Klein-Großchen

Erstes Kapitel: Friedel Polten als Großmutter

Zuallererst kam ein Hund gelaufen, ein junger, täppischer Jagdhund, sichtlich mit noch wenig Zucht; der breschte wie toll an dem hohen Grasrain hinunter, der vom Waldrand nach der Loberger Landstraße abfällt. Kein Wunder! Diese Straße daher flog im eiligsten Trab eine Reiterin und hetzte ihr Tier noch immer mehr mit Zuruf und Zungenschnalzen.

Der Hund umtanzte Roß und Reiterin, sprang das Pferd an und hinderte sehr.

»Tyras – he, Tyras!« klang es aus dem Wald.

Aber Tyras hörte nicht; sein jugendlicher Übermut spottete aller Dressur. Weshalb sollte er nicht eben so lustig dahinsausen wie der Renner? »Gleiches Recht für alle,« so dachte Tyras, bellte und sprang weiter.

Die Reiterin war sehr behindert. Ihr Tier hufte, machte Miene zu steigen und drehte sich um die eigene Achse.

»Bella – aber Bella, sei doch gescheit,« redete ihm die Herrin zu.

Hell klang ihre Stimme; man hörte und verstand jedes Wort. Nun wandte sie sich zum Hunde.

»Geh heim, Tyras – dein Herr ruft – es gibt sonst Wichse!«

Heller als die Stimme klang das Lachen. Tyras gefiel das; er nahm es für eine Ermunterung, sprang nur um so toller und kläffte aus vollem Halse

Die Reiterin verlor aber ihre gute Laune nicht.

»Denkst du, der Zug wartet, bis du ausgebellt hast, dummer Tyras? Da – fang!«

Sie riß sich den kleinen Filzhut herunter und warf ihn dem Tyras hin, so geschickt, daß er ihm just über den Kopf fiel. Er machte die putzigsten Sprünge, ihn loszuwerden; er schien sich im Futter verfangen zu haben.

»Ha, ha, leb wohl, Tyras!«

Die Reiterin lachte und sauste weiter. Sonderbarerweise war ein leicht ergrauter Scheitel sichtbar geworden, als der Hut vom Kopfe flog. Niemand hätte das darunter vermutet, der die Gestalt der Reiterin sah und ihre flinken Bewegungen.

Auch des Tyras Gebieter nicht, der nun oben unter den Waldbäumen stand und so entschieden pfiff, daß der Tyras es doch für geratener hielt, diesmal zu gehorchen. Er kroch auf allen vieren heran, der Hut lag unten verlassen im Staube. Der Herr nahm den Tyras nach ein paar wohlverdienten Klapsen an die Leine. Der quittierte jaulend und dankte, mit dem Stumpfschwanz wedelnd, für gütige Strafe.

Tiefsinnig sah sein Herr, der zweifellos zur Sippe der Sonntagsjäger gehörte, wenn es auch just nicht Sonntag war, erst zum Hut unten und dann hinter der Reiterin her, die gerade um die Waldecke verschwand. Er schüttelte den Kopf.

»Seltsam! Ich hätte geschworen, es müsse eine ganz Junge sein, und nun hat sie graue Haare! Schnurrig das!«

Er wandte sich zu dem Mann, der hinter ihm stand, einem Förster mit dem Gewehr über der Schulter.

»Was tun wir, Müller?« Er wies nach dem Hut. »Wer ist die Dame? Kennen Sie sie?«

»Ei, wo werd ich dann unser gnädig Frauche nit kenne!«

Der Mann lachte, stieg den Rain hinab, hob den Hut auf und besah ihn schmunzelnd.

»Is grad kein Staat mehr – unser gnädig Frauche hat nie nix drauf gewe, schon wie se noch ihr'm Bappa selig sein Jungche gewese is. Dem sein ganzer Stolz war se. Er hat kein Sohn gehabt un hat die Tochter derfir genomme. Der war kein Baum zu hoch un kein Pferd zu wild, sag' ich Ihne, un Streich' hat se gemacht, mer hätt' sich kenne dotlache. Unser alter Herr hat e Mordsfreid an er gehabt. ›Jungchen‹ hat er se noch geheiße, wie se schon ihr Kinner gehabt hat. Un wie er gestorwe is – jetz möge's bal finf Jahr sein – da hat sie de Hof geerbt in Dresdorf. Denn worum? Sie hat e Herz derfir, un die anner Dochter, die wo in England verheirat is, die hat sich nie nix drum gekimmert.«

»Geh heim Tyras – dein Herr ruft!«

»So ist die Reiterin also, wenn ich Sie recht verstehe, die Tochter des alten Herrn Polten auf Dresdorf, dessen Jagd ich vor vierzehn Tagen gepachtet habe?«

Lebhaft nickte der Mann.

»Des is se!«

»Wie kommt es, daß die Jagd erst jetzt verpachtet wurde, wenn doch der Herr schon fünf Jahre tot ist?«

»Ei, unser Herr Baron, der wo der Mann von unserm gnädig Frauche is, der Herr Baron von Rödern, hat se bis jetz gehabt; er muß awer e wing langsam dun, weil daß er die Gicht krige dät, sage se. Drum hat unser gnädig Frauche die Jagd liewer hergewe. Wann der Herr Kommerzierat jetz mitkomme wolle, dann weiß ich Ihne en feine Stand, wo des Wild am meiste wechselt. Wann dann die Jagd aufgehe duht, wisse der Herr Kommerzierat glei Bescheid. Dort enaus, bitte!«

Der so Angeredete, in nagelneuem Jagdanzug, das Gewehr an tadellosem Riemen über der Schulter, wenn auch nur zur Verzierung heute, stand und sah noch immer den Weg hinunter.

»Graue Haare,« murmelte er vor sich hin. »Das und graue Haare! Es ist wie ein Witz!«

Er lachte, der Förster lachte, und Tyras wedelte; so bogen sie in den Wald.

»Den Hut besorgen Sie der Dame zurück, Müller, ja? Sagen Sie auch meine Empfehlungen, und wie leid es mir täte; ich würde dafür sorgen, daß es nicht wieder vorkommt. Bis die Jagd aufgeht, hoffe ich, den Schlingel Mores gelehrt zu haben.«

Damit war der Tyras gemeint. Der wedelte zustimmend mit dem Schwanzstummel. Er stellte die langen Ohren gegen Luftzug und kläffte seelenvergnügt, als ob dressiert zu werden eine Wonne sei. So jung war der Tyras und so dumm noch – –

Die Dame ohne Hut und mit dem grauen Scheitel jagte unterdessen in vermehrter Eile die Landstraße hin, den von Tyras verursachten Aufenthalt einzuholen. An den Hut dachte sie wohl gar nicht mehr, denn sie hatte sich kein einziges Mal danach umgesehen. Sie trieb ihr Tier zu immer größerer Eile, nestelte an der Uhr und zog sie vor, nach der Zeit zu sehen, alles in vollem Trabe. Dann wieder tätschelte sie ihrem Tier den Hals.

»Bella, alte Dame, eil dich! Wir kommen sonst zu spät. Was sollen die Kinder denken?«

Bella schien das auch zu begreifen; sie wieherte einmal hell, und dann sauste sie dahin, als ob sie Flügel habe. Flüchtig nur berührten ihre Hufe das Pflaster, aber es klapperte doch gewaltig, und manches Fenster im Städtchen Loberg – dahin war Roß und Reiterin nun gelangt – manches Fenster öffnete sich und manch einer schaute hinterher, griesgrämig oder lachend, je nach seiner Veranlagung. Ein kleiner Gassenjunge rannte sogar nach und schrie: »Die hat kein Hut uff! Die hat kein Hut uff!« Die Reiterin kümmerte es nicht. Sie hob die Hand zum Gesicht – fast sah es aus, als drehe sie eine Nase; aber einmal ging es zu schnell, um es mit Gewißheit festzustellen, und dann – es handelte sich um die Frau Baronin von Rödern!

Denn die war die Reiterin. Friedel Polten, jetzt Frau Baronin von Rödern, ging, sich die Enkel zu den Sommerferien von der Bahn zu holen.

Dort sah man die Rauchfahne des heraneilenden Zuges schon ziemlich nahe. Jetzt stob die Reiterin nur so dahin.

Sie kam eben recht. Der Zug fuhr ein, als sie gerade um die Ecke des Bahnsteigs bog. In der Eile war sie auf ihrem Tier sitzen geblieben; eine Sperre gab es in dem kleinen Städtchen noch nicht.

»Klein-Großchen! Klein-Großchen! Unser Klein-Großchen!«

Aus einer geöffneten Tür quoll es und purzelte, kollerte, sprang, hastete und drängte: groß, klein, braun und blond.

»Klein-Großchen, da sind wir! Fein, daß du da bist!«

Es umdrängte Roß und Reiterin. Lammfromm stand Bella; sie schien an derlei gewöhnt zu sein. Die Reiterin dagegen bog sich quecksilbern nach allen Seiten, begrüßte, lachte, fragte, liebkoste und schalt, alles in einem Atem.

»Aber weshalb denn hoch zu Roß, Klein-Großchen?« erkundigte sich ein hochgewachsenes, stattliches blondes Mädchen mit einem Hauch des Verwunderns in der Stimme.

Lachend antwortete Klein-Großchen; dabei lag etwas Unsicheres in den Augen, die das große blonde Mädchen streiften: »Weiß ich's, Kinder? Es kam eben so, weil ich ein bissel spät dran war. Es blieb keine Zeit, von der Bella Rücken herunter zu kraxeln. Platz – ich springe ab!«

Da war sie auch schon unten, von unzähligen Armen umfangen. Aufs neue brach der Jubel los.

Klein-Großchen Friedel ergab sich eine Weile geduldig und küßte sich ergeben durch. Dann machte sie sich kräftig Luft.

»Platz da, Kleinzeug! Hier, nimm du die Bella, Günter! Walter kann nach dem Gepäck sehen; das versteht er besser als ich. Habt ihr all euren unnützen Kram? Hildegard und Irmingard mit Hutschachteln – natürlich! Kinder, macht ihr euch das Leben schwer! Ich –«

»Eine Hutschachtel braucht Klein-Großchen nicht – Klein-Großchen, wo ist dein Hut?« tönte es neckend zu gleicher Zeit.

Zwei fixe halbwüchsige braune Dinger, der Großmutter wie aus dem Gesicht geschnitten, hingen sich ihr von beiden Seiten an und lachten mit neckenden Koboldsaugen. Klein-Großchen griff sich nach dem Kopf.

»Mein Hut – – ja so, den hat der Tyras an den Kopf bekommen.« Wieder fuhr ein etwas unsicherer Blick über die zwei großen blonden Mädchen mit den Hutschachteln hin. »Kinder, ich hab' mir nicht anders zu helfen gewußt; der Köter war nicht wegzubringen, und ich wäre sicherlich zu spät gekommen. Was will das Kleinzeug?«

Zwei kleine blonde Mädchen und zwei braune Buben, wie die Orgelpfeifen zueinander stimmend, drängten sich an die Großmutter.

»Klein-Großchen, sind wieder weiße Zicklein da?« fragten die Mädchen.

»Habt ihr auch tüchtig Kuchen gebacken, Klein-Großchen?« erkundigten sich die Buben.

»Leni, Lisi, zwei schneeweiße sind da; eins hat ein blaues und eins ein rosa Band,« beschied Klein-Großchen, und weiter: »Einen Berg Kuchen hat die Kathrine gebacken; Konz, Dieter, sie kennt ihre Leute.«

Vier Paar leuchtende Augen hingen an Klein-Großchen; acht Hände faßten nicht eben sanft zu in dem Bestreben, einen Zipfel von Klein-Großchens Rock zu erwischen. Dem Schubsen und Drängeln wollte standgehalten sein.

Mit einem kräftigen Ruck befreite sich Klein-Großchen. »Uff, Kleinzeug, Luft!«

Die braunen Buben ließen von ihr ab; die kleinen blonden Mädchen wußten nicht, wie ihnen geschah. Klein-Großchen aber stand inmitten der Schar und überflog sie mit leuchtenden Augen.

»Seid ihr auch alle beisammen, Kinder? Kommt – Großvater wartet! Dort hält Johann mit dem Wagen. Die Karre für das Gepäck ist auch schon da. Fix, Kinder!«

»Hast was vergessen, Klein-Großchen – hast doch was vergessen!« mahnten die Kleinen, und die Großen lachten.

»Je ja, die Parade! Euer Großchen wird alt, Kinder. Seht bloß die grauen Haare! Antreten also! Lus Kinder rechts, Lis Kinder links!«

Eilig stellten sie sich in zwei Reihen, die sich genau das Gleichgewicht hielten, dem Alter nach, fünf hüben, fünf drüben. Sie reckten sich kerzengerade und lachten die Großmutter aus übermütigen Augen an. Die stand inmitten, und ihre Augen sprühten. »Erst die Lus,« befahl sie. »Achtung! Hildegard! Walter! Friedel! Leni! Lisi!«

Jedem aufgerufenen Namen folgte ein fröhliches Hier.

»Gut, und nun die Lis! Gunter! Irmingard! Friedel! Konz! Dieter!«

Fünf schallende »Hier« antworteten auch da.

»So können wir also losziehen, Kinder! Ist das Gepäck besorgt, Walter?«

»Alles in Ordnung, Klein-Großchen. Nur auf dich muß ich noch aufpassen.«

Sie gab dem großen braunen Jungen einen Nasenstüber, wobei sie sich zu ihrer höchsten Höhe recken mußte, hing sich aber lachend in den gebotenen Arm. Den Mann mit der roten Mütze, der schmunzelnd dabeistand, grüßte sie freundlich.

»Guten Morgen, Herr Vorsteher! Sie haben nun schon manch liebes Mal die Parade mit mir abgenommen über das kleine Gesindel, was?«

»War mir stets eine Ehre und ein großes Vergnügen, Frau Baronin! Ein herzerfrischender Anblick.«

»Wie das einem über den Kopf wächst, was? Ja, man wird alt, Herr Vorsteher.«

»Frau Baronin sind doch allen über – Frau Baronin werden nicht alt!«

»Und der graue Schopf?«

»Das ist nur äußerlich. Hab' die Ehre, Frau Baronin – guten Morgen, die jungen Herrschaften!«

Sie dankten ihm alle freundlich. Der Mann mit der roten Mütze und dem grauen Bart war mit ihren ältesten Kindheitserinnerungen verwoben; er hatte allemal dabeigestanden, wenn Klein-Großchen Heerschau hielt über die heranwachsende Enkelschar. Bei den Kleinsten waren damals die betreffenden Kindermädchen mit angetreten, zur höchsten Belustigung aller, die es sahen. Das war nun schon lange nicht mehr nötig. Dieter und Lisi, die Jüngsten von hüben und drüben, waren mittlerweile zu dem ehrfurchtgebietenden Alter von acht und sieben Jahren herangereift.

Von den Großen war Hildegard bereits neunzehn Jahre alt; die beiden ältesten Buben zählten achtzehn, die blonde sanfte Irmingard gerade siebzehn. Dann kamen zwei braune Mädel, die beide Friedel hießen; zum Unterschied nannte man sie auch nach den Müttern Friedelu und Friedeli. Sie waren eben vierzehn geworden. Endlich gab es noch zwei blonde Mädel bei Mutter Lu, die schon genannten Leni und Lisi, während die beiden kleinen braunen Buben Mutter Li gehörten. Also war die stattliche Schar beschaffen und zusammengestellt, in deren Mitte Klein-Großchen nun Rödershof zufuhr.

»Und die Mütter wollten diesmal nicht mitkommen? Ich bin eigentlich recht böse darüber. Der Sommer gehört mir von alters her,« zankte Klein-Großchen.

Die vier Großen überboten sich: »Nicht böse sein, Klein-Großchen! Die Väter sind schuld. Die Mütter sollten mit nach der Schweiz; die Väter taten es nicht anders.«

Bei den Familien Western waren Väter und Mütter immer in der Mehrzahl. Sie bildeten eine Familie sozusagen, denn die Brüder Western waren nach ihrer Hochzeit mit den Schwestern Lu und Li so einig geblieben, wie sie es Zeit ihres Lebens gewesen waren, und die beiderseitigen Kinder traten in die Fußtapfen der Eltern.

Beim Besteigen des Wagens hatten Friedelu und Friedeli rechts und links von Klein-Großchen sich eingenistet; sie verteidigten die Plätze erfolgreich gegen Konz und Dieter.

»Wir wollen zu Klein-Großchen, wir sind die Jüngsten,« plärrten Leni und Lisi.

Großchen Friedel sah sich die sechse, die sich um sie stritten, mit lachenden Augen an und war dann wie der Wind drüben auf der anderen Seite zwischen den zwei großen blonden Enkelinnen.

»So, hier sitz' ich zwischen meinen zwei Gardedamen,« erklärte sie und lachte.

Frau Friedel nannte Hildegard und Irmingard oft scherzend ihre Gardedamen, und doch war ein tieferer Sinn in dieser Bezeichnung. Die zwei hatten die Korrektheit von den Vätern geerbt. Großchen Friedel sah ihnen zuweilen nach den Augen, wenn das eigene quecksilberne Wesen ihr die Zügel entriß.

»Ruhe jetzt, Kleinzeug!«

Unter diesem Namen gingen die vier Jüngsten. Die Friedel wehrten sich dagegen, nicht oft mit Erfolg. Jetzt rückten sie dicht zusammen und taten ein bißchen beleidigt, aber nicht lange. Konz und Dieter kletterten auf den Bock zu Johann und bettelten dem die Zügel ab. Leni und Lisi setzten sich zu Klein-Großchens Füßen. So waren alle zufrieden.

»Ist Tante Fee daheim, Klein-Großchen?« fragte Gunter, und Walter reckte dazu den Hals; die beiden großen Neffen weihten der schönen blonden Tante ihren jugendlichen Schwarm.

»Ach, Kinder, nein, und das ist der einzige Schatten – das heißt, Großvaters Gicht ist ja wohl auch einer.«

»Zwei Schatten, Klein-Großchen? Viel zu viel für dich!« Die blonde Irmingard umschlang sie zärtlich.

»Es muß ja wohl so sein,« seufzte Großchen Friedel. »Wenn nur die Nachrichten von Onkel Werner besser lauteten! In die Trennung von Fee würde ich mich schon finden; aber er scheint sehr krank zu sein.«

»Wie traurig wird Tante Lisa sein, Klein-Großchen!«

»Das wird sie, Irmingard! Er ist ihr ein guter Kamerad gewesen, seit jenem Frühlingstag, da sie Hochzeit hielten im alten Dresdorfer Herrenhaus. Kinder, wo sind die Zeiten hin!« Ein Schatten flog über Großchen Friedels Gesicht.

»An jenem Tag, wo eine gewisse Friedel Polten auf dem Treppengeländer herunterfuhr?«

Neckend fragte es der große braune Gunter und zupfte sich an der Stelle, wo der Bart sprossen sollte, den er schon im Kommen wähnte, den ihm aber Geschwister, Vettern und Basen entschieden bestritten.

»Um Himmels willen, Gunter, wer –? Wo bliebe der Respekt?« Klein-Großchens Blicke streiften fast verlegen das Kleinzeug und die zwei Friedel.

Die hatten natürlich alle große fragende Augen.

»Friedel Polten? Das warst doch du, Klein-Großchen, ja?«

»Dumme Frage! Natürlich war ich das – wer sonst? Und hier ist Rödershof. Da humpelt der Großvater uns schon entgegen. Klaus, wie kann man so unvernünftig sein? Du weißt doch, welch übelnehmerisches Frauenzimmer Madam Gicht ist! Was sollen bloß die Kinder denken?«

Daß diese Strafrede zumeist der Verlegenheit entsprang, sich gegen forschende Kinderfragen zu decken, ahnte Großvater Klaus nicht; er war sehr erstaunt, lachte aber nur belustigt in sich hinein, humpelte dicht an den Wagen heran und sah seiner Frau neckend in die Augen.

Der Chor der Enkel lachte, die Großen mit Verständnis, die Kleinen dem Beispiel folgend.

»Klaus,« mahnte Frau Friedel würdevoll, »willst du nicht lieber die Kinder begrüßen?«

Der Wagen war schon übergequollen. Zuerst waren die Friedel draußen gewesen; sie hingen wie Wildkatzen an dem Großvater. Die zwei kleinen blonden Mädchen hoben sich flehend auf die Zehenspitzen; die zwei großen Blonden legten ihm von rechts und links die Arme um den Hals. Die stattlichen Enkelsöhne hatten je einen seiner Arme und schüttelten daran herum. Konz und Dieter aber riefen tröstend: »Gleich sind wir da, Großvater! Wir helfen nur dem Johann, den Wagen in den Hof fahren.«

»Laßt euch nicht stören,« antwortete lachend Herr von Rödern er hatte genug zu tun, die Vorhandenen zu begrüßen. »Tag ihr; Blonden groß und klein! Donner, Mädel, werdet ihr stattlich!«

Das galt den beiden Großen, seinem besonderen Stolz. Er sah sie mit leuchtenden Augen an und hatte auch alle Ursache dazu; sie konnten sich sehen lassen.

»Leni, Lisi, kommt – gebt Großvater einen Kuß. So! Was das Kroppzeug wächst! Und die beiden Friedel! Immer lustig, was? Nach berühmten Mustern!« Er zwinkerte seiner Frau zu, die lachend und doch ein bissel ungeduldig daneben stand.

»Klaus, Anspielungen sind unfein. Immer sich selber an der Nase zupfen! Wer lacht da?«

Sie fuhr herum, und ehe sie wußten, wie ihnen geschah, hatten die großen Enkelsöhne, die hinter Klein-Großchen standen, ihre Nasenstüber weg. Klein-Großchen faßte die beiden Friedel rechts und links an den Händen und sauste mit ihnen dem Hause zu, als gälte es einen Wettlauf, wer am eiligsten bei Kaffee und Kuchen sei.

Die anderen setzten sich hinterher mit Hussa und Hallo; es war eine wilde Jagd. Großvater Klaus stand und lachte, schaute leuchtenden Auges hinterher und dann die zwei großen blonden Mädchen an, die bei ihm zurückgeblieben waren.

»Kinder, der Himmel erhalt' ihr das Quecksilber! Es macht jung, das nur zu sehen. Und wie geht es meinen Blonden?« Große Zärtlichkeit lag in dem Ton.

Die beiden Mädchen reichten dem Großvater über Schulterhöhe. Sie hatten jede einen Arm unter den seinen geschoben und schmiegten sich an ihn.

»Die Eltern lassen grüßen. Uns geht's fein, Großvater!«

Als die drei ins Zimmer kamen, saß bereits eine lärmende Runde um den Tisch. »Hui, riecht's hier fein nach Kaffee und Kuchen! Laßt uns auch was übrig!« Damit saßen die zwei Blonden mitten unter den anderen.

Solange das Schmausen dauerte – und das war nicht kurz – gab es nur abgerissene Fragen und Antworten. Großvater und Großmutter hatten schnell die Waffen gestreckt; sie schauten vergnügt zu, bis endlich selbst Konz und Dieter aufhören mußten, weil die Grenze des Möglichen erreicht war.

Großvater lehnte sich im Stuhl zurück.

»Nun berichtet, Kinder! Ihr wißt, ich höre gern von euren Fortschritten. Wie war die Zensur, Konz und Dieter?«

»Fein, Großvater,« jubelten die, »lauter Ziemlich gut! Das ist doch besser als ungenügend, was? Muttchen Li sagt's auch.«

»Vater denkt anders,« schob Friedeli ein.

»Aber Muttchen hat immer recht,« trumpften die beiden auf.

»Ihr seid ja bescheiden in euren Ansprüchen, eure Mütter und ihr,« entschied der Großvater trocken. »Und die kleinen Blonden?«

Die wurden rot bis in die Haarwurzeln.

»Muttchen war zufrieden,« sagte Leni, und: »Ja, Muttchen war zufrieden,« echote Lisi.

»Nun, wenn sie dieselben Ansprüche macht wie ihre Schwester, dann waren ja die Zeugnisse glänzend.« Großvater lachte in sich hinein.

»Klaus, verschimpfiere den Kindern doch nicht gleich den ersten Tag,« zankte Klein-Großchen.

»Jede Pille schluckt man besser schnell, Klein-Großchen,« fiel der braune Gunter ein, der Mediziner werden wollte. »Weißt du das nicht?«

»Ich schlucke nie welche – könnte mir passen!«

»Möge es so bleiben,« antwortete Gunter lachend.

»Und nun die zwei Friedel!« Großvater Klaus sah in die Runde. »Wo sind sie denn?«

Ja, wo waren die? Im Zimmer nicht.

»Verduftet« – Klein-Großchen lachte – »das haben sie von mir, Klaus.«

Aber kaum war es heraus, sah Klein-Großchen aus wie roter Mohn. Ein Seitenblick streifte die großen Enkel. Die verbissen das Lachen und taten, als hatten sie nichts gehört. Klein-Großchen konnte in dem Punkt empfindlich sein.

»Und meine Großen?« Der Großvater sah sie fragend an.

»Wir schanzen, Großvater; das Maturum rückt bedenklich nahe,« sagten Gunter und Hildegard; letztere seufzte noch: »Wenn es nur in der Welt keine Mathematik gäbe! Der Mann, der die erfunden hat, sollte sich im Grabe umdrehen müssen, so oft ein armes Gymnasiastenhirn einen Fehler macht!«

Klein-Großchen war nahe herangerückt.

»Hänge doch lieber den ganzen Kram an den Nagel, Kind,« riet sie behaglich. »Lerne Kochen und Nähen; das ist besser.«

»So wie Klein-Großchen es tat?« fragten Gunter und Walter spitzbübisch, verstummten aber schnell vor Klein-Großchens hoheitsvollem Blick.

»Ich will mir mal die Lu und die Li vornehmen,« sagte sie von oben herab. »Sie scheinen da allerhand Gerüchte unter dem Jungvolk auszustreuen, die höchst überflüssig sind.«

»Bist du nicht fürs Studieren, Klein-Großchen?« Die blonde Hildegard legte den Arm um die Großmutter und sah ihr tief in die Augen.

»Nein, mein Mädchen!« Es kam sehr entschieden; sie lenkte aber ein, als sie den Schatten in des großen Mädchens Auge sah. »Jeder muß tun, was er nicht lassen kann. Einen Beruf zu haben, liegt ja wohl heutzutage in der Luft. Zu meiner Zeit – mein Papa, euer Urgroßvater – Kinder, ihr hättet ihn kennen lernen sollen; einen Besseren gab es nicht – der nahm mich eben, wie ich war, und meinen Klaus hab' ich auch nicht unglücklich gemacht –, studiert oder nicht studiert – was, Alter?«

»Ich will mir's überlegen!«

Sie faßte ihn am Schopf und schüttelte ihn grimmig. Dann war sie aus der Tür, die zuknallte, streckte aber noch einmal den Kopf herein.

»Ich muß nach dem Kleinzeug sehen; die stellen mir sonst das Haus gleich am ersten Tag auf den Kopf. Ich höre ein verdächtiges Johlen.«

Klatsch, schloß sich die Tür zum zweitenmal; Großvater sah ihr nach und lachte in sich hinein.

»Werdet wie sie, Kinder! Ich kann euch keinen besseren Rat mit ins Leben geben. Vielleicht, daß ihr die Türen ein bissel sanfter zumachen könntet – aber sonst wüßte ich nichts auszusetzen.«

Und die viere, die noch im Zimmer waren, die großen blonden Mädchen, die aufgeschossenen braunen Jünglinge, nickten dem Großvater zu, hatten ein Lachen um den Mund, aber ein Leuchten in den Augen – – – – –

»Klein-Großchen, bist du allein?«

Walter streckte den Kopf durch die Tür, die Großchen Friedels Allerheiligstes abschloß, das kleine Eckzimmer, wohin sie sich rettete vor den Enkeln, wenn sie einen Brief zu schreiben oder das Haushaltsbuch zu ordnen hatte. Das kleine Zimmer hörte dann manchen Seufzer, sah aber auch, wie fester Wille über alles Herr wird.

»Setz dich mal daher, Walter, und zähle rasch die Posten zusammen! Ich tu' es nun schon gewiß zum zehntenmal, und es will immer nicht stimmen.« Ein tiefer Seufzer.

»Das wollen wir sofort haben! Aber eine Hand wäscht die andere; ich hab' dann auch eine Bitte.«

»Du hast doch nichts angestellt?« Großchen sah mißtrauisch aus.

»Behüte,« beruhigte der große Junge gönnerhaft. »Wart mal einen Augenblick! – So, da haben wir's! Zwanzig Mark und fünfzig Pfennige.«

»Was – schon wieder? Ich weiß nicht, wo mein Haushaltsgeld hinkommt) es hat Flügel. Klaus wird sich freuen! Haushalten ist schwer; lieber reite ich das wildeste Pferd ein. Aber was gibt's, Junge?«

»Du bist nicht fürs Studieren, Klein-Großchen? Sieh mal, ich auch nicht.«

»Wo will das hinaus, Walter?« Mißtrauisch sah sie ihn an.

»Du sollst mir helfen, Klein-Großchen. Ich habe Heidenangst vor dem Maturum. Wozu brauche ich es als Offizier? Es ist bloß Vaters Schrulle.«

»So redet man nicht von seinem Vater! Außerdem – gegen die Eltern habe ich euch nie geholfen.« Großchen schien plötzlich um einen Kopf gewachsen.

»Also nicht!« Trotzig schob sich der große Junge nach der Tür.

Da war sie zwischen ihm und der Tür, so flink wie eine Eidechse.

»Walter, alter Junge, ist es denn so schlimm?«

»Gräßlich, Klein-Großchen!«

»Und Hildegard scheut sich nicht?«

»Die ist klug!«

»Mein Walter auch! Aufraffen, Junge! Mut und tapfer los!«

»Du hast gut reden, Klein-Großchen!«

Da hielt sie den großen Jungen umfaßt, der am Tische sah und den Kopf mit beiden Armen stützte.

»Mir zuliebe tu, was der Vater will! Glaube mir, es lohnt, und du kannst's auch, ich weiß es. Versuche es wenigstens, ja?«

Er sah in die braunen stehenden Augen, die noch so jung waren unter dem grauen Scheitel; er sah eine Welt von Liebe drin und von froher Zuversicht. Das ging warm durch ihn hin, und sein Mut hob sich dran.

»Ich will, Klein-Großchen! Wenn ich aber durchplumpse –«

»Ich fang' dich auf, alter Junge! Niemand soll dir dann an den Kragen – vertrau deinem Großchen! Mehr als sein Bestes kann niemand tun, und das tust du – dein Wort drauf?«

»Mein Wort, Klein-Großchen!«

»Basta also! Schieb dich hinaus, Junge; ich hab' zu arbeiten.«

Von Gefühlsergüssen war Großchen nie ein Freund gewesen. Des seligen Papa »Basta«, das sie sich angewöhnt hatte, schob allem Überflüssigen stets einen Riegel vor. Die Enkel wußten und achteten es.

Ein leuchtender Blick flog hinter dem Abgehenden her. »Bist ein ganzer Bursch,« sagte der, und Großchen saß wieder bei den Zahlen.

Nicht lange ungestört! Von neuem klaffte die Tür. Diesmal sah ein blonder Kopf herein. Hildegard war's.

»Darf ich, Klein-Großchen?« fragte die Enkelin.

»Setz dich, mein Mädchen!«

»Danke! Klein-Großchen, was hast du gegen das Studieren von uns Mädchen?«

Die Gefragte machte große Augen.

»Nichts im besonderen – alles im allgemeinen.« Sie lachte. »Wenn es eine von innen heraus treibt wie dich, die soll es beileibe nicht lassen. Wenn es aber die Menge tut der Mode wegen – Kind, das kann mir nicht gefallen. Wie viel Zeit- und Geldverschwendung, wie viel zugrunde gerichtete Gesundheit! Und dann – ich bin altmodisch; ich meine, ein eigenes Heim, dem Mann und den Kindern leben, ist für die Frau das Höchste und Schönste – ihr eigenster Beruf, wenn es sich so trifft, daß sie es haben kann, ohne sich was zu vergeben, natürlich. Wozu dann alle die Plage vorher?«

»Klein-Großchen, man kann nie genug wissen.«

»Ja, Kind, ich kann da nicht mit; ihr müßt mich schon so nehmen, wie ich bin.«

»Ich möchte aber doch nicht gern etwas tun, was dir nicht gefällt.«

»Jeder lebt sein Leben für sich, Mädchen, und macht draus, was ihm unser Herrgott in Kopf und Herz gelegt hat. Daß bei dir was Rechtes herauskommt, weiß ich, und wenn es etwas mir Fremdes ist, will ich es zu verstehen suchen. Recht so?«

»Klein-Großchen, wie dich gibt's keine zweite.« Das große blonde Mädchen glühte.

Großchen rückte lachend ab. »Uff, versenge mich nicht! Diese verflixten Zahlen machen mir warm genug. Basta, ich hab' zu tun!«

Aber einen Kuß mußte sich Großchen doch gefallen lassen, ehe Hildegard verschwand. Hätte sie den stolz strahlenden Blick gesehen, der ihr folgte!

»Nun wird es ja doch Ruhe geben,« seufzte Großchen und widmete sich wieder den Zahlen.

Da gab es mit einem Male ein Gezeter. Zwei Buben- und zwei Mädchenstimmen ertönten, und da die Mädchen jammervoll weinten, die Buben triumphierten, war Großchen Friede! sofort zur Stelle.

»Konz, Dieter, was habt ihr angestellt?«

»Hu – hu – hu – hu, meine Aurora! – Hu – hu – hu – hu – hu, der Adalrich!« Leni und Lisi zeigten Mienen, als hätten sie sieben Schwerter im Herzen.

»Wir haben Hinrichtung gespielt! – Fein war's, Klein« Großchen! – Ich hab' den Gedanken gehabt –«

»Nein, ich! Ich hab' gesagt, das Transchiermesser – –«

Konz und Dieter lagen sich in den Haaren. Sie waren noch in den Jahren, wo man einen Streit um Entdecker- oder Erfinderrechte auf diese Art ausfechten kann.

Die Mädel jammerten indessen weiter: »Die Aurora! Der Adalrich! So zwei Feine, wie die waren! Eben sollte Hochzeit sein.«

Wie die Unglückswürmer standen sie? Ströme von Tränen flossen. Jede hielt in einer Hand den Rumpf, in der anderen das abgetrennte Haupt einer Puppe. Großchen Friedel hatte Not, ihren Ernst zu bewahren. An jedem Ohr hielt sie einen der Schlingel gepackt.

»Was fang' ich nun mit euch an? Auch noch mein bestes Transchiermesser haben sie zu der Geschichte stibitzt! Tante Lisa brachte es erst letztes Jähr aus Köln mit! Leni, Lisi, was soll ich mit ihnen tun? Die Ohren abschneiden?«

Die kleinen Mädchen machten womöglich noch entsetztere Augen, als die der Aurora und dem Adalrich galten. Beängstigend strömten die Tränen.

»Los – los –«

»Also 'runter damit!« Bedrohlich fuchtelte Klein-Großchen mit dem Messer. Die Missetäter duckten und wehrten sich doch etwas ungewiß; Klein-Großchens Miene war wie die des Werwolfs.

»Los–los–los–lassen! Loslassen!« zeterten nun die kleinen Blonden.

Da atmeten alle vier auf. Das Messer lag unbeachtet auf dem nächsten Tisch. Wie die armen Sünder umstanden die vier die Richterin.

Die hatte mit plötzlichem Schnupfen zu tun und konnte vorerst nicht reden; dann sagte sie: »Konz, Dieter, wie viel habt ihr in euren Sparbüchsen? Denn ersetzen werdet ihr den Schaden doch wollen? Ehrenmänner tun das immer!«

Das fuhr den vieren nun in die Glieder, den einen freudig, den anderen mit Grausen.

Ehe sie Worte fanden, war Klein-Großchen schon aus ihrem Bereich. Aber nicht zurück zu den Zahlen, behüte! Dazu schien die Sonne denn doch zu golden und lockte zu sehr. Wie sie ging und stand, war Großchen draußen, so flink, daß die vier, die noch nicht zu sich selbst gekommen waren, sie aus den Augen verloren und nicht wußten wie.

Großchen eilte durch den Wiesengrund dem Walde zu, und es war ein erlösendes Freuen in ihr wie seinerzeit etwa, da sie aus der Nähstunde durchbrannte, weil sie es zwischen vier Wänden nicht länger aushielt.

Dann mäßigte sie ihre Eile, ging still und sinnend dahin. Allerhand Bilder tauchten vor ihr auf: des Vaters, Tante Lenchens, die bald nacheinander heimgegangen waren – Tante Lenchen zuerst; es mochten jetzt sechs Jahre sein. Wie hatte der alte Mann die Schwester und ihr zurechtweisendes »Konrad – erbarm dich« vermißt! Selbst »Jungchen«, Großchen Friedel, konnte sie ihm mit aller Liebe nicht ersetzen.

»Denn siehst du, Jungchen, die alte Lene war nun mal mein

Großchen Friedel hatte Not, ihren Ernst zu bewahren.

Gewissen. Wie soll der Mensch ohne das leben? Besser, er drückt sich mit Ehren und beizeiten, basta!«

Großchen Friedel, sein geliebtes Jungchen, hatte den alten Mann nicht halten können. Sie mußte aber, der Tod kam ihm als Freund, und das sänftigte jede Trauer, auch die schwerste.

Dann flogen ihre Gedanken dahin, wo die geliebte einzige Schwester am Krankenbett ihres Mannes so qualvolle Zeiten durchlebte, wo Fee, Großchen Friedels älteste Tochter, der Tante helfend zur Seite stand.

Fee! Großchen Friedels Augen zeigten den wärmsten Schein, wenn sie ihrer dachte. Durch ihre Stimme ging es wie Kosen, wenn sie den Namen nur aussprach. Sie wußten es alle, ihre anderen Lieben und – sie begriffen es alle.

»Denn seht ihr,« sagte Großchen Friedel wohl auf ein neckendes diesbezügliches Wort, »wir alle – ich nehme keinen von uns aus – laufen als unseres Herrgotts Alltagsware unter der Sonne herum; Fee aber, die ist an einem Feiertag geschaffen worden. Wie sie damals nach dem Brande ihr großes Unglück getragen hat, sanft und ergeben, geduldig wie ein Engel, so trägt sie es noch. Sie hat ein Meisterwerk aus ihrem Leben gemacht, das ihr das Schicksal so grausam verpfuschen wollte – Fee ist ein Engel.« Das war der einzige Überschwang, den Großchen Friedel sich je gestattete, und – keiner der Ihren lachte drüber.

Mitten in die Gedanken an Schwester Lisa und die ferne, schwer vermißte Fee – sie war nun schon seit Monaten in London bei der Tante – kamen unbestimmbare Töne, die wie Lachen und doch nach Angst klangen. Kein Hilferufen, aber ein unbestimmbares Schreien, das mit Lachen untermischt war.

»Die Friedel – natürlich,« sagte das Großchen desselben Namens und setzte sich in Trab; sie war sachkundig und hatte nicht nur den Namen mit den beiden gemein. »Hinter welcher Dummheit mögen die nun wieder her sein?«

Lange hatte Klein-Großchen nicht zu warten, bis sie alles sah. Natürlich, die zwei Friedel! Eine davon stand im Bach auf einem Stein und konnte sich offenbar nicht im Gleichgewicht halten, da das Wasser, wenn auch nicht reißend, so doch recht lebendig war. Sie fuchtelte wild mit den Armen und stieß die unbestimmbaren Töne aus. Die andere hockte oben in einem Baum auf dem untersten Ast, beugte den Kopf nach unten, als wolle sie eben abstürzen, lachte schrill und abgerissen und klammerte sich fest; aber wenig fehlte, und der Ast brach.

Das Sonderbarste war eine schwingende Linie, die sich von der einen zur anderen zog, einmal straffer, einmal im flachen Bogen herabhängend. Sie änderte sich bei jeder Bewegung der beiden. Was es aber war, konnte Klein-Großchen noch nicht erkennen.

Wie der Wind war sie nun zur Stelle.

»Quiekt nicht so! Ihr gröhlt ja den Flurschütz herbei, und daß es auf die Pflaumen abgesehen war, das sieht ein Blinder. Schämt ihr euch –«

»Klein-Großchen, ich falle ins Wasser!«

»Klein-Großchen, ich stürze vom Baum!«

»Geschieht euch recht, Gesindel! Aber was – so laßt doch los!«

Nun kam etwas Unerwartetes. Klein-Großchen hatte nach dem gefaßt, was die beiden offenbar verband und die Ursache all des Übels war. Sie bekam einen armdicken Zopf zu fassen, wo sonst vier baumelten. Die Unglückswürmer hatten die Zöpfe ineinandergeflochten) dann war die eine ausgeglitten und drohte die andere mitzureißen.

Ach, das Verhängnis forderte noch ein Opfer! Bei Großchens sehr festem Griff löste sich die Friedel im Baum und saß im Handumdrehen neben der Friedel im Bach. Da aber aller guten Dinge bekanntlich drei sind, so saß auch hier eine dritte Friedel bei den zwei anderen, ehe eine von ihnen sich dessen versah. Linde umspülte sie das Wässerlein, und weh hatten sie sich allem Anschein nach nicht getan, sonst hätten sie nicht so lachen können, wie sie es taten.

Großchen faßte sich zuerst, wie es auch eigentlich das Richtige war, und besann sich auf ihre Würde.

»Ja, schämt ihr euch denn nicht in euer Herz hinein? Pflau – hab' ich's nicht gesagt!? Das kommt von dem Gröhlen! Nun haben wir die Bescherung. Guten Tag, Meier! Ihr seht wohl wieder mal zum Rechten, was? Schönes Wetter heute?«

Der Mann, wirklich der Flurschütz, mit einem derben Stecken ausgerüstet, stand sehr ungewiß, grinste ein bißchen und wußte offenbar nicht, was er aus den dreien im Wasser machen sollte, die taten, als ob sie dahin gehörten.

»Ich – jawoll, gnädig Frauche, ich – – hä – ich – –« Zu mehr brachte er es nicht.

Die drei hatten sich mittlerweile sehr schnell aus dem Wasser heraus gemacht. Sie schwenkten die Röcke und traten die Schuhe auf dem Grase ab, Großchen sehr würdevoll, die Friedel mit verhaltenem Kichern. Sie hatten auch eiligst die Zöpfe wieder zurechtgeschüttelt, so daß jede zu dem ihr angewachsenen Eigentum kam.

»Seid ihr so weit?« Nie hatten sie Klein-Großchen so hoheitsvoll reden hören; es fuhr ihnen ordentlich in die Glieder.

»Wir sind fertig.« Nie hatte auch Großchen solch de- und wehmütige Antwort von den zwei Friedel bekommen.

»Guten Tag, Meier! Eine Freude, bei solch schönem Wetter durch die Fluren zu wandeln.«

Großchen sprach es in schier poetischem Anflug, raffte den triefenden Rock auf und ging ab mit dem Stolz einer Königin, die beiden Friedel hinterher wie begossene Pudel, die sie ja auch waren.

Der Mann hatte wortlos seine Mütze vom Kopf gerissen und glotzte hinter den dreien her.

»Wann des kein Schnuppe git! Aber was die nor im Wasser Zu duhn gehabt hawe? Mer kennt sich nit aus bei dene Vornehme! Wann des gnädig Frauche nit selwer derbei gewese wär', deht ich als sage, die zwei Rackercher hätte Plaume stripse wolle. So gestrenzte von 'em gemeinheitliche Baum schmecke besser als wie die, wo uff em Großvatter seine Beim wachse duhn. Mer war doch auch emal e Kinn!« Er schlenderte weiter.

»Was habt ihr nun zu sagen?« Großchen besann sich auf ihr Richteramt.

»Du hast dir doch nicht weh getan, Klein-Großchen?«

»Wenn du nur keinen Schnupfen bekommst, Klein-Großchen!«

»Sonst nichts? Und das siebente Gebot, ihr Racker?«

Sie hatten große runde Augen und zählten in Hast an den Fingern. Dann blitzte ihnen der Schelm über das Gesicht.

»Gestohlen haben wir nicht.«

»Wir haben nicht stibitzen wollen.«

»Wir haben von dir gesprochen, Klein-Großchen – wie du so alt warst wie wir.«

»Und da waren wir gerade an dem Baum dicht beim Bach – –« »Und der Ast war bequem zu erreichen und –«

»Und wie du können wir's noch lange nicht, Klein-Großchen!«

»Und dann haben wir die Zöpfe zusammengeflochten – –«

»Wir wollten siamesische Zwillinge spielen, weißt du, und – –«

»Ja, und dann ist Friedeli geplumpst –«

»Weil Friedelu mich gepufft hat – –«

»Ist nicht wahr!«

»Ist doch wahr!«

Sie standen wie Kampfhähne. Großchen aber waltete des Richteramts.

»Schämt ihr euch nicht – auch noch Streit zu allen anderen Missetaten? Ich an eurer Stelle – –«

Sie standen mit Augen, in denen der Schalk lauerte. Da riß daß Drollige der Lage – waren die zwei doch eingestandenermaßen sozusagen in Großchens Gedächtnis auf den Baum gestiegen – Frau Friedel mit sich fort. Sie rettete ihre Würde nur dadurch, daß sie den beiden die Köpfe mit den großen runden Schalksaugen leicht gegeneinanderstieß.

»Macht, daß ihr heim und in trockene Kleider kommt!«

Sie eilte voran und die zwei hinterher; es war wie die wilde Jagd.

»Hallo, ihr drei Friedel, woher? Wohin?« Großvater suchte umsonst Einhalt zu tun. Er humpelte wieder einmal durch seinen Wiesengrund.

»Hab' keine Zeit, Klaus! Ich habe die zwei Racker mit Lebensgefahr aus den Klauen des Gesetzes gerettet; der Meier war uns auf der Fährte. Ich muß die Kleider wechseln. Hazzi! Hazzi!«

Die Beweisführung war schlagend. Großvater sah kopfschüttelnd den drei Nassen nach.

»Woher sie die Jugend nur nimmt – wer das doch auch könnte! Es hält frisch, es nur zu sehen!« – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

»Sie kommen, Klein-Großchen – Klein-Großchen, sie kommen!« Die zwei großen Blonden, Hildegard und Irmingard, Klein-Großchens »Gardedamen«, wie sie mit Vorliebe sie nannte, streckten die Köpfe ins Allerheiligste. Großchen war wieder einmal bei den Zahlen, also unwirsch, sogar spitz.

»Rätsel hab' ich immer gehaßt. Macht, daß ihr fortkommt! Meine Rechnung stimmt mal wieder nicht. Abschwirren– basta!«

»Muttchen Lu kommt! Muttchen Li auch!«

»Lohnt sich, solchen Lärm drum zumachen! Also die Rangen geruhen allergnädigst – – hm, ja so – wollt' sagen: Zeit, daß sie sich endlich auf ihre Pflicht besinnen! Setzen die ganze junge Brut hier ab und flitschen durch die Welt. Paßt mir nicht – basta!«

Wenn der Papa selig sein »Jungchen« hätte hören können! Er hätte seine Freude dran gehabt, wie unvergessen er war, selbst in Miene und Ton. Großchen hatte gewaltig die Brauen gerunzelt und polterte beträchtlich.

Die zwei Blonden ließen sich nicht abschrecken? sie kannten Großchen.

»Sie depeschieren, daß sie am Nachmittag kommen. Dürfen wir anspannen lassen, Klein-Großchen?«

»Meinthalben baut Triumphpforten. Ich habe zu rechnen. Abtreten!«

Dann war Großchen aber doch als erste zur Stelle, als der Wagen abfahren sollte. Mißbilligend rügte sie die anderen, die etwas später erschienen. Konz und Dieter waren nicht aufzutreiben; man mußte ohne sie fahren.

»Muttchen Li wird untröstlich sein,« sagte Gunter. »Die zwei sind ihr Verzug.«

»Sieht ihr ähnlich,« antwortete Großchen trocken.

Der Zug brauste heran. Schon von fern sah man zwei braune Köpfe so weit wie irgend möglich sich aus dem Fenster lehnen. Zwei Tücher wurden mit Macht geschwenkt, und allerlei unbestimmbare Töne wurden laut.

Die erwiesen sich dann, da sie zur Klarheit kamen, als: »Klein-Muttchen! Klein-Muttchen, da sind wir! Nein, wie wundervoll, wieder bei dir zu sein!«

Die so riefen, waren zwei noch jugendliche Frauen. Als der Zug nun hielt, sprangen sie aus dem Abteil und hielten Großchen umfangen, daß sie beinahe erstickte. Sie machte sich denn auch sehr entschieden los.

»Platz da, Lu, Li! Denkt ihr, nun schöntun zu müssen, um alle die mir unterschlagene Zeit einzubringen? Danke ergebenst. Basta!«

»Klein-Muttchen, der Heinz – –«

»Klein-Muttchen, der Paul – –«

»Papperlapapp! Paul – Heinz – jawohl. Lu und Li, sage ich, wollten mal in der Welt 'rumflitschen; sie wußten die Kinder ja wohl geborgen, und die alte Mutter konnte – – aber Kinder, prächtig seht ihr aus! Euer Muttchen ist glückselig, eure Zigeunergesichter wiederzusehen.«

Da gab's ein Hallo, bis alle reihum begrüßt waren – ein frohes, lautes Durcheinander, an dem alle ihre Freude hatten, die es sahen.

Dann hatten Mutter Lu und Mutter Li ihre zwei großen Söhne am Arm. Die zwei »Gardedamen« begleiteten Klein-Großchen. Die Friedel und die zwei kleinen Blonden umschwirrten alle, und da war es, wo Mutter Li ihre beiden Buben vermißte. »Konz und Dieter? Es wird ihnen doch nichts geschehen sein?« Mutter Li hatte sehr erschreckte Augen.

»Papperlapapp!« Klein-Großchen war seelenruhig. »Wie wär's, wenn wir gingen, Kinder? Ich habe meinen Spaziergang heute noch nicht gemacht; die verflixten Zahlen wollten es nicht erlauben.«

»Ach, Klein-Muttchen, wenn's nur die nicht gäbe!« Mutter Lu und Mutter Li waren es, die also verständnisinnig stöhnten.

Alle waren mit Großchen Friedels Vorschlag einverstanden, Mutter Lu und Mutter Li zumeist. Beim Gang durch das Städtchen erinnerte sie fast jeder Pflasterstein an irgend einen jugendlichen Streich. Sie nickten sich zu, kniffen die Augen ein und hatten dieselben Schalksgesichter wie einst. Das Leben war augenscheinlich glimpflich mit ihnen verfahren. Wenn aber einer oder eine von der jungen Schar wissen wollte, weshalb die beiden sich so anlachten, da gab es keine Auskunft als: »Man wird doch noch ungefragt lachen dürfen hierzuland! Es liegt eben in der Luft.«

»Sie beschauen sich wohl mal innerlich die Urbilder der Musterexemplare, die jetzt hier wandeln,« bemerkte Großchen trocken. »Ja, ja, was alles aus den Menschen werden kann!«

Da waren sie vor dem Städtchen und gingen den Waldweg hin zwischen den hohen Bäumen, die einstmals schon Friedel Polten zu Pferd oder zu Rad hatten vorüberstitzen sehen. Die Kinder Lu und Li hatten sie auf ihrem Schulweg geschaut, und nun wandelte bereits die dritte Generation hochaufgeschossen unter ihnen hin. Und die Bäume schüttelten wohlgefällig die Wipfel; ein vergnügliches Raunen ging durch ihre Reihen. So helle, frohe Menschen, wie die da unten vorüberzogen, die sahen sie gern.

Daß aber diese dritte Generation den vorhergehenden nicht nachstand auch in unüberlegten Streichen, das sollten sie ebenfalls gleich erfahren.

Der Weg war hier enger; die begrenzten Raine rechts und links waren niedriger und mit Unterholz bestanden. Aus diesem brach es mit Hallo und Hussa.

»Hoch, Mutter Li! Tante Lu, hoch!« Zugleich knallte es beträchtlich viermal hintereinander, und Wasserstrahlen ergossen sich von rechts und links auf die Vorüberwandelnden, daß die im Schreck auseinanderfuhren.

»Herrje, das gilt nicht! So war's nicht gemeint!« riefen zwei Knabenstimmen, und beiderseits den Rain herunter kollerte je eine kleine Gestalt, in jeder Hand eine Flasche.

»Konz, Dieter – was soll das heißen? Seht mal, Klein-Großchen ist das Wasser gerade ins Gesicht gespritzt!« Mutter Li tat sehr würdig, aber der Schalk wollte ihr nicht aus den Augen.

»Freudenschüsse, Muttchen! Weil ihr gekommen seid, du und Tante Lu! Eine Pistole hatten wir doch nicht, und die Flaschen knallen grad so laut! Großvater sagte es neulich selbst. Und – –«

»Da habt ihr mir wohl aus dem Keller von Großvaters Gießhübler genommen? Was fang' ich nur mit euch an, ihr Schlingel?«

»Es war doch so wundervoll, Klein-Großchen! Gerade wie eine Pistole! Klein-Großchen, es war doch so gelungen.«

»Besonders das Wasser,« sagte Großchen und wischte an sich herum, wobei ihr die blonde Irmingard getreulich half.

Den strahlenden treuherzigen Gesichtern gegenüber vergaß sie das Zanken. Mutter Li aber hatte längst ihre beiden Jüngsten im Arm. Ja, der große braune Gunter behauptete dann, sie habe zugegeben, daß der Empfang wundervoll festlich gewesen sei, und sich mit Schokolade dafür erkenntlich gezeigt. Sie gestand es nicht ein und bestritt es auch nicht.

»Sollten die Bürschchen etwa das nächste Mal an eine wirkliche Pistole denken, Gunter? Nein, da ist mir das Wasser doch noch lieber!«

»Weise Mutter Li,« sagte der lange Gunter und lachte.

*

Das war ein Festtag, Großvaters Geburtstag! Die Sonne wollte feiern helfen und war am frühesten von allen zur Stelle.

Aber noch früher als sie mußte der frische junge Mann aufgestanden sein, der da durch den Wiesengrund auf Rödershof zuschritt. Er hatte den Hut in der Hand, und seine Stirn stach seltsam weiß gegen sein Gesicht ab, wie man es bei Soldaten sieht, denen der Schirm der Mütze sie schützt. Seine Haltung und sein Schritt wiesen ebenfalls auf diesen Stand hin.

»Fritzel mein Fritzel,« tönte da eine Stimme aus einem Fenster des Herrenhauses. »Sscht, daß niemand was hört! Gleich bin ich da.« Es war, als ob die am Fenster Miene mache, den allerkürzesten Weg, nämlich durch dieses, zu wählen, sich aber dann eines Besseren besänne. Im Handumdrehen stand sie danach neben dem Ankömmling, stellte erst sorgfältig, was sie trug, zu Boden und legte dann die Arme dem jungen Mann um den Hals, wozu ihre Höhe nur knapp reichte.

»Fritzel, warum hast nicht geschrieben?«

»Ich wollte Klein-Muttchen überraschen! Aber weshalb den Umweg? Ich hätte dich nicht verraten!« Er zwinkerte nach Fenster und Tür.

»Wo werd' ich, Fritzel! Da hast du dich gründlich versehen.« Großchen tat sehr würdevoll, war aber rot, als sie ihrem Jüngsten – das war der Oberleutnant von Rödern – ins Gesicht sah.

Er lachte sie an.

»Laß gut sein, Klein-Muttchen! Wir kennen uns.«

»Schweig mal jetzt ganz still, Junge! Ich muß die Geige stimmen, sonst macht mir der Vater auf, ehe ich spiele, und das darf nicht sein. Alle die Jahre daher – laß mich mal zählen, Fritzel: vierzig sind's ja nun wohl und nie ein böses Wort, Fritzel! – alle die Jahre daher Hab' ich den Vater so geweckt an diesem Tag.«

Süßer Geigenton erklang. »Glücks genug« von Schubert hob sich in inniger Beseelung in den feierlich stillen Morgen. Goldklar stiegen Töne in die sonnenhelle Luft. Aus Großchen Friedels Augen fielen die Tränen – Glückstränen.

Ihr Jüngster sah sie falle; er wußte, welch köstlich seltene Tropfen es waren, und hütete sich wohl, daran zu rühren. Solche Augenblicke sind heilig. Ihm selber waren die Augen feucht.

Und oben am Fenster hinter dem Vorhang lehnte noch einer, der hörte und – sah, und auch er verhielt sich schweigsam. Er hatte die Hände gefaltet, und in seinem Herzen weckten die Töne den innigsten Widerhall.

»Meine Friedel – mein gutes, treues Weib!« so hallte es wider. »Dank dir für jede Stunde des Glücks!«

Im Hause war es lebendig geworden; es quoll über. Um Großchen und ihre Geige wimmelte es plötzlich. Aber lautlos kamen sie alle. Wenn Großchen die Geige in Händen hielt, war sie eine andere für alle, die sie liebten. Da lag eine Weihe über ihr, die des Alltags Vertraulichkeit bannte.

Die Geige war mittlerweile zu dem Andante von Beethoven übergegangen. Weihevoll stiegen die hehren Töne himmelwärts, und die Sonne übergoldete zum Dank den Scheitel der Spielenden, und alle die leise ergrauenden Haare leuchteten auf wie ein Glorienschein.

Jetzt stimmte die Geige an: »Die Himmel rühmen des Mächtigen Ehre.«

Da setzten sie alle im Chor ein. Sie hatten ein Ohr für Musik, wenn auch keines die Begabung der Großmutter geerbt hatte. Frohlockend mischten sich die Stimmen, die hellen der Mädchen und die der jungen Leute, der Kinder, der Mütter Lu und Li. Andächtig stiegen sie zum Preis des allmächtigen Himmelsgestirns auf und verklangen dann fromm und sanft.

Nun nahte der Großvater. Sonst hatte ihn das Jungvolk mit Geschrei überfallen; jetzt waren sie noch im Bann der eben verklungenen Töne. Ungehindert durfte er Klein-Großchen ans Herz nehmen; sie sahen mit Andacht zu, und es gefiel ihnen sehr.

Wenn Großchen die Geige in den Händen hielt, kamen sie alle lautlos herbei.

Dann trat der Festjubel in sein Recht. Nach dem Großvater kam auch der Onkel Fritz auf seine Kosten, dem noch wenig von Begrüßung zugefallen war.

»Fein, daß du da bist, Onkel!« Konz und Dieter strahlten geheimnisvoll. »Wirft schon sehen! Verraten wird aber nichts! Die lebenden Bilder – – «

Da hatten sie ihre Püffe weg von den Großen. Sie heulten und wehrten sich, und es hätte beinahe eine regelrechte Balgerei gegeben. Da legte sich der Großvater ins Mittel und verlangte nach dem Frühstück. Das brachte auf andere Gedanken. Konz und Dieter hatten den Festkuchen bereits gesehen und – gerochen. Mamsell hatte sie bei dem Umweg durch die Speisekammer an den Ohrläppchen hinausbefördern müssen, was sie aber weiter nicht übelnahmen. –

Es war der Nachmittag von Großvaters Geburtstag. Großvater und Großmutter schritten Arm in Arm durch den Wiesengrund von Rödershof Dresdorf zu. Alte Erinnerungsbilder drängten sich vor ihrem Geiste.

Da war die Stelle, wo Friedel Polten dereinst der scheidenden Schwester nachgeweint hatte. Schalkhaft sah Großmutter dem Großvater ins Gesicht.

»Dort fing's eigentlich an, Klaus, ja!«

Er begriff nicht gleich. »Was fing da an, Friedelchen?«

»Dein Kreuz, Alter! Und du warst so lieb und geduldig mit dem Unband, Klaus! Wie soll ich dir dies ganze reiche Leben danken?«

Großchens Stimme war seltsam bewegt. Die Augen wollten lachen, flössen aber über) Großchen war rot und heiß, ganz verschämt wie ein junges Mädchen.

Großvater Klaus legte den Arm um sie. So gingen sie durch den Wiesengrund und dachten an das, was gewesen war, und an die Gegenwart, und alles war hell und froh.

Dort kam das alte Herrenhaus von Dresdorf in Sicht. Heute hatte es alte seine Augen aufgeschlagen, die sonst gewöhnlich verschlossen waren. Heute aber war ein Festtag. Im alten Saal sollte gefeiert werden, wie es von alters her der Brauch gewesen war.

Das Gut war noch im Betrieb. Frau Friedel verwaltete treulich ihr Erbe; ein bewährter Inspektor stand ihr zur Seite. Im Gedanken an den verstorbenen Vater hatte Dresdorf bei ihr noch stets den Vorzug vor Rödershof, war ihre ureigenste Heimat geblieben.

»Denn siehst du, Klaus, dort bist du Alleinherrscher; hier ist ›Papas Junge‹ Herr.«

»Als ob Frau Friedel dort nicht ebenfalls Gewalthaber wäre!«

»Schäm dich Klaus! Du tust, als wäre ich mindestens der Nero. Ich verbitte mir's!«

So oder doch ähnlich endete die Verhandlung jedesmal.

Jetzt standen Großvater und Großmutter im Hof. Freundlich kamen die dort befindlichen Leute, dem Herrn ihren Glückwunsch darzubringen. Er stellte einen Festtrunk für den Abend in Aussicht, und alle waren zufrieden.

Nun stürzte die Enkelschar in den Hof.

»Willkommen! Willkommen! Eilt euch, bitte, – wir müssen zum Kaffee!«

»Die haben's ja eilig,« zankte Großchen, »tun, als ob sie in Rödershof verhungern müßten! Undankbare Gesellschaft!«

Mutter Lu und Mutter Li, die für den wirtschaftlichen Teil hier aufkamen, vermittelten.

»Nicht brummen, Klein-Muttchen! Bedenke, es ist der Enkelkaffee; der war immer wichtig.«

Denn die Enkel bewirteten an dem Tag die Großeltern; das war so Brauch, seit die zwei großen Blonden zuerst darauf verfallen waren. Die blonde Irmingard, das Hausmütterchen, hatte den Gedanken gefaßt; dann war er Gemeingut geworden, ein eifersüchtig gewahrtes Recht.

So saßen sie um den langen Tisch im großen alten Saal. Es war ein frohes Schmausen.

Der Großeltern Stühle waren bekränzt; sie standen dicht beisammen. Großvater hatte vergnüglich den Arm um Großmutter gelegt, und die ließ es sich etwas unbehaglich, mit Seitenblicken auf das Jungvolk, gefallen.

Diesem schien es aber ganz in der Ordnung. Das beruhigte Großchen, wenn sie gleich keine Freundin von derlei »Zuckerwasser« war.

»Hier hat's eigentlich angefangen, Friedelchen, was? Weißt du noch – bei Lisas Hochzeit! Jawohl, das Treppengeländer war der Anfang? da hab' ich dich zum ersten Male gesehen.«

»Erzählen, Großvater, erzählen!« Was von dem Jungvolk zur Stelle war, umdrängte ihn; ein Teil davon war nämlich verschwunden.

»Klaus, wenn du den Mund auftust, brenne ich durch,« drohte Großchen.

»Seine Majestät Nero der Zweite gestatten es mir nicht, Kinder.«

»Großvater! Bitte, Großvater!«

»Klaus, ich brenne durch!« wiederholte Großchen.

Da sah er nun in der Patsche. »Szylla und Charybdis,« seufzte er.

»Ist mir ganz einerlei, Klaus, und wenn du alle die alten heidnischen Frauenzimmer anrufst! Ich brenne durch!«

Das sagte Großchen sozusagen großgedruckt, und alle wußten, was das bedeutete.

Dem Großvater blieb die Antwort erspart, denn gerade öffneten sich die Flügeltüren zur Eingangshalle weit und feierlich.

Man sah nur auf einen Vorhang, was einstweilen enttäuschte, aber davor stand Gunter. Er hatte eine entschieden verlegene Miene, was man an ihm gar nicht gewohnt war, und zwirbelte krampfhaft an dem herum, was er seinen Schnurrbart nannte. Er schluckte und druckte – umsonst.

Dafür kam Bewegung in den Vorhang; es regnete Püffe auf Gunters Rücken. »Los! Vorwärts! Anfangen! Spielverderber,« und was dergleichen geschwisterliche Liebenswürdigkeiten mehr waren.

»Du willst wohl warten, bis dir der Schnurrbart gewachsen ist?« Das war die Stimme der einen Friedel; welche, blieb unbestimmt.

»Drum reiht er so dran,« fügten Konz und Dieter hinzu.

Gunter ermannte sich, trat erst ein paarmal nach hinten aus, dann lachte er so recht frank und frei seinen Zuhörern ins Gesicht.

»Entschuldigen die Herrschaften – es sind eigentlich Verse gewesen, die ich hersagen sollte. Schwesterlein Irmingard, die Holde, hat sie äußerst poetisch und zart verfaßt; es kommt darin viel von Herz und Schmerz, von Mondschein und Nachtigallen, von Blütenduft und Lenzhauch vor. Für manche Leute mag's ja wunderschön sein; ich mag mal Zuckerwasser nicht – ich – – «

»Bravo, Junge – bravo!« Großchen warf sich mächtig ins Zeug.

Gunter machte eine tiefe Verbeugung.

»Der Beifall ehrt mich, woher er kommt. Ich habe also nur sagen wollen: Statt der vier Bogen Verse – es waren wirklich so viele –«

Stimme von hinten: »Übertreiber! Dreieinhalb, bitte.«

»Ich überlasse es den Herrschaften zu entscheiden, ob nicht dreieinhalb immer noch mindestens um drei Bogen zuviel sind.«

Stimme von vorn: »Bravo! Brav-o–o!«

Stimme von hinten, etwas weinerlich und gekränkt: »Sie waren gar nicht übel; Hildegard sagte es auch.«

Chor, tumultuarisch: »Wundervoll waren sie! Der Gunter ist ein Scheusal.«

Der verneigte sich nach hinten. »Danke verbindlichst!« Er wendete sich wieder. »Also ich hab' die dreieinhalb Bogen Verse dreieinhalb Tage in meine Brusttasche gesteckt; ich habe sie des Nachts unter mein Kopfkissen gelegt – es hat alles nichts helfen wollen; ich bin noch ebenso unpoetisch, wie ich es vorher war. So sage ich denn kurz und in Prosa, was der Kern der dreieinhalb Bogen Reime war: Wir beabsichtigen, dem heute Gefeierten, unserem geliebten Großvater, allerhand aus seinem Leben als lebende Bilder vorzuführen und bitten deshalb um geneigte Aufmerksamkeit.«

Großchen fuhr auf: »Junge, ihr werdet doch nicht? Ich – –«

Es half ihr diesmal nichts; Großvater zog sie lachend auf ihren Stuhl zurück. »Du wirst den Kindern doch die Freude nicht stören, Friedelchen! Flink setzen!« Zur Vorsicht hatte sich Mutter Lu dicht zu Großchen und fest auf einen Zipfel von deren Rock gesetzt. Dasselbe tat Großvater Klaus mit einem Schalksgesicht. Großchen mußte sich gefangen geben.

Sie feuerte noch einmal auf: »Wenn sie zu sehr übertreiben, Klaus, geh' ich auf und davon – daß du's nur weißt! Ich finde es überhaupt respektlos – –«

»Es sollen ja Bilder aus meinem Leben sein, Friedelchen,« schmunzelte Großvater.

»Hältst du mich für ein Wiegenkind, Klaus, daß ich nicht wüßte, wo dies hinaus soll? Da seid ihr aber schief gewickelt! Ich – da – hab' ich's nicht gesagt!«

Der Vorhang hatte sich lautlos geteilt. Man sah in die alte Halle, sah die Treppe, die zum Obergeschoß führte. Auf deren Geländer sauste ein blitzäugiges Mädel nieder, schwang ein Tuch und sprang ab mit der Anmut eines jungen Jagdhunds. Es war eine der Friedel. Sie hatten ihr die Zöpfe dicht um den Kopf gewickelt und eine kurzhaarige Perücke übergestülpt. Sie wäre gestürzt, hätte sie nicht ein junger Herr (Gunter) sehr würdevoll und steif aufgefangen. Danach zog er ihren Arm unter den seinen, was sie sich nur mit geziert-scheuem Wehren gefallen ließ. Eben wollten sich die beiden dem im Hintergrund harrenden Brautpaar (Walter und die blonde Irmingard) anschließen, da feuerte Großchen auf: »Hört mal, ich verbitt' mir's! Erstens bin ich flotter heruntergerutscht und abgesprungen – könnt's heut noch besser, jawohl – und dann hat er mich gar nicht aufgefangen! Und so alberne Gesichter hab ich dann auch nicht geschnitten! Wenn eure Großmutter denn schon herhalten soll, dann bitte ich, wenigstens historisch treu zu sein. Wehr dich doch, Alter! So 'ne Zierliese hättest du gewiß nicht genommen.«

»Behüte!« Großvater lachte, daß ihm die Tränen nur so über die Backen liefen. »Es gibt eben nur eine Friedel Polten.«

»Gott sei Dank, Klaus! Das ist's ja eben! Ich dachte, wie Lu und Li glücklich verheiratet waren, nun wachse Gras über die Dummheiten von damals. Ja, Essig! Die Madamen hatten nichts eiliger zu tun, als ihre Kinder mit dem alten Schnickschnack groß zu füttern. Hier das Ergebnis! Wo sollen denn endlich vernünftige Frauenzimmer in der Familie herkommen, wenn – –«

»Das eben ist der Fluch – –«

»Red' mal keinen Unsinn, Klaus; ich – –«

»Schiller – Braut von Messina, Friedelchen!« Großvater sagte es mit förmlich hohler Stimme.

»Ist mir ganz gleichgültig! Und wenn's der Kaiser von China gesagt hat! Ich – da, nun geht's schon wieder los! Bin neugierig, was sie wieder ausgeheckt haben!«

Diesmal trabte Miß Miller daher, von Hildegard mit viel Geschick dargestellt: Szenen aus Großchens Unterrichtszeit bei der englischen Miß.

Großchen sah stumm zu und nickte nur zuweilen trübselig: »Ja, so hat man denn seine schöne Zeit verloren! Arme Miß – war so gut!«

»Ich dachte, es sollten Bilder aus meinem Leben sein?« sagte der Großvater, als der Vorhang sich diesmal schloß. »Was hab' ich ernster Mann mit derlei Allotria zu tun?«

»Alles hat doch seine Entwicklung, bis es zur Reife kommt, Großvater.« Hildegard sagte das hinter dem Vorhang. »Dich sieht man einstweilen nicht; du warst doch auf Reisen.«

Onkel Fritzel lachte. »Aha, nach dem Bilderrätsel, wo nur geschrieben steht: ›ins Maul!‹ Die Lösung heißt dann: Dem geschenkten Gaul sieht man nicht – – ins Maul.«

»Laß die schlechten Witze, Fritzel! Du machst ja die Kinder irre.«

War das Großchen, die so für die erst Geschmähten eintrat?

»Hurra, Klein-Großchen! Unser Klein-Großchen!« schrie es denn auch begeistert hinter dem Vorhang, und alles, was folgte, zeigte besonderen Schwung.

Da kamen nun Näh- und Tanzstunde dran, dann Kochproben. Die dicke Babette wurde wiederum von Hildegard vorgestellt; sie hatte entschieden Begabung. Die Friedel übernahmen abwechselnd die Rollen der jugendlichen Großmutter, taten es mit mehr oder weniger Geschick.

Großchens Kritik war scharf; die Friedel störte das wenig. Sie mimten lustig und mit viel Humor drauflos.

»Achtung, Großvater – nun kommst du endlich wieder dran!« Leni und Lisi hingen rechts und links an seinem Stuhl und strahlten in Wonne.

»Es ist auch wirklich Zeit, wenn ich doch der Gefeierte sein soll!« Großvater tat beleidigt.

Die Mädel standen ungewiß. »Aber Klein-Großchen gehört doch zu dir!«

»Ja, Klein-Großchen oder du ist einerlei – ihr gehört doch zusammen.«

»Was die Kinder alles wissen!« Aus Großvaters Augen brach ein warmer Strahl; Großchen aber zog die beiden dicht heran und legte um jede einen Arm.

Als der Vorhang sich teilte, sah man vom Treppengeländer aus ein Brett quer durch den Raum zu einem Schrank gelegt. Drunterher lagen Steinbrocken Und grüne Zweige. Ein weißes großes Laken schlängelte sich zwischendurch, und dies war in unheimlich sprungweiser Bewegung.

»Wir sind das Wasser,« klangen zwei selige Stimmen, Konz' und Dieters; sie steckten unter dem Laken und machten es lebendig.

Auf dem Steg oben saß eine von den Friedel. Sie hielt eine Geige im Arm. »Um Himmels willen, sie wird doch nicht!« Großchens Augen waren weit geworden; ungewiß schielte sie nach Großvater hin. Der lachte in sich hinein.

»Hieher gehört eine Komposition von Bach, Friedelchen – was?«

»Klaus, wenn du –«

»Wo werd' ich!«

»Das wollt' ich dir auch geraten haben!«

Mittlerweile nahte eine Männergestalt dem Steg. (Wieder Gunter.)

Er ließ sich sachte neben der bereits Sitzenden nieder. Die wendete den Kopf und tat, als fiedle sie wie toll drauflos.

»Wie gut, daß es stumme Bilder sind!« seufzte Großchen.

»Auf der Geige sind dir die Friedel leider nicht ähnlich, Klein-Muttchen,« sagte Mutter Lu sehr bedauernd.

»Etwas muß ich doch für mich haben,« brummte Großchen. »Genug, daß Gestalt und Übermut abgefärbt haben.«

Inzwischen hatte der junge Mann auf dem Steg sich wieder erhoben und mit allerlei Gebärden das Mädchen aufgefordert, mit ans Ufer zu kommen. Es schüttelte den Kopf, als ob er von den Schultern solle, und hantierte noch eifriger mit dem Bogen. Der Mann ging ans Ufer zurück und winkte von da, ihm zu folgen.

Das Mädchen erhob sich nun, ließ sich aber alsbald wieder fallen, mit allerhand Bewegungen, die sein Unvermögen, ihm zu folgen, andeuten sollten.

Der Mann kam zurück und wollte helfen. Stolz wies ihn das Mädchen ab. Er entfernte sich wieder und wandte ihm den Rücken. Da – kroch das Mädchen auf allen vieren den Steg entlang. Es war urdrollig anzusehen.

Großchen dünkte das nicht so. Sie war aufgefahren, hatte den Großvater am Bart und zauste nicht sanft.

»Klaus, das hast du verraten! Wer hätte es sonst wissen sollen? Schämst du dich nicht, Klaus?«

»Also ist's wahr, Friedelchen? Du hast dich nie dazu bekennen wollen, daß du so de- und wehmütig zu Ufer krochst. Ich hab' ja bloß ein bissel über die Schulter schielen können; meine Ritterehre verbot mir, mich umzuwenden.«

»Hätt' auch gerade gefehlt,« brummte Großchen und sah ein bißchen ungewiß in die Runde. »Das Stück wird ja nun hoffentlich bald zu Ende sein.«

»Und sie haben sich doch solche Mühe gegeben,« sagte Mutter Lu im Tone des Bedauerns.

»Hm – hm –« Großchen räusperte sich. »Es ist ja wirklich sehr nett gewesen, bloß – na ja, wer sich mal in die Tinte gesetzt hat, bleibt schwarz.«

Droben erschien hinter dem geteilten Vorhang diesmal nur ein Paar, eine der Friedel und Gunter. Stumm und steif standen sie. Ein Riesenplakat war dahinter angebracht: »Als Verlobte empfehlen sich Friedel Polten und Klaus von Rudern.« Friedel hing den Kopf und tat sehr verlegen. Es war wirklich lustig zu sehen.

Sie lachten alle. Großchen aber rief ihrem Urbild mit gutmütigem Spott zu: »Kopf hoch, Mädel! Gar so gräßlich ist nicht, was nun kommt. Mit ein bissel gutem Willen überlebt man es. Aber für meinen guten Alten hat sein Kreuz so angefangen, und er ist immer geduldig gewesen und immer gut, Kinder! Nehmt euch mal ein Beispiel an ihm! Euer Großchen kann ihm nicht genug danken. Schwamm drüber! Basta! Drei Schritt vom Leibe! Ihr wißt ja, daß ich Zuckerwasser hasse! Ich ersticke!«

Alle hatten sich um sie gedrängt, die Kinder, die Enkel. Sie wehrte sich kräftig, aber dem Großvater ließ sie die Hand, und als er den Arm um sie legte; hatte sie das Wehren vergessen. Dafür war sie scheu und rot wie die Jüngste.

Und dann war die Vorstellung zu Ende, sehr bald danach der ganze festliche Tag.

*

In unbegreiflicher Hast rollte die Zeit ab, und auch die Ferien waren zu Ende. Diesmal brachten Großvater und Großmutter die Töchter samt der Enkelschar zur Bahn.

Mutter Lu und Mutter Li hatten sich beim Vater eingehängt. Die Enkel alle umdrängten Großchen; jeder wollte die letzten Augenblicke noch nutzen.

Sie hatten alle helle Augen. Großchen hatte ihnen von früh eingeprägt: »Kinder, ein für allemal: ihr kommt mit Lachen und geht mit Lachen! Es ist schlechter Dank für eine frohe Zeit, wenn man ihr nachweint. Alles hübsch der Reihe nach! Nach den Ferien die Schule, nach dem Kuchen das Brot, nach der Verwöhnung die Strippe, nach eurem Großchen Mutter Lu und Li!«

»Stellst uns als Zuchtmeister hin, Klein-Muttchen?« Lu und Li begehrten auf.

»Nur als die rechtmäßigen Gewalthaber! Eine Großmutter darf verwöhnen; wozu wäre sie sonst da?«

So schieden sie auch alle diesmal mit den hellsten Gesichtern. Nur Walter hing ein bissel den Kopf. Oder versah sich Klein-Großchen?

Beim Einsteigen legte sie den Arm um seinen Hals. »Alter Junge, ich hab' dein Wort! Du tust dein Bestes?«

»Ist nicht viel, Klein-Großchen,« sagte er trübselig.

»Mehr kann auch der Kaiser von China nicht,« erwiderte Klein-Großchen, ein bißchen laut, so daß die andern es hörten.

»Ist das dein höchster Gerichtsherr, Klein-Großchen?« Gunter lachte sie an. »Du zitierst ihn so oft!«

»Nimm meinethalben den Großmogul oder den Brahmaputra dafür oder wie die Herrschaften alle heißen. Ich – –«

»Brahmaputra ist ja ein Fluß, Klein-Großchen – ein Fluß in Asien!« Konz und Dieter taten sich erschrecklich viel zugut auf ihre Weisheit.

»Mir auch recht – kommt nicht so genau drauf an! Einsteigen! Denkt ihr, der Zug steht still, bis der Herr Konz und der Herr Dieter Western – – Lu, Li, es war schön, eure lieben Gesichter wieder zu sehen! Leni, Lisi, gebt Klein-Großchen noch ein Küßchen! Meine Gardedamen – daß ihr mir nicht noch länger werdet! Gunter, alter Junge – mein Walter, lebt wohl! Zerrt nicht so, Kinder – jeder kommt dran. Friedeli, nicht zu toll! Friede!«, nur immer vernünftig! Euer Großchen fühlt gewissermaßen gerade für euch Verantwortung – – Da, sie pfeifen! Ja, ich gebe schon acht, Herr Vorsteher – muß nur noch einmal jedem eine Hand – – «

Und Klein-Großchen lief eine Strecke weit neben dem Zug her und schüttelte alle Hände, die sich ihr aus dem Fenster noch entgegenreckten. Dann besann sich der Zug auf seine Pflicht; er griff fauchend aus. Klein-Großchen blieb weit dahinten, stand und winkte. Und wie schon lange nichts mehr zu sehen war, stand sie und winkte immer noch.

Großvater lachte, als sie dann zu ihm zurückkam: aber er neckte nicht. An ihren Augen sah er, weshalb sie gar so lange gewinkt hatte.

Er zog ihren Arm unter den seinen. »Wir zwei Alten müssen eben jetzt sehen, wie wir allein fertig werden, Friedelchen, was?«

»Du denkst doch nicht, daß ich die Gesellschaft vermisse?« Dazu lachte sie mit einem kleinen, sonderbaren Schnörkel und wischte an einem Tropfen, der ihr über das Gesicht rollte.

Großvater und Großmutter gingen dann einträchtig unter den Waldbäumen hin in ihr stilles Haus.

Am andern Morgen lagen zwei Briefe auf dem Frühstückstisch.

»Von Fee und von Lutz, Klaus! Wie schön, daß sie gerade an dem ersten Tag kommen, wo wir allein sind!« Eilig riß sie den Umschlag von Fees Brief auf.

»Klaus, es steht sehr schlimm mit dem armen Werner; sie warten auf das Ende. Meine arme Schwester! Ein Glück, daß sie Fee hat! Wir wollen uns gern behelfen, was, Klaus? Und wer weiß! Solange der Mensch lebt, hofft man. Was sagst du, Klaus?«

»Mir tut es leid um deinen Schwager und um Lisa. Es muß ein schweres Trennen sein nach solch jahrelanger guter Kameradschaft. Aber lies, was Lutz schreibt!«

»Natürlich, der Erstgeborene! Da, lies du vor – dann hören wir zugleich.«

Herr von Rödern las: »Geliebte Eltern! Unsere Forschungsreise hier im Innern Asiens naht ihrem Abschluß. Damit rückt für mich die Zeit des Wiedersehens mit Euch Lieben heran. Ich meine, es ist wenigstens Aussicht dazu vorhanden, denn uns trennen immerhin noch einige Meilen. Klein-Muttchen, wie viele wohl?«

Klein-Großchen stand und winkte.

»Der dumme Junge! Klaus, vorwärts!« Er hatte innegehalten und sie lachend angesehen; nun las er weiter.

»Ich weiß das Opfer zu schätzen, liebe Eltern, das Ihr mir brachtet, indem Ihr meiner Neigung, mich dieser Expedition anzuschließen, nichts in den Weg legtet. Ich hoffe, meinen Dank dadurch zu beweisen, daß ich dies Nomadenleben – Herumzigeunern nennt es ja wohl Klein-Muttchen – –«

»Ist es auch, Klaus! Was braucht der Junge in diese greulichen Wüsten zu gehen, während er so glänzende Aussichten an der Universität hatte! Und hierher auf Rödershof, Klaus, dahin gehört doch von Rechts wegen der Älteste! Verdrehte Anstalt! Woher der Junge das hat?«

»Ich besinn' mich auch, Friedelchen, da doch seine Mutter –«

»Lies weiter, Klaus! Denkst du, ich bin nicht neugierig?«

»Also: – – – – daß ich dies Nomadenleben – Herumzigeunern nennt es ja wohl Klein-Muttchen – tunlichst bald aufgebe und den Stab heimwärts setze. Meine Gefährten reden freilich von einer weiteren Forschungsreise in Südtibet, die sie nach einer Ruhepause dieser Expedition angliedern wollen; ich kann mich, offen gestanden, noch nicht entschließen, zu dem Plan Stellung zu nehmen. Ich lasse die ganze Sache erst noch ein wenig reifen. Eurer Zustimmung so oder so bin ich ja gewiß. Mir klingen Vaters Worte noch im Ohre nach, wie es sich um die Erlaubnis zu dieser Reise handelte: ›Ich bin der Freund meiner Söhne, der ihr Bestes will, nicht ihr Tyrann. Da sie kleine Buben waren, mußte ich ihnen helfen, den rechten Weg finden; die Männer müssen ihre Wege selber gehen.‹ Und Klein-Muttchen denkt ebenso, das weiß ich. Erinnerst Du Dich noch, Klein-Muttchen, wie Du uns erbarmungslos zu unserem Professor zurückbrachtest, als wir ausgekniffen waren? Damals fandest Du den rechten Weg für uns, so weh es Dir tat, Klein-Muttchen! Ich sehe Dein liebes, kummervolles Gesicht noch, das Sorgenfalten sonst gar nicht kannte, nur Sonnenschein und Lachen. Klein-Muttchen, der Fritzel und ich sind Dir viel Sonne schuldig, um jene Zeit wettzumachen. Und ehrliche Männer zahlen ihre Schulden! Das nächste Mal hört Ihr also, ob Ihr mich in sechs Wochen etwa oder erst in einem Jahr oder so erwarten könnt. Mach kein trübseliges Gesicht, Klein-Muttchen! Erstens ist es noch nicht gewiß, und wenn es so wäre, dann kommt Euch auch ein Mensch zurück, der seiner Lust nach unseres Herrgotts weiter Welt Genüge getan hat und zufrieden ist, für den Rest seines Lebens in deutschen Landen bei Muttern hinterm Ofen zu sitzen. Dies bitte aber nur bildlich zu nehmen. Grüßt mir alle Lieben, die Geschwister, Neffen und Nichten groß und klein! Ist Schwester Fee noch immer in England, und wie geht es wohl dem Onkel dort? Ich umarme Euch! Klein-Muttchen, ich lege im Geist die Arme um Dich. Mach kein trauriges Gesicht; es steht Dir nicht. Euer treuer Sohn Lutz von Rödern.«

Es gab eine Pause; dann sagte Vater Klaus: »Ja, das ist denn nicht anders, Friedelchen; man hat die Kinder, daß man im Alter allein ist.«

»Danke sehr, Klaus; ich zähle also nicht.« Klein-Muttchen versuchte zu lachen, es glückte nur halb …

Es war Herbst geworden, ein früher und kühler. Im Oktober wüteten kalte Stürme; man flüchtete hinter die Mauern und richtete sich winterlich ein.

Auf Rödershof war ein unangenehmer Gast eingekehrt. Madame Gicht, wie Großchen sie nannte, suchte den Hausherrn wieder einmal heim und schien sich da bedrohlich wohl zu fühlen. Großvater Klaus ächzte und stöhnte, aber die Laune ließ er sich nicht verderben; er war ein geduldiger Kranker.

Frau Friedel war eine treue Pflegerin. Ihre quecksilberne Natur rang sich sogar stundenlanges Stillsitzen und Vorlesen ab. Großvater Klaus mußte sie mit Strenge ins Freie und zu ihrem täglichen Gang treiben.

Johann brachte die Abendpost. Diese Stunde war vom Hausherrn stets ersehnt; da kamen die Zeitungen.

Aber heute ließ er sie unbeachtet neben sich liegen. Frau Friede! hatte in der Dämmerstunde die Geige vorgeholt und spielte noch, wenn auch längst die Lampen brannten. Darüber vergaß Großvater Zeit, Welt und Politik.

Frau Friedel spielte ein Notturno von Chopin. Es war voll dunkelster Schwermut; todesbang zitterten die Töne. Großvater hatte das Gesicht in die Hand gestützt; seine Gedanken zogen mit den Tönen in unbekannte Fernen. Da fiel sein Auge auf den Posteingang, der vor ihm auf dem Tische lag. Etwas ließ ihn aufschrecken, und seine Hand faßte danach. Ein Telegramm!

Erdentrückt ließ Frau Friedel ihre Zaubertöne weiter klingen. Großvater entfaltete das Papier. Las es. Ein tiefer Schatten lag ihm nun über dem Gesicht; mitleidig streiften seine Augen die Spielerin.

Eben verzitterten die letzten dumpfbangen Töne. Frau Friedel ließ Bogen und Geige sinken. Sie atmete tief auf.

»Man sollte gar nicht so traurige Sachen spielen, Klaus; man denkt dann nur an Not und Tod, und das Leben – – was hast du, Klaus?«

Geige und Bogen lagen auf dem Boden; Frau Friedel kniete neben Großvaters Stuhl. »Klaus, du erschreckst mich – was gibt's?«

»Werner ist tot, Friedel. Die arme Lisa hat ihren treuen Kameraden verloren.«

Frau Friedel weinte still und heiß. Großvater legte die Arme um sie und zog sie dicht heran. So blieben sie lange.

»Ich muß hin, Klaus; ich muß zu Lisa und Fee.«

Er sah sie betrübt an, sagte aber nur: »Wenn du mußt, Friedelchen!«

Kräftig war sie aufgeschnellt. »Ich muß; Klaus! So denkst du doch auch?«

»Ich? – – Friedelchen – –« Ein stechender Schmerz ließ ihn ächzend nach dem Bein fahre».

Frau Friedel sah ihn erschreckt an. »Ja so, Klaus – die Gicht – du – –«

»Laß du mich nur, Friedelchen! Kümmere dich nicht um mich und Madam Gicht; mir werden schon allein miteinander fertig.«

Frau Friedel stand lange und sann; man sah, sie erwog und kämpfte mit sich. Er ließ es still geschehen und verbiß auch den Schmerz, der ihn gewaltig zwickte; er wollte ihr freies Entschließen.

»Was tu' ich bloß, Klaus?« Wie ein verängstigtes Kind sah sie ihn an.

»Das, was du für das Rechte hältst. Es gibt Fälle, wo man nur für sich allein entscheiden kann. Wie ich dir sagte, Madam Gicht und ich – –«

Über ihr verweintes Gesicht flog der Schatten eines Lachens. »Das ist's ja eben, Klaus, das verflixte Frauenzimmer! Ich bleibe da! Sag' gar nichts, Klaus; ich bin fest entschlossen,« sprach sie vollkommen ruhig.

Er war froh über diese Entscheidung. Seine Frau war seine Sonne; je älter er wurde, desto weniger konnte er sie entbehren.

Zweites Kapitel: Tante Fee

Es war schon beinahe dunkel im Zimmer. Vom dämmerigen Fensterviereck hob sich eine schlanke, hohe Gestalt ab. Sie stand dort regungslos, hatte den Kopf an die Scheiben gepreßt und starrte in den Nebel, der draußen alles zuhängte.

Kein Laut im Raum; nur zuweilen raschelte es leise von knisterndem Papier. Dort am zweiten Fenster saß eine Frau, beugte sich über eine Schieblade und machte sich mit deren Inhalt zu tun. Es waren Briefe und Papiere, die sie entfaltete, schichtete und ordnete.

Ein tiefer Seufzer weckte die in Sinnen verlorene hohe Gestalt am Fenster. Sie wendete sich.

»Du wirst dir die armen Augen verderben, Tante Lisa. Laß sein; es ist zu dunkel, irgend etwas zu sehen.«

»Ich weiß, Kind, ich weiß. Ich lege ja auch nur die Hände auf die Papiere. Mir ist, als habe ich dann noch ein Stück von ihm. Ich bin so allein, Fee!«

»Arme Tante!« Die Gestalt löste sich vom Fenster, kniete am Boden und legte die Arme um die Frau, die am Schreibtisch saß.

Ein wehes Schluchzen klang durch das Zimmer.

»Zwölf Tage erst, Fee! Wie soll ich die Jahre hinbringen?«

»Sie sagen, die Zeit hilft tragen, Tante.«

»Niemand braucht mich mehr, Kind.«

»Viele haben dich lieb, Tante! Klein-Muttchen, ich – –«

»Wenn ich dich nicht hätte, Fee!«

»Drum eben! Ich bin dein Kind. Braucht ein Kind seine Mutter nicht?«

»Mir scheint, wir hätten die Rollen gewechselt; ich komme mir so hilflos vor.«

»So laß mich dir ein klein wenig vergelten, was du an Liebe und Sorge für meine Kindertage hattest.«

»Meine Fee – mein Kind!«

Eine Weile war wieder nur das wehe Schluchzen laut; dann öffnete sich plötzlich die Tür zum Nebenzimmer und ließ eine fast schmerzende Fülle von Licht herein. Ein Hausmädchen mit dem Häubchen der englischen Dienerinnen wurde sichtbar.

»
If you please, Ma'am – tea is ready.«

»Komm, Tantchen, es wird dir gut tun.«

»Kind, es schmerzt, daß der Alltag so weitergeht.«

»Und ist doch das einzige Heilmittel!«

Sie saßen am Teetisch, die beiden Frauen, in tiefer Trauer. Vor zehn Tagen erst hatte man den Herrn des Hauses dorthin getragen, von wo er nie wiederkehren würde. Ein verwaistes Haus, verwaiste Frauen. Schwer lastete die Stunde auf ihnen.

Mit liebevollem Zureden gelang es Fee, daß die Tante eine Tasse Tee und ein Brötchen nahm. Dann sah diese wieder regungslos und sah vor sich hin, sah immer das Eine, den Einen, der nicht mehr war.

Neben ihrer Tasse lag ein Brief. Sie hatte ihn wohl aus dem Nebenzimmer mit hereingebracht, schien ihn aber vergessen zu haben.

Um sie von ihrem Brüten abzulenken, fragte Fee: »Was ist das für ein Brief, Tante Lisa?«

»Ein Brief? Wo, Kind? Ich weiß von keinem.«

»Du hast ihn aber doch wohl mit hereingebracht. Laß sehen!«

Sie beugte sich rasch zur Tante hin, die Aufschrift des Briefes zu lesen, aber jäh fuhr sie wieder zurück – – war ganz blaß geworden.

»Seine Schrift!« Ungewiß, verängstigt sah sie zur Tante auf. »Der Brief ist an mich gerichtet.«

Die Tante war aufmerksam geworden. Sie hob den Brief und besah ihn jetzt erst näher.

»Von ihm an dich, Fee! Der Brief ist mir in all diesen Tagen ganz entgangen; ich muß ihn doch eben mit hereingebracht haben. Lies ihn, Kind!« Sie schob Fee den Brief zu. Ihre Hände zitterten.

Auch Fee griff unsicher danach. Es dauerte eine Weile, ehe es ihr gelang, den Umschlag zu öffnen und das Papier zu entfalten. Sie sah hinein und konnte vor strömenden Tränen nicht lesen.

»Lies,« drängte die Tante. Das Blut war ihr heiß zu Kopf gestiegen; ihre Augen flackerten.

»Ich kann nicht, Tante. Gib mir nur noch eine Minute Zeit!« Fees Stimme war gepreßt; sie drängte mit Gewalt die Tränen zurück. Endlich war sie so weit, daß sie ihrer Stimme trauen konnte; sie las:

»Geliebtes Kind! – Denn das warst Du mir, Fee, wenn ich auch nicht wirklich Dein Vater sein durfte! Ich liebe Dich mit eines Vaters Liebe, und ich weiß, daß Du mir im Herzen eine Tochter bist, mir und meiner geliebten Lisa. Und ihretwegen zumeist schreibe ich diesen Brief, der zu Dir sprechen soll, wenn ich nicht mehr bin. Ich flehe Dich an, Fee: laß meine Lisa, laß Deine arme, einsame Tante, die Dir mit einer Mutter Liebe zugetan ist, – laß sie nicht allein. Ich baue auf Dein Herz, das sich stets als gut und edel erwiesen hat; es wird den rechten Ausweg finden. Ich weiß, es ist kein Kleines, zwischen zwei Pflichten zu stehen, aber ich baue auf Dich.

Dein Leben war nicht leicht, mein Mädchen! Es hat in jungen Jahren viel Entsagung und Geduld von Dir gefordert. All unsere Liebe hat Dir darüber nicht hinweghelfen können. Sie hat ein wenig erleichtern dürfen; aber groß und stark bist Du den schweren Weg gegangen, uns allen ein Vorbild, unser Stolz, unser Glück. Über das Grab hinaus darf ich Dir diese Worte sagen.«

Fee barg das Gesicht in beiden Händen; ihre Stimme war zuletzt nur ein Hauch gewesen. Dann glitt sie vom Stuhl und lag vor der Tante auf den Knien.

Die faßte den Kopf der Knieenden und legte den ihren darauf. So blieben die beiden Frauen eine lange Zeit.

Fee faßte sich zuerst, besann sich darauf, daß sie die Stärkere sein müsse.

»Ich lese weiter, Tante! Wir wollen hören, was der Treue, Gute noch weiter zu sagen hat.«

Sie blieb vor der Tante knien und hielt sie mit einem Arm umschlungen, während sie weiter las:

»Was ich tun kann, Dir den weiteren Lebensweg zu erleichtern, das ist die Sorge und der Gedanke meiner letzten Jahre gewesen. Du hast Dich zum Heiraten nicht entschließen können, und es war ja vielleicht besser so, meine Fee. Ich mußte Dir in Deinen Gründen recht geben. Du sollst auch ferner frei sein in Deinen Entschließungen, ganz Dein eigener Herr. Deshalb habe ich eine Summe für Dich auf der Bank hinterlegt, über die Du ungehindert verfügen kannst. Mein Rechtsanwalt ist angewiesen, Dir bei deren Erhebung behilflich zu sein, sobald Du es wünschest. Meiner geliebten Lisa entziehe ich damit nichts; sie hat für ihre Bedürfnisse genug, und ich weiß, daß ich in ihrem Sinne handle.«

»Das tat er! Mein Werner! Es gibt nicht leicht einen Mann, wie er war!«

»Keinen, Tante! Er war der Beste, Edelste – –«

Fee brach ab. Vor ihren Geistesaugen tauchte ein Männergesicht auf mit grauem, vollem Bart, der einst blond gewesen war. Zärtliche Augen sahen sie vorwurfsvoll an: »Und ich, dein Vater?« Sie preßte den Kopf fester gegen die Tante, hob ihn dann mit Blicken der Hilflosigkeit: »Entzieht man dem einen etwas, wenn man den andern preist, Tante?«

Ob Tante Lisa ahnte, was in Fee vorging? All ihre mütterlichen Gefühle waren plötzlich wach. Sie legte den Arm um Fees Nacken und zog sie dicht an sich.

»Meine Fee, mein Kind, unser Herz ist so wunderbar liebesstark! Es hat genug für alle. Erlischt eine Flamme, wenn Du eine zweite daran entzündest?«

Sie hielten sich eine Weile umschlungen; dann sagte Tante Lisa: »Lies den Brief zu Ende, Kind.«

So tat Fee: »Als Geschäftsmann, der ich Zeit meines Lebens war, weiß ich, daß ein nicht zu unterschätzender Vorteil darin liegt, hinsichtlich der Geldfrage sichergestellt zu sein. Es ist nicht alles, aber es ist unendlich viel. Dies kann ich zum Glück für Dich tun, meine Tochter, und ich tue es aus väterlichem Herzen. Mein Segen ruht darauf. Dein wirklicher Vater hat viele Kinder, viele Enkel; ihm wird diese Beihilfe für Dich willkommen sein.

Eines Vaters reichsten Segen auf Deinen ferneren Lebensweg, geliebtes Kind! Du hast meiner Lisa und mir viele Jahre unsres Lebens hell gemacht, bist uns stets ein wahres Kind gewesen. Ich danke Dir! Dein Onkel Werner Horst.«

Nur das Schluchzen der beiden Frauen unterbrach die tiefe Stille im Raum.

»Tante Lisa, du kommst mit nach Deutschland,« begann nach einer Weile Fee wieder. »Klein-Muttchen und ich, wir werden dich auf Händen tragen. Klein-Muttchen sehnt sich nach dir und mir. Ihre Briefe klingen so trübe; sie wäre so gern gekommen. Sag ja, Tante Lisa!«

»Wie kann ich, Kind! Wie dürfte ich sein Grab so allein lassen!« Erschreckt wehrte Frau Lisa ab. »Ich kann nicht, Kind.«

In Fees Gesicht glomm etwas wie ein jäher Schreck auf; sie zwang es aber mit Willenskraft nieder.

»Du brauchst dich ja nicht von heute auf morgen zu entschließen, Tante Lisa,« sagte sie sanft. »Wir können warten, Klein-Muttchen und ich. Wir haben dich unendlich lieb.«

»Gib mir Zeit, Kind.« Gequält sagte es Frau Lisa.

Dann gingen die beiden für die Nacht auseinander. – – –

Fee saß in ihrem Zimmer. Aus der Lieblichen, jugendlich Zarten von einst war eine anmutige Frauenerscheinung herangereift. Immer noch schlank, hoch und fein, zeigte das zarte Gesicht jenen verklärenden Leidenszug, der stets durchgeistigt und adelt. Der Gang war mühsam und behindert; man sah, es gehörte eine Willensanstrengung zu jedem Schritt. Auch diente ein Stock als Stütze, und ein Fahrstuhl in der Ecke des Zimmers bewies, daß es für Fee des öfteren weniger gute Zeiten gab.

Sie saß vor ihrem Schreibtisch. Eben hatte sie ein Buch herausgeholt, das geöffnet vor ihr lag; viel beschriebene Seiten und viel weiße Blätter zeigte es, als sie nun wie träumend hineingriff und die Seiten wandte.

Auf dem Titelblatt ruhte ihr Auge zuerst. »Merkbuch« stand da geschrieben, und sie nickte vor sich hin.

»Ich wollte die Marksteine an meinem Lebensweg hier verzeichnen,« flüsterte sie, vertiefte sich dann und las weiter: »Am Abend von Lus und Lis Hochzeitstag. Da sind sie nun hinaus in die Welt, die beiden, strahlend vor Glück! Es muß schön sein, so ins volle Leben treten zu können – ein ganzer Mensch werden zu dürfen, der anderen etwas bedeutet – von dem anderer Wohl und Wehe abhängt! Lu und Li Western sind andere als Lu und Li Rödern. Verantwortlichkeit liegt auf ihnen, Pflichten. Die machen erst den ganzen Menschen, reifen ihn, läutern ihn, lassen ihn wachsen. Kleine Lu, kleine Li, Segen über euch!«

Fee hob den Kopf und sann lange. Ein leises, fast ein schelmisches Lächeln lag um ihren Mund. Sie dachte wohl der Mütter Lu und Li mit der Schar von Großen und Kleinen, Braunen und Blonden. Dann las sie weiter.

»Ich soll also wirklich in die Klinik nach Heilburg! Vater und Onkel Werner haben es gestern abend noch fest verabredet mit Doktor Straß, dem jungen Assistenzarzt von der dortigen Klinik. Auch mein alter Doktor ist dafür. Ich will alles tun, was sie sagen: ich möchte gern gesund sein. Das Leben ist so schön. Wo Lu und Li jetzt sein mögen?

Doktor Straß meint ja, sein Chefarzt könne Wunder wirken. Ach, wie gerne – wie gerne ließe ich ihn eines an mir vollbringen! Der grausame Balken! Er hat mir viel entzweigeschlagen. Ach, es ahnt ja niemand, wie ich oft mit mir ringen muß, eine helle Miene zu zeigen und ergeben zu sein. Wenn ich den Kopf hängen lasse, sind sie alle traurig, die mich liebhaben. Darf das sein? Und ich habe so viel Grund, froh zu sein, meine Liebsten froh zu machen. Liebe umgibt mich, hebt mich, trägt mich, stützt mich. Ich muß dankbar, so dankbar sein.


Tante Fee hatte ein Buch hervorgeholt.

Wer hat so viele Herzen, die um ihn trauern, mit ihm leiden? Muß ich nicht danken, danken ohne Ende? Wäre ich nicht das unwürdigste Geschöpf, zu zagen und zu klagen?

Ach, daß Doktor Straß recht hätte …!«

Wieder sah die Leserin sinnend ins Licht, wendete dann träumverloren ein paar Seiten und las weiter.

»Ich bin nun schon sechs Wochen hier in Heilburg. Es geschehen leider keine Wunder mehr. Oder bin ich etwa zu ungeduldig?

Doktor Straß zeigt immer dieselbe Zuversicht. Ich bemerke aber doch, daß allmählich eine Veränderung in seine Miene, seine Worte kommt. Was an Zuversicht und Hoffnung früher aus dem Innersten floß, frisch wie der Bergquell, das löst sich ihm jetzt matt vom Munde, und in seinen Augen liegt Unsicheres, Abwägendes. Und ich sehe auch, daß seine Augen zuweilen mit tiefem Erbarmen mich streifen!

Ach, es geschehen keine Wunder mehr – – –«

Wieder sann Fee. Eine Träne fiel schwer in das offene Buch. Erschrocken tupfte Fee sie auf, senkte den Kopf und las weiter:

»Seit Wochen bin ich nun schon wieder daheim. Drei Monate war ich in der Klinik und Tante Lisa immer bei mir. Klein-Muttchen hat ihre Pflichten daheim. Ich habe ja wohl etwas mehr den Gebrauch meiner Füße zurückgewonnen; ich gehe am Stock im Haus umher, schleiche am Stock die Parkwege entlang. Und doch – – –! Bin ich undankbar? Habe ich allzuviel erhofft?

Sie strahlen und leuchten alle, wenn ich so mühsam einherhumple. Väterchens Augen sind stets voll Zärtlichkeit auf mich gerichtet? Klein-Muttchen ist lebhaft und munter wie immer. Großvaters Blauaugen blitzen und Tante Lenchen hat die Hände gefaltet; ihr laufen die Tränen über das gute Gesicht. Und ich?

Ich leuchte und strahle mit – könnte ich anders? Aber tief innen ist's dunkel – dunkel. Sie wissen, sie ahnen es nicht – –

Doktor Straß hat geschrieben – einen guten warmen Brief! Er sagt, er könne sich nicht vergeben, daß er Hoffnungen in mir geweckt habe, die unerfüllt geblieben seien; er könne meinen trostlos traurigen Blick beim Abschied nicht vergessen. Warum hat er tiefer gesehen als alle meine Lieben rings? Ob ich ihm verzeihen wolle, fragt er.

Ich – – ihm verzeihen? Er hat doch mein Bestes gewollt! Trägt er die Schuld, wenn es eben nicht sein soll? Ach, jener grausame Balken!

Ob er kommen dürfe, fragt er noch, und sich überzeugen, wie ich die Enttäuschung trage. Weshalb fährt die Aussicht, ihn wiederzusehen, wie eine Flamme durch mich hin? Lu – Li, ihr seid glücklich!«

Wieder starrte Fee geraume Weile ins Licht. Ihre Augen glänzten eigen; ein Träumen war darin. Um den Mund lag es weich und doch wie Schmerz. Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn, seufzte leicht und nickte vor sich hin. »Ach, wie liegt das fern!« Dann wendete sie sich wieder ihrem Buche zu:

»Er war da – Doktor Straß. Es war ein wunderschöner Tag und endete – – Ich will es erzählen. Wenn ich es niederschreibe, bleibt es haften mit allen Einzelheiten. Es wird ja doch der Tag meines Lebens gewesen sein.

Nie hat die liebe Sonne geschienen wie eben heute. Mir war es, als leuchte sie mir zuinnerst ins Herz, wie ich meinen gewöhnlichen Morgengang humpelte, den Wiesengrund hin, den ich so liebe.

Mit der Frühpost waren gute Briefe von allen Lieben gekommen; vielleicht war's das, was mich so besonders froh machte. Klein-Muttchen hatte mitkommen wollen. Im letzten Augenblick tauchte die Milchmamsell auf und meldete irgend einen Umstand, der Klein-Muttchens Gegenwart dringend notwendig machte.

Im Wiesengrund war es so still und morgenfrisch. Nirgends vergesse ich mein Mißgeschick so leicht, als in der Sonne, im Grünen. Wie die Vögelein singen und jubilieren! Wahrlich, was an Freude und Dank in uns ist, an solchem Morgen müssen wir es vorholen, es mit Liebe besehen und blank putzen für trübere Zeit.

Ich sah am murmelnden Büchlein. Vater hat mir ein Bänkchen dort hinstellen lassen; es träumte sich da so besonders gut. Ich schaute rings umher. Mich dünkte, so schön wie heute hätte ich es noch nie gesehen.

Strahlend blau der Himmel, golden die Sonne, ein mit Blumen gestickter Teppich die Wiese. Kristallklar das hüpfende Wässerlein und darüber her das Geäste von blühenden Apfelbäumen! Bis zum Wasser nieder hingen die Zweige, eine rosigrote Wolke. Ich saß unter dem größten Baum; durch die rosigen Blüten sah ich zum goldenen Sonnenhimmel auf und mein Herz war weit und voll Dank. Ich darf doch alle diese Gotteswunder schauen und genießen! ›Auch du bist unser Kind‹ sagt Mutter Natur mit einer Mutter Stimme. Die Sonne griff linde kosend durch das blühende Geäst nach mir. Licht und weit war es in mir, voll Dank und voll Freuen.

›Hier finde ich Sie, gnädiges Fräulein‹ sagte da eine Stimme.

Ich kannte sie. Mein Herz tat einen mächtigen Schlag; aber ich erschrak nicht. Es war, als ob die Stimme aus meinem wachen Traum heraus redete – dem Traum von Schönheit, Frohsinn – Jugend.

Ich wendete den Kopf. Doktor Straß stand neben mir. Stumm sah ich ihn an, aber meine Augen müssen gesprochen haben.

Er faßte meine Hand; es war ein Unbeherrschtes in seiner Stimme, das ich an dem Ernsten, Stillen gar nicht kannte.

›Ich mußte Sie sehen, Fee …‹

›Ich freue mich dessen. Willkommen auf Rödershof.‹

›Lassen wir die üblichen Redensarten! Ich wollte wissen –‹ Er stockte.

Ich erstaunte keinen Augenblick, daß er mich bei meinem Vornamen nannte; mir war, als müsse es so sein, und ich fragte: ›Was wollten Sie wissen? Wenn ich es Ihnen sagen kann –‹

Er hob die Hand und ich verstummte. Er faßte meine beiden Hände und sah mir forschend in die Augen.

›Sind Sie sehr enttäuscht – sehr unglücklich?‹ fragte er und seine Stimme zitterte.

›Sehe ich so aus?‹

Ich hob ihm mein Gesicht zu; die Freude über sein unerwartetes Erscheinen mußte noch darin stehen. Aber sein Blick bohrte tiefer. Da sank der meine wieder; ich neigte den Kopf und – ja, ich konnte es nicht hindern – eine Träne rann mir langsam über das Gesicht und fiel in meinen Schoß.

›Ich wußte es,‹ sagte er dumpf.

Und dann – –

Ich mag seine Worte hier nicht niederschreiben. Er hat mich gefragt, ob ich sein Weib werden wolle – ob er mir ersetzen dürfe in Treue, was der grausame Balken mir genommen hat. Er redete lange, überzeugend, hinreißend. Ein warmer Strom ging durch mich hin; es war wie ein neues Leben.

Aber dann – – – dann habe ich ihm gesagt, daß es nicht sein könne, daß ich allein bleiben müsse – niemand ein Hindernis sein dürfe auf seinem Wege, eine Kette, die am Vorwärtskommen hindert.

Erst hat er sich dagegen aufgebäumt. Aber ich bin fest geblieben, und da ist er allmählich ruhiger geworden. Ich konnte ihn lehren mit meinen Augen die Sache anzusehen. Da wurde er schließlich ganz stille – ganz voll Frieden.

Wir saßen noch eine Weile unter den Blütenbäumen, unter der goldenen Sonne im leuchtenden Himmelsblau. Ganz so jauchzend schön war es ringsum nicht mehr. Wir haben noch viel zusammen gesprochen; dann ist er gegangen, ist gegangen, ohne in Rödershof einzukehren.

Als Klein-Muttchen nicht lange danach kam, hat sie ihre Älteste leidlich gefaßt gefunden. So schmeichelte ich mir wenigstens.

Aber einer Mutter Auge sieht scharf, und so erzählte ich ihr alles. Da hat sie herzbrechend geweint und geschluchzt – mein Klein-Muttchen, das sich sonst durchs Leben lacht wie ein sonniges Kind!

Muß ich allen, die mich lieben, Kummer bringen? Eine harte Zugabe meines harten Geschicks!

Hart? Herr, ich versündige mich, daß ich um das eine Versagte klage, wo du so reich und voll deine guten Gaben über mich ausgeschüttet hast! Klein-Muttchen ist denn auch ruhig geworden. Ich mußte es sein, wollte ich sie trösten. Wir sind durch den Wiesengrund heimgegangen.

Ich habe einmal ein Märchen gelesen. Ein Elfenvölklein hauste in einer Gegend. Alles wuchs und gedieh; ein überirdisch strahlender Schein lag über dem Lande. Der Menschen Fürwitz vertrieb die kleinen Leute. Sie flohen mit Klagen aus der lieb gewordenen Heimat, und seitdem war alles düster grau ringsumher.

Auch aus meinem Wiesengrund war das Elfenvölklein heute gewichen. Alles war grau. Und so endete der Tag – – –«

Die Gereifte, die hier die Aufzeichnungen ihrer jungen Tage las, neigte sinnend den Kopf. Sie sah auf die Blätter, sah im Geiste das junge leidgebeugte Wesen von einst, dem die Sonne erloschen schien mit jenem einen Tag, und ein Lächeln ging um ihren Mund – ein Lächeln, das schmerzlich war und voll Laune zugleich.

»War ich das wirklich einst? Bin ich derselbe Mensch?« so flüsterte sie. »Mir ist, als sei es eine ganz andere, die damals litt und rang.«

Sie wandte die Blätter, warf hier einen Blick hinein und dort einen, las jetzt flüchtig, und dann wieder mit neuem Interesse:

»Sind es wirklich erst fünf Jahre her, daß Doktor Straß neben mir unter den Blütenbäumen saß? Heute bittet er mich, Patin seines ersten Kindes zu sein. Es ist ein Mädchen und soll nach mir Felizitas heißen.

Felizitas, das heißt Glück. Möge ihm der Name mehr Glück bedeuten, als – – – Schämst du dich nicht, Fee Rödern?

Wen das Schicksal mit so viel Liebe umhegt hat, darf der von Mangel an Glück reden? Darf der murren? Schäme dich, Fee Rödern.

Klein-Muttchen hat mir Pflichten geben wollen, da sie mein Verlangen danach sah. Meine schwache Kraft reichte nicht zur Hilfe im Haushalt; mein Leben drohte leer zu bleiben, denn nur Pflichten füllen es aus.

Ich habe mir dann etwas ausgedacht und Väterchen half, es wahr zu machen. Er hat mir ein Häuslein bauen lassen, halbwegs nach Dresdorf zu. Bis dahin kann ich mit meiner Kraft gelangen, oder sie schieben mich im Fahrstuhl hin, wenn Wetter oder Gesundheit das Gehen verbieten. Die Kleinen von Dresdorf und aus anderen Dörfern kommen dahin zu mir; ich lehre sie und bewahre sie, bis die älteren Geschwister oder die Mütter Zeit haben und sie holen kommen.

So viele Freude machen mir diese Kleinen! Ich liebe sie und – oh, ich bin ihnen so dankbar! Wie füllen sie mein Leben! Wenn ich dann am Nachmittag heim komme, habe ich so viel zu berichten. Väterchen und Klein-Muttchen sind voller Teilnahme und freuen sich stets auf meinen Bericht. Ihnen entziehe ich nichts durch meine Tätigkeit. Den Morgen haben sie mit der Wirtschaft zu tun; des Nachmittags holen sie mich meist nach ihrem Spaziergang. Und dann berichte ich und der Rest des Tages gehört ihnen. So stiegen die Tage – und es sind gute Tage.

Aber ich bin ganz von meinem Patenkind abgekommen; die Schar meiner anderen Kinder hat es in den Hintergrund gedrängt. Wie ich der Kleinen alles Gute wünsche!

Er hat mir damals bei seiner Verlobung das Bild seiner Braut geschickt. Ein holdseliges Gesicht, und sie hat ihn glücklich gemacht; seine Briefe verraten es mit jeder Zeile.

Vielleicht bringt er mir sie eines Tages zugleich mit seinem Kinde. Ich zeige ihm dann alle meine Kleinen und sage: ›Freund, das Leben hat mich reich gemacht!‹ Ich weiß, es wird ihn freuen – – –«

Wieder sann die Leserin. Jetzt lag ein heller Schein über ihrem Angesicht. Und ihr Auge fiel auf eine andere Seite, die ihr Interesse fesselte:

»Großvater ist gestorben. Klein-Muttchen trauert tief. Niemand stand ihm so nahe wie sie, auch Tante Lisa nicht.

Sie fand ihn in den letzten Zügen. ›Halali, Jungchen – basta!‹ Das waren seine letzten Worte; aber den Blick hat er nicht von ›Jungchens‹ Gesicht genommen, bis die Augen ihm brachen. Seine schönen strahlenden Blauaugen, die so jung waren bis zuletzt!

Heute haben sie sein Testament gelesen. Klein-Muttchen ist Herrin auf Dresdorf. ›Weil das Jungchen doch das meiste Herz dafür hat! Der Klaus soll es mal fein gewähren lassen mit der Verwaltung und ihm nicht dreinreden. Was das Jungchen tut, ist recht getan.‹

Soll Klein-Muttchen nicht trauern? Solche Liebe! Sie weint sich schier die Augen aus.

Nun steht Dresdorf leer. Wie viele Kindererinnerungen sind mit dem Großvater zu Grabe getragen!«

Fees Hände blätterten weiter:

»Lu und Li sind glückliche Frauen und Mütter geworden. Die Schar der Kleinen wächst. Sechs Neffen und Nichten zähle ich nun schon, ich glückliche Tante. Wenn die im Sommer in Rödershof sind, wollen mir meine Kinder – die kleinen Dorfkinder, die zu mir kommen – fast zu viel werden. Weit lieber befaßte ich mich dann mit Neffen und Nichten allein. Aber Pflicht bleibt Pflicht, ob selbst gewählte oder nicht. Ja, solche fordert noch dringender.«

Ein paar Blätter weiter hieß es:

»Meine Schule wächst; die Kleinen strömen mir nur so zu. Solch ein Kindersegen! Ich hätte nie gedacht, daß so viele hier in der Nähe wachsen. Es ist aber auch erstaunlich, von wie weit her sie mir die Kleinen bringen. Ich könnte stolz drauf sein. Wenn nur die Kraft aushält! Zuweilen – – –

Väterchen hat darauf bestanden, mir ein junges Mädchen zur Hilfe beizugeben. Und vielleicht ist es besser so. Manchmal geht es wirklich über meine Kraft, allem gerecht zu werden, was das kleine Gesindel möchte.

Ich bin so glücklich! Ich beweise doch, daß man auch trotz Stock und steifem Daherhumpeln ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft sein kann. Mein Leben liegt hell und froh vor mir. Gar so grausam war der Balken doch nicht, wie es den Anschein hatte. Ich bin ein glückliches Menschenkind. Auch die Liebe der Meinen genieße ich in doppeltem Maße. Die Guten glauben ersetzen zu müssen, was ihrer Meinung nach das Geschick an mir verschuldet hat.«

Fee sah lange vor sich nieder. Dann nickte sie leise. »Ja, es werden Opfer gefordert!« Sie las weiter:

»Ich habe verzichten müssen. Ein Licht ist erloschen auf meinem Wege. Wie ist es dunkel rings!

Eine böse Epidemie ist in meiner kleinen Herde ausgebrochen. Gar manche hat man zu Grabe getragen. Arme Mütter!

Auch nach mir hat der Würgeengel greifen wollen. Klein-Muttchen hat mit ihm gerungen mit all ihrer Liebeskraft.

Ich habe bei den Eltern bleiben dürfen, aber – – meine Kraft ist dahin! Doktor Mühren hat ein Machtwort gesprochen: ich darf nicht mehr ans Aufnehmen meiner selbstgeschaffenen Pflicht denken. Ich bäumte mich dagegen; er hat mich zur Ruhe gebracht. Ich weiß jetzt, daß es meine erste Pflicht ist, mich den Meinen – soweit es mein schwacher Körper gestattet – in Frische zu erhalten. Ich darf mir nicht mehr zumuten, als meine Kraft leisten kann, sonst büßen es andere – Klein-Muttchen voran.

So habe ich mich ergeben – habe meine Schule geschlossen. Zehn Jahre meines Lebens hat sie mir hell und froh gemacht. Sollte ich nicht dafür danken? Ich mache einen Strich unter diesen Lebensabschnitt.

Wird mir in Gnaden irgendwo ein neuer Lebensinhalt gegeben sein? Soll mein Leben keinen Selbstzweck haben als nur den, den Meinen ein Gegenstand der Liebe, des Verzugs, des Verhätschelns zu sein?

Herr im Himmel, ist dies Undank? Dann vergib mir meine Schuld! Nimm du meine Hände und führe mich!« –

Nur einige weitere Blätter waren beschrieben. Die Lesende überflog sie. Dann nahm sie die Feder auf und schrieb dazu »Sollte dies der Zweck meines Lebens sein, meiner vereinsamten Tante in ihrer Not beizustehen?

Sollte ich Vater und Mutter verlassen müssen, weil sie meiner so sehr bedarf – weil es der geliebte Tote also von mir forderte?

Mein Herz ist so bange. Ich stehe vor einer dunklen Wand – – wird eine Tür sich auftun zum Licht?

Hilf du, Herr des Himmels und der Wege aller Menschen!«

Leise stand Fee aus und löschte das Licht. Aber lange noch starrte sie mit brennenden Augen ins Dunkel –

»Laß mich auf den Friedhof gehen, Tante Lisa. Ich möchte unserem Toten Blumen bringen. Ich kann gut allein gehen, Tante. Du sollst nicht mitkommen! Deine Erkältung fordert es; du mußt dich pflegen. Es weht ein rauher Ostwind.«

»Und du, Kind – bist du nicht zarter als ich? Du wirst dich auch erkälten.«

»Ich nehme einen Wagen, Tante, wenn es dich beruhigt. Ich gehe nur bis zum Blumenladen.«

Lange stand Fee trauernd und des heißesten Dankens voll am Grabe des geliebten Toten. Ein scharfer Wind, wie ihn der Oktober schon bringt, fuhr über den Friedhof hin. Er weckte Fee schließlich zur Gegenwart. Sie hüllte sich fröstelnd fester in ihren Mantel, den sie bis oben zuknöpfte.

Der Wind weckte auch Fees Gewissen. Sie durfte sich nicht erkalten – wer sollte für Tante Lisa sorgen? Also heim, so schnell als möglich!

Entschuldigend fast glitt ihr Blick über das Grab. Noch einmal senkte sie den Kopf in stillem Beten; dann ging sie davon mit ihrem leicht schleppenden Schritt.

Es war weit bis zum Tor des Friedhofs. Sie hatte den Teil zu durchqueren, wo Minderbemittelte ihre Gräber in dichten Reihen drängen müssen, weil der Grund, der ihrer ewigen Ruhe dient, allzu teuer ist.

An einem solchen weiten Gräberfeld schritt Fee eben vorüber. Da hörte sie lautes, wehes Schluchzen, das eigenartig klang. Kein Schluchzen des Schmerzes allein! Sie horchte auf und sah sich um.

Weitab, inmitten des Gräberfeldes, sah sie eine Gestalt am Boden kauern – eine junge schmächtige Gestalt, so schien es ihr.

Sie drängte sich zwischen den Gräbern durch. Zuweilen war der Pfad so eng, daß sie über einen Hügel wegtreten mußte. Es war ein beschwerliches Gehen für die Arme, der jeder Schritt Mühe machte. Aber sie fühlte es nicht? sie sah nur die kauernde Gestalt dort und hörte das wilde Schluchzen.

Dies Schluchzen ließ auch die dort über einen Grabhügel hingeworfene Gestalt nichts von der Nahenden merken. Erst als Fee so weit gekommen war, das; sie die Schulter der Liegenden berühren konnte, hob diese den Kopf, und Fee sah in trotzige dunkle Augen unter einer Feuermähne. Die Augen standen in einem schmalen weißen Gesicht und loderten um so zehrender.

Es waren keine guten Augen, Fee schrak fast zurück, als sie hineinschaute. Aber sie faßte sich schnell, und tiefes Erbarmen kam über sie.

»Wer bist du, Kind?« Sie sprach Deutsch – dachte nicht daran, daß sie in England war – und wunderte sich auch nicht, als die Gefragte dennoch antwortete. Kurz nannte sie ihren Namen: »Gladys Morton.«

»Wer liegt da unten?« Fee wies auf den Hügel.

»Mutter.«

»Und dein Vater? Du bist doch nicht ganz verwaist?«

»Mein Vater lebt, aber er ist ein böser Mensch!«

»Kind, schäme dich!«

»– – haben meiner Mutter tot gemacht!«

»Kind – Kind –«

»– haben ihr gequält – – haben ihr verhungert.« Aus den dunklen Augen blitzte es.

Einen Schritt war Fee bei diesem Ausbruch zurückgewichen; nun wollte sie erbarmend den Arm um das Mädchen legen. Aber das schüttelte sich mit wildem Ruck frei.

»Weg – brauchen keiner Mitleid!«

Stolz aufgereckt stand sie einen Augenblick, fast so schlank wie Fee; dann sank sie in sich zusammen, lag wieder auf dem Hügel und krümmte sich in Qual: »
Mother! Mother! O Mother!«

Neben ihr kniete Fee am Boden, hatte nun beide Arme um die Weinende gelegt und zog trotz des wilden Sträubens den Kopf mit der Feuermähne an ihre Brust.

Erst wehrte das Mädchen sich noch heftig; Fee wich nicht. Da wurde die Wilde ruhiger – ganz ruhig. Ja, der Kopf nestelte sich dichter heran; Fee fühlte es deutlich. Sie blieb ganz still, schlang die Arme fester nur um die Unbekannte, und große Tränen des Erbarmens liefen ihr übers Gesicht.

Sie merkte es nicht – merkte auch nicht, daß der Kopf an ihrer Brust sich gewandt hatte, und daß ihr große fragende, verwunderte Augen ins Gesicht starrten.

»Weinen du for mir?« Ungläubig, scheu klang die Stimme.

Sie weckte Fee. Enger umschloß sie das Mädchen; reichlicher flossen ihre Tränen.

»Armes, armes Kind!«

Das Mädchen wendete die Augen nicht von dem erbarmenden Gesicht.

»Du sein gut!«

Mehr sagte es nicht. Eine Weile saßen sie stumm, dicht aneinandergeschmiegt. Dann fuhr das Mädchen auf, wie in Entsetzen.

»Er wird hauen mir tot – wollen essen.«

Sie war auf den Füßen und mit einem Satz schon ein paar Meter weit. Dann stand sie, sah mit schreckensweiten Augen zurück und lag wieder auf dem Hügel. »Mother – kann nicht von dir gehen; ich will bei dir bleiben!«

Herzerschütterndes Schluchzen. Zugleich ein furchtbarer Hustenanfall, der die dünne Gestalt grausam rüttelte.

Erschreckt stand Fee; sie hielt sich kaum selbst auf den schwachen Füßen. »Kind, komm heim mit mir! Laß dich erst einmal durchwärmen; wir sehen dann weiter.«

Es leuchtete auf in den dunkeln Augen, um gleich wieder zu erlöschen.

»Bei Mutter bleiben – sterben!«

»Du kommst jetzt mit,« sagte Fee ruhig, aber entschieden; sie faßte nach des Mädchens Hand und zog es mit sich fort.

Noch wehrte sich die Fremde. Da wankte Fee. Ihr Fuß war gegen einen Stein gestoßen, und sie wäre gefallen, wenn ihre Begleiterin sie nicht festgehalten hätte. Fee war sehr bleich geworden. In den dunkeln Augen der jungen Fremden leuchtete ein Mitleid auf, das niemand darin gesucht hätte. Mit sanfter Zartheit stützte sie die Wankende, und tröstend weich sagte sie: »Ich dir nicht allein lassen, Miß. Ich dir heimbringen.«

»Du kommst jetzt mit,« sagte Fee ruhig aber entschieden.

War das dieselbe Scheue, Wilde, Leidenschaftliche von zuvor?

Fee ließ sich führen, gab sich sogar hilfsbedürftiger, als sie es war. Sie hielt, die Hand fest, die sie stützte, entschlossen, sie nicht wieder freizugeben. Wenn sie das Mädchen erst daheim hatte, würde Tante Lisa schon Rat wissen.

Sie saßen im Wagen. Die junge Fremde, Gladys Morton, wie sie sich genannt hatte, wollte beim Einsteigen zurückweichen; aber Fee hielt so fest, daß sie die Hand nicht lösen konnte. Nun rollte der Wagen schleunig davon.

Es mußte ein ungewohntes Vergnügen für die junge Fremde sein. Röte war ihr ins Gesicht getreten; ihre Augen leuchteten, und beide Hände preßte sie gegen die Brust.

Fee war nun doch so erschöpft, daß sie nicht auf das Mädchen achtete; sie hielt die Augen geschlossen und lehnte den Kopf gegen die Polster zurück.

Nach einer Weile spürte sie eine Hand, die ihr leise, scheu an der Schulter hinstrich, und eine Stimme fragte: »Du fühlen sehr krank?«

Wie Fee die Augen öffnete, sah sie die des Mädchens angstvoll auf sich gerichtet. Sie schüttelte leise den Kopf; reden konnte sie noch nicht. Sie streckte die Hand aus, und daran klammerten sich zwei kalte, zitternde so fest, als sei es ihr letzter Halt.

»Ja, halte dich nur fest an mir,« dachte Fee, und ein warmer, erbarmender Strom ging durch sie hin, ein Freuen, das sie nicht verstand, dem sie nicht Ausdruck hätte geben können; aber sie faßte auch noch mit der zweiten Hand nach der Fremden.

So fuhren sie hin, stumm, bis vor Tante Lisas Haus. Gladys Morton wollte wieder zurückweichen, als Fee sie den Stufen zuleitete, die zur Haustür führten; Fee legte den Arm um ihre Schultern und zog sie mit sich.

Das öffnende Hausmädchen machte große erstaunte Augen, sagte aber nichts. Es half erst der Herrin ablegen und nahm dann dem leise widerstrebenden Mädchen die Jacke ab, mit spitzen Fingern freilich.

Und dann stand Fee mit ihrem jungen Schützling vor Tante Lisa.

»Ich fand sie draußen, Tante Lisa; sie ist sehr unglücklich. Wir müssen gut mit ihr sein!«

Ungewiß, sehr unbehaglich sah die Tante drein. Ein schwerer Hustenanfall des Mädchens, der sich schließlich förmlich zur Erstickungsgefahr steigerte, schloß jede Auseinandersetzung einstweilen aus.

Gladys wurde in einem der Gastzimmer in ein rasch erwärmtes Bett gebracht, bekam eine Tasse heiße Milch zu schlucken, wurde fest zugedeckt und erhielt die Weisung, zu schlafen. Sie hatte kaum ein Wort gestammelt, da jeder Versuch zum Sprechen erneuten Husten hervorrief. Die großen dunkeln Augen hatten aber von den beiden Barmherzigen, Tante Lisa und Fee, nicht abgelassen; in ihnen mischten sich Scheu, unsicheres Staunen, leise Abwehr mit aufatmendem Behagen und leidenschaftlichem Danken. Und dies letzte herrschte zumeist vor, wenn sie Fee streiften.

Zuletzt beugte sich Fee noch zu Gladys nieder und strich ihr mit der Hand leise über den Scheitel.

»Schlafe, Kind – und vertraue der Zukunft!«

Da faßte Gladys die Hand und küßte sie leidenschaftlich.

»Laß sie jetzt allein, Kind; es ist besser,« sagte Tante Lisa und zog Fee mit sich fort.

Sie sah den bösen Blick nicht, der ihr folgte. Die eben noch so sanft blickenden Augen sprühten. »Laß in Ruhe sie!« zischte eine heisere Stimme.

Niemand hörte es und das war gut. Eben schloß sich die Tür hinter Tante Lisa und Fee, und die junge Wilde drinnen schlief alsbald – – –

Es folgten recht bange Wochen. Das Haus, woraus man eben erst den toten Herrn getragen hatte, barg jetzt wieder einen Schwerkranken. Ein schlimmes Erkältungsfieber hatte Fees aufgelesenen Schützling überfallen, das ein paar Tage lang sehr bedrohlich auftrat.

Der alte Hausarzt hatte darauf bestehen wollen, die junge Kranke in ein Spital zu bringen. Fee hatte sich dem mit Leidenschaft widersetzt. So erregt hatte Tante Lisa die Sanfte noch kaum je gesehen; so trat sie auf ihre Seite, und die Kranke blieb im Haus.

Wenn Tante Lisa gesehen hatte, was Fee in ihr Merkbuch schrieb am Abend des Tages, da sie ihren Schützling vom Friedhof heimbrachte, sie hätte sich über Fees heftiges Wehren gegen des Arztes Vorschlag nicht zu sehr erstaunt. Da stand zu lesen:

»Sollte sich mir heute die Tür zum Lichte aufgetan haben? Sollte dies mein Lebenszweck sein? Eine junge Seele, die mein eigen wäre, bilden, leiten, führen zu dürfen? Herr der Welt, wäre es also gemeint?«

Es war nur flüchtig gekritzelt; Fee hatte sofort wieder an das Krankenbett eilen müssen, denn die ersten Tage waren bange Tage gewesen.

Tante Lisa hatte darauf bestanden, eine Pflegerin für die Kranke ins Haus zu nehmen, wenn an eine Überführung ins Krankenhaus nicht gedacht werden sollte. Fee hatte sich nicht widersetzt, denn sie fühlte, daß ihre schwache Kraft der Aufgabe nicht gewachsen war.

Zehn Tage waren so hingegangen. Die Kranke befand sich auf dem Wege der Besserung. Tante Lisa und Fee saßen zusammen am Teetisch. Es war eigentlich wieder das erste behagliche Zusammensein der beiden, seitdem Fee ihren Schützling draußen aufgelesen hatte.

»Wie denkst du dir die Sache eigentlich, Kind? Ich habe nicht daran rühren wollen, solange man nicht wußte, wie sich die Krankheit wendete. Wenn sie nun gesund ist – was dann?«

Fee schrak zusammen wie eine Schlafwandelnde, die man anruft. Aber sie faßte sich schnell; ein Klares, Festes lag in ihrem Angesicht.

»Ich möchte das Kind nicht wieder von mir lassen, Tante Lisa.«

»Und der Vater, von dem sie so Schreckliches phantasierte? Weißt du denn, aus welch bedenklicher Umgebung das Mädchen kommt? Ob es nicht selber durch und durch verdorben ist?«

»Ich glaube es nicht, Tante. Ich habe das Gefühl, als ob Liebebedürfnis und Liebefähigkeit in ihr seien. Wo die sind, ist ein weicher Kern.«

»Ganz gut. Aber die Verhältnisse, in denen sie lebte – die Erziehung?«

»Ich meine, die Mutter müsse eine feinere Natur gewesen fein. Die rührende Liebe des Kindes zu der Toten spricht dafür.«

»Das sind doch alles nur Vermutungen. Um solch einen Entschluß zu fassen, wie er dich zu bewegen scheint, muß man Tatsachen wissen.«

»Wie wären die zu erfahren? Es wäre ein Unglück, wenn der Vater auf des Kindes Spur käme.«

»Und doch wird es nicht zu umgehen sein.«

»Tante – Tante Lisa!« Angst, Abwehr, ja – fast eine Drohung lag in dem Anruf.

Tante Lisa erschrak. So tief sah es schon? Da hieß es vorsichtig sein.

»Ich schlage dir vor, wir vertrauen uns Mr. Walton, deines Onkels Rechtsanwalt, an. Er kann nachforschen lassen; er versteht sich auf derlei besser, als wir Frauen. Was meinst du dazu?«

»Du Gute, du Treue! O – hilf, Tante Lisa! Ich meine, das Kind nicht mehr von mir lassen zu können; mir ist, als habe mein guter Stern es mir zugeführt. Ich möchte so gern einen Lebenszweck haben – ich möchte erproben dürfen, wie viel von einer Mutter in mir steckt. Jede Frau sollte erziehen können, irgend ein junges Wesen heranbilden dürfen in ihrem Sinn; dann erst ist sie ganz Frau. Du hattest mich, Tante – Klein-Muttchen hatte die Geschwister – Lu und Li haben ihre Kinder – soll ich – ich allein leer ausgehen? Wenn du mich liebst, hilf mir!«

Hätte Tante Lisa dem widerstehen können? Sie ließ also Mr. Walton kommen und trug ihm den Fall vor. Er versprach, das Seine zu tun, um die Sache rasch zu erledigen, riet aber zugleich mit Entschiedenheit ab, das Mädchen dauernd aufzunehmen.

»Aus derlei ist noch selten Gutes herausgekommen – fast immer Enttäuschung und Arger, wenn nichts Schlimmeres. Überlegen Sie sich die Sache dreimal, ehe Sie einen Entschluß fassen! Jedenfalls tun Sie gar nichts, ehe Sie von mir gehört haben. Ich hoffe, daß dies bald sein kann.«

Fee versprach, gegen Gladys kein Wort von ihrem Plan zu erwähnen, auch sich selbst nicht noch tiefer in ihren Gedanken einzuspinnen. Mr. Walton empfahl sich den Damen und gelobte wiederholt schleunige Erledigung des Auftrages.

Es dauerte danach aber zehn volle Tage, ehe er von sich hören ließ, und dann bat er noch um ein paar Tage Frist, da sich erst noch etwas entscheiden müsse; nachher aber stehe er durchaus zu Diensten und werde jede Auskunft, auch guten Rat geben können.

Fee verging fast vor Ungeduld. Ihre sanfte, ausgeglichene Art schien ganz verändert in diesen Tagen. Tante Lisa kannte sich nicht aus in ihr, deren jede Regung sie doch zu kennen glaubte. Aber es hatte das Gute, daß es sie, Tante Lisa, von ihren eigenen schmerzlichen Empfindungen abzog. Nichts tut dies so mit Erfolg, als wenn die Sorge um geliebte andere wach wird.

Tante Lisa sorgte sich um Fee, um das Kind, das sie erzogen hatte. Wie würde Fee es tragen, wenn die erwartete Auskunft ungünstig ausfiel?

Gladys Morton war schon zum erstenmal aufgestanden. Sehr schmal und durchsichtig war das Gesicht geworden. Es zeigte sich jetzt erst, wie fein die Züge waren, da Zorn und Leidenschaft sie nicht entstellten. Die dunkeln Augen blickten still und weich, waren schön in diesem Blick. Die Haare sprühten Feuergold, wenn ein Lichtstrahl drüberhuschte oder die Sonne hineingriff; wie schön das Mädchen war, sah man jetzt erst. Fee gewahrte es mit immer neuem Staunen.

Mit ihr war Gladys sanft und gut, liebevoll und anschmiegend, soweit es überhaupt in ihrer verschlossenen, herben Natur lag. Sie sprach nicht viel, von der Vergangenheit nie, und Fee vermied jede dahinzielende Frage sorglich, aus Furcht, die noch immerhin Zarte, Schonungsbedürftige zu erregen.

Aber nur Fee gelang es, den weichen Zug in dem Mädchen zu wecken. Allen andern gegenüber war sie geradezu unfreundlich. Die Pflegerin bekam wenig Dank; Tante Lisa sah nie eine freundliche Miene. Finster und verstockt beantwortete Gladys deren Erkundigungen, und wenn die Augen sich der Fragenden zuhoben war ein böser, gehässiger Blick darin. Ahnte die Fremde, daß ihr von da Gefahr drohte?

Endlich kam Mr. Walton. Als er vor den Damen saß, verschlang ihn Fee fast mit den Blicken. Er nickte ihr gutmütig zu.

»Keine üble Auskunft – ich muß es vorausschicken; vielleicht hören Sie mich dann geduldiger an. Ganz kurz kann ich mich nicht fassen. Es gibt da allerhand – hm – aber Sie werden ja hören.«

»Ich werde geduldig sein,« versprach Fee, und ihre Augen leuchteten.

»Das Mädchen ist die Tochter eines Musikers, eines verkommenen Genies, wie es scheint. Er war ursprünglich bei einem guten Orchester angestellt, vertrug sich aber nirgends mit den Vorgesetzten und Kollegen. So hielt er sich auch nirgends lange und kam schließlich immer mehr herunter.«

»Armes Ding!« Fee zitterte. »Und die Mutter?«

»War eine arme Dulderin, wie es scheint – eine ehemalige deutsche Lehrerin. Sie heiratete den Menschen, als er noch die gute Anstellung hatte; sie hat seinen Niedergang mit erlebt, ihn aber nicht aufhalten können. Ihr Leben muß ein Martyrium gewesen sein. Die Tochter, die das gnädige Fräulein auf dem Grabe fand, ist das einzige Kind. Sie ist sechzehn oder siebzehn Jahre alt. Genau konnte mein Mann das nicht ermitteln – tut ja auch weiter nichts zur Sache.«

»Sie ist siebzehn, sagt sie, man glaubt es kaum, so schmal ist sie und ausgeschossen. Armes Ding, da mag Schmalhans Küchenmeister gewesen sein!«

Fee warf Tante Lisa einen glühend dankbaren Blick zu für diese Worte.

»Sie entstammt also nicht einer bedenklichen Familie,« sagte sie nur.

»Das nicht; im Gegenteil, die Nachbarn rühmten meinem Gewährsmann, wie sehr die Mutter immer noch Dame gewesen sei. Sie soll Nacht und Tag für ein Geschäft genäht haben, um Nahrung zu beschaffen. Der Mann aber hat sie zum Dank mißhandelt.«

»Gladys deutete dies bereits an; sie scheint die Mutter sehr geliebt zu haben. Jetzt ist mir auch erklärlich, woher ihre Kenntnis der deutschen Sprache kommt. Ich habe sie nicht fragen wollen. Sie erregt sich so, wenn sie an Vergangenes erinnert wird.«

»Und wo ist der Mann jetzt? Wird er die Tochter nicht beanspruchen?« Tante Lisa trat damit dem Kern der Sache näher.

»Nun komme ich auf das Allergünstigste zu reden, was hätte geschehen können. Der Mann scheint nämlich so voller Schulden, daß – – –«

»Das Allergünstigste nennen Sie das?«

»Lassen Sie mich doch vollenden, meine Damen!« Mr. Walton lachte vergnüglich vor sich hin. »Also, der Mensch hat nämlich mehr Schulden als Haare auf dem Kopf und – – –«

»… sitzt im Gefängnis, natürlich! Das arme Kind,« klagte Fee.

»Meine Nichte könnte doch nicht daran denken, die Tochter eines solchen – – –«

Tante Lisa war sehr erregt. Mr. Walton hob beschwichtigend die Hand.

»Aber, meine Damen, Ruhe – nur Ruhe! Der Mann ist nämlich spurlos verschwunden. Entweder ist er irgendwo verunglückt, was kein Schaden wäre, oder es ist ihm gelungen, nach Amerika zu entwischen. Ein gewiegter Bursche, wie er ist, wird es ihm dort schon gelingen, in dem großen Völkerteich unterzutauchen. Hoffen wir es der Tochter wegen! An sie wird er keine Annäherung wagen, solange ihm daran liegen muß, seine Spur zu verwischen. Folglich – – das gnädige Fräulein kann das erbarmende Herz reden lassen, vorausgesetzt, daß diese Gladys es wert ist. Das müssen die Damen entscheiden.«

»Mir wäre es lieb, Mr. Walton, wenn Sie selbst einmal prüften. Teilen Sie dem Mädchen mit, was Sie uns vom Vater gesagt haben. Aus der Art, wie sie es aufnimmt, könnte auf den Charakter geschlossen werden. Ich lege Wert auf Ihr Urteil.«

Dies sagte Tante Lisa sehr ernst. Fee hatte wehren wollen, fügte sich aber nach einiger Überlegung. Sie stand auf.

»Ich hole Gladys! Gleich bin ich wieder da.«

Sehr bald danach kam sie zurück. Das Mädchen folgte ihr auf dem Fuße. Es sah verschüchtert, fast trotzig auf den fremden Herrn, stand linkisch und verlegen, ließ Kopf und Arme hängen.

»Der Herr hat dir etwas zu sagen, Kind. Wir lassen euch allein.«

Tante Lisa zog Fees Arm durch den ihren und brauchte sanfte Gewalt. Fee folgte widerstrebend, besann sich aber schnell. Einen Augenblick sah es aus, als wolle Gladys hinter Fee hereilen – wie flehend hatte sie die Hände ausgestreckt – dann stand sie ganz still, als ob kein Leben in ihr sei, hatte den Kopf im Nacken und Trotz in den Augen.

Die Frauen hatten nicht sehr lange zu warten, bis Mr. Walton wieder eintrat. Beide sahen ihm forschend entgegen. Fee preßte die Hände aufs Herz, das wild schlug; ihre Augen flehten: »Schnell – sprich schnell!«

Lächelnd trat Mr. Walton zu ihr; er verstand die stumme Sprache.

»Ich will zuerst sagen, daß mein Eindruck nicht ungünstig ist. Das Mädchen nahm die Mitteilung mit einer gewissen Ruhe und Würde hin; kein unnützes Jammern, noch weniger ein Triumphieren etwa über die Strafe des Peinigers – nur eine natürliche Erleichterung über sein Verschwinden und Klagen um die Mutter, die so viel von ihm erdulden mußte. In dem armen Herzen ist Liebebedürfnis; ich sah es, als ich Ihrer erwähnte, Fräulein von Rödern. Und das Kind ist dankbar. Wo so viel gutes Material vorhanden ist, lohnt es sich meist auch der Mühe. Dies ist meine Ansicht.«

Fee streckte ihm mit glänzenden Augen beide Hände entgegen.

»Ich danke Ihnen – oh, wie ich Ihnen danke!«

Mr. Walton empfahl sich dann rasch; er war ein vielbeschäftigter Mann.

»Was nun, Fee?« fragte Tante Lisa ernst.

»Laß mir Zeit bis morgen, Tante! Ich muß erst mit mir selbst ganz ins reine kommen. Es will nach allen Seiten hin überlegt sein; ich darf nicht nur an mich dabei denken.«

»Tu das, Kind, und bedenke alles; ich dränge dich nicht.«

Am Abend schrieb Fee in ihr Merkbuch:

»Darf ich diese arme junge Seele verlassen, die am Guten in der Welt zweifeln muß aus Schuld dessen, der der Urquell alles Guten für sie sein müßte, des Vaters? Gibt es ein Höheres, als einer solchen armen ringenden Seele, die nicht aus noch ein weiß, Halt und Stütze zu sein? Sie zu der Erkenntnis zu führen: ›In allen Menschen ist Gutes; wir müssen es nur zu erkennen und zu finden wissen!‹ In jedem lebt der Gottesfunke, das Gute. Wohl uns, wenn uns gegeben wurde, irgendwo solch ein Fünklein zum Flämmchen zu entfachen! Darf ich mir die Gelegenheit zu solchem Tun entgehen lassen, da das Geschick mir eine junge Seele in den Weg schiebt?

»Ich folge dem Ruf, ich kann nicht anders. Ich muß den Weg finden, wie ich alle meine Pflichten eine; die gegen meine Eltern, gegen den geliebten Toten und sein Vermächtnis – Tante Lisa – und gegen die junge Seele, die der Erlösung harrt vom Druck des Bösen in der Welt, der auf ihr lastet und sie zu überwältigen droht.

»Hilf mir, Herr der Welten, der du weise bist und barmherzig!«

Beim Frühstück am anderen Morgen sagte Fee zu Tante Lisa: »Ich weiß nicht aus noch ein, Tante; die ganze Nacht habe ich gerungen und gesucht. Ich weiß nur das eine: sollte ich das Kind von mir stoßen müssen, ich käme nie darüber weg. Ich fühle deutlich: das ist die Aufgabe, die mir das Leben stellt. Aber ihr, meine Liebsten, kommt natürlich in erster Linie. Hilf, Tante, daß ich einen Ausweg finde! Du hast mir noch immer geholfen.«

»Auch ich habe wenig geschlafen, Kind – ich habe über alles nachgedacht. Es wird das beste sein, wenn das Mädchen von hier wegkommt, am besten ganz aus England. Es sind damit alle Fäden abgeschnitten, die zum alten Leben zurückleiten könnten. Auch weiß man ja nie, ob der Vater nicht doch wieder auftaucht. Er wird sich freilich hüten, die Spur seiner Tochter allzu scharf zu verfolgen, wenn er dadurch seine eigene verraten könnte; aber immerhin – – – Es fragt sich nun, da du nicht von dem Mädchen lassen willst, wäre es nicht besser, es bewährten Händen anzuvertrauen, als persönlich –?«

»Tante, jede Frau sollte erproben dürfen, wieviel von einer Mutter in ihr steckt! Ich –«

»Aber deine Eltern? Werden sie einverstanden sein, daß du das fremde Kind mit in die Heimat bringst? Glaubst du das?«

»Ich werde schreiben, Tante – werde nichts ohne ihre Erlaubnis entscheiden; das verspreche ich dir.«

»Tue das, Fee! Dann sehen wir weiter.«

Fee schrieb und legte ihr ganzes Herz in den Brief.

Es dauerte ein paar Tage länger mit der Antwort, als sie berechnet hatte. Aber dann war sie da und lautete günstig.

Vater Klaus schrieb selbst:

»Mein geliebtes Kind! Du bist ein fertiger Mensch. Wie hätten wir, Deine Mutter und ich, das Recht, einer Entscheidung, die Du nach reiflichem Erwägen treffen willst, hindernd in den Weg zu treten? Die Güte Deines verstorbenen Onkels hat auch den Punkt geregelt, auf den ich als gewissenhafter Hausvater hätte hinweisen müssen, den Geldpunkt. So tue, wozu Dein Herz Dich treibt. Muttchen Friedel hat freilich ihre Bedenken, aber ich vermute, aus ihr spricht zumeist die mütterliche Eifersucht, die nicht oder nur ungern teilen möchte. Aber das goldene Herz Klein-Muttchens kennst Du ja; so wird schon alles recht werden. Und was beschließt Tante Lisa? Daß unser Haus ihr Haus ist, das muß ich wohl nicht noch besonders betonen? Sag dies der Guten, der Ärmsten, mit meinen besten Grüßen. Dein Vater.«

Wortlos schob Fee der Tante den Brief hin, ein sonniger Glanz lag in ihren Augen.

»Gibt es einen zweiten wie ihn, Tante?« Dann besann sie sich. »Es gab einen zweiten, ich weiß – ich weiß. Tante, ach Tante!«

Sie weinten zusammen, die beiden Frauen, aber es waren lindernde Tränen. Dann flehte Fee: »Du kommst mit, Tante Lisa – du läßt mich nicht allein?«

»Ich komme mit, Fee! Es ist eine schwere Aufgabe, die du dir stellst – viel, viel schwerer, als du ahnst! Ich weiß, daß du mich brauchen wirst, und ich weiß auch, daß ich damit zumeist im Sinn meines geliebten Toten handle, wenn ich dir und den Lieben, die mir geblieben sind – dir vor allen – Liebes tue. Und du wirst mich sicher brauchen!«

Es wollte Fee ein Ahnen überkommen, daß sie mit ihrem Entschluß keiner leichten Zeit entgegengehe.

Eben trat Gladys ins Zimmer, mit der verschlossenen, finsteren Miene, die so unjugendlich und so traurig anzusehen war. Da ging ein weiches Erbarmen durch Fee hin. Fest preßte sie der Tante Hand.

»Ich danke dir – oh, wie ich dir danke!« Dann rief sie Gladys strahlend zu: »Wir reisen, Gladys – – wir gehen nach Deutschland!«

Das Mädchen sah sie an; seine Augen erweiterten sich schreckhaft, es wurde totenblaß.

»Und ich – –? Oh, nicht mir hinauswerfen in Straße – in Elend. Ich – – ich – –«

Ein leidenschaftlicher Ausbruch folgte. Das Mädchen weinte und schluchzte wild, warf sich zu Boden und schlang die Arme um Fees Füße.

Wenn diese noch den leisesten Zweifel gehabt hätte, was sie tun solle, dies hätte den Ausschlag gegeben. Sie zog Gladys an ihr Herz und tröstete sie.

»Wir bleiben zusammen, Kind – ich lasse dich nicht! Du reisest mit uns nach Deutschland. Sollst sehen, in dem anderen Lande wirst du ein anderer Mensch werden!«

»Teutschland – mother's country! Sein meine Mutter Land! Sein gute Land – gute Menschen. Mutter war ein Engel – auch du, Miß, bist gut. Mich können gute Mensch da uerden auch. Vielleicht – – oh, vielleicht, Miß –« Ein Sehnen lag in dem dunkeln Blick, der ins Weite schaute.

Selbst Tante Lisa war ergriffen; sie nickte Fee zu. Deren Vorhaben erschien auch ihr nicht mehr ganz so unverständlich – – –

*

»Sie gefällt mir nicht, Klaus. Sag gar nichts! Ich kenne die Menschen.«

Er lachte ein bißchen in sich hinein, war aber ganz still.

»So sag doch ein Wort, Klaus! Bist du unter die Traktisten gegangen?«

»Trappisten, Friedelchen. Von dem Kloster La Trappe, dessen Brüder Stummheit –«

»Klaus, du weißt, das ist mir ganz schnuppe. Aber das Kind, die Fee, daß die uns so was ins Haus setzen kann – so 'ne rothaarige Vogelscheuche –«

»Mir scheint es ein schönes Mädchen zu sein – oder wenigstens zu werden.«

»Natürlich! Hast du die Augen gesehen?«

»Schöne dunkle Augen, groß – –«

»Daß ich nicht lache! Böse Augen sind's!«

Er lachte nur. Da wurde Frau Friedel aber ernstlich böse.

»Denkst du, ich bin ein Kind? Ich habe den Blick gesehen, der über mich hinflammte, wie ich auf dem Bahnhof die Arme um Fee legte. Als ob er mich versengen wolle! Ich mag die Augen nicht, und ich mag das Mädchen nicht, Klaus und ich wollte, Fee hätte uns diesen Kelch nicht aufgebürdet und –«

»Immer die Bilder hübsch ausführen, wenn du deine Rede damit schmücken mußt! Man trinkt einen Kelch aus und bürdet eine Last – –«

»Du bist abscheulich, Klaus! Siehst du denn nicht, wie ernst es mir ist? Ich hatte mich so auf meine Lisa und Fee gefreut, und nun kommt diese Fremde –«

»Das ist nichts weiter als Eifersucht, Friedelchen?«

»Jawohl! Ich habe kein Wasser in den Adern. Hatte denn Fee einen anderen Gedanken, als daß der Fremdling gut untergebracht wird? Hat sie nur ein Auge gehabt für ihre Mutter, die sie nun ein halbes Jahr lang nicht gesehen hat? Unerträglich ist's, Klaus, und ich – –«

Jetzt hub Frau Friedel gar zu weinen an. Vater Klaus mußte einsehen, daß die Sache ernst war und nicht mit Scherzworten wegzubringen. Da nahm er Frau Friedel in den Arm und tröstete sie.

»Laß gut sein, Friedelchen! Willst du dich von dieser ersten Stunde und ihrem Durcheinander verwirren lassen? Kennst du nicht unser Kind und sein goldenes Herz?«

Aber Frau Friedel weinte weiter, recht ungebärdig wie eine ganz Junge, und wollte sich nicht trösten lassen.

Da sprach Vater Klaus ein ernstes Wort.

»Bedenke, willst du deinem Kinde, das auf so viel verzichten mußte – willst du ihm das erschweren, was es nun zu seinem Glück nötig zu haben meint?«

»Aber so 'n rothaariges Ding, Klaus! Hat sie nicht uns? Alle die Nichten und Neffen? Und solch wunderschöne, brave Kinder – meine Enkel! Und nun diese rothaarige – –«

»Die stolze Großmutter! Aber über den Geschmack ist bekanntlich nicht zu streiten. Wenn nun Fee, unsere arme, teure Fee, deine Erstgeborene, dein Stolz, Friedelchen – – «

»Laß sein, Klaus, du machst mich weich, und ich will nicht weich werden!«

»– – wenn sie nun meint, in der Erziehung dieses Mädchens eine Aufgabe gefunden zu haben, die ihr das Leben füllt – – «

»Sie hat dich und mich, hat die Tante, hat zwei Schwestern und zwei Brüder, hat zehn Nichten und Neffen und – – «

»Was für welche – ich weiß, Friedelchen! Aber, wenn sie nun dennoch meint, etwas für sich ganz allein haben zu müssen, eine Pflicht, eine Aufgabe, einen Wirkungskreis – willst du ihr das verdenken und verkümmern?«

»Ich verstehe das nicht, Klaus.«

»Wir verstehen manches in unseren Kindern nicht, wenn sie erst fertige Menschen sind. Dürfen wir sie aber darum in die Form zurückpressen wollen, in der sie uns verständlich waren? Jeder entwickelt sich auf seine Weise, und die um ihn sind, die ihn lieb haben, müssen versuchen, sich in seine Weise hineinzudenken. Willst du das versuchen, Friedelchen?«

»Du bist eben viel besser als ich, Klaus!« Frau Friedel umging die bindende Antwort.

»Was hindert mein Friedelchen, ebenso gut zu sein?«

»Ihre Natur! Sie hat von jeher gern gebockt; das weißt du doch, Klaus.«

Jetzt sah der Schalk durch die Tränen vor, und Vater Klaus wußte, daß die Schlacht gewonnen war, wenigstens soweit es den guten Willen betraf.

»Weil's eben du bist, Klaus! Und weil du immer« – sie hustete stark – »will sagen, zuweilen recht hast. Meinethalben soll also das rote – – «

»Friedelchen!«

»– na also, Fees Ziehkind – rote Haare hat sie aber doch, Klaus, und ein Kuckucksei ist sie auch – mit zur Familie gehören! Ich will versuchen, ob ich sie du! – na ja, lieb haben kann.«

»Bravo, Friedelchen – ich wußte es ja!« Vater Klaus schlief aber doch mit Sorgen ein.

Drittes Kapitel: Das Kuckucksei

Der Winter war vergangen. Nur am Nordrand des Waldes lugen noch ein paar Schneefetzen, und die waren schon durchlöchert und bräunlich; bald würden auch sie aufgesogen sein von der Sonne – der Sonne des Frühlings!

Über dem Wiesengrund von Rödershof lag sie golden. Sie hatte im grünen Teppich schon einzelne fürwitzige Blumenkinder vorgelockt. Wunderkleine Anemonen und Gänseblümchen stickten ihn in Grüpplein mit ihren weihen Sternen; lila Krokus schoben die Grashalme beiseite und drängten zum Licht. Auch der einfache gelbe Löwenzahn ließ sich sein Recht nicht nehmen; er trieb seine dicken Stengel rücksichtslos vor, wo es ihm just behagte. Einstweilen war aber auch er nur Künder des Lenzes, und man sah ihn freundlich an.

Über Busch und Strauch lag es wie ein leichter grüner Schein. Beim Herrenhaus im geschützten Park hatten die Blattknospen sich schon erschlossen in ihrer jungfrischen Grüne, und dort zumeist jauchzten die Vöglein ihre Lenzeslieder. Es war ein Drängen und Werden und Freuen rings.

Durch den Wiesengrund hin ging eine hochaufgeschossene schmale Gestalt. Wie sie durch die Sonne schritt, flammte es von ihrem Scheitel wie gesponnenes rotes Gold. Sie beugte sich hier und dort zu den kleinen Blumenkindern nieder, und in der einen Hand hielt sie einen Strauß davon, den sie mit frohen Augen ansah.

»Sein for ihr, – for Tante Fee,« flüsterte sie vor sich hin.

»Gladys,« tönte eine helle Stimme vom Hause her, »Gladys!«

Mit langen gleitenden Schritten huschte die Angerufene – nicht dem Hause zu, sondern den bergenden Büschen entgegen, die hier standen und ein günstiges Versteck boten. Dort kauerte sie am Boden. Alles Weiche und Frohe war aus ihren dunkeln Augen gewichen; jetzt lag Trotz, Böses darin.

»Ich ihr hassen! Wollten mir fortjagen, wenn nicht Tante Fee –« Weiteres verlor sich in Murmeln; dann ein froher Aufschrei: »
Violets! Sein kleine Veilchen. Oh, liebe kleine Blumchens – uie uerden Tante Fee sein so glücklich!«

Die lange schmale Gestalt kauerte zusammengeklappt am Boden.

Mit langem Schritte huschte die Angerufene den Büschen zu.

pflückte Veilchen, hatte leuchtende Augen, glührote Wangen, und wenn die Sonne durch den grünen Schleier des Gebüschs griff, brannten die Haare in goldener Glut.

Die da am Boden kauerte, hörte und sah nichts als die Veilchen; dabei tönte es vom Hause her noch zweimal, dreimal: »Gladys! Gladys! Gladys!«, unverkennbar immer ungeduldiger und erzürnter.

Die Veilchenpflückerin achtete nicht darauf. Oder galt das Hämische und jetzt gar das Gehässige, das in ihren Augen aufstammte, etwa dem Ruf?

Frau Friedel – sie hatte gerufen – stand oben auf der Freitreppe, die nach dem Wiesengrund führte. Sie schattete die Augen mit der Hand gegen die helle Lenzsonne, und spähte scharf nach dem Gebüsch, wo kurz zuvor die lange schmale Gestalt verschwunden war. Sie sah deutlich den gleißenden rotgoldenen Schein, der dort zuweilen aufsprühte) sie wußte genau, woher der kam, und – sie ärgerte sich gewaltig.

Jetzt trat sie mit dem Fuß auf und zankte: »Da soll doch gleich – das ist ja die reinste Aufsässigkeit! Dies – –«

Eine weiche Stimme hinter ihr machte sie verstummen.

»Worüber erregt sich denn Klein-Muttchen so?«

Die Gefragte fuhr mit blitzenden Augen herum.

»Fee, dies Kuckucksei – daß du mir das angetan hast, Fee! Da drüben sitzt sie in den Büschen, pflückt Veilchen und – – «

»Ist denn das eine Sünde, Klein-Muttchen?« Fee blickte traurig, aber sie blieb sehr ruhig.

»Das Pflücken? Nein, Fee, und du weißt das auch ganz gut, wie ich es meine. Ich schreie mich heiser, aber die Mamsell will nicht hören – sitzt dort drüben in den Büschen und – –«

»Was wolltest du von ihr, Klein-Muttchen?«

»Ist das nicht ganz gleich? Und wenn ich wollte, daß sie – na, daß sie einen Purzelbaum schlägt, die Mamsell hat zu gehorchen! Ich will doch sehen, wer hier Herr – – brauchst nicht solche Augen zu machen, Fee! Ich hab' deinem Verzug nicht zu nahe treten wollen; ich wollte nur bitten, daß sie mir ein paar Blümchen sucht, um das Zimmer der Kinder – – du weißt doch, Fee, daß ich jeden Augenblick die Depesche erwarte, die den Ausgang des Examens und die Ankunft der beiden meldet. Übrigens, daß sie bestanden haben, die Hildegard und der Gunter, das weiß ich; wär' nur erst mein Walter so weit, der arme Junge!« Klein-Großchen seufzte tief und schwer.

»Gladys wird froh sein, dir einen Wunsch erfüllen zu können, Klein-Muttchen.«

»Wird sie?« In Frau Friedels Gesicht lag mehr als Zweifel.

Fee rief: »Gladys! Gladys!«

Diesmal hatte der Ruf alsbald Erfolg. In den Büschen richtete sich das Mädchen auf und kam eilig mit den langen gleitenden Schritten über die Wiese daher. Die Sonne wob einen Glorienschein um das junge Gesicht, und auch in den Augen war Sonne.

»Sieh hier, Tante Fee – violets! Sein Veilchen!«

Fees Augen warfen den Schein, der ihr entgegenstrahlte, zurück.

»Herrlich, Kind! Der Frühling kommt! Du wirst sehen, wie wunderschön der hier ist. Aber wie gut, daß du schon so viele Blumen gepflückt hast. Klein-Großchen möchte welche, und – – «

»Mrs. Uödern?« In dem jungen Gesicht war das Sonnige geschwunden. »Sein for dir, Tante Fee!«

»Ah!« Frau Friedel lachte gereizt. »Hab' ich's dir nicht gesagt, Fee?«

Mit flammenden Augen sah ihr Gladys ins Gesicht. »Sie sein immer gut zu mir!«

»Aha!« lachte Frau Friedel noch einmal; von dieser Tatsache, die das Mädchen vorbrachte, ließ sich ja nichts abstreiten.

»Gladys, aber Gladys!« Solch ein Schmerzliches lag in dem Anruf Fees, daß es die junge Wilde alsbald weich machte.

»Du nicht traurig sein, Tante Fee! – Sie können Blumen von mir haben, so viel Sie uollen.«

Sie drängte Klein-Großchen den Strauß mit solcher Gewalt auf, daß die darüber fast ins Wanken geriet. Aber kein freundlicher Blick begleitete die Gabe, und das Mädchen war auch schon wieder draußen im Sonnenschein; es flog über die Wiese dem Walde zu, als würde es gejagt. Jeder Ruf, es zurückzuhalten, wäre vergeblich gewesen; das sah Fee, und deshalb versuchte sie es gar nicht.

»Und nennst du das nun nett, Fee?« fragte bedeutsam Frau Friedel; es blitzte schier triumphierend in ihren Augen.

»Willst du nicht ein klein wenig Geduld haben, Klein-Muttchen? Mit ihr – und mit mir?«

Über Fees Gesicht liefen schwere Tränen. Da reckte sich Frau Friedel, legte die Arme um ihr blondes großes Kind, das ihres Herzens Stolz und Wonne war, und ganz leise kam es: »Hab' du sie mit mir, Fee – kennst doch nun dein Klein-Muttchen schon lange genug, Fee, was? Ist eben ein Feuerbrand, sagt Vater Klaus, und er hat recht, wie immer. Aber dein rot – – dein Kucku– – ich meine dein Ziehkind, Fee, das – das –«

»Laß gut sein, Klein-Muttchen – wird schon alles recht werden.«

Fee hatte ihr Klein-Muttchen im Arm. Aber so frisch wie die Stimme klang, sahen die Augen nicht drein; darin lag viel Sorge und Zweifel.

Klein-Großchen ging, die widerwillig gespendete Blumengabe im Zimmer der erwarteten Enkel zu verteilen, verlor sich in Sinnen über die zwei sicher mit Ruhm Bedeckten und verlor darüber die aus dem Sinn, die ihr täglich Anlaß zu neuem Ärgernis gab. Fee aber begab sich zu Tante Lisa, mit der sie den Wohnraum teilte, und die sah alsbald die Sorge und den Zweifel in den Augen, die sie so genau kannte.

»Was hat es wieder gegeben, Fee?«

»Ach, Tante, ich verzweifle an der Durchführung meines Plans, und doch – ich kann nicht mehr davon lassen – nicht von dem armen Kinde lassen.«

»Willst du Gladys nicht etwas strenger anfassen, Fee?«

»Daß ich sie ganz verstocke, Tante? Gutes erhoffe ich nur durch die Wirkung von Liebe und Güte. Siehst du nicht wie Klein-Muttchens Schroffheit auf sie wirkt? Ach, Tante, mir ist sehr bange. Ich hoffte so viel von der Zeit und der Gewöhnung; aber nun sind wir schon den ganzen Winter da, und es ist noch dasselbe wie ganz zu Anfang – eher schlimmer.«

»Die Schuld liegt bei Gladys. Fee, du darfst nicht blind sein. Ihr finsteres Wesen uns allen gegenüber ist schwer zu tragen. Dein Vater und ich, wir schweigen, weil – nun weil wir dich lieb haben. Deine Mutter ist lebhafter geartet, sie wehrt sich gegen das, was sie bedrückt.«

»Was tue ich, Tante? Ich kann Gladys nicht von mir weisen und – ich kann auch nicht härter mit ihr sein – gegen meine Überzeugung. Ich komme mir vor wie der dünne Faden, der sie noch mit dem Guten verbindet. Entfremde ich sie mir durch irgendeine Härte, so reißt er durch, und sie ist verloren. Tante Lisa, hilf mir!«

Die Angerufene hatte Fee in ihren Mutterarmen und tröstete linde: »Abwarten, Kind, laß den Mut nicht sinken! Wir finden durch mit vereinten Kräften, glaube mir.«

»Daß ich dich habe, Tante Lisa, daß du mitgekommen bist! Wie soll ich dir das je danken?«

»Es macht mir das Leben wieder lebenswert,« Still sagte es Tante Lisa und ihr Blick suchte die Ferne.

Derweil ging die, der alle die Sorge und der Ärger galt, durch den leicht grünenden Wald, hatte helle Augen und ein Lied auf den Lippen, und aller Trotz war weit. Sie war ein junges frisches Menschenkind wie andere. Sie lauschte dem Vogelsang und lachte hinter zwei sich jagenden Eichkatzchen her; sie hatte ihr Bündelein abgeworfen, straffte die jungen Schultern, hob den Kopf mit den leuchtenden Haaren und sah so harmlos, so lieb und jung aus wie nur irgendeine ihrer Schwestern.

Sie war am Waldrain herausgetreten. Schlank und biegsam wie eine Gerte stand sie da unter der hohen Buche. Durch deren Geäst griff ein Sonnenstrahl und verfing sich in dem Rothaar, daß dies sprühte.

Einem Mann, der auf der tieferliegenden Loberger Landstraße des Weges kam, fiel sie so in die Augen.

»Ei, is dann des nit das englisch Fichsche, wo jetz in Redershof – – Freileinche, Freileinche, wolle Sie mir en Gefalle dun, he?«

»Uenn ich kann.«

»Sie wern mer doch des Babier mitnemme kenne – es wiegt kein Zentner,« spöttelte der Mann gutmütig neckend. »Es is fors gnädig Frauche. Meine alte Rheumatisknoche spiern de Weg und Sie hawe junge Beinercher. Gelle Se, Sie dun mir de Gefalle?«

Sie lachte ihn an wie ein liebes frohes junges Menschenkind, das sie im Augenblick war. Sie glitt vom Grasrain nieder, stand vor dem Bittsteller und streckte die Hand aus. »Geben Sie – ich uerde Papier nehmen.«

Wohlgefällig schmunzelnd hielt er ihr das Papier hin, eine Depesche.

Sie schob diese, ohne sie weiter anzusehen, in ihre Tasche.

»Fein Obacht gebe,« mahnte er väterlich. »Un ich danke auch vielmals, Freileinche. Winsch schene guten Abend!«

»Guten Abend!« Sie war davon gejagt, als ob der Wind sie wehe; kaum daß die Füße den Boden zu berühren schienen – die Verkörperung von Lust und Leben. Er stand und schmunzelte hinterher.

»No, des geht ja wie geschmiert. Ach herrje, wammer doch auch noch emal so jung wär'!«

Die Junge aber, die flog durch den Wald auf einem engen Pfad in weitem Bogen um den Wiesengrund von Rödershof. Sie mußte sich erst noch austoben in ihrer jungfrischen Kraft. Es war erstaunlich, wie sie Weg und Steg ringsum schon kannte. Und sie liebte Wiese und Wald, von denen Mutter dem armen kleinen Großstadtkind einst mit leuchtenden Augen erzählt hatte. Ihr war, als sei »mother« ihr hier näher. Dies hier war ja Deutschland, war »mother's country«, von dem diese nur mit Tränen des Sehnens hatten reden können – – –

Sie saßen beim Abendbrot in Rödershof, Vater Klaus, Muttchen Friedel, Tante Lisa, Fee und »ihr Kind«. Die Augen von Vater Klaus ruhten mit Wohlgefallen auf der jungen Fremden. Die Sonne aus Wald und Wiesengrund schien sich in ihren Augen verfangen zu haben; sie hatte die Wangen mit dem frischesten Schein bemalt.

»Wo hat unser Großstadtpflänzchen sich die roten Backen geholt? So was seh' ich gerne.«

Sie lachte ihn an.

»Sein in Wald gesprungen wie der kleine Eichenkatz. Ho, sein wundervoll deutsche Wald, Mr. – – Guoßvater.«

Das war ein Zugeständnis, das Wald, Wiese und Sonne dem trotzigen Sinn abgerungen hatten. Gleich bei Ankunft hatten Vater Klaus und Muttchen Friedel in ihrer Güte und in der Liebe zu ihrem Kinde gedacht, es der Fremden heimischer zu machen, wenn sie ihr gestatteten, sie zu nennen, wie die Enkel sie nannten. Aber in finsterem Trotz hatte Gladys bei ihrem Mr. und Mrs. Uödern beharrt.

Vater Klaus lachte darüber, Muttchen Friedel aber ärgerte sich. »– – – denn, Klaus, siehst du, ich kann das Mrs. U-ödern schon gar nicht hören. Es ist, als ob sie eine heiße Kartoffel im Munde umwälze.«

»Guoßvater klingt nicht viel schöner, was, Friedelchen?« neckte Vater Klaus.

Bei diesem Zugeständnis heute, das er Sonne, Wiese und Wald verdankte, blinzelte er nun gar schlau die andern an, sagte aber nichts, sondern neckte weiter: »Der kleine Eichenkatz kann aber wohl besser klettern als du, Mädel?«

Gladys riß die Augen auf. »Mich doch nicht können auf Baum steigen!«

»Kannst du nicht? Ich kannte einst ein Mädel, das – –«

»Klaus! Aber Klaus, wie kannst du!« Muttchen Friedel war ganz Vorwurf und gekränkte Würde. »Gladys, nun hast du wieder das Salzfäßchen umgeworfen.« Das kam schroffer heraus im Eifer der Abwehr, als es die Umstände rechtfertigten. Sie war gutherzig und wollte einlenken. »Bist du in Dresdorf gewesen – ja? Oder bist du nicht so weit gekommen?«

Aber Gladys biß schon die Zähne aufeinander; ihr Gesicht war finsterer wie je. Mußte »die da« ihr denn alles vergällen? Weshalb ließ sie den »Guoßvater« nicht freundlich mit ihr plaudern? Weshalb fuhr sie sie so barsch an wegen des Salzes? Weshalb – –?

Oh, sie haßte »die da«; sie merkte wohl, daß sie ihr Tante Fees Liebe nicht gönnte. Am liebsten triebe sie sie wieder hinaus auf die Gasse, von wo ihr Engel, Tante Fee, sie aufgelesen hatte! Das fühlte sie gut und –

»Gladys, hörst du nicht, daß Großmutter dich etwas gefragt hat?« Tiefer Schmerz, aber auch ehrliches Zürnen lag in der Stimme. Gladys hob die trotzigen Augen zu Tante Fees Gesicht. So ernst hatte sie dieses noch nie gesehen, so mißbilligend.

Natürlich »die da« würde es noch so weit bringen, daß Tante Fee sich von ihr wandte, und was dann? Was dann?

Noch finsterer blickten die Augen; die Lippen verkniffen sich noch fester.

»Gladys!!« Eine Welt von Liebe, von heißem Schmerz lag nun in Augen und Stimme.

Dem war nicht zu widerstehen; die vom Trotz versiegelten Lippen öffneten sich.

»Ich nicht sein in Dresdorf gewesen, Mrs. Uödern.« Kurz und knapp kam es aus dem kaum geöffneten Mund.

»Gladys!!« Daß dies Mahnen der verpönten Anrede galt, wußte Gladys wohl, aber es konnte sie diesmal nicht rühren. Sie sah da wie von Stein, verkörperter Trotz.

»Laß sie, Fee! Sie soll uns die Laune nicht verderben. Bald werden die Kinder da sein. Ich hatte sie eigentlich heute schon erwartet, wenigstens Nachricht. Es wird doch alles gut gegangen sein?«

Da war das Gespräch in anderen Bahnen, ging über die junge Trotzige weg und drehte sich um jene, die Haus und Herz so nahe standen.

Gladys sah steif und starr, wies alle ihr gebotene Speise zurück, sah nur in sich hinein und in ihr finsteres Herz – sah nicht die Sorge und den Schmerz in den Augen, die ihr die teuersten auf Erden waren. Sie brütete: wenn nun gar erst die da waren, von denen hier mit so viel Liebe gesprochen wurde, dann würde für sie nichts, aber auch nichts mehr bleiben. Dann –

»Hallo! Sitzt da die Familie, läßt sich's wohl sein und unsereins kann sehen, wie es den examensmüden Korpus über die Landstraße an die Futterkrippe schleppt! Uff, ich hätte mir das nicht träumen lassen, Klein-Großchen – dachte, wir würden mindestens mit Hurra und Böllerschüssen empfangen werden. Ich bin sehr enttäuscht, Klein-Großchen.«

Unter der Flügeltür, die nach dem Garten weit geöffnet war, die Lenzlüfte einzulassen, stand ein hochaufgeschossener Jüngling, zwirbelte an dem sprossenden Bärtchen und hatte glänzende Schelmenaugen, die herausfordernd an der hingen, der die Anrede zumeist galt.

»Gunter – Gunter, ich hab's ja gewußt! Also bestanden? Glänzend bestanden? Ich seh's dir an den Augen an! Wie ich mich freue, Junge – wie ich mich freue!«

Aber der langaufgeschossene Jüngling schob Klein-Großchen nach einer herzhaften Umarmung lachend von sich, ab. »Von wegen des Glanzes, Klein-Großchen, der ist nicht gar so groß. Ich bin noch eben mit durchgekrochen – als Mittelware. Aber hier – der Stolz der Familie! Cum laude, Großvater! Ja, wir können alle stolz sein auf das Fräulein Base.«

Von wegen des Glanzes – der ist nicht gar zu groß«

Jetzt erst wurde das große blonde Mädchen hinter ihm sichtbar, das nun mit lachendem Gesicht sich Klein-Großchens Entzückensausbruch hingab, dann aber rasch mit leuchtenden Augen zum Großvater trat. Er schüttelte ihr die Hand, wie man sie einem Freund und guten Kameraden schüttelt.

»Ich wünsche Glück, mein Mädchen – bist ein ganzer Mensch!«

Das war für die große blonde Hildegard mehr als selbst das »
cum laude«; man sah es an ihren Augen.

Es gab ein frohes Durcheinander. Jeder umarmte jeden. Nur eine stand abseits – eine junge Trotzige, die noch trotziger und finsterer geworden war, seit sie sah, wie »die da« sich freuen und lieben konnte – die anderen.

»Kinder, wie seid ihr aber hiehergekommen? Friedrich, rasch das Essen für die jungen Herrschaften!« Klein-Großchen wußte nicht, was zuerst tun und sagen.

»Halt, Friedrich! Hier sind die Kellerschlüssel – bringen Sie was vom Besten herauf, vom Rüdesheimer – Sie wissen ja! Solch ein Cum laude will gefeiert sein.«

»Sehr wohl, Herr Baron.« Der alte Diener neigte sich mit Schmunzeln, obgleich ihm fremd war, was gefeiert werden sollte. Der Herr Baron mußte es ja aber besser wissen und das gnädige Frauchen.

»Na also – nun legt mal alles ab und setzt euch! Ihr werdet schön hungrig sein, ihr Ärmsten. Wenn ich bedenke, alle die Wochen – – «

Wie sie lachten.

»Denkst du, die Mütter haben uns den Brotkorb weggehangt, Klein-Großchen, nach dem Grundsatz: ein hungriger Gaul rennt schneller?«

»Dummer Bub! Aber so was zehrt doch. Wenn nur das Essen schnell käme! Und wie seid ihr hierhergekommen? So redet doch!«

»
Per pedes apostolorum, Klein-Großchen – auf Schusters Rappen zu Deutsch. Tante Fee, wie ich mich freue, dich zu sehen! Und dich auch, Tante Lisa!«

Der große Junge hielt Tante Fees Hand und sah sie mit glückseligen Augen an. Die schöne blonde Tante war stets sein Schwarm gewesen.

Da klirrte ein Glas. Gladys, die unbeachtet beim Tisch an ihrem Platz stand, hatte darangestoßen, daß es am Teller zu Scherben zerschellte und sein Inhalt sich über das Tischtuch ergoß; zum Glück war nur Wasser darin. Aller Augen wandten sich ihr zu.

»Und das ist also dein Kind, Tante Fee?« rief der große Junge gutmütig. »Guten Abend, neue Base!« Er streckte die Hand hin.

Nur zögernd legte sich eine schmale Mädchenhand hinein und zwei dunkle Augen blickten ihm so finster entgegen, daß er erstaunt und fragend die andern ansah.

Die blonde frohe Hildegard war auch herzugetreten und hatte die Hand freundlich geboten. Noch zögernder näherte sich ihr die schmale Mädchenhand, und der sie streifende Blick war noch finsterer.

Es legte sich wie eine Beklemmung über die beiden frohen Ankömmlinge.

»Das ist Gladys Morton,« sagte nun Tante Fee, »ich hoffe, ihr sollt euch liebgewinnen.« Aber es lag wenig Zuversicht in dem Ton, und die Augen blickten traurig.

Unbehagliche Stille folgte. Doch Gunter half darüber weg.

»Ja, Klein-Großchen, wir waren sehr enttäuscht. Weshalb habt ihr uns arme, müde Examensmenschen auch noch zu Fuß laufen lassen, statt uns eure edlen Rösser zu senden?«

»Wir hatten doch depeschiert, Klein-Großchen,« fügte die blonde Hildegard hinzu.

»Ich habe nichts bekommen, Kinder – wahrhaftig nicht! Ich wär' ja lieber mit der Schiebkarre gekommen und hätt' euch heimgefahren, wenn's hätte sein müssen, als euch zu Fuß – –«

»Ha, ha, dies Bild! Klein-Großchen mit der Schiebkarre und ich als süße Last drauf, die langen Beine im Straßenstaub!«

Gunters Lachen mußte anstecken; jede Trübung war vergessen. Alle lachten und plauderten durcheinander.

Nur eine sah stumm und regungslos vor ihrem Teller. Sie war ja fremd unter frohen Menschen – unter diesen Frohen! Hatte Tante Fee denn je so lachende Augen, solch helle Stimme, wenn sie mit ihr sprach, wie jetzt, wo sie mit dem langen dünnen Menschen und dem schönen blonden Mädchen scherzte? Nie! Sie, Gladys, hatte gar nicht gewußt, daß Tante Fee so jung und schön aussehen konnte – so herzerquickend froh und strahlend. War das noch »ihre« Tante Fee?

Die beiden sagten ja auch Tante, und es würden noch mehr kommen, die so sagten, denen sie wirklich Tante war – noch acht weitere! Wie sollte sie, Gladys, da noch Raum finden?

Ein Seufzer kam aus dem jungen Herzen, und da er gerade in eine Pause des Gesprächs traf, so hörten ihn alle; es war ein schmerzlich klingender Laut, zumal wenn man die jugendliche Urheberin dazu ansah.

Mitleidig schauten Hildegard und Gunter drein, sahen fast scheu nach Tante Fee hin; sie ahnten, daß hier nicht alles stimmte. Da hob Vater Klaus die Gläser.

»Nun tut mir alle Bescheid: Unsere mit Ruhm bedeckten Examinierten – sie sollen leben, wachsen und gedeihen!«

»
Vivat, floreat, crescat!« Hildegard und Gunter riefen es zugleich.

»Kinder, wenn ihr meint, daß ihr jetzt die Gelehrten herausbeißen müßt, so finde ich das einfach albern. Redet, wie euch der deutsche Schnabel gewachsen ist, damit andere Christenmenschen euch verstehen können! Ich sage: lebt und werdet vernünftig – basta!«

»Hurra, Klein-Großchen, unser Klein-Großchen!« Wie die zwei frischen jungen Menschen die geliebte Großmutter umdrängten.

Mit herzlichem Freuen sahen es alle am Tische. Nur eine rümpfte die Nase und dachte: »Ihr solltet sie nur kennen, wie ich sie kenne – die da!«

»Stößt die neue Base nicht mit uns an?« Gunter stand vor Gladys und hob ihr sein Glas entgegen.

»Ich nicht kenne der Sitte und trinken keinen Wein.«

»Denn nichts!« Nun war doch ein leichter Unmut in Gunters frohem Gesicht, während er sich mit Achselzucken abwandte.

»Laß sie,« sagte Klein-Großchen rasch. »Ich möchte nur wissen, was aus eurer Depesche geworden ist. Mußt doch mal auf der Post nachfragen, Klaus! Am Ende hat der alte Müller da eine Dummheit gemacht. Ich bin so traurig, Kinder, daß ihr so mühsam, so ohne Sang und Klang habt einziehen müssen.«

Da gab es ein Lachen und Widerreden, ein Beteuern und Trösten, und in dem allgemeinen Durcheinander klappte eine Tür. Gladys war gegangen.

Tante Fee erhob sich und ging ihr nach, ehe jemand wehren konnte.

»Nun läuft sie auch noch hinter ihr her,« seufzte Frau Friedel; es war aber ein Ungewisses in den Augen, die Vater Klaus streiften.

»Friedelchen, das tut nicht gut! Bedenke, wir müssen Fee zulieb Geduld haben.«

»Hab' ich denn die nicht, Klaus?« Frau Friedel riß die Augen so erstaunt auf, daß man sah, ihr war Ernst mit der Frage.

Er lachte nur.

»Und, Friedel, bedenke, sie könnte ja Fees Kind sein!« Das war Tante Lisa mit ihrer sanftesten Stimme.

Da aber feuerte Frau Friedel auf: »Dies Kuckucksei, Lisa? Nimmermehr!«

Gunter und Hildegard wollten lachen, aber da trat eben Tante Fee wieder ins Zimmer und hatte solch ein trauriges Gesicht, daß ihnen das Lachen verging. Vater Klaus winkte sich seine Älteste heran und seinem tröstenden Blick, seinem frischen, frohen Wort gelang es schnell, ihre Augen hell zu machen! Gladys, und was mit ihr zusammenhing, war für eine Weile vergessen. Ungetrübte Freude herrschte.

Die aber so viel Störung in den kleinen Kreis brachte – Klein-Großchens Kuckucksei – die lag oben vor ihrem Bett auf dem blanken Boden und krümmte sich in Not und Qual.

Kein Schmerz ist so gewaltig und trostlos wie junger, unerfahrener, well er wie in finsterer Nacht vor einer Felsensteile steht, die sich zum Himmel türmt. Wohin er blickt – Finsternis, wohin er tastet – Stein. Er kauert sich hin und will sterben) er hofft nicht weise auf den Morgen und sein Licht, wie die es tun, die wissen, daß ewiger Wechsel auf Erden ist.

Als Tante Fee vorhin an ihre verschlossene Tür pochte und bat: »Mach mir auf, Kind,« da hatte Gladys keine Antwort gegeben; sie hatte den Kopf tief in die Kissen ihres Bettes gewühlt, nichts zu hören, nichts zu sehen. Sie war just eben am Fuß der steilsten aller Schmerzensfelsenschroffen angelangt.

Tante Fee war still wieder gegangen. Der tiefe Seufzer, als sie sich wandte, klang Gladys in den Ohren nach. Zu tiefinnerst ins Herze konnte er nicht dringen; es lag noch allzuviel Schutt im Wege.

Als Gladys sich dann so müde geweint und gerungen hatte, daß ihre Müdigkeit über den Schmerz siegte, wollte sie zu Bett gehen. Da knisterte in der Tasche des Kleiderrocks ein Papier. Wie im Traum griff Gladys danach. Was war das?

Da wich die Müdigkeit; hellwache weitgeöffnete Augen starrten das Papier an. Das war ja, was der Mann ihr draußen im Walde gegeben hatte! Und war das nicht am Ende das Papier, die Depesche, worauf »die da« gewartet hatte? Die Depesche, die der lange Dünne und das frohe blonde Mädchen gesandt hatten, daß sie im Triumph und in Freuden heimgeholt würden in das großelterliche Haus, in dem sie taten, als ob es ihnen allein gehöre, die Übermütigen!

Geschah ihnen recht, diesen übermütigen Menschen!

Und daß »die da« um die Freude gekommen war, die zwei heimzuholen, die ihr so am Herzen lagen, das – ja, das war das beste von allem! Sie, Gladys, war froh, daß es so gekommen war – über alle Maßen froh!

In dem kleinen hellen Raum, der so recht ein freundliches Jungmadchenstübchen hätte sein können – von Frau Friedel mit Sorgfalt ausgestattet für »ihrer« Fee Kind – in dem Raum klang ein häßliches, unfrohes, hämisches Lachen von den Wänden, ein Ton, wie man ihn nirgends gern, am wenigsten in einem Jungmädchenstübchen hört.

Gladys stand am Fenster, durch dessen Spalt die herbe Frühlingsluft hereinblies. Ohne Besinnen überließ ihr Gladys das Papier; mochte sie es hinwehen, wohin sie wollte – – – –

Sie saßen beim Frühstück am anderen Morgen, alle, auch Tante Fee, die sonst wohl im Bett frühstückte, da sie sich immer schonen mußte. Heute wollte sie am ersten Morgen nicht fehlen, da Neffe und Nichte zugegen waren. Und noch ein Grund bestimmte sie, den sie aber vor sich selber nicht bekannte – Gladys. Ihr war, als müsse sie diese behüten und betreuen auf Schritt und Tritt, zumeist vor dem eigenen unguten Wesen. Ihr Sorgenkind!

Gunter war der einzige, der noch fehlte.

»Er wird einen Spaziergang gemacht haben,« sagte Hildegard. »Auf diese Morgengänge durch Wald und Feld hat er sich schon lang unbändig gefreut.«

»Gut, daß man das weiß,« rief Klein-Großchen strahlend.

Da stand der lange Gunter unter der Tür, die zum Garten führte.

»Morgen – guten Morgen allerseits! Wonnig draußen! Hier in Rödershof weiß man doch, daß Himmel und Sonne, Wolken und Wind in der richtigen Verfassung sind. In der Stadt – puh, nichts als Mauern und Steine! Übrigens, Klein-Großchen, dein Müller, oder wie er heißt, hat, wie es scheint, wirklich irgend eine Dummheit mit unserer Depesche gemacht. Sieh, was ich in deinem Stiefmütterchenbeet gefunden habe.« Er hielt Klein-Großchen ein durchweichtes Papier hin.

»Ist nicht mein Beet, Junge. Was hätte ich mit Blumen zu tun? Passen nicht zu mir und ich nicht zu ihnen. Höchstens, daß ich mich um den Kleestand kümmere und um die Futterrüben von wegen meiner Milchwirtschaft. Blumen sind Großvaters Sache.«

»Danke,« versetzte Vater Klaus und lachte, »Frauenlogik, Friedelchen.«

»Lach du nur, aber Blumen passen wirklich noch besser zu dir als zu – – was hast du von dem Papier gesagt, Junge?«

»Nachschauen, Klein-Großchen!«

»Ja, das ist eure Depesche, Kinder! Wie kommt denn die in den Garten? Laßt mich aber nur den Müller erwischen! Der hat sie im Dusel verloren und sich einfach aus dem Staub gemacht. Klaus, daß du mir zur Post gehst, gleich heute nachmittag! So was ist doch unerhört.«

»Friedelchen, der arme Mensch – –«

»Klaus, die armen Kinder!« Wie eine gereizte Löwin blickte Klein-Großchen drein. »Haben nach dem gräßlichen Examen auch noch zu Fuß gehen müssen, bloß weil der Müller, der Dussel –«

»Ich haben das Papier dahin geworfen, Mrs. Uödern!«

Hätte sich der Zimmerboden plötzlich gespalten, und irgend etwas Wunderschönes oder auch etwas erschreckend Furchtbares wäre zum Vorschein gekommen, Frau Friedel hätte nicht erstarrter dreinschauen können. Es fehlten ihr die Worte. Auch die anderen alle sahen wortlos auf Gladys, die sehr blaß war, deren Augen aber flammten.

»Ich nix wollen, daß Mann werden gestraft. Sein gute, arme Mann! Er haben mir Paper geben, weil haben steife Beiner –«

War Gunter es, der da lachte? Gladys hielt eine Sekunde inne.

»… und ich haben vergessen alles. Haben Paper erst wieder gefunden, wenn zu Bett gehen. Haben es dann Wind geben und der haben es fortgenommen.«

Tante Fee war die erste, die Worte fand.

»Gladys, das war sehr unrecht von dir. Vergessen kann jeder etwas, aber dann muß er offen seine Schuld eingestehen. Du hättest Großmutter das Papier bringen und sie um Verzeihung bitten müssen. Du wirst dies jetzt noch tun.«

Gladys stand todesblaß, wie zu Stein erstarrt; sie rührte sich nicht vom Fleck. Es war peinlich, dies große schlanke Mädchen wie ein verstocktes trotziges Kind dastehen zu sehen.

Gunter nahm seinen Hut, den er sonst nachlässig irgendwohin warf, und trug ihn hinaus. Hildegard entdeckte plötzlich, daß sie ihr Taschentuch vergessen hatte, das sie notwendig brauchte. Die Tür schloß sich hinter den beiden.

»Gladys,« mahnte Tante Fee, »Gladys!« Wie weich und schmerzgetränkt die Stimme klang!

»Geh, Kind – sag: ›Es tut mir leid, Großmutter.‹ Ist denn das so schwer? Darfst auch Guoßmutter sagen.« Es war komisch zu sehen, wie Vater Klaus den Mund verzog, um das schwierige Wort auszusprechen.

Aber Gladys stand wie erstarrt trotz der freundlichen Augen, die so dringlich in die ihren schauten.

Da – sie hatte den Blick wieder Tante Fee zugewandt – sah sie, wie zwei große Tränen der übers Gesicht liefen. Mit zwei langen Schritten stand sie vor Tante Fee: »Du nicht sollen weinen for mir. Ich werden sagen.« Und sich Klein-Großchen zuwendend, kam es wie eine eingelernte Papageienrede über ihre Lippen: »Sein mir leid, daß ich haben vergessen Paper, Mrs. Uüdern.« Sprach's und war zur Tür draußen, ehe jemand sie hatte halten können.

Sie atmeten auf, alle, auch Klein-Großchen, obgleich sie nicht ganz zufriedengestellt schien.

Gunter und Hildegard streckten den Kopf wieder herein.

»Ist das hochnotpeinliche Gericht vorüber?« Der große Junge lachte.

»Ich möchte darüber keinen Scherz hören,« erwiderte Klein-Großchen mit ihrer unnahbarsten Miene, lachte aber gleich danach: »Kinder, wir wollen uns die Laune nicht verderben lassen. Was tun wir heute?«

»Schlafen,« sagte Gunter und gähnte herzhaft. »Klein-Großchen, wir müssen erst wieder Menschen werden, die Base und ich – einstweilen sind wir ausgequetschte Zitronen.«

Da war Klein-Großchen des Mitleids voll, verstaute die beiden, trotz lachenden Widerspruchs, jeden auf ein Sofa und hielt sie auch dort den Tag durch, mehr oder weniger widerwillig. Fee hatte Gladys vorgenommen, als diese von ihrer Streiferei heimkehrte.

»Wie konntest du dich so wenig freundlich entschuldigen und gleich danach weglaufen, da du doch im Unrecht warst?«

»Sie mich nix lieben – ich ihr auch nix lieben.«

»Gladys, es ist doch meine Mutter – denkst du daran gar nicht?«

»Du ihr lieben?«

»Kind, hast du deine Mutter nicht geliebt?«

»Sein meine Mutter eine Engel gewesen.«

»Siehst du nicht, wie wir alle meine Mutter lieben? Sie ist so gut!«

»Sein nix gut mit mir. Haben mich nix lieb.« Gladys warf den Kopf hintenüber; ihre Augen sprühten.

Konnte Fee dem mit gutem Gewissen widersprechen?

Tief traurig sagte sie nur: »Wenn du mich lieb hast, Gladys, versuchst du, dir meiner Mutter Liebe zu verdienen. Jede Liebe muß errungen sein.«

»Du mir haben lieb gehabt, wo ich sein so bös gewesen – du sein Engel.« Gladys lag vor ihr am Boden und hatte die Arme um ihre Knie geschlungen. »Ich dich habe so lieb wie mother!«

Da ging die Hoffnung auf ein Gelingen warm durch Fee hin. Tapfere, ausdauernde Liebe versetzt ja Berge. – –

Hildegard und Gunter waren nun bereits vierzehn Tage in Rödershof. Sie hatten sich von Klein-Großchen redlich verwöhnen lassen, hatten ihre Examensmüdigkeit abgeschüttelt und streiften jetzt nach Herzenslust im Walde umher, sich freien Kopf und rote Backen zu holen.

Sie hatten zuerst versucht, Gladys zum Mitgehen zu bewegen, waren da aber auf solch unfreundliches Ablehnen gestoßen, daß selbst Tante Fee mit Tränen in den Augen bat, die junge Wilde einstweilen sich selbst zu überlassen.

»Denn seht ihr, Kinder, wer immer mit Füßen gestoßen worden ist, der muß der liebkosenden Hand erst trauen lernen. Glaubt mir, Gladys ist ein armes Kind.«

Sie waren jung und warmherzig und wollten es gern glauben. Sie sahen aber auch, wie die angebetete Tante unter der Art des Mädchens litt, das ihr Kind werden sollte, und ihre Gefühle waren sehr geteilt.

Jedenfalls war mit der Fremden ein Geist des Unbehagens in Rödershof eingezogen, der da sonst nicht heimisch gewesen war, und die Enkel des Hauses, denen der Großeltern Heim der Inbegriff von Friede und Freude gewesen war, empfanden dies sehr. Das Thema Gladys war unerschöpflich in seinem Für und Wider. Auch heute verhandelten es die beiden, da sie unter dem grünen Dom des Buchenwaldes hingingen, wo die Sonnenlichter tanzten und die Vögel ihre Frühlingslieder sangen.

Jetzt ragten Steinmauern im grünen Geäst auf, zerbröckelnde Mauern, die längst ihrem eigentlichen Zweck nicht mehr dienten, Menschen eine Heimat zu sein.

Die sie einst beherbergten, waren lange tot; deren Geschicke hatten sich erfüllt. Die Mauern aber ragten weiter, bröckelten weiter, und noch Jahrzehnte würde es währen, bis auch ihre Spur sich verwischte im grünen blühenden Leben, das sie umwucherte – bis ihr Gestein nur ein toter Haufe war, über den Moos und Gras ungehindert krochen.

Aber einstweilen ragten die bröckelnden Mauern noch, und sie selber überragte ein trutziger Bergfried mit noch ungebrochenen Zinnen. Einer Linde Geäst hatte sich fast zu seiner Höhe gereckt. Als hier noch Menschen hausten, war sie ein Samenkorn gewesen.

»Das Schloß, Gunter! Sind wir denn schon so weit?«

»Ja, Bäslein! Es fördert, wenn wir beide ausschreiten.«

»Ich bin wirklich ein wenig müde, Gunter. Wollen wir uns setzen?«

»Ins Moos hier, Hildegard – am Fuß des Bergfrieds. Der alte Bursche hat sicher noch kein Frauenzimmer mit bestandenem Maturum gesehen. Was, alter Herr?«

Grüßend schwang Gunter seinen Hut den Zinnen zu.

Da war es ihm, als habe er einen Kopf sich blitzschnell zurückziehen sehen. Es mußte aber eine Täuschung gewesen sein. Wer sollte in dem verfallenden Gemäuer herumklettern?

Hildegard hatte es sich schon im dicken Moos bequem gemacht. Er setzte sich an ihre Seite, und ihr Gespräch ging munter weiter.

Den steilen Berghang dort, wo er am unwegsamsten sich gab, war kurz vorher eine schlanke Mädchengestalt emporgeklommen: Gladys. Sie liebte solche Wege, wo es Hindernisse zu überwinden galt. Ihre überschüssige junge Kraft konnte sich da Luft machen. Staunend sah sie die Mauern. Hierher hatte sie zuvor noch nie gefunden.

Oh, sie konnte auch einen weiten, wunderschönen Weg machen, wie ihn der lange Dünne vorher lockend versprochen hatte! Sie konnte ihn sogar allein machen, was besser war, denn die zwei meinten es ja doch nicht ernst, wenn sie sie aufforderten, mitzukommen.

Er hatte ja freundliche Augen, der lange Dünne – das stimmte – und auch das große blonde Mädchen sah gut und lieb aus. Aber – – sie waren »ihre« Enkel! Wie konnten sie es also gut mit ihr meinen? Nein, sie taten ja nur so, Tante Fee zuliebe – wer würde der nicht alles zuliebe tun? und sie waren froh, wenn sie, Gladys, nicht mitkam. Weshalb sollten sie sie auch dabei haben wollen? So eine wie sie war, so eine heimatlose Fremde?

Aber waren sie es denn nicht, die dort auf dem breiten Waldweg, der aussah wie eine Kirche, so wölbten sich die Bäume drüber – waren es nicht die zwei, die da lachend heranschlenderten und so glücklich aussahen, so unbekümmert?

Die hatten gut so aussehen – hatten gut lachen! Wohin sie schauten, lachte alles ihnen zu; wer sollte da nicht zurücklachen?

Arme junge Gladys! Was wußte sie davon, daß das Leben jedem zurücklachen will, der ihm eine frohe Miene zeigt und lachen kann, auch wenn es stürmt!

Sie hatte den Kopf gewendet, nach einem Unterschlupf zu suchen. Sie brauchten sie nicht hier zu finden, sie dachten sonst am Ende gar, sie sei ihnen nachgelaufen. Das wäre noch schöner! Nein, der Turm da, der bot ein gutes Versteck; da würde sie niemand suchen. Also hinein!

Sie tastete sich die zerfallende Treppe hinauf und ahnte nicht, daß sie damit ihre Glieder gefährdete, denn die Treppe war längst nicht mehr ohne Gefahr zu ersteigen. Aber ein Engel beschirmte sie.

Oben war der Rundblick so herrlich, daß sie alles darüber vergaß und um ein Haar laut hinausgejubelt hätte. Doch sie hörte im selben Augenblick die Stimmen der Nahenden heraufklingen. Da lugte sie über die Turmzinnen vor, fuhr aber sogleich zurück, und ihr Herz schlug ihr im Hälfe. Der lange Dünne hatte gerade heraufgesehen! Entdeckt konnte er sie freilich nicht haben) sie war zu schnell gewesen. So stand sie, hatte die Hände auf dem Herzen, seinen schnellen Schlag zu dämpfen, und lauschte.

Sie wollten sich ins Moos lagern, die zwei; so sagten sie. Und sie taten es; ein vorsichtiger Blick zeigte dies der Lauscherin.

Sie neckten sich erst ein bißchen – immer dies dumme Examen, von dem alle solch ein Aufheben machten! Dann sagten sie eine Weile nichts. Gewiß schauten sie nun auch durch das grüne Blätterdach in den blaugoldenen Himmel hinein, und sahen, wie wunderschön alles war.

Und – – was redeten sie da? War denn das nicht ihr Name, der da unten genannt wurde? Glah–diß, sagten sie, und das klang so komisch. Die oben mußte in sich hinein lachen. Aber dann! Was hatten sie von ihr zu sprechen? Was sagten sie?

Gladys wußte nichts davon, daß Lauschen nicht schön ist, und der Lauscher zumeist sich selbst straft. Ihr dünkte es ein glücklicher Zufall; nun konnte sie doch hören, wie die zwei über sie dachten! Und sie streckte den Kopf vor, soweit es die Klugheit irgend gestattete.

Da hörte sie allerhand, was ihr das Blut ins Gesicht trieb und die Hände ballen machte. Sie hörte auch, was die geballten Hände lösen wollte, was ihr warm ans Herz griff, ob sie sich auch dagegen wehrte.

Aber jetzt sprachen sie von der, die sie »Klein-Großchen« nannten. Ihre Stimmen waren sonderbar weich geworden; es lag die Liebe drinnen, die in ihren Herzen wohnte für die kleine böse Frau, die ihr, Gladys, so übelwollte.

Ja, jetzt sagte der lange Dünne ganz deutlich: »Wenn das fremde Mädchen nicht versteht, sich Klein-Großchens Liebe zu gewinnen – Klein-Großchen ist so gut – dann wird eben Tante Fee sich doch entschließen müssen, eine Änderung zu schaffen!«

Das also war's! Darauf ging's hinaus! Sie wollten ihr, Gladys, Tante Fees Liebe nehmen! Wollten sie wieder hinausstoßen in die Welt, bloß damit »die da« ihren Willen habe! So falsch waren sie mit ihren freundlichen Augen und Worten!

Was hinderte sie, Gladys, denn, daß sie einen dieser bröckelnden Steine hinunterstieß, damit er ihnen auch einmal weh täte – weh, wie sie ihr taten – so unsagbar grausam weh! Was war ein blutiger Kopf gegen ein blutendes Herz?

Oh, diese Falschen! Da saßen sie gerade unter ihr, lachten nun wieder und waren mit Gedanken und Rede schon ganz wo anders! Ahnten nicht, was sie ihr getan hatten, ahnten nicht – – –

»Um Gottes willen, der Stein! Rettet, o rettet euch!«

Sie wollte es rufen, aber die Stimme versagte. Totenblaß, mit schreckenstarren Augen, mit verkrampften Händen lag Gladys hinter der niedrigen Zinnenmauer, die die Plattform des Bergfrieds umgab.

Das hatte sie nicht getan – das nicht! Gedanken bringen doch keinen Stein ins Rollen! Ihr hastiges Hinausbeugen mußte ihn, den die Zeit schon lange zum Sturz vorbereitet hatte, vollends gelöst haben. Das hatte sie nicht gewollt – das nicht!

Wie der Blitz am Gewitterhimmel, so zuckte dies durch den Kopf der Hingestreckten, und sie lauschte mit versagenden Sinnen in die Tiefe. Jetzt ein Schrei – ein dumpfes Aufschlagen – noch ein Schrei. Der Lauschenden vergingen die Sinne.

Als sie wieder zu sich kam, denken und hören konnte, klang es ganz deutlich von unten: »Gott sei Dank, jetzt machst du doch wieder die Augen auf! Bist du sehr verletzt, Hildegard?«

Eine schwache Stimme erwiderte: »Ich glaube nicht, Gunter. Es war nur der Schreck, wie der Stein so zwischen uns niedersauste. Da an der Stirne hat er mich ein bisset gestreift – ein bissel Blut, nicht der Rede wert! Gunter, mach keine solch entsetzten Augen! Unkraut vergeht nicht.« Die es sagte, versuchte zu lachen; es wollte aber nicht so recht glücken.

»Ein paar Zentimeter weiter nach rechts, und es wäre dein Tod gewesen, Hildegard. Solch einen Brocken auf den Kopf, dem hält keiner stand.«

»Es war für dich dieselbe Gefahr; wir sind also gleich auf gleich. Weshalb die verstörten Augen, Gunter? Es ist ja alles gut abgelaufen.«

»Um Himmels willen, rasch Hildegard – rasch, steh auf! Kannst du stehen?«

»Wenn du mich nicht so fortreißen willst, Junge! Ich muß doch erst auf den Füßen stehen. So! Weshalb diese Hast, du bist ja ganz verstört?«

»Es könnte – – ein zweiter Stein – ich – ich traue nicht – komm rasch, Hildegard – hierher unter die Linde! Da ist keine Gefahr.«

»Junge, wenn ich nur wüßte, was dich so schreckt! Weil ein Stein sich gelöst hat, wird doch nicht gleich das ganze Gemäuer – –«

»Rede nicht, Hildegard – komm! So – hier, laß mich nach deiner Schramme sehen! Nicht der Rede wert! Drunten am Bach setzen wir uns, und ich mache dir Umschläge, dann wird das Blut schnell gestillt sein.«

»Also keine Ursache, so bestürzt auszusehen, wie du es tust.«

»Hildegard, glaubst du an Bosheit, die bis zu dem Grad ginge, daß sie ein Leben gefährdete, daß – –?«

»Was willst du damit sagen, Gunter?«

»Nichts, nichts! Komm – rasch, daß wir aus dem Bereich dieses Unglücks – – –«

Die Stimmen verklangen.

Die Lauscherin oben lag auf den Knieen und hatte die Hände gegen die Brust gepreßt. Heiße helle Tränen stürzten ihr über das Gesicht. Ihre Augen blitzten.

»Drunten am Bach setzen wir uns; ich mache dir dort Umschläge«

»Er denken, daß ich – – Gott, mein Gott, ich danken dir, daß Stein nicht haben tot gemacht der große blonde Mädchen! Ich danken dir! Du wissen, ich nicht habe gestoßen Stein – haben nur gedacht, wenn vielleicht Stein wollte fallen. Ich danken dir, lieber Gott!«

So betete Gladys mit zitternden Lippen und todblassem Gesicht. Aber das Gebet machte ihr das Herz nicht leicht. Sie hatte noch nicht begriffen, daß böse Gedanken wie wirkliche Schuld wiegen, und daß es zu den schwersten Strafen des Gewissens gehört, böse Gedanken ohne unsere Schuld zur Wahrheit werden zu sehen.

Es gab daheim ein großes Jammern um des lieben Mädchens Unfall. Klein-Großchen umsorgte die Enkelin mit allem Erdenklichen, bis diese sich wehrte und als angehende Medizinerin solches Aufbauschen eines kleinen Unfalls lachend sich verbat.

»Kleiner Unfall?« rief Klein-Großchen. »Gunter sagt, wenn dir Stein nur eine halbe Handbreit weiter rechts niedergefallen wäre – ich mag es gar nicht ausdenken! Klaus, du mußt dem Forstrat berichten! Das Gemäuer wird lebensgefährlich; man muß die alten dummen Steine fortschaffen.«

»Klein-Großchen, die wundervolle Ruine!«

»Wenn sie meiner Enkelin fast das Leben kostet?!«

Gunter war merkwürdig still und geistesabwesend, so daß Hildegard ihn neckte: »Ist dir der Schreck um mein Leben so in die Glieder gefahren, Junge?«

Er gab gar keine Antwort, hatte sichtlich nicht gehört. Sonderbar oft faßte er dagegen Gladys in die Augen, die, als alle schon am Mittagstisch saßen, leise hereingeglitten war und sich lautlos auf ihren Platz gesetzt hatte.

»Wo bist du gewesen, Kind?« fragte Tante Fee sanft.

»Oh, in Wald,« antwortete Gladys so obenhin.

»Hältst du nun dies Herumstreifen für richtig, Fee? Ich dächte, jeder müsse seine Pflichten haben,« bemerkte Frau Friedel.

»Wir haben mit unseren deutschen Stunden Ferien gemacht, weil die andern auch Ferien haben,« sagte Fee sanft. »Ich dachte, die Jugend sollte zusammen – –«

»Ferien müssen sein,« bestätigte Vater Klaus vergnügt, »dann schmeckt das Lernen nachher doppelt gut.«

Nach Tisch lag Gunter auf dem Rasen mitten in der Frühjahrssonne, wie er es zu tun liebte. Aber heute schien ihm die Sonne gar nicht hell.

Zweifel plagten ihn. Er glaubte mit Bestimmtheit annehmen zu können, daß es Gladys wirtlich gewesen war, die er auf dem Turm erspähte. Und war sie es, – wie kam das mit dem Stein? War er von selbst gefallen? Oder hatte sie ihn – –? Gunter schüttelte sich jedesmal in Grauen, wenn er so weit gelangt war.

Durfte er aber die Sache für sich behalten? War das Mädchen in seiner Bosheit am Ende gar gefährlich? Durfte er dann seine Lieben ohne Warnung solchen Möglichkeiten aussetzen, wie eine heute ihn und Hildegard bedroht hatte?

Aber Tante Fee! Und das Mädchen selbst, das doch ein armes, verlassenes Geschöpf war? Wußte er denn sicher, auch wenn sie auf dem Turm gewesen war, ob sie den Stein geflohen hatte? Konnte solche Bosheit – –?

Da schob sich ein Schatten zwischen ihn und die Sonne. Er blickte auf. Gladys stand zwischen ihm und der Sonne, und diese griff ihr in die Haare, daß sie ihr den Kopf feurig umlohten. Es sah schön aus und blendete Gunter schier. Er legte die Hand über die Augen.

»Ich uollen sagen, Stein habe ich nicht geuorfen!«

Er stotterte; eine Flamme schlug ihm übers Gesicht. Seinen geheimsten Gedanken so plötzlich Worte verliehen zu sehen, war ihm peinlich.

»Ich – ich – wie kommen Sie darauf, Gladys?«

»Du mich haben gesehen – ich ueiß uohl – und du denken, ich sei der Schuld,« Gladys verstand wie viele Ausländer noch nicht den richtigen Unterschied zwischen Sie und Du. »Ich nicht haben gestoßen! Ich – ja, ich nur haben gedacht, uenn Stein nun uolle fallen.« Sie warf den Kopf hintenüber, und ihre Augen sprühten ihn schier versengend an.

Er sprang auf.

»Gladys, um Himmels willen, weshalb hassen Sie uns? Wir haben doch Ihnen nie etwas getan.« Ehrlicher Schreck war in feinen Augen, seiner Stimme.

»Ich euch hassen, ueil ihr mich nicht uollt bei Tante Fee lassen – ueil ihr arme Gladys uieder uollt stoßen auf Gasse, ueil – – ich euch hassen, alle, alle!«

Sie zitterte, daß sie kaum stehen konnte, und war totenblaß; Tränenbäche stürzten ihr über das Gesicht.

Großes Mitleid überkam ihn, trotz ihrer wilden Worte. Die waren ja im Grunde nur wie das hilflose Wehren eines in die Enge getriebenen Tieres. Er beugte sich und sah ihr tief in die Augen.

»Es trifft Sie also keine Schuld an dem Stein?« Er brauchte noch eine Versicherung, sein Gewissen zu beruhigen. Sie sah ihn einen Augenblick fest an: »Ich nur denken, nicht stoßen!«

Das war Wahrheit; er sah es. Tief atmete er auf, und nun hatte das Mitleid die Oberhand.

»Niemand von uns denkt daran, Sie vertreiben zu wollen, Gladys.«

»Aber sie – kleine böse Frau!«

»Klein-Großchen?« Er stand nun dicht vor Gladys und hatte ihre Hand gefaßt.

»Klein-Großchen ist gut, Gladys – sehr gut!«

»Nicht mit fremde Mädchen! Lieben ihr nicht – uollen ihr forthaben – sagen ihr Kuckucksei – ich gut uissen!«

Konnte er es leugnen? Er räusperte sich und suchte nach Worten.

»Und sie mich uollen nicht Tante Fee lieb haben lassen und sein doch Engel!« fuhr Gladys fort.

So fühlte auch er, und sie war ihm ein ganz Teilchen näher, die seltsame Fremde.

»Und ich sein so arm – haben nur Tante Fee, uo mich haben lieb, und sie haben euch alle, kleine böse Frau! Uarum sie uollen mir alles nehmen?«

»Gladys, Sie übertreiben! Versuchen Sie, Klein-Großchen für sich zu gewinnen – wollen Sie?« Er hielt ihr die Hand hin, und seine guten Augen sahen tief in die ihren.

Aber sie blieb trotzig und verstockt; sie riß ihre Hand aus der feinen und stammte ihn an.

»Mich nichts uollen uissen von kleine böse Frau und – und – mich nur haben Tante Fee lieb!«

Sie sah ihn herausfordernd an. Etwas in seinen Augen machte sie weicher.

»Du – du sein auch gut, ich glauben. Du nichts sagen von Stein? Ich nur denken, nicht stoßen. Sie mir sonst jagen fort, und ich haben niemand, niemand in ueite Uelt.« Nein, er würde nichts sagen, gewiß nicht! Daß sie wahr sprach, sah man ja. Daß sie ihre geheimen Gedanken ehrlich gestand, das bürgte erst recht für sie, und daß Tante Fee sie lieb hatte, bewies, daß diese an das Gute in der Fremden glaubte. Und daß Gutes da war, das sah auch er.

Sie schaute ihn noch immer an mit den bittenden Augen in dem todblassen Gesicht, um das die goldenen Haare glühten.

»Ich werde nichts sagen – verlassen Sie sich darauf!«

»Ich danke – – oh, ich danke!«

Wie einem guten Kameraden reichte sie ihm die Hand, und er drückte sie ihr, wie er es einem guten Kameraden getan hätte. Die arme Gladys hatte sich einen Freund gewonnen, der an sie glaubte – trotz allem.

Sie eilte dem Haus zu. Er lag weiter in der Sonne und ließ sich bescheinen.

Als aber Gunter mit Hildegard bald danach abreiste, da ging er nicht mit leichtem Herzen. Er sah schon tiefer ins Leben, denn er war ein besinnlicher Mensch, und er wußte, daß dahinten in dem friedlichen Großelternhause Mißstimmung, ja Unfrieden an die Tür pochten und Einlaß begehrten – und daß alle gegenseitige Liebe derer darinnen den bösen Gästen auf die Dauer den Eintritt nicht würde wehren können. Und wie er sich auch verhärten wollte, er konnte sich des Mitleids nicht erwehren mit der Ursache all dieser Umwandlung, mit Klein-Großchens Kuckucksei, dem langaufgeschossenen fremden Mädchen mit den brennenden Augen und den brennenden Haaren, mit Tante Fees Schützling.

Gladys stand am Fenster von Tante Fees Zimmer, hatte das Gesicht gegen die Scheiben gepreßt und starrte hinaus.

*

Tante Fee saß in ihrem Fahrstuhl. Es war wieder einmal eine Zeit, in der sie sich elender als gewöhnlich fühlte. Es hatte so vielerlei Erregungen aller Art gegeben, seit Frau Lu und Frau Li mit ihrer ganzen Schar zu den Sommerferien gekommen waren.

Seit drei Tagen waren sie schon da, und jeder Tag hatte eine neue Erregung gebracht. Denn Gladys stand schroff abseits und wollte sich um keinen Preis mit den Kindern befreunden.

Eben hatte sie wieder eine Auseinandersetzung mit dem Mädchen darüber gehabt. Aber Gladys wurde immer verstockter; kaum daß sie ihr eben noch ein freundliches Wort gab. Und dort stand sie nun, finster und trotzig! Tante Fee taten die bösen Augen des Mädchens weh.

Würde sie je dies trotzige Herz erschließen können? Den störrischen Sinn erweichen? Fast verzweifelte sie daran, seit Gladys anfing, sich auch von ihr finster abzukehren.

Und doch konnte sie es nicht über sich bringen, mit Strenge vorzugehen! Sie hatte die feste Überzeugung, daß dann alles verloren wäre, daß dies arme finstere Herz sich dann völlig verstocken würde.

Auch Tante Lisa riet zu abwartender Milde; man solle Gladys soviel als möglich einstweilen von den Kindern fernhalten, damit es keine Zusammenstöße gebe. So sah Gladys diese eigentlich nur bei den Mahlzeiten.

Wie sie jetzt am Fenster dort stand, brütend und finster, hatte sie auch gestanden, als vor drei Tagen Klein-Großchen gefahren war, sich ihre Lieben wieder einmal heimzuholen. Wie dann die beiden Wagen auf den Hof fuhren und man das frohe Getöse von unten hörte, bat Tante Fee aus ihrem Fahrstuhl freudig erregt: »Sag mir, ob alle da sind, Kind, und wie sie aussehen!«

Da hatte Gladys unfreundlich und widerwillig hervorgestoßen: »Uie ich können uissen! Sein so viel wie Spatzen auf Dach. Ich nix uollen sehen!«

Sie setzte sich an den Tisch, nahm ein Buch vor, verstopfte sich die Ohren mit den Fingern und stützte den Kopf auf beide Ellbogen. Sie ließ sich auch kaum stören, als dann alle kamen, Tante Fee zu begrüßen. Nur deren wiederholtem Anruf gelang es, daß sie sich schließlich erhob und zur Not höflich Frau Lu und Frau Li guten Tag sagte. Aber sie tat dies mit so finsterer Miene, daß die Kleinen sich fast vor ihr fürchteten.

Seitdem waren drei Tage vergangen, und jeder hatte kleine Zusammenstöße mit den Kindern gebracht. Sie waren freilich von ihren Müttern gewarnt worden, und letztere hatten versucht, das Mitleid für die Fremde zu wecken. Aber Kinder fühlen fein. Daß das finstere Mädchen kein Mitleid wollte, das war klar; auch liegen Necken und Schabernack, der oft an Grausamkeit grenzt, weit eher in der kindlichen Natur. Konz und Dieter namentlich taten ihren Gefühlen keinen Zwang an.

Auch jetzt nicht! Sie hatten vom Hof aus Gladys am Fenster erspäht und allerhand liebenswürdige Gebärden hinaufgeschickt. Dann hatten sie zusammen getuschelt und waren eilig nach den Wirtschaftsräumen zu verschwunden.

Gladys waren die Liebenswürdigkeiten, die ihr galten, nicht entgangen, aber sie war zu weit im finsteren Tal drin, als daß es sie hätte reizen können. Eben hatte sie Tante Fee wieder eine häßliche Antwort gegeben; die bohrte und brannte nun.

Aber was bedeutete das Indianergeheul der beiden Jungen?

Da unten tanzten sie auf dem Hofe in wilden Sprüngen, brüllten vor Wonne, sahen zu ihrem Fenster auf und hoben die Hände zu ihren Köpfen und – –

Himmel, was hatten die denn darauf? Wie sahen sie aus?

Gladys sah nun doch genauer hin. Jeder der Buben hatte sich einen dicken Büschel Gelberüben über den Kopf gestülpt, die auf dem Wirbel zusammengefaßt waren, das grüne Kraut nach innen. Eine sonderbare Perücke.

Und mit einem Male war es Gladys klar, daß dies eine Verhöhnung ihrer Haare bedeuten sollte; es hätte des jubelnden Hinweises der Buben nicht bedurft, die schrien: »Ätsch – ätsch! Gelerüwe – Gelerüwe! Die hat Gelerüwe auf dem Kopf!«

Sie verstand soviel von der Volksmundart, um den Zuruf zu begreifen, und ihr war, als höre sie die kleinen Straßenbengel Londons höhnen: »Carrots! Äh äh, carotty!«

Wie einst dort, riß sie jetzt das Fenster auf, und wie dort schmähte ihr Mund in Ausdrücken, die ein Mädchenmund nicht finden dürfte. Gut, daß alles sich in Englisch ergoß! Aber sie schloß deutsch: »Ihr sein schmutzige kleine Deufel – unverschämte Rackers!«

Jubelndes Hallo von unten antwortete. Als Gladys sich zornglühend umwandte, sah sie Tante Fee, in Tränen und ganz matt, in den Kissen liegen. Sie streckte die Arme nach ihr aus, aber Gladys eilte zornentbrannt zur Tür, und deren Zuschmettern verschlang Tante Fees schwaches: »Gladys, aber Gladys!« Da sie in den Hof wollte, überrannte Gladys die zwei kleinen Blonden, die auf den zur Tür führenden Freistufen hin und her hüpften, in die Hände schlugen und der kleinen Vettern Scherz belachten. Rechts saß Leni, links saß Lisi unsanft auf dem Boden, und nun zeterten die Kleinen gewaltig.

So urplötzlich war Gladys als Richterin und Rächerin erschienen, daß den Missetätern die Flucht mißglückte. Konz hielt sie rechts, Dieter links am Ohr. Die schrien nicht, aber behaglich schauten sie nicht aus den Augen.

»Weg, ihr Rackers – uollen ihr gleich die Geleuüben fortnehmen!«

Sie taten so, wortlos; aber dann rissen sie sich los und waren am Hoftor, ehe Gladys noch ausgeredet hatte. Zu deren Füßen lagen die gelben Rüben; sie bückte sich danach und hielt die Bündel in Händen. Noch ein Hohnlachen vom Hoftor, und die Missetäter waren verschwunden.

Vor dem Hause tanzten die beiden Jungen und brüllten vor Wonne

Da tönte vom Hause eine Stimme: »Was sind das wieder für neue Tollheiten? Die gelben Rüben waren für morgen zum Mittagessen bestimmt. Ich verbitte mir derlei, Mamsell! Hierher – Leni und Lisi, was zupft ihr mich denn so am Rock? Und weshalb sitzt ihr hier auf den Steinen mit verheulten Gesichtern? Es ist ein Kreuz mit den Rangen, und wenn jetzt auch noch die da –«

Gladys schleuderte der Rufenden einen bitterbösen Blick zu, aber – sie schleuderte ihr auch die Rübenbündel mit mächtigem Schwung vor die Füße. Dann flog auch sie zum Hoftor hinaus in den Wiesengrund. Mochte »die da« hinter ihr herrufen!

Als sie um die Hausecke bog, rannte sie gegen Walter, der mit der blonden Irmingard in den Wald schlendern wollte.

»Holla,« sagte der und breitete neckend beide Arme aus, »Sperre – Zoll!« Zugleich bat die sanfte Irmingard: »Willst du nicht mit uns kommen, Gladys? Walter und ich kennen dich noch gar nicht, und wir möchten so gerne mehr von der neuen Base wissen.«

Aber wortlos, die brennenden Augen starr vor sich hin gerichtet, drängte Gladys ungestüm den hindernden Walter zur Seite und rannte mit langen Schritten dem bergenden Walde zu.

Sie sahen hinter ihr her.

»Scheint ja recht gesellig veranlagt,« sagte Walter, aber die sanfte Irmingard versetzte: »Mir tut die Arme leid. Gunter hat mir von ihr erzählt; er meint, es sei Gutes in ihr. Es muß ja auch schrecklich sein, so allein zu stehen. Wenn ich bedenke, wie reich ich dagegen bin!«

»Mir scheint die junge Dame durchaus kein Bedürfnis nach Anschluß zu haben,« entgegnete Walter und rieb sich den Arm. »Sie hat es kräftig zum Ausdruck gebracht.«

»Weshalb bloß Klein-Großchen so erregt schilt? Laß uns nachsehen, Walter! Vielleicht haben die Kleinen was angestellt.« Sie traten in den Hof und hörten die neueste Untat von Gladys. Klein-Großchens Augen flammten bei dem Bericht.

»Aber –« sagte Leni.

»Aber –« stotterte List, »Konz und Dieter haben die Rüben – – «

»Ja, sie haben die Rüben geholt und – – «

»Und – – «

Nun kam die sich überstürzende Erzählung. Leni und List waren wahrheitsliebende kleine Mädchen, und in der Erinnerung an den tollen Streich der Vettern versiegten die letzten Tränen.

»Einerlei,« schloß Klein-Großchen die Angelegenheit und war dabei in ihrem Ärger ungerecht, »weshalb hat sie rote Haare!«

Gladys war währenddes blind in den Wald gestürmt. Sie hatte sich unter einer hohen Fichte ins Moos geworfen, den Kopf hinein gebohrt und wollte nichts mehr von der schlimmen Welt hören noch sehen.

Eine Weile lag sie so, Tränen fand sie keine, dazu brannte es allzu mächtig in ihr.

Etwas fiel ihr empfindlich hart auf den Kopf) sie achtete es nicht. Das war gewiß so ein »Eichenkatz«, das sich vergnügte. Mochte es!

Wieder traf sie ein Geschoß, diesmal zwischen die Schultern. Was lag daran. So ein kleiner körperlicher Schmerz tat eher wohl.

Aber nun, ein wahrer Hagel prasselte nieder auf Kopf, Schultern, Arme und Hals. Das war schon kein Spaß mehr! War auch kein »Eichenkatz«! Am Ende wieder die bitterbösen Buben?

Gladys starrte wild um sich. Nichts zu sehen rings! Aber oben im Baum kicherte es, und nun setzte ein neuer Hagel ein. Die Fichtenzapfen trafen nun auch das Gesicht.

Im dichten Geäst der Fichte war zuerst nichts zu entdecken. Aber da streckten sich aus den unteren Ästen vier Füße vor, die in Spangenschuhen staken und gar vergnüglich wippten. Dann sah man auch der beiden Friedel Schelmengesichter durchs Geäste lugen, Friedeli rechts, Friedelu links.

»Fein – was?« riefen sie und lachten. »Wer hast du gedacht, daß es sei, Glah-diß?«

Der Derbheit ihres Angriffs waren sie sich nicht bewußt, nur des wundervoll gelungenen Überfalls. Sie verkannten darum auch das zornrote Gesicht, die flammenden Augen der Angegriffenen, die nun dicht unter ihnen stand.

Wortlos packte sie die vier Füße zugleich wie im Schraubstock trotz des zappelnden Wehrens, das lustiges Quieken begleitete. Die Friedel nahmen es gleichfalls für einen Scherz, für dessen Derbheit sie Verständnis hatten.

»Au du,« quiekte Friedeli, »paß auf, ich falle! Sie klammerte sich ins Geäst und strampelte wie toll.

»Au du,« quiekte auch Friedelu, »laß gefälligst sein, sonst segle ich herunter,« und sie tat wie ihre Base.

Da hatte Gladys die vier Spangenschuhe in Händen; nun zischte sie: »Ihr sein gerade so garstige Deubel wie Buben, ihr! Uas ihr mich uerfen, wo ich nix haben getan?«

»Aber das war ja nur – –«

Spaß wollten sie sagen, kamen aber nicht so weit. Gladys hatte ihnen die geballten Fäuste entgegengeschüttelt, an denen die Spangenschuhe baumelten. Augen und Gesicht sprühten Zorn; darüber flammten die Haare, in die ein Sonnenstrahl fiel. Dann wendete sie sich und floh mit Sätzen wie ein verfolgtes Wild.

»Unsere Schuhe! – Unsere Schuhe, du!« quiekten die Friedel hinterher – ohne Erfolg.

»Du, das war Ernst,« sagte nun Friedeli bestürzt.

»Ja, das war Ernst,« bestätigte Friedelu ebenso.

»Aber weshalb? Versteht sie denn keinen Spaß?«

»Vielleicht versteht man in England keinen.«

»Sehr dumm!« Friedeli rümpfte die Nase.

»Wirklich sehr dumm,« bestätigte Friedelu. »Aber was machen wir ohne Schuhe?«

»Barfuß gehen – ist erst recht ein Spaß!«

Aber daß er nicht allzu groß war, merkten sie danach doch, da sie mit den Strümpfen in der Hand über die Tannennadeln gingen. Sie zogen die Strümpfe an und brachten sie durchgelaufen heim. Frau Lu und Frau Li freuten sich dessen wenig. Es gab ein Strafgericht bei der nächsten Wäsche, und dabei kam auch die Geschichte der so rätselhaft verschwundenen Schuhe zur Erwähnung, deren Verbleib bis dahin in Dunkel gehüllt gewesen war.

Und die Geschichte war so: Gladys war mit den Schuhen in den Fäusten weiter gestürzt und wußte nicht wohin. Da rief sie eine Stimme an, die Gunters, der mit Hildegard ebenfalls im Walde war.

»Wollen Sie einen Schuhladen anfangen, Gladys? Wächst dergleichen hier auf den Bäumen?«

»Es scheint mir der Friedel Nummer,« bemerkte Hildegard sachkundig. »Sie rühmten sich letzthin stolz, die größten Füße in der Klasse zu haben, wie ein anderer sich des ersten Platzes rühmt! Sie sind urdrollig die zwei. Aber wie – –?«

Das galt Gladys, die unwillkürlich stehen geblieben war, als die beiden auftauchten. Alles an ihr zitterte noch; die Nasenflügel bebten und die Augen brannten. Als Hildegard sich ihr fragend zuwandte, schwang sie die Schuhe in weitem Bogen, daß sie durch die Bäume flogen und irgendwo glucksend aufklatschten, weit außer Sicht.

»O weh, der Teich,« rief Gunter lachend. »Ich fürchte, das bekommt den Schuhen übel. Nässe soll ihnen nicht zuträglich sein, habe ich sagen hören.«

»Mach keine faulen Witze, Gunter; Mutter –« Hildegard war durch das Buschwerk ans Wasser geeilt. Ja, dort verzitterten eben die letzten Kreise; da hinein mußte Gladys Geschoß getroffen haben.

Da war nun nichts zu machen. Aber wie kam Gladys zu solchem Tun? Zu den Schuhen der Friedel? Das mußte sie doch hören.

Aber wie sie aus dem Gebüsch trat, stand Gunter nur noch allein da. Gladys bog schon am Ende des grünen Wegs um die Ecke. Ihre Haare hatten sich gelöst und flatterten wild hinter ihr her wie eine rotgoldene Fahne.

»Sie hat prächtige Haare,« sagte Gunter.

»Hat sie dir erzählt, wie sie zu den Schuhen kam?«

»Sie hat mich nur angestarrt, als ob sie mich aufessen wolle, und ist davon gestürzt. Ich glaube, daß die Schuhe ins Wasser flogen, hat sie erschreckt.«

»Hat sie es nicht mit Fleiß getan, Gunter?«

»Die Dinger ins Wasser geworfen? Behüte! Sie schien so sinnlos vor Zorn, daß sie sich kaum Rechenschaft gab, wo so stehen, und daß der Teich so nahe war.«

»Was mag sie so erzürnt haben?«

Die Antwort kam in Gestalt der Friedel herangehinkt. Die Tannennadeln stachen sie nicht wenig. Unter Ach und Oh enthüllte sich das Geheimnis von Gladys Zorn.

»Geschieht euch recht, daß ihr nun so heimhinken müht, ihr Taugenichtse! Weshalb laßt ihr das arme Mädchen nicht in Ruhe?«

»Schämt ihr euch nicht?« schalt auch Hildegard die beiden. »Werdet ihr denn nie vernünftig werden?«

Die Vorhaltungen fochten aber die Friedel wenig an.

»Och, das dumme Ding! Wenn sie keinen Spaß versteht, kann man ihr nicht helfen.« Mehr sagten sie nicht, aber sie jammerten sehr und hinkten gewaltig.

Und wie an diesem Tag, gelang es Gladys an jedem folgenden, mit einem Teil oder auch mit allen Jungen in Streit zu geraten. Das Leben in Rödersdorf war nicht mehr so ungetrübt wie einst. Es gab Spaltungen und Parteien. Auf Klein-Großchens Seite standen Frau Lu und Frau Li, standen die Jüngsten bis herauf zu den Friedel. Mittelpartei waren die vier Großen unter Tante Lisas Anführung. Ganz für Gladys war nur Tante Fee, und über allen, als Unparteiischer, thronte Vater Klaus. Und keinem war wohl bei der Sache, am wenigsten der, um die sich dies alles drehte, Gladys. Sie war sehr unglücklich, zerfallen mit sich und den anderen.

So kam wieder einmal der Geburtstag von Vater Klaus heran. Sie dachten, ihn sehr festlich zu begehen, und wollten sich unbewußt selbst damit über die Veränderung im Hause wegtäuschen.

»Laßt uns lebende Bilder stellen,« rieten die Friedel. »Das war so fein letztes Jahr, und man braucht doch dafür nichts zu lernen.«

»Faulpelze ihr,« zankte Hildegard. »Ich bin für Musik. Die vier Kleinen singen so niedlich seit dem Unterricht in der Schule; sie sind alle vier sehr musikalisch, sagen ihre Lehrer.«

»Das haben sie von uns,« gröhlten die Friedel mit Stimmen, die den besten Beweis gegen die Wahrheit der Behauptung lieferten.

Die Großen einigten sich auf lebende Bilder mit Musik, um beiden Teilen gerecht zu werden. Man beschloß, Volkslieder zum Gegenstand zu nehmen.

»Wir wissen was Feines,« jubelten die Friedel. »Ganz was extra Feines!«

»Und das wäre?« fragte Gunter von oben herab.

»Och, brauchst gar nicht zu tun, als ob du allein alle Weisheit gepachtet hättest,« höhnten die Friedel, »du langweiliger Peter!«

»Stille,« gebot Hildegard strenge, »keine Beleidigungen,« worauf Gunter großartig sagte: »Die Backfische Friedel haben das Wort!«

Zuerst schnitten ihm die beiden, die keine Kinder mehr waren, zwei nicht eben liebliche Gesichter; aber dann platzten sie los: »Sie muß natürlich die Lorelei machen mit ihrer roten Mähne!«

»Ja, wofür hätte sie die Haare, wenn man lebende Bilder stellt!«

Alle wußten, wer gemeint war. Aber allen war die Schwierigkeit klar, diesen Vorschlag zur Ausführung zu bringen, der doch allen sehr einleuchtete.

»Fein wär's wirklich,« sagte Walter anerkennend, was ihm glühende Dankesblicke der beiden Friedel eintrug.

»Wir halten dir auch den Daumen an Ostern, Walter – zum Examen!«

»Ja, den ganzen Tag durch – wirst schon sehen,« so gelobten sie mit Feuer.

»Danke für die gute Absicht, Kinder – verzeiht, ihr Backfische! Es gibt mir eine stolze Zuversicht. Aber wie bringen wir das Kuckucks – –«

Die jüngeren lachten in allen Tonarten. »Walter,« mahnte Irmingard vorwurfsvoll, und Gunter drohte: »Wenn mir einer von euch dergleichen in den Mund nimmt, dann bekommt ihr's mit mir zu tun! Klein-Großchen mag so was sagen und wird wohl ihre Ursache haben; sie weiß, was sie tut. Aber einer Bande, wie ihr eine seid – nicht gemuckst, sag' ich der kommt so was nicht zu, verstanden? Uns tut das fremde Mädchen nichts zuleide, wenn niemand es reizt; das wißt ihr wohl.«

Wenn der Große so sprach und seine Augen so blitzten, dann meinte er, was er sagte, und man handelte besser nach seinem Wort. Das wußte das Kleinzeug, und das wußten auch die Friedel. So gingen sie in der nächsten Zeit im Bogen um Gladys herum, und es herrschte eine Weile Frieden in Rödershof.

Wie Irmingard es fertig brachte, Gladys dazu zu bewegen, daß sie ihre Beihilfe zu den lebenden Bildern nicht verweigerte, das erzählte sie niemand. Aber es gelang ihr, und niemand war glücklicher als Tante Fee. Schon allein deshalb lohnte es sich, der zwei Friede! Gedanken auszuführen, und die beiden ernteten manchen Lobspruch, der ihnen den Kamm mehr als rätlich schwellen machte.

In weiser Vorsicht hatte Gunter es so geordnet, daß bei den Proben zum Loreleibild niemand zugegen war als Irmingard und er; so konnte alles einen gedeihlichen Fortgang nehmen – –

In Dresdorf, im alten lieben Saal, klang und sang es und herrschte ein geheimnisvolles, geschäftiges Tun. Ladungen von Grün wurden herzugeschleppt. Es sei solch feierliches Vorbereiten wie noch kein Jahr zuvor, behaupteten die Kinder und waren alle glücklich. Es schien, als ob die alte liebe Zeit des friedlichen Zusammenseins wieder über Rödershof heraufziehen wolle. Auch Klein-Großchen kam es so vor. Ihre lieben Augen blickten hell und froh, ihr Lachen schallte wieder durchs Haus um die Wette mit dem Kleinzeug. Sollte wirklich eine bessere Zeit anbrechen?

Nun war endlich der wichtige Tag da. Die Sonne tat ihr Teil, ihn in aller Glorie zu verherrlichen.

Klein-Großchen hatte den Großvater wie immer zum Morgen mit ihrer Geige geweckt. Kein Onkel Fritz war aber heute erschienen. Der war in eine ferne Garnison versetzt worden, die ihm den kurzen Besuch für einen Tag unmöglich machte. Zum Herbst erst sollte er auf Urlaub kommen.

Auf dem Frühstückstisch hatten dann Briefe gelegen, von den Söhnen, von den Schwiegersöhnen, alle erwünscht, alle mit Freuden begrüßt.

Daß auch von Lutz, dem Weltreisenden und ältesten Sohn des Hauses, ein Brief gerade zu diesem Tag eintraf, war ein Wunder und wurde gebührend anerkannt. Er schrieb:

»Liebe Eltern! Vor allem Dir, geliebter Vater, meinen Glückwunsch! Ich rechne, daß der Brief so ungefähr zu Deinem Geburtstage eintreffen könnte. Eigentlich hatte ich gehofft, Euch zu diesem Tag zu überraschen, aber unsere Tibetreise zieht sich eben doch länger hin, als wir vorher zu ahnen vermochten. Auch jetzt wüßte ich nicht mit Bestimmtheit einen Endtermin anzugeben; ich bitte Euch daher von Herzen, weiter Geduld zu haben. Klein-Muttchen, es kommt Dir dann auch ein Sohn zurück, der sich in Gottes Wunderwelt nach Herzenslust umgetrieben hat und bereit ist, daheim in Frieden seinen Kohl zu bauen, was natürlich bildlich zu nehmen ist.

Bruder Fritz baut ja den Kohl in Rödershof dereinst – möge die Zeit noch in Nebelferne liegen, Vater! – denn so war es ausgemacht. Ich aber esse den Kohl, den er baut, und vergrabe mich dazu in meine Bücher, derweil er des Heimatbodens Schätze gräbt. Ich denke, so werden die Rollen passend verteilt sein, – was, Klein-Muttchen?

Wenn ich mal erst wieder Dein liebes Gesicht sehen darf! Färbt sich der Scheitel schon weiß? Blitzen die Augen drunter noch in demselben jugendlich-kriegerischen Feuer, mein Klein-Muttchen? Und – und – und die Streiche – – behüte, Klein-Muttchen, wer wird aus der Schule schwatzen! Einer Großmutter Würde steht unantastbar!«

»Der dumme Junge! Aber lies weiter, Klaus!« unterbrach Frau Friedel und sah sich ungewiß um, obwohl niemand lachte.

Aber was war das? Las da nicht Vater Klaus dieselben Worte, die Frau Friedel soeben dazwischen gerufen hatte?

Er fügte bei: »So wird Klein-Muttchen jetzt rufen. Ich höre ihre Stimme; der liebe Ton klingt mir im Ohre nach.«

»Nein, Klaus, du flunkerst; das steht nicht im Briefe!« Frau Friedel war empört.

»Sieh selbst!« Er schob ihr den Brief hin.

Sie warf nur einen Blick von der Seite hinein und drängte ihn zurück.

»Lies weiter, Klaus! Der dumme Junge!«

Da aber hielten sich die anderen nicht länger. Es gab schallendes Frohlocken, dem Klein-Großchen trotz der würdevollsten Miene machtlos gegenübersaß. Da tat sie das beste, was in derartiger Lage zu tun ist: sie lachte mit.

Dann las Vater Klaus weiter.

»Ich danke Euch von Herzen, geliebte Eltern, daß Ihr mir den Reise- und Forschungstrieb nicht verkümmert, Vater mit dem Beutel, Klein-Muttchen mit Klagen. Wo fände einer Eltern, wie ich sie habe! Ich bin mir dessen auch vollkommen bewußt, und ich werde es Euch Zeit meines Lebens danken.

Mich will es zuweilen wie ein Fremdsein überkommen, wenn ich zu Euch hindenke und mir den Kreis junger Menschen und Menschlein um Euch vorstelle. Nichten und Neffen, die dem Reiseonkel zum Teil als fertige Menschen entgegentreten werden, wenn er den Stab heimwärts setzt!

Und nun ist da auch noch ein Neues, ganz Fremdes hinzugekommen, Schwester Fees Ziehkind. Wie ich mich dieses Lebensinhalts für die geliebte Schwester freue! Und daß ein Gutes aus ihrer Erziehung hervorgehen wird, des bin ich gewiß.

Aber wenn mich dieses Fremdsein überkommen will, so denke ich und tröste mich: in einem sind wir alle eins, in der Liebe zu unserem Klein-Muttchen – Klein-Großchen, so sagt ja wohl die Bande – und in der Liebe zu dem Haupte der Familie, unserem Vater, und in der Liebe zu unserer Scholle, zu Rödershof. Hurra für diese drei! Stimmt ein, Gesindel groß und klein, solltet ihr zugegen sein!«

Ein Hurra setzte ein, das die Wände zu sprengen drohte. Was sonst noch in dem Brief stand, ging darin unter. Niemand hatte mehr Geduld, zu hören.

Vater und Mutter lasen ihn danach allein zu Ende; viel stand nicht mehr darin.

»Ob wir ihn noch mal wiedersehen, Klaus?« sagte Klein-Muttchen, und es lief ihr dabei eine Träne übers Gesicht, an der sie mißtrauisch wischte. »Oder ob er sich so weiter durch die Welt zigeunert, der dumme Junge? Von wem er das bloß hat! Du bist ja auch so'n Herumflitzer gewesen, Klaus, aber bis da hinten zu den Botokuden bist du denn doch nicht gekommen.«

»Die Botokuden leben in …«

»Ist mir ganz schnuppe, Klaus – hab' mir nie was aus dem gelehrten Kram gemacht, und das weißt du auch! Ich gehe jetzt, nach dem Festmahl zu sehen. Du verdienst die sorgliche Hausfrau gar nicht, Klaus, wenn du immer an ihr Herumtadeln willst.«

Voll gekränkter Würde, den Kopf im Nacken, stand sie vor ihm. Er aber erwischte sie am Rockzipfel, ehe sie sich wenden konnte, und der Friede war sehr bald geschlossen.

Am sonnenvergoldeten Nachmittag gingen dann Großvater und Großmutter wiederum wie vor Jahresfrist durch den Wiesengrund von Rödershof gegen Dresdorf, wo der festliche »Enkelkaffee« wie alljährlich sie erwartete.

Großmutter und Großvater gingen über den Wiesengrund

Sie gingen Arm in Arm, und neben ihnen her tauchten an jeder Wegbiegung altvertraute Bilder auf. Sie grüßten und verwehten – die alte Zeit zog neben ihnen her, winkte und grüßte, und Großvater und Großmutter sahen einander in die leuchtenden Augen.

»Es war eine gute Zelt, Friedelchen?«

»Eine gute Zeit, Klaus!«

»Lange Zeit, Friedelchen – an die vierzig Jahre!«

»Ja, eine lange Zeit, aber auch eine schöne Zeit, Klaus, und ich danke sie dir!«

»So wie ich dir!«

Wieder sahen sich Großvater und Großmutter in die Augen, und die leuchteten. Es ist ein köstlich Ding um ein Zusammenleben, auf das man nach vierzig Lebensjahren mit leuchtenden Blicken zurücksehen kann. Denn Lebensjahre sind Kampfesjahre nach außen wie nach innen. Wohl dem, der sich seine leuchtenden Augen bewahren darf, wenn er auf solche Zeitstrecke ungetrübter Kameradschaft zurückschaut!

Konz und Dieter, die dazu angestellt waren, standen schon unter der Tür und hielten Ausschau. Da sie die Großeltern so durch die Wiesen daherschreiten sahen, stürzten sie in den Saal; das heißt sie rannten im Eifer erst mit den Schädeln gegen die Tür, daß die samt den Schädeln in den Fugen krachte, und waren so im Schuß, daß sie das Gleichgewicht verloren. Sie rempelten Leni und Lisi bei dem gewaltsamen Eintritt an; die klammerten sich an der Friedel Röcke wie der Ertrinkende an den Strohhalm; sie stießen dabei an die blonden großen Mädchen und kamen erst zum Halt mit Gunters und Walters Nachhilfe, da aber gründlich.

Allgemeines Zetern und Zanken war die Folge.

»Jungen, seid ihr toll?« erkundigte sich Frau Lu liebevoll und griff nach dem gewohnten Halt in derlei Fällen, dem Ohrläppchen ihrer Rangen.

»Was mir gar nicht gefällt, Lu,« tadelte Klein-Großchen dann jedesmal mahnend, »denn willst du dein Fleisch und Blut mit Eselsohren durch die Welt laufen lassen, die ihm nicht mal von Natur gewachsen sind? Sieh dir nur an, wie sie ihnen vom Kopf stehen – arme Kerlchen!«

»Das war von Natur so, Klein-Muttchen – haben sie von mir geerbt.«

»Verbitt' ich mir, Lu, daß du's nur weißt! Geht mir gegen die Ehre, da du doch mein Fleisch und Blut bist.«

Heute war Klein-Großchen nicht zur Stelle, dem Mißbrauch zu wehren; sie kam ja erst durch den Wiesengrund daher. Frau Lu konnte sich also nach Herzenslust gütlich tun an dem Gehörorgan ihrer Jüngsten, und sie tat es auch mit ungewohntem Nachdruck.

Die Gemaßregelten quiekten, Leni und Lisi quiekten, die Friedel zeterten und besahen ihre in Unordnung geratenen Röcke. Klein-Großchens Gardedamen mußten sich nach dem Anprall erst wieder auf ihre Würde besinnen; Gunter und Walter wetterten. Es war wie in einer Hexenküche.

Großvater und Großmutter schritten indessen durch den sonnigfriedlichen Wiesengrund daher, waren schon ganz nahe; da mahnte Tante Fee: »Kinder, nun aber Ruhe! Wenn ihr jetzt nicht noch ein Weilchen ganz still seid, mißrät der Begrüßungschor, und daß wäre doch jammerschade. Kleinzeug, hierher! Gladys da! Vergiß den Einsatz nicht, hörst du?«

Tante Fee saß am Klavier; sie hatte die Begleitung übernommen. Sie war so froh und frisch seit den letzten friedlichen Tagen in Rödershof, sah Sonne auf ihrem Weg. Tante Lisa dirigierte; Frau Lu und Frau Li waren dem Chor eingereiht.

Die Fenster zum Hofe standen offen. Man hörte Schritte.

»Sie kommen! Sie kommen!« Ein Zischeln ging durch den Festsaal.

Johann streckte sein altes Gesicht erregt durch die Tür und meldete: »Aweil kimme se!«

Da hob Tante Lisa den Dirigentenstab; tiefe Stille trat ein.

Man hörte Klein-Großchens Stimme: »Es ist ja so merkwürdig still, Johann. Sind die Herrschaften im Saal? Auch die jungen, Johann? Das versteh ein anderer. Sie toben sonst, daß das Haus wackelt, und heute – wetten wir, daß irgend ein dummer Streich dahinter steckt, Klaus?«

Da stand Klein-Großchen unter der offenen Saaltür, und wie Meereswellen stürzten die Klänge des Festsangs über sie her – bildlich zu nehmen, natürlich, wie Onkel Lutz in seinem Briefe sagte. Aber weihevoll und schön klangen die jungen Stimmen allesamt, von den hellen Silberstimmchen der Kinder bis zu den fertigen Großen, der Mütter Lu und Li.

Klein-Großchen hatte die Hände gefaltet; sie stand reglos auf der Schwelle. Neben ihr stand der Großvater, und seine Augen leuchteten noch stärker als vorhin draußen im Wiesengrund.

An Schwung und Pathos war in den Worten des Festsangs nicht gespart worden) Hildegard und Walter, die beiden »Dichter« der Familie, verfügten über ein vollgerüttelt Maß davon.

»Puh, starker Tobak,« hatte Gunter, der Kritiker, geurteilt und sich geschüttelt. »Ich bitte mir aus, daß mir dergleichen niemalen vorgesetzt wird, und wenn ich's bis zum Großkophta bringen sollte.«

»Dich nimmt ja gar keine,« sagte Friedeli mit echt schwesterlicher Liebenswürdigkeit; sie hatte Großkophta für Großvater genommen.

Großvater und Großmutter hörten einstweilen nur die lieben jungen Stimmen im wundervollen Zusammenklang, und ihr Herz weitete sich.

Tante Fee hatte die Töne gesetzt; ihr »fiel zuweilen dergleichen ein«. Niemand hätte es anders nennen oder gar das hochtrabende Wort »komponieren« brauchen dürfen. Jetzt kam eine Stelle, wo die vier Kinderstimmen allein zu singen hatten: »Großvater lieb, lieb Großmütterlein, wir euch unsre Herzen in Liebe weihn, voll glühenden Dankes erfüllt ihr uns find't, daß wir solcher Edlen Sprossen sind.«

Gunter behauptete freilich, sie sängen: »Daß wir solche edlen Sprossen sind.«

Da er es aber nicht beweisen konnte, mußte es dahingestellt bleiben. Hildegard und Walter nahmen den Hinweis auch sehr ungnädig auf. Großvater und Großmutter aber lauschten mit Andacht den vier lieben hellen Stimmchen; die Worte waren Nebensache.

Nun kam eine Einzelstimme: »Höchster Herr der Heeresscharen, wollst in Gnade sie bewahren« und so weiter.

Es war ein Ton so voll und rein, so voll Wohllaut und Frische, daß er tief in die Herzen drang. Alle lauschten erstaunt auf. Niemand hatte die Stimme noch gehört, denn Tante Fee hatte mit Gladys allein geprobt und schob deren Part heut zum erstenmal ein, als Überraschung für alle.

Wie Lerchensang jubilierend schwoll die junge Stimme; seltener Schmelz, bestrickender Reiz war darin. Es war eine Stimme, die Großes versprach) das fühlten alle, die sie hörten – Klein-Großchen nicht zuletzt, deren Geige ähnlich zu singen verstand…

Die Stimme war verklungen, der Festgesang damit zu Ende. Alle die Mitwirkenden umdrängten die Gefeierten, ihr gebührendes Lob zu ernten.

Aber Klein-Großchen hatte vorläufig nur Gladys im Auge; sie legte die Hand auf deren Schulter.

»Mädchen, du hast ja eine Prachtstimme! Weshalb hört man die erst heute? Weshalb hast du davon nie gesprochen?«

»Ich nicht spreche, wo nicht gefragt.«

Wie ein kalter Wasserguß wirkte die Antwort, und Gladys' Gesicht zeigte denselben finster verschlossenen Ausdruck, den es stets hatte, wenn sie Tante Fees Mutter gegenüberstand.

Klein-Großchen wandte sich wortlos mit Achselzucken ab; auch in Tante Fees Gesicht war die Sonne erloschen.

Gladys hatte sich ans letzte Fenster geflüchtet und starrte finster hinaus; wieder war die häßliche Scheidewand zwischen ihr und den anderen aufgerichtet. Durch wessen Schuld? Natürlich nur durch »die da«, die immer zwischen sie und die Freude trat. Die kleine böse Frau!

Man vergaß den Zwischenfall rasch; die Freude schlug hohe Wellen. Die Kleinen waren glückselig und stolz über Klein-Großchens Lob ihres Gesangs. Auch die Großen waren kein bißchen abgeneigt, sich loben zu lassen.

Der »Enkelkaffee« war in vollem Gang. Die zumeist von Irmingard, dem Hausmütterchen, angefertigten Kuchen fanden die höchste Anerkennung, die ihnen werden konnte; sie schwanden in erschreckender Schnelle.

Großvater hielt eine Dankesrede, die schön und warm war, wie immer. Wie gewohnt, wurde danach mit den Kaffeetassen angestoßen. Lauter Jubel herrschte. Leni und Lisi saßen auf des Großvaters Knien, und sein langer Bart mußte ihre Lust entgelten. Bei jedem neuen Entzückensausbruch zausten die vier Hände gar nicht sanft darein.

Konz und Dieter dachten an Klein-Großchen ihre Wonne ähnlich auszulassen; da kamen sie aber übel an. Mit willenskräftigem Ruck befreite sich die Bedrängte.

»Loslassen! Luft, oder ich werde ungemütlich! Denkt ihr, so'n Geknutsche sei angenehm? Hab's mir mein Leben lang verbeten – da werd' ich auf meine alten Tage nicht damit anfangen! Weg, Bande!«

Konz saß rechts, Dieter links am Boden. Verdutzt blickten sie um sich, rafften sich auf und rieben sich den Rücken. Ein Lachsturm rings begleitete ihre Niederlage.

»No, wir haben's doch nicht bös gemeint,« murrten sie.

»Ditto,« versetzte lachend Klein-Großchen, »basta!«

Mutter Li winkte sich ihre Jungen heran und tröstete.

»Es gibt noch was Wundervolles,« tuschelten indessen Leni und Lisi dem Großvater ins Ohr. »Och du, ganz was Wundervolles!«

Die zwei Friedel fuhren wie die Stoßvögel heran.

»Die Kleinen petzen! Gunter, Hildegard, die Kleinen petzen!«

»Is gelogen – einfach gelogen,« verteidigten sich die Kleinen weinerlich.

»Nichts haben sie verraten,« bestätigte der Großvater die Worte seiner Lieblinge.

»Nee du, wir haben gar nichts von den Liedern und den Bildern gesagt – nicht Großvater? Und daß Gladys – – –«

Es war höchste Zeit zum Beginn; das merkten die Großen, und sie gaben das Zeichen.

Großvater, Großmutter und Tante Lisa saßen nun eine Weile allein im Saal.

Allein? Ach nein! Wieder kamen die Bilder der alten Zeit, und liebe Gestalten, die weit entrückt waren, saßen bei den dreien; längst verklungene Stimmen redeten, und lang verhallte Worte tönten wieder. Und die drei saßen inmitten und: »Friedel, weißt du noch? – Erinnerst du dich, Lisa? – Klaus, wie war das doch?« So lebten sie in der alten Zeit, waren im Geiste, die sie damals waren, junge frohe Menschen mit hellen Augen, rosiger Haut und ungebleichten Haaren. Aber die Herzen waren dieselben geblieben, leicht beweglich und warm.

Sie waren in so guter Gesellschaft, die drei, und fühlten sich so wohl da, daß sie es fast als Störung empfanden, als nun die Flügeltür zur Halle sich öffnete und Gunter als der Älteste und Sprecher vortrat.

»Heute werden wir den geehrten Herrschaften, vor allem dem gefeierten Oberhaupt der Familie, zur festlichen Verherrlichung des wichtigen Tages ein ganz neues Spektakel – – –«

Tadelnde Stimmen aus dem Hintergrund: »Pfui, Gunter! Schäm dich! Mußt du denn immer Unsinn machen! Spektakel! Hat sich was!«

Gunter wandte sich den tadelnden Stimmen zu: »Wer's besser kann, soll vortreten!« Da war wieder tiefe Stille.

»Also, wir werden die Ehre haben, den Herrschaften etwas ganz Neues, noch nie Dagewesenes –«

»Aber wir haben ja auch im vorigen Jahr lebende Bilder – – Ja, wir haben auch im vorigen Jahr lebende Bilder gestellt,« fielen die zwei Friedel ein, wie fast immer einstimmig.

»Piept da eine Maus?« fragte Gunter und wandte nicht einmal seinen Kopf.

»Wir – – wir – –«

Der Einspruch verklang; Schieben, Zerren und Stoßen aus dem Hintergrund ließ auf die Ursache des Verstummens schließen.

»Kinder, benehmt euch!« Das war Frau Lu – oder war's Frau Li? – sie hatte ihr strengstes Register gezogen.

»Verzeihen die Herrschaften,« fuhr Gunter fort, »aber der Schwung meiner Rede muß naturgemäß unter solchen Zwischenrufen leiden. Deshalb fasse ich mich ganz kurz und bitte Sie, unseren lebenden Volksbildern – – –«

»Lebensliedern!« rief jemand mit erhobener Stimme; dazu erscholl lautes Lachen hinter ihm. Mit einer Verbeugung gegen seine Zuhörer entschuldigte er: »Man kann Kindern mit einer Kleinigkeit ein Vergnügen machen, deshalb – –«

»Ha, ha, er tut jetzt so! Er tut jetzt so!«

»Es ist offenbar hohe Zeit, daß ich zum Schluß komme. Ich – oder vielmehr wir – bitten also die Herrschaften, sich nun gütigst unsere lebenden Bilder mit Volksliederbegleitung ansehen und kräftig Beifall spenden zu wollen. Basta, wie Klein-Großchen so schön als auch treffend sagt! Schluß!«

Allerlei geschwisterliche Liebenswürdigkeiten prasselten von hinten über den Redner herein. Der schüttelte sich, wie wenn er unversehens unter eine Gießkanne geraten wäre, warf seinem Publikum eine Kußhand zu und verschwand hinter dem Vorhang.

Eine Weile ging es noch sehr lebhaft hinter diesem zu, dann trat wieder Ruhe ein. Man hörte das Klavier; leise weiche Akkorde verklangen, die in die Loreleiweise übergingen. Nun setzte der Chor von vorher ein: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin –«

So rein und hell und warm klangen die jungen Stimmen! Klein-Großchen und den anderen wurde es ganz weich ums Herz, während sie dem Lied lauschten.

Da ging der Vorhang auf.

»Donnerlitt – –«, sagte der Großvater, brach aber mitten drin ab; Klein-Großchen hatte ihm eine nicht eben sanfte puffende Mahnung in die Seite versetzt, daß er zu schweigen habe.

Was die Zuschauer sahen, als der Vorhang sich geteilt hatte, das rechtfertigte des Großvaters versuchten Ausruf. Es war das folgende hübsche Bild: Auf einem kunstvoll hergestellten, moosbewachsenen Felsen – der Treppenpfosten diente als Unterlage; ein paar moosbelegte Bretter umgaben ihn – saß Gladys-Lorelei. Sie hatte die Haare lose um sich gebreitet, und diese umwallten sie wie ein feuerfarbener Mantel in welligem Gelocke. Sie hielt einen Kamm in den Händen, den man mit einiger Einbildungskraft für den bewußten goldenen des Liedes halten konnte; Gunter hatte ihm mit Bronzelack und Goldpapier zu diesem Glanz verholfen. Um die Leuchtwirkung des Haares zu erhöhen, da die Sonne nicht auf den Fenstern der Halle lag und doch auch nicht um die Ecke scheinen konnte, hatte Walter mit viel Grübeln und Kopfzerbrechen eine künstliche »Belichtung des Wunderhaares«, wie er sich ausdrückte, mittels einer Spiritusflamme im Hintergrund erzielt und war nicht wenig stolz auf seine Erfindung. Das Ergebnis war aber auch überraschend. Es war wirklich, als umgebe »wabernde Lohe« das seine Gesicht, dessen Linien nie so rein und anziehend hervorgetreten waren. Die Augen blickten nicht finster, sondern strahlten mit den Haaren um die Wette. Gladys-Lorelei hatte sichtlich Freude an der Wirkung ihrer jungen Schönheit. Ein weißes Gewand umfloß sie in weiten Falten; es war von einem goldenen Gürtel zusammengefaßt.

Die Zuschauer hielten förmlich den Atem an, so überraschte sie das Bild.

»Donnerlittchen,« sagte der Großvater noch einmal, und diesmal konnte er den Ausruf ungehindert vollenden. Großmutter hatte selbst zuviel zu tun mit Wundern und Staunen.

Der erste Vers des Liedes war verklungen. Mit den letzten Tönen schloß sich der Vorhang leise, um sich beim zweiten Vers wiederum zu öffnen.

Die Wirkung des Bildes war fast noch größer, da jetzt die erste Überraschung wegfiel und man es mit Ruhe beschauen konnte.

»Prachthexe,« sagte der Großvater, »dieses Haar!«

»Daß das Mädchen so schön sei, wußte ich bisher noch gar nicht,« flüsterte Tante Lisa erstaunt vor sich hin.

Frau Friedel räusperte sich, und in ihrem Großmutterherzen bäumte sich etwas, das sie selbst nicht hätte nennen können.

»Unsere Goldblond-Irmingard –«

»Eifersüchtig, Friedelchen?« unterbrach Vater Klaus sie gemütlich.

Klein-Großchen warf den Kopf in den Nacken.

»Eifersüchtig? Auf die da, Klaus?«

Das klang nicht freundlich; es war auch nicht leise gesagt und leider gerade in der Pause zwischen dem zweiten und dritten Vers, da der Vorhang sich eben schließen wollte.

Alle hatten es gehört, die Lorelei ebenfalls. Sie sprang von ihrem Fels, der mit Donnergepolter einstürzte. Zitternd, weiß bis in die Lippen, mit flammenden Augen und geballten Fäusten, so stand sie unter der Tür und rang nach Worten, die nicht kommen wollten. Das war übrigens gut so.

Dafür kam ein anderes, ein Schreckensschrei: »Feuer! Feuer!«

Was nun folgte, war unbeschreibliches Gewirr und Durcheinanderrennen, Schreien, Jammern und Rufen. Schrille Kinderstimmen, angstvolle Rufe der Großen, Alle hatten den Kopf verloren, nur nicht die Lorelei, die schuld an allem trug.

Als sie in solchem Zorn von ihrem Felsen sprang, hatte der Stürzende irgendwie die Beleuchtungsflamme getroffen. Der brennende Spiritus faßte mit Windeseile alles Zunächstliegende, zumeist was für die folgenden Bilder da vorbereitet lag. Es sah bedrohlich aus und rechtfertigte der Kinder Jammergeheul wie der Großen Entsetzen.

Auf einem kunstvoll hergestellten Felsen saß Gladys als Lorelei

Alle liefen kopflos durcheinander. Frau Lu und Frau Li hatten sich schleunigst ihrer jüngsten Buben und Mägdlein bemächtigt und flüchteten sich mit ihnen in die äußerste Saalecke, von wo sie sich hinfort nur durch Schreien und Jammern an dem Rettungswerk beteiligten.

Die einzige also, die den Kopf oben behielt, war, Gladys-Lorelei. Wie sie zu der Decke gekommen war, hätte sie später nie zu sagen gewußt; aber sie hielt eine dicke Pferdedecke in Händen und warf sie über die züngelnden blauen Spiritusflammen. Sie warf sich selber auf die Decke, griff mit den Händen zu, wo die Flammen sich nicht bändigen lassen wollten, und erstickte die Ungebärdigsten mit dem Gewicht ihres Körpers. Daß sie dabei die Hände empfindlich verbrannte, daß ihre Haare ein paarmal in ernster Gefahr waren, was lag daran?

Gunter und Walter, die alsbald begriffen, wie Gladys das einzig Richtige getan hatte, halfen nun mit, die Flammen zu ersticken; sie bewahrten auch der Lorelei Haare vor dem ihnen drohenden Verderben, bis endlich die Gefahr gehoben und das letzte züngelnde Flämmchen erstickt war.

Alles hatte sich viel schneller zugetragen, als es sich erzählen läßt; es hatte kaum Minuten gedauert vom ersten Auflohen der Flammen bis zu deren Erlöschen. Dem ersten kopflosen Durcheinander, dem Schreien und Jammern folgte eine Pause der Erschöpfung, des Auf-sich-selbst-Besinnens.

Da stieß Klein-Großchen einen Entsetzensschrei aus: »Fee! Fee, mein Kind! Mein armes Kind!«

Niemand hatte auf Tante Fee achten können. Als die Flammen auflohten, war sie kraftlos in sich zusammengesunken. Zu bedrohlich stand in ihr die Erinnerung auf an jenen Schreckenstag, der ihr das Leben so grausam beschnitten hatte. Als sie dann gar Gladys mit fliegenden Haaren und erhobener Decke sich unerschrocken den Flammen entgegenwerfen sah, da vergingen ihr die Sinne.

Still und schneeweiß lag sie in der Ecke, wo Muttchen

Friedel sie eben entdeckte und jammernd neben ihr niedersank. Auch Tante Lisa war alsbald zur Stelle. Sanft bemühte sie sich um die Bewußtlose, aber ohne Erfolg.

Da lag Gladys neben ihr auf dem Boden.

»Tante Fee, o Tante Fee, du nicht sterben! Ich nicht haben niemand, wo mir lieb hat, wenn du gehen. Ich nicht wollen Feuer machen, ich – –« Leidenschaftlich wollte sie sich an die Ohnmächtige herandrängen.

Da faßte Frau Friedel sie an den Schultern und schob sie kräftig fort.

»Geh, du – geh! Nicht genug, daß du Unfrieden ins Haus trägst und uns das Haus über dem Kopf anzündest, willst du sie auch noch töten? Geh, ich – ich kann dich nicht mehr sehen!«

Es war hart gesagt, und wie eine Richterin stand Frau Friedel, während sie mit flammenden Augen nach der Tür wies.

Gladys-Lorelei wollte zuerst sichtlich aufbegehren. Schon ballten sich ihre Hände. Da fiel ihr Blick auf Tante Fees weißes Gesicht; sie ließ Arme und Kopf sinken und schlich wie eine arme Sünderin zur Tür.

Die Jugend ist warmherzig. Die zwei großen blonden Mädchen wollten hinter ihr hereilen; auch Gunter und Walter machten Miene dazu.

»Bleibt,« sagte der Großvater, und es lag großer Ernst in seinen Augen.

Die Tür fiel hinter Gladys zu. Es herrschte bange Stille im Saal. Die Kinder weinten und wußten selbst nicht weshalb; den zwei Friedel war so beklommen zumute, wie noch nie in ihrem jungen Leben. Die vier Großen sahen sich stumm in die Augen.

Klein-Großchen, Tante Lisa, die Mütter Lu und Li mühten sich noch alle um die Bewußtlose. Endlich regte sich Tante Fee. Langsam schlug sie die Augen auf und blickte freundlich um sich, noch wie im Traum.

»Da seid ihr ja alle, ihr Lieben! Was ist – –?« Dann kam die Erinnerung: »Wo ist das Kind, wo – wo ist Gladys?« Sie blickte angstvoll im Kreise rings und gewahrte nur scheue, verstörte Mienen. »Ihr verheimlicht mir etwas – ich sehe es an euren Augen! Hat sich Gladys schlimm verbrannt? Ich sah, wie sie sich auf die Flammen warf – ich – ich – –« Sie war wie im Fieber.

Sie standen alle mit angehaltenem Atem, und aller Augen hingen an Frau Friedel.

»Gladys – Gladys!« klagte Tante Fee wieder, und es tat weh, den Schmerz in der Stimme zu hören.

Da wandte sich Frau Friedel.

»Geh mal einer, das Mädchen ho – –«

Ihr Blick fiel auf Vater Klaus, und etwas in seiner Miene ließ sie innehalten, sich besinnen. Sie nickte ihm zu, ein Weiches in den Augen.

»Hast recht, Klaus! Ich geh' schon selber. Ich war ja wohl ein bißchen hart und vorschnell und – –«

Sie schritt auf die Tür zu, kam aber nicht gleich hinaus; denn die vier großen Enkelkinder versperrten ihr den Weg mit leuchtenden Augen.

Sie sah sie aufmerksam an, und etwas wie Neckerei lag ihr in den Augen, als sie antwortete: »Ganz so schlimm ist sie doch nicht, he?«

Sie umdrängten sie enger? ihnen war so wohl und so warm. Der Schatten, der sich ihnen über ein liebes Bild senken wollte, war gewichen, und das bedeutet ja der Jugend, all denen, die jungen, warmen Herzens sind, unendlich viel.

Klein-Großchen wehrte mit altgewohnter Schärfe ab: »Platz da!« und enteilte.

Nicht lange, da erschien sie wieder und zog Gladys hinter sich her. Die wehrte sich jetzt nicht mehr, wenn sie es zuvor getan hatte. Sie hielt den Kopf gesenkt, und die Haare, die noch offen waren, verhüllten das Gesicht.

»Hier bringe ich sie dir, Fee,« sagte Klein-Großchen. »Du kannst dich nun selbst überzeugen, daß ihr nichts geschehen ist. Ich hab' sie im ersten Ärger hinausgewiesen; darum hab' ich sie auch selbst wieder geholt. Was starrt ihr mich an? Merkt's euch, was ich jetzt sage: Fehler kann jeder machen, ein Hemdenmatz und ein Graukopf – einsehen und gutmachen ist die Hauptsache. Basta!«

Die Festfeier war aber natürlich gestört. Was zu den lebenden Bildern gehörte, hatte der Brand verdorben. Die Kleinen schlugen zwar vor, die Lieder ohne Bilder zu singen, aber den Großen stand der Sinn nicht danach.

Frau Lu und Frau Li sammelten die Kleinen, einschließlich der zwei Friedel, zu einem Waldspaziergang, Die vier Großen gingen ihre eigenen Wege.

Tante Lisa fuhr mit Tante Fee und Gladys in der schnell angespannten alten Dresdorfer Kutsche heim. Tante Fee war noch sehr schwach; sie hatte nicht gehen können.

Großmutter und Großvater aber wanderten Seite an Seite wieder langsam durch den Wiesengrund. Großmutter sah dem Großvater ernst in die Augen.

»Immer dieselbe, was, Klaus? Hitzig und unüberlegt?«

Er nickte bedächtig, während er antwortete: »Und warm und gut, Friedelchen!«

»Verwöhn' mich nicht, Klaus – hab's nicht verdient – Hab' mich vor den Kindern geschämt, Klaus.«

»Ja, ja, sie sind gute Erzieher, wenn wir ihnen nicht an das Bild rühren wollen, das sie sich von uns machen. Wo hast du das Mädchen gefunden?«

»Am Parktürchen nach den Wiesen zu. Hinter einem Busch sah ich was Rotes leuchten; da wußte ich Bescheid. Klaus, wie könnt ihr nur alle so entzückt von den roten Haaren sein? Irmingards goldblonde sind doch viel schöner.«

»Friedelchen!«

»Brauchst gar nicht zu lachen, Klaus! De gustibum – na, ist schon gut – weiß ja! Übrigens, das arme Ding hat mich doch gedauert; es starrte aus so trostlosen Augen um sich. Freilich, wie sie mich sahen, haben sie geblitzt – es sind doch böse Augen, Klaus – und Gladys hat wegrennen wollen. Wie 'ne Wildkatze hat sie dann gefaucht, als ich fest zugriff. Ich hab' aber nicht locker gelassen, und wie ich von Fee sprach, und daß sie sich nach ihr sehne, da ist das Mädchen still geworden und wie ein Lamm mitgegangen. Ich hab' es aber fest gehalten, bis wir am Saal waren; gut ist gut, und besser ist besser! Ist doch ein Kuckucksei, Klaus – magst sagen, was du willst und noch so vorwurfsvolle Augen machen! Ein Kuckucksei, das uns Fee ins friedliche Nest gesetzt hat, und das wir jetzt mit den anderen großziehen müssen. Der Himmel helfe uns!«

»Ich habe dir schon einmal gesagt, es könnte Fees Kind sein, Friedelchen, und du müßtest dann auch Geduld haben – – –«

Still und weiß lag Tante Fee in den Kissen ihres Ruhebettes. Gladys stand vor ihr, verstockt und trotzig. Sie hatte Tante Fee von den Vorkommnissen berichten müssen, hatte es ohne Rückhalt und Beschönigung getan, weder sich noch aber auch ihre Widersacherin geschont.

»Wolltest du nicht versuchen, meiner Mutter Liebe zu gewinnen, Kind – mir zuliebe?«

»Ich dich lieben – o wie sehr! Du sein immer gut. Aber ich ihr hassen – sein immer bös zu mir.« Gladys stand mit flammenden Augen. Dies war ihre Logik.

Seufzend schloß Tante Fee die Augen. Sie war zu müde. Am Abend schrieb sie in ihr Merkbuch: »Der Kampf scheint aussichtslos. Wenn mir nicht unerwartet Hilfe von irgendeiner Seite kommt, muß ich mich ergeben.

Darf ich den Eltern solchen Unfrieden ins Haus bringen? Aber darf ich anderseits das Kind seinem Geschick überlassen?

Müßte ich mit Strenge vorgehen, obwohl ich doch sehe, daß Härte sie nur immer mehr verhärtet? Darf ich des Kindes Partei gegen meine Mutter nehmen, selbst wenn diese im Unrecht wäre? Und wieder: darf ich Unrecht tun lassen an der armen jungen Seele, für die ich die Verantwortung übernahm? Ja, habe ich überhaupt ein Recht, an mich und meine sogenannte Lebensaufgabe zu denken, wenn ich dadurch meiner Eltern Hausfrieden gefährde?

Ich weiß nicht ein noch aus. Wird mir Hilfe kommen?«

Sie kam. Am anderen Morgen trat Tante Lisa in das Arbeitszimmer von Vater Klaus, wo sie gerade Frau Friedel hatte hineinhuschen sehen.

»Ich habe euch einen Vorschlag zu machen. Laßt mich mit Fee und Gladys nach Dresdorf ziehen – für eine Weile wenigstens. So kann es nicht lange mehr weitergehen; Fee reibt sich auf.«

Frau Friedel feuerte los: »Das erlaube ich nicht! Lieber soll das Mädchen – –«

Ein Blick von Vater Klaus streifte sie, der sie zögernd einhalten ließ.

»– lieber will ich versuchen –«

Aber da redete schon Vater Klaus: »Das ist ein glücklicher Gedanke, Lisa; er scheint mir die einzige Lösung aus dieser Wirrnis zu sein. So können wir beiden Teilen gerecht werden, unserem Kinde und – seiner Mutter. Geh zu Fee, Lisa – sag's ihr selbst! Du hast ein Recht daran, ihr die Hilfe zu bringen, die du für sie ersonnen hast. Sag, wir beide seien ganz deiner Meinung. Du sagst dies doch auch, Friedelchen?«

»Wenn du mich mundtot machst, Klaus, ich –« ihr liefen die Tränen über das Gesicht.

Frau Lisa erschrak.

»Friedel, wir wollen doch nichts tun, was du mißbilligst – was dich unglücklich macht!«

Unter Frau Friedels Tränen brach ein Lachen durch, wie die Sonne im Aprilschauer.

»Laß, Lisa, er wird ja recht haben, der – der Tyrann.«

Er legte den Arm um sie, und Frau Lisa ging, Fee Hilfe zu bringen in ihrer Not. Wie dringend diese war, sah sie an Fees Zusammenbrechen erst und dann, wie sie sich an dem neuen Gedanken aufrichtete!

So war es denn beschlossene Sache. Tante Lisa, Tante Fee und ihr Schmerzenskind siedelten nach Dresdorf über, und zwar alsbald am anderen Tag, unter allgemeiner Beteiligung.

Wenn danach die Väter daheim ihre Kleinen und auch die zwei Friedel fragten: »Nun, welcher war denn diesmal der schönste Ferientag?«, kam es einstimmig zurück: »Der Umzugstag natürlich, Väterchen! Denn siehst du: ohne uns wäre es ja gar nicht gegangen; Klein-Großchen hat's auch gesagt – –«

Viertes Kapitel: Im Dresdorfer Herrenhaus

Die Herbststürme fuhren dem alten Hause um den Giebel, aber das stand wetterfest. Dafür wirbelten sie das goldene Laub der Parkbäume um so toller in alle Lüfte, daß es anzusehen war, als ginge ein Goldregen über Dresdorf nieder. Lustig sah das aus und voll Leben.

Innerhalb der hohen Mauern des alten Hauses waren aber keine frohen Menschen. Das hatte eigentlich in seinem ganzen langen Bestehen – die Polten hatten nachweislich schon im Dreißigjährigen Kriege sich auf derselben Scholle durch des Lebens Not gerungen; sie waren erst mit des letzten Papa Poltens »Jungchen« in direkter Linie ausgestrichen worden – also, in seinem ganzen langen Bestehen hatte das alte Haus eigentlich noch nicht solche sorgenvolle Mienen, solch bedrückte Menschen gesehen. Was waren selbst Tante Lenchens ehemalige Kümmernisse um die unbändige Nichte, um den Bruder und seine Erziehungsgrundsätze dagegen gewesen! Wie hätte sie jetzt den Kopf schütteln und ein: »Erbarm dich!« über das andere seufzen müssen!

Gut, daß sie ruhte, wohin keine Sorgen dringen! Gut, daß auch der alte Herr des Hauses nicht sah, in welcher Not Tochter und Enkelin seufzten, – wie »Jungchen«, das jetzt eine Großmutter war, drob in verbissenem Ingrimm mit geteiltem Herzen zwischen Rödershof und der Kinderheimat hin und her pilgern mußte. Und all dies um einer Fremden willen! Sein »Basta« hätte rasch ein Ende gemacht.

Seine Tage waren dahin. Er konnte die nicht mehr schützen und schirmen, die er geliebt hatte mit eines treuen Vaters Liebe. Ihre eigenen Tage waren gekommen, in denen das Leben sie vor Aufgaben stellte, die nicht so leicht zu lösen waren wie die in den Sonnentagen der Jugend – –

»Was hältst du davon, Tante Lisa?« Fee saß matt und blaß in ihrem Fahrstuhl; nur selten konnte sie ihn verlassen.

»Ich weiß nicht, was ich denken soll. Jedenfalls ist das Mädchen in diesen letzten acht Tagen wie ausgewechselt. Die ersten Wochen, als wir hierher übergesiedelt waren, hoffte ich, alles würde noch gut werden; ich war sehr stolz auf meinen ausgezeichneten Gedanken. Gladys schien wirklich unsere Hoffnungen zu erfüllen und eine andere zu werden. Jetzt –«

»Was hältst du von Klein-Muttchens Entdeckung?«

»Daß Gladys heimlich Briefe wechselt? Ja, Kind, wer kann das wissen –«

»Aber sie kennt doch niemand, Tante!«

»Daß ihr der Müller Briefe auf der Landstraße ausgehändigt hat, das steht durch deiner Mutter Wort fest. Daß sie dir nichts davon sagte, ist ebenfalls Tatsache, und daß sie seit ein paar Tagen wie das verkörperte böse Gewissen herumgeht, die scheuen Augen kaum hebt, das sehen wir beide. Folglich –«

»Tante Lisa, was soll ich tun?«

»Abwarten, Kind – beobachten – hoffen!«

»Ach, Tante Lisa, wenn ich nur stark wäre wie andere! Ob ich mit meiner schwachen Kraft solcher Aufgabe gewachsen bin? Ob es nicht frevelnde Überhebung war, dies alles zu übernehmen?«

»Du mußt nicht verzagen, Fee!« »Versündige ich mich nicht an dem Mädchen, daß ich in meiner Schwäche mich unterfangen wollte, eine junge Seele zu leiten?«

»Wer weiß – vielleicht ist deine Schwäche in diesem Fall eben deine Stärke. Ich meine, vielleicht spricht deine Zartheit und Gebrechlichkeit eher zu dem Herzen des Wildlings, als feste Kraft es täte. Sie ruft das in ihr wach, was in jedem Frauenherzen weich ist.«

»Ach, Tante Lisa, ich habe den Faden verloren, der mich mit ihrem Herzen verband. Ich fühle, daß sich ein Fremdes zwischen uns gedrängt hat. Was kann es sein? Ich stehe wie vor einer Wand.«

»Mut, Fee, Mut! Ohne Einsatz kein Gewinn!«

Am Abend desselben Tages stand Gladys vor Fee, ihr Gutenacht zu sagen. Sie tat es finster, wie abwesend.

Voll Schmerz fragte Fee eindringlich: »Was ist's, das sich zwischen mich und dich drängen will? Kannst du es mir nicht sagen, Kind? Wie lieb ich dich habe, weißt du doch! Oder weißt du es nicht mehr?«

Gladys blickte nicht auf, aber ein Zittern ging durch sie hin; sie hielt die Hände krampfhaft verschlungen, als ob sie sie hindern wollte, sich um die Flehende zu legen. Man sah, die schmale Mädchengestalt hielt sich nur mit Mühe aufrecht.

»Gladys, Gladys, mein Kind!« Wieder die Stimme zuinnerst aus dem Herzen.

Nun zitterte das Mädchen so stark, daß es sich am Tisch halten muhte, neben dem es stand. Es hob eine Sekunde lang die Augen; angstvolle Qual stand darin. Tante Fee erschrak davor im Innersten.

»Kind, was ist dir? Vertraue dich mir!«

Jetzt antwortete eine heisere Stimme: »Mich sein gar nix. Mich – mich – – ich nix brauchen Liebe – sein zu große Hergelaufene, wie böse kleine Frau sagen. Du dich nix Mühe geben um mich!«

Sie fiel neben Tante Fees Fahrstuhl auf die Kniee, schlang die Arme um die Sitzende und bohrte den Kopf in deren Schoß. Aber wie Tante Fee sie fest zu sich heranziehen wollte, da schnellte sie empor, stürzte zur Tür und war hinaus, ehe Tante Fee sie halten oder nur rufen konnte. Und wie Tante Fee die vergeblich ausgestreckten Hände in den Schoß sinken ließ, da war der naß von Tränen – – von des Kindes Tränen.

»Wo Tränen sind, da ist Gefühl,« tröstete sich Tante Fee.

Es war ein Trost, der lange vorhalten mußte, denn am anderen Morgen – –

»Gnädiges Fräulein, Fräulein Glahdies ist fort. Ihr Bett ist unbenutzt. Die gnädige Frau hat mich geschickt, Fräulein Glahdies zu rufen, weil sie so lange nicht zum Frühstück kam, und da – und da –«

Atemlos stand das Hausmädchen mit weit aufgerissenen Augen vor Fees Bett, mit der ganzen ungeheuren Wichtigkeit, die manche Menschen empfinden, Träger einer womöglich schlimmen Kunde zu sein.

Fee war eben von kurzem Schlummer nach einer schlaflosen Nacht erwacht. Sie hatte über ihr Verhalten hin und her gesonnen und war zu dem Entschluß gekommen, bei dem zu beharren, was sie bisher für das Rechte gehalten: Liebe zu geben und immer wieder nur Liebe – trotz allem! Sie traute der Werbekraft der Liebe Wunder zu. Und nun diese Kunde!

Es traf sie hart. Die Überbringerin der Botschaft erschrak sehr, als sie die Herrin wortlos und schneeweiß in die Kissen zurücksinken sah. Jammernd lief sie, Tante Lisa zu holen, die denn auch alsbald erschien.

Ihren Bemühungen gelang es schnell, die Bewußtlose zu sich zubringen; ihr Zureden stillte den ersten Schreck und Jammer.

»Weißt du denn, ob nicht Gladys ihr Bett selbst zurecht gemacht hat? Vielleicht ist sie nur zu einem Spaziergang fort, Fee. Laß uns in Geduld warten!«

Sie harrten eine Stunde, zwei. So ruhig, wie sie sich gab, war Tante Lisa keineswegs. Sie schickte auch heimlich nach Rödershof, die Lieben dort von Fees Kummer zu benachrichtigen. Vater Klaus und Muttchen Friedel erschienen sehr schnell, beide voll Teilnahme und hilfsbereit. So wurde es Mittag, und noch keine Spur von Gladys.

Klein-Muttchen umarmte ihre Älteste und sah ihr tief in die Augen.

»Du tust mir leid, Kind, obgleich – na – – aber verlaß dich drauf, wir schaffen sie dir wieder! Ich will die erste sein, die sie hereinführt, nur damit ich deinen Jammer nicht langer ansehen muß.«

»Du bist gut, Klein-Muttchen, so gut. Das törichte Kind! Wenn ihm nur kein Unglück zugestoßen ist!«

»Unsinn, Fee! Ich lasse jetzt die zwei Förster kommen und streife den Wald mit ihnen ab. Klaus, du fährst nach Loberg an die Bahn und forschst dort nach. In ein Mauseloch kann doch das lange Ding nicht geschlüpft sein. Kopf hoch, Fee! Am Abend hast du die Mamsell wieder.«

Doch so zuversichtlich sich Klein-Muttchen gab, ihre Älteste zu ermutigen, man sah ihr eine Unruhe an, die sie freilich nie zugegeben hätte.

»Was auch war, ich Hab' sie wahrhaftig nicht in die Flucht treiben wollen – glaub mir, Lisa – schon Fees wegen. Das arme Ding tut mir letzten Endes ja auch leid. Denkst du, ich striche sonst durch den Wald bei dem nassen Wetter, um zu sehen, ob sich das Mädchen nicht vielleicht den Fuß verstaucht hat und deshalb nicht heimkommt?«

»Friedelchen, du bist gut.«

»Hände weg! Könnte mir passen! Na, dann sag Fee, ich sei auf der Suche nach ihrem rothaarigen Kleinod!«

Als der Abend schon gesunken war, kam Frau Friedel sehr durchnäßt heim. Ihr Abstreifen des Waldes war umsonst gewesen. Keiner der zahlreichen Waldarbeiter hatte auch nur eine Spur von dem Mädchen gesehen. Sie kannten es alle, denn Gladys hatte gern den Wald aufgesucht. Auch Vater Klaus kam ohne den Flüchtling heim. Aber er hatte eine Spur gefunden, wenn auch eine schwache.

Der Mann am Schalter – es war gerade ein neuer an seinem ersten Diensttag gewesen, der sich in der Gegend noch nicht auskannte – dieser Beamte glaubte sich zu erinnern, daß ein großes, schlankes Mädchen mit rotblonden Haaren in Gesellschaft eines recht verlottert aussehenden Mannes Karten nach der nächsten größeren Stadt gelöst habe. Die Sprache des Mädchens sei ihm aufgefallen, und auch das, daß es so wenig zu seinem Gefährten gepaßt habe. Das war alles.

»Das kann doch Gladys nicht gewesen sein! Wie sollte sie zu dem Mann kommen?« sagte Fee, und sie weinte bitterlich. »Gladys – Kind – daß du mir das angetan hast!«

Die Ihren trösteten, so viel sie konnten, und gaben Hoffnung, wo sie selbst keine hatten. Vater Klaus und Muttchen Friedel fuhren sehr sorgenvoll heim.

»– – – denn siehst du, Klaus,« sagte letztere unterwegs, »ich wünschte eben doch, daß manches anders gewesen wäre zwischen dem Mädchen und mir. Und unsere Fee, Klaus, unser Kind! Hast du die müden Augen gesehen, als wir gingen? Ich liefe barfuß bis Reinstadt, wohin die zwei gefahren sein sollen, wenn ich meinem Kind dadurch dies Mädchen zurückbringen könnte. Wer mag der Mann gewesen sein?«

Fee wußte es zu dieser Stunde. Sie saß vor ihrem Merkbuch und schrieb, so todmüde sie war; Schlaf konnte sie doch keinen finden.

»Da habe ich nun Gewißheit! Diesen Zettel fand ich vorhin neben meiner geleerten Kasse. Ich setze die Abschrift hierher. ›Liben Tante Fee!

Father sein gekommen, mich holen und ich sein gegangen. Er sagen, er wollen andre Mensch werden, wenn ich komme, und mother waren jede Nacht da und haben mir gesagt zu gehen mit ihm, weil er wollen dann gute Mensch werden. Er haben zuerst Brief geschrieben, viele Briefe und sein dann selbst im Wald gewesen an einem Tage. Er mich haben geküßt und haben geweint – – ich müssen gehen. Ich danken dir for alles, for alles, Du sein Engel und ich dich haben sehr lieb. Aber – sein auch for dir besser, wenn hergelaufenes Mädchen laufen weg. Du kleine böse Frau lieb haben, sein besser for ihr und dir. Ich nehmen Geld, Tante Fee, aber du nicht glauben, ich stehlen. Father sagen, ich soll singen und dann viel Geld verdienen. Ich dir geben alles wieder dann. Father haben kein Geld mehr, er sagen, wir müssen Geld haben zuerst. Sei nicht böse, Tante Fee, ich nicht wissen, wie sonst Geld bekommen. Und, Tante Fee, eine Goldstück habe ich in meine Rock genäht – ich wollen zu dir zurückkommen mit diese, wenn – – Weine nicht, geliebte Tante Fee, mich sein nicht wert deine Tränen. Gladys.‹

Das unglückliche Kind! Welches wird sein Schicksal sein in den Händen dieses gewissenlosen Menschen!

Fee, es ist des Mädchens Vater! Kann ein Vater das Unglück seines Kindes wollen?

Es war also ein Traum; ich soll keinen Selbstzweck im Leben haben. Ich bescheide mich. Ich habe ja das Verzichten gelernt, geübt.

Vielleicht war meine schwache Kraft dieser Aufgabe auch nicht gewachsen, und sie ist mir darum genommen morden. Menschen bilden dürfen, ist ein hohes Ziel; ich habe die Hände nach Unerreichbarem gehoben. Bescheide dich, Felicitas!

Klingt dieser Name nicht wie ein Hohn auf mein Geschick? Doch, was sage ich? Verzeiht, ihr meine Lieben alle, die ihr mich auf Händen tragt und Geduld habt mit meiner Schwäche! Verzeih mir, Vater im Himmel – ich murre nicht! Herr, dein Wille geschehe – es ist ein guter Wille!

Gladys, mein Kind, wo magst du weilen? Was wird dein Schicksal sein? Ob ich je wieder von dir höre? Ob du für mich verschollen bist?

Wache über sie, Himmelsvater, da ich es nicht tun darf nach deinem Ratschluß! Ich befehle sie in deine Hände.« »Wir tränken's ihr ein, Friedeli!«

»Das tun wir, Friedelu!«

»Aber wie?«

»Braucht sie den etlichen Tran aus Loberg zu bringen, wo wir ihr doch gesagt haben, daß wir ihn nicht mehr mögen?!«

»Ja, und daß nur Klein-Großchens Ängstlichkeit ihn uns weiter aufzwingt!«

Die Verschwörer waren die beiden Friedel, die nach einem schlimmen Winter mit Keuchhusten schon Ende März nach Rödershof geschickt worden waren, sich dort in Klein-Großchens Obhut vollends zu erholen. Sonderbarerweise war das Kleinzeug in beiden Familien verschont geblieben oder doch nur in sehr milder Form von der Plage heimgesucht gewesen. Die beiden Friedel hatte es dafür tüchtig gepackt.

»Weil ihr eben so ungebärdige Geschöpfe seid, seht ihr,« zankte Klein-Großchen.

»Hast du nie Keuchhusten gehabt, Klein-Großchen?« fragten die Schelme mit der allerscheinheiligsten Miene.

»Niemals,« versicherte Klein-Großchen, und tat es wahrheitsgemäß, »wie wäre ich zu derlei gekommen!«

»Wir dachten – –«

»Weil du auch Friedel heißt und – –«

»Zu denken habt ihr gar nicht, verstanden? Basta!«

Ja, also die zwei Friedel waren die Verschwörer, und das Opfer war Mamsell, die auf der gnädigen Frau Befehl wieder eine Flasche Lebertran aus Loberg mitgebracht hatte, den Hustenlindern zu Nutz und Frommen, aber zum gewaltigen Ärger.

Am anderen Morgen schallte ein Zetern durchs Haus, das bis in Frau Friedels Allerheiligstes klang, wo diese mit gefurchter Stirn wieder einmal über den Zahlen sah. Sie erhob sich, nachzusehen.

Gleich danach schallte ihr Ruf: »Friedelu! Friedeli! Antreten, Gesindel!«

Es dauerte eine Weile; erst nachdem der Ruf noch einmal und etwas verschärfter ergangen war, hörte man ein Piepen von irgendwoher: »Klein-Großchen? – was sollen wir, Klein-Großchen?« und es klang wie unterdrücktes Kichern dazwischen.

»Wartet, ich will euch Beine machen!« Auch in dieser Stimme war etwas wie Lachen; zugleich hörte man das Zetern von zuvor: »Ach, mein Zeppche, mein Zeppche! Lieb gnädig Frauche, mein Zeppche hat doch erst finf Mark gekost, for um's nei zu mache. Was Kinner – was Kinner!«

Nun waren die Missetäter zur Stelle.

»Was ist dies?« fragte Klein-Großchen und wies nach einer beträchtlichen Fettlache vor Mamsells Stubentür, in der sich ein unbestimmbares schwärzliches Etwas ringelte. »Was ist dies, he?«

»Eine Sardine in Öl, Klein-Großchen.«

»Ja, eine Sardine in Öl.« Man hörte den Stimmen das verhaltene Kichern an.

»Ich will euch beölsardinen, Gesindel! Was, Mamsell – zu komisch, was für Einfälle das Gesindel hat! Ich muß erst einmal lachen. Nicht gemuckst, ihr zwei! Hände weg, Mamsell – lassen Sie gefälligst das Ding an Ort und Stelle! Wißt ihr nicht, daß es beschämend ist, solche Strei – – also, was ich sagen wollte: hier, fischt das Ding aus der Brühe, säubert es in reinem Wasser und – –«

»Ach, gnädig Frauche, mein Zeppche hätt' ja de Dot dervon, wann die zwei es in die Mach' nähme! Da will ich liewer selwer – –«

»Strafe muß sein, Mamsell! Die beiden haben Ihnen Ihren Haarschmuck heil und gesund wieder abzuliefern, basta! Strafe muß sein.«

»Awer des war' e Straf for mein Zeppche, gnädig Frauche, nit for die – die annere.«

»Sie könnten recht haben, Mamsell; das war mir nicht so klar. Fischen Sie sich also selbst Ihr Eigentum heraus, reinigen Sie es und geben Sie es einem Haarkünstler zur Wiederherstellung. Die Kosten tragen selbstverständlich diese beiden und –« »Klein-Großchen – – aber Klein-Großchen, wir – wir haben ja gar kein Geld!« Einstimmig kam es wie aus der Pistole geschossen.

»Einerlei – Mund halten, sag' ich! Und hier wird eigenhändig sauber gemacht. Rangen, daß ihr's wißt! Vorwärts – heißes Wasser geholt! Ich überwache die Arbeit.«

»Es – es riecht so, Klein-Großchen!«

»Ein andermal gießt ihr eben Kölnischwasser hin statt Tran und – – ich meine, daß ihr euch nie wieder untersteht, sonst – – aber fix, Wasser geholt!«

Es war ein gar lustiges Plantschen mit dem herbeigeschleppten Wasser unter Großchens Leitung und Mithilfe Jeder Uneingeweihte hätte es für ein besonderes Freudenfest genommen, den Jubellauten nach zu schließen, die alsbald das Treppenhaus füllten.

Sie scheuchten auch Vater Klaus aus seiner Höhle.

»Was treiben meine drei Friedel denn für ein Hallo? Was ist hier gar so vergnüglich?«

»Klaus, dies hier ist doch ein Strafgericht. Bitte, störe uns nicht! Strafe muß sein.«

»So, so, ein Strafgericht? Es hörte sich anders an.«

Schmunzelnd verschwand Vater Klaus wieder in seinem Reich. Klein-Großchen aber hatte die strengste Miene aufgesetzt »Und jetzt wird die Flasche herbeigeholt, Gesindel, und ihr geht höchst eigenhändig nach Loberg und – –«

Es war ein lustiges Plantschen.

»Ha ha, Klein-Großchen!«

»Was gibt's da zu lachen, he? Mund auf!«

»Eigenhändig, Klein-Großchen?«

»Meinethalben eigenbeinig, aber jedenfalls wird der neue Tran höchstselbst von euch geholt, und zwar sofort! Hüte auf – Mantel an! Vorwärts marsch!«

»Klein-Großchen, kommst mit?«

»Ach ja, komm mit! Bitte, bitte!«

Wäre den flehenden Schelmengesichtern zu widerstehen gewesen? Und auch die Sonne flehte: »Macht schnell – kommt heraus, ihr Menschlein! Dumm, wer sich heute hinter Mauern verkriecht!«

Friedel die dritte – Frau Friedel – stülpte sich desgleichen den Hut über, schlüpfte eiligst in eine Hülle und, heidi, fort ging's in die Sonne. Als die drei Friedel vor Loberg standen, fanden sie, daß sie alle drei – die Flasche vergessen hatten! So endete dieses Strafgericht!

Es sei aber verraten, daß die anderen Tags durch einen zuverlässigeren Boten beschaffte neue Flasche Lebertran von den beiden ihrer Bedürftigen widerspruchslos geleert wurde. Diese blieb dann die letzte – –

So ging der April hin, in Rödershof mit Lust und Lärm, um so stiller im Dresdorfer Herrenhaus.

Tante Fee war viel krank, und Tante Lisa pflegte sie treu. Muttchen Friedel hatte sich nach Gladys' Flucht ihre Älteste wieder heimholen wollen, aber Fee hatte darauf bestanden, in Dresdorf zu bleiben. Daß bei diesem Entschluß die Stelle im Briefe der Geflohenen zumeist ins Gewicht fiel, wo diese von einer etwaigen Rückkehr und dem hierfür aufgesparten Goldstück sprach, das ahnte man nicht. Niemand wußte ja von dem Briefe und von dem verschwundenen Gelde. Tante Fee bewahrte dies Geheimnis in ihrem gütigen Herzen; sie wollte dem armen Kinde den Rückzug decken. Es hatte ja in der Not gehandelt. Ach, sie hätte ihm die dreifache Summe gegeben, hätte es sie darum angesprochen!

Es war ein trübseliger Winter gewesen. Nur Hoffen und Harren und nie ein Zeichen von der Entschwundenen! Ihr Name wurde niemals genannt; es war, als sei sie nie dagewesen. Wirklich erinnerte nach einiger Zeit nur noch Fees Leidensmiene und ihr Kränkeln die Ihren an das Mädchen, dessen Verschwinden die Ursache davon war. Niemand vermißte die Fremde mit den brennenden Augen und den brennenden Haaren; nur in Tante Fees Herzen war eine Lücke, die sich nicht ausfüllen wollte.

Dann waren die zwei Hustenfriedel nach Rödershof gekommen, mit ihnen Lust und Lärm genug. Jetzt stand schon wieder das Osterfest vor der Tür.

Es kam ein Zettel von Walter: »Klein-Großchen, halt die Daumen! Am Dienstag nehmen sie mich an die Strippe. Der Himmel weiß, wie das enden soll) ich weiß nichts – absolut nichts. Klein-Großchen, wenn ich durchhagle, du hast versprochen, daß du mir die Stange hältst! Ich baue auf dich! Dein Walter.«

Klein-Großchen drahtete zurück: »Ohren steif, Junge! Durch! Klein-Großchen.«

Sie war wie geistesabwesend in diesen Tagen.

»Denn siehst du, Klaus, ich fühle doch die Verantwortung, weil ich den Jungen so gewissermaßen hineingespornt habe in diese unbarmherzige Anstalt von Examen. Die sind doch nur dazu da, die armen jungen Menschen zu plagen, Klaus. Mir kann der ganze Kram gestohlen werden. Man hat nur die halbe Not mit Mädchen.«

»Und Hildegard?«

»Ach was, der alberne neumodische Kram! Gott sei Dank, daß die anderen alle normale Mädel zu sein scheinen. Für die zwei Friedel wenigstens stehe ich ein; meine Irmingard ist das geborene Hausmütterchen, und die Kleinen sind Schäfchen – Gott sei Dank!« »Hildegard sollte dich hören.«

»Sag's ihr nicht wieder, ja? Ich habe zwar ungeheuren Respekt vor ihrer Gelehrsamkeit, aber – Klaus, wo sollte die Welt hinkommen, wenn alle Mädel studieren wollten? Ist eine besonders klug, gut, laßt sie studieren! Besser, als ein dummer Bub tut's, bloß weil es sein Vater vor ihm getan hat. Im übrigen laßt sie was Rechtes im Haushalt lernen und einen guten Mann heiraten, der ihnen den Übermut austreibt, wie meiner es getan hat – basta!«

»Hat er, Friedelchen?«

Er hatte seinen Nasenstüber weg, ehe er wußte wie, und die Tür klappte sehr geräuschvoll zu.

Acht Tage danach im Dämmern – Klein-Großchen saß wieder über den Zahlen – schob sich eine lange Gestalt zur Tür des Allerheiligsten herein und blieb wortlos daneben stehen. Da sich gerade irgendwo ein Fehler ergab, sah die Rechnende nicht auf, stöhnte nur herzbeweglich; dann sagte sie über die Schulter: »Wenn Sie es sind, Johann, besehen Sie sich gefälligst die Tür von der anderen Seite; ich will nicht gestört sein – basta!«

Pause, und tiefe Stille, bis Klein-Großchen, immer noch die Nase im Buch, von neuem anhub: »Mensch, mach er mich nicht ärgerlich! Denkt er, Bücher führen sei so leicht wie Kartoffeln essen?«

»Es dürfte auf den Wärmegrad ankommen, dächte ich,« sagte der an der Tür.

Klein-Großchen hob den Kopf und schnob: »Bist du richtig durchgehagelt, Junge? Scheust du das Licht? Im Allotriatreiben warst du ja immer groß, aber so ein bissel Examen – schäm dich!«

»Bissel Examen! Klein-Großchen, denkst du, es sei so leicht wie Kartoffeln essen?«

»Hanswurst!« Sie stand vor ihm, hob sich auf die Zehenspitzen und faßte ihn bei beiden Ohren. »Walter, Junge, war's schrecklich?« »Schrecklich, Klein-Großchen.«

»Und – was hat der Vater gesagt?«

»Bravo, Klein-Großchen.«

Sie sah ihn scheu an, fuhr ihm über die Stirn und sagte mit ihrer sanftesten Stimme: »Setz dich erst mal Junge, dann wollen wir weiter reden.«

Sie zog ihn neben sich aufs Sofa. Da saß er bocksteif. Sie streichelte an ihm herum.

»Also, was nun, Junge?«

»Vor allem was zu essen, Klein-Großchen; ich bin hungrig, nicht zum beschreiben.«

»Schämst du dich nicht, an derlei zu denken, während dein künftiges Leben auf dem Spiel steht?«

»Gerade darum, Klein-Großchen! Schaffst du mir nicht bald was zu essen, so stehe ich für nichts. Mir ist schon ganz schwach zumute.«

Er legte den Kopf gegen die Sofalehne. Sie sprang erschrocken auf und fuhr ihm mitleidig über die Stirn.

»War's so furchtbar, mein Walter?«

»Unbeschreiblich, Klein-Großchen!«

»Hat er sehr gezankt?«

»Der Vater? Behüte, Klein-Großchen! Gelobt hat er mich, natürlich.«

»Gelobt? Bist du verdreht, Junge? Denkst du, ich lasse mir Fisematenten vormachen? Da soll doch gleich – –! Heraus mit der Sprache? was hat der Vater gesagt?«

»Daß ich beim Militär eintreten soll, sobald ich einen Platz finde.«

»Trotz des Examens?«

»Wegen des Examens, Klein-Großchen!«

Da hatte sie ihn am Schopf und zauste, wie nur sie zausen konnte.

»Also bestanden, Junge?«

»Bestanden, Klein-Großchen!« »Junge, und treibst Schabernack mit deiner Großmutter! Racker, du!«

Sie zauste weiter, bis er um Gnade flehte.

»Du hast mich ja kein einzigmal gefragt, Klein-Großchen – haßt einfach angenommen, ich müsse durchfallen. Ich bin dir sehr verbunden für die gute Meinung.«

»Was hätte ich von solchem Windbeutel anders erwarten sollen? Du hast dich ja gehabt, als solltest du mindestens geköpft werden.«

»War auch nicht viel anders!«

Nun wurde ihr Mitleid rege; zugleich sprudelte ihre Freude über. Sie wußte nicht, was sie ihm alles antun solle, und es war ein großes Freuen in Rödershof. Schließlich dachte sich Klein-Großchen was ganz Besonderes aus.

»Wie wär's, Klaus, wenn ich mit den dreien ein bissel dem Süden zurutschte? Die Friedel husten immer noch und – –«

»Wirklich, Friedelchen? Ich höre das gar nicht.«

»Sie husten immer noch! Ich muß das doch wissen als Großmutter, und der Walter kann auch eine Erholung brauchen, der arme Junge.«

»Mir kommt er sehr kräftig vor.«

»Dann kurz und gut, Klaus: ich will dem Jungen das Vergnügen machen, und die Rangen nehm' ich mit, damit du dich nicht zu plagen brauchst.«

»Sehr gütig, Friedelchen! Ich soll also allein daheim bleiben?«

»Klaus, wo du doch immer sagst, daß du im Frühjahr nicht weg kannst von wegen dem Hofe! Und wo man doch nicht wissen kann, wie lange es dauert, bis der Junge eintreten kann! Und wo du doch die Gicht hast, Klaus, und Tante Lisa und Fee! Sind drei Frauenzimmer nicht genug zu deiner Unterhaltung?«

»Es scheint also schon beschlossene Sache zu sein, Friedelchen?«

»Gewiß! Klaus, sag gar nichts!«

»Werd' mich hüten. Ich bin zu gut gezogen.«

»Und ich danke dir für die Erlaubnis, Klaus – –« sie hob die Nase; es war ihr aber ungemütlich heiß – »und du sollst sehen, es tut allen dreien gut! Schau nicht so spöttisch aus! Wo ich doch dem Jungen eine Extrafreude machen möchte!«

»Das sollst du, Friedelchen; ich werde mich mit meinen drei Frauenzimmern schon vertragen.«

»Das kommt alles von dem Examen, Klaus; es ist eine gar böse Einrichtung – ich bleibe dabei.«

Klein-Großchens Plan wurde von den Betreffenden natürlich mit einem Wonnehallo begrüßt. Ein großer Wunsch Walters ging damit in Erfüllung; er hatte ein wenig von des Onkels Lutz Nomadenblut geerbt. Die zwei Friedel kamen sich sehr wichtig vor, obgleich Klein-Großchen es sich angelegen sein ließ, ihnen klar zu machen, daß sie gewissermaßen nur als »Gepäck« mitgingen, weil man sonst nicht recht wisse, wohin mit ihnen. Es focht sie herzlich wenig an.

In drei Tagen waren die Reisenden zum Aufbruch fertig. Aus umfangreiche Vorbereitungen, namentlich hinsichtlich der Kleider, hatte Klein-Großchen nie viel gegeben. Sie war auch mit den reiferen Jahren darin nicht anders geworden.

So zog denn also Klein-Großchen mit den drei Enkelkindern südwärts. Denen daheim war, als habe ein Sturm sie weggefegt, so rasch war alles gegangen. Vater Klaus hauste allein in Rödershof mit Madam Gicht, die sich übrigens sehr bescheiden und zurückhaltend zeigte. Tante Lisa und Fee überzeugten sich alltäglich von seinem Befinden. Im übrigen verstrich ihnen allen die Zeit gar nicht besonders langsam.

Die Briefe der Reisenden trugen auch nicht wenig zur Erheiterung bei. Sie kamen häufig, waren ausführlich und voller Lust und Leben. Frau Friedel schrieb:

»Bellaggio, 12. April 19 …

Das liegt nämlich am Comer See, wenn Ihr's noch nicht wißt, Ihr daheim. Wer kann das auch verlangen von einem, der's nicht selbst gesehen hat! Mir hätte man weismachen können, es läge im Mond, und ich hätte es auch geglaubt, obgleich – na, ganz so dumm bin ich doch nicht, und das wißt Ihr auch. Also Bellaggio! Alle Achtung! Es ist ein feiner Erdenfleck, den unser Herrgott hier im sonnigen Süden geschaffen hat. Ich muß lachen, wenn die zwei Friedel, die Rangen, die Augen verdrehen und tun, als ob sie den Geist aufgeben müßten vor Staunen und Bewunderung; sie meinen, das gehöre nun einmal dazu. Dabei weiß ich – ich hab's erprobt, Klaus, Lisa, Fee – daß ihnen ein Stück Obsttorte mit Schlagsahne in einer Konditorei über die schönste Bootfahrt auf dem wunderschönen See geht. Mein Walter freilich, der Examenerlöste, der genießt es in vollen Zügen; es ist eine Freude, sein strahlendes Gesicht zu sehen.

Hast Du schon mal was von Villa Serbelloni gehört, Klaus, Du Vielgereister? Dort ist's wirklich, als ob man aus irgend einem Versehen ins Paradies geraten wäre. Aber wie ja auch im Paradies Schlangen waren, so haben sie uns dort – große schwarze Käfer im Tee vorgesetzt. Wir nennen sie Schwabenkäfer. Ihr hättet die zwei Friedel quieken hören sollen, als die Bescherung zutage kam. Der Kellner war ganz blaß, als er diese sonderbare Verwendung der Käfer gewahr wurde. Die hatten wohl ihr Winterquartier in der Kanne aufgeschlagen gehabt und waren von dem heißen Wasser beim Teeaufgießen unliebsam überrascht worden. Sagt mal Mamsell, bitte, wie recht ich habe, wenn ich gelegentlich auf vorherigem Ausschwenken der Kannen bestehe.

Und noch eine sonderbare Begegnung hatten wir in Villa Serebelloni! Wenn Du Fee diese Stelle nicht vorlesen willst, so überspringe sie.

Wie wir uns eben von unserem Käferschreck erholt hatten, da klang mit einem Male ein Ton über den Garten hin, wie er auch ins Paradies paßt. Eine Mädchenstimme, eine volle, reine Mädchenstimme von wunderschöner Klangfarbe, die irgendein Volkslied vortrug. Eine Violine begleitete den Gesang.

Wir konnten die Sängerin nicht sehen, denn sie stand hinter einem Gebüsch. Es mußte aber eine sehr junge Stimme sein, das hörte ich. Natürlich gingen die Friedel alsbald auf Kundschaft aus. Nach zwei Minuten kamen sie wie Verstörte zurück, die Hüte im Genick, die Augen eine halbe Meile vor dem Kopf.

›Sie ist's, Klein-Großchen! – Klein-Großchen, sie ist's! – Das Kuckucksei, Klein-Großchen!‹

Da blieb auch mir der Bissen zusamt jeglicher Ermahnung im Hals stecken.

Und was glaubt Ihr? Da bog schon die bekannte lange Gestalt – Ihr habt sie immer ›schlank‹ genannt – um das nächste Gebüsch, hielt einen Teller in der Hand und sammelte fünf oder sechs Tische von uns entfernt Gaben ein.

Mir stockte wirklich der Atem. Ich hatte eine der Friedel rechts, die andere links gepackt und zog sie neben mich auf die Bank. Sie waren ganz blaß, hatten Schreckensaugen und hielten still wie die Lämmer. Mein alter Walter fuhr halb von seinem Sitz auf und hatte großes Mitleid in den Augen.

Es dauerte ein paar Minuten, da war sie an unserem Tisch. Sie stand wie vom Donner gerührt und war weiß wie ein Leintuch; dann schwankte der Teller in ihrer Hand so, daß die gesammelten Geldstücke auf die Steinplatte der Terrasse klirrten.

Viele Hände halfen auflesen, vor allem die Jugend – auch meine beiden Friedel und Walter. Es war ein großes Gedränge.

Ich war aufgesprungen und zu dem – – dem armen Dinge hingetreten. Sie schaute mich mit solchen Furchtaugen an, Klaus, und sah so verhärmt und unglücklich aus, daß ich – brauchst nicht zu lachen, Klaus – ich vergaß alles Vergangene und sagte leise: ›Komm heim, Kind; dies hier ist nichts für dich.‹

Der Teller in ihrer Hand schwankte

Die Augen, Klaus! Dies Erschrecken, dies ungläubige Staunen! War ich denn wirklich solch ein Barbar, Klaus, daß ein freundliches Wort von mir so überraschte?

Das – das arme Ding, Klaus, hat kein Wort gesagt. Wie hätte es auch gekonnt mit den zuckenden Lippen! Aber es hat meine Hand genommen und – es hat sie geküßt und ich – ich habe ganz still gehalten, Klaus! Alles ist so schnell und überraschend gegangen – Du weißt, wie ich Handküsse und dergleichen hasse. – Dann waren alle Münzen wieder auf dem Teller, und Gladys stand an dem nächsten Tisch. Dort warfen sie ihr Geld zu; sie neigte dankend den Kopf und schritt zum nächsten. Jetzt war sie feuerrot, Klaus, und ihre Haare flammten. Die Friedel saßen stumm und starr; auch mein alter Walter sah mich hilfesuchend an.

›Was tun wir, Klein-Großchen?‹

›Ja, was tun wir, Kinder?‹ Euer Klein-Großchen war diesmal so rat- und hilflos wie sie.

›Es ist ein Mann bei ihr, der bös aussieht.‹

›Ja, er sieht furchtbar bös aus,‹ sagten die Friedel.

›Er spielt die Violine, wenn sie singt,‹ fuhr Friedelu fort.

›Dort gehen sie,‹ rief Walter, der den Weg überschauen konnte. ›Laßt uns schnell hinterher, sonst verlieren wir sie aus den Augen.‹

Das schien ein guter Rat zu sein. Wir also alle vier auf und hinterher wie der Wind; wer am raschesten war, weiß ich nicht. Ich keuchte freilich ein bißchen, aber was machte das! Ich nahm es doch noch mit den zwei Friedel auf.

Aber wir hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht, vielmehr ohne den Kellner. ›Payer, s'il vous plaît!‹ Ja so, das Zahlen hatten wir vergessen. Ich kehrte um.

Da standen mindestens vier Kellner, winkten mit ihren Servietten, schrien und lärmten. Eine Gruppe von Gästen hatte sich um sie gesammelt, und alle starrten hinter uns drein; einige lachten, und einige rümpften die Nasen. Ich winkte dem Menschen heran, der uns bedient hatte, und ich sagte ihm, daß er für seinen Käfertee eigentlich gar nichts verdient habe, daß er froh sein müsse, wenn ich nicht tüchtig Lärm geschlagen habe, daß er – kurz, ich hielt ihm eine Standrede, die sich gewaschen hatte. Ich muß sehr hoheitsvoll dabei ausgesehen haben, Klaus, denn er wurde immer kleiner.

Walter meinte dann freilich, die Worte seien es nicht gewesen, denn der Mensch habe kein Wort Deutsch verstanden. Um so besser, Klaus, dann war's das Wesen. Du siehst, man kann mich mir selbst anvertrauen. Ich bin sehr stolz darauf.

Aber das arme Ding hatten wir natürlich darüber aus den Augen verloren. Wir rannten durch alle Straßen Bellaggios; wir spähten vor allen Gasthäusern, in allen öffentlichen Gärten. Wo eine Violine quietschte oder eine Stimme sang, waren wir zu finden; halb atemlos rannten und suchten und forschten wir.

Die Leute machten aber schon sonderbare Gesichter, wenn wir wieder einmal mit feuerroten Köpfen und verschobenen Hüten irgendwo auftauchten.

Schließlich – – – dann haben wir das arme Ding auf dem Verdeck eines abfahrenden Schiffes gesehen. Ein Mann stand daneben mit einer Violine unter dem Arm; das war der mit dem bösen Gesicht. Mir war es unerträglich, das arme Ding an der Seite dieses Menschen davonfahren zu sehen; meiner Fee Schmerzensgesicht tauchte vor mir auf.

Da bin ich über die Landungsbrücke gerannt und wollte mit Gewalt noch über den Steg, den sie eben von Bord abschoben. Es hat nichts genutzt. Sie haben mich festgehalten, von zwei Seiten, nicht eben höflich, aber um so eindrucksvoller; kein Wehren half, auch kein Zanken und erst recht keine Vernunft. Sie lachten nur gutmütig über meinen Redeschwall und mein Sträuben, überschütteten mich ihrerseits mit einem Redeschwall, der noch lebendiger war als meiner und – – das Schiff fuhr seinen Weg.

Von der armen Gladys haben wir nichts mehr gesehen. In was für Hände sie geraten sein mag, Klaus? Der Mann sah nicht vertrauenerweckend aus. Aber meine Schuld ist es nicht, wenn sie nicht mit uns heimgekehrt ist, Klaus – sag das Fee! Ich habe sie so freundlich gebeten, als ich konnte. Und, Klaus, sag Fee auch, daß – ja, daß es mir herzlich leid ist, wenn ich mit schuld gewesen sein sollte, das arme Ding von uns fortzutreiben. Ich gäbe viel drum, wenn ich sie meiner Fee hätte zurückbringen können.

Also, da standen wir und hatten das Nachsehen. Die Leute lachten oder sahen uns mißtrauisch an; so schlichen wir geknickt in unser Hotel zurück.

Nun Schluß, Klaus! Ich bin des Gekritzels müde. Jetzt gibt es nur noch Karten, bis wir selber kommen. Ich freue mich auf daheim und auf meinen Alten. Küsse Lisa und Fee – ach, meine Fee! Wenn ich doch – – – aber was nutzt Jammern, wenn die Milch nun einmal verschüttet ist! Lebt also alle wohl. Eure Friedel.«

*

Es waren vielleicht sechs Wochen, nachdem dieser Brief geschrieben worden war. Frau Friedel war längst wieder daheim. Sie hatte zuvor ihre Reisekinder, wie sie sie nannte, in deren Elternhaus abgeliefert; das Leben dort, in Rödershof und im Herrenhaus zu Dresdorf ging längst wieder seinen alten Gang.

Fee machte den Ihren Sorge, aber nur Tante Lisa wußte, wie sehr sie in Wahrheit litt. Von all den schlaflosen Nächten hatten die Eltern keine Ahnung.

Als damals Frau Friedels Brief gekommen war, der von der Begegnung mit Tante Fees Schmerzenskind erzählte, da wollte sich diese kaum halten lassen, selbst dorthin zu reisen, wo die Spur aufgetaucht war, und nachzuforschen. Des Vaters und Tante Lisas Vernunftgründe hätten nicht ausgereicht, die Reise zu vereiteln. Da kam als schlagendster Beweisgrund für die Torheit des Geplanten eine einfache Erkältung und sagte: »Du mußt stillhalten.« Und Fee hielt still.

Derweilen kehrte Frau Friedel zurück, und die Wochen gingen hin. Fee war noch immer nicht wohl; sie hatte schlimme Tage und schlimmere Nächte.

In einer solchen war es nun. Sie lag ganz still, wie sie es gewöhnlich tat, Tante Lisa nicht zu stören.

Über die alten Baumkronen des Dresdorfer Parkes strich der Wind, raunte erst leise und hob sich dann zu einem brausenden Stürmen. Denn es war junger Maienwind, und er war wild wie Jugend überhaupt. Die alten Bäume schüttelten mißbilligend ihre Kronen, aber sie konnten es dem jungen Stürmer nicht wehren, daß er auch ihr festes Gefüge durcheinander rüttelte. Ihr trutzig verknorrtes Geäste knarrte um so lauter; es bog sich nicht wie junge Ruten. Drum war das Brausen und Sausen des Sturmes im Dresdorfer Park toller als sonstwo.

Dem lauschte Fee auch in dieser wachen Nacht, und die Gedanken stürmten mit dem jungen Stürmer draußen um die Wette.

Da – – was war das? Durch all die Orgeltöne des Sturmes klang ein weicher, klagender Laut, eine Menschenstimme. Sie verhallte, stieg und verhallte aufs neue.

Was war das? Ein Mensch, der es im Übermut mit dem Maiensturm aufnehmen wollte? Oder etwa ein Mensch in Not?

Fee saß in ihren Kissen, zitterte und lauschte. Ein Schauern lief ihr über den Rücken; etwas Kaltes griff ihr nach dem Herzen, daß ihr der Atem stocken wollte. Was das war?

Jetzt wieder! Lang nachhallend mischte sich der Menschenlaut in die Stimmen des Sturms. Und nun war es, als ließen sich Worte unterscheiden, ein Name, der wieder und wieder kam.

Mehr tot als lebendig, an allen Gliedern zitternd, ging Fee ans Fenster und öffnete einen Spalt. Der Maiensturm, der grobe Geselle, riß ihr den Flügel aus der Hand, schmetterte ihn beiseite und tobte herein mit seinem Schnauben und Brausen. Er trug in seinem Atem den Duft der Maienblütenfülle rings. Stürmisch war sein Hauch, aber lind und warm.

Wie er sein frohlockendes junges Toben ein wenig milderte, da – klang die Menschenstimme wieder durch. Es war eine Mädchenstimme, weich und flehend.

Ganz deutlich hörte man, was sie gerufen hatte und noch rief. Der grobe Geselle, der junge Maiensturm, besann sich endlich besser; er ließ die Menschenstimme zu Gehör kommen.

»Tante Fee! Tante Fee!«

Die also Gerufene, die für Wochen ihr Lager nicht verlassen konnte, hatte plötzlich einer Mutter Kraft, deren Kind sie in der Not anruft. Mit fliegenden Händen warf sie sich eine wärmere Hülle über und eilte mit den armen, sonst so leicht versagenden Füßen schnell über Zimmer, Flur und Treppe zu der schweren Eichentür, die das Dresdorfer Herrenhaus abschloß und schirmte gegen die übrige Welt. Sie schob die schweren Riegel beiseite, die zu bewegen sonst Männerkraft erforderte, und öffnete den einen Flügel.

Nun stand sie an der Freitreppe oben und ihre Augen durchbohrten das Halbdunkel der Maiennacht. Zu Häupten blinkten die Sterne und warfen ihren leisen Schein über alles rings.

Der Maiensturm selbst hielt den Atem an vor Erwartung, was jetzt folgen würde.

»Tante Fee! Tante Fee!« wimmerte es von der untersten Stufe der Freitreppe, wo etwas Dunkles zusammengekauert sich duckte.

»Gladys, mein Kind, bist du es?«

»Ich bin es, Tante Fee! Oh, Tante Fee, darf ich bei dir bleiben?«

»Komm zu mir, mein Kind!«

Da schleppte es sich die Stufen herauf, Tante Fees verlorenes Schmerzenskind, mühsam, auf Händen und Füßen, denn seine Kraft wollte nicht weiter reichen. Es lag vor Tante Fee am Boden, umschlang ihre Knie, und aller Trotz war gebrochen, aber auch alle junge Kraft.

Tante Fee legte die Arme verzeihend um ein fieberglühendes Geschöpf. Aber wie sie den jungen Körper zu sich heraufziehen wollte, wurde der schwerer und schwerer und zog sie selber mit sich zu Boden.

Da war es ein großes Glück, daß der wilde Maienwind, der Übermütige, nun so recht voll Übermut und Dreistigkeit durch die geöffnete Hallentür über Flur und Treppe sauste. Er weckte Tante Lisa, die erschöpft Im ersten Schlaf lag, nachdem auch sie lange seinem Stürmen gelauscht hatte, abwechselnd mit dem Horchen nach Fees Zimmer hin, von der sie wußte, daß sie sich lautlos verhielt, nur um sie, Tante Lisa, nicht zu wecken. Dann war doch der Schlaf gekommen – Tante Lisa hatte viele gestörte Nächte hinter sich. Aber nun fegte der Maiensturm durch das Haus in seiner ganzen jungen Dreistigkeit, und er weckte sie.

Was war das für ein Hexensabbat? War denn da nicht die Haustür aufgeflogen? Sonst hätte der Sturm doch nicht dermaßen durch das Haus pfeifen können! Man fühlte ihn ja förmlich im Bett. Der Christian hatte sicherlich vergessen, die Tür richtig zu schließen. Wenn nur das Kind, die Fee, nichts von dem Toben hörte! Sie wäre imstande – –

Gladys umschlang Tante Fees Knie.

Da war Tante Lisa schon im Gewand, auf dem Flur, die Treppe hinunter.

Sie kam eben dazu, als Fee unter der Last des jungen bewußtlosen Körpers, der in ihren Armen hing, zu Boden glitt.

»Hilf, Tante Lisa! Da ist Gladys wieder.«

Tante Lisa war eine von denen, die nicht viel reden, aber anfassen, wo es nottut. Sehr schnell lag die Heimgekehrte in ihrem alten eigenen Zimmer, in ihrem eigenen Bett.

Kein Mensch hatte diesen Raum in ihrer Abwesenheit betreten dürfen; Tante Fee hatte den Schlüssel dazu verwahrt und war nur zuweilen selbst hineingegangen, Rückschau zu halten und von vielleicht Wiederkehrendem zu träumen. Nun war dies alles wiedergekehrt mit der jungen Herrin des Zimmers!

Da lag sie ohne Bewußtsein in den Kissen. Ruhelos drehte sich der junge fieberrote Kopf von einer Seite zur anderen. Tante Fee hatte auf Tante Lisas Geheiß die Haare gelöst; die rotgoldene Flut hing über den Bettrand fast bis zum Boden.

Christian war rasch geweckt und zum Arzt geschickt worden. Tante Lisa wollte nun in ihrer Angst Fee bewegen, zu Bett zu gehen; sie selbst versprach, treue Wacht zu halten.

»Hast du schon von einer Mutter gehört, die an sich denkt, wenn es ihr krankes Kind gilt? Hättest du mich allein gelassen, als ich dein Kind war? Tust du es jetzt?«

So saßen die beiden Frauen am Bett der Heimgekehrten und wachten über ihrem Fieberschlummer.

Gladys war sehr unruhig. Sie wollte einigemal aus dem Bett springen, und ihre Hüterinnen brauchten alle Kraft, sie davon abzuhalten. Sie sprach beständig, aber es war nur unverständliches Murmeln. Bloß zuweilen löste sich der eine weiche, klagende Ruf, der den Maiensturm übertönt hatte: »Tante Fee! Tante Fee!« Dann faßte die Gerufene nach den tastenden Händen der Kranken, legte ihre Wange dagegen, und das Mädchen wurde ganz still.

Der Arzt kam endlich, viel zu spät für Tante Fees Ungeduld. Lange stand er wortlos am Lager, behorchte und untersuchte; er schüttelte den Kopf, sah über die Brille weg in Fees Angesicht, zuckte die Schultern, beklopfte und untersuchte weiter.

Die Kranke hatte sich zuerst gesträubt und wimmernde Klagetöne ausgestoßen. Da hatte Tante Fees weiches Zureden wiederum beruhigenden Einfluß; die Kranke ließ nach einem Aufhorchen geduldig mit sich tun, was der Arzt für nötig hielt.

Der war nun mit der Untersuchung fertig, und Gladys lag sehr erschöpft in ihren Kissen. Ein unruhiger Schlaf setzte ein, aber die Kranke warf sich dabei hin und her, daß es beklemmend anzusehen war.

»Was sagen Sie zu meinem armen Kind, Herr Doktor!«

»Ich müßte mehr sein als ein Mensch, über den Ausgang Bestimmtes sagen zu können, Gnädigste. Daß eine Lungenentzündung da ist und eine Hirnentzündung im Anzug scheint, muß ich leider feststellen.«

»Und – und ist mein Kind verloren?«

»Damit muß ich Sie auf unseren Herrgott verweisen. Aber solange Leben da ist, darf man ja hoffen, und dies hier ist ein junges, kräftiges Leben; das läßt sich so rasch nicht unterkriegen. Hoffen wir also, Gnädigste.«

»Ist das Ihr Ernst? Darf ich hoffen?«

Er wollte noch einmal vorsichtige Einschränkungen machen; da sah er der Fragenden in die Schreckensaugen, und nun neigte er ganz leise den Kopf. Sie nahm es für ein Ja, und Zuversicht ging warm durch sie hin.

»Wir pflegen uns das Kind gesund, Tante Lisa.«

»Das tun wir, Fee!«

»Und dann bleibt alles Schlimme dahinten, und mein Kind ist mein für immer.« »Das gebe Gott!«

Es kamen schwere, angstvolle Wochen. Eine geschulte Pflegerin mußte die Pflege übernehmen. Weder Tante Fees Kraft, noch Tante Lisas Erfahrung wollten ausreichen.

Gladys' junges Leben schwebte tagelang an dem Abgrund hin, der alles Leben verschlingt. Es neigte sich über den Rand des Abgrunds angstvoll tief, es drohte abzustürzen. Aber treueste Liebe ließ es nicht, umschlang es mit ringenden Armen und – riß es zurück. Gladys durfte leben. Tante Fee durfte ihr Kind behalten.

Nun kam die Genesungszeit, in der die Herzen so weich sind und weit offen stehen. Die Pflegerin war schon seit Tagen gegangen und Tante Fee in den vollen Besitz aller ihrer Mutterrechte getreten, deren schönstes es ist, sein Kind betreuen, hätscheln und aufpäppeln zu können.

Tante Fee war so frisch und froh, so kräftig und voll Leben, daß es den Ihren ein Wunder schien, sie zu sehen. Alle freuten sich daher der Heimkehr der Verirrten.

»… denn weißt du, Klaus, ich würde es für eine Sünde halten, dem armen Ding etwas in den Weg zu legen, seit ich gesehen habe, wohin es gelangt, wenn es nicht hier bei uns bleibt. Der Mensch sah unheimlich aus, Klaus.«

So dachte und so sagte Frau Friedel. Und ihre Duldung gegen das frühere »Kuckucksei« wandelte sich sogar mit der Zeit in ein gewisses Wohlwollen. Das kam so.

Es war an einem Juliabend. So lange hatte es gedauert, bis die Genesung bei Gladys in vollem Gange war. Die Sommerdämmerung wollte eben sinken. Die Genesende lag, auf ihr inständiges Bitten, noch in ihrem Langstuhl auf der Parkterrasse. Über dem Gehölzrand des Wiesengrundes, der sich nach Rödershof dehnte, lugte schon mit seinem äußersten Zipfelchen der junge Mond vor. Das Geißblatt blühte am Steingeländer der Terrasse, und die Luft war voll von seinem Duft.

Gladys lag ganz still; sie hielt die Hände verschlungen und sah nach dem Mond. Dann wandte sie sich Tante Fee zu, die neben ihr saß und voll des Friedens war, der die Sommernacht füllte.

»Tante Fee, wirst du mich nie fragen nach –?«

»Mir ist es genug, daß ich dich wieder habe, Kind.«

Gladys' Augen wurden ganz dunkel.

»Er hat mich geschlagen, Tante Fee, weil ich nicht wollte tun, was er verlangte – unehrlich sein, Tante Fee, – nehmen, was nicht war mein. Da bin ich fortgelaufen. Es war in Hamburg; wir sollten gehen nach Amerika. Da wäre das Meer gewesen zwischen dir und mir! Es war wie der Tod. Glaubst du, daß Mutter zürnt, weil ich ihn haben allein gelassen, Tante Fee?«

Der blieb nur Zeit, den Kopf zu schütteln; die Mädchenstimme raunte weiter: »Ich wäre geworden eine schlechte Mensch, Tante Fee, schlecht wie er. Das kann Mutter doch nicht wollen. Und da bin ich fortgelaufen. Oh, es war schrecklich! Er stand schon auf das große Schiff – ich dachte, alles ist verloren – er hatte mich nicht von der Seite gelassen, als ob er hätte gewußt, was ich wollte tun. Da, im letzten Augenblick, drängten sie ihn von mir, die Schiffstreppe hinauf, die von das kleine Schiff zu das große führt. Er trug unser Gepäck und konnte sich nicht wehren; er dachte wohl auch, nun ist alles sicher. Ich kroch schnell in eine Winkel von die kleine Schiff. Ich zitterte mit alle Gliedern; ich hörte seine Stimme rufen nach mir, hörte ihn toben, weil sie ihn wollten nicht zurücklassen. Dann fühlte ich ein Schwanken unter mir; unser Schifflein schwimmte. Wie ich mich aufrichtete und aus meine Winkel kroch, waren wir schon eine große Strecke weit von der Riese abgetrieben. Ich sah ihn an Deck stehen, er mich auch. Er schüttelte seine Fäusten, und er schrie. So viel Zorn war in seiner Stimme. This was the last I saw of him, Tante Fee.«

Die hielt ihr Kind in den Armen und zog es dicht zu sich heran.

»Und weiter, Kind?« »Ich hatten ja das Goldstück von dir – – oh, Tante Fee, nun kann ich dir das genommene Geld nicht geben wieder, nun – –« ein leidenschaftlicher Tränenstrom folgte.

Erschreckt wehrte Tante Fee.

»Wer wird von so etwas reden! Was mein ist, ist dein. Bist du nicht mein Kind? Still, still!«

Gladys wurde ruhig.

»Ich will dich lieb haben wie deine Kind.« Es war wie ein Schwur, die dunklen Augen leuchteten.

Tante Fee legte die Arme noch fester um die junge Gestalt.

»Wie kamst du dann hierher?«

»Der Mann auf das kleine Schiff waren eine gute Mann. Er hat mich gebracht an die Bahn, wo ich mußte fahren, um zu dich zu kommen. Aber ich habe mein Geld dann verloren und – und ich bin gegangen eine weite Weg. Da waren viele gute Menschen, wo haben mir zu essen gegeben, und dann – dann bin ich gewesen bei dir.«

Es war eine lange Pause. Der Mond stieg höher und höher; er war nur wie ein schmales Silberschifflein, das durch das schwarzblaue Gewölbe zog. Dann hob Gladys den Kopf und sah tief in Tante Fees Augen.

»Ich wären aber nicht gekommen, wenn nicht kleine Fr– Mrs. Uödern – – wenn nicht deine Mutter dort am See hätten gesagt: ›Komm heim, Kind,‹ und hat mich angesehen so gut. Ich wären nicht gekommen – wären gestorben in bösen Welt draußen.«

»Ruhig, Kind, ruhig!«

Tante Fee brachte sie eilig zu Bett. Sie fürchtete den kühleren Nachtwind, der sich eben aufmachte, und sie fürchtete weitere Erregung vom Sprechen.

Wie Gladys dann wohlverwahrt in ihrem weißen Bett lag, da kamen durch den Wiesengrund im blinkenden Schein des Mondensilberschiffleins und der silbernen Sterne Großmutter und Großvater gar einträchtig dahergewandelt. »Wir haben doch mal nach dir und deinem Schäflein sehen wollen, Fee. Was macht denn die Prinzeß?«

So fragte Muttchen Friedel, und es war drollig zu hören, wie sie sich mühte, die allzugroße Kluft zwischen einst und jetzt zu überbrücken, wie ihre Stimme eine gewisse Sorglosigkeit ausdrücken sollte und doch voller Güte und Teilnahme war.

»Klein-Muttchen, dir hab' ich zu danken, daß das Kind wieder heimgefunden hat!«

Fee hatte die Arme um der Mutter Hals geschlungen und legte ihr tränennasses Gesicht an deren Wange.

»Drei Schritt vom Leibe! Denkst du, ich liebe Überschwemmungen?«

»Klein-Muttchen, wie soll ich dir danken?«

»Durch Vernunft – will ich mir ausgebeten haben! Schließ mal die Schleusen, Fee! Solange das – das – na ja, das arme Ding so elend war, habe ich's begreifen können und habe auch Nachsicht gehabt. Jetzt aber – sollen wir uns denn allesamt zu Amphibien ausbilden, bloß weil so ein – ein – –«

»Klein-Muttchen, weil du so gut mit ihr warst am Comer See, hat sie den Mut gefunden – –«

»Papperlapapp! Ich bin doch kein Untier – nie gewesen, Fee! Was, Klaus?«

»Nie, Friedelchen!«

»Da hörst du's, Fee! Was dein Vater sagt, ist wahr. Also brauch' ich die – die Mamsell nicht, es zu bestätigen – basta! Hier bring' ich frische Eier für Gladys, Fee, und da hab' ich ein Fleischgelee kochen lassen. Wir müssen dem armen Wurm doch wieder auf die Beine helfen. Johann bringt morgen von dem alten Madeira und – laß mich los! Du weißt, ich hasse Fisimatenten!«

»Klein-Muttchen, du bist ein Engel, und ohne dein ›komm heim, Kind‹, das du meiner armen Verirrten gesagt hast dort am Comer See, wäre sie nicht wieder heimgekommen. So hab' ich's dir zu danken, daß mein Leben wieder einen Inhalt hat!« »Gehen wir, Klaus! Mit überspannten Menschen ist nicht zu reden. Gute Nacht, Fee! Grüße Tante Lisa; sie soll nur ruhig an ihrem Brief bleiben. Wir kommen wieder, mein Alter und ich, wenn es hier etwas abgekühlt sein wird. Loslassen oder ich zwicke!«

Dort flog sie hin, als seien vierzig Jahre gewesen wie ein Tag.

»Väterchen, es gibt nur ein Klein-Muttchen,« rief Fee leuchtenden Auges.

»Das ist wahr, mein Mädchen, und Gott segne sie. Gute Nacht, Fee!«

»Gute Nacht, Väterchen! Und küsse Klein-Muttchen noch einmal von mir!«

»Werde mich hüten! Daß sie mir die Augen auskratzt.«

Im Wiesengrund, wo das Mondensilberschifflein am hellsten blinkte, stand Frau Friedel und wartete auf ihren »Alten«.

»Klaus, ich bin doch froh, daß wir das arme Ding wieder daheim haben und daß – – na ja, daß das Kriegsbeil zwischen uns begraben ist. Denn, Klaus, mir war gar nicht wohl dabei.«

*

Rödershof quoll wieder über von Kindern und Kindeskindern. Die Sommerferien hatten diesmal auch die beiden Elternpaare der Enkelschar mitgebracht; vierzehn Mann hoch war die Einquartierung eingerückt. Aber Frau Friedel gab keinen einzigen ab nach dem Dresdorfer Herrenhaus, wie ihr dessen Einwohnerinnen vorgeschlagen hatten. Sie war in ihrem Element.

»Denkt ihr, ich lasse mir einen von dem Gesindel verwöhnen, wie es hier Mode ist, he? Daß ich das nächste Mal meine liebe Not hätte? Nichts da! Ich muß sie unter Aufsicht haben, Alt wie Jung, Männlein wie Fräulein; nur so haut mir keiner über die Schnur – basta!«

So herrschte Frau Friedel als Tyrann, und es war ein Leben in Heidi und Hallo auf Rödershof. Vater Klaus führte mit Madam Gicht und den zwei Schwiegersöhnen ein vom Rest der Gesellschaft etwas abgesondertes Leben. Aus diesen, den Schwiegersöhnen nämlich, waren mittlerweile die ehrfurchtgebietenden Landgerichtsräte Paul und Heinz Western geworden, die in brüderlicher Liebe und allem anderen vereint geblieben waren wie die Assessoren Paul und Heinz von dazumal, da Lu und Li Rödern zuerst ihre Wege kreuzten.

Da Madam Gicht in dieser Zeit mehr als sonst darauf bestand, Vater Klaus mit ihrer liebenswürdigen Gesellschaft zu beehren, so war es dem Landgerichtsrat Paul und dem Landgerichtsrat Heinz eine liebe Pflicht, dem verehrten Schwiegervater und Madam Gicht die Zeit vertreiben zu helfen. Man war dadurch auch so beruhigend abseits von der »Horde«, wie die beiden Landgerichtsräte schnöde unter sich die beiderseitigen Familien zu bezeichnen pflegten, Frau Lu und Frau Li nicht ausgenommen, was der Erzählerin schwer fällt, festzustellen. Menschen bleiben eben Menschen, auch wenn sie Landgerichtsräte sind.

Das Vierblatt – Madam Gicht wurde als Dame höflich mitgerechnet – führte also abseits ein etwas stilleres, aber nicht minder ungetrübtes Leben, das heißt, wenn es Madam Gicht gefiel, die wie alle richtigen Frauenzimmer auch ihre Launen hatte; so sagten die drei Herren nämlich.

Frau Friedel war glücklich, ihren »Alten« und seine Begleiterin so wohl versorgt zu wissen; sie thronte mit Genuß als Herrscherin über der Enkelschar, über Frau Lu und Frau Li. Sie durchstreiften gemeinsam den Wald nach allen Richtungen, und keine irgendwie benachbarte Bergspitze war vor ihren Heimsuchungen sicher.

Die Pilzsuche lockte sie dieses Jahr zumeist. Hildegard und Gunter hatten die Leidenschaft geweckt; sie wußten nicht, was sie damit entfesselten. Es war ein übermenschliches Unterfangen, Klein-Großchen samt dem Kleinzeug und den beiden Friedel davon zu überzeugen, daß nicht jeder Schwamm, der lecker aussieht, auch zum Essen bestimmt ist, daß die Natur so heimtückisch sein könne, durch giftige Pilze den löblichen Sucheifer zu beschränken. Sie rafften unbesehen alles zusammen, was pilzartig im Waldmoos aufschoß, und sie waren sehr gekränkt, Klein-Großchen an der Spitze, wenn an ihrer Beute entsetzte Kritik geübt wurde.

»Habt euch nur nicht so, ihr Gelehrten,« zankte Klein-Großchen. »Es wird einen großen Unterschied machen, ob so 'n Ding gelb oder braun oder rot ist! Es gibt Menschen, die sich und anderen alles erschweren müssen. Kinder, werft denen da das Zeug vor die Füße, wenn es ihnen nicht paßt. Wir rennen eins!«

Das taten sie mit großem Hallo. Die anderen aber atmeten auf und suchten emsig weiter. Aber wenn dann am Abend das Pilzgericht gar so gut schmeckte und nicht für alle reichen wollte, versicherten Klein-Großchen und die Ihren, daß sie anderen Tags doch wieder helfen müßten, weil es ohne sie ersichtlich nicht ginge. Am anderen Tag begann dann dasselbe Spiel. Die es verstanden, seufzten und hatten die Last; die es nicht verstanden, lachten und hatten die Lust, wie es ja wohl meist im Leben zu gehen pflegt, nicht nur beim Pilzsammeln.

So waren sie auch wieder einmal von einer Pilzsuche heimgekehrt, diesmal besonders guter Dinge, denn der Zufall hatte gewollt, daß Klein-Großchen und ihre Hilfstruppe nur über solche Pilze stolperten, die eßbar waren. Das hatte ihnen viel ungewohntes Lob eingetragen und ihre Laune glänzend gemacht. Lob geht leichter ein als Tadel.

Die frohe Gesellschaft marschierte quer durch den Wald, nur der Richtung nach, ganz ohne Weg. Sie sang und jubilierte so ausgiebig, daß einer, der des Weges wanderte, hätte denken können, dort käme mindestens eine ganze Schulklasse dahergezogen, die, des Schulzwangs enthoben, sich nun für Wochen schadlos halten und auf Vorrat tollen müsse. Der Wald widerhallte rings.

Dort zog die Landstraße nach Loberg mit ihrem tiefen Einschnitt durch den Wald. Nach der Seite zu, wo die lustig Lärmenden nahten, stieg der Rain hoch und steil auf; gegenüber fiel er sanfter ab. An einer Stelle, wo er sich besonders tief senkte und die Waldbäume fast auf gleicher Höhe mit der Straße wurzelten, stand unter einer breitästigen Eiche eine schlanke Mädchengestalt. Sie hatte die Arme um den Stamm des Baumes geschlungen und lehnte den Kopf dagegen, als ob sie in einer Gefühlswallung irgend etwas ans Herz schließen müßte, und wenn es ein stummer Baum war. Die Sonne warf helle Flecke durch das Geäst und fuhr auf ihrem Weg ins Waldmoos liebkosend über des Mädchens Scheitel; der flammte auf wie eitel Gold.

Es war Gladys, die schon seit einiger Zeit ihre Waldstreifereien wieder aufgenommen hatte. Freilich mußte sie sie noch etwas beschränken, da die wiederkehrende Kraft doch noch nicht allzuweit reichen wollte.

Jetzt hörte sie den Hall und Schall von jenseits der Straße, und sie wußte Bescheid. Ein liebes, frohes Lächeln stieg in ihrem Gesicht auf, wie es jedes Gesicht ziert und junge so besonders anziehend macht – ein Lächeln, das der Gladys von früher fremd gewesen war. In ihren Augen erschien erwartungsvolles Leuchten. Sie trat ganz an den Waldrand, so daß sie dicht an der Straße stand.

Drüben kam der frohe Lärm immer näher; die, von denen er ausging, mußten bereits in unmittelbarer Nähe sein.

Und da waren sie auch schon sichtbar! Am Rand des hohen Rains tauchten zwei kleine weiße Kindergestalten auf, die sich haschten. Wie Schmetterlinge gaukelten sie, so leicht und zierlich. Zwei Jungen trabten daher mit derberen Füßen; auch sie wollten haschen. Sie taten es täppisch, wie Buben. Die kleinen Mädchen quiekten und gaukelten eifriger, dicht am Rand des steilen grünen Rains.

Der zuschauenden Gladys stockte der Atem. Sie wollte rufen, aber ihr fiel alsbald ein, daß ein Erschrecken schlimmere Folgen haben könne, als das Gewährenlassen. So stand sie wie erstarrt, und nur ihre Augen lebten. Sie hörte und sah nichts anderes rings. So hatte sie auch einen hellen Huppenton und herannahendes Fauchen nicht gehört; so gewahrte sie nicht, daß ein Kraftwagen um die Straßenbiegung sauste und in schnellster Fahrt nahte. Sie sah nur die Kinder dort oben am Rain, hörte nur ihre jauchzenden Stimmlein.

Da – – eins der kleinen Mägdlein geriet ins Wanken; es kollerte den hohen Rain herunter, erst langsam, dann immer rascher.

Gladys schrie hell auf, denn im selben Augenblick entdeckte sie erst den nahenden Kraftwagen und wurde ihr die Gefahr klar, in die das Mägdlein drüben unaufhaltsam hineinrollte.

Es war schon am letzten steilen Absatz des Rains angelangt; die nächste Umdrehung mußte es der Straßenmitte zuschleudern, wo die Gefahr mit Windesschnelle dahersauste. Die Straße war nicht sehr breit und der Hang steil. Die Stürzende wimmerte; die kleinen Gefährten oben schrien jammervoll. Sie waren allein; die anderen mußten noch nicht so weit gelangt sein. Der Führer des Kraftwagens – es war der Besitzer selbst – hatte sich nach hinten gewandt, wo seine Damen saßen, und unterhielt sich mit ihnen. Die Straße war ja ganz leer, davon hatte er sich bei der Biegung überzeugt.

Bei dem Schreien und Weinen wandte er den Kopf. Er sah die Gefahr und bremste sofort, aber er war schon zu dicht heran. Das stürzende Kind mußte jeder Berechnung nach in die Bahn des Wagens geschleudert werden.

Da huschte es im letzten Augenblick über die Straße wie ein Schemen, dicht vor dem Wagen her. Junge feste Arme fingen das stürzende Kind auf, noch eben zur rechten Zeit, denn da sauste schon die Gefahr vorbei.

Am Boden lag die schlanke Mädchengestalt, die das Kind in Armen hielt. Der Anprall des stürzenden Kindes hatte sie hingestreckt. Auch waren ihr die Sinne vergangen, denn es war allzuviel des Schreckens gewesen. Sie hörte noch ein Aufschreien von vielen Stimmen; das war das letzte. Oben am Rain waren

170 nun die anderen alle erschienen, Klein-Großchen mit Frau Lu und Frau Li, samt der ganzen Enkelschar. Der Kinder Geschrei hatte sie zuletzt im Sturmschritt herbeigebracht. Sie übersahen alsbald, was sich hier zugetragen hatte. Sie kamen den steilen Rain herunter und wußten selber nicht wie.

Der Kraftwagen hatte einen Augenblick gewartet. Als aber die Hilfe so zahlreich den Rain herunter nahte, da hielten es die Fremden nicht länger für nötig, ihre Fahrt zu unterbrechen. Daß kein ernstliches Unglück geschehen war, hatten sie ja gesehen.

Klein-Großchen und die Ihren umstanden die bleiche Gladys. Frau Li hatte ihre Kinder an sich genommen; sie tröstete an Lisi herum, die keinen ernstlichen Schaden davongetragen hatte, und an Leni, die zur Gesellschaft mitheulte. Hildegard kniete am Boden und hatte Gladys' Kopf im Schoß. Die blonde Irmingard strich der Bewußtlosen sanft das Haar aus der Stirn. Gunter und Walter liefen nach Wasser; ein Bächlein murmelte in der Nähe. Konz und Dieter starrten mit den beiden Friedel um die Wette.

Dann kam das frische Quellwasser, und Gladys schluckte erst unbewußt, dann mit Wohlbehagen. Sie hob den Kopf; in ihren Augen war wieder Leben. Sie gingen in die Runde, erst noch verständnislos; wie sie aber auf Lisi in Frau Lis Armen stießen, da leuchteten sie.

»Du nicht bist tot – wie gut!«

Da schob Klein-Großchen alle die anderen beiseite, recht ungestüm und unwiderstehlich, wie es so von alters her ihre Art war, die niemand übelnahm.

»Nun geht ihr mal alle weg! Ich führe das Kind heim – hört ihr? Ihr macht, daß ihr eurerseits heimkommt und zwar durch den Wald, nicht über Dresdorf; das möchte ich mir ausbitten. Fee könnte den Tod davon haben, wenn ihr allesamt über sie herfallen wolltet mit eurer Erzählerei. Steck Lisi ins Bett, Li; die Knöchelchen sind ja heil, dank dem tapferen Mädchen hier.«

Dabei nickte Klein-Großchen Gladys zu, und es stand in ihren Augen etwas, daß die noch nie gesehen hatte und auch nie vergaß.

Klein-Großchen trat zu Klein-Lisi und hatte Tränen in den Augen, als sie das Kind küßte. Die hätte aber beileibe niemand sehen dürfen; nur Klein-Lisi gewahrte sie und reichte das Mäulchen noch einmal: »Nicht weinen, Klein-Großchen.«

»Dummbart, wo werd' ich!«

Klein-Großchen war sehr rot und fuhr zurück, als ob sie sich verbrannt habe; es lachte aber niemand, auch die Friedel nicht. Dann bogen sie alle durch den Wald ab, um Dresdorf herum, wie Klein-Großchen gebot. Jeder hatte noch Gladys die Hand geschüttelt und Frau Li hatte das Mädchen geküßt, wie eine Mutter den küßt, der ihr ein liebes Kind gerettet hat.

Klein-Großchen aber ging mit Gladys am Arm heim, und sie ging so vorsichtig und langsam, als müsse sie jeden Schritt des Mädchens hüten. Was sie zusammen sprachen, hat niemand gehört. Aber als Klein-Großchen dann Abschied nahm von Fee, sagte sie: »Hast mal wieder tiefer gesehen, als dein Rauschebeutel von Mutter, Fee! Ist ja nun mal so, und ich kann es nicht mehr ändern – müßt mich schon so verbrauchen. Aber hüte das Kind gut; es ist's wert!«

An diesem Abend schrieb Fee in ihr Merkbuch:

»Ich danke dir, mein Herr und Gott, daß ich diesen Tag erleben durfte. Klein-Muttchens Urteil über mein Kind hat eine Änderung erfahren. Ich freue mich dessen, bin glücklich darüber. Nun erst werde ich meines Kindes wirklich froh werden.

Und ich fühle mich stark genug, die mir anvertraute junge Seele den Weg zu ihrem Heile zu leiten. War nicht mein Gefühl, dem armen Wildling Liebe, nur Liebe zu geben, richtig? Hat nicht die Liebe allein ihn zu mir zurückgezogen, da er mir in die Ferne entrückt war durch ein widriges Geschick? Aber vergessen darf ich nicht: auch Klein-Muttchens Liebe! Ihre erbarmende Nächstenliebe, die der ärmsten Versprengten dort in der Ferne zurief: ›Komm heim, Kind!‹? Klein-Muttchens Erbarmen, Klein-Muttchen goldenes Herze haben mir mein verlorenes Kind wieder zugeführt. Gott segne mein Klein-Muttchen!

Aber jetzt, Felicitas Rödern, gilt es, zu beweisen, daß du dessen wert bist, wessen der Herr dich würdigte in seiner großen Güte – daß du das dir Anvertraute nicht in eigensüchtiger Weise dir zuvörderst zu Nutz und Freude heranbildest, sondern allzeit eingedenk bist, wie jeder Mensch das Recht hat, nach seiner Eigenart ins Leben gestellt zu werden, nicht allein als Glied eines engeren Kreises – als Sohn oder Tochter, Bruder oder Schwester – sondern als selbständiges Glied des Großen, Ganzen – der Menschheit. Daran denke, Felicitas Rödern!

Dein Gott gab dir in seiner Güte dies Kind, nicht damit du ein Kind habest, dein Leben und dein Herz zu füllen, sondern damit du einen festen und starken, einen guten Menschen daraus heranbildest, der seinen eigenen Weg aufrecht und in Ehren zu gehen vermag. Dazu helfe dir dein guter Gott, Felicitas Rödern!

Gnädig und voll Güte hast du mich meinen Weg geleitet, Vater im Himmel, der ein Weg war abseits von den glatten Bahnen der anderen. In mancher Stunde wollte ich schwach werden, wollte murren – heute beuge ich mich deiner lenkenden Hand in Demut. Herr, leite mich ferner!

Viel hast du mir genommen, aber du hast mir viel gegeben – – ich danke dir, Mein Herr und Gott! Erleuchte mich auch weiterhin mit deinem Lichte, wenn ich im Finstern stehe und nach dem rechten Wege suche, denn ich bin gering und schwach.«

Fünftes Kapitel: Der Dinge Gang

Drei Jahre später. Golden und friedsam, wie sie es von je getan hat und noch weiter tun wird, solang die Erde steht, schien die Sonne auf den Wirtschaftsgarten in Rödershof nieder. Es bekümmerte sie in ihrer goldenen Friedsamkeit wenig, was die Menschlein da drunten trieben, ob sie fröhlich und weise ihres Weges gingen und das taten, was die Stunde just forderte, oder ob sie sich bäumten und bockten gegen an sie gestellte Zumutungen.

So wie es die zwei da eben taten in voller Aufsässigkeit!

An den beiden Friedel waren die drei Jahre spurlos vorübergegangen, was das Wachsen im Geiste anlangt. Körperlich hatten sie sich ein wenig gestreckt – eine achtunggebietende Höhe war es freilich noch immer nicht – innerlich waren sie die geblieben, die sie gewesen waren: Strudelköpfe, an denen der Zuchtmeister Leben noch gar manches zu tun haben würde. Aber herzensgute und herzenswarme Mädchen waren sie, und ihren lustigen Schelmenaugen widerstand niemand. Trotzdem bockten sie eben wie die schlimmsten Dickköpfe.

»Pisacken lassen wir uns nicht!«

»Nee, das lassen mir uns nicht gefallen.«

»Wenn sie das denkt, schneidet sie sich!«

»Ja, gewaltig.«

»Mehr als eine Stunde diese albernen Johannisbeeren pflücken, das kann uns niemand zumuten.«

»Auch die Irmingard nicht, und wenn sie zehnmal ihr Haushaltsexamen gemacht hat und sich bläht wie ein Pfau, weil sie uns von ihrer Weisheit abgeben soll!«

»Du – sie ist aber so gut und sanft!«

»Ach was – allzugut ist dumm!« Das war Friedeli, die sich als Schwester dergleichen Liebenswürdigkeiten gestattete.

Friedelu, als Bäschen, vergaß diesmal das Echo.

»Nee, du, ich mag sie,« entgegnete sie.

»Ach was! Sie hat sich zu viel, weil Klein-Großchen uns ihr als Helferinnen untergestellt hat. Sonst war sie ganz leidlich.«

Da besann sich Friedelu auf etwas.

»Du, neulich hab' ich gehört, wie sie dem Gunter sagte, die Wirtschaft führen sei gar nichts gegen uns zu meistern.«

Friedeli erboste sich:

»Die – die Sanfte? Du, wir streiken!«

»Hurra, wir streiken!« Sie sprangen auf, wobei sie die Körbe mit den bereits gepflückten Beeren umstießen. Sie hatten am Boden hinter den Sträuchern gekauert, und die Glieder waren ihnen steif geworden. Da mußten sie sich erst einmal unterfassen und einen Wirbeltanz aufführen. Daß dabei auch von den verschütteten Beeren gar manche unter die Füße gerieten, tat weiter nichts.

Aber Friedelu sah es dann doch.

»O weh,« sagte sie, »wie wird Irmingard schelten!«

»Das kann sie ja gar nicht,« versetzte Friedeli, und es war fast etwas Geringschätziges in ihrem Ton) aber ein gutes Herz hatte sie doch. »Du, laß uns die Beeren wieder einraffen! Sie dauert mich.«

»Meinethalben!«

Emsig füllten sie die Früchte wieder in die Körbe.

»Und dann streiken wir,« wiederholte Friedeli.

»Hurra, dann streiken wir!«

Bald waren die Beeren in den Körben, eine Fülle glänzend roter Träublein. Friedeli hielt sich ein Büschel davon hinter die Ohren.

»Wie gefall' ich dir?«

»Putzaff',« kritisierte Friedelu, mehr kurz als höflich.

Aber sie hatte desgleichen ein Bündel in Händen, raffte nun einen langen zähen Grashalm auf, und es machte sich ganz von selbst, daß sie ein Kränzlein von den Beeren zu winden begann, eine Erinnerung aus Kindertagen, wo man dergleichen mit Gänseblümlein machte.

Friedeli tat wie Friedelu, wie es die beiden stets zu halten pflegten. Dann setzten sie sich gegenseitig die Kränze ins wirre Gelock. Die roten glänzenden Träublein sahen gar niedlich auf den Wuschelköpfen aus, und die braunen Schelmengesichter lachten sich vergnügt und wohlgefällig an.

»Du, gar nicht übel!«

»Nee, gar nicht übel!«

Die Jungmädcheneitelkeit, die sonst bei den beiden noch im festen Kinderschlaf lag, regte sich. Zwei Traubenbüschel hinter die Ohren dünkten ihr noch eine große Verbesserung des niedlichen Bildes und – waren es auch.

»Du, fein!«

»Aber nun fort, eh' sie kommt und uns aufhält!«

»Ja, fort – nur fort!«

Sie hielten sich an den Händen, und es ging im Tanzschritt den schnurgeraden Kiesweg entlang bis dorthin, wo ihn die Mauer vom Wiesengrund trennte. Für die zwei Herantanzenden mit den roten Beerenkränzlein bildete die Mauer weiter kein Hindernis. Es war gewohnter Weg und gewohntes Tun, eine Mauer zu überqueren. Da mußte schon anderes kommen, die beiden aufzuhalten.

Was dies hätte bewerkstelligen können, erschien zu spät, nämlich die blonde sanfte Irmingard, die vom Hause her nahte und noch eben die zwei bekränzten braunen Wuschelköpfe hinter der Mauer verschwinden sah. Sie wußte, daß Rufen vergeblich sein würde. Als der kluge Mensch, der sie war, unterließ sie es darum lieber ganz.

Sie sah die gefüllten Körbe und lächelte nachsichtig. Geduldig machte sie sich daran, die noch übrig gebliebenen Büsche ihrer roten reifen Last zu entleeren. Dabei dachte sie, wie wahr es doch sei, was sie neulich ihrem großen Gunterbruder geklagt hatte, daß sie lieber zehn Jahre lang die Wirtschaft auf Rödershof führen wolle, als nur drei Monate verantwortlich sein für die zwei Friedel.

»Arme Dinger, was können sie dafür?« hatte der große Bruder gesagt, und die zwei hatten sich verständnisinnig in die Augen gelacht.

Daran dachte die blonde Irmingard und auch daran, wie sie in diesem Probesommer auf Rödershof beweisen wollte, was sie gelernt habe. Ihr Wunsch, ihre Kenntnisse zu verwerten, war ja nicht unbegründet. Mutter Li war noch so frisch und tätig; eine Stütze brauchte die nicht. Und Vater hatte viele Kinder; es würde gut sein, wenn seine Älteste versuchte, es ihm leichter zu machen.

So sann die blonde Irmingard. Dabei schafften ihre Hände gar flink; als ob Heinzelmännchen am Werk seien, leerten sich die Büsche. Und es war noch früh am Tage, eine volle Stunde bis zum Frühstück!

Derweilen streiften die zwei Flüchtlinge Hand in Hand, erst durch den Wiesengrund, dann ins Waldesgrün hinein. Auch hier brauchten sie keinen begangenen Pfad; sie kannten allerwärts die Richtung und gingen eben der Nase nach.

So kamen sie nach fröhlichem, unbekümmertem Hin und Her schließlich an den steilen Grasrain, der nach der Loberger Landstraße abfiel. Rechts führte sie ins Städtchen, links nach Rödershof Sie lag in der Sonne und war wie ein Lichtband, das sich durchs Waldesdunkel hinwand. Ginstergestrüpp grenzte die Höhe des Rains gegen die Waldbäume und deckte den Blick auf den Rain. Auf dem stand das Gras, mit Blumen bunt durchsetzt, schon hoch in Halmen.

»Du, es muß Frühstückszeit sein; ich bin hungrig.«

»Ich auch; mein Magen knurrt nur so.«

»Wenn wir nicht zur Zeit heim sind, schilt Klein-Großchen.«

»Je ja, das könnten wir auch noch brauchen! Wir sitzen schon tief genug in der Tinte. Los, eins, zwei, drei!«

»Los!«

Sie hatten sich an den Händen gefaßt, brachen durch den Ginster und setzten mit Sprüngen wie junge Jagdhunde den Rain hinunter.

Da erhob sich mitten im tiefen Gras, aus den bunten Blumen heraus, ein Hindernis. Sie konnten das Unerwartete nur umgehen, indem sie die Hände fahren ließen, und jede versuchte es mit einem gewagten Seitensatz. Dabei gerieten sie aus dem Gleichgewicht und kamen ins Schwanken. Erst inmitten der Straße gab es ein Stillstehen. Sehr anmutig war diese Talfahrt nicht gewesen; es hatte rechte Mühe gemacht, Kopf und Beine an dem ihnen von der Natur angewiesenen Ort zu halten und nicht etwa Hals über Kopf unten anzulangen.

In derlei Lagen fühlt man stets ein ärgerlich Beschämendes, wie immer, wenn der Mensch nicht Herr seiner selbst bleibt, und der erste Ärger richtet sich dann gegen das, was uns diese beschämende Lage brachte, Mensch oder Gegenstand.

Als die beiden Friedel ihr Gleichgewicht wieder hatten inmitten der Landstraße, wendeten sie sich mit roten Köpfen um nach dem, was sie so ins Wanken gebracht hatte.

Das war in diesem Fall ein Herr, der offenbar längelangs im hohen Gras des Rains gelegen hatte und sich nun aufrichtete, um sich seinerseits zu betrachten, was da wie die wilde Jagd an ihm vorübergesaust war. Ein Tritt auf seinen Kopf von diesen Sylphidenfüßen, die so hörbar traben konnten, wäre nicht eben ein großes Vergnügen gewesen.

Die beiden Friedel hatten sich nun wieder aus alter Gewohnheit an den Händen. Vier finstere Augen blitzten drohend in die zwei beobachtenden, offenbar sehr vergnügten des dort im hohen Gras Hockenden.

»Was tun Sie da?« fragte Friedelu, und Grollen lag in der Stimme.

»Ja, was tun Sie da?« erkundigte sich auch Friedeli. »Sie hätten uns fast stürzen machen,«

»Verzeihung, meine jungen Damen, ist dieser Rain Privatbesitz?«

So erkundigte sich der Gemaßregelte bescheiden. Er sprach sehr gutes Deutsch, und die zwei Friedel merkten eigentlich erst jetzt, daß es kein Vagabund war, den sie so kräftig zur Rede stellten. Das machte sie ein bißchen unsicher.

»Durchaus nicht, aber – – – Keineswegs, aber – –« Da saßen beide fest.

Der Herr weidete sich an der drolligen Verlegenheit in den braunen Schelmengesichtern unter den roten Beerenkränzen. Er murmelte etwas vor sich hin, das wie Lu und Li klang, es aber doch wohl nicht sein konnte. Vielleicht war es irgendein chinesisches Wort; der Herr kam wahrscheinlich weit her.

Inzwischen hatte sich Friedelu gefaßt; sie war stets die Fixere von beiden. Sie warf den Kopf hintenüber und sagte strafend: »Kurz und gut, ich finde es kein bißchen – kein bißchen – –«

»Ritterlich,« half Friedeli ein.

»Ja, kein bißchen ritterlich, sich da ins tiefe Gras zu legen und zu warten, bis – bis wir – bis –«

»Junge Damen,« half Friedeli wiederum ein.

»Ja, bis junge Damen über Sie stolpern. Guten Morgen!« Hoheitsvoll wandte sie sich.

»Guten Morgen,« sagte auch Friedeli und drehte sich noch hoheitsvoller um.

Wie die Königinnen schritten sie die Landstraße hin, bis sie eine Biegung machte; dort kommandierte Friedelu: »Jetzt aber los, was die Beine hergeben! Dem Menschen haben wir's ordentlich gesagt!«

»Ja, dem haben wir's gesagt!«

Sie flogen dahin, daß man die Sohlen ihrer Stiefel sah.

Der »Mensch« hatte ihnen nachgesehen, bis sie um die Biegung waren. Es feuerwerkerte nur so über sein Gesicht: Überraschung, Wohlgefallen, vergnügliches Schmunzeln, unterdrücktes Lachen, Erinnerung und – ja, unverkennbar, etwas Weiches, Gerührtes wechselten in seinen Mienen, wie die ziehenden Wolken über die Erde Licht und Schatten malen. Wieder kam ihm jenes Wort vom Munde, das wie Lu und Li klang, es aber natürlich nicht sein konnte. Dann erhob er sich.

»Was tun Sie da?« fragte Friedelu.

Es war ein stattlicher, schöner Mann, nicht mehr in seiner allerersten Jugend, dafür gereift und ernst. Sein Gesicht war gebräunt, als ob es der Luft und dem Wetter viel ausgesetzt gewesen wäre. Sein Schritt war fest und federnd, wie er jetzt auf der Straße in derselben Richtung ging, in der seine zwei Widersacherinnen verschwunden waren. Und nun lag unverkennbar eine atemlose freudige Erwartung in seinem Gesichte.

Auf der Parkterrasse in Rödershof, dort, wo die Bäume ihren Schatten hinwarfen, saß die Familie beim Frühstück. Es war eine stattliche Runde. Hildegard und Gunter waren auch anwesend, erste, um sich von einem anstrengenden Winter zu erholen, der ihr den wohlklingenden Titel »Fräulein Doktor« eingetragen hatte, Gunter, um sich seinerseits der Doktorarbeit in genügender Sammlung hingeben zu können. Er beneidete die Base um den Schritt, den sie ihm voraus war, und wollte sie möglichst bald einholen.

Klein-Großchen betrachtete die beiden mit stolzem, aber etwas unbehaglichem Gefühl; sie blieb dabei, daß Studieren »eine alberne Sache« sei, »für Buben bedingungsweise, für Mädel aber allemal!«

»… denn siehst du, Klaus, was tut die Hildegard nun mit all dem gelehrten Kram, wenn sie einmal ihren eigenen Haushalt führen soll? Das überflüssige Zeug im Kopf wird ihr noch mehr zu schaffen machen als mir die Tollheiten, die in meinem steckten – was, Klaus?«

»Sie spart die Doktorrechnung, Friedelchen!«

»Ach was! Mit Lebertran, Eibisch- und Kamillentee kommt man wunderbar weit, auch wenn man nicht studiert hat – basta!«

»Du mußt es ja wissen, Friedelchen!« Mit solchem schmunzelnden Zugeständnis endete meist jede derartige Auseinandersetzung. Aber im innersten Herzen war Klein-Großchen doch unbändig stolz auf ihre beiden »Gelehrten«, und sie räumte ihnen mit liebendem Bedacht alles aus dem Wege, was sie irgend hätte stören können.

Eben trat die blonde Irmingard auf die Terrasse; sie hielt einen wundervoll gelungenen Napfkuchen hoch in den Händen. Ein Hallo begrüßte sie. Wie die Kinder haschten Hildegard und Gunter nach den gebotenen Stücken, wer das größte ergattere; Großvater und Großmutter blieben nicht dahinten.

»Base Hildegard« – Gunter lachte – »ein Tor, wer sich um die Knochen des Fischskelettes oder die Mikroben im Hühnermagen schert, wenn man auf solch billige Weise schon den Beifall der Menge erringt! Fein, Irmingard!« Er kaute mit vollen Backen.

»Diese Weisheit hätte früher kommen müssen,« tadelte Klein-Großchen.

Aber Irmingard, die Sanfte, wehrte sich bescheiden: »Du, ein Kuchen hat doch auch seine Gesetze!«

»Hat er?« Gunters Neckaugen sprühten sogleich.

Der Kuchen schien eine Gedankenverbindung in Großchen zu wecken.

»Herrje, wo sind die Friedel? Wer weiß von den beiden?«

»Sie haben fleißig Beeren gepflückt,« sagte die Sanfte, »und sind dann – hm – ein bißchen spazieren gegangen.«

»Ja, über die Parkmauer,« ergänzte Gunter. »Ich hatte das Vergnügen, den anmutigen Vorgang bewundern zu können.

»Arme Dinger,« seufzte Klein-Großchen, und allerhand Bilder stiegen vor ihrem Geistesauge auf. »Aber wo – –?«

Als Antwort tauchten die zwei Vermißten in Person weit unten im Baumgang auf. Mit Sprüngen wie Jagdhunde setzten sie daher und hatten die Nase wie diese witternd gehoben. Der Kuchenduft lockte sie wohl.

»Hallo, was für uns übrig lassen,« zeterten sie schon von fern.

»Eine feine Witterung« – der Großvater lachte – »alle Wetter, die haben sich ja niedlich aufgetakelt! Das lob' ich mir! Ich wußte gar nicht, daß Johannisbeeren auch so zu verwenden sind. Friedelchen, die beiden scheinen dir noch über!«

»Klaus!!!« Würdevoll schaute Klein-Großchen ihn an. »Was soll das heißen? Wer erlaubte euch, so mit meinen Beeren umzugehen?«

»Es wachsen doch so viele, Klein-Großchen.«

»Und – und wir haben eine Stunde lang mit Pflücken geschanzt.«

»Wie die Sklaven, Klein-Großchen!«

»Schon vor sechs Uhr!«

»Ja, und waren noch so müde«

De- und wehmütig bettelten sie, den Schalk in den Augen. Sie sahen wirklich niedlich aus mit den wippenden roten Beeren im Wuschelgelock, und sie schauten in Klein-Großchens Augen, daß sie gewonnenes Spiel hatten, noch ehe der Mund das erlösende Wort sprach.

»Hurra, und jetzt der Kuchen!«

Aber es stand im Schicksalsbuch geschrieben, daß sie sich dessen so bald noch nicht erfreuen sollten. Die Schicksalshand zog ihnen mit festem Griff das Stück vom Munde, das sie sozusagen schon in den Zähnen hielten.

Durch den Baumgang her, in den die Sonne goldene Lichtstreifen malte, kam ein Mann geschritten, eilig, als ob er den Spuren der Wildlinge folge. Die entdeckten ihn denn auch zuerst, wie sie sich eben weniger zierlich als nachdrücklich auf ihre Stühle setzen wollten.

»Herrje, Friedelu, der Mensch aus dem Gras!«

»Je, Friedeli, da kommt er wahrhaftig!«

Sie standen dicht zusammen, hatten sich unwillkürlich an den Händen gefaßt und starrten mit sehr Ungewissen Augen dem Ankömmling entgegen.

»Was kann er wollen, Friedelu?«

»Ja, was kann er wollen, Friedeli?«

Klein-Großchens Blick glitt ahnungsvoll über die beiden hin. »Natürlich irgend eine Dummheit! Ich ahnte es! Nun, wir werden ja gleich hören, was der dort – – – Aber, wer – – –? Ist denn das nicht – – –?«

Damit flog Klein-Großchen den Baumgang hin wie in ihren jüngsten Friedeltagen, flog dahin, daß ihr die Röcke wehten und die würdevolle Anmut dahinten blieb. Und sie flog geradeswegs dem fremden Mann an die Brust.

Die am Tisch zurückgeblieben waren, starrten ihr wortlos nach, die Enkel alle, voran die Friedel. Vater Klaus erhob sich erst halb. Dann war er auf den Gichtfüßen mit nie gesehener Schnelligkeit, und ebenso rasch trugen ihn diese nun gleichfalls dahin, wo ihm Klein-Großchen vorangeeilt war, an die Brust des fremden Mannes.

Dort, just in dem allerhellsten Sonnenlichtfleck, standen nun die drei fest umschlungen, standen so regungslos, als ob irgendein unsichtbarer Knipser gebeten hätte: »Nun bitte aber: recht ruhig, die Herrschaften!«

Ob dies den beiden quecksilbernen Friedel zu lange dauerte, ob sie die Fixesten im Rätselraten waren, jedenfalls stürmten sie als die ersten auf die zärtliche Gruppe los.

Aber da waren auch schon die drei Großen hinterher, und Gunter sagte: »Onkel Lutz! Das muß Onkel Lutz sein!«

Das fuhr den zwei Friedel in die Knochen. Sie standen, als ob ein Blitz vor ihnen niedergefahren sei, huschelten sich aneinander und tuschelten: »Herrje, du, das ist 'ne schöne Bescherung!«

»War ich sehr grob, Friedeli?«

»Na, es ging noch so an!«

Sie hingen bedenklich die Ohren und sahen sich in die Augen scheu und doch zugleich mit verstecktem Lachen.

»Ach was« – Friedelu warf zuerst den Kopf zurück – »laß uns ihn ganz toll begrüßen! Das überwältigt ihn vielleicht so, daß er nicht petzt.«

»Ja, und den Kopf wird's überhaupt nicht kosten!« Da hatte auch Friedeli das Gleichgewicht wieder.

Nun sausten sie hin und dem heimgekehrten Onkel geradeswegs an die Brust.

»Onkel! Onkel Lutz! Fein, daß du da bist! Riesig fein!«

Der hielt noch immer sein Klein-Muttchen im einen Arm und lieh sich den anderen von dem schütteln, der ihn eben gefaßt hielt. Er hatte die Augen in Klein-Muttchens Augen und einstweilen keinen Blick für irgendwen sonst. Erst wie die Friedel daherbreschten und ihn anrempelten, da erwachte er wohl, ließ aber Klein-Muttchen nicht los.

So kam es, daß Irmingard, die Sanfte, ein paar Augenblicke danach entfetzt ausrief: »Um Himmels willen, wie seht ihr aus! Friedel – die Beeren – –« Es verschlug ihr die Worte.

Und so kam es, daß, als sich die Gruppe löste, Onkel Lutzens blütenweißer Westenausschnitt, Klein-Großchens frisches Leinenkleid und der Friedel weiße Blusen rotgesprenkelt aussahen. Den zwei Friedel rannen dazu Saftbächlein über die braunen Gesichter, und wo sie mit den Händen wischten, wurde es nur noch schlimmer. Auch des heimgekehrten Onkels Antlitz zeigte verdächtige Spuren dort, wo die Saftküsse der Nichten hingezielt hatten.

Klein-Großchen, die natürlich auch nicht leer ausgegangen war, zankte: »Es ist doch nicht auszuhalten mit dem Gesindel! Marsch fort!«

»So streng, Klein-Muttchen?« Der Heimgekehrte lachte. »Es mahnt mich an den Tag, an dem du deine ausgekniffenen Söhne wieder zu dem Professor zurückbrachtest. Weiht du noch, Klein-Muttchen? Aber laß die beiden! Johannisbeersoße war mir immer besonders lieb, und für den Schaden ist Wasser und Seife da. Übrigens kennen wir uns bereits, meine Damen.« Das galt den beiden Friedel.

Da war die Bescherung. Klein-Großchens Augen waren nur empörte, lauernde Frage. Das konnte schön werden! Die Friedel zogen die Köpfe ein, nicht ohne gar beweglich dem neu geschenkten Onkel in die lachenden Augen zu blicken. Der verstand sie und räusperte sich.

»Wieso?« wurde nun Klein-Großchens ahnungsvolle Frage laut.

Aber der neue Onkel wußte Bescheid; er gedachte entschwundener Tage, da er einst selbst in ähnlichem Gedränge war.

»Hm – – – ich meinte nur so – an – der Ähnlichkeit natürlich! Klein-Muttchen, die zwei sind dir ja wie aus dem Gesicht geschnitten, dir und Lu und Li.«

»Ach ja, die armen Dinger, Lutz, was können sie dafür!« Klein-Großchen war ganz Mitleid, und die Gefahr war abgewendet.

Die glühenden Dankesblicke, die unter den roten Beerenkränzchen her dem Onkel zuflogen! Er nickte verständnisinnig zurück.

Wie dann die Begrüßung auch mit Hildegard, Gunter und Irmingard vorüber war, nahmen Vater Klaus und Muttchen Friedel ihren Ältesten zwischen sich und führten ihn im Triumph dem Vaterhaus, der Terrasse und dem Frühstückstisch zu. Da saß er und dehnte sich wohlig.

»Daheim ist doch das beste, Klein-Muttchen!«

»Dummer Lutz! Das hättest du früher wissen können! Weshalb bist dann erst auf allen Erdkugeln herumgefahren, statt schön daheim zu bleiben?«

»Ich brauchte eben just das halbe Dutzend, um diese Weisheit zu lernen, Klein-Muttchen; ich war immer ein bissel schwer von Begriff!«

Ein vergnügliches, aber unterdrücktes Kichern ging in die Runde.

»Dummer Lutz! Aber red jetzt nicht lang; hier greif zu! Du mußt ja grausam hungrig sein. – Kommst du geradeswegs vom Westen?«

»Vom Osten, Klein-Muttchen, vom Osten! Asien – –«

»Weiß ich, basta! Weiter!«

Dasselbe vergnügliche Schmunzeln auf allen Gesichtern, aber kein Ton wurde laut, und Lutz gab ernsthaft Bescheid: »Heute komme ich zunächst von Loberg –«

»Und du schämst dich nicht, Junge? Weshalb –?«

»Könnt' euch doch in der Nacht nicht stören, Klein-Muttchen – wollt' auch bei Sonnenschein daheim Einzug halten. Dann war ich aber noch vor der Sonne auf; sie war gerade heute recht langsam, und da hab' ich mich davongemacht. Die Loberger Landstraße habe ich gründlich begangen; ich habe Wiedersehen mit jedem Baum gefeiert, besonders mit denen, die jeweils ein Paar von meinen Bubenhosen auf dem Gewissen hatten. Weißt du noch, Klein-Muttchen? Dann habe ich mich ein bissel in die Sonne ins Gras gelegt; da schlief sich's besser als im Gastbett zu Loberg, und – – ja dann – –«

Ein bedeutungsvolles Räuspern füllte die Pause. Der Erzählende sah auf und in vier flehende braune Schelmenaugen; zwei Hände hatten sich bittend gegen den Mund gehoben. Er lachte vergnügt, nickte vergnügt und fuhr fort: »… ja dann hat mich irgend etwas geweckt. Ich sah, daß die Sonne mir derweil zuvorgekommen war und schon die halbe Welt vergoldete. Da dachte ich, nun sei es allerhöchste Zeit, mich nach meinem Klein-Muttchen umzusehen und – da bin ich!«

»Da bist du, Junge,« sagte Vater Klaus, und sagte es aus Herzensgrund; er hielt seinem Ältesten die Hand hin, und der faßte sie fest.

»Da bist du, Junge,« sagte auch Klein-Großchen, und sie fügte streng hinzu: »Und ausgekniffen wird sobald nicht wieder, basta!«

Lutz lachte in sich hinein. Er aß ein Weilchen stumm, was ihm die blonde Irmingard, das Hausmütterchen, eifrig zuschob, und dankte ihr mit manchem wohlgefälligen Blick. Dann wandte er sich Klein-Muttchen zu, und sein Blick neckte: »Wenn sie mich aber nun von Staats wegen am Ohrläppchen genommen haben wie einst Klein-Muttchen? Was dann?«

»Das heißt, Lutz?« fragte Vater Klaus.

»Sie haben mir eine Professur in Berlin angetragen, und ich habe nicht nein sagen können, Vater.«

»Das kommt von dem albernen Studieren; ich sag's ja immer,« zankte Frau Friedel. »Und wir? Und Rödershof? Du bist doch unser Ältester?« Sie hatte Tränen in den Augen.

Lutz sah betreten aus; sein Blick suchte den Vater, wie ihn der kleine Junge einst in allerlei Nöten zu suchen gewohnt war. Irgendwie bleiben wir immer Kinder, auch mit greisen Haaren.

Vater Klaus schob Frau Friedel die Hand hin.

»Laß gut sein, Friedelchen! So lange wir zwei uns haben, brauchen wir niemand sonst, und Rödershof findet seinen Herrn. Fitz bleibt nicht immer Soldat; er liebt das Land.«

»Basta,« sagte Frau Friedel, Zürnen, Necken und Gerührtes zugleich im Ton. »Laß die Fisimatenten, Klaus!«

»Aber ein Vierteljahr lang werdet ihr mich doch daheim dulden müssen; so lange glauben sie es in Berlin noch ohne mich aushalten zu können. Darf ich bleiben, Klein-Muttchen?«

»Dummer Lutz!« Er hatte seinen Nasenstüber weg, ehe er wußte wie. »Wie kann man nur so albern fragen?«

Er lachte und rieb sich die Nase.

»Au weh, Klein-Muttchen, der erinnerte an einst.«

»Ja, ja, wir sind dieselbe geblieben, stachelig von außen und innen von Wachs. Was, Friedelchen?« neckte Vater Klaus.

Das Geschick traf da auch ihn oder vielmehr seine Nase, und er rieb sie sich lachend gleich dem Sohn.

Als das Frühstück zu Ende war, rückten sie näher zusammen. Es gab ein lustiges Geplänkel zwischen dem heimgekehrten Onkel und der neu herangewachsenen Generation, die er nur kannte, wie sie als Mägdlein im Flügelkleide oder als Hosenmätze Rödershof unsicher gemacht hatten, zum Schreck der jungen Onkel, denen die Ferien daheim nicht eben verschönert wurden durch diese Nichten- und Neffenüberschwemmung. Jetzt wußte er die jungen Verwandten besser zu bewerten und freute sich des frohen Lebens, das in der Heimat aufgeblüht war, derweilen er in der Fremde weilte.

Er ließ sich von allem berichten, was in den Zwillingshäusern Western noch an Kleinzeug kribbelte und krabbelte. Er fragte nach Frau Lu und Frau Li und nach den landesgerichtsrätlichen Schwägern. Von den Soldaten in der Familie mußten sie ihm sagen, von Bruder Fritz und dem Neffen Walter.

»In den Sommerferien kommen sie alle,« sagte Klein-Muttchen, »da feiern die Rangen – ich meine Lu und Li – ihre silberne Hochzeit. Wo sind die Jahre hingekommen, Klaus!«

»Ja, wo sind sie hingekommen!«

»Es waren gute Jahre!«

»Das waren sie, Friedelchen!«

Sie gaben sich die Hände, der Großvater und die Großmutter, und die Enkel hatten leuchtende Augen.

»Ich möchte Fee überraschen,« sagte nun Lutz und stand auf.

»Tu das, mein Junge! Grüß auch schön und sage, zum Nachmittag erwarte ich sie alle. Wir müssen doch deine Heimkehr feiern.«

»Ein Kalb schlachten, Klein-Muttchen?«

»Dummer Junge!« Diesmal bekam er einen Kuß, obwohl es die anderen alle sahen. – – –

Da, wo sich der Bach durch den Wiesengrund schlängelte, nahe bei der Dresdorfer Parkmauer, stand eine schöne alte Weide. Sie überschattete eine kleine Holzbrücke, die hier das Wasser überquerte.

Dies war der Lieblingsplatz von Gladys. Wenn sie irgend konnte, hielt sie sich hier auf. Nirgends sangen die Vögel so lieblich, wie in dem Geäst der alten Weide und nirgends sonst blühten die Blümlein so reich und farbenbunt wie in der Wiese längs des Baches. Auch die kleine Käferwelt summte und schwirrte hier in der Sonne lustiger als wo anders, und unter dem Brücklein schnellten sich muntere Fischlein der Sonne zu, daß sie blinkten wie eitel Silber.

Da konnte Gladys sitzen und nicht müde werden, sich an Gottes Wunderwelt zu erfreuen. Alles, was in ihr finster gewesen war, trotzig und verstockt, das hatte sich gelöst in dieser Sonne, in dieser Wärme. Früher hatte der Waldesschatten nicht dicht genug sein können, durch den sie ihren Weg nahm. Tante Fees Liebe, die nimmermüde, hatte sie herausgelockt ins Licht, so daß sie sich dessen freuen konnte und ihr dies Sonnen- und Lichtplätzchen hier am plätschernden Bach unter der alten Weide auf der Sonnenwiese so lieb wurde.

Als sie damals vor drei Jahren in jener Maiennacht wieder in den Hafen kehrte, an Tante Fees Herz zurück, als bedauernswertes Schifflein, dessen Segel der Sturm zerfetzt, dessen Steuer er zerbrochen hatte, als sie dann nach langer Krankheit dem Leben wiedergeschenkt war, sich erholte und zu Kräften kam, da hatte ihr Tante Fee, die Selbstlose, angeboten, ihr ein Dasein als Künstlerin möglich zu machen, wenn ihr Herz daran hinge.

Dem Gedanken hatte Gladys zuerst zugejauchzt. Alles Künstlerblut in ihr regte sich und wallte auf. Singen dürfen – singen! Menschen froh machen, ihnen mitteilen von dem Überfluß, den man in sich fühlt! Und ja – auch Beifall ernten! Vor anderen berufen sein, nicht immer nur eine von vielen! Berauschendes lag in solchen Gedanken.

Aber schließlich merkte Gladys doch, wie selbstlos Tante Fee bei diesem Anerbieten war. Es bedeutete ja Trennung von ihr! Der gute alte Lehrer in Loberg, der zugleich ein sehr guter Musiker war, konnte seiner Schülerin nur bis zu einem gewissen Punkte helfen; dann hatte er ihr nichts mehr zu geben.

Tante Fee war sehr tapfer. Sie brachte ihr Kind in die große Stadt zu einem der ersten Musiker. Gladys war nun allein mit ihrer Kunst. Die gab ihr viel, aber sie ließ sie auch im Herzen darben. Wie sie gar einmal zur Ferienzeit heimkam, Tante Fee sehr elend fand und zugleich gewahrte, daß auch die im Herzen darbte und dies Entbehren an ihr, der Zarten, Schwachen, mächtig zehrte, da war Gladys entschlossen, die zu sein, die das schwere Opfer brachte, wenn schon eines gebracht werden mußte.

Als der erste Musiker in jener Stadt fand, daß Gladys nun zu einem noch größeren Meister müsse, das Letzte zu erwerben, das ihr noch mangelte, da legte sie still ihre Kunst beiseite und ging heim, nur noch Tante Fees Kind zu sein. Die wollte nicht dulden. Aber Gladys blieb fest, und was erst ein Opfer schien, war bei Lichte gesehen gar keines, denn nie war Gladys glücklicher, in sich selbst froher und zufriedener gewesen als jetzt, da sie sah, was ihre Gegenwart für Tante Fee bedeutete.

Angstvoll forschte diese zuweilen: »Und deine Kunst, Gladys?«

»Als ob mir die nicht bliebe! Ich trage sie doch in mir.«

»Und der Beifall, der Menge?«

»Wer sagt, daß es Beifall gewesen wäre? Quäle dich nicht, Tantchen; ich bin glücklich.«

Sie war es wirklich. Längst zählte sie sich selbst und zählten alle anderen sie als ein liebes Glied der Familie, als Tante Fees Kind. Der Vater blieb jenseits des Meeres verschollen; das Gedenken jener schrecklichen Zeit bei ihm verblaßte mehr und mehr. Gladys war von Grund aus eine andere geworden. Auch ihre Sprache erinnerte nur selten noch an die Fremde von einst.

So saß sie auch heute auf dem Geländer der Holzbrücke oberhalb des stinken Wassers, dicht geborgen im grünen Weidengehänge, das sich bis zum Bach niederspann. Sie hatte den Rücken bequem an den Stamm gelehnt, hielt die Hände hinter dem Kopf verschränkt und blinzelte ins Himmelsblau. Ein Buch war ihrer achtlosen Hand entglitten und lag unweit des Brückleins im Grase; ein neckischer Wind blätterte darin und wehte die Seiten bald nach rechts, bald nach links. Ein Buchfink sah auf dem anderen Brückengeländer und äugte sehr mißbilligend nach diesem übermütigen Tun; er schmetterte sein Lied, das ein Weck- und Warnungsruf sein sollte, und äugte nach dem Menschenkind gegenüber im Weidengehänge.

Das aber regte sich nicht; es hatte das Auge am Himmel, und jetzt öffnete es den Mund. Der Fink wußte, was folgen würde; er setzte sich zurecht, plusterte sich auf, legte den Kopf auf die Seite und lauschte.

Ja, solche Töne, wie sie dort aus Menschenmund quollen, so weich, so süß und schmelzend, so rein und klar, die konnte seine kleinwinzige Vogelkehle nicht vorbringen. Die dort im grünen Gehänge geborgen saß, war Meisterin. Der Vogel lauschte, bis das Lied verklungen war; dann trällerte er seinen gewohnten Schnörkel gar bescheiden und kleinlaut. Es sollte Beifall bedeuten, aber das Menschenkind dort unter dem Baum verstand das nicht.

Da warf sich der Fink in die Brust; er fand sein Selbstbewußtsein wieder. Jeder gibt es eben so gut, als er kann. Lustig schmetterte er seinen Triller und heidi, hoch schwang er sich zum Himmelsblau. Das konnte ihm die da drunten nicht nachmachen!

Sie sah dem kleinen Gesellen nach, und ihre Töne schwangen sich hinterher, heller noch, klingender als zuvor.

Währenddessen war ein Wanderer durch den Wiesengrund gekommen auf dem Pfade, der zur Brücke führte. Er hatte den Kopf gehoben, als das erste Lied erklang, und war unwillkürlich langsamer gegangen, um besser lauschen zu können. »Aha, Schwester Fees Findling,« sagte er vor sich hin.

Sein Blick forschte nach der Brücke hin, aber er konnte nichts entdecken. Dann war das Lied zu Ende, und nur der Vogellaut füllte den Raum. Der kleine Sänger stieg himmelwärts; des Wanderers scharfes Auge folgte ihm.

Da war er am Brücklein. Sein Schritt war unhörbar, denn er ging auf der Grasnarbe am Wegrand. Nun stand er dicht am alten Weidenstamm, wo dieser der Wiese zugekehrt war. Erinnerungen wurden wach. Die alte Weide war ja der erste Baum gewesen, den sein Jungenstolz im Erklettern bezwungen hatte. Es waren später schwierigere gefolgt, aber der Stolz war nicht derselbe geblieben. Wie oft hatte er hier im Geäst gesessen, Vogelmütterchen im Neste zu belauschen oder die Fischlein unten schnellen zu sehen! Manch liebesmal hatte er auch gewegelagert hier und, wer nahte, mit Indianergeheul überfallen. Einmal hatte ihm dies eine recht entschlossene Backpfeife Klein-Muttchens eingetragen; er fühlte im Gedenken noch die Wange brennen. Leise lachte er vor sich hin und sah zugleich forschend nach der Stelle, wo es, vom Baumstamm nicht ganz verdeckt, wie rotgoldenes Gespinst aufleuchtete. Dort griff just die Sonne ins Gründunkel des Laubes und übergoldete alles, was sie traf.

Gladys und der Buchfink auf dem Brückchen.

Jetzt eben setzte wiederum ein Lied ein, mit demselben wundervoll weichen, vollen Klang von zuvor. Er stand und lauschte. Und da er Klein-Muttchens Sohn war, deren Geige ihm in der Wiege schon Musik ins Herz gesungen hatte, so verstand er, wie über die Maßen köstlich die jugendliche Menschenstimme war, die da so meisterlich sang.

Als das Lied zu Ende war, atmete er tief auf. Die Töne hatten ihn zuinnerst gepackt.

»Eine Gottesgabe ist eine solche Stimme,« sagte er dann, und bückte sich zugleich nach dem entfallenen Buche, das der neckische Wind just im Begriff war, ins Wasser zu treiben.

»Ich denke dasselbe,« antwortete die Mädchenstimme aus dem Blättergewirr, »und ich bin sehr glücklich, sie zu haben. Ich bitte, das Buch gehört nämlich auch mir.« Er hatte es in Gedanken in die Tasche schieben wollen.

Bei der unverkennbar fremdartigen Aussprache der Sängerin nickte er vor, sich hin; seine Vermutung von vorher war also richtig gewesen. Als ob er sich daran verbrenne, so eilig reichte er das Buch zurück.

»Verzeihen Sie – hier ist Ihr Eigentum!«

Eine schmale, nicht kleine Mädchenhand streckte sich aus den Weidenzweigen und griff danach. »Ich danke sehr.« Buch und Hand verschwanden hinter der grünen Wand, und nichts weiter erfolgte.

Er stand und wartete, ein Lachen im Gesicht.

»Dürfte ich nun nicht sehen, wie die Besitzerin der Gottesgabe und des Buches ausschaut?«

»Ich sehe die Notwendigkeit nicht ein,« sagte die Stimme, der man das neckende Lachen anhörte, das im unsichtbar bleibenden Gesicht zu sehen sein mußte.

Er wartete geduldig, aber der Weidenvorhang hob sich nicht. Da gewann die Necklust in ihm die Oberhand; er war ja Klein» Muttchens Sohn.

»Ich kann warten,« sagte er und schwang ein Bein über das gegenüberliegende Brückengeländer, so daß er dort rittlings saß. »Wundervoller Sonnenschein heute, nicht?«

Keine Antwort folgte aus dem Baum, auch kein leises Kichern. Der Fink war wieder herzugeflogen, saß auf demselben Geländer wie der Fremde und beäugte den mißbilligend. Was hatte der hier zu tun, wo dies doch sozusagen der Konzertsaal war, den er, der Fink, und das singende Menschenkind dort gepachtet hatten! Dieses ärgerte sich sichtlich auch über den Eindringling; weshalb wäre es denn so stumm gewesen, während es doch sonst nicht müde wurde zu singen, mehr als dem Vogel lieb war, denn der hörte sich doch auch gerne selber! Er schmetterte darum sehr bedeutsam und mißbilligend seinen Schnörkel dem Fremden in das Gesicht, einmal, zweimal.

Der nickte ihm lächelnd zu.

»Brav gemacht, kleiner Geselle! Aber da drüben« – er winkte nach dem Baume – »ist man dir doch über!«

Der Fink nahm es als unbedingte Zustimmung und trillerte weiter, eine Kette von Schnörkeln, einer immer kunstvoller als der andere. Aber dann sah er ein Mücklein tanzen, das erreichbar schien, und fort war er.

Der fremde Mann saß noch immer und wartete. Hinter dem Weidengehänge regte sich nichts. Er konnte die Mädchenaugen nicht sehen, die ihn gespannt, halb in Ärger, halb lachend beobachteten.

Auch die Sonne da oben lachte auf die beiden nieder und wartete, wie sich die Dinge entwickeln würden.

Wie immer – so behaupten die Herren der Schöpfung wenigstens – war der Mann schließlich der Klügere; das heißt, er gab nach.

»Ich hätte gerne gesehen, wie Schwester Fees Findling aussieht,« sagte er dann, ohne die Stimme zu heben, vor sich hin.

Das hatte Zauberwirkung. Der dichte grüne Weidenvorhang drüben schob sich blitzschnell auseinander, und vor dem Manne stand eine schlanke, hohe Mädchengestalt.

»Ah,« tönte es unwillkürlich von den Lippen des Mannes auf dem Brückengeländer; er sprang auf die Füße und neigte sich über die Mädchenhand, die sich ihm entgegenstreckte.

»Ich weiß, wer Sie sind. Oh, Tante Fee wird sich unendlich freuen.«

»Auch ich weiß, wer Sie sind, und freue mich nicht weniger.«

Ein leichtes Rot lief ihr über das Gesicht.

»Ich bin so froh – oh, so froh,« sagte sie ernst. »Kommen Sie schnell! Wir dürfen keine Minute säumen, ihr die Freude zu bringen; sie hat so wenige im Leben.«

Wen sie meinte, war unverkennbar.

»Ihre größte habe ich wohl eben kennen gelernt, und ich begreife sie,« sagte er sinnend.

Gladys hatte ihn nicht verstanden oder nicht auf das gehört, was er sagte; sie lachte ihn an.

»Muß ich Onkel sagen, da doch Tante Fee Ihre Schwester ist?«

Er lachte zurück. »Ich bitte, nein! Ich bin so überreich mit Neffen und Nichten gesegnet, daß es eine Unbescheidenheit wäre, noch mehr besitzen zu wollen.«

»Dann also nicht,« sagte sie sachlich und ernsthaft.

Er sah sie von der Seite an. »Legen Sie Wert darauf?«

Sie hatte den Schelm in den Augen. »Höchstens weil Onkel einfacher für mich wäre als Herr von Uödern. Sie hören, ich kann den Namen noch immer nicht recht aussprechen!«

»Mir ist diese Aussprache vertraut. Übrigens, es lernt sich alles mit der Zeit, auch das deutsche R.«

»Ich fürchte, meine Zunge ist sehr störrisch.«

»Besser als ein störrischer Sinn! Und den haben Sie doch nicht?«

Sie war sehr ernst geworden. »Tante Fee hat viel leiden müssen; ich war böse, sehr böse.«

Das Gedenken der vergangenen Zeit ließ sie unwillkürlich in trübes Sinnen zurückfallen. Die gefalteten Hände und der Kopf sanken; sie stand vor ihm wie ein reuiges Kind.

Ihm war ungemütlich heiß. Er wußte nicht, was er sagen sollte.

»Aber Tante Fee ist ein Engel; sie hat aus mir einen Menschen gemacht, der anderen ins Gesicht sehen kann, ohne sich zu schämen. Ich danke ihr mehr als das Leben; darum liebe ich sie auch mehr als mein Leben.«

Wie ernst die Stimme klang und die Augen blickten! Fast beklommen sah er hinein.

»Ja, Schwester Fee ist ein ungewöhnlicher Mensch; sie hat ihr Schicksal bezwungen durch Dulden und Beugen.«

»Sie gibt Liebe, nur Liebe, und erntet daher nur Liebe.«

Sie waren an der Parkmauer von Dresdorf und schritten dieser entlang bis zum Wiesenpförtchen. Dort stand hinter der Mauer der alte Nußbaum, um den die runde Bank lief, von der man den Wiesengrund bis nach Rödershof überschaute. Da klang eine weiche Frauenstimme von oben: »Mit wem redet mein Kind?«, und ein liebes Gesicht zeigte sich über dem Mauerrand.

»Rate, wen ich bringe, Tante Fee!« Gladys jauchzte es; nun war sie wieder in der Gegenwart.

Ungewiß schaute das liebe Gesicht auf den gebräunten Mann an des Kindes Seite; dann ging ein Freudenrot darüber hin.

»Bruder Lutz! Willkommen daheim! Wie wird Klein-Muttchen sich gefreut haben! Tante Lisa, sieh doch, unser Lutz ist da! Und was für ein stattlicher Mann er geworden ist! Schnell, hilf mir, daß ich ihm entgegeneile.«

Aber da waren sie schon, Fees Kind und Bruder Lutz. Sie flogen um die Wette, und mit leuchtenden Augen sah Gladys, wie Bruder und Schwester sich umarmten. Dann bekam Tante Lisa ihr Teil an der Begrüßung, und dann mußten die zwei berichten, wo und wie sie sich gefunden hatten.

Lutz schilderte anschaulich sein vergebliches Harren vor dem Weidenvorhang. »… bis ich dann reichlich belohnt wurde, Schwester Fee,« schloß er mit vergnüglichem Schmunzeln.

»Hast du sie singen hören?« fragte Fee.

»Das habe ich!«

»Und – –?«

»– war zum voraus entschädigt für alles, was nachkam.«

»Oh,« rief Gladys lachend, »war das so schlimm? Wie höflich, mein Herr!«

»Sei mal ganz still, Kind,« wehrte Tante Fee, »ich möchte hören, was er denkt. Ist es nicht eine Sünde, Lutz, solche Begabung zu vergraben?«

»Vergraben? Weil es nur wenige freut statt der Menge?«

»Tue ich nicht unrecht, es für mich zu behalten?«

»Möchte nie ein größeres Unrecht in der Welt begangen werden!«

»Ich danke – oh, wie sehr danke ich Ihnen!« Gladys hatte seine beiden Hände gefaßt, und er sah in zwei leuchtende Augen. »Sie sind ihr Bruder!« Lutz verabschiedete sich bald und nahm das Versprechen mit, daß die Dresdorfer Damen sich am Nachmittag zur Willkommenfeier einfinden würden.

»Ich halte dich nicht, Lutz,« sagte Fee, »denn ich weiß, daß Klein-Muttchen die Sekunden zählt, bis sie ihren Ältesten wieder bei sich hat. Grüße mir alle!«

Er ging, und lange schauten ihm die drei nach, wie er durch den blumenbunten Wiesengrund hinschritt im Sonnengold der Mittagstunde, ein stattlicher aufrechter Mann auf der Höhe seiner Kraft.

Der Herbst war ins Land gerückt, aber noch zeigte er sich nur von seiner allerliebenswürdigsten Seite. Er hatte die sengende Sommerglut gescheucht, hatte Baum und Strauch dazu verholfen, sich noch einmal so recht des Lebens zu erfreuen; lind koste sein Hauch. Die kleinen Blumen hoben die Köpfe, blühten sorglos in den Tag hinein und vergaßen ganz, daß ihre Tage gezählt waren. Klarblau dehnte sich der Himmel; die Sonne lachte nur und sengte nicht. Es war so ein Ausgeglichenes, solch ein Friede in der Natur, wie ihn die Tage des Alters, des Lebens Herbsttage auch über den Menschen bringen, diese vornehmste Pflanze im großen Gottesgarten. So geruhig aber die Natur aufatmete nach des Jahres Sturm und Drang, so wild brandete der Ereignisse Strudel in Rödershof und Dresdorf.

Ein liebes Gesicht zeigte sich über dem Mauerrand.

Und warum?

»… denn siehst du, Klaus, was als Range geboren und gewachsen ist, wird meintag kein vernünftiges Frauenzimmer. Und nun gar zwei von der Sorte! Müssen sich die zwei Madammen in den Kopf setzen, daß es nötig sei, den denkwürdigen Tag zu feiern, an dem sie vor fünfundzwanzig Jahren mit Hopphei und Hallo aus dem Elternhaus davongezogen sind! Als ob sie damit was ganz Besonderes fertiggekriegt hätten – als ob nicht jeden Tag des Jahres unzählige Greten unzählige Hänse freiten! Ist auch was Rechtes! Aber nein, die Frau Li und die Frau Lu müssen für diese Großtat ausdrücklich gefeiert werden – ausgesucht hier bei uns muß das geschehen, und die Rangen wissen nicht, sollen sie mir das Haus auf den Kopf stellen oder sich selber. Bald hab' ich's satt, basta!«

Lächelnd langte sich Vater Klaus Frau Friedel heran; lächelnd sah er ihr in die Augen.

»Ist es nicht wirklich eine Großtat, Friedelchen, einen guten Mann glücklich zu machen fünfundzwanzig Jahre lang und brave Kinder zu erziehen, die sich sehen lassen können?«

»Na, was haben die Lu und die Li dabei getan?! Es waren eben Prachtkinder, von der Wiege an und – –«

»Deine Enkel, Friedelchen – natürlich –«

Sie sah ihn mit blitzenden Augen an, hob die Hand, und hätte er nicht, aus langer Erfahrung vorahnend, die Nase geschützt, so hätte diese, wie schon so oft, büßen müssen. So ging der Stüber in die Luft, und Frau Friedel rauschte hoheitsvoll zur Tür hinaus. Er lachte hinterher, aber seine Augen glänzten.

Frau Friedels Standrede war in der Tat gerechtfertigt, denn es war in diesen Tagen wirklich ein tolles Treiben in Haus und Hof, in Küche und Keller. Klein-Großchen hier und Klein-Großchen da, hieß es ohne Ende, denn das Regiment mit Schlüsselbund und Beutel behielt sich Frau Friedel vor, nach guter alter Hausfrauenart. Schwer Errungenes hält man um so fester. Es war Friedel Polten nicht leicht geworden, sich zu einer guten Hausfrau auszuwachsen; aber es war ihr restlos gelungen.

Auch in Dresdorf war man sehr geschäftig, nur alles in gemäßigterer Gangart. Dort im alten Festsaal sollte wie üblich auch diese Familienfeier abgehalten werden. Es war aber nur für Ausschmückung des Raumes zu sorgen; die Bewirtung kam von Rödershof.

Gladys hatte mit Tante Lisas Hilfe den Schmuck des Festraumes übernommen. Als Dritter half dort Professor Lutz mit, der noch immer auf Rödershof weilte, aber behauptete, dort bloß im Weg zu sein. Die zwei, die Gegenstand und Mittelpunkt all dieser Vorbereitungen waren, die beiden Silberbräute mit ihren landgerichtsrätlichen Eheherren, wurden für den Abend, als am Vorabend des Festes, erwartet. So war das Wirrsal der Geschäftigkeit hüben und drüben auf den höchsten Punkt gestiegen.

Die Mütter Lu und Li hatten in richtiger Würdigung der Lage die vier Kleinsten daheim zurückgehalten, und Klein-Großchen hatte dazu, trotz flehentlicher Bitten der vier, nicht nein gesagt. Aber beim Sinken der Herbstsonne sollte die Familie vollzählig beisammen sein. Das heißt, nein: es kam noch ein Telegramm von Onkel Fritz, daß er erst am nächsten Morgen, dafür aber um so zeitiger eintreffen werde. Den Grund werde man dann schon hören. Auch Leutnant Walter war noch nicht zur Stelle. Ja, von ihm wußte man überhaupt nur, daß er komme; das Wann hatte er frei gelassen.

Der Beamte auf dem Loberger Bahnhof durfte also wieder einmal einer Familienbegrüßung der Rödershofer Herrschaften beiwohnen und tat es schmunzelnd wie immer.

Wie stets, war auch die Frau Baronin der Mittelpunkt, auf den zunächst alles zustrebte. Diesmal hatten zwei noch jugendliche Frauen die Arme von rechts und links um sie gelegt; es sah aus, als habe sie sich urplötzlich verdreifacht. Und Frau Friedels Hand hielt je ein großer blonder Mann gefaßt und schüttelte sie herzhaft.

»Mutter! Klein-Muttchen! Da sind wir!«

»Und herzlich willkommen, Kinder! Lu, Li, ihr erwürgt mich ja beinahe! Paul, Heinz, ich brauche meine Arme noch länger, zumal in diesen Tagen; reißt sie mir also, bitte, nicht aus!«

»War es schlimm, Klein-Muttchen?«

»Waren wir sehr unverschämt mit der Bitte, hier feiern zu dürfen?«

»Na, es geht,« sagte Frau Friedel, und die beiden mochten es zugleich als Antwort nehmen.

Dann ging jedes Einzelbild in einem Strudel von Begrüßenden, alt und jung, klein und groß, blond und braun, unter.

Der Herr Bahnhofvorsteher hätte fast vergessen, sein Abfahrtszeichen zu geben. Der Zug stand noch immer, und die Begrüßungsszene hatte darum viele lachende Zuschauer.

Doch jetzt besann er sich auf sein Amt. Ein Wink mit dem Arm, ein Ruck, ein Rollen, und dahin dampfte der Zug, der all die Festgäste hierhergebracht hatte.

Aber die auf dem Bahnsteig Zurückbleibenden waren noch lange nicht mit ihrer Begrüßung fertig. Selbst dem Herrn Bahnhofvorsteher dauerte es schließlich zu lange; er ging in sein Arbeitszimmer.

Endlich waren auch die Rödershofer zum Heimweg bereit.

»Wir gehen zu Fuß,« sagte Klein-Großchen. »Zusammen wollen wir doch bleiben, und ein Wagen, der uns alle faßt, müßte erst gebaut werden.«

»Ich erfinde ihn, Klein-Großchen,« schrie Dieter. »Ich will doch Maschinenbauer werden. Wart nur, bis ich groß bin, dann holst du uns alle ab, auch wenn wir dann verheiratet sind und Kinder haben – Hurra!«

»Du, das muß aber dann mindestens eine Arche Noah werden,« versetzte der bedächtigere Konz. Leni und Lisi hatten sich an die Großmutter herangedrängt und verteidigten hartnäckig ihren Platz gegen alle anderen, selbst gegen Mutter Lu und Tante Li. Letztere wurde nun von ihren Großen, Gunter und Irmingard, mit Beschlag belegt, während Frau Lu sich von der großen Tochter Hildegard berichten ließ. Die Herren, Schwager Lutz und die beiden Landgerichtsräte, hielten sich zusammen, und der Heimgekehrte mußte viel berichten. Die zwei Friedel und die beiden Buben stellten die jeweilige Verbindung zwischen den einzelnen Gruppen her. So durchschritten sie das Städtchen, von vielen freundlichen Grüßen begleitet.

Dann kam der Wald! Da war allen, als setze man den Fuß in die Heimat. Vater Klaus und die Dresdorfer Damen kamen ihnen bis über den Wiesengrund entgegen, selbst Tante Fee, die einen besonders guten Tag hatte. Da gab es ein frohes Begrüßen, und nun hielten Frau Lu und Frau Li je einen Arm des Vaters. Auch sonst hatte sich das Bild verschoben. Die beiden Landgerichtsräte und Schwiegersöhne hatten Frau Friedel in ihrer Mitte und sagten ihr, daß sie ihr im voraus dankten für alle Mühe, die ihr diese Festfeier bereitet hatte und noch bereiten werde. Sie sagten ihr auch, daß es fünfundzwanzig schöne friedvolle frohe Jahre gewesen seien, die sie mit Frau Lu und Frau Li verlebten, und daß sie dies der Mutter zumeist zu danken hätten, die ihre Töchter herangebildet und erzogen habe.

»Daß Gott erbarm,« flog es Frau Friedel vom Munde, ohne daß sie es wollte, und drollig verlegen sah sie sich die Schwiegersöhne von der Seite an, ob die sie nicht etwas zum besten hätten.

Die aber zeigten todernste – ja, ganz gerührte Mienen. Nun war Klein-Muttchen erst recht verlegen und wußte nicht, wohin mit dem Lob, das ihr so wenig gerechtfertigt vorkam. Waren nicht Lu und Li herangewachsen wie Unkraut, das jeder Zucht spottet? An Vermahnungen hatte sie es ja freilich nicht fehlen lassen, aber – – was konnten die armen Dinger dafür, daß sie eine Friedel Polten zur Mutter haben mußten? Eitel und sich ihres Wertes über die Gebühr bewußt, war Klein-Großchen nicht.

So etwas sagten die Schwiegersöhne denn auch und sagten es mit einem Herzenston, der überzeugen mußte. Klein-Großchen wurde rot wie ein Backfisch und sah sich ganz hilflos nach Vater Klaus um, den seine Töchter Lu und Li soeben mit ähnlicher Kost fütterten. Der ließ es sich aber sichtlich sehr behaglich gefallen und fand es ganz in der Ordnung. Die Menschen gehen eben gar verschieden aus unseres Herrgotts Bildnerhand hervor.

Aber da war das liebe alte Herrenhaus von Rödershof, das allen die Heimat bedeutete, Großeltern, Kindern, Schwiegerkindern und der ganzen Enkelschar. Auf der breiten Terrasse unter den Kastanien stand der lange Tisch gedeckt; mit Freudengeheul stürmten die Jüngsten, mit denselben Gefühlen, nur etwas weniger laut, traten die Älteren heran.

Es gab ein kleines Geplänkel wegen der Tischordnung, da zuvörderst Klein-Großchen und dann die zwei Silberbräute sehr begehrte Tischgenossen waren. Bei den Jüngsten, bis zu den zwei Friedel herauf, schien es sogar in Zwist ausarten zu wollen. Dem machte Klein-Großchen ein rasches Ende.

»Wenn ich in die Hände klatsche, muß jeder an seinem Platz sein. Wer es dann nicht ist, der bekommt nichts zu essen und muß sofort ins Bett – basta!«

Das war ein Wirrwarr! Wie Klein-Großchen dann aufhörte, in die Hände zu schlagen, da saßen richtig ein paar neben den Stühlen und ein paar den anderen auf dem Schoß. Aber jeder fand schließlich doch seinen Sitz. Nur der Großvater stand ganz wo anders als der letzte freie Stuhl. So gab es nochmals großes Geschrei und Jubeln bei den Jüngsten.

»Gilt dein Wort, Klein-Großchen?«

»Auch für den Großvater?«

»Muß er ins Bett?« Lisi hatte Tränen in den Augen.

»Ich gehe für ihn,« erbot sich Leni und wurde dabei blaß. »Wir wollen ihm noch einmal verzeihen, weil er doch nicht so flink auf den Beinen ist wie wir Jungen,« sagte Klein-Großchen großmütig.

»Bravo, bravo!« jubelte der Chor.

Großvater Klaus aber neigte sich tief vor der Gebieterin des Hauses.

»Ich danke von Herzen für den milden Spruch. Los, Kinder, ich habe einen Bärenhunger.«

»Wir auch – wir auch,« jubelten alle.

Mamsell hatte sich danach nicht zu beklagen, daß man ihrem Mahl nicht die nötige Ehre angetan hätte. Auch die blonde Irmingard war sehr zufrieden.

Als alle satt waren, lärmte die Jugend noch ein Weilchen unter den alten Bäumen herum. Auch der Wiesengrund widerhallte von frohen, hellen Stimmen.

Frau Lu und Frau Li hatten sich zu ihren Eheherren herangefunden. Eben stieg der Mond hinter dem Walde auf; der weckte Erinnerungen.

»Weißt du noch, Heinz – weißt du noch, Paul? Mondschein war es damals auch, und dann – –«

»Dann kam der Fackelzug –«

»War das fein, Lu!«

»Ja, war das fein, Li!«

»Sie hielten Reden auf uns.«

»Ja, und ließen uns leben.«

Lachend hörten die Eheherren diesem Erguß zu und wähnten sich fünfundzwanzig Jahre zurückversetzt.

Noch einer hatte es gehört, oder vielmehr zwei, Konz und Dieter. Sie schlichen davon und berieten eifrig, konnten aber zu keinem Ergebnis kommen. Da sahen sie sich nach Hilfe um.

Dort der lange Mann, das mußte Onkel Lutz sein; Bruder Gunter war noch dünner. Der Onkel sprach mit jemand, der noch im Schatten der Bäume stand, die den Wiesengrund säumten. Sollte man ihn ins Vertrauen ziehen? Aber nein, er schien sehr in Anspruch genommen; wenn man ihn störte, gab er doch kein Gehör.

Mit wem er wohl so eifrig sprach? Der Baumschatten barg die andere Person noch immer. Aber jetzt trat sie ins Mondenlicht. Es war ein Mädchen, und der Mondenschein fuhr über des Mädchens Scheitel, daß der aufleuchtete wie gesponnenes Gold.

»Die Irmgard?« fragte Konz seinen Bruder.

»Ne du, der Rotkopf doch! Siehst du nicht das Hexengold?«

»Du, Klein-Großchen hat verboten, das zu sagen.«

»Ich mag Gladys gern, und rote Haare sind schön.«

»Du sagst aber doch Hexengold.«

»Einerlei! Das hat damit gar nichts zu tun.« Konz war der Ältere und gern belehrend. »Dem Onkel Lutz gefallen rote Haare auch, sonst ging er nicht dort mit dem Rotkopf spazieren.«

»Aber wen fragen wir denn jetzt?«

»Wir wollen Gunter suchen.«

Sie taten es und hatten eine lange Beratung.

Das Ergebnis war eifriges Flüstern und Tuscheln, Kopfzusammenstecken und Raunen, das sich schließlich auf alle Glieder der Gesellschaft ausdehnte. Nur die beiden Silberpaare umging es, wie die Brandung den ragenden Felsen, der geruhig inmitten steht.

Geruhig waren nun Frau Lu und Frau Li allerdings nicht. Im Gegenteil, sie wurden immer quecksilberner im Gedenken der verflossenen Zeit. Die beiden Eheherren mußten ihnen überallhin folgen, denn der liebe alte Park barg viele Stellen der Erinnerung, und die beiden Silberbräute schienen es für ihre Pflicht zu halten, diese heute, am Vorabend des großen Tages, getreulich aufzusuchen. Den zwei Landgerichtsräten wäre freilich beschauliches Ruhen nach dem Mahle dort auf den Stühlen am Tisch unter den alten Kastanien weit lieber gewesen; aber sie fanden sich mit Anstand in die Rolle der in Erinnerung schwelgenden Silberbräutigame. Eben kamen die beiden Paare, von einer weit hinten im Park stehenden Bank, die auch hatte aufgesucht werden müssen, weil sich irgend etwas Wichtiges an sie knüpfte, und die Vier gingen im dichtesten Baumschatten, wohin kein Mondenstrahl sich verirren konnte.

Auf einmal sagte Frau Lu: »Sieh doch mal, Li, die Kette von Glühwürmchen, die dort heranzieht! Ist das nicht spaßig?«

»Glühwürmchen im September, Kind? Naturgeschichte schwach,« neckte der Herr Landgerichtsrat Heinz, und der Herr Landgerichtsrat Paul lachte Beifall.

»Aber seht doch – Lu hat ganz recht – was wäre denn das sonst?« rief nun auch Frau Li.

Sie blickten alle in der angedeuteten Richtung, und alle sahen, daß sich im dichtesten Baumschatten dort allerdings eine Menge winziger Flämmchen vorwärts bewegte, und zwar merkwürdigerweise ziemlich wohlgeordnet in einer langen Reihe, je zwei und zwei.

»Was ist denn das? Sieht wahrhaftig aus wie Glühwürmchen in Prozession! Was kann es sein? Laßt uns flink mal nachschauen!«

Der Herr Landgerichtsrat Paul, der mit den Jahren zu einer kleinen leiblichen Fülle neigte und sich sonst nur langsam bewegte, setzte sich in Trab; der Herr Landgerichtsrat Heinz, der in denselben körperlichen Verhältnissen lebte wie der Bruder, folgte ihm in gleichem Schritt. Frau Lu und Frau Li aber, denen die Jahre an Schlankheit keinen Abbruch getan hatten und auch nicht an Flinkheit und Beweglichkeit, flogen dahin, die Eheherren weit überholend.

Jetzt mußten sie mit der Glühwürmchenprozession zusammengestoßen sein, die sich ihrerseits nur würdevoll und feierlich vorwärtsbewegte. Helles Lachen erklang.

»Was habt ihr denn vor? Um Himmels willen, was treibt ihr denn hier mit all den Streichhölzchen? Was soll denn das heißen?« So hörte man Frau Lu und Frau Li rufen. Zwei frische Bubenstimmen antworteten hell und etwas gekränkt: »Wie kann man nur so fragen? Siehst du nicht, daß wir euch einen Fackelzug bringen?«

»Ich hab' den Gedanken zuerst gehabt, Mutter!«

»Nein, ich!«

Zwei der »Fackeln« erloschen; dafür wälzte sich am Boden ein dunkler Knäuel, und zwei Kleinmädchenstimmen jammerten: »Sie hauen sich! Sie tun sich weh.«

Zwei andere Stimmen – Mütterstimmen – zeterten: »Wollt ihr aufhören! Wartet, was ihr kriegt!« Und feste Hände griffen in den Knäuel am Boden.

Ein Wehren und Scharren, dann stand der Knäuel auf den Füßen.

Derweilen waren Frau Lu und Frau Li von Fackelträgern umringt worden. Immer mehr Flämmchen sprühten auf. Man sah in deren Schein alle Gesichter der Lieben; selbst Vater Klaus und Tante Fee hatten sich bei diesem Huldigungszug nicht ausgeschlossen.

Vater Klaus redete sogar; er sagte: »Sintemalen und alldieweil ein Fackelzug, wie ich höre und mich auch nun dunkel erinnere, den Überlieferungen entspricht, die von jenem himmelfernen Festtage dazumal noch vorhanden sind, so haben ich und mein Haus beschlossen – –«

»Aber ich hab' doch den Gedanken gehabt, Großvater!«

»Nein, ich!«

Wieder wälzte sich der innig umschlungene Knäuel wortlos am Boden. Diesmal ließ man ihn liegen und ging über ihn weg zur Tagesordnung über; das heißt, Vater Klaus fuhr in feiner vielversprechenden, leider unterbrochenen Rede fort.

»Also, wie ich sagte, ehe dieser junge Mann, mein Enkel, mich unterbrach – der übrigens recht hat, was ich hiermit bestätigen will; der erleuchtende Gedanke ging allerdings von ihm aus – also wir haben allesamt beschlossen, den Überlieferungen von Anno dazumal getreu – –« »Vater tut, als seien wir Mummelgreise,« murrte eine Stimme, man wußte nicht, war es die von Frau Lu oder von Frau Li.

»Wenn ich wieder unterbrochen werde, dann – trete ich das Wort an einen anderen ab; also Silentium! Wie ich mir schon einigemal zu bemerken erlaubte: ich und mein Haus haben beschlossen, einen Fackelzug zu bringen, um den weltbewegenden morgigen Tag so feierlich als möglich einzuleiten. Zu unserem größten Bedauern war uns dieser Gedanke – –«

»Mir!«

»Nein – mir!«

Eine hoheitsvolle Bewegung, als ob er Mücken scheuche, hatte diesmal der Redner einzig für die Unterbrechung und fuhr fort: »… zu spät gekommen, als daß wir noch das richtige Material hätten beschaffen können. Ich muß auch gestehen, daß mir Pechfackeln bei solcher Gelegenheit allzu anzüglich vorgekommen waren. So wählten wir nach reiflicher Erwägung unaufdringliche bescheidene kleine Zündhölzer. Wir hoffen, dem Geschmack der also Gefeierten entsprochen zu haben und wünschen, daß jeder fernere Tag ihres Lebens und ihrer Ehe von gleichen kleinen, aber hellen Freudenflämmchen durchsetzt sein möge, wie wir sie eben in Händen trugen. Es leben die zwei Silberpaare! Hoch! Hoch! Hoch!«

Jubelnd fielen die andern ein, und Frau Lu und Frau Li mußten sich für ein paar Minuten nicht zu retten vor aller Liebe, die sie überflutete.

Sie lachten und bedankten sich sehr und fanden die Feier wundervoll. Dann haschte sich Frau Li ihre zwei Jungen vom Boden; Frau Lu nahm ihre beiden müden Mägdlein, und die vier mußten zu Bett, trotz Widerspruch und Sträuben.

»Morgen ist auch noch ein Tag,« sagte Klein-Großchen, die sie zur Hilfe aufriefen, »und was für einer! Da müssen wir alle frisch sein. Drum zu Bett, Kinder!« Da gingen sie ohne Murren.

Die anderen saßen noch lange im Mondenschein auf der Terrasse, als die Mütter Lu und Li zurückkamen. Der Mond stand so voll und klar am Himmel, wie er es vor so viel Jahren getan hatte. Ob er auf angegraute Scheitel sah, die einst braun gewesen waren; ob er auf Glück oder Leid niederschaute, ob er noch alle sah, die einst gewesen waren, ob manche fehlten in der Reihe – was kümmerte dies den Mond?

Es litt Klein-Großchen am nächsten Morgen nicht im Bett. So sehr, sie sich bemühte, jede weichere Regung abzuleugnen: der heraufziehende Tag rief dennoch allerhand Erinnerungen wach, die bewältigt sein wollten. Fünfundzwanzig lange Jahre, seit Muttchen Friedel damals die Rangen Lu und Li hatte hinausziehen lassen in das Leben, dessen Ernst sie auch nicht ahnten! Fünfundzwanzig Jahre, worin eben dieses selbe ernste Leben den beiden eigentlich nur seine hellste Seite gezeigt, sie vor Sorgen und jeglichen Schmerzen bewahrt hatte! Viel will das heißen bei Müttern mit solch reichem Kindersegen, wie er Lu und Li beschert worden war.

Und solche Kinder! Klein-Großchens Herz schwoll. Ei, Lu und Li, die Rangen von einst, verdienten sie ja gar nicht. Wußten sie denn wirklich das Glück zu würdigen, das ihnen in diesen Kindern beschert war? Nahmen sie es nicht hin als ganz natürlich ihnen zukommend?

»Diese Rangen!« Klein-Großchen sagte es laut; aber dabei stand ein Glanz in ihren Augen und ein zärtlicher Schein, was gar nicht nach Mißbilligen aussah.

Sie ging auf die Terrasse unter den alten Kastanien, und ihr Blick schweifte nun sinnend über den noch morgenstillen Park. Sinnend schritt sie dann über den Rasen bis zur Mauer, die den Park vom Wiesengrund trennte, und ihr Auge wanderte über die weite grüne Fläche, die von der ersten Morgensonne vergoldet war. Hierauf trat sie durch das kleine Pförtchen, das hinausführte in das goldene Grün.

Wie sie sich nun eben dem Bächlein zuwandte, dem kleinen Pfad unter den Obstbäumen, der da entlang führte, sah sie zwei Gestalten Arm in Arm diesen Pfad daherkommen. Die hatten desgleichen helle Augen und einen Schein darin, wie ihn der Alltag nicht mit sich zu bringen pflegt.

Wie diese zwei die einsam Daherkommende erblickten, lösten sich ihre Arme, und sie flogen unter den Bäumen daher wie ganz junge ungestüme Mägdlein.

»Klein-Muttchen! – Unser Klein-Muttchen! – Hat es dich auch nicht da drinnen gelitten? – Hat dich der Tag auch aus den Federn getrieben?«

»Tut doch nicht, als ob ihr die einzigen wäret, die je ihre Silberhochzeit gefeiert haben! Ist auch was Rechtes! Ihr kommt euch wohl über die Maßen wichtig vor?«

So zankte Klein-Muttchen; es war aber ein Schein dabei in den Augen, der nicht mißzuverstehen war.

»Klein-Muttchen, wir danken dir! Oh, wie wir dir danken! Daß wir da sind, Klein-Muttchen, daß das Leben so schön war und noch ist, Klein-Muttchen! Daß wir dich haben! Und Paul! Und Heinz! Und die Kinder und – –«

»Das wollt' ich euch auch geraten haben! Ihr seid sie ja gar nicht wert!«

»Ho, ho! Wir haben sie doch fein erzogen – haben was aus ihnen gemacht! Oder, Klein-Muttchen!«

»Ihr? Daß ich nicht lache! Was die sind, das sind sie aus sich selber geworden!«

»Wie wir, Klein-Muttchen? Ja, wie wir!«

»Rangen, ihr!«

Längst hatten sie die Mutter von zwei Seiten umfaßt, daß sie sich kaum rühren konnte. Aber sie ließ es sich gefallen, sagte kein Wort dagegen, und ihre Augen glänzten; sie wehrte sich kein bißchen.

Eine Weile gingen so die drei stumm dahin, aber in ihnen war es um so lauter. Da klang und sang und jubelte es, und hätte es laut werden können, es hätte merkwürdig übereinstimmend geklungen: »Wie schön – wie wunderschön ist die Gotteswelt! Dank, daß ich leben darf!« Mit einem Male kam ein Seufzen; die zwei Mütter Lu und Li hingen den Kopf. »Was ist nun wieder los?« fragte Klein-Muttchen und riß die Augen auf.

»Ach, Klein-Muttchen, uns ist bange. – Ja, uns ist recht bange.«

Verständnislos sah Klein-Muttchen drein.

»Müssen wir sehr würdevoll und gesetzt sein heute? Jeder Zoll Würde und Silberbraut?«

Die Gefragte blieb stehen und hielt mit jedem Arm eine der Fragenden von sich, so das sie deren Mienen genau beobachten konnte. Dann lachte sie laut hinaus, so recht von Herzen schaden froh.

»Aha! Geschieht den Madamen recht! Ja, Festmittelpunkt sein will auch gelernt werden! Aber Klimbim und Hallo mußte ja sein – natürlich – möglichst viel und möglichst laut – und Gäste konnten wir auch nicht genug bitten, um die außergewöhnliche Feier zu verherrlichen! Nun wird euch angst in eurer Haut, weil euch das Talent zu der erforderlichen Würde abgeht? Es ist zum Totlachen! Sehe einer die verdutzten Gesichter! Schade, daß ich allein dieses erlebe und genieße!«

»Klein-Muttchen, du bist abscheulich!«

»Ja, Klein-Muttchen, ganz abscheulich bist du!« Sie schmollten ernstlich, die zwei Mütter Lu und Li. Aber nicht lange, dann packte auch sie das Komische der Sache, und sie lachten mit Klein-Muttchen um die Wette.

Da kam etwas, das alle drei aufhorchen lieh. Peitschenknallen, Räderrollen, erst noch zwischen den Waldbäumen weiter weg, dann näher und näher. In schlankem Trab nahte irgendein Gefährt. Man hörte am Klang der Hufe und am Rollen der Räder, daß es kein alltäglicher Karren oder eine Holzfuhre sein konnte.

»Ein Herrschaftswagen! Die ersten Gäste,« jubelte Klein-Muttchen, und tausend Neckteufelein sprühten aus ihren Augen; gleich aber wurde sie ernst: »Ich wüßte nicht, wer – –«, und wieder kam der Schalk zum Durchbruch: »Es sei denn, daß euer Landesvater eine Abordnung schickt, den großen Tag zu verherrlichen. Vielleicht hat er einen Orden für Silberbräute gestiftet und läßt Frau Lu und Frau Li als besonders verdienstvolle Vertreterinnen der Kaste die ersten Exemplare überreichen! Macht doch keine solch dummen Gesichter, Lu und Li! Ein Glück, daß die Kinder euch nicht sehen!«

»Klein-Muttchen, du – –«

»– – bist ganz abscheulich und – –«

»Fritzel! Mein Fritzel!«

Ein sonnverbranntes lustiges Gesicht hatte sich aus dem Wagen gebeugt, der eben unter den Waldbäumen vorkam, und hatte Klein-Muttchen den Ausruf entlockt. Dort klomm sie schon am grünen Rain hinauf, wo er just am steilsten war.

Der Wagen hielt. Hauptmann Fritzel stand daneben und hatte Klein-Muttchen in den Armen, die zuerst von den dreien an Ort und Stelle war. Aber nicht lange, dann standen auch Frau Lu und Frau Li daneben, und dem Kutscher erging es, wie es dem Herrn Bahnvorsteher ergangen war: er vermeinte ebenfalls eine dreifache Wiederholung desselben Bildes zu sehen.

Und noch jemand sah es mit neugierigen jungen Augen, barg sich aber, von allen unbemerkt, einstweilen im Wageninnern, bis die rechte Zeit käme!

Da war sie schon!

Hauptmann Fritzel sagte nämlich, und es war ein Klang in seiner Stimme, der an Posaunen und Schalmeien erinnerte: »Klein-Muttchen, wie ist das mit den Schwiegertöchtern? Wünschest du dir noch so sehr eine, als wie ich das letztemal hier war?«

»Mein Fritzel, heute morgen noch hab' ich zum Vater gesagt: wenn doch die Buben endlich voranmachen wollten! Es täte der Lu und der Li himmelsgut; die wissen sich sonst vor Überhebung nicht zu lassen, weil wir Alten ihnen die Enkel zu danken haben, und – –«

»Klein-Muttchen, du bist abscheulich – ganz abscheulich bist du,« riefen lachend die beiden Getadelten; dazwischen tönte Hauptmann Fritzels Stimme weiter: »Zuweilen erfüllt sich uns ein Wunsch im Schlaf. Sieh hier, Klein-Muttchen, was ich dir mitgebracht habe!«

Er streckte zugleich den Arm in den Wagen und zog eine schlanke Mädchengestalt vollends heraus, biegsam wie ein Lilienstengel, Haare wie reifes Ährengold, Augen wie Veilchen, still und tief, gläubig und kinderfromm, ein Gesicht wie Milch und Blut, anmutig, wenn auch keine strahlende Schönheit. Alles in allem, ein liebes, frisches, freundliches Jungmädchengesicht, das man lieb haben mußte auf den ersten Blick.

Klein-Muttchen hielt das ihr also unerwartet geschenkte Schwiegertöchterlein in Mutterarmen und sah wohlgefällig an der schlanken Gestalt in die Höhe, die sie um einiges überragte. Sie lächelte ihrem Fritzel zu.

»Gut, daß sie blond ist, mein Fritzel! Dazu habe ich mehr Zutrauen.«

»Ist bloß aus Versehen geschehen, Klein-Muttchen! Ich hatte mich für eine Braune eingeschworen; aber wer kann für sein Geschick! Was, Änne?«

So hieß die junge Braut, und sie lachte lustig; zur Schwiegermutter aber fügte sie warm: »Hab' mich ein bissel lieb, Klein-Muttchen – so nennt dich der Fritzel, und ich kenne dich schon so gut, als ob ich bei dir groß geworden wäre. Er hat mir viel erzählen müssen, und ich weiß von euch allen.«

»Der Heimtücker,« zankte Klein-Muttchen, »uns so im Dunkeln zu lassen,« und sie sah immer wohlgefälliger in das liebe Gesicht.

»Es ging zu fix, Klein-Muttchen. Ehe ich mich umsah, war ich schon verlobt.«

»Tut er nicht, als ob ich ihn wider Willen gezwungen hätte?« schmollte die junge Braut. »Er ist abscheulich!«

»Das liegt so in der Familie,« versicherten Lu und Li lustig »Er ist der richtige Sohn seiner Mutter.«

»Schämt euch, Rangen – was soll das Kind denken! Komm her, Töchterchen! Wir gehen zusammen; sollst sehen, ganz so schlimm ist die Alte nicht!«

»Die Alte?« entgegnete die Braut und sah schelmisch in die Sonnenaugen, die unter dem leicht ergrauten Scheitel so jung und spitzbübisch in die Welt schauten.

Sie ging an der Seite der neuen Mutter in die Welt, die ihres Fritzels Kinderwelt gewesen war, und lauschte den Berichten aus Fritzels Kindertagen. Sie gab Bescheid auf gestellte Fragen, und sie erzählte, daß sie als Waislein bei der Großmutter aufgewachsen sei, weder Eltern noch Geschwister habe und sich sehne, Glied einer Familie zu werden.

Da legte Frau Friedel den Arm um dies entwurzelte Pfänzlein und gelobte, daß es Wurzel fassen solle in ihrem Mutterherzen. Schlicht sprach sie es aus, und die junge Braut wußte, sie hatte eine Heimat gefunden. Ihre Augen leuchteten; sie sprachen beredter als ihr Mund, der nur ein Stammeln fand.

Derweilen hatte Hauptmann Fritzel dem Kutscher Weisung gegeben, das Gepäck nach Rödershof weiterzufahren. Er selbst ging zwischen den Schwestern und erzählte, daß sie vor Tau und Tag aufgebrochen seien aus der Garnisonstadt, um beizeiten den festlichen Tag verherrlichen zu helfen, daß Annes Großmutter durch plötzliches Unwohlsein am Mitkommen verhindert worden sei, und auch davon, wie Anne und er sich kennen gelernt hatten. Dabei hatte er helle Augen, die an Klein-Muttchens Augen gemahnten, und sie strahlten noch heller, da sie sahen, wie die zwei da vorn, Klein-Muttchen und Anne, so sichtlich Gefallen aneinander fanden.

Jetzt kam Rödershof in Sicht. Von der Terrasse her stürmte es den Nahenden mit lautem Hallo entgegen, ein Knäuel junger blühender Menschenkinder, voran die zwei wilden Buben, Konz und Dieter, von den nicht minder wilden beiden Friedel verfolgt und überholt. Die zwei Mägdlein, Leni und Lisi, suchten durch jämmerliches Greinen der Vorausstürmenden Mitleid zu erwecken und deren Hast zu mindern, was aber mißlang. Auch die vier Großen – Walter hatte sich irgendwie eingefunden – vergaßen ihrer Würde und stürmten den Müttern Lu und Li entgegen, die sich so unerwarteter- und unberechtigterweise dem geplanten Frühüberfall ihrer Herde zu entziehen gewußt hatten.

Im Eifer der Begrüßung übersah man zuerst die Neuhinzugekommenen, den Hauptmann Fritzel und seine Braut. Dann aber ging es an ein Staunen, Begrüßen und Glückwünschen, das kein Ende nehmen wollte.

Der Lärm trieb auch Vater Klaus, die zwei Landgerichtsräte und Professor Lutz zur Stelle. Wenn die junge Braut Änne sich nach einer Familie gesehnt hatte, wie sie sagte: ihr Sehnen war mit dem heutigen Tage reichlich gestillt!

Wie eine Sturmflut wälzte es sich über sie hin, und wenn Klein-Schwiegermuttchen sich nicht in richtigem, lachendem Verstehen ihrer erbarmt und sie auf einen Stuhl am Frühstückstisch an des Hauptmanns Fritzel Seite gerettet und verankert hätte, wer weiß, die arme Änne hätte sich vielleicht erschreckt ob des unerwartet reichen Erfüllens ihrer Wünsche. So aber saß sie wohl geborgen und konnte sich mit Muße und ganz allmählich des unerwartet reichen Besitzes erfreuen lernen.

Einstweilen suchte Änne sich mit frohen, lachenden Augen zurechtzufinden. Sie erklärte: mit Bestimmtheit zu wissen, welche Nichten und Neffen zu welcher Schwägerin und welchem Schwager gehörten, das sei eine Aufgabe, an der sie sicher ihr halbes Leben zu lernen haben werde. Sie verspreche aber, nicht zu verzweifeln, und hoffe, wenn auch erst mit weißen Haaren, sicherlich einstmals so weit zu gelangen.

In all dem lustigen Durcheinander wurde nicht bemerkt, daß Gunter sich mit den vier Kleinsten entfernt hatte. Dort erschienen sie eben wieder vom Hause her unter den alten Kastanien des Baumgangs. Vorsichtig trugen sie je zwei und zwei etwas, das noch nicht zu erkennen war.

Beim Näherkommen erwies es sich als je ein Kissen, und wie sie ganz nahe heran waren, sah man, daß auf dem einen Kissen zwei Silberkränze, auf dem anderen zwei silberne Myrtensträußchen lagen.

Die kleinen Mädchen gingen behutsam und sehr vorsichtig; das Kissen zwischen ihnen geriet nicht ins Wanken, und die silbernen Kränze lagen wie festgenagelt. Anders bei den zwei Buben. Sie zerrten das, was sie trugen, hin und her; einmal entrutschte ihnen eines der Sträußchen nach vorn und einmal nach hinten.

Gunter mit de» vier Kleinsten brachte die Silberkränze und Myrtensträuße.

Unermüdlich
rafften sie, und
ihren lustigen
Schalksgesichtern
war keine
Spur von
Scham anzusehen.
»Hoppla!«
sagten sie
das eine Mal
und »Uijeh!«
das andere
Mal, immer
abwechselnd.

Da standen nun die kleinen Mädchen vor Mutter Lu und Mutter Li. Verschämt hingen sie die Köpfe und lispelten ihr gereimtes Sprüchlein, von Vetter Gunter verfaßt, der mit allen Zeichen des stolzen Dichters danebenstand. »Lauter!« mahnte er streng. Es sollte den Versammelten doch kein Wort seines Werkes verlorengehen. Aber die Dirnlein senkten nur die Köpfe noch tiefer und säuselten bedenklicher. Da stellte er das Mahnen ein, und glücklich war auch schon das Ende da:

»So nehmt denn hin – schmückt euch mit dieser Zier!
Mög's künftig eine goldne sein, so hoffen wir.«

Die zwei Großen, Hildegard und Irmingard, nahmen nun die Kränze und setzten sie den Silberbräuten auf. Wie junge, schämige Mägdlein erröteten diese; sie wollten sich erst entsetzt wehren, hielten aber dann doch still, da sie die enttäuschten Mienen rings sahen. Von ungefähr traf sie Klein-Muttchens lächelnder schadenfroher Blick; da rückten sie sich zurecht: »Jetzt gerade!« Klein-Muttchen sollte denn doch sehen, daß sie auch solche Würde mit Anstand zu tragen wußten.

Derweil standen die Buben Konz und Dieter vor den landgerichträtlichen Vätern, und war es den Jungen nicht wohl in ihrer Haut, so war es dies den Alten noch weniger.

»Her mit dem Zeug!« knurrte Landgerichtsrat Heinz.

»Ja, her damit!« bestätigte im selben Ton sein Bruder und Gesinnungsgenosse; beide haßten es, eine Rolle zu spielen.

Schon hatten sie die zwei Sträußchen gefaßt und wollten sie wie auf Verabredung in die Rocktaschen schieben. Leni und Lisi quiekten in hellem Entsetzen, und auch die Buben waren verdutzt.

»Nee, so rasch geht das nicht,« sagte Konz entschlossen und riß an der Vaterfaust.

»Nee, Onkel, erst die Verse,« mahnte auch Dieter, und denn stecken es euch die zwei Großen an. Alles, was recht ist!«

»Gunter hat doch die Verse gemacht, Vater,« mahnte Konz wiederum, »und so einfach ist das gar nicht, sagt er.« Für Konz war der große Bruder ein Vorbild, dem nachzueifern er mit Macht strebte.

Vater Paul, also gemahnt, brachte denn auch zögernd daß Sträußlein wieder zum Vorschein, und der Bruder folgte seinem Beispiel.

»Na, also – denn los!« knurrten sie.

Nun gab es aber nochmals ein Hindernis. Das war, daß die zwei Buben über diesem programmwidrigen Zwischenspiel ihre Verse vergessen hatten, die ohnehin nur sehr notdürftig saßen. Sie hingen die Köpfe, scharrten mit den Füßen, stotterten etwas und verstummten bald gänzlich. Konz stieß den Dieter an und dieser den Konz; sie hatten rote Köpfe und ließen dazu bedenklich die Ohren hängen.

Vater Paul und Onkel Heinz verkniffen nur schwer das Lachen. Gunter, der Dichter, sah verärgert drein und suchte ein paarmal auszuhelfen. Die Buben stotterten nach, verwirrten sich aber immer heilloser. Die Sache endete damit, daß sie sich gegenseitig in die Haare fielen und alsbald auf dem Boden wälzten, niemand wußte wie. Kaum wurden die Sträuße aus der Prügelei gerettet. Die aber hatte Hildegard in Händen und schmückte Vater und Onkel damit; ihr freundliches Gesicht mußte Gunters Verse ersetzen und tat es auch.

Die beiden Landgerichtsräte atmeten auf. Dieser erste Teil des Festtags war glücklich überstanden; mit Hilfe eines günstigen Sternes würde auch alles andere zu ertragen sein. Frau Lu und Frau Li waren unter ihrer eheherrlichen Leitung sonst so vernünftige Menschen geworden. Daß sie sich auf diese Feier versteifen mußten! Unbegreiflich, aber nicht zu ändern, und einmal würde es ja Abend werden. Nur gut, daß Schwager Fritz auf den guten Gedanken gekommen war, gerade heute seine Braut zu bringen! Da verteilte sich doch das Interesse, und man war nicht allein der Gefeierte. Wohlwollend, fast zärtlich sahen die zwei Landgerichtsräte nach der jungen Anne hin.

Die fühlte sich durch die Festrolle wenig bedrückt. Sie lachte und plauderte und hatte für jeden ein liebes, lustiges Wort, von Schwiegermutter und Schwiegervater an, über Schwäger und Schwägerinnen bis hinunter zu den jungen und jüngsten Nichten und Neffen. Namentlich Leni und Lisi hingen begeistert an der jungen Tante; sie sahen gar nicht ein, weshalb Onkel Fritzel sie so entschieden beiseite schob, wenn sie versuchten, sich zwischen seinen und der jungen Tante Stuhl zu drängen. Kein bißchen nett war das von dem Fritzelonkel, der doch sonst immer so lieb und lustig gewesen war…

Die Dresdorfer Kirchenglocken klangen über den Wiesengrund. Wie schön, daß dieser Festtag gerade auf einen Sonntag fiel! Frau Lu und Frau Li rechneten sich dies als ganz besonderes Verdienst; niemand ersah freilich, weshalb.

Der Kirchgang war natürlich als zweite Nummer der Festordnung vorgesehen; so beeilte man sich mit dem Frühstück. Die Glocken in Dresdorf pflegten eine Stunde vor Beginn des Gottesdienstes zum erstenmal zu mahnen. Man hatte demnach noch reichlich Zeit.

»Aber die Kranze?« fragte Frau Lu und nestelte an dem ihren.

»Ja, die Kränze,« sagte auch Frau Li und tat wie die Schwester.

Ein Jammerlaut von Leni und Lisi ließ sie einhalten.

»Nicht, nicht – bitte nicht! Ihr seht so wundervoll aus. Bitte, geht so in die Kirche – bitte!«

Ungewiß sahen Frau Lu und Frau Li in die Runde und auf die jammernden kleinen Mädchen; sie sahen auch in Klein-Muttchens schadenfrohe Spottmiene.

Frau Friedel redete denn auch zuerst, und in der Stimme klang an, was in der Miene zu lesen war: »Natürlich müssen sie mit den Kränzen in die Kirche gehen! Das wäre noch schöner! Wer A sagt, muß B sagen. Will ich durchaus und mit Gewalt gefeiert werden, so muß ich mich auch in die Rolle finden, und Kränze gehören nun einmal dazu. Was, Leni, Lisi?«

»Klein-Großchen! Unser goldiges Klein-Großchen!« Begeistert waren die Kleinen.

Auch die landgerichträtlichen Eheherren zollten der Schwiegermutter Beifall, da sie den Schalk in ihr durchhauten.

»Natürlich die Kränze! – Selbstverständlich müssen die Kränze mit zur Kirche!«

Hätten sie gewußt, was sie sich einbrockten! Nun sprühte der Schalk in Frau Lus und Frau Lis Augen.

»Wenn die Kränze mitkommen, müssen die Sträußchen auch mit!«

Da war die Bescherung! Alle stimmten zu, die Kinder mit Freudengeschrei, und die zwei Landgerichtsräte waren in ihrer eigenen Schlinge gefangen.

Wie die Dresdorfer Glocken sich anschickten, die dritte Mahnung hinauszurufen zu denen, die sie hören wollten, da schritt durch den grüngoldnen Wiesengrund auf dem schmalen Schlängelpfad ein kleiner Festzug, der es rechtfertigte, daß die Baumkronen, unter denen er herging, gar vergnüglich und beifällig raunten und rauschten, daß die Vöglein näher heranhüpften und die Köpfe neugierig drehten, daß Mäuslein und Maulwurf aus ihren Löchern spähten und die kleinen Herbstblumen sich reckten, um auch einen Blick zu erhaschen.

Voran schritten zwei stattliche Paare. Jugendlich und mädchenhaft schlank die beiden Silberbräute, die Kränze auf den nur gerade von einem leichten Silberschein überhauchten Wuschelköpfen. Denn von außen waren sie das geblieben, wie viel sich auch innerlich geglättet haben mochte. Ihnen zur Seite die mit den Jahren leidlich gerundeten Eheherren, deren Stirnen sich um ein beträchtliches gehöht hatten. Diesen Paaren folgte ein drittes: Vater Klaus und Frau Friedel, an der sichtlich alles fieberte, denn sie hatte zeit ihres Lebens immer gern den Weg vor sich frei gehabt und sich ungern in irgendwelchen Zwang gefügt. Vater Klaus hatte seine Not, ihren Schritt zu hemmen, damit die Füße der Voranschreitenden nicht zu Schaden kämen. Hinter diesem Paar schlossen sich alle anderen in beliebiger Ordnung an.

Auf der Dresdorfer Gasse gesellten sich die drei Damen vom Herrenhaus zum Festzuge, was gut war, denn nun hatte der arme Onkel Lutz doch auch jemand, mit dem er gehen konnte, wie Konz wohlwollend bemerkte, da er diesen an Gladys Seite treten sah. Im Dorf wurde die Festgesellschaft von allen Seiten mit großer Freundlichkeit begrüßt. Das alte gute Einvernehmen zwischen den Bewohnern des Dorfes und denen des Herrenhauses war immer dasselbe geblieben, das es schon in Friedel Poltens, des jetzigen »gnädigen Frauchens«, Jugendtagen gewesen war.

Unter der Kirchentür preßte Vater Klaus Frau Friedels Arm fester. »Weißt du noch, Friedelchen?«

»Wo werd' ich nicht, Klaus! Wer weiß, wenn ich noch einmal – –«

Die Orgel hatte eingesetzt und schnitt Frau Friedel das Wort ab. Nur ein neckender Schelmenblick konnte die Rede vollenden; dann trat die Weihestunde in ihr Recht.

Im wunderschön geschmückten Saal im alten Dresdorfer Familienhause saß später die Festgesellschaft. Außer der Familie waren von alten Freunden nur die anwesend, die noch in Loberg und sonst in der Nachbarschaft wohnten. Viele hatte das Leben wo anders hin verschlagen; Beamte haben keine dauernde Stätte. So kam es, daß die Gesellschaft außer der Familie nur zehn oder zwölf geladene Gäste zählte. Das tat aber der Lust weiter keinen Eintrag, auch nicht dem Lärm und Hopphei. Das besorgte die Familie zur Not allein im gehörigen Maße.

Es schallte laut und fröhlich durch die geöffneten Saaltüren über den Garten mit seinen alten Bäumen hin, laut und fröhlich wie zu allen Zeiten, seit die Polten hier gesessen und Feste gefeiert hatten.

Vater Klaus hatte sich die Tischordnung ausgedacht; er war dabei in seiner besten Necklaune gewesen.

Frau Friedel hatte ihm dies Amt etwas unwirsch zugeschoben: »Denn siehst du, Klaus, alles kann ich nicht besorgen. Ein wenig wirst du dich schon bemühen müssen!«

»Gern, Friedelchen, aber dann muß ich auch alles allein bestimmen.«

»Meinethalben! Weshalb ihr Männer nur solche Rechthaber seid?«

»Sind wir das, Friedelchen?«

»Erschreckliche! Aber hör mal: Lu und Li setzt du zum Herrn Pfarrer, so recht würdig – die sollen das Feiern satt bekommen – und ihre zwei Männer –«

»Ich denke, ich soll allein –«

Da knallte die Türe zu, um sich gleich wieder zu öffnen.

»Ich denke, Fee setzt du am besten neben – –« Er hob nur abwehrend die Hand, aber in seinem Gesicht war viel zu lesen, und er lachte dazu; fast ein bißchen hämisch sah's aus. Wieder knallte die Tür. Etwas wie »Dickkopf« war dabei zu hören gewesen, und diesmal tat die Tür sich auch nicht wieder auf.

So war es gekommen, daß Vater Klaus wirklich ganz allein die Tischordnung bestimmt und dies, wie gesagt, in seiner allerneckischsten Laune getan hatte.

Gleich als sie sich setzten, ging ein unterdrücktes Lachen durch den Saal. Frau Friedel sah mißtrauisch auf. Im Augenblick war sie nur Hausfrau und fühlte sich verantwortlich für alles, was etwa unrechtmäßigerweise Heiterkeit erwecken konnte.

Was war das? Alle schauten nach ihr; alle lachten vergnügt, sogar ein bißchen spöttisch. Sie fuhr sich erst nach dem Kopf. Nein, soviel sie fühlen konnte, war da alles in Ordnung, obgleich die »grauen Borsten« diesen Morgen widerspenstiger als sonst gewesen waren. Nun glitten die Hände am Anzug hin. Tadellos, soviel sie merken konnte. Weshalb also diese heiteren Mienen?

Sie schaute neben sich. Da saßen ja wahrhaftig die zwei Madamen mit den Silberkränzen rechts und links von ihr! Nein, die Männer! Nicht einmal das hatte der Klaus richtig besorgen können! Das war denn doch zu toll! Und – – konnte sie ihren Augen trauen? Neben Frau Lu und Frau Li lachten ihr die braunen Bubengesichter der zwei Friedel entgegen!!!

Der Klaus! Diesen Schabernack hatte er ihr spielen müssen! Friedel Polten verfünffacht und so recht zur allgemeinen gütigen Beachtung wie auf einem Stänglein aufgereiht! Das war ja lächerlich! Nein ärgerlich – schändlich! Und dabei lachte dieser Missetäter ihr noch von seinem Platz gerade gegenüber so recht herausfordernd ins Gesicht.

»Wie gefällt dir meine Tischordnung, Friedelchen? Ich mußte mir den Genuß gönnen, mein Friedrichen in fünffacher – –«

Bums, hatte er die Serviette am Kopf als Antwort, und allgemeines Hallo begrüßte den Racheakt. »Du denkst wohl wunder was von deinem Witz?« Frau Friedels Augen blitzten; aber dann mußte sie doch über die verdutzte Miene lachen, die sich dort unter der sie beim Wurf umhüllenden Serviette vorschob. Sie drohte mit der Hand. »Einmal und nicht wieder, Klaus,« dann ganz kläglich: »Daß Gott erbarm, Klaus! Brauchst auch noch Witze drüber zu reißen, daß Friedel Polten in vierfacher Auflage – –«

Was sie hatte sagen wollen, ging in einem endlosen Hallo unter, aus dem nichts einzelnes herauszulösen war. Sie lachten, schrien Bravo, fuchtelten mit den Händen, hoben die mittlerweile gefüllten Gläser Frau Friedel zu, tranken, lachten wieder, redeten alle zumal, kurz, benahmen sich ganz so unvernünftig und ungereimt, wie dies gemeiniglich eine lustige Gesellschaft zu tun pflegt, die zusammengekommen ist, die Stunde zu feiern.

Frau Friedel hielt sich zuerst die Ohren zu; sie winkte abwehrend mit den Händen, tat sehr erhaben, rümpfte die Nase, warf den Kopf hintenüber und zeigte in jeder Weise, daß sie nicht gern als Erheiterungsgegenstand diene. Dann aber riß es sie mit sich fort. Sie hätte nicht Friedel Polten von einst sein müssen! Die war stets bei den Lachern zu finden gewesen, und auch Frau von Rödern hielt sich nie lange weit davon.

So hatte Vater Klaus die Klippe umschifft, und wie er jetzt die Hand über den Tisch herüberstreckte, schlug Frau Friedel herzhaft ein. Ihre Augen tanzten, glänzten und lachten, wie es nur die von Friedel Polten hatten tun können. Und wer heute auf die Frau Baronin von Rödern und ihre frauliche Würde gezählt hätte, der hätte sich verrechnet gehabt; nur Friedel Polten war zugegen, und zwar Friedel Polten aus ihren lebendigsten Sprudeltagen. Sie stellte ihre vier Abbilder, die mit den Silberkränzen und die mit den Backfischgesichtern, durchaus in Schatten. Wenn Vater Klaus gewußt hätte, was er entfesselte, er würde sich bei der Tischordnung doch mehr besonnen haben.

Der gute alte Pfarrer sprach von den Silberbräuten, die er schon getauft und eingesegnet hatte. Laut klang danach das Hoch, klangen die Gläser zusammen.

Nun erhoben sich Landgerichtsrat Heinz und Landgerichtsrat Paul, gleichzeitig wie auf Kommando; sie setzten sich ebenso übereinstimmend dann wieder nieder, um mit erneuter Hast aufzuschnellen und sich wieder fallen zu lassen.

»Nanu –« Frau Friedel lachte – »wollt ihr euch zu Stehaufmännchen ausbilden?«

Nun hatten es die beiden mit der Höflichkeit.

»Nach dir! – Bitte, nein, nach dir!«

»Um Himmels willen!« riefen Lu und Li; sie hatten rote Köpfe und ängstliche Augen.

»Aha, die Rangen fürchten das Sündenregister,« neckte Muttchen Friedel »Paul hat das Wort als der Ältere.«

Der stand und wischte erst einmal über die gehöhte Stirn. Man feiert nicht jeden Tag Silberhochzeit. Dann fand er gute warme Worte, die Frau Lu und Frau Li immer heißer machten und ihnen das Wasser in die Augen trieben, ob sie wollten oder nicht. Auch Klein-Muttchen wischte jetzt und schämte sich dessen nicht. Die Augen von Frau Lus und Frau Lis Kindern aber glänzten und suchten voll Liebe die Mütter. Und so endete die Rede von Landgerichtsrat Paul:

»Es ist ein Großes, fünfundzwanzig Jahre lang sich gegenseitig zu Dank und zu Liebe zu leben. Ich bekenne – und weiß, daß ich damit auch im Sinne meines Bruders rede, denn wir waren wie eine Familie – ich bekenne, daß wir dieses Leben in Glück und Frieden zumeist unseren Frauen zu danken haben.

»Unsere guten Eltern, die leider diesen Tag nicht mit uns erleben durften, pflegten zu sagen: ›Jungen, ihr seid Glückspilze. Nicht jedem bekommt solch ein Griff ins Blaue, wie er euch bekommen ist. Haltet die Lu und die Li in Ehren!‹ Mein Bruder Heinz und ich, wir haben uns befleißigt, das Elternwort wahr zu machen, und ich hoffe, es ist uns gelungen. Und wenn wir unseren lieben Frauen bei diesem Abrechnungstag ein Eins A ausstellen, so hoffen wir, daß deren Zeugnis für uns nicht minder günstig ausfallen möge.«

»Amen,« sagte Landgerichtsrat Heinz und atmete hörbar erleichtert auf, denn Bruder Paul hatte ja für ihn mitgeredet.

Frau Lu und Frau Li wußten nicht, wohin schauen bei solcher Ehrung. Sie zerflossen in Tränen, und es war drollig, wie sie sich dieser Tranen schämten, die doch so wundervoll wohlig strömten. Im Überschwang der Gefühle quetschten sie jede Klein-Muttchens Hand, die irgendwie in die ihren geraten war, bis diese sich sehr hörbar wehrte.

»Jetzt mal Schluß, ihr zwei! Ich hab's euch ja gesagt, Festmittelpunkt sein ist nicht so leicht. Daß es aber meine Hände so büßen sollen, sehe ich doch nicht ein. Loslassen, oder ich werde ungemütlich! Kinder, Gott segne euch den Tag!«

Es schien nahe daran, als ob nun auch Klein-Muttchens »Wasserwerke« zu spielen anfangen wollten. Da war es ein Glück, daß etwas kam, das ablenkte.

Professor Lutz stand da in seiner ganzen Länge und wollte sichtlich auch einen Spruch tun. Er hob schon das Messer, womit er aus Glas klopfen wollte.

»Guter Himmel,« seufzten Lu und Li aus ihren Tränen und ihrer Scham darüber heraus, »nun könnte es aber genug sein!«

Muttchen Friedel lachte.

»Ja, Festmittelpunkt sein ist mitunter beschwerlich. Feiere du einmal keine Silberhochzeit, Kind, wenn ich dir raten darf!«

Sie hob ihr Glas der jungen Anne zu, die glückstrahlend an ihres Fritzel Seite saß.

Die konnte nur schütteln und nicken und wieder schütteln; man wußte nicht, welcher Ansicht sie zuneige, denn der Lärm war zu groß für Worte. Und immer noch stand Professor Lutz, würdevoll und lang, ohne Ruhe für seine Rede zu finden.

»Erbarm dich, Bruder,« flehten Frau Lu und Frau Li – es war, als ob Tante Lenchens Geist plötzlich durch den Festsaal husche – »erbarm dich – laß es genug sein!« »So laßt ihn doch reden,« riefen Konz und Dieter, die zu dem weitgereisten Onkel erwartungsvoll aufschauten, »der kann's!«

»Danke für die ehrende Anerkennung, meine Herren Neffen.« Professor Lutz neigte sich würdevoll vor den Buben, die sich mit roten Köpfen kichernd in die Rippen stießen. »Ich hätte nun allerdings etwas zu sagen, das – meine gefeierten Schwestern mögen mir verzeihen – nicht unmittelbar Bezug auf sie und den heutigen Tag hat.«

»Gott sei Dank! – Na, denn los!« So riefen die Silberbräute und atmeten auf.

»Ich wollte nämlich unserem Klein-Muttchen eine zweite Gabe bringen zum heutigen Tag, nach dem Beispiel von Bruder Fritz, und –«

»Lutz, du wirst doch nicht! Am Ende irgend eine Wilde aus Afrika oder – ? Schwarz darf sie nicht sein, Lutz,» da widerspreche ich!« Frau Friedel war von ihrem Sitz aufgefahren und stand kampfbereit.

»Ich mag rote Haare,« bemerkte Konz fachlich in die Stille hinein.

»Hexengold,« ergänzte Dieter und bekam dafür einen Rippenstoß, daß er beinahe vom Stuhl fiel.

Da wäre ja nun die Lösung des Rätsels und alles sehr einfach gewesen. Wenn aber einer entschlossen ist, eine Rede zu halten, so läßt er sich daran nicht so leicht hindern.

Um des Professor Lutz Lippen zuckte der Schalk; er drohte den zwei Buben: »So hell waren wir zu unserer Zeit noch nicht! Woher – –?«

»Das war kein Kunststück,« grinste Konz.

»Kein Kunststück,« bestätigte auch Dieter. »Gladys – –«

Da hatte er einen zweiten Rippenstoß weg, der ihn diesmal richtig zu Boden beförderte. Er brüllte aber nicht wie sonst; dafür war die Sache zu aufregend.

Professor Lutz war ein bißchen rot geworden; man sah es ganz deutlich trotz seiner braun gebrannten Haut. Er lachte erst einmal verlegen und blickte in die Runde. Aller Augen hingen an ihm. Nun wollte er eben den Mund auftun zu seiner gesetzten wohlüberlegten Rede; aber es stand im Schicksalsbuch geschrieben, daß sie ungehalten bleiben sollte.

Klein-Muttchen hatte sich von ihrem Erstaunen erholt, in das sie durch der hellen Buben Anspielung versetzt worden war. Diese Rangen! Und daß ihr auch niemand eine Andeutung gemacht hatte! Aber die anderen waren sicherlich ebenso blind gewesen wie sie. Nein, der Lutz! Etwas in ihr bäumte sich auf; das war ein Erinnern aus alter Zeit. Aber es schwand, wie es gekommen war, und eine heiße Freudenwelle ging durch sie hin. Ihr Ältester! Ihr Lutz! Wen der wählte, der war dessen nicht unwert.

All das war mit Blitzgeschwindigkeit durch Klein-Muttchens Hirn geschossen. Nun war sie selber redebereit und schnitt ihrem Ältesten das Wort ab.

»Lutz, mein Lutz, wie freue ich mich! Duckmäuser, wie kannst du aber! Deine Mutter so im Dunkeln tappen zu lassen! Ich sollte sehr gekränkt – –«

»Hm, das war doch leicht zu merken, wenn man nur die Augen aufmachte,« bemerkte wieder Konz, ein bißchen von oben herab.

»Ja, Herrje, das konnte ein Blinder sehen,« echote Dieter.

»Recht haben die Buben,« bestätigten die zwei Friedel aus einem Munde, und ihre Spitzbubengesichter strahlten. »Wir – –«

»Kinder, ich muß wohl sehr dumm sein,« bemerkte Klein-Großchen etwas spitz. »Ein Glück, daß die nächste Generation dies nicht geerbt hat!«

»Macht nichts, Klein-Großchen – wir haben dich doch lieb,« trösteten Leni und Lisi, die sich bei dieser erregenden Begebenheit dichter zu dem Mittelpunkt der Gesellschaft herangeschlichen hatten. »Macht gar nichts – wir haben dich doch sehr lieb.«

»Danke,« sagte Klein-Großchen erstaunlich spitz und mußte doch lachen.

Leni und Lisi wunderten sich, aber die Dinge nahmen ihren Lauf. Klein-Muttchen hielt Gladys in den Armen, die ihr Professor Lutz nun ohne weitere Worte zuführte. Er hatte die verunglückte Rede gründlich und ohne weitere Folgen verschluckt.

Und Klein-Muttchen schloß Gladys auch zugleich ins Herz.

»Wir wollen ihn lieb haben, Kind, du und ich!«

Gladys nickte unter Tränen und schmiegte sich enger an Klein-Muttchen. Tante Fee war sehr ergriffen, da man ihr nun als der »Nächsten dortau« Glück wünschte.

»Du und Lisa, ihr habt doch nichts von der Sache gewußt?« fragte Klein-Muttchen, als der erste Sturm verebbt war.

Fee zögerte, und Tante Lisa gestand: »Wir haben es geahnt, Friedelchen.«

Da wandte sich Frau Friedel Vater Klaus zu, halb lachend, halb ärgerlich, halb im Scherz und halb im Ernst.

»Klaus,« sagte sie, »es tut mir leid, daß du dich nun alle die Jahre mit solch einem Dummbartel, wie ich einer bin, hast durchs Leben schleppen müssen. Es tut mir aufrichtig leid, Klaus.«

»Macht gar nichts, Friedelchen! Ich trage mein Teil in Geduld.«

»Für etwas höflicher hätte ich dich denn doch gehalten.« Frau Friedel sah sehr strafend drein.

»Das zu tragen kommt auf dein Teil, Friedelchen.«

»Danke,« sagte Frau Friedel kurz und lachte dann: »Aber nun nehmt mal die zwei Silberbräute da weg; sie sind entthront – basta! Eine grüne Braut geht über eine Silberbraut, und nun gar zwei! Wechselt mal die Plätze; ich möchte meine beiden Schwiegertöchter neben mir haben. Und jagt mir das braune Gesindel, die Friedel, auch davon; da mögen mein Lutz und der Fritzel sitzen. So, nun hab' ich doch noch meinen Willen und eine Tischordnung nach meinem Wunsch, Klaus – ätsch!«

»Mir war, als habe jemand irgendwo Dickkopf gerufen; ich muß mich wohl verhört haben,« versetzte Vater Klaus und wandte sich um, nach dem Rufer zu spähen.

»Schäm dich, Klaus,« entgegnete Frau Friedel würdevoll.

War es vorher lustig gewesen, so wurde es jetzt fast toll; der Lärm schwoll bedenklich. Von draußen drängten die Hofleute und Leute aus dem Dorf herzu. Sie hatten von den zwei neugebackenen Brautpaaren gehört; da mußten sie auch ihren Glückwunsch anbringen. Frau Lu und Frau Li waren aus dem Brennpunkt gerückt und wußten nicht wie; aber sie waren es zufrieden.

Sie hatten sich auch Aufführungen jeglicher Art verbeten gehabt.

»… denn siehst du, Li, es könnte gefährlich werden; man weiß nicht, wie die Bande aus der Schule plaudern würde.«

»Ja Lu, es könnte genierlich werden.«

»Drum stopfen wir ihnen von vornherein die Schnäbel.«

Sie waren noch ganz so einig, die zwei, wie sie es in ihren Strudeltagen gewesen waren.

So waren also Aufführungen jeder Art mit ihrer Gefährlichkeit verboten, und die junge Welt war das auch zufrieden gewesen, denn nun ließ es sich feiern ohne jeden Hinterhalt. Ein noch ungesprochenes Gedicht oder dergleichen, das erst in die Erscheinung treten soll, liegt gemeiniglich schwer im Magen. Heute war man frei von derlei Bürden. Ein Glück, daß man so kluge Mütter hatte!

Die Lust stieg noch immer. Von Frau Friedels Platz aus sprühten die Neckbomben, trafen rechts und links ohne Wahl. Endlich sprang sie auf.

»Ein Tänzchen, Kinder! Als der Großvater die Großmutter nahm! Ich muß mit meinem Alten tanzen. Mach mal kein so dummes Gesicht, Klaus! So viel werden die Gichtbeine noch hergeben. Wir wollen unseren Kindern zeigen, wie man jung bleibt, und daß die Jahre nicht das Alter zu bestimmen brauchen. Hurra unsere Jugend, Klaus!«

»Hurra! Hurra! Hurra!« Sie umdrängten sie alle, die Enkel, groß und klein, und jeder wollte in der Begeisterung möglichst dicht zu Klein-Großchen heran.

»Luft, Luft, oder ich werde handgreiflich. Jetzt bin ich nur für meinen Alten da – basta!«

Da standen die zwei Alten, ein noch schönes, ansehnliches Paar. Tante Lisa spielte einen altväterischen Biedermeierwalzer, und sie drehten sich in Anmut und Würde. Vater Klaus vergaß die Gichtbeine und die Jahre. Er sah nur den leicht übergrauten Scheitel vor sich und ihre schalkischen Augen zärtlich auf sich gerichtet; er sah in der Runde all die blühenden jungen Menschen, die zu ihm und zu ihr gehörten, und er wußte, sein Leben war köstlich gewesen. Es füllte ihn mit heißem Danke…

Das »Tänzchen« dauerte lange. Tante Lisa und die blonde Irmingard hatten ihre Not als Musikanten. Großvater und Großmutter aber waren längst unter den Zuschauern; sie erlabten sich an der jungen Lust.

Draußen wollte schon die Dämmerung sinken und der Mond über die Berge steigen, da hatten Leni und Lisi, als die sinnigen Mägdlein, die sie waren, auch einen sinnigen Einfall.

Man vermißte sie nicht in dem allgemeinen Durcheinander; selbst Mutter Lu entdeckte das Fehlen ihrer Kleinen nicht. Mutter Lis Buben waren noch die ersten gewesen, die Basen zu vermissen, aber die waren zu beschäftigt. Ein Stück Kuchen war der Störenfried; um dessen Besitz rangen sie innig umschlungen am Boden. Auch dies ging im allgemeinen Lärm unter.

Aber dann standen die zwei Mädchen plötzlich im Saal. Sie hielten einen länglichen schwarzen Kasten zwischen sich, brachten den zu Klein-Großchen und stellten ihn stillschweigend vor sie hin.

Tante Lisa spielte einen altväterischen Biedermeierwalzer; Klein-Großchen und Papa Klaus drehten sich in Anmut und Würde.

Klein-Großchens Geige!

»Die guten klugen kleinen Mädchen!« Das war Mutter Lu.

»Spielen, Klein-Großchen – bitte, spielen,« flehten die Enkel.

»Wir wären glücklich, wenn wir etwas hören dürften; gnädige Frau sollen ja Meisterin sein,« sagten die Gäste.

Vater Klaus bat nur mit den Augen, aber das war das Bestimmende.

Frau Friedel nickte ihm mit warmem Blick zu, und sie nahm die Geige unter das Kinn. Da sang diese so süß, wie sie nie gesungen hatte; wenigstens kam es denen so vor, die sie zu hören gewohnt waren.

Vielleicht war es, weil mehr als je ein tiefer Ton mit anklang, wie ihn nur des Lebens Reife in die Herzen und so in Saite und Bogen zu legen versteht. Je länger wir durchs Leben schreiten, desto tiefer klingt er an; der Ton leuchtet aus den Augen, tönt aus der Stimme, durchtränkt jedes Wort und jegliches Tun. Es ist der Ton des Wissens, der zugleich härtet und weich macht.

Atemlos lauschten sie alle Klein-Großchens Geige; wie heute hatte sie noch nie gesungen. Immer fand sie neue Töne und wollte nicht verstummen. Es war, als ob in ihren Tönen heute eines ganzen Lebens Glück hinausgejubelt, eines ganzen Lebens Wissen hinausgeschluchzt werden solle. Selbst die Kinder verstummten und lauschten; Klein-Großchens Geige jubelte, schluchzte und sang sie in Schlaf. Das fanden danach die Mütter Lu und Li.

Nun war es Zeit zum Aufbruch. Die fremden Gäste verabschiedeten sich. Die Schlafkinder wurden in die Dresdorfer alte Familienkutsche verstaut. Die Silberbräute Lu und Li schafften ihre Kleinodien heim.

Die Kutsche rumpelte und stieß; Worten war das nicht günstig. Aber Frau Lu sah, daß Frau Li vor sich hin lachte, wie einmal der Mond in die Kutsche blinzelte.

»Was lachst du?«

»Je, weil wir nun so alt geworden sind und doch alles geblieben ist, wie es war.«

»Wieso?«

»Ja, sagten wir nicht immer: vor Klein-Muttchen kommen wir nicht auf?«

»Je ja, aber was hat dies mit heute zu tun?«

»Sag mal ehrlich: wenn wir nicht die Kränze gehabt hätten, würde uns jemand als Hauptperson angesehen haben?«

»Wozu auch? Festmittelpunkt sein, ist gräßlich, wie Klein-Muttchen sagt.«

»Und ist doch immer und überall Festmittelpunkt vor anderen gewesen – sozusagen ihr ganzes Leben lang, unser Klein-Muttchen.«

»Das macht, weil sie wie die Sonne ist und wie ein erquickendes Lüftchen zugleich, so warm und so frisch.«

»Du wirst ja ganz poetisch, Li!«

»Werd' ich auch, Lu! Gott segne unser Klein-Muttchen!«

»Und gebe ihr noch viele Jahre, uns allen zur Herzensfreude,« fügte Lu hinzu.

»Amen,« schloß Li.

Derweil die alte Kutsche Rödershof zu holperte, hatten die anderen beschlossen, noch einen Mondengang zu machen und auf einein Umweg heimzukehren. Selbst Vater Klaus hatte keinen Einspruch und vergaß die Gichtbeine. Rechts hatte er Tante Lisa, links Frau Friedel den Arm geboten.

»Ihr seid doch die einzigen, mit denen ich jung war; das bindet.«

Die Brautpaare waren weit voraus. So ergab es sich, daß Tante Fee ganz allein geblieben wäre, hätte nicht Hildegard sich erboten, bei ihr zu bleiben.

»Wenn du wüßtest, wie gern ich es tue, Tante Fee,« sagte sie auf deren wehrenden Widerspruch so warm, daß die Tante keine Gegenrede fand.

Denn just an diesem Tage hatte sie das Herz so voll, daß es ihr ein Entbehren gewesen wäre, dies volle Herz allein mit sich herumzutragen. Hatte ihr dieser Tag doch die Erfüllung ihres Herzenswunsches für das geliebte Kind gebracht! Das war nun geborgen an der Seite eines solchen Mannes; sie brauchte sich nicht mehr zu sorgen, was werden sollte, wenn sie, Fee, einmal nicht mehr würde sorgen können. Vor Gladys lag ein glatter, behüteter Weg. Dem Herrn sei Dank!

Dieser eine Gedanke, diese eine große, überwältigende Freude füllte Tante Fees Herz zum Rande, und sie mußte Hildegard davon mitteilen, diesem ernsten, klugen Mädchen, das ihr von allen Nichten die liebste war.

Sinnend nickte Hildegard zu Tante Fees Ergüssen.

»Ich begreife nur das eine nicht ganz, Tante Fee: wie du so für die Heirat sprechen magst, die du doch sicher ohne allzu großes Vermissen allein durchs Leben gegangen bist.«

»Wir Einsamen vermissen alle, Hildegard, ob wir es uns klar machen oder nicht. Gewissermaßen gehören wir zu den Enterbten, denn das Höchste und Tiefste haben wir nicht erleben dürfen. Wir stehen einsam; das Mühen um die Allgemeinheit kann uns das Walten und Schalten im eigenen kleinen Kreise nicht ersetzen. Heirat um jeden Preis ist entwürdigend; aber einem braven Mann und Kindern das Leben leicht machen, das ist die Krone in der Frauen Leben. Wem sie geboten wird, wer ohne Bedenken danach greifen kann, der sollte nicht zögern. Denke daran, meine Hildegard, daß dir das eine sagte, die davon wissen kann.«

Hildegard nahm es sich zu Herzen; sie dachte noch daran, als sie später an des Onkel Lutzens Seite durch den Wiesengrund ging. Er hatte Tante Lisa und seine Braut vom Mondenspaziergang wieder heimgebracht und nahm jetzt die Nichte mit zurück.

Sie sprachen nicht viel, die beiden. Jeder hatte mit den eigenen Gedanken zu tun; die waren gute Gesellschaft.

Nur einmal sagte Hildegard: »Ich glaube, du hast gut gewählt, Onkel Lutz. Gladys hat ihren Kampf in jungen Jahren kämpfen müssen. Das macht stark.«

»Ich danke dir, Hildegard,« antwortete Professor Lutz ernst, und dann hingen sie wieder ihren Gedanken nach.

Frau Friedel aber stand vor Vater Klaus, der in seinem Sessel saß und seine letzte Trostzigarre rauchte, wie er an jedem Abend sagte; sie sprach: »Klaus, ich danke dir, daß du mir das Leben so leicht und schön gemacht hast! Ich habe heute immerzu dran denken müssen, was ich dir zu danken habe, daß du es mit solchem Strudelkopf hast wagen wollen. Du bist tapfer gewesen, Klaus!«

Ein kleines Lachen wollte ihr um die Mundwinkel huschen, verflatterte aber gleich. Die großen grauen Augen blickten ernst.

»Es war keine Kleinigkeit, Klaus, und hätte dir übel bekommen können!«

»Und ist meines Lebens Glück gewesen, Friedelchen!«

»Ich danke dir, daß du das sagst, Klaus; es macht mich froher, als ich sagen kann. Es macht mich stolz.«

»Mein Friedelchen, hast du nicht auch mit mir Geduld haben müssen?«

Sie senkte den Kopf und sah sinnend vor sich hin. Dann blickten ihn die grauen Augen ehrlich und klar an.

»Nein, Klaus! Ich wüßte nichts an dir zu tadeln oder zu ändern. So wie du bist, ein ganzer Mann, Klaus, bist du gerade das gewesen, was für mich not tat. Nur Freude und Glück habe ich bei dir gehabt; nicht einen Schmerz hast du mir bereitet – nicht einen, Klaus – und ich danke dir!«

Er war rot geworden wie ein Mädchen. Wortlos zog er sie, die mit gefalteten Händen vor ihm stand, neben sich. Lange noch sah der Mond, wie er ins Zimmer lugte, die beiden so wortlos sitzen und die klare reine Summe ihres vereinten Lebens ziehen.

Sechstes Kapitel: Nun hast du mir den ersten Schmerz getan …

Du mußt nichts übertreiben, Fee! Bedenke, das Mädchen ist ohne Vermögen und –«

»Was mein ist, gehört ihr, Tante Lisa!«

»Wenn auch, Fee – je bedürfnisloser der Mensch ist, je anspruchloser er dasteht, desto glücklicher ist er auch.«

»Ich habe das Kind so lieb? ich –«

»Im Überschütten mit Gaben liegt die Liebe nicht, Fee, im weisen Maßhalten viel eher.«

»Du hast ja recht, Tante; ich will vernünftig sein.«

»Überdies wird Professor Lutz noch nicht so gestellt sein, daß er ein Haus machen kann, Fee. Wir tun ihm einen Gefallen, wenn wir alles zu Beschaffende daraufhin auswählen.«

»Du hast dreimal recht, nur – – – es ist so wunderschön, zu überschütten!«

»Ja sagen ist immer leichter als verneinen. Man darf nicht nur an sich denken, auch beim Geben nicht.«

»Ich füge mich, Tante Lisa; ich weiß und fühle, du hast recht. Wie wird das Kind uns fehlen! Dir auch – sag ja!« Fees Augen flehten.

In Tante Lisas Augen stand ein Lachen. »Überrumpeln lasse ich mich nicht gern. Aber ich sage freiwillig: sie ist auch mir ein liebes Kind geworden, dein Wildling und Findling von einst.«

»Ich danke dir, Tante Lisa! Du machst mich froh und stolz.«

»Noch vier Wochen zur Hochzeit, Fee; die wollen genutzt sein. Laß die Tischzeugproben sehen!«

»Der böse Lutz! Vom Frühjahr will er nichts hören. November hat er als äußerste Frist gestellt und heute – laß mal sehen – wir haben schon den achtzehnten Oktober! Was hältst du von diesem Damast?«

Schier bis über den Kopf in Weißzeugproben eingegraben fand Frau Friedel danach Schwester und Tochter.

»Schiebt mal den Kram beiseite, bitte; man sieht euch nie mehr anders, und ihr wißt, das hasse ich. Puh!«

Es war eine leichte Gereiztheit in Frau Friedels Ton; auch Ungeduld lag darin und – ja, etwas wie Angst. Tante Lisa blickte auf; sie kannte jeden Klang in der Schwester Stimme denn sie hörte mit dem Herzen.

»Fehlt dir was, Friedelchen?« forschte sie.

»Mir? Behüte!« Frau Friedel lachte, aber der Ton war nicht hell wie gewöhnlich. »Denkt mal, der Klaus ist schon seit dem Morgen fort, einem Rehbock nach, den ihm der Pfänder gestern angesagt hat. Die Männer! Trotz seiner Gichtbeine, die wieder mal bedenklich spuken! Auf die Jagd kann man immer, natürlich! Da erkältet man sich nicht, behüte, und wenn's Lawinen schneit und einem die Glieder einfrieren und die Nase dazu! Wieviel vernünftiger sind wir Frauen dagegen! Du brauchst gar nicht zu husten, Lisa; wir sind vernünftiger! Der Klaus – – ach, Kinder, wie kann man nur so albern sein!«

Frau Friedel wischte hastig an etwas, das ihr über die Backe lief, und sah verlegen und schuldbewußt drein. Frau Lisa hatte sie im Arm.

»Was ist, Friedelchen? So kenne ich dich ja gar nicht.«

»Meinst, ich mich selber, Lisa?« Sie wischte noch eifriger und sah noch verlegener drein. »Aber das macht die Spinne heute morgen. Eine bombendicke, Lisa! Ich habe meiner Lebtag noch keine solche gesehen! Lief mir gerade über den Weg, als ich den Klaus glücklich in seinem Wagen verstaut hatte. Wie ein Skorpion, Lisa.«

»Abergläubisch, Friedelchen?«

»Für Spinnen schwärme ich nicht!«

»Wenn doch der Vater im Wagen fuhr, Klein-Muttchen, brauchst du dich der Gichtbeine wegen nicht zu ängstigen,« tröstete Fee.

»Das ist's ja! Was glaubt ihr – eine Stunde danach hat er den Wagen heimgeschickt! Einen schönen Gruß, und die Frau Baronin solle sich selber hineinsetzen und Böcke schießen! Der Johann hat über das ganze Gesicht gegrinst, wie er es bestellte. ›Der gnädig Herr Baron waren lange nicht so aufgekratzt, gnädig Frauche,‹ sagte er noch, ›un wie e Jingling is er durch die Schneis sein Weg gange. Ich hab em alsfort nachsehe misse.‹ Trotzdem habe ich eine Unruhe in mir, die ich nicht beschreiben kann. Ist es nicht lächerlich?« Sie wollte lachen und weinte statt dessen laut auf. Da geschah ein großes Poltern an der Tür, als ob jemand durchaus mit dem Kopf, und zwar mit einem bedenklich harten, zuerst herein wolle. Füße scharrten mit Wucht auf der Matte, und das Türschloß trachte unter dem Aufhieb einer derben Hand.

Fee lachte.

»Das ist dein besonderer Erziehungsgegenstand, Tante Lisa,« rief sie heiter. »Ich erkenne es am zarten Auftreten.«

»Die Grete, das Unglückswurm,« seufzte Tante Lisa.

Nach erneutem Ansturm flog die Tür mit Krachen hinten wider. Sie mußte sich für die Einlaßsuchende unerwartet schnell geöffnet haben, denn diese, eine dralle Bauerndirne, stolperte ein paar Schritte vorwärts mit Gepolter, wie es der tut, der einen Halt verliert.

»Uijes, Uijes,« keuchte sie, und die vorstehenden runden Augen quollen fast aus dem Kopfe, »schier gar wär' ich gefalle. No, awer so was! Ich hab' nur sage wolle, daß der Johann, die Gladies, des gnädig Freilein will ich sage – der Herr Baron – – «

»Um Himmels willen, was ist mit meinem Manne?«

Frau Friedel hatte Gretes Arm gepackt und starrte' sie mit glühenden Augen an. Das Mädchen erschrak.

»No, hab' ich mich awer verschrocke! Nein so was! Wann ich gewißt hätt', daß die gnädig Frau Baronin – die sellt's ja nit wisse, secht der Johann un – – «

Tante Lisa faßte nun mit festem Griff nach des Mädchens Handgelenk.

»Bist du wieder ganz verdreht, Grete?« fragte sie eindringlich. »Besinne dich und sage deutlich, was du zu sagen hast!«

Grete schüttelte den Kopf und hieb sich auf den Mund, daß es klatschte. Sie wies nach Frau Friedel, schüttelte noch einmal den Kopf und machte die unverständlichsten Zeichen.

Frau Friedel war sehr blaß geworden und herrschte Grete an: »Wirst du nun reden? Was hast du vom Herrn Baron gefaselt?«

»Der – der – no ja, ich hab's ja nit sage solle; awer die Gladies – des gnädig Freilein, will ich sage – – «

»Wirst du reden?«

War das Frau Friedels Stimme? Unbeschreibliche Qual lag darin; diesen Ton hatten die Ihren noch nie gehört. Fee saß zitternd in ihrem Stuhl. Tante Lisa hatte die Arme um Frau Friedel gelegt; auch sie war blaß bis in die Lippen geworden.

»Um Himmele willen, was ist mit meinem Mann?«

»Sprich!«
herrschte sie
ihrerseits die
Grete an.

Die warf
den Kopf zurück.
Trotz,
Furcht und
der Stolz, den
viele haben,
Bringer einer
Kunde, womöglich
einer
schlimmen, zu

sein, lagen in ihrem Gesicht. Hastig stieß sie vor: »Ei no, die Kutsch soll komme, läßt die gnädig Gladies sage; der Michel hat se im Wald gesehe. Die Zung hat em zum Hals eraus gehenkt, so is er geloffe – un der Herr Baron –«

»Klaus? Was ist mit Klaus?« Der Schmerzensschrei nahm denen, die ihn hörten, fast den Atem.

Tante Lisa suchte zu beschwichtigen: »Er wird eben nicht mehr haben gehen können – er hat sich wohl doch zuviel zugemutet – Gladys hat ihn im Wald getroffen und hat nach dem Wagen geschickt und – –«

»So is es awer nit! Der Michel – – «

Da geschah das Unerwartete, daß die Grete sich unaufhaltsam zur Tür gedrängt fühlte und zwar mit solcher Entschiedenheit und Eile, daß sie sich nicht zur Wehr hätte setzen können, und wenn sie gewollt hätte. Wer hätte der gnädigen Tant' – so hieß Frau Lisa allgemein – wer hätte ihr diese Kraft zugetraut! Die Grete hatte den Mund wohl offen, aber sie war verstummt. Ganz dicht bei der Tür waren sie schon.

Da kam etwas noch Unerwarteteres; Frau Friedel trat zwischen die beiden und sagte sehr ruhig: »Laß das Mädchen reden, Lisa! Ich weiß, daß irgend etwas Schreckliches mit meinem Klaus geschehen sein muß; ich habe es den ganzen Tag gefühlt. Sprich, Mädchen!«

Jetzt liefen der Grete dicke Tränen über das Gesicht. Das »gnädig Frauche von driwe« sah auch gar zu schauerlich aus: weiß wie Kalk und Augen wie glühende Kohlen. Wenn sie geweint hätte, Grete hätte das verstanden; aber so – sie heulte laut auf.

»Sprich, Mädchen!«

Nun lag ein Befehl in der Stimme, dem Grete zu gehorchen gewohnt war; sie stotterte: »Der Michel secht – der Herr Baron liggt do im Moos un – – «

»Ist der Wagen angespannt?«

»Jawohl, gnädig Frauche – will sage Frau Baronin – allweil rumpelt die Kutsch vom Hof; der Johann – – «

»Halt! Ich fahre mit, Johann!«

Frau Friedel hatte das Fenster aufgerissen. Ihre Stimme war rauh, aber fest.

»Friedel, um Himmels willen – – «

»Klein-Muttchen, bleib hier! Gladys wird das Rechte finden und –«

»Klaus braucht mich; ich weiß es!«

Das sagte Frau Friedel fast mit ihrer natürlichen Stimme, aber sie sah über die anderen weg, als ob die nicht da wären. Ihre Gedanken waren schon weit voraus.

Fee schluchzte laut auf; sie griff mit der Hand nach dem Herzen und wurde sehr blaß. Tante Lisa eilte zu ihr, sie zu stützen.

Da klappte die Tür – Frau Friedel war nicht mehr da. Die beiden zurückbleibenden Frauen umschlangen sich weinend. Was war da draußen geschehen?

Drunten stieg Frau Friedel schon in die alte Kutsche. Johann kratzte sich am Kopf und wollte sie zurückhalten.

»Des geht awer nit an, gnädig Frauche; ich hab' Order kriggt, allein zu komme. Der Michel seggt, die Gladies – – «

»Zufahren, Johann!«

Solange er im Dienst war – und das war eine geraume Weile, schon als das »gnädig Frauche« noch »Jungchen« war – so lange hatte er solchen Ton nicht gehört. Drum schüttelte er den Kopf und kratzte ihn erneut. Aber der Ton hatte alles in ihm geweckt, was »untergeben« war; so kletterte er wortlos auf den Bock, ein bißchen gekränkt freilich, aber gehorsam.

Die Gäule zogen an. Er drehte sich auf seinem Bock, sah die versteinerte Schmerzensmiene der Frau, die er seit den lachenden Mädchentagen kannte, und alle Kränkung fiel von seiner treuen Seele ab. Nur herzliches Mitleid blieb.

Vor seinem inneren Kutscherauge zog vorüber, wie oft er die da drinnen in Tagen, die weit dahinten lagen, gefahren hatte, erst, da sie ein Kind war, so lustig und voller Schelmenstreiche, daß man lachen mußte, wenn man das kleine Ding nur ansah, und ihm gut sein mußte, auch wenn es einem selber die Streiche spielte. Gestalt und Röcke hatten sich dann gestreckt, aber der Übermut und die lustigen Streiche waren dieselben geblieben. Junge, blühende Genossinnen hatten die Kutsche manch liebes Mal gefüllt zusamt dem Kind vom Hause; es war ein Kichern gewesen, das dem Alten jetzt noch in den Ohren klang, wenn er der Zeit gedachte. Dann hatte die Kutsche Mann und Kinder gefaßt und immer wieder war dieselbe, die mit den lustigen sprühenden Augen, der Mittelpunkt gewesen. Enkel hatten sich dann um sie gedrängt in der alten Kutsche; nichts als Lachen, Lust und Lieben hatte die gesehen, und jetzt – – jetzt fuhr er die da drinnen wohl aus dem lachenden Leben in den tiefsten Ernst, den ersten großen Schmerz hinein. Denn was der Michel gesagt hatte – – na, Gott helfe ihm!

Der alte Johann wischte sich die Augen mit der Faust, die die Peitsche hielt. Mißtrauisch sah er sich um, ob es niemand merke. Ach nein, die da drinnen war ganz wo anders.

Woher nur die lachenden Augen so in der Eile diesen Blick genommen hatten? Diesen Blick des tiefsten Seelenschmerzes, der allergrößten Herzensnot? Daß sie so sterbenstraurig und todernst zu blicken verstanden!

Wieder hob der Alte die Peitschenfaust zu den Augen. Daß auch niemand ungerupft durchs Leben gehen konnte, nicht einmal solch ein Sonnenkind wie des alten Herrn »Jungchen«! Hatte es sich dafür alle die Jahre – wie viele waren es denn nur? An die sechzig, wahrhaftig, an die sechzig! – hatte es sich dafür so lange durchs Leben gelacht, nur um diesen Tag zu erleben?

Diese Fahrt! Was würde man finden?

Hatte der Alte geschluchzt? Es klang so verdächtig. Aber nein, jetzt schnalzte er überlaut mit der Zunge, ließ die Peitsche knallend durch die Luft sausen und rief seinen Gäulen allerhand Schmeicheleien zu; er schüttelte die Zügel und tat sehr geschäftig. Das mit dem Schluchzen war wohl ein Irrtum.

Fast lautlos trabten die Gäule über den weichen Waldboden, und jegliches Räderrollen erstarb im Moose …

*

Der Herr von Rödershof war tot; ein Jagdunglück hatte ihm das Leben gekostet. So hatte er noch selbst zu Gladys gesagt, die ihn in seiner Todesnot auffand. Er mußte bei der Verfolgung des Wildes gestolpert sein und hatte wohl die Flinte nicht gesichert gehabt; so war ihm die Kugel beim Fall in die eigene Brust gegangen.

Die Ärzte sagten, der Verunglückte habe nach der Verletzung nur noch kurze Zeit gelebt. Gladys mußte ihn also bald gefunden haben, nachdem das Grausige geschehen war. Dies war ein Trost für alle, die ihn lieb hatten.

Jetzt war er in Rödershof in dem großen ebenerdigen Eßsaal aufgebahrt, der den Blick über den weiten Wiesengrund freiließ. In braungoldener Pracht umstand diesen der Oktoberwald, den der Verstorbene vor allem geliebt hatte. Die Flagge auf dem Herrenhaus hing auf halbmast; heute sollte des Hauses Gebieter an den stillen Ruheort getragen werden, wo das Endziel jeglichen Lebens ist.

In ihrem Zimmer saß Frau Friedel am Schreibtisch, der sie so oft in Zahlennöten gesehen hatte. In welch herberen Nöten sah er sie nun!

Sie war gefaßt und still. Seit sie vor drei Tagen in der alten lieben Familienkutsche ihren Toten heimgebracht hatte, war kaum ein lautes Wort über ihre Lippen gekommen. Ängstlich wich sie jedem heftigen Schmerzensausbruch aus; ja, als Kinder und Enkel kamen und die Jungen zumeist nicht immer die Fassung wahren konnten, hatte sie stets nur das stehende, mahnende Wehren: »Still – oh, still, er schläft!«

Mit einer ernsten und doch milden Würde ging sie durch des Tages Pflichten; jedermann fand ihr Ohr für jede Frage offen. Die Söhne hatten ihr die Sorge für das Begräbnis und alles damit Zusammenhängende abnehmen wollen; sie wehrte sanft: »Glaubt ihr, daß er sich dies hätte nehmen lassen, wenn es für mich nötig gewesen wäre?« So ließen die Kinder die Mutter gewähren, gingen ihr nur an die Hand.

Und sie, der Blumenschmuck bisher etwas war, das sie wohl gern sah, um das sie sich aber nicht weiter mühte, trug unermüdlich neue Blumen herzu, den Sarg ihres Toten in den letzten Erdenschmuck einzuhüllen.

Alle waren sie herbeigeeilt, Kinder, Schwiegerkinder und Enkel. Keiner fehlte. Und nur Liebe umfing sie, die am tiefsten gebeugt war durch den Verlust. Wie ein weiches warmes Gewand umfing sie diese große Liebe derer, die ihr geblieben waren, und sie hüllte sich darein mit Bewußtsein; sie spürte den Trost und das linde Geborgensein, die davon ausgingen.

Aber am liebsten war sie in diesen Tagen doch allein. Allein mit dem Gedenken an ihren Toten. Ihr war, als ob sie ihm entzöge, wenn sie den anderen gab. Die Ihren fühlten und verstanden ihr Empfinden und drängten sie nicht …

Heute also sollte der Herr von Rödershof hinausgetragen werden aus dem Hause, das sein Glück – nichts als sein Glück – gesehen hatte.

Schon war dies Haus erfüllt von jenem geheimnisvollen gedämpften Tun, das einem Begräbnis voranzugehen pflegt. Im Hof sammelten sich die Dorfleute; immer mehr erschienen, die an diesem letzten traurigen Gang teilnehmen wollten. Der Verstorbene hatte viele Freunde gehabt. Ein Wagen nach dem anderen rollte auf den Hof, brachte Gutsnachbarn und Einwohner des benachbarten Loberg.

Und derweil dies gedämpfte Kommen und Gehen, dies Raunen und Flüstern das Haus füllte, stand neben dem Sarg, der unter Blumen fast verschwand, neben den brennenden Kandelabern zu Häupten eine stille, reglose, schwarze Gestalt. Sie hielt die Hände gefaltet. Die Augen brannten; sie weinte aber nicht. Noch war der Sargdeckel nicht geschlossen. Frau Friedel hatte sich den Befehl, dies zu tun, noch nicht abringen können. So stand sie und sah still in das stille Gesicht, das ihr im Leben alles gewesen war. Sie nahm Abschied von ihrem Glück.

Ein paarmal hatte man einen Türspalt geöffnet. Unwillig blickte sie auf, winkte ungeduldig ab. Hastig schloß sich der Spalt.

Mit einem letzten Blick auf den Toten ging sie dann aufrecht und stark zur Tür. Als sie nun mitten unter die Ihren trat, streckte sie ihnen beide Hände entgegen: »Habt Geduld mit meinem Schmerz, Kinder! Ich komme schon bald zu euch und ins Leben zurück. Mein Klaus erwartet dies von mir, das weiß ich.«

Ergriffen standen alle. In ihrer stillen Kraft und Würde war sie ihnen noch nie so der Liebe wert erschienen. Sie wuchs über sich hinaus in ihrem Schmerz. Und das ist die Feuerprobe für jeglichen Charakter, einen großen Schmerz würdig, ohne Haltlosigkeit, ohne Bitterkeit tragen zu können. Wen das Leben so geführt hat, daß er das tun kann, der hat nicht umsonst gelebt. Frau Friede! konnte es.

Drinnen wurde der Sarg geschlossen. Der Geistliche kam und hatte gute, warme Worte für die Trauernden. Dann standen sie alle um den Toten, den der Geistliche weihen wollte zur letzten Erdenfahrt.

Es war so weit. Die Träger faßten zu und trugen den Sarg zwischen sich, hinaus durch die Tür, unter der der Verstorbene so oft frohen Blicks gestanden und hinausgeschaut hatte über den weiten Wiesengrund. Noch zuletzt, vor seiner Todesfahrt, hatte er zu Frau Friedel gesagt, die neben ihm am Wagen stand: »Daß unser Haus so an den Wiesen steht, ist doch besonders schön. Ich weiß nicht, weshalb ich diesen grünen Grund so liebe! Weißt du's vielleicht?«

»Vermutlich, weil du da die erste Bekanntschaft mit deiner Madam Gicht gemacht hast,« hatte die Befragte ärgerlich lachend geantwortet, »und jetzt willst du sie dir zur Abwechslung aus dem Walde holen. Klaus, daß die Männer doch so unvernünftig sind wie kleine Kinder!«

»Und es bleiben bis zum Tod, Friedelchen!« Damit war er lachend abgefahren, hatte sich noch einmal gewendet, hatte ihr zugenickt und mit dem Arm nach dem grünen Grund gewiesen: »Der bleibt doch wunderschön, unser Wiesengrund!«

Sie hatte nur die Achseln gezuckt und dem davonrollenden Wagen nachgesehen. Dann war sie rasch ins Haus gegangen, obgleich sie viel lieber noch länger gestanden und geschaut hätte. Wenn er sich noch einmal wandte, was brauchte er zu sehen, daß sie ihm nachblickte, der Eigensinnige, der Böse, der sie ängstigte mit dieser Fahrt!

Daran dachte Frau Friedel, als sie am Arm ihres ältesten Sohnes nun als erste hinter dem Sarg herschritt. Wie träumend sah sie über den grüngoldenen Wiesengrund und auf den schwarz verhangenen Wagen, der wie ein düsterer Schatten durch diese Helle schwankte. An ihres Geistes Auge zogen alle die vielen Sonnenjahre vorüber, die kein Schatten hatte trüben können. Dort von dem schwarzen Totenwagen breitete sich der erste aus über ihren Pfad, und sie würde nun immer in diesem Schatten gehen – immer.

Heiß stieg es ihr in den Augen auf – die ersten Tränen wollten stießen seit jener Schreckenskunde dort im Walde. Sie hob den Blick, sie sah nach dem Sarge, und es ging ihr durch den Sinn: »Nun hast du mir den ersten Schmerz getan … «

*

Acht Tage hatten sie nun schon den Herrn von Rödershof hinausgetragen zu der Stätte, von wo er nie wiederkehren konnte. Der Kreis der Ihren, die gekommen waren, mit Frau Friede! zu trauern, hatte sich bereits gelichtet. Die Elternpaare Western hatten zu ihrer Pflicht zurückgemußt, desgleichen die Enkel groß und klein. Nur die blonde Irmingard war geblieben, der Großmutter beizustehen in Haus und Hof. Das Leben mußte seinen Gang weiter gehen, und das ist gut so. Keine größere Hilfe gibt es zum Schmerzüberwinden als drängende Pflicht.

In dem großen Eßsaal von Rödershof war jegliche Spur des Vorganges vor acht Tagen verwischt. Leben ist Wechsel. Vor Fenster und Türen waren die Vorhänge niedergelassen. Im großen Kachelofen knackten die Holzscheite. Unter der Hängelampe um den großen runden Tisch saßen alle, die noch bei Frau Friedel geblieben waren. Auch Tante Lisa und Fee fehlten nicht.

Sie hatten sich nach dem Abendessen enger zusammengerückt, die Damen mit ihrer Arbeit, die Herren rauchend. Professor Lutz saß neben Gladys, Hauptmann Fritzel plauderte im Hintergrund halblaut mit Anne. Die war die einzige Untätige im Raum, wenn man ihr die Fürsorge für des Hauptmannes Fritzel Unterhaltung nicht als besondere Tätigkeit anrechnen wollte.

Nein, noch eine saß da mit den Händen im Schoß und den Augen in Fernen. Das war Frau Friedel – Klein-Muttchen – Klein-Großchen. Die Ihren ließen sie gewähren. Es war kein erfreuliches Tun, die müden, schmerzschweren Augen aus der Ferne zurückzurufen, die ihnen Liebes vortäuschte, zurück in die leere Gegenwart. Ihr Blick war dann in allen diesen Tagen immer so anklagend gewesen, wenn auch die Lippen nur sanfte Worte fanden.

So staunten sie alle, als heute diese Lippen ganz von selber sprachen, und alle horchten unwillkürlich auf. Die Damen legten die Arbeit in den Schoß; die Herren vergaßen ihre Zigarren.

Frau Friedel sagte: »Ich danke euch allen, daß ihr so viel Geduld mit mir hattet in diesen Tagen. Ich habe mir nun alles zurechtgelegt, wie es jetzt werden soll ohne – – ohne ihn.«

»Friedel! Muttchen! Klein-Muttchen! Klein-Großchen! Nicht – nicht!« So wehrten sie alle.

Aber Frau Friedel fuhr sanft fort: »Laßt mich, Kinder! Ein Ausbrechen wird mir gut tun. Unsere Gladys hat mir gesagt, was mein Klaus wollte: daß ich euch gebe, was sein gewesen ist, all mein Sorgen, Lieben und Denken. Ich verstehe die Lehre, daß man sich an keinem Grab verschließen soll gegen die Mitwelt, sondern sich umsehen und fragen muß: wem kann ich nun ein Liebes tun? Ich weiß, das hat mein Klaus mir sagen, mich lehren wollen. Und seine Toten ehren, heißt in ihrem Sinne leben.«

Sie waren alle tief ergriffen. Tante Lisa hatte Frau Friedels Hände gefaßt.

Die wehrten wieder: »So laßt mich doch reden, Kinder! Ihr wißt, ich bin nie für Brimborien und Fisimatenten gewesen.«

Ein Schatten ihres einstigen Schelmenlachens huschte ihr um den Mund. Nun sahen sie alle ganz still, und Frau Friedel sprach weiter.

»Ich habe es mir so gedacht: Wenn der lange Mensch dort« – sie wies auf Lutz – »unsere Gladys fortgenommen hat, was er ja wohl tun wird, dann haben die zwei Verlassenen in Dresdorf vielleicht Raum für mich und – – «

»Friedel!! Klein-Muttchen!! Du wolltest zu uns kommen? Nach Dresdorf ziehen? Ein wundervoller Gedanke!« Tante Lisa und Fee fanden nicht Worte genug für ihre Freude.

»Ja, Kinder, was denkt ihr denn? Irgendwo wohnen muß ich doch, denn die zwei da« – dies galt dem Hauptmann Fritzel und seiner Braut, der jungen Änne – »werden auch nicht warten wollen, bis sie grau sind und – – «

»Vertreiben wollen wir dich nicht, Klein-Muttchen! Nein, sicherlich nicht!«

Hauptmann Fritzel und die junge Änne waren ganz erschrocken. Bei der jungen Änne flossen sogar die Tränen; sie lag schluchzend neben Frau Friedel auf den Knien und barg den Kopf in deren Schoß.

Weich strich Klein-Muttchen über des Schwiegertöchterleins blonden Scheitel. »Kind, das ist nun einmal so der Welt Lauf; die Alten geben den Jungen Raum, wenn deren Stunde gekommen ist.«

»Aber ich will dich in Ehren halten über alles, Klein-Muttchen, wenn du nur bei mir bleiben willst! Ich hätte keine frohe Stunde mehr, wenn ich wüßte, ich – wir hätten dich vertrieben.« Sie weinte laut, die junge Änne.

»Kind, nur stille! Ich gehe freiwillig, weil ich es so für das Rechte halte. Aber es macht dir Ehre, Kind, daß du die alte Frau halten willst und es nicht als dein selbstverständliches Recht annimmst, daß sie dir Platz macht. Wohl ist der Lauf der Welt so, aber es tut gut zu fühlen, daß die Jungen ein Verstehen und ein Wort des Dankes dafür haben. Man sagt, daß heute ein anderer Geist unter den Jungen umgehe, ein Geist der Überhebung und der Selbstgerechtigkeit, der Nichtachtung für die Gefühle derer, die sie überholen, eben weil sie jung und diese alt sind. Das wäre ein übler Geist, Kind, und ich kann mir kaum denken, daß es viele gibt, die ihn über sich Herr werden lassen. Denn auch sie werden alt werden, und jeder Kluge sollte so tun, wie er wünscht, daß ihm dereinst geschehe. Und die Jungen haben es so leicht, uns Alte froh zu machen! Ein freundliches Wort, ein Lächeln, ein warmer Blick genügt ja zumeist. Wenn sie doch alle daran dächten, daß sie durch ihr bloßes Sein andere schon reich machen können! Es ist eine königliche Fülle, aus der sie schöpfen.«

Es war ganz still im weiten Raum. Schier ehrfürchtig schauten die Ihren auf Frau Friedel. So hatte man sie noch nie reden hören.

Frau Friedel gewahrte die erstaunten Blicke, und ein kleines wehes Lachen zog ihr um den Mund.

»Ja, Kinder, der Schmerz ist ein gar tätiger Förderer von allerhand Ungeahntem. Er gräbt tief, bringt Edelmetall ans Licht oder Schlacken, je nachdem. Also, es bleibt dabei: der Fritzel mit seiner Änne beziehen Rödershof. Du reichst doch gleich den Abschied ein, mein Junge?«

»Ist schon geschehen, Klein-Muttchen!« Hauptmann Fritzel war sehr rot, als er das sagte; er wischte sich mit dem Tuch über das Gesicht.

Frau Friedel lächelte nur fein.

»Um so besser, mein Fritzel! Je eher der Hof wieder in feste Hände kommt, desto besser. Dein Vater hing daran.«

»Ich werde stets daran denken, Klein-Muttchen.«

»Das weiß ich, mein Fritzel. Also ihr nehmt mich auf, Lisa, Fee?«

»In dein Eigentum, Friedel!«

»Wo du bei uns zu Hause bist, Klein-Muttchen!« Fee hatte die Arme um die Mutter geschlungen. »In Herz und Haus, Klein-Muttchen!«

»Das war ein gutes Wort, Fee; ich danke dir. Ich scheine so entwurzelt, seit mir der Stab genommen ist, der mich stützte.«

»Klein-Muttchen, wo du doch uns hast!« Des Professor Lutz Stimme war so warm und fest.

Die Mutter reichte ihm beide Hände. Sie sagte nichts, aber ihre Gebärde redete.

Es war eine Weile ganz still im Raum; dann sagte Lutz: »Ich muß bald fort, und ich möchte nicht allein gehen, Klein-Muttchen. Ihr werdet das verstehen.«

Ein Blick auf Gladys zeigte, was er damit meinte. Die hatte große erschreckte Augen und hob die Hand zum Herzen, blieb aber stumm.

Lutz sprach weiter: »Glaubst du, daß der Vater es nicht verstünde, wenn er noch lebte, Klein-Muttchen?«

»Lutz – – so schnell? Wo er doch kaum begraben ist – – Lutz – – ich – – «

Frau Friedel war bis in die Lippen erblaßt; des Sohnes Worte kamen völlig unerwartet. Sie senkte den Kopf und sah eine Weile vor sich. Sie hatte die Hände gefaltet; Träne um Träne tropfte darauf nieder.

Niemand wagte, sie zu stören. Manch ein unwilliger, vorwurfsvoller Blick streifte den Urheber dieser Tränen.

Professor Lutz sah ruhig da und lies die Augen nicht von seiner Mutter. Es war ihm leid um den Kampf, in den er sie gestürzt hatte, aber er mußte und vertraute, daß ihr Rechtsgefühl siegen würde.

Denn war es nicht sein gutes Recht, nun so schnell als möglich eine Heimat zu gewinnen, die er so lange entbehrt hatte? Und der Grund, der ihn hatte zögern lassen, Gladys schon früher einzufordern, fiel ja nun weg. Schwester Fee bekam reichlich Ersatz für das, was er ihr nahm. In der Liebe und Sorge für die trauernde Mutter wurde ihr eine Aufgabe, die ihr Leben füllen konnte. So harrte er in Geduld; Klein-Muttchen würde schon den Weg finden.

Und da war sie schon hindurch durch das, was sie gehemmt hatte.

»Tu, was du für recht hältst, mein Lutz! Ich will dir nicht entgegen sein.«

Er küßte ihre Hand; Gladys lag neben ihr auf den Knien.

»Mach sie glücklich, Lutz; sie verdient es,« so sagte Klein-Muttchen und legte die Hand auf Gladys' Scheitel.

Dann saß sie und sann. Man sah, sie war wieder weit weg. Die Dresdorfer Damen rüsteten zum Aufbruch; man hörte die alte Kutsche, die sie holen kam, auf den Hof rollen. Still nahmen sie Abschied. Frau Friedel nickte ihnen nur wortlos zu. Dann sagte sie den Ihren, die zurückblieben, ein leises Gutnacht und zog die Türe hinter sich zu.

Sie mußte allein sein, allein mit sich zur Ruhe kommen. Ihres Lutz Bitte hatte allzu rasch wieder in den unabänderlichen Lauf der Erdendinge eingelenkt. Das schmerzte, aber war begreiflich; es mußte überwunden werden, und das tat man am besten allein.

*

»Erlaube, Irmingard, daß ich dir meinen Freund, Oberleutnant Hemsen, vorstelle.«

Hauptmann Fritz stand vor der blonden Irmingard; neben ihm schlug ein großer schlanker Mann die Hacken zusammen und verneigte sich.

Der blonden Irmingard stieg das Blut in die Schläfe, als sie sich gleichfalls neigte. Dann lachte sie ein bißchen schelmisch verschämt.

»Sie müssen schon verzeihen, Herr Oberleutnant, wenn in diesen Tagen auf dem Hof nicht alles ganz glatt abläuft; mein Regiment ist noch jung. Ich möchte aber meiner Großmutter gern möglichst alles abnehmen; sie – sie hat so schwer zu tragen an ihrem großen Schmerz.«

»Ich bin untröstlich, gnädiges Fräulein, daß ich mit meinen Leuten Ihnen in solcher Zeit zur Last fallen muß, aber – der Dienst – da läßt sich weiter nichts tun; der Soldat muß gehorchen, übrigens werden gnädiges Fräulein die Sache wundervoll deichseln; das sehe ich schon!« Er lachte, daß man die weißen Zähne unter dem schwarzen Schnurrbärtchen sah.

»Woran wollen Sie das erkennen? Etwa weil ich blond bin?«

Irmingard lachte zurück und sah in dem schwarzen Kleid blonder aus als je.

»Eben daran! Die Blonden sind besondere Menschen. Das hat mir mein großer blonder Bruder schon eingedroschen, wenn ich auf einen Apfel verzichten sollte, der ihm anstand, oder ihm sonst etwas mir Gehöriges abtreten mußte, das ihm in die Nase stach. Ja, die Blonden!«

Sie lachten über seine Begründung. Dann verabschiedete sich Irmingard, denn es gab in diesen Tagen wirklich an allen Enden für sie zu tun.

Das Leben hatte sich auf Rödershof gewaltig geändert. Einquartierung war gekommen, ein Oberleutnant mit zwanzig Mann. Wer hätte sich dagegen stemmen können?

Für Frau Friedel war es hart, daß eine solche Forderung alsbald mit ihrer Wucht in das stille Trauerhaus einbrach. Aber sie ergab sich darein. Die blonde Irmingard bestand darauf, Klein-Großchen alles abzunehmen, was sie mit dem übergeschäftigen häuslichen Treiben in Berührung brachte, und Klein-Großchen ließ sie gewähren. Sie fühlte, wie die Nachwirkung des Schreckens, des großen Schmerzes sie zermürbt, ihr die Widerstandskraft genommen hatte. Doch fand die blonde Irmingard allzeit einen Rat bei der Großmutter, wenn die junge Erfahrung nicht ausreichen wollte, und Frau Friedel sah mit Anteil die junge Kraft sich regen. Alles nahm seinen wohlüberlegten, gleichmäßigen Gang unter Irmingards Leitung auf Rödershof.

Die junge Änne ging der blonden »Nichte«, die ihr an Alter und Weisheit voraus war, mit viel Freude zur Hand, um so freudiger, als es für sie ein Vorstudium auf Künftiges bedeutete. Wenn der Frühling hier Einzug hielt, würde sie dasselbe tun als ihres Hauptmann Fritzel junge Frau.

Herrje, was gab es bis dahin noch zu lernen! Ob sie je zu solcher Umsicht kam, wie die blonde Irmingard sie hatte? »Tante« Änne staunte an dieser in die Höhe.

Zehn volle Tage sollte nun Rödershof die fremden bunten Gäste beherbergen. Frau Friedel erschrak doch ein wenig, als sie dies hörte,, so gastfrei sie sonst in Tagen gewesen war, die nicht mehr wiederkehrten. Würde die blonde Irmingard ausdauern? Es war keine leichte Aufgabe, die sie sich gestellt hatte.

Aber sonderbar, je weiter die Tage vorschritten, um so freudiger tätig schien Irmingard. So voll Leben und frischem Regen hatte die Großmutter sie noch kaum gesehen. Und da die Tage zur Neige gingen, ließ die Blonde, statt bei der Aussicht auf die wiederkehrende Ruhe aufzuatmen, den Kopf hängen und bekam etwas Verträumtes in ihr Wesen.

»Kenne sich einer aus bei den Jungen,« dachte Frau Friedel und schüttelte den Kopf – – –

Professor Lutz ging mit seiner Braut durch den Wiesengrund. Sie kamen von Rödershof, wo Gladys ihren Bräutigam auf dessen Bitte heute abgeholt hatte.

Lange hatten sie bei Frau Friedel gesessen, die viel gute und warme Worte für sie fand. Aber an das eine, wovon Lutz an jenem Abend gesprochen hatte, war nicht wieder gerührt worden. Die Mutter schien es zu meiden, nachdem sie ihrem Ältesten am Morgen nach jenem Abend gesagt hatte: »Mein Lutz, tue, was du für recht hältst, was dein Recht ist, und kümmere dich nicht um eine dumme alte Frau.«

»Gegen deinen Willen, Klein-Muttchen? Nimmermehr!«

»Mit meinem Willen, Bub, nur ohne mein Zutun und Wissen! Verstehst du mich?«

»Ich glaube,« hatte da ihr großer Junge gesagt und sie mit leuchtenden Augen geküßt.

Nie wieder hatte seitdem Frau Friedel an die Sache gerührt. Auch heute morgen nicht, als Lutz und Gladys bei ihr saßen. Sie war nur besonders weich gewesen, besonders liebevoll, und es war Gladys aufgefallen, daß die Mutter Lutz so lange in den Armen hielt, als sie sich trennten; ja, sie hatte Tränen in den Augen, als ob es einen großen Abschied gälte, und war doch nur einen Hahnenschrei weit von Rödershof bis Dresdorf. Wie manch liebes Mal hatte sie, Gladys, den rotbunten großen Haushahn von drüben her krähen hören, wenn sie unter der Weide am Bach saß!

So sagte sie auch zu Lutz, als sie nun unter den herbstkahlen Obstbäumen Dresdorf zuschritten.

»Lutz, weshalb Klein-Muttchen wohl so gerührt war? Sie wollte dich ja gar nicht aus den Armen lassen – als ob du mindestens nach Berlin gingest! Verstehst du das?«

Der schaute seine Braut merkwürdig an; es wurde ihr ganz sonderbar dabei, geheimnisvoll sah er aus. Was er nur hatte?

Sie drängte noch einmal: »Verstehst du es, Lutz?«

»Vielleicht,« sagte er und sah noch geheimnisvoller aus.

»Lutz, was ist's? Was hast du vor?«

Sie flüsterte es scheu und leise. Es stieg ein Ahnen in ihr auf und nahm ihr schier den Atem.

Sie waren mittlerweile schon dicht bei Dresdorf. Gladys hatte am Bach abbiegen wollen, wo das Pförtchen winkte, das in den Dresdorfer Park Einlaß gab. Mit fester Hand hatte Lutz nach ihrem Arm gegriffen und den seinen drunter geschoben.

»Hier hinaus, bitte; ich habe erst noch im Dorf etwas zu erledigen.«

So gingen sie den Weg zum Dorf, an der Mauer des lieben alten Gartens entlang, und standen nun dort, wo die Dorfgasse mündete und das kleine alte Kirchlein auf seinem Hügel lag, die Dorfhäuser betreuend wie die Glucke ihre Küchlein.

Lutz lenkte den Pfad zum Kirchlein empor.

»Wohin führst du mich, Lutz?« hauchte die Braut.

»Will's Gott, zum Glück!«

Nun sah sie klar. Aber sie zögerte noch und hemmte den Schritt.

»So ohne weiteres, Lutz – ich – –«

Auch er blieb stehen.

»Reut dich etwa, was du mir versprochen hast?« Er sah ihr schalkhaft in die Augen. »Oder reuen dich Kranz und Schleier, die du entbehren sollst?«

»Dummer Lutz! Aber Tante Fee – Klein-Muttchen – die anderen – – «

Zur offenen Kirchentür kamen jetzt volle Orgeltöne heraus, so feierlich ernst und doch jubelnd zugleich, daß von der Braut alle irdischen Bedenken abfielen. Ein frommes unendliches Glücksgefühl durchflutete sie und füllte sie ganz. Sie legte den Arm in den ihres Verlobten, und so traten sie unter die Tür.

Am Altar fand der Geistliche gute warme Worte.

Da standen Tante Fee und Lisa! »Wir dürfen doch auch dabei sein?« fragte erstere und lachte ihr Kind unter Tränen an.

»Also eine richtige Verschwörung?« rief Gladys und barg ihr Gesicht an Tante Fees Schulter.

Tante Lisa nestelte dabei an Gladys Haaren, und wie die sich aufrichtete, war ein blühendes Myrtenreislein drin befestigt.

»Ich dachte, mein Bäumchen blühe zur Unzeit,« sagte Tante Lisa weich, »nun ist es doch die rechte Zeit gewesen.«

Die Braut dankte ihr nur mit Blicken.

Die vier schritten nun den Gang zwischen dem alten Gestühl entlang. Am Altar stand schon der Geistliche bereit, und wie er gute warme Worte fand für die junge Braut, die ein entwurzeltes Pflänzlein gewesen sei, das nun bleibende Stätte und dauernde Hut finden solle, gute Worte auch für den Mann, in dessen einsame Bahn nun ein treuer Kamerad trete, gleichen Schritt zu halten bei Sonne und Regen, in guten und bösen Tagen: da griff die Sonne durchs Fenster und vergoldete den Scheitel der Braut, daß er auflohte wie ein Glorienschein und den ganzen Raum hell machte.

So wurden Lutz und Gladys Eheleute und gingen den Gang am alten Gestühl entlang hinein in des Lebens Alltag. Sie gingen ohne Bangen, denn sie hatten das im Herzen, was das Leid tragen und die Freude teilen hilft.

Hinter der Tür wartete ihrer eine schwarze Gestalt. Sie legte den Finger an die Lippen und nahm schweigend das Paar an ihr Mutterherz.

Sie mußten der Tage denken, die noch nicht weit zurücklagen, wo sie gefleht hatte: »Still, still – er schläft!« So schwiegen sie und hielten ihren Schmerz heilig.

Mit einem: »Gott mit euch!« glitt Frau Friedel sodann um die Ecke. Keiner versuchte, sie zu halten.

Am Fuß des Kirchenhügels stand die alte Dresdorfer Kutsche. Johann hatte es sich nicht nehmen lassen, Pferde und Peitsche mit Blumen zu schmücken.

»An eebes muß mer doch sehe, daß mir Hochzeit hawwe,« hatte er grinsend erklärt. »Ei, mich verhärmt des Gladiesche, daß des sich in de Ehestand enein stehle soll als wie e Dieb in der Nacht. Was mer nit alles erlewe duht!«

Er grinste auch der neugebackenen jungen Frau entgegen und sagte strahlend: »Gun Morje, Frau Perfessor; ich kratelier auch vielmals.«

Gladys dankte mit Handschlag, reden konnte sie nicht viel.

Es wurde ihr noch enger ums Herz, da sie merkte: nun galt es Abschied nehmen! Sie hatte entdeckt, daß Gepäck im Wagen lag, hatte auch ihren Hut und Mantel gesehen. Also es galt sofortige Abreise!

»Weshalb solche Eile? Weshalb die Verschwörung?« fragte sie mit zitternden Lippen.

»Der Mutter wegen und auch Fees wegen! Verzeih – wir hielten es so für das Beste. Eine vollendete Tatsache ist immer leichter zu tragen als Nahendes.«

Da beschied sie sich und lag in Tante Fees Armen, als ob sie die nicht lassen könne. Worte fand sie keine.

Tante Fee war tief bewegt; sie zitterte so, daß sie sich kaum auf den Füßen halten konnte. Da war es ein Glück, daß Tante Lisa in weiser Voraussicht den Fahrstuhl hatte bereitstellen lassen. Darein setzte sich nun Fee, blaß bis in die Lippen, aber mit einem Lächeln im lieben Gesicht. Dem »Kind« sollte der Abschied leicht werden!

»Geh, kleine Schwägerin, werde glücklich und mache glücklich!« Es klang fast scherzend, wie denn Fee diesen Verwandtschaftsgrad immer nur im Scherz erwähnte.

Gladys schlang die Arme um sie.

»Wie soll ich dir danken, du Beste, Allerbeste?«

»Als ob es Dank gäbe zwischen zweien, die sich lieb haben! Man gibt und nimmt, und das ist Danks genug. Bringe sie fort, Lutz; ihr kommt sonst zu spät.«

Die Mahnung war Selbsthilfe, Tante Fee fühlte sich schwach werden. Sanft, aber fest schob nun Lutz seine junge Frau dem Wagen zu. Sie saß darin, ehe sie wußte, wie; und die Pferde zogen an.

»Lebt wohl! Lebt wohl!« Gladys lehnte sich aus dem Fenster; Lutz mußte sie halten, denn der alten Kutsche war nicht zu trauen.

Viele Dorfleute hatten sich gesammelt. Man merkte, daß Außergewöhnliches vorging. Als die Pferde anzogen, gab es ein Hallo bei den Kindern. Die setzten mit Hurrageschrei hinter der Kutsche her. Die Erwachsenen schwenkten Tücher und Mützen.

Das lenkte Gladys ab; sie grüßte zurück, lächelte und winkte, und wie sie wieder zu sich kam, war Dörflein und Kirche, waren Tante Fee und Tante Lisa verschwunden.

Gladys weinte laut auf.

»Weshalb diese Verschwörung, Lutz? Nun habe ich nicht einmal richtig Abschied nehmen können. Tante Fee!« Sie schien untröstlich.

Es mußte Lutz aber doch gelungen sein, sie in nicht allzu langer Zeit zu trösten, denn wie das junge Gesicht unter den rotgoldenen Haarwellen wieder am Kutschenfenster auftauchte, sah es aus wie ein Aprilentag, lächelnd unter Tränen. Und wo es wieder auftauchte, das war schon dicht hinter Rödershof, wo der Weg durch dessen Wiesengrund am Nain der Loberger Landstraße mündete.

Dort standen nämlich vier Menschen, die sichtlich auf die Kutsche gewartet hatten. Es waren Hauptmann Fritzel und seine Braut, die blonde Irmingard und Oberleutnant Hemsen, der noch eben Zeit hatte, den Sohn des gastlichen Hauses auf seiner Hochzeitsfahrt zu begrüßen, ehe er seinerseits mit seinen Leuten abziehen mußte. Das Manöver war zu Ende, und die Garnison winkte wieder, was gar nicht verlockend war, wie Oberleutnant Hemsen in den letzten Tagen unaufhörlich versichert hatte.

Da standen also die vier, als die Kutsche in Sicht kam, und am Fenster zeigte sich das Aprilenwettergesicht unter den rotgoldenen Haaren. Es lächelte und winkte und war rot bis in die rotgoldenen Haare hinein.

»Glück zu, Bruder Lutz!« rief Hauptmann Fritzel, und ein Leuchten stand in seinen Augen.

»Schön Dank, Bruder Fritz! Und komm bald nach!« Das Leuchten in des Professors Lutz Augen war nicht weniger hell. »Und grüßt Klein-Muttchen viel tausendmal!«

»Auch von mir – auch von mir, bitte!« Das hatte die junge Frau Gladys gerufen, und dann bog die alte Kutsche um die Ecke.

»Arme Gladys,« seufzte die junge Änne.

»Weshalb arme Gladys?« Des Hauptmann Fritzel Stimme war ganz streng, und streng sollte auch der Blick sein, womit er die Braut ansah. »Ich will nicht hoffen, daß du sie bedauerst, weil sie geheiratet hat. Solche Ketzerei wäre eine Versündigung.«

»Aber so ohne Sang und Klang, Fritzel!«

»Aha, also das weiße Kleid und der Schleier sind die Hauptsache? Das andere geht drein, der Mann und so weiter.«

»Dummer Fritzel,« wehrte sich die junge Änne. »Das verstehst du nicht! Es muß alles seine Ordnung haben – was, Irmingard?«

»Mir wäre es einerlei,« sagte die und wurde ein wenig rot dabei.

»Bravo,« lobten Onkel Fritzel und Oberleutnant Hemsen zugleich; dann wandten die vier sich zurück durch den Wiesengrund dem Hofe zu.

Dort oben am Fenster des Herrenhauses stand Frau Friedel und schaute mit brennenden Augen dem Wagen nach, der ihren Ältesten dem Glück zuführte. Ihre heißesten Wünsche eilten hinterher. Ein wehes flüchtiges Lächeln huschte um ihren Mund.

»Er hat gemeint, er könne sich vor der Mutter verstellen, der dumme Bub! Als ob ich es ihm diesen Morgen nicht gleich angemerkt hätte, daß nun der Tag gekommen war! Ein Mutterauge sieht scharf, und Klein-Muttchen war nie auf den Kopf gefallen, mein Sohn. Klaus, was würdest du aber sagen, wenn du wüßtest, daß ich deinen Ältesten so habe ziehen lassen! Es gefiele dir nicht, mein Klaus, ich weiß es; aber – – ich konnte nicht anders, Klaus! Ich bin noch zu wund und zerschlagen. Warum hast du mich allein gelassen, mein Klaus? Warum hast du mir diesen ersten Schmerz getan – – ?«

Siebentes Kapitel: Dem Leben das Seine

Zweimal hatte die Oktobersonne wieder über den Oktoberwald geschienen, seit sie den Herrn von Rödershof in ihrem Schein hinaustrugen. Dann war der Winter noch einmal über die vertraute Stätte gegangen, und nun hatte der Frühling wieder seinen Einzug gehalten. Seine leuchtende Sonne überstrahlte den grünen Wald- und Wiesenwinkel, der in allen Farben prangte. Es war hier alles beim alten geblieben, wie es von je gewesen war.

Nein, ein Neues gab es doch zu bestaunen!

Dort, am hintersten Ende des Dresdorfer Parkes, wo er an den Wiesengrund stieß, der ihn von Rödershof trennte, leuchtete ein rotes Ziegeldach aus dem zartgrünen Baumgeäst auf. Das war früher nicht dagewesen. Es deckte einen niederen länglichen Neubau, der aus zahlreichen blinkenden Fensterscheiben auf Wald und Wiesen schaute. Von seinem First wehte lustig eine Fahne; um seine Tür schlang sich grünes Gewinde. Festlich sah alles aus und froh!

Es sollte auch ein Fest gefeiert werden, und zwar das der Einweihung des Kinderheims, das sich Tante Fee hier geschaffen hatte. Seit man ihr das Kind ihres Herzens entführt hatte, war Tante Fee sehr einsam in sich gewesen, wenngleich Tante Lisas und Klein-Muttchens Liebe sie mit warmem Sorgen umgab. Die reiche Liebesfülle in ihr selbst hatte zu einer weiteren Betätigung gedrängt, und so war allgemach zwischen den dreien der Plan ausgereift, der dann hier in dem freundlichen Neubau zur Vollendung gelangte.

Ja, Tante Lisa und Klein-Muttchen hatten mit denken und planen helfen, wie Fee ihr Leben nun ausfüllen könne, daß es ihr lebenswert erschiene, und Klein-Muttchen zumeist hatte den regsten Anteil daran genommen. Klein-Muttchen wußte ja nur zu gut und hatte es an sich erfahren, daß nichts über den eigenen Schmerz, die eigene Seelennot hinaushilft als ein Aufgehen in anderen.

Frau Friedel trug ihren großen Schmerz, den Schmerz ihres Lebens so, wie der tote Gatte ihn zu tragen auferlegt hatte. Sie lebte für die Ihren, war ihnen Glück und Freude. Nachdem sie den ersten herbsten Ansturm niedergerungen hatte, der ihr nur Sinn für sich und ihre große Not ließ, war aus dem großen Leid eine andere hervorgegangen, die das Leid und die Nöte, auch die Freuden und die Wonnen ihrer Lieben auf ihre starken, schmerzgestählten Schultern nahm. Wen des Schmerzes Feuer so schmiedet, der ist aus dem rechten Stoff.

In dem langen Winter, der auf jene leidvollen Oktobertage folgte, hatten die drei gesessen, gedacht und geplant. Da war es ein Segen gewesen, daß Klein-Muttchen schon so bald nach Dresdorf übersiedelte, obgleich die Ihren diesen raschen Schritt zuerst weder verstanden noch billigten. Aber Klein-Muttchen wußte, was für alle das Beste sei.

»… denn, seht ihr, Kinder, Rödershof ohne meinen Klaus ist Rödershof nicht mehr. Laßt mich gewähren! Dann hat auch der Fritzel Zeit, sich nach seinem Geschmack da einzurichten, bis er im Frühjahr seine Änne bringt.«

Sie hatten sie also gewähren lassen, und eines Abends, da es eben dämmern wollte, war aus der Tür des großen Eßsaals in Rödershof – der Tür, die auf den Wiesengrund führte, der Tür, durch die sie nicht gar lange zuvor jenen Sarg getragen hatten, der Frau Friedels Glück barg – war aus jener Tür eine schmale schwarze Gestalt getreten. Als sie ein paar Meter weit war, hatte sie sich gewendet und mit tiefem Blick nochmals das Haus umfaßt, darinnen ihr Glück gewohnt hatte? sie hatte den Kopf geneigt und die Hände gefaltet. Ein warmes Danken war ihr aus dem Herzen gequollen.

»Dürfte ich klagen, nachdem ich über sechzig Jahre nur Sonne und Glück gekannt habe? Erst bei Papa daheim und dann bei meinem Klaus? Sollte ich jetzt nicht meinen Schmerz auf mich nehmen ohne Murren? Du hast recht, mein Klaus; ich will nach deiner Weisung tun – so helfe mir Gott!«

Dann war sie still gegangen und still bei den Ihren in Dresdorf eingetreten.

»Da bin ich; nun gehöre ich zu euch.«

Lang und einsam war der Winter gewesen, oft trübe und grau. Aber sie hatten zusammen getragen, und da war alles leichter geworden. Dann hatten sie zusammen geplant, beredet und ausgedacht, und nun stand das Ergebnis als freundlicher Neubau dort hinten im Dresdorfer Park. Die Fahne wehte vom First, und grünes Gewinde zierte die Tür.

Eine Frau in mittleren Jahren stand unter der Tür; eine blütenweiße Schürze und Haube schmückten sie, und aus guten, mütterlichen Augen sah sie über den Weg, wo eine kleine schüchterne Schar sich nahte: sechs Mägdlein und zwei kleine Buben.

Für so viele hatte Fee ihr Kinderheim eingerichtet; acht weiße Betten standen da in den drei Schlafzimmern verteilt. Seit der Plan feste Umrisse gewann, hatte Fee gesucht und gesichtet, und diese acht Waislein sollten nun Einzug halten.

»Eilt euch, Kinder! Ich höre die Herrschaften schon durch den Park herankommen. Putz dir das Näschen, Peterchen; dein guter Kittel paßt nicht dazu.«

Der kleine Missetäter hing den roten Kopf, und ein kleines Mädchen beeilte sich, dem Kerlchen zu helfen.

Ein: »So recht, Mariechen, immer hübsch beispringen,« lohnte ihr.

Die mütterliche Frau in der blütenweißen Schürze und der blütenweißen Haube war zu der kleinen Schar getreten und faßte die zwei Bübchen rechts und links bei den Händen. Sie standen alle und warteten. Eine große Erregung war unter den Kleinen; die Frau hatte Mühe, sie in Ordnung zu halten.

Aber da ging das Pförtchen auf, das in den Park führte, und der gute alte Herr Pfarrer kam herbei, den alle kannten. Zugleich näherten sich durch den Baumgang die Herrschaften, Tante Fees Fahrstuhl voran, von Konz und Dieter geschoben, die nun schon zu großen, kräftigen Buben herangewachsen waren. Sie taten sich auf das ihnen erwiesene Vertrauen nicht wenig zugute und versahen ihr Amt mit unbeschreiblicher Wichtigkeit. Die Basen, Leni und List, die nun auch schon Backfische werden wollten, ließen es nicht an Stichelreden und Neckereien fehlen.

Da waren auch die zwei Friedel, denen die Jahre noch wenig von der sittigen Jungfrau hatten geben können, wenigstens dem Äußeren nach zu urteilen. Sie sahen noch ebenso übermütig drein, und die braunen Zigeunergesichter hatten noch genau denselben Spitzbubenausdruck, den sie von je zeigten. Auch wie sie jetzt auf die Kinderschar losstürmten, war alles andere eher als würdevoll oder gesetzt. Die eine, Friedeli, stolperte beim Wettlauf und konnte nur so Friedelu am Vorkommen hindern, daß sie sie an den Röcken faßte und schier zu Boden riß. Anmutig war das Bild nicht, lustig wohl.

Klein-Großchen seufzte denn auch hörbar und bedeutsam, was zur Folge hatte, daß die zwei, rot, aber lachend zu ihr sich wandten und sich ihr rechts und links in die Arme hängten.

Der gute alte Herr Pfarrer kam herbei, den alle kannten.

»Nimm uns unter deine Fittiche, Klein-Großchen! Nur dann sind wir brauchbare Glieder der menschlichen Gesellschaft.« Friedeli verdrehte die Augen in schelmischer Heuchelei.

»Ja, nur dann, Klein-Großchen,« versicherte auch Friedelu und verdrehte die Spitzbubenaugen noch schlimmer.

»Daß Gott erbarm,« seufzte Klein-Großchen, hielt aber die braunen Arme fest, die sich unter die ihren schoben.

Mutter Lu und Tante Lisa kamen zuletzt. Sonst war von der Familie weiter noch niemand anwesend; die anderen, soweit sie überhaupt zu kommen beabsichtigten, würden erst ganz kurz vor der Hochzeit eintreffen.

Es sollte nämlich wieder einmal Hochzeit gefeiert werden. Die blonde Irmingard, die an jenem Oktobermorgen, als Professor Lutz seine junge Frau so ohne weiteres mit sich fortführte, am Wege neben dem Oberleutnant Hemsen gestanden und dem Paare nachgewinkt hatte, diese selbe blonde Irmingard hatte sich entschlossen, neben jenem selben Oberleutnant Hemsen, Klein-Großchens einstigem Quartiersmann, ferner fürs Leben stehen zu bleiben oder auch in gleichem Schritt und Tritt als sein guter Kamerad seine Wege mit ihm zu gehen. Und dieser Entschluß sollte in diesen Tagen hier am Ort, wo sich die beiden kennen gelernt hatten, verbrieft und besiegelt werden.

Heute aber feierte man erst die Eröffnung von Tante Fees Kinderheim, und alle die Nichten und Neffen waren erfüllt von der Bedeutung des Tages.

Unter der Tür des neuen Hauses stand der Geistliche. Er sprach warme Worte und redete von der Liebesfülle eines treuen Herzens, das geben und geben und geben könne und doch nicht arm, nur um so reicher würde.

»Da meint er dich, Tante Fee,« flüsterte Konz im Bühnenflüsterton.

»Ja, da meint er dich,« bekräftigte Dieter in derselben Tonlage.

Da dies eben in einer Pause der Rede des alten Herrn kam, hörten es alle. Die einen, die ernsten Erwachsenen, nickten und waren gerührt; die anderen, die zwei Friedel und die angehenden Backfische, hatten rote Köpfe vor unterdrücktem Lachen, weil die Buben sich so erschreckten über ihr verunglücktes Flüstern. Aber auch sie gaben den Buben recht.

Ja, Tante Fee war gemeint, wenn man von einem Herzen sprach, dessen reiche Liebesfülle sich nicht genug tun konnte im Spenden und Hingeben.

Sie saß mit gefalteten Händen und leuchtenden Augen, und es war ein großes Freuen in ihr – ein heiliges Freuen, wenn sie die kleine Schar überschaute, deren Wohl und Wehe sie an ihr Herz nehmen durfte.

Der Geistliche sprach eben zu den Kleinen: »So tretet ein in die Stätte, die eine große Liebe euch bereitete. Danket es dadurch, daß ihr gute Menschen werdet! Der Herr segne euren Eingang – Amen.«

Tante Fee war neben den Geistlichen unter die Tür getreten; sie streckte den Kleinen die Hände entgegen.

»Kommt, Kinder, das neue Haus ansehen!«

Vor ihrem Blick, dem Ton ihrer Stimme schmolz alle Scheu. Die Kleinen umdrängten sie und haschten nach ihren Händen. Große Liebe wirbt ohne viele Worte nur dadurch, daß sie ist.

Nun ging es an ein frohes Besichtigen der Räume. Sie waren hell und luftig, aber sehr einfach gehalten.

»Kommt, Kinder, ich zeige euch mal die Küche,« sagte Klein-Großchen und meinte die zwei Friedel.

»Kennen wir, Klein-Großchen – kennen wir lange!« Sie lachten beide.

»Wieso? Ihr seid doch gestern erst gekommen, und der Schlüssel wurde von mir selber verwahrt. Ich – –«

»Wozu wären denn Fenster da, Klein-Großchen?« tönte es zweistimmig.

Da wandte sich Klein-Großchen, aber um ihren Mund zuckte ein Etwas, das jegliches Schelten ausschloß. Das Erinnern an frühere Zeiten war es.

»Nette Sprößlinge,« sagte Frau Lu, die dicht dabeigestanden hatte.

»Das kommt davon,« erwiderte Klein-Muttchen sehr würdevoll und maß Frau Lu mit einem langen sprechenden Blick.

Die nickte und seufzte; dabei lag doch etwas Schelmisches in ihren Augen.

»Je ja, Klein-Muttchen, das kommt davon!«

Dann lachten sich beide ins Gesicht. Die zwei Friedel aber umfaßten sie jubelnd und drehten sich mit ihnen im Kreise mitten in dem großen weiten Wohn-, Spiel- und Eßzimmer von Tante Fees neuem Kinderheim. Und Tante Fees Kinderschar nahm dies als eine Aufforderung mitzutun; sie tat es mit viel Geschrei und Lachen, wobei die Buben und die Backfische, Leni und Lisi, weidlich halfen.

Es ging nicht sehr leise und nicht sehr gesittet her in dieser ersten Stunde in Tante Fees neuem Kinderheim. Die saß und schaute und hatte leuchtende Augen. Dann fiel ihr ein, was wohl der gute alte Geistliche von solchem tollen Treiben denken würde, und sie sagte ein paar entschuldigende Worte.

Freundlich erwiderte der alte Herr: »Harmloses Freuen und Lachen sind Gottesgaben. Möchten sie in diesen Räumen allzeit herrschen! Besseres kann ich nicht wünschen. Ich empfehle mich den Herrschaften; mich rufen andere Amtsgeschäfte.«

Er ging, von Tante Lisa höflich geleitet. Dann besann sich auch Klein-Großchen, daß die Herrin von Dresdorf noch allerhand Tagespflichten zu erledigen habe. Sie hatte dem Inspektor versprochen, an die Wiesenhalde zu kommen, einem ziemlich abgelegenen Gutsgelände. Dort war allerhand frische Einteilung in der Aussaat zu bestimmen, wozu der alte Merten durchaus des »gnädigen Frauchens« Rat haben wollte.

So sollten die Buben eilen, Klein-Großchens Wägelchen anspannen zu lassen, mit dem sie nun alltäglich dahin fuhr im Gutsbereich, wo ihre Gegenwart nötig war. Auf Tante Lisas und Fees dringendste Bitten hatte sie das Reiten aufgegeben, seit sie einmal bei Glatteis mit dem Pferd stürzte. Es war ihr ein großes Entbehren gewesen.

»Aber ich tu's, Kinder, einmal weil ich eben leider in die Jahre komme, obgleich – na, Schwamm drüber! Und dann darf meiner Meinung nach niemand auf seinen Körper und seine Gesundheit hinein hausen, denn, seht ihr, wenn die auch unser eigenstes Eigentum sind, so bin ich doch anderen verantwortlich dafür, weil die mir helfen müssen, wenn ich krank bin. Nur darum gebe ich nach – basta!«

Man rief nach den Buben. Sie waren verduftet? auch die beiden Friedel waren nicht mehr da. Nur die Backfische Leni und Lisi waren tugendhaft zur Stelle geblieben und gingen, der Großmutter Befehl ausrichten, freilich nicht, ohne sich zuvor versichert zu haben, daß sie als Lohn würden mitfahren dürfen. Klein-Großchen nickte Gewährung.

So fuhren die drei denn kurz danach durch den Wald, der sich eben mit dem ersten grünen Schein schmückte. Neugierig lugten die Blättlein allüberall am Buchengeäste vor, ein kleinwinzig Ding das einzelne, eine wundergrüne Lenzesglorie allesamt. Zu Füßen im dürren Raschellaub regte sich gleichfalls das junge Leben. Grüne Hälmlein reckten sich inmitten; kleine Anemonen breiteten ihr Laub über das tote Gewesene. Das Wintermoos besann sich auf sein junges Recht; vollsaftig begrünte es sich aufs neue. Käferlein huschten drüber hin und streckten die winterstarren Füße; Spinnlein krochen emsig entlang. Zu Häupten übten die Vöglein noch zag und verträumt ihren Lenzessang. Herr Fink wetzte das Schnäbelein, sperrte es dann erwartungsvoll auf und räusperte sich. Wahrhaftig, es ging noch! Nur der kunstvolle Schnörkel zuletzt war noch nicht ganz das rechte; er würde aber noch werden, Herr Fink hatte dies schon manch liebes Mal erlebt. Auch die kleine Meise zirpte ihr Sprüchlein. Das ging schon besser, es war nicht so verwickelt wie das des Finken.

In königlicher Ruhe aber saß die Drossel. Sie flötete weich und voll in den Lenz hinein. Ihr kam keiner der gefiederten Vettern gleich, nicht einmal jene, die die Menschen in vergoldete Bauer stecken. Nur eine übertraf sie, aber die war noch fern. Die Tage der Nachtigall waren noch nicht gekommen. Drum saß die Drossel in solch königlicher Ruhe dort in der höchsten Spitze der uralten Fichte und überschaute ihr Reich als Herrscherin; sie öffnete den Schnabel und füllte die Lenzluft mit unendlichem Wohllaut.

Klein-Großchen, Leni und Lisi fuhren mitten durch diesen Lenzwald. Klein-Großchen mit der Freude derer, die zu sehen und zu lauschen verstehen, der Freude, die ein Wehmütiges hat, weil sie den Wechsel kennt und ein Ende weiß. Die Backfische Leni und List mit dem dumpfen Wohlbehagen der Ganzjungen, denen Augen und Ohren noch verschlossen sind für anderes als für Bild und Ton des Augenblicks, die nur mit den Augen und Ohren sehen und hören. Die Jahre, in denen das bemühte Freuen dabei hilft und vertieft, waren für sie noch nicht da.

Sie kamen an eine kleine Lichtung. Inmitten stand eine Buche, deren Laub schon besonders weit vor war. Das kam, weil sie so vorgeschoben stand und die Sonne besonders freien Zutritt zu ihr hatte.

»Sieh doch die sonderbaren Klumpen, Klein-Großchen!« Leni und Lisi riefen es zugleich und wiesen ins Geäst des Baumes.

Klein-Großchen spähte scharf; dann rief sie, daß es schallte: »Konz, Dieter, hierher!«

Die zwei Klumpen blieben dennoch unbeweglich.

»Wollt ihr wohl?« Es klang, als ob nun nicht zu spähen wäre.

In die Klumpen kam Bewegung; sie schoben sich durch das Geäst, und gar nicht lange, da kamen zwei Bubenbeine in Sicht die den Stamm fest umklammerten.

»Hierher!«

Es war ein grollender Ruf; was Wunder, daß die, denen es galt, es nicht eben eilig hatten. Aber in alle Ewigkeit war das Zögern nicht zu dehnen. So standen denn die zwei großen Jungen vor Klein-Großchen, hingen die Köpfe wie kleine Schulbuben und wußten nicht, wohin schauen. Es war auch Ursache dazu da.

»Vogelnester plündern ist geradezu niedrig!«

Alle Verachtung lag in Klein-Großchens Ton. Der traf wie ein Peitschenhieb. Die zwei zuckten zusammen, als ob sie einen solchen wirklich spürten.

»Klein-Großchen, wir haben keine Eier genommen – wir haben nur hineingesehen.«

»Weshalb?«

»Weil – weil wir's als kleine Buben so machten und –«

»Ja, und weil das so nett ist!«

Sie sprachen die Wahrheit, das sah man. Klein-Großchen verbiß ein Lachen. Sie mußte denken, wieviel man in späteren Tagen tut, weil es in der Kinderzeit einmal »so nett« war.

Sie beschaute sich die großen Jungen genauer. Plötzlich lachte sie laut auf und wies nach der beiden Beinen. Dort klaffte je ein Winkelhaken, der jedem kleinen Schulbuben Ehre gemacht hätte.

»Das da geschah wohl auch, weil es früher so nett war?«

Sprach's, knallte mit der Peitsche und fuhr lachend weiter. Leni und Lisi schauten noch lange nach den Vettern, die sichtlich sehr betreten den Schaden beaugenscheinigten. Die Sache war ihnen gar nicht einerlei; das sah man.

»Daß ihr mir die zwei nun nicht etwa hänselt, Mädchen; das will ich mir ausgebeten haben. Mutter Li wird ihnen den Lohn schon besorgen, wenn sie die Hosen sieht, fürchte ich.«

»Arme Kerlchen, wo werden wir die necken, Klein-Großchen!«

»Lämmer!« sagte Klein-Großchen, und es war nicht zu unterscheiden, ob sie Lob oder Tadel meinte.

Sie fuhren eine Weile stumm dahin. Die Bäume standen lichter. Man sah es hell durchschimmern; der Waldrand war nicht weit.

Sonderbare Töne drangen von den Wiesen dort. Es klang wie Hundegebell und war doch durchaus kein waschechtes Kläffen. Aber es machte viel Lärm und wechselte mit großer Geschwindigkeit den Ort. Schafe blökten dazwischen wie in Angst, und das waren unverkennbar echte Töne.

»Was wohl bei dem Jakob los ist, und weshalb der Phylax so sonderbar bellt? Da ist irgend etwas nicht in Ordnung.«

Klein-Großchen faßte die Zügel fester, schnalzte ermunternd, und das Pferdchen flog nur so dahin. Da waren sie aus dem Wald.

Ein sonderbares Schauspiel bot sich auf der Wiese. Hier weideten die Schafe. Der Schäferkarren stand dicht am Waldrand, aber es war kein Schäfer zu sehen. Die Tiere schienen in großer Erregung. Sie stürzten bald hier- bald dahin und drängten sich zusammen. Einzelne waren weit versprengt; ihnen nach, rechts und links weit ausgreifend, setzten die beiden Friedel in unwahrscheinlichen Sätzen, daß man meinte, sie müßten jeden Augenblick zu Boden stürzen. Und die Töne, die wie Hundekläffen klangen und es doch nicht waren, kamen auch von ihnen; sie wurden immer unmelodischer und heiserer.

Klein-Großchen sah es zuerst und staunte wortlos. Dann lachte sie hellauf, schüttelte dabei aber doch den Kopf recht energisch. Was um Himmels willen war in die zwei gefahren? Sie suchte in Gedanken in dem Sündenregister ihrer tollen Tage von einst. Nein, auf den Schäferhund hatte sie sich doch niemals eingeübt. Es gab also noch Neues unter der Sonne, worauf Friedel Polten dermalen nicht verfallen war!

Klein-Großchen hob die Hand zum Mund. Ein gellender Pfiff ertönte, auch ein Anklang aus vergangenen Tagen. Ganz wohl war Klein-Großchen nicht dabei; sie schielte nach den Backfischen und hatte einen heißen Kopf. Aber die saßen mit frommen Mienen und hatten nur Augen für die zwei sonderbaren Schäferhunde.

»Lämmer,« sagte Klein-Großchen noch einmal, aber innerlich, und sie pfiff wieder, geller als zuvor. Wie hätte sie sich anders helfen sollen, so fragte sie sich desgleichen innerlich.

Die Friedel-Schäferhunde hörten und gingen auf den Pfiff, wie gute Hunde tun müssen. Sie kamen vor Klein-Großchen, jappten wie ihre Vorbilder, hatten hängende, zur Hälfte gelöste Zöpfe und Gesichter wie gesottene Krebse.

»Wir müssen weiter, Klein-Großchen – sie verlaufen sich sonst.«

»Ja, sie verlaufen sich sonst, Klein-Großchen – wir müssen weiter.« Sprachen's und machten Miene, wieder davonzustürzen.

»Ha–a–a–a–lt!« tönte es hinter ihnen her.

Dem war nicht zu widerstehen. Sie standen wie die Mauern, aber alles fieberte; die Füße waren sprungbereit.

»Wo ist Jakob, der Schäfer?«

»Dem Phylax nach. Der war so sonderbar und ist ihm ausgekniffen.«

»Ja, und da haben wir – – holla, willst du wohl?«

Mit einem erschreckend heiseren Gebell setzte Friedelu hinter ein paar Ausreißern her. Der Boden dröhnte förmlich. Friedeli war auch schon unterwegs und nicht zu halten.

Klein-Großchen schaute hinterher, und es stand ein Lachen in ihren Augen, das sich aber nicht vortraute. Gleich darauf blickten sie gewaltig ernst, da sie den Backfischen an ihrer Seite zuherrschte: »Ihr bleibt! Ihr wollt euch wohl auch eine Lungenentzündung an den Hals rasen wie die zwei – – na, die zwei Schäferhunde da?«

Gehorsam zogen Leni und Lisi die schon erhobenen Füße wieder ein und saßen bocksteif.

»Lämmer,« sagte Klein-Großchen ein drittes Mal, und jetzt war entschieden etwas Geringschätzung beigemischt.

Aber gleich danach strich sie den beiden reuig über den Blondscheitel. Bequemer waren die zwei schon als – – nun, als gewisse andere Leute.

Beim Schäferkarren saß ein kleiner Junge, vielleicht vier Jahre alt, des Schäferjakob Sohn. Er hielt ein gestrichenes Brot in den Händen, das schier so groß war wie er selber, biß hinein und kaute mit vollen Backen. Er war sehr beschäftigt und sehr befriedigt. Nur die Äuglein drehte er, den Hundestellvertreterinnen zu folgen, und sie glitzerten vor Lust.

Aber da kam etwas, das sie in Schreck erstarren machte. Nicht weit von dem kleinen Mann brach es durch das Unterholz, daß die Zweige knackten. Der Phylax!

Aber wie schaute denn der aus? Blutunterlaufene Augen, lang heraushängende Zunge, gesträubte Haare und eingekniffener Schwanz! So hatte der Phylax noch nie ausgesehen, hatte auch noch nie so geschnauft und gekeucht. Was hatte er?

Gerade auf den kleinen Jakob kam er zu, und nun machte der große Jakob, der Vater, der hinterher kam, so sonderbare Zeichen; er hieb mit den Armen durch die Luft, als ob er dreschen wolle, und keuchte fast so heftig wie der Phylax.

Der kleine Jakob rührte sich nicht, aber in seinen eben noch glitzernden Äuglein stand starrer Schreck geschrieben. Unwillkürlich hielt er sein Riesenbrot zum Schutze vor sich hin, streckte es dem Phylax entgegen, der mit wilden Sätzen auf ihn zurannte.

Das schien ein Glück, denn da war der Phylax auch schon und schnupperte an dem Brot; er vergaß darüber für einen Augenblick den kleinen Jakob. Derweilen hatte der Vater etwas gerufen, das wie: »Doll – er is doll« klang.

Der kleine Jakob aber verstand das nicht. Es hätte ihm auch wenig geholfen, denn nun schleuderte der Phylax das Brot zur Seite, schnappte nach dem Arm des Knaben und biß zu.

Der Junge schrie laut auf vor Schreck und Schmerz. Der Phylax ließ ihn einen Augenblick frei; dann hatte er ihn gleich wieder an den Höslein, worauf das Geschrei des Kleinen noch erbärmlicher wurde.

Es war alles so schnell gegangen, daß niemand ihm hatte rechtzeitig zu Hilfe kommen können. Der große Jakob zitterte so, daß ihm die Füße versagten. Klein-Großchen kam nicht so schnell vom Wagen; die zwei Friedel waren zu weit weg, und die Backfische konnten erst recht nicht beispringen, weil sie sich selber fürchteten und schier erbärmlicher schrien als der kleine Jakob.

Aber ehe der Phylax ein drittes Mal zufassen konnte, fuhr aus fester Hand ein derber Prügel auf den Kopf des Tieres nieder, daß es zusammenbrach. Das war Klein-Großchens Hand. Und Klein-Großchen hob auch den kleinen Jakob auf den Arm und tröstete an dem Bübchen herum. Das schrie einstweilen jammervoll und kümmerte sich wenig um Trostworte, wenn sie auch noch so sanft klangen und von dem »gnädige Frauche« selbst kamen. Vor dem hatte der kleine Jakob nämlich sonst großen Respekt.

Da stand also Klein-Großchen, den wunden kleinen Mann auf den Armen. Der Vater stand daneben, konnte aber nicht reden, da ihm der Schreck noch zu sehr in der Kehle saß. Die zwei stellvertretenden Schäferhunde jagten herzu und besichtigten erst einmal ihren hingestreckten Genossen.

Der lag und rührte sich nicht. Er hatte sich lang gestreckt; die Zunge hing ihm zum Maul heraus.

»Der ist tot,« sagte Friedeli und Friedelu, bekräftigte es.

»Doll – der war doll, gnädig Frauche,« klagte der große Jakob und zitterte dabei, daß ihm die Zähne aufeinanderstießen. »Mein Bub! Mein Bub!«

»Sei Er kein altes Weib –« Klein-Großchens Stimme schallte – »woher will Er wissen, daß das Tier toll war? Es ist ja gar nicht die Zeit dazu, jetzt im Frühling. Flink den Wagen! Ich bringe den Buben nach Loberg zu meiner Enkelin; die wird am besten Rat wissen. Rasch!«

»Net zum Dokter – net zum Dokter,« zeterte der kleine Gebissene, heftig strampelnd.

Der kleine Jakob bäumte sich, daß Klein-Großchen Mühe hatte, ihn festzuhalten. Der Vater gab ihm einen Puff aus lauter Respekt vor der Gnädigen. Dann wandte er sich Klein-Großchen zu.

»Nix for ungut, gnädig Frauche, awer e Mannsdokter war mir doch liewer for mein Bub ze kuriere un – –«

»Das versteht Er nicht, Jakob. Die Frauenzimmer sind heutzutage gleich tüchtig. Die Hildegard kennt ihr Fach; ich würde ihr den Buben sonst nicht anvertrauen, glaub Er mir. Und nun zum Wagen! Raus, ihr Lämmer, und trocknet die Augen; es geht dem Jaköble noch nicht ans Leben. Ihr könnt den Schäferhunden helfen; die stehen wie verdonnert. Daß ihr mir die Schafe gut bewacht, ihr zwei Friedel; nun wird's Ernst. Der Jakob fährt mit mir; er soll sich überzeugen, daß sein Bub in die rechten Hände kommt. Junge, ums Himmels willen, plärre nicht so! Mach Er kein so dummes Gesicht, Jakob! Leg Er das Tier hinten auf den Wagen; dann kann die Hildegard sich das auch gleich mal beschauen. Flink, angepackt! Los!«

An Willens- und Triebkraft hatte Klein-Großchen noch nichts eingebüßt. Wie ein Feldherr erteilte sie ihre Befehle, und ihre Stimme schallte. Der große und der kleine Jakob wurden in den Wagen verstaut; der tote Phylax kam hinten in einen Behälter, der jeweilig barg, was Klein-Großchen gerade auf ihren Fahrten benötigte. Klein-Großchen schwang die Peitsche und schnalzte mit der Zunge; ihr Rößlein setzte sich in Trab.

»Klein-Großchen, nimm uns mit,« bettelten die »Lämmer« mit Jammermienen.

Auch die zwei Friedel standen und hingen die Köpfe; das Schäferhundspiel lockte gar nicht mehr. Ein anderes ist es, freiwillig im Scherz ein Amt übernehmen, als dieses selbe Amt als Pflicht übertragen bekommen. Ja, zwischen Scherz und Ernst ist ein Graben, den man oft nur mit zusammengebissenen Zähnen überspringt.

»Wenn sie uns aber durchgehen, Klein-Großchen?« wehrte sich der Scherz gegen den Ernst.

»Ich vertraue euch vollkommen!«

Klein-Großchens Wägelein war schon ein paar Meter weit, und Klein-Großchens Lachen klang recht schadenfroh. Die Friedel seufzten, aber sie gingen zu ihrem Amt zurück. Die Schafe fanden ihre Hüter von nun an viel gesetzter, waren mit dem Wechsel aber einverstanden; es graste sich so behaglicher. Nur die Waldbäume schüttelten die Wipfel und vermißten das hallende Echo, das ihr Reich zuvor belebt hatte.

Es sei gleich hier gesagt, daß die Friedel treu ihres Amtes walteten, so daß der große Jakob alle seine Lämmer unversehrt vorfand, als er ein paar Stunden später zurückkehrte.

Aber das ist vorgegriffen. Einstweilen fuhr er noch auf der Loberger Landstraße, mit großen verstörten Augen, scheu in die Ecke des Wagensitzes geduckt. Er hielt seinen Sprößling auf den Knien, der nur zuweilen leise wimmerte und dieselben großen verstörten Augen hatte wie sein Vater. Es war auch keine Kleinigkeit, so neben dem gnädigen Frauchen herzukutschieren, als ob man dazu gehöre. Der große Jakob sorgte für einen höflichen Abstand auf dem Sitz und zog seine Glieder bis zur Unmöglichkeit zusammen. Fast hätte er über dieser Sorge vergessen, weshalb ihm und seinem Jungen solche Ehre widerfuhr.

Das gnädige Frauchen aber schwang die Peitsche sehr lebendig, schnalzte und redete dem Rößlein in jeder Weise zu, in Güte und Ernst. Das Rößlein verstand seiner Herrin Sprache, und weil es sie lieb hatte, tat es, wie sie wollte, ja noch mehr. Im Fluge waren sie in Loberg.

»Dr. med. Hildegard Western. Sprechstunden von 8–10 Uhr vorm.« So stand auf einem blitzblanken Messingschild an einem verwitterten Tor, von dem ein Weg durch einen alten Garten zu einem behaglichen Hause führte. In diesem hatte das Fräulein Doktor Hildegard Western das Erdgeschoß gemietet und hauste hier mit einer Perle von Wirtschafterin, deren Wert Frau Lu schon seit Jahren hoch anschlug; nur die Mutterliebe und der Stolz auf die gelehrte Tochter hatten sie bewegen können, sich von besagter Helferin zu trennen.

Hildegard war soeben von Krankenbesuchen heimgekehrt. Sie hatte noch nicht übermäßig zu tun; aber dafür, daß sie erst wenig über ein halbes Jahr im Städtchen weilte, waren es doch schon erstaunlich viele, die von Fräulein Doktor Erlösung von ihren Übeln erhofften – und meist auch fanden!

Man hatte anfangs die neue junge Doktorin mit einem gewissen Mißtrauen betrachtet. Man war gewohnt, mit dem Begriff »Doktor« einen alten, bebrillten Knasterbart zu verbinden, der gutmütig polternd, gelegentlich auch grob seine Vorschriften gab. Seit die Jungen denken konnten, war es so gewesen. Nun wollte sich mit einem Male so ein junges Blut, eine in Röcken, und gar eine, die sie von den Windeln auf kannten, unterfangen, ihnen in allerhand Nöten des Leibes Rat zu erteilen? Das war denn doch eine kitzliche Sache. Wenn man auch wußte und gehört hatte, daß sie grausam gelehrt sei: es war doch schnurrig, am Krankenbett eine von den jungen Damen vom Herrenhof stehen zu haben, die nach frischem Wasser und feiner Seife roch, statt nach Tabak, wie der gute alte Doktor. Man mußte sich daran erst gewöhnen.

Aber das Fräulein Doktor kümmerte sich wenig um alle diese Bedenken. Es stand an den verschiedenen Krankenbetten mit einem teilnehmenden ernsten und so guten hellen jungen Gesicht. Es fand für die verschiedensten Gebresten bei alt und jung zumeist das rechte; es hatte gute oder kräftige Worte je nach Bedarf. Wie nun ein paar Monate über das Städtchen hingegangen waren, da reihte es auch die junge Doktorin in seinen Bestand ein wie die Kirche und das Rathaus etwa, um das die Nachbargemeinden das Städtchen beneideten, denn es war eine bauliche Seltenheit. Und wie man stolz war auf das Rathaus und sich dessen rühmte, so fing man an, sich der anderen Seltenheit, des jungen Fräulein Doktor, bisweilen zu rühmen. Fräulein Dr. med. Hildegard Western aber ging den Pflichten des Tages nach und sah nicht rechts noch links. Für Zurückhaltung wie für Bewunderung hatte sie dasselbe gleichmütige Lächeln. Sie wußte, daß ihr Weg keiner von den leichtesten war, aber sie wollte ihn gehen.

Nur eines schmerzte sie, ohne daß sie ihm Ausdruck gab, und das war Klein-Großchens Abseitsstehen von ihrem Wege. Als der alte Arzt in Loberg starb und alle die Ihren dies für einen Fingerzeig des Schicksals hielten, blieb Klein-Großchen stumm, und wie sie in das alte Haus einzog, hatte Klein-Großchens Liebe wohl das Nest warm bereitet, aber Klein-Großchens innerste Anteilnahme war fern geblieben. »… denn seht ihr, Kinder, das ist mir nun einmal zu neumodisch. Ihr könnt nicht verlangen, daß ich mich innerlich zu einem anderen Menschen mache.«

Die junge Doktorin war still ihren Weg gegangen. Erst hatte man sie hier gerühmt und dann dort; der hatte das gewußt und jener dies, was zu loben war. Die Herrin von Dresdorf hatte selbst Gelegenheit gefunden, sich von Hildegards Tun zu unterrichten, denn sie lebte mit ihren Leuten. Da war aus Klein-Großchens Ablehnung allmählich ein Staunen geworden, dann ein Schwanken und Schwenken, endlich ein Übergang mit fliegenden Fahnen. Die Fahrt mit dem großen und dem kleinen Jakob war dafür ein Beweis.

Das Fräulein Doktor saß eben über einer medizinischen Wochenschrift. Wenn man in dem kleinen Ort nicht versauern wollte, galt es, sich auf dem Laufenden zu erhalten mit allem, was die medizinische Welt bewegte.

Hielt da nicht ein Wagen? Wie im Traum horchte die eifrig Lesende.

Richtig: Stimmen. War das nicht – ?

»So, nun hilf du weiter, Hildegard!«

Aber wie sollte Klein-Großchen heute daher kommen? Die hatte genügend zu tun mit Vorbereitungen für die Hochzeit von Irmingard, der Blonden.

Und doch, es war Klein-Großchens Stimme! Keine sonst hatte diesen tiefen, metallischen Klang. Und da schlug auch schon die Tür hinten wider, wie sie es bei Klein-Großchens Eintritt gemeiniglich zu tun pflegte.

Richtig, Klein-Großchen! Sie hielt ein wimmerndes, nein, ungebärdig schreiendes Menschlein in den Armen, das sie nun vor der Enkelin zu Boden setzte mit den kurzen Worten: »So, nun hilf du weiter, Hildegard!«

Unter der Tür stand der Schäferjakob – Hildegard kannte ihn wohl – und der schleifte den Phylax nach.

»Do is er,« erklärte er, »un wann der nit doll war, dann laß ich mich henke!«

»Will Er wohl warten, was das Fräulein Doktor sagt, he?«

»Und du kommst zu mir, Klein-Großchen – bringst mir den Buben?«

Mühsam verhaltener Jubel klang in der Stimme, aber in den Augen sah gleichwohl der Schalk.

Klein-Großchen zuckte die Achseln und tat sehr gleichgültig.

»Vorwärts, mach deinen Hokuspokus bei dem Häuflein Menschenelend da; der kleine Bursch hat Schmerzen. Mit dem Hund wird es ja wohl weiter keine schlimme Bewandtnis haben, denke ich. Mir kommt es eher vor, als ob er sich irgendwie vergiftet habe. Aber ich will deiner Weisheit nicht vorgreifen! Wie gesagt, versuche deine Kunst; ich drücke mich. Er kann den Buben mit dem Wagen heimbringen, Jakob, wenn das Fräulein Doktor mit ihm fertig ist. Ich sorge auch für Ersatz; die beiden zweibeinigen Schäferhunde draußen dürften auf die Dauer doch nicht genügen.«

»Ich dank' auch vielmals, gnädig Frauche,« grinste der große Jakob.

Der kleine aber heulte lauter, und nun war er die Hauptperson. Fräulein Doktor Hildegard versorgte seine Wunden nach allen Regeln ihrer Kunst. Zur Vorsicht brannte sie diese auch aus, was dem kleinen Jakob viel Geheul, dem großen aber mehr Schweißtropfen entlockte, als wenn er hinter einem Dutzend verlaufener Schafe hätte hersteigen müssen.

Es sei hier eingefügt, daß die Vorsicht des Ausbrennens sich später als unnötig erwies. Klein-Großchens Erklärung war richtig; der Phylax hatte irgendwo Gift aufgelesen.

Fräulein Doktor Hildegard hatte der Großmutter einen leuchtenden Blick nachgeworfen, als sie etwas überstürzt Abschied nahm, und in dem »Auf Wiedersehen, Klein-Großchen!« hatte eine warme Freude durchgeklungen. Daran dachte Klein-Großchen eben, als sie sinnend durch den alten Garten dem verwitterten Tor zuschritt.

»Ein tüchtiges Frauenzimmer,« brummte sie vor sich hin, und das mußte wohl dem Fräulein Doktor gelten. »In der hast du dich mal gründlich versehen, wie überhaupt in der ganzen Frauenkuriererei. Je, ja, was man nicht alles erlebt! Aber Kopf hoch, Friedel Polten: irren ist menschlich. Doch wen haben wir denn da? Wahrhaftig, die Herrschaften von Rödershof! Alle Wetter, wie vornehm!«

Dort stand sie an dem alten Gartentor und sah mit hellen, lustsprühenden Augen einem sehr feinen Gefährt entgegen, das eben weiter unten um die Straßenecke bog. Pferde, Geschirr, Wagen, alles war von erlesenem Geschmack, und so war der Anzug des Rosselenkers, der voll Würde und Hochmut auf seinem Sitz thronte, jeder Zoll der feine Herrschaftskutscher.

Klein-Großchen besah sich das daherkommende Gefährt und lachte in sich hinein.

»Feiner Aufzug – was, mein Klaus? Du und ich, wir sind nie so fein gewesen. Ja, ja, der Fritzel und die Änne! Da muß alles eine Art haben. Putzige Welt!«

Im Wagen saß eine Dame, sehr elegant, dem Wagen entsprechend; die sah nun die kleine Gestalt dort am alten Gartentor und jubelte: »Klein-Muttchen, wie fein, daß ich dich treffe! Komm, das Brautpaar holen!«

Aber die Angerufene winkte ab.

»Wo werd' ich! Das würde dir nur die Wirkung verderben. Mein Alltagsfrack sticht zu sehr ab von deiner Auftakelung.«

»Was liegt daran! Sei nicht eigensinnig, Klein-Muttchen!«

»Laß mich in Frieden, basta!«

Damit war es abgemacht. Lachend sah Frau Änne der flinken Gestalt nach, die geschmeidig um die nächste Ecke huschte. Lachend winkte diese noch einmal, ehe sie verschwand.

Ein Mißverstehen gab es nur selten zwischen Frau Friedel und den Ihren.

Daheim in Dresdorf war schon alles zum Empfang der Braut bereit. Irmingard sollte mit Mutter Li dort wohnen, während der Bräutigam auf Rödershof bei seinem Freund, dem gewesenen Hauptmann Fritzel, abzusteigen gedachte.

Als er nach jener denkwürdigen Manöverzeit vor nunmehr zweieinhalb Jahren von seinem Quartier in Rödershof auszog, da wußte Oberleutnant Hemsen, daß er nicht als derselbe ging. Das Schicksal hatte ihn neben die blonde Irmingard gestellt, und die Anwartschaft auf das dauernde Recht für diesen Platz erbat er sich dann sehr bald im Winter in Irmingards Elternhaus.

Die Blonde hatte sich nicht geweigert, hatte aber die eine Bedingung gestellt, daß sie erst für mindestens ein Jahr die Stellung als Haushaltslehrerin ausfüllen dürfe, zu der sie sich vor jener Begegnung mit dem Oberleutnant Hemsen verpflichtet hatte. Eltern und Bräutigam waren sehr dagegen gewesen, doch die Blonde hatte fest auf ihrer Forderung bestanden. Und eine war dabei ganz auf ihrer Seite: Klein-Großchen.

»… denn seht ihr, Kinder: mir gefällt's, daß die Blonde zuerst an die Pflicht denkt. Ich, zu meiner Zeit – – na, Gott sei Dank, daß sie blond ist!«

So ließ man der Blonden denn den Willen, und die Zeit ging mit Siebenmeilenstiefeln. Ehe man es sich versah, stand der Lenztag in Sicht, an dem die Hochzeit stattfinden sollte. Und ehe man wußte wie, war er schon vor der Tür.

Sie hatten in Rödershof Polterabend gefeiert. Die blonde sanfte Braut war von Geschwistern, Vettern und Basen weidlich geneckt worden.

Die stürmischste Freude hatte es bei alt und jung erregt, als Klein-Großchen, ohne daß jemand sie dazu aufforderte, mit der Geige erschien, diesem Freund, Tröster und Freudespender ihres reichen Lebens. Kein lautes Hallo hatte sie diesmal empfangen. Sie wußten und ahnten, daß dem Entschluß zu spielen viel inneres Widerstreben vorangegangen sein mußte. Denn es war das erstemal seit jenem ersten Schmerz ihres Lebens, daß Klein-Großchen die Geige wieder vorsuchte. Und dies war nur der blonden Enkelin zuliebe geschehen. Klein-Großchen wußte, welchen Herzenswunsch sie der Blonden damit erfülle, die zu bescheiden gewesen war, ihn laut werden zu lassen.

Da stand sie denn mit ihrer Geige, und diese fand Töne, so warm und so tief, wie sie sie nie zuvor gefunden hatte. Eines Lebens Erleben klang darin. Und das schmale Gesicht, das sich darüber neigte, zeigte nicht viele Altersfältchen und Furchen, aber in den hellen grauen Augen stand, was in Friedel Poltens Augen einst nicht gestanden hatte: auch eines Lebens Erleben. Ungebeugt trug die schmale Gestalt den seinen Kopf; aber über dem lag des Alters Schnee, leicht angedeutet, doch unverkennbar.

»Klein-Großchen wird immer schöner,« sagten die Ihren. »Wie das wohl kommt?«

Hildegard, die Besinnlichste unter der Enkelschar, fand die Antwort: »Weil ihr innerer Mensch allmählich herauswächst.«

Und dies ist das Geheimnis bei vielen Gesichtern, von denen die Jugend längst gewichen ist, die aber dennoch zu fesseln verstehen, wie sie es einst mit glatter Haut und roten Wangen kaum taten.

Als die Geige ausgesungen hatte, legte Klein-Großchen sie still in den Kasten. Es war ein Zärtlichkeit dabei, als ob sie ein Lebendes zur Ruhe bette.

Die Ihren umstanden sie. Ungewiß schaute sie sich im Kreise um; ihre Augen brannten. Und rings sah sie viel mühsam eingedämmte Rührung. Da wurde mit einem Male die ganz junge Friedel Polten von einstens wach.

»Kinder, Fisimatenten und Zuckerwasser sind mir greulich – das wißt ihr. Man kann sehr viel fühlen und braucht doch wenig zu sagen. So wollen wir's auch weiter zusammen halten, ja? Ihr Friedel, Eulenaugen stehen euch kein bißchen – tut doch nicht so!«

Die zwei hatten ihren Nasenstüber weg, ehe sie wußten wie. Damit war das Gleichgewicht in der allgemeinen Stimmung wieder hergestellt.

Beim Heimweg durch den Wiesengrund winkte sich Klein-Großchen die Braut an ihre Seite.

»Dies halbe Stündchen magst du mir opfern, Kind; ein langes Leben liegt vor euch.«

»Aber wie gerne, Klein-Großchen!«

Die blonde Braut schmiegte sich an die Großmutter, und sie hat danach diesen Abendweg durch den Wiesengrund nie vergessen! An manchem Kreuzweg ihres Lebens gab ihr ein Wort die Richtung, das Klein-Großchens Mund damals für die junge bräutliche Enkelin fand. Das Leben hatte allmählich gar weise Worte in Klein-Großchens Mund zu legen gewußt, in den Mund, der einst Friedel Poltens froher unbekümmerter Plappermund gewesen war. Ein gar erstaunlicher Lehrmeister ist das Leben; keiner entgeht seinem Zausen, dafür auch die wenigsten seinem Lohnen.

»Glücklich sein wollen,« sagte Klein-Großchen zu der jungen Braut, »heißt glücklich machen. Das merke dir, und dann das: wer nichts ins Leben hineinträgt, der holt auch nichts heraus. Ich kann mich nicht hinsetzen und sagen: ›So, nun mache mich gefälligst glücklich!‹ Selbst muß ich das Beste dazu tun. Geben, geben, geben, Kind – das Ernten kommt dann von selbst. Und lachen, Kind, wenn einem auch einmal nicht danach ist! Lachen hilft Berge versetzen. Lachen macht stark; es überbrückt Abgründe. Du weißt, daß ich damit nicht das leichtsinnige, gedankenlose Lachen meine, sondern jenes, das aus dem Herzen kommt, wo es am tiefsten ist. Und nun wären wir ja in dem alten Dresdorf angelangt. Gute Nacht, mein lieber Enkelsohn, und nimm's nicht krumm, daß ich der da den Blondkopf noch ein bissel gewaschen habe; es geschah auch in deinem Interesse. Sie ist aber ein gutes Kind – mach sie glücklich, hörst du?«

Der also Gemahnte klappte die Hacken zusammen und küßte Klein-Großchens Hand, was die sonst nicht mochte; heute aber ließ sie es ungerügt geschehen. Die Blonde tat wie er…

Im Dresdorfer Herrenhaus waren zwei Fenster noch hell die Klein-Großchens. Es klopfte an die Tür.

»Herein, meine Lisa! Ich weiß doch, daß du es bist.«

»Es zog mich zu dir; ich wußte, daß du noch wach bist.«

»Erinnern hält wach, und in unseren Jahren summiert sich das Erinnern zu einem kaum zu bewältigenden Schatze,«

»Einem Schatze, Friedelchen? Bedingungslos?«

»Bedingungslos, Lisa! Wolltest du ein Glied in der Kette missen, und wenn es Schmerz bedeutete?«

»Nicht eines!«

»Und wenn wir beide die Summe ziehen, Lisa: unser Leben ist köstlich gewesen.«

»Ja, köstlich – jedes in seiner Art.«

»Nur mit dem Unterschied, daß du es verdientest, weil du immer ein Mustermensch warst, und ich – na, Schwamm drüber! Ich möchte wissen, wohin ich ohne meinen Klaus gekommen wäre.«

»Du hast ihn sehr glücklich gemacht.«

»Hab' ich? Daß ich nicht lache! Er hat sein Kreuz eben geduldig auf sich genommen und hat trotzdem glücklich sein wollen. Das war's, Lisa!«

»Meinst du? Und wir anderen alle? Ich – deine Kinder – die Enkel? Bist du auch für uns ein ›trotzdem‹? Hast du das Gefühl? Mach mir nichts vor! Aufrichtig warst du immer, Friedelchen.«

»Ihr habt mich eben lieb, wie ich bin, weil ihr's nicht anders wißt und es auch nicht ändern könnt.«

»Gott sei Dank dafür! Bleib, was du bist, bis zum Ende, und du bist unser aller Glück.«

Frau Friedel hatte aufbegehren wollen, wie sie es stets tat, wenn sie sich weich werden fühlte; aber statt dessen legte sie die Arme um die Schwester.

»Ich danke dir, meine Lisa,« und sie lachte dazu wie ein verschämtes junges Mädchen, wobei ihr die Tränen über die Backen liefen, die sie unwillig wie je wischte.

Dann schob sie die Schwester mit einem Ruck gegen die Tür, hinaus.

»Du, Fisimatenten hasse ich; das weiht du. Werd' mich auf meine alten Tage noch weich machen lassen! Fort mit dir, basta!«

So zankte Frau Friedel, und es war, als ob man Friedel Polten von einstens poltern höre. Danach aber sah sie noch lange in ihrem Zimmer, starrte ins Licht, hatte die Hände gefaltet und ein Verträumtes, Weiches um Mund und Augen, das niemand je da geschaut hatte, vielleicht Vater Klaus ausgenommen, der sein Weib ja am besten kannte von allen Menschen auf der Welt, sein Friedelchen mit all ihren Vorzügen und – Schattenseiten. Nicht einmal Papa Polten hatte »Jungchen« so gekannt.

An Frau Friedels Augen zog ihr Leben vorüber von jenen tollen Kinder- und Mädchentagen an, hinein in die Ehezeit, wo ihr Klaus als Hüter neben ihr ging und er und die Kinder ihr allmählich zu dem nötigen Ernst verhalfen, ohne den ein richtiges Leben, wie es sein soll, nun einmal nicht vollständig ist. Und dann kamen die Enkel! Immer mehr Sonne, immer mehr Glück! Bis dann der große, der eine Schmerz kam. Aber in lastende Nacht hatte auch er ihr Leben nicht zu tauchen vermocht. Sie hatte noch so viel zu lieben, so vielen viel zu sein; das war Glück genug. Sie hatte Unsagbares verloren, aber sie war nicht arm geworden. Noch konnte sie geben, geben, geben. Und wer das kann, der empfängt – nein der hat!

*

Der große Saal war zur Feier geschmückt. Soeben hatte Frau Friedel sich noch einmal überzeugt, daß alles in Ordnung war; sie hatte auch im Untergeschoß zum Rechten gesehen und die letzten Befehle für die Festtafel gegeben. Da war ihr das Erinnern an ihre Mädchenküchenlehrzeit unter der alten Babette Herrschaft gekommen, und sie mußte vor sich hin lachen.

Was hätte die gute alte Gestrenge gesagt, wenn sie heute ihre Friedel hätte sehen können, als würdige Herrscherin Befehle erteilen! Mit welchem Stolz hätten sie diese nachträglichen Ergebnisse ihres damals fruchtlosen Mühens erfüllt! Und Tante Lenchen erst, die Treue, Gute! Nun, sie hatte ja noch die Gutsherrin von Rödershof erlebt, wenngleich auch diese noch immer nicht ihrem Ideal von einer Frau, wie sie sein sollte, von Mutter und Gattin entsprach.

Das Lachen lag noch um Klein-Großchens Mund, als sie nun an Fees Zimmertür klopfte und bei der Tochter eintrat.

»Klein-Muttchen, daß du jetzt eben Zeit für mich findest! Ich bin so froh, denn gerade wollte mich das Heimweh nach meinem Kinde beschleichen, von dem ich heute nur dies Stückchen Papier in Händen halte, statt ihr liebes Selbst samt dem kleinen Kroppzeug. Klein-Friedelchen kenne ich ja noch gar nicht, und sie soll noch süßer sein als der kleine Klaus, sagt die stolze Mutter. Es ist jammerschade, daß die Kleine den Husten – –«

»Ja, da ist denn leider nichts zu machen, Fee. Ich hab's ja gleich gesagt: wie konnte Gladys das Schicksal so herausfordern und noch einmal eine Friedel Rödern unter die Sonne stellen wollen! Ein Glück noch, daß sie wenigstens einen Klaus daneben hat; das macht mich etwas zuversichtlicher. Daß wir nun den Lutz heute auch nicht sehen, tut mir leid, aber natürlich kommt er nicht allein; er ist solch ein Haushammel geworden, der alte Junge. Dein Findling hat ihn glücklich gemacht. Gott segne das Kind!«

»Und mein Leben reich, Klein-Muttchen! Das Kinderheim allein hätt' es nicht getan.«

»Das hat sie, Fee, und drum ist sie uns allen lieb und wert geworden. Wer hätte das von dem Kuckucksei von einst gedacht! Wie war ich blind, Fee!«

»Mein Klein-Muttchen!«

»Man lebt, um gutzumachen, basta. Daß du mir liegen bleibst, solange du kannst, Fee! Es gibt einen anstrengenden Tag. Du brauchst dich auch nicht so lange schön zu machen, du stichst sie doch alle aus. Was ist denn nun wieder los?«

Das galt einem bescheidenen Pochen an der Tür, und »Herein« rief Klein-Großchen, nicht eben liebenswürdig.

Ein Kopf wurde sichtbar und eine Hand, die ein Papier hielt.

»Ewe hat der Müller des gebracht, und er secht, der jung Herr – –«

»Her damit! Ich werde schon selber sehen – brauche den Müller nicht dazu! Übrigens werde ich mir dies Geschnüffel mal verbitten müssen; solche Depesche scheint ja Gemeingut zu sein für alle Welt.«

»Es war doch immer so, Klein-Muttchen; man nimmt eben mehr Anteil auf dem Land.«

»Man könnte es auch Langeweile und Neugier nennen, wenn man nicht Fee Rödern heißt. Was wartest du, Grete? Rasch wieder an die Arbeit!«

Beschämt zog das Mädchen den Kopf zurück und puffte im Schreck die Tür nachdrücklicher zu als einem guten Dienstboten erlaubt ist.

»Aus der wird nie was,« brummte Frau Friedel; es erwies sich aber, daß ihre üble Laune mehr dem Inhalt der Depesche als der Grete Sünde galt.

»Ich sag's ja! Das kommt davon, wenn man die Nase in anderer Leute Händel stecken muß! Da, der Gunter drahtet hier, daß er nicht kommen kann, weil er einen Termin überraschend auf heute hat ansetzen müssen. Der alberne Junge! Am Hochzeitstag seiner Schwester! Das alberne Studieren, ich sag's ja! Ich muß nur gleich der Irmingard – – –«

Damit war Klein-Großchen zur Tür hinaus, und die knallte zu, daß es dröhnte. Der Grete Vorstoß von zuvor war dagegen ein sanftes Tippen gewesen.

über Fees Gesicht lief ein Lachen und ein warmer Schein.

»Mein Klein-Muttchen! Immer dieselbe – Gott sei Dank!«

Ein paar Türen weiter sprudelte Klein-Großchen schon ihre Entrüstung über Studieren im allgemeinen und Rechtsgelehrte im besonderen in die Ohren der blonden Braut. Sie fand aber nicht das Echo, das sie erhoffte. Wer hätte auch solches von der blonden Irmingard an ihrem Hochzeitsmorgen erwarten können?

*

Weit war die Tür des Dresdorfer Herrenhauses geöffnet. Beide Flügel waren zurückgeschlagen. Die Sonne hatte ungehinderten Zutritt bis zu der breiten Treppe hinten in der Halle. Festgewinde zogen sich um die Tür; Maien waren zu beiden Seiten angebracht.

Auf der obersten Stufe der Freitreppe stand schon das Brautpaar, zum Kirchgang bereit. Die Sonne liebkoste den blonden Scheitel der Braut und umzauberte ihn mit einem Glorienschein.

Am Fuß der Treppe hielten sich Leni und Lisi bereit, Blumen auf den Weg der blonden Braut zu streuen. Sie kamen sich so wichtig vor wie die Braut selber, ja wichtiger; ohne sie wäre es doch entschieden nicht gegangen.

Hinter dem Brautpaar drängten sich die Ihren und die geladenen Gäste alle, eine stattliche Zahl. Die große Dresdorfer Halle hatte Mühe, sie zu fassen.

Alles war bereit und in Erwartung. Gleich würden die Glocken einsetzen, das bräutliche Paar auf seinem Gang zu geleiten. Man sah die Dorfleute neugierig spähen, die Kinder sich in Haufen drängen.

»Weshalb geht es denn nicht vorwärts?« fragte eine Stimme im Hintergrund der Halle, Klein-Großchens Stimme, und leichtes Grollen lag drin.

Niemand antwortete. Mutter Lu und Mutter Li steckten die Köpfe zusammen, die sehr rot aussahen. Ein Raunen wie »die Friedel« ging durch die Versammlung.

Durch Klein-Großchen zuckte es wie ein elektrischer Schlag. Sie preßte den Arm der neben ihr stehenden Schwester.

»Um Himmels willen, nicht rufen, Lisa, oder es gibt ein Unglück!«

Frau Lisa lachte in sich hinein. Sie wußte, was Klein-Großchen durch den Kopf ging. Und ihr Sinnen lief zurück zu jenem Tage, da sie selbst als blonde Braut dort unter der Tür gestanden hatte. Damals war auch eine Friedel Ursache der Verzögerung gewesen; damals – –

Fast hatte sie aufgeschrien, so schmerzhaft preßte die Schwester ihren Arm. Zugleich schallten die Stimmen von Frau Lu und Frau Li nach ihren beiden Friedel durch das Haus, und zwar mit einem Nachdruck, der jeden zur Eile getrieben hätte.

»Da, die Unglückswürmer, die Li und die Lu! Nun haben wir die Bescherung.«

Atemlos flüsterte es Klein-Großchen, und drückte Frau Lisas Arm noch heftiger.

Oben an der breiten Eichentreppe waren zwei weiße zierliche Gestalten erschienen.

»Gleich – gleich! Da sind wir ja schon,« riefen zwei helle klingende Stimmen, und – – – – in Sprüngen wie junge Jagdhunde setzten die zwei Gesuchten die Treppe herunter, immer ein paar Stufen zugleich nehmend.

Schön war es nicht, auch nicht anmutig; aber schnell ging es. Unten prallten sie gegen zwei junge Herren, die bereit standen, den beiden den Arm zu bieten und sie zur Kirche zu geleiten. Die kamen sehr aus dem Gleichgewicht; es hatte einige Schwierigkeit, bis die zwei Paare sich zurechtfanden, und alle vier waren rot und heiß, die Friedel vor unterdrücktem Lachen, ihre Ritter vor unterdrücktem Ärger. Sie waren noch in dem Alter, in dem man jeden Verstoß gegen die Würde übel aufnimmt.

»Du, ich hab's fixer und flotter besorgt – damals, Lisa – weißt du noch?«

Klein-Großchens Augen blitzten so voll Schelmerei und Necken, wie nur die von Friedel Polten einst geblitzt hatten.

Doch jetzt setzten die Glocken ein, und bei ihren Klängen trat alles Irdische weit zurück. Das Brautpaar schritt über den Hof. Leni und Lisi streuten ihre Blumen. Die Sonne schien golden, und die Vögel jubelten. Alles, wie es an einem richtigen Hochzeitstage sein muß.

Paarweise schloß sich das Geleite dem Brautpaare an. Unsichtbar zogen warme Wünsche mit. Neben Tante Lisa aber und Klein-Großchen schritt die Erinnerung an einen Tag, weit, weit dahinten, der just so golden gewesen war. Und die Erinnerung wußte so freundlich und lind zu erzählen, daß dem »es war« der Stachel fehlte.