch auf ihre Kosten, denn sobald er nur dreiviertel voll war, amüsierte er die Gäste durch allerlei Spaße und Anekdoten, gab seine Lebensweisheit zum besten, rezeptierte und quacksalberte nach Kräften, sobald einer der wenig bemittelten Logisgäste Veranlassung dazu gab.

»Den könnte man vielleicht noch 'rausreißen aus dem Sumpf«, sagte Gläser in der Art eines Menschenfreundes, nachdem er alles ruhig mit angehört hatte.

Frau Meckert, die ihre schwammige rote Hand von seiner großen getätschelt fühlte, drückte ihren Zweifel daran durch ein Kopfschütteln aus, erwiderte aber doch, daß sie sich freuen würde, wenn das jemand fertig brächte. Eigentlich hatte sie auch ihre guten Seiten, denn täglich wurde ihr Gemüt durch menschliches Elend wachgehalten, das bei ihr anklopfte.

Noch am selben Abend nahm sich Gläser den Apotheker vor, und zwar um die späte Stunde, als das Gastzimmer bereits leer war und Frau Meckert hinter dem Schanktisch saß und schlief, anscheinend in unruhige Träume versunken, die ihr den treulosen Ehemann wieder näher brachten; denn trotzdem sie schnarchte, rief sie ihn öfters beim Namen.

Dähne, der in seinem alten, verschossenen Flocken-Paletot steckte, den er niemals ablegte, weil er keinen Rock darunter trug, hatte bereits ausgeschlafen und war heute auffallend nüchtern, und so nahm er gerne die Freigebigkeit des Zugereisten an.

»Hat sie Ihnen schon alles erzählt?« fragte er und deutete auf die Schlummernde, ohne zu vergessen, sich erst an dem Grog die Hände zu wärmen und mit geschlossenen Augen daran zu riechen. »Das ist das Tragische, das Erhaben-Tragische in meinem Schneeluft-Dasein, daß damals … Sehen Sie, daß es gerade ein Kind sein mußte, mit dem mir das passierte! Das einzige Kind einer Witwe, die mir nicht ganz gleichgültig war. Und ich ihr auch nicht. Und ich habe den Jungen lieb gehabt. Sie machte mir keine Vorwürfe, aber ja – na, so ist es. Wenn das Grauen sich zwischen die Menschen setzt, dann kommen sie schwer zusammen. Sie hat nachher einen Postsekretär geheiratet, der brauchte natürlich nicht zu rezeptieren.«

Er unterbrach sich. »Sagen Sie mal, verehrter Gönner, ist der Grog nicht ein wenig schwach, wie? Emil! Bengel! Zukünftiger Hotelbesitzer!« rief er laut. »Wo steckst du?« Bring' uns 'mal die Flasche mit Arrak de Goa, recte Fusel für Gorillas! … Sind wir nicht alle Affen, mein verehrter Gönner? In uns und mit uns! Ich wollte, ich wäre als Gorilla auf die Welt gekommen, dann könnte ich mich wenigstens für Geld sehen lassen. So aber läßt sich das Geld ohne mich sehen, bei andern nämlich.«

Emil war gekommen und hatte einen Schuß Arrak in die Gläser gegossen. Dann fuhr Dähne fort: »So ist das Leben: eine dreimal destillierte Notwendigkeit zum Erhaltungstrieb, falls die Alkoholika noch nicht polizeilich verboten sind. Prosit! Hören Sie nur, wie sie selig schnarcht. Jetzt ist er wieder heimgekehrt und liegt vor ihr auf den Knien. Aber sie sollte ihn nicht erhören, denn sie war immer zu gut für diesen Kerl.« Und er trank, daß ihm die Augen übergingen, und leckte sich nach einem behaglichen »Hum, der ist kräftig,« die Lippen ab.

Schon nach dem zweiten Glase wurde ihm die Zunge wieder schwer, denn sein Magen war ausgepumpt wie eine leere Nahrungstonne. In solchem Zustande hatte er Widerwillen gegen Speisen, und so trank er unaufhörlich. Gläser dagegen hatte Emil heimlich einen Wink gegeben und ließ sich nur warmes Wasser in sein Glas gießen, denn er wollte wie gewöhnlich bei Vernunft bleiben. Endlich kam er auf die Haarsalbe zu sprechen, von der der Pikkolo ihm erzählt habe.

»Balsam, Balsam, mein lieber Gönner«, verbesserte Dähne lallend und holte aus seiner tiefen Paletottasche ein Fläschchen hervor, das er mit seinen tatterigen Händen von dem befetteten Papier befreite und gehörig schüttelte. »Wird wohl auch schon dünn da oben, wie? Na, wart' mal, mein Jungchen, da machen wir gleich einmal den Anfang.« Und er nahm den Korken ab, kippte das Fläschchen auf seinen Finger und schmierte dem Zechgenossen etwas von der öligen Flüssigkeit auf den Hinterschädel, wobei er mehrfach nebenbei tatschte. »So, mein Jungchen, das kostet nichts, weil du's bist. ›Firnis coronat opodeldoc‹, wie der Spreelateiner sagt. Es heißt zwar finis coronat opus, ich habe aber den Firnis mit Opodeldok gemischt … So, mein Jungchen, wenn du so fortschmierst, dann krönt's wirklich das Werk.«

Ein angenehmer Duft wie von Lavendel machte sich bemerkbar, der sofort den Gastzimmergeruch übertäubte. Gläser empfand zwar Unbehagen bei diesem Überfall, aber schließlich zeigte er lachend gute Miene zum bösen Spiele und hielt tapfer aus, als Dähne mit plumper Gewalt kraftvoll weiter rieb.

Emil war wieder erschienen, flegelte sich gegen den Ladentisch und lachte vergnügt. »Junge, scher' dich!« rief Gläser ihm ärgerlich zu und trieb ihn damit hinaus; dann, als er sich das letzte Fett vom Kopf gestrichen hatte, fragte er, ob das Haar auch wirklich danach wachse.

Dähne lachte: »Wenn du es glaubst, mein Jungchen, ja. Kein Arzt kann helfen ohne den Glauben an seine Medizin. Deshalb sind auch die Apotheker so gläubige Leute. Siehst du, mein lieber Gönner – schon was nicht schadet, bringt Hilfe. Denn die Welt ist so voller Bosheit, daß wir Gott schon dafür danken müssen, wenn er uns gnädig mit einer neuen verschont. Und sage mal, ist es nicht hübsch, schon den guten Willen zu zeigen? Drum bleibe ich dabei: firnis coronat opodeldoc … Wie wär's mit einer Schneeluft … Emil, mein Rabe! Laß Vater Dähne nicht verdursten! Was habe ich dir getan, daß du mir verdünnten Sirup vorsetzt statt eines kräftigen Sorgenbrechers? Bin ich ein krankes Kind, das beruhigt werden soll? Mutter Meckerten, edles Herbergsweib, erwache und strafe ihn!«

Die Dicke schnarchte ruhig weiter. Gläser jedoch legte einen harten Taler vor sich auf den Tisch, den er aber noch nicht aus den Fingern ließ. Und als er den Wunsch äußerte, dafür das Rezept zu dem Haarbalsam zu erlangen, erhob sich Dähne und umarmte ihn, wobei die Suffrührung ihn übermannte. Und unter Alkoholtränen brachte er hervor: »Jungchen, mein Retter! Mein Gönner, mein Jungchen! Wenn du es willst, brau' ich dir einen Kessel davon, daß du zeitlebens genug hast, um deinen edlen Schädel damit einzureiben. Und deine Haare werden wachsen, wie sie dem Einsiedler in der Wüste wachsen, der weder Schere noch Messer noch Spiegel hat. Aber du mußt glauben, hörst du? Du mußt glauben daran! Zehn Rezepte sollst du bekommen, eine ganze Apotheke will ich dir schenken zu deinem Privatgebrauch. Aber sei friedlich, mein Jungchen. Weine mit mir um mein Schicksal! Teile meinen Schmerz! Harre aus und trinke noch eins mit mir! Sage ›du‹, mein Jungchen!«

Und er nahm den Taler und rief schluchzend vor Wonne: »Emil! Zwei neue … auf meine Rechnung. Aber zwei steife! Und zwei Schneeluft dazu, und zwei echte Sonntagszigarren! Hörst du, mein Junge! Nimm sie aber aus der andern Kiste, damit ich sie wenigstens in der Einbildung rauche, sie seien besser als euer verfluchtes Fuhrmannskraut! Komm', tummle dich! Frage an, was der Gasthof kostet! Ja, Bengel, wo steckst du denn? … Kannst du wechseln?«

Seit langer Zeit daran gewöhnt, nur mit Nickeln umzugehen, dünkte er sich plötzlich als einen kleinen Krösus, und so schlug er mit dem harten Taler auf den Tisch, daß endlich Frau Meckert aufwachte und sich die Augen rieb. Was denn los sei? Wo es denn brenne? Sie werde ihn an die Luft setzen, wenn er solchen Skandal mache und obendrein wieder ankreiden lasse. Ob er sich nicht schäme vor dem fremden Gaste? Oder habe er den Herrn vielleicht beleidigt? Das wäre etwas und könnte ihr passen!

Sie war erst beruhigt, als Gläser an den Schanktisch trat und ihr zu verstehen gab, daß man auf seine Kosten gemütlich beisammensitze. Er war zufrieden mit seinem Erfolg, denn er wußte, daß von nun an der rollende Taler der einzige große Götze sein würde, vor dem dieser Verkommene anbetend seine Verbeugung machen werde. Als Dähne beide flüstern sah, kicherte er und rief ihnen zu: »So gebt euch doch ein Küßchen! Macht! Ich seh' es nicht, denn was ich nicht sehen will, das seh' ich nicht. Ich bin mit Blindheit geschlagen, wißt ihr das? Denn ich habe ein armes unschuldiges Kind getötet. Und deshalb straft mich Gott und läßt mich hier bei euch sitzen … Läßt mich sitzen bei euch bis in Ewigkeit, allwo dann, riesengroß wie Buddha, die Sühne erscheint und mit dem Hammer des Gewissens an uns alle schlägt, daß es klagend wie aus einer Memnonssäule klingt. Kommt her, ihr beide, und weint mit mir. Ich sage, weint mit mir!«

In solchen Augenblicken, wo die Erinnerung an die Vergangenheit durchbrach wie lichte Funken aus einem Morast, traten ihm die Tränen wirklich heiß in die Augen, und es war, als müßte er auf diese Art erst ein Seelenbad nehmen, um sich auf Minuten zu reinigen von aller Schuld. Er saß wieder da wie am Tage, zurückgesunken im Sofa, die Arme verschränkt und das Haupt tief geneigt. Die Augen kniff er zusammen, um mit Gewalt die Zähre zu zerdrücken, und um seinen bartlosen, faltenreichen Mund gingen eigentümliche Zuckungen, die alles andeuteten, was er noch verschwieg.

Frau Meckert kam schwerfällig hinter dem Schanktisch hervor, so daß die Diele zitterte, und fuhr sanft mit ihrer runden Hand über seinen Kopf. »So seien Sie doch ruhig, Doktorchen! Blasen Sie doch nicht die alte Trübsal!« Und Gläser raunte sie zu: »So meinte ich es nicht mit dem Helfen, das dürfen Sie nicht tun. Sehen Sie, das kommt nun alles vom vielen Trinken. Grog kann er schon gar nicht vertragen.« Und zu dem andern gewendet fuhr sie fort: »He, Doktorchen, was soll denn das! Wollen Sie noch was essen? Ich rate es Ihnen … Geben Sie mir das Geld, ich hebe es Ihnen auf bis morgen.« Da sie wußte, daß er den letzten Nickel nicht leiden konnte, so hatte sie das schon öfter zu seinem Besten getan, wofür er ihr auch dankte. Denn regelmäßig kam seine Wirtin zu ihr und ließ sich die Miete bezahlen.

Schon wollte er ihr wie besänftigt, gleich einem folgsamen Kinde, den Taler geben, als Gläser ihm das Geld wieder aus der Hand nahm und es kaltblütig in seiner Tasche verschwinden ließ. »Dann kann ich's ihm auch aufheben, denn ich wollte ihm nur Gutes antun,« sagte er, während er bei sich dachte: »Du Schlampe sollst mir nicht dazwischen kommen.« Er vertrat nun einmal den Standpunkt, daß für jede Leistung auch eine Gegenleistung vorhanden sein müsse. Wie er alle Trunkenbolde verachtete, so empfand er auch mit Dähne kein Mitleid, und er konnte nicht begreifen, daß diese Frau es ihm entgegenbrachte.

»Ach, er hat's von Ihnen? Das ist was anderes«, rief sie überrascht aus. »Dann entschuldigen Sie nur. Ich glaubte, er habe wieder einem Doktor ins Handwerk gepfuscht. Aber Sie müssen immer damit warten, bis er nüchtern ist. He, Alterchen, Sie haben einen Wohltäter gefunden. Es gibt noch gute Menschen. Jetzt essen Sie aber erst.«

Wie im Traum griff Dähne mit den Fingern zu und verschlang gierig die Speisenüberreste, die sie ihm vorgesetzt hatte.

Erst am Tage darauf fand Gläser Gelegenheit, den Schwachen glücklich herumzubekommen und seine Dienste zu erlangen. Derselbe Taler sprang, aber diesmal blieb er in der Tasche des Trinkers.

6.

Eines Morgens wurde Berlin durch eine Neuigkeit überrascht, die sich zuerst im Inseratenteil der gelesensten Zeitungen bescheiden hervorwagte.

»Kauft Apotheker Dähnes Haarbalsam! Die einzige Möglichkeit, den verlorengegangenen Kopfschmuck wiederzuerlangen! Garantiert echt und wirksam nach Gebrauchsanweisung. In Flaschen zu fünf Mark, allein zu beziehen durch den Generalvertrieb von Apotheker Dähnes Haarbalsam, Berlin O, Blumenstraße 128. Nur gegen Nachnahme.«

So war es in gedrängter Schrift auf engem Raume zu lesen. Aber schon nach einigen Wochen prangte dieselbe Anzeige viermal vergrößert, das Hauptsächliche fett gedruckt hervorgehoben, in fast allen Blättern. Und der trockenen Anpreisung hatte man diesmal Bildschmuck beigefügt, der in zwei Männerköpfen bestand, von denen der eine, links, sich als völlig kahl und der andere, rechts, wieder frisch belockt dem werten Publikum zum abschreckenden Beispiel und zugleich zur Anfeuerung darbot. Den Schluß jedoch bildete folgendes wiedergegebene Zeugnis:

»Ich litt lange an andauerndem Haarschwund, was mich als Mann in den besten Jahren traurig stimmte, bis ich Apotheker Dähnes Haarbalsam kennenlernte. Schon nach dem Gebrauch der ersten Flasche hatte die Behandlung glänzenden Erfolg, so daß ich mit voller Zuversicht das Beste erwarten kann. A. G., Kaufmann.« (Einblick in dieses Original-Schreiben und in viele andere jedermann gestattet.)

Es war alles sehr einfach zugegangen. Gläser hatte sich ein leeres Hofzimmer gemietet und es notdürftig mit einem alten Tisch, einigen Stühlen und mehreren Wandregalen ausgestattet. Apotheker Dähne kam jeden Tag und braute den Balsam nach dem Rezept, das er an Gläser für einen Spottpreis verkauft hatte. Dafür erhielt er regelmäßig des Abends einen Taler, den er sofort auf seine Art wieder verkleinerte. Beide hatten einen ordentlichen Vertrag geschlossen, in dem der ehemalige Provisor sich verpflichtete, nur für den Unternehmer zu arbeiten und das Geheimnis der Herstellung zu bewahren. Zugleich mußte er erklären, von der Wirkung seiner Mischung überzeugt zu sein. Das Messer saß ihm an der Kehle, und so hatte er in seliger Stimmung darauflos geschrieben, getröstet durch das Versprechen des anderen, er werde, sobald die Sache im Gange sei, noch reichlich seine »Tantieme« erhalten. Allmählich bekam er Geschmack an der neuen Beschäftigung, der er sich um so eifriger hingab, als abends die Belohnung winkte. Den Genuß der »Schneeluft« mußte er sich allerdings auf Stunden verkneifen, aber der Gedanke, alles dreifach nachholen zu können, ließ ihn die Hände emsig regen. Fast kam er sich wohl dabei vor, sozusagen in ein besseres Gewahrsam versetzt, und so tat er schweigend seine Arbeit, immer auf die Stunde wartend, die ihm Erlösung brächte. Und Gläser nutzte diese Schwäche gehörig aus, ganz in der Art eines berechnenden Menschen, der durch Almosen noch Wohltaten zu erlangen glaubt. Er wußte, daß er ihn vorläufig fest hatte und daß diese armselige Kreatur im Schiffbruch des Lebens immer wieder bei ihm Rettung suchen würde, falls sie einmal nach einem anderen Eiland ausschauen sollte.

Gläser konnte zufrieden sein. Die ganzen Vorbereitungen hatten ihn dreihundert Mark gekostet, und schon am dritten Tage waren zahlreiche Anfragen und Bestellungen eingelaufen. Der »Apotheker« zog, das war gewiß. Nach acht Wochen mußten neue Räume gesucht werden. Man siedelte in das Vorderhaus über, wo zufällig eine ganze Wohnung zu haben war, die in ein richtiges Geschäftslokal umgewandelt wurde. Es gab nun einen Lager- und Packraum, ein Kontor und ein Privatkabinett für den »Chef«. Diesmal war die Küche das Laboratorium, denn Gläser bedurfte dieser häuslichen Einrichtung nicht. Nach wie vor schlief er des Nachts im »Gasthof zur Heimat«, weil er befürchtete, Anna Schiman könnte hinter sein Geschäftsgeheimnis kommen und ihm zu schaffen machen.

Während der ganzen Zeit hatte er sie nur dreimal gesehen und ihr stets vorgejammert, daß er zwar eine Stellung habe, sich aber mit seinem kleinen Gehalt einrichten müsse. Wenn sie hörte, daß er noch immer in dieser elenden Wirtschaft hause, und zwar gegen eine billige Monatsmiete, so würde sie gewiß an seinen Worten nicht zweifeln. Und was Frau Meckert anbetraf, die beim Lesen der Ankündigungen die Hände erstaunt zusammengeschlagen hatte, so war sie gehörig von ihm in die Irre geführt worden. Er habe allerdings dem Apotheker das Rezept abgekauft, sei aber schön dabei hineingefallen, denn bis jetzt ginge die Sache gar nicht. Sein Geld, sein schönes Geld!

Zu Dähne war er sehr brutal gewesen. »Ich wünsche, daß Sie zu ihr gar nichts über unsere Geschäftsverhältnisse sprechen,« hatte er zu ihm gesagt, »sonst sind wir geschiedene Freunde. Ihr Rezept habe ich ja, na, und Leute Ihrer Art gibt's genug.«

Dähne beruhigte ihn, denn es fiel ihm gar nicht ein, sich mit ihm zu entzweien. Gläser brauchte auch nicht zu befürchten, daß sich sein Gehilfe einmal verplappern werde, denn nun, da er regelmäßig Geld in der Tasche hatte, ließ er sich im Gasthof nicht mehr sehen, weil er in der steten Angst schwebte, seine Gönnerin könnte ihn für alle erwiesenen Wohltaten nach und nach in Anspruch nehmen.

Frau Meckert bedauerte Gläser. »Sie sind zu gut, Sie kennen die Menschen noch zu wenig«, sagte sie. »Das ist ja alles Schwindel mit diesem Mittel, ich hab's erprobt. Wem die Haare wachsen sollen, dem wachsen sie von selbst. Nehmen Sie sich nur vor der Polizei in acht.«

Sie sprach damit nur einen Gedanken aus, den Gläser schon längst erwogen hatte, über den er aber leicht hinweggegangen war, weil das Rezept von einem Fachmanne stammte. »Das sagen Sie nicht, dagegen muß ich protestieren«, wehrte er sich lebhaft. »Der Balsam ist gut, ausgezeichnet. Ich selbst habe ihn an mir probiert, und hier oben ist fast alles wieder zugewachsen.« Er lüftete zwar den Hut nur so wenig, daß sie nichts sehen konnte, aber sie glaubte ihm. »Es kommt nur auf die richtige Anwendung an. Ich habe schon glänzende Anerkennungsschreiben, daran mangelt's nicht. Sie werden ja nächstens davon lesen, denn nun kann's noch mehr Geld kosten.«

In der Tat waren ihm solche Schreiben von Leuten in der Provinz zugegangen, denen die Haare infolge einer Krankheit ausgefallen waren und die auf ein Wachsen auch ohne künstliche Mittel hoffen durften, aber im Zweifel darüber schwebten und nun steif und fest glaubten, sie hätten dem berühmten Balsam alles zu verdanken.

»Hier, sehen Sie, ist das vielleicht Schwindel?« rief er wieder aus und holte einige solcher Briefe hervor, die er stets bei sich trug. »Sie sollten auch noch einmal einen Versuch machen, denn Ihre Ponys lichten sich schon bedenklich.«

Und Frau Meckert, wie betäubt davon, vergaß ihre trüben Erfahrungen und bat ihn, ihr am nächsten Tage eine Flasche mitzubringen; sie könne ihm die fünf Mark gleich geben, wenn er es wünsche. Da er ein Probefläschchen in einem Karton gerade in seinem Paletot hatte, überreichte er es ihr großmütig als Geschenk, um sich ihre Freundschaft zu erhalten, und fügte hinzu, daß er eine größere Flasche noch folgen lassen werde. Verzückt drückte sie seine Hand und warf ihm einen jener Blicke zu, wie sie unglückliche Frauen bereit zu haben pflegen, die sich bei jeder Auszeichnung eines Mannes stillen Wünschen hingeben.

Gläser aber legte sich mit der Gewißheit schlafen, daß sie freudig den ganzen Gasthof opfern würde, wenn sie seinen Namen tragen könnte. »Pfui Teufel«, sprach er vor sich hin und spie aus. Aber was tut man nicht alles, um in einem guten Ruf zu bleiben! Dabei sah er wieder die Potsdamerstraße, das alte Haus dort unten und das stattliche Mädchen mit dem vornehmen Parfüm, das ihn auf allen Wegen verfolgte.

Von Tag zu Tag sah er immer mehr, daß die Dummen nicht alle wurden. Er selbst hatte wenig zu tun; nur die Morgenpost machte ihm eigentlich zu schaffen. Er nahm das Geld entgegen und erledigte die Anfragen und Bestellungen, die haufenweise eintrafen. Das übrige besorgten Packer und Schreiber. Im allgemeinen lagen bereits gedruckte Antworten vor. Nur wenn besonders eingehende Auskunft gewünscht wurde, griff er zur Feder, gebrauchte aber stets jene Form, die zu nichts verpflichtete. Auf Zwischenhändler ließ er sich noch nicht ein, denn er wollte den Rabatt selbst verdienen.

In die Küche, die abseits lag und mit großen Buchstaben die Aufschrift »Laboratorium« trug, durfte von den Angestellten niemand hinein, denn Dähne sollte völlig abgeschlossen wirtschaften. Gläser sorgte auch dafür, daß der Apotheker niemals einen Einblick ins Geschäft bekam, damit er seine Ansprüche nicht etwa steigere. Dähne hörte nur immer Klagen über schlechten Absatz, was ihn mit stillem Schrecken erfüllte, trotzdem er sich nicht erklären konnte, wo die Kübel Balsam blieben. Aber fast stumpfsinnig verrichtete er seine Arbeit und entfernte sich still, wie er gekommen, auf der Hintertreppe, schon froh darüber, am anderen Tage aufs neue erscheinen zu dürfen.

Gläser rieb sich vergnügt die Hände, denn in diesem umfangreichen Handel wurde sein Name nie genannt. Er stand sozusagen hinter den Kulissen, leitete alles und steckte den Gewinn ein, der geradezu riesig war. Von der Unsauberkeit dieses Gewerbes überzeugt, freute er sich, in der Öffentlichkeit nicht gekannt zu sein; denn sein Sinn ging nach gesellschaftlicher Anerkennung, die er nur erreichen konnte, wenn sein guter Ruf gewahrt blieb. Und so sah er ein, daß es Zeit sei, andere Lebensgewohnheiten anzunehmen, wenn er allmählich an sein Ziel kommen wollte.

Bisher hatte er das Dasein eines richtigen Geizkragens geführt, der jeden Groschen dreimal umdreht, bevor er ihn für sich selbst ausgibt. Er aß in einer Privatspeiseanstalt für fünfzig Pfennig zu Mittag und trank nur Wasser dazu, weil es dort nichts anderes gab. Des Abends, wenn er allein in seinem Kontor zurückgeblieben war, langte er sich Brot, Butter und Wurst aus seinem Schreibtisch hervor und verzehrte es wie ein knickeriger Mensch, der das Bewußtsein empfindet, sich viel mehr leisten zu können, aber den Willen zur Enthaltsamkeit besitzt. Trotzdem hatte er sich in Berlin bald eingelebt, kannte er alle Verhältnisse der großen Stadt, aber wie der Außenstehende, der durch die Beobachtung die Erfahrung ersetzt. Nach wie vor verschlang er alles, was in den Zeitungen stand; er machte sich wichtige Ausschnitte, die er anhäufte, um ihren Inhalt später verwerten zu können. So war er über alles unterrichtet, was in der sogenannten Gesellschaft vorging, was in den Theatern sich abspielte und was man auf der Börse und im Geschäftsleben ausposaunte.

Einmal hatte es ihn gereizt, sich eine Posse anzusehen, zu der ganz Berlin hinlief. Als er aber im Wallnertheater auf der Galerie stand und seinen Packer dort erblickte, konnte er nicht mehr lachen, und so nahm er sich vor, diese Art Vergnügungen bis auf die Zeit zu verschieben, wo er sich im ersten Rang werde spreizen können. Er hatte sich geschworen, diese neue Gewohnheit erst anzunehmen, sobald er die ersten zwanzigtausend Mark in runder Summe in der Tasche haben würde. Sein größtes Vergnügen war, an Sonntagen durch die Straßen zu gehen und namentlich des Nachmittags Unter den Linden auf und ab zu spazieren in der bunten, geputzten Menge, die dort aus allen Stadtteilen zusammenströmte, um den Feststaat zu zeigen und bei dieser Gelegenheit einmal den alten Kaiser zu sehen. Dann wiegte er sich, eine schlechte Zigarre rauchend, wie immer in den Zukunftsträumen. Oftmals ging er auf die andere Seite hinüber und blieb vor dem berühmten Restaurant von Dressel stehen, wo es ihm dann Spaß machte, ein Weilchen zuzuschauen, wie der betreßte Türhüter die vornehmen Gäste ein- und ausließ. Und er malte sich heimlich den Genuß aus, den er später als großer Mann auch dort drin empfinden würde.

Abends opferte er dann fünfundsiebzig Pfennige und besuchte das Konzerthaus, wo er sich bei einer Flasche Selters in den Seitengängen herumdrückte. Die Musik liebte er, und merkwürdigerweise die schwermütige, ergreifende; und wenn dann die Töne stiegen, kam er sich unendlich einsam und verlassen vor. Dieses Gefühl der Einsamkeit erweckte aber nicht erhebende Gedanken in ihm, sondern gab seinem grausamen Ehrgeiz innerlich neue Nahrung. Während er wie versunken dasaß, menschenscheu, mit finsterem Gesicht, rechnete er, ließ er ungeheure Zahlen in seinem Kopf erstehen, dachte er nur an die großen Unternehmungen, die er aufsteigen lassen wollte, wenn die Zeit dazu gekommen wäre. Die Melodien trugen ihn gleichsam vorwärts, hinein ins kaufmännische Nirwana.

Eines Sonntags, als sogenannter Zweigroschentag war, traf er sich mit Anna Schiman im Zoologischen Garten. Er hatte ihr eine Postkarte geschrieben, wie ein liebender Verwandter an den andern, wohlweislich in der Annahme, die Herrschaft könnte den Inhalt lesen, und dann würde nichts Besonderes daraus zu entnehmen sein. Es war bereits Frühling geworden, und die Märzsonne lachte erwärmend in die Menschenmasse hinein, die aus allen Vorstädten gleich den Einwohnern einer ganzen Stadt zusammengeströmt war, um mit Kind und Kegel das billige Monatsvergnügen zu genießen. Diese Volksmenge zeigte sich ebenso unersättlich wie die Raubtiere, die im Behagen der ersten Freiheit unruhig hinter den eisernen Stäben hin und her liefen, wartend auf die große Fütterung. Ganze Berge belegter Brote wurden verzehrt, und unlöschbar schien der Bierdurst zu sein, der aus hundert Tonnen gestillt wurde.

Gläser schluckte den Staub und atmete die Ausdünstungen dieses vielköpfigen Ungeheuers ein, das etwas Widerwärtiges für ihn hatte, weil er selbst keinen Sinn für Harmlosigkeit besaß. Alle diese lachenden und schwatzenden Menschen, die den Schweiß der vergangenen Woche noch mit sich schleppten, erschienen ihm wie seine persönlichen Feinde, die er bekämpfen müsse und denen er auszuweichen habe. Und doch sah er in ihnen sein Heil, aber wie jemand, der sie benutzen möchte, ohne mit ihnen in Berührung zu kommen.

Endlich stieß er auf Anna, die bei den Löwen auf ihn wartete. Sie war nett und hell gekleidet und hätte mit ihrem frischen Aussehen wie früher Wünsche in ihm aufleben lassen, wenn sein Entschluß nicht so fest gewesen wäre. Trotzdem verstand er ihre herzliche Freude zu würdigen, und so drückte er ihr warm die Hand und markierte den Mann mit der großen Sehnsucht. Erst als er sie glücklich zu einer entlegenen Bank geführt hatte, wurde er etwas zurückhaltend. »Denk' dir nur, dein Geld ist wieder da«, begann er sofort und wühlte in seiner Tasche. »Man hat es jetzt erst gefunden. Weißt du, wo es war? Wirklich auf dem Bahnhof dort. Ein ehrlicher Kerl hat es abgeliefert. Es soll unter verrosteten Schienen gelegen haben, und ich entsinne mich auch, daß da ein ganzer Berg aufgehäuft war … Gestern wurde ich nach dem Fundbureau auf der Bahn gerufen, und da gab man es mir. Was sagst du dazu?«

Und er schüttete das Geld, das aus denselben Scheinen und Münzsorten wie früher bestand, in seine Hand. Eine Weile war sie sprachlos vor Freude. Dann aber ging ihr diese Überraschung so nahe, daß sie am liebsten hätte weinen mögen; aber tapfer bezwang sie sich, denn nun sah sie nur Glück und die endliche Erfüllung ihres innersten Wunsches. Und kein Zweifel trübte ihre Seele, denn sonst würde er wohl nicht mit dieser Botschaft gekommen sein.

»Nun aber nimm du es an dich, ich habe noch hundert Mark zugelegt, die ich mir erspart habe«, sagte er und drängte ihr den Beutel mit der Ausrede auf, daß er in ihrem Koffer jedenfalls sicherer sein werde als bei ihm in dem Gasthof, wo allerlei Leute ein und aus gingen. Immer noch glaubte sie, daß er in Stellung sei, »da oben im Norden«, wie er ihr erzählt hatte, ohne jedoch nähere Angaben zu machen. Es war ihr recht, denn sie wollte gewiß darauf achten, daß das Mißgeschick nicht zum zweiten Male einträte.

»Weißt du was? Dann gebe ich es der Frau Direktor zur Aufbewahrung, da ist es sicher. Vielleicht bringt's noch Zinsen, denn die versteht's, das kann ich dir sagen. Die hat viel mit Geld zu tun … Ein Jahr werden wir wohl noch aushalten müssen, wie?«

Er spitzte die Ohren und nickte nur. Jedesmal, wenn sie zusammengekommen waren, hatte sie ihm über Mutter und Tochter erzählen müssen, und dabei hatte er sie vorsichtig ausgehorcht, wie jemand, der so nebenbei nur Interesse dafür hat. Und dann packte sie aus und verschwieg nichts, um ihm einen Gefallen zu erweisen. Er wußte, was für Menschen ein und aus gingen, kannte die Einrichtungen der Schlafzimmer, wußte, wieviel Kleider und Morgenröcke Klothilde besaß und daß sie Hemden in feinster Stickerei trug. Alle Toilettengeheimnisse ließ er sich entschleiern, und wenn er von den teuren, wohlriechenden Seifen hörte, mit denen sie ihre Haut pflegte, und von den Parfümflaschen, die auf ihrem Schönmachetisch standen, dann blähte er unwillkürlich die Nasenflügel und schloß, wie innerlich versunken, die Augen.

»Stopft sie sich auch aus?« fragte er lauernd, bekam aber gleich einen Klaps von Anna.

»Das möchtest du wohl auch noch wissen, wie? Du bist schon einer!« Sie lachte, fand aber dann, harmlos wie sie war, nichts Ungebührliches darin, ihm auch darüber die nötige Aufklärung zu geben, denn schließlich amüsierte sie ihn damit und hielt ihn bei guter Laune. »Was du dir denkst!« fügte sie hinzu. So was gibt's bei dem Fräulein nicht, da ist alles Natur. Du sollst mal sehen, wenn die morgens ihr Bad nimmt. Das Gesicht ist ja nicht mehr jung, aber eine Haut hat sie, glatt wie Elfenbein und weiß wie Schnee. Und das Haar reicht bis zu den Füßen. Sie müsse es doch wissen, denn sie sei bei solchen Dingen immer um sie. Die Alte trage ja schon einen falschen Scheitel; durch Zufall sei sie dahinter gekommen, denn in dieser Beziehung sei die Gnädige sehr vorsichtig und lasse zu einer gewissen Zeit niemand in ihr Zimmer. Und Schmucksachen hätten sie beide, daß man einen kleinen Juwelierkasten damit füllen könnte. Letzthin seien Mutter und Tochter zu einem Balle gegangen, und da habe Klothilde eine echte Perlenkette um den Hals getragen, und in dem seidenen ausgeschnittenen Kleide mit den vollen Schultern habe sie wunderschön ausgesehen, so daß es eigentlich recht schade sei, daß sie so versauern müsse. Aber trotz ihrer schlimmen Erfahrungen sei sie doch ein eitles Ding, das jedenfalls immer noch Sehnsucht nach einem habe, der nur zu ihren Füßen liege und sich ganz von ihr beherrschen lasse. Die Frau Direktor habe es ihr gesteckt, denn manchmal sei die Alte bei guter Laune, und dann krame sie alles aus, als habe sie ihresgleichen vor sich.

Gläser genoß diese Enthüllungen wie ein Feinschmecker, der sich an verbotenen Genüssen berauscht. Still lachte er in sich hinein bei dem Gedanken, daß diese arglose Seele ihm fast die Leuchte hielt auf seinem dunklen Wege, den er zu gehen habe, und als sie ihn einmal fragte, weshalb er denn immer so vergnügt dabei sei, erwiderte er mit seinem kalten Spott: »Jetzt brauche ich nur noch zu wissen, wo der Schlüssel zum Geldschrank steckt.«

Sie hatte den Beutel in ihr Taschentuch geknotet und in ihrer Einfalt weitergeplappert über die Vermögenslage der Frau Teichert, weil ihm ganz besonders daran lag, darüber Genaueres zu erfahren. Trotzdem sie nur einen Scherz in seinen Worten sah, blickte sie sich wie erschreckt um; denn manchmal fürchtete sie sich vor seiner Offenheit über Dinge, woran sie niemals dachte. Schon in der Heimat hatte er dadurch die Leute in Verblüffung gesetzt, so daß die Rede ging, es sei nicht ganz richtig mit ihm; er dagegen pflegte sich immer damit auszureden, daß man den großen Zug in ihm nicht begreife.

»Denk' dir nur, sie haben ja sogar ein Haus,« fuhr sie fort; »es liegt irgendwo da ganz draußen. Sie sind aber zu fein, dort zu wohnen.« Noch manches andere wußte sie, was ihr zufällig in der Wohnung und auf Umwegen im Hause zu Ohren gekommen war. Der verstorbene Versicherungsdirektor hatte sich durch Spekulationen ein ansehnliches Vermögen gemacht, von dem allerdings wieder viel verlorengegangen war, dessen Bestand aber immer noch bedeutend sein mußte, weil Frau Teichert jüngst an faulen Papieren fünftausend Mark eingebüßt hatte, worüber sie sich aber sehr leicht hinwegsetzte. Die Damen hätten sehr laut darüber gesprochen, und schließlich sei die Gnädige mit der Bemerkung hervorgeplatzt, daß sie leider niemand in ihrer nächsten Umgebung hätten, der ihnen mit Rat und Tat zur Seite stünde. Engere Verwandte hätten sie nicht, und die entfernt stehenden wollten nur immer ihre Hilfe in Anspruch nehmen.

»Ich wüßte schon jemand, dem sie Vertrauen schenken könnten«, dachte Gläser, der jedesmal aufs neue aufhorchte.

An diesem Tage war er mit Anna Schiman sehr zufrieden, und so zeigte er sich ihr von der besten Seite, als sie später, da es kühl geworden war, in den Saal gingen und inmitten des Tabakqualms, der wie Pulverdampf in einer Schlacht über dem Gewirr von Menschen aufstieg, ihre Schinkenbrote verzehrten, wobei sie beide aus demselben Glase Limonade tranken. Da sie stets über starken Appetit verfügte, so ließ er sogar noch Würste folgen, denn er hatte die Empfindung, als müßte er heute noch einmal besonders aufmerksam zu ihr sein, bevor er für immer mit ihr bräche. Und während er in Gedanken stets mit dieser Stunde beschäftigt war, kam er plötzlich mit dem Entschluß hervor, sie wieder von dieser Stellung wegzunehmen, denn ihm behage es nicht mehr, daß sie solche Dienste leiste. Ein Mädel wie sie sei eigentlich viel zu schade, alten und überspannten Weibern die Haarnadeln zusammenzusuchen und wer weiß was nachzutragen! Lieber sollte sie in eine Familie mit Kindern gehen, wo sie sich zugleich in der Küche nützlich machen könne, denn mit dem Kochen sei es auch nur soso bei ihr bestellt. Eine zukünftige Hausfrau müsse doch auch den Magen ihres Mannes berücksichtigen können, und gerade hier in Berlin verstünde man einen guten Happenpappen zu schätzen. Schon längst hatte sie das selbst empfunden, und da der Tag der Kündigung erst bevorstand, so hielt man an diesem Vorsatz fest. Sie sollte sich auf keine näheren Erörterungen einlassen, sondern ihren Wunsch nach Veränderung anführen; dann würde alles Weitere folgen.

Sie schwelgte heimlich in dieser Freude, denn nun sah sie aufs neue, wie gut er es mit ihr meinte.

7.

Es war so gekommen, wie er es haben wollte. Anna hatte sang- und klanglos die Teicherts verlassen, und mit einem guten Zeugnis versehen, rasch eine andere Stelle gefunden, ganz nach dem Wunsche Gläsers. Kaum hatte sie sich dort festgesetzt, als er sich am Ostersonntag wieder mit ihr traf. Zuerst hatte er die Absicht gehabt, ihr die schlimme Mitteilung brieflich zu machen; dann aber hielt er es für besser, ihr mündlich alles zu sagen, schon weil er den Standpunkt vertrat, daß man gewisse Dinge nicht schwarz auf weiß von sich geben solle. So würde er auch gleich erfahren, was sie beabsichtigte, während er sonst im Unklaren darüber geblieben wäre. Diesmal ging er mit ihr nach Treptow, die lange Landstraße entlang, die sich allmählich vom Schlesischen Tore bis nach Köpenick hinzieht. Dem warmen März waren wieder kühle Tage gefolgt, und so wehte ein scharfer Wind von der Spree her, der aber durch die Sonnenstrahlen gemildert wurde. Trotzdem saßen die Leute im Freien, um die Festesfreude beim Anblick des jungen Grüns zu genießen. Im ersten Restaurant tranken beide Kaffee; dann gingen sie über Treptow hinaus durch das Wäldchen dem Eierhäuschen zu. Bisher hatte Gläser nur über gleichgültige Dinge mit ihr gesprochen, denn er wußte noch nicht recht, wie er auf die richtige Sache kommen sollte. Sie war so heiter und gut aufgelegt und plauderte von allem möglichen, daß er seine schwarze Stimmung um so nachdrücklicher fühlte. Ihr Vater hatte geschrieben und angefragt, wie es denn nun mit der Hochzeit stünde; Gläser lasse so wenig von sich hören, und er glaubte sie schon längst eingerichtet. Noch wußte er nicht, was dazwischen gekommen war, und so konnte er klug reden.

Endlich hatte Gläser sie an einer einsamen Stelle und knüpfte sofort daran an. »Ja, siehst du, ich habe mir doch alles anders vorgestellt«, begann er frostig. »Wäre das Geld nicht verlorengegangen – damals! – dann hätte ich es als Kaution hinterlegen können und eine famose Stellung bekommen. Nun ist sie lange futsch. Berlin ist überhaupt nichts für meine Ideen; ich werde nach Wien gehen.«

Wie festgewurzelt blieb sie stehen. »Du willst nach Wien? Ja, was soll sich denn da für dich tun?«

»Aber frage doch nicht so dumm!« polterte er los. »Ein besseres Fortkommen will ich haben. Du weißt, ich habe einen guten Bekannten dort.«

»Und ich?«

»Na, du wirst eben hier bleiben. So lange, bis ich dich nachkommen lasse. So etwas kommt doch öfter vor. Du lieber Himmel – manchmal bist du wirklich beschränkt.«

Dunkle Ahnungen stiegen in ihr auf, denn er konnte sie nicht ansehen und ließ sein Vogelgesicht immer rechts und links in die Höhe gehen, als wollte er die noch kahlen Bäume mustern.

»Ja, aber du hast doch eine Stellung hier, und nun reicht's doch für die Ausstattung«, fuhr sie, blaß geworden, fort, während sie wieder langsam weiterschritten.

Niemand begegnete ihnen. Ein Fink hüpfte einsam von Zweig zu Zweig und schlug dazu sein helles, eintöniges Lied. Frischer Erdgeruch lag in der Luft, der kräftig aufstieg, sobald der Wind vom Wasser herüberdrang; dann trug er von fern her die abgerissenen Klänge einer Musik herüber, die sich sonderbar anhörten in dieser abgestorbenen Stille des Auferstehungstages. Durch die dunklen Stämme im Hintergrunde lichtete sich weit hinaus der Horizont, und wie blaue Striche zeichnete der Himmel seine Farbe in den Wald hinein. Das rote Kleidchen eines Kindes leuchtete auf und verschwand. Dann huschte ein Wagen vorüber wie ein schwarzer Punkt, der sich rasch wieder verlor.

Gläser war ärgerlich über ihren Widerspruch. Nun, da die Sache einmal angeschnitten war, fühlte er seine brutalen Regungen in sich. »Was heißt Stellung. Das ist für die Katz'. Davon können wir nicht leben«, stieß er ohne weiteres hervor. »Ich will es so, und du wirst dich fügen! Daß ihr Weiber doch nie die großen Aufgaben eines Mannes begreift! Ist es nicht genug, daß ich dich nach Berlin mitgenommen habe, wie? Habe ich mir nicht genug Mühe um dich gegeben, he? Sag' mal! Soll ich dich noch nach dort mitschleppen, und so aufs Geratewohl? … Was willst du eigentlich?«

Endlich hatte er den Mut, sie mit seinen kleinen, beweglichen Augen zu mustern. Er hätte lachen mögen bei dem Gedanken, daß sie noch Anspruch an ihn erhob, nachdem seine Einbildungen längst von dem Rauschen seidener Kleider durchsetzt waren.

»Du hast eine andere, eine feine, gesteh' es nur!« rief sie aus.

»Du bist verrückt!« gab er zurück und zwang sich zu einem Lachen. »Ich habe an bessere Dinge zu denken als an euch Frauenzimmer! Festen Boden will ich erst gewinnen, verstehst du? Übrigens, wenn du mir mit solchen Dingen kommst …«

»Siehst du, ich habe recht! Deshalb bist du auch immer so wenig mit mir zusammengekommen«, stieß sie hervor. Ihre Natur neigte nicht zur Heftigkeit, deshalb schwamm sie mehr in Auflösung als in Wut. Alles war ihr so plötzlich und unerwartet gekommen, daß nur stiller Jammer in ihr tobte, der ihr Tränen in die Augen drängte.

Er wollte rasch ein Ende machen, und so sagte er mitleidslos: »Und wenn es der Fall wäre, bin ich dir etwas schuldig? Habe ich einen Pfennig von deinem Geld genommen? Hast du es nicht wieder, obendrein mit einem Geschenk von mir?«

»O du schlechter Kerl!« schrie sie ihn diesmal an. Eine andere hätte ausgespien vor ihm, sie aber schritt wie gelähmt neben ihm her, denn noch immer hatte sie die Ohrfeige in der Heimat nicht vergessen. Und gerade jetzt fühlte sie wieder seine alte Übermacht, gegen die sie sich stets hilflos vorgekommen war. Während ihr es jetzt erst heiß in die Augen drang, fiel ihr ein, wie sie von ihrem Vater gewarnt worden war: »Sei vorsichtig! Er hat etwas, was mir nicht gefällt.« Und sie dachte daran, wie sie Gläser verteidigt hatte und wie nur sein Lob über ihre Lippen gekommen war. Und jetzt, und jetzt! Oh, wie würde sich ihre Zukunft gestalten, wenn er sie über einer anderen vergessen könnte.

Und als er sie so in gedrückter Stimmung sah, ganz aufgelöst in Schmerz, wuchsen ihm die Flügel seines Triumphes, denn er hatte ganz etwas anderes von ihr erwartet. Ei, den »schlechten Kerl« wollte er schon vertragen, wenn sie ihm nur nicht ihre Fingernägel zeigte und nicht vom Lebennehmen sprach und von anderen Dingen. Niemals hatte er sie geliebt, das kam ihm jetzt mehr denn je zur Erkenntnis. Dieses große Berlin mit seinem Überschuß an Frauen hatte ihm erst die Augen darüber geöffnet. Eine Art Haß gegen sie erfüllte ihn, und unwiderstehlich trieb es ihn dazu, ihr auf der Stelle seine Meinung über ihr Verhältnis bis zur Neige zu kosten zu geben.

»Kommt das nicht öfter vor, daß man sich täuscht, wie?« fuhr er in künstlicher Erregung fort. »Ist es da nicht besser, man spricht sich vorher aus, ehe es zu spät wird? Weine doch nicht so, schreie doch dabei nicht so auf! Da unten kommen Leute … Wenn du mir das alles gesagt hättest, denkst du, ich würde es dir übelnehmen? Keineswegs! Glaubst du, es wäre mir nicht aufgefallen, wie du diesen Dolinsky da immer in der Eisenbahn angeblickt hast?«

»Schäm' dich, es war ganz harmlos«, schluchzte sie hervor.

Und es reizte ihn, ihr von dieser Pillensorte noch mehr zu kosten zu geben. »Harmlos? Na, ich danke! Du hast ihm Freiheiten erlaubt, ich sah es wohl. Und nachher wolltest du mir weismachen, er hätte sich dein Kreuz ansehen wollen. Schon längst hat mich das gewurmt, du! Siehst du, du bist ganz kleinlaut.«

Sie erwiderte nichts, denn seine Verdrehung des Vorganges machte sie schwach. Still weinte sie in sich hinein und fuhr auch damit fort, als die Leute an ihnen vorüber waren. Nur einmal wehrte sie sich mit den Worten: »Mein Gewissen ist rein, soviel weiß ich.« Plötzlich aber, als er ihr gestand, daß er vorläufig nicht ans Heiraten denken könne, merkte sie dahinter seine Heuchelei. »So sag' doch lieber gleich, daß du mich nicht mehr magst«, forderte sie ihn heraus.

»Nun ja, es ist so.«

»O du schlechter Kerl, du schlechter Kerl! Niemals hätte ich das gedacht.« Sie vermochte nichts anderes mehr zu sagen, denn ihr ganzes Elend glaubte sie darin erschöpft. Erst nach einer Weile, als seine Gleichgültigkeit anhielt, fuhr sie wie klagend fort: »Mein Vater, mein armer Vater! Er hat alles kommen sehen. Es ist schon so: ich bin zu gut für dich. Wart' nur! Du wirst eine bekommen, die es dir beibringt! Ich wünsche es dir. Und statt eines Kindes wird sie dir ein Ungeheuer zur Welt bringen, so wie du es bist. Denk' an mich, denk' an mich! Alles hab' ich geopfert, alles …« Sie tobte nicht, sie schimpfte nicht; nur leise kam es über ihre Lippen. Dann war sie still und verschluckte die letzten Tränen.

Vor ihnen hüpfte noch immer der Fink von Baum zu Baum und schlug sein helles Locklied für das Weibchen. Es war gerade, als verstünde er alles und wollte ihnen seine Offenbarung bringen, die aus dem Schmerz die Freude kündete. Aber die beiden Menschen, die vom ewig-alten Scheiden und Meiden redeten, hörten nicht darauf; denn was war ihnen die Stimme der Natur, wo nur ihre Leidenschaften zu ihnen sprachen!

Sie ließ ihn stehen und ging davon, so schnell sie konnte. Er sollte sehen, daß sie seine Begleitung nicht mehr brauchte. Und wenn sie sich in einer großen Wüste befunden hätte, sie wäre darauf losgelaufen mit glühenden Wangen und klopfendem Herzen. Links glänzte die Spree und wiegte sich im blauen Schein des Himmels. Plötzlich, als sie den schmalen Pfad, der ans Ufer führte, immer schneller entlang eilte, war er wieder an ihrer Seite und faßte sie am Arm.

»Was willst du noch? Laß mich! Denkst du vielleicht, ich werde ins Wasser gehen? Das könnte dir wohl so passen! Aber wenn ich das wollte, gäbe es noch andere Mittel.« Fortwährend dachte sie an das Giftfläschchen, das sie zu Hause wohl verwahrt in ihrem Koffer barg. Aufs neue löste sich ihr Schmerz in Tränen. »Ich kann noch arbeiten, verstehst du?« fuhr sie fort. »Du sollst dich über meinen Tod nicht freuen!« Sie wußte kaum noch, was sie sprach, drehte sich mit einem Ruck um und ging denselben Weg zurück, den sie gekommen waren.

Er atmete auf, schritt neben ihr her und sprach beruhigende Worte zu ihr. Ihr hübsches Gesicht, das der Schmerz verklärt hatte, reizte ihn aufs neue, und so vertröstete er sie auf das Unbestimmte, das niemand vorhersehen könne. Ohne Widerstand ließ sie es geschehen, daß er ihre zitternde Gestalt an sich zog. Aber sie sprach kein Wort; mit starrem Blick hing sie an seiner Seite. Um sie auf andere Gedanken zu bringen, zeigte er die Absicht, mit ihr hier draußen noch irgendwo einzukehren, sie aber hatte Sehnsucht nach Berlin; und so kehrten sie in demselben Schweigen zu Fuß nach dort zurück.

»Willst du schon nach Hause?« fragte er, als sie sich wieder mitten im Gewühl der Köpenicker Straße befanden. Es war zwar schon dunkel, aber noch nicht die Zeit, wo die Mädchen ihren Urlaub abzubrechen pflegten. Sie hatte sich eine Freundin angeschafft, die sie heute noch besuchen wollte. Irgend jemand mußte sie doch haben, dem sie ihr Herz ausschütten konnte. Der Weg zu ihr war derselbe, nach dem Halleschen Tor zu, wo sie sich jetzt in Stellung befand. Da sie sich hier nicht zurechtfand, so wollte er sie wenigstens nach dem Omnibus bringen, der hier irgendwo die Straße durchschneiden mußte.

»Sage mir nur, wie er fährt, dann werde ich schon finden«, erwiderte sie kalt, ging aber ruhig mit ihm mit. Es nagte etwas an ihr, was sie nicht mehr los wurde, denn eifersüchtige Regungen waren in ihr aufgestiegen. Seine Gleichgültigkeit hatte sie wieder auf den Gedanken gebracht, er könnte ihr doch einer anderen wegen den Laufpaß geben.

»Geh' nur, geh' nur«, sagte sie wieder, als sie endlich an dem richtigen Platz waren und er ihr genügend Bescheid gesagt hatte.

»Wie du willst«, erwiderte er, zufrieden mit diesem ruhigen Abschluß. »Ich werde dir noch schreiben; laß dir's gut gehen.«

Er ließ sie stehen und ging fort. Gleich darauf hielt der Omnibus, und sie drängte sich mit andern hinzu, als wollte sie einsteigen, aber sie tat es nicht. Rasch schritt sie auf die andere Seite der Straße hinüber und folgte Gläser, der ein Weilchen stehengeblieben war, dann aber ahnungslos um die nächste Ecke bog. Und jedesmal, wenn er sich zufällig umblickte, trat sie rasch in einen Torweg. Zehn Minuten trieb sie dieses Spiel mit ihm, bis sie endlich den Bahnhof vor sich sah, auf dem sie angekommen waren. Auf der anderen Seite lag der Gasthof, in dem Gläser verschwand. Deutlich hatte sie ihn beim schwachen Lichtschimmer hineingehen sehen. Enttäuscht blieb sie stehen und starrte unverwandt hinüber in der stillen Hoffnung, er werde wieder zurückkehren und sie dann auf die richtige Fährte bringen. Eine halbe Stunde verstrich so, ohne daß sie den Mut gehabt hätte, das nutzlose Harren aufzugeben.

Da stand sie nun an derselben Stelle, wie damals, als der graue Wintermorgen mit seiner Trostlosigkeit sie hier empfangen hatte. Aber andere Hoffnungen waren durch ihre Brust gezogen, selbst dann noch, als der Schrecken sie erfaßte nach seinem Geständnis, daß sie bettelarm den Kampf aufzunehmen hätten. Und nun war ihnen vom Schicksal alles wiedergegeben; zu zweien wollten sie gegen den Strom schwimmen in diesem steinernen Meere; Gläser aber hatte sie nichtswürdig zurückgestoßen in den ewigen Wellengang, von dem sie sich jetzt erfaßt glaubte, einem tiefen Strudel zu. Wie sorgsam hatte sie aufs neue jeden Pfennig gespart, und wie ruchlos war es ihr vergolten worden! Sie kam sich einsam und verlassen vor, hilflos wie ein armes Kind, das den Weg zu seinen Eltern nicht mehr weiß und vergeblich auf den Führer wartet, der es ausgesetzt hat in einer noch fremden Welt. Diese Ecke hier war öde, nur auf der Seite am Bahnhof herrschte Leben; aber die Stille erweckte in ihr Behagen, denn so sah niemand ihre heißen Tränen, die in großen Tropfen ihre Wangen benetzten und vom scharfen Aprilwind allmählich wieder getrocknet wurden. Sie fühlte, daß sie hier überflüssig sei, und doch besaß sie nicht die Kraft, davonzugehen. Wenn er wirklich keine Neue hatte, warum war er so unerwartet anderen Sinnes geworden? Zehnmal fragte sie es sich und ebenso oft fand sie keine Antwort darauf. Plötzlich fiel ihr ein, daß die Wirtin drüben hinter ihm her sei. Zwar hatte er sich darüber lustig gemacht, das konnte aber auch Verstellung gewesen sein. Stets war es seine Redensart, man müsse den Vorteil ausnutzen, wo er sich einem biete. Vielleicht saß sie jetzt gerade in seinem Zimmer, auf demselben Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, als sie ihm zurief: »Verlaß mich nicht, verlaß mich nicht!« Kochend regte sich die Wut in ihr, und schon wollte sie blindlings über den Platz stürmen, als ein Mann aus dem Gasthof trat, den Weg auf sie zu nahm und sie erkannte.

Es war Dolinsky, der überrascht stehen blieb und sie begrüßte. »Sind Sie's wirklich, Fräulein?« rief er aus. »Sagen Sie, Ihnen müssen die Ohren geklungen haben, denn soeben dachte ich an Sie. Wollen Sie auch noch zu ihm? Dann kommen Sie zu spät. Er liegt schon im Bett und schläft.« Und er erzählte ihr rasch, daß er vor Wochen Gläser einmal flüchtig gesprochen und dabei erfahren habe, daß er hier in dieser alten Baracke hause. Heute abend habe er nichts Besonderes vorgehabt, und da sei er mit der Absicht hergekommen, sich zu erkundigen, ob er in dem Gasthof noch immer zu finden sei. Nun könne er wenigstens den glücklichen Zufall preisen, die Braut wiedergesehen zu haben. Wenn sie es wünsche, kehre er gern noch einmal mit ihr zurück, dann würde der schlafsüchtige Eroberer jedenfalls ein Einsehen haben und sich heute in seiner Hühnergewohnheit noch stören lassen. Die Wirtin sei übrigens mit einer Neuigkeit herausgerückt, die sie ihm bei einem Glase Bier anvertraut habe. Alle Achtung vor seinem Landsmann! Wenn er so die Dummen rupfe, dann werde er wohl bald an sein Ziel gelangen.

Der alte Frohsinn sprach aus ihm, der sich eher noch gesteigert hatte, dann aber sofort umschlug, als er in ihre verweinten Augen blickte. »Ja, was ist denn? Sagen Sie doch! Haben Sie Krach mit ihm gehabt?«

»Oh, es ist aus zwischen uns«, erwiderte sie, indem sie einem dunklen Drange folgte. Zuerst hatte sie sich ein wenig geschämt, so überrascht worden zu sein, schnell aber fand sie sich in diese Begegnung, denn nun kannte sie doch jemand, dem sie ihr Leid klagen konnte. Und daß es gerade dieser hier war, an den sich so angenehme Erinnerungen knüpften, erfüllte sie mit der Hoffnung, nicht mißverstanden zu werden.

»Das hab' ich mir doch gleich gedacht, daß das so kommen würde«, warf er bedauernd ein. »Sie haben auch wirklich nicht zueinander gepaßt, dazu gehörte nicht viel, um das zu kapieren. Also nehmen Sie sich das nicht sehr zu Herzen! Berlin ist groß, und hübsche Mädels werden immer gesucht … Kommen Sie, wir trinken ein Glas Bier, und dann erzählen Sie mir alles! Man muß immer wissen, wie man's nicht machen soll.«

Mit raschem Blick hatte er erfaßt, daß sie einfach und nett gekleidet ging, fast wie ein hübsches Ladenmädchen, mit dem man sich sehen lassen durfte; denn damals war er nicht ganz klug aus ihr geworden, weil er sie nur in der unschönen Vermummung gesehen hatte. Keck nahm er sie am Arm, um sie mit sich fortzuziehen; aber sie schwankte noch. Helle Röte war in ihr Gesicht gestiegen, denn im Augenblick dachte sie wieder an seine Kühnheit, mit der er damals auf sie losgefahren war. Und er schien von demselben Gedanken erfaßt zu sein, denn lachend fragte er: »Haben Sie übrigens noch das gefährliche Fläschchen? Das bitte ich mir aus. Es fiel mir gleich ein, ich kehrte auch wieder um, aber Sie waren schon fort … Nun machen Sie – nur auf ein Stündchen! Ich bringe Sie dann nach Hause, und wenn es bis nach Schlesien sein sollte. Versöhnen können Sie sich ja doch noch mit ihm. Lassen Sie ihn nur erst gehörig von seinem Haarschwindel träumen.«

Sie fragte gar nicht, was er damit meine, denn sie hatte mit sich zu kämpfen. Endlich widerstand sie nicht mehr, weil der Trotz gegen Gläser sich in ihr regte. Was wollte er auch noch? Hatte sie schuld, wenn ein anderer sie begehrenswerter fand? Es war nur schade, daß er das nicht sehen konnte, um sich doch vielleicht darüber zu ärgern.

Und so ließ sie sich von Dolinsky geduldig in ein Lokal führen, das auf ihrem Wege lag.

8.

Vier Wochen später, zwischen fünf und sechs Uhr nachmittags, klingelte Gläser bei Frau Teichert und ließ sich durch Annas Nachfolgerin, die ihn nicht kannte, wie ein gewichtiger Mann bei den Damen anmelden, indem er seine Karte hineinschickte, auf der er seinen Rufnamen einfach durch ein A. abgekürzt und davor stolz Richard gesetzt hatte. »August« gefiel ihm nicht, denn es klang ihm zu gewöhnlich, namentlich wenn er an »Klothilde« dachte. »Richard A. Gläser« klang voller, mehr wie eine tönende Firma, und verwischte auch den alten Adam etwas. Er steckte in Lackstiefeln, trug Zylinder und über dem neuen Anzug einen modischen Sommerpaletot, den er keck zurückgeschlagen hatte, so daß ein Teil des glänzenden Futters zu sehen war. Die Hände umspannten rotbraune Glacés, und in der rechten hielt er einen Stock mit silbernem Knopf. Wer ihn bisher etwas schäbig gesehen hatte, mußte auf den Gedanken kommen, er habe sich soeben bei Landsberger fix und fertig einkleiden lassen und sei überdies noch in ganzer Figur auf neu geplättet worden. Er roch förmlich nach dem Laden, nach jener eigentümlichen scharfen Tuchausdünstung, die den billigen Modemagazinen entströmt. Trotzdem sah er sehr patent aus, weil ihm alles glatt saß und er sich darin mit Kommisschick zu bewegen wußte.

Die Frau Versicherungsdirektor, die kaum noch an ihn gedacht hatte, machte große Augen, begrüßte ihn aber erfreut. Und er küßte ihr galant die Hand, nickte ihr vertraut zu und trat in den Salon ungefähr mit der Miene eines Mannes, der am liebsten sagen möchte: »Schon gut, schon gut! Wir sind alte Bekannte. Ich kenne euch innen und außen.« Zwei Tage vorher hatte er geschrieben, daß er zu seinem Erstaunen jetzt erst von dem Wegzuge der »undankbaren Verwandten« gehört habe, was gegen seinen Willen geschehen sei; und nun entschuldigte er auch sein Erscheinen damit.

»Wir dachten es uns schon«, erwiderte Frau Teichert mit aufrichtiger Miene und lud ihn zum Sitzen ein. »Diese jungen Mädchen haben ihren Kopf für sich und lassen sich sehr rasch bereden. Geschieht's nicht von einer Freundin, dann doch von einem Freund.«

»So ist's, so ist's«, log er tapfer. »Wissen Sie, Frau Direktor, ich war perplex, sie hat sich an einen Bautechniker herangemacht, was sagen Sie dazu?«

Kurze Zeit nach jenem Sonntage war er zufällig Dolinsky begegnet, der ihm von seinem kurzen Zusammensein mit Anna erzählte und ihm Vorwürfe machte, dann aber verblüfft abbrach, als Gläser kurz zu ihm sagte: »Sie sind ja ein netter Herr! Beschäftigen sich mit fremden Bräuten! Ich wußte es längst.« Und brühwarm setzte er sich hin und richtete an seine verflossene Braut einen Brief, in dem er ihr noch nachträglich die unzartesten Vorwürfe machte. Nun habe er ihre Treulosigkeit festgenagelt, alle seine Ahnungen seien bestätigt worden; er wünsche nichts mehr von ihr zu hören; Briefe von ihr würden nicht mehr angenommen werden. Als sie ihm aber die überschüssigen hundert Mark zurücksandte mit dem Bemerken, daß sie nichts von ihm geschenkt haben wolle, strich er sie lachend ein.

Frau Teichert bedauerte, daß er so schlechte Erfahrungen mit seiner Schutzbefohlenen gemacht habe, und fragte ihn, ob ihm geschäftlich alles nach Wunsch geglückt sei. Und sogleich legte er los. Er trage sich jetzt mit einer Idee, deren Verwirklichung ihm Hunderttausende abwerfen werde. Sicher hoffe er damit zum reichen Manne zu werden, und wenn sie gestatte, teile er ihr nächstens etwas Näheres darüber mit. Alles das sagte er so kühn und selbstbewußt, daß sie keinen Augenblick daran zweifelte. In diesem Menschen schien wirklich etwas zu stecken, was sie an Männern in gleichem Alter noch nicht kennengelernt hatte. Sie fragte gar nicht, worum es sich handle; die Nennung dieser Summe allein genügte schon, um ihr Bewunderung einzuflößen.

Klothilde erschien, zum Ausgehen bereit, ganz in Hellblau gekleidet, das Kleid hinten nur in wenigen Falten gerafft, wodurch sie zwar der augenblicklichen Mode trotzte, aber schlanker um die Taille aussah. Ihr leuchtendes Haar war in einen so üppigen Knoten geschlungen, daß sie keines Chignons bedurfte. Diesmal brachte sie den Duft eines ganzen Veilchenfeldes herein, so daß er sich davon wie benebelt vorkam. Mit einem Ruck erhob er sich, machte einen tiefen Kopfnicker und reichte ihr plump die Hand, was sie wie einen guten Witz aufzufassen schien, denn sie zeigte spöttisch lächelnd ihre breiten Zähne unter den vollen Lippen und erwiderte seine Vertraulichkeit durch einen Zweifingerdruck. Aus dem Aufblitzen ihrer großen, grünlich schimmernden Augen sprach dabei die Frage: »Was willst du eigentlich von mir, du komischer Mensch? Du hast dich ja heute ordentlich in Wichs geworfen.«

»Gehst du zu Agnes?« fragte die Mutter.

»Nur auf ein Stündchen. Ihr Bruder, der lustige Oskar, ist gekommen. Ich bin zum Abend wieder hier.«

Gläser sah, wie sie sich jugendlich gemacht hatte und wie ihre Haut noch zart war von der Lilienmilch, mit der sie sich nach Annas Angabe immer wusch. Eifersucht erfaßte ihn bei dem Gedanken, sie könnte diesen schönen Rest ihrer Mädchenreize des »lustigen Oskars« wegen heute besonders aufgefrischt haben. Sie ließ sich auf einen der seidenüberzogenen Polsterstühle nieder, um sich den linken Handschuh zuzuknöpfen, und währenddessen verschlang sie Gläser wieder mit seinen Augen, als wollte er sie durch seinen Blick entkleiden, in Erinnerung alles dessen, was er von der früheren Zofe über ihre Heimlichkeiten gehört hatte.

Frau Teichert wollte sie rasch über den Grund von Gläsers Besuch aufklären, sie aber winkte ab und sagte ungeduldig: »Ich habe schon gehört, Mama, ich war ja nebenan. Herr Gläser scheint Pech mit seinen Schützlingen zu haben.« Langsam hob sie die kuppelrunden Lider, die ihren lüsternen Blick entschleierten, und sah ihn flüchtig an, und wieder hatte sie ihr Lächeln bereit, aus dem er nicht klug wurde. »Na, es gleicht sich hoffentlich auf einem andern Gebiete wieder aus. Was werden Sie machen, wenn Sie die ersten Hunderttausend haben?«

»Sie Ihnen zu Füßen legen, gnädiges Fräulein«, gab er mit unverschämter Keckheit zurück. Besinnungslose Gier nach ihr hatte ihn erfaßt, und so hätte er ihr am liebsten gleich in diesem Augenblick zugerufen: »Ich liebe dich, ich verzehre mich nach dir, merkst du es nicht? Deinetwegen könnte ich alles tun. Sei nicht so zimperlich, du angejahrtes Mädchen, du! Komm' in meine Arme und sei mein!«

»Sie sind wirklich sehr possierlich«, sagte sie mit einem leichten Auflachen, aber er merkte doch, wie ihr das Rot in die zarten Wangen stieg. Und sein Gedanke war: »Warte nur, du sollst schon eines Tages anders von mir denken. Bist du auch so groß wie ich, ich will dir schon Fesseln anlegen, du stolze, dreimal Verschmähte!«

Sie erhob sich. »Adieu, Mama,« Ihm nickte sie nur gnädig zu, herablassend wie einem unbedeutenden Menschen; dann ging sie mit stolz erhobenem Haupte und trug noch einmal die Luftwogen ihres Duftes an ihm vorüber.

»Wer ist dieser Herr Oskar, wenn ich fragen darf?« leitete er die Unterhaltung aufdringlich wieder ein, als er nun Frau Teichert allein gegenübersaß, mit dem roten Kopfe eines verbissenen Schülers, der soeben gehörig abgefertigt worden ist.

Sie nahm ihm diese Frage durchaus nicht übel, denn sofort, als er wieder aufgetaucht war, wußte sie, weswegen er kam. Und so antwortete sie wie eine kluge Mutter: »Oh, das hat nichts zu bedeuten. Agnes Herbst ist ihre beste Freundin, schon von der Schulzeit her. Na, und da kennt sie natürlich auch den Bruder. Ein hübscher Mensch, aber leichtsinnig und nur mit guten Aussichten. Er ist Referendar, aber a. D. Nun möchte er irgendwo Syndikus werden. Alle Augenblicke macht er Reisen und stellt sich vor; aber es paßt ihm immer nicht. Klothilde denkt gar nicht an ihn, schon weil er viel zu jung für sie ist. Sie lacht mit ihm, das ist das Ganze. Übrigens kann sie die Männer nicht leiden, die wie die Windhunde im Leben herumspringen. Ihr imponieren nur solche, die etwas sind und vorstellen. Sie hat darüber ihre Auffassung und wäre auch viel zu stolz, sich einen Mann zu nehmen, der auf ihre Mitgift spekuliert; sie will noch erobert sein.«

»Nun, das ist ja gerade etwas für mich«, dachte Gläser, der nun dem »lustigen Oskar« keine zu große Bedeutung mehr beilegte. Ja, so schien sie zu sein: hochmütig und von sich eingenommen, harrend des Mannes, der sie noch in diesem Alter um ihrer selbst willen nähme, und vor dem sie sich dann willig ducken würde. »So so«, dachte Gläser nachdenklich und schwieg sich eine Weile aus; dann aber näherte er sich auf Umwegen seinem Ziele, wie ein schlauer Fuchs, der es am Ende nicht gewesen sein möchte.

»Denkt denn Ihr Fräulein Tochter gar nicht mehr ans Heiraten?« fragte er und ließ sein Vogelgesicht wieder im Kreise gehen. »Ich hätte nämlich eine gute Partie für sie. Einen Mann, für den ich bürgen könnte. Er ist nicht gerade hübsch, aber ein Kerl, zu dem sie schon emporblicken sollte. Er würde sie nehmen, wie sie geht und steht.«

Frau Teichert lachte. »Sind Sie auch Heiratsvermittler?«

»Für einen Menschen, den man genau kennt und den man lieb hat, tut man alles«, fuhr er ernst fort. »Sicher würde er sie in Watte wickeln und ihr alle Wünsche erfüllen, die er ihr vom Gesicht ablesen könnte. Er dürfte sich nur keinen Korb holen.«

»Und darf man wissen, wer dieser edle Ritter ist?«

»Ich selbst bin es.«

Frau Teichert lachte abermals. »Ich dachte es mir schon.«

»Nun also. Sie können ja zu mir sagen, ich solle mich hinausscheren; Sie können auch nach Ihren Dienstboten klingeln und mich an die frische Luft setzen lassen. Das alles aber wird mich nicht abhalten, Ihnen ganz offen zu sagen, daß ich Ihre Tochter liebe. Vom ersten Augenblick an ging es mir so, als ich sie gesehen hatte. Ich habe Nächte lang nicht schlafen können und habe auf diesen Tag gewartet wie der Hund an der Kette, der Hunger und Durst hat. Lachen Sie nicht, es ist so.«

»Aber ich lache ja gar nicht, sprechen Sie nur weiter«, warf Frau Teichert durchaus ernst ein, fast schreckhaft überrascht von diesem leidenschaftlichen Ausbruch eines Naturmenschen.

»Nun gut, dann werden Sie mich um so besser verstehen. Ich stamme nur aus einfachen Verhältnissen, aber –«

»Oh, das hat mein Mann oft von sich selbst gelobt«, warf sie aufs neue ein.

»Sehen Sie, sehen Sie – dann haben Sie auch die Gewähr dafür, daß ich jetzt schon Ihre Achtung verdiene,« sprach er lebhaft weiter; »denn Ihr Herr Gemahl hat es trotzdem zu etwas gebracht, oder gerade deswegen. Ich weiß es, ich weiß es! Man hat mir davon erzählt. Er war ein hochachtbarer Mann. Und gerade so wird es mir noch gehen, denn sehen Sie, sehen Sie – ich habe den Willen, den unbeugsamen Willen! Der Reichtum wird mir zufließen, und eher will ich nicht aufhören, bis ich Millionär geworden bin. Halten Sie mich nicht für verrückt, ich spreche durchaus vernünftig. Schon mein Chef hat mich stets ein Finanzgenie genannt. Und Sie sollen es gut bei mir haben wie meine eigene Mutter, wenn Sie es auch vielleicht nicht brauchen. Wenn ich Ihnen also nicht ganz unangenehm bin, dann tun Sie etwas für mich bei Ihrer Tochter, horchen Sie einmal, aber vorsichtig, wenn ich bitten darf. Denn bis jetzt hält sie wohl nicht viel von mir, das habe ich bemerkt. Ich bin kein schöner Mann, aber ein Mann bin ich doch, zähe wie Leder, wenn es darauf ankommt. Und nun hören Sie noch gefälligst, Frau Direktor: wenn ich vorläufig auch nur Ihnen willkommen wäre, dann hätte ich immerhin schon etwas Hoffnung. Es hat Zeit, ich werde nicht drängen. Und nicht eher würde ich mich verloben, bis ich zu Ihnen sagte: Hier sind hunderttausend Mark, ich kann heiraten.«

Alles das hatte er in einem Zuge gesagt, mit einer gewissen Bewegung, die diesmal durchaus echt war. Er kämpfte wie ein Eindringling, der mit aller Macht seinen Platz behaupten möchte. Und Frau Teichert war völlig gerührt davon und reichte ihm ohne Zagen die Hand. »Sie sind einmal ein ganz offener Mensch, das gefällt mir«, sagte sie wie eine glückliche Mutter, die innerlich von Ehrfurcht vor dem Manne erfüllt ist, der nicht nur die Tochter begehrt, sondern auch die Schwiegermutter mit derselben Liebe willkommen heißt. Dann sprach sie weiter vernünftig mit ihm; denn mit einem Schlage war er ihr bedeutend näher gerückt, gleich einem guten Freunde, der Vertrauen genießt. Klothilde sei zwar ganz selbständig in ihrem Denken und Handeln, aber sie wolle sehen, was sich tun lasse, und werde nicht versäumen, ihm den nötigen Wink zu geben, falls auch nur leise Hoffnung vorhanden wäre.

Als er die Treppe wieder hinabstieg, war er über diese erste gewichtige Aussprache mit sich zufrieden. Er hatte die Mutter auf seiner Seite, und das genügte vorläufig. Unten im Flur stand der Portier, sonntäglich gekleidet, und riß dienstbeflissen die Tür vor ihm auf, wie ein Mann, der durch besondere Zuvorkommenheit einen alten Fehler gutmachen möchte. Auf Umwegen hatte er längst erfahren, daß dieser Herr ein wohlhabender Verwandter des fortgezogenen Mädchens sei und allen Respekt verdiene.

Gläser dachte an den kalten Novembertag, wo ihm dieser Unverschämte die Hintertreppe empfohlen hatte, und so ließ er ihn zur Strafe den schweren Torflügel möglichst weit aufreißen, bevor er mit einem gnädigen Nicken langsam wie ein Fürst auf die Straße trat. Die würzige Luft des Mainachmittags schlug ihm entgegen und erfüllte zum erstenmal seit langer Zeit seine Seele mit stillem Behagen, denn er trug die Liebe mit sich herum, jene tiefe und wahrhaftige Liebe zu einem Weibe, die auch dem schmutzigen Charakter etwas Versöhnendes gibt. Und als er langsam der inneren Stadt zuschritt, empfand er brennende Sehnsucht nach Klothilde, aber aufs neue mischte sich damit das eifersüchtige Mißtrauen, das er oben bereits empfunden hatte. Blinde Gier nach ihrem weißen Halse erfaßte ihn, um den er eines Tages grimmig die großen Finger legen könnte, das wußte er, wenn sie ihm erst gehören würde und sie trotzdem nach einem andern ausschauen sollte. Er sah wieder den grünlichen Glanz ihrer Augen, die roten, vollen Lippen und das geringschätzende überlegene Lächeln, mit dem sie ihn bedacht hatte. Wie alle Menschen, die herrschen wollen und über das Weib zuerst, empfand er wie einen Stachel die Verletzung seiner Eigenliebe durch sie, ohne jedoch eine Waffe dagegen zu finden. Er fühlte seine hündische Ohnmacht und konnte nur heiser in sich hineinbellen, trotz der scharfen Zähne, die er der Welt schon ganz hübsch gezeigt hatte – dieser dummen Welt, die so schön und rein erstrahlte und doch das Erdengewürm Mensch erzeugt hatte, das auf dem Leim jedes kecken Klüglers sitzen blieb!

Drei Häuser weiter war ein kleines Blumengeschäft, in das ihn der unbestimmte Drang hineintrieb, seiner Liebe heute noch Ausdruck zu geben. Er wählte einen Topf mit Maiblumen, was ihm wie der beste Hinweis auf den heutigen Tag erschien. Man sollte die Gabe in einer Stunde etwa dem Fräulein Klothilde Teichert schicken, ohne jedoch auf den Spender hinzuweisen, den sie sicher erraten würde. Ein bedeutungsvolles »Ah« der Verkäuferin gab ihm zu verstehen, daß man die Herrschaft kenne. Es war nicht schwer, aus der redseligen Frau etwas herauszubekommen. Früher habe man sehr viele Blumen herumschicken müssen; ein Herr besonders sei stets auf die La France-Rosen versessen gewesen; selbst im Winter habe er es sich ein Stückchen Geld dafür kosten lassen.

Dann wurde die Erzählerin plötzlich stutzig, denn sie glaubte in des Käufers Gesicht ein gewisses Unbehagen zu entdecken; und sofort lenkte sie ein. Feine, sehr angesehene Damen, das müsse man sagen! Das Fräulein sei schon viel umworben worden, ohne einem Gehör zu schenken. Ein schönes, ein kluges, ein sittsames Fräulein!

»Wissen Sie vielleicht, wo der Referendar Herbst wohnt?« durchschnitt Gläser diesen Erguß plötzlich, indem er so tat, als hätte er die Adresse vergessen.

Herbstens? O gewiß! Die hatten früher nebenan gewohnt, seien dann aber weiter heruntergezogen; dort drüben. Sie nannte ihm Hausnummer und Stockwerk, mit einer gewissen Befangenheit, wie ihn dünkte. Aufs neue unterbrach sie sich, wie jemand, der nun nichts mehr sagen möchte.

Gläser dachte sich sofort sein Teil und änderte seinen Entschluß. Man solle die Blumen lieber für die Frau Mama abgeben; im übrigen ebenfalls ohne Nennung jedes Namens. Und da er die Alte nicht so hoch einschätzte als die Tochter, so wählte er einen kleineren Topf mit der Ausrede, daß dieser ebensogut den Zweck erfülle. Er wollte doch immer der bedachtsame Mann bleiben, der vorläufig nicht zu große Opfer brachte, ohne bestimmte Aussicht auf den Gegenwert zu haben. Verkniffen schritt er dem Hause zu, das man ihm bezeichnet hatte; und wie ein unglücklicher Liebhaber ging er vorüber, den sengenden Blick auf das dritte Stockwerk gerichtet, wo unschuldsvoll die weißen Gardinen leuchteten. Dann nahm er denselben Weg zurück auf der andern Seite, zehrende Eifersucht im Innern und erfüllt von dem Wunsche, das stattliche Mädchen allein heraustreten zu sehen, um sie wie zufällig nochmals begrüßen zu können. Schließlich aber machte er sich aus dem Staube, eingedenk der Worte Frau Teicherts, daß dieser Bummelfritze nicht zu fürchten sei.

Vierzehn Tage vergingen, ohne daß er etwas zu hören bekam. Den Gasthof hatte er längst verlassen, und so bewohnte er jetzt zwei elegante Zimmer in einem alten Hause der Mohrenstraße, nahe dem Hausvogteiplatz. Dieser Teil der Stadt, mit seinen Handelshäusern, den man das »Konfektionsviertel« nannte, hatte etwas Anziehendes für ihn und nicht minder die stillen Nebenstraßen, wo die vornehmen Bankhäuser sich breit machten – jene alten Firmen, die kaum eines Schildes bedurften, um ihr Dasein zu verkünden. Mit weitem Blick hatte er sofort erkannt, daß er hier die angeschlagene goldene Ader verfolgen müsse, um zu Ansehen zu kommen. Und so war über Nacht der Umwandlung seines äußeren Menschen auch die Umgebung angepaßt worden.

An der sauberen Außentür seines Flurzimmers glänzte ein großer Briefkasten mit der Aufschrift: »In Geschäften nur zwischen drei und vier Uhr zu sprechen.« Frau Schmidt, seine Wirtin, war von ihm angewiesen, allen etwaigen Besuchern zu sagen, daß »Herr Gläser« sich vormittags auf der Börse befinde und nur hier in der angegebenen Stunde zu haben sei. Da sie sein eigentliches Geschäft nicht kannte, so konnte sie auch nicht darüber reden. In der Tat hatte er sich Zutritt zu dem stolzen Handelspalast in der Burgstraße verschafft, um vorläufig das »Terrain zu sondieren«, wie er selbst zu sich sagte. Andauernden Golddurst im Gemüt, wagte er trotzdem noch nicht, sich zu einer Spekulation aufzuschwingen, weil ihn darum bangte, seine paar Kröten durch einen falschen Schachzug auf einem Brett loszuwerden; aber es bereitete ihm Vergnügen, sich wenigstens wöchentlich einmal in die Flut der tosenden Männerversammlung zu begeben, die den großen Saal mit ihrem Lärm erfüllte, schreiend, lachend und klagend, Witze reißend und sich gegenseitig antippend, während von der Galerie aus die teilnahmslosen Neugierigen in diesen brodelnden Menschenkessel blickten, dessen ewiges Blasentreiben sie kaum verstanden.

Gläser sah und hörte alles, nahm alle Einzelheiten dieses hundertfältigen Leiberbetriebes in sich auf, mit seinem ewigen Angebot und seiner ewigen Nachfrage, die ganzen Geheimnisse dieser ungeheuren verkörperten Rechenmaschine, die nach eigenen Gesetzen bald sehend, bald blindlings ihre Arbeit verrichtete, und auf der statt der Kugeln die Menschenköpfe hin und her gingen, deren Augen immer starr auf dasselbe Ziel gerichtet waren. Und an diesem Ziel streckte der Götze Moloch verlangend seine Arme mit den tausend Fingern aus, nicht ahnen lassend, wen er damit streicheln oder erwürgen würde.

Wenn dann Gläser wieder draußen war und frische Luft schnappte, stand er erst ein Weilchen still, noch ganz im Taumel dieser süßen Höllenmusik, die ihn mit ihren letzten verwehten Tönen lockte, umzukehren und den ersten Coup zu wagen mit der Verwegenheit des frühreifen Lehrlings, der zur Meisterschaft emporklimmen will. Seine Stirn war heiß, in den Schläfen klopfte es ihm, und in seiner Kehle würgte jenes trockene Gefühl, das der sieggewohnte Mensch empfindet, der waffenlos den Kampfplatz verlassen muß. Er wußte: dort drin liefen so viele Dummköpfe herum, die schwächer waren, als er, und doch schon aus goldenen Schüsseln aßen, während er, der starke Schicksalsbezwinger, sich wieder an das irdene Geschirr setzen mußte. Dann aber gab er sich einen Ruck, streifte die braunroten Glacés über und ging stolz davon, den Blick rechts und links auf die gewöhnlichen Lebenstiere gerichtet, als wollte er sagen: »Seht her! Ich war an der Börse, ich, der kleine Sirupkommis von früher! Und das ist doch immerhin schon etwas.« Die Nüstern der mächtigen, scharfen Vogelnase blähten sich, und er witterte schon die frische Zukunftsluft, die den Goldregen verkündete.

»Es war eine Dame hier«, berichtete ihm eines Nachmittags seine biedere Wirtin, so daß er lauernd die Ohren spitzte, denn aus der Beschreibung konnte er sofort auf Frau Teichert schließen. Es kam aber nichts Besonderes, denn die Witwe hatte nur nach ihm gefragt und war nicht näher getreten.

»Nun, und?« horchte Gläser sie aus.

»Ich habe nur gesagt, daß der Herr um diese Zeit auf der Börse sind«, gab sie zurück.

»Daß man auch immer so viel gestört wird!« sagte Gläser vornehm von oben herab, trotzdem ihn eigentlich selten jemand in der Sprechstunde in Anspruch nahm. Im Innern jedoch war er erfreut darüber, auf diese Art um den gewissen wunden Punkt gekommen zu sein, denn längst hatte er befürchtet, daß die umsichtige Dame aus der Potsdamerstraße auf irgendeine Art Erkundigungen über ihn einziehen würde. Sofort aber sagte er sich, daß sie auf alle Fälle nur gekommen sei, um ihn selbst zu sprechen. Das gab ihm Verheißung, und schon wollte er sich schriftlich für den erfolglosen Besuch bedanken, als er wieder davon abkam, weil er sich dazu nicht für verpflichtet hielt. Sie hatte ihren Namen nicht genannt, also war es besser, abzuwarten. Betrachtete sie ihn als »gut«, dann würde sie sich gewiß von selbst melden, um ihr Wort einzulösen. Dieses Abwarten wurde ihm zwar etwas schwer, denn Tag für Tag empfand er Sehnsucht nach Klothildes Anblick, und nur mit heißen Gedanken an sie legte er sich des Abends schlafen, aber er preßte die Lippen zusammen und bezwang sich, denn um so größer würde sein Triumph sein.

Eines Morgens endlich wurde er erlöst durch eine Einladung Frau Teicherts zum Mittagessen am nächsten Sonntag; sie hatte jede Förmlichkeit vermieden und ihn brieflich darum gebeten mit dem Hinweis, daß außer ihm nur noch zwei Freunde des Hauses anwesend sein würden und daß er so zwanglos als möglich erscheinen möchte. Trotz dieses liebenswürdigen, fast mütterlichen Tones war er ärgerlich, denn der Hinweis auf die beiden andern Gäste störte ihn. Er hatte etwas anderes erhofft: den versprochenen Wink der Mutter, der vertraulich die Entscheidung bringen sollte; und nun sah er nur das Hinziehen der Dinge in eine unbestimmte Zukunft. Noch niemals hatte er besseren Familienverkehr gehabt, und so empfand er die Scheu des einsamen Egoisten, die noch verstärkt wurde bei dem Gedanken an den scharfen Blick eines Dritten und Vierten. Aber er schwankte nicht lange, bedankte sich vielmehr in seiner merkwürdig dicken Handschrift, die große Schleifen aufzuweisen hatte, für die Einladung und benutzte dazu die neu angefertigten Briefbogen, die seine Privatadresse trugen und den Kopfdruck zeigten: Richard A. Gläser, Kommission und Export.«

Das sah reinlich aus und würde im Zusammenhang mit seinen Börsenbesuchen jedenfalls den Eindruck seiner gewichtigen Persönlichkeit verstärken.

9.

»Hören Sie, Doktor«, sagte er am andern Tage zu Apotheker Dähne, der, von Haarbalsamdüften umwogt, in seinem »Laboratorium« stand, wie ein Gefangener seine Arbeit verrichtete und nun beim unverhofften Auftauchen seines Gebieters leicht zusammenschreckte. »Hören Sie, Doktor, haben Sie nicht ein neues Mittel gegen rote Hände?« Er wollte schon hinzufügen, daß er gerne einen Extrataler springen lassen würde, als ihm noch rechtzeitig einfiel, daß er dafür am nächsten Sonntag zwei anständige Buketts bekommen könne und daß dieser Geschäftssklave ohnedies verpflichtet sei, etwas zur Verschönerung seines Chefs beizutragen.

Dähne strich mit den befetteten Fingern an seinem schmutzigen Kittel hinunter und lächelte blöde, wie ein halb Stumpfsinniger, der erst allmählich aus seiner Betäubung erwacht. Sobald er nüchtern war, sprach er nicht viel; erst der Alkohol heizte seinen Geist und ließ zur Nacht den andern in ihm auferstehen, den er am Tage unterdrücken mußte. Er war grauer geworden; lange Strähnen des wirren Haares umschlängelten seine Glatze, und unter den glanzlosen Augen lagen jene tiefen, von Krähenfüßen durchfurchten Säcke, die ihm das Kneipenlaster aufgedrückt hatte. Der breite Rücken seiner mächtigen Gestalt war krumm geworden durch das ewige Bücken über seine Mischungen. Trotzdem empfand er nicht das Unwürdige seiner Tätigkeit, die ihm wie ein notwendiges Übel erschien, über das er mit aufgezwungener Enthaltsamkeit hinwegkommen müsse.

Noch im vergangenen Winter hatte er Gläser eine Art von Cremesalbe verschrieben, weil dieser behauptete, das übliche Glyzerin vertreibe ihm doch nicht die alte Röte, die merkwürdigerweise an gewissen Tagen immer wiederkehrte. Dähne ergriff die Hände, betrachtete sie wie ein Arzt und sprach seine Verwunderung über diese sonderbare Erscheinung aus, die er schon längst verschwunden glaubte. Endlich aber sagte er: »Mein verehrter Gönner, Pardon – Herr Gönner wollte ich sagen – da dürfte wohl schließlich nur noch eine Schwefelpaste helfen, die die Röte herauszieht. Wenn Sie es richtig und andauernd anwenden, dann wird's werden. Aber vier Wochen wird es dauern. Immer des Nachts auflegen, womöglich am Tage aufbehalten.«

»Sie sind ein gelehrtes Schaf«, erwiderte Gläser, ärgerlich darüber, diese Aussicht für den Sonntag zu empfangen, wo er unmöglich in Glacéhandschuhen an der Tafel sitzen konnte.

»Nun, dann versuchen Sie's vorläufig mit Puder, mein hoher Gönner«, sagte Dähne wieder und rieb sich mit dem schmutzigen Daumen die massive Nase, gleichsam, als wollte er unbewußt andeuten, daß auch bei ihm an dieser Stelle unvergängliche Röte vorhanden sei.

Gläser empfand den Spott dieser Vertraulichkeit, aber wie immer wehrlos dagegen, konnte er nur aufbrausen: »Ich bin weder Ihr Gönner noch Ihr hoher Gönner, verstehen Sie? Sondern Ihr Chef, verstehen Sie? Ich habe Ihnen das bereits mehrmals angedeutet. Die alten Zeiten sind vorüber … Übrigens wird Ihr Balsam immer mangelhafter, die Kunden beschweren sich dutzendweise darüber … Ich werde mich nach einer anderen Kraft umsehen müssen.«

Er ging hinaus und warf klirrend die Glastür hinter sich zu, während Dähne mit ausgebreiteten Händen in seinem Laboratorium stehen blieb, gleich einem gedrückten Manne, dem man das letzte Wort abgeschnitten hat. Solche Szenen ereigneten sich öfter, ohne daß sie jedoch ein ernstes Zerwürfnis im Gefolge hatten. Beide wußten, daß sie einander wert waren, und daß die Gewohnheit sie zusammengekittet hatte wie zwei Körper ungleicher Größe, die, lose geworden, sich immer aufs neue suchen. Es dauerte auch nicht lange, so steckte Gläser wieder den Kopf hinein und rief dem Küchenmeister in der alten gewöhnlichen Tonart zu: »Die Schwefelpaste könnten Sie mir doch verschreiben, lieber Doktor. Dann machen Sie für mich eine Flasche extrafeinen Balsam zurecht, stark und rasch wirkend, wissen Sie – einen, wonach die Haare in der Nacht wachsen.«

Das war ein besonderer Witz zwischen ihnen, den sie sich aber nur unter vier Augen leisteten. Dähne, der bereits um den Taler gefürchtet hatte, lachte und machte seine Verbeugung nach der Glastür zu, erfreut darüber, sich die Gunst für die nächsten Tage wieder erworben zu haben. Und mit ausdruckslosem Gesicht, ging er, wie ein Tagwandler, in dem engen Raum von einem Tisch zum andern und stampfte und goß und rührte …

Am Sonntag belegte Frau Teichert Gläser sofort mit Beschlag und führte ihn in das kleine einfenstrige Vorderzimmer, bevor er dazu kam, sich des zweiten Rosenstraußes zu entledigen.

»Sie dürfen hoffen, seien Sie nur recht nett zu Klothilde«, raunte sie ihm rasch zu, während aus einem der andern Räume lustiges Geplauder hereindrang, das ihn unangenehm berührte, weil ein vorlauter Mann die Hauptrolle dabei spielte. Sie merkte ihm die Mißstimmung an und klärte ihn auf: »Es sind nur Herbstens, Bruder und Schwester. Wir haben kein Geheimnis vor ihnen, Sie dürfen also ganz beruhigt sein. Wenn Sie mal für den jungen Menschen etwas tun könnten, würde er Ihnen sicher dankbar sein. Gewiß haben Sie doch allerlei Beziehungen …«

Trotzdem er ärgerlich war, fühlte er sich durch die letzten Worte zu einer gewissen Größe gestempelt, und seine Sicherheit wuchs bedeutend, als Frau Teichert ganz von selbst auf ihren Besuch bei ihm zu sprechen kam und lebhaft bedauerte, ihn nicht angetroffen zu haben, weil er bereits auf dem Gang zur Börse gewesen sei. Daher also dieser plötzliche Umschwung, wie er richtig angenommen hatte! Natürlich, so etwas zog immer! Gläser, dessen Taille ein gut sitzender Gehrock umschloß, reckte den wohlfrisierten Kopf aus dem Stehkragen mit weißer Binde heraus und erwiderte wie ein richtiger Wichtigtuer: »Ja, man muß die Konjunkturen wahrnehmen. Ich fixe jetzt in gewissen Eisenbahn-Aktien, das sollten Sie auch einmal tun. Dann könnten Sie bald Ihr Vermögen verdoppeln.« Fortwährend sah er ihren falschen Scheitel an, was sie fast in Verlegenheit brachte, denn sie witterte seinen scharfen Blick. Um ihn daher auf andere Gedanken zu bringen, fuhr sie in ihren Ermahnungen fort: »Seien Sie nur recht lieb und aufmerksam zu meiner Tochter, hören Sie? So ist sie noch am besten zu gewinnen. Und dann nehmen Sie es ihr nicht übel, wenn sie ein Wort zuviel sagt. Sie ist nun mal ein ausgelassenes Mädchen. Und wenn Sie heute zufrieden mit ihr sind, dann sprechen wir nächste Woche ein ganz ernstes Wort … Übrigens danke ich Ihnen noch für die schönen Maiblumen.«

Gläser glaubte in Wonne zu schwimmen, als Klothilde ihm mit einem freundlichen Lächeln die Hand entgegenstreckte und sofort ihr Näschen in die dunkelroten Rosen vergrub, die sie mit Dank angenommen hatte. Eine völlig Andere stand vor ihm, ein Wesen mit unberechenbarem Sinn, das ihn nicht mehr wie früher übersah, sondern ihn als vollwertigen Mann betrachtete. Durchaus ernst stellte sie vor: »Herr Kaufmann Gläser – meine Freundin, Fräulein Herbst … Herr Referendar Herbst.«

Ein geschniegelter Mensch, hübsch und geschmeidig, verbeugte sich zugleich mit einer schlanken, sommersprossigen Hellblondine, auf deren pikantem Gesicht der letzte Glanz einer abgestandenen Schönheit lag.

»Freut mich sehr«, sagte Gläser und reichte ihnen mit plumper Vertraulichkeit zugleich beide Hände, die noch immer in den neuen Glacés steckten; dann aber, als er ein paar Worte mit Klothilde wechselte, gefiel ihm das heimliche Lachen von Bruder und Schwester nicht, die hinter seinem Rücken etwas Bedeutsames zu sagen schienen.

»Nun, haben Sie wieder etwas von Ihrem Schützling gehört?« begann Klothilde, um über die Verlegenheit hinwegzukommen, denn sie ahnte, was zwischen den Beobachtern vorging. Ein kaum merkliches Hohnzucken umspielte ihre Lippen, und ein unbestimmter Ausdruck schwamm in ihren großen Augen, wie trübes Licht auf grünschillernden Riesentropfen.

Eine schöne, verbrauchte Larve stand vor Gläser, aber er sah es nicht; sein beweglicher Blick umfaßte nur ihre üppige Gestalt und den weißen, vollen Hals, der frei im Ausschnitt der seidenen Bluse lag. Und er hätte ihr zurufen mögen: »Frag' doch nicht danach! Was geht dich dieses dumme Mädel an? Laß uns vergnügt sein! Ich freue mich, daß du heute so vernünftig bist. Gib mir die Hand und sage ja, denn sicher hat dir deine Mutter schon alles gesteckt.«

Er zuckte mit den Achseln und sagte wegwerfend, während er Unbehagen empfand: »Die ist wahrscheinlich schon perdu. Was kümmert mich das Frauenzimmer überhaupt, reden wir nicht darüber.« Dabei blickte er an ihr vorüber und in das große Speisezimmer hinein, eigentlich aber sah er ins Wesenlose.

»Ja, Mama hat mir schon erzählt. Recht schade eigentlich, denn ich habe sie ganz gern gehabt.«

»Ich auch«, erwiderte Gläser, aber nur in Gedanken. Lautes Kichern am Fenster stimmte ihn noch verdrießlicher. Es war immer, als lachte man über ihn.

Man ging zu Tisch, denn die Suppe dampfte schon. Gläser saß neben Klothilde, ganz wie ein richtiger Zukünftiger, der die Tochter vom Hause auszuzeichnen hat. Er hatte sich endlich die Handschuhe abgestreift und musterte nun rasch unter der Tafel die mit Puder beriebenen Hände, die ein scheckiges Aussehen bekommen hatten. Ärgerlich darüber wischte er verstohlen den letzten Staub von den Fingern und setzte sich dann kühn über alles hinweg. Diese Hände verstanden das Gold schon zu wägen, und wenn sie dem stolzen Mädchen erst das Brautgeschenk zutragen würden, dann sollte niemand mehr die Nase darüber rümpfen. Deutlich sah er, wie Klothildes Blick an ihnen hängen blieb und dann immer wieder darauf zurückkehrte. Etwas Unangenehmes sprach aus ihrem Auge, etwas, was ihr den Appetit zu nehmen drohte. Er merkte es wohl, wenn sie seitwärts schielte, neugierig, als hätte sie eine Merkwürdigkeit zu ihrer Linken, die ebenso anzieht wie abstößt. »Nun erst recht!« dachte er und prahlte förmlich mit diesen Menschenpfoten, die er nicht mehr unterzubringen wußte, als die Suppe ausgelöffelt war.

Man sprach nicht viel, denn etwas Beängstigendes lag in diesem halbdunklen Hinterzimmer, dessen ganze Einrichtung Gläser bereits aus der Schilderung Annas kannte. Er hätte gar nicht aufzublicken brauchen, um zu sagen: hier steht das und dort steht jenes. Im Geiste sah er fortwährend die frühere Braut um die Tafel streichen und die Handreichungen tun; und als das Mädchen die Teller wechselte und den Arm an ihm vorbeistreckte, zuckte er unwillkürlich zusammen beim Anblick derselben Blusenfarbe, die die Verstoßene getragen hatte.

»Sie haben eine große Gründung vor, wie ich gehört habe?« frug Herbst plötzlich, der ihm gegenübersaß und fortwährend seinen flotten Schnurrbart strich, sobald er nicht beschäftigt war. Die weißen, zierlichen Hände dieses ewig spöttisch dreinblickenden Menschen hatten Gläser längst innerlich wütend gestimmt, weil er sie wie eine Herausforderung betrachtete; und so dachte er bei sich: Warte nur, Jüngelchen, ich will dir schon Hochachtung vor mir beibringen. »Ja, die habe ich allerdings vor«, sagte er mit der eisernen Stirn des großen Schwindlers. »Wir sind dabei, ein Konsortium zu gründen … es handelt sich um Millionen, ich werde natürlich in das Direktorium treten … Erste Bankfirmen werden die Emission übernehmen. Selbstverständlich muß ich die Sache mit Diskretion behandeln. Aber noch gestern sagte mir Fromhardt, einer der Prokuristen von Bleichröder, daß wir kolossal reüssieren würden. Ja, ich habe jetzt ein bißchen viel zu tun.«

Sein strenger Ernst verscheuchte das Lächeln von dem Gesicht des andern, der nur ein verblüfftes »So« hervorbrachte. Alle saßen da wie in einem Zauberbann und sahen ihn an wie ein Götzenbild, das durch den Augenblick geweiht ist. Frau Teichert war die erste, die wieder in Bewegung geriet und wie eine glückliche Hausmutter sagte: »Aber so greifen Sie doch zu, Herr Gläser, darf ich bitten? …« Sie schob ihm nochmals die Schüssel mit Geflügel hin, aus der er sich noch ein Stück wählte und dabei unverfroren fortfuhr: »Wir haben natürlich schon unsern Syndikus, aber ein paar Unterkräfte wären immer noch zu gebrauchen. Dafür hat man ja stets Verwendung. Wenn Sie also vielleicht bereit wären – Ich hörte schon von Frau Direktor, daß Sie ins Verwaltungsfach übertreten wollten. Weshalb sollte ich Sie nicht protegieren?« Seine kleinen, grauen Augen ruhten fest auf Herbst, als wollte er sagen: »Sieh nur, wie ich dich gedeppt habe, du Floh, du! der du von einem Weib zum andern hopst; denn danach siehst du aus. Blick' auf mich, ich bin der Tiger, der mit beiden Pranken zuschlägt und festhält, was er hat, ob Blut rinnt oder nicht; denn ich will.«

Herbst neigte den Kopf wie zustimmend, blieb aber stumm unter der Wucht dieses Überfalls, der ihm leichte Röte ins Gesicht getrieben hatte. Dafür ließ aber Agnes ihr Geschnatter los, mit dem sie bis jetzt hatte zurückhalten müssen. »Oh, wenn Sie das tun wollten, dann würde Ihnen meine Mama sehr dankbar sein. Und Oskar auch, nicht wahr, du?« Sie wurde so lebendig, daß sie ihrem Bruder auf den Leib rückte, der sie, unangenehm berührt von dieser Bevormundung, ärgerlich unterbrechen wollte, aber kein Glück damit hatte. »Laß mich doch, laß mich doch!« wehrte sie ihn ab. »Es ist doch wahr!« Ihr Alter siegte über seine Jugend, und wie ein aufgezogener Triesel schnarrte sie nun alles ab, was sie auf dem Herzen hatte. »… Mein Bruder, ich kann Ihnen sagen … ein famoser Mensch. Die kniffigsten Dinge versteht er; und schneidig ist er auch, das sehen Sie ja. Meine Mama, ich kann Ihnen sagen … und ich … wir drei überhaupt … Beehren Sie uns doch einmal, wir würden uns alle sehr freuen. Sehen Sie sich gleich meine Bilder an, ich male nämlich … sehr flott.« Nach einer großen Atemschöpfung ging es aufs neue los. »Mein Bruder … meine Mama … und ich.« Dann wieder umgekehrt dasselbe; und schließlich gänzliche Erschöpfung in den Worten: »Wir haben sehr netten Verkehr und würden uns wirklich freuen. Oskar, gib doch deine Karte. Papa war Universitätsprofessor. Der Name wird Ihnen gewiß bekannt sein. Wir hatten eine kleine Villa in Grünau. Oh, da ist es schön, wissen Sie.«

Oskar stieß sie mit dem Ellbogen von sich und raunte ihr zu: »So schweig' doch still!« Entschieden hatte sie zuviel von dem schlechten Rotwein getrunken, denn sie drehte mit den dünnen Fingern fortwährend das Glas, was nicht nur wie Spielerei aussah. Klothilde warf ihr einen Blick der Mißbilligung zu und schüttelte stumm mit dem Kopfe. Und auch Frau Teichert sah große Aufdringlichkeit in diesem Wortschwall, denn es war ihr, als ginge dieses sonst gut gelittene Mädchen plötzlich darauf aus, den Mann des Tages in das andere Lager zu ziehen.

Frau Teichert hatte die Tafel aufgehoben und stand nun plaudernd mit Gläser am breiten Eckfenster des Speisezimmers, durch das man in den blühenden Garten hinter dem Hause blicken konnte. Sie hatte Gläser einige Minuten zurückgehalten, um Besonderes mit ihm zu besprechen. »Nun, sind Sie mit mir zufrieden?« fragte sie neckisch, wie verjüngt. »Ist Klothilde nicht ganz anders seit dem letzten Male? Ja; sie hat ihr Köpfchen für sich, aber Sie können sich freuen, Sie haben Eindruck gemacht. Und blühend sieht sie heute aus, wie?«

Gläser nickte, den Blick immer durch den offenen Vorhang nach vorn gerichtet, wo die drei Übrigen standen, während er bei sich dachte: »Schwatz' doch nicht, Alte, biete sie doch nicht so an, ich seh' ja alles.« Nun, wo er sich einbildete, halb und halb Klothilde durch sich selbst gewonnen zu haben, war er kühner geworden; und nicht zum zweiten Male hätte er solche glühenden Worte zu Frau Teichert gesprochen, wie vor Wochen. Sie entschuldigte sich einige Augenblicke, um rasch in das frühere Arbeitszimmer ihres Seligen zu gehen und Zigarren zu holen, die dort standen. Und Gläser benutzte diese Gelegenheit, um an das breite, geschnitzte Büfett zu treten, eine glitzernde Zuckerdose zu nehmen und nach dem Silberstempel zu sehen. Sie war echt, also waren jedenfalls auch alle übrigen Prunksachen von gleichem Werte, insbesondere die großen Kandelaber, die auf dem Kamine standen und die ihn gleich beim Hereintreten gereizt hatten. Alles schwere Gegenstände, die Klothilde einmal erben mußte. Die kleine Tür dort drüben führte zu ihrem Schlafzimmer, das wußte er aus Annas Schilderung. Er blickte sich um, und als er sich unbeobachtet sah, schritt er kühn darauf los, öffnete sie und warf einen Blick hinein wie ein Dieb, der etwas erspähen will. Süßlicher Duft drang ihm entgegen; er sah einen Kleiderständer mit seidenen Röcken, verlockendes Spitzengewebe und all die Heimlichkeiten, die ein Mädchenzimmer ausmachen.

Helles Lachen schreckte ihn zusammen; rasch schloß er die Tür wieder und trat auf den Grünpapagei zu, der sich in dem großen Messingbauer in der Nähe des Fensters wiegte und gegen Fremde bissig war. Trotzdem Gläser Kenntnis davon durch die Schiman hatte, steckte er die Finger in den Käfig, und als das Tier losschnappen wollte, blökte er es an und sagte: »Dummer Kerl, benimm dich anständig! Vergiß nicht, mit wem du es zu tun hast!« Er drohte mit der roten Faust, so daß der Papagei die Flügel spannte und laut aufkreischte.

»Reizen darf man ihn nicht«, sagte Frau Teichert und reichte ihm die Kiste mit Zigarren hin.

»Mich auch nicht«, gab er zurück und zeigte lächelnd seine spitzen Zähne; dabei schweifte sein Blick abermals nach dem Musikzimmer vorne. Dort zündeten sich Bruder und Schwester gerade Zigaretten an, während Klothilde es heute verschmähte, zu rauchen.

Agnes zog sie damit auf. »Sage mal, du bist doch sonst nicht so; aber ich weiß schon, warum! Er soll es nicht sehen, wie? Hör' mal, kannst du dich verstellen! Möchtest du ihn wirklich haben, wie? Mir könnte man ihn schenken, ich würde ihn nicht nehmen.«

Klothilde blieb ernst. »Rede doch nicht!« gab sie dann würdevoll zurück. »Alle zehn Finger würdest du ausstrecken, wenn er nur zu euch käme. Aber du siehst ja, er ist gar nicht eingegangen auf deine Einladung.«

»Klothilde, sei nicht boshaft, ich bitte dich. So einen bekomme ich noch jeden Tag. Hast du denn die Hände gesehen? Mädel, ich begreife dich nicht.«

Klothilde schäumte. »So einen? Du, das verbitte ich mir. Es ist ein durchaus anständiger Mann und unser Gast, verstehst du? Laß das um Himmels willen Mama nicht hören, sie hat ihn schon in ihr Herz geschlossen.«

Agnes war der Zigarettendampf in die Augen gedrungen, so daß sie ihr übergingen. Ein Weilchen war sie sprachlos, dann schnatterte sie: »Oskar, was sagst du dazu? Sie hat wirklich ernste Absichten, und noch neulich machte sie sich lustig über dieses ›Vieh‹, wie sie sagte.«

Klothilde spielte die Gleichmütige. »Ja, sieh mal, Kind, da wußte ich noch nicht, daß er mich haben wollte, wie ich bin … und daß er mir hunderttausend Mark als Hochzeitsgeschenk zu Füßen legen würde. Denk' einmal! Wenn dir das passierte, dann wäre euch allen geholfen und ihr kämt endlich mal aus euern Schulden.« Und die Erstarrung der Freundin benutzend, schloß sie sieghaft: »Nun, siehst du, so ist es! Wärst du ein Mann, würde ich sagen: ›Küss' mir die Hand vor Bewunderung!‹«

Agnes lachte krampfhaft und lautlos in sich hinein. »Weiß er denn schon, wie alt du bist?« stieß sie dann mit rotem Gesicht hervor. »Du siehst ja heute mächtig auf uns herab, nicht wahr, Oskar?«

Oskar hörte den kleinen Zank schweigend mit an und hob nur ein wenig die Schultern. Mochten diese reifen Dinger ruhig auf sich losgehen – er wollte sich hüten, ein Wort hineinzureden, denn er hatte sich längst mit Klothilde ausgesprochen. Er wußte, sie hätte ihn nicht geheiratet, auch wenn sie zehn Jahre jünger gewesen wäre, und er hätte sich dann auch vielleicht besonnen, trotzdem sie sich immer gern gehabt hatten, unerlaubt gern sogar; denn beide würden sich niemals in der Ehe vertragen haben. Und jetzt? Du lieber Himmel – jetzt hatte er noch ein Schock Aussichten, und sie ein Sechzigstel davon. Er brauchte sich also nicht zu wundern, wenn sie daran festhielt, zähe wie der verkörperte Verstand, der sich in der Gewalt hat und nach Belieben wankelmütig werden kann. Und doch war sie noch ein hübsches Mädchen, verführerisch, mit einem Stich ins Frauenhafte – ein reifer, abgefallener Pfirsich, den er schon in seiner Hand gewogen hatte.

Endlich sagte er doch: »Agnes, sei nicht neidisch … weshalb bist du nicht früher aufgestanden. So einen Schwager zum Anpumpen, weißt du, den hab' ich mir eigentlich immer gewünscht.«

»Natürlich, du,« zischelte sie ihn an. »Überhaupt ihr beide! Tut doch nur nicht so – ich weiß Bescheid. ›Er war Referendar, gewesener sogar, und sie hatte auch nichts.‹«

»Wirst du wohl –!« Klothilde hielt ihr den Mund zu, und sofort hatten sie ausgeschmollt. Beide umfaßten sich dann und drehten sich kichernd im Kreise herum.

Gläser sah es vom Hinterzimmer aus und reckte wie neidisch den Hals, während Frau Teichert ihn noch immer festhielt und lachend sagte: »Das reine Kind, nicht wahr? So ist sie nun manchmal. Faxen kann sie machen, sag' ich Ihnen … Also hören Sie, mein Lieber. Nächsten Donnerstag nachmittag machen wir einen Ausflug. Nur ich und Klothilde. Wenn Sie dabei sein wollen … wir können ja noch darüber sprechen.«

Gläser nickte zustimmend, spitzte aber die großen Ohren, um von der Unterhaltung der andern etwas aufzufangen, was ihm aber nicht gelang. Während seine Gedanken bei Klothilde waren, betrachtete er immer den falschen Scheitel der Alten, von dem fast unwiderstehlichen Drang erfüllt, einmal mit der Hand darüber zu fahren, um ihr seine Kenntnis davon verständlich zu machen. Dann zuckte er wieder unwillkürlich zusammen, denn die Tür zu dem hinteren Gange hatte sich geöffnet und das Hausmädchen mit der drohenden Bluse war wieder eingetreten, um die letzte Tafelräumung vorzunehmen. Diese Hintertreppenfee hatte überhaupt in ihrem ganzen Wesen eine gewisse Ähnlichkeit mit Anna Schiman, namentlich in der Art, wie sie ihre Augen spielen ließ und bei jeder Anrede den Mund zur Freundlichkeit verzog. Merkwürdig, daß ihm der Anblick dieses Mädchens die Laune verdarb und daß er sie weit hinwegwünschte, denn schon zur Zeit Annas war sie hier im Hause gewesen. Aber plötzlich spielte in diesen Ärger die Sehnsucht hinein, einmal ein paar Worte mit ihr zu wechseln, sie nach der Landsmännin zu fragen und zu sehen, was dabei herauskäme. Sie blickte ihn so verwegen an, als wollte sie jedesmal sagen: »Du bist mir auch der Rechte! Erst poussierst du die Dienerin und dann die Herrin.«

Vorne ging die Unterhaltung weiter. »Na also! Da habt ihr euch ja wieder«, sagte Herbst und verfolgte mit seinem Blick die Körperlinien Klothildes, die nur Rundungen hatten, und erfreute sich daran, wie sich bei der raschen Drehung das Blut in die Wangen der Geliebten ergoß.

»Hör' mal,« sagte dann Agnes, ganz außer Atem, »nun mach' ihn ganz verrückt, den da hinten, und singe dein berühmtes: ›Das Meer erglänzte weit hinaus‹.«

»Dann bleibt kein Auge trocken«, warf Oskar spöttisch, mit komisch verdrehten Augen ein.

Bruder und Schwester lachten, denn dieses Lied pflegte Klothilde mit Vorliebe anzustimmen, sobald ein »Reeller« festgehalten werden sollte. Der letzte, Röderlich, hatte es besonders oft zu kosten bekommen, weil er stets mit der Behauptung gekommen war, er fühle sich seiner Braut unsagbar nähergerückt, sobald er mit ihr in Gedanken im einsamen Fischerhause »still und allein« sitzen könne. Und dabei ahnten sie nicht, daß dieser Herzensdieb seine Teilnahme nur heuchelte, um Mutter und Tochter bei Stimmung zu erhalten und sie in der schmutzigsten Weise auszunutzen.

»Du, wenn das in der Abenddämmerung gesungen wird, dann heulen die Hunde vor Wehmut«, sagte Oskar wieder, um Klothilde zu necken, die jedoch ärgerlich wurde und sich diesen Spott ernstlich verbat. Sie hatte vorläufig genug von diesem Sirenengesang, den sie sicher nicht mehr ertönen lassen würde in Erinnerung an das Pech, das sie mit dreien gehabt hatte. Und nun gerade Gläser gegenüber! »Das fehlte auch noch!« sagte sie grollend, mit einem häßlichen Lachen, eigentlich mehr für sich.

»Ich glaube, für so etwas hat er gar keinen Sinn«, raunte Herbst ihr zu, der ihre innersten Gedanken erriet. »Dazu ist er ein viel zu trockener Geschäftsmann, der alles durch Zahlen morden möchte. Und um dich wäre es wirklich schade, Thilde.«

»Ach, laß mich zufrieden. Überhaupt ihr alle!« Im unklaren über ihre eigenen Gefühle, drehte sie beiden den Rücken und ging durch den Salon in das kleine Empfangszimmer hinein. Nach einem Weilchen kam ihr Oskar nach; er hatte Agnes als Wachtposten zurückgelassen, um mit der Freundin noch rasch einige beherzte Worte zu wechseln.

»Sag' mal, willst du ihn wirklich heiraten?« begann er und umfaßte von hinten zärtlich ihre Hände.

Sie riß sich los und blickte sich ängstlich um. »Du, laß das jetzt sein, ich bitte dich.«

»Er lachte sie leise aus. »Also wirklich?«

»Gewiß werde ich ihn heiraten, was geht's dich an?«

»Liebst du ihn denn? Diesen Menschen?«

Sie blieb ernst. »So fragt man die Leute aus. Gewiß liebe ich ihn. Er ist doch ein Mann, das siehst du wohl. Er hat so etwas Besonderes, weißt du, so etwas, was Furcht einflößt, und das imponiert mir. Ich glaube, er könnte einen Nebenbuhler aus Eifersucht totschlagen … Und wie er vorhin mit dir umgegangen ist! Hast du nicht seine Gönnermiene bemerkt? Siehst du, das hat mir an dir nicht gefallen.«

Dunkle Röte schoß in sein hübsches Gesicht, in dem die braunen Augen blitzten. »Aber Thilde, ich kenne dich ja gar nicht wieder.«

»Es mußte doch 'mal so kommen, Oskar. Ich habe dir doch immer gesagt: ›Wenn ich einmal Ernst mache, ist es aus.‹ Deshalb bitte ich dich, rühr' mich nicht mehr an.«

Plötzlich jedoch, als sie sah, wie er schweigend an dem offenen Fenster stand und durch die Ritzen der schräg gestellten Jalousie auf die sommerliche Straße blickte, wo im Sonnenglanz die Menschen strömten, trat sie auf ihn zu und umschlang ihn leidenschaftlich. Und mit zitternder Stimme bat sie: »Oskar, du großes Kind, sei doch vernünftig! Soll ich dir denn immer dasselbe sagen? Du bist doch der Einzige, den ich geliebt habe, das weißt du doch! Ewig bleibt's ein süßes Geheimnis zwischen uns beiden, nicht? Es muß doch nun einmal so sein. Mach' mir doch nicht alles so schwer.« Und sie nahm seinen Kopf zwischen die Hände und drückte ihm inbrünstig einen Kuß auf das krause Haar. Er aber preßte sie stürmisch an sich und küßte sie lange auf den Mund, so daß ihr der Atem ausging. »Bleib' mir treu, bleib' mir treu! Ich liebe dich noch immer«, flüsterte er dann und küßte sie aufs neue ab.

»Laß mich, laß mich!« Mit unbändiger Kraft riß sie sich los und flüchtete, verfolgt von ihm, in die äußerste Ecke des Zimmers, wo sie ihm beide Arme abwehrend entgegenstreckte. Dann eilte sie hinaus, über den Korridor hinweg, in ihr Zimmer, wo sie sich rasch das Gesicht kühlte und die Frisur in Ordnung brachte. Als sie zurückkehrte, fand sie ihn noch an derselben Stelle vor. Schnell zog sie die Jalousie in die Höhe, um einen neuen Angriff unmöglich zu machen. Und nachdem sie einen Blick in das Nebenzimmer geworfen hatte, sagte sie kalt, mit verrauchter Leidenschaft: »Siehst du, mein Bester, nach all dem Pech sehne ich mich endlich nach der Versorgung, schon Mamas wegen. Mir sind plötzlich die Augen aufgegangen. Die andern wollten bloß von mir haben, nun kommt aber einer, der mir geben will … der mir das Geld vor die Füße werfen will, und den halte ich fest, willst du glauben –: der wird noch immens reich, und das war ja immer so mein Schwarm: einmal im Golde wühlen zu können und alle Wünsche erfüllt zu sehen. Da nimmt man's mit den Mängeln nicht so genau, wir wollen gute Kameraden bleiben, Oskar, gib mir die Hand. Aber keine Dummheiten mehr, hörst du?«

»Wie du willst, Klothilde«, erwiderte er und schlug ernüchtert ein. Während weniger Minuten war etwas Kaltes zwischen sie getreten, das sich wie ein Sturzbach ausnahm nach dem jähen Auflodern der letzten heißen Gefühle.

Aus dem Speisezimmer klang das Klirren der Kaffeetassen herein. Er wollte ihr schon voranschreiten, als er sich wieder besann. »Sag' mal, Thilde, sei mir nicht böse – ich hätte aber noch eine Bitte an dich. Könntest du mir nicht zwanzig Mark auf einige Tage pumpen? Agnes ist augenblicklich auch völlig klamm. Du bekommst sie sicher wieder.«

Klothilde lachte, denn diese Versprechung pflegte er immer zu machen, ohne jedoch sein Wort zu halten. Stets hatte ihm ihre Liebe als die beste Entschuldigung für sein Versäumnis gegolten. Ohne Umstände holte sie ihr Portemonnaie hervor. »Da fragst du noch? Wenn ich es kann – immer, wir wollen doch Kameraden bleiben, ich sagte es doch.«

Mit einem Händedruck strich er das Goldstück ein; und dabei erfüllten ihn verlockende Gedanken für die Zukunft, die sich auch nicht verflüchtigten, als er bald darauf bemerkte, wie Klothilde andauernd die Kalte gegen ihn spielte und von auffallender Liebenswürdigkeit zu dem andern war.

Als dann später Gläser Gelegenheit fand, mit Klothilde allein im Zimmer zu sein, reizte es ihn, sie einmal über Herbst Farbe bekennen zu lassen. »Sie haben wohl für den Jugendfreund viel übrig, wie?« fragte er, während es in seinen kleinen Augen aufflackerte.

Sie verstand ihn und hob wegwerfend die Schultern: »Was man so für einen dummen Jungen übrig hat«, gab sie zurück, ohne seinem Blicke auszuweichen.

Es geschah an derselben Stelle, wo sie vorhin ihre Leidenschaft mit dem Geliebten ausgetauscht hatte. Gläser verlor seine Zurückhaltung und ergriff mit seinen derben Fingern ihre kleine, mollige Hand, die sie ihm widerstandslos überließ, ungefähr wie eine Katze, die mit einem Bären spielt. »Fräulein Klothilde, ich liebe Sie, Ihre Mutter wird es Ihnen schon gesagt haben«, stammelte er wie ein Sinnloser, den der Augenblick trunken gemacht hat. »Wahrhaftig, ich liebe Sie, ganz um Ihrer selbst willen! Alles würde ich Ihnen opfern, alles! Nur sagen Sie mir jetzt, ob ich hoffen darf?«

»Ja, Sie dürfen hoffen«, erwiderte sie bestimmt. »Nun aber artig, recht artig.« Rasch entzog sie ihm die Hand, denn sie hatte die Empfindung, er könnte dieses Zugeständnis plötzlich ausnutzen und sich in seiner maßlosen Gier Freiheiten gegen sie erlauben, vor denen sie jetzt schon ein leises Grauen hatte.

»Ich danke Ihnen, Klothilde, ich danke Ihnen!« preßte er aufs neue hervor, plötzlich mit einer Schüchternheit, die sie kaum von ihm erwartet hätte. Als es sich dann so machte, daß er Frau Teichert die große Neuheit stecken konnte, huschte ein Schönheitsschimmer über seine harten Züge, während er sagte: »Ich bin glücklich, ich bin glücklich!«

10.

Diese Einbildung seines Glücks gab ihm die Siebenmeilenstiefel zur Erreichung des großen Eroberungszieles. Schon am andern Tage sagte er zu Apotheker Dähne: »Hören Sie, die Sache zieht nicht mehr, wir müssen etwas anderes erfinden – etwas für die innere Heilung, was auch appetitlicher ist. Diese ganze Schmiere widert mich an … Wie wäre es mit einem flüssigen Stärkungsmittel, he? Denken Sie einmal nach, Sie ausgepichter Alkoholiker.«

Er hatte einen ganz bestimmten Plan vor, zu dem ihm aber das Geld noch nicht reichte. Berlin sollte ihn eines Tages offen als Volksbeglücker kennenlernen; bis dahin aber mußte er noch im Verschwiegenen angeln nach all den Leichtgläubigen im Lande. Die stete Sehnsucht nach Klothilde trieb ihn mit teuflischer Macht dazu, sich mit Leichtigkeit über die Stachelschranken des Lebens hinwegzusetzen, vor denen die Ehrlichen, die für ihn die Feigen waren, mit Andacht haltmachten. So stark wie er war, als er das eine Weib fallen ließ, so schwach zeigte er sich im Verlangen nach dem Besitz des andern. Was er dem dummen Mädchen genommen hatte, hängte er dem klugen dreifach an. Die Tugend hatte sich ihm blindlings geopfert, weil Einfalt die Führerin war; die Unkeuschheit jedoch lockte nur, getrieben von der Klugheit, ohne sich etwas von ihrer Würde zu vergeben. In den Händen Klothildes war Gläser Wachs, das schon hinschmolz unter ihrem Atem und ihrem Lächeln. Jeden Tag regnete es Blumen, weil sie es so gewünscht hatte; und die leiseste Andeutung von ihr mußte ihm genügen, um ihn sich in Aufmerksamkeiten überstürzen zu lassen. Und wagte er in seinen Entschlüssen wankend zu werden, so empfing ihn Kälte, die ihn an sein Sklaventum erinnerte.

Innerlich knirschte und rüttelte er wie der Hund an der Kette. Sah er dann aber wieder das Gedankenbild der Angebeteten, entschleiert ihrer Reize, so fühlte er den weiblichen Magnet, der ihn unwiderstehlich anzog. Er merkte, daß es mit Blumen, Näschereien und Theaterbilletts nicht genug getan sei, und so machte er allerlei andere, mehr oder weniger kostbare Geschenke, die Klothilde wie etwas Selbstverständliches entgegennahm. Sein Knausertum litt darunter, aber immer aufs neue drängte es ihn dazu, sich ihren dereinstigen ehelichen Besitz förmlich zu erkaufen.

»Wissen Sie schon, daß Mama übermorgen Geburtstag hat?« fragte ihn Klothilde einige Tage darauf, nachdem sie ihm endlich ihr Jawort gegeben und die Verlobung zum Herbst in Aussicht gestellt hatte. Sie wollte die Sommerreise in diesem Jahre noch in Freiheit genießen, immer noch auf etwas Wunderbares hoffend, was sie vor dieser Ehe bewahren könnte.

Er verstand diesen Wink, beratschlagte mit ihr und stürzte sich auch der Alten wegen in größere Unkosten. Sein stiller Trost dabei blieb, daß doch die Zeit kommen werde, wo Frau Teicherts offene Hand alles wieder ausgleichen müsse.

In Wahrheit gab er sich großen Täuschungen hin, denn was Mutter und Tochter dazu getrieben hatte, ihn als Familienmitglied willkommen zu heißen, war allein ihr schlechter Vermögensstand. Das Haus in der Vorstadt war überbelastet, so daß die Mieten kaum die Hypothekenzinsen trugen. Man hatte längst die Absicht gehabt, es ohne Verlust los zu werden, konnte aber keinen wagemutigen Käufer finden, der in diese Verhältnisse keck hineingesprungen wäre. Ein Kurssturz hatte große Einbuße an Papieren gebracht, die man rasch verkaufte, um nicht noch trübere Erfahrungen zu machen; und so war schließlich nur noch eine Rente übrig geblieben, von der man nur mit allerlei Einschränkungen leben konnte. Wenn nun Klothilde noch eine Mitgift bekommen haben würde, dann hätte die Mutter sich auf Gnade und Ungnade ihrem Schwiegersohn ergeben müssen, und davor hatte sie ein leises Grauen, gegen das sich ihre gesunde Lebenskraft in einsamen Stunden wehrte. So hatte sie denn in Gläser den geeigneten Retter erblickt, der mit seiner Verzichtleistung ihr wie das verkörperte Ideal ihrer Hoffnung erschien, an das sich eine berechnende Mutter wie an einen festen Anker klammern müsse.

Als Frau Teichert eines Abends Klothilde vernünftig alles auseinandersetzte, schwamm diese eine Zeitlang in Tränen und schluchzte wie ein kleines Kind; denn in Wohlleben erzogen, hatte ihr von jeher nichts schrecklicher gedünkt, als ein Leben in kleinen Verhältnissen, als ein Aufgeben aller ihrer natürlichen Wünsche. Die Vorstellung, nach dem Tode der Mutter in Einsamkeit versauern zu müssen, hatte etwas Entsetzliches für sie, und so wollte sie lieber einen Ungeliebten nehmen, bevor sie den stummen Schimpf des Altjungfertums mit sich herumtrüge. Nach einer fast schlummerlosen Nacht war sie beruhigt und gefestigt aufgestanden. Die Morgensonne lachte ins Zimmer hinein und erweckte in ihr die alte Lebenslust. Sie hatte ja die Jugend genossen und würde auch sicher ihr Dasein als Frau genießen.

Im Oktober verlobte man sich öffentlich. Gläser war doppelt zufrieden, denn er hatte die Welt endlich mit seinem »Magolin« beglückt, einem Kräuter-Likör, der Wunderdinge bei Magenbeschwerden verrichten sollte. Apotheker Dähne hatte nach langem Bemühen ein köstliches Rezept zusammengestellt und diese Mischung gebraut, deren Genuß ebenso labend wie unschädlich war, ohne viel Herstellungskosten zu verursachen, so daß man bei jeder Flasche einen glatten Gewinn von zwei Mark einstecken konnte. Getreu seinem Leitspruch: »Lieber im Großen zugrunde gehen, als im Kleinen verdienen«, hatte Gläser diesmal alles auf eine Karte gesetzt, um die Welt zu verblüffen. Ganz Berlin und die Provinzen wurden an einem bestimmten Tage mit der Reklame überschwemmt, die wie mit Donnerhall alle Leidenden aufrütteln sollte.

»Kauft ›Magolin‹! Den Wundertrank des Jahrhunderts! Zusammengestellt aus dem Extrakt heilkräftiger Pflanzen. Wissenschaftlich geprüft und für tadellos befunden! Unter der Leitung eines approbierten Apothekers verfertigt. Schon Homer sagt: ›Der Magen ist der Tyrann des Menschen.‹ Wer dauernd einen gesunden Magen behalten will, wer die Hypochondrie haßt und die Heiterkeit des Gemüts liebt, der kaufe nur ›Magolin‹, den Wundertrank des Jahrhunderts. Selbst Hoffnungslose werden verlangend die Hände danach ausstrecken. Die glänzendsten Anerkennungsschreiben! usw. usw.«

Diesmal steckte ein »Versandhaus für natürliche Heilpflege« dahinter, das Gläser erfunden hatte, um einen größeren, Eindruck zu machen, ohne aufs neue mit seinem Namen hervorrücken zu müssen. Schon nach vier Wochen war der Bedarf dieses Massenartikels ein so gewaltiger, daß man bis in die Nacht hinein arbeiten mußte, um alle Bestellungen zu bewältigen. Gläser rieb sich vergnügt die Hände und sagte lachend zu Dähne, der aus seinem Laboratorium eine kleine Destillieranstalt gemacht hatte, ohne jedoch seine Trinkgelüste an diesem teeartigen Getränk befriedigen zu können: »Sehen Sie, Doktor, ich habe es immer gesagt: jeder dritte Mensch ist magenleidend … Hier, stecken Sie sich mal die Echte an … von nächster Woche ab werden Sie Meister, denn ohne Gehilfe geht's nicht mehr … Übrigens alle Hochachtung vor Ihnen, Herr Geheimkünstler. Diesmal scheinen Sie keinen Mumpitz gemacht zu haben. Die Dankschreiben mehren sich von Tag zu Tag. Da schreibt mir soeben eine Alte, sie fühle sich schon nach dem Gebrauch der ersten Flasche gesünder und könne wieder mit Appetit essen. Schließlich hilft's wirklich! Können Sie mir das Rezept nicht sagen?«

Dähne schüttelte mit dem Kopf, denn auf diesen neuen Handel war er nur eingegangen unter der Bedingung, daß er das Rezept für sich behalten dürfe. Gläser wollte zwar zuerst davon nichts wissen, sah aber dann das Geschäft winken und gab nach, weil sein Siegesgestirn doch bald einen andern Lauf nehmen sollte. Eine Weile schwieg der Apotheker, dann erwiderte er fast sanft: »Der Himmel lasse die brave Alte bald wieder gesund werden. Ja, Sie haben ganz recht, Herr Gläser – es ist wirklich kein Mumpitz.«

»Was, das sagen Sie jetzt erst?« schrie Gläser ihn an. »Wenn's wirklich hilft, dann hätten wir ja noch mal soviel für die Flasche nehmen können. Das ist ja unerhört von Ihnen! Sie nehmen ja mein Interesse nett wahr.«

»Ich werde doch mein Gewissen nicht belasten«, fuhr Dähne fort.

Gläser, der sich dadurch betroffen fühlte, schrie aufs neue: »Wie, was? Sie werden doch nicht etwa mich –? Und Ihr Haarbalsam, he? Spielen Sie sich doch nicht auf!«

»Mein Balsam ist durchaus kein schlechtes Mittel«, gab der Alte zurück, nicht mehr erschreckt durch diesen Angriff, der ihm schon bekannt war. »Sie haben es ja gehört, mein großer Gönner, daß die Haare danach gewachsen sind.«

»Ja, aber nicht auf kahlen Platten«, brüllte Gläser jetzt förmlich. »Und die Kahlköpfe wollten wir gerade fangen. Die sind aber alle 'reingefallen, einige haben mir schönen Ärger bereitet. Sie wissen doch, der baumlange Kerl, der hier war und alles kurz und klein schlagen wollte! Das Geld für die drei Flaschen habe ich ihm zurückgeben müssen, was sagen Sie dazu, he?«

»Nichts, nichts, mein hoher Gönner, nichts sage ich dazu.«

Wenn er nüchtern war, zeigte er keine Spur jenes Redeschwunges, der im Rausche künstliche Begeisterung in ihm entfachte und ihn zur theatralischen Pose verführte. Wie seine körperliche Haltung jetzt träge war, so floß auch sein Sprechen schwerfällig, wie ein langsam rieselnder Bach dahin, und sein ganzes Wesen war gedrückt, gleichsam zusammengeklappt wie ein Taschenmesser, dessen gefährliche Spitze ruhte. Und so gingen seine hervorquellenden Augen fast blöde und vorwurfsvoll auf den Gebieter, während er fortfuhr: »Kahlköpfe heilen? Habe ich das vielleicht behauptet? Das hat doch das Geschäft besorgt.«

Diese sachliche Behandlung bei einem Zusammenstoß ärgerte Gläser stets am meisten; denn das hörte sich immer so an, als wollte der große Braumeister zu ihm sagen: »Eigentlich bist du ja der Spitzbube, aber nimm es nicht übel, wenn ich dich nicht nenne.« Und so brauste er abermals auf: »Wie meinen Sie denn das?«

»Durchaus nicht böse, nicht böse, mein verehrter Gönner«, sprach Dähne sorglos weiter, innerlich von Genugtuung erfüllt, ihm diesen kleinen Hieb versetzt zu haben. »Aber sehen Sie … Ja, richtig! das wollte ich sagen: ›Magolin‹ ist kein Wundertrank, aber ein Überzeugungstrank. Und die Überzeugung habe ich hineingemischt, das Wunder dagegen stammt vom Geschäft. Heilkräftige Kräuter können jedenfalls nicht schaden, wenn sie auch nicht immer helfen. Ich kenne den Organismus der betreffenden Kunden nicht, und deshalb, sehen Sie, deshalb habe ich eine Likörmedizin zusammengestellt, dessen Rezept jedem Spezialisten für Magenleidende zur Ehre gereichen würde. Und daher hilft sie auch vielen, denn ›des blinden Zufalls Sprache ist's, die nach dem Glauben schreit‹. Stammt von mir, dieses Zitat. Sie haben mich zwar bis jetzt täglich mit dem königlichen Honorar von einem Taler abgefunden, aber diesen Glauben an einen Zufall, den ich in meine Medikamente hineinmische, – den, Verehrter, haben Sie mir bis jetzt noch nicht bezahlt. Firnis coronat opodeldok, wie die Spreelateiner sagen. Sie wissen's ja.«

Gläser witterte eine Anspielung auf höhern Tageslohn, und so schraubte er die gemachte Empörung sofort zurück und versuchte, alles in ein komisches Fahrwasser zu leiten. »Ach, Sie sind ein gelehrter Kakadu, der immer dasselbe spricht«, sagte er und ließ die Tür wieder wenig anständig ins Schloß schnappen.

»Zu dienen, mein hoher Gönner«, sagte Dähne und machte die übliche Verbeugung hinter ihm her.

»Magolin« wurde das Hauptwort des Tages, das schon um deswegen so oft genannt wurde, weil es sich so schön aussprach. Wo man hinsah, las man es: an den Litfaßsäulen, auf großen Plakaten bei den Drogisten und in den Schaufenstern sonstiger Händler; in jeder Zeitung, in jedem Winkelblättchen und an den Wänden der Kneipen und Konditoreien. In jeder dritten Kolonialwarenhandlung war der berühmte Kräuterlikör schließlich zu finden, auf dessen große Eigenschaften lärmend hingewiesen wurde. Den ganzen Tag über liefen die Angestellten Gläsers herum, um Nachfrage nach dem Wundermittel zu halten, und er selbst ließ es sich nicht nehmen, als eleganter Käufer würdevoll einen Laden zu betreten und die Frage zu stellen: »Haben Sie ›Magolin‹ Nein? Ich gebrauche drei Flaschen. Es wird doch von allen Ärzten empfohlen! Sie wollen es besorgen? Tut mir leid! Vielleicht hat's Ihr Konkurrent drüben.« Und er ging ebenso stolz hinaus, in das benachbarte Geschäft, in dem sein Plakat hing, wie er wußte, wo er aber für zehn Pfennig Schokolade kaufte. Nach einigen Tagen lachte er sich eins, denn der »Rückständige« hatte das Versäumnis nachgeholt.

So wurde ganz Berlin nach einem bestimmten Plane bearbeitet, und immer neue Tricks tauchten auf, um das Interesse an dem Heiltrank rege zu halten. Ganz besondere Mittel wurden erfunden, damit das große Wort im Gedächtnis haften bleibe. In den meisten Lokalen fand man billige Steingutaschbecher, die den Wirten gratis geliefert wurden, nur damit die darauf gedruckte Ankündigung den Gästen zur Gewohnheit würde. Gläser war der erste, der sich rühmen durfte, die Kehrseite der Omnibus- und Pferdebahnbilletts zu Reklamezwecken ausgenutzt zu haben. Worauf man auch den Blick richtete, überall las man dasselbe: »Magolin … Magolin … Magolin …!« Vom Morgen bis zum Abend. Das Wort verfolgte die Menschen bis in den Schlaf; es prangte förmlich auf jedem Fetzen Papier, und wer zuerst darüber gelacht hatte, wer vom Zweifel an der Möglichkeit erfaßt worden war, daß er sich jemals näher mit diesem Mittel beschäftigen könnte, pries eines Tages ganz ernst die Heilkraft des Wundertrankes an, wenn es auch nur vom Hörensagen geschah. Und als gar in dem Coupletvers einer zugkräftigen Berliner Posse »Magolin« als Reim wiederkehrte, hatte das Wort die höchste Volkstümlichkeit erreicht.

Das Geschäft ging so großartig, daß auch die obere Etage in dem alten Hause in der Blumenstraße zu Kontorzwecken hinzugenommen werden mußte, und daß man sich gezwungen sah, in der Nähe einen riesigen Lagerraum zu mieten, in dem ein halbes Dutzend Packleute von früh bis spät tätig war. Zwanzig Menschen rührten die Hände, um als Stab des Chefs die Ansprüche an das Versandhaus zu bewältigen. Auch Dähnes Laboratorium war erweitert worden. Mit zwei Handlangern konnte er nun wirtschaften, sorgsam darauf bedacht, daß man ihm das Geheimnis der Mischung nicht absähe. Die Kräuter präparierte er selbst, den Trank setzte er mit eigener Hand an; er kochte, mischte und filtrierte, und nur die Füllungen durften von den Gehilfen unter seiner Aufsicht vorgenommen werden. Er war darin so eigensinnig, daß er jedesmal seine Arbeit unterbrach, sobald Gläser bei ihm auftauchte, und daß es ihm gar nicht darauf ankam, zu Unwahrheiten zu greifen, wenn sein Gebieter herumzuschnüffeln begann, um ihm von seiner Destillierkunst etwas abzusehen. Gläser kannte zwar die Zutaten, aber einen gewissen Extrakt nicht, den Dähne jeder Flasche noch tropfenweise beimischte und den er hinter verschlossener Tür bereitete.

Dann half kein Klopfen, Dähne war taub; und so viel der »hohe Gönner« auch ermahnte und lockte, es klangen immer dieselben Worte heraus: »Gleich, Herr Chef, ich stehe sofort zu Diensten. Sie wissen, es gelingt mir nicht, wenn mir andere auf die Finger sehen.« Und sobald Gläser aufs neue forschen wollte, gab Dähne seine stehende Redensart zurück. »Ja, sehen sie, mein verehrter Gönner, einen Gemütstropfen muß jeder Mensch für sich behalten, und das tu' ich auch. Dieser Tropfen Zusatz macht's eben, was wäre sonst das ganze Magolin! Es gibt Hoffmannstropfen und Hoff
nungstropfen, und ich habe eben den Hoff
nungstropfen erfunden … Übrigens – ich erlaubte mir schon mehrmals darauf hinzuweisen – kaufen Sie mir doch das Rezept ab. Für zwanzigtausend Mark haben Sie's.«

Als zuerst dieser Vorschlag gefallen war, hatte Gläser den Apotheker für verrückt erklärt; dann aber war er mit der Ausrede gekommen, daß er nur im Interesse Dähnes auf diesen Vorschlag nicht eingehe, da er befürchte, die zwanzigtausend Mark würden andauernd in Alkohol angelegt werden, so daß weder er noch sein Braumeister, sondern nur die Kneipiers den Vorteil davon hätten. Und merkwürdigerweise fand das Dähne sehr richtig, wenn er die Zustimmung auch nur durch Schweigen ausdrückte.

Stets mußte er an einen bestimmten Vorgang denken, der als Beweis für seine unausrottbare Schwäche dienen konnte. Da er sich schon seit langer Zeit nicht mehr des Besitzes einer Uhr erfreute, so hatte ihm Gläser eines Tages eine ziemlich wertvolle als außerordentliche Anerkennung seiner Tätigkeit geschenkt, was zur Folge hatte, daß sich Apotheker Dähne drei Tage lang nicht sehen ließ. Ein Angestellter des Geschäfts suchte ihn vergeblich in sämtlichen Budiken seines Viertels, bis er ihn endlich im »Gasthof zur Heimat« entdeckte, wo er in der alten Sofaecke saß, um den Riesenrausch auszuschlafen. Das goldene Geschenk war von ihm bei irgendeinem Gastwirt »lombardiert« worden, und so hatten ihn Krösusgelüste gepackt und mit dem letzten Rest zu Mutter Meckert geführt, wo er über seinem Selbstgespräch alle Munterkeit verloren hatte.

Seit dieser Zeit war die Uhr seiner Angabe nach zur Reparatur gegeben, ohne aber jemals wieder in seine Tasche zurückzukehren. Fast ängstlich vermied er es, das Gespräch darauf zu bringen, trotzdem Gläser es an den nötigen Anzapfungen nicht fehlen ließ, indem er wie ein Großmogul auf seine schwere »Goldene« blickte und dabei anscheinend harmlos fragte: »Wie spät haben wir's denn, Doktor?« Dähne räusperte sich dann jedesmal und überhörte die Frage verständnisinnig.

Und so kam es denn, daß er bei derartigen Gelegenheiten das Spottgelächter Gläsers mit der Geducktheit eines Haushundes ertrug, der zwar heimlich die Zähne fletscht, aber geduldig die verdienten Hiebe hinnimmt.

Eines Tages, im Frühjahr, nachdem während des Winters das »Versandhaus« einen Riesengewinn abgeworfen hatte, trat Gläser mit sehr wichtiger Miene zu der künftigen Schwiegermutter ins Zimmer. Man hatte die Hochzeit für Anfang April festgesetzt, und schon seit zwei Wochen waren Braut und Bräutigam auf der Wohnungssuche, ohne daß der letztere eine bestimmte Wahl hätte treffen können.

Gläser hatte sich allmählich zu einem Talmi-Stutzer herangebildet, wie sie an der Börse dutzendweise herumlaufen. Er trug die feinste Wäsche, die teuersten Anzüge, ging nur noch in Lackstiefeln und Zylinderhut, wechselte jeden Tag die Krawatte und hatte sich ein Stückchen Backenbart nach englischer Art bis zur Mitte der Wange scheren lassen, was ihm das Aussehen eines Pferde-Lords gab. Merkwürdigerweise haßte er Geschmeide bei einem Manne, und so verschmähte er jeden auffallenden Fingerschmuck, wozu ihn auch schon die feine Eingebung leitete, daß dann seine großen, unschönen Hände, deren Röte er noch immer nicht ganz überwunden hatte, um so aufdringlicher wirken könnten. Dafür war er in anderer Beziehung mit Klothildes Eitelkeit auf dem gleichen Wege geblieben. Wenn er jetzt sein blaugerändertes Seidentuch aus der Tasche zog, dann verbreitete sich starker Resedaduft um ihn, in den drei Salonlöwen sich hätten teilen können. Klothilde vergnügte sich zwar anfangs über diese Entpuppung des girrenden Schwärmers, schließlich aber gefiel ihr diese Herausmusterung ebenso wie die Sucht, den Schneidigen zu spielen. Sie hatten ihre Besuche machen müssen, bei welcher Gelegenheit Gläser seinen Witz zeigte, der eigentlich mehr einer Art Verschlagenheit entsprang, als daß er von Geist zeugte. Der Besitz hatte ihn dreist gemacht, ihm jenes großspurige Auftreten gegeben, das mehr verblüfft als einnimmt. Er konnte über alles reden, ohne zwar in die Tiefe zu dringen, das genügte aber vollkommen, um ihn »passabel« zu finden. Das übrige tat seine gewichtige soziale Stellung, denn er wurde nur als Börsenmann vorgestellt, der demnächst mit einer großen Gründung an die Öffentlichkeit treten werde. Klothilde hatte alle diese Dinge unter der Hand bereits so sehr verbreitet, daß ihm eigentlich nur noch übrig blieb, sich wie ein reiches Wundertier anstarren zu lassen.

Und als sie schließlich überall hörte, wie man sie um diesen »glücklichen Griff« beneidete, ertappte sie sich plötzlich bei dem Gedanken, eigentlich ein richtiges Schaf gewesen zu sein, diesen Mann bisher für einen »Grässel« gehalten zu haben. Was doch Geld und Lebensstellung alles machten! Sie sah nur immer die abstehenden Ohren Gläsers, den großen Mund, die zurückweichende Stirn, dieses ganze merkwürdige Profil, das auf dem langen Hals hin und her wippte und ewig etwas Fangendes hatte, etwas auf Raub Ausgehendes – die andern jedoch sahen den ganzen Kerl, den noblen Fuchs, der ihr sicher die kostbarsten Trauben in den Schoß legen würde. Selbst Agnes Herbst, die Boshaft-Geschwätzige, verstieg sich zu dem Geständnis: »Du, ich glaube, ich hätte mich auch an ihn gewöhnt. Er hat dich merkwürdig klein gekriegt, jetzt schon!« Klothilde lächelte darüber in ihrer Art und schwieg sich aus. Sie wollte abwarten, wie alle aufgeklärten Mädchen, die in die Ehe treten.

»So, nun bin ich so weit«, begann Gläser ohne weiteres. »Sie erinnern sich wohl noch, Frau Direktor, was ich vor einem Jahre sagte. Sehen Sie, hier sind die hunderttausend Mark, solide festgelegt als eiserner Bestand.« Und er zeigte ihr ein dünnes Buch mit der Aufschrift »Depositen-Konto«, das die Firma einer großen Bank trug, und ließ sie einen Einblick darin tun. Und während er sich an ihrer Verblüffung weidete, fuhr er mit großer Pomadigkeit fort: »Sehen Sie, der Mensch kann alles, wenn er nur will. Da jammern die immer, daß sie nicht fortkämen, aber das ist ja alles Unsinn. Am Kampf mit den Verhältnissen gehen die meisten zugrunde. Aber stärker als diese dunklen Mächte zu sein – das ist die Kunst! Was meinen Sie wohl, was für Arbeit in dieser Zahl steckt, was für ehrliche Arbeit! Ganze Nächte habe ich gesessen und gebrütet. Nun, wie stehe ich jetzt vor Ihnen? Großartig, was?«

Frau Teichert war angenehm überrascht, denn trotzdem sie niemals an seinem Unternehmungsgeist gezweifelt hatte, war doch hin und wieder der Wunsch in ihr rege geworden, etwas Bestimmtes über die Vermögenslage des Schwiegersohnes zu erfahren. Und nun hatte sie alles schwarz auf weiß in Händen.

»Sie verdienen alle Bewunderung, das muß ich sagen«, erwiderte sie und reichte ihm die Hand, wobei sie ihre innersten Gedanken unterdrückte; denn es war ihr klar, daß er diese große Summe nur auf jenen erlaubten Umwegen verdient haben könne, wo man fünf gerade sein läßt und sich stets daran erinnert, daß Geld nicht rieche. Aber was kümmert sie das! Die Welt fragte nicht viel nach dem krummen Wege, sondern lobte immer nur das erreichte Ziel. Und nichts konnte sie davon abhalten, es ebenso zu tun. »Run seien Sie auch hübsch vorsichtig, lieber Richard, und halten Sie das Kapital fest«, fuhr sie fort. »Lassen Sie sich nicht verführen, es in faulen Papieren anzulegen, ich könnte Ihnen ein Liedchen davon singen.«

Sie hatte sich rasch ihre Rechnung gemacht. Wenn er den Direktorposten bei seiner neuen Gründung bekäme, so könnte er unter Hinzurechnung des Zinsgenusses mit Klothilde ein schönes Dasein führen, wobei für sie als Schwiegermutter dann das Nötige abfallen würde.

Gläser lachte verschmitzt, wie jemand, der sich immer über gewisse Dinge amüsiert, woran andere gar nicht denken. Er würde sich schön gehütet haben, mit diesen lumpigen hunderttausend Mark in die Ehe zu springen. Während des letzten halben Jahres hatte er tapfer an der Börse spekuliert und an St.-Gotthardtbahn-Aktien in einem Monat bare hundertzwanzigtausend Mark verdient, die er als bewegliches Kapital fortwährend rollen ließ. Das Glück klebte ihm an, wie der Schmutz dem Schweine, und es war ein verkehrter Ausgleich der Natur, der diesem Manne mit den niederen Instinkten alles das spielend in den Schoß warf, wonach andere edle und reine Menschen mit vergeblichem Verlangen die Hände ausstreckten.

»Nur keine Angst, Frau Direktor, Sie hören ja, es ist ein eiserner Bestand«, warf er dann ein. »Aber nun müssen wir auch einmal vernünftig reden. Es trifft sich gut, daß Thilde gerade nicht hier ist.«

Und während sie klopfenden Herzens dasaß und kaum zu atmen wagte, setzte er ihr unverfroren auseinander, daß er gerade einen kleinen »Coup« vorhabe, zu dem ihm noch zwanzigtausend Mark fehlten; er hoffe, daß sie ihm das Geld vorstrecken werde als eine kleine Abschlagszahlung auf die Mitgift. Für den Zinsverlust bis zum Tage der Hochzeit wolle er sie gerne doppelt schadlos halten.

Frau Teichert war starr. »Mitgift, Mitgift? … Aber lieber Herr Richard, wir sprachen doch eingehend darüber – damals! Sie sagten doch, Sie würden auf alles verzichten und nur Klothilde um ihrer selbst willen nehmen.« Die Hände in den Schoß gelegt, saß sie blaß vor ihm, mit dem bangen Gefühle einer Mutter, die auch das Ende mit dem Vierten vor Augen hat – mit diesem gerade, den man mit förmlichen Siegesfanfaren in der ganzen Bekanntschaft herumgeschleppt hatte, weil man sicher war, ihn völlig fest zu haben.

Gläser spielte den Vergeßlichen. »So, sollte ich das wirklich gesagt haben?«

»Ich kann es beschwören, so wahr ich hier vor Ihnen sitze.« Während sie überlegte, ob sie sich ihm ganz offenbaren sollte, schwirrten fortwährend Zahlen durch ihren Kopf. Wenn sie ihm die gewünschte Summe geben würde, so bliebe ihr nur noch gerade so viel übrig, daß sie bis zum Wohnungswechsel im Oktober die Haushaltungskosten bestreiten konnte. Es war längst ausgemacht, daß sie dann zu dem jungen Ehepaar übersiedeln sollte, um bei ihm ihre Lebenstage zu beschließen. Und nun wurde ihr diese Rechnung gründlich durchstrichen in einer Weise, die sie niemals erwartet hatte. Vielleicht erweiterte er sogar noch seine Ansprüche und verlangte auch den Ankauf der Möbel! Heimlich hatte sie auch schon daran gedacht und für alle Fälle die Summe bereit gehalten, um alles glatt vonstatten gehen zu lassen. Aber wie sollte sie es anstellen, um sich auch über diese Sorge hinwegzusetzen, wenn sie jetzt das Opfer auf andere Art brächte? Fassungslos rang sie nach Worten, nach einer Ausflucht, die die Brücke zu einem Verständnis hätte schlagen können.

Gläser kam ihr mit einem großen Sprung entgegen. Längst hatte er Erkundigungen über ihre Verhältnisse eingezogen, und so betrachtete er sie lauernd wie eine Spinne, die das Opfer bereits verstrickt hat. Er liebte Klothilde mit der alten Glut, und niemals hätte er sie aufgegeben, aber der Ärger bohrte in ihm, daß Mutter und Tochter immer so taten, als müßte er es sich zur außerordentlichen Ehre rechnen, in ihre Familie aufgenommen zu werden. Überdies war sein persönliches Selbstgefühl gewachsen, und so hatte er sich in den Kopf gesetzt, nicht bloß als Mann zu gelten, den man ausnutzen könne.

»Ich will zugeben, daß ich damals so überschwenglich war,« sagte er wieder, »aber man spricht manchmal etwas, was man nicht überlegt hat. Mittlerweile bin ich zu einer anderen Ansicht gekommen.«

»Aber hätte es nicht bis zum Tage der Hochzeit Zeit?« warf Frau Teichert rasch gefaßt ein, da sie jedes Zerwürfnis mit ihm vermeiden wollte.

Dieser Widerstand machte ihn erregt. »Bis zur Hochzeit?« schrie er jetzt förmlich. »Warum denn bis zur Hochzeit? Sie werden mich doch nicht glauben machen wollen, daß Sie die reiche Dame sind, wofür man Sie allgemein hält? Schon lange weiß ich Bescheid. Nein, meine verehrte Frau Direktor, das dürfen Sie mir nicht mehr einreden! Gewiß, ich schätze Sie außerordentlich, ich werde Ihre Tochter auf Händen tragen und Sie sollen es gut bei mir haben, aber Wahrheit, wissen Sie, muß zwischen uns sein. Endlich! Und ich will nach wie vor gern auf alles verzichten, wenn Sie mir jetzt offen erklären, daß ich eigentlich Ihr zukünftiger wirtschaftlicher Retter bin. Sie wissen, ich bin ein eigentümlicher Mensch – mehr als einmal haben Sie mir das gesagt … Übrigens, hören Sie mal,« unterbrach er sich, »weshalb tragen Sie einen falschen Scheitel? Entschuldigen Sie meine Indiskretion, aber schon längst wollte ich einmal mit Ihnen darüber reden. Sie sind doch eine Frau, die sich sonst noch gut gehalten hat.«

Tödlich erschreckt zuckte sie zusammen, denn stets hatte sie dieses kleine Geheimnis sorgsam bewahrt. Dunkle Röte stieg in ihre zarten Wangen, während sie kaum wußte, wie sie diese Ungezogenheit aufnehmen sollte. Gläser jedoch ließ sie nicht aus den Augen, denn es bereitete ihm Galgenfreude, ihr diesen Stich versetzt zu haben. Jetzt hatte er sie fest, das wußte er, nach der Regel großer Menschenkenntnis, die die Gewalt immer demjenigen gab, der die Schwäche des andern kannte. Schon längst hatte er auf diesen Genuß gewartet, der ihm als Entschädigung dafür dienen sollte, daß man ihn hier zuerst wie einen komischen Gesellen aufgenommen hatte, dem man Milde und Verzeihung entgegenbringen müsse. Und er wollte über Mutter und Tochter hinauswachsen, wie er sich bis jetzt schon über die blöde Menge erhoben hatte, die ihm tributpflichtig geworden war. Mit Brutalität hatte er die Ellbogen gebraucht, und ebenso wollte er rücksichtslos weitergehen, ohne zarte Empfindungen zu schonen.

»Woher wissen Sie denn das?« stammelte sie endlich hervor, hilflos wie ein Kind.

»Ich weiß alles,« gab er mit großer Bestimmtheit zurück, »ich bin der Mann mit hundert Augen und hundert Ohren, der alles sieht und alles hört.«

»Fast könnte ich Furcht vor Ihnen haben«, warf sie kleinlaut ein und empfand die Macht, die er plötzlich über sie hatte.

Gläser lachte wieder und zog das Fläschchen mit Haarbalsam hervor, das er schon längst für sie bestimmt hatte und das er nicht umsonst heute bei sich trug. Durchaus ernst redete er ihr ein, daß sie damit nach andauernder Einreibung ihren natürlichen Scheitel wiederbekommen werde; er bäte sich nur aus, daß sie ihm hin und wieder Mitteilung von dem Erfolg mache; Klothilde brauche ja nichts davon zu wissen; er wolle gewiß nicht darüber sprechen. Und Frau Teichert, beglückt durch diese Aufmerksamkeit, verzieh ihm rasch all seine Zudringlichkeit, denn im Augenblick beherrschte sie nur noch die Aussicht, ihre Eitelkeit befriedigen zu können.

»Ich danke Ihnen aufrichtig für diesen guten Rat«, sagte sie freundlich und drückte ihm die Hand. »Du lieber Himmel, wir haben alle unsere kleinen Schwächen, und wenn Sie meinen –. Ich sehe doch, daß Sie viel für mich übrig haben, wenn ich auch manchmal Zweifel hegte … Im Grunde genommen haben Sie nicht so unrecht mit dem Wunsche nach völliger Offenheit zwischen uns. Sie sollten sehen, daß ich Vertrauen zu Ihnen habe.«

Und ohne noch weiter ein Wort zu sagen, ließ sie ihn ein Weilchen allein und kehrte gleich darauf mit einem Bündel Industriepapiere zurück, die sie sorgsam in einem Kasten ihres Schlafzimmers aufbewahrt hatte. »So,« sagte sie, »hier ist der Wert von zwanzigtausend Mark. Es wird Ihnen leicht sein, die Aktien zu verkaufen, denn sie stehen über hundert. Ich trenne mich zwar ungern davon, aber was ich für Sie tue, tu' ich auch für meine Tochter. Eigentlich freut's mich, daß Sie so fest sind und sich auf Ihr Konto kein Geld verschaffen wollen.«

Rasch hatte sie inzwischen alles überlegt. Hätte sie sich geweigert, seinen Wunsch zu erfüllen, so würde er sicher der Meinung gewesen sein, es sei gar nichts von ihr zu erlangen; so aber durfte er annehmen, daß es nicht ganz schlecht um sie stehe. Sie wollte Klothilde alles sagen, und es war dann deren Sache, ihm gänzlich reinen Wein einzuschenken. Unter Liebenden machte sich so etwas immer besser, denn das Herz sprach mit und nicht nur der Verstand.

Ohne Aufforderung setzte sich Gläser an den Schreibtisch und schrieb eine Quittung, die sie wie etwas Überflüssiges nahm. Dann küßte er sie auf die Stirn und ging mit dem Versprechen, am Abend wiederkommen zu wollen, um die Braut zu begrüßen.

Von Genugtuung erfüllt, schritt er durch die Straßen, denn er hatte seinen Willen durchgesetzt.

11.

Die Hochzeit war vorüber. Man hatte sie in einem Hotel gefeiert und nur etwa zwanzig Personen dazu geladen, da Gläser erklärte, so wenig Menschen als möglich um sich sehen zu wollen. Außer Familie Herbst und anderen näheren Freunden der Familie waren vor allem zwei Schwestern der Schwiegermutter erschienen, alte, verschrumpelte Jungfern, die aus der Provinz herbeigeeilt waren, um das endliche Glück ihrer einzigen Nichte doch noch sehen zu können und um gleichzeitig die Gelegenheit zu benutzen, sich acht Tage lang bei der Direktorin festzusetzen und Berliner Luft zu atmen.

Gläser hatte zuerst die Absicht gehabt, auch Mutter und Schwester kommen zu lassen, dann aber war er um dieses Pflichtgefühl mit der Ausrede herumgegangen, daß die Alte daheim krank sei und die blinde Schwester sowieso keinen Reiz an dem Fest finden würde. In Wahrheit befürchtete er, die Mutter könnte aus der Rolle fallen und von seinem Verhältnis zu Anna Schiman erzählen, über die er ihr längst allerlei vorgelogen hatte, um die Abschüttelung erklärlich zu machen. Inzwischen hatte er reichlich Unterstützungen nach Hause geschickt, so daß er in Ruhe fern von ihnen den großen Mann spielen konnte. Die Hauptsache für ihn blieb, daß weder die Schwiegertochter nach Klothilde viel nach ihnen fragte, was er auch erklärlich fand, denn schließlich war er die Person, um die sich alles drehte.

Man hatte sich eine Wohnung am Lützowufer gemietet, eine ganze Etage, die von Gläser luxuriös auf eigene Kosten eingerichtet war, ohne Frau Teichert in Anspruch zu nehmen, die ebenso wie er in Wonne schwamm; denn noch am Hochzeitstage, als er die Braut abholte, hatte er Klothilde in Gegenwart der Alten außer einem prächtigen Brillant-Kollier die zwanzigtausend Mark in Aktien zum Geschenk gemacht, so wie er sie von der Mutter erhalten hatte, mit den glücktrunkenen Worten: »
Dich wollte ich haben, dich! Fesseln wollte ich dich dadurch, denn nun kann ich dir's ja sagen: ich glaubte immer noch, du könntest mich von dir stoßen. Und ich liebe dich doch so wahnsinnig, so wahnsinnig!«

Unschuldsvoll stand sie in dem Brautkleid vor ihm, und doch so herrlich, so blendend schön! Eine Juno mit dem vollen Reiz des einfältig-tuenden Mädchens, das in weiß um zehn Jahre jünger erscheint. Und sie verzieh ihm alles, nickte nur, lächelte sich im Spiegel an und dachte dabei: »Was wird Oskar sagen, wenn er mich so sieht?«

Von einer Hochzeitsreise hatte man Abstand genommen, weil Gläser vorgab, von den Geschäften nicht loskommen zu können. Wohin sollte man auch bei dem häßlichen Aprilwetter, wenn der Süden nicht reizte? Aber er hatte keinen Sinn dafür, in die Ferne zu schweifen, wo ihm fortwährend große Dinge im Kopf lagen. Und merkwürdigerweise war Klothilde ohne weiteres damit einverstanden, trotzdem es ihrer Meinung nach ganz gegen den guten Ton verstieß, in Berlin die Flitterwochen zu verleben. Flitterwochen! Sie hätte lachen mögen bei dem Gedanken an versunkene Ideale. Was hatte sie alles geträumt von einer Taumelreise durch Italien, an die Riviera, nach Nizza und nach Monte Carlo, und wie oft schon war dieser Traum zerstoben! Und würde es nicht ein zweifelhafter Genuß sein, mit diesem Menschen, der nur Zahlen im Kopfe hatte, das Sonnenland zu durcheilen? Nein, dann lieber schon die junge Ehe in Berlin durchkosten, wenn es schon einmal sein mußte! Eine Art Verzichtleistung auf alle Schönheiten dieser Welt war in ihr Herz gezogen; sie kam sich wie eine Blinde vor, die sich ruhig umherführen läßt, mit heißen Sinnen in dunkler Nacht.

Drei Tage nach der Hochzeit ließ sie sich bei der Mutter sehen.

»Nun, wie geht's dir, mein liebes Kind?« fragte Frau Teichert und blickte sie liebevoll an.

»Ich danke, ganz gut«, klang es ohne Aufregung zurück. »Er frißt mich auf vor Liebe. Wenn also eines Tages von mir nichts mehr übrig sein sollte, wundere dich nicht.«

»Dann sei zufrieden, mein Kind.«

»Bin ich ja auch, Mama.« Sie zwang sich zu einem lustigen Lachen, das aber schrill durch das Zimmer schallte.

Und als Frau Teichert ihre Tochter so sitzen sah, wie ihr umflorter Blick all die bekannten Dinge um sie herum fast neugierig musterte, als wären sie ihr längst aus dem Gedächtnis gekommen, erriet sie den Seelenzustand Klothildes, ohne daß sie aber wagte, etwas zu äußern. So war es immer bei jungen Frauen: sie mußten erst das große Ereignis ihres Lebens in sich verarbeiten, ehe man wieder vernünftig mit ihnen reden konnte.

Und Klothilde erfaßte das neue Dasein bald mit Vernunft, denn ihr Mann verschönte es ihr nach Kräften. Sie trug die teuersten Kleider, hatte außer Köchin und Hausmädchen ihre Zofe und brauchte nur die leisesten Andeutungen zu machen, um sein klingendes Entgegenkommen zu finden. Bei den Lieferanten hatte sie ein offenes Konto, das sie verschwenderisch auszunutzen begann, denn allmählich dünkte es ihr herrlich, nun die große Dame zu spielen und ohne Zaudern wirtschaften zu können.

»Hast du für heute noch besondere Wünsche?« fragte er an jedem Vormittag, bevor er sich von ihr trennte, um an die Börse zu gehen, wie er sagte. Eigentlich fuhr er aber zuerst in das »Versandhaus«, wovon sie immer noch keine Ahnung hatte. Dort war von ihm die strenge Anordnung getroffen worden, ihn in seiner Privatwohnung nie mit Geschäften zu belästigen. Einige Zeit ging die Sache ruhig fort, dann aber lag ihm das Magolin so gründlich im Magen, daß er schwach davon wurde. Ein besonderer Vorfall gab die Veranlassung dazu.

Apotheker Dähne hatte sich wieder einmal einige Tage nicht sehen lassen, war dann aber unerwartet des Abends in respektwidrigem Zustande im Kontor erschienen, um alles zu entladen, was sich während zweier Jahre in ihm aufgespeichert hatte. Es schien, als hätte er sich extra Mut dazu getrunken, um gründliche Abrechnung zu halten. Zum Glück war Gläser anwesend, und da man kurz vor Geschäftsschluß stand, konnte er das Personal rasch nach Hause schicken und die wilden Ausbrüche einer gekränkten Seele allein entgegennehmen.

»Mein Jungchen, ich hab' dir was Schönes zu sagen«, legte der Apotheker in seinem alten Gasthofston los, der unangenehme Erinnerungen in Gläser erweckte. »Mein Jungchen, das kann nicht mehr so weiter gehen. Sieh mal: wenn der Glaube aufhören soll, muß das Wissen anfangen. Und ich stehe hier als Wissender vor dir. Verstehst du, mein Jungchen, mein Gönner? Hat sich übrigens was mit dem Gönner! Du bist mir schon der rechte! Schmierst den Leuten meinen Honig um den Mund und füllst dir die Taschen damit, während du mir den Obulus zuwirfst wie einem Handwerksburschen auf der Heerstraße des Lebens. Ja, mein Jungchen, so ist's! Du trinkst Sekt, und ich muß mich in Schneeluft ertränken, die noch dünner ist als dein dreimal destilliertes Magolin, womit du den Leuten die letzte Magensäure herauspumpst … Komm', setz' dir deinen Wichstopf auf und laß uns zu unserer alten Herbergsmutter fahren, auf das wir schlampampen und uns köstliche Stunden ins Gedächtnis zurückrufen. Allwo du nach Berlin gekommen bist mit einer Hose, einem Hemde und einer Braut! Sie läßt dich übrigens grüßen, die Holde, die Gute! Ja, das läßt sie, mein Jungchen. Sie war dort, um zu erforschen, ob du schon ersoffen seist in diesem steinernen Meere, das du, Napoleon der Nullte, erobern wolltest. Und der andere, weißt du, dein Reisegenosse, war auch dort. Schöne Geschichten hab' ich da gehört, schöne Geschichten!«

Er taumelte vor dem Schreibtisch auf und ab, griff in die Luft und dann nach der Lehne eines Stuhles, auf den er sich schwer fallen ließ. Und während es ihm sauer aufstieß, fuhr er sich mit der großen Hand, die manschettenlos aus dem weiten Ärmel ragte, über das rote Gesicht. Dann stammelte er aufs neue: »Ein netter Gastfreund, du! Nicht einmal einen Stuhl bietest durch mir an. So tief bist du schon gesunken! Jeder tote Römer müßte sich deiner Feigheit schämen, Pfui über dich! der du von meinen Gnaden alles geworden bist … Komm', mach' alles wieder gut, den Arrak de Gorilla schenk' ich dir diesmal. Komm', Emil hat auch Sehnsucht nach dir. Ich glaube, wenn er sich so fortentwickelt … fort–entwickelt, dann wird er noch Mutter Meckerten heiraten. Der Bart wächst ihm schon, der Bart! Unser Balsamum magicum schwindelorum hat ihm geholfen. Denk' dir nur, mein Jungchen! Bei der Jugend hilft's noch, die hat guten Nährboden und da treibt's alleine.«

Er machte einen Fünffingerstrich durch das wüste Haar und schüttelte lachend das Haupt, das ihm wie müde auf der Brust lag. Aus der Rechten fiel der alte Kalabreser auf den Boden, zwischen die dürren Beine, zu deren Seiten der schäbige Sommerpaletot wie schlaffes Fahnentuch hing.

Dann fuhr er fort, wobei seine Stimme sich überschlug: »Du, weißt du noch? Das war eine schöne Zeit mit dem Balsamum kopficum schwindelorum! Jungchen, die fünf Mark kamen dir immer zustatten, und dreißig Pfennige kostete die ganze Sauce. Es war mein zehnmal verdünnter Extrakt, durchsickert mit zwei Tropfen Lavendelöl. Ja, siehst du, wenn nur die Nase etwas Angenehmes hat, dann duftet auch die Seele der Dummen mit. Vanitas vanitatum! … Wo wärst du wohl jetzt, wenn der Staatsanwalt dich analysierte und dir deinen Gönnerfirnis herunterrieb? He? Ich kann dir Unterricht im Sitzen geben. Siehst du, mein Jungchen, dort hinter den schwedischen Gardinen – dort kommen wir alle zur Einsicht, dort nehmen wir uns alles vor, was wir nicht mehr tun wollen, wenn wir wieder frei sind. Und dann tun wir's doch wieder, denn die Verführung winkt, die süße Verführung! Sie hat rosige Gewänder, und ihre weißen Arme umstricken uns, und ihr Atem hat alle Wohlgerüche Arabiens.« Seine Stimme sank, der Selbstpeiniger in ihm erwachte, der das alte Trauerspiel seines Lebens vortrug. »Siehst du, ich wollte auch gut bleiben, und nun bin ich doch wieder schlecht geworden. Denn ich helfe dir, die Menschen zu betrügen. Aber das tote Kind sitzt mir auf dem Nacken, und es sagt fortwährend ›hopp, hopp!‹, und so muß ich wie ein Elender durch die Welt laufen, bis daß ich hinter irgendeiner Hecke zusammenbreche.« Er schluchzte wie ein altes Weib, und sobald er wieder Luft geschnappt hatte, phantasierte er weiter und brachte all die Dinge aufs neue zum Vorschein, unter denen er im Trinkerwahn stets litt. Und dabei sprach er mit ausgebreiteten Armen immer zur Erde hinab, als fände er dort unten die Teilnahme, die andere ihm versagten. Unerschöpfliches schien er aus seinem Innern hervorzulangen, während er Ort und Zeit vergaß. Er hielt wieder die große Reinigung seiner Seele, zu der der Teufel Alkohol ihn trieb.

Gläser hatte ihn schwatzen lassen, ohne ihn nur einmal zu unterbrechen. Ruhig saß er auf seinem Sessel und schrieb mit sicherer Hand weiter, wie ein Mann, der ein unangenehmes Geräusch hört, an das er sich längst gewöhnt hat. Er kannte diese menschliche Mühle, die so lange ihr Lebenskorn mahlte, bis der Wind ausging und die Flügel traurig stille hielten. Unter seiner breiten Stirn jedoch tobten die Gedanken in ihren Fesseln. Er wußte zwar, daß ein Betrunkener sprach, aber die Stiche, die ihm versetzt wurden, kamen von der Waffe der Wahrheit, die der Rauschmut entblößte. Während er sich zum Schreiben zwang, horchte er auf jedes Wort, um durch Teilnahmslosigkeit alles aus dem Krakeeler herauszuholen. Dann wollte er aufspringen, ihn am Kragen packen und hinausbefördern, aber zum erstenmal seit langer Zeit war Feigheit über ihn gekommen.

Was wollte Anna Schiman im Gasthof, weshalb hörte er gerade jetzt wieder von ihr, wo er sie schon aus dem Gedächtnis bekommen hatte? Plötzlich bewegte ihn der Hinweis auf das tote Kind, wodurch seltsame Vorstellungen in ihm wach wurden. Seitdem er wußte, daß ihn Vaterfreuden erwarten würden, gab er sich oftmals stolzen Hoffnungen hin, in die nun eine häßliche Erinnerung hineinplatzte; denn er dachte an das fürchterliche Wort, das ihm die Verstoßene damals in Treptow zugerufen hatte: er werde eine bekommen, die ihm ein Ungeheuer zur Welt bringe, und die ihm alles heimzahlen werde, was er der andern angetan habe. So lächerlich er diesen Gedanken fand, so wenig vermochte er ihn abzuschütteln; und während er mit eiserner Beharrlichkeit weiterrechnete und Zahl neben Zahl setzte, drang große Unruhe auf ihn ein, so daß er endlich die Feder fortlegte. Er erhob sich, öffnete die Tür zu dem großen, dunklen Nebenraum und riß eins der Fenster dort auf, damit frische Luft hereindränge, denn Dähne hatte den Geruch niederer Kneipen mit sich geschleppt, der auch fortwährend von ihm ausströmte.

Man schrieb schon August. Vor drei Tagen erst war Klothilde mit ihrer Mutter aus Thüringen heimgekehrt, wo sich beide Frauen in einem stillen Kurort einige Wochen erholt hatten. Nur einmal war Gläser auf kürzere Zeit dort gewesen, denn sein neuer großer Plan, der die Gründung einer Bank betraf, hielt ihn immer wieder an Berlin gefesselt. Wenn alles erst gut abgelaufen wäre und er glücklicher Vater geworden sein würde, dann wollte er im nächsten Jahre alles nachholen und sich mit seiner Familie irgendwo festsetzen, wo das süße Nichtstun seine Fäden spann. Vielleicht winkte auch schon die Villa, der Sommersitz im großen Stil, worauf er Klothilde vertröstet hatte.

»Nun gehen Sie nach Hause und schlafen Sie sich gründlich aus, Doktor«, sagte er endlich, nachdem er es für das beste gehalten hatte, sich nicht in lange Auseinandersetzungen einzulassen. Aber ein fester Entschluß war in ihm gereift, den er schon in den nächsten Wochen zur Ausführung bringen wollte. »Gehen Sie, gehen Sie!« fuhr er begütigend fort und legte die Hand auf seine Schulter. »Morgen wissen Sie ja doch nicht mehr, was Sie gesagt haben.«

Dähne jedoch war darauf versessen, heute seinen ganzen Born auszuschütten. »Laß mich, laß mich!« rief er mit dem Eigensinn eines Betrunkenen, der ein behagliches Plätzchen gefunden hat. Seine weiche Auflösung war verflogen, der Stumpfsinn erhob sich zum Widerstand, denn dunkel ahnte er die Schwäche des andern. »Ich habe dich endlich geduckt, mein Jungchen, ich weiß es,« fuhr er fort, »du bist klein geworden wie der Schemel des Ungläubigen vor dem Throne Gottes. Laß mich, laß mich! Ich weiß, was ich will! Manus manum lavat. Du hast deine Hand gewaschen, wasch' mir jetzt auch meine! Ich habe dich groß gemacht, laß mich wenigstens bis zu deinem Bauchnabel wachsen. Sei friedlich, mein Jungchen, gib mir zehntausend Mark, hörst du? Und ich will zur Mumie werden, ehe ich die Stimme wider dich erhebe. Gib mir fünftausend, gib mir dreitausend, gib mir tausend! Hörst du? Du weißt, ich wohne bei einer treuen Aufwartefrau, die mich heiraten will. Und warum denn nicht? Du hast dir ja auch ein Weib genommen! Schon lange hat mir meine Schlafwirtin gesagt, daß du mir Spottgroschen gebest für meine Kunst. Sei gnädig, mein Gönner! So gib mir fünfhundert, gib mir hundert! Du sagst nichts, du willst nicht? Ja, weißt du nicht, daß ein ehrlicher Mann zu einem Spitzbuben spricht, ein Lateiner zu einem Klippschüler? Du rührst dich nicht? Soll ich auf die Straße gehen und der Menge laut dein Magolin als Schwindelfusel verkünden? Sei doch gnädig, du Kurpfuscher, du Gauner!«

Gläser war vor ihm auf und ab geschritten und überlegte, wie er ihn fortbringen könnte. Plötzlich aber, als alles Zureden nichts half und nun diese deutlichen Worte kamen, erfaßte ihn schäumende Wut, mit der er nicht mehr zurückhalten konnte. Rasch schloß er die Tür, trat auf ihn zu und ohrfeigte ihn rechts und links. Die Raserei eines Menschen sprach aus ihm, der sich erkannt fühlt, zugleich aber in der Einbildung lebt, seine Wohltaten schlecht belohnt zu sehen. Das Tier in ihm zeigte wieder die Krallen, die, einmal gekrümmt, nicht nach der Schwäche des Opfers fragen. Und bei jedem Klatschen rief er dazwischen: »Da hast du tausend … und nochmals tausend … und abermals tausend! Ich will dich lehren, Erpressungen machen, du Lump! Habe ich dir nicht dein tägliches Brot gegeben? Sparen hättest du können, Süffel, du! Kann ich vielleicht dafür, daß dich der Rinnstein immer wieder anzieht? Weil ich stets nüchtern geblieben bin, deshalb bin ich zu etwas gekommen, das ist mein großes Einmaleins, aus dem du hättest lernen können. Was willst du Schuft eigentlich? Bist du nicht Apotheker und hast du nicht die Rezepte gemacht? Ich lache zu allem, was du sagst, verstehst du? Nun geh' nach Hause und träume von deinem Staatsanwalt, ich pfeife auf ihn! Und wenn du morgen nüchtern bist, dann lies den Denkzettel, den ich dir gegeben habe! Vielleicht weißt du dann, woran du bist.«

Unbändig hatte er auf ihn losgeschlagen, immer mit neu entfachter Gier nach Kühlung seiner augenblicklichen Rache; und die Empfindung durchdrang ihn, er könnte so ruhig einen Menschen töten, der sich seinem Siegeszug entgegenwerfen würde. Endlich ließ er ab von ihm und riß die Tür zum Korridor auf, mit einer Bewegung, die alles Weitere verriet.

Dähne hatte die Schläge entgegengenommen wie ein Pudel, der keine Zähne mehr zum Beißen hat. Kraft- und saftlos saß er da, ohnmächtig, sich zu wehren. Betäubung schien ihn umnebelt zu haben, durch die erst langsam das Licht der Erkenntnis drang. Etwas Unverständliches murmelte er vor sich hin, bis er schwerfällig das Haupt hob und mit gewaltsam aufgerissenen Augen den Peiniger suchte. »So, so! Also zum Dank schlägst du mich noch«, sagte er, nun schon an der Grenze der Schläfrigkeit. »So taten es die Knechte mit dem Erlöser, und ich war dein Erlöser von allem Üblen, das dich umgab. Komm' her, komm' her und schlage ruhig weiter. Und so ich noch eine dritte Wange habe, – ich will sie dir still hinhalten. Komm'! Ich will nichts mehr haben von dir, denn ich bin reicher, als du. Nimm meine Haut und schneide dir Riemen daraus, damit du die ganze Menschheit erdrosselst. Ich will still halten, ganz still. Nicht um meine Seligkeit möchte ich du sein! du … du … du –! Denke an Anna Schiman!«

Er sprach nicht weiter, denn tiefer Schlaf war über ihn gekommen, plötzlich und unerwartet, als hätte eine unsichtbare Kraft sich ihm auf das Haupt gesenkt und ihn in Schlummer versetzt. Schwer und vernehmbar drangen die Atemzüge durchs Zimmer, in dem sonst alles still war. Regungslos stand Gläser an der Tür, die Hand noch immer auf der Klinke. Ein jäher Schreck durchfuhr ihn, und als er sah, wie der Denkerkopf mit geschlossenen Augen auf die Brust fiel und die Arme willenlos zu Boden gingen, glaubte er, Dähne sei tot. Draußen polterte jemand die Treppe herunter, während auf der Straße nach wie vor das abendliche Berlin vorübertobte und sein dumpfes Echo hereinsandte.

Endlich fühlte Gläser den Druck vom Herzen weichen, und so atmete er auf, als er fand, daß er sich getäuscht hatte. Aus dem Schlafenden wurde ein Schnarchender, an dessen Erwachen vorläufig nicht zu denken war. Gläser besann sich nicht lange. Er schritt über den Korridor, öffnete das Laboratorium, hob Dähne mit Riesenkräften in die Höhe und trug ihn in sein Heiligtum, wo er ihn lang auf die Diele legte. Dann verschloß er die Tür, ging wieder in sein Kontor und machte sich bereit zum Gehen.

Mochte der Alte ruhig seinen Rausch ausschlafen – er, Gläser, wollte sich sicher nicht weiter darum kümmern. Aber während er sich bedachtsam die Fingernägel putzte, erschienen ihm plötzlich die Hände noch größer, als sonst, und ihre Röte erinnerte an das Blut, das er beinahe vergossen hätte. Er dachte daran, daß diese Hand auch Anna Schiman gezüchtigt hatte, an die er heute wie an eine verkörperte Warnung so eindringlich ermahnt worden war. Was hatte sich abgespielt hinter seinem Rücken? Waren dunkle Mächte gegen ihn im Gange, die heraufgeflattert kamen mit ihren Rabenfittichen, um seinen hellen Stern zu verdunkeln? Aber es dauerte nicht lange, so reckte er mutig den Vogelhals, denn er hatte selbst gelernt, zu fliegen. Er wollte ihnen schon die Flügel beschneiden, so daß die Federn in alle Winde stoben!

Als er am andern Morgen früher als sonst im Geschäft erschien, fand er Dähne bereits in voller Tätigkeit und zwar mit der Miene eines Menschen, der an einen unangenehmen Vorfall nicht gern erinnert sein möchte. Gleich nachdem es vorn lebendig geworden war, hatte der Apotheker den hinteren Ausgang benutzt, um sich zur Stelle zu melden und die vordere Tür zu öffnen. Wie immer dienerte er vor Gläser, und da einer auf das erste Wort des andern wartete, ohne daß es kam, sagte keiner etwas. Und so schwiegen sie sich gründlich aus wie Leute, die einen Vorgang genau kennen, es aber für besser halten, nicht mehr daran zu rühren. Nur wenn sich Dähne gezwungen sah, geschäftliche Dinge zu erörtern, glitt sein großer Blick auf Gläser und dann beschämt zu Boden; denn er verspürte dunkle Regungen in sich, die, aufgewühlt zur Blutwelle, ihm heiß ins Gesicht schossen.

Nach vierzehn Tagen hatte Gläser das Geschäft verkauft, wobei ein glücklicher Zufall ihm zustatten gekommen war. Sein Vertreter, ein junger Mann, der Postprokura hatte und in das Absatzgebiet eingeweiht war, stand in verwandtschaftlichen Beziehungen zu einem etwas beschränkten, aber gutgläubigen Provinzler, der sein flüssiges Kapital gern in einem Artikel angelegt hätte, der reichlichen Verdienst brächte. Beide verbanden sich zur Übernahme des »Versandthauses«, und so kam Gläser noch glänzend auf seine Kosten, denn das »Magolin« hatte bereits in dem »Nervolin« Konkurrenz bekommen, die sich drohend bemerkbar machte. Er hatte das Fett abgeschöpft; mochten seine Nachfolger sich an der wässerigen Brühe weiter stärken!

Endlich hatte er den »Händler« von sich abgeworfen, konnte er frei das Haupt erheben. Aber noch beim Abbruch dieser Brücke waren die Dummen glänzend von ihm gerupft worden. Und als er in offener Droschke dem reichen Westen zufuhr, ließ er den Osten wie etwas Unangenehmes hinter sich, an das man nicht gern erinnert werden möchte. Wie der Phönix aus der Asche durfte er nun auferstehen und seinem großen Ziele zufliegen.

12.

Die Gründung seiner »Volks-Garantie-Bank« nahm ihn völlig in Anspruch. Er hatte einen Riesenplan ausgeheckt, der an Kühnheit seinesgleichen suchte. Volksvermögen und Volksgesundheit sollten zu gleicher Zeit gehoben werden. Hand in Hand mit der Bank war eine Volks-Landhausstadt im Großen gedacht, durch die die Wohnungsfrage für den kleinen Mann endlich gelöst werden sollte. Alles eingezahlte Geld sollte mit fünf Prozent verzinst werden, sofern die Einlage vor einem Jahre nicht gekündigt werde und der niedrigste Einschuß hundert Mark betrage. Als Sicherheit wurden Anteilscheine auf die Landhausstadt geboten, die dazu berechtigten, entweder die Quadratrute Boden zu einem enorm billigen Preise zu erwerben, oder Anspruch auf außerordentlich geringe Miete in der künftigen Villenstadt. Baugelder sollten vorgeschossen, ganze Einrichtungen auf Teilzahlungen geliefert und die Tilgung der Schuld so bequem als möglich gemacht werden. Es war die Selbsthilfe ins Unbegrenzte erdacht, ein Familien-Eden ins Rosenroteste. Wer zehn Anteilscheine à tausend Mark besaß, durfte Sitz und Stimme im sogenannten Landhausbau-Rat haben und sich bereits schwarz auf weiß eines unbeschränkten Besitzes erfreuen.

Alles klang noch nebelhaft; aber durch diesen Nebel drang ein glänzendes Irrlicht, das die Suchenden auf den Pfad lenkte, wo sie endlich ihr Heil finden würden. Gläser arbeitete Tag und Rächt mit dem unermüdlichen Fleiße eines Mannes, der sich einredet, daß alles zum Nutzen seiner Mitmenschen geschehe, und der im Geiste doch nur den Goldregen sieht, den er zu eigenen Millionen auffangen werde. Bald hatte sich ein Konsortium gebildet, dessen alleiniger Mittelpunkt er jedoch war. Gut eingeführten Zeitungsnotizen folgten nach und nach längere Artikel, bis mit einem Schlage sich das ganze Interesse um die Volks-Garantie-Bank drehte. Er hatte ein eigenes Blättchen gegründet, das den seltsamen Titel »Die Lösung« führte und in dem er allwöchentlich immer dieselbe Wohlfahrtsfrage aufwarf und gleich sorgsam gespitzten Pfeilen hinausschickte, die endlich doch irgendwo stecken bleiben mußten. Im Handumdrehen war er eines Morgens auf dem Plane erschienen, gewappnet wie der Ritter zum Kampfe, der wohlweislich sein Visier geschlossen hat, damit nur die Vertrauten ihn erkennen.

In eingeweihten Kreisen, dort, wo die Hunderttausende immer bereitliegen, wenn es gilt, sie als verheerende Armee in den großen Mammonskampf zu schicken, gab es vorläufig immer dieselbe Frage: »Wer ist Gläser? Kennen Sie den Mann?« Bis ein beinahe-Wissender mit spöttischer Miene erwiderte: »Ein reicher Schlesier von der Außenmagnatenlinie. Er soll Gold gekocht haben.« Darauf der erste abermals: »Und andere sollen sich den Mund daran verbrennen. Ich nicht. Verrückte Sache, so ein Projekt! Der Mensch tut mir leid.« Ein Dritter war bereits besser unterrichtet: »Das sagen Sie nicht, der Mann wird seinen Weg machen. Ich kenne ihn. Zähe wie Leder und brutal wie ein Haifisch, der Heringe tonnenweise schluckt. »Einer von den ganz Großen dieser Sorte … Übrigens, was wollen Sie? Er hat schon seine Leute gefunden. Würfler von der Monopolbank ist dabei. Prima fein! Dann Konsul Zeitig … auch ein Regierungsrat a. D. soll darunter sein. Und ein Rittergutsbesitzer, der das Terrain gibt. Übrigens weiß ich auch aus ganz sicherer Quelle, daß Finanzrat Knötig stark davon eingenommen ist. Also! Die Namen machen das Rennen. Wir wollen uns sprechen, wenn der Aufsichtsrat erst posaunt. Und eine klapperige Exzellenz läßt sich sicher noch angeln. Der Mann macht 'n Haus, und das zieht.«

Man wurde aufmerksam; und schließlich wuchs aus der Legende immer greifbarer die Tatsache heraus, die nicht mehr zu umgehen war. Der Name Gläser wurde zum Programm des Tages, das man genau studierte, um sich für das Für und Wider des Inhalts zu entscheiden. An der Börse kannte man den Mann mit dem Vogelgesicht besser. Es gab Leute, die sich sehr wohl noch des sorgsam Spähenden erinnerten, wie er horchend herumlief, ohne etwas zu wagen, stets sein Notizbuch in der Hand, so tuend, als hätte er wunder was für Aufträge zu notieren, denn alle Augenblicke schrieb er; dann, wie er gleich keck den ersten Sprung tat und mit Sicherheit über die Gewinnleine setzte, um allmählich jene starke Zuversicht zu erlangen, die den großen Spieler auszeichnet. Im Börsenton nannte man das Turkel. Das war einer, der über die Menge sah, weil er mit jedem Tage wuchs. Seine Ohren waren Schalltrichter, und seine Nase roch den angebrannten Braten schon, bevor die Sauce ganz eingekocht war. Er kaufte bereits, wo andere erst überlegten, und schlug alles wieder los, wo die Kurzsichtigen zauderten und über die Tartarennachrichten lächelten.

Gläser hatte den großen Kurssturz der Hektor-Aktien vorausgesehen; er pfiff zuerst auf die Alexandrinen-Hütte, die ein neues Schweißverfahren erfunden haben wollte und deren Aktien nachher Makulaturwert bekamen; und er war der erste, der den Zusammenbruch des alten, soliden Bankhauses Triesel und Kompagnie verkündete, das einem neuen Bodendüngungsverfahren seinen Millionenkredit eröffnete und daran zugrunde ging. Jeden Schwindel witterte er schon von weitem, wie Leute mit feinen Geruchsnerven Düfte einziehen, die andere kaum verspüren. Diesen sehnigen Schlesier mit der Angewohnheit, stets das linke Auge zuzukneifen, sobald er etwas für faul hielt, hatte man sich gemerkt; und nun, wo er mit einer Riesengründung in die Erscheinung trat, umflatterte man ihn wie die Sperlinge den Futterplatz, wo gerade die fetten Bissen ausgestreut werden.

Es war immer dieselbe Redensart, die von Mund zu Mund ging: »Hören Sie, da ist was zu machen.« Finanzgrößen drängten sich plötzlich an ihn heran, die ihn sonst kaum beachtet hatten, weil sie gewohnt waren, auf die »Pintscher« herabzublicken. Diese Verbindung von Volkswohlfahrt mit dem unausbleiblichen Profit für die Gründer hatte etwas Appetitliches, was zu einem reinen Genuß reizte. Man zog ihn in längere Unterredungen, versicherte ihn des persönlichen Wohlwollens und ließ dabei unzweideutig durchleuchten, daß man ihm auch sonst mit Rat und Tat gern zur Verfügung stehen werde. Gläser hörte ruhig zu, nickte verbindlich und steckte alles mit einer gewissen Gönnermiene ein. Er kannte seine Pappenheimer, die sich plötzlich so leutselig herablassen konnten, nachdem sie Wind davon bekommen hatten, daß man in Regierungskreisen der Entwicklung des Unternehmens »wohlwollend und abwartend« zusehe. Irgendein vortragender Rat hatte sich ähnlich geäußert, und sofort war von der »Lösung« die Äußerung in alle Welt hinausgetragen worden, und zwar in einer Form, die das Wort »Staatsinteresse« an die Spitze stellte. Mochte man es deuten, wie man wollte – der Eindruck blieb hängen und klang als tausendfaches Echo zurück.

Die Bank hatte glänzende Räume eröffnet, nachdem der Gründer einstimmig zum Generaldirektor ernannt worden war. Ein Heer von Beamten saß bei der Arbeit, denn nachdem man das Terrain der Landhausstadt in der Nähe von Berlin unter bestimmten Klauseln in Aussicht genommen hatte, flossen die Gelder von allen Seiten zu, Bauanschläge und Pläne mit Tilgungsrechnungen flogen zehntausendweise in alle Richtungen, und wer das zierliche, schön ausgestattete Heft in Händen hatte, träumte sich bereits in den Besitz eines dieser herrlichen Häuschen hinein, oder dünkte sich schon als unkündbarer Mieter, der gegen ein Billiges das Recht der Mitbenutzung all der köstlichen Vergünstigungen habe, die in diesem Gartenparadiese für jeden Inhaber von Anteilscheinen zur Verfügung stünden.

Auf Klothildes Anregung hatte Gläser Oskar Herbst als seinen Sekretär in der Bank angestellt. Es gab gewisse Rechtskniffe zu erledigen, die man nicht gern an die große Glocke brachte und wozu der frühere Referendar mit seiner Regsamkeit vortrefflich geeignet schien. Gläser bezahlte ihn anständig und behandelte ihn schließlich wie einen jungen Freund, dem man Dinge anvertrauen dürfe, die andern gegenüber am besten verschwiegen wurden.

Agnes Herbst ging ein und ans bei Klothilde, und auch die Frau Professor, eine kleine, rundliche Dame mit ewig lachendem Gesichte, tauchte sehr oft ungerufen auf. Dazu gesellte sich noch der intime Berater als ständiger Gast. Zum Dank dafür verstand Referendar Herbst sich auffallend angenehm zu machen, in jener wohlerzogenen, zurückhaltenden Weise, die der Abhängige dem großen Herrn und Gebieter immer in Gegenwart Dritter zeigt, wenn er, stets nach der neuesten Mode gekleidet, schlank und biegsam seine stilvolle Verbeugung vor Klothilde machte und sich mit einer gewissen Gezwungenheit der alten Freundschaft erinnerte, so empfand Gläser immer aufs neue die Zufriedenheit mit seiner Wahl, die ihn längst den »dummen Jungen« Klothildes hatte vergessen machen. Im Gegenteil erfüllte es ihn mit einem gewissen Stolz, diesen Adjutanten zu besitzen, der ihm nach Geschäftsschluß geduldig die Mappe mit Geheimpapieren nachtrug, sobald die Einladung zum Abendbrot erfolgt war, was in der Woche regelmäßig dreimal stattfand. Es gab selbst in dieser freien Zeit noch Beratungen, die bis in die Nachtstunden fortgesetzt wurden. Und Herbst murrte nie, tapfer hielt er aus, wie ein treuer Jagdhund, der an der Seite des Jägers ewig auf dem Anstand sitzt.

Klothilde war es, die ihn anzog, die für ihn nur den Mittelpunkt dieser ganzen luxuriösen Umgebung bildete, in der er sich so überaus wohl fühlte. Mit der Klugheit der Frau, die endlich das begehrte Ziel erreicht hat, war sie ihm bisher aus dem Wege gegangen, obgleich sie wußte, daß sie nur den kleinen Finger zu erheben brauchte, um ihn wieder zu ihren Füßen zu sehen. Sie sah es aus seinem Blick, der brennend aufloderte, sobald ihre Augen sich suchten; sie verspürte es an dem heißen Druck seiner Hand, sie merkte es an all den kleinen Dingen, für die der arglose Ehemann gewöhnlich niemals Sinn hat, die aber der Geliebten nie entgehen. Sie hatte ihn für vernünftig gehalten, glaubte, daß alles vorüber sei, und mußte nun mit heimlichem Schrecken die Auferstehung seiner alten Neigung erleben.

Ihre Mutter wohnte jetzt bei ihnen, und man ging bereits dem Winter entgegen. Eines Abends wollte es der Zufall, daß Frau Teichert nicht anwesend war und Herbst vor Gläser eintraf. Als Klothilde hörte, daß ihr Mann nicht mitgekommen sei, ließ sie sich nicht sehen. Herbst jedoch nahm keck die Gelegenheit wahr und äußerte durch das Kammermädchen die Bitte, sie wegen einer Bestellung ihres Gatten sprechen zu dürfen.

»Nun, was haben Sie mir zu sagen, Herr Referendar?« fragte sie mit verhaltener Erregung, denn zum ersten Male seit langer Zeit standen sie sich so gegenüber, Immer hatte sie es einzurichten gewußt, ihm zu entgehen, weil sie ihren Mann fürchtete, war sie auch von Furcht vor Oskar erfüllt, was sollte daraus werden, wenn er das geschenkte Vertrauen durch Undank belohnte und sie ihm den Weg dazu wiese?

Ohne weiteres fiel er aus der Rolle, die er so lange gegen seinen Willen gespielt hatte. »Thilde, wir sind doch unter uns, endlich einmal!« sagte er kühn, »ich verstehe dich gar nicht. Hast du denn alles vergessen?«

Sie blieb sich gleich. »Herr Referendar, ich muß bitten! Was haben Sie zu bestellen?«

Er wußte nicht, ob er sich ärgern oder lachen sollte. »Ja, sage 'mal, bist du verrückt geworden? Es hört uns doch keiner«, fuhr er mit gedämpfter Stimme fort. »Tu' doch nicht so!« Und heiß fügte er hinzu: »Thilde, ich liebe dich noch immer so wie früher, jetzt erst recht! Lange habe ich damit zurückgehalten. Sicher hast du's mir angemerkt.«

»O Gott, o Gott! Da haben wir's«, stöhnte sie unwillkürlich.

»Du mußt es mir doch angesehen haben,« sprach er ohne Beherrschung weiter, »wie ich mit Mühe alles unterdrückte, um deinen Wunsch zu erfüllen. Aber nun geht's nicht so weiter, ich kann's nicht mehr ertragen.«

Sie befanden sich im sogenannten roten Salon, der die Flucht der Vorderräume dicht neben ihrem Schmollzimmer abschloß. Ein echter Smyrna bedeckte den Boden, an den seidenbespannten Wänden protzten die schweren Goldrahmen der Bilder, und in dem Kristall des venezianischen Lüsters wiegte sich in Regenbogenfarben der Widerschein der einen Gasflamme, die man rasch entzündet hatte. Steifer Glanz lag auf allem, der frostig abstach gegen die Molligkeit im Elternhause, aus dem sie in die Ehe geflohen war, wie tausend andere Mädchen. Und nun hörte sie wieder das alte Girren, dem sie unterlegen war, als er kaum die Jünglingsjahre hinter sich hatte. Aber sie wollte taub dagegen sein, und so hielt sie sich die Ohren zu, denn süße Empfindungen stiegen in ihr auf, gegen die sie mit Gewalt kämpfte.

»Gehen Sie, gehen Sie!« rief sie ihm zu und wich bis ans Fenster zurück. »Ich weiß gar nicht, was Ihnen einfällt! Wir waren doch so gute Freunde geworden, bleiben wir's auch. Ich darf mich nicht aufregen, Sie wissen, was mir bevorsteht.«

Damit wollte sie auf den großen Tag hindeuten, dem sie entgegenging. Seit einiger Zeit vermied sie um deswegen jede fremde Geselligkeit, lebte vielmehr ganz zurückgezogen und ließ sich kaum sehen, wenn beide Männer zusammen eintrafen. Dann aßen diese meistens allein, was Gläser auch ganz vernünftig fand. In der Regel wurde in seinem Arbeitszimmer gedeckt, wo die Tafelei nicht lange dauerte, denn Gläser aß rasch und machte sich nicht viel aus Schlemmerei. Trotzdem wartete er geduldig, bis der andere fertig war. Konnte er doch schon bei Tisch große Reden halten und seiner glühenden Einbildung die Zügel schießen lassen, so daß der Ritt ins Unbegrenzte ging.

»Kein Wort mehr will ich davon hören«, sagte Klothilde abermals, als er das alte Lied weitersang, ohne an die Kluft zu denken, die sie trennte. »Damals habe ich dir gesagt, daß alles aus sein müsse, und du warst damit einverstanden, was ich tun konnte, habe ich für dich getan, das weißt du doch! Du solltest sehen, wie gut ich bin … Jetzt hast du eine Lebensstellung, dein Einkommen wird sich steigern, es wird nur an dir liegen, an dir ganz allein!«

»Komm' mir doch jetzt nicht mit solchen trockenen Dingen«, warf er ein.

Sie aber fuhr aufgebracht fort, nachdem sie in ihrem bequemen Hausschleppkleide durch den Salon gefegt war und mehrmals vorsichtig die Türen geöffnet hatte: »Du kannst jetzt heiraten, bist ein flotter Kerl, was fragst du also noch nach mir? Ich habe andere Pflichten zu erfüllen, bald, bald! Laß doch alles vergessen sein, es waren Dummheiten. Wir hatten beide dieselbe Schuld, nun laß sie auch hübsch begraben sein.«

Um ihn zu beruhigen, hatte sie wieder den alten, vertrauten Ton angeschlagen, wodurch er sich aber nur mutiger fühlte. Er wußte kaum, ob sein Herz noch mitsprach, denn sein sinnlicher Trieb hatte ihn unwiderstehlich zu ihr hingezogen. Die Frau reizte ihn jetzt mehr, als das Mädchen es getan hatte. Seine Eitelkeit drängte ihn, das wiederzuerobern, was er zuerst besessen, was ihr Mann ihm aber fortgenommen hatte, dieser plebejische Glückspilz, über den sie früher in Lachen ausgebrochen war, um sich ihm schließlich doch in die Arme zu werfen. Sein Strebertum reckte sich, das er jetzt wie ein winselnder Hund unterdrücken mußte, nur, um auf Umwegen an das Ziel zu kommen. Äußerlich duckte er sich vor Gläser, im Innern aber haßte er ihn, denn so oft er sich auch gegen ihn mit seinem Wissen aufbäumen wollte, – dieser starre Menschenverächter ging mit natürlicher Klugheit zur Tagesordnung über ihn und dämpfte alle seine höheren Regungen.

»Weißt du noch, was du damals zu mir gesagt hast?« begann er abermals und rückte ihr auf den Leib. »Daß ich der einzige sei, den du geliebt habest? … Thilde, Thilde! Du kannst mich doch noch nicht vergessen haben!«

»Ja, ich habe dich vergessen!«

»Ach, du lügst ja,« gab er zurück, »täusche mich doch nicht. Bezwungen hast du dich, das ist alles. Ich habe es wohl bemerkt.«

Endlich, als er sie leidenschaftlich umschlingen wollte, griff sie zum Äußersten: »Du, ich sage alles meinem Mann!«

Er ließ sich durchaus nicht einschüchtern. »Ach, das sind ja nur Redensarten … Sag's ihm doch, sag's ihm doch! Dann wirft er uns wenigstens beide hinaus. Übrigens habe ich durchaus keine Furcht vor ihm. Soll ich dir was sagen? Nein, ich will's lieber nicht tun. Das ›Magolin‹ ist doch zu sehr im Preise gesunken.« Er lachte, während sie ihn verwundert anblickte, ohne diese Andeutung zu verstehen. Aber sie sah, wie Verachtung aus seinen Zügen sprach und daß er mit irgend etwas zurückhielt, was auf ihren Mann Bezug hatte.

»Er kommt! Ich bitte dich, geh!« rief sie erschreckt aus. Fortwährend hatte sie wie auf der Folter gestanden und gelauscht. Nun hörte sie deutlich den Schlüssel rasseln und dann die Tür klappen.

»Liebst du mich noch?« fragte er trotzdem, wie jemand, der fest entschlossen ist, seinen Willen durchzusetzen.

»Ja! Ja! Geh doch nur!«

Sie schob ihn in das Nebenzimmer hinein, schloß leise die Tür, sank dann wie kraftlos auf einen Sessel und holte befreit tief und schwer Atem. Nebenan erschallten die Tritte ihres Mannes, der sogleich seinem Arbeitszimmer zuschritt.

»Nun, was sagen Sie dazu?« begann Gläser sofort zu Herbst, ohne ihm jedoch die Aufregung anzumerken. »Wir haben Bohnenstiel gewonnen. Es war schwer, ihn breitzuschlagen, aber die Chancen lockten ihn doch. Soeben hatte ich noch eine Unterredung mit ihm – in seinem Hotel.«

Herbst dienerte wie gewöhnlich und machte seine Redensarten, die alle darauf hinausliefen, Gläser zu jedem neuen Erfolge zu beglückwünschen. Noch rot im Gesicht, vermied er es, ihn anzublicken, und so kramte er in der großen Ledermappe, um die in Frage kommenden Schriftstücke bereitzulegen.

Es handelte sich um Bildung eines sogenannten Wohlfahrtsausschusses, der sich näher mit dem Plane der Landhausstadt beschäftigen sollte, wozu man respektabler Persönlichkeiten bedurfte, deren Namen nach außen hin Eindruck machten. Und so war es Gläser schließlich gelungen, den alten Herrn von Bohnenstiel für sich umzustimmen, einen bereits etwas sehr wackligen Geheimrat a. D., der früher eine Vertrauensstellung an einem kleinen Fürstenhofe hatte und vor kurzem mit dem Titel »Exzellenz« in den Ruhestand geschickt worden war, den er auf der Besitzung seines Schwiegersohnes in der Nähe Berlins genoß. Der Zufall wollte es, daß dieses Gut an das ausgewählte Terrain stieß, und so hatte man ihn durch die Aussicht gekapert, daß man auch diesen Grund und Boden brauchen und jedenfalls hoch bezahlen werde.

»Wissen Sie, Geld macht doch schließlich alles«, sagte Gläser wieder, vergnügt über seinen Erfolg. »Die Menschen können nie genug bekommen. Der Alte kann zwar nicht mehr gerade sitzen, und er wird schwerlich an den Beratungen teilnehmen können, aber es schadet nichts. Schließlich geht's ja auch, wenn ein Zettel mit seinem Namen an dem Stuhl hängt.«

Hin und wieder ließ er zu dem Vertrauten seinen Witz schießen, weil er die Menschen wie die Puppen betrachtete, die man hübsch anziehen müsse, um mit ihnen zu paradieren. Seitdem er sich hinter den Kulissen des Geldtheaters umgesehen hatte, wußte er, daß das Volk immer dann erst an den Speck ging, wenn die Großen davon gekostet hatten.

»Großartig, großartig!« warf Herbst lachend ein, um ihm Anerkennung zu zollen. Solche kleinen Schmeicheleien gefielen Gläser, denn so sehr er sich rühmte, die Nächsten zu durchschauen, – diesen ewig-verbindlichen jungen Mann betrachtete er wie einen Harmlosen, dem man sich ganz offen zeigen dürfe.

»Haben Sie meine Frau schon gesprochen?« fragte er wieder.

Herbst gebrauchte die Ausrede, daß sie sich nicht wohl fühle, und so ging Gläser selbst hinüber, um sich davon zu überzeugen. Und als er ebenso ahnungslos zurückkehrte, wußte Herbst, daß sie sich hüten werde, ihre Drohung wahr zu machen.

Trotzdem Klothilde abgespannter denn je war, lag ihr heute daran, mit den Männern zusammen bei Tisch zu sitzen. Sie wollte dem einstigen Geliebten zeigen, daß sie es nach wie vor gut mit ihm meine, zugleich aber den Willen habe, nur im Einvernehmen mit ihrem Manne zu leben, dessen starke Liebe sie kannte und der eher den andern fallen lassen würde, als sie selbst.

»Sehen Sie, wie Sie sich getäuscht haben?« sagte Gläser launig, als er diese Nachricht mitbrachte. »Meine Frau war eigentlich ärgerlich, denn sie ist ganz auf dem Posten, das will ich Ihnen gleich beweisen. Sie können sich also etwas einbilden auf diese Auszeichnung … Übrigens können wir dreist dabei von Geschäften reden, die Frauen haben jetzt andre Dinge im Kopf.«

»Wenn du wüßtest!« dachte Herbst, nickte aber zustimmend, innerlich doch betroffen über den Mut Klothildes, sich gleich heute wieder ihrem Manne unter die Augen zu setzen. Denn aus ihren letzten Worten glaubte er Zuversicht auf Erhörung entnommen zu haben. Trotzdem war er doch neugierig, wie sie sich gegenüber verhalten würde.

Es ging jedoch sehr gleichgültig zu, denn Klothilde war redefaul, und sobald sie etwas sprach, wandte sie sich an ihre Mutter, die über nichtssagende Dinge zu berichten hatte. Sie war im alten Hause gewesen, wo sie noch etwas zu erledigen gehabt hatte. Und Gläser sprach fortwährend von dem neuen Ausschuß, wobei er alle Mitglieder noch einmal aufmarschieren ließ und ihre Eigenschaften durchhechelte, je nach der guten und schlechten Seite. Bald paßte ihm dieser nicht, bald jener nicht: dann verkündete er ganz offen das Hinausfliegen des Betreffenden, falls er es für nötig finden werde. Er war üppig mit seiner Meinung geworden, denn letzthin hatte der »Verein für Bodenumwandlung« eine kräftige Lanze für seine große Idee gebrochen, was einem angesehenen Blatte Gelegenheit zu einer ganzen Artikelreihe zu seinen Gunsten gegeben hatte.

Während Herbst so tat, als hörte er aufmerksam zu, ging sein Blick immer zu Klothilde hinüber, sobald Gläser auf den Teller sah. Aber sie erhob keine Wimper zu ihm, sondern überließ es der Mutter, die üblichen Tischaufmerksamkeiten zu erweisen. In dem großen, langgestreckten Speisezimmer, das nach der Seiteneinfahrt hinausging und etwas Saalartiges hatte, saß man an der zusammengezogenen Tafel wie verkrümelt unter dem mächtigen Gasgehänge, dessen Schirmlampe heute genügen mußte. Früher hauste hier zehn Jahre lang ein Konsul, der die Wände mit exotischen Landschaften bemalen ließ, die nun etwas sonderlich dreinblickten in diesen Haushalt. Man begriff nicht recht, wie all die Humpen und Krüge zu ihnen passen sollten, die man auf geschnitzten Wandbrettern hingepflanzt hatte, um damit den Zweck des Zimmers anzudeuten. Aber Gläsers Übergang in diese Verhältnisse war so rasch geschehen, daß er wahllos ausgestattet hatte, nur um Eindruck zu machen.

Plötzlich wandte sich Frau Teichert laut an ihren Schwiegersohn mit den Worten: »Übrigens habe ich eine Neuigkeit für Sie, lieber Richard. Ihre Verwandte, die Anna, war neulich dort, um uns zu besuchen. Der Portier sagte es mir. Sie soll sehr nett ausgesehen haben, vielleicht hat sie sich also doch gehalten. Auch nach Ihnen hat sie sich erkundigt.«

»Wie rührend«, warf Klothilde lachend ein, ohne sich etwas dabei zu denken.

Gläser blieb der Bissen vom Filet im Halse stecken, den er dann erst mühsam herunterwürgte. In diesem Augenblick wünschte er seine Schwiegermutter, für die er niemals den ganz vertraulichen Ton hatte finden können, weit von sich; trotzdem ihm jedoch der Schreck in den Gliedern lag, beherrschte er sich sofort. »So?« sagte er gleichgültig und ging dann darüber hinweg, wie über eine Nichtigkeit, die keiner Erörterung weiter bedarf. Vorsichtig spitzte er aber die großen Ohren, in der Erwartung, es könnten noch andere Mitteilungen folgen. Bei dieser einen Überraschung blieb es jedoch nicht, denn Herbst nahm die Gelegenheit wahr, seinem Chef leise zuzuraunen: »Da fällt mir ein, Herr Direktor – es war heute gegen Abend ein Herr auf der Bank, der Sie zu sprechen wünschte. Er berief sich darauf, ein Landsmann und guter Bekannter von Ihnen zu sein. Sie waren schon fort, und so schickte man mir die Karte hinein. Es ist ein Baumensch, Doleinsky oder Dolinsky.«

»So?« sagte Gläser abermals, wie jemand, der so tut, als habe er fortwährend andere Gedanken im Kopf. Er wußte nicht mehr, was er aß, denn der Geschmack war ihm vergangen. Trotzdem er den Standpunkt vertrat, daß man alles Glück nur auf Erden genießen könne, neigte er in gewissen Dingen dem Aberglauben zu, und so redete er sich ein, dieses plötzliche Auftauchen zweier Menschen, die einstmals seinen Weg gekreuzt hatten, konnte dazu dienen, verhängnisvoll in die Speichen seines Glücksrades einzugreifen. Weshalb waren sie beide an einem Tage aufgetaucht, um nach ihm zu fragen, die eine hier, der andere dort? Hatten sie sich dazu verabredet, oder war nur eins jener doppelten Ereignisse eingetreten, die so oft ohne inneren Zusammenhang geschehen? Er wußte es nicht, aber seltsame Empfindungen beschlichen ihn, die ihm die Lebhaftigkeit nahmen, »Haben Sie ihn gesprochen?« fragte er dann und legte Messer und Gabel nieder.

»Nein,« erwiderte Herbst, »mir wurde nur bedeutet, daß er wiederkommen wollte.« »Dann ordnen Sie an, daß er das nächstemal vorgelassen wird«, sagte Gläser, weil ihm ein bestimmter Einfall durch den Kopf schoß. Von jeher war er der Ansicht gewesen, daß man einer üblen Lage vorbeugen müsse, ehe sie sich zum Schaden bemerkbar mache.

An diesem Abend war er so zerstreut, daß sein Sekretär ihm verschiedene Dinge doppelt vortragen mußte, um die nötige Aufmerksamkeit zu erwecken. Es lag nahe, daß Herbst die Ursache dazu in dem heutigen Besucher erblickte, und so nahm er sich vor, diesen Mann im Auge zu behalten.

13.

Zwei Tage darauf, es war Sonntag nachmittag, öffnete Frau Teichert die Tür zu dem Arbeitszimmer ihres Schwiegersohns und rief hinein: »Kommen Sie doch einmal, Richard, es ist Besuch da. Sie werden sich wundern.« Und bevor Gläser noch fragen konnte, war sie schon davongegangen. Neugierig folgte er, und als er in das Wohnzimmer seiner Schwiegermutter trat, das auf dem hinteren Korridor lag und nach einem Garten hinausging, sah er, groß und breit auf einen Stuhl hingepflanzt, Anna Schiman sitzen, im schönsten Feststaat, rund und frisch wie immer.

Es war sehr einfach zugegangen. Durch den Pförtner des alten Hauses hatte sie neulich Frau Teicherts Adresse erfahren, und so trieb die alte Anhänglichkeit sie ahnungslos hierher. Und kaum hatte sie harmlos von diesem und jenem geplaudert und dabei erwähnt, daß sie immer noch in Stellung sei, als Frau Teichert es auch schon für nötig hielt, ihrem Schwiegersohn eine Überraschung zu bereiten, denn sicher würde er sich freuen, seine Verwandte auf besserem Wege zu sehen, als er früher angenommen hatte.

Gläser wurde blaß und warf seiner Schwiegermutter einen Blick zu, aus dem nichts Gutes sprach, den sie aber nicht beachtete. »Ah … ah … ah!« stammelte er verlegen, während heilloser Schreck ihn durchzuckte. »Was seh' ich, was seh' ich! … Du hier, du hier?« Dann stockte er wie ein Ertrinkender, dem die Luft ausgeht. Zum ersten Male seit langer Zeit versagte ihm der Fluß seiner Rede, denn der Einsturz der Decke hätte ihm weniger die Geistesgegenwart genommen, als der Anblick dieses Besuches.

»Ich wußte ja gleich, daß Sie sich freuen würden«, warf Frau Teichert vergnügt ein. »Sie haben sich damals gründlich getäuscht, sie ist ein braves Mädel geblieben. Denken Sie nur, sie hat sich verlobt. Wenn Klothilde das hört – na! Sie wissen doch, Anna, sie hatte Ihnen immer alles Gute gewünscht.«

»Verlobt? Jajajaja«, brachte Gläser aufs neue blöde hervor, während sich das Zimmer um ihn drehte. »Das ist ja hübsch, wirklich hübsch, sehr hübsch! Und überdies … und so ganz plötzlich, wie? Na ja, das freut mich, das freut mich! Gratuliere, gratuliere! Sie können glauben … Du kannst glauben …« Er schnappte nach Luft, wie ein Fisch, der unerwartet auf trockenes Land geworfen wurde.

Sprachlos vor Überraschung starrte Anna ihn an. Er war stärker geworden und hatte den Ansatz zu einem Bäuchlein bekommen, das sah sie sofort; wie sie auch mit einem großen Blick seine ganze äußere Erscheinung umfaßte: den modernen englischen Stoffanzug, in dem er steckte, die gescheitelten, dünnen Haare, den gewichsten Schnurrbart, das feine, gestickte Oberhemd und das buntkarierte, seidene Taschentuch, das kokett wie immer aus der Seitentasche des Jacketts ragte. Nur die schweren, blutdurchlaufenen Hände waren unverändert geblieben und erinnerten sie wieder an jene eisige Nachtfahrt, in der sie seine Halbsteifen Finger liebevoll gewärmt hatte. Sie hätte lachen mögen über seine Veränderung, wenn ihr der Kloß der Verblüffung nicht im Halse gesessen hätte. Endlich bekam sie ihre Fassung wieder.

»Ja, hat er denn geglaubt, ich würde schlecht werden?« fragte sie aufgebracht. »Das hätte ihm wohl so gepaßt, dann hätte er sagen können: ›So ist sie nu, gut, daß ich ihr den Laufpaß gegeben habe.‹ … Aber schlecht war er allein, Frau Direktor.«

»Kindchen, was soll denn das!« beruhigte sie Frau Teichert, die diesen Vorwurf auf die Verwandtschaft bezog.

»Und wie fein er jetzt aussieht!« fuhr Anna einfältig fort. »Na ja, nu hat er's ja erreicht, ganz Berlin ist ja voll davon, wissen Sie, Frau Direktor, solche Rosinen hat er immer im Kopf gehabt. So'n bissel Größenwahn, der hat immer aus ihm gesprochen. Und nun tut sich's ja mit ihm. Sag' mal bloß, wie hast du das gemacht? Nee, wie du dich verändert hast, ich könnte lachen. Das sollten sie nur zu Hause sehen.«

»Aber was führen Sie denn für Reden? Vergessen Sie doch nicht, wo Sie sind!« sagte Frau Teichert wieder, die alles das nicht begriff und verwundert auf das Mädchen und dann auf ihren Schwiegersohn blickte, der fortwährend mit einem Entschlusse kämpfte, ohne ihm Ausdruck geben zu können. Wiederholt erhob er die Hände, um einen Ansatz zu einem gewichtigen Wort zu nehmen; dann gab er der früheren Braut einen Wink, um sie zu beruhigen, und dabei überlegte er, wie er die Alte wegbringen könne.

»Sag' 'mal, du wohnst wohl jetzt hier?« fragte Anna trocken. »Das kommt mir ganz schnurrig vor. Ich hab' gleich so 'was geahnt, daß du dich an die Herrschaft ranmachen würdest. Du hast immer soviel gefragt. Neugierig war er, Frau Direktor – Sie können's kaum glauben! … So red' doch 'mal was, ich hab's ja längst überwunden.«

Aber Gläser sprach noch immer nichts. Er sah sie nur an, wie sie dasaß, gleich einer verkörperten Anklage, die sich in jedem Augenblick drohend über ihn ergießen könnte. Sobald das hübsche Gesicht sich neigte, nickte die große Feder auf dem Rembrandthut mit, und unter der modischen Winterjacke bauschte sich das punktierte Sonntagskleid, während die schwarzbehandschuhte Rechte fest auf dem Griff des Regenschirms ruhte, den sie wie eine zierliche Stütze vor sich hingepflanzt hatte. Gesunder Trotz sprach aus ihr, und als er sie so beobachtete, mußte er sich gestehen, daß der Schliff des großen Berlin bereits über sie gefahren sei und daß etwas Damenartiges sich aus ihr entpuppt habe. Sie duftete förmlich nach Frische und nach der Urwüchsigkeit eines besonderen Menschenschlages.

Als dann Frau Teichert, unglücklich über diesen Zusammenstoß, eine Entschuldigung zu ihrem Schwiegersohn äußerte und ihn dabei Richard nannte, lachte Anna laut auf und zeigte ihre kernigen Zähne, »wie heißt du jetzt?« fragte sie. »Du hast dich wohl umtaufen lassen, August war dir wohl nicht hübsch genug? Wir haben dich doch alle immer so gerufen … und dein Prinzipal von früh bis spät sogar. Weiß es denn schon deine Mutter? Nee, in Berlin tut sich schon was.« Und sie lachte aufs neue, wobei das Gesicht mit den glänzenden Wangen in die Breite ging.

»Ach, so komm' doch nach vorne, ich möchte dir etwas sagen«, meldete sich Gläser endlich, der sie gerne unter vier Augen haben wollte. Die Wände wurden ihm zu eng, und so sehnte er sich nach der Stille des Arbeitszimmers, wo er endlich seinem verhaltenen Grimme ohne Zeugen hätte Ausdruck geben können.

»Gehen Sie, es ist vielleicht besser«, ermunterte Frau Teichert.

In diesem Augenblicke trat Klothilde herein, die ihren Nachmittagsschlaf gehalten hatte und vorzeitig munter geworden war. »Ei, das ist ja eine sonderbare Versammlung«, sagte sie heiter, zugleich aber erfreut darüber, ihre frühere Zofe wieder zu sehen.

»Guten Tag, gnädiges Fräulein«, sagte Anna und erhob sich sofort.

»Das war einmal«, gab Klothilde lachend zurück und reichte ihr die Hand. »Jetzt bin ich Frau Gläser. Hat man Ihnen das nicht gesagt?«

»Ich dachte, Sie wußten das schon«, warf die Schwiegermutter ein.

»Gott bewahre!« brachte Anna hervor und schlug unwillkürlich mit den Händen zusammen, so daß ihr der Regenschirm entfiel. Und kaum hatte sie ihn wieder aufgehoben, so stieß sie hervor: »Ist's möglich, ist's möglich! … Aber ich kann's ja noch gar nicht glauben, nee, ich kann's wirklich nicht glauben! Sie wollen sich nur lustig über mich machen. Frau Direktor, sprechen Sie doch 'n Wort. Fräulein Klothilde müßte ja dumm gewesen sein … er müßte Sie ja reine beäthert haben.«

»Ja, aber was ist denn eigentlich mit Ihnen? Wie können Sie solche Redensarten führen!« warf Klothilde ein und ließ ihren Blick zwischen dem Mädchen und ihrem Mann schweifen. »Sie konnten doch nicht denken, daß Ihr reicher Cousin Sie heiraten wird!«

Gläser, der blaß und wortlos beiseite stand und in jedem Augenblick das äußerste befürchtete, lachte auf wie von einem Alp befreit; denn nun sah er den Weg, den er zu seiner Befreiung einzuschlagen habe. »Hat sie das geglaubt?« fragte er harmlos.

»Aber natürlich doch,« erwiderte Klothilde, »sie hat sich manchmal dieser Illusion hingegeben, unsere frühere Köchin sagte es mir.«

»Davon weiß ich ja gar nichts«, warf Frau Teichert dazwischen.

»Es fällt mir auch gerade so ein«, fuhr Klothilde fort. »Ich habe der Sache keine Bedeutung beigelegt. Solche Einbildung findet man häufig bei armen Verwandten. Das ist eben Küchengetratsch.«

Gläser lachte aufs neue. »Da hast du auch recht daran getan«, sagte er dann, nun wieder gefestigt zum Kampfe, den er nach allen Regeln seiner Schlauheit aufnehmen wollte.

Es verhielt sich wirklich so, wie Klothilde anführte. Trotzdem Gläser seiner Braut eingeschärft hatte, über ihr Verhältnis nicht zu sprechen, war Anna doch hin und wieder vorlaut gewesen, ohne ganz mit der Wahrheit herauszurücken. Die Köchin hatte das für Narrheit gehalten und sie gründlich damit aufgezogen, bis sie eines Tages von dieser »Verrücktheit« Klothilde etwas steckte, die sich darüber erheiterte, wie man sich über hundert andere alltägliche Dinge vorübergehend vergnügt.

»Aber er ist ja gar nicht mein Cousin«, fuhr Anna hochrot im Gesicht dazwischen. »Das war ja alles Schwindel. Er hatte 's mir eingeimpft. Sie sollten 's ja nicht wissen, daß ich seine Braut war.«

»Was?!« stieß Klothilde hervor. »Sie haben wohl Ihren Verstand verloren.«

Diesmal lachte Gläser schallend auf, trotzdem ihm eigentümlich zumute war. »Natürlich spricht sie wirres Zeug, die Einbildung hat sie krank gemacht.« Er wollte aufs neue in Heiterkeit geraten, aber er schüttelte sich nur stumm, wie jemand, den ein Frostschauer plötzlich gepackt hat.

Anna Schiman fuhr nicht auf, wie er es erwartet hatte; aber sie brach in Tränen aus, ergriff Klothildes Hand, streichelte sie wie die einer lieben Freundin und sagte schluchzend: »Ach, Sie tun mir ja so leid, gnädige Frau, so sehr leid! Sie waren immer so gut zu mir, so gut. Ich will ja nichts mehr sagen, denn Sie sollen sich nicht aufregen … aber verrückt bin ich nicht, wahrhaftig nicht. Das glauben Sie nur nicht. Möchte er zu Ihnen doch besser sein, als er es zu mir war.«

»Da haben wir's, da haben wir's!« sprach Gläser krampfhaft dazwischen. »Jetzt bedauert sie dich noch. Sie war immer hysterisch veranlagt.«

Aber weder Mutter noch Tochter glaubten es ihm. Frau Teichert war plötzlich schweigsam geworden, denn ihre Klugheit hatte sie auf die richtige Fährte gebracht, sie wollte sich aber hüten, in diesen vergangenen Dingen etwas Besonderes zu sehen, das Veranlassung zu einem ehelichen Zwist geben könnte. Die Männer waren groß in ihren Geschmacksverirrungen, und was in Herzensdingen vor der Heirat von ihnen verbrochen worden war, durfte ihnen später nicht mehr zur Last gelegt werden. Auch Klothilde sprach kein Wort, trotzdem andere Gefühle sie bewegten. Diese Tränen waren echt, das sah sie sofort; und während sie unwillkürlich des Mädchens Hand festhielt und sie warm drückte, wurden ihr selbst die Augen feucht, die sie auf einige Sekunden schloß, weil schmerzhafte Bewegungen durch ihren Körper gingen. Und es waren merkwürdige Vorstellungen, die in ihr erwachten und längst begrabene Erinnerungen neu erstehen ließen. Sie liebte ihren Mann nicht; darüber war sie niemals im Zweifel gewesen. Aber nun, da sie diese glänzende Versorgung erlangt und mit ihren Idealen abgeschlossen hatte, war sie von der nötigen Achtung vor ihm erfüllt, die zur Erträglichkeit einer Ehe nötig war. Über die aufgelösten Verlobungen war sie zu ihm gekommen, um sich aus dem angeschwemmten Schlamm ihrer Mädchenjahre wie an einem Anker zu retten, der glänzend und fest im trockenen Sande liegt. Seine Geldgier, seine geringe Werteinschätzung der Menschen, seine Verachtung der höheren Lebensgüter – alles das hatte sie ihm verziehen. Nun aber wurde sie auf Spuren gebracht, von denen sie niemals erwartet hatte, daß er in ihnen gewandelt sein könnte. Und in was für schmutzigen Spuren! Mit einer Lüge hatte er sich ins Haus geschlichen, und während er um ihre Hand anhielt, hatte er die andere fallen lassen, die niedrigste Dienste bei ihr verrichtete.

»Ihr müßt doch solche Albernheiten nicht glauben«, brauste er auf, wütend darüber, die Frauen so gerührt zu sehen. »Sie hat Wahnideen, das ist das Ganze. Jetzt sind sie eben explodiert.«

»Ich glaube es auch«, warf Frau Teichert ein, der die Miene ihrer Tochter nicht behagte. Mußte dieses Frauenzimmer gerade heute hier hereingeschneit kommen, um Unheil zu stiften! Und ärgerlich über sich selbst, das Mädchen nicht allein abgefertigt zu haben, schwoll ihr der Kamm vor Unmut. »Hätt' ich das gewußt, würde ich mich mit Ihnen erst gar nicht so lange eingelassen haben«, drang sie rücksichtslos mit Worten auf Anna ein. »Es ist ja unerhört, was Sie uns für Märchen hier auftischen! Gehen Sie nur jetzt, wir haben keine Zeit mehr für Sie übrig.«

In diesem Augenblick hätte Gläser seine Schwiegermutter liebevoll umarmen und sie auf ihr Haar küssen können, trotzdem ihm ihr falscher Scheitel, den auch sein berühmter Haarbalsam nicht hatte verdrängen können, stets den Appetit dazu geraubt hatte.

»Komm' doch ein andermal wieder, wenn ich weniger zu tun habe«, stimmte er der Alten bei, als er sah, wie Anna, die nun Klothildes Hand losgelassen hatte, wie unschlüssig dastand und mit dem Taschentuch die Tränen trocknete. Stiller Kummer sprach aus ihr, der ihr die letzten Gemütsaufwallungen in die Kehle brachte. Sie wußte nicht recht, was sie jetzt noch tun sollte, da sie anscheinend alle drei gegen sich hatte. »Ich will auch deinen Frieden nicht mehr stören,« brachte sie endlich mit zuckenden Lippen hervor, »aber ein schlechter Kerl warst du doch. Meine schönsten Jahre habe ich dir geopfert. Lug und Trug war an dir. Nach Wien wolltest du gehen, nur um mich loszuwerden. Hast aber hier hübsch warm gesessen. Na, ich will nur lieber ruhig sein, denn nützen tut es ja doch nichts. Über so ein armes Erdenwürmel geht man schon hinweg, wie ich eins bin. Da tritt man einfach drauf, ohne es zu beachten. Aber seinen Teil kriegt schon jeder. Adje denn. Und nehmen Sie es mir nur nicht übel, Frau Direktor … und gnädige Frau auch nicht. Ich hab' ja alles nicht geahnt, sonst hätt' ich mich lieber in einem Mauseloch verkrochen.«

In ihre Worte platzte laut der Schall der Türklingel hinein. Frau Teichert kehrte mit der Nachricht zurück, daß es Herbst sei, den Gläser heute zu sich gebeten hatte.

»Bleiben Sie doch noch und trinken Sie eine Tasse Kaffee«, sagte Klothilde rasch, von einem bestimmten Gedanken geleitet.

Sofort fuhr ihr Mann dazwischen, indem er Anna fast rauh anfuhr: »Komm' in mein Arbeitszimmer, die Sache muß aufgeklärt werden – ich sage dir, komm! Es geschieht nur zu deinem Guten.« Drohend war er vor sie hingetreten, und als er sah, wie Mutter und Tochter ihnen den Rücken kehrten und abseits zusammen sprachen, flüsterte er ihr leise zu, während er seiner Stimme etwas Lockendes gab: »Komm', Dolinsky war bei mir.« Er hatte ihn zwar noch nicht gesprochen, aber dieser Einfall war ihm plötzlich gekommen, wie etwas, was er zu seiner Rettung ausspielen könnte.

»So gehen Sie doch!« half Frau Teichert nach und schob sie fast zur Tür hinaus, hinter ihm her. »Gott sei Dank!« rief sie dann aus, als sie mit ihrer Tochter allein war. »Mach' dir doch keine Kopfschmerzen darüber, er wird schon mit ihr fertig werden. Solche Dinge macht man am besten in aller Stille ab … Übrigens kann ich dir sagen – ich glaube noch nicht daran. Die Hälfte hat sie sicher aus den Fingern gesogen.«

Klothilde lachte in ihrer eigentümlichen Weise. »Ich mir Kopfschmerzen machen?« erwiderte sie dann. »Wo denkst du hin! Aber deswegen kann ich doch Mitleid mit ihr empfinden, sie war ja meine Zofe.« Und als sie hinausging, geschah es mit demselben Lachen, dessen schriller Ton ihrer Mutter noch lange in den Ohren klang.

Als Gläser in seinem Arbeitszimmer angelangt war, gab er seinem Sekretär, der verwundert auf Anna blickte, den nötigen Wink, ihn auf kurze Zeit allein zu lassen, worauf Herbst einen kleinen gemütlichen Bummel in die Nebenräume unternahm, um seine halbe Zugehörigkeit zur Familie zu beweisen. Irgendwo würde er sicher auf eine der Damen stoßen, um Aufklärung über diesen merkwürdigen Besuch zu erhalten.

»Setz' dich doch, wir wollen einmal vernünftig reden«, sagte Gläser zu Anna, die mit großen Augen durch die Prunkräume geschritten war und sich nun neugierig in dem Arbeitszimmer umblickte.

»Da kann man ja nur staunen, nur immer staunen!« rief sie aus und pflanzte sich vor ihm auf, ohne seine Einladung zu beachten. »Diese Pracht, diese Pracht! Und das hat dir das Fräulein alles mitgebracht? So dicke hatten sie es doch auch nicht.«

»Ach, Dummheit«, fuhr es ihm über die Lippen. Schon wollte er hinzufügen, daß er Klothilde genommen habe, wie sie ging und stand, als er sich rasch wieder besann; denn dann hätte sie vor Anna nichts voraus gehabt, und durch irgend etwas mußte er seinen Schritt doch entschuldigen können. »Das heißt, was du hier siehst, stammt alles von meiner Schwiegermutter. Wie hätt' ich denn sonst so hoch kommen können, ich war arm wie du, das weißt du doch. Fräulein Klothilde war rasend in mich verliebt, und so ist eben alles gekommen.«

»Du bist ja auch ein Sonntagskind,« warf sie ein, »sie haben dir ja immer Glück prophezeit.«

»Na siehst du!« erwiderte er, gewissermaßen gehoben und zugleich erfreut darüber, sie nun so ruhig zu sehen. »Alle unsere Wege sind uns vorbestimmt, und wenn wir in eine Sackgasse laufen, müssen wir hübsch umkehren. Und das haben wir beide zur rechten Zeit auch getan, du und ich nämlich. Wir haben uns ja damals darüber ausgesprochen.«

»Ja, paßt Ihr denn auch zueinander?« fuhr sie fort. »Es ist mir ja immer noch wie ein Rätsel. Wenn ich so bedenke, wie sich das gnädige Fräulein früher immer lustig über dich gemacht hat. Sie fand dich manchmal zu komisch, in deinen Verbeugungen und so. Und deine roten Hände erst! Ich hörte es ja, und dann war ich wütend. Aber ich durfte mir ja den Mund nicht verbrennen.«

Gläser verkniff sich seinen Ärger, lachte aber gezwungen. »Das war alles nur verhaltene Liebe,« gab er zurück, »das siehst du ja jetzt. Die Macht meiner Persönlichkeit hat eben gesiegt.« plötzlich reckte er sich und sagte durchaus ernst: »Wollen wir uns nicht lieber Sie nennen? Es gehört sich doch wohl jetzt so.«

Sie lachte ihm dreist ins Gesicht. »Wohl gar! Wir kennen uns von klein auf, und dann soll ich Sie zu dir sagen? Sei doch kein Esel! Und drei Jahre habe ich mich mit dir herumgeschleppt! Dann kennt man sich doch. Innen und außen. Du kannst mir viel vormachen, ich glaub' dir's doch nicht.«

Arg verschnupft sah er sich um, als könnte ein Dritter diese Keckheit gehört haben. Dann fuhr er sie wie eine Fremde an: »Ich weiß gar nicht, was Sie sich erlauben! Ich könnte Sie sofort an die Luft setzen, wenn ich wollte. Ich brauch' es noch nicht einmal selbst zu tun, das besorgen meine Dienstboten.« Erregt ging er vor ihr auf und ab, nicht wissend, wie er sich jetzt verhalten sollte.

»Tu' es doch, tu' es doch!« fiel sie ein und lachte ihn abermals aus. »Das wär' das Schlimmste noch nicht, was du mir angetan hättest! Wie? Geschwindelt und geheuchelt hast du, nur, damit ich wieder in Dienst ginge. In 'n Stiefel hast du es gesteckt, dort auf der Station, Dolinsky hat es gesehen. Wir kamen darauf zu sprechen, und starr war ich, ganz starr über solche Raffiniertheit! Aber ich habe mich geschämt, ihm zu sagen, daß du so 'n schlechter Kerl bist. Heruntergewürgt habe ich alles, und nachher habe ich im stillen geheult, immer geheult. Mit meinen Spargroschen hast du dich herausstaffiert, und damit bist du weiter gekommen. Sonst hätt'st du wohl auch der Welt mit deinem Haarbalsam nichts vormachen können … Nun geh' doch, geh' doch – und laß mich hinauswerfen. Ich werde mich gewiß nicht wehren.«

Aber ihm war die Lust vergangen, ein Glied zu rühren. Starr stand er auf einem Fleck und sah nur, wie sich ihr Schmerz aufs neue leicht in Tränen löste, die sie aber rasch und verstohlen wieder trocknete, als schämte sie sich, noch einmal diese Schwäche zu zeigen. Das rührte ihn jedoch nicht, denn plötzlich spielte er laut den Belustigten. »Das ist ja köstlich, das ist ja köstlich!« rief er aus und ließ eine Lachsalve steigen. »Was dieser Bursche nicht gesehen haben will! Richtig, ich entsinne mich jetzt – es war in der Nacht, als ich ausstieg. Ich steckte meine Papiere in den Stiefel, weil sie mir dort sicherer erschienen. Die Rocktasche hatte ein Loch, und so kam es. Deine waren auch dabei.«

»Nein, er sah deutlich, daß es ein Beutel war«, warf sie kleinlaut dazwischen.

Aus ihrer Miene erriet er, daß sie in ihrer Ansicht schwankend wurde. Und so fuhr er aufgebracht fort, ohne ihren Einwurf zu beachten: »Er soll mir nur kommen, dieser Patron, ich werde ihn abfallen lassen, ganz gehörig! Schon neulich wollte er mich sprechen, wahrscheinlich wollte er etwas von mir. Und es ist sicher, daß er sich wieder blicken läßt. Dieser Bursche, dieser Bursche! Er will gewiß meine Hilfe in Anspruch nehmen, nachdem er mich so verleumdet hat. Aber er soll mich kennenlernen.«

Als er mit großen Schritten vor ihr auf und ab ging, war er wieder derselbe Schauspieler, wie damals an jenem Wintermorgen, als er vor dem Bahnhofe die leeren Taschen umkehrte, alle ihre Hoffnungen knickte und dabei natürliches Entsetzen auf seine harten Züge zauberte; nur war er aus dem Naturburschenhaften ins Salonfach übergegangen, hatte er mit dem Äußern auch seine Bewegungen verfeinert und sozusagen künstlerischen Schwung in sie gebracht. Wohlleben und Besitz hatten ihm jene Sicherheit gegeben, die sich keck über alle Bedenken hinwegsetzt.

»Das geht doch gar nicht, du kannst ihn doch gar nicht schlecht behandeln«, jammerte sie förmlich, »er ist doch jetzt mein Bräutigam. Du weißt es wohl noch gar nicht.«

Diesmal lachte Gläser nicht laut, aber jenes lächeln der Befriedigung glitt über seine Züge, das große Menschenkenner stets bereit haben, wenn sie den Beweis für irgendein Ereignis bekommen, das sie längst vorhergesehen haben. »Siehst du, das habe ich mir immer gedacht«, sagte er mit großer Ruhe und bewog sie endlich, Platz zu nehmen, damit sie ihm ihre Erlebnisse in letzter Zeit erzähle.

Sie hatte nicht viel zu berichten, denn was sie sagte, drehte sich eigentlich nur um Dolinsky. Bisher hatte er kümmerlich sein Dasein als Zeichner in dem Bureau eines Maurermeisters gefristet, der ihn auch zur praktischen Tätigkeit auf seinen Bauten verwendete. Seitdem er an jenem Sonntage zufällig mit Anna zusammengetroffen war, hatte er sich so sehr an sie gewöhnt, daß er eines Tages mit Heiratsgedanken an sie herangetreten war und sie gebeten hatte, sich einmal recht zu prüfen, ob sie ihren ersten Schatz schon ganz vergessen habe. Er sei schon während jener Reisenacht in sie verliebt gewesen und würde, da er selbst aus kleinen Verhältnissen stamme und jedenfalls niemals über seinen Baugewerkshorizont hinauskommen werde, keinen Anstand nehmen, sie zur Frau zu nehmen, wenn sie bestrebt sein würde, etwas Besseres aus sich zu machen. Sie habe sich nicht lange besonnen, sondern ja gesagt; denn seitdem sie nun einmal mit Gläser gebrochen habe, sei ihr Dolinsky immer angenehmer geworden. Schon um deswegen, weil er ein so außerordentlich guter Mensch sei, sanftmütig und ehrlich, und ihr von vornherein versprochen habe, sie später niemals an ihr Verhältnis mit ihrem ersten Verlobten zu erinnern. Das sei ein für allemal abgetan für ihn. Und so habe sie sich denn vor einigen Monaten mit ihm verlobt. Schon seit einem Jahre sei sie bei einer wohlhabenden, alleinstehenden Dame in Stellung, so halb und halb als Stütze, wo sie es sehr gut und viel freie Zeit habe. Dolinsky könne kommen und gehen, wann er wolle; denn Fräulein von Sarren, eine alte Jungfer, habe so viel Interesse an ihm genommen, daß sie sich gern mit ihm unterhalte; auch habe sie, Anna, ihr viel zu verdanken, was zum Beispiel das Lesen guter Bücher betreffe und überhaupt alles, was mit der Bildung zusammenhänge. Sie hoffe auch stark, daß sie ihr zur Hochzeit ein Geschenk machen werde, denn sie habe Andeutungen darüber fallen lassen.

»Ja, was willst du denn eigentlich noch mehr?« sagte Gläser, der aufmerksam zugehört hatte, ersichtlich aufgebracht. »Bessere Aussichten kannst du ja gar nicht haben. Und dann kommst du noch hierher und machst mich schlecht vor meiner Frau? Das hätt' ich nur wissen sollen! Ich würde dir schön in die Parade gefahren sein, verstehst du? Die Türe hätte man dir gar nicht öffnen sollen. Denn das steht fest – in Gedanken hattest du mir schon damals längst die Treue gebrochen. Dieser Dolinsky war dir von Anfang an angenehm. Man sieht's doch jetzt, gesteh' es endlich ein. Zu verderben gibt's nichts mehr.«

»Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr!« erwiderte sie aufgeregt. »Gut bin ich dir eigentlich heute noch, ich weiß nicht, woher es kommt. Vielleicht, weil du immer stärker warst, als ich!«

»Na, das paßte mir noch«, stieß er kurz hervor, betrachtete sie aber wohlgefällig mit seinen kleinen Augen.

»Hab' nur keine Angst, es sind ja nur Worte«, warf sie lebhaft ein. »Wie könnte ich auch noch wagen, zu dir reichen Mann emporzublicken. Du hast ja auch dein Teil.« Um ihre vollen, kirschroten Lippen zuckte es, als sie ein bitteres Lachen folgen ließ. Dann, als sie ein Weilchen still geblieben war, fuhr sie fort: »Siehst du, Dolinsky hat immer Mitleid mit mir gehabt, und deshalb achte ich ihn so. Niemals wird er mich schlagen, ich weiß es.«

»Deshalb hast du ihn auch als Mann verdient«, sagte er kurz und vergnügte sich, als hätte er einen guten Witz gemacht.

»Ja, aber anders, als du es meinst«, gab sie zurück. »Schäme dich. Deine Frau wirst du gewiß gut behandeln, die ist dir auch gewachsen.«

Er erwiderte darauf nichts, denn seine Aufmerksamkeit wurde abgelenkt. Von irgendwo her war ein verhaltenes Lachen erschallt, das sich wie verschluckt anhörte. Das Arbeitszimmer war ein langer Raum, der drei schmale Bogenfenster nach der Einfahrt zu hatte und einen Erker zeigte, der nach der Straße hinaus ging. Hier saßen sie. Die untere Wand war durchbrochen und mit einer grünen Decke verhängt, durch die man in ein kleines Kabinett mit einem Ausgang direkt nach dem langen Seitenflur gelangte. In diesem Zimmerchen standen nur ein Schreibtisch mit Stuhl, ein Sofa und ein anderer Tisch. Der Vorhang war eine sogenannte Horchdecke, hinter der Herbst zu verschwinden hatte, sobald irgendeine geschäftliche Unterredung zwischen Gläser und irgendeinem andern stattfand, die nicht ganz ohne Zeugen sein durfte. Früher namentlich, als die Bank noch nicht aufgetan war und die Vorarbeiten hier gemacht wurden, gab es fast täglich Gelegenheit zu solchen Horcherdiensten. Dann saß Herbst an dem kleinen Schreibtisch und stenographierte aufmerksam die ganze Unterredung, ohne daß der Besucher davon eine Ahnung hatte. Wenn Gläser dann in der Übertragung alles in Händen hatte, lachte er und freute sich doppelt; denn er hatte zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, hatte schwarz auf weiß die Meinung des andern, während dieser bei der nächsten Zusammenkunft nicht mehr genau wissen konnte, was Gläser gesprochen hatte. Und kam es ans Streiten, dann hatte er zur Not im Hintergrunde seinen sogenannten Kronzeugen.

Auf diese Decke richtete sich der Blick Gläsers, denn es war ihm, als hätte sie sich bewegt. Vorsichtig beobachtete und lauschte er, ohne jedoch zum zweitenmal etwas Besonderes zu merken. Dann sprach er gleichgültige Dinge zu Anna und ging dabei auf dem weichen Dielenbelag fast unhörbar in die Mitte des Zimmers, vorbei an dem großen Gestell mit Büchern, das fast die halbe Innenwand einnahm, an dem Ruhebett und an den hochlehnigen Stühlen, die den grün überzogenen Beratungstisch umstanden. Und während er immer aufs neue ganz alltägliches Zeug redete, ging er schließlich an den kleinen Geldschrank, der ganz im Hintergrunde stand und klirrte absichtlich laut mit dem Schlüsselbund, um so harmlos als möglich zu erscheinen. Dann plötzlich war er mit einem mächtigen Schritt an dem Vorhang und zog ihn auseinander. Aber nichts als das leere Zimmer war zu sehen, trotzdem er hätte beschwören mögen, noch vor einer Minute Atemzüge gehört zu haben. Ärgerlich ging er hinein, öffnete die Tür und blickte auf den langen, schmalen Gang, der bereits erleuchtet war. Nur ein schwaches Geräusch erschallte, als würde eine andere Tür soeben leise geschlossen. Enttäuscht kehrte er zurück, wobei er jedoch den Vorhang offen ließ. Wenn jetzt jemand wieder hereintrat, konnte er es wenigstens sehen.

»Was hast du denn?« fragte Anna. »Du denkst wohl, deine Frau könnte horchen?«

Trotzdem er denselben Gedanken hatte, machte er eine Ausrede und kam wieder auf wichtige Dinge mit ihr zu sprechen, denn er wollte zum Schluß mit ihr kommen. »Also hör' mal,« begann er wieder, diesmal gedämpft, »ich könnte etwas für deinen Bräutigam tun, wenn du jetzt auf mich hörtest. Unsere Lebenswege sind doch nun einmal verschieden geworden. Du mußt dich eben trösten damit, daß wir nicht zueinander gepaßt hätten.«

»Aber ich bin ja auch ganz vernünftig und ich will dir gewiß nicht mehr in die Quere kommen«, sagte sie gefaßt, glücklich über diese Wendung. »Er möchte so gern emporkommen, nimm dich doch seiner an. Ich werde es dir ewig danken. Da nun doch einmal alles so gekommen ist …« Ein Seufzer folgte, der sich wie ein letzter Abschied von alten Erinnerungen ausnahm.

Und er redete ihr ein, was sie tun solle. Auf alle Fälle müßte sie ihre Unvorsichtigkeit wieder gut machen und seiner Frau und deren Mutter eingestehen, daß sie gar nicht die Braut von ihm gewesen sei, sondern daß sie sich nur einer grenzenlosen Einbildung hingegeben habe, auch daß sie tatsächlich eine entfernte Verwandte von ihm sei. »Wie du es machst, ist mir gleich,« schloß er, »nur reinigen mußt du mich wieder von dem Verdacht.«

Er ergriff ihre Hände, und sie fuhr ihm über die große Hand, wie sie es oftmals getan hatte, um ihm ihre Treue und Anhänglichkeit zu beweisen. Beide saßen an dem Schreibtisch, der vor dem offenen Erker stand, und es war merkwürdig, wie sie sich wieder nähergerückt fühlten, gerade, als wäre nichts zwischen ihnen vorgefallen und als hätten sie sich gestern erst getrennt, um sich heute wieder zu finden. Sie hatte wenigstens diese Empfindung, als sie ihn vergnügt anlachte und sagte: »Stärker bist du geworden und volle Backen hast du bekommen … Und den Schnurrbart pflegst du dir jetzt ordentlich, das kleidet dich. Früher zupfte ich manchmal daran, das wage ich jetzt aber nicht mehr … Und was du für eine schwere Uhrkette hast! Einen Bären könnte man daran führen.«

»Du sollst für deinen Mann eine zur Hochzeit haben … und einen Hundertmarkschein schenke ich dir heute schon«, erwiderte er, während seine Gedanken ganz wo anders waren. Fortwährend gingen seine beweglichen Augen seitwärts dem offenen Kabinett zu, als befürchtete er, aufs neue belauscht zu werden.

»Nein, nein, das behalt' nur alles«, wehrte sie ab. »Das wären Sündengeschenke, woraus ich mir ein Gewissen machen könnte. Ich will nichts von dir haben, ich will alles umsonst für dich tun. Wenn ich auch dabei a bissel schwindeln müßte. Ohne das geht's ja in der Welt nicht ab. Weißt du, du tust mich dauern, denn glücklich bist du doch wahrhaftig nicht. Gesteh's doch nur ein.«

»Warum denn nicht?« fragte er zerstreut und erhob sich zugleich, weil ihre Zutraulichkeit ihm nicht mehr behagte. Er erblickte sich in dem großen Wandspiegel und fand es plötzlich komisch, von diesem Mädchen aus unterem Stande wie ihresgleichen behandelt zu werden. Es war ihm, als wollte sie ihn durch ihr Streicheln wieder in die Tiefe zurückreißen, der er mit kühnem Sprunge entronnen war.

»Na, ein Wunder wär's doch nicht«, fuhr sie fort. »Sie ist doch nicht leicht zu regieren, und anderen hat sie auch schon genug Späne gemacht … Wie bist du eigentlich zu dem jungen Menschen gekommen? Der ging doch ein und aus bei Teicherts.« Sie lachte, und ihr Lachen kam ihm so sonderbar vor, daß er rot wurde. »Verlobt war sie doch auch schon vor dir, sie hätte dir eigentlich nichts vorzuwerfen.«

»Sprich doch nicht so dumm«, sagte er ärgerlich, während er die Hitze in seinem Kopfe fühlte.

»In manchen Dingen bin ich vielleicht klüger, als du«, gab sie furchtlos zurück. Fest und unbeweglich saß sie vor ihm, mit der Bescheidenheit kleiner Leute, die ihr Plätzchen warm halten. »Nun wird ja der Klapperstorch bald bei dir einkehren«, fuhr sie nach einem Weilchen fort. »Ich wünsch' dir allen Segen, und wenn es ein Mädchen sein sollte, nenn' sie Marie, wie deine Mutter heißt. Sie ist eine gute Frau. Du schickst ja jetzt ordentlich nach Hause, Vater schrieb es mir. Er hat schon längst drei Kreuze hinter dir gemacht.«

»So, jetzt kannst du mir Segen wünschen!« rief er ihr aufgebracht zu, denn es wurmte ihn innerlich, daß sie auch auf diese Dinge zu sprechen kam. »Früher hast du meine Nachkommenschaft verflucht.«

»Wußt' ich denn, daß du das gnädige Fräulein heiraten würdest? Es hat mir auch schon leid genug getan. Das war ja auch nur eine Redensart, was sagt man nicht alles in der Wut! Weißt du noch, wie wir immer träumten, wenn wir erst verheiratet wären und uns der Segen ins Haus käme? Der liebe Gott hat es anders bestimmt.«

Sie senkte das Haupt und blickte, während beide schwiegen, nachdenklich zu Boden. Dann aber schnellte sie plötzlich vom Stuhl auf, denn Klothilde sprach laut im Nebenzimmer, ohne daß man sie verstehen konnte. Es war gerade, als wollte sie sich bemerkbar machen, bevor sie hier hereinträte. Sofort wurde Gläser wieder ein anderer. »Du weißt nicht, wie lieb ich sie habe,« raunte er ihr rasch zu, »vergiß nicht dein Versprechen. Verstell' dich einmal gründlich, und du sollst es nie bereuen … Schwöre mir, daß du dir alles gefallen lassen wirst, wenn ich in ihrer Gegenwart über dich herfalle.«

Nebenan ging die Unterhaltung noch immer weiter. Anna nestelte unter ihrer Winterjacke an dem Verschluß ihres Kleides und zog das alte Einsegnungsandenken hervor. »Siehst du das Kreuzel hier?« gab sie leise zurück. »Ich trag's noch immer bei mir. Ich schwör's dir darauf, daß du mich schlecht machen kannst, wie du willst. Nicht mucken will ich. Meine Finger lege ich darauf, und ich werde meinen Schwur besser halten als du damals.« Sie küßte das Kreuz und steckte es wieder fort; dann sagte sie wieder: »Ich hab' deine Frau auch noch lieb, weshalb solltest du es nicht tun? Glaub' nur nicht, daß ich eifersüchtig bin, ich hab' jetzt an einen andern zu denken.«

Klothilde kam herein, und sogleich mit ihr wurde hinten in dem kleinen Kabinett Herbst sichtbar, der den Weg dort herum genommen hatte, wohl in der Erwartung, daß der Vorhang noch geschlossen sei. Verlegen wollte er sich wieder zurückziehen, Gläser jedoch gab ihm einen Wink zu bleiben mit der Bemerkung, daß er seine Hilfe auf einige Augenblicke in Anspruch nehmen möchte. Ärgerlich fuhr er ihn an: »Wo haben Sie übrigens solange gesteckt? Ich suchte Sie schon.« Mißtrauisch geworden, wollte er einmal auf den Busch klopfen, um zu erfahren, wer hinter dem Vorhang gestanden habe. »Suchten Sie etwas dort?« fügte er hinzu und sah ihn durchdringend an.

Untertänig wie immer kam der Referendar herangetänzelt, mit jenem pfiffigen Ausdruck im hübschen Gesicht, den Gläser niemals ganz erschöpfen konnte. Seine Lackstiefel glänzten, seine dunkelrote Modekrawatte leuchtete, und in dem wohlfrisierten Haupthaar spiegelte sich der Glanz zu beiden Seiten des Scheitels. »Durchaus nicht, Herr Generaldirektor«, erwiderte er mit seiner gewohnheitsmäßigen Verbeugung, während das ewig verbindliche Lächeln seine Lippen umschwebte. »Ich hatte die Ahnung, als bedurften Sie meiner … Ihre Damen erwiesen mir die Ehre, mich so lange in Anspruch zu nehmen.« Aus seinen hübschen, braunen Augen sprach nichts Bedenkliches, und so war Gläser rasch beruhigt, trotzdem ihm die seltsame Anrede »Generaldirektor« heute ganz besonders wenig behagte, denn unter diesem Lächeln hörte es sich wie leiser Spott an.

»Hätte ich gewußt, daß du auf Herrn Herbst wartest …«, mischte sich seine Frau hinein.

»Oh, es hat nichts auf sich«, beruhigte Gläser beide, nun in der Meinung, es könnte sich von den Dienstboten jemand auf Augenblicke in das Kabinett verirrt haben.

»Du hast ja außerordentlich lange mit dem Mädchen verhandelt«, fuhr sie unfreundlich fort.

»Verhandelt? Aber ich bitte dich!« fuhr Gläser auf, bezwang sich aber, denn seiner Frau gegenüber war er stets von ausgesuchter Höflichkeit, besonders in Gegenwart anderer. »Wie kannst du nur denken, liebe Klothilde, daß ich mich mit so einer Person in Unterhandlungen einlassen werde. Dazu liegt doch auch gar kein Grund vor. Abbitte sollte sie leisten, und das hat sie getan. Denn, was soll ich dir sagen – sie leidet wirklich manchmal an krankhaften Einbildungen. Sie weiß selbst nicht, wie sie zu all diesen Wahnvorstellungen gekommen ist. Sie hat als Kind einmal eine Gehirnerschütterung davongetragen, es müssen also geradezu Gedankenstörungen sein, unter denen sie manchmal leidet.«

Während sich Klothilde kaum ihr Lachen verbeißen konnte und sie rasch einen Blick mit Herbst austauschte, stand Anna Schiman wie eine Büßerin beiseite. Derselbe stille Schreck durchfuhr sie, wie damals, als sie zum erstenmal mit ihm in der Potsdamer Straße aufgetaucht war und er den Damen vorlog, sie sei eine arme Verwandte von ihm. Unerschöpflich schien er in neuen Einfällen zu sein, die alle dazu dienen sollten, ihn selbst vor den Leuten immer rein zu waschen.

»Ist es nicht so?« rief ihr Gläser zu. »Steh' doch nicht da wie eine arme Sünderin, sondern melde dich jetzt, bitte auch meine Frau um Entschuldigung.«

Wie aus einer Betäubung erwachte Anna, und wie früher empfand sie wieder den Einfluß dieses Mannes, dem sie willenlos gefolgt war. Und sie trat auf Klothilde zu, erfaßte ihre Hand, drückte einen Kuß darauf und sagte gefaßt: »Bitte, gnädige Frau, vielmals um Verzeihung, daß ich Ihnen auch weh getan habe mit dem Gerede vorhin. Ich weiß ja gar nicht, was in mich gefahren war. Ich hab' schon als kleines Mädchen solche Streiche getan, dann habe ich immer Märchen erfunden. Sie wissen's ja auch aus der Zeit, als ich noch bei Ihnen war. Es war vorhin die reine Wut darüber, daß mein Verwandter solange nichts von sich hören ließ. Er hätte mir doch schreiben können, daß er verheiratet ist. Und obendrein mit Ihnen. Vergessen Sie nur, bitte, alles und tragen Sie mir nichts nach. Ich bin recht schlecht geworden.«

Das Heucheln wurde ihr so schwer, daß sie nicht weitersprechen konnte. Aufs neue hätte sie weinen mögen, aber tapfer bezwang sie sich, um ihren Schwur zu halten. Nochmals beugte sie sich tief auf die Hand, um die glühende Röte zu verbergen, die aus Scham über ihre Lüge ihr Antlitz brennend machte.

Klothilde war so starr über diese Wendung, daß sie kein Wort hervorzubringen vermochte. Ganze zehn Minuten hatte sie vorhin, während Herbst bei ihrer Mutter saß, von fressender Neugierde getrieben, hinter dem Vorhang gestanden und alles mit angehört, was ihr Mann mit seiner früheren Geliebten gesprochen hatte. Während sie nun mit einer gewissen Rührung Annas Hand drückte und sie nur ein stummes Kopfschütteln für diese Überraschung hatte, wandte sich Gläser durchaus geschäftsmäßig an seinen Sekretär. »Lassen Sie sich doch die Adresse von Fräulein Schiman sagen … und auch von ihrem Verlobten, Herrn Dolinsky. Es ist derselbe Herr, der mich neulich sprechen wollte. Erinnern Sie mich gleich morgen früh daran.«

»Es ist schon gut, ich will's Ihnen glauben«, sagte Klothilde zu Anna, ohne eine Miene zu verziehen. »Kommen Sie dann nur nach hinten, man wird Ihnen Kaffee geben.«

Sie sprach kein Wort mehr mit ihrem Manne, drehte sich schroff um und ging hinaus.

14.

Schon zwei Tage später stellte sich Dolinsky in der Volks-Garantie-Bank ein. Gläser hatte ihn zu sich bitten lassen, um sein Versprechen Anna gegenüber zu halten. Zum ersten Male fühlte er sich ihr zu Dank verpflichtet, weil er der Meinung war, sie hätte Klothilde durch ihre Komödie überzeugt. So groß seine Schlauheit war, so wenig kannte er die Frauen. Die gebildete Klothilde hielt er für besser als die einfältige Anna, ohne zu ahnen, mit welcher Lüge sie in die Ehe getreten war und daß sie jetzt nur die Rolle der Gläubigen beibehielt, weil ihr ganzes Seelenleben durch die kommende schwere Stunde ausgefüllt wurde.

Im stillen freute er sich über diesen neuen Sieg, der ihn wiederum über eine gähnende Kluft getragen hatte. Ja, ihm konnte keiner so leicht beikommen! Überall triumphierte er über die Dummheit der Menschen. Und seine Eitelkeit wuchs, als er sich immer mehr einbildete, das alles sei nur eine Folge der gebietenden Macht seiner Persönlichkeit. Es mußte doch etwas in ihm stecken, das die Menschen ihm unterwürfig machte und sie zum Gehorsam zwang. Das hatte ihm wieder die Schiman bewiesen, die wie eine geduckte Hündin seiner Dressur gefolgt war. Er sah nicht das fromme Gemüt in ihr, nicht den Mitleidsdrang, sondern nur die Sklavennatur, die durch den Herrn und Meister gezügelt wurde.

Herbst kam und brachte ihm die Karte Dolinskys, worauf ihm Gläser bedeutete, man möchte ihn ein Viertelstündchen ungestört lassen. Der Referendar nickte nur und ließ den Bautechniker eintreten, wobei er ihn wie einen guten Bekannten anlächelte. Frau Teichert, die manchmal die Neigung zeigte, ihn wie einen Sohn zu behandeln, hatte ihm noch am Sonntag brühwarm alles gesteckt, soweit es sich um den Auftritt in ihrem Zimmer handelte. Allerdings war sie dafür von ihrer Tochter gründlich ausgezankt worden, da Klothilde ungern in ihrem früheren Geliebten einen Mitwisser dieser Dinge sah, weil sie nun voraussetzte, er könnte dadurch ihre Schwäche noch mehr auszunutzen trachten.

Dolinsky war bescheiden an der Tür stehen geblieben, nachdem er sich wie vor einer Respektsperson verbeugt hatte. Der Gang durch die vielen Bureaus, an unzähligen Pulten, an Kassennischen und an einem Troß von Menschen vorüber, hatte ihn völlig eingeschüchtert. Den Brief mit der Unterschrift Gläsers in der Hand, den er wie eine kostbare Urkunde vorgezeigt hatte, war er fast wie eine gewichtige Person empfangen worden, die man sicher zu dem Bankgewaltigen leiten müsse. Und das hatte ihn noch mehr verwirrt. Der Mut zu einem Annäherungsversuche war ihm vergangen; nur derselbe Gedanke bewegte ihn fortwährend: »Was für ein großes Tier ist aus ihm geworden!« Allmählich erst fand sich sein Blick zurecht in diesem großen Raum mit der geschnitzten Holztäfelung, auf der noch der Firnis der Neueinrichtung lag.

Gläser erhob sich von seinem bequemen Sitz und ging ihm mit einem Gruß entgegen, wobei er Dolinsky von unten bis oben betrachtete. Er war zufrieden mit dieser Musterung, denn schon hatte er befürchtet, der einstige vierklassige Reisegefährte könnte bei dieser Bekanntschaftserneuerung etwas von seinem Bauschutt mit hereinschleppen, was dem Personal draußen jedenfalls nicht entgangen wäre.

»Ei, das freut mich, Sie wieder einmal zu sehen«, begann er und streckte ihm nur zwei Finger entgegen, was er immer Leuten gegenüber tat, denen er sein herablassendes Wohlwollen beweisen wollte. »Sie wollen sich also verheiraten? Recht so, recht so! Sich einen soliden Hausstand zu gründen, das ist die Hauptsache. Meiner Huld dürfen Sie sicher sein.«

Dolinsky empfand den grausamen Spott dieser Worte gar nicht, denn als Bittender stand er ganz unter dem Eindrucke seiner Kleinheit diesem Großen gegenüber, der ihn auch körperlich überragte. Wiederholt dienerte er und stammelte ein paar Worte der Bejahung. Er fühlte immer mehr die weite Kluft, die sich zwischen ihm, dem Tagesschinder, und diesem Geldbeherrscher aufgetan hatte. Eigentlich hatte er es sich ganz anders gedacht. Er würde vergnügt zu ihm hereintreten und sofort lustig zu ihm sagen: »Na, da wären wir ja wieder! Verflucht, haben Sie Schwein gehabt, Landsmann, Sie!« Nun aber kam er sich wie verkrümelt vor in dem mächtigen Ledersessel, auf dessen Kante er sich nach der Einladung Gläsers niedergelassen hatte, die Knie linkisch zusammengedrückt, ungewohnt dieser Auszeichnung, die ihm zum erstenmal in seinem Leben zuteil geworden war.

»Sie fahren immer noch vierter Klasse, wie ich gehört habe, wie? Ich jetzt erster«, sagte Gläser wieder und lachte breit auf. »Na, stecken Sie sich eine ins Gesicht.« Manchmal erwachte der Plebejer in ihm, was Herbst schon mehrfach unangenehm empfunden hatte. Bei andern geschah es im Trunk, bei ihm regelmäßig nach starkem Essen; und er hatte soeben erst vortrefflich gefrühstückt. Noch standen die leeren Schalen der zwei Dutzend Austern und die Überreste des Kaviars und des Hamburger Backhuhns auf dem Sofatisch neben der halben Sektflasche, deren Inhalt er stets mit Selter mischte.

Voll Ehrfurcht hatten sich bereits Dolinskys Augen darauf gerichtet. Er nickte, drehte verlegen seinen Kalabreser und sog dann krampfhaft an der schweren Zigarre, die Gläser ihm gereicht und die er nicht gewagt hatte abzulehnen, trotzdem er wußte, daß ihm stets übel wurde, wenn er etwas anderes rauchte als seine selbstgedrehten Zigaretten. Endlich, als Gläser einige Fragen an ihn gerichtet hatte, die sich um seine hochfliegenden Pläne von früher drehten, wurde er mutiger. »Und Sie haben sich wirklich Berlin erobert, Herr Bankdirektor«, sagte er zutraulich. »Wissen Sie noch, wie wir uns darüber unterhielten? Sie sagten, das Geld liege auf der Straße. Ich lachte dazu, Sie haben aber recht behalten. Und was sagen Sie dazu: den Pfennig, den ich damals fand, den habe ich noch. Aber verzinst hat er sich noch nicht, man muß wohl mit mehr anfangen.« Er ließ sein altes, fröhliches Lachen erklingen, das aber jäh erstarb, denn er fand keine Teilnahme dafür.

Gläser schnitt jede Erinnerung daran kalt mit den Worten ab: »So, so. Davon weiß ich ja gar nichts. Sie irren sich wohl in der Person.« Sofort fiel ihm ein, daß dieser vorwitzige Mensch ihn in einen schlimmen Verdacht gebracht hatte, und so hielt er es für besser, für vergangene Dinge Taubheit zu heucheln, allerdings mit der Gnade eines Fürsten, der sich selbst wohl einen kleinen Gedächtnisscherz erlauben durfte.

Dolinsky, der sich auf einer Dummheit ertappt sah, nahm sich vor, nicht zum zweitenmal unnütz daran zu rühren und brachte nur das Wort »Verzeihung« hervor, ungefähr wie jemand, der froh ist, noch glimpflich über eine Klippe gekommen zu sein. Als dann Gläser ihm die Anregung dazu gab, kam er schüchtern mit seiner Bitte hervor. Ganz Berlin sei ja voll von der Landhausstadt, die man entstehen lassen wolle. Ob Gläser ihn nicht durch seine mächtige Empfehlung an einen der Architekten verweisen könne, die man ausersehen habe. Es schwirrten so viele Namen herum, berühmte und unberühmte. Er habe fleißig studiert, immer bis tief in die Nächte hinein gezeichnet und habe es zu einer gewissen architektonischen Kunstfertigkeit gebracht, wodurch schon sein Maurermeister in Erstaunen gesetzt worden sei. Der sei aber ein simpler Mann, der ebensowenig Verbindungen habe wie er selbst. Wenn er sich erlauben dürfe, einmal etwas vorzulegen …

Bei seinem Eintritt hatte er eine kleine Mappe beiseite gestellt, die er nun eilfertig herbeiholte. Plötzlich war er lebhaft geworden in der Meinung, Gläser höre ihm aufmerksam zu. Dieser hatte aber ganz andere Dinge im Kopf, denn ein Prokurist der Bank war eingetreten und hatte ihm ein Schriftstück überreicht, das er immer noch in Händen hielt. Und während Dolinsky die Mappe aufschlug und den Inhalt hervorholte, ging er achtlos an ihm vorüber, öffnete die gepolsterte Doppeltür und rief laut ins Nebenzimmer: »Herbst, sagen Sie doch Franke, er soll die fünfzigtausend Mark auszahlen.«

Dolinsky spitzte die Ohren und stand andächtig still, während er unwillkürlich an den Knöpfen seines nicht mehr neuen Winterüberziehers herunterstrich, was für ein allmächtiger Mensch, dieser Landsmann aus Oberschlesien! Ein Wort von ihm genügte, und man zahlte ein Kapital aus. Und das geschah mit demselben Gleichmut, als wenn er, Dolinsky, am Ende des Monats zu seiner Wirtin sagte: »Frau Linke, bezahlen Sie doch zwei Mark für die Wäscherin.« Nein, ein Mädchen wie Anna Schiman hätte zu diesem Manne nicht gepaßt. Sie, die Frau eines Großbankiers! Es lag etwas so lustiges in diesem Gedanken, daß er sich darüber erheitert hätte, wenn der Augenblick nicht so ernst gewesen wäre, was für Irrungen doch unter Menschen vorkommen konnten, die die Entfaltung ihrer Kraft noch nicht geahnt hatten. Das war gerade wie bei den Bergwerken, die unentdeckte Schätze in sich bargen und schlecht bewertet wurden. Man ließ sie liegen, bis ein neuer Unternehmer kam, der den Betrieb wieder aufnahm und neue Adern entdeckte.

Es klopfte. Herbst trat herein und flüsterte seinem Chef etwas zu, nachdem er wie mitleidig auf den Wartenden geblickt hatte. Trotzdem konnte Dolinsky die Mitteilung verstehen. Ein höherer Beamter hatte in einem Kreisblatt gegen die »Terrainbewucherung« Front gemacht.

»Was so ein kleiner Landrat sich herausnimmt«, sagte Gläser und zeigte seine Raubtierzähne. »Das ist nur Futterneid. Wir wollen den Sumpfstreifen nicht. Nicht geschenkt! Die ›Lösung‹ soll ihm das besorgen. Wir haben größere Beamtenhühner, die für uns durchs Feuer gehen. Wenn er sich noch einmal so etwas erlaubt, werde ich gegen ihn losziehen.«

Dolinsky zuckte unwillkürlich zusammen. Aus seinem Heimatstrich kannte er die mächtige Bedeutung eines derartigen Kreisbeherrschers, vor dem alles tiefe Verbeugungen machte, und hier sprang man mit einem Landrat um, als hätte man eine Null vor sich. Noch mehr Bewunderung vor Gläser erfüllte ihn, und sofort sagte er sich, daß nur die Geldmachtstellung ihm diesen Mut gegeben haben konnte.

»Übrigens hat mir Doktor Wichtig einen hübschen Artikel gegen die Mistkneter geschickt«, fuhr Gläser fort. »Er wimmelt zwar von Beleidigungen, aber recht hat er. Er dient ganz unsern Zwecken. Lesen Sie die Sache doch einmal durch, damit uns die Gesellschaft nicht wegen Injurien belangen kann.«

»Ein ganz anrüchiger Mensch«, warf Herbst ein. Dann raunte er ihm noch etwas zu, was Dolinsky nicht verstand.

»Ach, erzählen Sie mir lieber solche Dinge nicht«, erwiderte Gläser laut und ärgerlich. »Er sitzt doch nicht vor unserem Geldschrank. Also! Mag er sich mit seiner Ehrlichkeit privatim abfinden. Ich brauche sie nicht. Wenn er seine Arbeit getan hat, wird er schon fliegen. Wie oft habe ich Ihnen gesagt, Herr Referendar, daß Sie diesen großen Zitronengarten, den man Leben nennt, noch nicht kennen. Wenn die Zitronen nicht verbraucht werden, verschimmeln sie. Und die meisten Menschen würden platzen vor Übermut, wenn man sie nicht anschnitte. Man soll die Säfte benutzen, solange sie uns noch schmecken. Beschäftigen Sie sich mehr mit den Menschen, wenn ich bitten darf.«

Solche brutalen Belehrungen zu erteilen, machte ihm Spaß; niemals nahm er Rücksicht darauf, wenn Unbeteiligte sie hörten. Das ganze Geschäftspersonal fürchtete ihn deshalb, und sobald er erschien, duckten sich die Köpfe und trat Stille ein. Denn wer nicht parierte, der flog.

Herbst verfärbte sich leicht, wiegte sich aber wie zustimmend in den schmalen Hüften, die von einem tadellosen Gehrock umspannt waren. Die frischroten Lippen verzogen sich leicht, und während es in seinen Augen heimlich aufleuchtete, sammelten sich die Gedanken hinter seiner weißen Stirn, die, wenn sie laut geworden wären, nichts Erfreuliches für Gläser enthalten haben würden. Auf alle Fälle hätten sie immer dasselbe Leitmotiv wiedergegeben: »Dummkopf mit dem weiten Blick, der du niemals siehst, was um dich herum in der Nähe vorgeht!«

Der Bankdirektor trat mit einer Karte herein, auf die Gläser rasch einen Blick warf.

»Ich lasse Exzellenz bitten, sich einige Augenblicke zu gedulden«, sagte er dann. »Führen Sie Exzellenz ins Konferenzzimmer.« Es war Geheimrat von Bohnenstiel, den man zu dem Wohlfahrts-Ausschuß gepreßt hatte.

»Was will denn der alte Knacker?« fuhr Gläser ungeniert zu Herbst fort, als der Diener wieder hinaus war. »Er muß etwas ganz Besonderes haben, wenn er seine siebzigjährigen Reste persönlich hierher schleppt. Er wird doch nicht etwa zurückzoppen. Das käme zu spät, sein Name ist schon gedruckt. Jünger wird er ja doch nicht, wenn er wartet … Holen Sie mir doch einmal, bitte, die Gutsabschätzung seines Schwiegersohnes.« Alles das sagte er in der Art eines Menschen, der eine gewisse Freude daran hat, sich durch die Rücksichtslosigkeit Genugtuung zu verschaffen. Früher hätten diese vornehmen Herren einen weiten Bogen um den »Ladenschwengel« gemacht, nun aber, wo es etwas zu verdienen gab, umschwirrten sie ihn, wie die Schmeißfliegen den Honig. Er lachte, wenn er daran dachte, daß Geld nicht riecht. Der große Zug in ihm trieb ihn immer aufs neue zur Menschenverachtung. In solchen Augenblicken beherrschte ihn dann die Erinnerung an seine ärmliche Jugend; und da er leibliche Not jetzt nicht mehr kannte, peinigte ihn der Hunger nach unermeßlichem Besitz, wie mit seelischen Geißelhieben, die er gern erdulden wollte, um sie zehnfach diesem kriechenden, zweibeinigen Gewürm weiterzugeben. Das war die Rache, die ihm allein Befriedigung gab.

Abermals durchfuhr es Dolinsky. Eine Exzellenz ließ man warten! Er bildete sich schon ein, daß das seinetwegen geschehe, aber er kam bald davon ab, denn während dieser ganzen Zeit wurde er gar nicht beachtet. Bescheiden stand er noch immer auf demselben Fleck neben der aufgeschlagenen Mappe, ungefähr wie eine Sache, der man keine Bedeutung beimißt.

Endlich ging Gläser doch hinaus, ließ aber Herbst zurück.

Dolinsky hatte gesehen, wie er zuvor seinem Geschäftsfuchs etwas zuflüsterte, und so riet er sogleich das richtige: er solle nicht allein gelassen werden in diesem geschäftlichen Heiligtum, wo wichtige Papiere auf dem Schreibtisch lagen und die Türen des breiten, eingemauerten Geheimgeldschrankes weit offenstanden. Und dieser Gedanke, man könnte ihn für keinen ehrlichen Mann halten, trieb ihm die Röte der Empörung ins Gesicht, wenn er daran dachte, was er vor Jahren in jener Nacht auf der Bahnstation gesehen hatte! Zwar war ihm am Tage vorher von Anna eingeredet worden, er könnte sich geirrt haben, aber seine Augen hatten sich nicht getäuscht, was hatte es jedoch für einen Zweck, sich jetzt noch den Kopf darüber zu zerbrechen? Wer würde ihm glauben? Niemand! Denn wer zum Angriff auf die Großen überging, der mußte befürchten, daß er ausgelacht wurde, wenn der Pfeil nicht saß. »Geh', geh'! Was willst du noch hier?« raunte ihm sein guter Geist zu. »Nimm seine Hilfe nicht in Anspruch, denn ein Gauner ist er doch, wenn auch der Reichtum ihn umgibt. Bleibe in deinen bescheidenen Grenzen und empfange für deine Schwäche nicht noch obendrein Beschämung als Belohnung. Ist es nicht schon Entwürdigung genug, wenn du seine frühere Braut zu heiraten gedenkst?«

Aber Dolinsky blieb. Er gehörte nicht zu jenen Kraftnaturen, die sich den Weg allein durch die Dornen des Lebens bahnen. Der Künstler in ihm schwankte fortwährend und suchte für seinen Ehrgeiz nach einer Stütze, wie er sie für seine Liebesschwäche bereits in der kräftigen Anna gefunden hatte.

Das Konferenzzimmer lag nebenan. Durch die Tür konnte man deutlich die Stimme Gläsers hören, der nun einen ganz andern Ton anschlug. »Ah, Exzellenz, was für eine besondere Ehre! Diese Auszeichnung hätte ich heute nicht mehr erwartet.« Dolinsky lächelte still. Er sah im Geiste, wie dieser gerissene Oberschlesier jetzt die Diplomatenmiene aufsteckte. »Immer rüstig und jugendlich, Exzellenz sind unverwüstlich«, sprach Gläser weiter. Herbst, der am Fenster stand und über die matten Scheiben hinweg auf den großen Gartenhof blickte, lachte vergnügt. Hinter der Tür aber ertönte ein: »Äh, äh, äh, das sagen Sie so, mein Bester! Aber Gott sei Dank fühlt man sich noch.« Es war, als wenn ein alter Frosch quakte, heiser geworden durch die rauhe Jahreszeit. Nach jedem dritten Wort erschallte ein Husten, und dann wurde aus dem Quaken das Krächzen eines Raben. Und sobald Gläser wieder etwas sagte, kam aufs neue das »äh, äh, äh«. Ein alter Kindskopf schien einem jungen Verstandesmenschen gegenüber zu sitzen.

Herbst näherte sich der Tür und blieb dort unauffällig stehen, indem er ein Buch von einem Wandbrett nahm und darin blätterte. Dabei unterhielt er sich harmlos mit Dolinsky. »Sie kennen Herrn Direktor schon von früher?« begann er. Dolinsky, erfreut darüber, endlich wieder beachtet zu werden, gab bereitwillig die Antwort, daß er mit ihm zusammen nach Berlin gekommen sei, daß sie überdies Landsleute seien.

»So so«, machte Herbst, während er zugleich nach der Tür lauschte, hinter der das Gespräch jetzt lebhaft ineinander floß, »wie, hunderttausend Mark allein Gebäudewert?« schrie Gläser plötzlich. »Ich bitte Sie! Keine dreißigtausend Mark gebe ich für die Baracke.« Er lachte schallend auf. »Schloß, Schloß! mein Bester«, quakte die Exzellenz weiter. »Äh, äh – wie können Sie nur! Wenn das mein Schwiegersohn hörte, er würde degoutiert sein.« Sein Lärmhusten machte ihn für die Antwort Gläsers taub.

»Ihr Fräulein Braut ist eine verwandte vom Herrn Direktor?« wandte sich Herbst wieder an Dolinsky. »Sind Sie nicht früher öfter mit ihm zusammengekommen?«

Dolinsky antwortete diesmal nur mit einem kurzen »Ja«. Er merkte, daß etwas aus ihm herausgeholt werden sollte, denn jetzt fiel ihm die Mahnung Annas ein: er solle sich nicht mit Gläsers Sekretär einlassen, der immer noch um die gnädige Frau herum scharwenzele und den sie für falsch halte. Herbst merkte diese Frostigkeit und maß ihn mit einem geringschätzigen Blick. Dann mußte er seine Aufmerksamkeit wieder der andern Seite zuwenden.

»Machen wir's Geschäft doch zusammen, Exzellenz«, fuhr Gläser hinter der Tür fort, diesmal nicht so laut wie zuvor. »Ich weiß, daß Ihr Schwiegersohn tief verschuldet ist, na, und Sie stehen sich doch nicht besonders mit ihm. Mehr wie zweihunderttausend Mark ist das ganze Gut nicht wert.« Der Geheimrat fistelte diesmal entrüstet dazwischen: »Aber mein Liebster, Bester, wie können Sie so etwas sagen! Ihre Bemerkung ist deplaciert. Herr von Rucks, mein Schwiegersohn, ist durchaus nicht darauf versessen, Ihrem Projekte zuliebe irgend etwas von seinen Ansprüchen zu opfern. Äh, äh … Und was Ihr sonstiges Angebot betrifft, ja – äh, äh, äh – so muß ich unter solchen Umständen meinen Namen zurückziehen.« Und als Gläser einwarf, daß das nicht mehr gehe, denn die Mitteilungen über den Wohlfahrtsausschuß seien bereits der Presse zugegangen, benahm sich der Kindskopf sehr aufgebracht. Die Worte der Exzellenz wackelten hin und her, je nach der Richtung, die sein sorgenvolles Haupt nahm. Dann werde man nachträglich seinen Namen zurückziehen müssen, und zwar öffentlich. »Aber das geht doch nicht,« rief Gläser jetzt wild aus, »das würde den ganzen Wohlfahrtsausschuß in Mißkredit bringen. Gerade am Namen von Exzellenz war mir besonders gelegen. Ich nahm bestimmt an, Ihre Autorisation zu haben.« Herr von Bohnenstiel wehrte sich mit der ganzen Aufbietung seiner Würde dagegen. Das Gequake überschlug sich, so daß aus dem alten ein junger Frosch geworden zu sein schien. »Äh, äh, aber doch nur unter gewissen Bedingungen«, dröhnte es hell durch sein Hüsteln, »Was geht uns im allgemeinen Ihre Landhausstadt an! Wenn nicht eben, äh – na ja! Empfehle mich, Herr Direktor.«

Gläser hielt ihn zurück. Herbst hörte dann deutlich, wie sein Chef unter vier Augen mit dem Alten verhandelte und ganz unverfroren ein Kaufgebot für den Namen der Exzellenz zu dem Zwecke der Reklame machte. Man würde es sich zur Ehre schätzen, zehntausend Mark ohne Geschäftsbuchung zu opfern und außerdem die Verpflichtung eingehen, Herrn von Rucks auf die Beine zu helfen. Sie sprächen ja ohne Zeugen, und er, Gläser, sei erbötig, dreimal hunderttausend Mark für das Gut anzusetzen, wenn er dabei persönlich auch auf seine Kosten käme.

Die Stimmen sanken zu eingehenden Erörterungen des schmutzigen Handels. Dann wurden endlich die Stühle gerückt; das Gequake zum Abschied ertönte fröhlicher, gleichsam wie hervorgelockt durch Sonnenschein über einen bisher wenig erhellten Tümpel.

Als der Bankgewaltige wieder zurückkehrte, stand Herbst ruhig am Fenster, diesmal in ein Schriftstück vertieft. »Ah, da sind Sie ja noch«, sagte Gläser zu Dolinsky, als hätte er erwartet, ihn gar nicht mehr anwesend zu sehen. Er hatte einen roten Kopf, ließ sich aber nichts von seiner Aufregung merken. »Das wird noch Kämpfe kosten mit diesem steifbeinigen Knacker«, sagte er nur nebenbei zu Herbst. »Übrigens ist das Gut sehr preiswert, vortreffliche Gebäude, beinahe zu schade zum Abtragen. Aber wir müssen das Terrain haben, es hilft nichts.«

Er sprach noch weiter, über dies und jenes, wobei Herbst immer den Zurückhaltenden spielte, sich gleichsam erst die Worte aus dem Munde ziehen ließ, bevor er mit seiner Meinung herausrückte. Und während er seinem hohen Chef stets beistimmte, dabei höchstens wagte, seine juristischen Bedenken einzustreuen, war sein Gedanke immer derselbe: »Du wirst mir eines Tages noch kommen müssen, um mir die größten Chancen zu machen.«

Er strebte nach Höherem, nach einer bevorzugten Vertrauensstellung, die ihm auch Ansehen nach außen hin gäbe und ihn aus dem Abhängigkeitsverhältnis von diesem Manne herausbrächte, der seine tiefere Unbildung niemals verleugnen konnte, was hatte er nicht schon getan, um dem Ruhme seines Chefs zu dienen! Alle Entwürfe, Einführungen und Flugblätter der neuen Gründung waren von ihm bearbeitet worden, und er hatte auch die dicke Broschüre verfaßt, die eingehend das Volksparadies der Landhausstadt verkündete, auf deren Titelblatt aber der Name seines Direktors prangte. Er schliff die rohen Ideen des andern und machte sie erst der Menge mundgerecht, ohne die Lorbeeren dafür einzustreichen. Das war der Stachel, der in ihm saß und sich jedesmal bemerkbar machte, sobald Gläser ihn wie einen bezahlten Diener besserer Sorte behandelte. Und weil er die Zeit noch nicht für gekommen hielt, an seinen Gönner zur gleichen Höhe heranzuwachsen, so sammelte er vorläufig Material gegen ihn und rächte sich durch eine Flut komischer Schmeicheleien, mit denen er Gläser überschüttete, und die sich wie überzuckerte stillen ausnahmen.

Andere hätten das Gesicht dabei verzogen, der eitle Oberschlesier jedoch verdaute sie mit Wohlgeschmack. Es lag etwas Groteskes darin, wenn Herbst mit zusammengeschlagenen Hacken, wie ein vortragender Minister, seinem hohen Gönner Auskunft erteilte, seine Meinung über eine Sache kund tat und dabei die hochbedeutenden Worte sprach: »Wieder eine Ihrer genialen Ideen, Herr Direktor, die die Welt verblüffen wird. Großartig, großartig! Ich kann immer nur mit Ehrfurcht auf Sie blicken. Sie sind ein Moltke des Handels … Man ist überall von Bewunderung für Sie erfüllt, wohin ich komme, ich höre nur immer dasselbe Urteil.«

Und der sonst so sehr gewitzte Gläser, der sich seiner Menschenkenntnis rühmte, merkte nicht den lachenden Schalk im Nacken seines Geheimsekretärs, sondern nahm mit wohligem Schmunzeln diese Schmeicheleien als Offenbarungen einer treuen Seele entgegen und bewies seine Leutseligkeit, indem er zurückgab: »Danke, danke, lieber Herbst! Ich kenne ja Ihre Überzeugung.« Und er reichte ihm die Kiste mit Zigarren hin, in die Herbst auch hinter seinem Rücken zu greifen pflegte, und fügte wie selbstverständlich hinzu: »Ja, man hat's nicht leicht! Jeder Reformator muß eben auf seinem Platze sein. Sehen Sie, das sind Talente, die mir angeboren sind. Das Genie bricht sich immer Bahn. Das Volkswohl hat mir von jeher am Herzen gelegen … Klein sollen die Kerle werden, die sich uns in den Weg stellen. Ehrliche Arbeit führt immer zum Siege. Meinen Sie nicht auch?«

Und Herbst klappte aufs neue die Hacken zusammen, dienerte, indem er seinem Chef zuerst Feuer gab, und erwiderte durchaus ernst: »Gewiß, gewiß, Herr Direktor. Es bekümmert mich nur, daß Sie so wenig eigennützig dabei sind. Sie treiben es in dieser Beziehung wirklich etwas Zu weit.« Sein Gedanke dabei jedoch war: »Du Spitzbube kommst sicher noch ins Zuchthaus.«

»Der Moltke des Handels« wurde bald sprichwörtlich, wenn auch nicht immer in gutem Sinne. Es gab noch mehr Spötter in der Bank, kluge, gebildete Leute, die dieselbe Komik aus dem Wesen des hohen Chefs schöpften, obgleich sie keine Miene vor seinem Angesicht verzogen. Sie alle wußten, daß die Eitelkeit die Achillesferse seiner Sterblichkeit war und daß man bei ihm nur etwas erreichen konnte, sobald man ihn daran gehörig kitzelte, wenn er sämtliche Räume durchstrich, stets den Referendar hinter sich, der seine Weisheit mit anhören mußte, um sie als kostbares Echo wiederzugeben, so erregte dieser Aufzug immer ein geheimes lächeln, ungefähr wie beim Lesen des Don Quixote, nur daß Ritter und Knappe nach gehöriger Ummodelung ins Moderne übertragen waren.

Dolinsky wartete noch immer auf ein Zeichen der Gnade des einstigen Reisegefährten. Beklommenen Herzens stand er da, den Blick auf die Zeichnungen gerichtet, in die er seine ganze Kunst gelegt hatte und die man nun gar nicht beachtete. Er kam sich wie ein Geschäftsbote vor, der eine Sendung abzugeben hatte und auf Erledigung wartet. Hier, wo das Geld rollte, schien man wirklich keinen Sinn für das heiße Streben eines Künstlers zu haben. Endlich nahm Gläser eins der Blätter in die Hand und fragte zerstreut: »Haben Sie das gemacht, was soll das sein?«

Es waren schloßartige, mit phantastischen Türmen ausgeschmückte Villen, farbig getönt, in eine reizende Umgebung gesetzt. Und als Dolinsky ihm die Erklärung gab, daß er dabei an die Familienhäuser der Landhausstadt gedacht habe, lachte Gläser, als hätte er einen guten Witz gehört. Er winkte Herbst heran, der einen halb mitleidigen Blick darauf warf und eingedenk der Abfertigung von vorhin mit den Achseln zuckte, plötzlich aber, als Gläser auch die zweite und dritte Zeichnung betrachtet hatte, auf denen ganze Straßenzüge und eine märchenhafte Totalansicht des Zukunftsbildes aus der Vogelschau sehr malerisch dargestellt waren, nahm er Herbst beiseite und trat mit ihm ans Fenster, um anscheinend beim Betrachten besseres Licht zu haben. Rasch raunte er ihm zu: »Das war' so was! Unausführbar natürlich, aber es würde ziehen … Was uns Dittmar gemacht hat, sind ja die reinen Selterwasserbuden dagegen.« Er meinte damit die Entwürfe eines Architekten, die das bisherige Reklameheft schmückten. »Diese Nüchternheit hat mir schon lange nicht behagt,« fuhr er fort, »damit lockt man keinen Berliner aufs Land. Wer seine Mietskaserne verläßt, will mindestens ein Wolkenkuckucksheim sehen. Na, und das wollen wir doch auch schaffen.«

Als er dann aber mit Dolinsky allein war, behandelte er dessen Kunst sehr nebensächlich, warf die Blätter förmlich auf den Tisch und sagte: »Ganz nett, aber völlig unpraktisch.« Dann ließ er durchleuchten, daß er vielleicht etwas davon gebrauchen könnte, wenn man ihm die ganzen Zeichnungen zur unbeschränkten Verwertung für fünfhundert Mark überließe. Er wisse zwar nicht, was er vorläufig damit anfangen solle, aber wenn er Dolinsky in dieser Form vielleicht gefällig sein könnte? Und sofort machte er ihm noch einen andern Vorschlag. Er habe das Haus seiner Schwiegermutter draußen in der Vorstadt übernommen und genügend Geld hineingesteckt, um es wieder ansehnlich zu machen. Dazu gebrauche er einen Verwalter, der freie Wohnung habe und hübsch warm sitzen könne, wenn er sich einigermaßen bewähre.

Dolinsky besann sich nicht lange, denn er sah sein Glück nun doppelt winken. »Sehen Sie, das gefällt mir von Ihnen«, sagte Gläser dann wieder, als er von Dolinsky eine schriftliche Erklärung empfangen hatte und ihm nun eine Anweisung auf die Kasse übergab. »Nicht lange zögern, wenn es sich um große Entschlüsse handelt … Und nun können Sie auch ganz beruhigt sein: für die Ausstattung Ihrer Braut sorge ich. Ich habe nun einmal heute meinen guten Tag.«

Vorhin hatte man ihm mitgeteilt, daß die Bank für Bodenbeleihung, die sich bisher sehr ablehnend gegen seine Gründung verhalten hatte, unter gewissen Bedingungen neuerdings geneigt sei, auf Gegenseitigkeit zu ihm zu treten. Das hatte ihn hoch gestimmt gemacht, denn er sah nun die Millionen von allen Seiten fliegen.

Plötzlich trat Herbst wieder aufgeregt ins Zimmer, flüsterte ihm etwas zu und gratulierte. »Was, ein Junge?« rief Gläser freudig aus und vergaß ganz seine würde. »Danke Ihnen herzlich, lieber Herbst. Alles gesund? Ja? Gott sei Dank! Aber ich muß fort, lassen Sie rasch eine Droschke besorgen.«

Und während Herbst hinausstürmte, benahm sich Gläser ganz wie ein Mann, der die größte Freude seines Daseins erlebt. Das Ereignis war früher eingetreten, als er erwartet hatte, aber um so köstlicher erschien ihm dieses Geschenk des Himmels, das ungetrübt über ihn gekommen war. Ein Junge, ein Junge! Fortwährend hallte es wider in seinem Innern. Er, der große Eroberer Berlins, hatte einen Erben bekommen! Viktor, der Sieger, sollte er heißen, das war ihm jetzt schon eine ausgemachte Sache. Und Offizier sollte er werden, um später seinem Namen Ehre zu machen, wie sein Vater glorreiche Siege auf einem andern Felde erfochten hatte. Gläser war so aufgelöst in Taumel, in jenen rein menschlichen Gemütsrausch, dem auch der Charakterniedrige unterliegt, daß ein feuchter Schimmer in seinen Augen glänzte, als er auch den Glückwünsch Dolinskys entgegennahm. »Danke, danke, lieber Freund«, erwiderte er wie zerflossen und drückte ihm die Hand. »Sie sollen es gut haben, Sie sollen es gut haben!«

Im Augenblick hatte er ganz vergessen, daß es seine Absicht war, diesen Menschen nur an sich zu fesseln, um ihn mundtot zu machen. Dann stürmte er hinaus, gefolgt von Dolinsky, der in gehörigem Abstand blieb und fortwährend dachte: »Fünfhundert Mark wirst du gleich in Händen haben. Ein Vermögen, ein Kapital!«

Herbst war wieder zurückgekehrt und sah Gläser mit verkniffenem Lächeln nach, wie ein gekränkter Nebenbuhler, der nun nicht weiß, was werden wird.

15.

Herbst brauchte jedoch nicht zu befürchten, daß Klothildes Mutterglück jeden Gedanken an ihn zerstören würde. Denn sie hatte ihrem Manne einen Knaben geschenkt, an dem von der Natur furchtbar gefrevelt worden war. Bereits nach einem Jahre wiesen alle Anzeichen darauf hin, daß dieser Viktor ewig der von ererbten Geschicken schmählich Besiegte sein würde, niemals aber das Sonnenkind, von dem sein Vater träumte. Der Name schon war die Spottlast, die es zu tragen hatte. Und nach abermals einem Jahre war es den Eltern zur schrecklichen Gewißheit geworden, daß hier jene entsetzliche Krankheit vorlag, die man mit Kinderlähmung bezeichnete und deren eigentliche Ursache selbst der Wissenschaft beinahe noch unbekannt war. Das Kind schien keine Knochen zu haben; es konnte nicht die Gliedmaßen regelrecht gebrauchen. Die Muskeln waren lappig, Kraft war in Schwammigkeit umgesetzt, ein Häufchen menschlichen Elends kroch am Boden herum und äugte blöde in die Welt. Das Fürchterlichste war, daß es nicht sprechen konnte, daß ihm die Mutterlaute versagt blieben und nur ein Ansatz zu Worten aus seinem Munde kam, der sich wie jammervolles Stöhnen anhörte.

Klothilde vergoß heiße Tränen, während Gläser sich tief unglücklich fühlte. Und dieses Unglück wuchs, je mehr alle Hoffnung schwand und nur noch der schwarze Trost übrig blieb, daß das Leben dieses seltsamen Stammhalters wohl erhalten bleiben könnte, niemals aber ein normaler Mensch aus ihm werden würde.

»Was habe ich eigentlich verbrochen?« sagte Gläser wie winselnd in einsamen Stunden zu sich, erfüllt von unerschöpflicher Liebe zu diesem Krüppel, der ihm den hellen Schacht seiner Seele geöffnet hatte. Er fühlte, daß er jetzt noch andere Aufgaben zu erfüllen habe, daß die Vaterliebe etwas Mächtiges sei, das nicht mit dem Äußeren des Kindes zusammenhing, sondern innere Welten schuf, in die man gern allein sich versenkte. Stets hatte er mäßig und solide gelebt, selbst bis in die Zeit hinein, die ihm den Goldsegen brachte. Niemals war er krank gewesen, und auch Klothilde hatte sich immer kräftig und gesund gezeigt. Die Ärzte zuckten die Achseln, sobald er der seltsamen Erscheinung auf den Grund gehen wollte, redeten sich nur mit der Tatsache aus und erfüllten ihre Pflicht, um das Übel zu vermindern. Inmitten aller Verordnungen war es immer derselbe Trost: von der Zukunft müsse man hoffen und von der Natur, die sich selbst helfen könne.

»Zuwenig Rückenmark, zuwenig Rückenmark, Herr Bankdirektor. Hem ja«, sagte der berühmte Kliniker Geheimrat Grobig, der sich jedes Wort mit hundert Mark bezahlen ließ und Höflichkeit für eine Untugend hielt. »Entartung der Muskulatur, epileptoide Zustände, hem ja.« Und er knurrte wie eine Bulldogge, was sich auch mit seinem Aussehen vertrug, während er über seine goldene Brille hinweg auffallenderweise mehr den Hausherrn betrachtete, als den kleinen Patienten. Als dann sein Blick in dem fürstlich eingerichteten Kinderzimmer herumging, sprach es wie Bedauern aus seinen Zügen darüber, daß in all dem Glanz dieses Hauses keine Heimstätte für ungetrübtes Familienglück sei.

Man bewohnte jetzt eine prächtige Villa, die wie ein die Gegend beherrschendes Schloß auf dem höchsten Punkte der riesigen Fläche lag, auf der die Landhausstadt im Entstehen begriffen war. Als erster hatte sich Gläser hier für den Sommer angesiedelt, gleichsam wie ein kleiner König in einem selbstgegründeten Reich, der seinem Volke stets mit gutem Beispiele vorangehen will. Gebieterisch, wie Krönungen einer Burg, ragten die Türme über den roten Mauern zum Himmel empor, und das Dutzend Erker blickte auf den Blütenhain hinab, den hundert Hände in die Öde gezaubert hatten, hinein in einen natürlichen Park, der aus dem Stückchen Wald entstanden war. Überall in der Runde sah man bereits die angelegten Straßen, die jungen Gärten und die Schmuckplätze. Kleine Mustervillen zeigten fröhlich das aufgesetzte rote Dach. Rohbauten glänzten hier und dort wie die verlockenden Vorposten der späteren seßhaften Armee, die sich hier zu einem langen, friedlichen Biwack niederlassen sollte.

»Berlinend« war im Wachsen, tausend kräftige Arme hatten sich geregt, es seinem Zwecke urbar zu machen, und ebensoviele Arme waren aufs neue tätig, die ersten Keime zu legen, um es zum Blühen zu bringen.

Die Volks-Garantie-Bank hatte einen riesigen Aufschwung genommen, denn immer weiter war die Mär in die Menge gedrungen, daß man sein Geld nirgends besser verzinst bekomme. Im vergangenen Winter hatte Gläser für seine Gründung eine neue Angel ausgeworfen. Wer einen Anteilschein zu tausend Mark bezog und nicht eigenen Grund und Boden zu erwerben trachtete, sollte später an den Erträgnissen der Mietshäuser mit einem Gewinn von zehn vom Hundert beteiligt sein. Das lockte noch mehr als zuvor, und die Folge davon war, daß die eingezahlten Gelder sich verdoppelten. Warnende Stimmen erhoben sich, aber die Fanfaren der »Lösung« bliesen alles nieder. Gläser trat abermals mit einer Luftrechnung hervor, in der er schlagend nachzuweisen versuchte, daß das Unternehmen sich glänzend bewähren würde und daß an einen Verlust nicht zu denken sei. Er hatte bereits die bestimmte Anzahl Eigentümer auf dem Papier und ließ die tausend Mieter aufmarschieren, die als erster, fester Stamm der Landhausstadt sich nach der frischen Luft sehnten. Alle Bedenken gegen den erwarteten Zuzug waren zerstreut. Er plante den Bau einer Zweigbahn nach Berlin, die sich mit Zehnminuten-Verkehr bewähren würde. Pferdebahnen sollten das Übrige tun, und schließlich wurde darauf hingewiesen, daß an der Spree in der Nähe eine Dampferhaltestelle angelegt werden würde. Ein Sommertheater stand in Aussicht, und damit auch dem Seelenheil Rechnung getragen würde, war der Platz für die Kirche bereits festgestellt. Inmitten der neuen Abbildungen, die Dolinskys Entwürfe zeigten, ragte der spitze Turm des Gotteshauses wie ein winkendes Wahrzeichen des Glaubens nicht nur an die ewige Gottheit, sondern auch an den großen Wohlfahrtsapostel Gläser, zum Nachdenken anregend empor.

Auch in anderer Beziehung stand die Bank auf der Höhe. Seitdem es bekannt geworden war, daß sie mit Millionen arbeite und in der Bank für Bodenbeleihung eine kräftige Stütze habe, war sie nicht mehr die Zufluchtsstätte der mittleren Leute, sondern zog auch die Wohlhabenden an, die sie in Anspruch nahmen und Depots bei ihr hinterlegten. Rentner aus der Provinz und viele Gutsbesitzer hatten Vertrauen zu ihr, denn das Geschrei über die fabelhafte Gründung war weit in die Lande gezogen. Gläser war ein Mann, der mit sich reden ließ! Für jeden war er persönlich zu haben, stets gab er Rat, wie man das Geld am besten anlegen könne; und so umwirbelte man ihn wie die Motten das helle Licht, ohne daran zu denken, daß man dabei Schaden leiden könnte.

Er fuhr jetzt in seiner eigenen Equipage, gezogen von den kräftigen Kohlrappen, die die Bewunderung aller Pferdekenner erregten. Als er zum ersten Male in ihr die Leipziger Straße durchrasselte, dachte er wirklich an jenen grauen Wintertag, wo er sich oben auf dem Omnibus in dem Zukunftstraume wiegte, dereinst an den zweibeinigen Lasttieren vorbeisausen zu können. Nun aber, wo er sein Ziel erreicht hatte, wo er wie ein Handelsgott von der unsinnigen Menge angebetet wurde, glitt kein Lächeln aufrichtiger Zufriedenheit über seine Züge. Sein Kind, sein Kind – sein armes Kind! Fortwährend waren seine Gedanken bei ihm, ob er über Zahlen brütete, ob er die Nachricht empfing, daß seine neueste Börsenspekulation ihm geglückt sei, oder ob er in der glänzenden Gesellschaft von Finanzgrößen sich befand, die ihn innerlich für einen Menschen ohne Umgangsformen erklärten, es aber äußerlich nicht an Aufmerksamkeiten fehlen ließen. Eine runde Million hätte er gegeben, wenn man ihm die Nachricht gebracht haben würde: »Dein Junge geht, er tritt fest auf, er hat zu seiner Mutter gesprochen!«

Die Mutter, die Mutter! Nun lächelte er allerdings, aber bitter, von leisem Groll gegen Klothilde erfüllt. Seit einiger Zeit verstand er sie nicht, begriff er sie nicht, trotz der ewig gleichen Neigung, die er ihr entgegenbrachte. Er hatte gemerkt, daß sie den armen Krüppel nicht so liebte wie er, daß bei seinem Anblick ein gewisser Schauer sie erfaßte, und daß es nur ein unausgesprochener Wunsch von ihr war, der Himmel möchte ihn beizeiten wieder zu sich nehmen, damit noch größerer Kummer ihnen erspart bliebe. Es war ein sündhafter Gedanke, aber wenn er sich alles so recht überlegte, so mußte er ihr verzeihen. Sie konnte nicht stolz darauf sein, dieses Wesen mit den tierischen Lauten zur Welt gebracht zu haben, sie, die Schöne, die Frohe, die Stattliche.

So war es also gekommen, wie ihm Anna Schiman damals prophezeit hatte, wenn auch nicht in so ungeheuerlicher Art. Noch gellte ihm der Ruf in den Ohren: »Denk' an mich, denk' an mich!« Ja, er hatte an sie gedacht, aber nicht mit Haß, sondern mit der Gleichgültigkeit des Alltagsmenschen, der an übersinnliche Dinge nicht glaubt. Es gab nur Zufälle und keine Wunder für ihn, und wenn ihr Vorhersagen eingetroffen war, so hatte sich nur eins jener vielen Rechenexempel bestätigt, die man einfach hinwarf, ohne jemals an die Möglichkeit einer Lösung zu denken. Das kannte er als pfiffiger Kaufmann am besten. Damit tröstete er sich, weil er den Blick in die tiefen Geheimnisse dieser Welt scheute. Denn wehe, wenn er den Schleier davonrisse und dahinter thronend die göttliche Bestimmung erblickte, die ihm zuriefe: »Es gibt einen Ausgleich, denn alles ist weise eingerichtet. Böses wird mit Bösem vergolten, Gutes mit Gutem.«

Und fast ebenso unglücklich wie er, war Anna über sein Kind, was ihn besonders rührte.

Gleich nach der ersten Nachricht war sie in Tränen ausgebrochen und hatte jammernd gerufen: »Der arme Kerl, was tut sich nun mit seinem ganzen Gelde. Ich sage schon, ich sage schon! Ich trage die ganze Schuld, denn ich hab's ihm gewünscht. Und die arme gnädige Frau, die arme gnädige Frau! Was hat sie nun davon! … So sprich doch auch ein Wort, Robert. Ist's nicht so?« Etwas ärgerlich hatte sie sich an Dolinsky gewandt, mit dem sie bereits verheiratet war und der sich rasch in das neue Verhältnis und in sein Verwalteramt gefunden hatte, nach der Art von hängengebliebenen Menschen, die in der Heirat den bedeutendsten Abschnitt ihres Lebens sehen. Das steinerne Meer hatte ihn anders erfaßt als jenen Kühnen, der mit vollen Segeln an den Riffen vorüber hinaus in die Brandung gefahren war, um im befestigten Hafen die eroberten Güter zu bergen. Er, der kleine Bautechniker mit dem zahmen Künstlergemüt, war auf halbem Wege liegen geblieben und auf eine stille Insel verschlagen worden, wo statt der saftigen Früchte nur kümmerlich der Brotbaum sproß, der sorgsam gepflegt werden mußte, damit er nicht vertrockne.

Es war an einem Sonntag. Dolinsky rauchte aus seiner Pfeife, weil ihm die Zigaretten jetzt zu teuer wurden, und las dabei die Zeitung. Auf dem Hofe johlten die Kinder, und da die Kirche bereits aus war, klangen von fern her zwei Leierkasten durcheinander, um diesen warmen Herbsttag noch erquicklicher zu machen. Noch immer war er in seiner alten Stellung, wo er, mit Plänen beschäftigt, über die »Mietskaserne« nicht hinausgekommen war, denn Gläser hatte sich seines Kunstdranges nicht mehr erinnert, ihn vielmehr links liegen lassen wie einen abgefertigten Kleinen, der schon dankbar sein mußte, daß er glücklich vor Anker gebracht worden war.

Das hatte Dolinsky wütend auf ihn gemacht, und so war er nicht gut auf ihn zu sprechen. Oft rieb er sich mit seiner Frau deswegen, ungefähr wie ein knurrender Haushund, der höchstens nur laut bellen kann, weil er an der Kette liegt. Aber jedesmal unterlag er in diesem Kampfe, denn Anna hatte ihn gehörig unter den Pantoffel gebracht, und zwar mit jener bezwingenden Liebenswürdigkeit, die hübsche und kräftige Frauen oftmals auf diejenigen Männer auszuüben pflegen, die sich ohne ein Donnerwetter an sie gewagt haben.

»Was soll ich dazu sagen?« gab er ärgerlich zurück. »Es kriegt eben jeder seinen Teil, und er gerade hat's verdient. Um dich schon.«

»Pfui, red' doch nicht so gehässig«, rief sie aus. »Es ist eine Sünde, so was zu sagen. Bedaure ihn lieber wie ich.«

»Ja, du!« wagte er sich mutig hervor. »Du hast immer noch etwas für ihn übrig – für diesen Schmutzigen, der mir meine schönsten Entwürfe abgeschwindelt hat.«

Weil sie von diesen Dingen nichts verstand und sich auch nie viel darum bekümmerte, seitdem sie glücklich Frau geworden war, so lachte sie nur vergnügt und zeigte ihre weißen Zähne. »Hab' ich auch, weil er mir so leid tut«, erwiderte sie. »Und weil ich ihm nun dankbar bin, daß er mich nicht geheiratet hat.« Aufrichtige Wonne sprach aus ihrem runden, frischen Gesicht mit den blitzenden Augen, als sie ihn von hinten umschlang, ihm die Wange klopfte und mit demselben Lachen fortfuhr: »O Herr zukünftiger Baumeister, was bist du für ein Schaf. Sei doch gutt, denk' doch a mal nach. Wenn ich nu die Mama von so 'nem unglücklichen Kindelchen geworden wär'! Wär's nicht schade um mich? Gelt? Sei doch zufrieden, sei doch froh. Bei uns wird's anders kommen. Gib mir schon 'nen Kuß. Tu a bissel nett zu mir.« Und ehe er sich dazu aufraffen konnte, hatte sie ihn schon mit ihren derben Armen an sich gezogen und knutschte ihn gehörig ab, wie sie es nannte.

Und während er, bezwungen, lachend die Küsse zurückgab, sang der Kanarienvogel laut dazwischen, als wollte er die Musik zu dieser Zärtlichkeit machen. Und durch die geöffneten Fenster dröhnte noch immer der Lärm der Kinder, der diesem stillen Sonntag etwas Freudiges, unbedingt Heiteres gab, das für das einfältige Glück der großen Menge sprach, die nichts wußte von der Steifheit des Berliner Westens.

Ja, sie hatte recht, denn auch er stellte es sich fürchterlich vor, sie als Mutter eines derartigen Sprossen zu sehen, bei dessen Anblick die Eltern das Lachen verlernen konnten. Und sie lachte doch so gerne und schmetterte manchmal ihre Heiterkeit hinaus, daß es einen Heidenlärm abgab, wenn der gelbe Hausfreund noch dazwischen trillerte. Diese Fröhlichkeit steigerte sich ganz beträchtlich, als sie den ersten rosigen Buben im Arme hielt, der völlig ihr Ebenbild zu werden schien, bis auf die Grübchen sogar, die sich neckisch beim Lächeln in ihren Wangen zu zeigen pflegten.

»Nun sieh mal, was ich dir geschenkt habe«, rief sie stolz ihrem Manne zu und schwenkte den blonden Jungen vor seiner Nase herum, so daß er befürchtete, sie könnte ihn in ihrem Übermut fallen lassen. »Das steht doch fest, daß sich die Mädels vor dem in acht nehmen müssen. Schön wird er und 'n Paar mollige Patschen hat er auch schon.«

Und Dolinsky, von einer gewissen Ehrfurcht erfüllt vor diesem blühenden und launigen Nachwuchs, der manchmal die Lungen anstrengte, als wollte er das ganze Haus zusammentrompeten, hob mit gemachter Gleichgültigkeit die Schultern und warf mit Überzeugung ein: »Spaß, wenn er so einen Vater hat!«

Zum Dank dafür bekam er einen Klapps, der von den Worten begleitet war: »Nu, nu, nu! Steig' nicht gleich zu hoch, ich bin auch noch da. Du bläst ja mächtig los auf a mal. Freilich, du! Weiß ich's denn, wen du außer dem Pastormädel noch unglücklich geliebt hast? Solche Dummheiten soll er mir nicht machen wie du! 'n Giftfläschel soll er mir nicht bei sich tragen, das wird er auch nicht, dazu hat er viel zu viel von mir. Und das sage ich dir: Keile kriegst du, wenn du mir so was machst, du süßer Mauserich, du!« Und sie schnitt dem Jungen so lieblich-finstere Gesichter und knutschte ihn mit so drohenden Augen ab, daß Dolinsky sich vergnügt auf dem Absatz herumdrehte und ausrief: »Iß ihn nur nicht auf! Laß dir's nicht gefallen, Junge, zeig', daß du ein Mann bist, so einer wie ich!«

»Ach, du – geh' ab damit!« rief ihm Anna gebieterisch zu. »Mach' ihn schon jetzt nicht so aufständisch. Hier, halt' ihn, und dann wieg' ihn a bissel, bis ich wiederkomm'. Daß du ihm aber kein böses Wort sagst, du Süßholzraspler du.« Und sie gab ihm aufs neue einen Liebesklapps und eilte lachend fort, während Dolinsky den Gehorsamen spielte und dabei dachte: »Was hilft's schon? Einmal werd' ich sie schon kleinkriegen.«

Dieser Tag aber kam nie, auch dann nicht, als dem ersten Jungen ein zweiter gefolgt war und des Vaters Familienhilfe sich nun verdoppelte. Nicht lange danach machte Anna aus alter Anhänglichkeit abermals ihren Besuch bei der einstigen Herrin, wiederum war es an einem Sonntag. Klothilde hatte sich mit ihrer Mutter im bequemen Landauer nach Berlin aufgemacht, um sich einmal nach dem Befinden der Frau Professor Herbst zu erkundigen, die, seitdem sie an der Gicht litt, nicht mehr so oft ihr lachendes Gesicht zeigte. In Wahrheit war es Frau Gläser nur darum zu tun, mit Oskar ein paar bedeutungsvolle Worte zu wechseln, denn es hatte nicht lange gedauert, so war er von ihr in alter Liebe erhört worden.

Als der Zustand des Kindes sich nicht besserte und ihre Eitelkeit sehr darunter litt, war wie ein Trotz die verbotene Leidenschaft in ihr jäh aufgeflammt, nachdem Herbst gehörig geschürt hatte. Das Verhältnis mit der Dienerin hatte sie ihrem Manne verziehen, aber diesen Krüppel? Nein, niemals wollte sie das tun! Je mehr Gläser zusammenknickte, sich sozusagen häuslich verkrümelte, je stärker regte sich ihre Lebenslust, je mehr blühte sie auf gleich einer Spätrose, die nach einem kümmerlichen Ableger endlich den richtigen Gärtner gefunden hat, der sie zu behandeln versteht. Sie hatte die Geburt dieses Kindes abgewartet, um dann das Leben als viel umflatterte Frau eines reichen Mannes zu genießen, und nun war sie aus einer Enttäuschung in die andere gekommen. Geschenkt hatte sie sich diesem knotigen Emporkömmling, er aber vergaß jetzt das üppige, liebedürstige Weib um des kleinen Hausgespenstes wegen, das immer wie eine Menetekel in die Lustigkeit hineinfuhr und sein ganzes Sinnen und Trachten neben dem Geschäfte nur mit dem Grübeln ausfüllte, wie ihm wohl zu helfen sei.

»Ja, siehst du, das sind nun meine Hausfreuden«, sagte Gläser zu Anna, die sich ihm hatte melden lassen, als sie erfuhr, daß die andern ausgeflogen seien. »Brauchst jetzt nicht mehr auf mich zu schimpfen, wie du es früher getan hast, mir haben ja manchmal die Ohren geklungen.« Er nannte sie noch immer »du«, nicht aus alter Liebe, sondern wie der Herr die Dienerin, die ihm zur Dankbarkeit verpflichtet ist; aber er tat es nur, wenn sie unter vier Augen sprachen, während sie schon längst das steife »Sie« für ihn gefunden hatte. Nach ihrer Meinung schickte sich das jetzt so, seitdem sie Frau Dolinsky geworden war und die gesellschaftliche Kluft zwischen ihnen sich so weit aufgetan hatte.

In dem langen Verandasaal, der die halbe Vorderseite des Parterregeschosses der »Villa Klothilde« einnahm, saß er wie in einem Thronsessel, gleich einem unglücklichen Fürsten, der, den einzigen Erben auf seinem Knie, ernste Betrachtungen über dessen Zukunft anstellt. Draußen lag die Frühlingssonne, und in ihrem milden Schein trug der leichte Luftzug den frischen Erdgeruch herein wie den angenehmen Brodem des ersten Atems der erwachten Natur. Ein weicher Teppich bedeckte die ganze Diele, kostbar geschnitzte Möbel füllten den Raum, und von den Wänden und der Decke lachte der Farbenrausch der bunten Täflung, der Bilder, der Teppichgemälde und der Vasen. Durch die breiten, nur halb verhängten Türen sah man die Flucht der Nebenräume, wo im gedämpften Licht der gleiche Prunk sich spreizte. Der Diener hatte große Augen gemacht, als er sah, wie diese einfache Frau hier aufgenommen wurde, und auch Fräulein Leseur, die französische Bonne, die stets um den Vierjährigen sein mußte, trotzdem sie ihm nichts beibringen konnte, zog sich etwas erstaunt zurück. Schon längst hatte sie gemerkt, daß hier sonderbare Verhältnisse im Hause herrschten, die man aber am besten übersah.

»Oh, du lieber Himmel, wie sollt' ich wohl auf Sie schimpfen«, rief Anna aus und wagte sich kaum näher. »Gebetet habe ich zum lieben Gott, er möchte mir nichts nachtragen und dem reichen Würmel ewige Gesundheit geben.« Und sofort wurde sie zutraulich, streckte die Arme aus und ermunterte den Kleinen. »Komm' doch einmal her, Viktor, so tu' doch die Beinchen setzen, ich schenk' dir was.« Derbe Kosenamen folgten, die ihre schlesische Art verrieten. Als der Junge wirklich die Ärmchen erhob und in ein Freudenstöhnen ausbrach, lachte Gläser und machte Anstalten, ihn zu der »Tante« zu führen. Und frohlockend rief er aus: »Ei, Schockschwerenot, er setzt die Beine, was sagt die Welt dazu! Zauberin, du – dich hat er gern, das sieht man. Weißt du, dich müßt' er immer haben.«

Viktor fiel zwar gleich wieder auf die Nase, aber Gläser befand sich wie in einem Freudentaumel. »Zieh' morgen gleich zu, hörst du?« sagte er gebieterisch, indem er im Augenblick nur an die frühere Magd dachte. »Oder noch besser – du bleibst gleich hier, deine Sachen lasse ich holen … Dein Mann? Was geht mich dein Mann an! Der hat zu parieren, wenn ich befehle. Er ist ein kleiner Schafskopf, verstehst du? Sonst hätt' er dich überhaupt nicht geheiratet. Den wirst du wohl noch regieren können – diesen Dachspatz! Wenn er auch hübsche Türme zeichnen kann – das allein macht nicht den Mann.« Und als sie nur ein lustiges Lachen als Antwort hatte, weil sie diese Zumutung sehr komisch fand, zog er sie in aufgelöster Stimmung, gereizt durch ihr blühendes Aussehen, vergnügt an sich und küßte sie, ohne daß sie es verhindern konnte.

Sofort riß sie sich los, vergaß allen Respekt und rief ihm zu, ohne jedoch unwillig Zu sein: »Eine Watschke gibt's, wenn du das noch mal machst, verstehst du mich? Schämst du dich denn nicht? Dein Kind kriecht unter deinen Füßen herum, und da machst du so was … Nee, die Männer bleiben sich doch alle gleich, und wenn sie schon mit vieren lang fahren.« Und sie ließ sich auf einen Sessel nieder und lachte unbändig los, wobei immer aufs neue die Worte über ihre Lippen sprudelten: »So was gibt's doch nicht mehr zwischen uns, wir fahren doch nicht mehr in vierter Klasse zusammen. Nee, ist das ein Bankdirektor! Hast wohl an einer Frau noch nicht genug, wie? Wart', ich werd's Dolinsky sagen.«

Sie wollte ihn nur necken, Gläser jedoch fühlte sofort den kalten Wasserstrahl. »Schrei' doch nicht so, schrei' doch nicht so! Manchmal vergißt man sich«, raunte er ihr zu und warf nach rechts und links Blicke ins Nebenzimmer. »Ich freu' mich ja nur, weil er dir so merkwürdig zugetan ist, dieses elende Kerlchen. Und du ihm auch, weißt du, wenn Kinder und Hunde die Menschen gern haben, so ist das ein gutes Zeichen. Die Hunde beißen nicht, die Kinder reißen nicht aus. Was soll ich dir sagen – seine Mutter macht nicht solche Umstände mit ihm.«

Anna, die schon davon gehört hatte, lachte abermals, so daß ihre weißen Zähne glänzten, »Vielleicht hat sie etwas Besseres zu tun«, erwiderte sie dann.

»Weshalb lachst du denn dabei?« fragte er. »Das ist doch gar nicht so lächerlich.«

»Nun, für eine große Dame gibt's doch noch andere Dinge als das Kinderwarten«, fuhr sie fort. »Da fährt man in die Stadt, macht Einkäufe, besucht Gesellschaften und geht ins Theater. Das hat sie früher schon gern gemacht, und jetzt hat sie das doch alles in reichlichem Maße. In der Wohnung in Berlin hat's letzten Winter genug Feste gegeben. Man hat ja auch seine Ohren, um zu hören, und Dolinsky kommt überall herum. Sie haben sich ja ein schönes Haus gekauft, einen wahren Palast. Na, und da tut sich schon was mit dem Vergnügen.«

»Und siehst du, trotzdem kriegt sie nicht genug«, sagte Gläser ernst. »Am liebsten möchte sie jeden Tag aus dem Hause sein, immer in einer anderen Gesellschaft. Alle meine Bekannten haben sie schon verwöhnt, dann heißt's immer: Gnädige Frau hier, Frau Bankdirektor dort. Und die ganz Frechen, die sagen einfach: schöne Frau. Und das muß man sich alles gefallen lassen, weißt du, sonst wird man ausgelacht. Alles aus Gründen der Geschäftsbeziehung – aber das verstehst du ja nicht.«

In den leicht knackenden Lackstiefeln, die seine großen Füße umschlossen, ging er erregt vor ihr auf und ab. Von Jahr zu Jahr war er stärker geworden, so daß sich unter dem bequemen Sommerjackett bereits ein hübsches Bäuchlein rundete. Die Hände waren nicht mehr so rot, nun aber wulstiger und klobiger geworden, und damit sie kleiner erschienen, trug er auffallend weite Ärmel und Manschetten. Sein Haar war gelichteter, in sorgsamer Sardellenverteilung nach rechts und links über den Schädel gestrichen; und das Vogelgesicht mit der mächtigen Nase erschien weniger spitz als sonst, hatte gleichsam an der allgemeinen Mästung teilgenommen. Der ganze Raubtierkopf sah wohlgepflegter aus, hatte einen milderen Ausdruck gewonnen, wie immer bei menschlichen Bestien, die allmählich die Gewohnheiten verfeinerten Umgangs annehmen. Nur die kleinen Augen waren dieselben geblieben, die lebhaft wie früher hin und her gingen, sich plötzlich versteckten, dann wieder aufirrten und sich irgendwo anhefteten, je nach der Stimmung dieses wunderlichen Mannes.

Anna beobachtete ihn so ein Weilchen und sagte nichts. Sie hatte das in Samt gekleidete Kind auf den Schoß genommen und strich ihm liebevoll das blonde Haar. Viktors Kopf war groß, das Gesicht auffallend blaß, und in stumpfem Glanz lagen die Augen unter der hohen, hervorspringenden Stirn. Nichts Häßliches sprach aus seinen Zügen, die entschieden viel von der Mutter hatten: die ganze Nase, den etwas breiten Mund und das saftige, runde Kinn. Nur die unschönen Ohren seines Vaters waren zu sehen, die lappig weit vom Kopfe standen. Als er mit seinen Spinnenfingern nach Annas Bluse greifen wollte und dabei wieder Töne hervorbrachte, die sie nicht verstand, sagte Gläser aufs neue: »Siehst du, das ist der Ausdruck seiner Freude. Manchmal wiehert er förmlich wie ein krankes Pferdchen, weiß der Himmel, wem er das zu verdanken hat.«

»Nun, wem anders als Ihrem Vater«, gab sie ernst zurück. »Hat er nicht getrunken, ist er nicht manchmal wie ein Tier auf allen Vieren gekrochen, wenn er nicht mehr wußte, was er tat? Na, und andere Geschichten hat man sich auch von ihm erzählt! Und ich weiß noch, wie der alte Stadtdoktor einmal sagte: ›Wenn der mal einen Enkel kriegt, der wird's zu büßen haben …‹ Ja, jetzt können Sie mich groß ansehen wie die Kuh das neue Tor. Ich bin doch nicht so ganz dumm. Und was ich noch nicht weiß, das lerne ich von Dolinsky; der ist nicht auf den Kopf gefallen.«

Gläser war verblüfft stehen geblieben, wie jemand, der eine Offenbarung vernimmt. Was ihm so oft gedämmert hatte, wonach ihn niemand zu fragen wagte, das hatte sie in ihrer Einfalt ausgesprochen. Und fast glücklich darüber, diese Naturschuld auf einen anderen abwälzen zu können, der nicht mehr lebte, gegen dessen übertragene Leidenschaft er aber tapfer angekämpft hatte, warf er kleinlaut ein: »Meinst du?«

»Sicher ist es so. Machen Sie sich nur kein Gewissen. Jetzt heißt es, alles zu ertragen. Und wenn ihn Gott stumm gemacht hat, so geschah es nur, weil er seinem Großvater nicht einst fluchen sollte.«

»Worte nur,« rief er vergnügt aus, »jetzt soll auch Klothilde nicht mehr den Abscheu vor ihm haben. Ich werde es ihr schon beibringen, verlaß dich darauf. Denn nun kann sie nicht mehr sagen: ›Er hat's von seinem Vater.‹ Weißt du, es ist nicht hübsch, wenn man das auf Umwegen erfährt. Komm', jetzt trinkst du mit mir Kaffee. Was geht das Dienerpack uns an?«

Er klingelte und gab den nötigen Befehl. Alte Erinnerungen waren in ihm erwacht, die ihn sozusagen rückfällig machten. Es war gerade, als wenn mit dem Hinweis auf seinen Vater die lange Zeitkulisse gefallen wäre, hinter der das schlesische Nest mit seinen engen Gassen läge. Und hier saß die Gespielin seiner Jugend, die die ganze Vergangenheit hereingeschleppt hatte, deutlich verkörpert, so daß sie nicht zu umgehen war. »Komm' hinaus auf die Veranda und nimm den Jungen mit«, sagte er wieder, völlig ein anderer geworden, »wir wollen wie alte Freunde sprechen. Und dann sage wieder ›du‹ zu mir wie in alten Zeiten. Es ist ja niemand da, der uns hören könnte. Wenn wir allein sind, mußt du's immer tun … Sage mal, ist's nicht wie ein Wunder? Dieses arme Kind, das von seiner eigenen Mutter gemieden wird, führt uns beide wieder zusammen! Und es soll so bleiben.«

»Wenn es der gnädigen Frau nur recht sein wird«, erwiderte sie und brach in ihr helles Lachen aus. »Tu' sie nur nicht reizen, sonst läuft sie dir vielleicht noch fort.« Sie hätte noch mehr sagen können, denn sie ahnte, was die unersättliche Klothilde immer aufs neue allein in die Stadt hinzog zu der Mutter ihres früheren Anbeters. Aber sollte sie Andeutungen machen, wo sie nichts Gewisses wußte? So wich sie seiner Neugierde aus, als er abermals fragte, weshalb sie bei solchen Dingen immer lache.

»Sie bleibt, ich sage dir, sie bleibt! Ewig soll sie bleiben bei ihrem Kinde, das unschuldig an allem ist!« rief er wie ein Unsinniger aus, der nicht die Worte wägt. »Du hast mich an ihre Pflicht erinnert. Komm' nun, wir wollen gemütlich sein.«

Und er schob sie fast mit Gewalt hinaus auf den offenen Säulenvorbau, an den Kaffeetisch heran, auf dem das Silber blitzte.

16.

Aus dem »Zuziehen« Annas wurde zwar nichts, weil ihr Mann dagegen war und sie selbst die Sache nur scherzhaft fand, aber Gläser wußte andern Rat. Schon nach vier Wochen hatte Dolinsky in einem Häuschen, das zur Bauverwaltung von »Berlinend« gehörte, eine neue Heimstätte gefunden. Durch die Gunst des mächtigen Gönners war er plötzlich mit einem einzigen Förderungsschub in die Reihe der ersten Gehilfen gerückt, die wie ein großer Stab die Architektenfirma umgab. Es war ihm eine Lust, als Bauführer in einem anderen Stil zu schwelgen, als nur in vierstöckigen Gipsfassaden, die nach der Schablone entstanden. Er wuchs jetzt mit seinem höheren Zweck und wurde bald der Vertraute seiner Chefs, die anfangs nicht geahnt hatten, was in diesem Kerlchen steckte.

Mit der berühmten Landhausstadt ging es nur langsam vorwärts. Im vergangenen Sommer ruhte die Tätigkeit fast ganz, denn man war auf Moorboden gestoßen, der eine schwierige Fundamentlegung zur Folge hatte. Grundwasser mußte herausgepumpt, sogenannte Kasten mußten versenkt werden, ein förmliches Pfahlbautenlager wurde aufgetan, um in der Tiefe erst die nötige Festigkeit zu bekommen. Unsummen wurden verbuddelt, ehe man weiter kam.

Eine benachbarte Gemeinde, die den großen Gedanken Gläsers sofort aufgegriffen und rasch ihre spärliche Kiefernwaldung zu Bauparzellen eingeteilt hatte, erhob Geschrei über die »ungesunde Gegend« von »Berlinend« und verknüpfte damit das schöne Wort von der »Villen-Moorkultur«. Im Publikum wurde man stutzig, Gläser jedoch verlor durchaus nicht seine Ruhe. Die »Lösung« rückte mit einer Doppelnummer heran, die in riesiger Auflage in alle Winde flatterte und den Interessenten ins Haus geschickt wurde. Mit seinem Mutterwitz fuhr er der »Neid-Gemeinde« gehörig auf den Pelz, indem er für sie das Lockmittel erfand: »Sommerwohnungen sind zu vermieten. In der Nähe eine Kiefer.« Sofort hatte er die Lacher auf seiner Seite, und als die vereinigten Architekten mit der Versicherung in die Bresche traten, daß die langen Vorarbeiten gerade der beste Beweis für die Bewährtheit der Gründung sei, um allen etwaigen Folgen vorzubeugen, kam Beruhigung über die Gemüter.

Eine sogenannte »Gesundheits-Kommission«, wurde ernannt, die Herbst spöttisch mit der schönen Bezeichnung »Pump-Station« belegt hatte, weil sämtliche Mitglieder Gläser in der Tasche saßen. Denn als er sah, daß der unergründliche Erdrachen immer aufs neue Opfer in klingender Münze verlangte, scheute er kein Mittel, den Ruf seiner Gründung hochzuhalten. Mit ihr stand und fiel er, und stürzte die Ansiedlung zusammen; dann folgte auch der Bankbruch, und das Wehegeschrei Tausender würde die Luft durchdringen. »Berlinend« hieß die Karte in seinem Lebensspiel, auf die er alles gesetzt hatte, wartend auf die Zeit, wo das Glücksgeschick zu seinen Gunsten umschlagen würde.

Herr von Bohnenstiel mußte den Exzellenztitel wieder leuchten lassen. Als der Gutskauf mit seinem Schwiegersohn abgeschlossen wurde, hatte es sich der kleine Geheimrat zur Bedingung gemacht, man sollte ihm bis an sein Lebensende ein Landhaus als freie Wohnung zur Verfügung stellen, falls man fürderhin noch auf seine Empfehlung Wert legen würde. Er betrachtete das sozusagen als seine »äh, äh, äh, Extragratifikation« für das Herabsteigen zum Volke. Gläser, der ihn am liebsten für diese Unverschämtheit an die Luft gesetzt hätte, spielte den Tiefgeehrten und sagte ihm das schönste Haus in der Hauptstraße zu, die bereits jetzt schon seinen Namen führte. Zu Herbst meinte er dann lachend: »Was kommt's auf ein paar Mauersteine für den alten Knacker an! Der Lackierte bleibt er doch. Wenn er es wünscht, baue ich ihm noch einen Hungerturm dran, denn den hatten ja immer die alten Burgen.« Zwei Villen hätte er ihm zur Verfügung gestellt, schon um der Wirkung wegen, die die Tatsache, daß ein so klangvoller Name unter den ersten Bewohnern von »Berlinend« verzeichnet war, nach außen hin machte. Und die »Exzellenz Bohnenstiel« kehrte mit der Zuverlässigkeit eines Stichwortes in jedem Bericht wieder, durch den die Welt über die Grünung im laufenden gehalten wurde.

Den ganzen Tag lang klapperte der Geheimrat auf seinen dünnen, unsicheren Beinen von einem Bauplatz zum andern, oder ließ sich, sobald sich die Gicht wieder bemerkbar machte, von seinem Diener im Stuhlwagen umherfahren. Da er nichts zu tun hatte und sich der Wichtigkeit seiner Person bewußt war, so betrachtete er sich fast wie den alleinigen Schöpfer dieser wachsenden Stadt. Den dünnen Schnurrbart im welken Gesicht schwarz aufgewichst, quakte er mit dem letzten Rest seiner ehemaligen Staatswürde in die Luft hinaus, sobald er die Aufmerksamkeit eines Bauführers erregt hatte: »Äh, äh, äh – das machen wir wieder vorzüglich, ganz vorzüglich! Es wird, mein Lieber, es wird!« Und während er mit seinem Bambusstock in einem Schutthaufen herumstocherte, fuhr er fort: »Sagen Sie mal, mein Bester, äh, äh – Ja, wissen Sie nicht, was ich sagen wollte?«

Das Gedächtnis blieb ihm aus, und so erstarb das Quaken wie bei einem Frosche, dem die Luft ausgeht. »Äh, äh, fahren Sie weiter, Karl. Dieser Staub, dieser Staub! Sagen Sie, Karl, weshalb macht dieses Volk immer solchen Staub? Ist das notwendig, äh, wie?« Das Froschquaken verwandelte sich dann manchmal in das Krähen eines alten Hahnes, sobald er die hübschen Frauen der Arbeiter sah, die ihren Männern das Essen zutrugen. Dann betrachtete er sie als Hennen, denen er sich durch ein wohlgefälliges »I, i, i« bemerkbar machen müsse. Er äugte nach rechts und links, zwinkerte lustig und krähte verliebt: »I, i, sieh da, schönes Kind, äh, äh. 'n Tag, wohin? Äh, äh, hören Sie doch! Adieu, adieu, auf Wiedersehen.« Er warf ein Kußhändchen hinüber und schnalzte mit der Zunge, wobei die Frauen sich ausschütten wollten vor Lachen. Dann quakte er wieder zu seinem Diener: »Äh, äh, sagen Sie doch, Karl, wer war das eigentlich? Man scheint mich hier sehr zu kennen, man grüßt so oft. Äh, äh, ja. Fahren Sie weiter.«

Alle betrachteten ihn wie eine komische Figur, der man um ihrer Harmlosigkeit willen nichts übelnehmen dürfe. Fast immer hatte er einen Schweif Arbeiterkinder hinter sich, die er durch seine Nickelstücke verwöhnt hatte, so daß er sie schwer loswurde, wenn er dann auf einer der neu angelegten Straßen hielt, umringt von der lieben Jugend, die mit einfältiger Schärfe seine Schwächen erkannt hatte und ihn dreist wie ihresgleichen behandelte, glich er einer alten, verfallenen Ruine, die von Neugierigen belagert ist und mit einem Freudengebrüll angestarrt wird.

Die Baumenschen nannten ihn die »Trocken-Exzellenz«, weil seine Villa den Straßenzug eröffnete, für den man sogenannte Trocken-Bewohner herangezogen hatte, um endlich etwas Leben in den Ort zu bringen. Auf dieser Seite, die Berlin am nächsten lag und wo fester Baugrund war, hatte man in etwa einem Dutzend schleunigst hergestellter Familienhäuser bei freier Miete Beamte der Bank untergebracht. Nun sah man wenigstens die Kulisse, die ins Auge fiel und der Einbildung weiten Spielraum ließ. Jetzt konnte man etwas zeigen, durfte den Gutgläubigen, die des Sonntags in Scharen herausgezogen kamen, um sich nach dem Stand der Dinge umzusehen, keck zurufen: »Seht ihr, so wird' mal alles werden. Nur Zeit müßt ihr uns lassen. Träumt euch einstweilen hinein in diese süßen Schneckenhäuschen, in die blühenden Ziergärtchen vorne und in die Salatbeete hinten.«

Und als größtes Wunder dieser Schöpfung wurde der Scherbenberg gezeigt, zu dem man Taufende von Fuhren hatte anfahren lassen, und der wie ein Meisterwerk von Menschenhand die Anfänge dieser luftigen Stadt überragte. In Schlangenlinien führte der Weg hinauf, gleich einer Promenade zwischen jungen Bäumchen, die sich von weitem wie hingepflanztes Kinderspielzeug ausnahmen. An seinem Fuße war eine mächtige Granitplatte eingelassen, auf der in riesigen vertieften Goldbuchstaben zu lesen war: »Berlinend. Gegründet 1884 von Richard A. Gläser.« Hoch oben war ein Aussichtsturm erbaut, den offene Hallen umgaben. Eine Gastwirtschaft war geplant, durch die man später die Berliner Ausflügler herbeilocken wollte. Vorläufig stand hier an warmen Sommertagen ein Wächter, der den Residenzlern zehn Pfennig für das Besteigen des Turmes abnahm, denn in den Augen Gläsers durfte man nicht ungestraft unter Palmen wandeln. Er nahm das Geld, woher er es bekommen konnte, und wußte, daß dreißig Groschen einen Taler geben.

»Da kommt Ihr Hausminister gewackelt«, sagte Herbst eines Mittwochs beim Anblick Bohnenstiels zu seinem Chef, den er damit kitzeln wollte. An diesem Tage während der schönen Jahreszeit war regelmäßig Besichtigung, die Gläser, gefolgt von seinem Adjutanten, hier draußen abhielt und zu der er den ganzen Generalstab der Bauausführenden um sich versammelte. Dann wurden alte Pläne umgestoßen, neue entworfen und das Einweihungsfest dieses Schmerzensnestes hinausgeschoben, weil die Schwierigkeiten kein Ende nahmen.

Trotzdem ihm das alles im Kopf herumging, lachte er doch zu der Bemerkung Herbsts, weil sie auf sein Privatkönigtum hinwies. Dann aber, als der Geheimrat nähergekommen war, nachdem er schon von weitem kokette Handbewegungen gemacht hatte, ließ er ganz von seiner Gewohnheit ab, zuerst zu grüßen, sondern rief ihm sofort zu: »Wir sind ja schön angeschmiert worden mit dem Terrain Ihres Schwiegersohnes, Exzellenz. Statt damit zu verdienen, müssen wir zugeben. Alles Sumpf und Morast. Die ganzen zweihundert Morgen da hinten können uns gestohlen bleiben.«

»Äh, äh«, machte Herr von Bohnenstiel.

»Ach, wollen Exzellenz doch die Güte haben, sich deutlicher auszudrücken«, erwiderte Gläser mit beißendem Spott, »wahrscheinlich ist bei der Besichtigung Koks gestreut worden.«

»Äh, äh, Herr Bankdirektor, Sie machen Witze«, quakte der Geheimrat hell auf.

»Ja, leider auf meine Kosten«, sagte Gläser wieder. »Wissen Sie, wie die Arbeiter den Teil da hinten nennen? Station Jauche. Das Gut hieß doch anders?«

»Äh, ich verstehe Sie nicht, mein Bester«, näselte diesmal Herr von Bohnenstiel und reckte sich würdevoll.

»Ach, Sie wollen mich nicht verstehen, Exzellenz«, erwiderte Gläser nun höchst unfreundlich, wartend auf den Augenblick, wo er einmal ganz aus sich herauskönnte, denn schon längst hatte ihn stiller Grimm darüber erfüllt, daß der Kleine sich als den Baukönig aufzuspielen pflegte.

»Ja, äh, dann bitte ich das als eine Auszeichnung für Sie zu betrachten, mein Verehrter. Sie führen manchmal eine Sprache, die, wie soll ich sagen, äh – gegen jede Distinktion ist. Ich muß Ihnen das einmal sagen, denn schon neulich, äh –«

»Ach was, sparen wir doch solche mittelalterlichen Fremdwörter und bleiben wir bei der Sache«, fuhr nun Gläser ihn an, dem das Blut nach dem Kopfe stieg. Der Emporkömmling in ihm regte sich, der rücksichtslose Selbstsüchtling, der die Menschen fallen läßt, sobald er sie gebraucht hat. »Sehen Sie doch, wie in den Schachten da hinten alles schwimmt. Das Gut Ihres Schwiegersohnes ist unser Unglück, wir hätten weiter hinausgehen sollen.«

»Äh, äh, wer hindert Sie daran, das noch zu tun, mein Bester«, warf der Geheimrat ärgerlich ein.

»Soll, das Spott sein, Exzellenz?« Mit einem mächtigen Schritt trat Gläser auf ihn zu, so daß Herbst, der seine Wutausbrüche kannte, unwillkürlich, eine Bewegung machte und sich ängstlich umblickte.

Sie standen mitten auf einer längst gepflasterten Straße, zu deren beiden Seiten man bereits mit den Ausschachtungen begonnen hatte. Erdarbeiter waren in der Nähe, die neugierig aufblickten, als Gläser laut wurde. Ein Steinwagen fuhr vorüber, dem sie ausweichen mußten. Frischer Kalkgeruch lag in der Luft, und der warme Wind führte den Staub eines toten Sandweges herüber. Hinten, der Ebene zu, leuchteten die weißen Jacken der Maurer, die wie ein emsiges Heer auf und ab stiegen, sich bückten und streckten und Stein an Stein setzten. Und durch die blauen Luftzwischenräume der roten Kästen, die in regelmäßigen Abständen eine Querstraße bildeten, sah man einen weiten, grünen Plan, unterbrochen von gelben Erdhaufen, aus denen, dünnen Stangen gleich, das Gewirr der Pfahlbauten ragte, wie Ameisen kribbelten dort die Menschen durcheinander. Man sah die Wasserstrahlen der Pumpen schießen, hörte das schwache Echo der Rammen und das Gewieher eines störrischen Pferdes. Und ganz in der Ferne dehnte sich der bleiche Horizont, im Zickzack unterbrochen von dem Buschwerk, das wie zarter, violetter Flaum auf der Fläche lag. Unzählige Schwalben zwitscherten in der Luft, jagten sich und strichen zum Teil tief über den Boden dahin, dicht vorbei an den Menschen.

Bohnenstiel wich keinen Schritt zurück, aber sein schmaler Kopf wackelte, als er aufs neue quakte: »Äh, äh, nicht doch, mein Bester. Wie können Sie nur denken, daß ich mir erlauben werde, über Ihre grandiose Schöpfung – Äh, nein. Nur mein guter Rat soll das sein, mein guter Rat. Schließlich hauste hier doch mein Herr Schwiegersohn nicht als Höhlenbewohner, daß man, ja, äh … daß man hätte annehmen können, er säße mit der Nase zwei Meter unter der Erde. Machen Sie doch aus dem Terrain, ja, äh, einen See, oder einen Teich. Dann gibt's im Winter gleich Schlittenbahn. Guter Gedanke, wie?« Er meckerte vergnügt und stocherte endlich mit seinem Stock zwischen zwei Steine hinein, um der tatterigen Hand ruhige Bewegung zu geben, »Verwenden Sie das in Ihrem Prospekt, äh, ja, das gibt eine neue Sensation.«

Herbst, der hinter seinem Chef stand, vergnügte sich heimlich darüber. Gläser jedoch war das zuviel, denn er hörte nur Hohn heraus, wo der andere sich einen Scherz erlaubte. »Ja, allerdings, Exzellenz, mehr würde das ziehen als Ihr Name«, schrie er jetzt mit einer Wucht, als wollte er die ganzen Würdenreste umblasen, »wenn Sie mir so kommen, komm ich Ihnen auch so.«

Bohnenstiel, der in einem tadellosen Gehrock steckte und wie immer an den Besichtigungstagen seinen glänzenden Zylinderhut trug, knipste mit Daumen und Mittelfinger der Linken ein angeflogenes Federchen von seinem Ärmel und behielt heute merkwürdigerweise sein Gedächtnis, trotzdem er bereits den Ansatz zu der berühmten, blöden Frage genommen hatte. »Ja, äh, was erlauben Sie sich eigentlich?« näselte er wild. »Ich muß doch bitten, Herr Direktor, ja, äh, gewiß! Ich werde Ihnen meine Gunst entziehen und die Depots auch, ja, äh. Ich liebe den Frieden. Sie scheinen mein Wohlwollen gar nicht zu begreifen. Sie explodieren ja heute wie eine Granate. Ja, äh.«

»Wie, was? Gunst, Wohlwollen?« höhnte Gläser. »Ich pfeife darauf, Exzellenz. Ich prolongiere diese Gunst nicht mehr. Ich bitte mich zu verstehen, Exzellenz. Sie wissen doch, was man heutzutage alles kaufen kann.« Braunrot im Gesicht konnte er seine Leidenschaft nicht mehr zügeln und dachte nicht daran, was für Folgen diese Entzweiung haben könnte.

Der Geheimrat wankte hin und her, aber er blieb fest auf seinen dünnen Beinen. Er lächelte, wie er es einstmals bei Hofe getan hatte, wenn er seiner Überlegenheit über gewisse Formenverstöße Ausdruck verleihen wollte. »Ja, äh, Sie haben im Prinzip recht, jedoch, äh, mit einer gewissen Einschränkung«, erwiderte er und hob die welken Augenlider langsam zu Gläser. »Sie können sich alles kaufen, ja, äh, nur keine Umgangsform. Danke für gütige Belehrung, ich hatte zum letzten Male den Vorzug, ja, äh.« Er lüftete mit der zitternden Hand leicht den Zylinderhut, drehte sich um und ging mit dem Stolz des Greises von dannen.

Gläser glaubte ein kurzes Lachen seines Sekretärs zu hören, das ihm wie eine Anerkennung dieser Abfertigung klang, und so schäumte er über. »Schön, schön – freut mich, Herr Geheimrat«, rief er ihm nach. »Ich nehme die Kündigung an. Ich werde auf Station Jauche flaggen lassen zu Ehren dieses Tages. Das wird einen exzellenten Eindruck machen.« Er wollte noch mehr hinzufügen, wollte deutlicher werden, den ganzen schmutzigen Handel berühren, der sich unter vier Augen mit diesem stolzen Kümmerling abgespielt hatte, aber er bezwang sich und verschluckte die Worte, denn er fürchtete um sein Ansehen bei Herbst zu kommen. Stets hatte er so getan, als hätte man sich an ihn herangedrängt, um ihn auszuzeichnen, und gerade über seine Beziehungen zu Bohnenstiel hatte er ihn im unklaren gelassen, ohne zu ahnen, daß Herbst genügend unterrichtet war.

Der Geheimrat wandte sich noch einmal um, kratzte mit der Spitze eines Stockes auf einem Stein, als hätte er dort etwas Besonderes entdeckt, und sagte beiläufig wie zu einem Dritten, der nicht da war: »Ja, äh, es ist hier draußen manches verraucht. Man sieht überall Sumpf, ja, äh. Und der Herr Substitut dürfte darüber vielleicht nähere Auskunft geben können. Äh, ich glaube wohl. Auch die Menschen sind verseucht.« Dann setzte er seinen Weg fort, mit Taubheit gegen das geschlagen, was hinter ihm noch vorging.

Denn Gläser geriet aufs neue in Wallung. Einige Augenblicke war er sprachlos, dann lachte er wie ein Unsinniger auf. »Was sagen Sie dazu, was sagen dazu?« rief er auf Herbst ein. »Was meint er denn?« Ehe erst die Antwort abzuwarten, fügte er keuchend hinzu: »Ah so, ah so! Na warte, alter Krauter.« Unwillkürlich ballte er die Faust, denn er glaubte eine Anspielung auf sein unglückliches Kind zu sehen, die ihn als Vater treffen sollte.

Herbst jedoch, der blaß geworden war, legte es in Gedanken anders aus. Eines Abends, als Gläser noch in Berlin zu tun hatte und in seinem grenzenlosen Vertrauen ihn vorausziehen ließ, um noch spät mit ihm zu arbeiten, war Klothilde so unvorsichtig, den Geliebten auf offener Veranda zu umarmen und zu küssen, aus Freude darüber, ihn die Nacht wieder in einem der Fremdenzimmer zu wissen, weil bei solcher Gelegenheit die Rückkehr zur Stadt mit Umständen verknüpft war. In letzter Zeit trafen sie sich sonst regelmäßig in Berlin, meistens während der Mittagszeit in seiner hocheleganten Wohnung, die sie ihm eingerichtet hatte und wo sie mit ihm die üppige Junggesellenmahlzeit teilte. Fast täglich fuhr sie hinein, um Einkäufe zu besorgen, und so konnte sie vergnügt diesen Liebesabstecher machen. Von Gläser war nichts zu befürchten, denn er dinierte während des Sommers in der Stadt und kam nie vor sieben Uhr nach Hause, mit Ausnahme des Mittwochs. Um ihren Mann zu beruhigen, leistete sie ihm hin und wieder bei Hiller Gesellschaft, worüber er jedesmal hocherfreut war. [
Zeile fehlt, Druckfehler. Re.] vor, daß Klothilde, noch die genossene Sünde in den Augen, mit ihm anstieß und ihn treu wie eine Taube anblickte. In solcher Stunde, wo sie von den Delikatessen nur nippte, war er bereit, ihr alle Wünsche zu erfüllen, namentlich, wenn sie ein paar süße Worte über Viktor fallen ließ. Immer hatte sie etwas mit Wohltätigkeiten zu tun, und sie brauchte nur Andeutungen zu machen, so flogen ihr auch schon die Banknoten in die Hand. Fast alles schenkte sie Herbst, der sich so auf diese Art schon ein kleines Vermögen angehäuft hatte, von dem er einen Teil an Mutter und Schwester fließen ließ.

An jenem Abend nun hatte Herbst ein Rollen und Quietschen gehört, und als er auslugte, sah er die alte Exzellenz im Stuhlwagen hinter den Tischen verschwinden. In solchen stillen Dämmerungsstunden ließ sich Bohnenstiel von seinem Diener mit Vorliebe im großen Park herumfahren, sobald ihm das Gehen beschwerlich geworden war.

Schon wollte Gläser weitergehen, als er noch auf etwas kam. »Weshalb sollen Sie mir gerade nähere Auskunft geben können, he? Wie reimt sich das zusammen?«

Herbst, der die kleinen Augen durchdringend auf sich gerichtet sah, bewahrte seinen Gleichmut. »Mir schleierhaft«, erwiderte er mit einem Achselzucken, »Wahrscheinlich wollte er Sie nur damit ärgern.«

»Mich ärgern?« brauste Gläser wieder auf, der fortwährend an seinen unglücklichen Knaben dachte. »Der? Dieser – –?« Und statt den Satz zu beenden, spie er aus. »Binnen drei Tagen muß er die Villa geräumt haben, veranlassen Sie das in meinem Namen. Ausräuchern will ich dann lassen.«

»Und wird uns das nicht schaden?« warf Herbst ein, eigentlich nur, um etwas zu sagen, denn niemand sah den Alten lieber fliegen, als er.

Gläser lachte laut auf und schwieg sich darüber aus, denn seine Gedanken waren bereits woanders. Unter dem Vorwande, daß er noch gewisse Papiere gebrauche, die er vorher in der Wohnung gelassen hatte, bat er Herbst, den Weg noch einmal zurückzumachen und seine Frau zu bitten, Viktor auf den Bauplatz zu schicken. Das war nichts Neues. Oftmals, wenn er nicht bei guter Stimmung war, packte ihn plötzlich die heiße Sehnsucht, das Schmerzenskind auch auf seinen Besichtigungsgängen um sich zu sehen. Dann wurde Viktor in sein Korbwägelchen gesetzt, das von einem kräftigen Ponygespann gezogen wurde, und unter sorgsamer Begleitung fuhr er hinaus, lustig sein »A, i, o« ausstoßend.

»Sagen Sie doch, Frau Dolinsky möchte ihn bringen«, fügte Gläser hinzu, nahm Herbst die große Mappe ab und ließ ihn gehen, ohne etwas von dem leisen Lächeln der Befriedigung zu bemerken, das über des Andern Züge huschte.

Die Villa Klothilde lag gleich am Eingänge von »Berlinend«, dort, wo man an klaren, schönen Tagen, oben auf der Turmgalerie stehend, das Häusermeer von Berlin erblicken konnte, das, hinter einer Waldung verborgen, scheinbar wie in einer leichten Talsenkung liegend, sich ausnahm, vom riesigen, schmiedeeisernen Parktor führte eine Allee prächtiger Kastanien hinunter auf die alte Landstraße, an der, etwa fünfzehn Minuten entfernt, die Bahnstation lag. Seitdem die Reklamehäuser bewohnt waren, hatte man einige Omnibusse eingestellt, die vorläufig auf Generalunkosten den Verkehr erleichtern sollten. Im nächsten Frühjahr bereits hoffte man die Erlaubnis zur Anlegung der Zweigbahn zu erhalten, die von der anderen Seite der Landhausstadt aus in gerader Linie die Verbindung mit Berlin herstellen würde. Schon sah man dort die mächtigen aufgeworfenen Böschungen, die sich bis tief in das Land hineinzogen. Die Bahn sollte Nachbar-Villenorte berühren und so einen besseren Kostenausgleich herbeiführen, alles zugunsten der Volks-Garantie-Bank Gläsers, denn stets auf seinen Beutel bedacht, hatte er die Terrainspekulanten dort unten in den beiden Sommerfrischen bereits lahmgelegt und mit Hilfe der Bank für Bodenbeleihung alle Grundstücke aufgekauft.

Als Herbst den kleinen Vorgarten durchschritt, der im üppigsten Blumenflor prangte, sah er schon von weitem in den Parkgängen das helle Kleid der Frau, Dolinsky leuchten, die wie gewöhnlich um diese Zeit den schwachbeinigen Viktor im Sonnenschein spazieren führte. Seit den zwei Jahren, die sie nun hier draußen weilte, war er merkwürdig in die Höhe geschossen, so daß das Mißverhältnis zwischen dem großen Kopf und dem schmalen Körper noch mehr auffiel, als früher. Es sah aus, als wäre das Haupt in die Breite gegangen, während der übrige Körper sich nach oben entwickelt hatte. Gleich einer Gliederpuppe, der man Bewegung gegeben hat, hing er an ihrem Arm, und so stelzte er Schritt für Schritt mit, in dem wiegenden Gange all dieser Unglücklichen, die wie aus Gummi gebaut bei jedem Tritt in Erschütterung geraten. Hinter beiden tummelten sich Annas Jungen, fünf- und dreieinhalbjährige, blühende, lachende Rangen, denen die Keckheit aus den Augen sprach. Das dritte Kind, ein Mädchen, wurde vor ihr von einer halbwüchsigen Dienstmagd im Wagen gestoßen.

Dieser Gruppe konnte man an jedem Vormittage begegnen, sobald das Wetter es erlaubte. Im Winter wurde es zwar anders, aber auch dann fuhr Frau Dolinsky fast jeden Sonntag nach Berlin, um sich nach dem Befinden ihres Pfleglings zu erkundigen. Kaum hatte Gläser bemerkt, daß der Junge mit der gleichen rührenden Zärtlichkeit an Anna hing, als er bei jeder Gelegenheit, sobald Klothilde dies Verhältnis unbegreiflich fand, immer dieselben Worte sprach: »Siehst du, sie gibt ihm, was du für ihn nicht hast.« Das war der ganze Vorwurf, den er ihr machte, denn seine Liebe zu ihr war noch immer die alte, mächtige, so daß sie oft schauderte bei dem Gedanken, was wohl werden würde, wenn er eines Tages erführe, daß sie neben der Liebe der Mutter auch die Ehre der Frau getötet hatte; aber stets tröstete sie sich damit, daß dieser merkwürdige Mann mit dem weiten Geschäftsblick kurzsichtig für alles das war, was dicht um ihn herum vorging.

»Ah, guten Tag, Frau Dolinsky«, rief Herbst ihr zu und zog höflich den Hut. Bevor er ins Haus ging, hielt er es für besser, erst diesen kleinen Abstecher zu machen. Und er reichte ihr die Hand, drückte die Spinnenfinger Viktors und klopfte ihm liebevoll die Wangen. Alles das waren Dinge, die ihm auf Umwegen wieder die Anerkennung seines Chefs eintrugen, wenn Anna gelegentlich darüber geplaudert hatte. »Ei, wie frisch Sie wieder aussehen, und die Bengels erst! Wie machen Sie das nur?«

Trotzdem sie ihn immer noch im Verdacht hatte, daß er seine Schliche hinter Klothilde nicht eingestellt habe, freute sie sich jedesmal über die Herablassung, denn noch nie hatte sie die Magd ganz abgelegt, die einst auch diesen schneidigen jungen Herrn bedienen mußte.

»Gott sei Dank, es tut sich ja noch so, Herr Referendar«, erwiderte sie mit lachendem Gesicht und machte den Ansatz zu einer Art Knicks.

»Ist die gnädige Frau drin?« fuhr er fort und fügte sofort hinzu, daß er für sie etwas auszurichten habe. Es fiel ihm auch gar nicht ein, gleich zu bestellen, daß Viktor hinaus sollte, denn er wollte mit Klothilde noch einige Minuten ungestört sein. Sie kam, ihm schon entgegen, denn durch das offene Fenster hatte sie seine, Stimme gehört, wie immer, wenn er, den Förmlichen spielen mußte, verbeugte er sich tief, behielt den Hut in der Hand und bat um die Erlaubnis, in Gläsers Arbeitszimmer gehen zu dürfen. Diesmal geschah es mit so komischer Würde, daß Anna unwillkürlich in vorlaute Heiterkeit geriet.

»Weshalb lachen Sie denn?« fragte Klothilde stark herausfordernd. Schon längst haßte sie Anna mit dem Gefühle der großen Dame, die in der Frau aus dem Volke den Eindringling sieht, gegen den nicht aufzukommen ist, weil ihm gegenüber die vornehme Zurückhaltung stets bewahrt bleiben muß. Zuerst hatte sie geglaubt, Gläser könnte in seiner alten Neigung wieder rückfällig werden, was sie mit Befriedigung gesehen hätte. Nun aber, da sie ein fast seelisches Band zwischen beiden geknüpft hatte, gärte die verhaltene Wut in ihr, daß es nicht anders gekommen war. Sie sah in ihr nur die Spionin, die lästige Person, ein Mittelding zwischen Dienstboten und Handwerkersfrau, der halbe Mutterrechte eingeräumt waren, die sie manchmal keck und vertraulich machten. Und das schlimmste war, sie mußte sie bei alledem freundlich behandeln, denn stets befürchtete sie, Anna könnte Gläser verraten, wie sie früher mit Herbst gestanden hatte. Dieser Haß hatte sich um so stärker entwickelt, je mehr sie sich selbst schuld daran gab, zu diesem eigentümlichen Verhältnis beigetragen zu haben, weil sie alles verschweigen mußte, was sie wußte. Denn kam sie damit zum Vorschein, so waren sicher die Folgen nicht abzusehen. Es hätte einen Skandal im Hause gegeben, Anna würde sich gewehrt haben, und sie, die Herrin, wäre vielleicht die allein Gezeichnete geblieben.

»Gnädige Frau wollen verzeihen, aber es geschah nur über die Kinder«, erwiderte Anna und blickte verlegen zu Boden.

Klothilde sah sie prüfend an, nickte mit einem verzerrten Lächeln und ersuchte dann Herbst freundlich, ins Haus zu treten. Noch ein Weilchen blieb sie zurück, dann folgte sie mit der gleichgültigen Miene einer Dame, die nichts Besonderes in diesem Besuche erblickt.

17.

Es traf sich gut für Herbst. Frau Teichert war nach Berlin gefahren und alle Dienstbotenhände waren in der Küche, im Speisesaal des Parterre oder im Anrichteraum tätig. Denn um zwölf Uhr fand das große Frühstück statt, das die Architekten und ihren Stab um den Bauherrn versammelte. So konnte Klothilde denn ungestört auf ein Viertelstündchen mit dem Geliebten schwelgen. Vom Rauchsalon aus schritt sie mit ihm die schmale Wendeltreppe hinauf, die zu Gläsers Arbeitsraum führte, einem großen Eckzimmer, dessen Erker der Fuß, eines Türmchens bildete. Durch die Butzenscheiben spielte das Sonnenlicht und warf seinen buntscheckigen Widerschein auf die Marmorbüste Klothildes, mit der sie ihn vor zwei Jahren zu seinem Geburtstag überrascht hatte. Etwas mußte er doch haben, woran sein Blick hing, wenn er hier in der Nacht noch über Zahlen saß, während sie von einem Andern träumte. Rechts und links vom Erker waren breite, atelierartige Fenster, durch die man weit in die angelegten Straßen der Landhausstadt blicken konnte. Und vor jedem dieser Fenster stand ein langer, grün bezogener Tisch mit üppig geschnitzten Füßen. Durch eine kleine, dunkel verhängte Bogentür konnte Gläser sogleich in sein Schlafzimmer gelangen, sobald er müde von der Arbeit war. Klothilde schlief im andern Flügel, jenseits der sogenannten Diele, zu der man die Haupttreppe hinauf gelangte. Zwischen beiden Schlafzimmern lagen die Zimmer Viktors und der Bonne. Gläser mußte ihn auch des Nachts in seiner Nähe haben, denn regelmäßig, ehe er schlafen ging, öffnete er leise die Tür, um einen Blick auf den Schlummernden zu werfen.

»Komm', laß dich erst einmal küssen«, sagte Klothilde und zog Herbst leidenschaftlich an sich. Sie steckte bereits in Empfangstoilette, in einem bauschigen, hellgestreiften Seidenkleide mit durchbrochener Taille, unter der die weiße Haut des vollen Halses schimmerte. Perlentropfen fielen aus dem Ohrläppchen, eine Brillantspange hielt den Blusenverschluß zusammen, und in dem aufgelockerten Haar steckte eine purpurfarbene Rose. Seitdem sie befürchtete, in die Breite zu gehen, hatte sie sich einem Training unterworfen. Schon des Morgens ritt sie aus; sie trank wenig, genoß nur magere Kost und tat alles, was dazu beitragen konnte, eine schöne, kräftige Frau vor übergroßer Üppigkeit zu bewahren. Sie wußte, daß Herbst die fetten Weiber nicht leiden konnte, und schon manchmal hatte der Gedanke an ihr genagt, er könnte ihrer überdrüssig werden. Sie fühlte ihre sechsunddreißig Jahre, trotzdem ihre Haut noch immer zart und durchsichtig war und ihre gewölbten Lippen das feuchte Rot der Kirsche zeigten. Niemals hatte Kummer ihre Seele erfüllt, denn selbst zu der Zeit, als man sie getäuscht hatte, ließ die Lebenslust sie alles rasch wieder verschmerzen. Und nun, wo das Schlimmste ihr leicht geworden war, flatterte sie wie ein rosenroter Schmetterling über den Sumpf dahin, immer der Sonne zu, ohne an das Schicksal des andern Tages zu denken.

»Meine Königin! Wie schön du wieder heute bist«, stammelte er und berauschte sich an dem Duft ihres Haares.

»Alles für dich, alles für dich, mein Lieber!« hauchte sie unter seinem heißen Munddruck. »Nur weil du hier bist, weil du mich siehst. Darum putze ich mich immer, als müßt' ich mit dir zum Balle gehen.«

»Na hör' mal, wir tanzen schon auf einem Vulkan«, spöttelte er, bog ihren Kopf weit nach hinten über und küßte sie aufs neue ab.

Wohlig lehnte sie so in seinem Arm, die großen lüsternen Augen nur halb geschlossen, so daß das Licht wie in einem grünen Schmelz sich wiegte. »Ja, ich bin grundschlecht, ich weiß es,« sagte sie, »aber ich bin es erst geworden. Du, du, wie ich dich liebe, wie ich dich liebe! Heute hatte ich rasende Sehnsucht nach dir, ich konnte die Zeit nicht erwarten, bis ich dich sah. Morgen, morgen bin ich bei dir! Oskar, ich traue dir nicht! Du hast eine Andere, beichte, gesteh' es!«

Immer sagte sie das, sobald sie ihn einmal eine Woche nicht gesehen hatte, denn öfters gab er vor, Mittags woanders speisen zu müssen, und so war ihr die Freude verdorben. In Wahrheit war sie ihm schon langweilig geworden. Seit dem letzten Winter hatte er sich eine kleine Soubrette dritten Ranges zugelegt, einen zierlichen Schwarzkopf, mit dem er Liebesversteck spielte, wenn er Klothilde ferngehalten hatte. Da die pikante Lori ihm viel Geld kostete, konnte er unmöglich Frau Gläser aufgeben, und so teilte er sein Herz großmütig zwischen Spenderin und Nehmerin und tröstete sich damit, daß er im Grunde eigentlich beide liebe.

»Du, hör' mal, du schweigst. Das ist verdächtig!« fuhr sie aufgebracht fort. »Komm' in mein Zimmer, beichte mir … Du, das sage ich dir: heiraten kannst du. Denn das wirst du ja doch einmal tun, aber nie so eine Andere, nie! Schwöre mir, daß ich die Einzige bin, jetzt auf der Stelle! Oskar!«

Seit langem hatte sie ihn nicht so gepeinigt, und schon wollte er ärgerlich werden, als durch das geöffnete Fenster das »A, i, o« mehrfach und lang gedehnt hereindrang, wie eine Warnung aus verstopfter Kinderkehle, wütend stieß sie die Scheiben zu, während er erschreckt zurücktrat, als säße ihm irgend etwas bereits auf dem Leib.

»Immer kommt er dazwischen, immer!« rief sie zornig aus. »Ich kann dir gar nicht sagen, wie sie mir in den Ohren klingen, diese herausgewürgten Laute. Immer denke ich, ein junges Tier kriecht da herum. Oh, was bin ich unglücklich! Du glaubst es ja gar nicht. Wenn du bloß einmal in mein Inneres blicken könntest.«

In solchen Augenblicken, wo dieser unglückliche Knabe an ihr Gewissen schlug, erwachte ein unbeschreiblicher Zustand in ihr, der sich regelmäßig in Tränen auflöste – in jene Tränen des Grolls, die aus einem verfehlten Leben entspringen. Und dann heulte sie manchmal im stillen, in einer verlassenen Ecke, inmitten dieses Glanzes, gegen den sie ihren Leib verkauft hatte.

»Es ist doch dein Rind«, sagte Herbst, der alles an ihr verstand, nur diese Roheit nicht. Mit allen Schlichen Gläsers vertraut, hatte er nicht besondere Achtung vor ihm, aber oftmals, wenn er hörte, wie dieser brutale Menschenzerkneter kleiner wurde beim Gedenken seines Viktors, wandte er sich beschämt ab, innerlich zertreten wie ein elendes Staubatom.

»Ach was, mein Kind!« preßte sie hervor mit verrauchter Leidenschaft, »sag' du es auch noch! Sein Kind ist es, seins, seins ganz allein. Ich habe es nur zur Welt gebracht, weil ich es erdulden mußte. Dazu sind wir Frauen gut genug. Wir geben euch Männern unsere Liebe, unsere Schönheit, und dann verlangt ihr noch, wir sollen die Sünde eures Geschlechts mit Wonne in die Arme nehmen, und wenn sie widerlich wie eine Kröte ist … Ja, wenn ich ihn geliebt hätte, wie ich dich liebe, wie ich dich liebe!« Sie stellte das Schleppenfegen ein und legte ihre gefalteten Hände auf seine Brust, Wahrheit in ihren Augen. Und dann, wie eine gemachte Heilige, die ihre sündhaften Gedanken verbirgt, fuhr sie leise mit geschlossenen Augen fort: »Siehst du, wie hatt' ich mich damals gefreut, als meine Stunde nahte. Das Kindchen sollte alles überbrücken, ihm wollte ich mich ganz und gar widmen. Du weißt, wie ich dich zurückstieß, ich wollte gut und rein bleiben. Aber es ist anders in Erfüllung gegangen. Manchmal denke ich, der Himmel hat mich mit diesem Unglückswurm beschert, weil ich mit dem Gedanken an dich vor den Altar getreten bin.«

Er lachte. »Ach, mach' dir doch nicht solche Gedanken! Wie viele tun das und haben blühende Kinder. Werde nur nicht nervenschwach, das wäre das Letzte.«

Es drängte ihn, von ihr loszukommen, denn fortwährend dachte er an Gläser, und wie er heute toben würde, weil ihm etwas gegen den Strich gegangen war. Er hatte nicht mehr die alte Freude an einem derartigen Gefühlsaustausch, seitdem er immer Loris Tituskopf vor Augen hatte und die neckischen Grübchen dieser Volksrange sah, der die Grazien das Lachen mit in die Wiege gegeben hatten. Nur die Nähe Klothildes berauschte ihn jedesmal, der heiße Atem dieser Juno, die etwas Überwältigendes für ihn hatte.

Als hätte sie seine Gedanken erraten, hing sie sich an seinen Hals und schmachtete weiter. »Du hast recht, du hast recht! Hör' nicht darauf, sei doch gut.« Und plötzlich ließ sie die heiße Sehnsucht wieder aufflammen, deren Andeutungen ihm nicht mehr neu waren. »Siehst du, Oskar, nur noch einmal, nur noch einmal möcht' ich diese schwere Stunde kommen sehen. Deine Augen müßten es sein, deine Augen! Oh, du, du! Was bin ich manchmal närrisch verliebt in dich … Fliehen möcht' ich mit dir, auf einer einsamen Insel mit dir wohnen, die Zeit im süßen Nichtstun mit dir verbringen.«

Schon oftmals hatte sie allen Ernstes mit ihm darüber gesprochen und daran einen bestimmten Plan geknüpft, der aber weniger romantisch war, als diese Schwärmerei. Alles Geld wollte sie zusammenraffen, die hunderttausend Mark erheben, die ein Geschenk Gläsers waren und die sie auf ihren Namen angelegt hatte. Dann hätte sie ihn noch gehörig gebrandschatzt, um mit dem Geliebten nach London oder nach Paris zu gehen. Sie hätte Schulden für ihn machen, alles tun können, um wie eine Abenteuerin die Welt mit ihm zu durchziehen, mit der zügellosen Gier, sich auszuleben an seiner Seite, nicht mehr in Fesseln, sondern in ungebundener Freiheit.

»A, i, o«, klang es wieder diesmal in der Nähe. Deutlich hörte man, wie Viktor den Stock draußen auf der Diele aufsetzte, der unten einen Klotz hatte, damit er sich besser darauf stützen könne. Er kreischte jetzt förmlich, immer dasselbe, wie stets, wenn er mit den Lauten rang und in Verzweiflung geriet, daß man ihn nicht verstehen wollte. Fräulein Leseurs Stimme klang dazwischen, die sich noch immer hier in Stellung befand. Wenn sie ärgerlich war, fluchte sie auf französisch, mit deutschen Brocken dazwischen. C'est de la quatsch, C'est de la quatsch!« geiferte sie hell, indem sie ihre ständige Redensart gebrauchte, sobald die Hausregel durchbrochen wurde. »
Mon dieu, c'est à devenir fou. Une Maison für Verrückte … Herr Viktor, Sie sollen das lassen.« Er konnte sie nicht leiden, dann erhob er manchmal den Stock gegen sie und schwenkte ihn kraftlos.

Klothilde ging hinaus, um nach dem Lärm zu fragen. »Er soll auf den Bauplatz fahren, und die Bonne ist natürlich ärgerlich, daß sie nicht mit kann«, sagte sie dann wieder zurückgekehrt. »Weißt du etwas davon?«

Einer der Bauwächter war mit der Meldung gekommen, daß noch zwei Gäste mehr erscheinen würden, und zum Überfluß hatte Gläser fragen lassen, wo denn Viktor und Frau Dolinsky blieben? Niemals konnte ihm etwas schnell genug geschehen.

»Es ist geradezu unerhört, daß diese Person immer hinter ihm sein muß«, fuhr Klothilde erregt fort, als Herbst ihr die nötige Aufklärung gegeben hatte. Sie meinte Anna damit, die mit dem Mädchen nach ihrem Häuschen geeilt war, um die Kinder unterzubringen und sich rasch ein wenig nett zu machen. »Tut er nicht beinahe so, als ob sie seine intimste Freundin sei? Dieses Frauenzimmer, das er sich zuerst abgewimmelt hatte!«

»Ja, es ist das reine psychologische Rätsel«, warf Herbst bedeutungsvoll ein.

»Ach was! Eine sittliche Verirrung ist es«, rief sie unwillig aus. »Irgendeine Schraube ist bei ihm los.« Ihre Tränenweichheit war verschwunden, der Zorn der zurückgesetzten Herrin sprach aus ihr, die sich erniedrigt fühlt um einer Andern willen, ohne dagegen ankämpfen zu können.

Herbst trat ans Fenster und lachte still in sich hinein. Diese Frau sprach von sittlicher Verirrung! Trotzdem war er Philosoph genug, sich darüber auszuschweigen. »Vielleicht ist es mehr die Sehnsucht nach dem alten Zustande«, erwiderte er dann spöttisch, »wie sagt doch Goethe so schön: ›Setzt einen Frosch auf den weißen Stuhl – er springt doch wieder in den schwarzen Pfuhl.‹ Siehst du, mein Lieb, so war es immer: Leute, die früher die Wurst aus der Faust aßen, machen sich im Grunde genommen nicht viel aus der köstlichen Auster … Er hat nie verstanden, dich ganz zu genießen. Willst du glauben? Eigentlich war es eine sittliche Verirrung, ihn zu heiraten.«

Er wollte sie kühlen, um möglichst schnell von ihr loszukommen, denn unten wieherten bereits die Ponys. Ohne erst viel zu fragen, mußte Frau Dolinsky alles angeordnet haben.

»Mag er sie doch wieder ganz nehmen, ich warte ja nur darauf«, rief sie aus. »Dann wär' es doch ein Ausgleich für mich. Wir hätten uns beide nichts vorzuwerfen. Aber tut er es denn? Es ist die reine Seelengemeinschaft zwischen ihnen. Zwischen dem großen Finanzier und dieser simplen Frau! Es ist zum Lachen! Er hat sich gehäutet, sie aber nicht.«

»Vielleicht verstellt er sich nur, in dem Glauben, du hieltest sie immer noch für eine Verwandte von ihm.«

Sie war geneigt, diesen Gedanken aufzugreifen. »Meinst du?« fragte sie lebhaft und blieb wieder vor ihm stehen. »Aber nein, nein, dann müßte man doch etwas merken!« fügte sie nach einigem Nachdenken hinzu. »Immer aber bleibt sie dieselbe, sklavisch und bescheiden.«

»Ja, dann gibt's eben nur eine Erklärung«, sagte er gleichgültig und rollte die Pläne zusammen, die er von einem der Tische genommen hatte. »Sie reizt ihn nicht mehr, oder – er hat nicht das Zeug zu einem Ehebrecher.«

»Wie du zum Beispiel, wie?«

»Ich?« fragte er mit gut geheuchelter Einfalt. »Aber ich bitte dich, Thilde!«

»Dann also wie ich«, fügte sie leise hinzu und kreuzte die Hände über ihrer Brust.

Er wollte es nicht mit ihr verderben, und so bedachte er sie wieder mit einigen Zärtlichkeiten. Dann fuhr er fort: »Siehst du, man kann in anderen Dingen ein großer Schuft sein und kann seiner Frau doch die Treue bewahren. Ich glaube, niemals wird er sie dir brechen. Er hat eben eine andere Last für sein Gewissen.«

Sie hörte es nicht gerne, wenn er so über ihren Mann sprach, denn wie alle entgleisten Frauen wollte sie den letzten Halt nicht verlieren. »Ach, laß doch das, du weißt, wie's mich ärgert«, schmollte sie hervor und wandte sich ab. »Solche Worte kleiden dich nicht.«

»Ja, aber was ist er denn anders?« fuhr er gleichmütig fort. »Denkst du denn, er weiß nicht, wie alles eines Tages kommen wird? Diese Gründung hier draußen ist sein Unglück. Sicher wird man ihn dann nicht mit Glacéhandschuhen anfassen. Noch steigt er aufwärts, aber wehe, wenn er in die Tiefe rollt. Dann bleibt er zerschmettert liegen, und über ihn hinweg stürzen die Andern, die er mitgerissen hat. Schließlich spielt er doch nur mit dem Gelde Anderer … Aber weshalb erzähle ich dir das alles, du verstehst ja doch nichts von Geschäften.«

Sie wollte auch nichts davon hören, und so hielt sie sich die Ohren zu, wie stets, wenn er solche Reden führte, die sie für unsinnig hielt. Denn mochte man über Gläser sagen, was man wollte – ein schlechter Rechner war er in ihren Augen nicht.

Als Herbst es dann plötzlich eilig hatte und sie bat, einmal nach Viktor zu sehen, lockte sie aufs neue. Nur fünf Minuten wollte sie ihn ungestört in ihrem Zimmer haben, denn hier stehe man ja wie auf Kohlen! Wahrscheinlich werde Fräulein Leseur gleich kommen, um ihr zu sagen, daß der Junge bereit sei. Aber er blieb fest. »Morgen, morgen, wie gewöhnlich. Jetzt muß ich fort.«

»Dann also auf Wiedersehen, mein Lieb«, sagte sie, als sie sah, daß er nicht mehr zu halten war. Noch einmal zog sie seinen Kopf an sich und küßte ihn mit Inbrunst.

Plötzlich stoben sie auseinander, denn wie aus der Erde gewachsen stand Anna vor ihnen, mit Strohhut und Sonnenschirm, Halbhandschuhe über die Finger gezogen. Sie hatte sich unten nach Frau Gläser umgesehen und war dann sorglos die Wendeltreppe emporgestiegen. Klothilde faßte sich zuerst. »Was wünschen Sie, Frau Dolinsky?« fragte sie freundlich, während es in ihr tobte. Und ohne erst die Antwort abzuwarten, wandte sie sich an Herbst. »Also, mein lieber Freund, grüßen Sie mir Ihre Mama vielmals und sagen Sie ihr, sie möchte sich mit Agnes recht bald bei mir sehen lassen. Alles andere werde ich schon besorgen.«

Er verstand sie, besonders die letzten Worte, küßte ihr die Hand und stieg, völlig rot geworden, die Treppe hinab, um unten die Frauen zu erwarten.

»Er kann noch immer nicht unsere Jugendfreundschaft vergessen, und dann ist er etwas zudringlich«, fuhr Klothilde ohne weiteres fort. »Immer, wenn er sich von mir verabschiedet, tut er so, als handle es sich fürs ganze Leben.« Während ihre Brust erregt arbeitete, spielte sie mit ihren Brillantringen, die sie an den Fingern lose auf und ab drehte.

Anna lachte vergnügt, so daß die roten Wangen strotzten. »Das kann schon sein, gnädige Frau. Stürmisch war der Herr Referendar ja immer … Ich habe auch gar nichts gesehen.«

»Ach, du lügst ja«, wollte Klothilde ihr zurufen; aber als sie in das heitere Gesicht der Andern blickte, stockte ihr die Stimme. »Ich weiß schon, worum es sich handelt, beste Frau Dolinsky«, sagte sie dann wieder und zwang sich zu größter Liebenswürdigkeit. »Wollen Sie nur immer nachsehen, wo Viktor bleibt. Er ist noch bei Fräulein Leseur. Gleich komme ich nach.« Plötzlich aber traute sie ihr nicht und hielt sie noch zurück. »Hören Sie mal, liebe Frau Dolinsky, sagen Sie nur nichts meinem Manne davon, er regt sich jetzt über jede Nichtigkeit auf.«

»Gnädige Frau können sich fest darauf verlassen. Er ist doch schon unglücklich genug.« Sie lachte nicht mehr, aber als Klothilde ihr in die klaren Augen blickte, wußte sie, daß diese Person nicht zu täuschen war.

»Ich habe Ihnen auch einmal mein Leid geklagt, gnädige Frau, und Sie haben mich verstanden, weshalb sollte ich nicht auch Ihr Leid verstehen, wenn Sie eins hätten«, fuhr Anna aufrichtig fort. »Aber Sie haben doch nun alles, was des Menschen Herz erfüllt. Mit dem armen Knaben? Da muß man sich trösten, denn das war Gottes Wille.«

»Ich habe ein paar hübsche Anzüge für Ihre Jungen gekauft. Ich sah sie im Schaufenster liegen. Nächster Tage werden sie wohl ankommen«, warf Klothilde ein. Sie log, aber sofort nahm sie sich vor, am andern Tage das Versäumte nachzuholen. Durch etwas mußte sie sich doch erkenntlich zeigen, und es konnte weiter nicht auffallen, weil derartige Geschenke von ihrem Mann schon öfter gemacht worden waren.

»Vielen Dank, gnädige Frau«, sagte Anna wieder, ergriff diesmal aber nicht die Hand der Andern, wie sie es sonst zu tun pflegte. Dann ging sie hinaus auf die Diele und ließ Klothilde in seltsamer Empfindung zurück. Draußen aber blieb sie stehen und legte die Hände wie zu einem Gebet zusammen, denn schreckhaft dünkte ihr, was sie gesehen hatte. Und ihr Gedanke war immer derselbe: »Oh, der arme Mann, der arme Mann!« Sie dachte wieder daran, was sie ihm damals voll Zornes zugerufen hatte, daß er Eine bekommen werde, die es ihm beibringen würde! Ja, und Klothilde tat es gründlich, im eigenen Hause, mit dem Angestellten ihres Mannes! Und wie sie trog, so log sie, dreist und frech, wie die Gewöhnlichste unter den Weibern. Und zwei Wände weiter stand ihr armer Junge und fand die Worte nicht, die er suchte, um seiner Elternliebe Ausdruck zu geben, die seine Mutter aber girrend an den Geliebten verschwendete. Oh, was für eine sündhafte Welt, oh, was für ein Unglück inmitten von Glanz und Schein! Doppelt war ihre Prophezeiung in Erfüllung gegangen, und wenn er auch das eine wußte, das andere sollte er nicht erfahren – von ihr nie und nimmer! Schön war es, in das Leben zu blicken, aber schöner war es, an seinen Häßlichkeiten mit geschlossenen Augen vorüberzugehen. Er war ja ein so kluger Mann, der alles kannte, alles wußte; mochte er sehen, wie man den Krug zum Brunnen trug.

Hinten ging die Türe auf. Viktor kam herausgetappt, und kaum ihrer ansichtig geworden, stieß er sein Freudengeheul aus und wackelte auf sie zu. »Komm', mein Junge, wir wollen sehen, wie die Schwalben fliegen«, sagte sie und nahm ihn sanft am Arm. Und wie ein zweijähriges Kind zeigte er nach der Decke und wiederholte immer dasselbe: »A, i, o? A, i, o?«

Beide stampften die Außentreppe hinunter, hinter ihnen her aber schimpfte Fräulein Leseur in ihrem Kauderwelsch.

Es dauerte immer eine ganze Weile, bis der Junge herunterkam, und so hatte Klothilde reichlich Gelegenheit gehabt, Herbst zu verständigen. Als Anna beide am Wagen stehen sah, merkte sie sofort, was los war. Wenn das Pärchen sie für dumm hielt, dann irrte es sich, aber sie wollte diesem Galan gegenüber wenigstens so tun, als wäre sie es. Denn wenn sie richtig geraten hatte, so war es Klothilde gar nicht eingefallen, ihn in Angst zu lassen. Sicher hatte sie ihm zu verstehen gegeben, daß sie, Anna, nichts gesehen habe oder doch wenigstens leicht darüber hinweggegangen sei. Dazu war er zu heiter, blickte er zu furchtlos in die Welt hinein.

Als die Pferdchen angezogen hatten, winkte Klothilde Viktor mit dem Taschentuche nach, und er schwenkte seine Mütze, wobei Anna ihm den Arm hielt. »Hält sie ihn nicht umschlungen wie eine Mutter ihren Sohn?« sagte Frau Gläser in Gedanken, und noch lange blieb sie unbeweglich an derselben Stelle stehen, bis der Wagen ihrem Blicke entschwunden war.

Und plötzlich überkam sie die Empfindung, sie hätte nach diesem Zwischenfall den Geliebten für immer verloren, und mit ihm alles, was ihr das Leben wert und schön machte. Denn was war ihr dieser reiche Plunder, wenn sie ihn nicht mehr besaß, dem sie ihre ganze Seele offenbart hatte! Die Mutter lief wie eine geschmückte Ruine im Hause herum, stets von Freude erfüllt über das glückliche Los ihrer Tochter; der Junge stand ihrem Herzen nicht nahe, und ihren Mann betrachtete sie wie ihren persönlichen Feind, an den das Schicksal sie geschmiedet hatte, um Tag für Tag den goldenen Acker zu bestellen. So zogen Tausende vereint die große Lebensfurche entlang, lachend und scherzend, um, wenn sie miteinander sprachen, ihre Gedanken zu verbergen, verfeinerte Tiere, die, wenn sie ledig ihrer Koppel waren, getrost zur fremden Herde laufen konnten, sobald die Weide dort saftiger war. Aber sie genossen diese Freiheit nicht lange. Der strenge Hirt kam und trieb sie scheltend wieder in den häuslichen Stall.

Frau Gläser knickte eine weiße Rose, an der sie mit geschlossenen Augen roch. Dann ging sie um das Haus herum und in den Park hinein, wo kühler Schatten lag. Auf einer Bank unter einer Blutbuche ließ sie sich nieder. Und die Rose im Schoß, kam sie sich einsam und verlassen vor. Die Augen wurden ihr feucht. Dann weinte sie ungesehen heiße Tränen, wie die vielen unverstandenen Frauen sie weinen, deren Jugendträume längst zertrümmert und die auf den schmalen Pfad der Sünde gelangt sind, ohne kaum zu wissen, wie.

18.

»Na, wo bleiben Sie denn?« rief Gläser seinem Vertrauten ärgerlich zu, als der Wagen vor dem Baubureau hielt. Und sofort nahm er den Jungen wie ein loses Bündel in seine Arme, küßte ihn und trug ihn so ein Stück Weges den Arbeitsplätzen zu, wo die Tiefbauingenieure standen. Frau Dolinsky sah ihm an, daß etwas Besonderes mit ihm vorgegangen sein mußte, denn kaum hatte er Viktor zur Erde gelassen, als er sie beiseite nahm und fragte: »Wo hat er denn solange gesteckt? Warst du dabei, als er meine Frau sprach?« Seine kleinen Augen suchten die ihrigen, sie hielt aber tapfer seinen Blick aus.

»Du wirst doch nicht etwa eifersüchtig sein, wie?« gab sie lachend zurück, während der Junge sich an ihrem Arm schleifte.

»Ich? Auf wen denn? Auf diesen jämmerlichen Windhund? Du bist wohl –! Ich ärgere mich nur, daß es solange gedauert hat.« Plötzlich rot geworden, mied er ihr Gesicht, ohne jedoch seine Erregung unterdrücken zu können.

Als sie ihn so sprechen hörte, machte es ihr innerlich Spaß, um ein Geheimnis zu wissen, dessen Entschleierung ihn zum Wilden gemacht hätte. Und leise regte sich etwas in ihr, was sich wie Schadenfreude in ihre seltsame Treue mischte. Wenn er auch nichts wußte, so konnte er doch einmal fühlen, was Zweifelsucht im Herzen eines Menschen war. Sie wollte ihn jedoch beruhigen, und so gebrauchte sie die Ausrede, daß sie seine Frau und Herbst nur vor dem Hause gesehen und daß sich der Aufbruch etwas verzögert habe. »Weshalb schimpfst du denn auf einmal so?« fuhr sie dann fort. »Er ist doch kein jämmerlicher Windhund?«

»Ja, das sind sie alle, die sich das Leben mit den Weibern leicht machen«, polterte er weiter. »Schon meine Schwiegermutter nannte ihn so. Ich hielt ihn immer für einen soliden Menschen, und nun erfuhr ich vorhin, daß er ein splendides Verhältnis hat mit einem Frauenzimmer vom Theater. Einer der Architekten sagte es mir, wir kamen ganz zufällig darauf zu sprechen. Das wär' ja nichts Schlimmes, aber er soll ein kostspieliges Leben mit ihr führen. Und eine elegante Wohnung hat er auch. Noch niemals war ich dort … Das kann er nicht von seinem Einkommen bestreiten. Ich sage das auch dir nur, weil ich weiß, daß du verschwiegen bist, selbst deinem Manne gegenüber … Du, ehe ich's vergesse«, unterbrach er sich in seiner Art, die verschiedensten Dinge auf einmal zu behandeln. »Dolinsky steigt bedeutend. Wir müssen einen Kirchhof anlegen, denn jedenfalls werden die Menschen hier draußen auch sterben. Wie überall. Und was meinst du, was er mir da vorhin gezeigt hat? Einen Entwurf zu einem prächtigen Mausoleum, das ich mir auf alle Fälle hier draußen bauen lassen müsse. Ich hätte ihm den Bau versprochen. Weißt du 'was davon? Ein komischer Kauz, dein kleiner Mann! Manchmal kommt er mir wie ein seltener Vogel im Bauer vor. Er möchte gerne 'raus und er kann nicht.«

Trotzdem er noch ganz genau wußte, was er in jener Winternacht mit Dolinsky im Wagen vierter Klasse gesprochen hatte, spielte er wieder den Vergeßlichen, der die Scheu vor alten Dingen hat.

»So, so«, warf Anna zerstreut ein, denn ihre Gedanken waren bei Herbst. »Ei, der treibt es ja gut«, dachte sie. »Laß ihn doch machen, was er will«, fuhr sie dann laut fort. »Manche Menschen haben Glück bei den Frauen und kriegen obendrein noch etwas zu. Ich meine deinen Herrn Sekretär. Hast du nicht auch zweie gehabt?«

Sie lachte harmlos, aber ihm war anders zumute. Als er vergeblich auf Herbst wartete, hatte etwas in ihm gebohrt, was er bis jetzt nicht losgeworden war. Die Bemerkung der alten Exzellenz ging ihm im Kopf herum, wie ein häßlicher Eindruck, der immer wiederkehrt. Er sträubte sich dagegen, aber das Mißtrauen war erwacht und suchte nach neuer Nahrung.

Endlich versuchte er sich Heiterkeit abzuringen. »Ja, ja, ich bin auch ein toller Kerl, wie?« sagte er ebenfalls lachend, wie aufgestöbert aus einem Brüten. »Wer hätte geglaubt, daß wir beide uns so noch finden würden. Na, laß nur, es findet jeder sein Paradies. Du kriegst noch die schönste Villa hier am Ort. Andere stellen ihre alten Freundinnen kalt, ich habe dir ein warmes Nest gebaut. Beneiden brauchst du mich nicht, denn Geld macht nicht immer glücklich. Das siehst du ja an dem Armen da.«

So sprach er oft zu ihr, ohne daß er etwas anderes zu hören bekam, als daß sie nicht darauf ausginge, sich noch ein besseres Wohlleben durch ihn zu schaffen. Sie habe ihr reichliches Auskommen und wünsche zu Gott, daß es so bleibe.

Plötzlich blieb er stehen und fragte scharf: »Weshalb betonst du es so, daß auch ich gerade zwei hatte? Weißt du denn, daß er noch eine andere hat.«

Großer Schreck durchzuckte sie, denn sie glaubte, er könnte etwas ahnen. Dann aber faßte sie sich und lachte wieder. »Aber wie soll ich das wissen? Was geht mich der Mensch an! Mag er ein ganzes Dutzend haben. Wenn er nur seine Arbeit bei dir tut. Und die tut er doch. Und Viktor hat er auch gerne. Vorhin habe ich es wieder gesehen. Immer streichelt und eit er ihn, na, und das ist doch ein hübscher Zug von ihm. Deine Frau könnte von ihm lernen. Du mußt nicht immer das Schlechteste von den Menschen denken. Aber so warst du früher schon, Art läßt nicht von Art, und selbst in Schlössern wird ausgespuckt.«

»So so, tut er das?« warf er umgestimmt ein. »Das habe ich noch nie gesehen.«

»Ja, du! Du siehst manches nicht«, erwiderte sie zweideutig, ohne daß er es begriff.

Herbst, der mit einigen Herren hinter ihnen geblieben war, stellte sich wieder ein, und sogleich war Gläsers Groll gegen ihn verrauscht. Wer sein Kind gern hatte, der sollte es auch gut bei ihm haben, und wenn Anna es sagte, so mußte es sein. Überdies hatte sie recht: was gingen ihn diese privaten Dinge an! Wenn er ihn einmal danach fragte, würde sicher alles auf die Hälfte zusammenschrumpfen. Es wurde so viel in dieser Welt gelogen, das wußte er am besten!

Herbst atmete auf, als Gläser ihn mit der alten Freundlichkeit behandelte. Fortwährend hatte er gezittert bei dem Gedanken, die beiden vor ihm könnten ihn beim Wickel gehabt haben. Nun strahlte er wieder, als wüßte er den Grund zu dieser Aufgelegtheit seines Chefs, beschäftigte er sich sofort mit Viktor, nahm ihn von Annas Seite und schritt mit ihm dahin, als wäre er sein Erzieher.

»Er kann schon hübsch laufen, wie?« rief Gläser ihm lachend zu. Immer bildete er sich ein, es ginge von Tag zu Tag besser damit, aber es war die große Selbsttäuschung aller unglücklichen Eltern, die durch die Gewohnheit abgestumpft werden. Man hatte in der letzten Zeit alles versucht: Massage, Elektrizität, Bäder aller Art – nichts hatte dem Zustande ein Ende machen können. Manchmal schien es, als würden die Knochen fester, als sollte sich doch noch ein normales Wesen entpuppen, aber die Liebe des Vaters sah mit blinden Augen. Und schließlich war Gläser schon froh, daß nicht gänzliche Verblödung eintrat, wie man als möglich in Aussicht gestellt hatte. Der Geist war diesem Krüppelchen vorausgeeilt, und das war das Fürchterlichste für Gläser. Dieser Zustand war nicht immer gleich; er wechselte, sozusagen wie die Launen der Natur, deren tiefste Geheimnisse die Wissenschaft nicht enträtseln kann. Er litt an der Fallsucht, die aber nur höchst selten eintrat und rasch wieder vorüberging. Schon stundenlang vorher verriet sein Wesen die trübe Erscheinung. Dann bekamen seine Augen einen fremden Ausdruck, der Mensch wich, und der verkörperte Stumpfsinn regte sich, der gefühllos in die Welt glotzt.

Es war gerade, als witterte dieses Kerlchen das Unheil, das ihn mit seinen Blitzkrallen fassen würde. Das ganze Haus war dann in Aufruhr. Fräulein Leseur schrie, die Dienerschaft lief zusammen, Klothilde hielt sich die Augen zu und rief nach dem Arzt, der nicht da war, und wünschte im Innern, daß es endlich ganz vorbei mit ihm sein möchte. Nur Frau Teichert behielt die Besinnung, denn sie wußte, daß man sich unnötig Angst und Sorge mache. In diesem zarten Knaben steckte Kraft zum Widerstande, eine Zähigkeit, das Leben zu ertragen, obgleich er nichts davon hatte. War Frau Dolinsky zufällig anwesend, so war man überhaupt aller Mühe enthoben, denn ihre Nerven waren unerschütterlich. Mit der Ruhe einer Krankenschwester, die das Leid gefestigt hat, übte sie das Werk der Barmherzigkeit.

Nach einem solchen Anfall, der sich in jedem Jahre einmal wiederholte, zeigte sich dann die übernatürliche Geistesfrische des Jungen, die sich nicht in Taten äußerte, sondern in seinem Verhalten, mehr im Anschauen als im Wiedergeben. Er kannte alles, was er sah und was man ihm erklärte. Augen und Ohren waren doppelt geschärft, gleichsam verfeinert durch den Mangel an Sprache. Er konnte nicht schreiben lernen, aber in diesem Sommer hatte man ihn bei dem Versuche, zu zeichnen, überrascht. Seine kraftlosen Finger vermochten den Bleistift nicht sicher zu führen, aber man merkte doch, wie er in groben Umrissen die Dinge festzuhalten wußte: bald einen Vogel, ein Haus, bald einen Baum, oder einen Menschen. Als sein Vater das sah, ließ er ihm einen bequemen Sitz anfertigen, der vorn ein Pult trug, das man verstellen konnte. Fräulein Leseur, die einiges Zeichentalent besaß, führte ihm manchmal die Hand, und so war es am Tage des Stubenhockens sein stilles Vergnügen, stundenlang zu sitzen und alle nur möglichen Figuren zu kritzeln.

Gläser freute sich riesig. »Das ist doch etwas!« rief er vergnügt aus. »Vielleicht wird noch ein Raffael aus ihm. Es gibt ja Menschen, die ohne Arme geboren sind und doch malen können.«

Heute wurde seine Freude über ihn bald gestört. Er war mit Steinbrink, einem bedeutsamen Ingenieur für Entwässerungsverfahren, über eine Holzbrücke gegangen, die rechts und links tiefe Ausschachtungen zeigte, als von einer Seite her die Worte erschallten: »Da ist ja Zappel-Philipp wieder.« Deutlich hatte er es gehört, denn der Wind trug ihm die Laute zu. Es war hier still; nur einige hundert Schritte abwärts gingen die Dampframmen, die Schlag für Schlag auf die Pfähle fielen. An der Böschung karrten die Leute wie die Lasttiere die feuchte Erde den Brettersteg hinauf. Eine ganze Kolonne schippte, so daß die Spaten im Sonnenlicht blitzten. Weiterhin ging lautlos die Pumpe, gedrückt von einem halben Dutzend kräftiger Arme. Gläser ließ den Ingenieur stehen und wandte sich zu Anna, die langsam nachgekommen war. »Hast du gehört, was da jemand rief?« fragte er leise, aber erregt.

»Ach, laß sie doch, mach' dir nichts daraus, sie nennen ihn alle so«, erwiderte sie mit ihrem Gleichmut. »Dolinsky sagte es mir. Das haben sie aus dem Struwelpeter. Irgendeiner wird es aufgebracht haben, dann blöken es die andern nach. Denken tut sich keiner etwas dabei. So etwas beachtet man am besten nicht.«

Gläser aber war anderer Meinung. Er winkte Herbst heran und beauftragte ihn, den Spötter festzustellen. Dann aber, als er sah, wie der Abgesandte zwecklos auf die Leute einredete, ging er selbst hinüber und sprach mit dem Kolonnenführer. Alle könnten sofort die Arbeit niederlegen, wenn sich der Betreffende nicht melde. Ein Dutzend Stimmen wurden laut, die »Kürassier-Wilhelm« riefen. Es war ein Spandauer, ein hochgewachsener, breitschultriger Mann mit struppigem Feuerbart, der sich die Hände an seiner Hose abwischte, dann langsam mit eingedrückten Knien herankam und schwerfällig den alten Soldatendeckel zog.

»Haben Sie gerufen?« fragte Gläser und sah ihn drohend an.

»Ich war's wohl, Herr Bankdirektor.«

»Was haben Sie sich dabei gedacht?«

»Gedacht? Ja, das weiß ich nicht. Wir freuen uns immer, wenn wir ihn sehen, den jungen Herrn.« Wie ein verstockter Sünder, der keine Ausrede kennt, hob er die Schulter, während die rotumränderten Augen scheu zur Seite gingen.

»So so, ihr freut euch, aber eure ganze Freude liegt im Schimpfen«, sagte Gläser wieder. »Ich will euch lehren, anständig zu denken. Wer meinen Sohn beleidigt, beleidigt auch mich.«

Ein ganzer Schweif von Architekten und Baugewerksmeistern war hinter ihm hergezogen und umgab ihn nun im Halbkreis, wartend, was das Haupt unternehmen würde. Auch Dolinsky hatte sich angeschlossen und stand bei seiner Frau. Die Herren begriffen Gläser nicht, wie er sich so weit hinreißen lassen konnte. In ihm aber wühlte der Mensch niederer Abstammung, der niemals Erziehung gehabt hat und leicht den Ton aus der Vergangenheit findet. »Geh' und bitte meinen Jungen um Verzeihung, sofort! Küss' ihm die Hand!« schrie er fast, nun rücksichtslos wie ein Sklavenhalter, der unbedingten Gehorsam fordert.

»Er ist verrückt geworden«, raunte Dolinsky Anna zu. Sie aber zwang ihn zum Stillschweigen und erwiderte: »Du verstehst ihn nicht. Ich glaube, er könnte ihn totschlagen.«

Die Erdarbeiter, die auf ihre Schaufeln gestützt dastanden, grinsten freudig, als sie die Verlegenheit des Rotbärtigen sahen, der die schäbige Kürassiermütze auf das linke Ohr schob und sich mit dummer Miene in seinem Haar kraute. Anscheinend wußte er nicht, was er tun solle. Sein schieler Blick ging zu Viktor, dann zu Gläser und rückwärts zu den Genossen, deren schadenfrohe Gesichter er bemerkte. Man sah, wie er in sich hineinbiß, wie er Scham und Wut hinunterwürgte.

»A, i, o?« klang es hell in die Stille hinein, die in gleichmäßigen Zwischenräumen nur der dumpfe Schall der fernen Ramme durchdrang. Er erhob seinen Stock und deutete auf den Spandauer, trotzdem er nicht alles begriffen hatte.

»Ruhig, ruhig, mein Kleiner«, beschwichtigte ihn Anna.

»Nun, wird's?« rief Gläser aufs neue, dem die Laute seines Kindes in den Ohren lagen. »Vorwärts, ich habe nicht viel Zeit. Sie sollen sich alle ein Beispiel an dir nehmen, die jetzt dastehen und Maulaffen feilhalten.«

»Na, dann will ich schon«, preßte Kürassier-Wilhelm hervor. »Es ist ja nur, weil ich sonst nichts zu fressen hätte. Am Typhus krepiert man ja hier doch 'mal. Drei sind heute wieder ausgeblieben.«

»Wie? Was?« sagte Gläser überrascht und sah sich im Kreise um.

»Ja, so ist es«, fuhr der Feuerbart fort und stappte durch den modrigen Sand langsam die Böschung hinauf. »Zwei haben sich vorhin gelegt, und der schles'sche Karl ist heut früh neben mir verreckt. Hier atmet man ja Jauche.«

Gläser war verblüfft, denn er wußte von allem nichts. Hinten, wo noch die Weiden standen, hatte man Baracken erbaut, in denen ein Teil der Erdarbeiter hauste, die im Frühjahr zugezogen kamen und zum Winter wieder nach ihrer Heimat abschoben. Die meisten von ihnen, namentlich die Polen, lebten nur von Schmalz und Kartoffeln, tranken ihren Kornbranntwein dazu und schliefen zusammengepfercht wie die Tiere. Sie buken sich selbst das Brot, kochten und schmirgelten im Freien und sangen des Abends ihre eintönigen Lieder nach dem Gekreisch der Ziehharmonika. Noch niemals hatte sich Gläser dorthin verirrt, denn er haßte dieses Elend, das nur der Schnapsteufel großzog, wie er sagte.

»He, was ist das für eine Wirtschaft?« rief er laut und winkte den Kolonnenführer heran. »Was ist denn wahr daran? Die Polizei wird uns auf den Hals kommen.«

Man hatte ihm diesen Zustand verschwiegen, aus Furcht, alle könnten gezwungen werden, die Arbeit niederzulegen. »Ach, er übertreibt ja«, erwiderte der Aufseher. »Es ist ja heute einer gestorben, aber nur am Fieber. Wer weiß, wo er's her hatte. Er litt schon lange am Delirium.«

»Nein, nein, es war Typhus«, rief der Spandauer wieder, der sich nun plötzlich wie der Held des Tages vorkam. »Ich hörte deutlich, wie der Landdoktor es sagte. Schon gestern holten wir ihn, weil der Kranke so bat. Und heute wollte der Doktor wiederkommen, er kann ihm nun die Grabrede halten.« Damit war er langsam weitergeschritten, schon war er oben und ging mit festen Tritten die Bohle entlang, die auf die Gruppe zuführte.

Plötzlich jedoch brüllte Gläser förmlich los: »Bleib' da, rühr' ihn nicht an, hörst du? Es ist dir alles geschenkt! Niemand von euch kommt über die Brücke!« Und als wäre ihm die Seuche bereits auf den Fersen, wehrte er ihn mit den Armen ab und wandte sich im vertraulichen Ton an Frau Dolinsky, ohne an seine Umgebung zu denken: »Bringe Viktor sofort nach Hause, Anna, hörst du! Der Wagen wartet. Niemals mehr soll er bis hierher spazierengehen … Geh', geh'! Sage nichts meiner Frau davon. Es soll hier gründlich aufgeräumt werden.« Und er nahm seinen Jungen wieder in die Arme, küßte und herzte ihn und befühlte ihn förmlich, als wollte er sich überzeugen, daß er noch vorhanden wäre. Dann sagte er zu den Übrigen: »Kommen Sie, meine Herren.« Und er schritt ihnen voran, der andern Seite des Landstriches zu, wo man festen Grund geschaffen hatte.

Niemand sprach ein Wort, alle dachten an das eigentümliche Verhältnis, in dem er zu dieser Frau stehen mußte und über das er ihnen plötzlich durch das vertrauliche »du« ein Licht aufgesteckt hatte.

»Was fällt ihm denn ein, dich wieder ›du‹ zu nennen«, sprach Dolinsky zornig auf Anna ein, bevor er den Übrigen folgte. »Ich werde ihm auf den Kopf steigen. Mich hier so bloßzustellen vor allen Leuten.« Schon oftmals, wenn er gesehen hatte, wie Gläser über seine Frau herrschte, als hätte er ein bestimmtes Recht dazu, war der Groll in ihm aufgestiegen, der jetzt zum Durchbruch kam.

Wie immer lachte sie ihn aus, ohne es böse zu meinen. »Du wirst doch nicht etwa eifersüchtig sein, wie?« wandte sie ein, selbst ärgerlich über diesen Vorgang. »Er hat sich 'mal vergessen, das ist das Ganze. Du siehst ja, wie aufgeregt er ist.«

»Ach, aufgeregt!« gab er zurück. »Dann soll er sich beherrschen. Verschnappt hat er sich … Du liebst ihn wohl immer noch, wie? Weil du ihm so recht gibst.«

»Ich bemitleide ihn, und heute mehr als je … Mach' dir doch nicht solche dummen Gedanken, ich bin dir treu, das weißt du am besten. Nein, so ein Unsinn von dir, so ein Unsinn! Wenn er das hören würde, täte er sich darüber amüsieren.«

»Geh' lieber zu unsern Kindern, ehe du hier Magddienste tust«, fuhr er aufgebracht fort. »Man muß das Schlimmste denken, wenn man so 'was sieht.«

»Und geh' du an deine Arbeit, verstehst du?« erwiderte sie nun in derselben Tonart. »Ich bin dir nicht nachgelaufen, das weißt du … Wir haben gesunde Kinder, dieser hier aber ist gottverlassen. Und alle treten sie auf ihm herum wie auf einem wehrlosen Wurm.«

Ihr Widerspruch reizte ihn, denn noch nie hatte es so in ihm gegärt. Immer den Reichtum des andern vor Augen, hatte ihn manchmal häßliches Mißtrauen gepackt, weil er sich dieses Freundschaftsbündnis nicht erklären konnte. »Was geht uns schließlich ein fremder Junge an!« brauste er auf, ohne Rücksicht darauf, daß Viktor alles hörte.

»Geniere dich doch vor ihm, er kann nicht sprechen«, wandte sie wieder ein. »Aber sieh, wie er dich anblickt, er versteht alles, was du sagst.«

Nun legte Dolinsky auf polnisch los, was er stets tat, wenn er sich einmal mit ihr gründlich aussprechen wollte. Seitdem er hier einen Troß Arbeiter unter sich hatte, mit dem schwer auszukommen war, hatte er sich das Schimpfen angewöhnt, und so hörte Anna gelegentlich Flüche von ihm, die ihr frommes Gemüt verletzten, so daß sie oftmals bei sich dachte, er sei eigentlich auch nicht viel zarter, als Gläser zu ihr gewesen war. Und nun gab er ihr wieder davon zu kosten. Es sei ihm schon alles egal, die Sache werde ihm zu bunt. Da müsse der Blitz einmal gehörig dazwischen fahren, damit dieser Geldprotz, der früher auch nichts gehabt habe, nicht zu üppig werde. Was der sich alles herausnehme, das habe man jetzt wieder gesehen! Die ganze Welt mit »du« anzureden, das sei ein Skandal. Und noch Handküsse zu verlangen! Eines Scherzwortes wegen! Das hätte ihm, Dolinsky, passieren müssen! … Und als Anna wieder dazu lachte, steigerte sich seine Wut, die etwas Drolliges hatte. Der Teufel sei ein anständiger Kerl gegen Gläser. Und habe man nicht gesehen, wie feige er sei? Erst habe er das große Maul gehabt, und dann blamiere er sich. Ein hübscher Held, das müsse er sagen! Jetzt belustigen sich die Leute da unten über ihn; von Respekt vor ihm könne keine Rede mehr sein.

Dolinsky wies auf die Ausschachter, die den Rotbärtigen umstanden, der sich wie ein gefeierter Sieger vorkam. Sie kümmerten sich nicht viel darum, ob ein Gefährlich-Kranker unter ihnen gelegen hatte, das sah man aus ihren lachenden Mienen. Schmutz hielt warm, und wer sterben sollte, dem war das Schicksal eben beschieden. »Sieh' doch, wie er sich reckt, und hör', wie sie spotten. Sie können es noch immer nicht begreifen.«

Einige witzelten auf polnisch, und so konnten beide alles verstehen. Als die Leute dann Dolinsky erblickten, schwiegen sie und gaben sich Zeichen, denn es war ihnen bekannt, daß er ihre Sprache verstand. Man fürchtete ihn, weil man glaubte, er könnte ihre Bemerkungen weitergeben.

»Wie kannst du nur sagen, daß er feige ist«, hielt Anna ihm entgegen. »Er hat nur Angst um sein Kind, denn kein zweites blühte ihm, wenn er es verlöre.«

»Und darin liegt eben sein Egoismus«, sagte Dolinsky wieder. »Ich glaube, wir könnten hier alle sterben, es würde ihn nicht weiter rühren. Wenn nur sein Junge am Leben bliebe.«

»So denkt ein jeder von uns«, gab sie zurück. »Das liebste liegt uns immer am nächsten.«

»Dann gib den Hampelmann drüben ab und scher' dich endlich zu deinen Kindern, vernachlässige sie nicht«, schnauzte er sie zum Schluß abermals auf polnisch an, mit einer Heftigkeit, die sie fast starr machte.

Er hatte schon erwartet, daß diese starke Frau, die ihn manchmal wie ihr größtes Kind behandelte, mit ihrer ganzen Überlegenheit über ihn herfallen würde, als er etwas Überraschendes erlebte. Nicht wie sonst brüstete sie sich, sondern blieb still. Leise kam es dann über ihre Lippen: »Wie kannst du sagen, daß ich unsere Kinder vernachlässige! Sind sie nicht immer blitzblank und sauber? Pfui, schäme dich. Und was geht's dich an, wenn ich noch Zeit für anderes Unglück finde! Das ist nur Menschenpflicht. Du bist ebenso selbstsüchtig wie Gläser, dem du doch Dank schuldest, denn er gibt dir Brot. Ihr Männer könnt noch so klug sein – ein Weib, das viel erduldet hat, werdet ihr doch nicht verstehen.«

Und nun war es ihm, als wenn ein Wunder geschähe. Denn er sah sie leise weinen, sie, die sonst niemals schwach gegen ihn wurde und sich etwas darauf einbildete, die stete Siegerin in der Ehe zu bleiben. Und das machte ihn so verblüfft, daß er nicht wagte, den Angriff fortzusetzen. Gewohnt daran, stets zu unterliegen, stimmten ihn diese Tränen fast glücklich, denn er glaubte, darin ihr Geständnis zu sehen, daß sie sich endlich vor ihm beuge. »Aber Anna, was ist dir?« rief er aus. »So weine doch nicht, du törichte Frau! Es war ja Dummheit von mir, so etwas zu sagen. Sei doch wieder gut und bleib nur so, wie du bist. Nie will ich mich wieder beklagen.« Und dabei ahnte er nicht, daß er dadurch ihr freiwillig wieder die Macht gab, die er schon errungen zu haben glaubte.

»Ach, laß mich!« wehrte sie ihn kurz ab und ließ ihn stehen.

»Du bist mir ein Rätsel«, rief er aufs neue aus, abermals verblüfft über ihre plötzliche Härte.

»Dann löse es doch«, sprach sie zurück und schritt rascher vorwärts, ohne sich noch einmal umzublicken.

Das war leicht von ihr gesagt, er sah es ein. Noch eine ganze Welle verharrte er auf demselben Fleck, bevor er den Weg der andern nahm, nun wieder mit erwachtem Ingrimm, denn mehr als je fühlte er, daß er niemals die erste Geige im Hause werde spielen können.

Dolinsky hatte Gläser richtig bewertet, denn schon nach acht Tagen wurde es ihm klar, daß der ausgebrochene Typhus vertuscht werden sollte. Man hatte alle Minen springen lassen, um den Fall nicht in die Öffentlichkeit zu bringen; denn erfuhr man erst, daß jetzt schon das Sumpfland seine Opfer forderte, dann war der Nimbus von »Berlinend« für immer verschwunden. »Das wäre ja noch schöner, daß uns das passierte«, hatte Gläser gesagt und sofort eine gründliche Scheidung unter den Leuten vorgenommen. Der Rotbärtige bekam den Laufpaß und mit ihm ein Dutzend anderer Genossen, die in derselben Baracke lagen. Mochten sie gehen, wohin sie wollten, wenn nur das Ansehen der Gründung gewahrt blieb. Neuer Hunger gab neue Menschen, und wenn man winkte, kamen sie heran, gelockt von der Aussicht auf tägliches Brot.

Als dann doch die Nachricht durchsickerte, daß es mit dem Gesundheitszustand hier draußen nicht besonders bestellt sei, feierte Gläsers Schlauheit wieder Triumphe. Er hatte in dem Stallgebäude des einsamen Krugs der »Neid-Gemeinde« einen Trupp Wasserpolaken einquartieren lassen, und als dort einer am Typhus erlag, ward rasch das Übel auf die Nachbarn abgewälzt, und er durfte innerlich lachen. Mochten sie schimpfen und sich nach Kräften wehren – die Tatsache blieb doch an ihnen hängen! Das übrige tat die »Lösung«, die mit schallenden Posaunentönen von »Mißgunst und Verleumdung« sprach und weiter das Lied von dem steten Gedeihen »Berlinends« in frischer Luft auf trockenem Boden sang. Und um möglichst rasch die Blöße zu verdecken, wurde die Verkleidung der Landschaftsschönen nicht mehr so sorgsam vorgenommen, was schadete es auch, wenn das Gewand etwas durchlöchert war – die Hauptsache blieb doch, heraus aus diesem Sumpf zu kommen, bevor die Angst die Menge packte. Man brauchte nicht immer das Fundament aus Quadern zu bauen, es genügten auch schon gewöhnliche Steine. So schlug man ein anderes Verfahren ein, versenkte die Kasten nicht mehr so tief und sparte Zeit und Geld. Dann kam man auf den Einfall, die Häuser an den Wiesenstraßen überhaupt nicht zu unterkellern, ihnen nur ein niedriges Stockwerk zu geben und sie hinzusetzen, so gut es ging.

Trotzdem der erste Schreck vorüber war, lebte Gläser in beständiger Furcht, die Ansteckungsgefahr könnte sich wiederholen. Acht Opfer hatte der Krankheitsherd gefordert, bevor er glücklich erloschen war, mit jener stillen Glut, die langsam verblaßt, ehe der Schein allzuweit bemerkbar wird. Allen Beamten lag daran, die Verschwiegenheit mit sich herumzutragen, denn fiel der Ruhm ihrer Hände, so fielen sie auch mit. »Station Jauche« wurde von Gläser gemieden wie ein verhaßter Ort, an dem ein Mensch zum ersten Male seine verderbliche Schwäche fühlte. Der ganze Landstrich stand für ihn sozusagen dauernd unter Quarantäne, die von ihm und seiner Familie beachtet werden müsse. Und er hatte sich gelobt, nicht eher seine Besichtigung bis dort auszudehnen, bevor nicht die Grundarbeiten beendet wären; und sorgsam achtete er darauf, daß weder Anna noch Viktor jemals ihre Schritte über die Grenze lenkten. Dieser Mann mit den starken Nerven, der rücksichtslos den Weg über Leichen begann, hatte Angst vor einem jähen Tode, denn er dachte mit Schrecken daran, was aus dem Unglückskinde werden sollte, wenn er selbst vor der Zeit hinüber ins Jenseits ginge.

Er war wieder mit sich zufrieden, als Bohnenstiel ihm einen Strich durch die Rechnung machte, indem er laut seinen Austritt aus dem Wohlfahrts-Ausschuß der Landhausstadt verkündete, und zwar mit Gründen, die zu denken gaben, in jener zart angedeuteten Weise, die alles zwischen den Zeilen verrät, ohne daß man dem Urheber beizukommen vermag. Für jedermann war es sicher, daß die alte Exzellenz mit dem klangvollen Namen ein Haar in dieser Gründungssuppe, die von Jahr zu Jahr verdünnt wurde, gefunden haben mußte. Und der Widerhall blieb nicht aus. Pressestimmen erhoben sich, so daß Gläser mit Fragen bestürmt wurde. Das Wort »verjauchte Gründung« war geschaffen, erweckte die Börsenwitze und machte die Runde durch das Lager der Freunde und Feinde.

Gläser schäumte vor Wut, die um so heißer ihre Wellen schlug, als diesem »Äh, äh«, wie er ihn nannte, nicht beizukommen war; denn bekämpfte er ihn mit seiner eigenen Waffe und enthüllte er den Reinfall mit dem Gutskauf, so schlug er sich selbst und bestätigte das, was er verschleiern wollte.

»Und diesen Krauter habe ich redlich bestochen und war so dumm, mir keine Quittung geben zu lassen«, ging er eines Vormittags unvorsichtig aus sich heraus, »wer glaubt mir jetzt, wenn ich behaupte, daß seine ganze sogenannte ideale Teilnahme nur purer Schwindel sei. Niemand! Sie sehen, man kann selbst so einer abgewirtschafteten Exzellenz nicht mehr trauen, die mit ihrem Ähähäh-Handschlag noblesse oblige heuchelt. Ich habe ja immer gesagt, es fehlt mir die Nische mit dem Vorhang!« Und er vergaß sich weiter im Schimpfen, bis er endlich mit der Wendung kam: »Ich gäbe jetzt wer weiß was, wenn ich dem Kerl eins auswischen könnte.«

Herbst zögerte nicht lange. »Darf ich Sie beim Wort nehmen, Herr Direktor?« fragte er mit jenem bezaubernden Lächeln, das ihm stets zu Gebote stand, sobald er seinen Chef für sich einnehmen wollte. »Aber nein, nein, nein, es ist ja nur Scherz«, fügte er rasch hinzu, um ihn in Spannung zu bringen. Und als Gläser in ihn drang, kam er mit der Mitteilung hervor, daß er damals »zufällig« die ganze Unterredung deutlich gehört habe. Man habe so laut gesprochen, daß es durch die Türe gedrungen sei. Und fast Wort für Wort wiederholte er das Gespräch. Zum Überfluß langte er sein Stenogrammbuch hervor, in das er noch an demselben Tage die Eintragungen gemacht habe, denn er sei sogleich davon überzeugt gewesen, daß er ihm damit später noch einen wesentlichen Dienst werde leisten können.

Gläser war zwar baff, aber im Augenblick doch so von der Freude übermannt, daß er das »zufällig« gar nicht näher erwog. Sofort ersuchte er ihn, das Stenogramm noch heute zu übertragen, und ganz im Taumel des Glücks, wollte er sich auf der Stelle erkenntlich zeigen. »Sagten Sie nicht neulich, Sie hätten notwendige Verbindlichkeiten für Ihre Familie zu erfüllen? War's nicht so, he?« fuhr er in derselben Laune fort. »Sie haben in diesem Sommer draußen viel gearbeitet, ich sehe es ein. Wie wär' es, wenn ich Ihnen eine Extragratifikation bewilligte, he?«

In der Tat hatte ihn Herbst, der seit einem Jahre in Schulden steckte, mit dieser Ausrede belästigt, ohne daß er aber sofort Berücksichtigung gefunden hätte. Nun klappte er wieder die Hacken zusammen und machte unter Redensarten die übliche Verbeugung, die zum Danke noch tiefer als sonst ausfiel. Gläser wollte gar nicht die näheren Gründe hören. Er gab ihm eine Anweisung an die Kasse über zweitausend Mark und rechnete dabei sofort aus, daß ihm dieser unerwartet geleistete Dienst das Zehnfache wert sei. Dann, als Herbst unter erneuten Bücklingen in sein Zimmer gegangen war, blickte er ihm eine Weile nach und sein Gedanke dabei war: »Ein Windhund ist er doch, aber einer, mit dem man sich sehen lassen kann!«

Ja, er war ein flottes, talentvolles Kerlchen, das mußte er sagen. Fast so gewitzt und mit weitem Blicke ausgerüstet wie er, Richard A. Gläser, nur mehr ins Geschniegelte übertragen, ohne das starke Rückgrat der zähen Naturen, die sich schwer zur Erde neigen können.

Und er freute sich nochmals, die Treue des Vertrauten belohnt zu haben.

19.

Nach einer Woche, am frühen Nachmittage, wurde Gläser durch den Besuch seiner Frau in der Bank überrascht. »Nun, du hier? Was gibt's denn?« fragte er erstaunt, zog sie dann aber erfreut an sich und küßte sie. Jedesmal, wenn sie unverhofft auftauchte, glaubte er, es sei mit dem Jungen etwas passiert. Als sie ihn aber darüber beruhigt hatte und ihm sagte, daß sie Einkäufe besorgt habe, fügte er hinzu: »Na, das trifft sich gut. Dann können wir ja zusammen essen.«

Niemals erschien ihm ihre Gesellschaft willkommener als gerade heute, denn den ganzen Vormittag, hindurch war er in unheimlicher Stimmung gewesen. Er hatte nur Ärger gehabt und ungünstige Nachrichten empfangen. Bohnenstiel hatte auf seinen geharnischten Brief gar nicht geantwortet, zahlreiche Anteilscheine waren ihm gekündigt worden, und abermals waren flutartig Zuschriften eingelaufen, die sich mit den sogenannten Enthüllungen über »Berlinend« beschäftigten, vor einigen Tagen hatte ein Börsen-Winkelblättchen einen Brandartikel gegen ihn gebracht, der die Überschrift trug: »Der Mann, der alles gründet.« So nannte man ihn seit kurzem, weil er, bauend auf sein Glück, die wildesten Pläne ausheckte, die sich zwar sehr rosig ausnahmen, bei ernsten Zweiflern aber bedenkliches Kopfschütteln verursachten. Ein großartiger Börsentrick in den geramschten Aktien einer verkrachten Farbwarenfabrik, die sich plötzlich durch ein neues, patentiertes Verfahren wieder äußerst ergiebig zeigte, hatte ihm ein riesiges Kapital gebracht, und so ließ er sein Geld überall hinrollen, wo er es gut angelegt glaubte. Er war an einer Baugesellschaft beteiligt, die ein ganzes altes Stadtviertel niederlegen lassen wollte, um moderne Industriehäuser zu errichten; er steckte hinter der Gründung neuer Eiswerke in der Nähe Berlins, die die Konkurrenz aus dem Felde schlagen sollte; er hatte ein großes Sandfeld in Schöneberg weit über den Preis erworben, weil er der bestimmten Meinung war, die königliche Eisenbahnverwaltung werde es dringend bedürfen; er gab kleineren Banken Lombard, namentlich den Kreditvereinen, um sie sich gewogen zu machen, und hatte seine Finger bei vielen andern Dingen.

Unterhändler kamen und gingen, und wo ein neues Projekt auftauchte, hieß es: »Das ist etwas für Gläser.« Um die Sandwüste in Schöneberg auszunutzen, hatte er dort ein mächtiges Hippodrom entstehen lassen, das die Sonntagsmenge in Scharen anzog. Sein Name war beinahe volkstümlich geworden, denn nachdem seine alten Sünden abgewaschen waren, suchte er förmlich etwas darin, ihn zum Glanz zu bringen.

Und nun hatte man ihm einen gehörigen Wischer versetzt, der den Firnis der letzten Jahre von ihm abstrich und sein ganzes Gewordensein bloßlegte. Man hatte den einstigen »Tütenkleber« entdeckt, den »glorreichen Generalvertrieb des Haarbalsams« ausgegraben und das »Versandhaus für Magolin« mit allen Geheimnissen aus der Versenkung hervorgeholt. Die lieblichen Düfte aus Apotheker Dähnes Laboratorium wehten Gläser in der Einbildung wieder entgegen, die aber einen üblen Geruch annahmen, als man von der »Seuchen-Kolonie« sprach, die den Keim der Zerstörung in sich trage und deren leichtfertiger Ausbau würdig der Vergangenheit ihres Schöpfers sei, der seiner »schwindelhaften Höhe« nicht zu sehr trauen solle, weil ihm bald die Luft ausgehen könnte.

Selbst der »Gasthof zur Heimat« wurde gestreift und auf eine »arme Braut« hingewiesen, die sich als »Mädchen für alles« dem »Mann für alles« habe opfern müssen, dessen Geldgier sich mit dem Salonduft der oberen Zehntausend vermählt habe. Diese ganze Spitzenverteilung, die zum Schluß den Vermerk trug: »Ein zweiter Artikel folgt«, roch förmlich nach dem Pulverdampf des Revolvers, der durch seine Platzpatronen schrecken sollte.

Gläser dachte sofort an Dähne, der den Stoff dazu geliefert haben könnte, trotzdem er sich sagen mußte, daß mehrere Fährten durcheinander liefen. Und um dem Giftgeschwollenen auf die Spur zu kommen, sandte er noch an demselben Tage Herbst ab, der vorsichtig die Fühler ausstrecken und durchleuchten lassen sollte, daß man zu einem gewissen Opfer bereit wäre, falls man Entgegenkommen fände. Zuerst hatte er geschwankt, ihn auch in dieses Vertrauen zu ziehen, als Herbst aber selbst darauf zu sprechen kam, um ihm gefällig zu sein, weihte er ihn auch in dieses Geheimnis ein. Das meiste sei natürlich erlogen und erstunken, fügte er wie selbstverständlich hinzu, aber es müsse in der Sache etwas geschehen. Und Herbst tänzelte mit vergnügter Miene davon und kehrte mit der wichtigen Nachricht zurück, daß alles in bester Ordnung sei. Er habe die Angelegenheit vom juristischen Standpunkte aus behandelt und die Gesellschaft gehörig eingeschüchtert. Man werde sich die Sache aber doch etwas kosten lassen müssen, um das Gesindel mundtot zu machen. Irgendein verkommener Mensch stecke dahinter, das sei sicher; man habe aber damit nicht herausrücken wollen.

Gläser war beruhigt, zollte ihm Anerkennung und überließ es ihm, am andern Tage die Verhandlungen weiterzuführen, die dadurch zum Abschluß kamen, daß die Bank das Blatt in hundert Exemplaren bezog, sich verpflichtete, allwöchentlich eine Ankündigung der Landhausstadt mit hoher Bezahlung beizulegen, und zweitausend Mark »Betriebskosten« einschloß, wofür die »Berichtigung« des Angriffs erfolgen sollte. Dabei verschwieg Herbst wohlweislich, daß er den Herausgeber des Blättchens, einen kaltgestellten Fondsmakler, der bei seinem Fischen im Trüben ein vortreffliches Leben führte, schon seit längerer Zeit kannte, weil dieser in Beziehungen zu einer Freundin Loris' stand, und er sich eines Abends beim Sekt vergessen hatte, ihm unschöne Mitteilungen über seinen Chef und über den Stand der Dinge zu machen, die man nun gegen seinen Willen verwertet hatte.

Trotz der geringen Verbreitung dieser Zeitung war von dem Artikel doch etwas in weitere Kreise gedrungen, denn einige anständige unabhängige Blätter hatten sich verpflichtet gefühlt, die Sache von der Person zu trennen und auf frühere Gerüchte über »angebliche Zustände« in der wachsenden Landhausstadt hinzuweisen. Gläser sah ein, daß ein Hauptstreich geschehen müsse, um allen diesen Widersachern zu begegnen. Millionen hatte seine Gründung bereits verschlungen, und immer aufs neue mußte er Hunderttausende einschießen, um zu der Krönung des Werkes zu kommen, das mit seinem ganzen Dasein zusammenhing.

»Weißt du, wir könnten erst rasch zu Herbst fahren, wenn es dir recht ist«, sagte er zu Klothilde, nachdem er sich im Seitenraum die Hände gewaschen hatte. »Mir ist da noch etwas Wichtiges eingefallen, er kommt nämlich nicht gleich ins Geschäft. Sicher wird er zu Hause sein, und einen großen Umweg machen wir nicht.«

Bleich saß sie da und schwieg sich aus, mit dem Schreck in den Gliedern, den die Witterung einer Gefahr verursacht. Vor einer halben Stunde erst hatte sie Herbst gesprochen, denn heute war ihr Besuchstag bei ihm. Um ganz sicher zu gehen, pflegte sie jedesmal einige postlagernde Zeilen von ihm abzuholen. Sie war gerade auf dem Wege dahin, als er ihr entgegenkam mit der Nachricht, daß heute etwas dazwischengekommen sei, und daß er in einem Restaurant speisen müsse; und so könne er sie nur auf nächste Woche vertrösten, wo Gläser nach Frankfurt fahren wolle und sie alsdann um so sicherer seien. Sie waren in eine kleine Konditorei gegangen und hatten im menschenleeren Hinterzimmer einige Minuten verplaudert, er gleichmütig wie immer, sie von einem unerklärlichen Mißtrauen erfüllt. Nun aber hörte sie, daß sie ihm Unrecht getan habe, als sie annahm, er wollte nur eine Ausrede gebrauchen.

Im Augenblick wußte sie nicht, was sie ihrem Manne erwidern sollte. Fast unwillkürlich hätte sie sagen mögen: »Nein, nein, er ist nicht zu Hause, du irrst dich.« Dann aber empfand sie wieder die Unruhe, die sie vorhin gehabt hatte, und so preßte sie ein gleichgültiges »meinetwegen« hervor. Und als er einwarf, daß sie ja in der Droschke sitzen bleiben könne, nickte sie eben so schwerfällig. Was konnte auch Großes geschehen! War Oskar nicht zu Hause, dann würde ihr Mann doch gleich umkehren, und traf er ihn an, so brauchte sie nichts zu befürchten. Sie waren stets auf jeden Überfall vorbereitet gewesen, alle Zeichen für ihre Anwesenheit waren verwischt, und selten hatte sie jemand in das offene Haus hineingehen sehen und ebensowenig hinaus. Die alte, halb taube Wirtschafterin, die hinten ihr Zimmerchen hatte, wußte nicht, wer sie war, und wäre im übrigen verschwiegen wie das Grab gewesen, schon aus Gründen ihrer Selbsterhaltung.

Sie fuhren los. Herbst wohnte im unteren Teile der Luisenstraße, in einem der stillen Häuser aus früherer Zeit, die sich durch ihre saubere, schmucklose Fassade ein gewisses kleinstädtisches Aussehen bewahrt hatten. Eiserne Prellpfeiler mit Ritterhäuptern standen vor dem breiten Torweg, der zugleich auch die Einfahrt war für den Wagen eines Sanitätsrates, der das erste Stockwerk innehatte … Die weiß gestrichenen Fenster, deren doppelte Flügel nach der Straße zu offen standen, glänzten neu aufgefrischt, und in den Scheiben spiegelte sich grell das Sonnenlicht. Kein Laden störte die Eintönigkeit dieses alten Steinkastens, dem selbst der Vorderkeller fehlte. Die Parterrefenster rechts waren dicht verhängt, auf der linken Seite jedoch prangten die chirurgischen Instrumente eines Fabrikanten, als ein Zeichen dafür, daß man sich in dem medizinischen Viertel befand.

»Also hier hat er sich verkrümelt«, sagte Klothilde mit klopfendem Herzen, als der Wagen hielt. Rasch stieg sie mit aus, denn unterwegs war sie anderen Sinnes geworden. Gläser hätte doch fragen und die Schwerhörige ihn falsch verstehen können; und wollte es der Zufall, daß Herbst doch zu Hause war, so konnte es nicht schaden, wenn sie ihm zur Strafe einen leichten Schreck einjagte. Was für Augen er wohl machen würde, wenn er sie in dieser gefährlichen Begleitung sähe!

»Gut, komm' mit«, warf Gläser ohne weiteres ein und ersuchte den Kutscher, zu warten. »Es könnte doch etwas länger dauern, und dann brennt heute die Sonne ganz eklig.« Er dachte sich nichts Besonderes dabei, denn schließlich gehörte Herbst doch zum Hause. Als sie dann die altmodische Treppe mit den breiten, niedrigen Stufen emporstiegen, über den schmalen, ausgetretenen Läufer hinweg, meinte er plötzlich, daß man ja Herbst zu Tisch einladen könnte, falls er noch nicht gespeist haben sollte.

»Ach, das laß nur, du hast ihn schon genug verwöhnt«, gab sie zurück, weil sie immer noch glaubte, man würde den Weg vergeblich machen. Im Innern jedoch hätte sie es nett gefunden, so einmal zu Dreien im Restaurant zu dinieren, was noch niemals der Fall gewesen war. Sie zählte die Stufen bis zum zweiten Stock; es waren zweiundfünfzig, sie wußte es genau. Wie oft hatte sie das getan, wenn sie so langsam emporgestiegen war, namentlich in der ersten Zeit, als die Reue manchmal an ihr nagte und die Stimme eines Unsichtbaren ihr von oben zuflüsterte: »Kehr' um, noch ist es nicht zu spät.« Aber hinter ihr stand die Sünde und schob sie hinauf, bis sie rasch zweimal klingelte, als Zeichen, daß sie da sei. Während Gläser als großer Neuerer seine Glossen über diese Art alter Baracken machte und im Halbdunkel des ersten Stockwerks am Türschild herumschnüffelte, weil er nicht wußte, wie hoch Herbst wohnte, lachte sie hinter ihm still in sich hinein. Am liebsten hätte sie ihm zurufen mögen: »Geh' doch nur schon, hier ist's ja nicht. Noch eine Treppe«, aber geduldig ließ sie ihn reden, wartend wie eine, die sich selbst führen lassen muß.

Dann waren sie oben und standen vor der eichenartig gestrichenen Doppeltür in der Mitte des Flurs. Dahinter lag das geräumige Vorderzimmer, das einen eigenen Eingang von hier aus hatte. Früher gehörte es zur größeren Wohnung, als diese aber frei wurde, nahm es Herbst auf Klothildes Wunsch und ließ eine Verbindungstür herstellen, da es bisher ganz abgeschlossen war. Sobald sie geklingelt hatte, öffnete er selbst und empfing sie hier, wo gegessen wurde. So war sie sicher vor neugierigen Augen, falls er einmal anderen unerwarteten Besuch hatte.

Schon wollte Gläser an der Tür links klingeln, weil er dort den Namen las, als durch die Mitte lautes weibliches Lachen erschallte, das sich fast wie ein unangenehmes Kreischen anhörte. Deutlich vernahm man Herbsts Stimme: »Aber Lori, bist du toll?« Sie schienen sich zu jagen, denn während es polterte, erschallte wieder das helle Lachen.

»Da drinnen scheint es ja lustig zuzugehen«, raunte Gläser und dachte sofort an die üble Nachrede über Herbst.

»Weißt du, wir wollen sie überraschen«, gab sie leise zurück, kaum fähig, sich zu beherrschen. Nun wußte sie, was sie heute so unruhig gestimmt hatte und weshalb er in letzter Zeit so oft mit Ausreden gekommen war.

»Nein, nein, das ist nichts für dich«, wandte er ein. »Sei so freundlich und geh' hinunter, ich werde es kurz machen.«

Aber die Eifersucht krallte an ihr und hielt sie fest. »Doch, doch!« keuchte sie hervor, gar nicht mehr daran denkend, was ihr Unangenehmes geschehen könnte. »Vielleicht ist es besser, wenn du ihn einmal so zu Hause siehst. Leichtsinnig war er immer. Laß mich nur machen.« Und ehe er es verhindern konnte, klopfte sie laut, mit der Kraft eines Menschen, der durchaus Einlaß begehrt.

Arglos öffnete Herbst und steckte den Kopf hinaus, sie aber riß die Außentür weit auf, so daß sie das Püppchen noch sehen konnte, ehe es entwischte. Es saß da, den Zottelkopf in die Hände und die bloßen Arme auf den Tisch gestützt, mit der Miene eines Leckermäulchens, das sich soeben an üppiger Tafel gesättigt hat und auf weitere Genüsse wartet. Fast ein Bubengesicht mit hübschen, großen Augen, die mit holder Lüsternheit neugierig in die Welt blickten. Auch sonst schimmerte ihre weiße Haut in ungenierter Frische unter dem spitzenbesetzten, allzu durchsichtigen Morgenkleid, das sie grünschillernd wie das Gewand einer Nixe umgab, anscheinend mit Absicht wenig geschlossen, um der Wärme Trotz zu bieten.

»Ach, welche Ehre, Herr Direktor«, sagte Herbst sofort mit Beherrschung. »Gnädige Frau, bitte mich nicht anzusehen.« Er war in Hemdsärmeln, und so bat er um Entschuldigung und wollte die Tür heranziehen in der Erwartung, sie würden seinen Zustand zu würdigen wissen. Blaß geworden, würgte er die Worte nur hervor, denn er witterte Unheil hinter diesem Doppelbesuch. Schon aber machte Gläser die Bemerkung, daß das nichts zu bedeuten habe, und so trat er rücksichtslos mit Klothilde ein. Sie sah noch, wie der Tituskopf sich rasch erhob, wie feurige Brillantfunken von ihren Ohren und Fingern sprühten und wie der sanfte Schein der roten Fenstervorhänge leuchtend in ihr Nixengrün tauchte, ehe sie im Nebenzimmer verschwand.

»Wir haben Sie wohl gerade gestört?« fuhr Gläser fort. »Ei, Sie verstehen zu leben! Was Sie für ein Duckmäuser sind, sehen Sie mal an!« Mit einem großen Blick erfaßte er alles im Zimmer: die geschnitzten Möbel, die grünseidenen Gardinen, die Ölbilder in Goldrahmen, den echten Teppich, das Porzellan und Silber auf dem Tisch – die ganze elegante Einrichtung eines unverheirateten Lebemannes, dem das Sektdiner eine Gewohnheit ist. »Sie haben wohl Ihre Gratifikation gleich gut angelegt, wie?« fuhr er lachend fort, aber das Lachen kam ihm nicht vom Herzen. »Kaviar, Hummer und junge Gänse, hm – was sagst du dazu, Klothilde? Der ganze Borchardt steht auf dem Tisch.«

Sie sprach gar nichts. Unbeweglich stand sie da, bleich wie Wachs, mit heftig arbeitender Brust, Trockenheit in ihrer Kehle, in der sie ihren Wutschrei zurückhielt. Eine zertrümmerte Welt lag vor ihr, das sah sie, und aus diesen Resten stieg der scharfe Geruch von Moschus auf, der ihr widerlich in die Nase drang und um so ekler ward, als er sich mit den Speisenüberbleibseln vermischte. Ihr feines Parfüm war verdrängt durch das betäubende einer besseren Dirne. Sie erwog gar nicht, daß sie hier ebenso gesessen hatte, wie dieses halbentblößte Mädchen – nur maßloser Zorn brannte in ihr darüber, daß er sie, die Frau der guten Kreise, die so viel für ihn geopfert hatte, heute dieses frechen Püppchens wegen verschmähen konnte, nicht offen, sondern mit Lug und Trug.

»Und Pommery sogar, ei, ei!« sagte Gläser wieder und hob eine geleerte Sektflasche in die Höhe. Eine gefüllte stand noch im Kühler, um den herum es sehr wüst auf der kleinen Tafel aussah. Ein Glas war umgegossen, Sauce war auf den Tisch gepanscht, geöffnete Delikatessendosen standen umher, rote Rosen steckten in einer leeren Pulle, und im geschmolzenen Vanilleeis schwammen verkohlte Zigaretten.

»Sie haben wohl Verlobung gefeiert, wie?« fragte Gläser dann, nachdem er sich mit Kennerschaft rasch davon überzeugt hatte, daß das Besteck von schwerem Silber war. Leiser Verdacht stieg in ihm auf, der dem Gedanken an das Jahreseinkommen seines Sekretärs entsprang. Niemals hatte er geglaubt, eine derartige Überraschung erleben zu müssen.

»Nein, noch nicht«, erwiderte Herbst, nun ebenfalls lachend, da er aus dieser Laune seines Chefs nichts Schlimmes mehr für sich befürchtete. Und was Klothilde anbetraf, so verstand er ihre Stimmung zu würdigen, die sich aber jedenfalls bald legen würde, wenn der Ärger verrauscht war. »Ein junger Mann hat eben auch seine Geheimnisse«, fügte er hinzu und schlüpfte schnell in seinen Rock.

»In die man aber nur nicht hineinplatzen darf«, sagte Gläser abermals, ohne von der Einladung, sich zu setzen, Gebrauch zu machen. »Wir waren eigentlich mit der Absicht gekommen, Sie zu Hiller mitzunehmen, aber jetzt –«

»Jetzt nicht mehr«, ergänzte Klothilde so rasch und bestimmt, daß nicht nur Herbst, sondern auch ihr Mann verwundert aufblickten. Gläser legte ihr frostiges Verhalten nach seiner Art aus. Ja, sie hatte recht: diese unterbrochene Orgie mußte ihr zu denken geben und ihr Feingefühl verletzen, wenn man auch gern ein Loch zurückstecken und der Jugend ihr Recht geben wollte.

Herbst jedoch verstand sie nicht. Erst jetzt sah er ihre zusammengekniffenen Lippen, den kalten Ausdruck ihrer Augen, die nichts Ermunterndes mehr für ihn hatten, sondern an ihm vorüber dem offenen Türvorhang zugingen, hinter dem ihr geschärftes Ohr zeitweilig leichtes Rauschen vernahm, als wenn die freche Neugierde dort hinten lauerte. Es war ihr, als zöge der Patschuliduft immer aufs neue herein, um sie daran zu erinnern, daß ihre Herrschaft hier von einer andern abgelöst sei.

»Oh, das tut mir leid, Herr Direktor«, erwiderte Herbst geschmeidig, indem er mit einer gewissen Absicht Klothilde nicht beachtete. Verstrickte sie sich durch ihre eigene Unvorsichtigkeit, so hatte sie auch die Folgen dafür zu tragen, die für sie jedenfalls böser sein würden, als für ihn. Endlich glaubte er doch besser zu fahren, wenn er halb mit der Wahrheit herausrückte, und so gab er Gläser die Aufklärung, daß es sich um eine Dame vom Theater handle, für die er sich ihres Talents wegen interessiere und mit der er Abschied gefeiert habe, weil sie morgen schon in die Provinz an ein Sommertheater gehe. Man möchte seinen Geschmack nicht zu gering einschätzen.

Gläser gefiel diese Offenheit, die sich fast mit dem Gehörten über ihn deckte, und so fragte er leichthin: »Sie wohnen hier möbliert, he? Sehr nett, sehr nett!«

»Nein, Herr Herbst hat eigene Wohnung und eigene Sachen«, warf Klothilde mit derselben Gelassenheit ein, wie vorhin. »Das müßtest du doch wissen, er hat doch darüber gesprochen.«

Sie hätte nichts anderes sagen können, und wenn die Decke über ihr zusammengestürzt wäre; denn mit Genugtuung hatte sie beobachtet, wie ihr Mann allmählich in Staunen geraten war. Ihr Scharfsinn sagte ihr, daß dieser Mensch gelogen habe und weiter lügen werde um seiner neuen Liebsten willen, die morgen und all die andern Tage hier ebenso sitzen würde, um das zu genießen, was sie, die Betrogene, mit ihrem Gelde bezahlt hatte. Wie hatte sie sich jedesmal gefreut, wenn sie ihm sagen konnte: »Du, ich habe dir 'was gekauft, es fehlt dir noch.« Immer geschah es in Geschäften, wo man sie nicht kannte; nur der Name des Empfängers wurde genannt. Diese silberne Fruchtschale, von der die Andere nun langte, hatte sie ihm vor vierzehn Tagen erst gestiftet, als sein Geburtstag war. Die Bilder hatte sie für ihn ausgesucht, das Porzellan und die schweren Messer und Gabeln. Antike Sessel hatte sie gekauft, die er so sehr liebte, teure Vasen und echte Bronzen. All die Stickereien und feinen Gewebe stammten von ihr – die ganze Ausschmückung einer Wirtschaft hatte sie so zusammengetragen, nachdem die erste Ausstattung durch ihre Mittel beschafft worden war. Und jedesmal hatte sie sich wie ein Kind gefreut, sobald sie seinen Beifall hörte. Wenn er sich einmal einen Hausstand gründete, dann sollte er es mit dem Gedanken an eine gute Freundin tun, die er in ihr gehabt hatte! Um einer anständigen Frau willen hätte er sie aufgeben können, niemals aber einer Solchen wegen!

Auf dem Büfett stand eine ganze Batterie teurer Weine, wie hingestellt zu einem großen Abend. Es schlürfte sich gut der Champagner und Burgunder, wenn eine noble Hand ihn für den Keller gespendet hatte!

In Klothilde raste etwas, was ihre äußere eisige Ruhe zu durchbrechen drohte, aber tapfer hielt sie sich. Wenn sie jetzt mit ihm allein gewesen wäre und er hätte vor ihr auf den Knien gelegen, so würde sie ihn mit Verachtung zurückgestoßen haben.

»So, so, allen Respekt«, sagte Gläser und fügte zerstreut hinzu, daß er das wohl überhört haben müsse, ohne daran zu denken, daß es nur ein augenblicklicher Einfall seiner Frau sein könnte. Er hatte ja stets zuviel andere Dinge im Kopf, um ihn sich über solche Nebensachen zu zerbrechen. Unfreundlichkeit sprach aus seinen Zügen, während die Vogelaugen hin und her gingen, noch einmal die ganze Runde im Zimmer nahmen und dann die Gestalt des Vertrauten entlang liefen, von unten bis oben. Wollte er sofort ganz offen sein, dann hätte er sagen müssen: »Sie haben wohl einen ganzen Tresor geleert, wie?« Statt dessen aber fragte er nur: »Haben Sie Glück an der Börse gehabt, auf eigene Faust? Mich sollte es freuen.«

»Es kann wohl sein, Herr Direktor«, erwiderte Herbst, den tödliche Verlegenheit erfaßt hatte, aus der er sich nun herauszuwinden versuchte. Bleich wie dieses rätselhafte Weib stand er da, das er nicht begreifen konnte, weil er die Frauen zu wenig kannte.

»Wollen wir nicht gehen?« fragte Klothilde plötzlich, weil sie nun die Furcht packte, die Aussprache darüber könnte eine unangenehme Wendung nehmen.

Gläser jedoch war neugierig, auch den übrigen Teil der Wohnung zu sehen, und so ging er, geführt von Herbst, in die Nebenräume. Und Klothilde schritt langsam hinterher, teilnahmslos wie eine Frau, der nichts mehr fremd ist. Zwar bekam sie einen Wink von ihrem Mann, zurückzubleiben, aber sie achtete nicht darauf. Irgendwo hätte der Verrat doch schlummern können, den sie in wahnsinniger Verblendung beinahe selbst erweckt hätte. Ihr eifersüchtiger Blick suchte die Andere, ohne sie zu entdecken. Wer wußte, wohin sie sich verkrochen hatte! So, wie sie selbst sich versteckt haben würde, wenn ungebetene Gäste sichtbar geworden wären! Während sie schwer und tief atmete, glitt ihr Blick im Kreise durch das Wohnzimmer, das stets ihr Schmollraum für Stunden war. Und sie hatte die Empfindung, als müßte sie mit ihren Augen all das mitnehmen, was ihr so heimisch und vertraut geworden war und das sie niemals mehr zu sehen bekommen würde. Anderer Duft lag in diesen Räumen, andere Füße schritten über den weichen Smyrna. Aber recht so: wer betrog, durfte sich nicht beklagen, mit gleichem Maße gemessen zu werden!

Vor sich sah sie die beiden Männer gehen, den starkknochigen, unbeholfenen neben dem biegsamen und schlanken. Wie im Taumel blieb sie stehen und schloß die Augen. Alles hatte sie ihm geschenkt, und das Süßeste wollte sie empfangen von diesem –!

Gläsers Worte rissen sie aus diesem Traum. »Alles patent, sehr patent«, sagte er laut. »Und stilvoll obendrein.« Damit ging er rasch darüber hinweg und sprach sogleich von dem, was ihn hierher geführt hatte. Klothilde merkte ihm an, daß im Augenblick der geschäftliche Wert dieses Mannes tiefer wog als der private Ruf.

Sie gingen, Gläser mit freundlichen Abschiedsworten, sie mit einem kurzen Nicken, gnädig wie immer, aber ohne das Suchen nach seinen Augen. Diesmal nahmen sie den Weg durch den Korridor. Gerade als Herbst die Tür aufriß, um beide durchzulassen, flitzte die Grünumwallte drüben auf der anderen Seite hinein. Sie mußte hinter dem Fenstervorhang gestanden und rasch den Weg durch die Mitte genommen haben.

»Also wohnt sie auch hier,« sagte Gläser, als sie die Treppe hinuntergingen, »und wahrscheinlich auf seine Kosten. Was meinst du dazu?«

Sie schwieg zuerst, denn sie mußte dieses neue Ereignis erst in sich verarbeiten. Und sofort entsann sie sich, daß dort andere Leute eingezogen sein sollten, wie sie von Herbst erfahren hatte. Also war dieses Spiel schon längst mit ihr getrieben worden! Jede Weichheit verflog durch ihren neuerwachten Zorn. »Er ist ein Filou, ein großer Filou, verlaß dich darauf!« kam es über ihre Lippen. »Sieh' dich vor, sieh dich vor!«

Er begriff ihre Erregung nicht, wagte aber nichts einzuwenden. Etwas wie Freude erfaßte ihn, sie plötzlich so um ihn bedacht zu sehen. »Meinst du?« sagte er dann.

»Ja, das meine ich.«

Einsilbig fuhren sie von dannen.

20.

Noch am selben Tage fuhr Gläser zu Bohnenstiel, der vorläufig in einem Hotel wohnte, nachdem er Berlinend den Rücken gekehrt hatte. Sein Schwiegersohn war nach Thüringen gezogen, wohin er folgen wollte, sobald er seine Möbel verpackt haben würde. Nun, wo diese Wendung eingetreten war, war ihm die Lust zu jeder Gründung vergangen, und so sehnte er sich nach endlicher Ruhe für seinen wackligen Kopf. Um so überraschter war er nun, in eine neue Aufregung hineingezogen zu werden.

»Sie werden widerrufen, Exzellenz«, sagte Gläser ohne jede lange Vorrede, als er sich mit ihm in dem Salon befand, der neben dem Schlafzimmer lag. Und rücksichtslos setzte er dem Alten auseinander, daß er damals, wie immer in solchen Fällen, einen Zeugen im Nebenkabinett gehabt habe, von dem die ganze Unterredung zu Papier gebracht worden sei. Ohne weiteres werde er nun Lärm schlagen und unverzüglich die Welt mit der Tatsache bekannt machen, daß der Austritt der Exzellenz aus dem Wohlfahrts-Ausschuß nur erfolgt sei, weil die Bank sich nicht zu weiteren Zugeständnissen in klingender Münze habe hergeben wollen. Er log, aber es geschah mit der steinernen Ruhe des Mannes, der seine Leute kennt.

»Äh, äh, Kabinett? Sagen Sie mal, wieso Kabinett? Äh, ja.« Die große Gedächtnislücke hatte sich wieder eingestellt, und so klammerte er sich im Augenblick nur an das eine Wort, ohne das Schlimmste zu erfassen. »Zeuge sagen Sie? Äh, äh, wieso Zeuge? … Sie überfallen mich hier, mein Bester, ja, äh. Sie sehen, ich bin auf dem Sprunge, ja, äh, ich muß zum Diner.«

Es war am Nachmittag gegen fünf Uhr. Er stand im Frack da, frisch gefärbt und geschminkt, seinen fürstlichen Hausorden am breiten Bande um den Hals, stark nach Reseda duftend und aufgefirnist von unten bis oben. Eine alte Ruine hatte sich aufgerafft, um sich wieder umständlich an Lukullus' Tafel zu setzen, bevor sie ganz zerbröckelte. Von den lappigen Augensäcken aus zog sich das Netz der Krähenfüße bis tief in die welken Wangen hinein, die aufgerötet wie bei einer verblühten Dirne waren. Blöde ging sein Blick unter den faulen Lidern auf Gläser, der ihn unbeweglich musterte, wie die Schlange ihr Opfer. Endlich schien Bohnenstiel doch zu begreifen. »Ja, äh, wie ist mir denn?« krähte er wieder und tippte mit den fleischlosen Fingern auf die Stirn. »Sie kommen ja hier mit Verdächtigungen, ja, äh, äh, die –, wie soll ich sagen, ja, äh. Sie wollen mich drangsalieren. Aber ich muß bedauern, aufrichtig bedauern.« Und plötzlich quiekte er hell auf: »Äh, das wäre ja hundsgemein, ganz hundsgemein. Ja, äh. Sie haben mir gar nichts geschenkt, nein! Ich gab Ihnen nur die Ehre, ja, äh … Sie haben sich hineingeritten, gründlich hineingeritten, ja, äh. Alle Welt ist ja voll davon. Eine Seuchenstadt haben Sie gegründet, ja, äh. Das Gesundheitsamt wird sich damit beschäftigen müssen. Was wollen Sie, was wollen Sie?! Es war nur meine Pflicht, nur meine Pflicht, ja, äh. Ich widerrufen? Ihre Zumutung ist geradezu lächerlich. Pardon, aber es ist so.«

Ganz aus dem Häuschen, stakerte er auf seinen steifen Beinen im Zimmer umher, indem er sich kokett die Fingernägel besah.

»Lassen sie uns doch kurz sein, Exzellenz«, sagte Gläser, der sich breit vor ihm aufgepflanzt hatte, als wollte er ihn schon mit dem Übermaß seines Körpers erdrücken. Trotzdem es in ihm kochte, behielt er seine Ruhe. »Ich weiß, daß Ihr Schwiegersohn tief verschuldet ist.«

»Äh, äh, was geht Sie das an, mein Bester? Ich muß doch bitten!« quiekte Bohnenstiel auf. »Sehr muß ich bitten. Ich bedaure, Ihren Besuch abkürzen zu müssen. Mein Diener wird gleich kommen. Ja, äh.« Unruhe hatte ihn gepackt, denn aus diesen kleinen Augen vor ihm sprach nichts Gutes. Nervös langte er seine Uhr hervor, die er wieder einsteckte, ohne einen Blick darauf geworfen zu haben.

Gläser hatte sich ohne Einladung gesetzt und ging nun gerade auf sein Ziel los. Er wollte dreißigtausend Mark opfern, wenn Bohnenstiel seine Austrittserklärung aus dem Wohlfahrts-Ausschuß zurücknehmen und somit alle daran geknüpften Gerüchte hinfällig mache. Das könne in einer Form geschehen, die alle Bedenken zerteile. Man brauche ja nur von Meinungsverschiedenheiten zu sprechen. Irrtümer und Berichtigungen kämen alle Tage vor, und das Publikum vergesse schnell und behalte das nur immer im Gedächtnis, was es zuletzt gelesen habe. Er solle ihm nur den Entwurf dazu überlassen, alles übrige würde sich dann schon finden. Bis jetzt habe ja der Auszug aus der Villa noch nicht stattgefunden, man könne sehr gut die Sache so drehen, daß die Exzellenz eine Reise gemacht habe und während dieser Zeit hinter ihrem Rücken Verleumdungen ausgestreut worden seien. Er habe überdies die Absicht, einer Straße draußen den Namen Bohnenstiels zu geben und damit könnte man zugleich einen neuen Trumpf auswerfen, der zu einem letzten Siege über die Mitspieler verhelfen würde.

Dieser Trick war ihm im Augenblick eingefallen und er fand ihn so vortrefflich, daß er vergnügt dabei schmunzelte, denn schon sah er, wie der Geheimrat stehenblieb und die Augen zu ihm aufriß. Und dadurch angefeuert, fuhr er fort, auf ihn einzureden mit der Unverfrorenheit eines Mannes, der die schwachen Seiten der Menschen kennengelernt hat. Um ihn gründlich zu ködern, legte er ein Päckchen mit Tausendmarkscheinen auf den Tisch und fügte hinzu, daß man das Geschäft sofort machen könne, falls Bohnenstiel vorläufig die Erklärung unterzeichne, die er mitgebracht habe. Was war ihm diese Summe, wenn er die Wunden damit wieder heilen konnte, die man seiner Gründung geschlagen hatte! Zehnfach wurde sie wieder eingebracht durch die Gläubigen, die aufs neue Vertrauen zu ihm bekämen. Und als wäre die Sache bereits für ihn abgetan, entnahm er der weichen Urkundenmappe ein Schriftstück, das er nach langem Grübeln mit Herbst ausgeheckt hatte und das, war es einmal vollzogen, ihm diese vertrocknete Exzellenz nicht mehr entschlüpfen lassen sollte.

Bohnenstiel jedoch, der einige Minuten bewegungslos wie ein alter Tropfstein dagestanden hatte, winkte mit seiner dürren Hand ab. Rasch hatte er einen inneren Kampf bezwungen, dessen Schrecken seine morschen Glieder förmlich durchrüttelten. Er wollte in diese Grube nicht hineinfallen, jetzt nicht mehr, nachdem er sich bereits Glück zu seiner Flucht gewünscht hatte! Man war das Sumpfland losgeworden, mochte dieser Menschenfresser sehen, wie er es bewohnbar machte. »Dreißigtausend Mark? Äh, äh, Sie träumen wohl, mein Bester«, sagte er dann. »Eine Million, eine Million müßte es sein!« Vergnügt meckerte er in sich hinein, als wollte er ihn aufziehen.

Gläser aber legte es anders aus. »Wie, sind Sie verrückt geworden?« stieß er hervor, sich ganz vergessend.

»Ja, äh, was erlauben Sie sich!« fuhr Bohnenstiel auf. »Das ist doch geradezu – äh, äh! Den Verstand haben Sie allein verloren. Ich bitte, mich nicht mehr zu brüskieren.« Das sanfte Knacken seiner Lackstiefel hörte auf, entrüstet blieb er vor ihm stehen und die zitternden Hände gingen an das spärliche Haar, das aufgerollt die Glatze wie einen Kranz umgab, denn regelmäßig befürchtete er, es könnte ihm da oben etwas geschehen.

»Gut, dann zahle ich fünfzigtausend, damit Sie sehen, daß ich durchaus vernünftig bin«, fuhr Gläser unverwüstlich fort, als er den Scherz gemerkt hatte. »Sie müssen bei der Stange bleiben, Exzellenz, es hilft nichts. Mitgefangen, mitgehangen.«

»Sie sind ja ein ganz gefährlicher Herr«, quiekte der Geheimrat auf.

»Nicht gefährlicher, als Sie«, schrie nun Gläser jetzt förmlich, ärgerlich darüber, daß man so viele Umstände machte bei einer Sache, die ihm der langen Rede gar nicht wert erschien. Gewöhnt daran, durch Geld alles vor seine Karre zu spannen, sei es auch nur einen alten Edelklepper, wie diesen hier, glaubte er, nur unnütz Zeit zu vertrödeln. »Ich mache Ihnen noch einen andern Vorschlag«, fügte er rasch hinzu. »Ich reguliere die Schulden Ihres Schwiegersohnes, ich weiß ja, daß Herr von Rucks Ihnen fortwährend in der Tasche liegt. Ich bin bereit, zu sanieren. Er hat sich übrigens an mich gewandt, ich kenne seine ganzen Verhältnisse.«

»Ja, äh, sagen Sie mal –« Er schnappte nach Luft. »Das ist nicht möglich, das ist nicht möglich! Sie renommieren, das ist man ja gewöhnt von Ihnen. Ah, äh … Sie kennen meine Meinung in dieser Angelegenheit. Ich bitte um Schluß der Debatte. Kein Wort mehr darüber.«

Sie gerieten ernstlich zusammen. Gläser, der erfolglos dieses Zimmer nicht verlassen wollte, ging ihm rücksichtslos mit Drohungen zu Leibe. Ohne Scheu schrie er, als wollte er diesen Trockling umpusten mit der Gewalt seiner Lunge. Morgen schon werde er der Welt reinen Wein einschenken, wie glänzende Namen sich angeln ließen, um dann jämmerlich die Flinte ins Korn zu werfen, nachdem die Weide abgegrast sei. Er habe die Macht, seine Feinde zu zerschmettern, wenn er wisse, daß ihm jemand an das Leben wolle, dann schlage er zuerst los, nach dem Gesetze der erlaubten Notwehr. Es möge sich jeder sein Recht suchen, er habe keine Angst vor einer gerichtlichen Klarlegung ihres Handels. Sein Zeuge sei vorhanden.

Bohnenstiel trippelte umher, fortwährend ängstlich bis zur Tür, wie jemand, der draußen ein ganzes Volk wittert, das seine Blöße sehen soll. »Ja, äh, Sie schreien, Sie schreien, darin sind Sie Meister«, quakte er wie ein kranker Frosch und hielt sich die Ohren zu, als könnte er dadurch alles abwenden. »Sie sind der größte Reklameheld des Jahrhunderts, ja, äh. Das ist bekannt. Aber man wird Ihnen – äh, äh, äh …«

Seine Stimme überschlug sich vor Erregung, eine Weile kaute er die Worte, ohne sie hervorbringen zu können; dann richtete er sich zu seiner ganzen Würde empor. Das alte Wrack wurde frei und beugte noch einmal stolz die morschen Planken gegen den schäumenden Wogenprall. »Hier, hier – ja, äh – hier liegt Ihr Stammbaum, Ihres Benehmens gegen mich würdig«, rief er nun wie unsinnig und holte das Winkelblättchen herbei, das mit anderen Zeitungen auf dem Tisch lag und den Angriff gegen Gläser enthielt. »Man weiß jetzt, wer Sie sind, ja, äh … Nun kommen Sie, bitte, mit Ihrem sogenannten Kronzeugen! Ich werde Ihnen dienen, so wenig delikat es auch für mich sein wird, ja, äh. Aber sagen Sie mal, wissen Sie nicht, was ich gleich –?«

Fast kindisch glotzte er ihn an, um die Gedächtnislücke zu überbrücken. Dann aber quiekte er wieder erfreut weiter: »Richtig, richtig! Das wollte ich eben –. Sie fordern mich dazu heraus, äh, äh. Säubern Sie gefälligst erst in Ihrem Hause, bevor Sie Anderen mit Reinigung drohen. Ich erlaubte mir, Ihnen das bereits da draußen anzudeuten, in Gegenwart Ihres, ja, äh, äh, was wollte ich doch gleich –? Richtig! In Gegenwart Ihres unvermeidlichen Herrn Flügeladjutanten. Ich halte das aufrecht, parole d'honneur. Es ist dann leicht, Zeugen zu erlangen – bei solcher Vetternschaft. Ja, äh, verschonen Sie mich fürderhin, ich bitte gütigst … Mein Diener wird gleich kommen.«

Gläser, der seine Wut komisch fand, hatte zuerst gelacht; plötzlich aber bei den letzten Worten erstarb dieses Lachen, jäh abgeschnitten. Etwas Furchtbares dämmerte ihm, was er kaum zu fassen vermochte. Er rang mit sich, ob er ruhig bleiben oder diesen hochgeborenen Hanswurst niederschlagen sollte. Noch war er nicht abgeschliffen genug, um mit landläufiger Höflichkeit derartige Dinge Zu erledigen. Das Blut stieg ihm nach dem Kopfe, Flimmer lag ihm vor den Augen, sein ganzer innerer Mensch krümmte sich, dann hatte er sich bezwungen. Ließ er sich jetzt zu etwas hinreißen, dann war dieser Gang nach hier zwecklos gewesen. Zuerst das Geschäft und dann das Weib, mochten auch giftige Schlangen in ihm wühlen!

»Ach, Sie sind ein exzellenter Trottel«, sagte er völlig verändert, wobei er sich erhob. Und das »äh, äh« des Andern kaum hörend, fuhr er, fast heiser vor erstickter Aufregung, fort: »In Ihrem Gehirn sieht es wüst aus, das wußten wir schon lange da draußen, Herr Geheimrat, aber Sie sind jedenfalls noch normal genug, um mich zu verstehen. Wir sprechen hier unter vier Augen, es hört uns niemand. Ich erwarte Sie morgen zwischen zwei und vier auf meiner Bank. Entweder Sie kommen, oder Sie fallen und Herr von Rucks mit. Sie wissen noch nicht alles – hier, sehen Sie.«

Und er zeigte ihm ein Päckchen Wechsel seines Schwiegersohnes, die er vor einigen Tagen aufgekauft hatte, weil der Zufall es so wollte. Bis zuletzt hatte er sich diesen Trumpf aufgespart, wie ein Würger, der die Schlinge zuzieht, wenn man es am wenigsten erwartet. »So, nun sind wir bis auf weiteres fertig, Exzellenz. Geld riecht nicht, das wissen wir beide … Ich empfehle mich.«

Es klopfte. Ein uniformierter Hotelknabe trat ein und überreichte Bohnenstiel eine Depesche, die er entgegennahm, ohne kaum zu wissen, was er tat.

Gläser griff zu seiner Mappe, verbeugte sich leicht und ging hinaus, wie der vorzeitige Sieger, der die feindlichen Toten schon sieht und sich fest gelobt, den Gefangenen kein Erbarmen zu zeigen. Unten auf der Straße erwachte er erst aus dieser Betäubung, in der er den langen Gang des Hotels und die breite Marmortreppe genommen hatte. Das Menschengewoge Unter den Linden machte ihn munter, aber er bemerkte diese vielen Leute nicht, die im Sonnenschein sich ihres Daseins freuten. Berlin war mächtig gewachsen seit dem Tage, wo er eingezogen war, um mit unredlich erworbenem Gelde seinen Fischzug zu beginnen. Das steinerne Meer hatte sich nach allen Seiten gedehnt und mit seinen Häuserwogen immer verzehrender das flache Land bespült. Und neue, glänzende Kämme wiegten sich in seinem Reiche, stolz aufstrebend zum blauen Himmel. Hunderttausende neue Kämpfer waren eingezogen, die nun umherkreuzten, suchend die Windstille nach dem Sturm, viele Hunderte waren an den Klippen zerschellt, ohne die gelobte goldene Insel nur von ferne zu schauen.

Gläser jedoch hatte sie erreicht, die Fahne des Eroberers mitten aufgepflanzt und sich mit Herrschergier störrische Truppen gefügig gemacht. Aber heute spürte er nichts von all den Lorbeeren, die ihm die Glücksnixen gereicht hatten aus den unersättlichen Fluten dieser seltsamen Stadt. Man grüßte ihn, er dankte kaum. Der Kronprinz fuhr vorüber, er sah es nicht. All' diese tausend Köpfe, über die sein Vogelgesicht sonst spähend hinwegging, als müßte er irgendwo einen neuen Fang wittern, berührten ihn heute nicht. Er war taub gegen alles, was ihn umgab, – gegen dieses ganze Menschengeschmeiß, das seiner Meinung nach das Leben wie eine mit Honig bestrichene Kletterstange betrachtete, an der man sich langsam süß und faul hinaufsaugen müsse bis zur Spitze. Nur seine Gedanken waren wach und erweckten künstliches Fieber in ihm, – jenen schrecklichen Zustand eines Mannes, der ein Weib aus heißer Liebe begehrt hat und sich betrogen wähnt – betrogen von einem Windhund! Das war es eben, was ihn zum Tiger machte, der durch dieses lebende Straßengestrüpp schlich, den lauernden Blick in sich gekehrt, sehnsüchtig harrend seines Sprunges.

Weshalb hatte sie heute so herrisch Eingang begehrt, weshalb hatte sie dem Andern die Antwort vorweggenommen, fast wie eine Anklägerin, die etwas zur Sprache bringen wollte? Weshalb war sie so still gewesen und hatte nachher auf ihn geschimpft? Etwas stimmte in dieser Rechnung nicht, das sah er ein. Zum ersten Male seit langer Zeit zerbrach er sich den Kopf mit anderen Dingen, als nur mit Zahlen. Und als er genug gegrübelt hatte, glaubte er, auf der richtigen Fährte zu sein. Unauffällig mußte sich zwischen beiden etwas abgespielt haben, worauf keiner von ihnen bedacht gewesen war. Aber die Fährte wollte er verfolgen, wie der Fuchs, der am besten sich vorne zeigt und dann den Weg von hinten nimmt. Daß er, der große Seher, sich so täuschen lassen konnte! Es war so dumm, daß er hätte lachen mögen, wenn er Lust dazu empfunden hätte.

Er ging nicht mehr nach der Bank, sondern fuhr nach Berlinend hinaus, wohin ihn von der Bahnstation sein Wagen brachte, den er sich durch Klothilde heute früher bestellt hatte. An der Villa rollte er vorüber, um den Bau der Zweigbahn zu besichtigen. Dann ließ er den Kutscher nach Hause fahren und gab ihm die Nachricht an seine Frau mit, man möchte ihn in einer Stunde erwarten.

Er hielt sich nicht lange auf, sondern ging nach dem Häuschen hinüber, wo Dolinsky wohnte, der hinten, eine Viertelstunde entfernt, noch zu tun hatte; denn an diesen langen Tagen arbeitete man über die Feierzeit hinaus, um eine ganze Anzahl Villen dieses vorderen Teiles noch vor dem Herbst unter Dach zu bringen. Anna, die Treue, lockte ihn, denn jemand mußte er haben in dieser trostlosen Stunde, zu dem er reden konnte. Er fand sie in dem Gärtchen hinten, damit beschäftigt, grüne Bohnen zu brechen, vor ihr stand der Wagen mit dem schlafenden Kinde, und um sie herum balgten sich die Buben.

»Still, still!« rief sie ihnen sofort zu, raffte die Schürze zusammen, wischte sich die Hand ab und erhob sich zur Begrüßung, freundlich und bescheiden wie immer.

»Laß sie doch schreien, zu was haben sie ihren Mund«, wandte er ein, winkte die Knaben heran und fuhr ihnen mit seiner großen Hand über das weiche Haar. Jedesmal, wenn er diese blühenden Kinder sah, zog er still Vergleiche zwischen ihnen und seinem Jungen, und er freute sich dann neidlos ihrer Lebendigkeit, fast wie ein Labsal schöpfend nach der Traurigkeit seines Hauses. »Sind wir allein?« fragte er dann, und als sie verwundert erwidert hatte, daß sie das Mädchen zu ihrem Manne geschickt habe, erkundigte er sich nach Viktor. »Also wohlauf? Gut, gut! … Denk' dir nur, heute habe ich etwas Besonderes erlebt. Deshalb komme ich eben zu dir. Ich war mit meiner Frau bei Herbst, in seiner Wohnung. Zum ersten Male, seit er bei mir ist. Er ist ein Lump, ein großer Lump!«

Vor Schreck ließ sie das Messer sinken, und schon hatte sie die Worte auf den Lippen: »Wenn du es weißt …«, als er unbesonnen hinzufügte: »Auch Klothilde sagt es.«

Sie atmete auf, lachte aber dann vergnügt, weil sie dieses Geständnis Frau Gläsers unter solchen Umständen sehr drollig fand.

»Dein ewiges Lachen!« fuhr er sie an. »Das ist doch keine Antwort darauf.« Er hatte sich einen Holzstuhl herangezogen und sich vor ihr niedergelassen, die Hände auf den Stock mit silberner Krücke gestützt, die listigen Augen forschend auf sie gerichtet. Von dem Mißtrauen geplagt, sie könnte ihm doch ein Geheimnis bewahren, wollte er sie fangen und sah nur wieder ihre kernigen Zähne blitzen.

»Zu was hat man denn seine Fröhlichkeit, wenn man sie nicht zeigen soll«, sagte sie mit derselben heiteren Miene. »Wenn man so glücklich ist, wie ich. Spaß!«

»Ja, ich habe mich schon oft gewundert über deinen ewigen Sonnenschein«, warf er ein. »Immer hast du deine gute Laune und bleibst dir gleich.«

»Kommt alles daher, weil ich dich nicht geheiratet habe. Siehst du, das tut mich immer herzlich freuen. Gott führt die, die er liebt, immer auf den richtigen Weg. Dich hat er niemals geliebt, und wenn du uns mit Sack und Pack hier hinauswirfst, ich muß es dir doch sagen. Hier ist die Sonne, und bei euch drüben ist der Schatten. Du bist immer in deinem Leben zu viel im Schatten gegangen, und so wandelst du heute noch. Es ist merkwürdig, aber es ist so: niemals hast du so ordentlich lachen können, so recht von Herzen, es kam immer zwischen den Zähnen hervor. Alle haben wir es zu Hause gesagt. Du mußt es wissen … Weshalb hat ihn denn deine Frau so genannt?« fügte sie rasch hinzu, als er ihr unwillig ins Wort fiel.

Und kaum hatte er ihr von der Überraschung erzählt, die sie erlebt hatten, als sie sich ausschütten wollte vor Lachen, so unbändig, daß er unwillkürlich davon angesteckt wurde und ein Weilchen mitgrinste, um ihr den Beweis zu geben, daß sein Sinn für Lustigkeit nicht ganz erstorben sei. »So muß es kommen, so muß es kommen!« rief sie aus und hatte dabei ihre eigenen Gedanken. »Der versteht zu leben, der hat gehalten, was er versprochen hat. Heute die und morgen die!« Und sie lachte fort und schlug dabei mit der Hand in den Schoß.

»Wie meinst du denn das?« warf er ein.

»Na, wie ich das so meine! Du mußt nicht alles falsch auffassen. Schon früher war er der Kummer seiner Mutter, ich hörte ja oft, wie die Frau Professor davon sprach. Wo er pumpen konnte, tat er es. Selbst Fräulein Klothilde verschonte er nicht, und sie gab ihm wie einem Schulungen, der immer bettelt … Ihr habt wohl Augen gemacht, wie?«

Plötzlich fiel ihm ein, was sie vor kurzem gesagt hatte: daß er, Gläser, ja auch zweie gehabt habe, er solle den Andern doch gewähren lassen. Und er sah jetzt Wahrheit hinter diesem Vergleich. »Du weißt mehr, gesteh' es nur!« fuhr er sie an und griff so rasch nach ihrem Arm, daß die beiden Jungen zu weinen begannen in dem Glauben, es sollte der Mutter etwas geschehen.

»Du bist wohl gar –! Was fällt dir ein?!« rief sie aus, schlug ihm auf die Hand und beruhigte die Kinder, indem sie aufs neue lachte. »Was soll ich denn wissen? Stör' doch nicht meine Ruhe …! Siehst du, das ist dein ganzes Unglück –: daß du noch immer so roh bist wie früher. Und du bist doch ein so reicher Mann geworden und gehst mit seinen Leuten um. Du wärst viel glücklicher, wenn du etwas für die Armen tätest, wohltun bringt Zinsen und gibt dem Menschen Zufriedenheit.«

»Habe ich nicht an dir gut gehandelt?« hielt er ihr ärgerlich entgegen.

»Ja, das hast du freilich – zuletzt wenigstens. Aber weshalb hast du es getan? Soll ich es dir sagen? Aus Schlauheit hast du es getan, weil du Furcht vor mir hattest.«

»Ich Furcht? vor dir? Ich fürchte mich vor dem Teufel nicht.«

»Laß ihn nur erst kommen«, fuhr sie einfältig fort. »Er soll immer anders aussehen, als die Menschen es sich denken … Du wolltest mich schlecht machen, ich aber möchte das Beste in dir erwecken. Siehst du, du hast ein sieches Kind mit einem so frommen Blick. Und solcher Kinder gibt es Tausende. Arme Krüppelchen, schwach und elend, die obendrein noch hungern müssen. Deiner kann sich wenigstens sattessen. Ist es nicht so? … Für solche armen Kinder müßtest du etwas tun, dann würde auch an deinem vielleicht ein Wunder geschehen.«

Sie war fest von diesem Glauben erfüllt; es leuchtete in ihren schönen Augen, und Hoffnungsstrahlen trafen ihn, die ihn seltsam durchdrangen. »Baue etwas für sie,« fuhr sie lebhaft fort, »du baust ja so viel, für Menschen, die es dir vielleicht niemals danken werden. Die kleinen Seelchen aber werden es tun, denn sie können noch beten, was wir Großen immer vergessen. Und dann wird's dich freuen, und man wird dich preisen … Aber nicht hier darfst du das machen, denn hier sitzt der Tod schon in der Erde, Woanders, woanders, – du hast ja so viel Grund und Boden!«

Er streichelte ihre Hand, was sie willig geschehen ließ, denn er empfand die Reinheit, die von ihr ausging, wie etwas lange Entbehrtes, das ihn frisch anwehte in diesem Morast, durch den er watete.

»Siehst du, so saßen wir früher oft,« begann sie wieder leise, »auch damals, als wir bei bitterer Kälte uns gegenseitig wärmten. Und so habe ich dir die Hand getätschelt. Jetzt ist sie nicht mehr so rot.« Und nun strich sie ihm die Finger, ohne Gedanken an etwas Böses.

»Ja, so saßen wir oft«, wiederholte er gleichmütig, so daß sie sich über seine Ruhe wunderte, denn wenn sie ihn früher an seine Hände erinnert hatte, zeigte er sich sofort von seiner häßlichen Seite.

Blütenduft durchzog das Gärtchen, Stille umgab sie, denn die Buben waren in die Stube gegangen. Auf dem Giebel des Hauses zwitscherten die Schwalben, und an der anderen Seite gurrten die Tauben auf den Stangen des Schlages. Über den Zaun hinweg sah man den Nachbargarten einer leeren Villa. Der Schwamm war schon drin, und so hatte der Bewohner, ein pensionierter Rechnungsrat, flugs die Zimmer geräumt. Alle Fenster standen offen, so daß man die kahlen Wände sehen konnte mit ihren Tapeten, Schon hatte die Sonne sich gefärbt, und durch die Fensterrahmen zeichneten sich Stücke des gelben Himmels ab. Träge hing das Laub an den Büschen, wie gedrückt von der Last des trockenen Tages, der nach nasser Kühlung verlangte. Deutlich klang das Pink-Pink eines verirrten Finken herüber.

»Hörst du? Gerade so schlug er damals in Treptow«, unterbrach sie das Schweigen. Sie hatte das im Gedächtnis behalten, wie man bestimmte Laute niemals vergißt, die unzertrennlich von einer Schmerzensstunde sind.

Er war damals taub dagegen gewesen, und so lächelte er blöde. »Hast du dein Kreuzchen noch?« fragte er dann plötzlich und starrte ihren vollen Hals an, der üppig wie alles Übrige geworden war.

»Ei freilich, hier ist es. Man wird mich damit begraben müssen.«

»Schwöre mir darauf, daß du nichts weißt und nichts gesehen hast. Du verstehst mich schon.«

Flugs steckte sie das Kreuz wieder fort. »Ach, du bist nicht recht bei Trost!« rief sie ärgerlich aus. »Quäl' mich nicht wieder mit so 'was. Das habe ich einmal getan und tu's nie wieder. Du hast mich immer beäthert.«

»Dann tu es noch einmal, denn ich weiß, was dir heilig ist.«

»Nein, nein, nie«, wehrte sie lebhaft ab. »Wenn ich so bedenke, was das Dingelchen schon alles erlebt hat. Du hast mir Treue darauf geschworen und hast sie doch gebrochen … Ja doch, ja doch, es ist schon gut! Ich will dich nicht mehr dran erinnern, aber ein bissel bleibt doch hängen … Niemals lege ich mehr die Finger darauf, das sage ich dir. Nu gar wegen solcher Lappalie.«

»Du weißt also etwas?«

»Dummheit! Deine Frau ist dir treu wie hundert andere.«

»Ja, die ihre Männer betrügen. Ich seh's dir an, du bist falsch wie sie. Und von dir hätt' ich es nicht erwartet, denn dich habe ich wie meine beste Freundin betrachtet.«

»Mein Gott, das bin ich doch auch«, rief sie verstört aus, als sie sah, daß er sich erhob und der Zorn sich auf seinem Gesicht lagerte. Schlimmes mußte in ihm vorgehen, das heute vielleicht noch zum Ausbruch kommen würde. Diese gelbe Farbe bekam er immer, sobald er zum Schrecken anderer wurde.

»Nein, das bist du nicht mehr!« herrschte er sie an. »Wie die Schlangen sich ähneln, so bleibt ihr euch alle gleich, wenn es sich darum handelt, euresgleichen zu schützen. Eine jede tritt für das ganze Geschlecht ein, denn es könnte ihr einmal so gehen, wie den anderen. Larven und feile Menschen umgeben mich, die nur den Geldmann in mir sehen, vor mir dienern sie, und hinter mir her machen sie eine lange Nase. Zu dir hatte ich Vertrauen, du meinst es aber ebenso, wie die übrigen.«

»Wie schlecht du mich kennst.«

»Was hast du denn da noch?« unterbrach er sich plötzlich.

Sie wurde rot und verbarg auch schnell ein Ledertäschchen, das mit dem Kreuz zum Vorschein gekommen war und in dem sich das Fläschchen mit Gift befand, das sie stets auf ihrem Leibe trug, weil Dolinsky ihr nicht glauben wollte, daß sie es längst verbrannt habe. Es war ihr, als müßte sie dieses Unheil bergende Fläschchen wie eine bittere Erinnerung an ihre und an Dolinskys erste unglückliche Liebe immer mit sich herumführen, von dem unheimlichen Gedanken durchdrungen, es könnte noch einmal seinen zerstörenden Zweck im Leben erfüllen, Sie dachte nicht an den Tod, aber manchmal regten sich dunkle Ahnungen in ihr, es könnte auch der zweite ihr untreu werden, wie der erste, denn niemals wußte sie recht, was kommen würde.

»Du brauchst nicht alles zu wissen«, erwiderte sie und trat einen Schritt zurück.

Gläser jedoch war neugierig geworden und griff unzart danach.

In diesem Augenblick kam Dolinsky aus der Stube in den Garten. Ein Zufall hatte ihn heute früher zurückgeführt, und so war er mit dem Mädchen zugleich in das Haus getreten.

»Herr Direktor, ich muß doch bitten!« sagte er empört, ohne viel zu überlegen.

»Da haben wir's nun!« seufzte Anna los. »Jetzt glaubt er gewiß, es sei etwas Unrechtes zwischen uns geschehen.«

»Was sollte das, Herr Direktor?« fuhr Dolinsky finster fort.

Gläser, der sein Gleichgewicht wieder bekommen hatte, lachte, als er ihn so wie einen bestaubten Zwerg-Othello dastehen sah. Und sein beißender Spott regte sich in ihm. »Das sollte nur Revanche sein für damals, lieber Dolinsky, – wissen Sie noch? Geradeso ertappte ich sie, als Sie dabei waren, mir sie wegzuschnappen. Na, haben Sie nur keine Angst, ich vergelte nicht Gleiches mit Gleichem.«

Und er lachte abermals, gab Anna zum Abschied die Hand und ließ ihn wie einen dummen Jungen stehen.

»Da hast du es«, hörte er noch hinter sich ihre Stimme schallen. »Schleiche doch nicht so heran. Gegen ihn kommt niemand auf.«

Und sie beachtete nicht weiter sein Grollen, bereitete ihm rasch das Abendbrot und meinte dann, sie müsse noch einmal hinüber zur Villa, weil Frau Gläser es gewünscht habe.

21.

Es gelang Anna, Klothilde an diesem Abend unbemerkt zu sprechen. »Seien sie vorsichtig, gnädige Frau, er ahnt etwas«, sagte sie. »Auf mich dürfen Sie zählen, nie wird ein Wort über meine Lippen kommen. Man löscht das Feuer nicht, wenn man Öl hineingießt. Dann wäre ich schon längst verbrannt! Machen Sie alles wieder gut, das ist das Beste. Wenn Gras gewachsen ist, dann sieht man nicht mehr, was zuerst da war. Die Männer besiegen uns mit ihrer Stärke, deshalb müssen wir schlauer sein, als sie … Ich weiß ja, daß Sie mich nicht mehr leiden können, aber ich habe nichts Übles gegen sie im Sinn, und deshalb bin ich gekommen.«

Klothilde sah ein, daß stolze Abweisung ihr nur geschadet hätte, sofort hatte sie eine Veränderung im Wesen ihres Mannes bemerkt, die sie aber auf geschäftlichen Ärger zurückführte, denn so war er öfters. Heute beim Diner hatte er sich heiter gezeigt, und sie war ihm darin gefolgt in einer Galgenstimmung, immer mit dem Gedanken an den Andern. Nun aber ging ihr ein Licht auf von einer Freundin, die sie nie in Frau Dolinsky erwartet hätte. Beide waren oben ungestört, denn unten auf der Veranda saß Gläser noch mit den Tiefbauingenieuren. Er hatte eine Sektbowle gebraut und hielt sie dadurch fest, was er sonst nie so spät mehr tat. Laut hörte man seine Stimme durch den Abend schallen.

»Ich danke Ihnen sehr«, sagte Klothilde, zog sie an sich und küßte sie. »Es ist hübsch, daß sie auf meiner Seite sind, ich finde es auch ganz natürlich. Nun kann ich es Ihnen ja auch verraten: längst weiß ich es, wie sie zu ihm gestanden haben und was er Ihnen war. Später haben Sie gelogen, aus Furcht vor ihm. Wir wollen zusammenhalten, denn wir kennen jetzt beide unser Geheimnis.«

Anna erwiderte nichts, denn dadurch kam sie wohl am besten darüber hinweg. Als sie aber glücklich wieder draußen war und durch den blauen Abend ging, blieb sie stehen und sann nach. »Sicher hat sie damals gelauscht«, war ihr Gedanke. Dann, als sie weiterschritt, lächelte sie still vor sich hin. Mochten sie alle über ihr Verhältnis zu Gläser denken, was sie wollten – sie ging nur darauf aus, Frieden zu stiften, weiter nichts!

Aber schon am andern Tage tat es Klothilde leid, Frau Dolinsky ihre Schwäche gezeigt zu haben. Eine schlaflose Nacht lag hinter ihr, und ruhelos trieb es sie nach Berlin, dem Postamt zu, wo sie die Briefe von dem Geliebten abzuholen pflegte. Und sie hatte sich nicht getäuscht. Herbst schrieb in alter Zärtlichkeit, aber demütig, wie der reuige Sünder, der um Vergebung fleht.

»Verzeihe, verzeihe! Richte nicht, bevor wir uns nicht gesprochen haben. Und wir müssen uns sprechen, unserer eigenen Sicherheit wegen. Noch scheint dein Mann nichts zu ahnen, denn sein Benehmen gegen mich war heute unverändert (mit keinem Wort kam er auf den gestrigen »Überfall« zu sprechen), aber deine Kälte fiel mir auf. Und ich kann dir sagen: ich fürchte dich am meisten! Haß sprach aus deinen Zügen, ich sah es wohl! Der Haß der Eifersucht! Aber auf wen eifersüchtig? Auf diese Kleine, die ich nie mehr wiedersehen werde? Stolze Juno, das würde dich nicht göttlich kleiden! Auch ein Gourmand in der Liebe kann sich einmal von den Sektperlen seiner Gefühle zu Selterwasserspritzern verirren … Alles weitere mündlich (auch figürlich gemeint: Lippe auf Lippe). Teile mir nächste Woche mit, wann wir uns sehen können. Und komme, komme! In brennender Sehnsucht nach dir

Dein Oskar.«

»Oh, dieser –!« In Gedanken fluchte sie ihm, denn zwischen jeder Zeile las sie die Züge, seinen heuchlerischen Wunsch, es nicht mit ihr zu verderben. Noch am Schalter stehend, zerballte sie den Wisch, und wieder auf der Straße, wollte sie ihn schon zerreißen, um die Fetzen allmählich fallen zu lassen, wie sie es stets getan hatte. Aber merkwürdig, – diesmal fand sie nicht die Kraft dazu. Sorgsam glättete sie ihn wieder und verbarg ihn in ihrer Tasche. Später, wenn sie ruhiger geworden war und bei Josty ihre Schokolade trank, wollte sie ihn zum dritten Male lesen, denn gerade jetzt fühlte sie, daß sie Herbst noch immer liebe und daß sie ihn niemals werde vergessen können. –

Wenn Gläser sich nichts merken ließ, so gab er nur den Beweis dafür, wie sehr er sich in der Gewalt haben konnte, sobald es sich um einen großen Schachzug in seinem Lieben handelte. Und hier empfand er, daß der Spieleinsatz entscheidend für seinen inneren Menschen sein würde. Ja, ja, auch er hatte eine Seele, – das kam ihm jetzt täglich beim Anblick von Weib und Kind doppelt zum Bewußtsein. Neben der Liebe zu seinem Jungen meldete sich der Schmerz um die Mutter. Er sah, wie Klothilde sich plötzlich um Viktor sorgte, als hätte sie einen Neugeborenen vor sich, dem nur Zärtlichkeit zuteil werden müsse. Fräulein Leseur schlug die Hände zusammen und freute sich, denn sie hatte jetzt noch weniger zu tun. Auch Anna wurde des Vormittags fast überflüssig.

»Ei, das ist hübsch von dir, daß du die Scheu vor ihm endlich überwindest«, sagte er freundlich, lachte dann aber grimmig in sich hinein, weil er das alles nur für Mache hielt. Sie sollte ihn nicht mehr täuschen, denn er wußte mehr. Dann aber, wenn er sie so beide des Morgens, bevor er nach Berlin fuhr, in den Parkgängen verschwinden sah, schlug seine Stimmung um. Dieses Weib, dieses Weib! Seine fünf Sinne hatte sie unterjocht, als er zum ersten Male ihre Nähe fühlte. War es möglich, daß sie ihn betrog? Was fehlte ihr, worüber durfte sie sich beklagen? Hatte sie damals nicht gesehen, daß er kein Adonis war? Wenn sie wüßte, wie die rechte Hand sich krümmte, um sie zu zerreißen und wie die linke sich sehnte, sie liebevoll heranzuziehen, damit er sie fragen könne: »Sage mir, daß es nicht wahr ist, daß diese erbärmliche Welt, die ich mit allen ihren Schlichen kenne, nur gelogen hat!«

Aber sein Weh verschwand unter gärender Wut. Spielte sie ihm eine Komödie vor, so wollte er der größere Künstler sein. Seine Reise nach Frankfurt gab er auf, weil durch einen Depeschenwechsel alles erledigt wurde. Er hätte die Fahrt heucheln können, aber er verschmähte diesen alten Trick, denn etwas anderes schwebte ihm vor. Klothilde machte auch nicht den Eindruck, als ob sie so schnell aus der Rolle der Büßerin fallen würde. Und sollte sie sich auch für immer so wohl fühlen, – das Gewesene mußte aufgedeckt werden. Herbst brauchte er noch, er schläferte ihn also ein, indem er bei Gelegenheit den Weisen spielte: »Daß Sie sich nur nicht unterkriegen lassen von solchem Frauenzimmer, wissen Sie! Beizeiten den Laufpaß geben! Übrigens ein molliges Kätzchen – ich sah es gleich. Meine Frau war ja verlegen, aber später hat sie gelacht. Die Situation war ja auch zu komisch.«

Und Herbst, der schon wußte, daß Klothilde den Brief abgeholt hatte, ohne daß sie etwas von sich hören ließ, fühlte sich geehrt und beruhigt. Nur etwas fiel ihm auf: Gläser zog ihn nicht mehr in das Vertrauen wie früher. Sonst besprach er sofort bei seinem Erscheinen wichtige Vorgänge mit ihm, jetzt war er schweigsamer. Aber auch darüber kam Herbst hinweg, indem er diese Wendung auf eine andere Ursache zurückführte.

Dunkle Gerüchte lagen in der Luft, die vorläufig noch wie zerrissene Klänge umherschwirrten. Es stand faul um die Bank für Bodenbeleihung, die besonders seit letzter Zeit mit der Volks-Garantie-Bank eng verschwistert war. Bauend auf Gläsers Genie, auf die baldige Belebung seines Berlinend und die Verwirklichungen seiner sonstigen Unternehmungen, hatte sie ihm einen riesigen Kredit eröffnet und sich gründlich dadurch hineingeritten. Auf den Segen wartend, der kommen mußte, war sie auch nach anderer Richtung hin weit über ihre Kräfte gegangen. Die Bauwut hatte die Berliner plötzlich gepackt, und so machte sich in gewissen Gegenden, namentlich in den Vororten, ein Rückgang im Bodenwerte bemerkbar, auf den man nicht gefaßt war.

Der Aufsichtsrat vereinigte sich zu einer geheimen Sitzung, zu der Gläser geladen wurde. Es gab erhitzte Köpfe und erregte Szenen. Gläser aber schlug sie alle, Wie? Ihm die Darlehen kündigen und die Flügel beschneiden wollen? Gerade jetzt, wo er anfange, Bewegungsfreiheit zu bekommen? Das wäre etwas! Gut, gut! Dann solle man aber auch gefälligst die Folgen mit tragen! Wer ihn fallen lasse, stürze hübsch mit, und nicht so weich, wie man sich denke! Habe er ahnen können, daß er Millionen da draußen verbuddeln würde? Die Herren Direktoren hätten doch sonst eine seine Nase, die sie vorsichtig überall hineinsteckten! Weshalb sollten sie gerade diesmal das faule Grundwasser nicht gerochen haben! Wenn er nur gleich mit dem Profit gekommen wäre, dann würde man jetzt die Arme noch einmal so weit öffnen, statt ihn erdrücken zu wollen.

Er lasse sich nicht einschüchtern, denn er habe das gute Gewissen, uneigennützig gestrebt zu haben, um des Volkes Wohlfahrt willen. Einen Beweis dafür werde er demnächst wieder geben, denn sein Entschluß sei, aus Privatmitteln auf einem seiner Grundstücke in Berlin ein Hospital für arme Kinder zu erbauen, dessen Protektorin die deutsche Kronprinzessin werden solle. Er arbeite von früh bis spät und könne sich diesmal kaum eine Badereise gestatten, trotzdem sein Hausarzt sie ihm dringend anempfohlen habe. Man solle ihn nicht nach seinem gesunden Aussehen beurteilen, die Nerven sehe man nicht. Und überdies sein Magen!

Er besaß zwar eine Verdauung, die Kieselsteine hätte vertragen können, aber mit dem Fernrohr konnte man ihm im Augenblick nicht hineinsehen … Überhaupt! Was man ihm plötzlich alles in die Schuhe schieben wollte! Man brauche einen Sündenbock für leichtsinnige Überwertungen infolge schlecht geprüfter Abschätzungen, und so möchte man ihm jetzt gerne eins auswischen, ohne sich selbst haftbar dafür zu machen. Man solle doch nicht so schreien, es sei schon richtig!

Die Direktoren schrieen ihn wirklich an, und um ihnen zu beweisen, daß trotz seiner Leiden die Lunge sich noch gehörig dehnen könne, ließ er seine Stimme schmettern, während der Vogelhals sich nach allen Seiten reckte … Wie, was? Die Angriffe neulich von diesem übelriechenden Käseblättchen? Man möchte auch das Gute über ihn lesen, nicht bloß das Schlechte! Die Drohung mit dem Staatsanwalt habe genügt, um die Verleumdung zu zertreten. Hier sei die Nummer, in der das gerade Gegenteil stehe, ordentlich eine Glorifizierung seiner Person! Ja!

Und er schlug seine Mappe auf und ließ ein halbes Dutzend Exemplare auf einmal über das grüne Tuch des langen Beratungstisches flattern … Und der Rückzug des Herrn von Bohnenstiel? Auch damit sei man gründlich reingefallen. Die kleine Exzellenz habe eben ihre Mucken und sei leider zu leicht Beeinflussungen niederträchtiger Neider zugänglich. Aber er werde dieser Hydra den Kopf zertreten. Hier sei die neueste Nummer der »Lösung« mit der Richtigstellung der irrtümlichen Nachricht seitens des Herrn von Bohnenstiel. Morgen gehe die Erklärung allen Zeitungen zu. Es falle der alten Exzellenz, die auf dem Gebiete der Hygiene besonders bewandert sei, gar nicht ein, Berlinend zu verlassen; im Gegenteil hoffe sie, dort draußen ihr ehrenreiches Dasein einstmals zu beschließen! Und abermals flogen die Blätter nach rechts und links, und Gläser gab sie hin mit der Miene des Oberfeldherrn, der seine Generäle zwingt, zu ihm aufzublicken.

Man verhandelte bei verschlossenen Türen und hatte schon die späten Abendstunden zugeben müssen. In dem kleinen, hell getäfelten Beratungssaal, der würdig dieses Palastes war, den man erst jüngst errichtet hatte, stiegen unaufhörlich die Dampfwolken der Importierten zur Decke empor, bildeten blaue Schwaden und zogen dann wie aufgescheuchter Nebel dem offenen Fenster zu, durch das aus der Tiefe herauf das schwache Leben der vornehmen Straße hereindrang.

Man trank nur Wasser, aus riesigen Karaffen, höchstens Selters oder irgendeinen Brunnen, denn Kommerzienrat Soldrich, der erste Direktor, ein kleiner, kugelrunder Herr mit Glatze und Doppelkinn, der als Erfinder neuer Saucen galt und dessen leicht gerötete Nase seine berühmte Kennerschaft teurer Rotweine verriet, sorgte dafür, daß man bei solcher wichtigen Gelegenheit alkoholfrei bleibe, um die Gemüter nicht erhitzen zu lassen. Auf seinen kurzen, merkwürdig zierlichen Beinen trippelte er alle zehn Minuten zur Türe und warf einen Blick in das Vorzimmer, um sich davon zu überzeugen, ob der Nachtdiener nicht in der Nähe sei. Manchmal verschwand er auf einige Augenblicke, um seine Forschungen bis zum Garderobenraum auszudehnen. Dann kam er mit belebter Miene wieder hereingetänzelt. Man hatte ihn in dem Verdacht, daß er irgendwo seinen Bordeaux stehen habe, von dem er rasch einen Schluck nehme.

Schon halb schläfrig, dachte man an das nahe Café, in dem man den Geist wieder beleben könnte.

Aber Gläser ermunterte sie alle und bot ihnen furchtlos die Stirn, wenn man seine Wechsel nicht mehr diskontieren wolle – gut, gut! Dann ginge er zur neuen »Innen-Hypothekenbank«, die ihm glänzende Anerbietungen gemacht habe. Die werde alle Verbindlichkeiten ablösen und ihm noch drei Millionen zugeben. Den Verdienst könnten einmal auch andere einstecken. In zwei Jahren werde in Berlinend kein Quadratmeter Boden mehr zu haben sein, denn jetzt schon müsse er die Nachfragen dreifach sieben, um sich die Elitebewohner auszusuchen. Die Einträglichkeit sei bis ins Kleinste berechnet und trotz der enormen Unkosten werde sich schon im ersten Jahre, wenn alles bewohnt sei, das Kapital mit acht vom Hundert verzinsen. Und er warf weiter mit Zahlen um sich, daß ihnen die Köpfe brummten und die Hände nur noch mechanisch seine riesigen Ziffern auf dem Block Papier, den jeder vor sich hatte, hinkritzelten, um etwas zu tun zu haben.

Alles das waren Augenblickseinfälle von ihm, die aber zogen und seine Gegner mundtot machten. Denn nur nicht den Profit der Konkurrenz gönnen, die sich dann vergnügt ins Fäustchen lachte! Und als er gar zum Schluß von dem Riesensanatorium sprach, das er hinten auf der Anhöhe, einen künstlich geschaffenen See zu Füßen, erbauen werde, und wofür sich ein berühmter Arzt bereits interessiere; und dann weiter unverfroren kurzen Prozeß mit ihnen machte, indem er erklärte, er werde seinen bisherigen Freunden den Stuhl vor die Tür setzen und dabei mit seinen wenig zarten Gründen der Öffentlichkeit gegenüber durchaus nicht zurückhalten, war man bereit, noch einmal in den sauren Apfel zu beißen und ein möglichst süßes Gesicht zu zeigen.

Beileibe nur keinen Skandal, nur nicht die Aktionäre wild machen, denn die waren das Hornvieh, das man streicheln mußte, schon der fetten Tantieme wegen, die man nach Jahresabschluß in die Tasche steckte, ohne selbst dabei etwas zu riskieren. Und sie dienerten alle vor ihm, reichten ihm die Hand und taten nun so, als hätte man während vier Stunden nur eine kleine Meinungsverschiedenheit behandelt, die nun aufgeklärt wäre.

»Aber, lieber Freund, weshalb haben Sie das nicht gleich gesagt, daß die Innen-Bank nach Ihnen schnappt«, wandte sich Soldrich heiter an ihn und klopfte ihm die Schulter. »Sie wissen doch, ich war immer für Sie Feuer und Flamme.«

Noch vor einer Stunde hatte er den größten Mund gehabt und plötzlich so getan, als wäre das ganze Vermögen der Bodenbeleihungsbank sein Eigentum. Und er legte heimlich los gegen die feindliche Gesellschaft, die mit Wucherzinsen arbeite, und deren erster Direktor Kosemann früher mit Neufchâteler gehandelt habe, weshalb man ihn an der Börse »Käsemann« nenne. Bei diesem Witz hüpfte er vor Freude und verschluckte sein Lachen, so daß der Bauch wackelte.

Gläser kniff das eine Auge zusammen, blickte auf ihn wie auf einen Zwerg hinab und lockte durch stilles Zuhören immer mehr aus diesem wunderlichen Herrn heraus, der als Jüngling in einer großen Stettiner Heringsniederlage gelernt haben sollte und nun sein Einglas mit einer Sicherheit sich einklemmte, als wäre er damit zur Welt gekommen. Mit der Zeit hatte er es den Landjunkern abgeguckt, wie sie spuckten und wie sie sich räusperten, und so näselte er auch hin und wieder, was sich aber in seinem ewigen Stockschnupfen schlecht vertrug.

»Sie sind doch immer gut informiert, Herr Rat«, warf Gläser ein, um ihm zu schmeicheln, während er am liebsten ganz etwas anderes gesagt hätte. »Wissen Sie übrigens, daß man Ihnen bald mit dem »Geheimen« kommen wird? Ich hörte es irgendwo. Ja, wo war es doch gleich?« Und er tat so, als sänne er nach. »Na, es wird mir schon einfallen. Jedenfalls hat man Sie dafür vorgeschlagen. Verdient haben Sie ihn sicher.«

Er sog sich das aus den Fingern, aber er kannte die Eitelkeit dieses Feinschmeckers, der heute ein fürstliches Diner gab und morgen eine große Summe zu Zwecken stiftete, die ihm im Hofmarschallamt die Nummer Eins einbrachte. Und sofort hüpfte Soldrich glücklich davon, um diese Neuigkeit seinem Schwager, dem Syndikus der Bank, zu stecken, was so laut geschah, daß die übrigen es hören mußten.

Man stand ein Weilchen in Gruppen umher, bevor man sich wieder setzen würde, um dann rasch zu Ende zu kommen. In einer Ecke unterhielt sich Finanzrat Graup lebhaft mit Schötting, dem zweiten Direktor, einem schmächtigen, blassen Herrn mit goldener Brille, der als sogenanntes Arbeitstier vom einfachen Buchhalter in diese Vertrauensstellung hinaufgerückt war und sich eine Bescheidenheit bewahrt hatte, die er nie ganz ablegen konnte. Soldrich, der unumschränkt herrschte, gebrauchte seine Jasager, und so hatte er ihm zu diesem Aufstieg verholfen und ihm seine älteste Tochter, ein häßliches Mädchen, zur Frau gegeben, damit das Geld hübsch in der Familie bleibe und zugleich die Verwandtschaft im Geschäft.

»Ich habe ja mein großes Bedenken, nicht bloß juristisches, gegen diese uferlose Ausdehnung des Kredits,« hörte Gläser, der stets seine Ohren aufhielt, den Finanzrat zu dem Brillenträger sagen, »aber was hilft's. Er steckt uns alle in den Sack mit seiner Brutalität. Er ist der Geldzyniker, wie er im Buche steht, aber ein Kerl, ein Kerl, das ist nicht zu streiten! Er hat den großen Zug, das Vertrauen zu sich selbst. Schließlich hat er recht. Haben wir einmal A gesagt, müssen wir auch B sagen. Aber ein dreimal Aufgeweichter ist er doch. Gewisse Garantien müssen wir haben, ich werde nachher den Antrag stellen … Wissen möchte ich doch, was ihn die Sache gekostet hat, um diesem Banditen das Maul zu stopfen, der ihn so hübsch bloßgelegt hat. Und wollen Sie glauben, – die Geschichte mit Bohnenstiel ist auch nicht so ohne! Entschieden hat sich da etwas hinter den Kulissen abgespielt. Er kriegt sie alle 'rum.«

Gläser, der nur Brocken aufschnappte, hörte deutlich die letzten Worte und nickte vergnügt vor sich hin, als müßte er die Antwort für Schötting geben, der schweigend mit den Achseln zuckte und über die Brille hinweg fortwährend seinen Schwiegervater beobachtete, weil dessen Verhalten für ihn maßgebend war.

»Er soll ja noch vor zehn Jahren mit seiner Haarsalbe persönlich in der Stadt herumgezogen sein«, raunte Konsul Lippert dem alten Barral zu, einem früheren Rittergutsbesitzer, der, seitdem er seinen stattlichen Grund und Boden gegen zwei Paläste in Berlin vertauscht hatte, sich ergiebig mit Terrainspekulation beschäftigte und ein gewiegter Rechner geworden war. Sein mächtiger Kopf mit dem glattrasierten Gesicht glich dem eines ehemaligen Mimen, der mit der Zeit die Eitelkeit abgestreift hat; denn stets ging er nachlässig gekleidet, in einem Rock mit zu kurzen Ärmeln, unter dem der breite Buckel straff sich krümmte. »Und mit seinem Magenlikör soll er Kirchhöfe bevölkert haben … Kennen Sie übrigens seine Frau? Ein statiöses Weib.«

Konsul Lippert schnalzte leise mit der Zunge. Als aber Gläser auf ihn zutrat, wechselte er die Miene und schlug einen verbindlichen Ton an, wobei er seinem strahlenden Lebemanngesicht einen freundlichen Zug gab. »Ich sagte eben zu Herrn Barral, wie außerordentlich ich Sie schätze, und daß wir uns diese ganze lange Sitzung hätten ersparen können. Ein Finanzgenie erster Güte, wie Sie! … Wie geht's Ihrer verehrten Frau Gemahlin? Ich hatte lange nicht den Vorzug …« Und seine schmiegsame, elegante Figur bog sich fast unter den Beteuerungen seiner aufrichtigen Gesinnung, mit denen er ihn nun überschüttete.

Gläser steckte alles ruhig ein, mit einer gewissen edlen Gönnerschaft, immer geradezu und plump in seiner Vertraulichkeit. Nur das linke Auge wurde wieder klein, als wollte es sprechen, was er dachte: »Heuchler, die ihr seid! Ich bin es auch bis zu einem gewissen Grade, aber ihr seid es ohne Talent, verkrochen wie die Zwerge, die sich vergeblich recken, größer zu erscheinen.«

Er durchschaute sie alle, die in ihm eigentlich nur den höheren Industrieritter erblickten, hinter dessen Rücken man drei Kreuze machen müsse, ihn aber doch umdrängten, weil sie den kühnen Unternehmer in ihm bewunderten, der durch dick und dünn ging, um den Pfad für die Nachtreter zu bahnen. Und weil er wußte, daß sie ihn fallen lassen würden, wie der Baum den faulen Apfel abwirft, sobald er ihnen nichts mehr zu verdienen gäbe, – deshalb verachtete er sie innerlich und behandelte sie als das, was sie ihm wert erschienen.

Als er dann lange nach Mitternacht seinen Wagen bestieg, der stundenlang vor dem Hause gehalten hatte, zeigte er die befriedigte Miene des Siegers, der die Kriegskosten errungen hat. Und während er, Berlin hinter sich, in die blaue Mondnacht hineinfuhr, seiner Schmerzensgründung zu, dachte er unwillkürlich daran, wie er damals auf dem Omnibus den ersten Feind geschlagen hatte, der ihn übertölpeln wollte. Ein riesiger Weg lag dazwischen, aber er, der kühne Springer, war derselbe geblieben. Zwar hatte er sich gemausert, aber nur äußerlich, – innerlich war er noch der urwüchsige Streber, der alles beiseite räumte, was sich vor ihm auftürmte.

Er lachte bei dem Gedanken, wie er Bohnenstiel wieder kirre gemacht hatte. Die Depesche, die gerade bei seinem Weggange eintraf, enthielt den Notschrei des Herrn von Rucks, und so hatte sich die Exzellenz schon am nächsten Tage bei ihm anmelden lassen, um mit dem berühmten »äh, äh«, das diesmal bedeutend zurückgeschraubt war, zu Kreuze zu kriechen, allerdings mit aristokratischer Würde, die Gläser durchaus nicht schmälerte. Wenn er schon jemand aufhing, so geschah es nobel, sozusagen mit einer seidenen Binde, die sich wie ein letztes Dekorationsstück ausnahm.

Ja, das Geld, das Geld! Es beugte die Nacken der Stolzesten und ließ fünf gerade sein, ganz gleich, ob auf der Höhe oder in der Tiefe. Es verheerte den Menschen, hob ihn und öffnete ihm alle Quellen des Lichts und verscheuchte doch nicht das Dunkel aus seiner Seele.

Die Kohlrappen griffen kräftig aus, und unter dem gleichmäßigen Getrappel auf der Chaussee, das seinen Schall in die stille Nacht trug, empfand Gläser diese Finsternis, die sein Sinnen umhüllte. Mit der Herrschaft über neue Millionen kehrte er nach Hause zurück, aber bettelarm dünkte er sich, wenn er an das Heim dachte, das ihn empfing. Sein Weib, sein Weib! Mit welchen Gedanken war sie eingeschlafen, wer füllte jetzt ihre sündhaften Träume aus?

Er hatte Bohnenstiel gehörig in die Enge getrieben und das Nötige aus ihm herausgepreßt. Dann war ihm ein seltsames Lachen durch die Zähne geflogen, das den Vorgang auf der Veranda harmlos hinstellen sollte. Ob die Exzellenz denn nicht wisse, daß sie als besonders kurzsichtig gelte? Im übrigen sei es doch bekannt, daß Verwandtschaft die beiden verbinde, was man schon längst aus dem engen Familienverkehr geschlossen haben müßte. Er würde jeden zertreten, der sich herausnehme, etwas anderes dabei zu denken. Und der alte Abbrüchige hatte sein berühmtes »äh, äh, so? Ja, dann Pardon«, gequakt und eine lange Gedächtnislücke gezeigt.

Gläser brütete weiter. Sein Weib, sein Weib!

»Franz, was ist denn das heute? Wir kommen ja gar nicht vorwärts. Geben Sie die Peitsche«, zeterte er plötzlich, weil ihm das Schweigen zur Last wurde.

Die Bäume zogen im Vollmondschein wie eilende Gespenster vorüber, aber Gläser ging das noch zu langsam. Es war ihm, als müßte sein Atem voraus fliegen, zu ihr hin, der sein Herz noch immer gehörte.

Ein Hund schlug in der Ferne an und das heisere Gebell eines anderen antwortete.

So würden die Menschen kläffen, wenn es zur Wahrheit geworden wäre, was jetzt nur als Geheimnis schlummerte. Der Wagen jagte an dem Gehöft vorüber, in dem ein wilder Köter an der Kette zerrte und mit seinem Heulen das Ohr erschüttern machte. Und Gläser verglich sich mit diesem Hunde, der, einmal losgelassen, nur noch Feinde sah.

»Franz, die Peitsche, die Peitsche! Ich will noch schlafen.«

Er glaubte aber selbst nicht an Ruhe.

22.

Der September begann mit Regen und rauhen Winden, die in Berlinend sich besonders bemerkbar machten. Fast schien es, als wäre dieses Stückchen Erde dazu ausersehen, die Menschen zu plagen, statt sie zu erfreuen. An warmen Tagen peinigten die Mücken, und sobald es kühl wurde, durchzog dumpfer Geruch die Luft, der aus dem Boden drang.

Früher als sonst sehnte Klothilde sich nach der Stadt, denn man hatte sich diesmal die Sommerreise geschenkt. Von Gläser war bereits der Plan dazu gemacht gewesen, als der Krankheitsherd auf Station Jauche sich wieder zeigte. Rasch waren die Ausschachtungsarbeiten auf der Sumpfwiese eingestellt und die Leute abgeschoben worden, denn mit der Vertuschung konnte es nicht weiter gehen. Man hoffte auf einen milden Winter, der dann die Aufnahme dieser Arbeit wieder gestatten würde. So schob Gläser auch schließlich den Umzug solange als möglich hinaus, um nicht den Gedanken an Flucht aufkommen zu lassen. Denn solange die Villa des Beherrschers noch bewohnt war, mußten die Lästerzungen ruhen.

Klothilde hatte sich wacker gehalten, aber mit der künstlichen Gewalt der Frau, die die Berührung mit dem Geliebten nur fürchtet, um nicht aufs neue schwach zu werden. Sie hatte Herbst vergeben, denn der ersten Beteuerung waren neue gefolgt, die ihr heißes Blut wieder in Wallung brachten. Aber niemals mehr wollte sie seine Wohnung betreten, die ihr seit jenem Tage entheiligt erschien. Zweimal war der Drang über sie gekommen, ihn in dem stillen Winkel der Konditorei zu sprechen, und jedesmal hatte sie seinen heißen Beteuerungen geglaubt, daß er frei wie früher sei und nach dem ersten ungestörten Druck ihrer Lippen schmachte. Und ruhig hatte sie ihm wieder geopfert, schwach wie eine gewöhnliche Dirne, die den Verrat des Beschützers fürchtet. Ein neues Nestchen wollte er sich bauen für den Winter, in einer Gegend, wo keine Spur sie mehr an die unangenehme Überraschung in der Luisenstraße erinnern sollte. Und sie ließ sich die Hand streicheln und schloß wie berauscht die Augen, heimlich in dieser Aussicht schwelgend, beruhigt durch den Gedanken, daß Gläser ahnungslos wie immer sei.

Drei Tage vor dem Umzug, am Abend, als die Sonne einen kurzen Regenschauer durchwärmt hatte und nun in gelbem Glanze über dem Horizont stand, drängte es sie hinaus ins Freie, um gleichsam hier draußen, bevor die Winterfreuden im lustigen Berlin sie auf Monate hindurch dieser jungen Landhausstadt, die bereits etwas Greisenhaftes hatte, entfremdete. Sie kam auf den Gedanken, Viktor mitzunehmen, und so mußte Franz den Wagen mit den Ponys vorführen. Es machte sich gut. Fräulein Leseur war in Berlin und Gläser wurde ebenfalls dort spät zurückgehalten.

So fuhr sie also los, ohne Kutscher, hinaus auf die Chaussee, um dann hinter den verlassenen Baracken den breiten Landweg zu nehmen, der fast ganz um Berlinend herumlief.

Noch einmal hielt Klothilde große Abrechnung mit sich, denn am andern Tage, mittags, hatte sie sich mit Herbst zu einer Zusammenkunft in der Berliner Wohnung verabredet, zum ersten innigen Liebesaustausch seit Wochen. Sie würde einige Stunden allein dort sein; dann wollte sie ihren Mann abholen, um zum letzten Male mit ihm in dieser Zeit außer dem Hause zu speisen. Und so tat ihr diese Fahrt wohl, denn den ganzen Tag über hatte ein Zittern in ihren Gliedern gelegen, das sie sich nicht erklären konnte. Sie war doch sonst so fest gewesen, wenn sie, die Krone der Schlauheit auf, von Begierde zu Genuß taumelte!

Lange hatte sie nicht die Arbeiten an der entlegensten Stelle verfolgt, und so lenkte sie in das Baugelände ein, zwischen den Wiesen hindurch, auf denen ein Nebelschleier lag, der auf und ab wogte, gleich dem zerzausten Haar alter Sumpfhexen, die zum Dämmerungstanz aus dem Boden steigen. Einmal zog sie die Zügel an, eingedenk des Schreckens, der sich von hier verbreitet hatte. Dann aber fuhr sie weiter, mit jenem wilden Trotz, der den Gefahren spottet. Die Freude des Jungen lockte sie, der mit seinem »a, i, o« nach rechts und links deutete, als hätte er ein Wundermeer vor sich, dessen Anblick sein ganzes Gemüt erfülle.

»Nicht wahr, das ist schön«, sagte sie und hüllte ihn fester in sein Mäntelchen ein.

Die Sonne sank rotgelb unter und ließ ihr schwefelfarbiges Licht über diesen Erdendunst gleiten, der wie der Himmel einer verkehrten Welt leuchtend im stillen Zauber lag.

Langsam gingen die Pferde weiter; leise schnaubend, als schwarze Schlünde tief sich dehnten, aus denen der Geruch des Moders drang. Lichter war hier der Nebel, gleichsam wie eine Luftbrücke, die das Auge täuschen sollte.

»Pfui, wie riecht es hier!« rief Klothilde aus und knallte mit der Peitsche. Sie wollte umkehren, aber es gab keine Gelegenheit zur Wendung. Erst drüben, wo die Dächer der Baracken wie im Nebel schwammen, mußte der Platz liegen, den sie suchte. Plötzlich aber, als sie ihn erreicht hatte, blieben die Pferde stehen, denn eine Balkenwehr versperrte den Zugang. Sie lenkte rechts ein, wo Räderspuren hinauf zur Höhe gingen. Angstvoll stieg sie ab und führte die Pferde, die über den glatten Boden schwer den Wagen zogen. Und als sie Schritt für Schritt vorwärtstappte, erfaßte sie Grauen bei dem Gedanken, sie könnte den richtigen Weg nicht finden und von der Dunkelheit überrascht werden. Denn schon war die Sonne gänzlich gesunken, zeigte der Himmel seine bleiche Abendstirn, die fahlen Glanz verbreitete.

Es wurde kühl, Feuchtigkeit legte sich auf die Kleider und häßliche Dämpfe drangen aus der Tiefe. Um sich selbst zu beruhigen, plauderte sie laut mit Viktor, sprach auf die Ponys ein und dachte dabei an die Nacht, an Gläser und an den Geliebten. Plötzlich, als die Furcht ihr die Tränen ins Auge gedrängt hatte und sie das graue Meer immer dichter vor sich sah, das kein Ende nehmen wollte und in Schwaden in die sumpfige Tiefe zog, kam ihr der Einfall, ihr ganzes Leben gliche diesem Nebel, in dem sie sich für immer verirren würde.

»Viktor, bist du noch da? Halte aus, mein Liebling, bald sind wir auf dem richtigen Weg.«

Still saß er auf seinem Plätzchen, ahnend das Schlimme, in das man sich hineinbegeben hatte. Fröstelnd erhob er nun den Arm, um sie zu trösten, »a, i, o – a, i, o?«

»Schön, mein Herzchen. Ängstige dich nicht, gleich sind wir hier heraus.«

Riesenhaft groß wuchsen die Baracken plötzlich aus dem Nebel. Der Wagen blieb stecken. Hellen Angstschweiß auf der Stirn, hob Klothilde den Jungen heraus und ließ ihn ein Stückchen an ihrer Seite trippeln. Dann aber, als sie die verkohlten Herdfeuer erblickte, schöpfte sie wieder Mut. Der Boden war fest. Ein breiter Weg führte vorn vorüber, auf den sie glücklich den Wagen brachte. Die Tiere schüttelten sich, wieherten laut und zerrten an ihrem Halfter. Alle fromme Ruhe hatten sie verloren, und es war, als witterten sie die Stätten des Todes, deren offene, schwarze Fenster wie leere Augenhöhlen starrten.

Der Wind hatte sich erhoben und schlug irgendwo eine Luke zu. Ein loses Brett knarrte leise und hohles Summen ging herum, das in hellem Pfeifen erstarb. Der Herbststurm nahte und fuhr um die Ecken und über die Dächer, wo er sich zu säuselnder Melodie brach. Fast hörte es sich an, als säßen da drin noch einige Verlassene und stimmten klagend ihre polnischen Lieder an.

»Hinweg, hinweg!« hallte es in Klothildes Innern. Als sie sich umblickte, war Viktor verschwunden. Während sie sich das Kleid aufsteckte, hatte ihn die Neugierde des unwissenden Kindes durch die offene Tür hinein in die nächste Baracke getrieben. Laut rief sie nach ihm, und als sein Stammeln zurückdrang, schrie sie entsetzt auf: »Wirst du kommen, wirst du kommen! Unart, du! Dort drin gibt's Gespenster … Rasch, rasch!« Nochmals rief sie, und als Viktor trotzdem nicht kam, band sie die Leine an den Wagen und folgte ihm, um zu sehen, was er treibe.

Stockige Ausdünstung drang ihr entgegen, die selbst die frische Herbstluft noch nicht hatte verdrängen können. Man roch noch die armen Leute, ohne daß man sie sah. Die wüsten Reste einer verlassenen Häuslichkeit lagen umher, arglos weggeworfen, von den Elendesten der Niedrigen: leere Schnapsflaschen, Kleidungsfetzen, zerdrücktes Blechgeschirr, Lumpen und zerrissene Stiefel. Halb verfaultes Stroh ragte aus tiefen Gruben, die in warmen Nächten Kühlung gegeben hatten. Aus Steinen hatte man einen Herd gebaut, der, nun zertrümmert, wie Sprengwerk den Boden bedeckte. Glassplitter leuchteten in dem kümmerlichen Lichtstreifen, der durch die Luken fiel. Zertretenes Gras war die Diele, die den Tritten nachgab auf schwankem Grunde. Denn unten lag der Tod, der seine Keime in die Höhe sandte.

Klothilde traute sich nicht weiter, denn unter diesem niedrigen Dach, das der Kopf berührte, schwand ihr fast der Atem. Halbtiere mußten in diesem schmutzigen Käfig gehaust haben, fremd jedem menschlichen Glück.

»Komm' heraus, sofort, rühr' nichts an!« rief sie zornig Viktor zu, als sie sah, wie er harmlos umherwackelte, alles klug beäugte und mit seinem Stöckchen auf dies und jenes stieß.

Er begriff ihre Angst nicht, versuchte zu lachen und erwiderte mit seinen armseligen Lauten, die ihr schon längst verständlich geworden waren. Er wollte ihr mitteilen, was das alles sei, ohne es sagen zu können. Was sie widerlich fand, erweckte seine Freude, ihm noch wert genug, es zu berühren. Sie merkte es: ein wohlgepflegtes Tierchen schnupperte hier herum und ergötzte sich an der Hinterlassenschaft der großen, menschlichen Bestien.

Plötzlich, als er sich wieder bückte, verloren die unsicheren Beine den Halt; er glitt aus und fiel in eins der kalten Erdbetten, hinein in das schwarz gewordene Stroh. Vor Freude wieherte er förmlich, sie aber schalt ihn nun ein Ferkel. Und als er nicht die Kraft fand, wieder hinauszukriechen, mußte sie ihre Zurückhaltung aufgeben und ihm behilflich sein. Der feuchte Schmutz klebte an ihm, der ihren Ekel erweckte. »Pfui, pfui!« stieß sie hervor und gab ihm einen leichten Klaps, ohne daran zu denken, daß sie ihn hier hergebracht hatte.

Wenn er gescholten wurde, zeigte sich seine Wut, denn er war an die Zärtlichkeiten seines Vaters gewöhnt. Er krümmte sich und stemmte sich auf den Stock, sie aber zerrte ihn mit Gewalt nach draußen, wo die Ponys sich gemeldet hatten.

Der Sturm heulte jetzt und machte die dünnen Wände erzittern. Es sang und stöhnte an allen Ecken, denn der Herbst stimmte das große Sterbelied der Natur an, die sich nach den kalten Armen des Winters sehnte. Das lose Brett knarrte nun schärfer und die kleinen Fensterflügel fielen schallend zu. Es pfiff und jammerte, als wollten die Geister der hier Abgeschiedenen sich drohend melden.

Große Regentropfen schlugen hernieder und tropften klatschend auf das geteerte Dach. Wie graue Säcke hingen die Wolken am Himmel, aber der Nebel war nun vertrieben und wälzte sich nur noch schwach hinten auf der fahlen Wiese. Ein einziger heller Streifen umsäumte den Horizont, wo der Tag noch einmal grüßte. Von fern her winkten die ersten Lichter der Häuser, die Klothilde die Richtung gaben. Nun sah sie die breite Fahrstraße vor sich, die, über Holzbrücken hinweg, hinein ins menschliche Leben führte.

»Jetzt nach Hause, mein Söhnchen, damit uns der Schmutz abgewaschen wird. Sie sollen auslegen, unsere lieben Braunen.«

Und sie hob Viktor wieder in den Wagen, nahm Platz neben ihm und kutschierte los, auf kreischenden Rädern, erst langsam und bedächtig, dann im Trab, vorbei an den Schlünden, aus denen noch immer die üblen Düfte stiegen, nun aufgerührt vom Sturme, der den Pferden in die lange Mähne fuhr.

Hinter den Erdwällen wurde es ruhiger, sicherer rollte der Wagen dahin, aber Klothilde sah sich nicht mehr um. Denn es war ihr, als sähe sie noch immer die leeren Fensterhöhlen und röche noch immer den Verwesungsduft, der dort hinten das ganze Land durchzog. Wieder zu Hause, lachte sie über sich selbst, und als Fräulein Leseur, die schon angelangt war, sie fragte, wo sie gewesen sei, scheute sie sich, die Wahrheit zu sagen. Viktor konnte nicht plaudern, und so erschien es ihr besser, ihrem Manne keine Ursache zum Zank zu geben.

Am anderen Tage war Gläser früh aus den Federn. Bis Mitternacht hatte er in seinem Arbeitszimmer gesessen, um all die Dinge aufzuhäufen, die den Weg mit nach Berlin machen sollten. Dann aber war sein Schlaf nebenan nur ein leichter gewesen, denn gegen Morgen hatte sich nochmals ein fürchterlicher Sturm erhoben, der das Haus mit Höllenlärm umtobte. Gleich nach dem Aufstehen packte er mit dem Diener stundenlang ganze Ballen zusammen und ließ sie in Kisten unterbringen. Als dann die Morgensonne lachte, ging er in den Park, um die Verwüstungen zu betrachten, denn das Knacken in der Nacht hatte kein Ende nehmen wollen.

Er stieß auf Fräulein Leseur, die ihm Viktor brachte. Sofort erhob der Junge den Arm und deutete nach dem freien Felde hinüber, versessen darauf, sich verständlich zu machen.

»Was will er denn?« fragte Gläser, als all sein Forschen erfolglos blieb.

Sie zuckte mit den Achseln und meinte, daß er sie bereits den ganzen Morgen damit gequält habe. Sie wisse überhaupt nicht, was mit ihm sei, denn auch während der Nacht habe er diese Unruhe gezeigt und sich hin und her gewälzt.

Gläser lachte, denn er dachte sich nichts Böses. Bei solchem Unwetter solle der Mensch wohl schlafen, die Toten hätten sich ja melden müssen! Dann aber, als Viktor ihn am Rock faßte, folgte er ihm willig, hinüber zu den Ställen, wo der Kutscher dabei war, die Rappen zu schirren. Neugierig ging er mit dem Jungen in den großen, fest gebauten Schuppen, wo gleich am Eingang der kleine Wagen stand, so wie man ihn am Abend vorher hineingeschoben hatte. Viktor zeigte auf den Sitz und machte die alte Bewegung, jetzt aufgeregt, wie ein unwilliges Kind.

»Willst du fahren?« fragte Gläser heiter, denn nun glaubte er ihn zu verstehen. Und zum Scherz hob er ihn hinein, aber er sträubte sich, schüttelte mit dem Kopf und stieß immer ärgerlicher seine Kehllaute hervor. Plötzlich, während Gläser schon im Begriff war, ihn wieder herauszunehmen, ging seine Aufmerksamkeit einem zusammengefalteten Papiere zu, das auf der Strohmatte lag.

Gläser nahm es neugierig und riß den beschmutzten und zerknitterten Streifen auf. Dann las er die zwei Zeilen: »Ich bin bestimmt um zwölf Uhr Viktoriastraße. In Sehnsucht Oskar.« Sogleich reimte er sich alles zusammen, denn dort war sein Haus, und gerade heute, um diese Zeit, hatte Herbst in jener Gegend zu tun. Zuerst war er verblüfft, denn er glaubte, dieses trostlose Kerlchen vor ihm habe die Sinne eines Weisen. Dann jedoch, als er sah, daß das nur die Folge eines Zufalls sei, rief er dem Kutscher zu: »Ist der Wagen gestern gebraucht worden? Der Schmutz klebt ja noch daran.«

»Ja. Frau Direktor sind gegen Abend ausgefahren. Es hatte nachher geregnet. Gnädige Frau haben selbst kutschiert.«

»Richtig, richtig«, sagte Gläser, der sich nichts merken lassen wollte. Keinen Augenblick dachte er daran, daß Viktor dabei gewesen sein könnte. Nun verstand er den Jungen, der endlich freudig nickte, erlöst von seinem Unbehagen. Zwar tippte er auf sich, um damit anzudeuten, daß er auch dabei gewesen sei, aber Gläser legte es nach seiner Weise aus.

»Ja, ja, du sollst auch wieder fahren, aber in Berlin«, sagte er und ging mit ihm nochmals in den Park, denn er brachte es nicht über sich, sogleich ins Haus zurückzukehren.

Etwas Furchtbares wühlte in ihm, das er jetzt; wo er die Wahrheit in Händen hielt, kaum noch bändigen konnte. Und er bedurfte der Beherrschung, um sich nicht zu verraten. Ganz hinten lag eine zersplitterte Eiche, quer über ein Rondell, wo die Wege sich kreuzten. Er setzte sich auf eine Bank und zog den Jungen an seine Brust. Er herzte und küßte ihn und sprach immer dasselbe: »Oh, du mein armes Kind, du mein armes Kind!« Aber er bedauerte dabei sich selbst. In diesen Minuten hätte er sein Leben hingegeben, um ein Wort der Teilnahme aus diesem zarten Schelm herauszupressen. Während er dann die Spinnenfinger an seine Lippen drückte, fühlte er kaum, daß sie auffallend heiß waren. Und er sah nicht, daß die Augen einen seltsamen Glanz hatten, der aus einem hitzigen Innern kam. Immer wieder glitten seine großen Hände über den Kopf, über die Wangen und über die dünnen Ärmchen hinweg. Er wußte nicht, was alles in seinem Hirn kreiste, als er aber die zerstörte Eiche anglotzte, deren morsche Teile wild herumlagen, verglich er sie mit seinem jämmerlichen Zustand. Und plötzlich erblickte er alles um sich herum so zerfallen, niedergeworfen von einer drohenden Riesenhand, die sein Unheil wollte. Es war wie ein unseliger Traum, der ihn offenen Auges in seinem Bann hielt und ihn in sternenlose Nacht führte.

Lange saßen sie so schweigend, denn auch Viktor verhielt sich still, ruhig geworden durch eine Ermattung in seinen Gliedern. Gläser ließ seiner Einbildung die Zügel schießen. Er malte sich aus, wie Klothilde während der Fahrt den Brief hervorgeholt haben konnte, um ihn noch einmal zu lesen und ihn achtlos zu verlieren. Dann aber richtete er sich langsam und entschlossen auf. Diese alte Eiche war hohl gewesen, er aber hatte noch die volle Kraft des Mannes, der mit Bewußtsein auf den Füßen stand! Wie er sich das Glück aus dem Boden gestampft hatte, so wollte er weiterschreiten, gleichgültig, wen er dabei zertrat. Und sollte es auch diejenige sein, deren Schoß dieses Menschenpflänzlein entsprossen war.

»Du bist gestern noch spazieren gefahren?« fragte er nach zehn Minuten Klothilde, die bereits fix und fertig zum Aufbruch war.

»Ja, ich hatte große Lust«, erwiderte sie ruhig. »Ich fuhr die Chaussee hinunter, bis zum Dorf, dann regnete es aber tüchtig. Und Viktor war mit.«

»Ei, ei, davon also wollte er sprechen«, fiel er ein. »Man versteht ihn ja niemals.«

»Er freute sich diebisch«, fuhr sie fort.

Gläser zwang sich zur Heiterkeit. »Das kann ich mir denken, er zehrt ja jetzt noch davon … Ihr seid wohl hübsch naß geworden?«

»Na, es ging. Ich kehrte bald um.«

»Es war etwas leichtsinnig von dir, dich ohne Kutscher aufzumachen. Dort unten treibt sich immer Gesindel umher.«

»Du weißt doch, ich habe keine Furcht«, gab sie zurück.

»Nein, die hast du nicht, – wahrhaftig nicht!« rief er lachend aus, aber es kam ihm seltsam aus der Kehle. Er konnte sie nicht mehr ansehen, denn ihr weißer Hals lockte ihn, und dazu die roten Lippen und die großen, lüsternen Augen. Er wußte nicht, sollte er sie küssen oder erwürgen. Und so ließ er sie auf der Veranda stehen und ging hinein, noch einmal die Wendeltreppe hinauf. Auf halbem Wege machte er halt und krampfte die Hände. Der Junge hatte an ihrer Seite gesessen, ahnungslos, daß ihre Seele von Sünde und Verrat erfüllt war, und hatte den Vater an den Wagen gelockt und in seiner Reinheit auf die Schuld der Mutter hingewiesen. Was für ein grausames Spiel das Leben schuf, in dem die tausend Rätsel walteten!

Sie fuhren zusammen nach Berlin, nachdem der Wagen sie bis zur Bahn gebracht hatte. Gläser vertiefte sich in seine Zeitung, und Klothilde sah zum Fenster hinaus. Als sie in der Stadt waren, wußte er nicht, was er gelesen hatte, und sie hätte nicht behaupten können, irgend etwas gesehen zu haben. Wie ein zufriedenes Ehepaar stiegen sie aus. Gläser bekam plötzlich den Einfall, auf ein paar Minuten mit nach der Viktoriastraße zu gehen, wo er vor kurzem eine Wand hatte durchbrechen lassen. Klothilde heuchelte Freude darüber, denn steckte er jetzt seine Nase in die Wohnung, so war nicht zu befürchten, daß er unvermutet später auftauchen würde.

In dem zweistöckigen Hause, das wie ein kleines Palais hinter dem Vorgarten lag, war alles blank und sauber. Die verschlossenen Fenster hatten ihre blinkenden Augen wieder aufgetan, in deren Breite das Straßenbild sich spiegeln konnte. Acht Tage lang war die frische Luft durch die glänzenden Räume gegangen, in denen man gründlich abgestaubt hatte. Gläser besichtigte alles. Er ließ seine Frau vorn und ging mit dem Gärtner, der zugleich Portierdienste verrichtete, in dem kleinen Wintergarten, der sich im Parterre an der Einfahrt bis tief nach hinten zog, in der Ecke mit einer mächtigen, gebogenen Scheibe abschloß und einen blühenden Erker bildete. Auf dieser Seite lag das Haus frei, wie hineingeschoben in einen Park, der prächtige Bäume zeigte. Unten waren die Gesellschaftsräume, oben wohnte man.

»Schön, schön, Sie haben alles gut besorgt. Also morgen abend sind wir hier«, sagte Gläser, benutzte dann aber die Gelegenheit, den Schlüssel der kleinen Tür abzuziehen, die hinten nach dem Garten führte und von innen verschlossen war. Das Küchenvolk ging hier aus und ein, sobald es nach einem schmalen Hofe wollte, der links hinter einer hohen Holzwand lag.

Dann verabschiedete er sich von Klothilde. »Also um halb drei, komm 'aber nicht später, wir wollen früh hinaus.«

»Nein, nein. Ich bin dann längst fertig mit meinen Besorgungen.«

Sie hatte ihm von Einkäufen vorgeredet, die sie noch zu machen habe. Jetzt sei es noch nicht zehn, um zwölf Uhr würde sie von hier fortgehen können. Er nickte und ging, um sich an der nächsten Straßenecke eine Droschke zu nehmen, die ihn durch den Tiergarten führte.

Das Laub war gerötet, milder Sonnenglanz durchflutete diesen herbstlichen Farbenrausch, der das Auge labte. Gläser jedoch ließ alles achtlos an sich vorübergleiten. Das Wort »Einkäufe« klang ihm noch in den Ohren und brachte ein verzerrtes Lächeln hervor. Am Tage vorher hatte er zufällig erfahren, von wem die Silbersachen für seinen Sekretär gekauft waren. Und schon längst wußte er, daß Herbst sein Mädchen durchaus nicht abgeschoben hatte, sondern nach wie vor mit ihr vergnügt das Stockwerk teilte. Einmal lachte er vor sich hin, denn Klothilde erschien ihm wie die dreifach Betrogene, während er es nur einmal war. Er begriff sie nicht, die damals aus Überzeugung das Wort Filou auf ihren Geliebten angewendet hatte und ihm doch wieder tributpflichtig wurde. Diesem Windhund, diesem Windhund! Daß er ihn erst laufen lassen mußte, bevor er ihm ans Fell konnte! Aber es ging nicht anders, denn ein guter Jäger stellte sein Wild.

Noch vor dem Brandenburger Tor begegnete er Simsing, einem bekannten Fondsmakler, der, wenn ihm das Glück hold war, seine hundert Mille jährlich einbrachte. Er ließ das kleine Männchen mit dem klugen, frischen Gesicht, in dem sich der Mund stets zu einem Witz spitzte, einsteigen, um ihn ein Stück Weges mitzunehmen.

»Wissen Sie schon, daß die Türken aus der Erde kommen?« begann Simsing sofort.

»Gewiß. Wenn sie Bohnen sind …« erwiderte Gläser trocken. »Das habe ich schon als Schuljunge gewußt.«

»Sie kann man aber auch gar nicht 'reinlegen«, fuhr der Makler gemütlich fort. »Sie tun es lieber mit anderen.«

»Schöne Sache«, sagte Gläser gleichmütig. »Was gibt's sonst Neues?«

»Daß Ihr Leib- und Magen-Syndikus für Privatzwecke, – heißt er nicht Referendar Herbst? – halsbrecherische Differenzgeschäfte macht, die er nicht zahlen kann. Halten Sie den jungen Menschen im Zaum, wenn Sie es noch nicht wissen sollten. Er liegt mit fünfzehn Mille drin. Aber Sie werden wohl gut für ihn sein.«

Gläser spitzte die Ohren und ließ die kleinen Augen spielen, geriet aber nicht in Verblüffung, weil es sich um seinen Vertrauten handelte. »So, so«, stieß er zwischen seinen Hauern hervor. »Na, das wird er wohl verschmerzen können. Aber ich will ihm doch einen Wink geben.«

»Lebt sehr flott, der junge Mann, hält sich eine kostspielige Mätresse«, fuhr Simsing fort, der ohne Schwatzen nie auskam.

Gläser brachte ein Lachen hervor, das er aber halb verschluckte. »Weshalb soll er nicht? Das tun selbst Fürsten, und mein Sekretär bekommt ein fürstliches Gehalt.« Wie gewöhnlich schnitt er auf, aber so etwas wirkte immer nach außen hin. »Haben Sie sonst noch was auf der Pfanne?« fuhr er dann fort, nachdem der Kleine ein »so, so« eingestreut hatte. Wiederholt war er von rechts und links begrüßt worden, und so stieg seine Laune, trotzdem es ihm schon leid tat, diesen Herrn Geradeaus eingeladen zu haben. Wer konnte wissen, ob er nicht noch auf seine häusliche Schande anspielen würde!

»Die ›Bodenbeleihung‹ macht schlechte Geschäfte«, sprach Simsing weiter und rieb sich die Nase. »Haben Sie schon Ihr ganzes Heu 'rein? Dann sorgen Sie bald dafür. Ich habe gehört von dem neuen Arrangement. Und gesprochen sollen Sie haben! Ritzner sagte es mir. Der ganze Aufsichtsrat verlor die Hosen. Hübsches Bild, was? Schenke ich Ihnen.«

Er lachte, daß die Goldplomben seiner Zähne sichtbar wurden, und Gläser, im Augenblick geschmeichelt, geriet ebenfalls in Heiterkeit. Dann aber wurde er rasch ernst, denn der Makler fuhr fort, ihm Aufschlüsse zu geben. Die ›Bodenbeleihung‹ habe gewissen persönlichen Freunden des ersten Direktors ein Konto eröffnet, das hübsche sechsstellige Zahlen ausmache. Und auf Tilgung sei schwerlich zu hoffen, denn der eine Intimus übe sich schon im Dallestanz, um auswärts Gastspiele zu geben. »Guter Witz, wie? Schenke ich Ihnen.« Abermals leuchteten die Zähne, während die Finger über den glänzendschwarzen Schnurrbart glitten; dann berührten sie flüchtig die Brillantnadel der Krawatte, um sich von ihrem Vorhandensein zu überzeugen.

Bei der außerordentlichen Generalversammlung werde die Sache zum Klappen kommen, denn Bankier Leberheim stehe schon den ganzen Tag vor dem Spiegel und halte seine Rede vorher. Wenn der 'mal den Mund aufreiße, dann mache er ihn auch so bald nicht wieder zu; es ziehe dann von allen Seiten. Das Unglück für die Bank sei die Fusion mit der ›Provinzial-Hypotheken‹ gewesen, die die Bilanzen verschleiert habe, um bei dem Übergang recht viel herauszuschinden. Jetzt komme das dicke Ende nach und die ›Bodenbeleihung‹ müsse sehen, wie sie fertig werde. Der Hauptschuldige sei gestorben, und man könne als sicher annehmen, daß Kommerzienrat Soldrich die ganze Verantwortung zu tragen haben werde, denn verwandtschaftliche Beziehungen hätten da eine Rolle gespielt.

Gläser horchte auf, denn obwohl über diese Dinge genug herumschwirrte, war ihm eine ähnliche Deutlichkeit noch nicht zu Ohren gekommen. Sofort aber bekam er das nötige Pflästerchen auf die Wunde, indem ihm Simsing gemütlich auf die Hand klopfte und ihn mit seinem berühmten Gesichtskniff zu loben begann: »Sie sind der Mann, auf den man hofft, denn Sie sind gut für zwanzig Millionen. Ideen, Ideen muß man heute haben! Eine Idee kann alt sein, wenn sie nur hübsch aufgarniert wird. Guter Vergleich, wie? Schenke ich Ihnen … Gibt's denn überhaupt was Neues? Die Sauce macht den Braten erst schmackhaft. Na, und Sie begießen ihn ordentlich. Daß er schwimmt! Das Garnieren, das verstehen Sie! Heißt 'ne Sache. Sie stecken die ganze Bande in die Tasche … Haben Sie gesehen, wie das Mädel mich eben anlachte?« unterbrach er sich. »Kunststück! Hübscher Kerl, wie ich! … Die ›Bodenbeleihung‹ glaubte Ihnen zu kommen, und Sie kommen ihr doch eigentlich. Das ist der Witz … Guten Tag, guten Tag, mein Kätzchen!« lenkte er abermals ab und lüftete den Hut gigerlhaft mit emporgezogenem Arm. »Ramschen Sie doch die ganze Gesellschaft«, fuhr er dann fort. »Aufsaugen, aufsaugen, das ist die Losung des Tages! Es laufen so viele kleine Pintscher herum, die uns unter die Beine kommen und am Gehen hindern. Es fehlen die Köter, die sie wegbeißen. Sie können's, denn Sie haben Zähne.« Und unwillkürlich dachte er an die Hauer Gläsers, die bereits sprichwörtlich geworden waren … »Sehen Sie doch, da geht Süßler. Was der für einen Kaftan trägt. Ich glaube, er läuft mit schiefen Absätzen herum. Vor zwei Jahren fuhr er noch auf Gummi. Jetzt lumpt er in allen Cafés. Ich guck' weg, er war mir immer ein unangenehmer Mensch. Kein Rückgrat! Sein Vater hat mit alten Kleidern gehandelt, und er trägt sie jetzt.«

Sie waren Unter den Linden angelangt. Und Simsing schwatzte weiter in seiner Weise, weltüberlegen und kokett, bald in geschäftliche Dinge tauchend, dann sich wieder in Witzen ergehend, wobei er das schöne Geschlecht, das vorbeiströmte, nicht vergaß. Den Fuß im Lackstiefel auf den gegenüberliegenden Sitz gelegt, die zierliche Gestalt fast verkrümelt neben dem wuchtigen Gläser, lachte er in den klaren Herbsttag hinein, mit der Unverwüstlichkeit des reichen Junggesellen, der das Auf und Nieder der Tausendmarkscheine kennt und, sie leicht verdienend, sie auch leicht wieder auszugeben vermag. Ja, diese Banken, diese Banken, die das Geld immer rollen lassen mußten! Sie seien mit den Mietskasernen zu vergleichen, die man in sechs Wochen zusammengekittet habe. Ein Haus halte nur das andere, und reiße man eins mitten in der Straße ab und stütze nicht die Wände der anderen gehörig, so falle die ganze Chose zusammen. Nur der Effekten-Verkehr sei das eigentlich Wahre, das Solide, das Reinliche, einfach das Staatserhaltende!

Es war immer dasselbe Lied, das er pfiff, weil er es hübsch eingeübt hatte. Als sie aber bei Kranzler angelangt waren, wo er aussteigen mußte, gab er dem Gespräch plötzlich eine Wendung. »Übrigens, hören Sie mal, – es war nicht klug von Ihnen, so viel Engelbert-Hütte zu kaufen. Sie hätten längst losschlagen sollen, ich riet schon vor Wochen. Sie werden ganz Berlinend damit tapezieren können. Teures Vergnügen. Auch Sie großer Mann können sich irren.«

»Ist nicht heute Freitag?« fragte Gläser wie zerstreut.

Simsing verstand ihn und lachte; dann reichte er ihm die Hand und stieg aus. Ein Weilchen blieb er noch am Rande des Bürgersteiges stehen und blickte dem Gründer nach, mit der Miene des Mannes, der die Sorgen des andern nicht haben möchte.

23.

Es war kurz nach zwölf, als Gläser Herbst in sein Haus gehen sah. Schon seit zehn Minuten stand er auf seinem Beobachterposten und bog wiederholt in die Margaretenstraße ein, von deren Ecke aus er die andere Seite überblicken konnte. Dann unternahm er einen kleinen Spaziergang um die Matthäikirche herum, in dem Zustand eines Menschen, dessen Sinne unnatürlich erwacht sind und der doch kaum weiß, wo er sich befindet. Als es oben Viertel schlug, machte er kehrt und schritt geschäftig seiner Wohnung zu, als könnte es gar nicht anders sein. Vor sich sah er den Gärtner gehen, den er hinter dem Gitter einholte und fragte, ob Herbst schon hier sei, den er vorangeschickt habe. Er wollte jedes Aufsehen vermeiden.

»Dann muß er inzwischen gekommen sein«, erwiderte Kleinke und stand militärisch gerade. »Gnädige Frau schickten mich mit einer Bestellung fort.«

»Gut, gut, ich werde meiner Frau sagen, daß Sie wieder hier sind«, gab Gläser zurück, der Klothildes Schlauheit begriff. Und um ihn loszuwerden, schickte er den Braven in den Vorgarten; er solle sich dort einmal die Topfpflanzen vor der Säulenhalle ansehen, die nicht gerade stünden. Dann ging er um das Haus herum und schlüpfte durch die kleine Tür neben der Veranda.

Alles war still. Der Läufer auf der kurzen Treppe bis zum Parterreabsatz dämpfte den Schall seiner Tritte. Von diesem hinteren Flur aus führte ein Eingang in den Wintergarten, der für den Gärtner bestimmt war. Gläser benutzte ihn und begab sich dann nach vorn in die glänzenden Räume, die sämtlich offene Türen hatten. An der Innenstiege angelangt, die durch einen blauen Samtvorhang verdeckt war, hörte er Klothildes Stimme herunterschallen. Leise kehrte er wieder um und betrat das Treppenhaus, dessen Flurgänge im ersten Stockwerk endeten, während die Lichtkuppel bis zum Dache reichte. An der rechten Seite lag der Speisesaal, der sich bis zum zweiten Geschoß hinaufzog und an zwei Seiten eine kleine Galerie zeigte. Er umschritt sie und war dann in dem Wohnzimmer, dessen Fenster nach der Straße führten. Nun verstand er jedes Wort, das nebenan gesprochen wurde.

»Ich muß die fünfzehntausend Mark haben, oder ich bin erschossen«, sagte Herbst und ging erregt im Zimmer umher.

»Aber Liebster, wie soll ich das machen! Mein Gott, bist du deswegen hergekommen? Ich freute mich so sehr.«

»Ja doch, ich auch! Aber wenn einem so etwas im Kopf herumgeht … Für dich natürlich Kleinigkeit.«

»Das sagst du so«, hielt sie ihm entgegen und ließ einen Seufzer folgen. »Das Scheckbuch hat mein Mann an sich genommen, ich mußte es ihm geben.«

»So nimm's ihm wieder fort … pump' ihn an, beraube ihn meinetwegen. Er bestiehlt die Leute genug.«

»So laß doch alles bis nachher«, bat sie. »Komm' nach hinten, ich nehme deinen Hut und Schirm.« Als er noch zögerte, spielte sie die Aufgebrachte. »Du, Oskar, ich glaube dir nicht! Sie ist wieder hier, du hast mich belogen. Wenn ich das wüßte, wenn ich das wüßte! Ich würde mich vor mir selbst schämen, wieder so schwach gewesen zu sein. Damals hätte ich vor dir ausspucken können.«

Er lachte auf. »Wieder die alte Geschichte! Gut, gut, ich kann ja gehen. Was verstehst du vom Börsenspiel.«

Während sie schwiegen, rauschte sie umher, so daß der Luftzug ihrer Schleppe durch die Türe drang. »Ich will es dir ja glauben, Liebster. Habe ich dir nicht immer gegeben? Zu jedem Opfer war ich bereit. Weil ich dich gern hatte, weil ich ohne dich nicht leben konnte! … So bleib' doch, so bleib' doch! Schenk' mir doch diese Stunde! Alles will ich versuchen, und wenn ich meine Brillanten versetzen sollte.«

Er schwankte. »Weißt du, mich plagt heute merkwürdige Unruhe. Laß mich gehen, er mußte heute etwas haben, ich sah es ihm an.«

»Ach, Einbildung von dir. Er war gemütlich, wie immer. Du kannst hinten hinaus, wenn du willst. Es kommt niemand, verlaß dich darauf.«

Sie girrte aufs neue, diesmal mit der unbändigen Sinnenlust der Frau, die ihren Willen durchsetzen möchte. Ihr Locken ging in Zärtlichkeiten über, denen Herbst nicht widerstehen konnte.

Gläser, der sie zuerst hinten stellen wollte, vermochte nicht mehr an sich zu halten. Er stürmte hinein, packte Herbst am Kragen und zog ihn mit gewaltiger Kraftanstrengung beiseite, so daß er rückwärts über einen Sessel fiel. »Zuhälter! Lump!« brüllte er auf und drückte ihm die Kehle zu. »So also belohnst du meine Wohltaten!«

Mit einem Schrei war Klothilde geflüchtet, noch immer den Hut in der Hand, was sie gar nicht zu wissen schien. »Du wirst ihn würgen, du wirst ihn würgen!« kreischte sie auf. »Laß ihn los, ich rufe um Hilfe!« In diesem Augenblick dachte sie nur an den Geliebten, der durch ihre Schuld zurückgeblieben war.

»Um so besser für dich!« preßte Gläser hervor und lachte grausig. »So wie du mich betrogen hast, so hat er es bis heute mit dir getan. Eine Dirne beschenkt ihren Galan, der sich dann eine andere dafür kauft! Das ist die Moral davon. Und deshalb soll er doppelt gezüchtigt werden.« Und an das schöne Geld denkend, das nicht einmal bei diesem Heuchler geblieben war, schlug er wild auf ihn los, traf sein Gesicht, die Schultern, die Arme und schüttelte ihn dabei wie einen Schulbuben. Gleich einem Tiere gebrauchte er die Pranken, ohne zu beachten, was unter ihnen vorging. Die kleinen Augen erweiterten sich und verloren ihre Beweglichkeit, denn er sah nur den Menschen, der ihm sein Glück geraubt hatte.

»So mach' dich doch nicht unglücklich!« rief Klothilde ihm zu, als sie bemerkte, daß Herbst die Farbe wechselte und vergeblich nach Luft und Worten rang.

In diesem Augenblick, wo Gläser kaum mehr wußte, was er tat, schallte laut sein Name von unten die Wendeltreppe herauf. Etwas Außergewöhnliches mußte vorgefallen sein, denn es war der Gärtner, der erregt die Bitte äußerte, er möchte doch schleunigst herunterkommen.

»Ja doch, ja doch!« gab Gläser zurück, kam zur Besinnung und ließ sein Opfer los.

»Sind Sie verrückt geworden?« sagte Herbst, noch keuchend vor Aufregung. »Sie werden für diese Roheit um Entschuldigung bitten. Es war der reine Zufall, der mich hierher führte. Nur Ihr Wahn kann Ihnen das alles eingegeben haben.«

Mit zerdrücktem Kragen und zerrissener Krawatte stand er da, auch jetzt noch bemüht, sein Gleichgewicht zu behalten und den Unentbehrlichen zu spielen. Als er dann aber sah, daß alles für ihn verloren war, wollte er wenigstens einen würdigen Abgang haben. »Morgen erwarte ich Ihre Abbitte, morgen schon! Hören Sie? Vergessen Sie nicht, daß Sie bisher kein Geheimnis vor mir hatten und daß es nicht die Art von Gentlemen ist, heikle Differenzen durch die rohe Gewalt auszugleichen.«

»Aber Börsendifferenzen durch das Geld der Geliebten«, warf Gläser ein und verschluckte das Lachen, das in ihm aufstieg. »Hinaus, hinaus!« schrie er dann aufs neue unbändig.

Abermals wollte er auf ihn los, aber Klothilde trat dazwischen. Ihre Leidenschaft war plötzlich erwacht, gerade wie damals, als sie das Püppchen bei dem Treulosen angetroffen hatte. Zum zweitenmal war ihr die Binde von den Augen gerissen, aber nun sah sie weiter, denn der, der ihr den Blick öffnete, log nicht, das fühlte sie, trotzdem sie nie größeren Abscheu vor ihm empfunden hatte als jetzt.

»Was willst du? Geh' doch gleich mit!« drohte Gläser sie an. »Du bist nicht besser als der Schmutz auf der Straße.«

Furchtlos hielt sie seinen Blick aus, während ihr dunkle Röte ins Gesicht schoß. »Ja, ich werde auch gehen, aber dorthin, wo ich will«, sagte sie langsam mit zitternden Lippen. »Du aber kehre zu deinem Dienstmädchen zurück, zu dem du besser gepaßt hättest, als zu mir. Das wollte ich dir schon lange sagen, ich weiß alles. Dein Aufstieg war Lug und Trug, und als ich dich heiratete, habe ich mich weggeworfen … So, nun erhebe die Hand auch gegen mich, zeige deinen großen Mut. Alle deine Millionen können das nicht abwaschen, was an dir klebt.«

Die Frau stand vor ihm, die nichts mehr zu verlieren hatte, die aber mit der Wucht ihrer Erscheinung der seinigen begegnete. Trotzdem er sie verachtete, fühlte er die Überlegenheit, die aus ihrer Ruhe strahlte. Schöner als sonst sah sie aus, heiß begehrenswert wie das Weib, das durch die Liebe frisch geblieben ist und sich immer nach neuer sehnt. Die Worte würgten in ihm, aber er sagte nichts. Und wenn er alle Kraft zusammengenommen hätte, er würde gegen diesen Angriff zu schwach gewesen sein. Da kam ihr Herbst noch zu Hilfe, der Gläser ansah, was in ihm vorging. Er biß plötzlich den Steifen heraus, verbeugte sich vor Klothilde und sagte gelassen: »Ich danke Ihnen für Ihre Bemühungen, gnädige Frau. Mir fällt bei dieser Gelegenheit die kleine Geschichte von dem biederen Manne ein, der die Ersparnisse seiner armen Braut in den Stiefel steckte, um sie nachher als verloren auszugeben … Ich hatte den großen Vorzug.«

Er nahm Hut und Schirm, machte nochmals einen tiefen Nicker vor ihr und ging durch die Tür zur Treppe hinaus, ungehindert von Gläser, der diese zweite Wendung nicht erwartet hatte. In seine Verblüffung platzte jetzt ein neuer Zuruf von unten hinein. »Herr Direktor, sind Sie da? Herr Direktor! Man will Sie sprechen, es ist jemand aus Berlinend. Ihr Herr Sohn ist krank geworden. Ich bitte sehr, kommen Sie.«

»Wie? Was?« Er vergaß alles und polterte hinab, gefolgt von Klothilde, die blaß hinter ihm her schlich bis zur ersten Stufe, erfaßt von schlimmer Ahnung.

Unten stand Dolinsky, der ihm berichtete, daß sich Viktor gegen Mittag ins Bett legen mußte, weil Fräulein Leseur Fieber an ihm entdeckt habe. Man sei sofort ans Telephon gegangen, habe aber von der Bank die Antwort bekommen, daß man nicht wisse, wo der Direktor sei, und daß man hier, in der Viktoriastraße, nicht antworte. Wahrscheinlich sei die Klingel noch abgestellt. Seine Frau, die bei dem Kranken sitze, habe ihn dann sofort nach Berlin getrieben, damit er persönlich die Eltern benachrichtige. Der Arzt werde wohl schon draußen sein.

»Er wird sich gestern etwas geholt haben, draußen in Nebel und Sumpf«, fuhr er fort. »Ich sah Ihre Frau mit ihm zurückkommen, hinten von den Wiesen. Ich habe mich sehr gewundert.«

»Wo ist sie, wo ist sie?« schrie Gläser ohne Rücksicht los. Er stöhnte wie ein verwundetes Tier, das sich noch einmal zur Wehr setzen müsse. Und wirklich schien es, als wollte er wieder zurück, sie mit Gewalt zu holen, die ihm auch das noch angetan hatte. Dann aber besann er sich. »Vorwärts, vorwärts, eine Droschke! Zur Bahn! Meinen Hut, meinen Hut!«

Was war ihm dieses Haus, was noch sein Weib, was das Gespötte der Welt, wo sein Einziger draußen auf ihn wartete. Er lief umher, knöpfte sich den Rock zu und riß ihn wieder auf, ohne Sinn und Verstand.

Die anderen beiden sahen sich an, denn während sie unten standen, hatten sie alles gehört, was sich oben abspielte. Dolinsky eilte hinaus, der Gärtner jedoch sprang rasch die Treppe hinauf, um den Hut zu holen. Dann folgte er dem anderen.

Gläser war noch unschlüssig, denn plötzlich hörte er Klothildes Stimme wie gebrochen herunterschallen. Sie mußte am Telephon stehen, denn er vernahm deutlich die Worte: »Der Wagen soll am Bahnhof sein.« Und als er weiter lauschte, glaubte er ein Schluchzen zu vernehmen, was ihn seltsam berührte. Er kam sich wie ein Unglücklicher vor, der in namenlosem Schmerz zwischen geteilter Liebe steht. Sie war die Mutter, die Mutter! Wenn auch schmachbedeckt, aber sie war die Mutter! Niemals hatte er so mit sich gekämpft wie jetzt. In einer Minute verdichtete sich alles in ihm, was an loser Empfindung vorhanden war. Er sah den Tag, wo er sie zum erstenmal erblickte, sah all die Nächte, wo er brennende Sehnsucht nach ihren weißen Gliedern hatte, und dann die Stunde, wo er sie endlich in seine Arme schließen durfte. Und in Gold, Samt und Seide war sie von ihm eingewickelt worden, und je mehr sie die Reinheit ihrer zarten Haut pflegte, die ihn stets trunken machte, je schwärzer wurde ihre Seele, die sie lächelnd ihm verbarg! Was würde sie nun tun? Zu dem andern zurückkehren? Oder zu ihrer Mutter, die seit einem Jahre ihre eigene Wohnung hatte?«

Draußen fuhr die Droschke vor. Seine harte Natur siegte. Rasch schritt er hinaus, kein Mitleid mehr auf seinen Zügen.

Oben hatte Klothilde ebenso gehorcht wie er, die Hand auf das klopfende Herz gedrückt. Nun, da sie die Tür ins Schloß fallen hörte, sank sie nieder und weinte laut. Und es dauerte lange, ehe sie sich aufraffte und wieder an das Telephon trat, um zu erfahren, wie es draußen stünde.

»Typhus!« Das war das Wort, das in der Villa widerhallte. Es schien Gläser, als wäre es jetzt erst zu seinem Schrecken erfunden, denn er sah, wie das unglückliche Kerlchen sich wand und wie es im Fieber nicht einmal die Sprache fand. Und er konnte ihm nicht helfen, er, mit seinen starken Armen, die so viel bezwungen und alle Feinde aus dem Wege geräumt hatten. Auch die dort hinten, die mit ihrem Lumpenelend alles verseuchen wollten. Er glaubte die Krankheit erstickt zu haben, und nun hatte sich ihr Keim doch bis hierher verloren, als ein furchtbares Menetekel, das in sein Gewissen griff. Er sah es überall, wo er ging und stand, und es flammte blutrot am Haupte seines blassen Kindes. Wie gewöhnlich wollte er der Stärkere sein, sich einreden, daß alles die Folge natürlicher Ereignisse sei, aber er kam über den innersten Gedanken nicht hinweg. Um dann dieser Qual ein Ende zu machen, erging er sich in zorniger Anklage gegen Klothilde, die ihn am Abend ans Telephon gerufen hatte und in Ruhe fragte, ob sie kommen dürfe, nicht mehr als seine Frau, sondern nur als die Mutter. Hohn war seine Antwort, denn nur dadurch konnte er im Augenblick Genugtuung haben. Denn wenn sie den Jungen noch liebte, so würde sie dieses Fernbleiben als harte Strafe empfinden.

Das Krankenzimmer war abgesperrt, nur Anna ging aus und ein und besorgte die Pflege nach Anordnung der beiden Ärzte, die morgens und abends kamen. Man schritt in der Nähe nur auf den Zehen umher, mit Ausnahme von Fräulein Leseur, die sofort in ein leeres Zimmer auf der anderen Seite geflüchtet und nicht zu bewegen war, die Stube zu betreten. Sie glaubte, die Pest sei im Hause, und so hatte sie um ihre Entlassung gebeten, die ihr von Gläser mit unzarten Worten gegeben war. Nun, wo alle wußten, daß die Frau nicht mehr zurückkehren würde, hatte sie genug von diesem ganzen Leben. »C'est un scandale, c'est un scandale!« rief sie unten in der Küche aus, wo die Klatschzungen in Bewegung waren und alles drunter und drüber ging. »Wir sterben noch alle an diesem verfluchtigen Ort. Trinken Sie nur abgekochtes Wasser.«

Der Umzug war vorläufig eingestellt, denn der Verlauf der Krankheit mußte erst abgewartet werden. Gläser fuhr nicht nach Berlin, ließ sich vielmehr jeden Abend von dem ersten Prokuristen der Bank Bericht erstatten. Das übrige tat das Telephon, in das noch niemals so laut hineingeschrien worden war. Es lag auch Ursache dazu vor, denn geschäftliche Ungewitter zogen drohend herauf: es donnerte und blitzte von allen Seiten. Simsing hatte recht behalten mit seiner Prophezeiung. »Engelbert-Hütte« standen auf siebzig unter pari, und Gläser war noch nicht mutig genug, zu verkaufen, trotzdem er einen ganzen Waschkorb voll davon hatte. Er traute diesem Fuchs nicht, der mit seinen Hintermännern manchmal einen kleinen Börsenozean ausfischte und durch Tartarennachrichten alles niederdrückte, was nachher mit der Schnelligkeit von Luftballons wieder stieg, nachdem er es an sich gerafft hatte. Nach seiner Überzeugung mußten die Papiere schon in den nächsten acht Tagen wieder in die Höhe gehen, weit über hundert hinaus, denn man munkelte von riesenhaften Aufträgen an die Hütte.

Auch die Männer von der »Bodenbeleihung« machten plötzlich Schwierigkeiten, ihre Zusagen zu erfüllen, trotzdem er die Millionen nötig brauchte, um dringende Verbindlichkeiten zu decken. Das Geld floß neuerdings mehr aus seiner Bank, als daß es hineinkam. Ein Mißtrauen wuchs aus der Erde, das immer drohender auftauchte. Es war das alte Zeichen der Zeit, das jeder kannte und doch nicht erklären konnte: die ewige Lawine, die auch im Handel klein sich loslöste und mächtig anschwoll, bis sie riesenmäßig angedonnert kam.

Auch sonst hatte Gläser Pech mit seinen Gründungen. Terrainspekulationen glückten ihm nicht, ohne Gewinn mußte er losschlagen, um nicht Verluste zu tragen; und mit der Tätigkeit der großen Baugesellschaft, die in Alt-Berlin einen wuchtigen Keil getrieben hatte, ging es nur langsam vorwärts. Häuser mußten enteignet werden und verursachten lange Prozesse. Er mußte mit bluten, weil sein Geld drin steckte, ohne vorläufig den Nutzen davon zu sehen.

Alles Unheil traf zusammen, wie immer, wenn dunkle Gewalten an der Arbeit sind. Er aber tröstete sich auf die Stunde, wo des Hauses Elend zur Hälfte wenigstens erschöpft sein würde und ihm das Stammeln des Gesunden neuen Mut zur Eroberung geben mußte.

Tag und Nacht saß Anna am Bettchen des Kranken. Sie schlief im Hause und mied ihre eigene Wohnung, um den Ansteckungsstoff nicht zu ihren Kindern zu tragen, die sie bei ihrem Manne und dem Mädchen in guten Händen wußte. Man hatte noch eine Pflegerin angenommen, die sie ablöste.

Dolinsky, der sie in solchen Stunden sprach, fand schließlich ihr Verhalten ungeheuerlich. »Das wird ja immer besser!« polterte er los wie ein Riese in der Pappschachtel. »Hübsch von dir, dein Herz spricht wieder für dich, aber mußte das sein, daß du gerade –? Er kann sich ja ein Dutzend barmherzige Schwestern nehmen, er hat Geld genug.«

»Ja, es muß sein«, erwiderte sie ruhig. »Gerade, weil du es nicht verstehst. Er wird bald ärmer sein, als wir.«

Mit ihrem klugen Blick hatte sie erkannt und aus dem Verhalten der Ärzte erforscht, daß der schwache Körper des Knaben auf die Dauer dem Letzten nicht werde widerstehen können.

»Und unsere Kinder?« fuhr er grollend fort.

»Die befinden sich in Gottes Hand, und auch in deiner. Tu dich auch mal ein bissel um sie kümmern. Jetzt siehst du schon, was es heißt, wenn die Mutter nicht da ist. Diesem hier hat sie schon lange gefehlt. Ich habe dir kaum den Rücken gekehrt, und da schreist du schon. Du bist eben durch mich verwöhnt. Geh' schon, du kannst ganz beruhigt sein. Ich weiß alles, was bei uns vorgeht, und unsere Rangen seh' ich auch jeden Tag, ohne daß sie es merken. Gib ihnen ein paar Küsse mehr, die sind dann von mir. Und dann rauch' nicht so viel. Mit deinem Magen hat es zuletzt immer gehapert. Heute bekommt ihr schönen Kalbsbraten und die Kinder einen Haufen Kompott. Sei nur gut, ich denke jede Minute an euch.«

Seitdem sie hier war, wurde regelmäßig das Essen hinübergeschickt, was ihr große Beruhigung gab.

»Ich weiß gar nicht, was in dir steckt«, brauste er trotzdem wieder auf. »Du bist die merkwürdigste Frau, die mir vorgekommen ist.«

Sie lachte, so daß ihre Grübchen sich wieder zeigten. »Dann halt' mich nur fest, denn Merkwürdigkeiten gibt's nicht alle Tage. Wenn ich nur weiß, was in mir steckt, dann ist's schon gut. Siehst du, ich war immer dankbar. Er hat mir zu dir verholfen, und das muß ich ihm vergelten.«

Wie immer, wenn sie ihre heitere Stunde hatte, zog sie ihn auf mit ihrem ganzen Übergewicht, unter dem er sich fast erdrückt fühlte. Und doch sah er ihr an, daß hinter all diesem Frohsinn eine gewisse Wehmut lag, die ihr Gesicht verdüsterte, wie die lose Wolke, die schnell an der Sonne vorüberzieht. Er wußte es, nie würde er diese Natur ganz erschöpfen, die an Wissen unter ihm stand und ihn doch an Herzensbildung überragte. Und weil er das empfand, wehrte er sich nach seiner Art, ohne es schlimm zu meinen.

»Ich werde mich von dir scheiden lassen, wenn das so fortgeht«, knurrte er aufs neue. »Und dann kannst du ihn ja heiraten, seine Frau ist er ja glücklich losgeworden. Alte Liebe rostet nicht.«

»Werde ich auch tun, ich glaube, er wartet schon darauf«, warf sie mit gemachtem Ernst ein. »Merkst du denn nicht, daß ich mich deswegen beliebt bei ihm mache? Ich sah alles schon so kommen. Dann werde ich hier als Frau Direktor kommandieren, und du wirst erst recht gehorchen müssen. Zwiebeln will ich dich, daß dir die Augen tränen! … Nun geh' endlich und bereite dich darauf vor, du Wüterich. Die Strafe kommt später.«

Damit ließ sie ihn stehen und ging lachend ins Haus. Und er machte sich davon und kam sich wie eine gefangene Maus vor, mit der die liebe Hauskatze wieder einmal gespielt hatte. Aber sofort nahm er sich abermals vor, bei dem nächsten Besuch direkt zu Gläser zu gehen, seine Wohnung zu kündigen und schleunigst nach Berlin zu ziehen, um endlich wieder auf zwei Beinen zu stehen. Dann würde ein Wort das andere geben, und er könnte sich einmal alles herunterreden, was er gegen ihn auf der Leber hatte. Diese beiden Menschen taten noch immer so, als gehörten sie zusammen, und spielten sich wie ein Riesenpaar auf, das ihn als Zwerg gemütlich mitschleppte, nachdem er an sie gefesselt war. Aber er wollte diese Posse nicht mehr mitmachen, nicht mehr der Spielball ihrer Launen sein! Dann würde er wieder frei werden und seinen hochfliegenden Plänen zufliegen können. Er wollte auch noch einmal erster Klasse in seinem Leben fahren, wie der andere, der es erreicht hatte.

Es war wieder die alte Gedankenumwälzung, die an ihm rüttelte, wie so oft schon, wenn dieses Rätsel namens Anna ihm die Lösung versagte. Als er aber nach Hause kam, die Kinder sich an ihn hingen und lärmend nach der Mutter fragten, der Kanarienvogel dazwischen sein Lied schmetterte, schrumpfte der ideale Aufständische wieder zum besonnenen Hausmännchen zusammen, das sofort die süße Umstrickung der alltäglichen Umwelt empfand.

Ja, es war nicht leicht, aus der eigenen Haut zu kommen, um nach Belieben in eine andere zu fahren! –

Als am sechsten Tage Gläser am späten Nachmittag von der Bank kam, nach der er sich endlich auf ein paar Stunden begeben hatte, weil das Fieber des Kranken plötzlich gesunken war, traf er Klothilde an, die ihre Mutter mitgebracht hatte.

»Was willst du noch hier?« herrschte er sie an. »Deine Sachen hätte ich dir geschickt.«

Frau Teichert legte sich ins Mittel und versuchte, ihm zu erklären, daß das Recht der Mutter immer noch auf seiten ihrer Tochter sei. Klothilde habe es nicht länger aushalten können und scheue seine ärgste Wut nicht, um ihr Kind gerade jetzt wiederzusehen.

Er lachte höhnisch auf. »Recht der Mutter? Während sie ihrem Liebhaber um den Hals fiel, lag ihr Junge hier schon krank. Und die, die sie schmähte, hatte Liebe für ihn … Geh' hinein und küß ihr die Hände«, wandte er sich dann wieder an seine Frau. »Ich sage dir, tue es! Wenn er am Leben bleibt, habe ich es ihr zu verdanken. Oft ist die Magd größer als die Herrin, das habe ich zu spät erkannt.«

Er war zur Milde geneigt, weil man ihm berichtet hatte, daß Viktor ruhiger schlafe.

Sie erwiderte nichts, ging aber zu dem Kranken, wo sie mit gefalteten Händen lange neben Anna saß. Beide flüsterten nur, und was sie sprachen, drehte sich um den Kleinen, dessen heißgerötetes Gesicht wieder zu denken gab. Die leichte Besserung war nur Täuschung, der Vorbote zur Krisis, die er nicht mehr überstehen sollte. Der Sanitätsrat hatte sich inzwischen wieder sehen lassen und war dann mit der Bitte fortgegangen, ihn nochmals telephonisch zu rufen, falls die Unruhe sich wieder einstellte. Er werde zu Hause sein. Gläser sah eine Ermunterung darin, Anna jedoch las aus seinem Gesicht das Schreckliche.

Schon nach zwei Stunden war alles vorüber. Bewußtlos hatte er seine Leiden überstanden, in jenem Zustand von Schlaf und Traum, der die schönste Erlösung ist. Es war so schnell gegangen, daß Anna ihm nur allein die Augen zudrücken konnte, selbst betroffen über dieses rasche Ende.

»Fasse dich in Geduld, ihm ist wohler als uns«, sagte sie mit erstickter Stimme zu Gläser, den sie sogleich hereinholte. Sie hatte das Gefühl, als wäre ihr eigenes Kind gestorben, denn mit diesem Häufchen Elend verknüpfte sich der Gedanke an den Mann, den sie noch immer liebte.

Alle kamen sie und sahen sich den Verblichenen an, bevor die Kälte ihn erfaßte. Das ganze Haus hatte sich an seine Laute gewöhnt gehabt, die immer wie das abgebrochene Echo einer klagenden Seele erschallt waren.

In seinem Arbeitszimmer stand Gläser und heulte unterdrückt wie ein verwundetes Tier, dem man den Todesstoß gegeben hatte. Dann, als Klothilde und Anna zu ihm hereingetreten waren, löste sich der furchtbare Schmerz in bittere Anklage gegen die Treulose auf. »Oh, du, du –!« drohte er ihr unter seinem letzten Schluchzen. »Du hast ihn getötet, du allein! Ewig muß dir das auf deinem Gewissen brennen!«

Sie wich bestürzt zurück, denn sie glaubte, er könnte selbst in dieser Stunde sich gegen sie vergessen. Als sie aber sah, wie er zusammengesunken dastand, faßte sie Mut, ihm noch das letzte zu sagen, bevor sie hinwegging auf Nimmerwiedersehen. In aller Eile hatte sie drüben ihre Sachen gepackt, was ihr wert erschien, den Weg ins Unbestimmte zu machen.

»Du irrst, mein Bester«, erwiderte sie mit der Ruhe der dreifach Gepeinigten, die nichts mehr fühlt. »Du allein hast ihn getötet, du! Aus deinem Leichenfelde dort hinten, das du für die Menge mit Rosen bestreuen wolltest, – dort stand ein Schnitter für ihn bereit. Wie er für die Armen bereit stand und noch für hundert andere bereit stehen wird, die deinem Moloch verfallen sollen. Das Schicksal nahm ihn dir, um dich dafür zu strafen. Mich leitete der Zufall, dich aber traf die Bestimmung.«

»Hörst du, hörst du? Was sagst du dazu? Ist sie nicht noch frech?« rief er Anna zu und stand wieder kampfbereit da.

Sie zuckte mit den Achseln. »Es wird wohl so sein, wie sie sagt. Es geht im Leben alles in Erfüllung. Behalte den Kopf oben, er saß dir ja immer zwischen den Schultern. Ich will jetzt gehen und alles anordnen.«

Und plötzlich sah er sich allein im Zimmer, verlassen von diesen beiden Frauen, die, so verschieden sie waren, in gleicher Erkenntnis von ihm gingen. Starr und stumm stand er da. Dann wankte er in das Nebenzimmer und sank vor seinem toten Sohne nieder. »Ist es wahr, was sie sagen? So sprich doch noch ein Wort, du mein Armer!« sprach er jammernd.

Und als alles still blieb, nur der Dämmerschein des kalten Herbstabends über das blasse Gesicht spielte, war es ihm, als müßte er den Toten packen, ihn auf die Schulter laden und hinausfliehen mit ihm, bis daß er unter seiner Last zusammenbräche …

24.

Diese Last trug er unsichtbar mit sich herum, auch dann noch, als die Tage sich auf die frische Erinnerung legten und die beflügelte Zeit ihn gnädig fortführte, immer tiefer hinein in den aufreibenden Kampf um das große Ich.

Herbst hatte ihm einen vernichtenden Schlag versetzt, ohne daß er den Urheber ahnte. Gleich nachdem er von Gläser an die Luft gesetzt worden war, begann er, gegen ihn zu wühlen, in der unlauteren Absicht, eine Annäherung durch klingende Münze zu finden. Noch immer konnte er sich nicht vorstellen, daß der Volksbeglücker allein ohne ihn fertig werden würde und daß das hübsche Paradies ein Ende haben sollte. Von Klothilde war nichts mehr zu erlangen, denn sie saß nun bei ihrer Mutter, und seitdem sie allen Glanz und zugleich auch den Wert der verbotenen Frucht verloren hatte, war ihr Nimbus für ihn fort. So lief er zu Gläsers Gegnern, brachte die Nachbargemeinde von Berlinend in Aufruhr und setzte sich wieder mit dem Börsenwinkelblättchen in Verbindung, mit dessen befreundetem Herausgeber er halbe Sache machte.

Gläser hatte verschiedene Mal geopfert, als er aber dann erfuhr, wer hinter der schmutzigen Schanze stand, erfaßte ihn starrer Ingrimm, und er erließ eine Erklärung, in der er deutlich auf die eigentliche Ursache zu diesen Angriffen hinwies. Er schuf sich aber dadurch nur seinen eigenen Pranger, denn sein alter Vertrauter wußte zu viel.

Als Herbst sah, daß auf diesem Wege nichts mehr zu erreichen war, wollte er wenigstens die empfangenen Schläge durch einen einzigen, gewaltigen Streich auf einmal zurückzahlen. Und er tat das, was Gläser am schwersten überwinden konnte: er ließ aus dem Andenken seines Sohnes ein schneidendes Memento mori entstehen, das als Flugblatt in die beteiligten Kreise flog und seinen Widerhall in der Öffentlichkeit fand.

»Der Mann ohne Gewissen« war das Schlagwort, das immer wiederkehrte, und an das sich liebliche Enthüllungen knüpften: wie man die Namen von Exzellenzen kaufte, wie man Moorgüter schacherte und das Geld für Anteilscheine einsteckte, um vergnügt zu leben. Gläser war als der moderne Erlkönig bezeichnet, der, schon das tote Kind im Arm, noch dem Volke vorschwatzte, er habe es siech und elend nach Berlinend gebracht, wo es gesundet sei. Aus den alten Weiden wurden Palmen, die Verheißung allen Dummen wedelten; statt der Hygiea tanzten nur die Irrlichter ihren Reigen, die die Gläubigen in den Sumpf führten, aus dem das ganze Leben des Gründers bestanden habe, auf dessen Siegesfahne nur das Wort Täuschung zu lesen sei.

»Schade um den jungen Mann«, sagte Konsul Lippert an der Börse zu Simsing, als er sich von seinem Schrecken erholt hatte. »Er schreibt wie ein Dichter, nur ist das Märchen nicht angenehm. Man hätte ihn halten sollen, er war auch bei uns. Soldrich aber war dagegen.«

»Zu seinem Nachteil«, erwiderte der Makler. Und leise summte er vor sich hin:

»Wo ist die Frau, wo ist die Frau?
Das ist das alte Lied.
Der Himmel ist mir nur noch grau,
Seitdem mich Thilde mied.«

Beide lachten und verschwanden im Gewühl.

Eines Morgens, als Berlin erwachte, war das Unglück geschehen. Die Volks-Garantie-Bank war in die Luft geflogen, mitgerissen durch den Zünder der »Bodenbeleihung«, und aus dem Krach, der weithin seinen Lärm verkündete, klang das Wehegeschrei der Verwundeten und das Heulen über die Zerschmetterten.

Ein Jahr lang hatte man sich noch gegenseitig über Wasser gehalten, war man groß gewesen im Vertuschen und Verdunkeln, bis dann die Mine nicht mehr zurückgehalten werden konnte. Wie zwei Ertrinkende, die sich Hand in Hand retten wollen und schiedene Ufer sehen, hatte man sich selbst in die Tiefe gezerrt, wo an ein Emportauchen nicht mehr zu denken war.

Jammernd standen die Hinterbliebenen und sahen versinken, woran sie ihre Hoffnungen geknüpft hatten. All die Leichtgläubigen, die mit voller Tasche zu Gläser gelaufen waren, fühlten jetzt nur noch die leere, die nie mehr von ihm gefüllt werden würde. Auch der Ausblick auf Berlinend nutzte nichts mehr, denn da draußen waren schon längst die Mittel ausgegangen, und wo stolz ein großes Eden für die Ruhebedürftigen nach langem Kampf entstehen sollte, ragte die tote, erst halb fertige Stadt, nur kümmerlich bevölkert an gesunder Stelle.

Der Staat hatte eingegriffen und neue Bauvorschriften gemacht, die nicht mehr zu bewältigen waren. Gleich einem Landriesen, der unheilverkündend über den Boden kriecht, hatte man Berlinend erwürgt, und der Schmähruf »Typhusgegend« war der Sterbegesang, der ihn begleitete. Den Schausteller dieses unheimlichen Toten aber begann man zu steinigen. Ganze Vermögen hatte er verschlungen in blinder Gier nach Erwerb, achtlos der Schüsse, die dumpf knallen könnten, um das Weinen der Witwen und Waisen dem verklungenen Schall folgen zu lassen. Und man hörte und sprach von diesen Unglücklichen, die das rasche Ende dem langen Elend vorgezogen hatten, sah all die Trümmer des jähen Sturzes, dieses zerstörten Daseins vieler, die mit einem Hosianna den Hafen erreicht glaubten und nun durch den verbrecherischen Wagemut eines einzelnen wieder zurückgeschleudert wurden in das brandende, steinerne Meer mit seinen Untiefen und Riffen.

Der Sturm auf die Bank war vorüber. Man hatte Gläsers Villa mit Beschlag belegt, sein Haus, ganz Berlinend und all die fragwürdigen Reste seines Besitzes, deren Erlös kaum ausreichen konnte, einen Bruchteil der riesigen Schuldenlast zu decken. Seit drei Tagen suchte man ihn, denn plötzlich hatte man die Entdeckung gemacht, daß Depots von hohem Werte verschwunden waren. Als er hörte, daß man den Unterschlagungen auf der Spur sei, verlor er völlig den Kopf und dachte nur noch an die Flucht. Man glaubte, ihm nach der Provinz zu auf der Fährte zu sein, hatte aber nicht mit seiner Schlauheit gerechnet, die ihm selbst auf dieser Hetzjagd noch treu blieb. Wie er in Berlin einst das verkündende Paradies sah, so lockte es ihn jetzt mit seinen Schlupfwinkeln, mit all den verschlungenen Wegen, die er stets als Feldherr des Geldes auf seiner Karte gehabt hatte.

Er ließ sich den Bart abrasieren, legte sich eine Brille zu und durchirrte so, unkenntlich geworden, die Stadt, indem er unter falschem Namen bald hier, bald dort hauste, wartend auf die Gelegenheit, wo er seinen Verfolgern entgehen könnte. Dieser Mann, dem so viele Hundert anbetend zu Füßen gesunken waren, hatte nun, wo er aus der lichten Höhe des Erfolges in die schwarze Tiefe der Schmach gefallen war, keinen Freund mehr.

Zwei Wochen hatte er verstreichen lassen, währenddessen alles, was in den Zeitungen über ihn stand, von ihm verschlungen worden war mit dem Galgenhumor des verschlagenen Menschen, der sich überall auftauchen sieht und darüber lacht. Hatte man auch seine Truppe vernichtet, den Führer sollte man gewiß nicht zum Gefangenen machen. Was er zusammenraffen konnte, war von ihm eingesteckt worden, und so sehnte er sich hinaus in die Fremde, dorthin, wo neue Ziele seinem Ehrgeiz blühten. Nur eine Nacht noch wollte er im Häusermeer weilen, um es dann auf krummem Wege zu verlassen, getrieben von dem brennenden Verlangen, noch einmal Mutter und Schwester zu sehen, die stets reichlich von ihm bedacht worden waren.

Wenn er die Papiere eines anderen besitzen würde, so wäre die Möglichkeit vorhanden, sich bis in die Nähe seiner Heimat durchzuschlängeln, wo ihm die richtigen Pläne dann kämen. Anna fiel ihm ein, die wohl auch jetzt noch ein Herz für ihn haben würde und ihren Mann bewegen könnte, ihm beizustehen. Unter Dolinskys Maske würde ihm wohl auch diese Täuschung gelingen. Zwar waren sie ungleiche Menschen, aber doch Landsleute, was den Ausschlag gab. Er wußte, daß sie jetzt in der Stadt wohnten, in derselben Gegend wie früher.

In der Dämmerungsstunde schickte er einen Jungen mit einigen Zeilen zu ihr hinauf, der ihm bald die Nachricht auf die Straße brachte, daß sie am Abend zur bestimmten Zeit erscheinen würde. Er hatte sie nach dem »Gasthof zur Heimat« bestellt, wo sie einst gelandet waren. Wenn er dort unter falschem Namen einkehrte, so würde ihn niemand für so dumm halten, auf den Fang an dieser alten Stelle zu warten. Im letzten Augenblick noch hatte er ausgekundschaftet, daß andere Menschen dort ihre Wirtschaft trieben, andere Gesichter die Dienste taten.

Es war gegen neun Uhr, als Frau Dolinsky klopfenden Herzens bei ihm eintrat, um zu erfahren, was er wünsche. Sie hatte dieses Geheimnis vor ihrem Mann bewahrt, aus Furcht, er könnte zum ersten Male die Herrschaft über sie erlangen und etwas zum Schaden Gläsers unternehmen. Was sie tat, wollte sie schon mit sich allein abmachen. Der Zufall hatte ihn in dasselbe Zimmer gebracht, in dem sie sich bei ihrer Ankunft befunden hatten. Er erkannte es kaum wieder; sie aber sah noch alles am alten Platze, nur kümmerlicher und verblaßter, wie vor Jahren. Mit hängendem Kopf nahm er denselben Stuhl ein, auf dem sie einst geweint hatte. Sein Aussehen war völlig verändert, so daß sie jäh erschreckte, trotzdem er nun nicht die Brille trug. Er war grau geworden wie über Nacht und machte den Eindruck eines vernachlässigten Menschen, der auf sein Äußeres nicht achtet. Erschüttert fiel sie ihm um den Hals und begann, die Wange auf ihn gedrückt, leise zu weinen.

Flüsternd bedeutete er ihr, daß er hier nur als der Handelsmann Rabisch gelte, wie er ihr geschrieben habe, und daß sie sich nicht verraten dürfe. Obwohl sie ihn beruhigte und ihm sagte, daß sie den Zettel vernichtet und unter diesem Namen nach ihm gefragt habe, fuhr sie doch zusammen. Denn als sie unten die Gaststube betrat, um sich zu ihm führen zu lassen, war es ihr, als wenn in dem lauten Geschwätz eine bekannte Stimme an ihr Ohr dringe, die sich voll abhob von den übrigen Sprechern an den besetzten Tischen, wie die eines krakeelenden Weisen, der gern gehört sein möchte.

Sie sagte aber nichts. Als Gläser jedoch ihr scheu seine Absicht verriet, wehrte sie diesen Gedanken ab. Niemals könnte sie das tun, von ihrem Manne wäre nichts zu erlangen, denn er hasse und verachte ihn jetzt.

»Du bist immer so stark gewesen in deinem Leben«, raunte sie ihm zu mit der Kraft ihrer Seele. »Sei es auch jetzt. So viele Menschen hast du unglücklich gemacht, werde nun selbst wieder glücklich. Stelle dich selbst der Polizei, lerne büßen und fange frei ein neues Leben an. Dann erst kannst du vor deine alte Mutter treten.«

Er lachte sie unterdrückt an durch seine großen Zähne, wie er es früher getan hatte, wenn der Hohn die Gewalt über ihn bekam. »Also auch du, du? Und ich glaubte, du wärest anders als sie alle.«

»Ja, das war ich, ich habe es dir oft bewiesen. Denn lieber Unrecht leiden, als Unrecht tun. Und ich habe manches um dich gelitten … Ich will dich gewiß nicht verraten, du wirst schon weiter deinen Weg finden. Leb' wohl, du armer Mann.«

»Dann drehst du mir also auch den Strick«, preßte er gewöhnlich hervor.

»Oh, ich unschuldiges Weib, was kann ich dafür!«

Plötzlich horchte er auf, wie immer in der letzten Zeit, wenn Stimmen in seiner Nähe laut wurden, die ihn in Schrecken setzten. Unten sprach man durcheinander, so daß die unverständlichen Worte die schmale Treppe heraufdrangen. »Still, ganz still!« Er schlich zur Tür, die er verriegelte.

Die Angst trieb ihr den Herzschlag bis zum Halse. Sie dachte an ihren Mann, an ihre Kinder, an ihr ganzes eheliches Dasein, das durchschnitten werden könnte, wenn man sie hier fände und ihn fortschleppte in ihrer Gegenwart, diesen großen Menschentöter, der auch sie noch hinab in seinen wüsten Strudel ziehen wollte! Plötzlich, als sie ihn so stehen sah, Schweiß auf der Stirn, zusammengeduckt, den langen Hals hervorgereckt, das nun schmale Vogelgesicht fast entstellt, mit glanzlosem Ausdruck in den Augen, – da kam Mitleid über sie, das seltsame Mitleid in verstörten Gedanken. Sie nestelte unter ihrem Wintermantel und zog das treue Fläschchen hervor, das sie auf den Tisch legte, neben die große Flasche mit Wasser.

»Hier ist Gift drin. Ein bißchen genügt im Glas. Vielleicht, daß es dir Ruhe gibt«, stieß sie hervor, elender geworden als er selbst. »Leb' wohl und prüfe dich.«

War er stark, wie früher, so würde er es verschmähen; wurde er schwach, dann hatte er es verdient. Ihr Leben war durch ihn vergiftet worden, mochte er nun sehen, wie er mit sich fertig wurde. Sie knöpfte ihren Mantel wieder zu, und er sah noch, wie ihr Kreuzlein blinkte. Davon hatte er einst geträumt, als er hoch oben am Kirchturm hing, die gähnende Leere zu seinen Füßen! Und alles hatte sich erfüllt. Glaubenslos, nichts Göttliches achtend, war er zerschmettert in die Tiefe gesunken.

Aufs neue wurde es unten laut. Sie riegelte auf und ging hinaus, dann stolz und ungehindert die Treppe hinunter, in den kalten Winterabend hinein.

Man war ihm auf den Fersen, denn man hatte ihn erkannt. Nach einem Weilchen wurde an seine Türe geklopft. »Öffnen Sie! Man will Sie sprechen!«

Er spürte das Unheil, denn fortwährend lauschend, wußte er bereits, wer draußen stand. »Gleich, gleich, ich ziehe mich an!« gab er heiser zurück, ohne ihnen den Gefallen zu tun. Das Glas rieb sich leise an der Flasche, und das Wasser gluckste hinein. Dann wühlte er in seiner Brieftasche und trank mit vollen Zügen, heiß, und gierig, wie er alles im Leben verschlungen hatte.

Man stieß die Türe ein, fand ihn aber schon entseelt. Er lag auf dem Sofa, ein Bein auf dem Stuhl, das andere zu Boden hängend. Zwischen den Knöpfen der Weste steckte die Photographie seines Sohnes, den Kopf dem Herzen zugerichtet, das dem Ärmsten immer am nächsten war.

Das Zimmer füllte sich. Der ganze Gasthof lief herbei. Als die Kriminalbeamten dann die Neugierigen alle zurückdrängten und berieten, was nun zu tun sei, trat ein alter Mann herein, vertrunken und verludert, den mächtigen Kopf fast noch edel umwallt von den letzten weißen Strähnen. Und er schlotterte vor den Toten hin, betrachtete ihn lange mit der Ruhe des Philosophen, bis er dann seltsam lachte, in jenem Gemütszustand, der aus Strenge und Weichheit besteht.

Dann klang seine metallische Stimme, wie aus innen heraus.

»Siehst du, mein Jungchen, so sterben wir alle: allein mit unserm Gott. Sic transit gloria mundi! … Ich wußte, daß ich dich noch wiedersehen würde. Ja, mein Jungchen! Ich habe deinen Lebensweg verfolgt, aber von ferne, wie der Seher, der die Menge meidet … Komm' her, komm' her! Du hast mich einst geschlagen, ich aber will dir die Wange streicheln, auf daß du nach deinem Tode noch errötest. Denn es war dir im Leben so schwer geworden. Und die Augen will ich dir zudrücken, komm' her! Damit du die Krallen des Hasses nicht mehr siehst, die dich verfolgen.«

Und Dähne tat beides, mit Schnapstränen in den Augen, die seine Stimme nun umschlagen ließen. »Schlaf' wohl, armer Millionär! Großer Napoleon von Berlin, der du dieses kümmerliche Sankt Helena gefunden hast! Schlaf' wohl! Ich bete für dein Gewissen. Denn ich weiß, was es heißt, mit dem Gespenst auf dem Nacken ohne Heim herumzuziehen. Siehst du, mir erschien letzte Nacht auch wieder das tote Kind und winkte. Winkte! Winkte! …«

Er schluchzte nun im Gedenken seines Trauerspiels, und man ließ ihn ruhig gewähren, da alle ihn kannten. Dann stieg er ins Delirium und rief nach dem neuen Pikkolo, der den Namen seines Vorgängers geerbt hatte: »Emil, mein Jüngelchen, wo bist du? Freund der Verlassenen! Erwärme mich durch einen Schneeluft; komm', zeige dein mildes Herz. Denn es ist kalt hier, die Schatten des Todes bringen Schauer … Und ich will noch leben, will noch leben! … Emil!«

Er mußte hinaus, denn man verschloß das Zimmer, nachdem man das Fenster geöffnet hatte. Und noch immer weiter redend, in demselben Trunkwahn, wankte er die Treppe hinunter, seinem Sofaplatz im Schankzimmer zu, ein König Lear der Apotheke …

Draußen vor dem Gasthof stand die Menge, und unter ihr Anna, die nun hörte, daß Gläser ausgerungen hatte. Kein Gefühl der Reue durchzog ihre Brust, denn sie wußte, daß ihm wohler war, als ihr.

Der Februar neigte sich seinem Ende zu. Schnee lag noch auf dem Platz, nach dessen Mitte sie nun schritt, langsam und schwer, den Schmerz der Geprüften in den Gliedern. Und sie blickte noch einmal rückwärts dieser Herberge zu, die der Anfang und das Ende vom Liede war. Zum dritten Male stand sie hier verlassen, sinnend über den Wert ihres Geschickes.

Wie hatte Dolinsky in der kalten Nacht gesagt: »Wir kommen über das Gewissen nicht hinweg.« Und: »Alle Eroberer sind einsam gestorben.«

Hinter ihr lag der Bahnhof, auf dem sie angekommen waren. Ein Fernzug war eingelaufen. Neue Menschen tauchten beladen auf, fremde Gesichter spähten umher, würde dieser Winterabend den Hoffnungsvollen dasselbe bringen, wie ihnen beiden jener eisige Morgen?

Oh, dieses große Berlin mit seinem ewigen Auf und Nieder, mit seiner Freude und seinem Leid!

Sie nahm sich vor, Gläser das letzte Geleit zu geben. Und während sie fröstelnd hinwegging, fuhr sie mit der Hand über die feuchten Augen.

Verfaßt 1904