Friedel Polten und ihre Rangen

Friedel als Kamerad

Auf dem Pfad, der durch die Wiesen nach Rödershof führt, schritten zwei Herren hin. Der ältere mit dem Silberbart wurde allgemein Papa Polten genannt, der hochgewachsene, aufrechte Mann neben ihm war sein Schwiegersohn Klaus von Rödern.

Lustig fuhr ein leichter Vorfrühlingswind daher, herb und doch kräftigend; man merkte ihm an, daß er noch über manche Schneefläche dahergejagt kam. Er zauste Papa Polten am Silberbart und blies Herrn von Rödern, der den Hut abgenommen hatte, das Haar aus der Stirn.

»'s wird Frühling, Papa,« sagte der Jüngere vergnügt. »Es liegt in der Luft.«

»Wieder mal?« knurrte der Alte.

»Brummig, Papa?«

»Es paßt mir nicht, daß ich Jungchen so wenig sehe. Ist gegen den Vertrag. Basta!«

Klaus von Rödern schob seinen Arm in den des alten Herrn und blickte ihn lächelnd an.

»Wann ist Friedel zuletzt bei dir gewesen, Papa? Ich werde ihr den Standpunkt klar machen; Kontraktbruch ist strafbar.«

Der alte Herr blieb stehen und faßte seinen Schwiegersohn mit spitzen Fingern am Rockknopf.

»Laß mal nachrechnen, Klaus. Am Sonntag, da wart ihr alle zu Tisch. Montag, das war vorgestern, fuhr Friedel vor, um zu fragen, wie Tante Lenchen der Sonntag bekommen sei; übrigens albernes Frauenzimmergetue, Klaus, denn die Lene ist kerngesund! Nach meinem Rheuma hingegen kräht kein Hahn. Doch, was ich sagen wollte: das war Montag. Dienstag – na ja, da holte mich Jungchen zu einem Spaziergang ab mit Fritz und Lutz. Das sind zwei Prachtjungen! Aber Jungchen – über Jungchen geht doch nichts, was, Klaus?«

Mit leuchtenden Augen sah der alte Herr zu dem Schwiegersohn auf.

»Nichts, Papa!« stimmte der ernst zu und fuhr ebenso fort: »Also Sonntag, Montag und Dienstag war Friedel bei dir und heute –«

»Muß ich zu ihr. Paßt mir nicht und damit basta,« knurrte der Alte.

Zufällig sah er dabei dem Schwiegersohn ins Gesicht, bemerkte, wie der nur mit Mühe ein Lächeln verbeißen konnte, und platzte nun selber heraus.

»Ha, ha! Männerlogik, würde die Lene sagen. Lach mich aus, Klaus, tüchtig; aber sieh mal, ich brauch' das Kind wie die Luft zum Atmen, wie – wie –«

»Wie die geliebte Pfeife, Papa.«

»Ja, wie meine Pfeife, Klaus,« sagte der alte Herr und nickte tiefsinnig dazu, »wie das Licht und wie die Sonne!«

Klaus von Rödern hatte wieder lachen wollen; statt dessen erfaßte er jetzt die Hand des alten Herrn und zog sie durch seinen Arm.

»Da sind wir also völlig im gleichen Fall, Papa.«

Das klang ernster als Beteuerungen und Schwüre; Papa Polten preßte des Schwiegersohnes Arm.

»Hast mein Jungchen so glücklich gemacht, Klaus! Der Alte dankt es dir mit jedem Atemzug.«

Papa Polten bestand darauf, seine Tochter wie von alters her »Jungchen« zu nennen, obgleich sie nun schon seit einer stattlichen Reihe von Jahren – im nächsten Mai wurden es deren achtzehn – verheiratet und Mutter von fünf Kindern war.

Tante Lenchen hatte ihm dies, seit sie der Sorge um die Nichte enthoben war, nicht mehr gewehrt; Klaus von Rödern dachte an so etwas überhaupt nie, und Friedel selbst war es eine Wonne, daß der geliebte Vater ihr gegenüber die alte Art eigensinnig beibehielt.

So war sie eben sein »Junge« geblieben, trotz Mann und Kindern; eines tat dem anderen nicht Abbruch.

In den ersten drei Jahren des glücklichen jungen Ehebundes waren drei Töchter in Abstufungen wie die Orgelpfeifen angekommen. Der ersten gab der Eltern Glück den Namen; sie nannten sie Felicitas. Dann kamen Luise und Elisabeth, gewöhnlich Lu und Li gerufen. Nach drei Jahren folgte dann Lutz, nach zwei weiteren Fritz, das Nesthäkchen. Fritz war jetzt zehn, Lutz zwölf, die Schwestern fünfzehn, sechzehn und siebzehn Jahre alt.

Fee, die Älteste – man hatte den Namen Felicitas so abgekürzt – war bei Friedels Schwester Lisa in England erzogen und wohnte noch dort. Denn Tante Lisa hatte keine Kinder, und als deren drei so rasch nacheinander auf Rödershof Einzug hielten, nahm sie einmal bei einem Besuch die kleine Fee mit, um der jungen Mutter die Mühe zu erleichtern. Seitdem galt Fee beinahe als Tante Lisas Kind. Denn Friedel trat der Schwester neidlos ihr Töchterchen ab bis zu Fees achtzehntem Jahr; dann sollte laut der Abmachung Fee selbst entscheiden, wo sie in Zukunft bleiben wollte.

Ein Schauer von Schneeballen flog durch die Luft.

»Hast mein Jungchen so glücklich gemacht, Klaus. Der Alte dankt es dir mit jedem Atemzug,« sagte also Papa Polten zu seinem Schwiegersohn und blinzelte ihn dazu aus feucht gewordenen Augen an. Der nickte ihm zu.

»Beruht auf Gegenseitigkeit, Papa. Friedel und ich sind treue Kameraden und –«

Doch was er noch sagen wollte, blieb ungesagt.

Sie waren eben an einem kleinen Fichten- und Birkengehölz zur Seite des Weges angelangt. Dort lagen noch Reste von Schnee, die die Sonne bisher noch nicht aufzulecken vermochte.

Ein Schauer von Schneeballen flog jetzt von dorther durch die Luft. Einer sauste so dicht an den Gesichtern der beiden Daherkommenden vorbei, daß er dem einen das Wort vom Munde abschnitt und dem anderen zunächst einen erschrockenen Ausruf entlockte. Dann aber strich Papa Polten sich den Bart, lachte laut auf und spähte ins Tannendickicht.

»Heraus die Wegelagerer!« rief Herr von Rödern, »oder ich schieße.«

Er hob den Stock und legte an, als ob er zielen wolle.

Da brach's aus dem Buschwerk. Voran zwei schlanke, kräftige Burschen in Sätzen wie junge Jagdhunde; mit Indianergeheul versandten sie die letzten Geschosse. Dann eine dritte Gestalt, eine weibliche, behend, geschmeidig, mit blitzenden Augen und blitzenden Zähnen in einem lustigen braunen Zigeunergesicht. Im Vorwärtseilen formte sie noch mit flinken Händen den letzten Ball.

Jetzt setzten die dreie über den Graben zur Seite des Weges; wer's am gelenkigsten tat, blieb zu entscheiden. Die Jungen überfielen sogleich den alten Herrn.

»Großvater, Großvater, das war doch fein, was?«

»Ich hab' fein gezielt!«

»Ich noch besser.«

»Nein, ich –«

»Nein, ich!«

Wie die Kampfhähne standen sie einander gegenüber; der größere Lutz hielt den kleineren Fritz am Kragen, der wie ein Füllen ausschlug und brüllte: »Mutter hat doch am allerbesten gezielt! Was, Muttchen?«

Die Angerufene kümmerte sich nicht um die beiden Streithähne, sie hatte ihrerseits einen Kampf auszufechten. Sie stand vor Herrn von Rödern und die Spuren des Schneeballs, den sie noch im Laufen geformt hatte, saßen ihm jetzt an der Schulter. Lachend rieb er den getroffenen Teil und sagte: »Du, Friedel, nasser Schnee ist keine Schlagsahne!«

»Soll's auch nicht sein! Nimm's dafür, daß du allein zu Papa geschlichen bist, ohne es deiner Frau zu sagen!«

Zugleich schlang sie die Arme um des Vaters Hals und rieb das braune Zigeunergesicht an seiner Schulter, bis wohin sie eben reichte.

»Jungchen,« sagte der alte Herr gerührt und zärtlich, »mein Jungchen!«

Die beiden jungen Streithähne hatten den Kampf eingestellt, schauten zu Mutter und Großvater auf und grinsten.

»Muttchen ist doch gar kein Junge, Großvater,« rief Lutz, der Ältere und Keckere.

»Muttchen ist doch Muttchen, unser Muttchen,« bekräftigte der kleine Fritz.

Papa Polten hob die buschigen Brauen hoch und blickte über den braunen Kopf, der noch immer an seiner Schulter lag, die beiden Widersacher drohend an.

»Jungchen ist Jungchen und mehr wert als alle, die in Hosen 'rumlaufen, basta,« erklärte er.

Wer den alten Herrn nicht kannte, hätte sich fürchten können vor dem Feuerwerk, das aus seinen Augen sprühte. Die beiden Jungen aber kannten sich aus. Fröhlich hielt jeder einen Arm des Großvaters umklammert, der nun »Jungchen« freigeben mußte.

Friedel trat vor den Gatten und fragte: »Na, Klaus, pater peccavus?«

»
Peccavi, Kind, peccavi! Laß es den Lutz nicht hören, der verliert sonst den Respekt.«

Sie schielte nach dem Sohn und lachte dann den Gatten an.

»Ist mir völlig schnuppe, Klaus, -vus oder -vi. Weshalb hast du uns nicht mitgenommen?«

»Ja, Kind –«

Aber sie hörte nicht mehr zu, etwas anderes hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Wie ein Stoßvogel schoß sie auf ihren Ältesten los, den sie am Schopf faßte.

»In deiner Bluse ist ja schon wieder ein Loch, du Schlingel!«

»Wo?« fragte Lutz, anscheinend unschuldig erstaunt, faßte aber zugleich nach der richtigen Gegend am linken Blusenärmel.

»Frisch und heil war die Bluse am Morgen,« jammerte nun Muttchen Friedel »Woher ich bloß das Zeug für die Bengels auftreiben soll? Wie willst du nun mit zur Stadt, Junge?«

Lutz stand stumm da. und sagte kein Wort.

»Darf ich dir vielleicht englisches Pflaster anbieten, Friedel?« fragte Herr von Rödern. »Mir ist, als sei mir das einmal vor langen Jahren als sehr geeignet angepriesen worden.«

Sie zuckte mit der Hand, als wolle sie danach greifen. Doch da konnte Papa Polten seine Heiterkeit nicht mehr zurückhalten; Friedel kam zu sich und besann sich auf ihre Mutterwürde.

»Nach Hause, Schlingel, und die Bluse gewechselt! Ich sollte dich eigentlich daheim lassen, das wäre eine gerechte Strafe!«

Lutz faltete flehend die Hände und machte dazu sein albernstes Gesicht; da fühlte Mutter Friedel ein leises Mitleid mit ihm und fuhr fort: »Na, ich will noch einmal ein Auge zudrücken, wenn du versprichst –«

Nun hing ihr Lutz am Halse und erdrückte sie beinahe; dann flog er durch die Wiesen, daß ihm die Sohlen fast an den Hinterkopf anschlugen. Papa Polten blickte ihm mit unverhohlener Freude nach. »In Anbetracht alter Zeiten, Jungchen, was?« sagte er dann zu seiner Tochter und lachte. Diese wollte eben herzhaft einstimmen, da sah sie in die Augen ihres Jüngsten und wieder kam die Mutterwürde zum Durchbruch.

»Merk dir's, Fritz, beim nächsten Loch gibt's Haue!« Fritz nickte bedächtig – er war ein kleiner Philosoph – und erkundigte sich: »Hast du nie etwas zerrissen, Muttchen?«

Es war gewiß nur Interesse an der Sache, nicht etwa Neckerei oder gar Vorwitz. Muttchen Friedel sah ihn trotzdem scharf an; die beiden Herren aber lachten laut auf und erhielten dafür einen strafenden Blick.

»Frag nicht so albern,« sagte Frau Friedel dann würdevoll zu ihrem Söhnlein. »Mütter zerreißen natürlich viel weniger als Jungen.«

Die Zeit, wo sie noch nicht Mutter war, ließ sie weislich unerörtert.

Großvater Polten erfaßte nun seinen Enkel und trabte mit ihm davon; das Ehepaar folgte. Klaus von Rödern zog Friedels Arm durch den seinen, warf einen neckenden Blick auf das Wäldchen nebenan, dann auf seine Frau und fragte: »Weißt du noch, Friedel? Dort fing's an.«

»In deiner Bluse ist schon wieder ein Loch, du Schlingel!«

»Was fing an?« forschte sie herausfordernd.

»Mein großes Erziehungswerk, das Werk meines Lebens. Dort lagst du wie ein Häuflein Unglück im Moos und weintest der Schwester nach.«

Sie erhob drohend die freie Hand, kniff ihn in den Arm und zankte: »Scheusal, du!«

Er beugte sich vor und sah ihr in die Augen, wobei er leise sagte: »Ich wollte damit natürlich sagen, das Glück meines Lebens fing dort an, Friedel!«

Nun nickte sie ihm wieder glücklich zu, auch der Schelm saß ihr schon wieder im Nacken.

»Das Erziehungswerk fing schon früher an, Klaus,« meinte sie dann.

»Als du auf dem Treppengeländer herunterrutschtest und wie eine Bombe mitten in die Hochzeitsgesellschaft hineinfielst?« entgegnete Herr von Rödern neckend.

Sie kicherte.

»Ja, da fing's an, dein Hofmeistern nämlich, Klaus, und hat seitdem nicht aufgehört.«

»Friedel!«

Er sah sie strafend an.

»Jetzt hab' ich das Glück gemeint. Bist du schwer von Begriff. Klaus!« spottete sie, und ehe er sie haschen konnte, eilte sie vor und hängte sich Papa Polten so ungestüm an den Arm, daß der alte Herr ins Wanken kam.

»Sachte, Jungchen, sachte! Wir sind doch keine Springinsfelde mehr. Sag mal, Jungchen, wie alt bist du eigentlich?«

Sie legte den Finger an die Nase und zählte.

»Wollen mal nachrechnen, Papa. Als der Bär dort kam und mich dir fortnahm, war ich eben achtzehn. Ein Jahr lang hausten wir allein in seiner Höhle; dann kam Fee; die ist jetzt siebzehn. Achtzehn – neunzehn und siebzehn macht wieviel, Fritz?«

Der Kleine rieb an seinem Näschen, das einen Stüber abgekriegt hatte.

»Kopfrechnen schwach,« sagte Mutter Friedel, ehe er nur zu Atem kam. »Neunzehn und siebzehn macht sechsunddreißig, Papa.« Sie knickste.

»Nicht möglich, Jungchen, nicht möglich! Schon sechsunddreißig? Und siehst noch ebenso aus, als wie du mein Jungchen allein warst!«

»Und Tante Lenchens Nichte, Papa!«

Alle lachten, Fritzchen nur, weil's die anderen taten.

Papa Polten erholte sich aber trotzdem nicht von seiner Rührung, sondern wiederholte: »Sieht noch genau so aus, das Jungchen!«

»Und hat doch nun selber zwei Jungen,« rief sie voll sprühendem Übermut. »Eigentlich viere, was, Papa? Denn Lu und Li – na, ich will nichts weiter sagen. Von wem sie's haben, weiß ich nicht. Übrigens, welcher ist dir der liebste von meinen vieren, Papa?«

Seine Augen leuchteten und er strich ihr von unten hinauf über das braune Gesicht und die Stubsnase. »Der fünfte, Jungchen, der fünfte!« Sie wußte, wer damit gemeint war.

Nun wandte sich Klaus von Rödern seiner Frau zu.

»Wohin wolltest du eigentlich, Friedel, als du uns so meuchlings überfielst?« fragte er.

»Ei ja, fast hätt' ich's vergessen! Wir wollen in die Stadt, Lu und Li zu holen, die zum Kaffee geladen sind. Auch sollen wir selber zu Lilly kommen. Wo steckt nun der Lutz? Ah, da kommt er. Lebt wohl, einstweilen, ihr Herren der Schöpfung! Wir müssen eilen, wenn wir zur Zeit dort sein wollen. Das kommt von dem unnötigen Schwatzen. Lutz, Fritz, los!«

Im Dauerlauf flogen sie dahin, und Muttchen Friedel war nicht die letzte.

Die Herren blickten ihnen mit fröhlichen Blicken nach, dann bogen sie in den Pfad ein, der nach Rödershof führte.

Indessen stand Frau Lilly Echtern, geborene Metzler, am Fenster ihres hübschen, behaglichen Wohnzimmers. Zwei kleine blonde Flachsköpfe, acht und zehn Jahre alt, zierlich und rund, drückten die Nasen an den Scheiben flach.

Elfi, die Ältere, Tante Friedels Patenkind, zankte: »So lange bleiben sie! Tante Friedel ist bös!«

»Ist bös,« echote die dicke Suse. »Ich hab' Hunger.«

Sie war nicht umsonst dick, die kleine runde Suse.

»Freßsack!« tadelte nun Elfi das Schwesterchen.

»Du ißt auch Kuchen gern,« verteidigte sich die Dicke und kollerte dazu wie ein kleiner Streithahn.

Frau Lilly lachte; ihrer Jüngsten gelegentliche Zornausbrüche hatten stets etwas Komisches. Dann fuhr sie ihr beschwichtigend über den Flachskopf.

»Nur Geduld, sie werden schon kommen. Tante Friedel hatte wahrscheinlich noch zu tun.«

»Erzähl' von Tante Friedel, bitte, bitte!«

Elfi schlang die Ärmchen um Mutters Hals.

»Bitte, bitte!« Die dicke Suse, das Echo, zwängte sich ebenfalls heran.

Frau Lilly Echtern legte beide Arme um ihre Mädchen und hielt rechts eines und links eines. Zwei Paar weitgeöffnete blaue Augen sahen sie an.

»Wo soll ich anfangen, bei der Näh- oder der Tanzstunde?«

»Von vorn natürlich,« sagte Elfi sehr kategorisch, und die dicke Suse nickte nachdrücklich.

»Also, da saßen wir einmal in der Nähstunde und –«

»Bei Fräulein Hummel,« schob Elfi ein. Frau Lilly nickte und fuhr fort: »Bei Fräulein Hummel. Da geht die Tür auf und ein lustiges Gesicht schaut herein –«

»Aber Tante Lenchen?« fragte Elfi vorwurfsvoll.

»Ja, Tante Lenchen hast du vergessen,« mahnte die dicke Suse.

Die Geschichte wurde offenbar nicht zum ersten Male erzählt.

Frau Lilly lachte.

»Wenn ihr's so gut wißt, weshalb soll ich's erzählen?«-

»Erzähl' von der Schneeballschlacht!«

»Nein, von Dörtes Laken!«

»Von der Schneeballschlacht!«

»Von Dörtes Laken!« Die Stimmchen schrillten und Frau Lilly hielt sich die Ohren zu.

»Wer schreit hier so? Wer gedenkt meiner Untaten? Lilly, das hätte ich nicht von dir geglaubt.«

So klang eine lustige Stimme von der Tür her und ein fröhliches Gesicht sah durch den Spalt.

»Tante Friedel!«

»Tante Friedel!«

Wie der Wind waren Elfi und Susi von Mutters Schoß: die dicke Suse überkollerte sich dabei schier in ihrer Hast. Stürmisch umfaßten sie die Tante, so hoch sie eben reichen konnten.

»Tante Friedel!«

»Tante Friedel!« jauchzten sie noch einmal.

Diese griff zu und drehte sich mit den beiden ein paarmal um die eigene Achse. Dann streifte sie die Kleinen mit einer Handbewegung so nachdrücklich von sich ab, daß die dicke Suse auf den Teppich zu sitzen kam.

»So, jetzt hat es ein Ende; Tante Friedel hat genug. Lilly, weshalb mir deine Würmer nur so anhangen? Du fütterst sie wohl mit meinen Untaten groß, he? Du, laß aber die meinen nicht zu viel davon hören; es bekäme mir schlecht. Lutz, Fritz, hierher, die Tante begrüßt! Ich will euch Mores lehren! Woher ihr nur die schlechten Manieren habt! Sind die Jungen schon beim Baukasten, statt der Tante die Hand zu geben! Fritz! Lutz!«

Diesen Ton kannten die beiden. Mit roten Gesichtern stürzten sie herzu, streckten Tante Lilly die Hände hin und sahen sie treuherzig an.

»Guten Tag, Tante L–«

Da sah Lutz, daß Elfi an dem Grundriß rührte, den er in aller Hast schon zurechtgelegt hatte – der Steinbaukasten erschien ihm als seine besondere Domäne, obgleich dieser den »dummen Mädels« gehörte. Wie ein Stoßvogel schoß er auf die Verbrecherin los, ohne Tante Lillys ausgestreckte Hand zu beachten.

»Willst du die Hände davon lassen, he?«

»'s ist mein Kasten!« Elfi ließ sich so leicht nicht verblüffen.

»Mädchen sind dumm.«

»Tante Friedel ist auch ein Mädchen.«

Die dicke Suse traf zuweilen den Nagel auf den Kopf. Lutz und Fritz lachten darüber aus vollem Halse.

»Muttchen ein Mädel, hört doch, ein Mädel!«

»Was denn sonst?«

Elfi stand mit gereckter Stubsnase neben der kleinen dicken Schwester.

»Was denn sonst, he?«

»Muttchen, ein Mädel! So wie ihr, he?«

Furchtbare Geringschätzung lag im Ton. Elfi und Suse focht's aber wenig an; trotzig standen sie für ihr Recht ein.

»Eben!« nickten sie.

»Gerade!«

Mit geballten Fäusten und hochroten Köpfen drangen jetzt Lutz und Fritz auf die Widersacherinnen ein.

»Muttchen ist kein dummes Mädel, ihr!«

»Muttchen kann reiten und fahren!«

»Muttchen kann turnen und klettern!«

»Muttchen kann alles – alles!«

Muttchen ist unser bester Kamerad!«

Wie die Sturzwellen brauste es über Elfi und Suse hin. Auch über Tante Lilly und Muttchen Friedel.

Letztere wußte offenbar nicht, sollte sie lachen oder dreinfahren; schuldbewußt und mit rotem Kopf sah sie die Freundin an. Frau Lilly Echtern aber lag auf ihrem Stuhl und lachte aus vollem Halse.

Da reckte sich Muttchen Friedel zu ihrer vollen Höhe auf und strafend sah sie zu der vergnügten Freundin nieder.

»Man könnte mir Schlimmeres nachsagen, als daß ich meiner Söhne bester Kamerad bin!«

Sprach's und sah hoheitsvoll drein wie eine gekränkte Königin.

Dann trat sie mit einem Schritt zu ihren Bengels, die sie flink an den Ohrläppchen erwischte.

»Jungen, wollt ihr wohl höflich sein gegen eure kleinen Freundinnen, he? Vorwärts, gespielt und nicht gestritten, habt ihr verstanden? Oder es gibt was, merkt's euch, wenn ihr nicht folgt!«

Lutz und Fritz blickten ihrer Mutter vergnügt, fast zärtlich ins Gesicht; aber sie kannten den Ton und wußten, dann war mit Muttchen nicht zu spaßen. Eine Minute später saßen alle vier Kinder in friedlichem Spiel bei dem Steinbaukasten.

Dann ging's zum Kaffee, wo sich alle anstrengten, es der dicken Suse gleichzutun. Nachher sprangen die viere, die im Grund die besten Freunde waren, in den Garten. Man hörte ihr Lärmen und Lachen bis ins Zimmer, wo Frau Lilly und Muttchen Friedel gemütlich beisammen saßen.

Sie sprachen von alten Zeiten, die gar weit dahinten lagen, wie sie sagten. Man hätte es aber kaum geglaubt, wenn man in die noch jugendlich frischen, frohen Gesichter sah. Um Frau Lillys Augen lag wohl zuweilen etwas, das davon erzählte, daß sie auch schon des Lebens Leid gefühlt hatte. Sie hatte ihr ältestes Kind, ihren einzigen Jungen, vor vier Jahren begraben. Aber in Muttchen Friedels braunes Gesicht hatte das Schicksal mit weichem Finger nur Gutes und Frohes und Schönes gezeichnet. Was Wunder, daß die Augen glänzten wie einst und der Ausdruck des Frohsinns daraus nicht gewichen war?

»Weißt du noch, Friedel? Friedel, weißt du noch?« Damit begann und endete fast alles, was Frau Lilly sagte.

Und meist wußte es Muttchen Friedel und ergänzte Frau Lillys Erinnerungen.

»Wer hätte damals gedacht, als ich in der Nähstunde zuerst neben dir saß, daß wir so treue Freundinnen werden würden! Weißt du noch, Friedel?«

»Ich konnte das Nadelöhr nicht finden und du zeigtest mir's, was? O, war ich ein tolles Gewächs! Und so was nennt sich jetzt Mutter von vier Rangen.«

»Von fünfen, Friedel, von fünfen!«

»Du zählst auch Fee mit? Die ist von Lisa erzogen und sicher keine Range. Mir ist fast bange vor meiner erwachsenen Tochter.«

»Friedel!« Frau Lilly sah die Freundin strafend an.

Die ließ den Kopf hängen und sah so hilflos aus, daß Frau Lilly lächeln mußte.

»Na ja, du hast gut lachen, du,« verteidigte sich Friedel. »Denk dir so eine wohlerzogene englische Miß, oder besser, denk dir Lisas Kind, denn das ist Fee, und dann mich und meine Rangen dazu! Uff, mir wird heiß, wenn ich nur dran denke.«

»Friedel!«

»Na ja, aber –«

»Du, deines Mannes und Vaters, deiner Kinder Glück und Stolz!«

Da wurde Muttchen Friedel rot wie ein junges Mädchen, legte die Hände vor die Ohren und stampfte mit dem Fuß.

»Willst du mich eitel machen, Lilly? Kein Wunder; die verbrauchen mich eben, wie ich bin. Was bleibt ihnen anders übrig? Na, ich will mich schon ein wenig umkrempeln für das Kind; Fee soll sich ihrer Mutter nicht schämen müssen. Sag mal, Lilly, hast du von Max gehört?«

»Er ist wohlbestallter Regierungsbaumeister und glückselig mit seiner jungen Frau. Das Kindchen ist nun dreiviertel Jahr alt; ein Wunderkind, wie er's beschreibt. Er hat übrigens lange gebraucht, bis er dich vergessen hat.«

»Papperlapapp, Lilly! Du weißt, ich kann so 'n Unsinn nicht leiden. Fidele Kameraden waren wir und nichts weiter! Ach, war das eine tolle Zeit! Wenn meine Rangen –«

»Du, Lu und Li sind ihrer Mutter richtige Töchter!«

»Das sind sie, leider; das ist ja mein Jammer. Und gleich zwei solche Unbände! Mein Mann hat nicht gewußt, was er sich einbrockte; er hätte sonst die Hand von Friedel Polten gelassen. Armer Klaus!«

»Na, so bemitleidenswert sieht er gar nicht aus,« wehrte Frau Lilly, »immer strahlen seine Augen. Sieh dir dagegen meinen Mann mit der Sorgenmiene an!«

»Und hat solch tadelloses Exemplar von Frau!«

»Hat er auch!« Frau Lilly warf sich in die Brust, »übrigens, ich bekam Briefe von Elsbeth und Mariechen Wendel. Beide sind glücklich und vergnügt mit Mann und Kindern. Auch Gerta Hellen und Helene Martens. Es scheint ein Segen über unserer Tanzstunde von damals zu ruhen.«

»Bloß die arme Inge!«

»Ja, Inge, die ist in der Fremde an Heimweh zu Grunde gegangen!«

»Arme Inge! Und sie war doch die Schönste, Talentvollste von uns allen. Wie haben wir die Sonne verdient, wo sie nur Schatten fand?« Sinnend, tiefen Ernst in den grauen Augen sah Frau Friedel vor sich hin. Auch Frau Lilly senkte ein Weilchen den Kopf. Dann lachte sie plötzlich laut auf, daß Friedel sie vorwurfsvoll ansah.

»Du, Lu und Li sind zu köstlich; völlig ihrer Mutter Töchter!«

»Leider!« Muttchen Friedel blickte mit leichtem Schrecken die Freundin an. »Was ist denn nun wieder los?«

»Und so gutherzig! Ja, weißt du denn wirklich nichts davon?«

»Nee, keine blasse Ahnung! Schieß los, Lilly!«

»Aber du läßt sie gewähren, Friedel, versprich mir's!«

»Erst hören, dann wollen wir weiter reden.«

»Na also. Da kamen sie neulich dazu, wie ein Bäckerjunge fiel und sich den Fuß verrenkte; er schrie wie toll. Sie lasen ihm die Wecken wieder in seinen Korb, ein Wort gab das andere, und da kam heraus, daß der Junge fürchtete, fortgeschickt zu werden, wenn er die Wecken nicht mehr herumtragen könne. Er hat eine blinde Mutter, die auf das, was er verdient, angewiesen ist. Lu und Li brachten ihn heim und gingen dann zu seinem Meister. Der Himmel weiß, wie sie's fertig brachten, aber seit vierzehn Tagen sausen sie vor Schulbeginn auf ihren Rädern durch die Straßen und liefern in den betreffenden Häusern die Wecken ab, zum Gaudium der gesamten Bevölkerung. Zu uns kommt Lu und hat immer ein lustiges Wort. Unsere Kathrine lauert ihr an der Haustür auf, daß sie nicht die Treppe herauf muß; sie fließt über vor Bewunderung für das Kind. ›Wo sie doch so gut sind, die Fräuleinchen, gegen den Anton, da muß man doch auch das Seinige tun,‹ sagt sie. Lu und Li sind im Handumdrehen die populärsten Leute der Stadt geworden. He, Friedelchen, was meinst du jetzt?«

Frau Friedel war rot und heiß im Gesicht, ein bißchen abweisend, ein bißchen ungewiß; aber etwas wie Stolz blitzte zugleich in den grauen Augen auf.

»Ja ja, die Mädel! Die haben ein schlimmes Erbteil abgekriegt von der Mutter. Mein Fleisch und Blut, Lilly! Die armen Mädel!«

»Prachtmädel sind es!«

»Und Tante Lenchen, wie die mich dauert! In ihrem Alter so was in vermehrter und verbesserter Auflage zu sehen! Jetzt weiß ich übrigens, weshalb die beiden in der letzten Zeit nicht früh genug zur Schule kommen konnten; das war ein Drängen, nicht zum Aushalten. Ich fragte nicht weiter, dachte, es handle sich um einen Scherz mit den Freundinnen, erinnerte mich an unsere Schlittenfahrten von einstmals und schwieg! Arme Dinger. Erbliche Belastung also!«

Muttchen Friedel schien verzweifelt. Frau Lilly aber lachte aus vollem Herzen. Es war urkomisch für sie, Friedel in solcher Bedrängnis zwischen eigenem Empfinden und ihrer Mutterpflicht zu sehen.

»Ich werde den beiden übrigens das Handwerk legen.« Damit kam die Mutterpflicht zum Durchbruch.

»Das wirst du nicht tun, Friedel. Bedenke, was ist schlimmes dran? Acht Tage vielleicht noch und der Junge ist gesund. Die beiden haben ein gutes Werk getan.«

»Was wird Klaus aber sagen?«

»Dein Mann? Ja, der hat doch einstmals Friedel Polten geheiratet. Ha, ha, ha!«

Friedel stimmte ein, dann besann sie sich.

»Ja, Lilly, 's wird Zeit. Ich muß die Mädel vom Kaffee bei Tinchen Müller abholen. Wer weiß, was sie mir sonst noch anstellen. Wir müssen zur Schneiderin. Grüß mir deinen Herrn und Gebieter! Vielen Dank für Speis und Trank.«

Sie war die Treppe drunten, ehe Frau Lilly wußte wie. Das Gesicht, womit diese der Freundin nachsah, war wirklich nicht geistreich.

Muttchen Friedel las unten ihre Jungen schnell auf und gleich darauf waren schon alle weit drunten in der Straße.

Eine schöne große Pfütze kam ihnen gerade recht.

Dort stand das stattliche Haus des Großkaufmanns Heinrich Müller. Ein leuchtendes Firmenschild verkündete es.

Muttchen Friedel sah darauf hin und ein Bild aus alten Tagen stieg vor ihr auf. Der »sanfte Heinrich« aus der Tanzstundenzeit mit dem Mädchengesicht und dem glatt gescheitelten weißblonden Haar, mit dem sie beim Tanz die Rollen als Herr und Dame getauscht hatte. Er hatte eine verwitwete Cousine geheiratet und deren Geschäft weitergeführt. Bei Tinchen, dem einzigen Kind seiner Frau aus erster Ehe, waren Lu und Li zum Kaffee gebeten. Als der »sanfte Heinrich« aus der Tanzstunde vor ihres Geistes Auge auftauchte, huschte ein lustiges Lächeln über Muttchen Friedels braunes Gesicht. Mit Achtung aber sah sie zugleich an dem stattlichen Haus empor; in dem »Sanften« steckte doch ein ganzer Mann!

Sie ging mit ihren beiden Sprößlingen vor dem Hause auf und ab, sie selbst in Gedanken, Lutz und Fritz widerwillig und auf allerhand Unfug bedacht.

Eine schöne große Pfütze bot willkommenen Anlaß. So oft sie dran vorüberkamen, patschten sie kräftig hinein; die saubere Hausmauer zeigte bereits eine reizvolle »Spritzmalerei«.

»Wollt ihr wohl, ihr Racker,« klang, da eine kräftige Stimme über die Straße, herüber, »mer wird eich des Handwerk lege, paßt emal obacht.«

Muttchen Friedel war plötzlich wach und mitten in der Gegenwart. Mit kundigem Blick übersah sie die Sachlage, faßte einen ihrer Jungen rechts, den anderen links am Ohrläppchen, zog nicht eben sanft und bekräftigte die Mahnung mit einem nachdrücklichen Klapps.

»Bravo!« klang es wieder von drüben. »Des heiß ich glatt Arweit. Nix vor ungut, gnädig Frau, awer 's wär schad um jeden Schlag dernewe. So Birschcher brauche des wie's täglich Brot. Willste was, Settche?«

Das galt der Frau, die hinter dem dicken Metzgermeister und Eheherrn stand und ihn mahnend zupfte.

»Du meinst, sie kennt mer's iwel nemme? Buwe sin Buwe. Un sie war selwer e halwer, wo se noch jung war.«

Dröhnend lachte der dicke Metzgermeister, etwas zurückhaltender stimmte seine Frau ein.

Drüben hatte sich die Szene geändert. Muttchen Friedel hielt ihre beiden Sprößlinge nun fest an der Hand; gesittet mußten sie neben der Mutter hergehen. Durch gelegentliches Ausschlagen mit den Beinen gegen ein Hindernis, wie Ecksteine und dergleichen, suchten sie sich zwar für den Zwang zu entschädigen; das hatte aber jedesmal ein derbes Schütteln von Mutters Hand zur Folge.

Eben war Muttchen Friedel mit ihren beiden Söhnen wieder am Ende der Hausfront angelangt und sie wandten sich; erstere ließ einen ungeduldigen Blick an dem Hause emporgehen. Dicht hinter ihnen schritten zwei Herren in eifrigem Gespräch. Sie erregten die Aufmerksamkeit von Lutz und Fritz dadurch, daß sie einander so ähnlich sahen: beide hoch gewachsen, schlank, blond, breitschultrig, mit blitzenden Blauaugen und dichtem Schnurrbart; offenbar Brüder, vielleicht gar Zwillingsbrüder.

Lutz stieß die Mutter an.

»Muttchen, dahinten kommen zwei und sehen aus wie einer!«

Er grinste, Fritzchen nicht minder; beide hielten die Köpfe nach rückwärts gewendet; Muttchen Friedel hatte ihre Last, sie vorwärts zu ziehen. Auf Lutz' Bemerkung aber achtete sie weiter nicht.

Na rissen sich die beiden plötzlich mit Indianergeheul los und stürzten nach hinten. Muttchen Friedel wandte sich und stand starr.

Die beiden blonden Herren waren in eifrigem Gespräch, auf nichts sonst achtend, eben an der Tür des Hauses angelangt, an dem sie gerade vorübergingen, als die aufgestoßen wurde. Zwei Gestalten setzten in hastigen Sprüngen über die Freistufen, stolperten, gerieten ins Wanken und klammerten sich nicht eben sanft an die beiden Herren an.

Unwillkürlich griffen die zu und hielten nun zwei Backfische mit braunen Hängezöpfen und lustigen Schelmenaugen in den Armen.

Wie auf Kommando aber befreiten sich die beiden von den helfenden Armen. Zwei leuchtende Schelmengesichter blickten auf, und dann knickste die eine.

»Verzeihung, wir – wir danken,« sagte sie feierlich. Und die andere fügte hinzu: »Pardon!«

Dies war Li, die noch ein größerer Kindskopf war als Lu.

Ehe die Herren recht zu sich kamen und beschauen konnten, was sie da vor dem Sturz gerettet hatten, waren die Geretteten schon auf der Flucht. Zwei kleine Burschen kamen ihnen mit Jubelgeheul entgegen geflogen.

»Lu! Li! Lu! Li!«

Die Herren spitzten die Ohren und schmunzelten.

»Klingt japanisch, was?« fragte der eine lachend, der andere nickte und lachte mit.

»Der Anprall hatte übrigens was von urgermanischer Kraft,« sagte er.

Die als Lu und Li Angerufenen hatten inzwischen je einen der Knirpse mit einem Nasenstüber bedacht und flogen weiter. Dann hängten sie sich rechts und links in den Arm einer Dame, die sie um ein kleines überragten, die sonst aber eine unverkennbare Ähnlichkeit mit ihnen zeigte.

»Ist das eine ältere Schwester?« sagte der eine Herr.

»Eher die Mutter,« berichtigte der andere in entschiedenem Tone.

»Dann ist sie noch blutjung,« meinte der erste. Der andere nickte bloß; seine Aufmerksamkeit war zu sehr in Anspruch genommen.

Die beiden Springinsfelde dort bedrängten die Dame in ihrer Mitte gewaltig. Erst machten sie Miene, sie auf offener Straße zu umarmen; als sie entschieden abgewiesen wurden, falteten sie neckisch flehend die Hände. Es war urkomisch zuzusehen.

Die Dame hatte eine sehr würdevolle Miene aufgesetzt und sprach ernst auf die beiden ein. Solch zerknirschte Gesichter! Jetzt warf die Dame einen halben Blick nach den Herren, die unwillkürlich stehen geblieben waren, und grüßte ernst und gemessen; man sah, sie dankte für die erwiesene Hilfe. Dann wandte sie sich; mit hängenden Köpfen schritten die beiden Gemaßregelten hinterher. Aber ein Blick, in dem viel Neckerei und wenig Zerknirschung lag, streifte zuvor noch die Helfer in der Not.

Die beiden kleinen Jungen trabten hinter den Schwestern her, Schadenfreude in jedem Zug des Gesichts. So verschwanden die fünf um die Hausecke.

Auch die beiden blonden Herren setzten nun vergnügt ihren Weg fort.

»Wer sin dann die, Settche?« fragte jetzt der Metzgermeister seine Frau.

»Des sin die zwei neie Assessorn, Peter. Brider sin's un sin bis jetz immer beisamme gewese. Sie wohne bei der Millern, un die sacht, mer kennt nix Schenneres sehe, als die zwei zusamme.«

»Muttchen,« sagte Lu indessen und tat ziemlich zerknirscht, »wir sind wahrhaftig unschuldig.«

»Wirklich, Muttchen,« bekräftigte auch Li.

»Wir stürzten eben zur Haustür heraus –«

»Hatten euch von oben vorübergehen sehen –«

»Wollten nicht warten lassen –«

»Eilten uns und da –«

»Da waren die dummen Peter im Wege –«

»Wie sie fest zugriffen, Li!«

»Ich muß blaue Flecke haben, Lu!«

Muttchen Friedel, die noch immer stumm voranschritt, bewahrte nur mit Mühe ihren Ernst; dann fing sie an: »Lu, Li, hier kommt mal her! Könnt ihr denn nicht einsehen, daß ihr euch wie die Straßenjungen benommen habt? Was soll das mit euch werden?«

Die Mädchen schritten nun Seite an Seite mit der Mutter.

»Laß sein, Klein-Muttchen, quäl' dich doch nicht um uns, bitte.« Seit Lu und Li Muttchen Friedel über den Kopf gewachsen waren, erlaubten sie sich zuweilen diese gönnerhafte Bezeichnung. »Wir werden schon gedeihen; sind ja deine Kinder!«

Lu war's, die das sagte und Li nickte bestätigend wie ein Pagode.

Muttchen Friedel sah etwas mißtrauisch und ungewiß ihren beiden Ebenbildern ins Gesicht; aber die sahen sie treuherzig an, keine Spur von Hintergedanken in den Koboldsaugen.

Ja, das war Friedel Polten von dermaleinst in verdoppelter Auflage von innen und von außen! Die gleichen nichtsnutzigen braunen Gesichter mit der Schelmenmiene, die gleichen grauen großen Augen, die so herzenswarm und so voll Neckerei aufleuchten konnten.

»Genau wie ich im Schlimmen und auch im – Guten,« sagte sich Muttchen Friedel und atmete auf.

Mit einem Male sah sie ihres Mannes gutes und frohes Gesicht, vor ihren Geistesaugen; den hatte sie nicht enttäuscht und unglücklich gemacht, wenigstens behauptete er stets mit Nachdruck das Gegenteil. Lu und Li konnten also auch noch brauchbare Menschen werden.

Muttchen Friedel reckte sich auf; ja, sie lächelte plötzlich vor sich hin. Lu und Li merkten es und faßten sie unter von beiden Seiten; nun war das Spiel gewonnen.

»Solch ein Muttchen!«

»Muttchen, bist süß!«

»Verbitt' ich mir,« sagte da Muttchen Friedel, »Zuckerwasser war mir immer ein Greuel.«

Indessen hatte man schon eine Weile von Lutz und Fritz nichts mehr gehört. Mit einem Male erhob sich Hundegekläff und Zetergeheul aus der Ferne.

»Lutz, Fritz,« rief Muttchen Friedel ahnungsvoll und wandte sich; Lu und Li waren schon eine Strecke voraus.

»Wir helfen, Muttchen, wir bringen sie,« riefen sie gönnerhaft.

Am liebsten wäre Muttchen Friedel hinterher geflogen. Sie besann sich aber, blieb und trippelte wie eine Glucke, der die ausgebrüteten Entlein ins Wasser gehen. Da kamen Lu und Li zurück, jede einen der Missetäter hinter sich herzerrend. Die hatten die Fingerknöchel in den Augen und brüllten dazu.

»Da!« sagten Lu und Li und apportierten ihren Fang wie junge Jagdhunde. »Der Hund hatte Lutz an den Hosen und Fritz den Hund am Schwanz.«

»Ich hätt' ihn totgeschlagen,« bramarbasierte der, »wenn die Mädel nicht gekommen wären!«

»Oder er hätte dich gebissen,« sagte Muttchen trocken. »Was ist's mit den Hosen, Lutz?«

»Zer–zerr–rissen,« heulte der.

Schweigend besah Muttchen Friedel sich die Kehrseite ihres Söhnleins, dann ein rascher Blick in die Runde; leer war die Straße, leer die Fenster. Und nun folgte blitzschnell die nötige Strafe, die Lutz in der Überraschung stumm wie ein Steinbild entgegennahm.

»So,« sagte Muttchen dann befriedigt und richtete sich auf. »Ein anderes Mal läßt du mir die Hunde in Ruhe!«

»Er hat ihn doch bloß 'n bissel gekitzelt,« verteidigte Fritz den Bruder; er trat stets für den Bruder ein. »Wir wollten doch bloß 'n bissel Spaß machen.«

»Es versteht eben nicht jeder Spaß,« erwiderte Muttchen Friedel. »Merkt euch das, Jungen!«

»Selbst Muttchen nicht immer,« sagte Lu ernsthaft, mit einem Blick voll Schelmerei nach Muttchen. Die zuckte bloß die Achseln.

»Hier wohnt Fräulein Bär und nun rasch hinein!«

Ein brunnentiefer Seufzer ertönte aus Lus und Lis Munde.

»Müssen wir, Muttchen?«

»Muß es sein?«

»Lieber zum Zahnarzt.«

»Lieber zum Photographen.«

»Seid nicht so albern, vorwärts!« Damit schnitt Muttchen Friedel alles weitere ab. Aber sie schmunzelte dazu, was man im dunkeln Treppenhaus glücklicherweise nicht sah.

Ob die Schneiderin über den fünfköpfigen Besuch erfreut war? Nun, jedenfalls ließ sie sich nichts davon merken, sondern sagte zuvorkommend: »Ich möchte den jungen Damen Bretellen vorschlagen oder ziehen sie Boleros vor?«

Lu und Li schauten einander an und lachten verlegen; auch Muttchen Friedel sah ungewiß drein, besonders als die Schneiderin sich jetzt an sie wandte.

»Wofür entscheiden sich gnädige Frau?«

»Ich?« Muttchen Friedel dehnte dies »ich« in die Unendlichkeit, um Zeit zu gewinnen. »Ich? Für – für Boleros oder wie Sie sagten. Wie sehen die aus, bitte?«

Nun waren Lu und Li nicht zu halten.

»Du bist köstlich, Muttchen!«

»Muttchen, bist köstlich!«

Frau Friedel nahm es weiter nicht übel.

»Woher soll ich das Zeug kennen?« fragte sie. »Machen Sie den beiden eben Kleider und damit basta.«

»Matrosenblusen,« schlug nun Lu kecklich vor.

»Für Sonntagskleider?« sagte die kleine Schneiderin bedenklich.

»Paßt das nicht? Na, dann nicht,« entschied Muttchen. »Irgendwas.«

»Irgendwas,« bestätigten auch Lu und Li.

»Hier kneift's,« sagte Lu, die eben ein Leibchen probierte, und hob die Achsel. Die Naht platzte, geduldig steckte die Schneiderin sie wieder fest.

»Und da kneift's auch,« sagte Lu wieder; dasselbe Krachen auf der anderen Seite.

Der kleinen Schneiderin zitterten die Finger. Da streifte zufällig Lus Blick ihr schmales, blasses Gesicht; nun stand sie kerzengerade und muckstill. Denn ein gutes Herz hatte Lu.

Li übrigens auch, denn bei ihr ging die Anprobe glatt. Erleichtert atmeten schließlich alle auf, Mutter wie Töchter.

Da stieß die Schneiderin mit einem Male einen lauten Schrei aus.

Durch die Tür, die vom Nebenzimmer hereinführte, kamen zwei sehr elegante Damen, weiß die eine, himmelblau die andere; sonderbarerweise hatten sie aber keine Köpfe und die Ärmel schlotterten leer.

»Meine To–iletten! Meine To–iletten,« jammerte die Schneiderin und stürzte auf die beiden ruckweise vorwärts Wandelnden zu.

Da geriet die eine ins Wanken und fiel; zwei Knabenbeine kamen unter den Falbeln und Garnierungen zum Vorschein.

»Lutz!« rief Muttchen Friedel schreckensbleich, holte sich den Bengel aus dem Faltengewoge und stellte ihn unsanft auf die Beine.

»Meine To–iletten! Meine To–iletten!« jammerte indes die Schneiderin weiter. »Was fang' ich an, wenn sie verdorben sind? Das Unglück, nein, das Unglück!«

Sie richtete das Gestell mit der weißen Dame wieder auf und zupfte mit zitternden Fingern an den zerdrückten Falbeln herum. Lu und Li hatten sich unterdes der himmelblauen Dame bemächtigt und hoben sie empor; natürlich kam Fritz drunter zum Vorschein. Er schmunzelte und fragte treuherzig: »Fein war's, was?«

Als er aber Muttchens bedrohliche Haltung sah, zog er den Kopf zwischen die Schultern; diese schalt: »Jungen, müßt ihr denn immer Streiche aushecken?«

Sie schüttelte Lutz dazu herzhaft; Lu und Li besorgten dasselbe bei Fritz. Der brüllte: »Ich hab's dem Lutz ja gesagt, wir sollten auf die Straße gehen; dann hättet ihr uns nicht gekriegt!«

Schreckensbleich stand die kleine Schneiderin; vor dem, was hätte sein können, schwand das, was war, zu einem Nichts zusammen.

Muttchen Friedel setzte indessen ihre beiden Söhne mit Nachdruck auf einen Stuhl.

»Da bleibt ihr und rührt euch nicht, oder ich zieh' euch die Ohren, daß ihr zeitlebens dran denkt!«

Dann wandte sie sich zur Schneiderin: »Glauben Sie, daß das Kleid Schaden genommen hat? Ich wäre natürlich erbötig, Ersatz zu leisten für das, was meine Rangen –«

Ein furchtbar strenger Blick sollte Lutz und Fritz streifen. Die lagen indes in innigem Kampfe umschlungen am Boden und der Blick traf daneben.

»Bengels!« Muttchen Friedel raffte ihre beiden Söhnlein energisch empor, setzte ihnen nicht eben sanft die Mützen auf und befahl, »Lu und Li, nehmt sie fort!«

Die vier verschwanden und die Schneiderin atmete sichtlich erleichtert auf, als die Luft rein war. Sie versicherte, mit Hilfe des Bügeleisens alles wieder gut machen zu können, aber ihr Lächeln erschien recht sauersüß.

Da verabschiedete sich Muttchen Friedel rasch und folgte ihren Sprößlingen.

Daheim auf Rödershof saßen indes Papa Polten und sein Schwiegersohn und dampften wie die Schlote. Das Zimmer war mit graublauem Dunst erfüllt, was zu dem graublauen Ton von Tapete und Möbeln trefflich stimmte.

»Erbarm dich!« sagte da eine Stimme von der Tür her. »Hier weiß man wieder einmal nicht, ob man in eine Räucherkammer gerät oder sonst wohin. Ist wer hier?«

»Die Lene!« rief Papa Polten erstaunt und dampfte erst noch ein paarmal gewaltig, ehe er die Pfeife aus dem Munde nahm. »Was will denn die hier?«

»Die Lene, Konrad, jawohl! Und will vermutlich dasselbe wie der Herr Bruder. Wo ist Frida? Ist sie nicht zu Hause?«

»Jungchen ist in der Stadt.«

Tante Lenchen – denn sie war's, nur um ein Teilchen älter und dünner und wackeliger geworden – warf dem Bruder einen strafenden Blick zu.

»Manche Menschen sind halsstarrig geboren und lernen nichts dazu,« sagte sie orakelhaft und sehr von oben herab. »Erbarm dich, Konrad, wie kann man nur so rauchen!«

Klaus von Rödern hatte während des kleinen Scharmützels der Geschwister rasch ein Fenster aufgerissen; jetzt schob er der Tante den bequemsten Sessel hin.

»Setzen Sie sich, Tante; Friedel muß gleich da sein. Schön, daß Sie kommen.«

»Hab' ja das Kind heute noch nicht gesehen, Klaus!«

Papa Polten tätschelte der Schwester Hand. »Sind doch vom selben Schlag, Lene,« sagte er. »Bloß daß ich Jungchen sage und du Frida. Kommt aber alles aufs gleiche raus.«

Sie lachten, auch Tante Lenchen. Aber diese warf dabei einen etwas unsicheren Blick auf Klaus von Rödern.

»Sagen Sie mal. Herr Neffe, aber Lu und Li –«

Papa Polten ahnte einen Angriff auf seine Lieblinge und erklärte: »Was als Unke geboren ist, wird im Leben keine Lerche. Wo fehlt's da wieder, Lene?«

Die alte Dame warf beleidigt den Kopf zurück.

»Ich halte es für meine Pflicht, zu warnen, wo ich's für nötig halte, bei denen, die ich lieb habe. Lu und Li sind auf dem besten Wege, dieselben Unbände zu werden wie –«

»Jungchen ist ein Prachtmädel, Lene!« rief der alte Herr fast drohend.

»Erbarm dich, Konrad, wer sagt was gegen das Kind? Ich zuletzt! Aber ich weiß, welche Mühe und Not ich mit der Erziehung –«

»Erbarm dich!« sagte eine Stimme von bei Türe her.

»Als ob ich nicht Jungchen ganz allein erzogen hätte!« entgegnete Papa Polten sehr erregt. »Hier verstehe ich keinen Spaß, Lene! Jungchen ist mein Werk!«

Tante Lenchen zuckte die Schultern, bewegte sich in ihrem Sessel hin und her und warf bedeutungsvolle Blicke nach Klaus von Rödern. Dann ging ein milder Schein über ihr gealtertes Gesicht, sie streckte Klaus von Rödern die Hand hin und nickte dem Bruder zu.

»Erbarm dich, Konrad, was streiten wir uns und haben doch alle das Kind so lieb. Und der's zu dem gemacht hat, was es ist, das warst nicht du und nicht ich und nicht der da. Das ist unser Herrgott gewesen, der ihr die Liebe zu den Ihren ins Herz gegeben hat und das Gefühl für das, was denen not tut. Und er wird ihr auch weiter den rechten Weg weisen, auch mit Lu und Li. Bloß, daß die alte Tante meint, ein bißchen am Karren schieben helfen zu müssen, daß er nicht schief geht. Sie hat das noch so in der Gewohnheit. Aber sie will sich bessern, wenn sie kann.«

»Alte gute Lene,« sagte da der Bruder und strich der Schwester so kräftig über den Kopf, daß sie die Haube retten mußte.

»Erbarm dich, Konrad!«

Da brach's mit Hallo ins Zimmer und zwar von zwei Seiten zugleich.

Zur Tür herein stürmte Muttchen Friedel vor ihren zwei Jungen her. Sie war rot und heiß und der Hut saß ihr nicht über jeden Tadel erhaben.

»Tante Lenchen, wie nett von dir! Und nun bleibt ihr alle zum Abendbrot; es wird gemütlich sein, was, Tantchen?«

Lutz und Fritz hatten sich je einer Hand der Tante bemächtigt und streichelten dran herum, als ob sie sie auf dem Fleck blank polieren müßten; Tante Lenchen versetzte es fast den Atem.

Da befreite Muttchen Friedel die Tante.

»Und ich, Jungchen?« sagte Papa Polten dazwischen vorwurfsvoll und eifersüchtig, daß er zu keiner Begrüßung kam. Da erhielt er auch sein Teil: von rechts und links hing es an ihm.

»Großvater! Großväterchen!« jubelte es.

Lu und Li waren zum offenen Fenster hereingeklettert. Das Zimmer zitterte noch unter dem Satz vom Sims herunter an Großvaters Hals; Sylphiden waren Lu und Li nicht.

»Kinder, aber Kinder,« mahnte Muttchen Friedel und warf einen erschreckten Blick nach Tante Lenchen. »Werdet ihr denn nie lernen, euch zu benehmen wie junge Damen? Tante Lenchen, verzeih, ich – Lu – Li –«

Rettungslos saß Muttchen Friedel fest.

Aber Tante Lenchen war heute wunderbar milde gestimmt. Harmlos sah sie der Nichte ins Gesicht, ja sie fuhr ihr mit der Hand über die heißen Wangen.

»Laß gut sein, Friedelchen! Keine Suppe ißt sich so heiß, wie sie gekocht wird.«

Sogar als jetzt Lu und Li zur Begrüßung heranstürmten, Lu der Tante auf den Fuß trat und Li ihr an die Haube stieß, daß sie rutschte, da zuckte Tante Lenchen nicht.

»Da seid ihr ja, Kinder,« sagte sie warm. »Ich freue mich, euch zu sehen, freue mich immer über eure hellen Gesichter. Der Himmel erhalte euch den Frohsinn.«

»Tantchen;« sagte Li, »wenn wir gewußt hätten, daß du da bist, wären wir nicht so hereingepoltert.«

Und Lu setzte hinzu: »Ich steig überhaupt nicht mehr durchs Fenster, Tantchen, ich versprech dir's. Muttchen hat recht, wir sind doch nachgerade zu groß.«

Ihr Vater sah vergnügt in die lustigen Gesichter. Dann nickte er Papa Polten zu. »Ähnlich, was? Aber netter war sie doch noch.«

»Jungchen? Zehntausendmal!« ertönte die Antwort im Brustton der Überzeugung.

Lu und Li sahen vom einen zum anderen, waren aber kein bißchen gekränkt. Sie wußten, von wem die Rede war, mußten sie doch fast jeden Tag dergleichen hören.

»Mir scheint, wir kommen niemals auf unsere Kosten, Li,« sagte Lu.

»Und tun doch so redlich das unsere, in Klein-Muttchens Fußstapfen zu treten,« antwortete Li.

Da sagte eine Stimme, nämlich die Tante Lenchens, sehr ernst: »Tut das, Kinder, folgt dem Beispiel eurer Mutter! Ein besseres könnt ihr nicht finden; nur fangt mit dem Herzen an, da geht ihr nun und nimmer fehl. Was so kleine Seitensprünge und Kapriolen sind, die könnt ihr ja getrost weglassen, das Herz ist allemal die Hauptsache. Und das eures Muttchens ist von Gold.«

Sie waren alle still und Muttchen Friedel sah scheu und rot aus wie ein belobtes Schulmädel.

Dann befahl sie: »Lu, Li, seht nach dem Eßtisch. Lutz, Fritz, die Hände gezeigt. Schwarz? Marsch, gewaschen! Papa, da ist die Pfeife. Und du könntest auch danach sehen, daß eine gute Flasche Wein auf den Tisch kommt, statt so herumzustehen, Klaus. Uff, hat man seine Not mit den Menschen!«

Dabei legte sie die Arme um Tante Lenchens Hals und rieb ihr braunes Gesicht an deren Schultern. Tante Lenchen sagte nichts, zog aber die Nichte fest an sich.

»Zu Tisch! Zu Tisch!« posaunten jetzt Lu und Li. Tante Lenchen fuhr sich nach beiden Ohren.

»Kinder, taub bin ich nicht, könnte es aber werden,« klagte sie. »Erbarm dich, Konrad, die beiden sind ihr noch über. Wie soll das Kind die meistern?«

»Jungchen kann alles,« sagte Papa Polten im Ton der Überzeugung.

Aber Tante Lenchens Kopfschütteln dauerte an.

»Ich hoffe auf das Kind, die Fee, Konrad. Die kann der Mutter helfen.«

»Jungchen braucht keine Hilfe,« erklärte Papa Polten beharrlich.

Na traten sie ins Eßzimmer. Als solches diente der Gartensaal im Erdgeschoß, ein lichter, froher Raum. Breite Flügeltüren führten nach dem Garten, aus dem die herbe Vorfrühlingsluft fühlbar hereindrang.

»Mein Zipperlein,« sagte Papa Polten und fuhr sich an die Beine, »huh, wie luftig!«

Knallend flogen die Türen zu. Lu und Li waren sehr im Eifer.

»Sachte, Jungchen, sachte,« mahnte Papa Polten wie in alter Gewohnheit. Lu und Li lachten wie die Kobolde.

Dann setzten sich alle rings um den großen Mitteltisch.

Muttchen hatte ihre beiden Söhne rechts und links, denn sie hielt streng auf Ordnung bei Tisch. Lutz und Fritz benahmen sich demzufolge sehr gesittet; Tante Lenchen stellte dies mit innerlichem Kopfnicken befriedigend fest.

Lu und Li saßen ihr zur Seite und ließen es sich angelegen sein, Tantchen zu versorgen; die mußte sich des öfteren sogar gegen ihre Aufmerksamkeiten wehren.

»Nächsten Winter lernen wir kochen, Tantchen,« sagte Lu, »dann soll dir's aber bei uns schmecken!«

»Erbarm dich,« rief Tante Lenchen erschreckt und allerhand Erinnerungen tauchten in ihr auf.

»Mädel,« rief Papa Polten vergnügt, »eure Mutter hat auch mal kochen gelernt. Erinnerst du dich noch, Lene?«

Die nickte, sah aber dabei etwas abweisend aus.

»Muttchen hat fein gekocht, was?« fragte Li neugierig.

Tante Lenchen gab einen Laut von sich, der nicht ja und nicht nein war. Papa Polten grunzte in sich hinein vor Vergnügen.

»Sandtorte! Was? Kannst dich ihrer noch erinnern, Lene?«

»Konrad!« Eisig blickte Tantchen drein.

Muttchen Friedel erbarmte sich der Tante.

»Laßt gut sein, Kinder, Plagt Tantchen nicht! Sie hat ihre Last mit eurer Mutter in jeder Hinsicht gehabt, auch am Kochherd. Ihr macht's hoffentlich anders.«

»Wir sind ja deine Töchter,« rief Li, der Vorwitz.

Aber Lu sagte ernsthaft: »Muttchen hat neulich eine wundervolle Pastete gemacht, als Kathrine krank war.«

»Muttchen kocht fein,« bekräftigten lebhaft die beiden Jungen Lutz und Fritz.

Vater Klaus schaute schmunzelnd vor sich hin; er war's, der seinerzeit das Lehrgeld gezahlt hatte, als auf Rödershof die junge Herrin einzog.

Muttchen Friedel sah ihn an, einen Schelmenblick im Auge. Er legte den Finger an den Mund zum Zeichen, daß er schweigen wolle, und Muttchen Friedel dankte ihm mit einem Kopfnicken.

»Autorität muß sein, Klaus,« sagte sie dabei wie aus einem Gedankengang heraus.

»Allemal,« erwiderte er, »so oder so!«

Das Mahl war eingenommen. Lutz und Fritz verabschiedeten sich für die Nacht, nicht freiwillig, sondern der Not gehorchend; Muttchen Friedel hatte ein Machtwort gesprochen.

Sie saßen nun alle wieder in des Hausherrn Zimmer, dem mit den graublauen Wänden und Möbeln, das so schön zum Tabaksdampf stimmte.

Die beiden Herren qualmten schon wieder tüchtig. Sie saßen in tiefen, bequemen Sesseln und Lu und Li hatten sich auf den weichen Teppich ihnen zu Füßen gelagert. Lu hielt die Hände unterm Kopf und blinzelte schläfrig ins Licht. Li hatte ein kleines Scherchen und schwarzes Papier und hantierte eifrig damit. Eine Kette niedlicher tanzender Figürchen entstand, die sie dem Großvater aufs Knie legte. Der schaute danach und schüttelte den Kopf.

»Jungchen hat das viel besser gemacht, was, Klaus?« Der nickte und Li wandte sich mit einem anscheinend trostlosen Seufzer zu Lu.

»Keine Hoffnung für uns, du!«

Aber Lu nickte vergnügt.

»Muttchen kann eben alles am besten!«

Da zog ein weicher süßer Laut durchs Zimmer. Alle horchten auf. Tante Lenchen ließ den Strickstrumpf sinken, Hu und Li kauerten sich eng aneinander.

»Muttchen geigt!«

Ja, Muttchen geigte. Und wie geigte sie!

Was einst in Wilderswyl auf der Holzgalerie des Schweizerhauses angesichts der hehren, gewaltigen, von nächtlichem Schweigen umhüllten Jungfrau erklang, war im Werden gewesen. Was heute hier den friedlichen stillen lieben Raum durchzog, war vollendet. Eine gereifte Hand führte den Bogen, ein gereiftes Herz sprach aus den Tönen. Und Frau von Rödern hatte gehalten, was Friedel Polten im Sturm und Drange einst versprach. Goldklar perlten die Töne, wunderbare Tiefe beseelte sie.

Ein Andante von Beethoven, das Lieblingsstück von Vater Klaus, spielte sie; atemlos lauschten alle. Längst hatten die Herren die Pfeifen aus dem Munde genommen, Lu und Li hielten sich eng umschlungen, Tante Lenchen hatte sich in ihren Sessel zurückgelehnt und merkte nicht, daß ihr Träne um Träne über das alte Gesicht lief. So viel weckten die Töne.

Muttchen Friedels Blick ruhte auf den Sternen, die hell durch die vorhanglosen Scheiben blitzten. Eine Erinnerung mochte ihr kommen. Einmal, als sie von einer Melodie zur anderen überging, war's, als ob die neckischen Klänge irgend eines Schelmenliedchens auftauchen wollten.

Ihr Auge streifte herausfordernd die ihren. Aber wie sie die Versunkenheit auf den lieben Gesichtern sah, Tante Lenchens Tränen, die ernsten, andachtsvollen jungen Augen ihrer Kinder, da besann sie sich eines besseren. Das Schelmenliedchen, das hatte kommen wollen, erstickte im Keim. Groß und voll erklang das Beethovensche: »Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre.« Und es schloß mit tiefem, vollem, leise verhallendem Akkord.

Wie ein Bann lag's über allen.

»Macht's nach,« brummte Papa Polten. »Jungchen kann alles!«

Und er dampfte so furchtbar, als ob er das Versäumte in der halben Zeit nachholen müßte und dafür bezahlt würde.

Tante Lenchen trocknete verstohlen ihr Gesicht und sah sich um, ob's auch niemand merke. Lu und Li waren aufgesprungen und wollten eben Klein-Muttchen umfassen, da wurde die Geige noch einmal geschultert.

Muttchen Friedel hielt den Blick unverwandt auf Vater Klaus geheftet und sah ihn mit hellen Augen an. Frisch klangen jetzt die Töne der einfach schlichten Melodie: »Ich hatt' einen Kameraden, einen bessern findst du nit!«

Klaus von Rödern hob den Kopf lauschend, seine Augen leuchteten; dann trat er rasch neben seine Frau und legte den Arm um sie.

Die Töne verklangen, noch ein kleines, neckisches Nachspiel.

»Mein treuster Kamerad,« sagte Klaus von Rödern leise und sah Frau Friedel warm in die Augen. »Mein treuster Kamerad, du!«

»Hurra! Hurra!« jubelten Lu und Li, hielten sich umfaßt und marschierten im Takt der Melodie durchs Zimmer. Dröhnend sangen sie dazu das Lied, das Muttchen eben gespielt hatte, Muttchens Lied, wie sie's nannten.

»Achtung, Jungchen, angetreten!« kommandierte nun Papa Polten. Er vertrug es nie lange, wenn Friedel sich nicht ihm zuwandte. »Der Alte will heim und die Alte ditto. Ich verlange Aufmerksamkeit, basta!«

Lachend eilte Friedel zu ihm, zauste ihm den Silberbart und bot ihm die Lippen. Seine Blauaugen strahlten sie an.

»Mein Jungchen, gute Nacht! Dank für alles!«

Lu und Li umklammerten ihn. Er gab beiden einen Nasenstüber.

»Fort, Rackerzeug! Werdet mir wie das Jungchen, wenn ihr könnt, basta!«

Wortreich und umständlich verabschiedete sich Tante Lenchen. Sie hatte zu danken, zu mahnen und wieder zu danken.

»Vorwärts marsch, Lene, basta!« rief Papa Polten von der Tür her.

»Erbarm dich, Konrad, da bin ich ja schon.«

Die beiden Alten traten zusammen in die Nacht hinaus, denn Papa Polten hatte den angebotenen Wagen abgelehnt. Ihnen nach klangen noch einmal die Töne des »guten Kameraden«. Muttchen Friedel hatte wohl auf Verlangen das Lied wiederholt.

»Der Himmel erhalte den Kindern das Glück,« sagte Tante Lenchen und ihre Stimme zitterte ein bißchen.

Da stellte sich ihr der Bruder breitspurig in den Weg.

»Na, hat der Alte recht gehabt oder nicht, he? Ist Jungchen geworden oder nicht geworden, he, Lene? Farbe bekannt!«

Sie nickte still vor sich hin.

»Weil sie eben ein Herz hat von Gold, Konrad – trotz allem!«

»Wegen allem, Lene, wegen allem! Basta!«

So trumpfte er auf; sie sagte nichts weiter. Den Streit würden sie, die beiden Alten, wohl mit ins Grab nehmen, dachte Tante Lenchen still für sich. Ein Höherer mochte dann Recht sprechen.

Zur Tante in England

Der Frühling hatte mit Maiengrün und Vogeljauchzen, mit Sonnenschein und Blütenduft Einzug ins Land gehalten und war schon eine Weile Herrscher. Pfingsten stand vor der Tür.

Zwei Herren gingen die Straße entlang, die durch den Wiesengrund vom Städtchen an Rödershof vorbei nach Dresdorf führte, wo Papa Poltens Gut lag.

Es waren die beiden Brüder, die sich so ähnlich sahen, die »neie Assessorn«, wie die Frau Metzgermeister zu ihrem Ehegemahl sagte. Vergnügt schauten sie sich um; ihnen gefiel's offenbar am neuen Wohnort.

»Eine nette Gegend, Heinz,« sagte der eine.

»Ja, recht hast du! Besonders im Vergleich zu unserer platten Streusandbüchse. Berg und Tal muß doch eigentlich sein.«

»Ach was, daheim ist daheim. Eine weite Ebene ist auch was wert. Man ist da doch wenigstens auf alle Überraschungen vorbereitet. – Holla, was ist denn das?«

Beide wandten die Köpfe. Helles Jubilieren und Singen erklang. Eine Talbiegung verbarg die Stelle, woher die unverkennbar jungen, quellfrischen Mädchenstimmen kamen. Doch das Singen kam näher. Es war kein Lied, nur ein Jauchzen, ein Jubilieren, kraus wie Lerchengesang, aber melodisch, rein, ein Ausströmen höchster Lust.

Unwillkürlich stimmten die beiden Lauschenden ein. Aber dann hielten sie schnell den Atem wieder an. Was da wohl um die Ecke kommen mochte?

Da war's schon! Ein lichtgrüner Maienbusch, der sich wie vom Winde geweht vorwärts schob.

Als er näher kam, sah man, daß er von zwei Rädern vorwärts getragen wurde, und sah fliegende Kleider, fliegende Braunzöpfe und –

»Du, das sind ja unsere beiden von neulich, die uns so zart anrempelten. Weißt du noch, Paul?«

»Richtig, Heinz! Schau mal die lustigen Gesichter! Und wie sie jubeln! Da hängt der Himmel noch voller Baßgeigen!«

»Ein Wunder in den Jahren!«

»Mummelgreis, du!«

»Was sie da wohl zwischen sich aufgebunden haben?«

»Den halben Wald und etwas wie einen großen Pappkasten.«

»Holla, ein Stein!«

»Achtung –«

»Da haben wir die Bescherung.«

»Können wir helfen, meine Damen?«

Damit eilten die beiden Herren zu den so jäh ins Stocken und zu Fall Geratenen.

Ein wildes Chaos lag da. Zwei Räder, zwei Mädel, Laubzweige die Menge und ringsum verstreut allerhand Kleidungsstücke, offenbar Teile eines oder mehrerer Anzüge; alles im dicksten Staub.

Die Mädel standen schon auf den Füßen, als die zwei Helfer nahten. Wie die Gummibälle waren sie wieder aufgesprungen.

»Hoffentlich nicht verletzt, meine Damen,« sagte der eine, und der andere brummte etwas, was dasselbe bedeutete. Sie erhielten bloß einen kurzen Blick zur Antwort.

»Je, Lu, die guten Kleider! Was wird Muttchen sagen?«

»Alberner Kram! Weshalb man bloß durchaus neue Kleider haben muß? Das kommt nun davon! So raff doch auf, Li! Denkst etwa, die fliegen von selber in den Kasten?«

»Die Damen erlauben?«

Die beiden Helfer bückten sich und jeder nahm nun etwas auf. Es waren zierliche Jäckchen mit bauschigem Seideneinsatz; aber weh, wie sahen die aus! Über und über mit Staub bezogen, grauweiß.

Lu und Li griffen danach mit spitzen Fingern. Immer noch war kaum ein Blick für die Helfer abgefallen; die Mädchen waren mit ihrem Unfall zu sehr beschäftigt. Jede hielt nun eins der verunglückten Jäckchen. Da kicherte Li.

»Wie heißen die Dinger, du?«

Aber Lu hatte im Augenblick keinen Sinn für Scherz; sie war auch ein Jahr älter als Li, folglich um so viel gesetzter und umsichtiger.

»Geben Sie mir mal, bitte, Ihren Stock,« sagte sie zu dem ihr zunächst stehenden Herrn, sehr sachlich, ohne ihn weiter anzusehen. Er tat's.

Lu schlug auf das Jäckchen, das sie hielt. Eine Staubwolke hüllte alles ein.

»Puh!« riefen die Herren und sprangen zurück.

»Ja, das ist nun nicht anders,« erwiderte Lu; Li kicherte.

Nun reichte Lu das Jäckchen dem einen Herrn, der früher Heinz genannt worden war.

»Bitte, halten Sie! Und gehen Sie dort hinüber, bitte, damit es nicht wieder staubig wird.«

Gehorsam tat er, was sie forderte. Lu nahm nun das zweite Jäckchen aus Lis Hand; dieselbe Reinigungsprozedur wurde damit vorgenommen.

Li und der zweite Herr, der Paul vom Bruder genannt wurde, rafften nun die dazugehörigen Röcke aus dem Staub. Lu hängte das zweite gereinigte Jäckchen über den zweiten Arm dessen, der auch das erste hielt.

»Der reine Kleiderständer,« sagte der belustigt.

Lu zuckte bloß die Achseln; sie war zu sehr beschäftigt, um auf irgend etwas einzugehen. Sie faßte nun nach dem Rock, den der andere Herr hielt, und dieser machte Miene, ihn ihr zu überlassen.

»Bitte, halten Sie nur; ich kann ihn so besser reinigen.« Und sie breitete die Rockfalten aus.

»Aber –« wollte der Herr einwenden.

»Was liegt an dem bißchen Staub?« fragte Lu gleichgültig. »Man säubert sich nachher.«

Da hielt der Herr still.

»Kleiderständer Nummer zwei!« rief der, welcher die Jäckchen hielt.

Lu blieb sehr ernst und völlig bei der Sache; Li kicherte wie gewöhnlich.

Als Lu den gesäuberten Rock zu den Jäckchen trug, reichte Li flink den zweiten hin. Und der den ersten gehalten hatte, griff nach dem zweiten, ohne die Miene zu verziehen.

»Bitte,« hatte Li bloß gesagt.

Rock Nummer zwei wurde gereinigt und den anderen zugesellt. Mit weit ausgebreiteten Armen stand der, welcher die gereinigten Sachen hielt.

»So,« sagte nun Lu und atmete auf. »Jetzt in den Kasten!«

Der Herr, der beim Ausklopfen behilflich gewesen war, hielt schon den braunen Karton bereit.

»Darf ich packen? Ich bin nämlich Meister darin!«

»Bitte,« sagten Lu und Li einstimmig.

Am Rain stand der Kasten, vier sehr geschäftige Menschen herum. Das heißt, Lu und Li waren nur Zuschauer. Der eine Herr packte, der andere reichte zu. Jetzt kam das letzte Jäckchen.

»Da geht der Bolero hin, schöner wie neu,« frohlockte Li.

»Schäm dich,« verwies Lu ernst. »Muttchen wird schön schelten!«

»Wenn's die Damen nun gar nicht sagten,« schlug der vor, der Heinz hieß. »Die Bürste noch ein wenig gebraucht und man sieht nichts mehr.«

»Wir sagen Muttchen alles,« entgegnete Lu.

»Alles,« bestätigte Li eifrig.

»Aber wie kommen die Damen heim? Wo –?«

»Wir wohnen auf Rödershof,« sagte Lu. »Gar nicht mehr weit; dort sehen Sie schon die Parkmauer.«

»Ich bin Li Rödern nämlich und das ist Lu,« sagte jetzt Li, knickste dazu und zeigte all ihre Grübchen in dem Schelmengesicht.

»Assessor Paul Western.«

»Assessor Heinz Western.«

So stellten die Herren sich nun vor. Die schlugen die Hacken zusammen und neigten sich, als ob sie auf dem Parkett stünden statt im Landstraßenstaub.

Li kicherte, Lu blieb ernst. Sie hatte die Würde für Li mit zu wahren.

»Wir hatten übrigens schon einmal den Vorzug,« sagte Assessor Paul Western. »Neulich, als es die jungen Damen so eilig hatten –«

»Ja, da hatten wir das Glück, die Damen vor zu naher Bekanntschaft mit dem Straßenpflaster zu bewahren und –«

»Natürlich, Lu, das sind sie ja. Ich dachte schon immer, wo ich sie wohl gesehen hätte!« rief Li in der besten Laune der Schwester zu, um sich dann wieder zu den Herren zu wenden. »Neulich ging's nämlich so eilig und heute – na, da gab's auch allerhand zu tun. Aber es ist recht nett, daß wir Sie wiedersehen, was, Lu?«

Lu ärgerte sich über Lis Schwatzhaftigkeit.

Zwischen dem Gefühl, höflich gegen die sein zu wollen, die nun schon zum zweiten Male als Retter in der Not erschienen, und der Würde ihrer beinahe sechzehn Jahre hin und her gerissen, sagte sie schließlich etwas bittersüß: »Ich freue mich auch, die Herren wiederzusehen und danke sehr für die Hilfe. Aber Li, flink, wir müssen heim! Muttchen sorgt sich sonst. Faß an, der Kasten muß wieder zwischen den Rädern festgebunden werden.«

»Nee, du, daß es noch einmal so geht. Ich danke! Lieber nehme ich ihn auf den Kopf, so!«

Ehe jemand Einsprache tun konnte, hob Li den Kasten empor und stellte ihn sich auf den Kopf, wo sie ihn mit beiden Händen festhielt. Ihrer flachen Mütze hatte sie vorher einen ermunternden Schlag gegeben, daß sie auf dem Kopf festsaß; sie diente als Unterlage. Dann sprang sie eiligst mit ihren flinken Füßen davon, ehe die anderen wußten, wie ihnen geschah.

»Li, aber Li!« rief Lu mahnend.

Li fuhr mit wippenden Röcken und fliegenden Zöpfen herum und knickste schelmisch.

»Auf Wiedersehn!« rief sie, drehte wieder um und flog dahin wie ein entwischtes Füllen.

»Solch ein Unband,« sagte Lu tadelnd und würdevoll, als ob sie ihre eigene Großmutter wäre. »Was tu' ich jetzt bloß mit den Rädern?«

»Gnädiges Fräulein gestatten?«

Assessor Heinz Western faßte das eine der Räder und Assessor Paul Western das andere. Dann schritten sie rechts und links von Lu einher, jeder ein Rad schiebend. Lu hatte noch in fliegender Eile das Grün vom Boden gerafft.

Assessor Heinz Western nahm das eine der Räder an sich und Assessor Paul Western das andere.

»Es soll doch nicht hier im Staub verkommen,« sagte sie, »all das schöne Frühlingsgrün.« Wie zärtlich ihre Stimme dabei klang! Und das Grün umrahmte ihr junges helles Gesicht, daß dieses selbst wie eine Frühlingsblüte aussah; so dachte wenigstens Herr Assessor Heinz Western.

Li war indes atemlos und heiß auf Rödershof angekommen und hatte ihren Bericht vorgesprudelt, aus dem Muttchen Friedel schwer klar wurde.

»Dort kommt nun die Lu wie 'ne Prinzeß, schau mal, Muttchen, als ob sie die Fürstin-Mutter selber wäre! Und die beiden langen Peter schieben die Räder, natürlich! Ich kann im Schweiß meines Angesichts den Lastträger machen, was liegt Lu dran?! Übrigens nett sind sie, Muttchen, sag' ich dir, und die Kleider sind schöner wie neu. Uff, da!«

Auf den Tisch plumpste der Kasten, der Deckel voraus.

»Li,« mahnte Muttchen Friedel, »Li, wirst du denn nie gesetzt werden?«

Li sank auf den nächstbesten Stuhl und streckte alle viere von sich.

»Ich sitze ja schon, Muttchen! Uff, war das eine harte Arbeit!«

Muttchen Friedel trat zu den Kleidern und betrachtete kopfschüttelnd die nur ungenügend getilgten Spuren des Abenteuers.

»Und du willst sagen, Li, daß diese neuen Kleider im Straßenstaub lagen?«

Li ließ den Kopf hängen.

»Daß man Lu und dir nicht einmal so viel zutrauen kann, daß ihr irgend einen Auftrag richtig ausführt?«

Lis Kopf sank noch tiefer und Lu kam eben recht zu einer ausgiebigen Strafpredigt.

»So,« sagte da Li und sprang vom Stuhl, auf den sie Lu mit Gewalt niederdrückte, »nun nimm du dein Teil!« Sie wollte zur Tür hinaus.

Aber da legte Muttchen Friedel los, daß Li und Lu sich scheu vor dem Ausbruch des Wetters duckten.

»Kaum daß ihr neulich den Bäckerjungenstreich geliefert habt, und nun das wieder! Was fang' ich mit euch an, Lu, Li? Ich stecke euch noch in irgend ein Institut! Ihr werdet schon sehen!« Zürnend, hochaufgerichtet stand Muttchen Friedel, Lu und Li machten flehende Augen.

Leise, ungehört in dem Sturm, hatte die Tür sich indes geöffnet. Lu und Li huschten jetzt eilig hinaus.

»Glaubst du, daß ein Institut immer unbedingt das rechte ist für Mädel wie Lu und Li, Friedel?«

Vater Klaus sagte das; er war hinter seine Frau getreten. Sie sah ihn ungewiß an, ein leises Rot im Gesicht, was wohl noch von dem eben vorübergezogenen Sturm zurückgeblieben war.

»Wir überlegen's noch, Klaus,« sagte sie.

Er nickte lächelnd. »Das wollen wir.«

Lu und Li waren für den Augenblick gerettet; sie saßen in ihrem Zimmerchen.

»Du, nett sind sie übrigens,« sagte Li und stieß die Schwester in die Rippen.

»Es geht an,« erwiderte Lu und rümpfte die Nase.

Merkwürdigerweise wußte Lu sofort, daß damit weder Muttchen noch der Vater gemeint seien.

*

Golden klarer Sonnenschein lag über dem Dresdorfer Herrenhause. Der weite Vorhof mit den stattlichen Baumgruppen war sonntäglich geharkt; Feststimmung herrschte, wohin man schaute.

Es war Pfingstsonntag. Und was für einer! Wie er im Buche steht mit Himmelblau und Sonnengold. Dazu war noch ein besonderer Festtag in Dresdorf: Papa Polten feierte seinen siebzigsten Geburtstag. Der sollte mit besonderem Glanz begangen werden, wozu Himmel und Sonne Ja und Amen sagten. Die Gratulationscour hatte schon ihren Anfang genommen. Familie Rödern war in aller Frühe eingetroffen.

Auf der Freitreppe, die den halbkreisförmig vorgelagerten, kuppelgeschmückten Treppenbau inmitten der langgestreckten Front des Hauses umzog, standen Papa Polten, Herr und Frau von Rödern. Die mächtige Hallentür war weit geöffnet; im Hintergrund sah man die breite, altertümlich gewundene Treppe.

Papa Polten wartete sichtlich mit Ungeduld.

»Wo sie bloß bleiben? Die Lene kann aber auch nie ein Ende finden. Überhaupt so albern, grade heute 'nen Schnupfen haben zu müssen. Ist nichts mit den Frauenzimmern, was, Jungchen?«

Neckend sah er die Tochter an.

»Minderwertige Ware, Vaterherz,« sagte die vergnügt. »Aber hab' du nur ein bißchen Geduld! Tante Lenchen wollte die Kinder noch sehen, ehe wir zur Kirche gingen. Lu hat doch die Ehre, am selben Tag wie der Großpapa das Licht der Welt erblickt zu haben, und Li hat ein paar Tage später die Nase hineingesteckt. Na also! Wir haben die drei Geburtstage ja stets zusammen gefeiert. Tante wird den Kindern etwas schenken wollen.«

»Albernes Frauenzimmergetue! So 'n lumpiger Schnupfen!« Papa Polten war sehr mißgestimmt. Er hatte es nicht gern, wenn etwas nicht programmgemäß verlief. Der Kirchgang war die erste vorgesehene Nummer des Festes. Die alte Tante hatte mitzugehen und damit basta!

Klaus von Rödern lachte mit einem Male hell hinaus.

»Weißt du noch, Friedel?«

Verständnislos sah ihn die an.

»Lisas Hochzeit, und auf welchem Wege du erschienst?«

»Ach, laß jetzt die alten Geschichten,« sagte sie. Aber um ihren Mund zuckte es.

Papa Polten brach in ein lautes Lachen aus.

»Ob wohl – –«

Im dröhnenden Baß klang's durchs Haus.

»Um Himmels willen,« rief Muttchen Friedel erschreckt, »sie werden doch nicht?«

»He – – Lu, Li!«

»Gleich, gleich!« antworteten zwei helle Stimmen von oben.

»Eilt euch! Flink!« mahnte Vater Klaus. »Es läutet schon.«

»So schnell ihr könnt! Es ist keine Minute zu verlieren,« feuerte Papa Polten noch an, und beide Herren schauten erwartungsvoll nach oben, ob Lu und Li als echte Töchter ihrer Mutter denselben Weg benutzten, wie diese einst bei der Schwester Hochzeit, nämlich die Fahrt auf dem Treppengeländer.

Muttchen Friedel hielt den Atem an. Ihre Miene war ängstlich, aber in den Augen lauerte deutlich der Schalk; ihre innerste Natur war wieder einmal mit der Mutterwürde im Widerstreit.

»Vorwärts! Eilt euch! Los! Ein bißchen plötzlich!« geboten die Herren.

»Laßt doch, laßt,« flehte Friedel. Angstvoll sah sie nach oben, atmete dann aber auf.

Anmutig, ernst und Hand in Hand, kamen die beiden schlanken jungen Gestalten die Treppe herunter, Stufe um Stufe. Ein heller Schein lag auf den braunen Gesichtern und in den großen grauen Augen.

»Tante war so gut und lieb!«

»Sie hat uns dies hier geschenkt. Sieh, Muttchen!«

Jede hatte ein Kreuz in lichtem Goldfiligran an ebensolcher Kette umgehangen.

»Sie hat so schön gesprochen,« sagte Lu.

»Vom Kreuz, das jeder tragen müsse im Leben. Und daß unseres so leicht sein möge wie dies hier,« fügte Li hinzu.

So ungewohnt war solcher Ernst auf diesen frischen Lippen, daß Großvater Polten die beiden von der Seite ansah und den Weißkopf schüttelte.

»Ist nichts mehr mit der Jugend heutzutage,« brummte er mißbilligend. »Philosophen in Kinderschuhen! Jungchen war anders; alles schlägt aus der Art. Basta!«

Er war sehr unzufrieden, der alte Herr. Ein Glück, daß niemand ihm die Gedanken von der Stirn ablesen konnte.

Die Glocken hatten alle eingesetzt; festlichen Klanges voll war die blaue Luft. Lu und Li eilten voran, Vater Klaus und Muttchen Friedel folgten.

Hinterher trottete Papa Polten, anfänglich mit gefurchter Stirn; aber die Falten glätteten sich allmählich beim Blick auf die vier da vor ihm.

»Klaus,« rief Papa Polten; der wandte sich und trat zu dem alten Herrn.

»Bin nicht gern das fünfte Rad am Wagen,« knurrte der brummig.

»Verzeih, Papa, daß ich nicht selber –«

»Schnick schnack, verlang ich ja gar nicht! Schaff mir schon mein Recht! Daß auch Lisa nicht kommen konnte mit dem Kind, der Fee! Kein Verlaß auf Frauenzimmer, hab's ja immer gesagt.«

»Lisa konnte eben Werner nicht allein lassen, er erholt sich langsam von der Krankheit. Und daß Fee allein reiste, ging nicht an!«

»Weshalb nicht? Albernes Getue! Jungchen war seinerzeit anders. Ja, Jungchen –«

Ein tiefer Seufzer vollendete den Satz und spann einen neuen Gedankengang an, der in alte Zeiten führte.

Da war man schon am Ziel. Weit offen standen die Türen des kleinen Kirchleins. – –

Langsam und unter allgemeiner Andacht ging der Gottesdienst zu Ende. Mit brausendem Akkord ertönte von der Orgel der Schlußgesang. Nun drängte alles dem Ausgang zu.

Lu und Li waren heut ausnahmsweise weich. So ein Geburtstag ist doch immerhin ein wichtiger Zeitabschnitt. Und nun gar der fünfzehnte und sechzehnte! So an der Schwelle des Erwachsenseins! Sie umschmeichelten ihre Mutter.

»Muttchen!«

»Klein-Muttchen!«

»Wollen sein wie du!«

»Immer und überall, Muttchen!«

»Lieber nicht, lieber nicht,« rief Muttchen Friedel, und doch liefen ihr die Tränen übers Gesicht.

»Soll ein Wort sein, ihr Mädel,« sagte Vater Klaus und sah neckend auf Frau Friedel.

Papa Polten aber knurrte nur »Basta!« und schnaubte dabei gewaltig.

Lutz und Fritz drängten sich jetzt herzu; sie waren auf eigene Faust zur Kirche gegangen. Wo sie erschienen, hatte eine Weihestimmung nicht lange Raum. Mit fragwürdig sauberen Händen wollten sie dem Großvater, Lu und Li ihre Festteilnahme bezeugen.

Lu und Li retteten sich und ihr fleckenloses Festgewand eilig.

»Um Himmels willen, laßt!«

Lutz und Fritz waren gekränkt.

»Alberne Dinger, wenn man doch auch mal freundlich sein will!«

Papa Polten schmunzelte.

»Kennt ihr die Geschichte vom Hündchen und vom Esel, Jungen?«

»Warum?« fragten Lutz und Fritz ziemlich argwöhnisch.

»Das Hündchen war nämlich zierlich und schmeichelte und liebloste seinen Herrn. Da kam der Esel, der gar nicht zierlich war, und wollte es dem Hündchen gleichtun, war täppisch, patschte zu, und was meint ihr wohl, wie das dem Herrn gefiel?«

»So 'n Esel!« riefen Lutz und Fritz und lachten hell auf.

»Das meine ich auch!« sagte Papa Polten trocken.

Lutz und Fritz kümmerten sich nicht weiter um die Nutzanwendung. Mit Hallo trabten sie davon, hinter ein paar Dorfjungen her.

Im Dresdorfer Herrenhaus war Nachmittags große Festfeier. Im langgestreckten, weiten Saal zu ebener Erde, in dem bis jetzt alle Familienfeste gefeiert worden waren, auch Tante Lisas und Muttchen Friedels Hochzeit, saßen die Gäste.

Es war eine fröhliche Runde. Muttchen Friedel und Vater Klaus hatten Freunde geladen; dazu kamen die des Hausherrn und seiner alten Schwester.

Viele alte Freunde waren es freilich nicht mehr. Den ersten Rang unter ihnen nahm Herr von Ellern, ein Gutsnachbar, ein, der mit seiner stattlichen Ehehälfte zusammen ein respektables Gewicht vorstellte. Er nannte sich Muttchen Friedels treuesten Verehrer und ließ es sich angelegen sein, womöglich einen Platz an ihrer Seite zu erobern. Dann waren von der alten Generation noch Regierungsdirektor Metzler und seine Frau. Der alte Herr war pensioniert und genoß die wohlverdiente Ruhe in allem Behagen, desgleichen seine Frau, ein Urbild der Gemütlichkeit. Der beiden Tochter, Frau Lilly Echtern, war Muttchen Friedels treueste Freundin. Sie war mit ihrem Mann und ihren beiden kleinen Mädchen geladen. Diese saßen mit Lutz und Fritz an einem Ende der Tafel, und dort ging's nicht still zu. Lu und Li warfen von ihrem Ehrenplatz aus sehnsüchtige Blicke dorthin. Ihnen war gar nicht wohl. Heute hatte man sie zu den Erwachsenen gezählt, und ihnen die Plätze danach zugeteilt. Aber sie saßen nebeneinander, das war zum mindesten ein Trost.

Großpapa Polten, der Hauptheld des Tages, nahm den Ehrenplatz ein. Frau Regierungsdirektor Metzler und Frau von Ellern waren seine Tischdamen. Ihnen gegenüber saß Muttchen Friedel, neben ihr Herr Regierungsrat Metzler und Herr von Ellern.

Muttchen Friedel mußte Tante Lenchen vertreten und ihr war so wenig wohl dabei wie ihren beiden Sprößlingen.

Lu und Li stippten jetzt eifrig und wortlos ihren Kuchen in den Kaffee. Was konnte man im Augenblick besseres tun?

Das sah lustig aus und behaglich, aber wenig korrekt.

Großpapa Polten schaute eine Welle schmunzelnd zu. Ja, ja, das waren doch noch nicht vollkommen junge Damen! Er schob ihnen den Kuchenkorb näher.

»Uff,« sagte Lu, »man möchte einen Vorratsmagen haben.«

»Oder ein Vogel Strauß sein,« fügte Li hinzu. »Der hätte ja wohl gleich die Tasse mit verschlungen.«

»Schling du Kuchen, Porzellan ist ungesund,« rief Großpapa Polten.

Muttchen Friedel warf einen mißtrauischen Blick herüber. Wenn Papa über die Mädel lachte, dann war irgend etwas nicht in Ordnung.

Richtig! Wie die saßen und einhieben! Und – ja wahrhaftig, sie stippten den Kuchen in die Tassen, daß der Kaffee fast überlief.

Muttchen Friedel ließ einen scheuen Blick ringsum gehend ihr war, als müsse sie irgendwo Tante Lenchens Blick begegnen.

»Lu,« sagte sie dann vorwurfsvoll, »aber Li!«

Die sahen auf, unbekümmert und erstaunt.

»Muttchen?«

»Man ißt doch nicht wie ein Scheunendrescher, wenn man zu den Erwachsenen gezählt wird.«

»Ei warum?« krähte Herr von Ellern, »nimmt das etwa den Appetit? Lassen Sie doch die Kinder essen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist! Ich hab's all mein Lebtag so gehalten.« Er liebäugelte mit seinem gewaltigen Magenvorsprung. »Hier der Beweis.« Lu und Li kicherten.

Jetzt schlug Vater Klaus ans Glas.

Aller Lärm verstummte.

»O weh,« kam da ein Stimmchen vom unteren Ende der Tafel, »jetzt kann man nicht einmal mehr essen.« Es war die dicke Suse.

»Freßsack!« sagte prompt ein zweites Stimmchen in die Pause hinein; das war Elfi.

Lutz und Fritz lachten.

»Still,« riefen Muttchen Friedel und Frau Lilly zugleich.

Nun konnte Vater Klaus seine Rede halten; sie galt Großpapa Polten und war warm, fast begeistert. Dem alten Herrn wollte die Rührung ankommen und das liebte er gar nicht.

Nur brummig ließ er danach alle die Ehrenbezeigungen, das Hallo und Anstoßen der Gäste über sich ergehen.

»Lohnt sich nicht, so'n alten Knasterbart zu feiern,« knurrte er. »Danke, danke! Drei Schritt vom Leibe! Da, wenn gefeiert werden soll, dort sitzen die Rangen, die Lu und die Li. Sie wollen ja wohl jetzt erwachsen sein?«

Lu und Li fuhren mit feuerroten Köpfen von ihren Stühlen auf, offenbar in der Absicht zu flüchten, einerlei wohin. Aber Großpapa Polten faßte mit raschem Griff zu.

»Order pariert, Mädels, und sitzen geblieben!«

Er hielt sie fest wie im Schraubstock. Ergeben blieben Lu und Li mit hängenden Köpfen und glühenden Wangen sitzen. »He, Klaus, fahr fort in der Rede!« rief Papa Polten lachend. »Will nicht allein das Festkind sein. Los, basta!«

Da konnte sich Vater Klaus nicht länger sträuben.

»Also, meine Herrschaften, auf höheren Befehl! Wir feiern bei den zwei Rangen da gewissermaßen heute so eine Art Aufnahme in den Bund der Erwachsenen. Fünfzehn und sechzehn Jahre sind ein achtunggebietendes Alter. Es war mir nur bis heute noch nicht vollständig klar. Ob es an mir oder an den beiden Rang–, ich meine, meinen beiden Töchtern lag, will ich nicht untersuchen.«

Lu und Li wußten nicht, wohin sich retten vor all den lustigen Augen und lachenden Mienen.

»Wie zeitgemäß eine solche Aufnahme in den Bund der Erwachsenen ist, haben die Herrschaften ja wohl auch schon zu bemerken Gelegenheit gehabt,« fuhr Vater Klaus mit neckendem Seitenblick auf Lu und Li fort, die wie die armen Sünder sahen.

»Klaus,« mahnte Muttchen Friedel, die Mitleid mit den beiden hatte.

»Keine Angst, Friedelchen,« sagte er lachend, »es geschieht deinen Küken nichts weiter. Ich bin am Schluß. Von Herzen danke ich den Herrschaften, dies Fest mit uns gefeiert zu haben, umsomehr, als es für lange Zeit das letzte sein wird.«

»Hört, hört! – Was meint er? – Was hat er vor?« tönte es da durcheinander.

Ruhig wartete Vater Klaus, bis der Sturm ebbte.

»Ich habe nämlich vor, mich von meiner Frau und meinen Töchtern zu trennen. Ich –«

»Klaus!« Muttchen Friedel sprang erregt auf. Sie hatte mit einem Blütensträußchen gespielt, das ihr Gedeck zierte; die Blumen flogen dem Gatten an die Schulter.

»Hurra!« jubelten Lutz und Fritz. »Drauf, Muttchen!« Kampfbereit drängten sie sich dicht heran.

Muttchen Friedel schob ihre Söhne beiseite. »Was hast du vor, Klaus?« fragte sie. »Was soll der Unsinn?«

»Blutiger Ernste Friedet, blutiger Ernst. Ich denke nämlich so: wenn Tante Lisa und Fee nicht hierherkommen konnten, so sollen Muttchen Friedel und ihre Rangen zu ihnen fahren. Was, Friedelchen?«

Muttchen Friedel stockte der Atem, aber ihre Augen leuchteten.

»Was wolltest du, Klaus? Ich soll mit Lu und Li die Lisa und das Kind besuchen? Ja, Klaus?«

»Und sollst Fee mitbringen.«

»Klaus!«

Der Tisch erhielt einen gewaltigen Stoß, ein Stuhl kippte krachend um. Die Muttchen Friedel von früher kannten, erwarteten, sie mindestens über den Tisch setzen zu sehen.

Aber sie flog drum herum und hängte sich Vater Klaus an den Hals.

»Klaus, Klaus! O, das ist ja schon ewig mein Wunsch gewesen!«

»Wirklich, Friedel? Und ich?«

»Ach was, du hast die Jungen und den Papa und die Tante! Die Zeit fliegt und –«

»Könnten wir nicht lieber daheim bleiben?« sagte da Lu völlig unerwartet.

»Ich halte gern Haus!« setzte Li hinzu.

»Sollte mir fehlen,« versetzte Vater Klaus.

Muttchen Friedel faßte die beiden an den Schultern.

»Wo fehlt's, Kinder? Freut ihr euch nicht?«

Lu und Li senkten den Kopf.

»Muß man –«

»Muß man da –«

»Immer –«

»Immer gesetzt und erwachsen sein, ja?«

»Immer die junge Dame spielen?«

»Immer auf alles mögliche aufpassen?«

»Darf nie einen Unsinn machen?«

»Nie reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist?«

»Ich denke mir England sehr langweilig!«

»Ich auch, Li.«

Das kam wie Sturzwellen, Muttchen Friedel konnte nicht Einhalt gebieten.

»Aber Lu! – Aber Li!« Mehr konnte sie nicht vorbringen.

Papa Polten lachte dröhnend, Herr von Ellern meckerte.

»Die Mutter! Leibhaftig die Mutter!«

Lu und Li blickten herausfordernd umher.

»Was wahr ist, ist wahr.«

»Sollen wir so tun, als ob wir uns freuten, Muttchen?«

Muttchen Friedel sah ganz hilflos nach Vater Klaus. Der faßte Lu und Li und hielt sie rechts und links an den Armen.

»Hört mal, Mädels! Abgesehen davon, daß euer Vater hoffte, euch eine Freude zu machen, hält er es für gut, daß ihr einmal seht, wie's anderswo zugeht, und daß die Menschen, die sich nett und gesittet benehmen, überall mehr gelten als die ungehobelten. Er bringt dafür ein Opfer an Geld und ein Opfer mit dem Herzen. Glaubt ihr, daß er die Mutter und euch gern so lange hergibt?«

Da wurden sie weich.

»Väterchen, uns –«

»Uns vermissest du auch?«

»Na, natürlich,« rief Papa Polten.

Lu und Li hatten so viel mit Väterchen und Muttchen zu tun, daß sie Papa Polten völlig überhörten.

»Ja, Väterchen, wenn dir dann nur nicht drei so furchtbar wohlerzogene Töchter zu viel sind?« meinte Li.

»Wenn ich nur nicht zum Schwan werde, hat die Gans gesagt, als sie auf dem Schwanenteich schwamm,« erwiderte Papa Polten an Stelle des Gefragten.

Da fielen Lu und Li über ihn her. Der Vergleich war denn doch zu derb. Sie zausten ihm gewaltig den Silberbart.

»Jungchen,« rief er, »zu Hilfe, Jungchen!«

Muttchen Friedel befreite ihn, und unter dem Lachen der ganzen Gesellschaft liefen Lu und Li aus dem Zimmer.

»Dein Fleisch und Blut, Friedelchen,« rief Frau Lilly Echtern.

»Das weiß der Himmel!« seufzte Muttchen Friedel.

Von draußen erklang lautes Wiehern und Hufegeklapper. Alle eilten ans Fenster.

Zum offenen Hoftor hinaus trabten Großpapa Pollens Braune, ungesattelt, ungezäumt. Auf ihren Rücken saßen Lu und Li, so wie sie eben von der Festtafel fortgeeilt waren.

»Da haben wir's!« seufzte Muttchen Friedel noch einmal, »und in den guten Kleidern noch dazu.«

»Ich weiß jemand, der im Hochzeitsstaat auf der Schaukel saß und sich den Rock dann amputieren mußte,« sagte da Vater Klaus.

»Wirklich?« fragte Muttchen Friedel so obenhin.

»Keine Gefahr, daß das da allzu wohlerzogen wird,« rief Papa Polten und lachte dröhnend.

»Konrad!« mahnte Herr von Ellern im Fistelton und hob drohend den Finger.

Papa Polten sah sich um. Ihm war im Augenblick, als habe er die Schwester gehört.

Herr von Ellern wollte sich ausschütten vor Lachen.

Dann nahmen die Gäste Abschied. Auch die Familie Rödern ging.

»Gute Nacht, Papa! Dank für alles! Schick Lu und Li, wenn sie kommen. Und – Papa – sag Tante Lenchen nichts. Bitte, sie – sie ist angegriffen und – und es könnte ihr schaden, ich zause mir die Dinger schon noch zurecht!« bat noch Muttchen Friedel im Hinblick auf Lu und Li.

»Schon recht, Jungchen, gute Nacht. Und, Jungchen, mach's nicht zu schlimm. Es wäre jammerschade, wenn –«

Muttchen Friedel drohte ihm vergnügt mit dem Finger und eilte hinter Vater Klaus mit seinen beiden Jungen her.

So war also die Reise nach England zu Tante Lisa beschlossene Sache. Muttchen Friedel strahlte, Lu und Li verhielten sich zuwartend. Die Reisevorbereitungen wurden vollendet, Frau Lilly Echtern half der Freundin treulich. In Kleiderfragen war Muttchen Friedel noch immer wie ein Kind, Lu und Li noch weit schlimmer. Aber endlich standen die Koffer fertig gepackt; der Reisetag war da.

Lu und Li hatten sich mittlerweile mit dem Gedanken der Reise befreundet. Es lockte sie in die Welt hinaus, mochte das Reiseziel nun England oder sonst was sein.

»Du, Li, wir lassen uns einfach nicht auf die junge Dame zustutzen, was?«

»Fällt uns gar nicht ein. Muttchen war auch Großpapas Junge! Vater hat sie dennoch geheiratet.«

»Aber wir wollen ja gar nicht heiraten, Li! Du weißt doch, daß wir ein Hunde- und Katzenspital gründen wollen.«

»Du, aber –«

»Willst du wortbrüchig werden, Li?«

»Auf Ehre nicht, bloß –«

»Hand drauf, Li.«

»Hand drauf, Lu!.«

»Eine wohlerzogene englische Miß werden wir nie!«

»Werden wir nie, Lu!«

Das war ein Schwur, so feierlich wie auf dem Rütli.

So waren sie innerlich gewappnet und sahen dem Kommenden mit Ruhe entgegen.

»Mach kein solch vergnügtes Gesicht, Friedel,« sagte indessen Vater Klaus zu seiner Frau, als die sich vor der Fahrt zum Bahnhof ihr Hütchen feststeckte, »als ob du nicht erwarten könntest, von mir fortzukommen! Bedenke, die erste Trennung!«

Muttchen Friedel sah ihn zunächst verdutzt an, dann lachte sie hell heraus.

»Unsinn, Klaus, das ist ja doch bloß äußerlich. Und ich freu' mich so auf Lisa und Fee! Soll ich mich verstellen, Klaus? Das hab' ich nie fertig gebracht. Geradeso werd' ich mich dann aufs Heimkommen freuen.«

»Das soll ein Wort sein, Friedelchen!«

»Dummer Klaus,« sagte sie und gab ihm einen kleinen Schubs. »Flink, es ist die allerhöchste Zeit!«

»Noch zwanzig Minuten, Kind!«

»Wo nur Papa bleibt? Er und Tante wollten doch mit zur Bahn fahren.«

»O, du Ungeduld von siebzehn Jahren.«

Sie sah ihn an und lachte.

»Eine schöne Zeit war's doch, Klaus. Wenn's dir auch sauer wurde, den Unband zu zähmen.«

»Ist er denn wirklich gezähmt?«

Sie seufzte tief. »Natürlich und wie! In Ketten gelegt.« Sie wurde ungeduldig. »Klaus, länger können wir nicht warten. Papa und Tante müssen nachkommen.«

Sie flog an ihm vorbei, die Treppe hinunter.

»Lu! Li! Flink! Trödelt doch nicht so!«

»Aber da sind wir ja, Muttchen. Und eben kommen Großpapa und Tante.«

»Endlich!« seufzte Muttchen Friedel auf. »Ich hätt's auch nicht länger ausgehalten.«

Vater Klaus kniff sie ins Ohrläppchen und raunte: »Wie gezähmt der Unband ist! Zum Erstaunen!«

Dafür bekam er einen kleinen Nasenstüber.

Der Zug stand zum Abfahren bereit. In einem Fenster drängten sich hinter-, neben- und übereinander drei riesig fidele Gesichter, sechs Hände winkten und drei Paar Augen lachten und leuchteten, drei Tüchlein wehten.

Als der Zug schon fast außer Sicht war, sahen die, die vom Bahnsteig aus ihm nachschauten, plötzlich, wie vom selben Fenster her drei kleine graue Filzhütchen geschwenkt wurden, und hörten im Rädergeklapper ein helles Hurra verhallen. Fritz und Lutz setzten hinterher und brüllten aus voller Kehle.

»Erbarm dich,« sagte Tante Lenchen und wischte sich die Augen, »da fahren nun die drei Kinder so ohne Schutz in die Welt hinein!«

»Und Jungchen, Lene?« fragte Papa Polten kampfbereit.

»Jungchen, Konrad,« – dies »Jungchen« stach förmlich – »Jungchen ist der größte Kindskopf von den dreien, dünkt mich. Wie das Kind aussah! Alles Quecksilber und Fieber. Lu und Li waren gesetzt dagegen. Mir ist sehr bange, Herr Neffe. Wer weiß, wo die drei hingeraten?«

»O, du Angsthase!« brummte Papa Polten unhöflich.

»Ich habe Friedel alles genau aufgeschrieben, Tantchen. Ängstigen Sie sich nur nicht. Ich denke, es soll alles gut gehen.«

»Der Himmel gebe es,« seufzte Tante Lenchen und trocknete wieder die Augen, »Frida –«

»Jungchen ist nie unbesonnen gewesen und wird es auch niemals sein, Lene.«

Papa Polten war schwer gereizt. Die Reise mitsamt der Trennung war nicht nach seinem Geschmack. Ein Glück, daß Lutz und Fritz eben angetrabt kamen. Das lenkte ihn ab.

Gleich danach saßen sie wieder im Wagen und fuhren ziemlich trübselig der Heimat zu.

Der Zug aber, der die Reisenden fortführte, rasselte und leuchte mittlerweile unaufhaltsam vorwärts.

Da tauchte schon das goldene Mainz auf, der breite Rheinstrom, der den Gefährten Main aufnimmt.

Lu und Li jubelten: »Der Rhein! Der Rhein!« und waren wie aus Rand und Band.

Am liebsten hätte Muttchen Friedel mitgejubelt. Aber ein Herr, der auch im Korridor des Durchgangswagens stand und sich sichtlich über Lus und Lis Begeisterung sehr vergnügte, bedrückte sie. Einer mußte doch die Würde wahren; so tat sie es.

»Darf ich den Damen mein Glas anbieten?« fragte der Herr und nestelte an dem umgehängten Futteral. »Vielleicht nehmen gnädiges Fräulein es zuerst?«

Er bot Muttchen Friedel das Glas. Die errötete, denn sie ahnte, was folgen würde.

Lu und Li kicherten denn auch sofort.

»Darf ich das Glas nehmen, Muttchen?« riefen beide zugleich und warfen spöttische Blicke auf den Herrn.

Der sah überrascht auf.

»Verzeihung, gnädige Frau, ich ahnte nicht – niemand würde es glauben. Solche Ähnlichkeit! Ich dachte, drei Schwestern –«

Muttchen Friedel lächelte vergnügt.

»Sie sind nicht der erste, der das sagt, was, Mädels? übrigens besten Dank für das Glas, es ist sehr gut.«

Als man über die Brücke hinüber war, versenkte der Herr sein Glas wieder ins Futteral, verbeugte sich und ging an seinen Platz.

»Klein-Muttchen, du hast ihm am besten gefallen,« sagte Lu.

»Ein Wunder,« lachte Li, und beide streichelten an Klein-Muttchen herum.

»Unsinn verbitt' ich mir,« sagte aber Muttchen Friedel streng, was die Töchter erst recht ins Lachen brachte.

Mainz zog vorüber, der sonnige Rheingau drüben, dann Bingen und ihm gegenüber das Nationaldenkmal.

Lu und Li hatten alles schon mehrfach gesehen, aber sie jubelten trotzdem wie die Kinder, besonders über den Rhein mit seinen Windungen, seinen Bergen und Burgen. Welchem Deutschen ginge auch das Herz nicht auf bei seinem Anblick?

»Am Rhein scheint immer Sonntag zu sein, Muttchen,« sagte Lu.

»Man lacht hier wohl nur?« fragte Li. »Ich hab' noch kein trauriges Gesicht gesehen.«

Sie standen wieder im Korridor des Wagens an einem der großen Aussichtsfenster rechts und links von Muttchen und lehnten den Kopf an deren Schulter.

»Und auch hier geht das Leben seinen Gang mit Geborenwerden und Sterben, mein Fräulein,« sagte da eine Stimme. Es war der Herr von vorher, der das Glas angeboten hatte. »Was glauben Sie wohl, wovon diese gestürzten Mauern erzählen? Diese Ruinen alle? Von Menschenstreit und Not. Geht das wohl ohne Klagen und Tränen ab?«

»Also bringt der Mensch das Elend in die Welt?« fragte Lu.

»Aber ohne den Menschen war's eine elende Welt,« trumpfte Li auf und lachte. »Hurra, Rolandseck, Nonnenwerth, der Drachenfels! Muttchen, schau, Muttchen!«

Lächelnd sah der Herr zu, und verneigte sich schließlich gegen Muttchen Friedel.

»Nun weiß ich, weshalb gnädige Frau aussehen wie die Schwester ihrer Töchter. Wer immer aus solchem Jungbrunnen schöpft –«

Muttchen Friedel lächelte. »Ein wenig muß der Mensch auch in sich tragen. Es gibt Leute, die haben immer weiße Haare, kommen damit auf die Welt.«

»Gnädige Frau haben leider sehr recht.«

»Bonn!« riefen die Schaffner.

Der Herr stieg hier aus; noch einmal grüßte er stumm.

Endlich lief der Zug in Köln ein.

Von Bonn an war's eine unbekannte Welt für Lu und Li gewesen. Muttchen Friedel war zwar einmal früher mit Papa und Lisa hier durchgekommen. Aber damals waren ihre Augen noch nicht offen, wie sie eingestand.

»Wie bei den jungen Katzen,« sagte Li.

»Genau so,« antwortete Muttchen Friedel.

»Wir haben sie offen, was, Lu?«

»Immer gehabt, Li.«

»Na, na,« sagte Muttchen Friedel.

Sie ließen ihr Gepäck auf dem Bahnhof und steuerten dann zum Dom. Dabei hielten sie sich untergefaßt wie Backfische, Muttchen in der Mitte.

Li stellte im Übereifer einen Dienstmann.

»Wo geht's zum Dom, bitte?«

Der Mann lachte ihr ins Gesicht.

»Immer der Nese nach und hibsch die Oogen uff, so kommt ener am besten durch die Welt, Freileinchen.« Und einem Kameraden rief er zu: »Det sieht de Dom nich! Hett de Oogen zu, als wie die junge Katzen!« Die Männer lachten.

Muttchen Friedel und Lu stimmten ein; Li wurde feuerrot.

Der Dienstmann hatte guten Grund, sich über Li lustig zu machen. Denn da lag der Dom in seiner vollen, hehren, überwältigenden Majestät vor ihnen. Wie gewaltige Arme reckte er seine beiden Türme gen Himmel, als wollte er sagen: Dorthinauf, Menschenkinder, dorthin schaut, dorthin strebt. Den Unerfahrensten muß er in seiner Pracht und Größe überwältigen, ihm Staunen und Andacht entlocken; denn kein Gebilde scheint's von Menschenhand. Man wähnt es in stummem Staunen unmittelbar aus der Hand des gewaltigen Schöpfers aller Dinge hervorgegangen, zu groß und erhaben für Menschenwerk.

Muttchen Friedel, Lu und Li standen denn auch stumm und staunend da und sahen an der stolzragenden Steinmasse hinan, die sich trotz der türmenden Wucht wie feines, zartes Spitzenwerk vom Himmel abhebt.

»So was!« sagte Lu leise.

Li sagte diesmal nichts, sie hielt nur den Mund offen.

In Muttchen Friedel wurde der Pädagog wach.

»Wer hat ihn erbaut, Lu? Wann, Li?«

Sie sahen Klein-Muttchen an, wie aus einem Traum erwachend.

»Ja, Muttchen, so was!«

»Wer soll das wissen?«

»Schämt euch,« sagte Klein-Muttchen. »All das viele Schulgeld umsonst ausgegeben!«

Sie senkten den Kopf.

»Wer war's, Muttchen?« schmeichelte Lu.

»Wann?« bat Li.

Da saß Klein-Muttchen in der Tinte; solch ein Umkehren des Spießes hatte sie nicht erwartet. Sie wurde ein klein wenig rot, war aber schnell gefaßt.

»Erwin von Steinbach,« sagte sie rasch, »und im fünfzehnten Jahrhundert oder so wo herum.«

Lu und Li kicherten, ließen aber einstweilen Klein-Muttchens Orakel gelten. Sie wußten's nicht besser.

Dann traten sie in die himmelanstrebenden Hallen. Gewaltige Pfeiler wachsen zum Gewölbe empor, das wie »ein zweiter Himmel in den Himmel« ragt. Durch wunderbar gemalte Scheiben fällt geheimnisvoll das Tageslicht herein. Heilige Andacht füllt den Raum und das Herz.

Eng aneinander drängten sich Muttchen Friedel und ihre beiden Rangen und ließen die Gewalt des Ortes auf sich einwirken. Dann setzten sie sich in einen der hohen geschnitzten Stühle und regten sich nicht; die Zeit ging hin. Wer hat angesichts solcher Umgebung wohl das Herz, an das zu denken, was jenseits der Mauern liegt? An die Stunde, gar an die Bahnstunde? Entweihung scheint's. Muttchen Friedel, Lu und Li genossen den Augenblick.

Da kam mit hallenden Schritten ein Mann.

»Pscht,« sagten Lu und Li unwillkürlich.

Er dämpfte aber nicht die Stimme, sondern fragte laut:

»Wollen die Herrschaften den Dom sehen?«

»Wollen die Herrschaften den Dom sehen?«

»Bitte,« erwiderte Muttchen Friedel.

Zum Zeichen seiner Würde rasselte der Mann mit seinem Schlüsselbund; Lu und Li empfanden das wieder peinlich. Alles in diesem heiligen Raum sollte gedämpft sein wie das Tageslicht, der Tageslärm von draußen. Und dann legte der Mann los wie ein Papagei: »Der Kölner Dom ist das vorzüglichste Werk gotischer Baukunst. Er wurde 1248 unter dem Erzbischof Konrad von Hochstaden, der den Grundstein legte, begonnen, blieb in vielen Teilen unvollendet, wurde seit 1814 repariert, seit 1842 durch die Bemühungen des Zentraldombauvereins mit den namentlich durch die Dombaulotterien beschafften Mitteln ausgebaut. Am 18. Oktober 1880 wurde er in seiner jetzigen Vollendung eingeweiht.«

»Und Erwin von Steinbach?« fragte Lu.

Muttchen Friedel gab ihr einen leichten Puff und raunte: »Stör' doch den Herrn nicht, Lu.«

Der Mann schaute Lu mit ausdruckslosen runden Augen an. Er wollte eben noch einmal sein Papageiensprüchlein beginnen, da er annahm, Lu habe nicht begriffen.

»Der Kölner Dom ist das vorzüglichste Werk gotischer –«

»Weiß ich,« sagte Lu, »aber Erwin von Steinbach?«

»Ein Mann dieses Namens ist mir nicht bekannt,« erwiderte der Führer.

»Du sagtest doch, Muttchen –«

Muttchen Friedel fuhr sich über die Stirn; es war ihr mit einem Male merkwürdig schwül.

»Erwin von Steinbach ist der Erbauer des Straßburger Münsters, mein Fräulein,« fiel da ein Herr ein, der sich zu der Gruppe gefunden hatte und den Erklärungen lauschen wollte.

»Aber, Muttchen –«

»Muttchen sagte doch –«

Beide verstummten rasch, sahen Klein-Muttchen an und kicherten. Muttchen Friedel reckte sich zu ihrer vollen Höhe.

»Seid nicht albern, bitte! Dom ist Dom. Hat er's in Straßburg gekonnt, hatte er's hier ebensogut tun können.«

Dem war nichts entgegenzuhalten. Der Herr war indes mit dem Erklärer weitergegangen; die Damen beeilten sich, hinterher zu kommen.

Der Mann machte auf alles aufmerksam, auf Krypten, Gemälde und Glasmalereien, er zeigte den Kirchenschatz und die kostbaren Kirchengewänder. Lu und Li staunten.

Und dann ging man aufs Dach.

Alle diese Schwibbogen und Strebepfeiler! Dies wunderbar klare, steinerne Spitzenwerk! Jeder Bogen, jeder Pfeiler in einem anderen Motiv behauen, Blätter, Blumen, Ornamente aller Art. Eine Unsumme von mühsam geduldiger Menschenarbeit, ein kleines Teilchen vom einzelnen geliefert und überwältigend dennoch in seiner Gesamtheit! Ameisenwerk, beseelt von dem Schöpfergedanken des Genies!

Muttchen Friedel, Lu und Li konnten, sich nicht satt sehen. Auch über den herrlichen deutschen Strom ließen sie die Blicke wandern. Breit und gewaltig rollte er die Wogen, stolz trug er die Schiffe auf seinem Rücken. Und wie eng sich die Häuser unten aneinanderdrängten im Schutz des gewaltigen Nachbarn. Wie Ameisen krabbelten die Menschenwesen in den Straßen und Gäßchen. Was es da alles zu sehen gab!

»Es ist sechs Uhr, meine Herrschaften. Um sechs Uhr ist mein Dienst zu Ende und um diese Zeit wird der Aufgang zum Dach geschlossen,« sagte schließlich der Mann.

Schreckensbleich starrte ihn Muttchen Friedet an.

»Aber um sechs Uhr soll ja unser Zug gehen!«

»Der Zug Aachen–Brüssel? Dort fährt er eben hin, Fräulein.«

Muttchen Friedel überhörte die Anrede in ihrem Schreck, starr standen auch Lu und Li.

»Mißgeschick Nummer eins,« sagte Muttchen Friedel geknickt. »Kinder, wie wir wohl nach London kommen?«

In ihrer Bestürzung wußten Lu und Li kein Trostwort. Der Mann hätte fast kein Trinkgeld bekommen; er wußte sich aber bemerklich zu machen, und in ihrer Verblüffung gab ihm Muttchen Friedel nun einen blanken Taler. Ob er zufrieden war?

Wie gejagt stürzten dann die drei davon, kamen atemlos am Bahnhof an und klagten dem Portier ihre Not.

»Ja, det helpt denn nich,« sagte der achselzuckend, »da müssen denn die Herrschaften in 'n Hotel übernachten. Morgen früh um acht Uhr können Sie weiter.«

»Hurra!« riefen Lu und Li. Ihnen war die Nacht im Hotel ein wundervolles Abenteuer. Muttchen Friedel aber sah sehr bedrückt aus.

»Was wird Tante Lenchen sagen?« war alles, was sie herausbrachte.

Lu und Li faßten Muttchen tröstend von rechts und links unter. So zogen sie hinter dem Mann mit dem Handgepäck her. Ihre Koffer waren einstweilen allein vorangereist.

»Ob wir sie wiedersehen, Muttchen?« fragte Lu.

Aber Li behauptete: »Ach was, mir ist's schnuppe! Das Kleid hier ist mir gerade recht. So nett einerlei mausgrau sind wir, Muttchen.«

Muttchen hatte einstweilen nicht Sinn für derlei. Ins erstbeste Hotel hatte sie der Mann gebracht. Den dreien war es dabei nicht eingefallen, sich zu vergewissern, wie es hieß.

Dann ging ein Telegramm nach Hause ab:

»In Köln liegen geblieben, Zug versäumt. Fahren erst morgen weiter. Tief beschämt

Muttchen, Lu, Li.«

Auch ein Telegramm an Tante Lisa meldete das Mißgeschick.

Kurz darauf saßen die drei um einen kleinen Tisch im Restaurant des Hotels und ließen sich's köstlich schmecken. Den Appetit hatte das Mißgeschick weder bei Muttchen noch bei Lu und Li beeinträchtigt.

»Erbarm dich,« seufzte Lu; sie liebte Tante Lenchens Ausruf und hatte ihn angenommen.

»Was fangen wir nun an?« fragte Li. »Theater, Muttchen?«

Lu hielt den Atem an. Was sich Li auch dachte!

Aber Muttchen nickte. »Meinethalben!« Sie war in Gedanken bei Tante Lenchen, die wohl die Unglücksbotschaft jetzt erhielt.

Li winkte dem Kellner und fragte: »Was wird im Theater gegeben?«

»Hänsel und Gretel, gnädiges Fräulein.«

Da fühlte Li den Mut wachsen.

»Nun, Muttchen?«

Muttchen Friedel fuhr aus ihren Gedanken auf und sah jetzt erst, wozu sie ihre Zustimmung gegeben hatte.

»Ja, Kinder, aber –«

»Du hast's gesagt, Muttchen!«

»Ein Mann, ein Wort, Muttchen!«

Was konnte sie tun?

Bald nachher saßen sie also im Theater, der Vorhang ging auf und das lebendig gewordene Märchen spielte sich vor ihren Augen ab.

Mit großen Augen lauschten die drei den süßen Weisen, Muttchen Friedel mit derselben Kinderlust wie Lu und Li. Sie zitterten und jauchzten mit Hansel und Gretel und hätten am liebsten mit ihnen am Pfefferkuchenzaun geknabbert.

Und als Gretel sang:

»Im Walde steht ein Männlein
Auf einem Bein« etc.

da summten Lu und Li und – ja, es muß gesagt sein – auch Muttchen Friedel so laut mit, daß die Nächstsitzenden sich empört umwandten. Aber die Empörung legte sich beim Blick in die drei strahlenden Gesichter, und ein Lächeln löste sie ab. Nein, solche reine Kinderfreude! So was sieht man nicht alle Tage. Ein Frevel wär's gewesen, das zu stören!

Als der Vorhang fiel, klatschten Muttchen Friedel, Lu und Li noch, als alle anderen schon aufgehört hatten. Manch lächelnder Blick streifte sie; sie kümmerte es wenig.

Ganz selig traten sie wieder auf die Straße und ließen sich vom Gewühl treiben.

Das verlief sich schnell. Die drei aber schwatzten und schwatzten und jede wußte von dem eben Gehörten was anderes zu rühmen und hervorzuheben.

»Kinder, wohin gehen wir?« fragte Muttchen Friedel mit einem Male.

»Ins Bett, Muttchen,« erwiderte Li.

»Oder hast du noch sonst was vor?« erkundigte sich Lu neckend.

»Seid mal nicht albern, ihr! Wo steht unser Bett?«

Sie sahen Muttchen an, und es lief ihnen kalt über den Rücken.

»Doch im Hotel, Muttchen,« sagten sie zaghaft.

»Und das Hotel, he?«

Ja, das Hotel! Keine hatte sich den Namen oder nur die Straße gemerkt! Sie waren eben einfach hinter dem Dienstmann hergetrabt. In der Nähe des Bahnhofs, das war ungefähr alles, was sie wußten.

Bis zum Bahnhof fragten sie sich noch durch, und freundlich gab man ihnen Bescheid.

Aber vom Bahnhof an!

»Nun rechts,« sagte Li.

»Nein, links,« behauptete Lu.

»Geradeaus,« meinte Muttchen.

So standen sie, sahen sich ungewiß um und wußten nicht, wo aus noch ein. Das Straßenbild war bei Abend im Schein der elektrischen Flammen völlig anders.

Dort blinkte ein Helm.

»Ein Schutzmann!« rief Li, eilte auf den Mann zu und redete ihn an.

»Wo ist unser Hotel, bitte?«

Der Mann musterte sie schmunzelnd.

»Wie soll ich das wissen, Fräulein?«'

»Aber wir finden's doch nicht,« sagte Li weinerlich, »und übrigens muß die Polizei alles wissen,« trumpfte sie dann auf.

Muttchen und Lu kamen indessen heran und Lu zupfte Muttchen.

»'s ist ja ein Offizier!« raunte sie.

Muttchen Friedel reckte sich.

»Verzeihung, mein Herr! Es liegt ein Irrtum vor.«

Der Offizier sah sich die drei näher an und verbiß sichtlich ein Lachen. Aber in seiner Haltung lag plötzlich sehr viel Achtung.

»Kann ich den Damen behilflich sein?« fragte er zuvorkommend.

»Wir haben unser Hotel verloren,« gestand Muttchen Friedel kleinlaut.

»Verloren? Darf ich um den Namen bitten?«

Muttchen Friedel mißverstand ihn.

»Frau von Rödern,« sagte sie. »Meine beiden Töchter.«

Jetzt konnte er nur mit größter Mühe noch seinen Ernst bewahren; aber er klappte die Hacken zusammen und erwiderte: »Leutnant Friesen. Und der Name des Hotels?«

»Den – ja den wissen wir eben nicht!« riefen Lu und Li lachend, ehe Muttchen Friedel was sagen konnte.

Da lachte auch er laut hinaus, und Muttchen desgleichen, ob sie wollte oder nicht.

»Ja, das ist freilich ein kleines Hindernis,« fuhr Leutnant Friesen fort.

Muttchen Friedel erklärte nun die Sache.

»Am besten, ich führe die Damen zu den nächstgelegenen Hotels. Vielleicht, daß Sie dann das rechte herausfinden.«

Er trat neben Muttchen Friedel und wies den Weg, Lu und Li folgten.

An zwei, drei Hotels führte er sie vorüber; keines war das gesuchte. Muttchen Friedel, Lu und Li wurden immer bedenklicher.

»Bei Nacht sieht alles so anders aus,« sagte Muttchen Friedel.

Leutnant Friesen verneigte sich zustimmend. »Nur Mut, gnädige Frau!«

»Der Portier war rot,« sagte Lu.

»Nein schwarz,« behauptete Li.

»Merkwürdige Übereinstimmung,« meinte Leutnant Friesen.

Aber Lu und Li vergaßen zu kichern, die Sache wurde ihnen allmählich sehr unbehaglich.

Da kamen sie wieder an einem Hoteleingang vorüber. Ein Mann, der da stand und Ausschau hielt, trat ein paar Schritte vor.

»Da sind ja die Damen,« sagte er sichtlich erfreut. »Ich dachte schon, weil Sie fremd sind –«

Lu und Li wären ihm vor Freude fast um den Hals gefallen. »Dem Himmel sei Dank!« rief Lu inbrünstig.

»Aber schwarz ist er doch, du,« warf Li ein, die gern recht behielt.

»Meinethalben,« erwiderte Lu von oben herab.

Nun verabschiedete sich Muttchen Friedel mit viel Dankesworten von Leutnant Friesen. Der klappte die Hacken zusammen.

»Ist mir eine Ehre gewesen, meine Damen.«

Lu und Li knicksten wie die Schulmädchen und ärgerten sich dann riesig. Diesen Abend schien wirklich alles verdreht zu sein!

Sie liefen hinter Muttchen her. Ein Kellner wies sie in ihr Zimmer. Aufatmend saßen sie endlich auf ihren Stühlen und – lachten.

Aber dann fielen sie ins Bett, müd und matt und bald danach klang's fast wie leises Schnarchen durchs Zimmer, so tief und fest atmeten die drei.

Kaum daß die Sonne am anderen Morgen hochkam, sah sie auch schon in drei Paar sehr helle, offene Augen. Verschlafen wollten sie nicht, Muttchen Friedel, Lu und Li.

Um halb sieben schon kamen sie zum Frühstück herunter und machten die Kellner unwirsch, die sich die verschlafenen Augen rieben.

»Die Herrschaften haben noch über zwei Stunden Zeit,« sagte einer halb höflich, halb ärgerlich.

»Einerlei,« entgegnete Muttchen Friedel vergnügt. »Besser zwei Stunden zu früh, als eine Minute zu spät.«

Der Kellner zuckte bloß die, Achseln, aber bald stand das Frühstück da. Sie ließen es sich herrlich schmecken.

Dann saßen sie schon eine volle Stunde vor Abgang des Zuges im Wartesaal. Selbst dies tödlich ermüdende Warten konnte Muttchen Friedels, Lus und Lis Lebensgeister nicht dämpfen. Sie lachten und kicherten. Manch einer blickte neidisch oder auch grämlich nach der lustigen Ecke.

»Sieh mal bloß die drei Mausgrauen dort, Ernst; man möchte mitlachen,« flüsterte eine kleine rundliche, fröhliche Dame und blickte zu ihrem Eheherrn auf.

Er war lang und dürr, säuerlich-grämlich.

»Albernes Getue,« sagte er, »Gänse, einfach!«

Wenn Muttchen Friedel, Lu und Li das gehört hätten!

Dann raste der Zug durchs sonnenbeglänzte Land. Aachen, die alte Kaiserstadt, die Residenz Karls des Großen, wo er gekrönt wurde und auch beerdigt liegt, kam. Darüber wölbte sich im Sonnenschein die Kuppel des Münsters, dessen Bau unter Karl dem Großen begonnen wurde.

Lu und Li wußten diesmal so ziemlich Bescheid; Muttchen Friedel war sehr stolz darüber.

»Eine römische Niederlassung war's ursprünglich, Muttchen, Civitas Aqua – Aqua irgend was,« kramte Li ihre Weisheit aus.

»Aquis granum oder Civitas Aquensis«, berichtigte Lu. »
Aqua ist Wasser, Li.«

»Meinethalben,« sagte die verächtlich.

Weiter flog der Zug über die deutsche Grenze. Lu und Li wollte es mit einem Male wie Heimweh überkommen.

»Unser liebes deutsches Land, Muttchen,« sagte Lu elegisch.

»Je, ja, aber wir bleiben ihm treu in der Fremde, was, Muttchen?« rief Li schon wieder froh.

»Bis in den Tod,« schloß Muttchen pathetisch.

Durch Belgien raste der Zug. Brüssel! Von der belgischen Hauptstadt sahen sie nur, was man bei allen anderen Städten sieht, bei denen man nur zum Bahnhof hinein- und wieder hinausfährt: weite, halb angebaute Flächen, Gartenland, Schienengeleise, Schuppen, Kohlenspeicher, Bahnmaterial, von fern ragende Kirchen, Häuserzeilen. Einen wirklichen Begriff vom eleganten Brüssel bekamen Muttchen Friedel, Lu und Li nicht.

»Das könnte nun ebensogut irgend eine andere Stadt sein,« sagte Lu enttäuscht, und Li nickte.

»
Bruxelles haben sie doch ausgerufen, Kinder,« warf Muttchen Friedel ein, »und hört nur: alles spricht französisch. Da merkt man doch: daß man in der Welt draußen ist.«

»Ici, monsieur!« rief Li einem Mann zu, der Früchte feilbot. Muttchen Friedel und Lu hielten den Atem an.

»
Aves-vous des-des – was heißt Kirschen, Lu?« wandte sie sich dann fragend der Schwester zu.

»Cerises«, half diese aus. Aber Li hatte bereits den Kopf verloren; der Mann stand und wartete.

»Donnez-nous des cerises«, sagte nun Muttchen Friedel und spitzte den Mund möglichst zierlich.

»Mais oui, madame, voilà!« Zugleich hielt er ein Körbchen hin, voll der leckersten roten Kirschen. Lu und Li nahmen es eiligst an sich und begannen zu schmausen.

»Laßt mir auch was, Kinder!« rief Muttchen Friedel und sicherte sich ihr Teil, was nicht ganz glatt abging.

Der Mann stand, grinste und wartete. Die Türen wurden hier und da schon geschlossen.

»Eh bien, mesdames?« sagte er endlich und hielt die Hand hin. Lu und Li reichten ihm das leere Körbchen wieder, nichts weiter. Allerhand Signale wurden gegeben.

»Il faudra payer«, mahnte der Mann von neuem. »Was will er, Muttchen?« Lu und Li standen ratlos; ihr Französisch war zu Ende.

»Mon argent!« schrie nun der Mann, dem die Geduld riß. Muttchen Friedel zuckte die Achseln.

»
Argent? argent? Das heißt doch Silber, Kinder. Es war doch nicht etwa ein silberner Löffel bei den Erdbeeren, die er dort hat. Ob er meint, wir hätten den genommen?«

Sie starrten alle drei den Mann an. Der setzte nun sein Brett zu Boden, zog seinen Geldbeutel vor, schüttelte den und hielt zugleich die Hand hin. Jetzt ging den dreien ein Licht auf.

»Geld will er! Ja, hast du denn nicht gezahlt, Muttchen?«

»Ja, habt ihr denn nicht gezahlt, Kinder?«

Da schmetterte die Tür zu, die Lokomotive zog an. Der Mann lief nebenher und zeterte. Sein Wortvorrat war erstaunlich; ein Glück, daß die, denen er galt, so wenig davon verstanden.

Drei Silberstücke flogen zugleich durchs Fenster in des Mannes Mütze. Im Übereifer zahlten alle. Der Mann grinste und dienerte; die Bezahlung mußte gut gewesen sein.

»Teure Kirschen! Ich habe einen Franken gegeben,« rief Muttchen Friedel lachend.

»Ich auch!«

»Ich auch!«

»Dafür haben wir gelernt, was argent heißt!« sagte Li und warf den Kopf zurück.

Weiter raste der Zug, immer durchs belgische Land. Weit dehnten sich die Wiesenflächen, saftgrün und frisch. Ein Flußlauf blitzte auf.

»Was für ein Fluß ist das, Kinder?« fragte Muttchen Friedel. Und diesmal redete nicht der Pädagog, sondern die Wißbegierde.

»Gand!« riefen die Schaffner.

»Das ist Gent,« erklärte Lu wichtig. »Und Gent liegt an der Schelde.«

»Hast wohl irgendwo ein Reisehandbuch, was, Lu?« fragte Li mißtrauisch.

Lu zuckte bloß großartig die Achseln; weiter fuhr der Zug.

»Bruges!«

»Brügge natürlich,« sagte jetzt Li. »Brauchst dir gar keine Mühe zu geben, Lu. Ein bissel was weiß ich auch noch. War mal eine berühmte alte Handelsstadt. Die Herzöge von Burgund haben hier residiert. Jetzt scheint nicht mehr viel los zu sein.«

Li rümpfte das Näschen, Lu begeisterte sich dagegen.

»Das reine Mittelalter! Sieh doch die spitzgiebligen Häuser, Muttchen! Und die engen Gassen!«

»Mach' ich mir die Bohne draus,« sagte Li.

Flacher und sandiger wurde streckenweise dann das Land. Ein eigentümlicher Salzgeruch machte sich bemerkbar. Lu und Li schnüffelten in der Luft.

»Was riecht so, Muttchen?«

»Weiß ich's?« sagte Frau Friedel.

Da jubelte Lu: »Das ist ja die See!«

»Die See!« jubelte auch Li.

»Hurra, die See!« jauchzte Muttchen Friedel am lautesten von allen.

Ein paar Köpfe drehten sich nach ihnen. Was den dreien dran lag!

Ja, das war die See. Weit, unübersehbar, grünlich-bläulich schillernd. Kleine Wellchen hoben sich, sanken und rollten in gleichmäßigen Abständen daher. Die kleinen Wellen hatten kleine weiße Schaumkrönchen, und die Abstände, in denen sie sich hoben und senkten, wurden kürzer und kürzer.

»Holla!« sagte ein Herr. »Ungerupft kommen wir nicht durch.«

»Dreadful«, seufzte eine lange, dürre Dame mit großen weißen Zähnen.

Muttchen Friedel, Lu und Li blieben harmlos, jubelten der weiten Wasserfläche zu und gingen freudig ihrem Schicksal entgegen.

Am Kai lag die »Princesse Clémentine«, ein stattlicher, mittelgroßer Raddampfer. Die Passagiere drängten an Bord, ein reges Treiben herrschte.

Vom hübschen geräumigen Promenadedeck aus sahen Muttchen Friedel, Lu und Li zu.

Eine freundliche Stewardeß – so nennt man die Wärterinnen an Bord – hatte die drei in sehr bequeme Sessel verstaut.

»
Venez ici, mesdames! Wollen die Errschaften kommen! Sit down, please!« So lud sie die Fahrgäste in drei Sprachen ein. Sie war eine Flamländerin und sah in ihrer weißen Schürze und weißen Haube sehr sauber aus.

Mit großen neugierigen Augen sahen Muttchen Friedel, Lu und Li um sich.

Die »Princesse Clémentine« hatte sich mittlerweile in Bewegung gesetzt. Sie wiegte sich zierlich auf den Wellen, bald nach rechts, bald nach links.

»Schaukeln habe ich immer so gerne gemocht,« sagte Li.

Aber sonderbar! Sie verzog das Gesicht so eigen, ihr Stubsnäschen war nach und nach recht spitz und weiß geworden.

»Ich auch,« sagte Lu und schluckte ein paarmal.

»Und ich erst recht,« bestätigte Muttchen Friedel wie im Traum, neigte sich zur Seite und – war der Seekrankheit verfallen.

Lu und Li sahen nichts weiter. Sie waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt. O, dies Elend! Die freundliche Stewardeß stand wieder bei den dreien.

»
Venez ici, mesdames! Wollen die Errschaften kommen! Come down, please!«

Energisch faßte sie bei Muttchen Friedel zu.

»Ich kann nicht, lassen Sie mich. Ich sterbe,« hauchte Muttchen Friedel.

Lu und Li wären gern beigesprungen, hätten gern geholfen, aber sie hatten viel zu viel mit dem eigenen Elend zu tun. Indessen brachte die Frau ihr Muttchen fort. Wohin wohl? Einerlei. Lu und Li waren selber zum Sterben bereit. Nun kehrte die Frau wieder.

»
Venez demoiselles! Sein Frau Mutter sehr bange. Wants you.«

»Laissez-moi tranquille,« sagte Lu.

»Hands off,« wimmerte Li.

Aber bald danach waren sie doch unten bei Muttchen.

Die lag im Damensalon auf einem der Sofas, die rundum an den Wänden angebracht sind.

»Muttchen,« jammerten die beiden, »Muttchen, stirb uns bloß nicht!«

Klein-Muttchen machte die Augen gar nicht auf.

»Grüßt Tante Lisa und Fee. Und den Vater und Pap–« Weiter kam Muttchen Friedel nicht.

Lu und Li hörten auch nicht weiter. Auch sie lagen auf einem Sofa und auch ihnen mußte die Stewardeß zu Hilfe kommen.

Die Bewegungen der »Princesse Clémentine« wurden inzwischen immer lebhafter. Hatte sie sich vorher von einer Seite zur anderen gewiegt, so hob und neigte sie sich jetzt anmutig auf und ab. Bald tauchte das schlanke Vorderteil hoch aus den Wellen, bald das Achterdeck.

Der Seekrankheit verfallen.

»Sie stampft,« sagte eine tiefe Stimme im Raum, wo Wimmern und Stöhnen herrschte.

Krachend schlug eine Tür gegen die Wand. Sie hatte nach dem unteren Deck zu aufgestanden. Eine Welle war über Bord gekommen und hatte sie aufgerissen. Gierig leckte das Wasser am Boden.

»
Venez en bas! Nach unten! Come down!« schrieen nun ein paar Stewardessen durcheinander.

Ob sie wollten oder nicht, die Wimmernden und Stöhnenden wurden noch eine Treppe tiefer geschafft und dort ebenfalls auf Sofas gelegt.

Sie waren nun in dem Zustand, der alles über sich ergehen läßt, Leben und Sterben. Niemand fragte nach dem anderen. Alle Blutsbande lockerten sich. Heulen und Zähneklappern herrschte.

Muttchen Friedel, Lu und Li lagen an entgegengesetzten Enden. Man hätte sie, einzeln oder alle zusammen, ins Wasser werfen können, sie hätten nicht bäh gesagt.

Und draußen tobte, heulte, toste, donnerte, raste die See. Wild klatschten die Wellen gegen die Schiffswand. Der Wind fauchte, pfiff, gellte, stöhnte.

Lu hatte sich einen dicken Schal um den Kopf gebunden, Li je ein Taschentuch in beide Ohren gesteckt, nur um das entsetzliche Konzert nicht hören zu müssen.

So lagen sie und warteten auf ihr Ende, bejammerten ihr junges Leben kein bißchen.

Nach einer endlosen Zeit – waren es Stunden, Tage, Wochen? – da schien es mit einmal ruhiger zu werden, und schließlich rasselte etwas mit gellem Dröhnen. Die »Princesse Clémentine« bäumte sich, schwankte, zitterte, stöhnte, krachte.

»Sie geht unter,« kreischte eine helle Stimme. Li war's, aber sie gab es Zeit ihres Lebens nicht zu.

Die »Princesse Clémentine« bäumte sich noch einmal, schüttelte sich wie im Zorn und – stand.

»
Dover, mesdames! Die Errschaften sind in Dover! It's Dover, please!« So die Stewardessen.

Die stöhnende Gesellschaft richtete sich auf und rappelte sich zusammen. Wahrhaftig, alle Knochen waren noch heil und vorhanden, auch das Gepäck. Mehr tot als lebendig fanden sie sich am Land, beim Zollhaus.

»Open, please!«

Muttchen Friedel, Lu und Li, die sich instinktiv zusammengefunden hatten, rissen die Augen auf. Was wollte der Mann?

»Open, please!«

Ringsum wurde alles Handgepäck geöffnet. Aha, das war's!

Muttchen Friedel suchte nach den Schlüsseln zu den Handkoffern, Lu und Li halfen. Endlich fanden sich die Schlüssel in Muttchen Friedels einem Blusenärmel. Wie sie dahin gekommen waren?

Muttchen Friedel hatte in ihrem grenzenlosen Elend ihre Börse in Sicherheit bringen wollen und so die Schlüssel gerettet. Die Börse lag irgendwo im Schiffsraum. Glücklicherweise war in ihr nur Kleingeld. Die Hauptbarschaft trug Muttchen Friedel in einem Ledertäschchen auf der Brust.

Das Gepäck wurde durchgesehen. Die Reisenden setzten sich wieder in den Zug.

Es war sehr dämmerig geworden, so daß man wenig mehr von der Landschaft erkennen konnte. Muttchen Friedel, Lu und Li hatten auch dafür nicht Augen. Ihr Kopf war wirr, ihr Sinn benommen. Ob sie in den Mond fuhren oder nach London, war ihnen völlig einerlei. Ob Onkel Werner, der sie in Victoria-Station abholen wollte, dort auf sie wartete oder der Kaiser von China, machte ihnen ebenfalls keinen Unterschied. Ebensowenig, daß sie innerhalb der nächsten zwei Stunden Tante Lisa und Fee sehen sollten. Und Fee, die Langentbehrte!

Wie sie wohl mittlerweile geworden war? Lu und Li wollten sich ein Bild von ihr machen. Sie konnten es aber nicht. Der Zug rüttelte gar so arg und ihr Kopf war zu wirr. So schliefen sie lieber. Muttchen Friedel aber wachte, trotz Elend und Müdigkeit; die Erwartung ließ sie nicht schlafen. Und der Zug rasselte und keuchte immer weiter, immer weiter, London zu.

London und Fee!

In der taghell erleuchteten Halle von Victoria-Station standen drei Personen und sahen mit Ungeduld dem Zug von Dover entgegen, der jetzt eben fällig war. Es waren ein Herr und zwei Damen, Werner Horst mit Frau Lisa und Fee. Wer Frau Lisa und Fee sah, mußte sie unbedingt für Mutter und Tochter halten; blond, schlank, beide zart, nur war Fee noch anmutiger, und lieblicher, als Frau Lisa es je gewesen war.

»Werner,« sagte eben Frau Lisa und schob zum so und so vielten Male die Uhr wieder in den Gürtel, »der Zug müßte da sein! Frag doch, ob er Verspätung hat.«

»So ungeduldig bist du sonst gar nicht, Lisa,« neckte Werner Horst.

»Bedenke, wie lange ich Friedel nicht gesehen habe! Drei Jahre, Werner!«

Fee sagte nichts; aber sie hatte die Hände fest ineinander geschlungen, und wer ihr in die blauen, tiefen Augen schaute, der gewahrte die heiße Erregung.

Onkel Werner faßte sie am Kinn und hob ihr Gesicht, das der breite Hutrand beschattete.

»Was sagt Fee dazu?« fragte er.

Sie preßte die verschlungenen Hände gegen die Brust.

»Ich freue mich – es macht mich stumm, Onkel Werner.«

Fast angstvoll sah Tante Lisa zu ihr auf. Fee war noch etwas schlanker gewachsen, hoch und schmiegsam wie eine junge Birke.

»Werd' ich nun alles hergeben müssen, Fee? Dich und dein Herz?«

»Lisa,« mahnte Werner Horst.

Aber Fee sagte bloß: »Du weißt, wie lieb ich dich habe, Tante Lisa. Das löscht sich nicht aus wie die Schrift auf einer Schiefertafel.«

Da donnerte der Zug in die Halle.

Ungeduldig spähten die drei an den Fenstern hin. Sie erwarteten drei leuchtende Gesichter zu sehen und einen jauchzenden Gruß zu hören. Denn daß Tante Lisa und Fee mitgekommen waren, bedeutete ja eine Überraschung. Der Verabredung nach sollte nur Onkel Werner da sein, im letzten Augenblick erst hatten Fees flehende Augen die Änderung des Plans bewirkt.

Aber nichts zeigte sich an den Fenstern, nichts ließ sich hören.

»Es wird ihnen doch nichts zugestoßen sein, Werner?« rief Frau Lisa und preßte ihres Mannes Arm; Fee sah ihn mit großen Augen entgeistert an.

»Kinder, nur ruhig Blut,« sagte er gutmütig. »Was soll –«

»Da sind wir also,« fiel da eine Stimme hinter ihnen ein. »Ob wir's freilich ganz sind, weiß ich nicht. O diese See! Gräßlich!«

Sie wandten sich und sahen drei mausgraue schwankende Gestalten, drei sonderbar entfärbte Gesichter und drei Paar übernatürlich weit geöffnete Augen.

»Kinder, uns ist sterbensweh,« sagte Muttchen Friedel und lachte dazu halb verschämt und ungewiß. »Verzeiht, aber ganz London scheint sich um mich zu drehen. Und freuen kann ich mich einstweilen kein bißchen. Ein Königreich für ein Bett! Lu, Li, wo seid ihr denn? Fee – bist du das wirklich? Und das will auch meine Tochter sein? Fee, nimm dich mal der beiden dummen Dinger an. Die schlafen halb und sind am Ende ihrer Kräfte. Tag, Lisachen, morgen früh mehr. Die Kofferschlüssel, Werner? Ja, wenn ich wüßte, wo die sind. So, und nun laßt mich in Frieden alle, hört ihr! So hab' ich mir die Sache denn doch nicht gedacht.«

Frau Lisa legte den Arm der Schwester in den ihren.

»Komm, Friedelchen, nur heim.«

»Ja, heim!« sagte Frau Friedel dankbar. »Du weißt doch immer das beste Wort, Lisa.«

Lu und Li hatten nichts gesagt, sondern sich nur willenlos küssen lassen und verschlafen dazu geblinzelt.

»Ihr Ärmsten,« sagte Fee, »kommt heim ins Bett.«

»Ins Bett,« echote Lu; Li gähnte bloß.

Frau Lisa und Fee führten nun ihre völlig geknickten Reisenden an eine Droschke.

»Ein bissel zusammenrücken müssen wir. Werner kommt nach,« sagte Frau Lisa.

Muttchen Friedel nickte bloß.

Sie stiegen ein. Lu und Li lehnten von rechts und links die Köpfe gegen Fees Schulter und schliefen gleich darauf wieder ein.

»Arme Dinger,« sagte Muttchen Friedel mitleidig. »Es war greulich, Lisa! Wenn ich das vorher gewußt hätte –«

Da lag auch Muttchen Friedel in der Wagenecke und schlummerte.

Tante Lisa und Fee wechselten einen raschen Blick. Tiefes Mitleid lag in Fees Augen, aber auch eine Enttäuschung las Tante Lisa heraus.

»Morgen, Kind,« war alles, was sie sagte. Fee nickte nur.

Sehr weit hatten sie nicht zu fahren. Werner Horst hatte seiner jungen Frau vor nun mehr als zwanzig Jahren ein behagliches Heim in Onslow Square Kensington gegründet. Dort hausten sie noch immer und es war ihnen lieb und traut. Der Wagen hielt.

»Wir sind da, Lu, Li,« sagte Fee sanft, und rüttelte die beiden aus dem Schlummer.

Lu grunzte, Li wehrte sich. Endlich kamen sie zu sich und stiegen aus.

»Also, das ist Onslow House 3, South Kensington?« fragte Li und blinzelte, ins Laternenlicht. »O, wie gräßlich!«

Das galt nicht dem Haus, sondern dem, daß der Boden auch hier nicht ganz fest zu sein schien. »Morgen geh' ich heim, Lu. Nicht fest stehen kann man hier.« Sie war sehr entrüstet.

»Ich komme mit,« sagte Lu. »Deutschland über alles!«

Muttchen Friedel war zu schwach zum Wehren.

»Einstweilen kommt zu Bett, Kinder,« mahnte Tante Lisa sanft.

Zwei niedliche Hausmädchen in weißen Schürzen und weißen Häubchen standen knicksend unter der Tür. Lu und Li knicksten ebenfalls, mechanisch, fast bewußtlos. Sie empfingen einen allgemeinen Eindruck von einem beleuchteten Treppenhaus und einem hellen hübschen Zimmer mit einem Riesenbett inmitten.

»Aber,« sagte Li.

»Aber,« sagte Lu.

»Wir sind doch zwei.«

»Zwei,« bekräftigte Lu.

Dann vergingen ihnen die Gedanken. Irgend jemand half ihnen beim Auskleiden. War's Fee, Tante Lisa oder Muttchen? Sie gaben sich keine Rechenschaft. Dann fühlten sie das Bett unter sich.

»Und nur ein Bett,« sagte Li, und schlug noch einmal die Augen auf.

»Nur ein Bett,« nickte Lu und lag schon unter den Decken vergraben.

»Kurios!« Damit schliefen sie.

Auch Muttchen Friedel und Tante Lisa hatten nicht viel mehr Umstände gemacht. Ehe Tante Lisa wußte wie, lag Muttchen Friedel im Schlafe. Danach fanden sich Werner Horst, Frau Lisa und Fee im Eßzimmer zusammen.

Zierlich gedeckt stand der Tisch. Kristall und Silber blinkten, viele Blumen dufteten. Sechs Gedecke lagen auf. Frau Lisa sah drüber hin und machte ein sonderbares Gesicht.

»Ich habe mir das ein bißchen anders gedacht, Werner,« seufzte sie.

Er lachte. »Bei Friedel war doch immer alles anders, als man es sich zum voraus dachte. Sie ist sich treu geblieben,« erwiderte er.

»Armes, kleines Muttchen,« sagte Fee. »Lu und Li sind ihr so ähnlich.«

»Sind sie?« fragte Tante Lisa. »Ich hab' nicht viel von ihnen gesehen.«

»Ich auch nicht,« fügte Onkel Werner bei und lächelte. »Lu nieste, als sie mir die Hand gab, und Li gähnte.«

»Morgen wird's besser sein,« sagte Fee; sie sagte das in einem Ton, als ob sie sich selbst damit trösten wolle.

Dann aßen die drei ziemlich einsilbig allein das festlich zugerüstete Mahl. Droben lagen Muttchen Friedel, Lu und Li in tiefster Ruhe.

Am anderen Morgen blinzelte die Sonne sehr neugierig durch einen Spalt der sorgsam zugezogenen Vorhänge. Sie sah auf ein breites Bett, dessen Metallstäbe hell funkelten, wenn sie drüber hinglitt.

Das störte zwei Schläferinnen.

Und wieder huschte die Sonne lachend drüber hin. Da kam Leben in die beiden.

»Herrje, Lu, es ist heller Tag!«

»Wahrhaftig,« sagte Lu und lachte.

»Laß uns mal flink heraus, uns umzuschauen!«

»Ob der Boden sich noch immer hebt und senkt?«

»Behüte, es ist alles fest.«

Wie der Wind waren sie in ihren Kleidern und zogen dann die Vorhänge zurück; sie vermochten die Fenster trotz aller Anstrengung nicht zu öffnen.

»Kurios, Li,« sagte Lu.

»Wie an einer Mausefalle,« rief Li fröhlich. »Das Fenster wird geschoben, statt daß man es aufmacht.«

»Sonderbares Land, Li!«

»Schau mal, wie grün, Lu.«

Vor ihnen breitete sich der Square aus, ein freier Platz mit Rasenfläche und Baumgruppen.

»Schön,« sagte Lu.

»Schön,« bestätigte Li.

Dann eilten sie zur Tür und ins Treppenhaus. Alles war noch morgenstill, doch hörte man von ganz unten die Mädchen hantieren.

Lu winkte Li, sie huschten hinunter, traten in die Küche und lachten die dort Beschäftigten an.

»Guten Morgen,« sagten sie.

»Good morning, ladies,« sagte eine. »I'm the cook and this is Sarah.«

Viel wußten Lu und Li nicht darauf zu sagen. Aber sie machten ihre freundlichsten Gesichter und das war genug, es ist die internationale Sprache.

»I'm getting the breakfast ready,« sagte die Köchin.

»Aha, das Frühstück,« sagte Lu.

»Unsinn,« sagte Li, »sie klopft doch Fleisch. Sie wird schon am Mittagessen sein.«

»
Nonsense, Li,« – Lu fühlte sich schon als Engländerin – »so spät ist es ja noch gar nicht.«

»What's the watch?« fragte Li. Die Köchin grinste.

»You mean, what's the time, Miss?«

Li puffte Lu. »Sie versteht mich, du. Was will sie?«

»Seven o'clock, Miss,« sagte die Köchin indessen.

»Sieben! Seven ist sieben,« triumphierte Li. »Noch so früh? Nun paß mal auf, Lu, wie ich mit ihr rede. We go upon street, look round. Come again – was heißt ›schnell‹, Lu?«

Die zuckte die Achseln und lachte. Die Köchin tat desgleichen.

»The young Ladies want to look around? All right! We have breakfast at eight. Plenty of time!«

»Bong,« sagte Li, ohne daran zu denken, daß das nicht Englisch war, und eilte mit Lu die Treppe hinunter.

»Hab' immer über unsere Miß gelacht, Lu. Und nun hab' ich doch all dies Englisch bei ihr gelernt.« Li war sehr stolz und warf sich gewaltig in die Brust.

»Ist auch danach,« sagte Lu.

»Man hat mich doch verstanden da unten,« trumpfte Li auf. »Mehr, als du von dir behaupten kannst.«

Lu zuckte stumm die Achseln. Und dann waren sie auf der Straße. Sie legten die Arme ineinander, und sahen mit ihren hellen Augen neugierig um sich.

»Blau ist der Himmel hier auch, Lu, und die Bäume grün.«

Ernsthaft sagte es Li und ebenso ernsthaft nickte Lu.

»Sieh mal bloß, wie grün der Rasen ist, Lu! Wenn ich an unseren denke, der ist gelbbraun zuweilen und so stachelig. Der hier ist wie Samt.«

»Wenn's regnet, ist auch unserer so,« sagte Lu. »Überhaupt, Li, du brauchst nicht so zu tun, als ob hier alles besser sei. Ich bin deutsch bis auf die Knochen.«

»Ich auch,« sagte Li, »bis ins Mark. Hurra!«

Fast hatte Li den kleinen mausgrauen Reisehut in der Begeisterung geschwenkt. Lu hielt die Schwester krampfhaft fest.

Geraume Weile schlenderten die beiden unter den grünen Bäumen auf dem grünen Rasen hin. Da schlug eine Uhr.

»Je, Li, 's wird Zeit. Sie werden uns vermissen daheim.«

»Los!« rief Li.

Sie gingen also auf die Häuserreihe zu, von der sie hergekommen waren.

»Du, da ist eins wie 's andere,« sagte Li.

»Kurios,« erwiderte Lu.

Li war indessen schon ein paar Stufen hinaufgeeilt und hatte eine Haustürklinke in der Hand. Lu folgte ihr, ohne sich umzusehen.

»Ob sie nun auf sind?« meinte Li. »Wo bloß Muttchen ist?«

Die Tür war unverschlossen, Li und Lu eilten die Treppe im Hintergrund hinauf. Ein Mädchen trat ihnen aus einer Tür entgegen, stand erst starr und folgte ihnen dann in großer Erregung.

»Hier geht's hinein, Lu.« Li faßte schon wieder eine Klinke und riß die dazugehörige Tür auf.

Eine alte Dame, sehr groß und sehr aufrecht, mit sehr weißem Haar und sehr langem Gesicht stand inmitten des Zimmers. Sie. wandte sich der ungestüm aufgerissenen Tür zu.

»What's that?« sagte sie, aber sie blieb sehr ruhig dabei. Ja, als sie die verdutzten braunen Gesichter der beiden Eindringlinge sah, mußte sie fast lachen. »What do you want, young ladies?«

Lu und Li hatten sich wortlos umgeschaut. Da stand doch ihr Bett, dieselben Metallstäbe funkelten in der Sonne, und dort war das Fenster und – ja allerdings, ihre kleinen Koffer fehlten. Und war ihr Zimmer nicht rosa gewesen? Das hier war gelb.

»Aber –« sagte Li.

»Ja, aber –« sagte Lu.

Das Mädchen war inzwischen nachgekommen und überschüttete sie mit einem Wortschwall.

Lu und Li sahen hilflos um sich. Instinktiv traten sie einen Schritt näher zu der Dame hin; in deren Gesicht lag so etwas Vertrauenerweckendes.

»Sarah,« sagte sie, »be quiet.«

Also der Name stimmte. Sara hatte ja das Hausmädchen geheißen. Und – sie besahen es näher – solch eine Haube hatte es auch aufgehabt und gerade solch eine Schürze. Sie atmeten auf, also lag ein Irrtum irgendwelcher Art nicht vor. Bloß, wie kam die Dame hierher in ihr Zimmer? Und wie war das mit einmal gelb geworden? Und wo waren ihre Köfferchen?

»Bitte, wie –?« fragte Li, und »bitte, wo –?« Lu zur selben Zeit.

»Oh, you are german?« sagte die Dame. »Sein Deutsch?«

Lu und Li nickten.

»Wie kommen in meine Haus?« fragte nun die Dame. Lu und Li sahen sie verblüfft an.

»Ist das nicht Onkel Werners Haus? Wir sind doch zu Besuch hier. Sie vielleicht auch?« fragten die beiden einstimmig.

Die Dame sah von einer zur anderen und lachte dann. So weit reichte ihre Kenntnis des Deutschen nicht, um dies Gesprudel zu verstehen; sie schüttelte also den Kopf.

»Zu Besuch – visit,« rief Lu und erhob die Stimme.

»Visit – you?« ergänzte Li ebenso laut.

»You want to visit me?« fragte die Dame verwundert. »Yes, but as I do not know you – nickt kennen, and it's rather a little early in the day, I –«

»Not we – you visit – uncle Werner Horst –« Li hatte all ihr Englisch zusammengenommen, und Lu nickte dazu wie ein Pagode.

»Oh, you want to visit – wollen besuchen Mr. Werner Horst« – sie sprach den Namen wie Hohst aus – »sein number three.«

»
Number ist Nummer, Li,« sagte Lu, die das Ihre zur Lösung des Rätsels beitragen wollte.

»Weiß ich,« sagte Li, und nickte der Dame zu. »Yes, number three, Onslow Houses, South Kensington.«

»
And this is number five. Sein Nummer fünf hier.« Zum besseren Verständnis deutete die Dame mit ihrem langen, knochigen Zeigefinger auf den Fußboden.

Lu und Li sahen dumm dahin, dann der Dame ins Gesicht. Die lachte sie mit großen weißen Zähnen an.

»Yes, sein number fünf hier. And I am Missis Walton, Mr. Hohst's neighbour.«

»
Neighbour ist Nachbar, Li.«

»Also wären wir im falschen Haus, Lu?«

»Im falschen, Li! Nummer fünf!«

»Und alles ist so gleich! Und das Mädchen heißt auch Sara und –«

»Sera, Li,« verbesserte Lu ernst.

»Sei nicht albern,« sagte Li. Sie wandte sich wie ein Kreisel und wollte davonstürzen. Aber Lu wußte, was sich schickte.

»Beg pardon,« sagte sie zur Dame und knickste. Woher dies plötzlich aus ihrem knappen Wortvorrat auftauchte, hätte sie nicht zu sagen gewußt.

»Pardon,« sagte Li nun auch und es klang fast wie Englisch.

»Never mind, my dear girls,« sagte die Dame und wies lächelnd alle ihre Zähne.

Wie sie die Treppe hinunter und zum Haus hinaus gekommen waren, wußten sie nachher nie zu sagen.

In Nummer drei drüben hatte es mittlerweile an Muttchen Friedels Tür gepocht.

»Darf ich?«

»Herein!« hatte Muttchen Friedel noch ganz verschlafen gerufen und kaum die grauen Augen aufgemacht.

Da lag es schon längelangs neben ihr und huschelte sich dicht an sie heran. »Muttchen, mein Muttchen!«

»Bist du das, Fee?« sagte nun Muttchen Friedel und riß jetzt gewaltsam die Augen auf. »Fee, Kind, wie bist du hübsch. Weißt du gewiß, daß du meine Tochter bist?«

»Aber, Muttchen!«

»Nun, sieh doch bloß mal!«

Dem Bett gegenüber hing ein Spiegel. Muttchen Friedel legte die Arme um ihr Kind und wandte sich so dem Spiegel zu.

»Nun, Fee? Was sagst du nun? Sieh mal dein Weiß und Rot und mein braunes Gesicht, dein Blond und mein Schwarzbraun, deine Blauaugen und meine graugrünen? Ist das nicht kurios, Fee?«

Da lag es schon neben ihr und kuschelte sich dicht an sie heran. »Muttchen, mein Muttchen!« rief eine helle Stimme.

Der Spiegel warf wirklich ein merkwürdiges Bild zurück: Muttchen Friedels Zigeunergesicht an Fees blonde junge Schönheit geschmiegt. Mutter und Tochter hätte kein Fremder dahinter gesucht.

»Nun, Fee?«

»Was liegt an dem Äußeren, Muttchen? Von innen bin ich dein Kind.«

»Erbarm dich, Fee! Nein, Friedel Polten Nummer vier, das wär' zu viel! Da würde mich der arme Vater dauern! Lu und Li sind schon genug. Du mußt mir bei ihnen helfen, Fee! Ich rechne auf dich, hörst du?«

Fee nickte und sah Muttchen Friedel sinnend an.

»Ich meine, innerlich bin ich dein Kind, Muttchen, Seine Art kann sich niemand geben. Ich bin nun eben, wie ich bin, still und ruhig.«

»Dem Himmel sei ewig Dank, Fee.«

»Überlegt und langweilig.«

»Nochmals Dank dem gütigen Himmel, Fee!«

»Aber lieb habe ich euch, so sehr, so sehr!«

»Meine, meine Fee! Meine große, kluge Tochter, auf die ich stolz bin!« Muttchen Friedel strahlte, aber gleich erlosch das Feuer. »Und Tante Lisa, Fee?«

Da senkte sich der blonde Kopf, ein Schatten flog über das helle Gesicht.

»Da liegt das Schwere, Muttchen. Ich habe Tante so lieb und danke ihr so viel. Sie wird mich schwer vermissen. Aber ich gehöre doch wohl zu euch, Muttchen?«

Es lag wie Zweifel in der jungen Stimme; trübe schauten die Augen.

»Du bist mein Kind, Fee.« Es klang, als ob Muttchen Friedel irgend wen zum Kampf herausfordern wolle.

»Dein Kind,« sagte Fee leise, aber sie hielt den jungen Kopf gesenkt. Muttchen Friedel sah sie eine Weile verstohlen an.

»Laß gut sein, Fee.« Sie strich ihr über den blonden Scheitel. »Du kennst ja die Abmachung. Bis jetzt warst du Tante Lisas Kind. Nun kommst du ein Jahr lang in dein Vaterhaus. Dann bist du achtzehn Jahre alt und du sollst selbst wählen, wohin du dich wendest. Ich mußte Tante Lisa das zugestehen für alles, was sie an dir getan hat. Häng den Kopf nicht, Fee, ein Jahr ist lang.«

»Ein Jahr ist kurz, Klein-Muttchen. Ihr stellt mich vor eine schwere Wahl.«

»Niemand wird dich beeinflussen, niemand wird deine Wahl erschweren.«

»Ich weiß, Klein-Muttchen, und doch –«

»Darf ich hereinkommen?« Tante Lisas Stimme ließ sich von der Tür her vernehmen.

»Lisa, meine Lisa!« Ein Freudenschrei, und Klein-Muttchen flog vom Bett und an der Schwester Hals. »Meine, meine Lisa!«

»Friedel!« Die Schwestern hielten sich umfaßt, als ob sie sich nie wieder loslassen wollten.

»Ich geh' nach Lu und Li sehen,« sagte Fee und ging aus dem Zimmer. Sie wußte, wieviel sich Tante Lisa und Klein-Muttchen zu sagen haben würden, die sich so lange nicht gesehen hatten.

Die hielten sich noch immer umfaßt. Dann sagte Frau Lisa: »Was sagst du zu Fee, Friedel?«

»Dein Ebenbild, Lisa.«

Frau Lisa forschte ernst in der Schwester Gesicht. »Ist's eine Enttäuschung für dich?«

Staunend sahen Muttchen Friedels graue Augen die Schwester an.

»Ich hab' dich doch lieb, Lisa!«

»Und bereust deine Großmut nicht?«

»Nun und nimmer! Was hab' ich dir zu danken, Lisa!«

»Und – und – wenn Fee –«

»Wenn Fee sich für dich entscheidet, Lisa, ich will sie dir neidlos gönnen.«

»Gute Friedel! Du bist ja so reich!«

»Das bin ich, Lisa, das bin ich! Aber sieh, es ist ein eigen Ding ums Mutterherz – ein gierig Ding. Es teilt nicht gern, so reich es ist.«

Frau Lisa sah die Schwester sinnend an.

»Und dennoch hast du mir dein Kind gegeben alle die Jahre? Hast wortlos dies Opfer gebracht?«

»Weil ich dich lieb habe, Lisa.«

Da stürzte Fee ins Zimmer, erregt, aber doch lachend: »Lu und Li sind fort!«

»Fort? Herr des Himmels! Die sind ausgerückt und heim, Lisa, wirst sehn! Was fangen wir an?«

»Die Köchin sagt, sie hätten sich mal die Nachbarschaft besehen wollen. Sara hat sie im Square beobachtet. Sie werden schon wiederkommen,« berichtete Fee.

»Die Unglückswürmer! Natürlich, ich wußte ja, daß es gleich so gehen würde! Wären wir doch daheim geblieben! Aber Klaus wollte ja durchaus, wir mußten reisen! Er sagte, sie würden hier gewiß ein bißchen zurechtgestutzt von euch. Ja, prost Mahlzeit! Ich kenne doch Lu und Li. Die sind nun in der großen weiten Stadt verloren. Was fangen wir an, Lisa?«

Muttchen Friedel war schreckensbleich geworden. Frau Lisa lief zur Tür.

»Werner,« rief sie, »Li und Lu sind ausgerückt, ganz allein. Geh doch mal flink nach ihnen auszuschauen. Sara hat sie zuletzt im Square gesehen.«

Man hörte Werner Horsts lachende Stimme.

»Die werden sich schon wieder einfinden!«

»Werner, Friedel ist in großer Angst.«

»Gut, ich gehe schon!«

Man hörte die Tür unten zufallen.

In aller Hast schlüpfte inzwischen Muttchen Friedel in ihre Kleider, jammerte, zankte und stöhnte dazu.

»Ich hab' mich so gefreut, Lisa, Fee, und nun dies!«

Sie gingen zusammen ins Eßzimmer hinunter.

Onkel Werner eilte indessen einmal quer über den Square. Es war nichts zu sehen von den Ausreißern; folglich war's wohl am besten, er ging gleich zur Polizei. Nur wollte er es erst Frau Lisa sagen.

So wandte er sich wieder nach den Häusern hin. Als er schon dicht bei dem seinen war, prallte es plötzlich in raschem Anstoß von hinten gegen ihn.

»Onkel!«

»Onkel!«

»Denk dir bloß, wir –«

»Wir waren nebenan.«

»Aus Versehen, Onkel.«

»Und sie war sehr nett.«

»Aber komisch war's, Onkel.«

»Riesig ulkig.«

Rechts und links hingen sie an seinem Arm und sahen ihn lachend an.

»Schwerenot, Mädels,« sagte er, »was habt ihr angestellt? Eure Mutter bekommt inzwischen Krämpfe.«

»Muttchen?«

»Muttchen?«

»Die kann einen Puff vertragen.«

»Muttchen ist bombenfest, Onkel.«

»Habt sie wohl so gewöhnt, was?« erkundigte sich Onkel Werner belustigt.

Lu und Li grinsten.

»Hat's in sich, Onkel!«

»Muttchen hat's in sich.«

»Wo habt ihr gesteckt?« fragte Onkel Werner.

»Bei Mistreß Walton Besuch gemacht, Onkel,« lautete die einstimmige, sehr ernsthafte Antwort.

Er lachte und begriff.

»Kenn ich! War wohl ein unfreiwilliger Besuch, he?«

Sie lachten wie die Kobolde.

»Und nun zu Muttchen,« riefen sie.

Wie sie ihn überfallen hatten, so ließen sie ab von ihm, und waren schon zur offenen Tür drin, ehe er sich besinnen konnte.

Als er ihnen folgte, klang ein tolles Stimmengewirr aus dem Eßzimmer. Lus und Lis Stimmen kippten über in der Erzählerwonne ihrer Heldentaten. Dann ertönte Muttchen Friedels Stimme, die sich Gehör schaffte.

»Zu lachen ist da gar nichts, Lu und Li, wenn zwei erwachsene, oder sagen wir zurechnungsfähig sein sollende Menschen, Mädchen noch dazu, sich benehmen wie die Gassenjungen! Ich für meinen Teil finde gar nichts Komisches daran, wenn man in ein fremdes Haus einbricht wie Strauchdiebe und würdige alte Damen erschreckt.«

»Aber, Muttchen –!«

»Sie war gar nicht erschreckt!«

»Sie war sehr nett, Muttchen! Sie sah sofort, wen sie vor sich hatte!«

»Gassenjungen, jawohl.«

»Anständige Mädels, Muttchen!«

Lu und Li waren sehr gekränkt, man hörte es ihren Stimmen an. Onkel Werner, der noch immer lauschte, lachte vor sich hin.

»Wie Friedel Polten predigen kann! Wer das vor achtzehn Jahren geglaubt hätte!« Dann trat er ins Eßzimmer.

Da saßen alle um den Eßtisch. Lu und Li ließen die Köpfe hängen, Tante Lisa und Fee sahen ungewiß drein. Muttchen Friedel war hochrot; sie kämpfte sichtlich noch mit etwas anderem als mit ihrem Zorn. Als sie den Schwager sah, kam es ans Tageslicht.

»Werner, was sagst du zu dem Streich?« brach es mit Hellem Lachen von ihrem Munde.

»Die Häuser sind sich so gleich, Muttchen!« verteidigte sich Lu, die aufatmete.

»Wie eine Reihe Bleisoldaten,« bestätigte Li.

»Ihr sagt gar nichts, Lu und Li! Ihr sollt vollständig stillschweigen!« Muttchens Zorn gegen die beiden Sünder war noch nicht verraucht, wenn sie auch lachte.

Die zogen die Schultern ein, schossen aber flehende Blicke nach den anderen. Onkel Werner erbarmte sich ihrer.

»Die Sache ist wirklich nicht so schlimm, Friedel! Solche Verwechslungen kommen hier öfter vor.«

»Wahrhaftig? Komisches Land! Da kann man ja nie sicher sein, ob man seinen Platz am Tisch nicht schon besetzt findet. Könnte mir passen!«

»Die Häuser sind wirklich fast gleich, Muttchen,« sagte Fee.

»Wahrhaftig?« Es kam schon ungewiß fragend über ihre, Lippen. Lu und Li standen mit einmal rechts und links von Muttchen und streichelten an ihr herum.

»Na, dann laßt mich in Frieden und eßt. Und künftig bleibt ihr daheim, bis jemand mit euch geht!«

»Wir sind doch keine Wickelkinder,« warf Li ein. Lu gab ihr aber einen Rippenstoß und sagte nichts.

Das Abenteuer hatte Lus und Lis Appetit keinen Eintrag getan. Mit vergnügten Augen sahen sie sich die Herrlichkeiten an, womit die Köchin den Tisch versehen hatte: gebratenes Fleisch, Kartoffeln, Eier, Kuchen und Früchte.

»Eßt ihr hier Morgens zu Mittag?« fragte Li.

»Das ist unser Frühstück,« sagte Onkel Werner.

»Alle Achtung!« rief Li, »mir ist's recht.«

»Und Mittags?« fragte Lu.

»Haben wir Lunch. Ebenfalls Fleisch, Kartoffeln, etwas Süßes, Früchte.«

»Und Abends?« Lu war wißbegierig.

»Kommt das Diner, die Hauptmahlzeit, wie euer Mittagessen.«

»Den five o'clock hast du vergessen, Werner!«

»Ja, um fünf Uhr trinken die Damen noch Tee und essen Backwerk dazu.«

»Müßt ihr aber hungrig sein, wenn ihr Abends zu Bett geht!« spottete Li. »Drei Mittagessen am Tage! Und dabei heißt's, wir Deutschen essen so viel! Ich bin übrigens mit allem einverstanden!«

Lu und Li ließen sich's tüchtig schmecken.

»In Anbetracht von gestern,« sagte Li entschuldigend zu Tante Lisa. »Alle Tage hauen wir nicht so ein wie die Scheunendrescher.«

Sie erzählten nun von der Reise, eine überbot die andere im Grauenerregen.

»Und die Koffer?« fragte Onkel Werner.

»Ja, Werner, die Koffer!« Jetzt erst erinnerte sich Muttchen Friedel ihrer. »All die gräßlichen Kleider! Ich hatte solche Not damit. Wenn die fort wären!«

Frau Lisa lachte. »Noch immer dieselbe Scheu, Friedel!«

»Ach, Lisa,« seufzte Muttchen Friedel, »und nun gar für dreie!«

»Die Koffer stehen im Zollhaus,« beruhigte Werner. »Ich soll diesen Morgen hinkommen und schicke sie dann gleich.«

»Dem Himmel sei Dank! Es wäre auch ein Nagel zu meinem Sarg gewesen, an Neuanschaffungen zu denken.«

Alle lachten. Onkel Werner ging dann; die anderen blieben noch am Tisch sitzen. Li stieß Lu an.

»Du, ich habe Angst vor Fee!« sagte sie und sah neckend die Schwester an.

»Ich auch, du,« sagte Lu.

»Und ich erst,« seufzte Muttchen Friedel drollig. »Was wird sie von uns grobholzigen Menschen denken!«

Fee lachte hell und froh.

»Seh' ich aus wie eine Pedantin?«

»Wie eine Lichtfee,« sagte Li begeistert.

»Wie ein Engel,« bekräftigte Lu.

»Unser guter Geist,« sagte Muttchen Friedel ernst.

Fee sah Tante Lisa an, heiß und rot, verlegen, gerührt.

»Das gilt dir, Tante Lisa. Ich bin dein Werk.«

Schöne, frohe Tage folgten. Tante Lisa, Onkel Werner und Fee konnten es ihren Lieben nicht behaglich genug machen.

Man hatte die ersten Wochen völlig still daheim verlebt. Denn nach dem ersten Ausgang in die Stadt war Muttchen Friedel sehr erregt heimgekommen.

»Kinder, keine zehn Gäule bringen mich mehr in dies gräßliche Getriebe! Das ist ja schlimmer als die See. Ein Gedränge und Gejage wie auf einem Jahrmarkt! Jeder rennt wie toll und denkt nicht an andere. Und diese Straßenübergänge! Wenn mich der Mann, der mit dem Stock und der Blechhaube, nicht hinübergelotst hätte, ich wäre verloren gewesen! Ein Gaul hatte mich schon halb im Rachen. Daß ihr noch heil und ganz seid!« Bewundernd sah Muttchen Friedel Tante Lisa und Fee an. »Wie du das bloß angefangen hast, Lisa? Und das Kind, die Fee!«

Alle lachten.

»Ich mag's gern,« sagte Lu.

»Da merkt man doch, daß man lebt,« sagte Li. »Bei uns daheim rempelt mich niemand an. Wie Klein-Muttchen quietschte, als der Mann sie zwischen den Wagen durchbugsierte. Und der Hut hing ihr ganz schief. Klein-Muttchen, Klein-Muttchen, du bist nicht für die Großstadt geboren!«

»Bildest du dir das vielleicht von dir ein?« fragte Muttchen Friedel ärgerlich. »So ein Gelbschnabel!«

Ein paar Wochen führten sie also ein beschauliches Dasein in den Onslow Houses am grünen Onslow Square. Es lebte sich gut in Onkel Werners und Tante Lisas Heim. Besuche aus der Nachbarschaft waren gekommen, die Gäste aus Deutschland zu begrüßen, auch Mistreß Walton. Lu und Li hatten ihre Bekanntschaft erneuert, sich entschuldigt und waren seitdem schon manchmal wieder bei der alten Dame gewesen. Sie hatten sie besonders ins Herz geschlossen.

»Versteht 'nen Ulk,« sagte Li anerkennend, und Lu nickte dazu.

Die Nachrichten von daheim lauteten gut. Vater Klaus schrieb sehr regelmäßig und immer sehr heiter. Lutz und Fritz machten ihm wenig zu schaffen, sagte er; sie hausten friedlich miteinander.

»Sie brauchen uns gar nicht, was, Mädels?« sagte Muttchen Friedel und war ehrlich entrüstet. »Ich will dem Klaus mal ordentlich den Standpunkt klar machen. Zu was ist man denn weg, als daß man vermißt wird? Er soll mich kennen lernen!«

»Vater will's dir doch nur nicht schwer machen, Klein-Muttchen,« erwiderten Lu und Li.

»Papperlapapp,« sagte Muttchen Friedel, »ich tränk's ihm ein, basta!«

Papa Polten antwortete auf einen Brief seines Jungchens ärgerlich und gereizt: »Herumzigeunern habe ich nie leiden können, das weißt Du, Jungchen. Ein ordentliches Weib gehört an den eigenen Herd, basta! Grüß mir die Lisa! Sie soll Dich einpacken und als Eilgut heimschicken! Das übrige Gesindel mag sie behalten! Und aus der Fee ist solch ein Ausbund geworden? Die Lene ist in allen Zuständen, wenn sie davon redet! Ihr Salbadern macht mich wild. Meinem Jungchen ist doch keiner über, was, Jungchen? Mach, daß Du heimkommst zu

Deinem alten Papa.«

Muttchen Friedel lachte, hatte aber zugleich Tränen in den Augen.

»So schreibt man an einen, der weg ist! Werd's dem Klaus stecken!« –

»Ihr solltet nun aber doch anfangen, etwas von all dem Sehenswerten hier aufzusuchen,« sagte Onkel Werner eines Tages beim Frühstück. »Die Zeit vergeht sonst und ihr habt nichts gesehen.«

»Das mein' ich auch,« maulten Lu und Li zugleich; sehr viel von der erwarteten und gepriesenen Gesittung war den beiden noch nicht anzusehen. »Drei Wochen sind wir nun schon hier. Noch drei und futsch sind wir.«

»Lu, Li, drückt euch doch gesitteter aus,« mahnte Muttchen Friedel. »Spricht etwa Fee so?«

»Ja, Fee!« Auch dies kam einstimmig; aber was lag in dem Ausruf!

Muttchen Friedel sah ihre beiden Unholde an. Sie schauten so niedlich aus in den weißen Blusenkleidern mit den blaßblauen Leinenkragen. Ihre Augen blitzten sie so lustig aus den braunen Zigeunergesichtern an – Muttchen Friedel konnte nicht zürnen. Sich nett und adrett anziehen, das hatten die Mädels wenigstens von Schwester Fee gelernt, und das war schon etwas; darauf ließ sich weiter bauen.

»Wenn ihr nun gleich loszöget?« fuhr Onkel Werner fort. »Den Lunch könnt ihr irgendwo nehmen, dann habt ihr den ganzen Tag für euch!«

»Hurra!« jauchzten Lu und Li.

»Ich schlage vor, ihr seht euch heute einmal den Tower an, St. Paul und Westminster, vielleicht noch die Houses of Parlament. Da habt ihr einen vollen Tag. Das andere kommt dann später.«

»Hurra!« jauchzten Lu und Li zum zweiten Male. »Hurra, Onkel Werner!«

So zogen sie also bald nach dem Frühstück aus, wie Onkel Werner vorgeschlagen hatte.

»Mach dich auf einen heißen Tag gefaßt, Friedel,« sagte Tante Lisa zuvor noch.

Muttchen Friedel seufzte drollig ergeben. Sie wies auf Lus und Lis leuchtende Gesichter.

»Sieh das da an! Übrigens interessiere ich mich doch riesig für alles und ein klein wenig mehr Großstadtkind bin ich doch schon geworden. Mutig los also!«

»Ich denke, wir nehmen die Underground Railway nach Mark Lane, Fee.«

»Gut, Tante Lisa.«

Bald saßen sie in der Bahn. Li und Lu betrachteten sich alles mit neugierigen Augen.

»Wenn ich denke, daß wir jetzt so unter den Straßen und Häusern hinsausen,« sagte Li. »Puh, recht unheimlich! Wenn nun was rutscht!«

»Wird nicht gerade damit gewartet haben, bis Li und Lu Rödern drunter durchfahren!« spottete Muttchen Friedel. »Wäre freilich schade um solch gewichtige Menschenkinder.«

»Mein Leben ist mir so lieb wie dem König das seinige,« rief Li. »Allemal!« bestätigte Lu.

In Mark Lane-Station stiegen sie aus und standen gleich darauf wieder mitten im Leben und Lärmen drin.

»Nun die Great Tower Street, Fee,« sagte Tante Lisa. »Bei Tower Hill müssen wir den beiden da einen Vortrag halten.«

Fee lächelte und sagte leise: »Mach's nicht zu schlimm, Tante Lisa. Ich erinnere mich, daß ich die Nacht nach meinem ersten Besuch im Tower kaum schlafen konnte. Zuviel grausige Bilder steigen einem dort auf.«

»Das da ist aus derberem Holz,« lachte Muttchen Friedel mit einem Blick nach Lu und Li.

»Ho, ho! Kannibalen sind wir auch nicht, bitte,« entgegnete Li lachend.

»Ich fühle mich schon von historischen Schauern angeweht,« sagte Lu mit hohler Stimme.

»Hast auch alle Ursache.« Tante Lisas Stimme war ernst. »Sieh, dort zur Linken ist die Stelle, wo jahrhundertelang das Schafott stand. Viel Blut ist hier geflossen. Die unglücklichen Dudleys wurden hier enthauptet: Der Vater, Minister Heinrichs VII., sein Sohn und dessen Sohn. Drei Generationen fielen unter dem Henkersbeil. Und drei sind's aus Hunderten. Ja, der Mensch ist grausam. Am grausamsten gegen seinesgleichen. Laßt uns gehen, es taugt wirklich nicht, sich zu tief darein zu versenken.«

Tante Lisa, Muttchen Friedel und Fee waren sehr ernst geworden. Lu und Li sahen sich an. In ihren Augen war von Ernst noch nichts zu bemerken.

Die grüne Rasenfläche von Trinity Square breitete sich jetzt über die Schauerstätte von einst. Junges Leben, Vogelsang und Blütenduft, wo einst der Tod in seiner grausesten Gestaltung herrschte. Lu und Li sahen nur dies junge Leben. Was ging der Tod sie an!

»Und nun kommt der Tower, Kinder. Ich denke, ein Weniges wißt ihr davon.«

»Aber Tantchen, natürlich. Festung. Wilhelm der Eroberer baute sie, glaube ich.« So Li.

»War's nicht auch Gefängnis, Tantchen und Residenz der Könige zugleich?« So Lu.

Tante Lisa lachte. »Alles zusammen. Ihr habt recht. Aber laßt nur Fee reden. Die weiß Bescheid. Sie macht den Führer für uns, sie hat es schon oft getan.«

»So kommt,« sagte Fee. »Wir gehen zum Lion Gate hinein. Es heißt nämlich Löwentor, weil hier bis 1834 noch wilde Tiere gehalten wurden.«

»Ja, was sind denn das für Männer?« fragte Li.

»Was sind denn das für sonderbar gekleidete Männer?« fragte Li.

Fee sah sich um. Was meinte Li?

Die wies nach drei oder vier Männergestalten, die dort, wie es schien, zwecklos herumstanden.

Sie hatten eine gar sonderbare Tracht. Eine Art langschößigen Blusenkittel, von einem breiten Gürtel gehalten. Auf der Brust war eine Krone eingestickt. Auf dem Kopf trugen sie einen halbhohen, zylinderartigen Hut, um dessen Krempe sich ein faltiges, helles Band schlang. Malerisch sahen sie aus.

Lu und Li standen und staunten.

»Kommt weiter,« sagte Fee, »das sind die sogenannten ›beefeaters‹ eine königliche Leibwache. Heinrich VII. hat sie gegründet kurz nach der Schlacht von Bosworth. Die Uniform ist seitdem unverändert geblieben.«

»Interessant,« sagte Li anerkennend. »So was lob' ich mir, da sieht man doch wann und wie. Aber da draußen Gras und Bäume und soll an Schafott denken! – Na, weiter Lu!«

Sie gingen unter einem Torgewölbe durch und kamen auf eine steinerne Brücke, die über einen breiten, tiefen Graben führte.

»Das ist der Moat, der Festungsgraben,« erklärte Fee. »Richard I. hat ihn angelegt. Früher war er natürlich mit Wasser gefüllt. Jetzt wird da exerziert und gespielt.«

»Ist mir lieber so,« sagte Li. »Das gräßliche Umbringen und Kopfabhauen.«

Die grauen ernsten Mauern, hinter denen so viel Grausiges sich abgespielt hatte, wirkten beklemmend auf Li.

Wieder durch ein Torgewölbe, das einen Turm durchquerte. Sie standen nun zwischen zwei Einfassungsmauern.

»Je,« rief Lu, »auch noch doppelte Mauern. Eine wäre doch eben genug.«

Lu ging's wie Li. Es beengte ihr das freie Atmen.

»Dies ist die äußere Einfassungsmauer,« sagte Fee. »Heinrich III. ließ sie anlegen. Sie hat drei feste Bastionen nach Norden und sechs Türme nach dem Fluß zu.«

»Puh,« machten Lu und Li.

»Es gibt noch die zweite Einfassungsmauer, hier, die da zur Linken. William Rufus baute sie. Sie hat dreizehn Türme. Aber seht mal hier rechts den Torweg mit dem Gitter nach dem Fluß zu. Hier herein wurden die Gefangenen gebracht: Sir Thomas More, Anne Boleyn, Lady Jane Grey und so weiter.«

Sie standen und schauten.

Unheimlich schoß das dunkle Themsewasser vorüber. Welche Geheimnisse mochte es einst zu bergen gehabt haben?

Sie fühlten sich nicht wenig erleichtert, als sie nach kurzer Wanderung in dem runden Turmzimmer standen, das die Kronschätze beherbergt.

Ein großer Glaskasten in der Mitte des Raumes, durch schwere eiserne Gitter bewehrt und beschützt. Außerdem sind stets noch einige Hüter des Gesetzes anwesend.

Hinter dem Glas nun glänzt es und gleißt es von Gold und edlem Gestein. Kronen, Zepter, Schwerter, Geräte aller Art stehen sorgsam geordnet und aufgebaut.

Den oberen Abschluß des Ganzen bildet die Krone der verstorbenen Königin Viktoria.

Ein Glanz wie von einer Sonne geht von ihr aus, ein Leuchten, Funkeln und Strahlen, das die Augen schier blendet. Eine endlose Menge Brillanten und Perlen zieren sie.

»Je,« sagte Li, »so was! Laß uns die Steine zählen, Lu.«

»Da hättet ihr viel zu tun,« meinte Fee lachend. »Es sollen über dreitausend sein.«

»Dreit–« Li und Lu blieb der Mund offen vor Staunen. »Zu viel für einen Menschen,« entschieden sie dann kurz. »In Mutters Brosche sind bloß zehn.«

»Macht keinen so viel glücklicher,« sagte Muttchen lächelnd. »Ich bin mit meiner Brosche und den zehn Brillanten lieber die Friedel Rödern daheim, als König oder Königin hier mit den dreitausend da. Eine Krone ist immer eine Last.«

»Diese hier wiegt zweieinhalb Pfund,« sagte Fee.

»An wirklichem Gewicht, ja,« meinte Tante Lisa. »Aber was von Sorge und Verantwortung mit darauf lastet, das wiegt das Millionenfache, Kinder.«

»Wohl,« sagte Fee. »Herrscher sind nicht zu beneiden.«

»Ich denk' mir's nett,« sagte Li.»Immer tun können, was man will, immer Weihrauch gestreut kriegen, immer –«

»Sei nicht albern, Li Rödern. Sollte dir gut bekommen. Erstens kann ein Herrscher am allerwenigsten tun, was er will. Zweitens streut man keinen Weihrauch und drittens – übrigens laßt uns weitergehen, die Li bekommt sonst noch Größenwahn,« sagte lachend Muttchen Friedel.

Sie gingen nun über den inneren Hof und kamen zum ältesten Teil, dem Kern und Mittelpunkt des Ganzen.

»Dies viereckige Gebäude hier mit den vier Türmen ist der sogenannte White Tower. Ursprünglich stand er ohne die beiden Einfassungsmauern allein da. Wilhelm der Eroberer hat ihn erbaut, die Stadt zu beschützen und im Zaum zu halten. White Tower oder vielmehr, wie ihn die Normannen nannten,
›La Blanche Tour‹ hieß er, wie einige behaupten, weil er ursprünglich weiß getüncht war. Aus Tour ist Tower geworden, und diesen Namen behielt er bei.«

»Interessant,« sagte Li. »Seht mal die furchtbar dicken Mauern.«

»Fünfzehn Fuß sollen sie dick sein,« erläuterte Fee. »Kommt nur hier auf die Südseite. Dort ist eine Wendeltreppe von außen in der Mauer angebracht. Da kann man erst recht sehen, wie dick sie ist. Wir müssen auch hinauf, St. Johns Chapel sehen.«

Die Wendeltreppe, die sie nun erstiegen, ist eines der vollkommensten Denkmäler normannischer Baukunst.

Für Lu und Li hatte es weniger Interesse. Ebenso die großartigen Waffensammlungen, die dann besehen wurden.

»Gibt es noch etwas Besonderes?« fragte Li.

Fee nickte bloß und hatte große, ernste Augen.

»St. Peters Chapel müßt ihr noch sehen. Alle, die hier in diesen grauen Mauern enthauptet wurden, sind da begraben. Dort in der Ecke steht sie. Von dem kleinen Friedhof daneben sagt Macaulay: ›In truth, there is no sadder spot on earth than this.‹ Was heißt das, Li?«

»Es gibt keinen traurigeren Fleck auf der Welt als diesen,« sagte Lu sinnend. Merkte kaum, daß sie den Ausspruch Macaulays übersetzte, so war er ihr aus dem Herzen gesprochen.

Still standen sie und schauten.

Lu und Li faßten sich wortlos an den Händen.

»Laßt uns fortgehen,« sagte Muttchen Friedel endlich.

Still gingen sie und atmeten erst auf, als sie auf dem Kai standen, der sich zwischen Fluß und Moat hinzieht. Da zog die Themse dahin, von der Tower-Bridge überquert. Das Leben des Alltags, der Jetztzeit, buntes, bewegtes Leben flutete drüber hin.

»Uff, mir ist wieder wohl in der Sonne,« sagte Li. »Hinter den gräßlichen Mauern war der Moder und das Grausen.«

Lu schüttelte sich noch einmal wortlos.

»Und nun?« fragte Li.

»So unersättlich seid ihr?« fragte Fee lächelnd.

»Laß uns zur Bank gehen, Fee. Das bringt uns alle mit einem Schlag in die Wirklichkeit zurück,« schlug Tante Lisa vor.

»Was sollen wir da?« fragte Muttchen Friedel. »Reichtümer hab' ich nicht hinzutragen, und geschenkt bekommt man schwerlich etwas.«

»Aber einen Begriff erhält man von dem großartigen Leben und Treiben, Friedel,« sagte Tante Lisa. »Man erweitert den Blick, das ist auch etwas wert. Übrigens, wo's am schlimmsten ist, führe ich euch unterirdisch, kommt nur!«

Sie gingen durch Great Tower Street und kreuzten hinüber nach King William.

Das Gewühl und Treiben der City umbrauste sie rings umher.

Die City ist der älteste Teil der Stadt, eigentlich das ursprüngliche alte London. Jetzt ist es nur Geschäftsviertel. Hier befinden sich alle Banken, Bureaus und alle großen Geschäftshäuser.

Die Bank of England wiederum liegt im Mittelpunkt der City, und hier erreicht das Straßenleben seinen Höhepunkt.

»Ihr kriegt mich nicht in das Gedränge hinein,« sagte Muttchen Friedel kampflustig. »Lieber setz' ich mich hier auf einen Eckstein und warte, bis mich einer arretiert. Dann werd' ich doch sicher nach Onslow Houses gebracht.«

»Komm hierher, Friedel,« rief lachend Tante Lisa und bog in eine Seitenstraße von King William Street ein. »Wir gehen durch George Street am Mansion House vorbei. Dort ist der Eingang zum Subway.«

»Das ist der unterirdische Tunnel für Fußgänger, die nach der Bank wollen. Es war wirklich beinahe lebensgefährlich, dahin zu gelangen. Hier ist nämlich ober- und unterirdisch der geschäftigste Teil von ganz London. Sieben der wichtigsten Geschäftsstraßen münden an dieser Stelle. Und in jeder bewegt sich unausgesetzt vom Morgen bis zum Abend ein Strom von Kutschen, Omnibussen, Lastwagen, Karren, Automobilen, Radfahrern und Fußgängern. Keine Minute im Tag scheint der Strom zu ebben. Omnibusse allein, so ist neulich festgestellt worden, hielten sechshundertundneunzig in einer Stunde an der Bank, machen ein Dutzend fast auf die Minute. Kein Wunder, daß da, trotz dieser unterirdischen Ableitung, immer noch Unglücksfälle vorkommen. Aber die Policemen tun Wunder.« So berichtete Fee, und die Wangen glühten ihr vor Eifer. Man sah, sie war stolz auf ihre Adoptivvaterstadt.

»Und in solchen gräßlichen Wirrwarr bringt ihr uns, Kinder?« jammerte Muttchen Friedel. »Lu, Li, hierher! Ihr geht mir nicht von der Seite.« Wie eine Glucke sammelte sie ihre Küchlein.

Tante Lisa und Fee lachten.

»Ihr habt da gut lachen,« schmollte Muttchen Friedel. »Ich muß meinem Klaus doch noch mindestens ein paar heile Knochen seines Weibes mit heimbringen. Das wenigstens hat er doch um uns verdient. Und hier unter der Erde ist wahrlich auch noch ein Getriebe wie auf einem Jahrmarkt.«

»Darüber kann man sich doch kaum wundern,« versetzte Fee. »Sechzigtausend Personen passieren hier täglich.«

»Nun hör aber auf, Fee!« riefen Lu und Li. »Muttchen ist schon ganz blaß und uns schwindelt.«

»Hier die Stufen herauf, und wir sind oben,« sagte Tante Lisa.

Da standen sie unmittelbar vor der Bank.

Es konnte einem wirklich schwindeln in dem Getöse und Gewirr, dem Rennen und Jagen.

Ununterbrochenes Räderrollen, Peitschenknallen, Pferdetraben, Schwirren, Summen, Dröhnen, Schreien, Pfeifen und Lärmen. »So viel Menschen gibt's wirklich auf der Welt?« seufzte Li drollig erschreckt.

Und Lu nickte: »Gräßlich einfach!«

»Deine Bank hat ja keine Fenster, Tantchen.« Li hatte zuerst wieder Sinn für anderes.

»Meine Bank? Das wär' nicht so übel!«

»Was glaubt ihr wohl, wieviel Geld in den Gewölben der Bank liegt? Durchschnittlich zwanzig Millionen Pfund in Gold und Silber, versichert Onkel Werner.« Fee sagte das, und wieder klang so etwas wie Stolz aus ihren Worten.

»Pah,« erwiderten Lu und Li zugleich. »Zwanzig Millionen sind nicht so entsetzlich viel.« Lu und Li taten sehr von oben herab. »Zwanzig Millionen Pfund, Kinder, sind etwa vierhundert Millionen Mark.«

»Läßt sich schon eher hören, Tantchen,« meinten Lu und Li anerkennend.

»So 'ne Mammonshöhle,« sagte noch Li und warf einen mißbilligenden Blick nach dem langgestreckten einstöckigen Bau, der mit seinen wuchtigen Säulenreihen den Eindruck äußerster Solidität macht.

»Hineingehen wollen wir also nicht?« fragte Tante Lisa. »Das Publikum hat Zutritt.«

»Beileibe,« riefen Lu und Li zugleich. »Fehlte gerade noch. Anderer Leute Geld ist uns nicht interessant.«

»Ihr denkt wohl, man erhält die vierhundert Millionen auf dem Präsentierteller gebracht, was, Lu und Li?« sagte lachend Muttchen Friedel.

Lu und Li zuckten bloß die Achseln.

»So kommt nach St. Paul, flink! Die St. Pauls-Kathedrale muß jeder sehen, der nach London kommt. So gut wie St. Peter in Rom.«

»Los also!« sagten Lu und Li.

»Ich bin froh, wenn ich aus diesem Menschengewimmel fortkomme,« versicherte Muttchen Friedel aufatmend. »So 'ne Null sein unter Tausenden mag ich nicht.«

»Lieber Nummer eins daheim, was, Klein-Muttchen?« fragten Lu und Li lachend.

»Ja, ja, Kinder, tausendfach lieber.«

Und dann standen sie vor St. Paul.

»Leg los, Fee!« gebot Tante Lisa.

Fee lachte. »Ich komme mir so albern vor,« erwiderte sie.

»Mit all deiner vielfach schon bewiesenen Weisheit?« fragte Muttchen Friedel neckisch.

»Hast's wohl heute morgen nochmal im Fremdenführer nachgelesen, was, Fee?«

Li war solch ausnehmend großen Kenntnissen gegenüber recht mißtrauisch.

»Das sitzt längst hier fest,« entgegnete Fee und tippte an ihren Blondkopf.

»Merkwürdig,« sagte Li.

»Los also!« rief Lu.

»Es soll zu allererst ein Tempel der Diana hier gestanden haben, so sagt man.«

»Je,« rief Li, »was hat die hier zu tun gehabt?«

»In vorchristlicher Zeit natürlich, Li. Dann hat Ethelbert, König von Kent, im Jahre 607 eine stattliche Kirche hier erbaut, die 1086 durch Feuer zerstört wurde, kurz nach dem Einbruch der Normannen. Man fing gleich wieder an, die Kirche neu aufzubauen. Durch zwei Jahrhunderte ist sie aber nicht vollendet worden.«

»Schneckengang,« sagte Li.

»Und dann diente das Gebäude allerhand unheiligen Zwecken statt dem Gottesdienst. Das große Schiff wurde ein öffentlicher Tummelplatz für allerhand Volk. Ein Theater lehnte sich an die äußeren Mauern.«

»Schändlich,« sagte Lu.

»Dann kam das große Feuer von 1666, dem fast das ganze alte London zum Opfer fiel. Jetzt ging Wren, der größte Architekt seiner Zeit, ans Werk. Der Bau erstand so, wie ihr ihn jetzt seht. Die Kuppel ist riesig, was? Laßt uns für einen Augenblick hineingehen.«

Sie standen im Riesenschiff unter der großen Mittelkuppel. Himmelanstrebend wölbt sie sich, den kleinen Menschen in seiner Kleinheit erdrückend.

»Je,« staunte Li, »enorm! Aber der Kölner Dom ist mir doch lieber.«

»Jedes der Bauwerke ist in seiner Art großartig,« meinte Muttchen Friedel. »Mir ist übrigens die reine Gotik auch lieber als dies Gemisch.«

»Kommt, wir gehen zu Wrens Grab und sehen sein Denkmal an,« sagte Fee.

Sie standen vor einer schlichten Platte, die den Namen des berühmten Baumeisters trug.

»Und das Denkmal?« fragte Lu.

»Lies!« sagte Fee.

Lu las, stockend zwar, aber sie las: »Lector, si monumentum requiris, circumspice!«

»Was heißt das?« fragte Li.

»Leser, wenn du sein Denkmal suchst, blick um dich!« So Fee.

»Hm!« sagte Li und sah ungewiß drein.

»Er hat doch den Dom gebaut,« versetzte Lu. »Ein bißchen helle sein, Li!«

Li zeigte sich etwas ungebärdig.

»Kinder!« mahnte Muttchen Friedel. »Kannst du übrigens Lateinisch, Fee?«

»Ein bißchen, Klein-Muttchen. Eben für den Hausgebrauch.«

Mit Staunen, mit Scheu fast, sah Muttchen Friedel zu ihrer Tochter auf.

»Lisa, ich fürchte –«

»Was, Friedelchen?«

»Die ist uns allen über.«

Es klang komisch und war doch ernst gemeint. Sehr ernst. Tante Lisa las in der Schwester Herz und lenkte ab.

»Zum Lunch jetzt, Kinder! Ich bin rechtschaffen hungrig.«

»Ich, wie ein Wolf,« versicherte Li.

»Ich, wie ein Bär,« nickte Lu.

So gingen sie in ein in der Nähe befindliches Speisehaus und ließen es sich sehr gut munden.

»Nur eure Gemüse schmecken kein bißchen, Fee,« tadelte Li. »Weshalb sind sie nur so viel besser daheim, Muttchen?«

»Wir kochen sie anders.«

»Wie aber?«

Da saß Muttchen Friedel in der Tinte. Sehr viel reichhaltiger waren ihre Kenntnisse seit der seligen Babette Zeiten nicht geworden. Hilfeflehend sah sie Schwester Lisa an.

»Hier werden alle Gemüse in Wasser abgeblüht und dann mit Butter gegessen. Daheim dämpft man sie mehr in der Butter, das erhält den ursprünglichen Geschmack.« So kam Tante Lisa der Schwester zu Hilfe. Und dann sagte sie aus einem begreiflichen Gedankengang heraus: »Hat die alte Babette schwer gelitten, Friedelchen?«

»Nicht so sehr, Lisa. Ihre Beleibtheit war ihr in der letzten Zeit zur Plage geworden. Aber sie bestand darauf, noch die ganze Küchenarbeit zu tun. Der Papa und Tante Lenchen hätten ihr so gern Hilfe genommen. Dann kam die Lungenentzündung und die führte zu ihrem Ende.«

»Treue, alte Seele,« sagte Tante Lisa.

»Du hast wohl bei ihr kochen gelernt, Muttchen?« erkundigte sich Li.

Muttchen Friedel brummte etwas, das wie »oder auch nicht« klang. Sie sagte dann aber laut und bestimmt: »Ja, Li. Und nächsten Winter müßt ihr daran glauben.«

»Weh!« riefen Lu und Li. »Wird was Nettes werden. Kannst du's, Fee?«

Die schüttelte den Kopf.

»Hier ist so wenig Gelegenheit dazu,« sagte Tante Lisa.

»Dann lernt sie's mit uns,« jubelten Lu und Li.

»Unsere Kathrine bringt's den dreien bei,« sagte Muttchen Friedel.

Man merkte Mutter wie Töchtern an, wie froh sie waren, Fee bei etwas, das sie nicht kannte, ertappt zu haben.

»Seid ihr bereit?« fragte nun Tante Lisa.

»Aufzubrechen?« meinten Lu und Li.

»Ja, wir wollen wieder weiter.«

In St. Pauls-Station bestiegen sie die »Underground«, wie man in London kurzweg sagt, und tauchten in Westminster-Station wieder ans Tageslicht.

»Ich kann solche Fahrten nicht ausstehen,« sagte Li. »Es ist unheimlich da unten.«

»Ja, mir ist die Sonne auch lieber,« bestätigte Lu.

»Was ist denn das für ein Riesenpalast? Wohnt da der König?« Li rief es und stand starr.

»Das sind die Houses of Parlament,« erklärte Tante Lisa, »Hier ist der Sitz des Parlaments.«

»Ein ordentlicher Sitz,« meinte Lu lachend.

Wohl mochte Li staunen. In riesiger Ausdehnung, mit reich gegliederter Fassade, von Türmen und Türmchen überragt, zieht sich der Parlamentspalast an der Themse hin. Er bildet ein langgestrecktes Viereck. Entgegengesetzt der Flußseite ist ihm Westminster Hall angegliedert.

»Das Ganze anzusehen, würde uns zu viele Zeit nehmen,« meinte nun Tante Lisa. »Ich schlage vor, nur Westminster Hall zu sehen. Es ist bei weitem der historisch interessantere Teil.«

»Alles kann man nicht sehen,« sagte Muttchen Friedel. »Also Westminster Hall!«

Sie traten ein. Ein Riesenraum umfing sie.

»Man sagt, es sei die größte Halle der Welt,« erläuterte Fee. »Seht mal das Dach, ganz ohne stützende Pfeiler. Richard II. hat es 1397 aufsetzen lassen. Es soll ein Meisterwerk von Zimmermannsarbeit sein.«

»Und was war hier?« fragte Li.

Fee erklärte: »Hier wurden die allerersten Parlamentssitzungen abgehalten. Richard II., der die Halle erbaute, wurde hier entthront. Karl I. ist hier zum Tode verurteilt und Cromwell als Lord-Protektor ausgerufen worden. Ein paar Jahre später wurde dann sein Kopf hierher gebracht und ein Vierteljahrhundert lang auf dem südlichen Dachgiebel ausgestellt.«

»Es waren böse Zeiten,« sagte Tante Lisa. »Eine Menge Todesurteile sind hier noch gesprochen worden. William Wallace, Lord Cobham, Thomas More, Somerset, Carl of Essex, Guy Fawkes, allen wurde hier das Leben abgesprochen. Dort die Tafel auf dem Fußboden zeigt, wo der unglückliche Karl I. stand und sein Todesurteil fällen hörte.«

»Komm heraus,« sagte Muttchen Friedel, »mir wird ganz jämmerlich.«

Und wieder standen sie im Sonnenschein einer milderen Zeit.

»Nun noch Westminster Abbey,« lud Tante Lisa ein, »dann sollt ihr Ruhe haben für heute.«

»Wir sind gar nicht müde,« versicherten Lu und Li.

Muttchen Friedel schwieg.

Über eine kleine Weile standen sie vor der Westminster Abbey. Die beiden stumpfen Türme ragten hoch in die sonnige Luft.

»Wißt ihr, woher der Name stammt?« fragte Fee.

»Nein,« sagten Lu und Li trocken. »Keine blasse Ahnung.«

»Weil der Bau auf der Westseite der Stadt errichtet wurde.«

»Natürlich,« sagten Lu und Li lachend. »Hätten wir auch ohne deine Belehrung wissen können. Weiter, Fee.«

»Zwischen den Jahren 605 und 610 soll hier die erste Kirche gestanden haben, die Sebert, dem König der Ostsachsen, zugeschrieben wird. Eduard, der Bekenner, wird aber für gewöhnlich als der Gründer von Westminster Abbey angesehen. Er war der letzte angelsächsische König und regierte im elften Jahrhundert.«

»Lange her,« sagte Li.

»Er wurde auch in der Abtei gekrönt. Alle Könige sind seitdem seinem Beispiel gefolgt, bis auf Eduard VII. Nur der arme junge König Eduard V. nicht. Er starb ungekrönt.«

»Seid hübsch ruhig,« mahnte in diesem Augenblick Tante Lisa. »Es ist etwas an dem Ort, das andächtig stimmt, Kinder, das auf der Seele lastet und den Atem benimmt in wortloser Ehrfurcht. Es ist kein Kleines, sich von den Gebeinen der Großen aller Zeiten umgeben zu wissen, die die Welt mit ihrem Ruhm gefüllt haben. Nicht nur Englands Herrscher bis zur Zeit Georgs III. schlafen hier ihren letzten Schlaf. England hat Raum hier gefunden für seine großen Staatsmänner, seine Feldherren, für seine Dichter, Künstler, Gelehrten, für alle, alle, deren Gedenken die Nation ehren will. Alle sind sie hier entweder wirklich beigesetzt, oder es ist irgend eine Tafel oder Büste zu ihrem Gedächtnis angebracht. Was Wunder, daß der Ort uns mit ehrfürchtigen Schauern erfüllt.«

Sie standen erstaunt in der Mitte des Schiffs zwischen dem Chor und der Kapelle Eduards des Bekenners.

Der Eindruck, den diese himmelanstrebenden Säulen, diese sie krönenden Spitzbogen des Gewölbes machen, ist auch überwältigend. Durch wundervoll gemalte Fenster fällt gedämpftes Licht und erhöht die Feierstimmung.

»Dieser Wald von Säulen!« sagte Lu.

»Sind sie wirklich alle von Marmor?« fragte Li.

»Echter Marmor! Und zwar englischer aus den Steinbrüchen von Purbeck. Wundervoll, nicht?«

Lu und Li nickten.

»Dort im Nordflügel des Querschiffs, durch den wir hereinkamen, liegen die Staatsmänner,« erklärte nun Tante Lisa. »Pitt, Peel, Palmerston, Disraeli. Aber laßt uns für eine kurze Weile in den ›Poetenwinkel‹ gehen. Hier im Südflügel des Querschiffs ist er. Nur wenige sind freilich wirklich hier begraben, aber allen, von Chaucer bis Tennyson und Ruskin, ist ein Denkmal gesetzt. Seht hier Spencer, Shakespeare, Burns, Dickens, Jonson, Milton, Thackeray, Macaulay, dann Irving, Browning, Tennyson. Keiner fehlt.«

Sie standen und schauten. Auch Lu und Li waren still und ernst geworden.

»Jetzt durch die Kapelle des Bekenners, Tantchen, dem Begräbnisplatz der Könige, wie sie heißt,« mahnte Fee. »Aber nur kurz. Wir müssen mehr Zeit für Henrys VII. Chapel haben.«

Sie gingen durch die Kapelle des Bekenners hindurch mit großen, ernsten Augen. Nicht weniger als sechs Könige und sechs Königinnen liegen hier begraben.

In der Mitte steht der Schrein des Bekenners.

Ihr angegliedert nach hinten ist die Kapelle Heinrichs VII.

Ein Laut des Staunens und der Bewunderung entfuhr allen, als sie hineintraten.

»Ist das wirklich Stein oder ist's Spitzenwerk?« fragte Muttchen Friedel. »So etwas ist kaum glaublich.«

»Ist's nicht wundervoll?« fragte Fee begeistert. »Sieh nur das Gewölbe, Muttchen. Diese durchbrochenen Spitzenrosetten mit den hängenden Knäufen. Feengebilde scheinen es zu sein. Wer könnte an Stein und Meißel denken? Ein Triumph der Steinhauerkunst scheint es!«

»Und ist es wohl,« sagte Tante Lisa. »Dem Stein ist seine Schwere genommen. Wunderfeines, spinnwebartiges Spitzenwerk scheint von Feenhänden dort übers Gewölbe gespannt.«

»Wenn nur nichts herunterfällt,« sagte Li. »Es scheint zu duftig und zart, um dort zu haften.«

»Und steht bereits über vierhundert Jahre,« versicherte Tante Lisa.

»Li hat ihr Leben sehr lieb,« versetzte Lu lachend.

»Weil's schön ist,« nickte die ernsthaft.

Fee war still weiter gegangen. Jetzt winkte sie den Schwestern. Die traten zu ihr an die Nordseite der Kapelle.

»Seht mal, hier liegen die letzten Reste der armen jungen Prinzen, die im Tower ermordet worden sind. Daneben ist das Grab der Königin Elisabeth. Und hier liegt die blutige Maria.«

»Laß uns heim, Lisa, ich kann nicht mehr,« bat jetzt Muttchen Friedel. »Und wenn du mir das Großartigste auf dem Präsentierteller brächtest, es macht keinen Eindruck mehr auf mich. Ich bin voll bis zum Rande.«

»Armes Muttchen,« sagten Lu und Li.

»Dann also heim,« entschied Tante Lisa.

»Underground natürlich?« fragte Li.

»Wie du Bescheid weißt,« neckte Fee.

»Ihr seid ja doch die reinsten Maulwürfe hier,« versetzte Li lachend. »Hätt' nie gedacht, daß ich mal unterirdisch so expediert würde.«

*

»Wie war's?« fragte Onkel Werner beim Diner.

Vergnügt sah er von einer der drei Nichten zur anderen. Sie sahen so frisch und so niedlich aus in ihren hellen Seidenblusen.

Li war die flinkste, sobald die Zunge in Frage kam.

»Wundervoll war's, Onkel. Bloß ein bißchen viel Köpfe haben sich die alten Herrschaften abgehauen. Aber gebaut haben sie, alle Achtung. Und zu viel Menschen habt ihr hier, Onkel Werner. Gemütlich ist das nicht. Aber hast du gesehen, wie niedlich wir sind, Onkel? Extra für dich!«

»Große Ehre! Weshalb?«

»Wir möchten nämlich gern, daß du uns morgen mit in den ›Suh‹ mitnimmst, wie Fee sagt. Der Zoologische Garten ist das, ich weiß. Kuriose Leute, die Engländer; schreiben ›Zoo‹ und sprechen ›Suh‹.«

Onkel Werner lachte. »Weißt du,« fragte er, »wie jener Sachsenhäuser zum Frankfurter sagte, der ihm Ähnliches von den Engländern erzählte? ›Des is gor nix‹, meinte er, ›bei uns sacht mer Gaul un schreibt Pferd!‹«

Lu und Li mußten über diesen Scherz lachen.

»Und der Zoo, Onkel Werner?« fragte Lu nach einer Weile.

»Meinethalben, da ihr euch so niedlich gemacht habt!«

»Mir gefällt's, daß man sich hier Abends noch einmal putzt,« sagte Lu. »Es gibt dem Tag ein festliches Ende.«

»Die Sitte des Umkleidens am Abend kommt daher, daß dann die Herren des Hauses, die den Tag über im Geschäft sich abmühen, daheim sind und die Arbeit hinter ihnen liegt. Man feiert mit ihnen,« sagte Tante Lisa.

»Eine nette Sitte,« riefen Lu und Li. »Wir führen's daheim für Väterchen auch ein, was, Muttchen?« Aber, was hatte nur Muttchen?

Man war mittlerweile in das angrenzende Wohnzimmer gegangen. Dort lag die zuletzt eingegangene Abendpost. Muttchen Friedel hatte einen Brief für sich entdeckt; sie saß in einem Sessel und las. Jetzt sah sie auf und machte erschreckte Augen. Alle standen sofort um sie herum.

»Was gibt's, Friedel?«

»Muttchen, was hast du?«

»Lutz und Fritz – Klaus – der Papa –«

Sehr zusammenhängend war das nicht, was Muttchen Friedel stotterte.

»Tante Lenchen – na ja, wissen wir. Alle haben Sehnsucht nach den Reisenden; selbstverständlich. Aber wir geben sie nicht her. Sechs Wochen sind uns garantiert durch die Rückfahrkarte.«

Der Onkel sagte das und dankbar nickten Lu und Li ihm zu.

»Nur – es ist bloß, weil – Lutz und Fritz scheinen Streiche zu machen. Und Klaus – Klaus will sie fort geben. Aber ich–ich gebe meine Jungen nicht her. Lieber – ich muß heim, Lisa.«

Sehr beweglich sah Muttchen Friedel die Schwester an.

»So schnell, Friedel? Und–und Fee?« entgegnete Frau Lisa.

»Aber, Muttchen! Noch nicht vier Wochen sind wir hier und sechse sollten's sein!« riefen Lu und Li und heulten fast.

Gequält sah Muttchen Friedel vom einen zum anderen.

»Mir tut's ja selbst recht leid, und Klaus schreibt's auch so nebenbei. Aber mir ist, als ob ich gehen sollte! Ich – Fee könnte ja noch bleiben – nachkommen – acht – sagen wir zehn Tage gebe ich zu, dann –«

Muttchen Friedel stockte.

»Du gehst natürlich, wenn du's für deine Pflicht hältst, Klein-Muttchen, und ich gehe mit. Was, Tante Lisa?« Das sagte Fee. Atemlos sah Friedel die Schwester an.

»Das Kind hat recht,« bestätigte Frau Lisa; aber die Stimme war unsicher, und der Kopf blieb gesenkt.

»Meine Lisa!«

Eng umfaßten sich die Schwestern. Fee wischte sich die Augen und schob ihren Arm in denjenigen des Onkels. Lu und Li schmollten, ließen die Köpfe hängen und schlichen hinaus. Aber die Abreise in zehn, zwölf Tagen blieb nun einmal beschlossene Sache.

Die Heimkehr

»Also, das Möglichste müssen wir jetzt noch aus den paar Tagen machen, Onkel Werner,« sagte Li am anderen Morgen.

»Li,« mahnte Muttchen Friedel tadelnd.

»Recht hat sie, Friedel,« riefen Onkel Werner und Tante Lisa zugleich.

»Sehen sollten sie eigentlich noch die National- und die Tate-Galerie, den Zoologischen Garten und Windsor Castle oder Hampton Court vielleicht,« schlug Fee vor.

»Was zuerst?« fragte Onkel Werner.

»Den Zoologischen,« baten Lu und Li einstimmig.

»Affen natürlich, statt Bilder und Kunstwerke,« schalt Muttchen Friedel.

»Im Zoologischen möchte ich dabei sein,« sagte Onkel Werner. »Heute paßt's mir aber nicht. Also zu den Bildern! Ich kann euch nicht helfen, Lu und Li.«

»Macht nichts, bitte,« sagten die großmütig.

»Ich schlage vor, wir fahren bis Buckingham Palace, besehen uns den von außen, gehen The Mall hinunter an St. James Palace vorbei nach der Nationalgalerie; dann Lunch. Am Nachmittag Tate Gallery und Hyde Park. Von da heim, Friedel,« setzte Tante Lisa auseinander.

Muttchen Friedel nickte. »Ein voller Tag wiederum, scheint mir.«

»Viel Grün und Bäume und viele Bilder.«

Eine Stunde später standen sie vor Buckingham Palace. Schöne, reichvergoldete Tore und Gitter schließen ihn ab.

»Goldene Gitter,« meinte Li bewundernd.

»Ist auch des Königs Stadtresidenz,« sagte Fee. »Georg III. kaufte den Palast vom Herzog von Buckingham, Georg IV. ließ ihn umbauen, aber erst Königin Viktoria bewohnte ihn wirklich. Der jetzige König, der hier geboren ist, benutzt ihn zur Freude der Londoner noch mehr; seine Privatgemächer sind auf der Nordseite.«

»Wär' mir zu groß, so 'n Haus,« erwiderte Li. »Ob der König selber weiß, wieviel Zimmer er hat?«

Sie lachten und wandten sich der Mall zu, einem breiten Fahrweg, der den Palast in gerader Linie mit Charing Croß, einer der vielen Londoner Bahnstationen, verbindet.

»Was für ein Denkmal ist das?« fragte Lu.

»Das Nationaldenkmal für die Königin Viktoria, Kind,« erklärte Tante Lisa.

»Die erkenne ich,« rief Li und wies nach der Statue aus karrarischem Marmor, die auf hohem Sockel thront. »Aber was bedeutet die andere Gestalt?«

»Eine geflügelte Figur ist's. Irgend ein Genius,« behauptete Lu.

»Es soll den Sieg darstellen. Victory, weißt du,« erklärte wieder Tante Lisa.

»O, wie wundervoll grün der Park hier rechts ist,« rief in diesem Augenblick Li aus.

»Der St. James Park,« sagte Fee.

»Da ist wohl St. James Palace nicht weit?«

»Gleich dort links, eine kurze Strecke noch.«

Bald standen sie auch vor St. James Palace.

»Wenig steht mehr von Heinrichs VIII. altem Palast,« sagte hier Fee. »Er soll nach einem Plan von Holbein gebaut worden sein; ein Feuer zerstörte 1809 den östlichen Flügel. Der Torweg hier mit den beiden hohen, zinnengekrönten Türmen ist fast alles, was vom ursprünglichen Bau noch zu sehen ist.«

»Hm,« brummte Li, »das sieht so aus, als könne da auch allerhand Gruseliges passiert sein. Was, Fee?«

»Eigentlich war St. James nur Residenz bei Könige von Wilhelm III. an. Heinrich VIII. wohnte nur kurze Zeit da, um dann in Whitehall zu residieren. Doch richtig, Karl I. lebte ja hier, und einige seiner Kinder sind hier geboren.«

»War das der, Fee?« fragte Li und machte die Gebärde des Kopfabhauens.

»Natürlich doch,« sagte Lu. »Der mit Cromwell.«

»Am Morgen seines Hinrichtungstages besuchte er hier noch den Gottesdienst in der Kapelle. Dann eskortierte ihn ein Regiment zu Fuß durch St. James Park nach Whitehall zum Schafott.«

»Schrecklich!« sagte Lu. »Mit welchen Gefühlen mag er unter den grünen Bäumen hingeschritten sein! Die Vöglein haben ihm sein Sterbelied gesungen.«

Da lächelte Fee ein wenig.

»Was lachst du, Fee?« fragte Lu erregt. »Hab' ich nicht recht?«

»Was die Gefühle anbelangt, sicherlich! Bloß die grünen Bäume und der Vogelsang – er ist nämlich am 30. Januar 1649 enthauptet worden.«

Li blickte spöttisch auf die Schwester.

»Deine Geschichtskenntnisse, Lu!« sagte sie lachend.

»Alle Daten kann der Mensch nicht wissen,« behauptete Lu seelenruhig.

»Fee weiß sie.«

»Ja, Fee!«

Sie fanden bald Gelegenheit, auch Fees Kunstkenntnisse zu bestaunen. In der Nationalgalerie wußte sie Bescheid bei den Bildern aller Zeiten und aller Völker.

»Wißt ihr, daß hier ungefähr tausendsechshundertundfünfzig Bilder aufgehängt sind?«

»Um Himmels willen!« rief Muttchen Friedel erschrocken. Lu und Li prallten zurück.

»Taus-?«

»Und alle –?« Bloß fragmentarisch drückten sie sich aus in ihrem Schreck.

»Tausendsechshundertundfünfzig, ja,« bestätigte Fee fröhlich. »Aber zu sehen brauchen wir sie nicht alle, keine Bange! Wir gehen nur zu den besten. Seht mal gleich hier diese Raffaelsche Madonna. Sie ist für siebzigtausend Pfund angekauft worden, also für eine Million viermalhunderttausend Mark.«

»Der höchste Preis, der je für ein solches Kunstwerk gezahlt wurde,« fügte Tante Lisa hinzu.

»Wer erhielt das Geld? Raffael? Der muß ja furchtbar reich gewesen sein, wenn er für jede Madonna –«

»Raffael hat keine Schätze gesammelt, Li. Das Geld bekam der Herzog von Marlborough, dem das Bild gehörte.«

»Aber das war ungerecht!«

»War es das, Li? Bedenke, daß der Künstler überreich entschädigt ist durch sein Talent! Was wäre dir lieber, das Talent oder die Millionen?«

»Hm,« brummte Li.

»Das Talent doch,« sagte Lu.

»Beides,« erklärte Li entschieden. »Hab' ich die Arbeit, will ich auch den Lohn.«

»Die Arbeit ist Lohn, Li,« sagte Tante Lisa ernst. »Etwas Großes, Gewaltiges schaffen können, denkst du nicht, daß das seinen Lohn in sich trägt?«

Li senkte den Kopf, aber völlig überzeugt war sie nicht.

Sie gingen nun durch die weiten Säle und Zimmerfluchten. Jedes Zimmer barg eine andere Malerschule. Die alten Italiener, Niederländer, die Spanier, Franzosen, Deutsche waren vertreten.

Unsere Galeriebesucher hielten sich nicht zu lange auf, sahen überall nur das Beste. Nur in den Zimmern, in denen die englische Kunst vertreten war, sahen sie alles eingehender an.

»Im Land selbst sieht man natürlich das Beste der heimischen Kunst,« sagte Muttchen Friedel. »Lu, Li, macht die Augen auf!«

Lu tat kläglich, Li aber rollte die ihren zum Fürchten.

»Hier in dem Zimmer sind ja fast nur Bilder von Reynolds und Gainsborough, Fee,« sagte sie.

»Dafür sind's die beiden größten Namen der alten englischen Schule. Sieh dir das da an: ›The age of innocence‹. Es ist das beste von Sir Joshua Reynolds. Dann hier: ›Mrs. Siddons‹, du weißt, die große englische Tragödin. Das Bild gilt für Gainsboroughs bestes.«

»Ich ziehe Landseer vor, Fee. Wo hängen seine Bilder? Seine Hirsche sind prachtvoll,« erkundigte sich Li.

»Zu ihm kommen wir später,« sagte Fee. »Er gehört schon zur modernen Schule. Aber seht euch noch hier Hogarth an. Das hier ist sein eigenes Porträt, von ihm selbst gemalt.«

»Hätt' ich nicht getan, wenn ich er gewesen wäre,« sagte Li trocken.

»Da ist ja ›Mrs. Siddons‹ noch einmal,« sagte Lu. »Oder nicht?«

»Gewiß, nur in späterem Alter. Sir Thomas Lawrence hat dieses Bild gemalt.«

»O, hier ist mein Landseer,« jubelte Li; sie stand unter der Tür zum nächsten Raum.

»Fast nur Landseer und Millais sind hier,« sagte Fee. »Seht sie euch gut an. Der ›Yeoman of the guard‹ ist von Millais und sehr berühmt.«

»Den kennen wir ja!« rief Li. »Haben wir doch in Natur im Tower gesehen.«

»Kommt hier herein; nur Turner,« forderte Fee auf. »Er hat bei seinem Tod alle seine vollendeten Bilder der Nationalgalerie vermacht. Er ist wohl der größte Landschafter, der je gelebt hat. Er sah die Natur nicht nur mit den Augen, meine ich, sondern mit dem Herzen. Was, Tante Lisa?«

»Wohl, mein Kind,« sagte Tante Lisa. »Seine Bilder leben, sie sind nicht nur Leinwand und Farben. Seine Sonne scheint wirklich, und seine Wolken bedrücken.«

Fee nickte. »So fühl' ich's auch.«

Über all dem Bilderbesehen war es spät geworden.

»Gehen wir noch in die National Portrait Gallery?« fragte Fee. »Da sind nämlich die Bilder aller regierenden Häupter und Familien, aller Staatsmänner, Gelehrten, Dichter, Schriftsteller, Feldherren und Schauspieler ausgestellt, kurz aller derer, die eine Rolle in der Geschichte dieses Landes spielten oder sonst einen Namen haben. Mehr als zwölfhundert sollen es sein.«

Muttchen Friedel sah ungewiß drein! Lu und Li packten Fee rechts und links am Arm.

»Untersteh dich!«

»Um Himmels willen!«

Muttchen Friedel wollte zanken und über mangelndes Interesse klagen, aber sie selber fühlte so wenig Lust in sich, all den alten Herren und großen Männern ihre Reverenz zu machen, daß der Mensch in ihr den Erzieher verdrängte. Sie wandte sich an Tante Lisa.

»Ob wir nun wissen, wie sie aussahen, Lisa! Müssen wir?«

Lächelnd sah Tante Lisa in die drei braunen Gesichter, die sich so ähnlich waren.

»Hurra, Muttchen! Klein-Muttchen hat doch immer recht,« jubelten Lu und Li.

»Also Lunch, Kinder?« fragte Tante Lisa.

»Ja!« So laut und einstimmig kam es, daß Tante Lisa sich erschreckt umsah.

»Kinder, mäßigt euch! Und dann Tate Gallery, was? Das ist nämlich eine Art Nationalmuseum für britische Kunst. So war doch das Programm, Fee?«

Fee nickte; ehe sie aber was sagen konnte, kam es einstimmig aus drei Kehlen: »Nein!«

Lu und Li standen rechts und links von Muttchen Friedel; drei herausfordernde Gesichter sahen Tante Lisa an.

»Also offener Streik?« fragten Tante Lisa und Fee.

Muttchen Friedel nickte. »Da wir im Mutterlande der Streiks sind, müssen wir Vorteil daraus ziehen. Lu und Li und ich, wir wollen lieber nach Hyde Park, bitte, bitte. Wir sind Naturkinder, und sehnen uns zu Gras und Bäumen zurück nach all dieser bemalten Leinwand.«

»Hurra, Muttchen!« Lu und Li waren aus Rand und Band.

Da merkte Muttchen Friedel, was sie angestellt hatte; sie nahm sich ihre beiden fest und blitzte sie an. »Nun hört mal, ihr zwei: damit habe ich nicht gesagt, daß ich ein Kunstwerk nicht zu bewundern weiß und zu schätzen und zu genießen, wo ich es finde. Vieles hier hat mir große Freude gemacht; aber nun hab' ich auch gerade genug. So habe ich noch ein klares Bild von allem; sehe ich aber mehr, wird alles ein Durcheinander in mir. Allzuviel ist ungesund; dies gilt vom Magen wie vom Kunstgenuß. Merkt's euch! Verzeih, Lisa, aber du weißt, ich habe immer gesagt, was ich denke.«

»Hast recht, Friedel! Fee und ich wollten euch ja auch nur noch weiterschleppen, weil die Zeit drängt. Nun also zum Lunch!«

Sie traten wieder auf das Trafalgar Square, an dessen einer Seite sich die Nationalgalerie hinzieht. Vorhin beim Kommen hatten sie den Platz wenig beachtet.

»Was für eine große Säule ist das?« fragte Li. »Wer steht da oben?«

»Es ist Nelson,« berichtete Fee. »Du weißt, der große britische Admiral; er erfocht glänzende Siege für sein Land. Bei Abukir schlug er die Franzosen, bei Kopenhagen die Dänen, bei Trafalgar dann – woher der Platz hier den Namen hat – besiegte er die französisch-spanische Flotte. Da fiel er auch.«

»Wissen wir,« riefen Lu und Li. »Seeschlacht bei Trafalgar 1805. Ganz dumm sind wir doch nicht.«

»Laß uns durch Haymarket nach Piccadilly gehen, Fee. Dort, finden wir, was wir suchen; unsere lieben Gäste bekommen dann auch einen Begriff vom eleganten, modernen London.«

»Auf dem Heumarkt, Tante?« fragte Li erstaunt. »Du sagtest doch Haymarket?«

»So sagte ich. Und dies hier ist's.«

Sie bogen in eine etwas ansteigende Straße ein. Läden zu beiden Seiten, große Hotels, Theater, Restaurants.

»Nach Heu sieht das hier nicht aus,« meinte Lu. »Ich war schon bereit, eine Nase voll Heuduft mitzunehmen. Das hier, puh, Kohlen, Staub, Braten –«

»Du, ist nicht zu verachten,« sagte Li. »Ich bin hungrig.«

»Bist du immer,« tadelte Lu.

»Bitt' ich mir aus! Manchmal bin ich auch satt.«

»Aber selten,« spottete Lu.

»Gleich sind wir in Piccadilly,« tröstete Tante Lisa.

Nun bogen sie in die breite, wundervolle Straße ein, die zu jeder Stunde des Tages ein Bild regsten, elegantesten Lebens und Treibens bietet. Der untere Teil der Straße zeigt Läden aller Art, abwechselnd mit großen Hotels. Der obere Teil begrenzt den sogenannten Green Park. Auf der anderen Seite mit dem Blick auf den Park stehen elegante Klub- und Privathäuser.

»Laß uns in Princes Restaurant gehen, Fee. Heut leben wir fein.«

»Paßt auf, wie elegant es dort ist,« sagte Fee. »Alles im Stil Louis XVI.«

Lu und Li rissen die Augen auf, auch Muttchen Friedel; es war wirklich der Mühe wert, das zu sehen. Wunderbar vergoldetes Schnitz- und Schnörkelwerk an Sesseln, Stühlen, Tischen, an Türen und Fenstern; Spiegel, Kandelaber, Trumeaux, alles reich verziert, alles wie aus einem Guß. Es machte einen prächtigen, vornehmen Eindruck.

Lu und Li fühlten sich denn auch sehr klein; die vornehmen »waiters« beengten sie gleichfalls. Scheu sahen sie nach Tante Lisa und Fee; wie die sich gaben, taten sie es auch. Sehr geschickt kam es aber nicht immer heraus.

»Weißt du, wozu all die Gabeln und Messer und Löffel und Gläser und Teller und Tellerchen dienen, Klein-Muttchen?« fragte Li, der Schalk.

Klein-Muttchen machte ein verschmitztes Gesicht. »Nee; werd's aber bald los haben.«

Dabei sah sie nach Tante Lisa und Fee. Man merkte, auch sie nahm die als Vorbild. Wie Lu und Li sich freuten!

»Landpomeranzen wie wir, was, Muttchen?«

»Kinder, was zu viel ist, ist zu viel,« rief diese. »Zwei Gabeln bringe ich allenfalls unter, für jeden Gang eine, aber hier – alle Achtung!«

»Fisch, Obst, Dessert, Käse!« erklärte Fee und hob die betreffenden Instrumente hoch.

»Alle Achtung!« wiederholte Muttchen Friedel. »Ein kultiviertes Volk! Wie aber soll einer allein das behalten? Merkt's euch, Lu und Li, ihr seid noch jung!«

Die grinsten; nicht lange freilich, wenigstens Li. Der Waiter trat neben sie: »Beaf, Miss, or mutton?«

Li sah ihn erst verständnislos an. Er wies nach zwei Schüsseln, die drüben auf einem Büfett standen. Da kam ihr die Erleuchtung: der Mann bot zweierlei Fleisch zur Auswahl an. Sie war hungrig und wollte von beiden.

»
Much and much – viel und viel,« antwortete sie also, wollte aber »
half and half – halb und halb« sagen.

Der Mann sah sie sonderbar an, war aber gut geschult. Er verzog seine undurchdringliche Miene um keines Haares Breite, nahm Lis Teller, ging zu den betreffenden Schüsseln und belud ihn. Mindestens drei Schnitten je vom Ochsen und vom Hammel hatte er ihr aufgetürmt.

»Much and much!« spottete Lu.

Li wurde feuerrot, aber trotzig sagte sie: »Ich habe eben Hunger.« Und sie aß, bis sie fast erlag. Aber sie wurde Herr, bloß daß sie für alles weitere danken mußte.

Beim Pudding zeigte der Mann die gleiche undurchdringliche Miene.

»Queen's pudding, Miss, or rhubarb pie?«

»Half and half, not much, please!« Li war gelehrig; sie oder vielmehr ihr Magen hatte Lehrgeld gezahlt. Fee strich ihr sanft über die Hand.

»Bravo, Schwesterchen!«

Li beugte den Kopf und legte die Lippen auf Fees Hand.

»Ich hab' dich lieb,« sagte sie leise. Lu bekam eine kleine Grimasse ab.

»Fertig, Kinder?« fragte Tante Lisa; sie hatte es eilig.

»Du, 's ist wie im Fürstenschloß hier! Ich komme mir riesig gehoben vor!«

»Ich mag's lieber ohne solchen Hopphei,« erwiderte Li mißbilligend; sie hatte ihr inneres Gleichgewicht noch nicht wieder gewonnen. »Laßt uns fort. Bei all diesem Geschnörkel wird mir übel.«

»Oder das much and much!« neckte Lu.

»Laß sie,« verwies Fee. Sie sah, daß Li noch keinen Sinn für den Humor der Sache hatte.

Nun gingen sie Piccadilly entlang. Li drängte sich dicht an Fee und sah Lu immer noch mißtrauisch an. Dann vergaß sie den Zwischenfall über dem Leben und Treiben ringsum.

»Viel hübsche junge Mädchen habt ihr, Fee,« sagte Lu anerkennend. »Alle so blond und so fein! Li und ich sehen wie Negerinnen dagegen aus.«

»Danke,« wehrte sich Li. »Jeder spricht für sich, bitte! Übrigens ist keine so nett wie unsere Fee.«

»Richtig,« bekräftigte Lu.

Fee lachte. »Wollt ihr mich eitel machen?«

»Kannst du ja gar nicht werden,« behauptete Li. »Eitel sein ist gräßlich.«

Lu nickte und sagte: »Albern!«

Die beiden Jüngeren hatten sich wiedergefunden.

»Wie schön die Straße hier am Park hinläuft, Lisa,« sagte Muttchen Friedel. »So elegant sie ist, dies ist das Schönste. Bäume und Blumen sind mir mehr wert als geputzte Menschen.«

Damen und Herren kamen in Gruppen dahergeritten.

»Alles zu seiner Zeit, Friedel,« erwiderte Tante Lisa. »Da sind wir übrigens schon an Hyde Park Corner. Dort der Säulenportikus führt in den Park. Die Reiterstatue da drüben ist der Herzog von Wellington. Aber laßt uns eintreten. Es scheint belebt in Rotten Row. Da gibt's für dich was zu sehen, Friedel.«

»Pferde gewiß,« sagte Muttchen Friedel und war von diesem Augenblick an in der Tat wie elektrisiert.

»Pferde und Reiter, Herren und Damen,« erwiderte Tante Lisa lächelnd.

Sie traten in den Park und sahen Rotten Row, den breiten Reitweg zur Linken, hinunter. Hohe alte Bäume begrenzten ihn; er ist nur zum Reiten bestimmt.

Einzeln, in größeren und kleineren Trupps kamen elegante Reiter und Reiterinnen. Vornehmes Blut bei Mensch und Tier war vertreten. Muttchen Friedels, Lus und Lis Augen leuchteten.

»Laß uns näher gehen, Tante Lisa!«

»Dort neben dem Fahrweg ist ein Fußweg. Kommt dorthin!«

Unter den Bäumen gingen sie hin, einstweilen völlig Auge und Ohr für die vierbeinigen Freunde.

»Muttchen, Muttchen, sieh die Goldbraune da! So denke ich mir deine Bella von früher!«

»Viel schöner war die, Lu und Li. Was, Lisa?«

Die nickte.

»Immer noch die alte Liebe zu Pferden, Friedel?«

»Du solltest jetzt meine Graue sehen, Lisa! Klaus verwöhnt mich.«

»Und meinen Pfeil!« rief Lu.

»Und meine Unverdrossen!« rief Li; die beiden strahlten wie ihr Muttchen.

»Ihr reitet auch?«

»Natürlich doch!«

»Aber selbstverständlich!«

»Wie die Wilden,« setzte Muttchen Friedel hinzu. »Ungesattelt, ungezäumt; einerlei, ob Ackergaul oder Damenpferd. Was, Lu, Li?«

»Von wem sie's bloß haben?« flüsterte Tante Lisa und zupfte Muttchen Friedet verstohlen am Kleid.

»Von mir doch natürlich,« sagte die laut und stolz. »Du weißt ja, ich wäre einmal am liebsten in den Zirkus gegangen!«

»Bravo, Klein-Muttchen,« riefen Lu und Li.

Da erwachte Frau Friedel.

»Das heißt natürlich, Lu und Li, da war ich noch sehr jung und sehr dumm. Ihr wißt, in solchem Alter ist man noch recht albern. Kannst du reiten, Fee?«

»Wie sollte ich?« fragte die. »Übrigens hätte ich auch Angst.«

»Wir lehren dich's daheim, Fee.« Lu und Li taten sehr gönnerhaft. »Vater muß für ein frommes Tier sorgen. Die ›Schneerose‹ von Herrn von Ellern zum Beispiel. Denkt euch Fee auf der ›Schneerose‹!«

»Wundervoll!« sagte Li anerkennend. »Sie ist ein Schimmel nämlich, reinweiß. Du bekommst ein weißes Kleid und einen weißen Hut, was, Muttchen? Famos, he? Die sollen Augen machen!«

»Denkt ihr, ich lasse mich wie eine Art Schaustück herausputzen?« fragte Fee. »Auf einen Pferderücken bekommt ihr mich kaum hinauf, glaube ich.«

»Kurios,« sagte Li, und Lu nickte. »Ganz kurios!« sagte auch sie.

Rechts schimmerte jetzt eine breite Wasserfläche.

»Wenn ihr genug Pferde gesehen habt, Kinder, schlage ich vor, daß wir zu dem gepriesenen Gras und Bäumen gehen. Blumen gibt's auch außerdem.«

»Was für ein See ist das?« fragte Muttchen Friedel.

»Es ist die Serpentine. Ein langgestreckter, künstlicher Wasserarm, der den Park quer durchschneidet. Königin Karoline, die Gemahlin Georgs II., hat ihn angelegt und damit dem Park einen seiner größten Reize gegeben. Laßt uns an der Dell hingehen! Seht, wie sich das Gelände hier senkt: ein kleines grünes Tal. An der anderen Seite ziehen sich dann die weiten Rasenflächen hin mit den alten Baumgruppen. Ihr müßt das sehen!«

Ungern nur trennten sich Muttchen Friedel, Lu und Li von Rotten Row. Immer noch gab's ein Tier zu bestaunen, einen Reiter, Herrn oder Dame, zu kritisieren. Aber dann folgten sie doch Tante Lisa und Fee.

Sie gingen zwischen der Schmalseite der Serpentine und der Dell hin und standen schließlich vor weiten, wundervoll samtgrünen Rasenflächen. Durchblicke wechselten mit Baumgruppen, altehrwürdige Riesen mit Bosketten und Blumenbeeten in leuchtenden Farben.

»Das ist schön,« sagte Muttchen Friedel und atmete hoch auf. »So weit und so frei!«

»Hyde Park hängt mit Kensington Gardens zusammen. Das Ganze bedeckt eine Fläche von hundertfünfzig Acres. Eine stattliche Lunge für die Großstadt, was, Li?«

»Ach ja, ich weiß! Wegen des Sauerstoffs, den die Bäume ausatmen.«

Sie hatten sich nun links gewandt und gingen am Wasser hin.

»Kann man irgendwo Boot fahren?« fragte Lu.

»Dort sind welche,« sagte Tante Lisa zögernd. »Aber ist es sicher, wenn –«

Sie sah Lu und Li an.

»Kommst du mit, Fee?«

Die zögerte.

»Fürchtest dich, was?« neckten Lu und Li.

»Fürchten nicht gerade, obgleich ihr mir nicht die zuverlässigsten Bootsleute wäret, aber – ich kann's nicht gut vertragen, wenn's schaukelt, und –«

»Puh, das ist gräßlich,« sagten Lu und Li, eingedenk ihrer Erfahrung von der Herreise. »Also du nicht. Wir aber dürfen, Muttchen, was?«

Muttchen Friedel zögerte, die flehenden Augen der zwei machten sie aber wieder schwach.

»Meinethalben,« sagte sie. »Was meinst du, Lisa?«

Tante Lisa hob die Schultern. »Ich –«

»Rudern können sie nämlich; sie haben es voriges Jahr am Bodensee immerzu getan.«

»Allein?«

»Allein, gewiß. Ich denke, es hat keine Gefahr, Lisa.«

»Dann laß sie! Fee, hilf ihnen ein Boot mieten. Wir gehen dann hinüber über die Brücke, Kinder. Dort ist ein Pavillon, wo man Erfrischungen haben kann. Dort findet ihr uns. Merkt's euch: jenseit der Brücke.«

»All right,« sagten Lu und Li.

Bald saßen sie im Boot, sahen die Ihren am Ufer hingehen und riefen ihnen noch allerhand nach. Immer lauter mußte man die Stimme erheben. Lu und Li kümmerte das wenig; ihre Lungen gaben's ja her. Aber da wandte sich Fee und legte den Finger an den Mund; völlig in Ordnung war also wohl diese Art von Unterhaltung nicht.

»Na, denn nicht,« sagte Li und schlug mit dem Ruder ins Wasser, daß es spritzte. »Merkwürdiges Land das, wo man nicht reden darf, wie einem der Schnabel gewachsen ist.«

»Brüllen, Li,« sagte Lu trocken. »Oder nennst du das noch reden? Mir tut der Hals weh.«

»Meinethalben,« sagte Li und patschte noch einmal ins Wasser. Aber dann war ihr kleiner Zorn verflogen.

Sie sah nur den großen weiten Himmel über sich und unter sich in der großen weiten Wasserfläche. Oben und unten lachte die Sonne, und die allzeit fröhliche Li lachte mit.

Hurtig griffen nun die Ruder aus. Das kleine Boot glitt über das Wasser an den grünen Ufern weiter und weiter.

»Dort ist die Brücke, Lu.«

»Und dort muß der Pavillon sein, wovon Tante Lisa sprach.«

»Weiter, Lu!«

»Weiter, Li!«

Nun glitten sie durch Kensington Gardens hin. Noch lieblichere Landschaftsbilder fast bietet dieser Park als sein Zwillingsbruder jenseit der Serpentine. Die Durch- und Fernblicke sind oft überraschend, die Bäume suchen ihresgleichen.

»Wundervoll ist es hier,« sagte Li und tippte Lu dazu mit dem Ruder ans Knie.

»Au, du, mein Kleid,« rief die. »Du machst mich ja patschnaß.«

»Philister,« versetzte Li verächtlich.

»Selber,« gab Lu erzürnt zurück.

Aber dann war's doch zu schön und zu friedlich rings. Still glitten sie weiter. Li fing an, mit heller Stimme zu singen, was, wußte sie selber nicht; Lu sekundierte. Im Takt flogen die Ruder und das kleine Boot.

Tante Lisa, Muttchen Friedel und Fee saßen unterdessen auf dem grünen Rasen vor dem Erfrischungszelt.

»Wo sie nur bleiben?« sagte Tante Lisa endlich schon zum dritten oder vierten Male.

»Ja, wenn die einmal losgelassen sind, Lisa!« antwortete Muttchen Friedel. »Übrigens bange brauchst du nicht zu sein; fix sind sie. Fallen wie die Katzen immer wieder auf die Füße!«

Noch ein Viertelstündchen verging und noch eines. Tante Lisa war's unbehaglich zu Mut. »Wenn du nach ihnen ausschauen wolltest, Fee! Vielleicht finden sie nicht, wo wir sind.«

Muttchen Friedel blieb seelenruhig. »Lu und Li schnüffeln immer alles aus.«

Fee stand auf. »Ich – dort kommen sie übrigens. Aber irgend etwas ist passiert. Seht mal, wie sie rennen, und die Hüte sitzen ganz schief.«

»Die wittern den Tee,« sagte Muttchen Friedel.

Lu und Li waren indes schon recht nahe. Sichtlich erregte sie etwas und zwar sehr; hochrot waren sie und heiß. Und so sehr sie eilten, immer wieder fuhren ihre Köpfe nach hinten.

Atemlos standen sie endlich am Tisch. Glücklicherweise waren wenig Menschen in der Nähe.

»Sie ist nicht bei Sinnen,« sprudelte Li.

»Wollte uns küssen, wahrhaftig küssen!« sprudelte Lu.

»Wir haben's ihr aber versalzen!«

»Li hielt ihr die Fäuste vor! Mir tat das arme Altchen leid.«

»Werd' mich küssen lassen! Noch dazu von so 'ner wildfremden Person! Und mit solchen Zähnen!«

»Die braucht sie doch nicht zum Küssen!«

»Puh, gräßlich war sie!«

Das kam wie eine Sturzwelle über die jungen Lippen. Die anderen aber saßen starr. Muttchen Friedel fand zuerst ihre Rede wieder.

»Wolltet ihr euch vielleicht ein wenig näher erklären, Lu und Li?«

Da sprudelte es aufs neue.

»Wie wir eben ans Land steigen wollen –«

»Da, da fällt sie über uns her.«

»Die Fremde nämlich.«

»Ein merkwürdiges Frauenzimmer.«

»War schon eine Weile am Ufer auf und ab gerannt.«

»Hatte allerhand komische Zeichen gemacht.«

»Hatte auch gerufen; bloß, daß wir's nicht verstehen konnten.«

»Es klang wie Pfui! Pfui da!«

»Und von Pfui ist doch nichts an uns.«

Li war sehr entrüstet, aber Lu sprudelte weiter: »Na also, und wie wir den Fuß ans Land setzen, fliegt sie an Lis Hals –«

»Das heißt, will fliegen. Ich aber habe ihr beide Fäuste vorgehalten.«

»›Zehn Schritt vom Leibe!‹ hat Li geschrieen.« Lu lachte nun wie toll.

»Und ob!«

»Wir rannten also, nachdem Li sich so befreit hatte, und –«

»Himmel, da ist sie wahrhaftig. Was nun, Lu? Hilfe! Hilfe!«

Li machte Miene, schreiend davonzustürzen, Lu hinterher. Aber Muttchen Friedel faßte die beiden an den Röcken noch eben zur rechten Zeit.

»Seid ihr toll, he?«

»Fort, Muttchen, fort!«

»Rette dich! Sie küßt dich sonst!« Lu und Li schienen aller Fassung bar.

Nun sah man eine weibliche Gestalt mit langen Schritten quer über den Rasenplatz daherkommen. Die anderen hatten sie nur bis jetzt noch nicht bemerkt.

Die Fremde sah wirklich sonderbar aus. So völlig unrecht hatten Lu und Li nicht. Lang, hager, knochig an Gestalt und Gesicht, die Kleider schlotterten an ihr, der lächerlich kleine runde Hut saß tief im Nacken; Schuhe wie kleine Schifferboote, Arme, die Windmühlenflügeln gleich durch die Luft ruderten. Aller Anmut und Grazie bar, mit unheimlich langen Schritten kam sie näher und näher.

Tante Lisa und Fee hatten sich gleichfalls erhoben. Lu und Li duckten sich hinter Muttchen Friedel, die die beiden noch an den Röcken gepackt hielt.

»Aber ist das denn nicht –?«

Muttchen Friedel ließ Lu und Li fahren und rannte ihrerseits auf die Nahende los.

»Miß Fuida,« jauchzte die, »sein meine Miß Fuida!«

»Miß Miller,« rief Muttchen Friedel dagegen, »liebe, liebe Miß Miller!«

Lu und Li machten große runde Augen.

Das war also Miß Miller, Muttchens Gouvernante von früher, von der sie stets mit solcher Liebe sprach, von der sie nie wieder etwas gehört hatte? Muttchens Miß Miller! Und sie, Lu und Li –

»Hab' ich wirklich vorhin zugepufft, Lu?« fragte Li, und ihr braunes Gesichtchen wurde blaß. »Was tun wir nur, du?«

»Auskratzen, Li.«

»Los!« sagte die entschlossen.

Aber ehe der Plan zur Tat werden konnte, hatte Muttchen Friedel sich aus Miß Millers Armen freigemacht.

»Und nun laß ich Sie sobald nicht wieder fort, Miß Miller. Lisa, dies ist meine Miß Miller, du weißt ja. Miß Miller, dies ist Fee, meine älteste Tochter. Lu, Li, hierher! Da sind die beiden Rangen, Miß Miller, die –«

»Sein liebe kleine Miss Fuidas number two. Ick ihm kennen already.«

Miß Miller schüttelte beiden die Hände, als ob sie ihnen die Arme ausreißen wollte. Lu und Li senkten die Köpfe.

»
Beg your pardon, Miß Miller,« sagte Li und raffte all ihr Wissen zusammen, »I – I am so sorry.«

»Never mind, dear little Miss Fuida. You did not know me. Mik nickt kennen. Let me kiss you.«

Da hob Li das braune Gesicht und sah in die guten Augen. Die langen Zähne mißfielen ihr kein bißchen mehr; auch Lu nicht, die dann ihren Kuß abbekam.

»
These dear children are like you, indeed, dear Miss Fuida – but I don't remember your name just now. Nickt uissen Ihre Nam.«

»Mein Mann heißt Klaus von Rödern,« sagte Muttchen Friedel.

»Also Fuau von Uöden,« fuhr Miß Miller fort. »And how is your father? And Tante Len-schen?«

Lu und Li sahen einander an. Es kam aber zu keinem Ausbruch; sie waren noch zu zerknirscht, und Miß Millers gute Augen hatten es ihnen angetan. Die machten alles vergessen, was komisch drum und dran war.

Muttchen Friedel erzählte von dem Papa und Tante Lenchen. Daß beide noch ganz dieselben seien, nur älter vielleicht.

»Wie wir alle,« schloß Muttchen Friedel und sah dazu so jung und so froh aus, daß Miß Miller sagte: »Not you, Miss Fuida, not you. Sein so young und so – so lovely.«

Zärtlich sah dazu Miß Miller ihre »Miß Fuida« an. Und Muttchen Friedel schaute rot und verlegen drein wie ein junges Mädchen.

»Bravo!« riefen Lu und Li.

Da strich Muttchen Friedel Fee über die Schulter.

»Was sagen Sie zu meiner großen Tochter hier?«

Miß Miller ließ die klaren guten Augen ein Weilchen auf Fee ruhen.

»Sein lovely too. But not your child. Nickt Ihre Kind in die Art.«

»Zu gut für mich, ja, ja,« bestätigte Muttchen Friedel. »Schwester Lisa hat sie erzogen. Dies Unkraut hier ist mein Erziehungswerk.«

Lu und Li standen Arm in Arm, sahen lieb und frisch und gut aus, kein bißchen wie Unkraut.

»Sein Miss Fuida number two,« wiederholte Miß Miller. »Nix Unkuaut. Do they – tu Sie klettern auf Baum?«

Lu und Li nickten und lachten.

»
Do they play tricks of all sorts – macken Sie tolle Stueik?«

Lu und Li grinsten und nickten.

»
Do they play the violin like an angel – wie eine Engel spiel die Violin?«

Lu und Li schüttelten die Köpfe.

»
Do they have the best, kindest, warmest heart – die beste, uärmste Herz in die Welt?«

»Miß Miller,« sagte Muttchen Friedel vorwurfsvoll, heiß und rot.

»Klein-Muttchen! Das hat Klein-Muttchen!« jauchzten Lu und Li, und tätschelten und streichelten dazu an Muttchen Friedel herum, daß die sich entrüstet wehrte.

»Wollt ihr Frieden geben, Unkraut! Miß Miller, ich hätte Sie für vernünftiger gehalten.«

Die lachte, nickte Lu und Li zu und zeigte alle ihre Zähne. Dann setzte sie sich an den Tisch neben Muttchen Friedel, hielt deren Hand und trank dazu eine Tasse »hot and strong tea,« wie sie sagte. Der Tee war mittlerweile schwarz geworden, was sie weiter nicht anfocht.

»Erzählen Sie von Ihrem Leben, Miß Miller,« bat nun Muttchen Friedel. »Weshalb habe ich nie von Ihnen gehört? Ich schrieb doch mehrmals. Wo sind Sie jetzt?«

»I?« Miß Miller hob die guten Augen. »
I, my child? I live with my brother – mit meine Bruder, and I am happy – sein glicklich. He is not married – nickt verheiuatet, and so am I. Ick auck nickt. Sein gute treue Bruder mit alte Swester. Ick nickt schueiben, weil schämen vor Tante Len-schen. Haben nickt Pflickt tun bei Miß Fuida, haben missen lachen, nur lachen. Haben nickt können punish, nickt können nein sagen, Miß Fuida.«

Sie hatte leise gesprochen. Nur Muttchen Friedel und Tante Lisa, die auf der anderen Seite saß, konnten es verstehen. Muttchen Friedel drückte die knochige, dürre Hand.

»Liebe Miß Miller!«

»Es ist doch alles recht geworden, Miß Miller,« sagte Frau Lisa.

»So viel fehlt, Lisa, so viel!« sagte Muttchen Friedel und ließ den Kopf hängen. »Fee soll mir helfen, will's Gott!«

»What a beautiful girl!« sagte Miß Miller.

Die drei Schwestern sprachen unter sich und hörten nicht.

»Wie ich nur dazu komme?« fragte Muttchen Friedel. »Es muß von Anbeginn an eine Verwechslung gewesen sein.«

Miß Miller lachte mit allen Zähnen und streichelte eifrig an Muttchen Friedels Hand. Mit einem Male riß sie die Uhr heraus.

»Half past five! My train starts at half past six. Zug geht in einer Stunde. Have still to do some shopping –muß nock kaufen. I must go. Ick müssen gehen. Good bye, my dears, God bless you. Sein so fuoh, Miß Fuida, haben nock einmal gesehen Ihre liebe Gesicht. God bless you. Good bye! Good bye!«

Händeschütteln, Umarmen, Küssen, alles wie ein Wirbelwind.

Wie sie gekommen war, rannte sie davon, mit langen Schritten und rudernden Armen.

»Schreiben, Miß Miller! Write to me, please!« lief Muttchen Friedel hinterher.

Miß Miller hob die langen Arme und winkte. Hieß es Ja? Nein? Sie wandte den Kopf. Noch einmal sahen sie ihre guten klaren Augen.

»Good bye!« rief sie und machte noch längere Schritte. Fort war sie.

»Prächtig ist sie,« sagte Li.

»Prächtig,« bestätigte Lu.

»Ich freue mich, daß ich sie noch einmal gesehen habe, Lisa,« sagte Muttchen Friedel und hatte Tränen in den Augen. »Ich habe sie zu viel ausgenützt und sie hat doch das beste Herz von der Welt. Ich bin glücklich, daß es ihr gut geht. Wenn jemand, so verdient sie es. Ein Stein ist mir vom Herzen, Uff!«

Und Muttchen Friedel seufzte tief auf, um zu beweisen, wie leicht und frei ihr war.

Durch Kensington Gardens gingen sie dann heim. – – –

Sonnabend nachmittag ging's in den »Zoo«, wie der Zoologische Garten in London gewöhnlich genannt wird. Dort herrschte das regste Leben und Treiben. Eine Musikkapelle spielte; über Regents Park, in dessen nördlichem Teile sich der Zoologische Garten befindet, strich eine milde Sommerluft, blau war der Himmel, die Sonne lachte. Und zwei junge braune Schelmengesichter lachten Onkel Werner an.

»Famos, Onkel, daß du uns mitgenommen hast!«

»Klein-Muttchen wäre doch nie dazu gekommen.«

»Die gräßlichen Kleider!«

»Fee bekommt ja wohl 'ne ganze Ausstattung?«

»Ein Glück, daß man uns dabei nicht brauchen kann.«

»Hätte noch eben gefehlt, einen solchen Tag mit Einkäufemachen zu verbringen.«

»
›Shopping‹ sagen sie ja wohl hier. Was meinst du, Onkel, wir sind doch furchtbar gesetzt geworden?«

»Väterchen wird seine Freude haben, was?«

So sprudelten Lu und Li um die Wette und blitzten den Onkel aus ihren lustigen Augen an.

Der hatte es übernommen, die beiden hierher zu führen. Tante Lisa, Muttchen Friedel und Fee hatten wenig Lust gehabt und dann war für Fees Garderobe noch allerhand zu beschaffen. Tante Lisa ließ sich das nicht nehmen.

»Wirst deine Last mit den beiden haben, fürchte ich; Werner,« hatte Muttchen Friedel gesagt und bedenklich dazu ausgesehen. »Wenn ich sie nicht kurz an der Strippe halte, dann schlagen sie nach allen Seiten aus.«

»Will's wagen,« hatte Onkel Werner fröhlich erwidert.

Nun saßen sie hier bei der Musik im Sonnenschein, bei Tee und Kuchen und ließen sich's wohl sein. Lu und Li sprachen dem Kuchen gewaltig zu. Mit Lachen sah Onkel Werner die unbegrenzte Aufnahmefähigkeit eines gesunden jungen Magens.

Sie hatten den nördlichen Teil des Gartens schon besucht. Dort hausen Elefanten, Rhinozerosse, Flußpferde, Giraffen und andere.

»Die Dickhäutergesellschaft gefällt mir eigentlich gar nicht,« sagte jetzt Li. »Alle so plump! Da lobe ich mir die Affen!«

Lu hatte so manches dagegen einzuwenden. Ein Geplänkel entstand.

»Vertragt euch, Kinder,« mahnte Onkel Werner fröhlich, »trinkt und eßt und kommt dann zu den Affen.«

Bald standen sie dort. Eine muntere Gesellschaft tollte da hinter dem Gitter, einer immer komischer als der andere.

Hier jagten sich ein halbes Dutzend mit Gekreisch. Dort hielten sich ebensoviele an den Schwänzen gepackt und schaukelten sich in langer Kette. Daneben wiegte eine kleine Affenmutter ihr Kindchen im Arm. Ein Affenvater züchtigte seinen Sprößling in sehr menschlicher Weise mit Ohrfeigen; der Gemaßregelte quietschte aus Leibeskräften.

»Wirst du ihn gleich loslassen!« schalt da Li, von Unwillen erfaßt.

Der Vater fletschte die Zähne und fuhr gegen das Gitter. Nun quietschte Li.

»Ein Einmengen, wo zweie sich streiten, taugt nicht, weder bei Menschen noch bei Tieren! Merk' dir's!« neckte Onkel Werner.

In einer Ecke des Käfigs saß ein Weltverächter, wie's schien; er starrte in einen Winkel.

»Gewiß ist er krank,« sagte Li voll Mitleid und näherte sich dem Gitter allzusehr. Dabei kam ihre wippende weiße Straußenfeder dem Käfig zu nahe. Ritsch, ratsch, ein Griff, ein Zerren.

»Au,« rief Li, »mein Hut, au!«

Die Hutnadel hielt Lis Hut auf der arg zerrauften Frisur fest. Aber die schöne Weiße Feder hatte der Weltverächter in seinen Klauen. Jetzt saß er oben auf dem Baumstamm, grinste Li an, schwenkte die Feder hin und her und stieß dabei ein Triumphgeheul aus.

Nun gab's im Käfig ein Rennen und Jagen von allen Seiten, ein Raufen und Ringen. Lis Feder hatte einen wilden Kampf entfacht. Sie wechselte den Besitzer zehnmal in der Minute. Der Kiel als trauriger Rest fiel dann wie zum Hohn dicht vor der ursprünglichen Besitzerin nieder.

Li langte ihn sich mit spitzen Fingern unter schadenfrohem Lachen der Zuschauer. Aber nach dem ersten blassen Schreck faßte sich Li. Sie hielt den schlimm zugerichteten Hut in Händen; sanft hatte der Affe nicht zugepackt, als er sich die Feder aneignete. Sie zupfte an der zerzausten Kopfbedeckung, glättete, was möglich war, und dann steckte sie sich den zerrauften Kiel an die Stelle, wo einst die Feder prangte. Sie sah ihr Kunstwerk an und machte dazu ein solch komisches Gesicht, daß sie die Lacher auf ihre Seite bekam.

»Li,« sagte Lu und sah ziemlich blaß aus, »was wird Muttchen sagen? Die schöne Feder!«

»Das ist das einzige, Lu,« sagte Li. »An der Feder liegt mir nicht die Bohne. Aber Muttchen wird ihre Augen machen, du weißt, Lu, so vorwurfsvolle, große. Die kann ich nicht sehen, Lu!«

Onkel Werner hatte mit den anderen gelacht; jetzt besann er sich, daß er der Angelegenheit etwas näher stand als jene.

»Was machen wir, Li?«

»Nichts, Onkelchen.«

»Aber kannst du denn so gehen?«

Er wies auf Lis Hut und bekam noch einen Lachanfall.

»Und ob, Onkelchen! Niemand sieht's, und mich ficht's nicht an. Es könnte ja die neueste Mode sein. Man trägt noch ganz andere Dinge!«

»Komm, dort sind noch Affen,« sagte Lu.

»Eigentlich hab' ich genug davon,« erwiderte Li. Aber sie traten doch vor die Käfige, die die größeren Affen bargen.

»Nette Burschen! Namentlich der!« sagte Li begeistert und wies auf einen großen, langhaarigen, schwarzen. Beinahe enthusiastisch sah sie ihm in das runzelige gelbe Gesicht mit den Zwinkeräuglein.

Endlich sagte Onkel Werner: »Gehen wir zu den Bären, Li.«

Li nickte, ohne recht hinzuhören. Die kleine Kapuzineraffenmutter mit ihrem Jungen war zu niedlich. Dann kam eine Menschenwelle und schwemmte Li fort.

Li sah sich um. Dort war noch ein Affenkäfig; sie hatte nun einmal eine besondere Vorliebe für Affen. Sie trat also auch zu jenem, staunte, lachte und vergaß alles andere. Dann kam sie zu sich. Nach kurzer Zeit? Nach langer? Sie wußte es nicht.

Wohin hatten Lu und Onkel Werner gehen wollen? Waren es nicht die Bären gewesen?

Li schlenderte weiter. Irgendwo mußte man ja zu den Bären gelangen.

Noch einmal kam sie am großen Affenhaus vorüber. Der Weltverächter und Federndieb saß wieder einsam in seiner Ecke. Li nickte ihm fröhlich zu; sie hegte keinen Groll. Und sie schlenderte weiter.

Halt, waren dort hinten nicht Störche und Strauße? In ihrer Art so komisch und originell wie die Affen?

Li ging zurück, woher sie gekommen war, fand die Strauße und Störche und vergnügte sich ein Weilchen königlich über die tiefsinnigen Philosophen, die auf einem Bein stehen und den langen roten Schnabel trübselig zur Erde senken.

»Wenn ich mir doch eine Feder ausreißen könnte,« dachte sie dann beim Vogel Strauß. »Muttchen brauchte dann ihre Augen nicht zumachen.«

Fast streckte sie schon die Hand aus, als eins der Tiere so dicht am Gitter stand. Ein Rest von Besinnung hielt sie ab. Ein zweiter solcher Rest ließ sie dann an Lu und Onkel Werner denken.

»Zu den Bären, Li,« mahnte sie sich.

Sie rannte nun, verirrte sich wieder und kam zu den Seelöwen, überall gab's so viel zu sehen; sie vergaß sich von neuem. Endlich stand sie dann vor den Bären.

Onkel Werner und Lu waren aber nicht da. Noch nicht? Oder nicht mehr?

Li überlegte erst ein Weilchen, sehr kurz nur; dann beschloß sie, zu warten. Die Bären mit ihrer jungen Brut waren ja urdrollig. Frau Bärin patschte eben einem kleinen kugelrunden braunen Kerlchen tüchtig das Fell. Beifällig brummend stand Vater Bär daneben. Eine rührende Familienszene.

Li hatte wieder alle Welt um sich vergessen. Sie stieg die Treppe hinauf; von oben übersah man alles noch besser. Vielleicht waren Onkel Werner und Lu auch dort.

Das war nun nicht der Fall. Aber ein Bär saß hoch auf dem Baum, der im Käfig steht. Man fütterte ihn mit Brot.

Ein Stück blieb im Gitter hängen. Li stieß mit dem Schirm danach. Das Brot fiel und – der Schirm auch. Er war aus weißer Seide und Spitzen, ein Geschenk von Tante Lisa.

»Mein Schirm!« rief Li höchst kläglich; eine Lachsalve aller, die's sahen, antwortete ihr.

Es war übrigens schon kein Schirm mehr, sondern Fetzen und Splitter nur. Meister Petz hatte flinke Arbeit gemacht.

Verdutzt sah Li nur in lachende fremde Gesichter; nirgends eine Spur von Anteil an ihrem Mißgeschick.

Sie warf den Kopf zurück und ging sehr stolz ab.

»Es ist die mit der Feder,« hörte sie einen Mann lachend sagen.

»Ohne die Feder, willst du sagen,« erwiderte ein zweiter.

Diesmal hatte Li kein Lächeln. Der Scherz prallte an ihr ab.

Wo in der Welt waren Lu und Onkel Werner? Li lief's mit einem Male kalt den Rücken hinunter. Angstvoll sah sie sich um.

War sie wirklich ganz allein in dieser Masse Menschen? Allein in der weiten großen fremden Stadt! In die Welt hinausgestoßen, im fremden Land? Die fremde Sprache dazu! Wie sollte sie sich heimfinden?

Der Menschen wurden immer mehr. Li reckte sich, sah hierhin, dorthin, lief eine Strecke nach links und dann nach rechts.

Gewiß suchten die beiden sie bei den Affen. Zurück also! Diesmal hatte Li keinen Blick für ihre Lieblinge! Nur den Onkel finden und Lu!

Aber die waren nirgends zu erblicken!

»Haben Sie meinen Onkel nicht gesehen?« fragte Li einen Mann in einer Art Uniform, der bei den Affen stand; es war der Wärter. Sie bildete sich ein, er müsse sie vorher in Begleitung des Onkels gesehen haben.

Der Mann grinste und zuckte die Schultern. Ja so, englisch!

»Have you not seen my uncle?«

Der Mann grinste noch mehr.

»I do not know your uncle, Miss. Can't know the uncles of all pretty young Misses.«

Sie hörte nur das Nein und sah das Grinsen. So eilte sie wieder zu den Bären. Dort mußten die Gesuchten ja jetzt sein.

Nichts – und wieder nichts!

Lis braunes Gesichtchen wurde blaß, ihre grauen Augen groß und starr. Was tun?

Sie rannte die breite Terrasse entlang, die zum Haupteingang führt; hin, her und wieder hin. Kein Onkel Werner, keine Lu. Lieber Himmel, was nun?

Ein paar junge Herrchen waren schon aufmerksam geworden. Li sah zerfahren und erschreckt aus, und rannte hin und her wie das Mäuslein in der Falle, das den Ausweg nicht findet und ums liebe Leben bangt.

»
Can I do anything for you? Kann ich etwas für Sie tun?« fragte der eine.

Li sah sie erschreckt, fast entsetzt an.

»Ich will heim,« sagte sie kläglich wie ein kleines Kind.

»Oh, she is german,« raunten die Herren einander zu. »Sie ist eine Deutsche.«

Alle lächelten spöttisch. Entsetzt floh Li, wie ein gehetztes Wild. Aber die Bedränger blieben ihr dicht zur Seite.

Da kam die Empörung in Li, zum Durchbruch und vertrieb alles Zagen. Sie wandte sich plötzlich, warf den Kopf zurück und sah ihren Bedrängern furchtlos ins Auge.

»Wenn Sie mich jetzt nicht augenblicklich in Ruhe lassen,« herrschte sie sie an. »I tell you, you leave me alone and go your way – Gehen Sie Ihrer Wege, verstehen Sie! Do you understand me?«

Li raffte all ihr Wissen zusammen und all ihren Mut, reckte die Stubsnase und die grauen Augen blitzten verächtlich.

»
I thought you were gentlemen and no rowdies. Anständige Herren benehmen sich anders bei uns in Deutschland.«

Li bebte vor Zorn und fiel in dieser Erregung in ihre Muttersprache zurück.

»Bravo, junge Dame!« sagte da eine Männerstimme dicht hinter ihr. »Ich wollte eben meine Hilfe anbieten, da ich sah, daß Sie belästigt wurden. Aber wen haben wir denn da? Friedel Polten?«

Li fuhr herum und starrte den Herrn, zu dem die Stimme gehörte, mit weit aufgerissenen Augen an.

»Das ist mein Muttchen,« sagte sie und knickste. »Aber wer sind –?« Li brach ab und wurde feuerrot.

»Wer ich bin?« wiederholte der Herr, ein großer, schlanker Vierziger. »Ich bin Max Metzler, Regierungsbaumeister in Bonn, gegenwärtig auf einer Erholungsreise begriffen.«

»Ach, Tante Lilly Echterns Bruder?« rief Li, strahlend vor Freude.

»Gerade der! Und mit wem habe ich die Ehre?«

»Ach, ich bin ja Muttchens Jüngste, die Li. Elisabeth von Rödern, bitte.« Sie knickste wieder.

»Also so sieht Friedel Poltens Jüngste aus? Hm, kann sich sehen lassen!«

»Meinen Sie?« fragte Li sehr zufrieden. Er nickte.

»Hab' Sie ja doch an der Ähnlichkeit mit Friedel Polten erkannt. Und Friedel Polten – alle Achtung!«

»Ja, unser Muttchen!« Li sah ihn ernst an. »Ist noch immer die Schönste, Beste, Liebste, die –«

»Kann mir's denken,« sagte er. »Aber wie kommen Sie hierher, Kind, in diese Lage?«

Er sah sich um. Die Herrchen waren unsichtbar geworden. Li erzählte; er lachte.

»Scheint auch noch sonstige Ähnlichkeit mit Friedel Polten vorhanden zu sein außer dem Gesicht, Kind. Was?«

Li nickte und tat zerknirscht. »Leider, sagt Muttchen.«

»Sagt sie? Aber nun fahren wir heim, Kind. Dort gibt's sonst Tränen und Krämpfe.«

»Meinetwegen?« fragte Li. »O Muttchen sagt, Unkraut verdirbt nicht.«

Er brachte sie zu einem Cab und fuhr selber mit nach Onslow Square.

Onkel Werner und Lu waren mit der Unglückskunde bereits daheim. Sie hatten lange Zeit nach Li gesucht, waren hin und her geeilt zwischen Bären und Affen und hatten sie immer verfehlt. Dann hatte Onkel Werner die Polizei verständigt und Lu rasch heimgebracht. Er wollte eben wieder nach dem »Zoo« und sein Heil nochmals versuchen. Da fuhr unten ein Cab vor.

Lu lief zur Tür – sie war in Tränen und riß die Tür auf. Man hörte Muttchen Friedel eben mit sehr erregter Stimme sagen: »Dies Unglückskind, die Li! Aber ängstigt euch nur nicht zu sehr, Lisa, Fee, Lu. Unkraut verdirbt nicht und Li –«

»Hab' ich's nicht gewußt, daß Muttchen so sagen wird?« fragte Li und blickte ihren Begleiter siegesstolz an.

Dessen Antwort und Muttchen Friedels weiteren Erguß schnitt der Jubelruf Lus ab.

»Da ist sie! Da ist sie!«

Sie rannte die paar Stufen hinunter, hielt Li in den Armen und schluchzte: »Du Durchbrennerin, du!«

Li sah sie ganz verblüfft an und fuhr ihr mit spitzem Finger unter den Augen her; der Finger war naß. Li besah ihn tiefsinnig und hielt ihn Lu hin.

»Um mich, Lu?«

Lu nickte bloß und schluckte weiter.

»Nett von dir,« sagte Li anerkennend. »Will dir's nicht vergessen.«

Regierungsbaumeister Max Metzler hatte belustigt von einer zur anderen gesehen, jetzt lüftete er den Hut, während der Wagen davonfuhr.

»Dürfte ich bitten,« sagte er zu Li und sah bezeichnend nach Lu.

»Das ist nämlich Lu und – Muttchen, Muttchen, aber so eile dich doch! Rate, wen ich mitgebracht habe?«

»So schrei doch nicht so fürchterlich! Was für ein Benehmen ist das, Li? Erst fällt man bald um vor Schreck, weil du nicht da bist, dann erscheinst du und brüllst, daß einem wieder das Zittern ankommt. Ich –«

Indes war Herr Metzler mit langen Schritten die Stufen heraufgestürmt und stand nun vor Muttchen Friedel. Er streckte ihr beide Hände hin.

»Friedel, sind Sie das wirklich?«

Sie sah ihn an und legte ihre beiden Hände in die seinen.

»Max Metzler, natürlich bin ich's. Wie kommen Sie hierher? Und mit der da?«

Er erzählte, Li sprudelte.

»Und weil ich ihn gebracht habe, Muttchen, deshalb –« Ein komisch flehender Blick und stehend gefaltete Hände vollendeten den Satz.

»Geh mir aus den Augen, Li,« sagte Muttchen Friedel, »mach's mit Onkel Werner und Lu aus; die hatten das Schlimmste davon. Ich will mich heute bloß freuen dürfen. Wie sieht übrigens dein Hut aus?«

Schleunig verschwand Li; den Hut nahm sie eilig ab. Sie wandte sich an Onkel Werner: »Onkelchen?«

»Ja?«

»Böse?«

»Ja!«

»Bitte! Bitte! Bitte! Es waren bloß die Affen. Ich konnte nicht los.«

»Na, warst wenigstens in guter Gesellschaft,« spottete er. »Doch geh und bring den Hut in Sicherheit.«

»Der Schirm ist auch dahin!« sagte Li und faßte Lu unter. »Der Bär hat ihn gefressen.«

Entsetzt sah Lu drein.

»Unglückswurm, du!«

Li ließ erst den Kopf hängen, hob ihn aber gleich wieder.

»Muß eben ohne Schirm gehen, basta!«

»Erbarm dich,« jammerte Lu. »Was wird Muttchen sagen!«

Li nickte bloß. Sehr einig gingen dann beide die Treppe hinauf.

Regierungsbaumeister Metzler sah ihnen vergnügt nach und dann Muttchen Friedel ins Gesicht.

»Wenn's nicht zwei wären, glaubte ich mich in alte Zeiten versetzt, Friedel.«

»Gräßlich,« stöhnte die.

»Die alten Zeiten, Friedel?« fragte er vorwurfsvoll, fast beleidigt.

»Ach was! Nee, daß es gleich zwei sein müssen!«

»Ja so!« Er lachte. »Doppelte Freuden, was?«

»Sehr geteilte, Max,« seufzte sie und machte ihr zerknirschtestes Gesicht.

»Wie die alten Zeiten lebendig werden,« rief er noch einmal.

Frau Lisa bestand auf seinem Bleiben und nur zu gern ließ er sich halten.

»Es ist so wie so mein letzter Abend in London. Morgen fahre ich nach Schottland,« erzählte er.

»Und die Frau, Max?«

»Schreibt immer vergnügt. Der Kleine –«

»Ist ein Wunderkind, ich weiß. Lilly sagte es.«

»Sagte sie? Die ersten sind immer Wunderkinder!«

»Mein erstes ist wirklich ein Wunderkind,« sagte Muttchen mit einem warmen Blick auf Fee. »Ich meine nicht sowohl an und für sich, als daß eben eins meiner Kinder so geraten ist.«

Regierungsbaumeister Metzler sah Fee sinnend an.

»Die Natur macht zuweilen wunderbare Seitensprünge,« sagte er.

Da lachte Friedel wie ein Kobold.

»Danke, danke, Max!«

Er wollte erklären und sich rechtfertigen. Da kam Sara und bat zu Tisch.

Es war eine fröhliche Runde, die dann in Tante Lisas Eßzimmer um den schön gedeckten Tisch saß. Vergnügt sah Max Metzler sich um.

»Mir gefällt das häusliche Leben in England. Sie verstehen es, dem Zuschnitt des Ganzen etwas Behagliches, Festliches, Freudiges zu geben; etwas Reicheres als bei uns.«

»Es ist wohl mehr Geld im Land,« sagte Werner Horst.

»Am Geld allein liegt's nicht; es ist die ganze Führung. Betrachten Sie allein solch einen gedeckten Tisch hier. Immer Blumen drauf, niedlich, zierlich alles, jedes Gerät an seinem Platz. Wem schmeckt da das Einfachste nicht wie beim Festmahl? Und dieser Zug geht durch den ganzen Haushalt. Unsere Hausfrauen können da viel lernen. Feste kann jeder feiern. Dem Werkeltag aber eine festliche Miene geben, das ist die Kunst.«

»Merkt's euch, Lu, Li,« sagte Muttchen Friedel.

»Wir heiraten nicht,« sagten die und hoben die Stuppsnasen.

»Ei, das hab' ich ja früher auch schon einmal sagen hören,« rief Max Metzler und sah Muttchen Friedel an.

Die erhob drohend den Zeigefinger.

»Sie sind wohl auch von denjenigen Deutschen, Max, die draußen alles schöner und besser finden als daheim? Denen es vornehmer dünkt, ein nachgemachter Engländer, Amerikaner oder dergleichen zu sein als ein echter Deutscher? Damit bin ich nun gar nicht einverstanden!«

Das war die echte alte Friedel Polten. Wie herausfordernd bitterböse sie ihn anblitzte mit den grauen Augen!

Max Metzler mußte erst einmal auflachen. Dann aber wurde er sehr ernst.

»Ich bin ein guter Deutscher und stolz auf mein Land. Mit niemand möchte ich tauschen. Und Schmach über den Deutschen, der nicht so denkt; in der Fremde zumeist.«

»Es ist nicht deutsche Art, leider,« sagte Werner Horst kopfschüttelnd. »Der Deutsche streift das Heimische ab und zieht das Fremde an, als ob er die Kleider wechsle, und kommt sich im neuen Gewand so viel vornehmer vor. Ein Engländer ist dreißig Jahre im fremden Land und bleibt Engländer. Der Durchschnittsdeutsche braucht drei Monate, um sich irgend einer Nation anzugliedern, wo er doch nie für voll gerechnet wird. Aber es geschieht ihm recht!«

»Sie reden bitter, Herr Horst.«

»Ich habe Bitteres erfahren, denn ich bin deutsch bis ins Mark. Es schmerzt, derlei zu sehen.«

Max Metzler hob sein Glas Werner Horst entgegen.

»Es will allmählich auch bei uns tagen, Herr Horst. Auch der Deutsche wird lernen, daß der Mann und sein Land gewertet wird, wie er selbst sich und sein Land wertet. Auf Deutschlands Zukunft, Herr Horst, auf das Erstarken des deutschen Nationalbewußtseins!«

»Bravo und bravo!« Die Gläser klangen aneinander. Die Männeraugen leuchteten.

»Und nun Musik, Frau Friedel. Ein echtes deutsches Lied!«

»Was sagen Sie dazu, daß sie die Geige gar nicht mitgebracht hat, Herr Metzler?«

Frau Lisa schmollte, Frau Friedel lachte.

»Hätte mir eben noch gefehlt, mit der Fiedel zu reisen. Hätte an mir selber und dem Unkraut da genug! Daß wir heil und ganz hierher gelangt sind, ist ohnehin ein Wunder.«

»Und wann geht's heim?«

»In fünf Tagen, Max.«

»Wie sie sich freut!« klagte Frau Lisa.

Frau Friedel sah die Schwester an.

»Beinahe fünf Wochen ist nun Klaus allein, Lisa! Er hat's verdient, daß ich mich freue.«

Da stürzten Zu und Li herzu.

»Fee singt, Muttchen.«

»Muttchen, Fee singt.«

»Und ihr gröhlt, wie mir scheint! Werdet ihr denn nie –«

Ein Blick in Max Metzlers lachende Augen verwirrte sie.

»Ich glaube, erbliche Belastung ist furchtbar schwer zu überwinden. Die armen Dinger!«

Jetzt lachte Max Metzler aus vollem Halse.

Aber da klang ein Ton durchs Zimmer, der ihn verstummen machte. Fee stand und sang, Tante Lisa begleitete am Klavier. Und wie sang Fee! Goldklar kam der Ton, voll, weich und rund! Ein Mezzosopran, nicht allzu groß, aber von angenehmstem Wohllaut.

»Das Veilchen« von Mozart sang Fee zuerst. Lieb und schlicht und so packend. Man sah das kleine Blümchen stehen, man zitterte beim Nahen des Mädchens.

Der letzte Ton verklang und alle waren im Bann der Stimme.

»Erbliche Belastung ebenfalls, wie mir scheint, Frau Friedel,« sagte Max Metzler und beugte sich vor, daß er Friedels Augen sehen konnte. Die waren naß.

»Behüte,« sagte Friedel erschrocken, »mein Gekratze auf der Geige und dieser Glockenton. Wo es das Kind bloß her hat?«

»Mehr,« sagte er und wandte sich der jungen Sängerin zu, »mehr, bitte. Wer so begnadet ist, muß reichlich geben.«

Und Fee sang, unermüdlich, so wie einst Muttchen Friedel gegeigt hatte. Brahms, Chopin, Schumann, Schubert, alle kamen in bunter Folge. Fee hatte die echte Vogelkehle, die nicht müde wird. Und hatte auch das Anspruchslose, Selbstverständliche mit dem kleinen Sänger gemein. Ihre Gabe erfreute doppelt, weil sie so leicht und so gern gegeben wurde.

Die Hörer konnten denn auch nicht müde werden.

»Wie ein Engel singt sie,« sagte Lu.

»Und sieht so aus,« sagte Li.

Sie hielten sich an den Händen, die zwei Braunen, und staunten die schöne blonde Schwester an.

»Und ist ein Engel,« sagten dann beide, tief aus dem Herzen heraus.

Spät erst verabschiedete sich Max Metzler.

»Es war ein schöner Abend und so unverhofft.«

»Mein Verdienst,« behauptete Li.

Aber Muttchen Friedel drohte: »Mir sprechen uns noch, Li Rödern.«

Li duckte sich und zog den Kopf ein.

»Auf Wiedersehen daheim, Max! Wann kommen Sie ins alte Nest?«

»In diesem Jahr wohl schwerlich. Der Junge ist noch zu klein. Aber nächstes Jahr will ich dran denken.«

»Sie sind so lange fortgeblieben.«

»Es gab da so allerhand, was hinderte. Und wenn ich dann da war, sah ich Sie nicht, Friedel.«

»Oder suchten mich nicht auf. Das ist richtiger.«

Er schwieg ein Weilchen.

»Jetzt ist der Bann gebrochen. Wir sind die alten, Friedel,« sagte er dann.

»Die alten Freunde, Max!«

Rasch verabschiedete er sich nun von den anderen und ging.

»Es war schön, ihn zu sehen,« sagte Muttchen Friedel und ihre Augen glänzten.

Das Strafgericht über Li fiel infolgedessen nicht gar zu streng aus.

»Glück muß der Mensch eben haben,« sagte drum Li, ehe sie Abends die Decke hoch zog und einschlief.

*

Endlich war der Abschiedstag da. Es war ein schweres Trennen. Aber Tante Lisa und Fee zeigten sich sehr tapfer.

In der Morgenfrühe war Fee zu Tante Lisa gekommen.

»Ich will dir für all deine Liebe danken, du Gute. Nie werde ich sie vergessen! Aber meine Pflicht liegt bei Muttchen jetzt. Ich glaube, daß ich ihr daheim von Nutzen sein kann. Ich muß sehen, Tante Lisa, und dann – dann urteilen.«

Warme Liebe sprach aus den jungen Augen, doch zugleich auch Qual und Zweifel.

»Quäle dich nicht, Herz! Laß die Zeit kommen! Sie bringt oft von selbst die Lösung, nach der wir ringen. Wir wollen es uns nicht schwer machen.«

Ja, Tante Lisa war tapfer bis zuletzt. Sie hielt die schluchzende Friedel in den Armen.

»Wie ein Räuber komme ich mir vor, wie ein herzloser Dieb,« klagte sich diese an.

»Weil du etwas an dich nimmst, was dein ist? Was du mich in Großmut sechzehn volle Jahre und mehr genießen ließest? Es wäre klein, nicht daran zuerst zu denken! Kopf hoch, Friedel. In einem Jahr sehen wir uns wieder.« Sehr aufrecht stand Tante Lisa da.

»Auf Wiedersehen!« sagte auch Onkel Werner frisch und ließ Fee aus den Armen. »Auf Wiedersehen, Kinder, in einem Jahr! Einsteigen, es ist höchste Zeit.«

Nun das letzte Überhasten, das so wohltätig die Hochflut der Gefühle eindämmt. Bis die Reisenden all ihren Kleinkram verstaut hatten, war der Zug schon im Fahren.

Fee stand am Fenster und schaute, solange sie die zwei Einsamen dort hinten sehen konnte. Dann wandte sie sich still ab und sah in Muttchen Friedels große, angstvolle Augen.

»Ich hab' euch alle so herzlich lieb,« sagte Fee einfach und zwang ein Lächeln auf ihr blasses Gesicht.

»Wir wollen dir die Heimat lieb machen, Fee,« sagte Muttchen Friedel.

Lu und Li schüttelten an Fees Armen, als ob dies Pumpenschwengel wären.

Indes raste der Zug weiter durchs grüne Land, der Küste zu.

Einen Tag später standen auf dem Bahnsteig des kleinen Städtchens drei beisammen und sahen das Geleise entlang in die Nacht. Sie hielten's im Wartesaal drinnen nicht aus.

»Der Kuckuck mag da in den stickigen Polstern sitzen, wenn Jungchen schon fast in Greifweite ist,« brummte Papa Polten.

»Dein Rheuma, Konrad,« mahnte Tante Lenchen. »Nachtluft ist Gift.«

»Meinetwegen,« knurrte Papa Polten und stapfte nach der Tür.

Tante Lenchen trippelte eiligst hinterher. Es war, als ob die alte Dame froh sei, einen Vorwand gefunden zu haben. Klaus von Rödern war schon draußen.

»Wenn du nochmal so 'ne Dummheit machst, Herr Sohn, dann sind wir geschiedene Leute, merk dir's! Jungchen hat für die Zukunft daheim zu bleiben und damit basta!« Papa Polten war nun mal im Poltern; es erleichterte ihn und vertrieb die Zeit.

Klaus von Rödern lachte und entgegnete: »Glaubst du, ich sei auf Rosen gebettet gewesen, Papa?«

»Wie man's treibt, so geht's! Strafe muß sein!«

Zwei rote Lichter tauchten in der Ferne auf; erst wie zwei kleine Flämmchen; aber sie wuchsen zusehends, und jetzt dröhnte und fauchte es.

»Der Zug!« sagte Tante Lenchen. »Da sind sie!« Und die alte Stimme kippte ihr über.

Genau so ging es ihrem Bruder. »Da sind sie!« Hoch im Falsett; und dann in dröhnendem Baß: »Jungchen, Jungchen, hierher!«

Der Zug stand noch nicht ganz. Eine Tür flog weit zurück und es quoll heraus, wie's eben anging; es purzelte, stolperte, sprang.

Muttchen Friedel lag an Papa Poltens Brust und der hielt sie wie im Schraubstock.

»Jungchen, altes, böses Jungchen!«

»Uff, ich ersticke!« Friedel zappelte mit Armen und Beinen und keuchte: »Wenn die Puste ausbleibt. Papa, dann ist Jungchen futsch.«

Jetzt streichelte der alte Herr ihr über den Kopf. Die Hände zitterten ihm, auch die Stimme.

»Laß mich dein liebes Gesicht sehen, Jungchen. Er hat's schwer vermißt, der Alte.«

»Unglaublich.« Hell lachte Friedel, aber sonderbar schwankte die Stimme. Mit beiden Händen fuhr sie dem alten Herrn in den Silberbart, den sie zauste und wieder glatt strich. Dazu rieb sie ihr Gesicht an seiner Schulter. Ein Glück, daß es dunkel war; man hätte sonst sehen können, daß ihre Augen naß waren, und das liebte sie gar nicht.

»Und wo bleibe ich?« sagte da mit einem Mal eine Stimme.

Klaus von Rödern war es und hielt im nächsten Augenblick sein liebes Weib in den Armen.

»Ein Glück, daß du da bist, Friedel, für mich, für die Jungen, für alles.«

»Das lohnt das Heimkommen, Klaus,« sagte sie und ihre Augen leuchteten. »Waren sie schlimm, Klaus?«

»Lutz und Fritz? Es ging so an. Wir werden uns doch entschließen müssen –«

»Ich geb' sie nicht her, Klaus! Gib dir nur keine Mühe. Meine Jungen, Klaus! Die brauch' ich notwendig. Mit wem sollte ich mich denn herumbalg–«

»Friedel!«

Sie lachte. »Na ja, laß mich sie erst bloß wieder am Zügel haben, dann wird alles recht, Klaus. Ja, wo ist Fee? Die hab' ich über dem Wirrwarr ganz vergessen. Sollst mal sehen, Klaus. Fee! Fee!«

»Hier, Muttchen!«

Tante Lenchen hielt Fee in den Armen. Sie war die einzige, die zuerst an sie gedacht hatte. Nun ließ sie sie los.

»Da ist sie, Frida! Und, Frida, Kind! Daß ich das erleben darf! Als ob meine alten Augen Lisa sähen, meine Lisa. Und noch anmutiger, lieblicher! Übrigens, Frida, gut, daß du wieder da bist. Es war nicht mehr auszuhallen, so bärbeißig war der Konrad. Auch die Alte war recht einsam.«

»Tantchen, liebes!« Friedel streichelte an der alten Dame herum und sah dabei immerzu nach ihrem Mann.

Der hatte seine Älteste in den Armen und schob sie eben ein Endchen von sich, ihr besser ins Gesicht zu sehen. Friedel stand plötzlich neben ihm. »Nun, Klaus?«

Er nickte ihr zu. »Unsere Älteste, Friedel!« Welch ein Stolz lag in diesen Worten!

Muttchen Friedel senkte den Kopf.

»Ohne unser Verdienst, Klaus. Ohne meines wenigstens.«

»Willst du mich verleugnen, Klein-Muttchen?« fragte Fee leise und sanft. »Ihr sollt schon merken, daß ich euer Kind bin.«

Und nun stob's daher mit Gelärme und Geschrei.

»Da ist sie, Großpapa!«

»Da ist sie!«

Lu und Li hielten den alten Herrn rechts und links gepackt und drängten ihn zur Schwester hin, zu Fee.

»Na, laß dich mal anschauen,« polterte der und drehte Fee an den Schultern sich zu. »Alle Achtung,« sagte er dann, »kann sich sehen lassen.« Er schmunzelte vergnüglich und die Stimme, die erst gepoltert hatte, wurde weich. »Ja, jeder hat seine Art. Die Lisa ist mein Kind und das Jungchen – ich meine deine Mutter hier – auch. Die Lisa war immer fein und still und Jungchen – na, Jungchen war eben anders. Aber ich hab' sie beide lieb, sehr lieb. Ich sage das, weil die Lene, ich meine Tante Lenchen, dir 'nen Floh ins Ohr sehen könnte –«

»Konrad!« klang's sehr entrüstet.

Er hob die Hand. »Schon recht, Lene. 'nen Floh, sage ich, weil du manchmal tun könntest, als ob jedermann so sein müsse, wie Lisa zum Beispiel. Niemand kann gegen seine Art und jedes kann in seiner Art vortrefflich sein. Verstanden, Kind?«

Ihre großen blauen Augen sahen ihn ernst und forschend an. »Ich habe Muttchen sehr lieb,« sagte sie leise, so daß nur er es hören konnte.

Er streckte ihr die Hand hin. »Dann Schwamm drüber, Kind.«

»Ja, Großpapa.«

»Nun laß dich küssen. Basta! Und das Unkraut ist also auch wieder da?«

Es galt Lu und Li, die sich von rechts und links lachend an ihn hängten.

»War wohl wundervoll ohne uns, was, Großpapa?«

»Schauderhaft war's, Kinder,« raunte der alte Herr hinter der vorgehaltenen Hand. »Aber sagt's keinem. Tante Lene kratzt mir sonst die Augen aus.«

Herr von Rödern hatte dafür gesorgt, daß das Gepäck aufgeladen wurde. Die Dresdorfer Kutsche und die aus Rödershof war da.

»Jungchen kommt mit uns,« entschied Papa Polten. »Klaus mag sich seiner drei Mädel freuen.«

So stieg man ein, nachdem die beiden Kutscher begrüßt waren, was Lu und Li umständlich und mit viel Freudenlärm besorgten. Dann ging's in die Nacht hinaus.

»Erzähle von Lisa,« sagte Papa Polten und schlang den Arm um sein »Jungchen«.

»Sie wird Fee schwer vermissen, Papa.«

»Arme Lisa.« Er seufzte. »Und Werner?«

»Ist derselbe, der er war: gut, treu und rücksichtsvoll. Deine Töchter haben das große Los gezogen mit ihren Männern, Papa.«

»Beide, Jungchen, beide! Dem Himmel sei Dank!« Er nickte vor sich hin. Dann streckte er der alten Schwester die Hand hin.

»Haben Glück mit unseren Kindern, Lene, was?«

Sie legte die Hand in seine und wollte etwas sagen. Da hielt der Wagen. Friedel beugte sich aus dem Fenster.

»Rödershof!« jauchzte sie. »Daheim!«

Schnell bekamen der Papa und die Tante einen Kuß ab: »Gute Nacht, gute Nacht!«

Ehe Papa Polten noch etwas sagen konnte, war Friedel schon davon, dem großen Tor von Rödershof zu, in das eben der Wagen mit den Ihren einbog.

»Willkommen! Willkommen daheim, Fee!« hörte man sie hell und fröhlich rufen.

Und dann ein gelles Geheul von Knabenstimmen. Lutz und Fritz, die längst zu Bett sein sollten, ließen es sich offenbar nicht nehmen, die Ankommenden zu begrüßen.

Lu und Lis Stimmen klangen drein. Es war ein helles, frohes, aber etwas lärmendes, wildes Durcheinander.

»Tolle Wirtschaft!« rief Papa Polten, und im Gedenken an Friedels raschen Abgang brummte er: »Heilloser Flederwisch, das Jungchen!«

Tante Lenchen nickte vor sich hin.

»Ja, ja, die alte Natur will wieder allzusehr zum Durchbruch kommen. Ihr verwöhnt das Kind, der Klaus und du, Konrad. Allzuviel Sonne taugt nicht. Wie soll sie andere erziehen, wenn sie in sich nicht fest ist? Lutz und Fritz – Lu und Li – wenn einmal trübe Tage kommen, ob das Kind denen gewachsen ist?«

»Schweig doch,« sagte Papa Polten ingrimmig.

Tante Lenchen hörte nicht auf ihn. Wie im Traum redete sie weiter.

»Ein Herz von Gold – von Gold, sage ich. Aber – aber – Ein Glück, daß nun Fee da ist. Solch ein Frieden, eine Ruhe geht von dem Kinde aus. Mir ist das alte Herz warm geworden, Konrad. Wir haben unsere Lisa wieder.«

Er brummte etwas, das wie »Jungchen wird schon allein fertig!« klang. Aber er sagte nichts. Sollte er, um das eine geliebte Kind zu verteidigen, das andere, ebenso geliebte, angreifen?

Da war auch der Wagen in Dresdorf. Eben rasselte er über das Pflaster des Herrenhofes.

»Gute Nacht, Lene!«

»Gute Nacht, Konrad!«

Damit trennten sich die beiden alten Geschwister.

Jedes trug seine eigenen Gedanken ins eigene Zimmer.

Ein froher Winter

Unter den Goldbuchen am Waldrain, von dem aus man Rödershof überschauen konnte, saß Fee.

Golden waren die Buchen, weil mittlerweile der Oktober ins Land gezogen war. Leise und sacht flatterten die Blätter durch die Luft und legten sich Fee auf Haar und Kleider. Die griff danach.

»Goldregen,« sagte sie und ihre Augen leuchteten. »Solch eine Pracht!«

Fee sah froh aus. Ein offener Brief lag in ihrem Schoß; Tante Lisa hatte geschrieben, voll Liebe und Sehnsucht, aber tapfer und tröstlich. Solch ein Brief tat wohl; Fee hätte daheim nicht froh sein können, wenn Tante Lisa geklagt hätte.

Mit glänzenden Augen sah sie um sich, sah auf Rödershof, das gerade vor ihr lag. Ein schmuckloses, langgestrecktes, weißgraues Haus, von Efeu und Glyzinien bewachsen bis zum Giebel und dem blaßroten Ziegeldach. Solch ein liebes, behagliches Heim!

Der Wirtschaftshof lag daneben, dahinter ein alter, ausgedehnter, in Wiesengrund verlaufender Park. Ein breiter Kiesweg durch grünen Rasen führte bis zur stattlichen Freitreppe. Ein lustig plätscherndes Bächlein, das sich durch die grünen Wiesen schlängelte. So lag Rödershof.

»An was denkt mein Mädchen?«

Fee hatte im weichen Moos des Vaters Schritt nicht gehört. Jetzt hob sie ihm das Gesicht zu, kein bißchen verwundert oder erschreckt.

»Solch liebes Heim, Väterchen!«

Er strich ihr über den Goldkopf.

»Das soll es dir sein, will's der Himmel!«

»Das ist es mir schon!« Sie ergriff seine Hand und legte ihr weiches Gesicht dagegen.

Zwischen Klaus von Rödern und seiner Ältesten hatte sich ein sehr warmes Verhältnis herausgebildet. Muttchen Friedel war zuweilen sogar eifersüchtig, wie sie lachend behauptete; aber ihre Augen strahlten dazu.

Vater Klaus setzte sich jetzt neben Fee ins Moos.

»Hier ist gut sein, Kind.«

»Das ist's, Väterchen.«

Dann genossen sie eine Weile schweigend ihre Umgebung, lind und weich fächelte das Herbstlüftchen.

Der Wirtschaftshof lag dem Rain zunächst; man übersah ihn beinahe. Neben dem großen Stall im Winkel nach der Scheune war's sonderbar laut. Sehen konnte man dahin nicht, und um genau zu hören, war die Entfernung zu groß.

Vater Klaus horchte gespannt hin.

»Was dort sein mag bei den Schweineställen?« fragte er.

Fee sah flüchtig hin.

»Haben nicht Lutz und Fritz ihre Kaninchen da?«

»Ach richtig! Das ist die Lösung des Rätsels! Die zwei sind zu drollig. Hast du gehört, daß sie, als zu Anfang nur ein Karnickel da war, einen alten Spiegelscherben aufhängten, damit es sich nicht so allein fühle?«

Fee lachte. »Urdrollig sind sie.«

»Sie steckten voller Streiche. Wenn es nur nicht einmal ausartet!«

»Muttchen gibt sich solche Mühe mit ihnen, Väterchen.«

»Ja, Muttchen! Die wird selbst wieder zum Jungen mit den beiden, unser Muttchen!«

Da trabten Pferdehufe heran, schnell und flüchtig, und helle, lachende Mädchenstimmen erklangen hinter einer Biegung des Weges vor.

»Hussa, Pfeil, wir packen's!«

»Hurra, nein, wir!«

»Lu! Li!« sagten die beiden Lauscher am Waldrain oben wie aus einem Mund und sprangen auf.

Nun sahen sie zwei Tiere in schlankem Trab um die Ecke biegen, edle, feingliedrige Tiere. Röcke wippten, gelöste Haare flatterten. Lu und Li spornten ihre Renner mit Zuruf und Zungenschnalzen. Es galt offenbar eine Wette und sah sich gefährlich an.

»Lu! Li!« donnerte Vater Klaus. Fee war blaß geworden und klammerte sich an seinen Arm.

Die tollen Reiterinnen da unten hörten den Ruf; mitten im tollsten Lauf rissen sie ihre Tiere herum. Die stiegen, aber Lu und Li saßen wie angewachsen, salutierten mit den Gerten und ihre Gesichter glühten.

»Tag, meine Herrschaften!« Hell klang's und übermütig. »Hurra, die Wette! Mein ist die Palme!«

»Nein, nein! Mein!«

Fort stoben sie, die Hufe warfen große Erdbrocken auf, und da waren sie auch schon über die steinerne Brücke, die das Bächlein überquerte, den Kiesweg entlang, an der Freitreppe vorüber, am Tor des Wirtschaftshofs. Kopf an Kopf schnaubten Pfeil und Unverdrossen durchs Gitter.

Noch ein helles Jauchzen, dann standen Lu und Li auf dem Pflaster, schwangen die Gerten über den Köpfen und drehten sich um die eigene Achse. Ein Stallbursche nahm beide Tiere am Zügel und führte sie zum Stall.

Fee atmete auf.

»Es sah grausig aus, wie die Tiere stiegen.« Sie war noch blaß.

Vater Klaus sah sie mit zufriedenen Augen an.

»Reiten famos, die Rangen, was? 'n bissel toll freilich. Will's ihnen klar machen! Komm, Fee, laß uns heim. Frische Eier, gute Eier. Sie sollen's gleich hören.«

Bald standen auch sie unter dem Hoftor. Lu und Li hatten dem Burschen noch beim Abreiben der Tiere geholfen; eben waren sie damit fertig und wandten sich dem Haus zu. Da nahm sie Vater Klaus beiseite und schien ihnen recht ernste Vorwürfe zu machen, denn sie liefen nachher hängenden Kopfs in ihr Zimmer, um sich für den Mittagstisch umzukleiden. Dort tuschelten sie noch eine Weile miteinander und schlichen sich dann in Vaters Arbeitszimmer. Wollten sie etwa gar feierliche Abbitte leisten und für die Zukunft Besonnenheit schwören? Fast sah es so aus.

Jedenfalls mochte es ihnen gelungen sein, den Vater zu versöhnen. Denn eine sehr einige und frohe Tafelrunde saß bald nachher um den großen runden Eßtisch im Gartensaal unten.

Das war der Raum, worin sich das ganze Rödernsche Familienleben abspielte. Nur mit dem einen Unterschied, daß es Sommers bei offenen Türen nach der Terrasse und dem Park zu, Winters bei geschlossenen und mit wohlig geheiztem Riesenkachelofen geschah.

Hier stand Muttchens Arbeitstisch, hier stand der Flügel und der Violinkasten. Hier stand der große Seitentisch, an dem Lutz und Fritz sich der Welt Wissen aneignen sollten, wo die Schweißtropfen perlten – nicht nur bei Lutz und Fritz, sondern auch bei Muttchen Friedel, der getreuen Helferin in allen Nöten. Wo auch Tränen flossen, aber nur bei Lutz und Fritz.

Hier hatte Schwester Fee ihr Schreibtischchen in einer Fensternische eingeschoben. Hier hausten auch Lu und Li in einer Ecke an einem viereckigen Schubladentisch, der allerlei Geheimes barg.

Nur Vater Klaus hatte seine eigene Höhle nebenan, wo er seine Pfeife rauchte und seinen Hof regierte.

In dem großen Eß- und Familienraum also saßen sie um den Tisch in Frieden und Freuden. Lutz und Fritz heute sehr sauber und sehr gesittet. Muttchen Friedel ganz Ernst und Würde. Fee voller Aufmerksamkeit für jeden. Lu und Li tuschelnd, sichtlich mit anderem beschäftigt. Tante Lenchen friedvoll still, die beiden Herren sehr behaglich.

»Väterchen,« sagte Li und machte ihr süßestes Gesicht.

»He?«

»Wir haben einen Brief.«

»Einen Brief, ja.« Lu wollte auch ihr Teil am Reden tun.

»Herta schreibt –«

»Ja, Herta schreibt –«

»Red' ich oder du?« fragte Li.

»Ich,« sagte Lu, »ich bin die Ältere.«

»Los,« sagte Li.

»Ja, Herta schreibt, wir sollten im Winter tanzen.«

»Nur zu!« meinte Vater Klaus behaglich.

»Albern,« sagte Li zu Lu, »sei doch 'n bißchen helle! Wie soll Väterchen dich verstehen?«

»Nämlich Tanzstunde,« sagte Lu.

»Ein Tanzkränzchen,« verbesserte Li. »Tanzen können wir, bloß nicht mit Herren.«

»Ist das schwieriger?« fragte Vater Klaus.

»Müssen's erst probieren,« erwiderte Li.

»Also!«

»Also ja, Väterchen?«

»Meinethalben.«

Lu und Li stießen einen Jubelruf aus und hingen ihm am Hals. Dann überfielen sie Klein-Muttchen.

»Mögt ihr denn das Gehopse leiden?«

»Und wie, Muttchen! Ist doch viel netter, als immer still zu stehen!«

Lu und Li waren sehr einig.

»Na, denn immer zu,« sagte Muttchen Friedel. »Ich für mein Teil –«

»Hast du nicht tanzen mögen?«

Lu und Li machten große erstaunte Augen.

»Eure Mutter hat ebenfalls Tanzstunde gehabt, Kinder. Und euch wird's auch gut tun.« Das sagte Tante Lenchen. Sie ließ es sich noch immer nicht nehmen, daß es dennoch ihre Erziehungsmethode gewesen war, die aus der Nichte schließlich noch ein leidlich vernünftiges Menschenkind gemacht hatte.

Papa Polten lachte schallend auf.

»Konrad,« mahnte Tante Lenchen. Da schwieg er.

»Mit Fee werdet ihr Bälle besuchen, was?« fragte Tante Lenchen etwas kriegerisch.

»Und ich soll Ballmutter spielen?« Ehrlicher Schreck lag auf Muttchen Friedels Gesicht.

»Frida,« mahnte Tante Lenchen.

»Na ja, seine Pflicht muß der Mensch tun mit allen Konsequenzen,« meinte da Frau Friedel ergeben. »Sei still, Fee, sag gar nichts! Ich freue mich drauf. Es kam nur so überraschend.«

Ein paar Tage später schlenderten Lu und Li durch den Wald. Dessen letztes Gold lag schon an der Erde oder wollte eben fallen.

»Du, im November! Freust du dich?« Das galt dem Tanzkränzchen.

»Ja,« sagte Lu, »ja, mäßig.«

Li gab ihr mit dem Ellbogen einen Puff. »Sei kein Mehlwurm, Lu, 's wird ulkig.«

»Weißt du's gewiß?«

»Wollen schon dafür sorgen. Juhu!«

»Juhu!« sekundierte Lu und warf die Mütze in die Luft, wie Li es tat.

»Ihr Mädel,« sagte da eine tiefe Stimme und hinter einem Baum trat aus einem Seitenweg ein Mann vor, »könnt ihr mir das nächste Wirtshaus zeigen?«

Daß er Lu und Li so anredete, war kein Wunder. Sie hatten alte kurze Rücke an, alte Blusen dazu; hatten die Zöpfe hängen und spielten mit ihren Mützen Fangball.

Lu und Li besahen sich den Fremden. Er war hochgewachsen, breitschultrig, halte einen schönen, weißen Bart und blaue, blitzende Augen dazu.

»Gern, Herr Rübezahl,« sagte Li und knickste schelmisch; der Mann gefiel ihr nicht übel.

Der so Angeredete lachte denn auch vergnügt.

»Na also, kleine Hexe.« Das galt Li, die Lu nach sich zog.

»Diesen Weg, bitte.«

Lu puffte die Schwester. »Aber, du –!«

Li legte den Finger an den Mund.

»Es ist gar nicht mehr weit,« fuhr sie ernsthaft fort. »Dort in den Wiesen liegt's. Sie sind wohl sehr hungrig, was?«

»Und ob! Hab' 'nen tüchtigen Marsch hinter mir. Acht Stunden schier.« Er nahm den Hut ab und fuhr sich über die Stirn.

»Alle Achtung!« sagte Li. »Können's noch besser als wir. Und bei solchen Haaren.«

»Was haben meine Haare damit zu tun, he?« Ganz erstaunt sah er drein.

»Ich meine, weil sie doch weiß sind,« erklärte Li.

»Also, weil ich ein Methusalem bin,« versetzte er lachend.

Li paßte es nicht, wenn man über sie lachte. Sie warf den Kopf zurück.

»Na, wer weiße Haare hat, ist alt. Und alte Leute kriegen's in die Beine. Großvater hat's auch drin. Und wenn's bei Ihnen nicht so ist –«

»Nee, dem Himmel sei Dank,« fiel er eifrig ein.

»Dann darf ich mich doch wundern,« sagte Li, als ob das ganz selbstverständlich wäre.

Lu puffte wieder. Wenn Li den Kopf so zurückwarf, dann war sie zu manchem fähig.

»Wo wohnt ihr denn, Mädels?« Die blauen Augen unter dem buschigen Haar blitzten sie an.

»Dort herum.« Li beschrieb einen unbestimmten Halbkreis mit der Hand.

»Wohl Schwestern, he?«

Lu nickte.

»Und heißen?«

Li war das Verhör unbequem. Sie war aber höflich.

»Ich bin Li und das ist Lu!«

»Kurz und gut,« lachte der Alte. »Weiter?«

»Weiter nichts.« Diesmal ließ Li die Höflichkeit im Stich.

»So 'n Großinquisitor,« raunte sie Lu zu. Die war rot und verlegen.

»Laß uns weglaufen, Li.«

»Erst recht nicht!«

Die blauen Augen des Fremden hatten die beiden indes vergnüglich und scharf gemustert.

»Es ist gar nicht mehr weit. Dort in den Wiesen liegt's.«

»Wie alt, he?« fragte er.

Lis Ärger versiegte allmählich.

»Raten!« rief sie vergnügt.

»Nun, so dreizehn – vierzehn, he?«

»Sechzehn,« sagte Li und knickste.

»Siebzehn,« sagte Lu und knickste auch.

Daß bei jeder ein paar Monate dran fehlten, tat weiter nichts. Man rundet immer nach oben ab.

In die blauen Augen war etwas wie ungläubiges Staunen und Verlegenheit gekommen. Li weidete sich schadenfroh daran. »Sie hätten's wohl nicht geraten, was?«

»In der Tat, ich – ich muß da ja wohl um Entschuldigung bitten für mein formloses Wesen. Aber die jungen – jungen Damen schienen mir so – so kindlich und – und das ganze Aussehen – die Statur –«

»Haben wir von Muttchen,« rief Li. »Und junge Damen wollen wir noch lange nicht sein, was, Lu?« Die nickte lebhaft. »Nee. Wäre ja langweilig!«

»Na, dann nichts für ungut, he?«

Der Herr lachte nur und streckte seine Hände Lu und Li entgegen, die sie herzhaft schüttelten.

»Und das Wirtshaus? Ich bin nämlich halb verdurstet.«

»Wollen wir gleich haben,« meinte Li. »Dort liegt Röders – ich meine, dort liegt schon das Wirtshaus.«

»Los also!«

Mit Geschwindschritten stiefelten sie durch die Wiesen.

Endlich blieb Herr Rübezahl stehen.

»Komm' nun schon alleine hin. Will die – die jungen Damen nicht weiter bemühen. Sie wohnen wohl in der Nähe?«

»Ja, dort!« Li wies mit Kopf und Augen nach Rödershof hin.

»Ah, also die Wirtstöchterchen!«

Li und Lu lachten und nickten.

»Durch den Garten, bitte, dann kommen wir gleich ins große Zimmer.«

»Ein stattliches Haus,« sagte der Herr. »Sieht gar nicht aus wie ein Wirtshaus,« und blieb stehen. Er sah seine Führerinnen scharf an, die Sache schien ihm doch etwas befremdlich.

Lu und Li waren ein paar Schritte voraus.

»Hierher, bitte.« Da folgte er ohne weiteres Zögern.

Die eine Tür nach der Terrasse stand offen. Der Kachelofen war zwar schon geheizt, aber heute schien die Sonne so warm.

Lu und Li stürzten ins Zimmer und machten allerhand wilde, unverständliche Zeichen.

»Muttchen, da ist ein Herr.«

»Wir haben ihn im Wald getroffen.«

»Er suchte ein Wirtshaus.«

»Da haben wir ihn hierher geführt.«

So sprudelte es. Und wieder dieselbe unverständliche Zeichensprache.

Muttchen Friedel stand am runden Eßtisch, sie war eben hereingekommen. In der Tür hielt der Fremde, den Hut in der Hand.

Um Muttchen Friedels Mund zuckte es. Der Schelm in ihr regte sich. Diese tollen Dinger, die Lu und die Li!

Muttchen Friedel sah ihnen in die lachenden Augen und sah dann an ihnen vorbei Fee ins Gesicht, die eben von ihrem Schreibtischchen in der Fensternische vortrat. Da hatte Muttchen Friedel sich selber wiedergefunden. Sie trat ein paar Schritte auf den Fremden zu.

Der war mittlerweile auch zur Klarheit gekommen.

»Ich bitte tausendmal um Verzeihung, gnädige Frau, ich –«

»Ich habe um Verzeihung zu bitten, mein Herr, für den Übermut meiner Töchter. Ich hoffe, daß Sie mir die Freude machen, einen kleinen Imbiß in unserem Haus einzunehmen, ja? Zum Zeichen, daß Sie den beiden Wildfängen nicht zürnen. Lu, Li, steht nicht und gafft. Sorgt für Erfrischungen für euren Gast.«

Lu und Li stoben fort, Muttchen Friedel sah ihnen nach und lachte.

»So 'n Übermut! Verzeihen Sie, bitte; die beiden wissen noch nicht, wohin mit dem Überschuß an Kraft.«

»Ganz Ihr Ebenbild, gnädige Frau.«

Muttchen Friedel sah ihn überrascht an und wurde dunkelrot.

»Ja so, äußerlich meinen Sie. Ja, die beiden sind mir ähnlich. Aber darf ich bitten?«

»Ich weiß nicht, gnädige Frau, ob ich wirklich die gebotene Gastfreundschaft annehmen soll. Die Umstände sind so einzigartig –«

»Eben drum. Und bitte, ohne Umstände,« bat Muttchen Friedel.

»Nun denn! Professor Western ist mein Name, gnädige Frau.«

»Setzen Sie sich, bitte, hier ist der Eßtisch. Fee, komm her. Dies ist meine älteste Tochter, Herr Professor.«

Der neigte sich. Seine blauen Augen, sahen fast ungläubig drein.

»Eine Schwester meiner beiden jungen Freundinnen?«

Muttchen Friedel lachte.

»Sie denken wohl, in diesem Haus ist das Zumbestenhaben an der Tagesordnung?«

»Ich bitte tausendmal um Vergebung. Der Unterschied ist aber in der Tat so groß, daß dies mich rechtfertigen muß.«

Nun lachten sie alle.

Ein Geklirr und ein Gekicher vor der Tür kündeten Lu und Li mit dem Imbiß an. Fee eilte, zu helfen. Dann saß der Herr Professor an einem sehr behaglichen Tisch und ließ sich's schmecken.

Er erzählte, daß er seine beiden Söhne besuchen wolle und damit eine Fußtour verbunden habe.

»Seit einem halben Jahre sind sie als Assessoren in Loberg am Gericht. Ebensolang habe ich sie nicht gesehen. Gnädige Frau haben die beiden vielleicht schon einmal bemerkt. In solch kleiner Stadt ist das ja möglich. Groß, blond, zum Verwechseln ähnlich.«

Li puffte Lu.

»Du, das sind sicher unsere! Assessor Heinz Western! Assessor Paul Western! Weißt du noch?«

Li verneigte sich bei jedem Namen steif nach Herrenart. Man sah, sie gab Erlebtes wieder.

»Li,« mahnte Muttchen Friedel.

Professor Western hatte überrascht aufgehorcht.

»Sie kennen meine Söhne?«

»Wir sind Freunde,« sagte Li großartig.

»Das heißt,« berichtigte Lu, »wir haben sie zweimal zufällig gesehen und beide Male haben sie uns aus einer Not geholfen.«

»Na also,« sagte Li trocken, »das nennt man doch Freund.«

»Li,« mahnte Muttchen Friedel noch einmal.

»Ja, Muttchen?« Harmlos erstaunt sah Li auf.

Professor Western lachte herzhaft.

»Darf ich meine Söhne von ihren und doch auch meinen Freundinnen grüßen?« fragte er.

»Bitte,« sagte Li vergnügt, und Lu nickte.

Eine Stunde später verabschiedete sich Professor Western mit vielem Dank.

»Dies Wirtshaus am Wege wird mir in guter Erinnerung bleiben. Darf ich bitten, mich dem Herrn des Hauses unbekannterweise zu empfehlen, gnädige Frau? Meinen herzlichsten Dank! Empfehle mich den jungen Damen ebenfalls.«

Dann schritt er über den Kiesweg durch die Wiesen. Lu und Li hatten ihm noch das Geleite bis vors Haus gegeben; sie empfanden ihm gegenüber sozusagen ein Gefühl des An- und Eigentumsrechts.

»Nett ist er,« sagte Lu und sah hinter ihm her.

»Beinahe so nett wie seine Söhne,« bestätigte Li.

Dann gingen die beiden ins Haus, ihre Schelte einzuheimsen.

»Ihr benehmt euch wie Gassenjungen. Denkt doch, wenn ihr an jemand anderen geraten wäret!«

»Der Professor war gleich so nett, Muttchen, sonst wären wir einfach ausgekniffen,« sagte Li sorglos, ohne den Tadel der Mutter recht zu begreifen.

Frau Friedel warf einen fast hilfesuchenden Blick auf Fee. Die legte den Arm um Lis Schultern.

»Ihr habt euch doch so benommen, daß er euch für Schulmädel und nicht für das nahm, was ihr seid, erwachsene Menschen.«

Die beiden wurden feuerrot. Dann quetschten sie Fee von rechts und links und stoben aus dem Zimmer.

»Wir machen uns englisch zurecht für Väterchen am Abend.«

Zwei sehr gesittete, niedliche junge Damen in zierlichen, hellen Blusen sahen dann beim Abendbrot und fielen den ganzen Abend nicht wieder aus ihrer Rolle. Vater Klaus betrachtete sie zuweilen erstaunt von der Seite. Lutz und Fritz aber rümpften die Nasen.

»Mit den beiden ist bald nichts mehr anzufangen, Lutz.«

»Wollen erwachsen sein! Die Schneegänse!«

So lautete die brüderliche Liebenswürdigkeit.

Einige Zeit nachher machte Muttchen Friedel mit ihren drei Töchtern Besuche in Loberg bei den verschiedenen Familien. Sie hatte es seit der Rückkehr aus England noch nicht getan, außer bei den nächsten Freunden. Auch jetzt hatte sie sich nur auf Tante Lenchens dringende Mahnung und nur mit Seufzen dazu entschlossen.

»Du bist es den Kindern schuldig, Frida,« halte Tante Lenchen gesagt. »Du willst sie doch nicht daheim einpökeln.«

»Ich sehe nicht ein –« Muttchen Friedel wollte eine Verwahrung einlegen.

»Eine Mutter hat Pflichten gegen ihre Töchter,« sagte Tante Lenchen sehr strenge; da war Muttchen Friedel still, biß in den sauren Apfel und war drei Tage auf der Pilgerfahrt mit Fee, Lu und Li.

Fee fand allgemeine Bewunderung. Lu und Li kannte man schon zur Genüge.

Viele Freundinnen von der Schule her hatten Lu und Li nicht. Dadurch, daß sie so gleichartig und gleichaltrig waren, hatten sie nie großes Bedürfnis darnach empfunden. Herta Mühren, die Tochter des Arztes, war ihre einzige Intima; die hatte sie auch zu dem Tanzkränzchen aufgefordert. Und acht Tage, nachdem die Rödershofer ihre Besuche in Loberg gemacht hatten, kam denn auch ein Brief von Herta, der Lu und Li mitteilte, daß das erste Kränzchen bei ihr, und zwar Anfang Dezember, stattfinden sollte.

»Meine Mama läßt sagen, daß sie sich sehr freuen würde, wenn eure Mutter und eure schöne Schwester – wir schwärmen nämlich alle für sie; ich finde sie süß, so englisch – mitkommen wollten. Eure schöne Schwester wird uns zwar alle ausstechen, aber das tut nichts, sie ist zu himmlisch!« schrieb Herta.

»Ihr geht natürlich mit, was, Muttchen?« flehten Lu und Li.

»Fällt mir gar nicht ein,« erwiderte Muttchen Friedel sehr rasch. »Fee kann natürlich tun, was sie will. Aber so 'n Lämmerhopsen wird sie nicht locken, denke ich mir. Und ich – wenn ich nicht wirklich muß, verleitet mich niemand zu so was. Die Frau Doktor mag sehen, wie sie mit euch fertig wird. An mich kommt's schon auch noch.«

Lu und Li lachten, nahmen's aber kein bißchen krumm, auch nicht, daß Fee keine Lust zeigte.

»Dann nicht,« sagte Li gelassen, und Lu nickte.

Endlich war der zweite Dezember da.

»Unser erster Balltag,« sagten Lu und Li beim Mittagstisch großartig.

Lutz und Fritz grinsten.

»Der Heine Meyer kommt auch. Daß ihr den nur nicht verliert, wenn ihr mit ihm tanzt!« rief Lutz und lachte.

»Der ist zu Ostern glücklich nach Sekunda gekommen,« höhnte Fritz.

»Alle anderen sind aber Primaner,« entgegnete Li mit erhabener Miene.

»Sogar ein Apotheker ist dabei,« fügte Lu stolz hinzu.

Am Abend half Fee die Schwestern ankleiden. Wohlgefällig standen die vor dem Spiegel und betrachteten sich.

»Geht an,« sagte Li.

»Nicht übel,« bestätigte Lu.

Anspruchsvoll waren sie nicht gerade, aber sie sahen wirklich nett und frisch aus in ihren weißen Kleidchen; jung und froh vor allen Dingen.

»Wenn man uns ohne Fee sieht, dann geht's allenfalls noch,« meinte Li.

»'nen Grusel braucht niemand vor uns zu bekommen, und das ist die Hauptsache,« behauptete auch Lu.

Dann durften Muttchen Friedel und Vater Klaus die beiden mustern und gut befinden. Auch Lutz und Fritz beäugten sie, rümpften aber höhnisch die Nase.

»Dumme Gören,« sagte Lutz.

»Tut bloß nicht so erhaben,« höhnte Fritz.

»Laßt's euch von Muttchen bescheinigen, daß ihr erwachsen seid,« bohrte Lutz weiter.

Da fühlten sich die beiden Spötter an den Ohrläppchen genommen.

»Daß ihr Schlingel seid, bescheinige ich euch hiermit; und zwar recht nichtsnutzige!« Es war Muttchen Friedel, die Gericht hielt über die beiden.

»Immer höflich sein gegen Damen,« sagte Vater Klaus dazu und sah ernst aus.

Lutz und Fritz schlichen abseits; eine Grimasse kriegten aber Lu und Li doch noch ab.

Dann fuhren die beiden jungen Balldamen seelenvergnügt mit dem alten Johann ihrer Bestimmung zu. Der sollte in Loberg einstellen und Li und Lu zur gegebenen Zeit abholen. Er hatte sehr schläfrig ausgesehen und mit dem alten Graukopf mehr als je gewackelt. Aber die Pferde zogen kräftig an.

»Je, wie das stößt, Lu!«

»Gräßlich, Li.«

»Du, und der Wagen ist ganz schief.«

»Johann! Johann!«

Rechts und links sahen Lu und Li aus dem Fenster.

»Wo ist denn der Weg, Lu?«

»Er schläft, Li.« Lu meinte den alten Johann, nicht den Weg.

»Johann! Johann!« klang's dann von neuem. Der schnarchte gewaltig, brach aber endlich mit einem Schnauben ab.

»Freileinchen?« sagte er und bog sich vom Kutschersitz.

»Wir sind im Acker, Johann!«

»Dunnerhagel, do muß ich verleicht e bissi genickt hawe. Ihr Racker, wollter wohl!«

Er riß an den Zügeln, die Pferde wehrten sich, der Wagen rutschte immer tiefer und legte sich schließlich auf die Seite.

Lu und Li quiekten, rissen die Tür auf und sprangen hinaus, mitten ins feuchte, weichgewordene Ackerland. Der erste Schnee war nämlich schon gekommen und wieder gegangen.

»O, wie rutschig und schlammig!« rief Li in bester Laune.

Lu bückte sich und hob einen ihrer Schuhe hoch; er war über und über mit weicher Erde bedeckt.

Li lachte. »Nett, was?!« Lu stand auf einem Bein und sah ungewiß drein.

Der alte Johann hatte den Wagen unterdes doch auf den Weg zurück gebracht. Viel abseits waren sie nicht geraten, und wenn der Alte wach war, gehorchten ihm die Pferde.

»Wart, Lu, ich helfe dir.« Li faßte Lu unter. Die hüpfte auf dem einen Bein durch den schlammigen Grund, kam ins Stolpern, setzte sich und riß Li mit.

Da saßen sie im weichen Ackerland, ehe sie wußten, wie. Sehr erstaunt sahen sie einander an, lachten dann wie toll und rappelten sich auf.

»Wir werden nett aussehen,« sagte Lu, als sie zu Atem und auf die Beine kam.

»Fegen uns eben wieder rein,« erwiderte Li, ohne sich aus dem seelischen Gleichgewicht bringen zu lassen.

Der alte Johann aber besah sich zweifelhaft seine Ladung.

»Warte Se, ich putze Ihne. Der Wage kennt sonst schmutzig wern. Dann schennt der Herr Baron.«

Mit einer alten Leinendecke scheuerte nun Johann im Schein der Wagenlaterne an seinen »Freileinchen« herum.

»Der Mantel hat 's meiste abgekriegt,« sagte Li befriedigt und sah an der Schlammkruste nieder, die den überzog. »Am Rocksaum wird man kaum etwas sehen.«

Lu war weniger hoffnungsfreudig; aber nach dem Grundsatz: »Was ich nicht weiß, macht mir nicht heiß,« schaute sie nicht weiter nach. So stiegen sie wieder ein.

»Herta kann uns im Notfall ein altes Kleid borgen. Lustig sein können wir dennoch,« trösteten sich Li und Lu.

Sie fuhren also weiter, ab er nicht sehr lange. Diesmal war's ein Jammern wie von Kinderstimmen vom Walde her, das sie aufhielt.

Li hörte es zuerst und spitzte die Ohren; dann hörte es auch Lu. Sie rissen gleichzeitig die Wagentüren auf und riefen dem Johann. Dann sprang Li hinaus.

Jetzt klang's deutlich übers Feld vom erhöhten Waldrain her: »Mamme! Mamme!«

Li flog, ohne sich zu besinnen, der Richtung zu und nahm den hohen Waldrain in Sätzen wie ein Feldhase; Lu sprang genau so flink hinterher.

Der alte Johann sah mit offenem Munde hinter ihnen her und kratzte sich dann mit dem Peitschenstiel hinter dem Ohr; er blieb gemächlich sitzen.

Lu und Li stolperten beinahe über die Kleinen, die da oben unter den Bäumen hockten.

»Mamme! Mamme!« heulten die Kinder.

Li riß den Buben hoch, Lu das Mädel.

»Wie kommt ihr daher?« fragten sie hastig.

Den Kleinen blieb vor Schreck das Geschrei in der Kehle stecken.

»Die Mamme is krank!«

»Mamme trank – –«

»Mir hole de Doktor!«

»Doktor!« So der Bube und sein kleines Echo.

»In der Nacht? So allein? Schickt euch eure Mutter?«

Der Bube schüttelte den Kopf, heulte wieder los und bohrte mit den Knöcheln in den Augen. Die Kleine tat's ihm nach.

»Jetzt still,« herrschte Li energisch. »Antwort!«

»Mir sin fortgeloffe.«

»Fot deloffe.«

»Aha,« sagte Li.

»Wo wohnt ihr?« fragte Lu.

»In Dresdorf,« heulte der Bube und »Desdof,« sein Echo.

»Laß dich mal beschauen.« Li faßte ihn am Rockkragen und zog ihn zum Wagen unter die Laterne, ehe er wußte wie.

»Das ist ja das Peterchen von der Küstern, Lu,« sagte sie dann. Lu und Li kannten so ziemlich alles, was Atem hatte in Rödershof und Dresdorf.

»Jo, des is er,« nickte der alte Johann. »Die Kistern is widder sehr dernewe.« Womit er wohl »neben« der Gesundheit meinte.

»Wir fahren ja doch zum Doktor, Lu.«

»Ja, tanzen, Li,« meinte Lu.

»Wahrhaftig,« rief Li. »Hab' gar nicht mehr dran gedacht.«

»Na also. Rein in die Kutsche, Peterchen und Lieschen! Los, Johann!«

Diesmal kamen sie ohne Fährlichkeit an und hielten vor Doktor Mührens Tür. Das heißt, sie wollten halten, aber die Pferde waren nur schwer zum Stillstehen zu bringen. Der alte Johann hatte sie diesmal wenig in der Gewalt.

Tanz und Festlichkeit schienen schon in vollem Gang.

»Je, du, wir kommen zu spät,« sagte Lu. Li hörte gar nicht.

»Pack mal den Buben, Lu, ich nehm' das Mädel. Wir müssen's geschickt machen. Die Pferde stehen nicht. Los!«

Gewandt sprang Li vom Tritt, das Mädel im Arm. Lu folgte mit dem Buben.

Gerade da blieben auch zwei vorübergehende Herren verwundert stehen; ihre Überraschung war gerechtfertigt. Lu und Li in ihren mattblauen, von Schlamm bezogenen Abendmänteln mit den fragwürdig sauberen Kindern im Arm boten ein zum mindesten ungewöhnliches Bild.

Hell fiel der Lichtschein aus der geöffneten Haustür über sie. Mit lachenden Augen sahen sie in die Helle. Die mattblauen Kopftücher hingen ihnen nur noch andeutungsweise überm Haar.

Die beiden Herren grüßten unwillkürlich, gingen dann aber rasch weiter. Li hatte es gesehen und gedankt.

»Das sind sie ja wieder, Lu,« hörten die Herren sie sagen.

»Unsere beiden jungen Freundinnen, Heinz,« sagte vergnügt der eine.

»Das waren sie, Paul,« bestätigte fröhlich der andere. »Was sie jetzt wohl vorhaben?«

»Sahen bös aus!«

»Scheinen wieder mit der Landstraße in Fühlung gekommen zu sein. Damals war's Staub, heute nasser Schlamm!«

Lachend gingen sie nun weiter.

Li und Lu standen schon mit ihren Schützlingen auf dem Flur des Doktorhauses. Johann hatte die Pferde endlich zum Stehen gebracht und wartete weitere Weisung ab.

Frau Doktor Mühren kam die Treppe herunter.

»So spät, Kinder? Wie seht ihr aus!«

Li sah an sich nieder. »Schlimm? Na, einerlei! Wasser und Seife gibt's ja.«

»Für die Mäntel schwerlich.«

»Je, und Muttchen hat sie uns erst gekauft,« meinte Li erschrocken.

»Laß mal sein,« sagte Li. »Ist der Herr Doktor da? Die Kinder wollen ihn nämlich holen. Wir fanden sie unterwegs.«

Doktor Mühren kam eben aus seinem Zimmer; kopfschüttelnd besah er sich die Gäste. Li berichtete sprudelnd, Lu ergänzte.

Das Hausmädchen hatte ihnen mittlerweile die Mäntel abgenommen. Was da Li und Lu nun gegenseitig sahen, machte sie denn doch sprachlos. Bis zur Kniehöhe fast rings ein bräunlich-schwärzlicher Rand auf dem weißen Gewand.

»Herrje, siehst du aus,« sagte Li.

»Und du erst,« rief Lu.

»Ich?«

»Ich?«

Und nun sahen sie an sich nieder und sahen sich dann in die Augen.

»Schlimm,« sagte Li.

»Gräßlich,« sagte Lu.

So erstaunt waren sie; es war komisch anzusehen. Es brach denn auch ein allgemeines Gelächter los.

»Je, dann fahren wir wohl besser wieder heim,« sagte Lu.

Li nickte. »Wird das beste sein. Muttchen –« Da verstummten beide.

Frau Doktor Mühren war in keiner angenehmen Lage. Sie konnte ihnen kaum zureden, zu bleiben; sie sahen wirklich bös aus. Und die beiden umkleiden? Woher nehmen?

Doktor Mühren hatte indes die Kinder abseits verhört.

»Laß 'nen Wagen holen, Frau,« sagte er nun. »Der Braune lahmt; ich kann ihm heute keine Fahrt mehr zumuten. Ich muß noch mal nach Dresdorf hinaus. Was der Kleine berichtet, klingt nicht gut.«

»Einen Wagen holen?« rief Frau Doktor entsetzt. »Ja, wen soll ich denn schicken? Oben sind alle Hände voll zu tun.«

»Wir bringen den Herrn Doktor nach Dresdorf,« sagte Li rasch entschlossen. »Was, Lu?« Die nickte.

»Aber, Kinder, wollt ihr denn nicht trotzdem –?«

»Als Ferkel auftreten? Nee,« rief Li in bester Laune. »Grüßen Sie Herta, bitte. Ein andermal haben wir hoffentlich mehr Glück. Los, Lu, mach kein so langes Gesicht. Wirst noch manchmal im Leben hopsen können! Die Mäntel sind das Schlimmste an der ganzen Sache.«

Das fand auch Lu. Rasch verabschiedeten sie sich.

»Ich kutschiere,« sagte Li draußen. »Johann ist so dösig, der fährt uns noch einmal in den Acker.«

Ehe jemand Einspruch tun konnte, saß sie neben Johann und nahm dem Zügel und Peitsche, was er sich grinsend mit offenem Mund gefallen ließ.

Von oben tönte eben ein Walzer.

»No und des Danze?« fragte Johann und wies mit dem Daumen über die Schulter.

»Ist zu Essig geworden. Haben wir dir und dem Acker zu danken!«

»Des dät mer awer –« Johann suchte sich zu entschuldigen, Li ließ aber die Peitsche knallen, da klappte ihm der Mund zu. Mit beiden Händen hielt er sich fest, denn jetzt stoben die Pferde übers Pflaster.

Im Wagen drin war's still. Der Doktor war müde, Lu nicht in bester Laune; Peterchen und Lieschen waren am Einschlafen.

Wie Schatten glitten die Bäume der Landstraße im Nachtgrau draußen an den Wagenfenstern vorüber, schneller und schneller. Endlich donnerte der Wagen übers Dresdorfer Holperpflaster und hielt. Das Haus des Küsters lag jenseits des Dorfes ziemlich einsam.

Doktor Mühren stieg aus, hob die Kinder vom Wagen und ging ins Haus. Sehr schnell kam er wieder.

»Ich brauche Hilfe; die Frau liegt in schweren Krämpfen. Sie muß sofort eine Packung haben. Es ist keine Minute Zeit zu verlieren. Wenn eine der jungen Damen –«

»Ich komme,« sagte Lu. »Li, hole Hilfe.«

»Bei Tante Lenchen?«

»Behüte, die könnte den Tod davon haben,« rief Lu, die umsichtige. »Denk, wie wir aussehen! Sag's der Waltern.« Das war die Wirtschafterin bei Großpapa Polten. Li stürmte davon, nachdem sie erst den alten Johann wachgerüttelt hatte.

Lu half mit großer Geschicklichkeit. Als Frau Walter, die Wirtschafterin kam, lag die Kranke in tiefem Schlaf.

»Eine Viertelstunde später wäre verhängnisvoll gewesen. Die Frau hat den jungen Damen ihr Leben zu danken,« sagte Doktor Mühren ernst.

Lus und Lis Augen leuchteten.

»Heim,« sagten sie wie aus einem Munde.

»Ob ich hier einen Wagen bekommen kann?« fragte Doktor Mühren, als er fertig war.

»Kaum. Wir bringen Sie heim, Herr Doktor,« meinte Li.

»Hm – der Kutscher –« Doktor Mühren sah den alten Johann zweifelnd an.

»Man könnte es auf dem Hofe sagen. Herr Polten –,« sagte Frau Walter.

Li schnitt ihr das Wort ab. »Großpapa und Tante brauchen davon nichts zu wissen; die regen sich nur unnötig auf. Wir machen schon alles. Steigen Sie ein, Herr Doktor.«

Wie der Wagen gekommen war, donnerte er davon, ratterte an Rödersdorf vorüber und nach Loberg.

Im Doktorhause klang eben wieder ein Walzer. Man sah hinter den hellen Fenstern die Paare sich drehen.

Li, die vom Kutschbock stieg, die Wagentür zu öffnen – der alte Johann bekam die Gichtbeine so schnell nicht vom Fleck – drehte sich erst einmal um die eigene Achse.

»Ist zu fidel, was, Lu?« rief sie vergnügt.

Die brummte bloß einige unverständliche Worte.

Doktor Mühren verabschiedete und bedankte sich.

»Das nächste Mal haben die jungen Damen hoffentlich mehr Glück.«

»Glück haben wir immer, Herr Doktor,« rief Li.

»So 'n Walzer tanzt sich doch noch besser, als er sich anhört, was?« sagte Doktor Mühren und sah Lu fragend an. Die nickte zustimmend.

»Pech haben wir gehabt,« sagte sie, und was sie da sagte, kam aus dem tiefsten Herzen.

»Und die Frau, Lu?« Mit hellen Augen sah Li sie an. Da senkte Lu den Kopf, hob ihn aber schnell wieder.

»Die Frau natürlich, Li! An die hab' ich eben gar nicht gedacht!«

»Bravo,« sagte Doktor Mühren und schüttelte beiden herzhaft die Hand.

Dann fuhren sie heim.

Der Vater, Muttchen und Fee saßen im Gartensaal und lasen. Man hörte den Wagen und gleich danach ging die Tür. Muttchen hob den Kopf.

»So früh schon?« Dann stieß sie einen hellen Schrei aus und stand vor Lu und Li. »Wie seht ihr aus?! Ich wußte ja, daß ihr irgend ein Unheil anstellen werdet, ihr Rangen. Heraus mit der Sprache!«

Lu und Li berichteten.

Muttchen Friedels Entrüstung kämpfte einen schweren Kampf. Wie die beiden aussahen! Die neuen Mäntel, die guten Kleider!

Fee war des Mitleids voll.

»Arme Dinger, und das war nun der erste Ball!« Sie schmeichelte und streichelte an Lu und Li herum.

Lu und Li wollten sich plötzlich wie Märtyrer vorkommen. Da hob Li energisch den Kopf.

»Na, der Frau ist's zu gute gekommen, was, Lu?«

»Je, ja,« sagte die, »aber –«

»Bravo,« sagten auch Vater Klaus und Fee, wie es Doktor Mühren gesagt hatte.

Muttchen Friedels Groll verlief sich in einem: »Dem Johann werde ich aber den Kopf waschen.«

»Wasch lieber die da,« meinte Vater Klaus und wies auf Lu und Li.

Und Muttchen Friedel und Fee verschwanden mit den beiden Schlammüberzogenen.

»Gräßlich hungrig bin ich, Muttchen,« hörte man Li noch sagen. »Wie ein Wolf,« bekräftigte Lu jämmerlich. Dann schloß sich die Tür.

Vater Klaus schmunzelte noch lange vor sich hin.

Das war Lus und Lis erster »Balltag«, wie sie ihn genannt hatten.

*

Weihnachten kam ins Land.

Rödershof war vom Keller bis zum Giebel voll Erregung und Vorbereitungslust. In jedem Winkel Geheimnisse, überall Wispern und Raunen. Getrennte Lager, wohin man schaute, und in jedem eifrigstes Regen. Muttchen Friedel und Fee, Lu und Li, Lutz und Fritz, so teilten sich zumeist die Gruppen. Nur Vater Klaus stand einsam und gelassen über allem. Er durfte bloß zuweilen tief in die Tasche greifen und dazu kein Miene verziehen.

»Denn, Klaus,« sagte Muttchen Friedel und drehte an seinem Rockknopf, »diesmal ist's eine Ausnahme, siehst du. Fees erste deutsche Weihnacht, bedenke!«

Und dann war Heiligabend da. Ganz Rödershof strahlte in Lichtglanz und Freude. Lu und Li hatten für den Baum gesorgt. Eine Riesenfichte hatte Vater Klaus gespendet. Mit unzähligen Kerzchen hatten ihn Lu und Li besteckt, mit Silberfäden übersponnen. Auf der höchsten Spitze blitzte und funkelte ein Stern.

Im Lichterglanze des Christbaumes fand jedes irgend einen Wunsch erfüllt vor. Die Augen leuchteten um die Wette mit den Flämmchen.

Eine Kiste mit wundervollem Inhalt von Tante Lisa wurde ausgepackt. Solch ein Jubel! Fee teilte mit glücklichen Augen aus.

Daß Lutz und Fritz eine eben erhaltene Dampfmaschine alsbald zur Explosion brachten, tat der Freude auf die Dauer nicht Eintrag.

»Die habt ihr gehabt, Rangen,« sagte Muttchen Friedel trocken. »Nun ist man die Sorge los.« Sie schien fast erleichtert.

Lutz und Fritz strahlten. »Famos war's, Muttchen, was? So furchtbar natürlich. Ein feiner Knall?«

»Eine in der Fabrik hätt's nicht besser gekonnt.« Sie schienen sehr stolz auf ihre Leistung. Dann machten sie sich mit Rieseneifer an die Reparatur, was den Rest des Abends angenehm füllte.

Fee sah in die erlöschenden Lichter des Baumes; »Nicht ausblasen,« hatte sie gebeten, als Lu und Li drüber herfallen wollten mit vollen Lungen: ihr alljährlicher Sport.

»Schade,« sagte Li. »Es war immer so lustig,« sagte Lu. Aber sie ließen ab von ihrem Zerstörungswerk.

Ein Flämmchen erlosch ums andere. Fee stand und sah sinnend zu.

»Was denkt mein großes Mädchen?« fragte Vater Klaus und legte den Arm um sie.

Fee hob das liebe helle Gesicht und wies nach dem blitzenden Stern hoch oben im Geäst des Baumes.

»Der Stern bleibt und wenn alles dunkel wird,« sagte sie leise. Er zog sie fester an sich.

Dann kam Tante Lenchen und holte sich den Dank für allerhand Ballherrlichkeiten, die sie ihren Großnichten aufgebaut hatte.

Lu und Li waren entzückt. Sie kamen sich gehoben vor mit dem zarten, für sie bestimmten weißen Seidenstoff. Er war ihnen so eine Art Ritterschlag, ein für Vollerklären, zur Gilde der Erwachsenen überzutreten.

Tante Lenchen tat das wohl.

»So schenkt man gern,« sagte sie mit einem bedeutungsvollen Blick auf Muttchen Friedel. »Seinerzeit –«

Muttchen Friedel lachte. »Ach ja, die Rosenknospenherrlichkeit damals? Armes Tantchen! Ich freue mich, daß du doch die Freude wenigstens an den Rangen hast.«

Lutz und Fritz standen daneben und grinsten.

»Mit dem Weißseidenen muß sich's aber fein im Regenschlamm sitzen, Lu, Li!«

Die zuckten verächtlich die Schultern.

»Alle Wetter, Jungchen, denkst du denn, ich soll von dem Krimskrams und dem Lichterbaum satt werden?« polterte jetzt Papa Polten. »Mir ist ganz schwach auf den Gichtbeinen.«

Lachend eilten Muttchen Friedel und Fee, nach dem Rechten zu sehen. Und bald saß eine frohe Runde um den Festtisch beim Festbraten.

Dann war ein neues Jahr über der Welt und über Rödershof aufgegangen.

Gleich hinterher hatte ein großer Geselligkeitstaumel in dem kleinen Städtchen eingesetzt.

Die Rödershöfer konnten sich dem nicht entziehen. Gesellschaften, Bälle, Konzerte, ja eine Theatergesellschaft kam für vier Wochen, und da sie gut spielte, wohnte man den Aufführungen häufig und gern bei.

Muttchen Friedel und Fee namentlich waren mehr in Anspruch genommen, als ihnen lieb war. Es regnete Einladungen.

Lutz und Fritz waren jetzt sehr auf sich angewiesen, waren bald recht unbotmäßig, unwirsch und gaben Anlaß zu allerhand Verwarnungen in- und außerhalb des Hauses.

Muttchen Friedel sah es mit Sorgen, konnte es aber einstweilen nicht ändern.

Lu Und Li durften zu größeren Gesellschaften und Bällen noch nicht mit. Dafür hatten sie ihr Kränzchen, das sie sehr genossen, in der Folge auch ohne Unfall.

Vater Klaus seufzte ein wenig unter dem Sturm, entzog sich aber keiner Verpflichtung irgend welcher Art.

Es machte ihm dann auch Freude, Lobsprüche über die Seinen einzuheimsen. Fee war der erklärte Liebling, wohin sie kam.

»Weil sie eben nicht nur schön und lieb ist, sondern auch schön und lieb denkt und tut, siehst du,« sagte Tante Lilly Echtern begeistert zu Muttchen Friedel.

Und so dachten und fühlten alle.

Am meisten unwirsch war Papa Polten in dieser Zeit; er fühlte sich sehr vernachlässigt.

»Alberner Hopphei! Hätte Jungchen für klüger gehalten,« zankte er.

»Frida ist eben jetzt zuerst Mutter, Konrad,« sagte Tante Lenchen verweisend.

»Dummer Frauenzimmerschnack!« Papa Polten war in schlechter Stimmung wenig höflich.

Tante Lenchen schwieg sehr gekränkt.

So ging das Leben seinen Gang auf Rödershof und anderswo.

Der Februar kam schon ins Land und war bald wieder draußen; da sollte sich ein Wunsch von Vater Klaus erfüllen.

»Wir sollten mal alle drei irgendwohin mitnehmen, Friedel,« hatte er schon öfter gesagt. »Ich möcht' sie mal zusammen tanzen sehen.«

»Läßt sich schwer machen, Klaus. Lu und Li sollten diesen Winter doch nur ihr Kränzchen haben,« sagte Muttchen Friedel. »Und ich halte das auch für besser.«

Da kam eine Gelegenheit.

Es sollte ein großer Wohltätigkeitsbasar veranstaltet werden, im Anschluß daran Konzert und Ball. Alle Welt war aufgefordert und nahm teil, also auch die kleine Welt von Rödershof. So sollte Vater Klaus seine drei beisammen sehen.

Es gab eine Menge Vorbereitungen. Aber endlich war der große Tag da.

Im Hotel zur goldenen Krone in Loberg herrschte ein buntes Treiben schon früh am Vormittag. Da wurde noch die letzte Hand an alles gelegt. Punkt zwei Uhr nachmittags sollte der Basar eröffnet werden.

Alle Mitglieder der Familie Rödern waren schon früh da, selbst Vater Klaus und Muttchen Friedel. Es gab noch so viel zu tun, und Herr von Rödern gehörte zum Vorstand.

Fee sollte mit einem Stab von Schulmädchen den Blumenverkauf besorgen; alle waren in Rosenrot gekleidet, Fee trug einen Rosenkranz in dem gelösten Blondhaar.

Lu und Li mit Herta Mühren und Tinchen Müller sollten die eigens veranstaltete Post besorgen; sie waren Feuer und Flamme und guter Ideen voll.

Zur richtigen Zeit war denn alles fertig, alle standen auf ihrem Posten.

Punkt zwei Uhr wurden die Türen geöffnet. Das Publikum drängte sich noch nicht; aber mit jeder halben Stunde wurde es besser, allmählich fast zu gut. Ganz Loberg und Umgebung schien auf den Basar gewartet zu haben, um dringende Einkäufe zu besorgen.

Wo das Gedränge sich am dichtesten staute, da waren sicher Lu und Li mitten drin. Und wo man hellauf lachen hörte, da waren Lu und Li irgendwie die Ursache.

Wie die Eidechslein schlüpften sie in ihren gelben Postillonsröcken und den schwarzen Spenzern und Hüten durch die Menge. Keiner, den sie anlachten, konnte ihnen die Gabe für den gebotenen Brief verweigern. Ihre Geldtaschen füllten sich zusehends.

Da drückte sich ein Bäuerlein durch die Menge.

»Den kriegen wir dran, Lu,« raunte Li und trat an seine Seite.

»Was wollt Ihr denn hier? Wer seid Ihr denn?« rief Li volkstümlich barsch.

Erschreckt griff das Bäuerlein an seinen Hut: »Ei, ich bin der Steinehannes von Niedergrumbach. Ich han als auch emol gucke wolle, was die fürnehme Leit –«

Li war schon wieder fort und ließ den Mann mit offenem Mund zurück. Gleich nachher tippte ihn wieder was von der anderen Seite.

»Einen Brief für Sie! Zehn Pfennige, bitte.«

»E Brief – for – for mich? Ei woher –?«

»Herrn Johannes Stein aus Niedergrumbach – stimmt das?« fragte Lu und hielt ihm einen Riesenumschlag hin.

»Do soll doch gleich – zeig' emol her.« Umständlich kramte er seine Brille vor, schob sie auf die Nase, besah das Dargereichte, schüttelte den Kopf.

»Daß dich – stimme dät's freilich. Awer – awer woher kennt mich dann des – des Freilein Poscht –?« Ungewiß sah er über die Brille weg Lu und Li in die lachenden Augen und in lachende Gesichter ringsum.

»Die Post weiß eben alles. Zehn Pfennige, bitte,« sagte Li und streckte von neuem die Hand aus.

Langsam kramte das Männlein den Geldbeutel heraus und trennte sich seufzend von seinem Nickel; Li heimste ihn lachend ein und schlüpfte mit Lu davon.

Was das Männlein über den Inhalt – ein leeres Blatt Papier – sagen würde, warteten sie nicht ab.

Es galt andere Opfer zu suchen.

»Wie macht ihr's bloß?« fragten Herta Mühren und Tinchen Müller, als Lu und Li ihre Geldtäschchen eben zum zweitenmal in die allgemeine Kasse leerten.

»Je, ich lache die Leute eben an,« sagte Lu.

»Und ich mach' 'nen schlechten Witz dazu,« ergänzte Li.

Und fort huschten sie, eine Ladung neuer Briefe und Karten im Täschchen. Herta Mühren und Tinchen Müller schlichen hinterher.

Zwei hochgewachsene blonde Herren, einander so ähnlich wie ein Tropfen Wasser dem anderen, standen unter der Saaltür und übersahen das Treiben.

»Sieh nur die reizende Blondine dort, Paul? Diese Anmut! Wer –?«

»Es ist Fräulein Felicitas von Rödern. Du weißt ja, wir haben sie doch bei Frau Schmitt und auf dem Kasinoball getroffen.«

»Richtig! Hier unter den Blumen kam sie mir nur noch anmutiger vor. Laß uns hingehen zu ihr!«

Assessor Heinz und Assessor Paul Western – denn sie waren es – traten vor Fee. Die hatte alle Hände voll zu tun, wollte sie allem nachkommen. Blumen schien der begehrteste Artikel, und sie aus Fees Händen zu haben, noch begehrter.

»Dürften wir um Nelken bitten, gnädiges Fräulein?«

»Gerne, sofort! Nur einen Augenblick,« sagte Fee und sah sie freundlich an.

»Beeilen sich gnädiges Fräulein gar nicht. Wir können warten,« sagte Assessor Paul.

»Wir warten gern,« fügte Assessor Heinz bei.

So standen sie und sahen zu, wie Fee sich wandte und drehte im Eifer. Ganz wie von selbst machte es sich nun, daß sie zugriffen, ihr die Arbeit zu erleichtern, und Fee hatte plötzlich zwei sehr gewandte Adjutanten. Gern ließ sie es sich gefallen, denn ihr Stab von Schulmädchen war eigentlich mehr Hindernis als Hilfe.

Lu und Li huschten vorüber und standen starr.

»Sieh doch bloß, Lu!«

»Na ja, Li, das sind doch unsere!«

»Unsere Freunde natürlich!«

»Und haben gar kein Auge für uns!«

»Neben Fee, Lu!« Li wunderte das weiter nicht. Lu warf den Kopf zurück, sagte aber nichts.

Fort huschten sie, standen aber sehr bald wieder vor Fees Blumenstand, rechts und links von den beiden Adjutanten.

»Herrn Assessor Heinz Western!«

»Herrn Assessor Paul Western!« Im geschäftsmäßigsten Amtston war's gesagt.

Lu und Li hatten die Hände militärisch grüßend am Tressenhut und hielten zugleich jedem der Herren einen Brief hin. »Bitte, Porto, Strafporto! Eine Mark.«

Dies wurde einstimmig gesagt.

Assessor Paul und Assessor Heinz Western fuhren herum und sahen lachend in die braunen Gesichter.

»Strafporto? Wofür?«

»Dafür, daß man alte Freunde nicht kennt,« sagte Li, und Lu nickte.

»Lu! Li!« mahnte Fee.

»Wir kennen doch auch Ihren Vater, Fee,« verteidigte sich Li und machte ihr größtes Schelmengesicht. »Hat er Ihnen von dem Wirtshaus erzählt?«

Assessor Paul und Assessor Heinz lachten.

»Und ob! Hat uns auch einen Gruß gebracht.«

»Na also,« sagte Li.

Fee schwieg.

»Haben wohl nicht gedacht, daß das unsere Schwester ist?« fragte Lu und sah Fee dabei an.

»In der Tat –« sagte Assessor Heinz.

»Haben Sie uns so was nicht zugetraut, was?« meinte Li.

Assessor Paul tat sehr ernst.

»Kaum,« antwortete er, aber der Schelm blitzte ihm aus den Augen.

Vater Klaus trat nun heran. Er war auf der Suche nach seinen beiden Rangen gewesen; Muttchen Friedel schickte ihn. Sie war selbst sehr beschäftigt an ihrer Korbbude.

»Alle Welt will Körbe, Klaus,« hatte sie gesagt. »Das freut mich ja nun, aber gestohlen könnten sie mir doch werden. Man muß nach Lu und Li sehen. Die flitzen nur so herum und überall lacht's, wo sie sind. Ich fürchte, Klaus, sie hauen über die Schnur. Geh, sei mal auch Vater neben dem Vorstandsmitglied.«

So hatte er Lu und Li gesucht und, wie es schien, zur rechten Zeit. Denn eben hielt einer Lu am Ärmel gepackt und schrie: »Sie, Freilein Poscht, mein Nickel will ich Widder hawe! Ei, in dem Brief is jo nix drin gewese als wie weiß Babier, nix vorne un nix hinne!! For zum beschte halle loß ich mich nit, daß Se's nur wisse.«

Es war das Bäuerlein, der Johannes Stein von Niedergrumbach. Sehr erzürnt stand er da und zerrte an Lu. Die war blaß geworden.

»Loslassen, Mann,« sagte Vater Klaus und befreite Lu, die sich eilig hinter Fee verkroch.

Li hingegen lachte den Mann an.

»No, Steinehannes,« sagte sie, »weiß Papier is doch besser als beschriwenes, he? Wann's jetz e Rechnung gewese wär? Oder en Drohbrief oder en Prozeß, he?«

»Des is wohr.« Das Bäuerlein kratzte sich hinter den Ohren und rückte den Hut zurecht. »Wohr is es,« bekräftigte er noch einmal. »No, dann nix for ungut.« Damit stapfte er davon. Dies war das letzte, was Lu und Li von dem Steinehannes aus Niedergrumbach gesehen hatten. Die Zurückbleibenden lachten weidlich, und Lu und Li mußten erzählen, wie sie zu der Bekanntschaft gekommen waren.

Von fünf Uhr ab war Ausverkauf um jeden Preis. Es mußte geräumt sein bis halb sieben.

Um sieben Uhr war großes Konzert, ausgeführt von den am Platze weilenden Kräften. Von neun Uhr an dann gemeinschaftliches Essen und ein Tänzchen danach für die Teilnehmer und Ordner des Ganzen.

»Nach der Arbeit das Vergnügen,« hatten die Väter der Stadt weise gesagt.

Bei dem Ausverkauf stieg der Wirrwarr ins Unerträgliche. Muttchen Friedel hatte sich ihre beiden Jüngsten zur Hilfe herangeholt. Die standen mit süßsauren Mienen da; als Postillon war's lustiger gewesen. Aber als der Trubel wuchs, wuchs auch ihr Vergnügen; sie waren in ihrem Element.

Li hatte sich eine Last kleiner Körbe übergehängt.

»Stück für Stück zwanzig Pfennige,« so drängte sie sich durch die Menge und fand reißenden Absatz.

Muttchen Friedel wollte wehren, aber sie wußte kaum, wo ihr der Kopf stand.

Endlich war das letzte Stück verkauft und der letzte Käufer draußen. In Eile wurden die Buden beseitigt und alles für das Konzert vorbereitet.

Lu und Li in den Weißseidenen von Tante Lenchen, Maiglöckchen im Haar und am Halsausschnitt, standen bereits an der Tür, die zum Podium fühlte. Sie sollten das Konzert mit der Weberschen Aufforderung zum Tanz eröffnen.

Blaß waren sie und machten große Augen.

»Herzklopfen hab' ich, weiß der Himmel, Muttchen,« sagte Li weinerlich, und Lu nickte trübselig dazu.

»Freut mich,« sagte Muttchen Friedel unbarmherzig. »Ich glaubte bisher, so etwas sei euch gar nicht bekannt.«

Da bissen sie die Zähne aufeinander. Dann kam das Glockenzeichen und Li zog Lu hinaus.

Ein Beifallssturm empfing sie. Sie sahen so niedlich aus, so drollig verlegen. Li knickste wie ein Schulmädel, Lu machte den verunglückten Versuch einer regelrechten Verbeugung.

»Albern,« raunte Li.

»Gehört sich,« entgegnete Lu, und beide warfen die Köpfe zurück. So waren sie in der rechten Stimmung, griffen in die Tasten und flott klang die »Aufforderung«.

An der Tür lehnten die beiden Brüder Western.

»Sieh, sieh, das können die beiden auch,« sagte Assessor Heinz.

»Wie hübsch sie aussehen,« sagte Assessor Paul.

»Nichts gegen die Schwester.«

»Geschmacksache.«

Als Lu und Li fertig waren, sprangen sie wie erlöst auf, knicksten und stürmten davon. Lachen und Beifall folgte ihnen und wollte nicht aufhören.

Da erschienen sie noch einmal mit strahlenden Gesichtern, hielten sich an den Händen, knicksten wieder und stoben hinaus.

Eine andere Dame spielte.

Und dann stand Muttchen Friedel mit ihrer Geige oben.

Ein Ah ging durch die Versammlung. Alles kannte ihr Geigenspiel. Und Muttchen Friedel spielte, spielte wunderschön.

Lu und Li saßen auf einem Bänkchen neben dem Podium, ihre Augen glänzten.

»Unser Muttchen, du,« sagte Li, und »Solch ein Muttchen,« nickte Lu.

»Künstlerisch, wirklich künstlerisch,« sagte Assessor Heinz an der Tür.

»Ja, wirklich bedeutend,« bekräftigte Assessor Paul.

Wieder und wieder mußte Muttchen Friedel eine Nummer zugeben und tat es liebenswürdig.

Aber dann wurde es ihr zu viel. Statt Bogen und Geige zu schultern, ließ sie sie zu beiden Seiten niedersinken und schüttelte ausdrucksvoll den Kopf.

»Allzuviel ist ungesund,« sagte sie mit ihrer hellen Stimme, sprach's, neigte sich und verschwand. Tobendes Bravo und allgemeines Lachen folgten ihr nach.

»Jetzt weiß ich, woher's die beiden haben,« meinte Assessor Paul. Assessor Heinz lachte und nickte. Dann wieder tiefe Stille. Fee stand auf dem Podium, auch sie in weißer Seide mit weißen Rosen im Haar. Als sie sich neigte, erhob sich ein Beifallssturm. Er galt ihrer jungen Schöne. Dann sang Fee. Wie sie sang! Perlend und taufrisch kam der Ton, ging gerade in die Herzen der Hörer.

Nicht müde wurde der dankende Beifall, nicht müde die frohe Gebelaune der jungen Spenderin. Unerschöpflich kam Lied auf Lied. Zur Begeisterung wuchs der Beifall.

Alle waren ganz hingerissen.

Nachher sangen zwei junge Damen Duette, nach Fee kein dankenswertes Unternehmen. Aber freundlicher Beifall lohnte auch ihnen.

Dann kam ein Klaviersolo. Und wieder Gesang, diesmal ein Herr. Das Publikum fing an, unruhig zu werden. Die Jugend sehnte sich wohl nach dem Tanz, das Alter nach dem gedeckten Tisch.

Da kam noch etwas, was die allgemeine Aufmerksamkeit fesselte.

Auf dem Podium erschien Muttchen Friedel mit ihren drei Töchtern.

Diesmal verneigten sich Lu und Li sehr sittig, wie sie es Mutter und Schwester tun sahen.

»Alle Wetter, die beiden sind ja recht gelehrig,« meinte Assessor Heinz Western an der Tür, wo die Brüder noch immer standen.

Assessor Paul puffte ihn. Dicht neben ihnen hatte sich Herr von Rödern aufgestellt.

Lu und Li hatten die Klavierbegleitung zu Violine und Gesang.

»Der Engel« hieß das Musikstück, das sie vortrugen. In Wort und Ton war's nicht eben bedeutend, Dichter und Komponist nicht von den ersten. Aber wie es zu Gehör gebracht wurde, das war tadellos. Violine und Stimme klangen ineinander, hoben und trugen sich, das Klavier schmiegte sich bescheiden an.

Es war ein großer Genuß. Und stürmischer, nicht endenwollender Beifall lohnte.

»Je, Lu, die sind ja ganz wild.«

»Ich hab' genug, Li.«

»Hungrig, was?«

»Nee, tanzen.« So raunten sich Lu und Li zu.

»Los, Kinder,« sagte da Muttchen Friedel.

»Nochmal, Muttchen?« Es setzte sehr lange Gesichter. Und dann war die Wiederholung zu Ende.

»Jetzt flink ab,« kommandierte Muttchen Friedel, »sonst bekommen sie uns noch einmal fest.«

Der Abgang war nicht auf der würdevollen Höhe des Eintritts, wenigstens bei Muttchen Friedel, Lu und Li. Fee behielt ihre freundliche Ruhe bei.

»Das Glück steht ihnen auf den Gesichtern geschrieben, Heinz,« sagte Assessor Paul begeistert. »Solch eine Familie!«

Ein Laut vom Bruder ließ ihn umsehen. Da entfernte sich eben Herr von Rödern; auch sein Gesicht war glückshell, als er noch einen freundlichen Blick nach dem Sprecher warf.

Und dann ging's zu Tisch. Man ließ den Zufall walten. Alles sollte zwanglos sein.

Assessor Heinz Western und Assessor Paul Western hatten Fee zwischen sich; halb Zufall war's und halb Nachhilfe.

»Gnädiges Fräulein verzeihen die doppelte Auflage,« sagte Assessor Heinz, wies nach dem Bruder, dann auf sich selbst und lachte.

»Des Guten ist bekanntlich nie zu viel,« sagte Fee, auf den Scherz des jungen Mannes eingehend.

»Gnädiges Fräulein sind sehr liebenswürdig. Es gibt aber auch eine andere Wendung. Wie sagte Ihre Frau Mutter? Allzuviel ist ungesund.«

»Muttchen hat wirklich viel gespielt,« entgegnete Fee wie entschuldigend.

»Sie hat uns mit Feengaben überschüttet, genau wie gnädiges Fräulein,« sagten beide fast einstimmig.

Fee sah überrascht auf. Sollte es ein Wortspiel sein? Aber beide Herren waren offenbar harmlos.

»Bei mir trifft das in besonderer Weise zu,« sagte sie dann vergnügt. »Ich bin nämlich Felicitas getauft und die Meinen nennen mich Fee.«

»Ein schöner Name,« sagte der eine.

»Und so passend,« fügte der andere hinzu.

Fee lachte. »Aber außer Mode in unserer nüchternen Zeit.«

»Ich glaube an gute Feen,« sagte Assessor Paul.

»Gute Feen hat's gegeben in unseren Kindertagen und wird's geben, wenn wir Greise sind,« versicherte Assessor Heinz.

»Es leben die guten Feen!« Beide hoben ihr Glas. Die Umsitzenden stimmten ein, die ganze Runde.

»Vor allem die, die uns heute solchen Genuß bereitet haben,« krähte Herr von Ellern und stieß sein Glas gegen das Muttchen Friedels, seiner Nachbarin.

»Du, jetzt kriegen wir auch was ab,« meinte Lu und puffte Li.

»Gehört sich auch,« sagte die und warf die Stubsnase in die Luft. »Hab' schon drauf gewartet. Die haben auch nur Augen für Fee.« Sie wies nach Fees Nachbarn; Lu sah hin und lachte.

»Bist wohl ärgerlich, was?«

»Na, unsereiner ist doch auch auf der Welt, Lu! Hat auch Daseinsberechtigung! 's kann nicht jeder sein wie Fee.«

»Nee,« sagte Lu und lachte noch immer.

»Wär' auch langweilig,« tröstete sich Li gleich danach. »Lauter Rosen und keine Disteln, was, Lu?«

»Sprichst du für dich?« fragte die. Als Distel fühlte sich Lu denn doch nicht.

Da standen Assessor Heinz und Assessor Paul vor ihnen mit vollen Gläsern.

»Dürfen wir? Ihr Wohl, meine Damen!«

Lu und Li stießen so kräftig an, daß der Wein floß; knapp konnten sie die Weißseidenen retten. Beschämt schauten sie drein, noch als die Herren gegangen waren.

Lang hielt's aber nicht an. Um sie her war frohes Leben; das ganze Tanzkränzchen hatte sich am selben Tisch zusammengefunden.

»Prost, Fräulein Lu! Prost, Fräulein Li!« Die Primaner umdrängten sie mit Eifer und Lärmen. Lu und Li waren in ihrem Element.

Dann kam der Augenblick, auf den Vater Klaus gewartet hatte.

Die Fiedeln oben wurden gestimmt und legten los.

Ein Walzer. Rasch hatten sich die Paare geordnet.

Vater Klaus schaute nach seinen Dreien aus.

Dort ging Fee an der Seite eines der blonden Assessoren. Nette Menschen waren das, wirklich. Vater Klaus besah sie sich wohlwollend. Der Vater, der unfreiwillige Gast auf Rödershof, war ja auch so nett gewesen, hatte Muttchen Friedel gesagt.

Er fing einen frohen Blick von Fee auf. Sie grüßte im Vorübertanzen mit Augen und Hand. So warm und zärtlich schauten die Augen; Vater Klaus war's warm ums Herz.

»Wie sie tanzt, Klaus!« Eine Hand schob sich in die seine. Er sah seinem Weib ins Gesicht voll Stolz und Freude. »Wundervoll, was?«

»Und die beiden Rangen, Klaus?«

Er sah sich um, Muttchen Friedel gleichfalls. »Dort springen sie wie die jungen Lämmer. Sieh doch bloß, Klaus! Wie mich das an mich selber erinnert! Die Grazie liegt noch in den Windeln. Bei manchem bleibt sie überhaupt weg, was, Klaus?«

»Mach dich nicht schlecht, Friedelchen, wollen's gleich probieren.« Er legte den Arm um sein Weib und tanzte mit ihr davon.

»Ein schönes Paar,« sagte Regierungsdirektor Metzler zu einem Freund. »Wer das damals hinter der kleinen Polten gesucht hätte, als sie hier Unsinn trieb.«

»Ja, ja,« sagte der andere und lachte. »Junger Wein will gären.«

»Lu,« rief Li und rempelte samt ihrem Primaner Lu mit dem ihren an. »Lu, Vater und Muttchen tanzen, sieh doch bloß!«

Da stand Lis Herr verlassen mit offenem Mund, der von Lu gleichfalls. Mit sehr wenig geistreichen Gesichtern sahen sie hinter ihren flüchtigen Damen her. Dann warfen sie die Köpfe zurück, rot und ärgerlich, drehten sich auf dem Absatz und drehten dazu wuchtig an den drei Härchen der Oberlippe.

»Gänse,« sagte der eine.

»Tolle Hexen,« der andere, etwas höflicher. Lu und Li befanden sich von da an sehr in ihrer Ungnade.

Die hingen rechts und links an des Vaters Rockschößen.

»Mit mir tanzen!« – »Nein, mit mir!«

Sie rissen ihm fast die Schöße ab. Er rettete die zuerst bedächtig und zwinkerte seinen Bedrängerinnen zu.

»Der reine Paris! Dreie zumal. Ich darf doch nicht unhöflich gegen meine Dame sein.«

»Bitte, Väterchen! Väterchen, bitte!«

Da lachte er geschmeichelt.

»Alle Wetter! Auf meine alten Tage solchen Erfolg.« Ergab Muttchen Friedel frei und faßte Lu.

»Her denn!«

Li machte ein langes Gesicht.

Da stand Assessor Paul Western vor ihr und machte eine artige Verbeugung: »Dürfte ich bitten?«

Li sah ihn ungewiß an.

»Sie – Sie meinten wohl Muttchen, nicht? Muttchen tanzt wundervoll. Ich tanze noch nicht lange mit Herren.«

»Ich erhalte also einen Korb?« meinte er belustigt. Auch Muttchen Friedel lachte.

»Besinn dich, Li.«

Die kicherte. »Na, wenn Sie's wagen wollen. Ich –«

Da war sie schon mitten im Saal, tanzte dahin wie auf Wölken, und sah verklärt aus.

»Nun?« fragte er, als sie stillstanden und Atem schöpften.

»Wundervoll,« sagte sie begeistert. »Das nenn' ich tanzen!«

Dann kam irgend ein Primaner und bat um eine Extratour. Gnädig war Li nicht.

»Ich – eigentlich blieb ich lieber –« aber sie brach ab. Irgendwie war ihr klar, daß dies nicht das Richtige sei, und sie flog mit dem Primaner davon.

»Sie müssen nicht so stolpern,« sagte sie belehrend. »Und gepufft braucht man auch nicht immer zu werden.«

Der Primaner, ein guter Junge sonst, blieb plötzlich stehen und warf sich in die Brust.

»Mit Assessoren kann ich freilich nicht konkurrieren!« Sprach's, wandte sich und ließ Li stehen.

Die sah sich verdutzt um. »Herrje, so'n Bärbeißer!« lachte sie dann.

Die Zeit war verflogen wie im Traum.

»Li,« sagte Vater Klaus, der eben durch den Raum kam, »ich suche dich; es wird Zeit. Verabschiede dich von den Freunden. Der Wagen ist schon angespannt.«

Was konnte Li tun, als ein sehr langes Gesicht machen, und tun, was der Vater befahl?

»Warum geht alles Schöne so rasch zu Ende, Väterchen?« Li war's recht weinerlich zu Mute.

»Damit's schön bleibt, mein Mädel,« sagte er ernst.

Dann huschelten sich Lu und Li im Wagen eng zusammen. Fee mußte auf demselben Sitz Platz finden. Muttchen und Väterchen saßen auf dem Rücksitz.

»Wie war's, ihr Mädel?« fragte Vater Klaus.

»Schön,« sagte Fee.

»Himmlisch,« jauchzten Lu und Li.

»Uff, müde bin ich,« sagte Muttchen Friedel.

»Wie kann man bloß?« fragten Lu und Li.

Aber dann wurde es still im Wagen und alle hingen den eigenen Gedanken nach.

»Klaus,« sagte Muttchen Friedel, ehe sie nach diesem ereignisreichen Abend zu Bett gingen. »Wie hieß der Mann mit dem Ring?«

»Mit dem Ring?« fragte er verwundert. »Durch die Nase, Friedel?«

»Unsinn, Klaus. Der von Schiller.«

»Polykrates, meinst du?«

»Natürlich doch, Klaus. Sieh, den ganzen Abend hab' ich denken müssen und alle haben's gesagt, wie glücklich wir doch sind, wir alle, Klaus. Und – Klaus, der alte Poly – Poly –«

»Polykrates.«

»Ist mir schnuppe, Klaus. Der alte abergläubische König hat seinen Ring wegwerfen können. Aber was sollen wir tun, Klaus?«

»Froh sein, unser Glück genießen und uns lieb haben, Friedelchen.«

»Und wenn's anders kommt, Klaus?«

»Mutig stillhalten und uns erst recht lieb haben!«

Leichte Sommerwölkchen

Lutz und Fritz trabten heimwärts von der Schule, mitten durch den Wald.

Die beiden gingen nicht etwa fein säuberlich neben der Landstraße auf dem Fußsteig, behüte; sie wateten mitten im Staub, und je höhere Wolken sie aufwirbelten, desto wohler war's ihnen.

Die Sonne schien, und der Sommer hatte Einzug gehalten; die großen Sommerferien sollten beginnen. Lutz und Fritz trugen ihre halbjährliche Zensur im Ranzen.

»Du, Fritz,« sagte Lutz, »meine ist einfach miserabel.«

Fritz wußte, was er meinte, er hatte auch nichts Besseres zu melden und ließ die Ohren hängen.

»Wenn Vater fragt,« entgegnete er dann, »ich – ich sag', ich hätt' keine gekriegt!«

»Lügen ist gemein,« sagte Lutz.

»Na ja, aber –«

»Du, willst du das Nest mal sehen?« fragte da Lutz, dem leidigen Gespräch eine andere Wendung zu geben; er kannte alle Vogelnester weit in die Runde. Fritz nickte.

»Aber nicht anrühren,« mahnte noch Lutz.

Wie auf Verabredung wirbelten die beiden nochmal eine Staubwolke auf zum Ersticken, dann sprangen sie seitwärts in den Wald. Die Ranzen hinderten dabei am raschen Durchbrechen des Unterholzes.

»Legen wir sie hierher,« schlug Lutz vor.

Da lagen auch schon die Ranzen am Waldrand. Ihre beiden Träger aber eilten flink zu einem hohen Baum, an dem sie hinaufkletterten, Lutz voran als Wegweiser. Hoch oben hielt er und zeigte auf etwas.

»Da,« sagte er.

»Das ist ja leer!« meinte Fritz sehr enttäuscht.

»Na nu! Denkst du etwa, im Juli sitzen die Jungen noch da und warten, bis der Fritz Rödern kommt?« Zugleich tippte Lutz mit nicht mißzuverstehender Gebärde an die Stirn.

Das beleidigte Fritz schwer; er schlug mit Armen und Beinen aus. Darüber kam er ins Rutschen. Lutz erschrak, griff nach ihm, rutschte aber gleichfalls aus. Schließlich sausten beide an dem Stamm nieder. Zu Schaden waren sie nicht gekommen, außer ein paar Schürfungen an Armen, Händen und Beinen. Dafür klaffte es in den Kleidern wahrhaft erschreckend! Bei Lutz hingen Winkelhaken an beiden Knieen. Fritz hatte den halben Ärmel und sämtliche Westenknöpfe auf Nimmerwiedersehen oben gelassen. Ziemlich verblüfft standen sie da und sahen sich an.

»Du bist schuld!«

»Nein, du!«

In der nächsten Sekunde lagen sie schon in enger Umschlingung am Boden. Ein Büschel Haare kostete es jeden; Lutz blutete die Nase und Fritz hatte ein dickes Auge. So richteten sie sich dann wieder auf und der Frieden war hergestellt; sie trugen sich weiter nichts nach.

»Du siehst nett aus, Ferkel!« sagte dann Lutz.

»Selber eins,« entgegnete Fritz, »siehst's bloß nicht.«

Hastig brachen sie nun wieder durchs Unterholz zurück nach der Landstraße.

»Da war's,« sagte Lutz.

»Nee du, da!« rief Fritz.

Sie rannten hin und her; aber die Ranzen waren und blieben verschwunden.

»Weg sind sie,« sagte dann Lutz, rot, heiß und atemlos. »Je, du, was tun wir nur?«

Fritz sah ihn mit offenem Mund an.

»Je, du und –« Dann lachte er plötzlich wie toll, schlug sich auf die Kniee, warf die Beine und lachte. Lutz sah ihn mit großen Augen fast ängstlich an; war er am Ende »übergeschnappt«? wie sich Lutz in Gedanken elegant ausdrückte.

»Fritzel,« sagte er sehr sanft, denn er hatte seinen Fritz lieb.

Der sah ihn mit verkniffenen Augen an, das blau verschwollene sah besonders komisch aus.

»Du,« stöhnte er schließlich, schnappte nach Luft und bekam doch noch einen Lachanfall, den er erst überstehen mußte, »futsch sind sie.«

»Dummkopf,« antwortete Lutz brüderlich zärtlich, »du brauchst nicht so zu lachen! Das wird ein netter Radau daheim werden! Muttchen –«

»Aber die – die – die –« Fritzchen stotterte vor Eifer – »die – die – ich mein' ja die – die Zen–su–ren!«

Da stand Lutz starr; so weit hatte er noch gar nicht gedacht. Und dann stieß er einen gellenden Schrei aus, der selbst Fritzchen zusammenschrecken ließ.

Aber er faßte sich rasch wieder und stimmte ein. Wie toll rasten die beiden im Straßenstaub der Heimat zu; die Staubwolken wirbelten himmelhoch.

Das nahm ein Esel übel, der da am Wegrand vor einem Karren stand; sein Herr pflegte wohl der Ruhe irgendwo im Schatten. Grauchen war ohnehin gereizt über diese ungleiche Arbeitsverteilung. Hier in der Sonne zu schmoren, gesattelt und gezäumt auf allen vieren zu stehen, während sein Herr dort im Schatten friedlich auf dem Rücken lag und schnarchte. Und nun fuhren auch noch die Schreihälse daher mit Gebrüll und Staub.

Der Esel bockte und schlug aus, während Lutz und Fritz herantollten. Der Himmel weiß, wie jeder plötzlich einen langen Grashalm in Händen hielt.

Und nun hatte der Esel eine schlimme Zeit. Die Grashalme kitzelten ihn ohne Unterlaß und ohne Erbarmen an den empfindlichsten Stellen. Er ärgerte sich gewaltig, umsomehr, als Ausschlagen nichts nutzte. Aber ein Esel war unser Esel nicht; quälen ließ er sich nicht. Ein Ruck, und fort sauste er im Trab.

Das nahm nun der Karren recht übel, ein wackeliger, gebrechlicher seiner Art, und bald lagen im Staub der Straße seine Trümmer. Gelb quoll es dazwischen vor, weiß floß es in Strömen. Milch und Eier waren die Ladung des Karrens!

Lutz und Fritz hatten sich bei des Esels ersten Verzweiflungssätzen ausschütten wollen vor Lachen; jetzt änderte sich die Sachlage. Das Gelb und Weiß dort im Staub machten sie sehr bedenklich.

»Racker, ihr! Ihr – ihr – ihr –«, Der Mann, der dort aus dem Wald setzte und zur Unglücksstätte rannte, schnaubte vor Wut.

Lutz und Fritz warteten weitere Ehrentitel nicht ab. Sie stürmten davon, daß ihnen die Füße fast auf den Rücken schlugen, über den Wiesenpfad auf die rettende Tür des Elternhauses los und Muttchen Friedel just in die Arme, die auf den Freistufen stand und nach ihnen ausschaute.

Hätten sie das gewußt, sie wären ins Hoftor eingebogen. Jetzt gab's kein Entrinnen mehr. Muttchen Friedel stand zuerst starr, aber rasch kam Leben in das Steinbild, recht bedenkliches Leben. Lutz und Fritz fühlten sich am Schopf genommen.

»Ihr Taugenichtse,« zankte Muttchen Friedet, »Lutz, Fritz, wie seht ihr aus?«

Ja, wie sahen sie aus! Voll Staub, zerschunden, die Fetzen hingen an ihnen herunter.

Aber ehe das erledigt werden konnte, kam's drüben auf der Landstraße angerattert, bog es in die Wiesen ein und ratterte über die Rödershofer Steinbrücke. Der Mann mit dem Eselskarren! Drohend schwang er die Peitsche. Von ferne schon hörte man ihn die Liste der Lutz und Fritz zugedachten Ehrentitel vervollständigen. Kriegerisch schmetterte der Esel dazu sein I–ah! I-ah!

Muttchen Friedel stand wieder wie ein Steinbild. Rechts und links hielt sie die Ohrläppchen ihrer Sprößlinge gepackt.

»Malefizbuwe,« kreischte der Mann, »mein' Milch! Mein' Eier!« Drohend schwang er die Peitsche, die entsetzlich klatschte. »Alleweil do her! Nix als wie do her! He, Madamche, nit loslasse, beileib nit loslasse!«

Damit war er schon in Hörweite, und schließlich ganz zur Stelle. Lutz und Fritz waren sehr blaß. Der Mann keuchte noch, während er berichtete.

»Un jetz kenne Se sich, wann Se wolle, en Pannekuche dervon backe, Madamche,« schloß er höhnisch. »Es fehlt bloß des Fett. Awer ich will mein Geld. Finfhunert Eier war'ns un zwanzig Liter Milch. E schön' Pestche, Dunnerhagel! Ihr werd mehr Esel kitzele, ihr Racker!« Das galt Lutz und Fritz.

»Habt ihr den Esel gekitzelt?« fragte Muttchen Friedel.

Sie nickten, schluckten und ließen die Köpfe hängen.

»Geht und holt eure Sparkassen!«

»Muttchen, wir –«

»Wir-«

Eine drohende Bewegung Muttchens trieb sie davon. Gleich danach standen sie wieder da und hielten zwei Blechbehälter in den Händen, eine Hundehütte und einen Taubenschlag darstellend. Muttchen Friedel griff danach; sie waren bedenklich leicht.

»Die sind ja leer, Lutz, Fritz!«

Noch tiefer sanken die Köpfe.

»Wofür?«

»Schokolade,« stammelte Fritzchen.

»Pulver!« gestand Lutz und erhob zugleich den Kopf; das war doch männlicher als Naschwerk!

»Nichtsnutzige Schlingel!« wetterte Muttchen Friedel.

»Nette Plänzcher,« setzte der Mann grinsend hinzu.

Er bekam alsbald sein Geld und zog mit Eselein und Karren ab. Beim Abschied rückte er noch die Mütze und sagte mit einem bezeichnenden Blick auf Lutz und Fritz: »Na, ich winsch' viel Glick, Madamche!«

Muttchen Friedel erwiderte nichts; sie war aber sehr blaß und verschwand mit den beiden im Hause.

Ein hartes Strafgericht mußte dann ergangen sein, denn Lutz und Fritz saßen nachher sehr sauber, aber zugleich sehr geknickt am Mittagstisch.

Fee hatte Lutz und Fritz die Suppe in ihre Teller gefüllt und dazu leicht über die Krausköpfe gestrichen. Scheue dankbare Blicke waren die Folge. Lu und Li hingegen fühlten kein Mitleid mit ihnen; geschah den Schlingeln sehr recht! Sie waren in der letzten Zeit gar zu übermütig. Lu und Li wußten ein Wörtchen davon zu erzählen; kein Tag verging, ohne daß ihnen die Brüder irgend einen Streich spielten. Bald fanden sie Steine in den Schuhen oder Sand im Bett. Neulich Abends war ihnen eine Anzahl Fledermäuse in ihrem Zimmer entgegengeflattert. Da das Fenster zu war, mußten sie auf einem ungewöhnlicheren Wege hereingekommen sein. Bald darauf fand Lu eine tote Maus in ihrer Nachttischschieblade und Li Tags danach eine große lebendige Heuschrecke, die ihr mitten ins Gesicht hopste. Lu und Li bemitleideten daher die beiden Sünder kein bißchen.

Vater Klaus warf zuweilen einen Blick nach seinen Söhnen. Es lag was Ernstes drin.

»Jungen,« sagte er plötzlich, »solltet ihr denn nicht heute die Zensur bringen?« Lutz und Fritz wurden feuerrot.

»Ja, Vater,« gaben sie nach einer Pause zu.

»Und?« fragte Vater Klaus weiter.

»Wir haben keine,« sagte Lutz.

»Nee, wir haben sie nicht,« gestand auch Fritz.

»Habt ihr etwa keine bekommen?«

»Doch, Vater,« lautete die gedehnte Antwort.

»Und?«

»Sie stecken im Ranzen,« sagte Lutz.

»Im Ranzen, ja,« bestätigte Fritz.

»Jungen, ihr habt wohl den Sonnenstich?« zankte nun Muttchen Friedel. »Wollt ihr den Mund aufmachen?«

Lu und Li hoben die Nasen; schadenfroh witterten sie Unheil.

»Wenn wir aber die Ranzen nicht haben, Muttchen,« sagte Lutz.

»Ja, die sind weg und die Zensuren auch,« fügte Fritzchen erklärend hinzu und hinten in seinen Augen glimmte etwas wie Triumph.

»Ihr seid wohl furchtbar unglücklich darüber, was?« erkundigten sich da Lu und Li recht spöttisch.

»Werdet ihr reden, Lutz, Fritz! Was für ein Benehmen ist das?« donnerte gleich darauf Vater Klaus. Da beichteten nun die beiden.

»Ein netter Tag,« sagte Vater Klaus am Schluß. »Zerrissene und beschmutzte Kleider, die Eier- und Milchrechnung, und nun die Ranzen fort mit allen Büchern, dazu die leeren Sparbüchsen! Was habt ihr zu sagen, he?«

Sie wußten nichts zu sagen, gar nichts, sondern ließen nur die Köpfe hängen.

Auch Muttchen Friedel tat schuldbewußt das gleiche. In all dem Wintertrubel waren ihr die Zügel entfallen, womit sie die beiden wilden Fohlen bisher im Zaum hielt. Auch das Frühjahr hatte allerhand Ablenkung gebracht, und sie war nicht auf ihrem Posten gestanden. Nun sollte sie den Lohn aller ihrer Unterlassungen ernten. Sie seufzte tief.

Es war ein so ungewohnter Ton, daß alle nach ihr hinsahen. Vater Klaus strich beruhigend über ihre rechte Hand, Fee beugte sich über die andere und küßte sie. Lu und Li erdolchten Lutz und Fritz fast mit ihren Blicken. Die aber sahen's nicht, denn sie hielten die Köpfe tief gesenkt.

»Eure Strafe soll sein, daß ihr morgen selbst zu eurem Direktor geht, ihm erzählt, was ihr getrieben habt, und ihn um neue Zensuren bittet! Habt ihr verstanden, Lutz, Fritz?«

Sie hatten nur zu gut verstanden und schlichen hinaus.

Sie drückten sich noch den ganzen Tag so betrübt im Haus herum, daß es Muttchen Friedel fast erbarmen wollte. Aber sie hielt an sich.

»Klaus,« sagte sie des Abends zu ihrem Mann, »Klaus, leichtfertige Buben sind's ja geworden, wahrhaftig, ich muß es zugeben. Ich hab' eben meine Pflicht in der letzten Zeit an ihnen nicht getan; das rächt sich. Aber wirklich schlechte Streiche haben sie nicht gemacht, das ist mein Trost, Klaus.« Und Muttchen Friedel blickte mit ungewohnter Bekümmernis ins Licht.

»Hm,« brummte Vater Klaus und räusperte sich. »Wir wollen hoffen, daß das nicht noch nachkommt, Kind.« Er sagte das sehr ernst.

»Meine Jungen, Klaus? Deine Söhne?« Muttchen Friedel war entrüstet und wandte sich ab. Vater Klaus blieb still.

Am andern Morgen trabten also Lutz und Fritz die Landstraße hin, dem Städtchen, der Schule und dem Direktor zu. Wohl war ihnen aber diesmal nicht auf dem Wege. Sie wirbelten keine Staubwolken auf, sondern gingen fein gesittet den Fußpfad am Waldsaum hin.

Dann standen sie vor dem Direktor, stotterten, stammelten und brachten ihr Anliegen vor. Der sah sie über seine Brille hin an, was sein Gesicht noch strenger als gewöhnlich machte.

»Große Freude wird's eurem Vater ja nicht machen, Jungen; aber ihr sollt die Abschrift haben. Und nun noch das mit den verlorenen Ranzen! Wenn ihr mein wäret –«

Das übrige verlor sich in Brummen. Lutz und Fritz fühlten sich sehr klein, und trabten danach auch sehr geknickt wieder heimwärts, ohne sich viel aufzuhalten.

Daheim beachtete sie niemand.

Muttchen Friedel und Fee waren mit Einmachen beschäftigt. Lu und Li hatten helfen sollen, im letzten Augenblick aber sonst allerlei äußerst Notwendiges zu tun gefunden; dann waren sie unsichtbar geworden.

Lutz und Fritz saßen allein an ihrem Tisch, die Unglückszensuren vor sich.

»Du, Fritz,« sagte Lutz. »Wenn statt der Sechser da Nullen stünden und die Vierer Einer wären!«

Fritzchen seufzte tief, aber blieb schweigsam.

»Leicht zu machen war's, du; bloß so, sieh!« fuhr Lutz fort; er hatte plötzlich den Federhalter in den Händen und aus dem einen Sechser war schnell eine Null geworden!

»Fein, was?« sagte Lutz.

Fritzchen nickte.

Dann hantierte Lutz mit dem Radiermesser; statt eines Vierers prangte ein Einer, statt des Fünfers ein Dreier.

»Fein, was?« sagte er noch einmal.

»Aber, du –« Fritzchen wurde mit einmal bedenklich.

»Gib deins her!« befahl aber Lutz; er war in Feuereifer.

»Aber –« sagte Fritzchen wieder. Doch dann schob er sein Zeugnis hin.

Völlig klar machten sich die beiden nicht, was sie im Eifer des Augenblicks taten. Und als die Erkenntnis dämmern wollte, war's geschehen. Es war auch zu spät, es noch zu ändern. Eben kam Muttchen Friedel.

»Na, Jungen, her damit!«

Sehr rot waren sie, sehr heiß und sehr ungewiß. Ihre Hände, die Muttchen Friedel die Papiere reichten, zitterten. Die sah hinein und blickte strahlend auf.

»Aber, Jungen, das ist ja vorzüglich! So was ist ja noch nicht dagewesen! Wie der Vater sich freuen wird! Kommt mal her und laßt euch umarmen! Lutz, Fritz, bravo, euer Muttchen ist glücklich! Und Muttchen Friedel schloß sie in die Arme.

Sehr scheu und bockbeinig ließen sie's geschehen; Muttchen Friedel schob's auf angeborene Bengelhaftigkeit und dachte sich weiter nichts dabei.

Bei Tisch, dem Vater gegenüber, hatten sie sich dann schon mehr in die Heldenrolle gefunden und spielten sie vor Lu und Li sogar tadellos; sie fanden Gefallen daran.

Ein paar Tage gingen so drüber hin.

»Es ist erstaunlich, wie zahm die beiden sind, Klaus,« sagte Muttchen Friedel und sah ziemlich verdutzt aus, »dabei die gute Zensur! Wenn nur keine Krankheit in ihnen steckt!«

»Die Vernunft kommt ihnen eben allmählich,« erwiderte Vater Klaus.

»I wo, Klaus, so schnell geht das nicht,« sagte Muttchen Friedel im Brustton der Überzeugung.

»Ach so!« erwiderte Vater Klaus lachend. »Aus dir spricht die Erfahrung.«

Muttchen Friedel zuckte die Schultern. Aber sie beobachtete ihre Söhne und setzte sich eines Abends auf den Rand ihrer Betten.

»Sagt mal, Lutz, Fritz, was ist das mit euch? Wo drückt's? Los, gebeichtet!«

»Nichts ist's,« sagte Lutz fast grob.

»Gar n–nichts,« stotterte Fritzchen.

»Jungen, ihr habt was, ich fühle es. Hat euch euer Muttchen je im Stich gelassen?«

Nie Zärtlichkeit der Mutter schien zu siegen.

»Der Lutz –« schluchzte Fritzchen.

Der hob drohend die Faust. »Wenn du –«

Aber da hielt ihn Muttchen Friedel schon im Arm.

»Lutz, Junge!« Sie küßte ihn und schmeichelte: »Komm zu Muttchen, Lutzi!« als ob er ein kleiner Hemdenmatz wäre. Zu anderen Zeiten hätte dies Lutz im Gefühl seiner Manneswürde empört. Heute – heute heulte er laut auf.

»Ich hab's nicht tun wollen, gewiß und wahrhaftig nicht. Muttchen! Ich hab's nur mal probiert und da – da war's ein Null. Und – und –«

Er schluchzte bitterlich.

Muttchen Friedel fühlte, wie sie an allen Gliedern zitterte, aber sie blieb sehr ruhig.

»Sag mir alles, Lutz,« mahnte sie ernst. Da kam die Beichte.

Muttchen Friedel ließ ihren Jungen nicht aus den Armen, als sie alles wußte, und er klammerte sich an sie, zitternd und schluchzend. Fritzchen hing von der anderen Seite an ihrem Rock; auch um ihn legte sie den Arm.

»Wir wollen es dem Vater sagen,« sprach sie nach einer Weile.

»Muttchen,« schrieen die Buben jammernd auf, »Muttchen!«

Sie blieb fest.

»Wer unrecht tut, muß die Folgen tragen,« sagte sie ernst. »Flink, kommt!«

Wie sie waren, nahm sie ihre beiden Söhne mit: im Nachthemd, mit bloßen Füßen.

Vater Klaus blickte sehr erstaunt von seiner Zeitung auf; Fee, Lu und Li waren im Garten, man hörte ihre hellen jungen Stimmen.

»Nun,« sagte Vater Klaus, »was –?«

Da trat Lutz vor ihn, sehr blaß, aber sehr aufrecht. Wie ein kleiner Held stand er da, dachte Muttchen Friedel, ziemlich stolz trotz all ihrer Not, denn ihr selbst zitterten die Kniee.

»Vater, ich hab' die Zensuren gefälscht, auch Fritz seine,« sagte Lutz, nicht sehr laut, aber so, daß jedes Wort verständlich war.

»Aber ich hab's ihn tun lassen, Vater,« heulte Fritzchen; er war weniger heldenhaft als Lutz, doch stecken ließ er den Bruder nicht. Muttchen Friedel liefen die Tränen übers Gesicht.

»Das habt ihr tun können, Lutz, Fritz?« Vater Klaus schien durchaus nicht zornig, aber seine Stimme klang tief traurig. »Ich hätte das von unseres Muttchens Jungen, von meinen Söhnen, nicht geglaubt.«

Jetzt schluchzten Lutz und Fritz bitterlich.

»Geht!« sagte Vater Klaus. »Ihr habt mich schwer betrübt und ich muß erst mit mir ins reine kommen, was geschehen soll.«

Wie arme Sünder auf ihrem letzten Wege schlichen sie hinaus.

»Du bist hart, Klaus,« schluchzte nun Muttchen Friedel.

»Ich muß es sein, Kind, das ist meine Pflicht; hart auch gegen dich, Friedel. Denn die Jungen müssen fort, sie müssen unter eine stramme Zucht. Ich kann mich ihrer nicht so annehmen, wie ich sollte. Und du – du hast eben auch andere Pflichten, Kind.«

»Klaus,« jammerte sie auf, »wenn du mir das antust –«

»Wir können ihnen die Aufsicht nicht geben, die sie nötig haben; du hast's ja jetzt gesehen.«

Muttchen Friedel war sehr still geworden. Jetzt hob sie den Kopf.

»Ich habe mir zu viel zugetraut, Klaus, und ich will's büßen.«

»Brav,« sagte er da einfach und griff nach ihrer Hand.

Ungewohnt trübe Tage folgten nun auf Rödershof; Muttchen Friedel trennte sich so schwer von ihren Jungen.

Die Ranzen waren ihren Eigentümern von der Polizei wieder zugestellt worden; drin fanden sich die ursprünglichen Zensuren in ihrer ganzen Schwärze. Sie wurden zur gegebenen Zeit bescheinigt dem Direktor wieder zugestellt. Die wahre Ursache des Schulaustritts von Lutz und Fritz erfuhr außer der Familie niemand; das hatte Muttchen Friedel von Vater Klaus erfleht.

Sie ging übrigens so tieftraurig herum, daß es Papa Polten kaum mit ansehen konnte. Er wetterte: »Wozu dies alberne Fortschicken, Klaus? Jungchen heult sich noch die Augen aus! Laß 'nen Magister kommen, der haut die Bengel zurecht! Basta!«

Da hob Muttchen Friedel den Kopf. »Klaus hat recht, Papa, und ich bin einfach eine dumme Pute.«

»Meinethalben,« brummte Papa Polten. »Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.«

»Zwischen Mann und Frau muß eben niemand mit drein reden wollen, Konrad,« sagte Tante Lenchen sehr weise.

»Frauenzimmerschnack,« erwiderte Papa Polten sehr unhöflich.

Seine Einsprache nutzte übrigens nichts. Muttchen Friedel brachte ihre beiden Sorgenkinder selber an Ort und Stelle, zu einem Professor in der nächsten großen Stadt. Mit viel Tränen gingen Lutz und Fritz und mit viel guten Vorsätzen. Alle vermißten sie auf Rödershof und, wunderbar, fast am meisten Lu und Li. Ihnen fehlten die Plagegeister und mehr noch fehlte ihnen der gesunde Ärger über die täglichen Plagen.

Entschlossen und getröstet kam Muttchen Friedel wieder heim.

»Sie sind in guten Händen, glaub' ich, Klaus, da meine zu ungeschickt und zu unachtsam waren.«

Muttchen Friedel hatte sich wieder gefunden; aber ein Schatten war doch auf ihr sonniges Glück gefallen – ein Sommerwölkchen war über Rödershof hingezogen.

Und ein zweites stieg auf.

Fee saß in ihrem Zimmer. Die Eltern hatten ihr bei ihrer Heimkehr ein eigenes gegeben. Lu und Li hausten nebenan.

Also Fee saß in ihrem weichen Lackstuhl, der mit buntseidenen Kissen bequem ausgelegt war, und las. Sie hatte wieder einmal ihr Lieblingsbuch vorgenommen und war für die Außenwelt verloren.

Aber plötzlich richtete sie sich auf und legte die Hand an die Stirn. Was war doch gleich?

Richtig! Um diese Zeit pflegte sie ja ein Stündchen mit den Schwestern zu lesen. Die klassische Stunde nannten's Lu und Li und rümpften die Nasen. Aber sie fügten sich doch der Schwester.

Fee zog die Uhr. Ein Viertel über die gewohnte Stunde! Nun eilte sie an die Tür zum Zimmer der Schwestern.

»Lu! Li!«

Keine Antwort, nur ein Kichern und ein heftiges Türzuwerfen.

»Lu! Li!« rief Fee lauter und lief hinaus.

Von der Treppe her kicherten Lu und Li und hoben grüßend die Reitpeitschen; sie waren im Reitanzug.

»Hast die Zeit verpaßt, Fee. Wir waren bereit,« rief lachend Lu.

»Grüß mir die Braut von Messina, Fee! Heut mögen die Chöre ohne uns deklamieren!« rief auch Li. Sie war schon unten.

Umsonst lockte Fees weiche Stimme von neuem.

Bald stoben flüchtige Pferdehufe übers Pflaster.

Fee seufzte tief auf.

»Was gibt's, mein Mädchen?« fragte da Vater Klaus; er war hinter seine Älteste getreten, bog ihren Kopf zurück und sah ihr zärtlich in die Blauaugen. Fee wurde dunkelrot.

»Ich hab' mich über einem Buche versäumt, statt an die Lesestunde zu denken, und Lu und Li –«

»Sind ausgekniffen! Kann ich mir denken!«

»Meine Schuld ist's, Vater! Eine Viertelstunde haben sie auf mich gewartet!«

»Das war wirklich edel, muß ich sagen.«

»Ich denke, ihr lest, Fee,« sagte Muttchen Friedel, die eben von einem Inspektionsgang in den Wirtschaftsregionen zurückkam.

»Die Rangen sind ausgerückt,« entgegnete Vater Klaus.

»Da soll doch gleich –« Muttchen Friedel hob bedrohlich die Hand. »Es war die einzig vernünftige Stunde im Tag!«

Fee klagte sich an.

»Laß sein, mein Mädchen,« tröstete Vater Klaus gutmütig. »Begleite den alten Vater in den Wald. Kommst du mit, Friedel?«

»Ich muß nach Papa sehen, Klaus.«

»Dann bringen wir dich hin, Kind.«

Die drei schritten durch die Wiesen und dann unter den Waldbäumen hin, Dresdorf zu.

»Geht ihr nur weiter, ihr zwei; Papa ist nicht sehr gastlich, wenn's ihn zwickt. Er soll heut einen schlimmen Tag haben, erzählte die Webern, die Tante Lenchen mit den Frühbirnen schickte.«

»Dafür ist ›Jungchen‹ der beste Trost,« neckte Vater Klaus.

Muttchen Friedel gab ihm einen Nasenstüber und huschte durch die Wiesen.

Vater Klaus und seine schlanke, blonde Älteste sahen ihr zärtlich nach. Als ob sie den Blick gespürt habe, wandte sich Muttchen Friedel noch einmal, faßte mit gespreizten Fingern ihr Kleid, knickste wie ein kleines Schulmädchen und verschwand im Baumgang, der zu dem Dresdorfer Herrenhaus führte.

Vater Klaus und Fee lachten hell auf.

Dann schob er seinen Arm in den der Tochter und sie gingen in den Wald. In fröhlichem und ernstem Plaudern schritten sie Seite an Seite; Vater Klaus und Fee fanden immer etwas, das sie beide interessierte.

Da horchte Fee auf. Es tönten Laute wie fernes Hussa und Hallo an ihr Ohr.

»Lu und Li!« rief sie.

Vater Klaus nickte. »Wo die ihr Unwesen treiben mögen?«

»Wohl auf der Waldwiese, Vater.«

Er horchte. »Kannst recht haben, Fee. Schnell komm; sie scheinen's toll zu machen!«

Mittlerweile war das Hallo und Hussa lauter geworden. Helles, jubelndes Lachen, dazwischen Peitschenknallen und dann Hetzlaute, die offenbar den Pferden galten.

Dort blinkte das Lichtgrün der kleinen Waldwiese durch die Baumstämme. Vater Klaus hielt Fee am Arm fest.

»Laß uns anschleichen. Ich muß sehen, was sie treiben.«

Dann sahen sie's und Fee griff entsetzt nach des Vaters Arm. Er lachte.

»Keine Angst, mein Mädchen; die beiden sitzen fest! Der reine Zirkus übrigens! Wie die reiten!«

Der Stolz des Vaters und die Anerkennung des Sportsmanns kamen zum Durchbruch. Berechtigt war er vom Sportstandpunkt aus.

Dort jagten Lu und Li in gestrecktem Trab auf Pfeil und Unverdrossen in der Runde herum. Einmal sprengten sie aneinander vorüber, beim nächsten Begegnen rissen sie die Pferde zurück, daß die sich bäumten und stiegen, ehe sie sich wendeten. Bei der nächsten Runde das gleiche Spiel. Peitschenknallen und Zungenschnalzen spornten die Tiere immer noch mehr an.

»Vater,« sagte Fee vorwurfsvoll, »es geht um ihre gesunden Glieder!«

Da erwachte die Vaterangst.

»Anrufen darf ich sie nicht, Fee; sie könnten erschrecken. Ich muß sehen, wie ich der Tollheit sonst Einhalt –«

Da war der Einhalt schon da, und was für ein Einhalt!

Eben stiegen Pfeil und Unverdrossen kerzengerade, wieder einmal rissen die tollen Reiterinnen sie herum; aber dann schlugen die Tiere mit den Hufen wie blind und toll, ehe sie sich in die Wendung fanden. Da – ein gellender Schrei – aus dem Munde eines Kindes!

Gleich darauf standen Pfeil und Unverdrossen, an allen Gliedern zitternd. Lu aber und Li kauerten am Boden neben einem kleinen wirren Knäuel; ein umgestürzter, zerschmetterter Beerentopf lag daneben. Und ein Kinderstimmchen wimmerte, schluchzte und jammerte.

»Peterche, Peterche! Mach doch die Eigelcher uf!«

Lu und Li hatten noch keinen Ton von sich gegeben. Wie leblos, mit gefalteten Händen kauerten sie da.

Jetzt sahen sie auf. Eilige Schritte kamen über die Wiese. Der Vater und Fee!

Aber Lu und Li regten sich kaum. Todblaß waren sie, entsetzt starrten die Augen und stumm wiesen die Finger auf die Kinder am Boden vor ihnen.

Der Vater und Fee waren schon heran, dicht bei dem kleinen wirren Knäuel am Boden. Der Vater hob ein kleines jammerndes Dirnlein auf; Fee beugte sich über den kleinen, anscheinend leblosen Körper eines Bübchens.

»Es lebt, Gott sei Dank! Lu, Li, es lebt!« sagte Fee. Sie hatte sich über die Brust des Verletzten gebeugt und richtete sich jetzt auf. Dann setzte sie sich und legte den Körper des Kleinen weich und erbarmend auf ihren Schoß. Lu und Li schauerten zusammen und schluchzten laut auf.

»Vater! Fee!«

»Tränen nützen hier nichts,« sagte der Vater, mehr traurig als streng. »Hier gilt's zu handeln! Li reitet zum Arzt, Lu setzt sich auf ihr Tier und nimmt den Kleinen vorsichtig vor sich; ich führe das Pferd, Fee sorgt für die Kleine. Sei still, Kindchen, ganz still; dein Brüderchen wird wieder gesund! Wie heißt du?«

»Ei, Liesche. Mir wolle Beere robbe. Des Peterche hat nur emol gucke wolle.«

»Sind's die Kinder, die ihr schon einmal im Wald fandet?«

Lu nickte nur mit großen, angststarren Augen; reden konnte sie kein Wort. Li war schon davon geeilt.

Und nun setzte sich der traurige Zug langsam in Bewegung.

Schritt für Schritt ging das Tier, das der Vater sorgsam führte. Lu hielt die traurige kleine Last auf ihrem Schoß und konnte die Augen nicht davon losbringen. Fee hatte ihr Taschentuch mitleidig über das arme getroffene Gesichtchen gebreitet, sich selbst aber hatte sie mit dem schluchzenden kleinen Mädchen beladen. So bogen sie über die Wiesen nach Rödershof ein.

Muttchen Friedel, die eben auch des Wegs von Dresdorf kam, blieb schreckensbleich stehen. Vater Klaus verständigte sie mit ein paar Worten. Lu sah sie mit großen, entsetzten Augen an. Muttchen Friedel nickte ihr still zu; die Tränen liefen ihr übers Gesicht.

»Das ist eine harte Strafe für eure Tollheiten, Kind. Gott gebe –« Muttchen Friedel konnte nicht mehr sagen, die Stimme gehorchte ihr nicht.

In Rödershof betteten sie den Kleinen in ein helles, luftiges Zimmer. Ein Bote war an seine Mutter abgegangen und die saß bald darauf an seinem Bett. Er war noch immer bewußtlos, aber das kleine Herz schlug; Muttchen Friedel und Fee überzeugten sich immer abwechselnd davon. Lu kauerte in einer Zimmerecke; sie hatte sich noch nicht an die Frau herangewagt.

Lu hielt das verletzte Bübchen auf ihrem Schoß.

»Wenn er nur. käme,« flüsterte Muttchen Friedel Fee zu; die nickte, sie wußte, daß der Arzt gemeint war.

Da klapperten Pferdehufe. In rasender Eile kam jemand daher –Li! Und gleich danach hörte man Wagenrollen.

Der Arzt trat ans Bett des Kleinen, wies alle hinaus bis auf die Mutter und Muttchen Friedel, dann wusch er, untersuchte und verband. Der Kleine war wieder bei Bewußtsein, schaute aber wirr um sich; er jammerte um seine Augen, die stachen und brannten, wie er sagte. Schließlich gab der Arzt der Mutter Bescheid.

Lu und Li, die vor der Tür reglos warteten, hörten es, verstanden aber nicht, was er sagte; aber ihre Herzen klopften fast hörbar.

Rechts und links erfaßten die beiden Mädchen seine Hände.

»Herr Doktor? Lieber Herr Doktor?«

»Wir –«

»Wir sind doch schuld daran.« Li war's, die das Schwerste sagte.

Der Doktor nickte sehr ernst zu diesem Bekenntnis.

»Ich hab's gehört. Ja, ja, das kommt wohl mal anders, als man denkt. Aber, Kopf hoch, Kinder! Irgendwie lebensgefährlich verletzt scheint er mir nicht zu sein, soviel ich bis jetzt beurteilen kann. Die Augen freilich, die Augen –« Doktor Mähren schüttelte den Kopf.

Lu und Li rissen die ihren entsetzt auf; sie wollten eben aufatmen.

»Aber wie gesagt, Bestimmtes läßt sich noch gar nicht feststellen,« fuhr der Doktor fort. »Also Mut, Kinder, Mut!«

Heute sagte er nichts von jungen Damen wie damals bei dem Tanzkränzchen. Und Lu und Li waren auch nur zwei arme, hilflose, zu Tod erschreckte, für ihre Tollheit schwer bestrafte Kinder!

Doktor Mühren ging, von Vater Klaus geleitet, und Muttchen Friedel kam. Ihre zwei armen Kinder, Lu und Li, hingen ihr schluchzend am Halse. Sie streichelte sie und schluchzte selbst: »Kein Wörtchen sag' ich, Lu, Li, kein Wörtchen! Ihr seid so hart bestraft, meine Mädchen. Aber nun geht zu der armen Mutter des Kleinen.«

Sie fuhren zurück, als ob sie sich verbrannt hätten.

»Muttchen!« Entsetzt starrten Lu und Li sie an.

»Das geht doch nicht anders, Lu, Li,« sagte Muttchen Friedel sehr fest. »Daß ich es euch erst sagen muß!«

Da schlichen sie schon an die Tür und zu der Frau hin. Die sah sie mit müden, tränenlosen Augen an.

»Es tut uns so leid,« sagte Lu.

»Können Sie uns verzeihen,« schluchzte Li; beide hielten ihre rechte Hand gefaßt.

Mit der andern fuhr sich die Frau übers Gesicht. Ehe sie etwas sagen konnte, schrie Lieschen, die neben ihr am Boden kauerte, auf: »Dere ihr Pferd war's, Mutter, dere ihr's!« Sie wies auf Lu.

Die fuhr zusammen, ihr zitterten die Kniee so, daß sie kaum stehen konnte; Li legte den Arm um sie.

»Ich glaube, daß es meins war, Frau Küster, wirklich. Lieschen kann das nicht so genau sagen.«

Die Frau nickte trübselig. »Doderdruf kimmt's nit an. Do leit mein Bub –« Sie konnte nicht weiter reden.

Lu und Li weinten jetzt so bitterlich, daß die Frau sie fast mitleidig anblickte.

»Mit dene Träne wird er nit gesund gemacht, awer mir dun se doch gut,« sagte sie dann. »Mir arme Leit sein des nit so gewehnt, daß mer um uns flennt. Un die Freileincher hawe e gut Herz, des hab' ich selwigsmol erfahre, wie ich so krank war, un sie mim Dokter komme sin. Peterche – ach Gott, ach Gott, du wirscht mer 'n doch nit blind wer'n losse.«

»Blind!« Durch Lu und Li fuhr es wie ein heftiger Schlag hin, der sie betäuben wollte. Sie hatten es nur gehaucht, standen schreckensstarr da und sahen scheu nach dem kleinen Kranken, der sich eben regte. Er hatte in einem leisen, Erschöpfungsschlaf gelegen. Die Frau hob die Hand.

»Alleweil will er wach wern. Gehe Sie liewer. Er braucht Ruh, hot der Dokter gesacht.«

Lu und Li faßten nach der Hand, die sie hinauswies.

»Verzeihen, ach, verzeihen Sie uns!«

Die Frau sah sie an. In ihren Augen lag etwas Weiches.

»Wann Ihne an so eme arme Weib was licht; ich verzeihe Ihne, des Peterche wird's auch dun. Un unser Herrgott – no, der sicht ufs Herz un des is gud – des is gud –«

Wie im Traum hatte sie das zweite wiederholt. Mit einem leichten Stöhnen warf sich der Kranke auf die andere Seite.

»Bscht –« sagte die Frau und hob wieder die Hand; Lu und Li verschwanden lautlos.

Der Himmel gab in seiner Güte, daß dies zweite Sommerwölkchen, das über Rödershof hinzog, nicht zu einer schattenden Wolke wurde. Alle trugen schwer mit Lu und Li. Wochenlang lag der kleine Peter auf Rödershof; Lu und Li teilten sich mit Fee treulich in die Pflege. So zart waren sie, so geduldig; denn der kleine Peter war ein Tyrann. Aber er erholte sich sichtlich. Dem einen Auge war schon nach der ersten Woche die Sehkraft wiedergekehrt. Aber das zweite – ja, das machte Sorge.

Dafür sollte Peterchen nun in eine Klinik gebracht werden.

»Es war eine trübe Zeit für die armen Kinder, Klaus,« sagte Muttchen Friedel, als der Patient das Haus verlassen hatte, und schaute bewegt drein.

»Eine heilsame Lehre,« erwiderte Vater Klaus sehr ernst.

Das Wölkchen warf noch eine Weile seinen Schatten. Dann aber verzog es sich einstweilen. Strahlend stieg die Sonne wieder auf, denn Tante Lisa hatte geschrieben: »Wir kommen, Fee! In acht Tagen sind wir bei euch. O, wie ich mich freue!«

Papa Polten saß auf seinem Sorgensessel mit den Ohrlehnen und hatte einen Fuß dick umwickelt und hoch gelegt; er hielt einen Brief seiner Ältesten in Händen, die Pfeife dazu, und dampfte ingrimmig.

»Erbarm dich, Konrad,« sagte Tante Lenchen, die eben ins Zimmer kam und hustete. »Erbarme dich, das wird ja wohl immer toller mit dem Räuchern!«

Sie näherte sich ihm dabei allzu unvorsichtig und er blies ihr eine volle Ladung mitten ins Gesicht.

»Da!« rief er zornig und warf ihr den Brief zu.

Tante Lenchen stand starr; den Brief hatte sie aufgefangen.

»Erbarm dich! Du bist wohl un–«

»Nein,« brüllte er.

Beleidigt reckte sie sich auf und wandte sich zur Tür.

»Dableiben,« brüllte er, »lesen!«

Tante Lenchen zuckte die Achseln, aber sie blieb und las. Glückselig schaute sie dann zu ihrem Bruder hin.

»Aber erbarm dich, Konrad, was gibt's denn da zu wüten? Das Kind, die Lisa, kommt ja, Konrad!«

Er äffte ihr nach: »Das Kind, die Lisa, kommt –« Da kippte ihm die Stimme um und er schrie: »Und ich – he und ich?«

Dabei hob er ihr sein eingewickeltes Bein fast unter die Nase; das Gichtbein nahm das aber sehr übel und Papa Polten wurde mit einem Male wieder zahm.

»Tu mir die Liebe, Lenchen, und rück mir den Stuhl zurecht,« bat er. »So, au, Donner und Doria! Also, Lene, was tun wir?«

»Wieso?«

»Die Lisa und Werner sollten doch in Rödershof bei Jungchen – au – au – Schock – Schwerebrett –«

»Konrad, Konrad!«

Er keuchte.

»Ich – bin ja – still – aber die – die Lisa – muß hier – au – in Dresdorf wohnen und – den Kuckuck auch, was hätt' ich sonst von ihr! Lene!«

»Konrad?«

»Sorg du dafür, gelt. Ich – ich kann nicht mehr.«

Erschöpft lehnte er im Stuhl; es war ein schweres Ringen zwischen Papa Polten und seiner Feindin, der Gicht. Und sie blieb meistens Siegerin. Erbarmend rückte ihm Tante Lenchen den kranken Fuß zurecht.

»Danke, Lenchen,« sagte er so freundlich und gut, daß der alten Dame fast die Tränen kamen.

Frau Lisa, und Werner Horst wurden also in Dresdorf erwartet, und Tante Lenchen hatte sich Fee dazu ausgebeten. Schweren Herzens hatte Muttchen Friedel eingewilligt. So gerne hätte sie die Schwester und den Schwager im eigenen Hause behalten. Und Fee dazu fortzulassen! Wenn nun das Kind –

Der Gedanke, welche Entscheidung von Fee gefordert werden sollte, und wie diese wohl ausfallen könnte, tauchte mit einmal als drohendes Schreckgespenst, als Wolke wiederum an Muttchen Friedels Sommerhimmel auf.

»Ein Jahr ist lang,« hatte sie einst tröstend zu Fee gesagt. Nun war dies Jahr und mehr verflogen wie eine kleine Spanne Zeit. Alle die Wirren der letzten Monde hatten den Gedanken an Fees Entscheidung in den Hintergrund gedrängt. Nun kam er hervor aus dem Bannwinkel und wich nicht.

Aber einstweilen kam erst Lisa, ihre Lisa! Muttchen Friedels Augen strahlten wieder, weggescheucht war der Schatten, der auf ihnen lagerte.

Endlich kniete Frau Lisa vor des Vaters Stuhl. Die Rödershofer hatten sie und Onkel Werner im Triumph von der Bahn hierher geleitet. Papa Polten legte die Arme um seine Älteste.

»Lisa, Herzblatt! Da liegt er, der alte Gichtkrüppel. Wie gefällt dir diese neueste Fußbekleidung, he?« Er hob den Fuß, ließ ihn aber gleich wieder sinken. »Was gibt's zu grinsen, Lu, Li? Ungeziefer, macht, daß ihr wegkommt; eure vier gesunden Beine ärgern mich. Ja, ja, wo gibt's eine gerechte Verteilung auf Erden? Jungchen, mach mal nicht solch Regenwettergesicht, das steht dir nicht. Alleweil fidel sein, hörst du! Eine Weile hält's der Alte schon noch aus! Und da seid ihr also, Werner, Lisa?«

»Da sind wir, Papa!«

»Werdet euch anbrummen lassen müssen, he? Denn sanft bin ich nun mal nicht, wenn's zwickt, was, Lene?«

»Erbarm dich,« sagte Tante Lenchen bloß. Sie hatte die Arme von hinten um Frau Lisas Hals geschlungen, weil diese immer noch vor dem Vater kniete, und die Tränen kugelten ihr nur so übers Gesicht.

»Laß' mal die Wasserschleusen, Lene, und sorg lieber für den Kaffee. Albernes Getue!«

Frau Lisa streichelte seine Hand, und er knurrte befriedigt. Dann setzten sich alle sehr vergnügt um den Kaffeetisch, wo Papa Polten bald der Lauteste war.

Zum Abendessen blieben die Rödershofer ebenfalls noch, verabschiedeten sich dann aber sehr früh, weil Tante Lisa die Reisebeschwerden ausschlafen mußte.

»Daß du uns nicht vergissest, Fee,« war das letzte, was Muttchen Friedel durch die Nacht zurückrief. Es war scherzhaft gemeint, doch klang auch noch etwas anderes durch.

»Gute Nacht! Gute Nacht!« riefen Lu und Li in allen Tonarten.

Und eine gute Nacht hatten Onkel Werner und Frau Lisa unter dem Dach des lieben alten Vaterhauses. Fee, ihr »Kind«, hatte sie mit Küssen am Abend zur Ruhe gebracht; nach so langer, langer Zeit wieder durften sie sich an dem hellen jungen Gesicht satt sehen.

»Wir wollen einstweilen nur von dem reden, was der Tag mit sich bringt, Fee, und von unserer Liebe, Kind.« sagte Tante Lisa.

Fee verstand sie und schaute dankbar drein.

Der ersten guten Nacht folgten für Onkel Werner und Tante Lisa und für alle ihre Lieben noch viele gute und frohe Tage. Solch ein frohes Hin und Her gab's zwischen Dresdorf und Rödershof! Lu und Li waren fast immer unterwegs.

Eines Tages kamen sie jubelnd angeschwirrt.

»Tante Lilly Echtern hat geschrieben, ihr Bruder Max sei da, wißt ihr, der aus dem Zoologischen Garten in London! Sie will uns alle haben, alle. Morgen nachmittag sollen wir zum Kaffee kommen und zum Abendbrot bleiben. Fein, was?«

»Und ich?« brummte Papa Polten. »Ich soll allein bleiben?«

»Erbarm dich, Konrad. Ich bin doch da,« sagte Tante Lenchen gekränkt.

»Du bist natürlich auch eingeladen, Tantchen,« wandte Lu ein.

»Ich bleibe bei Großpapa,« sagte da Fee leise.

»Fee, nein!«

»Du nicht, Fee!« Lu und Li waren tief erschrocken. »Sie wollen doch vor allen dich haben. Tante Lilly hält solche Stücke von dir.« Li spannte die Arme aus, als ob sie die Größe der »Stücke« andeuten wolle.

Tante Lisa strich Fee über den Blondkopf. »Wenn ich bliebe?«

Allgemeine Einsprache und ebenso allgemeiner edler Wettstreit folgte auf dieses Angebot. Tante Lenchen, Lu und Li traten ebenfalls in die Schranken.

Papa Polten lachte und rief: »Fünf Frauenzimmer, die sich um mich reißen, alle Wetter!«

»Mit Madame Gicht sechs, Großpapa,« neckte ihn Li.

»Ungeziefer! Macht, daß ihr abschwirrt, ihr zwei! Sollte mir fehlen, mir so was in den Pelz zu setzen! Werner, Lisa und Tante Lenchen marschieren ebenfalls. Fee bleibt bei dem Alten – wenn sie will.«

»Ob sie will, Großpapa!« Fee schmiegte ihr weiches Gesicht an seinen Stachelbart. »Und wie gern!«

Lu und Li nahmen Fee in die Mitte.

»Kommst noch ein wenig mit?«

Fee begleitete die Schwestern.

»Wie konntest du dich zum Bleiben anbieten!« sagten beide vorwurfsvoll wie aus einem Mund. »Es ist immer so nett bei Tante Lilly.«

»Jemand eine Freude machen ist auch nett,« erwiderte Fee sanft.

»Wohl – natürlich – aber – aber –« Lu und Li waren gar nicht einverstanden. Aber es blieb dabei.

Am anderen Nachmittag fuhr der Dresdorfer Gesellschaftswagen in Rödershof vor. Tante Lenchen, Frau Lisa und Onkel Werner saßen darin. Fee ließ vielmals grüßen; sie sollten alle recht vergnügt sein.

»Ihr hättet sie sehen sollen, wie sie neben Konrads Stuhl stand, als wir gingen. Wie ein Engel des Erbarmens!« sagte Tante Lenchen etwas überschwenglich.

»Die Wolken fehlten auch nicht,« versetzte Tante Lisa lachend. »Dafür sorgten Papa und seine Pfeife.«

»Das einzige Frauenzimmer, um das er sich reißt,« rief Li.

»Du vergißt Jungchen,« kicherte Lu.

Da drohte Muttchen Friedel: »Nicht naseweis sein, bitte!« Als der Wagen in Loberg einfuhr, grüßten zwei Herren. Lu und Li dankten sehr eifrig.

»Wer ist das?« fragte Tante Lisa erstaunt. »Solche Ähnlichkeit ist ja geradezu überraschend.«

»Unsere Freunde,« sagten Lu und Li zugleich.

»Zwei Brüder Western, Assessoren,« berichtete Vater Klaus.

Aber Muttchen Friedel tadelte: »Gar so vertraut braucht ihr nicht zu tun, Lu, Li. Ihr habt die Herren ja wohl zwei- oder dreimal gesehen. Junge Damen sind zurückhaltender.«

»Junge Damen, Klein-Muttchen?« Lu und Li wollten sich ausschütten vor Lachen.

»Und außerdem haben sie uns zweimal aus der Patsche geholfen, Muttchen,« sagte Lu zur Verteidigung.

»Das nennt man doch Freunde,« fügte Li hinzu.

Doch da kam der Wagen an seinem Ziele an und die Frage, ob »Freunde oder nicht«, blieb unerörtert.

Elfi und die dicke Suse rannten die Freitreppe herunter.

»Guten Tag! Guten Tag! Wie langweilig, daß Lutz und Fritz nicht da sind, ach, so dumm!«

Muttchen Friedel nahm sie dafür in die Arme; da waren doch zwei, die ihren Jungen nachtrauerten.

Dann wurde sie von allen Seiten in Anspruch genommen, zuerst von dem Jugendfreund und Regierungsbaumeister Max Mehler; er faßte sie an beiden Händen.

»Jetzt kann ich Ihnen auch meine Frau zeigen, Friedel,« sagte er glücklich. »Dies ist Hilde! Hilde, hier, meine Jugendfreundin.«

»Und das Wunderkind, Max?« fragte neckend Muttchen Friedel.

Man war während all den Begrüßungen durchs Haus in den dahinterliegenden Garten gegangen. Mit großen Schritten eilte der Regierungsbaumeister davon und brachte gleich danach ein weißes, blaubebändertes, sich sträubendes, quiekendes, strampelndes Bündel daher.

»Da,« sagte er vergnügt, »zum mindesten ist es wunderbar ungebärdig.«

»Komm zu Mammi, Mäxchen,« sagte Frau Hilde sanft und hielt die Arme auf. Da saß der kleine Mann in Vaters Armen still und krähte; mit beiden Ärmchen langte er nach der Mutter. Die nahm ihn, und aus großen, lustigen Augen, das Fingerchen im Mund, sah er nun in all die fremden Gesichter.

Lus und Lis braune Gesichter schienen ihm besonderen Eindruck zu machen. Er krähte auf, als sie ihm nah kamen, und barg das Gesicht an Mutters Hals. Dann bog er sich vor und tippte mit dem Fingerchen nach Lu und Li.

»Na, Frau Friedel, was sagen Sie nun? Ist das nicht ein Wunderkind?« fragte Regierungsbaumeister Metzler. »Es hat des Vaters Geschmack!«

»Solch ein Wunderkind!« neckte Frau Friedel, um sich gleich darauf an ihre Töchter zu wenden: »Lu, Li, was tut ihr? Packt doch an!«

Die hatten mit dem kleinen Regierungsbaumeister, Max Metzler II, geschäkert. Jetzt flogen sie heran, drehten sich flink, und bald standen Kuchenkörbe und alles andere am rechten Platz.

Der Tisch war unter den großen Kastanien gedeckt. Lu schleppte in aller Eile noch einen Korb voll Blumen herzu.

»Du erlaubst, Tante Lilly?«

»Ach ja, die Blumen, die hatte ich völlig vergessen,« sagte die.

»Daran hat das Jungzeug zu denken,« sagte Muttchen Friedel.

»Natürlich, Blumen und junge Mädchen sind ja sozusagen Geschwister.« Frau Lilly schwang sich zuweilen zu einem kleinen poetischen Fluge auf.

Lu und Li hatten in aller Eile den Tisch wirklich sehr hübsch geschmückt; überall Blumen, wohin man schaute.

»Sieh, das lob' ich mir,« sagte Großmutter Metzler. »Woher sie's bloß haben?«

»Ja, das möcht' ich auch wissen,« rief Muttchen Friedel belustigt. »Ich bin unschuldig daran – leider!«

Unter allgemeiner Heiterkeit setzte man sich. Lu und Li saßen bei Elfi und der dicken Suse.

»Wer wohl am meisten Kuchen essen kann, Suse?« fragte Li und zog den Teller näher.

»Du, allen kriegst du nicht,« sagte die mißtrauisch, beinahe erbost.

»Li ist unser Gast, Suse,« mahnte Elfi; sie betonte gern die weisere ältere Schwester.

Die dicke Suse sah sie zornrot an. »Wenn Gäste alles allein essen wollen, dann mag ich keine!« Dann nahm sie sich zwei Stücke Kuchen zumal.

»Pfui!« sagte Elfi und rümpfte das Näschen.

Lu und Li lachten. Sie hatten rasch gearbeitet und sich satt gegessen. Es war genug für alle, trotz der dicken Suse Sorgenmiene. Jetzt beobachteten Lu und Li die Erwachsenen.

»Unser Muttchen ist die Netteste, du,« sagte Li.

»Hm, Tante Lisa –«

»Sag gar nichts, Lu!« rief Li voll Eifer. »Weitaus die Netteste!«

»Du, aber die Frau des Regierungsbaumeisters ist viel jünger als Muttchen.«

»Da geb' ich die Bohne drum! Wenn man verheiratet ist, kommt's gar nicht mehr aufs Alter an,« behauptete Li weise. »Ob ich da sechzig bin oder sechzehn.«

Lu sah Li zweifelnd an.

»Du, aber sechzehn wär' ein bißchen jung. Du bist doch sechzehn, Li! Denk mal, du solltest –«

Li warf den Kopf zurück. Sie sah ihre Fähigkeiten nicht gern irgendwie angezweifelt.

»Glaubst du, ich kriegte sie nicht unter, Lu? Den Mann und die Dienstboten und die Kinder?«

Lu sah sinnend vor sich nieder.

»Ja, weißt du, Li, unterkriegen ist wohl nicht das Rechte. Muttchen hat uns nie untergekriegt.«

Nun blickte Li ebenfalls nachdenklich drein.

»Du hast recht, Lu; unser Muttchen hat uns eben lieb, was, Lu?«

Die nickte eifrig.

»Das ist's, Li, das ist's! Liebhaben ist die Hauptsache.«

»Liebhaben ist die Hauptsache,« bestätigte Li.

Sie sahen sehr ernst und versunken aus. Onkel Werner hatte sie schon eine Weile beobachtet. Und noch einer oder vielmehr eine hatte das Hälschen gereckt und sie belauscht, ohne daß sie's merkten: Elfi. Als Onkel Werner jetzt über den Tisch herüber sich erkundigte: »Wovon redet ihr denn so eifrig, Lu, Li?« da krähte Klein-Elfi: »Vom Liebhaben sprechen sie.«

Lu und Li begriffen nicht, weshalb eine allgemeine Lachsalve folgte. Erstaunt sahen sie sich um, und Lu sagte: »Wir haben von unserem Muttchen gesprochen, daß sie uns immer lieb gehabt hat.«

»Ja, und daß sie uns nicht bloß hat unterkriegen wollen. Daß überhaupt das Liebhaben die Hauptsache ist,« sagte Li.

Da lachte niemand mehr. Max Metzler hielt Muttchen Friedel die Hand hin.

»Bravo, Frau Friedel, das nenne ich ein ehrendes Zeugnis. Möchte unser Junge mal so von uns reden, was, Hilde?«

Die nickte. Muttchen Friedel aber blickte mit leuchtenden Augen erst nach ihren Mädchen und dann nach Vater Klaus. Aber dann kam sie zu sich und zankte: »So 'n albernes Gerede, Lu, Li! Seid ihr denn unklug geworden? He? Ich verbitte mir jede Kritik, daß ihr's nur wißt. Sollte mir fehlen, ihr Naseweise!«

Der Mund tadelte, aber die Augen leuchteten; Lu und Li kannten sich aus.

»Wollen wir meines Mannes Dahlien besehen?« schlug Frau Lilly vor. »Es sind seine Schoß- und Sorgenkinder.«

Den Flor zu sehen, war wirklich ein Genuß. In allen Farben prangten die Blumen, einfache Sterne, vollgefüllte, fieberige Ballen, nur leise angehaucht in zarten Farbentönen, oder leuchtend und vollsaftig. Herr Echtern kannte jede beim Namen, er war eigentlich der geborene Gärtner.

»Er hat eben seinen Beruf verfehlt,« sagte Frau Lilly.

»Eine übel angebrachte Redensart, Schatz,« tadelte ihr Bruder Max, »wo er doch auch sonst nicht gerade daneben gegriffen hat. Wenn man so Haus und Garten ansieht – wie das Eigentum eines Mannes, der seinen Beruf verfehlt hat, kommt es einem durchaus nicht vor.«

Herr Echtern hob die Hand.

»Der Schein täuscht, Max. Das Leben ist Kampf.«

»Ja und man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, so heißt ja wohl der dritte Weisheitsspruch. Franz, Franz, so genieße doch die Stunde!« Frau Lilly hing sich an seinen Arm, und er nickte ihr zu.

Tante Lisa mußte dann von ihrem Leben in England erzählen. Onkel Werner ging mit der jungen Frau auf und ab. Regierungsbaumeister Max und Frau Friedel hatten sich zusammengefunden und frischten Jugendbilder auf. Lu und Li tollten eine Weile mit Elfi und Suse; das war aber bald zu Ende, und nun saßen sie ein bißchen trübselig herum.

Max Metzler und Muttchen Friedel kamen eben an ihnen vorüber.

»Wo fehlt's?« fragte Max Metzler.

»Je –« sagte Lu.

»Ja –« sagte Li.

Muttchen Friedel lachte. »Stillsitzen können sie nicht gut vertragen, was?«

»Sonderbar!« Max Metzler blickte Muttchen Friedel neckend an. »Das muß doch irgendwie in der Familie liegen!«

Sie zuckte bloß die Schultern.

»Lu! Li! Macht euch doch liebenswürdig. Man lädt euch ein, damit ihr vergnügt seid. Langweilig sein, das soll und darf man nicht. Langeweile haben ist ein Armutszeugnis. Schämt euch!«

Und mit hocherhobenem Kopf ging Muttchen Friedel weiter, Max Metzler ihr zur Seite.

»Ich hätte gar nicht gedacht, daß Sie eine so strenge Mutter sein könnten, Frau Friedel.«

»Es wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken,« zitierte Muttchen Friedel pathetisch.

So kamen sie wieder unter die großen Kastanien, wo die übrige Gesellschaft saß.

Herr Echtern braute eben eine Bowle. Herr Regierungsbaumeister Metzler, Herr von Ellern und Onkel Werner standen begutachtend daneben. Herr von Ellern bildete sich auf seine Kennerschaft viel ein.

»Ehrlich erworben, lieber Freund,« sagte er zu Onkel Werner und wies auf seine kleine Stumpfnase, die in rötlichem Glanze glühte. »Ehrlich und sauer erworben!«

Onkel Werner lachte. »Ich habe weniger Gelegenheit gehabt, leider. In England trinkt man keine Bowlen.«

»Keine Bowlen?« Herr von Ellern war ehrlich entsetzt. »Ein sonderbares Land das! Der Himmel soll mich bewahren.«

Die Bowle war sehr nach Geschmack ausgefallen. Plaudernd und fröhlich, die Herren rauchend, saß die Gesellschaft wieder um den Tisch.

Da gab's ein Hallo im Hause. Man hörte die Mädchen lachen und quieken. Frau Lilly wandte mißbilligend den Kopf und fuhr dann auf.

»Franz,« rief sie, »sieh doch, das Gesindel! Wie sie das durchlassen konnten!«

Zwei Zigeunerweiber kamen vom Haus her, zwei Kinder folgten.

Herr Echtern ging mit verweisend ausgestrecktem Finger drohend auf sie zu. »Wollt ihr euch fortmachen! Wer –«

Da sah man ihn wie zu Stein erstarrt stillstehen, und dann wirklich lachen. Etwas, das bei ihm so selten vorkam! Frau Lilly stand dann auch alsbald an seiner Seite; auch sie lachte hellauf.

Die Zigeunerweiber knicksten, bettelten anscheinend und haschten nach ihrer Hand, die sie ihnen ließ.

»So 'n Unfug,« zankte Vater Metzler, in dem der Beamte aufwachte. »Ich will doch mal –« Er erhob sich halb.

Da wendete sich Echtern zur Gesellschaft zurück, und die Zigeunerweiber, statt fortzugehen, kamen mit, die Kinder hinterher. Es waren Elfi und Suse, man sah es jetzt ganz deutlich, nur mit allerhand Fetzen behängt.

»Lu! Li!« rief da Muttchen Friedel. »Ob ich's nicht ahnte!«

»Lu! Li!« riefen alle.

Nur eine entrüstete Stimme klang durch, und das war die von Tante Lenchen.

Ja, Lu und Li waren die Weiber. Sie hatten sich äußerst natürlich zurechtgemacht. Köchin und Hausmädchen hatten mit alten Arbeitskleidern aushelfen müssen. Die Gesichter hatten sie sich geschwärzt, die Haare hingen ihnen wirr um den Kopf. Aber die Augen waren die alten – und daran erkannte man sie! Lu hatte ein grellbuntes Tuch um den Hals, Li ein knallrotes übers Haar. Eine Lachsalve empfing sie. Sie knicksten.

»Nix stehlen, nix betteln, nur wahrsagen. Ihre Hand, schönstes Madamchen,« sagte Lu, indem sie vor Tante Lenchen trat.

Die machte ein eisiges Gesicht, sehr abweisend. Aber Lu faßte nach ihrer Hand, sah lange hinein, tat sehr unbekümmert, hob dann das Schelmengesicht und sagte: »Viel Freud' steht drin, viel Freud' an allen Nichten und Neffen. Besonders an den jüngsten Nichten, schönstes Madamchen. Viel Freud', viel Freud'!«

Tante Lenchen schmunzelte nun doch ein bißchen. »Hat allen Anschein,« sagte sie sauersüß. »Eulenspiegel!«

Alle drängten um Lu und Li; alle wollten gewahrsagt haben.

Mit mehr oder minder Witz und Geschick führten Lu und Li ihre Rollen durch.

Jeder Teilnehmer bekam sein Teil an Glück und Seligkeit zugesagt, aber auch eine kleine Neckerei noch obendrein. Es gab überall viel Lachen.

Jetzt hatten Lu und Li Vaters und Klein-Muttchens Hände gefaßt. Lange betrachteten sie die Linien. Alle drängten neugierig herzu. Li hielt Klein-Muttchens Hand, kniff die Augen pfiffig ein und sah Klein-Muttchen neckend an.

»Klein aber resolut,
Kann streicheln und trifft gut!«

Ein Bravo lohnte die Leistung.

Zum Vater sagte jetzt Lu pathetisch:

»Ihr seid ein mächt'ger Herr, bekannt
Durch ritterlich Wesen im ganzen Land;
Euch blühen drei liebliche Töchter.
So mögen sie, ruf' ich begeistert aus,
Drei Kronen euch bringen in euer Haus
Und – –«

Bum! Bum! Bum! kam's vom nahen Kirchturm in seltsam dumpfem, abgehacktem Klang. Alle horchten auf.

»Die Sturmglocke!« sagte Herr Echtern. »Wo mag's brennen?«

Da entstand Unruhe im Haus. Ein Mann eilte über den Kiesweg und winkte schon von fern. Es war der Kutscher, der die Dresdorfer und Rödershofer gebracht hatte.

Muttchen Friedel eilte auf ihn zu. »Was gibt's, Christian?«

»Ei, in Dresdorf soll's brenne, uff em Hof, sage se. Ich hab' de Wage drauße. Alleweil rasselt die Feierwehr schun enaus. Mer misse fortmache, sunscht –«

Damit eilte er wieder davon.

Wie alle Abschied nahmen, in den Wagen kamen, wußte hinterher niemand zu sagen.

Gleich darauf fuhr der Wagen davon mit allen Insassen, die er gebracht hatte.

Nach den ersten Entsetzensrufen waren alle stumm. Da – ein Schreckensschrei Lus und Lis. Dort in der Richtung von Dresdorf stieg eine Rauchsäule auf und jetzt lohten die Flammen. Der Kutscher trieb die Pferde an.

Da abseits lag Rödershof, still und friedlich.

Was aber würde man in Dresdorf finden?

Ein Wetterschlag

Als alle fortgefahren waren, las Fee dem Großvater eine halbe Stunde lang die Zeitung vor; wie die zu Ende war, fragte sie: »Großpapa, was tun wir jetzt?«

Papa Polten dampfte wie unsinnig. Dadurch, daß ihm die Mühe des Lesens genommen wurde, konnte er seiner Pfeife die ganze Kraft widmen. Der Erfolg blieb denn nicht aus; fast undurchdringlich war die Luft im Zimmer. Sie saßen wirklich wie in Wolken.

»Singe etwas,« sagte der alte Herr auf Fees Frage.

»Ja aber –« sagte die und lächelte. »In dem Rauch?« wollte sie sagen, unterdrückte es aber. Sollte sie ihm die Freude an der Pfeife benehmen?

»Zierst dich, he? Ach, wegen des Klaviers? Ich brauch' kein Brimborium. Zu meiner Zeit hat man gesungen, wie einem der Schnabel gewachsen war, jetzt – Na los, basta!«

»Was willst du hören, Großpapa?«

»Einerlei was! Aber ein einfaches Lied; nichts so Verzwicktes und Verschnörkeltes. Zu meiner Zeit – wart mal, deine Großmutter hat gesungen: Guter Mond, du gehst so stille, oder: Wir sitzen so fröhlich beisammen – kennst du das?«

»Nein, Großpapa.«

»Natürlich, heutzutage weiß niemand mehr etwas von dem, was uns Alte gefreut hat. Alberne Zeit!«

Fee streichelte ihm die Hand.

»Nicht brummen, Großpapa. Laß mal sehen, vielleicht find' ich doch etwas, das dir gefällt.«

Fee sang ein paar kleine Mendelssohnsche Lieder, weich, hell und lieb. Der alte Herr summte den Baß dazu und nickte sehr befriedigt. Dann kam Fee ins Husten.

»Aha, die da!« sagte Papa Polten und hob die Pfeife. »Die ist wohl daran schuld, he? Weg damit!«

Aber Fee widersprach.

»Deine Trösterin, Großpapa! Du wirst sie doch nicht schlecht behandeln wollen?«

»Nee, Kind, hast recht; das wäre undankbar. Sie hat treu zu mir gehalten, all mein Lebtag. Ist das einzige zuverlässige Frauenzimmer, basta!«

Fee lachte.

»Und Muttchen, Großpapa? Klein-Muttchen?«

»Jungchen! Je ja, Jungchen!« Papa Poltens Augen leuchteten.

»Erzähl mir von Muttchen, Großväterchen.« Fee kauerte sich neben seinen Sessel und lehnte den Kopf an seine Kniee. Er legte die Hand auf den blonden Scheitel.

»War mir Labung und Augentrost, das Jungchen, der Himmel segne es! Deine Großmutter hat mich früh allein gelassen, sieh. Ich war ein einsamer Mann. Die Lene – na ja, gut ist sie, aber verstanden haben wir uns nie so recht. Daß ich mit aller Gewalt 'nen Jungen wollte, hat sie nie begriffen. Daß ich mir Jungchen zurechtstutzte, so wie ich wollte, hielt sie für ein Unrecht. War ja vielleicht auch eines, weil ich eben nur an mich dachte.« Der alte Herr saß und träumte und stieß dicke Rauchwolken aus.

Fee legte ihr Gesicht auf seine Hand, er fuhr herum.

»Ihr habt nie was an Jungchen vermißt, he? Ist euch stets 'ne gute Mutter gewesen, was?«

»Die beste, Großväterchen!«

»Na ja, also.« Sehr befriedigt nickte der alte Herr. »Und dem Klaus ist sie ein gutes Weib. Das wäscht den Mohren rein, Lene!« Er sagte das, als ob die Schwester anwesend sei. Dann sah er Fee an.

»War famos, das Jungchen, und quietschfidel. Aber immer das Herz auf dem rechten Fleck! Hat Streiche gemacht die Menge, man könnt' ein Buch drüber schreiben, tolle genug, schlimme nie. Hätt' keiner Kreatur was zu leid tun können. – He, was ist das?« Der alte Herr schnupperte in der Luft.

»Ich rieche bloß Tabaksrauch, Großväterchen.«

»Unsinn, es brenzelt. Schau mal zum Fenster hinaus, schnell! Riechst's noch nicht?«

Fee beugte sich aus dem Fenster. Der Hof lag sehr still. Die Leute waren alle im Feld.

Jetzt schien's Fee auch, als ob die Luft von einem sonderbaren Geruch erfüllt sei. Und kräuselte sich nicht dort drüben überm Scheunendach ein leichtes Rauchwölkchen? Jetzt zuckte es gar wie von einem roten Blitz grell durch das Wölkchen hin. Als Fee genau zusah, war's schon verschwunden. Aber da kam's wieder. Wieder, und noch einmal!

Was war das? Fee zitterten plötzlich die Kniee. Sie hörte ein Schlurfen und Ächzen hinter sich. Großpapa Polten schleppte seinen Gichtfuß ans Fenster. Sie eilte ihn zu stützen. Nur ein mühsames Humpeln war's, ein gewaltiges Wettern dazu.

»Donner und Doria, solch ein Krüppel! Schock –«

Fee faßte nach seiner Hand.

»Nicht – nicht!« Sie war sehr blaß und wies nach der Scheune. Eben leuchtete wieder der kleine grelle Blitz durch die Wolke.

»Sieh dort, Großpapa, was ist das –«

»Feuer!« schreit da der alte Herr mit aller Kraft seiner Lungen. »Feuer! Feuer!«

Er sinkt auf den Stuhl am Fenster.

Und wie auf einen Zauberschlag, als ob sie nur auf den Ruf gewartet hätten, brechen die Flammen vor. Hier steigt eine auf und dort eine. Sie ducken sich, wie um Kraft zu sammeln, und schießen dann höher, ducken sich wieder, um noch höher zu steigen. Ein grausames Spiel. Und nun sind es schon unzählige geworden. Gierig leckt eine nach der anderen, reckt sich, züngelt und reckt sich noch mehr.

Die ganze Vorderseite des Scheunendaches ist wie besät von den strahlenden, züngelnden, feurigen, unsteten Flammengebilden, als ob urplötzlich ebensoviele Feuerblumen drauf entsproßt seien.

»Feuer! Zu Hilfe! Feuer!« schreit Papa Polten noch einmal mit aller Macht gegen die stille Dorfstraße hin. Fees helle Angstrufe mischen sich drein.

Und als ob der Ruf wiederum Zaubergewalt besäße – plötzlich ein Krachen und Splittern, ein dumpfes Dröhnen. Eine Riesenfeuergarbe steigt majestätisch in die blaue Sommerluft.

Das Scheunendach ist zur Hälfte eingestürzt. Das Feuer muß, ohne daß man's merkte, schon lange im Innern sein Zerstörungswerk getan haben.

Der himmelanstiebende feurige Mahner hat mehr Gewalt als Papa Poltens und Fees Hilferufe. Man hört Lärm in der Dorfgasse. Erregte Stimmen, Rufe, eiliges Laufen, Pferdegetrappel. Männer schreien sich zu, Weiber kreischen, Kinder weinen, Hunde heulen. Alles ist mit einem Male auf den Beinen und eilt zur Stelle. Durch das Hoftor dringt es schwarz – ein Haufe Neugieriger und Hilfsbereiter.

»Die Spritze!« schreit Papa Polten oben am Fenster, auf seinem Wacht- und Schmerzensposten. »Schnell, die Spritze!«

»Aweil kumme se,« schallt es ihm aus allen Kehlen entgegen.

Man hört Wagenrasseln und Pferdetraben.

Der Inspektor erscheint jetzt keuchend unten im Hof. Er muß in rasender Eile vom Feld hereingelaufen sein. Sein weißer Kopf ist unbedeckt.

»Zum Stall, Leute!« schreit er. »Rettet zuerst die Tiere!«

Ein Funkenregen fliegt schon über das Stalldach; die Mahnung kommt keine Minute zu früh.

Immer höher steigt die Feuersäule. Die frisch gefüllte Scheune bietet reichliche Nahrung. Die zweite daneben ist bereits gefährdet. Ein Glück, daß das Herrenhaus so weit zurückliegt.

Der alte Mann da oben am Fenster muß hilflos und reglos zusehen, wie seine Habe zerstört wird. Er hat die Hände gefaltet, die Pfeife liegt am Boden – nie im Leben ist ihm seine Ohnmacht so zum Bewußtsein gekommen. Die da unten sich regen können im Manneswerk, in Tat und Kraft, die haben es besser; er sitzt hier – ein Unnützer – ein Nichts. Die Tränen laufen ihm über das alte Gesicht. Fee, totenblaß, tränenüberströmt, beugt sich über ihn, tröstet leise und sanft.

Da kommt endlich die Spritze angerasselt. Endlich! Ein Aufatmen geht durch den Menschenhaufen. Vielleicht sieben Minuten sind verstrichen, seit der feurige Mahner gen Himmel stieg, der das Dorf aufstörte. Wie lang erschienen sie denen, die darauf warteten.

Die Feuerwehrmänner richten rasch den Schlauch, und nun steigt der Strahl. Aber solch ein dünner Strahl, so armselig schwach dem züngelnden Riesen gegenüber! Der reckt sich und wie zum Hohn verstärkt sich sein Knistern. Er neigt sich zur Seite, ein klein wenig nur, und bläst mit dem feurigen Hauch über das Dach der Nebenscheune, entfacht auch da winzige, züngelnde, hüpfende und tanzende Flammenkinder. Die lecken, wirbeln, wallen und einen sich. Hier reckt sich eine drohend, wächst, sinkt. Dort steigt eine andere, fällt. Und jetzt – ein dumpfes Poltern. Das zweite Scheunendach ist eingebrochen. Eine zweite Feuergarbe wächst zum Himmel, eint sich der ersten, riesengroß.

Schreckensschreie, verstörte Gesichter, Angstaugen. Wo will das hinaus?

Und immer nur der eine dünne Wasserstrahl! So machtlos sieht er aus, wie Kindermühen gegen Riesenkraft.

Ein Glück nur, daß Windstille herrscht, das Herrenhaus wäre sonst ebenfalls verloren. Aber verloren ist einstweilen die gesegnete Jahresernte in den beiden Scheunen. Die gegen das Feuer kämpfen, sehen es ein und wenden sich ab, zu retten, was zu retten ist.

»Wasser aufs Stalldach!« schreit der Inspektor.

»Und Wasser aufs Wohnhaus!« ruft der alte Mann oben am Fenster. Er zittert für das Haus seiner Väter.

Der dünne Wasserstrahl ändert die Richtung.

»Wenn sie von Loberg nicht bald mit Hilfe kommen, geht die Sache schief,« sagt der Inspektor zu einem Mann, der neben ihm steht. Er keucht schwer und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Einen Trost weiß der Mann, den er angeredet hat, ihm nicht zu geben. Er schweigt und zuckt die Achseln.

Der armselige, dünne Strahl bestreicht das Stalldach, das Dach des Wohnhauses.

Das heißt ihm zu viel zugemutet. Von einem Dach hätte er allenfalls den gefräßigen Feind fernhalten können, von zweien –

Hui, wie die Flammen knistern, prasseln und flackern, wie der Funkenregen stiebt!

Immer aufs neue schlagen die Flammen auf, immer aufs neue schießt die Funkengarbe in die blaue Sommerluft. Ein grausiger – ein großer Anblick!

Über das Stalldach hin leckt der Wasserstrahl, züngelt die gierige Flamme.

Der Weisung des Inspektors folgend, haben die Leute versucht, die Tiere herauszubringen. Die wenigsten folgen gutwillig. Verstört und verängstigt wehren sie sich gegen die rettende Menschenhand. Es braucht viel Geduld und viel Anstrengung, die Gefährdeten in Sicherheit zu bringen.

Aber dort führt einer das letzte zappelnde, bockende, sich sträubende Rind. Der andere hält das letzte steigende, wild ausschlagende Fohlen kurz am Zügel. Im Pferch auf der Wiese drüben steht der ganze Viehbestand von Dresdorf gerettet beieinander.

Der Inspektor atmet auf und wischt sich die Stirn. Trotz seiner nicht mehr jungen Jahre war er der erste beim Bergungswerk.

Er sieht sich um. Ist auch alles beisammen?

Dort stehen die Ziegen. Wo aber ist die große weiße, sein Liebling? Sie hat Kitzlein gehabt, fünf niedliche, drollige Böckchen, schneeweiß wie die Mutter. Wo sind die?

Der alte Mann setzt sich in Trab nach dem Hof zu.

Das Balkenwerk des Stalldachs steht in lichten Flammen.

»Der Stall is auch kaput,« sagt einer. »E beser Schade for unsern Herrn!« Ein scheuer Blick fliegt nach dem offenen Fenster oben im Herrenhause.

Der Strahl des Schlauches bestreicht jetzt nur noch das Dach des Wohnhauses. Der Stall ist dem Verberben preisgegeben.

Da kommt der Inspektor angestürzt: »Leute, die weiße Lise muß noch im Stall sein!«

Er findet nicht viel Aufmerksamkeit. Jeder ist mit sich beschäftigt; die nicht am Rettungswerk mittun, gaffen. Und die paar, die der alte Mann zunächst anruft, zucken die Achseln, sehen zweifelnd in das Flammenmeer und wenden sich taub ab. Um eine Ziege ein Mannesleben? Zu teuer wäre das bezahlt.

Aber es hat sich doch herumgesprochen: »Die weiße Lise ist noch in den Flammen mit ihren fünf Jungen.«

Der alte Mann am Fenster oben ruft: »Was gibt's, Leute?«

Er erhält Bescheid.

»Armes Tier,« sagt er. Und: »So e arm Dierche,« geht's unten von Mund zu Mund.

Eine Frauenstimme, die der alten Wirtschafterin, zetert: »Wie mer so was vergesse kann! Ei, ich deht mich Sind' firchte!«

Aber tatenlos stehen die Leute. Wenn's ein Menschenleben zu retten gelte, jeder wäre bereit. Aber für ein Tier?

Das Leben ist eine köstliche Gabe, aus Güte gegeben, um in Treuen behütet zu werden. Wehe, wer sie verschleudert, diese köstlichste aller Gaben!

Aber mit seinem Herzen muß der Mensch rechnen. Dem einen schlägt's in gleichmäßigem Takt und sein Kopf bleibt klar, wo's um ihn brandet. Dem anderen sprengt es die Brust, wenn er das Leid sieht und die Not der Kreatur, und sei's der stummen.

Der Inspektor mit seinem weißen Kopf und dem jungen, erbarmenden Herzen ist in der Stalltür verschwunden, unter den wilden, prasselnden Flammen, die das Stalldach umbrausen.

Ein jammervolles Meckern ist von dorther erklungen, todesbang, hilfeheischend; das hat ihn nicht zaudern lassen.

Noch war's ja dunkel da drinnen, noch haben die Flammen vom Dach her die Stalldecke nicht durchbrochen. Aber wie lange –?

Ein Schrei geht durch die Menge. Dann atemlose Stille, atemloses Harren. Auch die an der Spritze stellen ihr Werk ein. Ob der alte Mann lebend wiederkehrt?

»For die alt' Geiß!« sagt einer achselzuckend. Allen aber schlägt das Herz schneller, aller Gedanken sind bei dem alten Mann und seiner Tat. Ob sie ihm gelingen wird?

Wie sich die Sekunden dehnen – fast nicht zu ertragen. Und die Flammen recken sich, brausen, knistern, prasseln, züngeln, dehnen sich wild und wilder, greifen um sich mit gierigen Armen.

Da – in der Tiefe des Stalles taucht der weiße Kopf auf.

»Er kimmt! Er kimmt! Er hot se am Bennel! Die Geiß! Die Lis! Weiß der Himmel, do is se! Des is einer, der Inspektor!«

Von allen Seiten klingen diese Rufe.

»Die Jungescher hot er awer nit!« ruft eine Weiberstimme.

»Auch noch! Ei zum Kuckuck zu! Ei, was glaube Se dann, Wewern? Als ob dem Mann sei Lewe drei Batze wert wär'!«

Entrüstungsrufe aller Art hageln über die Frau. Sie duckt sich unter dem Sturm, erstaunt und verstört. Sie hat sich ja weiter gar nichts bei ihrem Ausruf gedacht. Und von ihr weg wenden sich alle wieder dem Stall zu.

Da steht der Inspektor schon unter der Tür und zerrt an der Ziege, die bockt und sich widersetzt. Flinke Hände greifen zu, Inspektor und Ziege sind in Sicherheit. Droben aber fauchen und prasseln noch immer die Flammen.

Noch hält das Dach.

Alle wollen aufatmen. Die Spritzenleute setzen aufs neue ein mit Pumpen. Im Bogen steigt der Wasserstrahl.

Da kommt etwas, das alle, die es sehen, erstarren macht.

An dem Knäuel vorüber, der sich um den Inspektor und die gerettete Ziege ballt, gleitet etwas Weißes, Schmiegsames, Schlankes.

Wie eine Vision verschwindet es im Dunkel der Stalltür. Starr stehen die einen, verständnislos schauen die anderen. Und von Mund zu Mund geht's halblaut, erschreckt, entsetzt: »Des Freilein! Des is des Freileinche gewese!«

»Ei die well dann?«

»Die, wo in Engeland gewese is!«

»Die Scheu? Die Groß?«

»Herr, du mein –! Barmherziger Himmel!« kreischen die Weiber, schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und heulen. Und die Männer stehen regungslos und blaß da. Dem einen und dem anderen zuckt's im Fuß. Aber es liegt wie eine Lähmung über allen.

Was ist auch zu tun? Schon neigt sich das Dach. Die nächste Minute entscheidet über ein Menschenleben.

Den Inspektor, der alsbald wieder hinein will in den verderbendrohenden Feuerherd, reißen ein paar Fäuste zurück und zwingen ihn, trotz seines Wehrens.

»Hier gebliwe! Do is jetz nix mehr ze mache!«

Undeutliches Murmeln nur im ganzen Kreise.

»Zurück, Mann!« klingt vom Fenster oben auch des Herrn Stimme. »Das Leben ist kein Pappenstiel, um es so in die Schanze zu schlagen!« Und weicher dann: »Sie haben das Ihre getan, Möller, Sie können zufrieden sein.«

Mit fast wirrem Blick sieht der alte Mann nach oben. Der dort hat ja keine Ahnung, was für ein Leben jetzt eben da drinnen in die Schanze geschlagen wird. Er merkt offenbar nicht, daß die Enkelin nicht mehr an seiner Seite ist. Soll man es ihm sagen?

Aber niemand hat das Herz dazu.

Regungslos, atemlos stehen die Männer und starren, und die Weiber heulen lauter und lauter.

Wie die Flammen rasen und steigen! Wie sie sich ducken und wieder auflodern!

Nun sinkt das Dach nach hinten. Ein greller Schein zuckt in dem Dunkel des Stalles auf. Die Decke ist geborsten!

Ein Entsetzensschrei, einstimmig aus vielen Kehlen.

Aber da steht es weiß und schlank unter der noch unversehrten Stalltür – Fee!

An ihrer Brust birgt sie – ein Engel des Erbarmens, und die das Bild geschaut haben, werden es nie vergessen – birgt sie ein weißes Zicklein.

Kläglich meckert das Tierchen, kosend neigt Fee das Gesicht und spricht ihm zu.

Dabei zögert ihr Fuß. Das wird ihr verhängnisvoll, ist der Augenblick, der über Leben und Tod entscheidet. Ein ohrbetäubendes Krachen – in Trümmern liegt der Stall.

Geborsten tagen die schwarzen Balken aus dem lodernden Feuerglast. Zum Himmel flammt die Lohe. Wo noch eben die Tür war, ist ein Chaos von schwelenden Balken und gestürzten Steinen.

Und Fee – – –?

»Aweil kumme se! Aweil kumme se!« Die Dorfjungen brüllen es.

Die Ankündigung gilt der Loberger Spritze, die eben in den Hof rasselt, und dem Dresdorfer Wagen, der die von Haus Abwesenden bringt. Werner Horst und Herr von Rödern sind die ersten, die abspringen.

Da lag Fee, still und totenblaß.

Sie sehen die Zerstörung rings, sehen, wie das Feuer gewütet hat und noch wütet. Sie sehen auch den Menschenknäuel, der sich dort um etwas drängt. Und sie ahnen, daß dort etwas sich ereignet haben muß, das mehr ist, als bloßer Verlust von Hab und Gut.

Sie hören die Weiber heulen und sehen die Männer gedrückt und stumm herumstehen. Eine eigentümliche, beklemmende Stille liegt über dem Menschenknäuel, eine Stille, die lähmend wirkt, im Gegensatz zu dem fortgesetzten Krachen und Bersten und Splittern.

Quer über den Hof eilen Werner Horst und Klaus von Rödern, wortlos wie auf Verabredung. Und nun sind sie dicht an dem Menschenknäuel.

»Was gibt es hier?« Klaus von Rudern fragt es und er weiß nicht, weshalb ihm die Stimme so sonderbar heiser ist und kaum aus der Kehle will. Man öffnet ihm eine Gasse, stumm und mitleidig. Nun steht er – und sieht.

Werner Horst muß plötzlich zufassen, denn der starke Mann wankt. Wie im Traum schaut er zuerst, als ob er das, was er sieht, nicht fassen könne.

Da liegt ein Mann am Boden mit weißem Haar. Es ist der alte Inspektor, er kennt ihn genau. Mitleidig hat ihm ein Hilfreicher den Arm unter den weißen Kopf geschoben.

Und daneben kniet eine Frau. In ihren Schoß ist ein Blondkopf gebettet, ein Engelsgesicht, lilienzart, aber so still, so totenblaß, über die Stirn sickert ein Blutbächlein und die Augen sind geschlossen. In den Armen hält die reglose, schlanke, weiße Gestalt ein Zicklein, hält es noch fest in der Dämmernacht der Starre und Leblosigkeit. Das Tierchen aber lebt, es wimmert und leckt die Hände, die es gerettet haben.

Klaus von Rödern sieht das alles wie im Traum. Seine Zähne schlagen aufeinander und er kann seine Stimme nicht finden.

Werner Horst hat ihn losgelassen; alles das, was er sehen mußte, hat ihn selber aufs tiefste getroffen. Da lauert er schon neben der Frau, zeigt nach dem weißen Gesicht in deren Schoß und flüstert leis und scheu: »Lebt sie?«

Die Frau schluchzt laut auf. Was sie sagt, versteht man nicht. Denn jetzt ist Klaus von Rödern zu sich gekommen.

»Fee! Fee! Mein Kind! Mein Kind!«

Der Jammerruf schallt über den Hof. Er weist auch Muttchen Friedel den Weg zu ihrem Kind.

Da kauert sie nun und hält es in ihren Armen.

Sie legt das Ohr an ihres Kindes Herz.

»Sie lebt, Klaus, sie lebt!«

Und Muttchen Friedel hat plötzlich Löwenmut und ist ganz klar und so tapfer.

»Eine Matratze,« befiehlt sie, »schleunigst den Doktor rufen!«

Und sie sorgt, daß man ihr armes Kind sacht und behutsam auf die Bahre legt – »man kann ja nicht wissen, wo sie verletzt ist, Klaus, und wie man ihr schaden könnte –«

Dann bettet sie ihr Kind, sachte und sorgfältig in dem alten trauten Mädchenstübchen und sitzt und harrt, denn Fee ist noch immer bewußtlos.

Am Fußende des Bettes stehen Frau Lisa und Tante Lenchen; diese mit hilflosem, klagendem Wimmern, Frau Lisa still, starr und tränenlos. Am Boden neben dem Bett kauern Lu und Li, noch in ihren Zigeunerlumpen und mit geschwärzten Gesichtern.

Klaus von Rödern steht neben dem Stuhl seines Weibes, aufrecht und starr. Mechanisch fährt zuweilen seine Hand über den gesenkten braunen Kopf vor ihm. Sein Auge läßt nicht von der auf dem Lager hingestreckten Gestalt.

Werner Horst führt den alten Mann herbei, der drüben am Fenster hatte untätig harren und all das Grause schauen müssen.

Wie der gemerkt hat, was ihn da unten härter getroffen als die Wut der Flammen, wie er das leblose Kind über den Hof tragen sah, da hat er sich mit seinem Gichtbein dahinschleppen wollen, wo seine Liebsten litten. Bis in die Mitte des Zimmers ist er gekommen und dort hilflos zusammengebrochen.

Da findet ihn Werner Horst, wimmernd – ein alter, schwacher, hilfloser Mann.

Muttchen Friedel in all ihrer Not war die erste, die seiner dachte.

»Hat denn niemand nach Papa gesehen?«

Da war Werner Horst gegangen. Und nun brachte er ihn, mühsam, mehr ihn schleppend als ihn stützend.

»Jungchen,« sagt der alte Mann. »Jungchen, ich hab' nicht genug aufgepaßt.«

Und dann weint er wie ein Kind; Muttchen Friedel hat nur an ihm zu trösten.

Sie schieben ihm einen Stuhl dicht an ihre Seite, und von ihrem leblosen Kinde weg gibt sie dem alten Mann zuweilen einen warmen, ermunternden Blick und tröstet lind: »Nicht weinen, Papa, nicht weinen! Es wird ja alles gut werden!«

Ja, Muttchen Friedel ist tapfer, so tapfer! Und doch bricht ihr beinahe das Herz, wenn sie das stille weiße Gesicht dort sieht. So harren sie des Arztes.

Fee hat sich noch nicht gerührt. Stumm liegt sie und starr, aber sie atmet leise, leise, man sieht es deutlich.

Eine endlose Zeit vergeht – fast eine Ewigkeit.

Von draußen dringen die aufgeregten Rufe der Menge in das stille Zimmer, zu dem Lager Fees. Man hört das Prasseln und Knistern der Flammen, das Brechen und Stürzen der Balken. Man hört auch das Arbeiten der Spritze, das Niederfallen und Zischen des Wasserstrahls. Wen kümmert's! Mag das Zerstörungswerk weiter wüten oder zum Einhalt kommen, sein Schlimmstes hat es getan. Nichts, was es draußen niederwirft, reicht an das heran, was es hier niedergestreckt hat.

Werner Horst ist einmal gegangen, um sich von dem Stand der Dinge draußen zu überzeugen. Er kommt wieder und berichtet flüsternd, daß die Loberger Spritze im Verein mit der Dresdorfer allmählich über das Feuer Herr werde. Das sei auf die zwei Scheunen und den Stall beschränkt; dem Herrenhaus drohe keine Gefahr mehr.

Er hat es dicht am Ohr des alten Mannes geflüstert. Der senkt bloß den weißen Kopf, läßt aber die Augen nicht von dem stillen Gesicht vor ihm. Nur Muttchen Friedels Hand hält er fest.

Endlich kommt der Arzt. Er weist alle hinaus, nur Muttchen Friedel und Tante Lisa dürfen bleiben. Die anderen harren auf dem Flur vor der Tür.

Lange dauert es. Papa Polten und Tante Lenchen haben sich dicht zusammen auf die Treppenstufen gesetzt, als ob eines beim anderen Trost und Halt suche.

Lu und Li sind fortgeschlichen und haben sich gesäubert. Dort stehen sie jetzt, hilflos, verweint, zwei arme, erschreckte Kinder. Grausam ist vor ihren lachenden Kinderaugen der Wetterschlag des Schicksals niedergefahren.

Tante Lisa ist ein paarmal ab und zu gegangen, Hilfereichungen zu tun. Aber Fee ist noch immer nicht bei Bewußtsein! Und was der Arzt sagt? Einstweilen nichts. So harren sie weiter.

Von außen kommen immer dieselben Laute, bloß daß jetzt das Zischen und Aufklatschen des Wasserstrahls stärker vernommen wird als zuvor das Knistern und Prasseln der Flammen. Da geht die Tür auf, der Arzt erscheint. Er ist sehr ernst, wie er Klaus von Rödern die Hand reicht. Der will etwas fragen, aber die Stimme versagt ihm.

»Sie ist jetzt bei Bewußtsein, Herr Baron,« sagt Doktor Mühren, »aber noch sehr schwach. Ich möchte bitten, nein, ich muß drauf bestehen, daß ihr die vollkommenste Ruhe zuteil wird. Nur die Mutter und Frau Horst dürfen um sie sein. Ich bleibe vorläufig. Ich muß nur meinem Kutscher Bescheid sagen.«

»Und –und–« Klaus von Rudern gehorcht die Stimme noch nicht recht.

»Ich habe einstweilen keine äußere Verletzung feststellen können, Herr Baron.« Doktor Mühren versteht, was jener fragen wollte. »Sie ist anscheinend unverletzt. Eine eingehende Untersuchung konnte ich der Schwäche wegen nicht vornehmen. Es muß wohl etwas den Kopf gestreift haben, daher die tiefe Ohnmacht. Mut, nur Mut – sie ist jung und kräftig, das hilft über viel hinweg.«

Jetzt redet der Mensch zum Menschen. Doktor Mühren preßt Klaus von Röderns Hand. Der hat unwillkürlich nach dem Treppengeländer gegriffen, einen Halt zu haben.

»Ich gehe, meinem Kutscher Bescheid sagen,« damit will Doktor Mühren sich entfernen.

Da hält ihn Papa Pollens Ruf zurück. Dem ist plötzlich etwas durch den Sinn gefahren.

»Und mein alter Möller, Doktor?«

Der wendet sich tiefernst um.

»Daß alles für ihn geschieht, was geschehen kann, Doktor, alles! Er ist die treueste Seele, die ich je auf dem Hof hatte.«

»Der braucht keine Hilfe mehr, Herr Polten,« sagt leise Doktor Mähren.

»Keine H… – ist er – ist er –?«

Der alte Mann dort auf der Treppe zittert mit einem Male so, daß ihm die Stimme versagt.

»Er ist tot,« sagt Doktor Mühlen.

»Tot? Wie –« fragt Klaus, von Rödern.

»Es scheint, daß er im letzten Augenblick, als das Dach schon einbrach, noch herzustürzte und Ihre Tochter herausriß. Dabei ist er selbst unter das Balkenwerk gekommen.«

»So hat er – hat er also – mein – mein Kind ge – rettet?«

»Er hat es vor dem sicheren Tode bewahrt!«

Lu und Li weinen laut auf. Doktor Mühren hebt die Hand.

»Ich muß auf vollständiger Ruhe bestehen, sonst hafte ich für nichts. Die Herrschaften gehen am besten nach unten, hier kann doch niemand etwas helfen. Herr Horst und Herr von Rödern sind nämlich sehr nötig bei den Leuten draußen. Mit dem armen alten Möller fehlt die Oberleitung. Unseren Gichtpatienten hier schaffen wir zuerst hinunter. Angepackt, bitte! Das gnädige Fräulein« – das galt Tante Lenchen – »wird allerhand Anordnungen in der Wirtschaft geben müssen; das Leben will eben seinen Gang gehen und die Leute, die so treulich geholfen haben, brauchen Verpflegung. Für meine jungen Freundinnen« – er nickte Lu und Li zu – »gibt es also die Menge zu tun, um überall einzuspringen. Mit Weinen allein kommt man nämlich in der Not nicht durch. Das Tun gilt'.«

So brachte er sie alle in Trab und auf irgend einen Posten. Und alle fanden alle Hände voll zu tun. Das Löschen war inzwischen erfolgreich vorwärts gegangen. Die Flammen waren ganz klein geworden, das Wasser hatte sie endgültig besiegt.

Eine wüste, schwarz verkohlte Trümmerstätte lagen die Scheunen und Stallungen. Unaufhaltsam sauste der Wasserstrahl hinein und vollendete das Zerstörungswerk.

Es galt nun das Vieh und die Pferde für die Nacht zu bergen, es galt, das Chaos zu sichten und die nötigste Ordnung zu schaffen. Werner Horst und Klaus von Rödern mußten alle Kraft und alles Denken zusammennehmen, um allem gerecht zu werden.

Auch Tante Lenchen mußte alle Kräfte anspannen. War Dresdorf auch reich an Vorräten, heute galt es, Scharen zu verpflegen. Denn keiner, der geholfen hatte, sollte ungelabt abziehen. Li stand Tante Lenchen treulich zur Seite.

Auf Lus Teil war das Schwerste gefallen, sie mußte tatenlos neben dem Großvater ausharren.

Ganz gebrochen saß der alte Mann, hilflos, seines Unglücks sich bewußt und tief unglücklich drüber.

»Hätt's mich alten Krüppel getroffen, was läge daran? Aber da sitz' ich und kann das Gichtbein nicht rühren und das Kind liegt oben – das Kind! Jungchens Älteste, sein Stolz! Brauchst die Augen nicht so aufzusperren, Mädel. Ihr seid schon recht, Li und du, nur – bloß – ach, ich seh' noch ihr liebes, helles Gesicht, wie sie dasaß und sang, dem alten Mann zu Gefallen, so weich, so lieb! Und bei mir hat sie bleiben wollen, bei mir, statt mit den anderen zu gehen! Und nun – und nun! Hätt' sie doch den alten Krüppel allein gelassen, sie wäre heil und frisch.« Er schüttelte den greisen Kopf und die Tränen rieselten ihm übers Gesicht. »Und mein alter treuer Möller! Ein Menschenalter lang hat er mir durchgeholfen, durch dick und dünn! Heute auch – heute erst recht! Für mein Enkelkind ist er in den Tod gegangen – treue alte Seele, – treue, treue alte Seele!«

So klagte der alte Mann. Machtlos saß Lu neben ihm und konnte ihm nur wieder und wieder über die Hand streichen: »Großpapa, mein Großpapa, es wird ja noch alles gut werden. Alles, Großpapa!«

»Dazu lebt man nun an die siebzig Jahr, bekommt weiße Haare und mürbe Knochen, um solches zu erleben!« Er senkte den weißen Kopf. Doch dann hob er ihn wieder, sah mit seinen blauen Augen, die noch voller Tränen standen, hinauf, wohin alle betrübten Augen schauen, wenn sie Trost suchen.

»Ich will nicht undankbar sein, du Vater im Himmel! Viel Schönes habe ich genossen und du hast mir viel Liebes erwiesen. Nun murrt der Alte, wenn du die Hand hebst und sagst, es ist nicht nur Sonne, es kann auch ein Wetter kommen. Ja, es ist gekommen, du, mein Herr, und wie! Ein Schlag ist heruntergefahren aus deinen Wolken – ich halte still, ich halte still. Nur, wenn es dein Wille ist, Herr, Herr – rette das Kind!«

Ein Gebet war's zuletzt von des alten Mannes Lippen. Lu lag auf den Knieen neben ihm und barg das Gesicht an seinem Knie; er strich ihr über den Braunkopf.

Da kam Tante Lisa, von Muttchen Friedel gesandt, und brachte Nachricht. Es stand immer gleich im Krankenzimmer. Fee hatte nochmals eine tiefe Ohnmacht gehabt und war jetzt wieder bei sich, nur sehr, sehr schwach. Doktor Mühren wollte die Nacht über bleiben.

Muttchen Friedel ließ Papa bitten, doch ja recht ruhig und gefaßt zu sein; es mache sie selber still, sonst müsse sie sich um zwei sorgen.

»Das Jungchen, das Kind! Denkt in all seiner Not an den alten Mann.«

Von da an war er sehr still und gefaßt.

Draußen war allmählich Ruhe eingetreten. Die müßigen Gaffer, hatten sich verzogen, nur die Feuerwehr hielt Wacht und gedachte auch die Nacht über zu bleiben.

Klaus von Rödern kam, zu berichten.

»Ich habe Friedel versprochen, daß ich mit Lu und Li, heimgehe. Es ist ihr ein Trost, alles dort im rechten Gang zu wissen. Doktor Mühren versichert, ich könne es unbedenklich tun. Es ist auch für euch besser, ihr kommt zur gewohnten Ruhe – soviel als möglich, Papa.«

Die Männer schüttelten sich stumm die Hand.

Und dann ging Klaus von Rödern mit seinen beiden Mädchen nach Rödershof. Es war ein trauriger Heimgang.

Drei Tage nach dem Brandunglück wurde der alte Inspektor begraben.

Ganz Dresdorf nahm teil an der Beerdigung, von allen Gütern rings kamen die Nachbarn. Vater Polten war sehr beliebt, man dachte, so zugleich ihm Teilnahme zu beweisen; außerdem war der Tote sehr geachtet gewesen.

Manch einen trieb auch die Neugierde; eine Brandstätte lockt immer. Dann gingen allerhand Gerüchte über das Befinden der Verunglückten um. Man dachte, so endlich einmal die Wahrheit zu erfahren. Felicitas von Rödern war ein großer Liebling in der Gesellschaft.

Nun standen die Menschen dicht geschart im Hofe des Dresdorfer Herrenhauses, angesichts der Brandstätte alle lautlos. Man hatte um möglichste Stille gebeten, der Kranken wegen, der man alles Erregende fernhalten mußte.

Mit einem Berg von Blumen bedeckt wurde der Sarg jetzt auf den Wagen gehoben. Zur Hallentür heraus, über die Freitreppe herunter kamen drei Herren. Herr Polten hatte es sich nicht nehmen lassen, trotz allen Zuredens der Seinen, seinem treuesten Diener das Geleite zum Grab zu geben. Mit eiserner Willenskraft zwang er sich und sein Gichtbein.

»Werde doch das noch tun können für meinen alten Möller!« hatte er gesagt.

Man mußte ihn gewähren lassen. Klaus von Rödern und Werner Horst stützten ihn. Der Zug setzte sich alsbald in Bewegung. Als erste gingen die drei Herren hinter dem Sarge her. Die anderen schlossen sich an.

Zum Tor hinaus schwankte langsam der Leichenwagen.

Wie oft war der, den sie jetzt hinausführten, durch das Tor herein- und hinausgefahren in treuester, nimmermüder Pflichterfüllung.

Daran dachte der alte Mann, der dem Sarg zunächst folgte; er hielt den greisen Kopf gebückt und die Augen standen ihm voll Tränen, deren er sich nicht schämte.

Endlich war der Letzte verschwunden, der dem Toten das Ehrengeleite gab. Leer und öde lag der Hof, wüst und schwarz die Brandstätte. Verkohltes Gebälk ragte zum Himmel auf, geborsten klafften die Mauern. Keine Hand war daran gelegt worden seit dem Tag, da die Flammen wüteten und der alte Mann den Tod fand.

»Wir wollen seine Ruhe nicht stören. Erst dem Tod sein Recht und dann zurück zum Alltag,« hatte Herr Polten befohlen.

Und sonntagsstill – totenstill war's in den Tagen auf dem Herrenhof in Dresdorf gewesen. Still auch in dem Mädchenstübchen, wo einst »Papas Junge« sein Nest gehabt, wo Streiche ausgeheckt oder verbüßt wurden. Jetzt saß da Muttchen Friedel am Lager ihrer Ältesten und sah voll Not, voll Zittern und Bangen in deren stilles, weißes Gesicht.

Weiß und still war das, stumm und reglos lag Fee. Zuweilen schlug sie die tiefen blauen Augen auf; sie waren müde, so müde. Aber warm und voll Liebe trafen sie Muttchen Friedel und Tante Lisa. Sprechen konnte sie nicht, nur mit den Blicken danken. Wie ein Bann lag es über dem jungen, matten, todschlaffen Körper.

»Die Nerven haben einen furchtbaren Stoß erlitten,« sagte Doktor Mühren. »Ich kann mir's nicht anders erklären. Nur Ruhe kann da helfen und Geduld!«

So hatte Fee alle die Tage gelegen und lag auch so heute – jetzt, wo sie unten den alten toten Mann zur Ruhe brachten.

Muttchen Friedel wußte, was vorging; daß sie just eben den hinaustrugen, dem sie es zu danken hatte, daß ihr Kind überhaupt noch atmete. Und Muttchen Friedel faltete unwillkürlich die Hände und lauschte auf die dumpfen Laute, die vom Hof herausdrangen: leises Murmeln, Füßescharren, dumpfe Tritte.

»Muttchen,« kam es da kaum hörbar vom Lager her und Frau Friedel sah in Fees weitgeöffnete Augen, »Muttchen, was wollen die Menschen alle?«

Träumte Fee? Phantasierte sie?

Muttchen Friedel fand sich nicht gleich zurecht, angstvoll beugte sie sich vor.

»Die Menschen? Welche Menschen?«

»Unten im Hof, Muttchen.«

Da erschrak Muttchen Friedel.

»Du hast geträumt, Kind. Ich höre nichts.«

Fees Augen schlossen sich wieder und Muttchen Friedel atmete auf; doch gleich darauf begann Fee von neuem: »Was ist aus Herrn Möller geworden?«

Jetzt zitterte Muttchen Friedel und preßte ihre Hände ineinander.

»Aus unserem alten Möller?« wiederholte sie die Frage.

»Ei riß mich doch heraus, als – als –«

Ein Schauder lief durch die hingestreckte Gestalt, und ihre Augen schlossen sich wieder. Angstvoll beugte sich Muttchen Friedel über ihr Kind.

»Ihm ist wohl, Fee, ganz wohl.« Und sie strich über das stille weiße Gesicht.

Da war's, als ob ein Seufzer der Erleichterung von Fees Lippen käme. Ein Kuß, flüchtig wie ein Hauch, streifte Muttchen Friedels kosende Hand. Tiefes, gleichmäßiges Atmen zeigte, daß die Kranke wieder schlummerte.

Lu und Li hatten dem Trauerzug herzbrechend nachgeweint, nachgeblickt. Sie standen mit Tante Lenchen an einem Fenster oben, an demselben, von dem aus Papa Polten das Zerstörungswerk der Flammen auf seiner Väter Hof mitangesehen hatte.

Tante Lenchen sah jetzt auf die weinenden Mädchen. Und sie nickte leise mit dem grauen Kopf.

»Erbarm dich, ja, so kommt der Ernst des Lebens und die Not und fällt jeden an, jeden! Und die da lachten, müssen weinen! So ist das Leben, Lu, Li!«

Die hatten die Tränen mittlerweile getrocknet.

»Wir sehen nach dem Böckchen, Tante Lenchen, Fees Böckchen, du weißt ja! Wir päppeln's groß, es nimmt schon die Flasche, die Webern hat's uns gelehrt. Es soll hüpfen und springen, wenn erst Fee gesund ist!«

Im Reden noch waren sie an der Tür und draußen, eilig, voll Eifer, voll Leben und Drängen.

Tante Lenchen sah ihnen nach und schüttelte den grauen Kopf.

»Erbarm dich! Das hat denn wohl der Herr so eingerichtet: mit nassen Augen lachen! Ja, jung sein! – jung sein!«

Inzwischen kauerten Lu und Li vor dem kleinen weißen Böckchen, das Fee aus den Flammen geholt hatte. Es scheute vor der Flasche und machte drollig-täppische Sprünge. Lu und Li mußten lachen, die Augenwinkel noch naß von den Tränen, die sie dem Toten nachgeweint hatten.

Endlich nahm das Böckchen die Flasche, Lu und Li waren entzückt.

Endlich nahm das Böckchen die Flasche.

»Sieh doch, Lu, sieh!«

»Was Fee wohl sagen wird, wenn sie erst gesund ist, Li?«

»Wenn sie's nur schon wäre, Lu!«

»Ja, wenn sie's nur wäre, Li!«

Ja, wenn Fee gesunden wollte!

Vierzehn Tage nach dem Brande sagte Doktor Mühren zu Papa Polten, Klaus von Rödern und Werner Horst, die um ihn herumstanden: »Ich schlage vor, meine Herrschaften, daß wir einen zweiten Arzt zu Rate ziehen?, eine Autorität, Professor Wissen aus Rüdingen. Es wäre mir eine Beruhigung.«

Tante Lenchen mußte sich schnell in einen Sessel setzen, als sie es hörte; die alten Beine versagten ihr den Dienst.

»Ich sage das nicht, um Sie zu ängstigen und zu erschrecken, Herr Baron,« fuhr Doktor Mühren indessen fort, »ich möchte nur nichts versäumen und mir nichts vorwerfen müssen. Zwei sehen immer mehr als einer und ich bin nur ein schwacher Mensch.«

Klaus von Rödern schüttelte ihm die Hand.

»Sie haben unser ganzes Vertrauen, Herr Doktor, Ich will ohne jedes Bedenken tun, was Sie vorschlagen.«

Auch Papa Polten und Werner Horst stimmten zu. Tante Lenchen aber war still mit zitternden Knieen hinausgeschlichen. War sie denn wirklich die Unken-Natur, wie der Bruder ihr immer vorwarf? Oder hatte nur sie allein gesehen und recht gesehen, daß hinter des Doktors Worten sich etwas barg, das –

»Erbarm dich!« schluchzte Tante Lenchen laut auf, als sie nun in der Stille des eigenen Zimmers war, »das Kind! Dies schöne, liebe, gute Kind!«

Vierzehn Tage lang lag nun Fee so hingestreckt, weiß, still, reglos und klaglos. Keine Änderung zeigte sich, nicht zum Guten, nicht zum Schlimmen. Sie verlangte nach nichts, wollte sich nicht aufsetzen, scheute jede Bewegung. Meist lag sie mit geschlossenen Augen, antwortete aber freundlich auf jede Frage mit ihrer leisen, weichen Stimme. Sie klagte auch nicht, noch sprach sie von Schmerzen.

»Ich bin nur so müde, so müde,« war all ihre Rede.

Sie hatte den Großvater zu sehen verlangt, den Onkel, Tante Lenchen, die Schwestern. Für jeden hatte sie einen stillen warmen Blick, ein leises, liebes Wort.

Alle waren mit Tränen gegangen. Alle konnten die Erinnerung an die tiefen, blauen Augen, an die weiche, leise Stimme nicht loswerden. Allen lag etwas Unnennbares auf dem Herzen, das drückte und quälte.

Endlich wurde der Professor auf Dresdorf erwartet. Klaus von Rödern holte ihn in seinem Wagen von der Bahn. Sie nahmen Doktor Mühlen mit und fuhren nach Dresdorf.

Unterwegs hatte sich der Professor von allem unterrichten lassen. Sonst waren sie recht still gewesen, die drei Herren.

Als der Wagen auf den Hof fuhr, sagte Muttchen Friedel zu der Kranken: »Fee, der Vater und ich haben noch einen zweiten Arzt kommen lassen. Eben fährt er auf den Hof. Wir möchten doch unser Kind schnell gesund haben, siehst du?«

Muttchen Friedel zitterten die Kniee und die Stimme, aber sie zwang sich ein Lächeln ins Gesicht.

Fee sah sie still an.

»Tut, was ihr für recht haltet, lieb Muttchen.«

Es klang so müde, klaglos geduldig – Muttchen Friedel konnte vor Jammer kaum an sich halten. Ein Glück, daß eben die Herren kamen.

Der Professor wollte bei der Untersuchung mit Doktor Mühren und der Kranken allein sein. Da harrte Muttchen Friedel draußen auf der Treppe und kauerte sich auf den Stufen zusammen; neben ihr saß Klaus von Rödern.

»Wie sagte ich, Kind?« flüsterte er ihr ins Ohr. »Wenn Wolken kommen, wollen wir uns nur umso lieber haben. Weißt du noch, Friedelchen?«

Sie nickte.

»Daß es sie treffen muß, Klaus. Gerade Fee! Hätte ich für sie leiden dürfen!«

Er nickte still vor sich hin.

»So redet ja wohl eine Mutter. Aber der die Bürde schickt, hilft tragen.«

Schweigend harrten sie dann auf die Beendigung der Untersuchung, auf das Urteil.

Lange, lange dauerte es, bis die Herren aus dem Krankenzimmer kamen. Sie trugen ernste, sehr ernste Mienen zur Schau.

»Wir bitten die gnädige Frau, zu der Kranken zu gehen,« sagte der Professor; »es ist besser, wenn diese nicht allein bleibt. Herr Baron, Sie kommen wohl mit uns?«

Muttchen Friedel ging mit wankenden Knieen und preßte die Hände gegen die Brust. Wild schlug ihr Herz, sie konnte keinen Ton vorbringen, um zu fragen …

Drin lag die Kranke, reglos wie immer, sie schien vor Erschöpfung eingeschlummert. Leise setzte sich Muttchen Friedel an ihren Posten, und saß da wie erstarrt, wie vernichtet.

Hätten die Herren Gutes zu melden gehabt, ihr Trost hätte wohl vor allem der Mutter gegolten. So sandte man sie fort, zu ihrem armen, armen Kind!

Da quoll es unwiderstehlich wie Schluchzen in ihr auf; aber ein Ton vom Bett her ließ Muttchen Friedel aufsehen. Die tiefen blauen Augen blickten sie an voll Mitleid und Erbarmen, und das Kind streckte ihr die arme, matte Hand hin.

»Stark sein, mein Muttchen. Nicht zagen! Sieh, ich bin ganz ruhig.«

Ihr Kind tröstete sie, dies Kind, dem sie Trost und Stütze hätte sein müssen!

Da war Muttchen Friedel mit einem Male ganz ruhig und fest und stark. Mit einem Aufleuchten im Blick beugte sie sich über ihr Kind.

»Wir tragen zusammen, Fee, wir tragen zusammen, was – was auch kommt, Fee!«

Die sprach nur mit den Augen und schloß sie dann.

Viel, viel Kraft hatte Muttchen Friedel nötig, viel Mut und Starksein.

Das Urteil der beiden Herren lautete einstimmig, das Rückenmark sei bei dem Unfall in Mitleidenschaft gezogen worden. Der Balken, der den Kopf streifte, mußte, als Fee stürzte, den Rücken getroffen haben. Derselbe Balken, der dem alten Mann das Leben raubte.

»Die Kranke wird wohl einstweilen gelähmt bleiben, soviel ich beurteilen kann, in den unteren Gliedmaßen,« sagte der Professor.

»Und – und –« Klaus von Rödern, der gesenkten Kopfes das Urteil über seine Älteste, seinen Herzensliebling, hörte, suchte umsonst nach Worten.

»Ob und wann eine Erleichterung oder Besserung eintritt, auf diese Frage kann ich leider keine bestimmte Antwort geben. Hier stehe ich an den Grenzen meines Wissens,« schloß leise der Professor.

Klaus von Rödern stand stumm. Der starke Mann wankte.

Der Professor griff nach seiner Hand.

»Wir Ärzte sehen viel Schweres, viel Unglück. Heute – hier – es hat mir das Herz bewegt, Herr Baron. Aber nur Mut, Mut! Bei so jungen Naturen – es geschehen manchmal überraschende Wunder. Man darf, nie verzagen. Wir Ärzte stehen in dieser Beziehung manchmal selbst wie vor einem Rätsel.«

Dieser Trost klang nicht sehr zuversichtlich, es sollte eben auch nur ein flüchtiges tröstliches Wort sein. Klaus von Rödern fühlte es wohl. Und er brachte den Seinen die schwere Kunde, als die Herren fortgefahren waren.

Die Stärkste von allen war Muttchen Friedel. Tante Lisa war völlig gebrochen. Für sie bedeutete dies ja auch den Strich unter die Hoffnung, Fee jemals wieder bei sich haben zu können. Aber das kam bei ihr erst in zweiter Linie. Der Jammer um das geliebte Kind, das zu einem Leidensleben verurteilt war, stand obenan.

Stärker als alle war Fee selbst. Diese leuchtenden, rührenden Blicke, die sie für jeden hatte!

»Was haben sie gesagt, Muttchen?« fragte sie am anderen Tage. »Sag mir ruhig alles, ich bin stark.«

Tante Lisa, die dabei war, ging aus dem Zimmer.

Durch Muttchen Friedel zuckte es wie ein elektrischer Schlag; dann legte sie die Arme um ihr Kind.

»Sie sagen, du werdest liegen und sehr geduldig sein müssen, Fee.«

»Lange, Muttchen?«

Die senkte die Augen.

»Das weiß niemand, Fee.«

Fee blieb still, so lange still, daß Muttchen Friedel scheu erschreckt aufsah.

Ihres Kindes Auge lag voll und groß auf ihr.

»Einer weiß es, Klein-Muttchen, und der ist gut.«

Da haschte Muttchen Friedel ihres Kindes Hand und bedeckte sie mit Küssen.

In Rüdershof wurde das größte und schönste Zimmer für Fee bereit gemacht. Es lag über dem Gartensaal, seine drei Fenster boten Aussicht über den Park.

Gerade in die Mitte des Zimmers rückte man das große Himmelbett. Von ihm aus sah das Auge in Grün und Himmelsblau.

Tante Lisa und Muttchen Friedel trugen herzu, was sie ersinnen konnten. Lu und Li opferten ihre liebsten Schätze, als da waren geschnitzte Rehe, Schweizerhäuschen und tanzende Schäferinnen.

Maigrün und weiß waren Wände und Türen; Vater Klaus hatte tief in die Tasche gegriffen, alles war neu und hell und frisch und festlich hergerichtet worden.

Muttchen Friedel hatte so gedrängt: »Ich muß mein Kind daheim haben. Erst dann kann ich mich ganz mit all dem Schweren abfinden.«

Papa Polten murrte zwar: »Als ob Jungchen hier nicht daheim wäre! Und das Kind, das arme, dazu! Ich bin noch lange nicht dafür, daß man es transportiert.«

Die anderen begriffen Muttchen Friedel und fühlten ihr nach.

Genau fünf Wochen nach dem Unfall erlaubte Doktor Mühren die Überführung der Kranken. Er selbst war dabei und leitete sie. Bequem auf eine Bahre gebettet, trug man Felicitas von Rödern zurück ins Elternhaus.

Die Dorfleute waren zusammengelaufen; irgendwie hatte sich das Gerücht verbreitet. Als die Männer mit ihrer traurigen Last die gewundene alte Treppe in der Halle niederstiegen, was man durch die weitgeöffnete Tür sah, da lief ein Murmeln des Mitleids durch die Menge und die Weiber heulten.

»So e arm jung Ding!«

»Alleweil die Beste trifft's!«

»Guckt emol des Gesicht!«

»Wie e Engel!«

»Akkerat wie e Engel!«

Der neue Inspektor, ein kräftiger, noch junger Mann, wollte die Menge fortschicken.

»Geht Leute! Die Herrschaft nimmt's übel. Es könnte der Kranken schaden.«

Sie ließen sich nicht vertreiben.

»Was will dann der? Mir derfe do sein! Der Herr weiß, wie mir zu em halte. Mir gehn nit ewech, mir bleiwe do!«

Und als sie mit der Bahre kamen, neben der Doktor Mähren, Klaus von Rödern und Muttchen Friedel herschritten, da nahmen die Männer die Hüte ab und die Weiber drängten mit ausgestreckten Händen herzu.

Muttchen Friedel hatte im ersten Augenblick wehren wollen; aber sie konnte nicht, sie mußte die gebotenen Hände schütteln. So viel ehrlich gebotenes Mitfühlen!

Ein Blick in ihres Kindes Gesicht zeigte ihr, daß auch Fee so dachte. Die lag mit weit offenen, glänzenden Augen und hob beide Hände den Leuten zu.

»Ich danke so, so sehr,« sagte sie wieder und wieder mit ihrer leisen, weichen Stimme.

Ein altes Mütterchen drängte herzu, zahnlos, voll Runzeln. Wie Rindenholz sah die harte braune Hand aus, die sie Fee bot.

»Ich bett for Ihne, Freileinche. Unser Herrgott is groß un is gut un weiß, was er dut. Des secht e alt Weib, die wo's wisse kann, dann a hart Lewe liegt hinner er. Groß is er un gut, wann mir's auch nit verstehe.«

»Ich glaube es,« sagte Fee leise, »und ich danke Ihnen.«

Doktor Mühren, der von der Erregung doch für die Kranke fürchtete, gab den Trägern ein Zeichen. Die nahmen die Bahre wieder auf und setzten sich in Bewegung. Die Leute wichen zurück.

Klaus von Rödern und Muttchen Friedel grüßten noch stumm, und dann bog der traurige Zug in den Wiesenpfad, der nach Rödershof führte.

Dort lag nun Fee in ihrem schönen, hellen Zimmer schon seit acht Tagen. Ihr Lager, ihr Zimmer war der Mittelpunkt, um den sich das Leben des Hauses abspielte. Denn von Fee war die Mattigkeit allmählich gewichen, die sie in Bann gehalten hatte. Sie war frischer und voll Liebe und Teilnahme für alle. Jeder brachte seine kleinen Leiden und Freuden zu Fees Lager und sie nahm teil an allem. Hätte sie nicht so hingestreckt daliegen müssen, man hätte meinen können, die alte frische Fee vor sich zu sehen.

Auch Tante Lisa war noch immer da. Tag für Tag kam sie von Dresdorf, Morgens und Nachmittags. Tag für Tag hoffte sie – sie wußte selbst nicht was. Da aber mußte Werner Horst ein Ende machen. Sein Geschäft forderte dringender und dringender seine Anwesenheit in London. Der Teilhaber schrieb mahnend, ungeduldig, fast scharf; Werner Horst mußte an die Abreise denken. Aber er stellte seiner Frau frei, zu bleiben.

»Wenn du einstweilen noch nicht fort kannst von dem Kind, Lisa, ich dränge dich nicht.« Aber es war etwas in Stimme und Auge, das Frau Lisa nicht zögern ließ.

»Ich komme mit, Werner. Fee ist bei den Ihren in treuester Hut. Du bist allein!«

Er widersprach nicht. Was sollte ein längeres Bleiben auch nutzen? Eine Änderung in Fees Zustand würde, wenn überhaupt, doch erst nach geraumer Zeit eintreten. Darüber war er sich völlig klar; er hatte noch eine oder zwei Privatbesprechungen mit Doktor Mühren gehabt.

»Es kann eine Besserung eintreten,« hatte der gesagt, »das ist keineswegs ausgeschlossen, Herr Horst. Wann aber und wie weit – das kann man unmöglich sagen.«

Die Abreise war also beschlossene Sache, und morgen vor Tau und Tag mußten die Reisenden von Dresdorf aufbrechen.

Jetzt eben waren Tante Lisa und Onkel Werner gekommen, von den Rödershofern Abschied zu nehmen, zuletzt von Fee.

»Du wirst sehr ruhig sein, Lisa,« hatte Werner Horst gesagt. »Versprich es!«

Und sie hatte stumm genickt.

Nun standen sie vor Fees Lager.

Die hatte sich Kissen unterschieben lassen, so daß sie halb saß. Und mit gefalteten Händen sah sie ins Himmelsblau.

»Da seid ihr also, ihr Liebsten,« sagte sie weich und streckte dem Onkel und der Tante beide Hände hin. »Ich kann nun nicht mit euch gehen und euer Kind sein. Ein anderer hat für mich entschieden. Dem müssen wir uns fügen.«

Tante Lisa, Onkel Werner standen rechts, und links vom Lager und hielten jeder eine von Fees Händen. Die sah sie mit ihren warmen, tiefen Augen an.

»Ich danke euch – o wie danke ich euch für all eure Liebe, ihr Guten! So gern hätte ich's mit der Tat getan. Aber –«

Einen Augenblick senkte sich der blonde Kopf, hob sich aber gleich wieder.

»Das ist nun schon so und wir müssen uns zurechtfinden. Und, ich glaube, es ist gut so. Klein-Muttchen braucht mich im Herzen innen, ich weiß es.«

Wie gern hätte Tante Lisa gerufen, geschluchzt: Ich auch, o ich auch, mein Liebling! Aber sie hielt die Lippen fest zusammengepreßt und hielt sich tapfer aufrecht.

Nun legte sie die Arme um Fee. »Leb wohl, Liebling, auf Wiedersehen! Und dann bist du frisch und kräftig und –«

Sie konnte doch nicht weiter, ihre Kraft ging zu Ende.

»Wie Gott will, Tante Lisa. Lebt wohl, lebt wohl! Grüßt mir mein England. Ich sehe es wohl nicht wieder.«

Da schluchzte Tante Lisa, aber Fee griff nach ihrer Hand.

»Nicht weinen, das tut weh! Wir sehen uns ja wieder, ihr kommt eben zu mir!«

Onkel Werner machte nun rasch ein Ende.

Er nahm Tante Lisa aus dem Zimmer. Und Muttchen Friedel ging hinein, ihr Kind zu trösten. Am anderen Morgen fuhren Onkel Werner und Tante Lisa allein in die Heimat zurück.

»Jungchen« bewährt sich

»Du gehst, Väterchen, versprich!«

»Ungern, mein Mädchen, bitter ungern. Am liebsten sitze ich hier bei dir!«

»Väterchen, ich lauf dir doch nicht fort. Und ich will, daß meine Lieben hinausgehen in die Welt und dann gern zu ihrer Fee zurückkommen. Denk mal, ich will doch auch was Neues hören!«

»Willst du? Sieh mal einer!«

Klaus von Rödern saß neben dem Lager seiner Ältesten.

Fee lag, wie sie vor Wochen gelegen hatte. Mittlerweile war's herbstlich frisch draußen geworden. Spätseptember. Aber alle drei Fenster waren weit geöffnet. Golden klarer Sonnenschein lag über der Welt, und mit hellen Augen sah Fee hinein, sah in den lichtblauen Herbsthimmel über den leise gilbenden Bäumen.

»So herrlich ist's draußen, Väterchen. Sünde wär's, nicht zu gehen.«

Das Drängen galt einer Jagdeinladung, die der Vater erhalten hatte.

Er wehrte sich noch ein Weilchen.

»Aber ich will's!« So lieb und weich sagte es Fee. Keine Spur von Eigensinn lag drin.

Sie hatte sich dieses »ich will« angewöhnt, seit sie sich dagegen wehren mußte, daß die Ihren ihr jeden freien Augenblick widmeten. Dies »ich will« zwang Muttchen Friedel täglich ins Grüne, nach Dresdorf zu Papa Polten, zwang Lu und Li zu den geliebten Ritten, ja zuweilen auch nach Loberg zu einer oder der anderen Freundin. Es zwang den Vater ins gewohnte Tun beim Tagewerk und bei der Erholung, kurz, es zwang das tägliche Leben auf Rödershof allmählich in die gewohnten Bahnen zurück.

Dies »ich will« wollte aber nie etwas für Fee selbst.

»Ich will's!« war also auch diesmal der letzte Trumpf, den Fee dem Vater gegenüber ausspielte, wo es sich um die Jagdeinladung handelte.

»Dann muß ich also wohl,« sagte Klaus von Rödern. »Solch ein Tyrann! Drei Tage! Bedenke, eine schauderhaft lange Zeit, mein Mädchen!«

Sie nickte vergnügt.

»Weiß ich und freu' mich drüber!«

»Freust dich?« Er tat entrüstet.

»Mich findest du nämlich immer auf demselben Fleck wieder, Väterchen.«

Es durchzuckte ihn. »Daß Gott erbarm, mein Mädchen!« Er faßte ihre Hand, die er küßte und küßte. Die Augen waren ihm naß.

Sie sah ihn lieb und still an. Ihre Augen trübten sich nicht; aber unendlich weich war ihre Stimme.

»Nicht so, Väterchen, nicht so! Du siehst, ich bin froh und geduldig. Sei's auch! Ich bin glücklich in eurer Liebe. Ihr gebt mir so viel als Ersatz. Nur traurig kann ich euch nicht sehen.«

Da nahm er sich zusammen.

»Traurig bin ich nicht, Kind. Wo werd' ich traurig sein! Ich weiß ja, daß mein Mädchen wieder frisch und gesund werden wird!«

Sie blickte still zu ihm auf und sagte kein Wort.

Am anderen Tage ging er zur Jagd.

Ihr »Leb wohl, Väterchen, und Weidmannsheil!« klang ihm im Dröhnen der Bahn, beim Bechern und Tafeln, im Jagdgetriebe, klang ihm immer, immer in den Ohren, im Herzen.

»Behüt dich Gott, mein Mädchen, und Weidmannsdank!« Das war sein Abschiedsgruß gewesen.

Nun hatte also Muttchen Friedel für die Dauer seiner Abwesenheit zum Rechten zu sehen.

Wie ein Bienchen surrte sie durch Haus und Hof, ordnete hier und schlichtete dort, lobte und tadelte, alles in richtiger Folge am rechten Ort. Und sie hatte doch immer Zeit für ihr Kind, das dalag und ihr entgegenlachte, so oft sie kam.

Jetzt eben im Dämmern hatte sie ihre Geige vorgeholt. Fee liebte es, wenn sie ihr dann, vorspielte, und allabendlich zogen die goldklaren Töne über den Park von Rödershof, stiegen durchs Ätherblau himmelwärts, drangen durch Wolken und teilten sie. Immer nach oben strebten die Töne und hoben die Herzen derer mit, die sie hörten.

Nur einer der Hörer war nicht völlig einverstanden. Leise meckerte das weiße Böckchen, das Fee damals aus den Flammen gerettet hatte.

Es war ihr ein lieber, drolliger, kleiner Gefährte, und durfte oft an ihrem Lager sein.

Jetzt hob es sich auf den Hinterbeinen und legte die Vorderfüße auf Fees Bett. Es schnupperte, sah die Kranke mit dem neugierigen Geißengesicht an und meckerte leise und jämmerlich. Muttchen Friedels Geigenspiel war sichtlich nicht nach seinem Geschmack.

Fee sagte ein paar kosende Worte und streichelte das Tier leise. Da legte es sich befriedigt wieder auf dem weißen Fell neben ihr zurecht.

Lu und Li, die in einer Zimmerecke dicht zusammenhuschelten, hatten bei der Unterbrechung gekichert und das Tierchen zu locken gesucht: »Snowy! Komm!«

So hatte nämlich Fee den kleinen Schneeweißen getauft.

Aber Snowy regte sich nicht. Ihm war am wohlsten bei der sanften Herrin; Lu und Li konnten beim Spiel derb zausen.

Auch Muttchen Friedels Geigentöne fochten das Böcklein nun weiter nicht an. In goldener Klarheit triumphierten sie.

Und noch andere Ohren hörten sie.

»Horch, Muttchen spielt, Lutz!«

»Wird die Augen machen, Fritz!«

»Je ja, du, aber –«

»Banghase!«

Mit gesenktem Kopf rannte Fritzchen Lutz an? Snowy, das Böckchen, hätte es nicht besser machen können.

»Selber, du, selber!«

»Was selber? Ich fürcht' mich nicht.« Lutz stand wie ein Held.

Auch Fritzchen raffte alle Heldenhaftigkeit, die in ihm steckte, zusammen.

Mit hochgehobenen Köpfen gingen die zwei über die Steinbrücke, durch die Wiesen, über die Freitreppe, bis dicht an die Tür, dahinter Klein-Muttchens Geigentöne klangen.

Da hielten sie und atmeten tief auf.

Lutz sah Fritz höhnisch an. Da hatte Fritzchen schon die Türklinke in der Hand und der Türspalt klaffte.

»Wart, du,« sagte nun Lutz doch eilig, »ich muß erst –«

Aber es war zu spät. Fritzchen stand schon in der offenen Tür.

»Guten Abend,« sagte er. Nicht sehr frisch klang es, ein bißchen benommen, ein bißchen verstört.

Muttchen Friedels Geigengesang riß ab mitten im besten Schwung.

Wortlos, versteinert starrte sie auf die beiden dort in der offenen Tür.

»Guten Abend,« sagte nun auch Lutz und machte etwas umständlich die Tür zu. »Wir – wir wollten einmal Fee besuchen. Und – und – da sind wir.«

»Das seh' ich,« sagte Muttchen Friedel trocken. »Kommt einmal daher, dicht – ganz dicht – so! Ausgekniffen, he?«

Die beiden schluckten, stotterten, stammelten und ließen die Köpfe hängen.

»Pfui!« sagte Muttchen Friedel sehr energisch. »Pfui! Eurem guten Vater solche Schande zu machen!«

Aber dann mochte ihr die Erinnerung an irgend ein Erlebnis ihrer eigenen Jugend kommen, sie wurde plötzlich weich, tat die Arme weit auf und sagte: »Lutzi! Fritzel! Wie konntet ihr – konntet ihr Muttchen so wehe tun!«

Aufgeregt, wild schluchzend hingen die beiden Sünder nun an Muttchens Hals und dann kam die Beichte.

»Ein ›ungenügend‹ im Proloko, Muttchen! Und so ungerecht, Mutti! Der Stieler hatte sicher mehr Fehler, der Stieler ist so dumm! Und der hat ›ziemlich‹! So was brauch' ich mir nicht gefallen zu lassen! Er soll's schon sehen, der Professor. Was kann ich dafür, daß die Zeit so knapp war, Muttel! Ich hab' den Drachen machen müssen, ich hab's versprochen, Muttchen, und sein Wort muß der Mensch halten. Was, Mutti?« So Lutz unter Tränen.

Muttchen Friedel nickte. »Sein Wort muß der Mensch halten, Lutzi. Und Fritzel?«

Nun, der war anscheinend mitgelaufen.

»Wir – wir wollten doch auch Fee mal sehen,« sagte er scheu stotternd und stieß Lutz in die Rippen.

Der nickte. »Ja, das wollten wir, natürlich.«

»So sagt eurer Schwester guten Abend, Jungen. Hier, da ist sie.«

Muttchen Friedel war so seltsam, so unerwartet ruhig. Es bedrückte Lutz und Fritz mehr noch als ein derber Erguß. Sehr still schlichen sie zu Fee hinüber.

»Lutz, Fritz,« sagte die weich, »Lutzi, Fritzel, wie konntet ihr so etwas tun!«

Lutz und Fritz hatten plötzlich die Fingerknöchel in den Augenhöhlen.

»Lu,« sagte Muttchen Friedel nun und zwar sehr hell und fest, »hol mir mal den Fahrplan. Du, Li, sagst Anna, daß sie Butterbrot und Fleisch zurechtstellt. Auch Milch, und meinethalben auch ein paar Eier.«

Lutz und Fritz spitzten die Ohren: ›der Fahrplan‹, das klang bedenklich. Was Klein-Muttchen Li auftrug, beruhigte sie aber wieder. Irgendwie tauchten die biblischen Bilder vom verlorenen Sohn und dem geschlachteten Kalb vor ihres Geistes Augen auf.

Gleich darauf erschien Lu wieder und reichte den Fahrplan. Muttchen Friedel blätterte drin und begann zu lesen.

»Hm,« sagte sie nach einem Weilchen, »es ist, wie ich mir dachte: um acht geht ein Zug, halb elf kann man an Ort und Stelle sein.« Sie schaute nach ihrer Uhr. »Eben ist's sieben. Lu, Johann soll sofort anspannen. Ich mache mich gleich fertig. Lutz, Fritz, geht essen! Hungrig sollt ihr nicht aus eures Vaters Haus gehen. Li, nimm die beiden mit!«

Lutz und Fritz umklammerten ihre Kniee und heulten: »Muttchen! Muttchen! Laß uns bleiben! Wir wollen auch nie wieder Streiche machen! Nur daheim sein, Muttchen! Bei dir!«

Es blitzte etwas verdächtig in Muttchen Friedels Augen, aber ihre Stimme blieb fest.

»Kein Wort weiter! Lutz, Fritz, Order pariert!« Und sie wies nach der Tür.

Lutz und Fritz zogen zerknirscht ab. Li nahm an jede Hand einen. Früher hätten sie ausgeschlagen wie die Fohlen bei solcher Kleinjungenbehandlung von Li. Heute fanden sie einen dankbaren Blick dafür.

»Muß es sein, Muttchen?« fragte Fee weich. »Wäre nicht morgen früh –?«

Aber Muttchen Friedel wischte rasch die Tränen weg und sagte fest: »Auf der Stelle müssen sie fort, nur das macht Eindruck.« Aber dann wurde auch sie weich. »Arme Kerlchen, das haben sie nämlich von mir, Fee, ich –« Da erblickte sie Lu. »Lu, du stehst mir dafür, daß es Fee an nichts fehlt. Mit dem ersten Zug morgen früh komm' ich zurück. Ich stülpe mir nur jetzt den Hut über und krame mein Nachtzeug zusammen. Gott befohlen, Kinder! Tu mir die Liebe, Fee, und schlafe gut. Ich kann nicht anders, Kind.«

»Ich weiß, Muttchen, und ich bin stolz auf dich!«

»Danke, nicht Ursache,« sagte Muttchen Friedel trocken, machte ein sonderbares Gesicht und ging zur Tür. Johann knallte schon sehr nachdrücklich mit der Peitsche.

Die beiden armen Sünder stopften währenddem unter Lis Aufsicht in den Magen, was hineinging. Lu hatte sich dazugefunden und packte noch einen Vorrat zusammen.

Lutz und Fritz schluchzten hie und da auf, waren aber im ganzen gefaßt. Dem Muß gegenüber beugten sie sich.

Nur zuweilen blinzelten sie scheu nach den Schwestern. Die waren auch ganz anders als früher, so gut und so freundlich, keine Spur von Hohn oder Schadenfreude wie sonst. Dankbar blickten Lutz und Fritz drein, es tat ihnen so wohl!

Als Muttchen Friedel dann unter der Tür erschien und rief: »Flink, es ist die allerhöchste Zeit!« – da hoben sie wie auf Verabredung die Gesichter und ließen sich von Lu und Li auf den Mund küssen. Ja, Fritzchen verstieg sich zu dem Versprechen: »Ihr kriegt auch meine Versteinerung, Lu, Li; holt sie euch nur aus unserem Zimmer. Ich kann sie ja jetzt doch nicht haben.«

Diese »Versteinerung«, der Abdruck einer Muschel in einem Stück Kalkstein, war Fritzchens höchster Stolz.

Lu und Li wußten die Ehre kaum gebührend zu würdigen; wenigstens hatte Fritzchen einen etwas heftigeren Freudenerguß erwartet. Er schob es dann in Gedanken auf den Drang und die Eile der Abfahrt.

Dann aber versank alles andere, denn sie saßen neben Muttchen Friedel im Wagen und die Pferde liefen Trab. Sie konnten's nicht eilig genug haben, die zwei armen Sünder wieder dahin zu befördern, woher sie kamen.

Die Heimat stieß sie aus, hatte keinen Raum mehr für sie! Etwas wie Trotz und Bitterkeit wollte in Lutz und Fritz aufsteigen.

Muttchen Friedel sah es. Sie las in den jungen Gesichtern, in den jungen Seelen, als ob sich ein Buch vor ihr auftue.

»Lutzi,« sagte sie, »Fritzel, glaubt ihr denn, daß mir dies leicht wird? Ich strafe mich genau so hart, wie ich euch strafe. Euer Muttchen hätte ihre Jungen doch viel lieber bei sich, viel lieber, glaubt's nur. Genau so lieb hat sie ihre Jungen, wie die ihr Muttchen lieb haben, Lutzi, Fritzel. Aber ihre Pflicht muß euer Muttchen tun, eben weil sie euch so lieb hat. Und daß ihr sie lieb behalten könnt auch später, wenn ihr groß seid! Daß ihr nicht sagen müßt: da und da hätte Muttchen strenger sein sollen; unser Muttchen war eben schwach, sonst wären wir andere Menschen geworden, bessere. Und gute Menschen wollt ihr doch werden, Lutzi, Fritzel? Menschen, wie euer Vater einer ist und –«

»Und wie du, Muttchen?«

»Muttchen, und wie du!«

Stürmisch umklammerten sie ihr Muttchen.

Muttchen Friedel lieferte dann zwei sehr reuige Sünder dem Professor aus.

Der hatte nach vergeblichem Warten eben telegraphieren wollen. Eine Last fiel ihm von der Seele, als er die Flüchtigen sah. Muttchen Friedel stand nicht minder zerknirscht vor ihm als ihre Jungen.

»Verzeihen Sie ihnen noch einmal, Herr Professor, mir zuliebe! Ich bürge für die zwei.«

Die glühend dankbaren, schier begeisterten Blicke, die sie von ihren Jungen dafür erntete!

Die Liebessaat, die Muttchen Friedel heute gestreut hatte, trug reiche Frucht.

Der Professor hatte im Laufe der Zeiten, abgesehen von den Normal-Jungenunarten, über Lutz und Fritz nicht viel mehr zu klagen.

Muttchen Friedel aber zog ihres Weges heim, ein bißchen erstaunt über sich selber, im ganzen aber recht zufrieden mit sich. Sie allein wußte, was diese Selbstüberwindung sie gekostet hatte.

»Arme Kerlchen,« sagte sie immer wieder vor sich hin, lachte ein bißchen und hatte dabei nasse Augen. »Was Klaus sagen wird, wenn er kommt? Ob er mit seinem Weib zufrieden ist? Was er jetzt wohl tut?«

Ja, wenn man das immer wüßte, wo zwei, die zusammengehören, nicht beieinander sind!

Wenn Muttchen Friedel gewußt hätte –

So früh, wie geplant, war's doch nicht, als sie wieder daheim anlangte. Den allerersten Zug, den sie hatte nehmen wollen, hatte sie – verschlafen. Er ging auch schon kurz vor sechs Uhr und sie hatte gestern einen erregenden Tag gehabt.

»Verzeihen Sie ihnen noch einmal, Herr Professor, mir zuliebe. Ich bürge für die zwei!«

Dazu hatte der Hausknecht des Hotels den Auftrag zu wecken reineweg vergessen. So lag Muttchen Friedel und schlief.

Kein Grämen half dann beim Erwachen und kein Ärger. So lachte Muttchen Friedel lieber der Sonne ins Gesicht.

»Sie werden sich ja daheim nicht sorgen! Und daß bei Fee alles zum rechten geschieht, darin kann ich mich auf Lu und Li verlassen, das weiß ich! Alles andere hat Zeit!«

So fuhr Muttchen Friedel vergnügten Sinnes in den goldenen Septembertag hinaus. Als Loberg sich näherte, streckte sie den Kopf durchs Fenster, schon als man erst von weitem die Station sehen konnte. Ihr war, als sei sie wunder wie lang von daheim fort gewesen. Dort, in der Richtung des waldigen Taleinschnitts lag Rödershof. Einen leuchtenden Blick warf Muttchen Friedel dahin.

Dann fuhr der Zug ein.

Doch, was war das? Da standen ja Lu und Li! Und machten so seltsame Gesichter! Sah Frau Friedel recht?

»Was gibt's, Lu, Li? Daheim ist doch alles in Ordnung?« fragte sie erregt, als sie vor ihren Töchtern stand, und faßte jede bei einem Jackenknopf.

»Fee ist völlig wohl, Muttchen, nur – bloß –« Lu stockte.

»Nur – bloß –« Li kam nicht viel weiter.

Da drängte Muttchen Friedel nach einer etwas klareren Auskunft.

»Wollt ihr reden, Lu, Li! Ist euch die Zunge am Gaumen festgewachsen? Heraus, was gibt's?«

Wie sie das heraussprudelte! Friedel Polten, als sie noch Papas Junge war, hätte es nicht besser gekonnt. Dazu drehte sie noch immer an Lu und Lis Blusenknöpfen.

Lu und Li machten große Augen.

»Je, Muttchen –«

»Ja, eine Depesche ist gekommen –«

»Eine Depesche, ja, von Väterchen, und –«

»Ja, und da steht drin –«

»Steht drin –«

Muttchen Friedel wurde mit einem Male bedenklich blaß und stützte sich auf Lu.

»Vater ist–ist –?« Die Stimme wollte nicht klingen wie sonst.

»Ein kleiner Unfall hätte ihn betroffen, steht in der Depesche, Muttchen.«

»Ein kleiner, Muttchen!«

»Und der Wagen soll zu der Bahn.«

»In ein paar Minuten kommt der Zug an!«

»Und da meinte Fee –«

»Ja, Fee meinte, wir sollten beide zu dir, denn –«

»Denn Fee sorgt sich um dich, Muttchen. Du solltest doch ja recht tapfer sein.«

»Ihr zulieb, sagt, Fee.«

»Und da habt ihr – habt ihr das Kind allein gelassen?«

Muttchen Friedel stand ihrer Ältesten nicht nach, sie dachte nicht zuerst an sich.

»Tante Lenchen kam sofort. Li war auf Pfeil dort, ehe wir fuhren.«

Da brach die Not in Muttchen Friedel durch.

»Euer Vater – euer Vater, Lu, Li, was kann es sein?«

Sie kosten und streichelten an Klein-Muttchen herum.

»Ein kleiner Unfall, Muttchen.«

»Muttchen, ein kleiner Unfall.«

Frau Friedel aber behielt ihre entsetzten Augen.

»So depeschiert man auch, wenn einer beinahe den Hals gebrochen hat. Ich – Klaus – Klaus –«

Eben wollten die Tränen kommen, da nahte der Zug, und Muttchen Friedel reckte sich auf von innen und von außen. Sie war mit einem Male wieder still und fest.

»Fee hat zwei Leute mitgeschickt, wenn Vater –«

»Ja, wenn Vater –«

»Das ist gut,« sagte Muttchen Friedel kurz und knapp. »Man kann ja nicht wissen, ob er nicht – ob er nicht getragen werden muß.«

Da brauste der Zug heran, bremste und hielt.

Herr von Ellern – er war mit von den Jagdgästen gewesen – stand an einem Fenster und winkte.

Wie hingeweht standen da Muttchen Friedel, Lu und Li vor ihm.

»Was – was ist –?«

Seinem allzeit fidelen, roten, runden Gesicht ließ sich schwer ein gewisser Ernst aufzwingen. So strahlte er denn eigentlich wie gewöhnlich, als er Muttchen Friedel zurief: »Ein Streifschuß, Frau Friedelchen, nur keine Angst! 'n büschen Aderlaß, sonst nischt. Wollte nur um jeden Preis heim, der Herr Gemahl, was ich ihm auch nachfühlen kann.«

Bis dahin war's ganz der alte Herr von Ellern. Dann sah er Frau Friedels blasses Gesicht und entsetzte Augen.

Er riß die Tür auf, kletterte eilig herunter mit den kurzen Beinen und haspelte dabei: »Auf Ehre, Frau Friedel, auf Ehre! Keine Spur von Gefahr! Sie können sich selber überzeugen. Da sitzt er quietschfidel und kerngesund eigentlich. Die Kugel ist schon heraus! Na also! Tag, lütt Kroppzeug.«

Das galt Lu und Li. Aber weder die, noch Muttchen Friedel hatten heute Auge oder Ohr für den alten Freund. Sie drängten sich an der offenen Wagentür. Ganz so rosig, wie Herr von Ellern die Sachlage schilderte, war sie offenbar nicht.

Da sah Klaus von Rödern allerdings aufrecht und lachte ihnen entgegen. Aber er war recht blaß und auch seine Stimme klang matt, als er jetzt sagte: »Da bin ich, Friedelchen, erschrick nicht! Ich wollte doch gleich heim, siehst du. Der nächste Zug – du – der Doktor –« Er kam doch nicht so recht vorwärts.

»Sag gar kein Wort, Klaus! Das wollen wir gleich haben.« Muttchen Friedels Stimme klang hell und froh, es ging was Belebendes von ihr aus. Lu und Li sahen erstaunt auf, waren sie doch Zeugen der Not vorher gewesen.

Muttchen Friedel winkte den beiden Leuten, packte selbst an, und bald darauf saß Klaus von Rödern in dem Wagen, schwindelig, matt, aber geborgen. Er hielt seines Weibes Hand in der seinen und drückte sie zuweilen. Dann nickte sie ihm jedesmal sonnig lächelnd zu.

»Das wollen wir bald haben, Klaus. Johann, fahren Sie mal bei Doktor Mühren vor, wir nehmen ihn gleich mit. Lu und Li, ihr trabt dann gefälligst zu Fuß, Vater kann solche Übervölkerung jetzt nicht vertragen. Aha, da sind wir!«

Man hielt am Doktorhaus. Doktor Mühren war daheim und frei, mitzukommen. Er stieg in den Wagen und schüttelte Klaus von Rödern die Hand.

»Scheint ja Jagd auf edles Wild bei dem Niedernhausener gewesen zu sein, Herr Baron? Sie müssen die Kosten selber am Leibe tragen.«

»Ein Streifschuß bloß, Doktor, na ja, das heißt, glatt durchgerutscht. Der Niedernhausener selber war's. War ihm schrecklich, natürlich, kann aber nichts dafür. Ich bin selber schuld, hab' im Eifer die Schützenlinie durchbrochen! Es war 'n famoser Bock und –«

Klaus von Rödern mußte mit einem Male still sein, denn Muttchen Friedel hielt ihm den Mund zu.

»So! Geredet wird hier nicht, Klaus, sondern Order pariert und stillgeschwiegen. Wer 'n Loch im Leib hat, der tut den Mund nicht auf, sonst gibt's 'nen Durchzug, und der ist allemal ungesund; Was, Doktor?«

Der lachte. »Fixe kleine Frau, die Frau Baronin,« sagte er.

Muttchen Friedel sah zum Wagenschlag hinaus.

»Lu, Li, wartet auf Herrn von Ellern und dankt dem noch einmal, daß er Vater gebracht hat. Ich hab's, glaub' ich, eigentlich verschluckt. So, und nun los, Johann, was die Pferde hergeben. Der Herr muß endlich zu seiner Ruhe kommen.«

Ein ängstlicher Blick streifte nun doch Klaus von Rödern, der mit geschlossenen Augen in seiner Ecke lehnte, und dann des Doktors Gesicht. Der nickte ihr aber zu, beruhigend und tröstend. Da faltete Muttchen Friedel die Hände ineinander und saß still und aufrecht.

Von Zeit zu Zeit machte ihr Mann die Augen auf und sah sie an. Da nickte sie ihm jedesmal so vergnügt zu, als ob sie zu einem Feste führen, und sagte: »Weil du nur da bist, Klaus! Alles andere ist Nebensache, die Wunde erst recht!«

»So 'n tapferes Weibchen,« sagte später Doktor Mühren, als er seiner Frau davon erzählte. »Sie wußte doch gar nicht, wie die Sache ablaufen würde! Eine andere hätt' geweint und gezetert und dem Mann auch noch den Kopf toll gemacht. Die da – alle Achtung!«

Zum Weinen und Zetern, selbst wenn Muttchen Friedel ihrer Not so hätte Ausdruck geben wollen, war glücklicherweise keine Veranlassung. Die Wunde erwies sich wirklich als so harmlos, wie Herr von Ellern sie hingestellt hatte.

Der wollte am Nachmittag wieder zur Jagd zurück. Lu und Li erzählten es und brachten noch Grüße von ihm.

»Es war also bloß ein Liebesdienst, daß er den Vater brachte, und ich hab' ihm nicht mal richtig gedankt,« sagte Muttchen Friedel reuevoll, »aber jetzt sorge für frisches Eis, Li, da nimm die Schüssel! Und Lu geht zu Fee, ich komme gleich nach. Für den Doktor muß ein Frühstück bereit gemacht werden; kümmere dich drum, Li.«

Ja, es gab alle Hände voll zu tun auf Rödershof. So leicht die Wunde war, etwas Fieber stellte sich doch ein. Klaus von Rödern mußte sich sehr ruhig halten, und wurde von Doktor Mühren unerbittlich ins Bett geschickt trotz allen Widerredens und Sträubens.

Zwei Krankenlager also! Aber eines sollte dem anderen nicht Abbruch tun, das war Muttchen Friedels Ehrgeiz.

Sie surrte und purrte herum wie ein Bienchen, emsig und eilig, war oben und unten, hüben und drüben; und wo eine faulenzte oder tratschte, stand Muttchen Friedel mit einem Male dahinter. Es ging alles seinen geregelten Gang auf Rödershof, trotz des Hausherrn Krankenlager.

Auch Lu und Li wurden in Atem gehalten! Da gab's nicht Zeit für Langeweile. Auf, ab und wieder auf! Ein Glück, daß sie junge Beine hatten!

Ihren zweiten Kranken bettete Muttchen Friedel ins Zimmer neben dem, wo Fee lag. Wenn dann die Tür dazwischen offen stand, konnten die beiden sich unterhalten. Das war eine große Beruhigung für Muttchen Friedel, wenn die auf der Fahrt vom Giebel zum Keller war, die Wirtschaft im Gang zu halten.

Wenn sie dann bei ihren Kranken eintrat und sagte: »Fee, Kind, jetzt hab' ich endlich Zeit,« da jammerte es aus dem Nebenzimmer: »Und an mich denkst du gar nicht! Ich lieg' da allein und warte und warte!«

»Und ich?« fragte Lu, die an Vaters Bett saß.

»Ich war doch bei Fee,« sagte Li vorwurfsvoll, »allein ist sie nicht.«

»Ohne Muttchen ist man immer allein,« sagte Vater Klaus überzeugt, ohne Rücksicht auf Lus und Lis Gefühle.

Fees Augen gestanden dasselbe, aber sie haschte dabei nach Lis Hand. Die wollte sehr zurückhaltend tun und die Gekränkte spielen, aber der Schelm, saß ihr in den Augen.

»Mit Klein-Muttchen gibt's eben keine Konkurrenz, Lu, was? Wir müssen die Hoffnung schon aufgeben, je zu unserem Recht zu kommen.«

»Ja, wir haben's schwer,« seufzte Lu brunnentief. »Unsere Tugend bleibt ungeschätzt, ungelohnt! Die Welt ist blind und ungerecht!«

»Eulenspiegel,« sagte Muttchen Friedel ungerührt. »Lauf mal flink, Lu, sag dem Johann, daß der Dünger heute noch hinaus muß, ich fürchte, das Wetter schlägt um. Du, Li, sieh nach dem Käse, die Webern wird ihn wenden müssen. Vorwärts, marsch!«

Die beiden wollten die Nasen rümpfen: »Wohlriechender Auftrag, Dünger und Käse!«

Aber Muttchen Friedel scheuchte sie, daß sie lachend davonstoben.

Dann warf sie sich auf den Stuhl an Vater Klaus' Bett. »Es ist eine Last mit der Landwirtschaft, Klaus! Soll einer an Dünger und Käse denken, wenn ihm so gar nicht danach ist!«

»So laß den Dünger, Friedelchen, und den Käse auch! Wenn ich erst wieder gesund bin –«

»Du bist ein schlechter Pädagoge, Klaus, trotz all der glänzenden Erziehungsresultate bei mir! Verwöhnen taugt nicht! Klaus und Dünger und Fee und Käse, alles kann sein Recht haben, wenn man bloß – na ja, Klaus, brauchst nicht zu lachen über die Zusammenstellung, das bringt nun mal das Leben so mit sich!«

Aber es kamen auch wieder bessere Tage.

Bis Ende Oktober hatte Vater Klaus sich mit seiner Wunde, Muttchen Friedel mit Dünger und Käse und derlei Alltagssorgen herumzuschlagen. Dann konnte Vater Klaus die Zügel wieder in die Hand nehmen, und alles ging seinen alten Gang. Und Muttchen Friedel konnte sich wieder völlig ihrer Ältesten widmen.

Sie saß an deren Lager. Jetzt waren die drei Fenster geschlossen, mit Nebel verhängt die kahlen Parkbäume und der Himmel darüber. Dafür huschte ein traulicher Flammenschein vom Kachelofen her über die maigrünen Wände.

Muttchen Friedel hatte die Hände ineinandergeschlungen, saß und träumte. Auf ihrem Schoß lag ihre Arbeit, Strümpfe zu flicken. Weit ins Zimmer waren Knäuel und Stopfei gerollt.

Fee las vor, Juniperus von Scheffel. Und die Erzählung des Kreuzfahrers, schlicht und rührend, zauberte so viele Bilder vor Muttchen Friedels Geistesauge, daß sie der Strümpfe drüber vergaß.

Eben schloß Fee: »Und also lief des Juniperus Weg vom Berg Neuenhewen im Hegau zum Berg Carmel im gelobten Lande.«

Da kam Muttchen Friedel zu sich.

»Schön,« sagte sie, »schön!« Dann sah sie sich um.

Fee schaute mit glänzenden Augen in den Nebel; sie war auch noch auf dem Berg Carmel im gelobten Lande.

Lu und Li aber – die saßen nämlich auch dabei und sollten Strümpfe flicken und Scheffel hören – sie sahen starr und gelangweilt und so gramvoll, als es ihren hellen jungen Gesichtern möglich war, ins Nebelgrau.

»Lu, Li,« rief Muttchen Friedel lachend. »Wo drückt euch denn der Schuh? Macht doch nicht solche Eulenaugen, Mädel! Sind die da daran schuld?« Lachend wies sie nach den Strümpfen.

Aber Lu und Li lachten diesmal nicht zurück. Im Gegenteil, sie seufzten und zwar abgrundtief.

»So langweilig ist's,« sagte Lu.

»Gräßlich, ja,« bestätigte Li.

»Der Juniperus? Schämt ihr euch nicht?«

»Ach der?« sagte Lu. »Ich habe gar nicht viel davon gehört. Nee, alles!«

»Ja, alles,« echote Li, »alles ist langweilig.«

Muttchen Friedel hatte sich die beiden scharf aufs Korn genommen. »Hm!« sagte sie dann und sann ein Weilchen. »Langweilig ist man immer bloß selber, Lu, Li. Da, flickt Strümpfe, dann kommt ihr auf andere Gedanken.«

»Hm!« brummten jetzt Lu und Li ihrerseits, griffen nach den Strümpfen und ließen die Köpfe hängen.

Muttchen Friedel behielt sie danach im Auge, sagte aber nichts mehr.

»Klaus,« sagte sie am Abend zu ihrem Gatten, »ich hab' mich zu wenig um die beiden gekümmert, siehst du. Die lassen plötzlich die Ohren hängen. Ich muß mir was ausdenken für sie. Sie haben auch ein Recht an mich und meine Sorge, so gut wie du, Klaus, und Fee und die beiden armen Kerlchen draußen in der Verbannung.«

»Und Papa und Tante Lenchen. Armes Weib!« antwortete Vater Klaus mit froher Miene. »Du hast so viel zu sorgen!«

Sie blieb ernst. »Zu spotten brauchst du schon gar nicht, Klaus! Arm bin ich nicht, denn wer viele Lieben hat, der tat viel zu lieben, siehst du.«

»Das ist logisch,« warf er ein, »alle Achtung!«

Sie ließ sich nicht stören. »Das macht mir also keine Sorge. Bloß – ich möchte eben meine Pflicht bei euch allen tun, Klaus. Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert.«

Er sah ihr in die großen, grauen, ernsten Augen und wurde ebenfalls ernst.

»Mein Weib,« sagte er, »mein tapferes, gutes Weib!«

»Lu, Li,« sagte Muttchen Friedel anderen Morgens, als die den Frühstückstisch abräumten. »Nach Tanz und Hopphei wie letzten Winter steht uns ja wohl allen nicht der Sinn, wenn wir an Fee denken. Ich meine drum nicht, daß ihr den Mund nicht auftun sollt; es kommen schon wieder andere Zeiten für euch, denn jeder lebt sein Leben. Aber jedes Ding will sein Recht, auch der Ernst, Lu, Li! Sich dem entziehen wollen, wäre Leichtsinn und der ist allemal nichts nutz! Doch leichten Sinn sollt ihr haben und froh sein und froh machen. Ich will euch dazu helfen. Eine Pflicht muß der Mensch haben und sie erfüllen, das allein macht froh, glaubt's eurem Muttchen; das hat's am eigenen Leib erfahren, denn das war einmal wie ihr, ganz wie ihr, Lu, Li!«

Sie hatten Muttchen Friedel schon längst von beiden Seiten umfaßt und drängelten und streichelten, daß sie sehr in die Enge und außer Atem kam.

»Uff, Luft, ich ersticke! Laßt mir bloß den Kopf auf den Schultern, ihr Rangen! Na also, da hab' ich mir ausgedacht: du, Lu, besorgst die Küche, und du, Li, die Milchkammer. Nicht bloß so drüber her geguckt, sondern richtig angepackt mit der Verrechnung und allem. Euer Muttchen setzt sich einfach auf das Altenteil und läßt sich's wohl sein. Jede Woche wird gewechselt, und wo Lehrgeld gezahlt werden muß, wird's ohne Brummen getan. Ist's euch recht so, Lu, Li?«

»Muttchen! – Unser Muttchen!« jubelten Lu und Li.

»Hier die Wirtschaftskasse, Lu; da die Milchkasse, Li! Und nun seht, wie ihr zurechtkommt.« Muttchen Friedel machte sofort Ernst.

Da wurde es Zu und Li doch ein bißchen bange.

»Was wird der Vater dazu sagen, Muttchen?«

»Er denkt wie ich.«

»Aber du hilfst uns, Muttchen?«

»Wenn ihr einen Rat braucht, wißt ihr, wo er zu finden ist.«

»Können wir jede eine Wirtschaftsschürze bekommen, Muttchen? Ich hänge dann den Schlüsselbund daran, das macht sich so nett, und ich hab' ihn immer gleich zur Hand.« Lu war in glühendem Eifer.

»Schade, daß die Milchkammer nur einen Schlüssel hat,« meinte Li und drehte sich um sich selber. »Ich weiß aber etwas; den hänge ich an ein rotes Band, das sieht dann fein aus.«

Muttchen Friedel lachte. »Das wäre natürlich das wichtigste! Doch nun geht zu Lene und Mamsell, die wissen schon Bescheid. Auch seid rücksichtsvoll, hört ihr; beide sind treue alte Seelen. Sie bringen ein Opfer, wenn sie sich mit euch abgeben, das bedenkt! So 'n Lehrjunge ist allemal eine Plage für den Meister! Nun fort, es ist allerhöchste Zeit für den Küchenzettel, Lu! Li, heute wird Butter gemacht werden müssen, flink!«

Sie waren bereits bis an die Tür gelaufen.

»Und, Kinder, noch eins! Ich denke, ein Ritt alle Tage wird uns allen sechsen gut tun, Muttchen Friedel, Lu, Li, Grane, Pfeil und Unverdrossen. Solcherweise können wir auch zuweilen in die Stadt und –«

Sie kam nicht weiter, Lu und Li hingen ihr am Halse und erwürgten sie fast.

»Muttchen! Solch ein Muttchen!«

»Jetzt hab' ich's aber satt. Eben schlägt's neun! Fort, fort!«

Da flogen sie wirklich zur Tür hinaus. Muttchen Friedel sah ihnen nach, lachte ein bißchen und nickte vor sich hin: »Wird ja wohl das rechte so sein.«

Dann ging sie zu ihrer Ältesten und erzählte. Die haschte nach ihrer Hand und legte das weiche Gesicht hinein.

»Klein-Muttchen,« sagte sie leise, »solch ein kluges, kluges Muttchen!«

Frau Friedel wurde es warm ums Herz, warmer, als wenn der Kaiser ihr einen Orden geschickt hätte.

Danach gab's viel fröhliches Leben und Sichregen, viel Lachen und viel laute Lust in Küche und Milchkeller auf Rüdershof. Es erinnerte an die Zeiten, da Papas Junge in Dresdorf von der Küchenbabette in ein gesittetes Mägdlein umgelehrt werden sollte. Lu und Li hatten zwar niemals Einzelheiten von jener Zeit erfahren, das hatte Muttchen Friedel sich von ihren Lieben versprechen lassen. Aber Lu und Li waren eben Friedel Poltens Töchter, da lag es im Blut.

Nur Papa Polten war mit diesem Feldherrnmeisterstück, wie Vater Klaus und Fee Muttchen Friedels Plan in Bezug auf Lu und Li nannten, nicht einverstanden. Als Muttchen Friedel, Lu und Li am Abend des ersten Tags dieser neuen Lebensordnung auf Grane, Pfeil und Unverdrossen mit Hallo auf Dresdorf angeritten kamen und davon erzählten, brummte er: »Alberner Frauenzimmerkram! Hätte Jungchen für klüger gehalten! Kann so'n Zugestutze nicht ausstehen! Hab' mein Vergnügen an den beiden Unbänden gehabt! Jetzt – natürlich – ich wette, daß die Lene dahintersteckt und –«

Tante Lenchen war sehr gekränkt über diesen Verdacht. Muttchen Friedel aber fuhr dem alten Herrn in den Silberbart wie vor Alters und zauste ihn tüchtig.

»Gebrummt wird hier nicht, Papa, verstanden? Tante Lenchen hat mit der ganzen Sache nichts zu tun; ich hab's allein ausgeheckt. Lu und Li sollen doch auch brauchbare Menschenkinder werden.«

»Was brauchen die zu kochen und zu buttern! Pfeif' ich drauf! Basta.«

»Wenn wir doch selber mal 'ne Wirtschaft haben, Großvater –«

»Aber wir heiraten doch gar nicht, Lu!«

»Weiß ich, Li, ich sag' auch bloß, wenn –«

»Also heiraten will das Rackerzeug nicht, was?« Großpapa Polten spitzte die Ohren. »Kenn' ich übrigens, hab' ich schon mal vor Jahren gehört, was, Jungchen?«

Muttchen Friedel legte den Finger an den Mund.

»Es ist bloß wegen des Hunde- und Katzenspitals,« sagte Li ganz ernsthaft. »Da wär' 'n Mann doch bloß im Wege, was Lu?«

Die nickte.

Großpapa Polten lachte, daß ihm die Tränen in den Silberbart liefen, und der Friede war wieder hergestellt.

Auf dem Heimweg bettelten Lu und Li: »Klein-Muttchen, ein bissel weiter reiten.«

So machten sie einen Umweg. Statt durch die Wiesen nach Rüdershof, ritten sie die große Landstraße und dann querfeldein auf Seitenwegen durch den herbstlichen Sturzacker.

Da war die Bahnlinie; von Loberg her dampfte just ein Zug heran. Der Schlagbaum fiel, als die drei davor anlangten. So hielten sie und sahen neugierig in die Fenster der vorbeieilenden Wagen. Eins war heruntergelassen, zwei Herren standen daran und spähten eifrig in die Gegend. Der eine wies mit ausgestrecktem Finger nach Dresdorf und Rödershof hin, der andere nickte.

»Das sind sie ja, Lu!« rief Li, und zwar so laut, daß die Herren es hörten.

Sie grüßten, Lu und Li hoben dankend die Reitgerten zum Gegengruß. Der Zug flog weiter.

»Das waren ja eure Freunde, wie Li sagt,« meinte Muttchen Friedel lächelnd.

»Das sind sie auch,« verteidigte sich Li. »Wo die bloß hinreisen?«

»Vielleicht für immer fort,« sagte Lu.

»Du, das wäre!« Li schien tief erschrocken, Lu aber lachte.

»Tust ja, als wäre das ein Unglück, Li!«

»Nee, bloß schade. Sie waren so nett, was, Lu?« Die nickte.

»Wollen Herta fragen. Die besucht diesen Winter die Bälle.«

Zwei tiefe Seufzer, zwei hängende Köpfe.

»Ja, die Bälle,« echote Li leise.

Muttchen Friedel besah sich die beiden genauer; aber die nickten ihr zu, schon wieder kreuzfidel.

»
All right, Muttchen! Hoch Küche und Milchkammer, bloß –« sagte Lu.

»Bloß?« fragte Muttchen Friedel.

»Was man nur morgen schon wieder ißt? Könnten wir's nicht so einrichten, daß nur einen über den anderen Tag gekocht wird?«

»Wir sollen uns wohl dir zuliebe das Essen abgewöhnen?« spottete Li. »Mach Hackbraten!«

»Den mußt du aber gern essen, Li!«

»Weshalb?«

»Weil du mir den jedesmal anrätst.«

Li lachte. »Weil ich eben nichts anderes weiß.«

Muttchen Friedel ließ nun ihre Grane Schritt neben Lus Unverdrossen gehen und erteilte sachlich Rat. Li lauschte ein Weilchen und schoß dann auf Pfeil davon.

Nach beendeter Küchenberatung folgten die anderen, und es begann ein scharfes Wettreiten querfeldein, über Sturzacker und Wiesen, mit Hallo und Hussa. Vater Klaus stand am Hoftor, als sie daherstoben, nun Seite an Seite, die drei edlen Tiere mit leisem Zungenschlag immer noch anfeuernd.

Vater Klaus stand am Hoftor, als sie daherstoben, die edlen Tiere durch Zungenschlag anfeuernd.

»Die wilde Jagd,« schmunzelte Vater Klaus wohlgefällig. »Immer eine flotter als die andere. Man kann weit suchen, bis man so was zum zweitenmal findet!«

Das galt Frau und Töchtern sowohl als den Tieren. Klaus von Rödern war in dem Augenblick nur Sportsmann.

Als die drei ihn sahen, zügelten sie zugleich ihre Tiere, grüßten feierlichst mit den Gerten und umringten ihn.

Doch nun kam in Herrn von Rödern der Gatte und Vater zum Durchbruch.

»Stieben daher wie's Wetter, die drei! Als ob heile Knochen und gesunde Glieder ein Pappenstiel wären! Das nächste Mal schick' ich den alten Johann mit, der mag die Tiere an der Leine führen! Solch 'ne tolle Gattin und Mutter!«

Wie ein gescholtenes Schulkind stand Muttchen Friedel da, aber Lu und Li fuhren auf: »Muttchen kann nichts dafür!«

»Muttchen wollte uns bloß nicht allein lassen!«

»Na ja, das hängt zusammen wie die Kletten,« gab Vater Klaus vergnügt zurück. »Kommt jetzt zu Fee!«

Das taten sie, und nach dem frohen Ritt durch Herbstgrau und Nebel schien der behagliche, vom Feuer durchwärmte Raum doppelt behaglich.

»Am schönsten ist's bei dir, Fee,« sagten Lu und Li und huschelten sich neben Snowy ins weiße Fell an Fees Lager. Snowy bockte gegen sie an und wollte Alleinherrscher bleiben; es half ihm aber nichts, er mußte teilen.

»Wenn ihr das nur immer so fühlt, dann will ich nicht klagen,« sagte Fee. »Ich möchte ja alles tun, was ich kann, daß meine Lieben gern zu mir kommen, weil ich doch nicht zu ihnen kommen kann, seht ihr.«

»Du bist ja unsere Sonne, um die sich alles dreht,« sagte Lu warm, und Li liebkoste dazu Fees Hand.

Muttchen Friedel und Vater Klaus standen an der anderen Seite des Lagers.

Fee wandte sich ihnen zu und lachte leise.

»Hört ihr, was Lu sagt?«

»Sie hat nie was Klügeres gesagt,« bemerkte Muttchen Friedel ernst, und Vater Klaus nickte.

»Ihr verwöhnt mich,« sagte Fee errötend. »Ich bin so glücklich in eurer Liebe! Wie hab' ich die verdient? Beneidenswert bin ich!«

»Fee!« Aus vier Kehlen kam's zugleich, und nasse Augen hatten die, die's riefen.

Fee schaute sie still an. »Ihr meint, weil ich so daliegen muß? Das ist ja wohl nicht leicht; aber eure Liebe ersetzt mir so viel! Ich glaube, all denen, die leiden, ist die verdoppelte Liebe der Umgebung der Ausgleich für das, was sie erdulden. Und ihr gebt mir in so reichem Maß! Nie, nie kann ich das vergelten.«

Im leisesten Flüsterton war's gesagt; niemand antwortete. Sie mochten alle ihrer Stimme nicht trauen. Ein heiliges Schweigen herrschte im Raum.

Endlich kam Anna, das Hausmädchen, mit der Lampe; das brachte den Alltag sofort zurück. Vater Klaus griff zum Buche. Seit die Abende lang wurden, hatte er angefangen, den Seinen vorzulesen, und zwar hatte er recht was Altmodisches gewählt, seinen Liebling, Jeremias Gotthelf. »Uli, der Knecht«, las er, und die Seinen folgten ihm voll Interesse.

Schöne traute Abende waren das auf Rödershof an Fees Lager!

»Ich meine, so vergnügt waren wir voriges Jahr gar nicht trotz des Hoppheis und der vielen Gesellschaften, Li,« sagte Lu, als sie wieder einmal nach einem solchen stillen Abend in ihrem Zimmer waren.

»Na, du, fidel war's dort auch. Wenn ich bloß an den Basar denke! Weißt du noch, Lu? Übrigens, sie sind wirklich fort. Herta sagt's. Nach F… versetzt. Herta sagt auch, es sei schade. Sie waren wirklich nett, die zwei Assessoren! Herta meint's auch.«

»Dann muß es wahr sein,« sagte Lu trocken.

Li gähnte. »Langweilig bist du.« Und dann schliefen die zwei ein. Sie schliefen jetzt immer herrlich, da es so viel treppauf, treppab zu laufen gab mit den Wirtschaftsangelegenheiten.

Weihnachten kam. Vater Klaus hatte Muttchen Friedel zuliebe Lutz und Fritz heimrufen wollen; aber Muttchen Friedel selbst hatte gewehrt.

»Laß sie, Klaus! Es taugt nicht, sie dort herauszureißen! Sie haben Strenge verdient durch ihr Auskneifen. Wir müssen fest sein, Klaus!«

»Solch ein Weibchen,« sagte er und faßte sie beim Ohr. »Solch ein Rabenmutterherz!«

Sie sah ihn erschreckt an.

»Sag das nicht, Klaus! So schwer wird mir's, und, ich strafe mich mehr als die zwei; aber ich will gutmachen, was ich an ihnen verfehlte. Ich möchte meine Pflicht an euch allen tun, Klaus.«

Sie hatte Tränen in den großen, grauen Augen; aber als er sie noch fester umfassen wollte, bekam er einen Nasenstüber und sie machte sich mit einem Ruck frei.

»Klaus, so alte Leute wie wir müssen hübsch vernünftig sein. Geh du mal zu Fee, ich sehe bei Lu in der Küche nach. Dort ist Holland in Not mit dem vielen Gebäck, übrigens, die zwei geben sich redliche Mühe. Die alte Lene und die Mamsell sind des Lobes voll. Sie sagen – und nun lach nicht, Klaus – sie sagen: genau so tüchtig wie ihre Mutter. Und damit meinen sie mich, Klaus, mich, die Friedel Polten selig! Hättst du das je gedacht?«

Über Weihnachten kamen Papa Polten und Tante Lenchen nach Rödershof; Muttchen Friedel bestand darauf.

»Wir müssen alle zusammen sein, nicht bloß für ein paar Stunden, Papa! Ich könnte wegen Fee doch nur ab und zu auf einen Sprung zu euch kommen, siehst du, und da ist es besser, ihr quartiert euch bei uns ein. Du sollst dein Recht nicht verkürzt sehen, Papa.«

»So 'n Jungchen,« sagte der alte Herr gerührt. Und er und Tante Lenchen siedelten also für die Festzeit nach Rödershof über.

Sie konnten gut in Dresdorf abkommen, der neue Inspektor bewährte sich ausgezeichnet. Die neuen Bauten waren fertig, nur eben diese ihre Neuheit erinnerte an den Unglückstag. Sonst lag der Hof stolz und stattlich wie je und der alte patriarchalische Geist herrschte auch unter dem neuen Regiment.

Aber Papa Polten trauerte dennoch seinem treuen alten Möller nach. Der letzte Gang, den er tat, ehe er mit Tante Lenchen zur Festfeier nach Rödershof fuhr, galt des alten Mannes Grab. Dort stand er lange im Schnee, so lange, daß Tante Lenchen zankte, als er endlich kam.

»Erbarm dich, Konrad, und die Gicht?«

Er zuckte bloß die Achseln, brummte etwas wenig Höfliches, das besser unverständlich blieb, und sie fuhren ab.

Der Baum brannte in Fees Zimmer. Die Leute hatten vorher unten im großen Familienzimmer beschert bekommen. Indessen saßen Großpapa und Tante Lenchen bei Fee.

Der alte Mann hatte im Dunkeln des Enkelkindes Hand gefaßt und beugte sich jetzt darüber. Eine Träne fiel darauf.

»Großväterchen?« fragte Fee leise und erschreckt.

»Die Ställe stehen und die Scheunen, Kind, aber du liegst da! Mir drückt's das Herz ab!« Ihm brach die Stimme.

»Erbarm dich – Konrad!« mahnte Tante Lenchen erschrocken. Aber Fee zog den alten Mann dicht zu sich heran und tröstete ihn mit ihrer lieben, weichen Stimme: »Sei stille, Großväterchen! Sieh, ich bin's ja auch. Wenn ihr mich nur lieb habt, das ist mein Leben. Sonst – der liebe Gott ist gut, Großväterchen, er gibt die Kraft zum Leiden, das er über uns verhängt. Drum nicht verzagen, Großväterchen!«

Er schwieg.

Dann huschte Muttchen Friedel herein und Kerzchen um Kerzchen entflammte am Baum. Sie nahm die weißen Tücher fort, unter denen sie die Gaben geborgen hatte, und der Glockenton rief Lu, Li und Vater Klaus.

Da gab's nun ein Bestaunen und Bewundern! Fee war von allen die Frohste. Man hatte ihre Gaben vor sie aufs Bett gelegt. Wie sie sich zu freuen verstand und zu danken!

Tante Lenchen wischte sich heimlich die Tränen. Jede Gabe fast mahnte daran, daß dies junge Leben dem Leiden verfallen war. Weiche Kissen, warme Decken, Tücher, zartfarbene Flanelljacken, spitzenbesetztes Nachtzeug … Wie anders war dies voriges Jahr gewesen! Ein Blick aber in Fees glückstrahlende Miene tröstete Tante Lenchen. So sah keine Unglückliche aus. Und wie hatte Fee vorhin gesagt? Gott ist gut, und verhängt er ein Leiden über uns, so gibt er Kraft, es zu tragen!

Die Leute kamen nun; sie hatten sich ausgebeten, Fee die Hand drücken zu dürfen. Die hatte für jeden etwas bereit, und ein warmes Wort obendrein.

»Laß uns ein Weihnachtslied singen, Muttchen,« bat Fee.

»Wird's nicht zu viel, Kind?« fragte Frau Friedel besorgt, holte aber dann flink ihre Geige herbei.

»Stille Nacht, heilige Nacht!« Der alte, frohe Weihnachtssang stieg zum Himmel. Über all den Tönen schwoll Fees Sopran, hell, jauchzend, golden klar, eines Engels Stimme.

Manch eines der Weiber faltete die Hände bei den Klängen, manch ein Männerauge streifte scheu und wie verwundert das erdentrückte, strahlende Gesicht des Mädchens auf dem Lager. Wie Ehrfurcht durchwehte es alle.

»Vun der kammer lerne,« sagte ein altes Weiblein mit zahnlosem Mund und nickte still vor sich hin, als sie danach die Treppe hinuntergingen.

»Un ich hab' mich als beschwert, wenn's geheiße hot, schaffe vun Morgens bis Owends.« Dem jungen Weib, die das sagte, liefen noch die Tränen übers Gesicht. »Himmel, was sin eim sein gesunde Glieder wert! Ich sag' nix mehr un wammer die Erwet (Arbeit) iwern Kopp zusammeschläht.«

»Sell is wohr. Sell is gewiß,« nickten die Männer.

»E Engel is se,« sagte eine andere Junge begeistert, und alle nickten zustimmend.

Lu und Li hatten es sich nicht nehmen lassen, das Festmahl unter der Anleitung und Hilfe der alten Küchenlene selbst herzustellen. Ihr Stolz war groß bei dem Lob, das sie ernteten.

»Auch den Küchenzettel, kurz alles haben wir selbst gemacht, Tante. Muttchen hat sich um nichts gekümmert. Sag es selbst, Muttchen; sie glauben es uns sonst nicht.«

Lachend bestätigte es Muttchen Friedel, und Tante Lenchen fühlte sich förmlich gehoben. Ihre Erziehungsmethode trug noch Früchte in der zweiten Generation! Brauchbare Menschen schienen aus Lu und Li zu werden, wie einer aus Bruder Konrads »Jungchen« geworden war mit ihrer, Tante Lenchens, Hilfe!

Ordentlich herausfordernd sah sie um sich, traf aber zuerst des Bruders Augen, die nicht minder herausfordernd auf ihr ruhten.

»Na, Lene, was sagst du nun? Hab' ich nicht immer gesagt: das wird! Jungchen erst und nun das Rackerzeug! Ich laß mir 'n Patent auf meine Erziehung geben, was?«

»Erbarm dich –« wollte Tante Lenchen beginnen, da fiel ihr Blick auf Fee.

Was da in Geduld getragen wurde, war anderes als solch kleiner Alltagskram. So zuckte sie nur still die Achseln, lächelte leise und milde vor sich hin. Selbst ein zweites kriegerisches: »Was, Lene?« des alten Herrn lockte sie nicht aus ihrer Zurückhaltung.

Und dann war auch der heilige Abend vorbei. Die Weihnachtsfesttage vergingen in beschaulichem Frieden mit dem Kirchgang als einziger Abwechslung.

Doch nein, am zweiten Feiertag kamen Tante Lilly Echtern und ihr Mann im Schlitten durch den tiefen Schnee, nach den Freunden zu sehen. Auch sie genossen den stillen Frieden, der von Fee ausging, als sie mit deren Lieben an ihrem Lager saßen.

»Ihr habt's am besten hier, wahrhaftig, Friedel. Wenn ich an all das Getriebe denke! Man besinnt sich kaum auf sich selber und treibt so mit. Der innere Mensch kommt wenig zu seinem Recht, übrigens, Lu und Li, wollt ihr zum Silvesterball kommen? Ich bemuttere euch.«

Lu und Li sahen einander an und wurden freudenrot, dann blickten sie auf Muttchen Friedel, die stumm und erwartungsvoll aufhorchte. Doch dann sahen sie Fee und fast einstimmig sagten sie: »Nein, danke, Tante Lilly, nicht dieses Jahr! Lieber nicht.«

Es war, als ob Muttchen Friedel aufatmete. Strahlend nickte sie den beiden zu, und Vater Klaus fuhr ihnen wie von ungefähr über die braunen Scheitel.

»Meinetwegen doch sicher nicht, Lu, Li,« sagte Fee nun betreten, fast flehend.« »Ihr wißt, daß ich froh bin, wenn meine Lieben sich freuen!«

»Behüte!« sagte Lu, »beileibe!« Li, und dann einstimmig, sehr schnell, als ob sie einen Widerspruch in sich selber zu ersticken hätten: »Wir bleiben lieber daheim.«

Da nickte Muttchen Friedel noch einmal, und Vater Klaus legte noch einmal die Hand fest auf die braunen Scheitel seiner »Rangen«.

Wie beglückte sie dieser stumme Lohn!

Zwar kam dann hinterher noch ein klein wenig Bedauern, denn Lu und Li waren keine Engel. »Aber 's ist besser so, Li,« sagte Lu aus einem Gedankengang heraus Abends vor dem Schlafengehen.

Li nickte. »Wirklich fidel hätten wir doch nicht sein können, Lu.«

Zufrieden mit sich und der Welt, schliefen Lu und Li dann ein.

Gut war ihr Entschluß in jeder Hinsicht, denn am Silvestertage sah's nichts weniger als tröstlich auf Rödershof aus: das reine Lazarett!

Papa Polten hatte schon Mitte der Woche über sein Bein geklagt; der Gang zum Grab des alten Möller, das Stehen dort im Schnee hatte »Madam Gicht« übel vermerkt und drohend schwang sie wieder ihr gefürchtetes Zepter. Papa Polten mußte sich der Tyrannin fügen; nach kurzem, aber verzweifeltem Widerstand lag er mit einem seiner schlimmsten Anfälle danieder.

Er hatte sich heimbringen lassen wollen. »Jungchen hat so ihre liebe Not,« knurrte er, »braucht nicht noch der Gicht aufzuwarten.«

Aber »Jungchen« bestand darauf, daß er blieb, und eine zweite Tyrannin kam ihr zu Hilfe, die Influenza.

Die packte Tante Lenchen sachte beim Wickel und legte die alte Dame sein manierlich, aber unerbittlich in die Bettkissen. Da hieß es stille halten. Und Frau Influenza bestand desgleichen einen weiteren kleinen Strauß mit Vater Klaus und blieb wiederum Siegerin. Nein, es sah gar nicht tröstlich aus auf Rödershof!

Muttchen Friedel brauchte ihren ganzen inneren Sonnenschein, um Herr zu bleiben über die Schatten. Ein Glück, daß Lu und Li in der Wirtschaft schon ziemlich gut eingeschult waren! Muttchen Friedel konnte völlig ihren Kranken leben.

Vier Krankenlager! Und wenn auch kein einziges dabei war, an dem man im Herzen zittern mußte, so war es doch keine leichte Aufgabe, allen gerecht zu werden.

Muttchen Friedel aber und ihre beiden Adjutanten Lu und Li lösten diese Aufgabe glänzend. Unermüdlich waren sie und stets zeigten sie frohe Mienen und glänzende Augen. Doch wenn Papa Polten wetterte, Tante Lenchen stöhnte und wimmerte, Vater Klaus ungeduldig war, dann holten sie sich ihren Vorrat von Geduld und Sonnenschein bei Fee; die hatte immer etwas bereit davon und immer einen Trost und ein warmes Wort.

So gingen auch diese schlimmen Tage hin, wie's die guten tun.

Erst jagte Vater Klaus seine Widersacherin in die Flucht und blieb nun seinerseits Herr. Als er wieder bei Fee sitzen konnte, war alles gut.

»Denn siehst du, mein Mädchen, ich brauch' dein liebes Gesicht, wie die Luft zum Atmen.«

Wie dies »liebe Gesicht« bei diesen Worten aufleuchtete!

»Die zwei sind versorgt,« rief Muttchen Friedel Lu und Li zu. »Mit Gottes Hilfe kriegen wir ja nun wohl die anderen zwei auch hoch.«

Das traf auch zu, obwohl es noch ein Weilchen dauerte. Tante Lenchen und Papa Polten waren älter und mürber; die rappelten sich nicht so schnell in die Höhe.

Erst tat's Tante Lenchen mit Wimmern und Stöhnen, doch jeden Tag ein bißchen weniger, bis sie sich zuletzt auf ihr altes Ich besann und resolut ihr Leben wieder in die Hand nahm.

»Erbarm dich, Konrad, was hat das Kind geleistet, wie hat sich's bewährt! Was haben wir dem armen Ding zu schaffen gemacht!«

»Ja, Jungchen ist ein Held und die Madam Gicht ein Racker! Ich hatte dich auch für vernünftiger gehalten, als dich so unterkriegen zu lassen, Lene.«

»Je ja, Konrad, erbarm dich, man ist eben alt.«

»Ja, man ist alt, Lene.«

»Aber, Konrad, wir können ruhig abkommen. Etwas soll der Mensch geleistet haben, ehe er die Augen zutut. Und wir, Konrad – das Kind macht uns alle Ehre! So brav, so tüchtig, so herzerquickend frisch, so –« Die alte Dame wischte an ihren Augen und schnüffelte ein bißchen.

»Uns, Lene?« Kriegerisch fuhr der alte Herr auf. »Uns macht das Kind alle Ehre, he? Jungchen ist mein Werk, basta!«

Da zuckte sie die Achseln; der Kampf war aussichtslos, sie wandte sich.

Da wetterte er aber: »Hände her, Lene, altes Frauenzimmer! Kennst doch den Brummbär, was? Er weiß, was er an seiner Lene hat, was sie ihm und seinen zwei Mutterlosen in alle den Jahren war! Donner und Doria, Kopf hoch, Augen klar und tapfer vorwärts und durch bis zum Halali! Basta! Gott segne das Jungchen – unser Jungchen, Lene!«

Hand in Hand saßen die zwei Alten.

Lichtblicke

Lu, Li, ein Brief! Rasch, nehmt! Viel Zeit hab' ich nicht, Fee muß ihr Bad haben.«

»An uns, Muttchen? Muttchen, der Brief ist an uns?«

Sie nahmen den Brief und bestaunten ihn, Muttchen Friedel war schon weitergegangen, ihren Pflichten nach.

»Kurios,« sagte Lu und kicherte.

»Von wem der sein mag?« fragte Li nicht minder belustigt.

Dann lasen sie:

»An die wohledele Dame
Luisa und Elisabetha von Rödern
auf Rödershof bei Loberg.«

Lu und Li sahen einander an und lachten hellauf.

»Das sind wir, Lu!«

»Je ja, Li, das sind wir. Aufmachen, flink!«

Rasch war das Brieflein geöffnet und Li las:

»Hochgeehrte, junge gnädige Dame!

Indem daß ich Ihne mitteilen kann, daß das Petterche auch rechts wieder Gottes Gnade erlangt hat, indem daß es auch rechts wieder sehe kann, bin ich Ihre freidige

Elisabetha Küster.

Mir kome bald heim.«

Ein Freudenlärm ging nun durchs Haus.

»Muttchen, Muttchen, er sieht!«

»Muttchen, das rechte Auge ist auch gerettet!«

Sie stürmten über die Treppe zu Fees Zimmer. Muttchen Friedel stand unter der offenen Tür und zankte: »Lu, Li, seid ihr denn außer Rand und Band? Ich verbitte mir –«

Da legten sie von rechts und links die Arme um ihr Muttchen und die sah in zwei tränennasse Gesichter.

»Muttchen, Muttchen, wir haben's ja gar nicht verdient mit unserer Tollheit!«

»Muttchen, Muttchen, denk doch, das Glück!«

Muttchen Friedel zankte nun nicht mehr, sie wischte sich selber die Tränen.

»Ich bin so froh für euch, Lu, Li! So was schleppt sich schwer durchs Leben. Kommt zu Fee!«

Die hatte schon die Arme weit offen und ihre Augen leuchteten. Lu und Li setzten sich rechts und links neben sie und ließen sich liebkosen; immer noch flossen ihnen die Tränen.

Sie hatten schwer getragen an Peterchens Mißgeschick, das sie verschuldet hatten, die zwei Wildlinge, wenn sie's auch nicht so zeigen konnten! Sie hatten darauf bestanden, daß der arme Junge in der Klinik blieb, solange irgend Aussicht auf Besserung war. Ihre Sparbüchsen und Patengelder hatten unweigerlich herhalten müssen, auch für jeweilige Sendungen an den kleinen Mann und Gaben an die arme Mutter. Mit dem Arzt hatten sie in Briefwechsel gestanden; er hatte sich lange nicht bestimmt ausgesprochen, nur immer auf die Zeit vertröstet, die viel hilft und heilt. Nun hatte er recht behalten, hier war nun der Lohn. Und daß die arme Mutter gerade dabei sein konnte, als die Wendung zum Guten eintrat, das freute Lu und Li noch ganz besonders.

Das war ein Glückstag! Alle im Hause mußten teilnehmen. Lu und Li verkündeten die Freudenbotschaft allen, vom Kutscher bis zum kleinen Gänsejungen.

Aber dann mußten Pfeil und Unverdrossen aus dem Stall und sehr bald hallte es in Dresdorf wider von Lus und Lis frohen Stimmen. Küche und Milchkammer mußten für einen Tag ohne sie fertig werden.

Solch ein Glückstag!

»Li,« sagte Lu am Abend, »mir ist eine große Last vom Herzen gefallen. Ich hab' mir oft ein Auge zugehalten, um zu sehen, wie dem Peterchen zu Mut sein muß. Lieber hält' ich mein eigenes hergegeben, als daß – andere leiden machen ist schwerer als selber leiden, Li!«

Die nickte sinnend vor sich hin, dann legte sie beide Arme um die Schwester. Das war ein Ungewohntes. Fast scheu sah Lu auf und nun traten auch ihr die Freudentränen in die Augen.

Ja, das war ein Glückstag! Und ein zweiter zog über Rödershof herauf.

Ostern kam mit den: Auferstehungsfest! Wie sehr es ein solches just für die auf Rödershof werden sollte, ahnte weder Klaus von Rödern, als er in den goldklaren Ostermorgen schaute, noch Lu und Li, als sie der Ostersonne mit blitzenden Augen und blinkenden Zähnen ins Gesicht lachten.

Und wie auch die Sonne lachte! So besonders warm und zärtlich und mütterlich besorgt um ihr Kind, die Erde, das sie wieder einmal wachküssen und schmücken wollte mit zartem jungem Grün und kleinen bunten Blümelein, zu Frühlings Glück und Leben!

»Klaus,« sagte Muttchen Friedel nach dem Frühstück, und ihre Stimme klang eigentümlich, »Klaus, wenn du doch die beiden da« – sie wies nach Lu und Li – »die beiden da mitnehmen wolltest zu einem Ostergang. Du weißt ja, Klaus: Vom Eise befreit sind Strom und so weiter. Ich –«

»Komm mit, Muttchen, Muttchen, komm mit!« Lu und Li hingen an ihr von rechts und links. Das heißt, sie hatten jede einen Arm um ihr Muttchen geschlungen, und sahen von ihrer schlanken Höhe herab in deren braunes Gesicht mit den strahlenden Grauaugen. Lu und Li waren in diesem Winter recht in die Höhe geschossen, ihre Gesichter aber noch ebenso braun wie Muttchens Gesicht und die Augen genau so grau und groß und strahlend. Sie waren nicht völlig mehr die Kinder von ehedem. Der Ernst war durch ihr Leben gegangen und hatte den Kindertagen eine Grenze gesetzt; Lu und Li wollten heranreifen, von innen und von außen.

Das sah jetzt Muttchen Friedel mit einem Male. Es gibt solche Augenblicke, wo man plötzlich sieht, woran man bis dahin trotz sehender Augen wie blind vorübergegangen ist.

»Lu, Li, wie alt seid ihr eigentlich?« fragte sinnend Muttchen Friedel.

»Achtzehn,« sagte Lu.

»Siebzehn,« sagte Li.

»Drum eben,« fuhr Muttchen Friedel fort, noch tief in Sinnen. »Das wächst und wächst, und aus meinen Kindern werden erwachsene Menschen! Schade drum!« Es klang so bedauerlich, daß Lu und Li lachen mußten.

»Aber nun fort mit euch,« mahnte Frau Friedel jetzt. »Da kommt der Vater und ist schon bereit. Klaus, wenn ihr wiederkommt –«

Sie hing an seinem Hals und umarmte ihn so heftig, daß er ganz betreten stand, und ihr ebenso nachschaute, als sie wieder unvermittelt und rasch zur Tür hinauseilte.

Dann lachte er vor sich hin. »Immer dieselbe!«

Es klang so froh und so zärtlich, dies Lachen!

Sie machten also den von Muttchen Friedel angeratenen Ostergang, Vater Klaus, Lu und Li.

Da Ostern dieses Jahr sehr spät fiel, hatte die Sonne auch schon mehr vorgelockt als nur »grünendes Hoffnungsglück« und geputzte Menschen statt Blumen. Mit zartem jungem Grün bedeckt stand Busch und Baum. Dies erste, frische, noch unberührte Grün, so kinderzart und weich, so frühlingshell und duftig!

Blauveigelein standen in duftender Pracht und kleine weiße Anemonensterne hoben die Köpfchen sonnenwärts. Purpurner Storchschnabel wiegte sich stolz auf schwankem Stengel, am Rain hinauf kroch Ehrenpreis und Sauerklee. Jedes kleine Moos reckte sich und streckte die zarten Spitzen der Sonne zu.

Auch Lu und Li und Vater Klaus schauten zu ihr auf mit hellen Augen und waren froh und festlich gestimmt. Ein Summen und Klingen, ein Jubilieren war in der Luft: die Loberger Osterglocken tönten von ferne in tiefem, vollem Akkord, dem die helleren Töne des Dresdorfer Kirchleins sich einten; dazu die schmetternden, jubelnden Vogelstimmchen von nah und fern.

»Li,« sagte Lu, »war's schon mal so schön auf Erden? Ich erinnere mich nicht. Woran das wohl liegt?«

Sie schlenderten Hand in Hand vor Vater Klaus her, und der sah stolz auf seine beiden Jüngsten.

Also die Augen waren ihnen nun aufgegangen für Gottes Wunderwelt? Ja, ja, in Lu und Li wollte der fertige, denkende, sinnende Mensch die Augen aufschlagen.

Vater Klaus faßte jetzt eine rechts und eine links, schob seine Arme durch die der beiden und nickte ihnen zu.

»Woran das liegt, ihr Mädel, daß die Welt heute schöner ist als zuvor? Einmal daran, daß ihr's nicht mehr bloß mit den Augen, sondern auch mit dem Herzen seht, und dann, daß ihr brauchbare Menschen seid, die eine Pflicht haben und erfüllen. Das macht die Augen hell und das Herz froh. Ihr seid meine guten lieben Mädchen und ich bin zufrieden mit euch.«

Wirklich, so hatte die Sonne noch nie geschienen! Wie auf Wolken gingen Lu und Li.

»Väterchen,« sagte Lu, »wenn wir Muttchen dabei haben könnten und Fee, gäb's noch was zu wünschen in der Welt?«

Da zog's wie ein Schatten über die strahlende Sonne. Vater Klaus seufzte.

»Ja, Fee!«

Lu und Li drängten sich näher zum Vater.

»Daß es Fee treffen mußte,« sagte Li leise. »Jedes von uns vier anderen – – –«

Da preßte Vater Klaus ihren Arm, so daß sie unwillkürlich schwieg.

»Sag das nicht, Li, mein Mädchen! Gott im Himmel weiß, was er tut, wo er die Geduldigsten im Leid findet. Fee soll uns nicht umsonst leiden – wir wollen stille halten wie sie.«

Eine heilige Stille war unter den Waldbäumen und in den Herzen der drei. Mit hellen Augen und weit offenen Herzen gingen sie durch die Ostersonne heraus aus dem Wald, über die grünen weiten Wiesen ihrem Heim zu.

Dort lag es, so lieb und traut, umflossen vom Ostersonnenschein, übergoldet und durchwärmt.

Jetzt bogen sie in den Park ein, in den Baumgang, der zur großen Terrasse und dem Gartenzimmer führte. Eben öffneten die Kastanien ihre dicken Blattknospen, die quollen über von zartgekräuseltem Grün. Das kahle Geäst warf eine leicht verzweigte Schattenzeichnung über den Kies. Darüber hin ging Vater Klaus mit Lu und Li.

Mit hellen Augen sahen sie zum Hause. Dort auf der Terrasse in einer der drei weitoffenen Türen stand Muttchen Friedel und winkte.

Was bedeutete das?

Lu und Li wollten sich in Trab setzen, aber Vater Klaus, der sie noch am Arm hatte, hielt fest.

»Dageblieben, ihr Mädel? Ausgekniffen wird hier nicht! Der alte Vater will auch sein Teil an der Überraschung haben!«

Und das bekam er, sein vollgerüttelt Maß!

Muttchen Friedel war den dreien über die Terrasse entgegengeeilt. Hastig, unsicher schienen ihre Schritte, unsicher auch ihre Stimme; aber ihre Augen strahlten, wie kaum je zuvor.

»Lu, Li,« sagte sie, »laßt mal den Vater los und bleibt ihr ein bißchen zurück. Er muß der erste sein, der –« und nun schluchzte sie ein wenig auf. Oder war's gejauchzt?

Ein sonderbares Gefühl bemächtigte sich da der drei Heimkommenden, ein schier andächtiges Staunen wie vor einem Wunder, das sich begeben sollte. Beklommen und feierlich war ihnen zu Sinn, sie wußten selbst nicht warum.

Muttchen Friedel hatte Vater Klaus beim Arm gefaßt und sah ihm mit leuchtenden Augen immerzu ins Gesicht.

»Ich bin so glücklich, Klaus, so glücklich!«

»Ist's was mit Lutz und Fritz, Friedelchen?« Er flüsterte es nur, als scheue er sich, die Stille zu stören.

»Sieh selbst, Klaus, hier!«

Nun trat er ein und sah – und sah –

Inmitten des Raumes war der alte ungefüge Familientisch zur Seite geschoben und dort stand – – ja, konnte er denn seinen Augen trauen oder war's ein Blendwerk der Sinne, das ihn äffte? – – Dort stand Doktor Mühren und auf seinen Arm gelehnt stand Fee! Seine Älteste, sein Stolz, sein Schmerz – sein ganzes Glück! Zum ersten Male wieder auf den Füßen, seit der unbarmherzige Balken sie niedergeschmettert hatte!

»Fee! Fee!«

Wie er an ihre Seite gekommen war, er wußte es selber nicht; er wollte seine Älteste an sich pressen. Doktor Mühren legte aber den Finger an den Mund.

»Mein Mädchen!« sagte da Vater Klaus, so ruhig er konnte, »mein Mädchen!« Es war derselbe Ton wie bei Muttchen Friedel, ein Jauchzen und Schluchzen zugleich. Dann fuhr er unvermittelt im Alltagstone fort: »Aber nun genug der Kraftprobe, was, Doktor? Nun wird sich fein ruhig wieder hingelegt und –«

»Gesetzt, Väterchen, gesetzt!«

Mit leuchtenden Augen wies Fee nach einem Fahrstuhl, der hinter ihr und Doktor Mühren stand. »Jetzt kann ich tagsüber wieder bei meinen Lieben sein. Und darf mit hinaus ins Grün, in die Sonne, wenn jemand den Stuhl schiebt und – und – Väterchen, ist Gott nicht gut? Bin ich nicht glücklich?«

Da legte er den Arm um sie und half Doktor Mühren, sie in dem Stuhl zurechtsetzen. Dabei suchte er sein Gesicht zu verbergen. Es sollte niemand die Tränen sehen.

Aber Fee sah sie doch und legte ihr weiches Gesicht gegen das seine.

»So glücklich bin ich, so glücklich, glaubt's doch! Felicitas habt ihr mich genannt, der Name hat mir Segen gebracht!«

»Felicitas – unser Glück!« sagte leise Vater Klaus.

Mit großen, weitoffenen Augen starrten Lu und Li auf ihre Schwester. Hatte sich da nicht vor ihnen leibhaftig ein Wunder der Auferstehung vollzogen an diesem Oster- und Auferstehungsfest?

Laute Lust vertrug sich damit nicht. Still im Herzen mußte es gefeiert werden.

Rechts und links von Fees Stuhl knieten sie nieder, sahen mit schimmernden Augen zu ihr auf, und die Schwester verstand sie ohne Worte.

Doktor Mühren war der erste, der dies beredte Schweigen brach. Er mußte sich zuvörderst ein paarmal gewaltig räuspern, ehe ihm die Stimme gehorchte.

»Ich werde mich also jetzt verabschieden und wünsche den Herrschaften insgesamt recht fröhliche Ostern! Meine Patientin bitte ich, sich sehr still zu halten; ein Doktor muß ja immer ein wenig Dämpfer und Störenfried sein, was? Aber mit Gottes Hilfe werden Sie noch mein Renommierstück, Fräulein Fee! Ich bin so froh, wie ich es lange nicht war.«

Er faßte die Hand, die sie ihm hinstreckte, und drückte sie herzhaft.

»Solch eine Herzensfreude,« sagte er noch einmal.

Den anderen nickte er bloß zu und ging nach der Tür. Klaus von Rödern kam ihm nach.

Draußen faßte ihn Doktor Mühren an der Hand, schüttelte ihm die, als ob er sie nicht freigeben wolle, und beantwortete die unausgesprochene Frage in seinen Augen.

»Der erste Schritt wäre dies wohl, Herr Baron. Wie viel weitere der Herr in seiner Güte gewährt oder Mutter Natur zuläßt, um mit den Herren Fachgenossen zu reden, müssen wir abwarten. Unser Wissen ist Stückwerk. Ich muß vor allzu großen Erwartungen warnen. Anderseits ist jeder kleinste Fortschritt ein Geschenk des Himmels. Ist das ein Kind, Herr Baron! Wir Alten können von ihr lernen.«

Schweigend schüttelten sich die Männer noch einmal die Hand. Dann fuhr Doktor Mühren seines Weges.

Vater Klaus ging zurück zu den Seinen.

Muttchen Friedel streckte ihm beide Hände entgegen: »Es sollte die Osterüberraschung sein für dich, Klaus. Ist sie gelungen, he?«

Er antwortete nur mit den Augen.

Und als ob die Ostersonne sich nicht genug darin tun könne, ihre leuchtendsten Strahlen über Rödershof auszugießen an diesem Glückstag, führte sie noch etwas daher durch die Wiesen.

Wie sie jagten, die zwei, in treibender Hast. Zwei Knabengestalten, die Mützen in der Hand, die braunen Schöpfe hintüber geworfen, die lachenden Augen der Sonne zugekehrt. Und die lachte zurück und griff fast zärtlich mit ihren leuchtenden Strahlenfingern nach den braunen Kraushaaren, über die goldene Lichter hinblitzten.

Lutz und Fritz Rödern waren es, die da durch die Sonne trabten. Jetzt Seite an Seite, rennend, keuchend, was die Lungen hergaben, und dann etwas langsamer, neuen Atem zu sammeln. Sie hielten sich an der Hand und sagten kein Wort, sahen zur Sonne auf oder vorwärts, dem Ziel, der Heimat, Rödershof zu.

»In fünf Minuten packen wir's, du,« keuchte Lutz.

Fritzchen nickte nur, pustend, schnaubend, stampfend und trabend.

Und richtig, in fünf Minuten hatten sie's gepackt.

In der mittleren der offenen Parktüren des Gartenzimmers lagen mit einem Male zwei kleine Schatten am Boden hingezeichnet. Gehört hatten die drinnen im Zimmer nichts. Sie standen noch wie zuvor um Fees Stuhl vereint, sprachen nicht viel und nur abgerissen, hatten ans der Weihestunde noch nicht zum Alltag zurückgefunden.

Muttchen Friedel hob zuerst den Kopf. War's ein Mutterahnen, das durch sie hinzuckte? Sie sah die zwei kleinen Schatten dort am Boden im Sonnenviereck der offenen Tür.

»Lutz,« sagte sie, »Fritz!«, noch ehe sie die beiden wirklich gesehen hatte. Erschreckt klang's, traurig und hilflos. »Klaus, da sind sie doch wieder! Was nun?«

Der trat rasch vor die beiden, ernst und streng.

Aber Lutz und Fritz sahen ihn freimütig, mit leuchtenden Augen an. Dann drängten sie an ihm vorüber zu Muttchen Friedel, sprangen von rechts und links an ihr empor und jubelten: »Muttchen! Muttchen! Da sind wir! Und dürfen diesmal, weil –«

»Weil unsere Zeugnisse gut sind, sagt der Professor.«

»Und wir sollen sie selber zeigen, sagt er.«

»Und ihr würdet eine Freude haben, sagt er.«

»Und zehn Tage dürfen wir bleiben, sagt er.«

»Nimm doch, Muttchen, nimm!«

»Da, Vater, lies!«

Vor dem Vater stand Lutz, vor Klein-Muttchen Fritz, beide hatten hochrote Gesichter und hielten ein Papier in Händen, das sie triumphierend hin und her schwenkten.

»Nimm doch! Lies!«

Damit stopften beide zugleich die betreffenden Papiere in Vaters und Mutters Hände. Dann hielten sie den Atem an, freudeheiß, zitternd vor Erwartung und sehr stolz. Für die Schwestern hatten sie noch keinen Blick einstweilen.

Vater Klaus und Muttchen Friedel lasen, bekamen nun selber leuchtende Augen und wollten sich ihre beiden Söhnlein haschen: »Lutz! Fritz! Sowas! Das laß ich mir gefallen!«

Aber die beiden hielten sich in der Erregung schon selber umschlungen, daß man nicht wußte, war's eine Umarmung oder ein Ringen. Dann wälzten sie sich mit einem Male am Boden in wirrem Knäuel; aber ehe Vater Klaus zugreifen und den Knäuel lösen konnte, standen die zwei schon wieder auf den Beinen, drehten sich um die eigene Achse und fuhren mit Indianergeheul zur offenen Tür hinaus. Es klang wie: »Daheim! Hurra, daheim!«

Die Mützen flogen in die Luft, wurden wieder gefangen, und fort trabten Lutz und Fritz über die Terrasse, um die Hausecke. Man hörte das Lärmen im Hof verklingen.

Wie ein Sturm war's über die im Zimmer hingebraust, daß sie wie betäubt dastanden. Muttchen Friedel faßte sich zuerst.

»Mach mal ein Weilchen die Augen zu, Fee, und sag gar nichts. Das war ja wohl ein bißchen toll. Aber so Kerlchen, nein, so Kerlchen! Was sagst du! Klaus, he? Ich bin so stolz, Klaus, und so glücklich, Lu, Li, flink, die zwei müssen was zu essen haben. Schneid nur getrost den Schinken jetzt schon an, Lu. Papa und Tante Lenchen werden's verstehen. Und die Lene soll doppelte Ration zum Reispudding nehmen und – und – ich will lieber selbst –«

Da eilte Muttchen Friedel hinter den beiden ausgerissenen Helden her.

Vater Klaus lachte.

»Muttchen weiß, wie man derlei feiert.«

»Muttchen weiß eben alles,« sagten Lu und Li und folgten fröhlich der Mutter.

Vater Klaus beugte sich jetzt zu seiner Ältesten: »War es zu viel, mein Mädchen?«

Fee sah ihn sinnend an. »Kann Frohes zu viel sein?«

»Soll ich dich in die Ostersonne fahren?« fragte Vater Klaus.

»Tu's, Väterchen,« antwortete Fee mit einem dankbaren Blick.

Da rollte er sie hinaus auf die Terrasse, immer hin und her, her und hin.

Sie lehnte sich zurück in die bunten Kissen und hielt die Augen geschlossen. Er beugte sich über sie.

Groß und still sahen ihre Augen ihn an.

»Wie hab' ich das verdient, Vaterherz? Verzagt war ich und voll Kleinmut; dachte, sie werde mich nie mehr bescheinen! Und nun – und nun –« Sie hob die Arme der Sonne zu. »Wie das wohl tut! Väterchen, du hast ein glückliches Kind!«

Leise küßte er sie auf den goldenen Scheitel. Das Gesicht zeigte er ihr nicht; sie brauchte nicht zu lesen, was drinnen stand.

Bald darauf trabten Lutz und Fritz nach Dresdorf, dort selbst ihren Ruhm zu verkünden.

Ganz so leicht ging das Traben nicht, als da sie's der Heimat zu trieb. Die Schinkenbrote, womit Lu und Li die Helden des Tages bis zum Rande vollgestopft hatten, waren beschwerender Ballast. Aber es kümmerte die beiden wenig. Ging's nicht leicht, ging's eben schwerer, aber nach Dresdorf mußten sie. Es war ihnen, als müßten sich gleich in den ersten Morgen alle Freuden der Heimat zumal drängen.

»Daß ihr mir nichts von Fee verratet! Es soll eine Überraschung für Großpapa sein,« hatte Muttchen ihnen nachgerufen.

Sie fanden das völlig in der Ordnung, da sie doch allein schon solche wichtige Freudenkunde zu bringen hatten die gute Zensur und – sich selber!

»Denn siehst du, Fritz, allzugroße Freude ist schädlich. Sie wirkt auf den Magen, glaub' ich, und Großpapa ist doch schon alt,« sagte Lutz.

Fritz nickte. Er hatte großen Respekt vor des Bruders medizinischen Kenntnissen. Die waren recht bedeutend, nur wußte Lutz noch nicht gewiß, wollte er Mediziner oder Weltreisender werden.

Er, Fritzchen selber, wußte gewiß, daß er ruhig bei Muttchen bleiben wollte, wenn er erst wieder einmal glücklich aus der Fremde daheim war; vom Professor fort und von der Universität und von den Soldaten! Bei diesen, bei den Soldaten nämlich, dachte sich's Fritzchen noch am nettesten, und wenn ihn der Vater nicht daheim haben wollte – man konnte ja nie wissen, was so ein Vater wollte und dachte – so meinte Fritzchen, dort ließe es sich noch am ehesten aushalten. Ihm gefielen die bunten Röcke und die goldenen Knöpfe, und reiten tat er auch gern.

So trabten also die beiden nach Dresdorf, sich selber als Helden des Tages vorzustellen und den Großvater und Tante Lenchen zurück zum Festmahl auf Rüdershof zu geleiten.

Die Wirkung ihres Erscheinens war vielleicht nicht ganz so riesig, als sie erwartet hatten. Großpapa und Tante Lenchen blieben bei ihrem Anblick und der Kunde, die sie brachten, leidlich gefaßt. Auch in Hof und Stall, sowie in der Küche und den Wirtschaftsräumen gab es nicht gerade ein Sich-auf-den-Kopf-stellen oder ein Auf-den-Rücken-fallen. Im ganzen hatten sich Lutz und Fritz die Sache doch etwas dramatischer gedacht. Dennoch waren sie mit der bei Großpapa erzielten Hauptwirkung, dem in ihren Taschen klimpernden Taler, zufrieden, und trabten ohne allzugroße Enttäuschung neben dem Großvater und Tante Lenchen alsbald wieder heimat- und festmahlwärts.

Das große Geheimnis von Rödershof, die Überraschung, die der beiden Alten dort wartete, hatten sie richtig nicht verraten, und zwar, weil sie – einfach nicht mehr daran dachten. Sie waren sich selber viel zu wichtig an diesem wichtigen Tage, Held Lutz und Held Fritz!

Von der Mitte des Weges an waren sie überhaupt abhanden gekommen. Dort im kleinen Gehölz am Wegrand hatte ein Vogel so eigenartig geschlagen, den mußte man belauschen und verfolgen. Sie brachen durchs Gehölz und rasten über den Wiesengrund; erst als der kleine Sänger jauchzend himmelwärts stieg, da gaben sie's auf. Pfeifend und gröhlend ging's der Heimat zu.

»Was für Radau so 'n Junge machen muß,« seufzte Tante Lenchen. »Erbarm dich, meine Ohren!« Und sie schüttelte mißbilligend den Graukopf.

»Immer besser, als so 'n Frauenzimmergepiepse,« knurrte Papa Polten unhöflich. »Fixe Rangen, die zwei. Basta!«

Wohlgefällig sah er ihnen nach, wie sie eben im väterlichen Hoftor verschwanden.

»Und da ist Jungchen,« sagte er vergnügt. »Schaut nach den Alten aus, das Kind. So 'n Jungchen!«

Er setzte sich in Trab, soweit es die alten Knochen und Madam Gicht erlaubten.

»Sachte, Papa, sachte!« rief Muttchen Friedel hell und klingend.

Und nun war er heran, faßte sein Kind an den Schultern und sah ihm mit Blinzeläuglein ins Gesicht.

»Quietschfidel, was, Jungchen?«

»Glückselig, Papa!«

»Fixe Rangen,« fuhr er fort, »fixe Kerlchen deine Söhne!«

Da war auch Tante Lenchen heran und sagte ihr Sprüchlein.

»Und nun kommt zu Fee!« rief Muttchen Friedel, und durch ihre Stimme klang ein Frohlocken. Sie bog an der Freitreppe des Hauseingangs vorüber in den Park ein.

Die beiden Alten blieben verwundert stehen.

»So 'n Umweg, Jungchen? Durch den Park? Madam Gicht!«

Aber Muttchen Friedel hörte nicht, sondern winkte nur. Da folgten sie ihr.

Als sie dann hinter ihr her zur Terrasse kamen und Klaus von Rödern ihnen da Fee im Fahrstuhl entgegenschob, da wußten sie, weshalb der Umweg gemacht worden war, und sie schämten sich der Tränen nicht, die ihnen über die alten Gesichter liefen.

Solch ein Freuen war an diesem Ostersonn- und -sonnentag auf Rödershof, solch ein stummes, heiliges, weihevolles Freuen!

Dann gingen die Tage wieder ihren alten Gang.

Längst hatten sie Lutz und Fritz wieder aus der Heimat und zu dem Professor geführt, zurück zur Schule und den Büchern, zu des Lebens Ernst und Mühen. Sie hatten den Frühling vollends ins Land geleitet seit jenem Osterfest, und hinausgebracht, seinem Nachfolger, dem Sommer, Platz zu machen. Der herrschte nun schön ein Weilchen im Land, denn es war mittlerweile Juli geworden.

Eines Morgens traten Vater Klaus und Doktor Mühren unter die Kastanien im Park, die nun ihr dichtes Blätterdach schattend wölbten.

Dort saß Fee in ihrem Fahrstuhl, Muttchen Friedel ihr zur Seite.

»Guten Morgen,« sagte Doktor Mühren, »guten Morgen, meine Damen. Ich komme mit des Herrn Barons Einverständnis wieder mal als Störenfried, verzeihen Sie. Hier ist übrigens gut sein!« Er setzte sich umständlich und behaglich auf einem Stuhl zurecht, den Klaus von Rödern ihm hinschob. »So 'ne Art Paradies hier, weiß der Himmel! Ich komme mir sozusagen wie der Engel mit dem feurigen Schwert vor, der unseren Urvätern selig seinerzeit so mitspielte. Na also, was ich sagen wollte: ich bin ja im ganzen sehr zufrieden mit meiner Patientin, aber – na ja, wollen doch noch ein bißchen nachhelfen, denke ich. Da meine ich nun so: Die Frau Baronin packt schleunig zusammen, Fahrstuhl, Patientin und was drum und dran hängt, Kleider und Jäckchen, Hüte und Firlefanz, und geht nach Warmbad. Von den Bädern dort verspreche ich mir viel. Keine Wunder und Zeichen, meine Damen, bitte, wohl zu verstehen, aber ein wenig mehr Kraft, und will's der Himmel, doch einen kleinen Ruck nach vorwärts. Wie gut, daß ich nicht Aussicht habe, in den Reichstag gewählt zu werden! Es ist eine kitzliche Sache, so eine Rede halten!« Er fuhr sich mit dem Tuch über die Stirn und fächelte sich dann Kühlung zu. »Was sagen die Damen?«

Muttchen Friedel lachte ihm ins Gesicht. »Ja, sagen wir, natürlich ja, wo es sich um Fee handelt! Was, Klaus?«

Der nickte, und Muttchen Friedel sprudelte weiter: »Wann reisen wir, Klaus? Ich bin gleich fertig mit Vorbereitungen. Aus dem Kleiderkram habe ich mir nie viel gemacht. Was ich habe, zieh' ich an, basta.«

»Bravo,« sagte Doktor Mühren, »bravissimo!«

Vater Klaus lachte. Fee war ein bißchen blaß und sah erschreckt drein.

»Meinetwegen soll sich doch Muttchen nicht all die Last und Vater die Kosten aufladen. Ich –«

»Papperlapapp!« sagte Muttchen Friedel, »gereist wird, basta!«

»Und Vater?«

»Bleibt daheim,« rief der fröhlich, »und tut die Ernte ein. Es ist ja ein Segen und eine Lust dieses Jahr!«

Muttchen Friedel sah ihn nun doch ein bißchen zweifelhaft an.

»Wir sollen allein gehen, Klaus?«

»Ich geb' euch Lu und Li mit. Die haben ein Extravergnügen verdient.«

Muttchen Friedel war noch immer nicht völlig beruhigt.

»Dann bist du ja selbst ganz allein, Mann.«

»Behüte! Hast du Lutz und Fritz vergessen? Die kommen doch zu den Ferien heim. Und nun sag kein Wort mehr, Friedel, es bleibt dabei!«

Sie konnten freilich nicht schon am nächsten Tage abreisen, wie Muttchen Friedel bereit gewesen wäre, aber acht Tage danach setzte sich die Karawane von Rödershof in Bewegung.

Papa Polten ließ sein »Jungchen« diesmal ohne Knurren ziehen. Wo es Fees Wohl galt, schwieg auch bei ihm alles andere. Auf dem Bahnhof in Loberg hatte sich noch Doktor Mühren eingefunden. Er hielt Fees Hand lange in der seinen, sah ihr bedeutsam in die ernsten Augen und hob den Finger.

»Kind, wie ich sagte, Wunder und Zeichen geschehen nicht mehr auf unserer armen Erde; daran denken Sie immer, bitte! Ich sage es, weil die Enttäuschung jedes Leid doppelt schwer macht.«

»Ich weiß es, Herr Doktor,« gab Fee mit festem Tone zurück, »ich hoffe nichts Großes und bin für das Kleinste dankbar.«

Er nickte ihr zu und drückte ihre Hand.

Vater Klaus geleitete die Seinen an Ort und Stelle, wie Muttchen Friedel sich ausbedungen hatte, blieb zwei Tage und machte sie in der Fremde heimisch.

Er brachte sie auch bequem und behaglich unter, nahe den Bädern, mit Rücksicht auf Fee, und doch am Rande des großen Kurparks, so daß sie die gewohnte freie Luft nicht zu entbehren hatten. Da sollten sie nun also für die nächsten fünf bis sechs Wochen hausen.

In ihren weißen Kleidern, mit weißen Hüten und großen weißen Schirmen, gingen Lu und Li nun des Morgens bei der Kurmusik in dem großen alten Baumgang auf und ab. Sie taten das gern und fast regelmäßig. Fee nahm zu der Zeit ihr Bad und Muttchen Friedel war vollauf damit beschäftigt, sie ins Badehaus und wieder zurückzubringen.

Lu und Li hatten anfänglich sich zur Hilfe erboten.

»Dafür ist Anna da,« erwiderte Muttchen Friedel. »Geht in den Wald, zur Musik oder wohin ihr wollt, ihr zwei. Solange wir hier sind, sollen wirklich Ferientage für euch sein.«

So gingen also Lu und Li, wohin sie just wollten, am meisten aber zur Musik.

Mit großen, neugierigen, frohen Augen sahen sie sich um, sahen selbst so niedlich, jung und froh aus, daß manch einer und manch eine den Kopf nach ihnen wandte.

Ein altes Ehepaar saß auch regelmäßig da; er mit einem auffallend großen, silberweißen Bart, sie schlank, sein und vornehm, einige Silberfäden im dunkelblonden Haar, und ebenso einige Fältchen im klaren, freundlichen Gesicht.

»Marie,« sagte der Herr, »wenn ich nur wüßte, wer die beiden schlanken Braunen dort sind? Gesehen hab' ich die schon mal irgendwo. Ich erkenne die fidelen Augen genau wieder, weiß aber nicht, wohin ich sie tun soll.«

»Je, Dietrich,« sagte die Dame, »man lernt viele kennen unterwegs. Seit die Menschheit so auf Reisen geht, hat ja wohl jeder jeden schon mal irgendwo gesehen.«

»Hm,« sagte er noch immer nachdenklich, »wenn ich nur wüßte …«

»Die dort übrigens sind mir lange nicht so interessant, Dietrich, als die zwei, zu denen sie gehören. Es müssen ihre Mutter und Schwester sein, denke ich mir. Ich sehe sie meist am Nachmittag, wenn ich hinten im Park irgendwo, wo's einsam ist, meinen Brunnen trinke. Du liest dann ja die Zeitung.«

Er nickte zerstreut und behielt immerzu die beiden schlanken Braunen im Auge.

»Die beiden da sind der Mutter sehr ähnlich, nur schlanker,« fuhr die Dame fort. »Die Mutter hat die gleichen stets frohen, glücklichen Augen, obwohl sie schon schweres Leid erfahren hat. Denn eine dritte Tochter – diese sagt Klein-Muttchen zu ihr, wie ich selbst hörte – ist gelähmt und sitzt im Fahrstuhl. Und dennoch dies Gesicht, Dietrich! Rührend schön, in den Zügen und im Ausdruck, Augen wie Veilchen, still, groß und tief. Wie ein Engel, Dietrich!«

Er lachte. »Ei, das muß ich mir mal anschauen! Ich habe dich noch nicht oft so schwärmen hören, Marie. Aber – wenn ich's nur herauskriegte, wer die beiden Mädel dort sind!«

Wieder sah er nach Lu und Li, die eben in einem Seitenweg verschwanden.

Fee nahm inzwischen ihre Bäder immer einen Tag um den anderen. Sie fühlte sich davon zwar sehr angegriffen, aber der Arzt, der sie behandelte und mit Doktor Mühren ihretwegen in Briefwechsel getreten war, drang auf Fortsetzung der Kur, und empfahl nur größte Ruhe und viel Liegen.

An ein Ausfahren im Stuhl war also zunächst nicht zu denken. Nur zum Bad und zurück kam Fee, sonst lag sie still ausgestreckt auf einer Veranda, die ins Grüne ging. Die Nachmittagsfahrten im Park fielen fort, denn Muttchen Friedel wich nicht von Fees Seite. Sie war sehr betrübt über diese Wirkung der Bäder; sie hatte anderes erwartet, aber dennoch blieb sie tapfer und zeigte niemandem, wie ihr ums Herz war. Fee selbst lag still und geduldig. Trotz dieses scheinbaren Rückschritts blickten ihre Augen immer hell, hatte sie immer frohe Worte.

So kam es, daß Lu und Li nun auch Nachmittags viel auf sich selbst angewiesen waren. Es gab wohl Anschluß in der Pension, aber der war nicht nach ihrem Geschmack. Da gingen sie lieber allein, und Muttchen Friedel ließ sie gewähren.

Vierzehn Tage waren sie nun schon hier, der dritte Teil des geplanten Aufenthalts! Von der weiteren Umgebung Warmbads hatten Lu und Li eigentlich noch nichts gesehen.

»Muttchen, Muttchen, dürfen wir heute nachmittag auf den Waldkopf?« bettelte nun Li.

»Laß uns, Muttchen! Der Herr Regierungsrat sagte heute bei Tisch, es wäre der schönste Punkt in der ganzen Umgebung. Laß uns, Muttchen,« drängte auch Li.

»Allein?« fragte Muttchen Friedel.

Nun schmeichelten beide. »Wir sind gewiß vernünftig, bitte, bitte.«

»Was meinst du, Fee?« Das war Frau Friedels letzte Instanz in diesen Tagen.

Fee lächelte. »Natürlich doch, Muttchen! Was soll ihnen zustoßen?«

Da nickte Klein-Muttchen vergnügt und erlöst: »Ja, was soll ihnen zustoßen, natürlich! Fort mit euch, Rangen!«

Das hatte Muttchen Friedel lange nicht gesagt! Sie mußte dafür erst einmal ein bißchen gequetscht und gedrückt werden. Auch Fee bekam eine allerdings sanftere Liebkosung. Dann stürmten Lu und Li davon.

Herrlich war's! Wie die Sonne schien! Als habe sie für Lu und Li noch extra Öl aufgegossen! Durch den Park gingen Lu und Li sehr gesittet. Als aber der Wald mit seinem Schatten und seiner Einsamkeit kam, da veranstalteten die beiden einen kleinen Wettlauf, um sich erst einmal auszutoben.

Hier sah's ja niemand, so wundervoll menschenleer war's, beinahe wie daheim! Vergnüglich war ja dies Badeleben und -treiben, vergnüglich auch, all die Menschen zu sehen und zu beobachten, ihnen einen selbsterfundenen Lebenslauf anzudichten oder allerlei Gehörtes zusammenzureimen. Lu und Li waren groß im Phantasieren.

Aber schöner noch war so ein Gang auf stillen Waldwegen, Gottes Wunderwelt aus hellem Auge zu bestaunen. Wie Lu und Li das genossen!

Jetzt standen sie am Waldrand unter einer großen alten Eiche und sahen hinunter auf Warmbad.

Zwischen Parken, Gärten und weiten Wiesen gebettet, lag es ins Tal geschmiegt. Zu beiden Seiten hoben sich die Waldberge; talauf und talab schweifte der Blick ungehindert. Dort, wo das Tal weiter wurde, glänzte etwas in der Ferne: der Fluß, der da vorbeizog. Dorthin wies Lu. »Kannst du die Schiffe sehen, Li? Jetzt der Dampfer, sieh! Mir ist, als hörte ich Musik!«

»Sehen kann ich's, hören nicht,« antwortete Li. »Und weitergehen möchte ich jetzt!«

Vorwärts stürmten die beiden Schwestern also, bis zum nächsten Ausblick. Der Weg hatte sich gewendet, man sah diesmal in ein stilles, grünes, weltverlorenes Seitentälchen. Ein Bächlein schlängelte sich durch die Wiesen und trieb eine kleine verschlafene Mühle. »Solch ein weltferner Erdenwinkel ist mir lieber als das Häusermeer drüben,« sagte Li.

»Mir auch,« gab Lu zurück.

Eine kleine Rindenhütte stand am Wege. Die helle Birkenrinde sah so freundlich aus, einladender noch die tannenen Bänke drinnen. Lädchen und Türe standen offen.

Unwillkürlich traten Lu und Li hinein, setzten sich Seite an Seite, Hand in Hand nieder und träumten durch die offene Tür zum blauen Himmel auf und ins grüne stille Tälchen hinunter.

Sie waren ganz still geworden. Li hatte den Kopf an Lus Schulter gelegt und blinzelte sie neckend an. »Mehr brauchte ich eigentlich gar nicht. Nur du und ich!«

Und einer plötzlichen Eingebung folgend, fuhr sie auf, zog die Tür zu und schob den Riegel vor. Der wollte erst nicht, mußte dann aber doch gehorchen.

»So,« sagte Li und drückte sich dicht an Lu, »nun sind wir zwei allein auf der Welt!«

Lu lachte. »Die ist aber mit Brettern vernagelt, scheint mir. Mach die Tür auf, Li, ich ersticke sonst in dem engen Raum!«

Lachend trat Li wieder an die Tür, rüttelte daran, rückte am Riegel, schüttelte den Kopf, rüttelte und riß stärker. Aber sie lachte nicht mehr, sondern sah Lu hilflos an.

»Du, die ist festgewachsen.«

Lu stand schon neben Li.

»Das wäre! Laß mich mal 'ran.«

Nun erprobte Lu ihre Kraft. Umsonst! Eingerostet der Riegel, festgekeilt die Tür!

Sie sahen einander an, Lu und Li, erst noch mit Lachen, dann aber doch recht bedenklich.

»Je du –«

»Ja, was nun?«

Gemeinsam rüttelten sie noch einmal; um keines Haares Breite wichen Riegel und Tür.

»Wie die Maus in der Falle,« wollte Li scherzen, aber Lu hatte dafür keinen Sinn.

»Vermodern will ich hier nicht, du, also 'raus!« Sie trat an eines der kleinen Fenster und besah sich die Gelegenheit. Aber abgesehen davon, daß die Öffnung überhaupt zu klein war, ließ auch das Fensterchen sich nicht öffnen. In Wind und Wetter war's verquollen.

Lu ließ die Arme ratlos sinken. »Was nun?«

Li machte ein sehr sonderbares Gesicht, so etwas zwischen Weinen und Lachen, und Schuldbewußtsein dazu.

Lu hatte sich auf die Bank gesetzt, Li huschelte sich daneben.

»Sei nicht böse, Lu. Das hab' ich, weiß der Himmel, nicht gewollt.«

»Albern war's, weißt du!«

»Nun ja, aber so was kommt öfters vor!«

»Wenn wir nun hier eingesperrt sitzen müssen, hundert Jahr vielleicht, und sie kommen und finden dann unsere Gerippe und –« Lu hatte förmlich eine hohle Stimme.

Li lachte zwar, aber es war ein sehr nervöses Lachen, wohl war ihr gar nicht dabei.

»Na, mittlerweile kommt doch jemand vorüber.«

»In dem einsamen Wald? Sind wir bisher vielleicht einer Seele begegnet?«

Das war richtig, und Li hing den Kopf.

»Aber Muttchen läßt doch nach uns suchen!«

»Nachdem sie sich zuvor tot geängstigt hat, ja.« Lu sah heute durch die schwärzeste Brille, und Li lachte auch nicht mehr.

Stumm saßen sie ein Weilchen und rückten enger und enger zusammen.

Dann stürzte Li noch einmal nach der Tür, nahm all ihre Kraft zusammen, rüttelte und riß. Derselbe Erfolg wie vorher.

»Laß,« sagte Lu von der Bank her matt. »Komm her, es ist nun schon so.«

Li schlich stumm herzu.

Da – plötzlich ertönten Schritte draußen.

Li wollte rufen, Lu hielt ihr den Mund zu.

»Wenn's nun Strolche sind!« Da schwieg auch Li.

Sie näherten sich dem einen Fensterlein, das war aber blind von Staub und Spinnweben; wirklich sehen konnte man nichts. Die Schritte ertönten jetzt schon ganz aus der Nähe, zwei Schatten wurden sichtbar und Stimmen laut, Männerstimmen.

»Schön ist's hier, wirklich schön,« sagte die eine, und die andere darauf: »Eil dich! Wir können die Aussicht nachher bewundern. Ich bin so begierig, ob wir die Eltern oben treffen. Werden die Augen machen!«

Lu und Li horchten beim Klang der Stimmen auf, nickten einander zu und schüttelten den Kopf. Das bedeutete soviel wie: »Nein, Strolche sind das nicht!«

Als die draußen nun Anstalt machten, sich zu entfernen, was man wieder an den Schritten hören konnte, da klang es aus dem Innern der Hütte wie aus einer Kehle: »Ach bitte, gehen Sie nicht fort, helfen Sie uns erst!«

Überrascht blieben die beiden Herren stehen und traten zur Hüttentür.

»Ja, was ist denn da geschehen?!«

»Ach, wir sind hier eingesperrt.« Das sagte Lu, und Li erklärte noch genauer: »Die Tür ist nämlich zu.«

»Das sehen wir,« riefen die beiden draußen belustigt und stemmten sich mit, aller Kraft gegen die Tür. Oben und unten klaffte der Spalt, aber in der Mitte hielt's fest.

»Das ist der Riegel,« sagte Li wieder und so kläglich, daß die draußen lachen mußten.

»Nur keine Furcht, meine Damen! Wir erlösen Sie schon aus der Falle.«

»Wir wären Ihnen so dankbar, meine Schwester und ich,« sagte nun eine ruhigere, etwas tiefere Stimme, die Lus.

»Wo hab' ich die Stimmen nur schon gehört?« flüsterte der eine draußen dem anderen zu.

Der hörte gar nicht darauf. Er hatte einen Baumast aufgerafft, an dem er mit seinem Messer herumschnitt, sichtlich, um ihn als Keil in den Spalt zu treiben. Das dauerte eine Weile.

»Sind Sie noch da?« fragte schließlich die klägliche Stimme von innen wieder.

Beide lachten auf. »Aber natürlich, Gnädigste! Wir werden doch die Damen nicht in der Klemme stecken lassen!«

»Die denken gewiß Wunder, wer hier drin steckt,« flüsterte Li der Schwester zu. »Tu nur recht gesetzt!«

Lu nickte; beiden saß das Lachen schon wieder in der Kehle.

Jetzt trieben die Herren von außen den Keil ein und stemmten sich kräftig dagegen. Ein Knacken, ein Krachen und Splittern folgte, aber nicht die Tür war's, nein, der Ast.

»O weh,« riefen Lu und Li. »O weh,« sagten auch die Herren, und »Was nun?« fragten sie alle vier.

»Jetzt will ich's versuchen!« sagte dann der zweite Herr. Er zog ein kunstvoll zusammengestelltes Taschenhandwerkszeug aus der Tasche, sein Stolz und zugleich der Zankapfel zwischen ihm und dem anderen.

»Lächerlich,« sagte denn auch der jetzt, »das schwache Ding!«

»Sollst schon sehen und Abbitte tun,« triumphierte der Besitzer. »Ich säge die Türfüllung heraus.«

»Lächerlich,« behauptete der erste noch einmal, und in diesem Augenblick zersprang wirklich die Säge.

»Denn nicht,« sagte ihr Eigner ärgerlich, »Nette Ware, das! Aber was nun?«

Lu und Li hatten währenddem nur den Atem angehalten. Jetzt sagte Lu schüchtern: »Es ist uns so leid, meiner Schwester und mir, wirklich.«

»So leid,« echote Li.

Die beiden draußen hörten es kaum. »Wir werden wohl Hilfe holen müssen in der Stadt,« meinte der eine.

»Laß uns noch mal probieren, mit aller Kraft,« gab der andere zurück.

»Meinetwegen! Stemm dich mit der Schulter dagegen. Hierher! Vielleicht geben die Angeln nach, wenn der Riegel zu widerspenstig ist. Los!« Sie setzten all ihre Kraft ein.

Endlich, endlich wich das morsche alte Gefüge der verdoppelten jungen Manneskraft; die Tür gab immer mehr nach, noch ein erneutes Ansetzen, ein letzter Druck – die Bahn war frei.

»So, meine Damen, dürfen wir bitten?« sagten die Herren, während sie zurücktraten, neugierig zu erfahren, wem sie aus der Enge da drinnen zurück ans Licht verholfen hatten.

Zuerst kam Lu durch den Spalt, ein bißchen geblendet, ein bißchen verlegen. Li schob sich hinterher, blinzelte ebenfalls ein bißchen und fühlte sich nicht besonders sicher.

»Aber ist denn das nicht –? Aber das ist ja –«

»Die Überraschung! Nein, die Überraschung!«

So gingen nun die vier aufeinander los mit ausgestreckten Händen und frohen Augen.

»Ja, wie kommen Sie hierher?« fragten alle wie aus einem Munde.

»Muttchen und Fee sind auch da,« sagten Lu und Li.

»Wir besuchen unsere Eltern,« erklärten die Brüder Western, denn die waren es.

»Und wie steht's in Loberg?«

»Und wo sind Sie jetzt?« ging's dann wieder hin und her. Keines wußte, ob zuerst fragen oder antworten. Wie die besten, ältesten Freunde, die in der Fremde zusammentreffen, kamen sie sich vor, alle vier, und man sah ihnen die Freude an den blitzenden Augen, dem lachenden Munde an.

Als Lu und Li endlich erzählt hatten, daß in Loberg alles beim alten stand, und die Brüder Western, daß sie nun in F… beim Gericht waren, mußten Lu und Li von ihrem Abenteuer berichten.

Sie taten es sprudelnd, immer eine der anderen das Wort vom Mund nehmend.

»Und natürlich müssen Sie wieder kommen und uns aus der Klemme helfen wie immer,« schloß Li und lachte.

»Und wohin wollten die Damen?« fragten die Herren jetzt.

»Auf den Waldkopf,« sagte Lu.

»Dahin gehen wir eben auch,« antwortete Assessor Paul. »Unsere Eltern sollen oben sein, wie wir im Hotel hörten. Wir wollen sie nämlich mit unserem Besuch überraschen.«

»Also gehen wir zusammen,« schlug Assessor Heinz vor.

»Natürlich,« sagte Li, und Lu nickte. Keinen Augenblick zweifelten sie daran, daß dies das Rechte wäre. »Solch gute alte Freunde,« dachten beide.

Dahin gingen nun die vier unter den Waldbäumen in junger Lust, mit Lachen und Freuen. Lu und Li erzählten von daheim, von den Lieben allen, von ihrem Tun und Treiben, sprachen, von Fee, ihrer Geduld im Leiden, der frohen Wendung zu Ostern, dem Hoffen und Wünschen, das sich an den Aufenthalt hier knüpfte.

»So haben die Damen diesen Winter wenig in Loberg verkehrt? Keine Gesellschaften mitgemacht? Keine Bälle?«

»Wie hätten wir gekonnt, wo Fee so leiden mußte?«

In die übermütigen Augen der Mädchen war mit einem Male ein sinnender Ernst gekommen, ein warmes Fühlen. Sie hatten den beiden Brüdern noch nie vorher so gut gefallen. Bald lichtete sich der Wald, der Gipfel schien erreicht.

Richtig, auf einer grünen Blöße stand das Forsthaus, das Ziel aller derer, die den Waldkopf besteigen. An einer Reihe von Tischen saßen vereinzelte Gruppen. Hier eine größere laute Gesellschaft, dort zwei und drei zusammen. Einzelne Beschauliche da und dort, im Laubengang am Haus das ältere Ehepaar von der Kurmusik im Park unten.

Assessor Paul und Assessor Heinz Western sahen sich scharf um.

»Dort sitzen sie ja!« riefen sie dann fröhlich, »dort am Haus!« Damit eilten sie auf das Ehepaar zu. Ihre Begleiterinnen aber blieben unwillkürlich zurück.

Eben hatte der alte Herr mit dem Silberbart zu seiner Frau gesagt: »Marie, wo die Jungen wohl heute sein mögen? Wir müssen sie uns doch nächstens mal kommen lassen. Was meinst du?«

Sie hatte bloß vor sich hingenickt und wie träumend in den Wald gesehen. Da waren ihre Augen mit einem Male groß geworden und sie war halb vom Stuhl aufgefahren.

»Dietrich, Dietrich, aber da – da –«

Er hatte sich umgewendet, der Richtung zu, wohin ihre Augen wiesen.

»Ei Blitz, da sind ja die zwei Braunen und – und –«

Sie waren schon heran, die zwei blonden Söhne schüttelten dem Vater die Hand und umfaßten die Mutter, einerlei wer zusah. Dann wandten sie sich.

»Meine Damen, dürfen wir Sie mit unseren Eltern hier bekannt machen. Unsere Mutter! Professor Western, unser Vater, Fräulein Elisabeth von Rö–«

Weiter kam Herr Assessor Paul Western nicht. Professor Western, der Vater, war aufgefahren, seine Augen funkelten und beide Hände streckte er Lu und Li entgegen.

»Ei, nun weiß ich doch endlich, wo ich die zwei Braunen – entschuldigen Sie, meine Damen – hinzutun habe. Es hat mich beinahe den Schlaf meiner Nächte gekostet, fragen Sie nur meine Frau da. Natürlich, natürlich, wie man so blind sein kann! Erkenne ich meine zwei freundlichen Wegweiserinnen zum Wirtshaus am Wege nicht! So 'n alter Maulwurf, wie ich bin! Willkommen, meine Damen, herzlich willkommen!«

Lu und Li waren bei der Erwähnung ihres einstigen Schelmenstreichs recht rot und heiß geworden; fast scheu blinzelten sie nach der Dame hin. Die reichte nun auch ihre Hand, in die Lu und Li aber nur zögernd die ihren legten.

»Gnädige Frau müssen einen schönen Begriff von uns bekommen,« stotterte Lu.

»So schlimm sind wir wirklich nicht mehr,« stammelte Li.

Beide sahen so treuherzig, komisch und niedlich zugleich in ihrer Verlegenheit aus, daß es die vier anderen, jeder in seiner Art, genossen.

Frau Professor Western sah sich die zwei jetzt erst genauer mit freundlichen, forschenden Augen an. Der alte Herr lachte in sich hinein und seine Augen funkelten. Und die beiden jungen Herren – nun, die waren sichtlich sehr vergnügt, was auch kein Wunder war in Anbetracht dessen, daß es immer nett ist, alte gute Freunde wiederzusehen.

Dann setzten sich alle sechs um den runden Tisch im Laubengang am Forsthaus auf dem Waldkopf; es wurde eine sehr frohe, muntere Gesellschaft.

»Woher kennen die jungen Damen eigentlich unsere beiden Söhne?« fragte Frau Professor Western im Lauf der Unterhaltung.

»Ach, das ist 'ne uralte Sache,« erklärte Li. »Allemal, wenn wir in der Klemme stecken, tauchen die beiden Herrn irgendwie als Helfer auf. Es scheint nun fast in der Weltordnung so begründet.«

»Aber Li,« tadelte Lu und bekam einen roten Kopf; Li war wirklich zu übermütig. Dann gab sie selber Auskunft auf die Frage.

Da kam denn ein recht sonderbares Ergebnis zu Tage.

»Also wenn ich Sie recht verstehe, haben Sie und meine Söhne sich eigentlich kaum drei- oder viermal wirklich gesehen und gesprochen,« sagte die Frau Professor und lächelte ein wenig.

Alle vier protestierten stürmisch. Behüte, unmöglich, alte Freunde wie sie! Dann wurde überlegt, zusammengezählt; wahrhaftig, viel mehr kam nicht heraus!

Das erste Mal waren Lu und Li durch die Herren vor zu naher Bekanntschaft mit dem Straßenpflaster behütet worden. Dann kam die Begegnung und Hilfe bei der Errettung der Staatsgewänder aus dem Landstraßenstaub. Dann – ja auf dem Basar damals hatte man sich eigentlich zum ersten Male länger gesehen und gesprochen. Kleinere kurze Begegnungen dazwischen und nun heute – hier. Na ja, viel war's ja gerade nicht, aber –

»Einerlei,« sagte Li und hob die Stubsnase hoch, »manche Menschen lernen sich eben schneller kennen als andere.«

Sie hatte damit sichtlich den anderen drei aus dem Herzen gesprochen, denn die stimmten eifrigst zu.

»Und den Herrn Professor kennen wir doch auch schon länger,« sagte Li schelmisch, »der gehört doch auch zur Familie.«

»Sozusagen,« meinte dieser schmunzelnd und strich sich den Silberbart.

Allen viel zu früh mahnte die Frau Professor zum Aufbruch.

»Ich meine, wir sind es Ihrer Frau Mutter schuldig, Sie nicht zu spät abzuliefern,« sagte sie zu Lu und Li.

Da waren die mit einem Male sehr erschrocken.

»Muttchen! Muttchen, natürlich!«

»Wie man so vergeßlich sein kann!«

»Sie wild sich doch nicht schon geängstigt haben?« Große runde Augen machten die zwei.

Dann gingen sie Seite an Seite mit der Frau Professor, erzählten von Klein-Muttchen, von Fee, vom Vater, von daheim. Und Frau Professor lernte hier unter den hohen Waldbäumen zwei andere kennen als die, die da oben am Forsthaus gescherzt und sich mit den Söhnen herumgeneckt hatten. Und die zwei anderen gefielen der Frau Professor noch weit besser, gefielen ihr sehr!

Der Herr Professor ging mit seinen beiden Söhnen hinterher. Doch sonderbar, eine Unterhaltung wollte bei ihnen nicht recht in Gang kommen. Alle drei lauschten nach vorn, hörten auf das, worauf auch die Frau Professor hörte, und – es erging ihnen genau, wie es der erging. Dafür gehörten sie eben zu derselben Familie!

Vor der Pension, in der Lu und Li wohnten, verabschiedete man sich.

»Wir werden uns die Ehre geben, Ihrer Frau Mutter morgen unsere Aufwartung zu machen,« sagten Assessor Paul und Assessor Heinz.

»Muttchen wird sich sehr freuen,« gaben Lu und Li zurück.

»Glauben Sie, daß wir sie auch aufsuchen dürfen, ja? Mein Mann und ich. Wird es nicht zu viel sein?« fragte nun die Frau Professor.

Lu und Li strahlten.

»Muttchen hat so wenig Umgang hier. Und wenn auch Fee ihre Zeit ausfüllt, freut sie sich doch, jemand zu sehen.«

Damit trennte man sich.

Lu und Li stürmten die Treppe hinauf und brachen ins Zimmer, wo Fee wie immer ausgestreckt auf ihrem Langstuhl lag und Muttchen Friedel ihr vorlas. Es war eine etwas gewaltsame Unterbrechung.

»Lu, Li,« zankte drum Muttchen Friedel, »seid ihr denn ganz toll? Ihr bleibt erst so unverantwortlich lang, daß man sich ängstigt, und wenn man dann liest, um euch ein bißchen zu vergessen, fahrt ihr daher wie die wilde Jagd! Ist das ein Benehmen für erwachsene Menschen, Lu, Li?«

Aber sie hielten Klein-Muttchen umfaßt von rechts und von links und lachten ihr in die Augen, ganz aus Rand und Band. Sie wollten erzählen, aber sie brachten nur halbe, verworrene Sätze zu stände, und wie Sturzwellen kam's; kein Einhalt war möglich.

Endlich nahm Muttchen Friedel die Gelegenheit wahr, schüttelte sich frei, faßte ihre beiden Rangen ins Auge und machte ihr strengstes Gesicht.

»Wollt ihr mir nun vielleicht einmal mit Ruhe und Anstand sagen, was eigentlich los ist? Aus solchem Gewelsche wird niemand klar, abgesehen davon, daß man von erwachsenen Menschen anderes erwarten kann. Also?«

Da kam der Bericht, klar und faßlich vom Abenteuer in der Hütte an bis zum Forsthaus.

Muttchen Friedel schüttelte den Kopf; sie kam einstweilen nicht über das Abenteuer hinaus.

»Das beweist also, daß ich euch doch nicht allein gehen lassen kann. Es tut mir leid, ich hatte euch für reifer gehalten.«

»Aber Muttchen, es war doch nur der alberne Riegel,« sagte Lu kläglich. Li kam ihr zu Hilfe.

»Und ein Glück war's, Muttchen, sonst hätten wir sie am Ende gar nicht wiedergesehen und –«

»Ja so, die Herren,« sagte nun Muttchen Friedel und kam zum zweiten Teil des Abenteuers. »Ich fürchte, ihr habt euch da gar nicht benommen, wie erwachsene junge Damen es fremden Herren gegenüber tun sollen.«

»Fremde Herren, Muttchen? Solch gute alte Freunde, bedenk doch!«

Aber Muttchen Friedel zuckte die Schultern und war gar nicht beruhigt oder überzeugt.

»Muttchen,« sagte da Fee, »sie wollen doch morgen kommen, auch die Eltern. Da wird ja schon alles recht sein.« Die glühend dankbaren Blicke von Lu und Li, die Liebkosungen für Fee!

»Wollen wir's also abwarten,« sagte nun auch Muttchen Friedel, und damit war die Sache zunächst erledigt.

Lu und Li aber behielten die glänzenden Augen, und es war ihnen zu Mut, als sei heute ein besonderes Fest.

Am anderen Tag kamen zuerst einmal Herr und Frau Professor Western und dann später die beiden jungen Herren. Man fand gegenseitig großes Gefallen aneinander und versprach ein öfteres Zusammenkommen. Lu und Li brauchten nun nicht mehr einsame Gänge zu gehen und Muttchen Friedel war die Sorge für die zwei abgenommen. Professor Western und seine Frau nahmen sie ganz unter ihre Obhut.

Assessor Paul und Assessor Heinz Western reisten zunächst wieder ab, kamen aber nach acht Tagen zurück, ihren Urlaub in Warmbad bei den Eltern zu verbringen.

Das waren schöne frohe Tage, die nun folgten.

Morgens zur Frühmusik schon fanden sich Lu und Li ein, Professor Western den Brunnen zu trinken helfen. Daß die beiden Söhne nicht fehlten, war natürlich. Die waren doch immerhin die Nächsten dazu. Dann gab's Morgengänge in den Wald, bei denen sich auch die Frau des Professors, zuweilen auch Muttchen Friedel anschloß. Um letzteres bat inständig Fee; sie konnte mit Hilfe der Jungfer und der Badefrau ganz gut ohne Muttchen in ihr Bad und zurück gelangen, und da sie sich in letzter Zeit entschieden kräftiger fühlte, so tat ihr Muttchen Friedel zuweilen den Willen und ging mit in den Wald.

Am Nachmittag gab's dann wohl größere Ausflüge oder auch nur das Kurkonzert, Abends zuweilen Reunion, zuweilen Beleuchtung und Feuerwerk. Alles genossen Lu und Li mit der Familie Western zusammen; man hätte die Begegnungen mit den Freunden nun nicht mehr so leicht am Finger herzählen können.

Ja, es war, eine wunderschöne Zeit, und Lu und Li genossen sie in vollen Zügen. Sie strahlten nur so und schienen alle Tage hübscher zu werden.

Muttchen Friedel sah sich die beiden zuweilen von der Seite an; sie kamen ihr fast fremd vor.

»Was sie bloß haben, Fee?« sagte sie zu dieser. »Wenn sie sich nur nicht verwöhnen mit dem vielen Vergnügen! Das Alltagsleben auf Rödershof wird ihnen danach recht sauer werden. Aber ich kann's ihnen nicht wehren, Fee, sie haben doch auch vorher brav ihre Pflicht getan.«

»Laß du sie nur, Muttchen, sie werden's auch wieder tun, so oder so.« Fee lächelte dazu sehr eigen und sah träumerisch ins Weite. War denn Muttchen Friedel blind? Oder sah sie, Fee, etwas, das nicht existierte?

Muttchen Friedel sollte bald sehend werden.

Eines Morgens kam Professor Western zur Visitenzeit, sehr feierlich und förmlich, und bat, Frau von Rödern allein sprechen zu dürfen.

Als er wieder gegangen war, gab Frau Friedel eine Depesche an Vater Klaus auf:

»Komme sofort! Ich finde mich hier nicht allein zurecht.

Friedel.«

Ein Glück, daß die Ernte eben bis zum letzten Halm eingetan und auch die Frist für Lutz und Fritz abgelaufen war. Vater Klaus brachte also seine beiden Söhne zu dem Professor zurück. Von daheim konnte er ja nun getrost weg; die Hauptarbeit war getan und sein Inspektor war zuverlässig.

Die Depesche hatte ihn nicht weiter aufgeregt. Frau Friedel hatte wohl ein bißchen Heimweh nach ihm, und das war nicht mehr als ihre Pflicht und Schuldigkeit. Er hatte eigentlich schon ein Weilchen auf einen solchen Ruf gewartet. Telegraphisch hätte der ja nicht gerade zu sein brauchen; aber das sah Friedel so recht ähnlich.

Er schmunzelte vor sich hin, als er zu Papa Polten ritt, sich zu verabschieden.

»Alberne Sitte,« brummte der ungnädig. »Zu meiner Zeit ist man nicht so in Bädern herumgefahren. Da hat man sich hübsch daheim kuriert und –«

»Erbarm dich, Konrad, das Kind, die Fee, hat's doch nötig gehabt.« Tante Lenchen wußte nicht, sollte sie sich über den Bruder entrüsten oder vor Mitgefühl vergehen mit »dem Kind; der Fee.«

Papa Polten knurrte dann nur etwas, was man deuten konnte, wie man wollte. »Grüß mir das Jungchen!« war das einzig Verständliche.

Dann flog Vater Klaus Warmbad und seiner Frau zu. Die empfing ihn mit einem etwas zweifelhaften Gesicht, worin etwas von Verwunderung und Staunen, etwas Neckerei und auch ein leiser Stolz und ein Glück, das sich noch nicht recht vortraute, zu lesen war.

Als er dann hörte, was sie zu sagen hatte, da sah er ein, daß nicht nur ihr Heimweh ihn herbeirief, sondern Vater- und Mutterpflichten.

»Hm, hm,« sagte er und neigte den Kopf hin und her, kniff ein Auge zu und sah seiner Frau neckend ins Gesicht. »Mir scheint, wir werden alte Leutchen, Friedel. Und was sagen die zwei dazu?«

»Ich hab' sie nicht gefragt, Klaus. Ich wollte das dir überlassen. Du bist doch der Vater.«

»Will sie mir mal vornehmen!« schmunzelte er.

Das tat er, und das Ergebnis war ein sonderbares.

Fee lag auf ihrem Langstuhl auf der Veranda und sah träumend in die grün-goldene Sonnenpracht über dem weiten Park. Muttchen Friedel saß an ihrer Seite und hatte ihre Hand fest, fest gefaßt. Beide waren stumm, lauschten in sich hinein und in nähere und weitere Fernen, auch auf ein Stimmengemurmel, das aus der Tür nebenan kam.

Da hatte sich eben Vater Klaus seine beiden Jüngsten, Lu und Li, »vorgenommen«, wie er sagte, und er hatte sonderbarerweise dazu auch den Assessor Paul und den Assessor Heinz Western nötig gehabt.

Und das Ergebnis?

Mit einem Male kamen Schritte durchs Zimmer, lebhafte, hastige.

Zwei Paare traten in die offene Verandatür und dahinter sah man das lachende Gesicht von Vater Klaus. Er rief: »Da, Friedel! Lu und Li Rödern, Assessor Heinz und Assessor Paul Western empfehlen sich als Verlobte!«

Lu und Li lösten sich aus den Armen, die sie gefaßt hielten, und flogen auf Muttchen Friedel und Fee zu.

»Muttchen! Muttchen!«

»Fee! Schwester Fee!« Jubelndes, jauchzendes Glück klang aus ihren Stimmen.

Da geschah etwas, das mit einem Male jeden lauten Freudenausbruch dämpfte, die Herzen mit heiligem Staunen und stummem heißen Dank füllte und das junge himmeljauchzende Glück der viere in den Hintergrund drängte vor dem Wunder, das sich da vor aller Augen vollzog.

Als die zwei Paare in der offenen Tür erschienen waren, hatte sich Fee mit einem Ruck aufgesetzt. Und ehe jemand wußte, wie ihm geschah, oder gar zufassen konnte, stand sie hochaufgerichtet, nein, tat ein paar Schritte den jungen, bräutlichen Schwestern entgegen, und rief ihnen, die Arme weit ausgebreitet, zu: »Lu! Li! Alles, alles Glück!«

Fee konnte wieder gehen! Wer könnte schildern und sagen, was sie da alles empfanden? Eine arme kleine, schwache Feder kann es nicht; es muß das jeder im eigenen Herzen nachfühlen.

Eine Doppelhochzeit

»Lu! Li! Der Wagen ist da. Schnell eilt euch. Johann sagt, es sei höchste Zeit!«

Muttchen Friedel rief so durchs Haus. Nicht Lu und nicht Li antworteten.

Nur Lutz und Fritz steckten aus irgend einem Türspalt die Köpfe vor.

»Sollen wir nach ihnen sehen, Klein-Muttchen?«

»Klein-Muttchen, wir holen sie.«

Mit Eifer und viel Lärm trabten sie die Treppe hinauf.

»Lu! Li! Lu! Li!« Nicht mehr Erfolg, als ihn Muttchen Friedel vorher erzielte.

Die stand unten an der Treppe, und lauschte – seufzte dann tief. Muttchen Friedel wußte in diesen Tagen oft nicht, wo ihr der Kopf stand.

Es war ein Jahr und mehr verflossen seit jenen überraschenden Ereignissen in Warmbad damals.

Der September war im Land, Lus und Lis Hochzeit vor der Tür, dicht vor der Tür. Morgen sollte sie gefeiert werden.

In Rödershof ging alles drunter und drüber mit Vorbereitungen aller Art.

Es war ein tolles Treiben, wirklich. Vater Klaus wollte seine beiden Jüngsten mit allem Glanz aus dem Hause geben. Die selber hatten sich »möglichst viel Radau« ausgebeten, wie sie sich ausdrückten, nicht eben elegant, aber bezeichnend.

»Denn seht ihr, man hat doch bloß einmal Hochzeit,« hatte Li gelacht.

»Und was nachkommt, weiß keiner,« hatte die bedächtigere Lu zugefügt.

Sie sollten ihren Willen haben, so hatten Vater Klaus und Muttchen Friedel beschlossen.

Alles war also in fieberhafter Tätigkeit auf Rödershof. Muttchen Friedel war oben und unten, hinten und vorn und hätte dabei immer zugleich just auch in der Mitte sein sollen. Immer verwirrender wurde es, je näher der Zeitpunkt rückte.

Und nun war der Tag vor der Hochzeit da! Eben sollte der Wagen zur Bahn fahren, die beiden Hochzeiter abzuholen.

Die beiden Bräutchen hatten mitfahren wollen.

Und auf der vergeblichen Suche nach ihnen war's, wo Muttchen Friedel so herzbrechend seufzte.

Da lachte was hinter ihr – Vater Klaus.

»Was gibt's, Friedelchen? Wo stimmt's wieder nicht?«

»Ach, Klaus, nun waren die beiden Unglückswürmer, die Lu und die Li doch so vernünftig alle die Zeit. Da und nun kommt ein Rückfall noch so vor Torschluß. Drunten steht der Wagen, der die Westerns holen soll und die beiden sind ausgekniffen.«

»Haben die Geschichte vielleicht satt, haben sich eines Besseren besonnen, wer weiß.« Vater Klaus lachte in sich hinein und sah seinem Weibchen neckend in die weitaufgerissenen, erschreckten, unsicheren Augen.

»Klaus – Klaus – die wären imstande und heckten irgend was Tolles aus. Mir war schon dies ganze Jahr durch fast unheimlich bei alle der Vernunft. Kenne doch mein Fleisch und Blut und die Rangen –«

Da lachte Vater Klaus noch einmal hell auf.

»Aha, aus der kleinen Frau spricht das schlechte Gewissen in Anbetracht früherer Anlagen und der Vererbungstheorie, ha, ha, ha, ha!«

»Lach nicht, Klaus, du kennst sie nicht. Mir ist bange, Klaus, wirklich bange.« Und Muttchen Friedel schüttelte trübsinnig den Kopf.

Er lachte aber so, daß er nichts sagen konnte. Und dann kam's stoßweise: »Fee sagt – sie seien zu Fuß voraus. – Wollten nochmal – ha ha, – wollten nochmal die alten lieben Gänge gehen. Also, Frau Friedel, mit der Vererbungs–«

Weiter kam er nicht! Ein gar nicht sanfter Nasenstüber ließ ihn verstummen.

»Hast du das nicht gleich sagen können, he?« Und Frau Friedel war schon zwei Treppen höher. Dort zeterten Lutz und Fritz irgend was Unverständliches. Seit zwei Tagen waren auch sie zur Erhöhung der Festlichkeit eingetroffen.

Verdutzt sah Vater Klaus seinem flüchtigen Weibchen nach. Das schaute noch einmal übers Treppengeländer.

»Sorg nur um alles, Klaus, daß Fee sich ruhig hält, damit sie morgen frisch ist.«

»Nur keine Bange, Tante Lisa und Onkel Werner sind bei ihr.« Da flog Muttchen Friedel beruhigt weiter treppauf, den zeternden Söhnlein zu.

Tante Lisa und Onkel Werner waren auch zu Lus und Lis Ehrentag gekommen. Waren vor allem gekommen, ihr Kind, Fee, zu sehen.

Das »Wunder« in Warmbad damals – allerhöchste Nerven- und Willensanspannung infolge einer seelischen Erregung hatten es die Ärzte genannt – war nicht wirklich einschneidender Art gewesen. So wie: nimm dein Bett und wandle!

Fee konnte nicht etwa danach frisch weglaufen, wohin sie wollte, wie andere Menschen!

Aber es war ein Zeichen gewesen, daß die Kräfte da waren und langsam, langsam mit größter Geduld und Pflege auch dauernd wiederkehren konnten.

Es war der leuchtende Stern gewesen, der durch Wolken schien, den das Auge suchen konnte wieder und wieder. Der Hoffnung ins Herz strahlte und Mut und Zuversicht.

So faßte es Fee selbst auf und alle um sie, die sie lieb hatten. Und daran hielten sie sich, wenn auch wieder weniger gute Zeiten kamen. Der Stern in den Wollen blinkte dann um so heller. – – –

Mittlerweile schlenderten Lu und Li Hand in Hand durch den heimatlichen Wald.

Goldene Septembersonne lag darüber. Tiefblau war der Himmel. Nirgends ein Zeichen noch dessen, was der Oktober und November brachten. Sorglos wie in ihren Jugend- und Frühlingstagen lachte die Erde ihrer Mutter, der Sonne, zu.

Und wäre es anders gewesen – Lu und Li hätten es nicht gesehen. In ihnen klang und sang, jubelte, jauchzte und strahlte es. Sie hatten genug des Glücks, einer ganzen Welt davon mitzuteilen.

So gingen sie dahin, Hand in Hand, und sahen mit leuchtenden Augen um sich – in sich. Und faßten sich fester und fester.

»Li,« sagte Lu, »ein Glück, daß wir am selben Ort sein werden.«

»Ein Glück,« nickte Li.

»Das Fortgehen ist doch nicht so leicht, du.«

»Nicht so leicht.« Li war nur Echo. Jetzt führte sie.

»Aber was kommt, wird herrlich, Lu.« Ihre Augen leuchteten.

Lus Augen gaben den Glanz zurück. Dann senkte sie den Kopf.

»Aber anders, Li, so anders. Und ernster, viel ernster.«

Li schwieg eine Weile, sagte dann leise: »Wollen ihnen gute Frauen werden, Lu.«

Die nickte, schluckte, faßte die Schwesterhand noch fester.

»Wie Muttchen,« sagte sie ernst.

»Wie Muttchen,« nickte Li.

»Unser Muttchen!« sagten sie dann und in ihren Augen war was Nasses, in den Stimmen heiße Zärtlichkeit.

So gingen sie ein Weilchen still hin unter den Bäumen. Die nickten ernst und rauschten: vergeßt das nicht, vergeßt das nie.

Ernst sahen Lu und Li zu den rauschenden Baumkronen auf. Wie ein Schwur war's in ihren Herzen: nie! nie!

Es war ein feierlich schöner, heilig ernster Gang, dieser letzte Gang in Lus und Lis Mädchenleben unter den Waldbäumen der Heimat hin, einer unbekannten Zukunft entgegen.

Dort kam der Wagen. Lustig auffordernd knallte Johann mit der Peitsche, als er die zwei »Breit« sah, wie er sie nannte.

»Als erein, Freileincher. Mer packe's sonst nit. Un was dehte die Herrn Breitigämmer sage, he?«

Er schmunzelte, die Peitsche an der Nase.

Wie der Wind waren Lu und Li auf dem Break oben. Wie der Wind flog das dahin.

Und wirklich schnaubte eben schon der Zug daher, als das Break vor dem Bahnhof hielt.

Johann lachte jetzt laut hinter seinen beiden »Freileincher« her. Wie die vom Wagen herunter waren und um die Ecke des Bahnhofsgebäudes flogen, war unfaßlich. Im Handumdrehen ging's. Nicht bis drei brauchte man zählen, zwei genügte.

»Ha, ha, ha, des hot junge Bein,« lachte der Alte, »un junge Herzer derzu. Ha, ha, ha, ha!«

Sehr enttäuscht hatten die zwei blonden Herren, der Assessor Paul und der Assessor Heinz Western aus dem Fenster geschaut, seit man den Bahnsteig übersehen konnte.

Noch enttäuschter waren sie vom Zug gesprungen, knapp daß der hielt.

»Niemand da!«

»Wahrhaftig, niemand da!«

»Schändlich!«

»Scheußlich!«

»Ha, ha, ha,« lachte eine Männerstimme vom Wagen her, schadenfroh, voll gutmütigem Spott, »ha, ha, ha,« Professor Westerns Stimme.

Und eine weiche Frauenstimme, »Werden schon kommen. Werden sich verspätet haben.«

»Aber, wie kann man!«

»Ja, wie kann man!« sagten die beiden Zürnenden, schwer Enttäuschten, stirnrunzelnd zugleich.

Da rauschte es neben ihnen, weiße Gewänder streiften sie. Sie griffen zu, faßten jeder eine schlanke, schmiegsame Gestalt. Und da lachte Vater Western noch einmal laut, neckend.

»Wußt ich ja,« sagte Mutter Western. Und sagte es weich und zärtlich. »Wußt ich ja doch.«

Die beiden, die blind zugefaßt hatten, als die weißen Gewänder neben ihnen rauschten, besahen sich nun, was sie hielten.

Und da klang ein helles, lustiges Lachen über den Bahnsteig. Aus dem abfahrenden Zug reckten sich allerhand neugierige Gesichter. Die kamen aber nicht auf ihre Kosten. Denn was wußten sie davon, daß in der Eile und dem Drang des Augenblicks, die beiden, die zufaßten, sich vergriffen hatten.

Assessor Paul hielt Lu und Assessor Heinz hielt Li in den Armen. Und sollte doch umgekehrt sein.

Schnell war gewechselt.

»Das kommt davon, wenn einer aussieht wie der andere,« schmollte Li. »Wenn uns bloß morgen keine solche Verwechslung passiert. Es wäre greulich!«

»Danke,« lachte Assessor Heinz.

»Etwa nicht?« fragte Lu schelmisch.

»Entsetzlich,« lachte er. Und das nahm nun wieder Li krumm.

»Werd mich schwer hüten, du! Brauchst keine Furcht zu haben.«

»Kinder,« sagte nun Vater Western und lachte so recht behaglich, »ich hab's ja von allem Anfang an gesagt, es ist eine Ungehörigkeit, daß der Ältere sich die Jüngere nimmt und umgekehrt. Paul gehört von Rechts wegen zu Lu, Heinz zu Li. Ihr habt's umgekehrt gewollt, nun müßt ihr die Folgen tragen.«

»Wollten eben mal absolut übers Kreuz glücklich werden, Vater Western,« lachte Li, der Vorwitz.

Er gab ihr 'nen Nasenstüber.

»Kiekindiewelt, du!«

»Übers Kreuz, ohne Kreuz hoffentlich,« sagte Mutter Western leise. Und hielt Lu in Armen.

»Dort über Marien Kapell,
Da blinken drei Sternlein so hell,
Dort eint uns ein rosenrot Band,
Doch das Hauskreuz ist auch bei der Hand.«

So summte Li leise und schelmisch, ehe die Reihe der Begrüßung mit Mutter Western an ihr war.

Und dann fuhr der alte Johann stolz seinen ganzen Wagen voll Glück Rödershof zu.

Unterwegs brachen Lutz und Fritz aus dem Walde wie Strauchdiebe mit Hallo und Hussa. Sie wurden aufgeladen und hatten großes Gefallen an den Schwägern. An Weihnachten hatten sie sie nur einmal und zwar ganz kurz gesehen. Assessor Paul und Assessor Heinz hatten da nur sehr knappen Urlaub bekommen.

Lutz war etwas gewaltsam lebendig, seine Verlegenheit zu bergen. Fritzchen dagegen sinnierte, ließ kein Auge von den Schwestern und deren Gefährten.

Er stand neben Li, stieß die an.

»Du, wie machst's bloß, daß du deinen immer vom anderen kennst? Sieht doch einer aus wie der andere!« flüsterte er.

Li lachte erst einmal. Tat dann sehr geheimnisvoll und flüsterte zurück: »Er hat was in den Augen, Fritzel. Und wenn ich ihn ansehe, dann springt's über wie ein Funke und ich spür's hier.« Sie legte die Hand aufs Herz.

Fritzchen nickte ganz sachlich.

»Wie bei der Elektrisiermaschine, du. Lus ihrer auch?«

»Lus ihrer auch,« lachte Li.

Assessor Paul wollte wissen, was Li da tuschele. Zog Fritzchen zwischen seine Kniee.

»Beichten, Schwager!«

Fritzel war sehr stolz, freudenrot. Der Ehrentitel hob, ihn gewaltig in seinen eigenen Augen. Aber Li legte den Finger an den Mund.

»Geheimnisse verrät man nicht,« sagte da der kleine Mann und stand stramm.

»Bravo, Schwager,« lachte Assessor Paul und klopfte ihn auf die Schulter.

Und dann bogen sie in den Wiesengrund bei Rödershof, rasselten über die Steinbrücke und fuhren an der Freitreppe vor.

Dort standen alle anderen, auch Großpapa Polten und Tante Lenchen hatten sich eingefunden, und es gab ein frohes Begrüßen.

Tante Lenchen fand großes Gefallen an Mutter Western. Sie nahm im Lauf des Tages einige Male die Gelegenheit wahr, ihr klar zu machen, daß Lu und Li zumeist ihr, Tante Lenchen, die Erziehung zu tüchtigen Menschen dankten. Denn: »Erbarmen Sie sich, Liebste, Bruder Konrad tat ja das Seine, meine Nichte gradewegs zu verderben. Er hat sich das nicht so klar gemacht, selbstverständlich. Für so was hat eben nur eine Frau Blick und Sinn. Ich habe keinen Kampf gescheut. Und, erbarmen Sie sich, Liebste, so kam's, daß Lu und Li die Mutter haben und sind, was sie sind.« Tante Lenchen schien gewachsen, während sie das sagte, so reckte sie den kleinen, alten, müden Körper. Stolz hob sie den Graukopf, auf dem im Eifer die Haube schief gerutscht war.

Und Mutter Western beeilte sich, Tante Lenchen ihrer herzlichsten Bewunderung zu versichern, was die hinnahm wie eine Königin.

Hätte sie gewußt, was Papa Polten genau um dieselbe Zeit zu Professor Western sagte, es hätte sie sehr aus dem Gleichgewicht und von ihrer stolzen Höhe herunter gebracht.

Der sagte nämlich: »Wissen Sie, Herr Professor, daß Lu und Li so fixe Kerle sind, danken sie bloß mir. Ich habe Jungchen seinerzeit das Frauenzimmergehabe abgewöhnt. Hat Schweiß gekostet, Herr Professor, sehen Sie, denn was die Lene ist, meine Schwester, die wollte partout so 'ne zimperliche Priese aus dem Kind machen. Hab' mich dagegen gewehrt mit Händen und Füßen, mit Donner und Blitz, sag' ich Ihnen. Und da ist denn das Jungchen der forsche Kerl geworden, der es ist. Und die beiden Rangen schlagen der Mutter nach, Gott sei Dank. Mein Werk, Herr Professor, trotz der Lene. Aber verraten Sie mich nicht, sie nimmt's krumm. Frauenzimmer sind immer empfindlich, ha, ha, ha, ha!«

Professor Western stimmte in Papa Poltens Lachen ein und beeilte sich, Lu und Li als die gelungensten Erziehungsresultate zu erklären, die ihm noch begegnet seien.

Dazu nickte Papa Polten sehr gnädig und. herablassend. Ungefähr so, wie Tante Lenchen den ihr von Mutter Western gezollten Bewunderungstribut hinnahm.

Wenn sie voneinander gewußt hätten, die zwei. Erbarm dich! Erbarm dich! – –

Der Tag ging so hin, der letzte Tag in Lus und Lis Mädchenleben. Und der Abend kam, der letzte Abend im Elternhaus.

Der sollte ganz still verbracht werden, Fees wegen, die alle Kräfte zu morgen, dem Haupttag, sparen mußte.

So saßen sie alle zusammen nach dem Nachtessen auf der Terrasse im lauen Septemberabend, der wie ein Juniabend war.

Die Herren rauchten in einer Ecke am runden Tisch bei der Lampe. Fröhliches Plaudern kam von da.

In der anderen Ecke war's stiller. Dort saßen die Damen. Lu und Li dicht zu Fee und Muttchen Friedel heran gehuschelt in Gedanken und Schweigen.

Tante Lenchen, Mutter Western und Tante Lisa in einer Unterhaltung, die auch nicht sehr ergiebig war. Denn die Gedanken waren Despoten und wollten auch hier ihr Recht.

Lutz und Fritz stellten zeitweise die Verbindung zwischen den getrennten Lagern her. Sorgten auch dafür, daß Leben in die Szene kam durch gelegentliche kleine Meinungsverschiedenheiten, die alsbald tätlich zurecht gelegt werden mußten.

Einem Ausgleich, dem Vater Klaus durch ein jeweiliges: »Wollt ihr wohl, Bengels!« ein Ende schaffte.

Viel zu tuscheln hatten sie auch, Lutz und Fritz. Und dann gab's leuchtende Augen und strahlende Mienen. Sie trugen sich sichtlich mit großen Plänen zu morgen.

Da kamen verlorene Klänge durchs schlafende Tal. Sie weckten das Echo im Wald, das sie zurückgab. Anfänglich achtete keiner darauf. Man konnte es für fernen Vogellaut nehmen. Allerhand Nachtgetier haust ja im Walde. Eulen und Käuze sind denen, die am Waldrand, außerhalb des Menschengetriebes wohnen, vertraute Gesellen.

Aber die verlorenen, zerrissenen Klänge fügten sich zusammen, mehr und mehr, wuchsen, schwollen, kamen näher.

Lutz und Fritz von allen zuerst spitzten die Ohren.

Und dann: »Musik! Musik!« brüllten sie und trabten davon, den Klängen zu.

Und nun lauschten alle. Von Dresdorf her kam's. Nun konnte man's deutlich unterscheiden. Die Dorfmusik war es. Die Oberstimmen quietschten schrill, unbekümmert brummten die Bässe.

Der stille Wiesengrund war mit einemmal lebendig. Über die schlafenden Waldbäume jenseits zuckten Lichter hin. Verloren erst wie die Klänge zuvor. Und dann bleibender, heller, greller.

Vom Waldrand, jenseits der Wiesen, da wo die Landstraße hinlief, löste sich etwas wie eine leuchtende, tönende Schlange, wand sich durch den Wiesengrund, gerade auf Rödershof zu. Deutlich konnte man es von der Terrasse aus sehen.

Alle waren aufgesprungen. Die getrennten Lager hatten sich geeint.

Nur Tante Lisa saß neben Fee und hatte die auf den Sitz zurückgezogen.

»Bleib, Herz. Die kommen hierher und wir sehen's dann gerade so gut. Denk an morgen, Fee. Spar deine Kraft.«

Und geduldig saß Fee. Sah mit leuchtenden Augen zu den Schwestern hin.

»Ich freue mich so für Lu und Li. Sieh nur, wie sie strahlen.«

Fest legte Tante Lisa den Arm um sie.

»Fackeln!« jauchzte Li derweilen.

»Musik!« jauchzte Lu.

»Uns zu Ehren!« jubelten beide. Und sahen den Assessor Paul und den Assessor Heinz ganz herausfordernd an. »Uns zu Ehren, wißt ihr!«

»Donner und Doria!« polterte Papa Pollen. »Was sich das Rackerzeug einbildet. Als ob meine Dresdorfer nichts Besseres zu tun hätten, als solcher Rangen wegen sich auf die Beine zu machen. Wofür wäre denn ich –«

»Erbarm dich, Konrad, kannst du den Kindern nicht das Vergnügen lassen?« Tante Lenchen zupfte ihn am Ärmel. Da knurrte er bloß noch vor sich hin.

Und mittlerweile kam die feurige tönende Schlange näher und näher. Man sah Lutz und Fritz im Feuerschein voraustanzen, sich in toller Lust um sich selber drehen.

Droben auf der Terrasse, da wo die Treppe in den Park führte, standen die beiden jungen Paare. Die anderen alle dahinter.

»Hoch, hoch, hoch!« schrie es da. Die Spitze des Zugs langte eben am Fuß der Treppe an. »Hoch, hoch, hoch, Freilein Elisabetha und Freilein Luisa! Hoch, hoch, hoch die Breitigams! Hoch unser Herr! Hoch alle die Herrschafte!« Jeder kriegte sein Teil.

Und jedesmal setzte die Musik mit kräftigem Tusch ein. Alle Hofleute von Rödershof hatten sich angeschlossen. Es war, wie es schien, eine mit den Dresdorfern gemeinsame Veranstaltung.

Aus rauhen Kehlen kamen die Rufe, aber auch aus redlichen Herzen. Das wußten die zu würdigen, die sie hörten.

Und dann trat einer vor. Der Großknecht von Rödershof. In den Händen drehte er die Mütze, räusperte und räusperte sich.

»Mir hawe wolle – ja, mir hawe wolle – wolle hawe mir – hm, hm, hm – sage hawe mir wolle, daß – daß – daß – ja, mir hawe wolle sage, daß unser Freileincher – daß unser Herr – daß unser gnädig Frauche – ja, daß mir uns freie, daß – daß – hawe mir wolle sage un –«

»Hoch, hoch, hoch!« fielen die anderen, fiel mit Tusch die Musik ein. Und leuchtend, strahlend, im Bewußtsein einer vollbrachten Tat, einer rühmlich vollbrachten Tat, schüttelte der Großknecht reihum die Hände.

»Wundervoll, Michel,« sagte Lu und strahlte desgleichen.

»Ich hab's gar nicht gewußt, daß Sie so reden können, Michel,« sagte Li. »Es war großartig.«

Und Lu und Li meinten wirklich, was sie sagten. An eine Rede, die uns zu Ehren gehalten wird, legen wir einen ganz anderen Maßstab. Und Lu und Li waren noch nicht verwöhnt mit dergleichen.

In des Michel fernerem Lebenslauf aber machte dieser Abend Epoche.

»Wie ich selwigsmol die großi Redd gedahn habb –« fingen seitdem bei ihm alle Erzählungen an.

Ein anderer trat nun vor: der Gemeindevorsteher von Dresdorf.

In wohlgesetzter Rede gab er seinen und aller Gefühlen Ausdruck.

Wie sie von alters her sich zugehörig fühlten im Herzen zu den Herrschaften von Dresdorf und Rödershof. Wie sie da in ihren Nöten stets offenes Ohr, offenes Herz und offene Hand gefunden. Daß dafür der Herrschaften Geschicke die ihren seien in Leid und Freud. In Freud heute, Gott sei Dank! Denn zwei liebliche Töchter des Hauses – er sagte »lüblich« so recht mit süß gespitzten Lippen. Lu und Li wußten vor Verlegenheit nicht, wohin sehen – also zwei »lübliche« Töchter des Hauses sollten den Männern ihrer Wahl und ihres Herzens in eine neue Heimat folgen. Und heiße Segenswünsche folgten ihnen nach aus aller Herzen. Dieselben Wünsche, wie sie dermaleinst der gnädigen Frau Mutter gefolgt seien, der sie so ähnlich seien wie – wie – wie das Kalb der Kuh. Der Herr Gemeindevorsteher wählte seine Bilder aus seinem Bereich. Geradeso »lüblich und freindlich und holdsölig«. Im Eifer geriet der Herr Gemeindevorsteher in Verwirrung mit den Konsonanten. Und so lustig und – und – die lustigen Streiche des gnädigen Frau Mütterchens seien noch in aller Gedächtnis und – und –«

»Hoch! Hoch! Hoch!« rief da eine Stimme. Vater Klaus behauptete Zeit seines Lebens, es sei die seines Weibchens gewesen. Sie habe es bei der Erwähnung des Gemeindevorstehers mit der Angst gekriegt und deshalb der Rede ein vorzeitiges, gewaltsames Ende gemacht. Muttchen Friedel gab es nie zu. Die Frage blieb also offen. Aber: »Hoch! Hoch! Hoch!« fielen alle ein, auch die Musik.

Und der Gemeindevorsteher klappte den Mund zu und schüttelte reihum die Hände, die sich ihm entgegenstreckten.

»Gut gemacht, Weber,« sagte Papa Polten und klopfte ihm auf die Schulter. »Bloß das von Jungchen hätte früher kommen müssen und ausführlicher, Weber, ausführlicher. Donner und Doria! Reicht doch keine an das Jungchen hin, was?«

»Keine, gnädiger Herr!« Die zwei schmunzelten und drückten sich die Hände.

Vater Klaus bat die Leute, sich in der »Krone« in Dresdorf auf seine Kosten ein Fäßchen Bier auflegen zu lassen. Leider seien er und seine Frau unvorbereitet auf solch zahlreichen freundlichen Besuch gewesen. Und er dankte warm für alles.

Dann spielte die Musik noch ein paar Stücke, besser gemeint als ausgeführt. Wieder schrillten und quiekten die Oberstimmen und unbekümmert um sie brummten die Bässe ihr Teil. Beim Aufhören klappte es nicht, die Bässe brummten ihrerseits noch zwei Takte weiter, als die Oberstimmen schon zu Ende gequiekt hatten. Aber das tat dem Genuß weiter keinen Eintrag.

Noch ein hallendes Hoch, ein Hüteschwenken, ein Zusammenwerfen der Fackeln auf dem großen freien Kiesplatz, ein Auflodern, Verglimmen, Erlöschen.

Ein letzter Tusch der Musik und davon trabten die Leute. Ihre Schritte verhallten allmählich im stillen Wald- und Wiesental.

Lutz und Fritz waren ganz erregt.

»Wundervoll war's, was, Lu? Li?«

»Aber sie haben doch wohl eigentlich Klein-Muttchen und den Vater gemeint damit, nicht euch, was?«

Lu und Li als Heldinnen dieser großartigen Ovation leuchteten Lutz und Fritz nicht ein.

Fritzchen, der sehr gutmütig war, hatte sich dicht zu Schwester Fee gestellt, liebkoste an ihr herum.

»Ich bring' dir 'nen Fackelzug, wenn – wenn –« Fritzchen schwieg, sah unsicher drein. – »Heiratest du auch, Fee?«

»Ich bleibe bei Klein-Muttchen,« sagte Fee leise und ihre Augen sahen in weite Fernen. Aber was Stilles lag drin, was Frohes.

»Das ist recht, du,« sagte Fritzchen zufrieden. »Ich auch. Ich bleibe auch bei Klein-Muttchen. Nirgends ist's schöner. Der Lutz will mal auf den Mond, sagt er. Alles andere sei schon erforscht und man könnte sich dazu der Luftschiffe bedienen, meint er. Einer muß doch bei Muttchen bleiben, wenn dann Vater alt wird, was? Also du und ich, Fee.«

»Du und ich, Fritzel,« nickte sie still.

Da stieg bei Mond über die Waldberge, groß und voll, und ernst und hehr.

Und zugleich klang ein Ton durch die Nacht. Weich und süß setzte er ein, stieg und schwoll und füllte das stille Tal mit seinem Wohllaut.

Muttchen Friedels Geige sang. Sang Muttchen Friedels Töchtern das Abschiedslied vom Elternhaus.

Still, bewegt lauschten alle.

Lu und Li hielten sich an den Händen gefaßt. Assessor Paul und Assessor Heinz standen dicht daneben.

Ernste, weihevolle Klänge. Erst zog das Beethovensche Andante auf Flügeltönen himmelwärts. Chopin, Schumann und Brahms folgten. Ein Übergang in einer Akkordenreihenfolge. Neckisch mischten sich einige Passagen aus dem Hochzeitsmarsch, tauchten mehr und mehr auf. Und dann jubelte Muttchen Friedels Geige den Hochzeitsmarsch in die stille Waldnacht. Er verklang. Aber noch verstummte die Geige nicht. Wieder eine Folge von Akkorden und dann zog es einfach und weihevoll den Wolken zu.

Lobe den Heuen, den mächtigen König der Ehren,
Stimme du Seele mit ein zu den himmlischen Chören,
Kommet zu Hauf,
Psalter und Harfe wacht auf,
Lasset den Lobgesang hören.

Sie hatten eingestimmt, alle.

Fees heller Sopran klang jauchzend vor. Lu und Li hielten sich an den Händen, die jungen Augen dort, wo der Mond immer höher stieg in schweigender Pracht.

Und dann verklang die Geige, verhallten die Stimmen. Stumm standen alle eine Weile. Solche Momente müssen erst im Innersten ausklingen, verzittern.

Papa Polten und Tante Lenchen nahmen dann schnell Abschied.

Der alte Mann hatte die Arme um Lu und Li gelegt und es kugelte ihm dabei etwas aus den blitzblauen Augen über den Silberbart, was er schweigend rinnen ließ.

»Gott segne euch!« sagte er. Und polterte dann: »Daß ihr mir fein beizeiten morgen da seid, Rangen. Punkt zwei Uhr geht der Zug los, verstanden? Alberne Wirtschaft übrigens, dies Geheirate. Bringt einen aus aller Ordnung. Vorwärts, Lene! Stopp die Wasserwerke. Los!«

»Erbarm dich, Konrad, wie kann man bloß.« Tante Lenchens Stimme zitterte.

Behutsam und sachte zog er ihren Arm durch, den seinen.

»Na, alte Lene, denn in Gottes Namen. Das Alter bringt's ja wohl so mit sich, daß man immer einsamer wird. Gut Nacht, Jungchen, Kind, mußt auch schon hergeben. Aber kriegst dafür auch was, was sich sehen lassen kann.« Er nickte dem Assessor Paul und dem Assessor Heinz zu. »Auf morgen denn. Und pünktlich, bitte, pünktlich!«

Es war nämlich bestimmt worden, daß der Hochzeitszug vom Dresdorfer Herrenhaus aus zur Kirche gehen sollte. Der Weg von Rödershof war zu weit. Und Lu und Li wollten zu Fuß zum Kirchlein pilgern, wie es einst Tante Lisa und Klein-Muttchen getan hatten.

Daher Papa Poltens Mahnung zur Pünktlichkeit.

Die Feier sollte danach in Rödershof stattfinden, wohin die ganze Hochzeitsgesellschaft dann zu Wagen befördert wurde.

Alle gaben Papa Polten und Tante Lenchen das Geleite durch die Wiesen bis zum Waldrand drüben.

Nur Fee zog sich gleich zurück und Tante Lisa wollte sie auf ihr Zimmer bringen.

Rasch und still kamen die anderen heim durch den Mondenschein. Und gleich trennte man sich. Bald hielt die mondbeglänzte Zaubernacht Rödershof traumumfangen.

Zu Lu und Li aber huschte Klein-Muttchen noch zuletzt hinein.

Flüstern gab's da und viel Tuscheln und Tränen und leises, weiches, glückliches Lachen und viel Liebkosen und Segens- und Dankesworte.

»Klein-Muttchen, Klein-Muttchen, was bist du uns gewesen!«

»Kinder, wie macht ihr mich froh.«

»Wollen sein wie du, Klein-Muttchen.«

»Wollen ihnen sein, was du dem Vater bist.«

»Besser sollt ihr sein, Lu, Li. Und ihnen mehr sein, viel mehr. Euer Vater hat viel Geduld haben müssen. Daran denkt immer, daß auch Paul und Heinz die haben müssen. Und habt sie selbst, Lu, Li. Engel sind wir allesamt nicht. Arme irrende Menschen sind wir allzumal und muß einer des anderen Schwäche stützen und tragen. Und seid nicht enttäuscht und laßt die Ohren nicht hängen, wenn ihr das erst herausfindet. Paul und Heinz finden's auch bei euch heraus. So Lu, Li, und nun schlaft! Schlaft, will's Gott, in ein reiches, schönes Leben hinein.«

Klein-Muttchen löschte das Licht und küßte ihren beiden Kindern die jungen, ernsten, fragenden, träumenden Augen zu.

Und der Mond stieg und der Mond sank. Fahles Morgendämmern hellte leise die Nacht. Ein neuer Tag stieg herauf – Lus und Lis Ehrentag!

Frau Sonne wollte dabei sein. Sie griff mit den Strahlenfingern am Himmel hoch und schob sich ein paar leichte Wölkchen vorm Antlitz fort. Und dann lachte sie, lachte. Ihr gutes, altes Gesicht strahlte nur so. Sie hatte Lu und Li lieb, wollte ihren Festtag vergolden helfen. Und wie sie das tat. Ein Tag war's, der allein schon die Herzen himmelwärts heben mußte und brauchte dazu nicht des himmelstürmenden Glücks, das sie füllte und aufwärts trug.

Solch ein Tag – Lus und Lis Hochzeitstag! – – –

Weit offen steht die Hallentür des Dresdorfer Herrenhauses.

Von der Kuppel des Vorbaues wehen Fahnen. Grüne Gewinde ziehen sich unter den Fenstern hin. Über die Stufen der Freitreppe ist feierlich ein roter Teppich gebreitet.

Stimmengemurmel kommt von der Halle, von den Zimmern des Unterstocks her.

Die ganze Hochzeitsgesellschaft ist da versammelt und alle harren der beiden Bräute, die noch oben in Muttchen Friedels altem Mädchenstübchen geschmückt werden.

Papa Polten, der Ungeduldigste von allen, hat Lutz und Fritz auf Kundschaft ausgesandt.

Er steht lauschend am Fuß der Treppe, die beiden Bräutigame neben ihm.

»Donner und Doria,« sagt der alte Herr und seine Augen blitzen. »Unpünktlichkeit ist ein Laster, basta! Gewöhnt's ihnen nur beizeiten ab.« Das gilt den beiden neben ihm. Und dann zieht er die Uhr. »Zwei Minuten drüber! Donner und – Jungchen! – Lu! – Li!«

Mit Stentorstimme hallt's durchs Haus. Erschreckt stürzt Tante Lenchen in rauschender schwarzer Seide herzu und greift sich nach dem Blondenhäubchen, das den grauen Kopf ziert.

»Erbarm dich, Konrad, du bist wohl unklug!« Er hörte nicht. Eine halbe Minute gibt er zu.

»Jungchen! Lu! Li!« schallt der Kriegsruf wieder durchs feierlich stille Haus. Und: »Sie kommen! Sie kommen!« rufen zwei helle Knabenstimmen. Und am Treppengeländer nieder, rechts und links obenauf sitzend, sausen Lutz und Fritz. Etwas ungeschickt und täppisch springen sie unten ab, so daß sie fast hinschlagen. Nur mit Mühe halten sie sich auf den Füßen.

»Ha, ha, ha, ha,« lacht Papa Polten. »Ha, ha, ha, ha! Hat Jungchen besser gekonnt seinerzeit. Was, Klaus?«

Der steht neben ihm und auch über sein Gesicht zuckt ein Lachen. Er nickt dem alten Herrn verständnisinnig zu. Aber dann sieht er nach oben, wie alle es nun tun.

Über die Treppe herunter kommen drei Gestalten.

Muttchen Friedel in der Mitte, von erdbeerfarbener Seide umflossen – Schwester Lisa und Tante Lenchen haben ihr die zudiktiert – Muttchen Friedel führt rechts und links ihre zwei schlanken, bräutlichen Töchter.

Lu und Li sehen so schlank und anmutig aus im festlichen Weiß, von den Schleiern umwallt, die Myrtenkränze auf den braunen Scheiteln halten. Muttchen Friedels Stolz, der aus den großen Grauaugen strahlt, ist vollauf gerechtfertigt.

»Klaus,« sagt sie und sieht nur ihn, »da sind sie.«

Und er nimmt die Hände seiner zwei Jüngsten und legt sie in die, die sie von nun an durchs Leben führen sollen.

»Seid gut mit ihnen,« sagt er und seine Stimme will nicht so recht wie er will, »es sind meine lieben Kinder.«

Assessor Paul und Assessor Heinz nicken und blicken stumm.

Der Zug ordnet sich nun.

Voran gehen Dorfkinder, die Blumen streuen. Paarweise folgt die Jugend, Freundinnen und Freunde der Brautpaare.

Dann diese selbst. Assessor Paul und Li voran, Assessor Heinz und Lu dahinter.

Professor Western, den Schwiegervater, hat das in Lus Seele gekränkt.

»Soll die Jüngere vor der Älteren gehen,« sagt er. »Paßt sich gar nicht. Kommt alles von der Übers-Kreuz-Geschichte her.«

»Laß, Papachen,« hat Lu gelacht, »kommt mir gar nicht drauf an, Li und ich sind eins.« Da hat er sich zufrieden gegeben.

Hinter den Brautpaaren kommen die Nächsten, der Großvater, die Eltern, Geschwister. Fee muß in ihrem Fahrstuhl geschoben werden. Der Weg ginge heute über ihre Kraft, mit der sie haushalten will und muß. Lutz und Fritz schieben der Schwester Stuhl. Manch ein Blick folgt der Gruppe, in Mitleid – in Bewunderung.

Lutz und Fritz haben ihr den Stuhl mit rosa Astern geschmückt. Sie selbst im weißen Kleid in all ihrer rührenden jungen Schöne mitten drin – es ist ein hübsches, fesselndes Bild.

Die ganze Hochzeitsgesellschaft schließt sich an.

Und nun setzen die Glocken ein. Ihr Klang füllt die Luft, festlich, feierlich. Was die Herzen schwellt, hat Stimme gefunden.

»Kommt! Kommt! Kommt!« rufen die Glocken. »Zum Glück! Zum Glück! Zum Glück!«

Lu und Li gehen dahin wie im Traum, erdentrückt. Eine Weihe, nie geahnt, nie gefühlt, ist in ihren jungen Herzen.

Weit offen stehen die Türen des Kirchleins. Wie oft sind Lu und Li durch die hingeschritten, junger Andacht voll, voll frommen Ernstes und guten Willens. Aber nie so wie heute, nie.

Wie das Brautpaar erscheint, setzt die Orgel ein. Hat die je vorher so geklungen? So mächtig, so mahnend, so erschütternd gewaltig. So in brausendem Jubel und himmelanstürmendem Jauchzen – in weichem, innigem Flehen und Beten.

Und dann stehen Lu und Li Seite an Seite mit denen vor dem Altar, die von nun an zu ihnen gehören sollen im Leben und im Tod. Wie im Traum stehen Lu und Li.

Die Orgel schweigt.

Und eine gute alte Stimme, eine Stimme, die sie kennen, seit sie denken, sagt ernste, schlichte, innige Worte.

Aus Ruth 1, 16 hat sie den Text gewählt: »Wo du hingehst, da will ich auch hingehen, wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.«

»Ein Tag der Freude ist dies,« sagt die gute alte Stimme, »und es ist ein Tag des Ernstes. Er nimmt und er gibt mit derselben Hand. Nimmt die Unbekümmertheit der Jugend, gibt dafür einen reichen, schönen Pflichtenkreis. Nimmt den sorglosen Kindersinn und gibt das Bewußtsein der Verantwortlichkeit. Nimmt das behütete Geborgensein im Elternhaus und gibt dafür ein eigenes trautes Heim, dessen Krone und Seele die Frau sein soll. Sollte uns nicht dünken, er nähme mehr als er gibt? Da er die junge, frohe Sorglosigkeit nimmt, den Kindersinn und das Kinderrecht ans Elternhaus! Und gibt Ernst, Verantwortlichkeit, Pflichten – Pflichten! Aber ich sage, er gibt unendlich reicher als er nimmt. Was gibt es Höheres im Leben, als eine ernste schöne Pflicht haben und die ernst und schön erfüllen? Und welche Pflicht könnte ernster und schöner sein als die der Frau: des Geliebten Heim traut und geborgen zu machen – des trauten Heims Seele und Krone sein? Und dies sein mit dem ernsten frohen Gelöbnis: Wo du hingehst, da will ich auch hingehen, wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, dein Gott ist mein Gott.«

Dies und noch mehr sagt die gute alte Stimme des guten alten Mannes, der dort vorm Altar steht, und vor dem Lu und Li und die, die sie erwählt haben zu Gefährten fürs Leben, nun niederknieen, ihren Bund fürs Leben weihen zu lassen.

Leise wie im Traum klingt's von der Orgel durch den kleinen Raum.

Und die viere dort am Altar lassen sich die goldenen Reifen an den Finger stecken, dies Sinnbild der Treue, das bindet – binden soll, bis »der Tod euch einst scheidet«.

Heiliger, ernster Vorsätze voll ist Lus und Lis junge Brust, heiliger, ernster Liebe voll. Die ernste Pflicht, die ihnen diese Stunde bringt, schreckt sie nicht. Freudig wollen sie sie auf sich nehmen – freudig erfüllen, dazu helfe ihnen Gott.

Frommer Andacht voll, froh, stolz und demütig zugleich stehen Lu und Li an der Seite der Geliebten. In ihren Ohren klingt's noch und klingt im Herzen wieder: Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.

Hat das, was Lu und Li im Ohr und Herzen nachklingt, mit einem Male tönenden Schall gefunden? Ist's eines Engels Stimme, die da singt?

»Wo du hingehst, da will ich auch hingehen, wo du bleibst, da bleibe ich auch.«

So tönt's von der Orgel nieder in weichem, vollem Laut. Jubelnd, jauchzend; zu Herzen gehend, ergreifend.

Und ein Engelsantlitz schaut von oben auf die Schwestern nieder – Fees Antlitz, unendlichen Freuens, unendlicher Liebe voll. Fee singt – nein, Fee jauchzt und jubelt den beiden noch einmal den Hochzeitstext ins Herz: »Dein Volk ist mein Volk, dein Gott ist mein Gott.«

Und Zeit ihres Lebens hallt er den beiden tiefinnerst im Herzen nach. Und Zeit ihres Lebens ist er ihnen die Richtschnur für all ihr Fühlen und Denken, Tun und Handeln. Glückliche Frauen sind Lu und Li geworden und haben glücklich gemacht.

Aber das ist weit vorgegriffen.

Einstweilen schreiten sie jetzt eben an der Seite der Geliebten durch den Mittelgang zwischen den Bänken des Kirchleins hin. Und viel vertraute Gesichter winken und nicken ihnen daraus zu und viel Augen folgen ihnen mit frohem hellem Blick und warme Wünsche sind in allen Herzen. Lu und Li haben viele Freunde.

Vor der Tür des Kirchleins steht die Dorfjugend und empfängt sie mit Geschrei: »Hoch, hoch, die Breit! Hoch, hoch unser Freileincher!«

Das Peterchen – seit er aus der Klinik zurück ist, scheint er zu glauben, daß er ein besonderes Recht an Lu und Li hat – das Peterchen drückt sich allen voran. In einer Hand, schmierig und fragwürdig sauber, hält er ein paar Blumen, die er der ersten reicht, mit der anderen knallt er eine Taschenpistole in die Luft.

Der Stolz in dem Schelmengesicht dabei ist sehenswert.

»Ich winsch auch vielmals Glick un ich vergesse Ihne nit.« So schreit er.

Lu und Li nicken ihm zu, sehen sich an, denselben Gedanken im Herzen: »Gott sei Dank, daß wir da keine Last mit hinüber zu nehmen haben ins neue Leben.«

Peterchens Schuß ist das Signal zu einer Reihenfolge von Böller- und Pistolenschüssen. Die jungen Bursche des Orts ehren damit in ihrer Weise die zwei Bräute.

Und die Dorfleute drängen heran. Jeder will noch ein Wort sagen oder eins hören, einen freundlichen Blick auffangen. Ja, Lu und Li, die Wildlinge, haben viele Freunde gehabt. Lu und Li, den Bräuten, folgen viel warme Wünsche.

Sie haben ein freundliches, ein neckendes oder ein warmes Wort für jeden, just wie's paßt. Und frohe und lachende Gesichter sind rings.

Dann ist die Brautkutsche vorgefahren mit dem grinsenden Johann auf dem Bock. Wundervoll hat er Wagen und Pferde und sich selber an Hut und Peitsche geschmückt.

Die beiden jungen Gatten helfen Lu und Li in den Wagen.

Johann hat sich, breit grinsend, gewendet. »Ich gratelier auch vielmals, gnädig Frauche. Gnädig Frauche, ich gratelier auch vielmals.« Das gilt Lu und Li, die das erst gar nicht verstehen und sich nach Klein-Muttchen umschauen, die der Alte doch immer so nennt.

Aber Klein-Muttchen steht dort bei den Leuten vom Dorf, die nun auch ihr und den anderen die Hände schütteln.

Lu und Li sehen sich an. Und dann fährt ihnen ein Lachen übers Gesicht und der Schelm sitzt zum ersten Mal heut wieder in den großen grauen Augen.

»Ich glaub, er meint uns, Lu.«

»Er meint uns, Li.«

»Ha, ha, ha, ha,« lachen sie im Duett, das sich alsbald zum Quartett vervollständigt, als Assessor Heinz und Assessor Paul hinter Lu und Li einsteigen.

So fährt der Brautwagen davon, am Waldrand hin, durch die Wiesen, Rödershof zu.

Die anderen folgen.

Tante Lisa sitzt bei Fee im Wagen. Sie legt den Arm um sie und sieht ihr ins leuchtende Gesicht. Fee ist noch wie traumumfangen. Ihre Seele ist noch erfüllt von den weihevollen Klängen, die sie den jungen Schwestern soeben zugejubelt hat. In ihrem Herzen haben sie sich verfangen und hallen da nach.

Sie sieht Tante Lisa ins Gesicht und sieht sie doch nicht.

»Wie wundervoll das ist: Wo du hingehst, da will ich auch hingehen, wo du bleibst, da bleibe ich auch. Danach leben, danach tun zu dürfen! Solches wahr zu machen.«

Eine tiefe Rührung überkommt Tante Lisa, ein Erbarmen zugleich. Eng zieht sie Fee an sich.

»Daß es auch dein Los würde, Kind,« sagt sie ganz leise und wischt eine Träne.

Aber Fee sieht sie aus großen, klaren Augen an.

»Mißversteh mich nicht, Tante. Ich klage nicht um mein Geschick.«

»Kind, wer weiß? Die Ärzte haben doch alle Hoffnung. Vorgestern erst sagte Doktor Mühren –«

Fee hebt die Hand.

»Ich weiß, was er sagt, Tante Lisa, aber ich nehme hin, was kommt. Kann mein Los nicht sein, was Lus und Lis ist, ich will nicht klagen. Den Lieben daheim das verwaiste Haus froh machen, ist auch ein schönes Ding. Klein-Muttchen und der Vater werden die beiden sehr vermissen. Hab' ich da nicht eine schöne Pflicht? Und wer weiß, was sonst noch das Leben für Ansprüche an mich stellt? Das Leben der Unverheirateten braucht nicht arm zu sein. Es liegt an ihr, es sich reich zu machen. Wie viel Pflichten liegen am Wege, man braucht sich nur zu bücken und sie aufzuheben.«

»Ich hatte anderes für dich erhofft, Fee, mein Kind.«

»Wie Gott will, Tante Lisa. Das Schönste ist es ja wohl, was der Frau beschieden ist, das Reichste. Aber wenn es nicht sein kann aus irgend einem Grund, haltlos drum trauern, wäre unwürdig. Das Leben hat so viele Wege, froh zu machen. Muß ich nicht glücklich sein, solche Eltern, solch ein Heim zu haben? Ist das nicht schon über Verdienst?«

Tante Lisa sieht ihr still in die leuchtenden Augen.

»Ich bin so dankbar, Tante, für alles Gute, das ich habe. Und wo man von Herzen dankt, da kommt nichts anderes auf, nichts Schlimmes, nichts Trauriges. Danken, immer danken – und wer hätte nicht Ursache, für irgend etwas dankbar zu sein – ich glaube, das ist das Geheimnis eines glücklichen Lebens.«

»Gott erhalte dich dabei,« sagt Tante Lisa leise, fast andachtsvoll.

Hatte das junge Kind da nicht wirklich eines still-frohen Lebens Geheimnis ergründet?

Danken, immer danken!

Und wer hätte nicht Ursache dazu? Wenn sich einer nur klar macht, was allein es schon ist, grade Glieder und gesunde Sinne zu haben! Und nimmt es jeder hin, als müsse das so sein.

Ja, danken – immer danken!

*

Im Gartensaal in Rödershof ist die Festtafel gedeckt. Weit offen stehen die Türen.

Das ganze Familienleben der Röderns hat sich in dem Raum abgespielt, so hat er sich heut zu Lus und Lis Ehrentag geschmückt.

Grüne Gewinde mit Blumentuffs zieren die Wände. Mit Palmen und Farnen sind die Ecken ausgestellt. Und der Tisch prangt in einer Fülle von rosa und weißen Astern.

Unter Fees Anleitung ist der Schmuck angebracht worden. Sie konnte sich nicht genug tun.

Die Terrasse vor dem Eßsaal ist mit Teppichen, bequemen Sitzen aller Art, mit Pflanzen und Blumen zum Empfangsraum umgeschaffen. Fahnenmasten mit bunten Wimpeln auf den Ecken, Gewinde dazwischen, geben dem Ganzen ein sehr festliches Ansehen. Hier soll am Abend auch getanzt werden.

Denn Lu und Li wollen tanzen auf ihrer Hochzeit, das haben sie sich ausgebeten.

Einstweilen stehen jetzt nun hier die zwei Paare zum Empfang der Gäste und aller Wünsche bereit.

Der erste Wagen fährt vor: die zwei Elternpaare.

Muttchen Friedel verfängt sich fast in der erdbeerfarbenen Seide, als sie die Terrassenstufen hinauf will. Vater Klaus kommt noch eben zurecht, sie vorm Hinstolpern zu bewahren. Sie ist mit dem Fuß in einer weißen Untergarnierung hängen geblieben und die schleppt nun nach.

»Das kommt von der albernen Kleiderwirtschaft, Klaus. Werd' mir schon helfen!«

Und sie bückt sich – ritsch, ratsch – da liegt der weiße Fetzen. Muttchen Friedel aber legt die Arme um Lu und dann um Li.

»Kinder, Lu, Li, daß ihr mir glücklich werdet!« Es klingt nach Drohung eher als nach Wunsch.

Lu und Li lachen, schluchzen: »Wollen das unsere tun, Klein-Muttchen.«

»Klein-Muttchen, wollen uns ein Beispiel an dir nehmen.«

Muttchen Friedel wendete sich zu Vater Klaus.

»Hör, was die Rangen sagen, Klaus! Ich –«

Da sieht sie, daß er den weißen Mullfetzen, den sie eben abgerissen hat, in die Tasche stopft. Er weiß im Augenblick nichts besseres damit anzufangen, weil die Gäste kommen.

»Wieder mal Lumpensammler, he, Klaus?« lacht sie neckend. Sie denkt an der Schwester Hochzeit, wo er ihr den halben amputierten Rock so getreu im Arm nachtrug. Und er lacht zurück. Aber dann hat er Lu und Li im Arm. Muttchen Friedel muß sich dasselbe von den stattlichen Schwiegersöhnen gefallen lassen. Sie und Vater Klaus haben nicht Zeit, alten Erinnerungen nachzugehen.

Denn jetzt kommen die Gäste. Lu und Li gehen von Arm zu Arm, eine Flut von guten Wünschen umbrandet sie.

Papa Polten, der nicht sofort heran kann, wird sehr unwirsch. Knurrt, poltert: »Donner und Doria! Her mit den Rangen!«

»Erbarm dich, Konrad,« – Tante Lenchen zupft ihn am Rockärmel – »erbarm dich, bedenk doch, verheiratete Frauen!«

»Pfeif ich drauf,« poltert er weiter, noch lauter. »Her da, ihr Rangen!«

Weit offen hat er die Arme. Lu und Li sind an seiner Brust. Und er patscht ihnen die Braunköpfe, unbekümmert um Kranz und Schleier.

Tante Lenchen, die daneben steht, kriegt fast Krämpfe. »Erbarm dich,« setzt sie ein paarmal an, kommt aber nicht weiter. Etwas steckt ihr in der Kehle.

»Daß ihr mir werdet wie das Jungchen,« poltert indessen der alte Herr und es klingt rauh, denn die Stimme gehorcht ihm nicht. »Wie das Jungchen, Rangen, hört ihr? Könnt meinethalben die Seitensprünge und Kapriolen weglassen, aber das Herz – das Herz, das ist die Hauptsache, seht ihr. Denkt immer dran, daß euer Großvater euch das noch zuletzt gesagt hat: Werdet wie das Jungchen. Und tut's und ihr geht nicht fehl, wollt ihr?«

»Wir wollen, Großvater.«

»Großvater, wir wollen.« Es ist wie ein Schwur.

Und der alte Mann küßt Lu und küßt dann Li. Und beiden bleibt davon eine feuchte Spur auf den Wangen zurück. Und wie sie aufsehen, glänzt es naß in seinen Augen, in diesen blitzblauen Greisenaugen, die die Jahre nicht trüben konnten.

Sie haben sie immer vor sich gesehen, als sie dann fern waren, diese nassen, jungen Greisenaugen. Und haben die polternde Stimme gehört: Werdet wie das Jungchen. Und in manch einer Stunde, die danach kam und nicht ganz glatt war und Nachdenken erforderte und Ansichhalten und Klugheit und Selbstzucht – wem im Leben blieben solche Stunden erspart? – da hat ihnen das Gedenken an die Worte den rechten Weg gewiesen: Werdet wie das Jungchen!

Immer, immer hat ihnen Klein-Muttchens Beispiel vorgeleuchtet und sie haben danach getan.

Und Assessor Paul und Assessor Heinz sind glücklich geworden, wie Vater Klaus Zeit seines Lebens es gewesen ist. Wie Klein-Muttchen, Muttchen Friedel, Papa Poltens »Jungchen« ihn gemacht hat. – – –

»Zu Tisch!« bitten die Lohndiener feierlich, würdevoll. Feierlich, würdevoll ordnen sich die Paare. Feierlich, würdevoll sind die Mienen.

»Zu Tisch! Bitte, zu Tisch!« ruft da Muttchen Friedel mit der hellen klingenden Stimme. Und alsbald blitzt ein froher Schein über die Gesichter, das Behagen, das sonst stets auf Rödershof als Gast mit zu Tische sitzt, hält Einkehr.

Froh geht's zu an Lus und Lis Hochzeitstafel und laut geht's zu. Lu und Li selbst sind keine stumm-seligen Bräute, nein, sie geben ihrem Glück recht herzhaft Ausdruck.

»Muttchen,« hatte Lu gesagt, »den Kopf brauchen wir drum doch nicht hängen zu lassen, weil's unsere Hochzeit ist, brauchen wir? Gehört das zur Würde, he?«

»Behüte,« hatte Li gelacht, »fidel dürfen wir sein, kreuzfidel, was, Muttchen?«

Klein-Muttchen hatte sinnend genickt. »Der Ernst kriegt euch drum doch am Wickel, Lu, Li!«

Das hatte er getan. Heiligen Ernstes voll waren die jungen Herzen in der Kirche gewesen. Waren es noch im Grunde auch jetzt, hier, an der frohen Tafel. Aber der Frohsinn wollte nun doch auch sein Recht und sollte es haben.

Nach dem Braten hat der Geistliche noch einmal das Wort ergriffen und noch einmal hat die gute alte Stimme allerhand Gutes und Freundliches zu Lu und Li gesprochen.

Denen ist nicht sehr wohl bei der Sache. Lu namentlich rutscht ganz geängstigt auf ihrem Stuhl hin und her.

»Festhammel sein, ist was Gräßliches,« raunt sie dem Assessor Heinz zu und der sieht sie neckend an.

»Mir ist ganz wohl dabei!«

»Mir auch,« lacht Li, der Vorwitz. »Einmal im Leben zu seinem Recht kommen, ist auch was Nettes. Was nachher kommt –« Und sie blinzelt dem Assessor Paul zu, daß der lachen muß und sie gern am Ohr gezogen hätte, wenn das angegangen wäre. Sie haben angestoßen reihum. Alle haben ihnen die Gläser entgegengebracht.

»Auf ein glückliches Leben denn!« Das waren die letzten Worte des alten guten Mannes gewesen.

Und nun steht Vater Klaus auf, schlägt ans Glas. Schier beschwörend sehen ihn Lu und Li an, haben rote heiße Gesichter schon im voraus.

»Mach's kurz, Väterchen, ja?« fleht Lu.

»Laß sein, Väterchen,« fleht Li.

Der lacht bloß und schlägt noch einmal und noch lauter ans Glas.

Und sagt seinen Kindern ein Abschiedswort, das sie alle Scheu vergessen läßt und ihr Herz zum Rande mit Freude füllt und mit Stolz.

»Und seid ihnen gut und haltet sie gut, denn es sind meine lieben Kinder,« so schließt Vater Klaus und das gilt dem Assessor Paul und dem Assessor Heinz. Die heben ihm stumm die Gläser zu.

Und jetzt drängt eine Rede die andere. Eine wahre Redewut scheint über alle gekommen. Lu und Li nehmen es jetzt nicht mehr so schwer, heute die Hauptrolle zu spielen. Man gewöhnt sich an alles.

Am meisten Erfolg hat schließlich Herr von Ellern mit seiner Rede.

»Hä, hä, hä,« meckert er, daß ihm sein gewaltiger Magenvorsprung auf und ab schwankt. »Hä, hä, hä, Friedel Polten und ihre Rangen!«

Das war kurz und gut gesagt. Und ein gewaltiger Jubel setzt ein: »Friedel Polten und ihre Rangen! Friedel Polten und ihre Rangen!«

Am lebendigsten sind da Lutz und Fritz. Jedem reichen sie ihr Glas entgegen. Freuderot heimsen sie den schuldigen Tribut ein, denn bei den »Rangen« sind sie doch entschieden mit inbegriffen. Und bis jetzt ist es ihnen ihres Wissens in ihrem jungen Leben noch nicht passiert, daß ein Hoch auf sie ausgebracht wurde. Es müßte denn bei der Taufe gewesen sein und davon haben sie nicht viel Erinnerung.

Sie tuscheln lebhaft. Elfi Echtern und die dicke Suse, die in ihren weißen Kleidchen sehr nette kleine Brautjungfern sind, scheinen mit im Komplott. Sie zerren und stoßen an Lutz herum, wollen ihn sichtlich zu etwas zwingen, wogegen er sich sträubt.

Da kriegt Fritzel sein Messer zu fassen und schlägt so kräftig ans Glas, daß alles verstummt und das Glas in Stücke geht.

Hilflos schaut Fritzel zu Klein-Muttchen hin. Aber die winkt und lacht. Klein-Muttchen lacht, da haben die Scherben nichts zu bedeuten. Stolz, ob der vollbrachten Heldentat, setzt sich Fritzel auf seinem Stuhl zurecht.

»Na nu?« sagt Vater Klaus und sieht ihn fragend an. Und er weist auf Lutz und setzt sich fester.

Lutz aber steht, kerzengerade, hochaufgerichtet, hat den Kopf hintenüber geworfen, ist aber sehr blaß. Er schlägt erst noch ein, mal rechts und links aus, Elfi und Suse haben ihn im Übereifer noch einmal angestoßen, und dann steht er wie ein Mann.

In die große Stille hinein sagt er: »Ich wollte sagen – ja, ich wollte sagen –« er schluckt ein paarmal und ist womöglich noch blasser, aber dann gibt er sich einen Ruck, steht wie ein Held – »sagen wollte ich, daß wir danken, ich meine, wir Rangen, weil ich doch der einzige Mann –«

»Ho, ho,« keift Fritzel und fährt krebsrot auf.

»Der älteste Mann drunter bin,« verbessert sich Lutz und sieht Fritzel von seiner Höhe herunter verweisend an. »Nämlich, weil Mädels nicht reden und Fee und Lu und Li – – und Fee und Lu und Li – –« Lutz sitzt fest. Es fällt ihm plötzlich ein, daß Lu und Li vor dem Altar gestanden haben. Und Männer haben, also keine Mädels mehr genannt werden können. Er ist sehr rot jetzt, hilflos sieht er um sich.

»
Mulier taceat in ecclesia, willst du sagen, mein Sohn. Also weiter!« Vater Klaus erbarmt sich seines Ältesten.

Lutz ist Lateiner genug, die Hilfe zu würdigen. Ein glühend dankbarer Blick gilt dem Vater. Und dann spricht er wieder: »Und ich wollte auch für Klein-Muttchen danken, weil – na ja, Vater hat's ja gesagt« – es widerstrebte ihm doch, sich mit den fremden lateinischen Federn zu schmücken – »und wollte sagen, daß wir alle unser Muttchen so lieb haben und furchtbar stolz darauf sind, weil es nirgends wieder solch ein Muttchen gibt und – und –«

Brausender Jubel schneidet ihm das Wort ab. Er ist ganz verblüfft ob dieser Wirkung und dann sehr gehoben, sehr stolz.

Und Klein-Muttchen faßt ihn beim Schopf, ehe er sich wenden kann, Gott weiß, wie sie da plötzlich hinter ihn gekommen ist.

»Lutzi,« sagt sie, »mein Lutzi!« Und küßt ihn und hat Tränen in den Augen. Und er schämt sich kein bißchen, daß er geküßt worden ist, vor aller Augen.

Und Vater kommt und schüttelt ihm die Hand wie einem Mann und sieht sehr froh aus und so gut.

»Bravo, mein Sohn,« sagt er, »das hast du recht gemacht.«

Keine Ehrung späterhin im Leben – und Freund Lutz ist manche zu teil geworden, denn er hat seinen Plan wahr gemacht, hat als Weltreisender und Naturforscher der Wissenschaft manch rühmlichen Dienst geleistet – keine Ehrung hat ihn späterhin so gefreut und erhoben, wie dies Lob des Vaters.

Was seine Worte für Klein-Muttchen bedeuten, warum sie ihr die Tränen, Freudentränen, in die Augen getrieben haben, kann er erst dann ganz ermessen. Und so lang er atmet, hat er sie im Herzen getragen, die Worte: »Daß wir alle unser Muttchen so lieb haben und furchtbar stolz drauf sind, weil es nirgends wieder solch ein Muttchen gibt.«

Was der Knabe fühlte und sagte, fühlte und sagte der Mann Zeit seines Lebens – Zeit seines Lebens! –

Wie Lutz' Worte solchen Sturm entfesselt haben, daß alles unter-, durch- und miteinander lacht, schreit, jubelt und gestikuliert, da setzt plötzlich mit Tusch Musik von der Terrasse hei ein.

»Musik!« ruft Lu.

»Musik!« jauchzt Li. »Woher? Woher?«

Und sie lassen von Klein-Muttchen ab, das sie eben zum so und so vielten Male – immer, wenn just ein anderer es freigibt – streicheln, liebkosen und küssen müssen.

Und sie stehen auf der Terrasse und sehen dort eine Militärkapelle aufgestellt. Die heben just die Instrumente. Der Hochzeitsmarsch jauchzt in die blaue Luft. Ein Vetter der Westerns, ein Offizier, der in der nächsten Stadt in Garnison steht und auch bei der Hochzeit ist, hat die Überraschung ersonnen.

Lu und Li strahlen. Sie fassen sich an den Händen.

»Polonaise!« lacht Lu.

»Polonaise!« lacht Li.

Assessor Paul und Assessor Heinz wollen kraft ihres Rechts die Führung der beiden übernehmen. Flehende Blicke lassen sie davon abstehen.

So gehen Lu und Li Hand in Hand voran.

»Einmal noch,« hat Lu gesagt.

»Nur diesmal noch,« Li.

Da folgen die beiden jungen Gatten lachend, Seite an Seite.

Rasch schließen sich die anderen paarweise an. Unter Vorantritt der Musik geht der Zug durch den Park, her und hin, hin und her.

Fee ist auf der Terrasse zurückgeblieben. Ihr zur Seite ihr Tischnachbar, ein, junger Arzt, auch ein Vetter der Westerns.

Es ist ein ernster Mann. Fees Aufforderung, sich doch dem Zug anschließen zu wollen, hat er ruhig und entschieden abgelehnt. »Ich bleibe lieber hier.«

Da hat Fee geschwiegen und hat froh und still dem Zug nachgeblickt.

»Sie versprechen mir also, gnädiges Fräulein, in unsere Klinik kommen zu wollen. Unser Direktor hat schon Wunder erzielt mit seiner Methode. Ich glaube, mich verbürgen zu können, daß er auch Ihnen hilft. Sie versprechen?«

Er hält ihr die Hand hin. Still legt sie die ihre hinein.

»Wenn die Eltern wollen. Ich möchte gern alles tun, gesund zu werden. Das Leben ist schön.«

Er sieht sie still an. »Es ist schön,« sagt er leise.

Da kommt der Zug zurück und lautes, lachendes Leben füllt die Terrasse.

Rundtänze folgen der Polonaise. Alt und jung nimmt daran teil.

Großpapa Polten ist von der dicken Suse aufgefordert worden und fühlt sich ganz geschmeichelt. Elfi hat sich den Professor Western geholt. Lutz dreht sich mit Tante Lenchen im Arm und Fritzel hat Klein-Muttchen erobert, was ihm Herr von Ellern meckernd streitig macht.

Kurz, es ist ein tolles, frohes Durcheinander. Tanz folgt auf Tanz.

Und zwischenhinein kommen allerhand lustige kleine Szenen zur Aufführung, Anspielungen auf tolle Streiche der kleinen Bräute.

Die lachen am vergnügtesten.

»Übertrieben ist's aber doch,« lacht Lu.

»Ganz so toll waren wir nicht,« lacht Li. Beiden ist, als müßten sie den Assessor Paul und den Assessor Heinz etwas beruhigen.

Die scheinen das aber gar nicht nötig zu haben, sie sehen sehr wohlgemut aus.

Während sich wieder einmal alles im Tanze dreht, kann man in einer Ecke der Terrasse eine Gruppe beobachten, wo etwas sehr eifrig verhandelt wird.

Fee ist der Mittelpunkt. Vater Klaus und Muttchen Friedel stehen vor ihrem Stuhl. Auch Tante Lisa und Onkel Werner. Der junge Arzt, der schön zuvor an Fees Seite war, hat das Wort und scheint etwas sehr eifrig zu verfechten. Offenbar stimmen ihm alle zu. Jetzt schüttelt ihm Vater Klaus die Hand.

»Es soll ein Wort sein,« sagt er. »Im Frühjahr bringen meine Frau und ich unsere Tochter in die Klinik nach Heilburg. Was, Fee?«

Und die nickt still und ihre Augen leuchten. – –

Inzwischen will ein frühes Herbstdämmern schon hereinbrechen. Aber es ist mild wie in einer Sommernacht, kein Lüftchen regt sich. Nun werden Ketten von Lampions entzündet, alle rosa und weiß. Im Geäst der Kastanien glänzen sie in rosigem Schein. Es ist ein eigenartig schönes, festliches Bild.

Lu und Li namentlich können sich nicht sattsehen.

»Alles uns zu Ehren, Lu!«

»Verdienen wir gar nicht, Li!«

»Weshalb, du?« Li reckt sich.

»Na, ich meine nur so,« beschwichtigte Lu.

Assessor Paul und Assessor Heinz lachen.

Muttchen Friedel hat ein kaltes Büfett bereitstellen lassen.

Ein Trompetenstoß ruft die im Park unter den rosigen Lampions verstreute Gesellschaft zusammen und Muttchen Friedel fordert zur Benutzung des Büfetts auf.

»Weiß immer, was nottut, das kleine Frauchen,« meckert Herr von Ellern. »Hä, hä, hä, hä. Keine zweite läuft so unter der Sonne herum.«

Papa Polten, der just neben ihm steht, klopft ihn so auf die Schulter, daß Herr von Ellern unter einem schmerzlichen: »Donnerwetter!« fast zusammenknickt.

»Donner und Doria, Mensch, alle Achtung! Wüßt gar nicht, daß Ihr Herz so auf dem rechten Fleck ist. Ja, das Jungchen, das Jungchen! Dem reicht keine das Wasser, basta!«

»Basta!« meckert Herr von Ellern und reibt sich die Schulter. Schielt ganz ängstlich nach des Freundes Händen, bereit, zur Seite zu springen, wenn die sich regen.

Als die Gesellschaft noch im besten Tun sich am Büfett drängt, prasselt es draußen.

Lu und Li recken die Hälse, spitzen die Ohren.

»Feuerwerk?« fragt Lu.

»Feuerwerk!« nickt Li.

Und sie stehen schon auf der Terrasse. Alle drängen nach.

»Was ist das?« hat Vater Klaus gesagt und aufgehorcht. Die Sache ist auch ihm Überraschung.

Auf dem Rasen vor der Terrasse huschen drei Gestalten hin und her. Muttchen Friedel, die sich das Erdbeerfarbene hochgesteckt hat, Lutz und Fritz. Hier dreht sich ein Feuerrad und dort strahlt eine goldene Sonne auf, wie sie so hin und her huschen.

»Aha,« lacht Vater Klaus, »nun weiß ich Bescheid. Klein-Muttchen wollte mal wieder ihre Söhne vor Unfug hüten. Ha, ha, ha, ha!«

Er geht, seine Hilfe anbieten. Aber eifrig weist ihn Muttchen Friedel ab.

»Das ist unsere Sache, was, Lutzi, Fritzel? Zahlen wir die Zeche, wollen wir auch den Ruhm.«

»Allemal,« sagt Lutz.

»Und ob!« nickt Fritzel. Beide sind schwarz wie die Neger von Rauch und Pulverdampf. Viel besser sieht auch Klein-Muttchen nicht aus. Aber ein Hinweis darauf, den Vater Klaus schüchtern vorbringt, rührt sie gar nicht.

»Wofür wär' Wasser und Seife da, he, Klaus? Lu und Li haben bloß einmal Hochzeit. Los, Lutz, Fritz!«

Ein Schwärmerkasten prasselt los. Vater Klaus muß sich eilig zurückziehen.

»Erbarm dich,« sagt Tante Lenchen, die ihm von der Terrasse her entgegen trippelt, »und die neue Seide? Das Unglückskind. Herr Neffe, dies Unglückskind!«

Vater Klaus bietet ihr galant den Arm.

»Lassen Sie sein, Tantchen, wir kaufen ein neues Kleid!«

»Erbarm dich! Natürlich, wo man jemand so verwöhnt – manche Menschen lernen eben nie zu – ich – ich wasche meine Hände in Unschuld.«

Das hat Tante Lenchen lange nicht gesagt.

Ein allgemeines, staunendes »Ah!« überhebt Vater Klaus der Antwort.

Er sieht, wohin alle sehen, zum nachtdunklen Herbsthimmel auf.

Zwischen die leuchtenden, strahlenden Sterne haben Muttchen Friedel, Lutz und Fritz etwas Leuchtendes, Strahlendes hingezaubert.

»Lu und Li! Hurra!« funkelt und blitzt es da in riesengroßen Lettern. Und »Lu und Li! Hurra!« schallt es unten aus allen Kehlen.

Dann erlischt's am Himmel und die Rufe verstummen.

Es war das letzte, das Haupt- und Glanzstück des Feuerwerks, das Muttchen Friedel und ihre Söhne Lu und Li zu Ehren veranstaltet haben.

Schwarz, wie sie sind, unbekümmert um manch scheues Zurückweichen, haben die drei erst doch das fällige Lob eingeheimst. Sind dann, zumeist auf Tante Lenchens Drängen, gegangen, sich zu reinigen.

Eine gewisse Abspannung kommt danach über die Gesellschaft. Oder ist's, weil der Mond jetzt so groß und so feierlich und so still hinter den Waldbergen auftaucht? Als ob er nachsehen wolle, welchen Unfug mit Feuer und Funken eigentlich die kleinen Menschlein da unten sich erlaubt haben. Wo er doch im Anzug ist und kommt, Alleinherrscher zu sein, groß und voll und still und feierlich! Er, vor dem selbst die Himmelssterne erbleichen!

Oder liegt das über allen jetzt, was doch das Ganze bedeutet – ein Abschiednehmen?

Lu und Li sind verschwunden. Auch Assessor Heinz und Assessor Paul sind nicht mehr zu sehen. Und alle, die den vieren nahestehen. Dort verschwinden eben Tante Lisa und Fee, Arm in Arm.

Vom Hof klingt Peitschenknallen, immer drängender, immer auffordernder. Und jetzt hört man einen Wagen um die Hausecke rollen und vor der Freitreppe vorfahren.

Dorthin ziehen sich nach und nach alle, ohne es verabredet zu haben und doch wie auf Verabredung.

Oberleutnant Western, der Vetter der beiden Hochzeiter, hat auch die Musik dort in einer Ecke aufgestellt.

Zu beiden Seiten der Freitreppe lohen Pechfackeln. Sie werfen ihren Schein über die frohen Gesichter der Freunde, über das Haus, von dem Lu und Li nun Abschied nehmen sollen, über den Wagen, der sie dem neuen Leben zuführt.

Und da stehen die beiden oben an der Treppe, schlank und rank und jung und anmutig in ihren grauen Reisekleidern, denen das weiße Festgewand Platz hat machen müssen.

Von Tränen naß sind die braunen Augen – Abschied tut weh. Aber ein mutiges Leuchten ist drin und ein glücklicher Schein.

So lösen sie sich von der Gruppe der Ihren, die oben zusammengedrängt stehen bleiben, als wolle einer dem anderen Halt sein.

Von den jungen Gatten geleitet kommen Lu und Li über die Treppe des Elternhauses herab – zum letzten Male in ihrem Mädchenleben – zum letzten Male als dem Haus allein zugehörige Kinder.

Unten drängen die Freunde herzu, Handeschütteln, Umarmen und Küssen. Warme Worte, neckende.

Und dann sitzen Lu und Li im Wagen. Assessor Paul und Assessor Heinz steigen hinterher. Der Schlag fällt zu. Johann knallt mit der Peitsche. Die Pferde ziehen an, setzen sich in Trab.

Tücherschwenken, Hochrufen. Mit Tusch fällt die Musik ein. Geht dann in den Hochzeitsmarsch über, als eben der Wagen zur Steinbrücke einbiegt, die zum Wiesengrund führt und zur Landstraße und in die weite – weite Welt.

»Halt!« ruft's da vom Hause her, »halt!«

Hell übertönt die Stimme selbst das Schmettern der Musik.

Der alte Johann hat's gehört und wendet sich grinsend. Er kennt die Stimme. Und er zieht die Zügel an, die Pferde stehen.

Vom Hause her fliegt Muttchen Friedel durch die Wiesen. Hochgeschürzt hat sie wiederum das Erdbeerfarbene und ihre Füße berühren den Boden kaum. Lutz und Fritz, die hinterher traben, bleiben weit hinter Klein-Muttchen zurück.

Die ist auf dem Wagentritt oben, streckt den Kopf in den Schlag und die Arme dazu.

Was sie da will, braucht keiner zu wissen. Es dauert auch nur ganz kurz. Und Muttchen Friedel springt vom Tritt und fliegt zurück, wie sie gekommen ist.

Wischt sich dazu energisch was aus den Augen, was keiner zu sehen braucht.

Davon rollt der Wagen.

Lutz und Fritz, die nicht einmal bis dahin gelangt sind, sehen mit offenem Mund Klein-Muttchen schon wieder auf dem Rückweg an sich vorbeifliegen. Machen recht dumme Gesichter.

Klein-Muttchen aber fliegt geradewegs in Papa Poltens Arme, weil der sie ihr entgegenstreckt und zuvörderst oben an der Treppe steht.

»Hab' die Kinder nochmal küssen müssen, siehst du, Papachen,« sagt sie und lacht ein bißchen und weint ein bißchen.« »Drum bin ich so wie toll dahingefegt. Hab' wirklich nicht anders gekonnt, Klaus. Verzeih!«

Dem streckt sie die Hand hin und sieht ganz scheu und schuldbewußt drein. Ihr ist, als ob sie sich entschuldigen müsse. Das Gefühl ihrer Mutter- und Hausfrauenwürde mahnt. Und Vater Klaus hält die Hand, die sie ihm reicht, ganz fest und gibt sie nicht frei.

Papa Polten aber hält Klein-Muttchen im Arm und lacht – lacht – lacht.

Dazu streicht er ihr über den Kopf und das braune Gesicht immerzu, immerzu. Und wie er zu Atem kommt, sagt er: »Bleibt eben das Jungchen – mein Jungchen – bis es Großmutter ist. Und Deubel auch – Gott sei Dank! Basta! Ha, ha, ha, ha!«

»Konrad,« mahnt Tante Lenchen. »Erbarm dich, Konrad!«

»Deubel auch, alte Lene, und Gott sei Dank, sag' ich. Basta! Ha, ha, ha, ha!« lacht der alte Mann noch einmal.

Und die ganze Hochzeitsgesellschaft stimmt vergnügt mit ein.

Noch einmal lockt die Musik. Noch einmal drehen sich die Paare. Rödershof feiert das Fest zu Ende.

Durch die Nacht hin aber rollt der Wagen, der Lu und Li, Muttchen Friedels geliebte Rangen, dem neuen Leben entgegenführt.