Die Schwärmerin

Das war zur Zeit jenes Wortes mit der lateinischen Klangbildung, welches in seiner Wesenheit nichts Anderes bedeuten will, als daß Zwei, die über irgend etwas einig geworden sind, mit einträchtigem Herzen ein Bündnis abgeschlossen haben. Zur Zeit des Konkordates!

Seitdem ist allerdings zwischen den zwei Herzen eine Entfremdung oder wenn ihr besser wollt, ein Riß, eine Art gewaltigen Bruches eingetreten. Ist aber dadurch meine Geschichte ungeschehen zu machen?…

Der Kirchenfürst stand in einer der hohen Fensternischen seines Arbeitszimmers, in den Händen ein Papier haltend, woran ein großes amtliches Siegel zu sehen war, und las gar eifrig darin… Ist es nicht sonderbar, daß man von einem eisigen Lächeln sprechen darf? Draußen glitzert fröhlicher Sonnenschein um die feinsten Spitzen und Thürmchen der Kathedrale, und sogar das violette Käppchen auf dem weißen Haupte des hohen Geistlichen ist wie vergoldet. Warum seine Lippen allein zu sagen schienen: Was geht das uns an? Daß da draußen die feinsten Spitzchen und Thürmchen leuchten und funkeln… sollte es vielleicht anders sein? Sind sie nicht da, um hoch oben über dem Qualm der Menschheit den Triumph unserer Sache zu verkündigen? den endlichen Sieg?…

Dann trat er raschen Schrittes zu einem Tische, an welchem ein junger Mann in schwarzem Habit saß. Er warf ihm das amtliche Schreiben mit einer fast ungeduldigen Geberde hin.

»Schreiben Sie kurz und bündig die Antwort«, gebot er.

»Welche Antwort?« fragte demüthig der junge Geistliche.

»Lesen Sie… und sie wird Ihnen von selbst in die Feder fließen.«

An demselben Tage, vielleicht um die nämliche Stunde, saß ein anderer Mann in einer von Büchern und Tabakdunst gefüllten Stube und hielt gleichfalls ein mit einem großen Siegel versehenes Schreiben in den Händen. Auf dem Tische vor ihm lag ein riesiger Foliant, so groß und gewaltig, daß man fast nicht begreifen konnte, was die krausen Buchstaben alle enthalten konnten. War das Antlitz des noch jungen Mannes darum so frühzeitig… blaß geworden?

Von der Stube aus konnte man den Blick auf einen düstern Hof werfen und auf ein altes Gebäude, das hoch oben an seinem Giebel zwei ineinander verschlungene Dreiecke zeigte, wie sie gewöhnlich an den Synagogen zu sehen sind. Das ist der ›Schild Davids‹, das uralt heilige Wappen, und auch über ihm lag Sonnenschein, daß er leuchtete und funkelte, als wäre er aus blankem Erze.

Der Mann las aber geraume Zeit in dem Schreiben. Seine Stirne hatte sich in Falten gelegt, das schwarze Käppchen auf seinem Kopfe war in dem Zustand äußerster Rathlosigkeit. Bald sprang er auf, ging heftigen Schrittes in der Stube umher, bald setzte er sich wieder an den Tisch, worauf der riesige Foliant lag.

»Eine herbe Frage!« murmelte er, indem er sich dabei den Bart kraute, »wie soll ich mit ihr fertig werden?«

Dann schien ihn ein trefflicher Gedanke zu durchblitzen. Mit einer hastigen Geberde schlug er das vor ihm liegende Buch um einige Blattseiten zurück, und die Blätter rauschten dabei, als wäre ein Windstoß in sie gekommen. Endlich hatte er gefunden, was er suchte. Sein Athem stockte, während er las, das schwarze Käppchen war dabei unbemerkt seinem Haupte entglitten.

»Was zerbreche ich mir länger den Kopf?« flüsterte er fast unhörbar. »Es geht nicht… und da steht es ja geschrieben.«

Nun war er ruhiger geworden. Er nahm einen Briefbogen von ›amtlicher‹ Größe, bog ihn ›halbbrüchig‹ auseinander und schrieb nun gleichfalls seine Antwort.

Aber die Tinte war noch nicht getrocknet, mit der er in demüthigen Schriftzügen seine ›Namensfertigung‹ niedergeschrieben hatte, als ihn neuerdings die peinlichste Unruhe zu ergreifen schien. Da stand die Antwort auf die amtliche Frage, und da stand seine Unterschrift darunter mit deutlichen Lettern… will er sie wieder vernichten?

Wieder rauschten die Blätter des riesigen Buches, das vor ihm auf dem Tische lag; wieder versenkte er sich – und sein Athem stockte dabei, und seine bleichen Wangen nahmen einen Schimmer ungewöhnter Röthe an – in die Geheimnisse der darin aufgespeicherten Schätze.

Gleichsam in tiefinnerster Seele erleichtert, fuhr er nach einer Viertelstunde mit den Fingern über den schwarzen Bart, rückte dann sein Käppchen zurück und trat an das Fenster, von wo man auf die düstere Synagoge den Blick hatte.

»Ich finde nichts… und ich werde nichts finden. Wer soll auch daran denken, daß einmal so eine ›Schwärmerin‹ mit einem solchen Anliegen kommen wird? Als wenn man nichts Anderes zu thun hätte, als auf solche müßige Fragen Antwort zu geben! Und ich möchte Den sehen, der mit dieser Sache anders fertig geworden wäre, wie ich…«

So kam es in leise flüsternden Tönen über die Lippen des Rabbiners; in abgebrochenen Sätzen, mühsam und qualvoll rang sich seinem bedruckten Gemüthe die Erlösung ab. Er ging wieder an seinen Tisch und siegelte das Antwortsschreiben zu. – –

Da ist im stillen Selbstgespräche eines Menschen ein anklagendes, herbes Wort gefallen, das Eine angeht, die nicht gegenwärtig ist. Hat das Wort darum weniger Bedeutung, weil es ungehört verklingt, und weil Diejenige nicht da ist, gegen die sich seine Bitterkeit wendet? Sollte Niemand es wagen, es in sich aufzunehmen, um für die Fernstehende das gute Recht der Abwehr auszuüben?

Wir wollen deine Geschichte erzählen, arme ›Schwärmerin‹… ein Stück uralten, unausgeweinten Menschenleids, das nicht sterben will, weil es nicht sterben darf… und bis ihr sie zu Ende gelesen habt, ist der geflügelte Bote schon längst mit den beiden Antwortschreiben, die aus so verschiedenen Häusern hervorgegangen, auf dem Wege – das eine aus der Residenz des Bischofs, das andere aus der armen Stube eines böhmischen Rabbiners!

Es war nicht weit mehr zum ›Wochenfest‹, also mitten im Monate Mai. Da verbreitete sich in der ›Gasse‹ erst leise, dann immer bestimmter auftretend die Nachricht, die eine ungeheure Aufregung verursachte. Dorette, das einzige Kind der Wittwe Selde Bamberger – wer denkt dabei nicht an das so süß und hold klingende ›Isolde‹ aus den Zeiten vorübergerauschter Minne –, die die schönste ›Gemischtwaarenhandlung‹ besaß, sollte heirathen und zwar, so hieß es anfangs, einen Grafen oder Baron. Später stellte es sich heraus, daß der Bräutigam des schönen Mädchens der blonde Sekretär vom Kreisgerichte sei, und nun stand es mit blendender Klarheit vor Aller Augen, was seine täglichen Spaziergänge vor der ›gemischten Handlung‹ zu bedeuten gehabt hatten.

Was war da geschehen?

Die Leute standen mit hochaufgerichteten Köpfen vor einem Geheimnisse, dessen Lösung unter dichten Schleiern verborgen lag.

Selde, die fromme Selde Bamberger, die alle Montag und Donnerstag mit ihrem dicken Gebetbuche zur Synagoge ging, die keinen Fasttag vorübergehen ließ, ohne sich zu kasteien, die ihr ›eigenes Haar‹ nicht trug – sie sollte zugegeben haben, daß ihr einziges Kind sich an einen Mann weggab, dessen Ahnen… nicht am Berge ›Sinai‹ gestanden waren?

Eines Tages kamen drei gewaltige Kisten aus Prag, die vor Selde Bamberger's Hause abgeladen wurden. Sie enthielten die vollständige Ausstattung Dorettens – und nun mußte jeder Zweifel verstummen.

Das Wunderbarste an der Sache aber war, daß mit der Wittwe so gar keine Veränderung vorgegangen war. Sie zeigte sich anscheinend so ruhig und gelassen, als ob nicht über ihr Haus ein Ereigniß hereingebrochen wäre, welches nach der Ansicht der Mehrheit in der Gasse wie ein schwerer Todesfall betrachtet wurde. Man verstand sich nicht auf Selde Bamberger! Wenn man in versteckter Weise auf das Bevorstehende anspielte, denn offen wagte man nicht mit ihr darüber zu sprechen, so leuchteten ihre Augen in erhöhtem Glanze auf, und über ihr Antlitz flog ein Schimmer rosiger Röthe, wie sie nur das Gefühl tiefinnersten Befriedigtseins erzeugt.

Aber die Menschen sind von Natur aus feinere Beobachter, als man gewöhnlich annimmt. Du meinst, du hast das geheimste Triebwerk deines Thuns und Lassens ihren Augen entzogen, aber wie mit bannender Kraft ruhen sie darauf; es ist, als ob es wie Offenbarung über sie käme, und plötzlich liegt es da vor ihnen, unenthüllt und in aller Blöße aufgedeckt! Oft genügt dazu ein einziges Schlagwort.

»Sie thut das nur aus Schwärmerei«, hieß dieses Wort.

Warum hatte sie das Kind Dorette, genannt? Warum hatte sie es verzogen und verhätschelt? Warum ließ sie Dorette eine Rolle spielen, daß kein ehrlicher Junge in der Gasse sich an sie heranwagte? Also nur aus ›Schwärmerei‹ für ihr Kind beging sie einen Schritt, der seit Menschengedenken unerhört in ihrer Gemeinschaft war. Sie erriethen fast Alles, und wußten doch so wenig, wie es sich eigentlich zugetragen.

Da hatte eine Mutter, eine alleinstehende, auf sich selbst und ihr kräftiges Wollen angewiesene Frau, die keinen Rathgeber zur Seite hatte – in einem Strickbeutel ihrer Tochter ein Briefchen gefunden, das dort vielleicht vergessen lag. Als sie es gelesen, hatte sie das volle Bewußtsein, daß das Kind, welches sie unter ihrem Herzen getragen, daß die Blüthe und der Duft ihres einsamen Lebens ihr nicht mehr gehörte. Es hatte sich losgerissen von ihr; zauberische Klänge hatten es hinweggelockt und ein Anderer war Herr und Gebieter, wo die Mutter Alleinbesitzerin sich wähnte. Das Uralte und Naturgewaltige – wenn es zum ersten Male an eine Mutter herantritt, ist noch immer das Neue und Ungewohnte!

In der Nacht saß das Kind zu ihren Füßen und weinte still vor sich hin. War die schwerste Stunde ihres Lebens bereits vorüber oder sollte sie noch kommen?

»Dorette«, klagte sie, »du hättest so nicht an mir handeln sollen. Hast du's so schlecht bei mir gehabt, daß du dich wegsehnst? Hast du dich über etwas zu beklagen?«

»Wie kannst du so reden, Mutter?«

»Und wenn ich dir nun nachgebe… glaubst du, ich kann es verantworten vor Gott und deinem todten Vater? Ich werde den Leuten ja nicht unter die Augen treten können, und sie werden mit Fingern auf mich weisen, wie auf Eine, die sich untreu geworden ist… und sich schwer vergangen hat.«

»Ist denn das ein Unrecht, wenn ich meinem Herzen folge?«

»Und wenn du fortgehst von mir, in die Fremde fort… du bist weite, weite Meilen von mir getrennt, ich kann dich nicht sehen, nicht hören, und ich soll nicht in jedem Augenblicke wissen, ob du nicht etwas brauchst von mir. Da kann ich sterben und Niemand ist bei mir. Wo bist du, wo bin ich? Du darfst vielleicht nicht an mein Grab kommen, und ich bin da allein… mutterseelenallein…«

»Red' nicht so, Mutter! Du wirst leben und dich an meinem Glücke erfreuen! Ist dir das nicht das Höchste?«

»Glück? Was heißt Glück?«

»Das weißt du nicht? Wenn man so recht im Herzen zufrieden und selig ist, daß man mit keiner Kaiserin tauschen möchte.«

»Und du weißt bestimmt… daß du so glücklich sein wirst?«

»Ja, Mutter.«

Der Morgen graute bereits, und noch immer hatten Mutter und Tochter sich nicht ausgeredet. Vielleicht ruhte das Kind zum letzten Male so in ihrem Schooße, und dann… dann war es draußen in der namenlosen Fremde allem Unwetter des Lebens preisgegeben. Wenn sie unglücklich war, durfte sie zu dem Gotte ihrer Eltern um Erlösung beten? Stand nicht im Leben und Tode, hier und drüben eine Scheidewand zwischen ihnen? Was war dagegen das Daheim? Sie behielt dann das Kind für sich; sie brauchte es nicht herausschleudern zu lassen aus der altgewohnten Bahn, die Menschen hatten dann über keinen Eingriff in ihre heiligsten Empfindungen zu klagen und Alles blieb beim Alten, wie es seit unvordenklichen Zeiten Satzung und Gebot erheischt.

War das aber das Glück, wie es ihr Kind verstand?

Erst als das helle Tageslicht hereinbrach, hatten Mutter und Kind den Einigungspunkt gefunden, wo sie sich gegenseitig trafen, ohne im Wollen und Wünschen selbst nur um eines Fadens Breite auseinander zu stehen.

»Dorette«, sagte Selde, »ich will mich bezwingen,… dein Glück ist das Erste und Höchste, und da muß Alles, Alles davor schweigen. Sollen sie reden was sie wollen! Ich will mich bezwingen… vielleicht hilft mir Gott dazu.«

Ein Kuß, ein langer, von allen Seligkeiten der Gegenwart und Zukunft getragener Kuß… und das arme Weib aus der ›Gasse‹ hatte ein Opfer ausgesprochen, für welches die Leute nur die Bezeichnung ›Schwärmerei‹ hatten.

Vier Wochen darauf fuhr Selde mit ihrem Kinde in Begleitung der riesigen Ausstattungskisten, ohne von irgend jemanden Abschied genommen zu haben, aus der Gasse fort. Die Leute gingen grade zum Morgengottesdienste. Da mußte Selde krampfhaft nach der Hand ihrer Tochter greifen, das Weh unsagbarer Bitterkeit quoll ihr vom Herzen herauf. Aber als sie in das glückbeleuchtete Antlitz ihres Kindes blickte, da verzog es sich rasch. Sie selbst entführte ja Dorette, dem Glücke entgegen. Was wollte sie noch mehr?

Später hörte man, daß die Trauung Dorettens mit ihrem Heinrich in einer Dorfkirche hart an der Grenze Böhmens und Österreichs stattgefunden. In derselben Kirche war es auch, wo Selde Bamberger's Tochter ihr altes Glaubensbekenntniß abschwur, um nun in Allem und jedem Eins zu sein und zu fühlen mit ihrem Gatten – dessen Ahnen nicht am Berge ›Sinai‹ gestanden waren.

Von dort ging Dorette, ohne Mutter, mit ihrem Manne in die neue Heimat, eine ansehnliche Stadt Österreichs, wo Heinrich von nun an als Rath eines Landesgerichtes ›amtiren‹ sollte. Selde Bamberger kehrte in die Gemischtwaarenhandlung ihrer ›Gasse‹ zurück, allein, mutterseelenallein!

Durch volle sieben Tage blieb der Laden der Wittwe verschlossen. Wunderten sich die Leute darüber? Sie erriethen gar bald die Ursache. Selde Bamberger saß während dieser ganzen Zeit auf einem niedrigen Schemel und hielt die übliche Todtentrauer um ihr dem alten Glauben abgefallenes Kind! Kamen Leute zu ihr auf Besuch und setzten sich einsilbig, und selbst das Wenige, was sie sprachen, zur Lautlosigkeit herabdämpfend, so war es in der That, als wehte etwas wie die Erinnerung an ein Heimgegangenes durch die Stube. Aber das ganze Wesen Selde's trug nichts an sich, was auf traurige Gedanken hätte schließen lassen. Ihr Antlitz glänzte wieder im Schimmer rostiger Röthe und ihre Augen waren seitdem auch nicht glanzlos geworden. Hier und da fiel ein mitleidiges Trostwort, leise hingeworfen, als fürchtete man, die Wunde, die ihr das lebende Kind geschlagen, könne zu schmerzen anfangen. Sie aber, fast heiter lächelnd, konnte solchen Leuten sagen:

»Was hältst du mit deiner Sprache zurück? Red' dich nur aus, wie es dir um's Herz ist. Du wunderst dich, daß Selde Bamberger da sitzt… und ihr Kind ist gleichsam todt. Nicht wahr, das geht in dir herum und läßt dir keine Ruhe? Aber das Eine muß sein und das Andere auch. Ich sitze hier und thue, was vorgeschrieben ist, und sie sitzt dort drüben in ihrem Glücke, weil ihr das auch vorgeschrieben worden ist. Kann da Gott etwas dawider haben? Kann ich und mein Kind etwas für unsere Gemüthsart? Und wenn du nur wüßtest, wie er sie auf den Händen herumträgt! Sie tauscht mit keiner Kaiserin.«

Der Eindruck, den das Benehmen der Wittwe auf die Leute machte, war ein eigenthümlicher. Mancher dachte auf dem Heimweg vom Trostbesuch:

»Diese Selde Bamberger ist doch ein merkwürdig Weib, wie es noch selten vorgekommen. Verstellt sie sich nur, oder ist das ihre alte Schwärmerei?« –

Wochen und Monate waren vergangen. Das größte ›Ereigniß‹ der ›Gasse‹ seit Menschen gedenken konnten, war, wenn auch nicht vergessen, doch von der Wucht anderer Thatsachen in den Hintergrund geschoben worden. Einer, den man für sehr reich hielt, konnte seine Schulden nicht zahlen, weil ein großer Banquier in Wien, dessen Gläubiger er war, auch nicht im Stande war, seine Schulden zu zahlen; dadurch war die ›halbe Gasse‹, die ihre Gelder dem reichen Mann zur Verwaltung übergeben hatte, in schmerzliche Mitleidenschaft gerissen worden. Die harten Verluste wirkten wie eine verheerende Krankheit; kaum das dritte Haus war davon verschont geblieben. Seltsamerweise unterlag die Gemischtwaarenhandlung der Wittwe Selde Bamberger der allgemeinen Heimsuchung nicht. Im Gegentheile! Sie hatte jetzt Gelegenheit, ihr gutes Herz zu beweisen; sie half, wo sie konnte, und Mancher wurde nur durch ihr Geld in Stand gesetzt, seine ›Zahlungen‹ wieder aufzunehmen.

Dennoch war es Selde selbst, die die Leute nicht vergessen ließ, daß Dorette nicht mehr der ›Gasse‹ angehörte.

So oft ein Brief von der fernen Tochter ankam, war er das Gemeingut Aller, die des Weges daher kamen. Sie rief die Schulkinder von der Straße zu sich, und ließ sich die Botschaft Dorettens so lange vorlesen, bis sie Wort für Wort und Buchstaben für Buchstaben auswendig konnte. Auch über diese ›Schwärmerei‹ spotteten die Leute.

Einmal stand in einem solchen Briefe Folgendes:

»Ich bin wie im Himmel, geliebteste Mutter, ich kann dir nicht sagen, wie mir ist. Mein Heinrich geht mit mir um, als wäre ich aus lauter feinen Spitzen zusammengesetzt. Denk dir! Neulich hat er eine Diebin, der ein Anderer wenigstens fünf Monate schweres Gefängniß zuerkannt hätte, zu einer ganz leichten Strafe verurtheilt. Willst du wissen, warum? Weil sie Dora hieß… Des berühmten Göthe's Werther soll auch so etwas gethan haben…«

Ein anders Mal hieß es ganz am Schlusse:

»Geliebte Mutter! Wir haben es miteinander ausgemacht: er soll Heinrich heißen, wie sein Vater. Es ist ein so schöner Name! Gefällt er dir?«

Als Selde diesen Brief erhielt, überkam sie jenes Gefühl bangender Unruhe, wie es den meisten Müttern in solchen Lagen eigenthümlich ist. Von diesem Tage an trat eine befremdende Schweigsamkeit ihres Wesens ein; sie sprach nur wenig von dem Glücke ihrer Tochter und ebensowenig gönnte sie fremden Augen die Einsicht in die Botschaften ihres Kindes. Man wollte auch bemerken, daß ihre ›Frommheit‹ von da an eine Art Verzückung annahm, die man sonst an ihr nicht kannte; sie war die Erste und die Letzte unter den Beterinnen, und oft, wenn die Synagoge geschlossen werden sollte, saß sie noch da und flüsterte Gebete vor sich hin, die eigentlich gar nicht in die Tagesordnung der Andacht gehörten.

»Ich bin mit meinem Gotte noch nicht fertig«, pflegte sie zu rufen, wenn der Synagogendiener durch das Rasseln seiner Schlüssel zum Aufbruch mahnte. Denn ihn, der zum Frühstück eilte, ärgerte die ›Schwärmerei‹ Selde Bamberger's.

Wer je dabei stand, wie sich um ein Liebes die Ringe einer vermeintlichen oder wirklichen Gefahr immer enger schlossen… du kannst nicht sagen, was und warum du fürchtest, aber wie mit kalten Schauern steht dir das Namenlose einer unsichtbaren Naturgewalt gegenüber, vor der all' dein Klügeln und Verständigsein gleich einem Federchen in sich zusammenknickt, der wird erfassen, wie es in der Seele der alten Wittwe aussah!

Eines Morgens kam sie von ihrer Andacht zurück. An der Ecke der Gasse begegnete ihr der Postbote und händigte ihr einen Brief ein; sie griff hastig darnach, und verbarg ihn in dem dicken Gebetbuche, welches sie unter dem Arme trug. Aber in der Nähe ihres Hauses mochte sie die Ungeduld übermannt haben, sie öffnete das Schreiben und las…

Wenige Augenblicke darauf trug man die ohnmächtig am Boden liegende Frau in ihre Wohnung. Sie hielt den offenen Brief in der krampfhaft geballten Hand. Dadurch erfuhr man alsbald, was geschehen war.

Dorette hatte einem Kinde das Leben gegeben, schrieb in verzweifelten Worten der Schwiegersohn; aber die Natur hatte in grausamer Laune wieder zerstört, was sie geschaffen. Stamm und Blüthe, Mutter und Kind waren erlegen… es gab keine Dorette mehr!

Fast konnte man die Krankheit wohlthätig nennen, die sich seitdem Selde's bemächtig hatte. Sie deckte über die Besinnungslose die Schleier des Vergessens. Wochen waren vergangen, und noch war keine Abnahme zu bemerken. Leben und Tod rangen im täglichen Streite um ihr Dasein. Endlich trat ein günstiger Wendepunkt ein; die Ärzte erklärten, die ›starke Natur‹ Selde's habe ein unerhörtes Wunder verrichtet.

Der Frühling war ins Land gekommen, als Selde Bamberger sich zum ersten Male wieder vom Krankenlager erhob. Zum Erstaunen Aller zeigte es sich, daß sie nichts vergessen hatte, und darin eben bestand ihre Genesung. Man hatte sich tausenderlei Dinge ausgeklügelt, wie man die Schreckensbotschaft ihr allmälig beizubringen habe, aber die erste Frage, die sie an ihre Umgebung richtete, bewies sogleich, daß jeder Versuch, ihre Gedächtnißschwäche zu benützen, ein vergeblicher sei.

»Was meinst du«, fragte sie mit merkwürdiger Ruhe, »wo sie jetzt liegen mag?«

»Wer?« gab die Frau, die ihrer wartete, mit erheuchelter Miene zurück.

»Meine Dorette.«

»Sie wird gesund in ihrem Bette liegen, und schreibt dir nächstens einen großen Brief auf acht Seiten wenigstens.«

»Dorette schreibt mir niemals wieder… Meinst du, ich weiß nicht, daß sie nicht auf unserem ›guten Orte‹ liegt?«

Ein anderes Mal, mitten im Gespräche über ganz gleichgiltige Gegenstände, hielt sie plötzlich inne:

»Glaubst du nicht auch, Lea«, sagte sie zu der Frau, »daß dem Kind dort auf dem fremden Kirchhof ganz erschrecklich bang sein muß? Jeder Mensch hat es gerne, wenn er eine Ansprache hat. Mit wem soll sie reden, wenn die eigene Mutter nicht dabei ist?«

Die Wärterin starrte mit aufgerissenen Augen die Sprecherin an. Waren diese Worte die Nachwirkung des Schicksalschlages oder die bekannte ›Schwärmerei‹ Selde Bamberger's?

»Ich bin sinnedig (bei Sinnen), meine liebe Lea«, sagte Selde mit einem überlegenen Lächeln, »und brauchst dich nicht vor mir zu fürchten. Meinem ärgsten Feinde wünsche ich nicht… daß er einen solchen Kopf auf hätt' wie ich. Wenn du willst, kann ich mir über jede Minute aus dem Leben meiner Dorette Rechenschaft ablegen… ich kann dir den Stoff und die Farbe von dem Kleide beschreiben, was Dorette in ihrem dritten Jahre getragen hat. Und da glaubst du, mein Kopf hätt' gelitten? Er ist stark, zu stark, sag' ich dir, und du wirst noch erleben, was der Alles durchzusetzen im Stande ist.«

Endlich war sie vollkommen genesen; es fehlten noch etwa vierzehn Tage zum Osterfeste. Da erklärte sie eines Tages in bestimmter und entschlossener Sprache ihren Leuten, sie werde morgen in aller Frühe eine Reise antreten, Keiner traute sich, sie davon abzuhalten; wenn ein Engel vom Himmel herunterkäme, er dürfte ihr auch nicht in ihren Entschluß hineinreden. Längstens in acht Tagen werde sie wieder zu Hause sein, darauf könne man sich verlassen. Einer der Beherzten hatte aber dennoch den Muth der Einwendung; wenn sie schon trotz ihrer geschwächten Gesundheit sich nicht abbringen lasse, werde man doch wenigstens wissen dürfen, wohin die Reise ginge?

»Reise? hab' ich Reise gesagt?« rief sie mit einer Heftigkeit, die Alle erschreckte, »sag' lieber, ich will mich auf die Wanderung begeben. In einem gepolsterten Wagen zu sitzen, und von zwei Pferden sich ziehen zu lassen, ist dies eine Kunst? Ich aber will mit meinen Füßen wandern… bis ich an meinem Ziele bin.«

Dann nach einer Weile lächelte sie fein.

»Erschreckt nicht«, sagte sie mit ruhiger Gelassenheit, »was ist denn Arges dabei, wenn so eine alte Frau, wie ich eine bin, probiren will, ob sie noch Füße hat… Und dann muß ich ja wissen, wie und wo meine Dorette gebettet liegt…«

Am anderen Morgen, kurz nach Tagesanbruch, verließ sie das Haus und trat die ›Wanderung‹ an. Die Luft war trotz der Frühlingszeit kalt und rauh. In der Hand trug sie ein Bündel, darin lagen einige Lebensmittel und das dicke Gebetbuch. Sie sagte ihren Leuten kurzweg Lebewohl, küßte andächtig die Stelle, wo der Name Gottes durch ein gläsernes Fensterchen an der Thürpfoste zu sehen war, die sogenannte ›Mesuseh‹, und trat dann auf die Gasse hinaus.

Wie weit und lang dehnte sich der Weg, der vor Selde Bamberger lag! Regenschauer kamen und gingen, dann brach wieder Sonnenschein hervor und trocknete die schlüpfrig gewordene Straße, worauf ihre ›alten Füße‹ so oft ausglitten. Dann kam wieder ein eisiger Windstoß dahergefahren, und trieb ihr feuchte Tropfen in das heiße Antlitz. Fuhrwerke und andere Wanderer, Städtchen und Dörfer, Felder mit bereits grünenden Saaten, Menschen und Landschaften, das Alles wandelte wie im Traume an der greisen Fußgängerin vorüber. Hie und da kehrte sie in ein an der Straße liegendes Wirthshaus ein, um daselbst zu übernachten oder auszuruhen. Von den mitgenommenen Lebensmitteln fristete sie das Bedürfniß ihres Körpers. Sie schritt immer vorwärts, immer weiter, und oft mußte sie sich selbst sagen: »Hättest du das von deinen alten Knochen dir vorstellen können, daß sie sich als solche ›Barjins‹ (tüchtig) benehmen werden?«

Hie und da grüßt sie ein Bauer, der zu Markte fährt.

»Wohin, Mütterchen?«

»Zu meinem Kinde auf Besuch.«

Zu ihrem Kinde! Da endlich tauchen am vierten Tage ihrer Wanderung die Thürme der Stadt vor ihr auf, wo Dorette… ein ganzes Jahre ihres jungen Lebens so glücklich gewesen war. Von Minute zu Minute, mit jedem Schritte, den sie vorwärts thut, verkleinert sich der Raum, der zwischen ihr und Doretten liegt.

Ist das namenlose Weh', wie es in diesem Augenblicke die Seele einer armen Mutter durchschnitt, auch eines von den Geheimnissen des großen Weltgeiste? Zittern und wanken vor ihm nur verlöschende und entstehende Welten, oder tritt auch der Klageruf des einzelnen gequälten Menschenthumes vor ihn, daß es vernommen werde?…

Nach vielem Umfragen hatte Selde Bamberger den Weg erfahren, der zum Kirchhofe führte. Die Meisten, bei denen sie sich erkundigte, sahen sie mit verwunderter Miene an. Wie kam die Frau mit der fremdartig klingenden Sprache dazu, nach dem Friedhofe dieser Stadt zu fragen?

»Mutter«, sagte ihr Einer, »Ihr wollt wahrscheinlich nach einem anderen Orte; der ist aber vier Meilen von hier, wo sich eine Gemeinde von Euern Leuten befindet…«

»Nein, nein«, rief sie, »grade der, den ich suche, ist der rechte.«

Sie stand endlich am Ziele ihrer Wanderung.

An der Seite des Friedhofswächters, dem sie zuvor ein reiches Geldgeschenk in die Hand gedrückt hatte, durchschreitet sie die langen Reihen der in frisches Frühlingsgrün gebetteten Male, die den Staub von ganzen Geschlechtern enthielten. Dort das Kreuz mit dem steinernen Engel, der es liebend zu umfassen scheint… ein Aufschrei, daß er in den Lüften wiederhallt, ein Weheruf, wie er vielleicht noch niemals vernommen worden… und Selde Bamberger liegt hingeworfen über Dorettens Grabhügel. Der Friedhofswächter hatte sich entfernt. Kannte er bereits die Geschichte dieser Mutter aus einer ›böhmischen Gasse‹?…

Als sie sich sattsam ›ausgeweint‹, holte sie aus dem mitgenommenen Bündel das dicke Gebetbuch heraus, und begann das übliche Gebet für die Todten, das mit den Worten anfängt: »Ruhe sanft unter den Fittigen der Allmacht mit all' den Heiligen und Reinen…«

Es mochten die ersten Laute in der Sprache Zions sein, die jemals an diesem Orte erklungen waren.

Spät am Abend machte der Friedhofswächter seinen gewöhnlichen Gang durch die öden Räume seines Gebietes; er fand die fremde Frau, den Kopf müde auf die Brust gesunken, auf einem Grabe sitzen; das aufgeblätterte Gebetbuch lag vor ihr. Er berührte sie leise an der Schulter und sie fuhr auf.

»Ist's schon an der Zeit?«

»Der Friedhof muß gesperrt werden.«

Sie richtete sich mühsam auf; dann ging sie wie schlaftrunken fort.

Am achten Tage, genau wie sie es vorausgesagt, befand sich Selde Bamberger wieder in der alten Heimath; noch an demselben Tage ließ sie sich in der ›Gemischtwaarenhandlung‹ sehen.

Die Wanderung der alten Wittwe hatte übrigens, wie es leicht vorauszusehen war, das nie ruhende Schlagwort von der ›Schwärmerei‹ Selde's wieder unter die Leute gebracht. Neben tiefstem Mitleid vergessen alltägliche Menschennaturen selten, daß das selbstständige Walten eines eigenthümlich angelegten Charakters, der nicht in ihren Bahnen wandelt, etwas Herausforderndes hat, dem sie mit den Waffen des Spottes entgegentreten müssen.

»Hätte sie es nicht bequemer haben können, wenn das Kind in der Gasse geblieben, und bei uns gestorben wäre? Muß da die alte Schwärmerin meilenweit zu Fuß wandern! und wenn sie selbst einmal den Weg in die jenseitige Welt geht, liegt die Eine hier und die Andere dort!«

Vielleicht hätten die Leute derartige Anklagen unterdrückt, wenn sie gewußt hätten, daß Selde Bamberger, ohne daß sie in ihrer Gegenwart gesprochen wurden, sie dennoch mit jenem geschärften Verständnisse vernahm, welches aus dem Grunde eines tiefen Wehes entspringt. Sie hörte sie nicht nur, in ihr selbst wuchsen sie täglich und stündlich, und nahmen zuletzt eine so übermächtige Gestalt an, daß nur sie das schwache Gewebe ihres Lebens bildeten.

Seit ihrer Rückkehr hatte Selde merkwürdiger Weise viel Verkehr mit einer Persönlichkeit, die eine Art Schreckenspopanz für die ›Gasse‹ bildete. Es war dies der alte Advokat Doktor Pfeffer, den Klient und Gegner wegen seiner schneidigen Rabulisterei gleichmäßig zu fürchten hatten. Er war auch darum nur von denen gesucht, die mit einer verzweifelten Sache durchaus triumphiren wollten. Was hatte Pfeffer bei Selde Bamberger zu thun? Welche Prozesse konnten sie behelligen? oder machte sie Testament? Aus dem fadenscheinigen Rabulisten war trotz aller Schmeichelei nichts herauszubringen; er blieb stumm wie ein Fisch. Die Besprechungen mit der Wittwe fanden bei geschlossenen Thüren statt. Es mußte einmal eine heftige Scene zwischen den Beiden vorgefallen sein; denn man erzählte sich, daß Dr. Pfeffer mit hochgeröthetem Gesicht ingrimmig die Thüre aufgerissen habe und fortgeeilt sei. Noch auf der Hausflur soll er zornig die Worte ausgestoßen haben:

»Willst du mit deiner Schwärmerei die Welt auf den Kopf stellen, altes Weib? Ich sage dir, du richtest nichts aus, und wenn man dir selbst in Wien deine Bitte bewilligen wollte. Neben dem Kaiser steht noch eine Macht und die heißt: Vertrag mit Rom! Und da will die Wittwe Bamberger dagegen aufkommen? Vollständiger Wahnwitz.«

Trug die Mutter Doretten's wirklich so kühne, himmelstürmende Pläne in ihrem schwachen Kopfe? Sie sollte einer Welt von festgegliederten Gesetzen Trotz bieten wollen, die der schneidige Rabulist selbst für unanfechtbar hielt? Wir werden dies erst später erfahren können…

Mittlerweile schien jedoch, vielleicht eben in Folge der letzten aufgeregten Besprechung mit dem Advokaten, Selde ihrem Vorhaben entsagt zu haben. Sie lebte still und gleichmäßig hin; ob es in ihrem Gemüthe ebbte oder fluthete, wen ging dies an?

Es war wieder kurz vor Pfingsten. Ein Mann in türkischer Kleidung, mit einem Turban auf dem Kopfe, ging von Haus zu Haus der Gasse, um als Sendbote der heiligen Stadt Jerusalem milde Gaben für die dortigen Armen in Empfang zu nehmen. Nebstbei trieb er einen ausgebreiteten Handel mit besonderen Seltenheiten, als da waren: Amulette, Büchschen aus Cedernholz, das unmittelbar vom Libanon genommen war, und namentlich Säckchen mit Erde, die dem Boden der heiligen Stadt entgraben war. Er kam auch zu Selde Bamberger.

»Ist das wirkliche Erde aus Jerusalem?« fragte sie athemlos.

Der Sendbote legte betheuernd die Hand auf seine Brust.

»Wozu wäre denn das große Petschaft von den Rabbis in Jerusalem daran?« sagte er tiefgekränkt.

Selde wog das Säckchen und brachte es an ihre Lippen. Dann legte sie einen Kaufpreis hin, wie ihn der Mann aus Palästina noch nirgends erhalten haben mochte.

Eine Woche darauf, es war in später Nacht, erklärte Selde allen ihren Leuten, sie werde sich morgen in der Frühe auf die Wanderung begeben, zum Besuche ihres Kindes… sie sollten nur fleißig Acht geben auf das Haus, und besonders ›Feuer und Licht‹ in Verwahrung halten. Längstens in acht Tagen hoffe sie wieder einzutreffen; man brauche nicht in Sorge um sie zu sein, sie werde sich schon zu behüten wissen.

So trat sie den langen meilenweiten Gang in die Ferne zum zweiten Male wieder an, wie im vorigen Jahre nur mit einem Bündel ausgerüstet, welches die nöthigsten Lebensmittel enthielt – und das dicke Gebetbuch. Für das Kind, brachte sie noch etwas Besonderes mit, das sie während der ganzen Wanderung stündlich belastete.

Diesmal kannte sie den Weg zum Friedhof schon besser; sie ging nicht fehl und brauchte nicht ein einziges Mal zu fragen.

Wieder saß sie stundenlang in ihrer Weltvergessenheit, bald still vor sich hinweinend, bald Todtengebete aus dem dicken Buche flüsternd, auf dem Grabe Doretten's, bis der Friedhofswächter am späten Abend kam, um sie zum Aufbruch zu mahnen.

»Wie kommt der schöne Rosenstrauch hierher?« fragte sie, »wer hat ihn gesetzt?«

»Der hat sich selbst gesetzt«, meinte der Wächter; »denn eigentlich gehört er zu dem nächsten Grabe. Aber er muß seine Launen gehabt haben, daß er grade hier seine Wurzeln hat schlagen wollen. Man sollt' nicht glauben, daß auch solche Blumen ihren Verstand haben.«

Selde konnte sich von dem Geheimnisse der Natur nicht losreißen.

»Merkwürdig«, sprach es in ihrem Herzen, »die Blume zieht aus ihr die Nahrung…«

Diesmal verließ sie nicht sogleich den Friedhof; sie hatte in dem Häuschen des Wächters noch eine lange Besprechung, die bis spät in die Nacht dauerte. Endlich kamen die Beiden wieder heraus; der Mann trug eine Schaufel über der Schulter und eine Blendlaterne, die ihren zitternden Schein umherwarf. Hinter ihm schritt Selde Bamberger – das Säckchen mit der ›Erde‹ aus Jerusalem in der Hand haltend.

»Ich thu' das aber nur dir zu Lieb', wiewohl es mich mein Brot kosten kann,… und weil du ein so braves Weib bist«, sagte der Mann mit gedämpfter Stimme.

»Ich bin nur die Mutter…«

»Eben deswegen.«

Auch das heimliche, gleich einer bösen That in tiefster Nacht verübte Liebeswerk war gethan. Das Säckchen mit der heiligen Erde ruhte sicher und wohlverhalten in Doretten's Grabe…

Ober die Lippen der alten Frau flüstert leise die alte und unsterbliche Dichterformel:

»Staub bist du, und zum Staube sollst du wieder zurückkehren.«

Als sie aber schon an der Ausgangspforte des Friedhofs stand, wandte sie sich noch einmal um.

»Mein Kind, mein einziges Kind!« schrie sie im Schmerze auf, und dann sagte sie zu dem Wächter:

»Wenigstens Eines wird mein Kind jetzt wissen. Wenn einmal der Tag der Auferstehung kommt, braucht es nicht lange zu suchen, zu wem es gehört! Die heilige Erde ist ja bei ihm.«

›Die dritte Jahrzeit‹, wie Selde Bamberger ihre Wanderungen nach der fernen Stadt nennt, wo Dorette begraben liegt, naht heran. Die alte Frau rüstet sich wieder dazu, aber wie sie diesmal Abschied von ihren Leuten nimmt, ist es ihnen Allen, als ob ihr die frühere Zuversicht und der starke Wille fehlte. Sie unterläßt die gewöhnliche Mahnung, auf Feuer und Licht Acht zu haben; auch erwähnt sie mit keiner Silbe ihrer bevorstehenden Rückkunft. Selde ist in diesem einen Jahre vollständig alt geworden, ihre Stimme, ihre Haltung ist gebrochen, und zwischen dem ›Haarscheitel‹ aus fremden Haaren, wovon ihre Stirne halb verdeckt ist, drängen sich verrätherische weiße Löckchen hervor.

Einige Tage zuvor hatte sie eine lange Besprechung mit dem Dr. Pfeffer; es mußte sich um einen ernsten Akt handeln, denn es war um Zeugen geschickt worden, die die Unterschrift der Wittwe zu beglaubigen hatten. Der schneidige Advokat zeigte sich sehr aufgeregt, er schnupfte in Einem fort, und hie und da lachte er boshaft auf.

Als die Zeugen sich entfernt hatten, schlug er zornig mit geballter Faust auf den Tisch, daß Alles in der Stube zitterte.

»Solch ein Testament«, schrie er, »ist ein wahres Pasquill auf jede Juristik. Ich muß da die Schwärmerei der Wittwe Selde Bamberger niederschreiben und jeder Winkelschreiber wird haarscharf darthun, daß Dr. Pfeffer ein Dummkopf ist. Alles darum, weil es Frau Selde Bamberger beliebt, ein Testament… nach ihrem Sinne zu errichten.«

»Sie meinen es ja doch gut mit mir, Herr Doktor«, meinte Selde, »und Den möcht' ich sehen, der dem berühmten Dr. Pfeffer etwas Übles nachsagt…«

Der Rabulist rang etwas hinab, was wohl eine Anwandlung seltsamer Rührung sein mochte.

»Man wird aber den §. 698 des bürgl. Gesetzbuches gegen mich zu Felde führen«, rief er ärgerlich.

»Mit mir, Herr Doktor, wollen Sie von Paragraphen reden?« meinte Selde achselzuckend. »Und wenn Sie mir vom Paragraph zweitausend sprechen, so weiß ich auch nichts davon.«

»Aber Sie müssen davon wissen, Frau Selde«, rief der Advokat mit erneuerter Heftigkeit, »denn nicht ich errichtete ein Testament, sondern Sie sind es. Und wie heißt es in dem Paragraphen, den ich soeben zitirt habe? Er lautet: ›Die Anordnung, wodurch jemandem unter einer aufschiebenden, unmöglichen Bedingung ein Recht ertheilt wird, ist ungültig, obschon die Erfüllung der Bedingung erst in der Folge unmöglich und die Unmöglichkeit dem Ersteren bekannt geworden wäre. Eine auflösende, unmögliche Bedingung wird als nicht beigesetzt angesehen. Alles dieses gilt auch von unerlaubten Bedingungen.‹ Haben Sie es verstanden, Frau Selde?«

»Nein«, sagte sie ruhig, »was soll ich einfaches Weib von Aufschiebung und Auflösung verstehen? Ich will ja eben, daß es nicht aufgeschoben werden soll.«

»Aber habe ich Ihnen nicht wiederholt erklärt«, schrie der Advokat, aufs Neue mit der Faust den Tisch bearbeitend, »daß die Bedingung, an die Ihr Testament knüpfte, nach dem Wortlaute des Gesetzes eine unmögliche Voraussetzung hat?«

Selde legte wie beschwichtigend ihre Hand auf die des Rabulisten.

»Wer weiß?« sagte sie, und ihr Antlitz leuchtete dabei in einer Zuversicht, daß der schneidige Jurist selbst davon betroffen ward, »es wird sich vielleicht schon Einer finden, der es für mich durchsetzt.«

So trat sie zum dritten Male die Wanderung an.

Überall war Frühling und Vogelsang, aus Todesbanden erwachtes Leben; hier die aufgeackerte Furche, dort wieder der grünende Laubwald! Wie da die Sonnenstrahlen durch das Gezweige schlüpfen, und wie hoch oben, fast verloren im Himmelsbau die Lerche trillert! Aber wie mühsam, lässig schleicht Selde Bamberger mit ihrem Bündelchen dahin; wie oft muß sie an den Straßensteinen ausruhen, wie kurz geht ihr Athem! Wenn Fuhrwerke daherkommen, ruft ihr manchmal der Bauer die freundliche Einladung zu, aufzusitzen, und sie kämpft einen schweren Entschluß in sich, ob sie ihr Folge leisten soll. Sie fühlt sich so müde und zerschlagen, ein Kind, meint sie, könne sie wie ein Federchen umblasen; dennoch widersteht sie der Lockung. Hat sie ein Gelübde abgelegt? Sie schreitet weiter und weiter, ihre Füße heben sich, senken sich, aber es ist der Gang trügerischer Gesundheit, der die innere Freudigkeit fehlt… Wird sie der Friedhofswächter wieder erkennen?

Er hat sie erkannt und begrüßt, die fremde Frau, die jedes Jahr hierher kommt, um ihr Kind zu besuchen. An seiner Seite schreitet sie wieder durch die vielen Reihen alter und neuer Gräber; es ist manches hinzugekommen, was sie im vorigen Jahre nicht bemerkt hat; auch hier auf dieser stillen Stätte herrscht der ruhelose Trieb beständigen Wachsthums. Plötzlich schreit sie auf-

»Wo ist der Rosenstock, wer hat den Rosenstock weggenommen?«

»Er ist herausgerissen worden, weil er nicht hierher gehörte. Er steht jetzt daneben.«

»Herausgerissen hat man ihn, aus dem Herzen meines Kindes herausgerissen! Dorette, mein einziges Kind, was haben sie dir gethan!«…

In derselben Nacht wurde aus einem Gasthofe dieser Stadt ein Eilbote an die etwa vier Meilen entfernte Gemeinde mit der dringenden Bitte abgeschickt, es mögen einige von der frommen Brüderschaft, und zwei ›fromme Weiber‹ schleunigst sich aufmachen. Eine fremde Frau liege im Sterben und habe nach ihnen begehrt. Der Bitte ward rasch Folge gegeben. Als die Männer und Frauen gegen Morgen ankamen, wäre es fast zu spät gewesen. Man begann die üblichen Gebete; eine der Frauen hatte sich über die Sterbende gebeugt, und fragte sie, ob sie keinen Wunsch mehr auszusprechen habe. Da trat ein Lächeln auf ihr Angesicht; ihre Lippen bewegten sich leise, und nur zwei Worte waren vernehmbar: »Neben Dorette!« Dann seufzte sie noch einmal auf und war todt.

Am dritten Tage darauf wurde Selde Bamberger auf dem ›guten Orte‹ der fremden Gemeinde zur Erde bestattet.

Das Testament der Wittwe Selde Bamberger lautete aber: »Ich fühle es, daß mein Leben zu Ende geht; meine Kräfte lassen nach, denn wenn man ein Gefäß zu voll anfüllt, so muß es übergehen und mein Gemüth ist ein solches Gefäß gewesen. Da will ich denn, weil sich der Mensch von der letzten Stunde nicht soll überraschen lassen, und weil ich noch bei allen Verstandeskräften bin, meinen letzten Willen aufsetzen:

Ich vermache Alles, was ich habe, mein Haus und mein Baarvermögen, mein Silber und meinen Schmuck, kurz Alles, was ich mein eigen nenne, das vermache ich meiner Gemeinde, da wo ich geboren worden bin. Sie kann damit schalten und walten, wie sie will. Nur muß sie mir dafür einen Gefallen thun! Sie muß bewirken, daß, wenn ich gestorben bin, ich neben meiner Dorette begraben werde, meinem einzigen Kinde! Geht das aber nicht an, so muß die Gemeinde dafür, daß ich sie zu meiner Universalerbin eingesetzt habe, dafür sorgen, daß man Dorette an meine Seite bringt. Und man wird mir verzeihen, wenn ich sage, daß es mir jetzt, wo mein Leben mir vorkommt, wie eine Uhr, die man nicht mehr aufziehen kann, weil der Schlüssel verloren gegangen ist, gar nicht darauf ankommt, wo ich einmal liegen werde, ob auf einem Kirchhof, oder auf unserem ›guten Ort‹. Nur meine Dorette soll bei mir sein.«

Dann folgten noch einige Bestimmungen und Verfügungen, arme Leute in der Gasse betreffend, denen sie im Leben Gutthaten erwiesen; Forderungen, die sie bei ihnen hatte, wurden als gelöscht erklärt; zum Schlusse hieß es nochmals:

»Die Gemeinde soll gut bedenken, was sie Alles mit meinem Hab und Gut anfangen kann. Es ist nicht wenig und sie kann es auch brauchen. Und warum sollte die Gemeinde nicht durchsetzen können, um was ich sie bitte? Wenn eine Mutter hinter einem Kinde steht, so ist das eine Macht, daß man über Alles fliegen kann.«

Der ›Gemeindevorstand‹ war vollzählig versammelt, als das Testament Selde Bambergers zur Verlesung kam. Kaum war sie beendigt, als sich nach einem Augenblicke allgemeiner Verblüffung ein Sturm erhob, wie er in der Gemeindestube noch niemals getobt haben mochte. Alle begehrten das Wort, und da in dieser Versammlung die Präsidentenglocke ein noch ungekanntes Werkzeug der Beruhigung war, so hatte der Vorsitzende, ein stiller, friedliebender Mann, durch geraume Zeit die Stellung eines Schiffsführers, gegen den mitten auf der stürmischen See die Mannschaft in Meuterei ausgebrochen ist.

Wirr tönten die Stimmen durcheinander: Was diese über das Grab hinausreichende ›Schwärmerei und Phantasterei‹ der Selde Bamberger wieder bedeuten solle? Ob ein solches Testament jemals erhört worden? Man solle sich um Gotteswillen in nichts einlassen; die hohe Behörde werde Einem Ungelegenheiten bereiten, daß man froh sein werde, mit heiler Haut davon zu kommen. Wenn Selde Bamberger begehrt hätte, man solle ihr den Mond herunterholen, müßte man das auch zu erfüllen trachten? Und ihr letzter Wille bedeute zuletzt auch nichts Anderes. denn es sei immer eine Unmöglichkeit, ihm zu entsprechen.

Als die erhitzten Gemüther sich sattsam in die tiefste Aufregung hineingeredet hatten, trat allmälig ein Moment der Abspannung ein, den das jüngste Mitglied dieser Versammlung, welches sich bis dahin an der lärmenden Debatte nicht betheiligt hatte, vortrefflich zu benützen verstand. Wolf Lilienberg gehörte zur ›Linken‹ des Vorstandes, und war einer der besten Redner der Versammlung; man sagte ihm nach, daß er in seiner Jugend, bevor er ins ›Geschäft‹ gekommen, zu den Geistlichen in die Schule gegangen sei.

»Wenn«, begann er, »einer meiner geehrten Vorredner in Bezug auf die Unmöglichkeit, das Testament der Wittwe Bamberger auszuführen, das kühne Gleichniß vom Monde gebraucht hat, so ist er allerdings hierzu vollkommen berechtigt. Dennoch glaub' ich meine unmaßgebliche Ansicht dahin aussprechen zu müssen, besteht doch ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Monde und dem letzten Willen Selde Bambergers. Während zu dem ersteren hinaufzusteigen für Menschenkräfte eine Möglichkeit nicht besteht, muß ich doch andererseits in Abrede und entschieden in Abrede stellen, daß zur Ausführung des Testamentes Menschenhilfe nicht hinreichen solle.«

»Das ist auch Schwärmerei!« schrieen einige Stimmen.

»Laßt Wolf Lilienberg ausreden«, riefen Andere dagegen, begeisterte Anhänger des Redners.

Dieser begann wieder:

»Allerdings ist meine Ansicht: so wie die Umstände einmal sind, liegt hier eine Schwärmerei vor, und ich bin der Erste, sie als solche zu bezeichnen. Aber die Sache hat auch eine andere Seite. Nicht um die unmöglichen Bestimmungen des Testamentes handelt es sich hier, sondern um die Frage: Ist die Gemeinde verpflichtet oder nicht, Alles, was in ihren Kräften steht, anzuwenden, damit der letzte Wille der Frau zur Geltung komme?«

»Wie willst du das anfangen?« unterbrachen ihn höhnische Stimmen.

»Laßt ihn ausreden!« rief der Anhang.

»Wie ich das anfangen will?« fuhr Wolf Lilienberg fort. »Das ist nämlich so. Ich habe leider schon viel mit Erbschaftsangelegenheiten in meinem Leben zu thun gehabt, und da bin ich genöthigt worden, mich mit dem bürgerlichen Gesetzbuche bekannt zu machen, damit ich nicht ganz und gar der Willkür der Advokaten preisgegeben sei. Nun erinnere ich mich, dort gelesen zu haben: ›In dem Falle, daß ein Auftrag nicht genau erfüllt werden kann, muß man demselben wenigstens nach Möglichkeit nachzukommen suchen. Kann auch dieses nicht geschehen, so behält doch der Belastete, wofern aus dem Willen des Erblassers nicht das Gegentheil erhellet, den zugedachten Nachlaß.‹ Es entsteht nun die Frage: Liegt hier ein Auftrag vor, oder nicht? Nach meiner Ansicht liegt einer vor; folglich ist es unsere Pflicht, demselben nach Möglichkeit nachzukommen.«

»Wir sind keine Juristen wie Wolf Lilienberg.«

»Wolf Lilienberg hat Recht.«

»Warum läßt man ihn nicht zu Ende kommen?«

Der Redner ließ den neu ausgebrochenen Sturm ruhig vorübertosen; er stand aufrecht in der Brandung und das war ein Meisterzug Wolf Lilienbergs.

»Man wird mir einfach einwenden«, fuhr er fort, »die Gemeinde könne, um allen Verlegenheiten zu entgehen, erklären, sie entsage der Erbschaft. Das geht aber nicht so leicht an, als es sich die Herren denken mögen. Eine Gemeinde ist eine ›moralische Körperschaft‹, und als solche steht ihr nicht das Recht zu, etwas zurückzuweisen, und wenn es nur den Werth eines Guldens hat. Zudem muß man bedenken, in welchem beklagenswerthen Zustande sich die Gemeindefinanzen befinden.«

»Gottes Recht hat er,« ließen sich weiter die Anhänger beifällig vernehmen.

»Auf was willst du denn endlich hinauskommen?« schrieen die Widersacher.

»Ich erlaube mir nun folgenden Antrag zu stellen«, schloß Wolf Lilienberg mit erhöhter Stimme. »Sowohl die Pietät gegen eine Verstorbene, gegen die man keinen anderen Vorwurf erheben kann, als daß sie eine Schwärmerin gewesen, als unsere Interessen verlangen es, daß wir das Testament Selde Bambergers als einen Auftrag ansehen, dem wir nach Möglichkeit nachzukommen ebenso berechtigt als verpflichtet sind. Zu diesem Behufe müssen wir eine ›Eingabe‹ an die hohe Regierung richten, worin wir dieselbe bitten, über das Testament der Wittwe Selde Bamberger ihre Verfügung zu treffen. Die hohe Regierung in ihrer Weisheit wird schon wissen, welchen Bescheid sie zu geben hat.«

»Wenn sie aber nein sagt?« warf einer der unerbittlichsten Gegner ein.

»Dann haben wir auch unseren Auftrag erfüllt«, entgegnete Wolf Lilienberg, »und haben bewiesen, daß wir, machtlos gegen Vorurtheile und Intoleranz… den Mond nicht vom Himmel herunterholen können.«

Unter betäubendem Lärm wurde »Schluß der Debatte« begehrt und durchgesetzt. Als es zur Abstimmung kam, erlebte Wolf Lilienberg den Triumph, daß sein Antrag mit überwiegender Mehrheit angenommen wurde. Die Eingabe an die hohe Regierung ward beschlossen. –

Und… die letzte Bitte Selde Bamberger's?…

Die Regierung waltete in vorgeschriebener Weise ihres Amtes. Sie richtete zwei Schreiben von fast gleichlautendem Inhalte, nur mit verschiedenen Titulaturen an die in dieser Frage besonders zur Entscheidung berufenen Mächte. Das eine dieser Schreiben gelangte in die Kanzlei des hohen Kirchenfürsten… das andere haben wir auf dem Schreibtische des böhmischen Rabbiners erblickt.

Die Antworten waren eingelaufen: sie lauteten selbstverständlich… entgegen der Bitte des Testaments. Die eine Antwort wies scharf und schneidig auf die »betreffende Bestimmung« des bestehenden Gesetzes hin, die andere wies in langathmigen Sätzen nach, daß für den »angeregten Fall« in den heiligen Büchern, Kommentaren und Kodizes allerdings mancher Anhaltspunkt sich vorfinde, um ihn auch im bejahenden Sinne zu beantworten; daß aber andererseits auch eine wie ein »Gesetz« gehandhabte »Tradition« sich erhalten habe, nach welcher es feststehe, daß ein seit Jahrhunderten bestehender Brauch nicht verletzt werden dürfe…

Wie aus moorigem Grunde erhebt sich in Zeiten, wenn der dumpfe Bann geistfesselnder Knechtschaft auf den Gemüthern lastet, die böse Luft der Zaghaftigkeit und feiger Verstandesgrübelei! Vor das sonst klar blickende Auge legen sich Nebel, die muthigste Hand erschlafft, selbst die dem berückenden Dunstkreise ferner stehen, ergreift die unsichtbare Gewalt. Und doch!

Als die beiden Männer ihre Antworten niederschrieben lag so schöner Sonnenschein auf der riesigen Kathedrale, und durchleuchtete die feinsten Spitzchen und Thürmchen des Baues. Und auch der ›Schild Davids‹ strahlte so glorreich an dem Giebel der alten verwitterten Synagoge!

Lächelst du nun droben in deinem Himmel, leichtbeschwingter Geist einer armen Mutter, über deine ›Schwärmerei‹ hier auf Erden?… Oder hüllst du dich in deiner Geborgenheit in tiefes Schweigen? Kann nichts das Siegel deiner todten Lippen lösen? Noch tönt und wehklagt das uralttraurige Lied vom leidenden Menschenthume. Wird es niemals verstummen? Du schweigst!