Das Rätsel von Grünweide

Erstes Kapitel: Im Gewitter

Über dem stattlichen Dorf Grünweide stand ein schweres Gewitter. Gegen Abend war es. Der schwarze Himmel wurde immer wieder von feurigen Blitzen zerrissen, ohne daß ein lösender Regen Erfrischung brachte. Alle Bewohner des Dorfes hielten sich still in ihren Häusern, nachdem die Tagesarbeit auf dem Felde beendet war, oder sie sahen im Stall nach dem unruhigen Vieh.

Auf dem großen Gutshof waren alle Türen der Wirtschaftsgebäude geöffnet, die Pferde losgemacht, ja sogar die Feuerspritze schon aus dem Schuppen gezogen, und was dergleichen Vorkehrungen sind, die in ländlichem Betrieb beobachtet werden müssen in Sorge vor drohender Feuersgefahr.

Der junge Gutsverwalter, der die abwesende Herrschaft vertrat, wanderte in hohen Wasserstiefeln unablässig über den Hof, nach allem sehend und überall Hand mit anlegend. Eine merkbare Unruhe stand in seinem offenen, hübschen Gesicht, das man sonst kaum anders kannte als mit dem Ausdruck ruhiger Entschlossenheit. Um den blondbärtigen Mund, von dem die Leute des Dorfes wie die Hofknechte so gern und willig bestimmte Weisungen oder Ratschläge entgegennahmen, zuckte es heute oft; ja, als ein besonders lang hinrollender Donner die Fenster des kleinen Verwalterhauses klirren ließ, wandte sich der Eifrige mit jähem Ruck dorthin, wo hinter den Scheiben das ebenfalls unruhig gespannte Gesicht einer alten Frau zu sehen war, die eben die Hände faltete, als wollte sie des Himmels Schutz anrufen.

Kein Wunder, daß sowohl der junge Verwalter wie seine Mutter, sonst zwei unerschrockene, zielbewußte Naturen, sich heute mehr erregten als sonst, bei den bekannten Erscheinungen und Nebenumständen eines Gewitters am Abend. Hatte man doch in Grünweide während dieses Sommers schon dreimal die Feuerglocke geläutet und sehr böse Stunden der Gefahr mit erheblichem Schaden in der Folge durchgemacht. So war es begreiflich, daß auch ein Mann ohne Nerven, wie Hermann Matersen sich sonst zu nennen pflegte, jetzt wieder das Wimmern der Glocke im Ohr zu haben meinte und jeden Augenblick das Aufglimmen einer Flamme zu sehen glaubte.

Eben näherte er sich den beiden hohen Pappeln am Eingang des Hofes, da konnte die Mutter am Fenster es nicht länger mit ansehen. Sie stieß den einen Fensterflügel auf und rief so angstvoll den Namen des Sohnes, daß dieser sich rasch umkehrte und sie beruhigte, besonders da nunmehr auch die ersten lösenden Tropfen fielen.

»Mutting, Mutting,« rief er und hob beschwichtigend die Hand, »es zieht schon ab; wir kommen heut gut davon.«

»Gott gebe es,« sagte die alte Frau. »Nun fängt es ja auch an zu regnen! Aber mein Jung,« fuhr sie lebhaft fort, »unter den hohen Pappeln kann ich dich nicht sehen; du weißt wohl: ›Der Blitz schlägt eher in die Türme als in die niederen Hütten ein,‹ pflegte Großmutter zu sagen –«

Da lachte der Sohn erleichtert. »Mein Mutting hat schon wieder einen kleinen Spruch bei der Hand – dann ist die Gefahr vorbei. Da will ich jetzt zu dir in unsere niedere Hütte kommen.«

Sie empfing ihn an der Tür. »Gottlob, es regnet! Und nun schilt nur nicht zu sehr! Du weißt, dein Alting ist doch sonst nicht gerade ein Banghase, aber wer das durchgemacht hat wie wir in letzter Zeit, der –«

Der Sohn strich ihr liebevoll über das faltige Gesicht.

»Gewiß, Mutting, der sieht im Geist immer das Feuer.«

»Ach, und wäre es nur damals Blitzschlag gewesen! Da dächte man, unmittelbar vom Himmel fällt das Feuer – Gott schickt es und wir müssen es nehmen; aber so –«

»Komm, komm, Mutting; es ist ja vorbei,« beruhigte der Sohn, aber sie sah ihn an und klagte: »Ach, wenn es nur wirklich vorbei wäre – das, was ich meine – was noch immer kein Ende hat. Die Redereien meine ich.«

»Schlimm ist und bleibt es ja,« sagte Hermann finster, »daß ich am Abend des unseligen Brandes allein auf dem Hofe war, daß ich jene Hochzeit im Dorfe nicht mitmachte. Da habe ich mir durch die Absage in dem August Bantzkow, der mir schon immer nicht wohlwollte, einen entschiedenen Feind geschaffen.«

Die Mutter seufzte.

»So ist der Kleine unserer armen Hermine in aller Unschuld dir zum Verhängnis geworden. Hätten wir nicht gerade an dem Tage die Nachricht von dem Tode des süßen Kindes erfahren, und wärst du nicht solch guter Sohn, der seine alte Mutter mit ihrem Kummer nicht allein lassen mochte, dann wärst du auch ins Dorf zum Tanz gegangen, und niemand hätte es wagen können, dich mit der unseligen Geschichte in Zusammenhang zu bringen.«

»Ja, Mutting,« sagte Hermann schwermütig, »aber es kommt eben alles, wie es kommen soll!«

»Ja, mein Sohn, und wenn es Gottes Wille so war, müssen wir glauben, daß er auch noch Wege finden kann, all dies Verworrene aufzuklären.«

In diesem Augenblick meldete sich der Statthalter; so konnten Mutter und Sohn nicht weitersprechen. Frau Matersen ging ins Nebenzimmer, wo das Abendessen eben aufgetragen wurde; still setzte sie sich ans Fenster und wartete. Es war ihr heute wieder so in die Glieder gefahren; sie mußte sich wirklich ein bißchen ausruhen. »Man wird alt,« sagte sie vor sich hin, und dann stiegen die Bilder der letzten Zeit noch einmal vor ihr auf. Der gewaltige Feuerschein über dem Hof und der ganzen Umgebung, der brennende Schafstall, die qualvoll blökenden Tiere – die arbeitenden Menschen, und Hermann, ihr Hermann mitten dazwischen, immer da, wo die Gefahr am größten schien! Wie verzweifelt war er wiederholt in den Stall gedrungen, trotz der schon stürzenden Balken, mit eigenen Armen ein paar der gemarterten Tiere rettend, die ihm entgegendrängten. Aber was waren die wenigen gegen die schöne Herde von fünfhundert Stück?

Und noch immer keine Spur, nicht der geringste Anhalt, wie das Feuer ausgekommen sein konnte! Und das eben war das Schlimme, hatte so furchtbare Folgen nach sich gezogen, unter denen die alte Frau noch heute schauerte. Ihren Hermann, ihren einzigen, prächtigen Sohn, hatte man vor Gericht gefordert, ja sogar in Untersuchungshaft geführt, weil er nicht beweisen konnte, daß er zu der Zeit, als das Feuer ausbrach, abwesend vom Hofe war, weil er vielmehr, wie andere bezeugen mußten, sich gegen Abend eine Zeitlang fast allein dort befunden hatte. Das schon genügte, einen unbescholtenen Mann nicht vor der Möglichkeit eines so niederen Verdachtes zu schützen, das – das –

Die alte Frau fuhr trotz der eben gefühlten Schwäche hoch empor und fing an, hin und her zu gehen; die Empörung war zu groß, und damit kam die gewohnte Regsamkeit zurück. Sie lief nach der Tür und rief: »Hermann, kommst du denn gar nicht? Das Essen wird kalt – ach so –!«

Sie sah noch jemand im Zimmer, einen uniformierten Boten, und der Sohn hielt ein Telegramm. Wieder wollte sie sich erregen, aber Hermann wandte sich ruhevoll zu ihr.

»Die Herrschaft kommt morgen, Mutting. Gut, daß wir so einigermaßen wieder in Ordnung sind! Am Herrenhause wenigstens sieht man nichts mehr, weil es mehr Wasser von der Spritze als Feuerschaden war.«

»Ja, aber nun soll man bei nachtschlafender Zeit noch die Zimmer zurechtmachen,« eiferte die alte Frau; doch der Sohn begütigte: »Das soll man eben nicht, Mutting! Darum gerade telegraphiert ja der Herr heute, damit morgen früh vor der ersten Post mit den Vorbereitungen begonnen werden kann. Erst am Nachmittag sind sie hier.«

»Noch nicht zu Tisch? Das ist sehr gut, ich habe ja gerade Wäsche.«

»Davon brauchte weiter nicht die, Rede zu sein,« fiel Hermann lächelnd ein, »mein Mutting hat trotzdem morgen alles zur rechten Zeit in Ordnung – das weiß ich.«

»Ja, ja, aber ein seines Mittagessen will vorbereitet sein,« beharrte Frau Matersen, »die Zimmer freilich, das schaffen wir wohl.«

»Lotte kann dir ja helfen.«

»Hm, das arme Ding! Am ersten Ferientag möchte sie wohl ausschlafen und dann ein bißchen herumlaufen.«

»Na na,« erwiderte Hermann gutmütig, »allzu arg wirst du sie ja nicht gleich anspannen; da kenne ich doch unsere Mutter. Scheuern wirst du sie nicht lassen, aber ein wenig Bewegung ist ihr nur gut nach all dem Festsitzen bei den Büchern. Armes Ding, möcht' ich zu diesem Stillhocken sagen. Aber sie will es ja nicht anders.«

»Laß sie nur, Hermann, es ist ja gut, wenn sie was lernt. Als Wirtschafterin etwa hier auf dem Gutshof, das möchtest du doch selbst nicht.«

»Nein – weil sie sich gar nicht dazu eignet. Wo steckt sie übrigens?«

»Hinausgelaufen ist sie, gleich nach dem Gewitter; so wunderschön sei es jetzt, sagte sie.«

»Und wunderschön ist es auch,« klang eine helle Stimme vom Hof her.

Eine junge, schlanke Gestalt schwang sich von außen auf das Fensterbrett und von da mit einem Satz ins Zimmer. Die Mutter wollte ein wenig die Stirn runzeln, der Bruder aber rief: »Bravo, Lotte! Turnen Nummer eins, scheint mir.«

Das Mädchen lachte frisch.

»Du kannst noch ganz anderes erleben; Klettern und Turnen wirklich eins! Wär' ich nur hier gewesen bei dem Feuer, wie hätte ich beim Löschen geholfen!«

Aber die Mutter unterbrach: »Wünsche dir das nicht, Kind, daß du die schrecklichen Abende hier mit durchgemacht hättest! Das vergißt man nie.«

»Mag sein, Mutter! Aber ich kann mir nicht helfen: ich wäre doch gern hier gewesen, hätte all das Spüren und Forschen nachher mit durchgemacht. Wer weiß, ob ich nicht irgend was entdeckt hätte!«

»Bilde dir nichts ein,« sagte die Mutter streng. »Was die Herren vom Gericht, die Versicherungsbeamten und sonstige erfahrene Leute nicht herausfinden können, was –«

Aber Lotte unterbrach wieder.

»Einmal muß es doch heraus!« sprudelte sie heftig hervor. »Das geht nicht an, daß Hermann nur entlassen wird wegen mangelnder Beweise – Männe, daß wir das erleben müssen, mit dir, unserem Stolz und Abgott!«

»Vielleicht war ich das für euch eben zu sehr und soll es nicht mehr sein!«

»Ach, Hermann!« Voll Zärtlichkeit schlang Lotte die Arme um den Hals des Bruders; dann führte dieser, sich sacht losmachend, die Stürmische ins Eßzimmer, wo die Mutter eben die Lampe angesteckt hatte, denn es war inzwischen so spät geworden, daß man nicht mehr, wie sonst an Sommerabenden, ohne Licht zu Tisch gehen konnte.

Die Geschwister saßen nebeneinander, und die Mutter konnte wohl mit Freude auf die beiden jungen Gestalten blicken, die einander zwar wenig ähnlich sahen, aber beide den Eindruck frischer Kraft und Gesundheit machten. Hermann war ja ausgesprochen blond, Lotte dagegen ein rechtes »nußbraunes Mägdlein«, wie es in manchem alten Liede heißt. Braun die Augen, mit einem Goldtupfen drin, braun die an den Schläfen gekrausten Haare, die langen Zöpfe, und bräunlich auch die Haut des freundlich gebildeten Gesichts. Ja, auch die Hände waren dunkler, als man es von einer jungen Stadtpensionärin eigentlich erwarten sollte.

Der große Bruder beobachtete sie mit Vergnügen, wie sie so frisch und lebhaft sich bewegte und mit gesundem Hunger die festen weißen Zähne in das kräftige Landbrot setzte. Trotzdem konnte sie von dem Thema »Feuer« noch nicht recht abkommen, bis Hermann leise warnte: »Rege Wutter nicht immer wieder damit auf, Kleine! Höre lieber, was für Nachricht ich eben bekommen habe. Morgen treffen die Herrschaften ein.«

»Ei fein! Hoffentlich nicht bloß der Geheimrat und das alte Fräulein? Nelli wird doch endlich mal wieder dabei sein?«

»Das weiß ich nicht.«

»Das wäre ja großartig für die Ferien!«

»Na, Lütting, freue dich nicht zu früh! Zwei Jahre habt ihr euch wohl nicht gesehen; da ändert sich manchmal allerlei.«

»Ach geh, Männe! Du unkst mal wieder; was sollte sich ändern? Nell ist ebenso wie ich zwei Jahre älter geworden, aber mit meinen siebzehn stehe ich ihr keineswegs nach.«

»In dem Punkt nicht, aber vielleicht in anderer Hinsicht,« versetzte Hermann; es sollte scherzend klingen, doch seine Miene war viel zu ernst. So nahm Lutte ihn beim Ohr und schalt zärtlich: »Alter Schwarzseher! Ist dieser Zug seit den Tagen dieses greulichen Brandunglücks in dich gefahren?«

Zweites Kapitel: Was die Leute sagen

Am nächsten Tage fuhren zwei Wagen zur Bahn, die Herrschaft zu holen.

»Ein Fuhrwerk allein für das Gepäck? Also Dauerbesuch!« frohlockte Lotte und tummelte sich vergnügt neben der Mutter in den Räumen des stattlichen Herrenhauses, jede Gelegenheit zum Aufsteigen und Klettern wahrnehmend, bis alles in schönster Ordnung war.

Indessen näherte sich bereits der geschlossene Wagen, der den Geheimen Kommerzienrat Menkhausen brachte nebst dem Fräulein Philippine von Selchow, die ihm schon etliche Jahre, seit dem Tode seiner Frau, den Hausstand führte oder vielmehr in seiner Villa »repräsentierte«, wie sich die Dame vornehmer ausdrückte. Eleonore oder Neil jedoch, die einzige Tochter des Kommerzienrats, war nicht zu bewegen gewesen, mit in den »muffigen Glaskasten« zu steigen, wie sie sagte. Vergnügt sah sie auf dem Gepäckwagen und kutschierte selbst.

»Muß doch mal sehen, ob ich's noch kann, Jochen,« hatte sie lachend gerufen und dem flachshaarigen Knecht einfach die Zügel abgenommen.

Der zog den Mund von einem Ohr zum anderen und antwortete: »Gnä' Frölen werden das woll noch nich verlernt haben!«

Gar zu schmeichelhaft kam es ihm vor, daß das Fräulein ihn noch bei Namen kannte und sich so munter mit ihm unterhielt. Vor allem fragte sie nach dem Feuer, wie alles dabei zugegangen sei, und wie denn Herr Matersen sich eigentlich bei dieser Geschichte gezeigt habe. Der Knecht lobte nun den Verwalter sehr auf seine Art, wie er beim Retten überall mit zugegriffen, sich auch Brandwunden zugezogen und einen Arm verletzt habe, als er bei den gefährdeten Schafen mehr leistete als selbst der Schäfer.

»Äwer, äwer, vör Gericht hett hei doch müßt,« schloß er, und das junge Mädchen saß mit verworrenen Gefühlen, als nun der Hof in Sicht kam und sie die zerstörten Gebäude sah.

Auch der Geheime Kommerzienrat und Fräulein von Selchow sprachen natürlich von dieser Sache, und sowie der Name Matersen fiel, bemerkte die Dame: »Was ich schon immer sagen wollte, Herr Geheimrat: die Freundschaft mit der Verwaltersschwester muß nun doch wohl möglichst eingeschränkt werden; ich habe es Ellinor bereits angedeutet.«

»Aber warum denn?« fragte Herr Menkhausen verwundert. »Die kleine Matersen war immer ein nettes, frisches Ding und schließlich der einzige passende Verkehr für meine Tochter.«

»Hm, ob sie das noch ist?« versetzte die Dame mit zweifelnder Betonung. »Ellinor selbst wird inzwischen andere Begriffe von standesgemäßem Verkehr bekommen haben.«

»Ach so, – in dieser verflixten Genfer Pension? Na, hören Sie, Verehrteste: ich bin froh, daß das Mädel noch so natürlich und unverbildet geblieben ist!«

»Reichlich natürlich,« seufzte das Fräulein und kam dann nochmals auf das Thema zurück, den Verkehr mit der Verwaltersfamilie in jeder Weise einzuschränken. Besonders jetzt, nach dem, was die Leute von dem jungen Matersen sagten, erschien es doch nur natürlich.

»Liebes Fräulein,« unterbrach der Geheimrat streng, »was die Leute sagen, geht uns gar nichts an. Mein bewährter Verwalter ist mir mehr wert als das Geschwätz übelwollender oder gar beschränkter Menschen. Ich bitte mir aus, daß Sie Nell in dieser Beziehung nichts in den Kopf setzen.«

Doch das war leider schon geschehen. Als jetzt die Kutsche in den Hof fuhr, gleich hinterher auch der Gepäckwagen, und nun der Verwalter mit achtungsvoller Verbeugung herzutrat, da wußte Leonore Menkhausen sich nicht anders zu helfen, als mit kaum merklichem Nicken hochmütig über die zum Helfen ausgestreckte Hand wegzusehen und desto eifriger an Diener und Mädchen ihre Weisungen wegen des zahlreichen Handgepäcks zu geben.

Oben auf der Freitreppe des langgestreckten Herrenhauses war indessen die Mutter des Verwalters erschienen; sie wurde, nachdem Herr Menthausen sie mit herzlichem Händedruck begrüßt, von Fräulein von Selchow mit einer gewissen herablassenden Güte angeredet.

»Nun, meine gute Matersen, kommen wir Ihnen auch nicht sehr ungelegen? Es tat mir leid genug, daß die Anmeldung nicht früher abgehen konnte, jedoch –«

»O bitte, gnädiges Fräulein, das macht ja gar nichts! Ich hoffe, daß gleichwohl alles einigermaßen in Ordnung ist. Belieben Sie nur zu befehlen, wenn etwas anders gewünscht wird.«

Der Verwalter begrüßte Leonore mit einer Verbeugung

Die alte Frau sprach sehr höflich, aber durchaus nicht unterwürfig; Fräulein von Selchow hätte manchmal gern einen etwas anderen Ton gehört von der Mutter des in ihren Augen zu sehr verwöhnten Verwalters. Frau Matersen versah im Herrenhause das Amt einer Kastellanin, wenn die Herrschaft abwesend war; außerdem hatte sie die Oberaufsicht über die große Hofwirtschaft nebst Molkerei, Geflügelzucht, Obst- und Gemüsebau. Zahlreiches Personal hatte sie unter sich, die alte Frau, aber mit Rüstigkeit und Arbeitsfreude stand sie allem vor, ebenso wie ihr Sohn in seinem Fach.

Soeben trat auch dieser ins Haus hinter dem Geheimrat, der ihn aufs liebenswürdigste begrüßt hatte und gerade sagte: »Ich freue mich, lieber Matersen, Sie schon wieder vorzufinden, – dieser kleine Zwischenfall in der Stadt war ein schlechter Scherz, den Sie möglichst bald vergessen müssen – nicht wahr?«

»Ich gebe mir alle Mühe, Herr Geheimrat,« entgegnete Hermann Matersen ernsthaft, »aber –«

Der Gutsherr legte die Hand auf die Schulter des jungen Verwalters und sagte: »Nun, nun, wir sprechen bald über alles! Sie sind jedenfalls zum Abendessen mein Gast.«

Gerade in dem Augenblick schlüpfte Leonore an den beiden vorbei. In Jungmädchenart war sie sofort durch alle Räume gerannt und kam nun wieder im Wohnzimmer an, überrascht, den Vater in so freundlichem Gespräch mit dem Verwalter zu finden.

»Ich dachte,« sagte sie sich im stillen, »dieser Herr Matersen sei in Ungnade gefallen samt seiner ganzen Familie – so wie Tante Pine es hinstellt – na, da soll nun einer klug daraus werden!« Schnell wandte sie sich zum Vater, sowie sie diesen allein sah, und fragte: »Der Verwalter soll mit uns essen, Papa? Das glaubte ich nicht. Damals, als im Kontor die Bücher von Herrn Blech nicht stimmten, wurde er doch von uns kaum noch angesehen.«

»Kind,« sagte Herr Menkhausen ernst, »laß dir keine Vergleiche dieser Art einfallen! Die Unordnung in Blechs Büchern war das sichere Vorzeichen von einer gleich darauf entdeckten Unterschlagung – der Mann hatte natürlich das Recht, an unserem Tisch zu essen, sofort damit verwirkt. Mein Verwalter dagegen –«

»Papa, die Leute sagen doch, das Feuer –«

»Schweig, Nell – komm mir nicht auch mit den ›Leuten‹ – kümmere dich überhaupt nicht um diese Angelegenheit!«

»Gut, gut, Papa – da erlaubst du also auch, daß ich weiter mit Lotte verkehre? Tante Pine meinte –«

»Ich meine, daß alles beim alten bleibt,« schnitt ihr der Vater das Wort ab, und Leonore klatschte in die Hände vor Vergnügen. Da rief das alte Fräulein aus dem Nebenzimmer: »Ellinor, sei nicht so entsetzlich laut; ich habe unerträgliche Kopfschmerzen.«

Das junge Mädchen flog zu ihr. »Arme Tante! Tätest du nicht besser, dich ins Schlafzimmer zurückzuziehen? Hier ist doch keine Ruhe; kaum ist der Verwalter weg, kommt der Statthalter. Der Schäfer wartet auch schon draußen, und eben sehe ich den Reitknecht.«

»Ach, diese Leute,« seufzte das Fräulein. »In der Stadt ist man nie sicher vor Angestellten oder Arbeitern aus dem Geschäft, und hier kommt einem auf Schritt und Tritt die Luft von Pferdestall und Milchwirtschaft zu nah!«

»Armes Tantchen, und das ist gar kein angenehmer Wohlgeruch für dich« – Leonore lachte ausgelassen – »das ganze Landleben ist nichts für dich. Du hättest doch lieber ins Bad gehen sollen.«

Tante Philippine seufzte. »Ich hoffte ja auch so sehr auf eine Reise ins Bad, aber dein Vater konnte es nicht erwarten, sich hier von dem Brandschaden zu überzeugen. Nun scheint es mir gar nicht so schlimm, nach dem, was ich beim Einfahren sah.«

»Aber, Tante, es ist schlimm genug,« eiferte Nelli. »Denke doch nur, die armen Schafe! Jochen sagt –«

»Verschone mich nur damit, was diese Leute sagen!«

Jetzt stampfte Leonore aber wirklich mit dem Fuß auf und rief: »Nun kommst du mir auch damit, daß ich nicht wiederholen soll, was die Leute sagen! Eben hat Papa es mir verboten. Vorher hast du aber mir doch gerade nach dem, was die Leute sagen, den Herrn Matersen verdächtigt und den Verkehr mit Lotte mir verleiden wollen. Was soll ich denn nun machen? Und Lotte läßt sich auch gar nicht sehen!«

Nein, allerdings, während der Begrüßung und ersten Unterhaltung mit der Gutsherrschaft war von des Verwalters Schwesterlein keine Spur zu sehen gewesen. Sie hatte als letztes in den Zimmern des Herrenhauses die Vasen mit Blumen gefüllt. Da waren unversehens die Wagen vorgefahren, und Lotte hatte nicht widerstehen können, erst einmal von fern und unbeteiligt die lange nicht gesehene Gespielin zu beobachten. Hinter dem Vorhang verborgen spähte sie hinab und sah die lange, etwas eckige Backfischgestalt in kühnem Satz vom Gepäckwagen springen. Sie wollte sich schon freuen, daß trotz der feinen modischen Kleidung noch so viel Urwüchsiges im Benehmen Leonores zu liegen schien; da sah sie das kurze hochmütige Nicken, womit jene Hermann begrüßte, und trat empört einen Schritt zurück. Das ihrem Bruder, ihrem geliebten, bewunderten Bruder, den Nelli doch früher als Kameraden und Helfer bei manch kühnem Unternehmen nicht verschmäht hatte? Oh, dies übermütige Benehmen verzieh sie der Freundin nicht! Aber natürlich! Das kam nur von dem Gerede, diesem öden Gerede, daß der junge Verwalter nicht ohne Schuld an dem Brande sein könnte – warum sei er sonst vor Gericht gefordert worden?

Jetzt stampfte auch Lotte den Boden und wandte sich blitzschnell, um aus dem Zimmer zu fliehen, ehe die Herrschaft eintrat.

So kam es, daß Leonore Menkhausen sich vergebens nach Lotte umsah, und daß die beiden Spielgefährtinnen, die sich so auf das Wiedersehen gefreut hatten, jede für sich ihren Ärger austobte und der anderen aus dem Wege ging…

Im Gartensaal des Herrenhauses war die Tafel gedeckt, und Frau Matersen hatte gezeigt, daß sie trotz der kurzen Vorbereitungszeit ein feines Mahl anzuordnen verstand. Mit zu Tisch zu kommen hatte sie dankend abgelehnt, müde von den vermehrten Anstrengungen dieses Tages. Daß Hermann eingeladen war und der Geheimrat ihn so freundlich wie immer begrüßt hatte, freute sie; nun konnte man hoffen, sie würden sich unverzüglich über alles aussprechen, was drückend über dem Verwalterhause lag, dem sonst so freundlichen Häuschen seitwärts vom Herrenhause, fast versteckt in Flieder- und Holunderbüschen.

Im kleinen, einfachen Wohnzimmer sah an diesem Abend Frau Matersen mit ihrer Jüngsten, der aber alle erste frohe Ferienstimmung schon verdorben war. Vollkommen schlechter Laune war Lotte, und da sie nicht mehr auf Leonore und »die Leute« schelten sollte, war sie nun auch nicht zum Plaudern aufgelegt, sundern nahm ein Buch und vertiefte sich anscheinend ganz, während die Mutter emsig strickte, nachdem sie zuvor einen Blick in die Zeitung getan. Unmutig hatte sie das Blatt bald wieder weggeworfen, denn da stand ja schon wieder etwas »zum Brande in Grünweide«. Immer noch zerbrachen sich die Leute die Köpfe darüber und kamen doch nicht weiter damit.

Drüben im Herrenhause legte der Geheimrat eben sein Mundtuch zusammen und sagte: »Nun, mein lieber Matersen, rauchen Sie noch eine Zigarre mit mir, und sagen Sie mir einmal recht gründlich Ihre Gedanken über die Sache! Angelegt muß es sein, behaupten Sie; aber irgendeinen Verdacht haben Sie nicht?«

»Keinen, Herr Geheimrat! Zu einer Rachehandlung liegt nicht der geringste Anlaß vor; persönlicher Feindschaft gegen mich kann ich auch niemand zeihen. Die Leute sind im ganzen hier zufrieden und ruhig, auch herrschaftstreu.«

»Und die fremden Arbeiter?«

»Unter den Schnittern ist bisher nichts vorgekommen, als höchstens mal eine Rauferei in der Kantine; Böswilliges kann ich nicht verzeichnen, im Gegenteil zu manchem Ort in der Gegend.«

»Und – Fahrlässigkeit halten Sie für ausgeschlossen?«

»Völlig, Herr Geheimrat,« lautete die Antwort. »Ich selbst hatte am Abend des Hauptbrandes alles nachgesehen und abgeschlossen – auch den Schafstall.«

»Ach – Sie selbst? Wie kam denn das nur?«

»Der Schäfer war zu einer Hochzeit im Dorf beurlaubt; auch die meisten Knechte waren gegen Abend in den Dorfkrug gegangen, um mitzutanzen.«

»So waren Sie ziemlich allem auf dem Hof?«

»Eine Zeitlang, ja.«

»Warum gingen Sie nicht auch zur Hochzeit, Herr Matersen? Sie waren doch sicher als Ehrengast geladen, und der Statthalter hätte Sie füglich vertreten können, da der Alte doch nicht mehr das Tanzbein schwingt.«

Ein flüchtiges Rot war über die Stirn des Verwalters gelaufen, doch sprach er ruhig weiter. Jener war der Herr und hatte das Recht, zu fragen. Daß es ein wenig wie Verhör klang, wußte er wohl selbst nicht.

»Ich war nicht in der Stimmung, Herr Geheimrat,« sagte Hermann. »Wir hatten an dem Tage eine betrübende Familiennachricht bekommen, so blieb ich abends still bei meiner Mutter.«

»Hm, ein bedauerliches Zusammentreffen! Daraus sind wahrscheinlich alle diese Mißverständnisse und Weiterungen entstanden.«

»Wahrscheinlich.«

»Wie ist das denn: wird die Untersuchung wieder aufgenommen oder bleibt die Geschichte jetzt liegen?«

»Ich bin schon wieder zu einem Termin geladen, Herr Geheimrat, aber es wird ebensowohl umsonst sein.«

»Ärgerlich, höchst ärgerlich! Nun – sagen Sie: haben Sie schon Ersatz für die Schafe? Es war solch gute Herde, wie mir schien.«

»Ich stehe in Unterhandlung, Herr Geheimrat, hatte ja aber, wie Sie wissen, nicht Zeit, den Kauf persönlich abzuschließen, da ich – fort war –«

»Der Schaden mit dem Schafstall ist natürlich der größte? Dagegen kommt die Weizenscheune nicht in Betracht, da sie alt war und gerade ziemlich leer.«

»Ja natürlich, die Schafe! Und das Schlimme ist, daß die Versicherungsgesellschaft Schwierigkeiten macht.«

»Wieso? Sie hat doch gezahlt!«

»Ja, aber der Vertrag mußte gerade in dieser Zeit erneuert werden; jetzt zögert sie, uns wieder aufzunehmen, solange die Sache nicht geklärt ist. Daher war die Gewittergefahr der letzten Tage von großer Bedeutung – binnen acht Tagen noch einen Brand, und es stände schlimm! Bis zum nächsten Ersten hoffe ich mit einer anderen Brandkasse abgeschlossen zu haben.«

Der Hausherr stieß seinen Stuhl zurück und sagte heftig: »Unerhörte Geschichten! Das ist ja doch alles verwickelter, als ich glaubte! Da kann einem der Gutsbesitzerspaß wirklich verdorben werden.«

Jetzt ließ sich Fräulein von Selchow zum ersten Male zur Sache vernehmen.

»Ich dachte auch schon immer,« begann sie klagend, »ob Sie nicht besser täten, Herr Geheimrat, das Gut wieder zu verkaufen. Es ist so viel damit verbunden, was zur Last werden kann für –«

»Für jemand, der eigentlich kein Landwirt ist, wollen Sie sagen, verehrtes Fräulein? Sie haben nicht ganz unrecht. Aber ich hatte doch bisher so große Freude daran, daß unsere Familie nicht länger ›ohne Ar und Halm‹ blieb; ich möchte es nicht wieder aufgeben.«

»O nein, Papa, tue es nicht,« fiel Leonore bittend ein. »Du und ich, wir sind doch immer so gern in Grünweide gewesen; die arme Tante ja freilich nicht – aber wenn ich nur erst etwas älter bin, Tantchen, dann brauchst du gar nicht mit herzukommen; dann gehst du in dein geliebtes Bad, und ich lerne die Wirtschaft, sorge für den Papa und habe auch auf alles draußen acht.«

Ein flüchtiger Blick streifte den Verwalter, aber der sah während ihrer kleinen Rede still vor sich hin und dachte: »Also das wird die künftige Oberaufsicht in der Verwaltung von Grünweide; das kleine Fräulein will mir zeigen, daß es auch bezweifelt, ob hier alles in treuen Händen ist.«

Hierin irrte er nun freilich; so weit gingen Nellis Gedanken nicht. Nur dem Vater den Einfall der Aufgabe von Grünweide ausreden wollte sie und durch ihr lebhaft gezeigtes Interesse für das Gut ihn überzeugen, daß man doch fernerhin seine Freude an diesem schönen Wohnsitz wieder haben könnte. Diese Zeit mit ihren dummen Mißverständnissen mußte ja vorübergehen, und der Schaden, den die Brände verursachten, nun, der konnte dem reichen Papa sicher nicht viel anhaben! Der war doch in erster Linie Kaufmann und hatte aus seinen überseeischen Unternehmungen jährlich so großen Gewinn, daß Grünweide mit seinen Erträgen aus Kornernte und Viehstand nur ein kleiner Nebenspaß war, wie der Vater vorhin selbst andeutete. Aber wenn ihm dieser Spaß nun gründlich verdorben wäre –! Ach, war das ein ungemütlicher Tag heute, auf den sie sich so lange gefreut hatte! Und diese Lotte Matersen, diese unbegreiflich zurückhaltende Freundin – warum war sie so? Hatten die Leute doch recht? Mußten die Matersens alle ein schlechtes Gewissen haben?

Aber nein! Da richtete Lottes Bruder das hübsche offene Gesicht auf und sah mit klaren blauen Augen den Geheimrat an, daß dessen Tochter sich des eben gehegten Verdachts schämte.

Drittes Kapitel: Gestörte Freundschaft

Ein trüber Regentag folgte der Ankunft der Gutsherrschaft. Verwalter Matersen begrüßte ihn mit Freude, obwohl er ein augenblickliches Hindernis in der Ernte bedeutete. Gar zu trocken war draußen alles, so daß bei der Gewitterneigung dieser Zeit immer die Gefahr eines neuen Brandes vorlag. Wer sich aber an diesem Morgen nicht freute, das war Leonore Menkhausen. Regenzeit auf dem Lande, damit hatte sie eigentlich nicht gerechnet, wenn sie ihre fröhlichen Ferienpläne spann. Das konnte ja recht langweilig werden! Besonders wenn das so weiterging, daß Lotte Matersen unsichtbar blieb! Länger konnte man ihr das wirklich nicht hingehen lassen. Wenn sie schon so unhöflich war, die Herrschaft beim Empfang gar nicht zu begrüßen, wie es sich doch für des Verwalters Schwester gehörte, dann –

Leonore warf trotzig den Kopf auf. Aber dem zögernden »dann« folgte doch kein anderer Nachsatz als: »Ach was! Dann muß eben ich ihr nachlaufen! Kann ich das? Schickt sich das? Würde Tante Pine das gutheißen? Ei was! Man fragt nicht lange, sondern tut, was man nicht lassen kann, und hält aus, was danach kommt. Papa erlaubt es sicher.«

So weit in ihren Gedanken angelangt, sprang Leonore vom Frühstückstisch auf, wo sie recht spät ihren Kaffee getrunken hatte, und lief davon, des Rufes der Tante: »Wohin in dem Regen?« nicht achtend. Der Regen machte nichts aus für den kleinen Weg zum Verwalterhause. Hoffentlich war Lotte allein! Ihren Bruder hätte sie jetzt nicht gerne getroffen; sie schämte sich ein bißchen wegen gestern.

Sie hatte Glück. Im Wohnzimmer saß Lotte allein, allerdings am großen Schreibtisch des Verwalters arbeitend; aber das half nicht, da mußte man sie eben stören! Angeklopft wurde nicht, sondern rasch die Stubentür aufgerissen, hinter die Schreibende getreten, eine Hand ihr über die Augen gelegt und mit verstellter Stimme gerufen: »Charlotte Matersen, wenn du unsichtbar sein willst, brauchst du auch nicht zu sehen, wer hier einbricht.«

Über Lottes Gesicht war ein kleiner Freudenschein gehuscht, als sie die Freundin erkannte; aber dann antwortete sie doch steif: »Fräulein Leonore, ich bitte um Entschuldigung, daß ich beim Empfang fehlte; ich hatte zu tun.«

Da rief das kleine Gutsfräulein schier entrüstet: »Lotte Matersen, bist du eigentlich nicht recht klug? Wie sprichst du mit mir?«

Lotte beharrte in ihrer Haltung.

»Man kann nie wissen, was in zwei Jahren sich verändert hat,« sagte sie. »Solcher Begrüßung, wie sie gestern meinem Bruder zuteil wurde, wollte ich mich nicht aussetzen.«

Nelli wurde rot, aber rief ungestüm: »Ach geh, Lotte, sei doch nicht soo!«

Jetzt fuhr die andere herum, mit blitzenden Augen.

»Natürlich bin ich soo, wenn du meinen Bruder soo behandelst!«

Leonore errötete stärker und stand einen Augenblick ratlos.

»Was tat er dir?« fuhr Lotte erregt fort.

»Mir? Ach, nichts, aber die Leute sagen und diese schreckliche Tante Pine –«

Lottes hübsches bräunliches Gesicht klärte sich ein wenig, aber es klang doch noch streng, als sie fortfuhr: »Mußt du denn darauf hören, Neil? Will dein Vater das haben?«

»Ach bewahre, nein! Nun laß doch nur – frag mich nicht aus wie ein Untersuchungsrichter!«

Dies Wort weckte in Lotte peinliche Vorstellungen; ihre Miene sank und sie sagte kleinlaut: »Ach Nell, hier ist jetzt alles so schrecklich, und nun kommst du auch noch und machst einem das Leben schwer! Das hatte ich mir anders gedacht, als ich mich so auf dich freute. Aber Hermann warnte mich schon, es könnte jetzt manches anders werden.«

»Das hat er gesagt, dein Bruder?« und »Sollte er doch ein schlechtes Gewissen haben?« fuhr es blitzschnell durch den Kindskopf. Aber schon antwortete Lotte: »Nun, er meinte natürlich, du seiest jetzt wahrscheinlich zu vornehm geworden; in der seinen Pension hättest du wohl andere Freundinnen gefunden.«

»Teepott!« sagte Nelli verächtlich.

An diesem Ausdruck erkannte Lotte die Freundin wieder und lachte erleichtert. Hatten sie doch beide immer eine Vorliebe für solche Ausdrücke, oft auch noch stärkere, gehabt, die der Tante Pine auf die Nerven fielen. Auch Nelli lachte und erzählte, wie man sich in der Pension über diese Bezeichnung gewundert habe, und wie sie den Engländerinnen erklären sollte, was denn ein »
teapot« mit Zorn und Verachtung zu tun habe? »Das konnte ich natürlich nicht,« sprudelte Nelli, »aber das ist ja auch nicht nötig; solche Ausdrücke sind doch nur für Eingeweihte! Übrigens bist du recht verbohrt, daß du mir noch keinen Stuhl angeboten hast.«

Damit schwang sich das Fräulein auf den großen Schreibtisch und saß in kecker Haltung, mit den Füßen baumelnd, als plötzlich der junge Verwalter eintrat. Augenblicklich sprang Nelli herab mit dem Ruf: »Oh, entschuldigen Sie, Herr Matersen, Ihr geheiligter Schreibtisch!«

»Wenn Sie nur mit Ihrem weißen Kleid nicht der Tinte zu nahe kommen, gnädiges Fräulein; dann macht es ja weiter nichts. Lotte, hast du die Papiere sicher beiseite getan?«

»Verschlossen,« antwortete sie bestimmt, und auf ihrem Gesicht stand fast dieser selbe Ausdruck, als Nelli fragte: »Was schreibst du da überhaupt, wobei ich dich gestört habe? Schularbeiten waren das doch nicht.«

»Meine Schwester fertigt einige Abschriften für mich,« sagte Hermann Matersen, und damit mußte sich Leonore begnügen, obgleich ihre Neugier sich regte, denn natürlich hingen diese Schreibereien wieder mit »jenen Geschichten« zusammen. Hm, eigentlich – wenn sie ehrlich war, nahm sie ein gewisses grauliches Interesse an den »Geschichten«. Verhöre und Gerichtsverhandlungen – das klang so spannend! Aber gegen Lotte durfte sie sich das nicht merken lassen; die verstand keinen Spaß in der Sache, wie sie eben gesehen hatte.

»Laß nur jetzt die Schreiberei, Lotte,« sagte Hermann, »und geh mit Fräulein Menkhausen!«

Diese machte eine kleine schelmische Schmollmiene. »Früher hieß ich ›Nell‹, Herr Matersen.«

»Früher.« wiederholte dieser ernsthaft, »aber aus Kindern werden Leute. Sie sind sehr gewachsen, gnädiges Fräulein, völlig Dame geworden.«

»Find' ich gar nicht,« eiferte Lotte und stellte sich neben die Freundin; »ist sie überhaupt viel größer als ich? 'nen Fingerbreit doch höchstens.«

Sie sind inzwischen sehr gewachsen, gnädiges Fräulein

»Die paar Zentimeter tun es nicht, Lotte.«

»Ach so, du meinst den Aufenthalt in der Pension?« Dann in lautem Flüsterton weiter: »Na, ich kann dir sagen, Hermann: das mit der gezierten Vornehmheit ist auch noch nicht weit her – nicht wahr, Teepott?«

Schalkhaft blinzelte sie der Freundin zu, und diese fühlte sich wieder im Gleichgewicht.

Frau Matersen trat jetzt ein und sah mit inniger Freude, wie die beiden Mädchen in altgewohnter Eintracht miteinander umgingen; sie machte also keine Anstalten, »gnädiges Fräulein« zu sagen, wie sie sich tags vorher vorgenommen, sondern fragte vertraulich: »Nelli, soll ich heute wohl Waffeln backen lassen zum Kaffee oder Kranzkuchen?«

»Waffeln,« entschied Nelli ohne Besinnen, »und nicht zu wenig, in der bewußten Form, Frau Matersen.« Dann heimlich zu Lotte: »Wenn erst die braunen Herzen erscheinen, wird es hoffentlich wieder gemütlicher – wollen mal sagen: herzlicher!«

Dabei faßte sie die Freundin um und zog sie hinaus.

»Aber was fängt man heute an?« rief sie dabei. »Dieser Regen ist ja einfach schauderhaft!«

»Es klärt schon auf, gnädiges Fräulein,« rief der Verwalter, in die Tür tretend. »Da es aber zum Einfahren für heute doch zu naß ist, dürfen Sie nur befehlen, wenn Sie zu einer Fahrt Pferde haben möchten.«

»Danke, Herr Matersen; ich will es mir überlegen.«

Sie hatten nun den ganzen Vormittag für sich, die beiden Mädchen, liefen durch den Park, bis sich der letzte Regen verzog, und dann weiter hinaus in die Wiese. Leonore beklagte, daß dort nicht gerade Heuhaufen ständen, in denen sie so gern mal wieder lagern möchte; aber Lotte schalt: »Weißt du denn noch immer nicht, daß zur Zeit der Kornernte kein Heu auf den Wiesen zu finden ist? Man kann doch nicht alles zugleich haben!«

»Ach so – na, und ich will gerade eine Landwirtin werden,« fiel Leonore ein. »Ich habe es gestern schon der Tante Pine angekündigt, daß sie künftig gar nicht mehr das Opfer zu bringen braucht, statt ins Seebad zu gehen, mit nach Grünweide zu kommen. Sie mag hier doch mal nicht sein und stört bloß anderen Leuten das Vergnügen.«

Mit diesen anderen Leuten meinte sie natürlich nur sich, weil ihr die Ermahnungen und Anstandsregeln der Tante in den Ferien recht lästig erschienen, aber sie fand auch außerdem, daß ihr Vater die Hausdame hier auf dem Lande wohl entbehren könnte, wenn er eben eine tüchtige, umsichtige Hilfe und Gesellschaft in seiner Tochter hätte. Also – wie fing man es an, dies möglichst bald zu werden? Etwas plötzlich, wie ihr Lieblingsausdruck lautete!

Lotte Matersen lachte dazu und sagte, ihr Bruder habe schon von Nellis Plänen erzählt, daß diese künftig sogar die Außenwirtschaft im Auge behalten wolle.

»Du meinst wohl,« fügte sie mit ein klein wenig Spott hinzu, »du kannst künftig Feuer- und andere Schäden verhüten, Nell?«

»Na, wenn auch das nicht, aber wenn mal wieder was geschieht, dann kann man ja künftig mich einsperren statt deines Bruders!«

»Sprich doch nicht so leichtsinnig ins Blaue, Nell – ich kann es wirklich nicht hören,« entgegnete Lotte Matersen voll Ernst.

Viertes Kapitel: Die Familie des Verwalters

Wenn Lotte Matersen mit der Kindheitsgespielin auch ganz in den lustigen, ungebundenen Ton einstimmte, hatte sie doch schon manches vom Ernst des Lebens kennen gelernt. Als jüngstes Kind, sozusagen Nachkömmling der Familie, hatte sie nicht mit Bewußtsein die Zeiten mehr erlebt, in denen auch ihre Heimat ein stattliches Haus auf einem großen Gutshof war. Zwei Schwestern waren schon verheiratet, der einzige Bruder hatte eben das Gymnasium verlassen und sollte auf ein Jahr zur Universität gehen, als die großen Veränderungen in Roggenfelde kamen. Schlechte Jahre mit Mißernten und Viehsterben brachten einen bedrohlichen Rückgang in den Verhältnissen des Kammerpächters Matersen.

Er mußte die Pachtung abgeben und zog nun einstweilen in eine kleine Stadt, wo es sich billig lebte, wo er aber seine gewohnte vielseitige Tätigkeit schwer entbehrte und sich gar nicht wohl fühlte. Seine Gesundheit verschlechterte sich zusehends. Die kleine Lotte, das geliebte Nesthäkchen des Vaters, war gerade vier Jahre alt, als dieser gute Vater starb, und nur eine ziemlich undeutliche Erinnerung behielt das Kind an die Gestalt des Vaters, der groß und breit, meistens ernsthaft und nur gegen seine Kleinste allezeit freundlich und wohl auch zu kleinen Scherzen aufgelegt war.

Bruder Hermann sollte ihm ja so ähnlich sehen, sagte oft die Mutter, und so kam es, daß die kleine Lotte den großen Bruder von früh wie eine Respektsperson ansah, zugleich aber mit einer bewundernden Zärtlichkeit.

Hermann hatte nach dem Tode des Vaters gleich sein akademisches Jahr abgebrochen und war in eine praktische Lehre getreten. Da er in einem großen landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen und von klein auf des Vaters Kamerad auf dem Felde wie in den Ställen gewesen war, zeigte er sich früher als mancher andere befähigt, einen verantwortungsvollen Posten anzunehmen. Mit noch nicht fünfundzwanzig Jahren bot sich ihm die Stellung eines völlig selbständigen Verwalters auf dem schönen großen Besitztum des Geheimen Kommerzienrats Menkhausen und zugleich, o Glück, die Möglichkeit, die geliebte Mutter zu sich zu nehmen!

Frau Matersen, die durch die Schicksalschläge äußerlich wohl früher gealtert war, als ihre Jahre anzuzeigen hatten, besaß doch noch große Entschlossenheit und rüstige Arbeitskraft. Ebenso wie ihr Mann im letzten Jahr, hatte sie schmerzlich das weite Arbeitsfeld einer Gutswirtschaft vermißt, so daß sie es tief aufatmend begrüßte, als Hermann eines Tages mit der Nachricht kam: »Mein Mutting, du kannst wieder aufs Land!«

Dankbar ging sie auf alle Bedingungen ein und rief: »Hermann, mein Junge, das ist wahrlich ein Glücksfall! So kann ich doch bei dir bleiben, bis – nun ja, bis jemand anders die Sorge für dich übernimmt, eine junge Frau bei dir einzieht!«

»Na ja, Mutting, und damit hat es gute Wege fürs erste, denn einen verheirateten Verwalter will Herr Menkhausen nicht halten; das steht in den Bedingungen. Aber meine Mutter darf ich mitbringen.«

So wurde die elfjährige Lotte in der Stadt zurückgelassen, in einer einfachen Pension, wo sie nie das Heimweh überwinden lernte. Goldene Lichtpunkte wurden nun die Ferien, in denen es nach Grünweide hinausging, wo sie außer Mutter und Bruder meistens auch Leonore Menkhausen sehnlich ihrer wartend fand.

Herrlich waren diese Zeiten der Kinderfreundschaft gewesen, bis durch Leonores Eintritt in die Genfer Pension alles anders wurde. In dem folgenden Sommer kam sie nicht auf das Gut, vielmehr reiste der Geheimrat in die Schweiz, um sein Töchterchen für ein paar Wochen der Pension zu entführen und mit auf schöne weite Ausflüge zu nehmen. Geschrieben hatten sie einander inzwischen wenig.

So war es nicht unnatürlich, wenn die Freundinnen, trotz aller Freude auf das Wiedersehen, unbewußt auch auf ein kleines Fremdgefühl gefaßt waren, was nun durch die besonderen Umstände und allerlei unvorsichtige Reden noch genährt war, bis sie mit der alten Unbefangenheit sich wieder zusammenfanden. Wohl entdeckten sie allerlei Veränderungen aneinander. Lotte war ernster, als Nelli gedacht hatte, und diese wiederum wagte oft nicht, ihrem Übermut so die Zügel schießen zu lassen, wenn die Freundin ihren »gesetzten« Tag hatte. Daß dies jetzt öfter vorkam, war nicht unnatürlich.

Noch immer lastete ja der Druck wegen der unaufgeklärten Brandstiftungen auf dem kleinen Hause, und immer wieder erhoben sich allerlei Redereien. Ja, man machte sogar den Gerichten den Vorwurf, daß sie die Angelegenheit nicht weiter verfolgten, sondern jetzt einfach ruhen ließen.

Nachdem Geheimrat Menkhausen sich zuerst gründlich erregt und geärgert hatte, beruhigte er sich jetzt. Der Schaden focht den reichen Mann nicht viel an. Eine neue Schafherde war eingestellt, die Versicherung wieder abgeschlossen, die neue Scheune schon im Bau begriffen, und sein junger Verwalter erwies bei allem die größte Umsicht und Tüchtigkeit. Ruhig und zielbewußt ging er seines Weges. Nur die Frische und Freudigkeit seines Wesens war weg, und die Mutter dachte oft: »Wer nimmt uns das wieder ab, daß mein Sohn vor den Schranken gestanden hat?« Herr Menkhausen merkte dies wohl und tat alles, die Stellung seines jungen Verwalters zu heben, indem er ihn, soviel es nur anging, in seine Nähe zog und ihn auch an der nachbarlichen Geselligkeit teilzunehmen ermunterte.

Der Geheimrat selbst hatte sein Vergnügen an der Rolle des Gutsbesitzers wiedergefunden, die er nur kurze Zeit im Jahr spielen konnte. Er ging fleißig auf die Jagd, ritt und fuhr auf die Nachbargüter und sah auch bei sich gern Besuch, so daß Frau Matersen manches Mahl fein anzurichten hatte und sich von den beiden jungen Mädchen gern helfen ließ, beim Schmücken der Tafel und so weiter.

Hermann Matersen aber, wenn er einen Wildbraten in die Küche geliefert oder das Fischen in den Teichen beaufsichtigt hatte, fand immer Einwendungen und Ausreden, um an der Geselligkeit nicht teilzunehmen.

Lotte war oft recht traurig darüber und umgab Hermann mit schmeichelnder Zärtlichkeit, ohne jedoch viel mehr zu erreichen, als daß er ihr über das Haar strich und sagte: »Arme kleine Dirn, hast gar nichts mehr von dem großen Bruder?«

»Viel ist es ja nicht,« gestand sie dann kleinlaut. »Nell klagt auch, daß du nicht mehr so nett bist wie früher.«

»Kindchen, die Zeiten ändern sich,« sagte er dann wohl obenhin, während er heimlich dachte: »Kann das kleine Fräulein sich wundern über Zurückhaltung meinerseits? Hat es nicht gerade zuerst mir eine verächtliche Miene gezeigt?«

Der gute Hermann übertrieb natürlich. Wäre er nicht immer noch in einem gewissen gereizten Zustande gewesen, hätte er sich sagen müssen, daß Leonore Menkhausens Benehmen am ersten Tage aus einer kindlichen Unsicherheit entsprang, an der sie viel weniger schuld war als ihre Umgebung. Das hätte er nun längst begreifen und verzeihen müssen, und er selbst glaubte auch eigentlich, so weit zu sein; aber, wie gesagt, die heimliche Empfindlichkeit blieb, und es kamen Augenblicke, in denen er den Gedanken erwog, ob er nicht besser täte, seine hiesige Stellung aufzugeben und in eine ganz andere Gegend zu gehen. Aber – nicht rasch und unüberlegt durfte er das Sichere aufgeben, ehe er etwas Entsprechendes wieder hatte. So blieb nur die Hoffnung, daß es seinem unablässigen stillen Forschen gelingen müsse, schließlich doch noch den geheimnisvollen Brandstifter herauszubringen, damit er, auf den dann nicht mehr der leiseste Schatten eines Verdachts fallen konnte, den Kopf wieder hoch tragen durfte in jedem Augenblick.

Zuerst hatte Lotte ihn noch oft mit Fragen beunruhigt, mit gutgemeinten Tröstungen gequält oder auch mit Mutmaßungen, wie man der Sache auf den Grund kommen könnte, zum Lachen gebracht. Er neckte sie dann wohl, die Schwester solle doch Jura studieren; da stände ihr vielleicht eine erfolgreiche Laufbahn als Untersuchungsrichter oder Staatsanwalt in Aussicht. Das konnte dann Lotte ganz ernst nehmen und versichern, solche Möglichkeiten gäbe es jetzt ja wirklich für »die Frauen«, wie sie großartig sagte – zu Hermanns Ergötzen, der in der siebzehnjährigen Schwester noch immer das »Kind« sah. Diese wußte sich schadlos zu halten, indem sie der Freundin möglichst zu »imponieren« suchte durch ihre Kenntnis von modernen Frauenberufen und den Wegen, wie man dazu gelangte.

Leonore fand das wohl auch ganz interessant, aber in bezug auf den Brand in Grünweide war es ihr etwas zu weit aussehend, daß Lotte Matersen als findiger Jurist dahinterkommen sollte. Lieber erging sie sich in Phantasien, wie man, wenn durch einen Zufall jetzt doch bald der Täter entdeckt werden sollte, den verunglimpften Verwalter feiern und ein Fest im Herrenhause geben müsse, dessen Held Hermann Matersen sein würde.

Darauf entgegnete jedoch Lotte ziemlich trocken: »Das wäre nun wenig nach meines Bruders Sinn, Nell – es sähe ja aus, als müsse man durch äußeres Anfeiern seine innere Ehre wieder rein waschen.«

Dann schalt Leonore die Freundin pedantisch und schloß damit: »Die Matersens nehmen alles viel zu ernst! Ein anderer als Hermann dächte längst nicht mehr an die dumme Geschichte.«

Fünftes Kapitel: Nellis Eifer

Oft kamen sie auf Nellis Zukunftspläne zu sprechen, und wie man es anfangen müßte, eine tüchtige, umsichtige Gutsherrin zu werden. Bei Mutter Matersen in die Lehre zu gehen, erschien ihr als das Nächstliegende für den Hausstand – nun, und die Außenwirtschaft, Feld- und Viehbestand, konnte sie ja beim Herrn Verwalter studieren.

»Nur ein bißchen freundlicher muß dein Bruder bis dahin wieder werden,« sagte Leonore, »jetzt sieht er meistens zum Fürchten streng aus.«

Sehr weit her schien aber die Furcht des jungen Gutsfräuleins doch nicht zu sein, denn als die beiden Mädchen bald nach diesem Gespräch eine Fahrt über die Felder machten, wobei der junge Gutsverwalter selbst die Pferde lenkte, tat sie lustig und unbefangen unzählige Fragen, mit denen sie den Grund zu ihrer Kenntnis der Landwirtschaft zu legen dachte. Wirklich war das Ergebnis dieser lehrreichen Fahrt, daß Leonore mit ziemlicher Sicherheit die Getreidearten unterschied, ja sogar von »Mengekorn« und »Wundklee« sprach. Als man schließlich einen Besuch in der Koppel machte, merkte sie sich besondere Kennzeichen an einzelnen Kühen und schwatzte munter mit den Mägden, ob die hübsche Rotbunte, die Line vor sich hatte, mehr Milch gäbe oder die Schwarzweiße, neben der Stine ihren Melkschemel eben aufstellte. Dann wurde sie belehrt, daß die beste Rasse die großen schweren Kühe von gelbweißer Farbe seien, und siehe da, das Fräulein erinnerte sich, solche im Berner Oberland gesehen zu haben.

»Richtig,« lobte der Verwalter, »dies sind Schweizer Kühe – das Wertvollste, was wir haben.«

»Wie gut, daß denen das Feuer nicht zu nahe gekommen ist,« rief Leonore, in der Freude über die ihr gewordene Anerkennung vergessend, daß das Feuer ein Punkt war, über den man lieber nicht sprach.

Abends erzählte sie bei Tische von ihren neuerworbenen Kenntnissen und ließ sich nicht stören durch die gelangweilte Leidensmiene des Fräuleins Philippine.

Der Vater freilich hatte heute auch nicht allzuviel Sinn für ihr Geplauder, denn er war mit der Abendpost beschäftigt. Dabei befand sich ein Brief in Sachen der neu zu besetzenden Schulstelle. Einige Zeit vor den Ferien war der alte Schullehrer von Grünweide gestorben; die Jugend des Dorfes erfreute sich seitdem einer allzu großen Freiheit, da mitten im Vierteljahr nicht sofort Ersatz zu schaffen gewesen war. Heute nun wurden von der Schulbehörde des Landes Anerbietungen gemacht. Darunter waren zwei weibliche Bewerber für die Stelle genannt und merkwürdigerweise gerade diese vorn Oberschulrat besonders warm empfohlen, sowohl die Ältere, die schon langjährige Erfahrungen aufzuweisen hatte, wie die erst unlängst vom Seminar entlassene junge Dame, die in der Arbeit an der Übungsschule während des sogenannten praktischen Jahres viel Lehrgeschick gezeigt hatte und vor allem die nicht zu unterschätzende Gabe besaß, mit Kindern aus dem Volk umzugehen.

Bei diesem letzten Punkt nickte der Gutsherr vor sich hin und sagte dann vernehmlich: »Die muß es werden.«

Neugierig fragte Nelli: »Welche muß es … und was soll sie werden?«

»Fräulein Neugier,« neckte der Vater und klingelte ohne weitere Antwort dem Diener, der Hermann Matersen herbitten sollte.

Nelli aber beharrte bei ihrer Wißbegierde und schmollte: »Den ganzen Nachmittag habe ich mich angestrengt, Papa, zu deinem künftigen Wohl landwirtschaftliche Kenntnisse zu erwerben; nun darfst du mich auch nicht wie ein Kind abspeisen, wenn ich wissen möchte, was für eine Entscheidung dich so andauernd beschäftigt.«

Indessen war der Verwalter eingetreten, und die beiden Herren besprachen nun die Frage, ob man es einmal wagen solle mit dieser neuartigen Besetzung der Schulstelle. Nelli knöpfte beide Ohren auf, aber mitzusprechen wagte sie doch nicht, so sehr die Sache sie fesselte. Erst als der Verwalter gegangen war, bemerkte sie, sich an den Vater schmeichelnd: »Du nimmst also dies Fräulein Froben, die so gute Zeugnisse hat, Papa? Das find' ich mal nett. Siehst du, es ist doch wahr, was Lotte immer sagt: daß es jetzt so viele tüchtige, leistungsfähige Frauen gibt. Ich will auch eine werden!«

Herr Menkhausen strich gerührt über das junge Gesicht seiner Tochter, der im Augenblick eine solche Entschlossenheit und Unternehmungslust aus den Augen blitzte, daß die Ähnlichkeit mit dem Vater mehr denn je hervortrat.

»Du, Papa,« fing Leonore bald wieder an, »genügt denn wohl das alte Schulhaus noch? Ich meine, besonders die Lehrerwohnung? Für eine junge Dame müßte doch wohl manches ein bißchen anders eingerichtet werden. Sieh mal, so ein junges Mädchen bringt keine eigenen Sachen mit; die Möbel aber vom alten Schullehrer, die sind gewiß gründlich durchräuchert vom Tabaksqualm seiner Pfeife. Die können wir einer jungen Dame doch nicht zumuten.«

»O Kind« – Herr Menkhausen lachte – »diese ›junge Dame‹ und ihre Stellung im Dorf wird sicher nun dein Steckenpferd, das ahne ich schon, aber na – wir wollen sehen! Morgen spreche ich mit Frau Matersen, und wenn diese praktische, erfahrene Frau ihre Meinung abgegeben hat, dürft ihr beiden Mädel unter ihrer Leitung die Einrichtung für die Lehrerin übernehmen.«

Nelli fiel dem Vater um den Hals.

»Du guter Papa, welche Freude! Sieh, da habe ich doch gleich für die Ferien eine Aufgabe, vergnüglicher und auch – glaub' ich – nützlicher, als die endlosen Wiederholungen in allen möglichen Schulfächern, die man uns in Genf aufgezwungen hat.«

»Na, du Windbeutel, ganz dürfen mir diese auch nicht vernachlässigt werden,« warnte der Vater. »Umsonst will ich das schwere Geld für die Pension nicht zahlen.«

»O nein, Papa, ich gebe ja Lotte oft französische Stunden, zu ihrer und meiner Übung – denke, wie tugendhaft! Lotte findet, ich mache es recht gut und lehre sie vor allem eine vorzügliche Aussprache. Was sagst du nun?«

Nelli fand das Sofa im Fremdenzimmer sehr veraltet

Es wurde ein großes Vergnügen für die beiden Mädchen, als Frau Matersen ihnen den Gefallen tat, schon am nächsten Vormittag mit ins Dorf zu gehen und das verlassene Schulhaus einer genauen Durchsicht zu unterziehen. Da fand es sich allerdings, daß Nelli recht gehabt mit ihrer Vermutung, daß man sich um die Behausung der künftigen Lehrerin gründlich kümmern und manches verändern müsse. Daß weibliche praktische Erfahrung und jugendlicher Feuereifer da zusammen eine gute Wirkung erzielen würden, läßt sich denken, besonders wenn ein freundlicher Papa mit nicht allzu fest zugeknöpftem Geldbeutel dahinter stand und nur manchmal warnte: »Macht es nicht zu arg mit eurer Fürsorge, ihr Mädel! Großstädtische Räume braucht sie wohl nicht gerade, die junge Dorfschulmeisterin.« Nun, dafür war ja Mutter Matersen da, die das gar nicht zugelassen hätte. Zunächst hielt sie mit ihren beiden Gehilfinnen Umschau in den zahlreichen Fremdenzimmern des Herrenhauses. Dort stand noch manches Möbelstück, von dem es schade war, daß es nur einige Male im Jahr, oft auch gar nicht, zur Benutzung kam. Und fand auch Nelli das alte braune Damastsofa »einfach gräßlich«, so belehrte des Verwalters Mutter sie dahin, daß die Polsterung noch vortrefflich und die Bequemlichkeit dieses Möbelstücks dem Fräulein sicher mehr wert sein würde als eine hochmoderne Form. Ebenso erging es mit dem für eine Lehrerin so wichtigen Arbeitstisch. Zu gern hätte Nelli in der Stadt einen zierlichen Schreibtisch gekauft, wie sie selbst einen besaß; aber Frau Matersen erklärte den alten Mahagonisekretär, der da oben nie mehr seine Bestimmung erfüllte, für weit zweckmäßiger, und auch Lotte selbst meinte, diese zahlreichen kleinen und größeren Schubladen, wie das Schränkchen in dem oberen Aufsatz müßten riesig nett sein. Wie gut könnte man da seine verschiedenen Besitztümer recht in Ordnung halten, die Schulsachen von den anderen Papieren trennen, von den Briefen und – dem Tagebuch! Denn eine junge Lehrerin, die hier ganz allein hauste, würde doch natürlich ein Tagebuch führen, in Ermanglung von täglichem mündlichen Gespräch mit Hausgenossen.

Ein bißchen einsam mochte es ja für die junge Dame sein, aber sonst – eigentlich kamen Nelli und Lotte überein, daß sie dies Fräulein Froben fast beneideten. Zwar nicht so eigentlich um die Tätigkeit, die ihrer hier harrte, denn davon machten sie, besonders Nelli, sich noch keinen rechten Begriff, wie man das anfing, mit den Dorfgören fertig zu werden. Aber so eine eigene kleine Häuslichkeit – das war doch entzückend! Freilich, das braune Sofa wurde nicht schöner in Nellis Augen, und der alte Sekretär blieb ein »Monstrum«, bis Herr Matersen ihr den Kunstwert erklärte.

Nelli lachte wieder recht unbekümmert darüber.

»Ach was – Papa hat gar keinen Sinn für so alte Scharteken. Er sagt: ›Warum soll ich mich nicht mit den Erzeugnissen der Geschmacksrichtung meiner Zeit umgeben? Mein Zimmer soll kein Museum sein! Ich kaufe neue Sachen, die mit mir alt werden.‹ Na und ich,« fuhr sie listig fort – »Sie sollten sich freuen, Herr Verwalter, daß ich ein besseres Gedächtnis für die Rasse der Schweizer Kühe habe als für alte Möbel, die ich natürlich auch schon mal in einem Museum habe studieren müssen. Da bin ich doch noch nicht hoffnungslos verloren für eine künftige Landwirtin.«

So scherzten sie hin und her, suchten nach Mustern Tapeten und Vorhänge aus, und Hermann Matersen konnte nicht umhin, sich zu gestehen, daß Leonore Menkhausen in ihrem Eifer sehr liebenswürdig wirkte. Höchst drollig war es zu sehen, wie sie mit eigenen Händen die alten verräucherten Tapeten von den Wänden riß und dem Maurer zusah, während er die Küche »weißte«; ja, sie ruhte nicht, bis auch dort eine kleine farbige Randleiste angebracht wurde. Sie gab sogar eine hübsche Bluse dran, als sie beim eigenhändigen Pinselführen eine ausgiebige »Kleckerei« vollführte. Dann schalt allerdings Lotte, und auch Hermann setzte seine tadelnde Miene auf, wenn er gerade dazu kam. Er hatte natürlich öfter im Schulhause zu tun, wenn er Leute zu Hilfe geben sollte oder solche wieder abberufen mußte, weil er sie zu nötigerer Arbeit brauchte, als etwa im Schulgarten zu Harken und zu jäten, Holz für die Küche klein zu machen, oder was die Mädchen sonst noch für nötig hielten für ihren unbekannten Schützling.

Kam er so daher mit der »Miene des Regierenden«, wie Nelli der Freundin zuflüsterte, mit dein kräftigen Ton der Rede, der keinen Widerspruch zu dulden schien, vergaß Leonore auch, daß ja eigentlich sie die Herrin war, und fügte sich seinen Bestimmungen, selbst wenn sie in der eifrigsten Verschönerungsarbeit unterbrochen wurde. Lotte aber stellte wieder im stillen fest, daß trotz der Strenge und des Ernstes ihr Bruder Hermann so hübsch und stattlich war, wie niemand sonst in der Umgegend. Die schwesterliche Bewunderung übertrieb auch keineswegs. Hoch und breitschulterig, mit dem dichten blonden Haar, das nicht wie bei den Stadtherren fast kahl geschoren war, sondern in hübschem Schwung über der Stirne lag, die sich weiß von dem übrigen braungebrannten Gesicht abhob, mit den kühnen blauen Augen, deren Ernst durch den freundlichen Mund gemildert wurde – so war der junge Verwalter von Grünweide wohl eine anziehende Erscheinung, und Lotte dachte: »Sie hat wirklich recht, die alte Conradsch im Armenhaus, wenn sie Bruder Hermann so bewundert – nicht bloß seine Tüchtigkeit, sondern auch sein Äußeres. Wie war es doch drollig, als sie neulich begeistert sagte: ›Nimm mir dat nich äwel (übel), Lotting, äwer 'n staatschen (stattlicher) Minschen is hei doch, din Brauder; den'n künn ick sülvst glik frigen (den könnte ich selbst gleich heiraten)!‹«

Ausgelassen gelacht hatte das Backfischchen, daß die Alte, der die weißen Haare um das runzlige Gesicht standen, noch vom »Frigen« sprach. Aber die große Anerkennung für ihren Hermann, die darin lag, die freute sie doch insgeheim und entschädigte sie gelegentlich für die dummen Redereien der anderen, wenn ihr so etwas zu Ohren kam wie: »Dat uns' Entspekter sick vor Gericht nich bäter (besser) hett utreden (herausreden) künnt – wenn hei (er) man nich – füll (sollte) hei woll–?« und so weiter.

Solche Reden litt die alte Conradsch in ihrer Nähe nicht. Förmlich etwas Gebieterisches konnte sie haben, wenn sie sagte: »Mahlmannsch, wat kümmst du ümmer wedder mit dat dumme Tüg (Zeug), doar kannst du doch sülben nich an glöben (glauben), büst doch sünst so klaug (klug). – Und du, Derlinsch, süst (solltest) di wat schämen, du weitst doch von dinen Brauder am besten, wat an den Entspekter an is! So'n Kierl, un den willen's inspunnen (einsperren)!«

Zu gern hörte Lotte Matersen so was; sie konnte auch so nett mit den alten Frauen umgehen und hatte Nelli schon versprechen müssen, sie einmal ins Armenhaus mitzunehmen, denn die Freundin meinte, sie müsse das doch auch durchaus lernen, mit diesen Leuten zu verkehren.

»Nur Plattdeutsch kann ich noch immer nicht recht,« sagte Leonore, als sie zu Ende der letzten Ferienwoche ihren Besuchsgang antraten; aber Lotte versicherte: »Oh, es geht auch so! Einige von den alten Frauen sprechen mit Vorliebe Hochdeutsch. Du wirst sehen, wie sich Frau Mahlmann anstrengt, wenn Besuch von der Herrschaft kommt. Mich rechnen sie ja nicht dazu, aber wenn das Frölen vom Hof kommt –«

»So? Ach – du, Lotte, sag mir noch mal schnell, wie deine besondere alte Freundin, die mit dem hübschen Gesicht, heißt!«

»Mutter Conradsch meinst du, die frühere Gartenfrau?« Lotte lachte über den Eifer der Freundin. Wenn die Alte heute wieder so urdrollige Sachen sagte wie neulich, als sie so für Bruder Hermann schwärmte, was würde Neil schließlich davon denken?

Sechstes Kapitel: Im Armenhause

Am Ende des Dorfes, etwas abseits, lag das Armenhaus. Fünf alte Frauen hausten zurzeit darin und hatten es wirklich auf ihre alten Tage recht gut in ihrer Art, wenn sie es auch nicht immer einsahen und recht oft was zu klagen, zu streiten und zu beneiden hatten. Eine angenehme Ausnahme machte darin die von Lotte erwähnte Mutter Conradsch. Sie war nicht nur eine hübsche alte Frau, die auf äußerste Sauberkeit hielt, sondern auch sehr verständig und von heiterer Gemütsart, ja mit einem gewissen Mutterwitz begabt.

Ein lautes, wenig anmutend klingendes Gespräch scholl den beiden jungen Mädchen entgegen. Aus drei Türen steckten die Nachbarinnen ihren Kopf hervor, jede mit einem braunen Kaffeetopf in der Hand, und alle über irgend etwas entrüstet. Es roch nach Kaffee, aber auch – nach gebratenem Speck, und das war wahrscheinlich im Augenblick der Zankapfel. Jetzt klang eine muntere alte Stimme dazwischen: »Wohrt jug (paßt auf), wi kriegen Bisäuk (Besuch). – Szüh, Lotting, dat's mal nett, dat du noch eens kümmst! Ich dacht' all, du reistest so af (fort).«

Die Kaffeetöpfe verschwanden; hier und da wurde eilig eine Schürze umgekehrt, ein Stuhl abgewischt, und dann trat die Mahlmann vor, die Jüngste von allen, die, durch einen Unglücksfall arbeitsunfähig geworden, schon so früh im Armenhause Aufnahme gefunden hatte wie sonst keine. Fühlte sie sich nun noch zu jung, oder glaubte sie sonst nicht zu den anderen zu passen, genug, sie war es eigentlich, die am meisten Ursache zum Unfrieden gab, mit ihren »giftigen Redensarten«, wie die Conradsch sagte. In diesem Augenblick aber war sie eitel Liebenswürdigkeit; sogar die Andeutung von einem Knicks brachte sie zustande, wobei sie sich nur an Leonore wandte: »Oh, das gnäd'ge Fräulein gibt uns auch die Ehre? Das können wir ja gar nich verlangen, wir armen Alten! Will gnä' Fräulein sich 'nen Momang setzen in meine Stube, oder is es bloß Frau Conrad zugedacht mit die Fisiten?«

Da sie ihre Tür weit aufgemacht hatte und es drinnen leidlich sauber schien, trat Leonore über die Schwelle, allerdings in ziemlicher Verlegenheit, was sie nun tun und sagen sollte. Lotte, die schwatzte schon drüben im anderen Stübchen; die ließ die Freundin im Stich. Diese brauchte sich übrigens nicht lange zu besinnen, denn Frau Mahlmann entfesselte einen wahren Redestrom, immer hochdeutsch. Nelli verstand sie also ganz gut, aber sie fühlte sich zugleich ziemlich abgestoßen von dieser Art, dem vornehmen jungen Fräulein zu schmeicheln und dann gleich wieder über den eigenen Zustand mit Bitterkeit zu klagen und alberne Vergleiche zu ziehen. Die Frau hatte ehedem in Herrschaftlichen Häusern gedient und sich dann in der Stadt verheiratet. Früh Witwe und sehr leidend geworden, hatte man sie in ihrem Heimatsort Grünweide ins Armenhaus genommen; aber sie spielte unter den Dorfweibern noch immer die Vornehme. Zu trösten und gut zuzureden, wie Nelli sich immer den Verkehr mit Armen gedacht hatte, war da nicht. Am besten war wohl, sie verlegte sich aufs Loben. Sie bewunderte also die Blumen, die in Töpfen am Fenster blühten, fragte, wen die Photographie über dem Bett darstellte, und erfuhr, daß es ein »Exzellenzenfräulein« war, bei deren Mutter die Mahlmann früher gedient hatte. Sie begutachtete sogar das Stück Speck auf dem Holzbrett, das die Frau gerade angefangen hatte in Würfel zu schneiden, um es auszubraten.

»Lassen Sie sich ja nicht bei Ihrer Arbeit stören,« sagte nun Leonore, die Mahlmann aber wehrte: »I, wo werd' ich, wenn ich so vornehmen Besuch hab' – so viel Zeit hat unsereins auch noch! So als ich man höre, reisen gnä' Fräulen ab; da hat man fürs erste ja nicht wieder die Ehre. Wollen Sie denn noch lange zur Schule gehn? Mich dünkt, gnä' Frölen sind schon so schön groß; da könnten Sie eher ans Heiraten denken. Na, das wird ja dann nachher auch nicht mehr lang' dauern.«

Leonore wandte sich geärgert ab. Lachen konnte sie gar nicht; diese Frau war ihr zuwider. Freilich hatte Lotte sie schon belehrt: »Diese Art Leute reden immer gern was vom Heiraten.«

Auch die Conradsch war diesmal wieder bei dem Unterhaltungsstoff, indem sie sich äußerte, daß ihr Liebling Hermann Matersen nun wirklich bald an eine Frau denken müsse.

»Nich, dat sin Mutting em (ihn) nich miehr versorgen künn, Lotting, äwer (aber) dat is nu doch so an de Tid (Zeit). Un so'n staatschen Kierl kann äwerall ankloppen!«

»Sogoar bi di, Conradsch,« neckte Lotte, und die Alte drohte: »Du nimmst mir dat doch nich äwel (übel), Lotting, dat ick so'n Snack (Spaß) malt (gemacht) heww (habe)? Eegg (sage) em dat man nich wedder, lütt Diern.«

Dabei lachte sie so herzlich, daß Leonore ganz eifersüchtig durch die offene Tür herübersah und von ihrer redegewandten bittersüßen Frau Mahlmann wegstrebte.

In dem anderen Stübchen fand sie die Alte mit einer großen Näharbeit beschäftigt, bei der sie sich auch durch Leonorens Eintritt nicht stören ließ. Von Lotte Matersen nahm sie sogar an, daß sie ihr ein paar Nähnadeln einfädle auf Vorrat. Als Leonore sich auch etwas schüchtern dazu erbot, sagte sie: »J ja, lütt Frölen, dat nehm' ick an' dat is so wat für junge blanke Oogen (Augen). Lotting, de weit (weiß) dat all, dat dat mit mi nich mihr so fix geiht (geht).«

»Haben Sie kranke Augen, Frau Conrad,« fragte jetzt Leonore freundlich. »Da müßten Sie wohl mal damit zum Arzt?«

»O nee, nee, Frölen, dat's bloß dat Oller (Alter)! Denn nimmt dat allens 'n bäten af (ein bißchen ab), dat Sehen un Hüren (Hören) un Lopen (Laufen); dat is nich anners. Blot dat Mulwark (Mundwerk), dat geiht noch, bisonners, wenn 'n so nüdlichen Bisäuk hett. Dat freut mi doch, dat Sei ook ens kamen sünd. So, nu is't ook naug (auch genug), Frölen! Mihr Neihnadels heww ick nich; mit dit Regiment kam ick oot ut bei (bis) morgen, denn denk' ick noch doarbi an de lütt Frölens.«

Leonore war entzückt.

»Was nähen Sie da eigentlich, Conradsch?« fragte sie, auf das grobe, dunkelblau karierte Zeug deutend.

»Bettzeug,« sagte die Alte wichtig, »'n bischen düster, denken Sie woll, aber das ist praktisch. Früher, da hatt' ich immer rosa Zeug, aber nu amesiert (amüsiert) mi dat nich mehr.«

»Reizend – einfach reizend,« flüsterte Nelli der Freundin zu, als die Alte aufgestanden war und horchend an die Verbindungstür trat, die zur Nachbarin führte.

»Nu dauhn's (tun Sie) mi den Gefallen un kiken's (sehen Sie) noch bi de oll (alte) Stillingsch in, Frölen. Dei liggt tau (zu) Bett un möt väl uthollen (muß viel aushalten); denn süht's ook giern (sieht sie auch gern) mal 'n fründlich Gesicht.«

»Ja, komm, Neil,« bat Lotte eifrig, »die Stilling wird dir gefallen.«

Im Nebenstübchen, das besonders sonnig war, lag eine uralte Frau im Bett, von der Gicht verkrümmt und fast bewegungslos. Nur die eine Hand hob sie auf wie in Freude, als sie Lotte erkannte.

»Büst du dat, Lotting? Wen hest du denn doar mitbröcht (mitgebracht)?«

»Das Fräulein vom Hof,« sagte Lotte sehr laut, so daß Leonore merkte, daß diese Alte fast taub war. Deren Augen lagen zudem tief in den Höhlen und hatten so matten Blick, daß hier die Frage nach dem Augenarzt Nelli wieder angebracht schien; aber sie sah jetzt eine große Brille auf dem aufgeschlagenen Gesangbuch und fragte nun, sich tief herabbeugend: »Können Sie noch lesen, Frau Stilling?«

Da wurden die Augen etwas größer und die Alte antwortete: »Väl (viel) nich, äwer (aber) in min schönes Bauk (Buch), wat de Herr Entspekter mi bisorgt hett, dat hett so'n groten (großen) Druck. Doar schlag' ick mi wat up, wenn ick den Anfang weit (weiß) un nich wider (weiter) kann. Nich so, Conradsch, wi seggen (sagen) uns männigmal wat up (was auf)?«

Die Nachbarin nickte. »Stillingsch weiß am meisten von uns; dat is ihren ganzen Trost.«

Die Kranke hörte jetzt nichts; sie fingerte mit der einen, leidlich beweglichen Hand an der Brille, denn sie wollte ihrem Besuch was vorlesen zum Beweis, daß sie noch nicht ganz unfähig sei. Lotte sah, wie sie sich mühte, und bange, daß sie sich mit dem Brillenbügel am Auge oder Ohr verletze, nahm sie ihr das Glas ab und setzte es ihr rasch und geschickt auf. Nelli schaute so aufmerksam zu, als wolle sie sich jede Handbewegung der Freundin merken, wie sie ihr schon so manches abgeguckt hatte. Jetzt hatte die Kranke mit kundiger Hand das Buch aufgeschlagen und las mit der lauten eintönigen Stimme der Harthörigen ein Lied.

»Was hier kranket, seufzt und fleht,
Wird dort frisch und herrlich gehen;
Irdisch werd' ich ausgesät,
Himmlisch werd' ich auferstehen.«

Bei diesem Verse sah sie nicht mehr ins Buch, sondern richtete den Blick auf die beiden Mädchen. »Dat's min Trost, Kinnings (Kinder), ›frisch und herrlich gehen‹! Oh, was ich mich dazu freu'!«

»Ja, Ollsching, denn löppst (läufst) du uns noch all' vörbi (vorbei),« sagte die Conradsch und trocknete heimlich die Augen.

»Wär's man bald so weit,« sagte wieder die Kranke, aber die andere redete zu: »Nahwersch (Nachbarin), dat hett noch Tid (Zeit). Bliw (bleibe) man noch 'n bäten (ein bißchen) bi uns; wi bruken (wir brauchen) di noch.«

»O wat, wer brukt mi noch?«

»Ick, Stillingsch! Du büst för mi as 'n Preister (wie ein Priester), von di lihr' (lerne) ick Geduld und allens.«

Wie sie so laut und deutlich sprach, erschien im Gang vor der Tür wieder die Mahlmann horchend und bemerkte zu der etwas blöd und gleichgültig dreinschauenden Derlinsch, der vierten Bewohnerin des Armenhauses: »Doar ward wull all wedder predigt?«.

Ziemlich spöttisch sah sie dazu aus, als aber die jungen Mädchen herauskamen, fragte sie wieder ergebenst: »Gnä' Fräulein haben sich wohl recht erbaut bei Stillingsch?«

Die Freundinnen traten jetzt ins Freie, und Leonore sagte tief seufzend: »O Lotte ich bin ganz zerknirscht! So kann es sein, wenn man alt wird?! Und wie verschieden tragen sie es alle! Aber sag mal, Lotte: glaubst du, daß sie es hier verhältnismäßig gut haben, oder könnte noch mehr zu ihrer Erleichterung geschehen? Wenn ich später ganz hier wohne, dann will ich mich doch recht viel um alles kümmern – ja ganz gewiß – und wenn die rührende alte Stillingsch dann nicht mehr lebt, ist sicher wieder ein anderes altes Würmchen da, dem man mal eine besondere Freude machen kann.«

Lotte war gerührt über den Eifer der Freundin und dachte: »Was ist die Nell doch für ein gutes Ding, trotz ihres gelegentlichen Übermutes!« Sie faßte sie unter und fragte herzlich: »Meinst du wirklich, daß du hier später ganz wohnen wirst, Nell? Wird dein Vater das zugeben?«

»Ich weiß nicht,« sagte die andere träumerisch, »aber ich wünsche es mir. Sieh, Lotti, ihr redet doch alle immer so viel von Beruf und Tätigkeit; in der Pension tun sie das ebenso. Wenn auch einige da sind, die nur von Reisen, Theater und Gesellschaften schwärmen, es ist doch die kleinere Zahl, und ich – ich möchte nicht mehr zu ihnen gehören. Die anderen wollen alle etwas werden, Lehrerinnen, Erzieherinnen, Künstlerinnen oder so was. Zu dem allem würde mein Papa ja nun nie seine Einwilligung geben, und ich habe auch gar keine Lust dazu. Aber Gutsherrin, eine richtige, tüchtige, die alles kennt, was zu ihrem Besitz gehört, an alle sorgend denkt, die für sie arbeiten – das – das denke ich mir schön! Glaubst du, daß ich es bewältigen kann?«

Lotte nickte nachdenklich. Noch nie hatten die jungen Mädchen so ernsthaft miteinander gesprochen, wie heute nach diesem Besuch im Armenhause.

»Bald kommt unser letzter Tag hier,« sagte zuletzt Lotte, »weißt du wohl noch, Nelli, wie wir vor vier Wochen anfingen mit Zank und Böswilligkeit!?«

»Erinnere mich nicht daran,« fiel Nelli rasch ein. »Ich war ein Schaf! Aber ganz allein meine Schuld war's nicht, Lotte, das glaube mir.«

»Das weiß ich, Nell! War es deine eigene Schuld, so hätten wir uns nicht so schnell in Freundschaft wiedergefunden.«

Siebentes Kapitel: Alles bereit

Nun legten sie die letzte Hand an im Schulhause. Mit kühnem Satz sprang Lotte von der Trittleiter, wo sie seit geraumer Zeit herumturnte und Gardinen aufsteckte. Schneeweiß und klar schwebten sie jetzt vor den kleinen grünumrankten Fenstern, und Leonore erklärte sich zufrieden.

»Jetzt erst sieht es hier nett aus,« rief sie. »Deine häuslichen Künste haben das Beste getan, Lotte.«

»Sage das nicht, Nell; das Beste tat doch dein Papa, der immer wieder in die Tasche griff und dich einkaufen ließ. Sieh, einen so reizenden kleinen Teppich läßt sich das Fräulein gewiß nicht träumen!«

»Ach, er ist ja altmodisch, Lotte; aber dein Bruder meinte, mit diesem Blumenmuster und der Kante passe er gerade gut zu den alten Sachen.«

»So, sind wir nun fertig? Blumen hinzustellen, ist es noch zu früh; die verwelken bis übermorgen, und dann – dann sind wir ja fort, wir armen Schulmädel. Eigentlich zu schade, nicht wahr, Lotte? Da hat man sich so um die ganze Einrichtung gekümmert, und nun soll man das Fräulein nicht mehr empfangen!

Und niemand hätte sie doch so gut einführen können, wie wir!« Auch Lottes seufzte.

»Mutter verspricht zwar, sich sehr nett um Fräulein Froben zu kümmern, aber –«

»Aber das hilft unserer Neugierde nicht –« Nelli lachte – »ich hätte sie auch zu gern gesehen, vor allem, um festzustellen, wie jung sie eigentlich ist.«

»In dem Briefe der Schulbehörde war damals von einer älteren und einer jüngeren Lehrerin die Rede/' erinnerte Lotte. »Wenn die eine nun etwa sechzig Jahre zählte, kann man dagegen eine Dreißigjährige vielleicht jung nennen.«

»Aber brr –« Leonore schnitt ein abwehrendes Gesicht; für sie war es dann schon eine angehende »alte Jungfer«, und für eine solche wollte sie sich eigentlich nicht so lange geplagt haben.


Sie trugen den Korb nach der kleinen Speisekammer

»Geplagt?« wiederholte Lotte lachend. »Ich denke, es war dir ein Vergnügen, Nell?«

»Na ja, weil ich immer dachte, es wäre für ein junges Mädchen – nicht viel älter als wir – daß wir dann mit vergnüglicher Feierlichkeit empfangen und mit dem wir später nett verkehren könnten. Nun bekommt man sie nicht mal zu sehen und weiß noch lange nicht, wie sie aussieht. Ich hatte mir so was Niedliches vorgestellt, aber wer weiß?«

»Na,« unterbrach Lotte ziemlich zurechtweisend, »niedlich! Du glaubst, daß das die Haupteigenschaft einer Dorflehrerin sein müßte – daß sie mit ›Niedlichkeit‹ die Gören regieren könnte?«

»Alter Pedant,« schalt Nelli, »muß sie denn gleich häßlich sein, wenn sie ein Tugendspiegel ist, was man wahrscheinlich von ihr verlangt? Ich hatte mir nun einmal unter dieser Marianne Froben was Niedliches vorgestellt. Der Name klingt so nett, obgleich eigentlich altmodisch.«

»Schon wieder, Nell?«

»Nun – da paßt sie ja gut Zu den altmodischen Sachen im Schulhause; niedlich kann sie darum doch sein. Aber wenn du nun von dreißig Jahren sprichst –«

»Ach, ich weiß es ebensowenig; ihren Geburtsschein haben wir doch nicht gesehen. Halt! Ob Hermann den wohl hat? Es hieß einmal, die ›Papiere‹ der neuen Lehrerin seien angekommen und müßten gut verwahrt werden. Aber nun komm nur, Nell! Mehr Zeit können wir nicht damit verbringen, über Fräulein Froben und ihr Alter zu grübeln, sonst findet sie am Ende eine leere Speisekammer, und unser Werk bliebe ungekrönt! Komm – faß an.«

Damit hoben sie den nicht ganz leichten Korb, den sie eigenhändig vom Hof hergeschleppt hatten, und begaben sich in die kleine Speisekammer neben der Küche. Nelli zählte die Eier in das neugekaufte kleine Gestell, und Lotte freute sich über den prächtigen Schinken.

»Milch, Butter und ein frisches Brot schickt Mutter übermorgen her – so, nun noch Salz!«

»Soll ich nicht Kaffee mahlen?«

»Kannst du! Sind Streichhölzer da?«

»Natürlich – Hauptsache!«

»Ach, eins ist vergessen, Seife!«

»Aber Lotte, die führt doch jeder gebildete Mensch bei sich.«

»Ich meine nicht Seife für den Waschtisch, Nell, sondern Schmierseife für die Küche.«

»Muß das sein? Sie wird doch nicht gleich scheuern wollen, die Lehrerin – es ist ja alles sauber.«

»Einerlei, es gehört sich so. Wenn wir einmal einrichten, müssen wir an alles denken.«

»Gut – ich laufe zu Thielke – bin gleich wieder da – ein Pfund?«

So kam es, daß das kleine Gutsfräulein Leonore Menkhausen beim Dorfkrämer erschien und ein Pfund Schmierseife erhandelte, deren Geruch ihr sonst so unleidlich war. Aber sie benutzte die Gelegenheit, noch etwas anderes zu erstehen, womit sie Lotte überraschen wollte, die dies noch viel Wichtigere vergessen hatte.

»Da hast du deine Seife,« rief sie, »und ich – ich fülle das Tintenfaß! Siehst du, das finde ich noch viel wichtiger, Lotte!«

»Nur nicht über dem weißgescheuerten Tisch,« warnte Lotte, »sonst wird meine Seife noch das Allernötigste!«

Nun waren sie aber wirklich fertig, und mit einem fast zärtlichen Abschiedsblick überschauten sie die kleinen Räume, in denen sie sich so eifrig getummelt hatten.

Dann ging es nach Hause, ans Kofferpacken, und dann war der Abschied da – Abschied vom Landleben, von der Ferienfreiheit, von dem täglichen freundschaftlichen Beieinander.

»Jetzt schreiben wir uns aber,« versicherten die Mädchen einander, »auch wenn wir sonst in Anspruch genommen sind und wenig Zeit haben. So ein Fremdtun darf nicht wieder vorkommen!«

Achtes Kapitel: Tagebuch der Dorfschulmeisterin

Heute bin ich angekommen in Grünweide. Oh, wie mein kleines Haus an der Dorfstraße mich anheimelte, als ich es zu Fuß erreichte! Man hatte mir einen Wagen an die Bahn geschickt, aber ich ließ ihn kurz vor dem Dorf halten, um in ruhigem Wandern und möglichst unbemerkt meinen Einzug zu halten. Nun hat schon auf dem Herd das erste Feuer gebrannt – erster Lampenschein füllt das Zimmer – ja, schon Lampenlicht, denn wir haben ja bereits die kürzeren Augustabende, an denen man nicht mehr sagen darf, man »weiß nicht, wo der Leuchter steht«, was Jean Paul unter die vielen Kennzeichen des Hochsommers rechnet.

Übrigens, meiner wartete eine wohlgefüllte, sauber geputzte Lampe – ich fand überhaupt alles, alles bereit. Wer nur so für mich gesorgt haben mag, so mit Bedacht – ja ich möchte sagen, mit Liebe? Wie das am völlig fremden Ort wohltut, an so besonderem Wendepunkt des Lebens!

Hier soll ich nun ganz selbständig hausen und die Dorfjugend regieren! Werde ich es denn können? Müßte mir nicht bange sein?!

Ich bin hinausgetreten vor die Tür, denn wie ich vom ersten Lampenschein schrieb, fiel mir ein, daß ja jetzt, im August, die Zeit der Sternschnuppen ist. Ich wollte einen Wunsch bereit haben – und wie ich so von draußen durch das kleine berankte Fenster in mein helles Zimmerchen sah, was war natürlicher als der Gedanke: ›Oh, daß ich hier heimisch werden könnte!‹ Dann aber hatten sich schon meine Hände gefaltet zu der Bitte: »Lehre mich, Herr, wie ich lehren soll – ziehe mich recht, daß ich andere ziehen und zu dir bringen kann!« Da – schoß es hell und leuchtend über mir dahin. Nun bin ich getrost!

Heute gleich mit der Schule anfangen? Nein, ich muß doch wohl warten; es wird vielleicht jemand kommen und mich einführen.

Bis jetzt habe ich nur ein altes Weiblein gesehen, das zutraulich dabeistand, als ein kleines flachshaariges Dirnchen mit einem großen Topf erschien und sagte: »Ick bring' de Melk (Milch).« Wie gut, daß ich Plattdeutsch kann! Die Alte erklärte denn auch gleich: »Sei wull (wollte) nich allein her, ick müßt' mit.«

Nun wandte ich mich – schrieb Marianne weiter – zu der Kleinen: »Du büst doch nich bang' vör mi?« Da schüttelte sie den Kopf und sagte beherzt: »Nee, ick kam' ook tau Schaul (gehe auch in die Schule).«

Ich nahm sie nun mit in die Küche, wo sie ihre Schätze ablud, außer der Milch köstliche Butter und ein frisches Brot.

»Wer schickt dich?« fragte ich, und »Madam',« war die Antwort, »sei hett hüt (heute) backt.«

Ich bestellte Gruß und Dank zurück an diese unbekannte Dame und schickte mich an, auf dem Herd ein Feuer zu machen, denn ich mußte mir ja Kaffee kochen. Zu Hause brauchte man nur ein Gasflämmchen dazu anzuzünden – hier lag kleingemachtes Holz sauber geschichtet bereit und in einer Kiste Torf, den ich gar nicht kenne! Gestern hatte ich rechte Mühe damit; auch heute ging es langsam, und der Torf schwelte nur.

»Hei is woll natt (naß)?« sagte die kleine Stimme hinter mir in altklugem Ton; das Kind stand noch da, mich neugierig beobachtend, und ich dachte: »Die wird es nun ausbringen im ganzen Dorf: ›Füer (Feuer) kann's nich anböten‹ (anzünden).«

Ich schickte sie also freundlich nach Hause und wirtschaftete allein weiter. Zu Mittag wollte ich mir Eier in die Pfanne schlagen; mein großer Vorrat fordert dazu heraus. Dann noch Schinken – o diese ländliche Herrlichkeit in meiner Speisekammer! Ob im Gärtchen wohl Salat zu finden war? Natürlich! Einen krausen, dichtgeschlossenen Kopf konnte ich mir ausziehen. Dann schälte ich mir sechs Kartoffeln – eigentlich nur aus Neugier und Lust zur Sache – ich hätt' ja sonst ebenso gern Brot zu meinen Eiern gegessen. Aber, aber –! Zeugen diese meine ersten Aufzeichnungen von dem Eifer einer Lehrerin?

Ach, es war so allerliebst, meine eigene kleine Wirtschaft in Besitz zu nehmen – das darf mir niemand verargen! Ich verließ nun aber doch meine Küche und begab mich an den Arbeitstisch. Ein herrlicher Sekretär ist es, Altmahagoni und wundervoll gearbeitet! Mit wahrer Wonne habe ich ihn eingeräumt – getan aber doch noch weiter nichts daran, als in dies Buch geschrieben, und zuallererst einen Brief an die Eltern. Sie verfolgen mich ja doch unablässig mit ihren Gedanken, besonders du, Mama! Also sollst du schnell, schnell teilhaben an meinen ersten Eindrücken!

Dir war es ja nicht ganz recht, daß ich hierher ging. Zu jung fandest du mich für diese Selbständigkeit, zu einsam denkst du dir mein Leben in dem Dorf. Du, Vater, du verstandest mich und machtest mir Mut. Von dir hab' ich's ja gelernt, mit Kindern umzugehen. Du hast nichts weiter dazu gesagt als: »Die Kinder im Spital werden dich vermissen, Marianne, und ich auch!«

Freilich, aber dafür werde ich nun anderen Kindern dienen. Dazu habe ich ja doch gelernt und das Examen gemacht – weil Mutter nicht wollte, daß ich Krankenschwester würde, was zuerst mein Plan war. Immer schonen wollte sie mich und heiter, glücklich sehen! Oh, ich weiß wohl, in welcher Richtung für sie einzig das Glück zu liegen scheint; sie ist ja eine so sehr, sehr glückliche Frau – ihr Haus ihre Welt, Mann und Kinder ihr größter Reichtum.

»Nun, Mutterchen, deine Tochter ist ja noch jung,« sagte Vater, »laß sie immerhin erst dienen, damit sie dermaleinst richtig zum Herrschen gelangen kann.«

Oh, Vaters liebenswürdig schlaues Blinzeln dabei und Mutterchens zartes Erröten! Nein, herrschsüchtig ist sie wahrlich nicht, unser geliebtes sanftes Mutterchen, und Vater weiß das auch ganz genau. Aber ich, ich werde nun doch wohl einen kleinen Anlauf zum Herrschen nehmen müssen, denn dreißig Dorfkinder, die wollen regiert sein; in sanften Flötentönen wird man das nicht immer machen können.

Der Gemeindevorstand war da; zwei würdige Männer des Dorfes haben mich willkommen geheißen – in hochdeutscher Rede zwar, aber mit einiger Mühe, so daß ich unwillkürlich einmal plattdeutsch geantwortet habe. Da hat der eine überrascht und erfreut ein bißchen gelacht, der andere eher beleidigt ausgesehen. Ich muß mich also hüten, ihnen zu zeigen, daß ich ihnen keine Bildung zutraue. Sie haben mich dann in das Schulzimmer auf der anderen Seite des Hauses geleitet und mir jedes einzelne vorgestellt: die Wandtafel, voll Stolz eine neue Landkarte und einige Bilder für den Anschauungsunterricht.

»Hett all' de Entspekter bisorgt,« sagte einer von den Gemeinderäten, und der Hochdeutsche beeilte sich, hinzuzufügen: »Die Herrschaft is nämlich nich ein (da), sonst würden der Geheime Rat und das gnä' Frölen sich gewiß die Ehre geben.« Worauf wieder der andere: »Wenn noch wat fehlt, Frölen, denn wennen's sick an mi (wenden Sie sich an mich). Dint' is doch woll doar –« dabei guckte er in alle Tintenfässer – »un ook Krid' (Kreide)?«

Ich erfuhr nun, daß mein Gönner das Gasthaus im Dorf und zugleich einen kleinen Laden hält, den er mir für vorkommende Fälle empfahl, wenn einmal etwas in der Wirtschaft fehlen sollte. Ich sprach nun meine Freude aus, daß ich alles so wundernett eingerichtet gefunden und noch nichts entbehrt hätte. Da sagte Herr Thielke schmunzelnd: »Ja, sei is gaut, de Madam, un de Frölens hebben hier wirtschaft't, dat dat 'ne Lust wier (war). Die lütte Gnedige von'n Hof hat noch zuallerletzt Schmierseife bei mich gekauft. Äwerst nu sünd's wedder tau Schaul' und de Madam sitt (sitzt) mit 'n legen Faut (kranken Fuß) – is gistern tau Schaden kamen. Ja, und der Herr Verwalter, der hat zur Stadt gemußt, wieder vors Gericht,« erzählte der Hochdeutsche und machte dann eine bedeutsame Pause.

Jedenfalls wollten sie mir begreiflich machen, warum noch niemand »vom Hof« sich nach mir umgesehen hätte, und das erkannte ich als gut gemeint. Was es aber mit dem Verwalter vor Gericht für eine Bewandtnis hat, das weiß ich noch nicht. Der Knecht, der mich von der Station herfuhr, munkelte auch so was, aber ich mochte nicht fragen.

Sie gaben mir nun noch eine Liste, worin all' die Schulkinder mit Namen vermerkt sind, und ich hatte nachher Zeit, mir einzuprägen, wie viel Krischan, Korl, Marieken, Stiene und Mine ich zu erwarten habe.

So, der Anfang wäre gemacht, und es ist über Erwarten nett gegangen. Nach dem Gebet habe ich ihnen zuallererst eine biblische Geschichte erzählt und dann versucht, sie abzufragen. Einige antworteten tapfer, wenn auch unbeholfen; andere starrten mich mit offenem Munde an und brachten nichts hervor. Ein Mädchen in der hintersten Bank kicherte unausgesetzt und stieß die Nachbarin an, schon während ich erzählte. Diese Unaufmerksame gerade rief ich mir nachher auf. Natürlich wußte sie nichts, und ich hielt meine erste Ermahnungsrede. Eine Kleine aber, dicht vor mir, die tat es mir gleich an. Ihre großen blauen Augen ruhten unausgesetzt auf mir, aber nicht in neugierigem Staunen – ich möchte eher sagen, mit Hingebung. Sie verlor kein Wort, antwortete und sprach sogar zusammenhängend, obgleich ich sie für eine der Jüngsten hielt. Diese kleine Anning Kasten wird gewiß mein Liebling! Aber nun heißt es wieder sich hüten vor Bevorzugung!

Nachher kam dann Lesen, Schreiben, Rechnen; da waren die Leistungen sehr verschieden. Beim Rechnen taten sich allerdings zwei Buben hervor, und ich merkte mir, das waren Christian und Johann Thielke, jedenfalls die Söhne des einen der Gemeindeältesten. Die hatten in der Gaststube und im kleinen Laden gelernt, mit Zahlen umzugehen. Nette offene Gesichter haben sie, dagegen sitzt in der letzten Bank einer, dessen Ausdruck mich quält. Er wußte auch nichts, las zum Erbarmen, schrieb anscheinend nur mit Klecksen und antwortete auf Fragen überhaupt nicht. Stumpf blickten die Augen, und doch konnte plötzlich ein unheimliches Blitzen hineinkommen. In der Zwischenstunde hielt er sich abseits von den anderen, die zum Teil in dem abgegrenzten Schulhof lärmten – ohne aber meinem kleinen Garten zu nahe zu kommen – zum Teil mich in kleiner Entfernung umringten und beinahe ihr Frühstücksbrot vergaßen, weil sie mich immer beobachten mußten.

Plötzlich bekam der blöde Junge, den sie Hinrich genannt hatten, die Sprache zurück und meldete, daß in der Küche was überkoche. Ich hatte nichts bemerkt und in dem Bewußtsein, daß nur der Wasserkessel auf dem Herd stand, mich weiter nicht darum gekümmert. Als ich jetzt die Tür aufmachte, merkte ich einen ganz schwachen brenzlichen Geruch; schnell sah ich nach – ein wenig Wasser war auf die Herdplatte gespritzt. Ich begriff gar nicht, wie man das im Schulzimmer hatte riechen oder gar das Knistern hören können, und dachte darüber nach, wie wunderbar die Naturgaben verteilt sind. Dieser anscheinend im Geistigen so verkürzte kleine Mensch, zeigte plötzlich so auffallend scharfe Sinne!

Ja, ich hatte viel zu denken nach diesem ersten Schulmorgen. Im ganzen kann ich zufrieden sein. Die Haltung der Kinder, die in der unfreiwilligen Pause natürlich etwas verwildert ist, werde ich schon bessern. Einige hatten sich in der Bank recht hingeflegelt; die haben gleich ihre Ellbogen ein wenig fühlen müssen, womit ich sie auf den Tisch stuppste. Auch den kichernden Mädchen will ich es beibringen, daß sie die biblische Geschichte als das Heilige ansehen, dem man auch äußere Ehrfurcht schuldet.

Am Nachmittag habe ich Handarbeitstunde gegeben. Das war sehr hübsch! Ohne die Knaben war es doch weit einfacher, mit den Mädchen fertig zu werden, und wenn sie auch mal ein bißchen schwatzten, schadete es am Ende nicht. Sie hatten ihre Strickzeuge ganz leidlich in Ordnung; einige von den Größeren brachten natürlich auch die beliebten Häkelspitzen, je breiter, desto lieber. Die habe ich mir gleich freundlich verbeten.

»Häkeln könnt ihr schon ganz hübsch, wie ich sehe; das brauchen wir in der Schule nicht zu üben. Wir wollen lieber sehen, ob ihr einen Flicken einsetzen und Strümpfe stopfen könnt.«

Wieder ein Anstoßen und Lachen, auch wohl halblautes Murren, dann sagte eine von den Grüßten: »Uns' oll' Tanten hett uns ümmer häkeln lassen.«

Ich dachte, das sei freilich am einfachsten, aber ich kann es nicht sehen, wenn sie mit dem unnützen Kram die Zeit hinbringen. »Tanten« war die Schwester vom alten Schullehrer, die für die Mädchen des Dorfes ein übriges tat; eigentlich Lehrerin war sie wohl nicht. Ich sollte mir also kein Urteil erlauben über ihre Art, die Kinder zu beschäftigen. Ich selber aber muß natürlich meinen wohldurchdachten Arbeitsplan haben.

Neuntes Kapitel: Allerlei Besuche

Nun schickte die junge Lehrerin sich an, Besuch auf dem Hof zu machen, nicht im Herrenhause, denn die Herrschaft war ja nicht »ein«, wie man ihr gesagt hatte, aber im Verwalterhäuschen, um endlich der »Madam« zu danken und nach ihrem Befinden zu fragen.

Frau Matersen war im Wohnzimmer allein, saß im Lehnstuhl und hatte den kranken Fuß hoch gelegt.

»Sie treffen es schlecht bei mir, Fräulein Froben,« hub sie an, »so bin ich sonst nicht zu finden. Was würde meine Lotte sagen, wenn sie wüßte, daß ich noch gar nicht bei Ihnen war! Sie hat mir ja das Schulhaus auf die Seele gebunden!«

»Und ich,« fiel Marianne ein, »habe auch überall gespürt, daß eine freundliche Seele für mich gedacht und gesorgt hat; ich danke Ihnen vielmals, Frau Matersen.«

»Ach, das sind die Spuren von den beiden Mädchen, Fräulein Froben. Leonore Menkhausen und meine Lotte betrieben die Einrichtung für Sie mit größter Lust und waren geradezu unglücklich, daß sie vor Ihrer Ankunft fort mußten. Aber Sie wissen wohl: wenn die Schule ruft – als Lehrerin –«

»Das muß ich natürlich begreifen,« fiel Marianne ein, »wenn ich es auch diesmal bedaure. Und für Sie, Frau Matersen, tut es mir am meisten leid, daß Sie Ihre Tochter entbehren müssen. Wie kam das mit dem Fuß?«

»Auf der Kellertreppe bin ich ausgeglitten, gleich nachdem Lotte vom Hof war. Gebrochen habe ich ja nichts, aber eine Sehnenzerrung am Fuß kann eine rechte Geduldsprobe werden. Mein Sohn macht mir ja Umschläge und hilft mir, so viel er kann, aber viel um mich haben kann ich ihn natürlich nicht, so in der Erntezeit –«

»Aber Ihr Herr Sohn ist doch wieder zu Hause? Ich hörte, er sei verreist gewesen.«

Das sorgenvolle, wenn auch freundliche Gesicht der alten Frau wurde streng, fast hart, als sie sagte: »Meines Sohnes Anwesenheit in der Stadt war nötig.«

Marianne Froben erschrak über die Veränderung und fragte nicht weiter, aber schon fuhr die alte Dame fort: »Sie werden ja doch davon hören, von den unseligen Feuergeschichten. Sie kennen uns nicht, also ist es unnütz, Sie zu bitten: Geben Sie dem Geschwätz der Leute kein Gehör!«

»Sie brauchen nicht zu bitten, Frau Matersen,« sagte das junge Mädchen bestimmt. »In dieser Art lasse ich mich nicht mit den Leuten ein, wenn ich auch sonst allerdings wünsche, mit ihnen bekannt zu werden, um besser in meinen Arbeitskreis hier hineinzuwachsen.«

Das strenge Gesicht vor ihr milderte sich.

»Das klingt verständig, und Ihr Gesicht sagt das gleiche, obwohl es so jung – so jung ist! Liebes Fräulein, Sie sind ja wohl kaum zwanzig Jahre alt? Diese Frage hat meine Backfische alle Tage beschäftigt.«

Marianne lachte und antwortete: »Vierundzwanzig zähle ich, Frau Matersen, wenn Sie das beruhigt und Ihnen zu mir in meiner Stellung mehr Vertrauen gibt.«

»Ach, ich! Auf mein Vertrauen kommt es doch nicht an! Ich wünsche nur für Sie selbst, daß es Ihnen nicht zu schwer sein möge, was Sie hier übernommen haben. Aber Sie scheinen ja guten Muts!«

»Das bin ich, Frau Matersen, und mit Gottes Hilfe wird es wohl gehen.«

Frau Matersen konnte nicht anders, sie mußte mit der Hand über das junge, frische Gesicht streichen und sagen: »Alles Gute wünsche ich Ihnen hier!« Dann weiter: »Wie leid tut es mir, daß ich Sie heute gar nicht bewirten kann! Aber niemand ist zu Hause; die Leute sind natürlich alle mit zu Felde, und ich muß hier wie angebunden sitzen!«

»Vielen Dank, Frau Matersen! Ich bin ja schon immer in meinem Schulhaus Ihr Gast gewesen; bei jeder Mahlzeit eigentlich war irgend was Gutes von Ihnen. Aber Sie selbst, entbehren Sie nichts? Kann ich irgend etwas für Sie tun?«

Dabei sah sie sich mit hellen Augen um, daß die alte Frau dachte: »Die wäre imstande, sich im fremden Hause gleich zurechtzufinden – fast möchte ich sie auf die Probe stellen!« Aber sie tat es doch nicht, sondern sagte nur, als Fräulein Froben bald danach aufstand: »Nicht wahr, Sie kommen einmal wieder zu mir – wenn ich Ihnen auch vorläufig noch keinen Gegenbesuch machen kann –«

Das versprach Marianne gern, denn wenn das alte Gesicht da auch ernst, ja einen Augenblick streng erschienen war und die Stimme etwas trocken klang, so glaubte Marianne doch, hinter den Worten einen mütterlichen Sinn zu spüren, und den – dachte das so ganz auf sich selbst gestellte junge Mädchen – den würde man doch vielleicht gern manchmal suchen.

Marianne ging nun ins Dorf zurück, um noch einige weitere Besuche zu machen – zunächst im Gasthaus, denn das hatte Frau Matersen ihr geraten, nicht nur, weil der Wirt Gemeindevorstand war; sie lobte auch seine Frau als gut und gefällig; »und es sind immerhin die näheren Nachbarn, von dem Schulhause leichter zu erreichen als wir hier auf dem Hof, wenn Sie mal in Verlegenheit sein sollten.«

Sehr gut gefiel die freundliche kugelrunde Wirtin Marianne. Sie nahm gern ein Schälchen saure Milch, dick mit Zucker und Brot bestreut, von ihr an und lachte vergnügt dazu, als ihr verheißen wurde: »In 'n Winter, wenn ick Swin' slacht' (Schweine schlachte), denn möt (mutz) Frölen ook (auch) min Wust (Wurst) probieren.«

»Hier scheint man von Wohltaten zu leben,« dachte sie im stillen und fand es dann angemessen, im Lädchen neben der Gaststube eine kleine Bestellung zu machen. Heimtragen durfte sie aber die Päckchen beileibe nicht; das ließen Christian und Jochen, die sie bedienten, nicht zu. Viel hätten sie ja nicht zu bieten, sagte noch die Wirtin bescheiden; wenn das Fräulein mal was aus der Stadt brauchte – es gehe noch immer zweimal wöchentlich eine Botenfrau, die alles recht geschickt besorge.

»De Großmudder von Hinrich Stoppsack,« rief der kleine Jochen hinter dem Ladentisch, und Marianne erinnerte sich, daß dies der Name des blöden Jungen in ihrer Klasse war, hinter dessen Art sie noch nicht kommen konnte. Sie brachte das Gespräch auf ihn, und die Wirtin meinte, ja, der sei recht verwahrlost. Der Vater habe nichts getaugt, und die Mutter sei immer krank gewesen; nun, da beide tot seien, habe die Großmutter ihn bei sich, sei aber zu viel fort und verstehe auch wohl nicht recht, den Jungen zu behandeln. »Nicht so gut, wie das Handeln in der Stadt,« schloß die Wirtin, und Marianne nahm sich vor, auch bei der Botenfrau bald einzusehen.

Aber vorerst zu dem anderen Gemeindevorstand, damit keine Eifersucht entstünde! Bei aller inneren Bescheidenheit fühlte die junge Lehrerin durchaus, daß sie hier, als etwas Neues im Dorf, eine gewisse Rolle spielte, und daß sie ebenso wie in der Schule niemand bevorzugen durfte.

Also nun zum Schuster Frank! Das war der Hochdeutsche, und der empfing sie auch gleich mit allerlei gewandten Reden, wie es dem Fräulein denn hier gefalle, und ob die Kinder auch nicht zu sehr aus Rand und Band geraten wären in der letzten Zeit, da sie ohne Schullehrer waren. Dabei warf er mehr oder weniger verstohlene Blicke auf die Füße der jungen Besucherin, eingehend ihr Schuhwerk beurteilend.

Das Fräulein würde ihn doch auch beehren mit ihrer Kundschaft? Ausbessern würde er ihr alles von heut auf morgen! Und seine neue Arbeit – wieder ein Kennerblick nach unten – würde dem Fräulein auch vielleicht besser zusagen als (mit einiger Verachtung) diese leichte Fabrikware!

Nee, Fräulein, so als Sie mir hier sehen, bün ich Junggesell!

Marianne versprach gern ihre wertvolle Kundschaft, sagte aber zugleich, daß sie wohl vorläufig Meister Franks Dienste nicht in Anspruch nehmen würde, da sie sich vor allem mit Schuhzeug reichlich versorgt habe, in Gedanken an Dorf- und Waldwege, ja, Stoppelfelder sogar. Das lobte der Meister und fügte hinzu: »Und dann konnten Fräulein ja auch nich wissen, ob es hier auf dem Dorf so was von Schuster geben tät'. Das is nich allenthalben so wie in Grünweide; ich hab' die Kundschaft von alle Dörfer hier 'rum.«

»Können Sie das denn allein bewältigen?« fragte Marianne, sich umschauend, da sie niemand außer dem Meister an der Arbeit sah.

»Muß,« entgegnete dieser ernsthaft. »Die neumodischen Gesellen taugen nich viel; ihre Arbeit is nich solide genug, und vor allen nich ihr Karakter.«

»Haben Sie keinen Sohn, der Ihnen allmählich beistehen könnte? In der Schule ist ja keiner von Ihnen.«

Der Schuster lachte ein wenig.

»Nee, Fräulein, so als Sie mir hier sehen, bün ich Junggesell! Die Frauen« – er wiegte den Kopf; seine Meinung über sie schien nicht viel anders als über Gesellen- und Fabrikarbeit. Doch er sprach es nicht aus, in Anbetracht, daß eine Dame vor ihm stand.

Nun lächelte auch Marianne und sagte: »Das muß aber einsam sein, Meister! Womit vertreiben Sie sich denn die Zeit am Feierabend und Sonntags?«

»Lesen, Fräulein! Ja, wenn's keine Bücher nich gäb'!«

Das mußte nun wohl der Lehrerin mit all' ihrer jungen Bücherweisheit gefallen. Freundlich erbot sie sich sogar, den Schuhmacher auch dann und wann mit Lesestoff zu versorgen, wenn erst der Winter käme, und der alte Junggeselle strahlte.

War es nun für heute genug mit Besuchen? »Nein,« dachte Marianne, »je eher, je lieber zur alten Botenfrau! Vielleicht treffe ich sie gerade jetzt gegen Abend am besten zu Hause.«

Es war so. Im letzten Hause des Dorfes stand eine Alte am Herd und kochte die Abendsuppe. Das Feuer brannte hell, viel besser als im Schulhause, wo die junge Lehrerin sich noch immer ziemlich damit quälte. Der Schein fiel über ein altes runzliges Gesicht, über dessen Häßlichkeit Marianne zuerst erschrak. Die stechenden Augen, das wirre graue Haar und der zahnlose Mund, aus dem die Rede aber doch recht fix floß, konnten nicht einnehmend sein; aber die Wirtin hatte die Alte doch als geschickt und ehrlich gelobt. So machte Marianne einen kleinen Auftrag für den nächsten Botengang. Dann sprach sie von Hinrich und mußte gleich von der Großmutter viel über ihn hören: wie dumm und faul er sei, und wie sie leider so wenig auf ihn achten könne, da sie doch immer auf ihren kleinen Verdienst aus sein müsse. Marianne sagte nun auch, daß sie in der Schule nichts von ihm erreichen könne, daß er immer wie verstockt dasitze. Die Alte antwortete: »Ja, Fräulein, der Junge is verprügelt. Der alte Schullehrer – na, er is nu dot, und ich will nichts über ihn sagen, aber viel Geduld hatt' er nicht, und ich weiß es ja auch, wie mir oft die Hand juckt, wenn der Jung' einen so ankuckt und man nicht weiß: »Kann er nich oder will er nich!«

Sehr nachdenklich ging Marianne aus diesem Hause und nahm sich vor, den armen kleinen Wildling besonders im Auge zu behalten. Das konnte eine Aufgabe werden, schwer, aber vielleicht doch lohnend.

Nun Anning Kasten! Da saß sie auf der Schwelle eines Hauses und strickte, wobei sie zugleich ein etwa zweijähriges Geschwisterchen beaufsichtigte. Die Lehrerin erkennen und aufspringen war eins bei ihr, wobei sie aber doch noch darauf achtete, daß das Strickzeug und der Knäuel sich nicht verwirrten. Dann ein kleiner Knicks und mit den strahlenden Blauaugen zu Marianne aufgeschaut. Diese gab der Schülerin die Hand und fragte, ob das ihre kleinste Schwester sei, die da im Sand spielte; sie erfuhr, daß im Hause noch zwei kleine Brüder wären, ganz kleine, die noch nicht laufen und nicht sprechen könnten.

»Beide nicht?« fragte da Marianne förmlich erschrocken, und trat dann ins Haus. Hier fand sie die Mutter gerade dabei, die Zwillinge zu Bett zu bringen. Eine freundliche saubere Frau war es, die nur recht schwächlich schien, so daß Marianne gleich nach ihrer Gesundheit fragte. Sie hörte, daß die Frau einen sehr schweren Winter voller Krankheitsanfälle hinter sich hatte und sich noch immer nicht recht erholen konnte.

»Da mußt du deine Mutter recht pflegen, Anning,« sagte Marianne.

Das Kind nickte: »Dat dauh ick ook« (Das tu' ich auch). Die Mutter aber erzählte, daß die Kleine so manchesmal Suppe für sie gekocht habe, daß sie gut auf die kleine Schwester obacht gebe und dem Vater das Essen nachtrage, wenn er weit von Hause arbeite. Marianne erstaunte, was so ein kleines achtjähriges Menschenkind schon nützen konnte.

Als sie dann gehen wollte, kam gerade der Mann nach Hause; darum blieb sie noch einen Augenblick, um auch diesen kennen zu lernen. Kasten war Forstarbeiter und kam eben aus dem großen Eichhorst, der etwa eine Stunde vom Dorf entfernt war. Schaute die Frau äußerst zart aus, so war der Mann von gar stämmiger Gestalt; man sah es ihm an, daß er wohl Lasten bewältigen konnte, und daß er auch der schwachen Frau so viel wie möglich Stütze war, traute man dem gutmütigen Ausdruck seines braungebrannten Gesichts gern zu. Sagen konnte er nicht recht was; auf Mariannens freundliche Anrede rückte er nur öfter verlegen an der Mütze und brachte höchstens ein »Ja, ja, so is es« hervor.

Auch die Frau gehörte nicht zu den Geschwätzigen, aber trotzdem hatte Marianne einen deutlichen Eindruck von dieser kleinen Häuslichkeit und ging mit dem Wunsch, hier bald mal wieder einzusehen.

Abends schrieb sie in ihr Buch von den Eindrücken des Tages und schloß: »Könnte es mir interessanter oder ersprießlicher sein, wenn ich hier Aufzeichnungen machte über Theater und großstädtische Geselligkeit? Ich sehnte mich noch keinen Augenblick danach und wünsche nur, ich könnte alle, die mich so bedauerten, daß ich mich in ein Dorf vergraben wollte, recht schnell überzeugen, wie ich mich hier am Platz fühle und nichts weiter hoffe, als ihn immer recht ausfüllen, recht segensreich hier wirken und nützen zu können.«

Zehntes Kapitel: Kleine Schulbesichtigung

»Hermann,« begann Frau Matersen in diesen Tagen beim Abendessen, »bist du noch nicht im Schulhause gewesen?« Der Sohn machte ein etwas reuevolles Gesicht und entgegnete: »Nein, Mutter, ich konnte noch nicht so weit kommen.«

»Ach was, das sind Ausreden!«

»Ja. Mutter, was denkst du, daß solche Dame sich aus meinem Besuch macht! Solche junge Gelehrte – was soll ich mit der sprechen!«

»Aber Hermann, tu nicht, als ob du ein Bauer wärest! Überhaupt – du hast den Gutsherrn zu vertreten, darfst also nicht hinter dem Gemeinderat zurückstehen, dem du doch auch angehörst.«

»Ach – so meinst du das!«

»Natürlich nur so! Als mein Sohn könntest du die Lehrerin ja ebensogut hier bei mir begrüßen. Aber du gehst ihr stets aus dem Wege. Nett finde ich das nicht, mein Jung', besonders, da ich ihr so gar nichts sein kann. Ach, es ist ein rechtes Kreuz, daß ich gerade jetzt so angebunden bin. Man müßte doch das Fräulein auch einmal einladen. Aber wie darf ich mir das jetzt aufbürden, da ich nichts leisten kann und keine Hilfe habe. Sie wird das ja vielleicht einsehen, aber doch sich schrecklich einsam fühlen!«

»Gut, ich gehe morgen hin, Mutter,« sagte Hermann entschlossen, »das heißt, erst muß ich notwendig nach der Ziegelei. Aber nachmittags oder gegen Abend sicher!«

»Ach, dann ist ja keine Schule.«

»Meinst du, daß ich gerade in der Schulzeit hingehen soll?^

»Gewiß! Dann kommst du sozusagen von Amts wegen, weil du dich doch mal umsehen mußt, ob alles in Ordnung ist und auch alle Unterrichtsmittel vorhanden sind, und wie sie mit den Kindern fertig wird.«

»Mutter, ich soll das Fräulein doch nicht etwa unter Aufsicht nehmen?«

»Nun, nein – so mein' ich's nicht, aber Interesse zeigen für ihre berufliche Stellung hier. An wen soll sie sich sonst schließlich wenden, wenn sie mal nicht weiter weiß?«

»Wäre zu ihrem Ratgeber nicht eigentlich der alte Pfarrer in Langendorf der nächste?«

»Na ja, der wird auch schon einmal kommen; er ist nur recht krank und jetzt doch im Bade, wie du weißt.«

»Ja dann, Mutter – also ich gehe und spiele den Gutsherrn! Führe mich etwa so ein: ›In Vertretung des Geheimrat Menkhausen möchte ich mich umsehen, wie –‹«

Er sagte es wie etwas Auswendiggelerntes, und die Mutter lachte.

»Sei doch nicht so schwerfällig, Männe! Die Sache ist sehr einfach.«

»Mir ist jetzt nichts einfach, Mutter,« klang es ernsthaft zurück. »Bei jedem Zusammentreffen mit einem Fremden ist es mir peinlich zu denken, daß er in die unseligen Feuergeschichten natürlich schon eingeweiht ist.«

»Dieses Mädchen ist nicht danach, daß es sich Zuträgereien von Klatsch gefallen läßt,« sagte Frau Matersen bestimmt, und Hermann schloß: »Gut, ich gehe also und bestelle vor allem einen Gruß von meiner Mutter, die das Fräulein schon entbehrte.«

»Mach' es, wie du willst, mein Jung'; im Augenblick wird dir schon das Rechte einfallen.«

»Glaubst du?«

Hermann lächelte schwermütig und dachte, daß ihm vor Gericht nie das Rechte eingefallen war, was zu seiner Entlastung hätte dienen müssen. Er war nur immer wie vor den Kopf geschlagen, daß er sich überhaupt verteidigen sollte. Hiermit nahmen seine Gedanken eine andere Richtung an. Er saß still da, schrieb aber nach Tisch noch einen Brief an Lotte und trug ihr auf, sich der Mutter wegen für einige Tage in der Schule freizumachen: er würde sie am übernächsten Tag von der Bahn abholen.

Als er dies der Mutter erzählte, war sie zu seiner Überraschung sofort einverstanden. Sie, die nie an sich dachte, nie etwas für ihre Bequemlichkeit und Unterhaltung verlangte, hatte allerdings auch andere Gründe, die Tochter herbeizuwünschen. Hermann machte ihr Sorge. Fortgesetzt war seine Stimmung trüb und schwer, aber er sprach sich zu ihr nicht aus, zu ihr, die selbst alles so schwer nahm. Lotte mit ihrer Beweglichkeit, ihrem raschen Verständnis, das sie bei aller Kindlichkeit für den älteren Bruder hatte, würde ihm gut tun. So sorgten diese beiden stillschweigend um- und füreinander; welchen Jubel aber der Brief bei der Empfängerin hervorrief, ahnten sie doch nicht.

Inzwischen ritt Hermann am nächsten Morgen nach der Ziegelei, sehr früh, um rechtzeitig zurück zu sein, auf daß er noch vor elf Uhr im Schulhause Besuch machen konnte.

Schön war dieser Ritt in der Morgenfrühe! Hermann mußte durch den Wald – den Eichhorst, nach dem Marianne Froben schon immer so sehnsüchtig hinübersah – und er genoß die Stille um sich her, einmal nicht umgeben von Leuten, deren Arbeitsleistung er zu beobachten hatte.

Durch die Stille drang jetzt ein Knacken wie von brechendem Holz. Er horchte und spähte, ob etwa ein Wildwechsel zu beobachten sei; aber er sah nur einen barfüßigen Jungen, der Holz sammelte. Hinrich Stoppsack war es, der schon ein großes Bündel trockener Reiser trug.

»Heute ist kein Holztag,« herrschte der Verwalter ihn an. »Warum bist du nicht in der Schule? War das Holz so notwendig?«

Hinrich nickte. »För de Schaulmeistersch ehr (ihre) Käk (Küche), sei will waschen.«

Hermann stutzte. Dieser Junge, über den man immer nur Klagen hörte wegen Faulheit und Aufsässigkeit, der allerdings auch diesen Augenblick hinter die Schule ging, versäumte sie diesmal, um der Lehrerin einen Dienst zu erweisen! Hermann fragte, ob das Fräulein ihn darum gebeten habe; der Junge grinste.

»Nee, äwer sei kann ümmer kein Füer anböten (Feuer anmachen)! Dit Holt (dies Holz) is schön drüg (trocken) un ick heww ook Keen« (ich habe auch Kien). Er zeigte stolz ein paar Stücke Tannenholz, ganz von Harz durchtränkt, die also für besonders geeignet zum Feueranmachen galten.

»Na ja, dann bring das dem Fräulein,« sagte Hermann versöhnt, »aber mach schnell, daß du noch in die Stunde kommst, sonst läßt sie dich nachsitzen!«

Der Junge schoß davon, und Hermann ritt nachdenklich weiter. Kurz vor der Ziegelei traf er die Kinder eines Arbeiters, einen Knaben und ein kleines Mädchen, das bitterlich weinte. Der Verwalter fragte nach der Ursache und hörte die Klage, daß man die Kleine hatte die Zeit verschlafen lassen, so daß sie nun nicht mehr rechtzeitig zur Schule kommen könnte. Die Mutter sei seit vier Uhr zum Waschen aus, und der Vater, ja, der habe eben nicht aufgepaßt. Der sechsjährige Bruder schien die Sache nicht schwer zu nehmen; er sah sehr vergnügt aus. Das kleine Mädchen aber klagte, gerade Montags sei es so schön in der Schule; dann singe das Fräulein so hübsche Lieder mit ihnen. Zum zweiten Male »das Fräulein«! Jetzt empfand Hermann auch etwas inneren Antrieb, ins Schulhaus zu kommen. Als er sein Geschäft in der Ziegelei abgetan hatte, das sich länger hinzog, als er dachte, ritt er in beschleunigtem Zeitmaß zurück. Im Gasthof stellte er sein Pferd ein und mußte noch einen Augenblick dem Wirt standhalten, der auch gleich von der Schule sprach.

»Ick segg Sei (ich sage Ihnen), Herr Entspekter, dat 's 'n Vergnäugen (Vergnügen), doar (dort) tautohüren (zuzuhören) und tau sehen, wo (wie) dat lütt (kleine) Frölen mit de Gören (Kinder) umspringt. De Schauster seggt dat ook« (der Schuster sagt das auch).

Hermann stutzte. Diese beiden biederen Dorfältesten hatten also schon von ihrem Recht Gebrauch gemacht, in der Schule zu »hospitieren«, wie ja wohl der Ausdruck lautete – und er, der die Herrschaft vertrat, hielt sich so fern bis jetzt! Merkwürdig, daß es ihm wie eine Aufgabe erschien, der er nicht gewachsen war. Besonders, daß er da irgendwie prüfen und urteilen sollte – lächerlicher Gedanke!

Aber nun ging er doch hinüber. Schon auf der Straße hörte er Gesang; dann klinkte er die kleine Gittertür auf und stand einen Augenblick im Vorgärtchen, von wo er einen Blick ins Schulzimmer warf.

Da saßen sie sittsam in Reihen, alle die ihm bekannten Kinder des Dorfes, und vor ihnen stand ein junges Mädchen im einfachen blauen Waschkleide, mit dem Rücken nach dem Fenster. Er sah nur einen dunkelblonden Haarknoten am leicht gesenkten Kopf und eine schlanke Hand, die den Geigenbogen führte. Das Fräulein gab Singstunde. »Deutschland, Deutschland über alles« hörte er deutlich und wartete den Schluß des Verses ab, ehe er eintrat.

Fräulein Froben kam ihm einen Schritt entgegen und schien nicht besonders überrascht, als er etwas verlegen seinen Namen nannte, sondern sagte freimütig: »Sie wollen einmal inspizieren, Herr Matersen? Ich habe Sie schon erwartet.«

»In Vertretung von Herrn Geheimrat Menkhausen,« begann nun Hermann seinen eingelernten Satz, fand sich dann selber furchtbar schwerfällig und lenkte rasch ein: »Zu inspizieren dürfte ich mir wohl kaum erlauben – nur guten Tag sagen wollte ich Ihnen und sehen, ob Sie sich einigermaßen hier eingewöhnen. Diese Art von Schulamtsbesetzung ist hier ja etwas ganz Neues bei uns, Frau – Fräulein –«

Nun wußte er wahrhaftig den Namen nicht – wie dumm! Die Mutter sagte immer nur »die Lehrerin« oder »das Fräulein«!

»Geht es denn einigermaßen mit den Kindern, Fräulein –«

»Marianne Froben heiß' ich,« sagte sie rasch, als sie ihn so verlegen zögern sah, und er fiel ein: »Natürlich, den Namen hat ja meine Schwester so oft genannt. Schade, daß sie nicht mehr hier ist! Da auch meine Mutter leider jetzt verhindert ist, würde Lotte Ihnen so gern zur Hand sein. Aber nun, bitte, sagen Sie, Fräulein Froben: störe ich Sie, oder wollen Sie im Unterricht fortfahren?«

»Es ist gleich Pause,« sagte Marianne. »Kinder, singt dem Herrn Verwalter noch ein hübsches Lied!«

Sie nahm wieder die Geige und stimmte an. Die Kinder fielen ein, nicht gerade sehr rein und sicher, aber mit ungeheurem Eifer. Dann war Frühstückspause, und die Klasse leerte sich einstweilen.

Auch Marianne trat mit ihrem Besuch in den Garten und sprach ihre Freude aus über dies grüne, blühende Fleckchen, das sie ihr eigen nennen durfte.

»Sagen Sie, die Obstbäume, gehören mir die auch, Herr Matersen – habe ich wirklich den ganzen Ertrag?«

»Gewiß, Fräulein Frohen; groß ist ja die Herrlichkeit nicht gerade.«

»Doch, doch! Die beiden Apfelbäume – sehen Sie nur, wie vielversprechend! Und die Birnen werden bald reif sein! Was für eine Sorte ist es? Ach, es ist doch köstlich auf dein Lande, so mitten zwischen all dem Gottessegen!«

Hermann war ganz erstaunt. Das war nun die gelehrte, selbständige Dame, vor deren Überlegenheit er sich so gefürchtet hatte, daß er fast die einfachste Höflichkeit versäumte!

Sie plauderten noch dies und das aus Dorf und Schule; dann ging es in die Klasse zurück, und Fräulein Froben forderte Herrn Matersen auf, sich noch etwas anderes anzuhören, als vorhin den Gesang.

Sie ließ jetzt rechnen. Das machte dem Zuhörer solchen Spaß, schlug so in sein Fach, daß er selbst anfing, ein paar Aufgaben zu stellen, nach einem höflichen: »Wenn Sie erlauben, Fräulein Froben –«

Er wandte sich zuerst an die Knaben. Nun aber wurden die Mädchen neidisch; sie wollten auch vom Herrn Verwalter gefragt sein. Da legte Fräulein Froben schnell die großen Anschauungsbilder heraus und sagte: »Sie haben so umsichtig für Unterrichtsmaterial gesorgt, Herr Matersen; überzeugen Sie sich einmal, ob Sie gut gewählt.«

Und da – wie es kam, wußte er selbst nicht – aber der junge Landwirt entpuppte sich plötzlich als Schulmeister! Bei dem Zeigen und Erklären der Lehrerin, das so frisch und natürlich vor sich ging, so ganz dem Auffassungsvermögen der Kinder entsprechend und sogar hin und wieder mit Plattdeutsch vermischt, da kam ihn die Lust an, selbst dazwischen zu sprechen, von den Bildern auf die Gegenstände in der Natur überzulenken, um zu prüfen, ob die Kinder im Freien recht ihre Augen zu gebrauchen verständen. Und es ging wie in Mariannes erster Stunde. Die großen Mädchen kicherten und störten durch Albernheit, die kleinen hingen an seinen Lippen, ja, Anning Kasten war mit solchem Eifer bei der Sache, daß Hermann nachher erzählte: »Immer hatte das Kind die großen Augen auf mich gerichtet, blau wie Kornblumen und mit einem rührend hingegebenen Ausdruck. Alle Augenblick den Arm hoch und mit ihren kleinen Fingern mir beinahe an die Nase! Beachtete ich sie nicht gleich, meldete sie sich, im Eifer ›Fräulein, Fräulein‹ rufend. Als ich dann sagte: ›Na, ein Fräulein bin ich ja nicht gerade‹ legte sie den Arm auf den Tisch, den kleinen Flachskopf darauf und schämte sich.«

Beinahe hätte er erwartet, die Lehrerin würde diese Haltung tadeln; aber sie lächelte nur und erwiderte: »Ein Ausnahmefall heute, Herr Matersen, sonst wird hier nicht gerekelt.«

Da freute er sich dieser Ausnahme und sagte: »Daß die Kleine mich schon Fräulein nennt, ist ein Beweis dafür, wie schnell und gern sie sich an diese neue Anrede des Schullehrers gewöhnt haben. Ich gratuliere Ihnen, Fräulein Froben.«

So endete dieser gefürchtete Besuch in der Dorfschule, und mit vergnügtem Gesicht trat der Verwalter den Heimweg an, unversehens zum Schulinspektor sich erhoben fühlend.

Da fiel ihm ein, daß er Hinrich Stoppsack doch nicht in der Klasse gesehen hatte, und über den wollte er ja gerade mit der Lehrerin sprechen. »Nun, wenn ich sie wieder treffe,« dachte er und pfiff munter vor sich hin, seit langer Zeit zum ersten Male.

Elftes Kapitel: Freundschaftsbriefe

Leonore Menkhausen an Lotte Matersen.

Hamburg.

Liebe Lotte!

Daß es nun mit der Ferienherrlichkeit vorbei ist, o wie jammerschade! Und daß ich zuerst nahe daran war, diese ganze Herrlichkeit zu verderben – ohrfeigen könnte ich mich, wenn ich daran denke! Lotte, Du trägst mir doch ganz gewiß nichts nach wegen meiner Dummheit? Sieh, daß Du mir doch die liebste von allen bist, wie immer, das merkte ich recht deutlich, als es immer weiter fortging von Grünweide und ich immer noch keine rechte Freude empfand auf das demnächste Wiedersehen mit Mabel Dixon und Lyda von Stecken. Nun aber höre, wie es kam! Wir haben uns überhaupt nicht getroffen! Die ganze Rückreise ist aufgeschoben; ich sitze seelenvergnügt noch zu Hause, und der einzige Kummer ist, daß dieses »Zuhause« nicht mehr Grünheide heißt.

Also: Miß Dixon ist schleunigst nach England zurückberufen und kommt überhaupt nicht wieder nach Genf; Lydia wurde durch ernste Krankheit ihrer Mutter verhindert, schon abzureisen. Das tut mir natürlich sehr leid für sie, aber – hätten beide nicht etwas eher Nachricht geben können, statt ausgerechnet im letzten Augenblick zu telegraphieren, wenn man an der Station ist und ein Reitknecht hinterdrein gejagt werden muß? Papa war auch ärgerlich und nannte es einen rechten Frauenzimmerkram. Ich aber umtanzte und umjubelte ihn, das; er schließlich ganz gerührt sagte: »Kleine Nell, möchtest du so gern noch ein wenig beim alten Papa bleiben?«

»Natürlich,« schrie ich, immer zwischen zwei Küssen, »und am liebsten möchte ich, der alte Papa kehrte sofort mit mir um und wir blieben in Grünweide – so lange, bis – nun wenigstens bis Weihnachten.«

Davon wollte er aber nichts wissen. Er versicherte, es sei die höchste Zeit, daß er zurückkehre und sich wieder im Geschäft umsehe, und ich müßte auch hier bei ihm aushalten, daß ich zur Stelle sei, wenn sich eine passende Reisebegleitung fände. Na, ich halte schon aus und hoffe nur, daß es recht lange dauert, bis mich jemand unter seine Flügel nehmen kann.

Du wunderst Dich vielleicht, Lotte, daß nicht Tante Pine mich einfach nach Genf bringt. Sie täte es wohl gern, aber Papa sagt, daß er sie jetzt nicht entbehren könne. Ein Geschäftsfreund hat sich angesagt, aus Neuyork; da muß das Haus Menkhausen sich »würdig präsentieren«, und dabei ist nun Tante Pine recht in ihrem Fahrwasser. Sie kennt die Regeln der vornehmen Haushaltsführung aus dem Effeff, und das hat Papa sehr gern, besonders wenn der Amerikaner kommt. Also, in Genf muß man sich vorläufig ohne mich behelfen – fein!

Weißt Du, Lotte, sonst behaupte ich ja immer, ich könnte die Reise sehr gut allein machen; es sei lediglich eine Anstandsfrage, das mit der Begleitung. Aber jetzt halte ich mich auch gern an eben diese »Formsache« und erfreue damit Tante Pine, die daraus schließt, daß ich endlich »zur Einsicht komme,« wie sie das nennt. Aber sie täuscht sich, die Gute! Durchbrennen möchte ich am liebsten, nach Grünweide – allein! Aber Du bist dann nicht mehr dort, und so fehlte am Ende doch das Beste! Schreibe mir nur bald, wie es Dir nun wieder in der Stadt vorkommt und in der Schule! Und schreibe vor allem, daß Du kein bißchen mehr böse bist

Deiner Nell.

Lotte an Nelli.

Meine liebe Nell!

Na, uns ist es diesmal wirklich recht quer gegangen! Ganz ohne Not die Abreise für Dich, und ich – ja, ich bekam am nächsten Tage gleich nach der Schule eine Nachricht, auf die ich auch sofort hätte umkehren mögen. Denke nur: Mutter ist auf der Treppe ausgeglitten und hat sich eine Sehnenzerrung am Fuß zugezogen!

Durchbrennen möchte ich am liebsten, nach Grünweide.

Wäre ich doch dort! Ich weiß ja, wie es um diese Zeit zu Hause ist. Die Ernte geht allem vor, Hermann immer draußen und alle Leute bis zum Hühnermädchen herunter mit bei der Feldarbeit – Mutting also fast immer allein! Und da müssen doch Umschläge gemacht und allerlei Handreichungen getan werden – ich bin geradezu verzweifelt, daß ich hier Mathematik ochsen und Aufsatz schreiben muß, statt meine Mutter zu pflegen. Siehst Du; Nell, ich hätte noch viel mehr Grund, ans Durchbrennen zu denken wie Du. Aber bei uns sind sie ja so strenge, weißt Du. Mutter in ihrer Anspruchslosigkeit behauptet natürlich, sie brauche keine Pflege, und immer Gesellschaft haben zu wollen, sei auch Verwöhnung. Und Hermann – na, der behauptet bei jeder Gelegenheit: »Über alles die Pflicht,« und meine Pflicht ist ja leider noch die Schule. Wäre es nicht so kurz vor Michaelis, wo Zeugnis und Versetzung auf einen lauern, ich bettelte mich doch frei! Für Dich, Nell, macht es natürlich nichts aus, daß Du etwas später in Deine Genfer Pension zurückkommst und noch Ferien hast. Aber daß wir dies nicht mehr zusammen genießen, ist sehr, sehr schade! Ist Dir dies genug, oder verlangst Du noch deutlicher die Versicherung unveränderter Freundschaft von

Deiner Lotte?

Liebste Nell, was sagst Du aber jetzt? Werde auch nicht zu neidisch, wenn Du den Poststempel siehst! Ja, ich bin wieder daheim; es schien doch nicht anders zu gehen. Nicht, daß es mit Mutter schlechter steht, aber Hermann wollte es so. Er meinte, ich könne durch doppelten Fleiß wieder einholen, was ich jetzt in acht Tagen versäume; dann nämlich will Hermine kommen, sich nach Mutter umzusehen. Nun aber, Nellchen, habe ich hier gar keine Zeit zum Briefschreiben, denn ich will doch Mutter recht zur Hand sein und – sonst noch jemand! Sei also für heute zufrieden mit dieser Karte von

Deiner Lotte.

Leonore an Lotte.

O Du Beneidenswerte! Das ist nun beinahe nicht zum Aushalten. Du noch als losgelassenes Füllen auf der Weide, Grünweide genannt, ich dagegen jeden Augenblick gewärtig, eingepfercht zu werden! Aber höre, Lott', das; Du so wenig schreibst, ist mir verdächtig! Du hast doch gewiß schon sie gesehen, die Herrin unseres Puppenhäuschens, auf Deutsch gesagt: Fräulein Froben, die Dorflehrerin! Ist sie so niedlich, daß Du es gar nicht sagen magst, damit ich nicht zu neugierig und neidisch werde! Oder magst Du sie nicht? Am Ende doch eine alte Jungfer? Nun leb wohl! Wenn Du keine Zeit zum Mehrschreiben hast, hab' ich sie auch nicht! Eiligst

Deine Leonore.

PS. Entschuldige, daß ich gar nicht nach Deiner Mutter fragte. Das war häßlich, aber nichts weiter als Flüchtigkeit. Wie geht es mit dem Fuß? Darf sie noch gar nicht damit auftreten? Da mußt Du natürlich bei ihr bleiben, wozu gibt es sonst Töchter? Viele Grüße und gute Wünsche an Deine liebe Mutter von ihrer künftigen Wirtschaftsschülerin Leonore Menkhausen.

Lotte an Nelli.

Armes Nellchen! Nun bist Du gewiß schon unterwegs! Ich richte diesen Brief so ein, daß er Dich in Genf empfängt. Recht so? Nun also weiteres von hier. Mutter geht es leidlich, aber Schonung ist noch lange geboten, sagt der Doktor. Ich bleibe also, bis Hermine kommt und sich umsieht. Inzwischen tut dies noch jemand außer mir, und das ist sie, Marianne Froben! Nell, sie ist keine alte Jungfer, wenn auch nicht so jung, wie Du vielleicht dachtest. »Niedlich«, wie Du immer sagtest, ist sie nicht gerade – dazu nicht klein und zierlich genug, finde ich – auch keine Schönheit –

»Na, was denn, wie denn!« Ich sehe Dich zappeln vor Ungeduld. Ja, Du, ich finde sie einfach zum Liebhaben!

Mittelgroß und kräftig, dunkelblondes Haar, ganz schlicht gescheitelt und im Knoten aufgesteckt, große graue Augen und schöne Zähne – da hast Du ihr Bild. Dazu eine angenehme Stimme beim Sprechen – weißt Du, darauf horche ich immer so sehr – und ein freundlich bestimmtes Wesen. Nell, findest Du nicht, daß ich großartig beschreibe? Mein Aufsatzlehrer könnte zufrieden sein. Aber ich mußte Dir doch das Bild ungefähr geben; das bin ich Dir schuldig, und es ist das einzige, was ich für Dich tun kann, wenn Du etwa immer noch nicht darüber weg bist, daß Du – nun eben, daß Du so weit weg sein mußt, statt hier die Lehrerin als ihre Schutzherrin zu empfangen. Ich habe ihr schon viel von Dir erzählt und unsere gemeinsame Tätigkeit im Schulhause geschildert. Das hat ihr Spaß gemacht, und sie versichert, daß ihr alles sehr gefällt, das Häuschen mit allem Drum und Dran, auch der viel besprochene Sekretär. Natürlich schreibt sie ein Tagebuch daran! Ich glaube wenigstens – es lag gerade auf der Platte, als ich sie besuchte – ein Schulheft war das nicht.

Himmel, was sie da wohl hineinschreibt! Hier ist doch jetzt gar nichts los. Ich fragte, ob es ihr nicht manchmal langweilig sei, da sie doch aus der Stadt kam. »Aber nie,« antwortete sie lustig und erzählte, daß sie so viel zu tun habe mit der Schule und ihrem kleinen Haushalt. Sie hatte sogar ihre erste Wäsche gehalten, und ich habe ihr plätten helfen. Sie kann es – wahrlich! Dann haben wir zusammen im Garten gearbeitet, der ihre besondere Freude ist.

»Und Mutter?« wirst Du sagen. »Ich denke, Du bist zur Pflege Deiner Mutter da?«

Ja, natürlich, Nell, aber Du weißt doch, wie die ist. Niemals würde sie es leiden, daß jemand den ganzen Tag bei ihr herumsitzt und »pflegt« und »unterhält«. Was sie an Hilfe braucht, besorge ich gewissenhaft und bin auch sonst alle Augenblick bei ihr, was sie, glaube ich, doch mehr freut, als sie merken lassen will; aber am späten Nachmittag treibt sie mich immer vom Hof. Und noch eins: Sonntag soll die Lehrerin zu Mittag eingeladen werden! Mir kommt es beinahe so vor, als wäre das ein Grund mit, daß sie mich haben kommen lassen. Mutter findet diese Einladung notwendig, sie sagt: »Wenn ich mir denke, meine Lotte säße ganz allein in einem fremden Dorfe, und niemand kümmerte sich um sie! Wir sind doch hier die nächsten dazu.« Mutter hatte es schon mit Hermann besprochen, ehe ich kam, und da ist dem natürlich angst und bange geworden, daß er dann in der Hauptsache den Wirt spielen sollte. Du weißt ja, Nell, er ist Damen gegenüber etwas schwerfällig, und jetzt gar – und nach den dummen Geschichten, von denen wir aber nicht mehr sprechen – ist er so ungesellig geworden. Wie also Mutting wieder von der Einladung anfing, sagte er beinahe unwirsch: »Meinethalben – nun ist ja Lotte hier, da geht es eher.«

Du siehst also, meine liebe Nell, ich bin hier nützlich aus mehr als einem Grunde. Auch versäumt wird nichts. Hermann arbeitet jeden Tag – oder Abend vielmehr – eine halbe Stunde Mathematik mit mir, Fräulein Froben hat alle meine Hefte eingesehen und will beim englischen Aufsatz helfen, der mir schwer scheint. Den deutschen kann ich! Aber sie will ihn gern lesen, also werde ich mir rechte Mühe geben. Und jetzt lebe wohl, liebe Nell, ich muß zu ihr. Ade, ade, ich verschwatze mich ganz, und sie (!) wartet auf

Deine Lotte.

Leonore an Lotte.

Das ist ja wirklich niedlich! »Sie (!) wartet« – »ich muß zu ihr«! O Lotte, Charlotte Matersen! Solche Schwärmerei hätt' ich Dir wirklich nicht mehr zugetraut! Du bist doch sonst so gesetzt und findest leicht etwas übertrieben. Na warte, wenn ich Dich einmal neidisch mache! Vorläufig ist nur noch kein Gegenstand da; die alten Geschäftsfreunde von Papa werden nicht gerade danach sein. Aber – »ja, bist Du denn immer noch nicht in Genf?« höre ich Dich fragen. Nein, mein liebes Kind, Deine Epistel, die mich dort empfangen sollte, was ich trotz allem Neid auf »sie« ziemlich rührend fand, diese Epistel also hat man sofort wieder umadressiert und mir nach Hause geschickt. Ich reise noch nicht. Papa gibt mich nicht her, denn – der Amerikaner bringt seine Damen mit, Frau und Tochter, und da wünscht Papa, daß sein Haus außer der vortrefflichen Tante Pine auch noch etwas jüngere Weiblichkeit aufweise. Mit einem Wort, ich soll für Miß Amy Rodberts ein wenig die Führerin durch Hamburg machen. Wie findest Du das?

Heute abend kommen sie. Wir fahren gleich ans Schiff, und in der nächsten Zeit werde ich nun auch wohl immer sagen: »Ich muß zu ihr!« Es grüßt Dich

Deine Nell.

Zwölftes Kapitel: Überseeische Gäste

Villa Menkhausen, in einem der vornehmsten Vororte von Hamburg gelegen, war eben das Automobil angekurbelt, und wartend stand der Fahrer neben dem fauchenden, leise erzitternden Gefährt, bis Leonore aus dem Hause geflogen kam und mit der eiligen Weisung: »Zum Hafen!« in den Wagen sprang.

»Nein, zuerst nach dem Neuenwall,« verbesserte sie sich dann, denn Papa mußte ja aus dem Kontor abgeholt werden; ohne ihn empfing sie nicht die Amerikaner – so viel war gewiß, wenn Papa auch in diesen Tagen immer behauptete, gar keine Zeit zu haben. Heute mußte er!

Leonore hatte sich sehr schön gemacht, ein neues feines Kleid angelegt, das für Grünweide ja »ewig zu schade« gewesen wäre, ebenso wie der große Hut mit der kostbaren Feder. Heute aber galt es, einem amerikanischen Backfisch zu »imponieren«; wer konnte wissen, wie wunderbar der sich kleiden mochte? Einen schönen Strauß trug Leonore auch, um ihn Frau Rodberts zu überreichen, wenn irgend möglich mit einer kleinen englischen Ansprache.

Voller Erwartung saß Nelli, und als nur erst der Papa glücklich eingefangen war, ging es in sausender Fahrt dem Hafen zu. Herr Menkhausen sah ebenfalls angeregt und heiter aus, denn William Rodberts, den es jetzt zu empfangen galt, war nicht nur ein Geschäftsfreund, sondern der Gefährte schöner Zeiten in jüngeren Jahren. Manches hatten sie zusammen durchgemacht und genossen, besonders eine Reise in das Innere von Südamerika lebte in ihrer Erinnerung. Auch in Europa waren sie zusammen gewesen, nun aber seit Jahren nicht mehr, und so freute sich Menkhausen aufrichtig, den Freund jetzt mit Frau und Tochter in der Heimat begrüßen zu sollen.

Es dauerte keine zwei Minuten, nachdem das Automobil hielt, da hatte man die vornehmen Reisenden entdeckt, und freudig klang ein: »
Hallo, my boy, there you are!« und: »Will, alter Junge, glücklich da?«

Eine rasche gegenseitige Vorstellung der Damen, dann saß man wieder im Auto, und die beiden jungen Mädchen hatten Muße, einander zu betrachten.

Leonore fühlte sich sehr eingeschüchtert, sowohl von der ungemein vornehm erscheinenden Frau Rodberts, als von ihrer Tochter, der sie doch recht freundschaftlich entgegenkommen sollte, wie Papa wünschte. Ja, wie machte man das nur dieser völlig erwachsenen Schönheit gegenüber, der sie selbst gewiß wie ein Kind erschien!

Die beiden alten Herren hatten offenbar für nichts anderes Sinn als füreinander. Immer schlug einer dem anderen auf die Schulter oder aufs Knie, und Ausrufe wie »
dear boy, old chap« kehrten immer wieder.

Frau Rodberts sah müde und abgespannt aus, zwang sich aber hin und wieder zu einem anerkennenden Wort über die Umgebung. Sie war schon früher in Deutschland gewesen und bestätigte eben liebenswürdig: »Dieses Hamburg ist doch immer wieder allerliebst.«

Dieses Wort verblüffte Nelli geradezu, die sonst von Fremden an ganz andere Ausdrücke gewöhnt war. Zum mindesten fand man doch Hamburg »großartig«, und dies schien ihr auch viel bezeichnender als »allerliebst«. Sie dachte geschwind an Lotte, die es in dieser Beziehung so genau nahm, zum Beispiel die Ausdrücke »niedlich« und »süß«, mit denen die kleine Hamburgerin stets bei der Hand war, durchaus nicht überall gelten ließ. Wie sie zum Beispiel von Fräulein Froben nicht »niedlich« und »schön« sagen wollte, obwohl sie ihr doch offenbar gut gefiel! Nun – aber für die Amerikanerin würde sie den Ausdruck »eine Schönheit« gewiß angebracht finden, denn das war diese ohne Frage!

Miß Amy Rodberts war groß und schlank, hatte wundervolle Farben und sehr reiches dunkles Haar; nur das Lächeln um ihren hübschen Mund erschien etwas leer und kühl. Hin und wieder sagte sie wohl ein »
splendid« oder »
very nice«, aber es schien so in die Luft hineingesprochen. Leonore fühlte sich nicht dabei angeredet und empfand daher diese Fahrt als sehr ungemütlich.

Die Amerikanerin wiederum dachte: »Der richtige deutsche Backfisch, wie ich ihn wohl habe beschreiben hören! Schmal, eckig, mit Hängezopf und Sommersprossen, beängstigend still oder heimlich kichernd, wenn es eigentlich nichts zu lachen gibt!«

Endlich hielt das Automobil vor dem Hotel Continental, wo die Amerikaner sogleich die bestellten Zimmer beziehen wollten, weshalb sie ihren Besuch in der Villa Menkhausen erst für den nächsten Tag in Aussicht stellten. Ziemlich enttäuscht war darüber Fräulein Philippine von Selchow, die es kaum erwarten konnte, das Haus mit allem Glanz würdevoll zu vertreten. Aber Nelli war über den Aufschub sehr froh, denn ihre Aufgabe, auf die sie sich in ihrer Art ebenso gefreut hatte wie die Tante, schien ihr gar nicht so leicht.

»Das kommt eben davon,« murrte sie in Gedanken, »wenn die Väter nie genau Bescheid über ihre Töchter wissen! Hat der Papa nicht immer behauptet, diese Amy Rodberts müsse genau in meinem Alter, also auch ein Backfisch sein? Und nun ist es eine junge Dame von mindestens neunzehn, wenn nicht gar zwanzig Jahren!«

Als sie dann am nächsten Tage kamen, ging es doch besser, als Nelli gedacht hatte. Frau Rodberts war von der Reise ausgeruht und zeigte sich sehr entgegenkommend. Die beiden Herren, die schon im Kontor ein Stündchen unter sich verplaudert hatten, waren nun auch für allgemeine Gespräche zugänglich, und jeder von ihnen beschäftigte sich ausgiebig mit der jungen Tochter des Freundes, wobei es viel Neckerei gab. Nun taute Leonore auf, war lustig und unbefangen, und auch das gleichgültige Lächeln der schönen Amy wurde ein gut Teil wärmer.

Als man nach Tisch im Gesellschaftsraum den Kaffee genommen hatte und Miß Rodberts eben den schönen Flügel ins Auge faßte, rief ihr Vater sogleich: »Come along, my girl, give us a song.«

Ohne Ziererei setzte sich das schöne Mädchen und spielte auswendig die Begleitung eines englischen Liedes, das sie ziemlich eintönig und ausdruckslos, aber mit bemerkenswert schöner Stimme vortrug.

Leonore war überrascht und wußte nicht recht, was sie auf die Frage, ob sie auch musikalisch sei, antworten sollte. Gewiß, sie spielte Klavier wie eine wohlerzogene Pensionärin, die täglich ihre vorgeschriebene Zeit am Klavier zubringt, aber eigentlich war es ihr mehr ein notwendiges Übel, und von irgendwelchem Talent hatte auch noch nie jemand gesprochen. Trotzdem – als sie nun auf Papas Befehl eines ihrer in Genf »eingepaukten« Vortragstücke spielte, schienen die Gäste höchst befriedigt, und Miß Amy äußerte gleich ihr Vergnügen, daß man nun hübsch zusammen musizieren könnte, wenn Leonore sie freundlich begleiten würde.

Nun fühlte sich das Backfischchen etwas gehoben, denn so viel hatte es gleich heraus, daß seine Musikstücke weit »schwerer« waren als jene kleinen »songs«. Sie schienen sich nun gar nicht vom Klavier trennen zu wollen, bis Fräulein von Selchow fragte, ob »Elinor« ihrem jungen Gast nicht noch den Garten zeigen wolle, bevor es Abend würde.

Sie gingen jetzt alle hinaus, und Amy, die in Neuyork wahrlich an ein reiches, großzügiges Daheim gewöhnt war, tat der Hamburgerin den Gefallen, diesen Garten, der sich in Terrassen zum Elbufer hinunterzog, aufrichtig zu bewundern – »wenn die Elbe auch natürlich kein Hudson ist«, wie sie beiläufig einfliehen lief.

Leonore war froh, dachte aber zwischendurch: »Könnte ich ihr nur auch Grünweide zeigen!« Denn so viel stand fest: kam sie nach mehrwöchigem Aufenthalt von dort zurück, erschien ihr der Hamburger Garten unvertraut, mit seinen samtnen Rasenflächen, seinen leuchtenden Blumenbeeten, mit dem stolzen belebten Strom im Hintergrunde. Dagegen der lauschige alte Garten hinter dem schlichten weißen Herrenhause von Grünweide, wo die uralten Linden so tiefen Schatten gaben, wo mancher ungestutzte Zweig im Wege war, wo der Rasen nicht immer frisch geschoren und niemals frei von Gänseblümchen und anderem blühenden Unkraut war, und wo nicht jeder Rosenstrauch sein Namenstäfelchen trug, sondern wo noch das dichte Gebüsch alter Zentifolien wucherte! Sie sprach davon zu Amy. Diese hörte ihr sehr aufmerksam zu.

»O you have a farm?« Sie fragte auch, ob man dort viele Pferde halte, ob Leonore auch das Reiten liebe. Diese bedauerte, sagen zu müssen, daß sie als Kind zwar einen Pony besessen, aber augenblicklich kein Reitpferd habe, da sie ja noch in Genf in Pension sei und erst im nächsten Sommer heimkehre.

Während die jungen Mädchen so plaudernd durch den Garten gingen, gesellte sich nach einiger Zeit ein junger Herr zu ihnen, den Leonore als ihren Vetter vorstellte. Albert Menkhausen nahm einen der ersten Plätze im Kontor seines Onkels ein und galt für hervorragend tüchtig, so daß man sich gern gewöhnte, in ihm den Erben und Nachfolger der Firma Menkhausen zu sehen. Auch heute hatte er die Kontorstunden innegehalten und kam erst jetzt, die amerikanischen Gäste zu begrüßen, da er nicht im Hause seines Onkels lebte, sondern mit seiner Mutter ein bescheideneres Landhäuschen, auch an der Elbe gelegen, bewohnte.

»Beinahe so wie die Matersens in Grünweide,« hatte Leonore kürzlich gesagt, und dem Vetter viel von Lotte und ihrem Bruder, sowie deren Mutter erzählt.

Albert Menkhausen hatte ebenfalls viel Sinn für das Landleben und hoffte, bald einmal vom Geschäft abkommen und ein paar Tage auf dem Gut des Onkels zubringen zu können, das er noch gar nicht kannte, da er erst kürzlich nach mehrjährigem Aufenthalt in England nach Hamburg zurückgekehrt war. Nelli weissagte lustig, daß er sich gewiß sehr mit Hermann Matersen, dem Verwalter, anfreunden würde, denn sie behauptete: »Das sind so 'n paar Ernsthafte, Stille! Vetter Albert hat bei aller gerühmten Tüchtigkeit noch mancherlei andere Dinge im Kopf, als das Geschäft.«

Gerade jetzt sagte er zu der Amerikanerin: »Ich weiß nicht, Ihr Name kommt mir so bekannt vor, obwohl ich mich nicht erinnere, daß mein Onkel je vorher Ihren Vornamen genannt hat – nicht wahr, Nell?«

Die schöne Amerikanerin lachte laut. »Das hat schon mancher Deutsche mir gesagt, der Walter Scott kennt. Sie denken dann immer an Kenilworth und Amy Rodberts!«

»Richtig, das ist es,« bestätigte Albert, und Amy fuhr fort: »Die Deutschen sind ja alle so sehr Bücherfreunde – nicht wahr? – und alle, oh, fond of music! Darum bin ich gekommen nach Deutschland, Musik zu studieren. Ich will singen lernen wie eine Deutsche.«

»So?« rief Leonore überrascht aus und dachte im stillen, daß jene davon noch ziemlich weit entfernt sei, trotz ihrer großen schönen Stimme.

»Deutsche Volkslieder – you know,« fuhr Amy fort, »sind in Amerika so sehr gefragt!«

Dann wollte sie wissen, ob man in Hamburg guten Unterricht bekommen könne, und Albert antwortete an Nellis Stelle: »O gewiß! Wir haben auch hier ausgezeichnete Kräfte; aber wenn Sie eigens der Musik wegen herübergekommen sind, sollten Sie nach Leipzig gehen, Miß Rodberts. Leipzig ist das musikalische Herz von Deutschland.«

Amy lachte und funkelte mit den schwarzen Augen.

»Das ist wieder recht deutsch gesprochen! Bei uns würde man einfach sagen: ›Musical centre of the United States‹, aber hier heißt man es ›Herz‹.«

Sie lachte noch immer, und der junge Menkhausen sah etwas betreten aus. Wollte diese übermütige junge Dame deutsches Wesen lächerlich machen? Aber nein, jetzt sagte sie ganz ernsthaft: »Ich werde also gehen nach Leipzig, für diesen Winter ganz sicher, und im Sommer – ja, dann ich sehe mir einmal Ihre Farm an, Miß Elinor – wie heißt es doch?«

»Grünweide, und man nennt es hier nicht Farm, sondern Rittergut.«

»Ritter – oh, Rittergut, very nice! Aber dann man muß auch reiten auf das Rittergut!«

»Natürlich,« fiel Leonore ein, »wenn Sie uns besuchen, sollen Sie ein Pferd eingeritten finden und einen Damensattel, Miß Amy. Ich gebe dann unserem Verwalter vorher Befehl.«

Ich weiß nicht, Ihr Name kommt mir so bekannt vor.

Unwillkürlich nahm Leonore diesen Ton an und brauchte Ausdrücke, die ihr sonst nicht eigen waren, besonders nicht im Verkehr mit Lotte Matersen. Dieser stolzen jungen Amerikanerin gegenüber, die so einfach sagte: »Ich gehe – ich tue –« suchte sie sich unwillkürlich etwas unabhängiger hinzustellen, um nicht von jener über die Achsel angesehen zu werden.

Albert belustigte sich über seine junge Base, die er wohl mitunter eigenwillig gesehen hatte, aber mehr in der Art des verzogenen Kindes, während sie jetzt entschieden der Fremden Achtung einzuflößen wünschte. Ob ihr das gelang?

Amy Robberts war jederzeit liebenswürdig zu Nelli, aber doch mehr wie eine Dame, die sich zu einem Backfischchen herabläßt. Nelli wünschte daher manches Mal, wenn nicht mit Lotte in Grünweide, so doch in Genf mit ihren Altersgenossinnen zusammen zu sein, statt hier immerfort zu Diensten der schönen Amerikanerin, die sie doch in allem übersah. Nein, das war auf die Dauer kein Vergnügen! Nur gut, daß Vetter Albert sehr häufig den Ritter machte, bei Dampferfahrten, Stadtbesichtigung und so weiter – Albert mit seinem tadellosen Englisch und seiner genauen Kenntnis von allem, was in Hamburg rühmenswert ist.

Ja, bequem war das wohl für Leonore, aber langweilig machte es die Sache erst recht. Denn immer dabeistehen und hinterherlaufen, wenn die Fremde aufmerksam gemacht und belehrt wurde, die doch gewöhnlich gleich ein »In Amerika ist das so« bei der Hand hatte, den Hudson stets über die Elbe stellte und als höchstes Lob nur ein gütiges »
very nice« hatte: das war nichts für Leonore! Oft dachte sie dabei: »Wenn ich nur erst mal dies alles meiner Lotte zeigen könnte! Die würde sich freuen, und das wird ein anderes Vergnügen sein. Lotte – die inzwischen auch Fremdenführerin spielt bei einer jungen Dame.«

Dreizehntes Kapitel: Wieder am Familientisch

An diesem selben Sonntag, an dem sich in der Hamburger Villa zwei so ungleiche junge Mädchen anfreunden sollten, herrschte im Verwalterhäuschen von Grünweide eine muntere Geschäftigkeit. Man hatte die Lehrerin, Fräulein Froben, zu Mittag eingeladen, und wenn Frau Matersen auch wieder so weit war, daß sie, auf ihren Stock gestützt, sich in der Küche umsehen konnte, hatte Lotte trotzdem noch genug zu tun.

Hermann, der sich an keiner Vorbereitung beteiligte, ging dennoch in einer gewissen Unruhe umher. Geladene Gäste waren etwas gar zu Seltenes im kleinen Hause. Jetzt zumal, da er so menschenscheu geworden war, schien es ihm eine schwierige Sache, diesen Sonntag durchzumachen. Daß er neulich ein so anmutiges Stündchen in der Schule verlebt hatte, schien von ihm vergessen zu sein. Heute war ihm die geprüfte Lehrerin mit ihrer ganzen Selbständigkeit wieder eine richtige Respektsperson.

Als sie dann kam, im hellen Sommerkleid und großen Strohhut, mit ihrem natürlich einfachen Wesen – als sie in herzlichem Ton nach dem Befinden seiner Mutter fragte, Lottes kleine festliche Anstalten fröhlich lobte und erzählte, daß sie sich schon all die Tage auf den Sonntag gefreut habe, an dem sie wieder einmal an einem Familientisch essen sollte: da schalt Hermann sich selbst schwerfällig und unbeholfen. Ja, er meinte sogar, es sei doch wohl nicht allzu weit her mit der Selbstherrlichkeit des Fräuleins, wenn es ein so einfaches Sonntagsvergnügen im Verwalterhause noch schätzen konnte, eben weil es ein Familienkreis war!

Es wurde nun wirklich sehr gemütlich. Der Mutter war es sichtlich eine Freude, einmal wieder jemand am eigenen Tisch zu bewirten wie in früherer Zeit, nicht bloß auf die große Tafel des Herrenhauses erlesene Speisen zu bringen und dann doch fremd dazusitzen, wenn sie sich nicht lieber ganz zurückzog. Ja, die Mutter hatte einmal nicht ihr Sorgengesicht. Lotte war fröhlich wie ein Kind, das eine liebe Freundin zum Besuch haben darf, und Hermann, der besann sich endlich darauf, daß er es doch im Grunde sehr gut verstand, den Wirt und den liebenswürdigen Gesellschafter zu machen.

Fräulein Froben schien sich aufrichtig wohl zu fühlen und äußerte mehrmals: »Hier sollte mich meine Mama sehen!« oder: »Wie würde dies meinem Vater gefallen!«

Da war es natürlich, daß man sie nach ihrer Heimat fragte und sie bewog, ausführlich von der kleinen Stadt zu erzählen, von ihren Eltern und von des Vaters ärztlicher Tätigkeit, wobei sie so manches Mal seine Helferin gewesen war, bis Hermann bemerkte: »Nun verstehe ich auch, daß Sie so trefflich und geschickt mit unseren Dorfkindern umzugehen wissen. In so einem Spital sind natürlich Kinder aller Art, aller Stände, besonders der sogenannten unteren, mit denen doch sonst eine gelehrte junge Stadtdame kaum in nähere Berührung kommt.«

Marianne Froben lachte frisch auf die Bemerkung des Verwalters.

»Wie eine Gelehrte müssen Sie mich nun gar nicht betrachten, Herr Matersen! Was ist heutzutage noch dies einfache Lehrerinnenexamen, wie ich es gemacht habe – heute, wo auch bei uns eigentlich nur noch richtig akademische Bildung für voll angesehen wird!«

»Wo soll das hinaus?!« warf Frau Matersen kopfschüttelnd ein, und Lotte rief ungestüm: »Ich sage es ja immer, ich hätte mein Abiturium machen und zur Universität gehen müssen – mit dem bißchen Seminarbildung erreicht man ja heute nichts mehr!«

»Charlotte,« bemerkte jetzt Hermann in mißbilligendem Ton, »du solltest dich mehr vorsehen – heute, wo wir gerade ein Beispiel vor Augen haben, was man auch ohne Universitätstudium leisten und sein kann. Warst du denn noch gar nicht in der Schule bei Fräulein Froben?«

Lotte hatte längst reuevolle Augen und sagte abbittend: »Natürlich, Männe, du hast ganz recht! Aber diese Schule, diese Art von Unterricht – ich bilde mir ein, das ist Fräulein Froben angeboren! Das könnte zum Beispiel ich nach allem Studium nicht halb so!«

Fräulein Froben fiel ablenkend ein: »Also mit der Gelehrten, als welche Sie mich hinstellen wollten, Herr Matersen, ist es wirklich nicht weit her, und mit der Stadtdame auch nicht. Ich habe nie das Leben einer solchen geführt, was man gewöhnlich darunter versteht. Wir hatten wenig gesellschaftlichen Verkehr. Ein Arzt kann das kaum durchführen, und mein Vater liebt es überhaupt nicht – und Mutterchen, ja, die lebt eben nur für den Vater, wenn er zu Hause ausruht. Ich endlich – ich war ein bißchen sein Gehilfe, bis er bestimmt wünschte, daß ich mich doch für einen festen Lebensberuf vorbereite. Da hieß es, wieder in die Schule gehen, und die Kinder im Spital warteten vergebens auf mich.«

Am Nachmittag dieses freundlichen Sonntags führte Lotte die neue Freundin in den großen Gutsgarten und öffnete auch die Tür zum Herrenhause, um an das Klavier im kleinen Gesellschaftszimmer gelangen zu können. Fräulein Froben hatte nämlich geäußert, das einzige, was ihr im Schulhause fehle, sei ein Klavier. Auf der Geige, die sie beim Gesangunterricht brauchte, sei sie zu wenig Meisterin, habe nur eben das gelernt, was zum Examen erforderlich und für die Dorfschule allerdings ausreichend sei. Aber daß sie ihr Klavierspiel nicht fortsetzen könne, entbehre sie doch sehr.

Nun sagte Lotte: »Wäre doch Nelli hier! Die würde sofort Rat schaffen! Versuchen Sie einstweilen das Instrument im Herrenhause, liebes Fräulein; dann wollen wir weiter sehen. Haben Sie Noten mitgebracht?«

»In meinem Koffer liegen sie noch, aber ich spiele einstweilen mal auswendig, wenn niemand weiter zuhört als Sie.«

Dies war ungefähr zur selben Stunde, als in Hamburg in der Villa Menkhausen die schöne Amerikanerin am kostbaren Flügel saß mit dem Wunsch, singen zu können wie eine Deutsche. Wer ihr »drüben« gesagt hätte, daß eine schlichte Dorfschullehrerin, die sie vielleicht gar nicht beachtet hätte, es ihr in diesem Punkt zuvortun würde!

Das alte Pianino, das, wie so manches Stück Hausrat aus älterer Zeit, der Villa an der Elbe nicht mehr würdig befunden und in das schlichte Landhaus verpflanzt worden war, konnte sich natürlich nicht mit dem kostbaren »Steinweg« messen; aber unter Mariannes Händen klang es weich und angenehm, und als sie gar ihre Stimme dazu erhob, dachte man überhaupt nicht mehr an das Begleitinstrument.

Hermann, der auf dem sonntäglich stillen Hof einen Rundgang gemacht hatte, horchte überrascht auf die Töne, die aus dem sonst verlassenen Herrenhause drangen. Er trat an eines der Fenster, sah die beiden Mädchen am Klavier, hörte gedampft das liebliche Singen und drehte sich recht ärgerlich um, als unversehens der alte Statthalter ihn anredete: »Herr Entspekter, mit Verlöw (Verlaub), ich mein' man, soll die Hundehütte nu weg? 'n Hund kommt da doch woll nich wieder ein, und wenn nu die neue Scheune fertig is, paßt der alte Kasten da man schlecht zu.«

»Ja, ja – wir haben ja schon davon gesprochen, Prüter,« antwortete Hermann ungeduldig, »heute am Sonntag wollen wir doch wohl nicht daran gehen.«

»Nee, Herr Entspekter – ich wollt' auch man (nur) sagen: grad' heut an'n Sonntag hab' ich wieder den Hinrich Stoppsack da reinkriechen sehn. Was hat der Bengel da zu suchen? Früher war er ja immer hinter dem Hund her, aber nu? Was soll das noch?«

Über des jungen Verwalters Gesicht zuckte es schmerzlich. Der Hund war ja mitverbrannt – er mochte gar nicht daran erinnert werden! Im Hause klang noch das Singen, aber er wandte sich jetzt ab und ging, den Statthalter verabschiedend, mit gefurchter Stirn nach jener Ecke des Hofes, wo die alte Hundehütte stand.

Gerade kroch aus derselben eine schmächtige Knabengestalt und wollte scheu wieder zurückfahren, als der Verwalter sich näherte, aber dieser rief laut: »Halt – komm mal sofort da 'raus, Hinrich! Was tust du da überhaupt?«

»Nix,« stieß der Junge hervor, indem er aus der kriechenden Haltung emporschnellte und sich eilig aus dem Staube machte.

»Sollte es Anhänglichkeit sein?« dachte Hermann. »Sollte auch dieser verwilderte Junge eine weiche Stelle im Gemüt haben, die den Hund vermißt – daß er deshalb in die alte Hütte kriecht? Wenn man ihm nur beikommen könnte! Aber er steht ja niemals Rede. Ob wohl Fräulein Froben was mit ihm anfangen könnte?«

Da kam sie eben mit Lotte über den Hof. Sie hatten genug musiziert und wollten einen Spaziergang machen. Ob er sich ihnen anschloß? Ja, wenn sie etwa nach dem Eichhorst zusteuerten, konnte ein männlicher Begleiter nicht schaden. Nach jener Seite hin wurde die neue Bahnstrecke gebaut; da waren so viel fremde Arbeiter um den Weg – da lag die Kantine nicht weitab – natürlich, er mußte mitgehen.

Frau Matersen saß am Fenster, sah den jungen Mädchen nach und freute sich, als auch der Sohn sich zu ihnen gesellte.

»Wozu doch meine dumme Fußgeschichte noch gut ist,« dachte sie still. »Dadurch haben wir Lotte jetzt hier, es wird gesellig bei uns, und mein guter Junge wird von seiner düsteren Stimmung abgelenkt.«

Die drei wanderten einträchtig hinter den ersten Dorfhäusern auf dem Wege, der gleich ins Feld führte. Sie sahen in manches Gärtchen oder auch durch offenstehende Hintertüren ins Haus, wobei sie unwillkürlich auf die Bewohner zu sprechen kamen. Bei der alten Botenfrau konnten sie in die Küche blicken, wo Hinrich, der vor dem Verwalter vorhin so schnell davongelaufen war, gerade wieder im Begriff war, auf dem Herd Feuer anzumachen, denn die Alte wollte noch zum Sonntagsvergnügen Kaffee kochen.

»Das versteht er einzig gut, der Junge,« sagte Marianne Froben. »Er ist auch oft schon mein Hilfsmann in der Küche gewesen.«

Hermann erzählte, wie er den Jungen einmal beim Holzsammeln für das Fräulein getroffen habe; Marianne wiederum kam bei einigen Erzählungen aus der Schule darauf, daß sie tags zuvor mit den Kindern über die verschiedenen Jahreszeiten gesprochen und sie aufgefordert habe, ihr zu sagen, welche Zeit sie am liebsten hätten, und warum wohl. Da war denn allerlei Drolliges, aber doch Leichtverständliches zutage gekommen. Der Frühling war beliebt wegen der kleinen Gösseln (Gänse) auf der Weide, der Sommer wegen der Kirschen und Stachelbeeren, einer aber hatte den Herbst genannt, und Hinrich Stoppsack hatte ungefragt hinzugesetzt: »Von wegen das Kartoffelfeuer! Dat rükt (riecht) so schön.«

Während sie dies erzählte und sich dabei seinen eigenartig funkelnden Blick vorstellte, schien ihr ein neuer Gedanke zu kommen, und sie schaute still vor sich hin. Lotte hatte eine alte Frau aus dem Armenhaus erblickt, der sie schnell ein paar Worte sagen mußte; so gingen die beiden anderen vorauf, näherten sich bald dem Walde, und Marianne rief überrascht: »So kurz ist der Weg nur – und ich soll nicht allein dorthin!?«

Gleich darauf sahen sie eine etwas fragwürdige Erscheinung auf sich zukommen, einen Arbeiter, der des Sonntags wegen des Guten entschieden etwas zu viel getan hatte. Er war sehr unsicher auf den Füßen, so daß Lotte, die eben auch herankam, ängstlich nach ihres Bruders Arm griff und flüsterte: »Wie gut, Männe, das; du bei uns bist!«

»Nicht wahr?« gab Hermann zurück. »Wenn auch mein tapferes Schwesterlein das sonst nicht einsehen will!«

»Herr Matersen, war der Bahnbau damals schon im Gange?« fragte Marianne, als der Mann vorüber war. »Ich meine, waren die fremden Arbeiter schon in der Gegend, als der erste Brand auskam?«

Hermann verneinte.

»Warum fragen Sie, Fräulein Froben?«

»Oh, ich dachte nur, unter diesen zusammengelaufenen Gesellen sind doch gewiß manche, denen man allerlei zutrauen könnte! Verzeihen Sie, daß ich daran rühre, aber ich denke so oft darüber nach – die Sache muß doch ans Licht.«

Hermann war überrascht. Sie dachte darüber nach? Wie rührend ihm das erschien! Aber jetzt – nein, an diesem schönen Abend und auf diesem köstlichen Wege sollte nicht davon die Rede sein! Er bat Fräulein Froben, lieber ein Lied zu singen, und gestand, daß er sie vorhin belauscht habe.

»Wir wollen alle singen,« sagte Marianne freundlich. »Ihre Schwester kann es, und wie ist's mit Ihnen, Herr Matersen?«

»Wer hat dich, du schöner Wald,« stimmte sie dann ohne weiteres an, und die Geschwister fielen beide kräftig ein.

Lotte war froh und bemerkte glücklich ihres Bruders offenen hellen Blick. Dann erzählte sie von Nellis Brief, ihren Beschreibungen der schönen Amerikanerin, und sie lachten alle drei darüber, daß jene gesagt habe: »Deutsche Volkslieder sind so sehr gefragt in Amerika.«

»Ob sie die jemals lernen wird?« bemerkte Hermann und blickte auf Marianne, die ein wenig voraus war und wieder leise vor sich hinsang.

»Grün war die Weide,
Der Himmel blau,«

klang es lieblich, und Hermann rief überrascht: »Oh, Sie besingen wohl gar den Namen unseres Dorfes.«

»Der ist so hübsch,« sagte Marianne und wiederholte:

»Grün war die Weide,
Der Himmel blau,
Wir gingen beide
Auf glänz'ger Au –«

»Wir sind aber drei,« scherzte Lotte, »ich bin auch noch da.«

Jetzt sprach Marianne schnell von den alten Bäumen, dem leuchtenden Moos, dem huschenden Eichhörnchen, und – siehe da: ein Reh!

Marianne war es, die es zuerst bemerkte, und Hermann scherzte: »Sie scheinen wirklich keine Stadtdame zu sein, Fräulein Froben. Die Städter sehen gewöhnlich nichts, wenn man ihnen aber was zeigt, schreien sie: ›Wo, wo?‹ und verscheuchen das Wild sicherlich.«

»Oh, machen Sie uns nicht so schlecht,« schmollte Marianne, »die so wenig sehen und hören, sind ja nur zu bedauern,« worauf Hermann ernsthaft einlenkte: »Sie haben recht: wer in Wald und Feld aufwächst, hat kein Recht, über andere zu spotten, die es in dieser Hinsicht nicht so gut haben, sonst aber in vielem uns überlegen sind: Mich soll doch wundern, wie lange Sie es hier aushalten in der Einsamkeit!«

»Ach, das ist doch keine Einsamkeit! So nahe noch bei aller städtischen Kultur! Man hat täglich seine Post und Zeitung – man sieht schon wieder eine neue Bahn bauen – man kann im Dorf einkaufen, und was es dort nicht gibt, bringt die Botenfrau – man kann sein Schuhwerk ausbessern lassen und sogar philosophische Gespräche dabei führen –«

»So – sind Sie auch schon Kundin des Hans Sachs von Grünweide? Nun, der wird sich freuen! So wortkarg er im allgemeinen sich gibt, so empfänglich ist er für ein Gespräch mit Menschen, die ihn verstehen. Und wen beehren Sie denn sonst mit Ihren Besuchen, Fräulein Froben?«

»Anning Kasten und ihre Mutter,« sagte Marianne. »Der zarten, kleinen Frau rede ich gern ein wenig zu; die Zwillinge muß ich alle paar Tage bewundern, dem Anning zuliebe, und dem stillen, gutmütigen Mann suche ich auch ein Wort abzulocken.«

»Ja, ja,« erwiderte Hermann treuherzig, »Sie können hier viel wirken und bauen, wenn Ihnen der Sinn danach steht. Ihr alter Vorgänger war zu manchem nicht mehr recht fähig, und überhaupt – die Schule allein tut's nicht. Und nicht nur die gutgearteten Kinder braver Eltern warten auf Sie, wie Anning Kasten und die Thielkeschen Jungen; wir haben auch Häuser, wo es nicht so zugeht, wie es sollte, wo die Kinder unter schlechtem Beispiel verkommen könnten.«

»Es gibt auch vielleicht Kinder mit eigenen schlechten Trieben,« schloß Marianne ernsthaft.

Da kam Lotte heran mit einem großen Strauß. Dunkelblaue Glockenblumen, feine Gräser und die ersten roten Beeren der Eberesche hielt sie der jungen Lehrerin hin, und während diese sich an jedem einzelnen erfreute, bemerkte Hermann: »Schon Quitschbeeren! Das bedeutet frühen Herbst.«

»Ach, schade,« rief Marianne, »diese Tage finde ich nun so wunderschön, daß ich wollte, sie dauerten noch recht lange. Aber freilich, die weißen Fäden fliegen auch schon.«

»Fürchten Sie sich doch nicht vor dem Winter,« bat Lotte zutraulich. »Ich glaube, es wird Ihnen auch dann hier gefallen! Und Weihnachten – da komm' ich ja auch wieder!«

»Aber dann – dann reise ich nach Hause,« sagte Marianne.

»O natürlich – das ist ja wahr! Aber zu Michaelis auch?«

»Nein – denken Sie, Lotte, dann möchte mich meine Mutter besuchen! Sie ist doch ein wenig unruhig, und ich will sie gern überzeugen, daß ich hier wirklich bleiben kann.«

»Bravo!« sagte Hermann in Gedanken, und die beiden Mädchen fuhren fort, sich auszumalen, wie es der Frau Doktor im Schulhause gefallen würde.

»Wenn Vater doch auch kommen könnte,« sagte Marianne, »aber bis der sich einen Urlaub gönnt – außer den paar Wochen an der See, die ihm so bitter nötig zu sein pflegen! Aber wer weiß: nächstes Jahr begnügt er sich vielleicht einmal mit Landluft, wenn ich es ihm sehr behaglich mache!«

»Wenn Ihnen im Schulhause irgend etwas zu dieser Möglichkeit fehlt, brauchen wir nur an Leonore Menkhausen zu schreiben,« rief Lotte lebhaft, und Marianne erwiderte: »Wenn Ihre Freundin so gutmütig ist, wie ich nach Ihren häufigen Bemerkungen glauben muß, liebe Lotte, dann können die Leute von Grünweide sich ja beglückwünschen, wenn die junge Dame es wahrmacht und hier später dauernd ihren Wohnsitz nimmt.« »Hermann will es immer nicht glauben« – Lotte lachte –»und dann neckt Nell ihn, er fürchte sich vor ihrer Herrschaft, was dann natürlich wieder der Herr Verwalter gewaltig übelnimmt, denn wie könnte ein Mann wohl ernsthaft Weiberregiment fürchten, nicht wahr?«

Die beiden Mädchen fuhren fort, sich auszumalen, wie es der Frau Doktor im Schulhause gefallen würde.

So plaudernd, bald ernsthaft, bald scherzend, kamen die drei endlich wieder auf dem Hofe an. Fräulein Froben mußte noch das Abendessen dort nehmen und ging dann, von den Geschwistern begleitet, in ihr Häuschen zurück. Lotte steckte ihr die Lampe an und erinnerte sich, mit welchem Eifer sie diese damals zum Einzug der neuen Lehrerin putzten, wie sie beide so neugierig waren auf diese Fremde, die nun heute – »das darf ich doch sagen: schon jetzt meine gute Freundin ist, während Leonore immer noch auf die Bekanntschaft warten muß und statt dessen jene schöne stolze Amerikanerin mit Aufmerksamkeiten umgibt, woraus doch wohl nie eine richtige Freundschaft werden kann«.

Vierzehntes Kapitel: Mariannes Erfahrungen

Als Marianne dann allein war, setzte sie sich gleich an ihren Schreibtisch und begann einen Brief an ihren Vater. Ohne Umschweife – denn die Erzählungen und Erlebnisse gingen stets an Mutterchens Adresse – schrieb sie:

»Ich möchte so gern etwas mit Dir besprechen, Vater, Deinen Rat hören. Du hast mich früher im Hospiz bei den Kindern oft aufmerksam gemacht auf natürliche Anlagen, die teils auf Vererbung zurückzuführen sind, teils aber zum ersten Male sich in einem jungen Geschöpf auszubilden scheinen, nicht bloß in körperlicher Beziehung, sondern auch geistig. Du hast mir Beispiele von unbegreiflichem Hang zum Stehlen genannt, oder eine grausame Ader, die sich im Tierquälen zeigt, und einmal auch eine krankhafte Sucht, mit Feuer zu spielen. Nun will es mir nicht aus dem Sinn, daß wir hier vielleicht ein Kind mit solcher Veranlagung haben, und daß man mit dieser Erkenntnis möglicherweise der Ursache zu den hiesigen Bränden auf die Spur kommen könnte.«

Nun erzählte sie von Hinrich Stoppsack, mit dem sie im Unterricht schlechterdings nichts anfangen könne, den sie aber doch nicht für blödsinnig halten möchte, was auch der Verwalter bestreite. Sie habe nun mehrfach beobachtet, wie in dem stumpfen Gesicht des Jungen ein sonderbares Leben aufgehe, sobald von Feuer die Rede sei, und daß er auch einen besonders scharfen Geruchssinn dafür habe, außerdem zeige er sich nie so geschickt, als wenn er ihren kleinen Küchenherd mit trockenem Holz versorgen oder ihr gar selbst das Feuer anmachen dürfe.

»Ich habe mir,« fuhr sie fort, »in der ersten Zeit nichts dabei gedacht, es mir nur zu gern gefallen lassen, denn, daß ich's gestehe, Vater: die städtische Gasflamme hat mich doch zu sehr verwöhnt, und ich sah mit Beschämung ein, daß ich für den häuslichen Herd noch gar nicht tüchtig bin. Also, ich ließ es mir gefallen – die Kinder wollten mir ja alle gern gefällig sein. Der eine tat dies, die andere brachte das. Wenn also Hinrich am besten Feuer anmachen konnte, war mir das eine wertvolle Hilfe. Nun aber denke ich: könnte er nicht diese Neigung und Geschicklichkeit einmal zum Verderben angewandt, kann er nicht das Feuer auf dem Hof angelegt haben? Nicht aus Bosheit, lediglich aus kindischer Sucht zum Zünden, aus Lust an den Flammen? Du hast mir einmal gesagt, es gebe so etwas: nun komme ich von diesem Gedanken nicht los. Und dieses Rätsel wird mich bald mehr beschäftigen, als meine ganze Schule. Erschrick nur nicht, Vater! Meine Pflichten werde ich darum doch nicht vernachlässigen. Aber Herr Matersen sagt auch, die Schule allein tue es nicht bei uns im Dorf!«

Auf diesen Brief Mariannes erhielt sie bald ein paar Zeilen von dem vielbeschäftigten Vater, der ihr riet, sich mit jenem Knaben so eingehend wie möglich zu beschäftigen und sein Vertrauen zu gewinnen; es sei immerhin nicht unmöglich, was sie ihm da angedeutet habe.

Als dieser Brief kam, war gerade die Schule aus, nur Hinrich Stoppsack wurde noch nicht entlassen. Er war wieder, ohne irgend etwas gelernt zu haben, in die Stunde gekommen, hatte seine Tafel vergessen und sein Heft verschmiert.

Fräulein Froben zählte all diese Untaten vor der Klasse auf und warf die Frage hin: »Was muß er dafür erhalten, der Unnütz?«

»Schacht« (Schläge), war die einstimmige Antwort.

Als die Lehrerin dies Urteil gemildert haben wollte und sich an den jüngsten Thielke allein wandte, konnte auch dieser Kleine mit dem gutmütigen Gesicht nicht anders als schlau blinzeln und gleich den anderen verfügen: »Schacht!«

Aber Marianne mochte sich nie zum Stock entschließen. Deshalb wandte sie sich an Anning Kasten, und hier kam die gewünschte weibliche Milde zum Durchbruch, es klang höflich: »Nachsitzen, Fräulein.«

So kam es denn und war für die Lehrerin ebensoviel Strafe wie für den faulen Schüler. Denn diesen konnte sie nicht allein mit einer Strafarbeit in die Klasse setzen; sie mußte dabei bleiben, seine greulichen Krakelfüße beobachten und ihm unermüdlich die Aufgabe wieder vorsagen.

Sie war nur schnell vorher in die Küche gegangen und hatte den Suppentopf auf das Feuer gesetzt, damit es nicht allzu spät mit dem Mittagessen würde. Rote Mohrrüben und Sellerie hatte Anning ihr in der Zwischenstunde sauber geputzt: die tat sie in das Wasser. Etwas später sollten die von Johann Thielke geschälten Kartoffeln dazu kommen; das gab eine gute Suppe.

Nun wieder zu dem Nachsitzer! Beharrlich lernte sie mit ihm und sprach ermutigend auf ihn ein, wenn sie auch im stillen dachte: »Nutzt es denn überhaupt irgend etwas?« Da – mitten in ihrem Vortrag unterbrach er sie: »Door brennt wat an!«

Marianne eilte zur Tür, und richtig, wie sie diese öffnete, nahm auch sie den brenzlichen Geruch wahr. Das Feuer war zu scharf gewesen – sie hätte wohl ein Torfstück auflegen müssen – alles Wasser verkocht, und zu Kohle gebrannt lagen die schwarzen Mohrrüben auf dem Grunde des leeren Topfes.

Marianne war ärgerlich auf sich selbst, zugleich aber wieder verwundert über den Geruchsinn des Jungen, der mit funkelnden Augen festgestellt hatte, daß auf dem Herd etwas nicht in Richtigkeit sei. Immer alles, was mit Feuer zusammenhing! Merkwürdig! Aber für heute wollte sie ihn nun freigeben. Länger sollte des Vaters Brief nicht warten, und zum zweiten Male wollte sie ihr Mittagessen nicht verderben lassen – es konnten ohnehin jetzt nur Eierkuchen sein, die Kartoffelsuppe war dahin!

Während des Backens las sie die kurzen Worte von des Vaters Hand. Wie gut und treu er doch auf ihre Andeutungen einging, trotzdem er eben von einer Operation kam!

Ja das Vertrauen des Jungen gewinnen – dachte sie mutlos – das schien so schwer! Noch merkte sie nicht den geringsten Einfluß ihrer Güte, aber jedenfalls durfte sie ihn nicht durch zu große Strenge verscheuchen, nicht verprügeln, wie ihr alter Vorgänger getan hatte? darum wollte sie auch nicht auf die Ratschläge der anderen Schüler hören, die in kindischer Schadenfreude immer gleich mit »Schacht« bei der Hand waren.

Ja, die Schadenfreude –- das war auch so ein Zug, gegen den man immer wieder ankämpfen mußte – ach, und gewiß noch gegen so vieles, was die junge Lehrerin noch kaum ahnte, was mit der Schule, mit Lesen, Schreiben und Geradesitzen wenig zu tun hatte!

Sie wollte nur heute mal wieder Besuche im Dorf machen, denn schon hatte sie einige hämische Bemerkungen aufgefangen: »Nach uns kommt sie nich hin – sind wir ihr nich gut genug?«

Marianne fühlte sich ohnehin recht allein. Lotte Matersen fehlte ihr. Das frische kluge Mädchen, mit dem man so gut über alles sprechen konnte, war abgereist, um nun endlich nicht länger die Schule zu versäumen. Der Mutter ging es jetzt besser, wenn sie den Fuß auch noch etwas schonen mußte; außerdem erwartete sie ihre ältere Tochter zum Besuch. Aber die war in Trauer um ein verlorenes Kind und hatte vielleicht wenig Interesse daran, die fremde Lehrerin kennen zu lernen, dachte Marianne. Darum beschloß sie, sich vorläufig zurückzuhalten, überhaupt mußte sie sehen, auch ohne Verkehr mit ihresgleichen hier auszukommen; die letzten acht Tage hatten sie recht verwöhnt. – Also nun frisch ins Dorf, zu dem Maurer Sievert, dessen Kinder ihr wenig gefielen!

Auf der Bank vor dem Hause saß die älteste Tochter, die schon aus der Schule war, und nähte emsig. Sie war ein blasses Mädchen mit verschüchtertem Ausdruck. Als die Lehrerin sie freundlich ansprach und ins Haus zu treten wünschte, errötete sie und sagte: »Ach, Fräulein, heut grade? Ich rat' Sie da nich zu, Vater is nich gut an'n Kopp – Sie wissen woll, was ich mein'.«

Marianne hatte allerdings davon gehört, daß der Maurer gern trank,' als sie jetzt gar Lärm aus dem Hause hörte, verstand sie das Mädchen und zögerte etwas. Dann fragte sie nach der Mutter. Sie erfuhr, daß die fast immer krank sei und sich so viel gräme, weil sie die kleinen Kinder nun nicht mehr davor hüten konnte, daß der Vater sie zu Boten brauchte, wenn er Durst hatte. Immer müsse der kleine Gusche im Dorfkrug die große Schnapsflasche füllen lassen; nun habe er selbst schon das Zeug zu kosten angefangen und sei kaum davon abzubringen.

Marianne schauderte. Ihr fiel ein, welch sonderbares Wesen der kleine siebenjährige Maurerjunge neulich gezeigt hatte, und wie ihr der Fuselgeruch an ihm aufgefallen war. Sie ging nun doch entschlossen ins Haus. Das blasse Mädchen dauerte sie, und nach der Mutter mußte man sehen.

Sie fand im Bett eine elende Frau, die ebenso rot wurde, wie vorhin ihre Tochter, als der Mann sich wankend erhob und das Fräulein auf seine Art höflich begrüßen wollte.

Marianne nahm sich zusammen und sagte mit freundlicher Entschlossenheit: »Ei, ei, Sievert, schon Feierabend gemacht? Ich denke, auf dem Hof ist jetzt so viel Arbeit? die wollen Sie doch nicht den Stadtmaurern überlassen?«

Der Mann grinste und erinnerte daran, es sei Montag; ob das Fräulein nicht wisse, daß man da »blau zu machen« pflege. Tapfer erwiderte Marianne: »Ich weiß es leider, aber ich sehe den Grund nicht ein. Gerade nach dem freien Sonntag sollte man doch um so frischer und freudiger zur Arbeit gehen.«

Wieder lachte der Maurer höhnisch und sagte mit schwerer Zunge: »Na, nu predigen Sie man nich lang', Fräulein! Sie sind noch viel zu jung dazu – sehn Sie man nach Ihrer Schule!«

Marianne wandte sich ab und sprach mit der Frau, fragte nach ihren Leiden und gab ein paar Ratschläge, die ihr als Doktorstochter geläufig waren. Die Frau lächelte dankbar und versprach, dies und jenes zu tun, was das Fräulein sagte, wenn – »wenn hei (er) mi nich stürt (stört)!« Dann sprachen sie von den Kindern. Marianne konnte sie nicht loben, meinte aber, sie würden sich gewiß noch an die Schulzucht gewöhnen, wenn nicht dagegen gewirkt würde.

Wieder flüsterte die Frau mit bezeichnendem Blick: »Dat deiht hei (das tut er)!« und sie erklärte, als der Maurer die Stube verlassen hatte, daß er den Kindern oft vorhalte, sie hätten es nicht nötig, anderen zu gehorchen als ihm. Die Reichen bildeten sich immer ein, sie hätten das Recht des Befehlens, und die Schullehrer erst gar; die wüßten immer alles am besten und mischten sich in Dinge, die sie nichts angingen.

»Ach, nehmen Sie's man nich übel, Fräulein,« unterbrach sich die Frau ängstlich, »aber weil Sie doch so freundlich sind und fragen – ich hab' es schwer, und er, was mein Mann is, wird immer so böse, daß ich krank bin und nicht so viel arbeiten kann, wie die anderen, und ich kann doch nicht davor.«

»Natürlich nicht, liebe Frau,« sagte Marianne, »darum ist es ja gut, daß Sie die große Tochter haben, die für Sie arbeitet!«

Aber die Frau erwiderte, die Mile müßte ja eigentlich in Dienst: darüber tobe der Mann auch, daß sie noch keinen habe. Die »Madam« wollte sie sonst schon gern in die Küche nehmen, aber sie sagte selbst: »Sievertsch, Sie können die Mile nicht entbehren! dann ginge ja alles drunter und drüber.«

»Kommt Frau Matersen manchmal zu Ihnen?« fragte Marianne, die schon wußte, wer mit »Madam« gemeint war.

Die Maurerfrau bejahte und lobte dann sowohl den umsichtigen Verwalter wie auch seine Mutter.

»Je, Fräulein, das ist ja nicht so, als wenn man 'ne richtige Gutsherrschaft auf dem Hof hat; aber was sie können, das tun die Verwalters auch für unsereins.«

Nachdenklich kehrte Marianne heim. »Es ist nicht so, als wenn man 'ne richtige Herrschaft auf dem Hof hat.« Das ging ihr durch den Kopf. Auch dachte sie daran, wie neulich der philosophische Schuster gesagt hatte: »Fräulein, schad' ist es doch, daß auf all unseren schönen Gütern im Lande jetzt so viel Fremde sitzen! Früher, da erbte so 'n Hof immer vom Vater auf den Sohn, und die Herren kannten so gut wie ihren Boden auch ihre Leute, Haus bei Haus. Jetzt – was wissen die großstädtischen Herren, die sich hier überall im Lande ankaufen, von richtiger Landwirtschaft und von der Lage ihrer Arbeiter? Unser Herr Geheimrat ist gewiß 'n guter Herr; ich mag ihm leiden und sprech' manches Mal 'n Wort mit ihm, wenn er kommt und sagt, er hab' sich schon wieder 'n Paar Sohlen durchgelaufen – natürlich auf den Stoppeln, wenn sie hinter die Rapphäuhner (Rebhühner) her sind, denn weiter suchen diese Herren, was jetzt die Gutsbesitzers sind, nichts auf 'n Lande, als Jagen und Fischen und Spazierengehen!«

Diese Betrachtungen des Schusters hatten sie zuerst belustigt,dann aber dachte sie ernsthaft, sie hätten wohl recht, die Leute, wenn sie sich unter einer Art Fremdherrschaft fühlten. »Und,« setzte sie in Gedanken hinzu, »ich wünschte wohl, das kleine Fräulein, die Leonore Menkhausen, führte ihren Vorsatz aus und bildete sich zu einer tüchtigen Gutsherrin heran, die auf ihrer Besitzung daheim ist und ihre Leute als ihre richtigen Gutskinder betrachtet.«

Herr Matersen hatte freilich zu solchen Träumen, wie er die Reden seiner Schwester und ihrer neuen Freundin nannte, gelächelt und gesagt: »Was denken Sie sich, Fräulein Froben! Leonore Menkhausen heiratet natürlich irgendeinen hanseatischen Millionär, bleibt in der Großstadt und sucht, wenn's hoch kommt, manchmal ihre Sommerfrische in Grünweide auf, wie jetzt.«

»Aber,« rief Marianne dazwischen, »sie könnte doch auch einen Landwirt heiraten, der mit ihr zusammen Freude und Verständnis an dem schönen Gut hätte!«

Hermann blieb jedoch dabei: »Ich glaub's nicht! Diese Damen mit der überfeinen Erziehung bleiben am Ende immer in der Stadt.«

Fünfzehntes Kapitel: Vater und Tochter

Hätten sie geahnt, daß um dieselbe Zeit in Hamburg eine Beratung zwischen Vater und Tochter stattfand, bei der die letztere ihren Überdruß an der immer noch dauernden überfeinen Erziehung kundgab!

»Muß ich denn wirklich noch bis nächstes Jahr in Genf bleiben?« fragte Leonore nachdrücklich. »Siehst du, Papa, ich habe wirklich schon eine Menge von ›dem Zeugs‹ gelernt, was du selbst manchmal in schwachen Augenblicken für recht überflüssig für uns Mädel erklärst!«

»Na, na,« unterbrach der Vater mit leisem Murren, »was hast denn du da aufgeschnappt?«

»Ja, Pa, ich habe eben feine Ohren! Und es ist auch wahr: weitere Gelehrsamkeit ist überflüssig für mich, da ich doch eine Landwirtin werden will. Du weißt schon, Papa!«

Der alte Herr war gerührt.

»Hast du dir das wirklich in den Kopf gesetzt, Deern?«

»Aber ganz fest! Und du, Papa, sei doch froh! Unser schönes Grünweide muß einmal einen wirklichen, echten Herrn bekommen!«

»Und dieser Herr wolltest du sein, Nelli?«

»Natürlich!«

»Und dein künftiger Mann? Wie denkst du dir die Sache denn eigentlich, mein Deern?«

Es klang gutgelaunt, und so wiederholte Leonore in schelmischem Ton: »Mein Mann? Ja, erstlich ist der noch lange nicht vorhanden, und wenn – ja, könnte der denn nicht auch Freude an der Gutswirtschaft haben, ein richtiger Landmann sein?«

Herr Menkhausen dachte schnell an den Sohn eines Hamburger Geschäftsfreundes, eines entfernten Verwandten seiner Frau, den er sich unwillkürlich seit langer Zeit zum Schwiegersohn ausersehen hatte, wenn schon Albert, der prächtige Junge, der nahen Verwandtschaft wegen dies nicht werden konnte, und es schien ihm, daß Henry Fedders ebensowenig jemals richtiger Gutsherr sein würde, wie er selbst. Aber jetzt plauderte das Kind schon weiter, nichts ahnend von des Vaters Gedanken, sprudelte es heraus: »Also, Papa, du überlegst dir's, ob nicht wirklich schon reichlich genug für meine Bildung getan ist – ob wir die Sache nicht mal bei einem anderen Ende anpacken können. Sieh mal, Französisch sprech' ich wie ein Wasserfall, und an meinem Englisch hat selbst Amy Rodberts nichts auszusetzen. Mein Klavierspiel, das ja im Grunde nicht weit her ist, hat doch bei den Amerikanern genügend Eindruck gemacht, so daß man sich auch wohl in ländlichen Kreisen damit zufriedengeben wird…«

Ihr Vater zwickte sie ins Ohr; da fuhr sie unbekümmert fort: »Zu malen braucht nicht jeder Mensch künstlerisch. Wozu soll ich Wälder und Felder auf die Leinwand zaubern, wenn die schönste Dorflandschaft mein eigen ist? Ich will lieber lernen, was der Acker trägt, und wie die Leute in ihren kleinen Häusern leben – will sehen, dass diese Häuser sich nicht bloß malerisch auf der Leinwand machen, sondern in gutem Stande sind mit heilem Dach und so weiter.«

Herr Menkhausen stand auf; er war ganz ernst geworden. Mit einem Male konnte er seine Leonore nicht mehr als ein Kind betrachten.

Woher diese gesunden Anschauungen, dieser klare Wille? Nun, sie war eben seine Tochter! Er hatte alles auf seine Einzige zu vererben, nicht bloß die äußeren reichen Güter, auch wohl die Züge seines festgeschlossenen Wesens. Daß er das alles nicht schon viel früher erkannt hatte, daß ihm die Kleine in dieser Stunde gleichsam neu zuteil wurde! Aber das kam davon, wenn man seine Kinder so Jahr um Jahr aus den Händen ließ, wenn die Entwicklung sich unter fremden Augen vollzog! Hatte doch Nelli neulich selbst drollig gesagt: »Das ist die Folge, wenn die Väter nie recht genau Bescheid wissen mit ihren Töchtern!« Das geschah damals, als sie so erschrocken war, in Amy Rodberts nicht einen gleichalterigen Backfisch zu finden, wie Papa verheißen hatte, sondern eine völlig fertige junge Dame. Na ja, vielleicht gelüstete es das Mädel, auch jetzt junge Dame zu spielen und nicht mehr Schulkind? Doch nein, er wollte Nelli nicht unrecht tun! Er hatte ihren Ernst vorhin recht gut durchgefühlt, wenn die Äußerung ihrer Gedanken an sich ihm auch jugendlich und phantastisch schien. Aber von Tändeln und Damespielen kam jedenfalls nichts drin vor.

Das Ergebnis dieses Gespräches war, daß Herr Menkhausen jetzt deutlich selbst das Verlangen spürte, die Tochter mehr in der Nähe zu behalten. Er wollte mit seiner Hausdame sprechen, vielleicht auch mit Frau Senator Fedders, der guten Freundin des Hauses. Wenn die nicht dagegen war, dann konnte dem Kinde die Pensionszeit etwas abgekürzt werden? er mochte selbst wirklich nicht daran denken, sie wieder herzugeben, die kleine Nell.

In den schönen Herbsttagen wollten ja die Amerikaner sich sein Gut ansehen, da mußte das Kind sowieso dabei sein! Vorher aber sollte noch in der Villa an der Elbe großer Empfangstag sein für den Hamburger Kreis, der doch auch seine amerikanischen Freunde kennen lernen mußte.

Fräulein von Selchow strahlte, endlich nach langer Pause einmal wieder ein feierliches Essen veranstalten und mit allem Glanz das Haus vertreten zu dürfen. Auch hatte sie viele Auseinandersetzungen mit Leonore, wie sie sich bei dieser Gelegenheit zu benehmen habe, denn ein so junges Mädchen könne beim ersten Erscheinen in der Gesellschaft gar nicht genug darauf bedacht sein, die Grenze zwischen Kind und junger Dame richtig innezuhalten.

Leonore war das sehr langweilig, und sie erlaubte sich in Gedanken manche schnippische Bemerkung. Sie freute sich aber, all die Bekannten wiederzusehen, zu denen sie in diesen so sehr besetzten Tagen noch nicht gekommen war, und stellte sich im Geist schon die Verwunderung vor darüber, daß sie noch da sei. All die Fragen, ob »das Gör«, »die Deern« noch nicht zur Schule müsse – und sie dachte sich aus, wie sie darauf antworten wolle, daß es mit der »Görigkeit« nun bald ein Ende habe. Aber ach, für voll nehmen würde man sie doch nicht! Leonore sah es kommen, wie die Vettern oder die Sühne befreundeter Häuser sie am Zopf fassen und von ihrem »Flügelkleide« faseln würden, mit dem sie ja doch demnächst wieder »in die Mädchenschule« gehen müsse. Dann überlegte sie ernstlich: »Was ziehe ich an?«

Amy Rodberts konnte man nicht fragen; die sprach nie von Kleidern, tat, als ob sie ihr ganz gleichgültig seien, und war doch stets so unbegreiflich schön angezogen. In Hamburg verstand man ohne Zweifel auch was von Putz, aber morgen würde die Amerikanerin sicher alle überstrahlen. Tante Fedders, die Senatorin, sah ja leicht ein bißchen geschmacklos aus, und ihre Tochter Alice hatte keine gute Figur; aber auch Edda Rüding, die sonst immer die »Eleganteste« war, würde gegen Amy Rodberts sicher nicht aufkommen.

Für sich selbst entschied Leonore sich nun, ein weißes Kreppkleid anzuziehen. Weiß paßte immer, und dieses war so hübsch gemacht, ein bißchen »erwachsener« als sonst und doch nicht zu sehr, Tante Pine würde die Grenze loben. Auch hatte Base Edda die Besprechung mit der Schneiderin geleitet.

Als Leonore sich ankleidete, dachte sie an Lotte. Wenn die doch auch dabei sein könnte! Wie die sich wohl hineinfände in die immerhin etwas steife Hamburger Gesellschaft! Ach was, wenn Lotte da wäre, würden sie beide immer zusammenhalten und nichts weiter vorstellen wollen als ein Paar Backfische. Aber nun, ohne die Freundin, mußte sie wohl versuchen, den älteren, den wirklichen Damen ein wenig die Wirtin zu machen.

Da ging es schon los! Fräulein von Selchow kam, musterte schnell und scharf Leonorens Anzug und sagte: »Jetzt in den Saal – eben fahren Herr und Frau Senator vor.«

Leonore eilte und kam gerade recht, Frau Fedders zu empfangen. Diese umarmte mütterlich das junge Mädchen und sagte halblaut: »Ich weiß schon, daß du noch hier bist, mein Nellichen, und Papa hat mir schon allerlei von deinen Wünschen erzählt; wir sprechen später davon.«

Nun trat auch der Senator heran und neckte, die Hände zusammenschlagend: »Der Tausend, hat die Deern sich herausgemacht! Man ist ja ganz paff, und wenn man nicht der alte Onkel wäre, getraute man sich nicht mehr, ›Du‹ zu sagen! Aber, Kind, was tust du hier noch in Hamburg? Hinter die Schule gelaufen?«

Nelli konnte nichts erklären, da neue Gäste kamen; aber Alice Fedders übernahm es, ihren Vater zu unterrichten.

»Du weißt doch, Pa, wegen der Amerikaner ist Neil hier geblieben! Bekommt man die denn noch nicht bald zu sehen? Die Tochter soll ja eine Schönheit sein.«

»Stimmt, Schwesterchen,« sagte jetzt Henry Fedders, der schon tags zuvor bei einer Fahrt auf der Elbe die Bekanntschaft von Miß Rodberts gemacht hatte. »
Splendid indeed!« Er hatte sich leider angewöhnt, in seinem Äußeren wie in der Sprechweise ein wenig den Engländer nachzuahmen. »Aber unsere Nell,« fuhr er dann gemütlicher deutsch fort, »ist auch allerliebst geworden – bin ganz verblüfft! Ich glaubte sie noch mit der Puppe zu finden, und nun spielt sie fast so etwas wie die Dame des Hauses!«

»O nein, das läßt die gute Selchow sich noch nicht nehmen,« bemerkte etwas gönnerhaft Frau Konsul Röding, und ihre hübsche Tochter Edda fiel ein: »Aber niedlich ist die Nelli heute, wirklich – gar nicht mehr so lang und tolpatschig, wie ein junger Jagdhund. Das Kleid steht ihr; das hab' ich mit ausgesucht. Aber jetzt – die Sonne der Neuen Welt geht auf!«

Die Amerikaner waren eingetreten, und aller Augen richteten sich auf Amy Rodberts. Was diese heute trug, hätte Leonore vorläufig nicht zu sagen gewußt, aber sie fand die junge Fremde geradezu fabelhaft schön, und sie begriff nicht mehr, daß sie sonst doch schon einigermaßen vertraulich mit ihr umging. Heute erschien ihr das unmöglich und wurde auch wohl nicht von ihr erwartet.

Der Tausend, hat die Deern sich rausgemacht!

Amy wurde natürlich bald der gefeierte Mittelpunkt, und Leonore konnte sich nach allen pflichtschuldigen artigen Begrüßungen gern den jüngeren Mädchen widmen, die zwar alle schon einen Winter »ausgegangen« waren, aber doch der Sechzehnjährigen freundlich entgegenkamen. Natürlich aber klang es von allen Seiten: »Hast du noch Ferien? Wie kommt das? Bleibst du schon ganz zu Hause? Willst du diesen Winter ausgehen?«

Nein, für voll angesehen wurde sie noch nicht – bis Henry Fedders kam und ihr mit weltmännischem Anstand den Arm bot, mit den Worten: »Darf ich den Vorzug haben, die Tochter des Hauses zu Tisch zu führen?«

Nelli wurde rot. Als sie einander zuletzt gesehen hatten, pflegte Henry mit ihr herumzutollen und sie »fürchterlich« zu necken. Womit eigentlich, das wußte sie nicht mehr; nur, daß sie manchmal bis zu Tränen empört war. Und nun kam er dahergeschritten, so steifleinen wie ein Engländer, und behandelte sie wie eine Respektsperson! Aber sie traute ihm nicht; sie kannte den Schalk in ihm noch recht gut, und der war nicht englisch! Tat sie jetzt auch feierlich, lachte er sie gewiß aus und sagte im nächsten Augenblick: »Deern, wie hast du dich? Wir kennen uns doch gut genug!« Tat sie dagegen kameradschaftlich wie früher, würde er das vielleicht für einen Mangel in ihrer Genfer Erziehung halten, denn kritisch war er von jeher, das wußte sie.

So war es wohl am besten, sie schwieg einstweilen. Aber das war auch langweilig, steif an seinem Arm dahinzugehen, wie eine alte Dame. Und plötzlich kam ihr das erste Wort.

»Ich dachte, Henry, Miß Rodberts sollte deine Dame sein. Ich sah doch vorhin die Tischordnung, die Tante Pine gemacht hat.«

»Ganz recht,« entgegnete Henry Fedders höflich, »aber als ich erfuhr, daß meine Jugendfreundin Nell anwesend sei, bat ich um eine Änderung der Plätze. Wie kommt es übrigens,« unterbrach er sich lustig, »daß wir dies Vergnügen haben, Nell? Bist du denen in Genf durchgegangen?«

Leonore lachte erleichtert. Nun war er doch wieder der alte! Und er hatte angefangen in dem ungebunden lustigen Ton von früher; sie war nicht schuld! Sie kam auch recht gut ins Gespräch mit Henry, der ihr viel von seinem Aufenthalt in England erzählte, wo er nicht nur in den Kontoren der Haupthandelsplätze gesessen, sondern auch Gelegenheit gefunden hatte, das Landleben kennen zu lernen. Begeistert schilderte er ihr solchen Herrensitz in England mit seiner Gastfreundschaft, und besonders auch die großartigen Jagden, die er in Schottland mitgemacht hatte. Da er Nells lebhaftes Interesse wahrnahm, sagte er schließlich, seine Mutter habe ihm ein wenig von den Plänen der jungen Freundin verraten, und so kam es, daß Nell sich von dem necklustigen Freunde ihrer Kinderjahre, dem sie heute zuerst mit solcher Befangenheit entgegengetreten war, schließlich am besten verstanden sah in ihren Gedanken für die Zukunft.

Henry war eben nicht nur Kaufmann, sondern hatte daneben besonders viel Sinn für Sport, Jagd und schöne Pferde. Ein Großgrundbesitz schien ihm durchaus etwas Wertvolles und Schönes, wenn er sich freilich noch nicht im entferntesten in Nells Vorstellungen von dem beglückenden Arbeiten und Wirken unter den Gutsleuten hineinversetzte. Er machte es wie früher; er neckte sie tüchtig, wenn er sie auch nicht mehr an den Zöpfen zog – weil sie hochgesteckt waren und Nell sich überhaupt in allem und jedem schon wie eine junge Dame benahm.

Nell ließ sich das Necken von Henry gern gefallen, denn sie fühlte deutlich, daß es ihr nicht wehtun sollte. Und es war dann doch ihr liebes Grünweide, wovon die Rede war, immer wieder! Henry wünschte sehr, das Gut kennen zu lernen, und machte Nelli allerlei Vorschläge, wie und wann sie ihm eine Einladung dahin verschaffen sollte, worauf dann sie wieder neckte: »Wenn wir nun Amy Rodberts und ihren Eltern die Ridderfarm zeigen, da kannst du vielleicht mitkommen; dann ist es noch ein bißchen interessanter, mit den amerikanischen Gästen!« Worauf Henry wieder freundschaftlich versicherte, auf dem Lande würde es ihm am meisten Spaß machen, seine junge Freundin recht in ihrem Fahrwasser zu sehen.

Nun wurde es sehr gemütlich, und da an Nellis anderer Seite Georg Röding, der Primaner, mit ihrer ehemaligen Schulfreundin Ellen Schrader saß, so gab es hier eine lustige Ecke, wo man auch mal von Pensionsgeschichten sprechen konnte, ohne über die Achsel angesehen zu werden, und von Grünweide – ei!

Ellen fragte sogar nach Lotte Matersen, und Henry wollte ausführlich von der Lage des Gutes hören, ob auch schöne Jagd dort sei, ebenso Wasser, wo man fischen und rudern könne.

Dann wandte sich das Gespräch dem großen Wettschwimmen zu, das in den nächsten Tagen auf der Alster stattfinden sollte, und wo der Primaner einen Preis zu erringen hoffte. Nun war man gründlich beim Sport angelangt, wofür die Hamburger besonderes Interesse zeigten. Leonore trieb ja auch in Genf die verschiedensten Spiele, konnte also von Hockey und Golf mitreden; sie erzählte, daß in der Schweiz das Lawn-Tennis schon fast nicht mehr modern sei, daß sie aber in Grünweide doch noch neue Plätze dafür habe anlegen lassen, da für die anderen Spiele das Gelände nicht günstig sei. O ja, sie konnte schon mit, die kleine Nelli – und sie benahm sich überhaupt in jeder Weise allerliebst an diesem ersten Gesellschaftstage im Vaterhause, wo sie so richtig »mit dabei« war.

Das letzte Mal, ehe sie nach Genf kam, sah Leonore bei solcher Gelegenheit noch artig im Kinderzimmer, horchte ein bißchen nach dem Stimmengewirr aus den Gesellschaftsräumen und schmauste ausgiebig von all den guten Dingen, die ihr von der Tafel zukamen. Manchmal besuchten sie auch einige der jüngeren Gäste, und zum Nachtisch erschien sie wohl für kurze Zeit im Eßsaal. Ach ja, wie hatte das Schulkind es sich damals schön ausgemalt, wenn es auch endlich dazu gehören würde! Wie hatte noch der Backfisch vor kurzem gedacht, daß diese Gesellschaften das allergrößte Vergnügen sein müßten, weil alle so danach verlangten! Und nun?

Es war ja ganz hübsch; vor allem freute sie sich, daß sie sich so gut benommen hatte, daß man also ihre Erziehung wohl wirklich als abgeschlossen betrachten konnte. Aber wenn sie überlegte, daß nach der Heimkehr diese immer sich wiederholenden Gesellschaften der Hauptinhalt ihres Lebens sein sollten, wie bei manchen ihrer Schulfreundinnen, schien ihr das wirklich nicht genug. Nein, so durfte es nicht kommen – sie hatte anderes vor! Nur daß sie noch mit niemand davon sprach, ihren lieben Plan mit Grünweide wie ein Geheimnis behandelte!

Geheimrat Menkhausen dachte auch noch spät, als er seine Schlußzigarre rauchte, an seine junge Tochter, die er heute zum ersten Male so im Kreise der Erwachsenen gesehen und beobachtet hatte. Wirklich, Nell war kein Kind mehr; die Institutserziehung mochte ein Ende haben. Aber würde er sie dadurch für sich bekommen, für sein Haus? Ihre Pläne fielen ihm ein. Wie er dann so im Zimmer auf und ab ging, blieb sein Blick an dem ehrwürdig schlichten Bild seiner Mutter haften, und plötzlich schien etwas schon manchmal Geahntes zur Gewißheit zu werden.

Von einem Landgut hatte sich einst sein Vater die junge Frau geholt, und oft noch war in späteren Jahren davon die Rede gewesen, wie schwer die Mutter sich zuerst in der Stadt eingewöhnt, wie ihr Herz noch immer an den ländlichen Verhältnissen gehangen hatte. Nun war sie ja längst tot, die liebe alte Frau. Daß ihr Sohn, wie der Vater Großkaufmann, sich ein Gut kaufte, hatte sie nicht mehr erlebt und viel weniger noch die Entwicklung der einzigen Enkelin, in der sich so überraschend jetzt dieselben Anlagen und Neigungen zeigten, seitdem sie zum ersten Male mit deutlichem Bewußtsein das Leben in Grünweide in sich aufgenommen hatte.

Von Stund' an war Herr Menkhausen entschlossen, seiner Tochter nichts mehr in den Weg zu legen. Wie sich später alles ordnen würde, machte er sich jetzt noch nicht klar; nur das nächste, was zu tun war, entschied er gleich. Leonore wurde in Genf abgemeldet mit dem liebenswürdigen Zusatz, daß sie jedenfalls noch einmal kommen und den verehrten Leiterinnen der Pension Lebewohl und Dank sagen würde. Dann schrieb er nach Holstein, wo noch Verwandte seiner Mutter auf dem Lande lebten, in bescheidenen Verhältnissen zwar, aber gewiß um so mehr selbst tätig und daher vielleicht nicht abgeneigt, die junge Großnichte zeitweise bei sich aufzunehmen und recht gründlich in einen ländlichen Betrieb einzuführen.

Fast sprachlos war Leonore, als der Vater ihr die beiden Briefe zeigte und den Inhalt ungefähr mitteilte. Nur dämpfte es ihren Jubel etwas, daß sie nicht einfach in Grünweide ihre Lehrjahre durchmachen durfte, sondern zu den unbekannten Verwandten ins Haus sollte. Sie meinte sogar ziemlich altklug, daß es doch für später eigentlich praktischer sei, wenn sie alles an Ort und Stelle lernte. Frau Matersen und ihr kluger Sohn wären gewiß die besten Lehrmeister für sie.

Davon wollte aber der Vater nichts hören, sondern erwartete einfach, daß Nelli sich füge. Sie tat es auch ohne Widerspruch, natürlich, denn sie war ja im ganzen viel zu froh. Nur konnte sie es gar nicht erwarten, ihrer Lotte alles mitzuteilen – Lotte, die unbewußt so viel teil hatte an Nellis Plänen, weil sie als echtes Landkind so manches an Begriffen auf die Freundin übertragen hatte, was nicht bloß ländliches Vergnügen hieß, sondern Pflicht und Verantwortung.

Sehen würde sie Lotte doch noch einmal, ehe sie nach Holstein mußte? Ja, auch dieser Wunsch sollte sich bald verwirklichen. Die amerikanischen Gäste zeigten große Lust, ein deutsches Landgut kennen zu lernen, viel mehr noch als in ein Bad zu gehen, wovon zuerst die Rede gewesen war. So lag es auf der Hand, daß sie nach Grünweide eingeladen wurden, und da Amy fest entschlossen war, Anfang Oktober ihr Musikstudium in Leipzig zu beginnen, durfte man mit der Fahrt aufs Land jetzt nicht mehr zögern. Darum würde diese wohl gerade in die Michaelisferien fallen, während auch Lotte Matersen jedenfalls zu Hause war!

Leonore tanzte und sang und umgab den Vater mit einer solchen Zärtlichkeit, daß es den ernsten, vielbeschäftigten Mann geradezu rührte. Er sprach auch nicht davon, daß es ihm nicht sehr paßte, schon wieder vom Geschäft fortzugehen; es machte ihm selbst zu viel Vergnügen, dem Freunde sein schönes Besitztum zu zeigen, ihn und seine Damen in deutsches Landleben einzuführen. Noch mehrere von den Hamburger Bekannten erhielten Einladungen auf das Gut, wo in den schönen Herbsttagen jedenfalls eine große Jagd zu Ehren der Gäste veranstaltet werden sollte. Vor allem aber sollte auch Albert Menkhausen mitkommen und seinem Onkel helfen, den Wirt zu machen.

Sechzehntes Kapitel: Kartoffelferien

Septembersonne lag über Grünweide, da war es auf dem Gutshofe lebendig geworden. Die Tür des alten Herrenhauses stand weit geöffnet, um die letzte sommerwarme Luft in die sonst verschlossenen Räume zu lassen.

In allen Gastzimmern wurde ausgepackt, geplaudert und geplant, wie man diese schönen Herbsttage auf jede Weise genießen wollte. Leonore war voll liebenswürdigen Eifers, ihre Gäste zu bedienen und für ihr Vergnügen zu sorgen, und mehr noch als Vetter Albert, der ja dies alles erst kennen lernte, mußte Verwalter Matersen ihr behilflich sein, daß die Gäste nicht zu kurz kamen.

Mit kameradschaftlichem Handschlag hatte sie diesmal Hermann begrüßt und ihn gleich vorbereitet, daß nun wohl das oberste zu unterst gekehrt würde.

»Machen Sie sich auf allerlei gefaßt,« sagte sie. Hoffentlich kann man auch öfter einmal über die Pferde verfügen. Ist alles Sattelzeug in Ordnung?«

Überall war nun reges Leben, Reitpferde wurden vorgeführt, die kleinen Pirschwagen angespannt, und von den Tennisplätzen erklangen die Spielrufe. Die Bälle flogen über das Netz, und die Dorfjungen drängten sich eifrig zu dem Geschäft des Einsammelns, wobei sie mit Staunen die feinen Herren in Hemdärmeln und die Damen in weißen, absatzlosen Schuhen herumspringen sahen.

Amy Rodberts schien hier alles sehr gut zu gefallen. Als einmal Nachbarbesuch zu Tisch da war, sagte sie zu einem der jungen Herren: »Oh, I see, ein Ridderfarm ist ein gutes Ding, und es ist so klug von Miß Elinor, daß sie will ganz hier wohnen – ist es nicht?«

»Wie, Leonore,« fragte jemand, »will Ihr Herr Vater aufs Gut ziehen? Das wäre ja herrlich für die Nachbarschaft!«

Aber Leonore wehrte: »Ach, Papa doch nicht! Der trennt sich so leicht nicht vom Geschäft. Aber ich denke für später daran, wenn ich erst gründlich die Gutswirtschaft gelernt habe.«

»Himmel, und dann wollen Sie hier wirtschaften,« rief das ältere Fräulein von Dahlen entsetzt. »Gänse schlachten und Wurst stopfen – und was dergleichen ländliche Freuden mehr sind, denen unsereins so gern von Zeit zu Zeit entflieht!? Miß Rodberts, was sagen Sie dazu?«

Aber das verstand diese gar nicht. Das Schönste für die Amerikanerin war, hier reiten zu lernen. Gute Pferde und eifrige Lehrmeister waren ja zur Stelle; so meinte sie, der Begriff Rittergut käme erst durch sie recht zur Geltung. Die Hamburgerinnen suchten sich andere Vergnügungen. Alice schwärmte für Waldspaziergänge zu zweien, was ihr ein bisher ungekanntes Unternehmen war. Edda aber, die feine Edda, war wie ein Kind für den Obstgarten begeistert. Pflaumenschütteln und Schmausen war ihr eine Wonne, und selbst zum Sammeln des Fallobstes ließ sie sich herbei; sie trug es sogar zu Frau Matersen in die Vorratskammern und versuchte kleine wirtschaftliche Gespräche anzuknüpfen. Das entlockte der alten Frau allerdings nur ein nachsichtiges Lächeln, denn sie fühlte ja heraus, daß bloß Neugier dahintersteckte, kein so wahres Interesse, wie bei der guten Nell, die sich in letzter Zeit so auffallend entwickelt hatte, gerade in dieser Richtung, die Frau Matersen so gut beurteilen konnte.

Ihre Lotte natürlich war jetzt auch immer zwischen den jungen Gästen des Herrenhauses, und manchmal fürchtete die Mutter, daß sie dadurch recht verwöhnt würde. Lieb dagegen war es ihr immer, wenn sie auch jetzt das Schulhäuschen nicht vergaß und treu zu Fräulein Froben hielt.

In der Schule ging es schon seit einiger Zeit ebenfalls unruhiger zu als sonst, denn die Ferien waren in Sicht. Fräulein Froben ließ jetzt lernen:

»Bunt sind schon die Wälder,
Kahl die Stoppelfelder,
Und der Herbst beginnt!«

Eben hatte Anning Kasten dies aufgesagt, mit ihrer hellen, freundlichen Stimme, von der die Verse in der Klasse immer am hübschesten klangen. Dann sprach man ohne Verse über den Herbst weiter; es waren die Kartoffeln, denen sich das Hauptinteresse zuwandte.

»Wenn sie doch recht groß ausfallen wollten,« wünschte der kleine Christian Thielke altklug. »Vorig Jahr, da waren sie so klein wie Haselnüsse; da konnt' man grabbeln und grabbeln und bracht' doch nichts nach Haus. Aber wenn sie dies Jahr recht lohnen, Fräulein, dann machen wir Ihnen ordentlich 'ne Kartoffelmiete im Garten.«

Marianne meinte zwar, sie würde gewiß die Ernte im Keller unterbringen können; aber sie tat den Kindern doch den Gefallen, recht auf die Sache einzugehen. Alle Kinder wurden zum Helfen geladen, und sie versprach ihnen als Tagelohn einen Schmaus von Kartoffelpfannkuchen, welche Aussicht natürlich hellen Jubel hervorrief.

Dann wurde die Schule geschlossen, und auch die junge Lehrerin dehnte wohlig ihre Glieder im Gefühl der Freiheit, als sie ihrer entlassenen Schar nachsah.

Nun begann sie gleich einen Brief an ihre Mutter:

»Liebste Mama, die Kartoffelferien haben begonnen. Erschrick nur nicht über dies Wort, das Dir vielleicht wieder gar zu ländlich-sittlich klingt! Es heißt nun einmal so bei uns auf dem Dorf. Die Kartoffelernte spielt eben eine so große Rolle, daß ihretwegen die Ferien doppelt so lang dauern wie in der Stadt. Vierzehn Tage! Die Hilfe der Kinder ist bei diesem Geschäft nötig, und es ist ihnen ein solches Vergnügen, daß sie ebenso wichtig und verständig davon sprechen wie die Alten. Auch mein Kartoffelland wird täglich umkreist, hie und da auch eine Staude gelockert, um zu sehen, ob sie gut angesetzt hat, und ich werde belehrt, wieviel ich etwa ernten kann. Wenn es sehr lohnt, kann ich vielleicht euch etwas zum Wintervorrat abgeben!! Aber nun genug davon! Sonst denkst Du, ich gehe ganz in prosaischen Dingen unter, und Du verlierst am Ende die Lust, Deine Tochter hier zu besuchen. O nein, Mutterchen, gib das nicht auf! Ich verspreche Dir auch anderes als solche Kartoffelspäße. Es ist hier in Grünweide jetzt sehr belebt und unterhaltlich. Das alte Herrenhaus ist voll Besuch, und endlich habe ich nun auch das junge Fräulein Menkhausen kennen gelernt, von der mir Lotte Matersen schon so viel erzählt hat. Die beiden jungen Mädchen kamen gleich am ersten Tage zu mir, und Fräulein Leonore sprach es wiederholt freundlich aus, daß ich in den Ferien öfter ihr Gast sein müßte. Also Mutterchen, von Versauern und Verbauern, wovor Du für Deine Tochter immer ein klein bißchen Angst hast, kann gar nicht die Rede sein! Ich bitte Dich sogar, mir noch irgendein nettes Kleid zu besorgen – die Schneiderin wird mein Maß wohl noch haben – nicht gerade für Gesellschaftsabende – das verlangt man gewiß nicht von mir, aber was Helles, Niedliches, womit ich ›zu Hofe‹ gehen kann, wie wir hier im Scherz sagen. Bisher bin ich mit allem sehr gut ausgekommen und freue mich auf mein grünes Lodenkostüm, das mir in diesen Herbsttagen gute Dienste leisten wird.

Ich muß auch noch andere Besuche machen, als auf dem Hof, denn – denke Dir – gestern bekam ich einen Brief aus dem Nachbarort Langendorf, wo der alte Pfarrer wohnt, zu dessen Bezirk auch Grünweide gehört. Ich hatte ihn ja noch immer nicht kennen gelernt, weil der alte Herr nach einem sehr heftigen Gichtanfall ins Bad geschickt wurde und über fünf Wochen fern war. Kollegen aus den Nachbardörfern oder aus der Stadt haben ihn so lange vertreten. Wir hatten jeden Sonntag einen anderen Redner auf der Kanzel, aber kennen gelernt habe ich niemand von den Herren, und ich schrieb Dir schon, daß ich es doch sehr entbehrte, gar keinen Berater im Amt und gar keinen Seelsorger in diesem meinem neuen Lebensabschnitt zu haben. Nun hörte ich dieser Tage im Dorf, Pfarrer Treumund sei zurückgekehrt, allerdings vorläufig noch sehr angegriffen von der langen Reise, so daß ich mich darauf gefaßt machte, noch länger auf diese Bekanntschaft, diesen ersehnten Anhalt warten zu müssen. Da beglückte mich nun sehr jener Brief mit der altmodischen, schwer leserlichen Gelehrtenschrift, aus dem so viel Güte und herzliches Interesse zu der fremden jungen Dorfschulmeisterin spricht und – außer dem ernsten priesterlichen Ton – ein wundervoll seiner Humor, der mir so viel Vertrauen gibt. Er lädt mich gleich zu Kaffee und Kuchen ein und kündigt an, daß seine alte Kordula eine berühmte Künstlerin in beiden Dingen sei. Wenn ich also nicht über solch harmlose Genüsse erhaben wäre, sollte ich ihm doch bald die Freude machen und kommen.

›Ich höre,‹ schreibt er noch, ›Sie sind ein freundliches junges Wesen trotz der großen Würde: also wird es Ihnen nicht zu schwer fallen, den ersten Schritt zu tun zu dem alten kranken Mann im Lehnstuhl!‹

Ich gehe natürlich schon morgen, Mama, und Du kannst Dir denken, wie wichtig mir dieser Besuch ist. Und da ich dann übermorgen zu Fräulein Leonores Geburtstag erscheinen soll, möchte ich beinahe sagen: Liebe Mama, komm Du nicht vor nächster Woche! Du kannst mich doch nicht falsch verstehen, nicht wahr? Sieh, ich freue mich natürlich unbeschreiblich auf Dein Hiersein, aber ich will doch auch recht schön Zeit für Dich haben! Und Du weißt ja: ›Lebe dem Nächsten zuerst‹ und so weiter. Wenn nun das ›Nächste‹ für mich scheinbar Besuche und gesellige Vergnügungen sind, so wirst Du darum nicht denken, Deine Marianne zieht die Fremden Dir vor. Wenn unsere Gutsherrschaft mich zum ersten Male in ihren Kreis holen will, so bin ich ihr verpflichtet, nicht wahr? Oder sollte ich den kränklichen alten Pfarrei warten lassen? Dann kommt noch die Kartoffelernte – und dann ist ganz für Dich da

Deine Marianne.«

Siebzehntes Kapitel: Im Studierstübchen

Hier wohnt der Friede auf der Schwell'.
In den geweißten Wänden hell
Sogleich empfing mich sondre Luft,
Bücher- und Gelahrtenduft,
Gerani- und Resedaschmack,
Auch ein Rüchlein Rauchtabak.

Diese Verse aus Mörikes köstlichem »Alten Turmhahn« kamen Marianne Froben unwillkürlich in den Sinn, als sie das Pfarrhaus zu Langendorf betrat und sogleich nach oben gewiesen wurde, wo man ihr die Tür zu einem hellen Giebelzimmer öffnete. Ja, das war das Bild! Bücher überall, an den Wänden, auf Tisch und Stuhl, dann die bunten; nickenden Blumen am Fenster, und wenn der zarte Resedaduft auch ein wenig übertäubt wurde von dem »Rüchlein Rauchtabak«, so legte er sich der Eintretenden keineswegs beklemmend auf die Brust. Marianne erkannte sogleich, daß hier nicht unaufhörlich gequalmt wurde wie aus einem Schornstein, sondern langsam und mit Verständnis ein gutes Kraut genossen, wie ihr Vater sich auszudrücken pflegte.

So konnte sie ganz klar, nicht in blauen Dunst gehüllt, den feinen alten Mann erkennen, der da vor seinem Blumenfenster saß und mit hellen, beinahe jugendlichen Augen und gütigem Lächeln ihr entgegenblickte. Marianne nahm schnell und behutsam die eine Hand des Greises, die schmerzverzogen auf der Decke lag, und strich weich darüber hin. Da fühlte sie auch schon die andere, die beweglichere, auf ihrem Scheitel und hörte das herzliche: »Gottes Segen und Hilfe zu Ihrer Tätigkeit, mein liebes Fräulein! Jung sehen Sie aus, aber mutvoll, und das beides tut alten Augen wohl.«

Dann erschien das schalkhafte Lächeln, das Marianne sich unwillkürlich schon beim Brief des alten Pfarrers vorgestellt hatte, und er sagte: »Riechen Sie wohl den Kaffeeduft? Gleich wird meine brave Kordel hier sein und uns den braunen Trank kredenzen – wenn Sie nämlich hier im verräucherten Studio vorlieb nehmen wollen, Kind – die Treppe bis zum Staatszimmer kann ich gerade heute nicht gut steigen.«

Marianne sagte, daß sie es als eine Ehre empfinde, hier im Studierstübchen empfangen zu werden; zugleich aber konnte sie nicht umhin, sich zu wundern, daß der alte Herr oben wohne, wenn das Treppensteigen ihm doch Mühe machte.

»Ja, ja, das ist wohl wahr,« sagte der Pfarrer kopfwiegend, »aber erst seit kurzem ist es so, das heißt seit etwa einem Jahr. Früher stieg ich die Treppe flink genug, so oft es sein sollte, denn – verstehen Sie – nicht jeder Besuch wird hier oben angenommen! Und ich war immer der Meinung, die auch der Arzt bestätigte: das Treppensteigen erhält die alten Glieder geschmeidig. Nun aber hat mich die böse Gicht gefaßt, und wenn es nicht noch viel besser damit wird, muß ich wohl doch hinunter. Aber schwer würde es mir, meine stille Zurückgezogenheit hier oben aufzugeben. Denn unten – es sind recht nette Räume da, aber dort regiert die Kordel! Sie ist ja sehr brav und tüchtig, meine Haushälterin, aber – ein bißchen geräuschvoll!«

Marianne sah sich in dem traulichen Raum um, in den die Nachmittagsonne strömte, und der so still anheimelnd wirkte, als wohnten allerlei gute Geister darin, die kein Alltagslärm verscheuchen durfte.

Jetzt hörte man aber Tassen klappern, und herein trat in geschäftiger Wichtigkeit das mehrfach erwähnte Fräulein Kordula, ein schlichtgekleidetes ältliches Persönchen, mit einem etwas hartgeschnittenen stillen Gesicht. Sie wollte die junge Lehrerin auf das Sofa nötigen, doch diese ergriff schnell ein freistehendes Tischchen, von dem nur ein einziges Buch fortzunehmen war, und stellte es vor den Lehnstuhl des alten Herrn. Der schmunzelte behaglich, Fräulein Kordula aber stand starr und erschrocken über diese Eigenmächtigkeit der Fremden, und hielt noch immer steif das Brett mit den guten Dingen vor sich, bis Marianne schnell und freundlich bat: »Erlauben Sie mir, Ihnen zu helfen! Der Herr Pfarrer darf meinetwegen nicht bemüht werden, den Platz zu wechseln – nicht wahr, es geht auch so?«

Die junge Lehrerin ergriff ein freistehendes Tischchen und stellte es an den Lehnstuhl des alten Herrn.

Da glättete sich das Gesicht der Kordel etwas; sie bot eifrig von dem duftenden Kuchen an und wandte sich dann zum Hausherrn: »Herr Pfarrer, der Herr Lehrer aus Schönlanke war eben da und fragte nach Ihrem Befinden; aber ich sagte, Sie hätten Besuch. Da ist er weitergegangen zum Schmied. War's recht so?«

»Durchaus nicht, meine gute Kordel,« erwiderte der Pastor eifrig.

»Sie hätten lieber sagen sollen, hier oben sei ein Kollege, den der Herr Langreuther gewiß sehr gern kennen lernen würde.«

»Das konnt' ich nicht wissen,« sagte die Alte trocken und streifte das junge Mädchen mit etwas mißtrauischem Blick, worauf der Pfarrer lachend bemerkte: »Nein, Kordel, das konnten Sie nicht – der Fall ist neu! Aber schicken Sie doch jetzt, bitte, in die Schmiede – ich lasse Herrn Langreuther bitten, später noch ein wenig zu kommen, wenn es ihm möglich ist. Ich muß ihn sprechen, denn am Sonntag wird er doch noch einmal für mich lesen müssen; zwei Predigten werden mir für den Anfang zu viel sein. So, und nun, mein liebes Fräulein Froben, wollen wir uns ein wenig kennen lernen, und Sie erzählen nur von Ihrer Schule! Werden Sie denn fertig mit den Kindern? Ist die Plage nicht allzu groß? Anders geht es sicher her als in städtischen Schulen!«

»Ich glaube wohl, Herr Pfarrer, aber ich mache hier meine allerersten Erfahrungen; viel vergleichen kann ich noch nicht.«

»So, so, erste Sporen verdient, kein alter Haudegen, wie ich vor der Entscheidung fast glaubte, als mir Herr Matersen von den beiden Bewerberinnen sprach – nicht wahr, eine ältere Dame war doch auch zur Wahl?«

»Freilich, und sie hätte vielleicht mit ihren Erfahrungen mehr geleistet als ich, aber – ich bin doch nun einmal gewählt und bin so froh darüber.«

»Das macht Ihnen alle Ehre! Erhalte Gott Ihnen diese Freudigkeit zu Ihrer Arbeit! Aber wie ist's denn mit dem Wohnen im Dorf? Nicht gar zu notdürftig?«

»Herr Pfarrer, mein Häuschen ist einfach wonnig, und meine kleine Wirtschaft mein ganzer Spaß – auch ein gesundes Gegengewicht zum Schulehalten, wie mein Vater sagt.«

»Und die Einsamkeit?«

»Spüre ich nicht– noch nicht! Ich bin gern allein, lese viel und kann ja, wenn ich das Verlangen habe, auch Menschen aufsuchen, zuzeiten ist es ganz gesellig in Grünweide.«

Jetzt klopfte es wieder. Herein trat ein junger, schlanker Herr mit einem seinen bartlosen Gesicht und einer goldgefaßten Brille vor den klaren hellblauen Augen. Mit beherrschter Haltung näherte er sich dem alten Herrn; dieser aber stellte sogleich scherzend vor: »Hier also, mein lieber Langreuther, sehen Sie Ihren neuesten Kollegen, Froben mit Namen, aber kein alter Haudegen, wie jener zur Zeit des Großen Kurfürsten, sondern – na, Sie sehen schon! Und nun, meine lieben jungen Leutchen, kramt eure Schulweisheit aus und tauscht eure jungen Erfahrungen. Ich höre gern zu und störe nicht.«

Mit diesem Austausch ging es allerdings nicht so schnell vorwärts.

Der junge Lehrer war entschieden verlegen, und so sehr Marianne mit ihrer heiteren Frische sich um das Gespräch mühte, es blieb ziemlich einseitig, bis der alte Herr sich mit einem ganz neuen Thema einmischte und sagte: »Nun, es wird schon werden mit der Kollegialität, wenn der Herr Langreuther Ihnen auch erst eine junge Schulmeisterin gegenüberstellt. Ich habe nämlich schon die Papiere im Hause, die zum demnächst erfolgenden Aufgebot erforderlich sind.«

Nun lebte der junge Mann sichtlich auf, und auch Marianne ging vergnügt darauf ein, als sich das Gespräch um die Braut drehte, deren Bild Herr Langreuther mit schüchternem Eifer hervorzog. Dabei erzählte er: »Wir stammen beide aus Roggenfelde, wo die Matersens früher wohnten. Hermann und ich waren von klein auf Spielgefährten, auch die Schwestern kenne ich gut. Nur Lotte, das Nestküken, war damals noch zu klein für unsere Spiele. Aber Hermine, die jetzige Frau Werber, tat lustig mit.«

»Die ist jetzt in Grünweide zum Besuch,« sagte Marianne, und Herr Langreuther nahm das lebhaft auf.

»Oh, dann komme ich nächster Tage einmal mit meiner Braut hinüber! Darf ich dann auch Ihnen meine Aufwartung machen, gnädiges Fräulein?«

»Oh, oh –« Marianne lachte – »kommen dürfen Sie gern, aber nicht mit dieser vornehmen Anrede; die steht mir nicht zu, werter Herr Kollege.«

Des jungen Lehrers seines Gesicht rötete sich fast mädchenhaft; diese seine neue Kollegin hatte er sich auch wohl anders gedacht. Sie forderte ihn zum Schluß noch freundlich auf, einmal in ihrer Schule zuzuhören, ein wenig zu prüfen, und als er bescheiden erwiderte, das stünde ihm doch auch nicht zu, scherzte sie: »Aber warum denn nicht? Den hochwürdigen Schulrat sollen Sie ja nicht vorstellen, aber beraten müssen sich doch alle Kollegen miteinander.«

Als sich Marianne oben verabschiedet hatte, suchte sie noch die alte Haushälterin unten auf. Im blitzsauberen Staatszimmer fand sie die Kordel, die diese Aufmerksamkeit zu erwarten schien und mit trockener Würde das junge Mädchen empfing. Dem versagte dabei zum ersten Male fast die heitere Unbefangenheit diesem säuerlich steifen Wesen gegenüber, von dem Marianne nicht begriff, daß man es unter dem Einfluß des besonders liebenswürdigen Humors des prächtigen alten Herrn nicht ablegte. Abends schrieb sie über diesen Besuch in ihr Tagebuch:

»Nun ist mir erst so, als hätte ich mir die volle Berechtigung zu meiner hiesigen Arbeit geholt, seit der alte Pfarrer mir so liebreich seinen Segen dazu gab. Er heißt Treumund, und ich könnte mir keinen hübscheren Namen für ihn denken, so wohltuend fließt die Rede von diesen Lippen! Da ist Milde des Alters, aber auch ein jung gebliebener seiner Geist mit vielseitigen Interessen. Ich habe mich kein bißchen vor ihm gefürchtet, auch wenn er mir hie und da etwas auf den Zahn fühlte und schließlich eine kleine Katechese mit mir anstellte. Gern will ich ihm auch meine Schüler vorführen, wenn der alte Herr erst wieder so weit wohl ist, daß er nach Grünweide kommen kann. Ich freue mich darauf, denn meine unbeobachtete Selbständigkeit war mir fast allzu groß. Vor dem Herrn Pfarrer wird aber wohl noch der junge Amtsbruder aus Schönlanke kommen. Nein, nun bin ich gewiß nicht mehr allein mit meinen Berufsinteressen! Vorläufig aber sind noch Ferien – Kartoffelferien!«

Achtzehntes Kapitel: Allerlei Verkehr

Schon in den nächsten Tagen kam Lehrer Langreuther nach Grünweide, um seine Braut im Verwalterhause vorzustellen, und kehrte dann auch in der Schule ein. Klassenprüfung konnte ja nicht stattfinden, da die Schule leer und alle Kinder auf dem Felde beschäftigt waren; aber dem jungen Mann lag auch viel mehr am Herzen, seine Braut mit Fräulein Froben bekannt zu machen, und dieser wiederum war es wichtig, einmal richtig Gäste bei sich zu empfangen und mit der künftigen Lehrersfrau gute Nachbarschaft zu verabreden.

Luischen Blank, die Braut, war ein hübsches, aufgewecktes Mädchen, Tochter eines Gutsjägers in Roggenfelde und Spielgefährtin von dem Schullehrersohn Otto Langreuther. Außer der Schule von Ottos Vater hatte sie kaum noch Ausbildung erhalten; aber sie war, wie gesagt, ein allerliebstes, heiteres Mädchen mit gutem Verstand und nettem Benehmen, so daß Marianne sich wohl denken konnte, daß sich ein recht angenehmer Verkehr zwischen ihnen entspinnen könnte. Denn die junge Lehrerin besah keine Spur von irgendeinem geistigen Hochmut wegen ihrer höheren wissenschaftlichen Ausbildung, sondern gab viel mehr auf Herzensbildung und freundliche Wesenszüge, die sie auch in den einfachsten Menschen zu erkennen wußte.

Natürlich kamen sie auf allerlei wirtschaftliche Dinge, und Marianne entzückte ihren jungen Kollegen geradezu damit, daß sie sagte, von ihm, nicht nur von seiner künftigen Frau, hoffte sie auch noch etwas in dieser Hinsicht zu lernen. Er müsse ihr helfen, einen Bienenstand einzurichten, denn ein richtiger Dorfschullehrer müsse doch Imker sein.

Als sie so plaudernd zusammensaßen, kamen sie natürlich auch auf die Familie Matersen zu sprechen, und der Lehrer beklagte sehr, daß noch immer über dem kleinen Hause jene Wolke ruhte, die seinen Freund Hermann völlig verändert habe. Marianne schwieg dazu und dachte das ihre. Sie wollte ja zu niemand von ihren Vermutungen reden, um keine Hoffnung zu erwecken, die leicht trügerisch sein konnte. Auch bei Pfarrer Treumund, der sie nach verschiedenen Kindern fragte, hatte sie nichts über Hinrich Stoppsack geäußert, obgleich sich mehr und mehr der Gedanke in ihr festsetzte, daß der Junge mit dem rätselhaften Feuer in Zusammenhang stehen müsse.

An diesem Tage wandte sich sowieso noch einmal die Rede darauf, denn Lottes verheiratete Schwester Hermine, die schon über eine Woche zum Besuch da war, kam nun auch noch ins Schulhaus mit der Versicherung, sie könne nicht abreisen, ohne die neue Freundin ihrer Familie kennen gelernt zu haben. Lotte habe ihr gesagt, mit Fräulein Froben zu sprechen, sogar über den Verlust ihres kleinen Lieblings, könne ihr nur tröstlich sein.

Marianne war gerührt von dieser Äußerung der jungen Freundin und fand mit ihrem seinen Herzenstakt allerdings auch gerade das Rechte heraus, was der traurigen jungen Frau wohltun konnte.

Hermine war mehr still im Wesen, ganz anders als Lotte; sie wurde nur lebhafter, als sie davon sprach, daß die Nachricht von dem Tode ihres Kleinen gerade an dem Tage in Grünweide angekommen sei, an dem Hermann eine Hochzeit im Dorf mitmachen sollte. Dem Bruder sei nun die Lust vergangen; er habe auch die Mutter nicht allein ihren trüben Gedanken überlassen mögen und daher eine Absage ins Dorf geschickt. Diese sei ihm von dem Hochzeiter sehr übelgenommen worden; alberne Reden von hochmütiger Zurückhaltung seien aufgekommen, und als gar am selben Abend auf dem fast verlassenen Hof das unselige Feuer ausbrach, da seien der Verleumdung Tür und Tor geöffnet gewesen.

Ganz aufgeregt wurde die junge blasse Frau bei diesen Worten, und Marianne erfuhr nun auch noch, daß schon länger eine Art Abneigung zwischen dem Verwalter und jenem jungen Bauernsohn, der Hochzeit machte, bestanden habe, zurückzuführen auf eine Eifersucht von jenem, der für sich einst auf die Verwalterstelle beim Geheimrat Menkhausen gerechnet habe, da er als der jüngere Sohn den väterlichen Hof nicht erben konnte und überhaupt immer gern etwas höher hinaus wollte.

»Der Hochmut ist ganz auf seiten des August Banzkow zu suchen, statt bei meinem guten Bruder Hermann,« klagte Frau Hermine, »und nun mußte mein armer kleiner Engel in aller Unschuld den Anlaß geben, daß Hermann sich jenen jungen Menschen völlig verfeindete. Aber wer kann so etwas ahnen! Begreifen Sie die Sache überhaupt, Fräulein Froben?«

Betrübt schüttelte Marianne den Kopf und erwiderte: »›Sei so rein wie Schnee – du wirst der Verleumdung nicht entgehen können!‹ An dies Wort habe ich schon oft gedacht, Frau Werber, und mir den Kopf zerbrochen, wie Licht in die Sache kommen könnte. Ich gebe die Hoffnung nicht auf; Gott zeigt einem manchmal wunderbar den Weg, wo Menschen keinen mehr sehen.«

Dankbar drückte die junge Frau ihr die Hand und kehrte zu Mutter und Geschwistern zurück mit den Worten: »Ja, ihr könnt euch wohl freuen, dies liebe Mädchen hier zu haben; solch einen Verkehr im Dorf, da kann man sich beglückwünschen! Wird sie es denn hier aushalten auf die Dauer?«

»Ich hoffe es,« sagte Hermann Matersen fest.

Leonore Menkhausen feierte ihren siebzehnten Geburtstag und zwar, wie sie ausdrücklich gewünscht, mit einer richtigen Jungmädchengesellschaft. »Kein Festessen,« hatte sie gesagt, »keine alten Herrschaften, auch keine jungen Herren! Wir jungen Mädchen unter uns – recht viel Kuchen und süße Speisen!«

Amy Rodberts nannte zwar diesen Plan langweilig und backfischmäßig, aber zum ersten Male hatte Leonore sich nicht daran gekehrt. Sie wollte nun noch einmal Backfisch sein, nichts weiter; ihr war so, als sei es zum letzten Male, denn ganz aus freiem Antrieb war sie in letzter Zeit »mächtig gesetzt« geworden. Das fand auch Lotte und meinte sehr einverstanden: »Sei nur noch einmal unsere lustige Nell – das gravitätische Fräulein Leonore kannst du noch lange genug vorstellen.«

»Na, gravitätisch,« entgegnete die Freundin, »das wird wohl nie meine Sache sein, und es ist ja wohl auch nicht durchaus nötig zu dem, was ich in Zukunft vorhabe. Man kann doch auch eine lustige Herrin sein und es dabei im Grunde ernst genug meinen, nicht wahr? Dein geliebtes Fräulein Froben scheint mir auch keine finstere ›Schulmonarchin‹ und wird hoffentlich in unserem Kreise morgen kein Spielverderber sein! Weißt du, Lotte: gerade ihretwegen möchte ich es so recht harmlos gemütlich haben; sie kommt dann sicher lieber, als wenn es feierlich zugeht, da sie doch hier noch so fremd ist.«

Lotte nickte dazu und fand es wieder sehr liebenswürdig von dem jungen Gutsfräulein, so viel Rücksicht auf die Lehrerin zu nehmen.

»Wer kommt denn aus der Nachbarschaft, Nell?« wollte sie noch wissen. »Kenne ich alle?«

»Ich denke doch, Lotte: außer unseren Hamburger Hausgästen nur Emmi von Dahlen, Anna und Mariechen Klaus – die anderen sind zu alt; die kann ich nicht mit solcher Einladung beehren. Hurra, Lotte, was wollen wir für Unsinn machen! Weißt du nicht einen rechten Ulk? Ich bin nun schon so lange aus der Pension fort – zwei Monate im ganzen; weiß nicht mehr, was sie inzwischen da angestiftet haben.«

Lotte Matersen machte ein bedenkliches Gesicht. Sie war nicht besonders geübt im »Ulkmachen«. Ihre Pension war sehr einfach; sie und ihre Gefährtinnen bereiteten sich sämtlich ernsthaft auf einen Beruf vor. Endlich schlug sie »Verkleiden« vor – »das mochten wir früher immer so gern, Nell!«

Die Freundin lachte hell; das sei eigentlich das Allerkindlichste, aber vielleicht könnte man gerade durch Überraschungen wirken.

Sehr wenig entzückt von diesem Geburtstagsplan waren die jungen Herren. Albert Menkhausen und Henry Fedders fanden es unerhört, an diesem Tage ausgeschlossen zu sein, und schworen den jungen Mädchen Rache. Auch Emmi von Dahlen schrieb, ihre Brüder seien empört; so was gäb's doch gar nicht auf dem Lande, daß nicht die ganze Familie zu einer Geburtstagsfeier kommen dürfe. Und nun gerade in Grünweide, wo fast das ganze Jahr über das Haus verschlossen sei – und wenn man gerade Ferien habe!

Leonore lachte sehr über dies Klagelied der Dahlenschen Kadetten und antwortete, sie würden ja schadlos gehalten durch die nächstens stattfindende Jagd; dann würde zur sogenannten »Nachjagd« familienweise geladen.

Am Geburtstagsmorgen empfand Nelli übrigens deutlich den Abschnitt in ihrem Leben. Die Pensionszeit war aus; nun sollte das wirkliche Leben seinen Anfang nehmen. Dieser siebzehnte Geburtstag war wie ein Grenzstein; nach ihm durfte man nie mehr als Backfisch bezeichnet werden; darum »heute, nur heute« noch einmal recht harmlos lustig sein!

»Und das muß durchaus ohne uns vor sich gehen,« schmollten die jungen Hamburger Freunde. »Sind wir denn solche Spielverderber?«

»Na, wißt ihr,« begann Nelli zögernd; sie mochte nicht weiter mit der Sprache heraus, sagte aber später zu ihrer Lotte: »Wenn Henry, Albert und die anderen Jungen dabei sind, läuft es doch immer darauf hinaus, daß sie alle der schönen Amy den Hof machen, und die spielt dann die Königin. Wir wollen aber heute mal gleichberechtigt und quietschvergnügt sein.«

Am Nachmittag um die Kaffeezeit hieß es, der Wagen aus Schönlanke sei vorgefahren und habe einen Kadetten mitgebracht.

»Was will denn der?« rief Leonore in gespielter Entrüstung. »Na, der wird schön erschrecken, wenn ihn hier diese Matrone empfängt!«

Sie selbst war nämlich eben in einem gestreiften Kleide von Frau Matersen erschienen, hatte eine große Schürze vor, den Schlüsselkorb am Arm und nahm, am Schreibtisch sitzend, anscheinend den Vortrag ihres Verwalters entgegen, aber nicht etwa eines jungen, von der Art Hermann Matersens. Den derben Leinenrock, in dem der Vater früher manches Mal über Feld gegangen war, füllte zwar Lottes anmutige Gestalt keineswegs aus, und ihr junges Gesicht sah überraschend unter dem alten verwitterten Strohhut hervor, den sie vor der Herrin zwar vorschriftsmäßig in der Hand zu halten, aber vorläufig noch keck auf das braune Haar gedrückt hatte, da sie sich eben erst zum Empfang der Gäste einübten.

»Wo nur Amy bleibt?« sagte Leonore. »Sie wird uns doch die Ehre ihrer Gesellschaft nicht entziehen, weil sie den Backfischkranz für langweilig erklärt?«

Da trat die Amerikanerin ein und stellte sich als reisenden Photographen vor, der um den Vorzug bat, das Geburtstagskind und seine Gäste zu »nehmen«. In der Hand hatte sie ihren Apparat nebst Stativ und unter dem Arm eine Mappe mit Photographien, die der Gesellschaft zu ihrer Kunst Lust machen sollten. Gekleidet war sie in ihres Vaters Gehrock, unter dem sie den geteilten Rock ihres Sportkostüms trug, dazu eine flotte, künstlerisch geknüpfte Krawatte: so sah sie höchst unternehmend aus. Leonore klatschte denn auch entzückt in die Hände, da sie so viel liebenswürdiges Entgegenkommen von der sonst meist etwas kühl überlegenen jungen Schönheit nicht erwartet hatte.

Jetzt erschien auf der Schwelle auch der vermeintliche Kadett, aber es war nur Emmi von Dahlen in ihres Bruders Uniform. Sie stellte sich lachend vor und behauptete, eine kleine Witterung gehabt zu haben, daß eine derartige Maskerade hier heute angebracht sein könnte.

»Oh,« rief Amy Rodberts, »Sie dachten wie ich: nichts als weiße Kleider, das ist ein langweiliges Bild! Sie und ich, wir machen den Abwechsel – tun wir nicht?«

»Ja, ihr seid großartig, die ihr die Herren der Schöpfung vorstellt,« rief Nelli lachend, »aber ihr seht, so ›ganz ungemischt‹ war die Gesellschaft schon nicht mehr. Hier mein wertgeschätzter Verwalter – wir stellten nämlich eben eine Kornrechnung auf.«

Lotte machte einen altväterischen Diener und drückte dann auf die Klingel, da die Herrin Kaffee befahl.

Herein traten nun zwei Hamburger Dienstmädchen mit schwarzem Kleid, zierlicher Schürze und dem bekannten weißen Häubchen, wie man sie in allen guten Häusern von Hamburg sieht. Es waren Alice Fedders und Edda Röding, die sich von ihrer mitgebrachten Jungfer so hatten einkleiden lassen und nun mit wichtiger Geschicklichkeit Kaffee und Kuchen auftrugen.

Eben erschien auch Fräulein Froben, die in ihrer Rolle bleiben durfte; nur hatte sie ihre äußere Würde etwas unterstützt durch ein Rohrstöckchen, das sie unternehmend schwang, und eine Fensterglasbrille, die dem jungen Gesicht einige Strenge verleihen sollte.

Nun saß man beim Kaffee, und alle zeigten mehr oder weniger ein jugendliches Verlangen auf Kuchen, daß die Schüsseln sich schneller leerten, als Leonore gedacht hatte. Sie winkte den beiden Freundinnen im Häubchen, die alsbald verschwanden, um frische Zufuhr herbeizuschaffen. Bei ihrer Rückkehr hörte man ein Wortgefecht vor der Tür, wo sie mit einem großen, hübschen Bauernmädchen zusammentrafen, das ebenfalls einen hochgetürmten Kuchenberg trug, oder vielmehr – nein, das war ja ein ganzer Baumkuchen, von dessen Vorhandensein das Geburtstagskind bisher keine Ahnung hatte! Ja, und das Mädchen, das sich da so munter vordrängte, diente doch gar nicht auf dem Hof! Oder waren diese blauen Augen, die sie da anlachten, ihr doch nicht völlig unbekannt?

Natürlich, jetzt lachte auch der Mund, und obwohl der nicht den kleinsten Anflug eines Bärtchens trug: es war Henry Fedders, der sich auf diese Weise Zutritt in den gefeiten Jungmädchenkreis erzwingen wollte und mit der Stiftung eines Baumkuchens Verzeihung erhoffte.

Ohne sich anfechten zu lassen, übernahm er auch gleich die Stubenmädchenpflicht des Meldens. Er ließ eine tiefverschleierte Dame ein, die sich in gewählten Worten der gnädigen Gutsherrin empfahl, wenn etwa die Stelle an der Dorfschule neu zu besetzen sei. Sie habe gehört, ein alter »Haudegen« regiere hier das kleine Volk; vielleicht sei bald eine mehr neuzeitliche Kraft erwünscht.

Die Stimme hinter diesem dichten Schleier war die des Albert Menkhausen, der nun, ernsthaft vor Marianne Froben tretend, beteuerte: »Mein gnädiges Fräulein, Sie hat man aber verleumdet! Die Bezeichnung Haudegen hängt nur am historischen Namen, wie ich sehe; jedenfalls ziehe ich meine Ansprüche auf die hiesige Schulstelle zurück und versuche anderweitig mein Heil. Herr Verwalter« – er wandte sich an Lotte – »sind Sie vielleicht ein Nachkomme vom seligen Bräsig? Und können Sie etwa einen Fritz Triddelfritz brauchen?«

Den Schleier hatte Albert längst zurückgeschlagen, denn seine tiefe Stimme mußte ihn doch bald verraten; aber in weiblicher Tracht setzte er sich noch an den Kaffeetisch und nahm aus den eigenen Händen der »Gutsherrin« die Tasse entgegen.

»Zigaretten habe ich aber nicht,« sagte diese schelmisch, »das sei nun eure Strafe, daß ihr ohne diesen Genuß auskommen müßt.«

»Das müssen wir doch meistens in eurer Gesellschaft, mein Bäschen,« versetzte Albert ernsthaft, »und es ist kein Opfer!«

Nelli war entzückt, daß ihr gewünschter kindlicher »Ulk« so viel Entgegenkommen fand, und behauptete, zunächst müsse diese besondere Kaffeerunde photographisch festgehalten werden.

»Bitte, Amy, befehlen Sie ›Ruhe‹!«

Unter Lachen, Necken und manchem mißglückten Versuch kam endlich eine Aufnahme Zustande. Leonore belobte alle Mitwirkenden, die, ob vorbereitet oder aus dem Stegreif, ihre Sache so gut gemacht hätten, und Henry sagte: »Ich finde, wir sind mindestens so genial zu Werk gegangen, daß wir es mit der Rüpelkomödie im Sommernachtstraum aufnehmen könnten. Großer Shakespeare, verzeihe den Vergleich!«

Jetzt kicherte es verstohlen hinter der Tür. Als Leonore nachsah, zog sie zwei frische Mädel herein, in rosa Kattunkleidern, steif gestärkt und mit großen Puffärmeln, aus denen die runden gebräunten Arme hervorsahen. »Lining und Mining,« stellten sie sich mit schüchternem Knicks vor; aber es waren Anna und Mariechen Klaus, die Leonore schon im stillen vermißt hatte und nun fast mit Gewalt in den Kreis führte.

»Wir trauten uns nicht herein,« sagte jetzt eines der als Zwillinge auftretenden Mädchen, »weil wir Herrenstimmen hörten und glaubten, der Backfischkaffee sei doch zuschanden geworden. Emmi hatte uns nämlich verraten, daß heute hier nach alter beliebter Sitte Verkleiden gespielt würde, und da wir nichts Rechtes an phantastischem Putz hatten, machten wir uns schnell zu den bekannten Twäschens aus ›Mine Stromtid‹. Fritz Reuter wird doch jetzt überall so gefeiert.«

»Ganz großartig macht ihr euch,« rief Nelli. »Es ist nur schade, daß nicht noch jemand auf den Gedanken gekommen ist, sich als ›Kandidat‹ vorzustellen, damit ihr ›süßen Druwäppel‹ ein Gegenstück hättet.«

»Einer nützt nur nicht,« sagte Emmi von Dahlen. »Schau –«

Indem hörte man Gepolter draußen, und das kleine Fräulein aus Schönlanke berichtete: »Als ich Bruder Egons Uniformrock haben wollte, fragte er empört, was er denn so lange tragen sollte, oder ob ich ihn geradezu einsperren wollte. Na, schließlich paßte ihm das Zivil von Kurt noch einigermaßen und – da sind die beiden Kandidaten!«

Egon und Kurt von Dahlen in schwarzen Gehröcken und schwarzen Krawatten traten ein, und wenn sie auch im Vergleich zu den Druwäppels sehr modern und weltmännisch wirkten, wurde doch auch der Versuch dieser Maske sehr beifällig aufgenommen. Die Heiterkeit war noch immer im Wachsen begriffen.

Einige kleine Verrätereien waren natürlich geübt worden, daß der »Backfischkaffee« diese Ausgestaltung hatte gewinnen können, aber allen wurde verziehen und »harmlose Lustigkeit mit recht viel süßen Speisen« blieb die Losung des Tages.

»Was die Mädel nur alles an den Tag geben mögen?« sagte der alte Herr Menkhausen, als er draußen am offenen Fenster vorbeiging und die Ausgelassenheit hörte. »Uns, mein lieber Matersen,« fuhr er zu seinem Verwalter fort, »ist ja leider der Zutritt versagt.«

Hermann lächelte fein. Natürlich hatte Lotte geplaudert, und er war mit im Geheimnis dieser Geburtstagsfeier! Wie wohl Fräulein Froben sich in dem ausgelassenen Schwarm fühlen mochte?

Oh, Marianne war sehr vergnügt, ging auf alles ein und freute sich schon, ihrer Mutter hiervon zu erzählen, damit jene sich trösten sollte, daß ihre Tochter nicht immer nur in der Würde der Lehrerin zu denken sei und im Verkehr mit wenig gebildeten Dorfbewohnern. Denn das war der zarten Frau Doktor doch öfter noch ein drückender Gedanke. Heute nun würde sie sich wohl über ihre Marianne beruhigt haben, die in diesem jugendlich vergnügten Kreise von allen als ihresgleichen behandelt wurde. Bald wollte Mama Froben ja selber kommen und sich nach allem umsehen; nur wollte sie noch nicht in der vorliegenden Geselligkeit stören, von der das Töchterchen geschrieben hatte.

Neunzehntes Kapitel: Die Jagd

Von allen großstädtischen Gästen, die, jeder auf seine Art, ihr ländliches Vergnügen suchten, schien Henry Fedders derjenige, der das größte Interesse für das Gutsleben zeigte. Auch wenn er den Maßstab seines in England erworbenen Urteils anlegte, fiel dieses norddeutsche Besitztum nicht sehr dagegen ab. Die Ausdehnung des Gutes und die anmutende Abwechslung im Gelände – Wald, Wasser und auch die große Heidestrecke hinter dem Eichhorst – hatten ganz seinen Beifall. Prächtig mußte es sich hier jagen! Von der Bewirtschaftung und den Erträgen der weiten Felder verstand er ja nicht viel, aber er machte sich öfter an den jungen Vermalter heran und ließ sich über allerlei Einzelheiten belehren. Dabei war der junge Hamburger in diesem Bestreben so liebenswürdig, daß auch Hermann Matersen sich zugestand: »Ein heller Kopf, und keine Spur von Einseitigkeit in den Lebensinteressen!« Eingehender darum, als er vorher für möglich gehalten hätte, kam er dem jungen Großkaufmann entgegen, der so sehr den guten Willen zeigte, sich in die hiesige Welt einzuleben. Als aber Henry sich wunderte, daß hier in Grünweide nicht so richtig Pferdezucht getrieben würde, verwies der Verwalter ihn an den Nachbar aus Schönlanke, den alten Herrn von Dahlen, der ein nicht unbedeutendes Gestüt hielt. So kam es, daß diese beiden recht verschiedenen Männer sich richtig anfreundeten, und daß Henry bald eine Einladung des alten Herrn in der Tasche trug, künftig auch Schönlanke einmal zu längerem Aufenthalt zu besuchen.

Mit Vergnügen beobachtete Nelli diese neuen Züge in dem Wesen des Jugendfreundes, die sie noch nicht gekannt hatte. Manches Mal machten die beiden auch kleine Streifzüge durch die Felder, die Wiesen und Koppeln; ja, Henry tat ihr den Gefallen, einmal mit ins Dorf zu kommen und sich sogar den Alten im Armenkaten vorstellen zu lassen, die mit ihrer Bewunderung für den hübschen, feinen jungen Herrn denn auch nicht zurückhielten.

Zwischendurch war er dann freilich wieder der Ritter der schönen Amerikanerin, was Nellichen auch durchaus nicht übelnahm. Als Wirtin war es ihr ja lieb, wenn die junge Fremde in Grünweide so viel Vergnügen wie möglich fand. Auch fühlte sich Nelli neben der großartigen Miß Amy immer wieder zu sehr als Backfisch, um nicht zu begreifen, daß Henry, der Vielgewandte, die Gesellschaft der schönen Fremden dem Umgang mit der Jugendfreundin oft vorzog.

Endlich kam nun der Glanzpunkt dieser festlichen Zeit in Sicht. Für den 30. September war große Treibjagd in Grünweide angesagt!

Der Morgen war neblig und kühl, aber man prophezeite einen schönen Tag, obwohl die Sonne noch nicht durchgebrochen war, als schon ein Jagdwagen nach dem anderen auf den Hof fuhr und auf der breiten Freitreppe des alten Herrenhauses sich alle Augenblick ein anderes Bild entwickelte. Muntere Begrüßungen unter den Nachbarn wurden getauscht und die fremderen Hamburger gleich nach Möglichkeit in die gemütliche Jagdstimmung hineingezogen, indem man wunderbare Abenteuer aus hiesigen Revieren erzählte und den Fremden großartige Jagdbeute versprach.

Endlich brachen alle Jäger auf. Die Damen blieben allein im Hause zurück, waren aber auch schon dabei, sich zu rüsten, um später zum »Eichhorst« nachzufahren, wo das Frühstück verzehrt werden sollte.

Leonore ließ es sich nicht nehmen, Frau Matersen auf Schritt und Tritt in Speisekammer und Keller zu begleiten, um zu lernen, was alles zu einem guten Jagdfrühstück erforderlich ist. Da Lotte natürlich nicht dabei fehlte, waren sie einmal wieder in munterster Geschäftigkeit zusammen, wie damals im Schulhause.

Als dann die großen Körbe gepackt und auf den Wagen gebracht waren, der zugleich dazu dienen sollte, später die Jagdbeute heimzubringen, wurde Befehl zum Anspannen gegeben. Auch die Damen stiegen zu Wagen, um die Jäger draußen zu begrüßen. Alle waren warm und dem Zweck entsprechend gekleidet, meist mit kleinen Jägerhütchen, dicken Handschuhen und festen Stiefeln.

Amy Rodberts fiel auf durch wundervolles Pelzwerk, das sie fast ganz und gar umhüllte, und wurde von jetzt ab Miß Blaufuchs genannt. Eigentlich hatte sie reiten wollen, wurde aber durch ihren Vater davon zurückgehalten, weil sie die Gepflogenheiten eines deutschen Jagdtages noch nicht kannte und leicht in eine Lage geraten konnte, die sich vorher nicht übersehen ließ. Nun saß sie fein artig im Landauer verpackt mit ihrer Mutter und den Hamburgerinnen, während Nelli und Lotte den kleinen Ponywagen für sich hatten und ziemlich erregt darüber tuschelten, daß Nell bei diesem Frühstück im Walde wahrhaftig und gewiß die Wirtin machen müsse, da die verehrliche Tante Pine zu Hause geblieben war, um eine »schauderhafte Migräne« soweit zu bessern, daß sie wenigstens später am Mittagessen teilnehmen konnte.

Die Sonne hatte endlich siegreich den Nebel durchbrochen. Auf einer Waldblöße im Eichhorst entwickelte sich bald ein belebtes Bild, als die Damen von den Jägern mit lautem Hallo empfangen waren.

In seiner aufgeräumtesten Stimmung war Herr Menkhausen, als er sein Töchterchen so eifrig an den Frühstückstischen hantieren sah und beobachtete, wie es von allen Gästen in scherzhafter Wichtigkeit als Wirtin behandelt wurde. Nelli würde wohl wirklich dereinst gut in diesen Kreis passen, eine echte Gutsherrin werden! So reizend wie die Lotte Matersen war sie ja nicht und eine Schönheit wie Amy Rodberts erst recht nicht. Ihre Gesichtszüge waren vielleicht sogar ein wenig männlich – »das hat sie von mir,« dachte der Vater lächelnd – aber es lag Ausdruck in dem Gesicht und im Wesen des jungen Mädchens, das in der letzten Zeit so überraschend schnell das Kindische abzustreifen verstand, wenn es auch neulich am Geburtstage noch alle in harmloser Heiterkeit übertroffen hatte. Wie nett kleidete Nelli auch heute das frische Wesen, mit dem sie sich den alten Herren widmete – wie verstand sie es, kleine Neckereien aufzunehmen und mit einem unschuldigen Spaß zurückzugeben, ohne je über die Grenze mädchenhafter Schicklichkeit zu gehen! Und wie stand es ihr an, als sie zu den Leuten, den Kutschern und Treibern trat, und auch den Dorfjungen, die man mit angestellt hatte, etwas Freundliches zu sagen wußte! Ja, es war Kern in dem Mädchen! Mochte sich die Zukunft gestalten, wie es kommen sollte – artete Nelli nun einmal nach der Großmutter, dann durfte man ihr die eigene Scholle nicht vorenthalten!

Aber Henry? Der würde wohl nie ein Landwirt werden, dachte der Vater! Übrigens – solche Erwägungen lagen ja eigentlich noch in weitem Felde; seine »Deern« war eben erst siebzehn Jahre alt geworden! Wunderlich genug, daß ihm überhaupt schon solche Gedanken kamen, während doch vor ganz kurzem nur von Schule, Pension, Zeugnissen und Ferien die Rede war. Da hatte das junge Fräulein plötzlich sein Leben selbst in die Hand genommen und gesagt: »Schulkind mag ich nicht mehr sein! Lernen will ich allerdings noch viel, aber anderes als aus Schulbüchern!« Und das entschlossene Töchterchen hatte wirklich den Papa besiegt, daß er ihm den Willen tat!

Hatte Nelli seine Gedanken erraten, als sie ihn eine Weile so still und nachdenklich unter der lauten, belebten Gesellschaft sah? Im grünen Tuchkleid, den Jägerhut über dem von der frischen Herbstluft geröteten Gesicht, trat sie an ihren Vater heran, legte eine Hand auf seine Schulter und sagte zärtlich: »Oh, Papa, wie dankbar bin ich dir, daß du mich zu Hause behalten hast – daß ich dadurch auch diesen schönen Tag miterleben darf! Heute ist es doch auf dem Lande so wunderherrlich, daß ich meine, es gibt keinen schöneren Ort auf der Welt als Grünweide!«

»Kleine Schwärmerin,« erwiderte Herr Menkhausen lächelnd, »wollen uns einmal in vier Jahren wieder sprechen! Denkst du dann noch ebenso, schenke ich dir zum Tage deiner Großjährigkeit das Gut.«

Leonore jauchzte leise auf und ließ ihren Arm fest um die Schulter des Vaters geschlungen.

Amy Rodberts, die beide einige Minuten lang beobachtet hatte, rief jetzt munter: »Oh, Elinor, mein Bildchen ist fertig und so hübsch geworden! Sie haben sich nicht gerührt, so getieft Sie waren mit Ihrem Pa!«

Ohne daß die Betreffenden es ahnten, hatte Amy ihren Kodak auf sie gerichtet.

»Also meuchlings festgenommen« – Herr Menkhausen lachte – »es geht dem Jagdherrn nicht besser als dem Wild! Da pirschen Sie sich nur auch anderswo an, Amy; es gibt hier gewiß noch manch hübsches Bild!«

Eben erschien Henry Fedders, der etwas abseits mit den Treibern gesprochen hatte, wieder auf der Bildfläche. Die ganze leidenschaftliche Jagdfreude stand in seinem hübschen Gesicht; seine Büchsflinte hatte er von der Schulter genommen, als könnte er es nicht erwarten, wieder zu Schuß zu kommen. So stand er unter einer gewaltigen Eiche, deren vielfarbiges Laub in der Sonne feurig leuchtete.

»Sie klappern schon wieder leise,« sagte er ungeduldig, als möchte er die noch behaglich tafelnde Frühstücksgesellschaft aufscheuchen. Da rief Amy Rodberts laut aus kleiner Entfernung: »
Oh please, Mr. Fedders, stop a bit – ich will Sie nehmen!«

Der Kodak war auf den jungen Weidmann gezückt, und jedermann wußte, daß dieses »Nehmen« nur der vereinfachte Ausdruck war für »Bildaufnahme«; aber doch brach eine stürmische Heiterkeit los über dies gebieterische Wort der Amerikanerin. Die kümmerte sich um gar nichts, knipste in aller Seelenruhe und sagte »
thanks«. In dem Augenblick tranken alle ihre Gläser aus, und es hieß: »Die Jagd geht weiter!«

Im Nu stand die gemütliche Frühstückstafel verlassen. »Hals- und Beinbruch!« riefen die jungen Mädchen noch statt des verpönten Glückwunsches den Jägern nach, und »Wiedersehen beim Halali!« Dann lag die Waldblöße ruhig in der klaren Herbstsonne; das Treiben zog sich in einen anderen Teil des »Eichhorst«.

Zwanzigstes Kapitel: Das Rätsel

An diesem Morgen, während sich draußen in Wald und Feld das lebhafte Treiben entwickelte und Schuß auf Schuß durch die Herbstluft dröhnte, war Marianne Froben weit abseits davon in ihrem Gärtchen beschäftigt. Zwischen ihren Blumenbeeten huschte sie herum und sah nur gelegentlich nach Hinrich Stoppsack, der sich bei den Kartoffeln beschäftigte.

Durch die Jagd waren alle anderen Dorfjungen für den Augenblick abgelenkt von der sonst so brennenden Anteilnahme an der Ernte der Schullehrerin, deshalb hatte sich niemand zum Sammeln eingestellt. Nur Hinrich strich ziellos am Hause vorbei und ließ sich bereitwillig von Marianne einfangen, als sie ihm die letzte Ecke im Garten überwies und einen Extraschmaus von Kartoffelpfannkuchen versprach, wenn er mit der Arbeit fertig würde.

Nicht mit auf die Jagd gegangen, Herr Matersen?

Während sie nun bei ihren Nelkenstöcken tätig war und dabei immer ihre Gedanken um den einen Punkt, nämlich Hinrich, kreisen ließ, kam der junge Verwalter am Gitter vorüber und hielt den Schritt an, ihr guten Morgen zu sagen.

»Nicht mit zur Jagd, Herr Matersen?« redete sie ihn munter an, und er gab zurück: »Dasselbe könnte ich Sie fragen, Fräulein Froben. Alle Damen sind zum Frühstück hinaus; meine Schwester rechnete sehr darauf, Sie auch dabei zu treffen.«

Marianne lachte frisch.

»O nein, zu dieser Gesellschaft passe ich nicht! Ich verstehe kein Jägerlatein und weiß, daß man nur ausgelacht wird, wenn man sich falsch ausdrückt oder dumme Fragen tut. Aber Sie, Herr Matersen, sind Sie nicht Jäger?«

»O ja, schießen kann ich recht gut,« gab Hermann zu, »und den Wildwechsel kenne ich so gut wie irgend einer der Herren. Aber ich habe zu tun – wir dreschen bereits. Es ist eine neue Maschine da, und ich fehle jetzt höchst ungern bei solchen Anlässen. Außerdem ist es mehr mein Vergnügen, allein auf den Anstand zu gehen, das Wild wie die Naturstimmung still zu belauschen, im Abenddämmer oder in der nebligen Morgenfrühe.«

»Aha – ›Im Felde schleich' ich still und wild, gespannt mein Feuerrohr,‹« zitierte Marianne mit Lachen.

»Ja, sehen Sie,« fuhr Hermann fort, »heute dürfte ich doch nicht schießen, was mir vor die Büchse kommt. Die kapitalen Böcke oder gar der Zwölfender, den ich schon so lange kenne, müssen für die Fremden bleiben. Das ist eine Auszeichnung des Jagdherrn, wenn er seinen Gästen Gelegenheit gibt, solche Stücke zu erbeuten. Soll mich übrigens wundern, ob die Hamburger weidgerechte Jäger sind! Nun, heute abend wird man ja alle Abenteuer erfahren. Wie ist es denn, Fräulein Froben, kommen Sie nicht wenigstens zur Abendtafel? Das können Sie getrost wagen; da werden auch schon andere Töne angeschlagen als solche, die dem heiligen Hubertus gelten. Ich darf nicht fehlen, hat mir Herr Geheimrat eingeschärft – ich mag nun wollen oder nicht.«

Das letzte klang wieder etwas unwirsch; Marianne aber versetzte heiter: »Und ich darf auch dem liebenswürdigen Drängen von Fräulein Menkhausen nicht widerstehen. Sie meint, die einzige Gelegenheit, bei der es hier einmal gesellig zugehe, dürfte ich mir nicht entschlüpfen lassen. So habe ich zugesagt, denn es ist von dem jungen Fräulein sehr freundlich gedacht.«

»Also dann auf Wiedersehen,« sagte Hermann und ging dem Felde zu, wo er seine Arbeiter sprechen mußte.

Als er etwas später denselben Weg zurückkam, sah er Marianne Froben wieder im Garten. Diesmal saß sie unter dem Apfelbaum, und vor ihr im Gras hockte Hinrich. Das Fräulein sprach mit freundlichem Eifer auf ihn ein, dabei schälten sie beide Kartoffeln.

»Vergißt denn die junge Dame ganz die heutige Gesellschaft, daß sie sich zuvor noch die Hände verdirbt?« dachte Hermann, und weiter: »Ist wohl der Schlingel es wert, daß dies kluge liebe Mädchen sich so um ihn bemüht?«

Marianne rang allerdings heute förmlich um dies dumpfe, verstockte Gemüt. Sie hatte dem Jungen gesagt, sie sei so allein; er könne ihr nett Gesellschaft leisten. Da müsse er aber auch nicht so still sein, sondern immer hübsch antworten, wenn sie frage. Sie hatte auch erlaubt, daß er das Kartoffelkraut von der Ecke verbrenne, wo er allein gesammelt hatte.

»Aber vorsichtig,« setzte sie hinzu, »nicht zu nahe am Hause,« worauf Hinrich lebhaft einfiel: »Nee – ja nicht! Das springt leicht über, das Feuer.«

Nun kam Marianne unversehens auf die Brände auf dem Hof zu sprechen, besonders den letzten großen. Sie fragte, ob er auch beim Spritzen mitgeholfen, oder die Sache nur nahebei angeschaut habe, weil er doch Flammen so gern sehe.

»Wo warst du, als das Feuer ausbrach?« fragte sie endlich geradezu.

»In der Hundehütte,« antwortete er ohne Zögern.

»Was wolltest du denn dort?« forschte Marianne.

»Hm, bloß mal was nachsehen – ich hab' da alles, was ich mir so aufheben tu'.«

»Was denn zum Beispiel?«

»Oh – Kornähren, die ich hinterm Erntewagen sammle, und Nüsse, Eicheln, Bucheckern –«

»Also ein richtiger Hamsterbau,« dachte Marianne, und in dem Augenblick sagte er noch: »Manchmal auch Zigarrenstummel, wenn ich welche find'.«

Nun horchte sie auf und fragte dann weiter: »Warst du immer allein, wenn du dich in der Hundehütte aufgehalten hast?«

Der Junge zuckte nur die Achseln.

»Und störte dich niemand?«

»Den Abend war auch gar kein' ein' von die Knechtens auf 'n Hof – waren all' hin tanzen, im Krug war Hochzeit. Bloß der Entspekter ging übern Hof und guckte in alle Ecken und alle Türen, aber in die Hundehütte nich – rauchen tat er nich, aber einen Zigarrenstummel nahm er von der Erde auf und schmiß ihn wieder hin – den langte ich mich nachher – war ganz kalt, aber ich kriegte ihn wieder in Brand.«

Zitternd vor Spannung fragte Marianne jetzt: »Hattest du in deiner Vorratskammer denn auch Streichhölzer?«

»Hab' ich ümmer bei mich,« prahlte der Junge und schlug triumphierend auf seine Hosentasche, in der es klapperte und rasselte.

»Und wie die Zigarre brannte, da –«

»Da raucht' ich sie auf – schmeckt fein.«

»Und dann?«

»Dann kroch ich 'raus, als allens still war.«

»Und dann? Weiter, Junge – gleich bekommst du den Pfannkuchen – und da –?«

»Da – ja, da brannt' es mit 'm Mal.«

»Mit einem Male? Ganz von selbst?«

»Hm …«

»Besinn dich, Hinrich! Hast du nicht den Rest der Zigarre fallen lassen?«

»Nee, tu' ich nie – schmeckt zu fein – ich raucht' ümmerzu.«

»Wo kamen denn die ersten Flammen her?«

»Weiß ich nich, es brannt' bloß.«

Marianne verzagte.

»Nun komm' ich nicht weiter; er ist und bleibt verstockt,« dachte sie, und ihre Hände zitterten, als sie den Kuchen in der Pfanne wendete. Aber dann hielt sie ihn dem Jungen hin, zeigte auch Zucker und Eingemachtes und versprach ihm alles, wenn er weiter erzählte.

In seinem Gesicht stand die Gier, aber noch fragte er zögernd: »Krieg' ick ook kein Schacht'? Ward ick nich inspunnt (eingesperrt)?«

Marianne tat ein kleines Stoßgebet, daß sie es jetzt nur recht machte und nichts verdarb! Sie versicherte, daß ihm nichts geschehen sollte, daß er aber so viel Pfannkuchen bekäme, wie er nur irgend möchte, wenn er weiter erzählte.

Und dann war's auf einmal da, das Geständnis! Die brennende Zigarre hatte er – nicht fallen lassen, wie sie noch nachsichtig vermutete – sondern auf eine Handvoll Stroh geworfen, das er vorher aus der Hütte zerrte, weil er dachte, das müsse eine schöne Flamme geben! Die war denn auch bald aufgezüngelt, und so ging es weiter: ein Haufen Reisig, Bohnenstangen, die Holzmiete, die Stalltür!

Schmausend und schmatzend, daß Marianne kaum folgen konnte, erzählte Hinrich, ohne wieder zu stocken. Noch immer buk sie Pfannkuchen und schob sie ihm hin, denn solange er damit beschäftigt war, tat er ihr den Willen und sprach – vielleicht unbewußt selbst erleichtert, daß er endlich so weit war. Die Lehrerin schalt ja nicht, drohte nicht, hörte nur immer still zu, im Innersten erschüttert durch diese Einblicke in das gänzlich verwilderte Kindergemüt.

»Es ist sicher krankhaft, eine unselige Wahnvorstellung,« dachte sie dazwischen, »armes, armes Kind! Gott helfe und heile hier!«

»Bist du jetzt satt?« fragte sie am Ende ruhig. »Dann geh nach Hause!«

Einen Augenblick starrte er sie an, als könne er es nicht fassen, daß dies so ruhig abging, denn eine dunkle Vorstellung lebte doch in ihm, daß jeder andere Mensch nun mit dem Stock über ihn gekommen wäre. Aber das Fräulein, nee, die wollt' ja immer nichts von »Schacht« hören! So schnell er konnte, machte er sich aus dem Staube, als sollte er noch in der Tür festgehalten werden.

Aber Marianne rührte keine Hand. Still und erschüttert stand sie neben dem Herde und merkte nicht, daß ihr die Tränen über das Gesicht liefen. Zu essen vermochte sie natürlich auch nicht. Mechanisch räumte sie ihre kleine Küche auf und ging dann ins Schlafzimmer. Dort lag schon das weiße Kleid bereit, das sie am Abend zum Jagdessen im Herrenhause anziehen wollte.

Wie ein Hohn auf ihre augenblickliche Stimmung erschien es ihr zuerst; sie nahm es vom Bett und trug es zum Schrank. Dann streckte sie sich selbst unwillkürlich auf ihr Lager, denn sie fühlte, wie noch immer ein Zittern durch ihre Glieder lief und sie ganz schwach machte. So plötzlich Untersuchungsrichter zu spielen war doch wirklich keine Kleinigkeit!

Sie trank noch ein Glas Wasser, deckte sich zu und schloß die Augen. Allerdings schlief sie nicht; das war sie am Tage zu wenig gewohnt. Aber sie wurde ruhiger, und andere Vorstellungen rückten allmählich in den Vordergrund. Nun, da sich ihr das Rätsel gelöst hatte, konnte sie ja davon sprechen, konnte Erleichterung bringen – in mehr als ein Herz. Das war es ja, was sie erstrebt, um was sie still gekämpft hatte, diese ganze Zeit! Und wenn sie sich ausmalte, daß sie noch an diesem Tage Gelegenheit haben würde, Lotte Matersen oder gar deren Bruder selbst Mitteilung zu machen, fühlte sie deutlich, wie lieb und wert ihr schon die Bewohner des kleinen Verwalterhauses waren.

Nun fing sie an, sich auf den Abend zu freuen, und die Scheu, die sie anfänglich vor der großen fremden Gesellschaft empfand, schwand bei dem Gedanken: »Ich habe doch wirkliche Freunde dazwischen, und denen kann ich heute Freude bringen!« Denn so traurig es auch war, was sie erfahren hatte: wenn es einmal um Hinrich Stoppsack so stand, war es entschieden besser, man wußte es endlich. Nur so konnte noch etwas für den Jungen geschehen, indem man die unheilvollen Anlagen seiner Natur zu bekämpfen suchte, ihn in geeignete Umgebung brachte, wo er vielleicht noch zu einem brauchbaren Menschen herangebildet wurde.

Und zugleich war Hermann Matersen von jedem noch so leisen Verdacht gereinigt! Wie würde die alte Mutter aufatmen, wie der Sohn sich endlich als der wieder fühlen und auch zeigen, der er eigentlich war!

Ja, Marianne wollte sich freuen auf den Abend. Wenn sie es auch nicht lassen konnte, über die großen Abstände in der Lebensführung der verschiedenen Menschen nachzusinnen, würde sie sich doch sagen, daß eben jeder an seinem Teil zum Ausgleich mithelfen mußte. Sie hatte ja auch heute auf solchem Wege den ersten schwachen Versuch gemacht; vielleicht war nun doch ein kleiner Anstoß zu einer baldigen Rettung gemacht!

Einundzwanzigstes Kapitel: Nachjagd

Wie sie so sann und träumte, wurden ihr doch allmählich die Augenlider schwer. Sie schlief fest ein und erwachte erst, als wiederholt rasches Räderrollen auf der Dorfstraße klang und etliche Herrschaftswagen dem Gutshofe zufuhren. Das waren die Damen aus der Nachbarschaft, die zur sogenannten »Nachjagd« kamen.

Marianne war schnell munter und sah erschrocken nach der Uhr. Höchste Zeit zum Ankleiden! Sie hatte ja eigentlich recht früh dort sein wollen, um nicht allein in eine versammelte Gesellschaft treten zu müssen. Das war nun verpaßt, aber schließlich – Lotte Matersen würde sich schon ihrer annehmen, wenn es auch im Grunde lächerlich erschien, daß eine selbständige Lehrerin sich einem Backfischchen an den Rock hängen wollte! Aber die Tochter des Hauses war ja so freundlich und entgegenkommend; die würde sie wohl auch heute nicht ganz übersehen!

Unter solchen Gedanken kämmte und flocht Marianne ihr schönes dunkelblondes Haar und legte das weiße Kleid an, das die Mutter ihr auf die neulich geäußerte Bitte schnell hatte machen lassen. Es paßte genau und war recht nach ihrem Geschmack: einfach und doch anmutig der Mode angepaßt; damit konnte sie sich in jedem Kreise sehen lassen.

Aber ein kleiner Schmuck gehörte doch wohl dazu. Eine frische Blume war wohl das am besten geeignete; sie mußte sehen, was sie noch im Gärtchen fand.

Nur Reseden und Astern – das patzte ihr nicht, sah zu herbstlich -ernsthaft aus. Da fiel ihr Blick auf die alte Eiche im Winkel des Schulgartens, auf die sie immer so stolz war. Die trug schon braun und rötlich gefärbtes Laub, jedoch auch noch einzelne ganz frische Triebe.

Schnell pflückte sie eine Handvoll; das gab vielleicht den passendsten Schmuck für den heutigen Tag. Farbig, halb verwittert und ganz jung und maigrün gemischt, stak dann das Sträußchen im Gürtel ihres weißen Kleides.

Als sie bald darauf in die Gesellschaftszimmer des Herrenhauses trat, kam ihr Leonore herzlich entgegen und stellte sie den älteren Damen vor, worauf dann sehr bald die Aufforderung zur Tafel erfolgte.

»Oho, Wild erlegt? Wer hat denn Sie mit dem Eichenbruch geschmückt, mein Fräulein?«

Mit diesen Worten näherte sich Geheimrat Menkhausen behaglich schmunzelnd der jungen Lehrerin. Diese errötete ein wenig in dem Gedanken, man könne es anmaßend finden, daß sie sich mit dem Abzeichen des glückhaften Jägers geziert habe. Aber so war die Bemerkung nicht gemeint, vielmehr setzte er noch hinzu: »Wir machen heute bunte Reihe wie in Ihrem Strauß – setzen jung und alt durcheinander. Da müssen Sie mir erlauben, Sie für eine Weile dem jugendlichen Kreise zu entführen, denn es scheint mir die erste und beste Gelegenheit, auch endlich die Leiterin meiner Dorfjugend kennen zu lernen, für die meine Tochter schon solch warme Anteilnahme hat.«

Damit bot der liebenswürdige alte Herr ihr den Arm und führte die Erschrockene weitab vom unteren Ende der Tafel, auf den Platz zwischen dem Hausherrn und dessen amerikanischem Freunde!

»Sehen Sie,« bemerkte er noch gutgelaunt, »meine Nell muß sich auch von einem alten Graubart führen lassen; später können Sie beide sich schadlos halten. Prosit, meine Deern! Siehst du, hier hab' ich deine neueste Freundin!«

Damit trank er seiner Tochter zu, die lachend und strahlend zu Marianne herübersah, so oft der alte Herr von Dahlen ihr Zeit dazu ließ. Der Nachbar aus Schönlanke hatte, wie er selbst sagte, »einen Narren an der kleinen Menkhausen gefressen«. Ihre Begeisterung für das Landleben, ihre ernsten Absichten für die selbsttätige Bewirtschaftung des schönen Gutes gefielen ihm, und die kindlichvergnügte »Geburtstagsfeier im Backfischkasten«, von der seine Emmi ihm erzählte, hatte ihm viel Spaß gemacht; all das schienen ihm Zeichen von gesunder Mischung im Wesen des jungen Mädchens. Er redete allen Ernstes mit ihm über Landwirtschaft und versprach auch für die Zukunft allzeit seinen nachbarlichen Rat.

Leonore war sehr vergnügt und empfand keinen Neid, wenn sie an das sogenannte »junge Ende« der Tafel blickte, wo Lotte mit Vetter Albert in angeregter Unterhaltung sah, wo das gebrochene Deutsch der Amerikanerin stets neue Heiterkeit verursachte.

Amy Rodberts wurde noch immer geneckt, daß sie Henry Fedders so einfach hatte »nehmen« wollen, und der junge Hamburger wiederum mußte sich allerlei Anfechtungen gefallen lassen, daß man solchen Sieg ihm noch streitig zu machen gesonnen sei.

Alles flehte dann, Miß Amy solle nach Tisch noch einige Aufnahmen mit Blitzlicht machen; aber sie sagte ruhig und bestimmt: »Unter keinen Fällen mehr heute!«

Neues Lachen, ein neues geflügeltes Wort: »Unter keinen Fällen!«

Es war eigentlich unglaublich, wie harmlos lustig es hier zuging, aber es war die natürlichste Vorbereitung auf das »Tänzchen«, das es später geben sollte.

»So ganz aus dem Stegreif,« sagte Herr Menkhausen, »denn was anderes als eine Treckfidel habe ich auf dem Dorf nicht zur Verfügung.«

Was das nun wieder sei, wollte Amy wissen, und bemühte sich, »Treckfiedel« zu sagen. Dabei geriet das T ein wenig zu weich, was wieder als lustiger Witz angesehen wurde. Man suchte nun der Fremden das Instrument zu erklären, fand es aber schließlich am bequemsten, jenen Knecht, der die Handharmonika so künstlerisch zu handhaben wußte, schon jetzt in den Saal zu entbieten.

Kaum waren die ersten Walzertakte erklungen, sehr flott und doch gefühlvoll, als ein allgemeines Stühlerücken begann. Die alten Herren brachen ihre schönsten Jagdgeschichten ab und wandten mit listigem Schmunzeln sich dem jüngeren Teil der Gesellschaft zu.

Schnell ordneten sich die Paare zu vorläufigem Rundgang durch die Zimmerflucht, die an den Eßsaal stieß, während dort die Dienerschaft die Tafel in Geschwindigkeit nicht nur abräumte, sondern ganz beiseite schaffte, damit Raum zum Tanzen werde.

Noch aber trat die Gesellschaft erst einmal durch die Glastür hinaus, um von der großen Freitreppe aus »die Strecke« zu besichtigen. Eine helle, kühle Mondnacht lag über dem herbstliche Düfte hauchenden Garten. Schwarze Schatten der uralten Bäume fielen über die hellen Kieswege; im weißen Mondglanz streckten sich die schlanken braunen Körper des erlegten Wildes, und das Herz manches Jägers klopfte hochauf, wenn er in Gedanken aus der Menge seinen Bock heraussonderte, oder gar, wie Henry Fedders, auf das stolze Hirschgeweih Anspruch erheben durfte, das ihn zu seinem eigenen Staunen zum Jagdkönig dieses schönen Herbsttages gemacht hatte.

Die meisten der Damen äußerten sich über die Jagd mit großer Sachkenntnis, und Amy Rodberts wunderte sich, warum denn sie nicht mit der Büchse bewaffnet mitmachten. Leonore aber dachte etwas kleinlaut: »Schießen werde ich nie lernen. Gut, daß es in hiesiger Gegend nicht Bedingung unserer Kreise ist!« Auch Lotte machte es mehr traurig, die gebrochenen Lichter der schlanken Rehe im Mondschein zu sehen; sie wäre am liebsten seitab in den Garten gegangen, wurde aber im Gespräch festgehalten, bis die Tanzweisen der Handharmonika wieder ins Haus lockten.

Zu Marianne war Hermann Matersen getreten, der ihr im Gesellschaftsanzug eine ganz neue Gestalt deuchte. Auch er sagte etwas über ihr Eichensträußchen, worauf sie schlagfertig erwiderte: »Wer weiß denn, ob ich heute nicht auch ein Wild zur Strecke gebracht habe, dem ich schon lange zu Gefallen ging!?«

Hermann lachte.

»Sie wollen sich nicht auf die Jägersprache verstehen? Das war doch eben tadellos weidgerecht ausgedrückt!«

Aber Marianne lächelte nicht mehr, sondern dachte an Hinrich Stoppsack, hinter dessen unseliges Geheimnis sie heute gekommen war, und sie meinte, keine solchen scherzenden Vergleiche anstellen zu dürfen, wie eben jetzt. Sie hoffte diese Sache noch in allem Ernst gegen Herrn Matersen zu berühren; aber jetzt war nicht der Augenblick dazu.

Der Tanz hatte begonnen; jeder Herr holte seine Tischdame.

Der Tanz hatte begonnen. Jeder Herr holte seine Tischdame wieder, aber Herr Menkhausen sagte im Vorbeigehen munter: »Mein junger Verwalter darf mich vertreten. Nimmt er mir treulich so viel Lästiges und Schwieriges ab, mag er auch einmal beim Vergnügen den Vorrang haben. Los, lieber Matersen!«

Der liebe alte Herr ging weiter. Er hatte sich bei Tische vorzüglich mit der Lehrerin unterhalten, Einblicke in ihr Leben wie in ihre Auffassung von der neuen Tätigkeit getan und sich daran gefreut. Mehr wollte er nun für heute nicht und dachte verständnisvoll: »Jetzt Jugend zu Jugend!«

Am erregtesten von den Tanzweisen war vielleicht Lotte Matersen, denn es war das allererste Mal, daß sie in einer richtigen Gesellschaft und mit wirklichen Herren tanzen sollte. Gelernt hatte sie es nie, aber musikalisch und voll angeborener Beweglichkeit, wie sie war, schien es ihr selbstverständlich, daß man es könnte, und kein neuer Rhythmus machte ihr Schwierigkeiten. Und in der Tat, wie schön war das! Wundervoll! Sie blühte und schwebte nur so, und Hermann dachte gerührt: »Kleine Schwester, endlich sehe ich dich auch einmal in festlichem Kleide und jugendfrohem Treiben! So kenne ich dich noch gar nicht.«

Er holte sie sich einmal, die fast nie ohne Tänzer war, und fragte herzlich: »Gefällt es dir, kleine Lotte? Du siehst so glücklich aus!«

Sie lachte und antwortete: »Soll ich nicht? Männe, du geliebter Pedant, du mußt doch selber finden, daß dies heute entzückend ist!«

So hingerissen, wie sie wünschte, schien ihr der Bruder noch nicht; aber er tat ihr doch den Gefallen, sie einmal im Walzer zu drehen, worauf sie versicherte, besser könne es keiner von all den Herren, mit denen sie schon getanzt hatte.

»Wirklich?« fragte er ernsthaft.

Dann ging er hin und holte Marianne Froben. Auch sie tanzte hübsch und leicht und wurde oft geholt. Im Gespräch mußte sie sich zwar viele neugierige Fragen gefallen lassen, weil niemand sich recht hineinversetzen konnte, wie eine so junge Dame Dorfschullehrerin werden konnte. Sie nahm das aber niemand übel und erklärte bereitwillig, was die Menschen wissen wollten.

»Aber ausgerechnet Dorfkinder,« wiederholte Albert Menkhausen noch einmal kopfschüttelnd. »Wie machen Sie das nur? Können Sie sich überhaupt mit diesen Gören verständigen, die doch eigentlich nur Platt sprechen?«

»Ich kann auch Plattdeutsch,« sagte Marianne schelmisch, »und mitunter erlaube ich mir dies sogar in der Klasse, wenn es gar nicht anders geht.«

Albert wunderte sich.

»Nun ja, das ist das Äußerliche in der Verständigung; aber wie ist es mit den Begriffen? Kommt Ihnen denn überhaupt irgendwelches Verständnis entgegen?«

»O gewiß! Es gibt ja Unterschiede, aber völlig vergebens habe ich noch selten mit den Kindern gearbeitet.«

Dabei dachte sie wieder an ihr Verhör vom Morgen. Wenn das ihr Tänzer ahnte! Das erzählte sie ihm aber nicht. Das sollten zuerst Lotte und ihr Bruder erfahren.

Letzterer hatte ja zweimal mit ihr getanzt, aber immer zeigte er die ernste, stille Miene, die sie nun so gern von ihm nehmen wollte, und immer war noch keine Gelegenheit dazu, ein so ernstes Gespräch anzuregen.

Bald darauf trat eine Pause ein. Die Jäger besannen sich, nach all den Anstrengungen des Tages draußen in Wald und Heide ein gewisses Recht auf Müdigkeit zu haben. Die älteren Herren setzten sich zu einem Spielchen; die jüngeren blieben im Damenzimmer. Erfrischungen wurden gereicht, und zwischendurch sprach jemand den Wunsch nach Musik aus. Längst war es bekannt, daß Miß Rodberts singe; so bat man sie lebhaft um ein Lied. Ohne Ziererei ging die Amerikanerin ans Klavier, wo schon Leonore zur Begleitung Platz genommen hatte.

Sie sang wieder eines der englischen Lieder mit den vielen Versen und der eintönigen Melodie; ihre Stimme klang voll und glänzend und erweckte gewisses Staunen. Aber »daß man nichts versteht«, raunten die alten Herren einander zu, »das ist doch 'n Jammer! Gute Stimme sonst, aber zu Herzen kann einem das nicht so gehen, wie wenn jemand von unserer Art ein Volkslied singt.«

»Ich schieß' den Hirsch im wilden Forst,« legte plötzlich der gewaltige Baß des Herrn von Dahlen los. »Kann das keine von den jungen Damen singen?«

Lotte stieß leise Marianne an und bat: »Fräulein Froben, Sie können es sicher! Aber wer weiß das hier in der Gesellschaft! Darf ich es sagen?«

Marianne wollte wehren, doch schon trat Leonore heran und sagte: »Sie singen auch, Fräulein Froben, ich weiß es. Bitte, machen Sie uns die Freude; Papa würde Ihnen dankbar sein. Tante Pine, unterstütze mich doch!«

Nun wiederholte auch Fräulein von Selchow aufs liebenswürdigste die Aufforderung. So setzte sich denn Marianne, die sich lieber selbst begleitete, ans Klavier und sang mit ihrer kleinen, aber sehr wohllautenden Stimme das alte »Siebenbürgische Jägerlied«, das gewünscht wurde. Sie horchten alle, und einer nickte dem anderen zu, als wollte er sagen: »Das ist was für uns! Das lassen wir uns gefallen!«

Marianne durfte auch nicht gleich aufhören, und da man wirklich keine Kunstleistungen zu erwarten schien, hatte sie Mut, noch ein paar einfache Volkslieder folgen zu lassen. Alles war so innig empfunden, daß kein Herz sich dem Eindruck entzog. Selbst Amy Rodberts, die noch kaum mit der jungen Lehrerin gesprochen hatte, kam jetzt zu ihr und sagte: »Oh, ich wünschte zu singen wie Sie, Miß Froben. Ich bin herübergekommen zu lernen deutschen Gesang; ich gehe dafür nach Leipzig. Wird das gut sein? Haben Sie auch da gelernt?«

Marianne war verlegen. Sie hatte noch so gut wie gar keine Ausbildung im Gesang genossen, und das Lob der stolzen Fremden bedrückte sie. Schnell sagte sie etwas von der schönen, bedeutenden Stimme der Amerikanerin, und diese gab unbefangen zu: »O ja, sie ist viel größer und stärker als Ihre, aber ich glaube nicht, daß mein Lied so gefällt. Kein Mensch dazu hat solch Gesicht gemacht wie eben,« schloß sie mit einem kleinen Lachen.

Marianne erwiderte: »Wenn Sie erst deutsch singen, Miß Rodberts, wird es anders sein.«

»O ja, die alten Herren wollen verstehen die Wörter, nicht nur die Töne – – –«

Nach mancherlei weiterem Tanzen und Singen war es endlich so spät geworden, dah man allmählich die Wagen bestellte. Ein Nachbar nach dem anderen rollte vom Hof.

Auch Marianne trat den Heimweg an, begleitet von Lotte und ihrem Bruder. Sie hatte zwar gemeint, allein gehen zu können, denn »der Nachtwächter ist ja mein Freund«, erzählte sie, »er hält die Ruhepausen zwischen den einzelnen Rundgängen auf meiner Gartenbank und würde, wenn er gerade unterwegs ist, mich sofort in seinen Schutz nehmen.«

»Trotzdem gehen wir mit,« sagte Hermann bestimmt. »Soll der Nachtwächter mehr Freundesrecht haben, als meine Schwester und ich, Fräulein Froben?«

»Nein, nein – ich dachte nur an Ihre Mutter, die wahrscheinlich auf Lottes Heimkommen wartet und nicht schläft.«

»Ich würde sie doch wieder aufwecken,« bekannte Lotte lachend. »Sie muß noch heute wissen, wie vergnügt ich war!«

»Nun, dann nehme ich Ihre Begleitung gern an, denn ich muß Ihnen auch noch etwas erzählen, Ihnen beiden! Hören Sie mal, Lottchen, kennen Sie Hinrich Stoppsack?«

»Ja,« sagte diese ziemlich gleichgültig, »den schrecklichen Jungen, den wir für halb blödsinnig hielten. Haben Sie den auch in der Schule?«

Sie war enttäuscht. Ihr lag der festliche Zauber des heutigen Tages in allen Gliedern; nun sollte schließlich eine Schulgeschichte kommen? Es schien also doch wahr zu sein, daß Lehrerinnen nie recht vom Fach abzukommen vermögen! Von Fräulein Froben hatte sie das eigentlich nicht gedacht; die konnte sonst so reizend jugendlich mit ihr und Nelli sein, daß man völlig vergaß, wie nahe sie schon den fünfundzwanzig war.

Sie zeigte also keine große Spannung; so wandte Marianne sich mehr an Hermann, indem sie einfach loslegte: »Ich hab's heraus, Herr Matersen: das Feuer – –«

Ein halb erstickter Laut unterbrach sie; ein unsäglich gespannter Blick der blauen Augen forderte zum Weitersprechen auf. So erzählte sie ungestört die Geschichte des letzten Vormittags.

Lotte hatte sie im Gehen umfaßt und nahm ihr jedes Wort von den Lippen, förmlich stöhnend vor Erregung. Das war allerdings was anderes als eine Schulgeschichte!!

Und Hermann? Der sagte einstweilen gar nichts; es schien ihn zu überwältigen. Erst als sie das Schulhaus erreicht und aufgeschlossen hatten, und im monderhellten kleinen Flur Lotte der Freundin in ausbrechendem Jubel um den Hals fiel, faßte auch er Mariannes Hand in festem Druck und sagte: »Dank, tausend Dank! Sie wissen nicht, was Sie mir mit dieser Aufklärung schenken!«

»Doch, ich weiß es,« erwiderte Marianne leise, »darum hat es mir ja keine Ruhe gelassen, bis ich den unglückseligen Jungen zum Sprechen brachte.«

»Was gewiß ein Kunststück war«, bemerkte Hermann.

»O ja, denn er ist ein ziemlicher Dickkopf! Aber Untersuchungen dieser Art sind wohl überhaupt keine Kleinigkeit; ich weiß selbst nicht, wie ich es habe durchführen können.«

»Der Gedanke mit den Kartoffelpfannkuchen war jedenfalls großartig!«

»Ein Untersuchungsrichter am Herd,« rief Lotte dazwischen, »höchst modern!« Dann umarmte sie immer wieder Marianne und fuhr fort: »Was tun wir nur – was fangen wir an? So etwas muß man doch feiern! Hätte Nelli es noch gehört, die hätte gleich die ganze Gesellschaft hieran teilnehmen lassen und die Sache ›mit Sekt begossen‹, wie die jungen Herren sich ausdrücken.«

»Gut, daß es nicht dazu kam,« fiel Hermann lebhaft ein, und Marianne gestand: »Das dachte ich auch; darum schwieg ich so lange, so oft es mir auch auf die Zunge wollte. Die Sache hat ja auch ihre zwei Seiten, nicht wahr? Man denkt an den unglücklichen Jungen …«

»Gewiß, Fräulein Froben, und außerdem verstehen Sie es gewiß, daß ich bei Erzählung dieser Sache keinen Augenblick gern im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit gestanden hätte, was sich gar nicht vermeiden ließ. Wollen Sie mir glauben, daß ich noch heute taktlose Anspielungen anhören mußte, wie damals alles eigentlich so habe kommen können?«

»Das hat nun für immer ein Ende,« tröstete Marianne, und der herzliche Ton lag den Geschwistern noch lange im Ohr.

Endlich war Marianne allein, müde zwar, aber zugleich so wunderlich erregt, daß sie an Schlafen nicht denken mochte. Die verschiedenartigen Eindrücke dieses Tages wirbelten in ihrem Kopfe durcheinander; sie mußte sehen, ob sie sich zur Ruhe schreiben konnte. So setzte sie sich an ihren Schreibsekretär, um einen Brief nach Hause zu beginnen.

»Liebste Mama!

Heute würdest Du mal zufrieden gewesen sein, hättest Du Dein Kind beobachten können, das Du immer noch ein wenig beklagen zu müssen meinst. Ich habe getanzt und gesungen; man war sehr, sehr freundlich gegen mich – sogar mein weißes Kleid fand Beifall! Ich habe eine Menge Menschen kennen gelernt, und manches nicht bloß oberflächliche Gespräch gefühlt, sogar in englischer Sprache mit einem klugen Amerikaner! Also, Mama, meine Kenntnisse, die in der Dorfschule nicht gerade alle zur Anwendung gelangen, brauchen deshalb nicht für immer brach zu liegen. Denke nicht, Dein Mädel habe sich völlig umsonst mit all den Wissenschaften geplagt, wie Du manchmal seufzest! O nein, da war heute so mancher Stoff, bei dem ich froh sein durfte, daß ich mitreden konnte. Herr Geheimrat Menkhausen, unser Gutsherr, ist ein sehr kluger Mann. Und denke Dir, der führte mich zu Tisch! Nun glaubst Du doch sicher nicht mehr an eine untergeordnete Stellung meinerseits? Aber genug davon! Bald alles mündlich – nicht wahr, nun kommst Du doch zu Besuch? Zehn Tage habe ich noch Ferien! Jetzt will ich noch schnell ein Wort mit Vater sprechen und dann gute Nacht!

»Vater, lieber Vater!

Es ist so, wie ich manchmal ahnte: mein Forschen hatte Erfolg – der Junge hat gestanden! Ich zittere noch immer, wenn mir der Augenblick wieder vorschwebt, obwohl schon so viel andere Eindrücke seitdem sich dazwischen geschoben haben. Die stehen in Mamas Brief – dies hier ist zunächst für Dich! Nachher könnt Ihr ja gegenseitig austauschen. Und nun schicke mir das Mutterchen recht bald, wenn Du sie auch ungern entbehrst! Ich darf ja nicht bitten: Kommt beide zu Eurer Marianne!«

Zweiundzwanzigstes Kapitel: Freude überall

Am anderen Morgen war Lotte Matersen schon früh auf und husch, hinüber zu ihrer Freundin. Die lag noch im Bett, im wohligen Nachgenießen des vergangenen Tages. Da ging stürmisch die Tür; Lotte, die vom Stubenmädchen überall und zu jeder Stunde beim jungen »gnädigen Fräulein« vorgelassen wurde, flog herein und setzte sich auf den Bettrand.

»Nell, ich habe ja kaum schlafen können – das Geheimnis drückte mir fast das Herz ab, weil ich bis heute damit warten mußte!«

»Na, da schieß doch endlich los,« sagte Nelli und reckte sich noch etwas schlaftrunken.

»Ach, sieh nicht so schläfrig aus –« sie schüttelte die Freundin geradezu an den Schultern – »wach doch auf! Das Feuer –«

»Was? Brennt es etwa schon wieder?«

»Nein, aber wir wissen jetzt, wer es getan hat! Denk nur, Fräulein Froben –«

»Lotte, du faselst!«

»Aber nein, Nell, höre doch nur! Also, Marianne Froben hat es 'rausbekommen – hat einen schrecklich verwahrlosten, halb blödsinnigen Jungen zum Geständnis seiner Untat gebracht!«

»Wie heißt er?« fragte Leonore streng, und dann: »Solche Kinder gibt es in meinem Dorf?! Lotte, Lotte, ich werde viel zu tun haben unter meinen Leuten!«

Lotte hatte die Freundin im Arm und wiegte sie hin und her.

»Kleine Nell, wie alt bist du eigentlich neulich geworden? Du sprichst so großjährig!«

»Ich komme mir auch fast so vor, weil Papa gestern sagte, das Gut soll mir allein gehören, wenn ich an meinem einundzwanzigsten Geburtstage noch genau so denke wie jetzt. Nun, daran ist ja kein Zweifel; also habe ich gewissermaßen schon heute das Gut und bin großjährig. – Aber nun erzähle doch von jenem kleinen Unhold! Ich brenne ja vor Neugierde! Da ist er also wieder an einem Feuer schuld? Erzähle!«

»Ja, kann ich denn?« sagte Lotte bedächtig. »Läßt meine liebe Nell mich zu Wort kommen?«

Nelli legte sich in die Kissen zurück und versetzte: »Beinahe wird es zu viel auf nüchternen Magen – aber es geht nicht anders!«

Nun endlich kam Lotte zu Wort und trug die ganze Begebenheit in Fräulein Frobens kleiner Küche höchst anschaulich vor, mit all den Kartoffelpfannkuchen, dem Eingemachten, aber alle Augenblicke unterbrechend »und diese kluge Marianne« oder »diese süße Marianne«, bis Neil entschlossen sagte: »Höre, ich stehe jetzt auf und frühstücke schnell; dann, ehe jemand von den anderen Langschläfern erscheint, laufen wir ins Dorf. Die Heldin im Schulhause muß doch gefeiert werden!«

»Das konnte ich mir denken,« rief Lotte, »aber du, sie mag so was nicht – ebensowenig, wie mein Bruder!«

»Der – natürlich, das weiß ich noch, daß er einmal gesagt hat, äußere Ehrungen nützten ihm nicht; das sähe aus, als wollte man seine innere Ehre damit wieder weiß waschen. Hör mal, Lott', es war eigentlich zu dumm, daß überhaupt ein Mensch je glauben konnte, dein Bruder habe irgendwas mit dem Feuer zu tun!«

»Das find' ich auch,« entgegnete Lotte kurz, und dann half sie Leonoren, die jetzt gar nicht schnell genug in die Kleider schlüpfen konnte.

Wirklich gelang es den beiden Mädchen, unbemerkt aus dem Hause zu kommen; Nelli ließ sogar den Kaffee im Stich, weil sie schon Herrenstimmen im Eßzimmer hörte.

»Wirtin gespielt habe ich gestern genug, nun mag Tante Pine wieder allein das Vergnügen haben. Ich gehe einfach durch.«

»Gut, daß du doch noch nicht ganz großjährig bist, Neil,« spöttelte Lotte schelmisch; dann liefen sie die Dorfstraße entlang.

»Ob sie wohl schon auf ist? Sie hat ja Ferien – schläft vielleicht auch mal lange!«

Nein, am Schulhause standen schon die Fenster offen; die Morgensonne fiel ins Wohnzimmer, und auf dem Herde brannte Feuer. Die Lehrerin kochte gerade ihren Kaffee.

»Dürfen ein paar hungrige Wanderburschen mit frühstücken?« rief Leonore übermütig hinein. »Es riecht hier so gut, und mein Magen ist so leer, Geistiges und Seelisches kann ich wirklich nicht mehr vertragen – erst einen Schluck Kaffee! Bitte, bitte!«

Freundlich trat ihnen die Lehrerin entgegen und fragte: »Was hat Sie denn so früh auf die Landstraße getrieben, Fräulein Menkhausen?«

Dabei stellte sie schon zu ihrer einsamen Tasse zwei weitere, und Nelli sprudelte weiter: »Was? Fragen Sie lieber wer? Herausgerissen aus Morpheus Armen hat mich diese grausame Lotte, aber wer dahinter stand, das ist die Heldin aus dem Schulhause, der Untersuchungsrichter am Herd.«

»Nun trinken Sie nur erst ein Schlückchen,« warf Marianne ein und zog die Übermütige an den Tisch im Wohnzimmer. »Viel ist ja nicht da zum Frühstück, nur Brot und Butter – leider kein Honig, da ich noch kein richtiger Schulmeister mit einem Bienenstock bin, aber –«

»Hören Sie, das ist nun wieder reizend gesagt,« Leonore lachte – »Schulmeister – Bienenstock – überhaupt, Fräulein Froben, Sie –ich muß Ihnen notwendig eine schwärmerische Erklärung machen! Sie sind das zwar gewohnt, denn Lotte Matersen wird das wohl alle Tage tun, aber bitte – kommen Sie, lassen Sie sich auch von mir einen Kuß gefallen! Ich bin doch Ihre Gutsherrin!«

Damit hatte sie die Lehrerin in beide Arme genommen, küßte sie herzlich und sprudelte weiter: »Wie Sie das gemacht haben! Einfach großartig! Lotte hat mir ja alles haarklein beschrieben –«

»Und ist doch nicht dabei gewesen,« warf Marianne ein.

»Einerlei, sie hat's begriffen, und ich auch, und ich finde, Sie verdienen einen Orden, Fräulein Schulmeisterlein! Was wohl die klugen Herren Juristen in der Stadt sagen werden? Von einem jungen Mädchen übertroffen zu sein!«

»Ach, Fräulein Nelli, lassen wir die Richter ganz aus dem Spiel: die konnten eben nicht ahnen –«

»Sie hätten ahnen müssen, daß ein Mann wie Hermann Matersen nie verdächtigt werden durfte,« behauptete Leonore.

»Oh, Fräulein Nelli, vor Gericht gibt es kein Ansehen der Person. Aber ich fand es ja allerdings auch völlig naturwidrig, und darum ließ es mir keine Ruhe; ich sann und forschte – sowie ich den allerkleinsten Anhalt in Gedanken hatte, ließ ich Hinrich Stoppsack nicht mehr los.«

»Das war ja eben das Schlaue! Wie kamen Sie nur darauf, Fräulein Froben?«

»Ja, sehen Sie, Fräulein Leonore, da setzt es eben ein, das geheimnisvolle Walten innerer Kräfte – für die man gar nicht verantwortlich ist! Wie eine Eingebung war es, daß ich von vornherein dachte: ›Diesen Jungen darfst du nicht aus den Augen lassen. Gewinnst du über den nur den geringsten Einfluß, ist das vielleicht mehr wert, als wenn die anderen dreißig aufs herrlichste Lesen und Schreiben lernen.‹ Oh, ich war ja immer schon überzeugt, daß es damit in meinem Beruf nicht abgetan sein darf, und ich bin so dankbar, daß ich meinen ganzen Ernst für diese Sache zu bekunden vermochte. So viele haben mich nämlich nicht begriffen; sogar meiner eigenen Mutter ist es noch immer schwer, daß ich mir diesen Platz wählte. Aber jetzt will sie kommen und alles kennen lernen, meine Arbeit und meine Freuden –«

»Und Ihre Freunde,« setzte Nell warm hinzu.

Da erschien gerade vor dem offenen Fenster der Postbote und meldete: »Ein Brief für Fräulein Froben.«

Marianne sprang auf, und die Schrift erkennend, rief sie froh: »Von Mama!« Schnell öffnete sie und verkündete: »Morgen mittag kommt sie.«

Freundlich nahmen die jungen Mädchen teil, und Leonore bot sofort an: »Darf ich Ihnen etwas für die Küche schicken? Wir haben ja so schöne Braten von der Jagdbeute. Und vor allen Dingen sagen Sie, mit welchem Zuge Ihre Frau Mutter kommt, daß ich einen Wagen für sie bestelle! Lotte, erinnere daran, daß wir gleich mit deinem Bruder sprechen; der Herr Verwalter hat ja doch die eigentliche Macht über die Pferde. Und was meinen Sie, Fräulein Froben, fährt Ihre Frau Mutter wohl im offenen Wagen, oder soll lieber der kleine, halbgedeckte genommen werden?«

»Sie sind wirklich zu freundlich, Fräulein Leonore,« sagte Marianne gerührt. »Ich dachte, mir das Stuhlwägelchen vom Wirt zu bestellen – aber wenn Sie es so wollen, wie Sie sagen –«

»Dann also Landauer,« entschied Leonore rasch. »Das Wetter ist schön, und im Notfall kann er zugemacht werden. Und nun – bei dem Wagen fällt mir ein, ich glaube, wir müssen schleunigst nach Hause, Lotte – ich wenigstens, denn einige unserer Gäste wollten heute abreisen. Himmel, wie wird man sich am Kaffeetisch über meine Abwesenheit gewundert haben!«

Wirklich war es viel später geworden, als die drei jungen Mädchen vermuteten. Vor dem Herrenhause stand schon ein Wagen angespannt, der einige der Gäste zur Bahn bringen sollte, denn die alten Herren trieb es jetzt zu Kontor und Börse zurück, nachdem sie ein paar Tage die ländlichen Freuden genossen hatten.

Leonore kam noch gerade recht, um von Onkel Fedders eine kleine Abschiedsrede entgegenzunehmen.

»Das sage ich dir, mein Deern: wenn du erst hier auf dem feudalen Landsitz thronst, dann vergiß deinen alten Onkel nicht! So eine Jagd wie gestern – alle Wetter!«

Henry, der vom Bock aus kutschieren wollte, sah Leonoren auch schon ungeduldig entgegen und rief: »Was ich dir noch vorschlagen wollte, Nell: später mußt du hier richtige Hetzjagden einrichten! Es ist ja das schönste Gelände dazu, die Heide hinter dem Eichhorst! Lege dir nur beizeiten eine gute Meute zu, und wenn du dann wieder befiehlst, erscheinen wir alle im roten Frack, nicht wahr? Und nun, leb wohl für diesmal – es waren prächtige Tage!«

»Es freut mich, das; es dir bei uns gefallen hat,« sagte Leonore. »Nicht wahr, Grünweide ist es wert, daß ich einst dafür leben und sterben will?«

»Na, ich weiß nicht,« versetzte Henry Fedders, »Hamburg ist doch auch nicht zu verachten!«

»Ja, für euch,« rief Nelli, »aber was soll unsereins dort anfangen!«

»Kinder, beeilt euch mit dem Abschied,« mahnte Konsul Röding. »Wir erreichen den Zug sonst nicht, und die Börse ist geschlossen, ehe wir in Hamburg ankommen. Leb wohl, kleine Nell – wo hast du übrigens so lange gesteckt? Noch in den Federn?«

»O bewahre,« eiferte Nelli, war aber froh, nichts mehr erklären zu müssen.

Jetzt zogen die Pferde an; gleich darauf rollten zwei der Wagen mit ihren Insassen vom Hof.

»Wie gut, daß du noch bleibst, Papa! Ich habe dir ja eine Welt zu erzählen,« sagte Nell und hing sich an den Arm des Vaters.

»Oho,« neckte dieser, »wird denn dieser eine Tag dazu reichen? Und heute, mein Deern, mußt du dich auch recht niedlich den alten Damen widmen!«

»Ach, die sind ja noch hier; das hätt' ich beinahe vergessen!«

»Ei, ei, Nell – Gäste vergessen, nicht am Kaffeetisch erschienen – was ist mir das für eine Gutsherrin!«

»O Papa, noch bin ich Lehrling! Verzeihe, und nun komm, ehe uns wieder jemand stört!«

Sie zog ihren Vater in dessen Privatzimmer, um endlich ihre große Neuigkeit loszuwerden. Das mußte natürlich unter vier Augen geschehen; konnte denn jemand wissen, oh die Hamburger überhaupt daran Anteil nahmen?

Papa sah selbstverständlich die ganze Wichtigkeit jener Entdeckung Fräulein Frobens ein; aber wenn Leonore immer wieder darauf zurückkam, daß Herr Matersen nun endlich völlig makellos dastände, sagte er doch bedächtig: »Nun, nun, mein Deern! übertreibe nicht! Geglaubt hat kein Mensch etwas Ehrenrühriges von unserem jungen Freund! Einmal vor Gericht sich verantworten hat schon mancher müssen, der es sich nie träumen ließ! Ich glaube sogar, wenn der junge Mann sich etwas mehr Mühe gegeben hätte, den angedeuteten Verdacht sofort zu entkräften, es hätte ihm gelingen müssen.«

»Dazu war er zu stolz,« erwiderte Nelli ungestüm und wurde dunkelrot, so daß der Vater sie forschend ansah und dann bedächtig fragte: »Na, was vergab er sich denn, wenn er ein paar Worte mehr machte? Seine hartnäckige Zurückhaltung bei den Aussagen wird die Richter nicht für ihn eingenommen haben.«

»Aber was sollte er denn sagen, Papa?« rief Nelli wieder erregt. »Ich an seiner Stelle hätte es auch nicht anders gemacht!«

»Das hättest du wahrscheinlich doch, Lütting, denn die Frauenzimmer können nicht so gut den Mund halten. Hm?«

»Na ja, Papa, ich kann ihn auch jetzt nicht halten, muß noch mal fragen: Wie sollte Herr Matersen sich denn verteidigen, wenn sie ihm auf den Kopf zusagten: ›Sie waren an dem Abend allein auf dem Hof, hatten einzig die Verantwortung; wenn kein Brandstifter gefunden wird, bleibt noch die Möglichkeit der Verwahrlosung irgendwie –‹. Siehst du, das hat natürlich dieser gräßliche August Bantzkow aufgebracht! O Papa, daß man Verleumder nicht auch vor Gericht fordert!«

Immer erstaunter horchte Herr Menkhausen. Daß seine Tochter in dieser Sache so genau Bescheid wußte! Wahrlich, der junge Verwalter hatte zwei weibliche Anwälte, die sich sehen lassen konnten! Die Lehrerin – alle Achtung, die hatte ihre Sache gut gemacht! Nun fragte es sich, was weiter geschehen sollte mit jenem unglücklichen Jungen. Wahrscheinlich mußte jetzt ein Arzt zu Rate gezogen werden. Na, das alles zu überlegen, dazu war ja noch der ganze Tag übrig; am folgenden mußte er unwiderruflich nach Hamburg. Allzulange schon meinte er in diesem Herbst den Gutsbesitzer zu spielen.

Nun aber wollte er zunächst den Verwalter aufsuchen und ihm seine Freude aussprechen, daß sich alles so geklärt habe.

»Nicht wahr, so meint es meine kleine Nell doch?« schloß er freundlich und schob sie hinaus.

Freudige Stimmung herrschte im Verwalterhäuschen, wenn sie sich auch nicht in vielen Worten äußerte. Um Jahre verjüngt erschien die Mutter, und keinmal konnte sie an ihrem Sohn vorbeikommen, ohne ihm etwa über Arm und Hand zu streichen, oder ihm tief in die Augen zu schauen, bis Hermann endlich etwas reuevoll sagte: »Nun sehe ich erst, wie ich dich gequält haben muß, Mutter – bist deinem Schwarzseher von Sohn gewiß recht gram gewesen! Hab' ich übertrieben, Mutting?«

»Vielleicht,« gestand sie leise, »aber ich kann es dir nicht verdenken.«

»Na, das ist nun vorbei,« erwiderte er und reckte die Arme, »nun kommen wieder andere Zeiten.«

In seiner Stimme war es wie ein heimliches Frohlocken, fast so, als hätte er noch einen anderen Grund zur Freudigkeit als diesen, den alle wußten.

Daß es ihn den ganzen Tag über nie lange an einer Stelle litt, fiel ihm selber auf. So faßte er nachmittags seine Schwester ab, die auch nicht recht mit sich hinwußte, da Leonore sich nun endlich den noch weilenden Gästen widmen mußte, und schlug ihr einen weiten Gang über Feld vor. Froh hing sich Lotte an seinen Arm und konnte kein Ende finden, immer wieder von Fräulein Froben und ihrer menschenfreundlichen Tat zu sprechen.

Dreiundzwanzigstes Kapitel: Bei der Tochter zu Gast

Marianne Froben fuhr zur Bahn, um ihren lieben Gast abzuholen. Als sie eine Stunde später wieder durch das Dorf kam, sagten die Leute zueinander: »Dat Frölen hett sick woll 'ne Swester afhalt (abgeholt)? Dit (dies) kann doch nich de Mudder sin (sein)!«

Und doch war es Frau Doktor Froben, die da, klein, zierlich und weiß verschleiert, neben ihrer Tochter saß. Mit ihren zarten Zügen und dem etwas fragenden Ausdruck ihrer blauen Augen machte sie allerdings einen besonders jugendlichen, ja fast mädchenhaften Eindruck. So war es nicht zu verwundern, daß im Gespräche öfter die Anrede »kleine Mama« wiederkehrte, wenn auch im zärtlichsten Tone.

Beim Absteigen half Marianne mit ein paar kräftigen Griffen dem zierlichen Frauchen, um es dann gleich im Hausflur ein paarmal rundum zu drehen mit dem jubelnden Ruf: »Willkommen im Schulhäuschen! Meine Mama bei mir daheim!«

Da schob sich aus der Küchentür ein flachsblonder Kinderkopf, – Marianne besann sich und fragte würdevoll: »Na, Anning, kochen deine Kartoffeln schon?«

»Ja, Fräulein, ich kann sie gleich abgießen,« antwortete das Kind ernsthaft, und Marianne nickte zufrieden.

Anning Kasten war mit einer großmächtigen Küchenschürze angetan und vertrat würdevoll die Schulköchin. Während Frau Doktor Froben in äußerster Verwunderung diese liliputanische Magd ansah, erklärte Marianne: »Alles übrige steht in der Heukiste, Mama; Anning hatte nur die Weisung, um halb eins die Kartoffeln aufzusetzen, damit wir sogleich nach deiner Ankunft essen können. Und siehst du, das hat sie pünktlich befolgt; ich darf mich auf meine Schülerin und Stütze verlassen. Nun komm, Mama, und setz dich an meinen Tisch! Oh, das ist ein süßer Augenblick für mich!«

Sie betete, legte dann der Mutter vor, und nun erst konnte die Frau Doktor Worte finden. So lange hatte sie sich immer nur in gerührtem Staunen umgesehen. Jetzt lobte sie das kleine, freundliche Zimmer, Mariannes gute Speisen und vor allem ihr blühendes Aussehen.

»Wahrlich, nicht nach schlechter Kost und Überanstrengung,« sagte sie, und Marianne fragte mit einem kleinen, stolzen Lachen: »Warum sollte ich mich denn schlecht ernähren, Mutter? Ich habe hier mein gutes Brot, und ich kann doch kochen; du hast es mich ja zur rechten Zeit gelehrt. Und Überanstrengung? Na, jetzt sind ja Ferien, aber auch sonst, – weißt du, in der Dorfschule darf man weder sich noch den Kindern den Geist überladen! Bei mir ist es im Augenblick wohl auch mehr das Gemüt, das was zu leisten hat – o Mama, was muß ich dir alles erzählen!«

»Ich kann es mir schon denken, Kind; Vater hat mir ja seinen Brief gezeigt. Als ich mich eben über den meinen so recht herzlich gefreut hatte, in dem du ausnahmsweise einmal von jugendlichen Erlebnissen schriebst, da mußte ich gleich wieder von diesem schrecklichen Dorfjungen hören. Marianne, daß du den immer um dich hast, mit ihm allein bist und Verhöre anstellst! Ich hätte mich ja zu Tode geängstigt, hätte ich das vorher gewußt!«

»Aber warum denn, Mama?« fragte Marianne sanft. »Mir tut er doch nichts!«

»Wer will das wissen? Er konnte doch auch bei dir Feuer anlegen!«

»Auf dem Herd, ja, da hab' ich es oft dankbar angenommen, aber sonst –«

»Du bist immer so sicher, Kind, aber ich finde doch manches schrecklich. Zum Beispiel, daß du ganz allein im Hause schläfst…«

»Mama, der Nachtwächter ist mein Freund; den höre ich manches Mal in meinem Vorgarten husten – mitunter allerdings auch schnarchen,« setzte sie in schelmischem Flüsterton hinzu, und die Mutter klagte wieder: »Siehst du, das ist dein ganzer Schutz!«

»Meine Fenster sind innen mit Holzläden versehen, und meine Haustür hat eine Sicherheitskette. Außerdem, wer bricht wohl ein beim Schulmeisterlein? Da sind doch keine Schätze zu holen!«

Die Mutter schüttelte noch einmal den Kopf.

»Ich kann es doch nie ganz begreifen, Marianne, daß du dir diesen Platz im Leben erwähltest! Da schreibst du uns von schnapstrinkenden Maurerleuten, zu denen du ins Haus gehst, die kränkliche Frau zu besuchen – von einem Schuster, mit dem du dich über Bücher unterhältst! Schließlich soll ich mich wohl noch freuen, daß der Nachtwächter dein bester Freund ist –«

»›Bester‹ habe ich nicht gesagt,« unterbrach Marianne lachend, aber zugleich einen kleinen, träumerischen Blick ins Unbestimmte sendend, und die Mutter fuhr fort: »Ich sehnte mich förmlich, einmal von angemessenem Verkehr zu hören.«

»Nun, hat dir die Jagdgesellschaft nicht gründlich Eindruck gemacht? Und der Backfischkaffee?«

»Ja, ja, aber vorher stand da noch einmal was von einem jungen Kollegen, den du beim Herrn Pfarrer trafst – Marianne, einen Dorfschullehrer wirst du doch niemals heiraten? Das gäbe ich nicht zu!«

Nun brach Marianne in ein lautes, herzliches Lachen aus.

Ich kann es mir schon denken; Vater hat mir ja deinen Brief gezeigt.

»Nein, diese Mama – diese kleine Mama,« rief sie immer wieder, »Hab' ich dir nicht gleich im Brief auch Luischen Blank vorgestellt, die Braut des Lehrers Langreuther? Da konnten dir doch solche Sorgen gar nicht erst kommen!«

Die Mutter mußte nun selber lachen, blieb aber doch dabei, daß sie sich nie an den Gedanken gewöhnen würde, wie ihre Tochter sich ihr Leben zu zimmern gedachte.

»Ich hätte das alles nie gekonnt,« sagte sie kleinlaut, worauf Marianne zärtlich erwiderte: »Nein, du nicht, Mutterherz – von dir hätte das auch niemand verlangt! Dich nahm einfach der Vater und trug dich auf Händen! Dazu ist aber deine Tochter wohl nicht leicht und zart genug; sie steht zu fest auf den Füßen, und die wollen selbständig gehen. Du darfst auch glauben, es ist kein schlechter Weg, so zwischen Wald und Feld! Du wirst ihn ja nun ein paar Tage mit mir gehen und sehen, daß manche Blume an meinem Wege blüht.«

Das sorgenvolle Antlitz vor ihr hellte sich auf; es war ja nicht möglich, dieser frohen Zuversicht, diesem ganzen, so köstlich gesunden Wesen Mariannes zu widerstehen.

Diese nahm sich aber doch vor, nicht zu viel von dem, was sie eigentlich jetzt am meisten beschäftigte, zur Mutter zu reden, um nicht immer neue Aufregung hervorzurufen. Sie dachte im stillen: »Es nützt ja doch nicht viel. Der Vater müßte es jetzt sein, mit dem ich jenen Fall durchsprechen könnte! Mama soll nur hören, was ihr Freude macht, und dann soll sie mir erzählen, von ihrem lieben schönen Ältesten, zum Beispiel, der ihr mehr Vergnügen macht, als ich mit meiner Unbegreiflichkeit.«

Nun war sie schon dabei, die kleine Frau Doktor, und berichtete vom Sohn, der, vor kurzem noch flotter Student, soeben sein Referendarexamen gemacht und fürs erste Beschäftigung am Amtsgericht der Heimatstadt gefunden hatte. Hübsch und schneidig sehe er aus und bringe ordentlich Leben in das stille Doktorhaus. Schwester Marianne – nein, die könne er auch nicht ganz begreifen, aber er meinte zugleich, ihren eigenen Kopf habe die »Kleine« ja schon immer gehabt. Übrigens werde er wohl einmal kommen und sich nach ihr umsehen, nur nicht jetzt gleich.

Diese Aussicht erfreute natürlich Marianne, aber die Frage nach dem Vater konnte sie hierbei nicht unterdrücken. Wollte der denn nicht auch einmal Umschau bei ihr halten?

Hierzu machte die Frau Doktor ein drollig verschmitztes Gesicht und gab nicht recht Antwort.

Marianne aber wußte schon Bescheid. Wenn Mama ein Geheimnis hatte, verriet sie es nie – o nein – aber daß eins vorhanden war, sah man ihrem Gesicht an!

So wartete sie es geduldig ab und erlebte, daß am anderen Vormittag die Mutter erklärte, einen kleinen Spaziergang machen zu wollen.

»Allein?« fragte Marianne erstaunt. »Ich kann nicht mit; ich muß auf mein Mittagessen achtgeben, darf nicht so ohne weiteres herumschwärmen.«

»Natürlich nicht,« sagte lächelnd die Mutter. »Du hast ja heute für zwei zu sorgen! Koche nur ja nicht zu wenig Kartoffeln! Ich habe großen Hunger und muß doch von deiner eigenen Ernte mit Verständnis kosten, denn wir wollen ja vielleicht einen kleinen Handel machen, nicht wahr?«

Marianne nahm die Mutter zärtlich beim Kopf und sagte, sie küssend: »Nun willst du mir einen Gefallen tun, indem du auf meine bäuerlichen Neigungen eingehst! Gelt, ich kenn' dich? Na, nun mache nur deinen Spaziergang und verirre dich nicht!«

»Nein, ich nehme den Weg, den wir gestern fuhren; der gefiel mir so gut.«

»Also nach dem Bahnhof,« dachte Marianne, und eine Ahnung durchblitzte sie. Sie sagte aber nichts, sondern machte sich nur mit erhöhtem Eifer an ihr Mittagessen.

Ein feistes Häschen hing ja da, schon abgezogen und gespickt; so war es ihr aus dem Herrenhause in die Küche gelaufen – und Marianne dachte: »Unter diesen Umständen ist es auch für eine Lehrerin keine Kunst, Hausfrau zu spielen. Werde ich nicht geradezu verwöhnt? Und da will Mama mich noch beklagen!«

Das Häschen fing an, sich lieblich zu bräunen; nun hieß es, ganz bei der Sache sein. Wenn jetzt nur niemand sie störte! Sie hatte wirklich für nichts und niemand weiter Sinn.

Aber bald klinkte das Gitterpförtchen. Dann ging die Haustür – ein fester Schritt – ein leises Lachen – das waren Mamas liebe Töne – und der Schritt?

Marianne horchte nicht mehr, sondern lag schon im Arm des Vaters. Groß und stattlich war er in die Küche getreten, und seiner Tochter schien es, als fülle er den kleinen Raum fast aus mit seiner machtvollen Persönlichkeit.

Daneben zwitscherte die zierliche kleine Frau: »Habe ich nicht das Geheimnis gut bewahrt? Den Augenblick des Zusammentreffens gut abgepaßt? Eine Viertelstunde vor dem Dorf schon kam er mir entgegen, unser Wandersmann – also genau die Zeit und den Weg berechnet!«

»Was sonst gar nicht deine Stärke ist,« neckte der Doktor und lobte vor allem die Verschwiegenheit seiner Frau. Dann zog er Marianne abermals an sich, hielt sie wieder ein Ende von sich ab und bekannte: »Prächtig siehst du aus, Mädel – bin zufrieden mit dir!«

»O Vater« – Marianne hatte schnell einmal nach den: Hasen gesehen – »und ich bin überglücklich, daß du da bist, gerade jetzt!«

»Wirklich? Na ja, kann mir's schon denken! Wir müssen ja gewissermaßen kollegialisch was besprechen. Ich will dir gestehen, ich bin hauptsächlich wegen dieses kleinen ›Füerböters‹ gekommen. Denn hier muß nun zunächst ein ärztliches Gutachten abgegeben werden, obgleich der Fall Stoppsack beinahe auch deinen juristischen Bruder reizte. Doch sagt er ganz richtig: ›Jugendgerichte haben wir noch nicht hierzulande – also muß es zunächst vor ein anderes Forum.‹«

»O Vater, wie dank' ich dir, daß du gekommen bist! Ich war schon so in Unruhe, was nun geschehen müsse, denn bis jetzt haben wir eigentlich noch nichts im Auge gehabt als die Freude, die für Hermann Matersen aus dieser Aufklärung erwächst. Aber über den Jungen und sein Schicksal hat noch niemand etwas gesagt. Auf dem Hof ist das Haus voll Besuch, ein beständiges Kommen und Gehen in diesen Tagen –«

»Ich weiß,« unterbrach schmunzelnd der Vater. »Mama war ja selig über deinen Bericht von Tanz und Spiel. Sie fürchtet immer, du alterst hier vor der Zeit!«

»Aber du fürchtest das nicht?« fragte sie strahlend.

Der Vater strich sachte über ihr blühendes Gesicht. Die Mutter stand dabei und schmollte ein wenig.

»Lacht ihr mich nur aus, ihr beiden! Ihr seid natürlich viel großartiger! Aber jeder hat seinen Standpunkt.«

»Und der deine kann unter Umständen sehr hoch sein,« neckte der Doktor, hob seine Frau einfach auf und trug sie in die Stube, was sie sich strahlend gefallen ließ.

Lachend kam Marianne hinterdrein und rief: »Nein, so ein drolliges Bild hat doch mein ernstes Studierzimmer noch nicht gesehen! Gut, daß Ferien sind! Im Dorf glaubt sowieso kein Mensch, daß das meine Mutter ist, die ich mir gestern von der Bahn holte. Sähen sie euch jetzt, hieße es ganz gewiß: ›Dat Frölen hett 'n Brutpoar (Brautpaar) tau Bisäuk (zu Besuch).‹ Nun bitte, setzt euch, daß ich auftragen kann! Das dritte Besteck liegt ahnungsvoll bereit!«

Sie fand große Anerkennung mit ihrem Mittagessen. Des Vaters Hunger ließ nichts zu wünschen übrig. Zugleich fiel ein kleines Lob für die Mutter ab, die ihre Tochter, ehe sie sich den Wissenschaften widmete, so gut für die Häuslichkeit vorbereitet hatte.

Nun strahlte die kleine Frau wieder und gönnte es den beiden, ihre anderen Angelegenheiten zu erörtern, bei denen sie doch nicht recht mitkonnte oder mochte.

Frau Doktor Froben stammte aus anderer Zeit, aus Verhältnissen, wo die Erziehung der Töchter zu ernster Arbeit noch nicht so verbreitet war, wie heutzutage. Sie war ein sogenanntes »armes Fräulein « gewesen, letzter Sproß einer früher begüterten Adelsfamilie, die durch Verluste aller Art in schwer bedrängte Lage gekommen war. Nach verwöhnter Kindheit hatte schon die erste Jugend ein anderes Gesicht gezeigt, als die Kleine vielleicht träumte. Dann aber lernte sie am Krankenbett ihrer Mutter den Mann kennen, der die Schwerleidende mit Aufopferung und Selbstlosigkeit behandelte, und mit achtzehn Jahren war sie schon die Braut des Doktor Froben, der das zarte, weltunkundige Mädchen in einen sicheren Hafen führte, bevor es noch einen Begriff hatte von den Schwierigkeiten, die seiner sonst geharrt hätten in einem Leben voll Dornen und Sorgen, auf das es in keiner Hinsicht vorbereitet war.

An der Seite des trefflichen Mannes, der bei dem schweren Ernst seines Berufslebens sich gern den kleinen Sonnenstrahl für sein Haus einfing, durfte Frau Doktor Froben dies immer bleiben, das kindlich heitere sonnige Wesen, dem man gern alles Trübe aus dem Wege räumte, soviel es ging. So war es erklärlich, daß diese verwöhnte kleine Frau der so ganz anders gearteten Tochter nicht gleich und immer folgen konnte, als diese anfing, sich im Kopf das eigene Leben zurechtzulegen.

Unter des Vaters Augen und Händen entwickelten sich ja früh die von ihm geerbten Anlagen. Marianne war bald seine kleine freiwillige Hilfe im Kinderhospital. Aber für immer Krankenpflegerin werden? Nein, das gab die Mutter nicht zu, und auch der Vater bestand durchaus nicht darauf. So wurde denn der Lehrberuf ins Auge gefaßt; man dachte an eine städtische Schule, an nette Erzieherinnenstellen. Da machte ihnen dieses Mädchen den Streich und meldete sich aufs Dorf hinaus!

Und der Oberschulrat? Ja, der tat noch ein übriges mit besonderer Empfehlung, so daß die Anstellung wirklich zustande kam. Nun mußte man sich dareinfinden, die Tochter in einer Umwelt zu sehen, so ganz, ganz anders, als man gedacht und für selbstverständlich gefunden hätte …

Nach Tisch, als die Eltern noch ein kurzes Nickerchen gemacht hatten, fragte Marianne den Vater, wie lange er bleiben könne. Sie hörte, daß er allerdings mit dem Abendzuge zurück müsse, da am nächsten Tage eine Operation bevorstehe. Nun hieß es jeden Augenblick ausnutzen! Hinrich Stoppsack vor allem mußte herbei.

Marianne hatte sich Anning Kasten für alle Fälle bestellt, für etwaige kleine Hilfeleistungen oder Botengänge. So schickte sie das Kind schleunigst in das Haus der alten Frau und schärfte ihm ein, Hinrich unbedingt zu bringen; wenn er etwa sich dagegen wehrte, sollte Anning ihm versprechen, daß in des Fräuleins Küche noch »was Schönes« für ihn zurückgelegt sei.

Das Kind sah die Lehrerin mit den großen blauen Augen fragend an, und diese versicherte rasch: »Für dich natürlich auch, Anning! Lauf nur und kommt beide schnell wieder; ich habe sogar Kuchen aus der Stadt.«

Es reihte sich nun alles. Die Kinder wurden in der Küche mit Kaffee und süßem Gebäck gefüttert. Dann spülte Anning Geschirr, Hinrich aber mußte in die Stube zum Arzt, der nun auf die unverfänglichste Weise Fragen stellte und auch körperliche Untersuchungen vornahm. Schließlich brachte er den Jungen selbst zu seiner Großmutter zurück, um auch mit dieser allerlei zu besprechen.

Zitternd und weinend ließ die Alte alles über sich ergehen, ergab sich der gebietenden Persönlichkeit Doktor Frobens und versprach, in alles einzuwilligen, was etwa über den Enkel in nächster Zeit bestimmt würde.

Marianne, die hierbei zugegen war, wollte nun gern die Eltern mit den hiesigen Freunden bekannt machen und wußte doch nicht recht, wie das anfangen, weil sie auf dem Hofe noch viel Besuch vermutete. Da kam ihr schon Leonore entgegen, und sagte freundlich: »Ich wollte mir eben erlauben, Ihrer Mutter meinen Besuch zu machen, Fräulein Froben, und auch Ihnen gleich erzählen, was Papa zu der Geschichte gesagt hat. Er meint, zunächst müsse man wohl mit dem Jungen zum Arzt –«

»Der Arzt ist zur Stelle,« warf Marianne schnell ein. »Mein Vater – Fräulein Menkhausen!«

Überrascht reichte Leonore Doktor Froben die Hand und rief: »Sie kommen ja wie gerufen! Ich war nur auf Fräulein Frobens oft genannte Mama gefaßt – nun sind Sie auch da, in doppelter Eigenschaft hochwillkommen!«

So in natürlich liebenswürdiger Lebendigkeit ging Leonore mit bis zum Schulhause, machte sich ebenso mit Frau Doktor Froben bekannt, von der sie sichtlich entzückt war, und bat dann Mariannes Eltern, sie nach dem Hof zu begleiten, da Papa jetzt allein und gut zu sprechen sei.

»Unsere alten Damen machen nämlich eben eine Spazierfahrt,« sagte sie. »Papa hatte nur den Verwalter da zu wirtschaftlichen Besprechungen, aber der stört ja nicht – im Gegenteil, – Herrn Matersen geht das ja in erster Linie an, was uns augenblicklich so sehr beschäftigt. Nicht wahr, Fräulein Froben, davon kann auch der liebste Besuch Sie gegenwärtig nicht ganz ablenken?«

»Nein,« gestand Marianne, »und es ist auch meines Vaters Hauptzweck. Nicht meinetwegen ist er diesmal hier, sondern Hinrichs wegen!«

Als sie nun so in lebhaftem Gespräch durch das Dorf gingen, bekam Marianne so viel Grüße und freundliche Blicke, daß selbst Frau Doktor Froben zugestand: »Beliebt scheinst du hier ja sehr zu sein, Kind, und das ist auch was wert.«

»Viel,« sagte Marianne heiter und fuhr dann fort: »Mit dir, Mama, möchte ich am liebsten zuerst zu Frau Matersen gehen,die hatte doch hier die allerersten Freundlichkeiten für mich, so daß sie mir die nächste dazu scheint, meine Mama kennen zu lernen. Ihr seid beide so ein paar echte Mütter, durch und durch …«

Die Mutter drückte ihren Arm und entgegnete: »Das hast du gut erraten! Bei den Auseinandersetzungen der Herren brauche ich gar nicht dabeizusein.«

So traten sie denn, womit auch Leonore einverstanden war, zuerst ins Verwalterhäuschen, und sehr herzlich war die Begrüßung, die die beiden Frauen miteinander tauschten. Dann kam auch Lotte hinzu, und als Frau Doktor Froben dies liebliche, frisch-kluge Mädchen sah, bat sie es im stillen ihrer Tochter ab, daß sie ihr Unzufriedenheit mit dem kleinen Verkehrskreise von Grünweide gezeigt hatte.

Leider blieb diese reizende Lotte nur nicht immer hier, war bloß ein Feriengast! Aber jedenfalls – dies kleine Haus war im ganzen urgemütlich, und die alte Frau Matersen schien ja eine wahre Hochachtung vor Marianne zu empfinden. Allerdings begegneten sich Hermanns Mutter und die Lehrerin so herzlich, wie noch nie; das machte die Freude, die sie gleichermaßen heute beseelte.

Nach einem fröhlich verplauderten Halbstündchen führte dann Marianne die Mutter hinüber ins Herrenhaus.

Die Herren waren schon mit ihrer ernsten Beratung fertig – alles klipp und klar, was um so schneller gegangen war, als Doktor Froben einen wohlüberlegten Plan dem Gutsherrn unterbreitet hatte, der dessen Billigung fand. Der Arzt wußte von einer Anstalt, dessen Leiter ihm gut bekannt war; dort fanden schwachsinnige Kinder jeder Art Aufnahme und genossen in leiblicher wie geistiger Hinsicht die sorgsamste Überwachung und Behandlung. Es war aber weder eine Idiotenanstalt noch ein sogenanntes »Rauhes Haus«, sondern ein besonders geartetes Unternehmen, das ein Menschenfreund ins Leben gerufen hatte und mit allen Mitteln stützte.

Trotzdem konnte der Aufenthalt nicht ohne erhebliche Kosten sein, da es eine Privatanstalt war. Doktor Froben hob das gleich hervor, um zu sehen, ob der Gutsherr auch gewillt sei, so viel an den armen verwilderten Jungen zu wenden. Herr Menkhausen überlegte nur kurze Zeit und sah dabei seine Tochter an. Leonore, die der ganzen Unterhandlung mit lebhafter Aufmerksamkeit gefolgt war, verstand den Blick und sagte ohne Zögern: »Ich weiß, was du denkst, Papa – dies müßte meine Sache sein, nicht wahr? Wenn das Gut mit allen Leuten dereinst in meine Hand kommt, warum sollte ich nicht schon heute eine einzelne Aufgabe übernehmen, bei der ich nichts zu leisten, sondern nur zu geben hätte?«

»Bravo,« bemerkte Doktor Froben, und auch Hermann Matersen blickte heimlich gerührt auf das junge Mädchen; Herr Menkhausen aber entgegnete: »So meinte ich es allerdings, meine Deern – wollte mal sehen, ob es mehr als Schwärmerei ist mit der Leidenschaft für das Gutswesen – kein bloßes Strohfeuer!«

»O Papa,« rief Nelli mit blitzenden Augen, »prüfe mich – nimm mein ganzes Taschengeld und bezahle damit jene Anstalt!«

»Damit du mir Schulden machst, nicht wahr?« neckte der Vater. »Nee, so geht es denn doch nicht, aber etwas niedriger muß ich dein Taschengeld allerdings bemessen.«

»Natürlich! Was soll ich überhaupt in Holstein mit dem vielen Geld? Waschkleider und große Schürzen, das ist der rechte Putz für einen Wirtschaftslehrling – nicht wahr, Herr Matersen?«

Der junge Verwalter gab zu, die beste Tracht sei es allerdings.

»Na also,« sagte Neil, »da kann ich mir gut einen etwas kostspieligen Zögling erlauben. Nämlich.« fuhr sie zutraulich zu Doktor Froben gewandt fort, »mein Papa gibt mir ein beträchtliches Monatsgeld, wovon ich alle Anschaffungen für mich selber bestreiten muß, damit ich mit Geld umgehen lerne, wie es heißt – und nicht wahr, Papa, mein Buch stimmt immer ganz gut, wenn ich es dir am Ersten vorlege?«

»Na ja –« der Vater schmunzelte – »hast eben doch auch etwas Kaufmannsblut in dir, obgleich du hauptsächlich nach der Großmutter artest, die mit Leib und Seele Landwirtin war.«

Jetzt flüsterte Leonore ihrer Lotte zu: »Ist dieses Geld nicht tausendmal besser angewandt, als wenn es fortgesetzt in jenes Genfer Pensionat ginge?«

Lotte nickte mit glänzenden Augen. Jene Institutserziehung war nicht mehr nötig für die liebe Nell; die zeigte nun schon das Zeug, daß sie ihren Platz im Leben einst tüchtig ausfüllen würde.

Die Herren rauchten noch gemütlich eine Zigarre zusammen und machten mit den Damen einen Gang durch den schönen alten Garten. Frau Doktor Froben hatte den jungen Verwalter an ihrer Seite, und wieder, wie vorher bei seiner Schwester, mußte sie denken: »Es gibt doch ganz andere Leute auf dem Dorf, als ich dachte! Sieht dieser junge Landwirt nicht fast ebenso schneidig aus wie mein Referendar?« Und das war das Höchste, wozu das stolze Mutterherz sich bis jetzt aufschwingen konnte.

Marianne lächelte still in sich hinein, als sie die Mutter mit dem jungen Verwalter in so angeregtem Gespräch sah. Herr Matersen traf auch gleich den Ton, der bei der anmutigen Frau angebracht war: ritterlich – fast ein wenig beschützend – und mit seinen Beleuchtungen ländlicher Zustände so recht beruhigend und versichernd zu wirken bemüht. Dabei hatte er jetzt einen köstlich offenen, ruhigen Gesichtsausdruck, daß Marianne mit einiger Genugtuung empfand: »Nun scheut er sich nicht mehr, neue Bekanntschaften zu machen, weil in den Gesprächen peinliche Anspielungen lauern könnten!«

Doktor Froben mahnte schließlich zum Aufbruch und sagte dann im Gehen zu Marianne: »Ich muß meine Tochter noch ein wenig für mich haben – nur als alter Papa vom Mariandel, nicht bloß von der ehrwürdigen Dorfschulmeisterin, oder vom Untersuchungsrichter, wie deine junge Herrin sagt! Hör mal, das ist übrigens ein vortreffliches Mädchen! Dieser Vater kann sich ebenso gratulieren, wie ein gewisser Doktor.«

Na ja, hast eben auch etwas Kaufmannsblut in dir.

Marianne errötete.

»Oh, Papa, du hast Lotte Matersen nicht gesehen – ich weiß nicht, wo sie steckte –«

»Nee, aber den Bruder.«

»Kehr doch noch mal um – Lotte gefällt dir vielleicht am allerbesten von uns dreien!«

»Das glaube ich zwar nicht – aber ansehen will ich sie mir – ah, da ist auch die Frau Mutter!«

Sie traten nicht mehr ein; nach kurzer freundlicher Begrüßung drängte der Doktor zum Abschied. Man mußte zu Abend essen und dann zur Bahn.

Marianne fuhr mit, denn zurück zur Eisenbahnhaltestelle sollte der Vater nicht zu Fuß. Herr Menkhausen hatte den Landauer befohlen; so fuhren Vater und Tochter gemütlich zusammen dahin, noch hin und wieder ein herzliches Wort tauschend oder auch dem Zauber dieses kühlen, mondhellen Herbstabends still sich hingebend.

»Also hier bist du nun zu Hause, mein Mariandel,« sagte der Vater schließlich. »Ich lasse es gelten und freue mich, solange es dich freut. Sollte der Winter dich doch zu anderen Ansichten bringen, dir dies Leben zu beschwerlich werden, na, da weißt du ja, wo du wieder unterschlüpfen kannst!«

»Vater, ich glaube nicht, daß ich so bald fahnenflüchtig werde – trau mir nur und steh mir auch gegen Mama bei!«

Frau Doktor Froben blieb noch einige Tage, ohne aber sich recht einzuleben. Marianne stellte dies mit Bedauern fest, ließ jedoch sich selbst nicht davon beeinträchtigen; sie sah vielmehr mit Genugtuung dem Ende der Ferien entgegen, um endlich das Alltagsleben wieder aufzunehmen.

»Jetzt muß ich Ernst machen,« dachte sie. »Nach all den Abwechslungen und Lustbarkeiten der letzten Woche will ich nun ein ganz ehrpusseliges Schulmeisterlein sein!«

Alle Gäste waren abgereist, als letzte Lotte, die erst am siebenten Oktober wieder in ihre Klasse mußte. Vorher weilte sie noch einen ganzen Tag im Schulhause, kochte und speiste mit Marianne, war in den Schulstunden zugegen und verlebte endlich noch einen traulichen Abend mit Marianne. Dabei erfüllte sich denn auch ihr Wunsch, daß diese ihr das schwesterliche »Du« anbot. Nun gehe das Herzausschütten noch einmal so gut, versicherte Lotte, indem sie sich innig an die ältere Freundin lehnte und immer noch etwas und noch etwas zu sagen hatte.

Was Lotte jetzt so sehr beschäftigte, nachdem die eine sich auf ihren Bruder beziehende Angelegenheit so über Erwarten sich geklärt hatte, das waren ihre eigenen Zukunftspläne und Aussichten.

Sie gestand Marianne, daß es sie oft drücke, ihrem Bruder noch immer sozusagen »auf der Tasche zu liegen«.

»Der arme Hermann kommt ja nie dazu,« sagte sie ernsthaft, »für sich selbst etwas zu erübrigen, wenn er noch immerfort Schulgeld und teure Privatstunden außer der Pension für seine Schwester bezahlen muß. Ach, Marianne, es ist doch schlimm, daß unsere Ausbildung jetzt schon fast ebensoviel kostet, als die der Brüder!«

»Schlimm, sagst du,« versetzte die Ältere lächelnd, »aber andere rufen triumphierend: ›Endlich Gleichberechtigung!‹«

»Ach, ich habe mir das eigentlich nie gewünscht,« gestand Lotte träumerisch; »du doch auch nicht, Marianne?«

»Wer weiß?« gab diese schalkhaft zurück. »Ich gelte in meinen heimischen Kreisen schon fast für emanzipiert!«

»Ach, Unsinn,« eiferte Lotte, »das sind dann altmodische Beschränktheiten bei deinen Bekannten!«

»Manchmal allerdings. Aber wir wollten von dir sprechen, Lottchen! Also du machst dir für deinen Bruder Sorgen wegen der Kosten? Ich habe nun zwar den Eindruck, als täte der nichts lieber, denn seiner Schwester sorgend den Weg ins Leben hinaus zu ebnen.«

»Ja, gewiß – du mußt mich nicht mißverstehen! Hermann ist von einer Selbstlosigkeit ohnegleichen – braucht für sich fast nichts! Aber –« sie zögerte mit einem kleinen schelmischen Blick – »es kann doch nicht immer so bleiben. Er möchte mit der Zeit diese Stellung hier aufgeben –«

»Jetzt auch noch?« unterbrach Marianne enttäuscht, worauf Lotte rasch erklärte: »Nicht ›deshalb‹ mehr, auch nicht heute oder morgen – aber mit der Zeit hofft er doch ein Gut pachten zu können. Denn sieh, die Abhängigkeit auf immer, das ist nichts für ihn.«

»Natürlich, die eigene Scholle –«

»Ach, eigen, daran wird wohl nie zu denken sein! Aber immerhin doch etwas mehr, als nur Verwalter für andere sein!«

»Ich begreife das,« sagte Marianne mit einiger Zurückhaltung, und Lotte fuhr erregter fort: »Hier kann er ja nicht mal heiraten!«

Eine kleine Pause entstand; dann antwortete Marianne wieder: »Aber Lottchen, deshalb wirst du doch ruhig erst deine Studien vollenden können!«

»Das sagst du wohl – es sind immer noch über drei Jahre nach diesen strengen neuen Vorschriften. Sieh mal, da werde ich zwanzig Jahre alt, ehe ich einen Pfennig verdiene. Was hat da manch anderes Mädchen schon für die Seinen geleistet!«

Marianne war gerührt. Sie kannte ja genug vom Leben, um solche Sorgen zu verstehen, wenn sie ihr persönlich auch noch nicht nahegekommen waren. Ihr Vater, als äußerst geschickter und beliebter Arzt, hatte stets bedeutende Jahreseinnahmen. Der Zuschnitt des Hauses war, aus eigener Wahl, immer einfach gewesen, aber für die zwei Kinder konnte alles geschehen, was zu ihrer gründlichen Ausbildung gehörte. Daß also ein junges Mädchen sich Sorgen machte, ob das Schulgeld den Angehörigen nicht zu große Lasten auferlegte, war selbst ihr, der so viel Reiferen, völlig neu.

»Hinzu kommt noch,« fing jetzt Lotte wieder an, »daß ich auch gar nicht so ungeheure Lust habe, Lehrerin an einer Schule zu werden.«

»Nicht? Ich denke, du hast Kinder so gern, Lotte?«

»Hab' ich auch! Aber als eine von den Hamburger Damen neulich diese selbe Frage tat, erklärte ich ihnen, ich möchte lieber wirklich mit Kindern leben, statt sie täglich nur einige Stunden zu unterrichten und ihnen doch nie näher zu kommen. Ich würde sie gern auch pflegen und miterziehen. Da sahen sich die alten Damen bedeutsam an, und die nette Frau Senator Fedders sagte: Mein liebes Fräulein, für solche Neigungen und Anlagen – ich nehme an. daß Sie auch praktisch und hauswirtschaftlich etwas geübt sind – da gibt es in Hamburg zahllose Gelegenheiten. Fast in jedem großen Hause unserer Kreise sind solche Mädchen gesucht. Beste Bildung, wenn auch nicht gerade mit Diplomen bekräftigt, und häusliches Geschick! Wir werden gern an Sie denken, sollten Sie einmal einen solchen Platz zu haben wünschen.‹ Und siehst du, Marianne: Hieran muß ich nun immer denken! Ob das nicht ein Fingerzeig ist, meinen Weg von jetzt an zu ändern? Das Examen brauche ich dann nicht zu machen; meine übrige Bildung würde, glaube ich, für solche Stellung genügen, und was das Häusliche betrifft – Kochen ist in solchem Fall nie nötig, aber Schneidern erwünscht, oder wenigstens mit der Nadel bewandert sein. So sagt Nelli, die mir auch erklärt hat, daß diese Art Stellen in einem großen Hamburger Hause gut bezahlt werden und überhaupt keineswegs zu verwechseln seien mit den landläufigen Begriffen von der Stütze der Hausfrau.«

»Rät deine Freundin dir denn dazu, Lotte?«

»Halb und halb. Sie findet es etwas seltsam, daß wir beide dann so ganz die Rollen tauschen würden, ich in Hamburg leben und sie auf dem Lande – aber das ist ja Nebensache; zusammen bleiben wir ja doch nicht. Außerdem sagt sie aber, daß man in diesen Stellungen zu Anfang wohl etwas zu kämpfen hat und erst mit der Zeit so recht eigentlich zur Familie gezogen, dann aber auch öfters fürs Leben treu in ihr gehalten wird. Das käme eben auf die Persönlichkeit an.«

»Wie überall im Leben,« versetzte Marianne gedankenvoll. Dann bat Lotte: »Rate du mir, Mariandel – soll ich diesen Weg versuchen und Hermann ein paar tausend Mark ersparen?«

»Wird es dir nicht schwer,« fragte Marianne ausweichend, »die weitere wissenschaftliche Ausbildung aufzugeben? Du sagtest noch neulich, die Stunden bei eurem Deutschlehrer würden jetzt immer fesselnder.«

»Freilich, das ist auch so! Aber ich denke, gerade Deutsch, Literatur und alles, was dazu gehört, kann man, wenn schon eine gewisse tüchtige Grundlage gelegt ist, gut für sich allein weiter treiben. Besonders in einer großen Stadt, wo es doch so viel Anregungen durch Vorträge, Theater und so weiter gibt!«

»Wenn man sie besuchen darf und kann,« warf Marianne ein. »Die Gelegenheit wird sich selten bieten.«

»Oder man liest und bildet sich in der Stille weiter.«

»Wenn man Zeit hat,« hieß es abermals.

Nun sagte Lotte etwas kleinlaut: »Du willst mich abschrecken?«

Herzlich erwiderte Marianne: »Das nicht, mein liebes Mädchen, aber wohl überlegt muß der Fall werden! Ich möchte nicht, daß du dir für die Zukunft etwas abschnittest, wonach du doch einst Sehnsucht empfinden könntest, wenn jener andere Weg dir nicht genügt.«

Ein wenig seufzte Lotte, und nun fragte die Freundin: »Hast du mit deinem Bruder schon von diesen Plänen geredet?«

»Ganz flüchtig einmal nach jenem Gespräch mit den alten Damen, ehe ich selbst tiefer darüber nachgedacht hatte. Da warf er es weit weg, fand mich vorläufig zu jung dazu und überhaupt diese Art Stellung nicht gut genug für seine Schwester.«

»Dann mußt du doch wohl auf ihn hören!«

»Ach, ich sage dir ja, Hermann denkt immer nur an andere, an den eigenen Vorteil nicht! Ich will ihm doch gern sparen helfen, möchte endlich für mich selber zu sorgen anfangen!«

»Endlich?« neckte Marianne. »Es wird auch hohe Zeit, du Backfisch!«

»Sage das nicht, Marianne! Ich bin nicht sehr weit mehr von achtzehn –«

Jetzt kam Hermann, um Lotte abzuholen, und es gab einen zärtlichen Abschied zwischen den beiden neuen Duzschwestern.

Hermann stand dabei und dachte, daß er nun wohl weniger von Fräulein Froben sehen würde, wenn seine Schwester als Bindeglied fehlte; zugleich wurde es ihm deutlich, daß dies eine Entbehrung sei – gerade jetzt, da ihm war, als müsse er ihr immer aufs neue seinen Dank bezeigen für ihr kluges Vorgehen. Nicht in schönen Worten wollte er danken, denn das mochte sie ebensowenig wie er, aber man kann es ja auch anders zeigen!

Vierundzwanzigstes Kapitel: Ein bewegter Tag

Als Lotte am nächsten Morgen zur Bahn fuhr, fing Marianne mit der Schule wieder an. Ihr stilles Häuschen belebte sich. Als die Kinder, wenn auch ziemlich geräuschvoll, so doch nicht unmanierlich, wieder anrückten, trat ihnen die junge Lehrerin freundlich entgegen und hielt Überschau.

»Nun, die Ferien sind vorüber, und ihr seid ja alle wieder da,« sagte sie eben, da wurde ihr die mehrstimmige Antwort: »Hinrich Stoppsack is weg!«

»Ja, ich weiß es schon, Kinder; der kommt nicht mehr – der wird jetzt anderswo Unterricht erhalten!«

»Ja, hei (er) is man utritscht (durchgebrannt),« klang es wieder im Chor, und Marianne erschrak.

Christian Thielke mußte berichten, was er von der Sache wußte. So erfuhr die Lehrerin, daß der Junge durchaus nicht zu finden sei und die Großmutter schon immerfort nach ihm suche. Gastwirt Thielke habe ihn ja gerade heute zur Bahn bringen sollen, und nun sei er weg.

»Ach, was mag das Unglückskind nun wieder angestellt haben,« dachte Marianne voll Schrecken.

Da hörte sie draußen ein Scharren und Stöhnen, und in die Tür drängte sich ängstlich die alte Botenfrau.

»Is hei hier oog (auch) nich?« jammerte sie. »Frölen, ick säuk (suche) und säuk, von Klock söß (sechs Uhr) an bün ick up de Been (auf den Beinen), vor Dau un Dag möt hei weglopen sin (vor Tau und Tag muß er weggelaufen sein).«

Marianne fragte die Kinder, wann eins von ihnen Hinrich zuletzt gesehen habe. Am Abend vorher, berichteten sie, wußten aber nichts Rechtes und sahen nur alle ungeheuer neugierig aus, was das Fräulein nun wohl machen würde.

Da sagte Marianne schon: »Kinder, wir wollen mit der Stunde noch nicht anfangen; ihr paßt doch nicht auf!«

»Nee,« klang hie und da eine kleine kecke Stimme, die aber die Lehrerin diesmal ausnahmsweise nicht weiter beachtete.

»Helft der Großmutter suchen! Die alte Frau kann nicht mehr, und ihr wißt ja auch besser, wo ihr hinzulaufen pflegt, wenn ihr euch verstecken wollt.«

»Jaaa,« klang es wieder eifrig, und die Kindergesichter nahmen fast alle einen verschmitzten Ausdruck an. Marianne aber durchblitzte es: »Die Hundehütte,« und sofort erklärte sie: »Ich will auch suchen gehen. Thielke, du kannst mit mir kommen, und mir gleich mal sagen, wann dein Vater zur Bahn fahren wollte!«

»Um zehn Uhr,« antwortete Christian, und die Großmutter klagte: »Allens is prat (bereit), allens inpackt, bloß de nige (neue) Jack' hett hei noch nich an, un dat's man gaut (gut); wer weit (weih), wo hei sick rümdrifft (wo er sich rumtreibt)!«

Marianne eilte. Auf dem Hof war es recht still; der Verwalter brachte seine Schwester zur Bahn. So kam sie unangeredet bis zur Hundehütte, die dem alten Statthalter schon lange ein Dorn im Auge war, und die doch immer noch nicht weggenommen war, weil Hermann im stillen dachte, es müsse wieder ein Hund angeschafft werden. Er konnte sich nur noch nicht entschließen, weil ihm der vorige so lieb gewesen war.

»Jochen,« sagte Marianne jetzt zu ihrem kleinen Schüler, »kannst du wohl in die Hütte kriechen? Du bist ja nicht dick – versuche es mal!«

Oh, das wollte er schon tun! Daher also hatte er die Ehre, die Lehrerin zu begleiten, weil er so klein und dünn war!

Er kroch schon auf allen vieren, und alsbald hörte man aus dem alten Kasten Geräusch. Fast wie ein Zischen und zorniges Wehren, aber ein Tier war das nicht! Man war auf der rechten Spur, und schon krähte der kleine Jochen: »Hier is hei, ick heww em (hier ist er, ich Hab' ihn)!«

Ruhig gebot Marianne: »Kommt heraus, Kinder – Hinrich, dir geschieht ja nichts!«

»Hei will mi biten (beißen),« schrie der kleine Jochen, und nun wurde es Marianne bange. Dies war fast so, als wenn einer aufs Dach geflohen ist; da kann man auch nicht hinterdrein!

Sie sah die alte Hundehütte an und wunderte sich zum ersten Male ein bißchen über Herrn Matersen. Warum ließ er das alte Ding noch stehen? Das war ja wohl mit ein paar Fußtritten zusammenzubrechen!

Sie sah sich um – niemand kam, aber aus der offenen Stalltür klangen Stimmen. Mit ein paar raschen Schritten war sie am Schafstall und erwischte den alten Statthalter. Sie machte ihm schnell die Sache klar und schlug ihm vor, rasch die Hundehütte zu zerstören, damit die beiden Jungen wieder ans Licht kämen, ehe sie sich in dem engen Kasten bei der Balgerei was zuleide täten. Der Alte war auch sofort bei der Hand.

»Ich tu's, Frölen; ich wollt' dem alten Ding schon immer zu Leibe –« er kratzte sich hinterm Ohr –- »aber Sie müssen das dem Herrn Entspektor sagen, daß es auf Ihren Wunsch geschah!«

Das versprach Marianne. Da schlug der Alte schnell die morschen Bretterwände auseinander, daß man die beiden Jungen erreichen konnte. Sie hatten sich richtig ineinander verkrallt. Hinrich sah wild und verbissen aus, der kleine Jochen zornig, aber mutig. Stroh und Haare und Erde hafteten an ihnen, und Marianne dachte, wie die Großmutter: »Gut, daß er sein neues Zeug noch nicht anhatte, der kleine Reisende!«

»Kommt jetzt schnell,« sagte Marianne, »du mußt zur Bahn, Hinrich.«

»Ick will nich,« stieß der Junge hervor und machte ein störrisches Gesicht.

»Aber warum nicht? Bist du schon einmal auf der Eisenbahn gefahren?«

Keine Antwort.

»Du weißt gar nicht, was für ein Vergnügen das ist! Wenn ich könnte, führe ich gleich mit dir, aber ich muß ja Schule halten. Ich habe schon die erste Stunde versäumt, um dich zu suchen.«

Nun sah der Junge sie mit einem sonderbaren Blick an, fast als dächte er wirklich etwas – vielleicht: »Warum tust du das?«

»Komm nur recht schnell, Hinrich,« fuhr sie fort. »Du mußt dich noch waschen, und Großmutter hat eine neue Jacke für dich zum Anziehen. Auch viel Gutes zu essen hat sie dir eingepackt – ich glaube, sogar Kuchen.«

Der träge, widerwillige Schritt beschleunigte sich ein wenig; als gar der kleine Jochen auf den schlauen Einfall kam: »Kriegst Bonbons aus Vatting seinen Laden,« da schien Hinrich überwunden.

Marianne erzählte noch von der Eisenbahn, wie schnell das Fahren darauf geht, wie alles an einem vorbeifliegt, Häuser, Bäume und Menschen – aber das machte wenig Eindruck. Erst als sie von dem großen Kohlenfeuer sprach, das da angeheizt wird, kam wieder das unheimliche Glitzern in seine Augen.

Schließlich rannte er sogar das letzte kleine Stück bis zum Hause der Großmutter.

Marianne war ziemlich erschöpft, wich aber nicht eher, als bis sie Hinrich, sauber gekleidet und in jeder Hand eine Bonbontüte tragend, auf dem Wagen des Wirts verstaut sah und die Versicherung des braven Thielle hörte: »Frülen kann sick up mi verlaten (auf mich verlassen), ick pass' em up, bett (bis) ick em an den Herrn Entspektor afliever (abliefere).«

Also der wollte ihn selbst in jene Anstalt bringen! Marianne war beruhigt und kehrte nun schleunig in ihre Schule zurück.

Dort hatten die Kinder, denen noch die Ungebundenheit der Ferien in den Gliedern steckte, natürlich die unverhoffte Freistunde nach Gefallen ausgenutzt. Ziemliches Getobe scholl der Lehrerin entgegen. Nur die Größeren hatte sie ja zum Suchen ausgeschickt, und diese waren unverrichteter Sache längst wiedergekommen. Über Tische und Bänke war es gegangen, und der zum Schulanfang sauber gescheuerten Stube sah man dies nicht mehr viel an. Aber Marianne schalt nicht; sie fand, daß dies alles ganz natürlich zuging, und dachte nur: »Gut, daß die kleine Mama dies nicht mehr erlebt hat!«

Im selben Augenblick erfuhr sie etwas Liebliches. Aus ihrer kleinen Küche trat Anning Kasten, trug sorglich ein Brett vor sich mit einer dampfenden Tasse, und »Kaffee!« rief die Lehrerin; »Anning, du bist ja ein Goldkind! Ich bin so müde und durstig, denn Hinrich Stoppsack – na, Jöching kann euch die Geschichte erzählen; der hat mir auch brav beigestanden. Setzt euch auf eure Plätze, Kinder, und seid recht still; ich will nur meinen Kaffee austrinken. Anning, wie hast du den so schnell fertig bekommen?«

»Da war doch noch Extrakt in der Buddel (Flasche) – un Wasser hab' ich schon lang auf'm Feuer,' ich dacht, wenn Fräuling kam' –«

»Gut gedacht,« lobte Marianne und setzte im stillen hinzu: »Da ziehe ich mir ja wirklich eine kleine Stütze heran!«

Endlich stand die Lehrerin auf ihrem Platz neben der Wandtafel und sagte: »Nun wollen wir beten, Kinder, und dann recht fleißig sein!«

Keinen eingelernten Vers, sondern schlicht und gerade aus dem Herzen kommend betete Marianne den Kindern vor, dabei auch besonders des armen Jungen gedenkend, der nun nicht mehr in ihrer Mitte weilte, aber hoffentlich in anderer Schule auf den rechten Weg geführt würde. Dann gab sie eine Lesestunde, obwohl Rechnen auf dem Plan stand; aber sie wollte nicht nur den Kindern noch allerlei für heute Passendes und Bedeutsames zuführen, was sie aus dem wohlbekannten Lesebuch mit Leichtigkeit herausfand, sie wollte es auch endlich sich selbst ein klein wenig leicht machen, denn sie fühlte jetzt wirklich diesen stürmischen Morgen.

Aber es schien, als sollte heute keine Ruhe und Regelmäßigkeit eintreten.

Nach gar kurzer Zeit rief ein am Fenster sitzendes Mädchen: »Nu kümmt de Paster!«

Richtig, ein kleiner Einspänner fuhr vor, auf dem mit Decken und Fußsack verpackt der gute alte Pfarrer Treumund aus Langendorf saß.

»Gerade heute,« konnte Marianne nicht umhin flüchtig zu denken; aber dann war sie doch schon draußen und bot dem mit Hilfe des Knechtes mühsam herabkletternden alten Herrn herzlich Hand und Arm, um ihn ins Haus zu führen. Ein ganz klein wenig ächzte er wohl dabei, denn für seine gichtischen Glieder war es immerhin ein Unternehmen, diese Fahrt; aber dann sagte er schon mit der liebenswürdigen Schalkheit, die Marianne gleich anfangs an dem ehrwürdigen Herrn entdeckt hatte: »Ich konnte die alten Knochen nicht länger berücksichtigen; die Zeit wurde mir zu lang, bis ich Ihr freundliches Gesicht wiedersehen sollte, Fräulein – Kottwitz? Brandenburg?«

»Warum nicht gar Homburg?« entgegnete Marianne, schnell auf den Scherz eingehend.

»Ich weiß schon – Froben, der sich statt seines Großen Kurfürsten vom Schimmel stechen ließ! Nun, wenn das Ihr Ahne ist, so machen Sie ihm keine Schande, Kind! Ich habe so allerlei tapfere Sachen gehört und verstehe, daß Sie noch keine Zeit wieder hatten, in mein stilles Studio zu kommen. Wenn man so ernste, eingreifende Dinge vorhat –«

»Oh, es war auch allerhand Vergnügliches dabei, Herr Pfarrer,« sagte Marianne verlegen ablenkend.

»Ich weiß auch das,« fiel der alte Herr ein, »und habe mich für Sie gefreut, daß Sie einmal mit jung sein durften! Emmi von Dahlen war bei mir – Nelli Menkhausen konnte ich leider nicht annehmen, weil ich an dem Tage recht jämmerlich zu Bette lag.«

»Oh,« bedauerte Marianne, und Pfarrer Treumund fuhr fort: »Ja, ja, Kind, es geht mir recht mäßig, trotz der langen, teuren Badekur! Nie wende ich wieder so viel Geld an mich! Der Doktor verlangte es durchaus, aber der liebe Herrgott scheint anders zu wollen und die Schmerzen heilsam für mich zu finden. Nun, ich habe es oft genug auf der Kanzel auslegen dürfen, daß uns ›alle Dinge zum Besten dienen müssen‹. Ich weiß schon – Oha,« unterbrach er sich plötzlich, »das tat mal wieder weh! Aber still doch – still – wer redet wohl so viel von sich und seinen Leiden, wenn so ein frisch-freundliches Mädchen vor einem steht!«

Marianne hatte es dem alten Herrn in ihrem Sofa so bequem wie möglich gemacht, ein Glas Wein vor ihn gestellt – dafür hatte neulich der Vater gesorgt, daß sie es konnte – und fragte nun bescheiden: »Wollten Herr Pfarrer heute noch etwas vom Unterricht hören, oder soll ich die Kinder lieber fortschicken?«

»Ich müßte die Gelegenheit benutzen,« sagte Pfarrer Treumund zögernd, »denn wer weiß, wann ich wiederkommen kann? Aber für den Augenblick – das gestehe ich – möchte ich mich nicht schon wieder aus diesem Eckchen rühren. Wie freundlich es bei Ihnen ist – wie die Sonne meinen alten Gliedern wohltut, ob es auch bereits Oktobersonne ist! Und buntes Weinlaub haben Sie auch noch vor dem Fenster!«

»Aber nicht so schöne Blumen, wie Sie, Herr Pfarrer!«

»Kommen sicher noch! Meine Kordel soll Ihnen Ableger einpflanzen.«

»Verzeihen Herr Pfarrer einen Augenblick – ich will nur die Kinder beschäftigen, bis Sie sich ausgeruht haben und dann doch vielleicht noch einen Augenblick hinüber in die Klasse kommen.«

Der Gast nickte, und Marianne ging hinaus. Sie hieß die Kinder ihre Schönschreibehefte nehmen; sie setzte einen kleinen Preis für die beste Schrift aus, die dem Herrn Pfarrer vorgelegt würde, und vor allem bat sie: »Seid recht still, Kinder! Herr Pfarrer kann keinen Lärm vertragen – ist ja krank! Nicht wahr, ihr tut es mir zuliebe?«

Da waren sie alle still, und ergeben blickten die meisten das Fräulein an.

Marianne aber saß nun in Ruhe bei dem alten Herrn, antwortete auf alle seine Fragen nach den letzten Erlebnissen und sagte manchmal wie entschuldigend dazwischen: »Bin ich auch nicht gar zu selbständig vorgegangen, Herr Pfarrer? Ach, ich hätte gern manchmal einen Rat eingeholt, aber es ergab sich immer alles aus der Gelegenheit des Augenblicks, und dann konnte ich nichts weiter, als ein kleines Stoßgebet zum Himmel schicken, daß ich es nur recht machen möge.«

»Und was anderes hätte ich Ihnen raten können, mein Kind?« erwiderte der Greis milde.

Marianne gestand noch, daß ihr doch manchmal recht bange gewesen sei vor der unheimlichen Natur jenes Kindes, daß sie nun aber ruhiger denke, seit ihr Doktorvater die Sache unter Zustimmung des Gutsherrn in die Hand genommen habe.

Davon wußte der alte Herr noch nichts Näheres, und nun durfte Marianne nach Herzenslust erzählen, vom gütigen Geheimrat Menkhausen, von Nellis freudiger Hilfsbereitschaft, vom eigenen klugen und tüchtigen Vater, und schließlich von der »lieben süßen Mama«.

Der alte Herr hatte sich sichtlich erholt; er stöhnte nicht mehr. Regste Anteilnahme lag in seinen hellen blauen Augen, und heiter sagte er plötzlich: »So, mein liebes Fräulein, nun habe ich mich soweit ausgeruht und gestärkt, dank Ihrer hausfraulichen Sorgfalt – nun möchte ich Sie auch noch als Lehrerin kennen lernen! Bitte, lassen Sie uns hinübergehen!«

Im Schulzimmer saßen die Kinder still und ordentlich, als die junge Lehrerin den ehrwürdigen Herrn hineinführte und freundlich aufmunternd sagte: »Nun sollt ihr dem Herrn Pfarrer mal zeigen, was ihr wißt – von den schönen biblischen Geschichten, von Liedern und Sprüchen. Anning Kasten, fang du an und sag das Lied, das wir zuletzt gelernt haben!«

Sogleich stand das Kind mit gefalteten Händen da; es ließ die großen blauen Augen einmal zaghaft zwischen der Lehrerin und dem Pfarrer hin und her gehen und dann ruhig auf dem vertrauten Gesicht Mariannes haften, während es aufsagte: »Befiehl du deine Wege –«

Drei Verse, ohne Stocken, dann forderte Marianne auf: »Nun eine von den Großen weiter! Mile Sievert, willst du?«

Ein wenig sperrte sich die Große, als wäre sie ihrer Sache nicht sicher, aber dann ging es doch; nur klang es jetzt in dem bekannten Leierton, während man bei der kleinen Anna das Gefühl hatte, als verstehe sie schon, was sie sagte, und habe Freude daran.

Mile Sievert, eins von den Maurerkindern, gehörte eigentlich zu den begabteren Schülerinnen; aber die schlechte Erziehung, der Ton zu Hause machten sich viel bei ihr geltend und erschwerten es der Lehrerin, sie so zu fördern, wie es ihr Wunsch war und bei Miles Begabung sich wohl hätte erreichen lassen.

Ehe Marianne weiterging, fragte sie bescheiden: »Herr Pfarrer, wünschen Sie jetzt zu fragen, oder soll ich fortfahren?«

Der alte Herr lächelte.

»Bitte, Sie, Fräulein Froben; ich höre heute nur zu.«

Marianne verstand, daß sie und ihre Art des Unterrichts hauptsächlich geprüft werden sollte. Es focht sie aber gar nicht an. Sie erzählte, sie fragte, sie flocht in die biblischen Geschichten kleine Nutzanwendungen auf das tägliche Leben, wie es diese Kinder umgab, und alles klang so natürlich und einfach, und doch so durchtränkt von tiefster Ehrfurcht vor der heiligen Sache, daß der Pfarrer seine helle Freude daran hatte.

Zuletzt tat er dann doch noch selbst einige Fragen, und wirklich, ein paarmal wurden ihm Sprüche angeführt, die er dabei im Sinne hatte. Das zeugte doch von Unterricht, bei dem es nicht bloß auf geistloses Auswendiglernen abgesehen war, sondern wo jedes einzelne Kind mittun mußte und Freiheit hatte, sich zu äußern, wie es wollte.

Als es zwölf Uhr schlug und vom Turm die Mittagsglocke klang, senkten alle Kinder einen Augenblick die Köpfe; dann hieß es: »Aus! Ihr könnt heim!«

Nun gingen sie alle einzeln beim Herrn Pfarrer vorbei, und er sah aufmerksam in jedes kleine Gesicht. Er nannte manchen Namen oder fragte danach, wo sein Gedächtnis ihn verließ. Zuletzt äußerte er sich noch mit einem lieben feinen Lächeln: »Ihr habt es jetzt gut, ihr Kinder – vergeßt das nie!«

Als das Zimmer dann leer war, sagte er: »Nun danke ich Ihnen, Fräulein Froben, und habe zugleich schon wieder eine Bitte. Führen Sie mich noch ins Dorf; ich möchte auch die Alten im Armenhause aufsuchen. Die alte Stilling hat schon manchmal mir gepredigt, während sie Erbauung von mir erwarten durfte; jetzt, da mich das gleiche Leiden faßt wie sie, wird sie gewiß ein gutes, gescheites Wort für mich haben.«

Dies letzte rührte Marianne geradezu. In stiller Freudigkeit ging sie mit ihrem ehrwürdigen Gast die sonnige Dorfstraße entlang, ihn sorglich führend, wie eine Tochter. Dann bestellte sie im Krug, daß der dort eingestellte Wagen den Herrn Pfarrer vom Armenhause abholen solle, und kehrte schnell heim.

»Ist das ein Tag!« sagte sie vor sich hin. »Wenn doch jetzt nichts Besonderes mehr käme!«

In dem Schulgärtchen war es noch so sonnig und warm, als hätte die Oktobersonne sommerliche Kraft. »Man kann wahrlich noch ein Weilchen hier sitzen,« dachte sie und trug einen Stuhl unter den Apfelbaum.

Wie sie glänzten, die rotbackigen Äpfel! Leise löste sich hie und da einer und fiel ins hohe Gras. Man mußte wohl daran denken, jemand zu beauftragen, der sie geschickt abnahm, ehe das Wetter etwa umschlug. Auf den richtig erfaßten Zeitpunkt kam es bei jeder Ernte an, das wußte sie schon. Saat und Ernte sind es ja, die dem Leben auf dem Lande das Gepräge geben. War sie nicht auch ein Sämann, und war nicht der berufene Prüfer ihrer Tätigkeit heute mit ihrer bescheidenen Schulmeisteret zufrieden gewesen?

Marianne fühlte sich recht glücklich, sie holte sich ein liebes Buch und las still des Dichters Worte von hilfsbereiter Menschenliebe.

Fünfundzwanzigstes Kapitel: Edler Wettstreit

Der junge Verwalter kam von der kleinen Reise zurück, die er unternommen hatte, um Hinrich Stoppsack in jene Anstalt zu bringen. Als er gegen Abend durch das Dorf fuhr, schien es ihm, als hätte Fräulein Froben das allernächste Anrecht auf seine Erzählungen und Eindrücke. Aber er lenkte doch zuerst dem Hofe zu, wo unterdessen die Mutter seine Gedanken erraten und Botschaft ins Schulhaus geschickt hatte, ob Fräulein Froben heute zum Tee kommen möchte.

Marianne ging erfreut hierauf ein. Als nun die alte Frau und das junge Mädchen behaglich plaudernd beisammensahen, fuhr bald darauf der Wagen vor, und Hermann Matersen dachte schon bei seinem Eintreten: »O wie freundlich ist doch heute das Zimmer!«

Als er seine Mutter begrüßte, legte er ihr eine Hand auf die Schulter und sagte froh: »Nicht wahr, Mutting, das ist heute ein anderes Heimkommen wie vor zwei Monaten damals aus der Stadt?«

Glücklich nickte die Mutter, und Hermann fuhr fort: »Wie merkwürdig hell ist es übrigens heute hier! Hast du den neuen Brenner für die Hängelampe gekauft, wie wir schon mal besprachen?«

»Nein, Hermann, noch immer nicht,« entgegnete Frau Matersen, wobei sie heimlich dachte: »Die Helligkeit hat heute wohl andere Gründe,« und verstohlen lächelnd auf Marianne Froben sah, auf deren liebem Antlitz auch Hermanns Blick voll Ausdruck ruhte. »Die Lampe brennt aber wirklich sehr gut,« sagte Marianne etwas verlegen. »Ich will das nur gleich benutzen und meine Handarbeit nehmen.«

Sie zog eine Stickerei hervor, und »Schon bei Weihnachtsarbeiten?« fragte Hermann, welcher noch hin und her zu gehen hatte, ehe er sich zu den Damen an den Tisch setzte, um seine vielen Erlebnisse auszukramen.

Hinrich Stoppsack, der kleine »Reisende wider Willen«, hatte seinen Begleitern noch einigermaßen zu schaffen gemacht. Wenigstens versicherte der Gastwirt, daß er ihn ein paarmal kräftig habe festhalten müssen, weil er dachte, der Junge springe ihm im vollen Fahren vom Wagen. Nur die »Bebons« hätten ihn zu beschwichtigen vermocht.

Auf dem Bahnhof hatte dann der Wirt ihn an den Verwalter abgeliefert, und dieser, nachdem er seine Schwester hatte abfahren sehen, war nicht ohne Schwierigkeiten mit dem Jungen in den anderen Zug gestiegen.

»Und glauben Sie wohl, Fräulein Froben: erst der Dampf und Rauch, das Zischen und Fauchen, das eine nahe Feuerstätte ankündigte, machte ihn etwas lenksamer. Bei jeder Haltestelle achtete er nun darauf und fing sogar an, Fragen zu stellen!«

Marianne nickte; mit demselben Lockmittel hatte sie ihn ja gestern vorwärts getrieben, als er noch immer nicht fort wollte.

Nun erzählte Hermann noch von der Anstalt, wo er die besten Eindrücke gewonnen und sich im Gespräch mit dem Leiter des Hauses über alles mögliche unterrichtet habe. Man dürfe jetzt wohl guten Mutes sein und dem Jungen, wenn man ihn auch keineswegs vergessen werde, doch keinen Einfluß mehr auf die Gegenwart einräumen.

Dabei sah der junge Matersen so hell und freudig auf Marianne, wie noch nie, und die Mutter, wieder so flink wie früher aufstehend, sagte: »Ich will nur mal nach dem Abendessen schauen.«

Damit ging sie hinaus und dachte, während sie in der Speisekammer Schinken und Wurst aufschnitt, bloß an das liebliche Bild: ihr Sohn, freudig, beredt und mutig, und daneben das liebe kluge Mädchen, dem sie alle so dankbar zu sein hatten!

Hermann kam indessen wieder auf die hübsche Stickerei zu sprechen und auf Weihnachten. Marianne erklärte, dies Kissen habe vorläufig nichts mit Weihnacht zu tun; das sei eine kleine Hochzeitsgabe für Lehrer Langreuther. Er und seine Braut hätten so herzlich gebeten, ihnen doch wenigstens zum Polterabend »die Ehre zu geben«, daß sie es dem Kollegen nicht habe abschlagen können.

»Richtig, im November ist die Hochzeit,« sagte Hermann lebhaft.

Da trat gerade die Mutter wieder ein, und ihre großen, froh erschrockenen Augen zeigten an, daß sie beinahe einen Augenblick ihres Sohnes Ausruf anders gedeutet hätte. Aber nein, so schnell ging das doch nicht bei ihrem Manne! Sie ließ sich also nichts merken, sondern bat gleich zu Tisch, und wieder sagte Hermann fröhlich: »Das ist ein anderer Abend, Mutting, als damals, wo uns immer wieder die Suppe kalt wurde und du schließlich Teller und Terrine abräumtest.«

»Suppe?« fragte Marianne schnell und freundlich. »Pflegen Sie immer Suppe zu essen? Dann sollten Sie nicht meinetwegen eine Ausnahme machen; ich esse auch sehr gern Milchsuppe.«

Hermann lachte und fand das zwar sehr gemütlich, aber beteuerte zugleich: »Und ich trinke so sehr gern mal Tee, bekomme nur keinen außer Sonntags, und dann – ganz schwach: anders findet meine Mutter ihn ungesund.«

Recht spitzbübisch sah sein hübsches ernstes Gesicht dazu aus; die Mutter aber entschuldigte sich, sie könne nach starkem Tee nicht schlafen, und denke immer, daß es anderen Leuten auch so gehen müsse.

Marianne, die schon nach dem blanken Kessel auf dem altmodischen Kohlenfaß gesehen hatte, bat nun zutraulich: »Vertrauen Sie mir einmal die Teebüchse an, Frau Matersen?«

Da erhielt sie mit freundlichster Miene ein ganzes Schlüsselbund, und die kleine Weisung »Im Eckschrank oben links« genügte vollständig, um Marianne gleich darauf in anmutiger Geschäftigkeit am Eßtisch zu sehen.

Der Tee wurde gut. Hermann trank drei Tassen und sah so genau zu, wie er entstand, als wollte er sich die Kunst dieser geschickten Bereitung recht fest einprägen: dies Anwärmen des Teetopfes, das Angießen, Nach- und Abgießen, damit er nicht zu lange ziehe. Die Mutter wollte zwar behaupten, er würde »kein Auge zutun« nach diesem Teegenuß. Aber er versicherte nur heiter, das würde er wohl sowieso diese Nacht nicht tun, und das schade auch nichts; es wache sich jetzt mitunter ganz vergnüglich. Auch sei morgen Sonntag; da brauche er nicht so früh heraus.

»Und wir Schulleute auch nicht,« bemerkte Marianne und brachte das Gespräch auf Lotte, die an diesem Abend auch gewiß gern mit am Tisch säße, statt über den Schulbüchern. Die Mutter erwiderte, von letzteren wolle Lotte in neuerer Zeit nicht viel mehr wissen. Ob sie Fräulein Froben auch eingeweiht habe in ihre neuesten Gedanken?

»In denen Sie Lotte hoffentlich nicht bestärkt haben,« fiel Hermann rasch ein, und als Marianne nur ein wenig den Kopf schüttelte, setzte er hinzu: »Sie sind jedenfalls davon überzeugt, daß ich für meine Schwester mit Freuden sorge, solange es nötig ist, und an ihrer Ausbildung nichts sparen will oder muß.«

»Genau so sagte ich zu Lotte,« erwiderte Marianne sanft, und Hermann sah sie dankbar an.

»Trotzdem,« versetzte Frau Matersen bedächtig, »wäre es ja wohl zu überlegen, wenn sich eine derartige Stellung bieten sollte. Denn – ich kann es nicht leugnen – die Lotte ihr ganzes Leben lang unter Büchern und im Schulzimmer zu wissen, das will mir manchmal nicht in den Sinn. Sie sieht ja frisch und gesund aus, aber – besonders kräftig ist sie nicht, und die Kopfschmerzen, die sich in letzter Zeit häufiger einstellen, beunruhigen mich doch oft. Ein wenig mehr Abwechslung in der Beschäftigung wäre ihr gewiß heilsamer.«

»Das ist dann freilich ein anderer Standpunkt,« gab Hermann zu, worauf Marianne noch erwähnte, daß ihr Vater neulich geäußert habe: »Reizend hübsches Mädchen, die Matersen, aber recht zart!«

Nun sah die Mutter beunruhigt auf, und Marianne beschwichtigte schnell: »So ernst ist es nicht gemeint, liebe Frau Matersen; es kam vielleicht nur im Vergleich zu Leonore Menkhausen, von der mein Vater sagte: ›Straff und tatbereit von innen und außen, aber ein bißchen grobknochig und großzügig‹ – wie so Ärzte reden,« fügte sie gleichsam entschuldigend hinzu. »Vater sprach sonst mit großer Hochachtung von unserem Gutsfräulein!«

»Die ja auch ein trefflicher Charakter ist,« schloß Hermann mit Nachdruck, und damit endete für diesmal das Gespräch. Für Lotte aber war es mehr als das flüchtige Aufblitzen eines Gedankens gewesen. Sie wünschte ernstlich, den Bruder zu entlasten, denn es war ihr, als würde sie sonst seinem Lebensglück im Wege stehen. Nun sollte er endlich einmal für sich selbst sorgen, an eine andere Lebenseinrichtung denken; er sollte – oh, Lotte wußte ganz genau, was er sollte, wenn es nach ihr ginge! Und sie glaubte, daß das auch nicht zu weitab von seinen Wünschen liege!

So dauerte es gar nicht lange, da hatte sie fein und geschickt einen Brief an Frau Senator Fedders verfaßt und diese würdige, menschenfreundliche Dame gebeten, bei vorkommender Gelegenheit an sie zu denken – ihr einen Platz in Hamburg zu verschaffen, von dem sie glaube, daß ein zwar noch junges, aber von dem besten Streben beseeltes Mädchen ihn ausfüllen könne. Sie erinnerte an das Gespräch in Grünweide am Tage nach der Jagd und sprach die Hoffnung aus, daß Frau Senator noch ebenso urteile wie damals und ihre gütige Empfehlung nicht versagen würde.

Dieser Brief, so ernsthaft und bescheiden gehalten, verfehlte seine Wirkung nicht. Bald schrieb Frau Senator Fedders, der die gewinnende Erscheinung des jungen Mädchens noch deutlich vorschwebte, sie glaube, schon in kurzem eine Stelle für sie zu wissen. Ihre Schwägerin, Frau Konsul Ohlstedt, wünsche einen Wechsel in ihrem Hause vorzunehmen und würde sich zur Zeit selbst an sie wenden, wobei dann die näheren Bedingungen erörtert werden sollten.

Was nun »zur Zeit« bedeutete, war ja nicht klar; aber Lotte glaubte zu wissen, daß in Hamburg derartige Verpflichtungen von Monat zu Monat laufen.

So traf sie entschlossen ihre Vorkehrungen. Sie meldete sich zu Neujahr vorläufig im Seminar ab und wollte dafür einem Kursus für Weißnäherei beitreten, sowie ein wenig in einer Schneiderstube mitnähen, wenn für ein richtiges Schneidernlernen die Zeit zu kurz war.

Natürlich hatte sie in einem Brief nach Hause noch einmal diese Sache besprochen und die Einwilligung von Mutter und Bruder eingeholt. Nur, da der erste Brief nach Hamburg schon vorher geschrieben war, konnte Hermann es sich nicht versagen, etwas von »eigenmächtigem Vorgehen« zu bemerken.

Nicht ohne Rührung las Hermann den Brief.

Nun schrieb Lotte erschrocken zurück, bat bei dem brüderlichen Vormund um Verzeihung und versicherte noch einmal zärtlich: »Manne, es ist ja hauptsächlich deinetwegen – versteh das doch! Hätte ich noch viel Worte vorher darüber gemacht, hättest du doch nur abgeraten, aber geradezu verbieten wirst du es mir nicht. Laß mich es nur mal versuchen, ob ich schon was nützen und – verdienen kann!«

Nicht ohne Rührung las Hermann diese Briefstelle, und die Mutter sagte: »Sie meint es ja wirklich gut, und ich – nun du weißt, ich habe nichts dagegen, wenn sie einmal etwas von den Büchern und der Schule abkommt.«

»Na ja, aber doch nicht meinetwegen,« brummte Hermann.

Frau Matersen lächelte.

»Sie hat wohl so ihre besonderen Gedanken, meine Junge. Sieh mal, als kürzlich Neuhof wieder verpachtet werden sollte und ich so hinwarf, das wäre vielleicht was für dich, wenn die Pachtsumme nicht zu hoch angesetzt würde – da konnte Lotte gar nicht von dieser Angelegenheit wieder abkommen. Sie wollte genau die Summe wissen, und um wieviel sie dir zu hoch sei – ob das Gut dir sonst recht und nicht zu klein sei – schließlich kam sie mit der Ansicht heraus, daß sie und ihre Ausbildung dich am Fortkommen hindere, und das leide sie nicht; du solltest glücklich werden, solltest heiraten – – ganz aufgeregt war sie, und nun siehst du, wie ernst es ihr war!«

Mit langen Schritten ging Hermann im Zimmer auf und ab und sagte vorläufig nichts. Endlich blieb er bei der Mutter am Nähtisch stehen.

»Mutter, vor einigen Monaten wäre ich gern von hier fortgegangen – das weißt du – die bösen und dummen Redereien hätten mich vertreiben können. Aber ich wollte die Stelle hier nicht fahren lassen; so einträglich und auch sonst angenehm findet man sie nicht alle Tage, und – ich stehe doch nicht für mich allein da – ich habe für Liebes zu sorgen in euch beiden!«

»Eines Tages wirst du Lieberes haben als Mutter und Schwester – so meint es Lotte, und – so meine ich es auch!«

»Mutter –– «

»Es ist das Natürliche, mein Sohn, und das, was für uns die größte Freude bedeuten würde. Darum ist es begreiflich, daß wir beide auf unsere Art darüber nachdenken. Hier in Grünweide, meine ich, kannst du nicht jahraus, jahrein mehr bleiben, obwohl jene Gründe, die du erst nanntest, jetzt wegfallen –«

»Gottlob,« warf Hermann ein, und seine Augen leuchteten, während er an die liebe kluge Helferin im Schulhause dachte.

»Du hast mir öfter die Ersparnisse genannt, die du hier jährlich zu machen pflegst. Glaubst du nicht, daß es nun bald dazu reichen könnte, ein kleineres Gut anzufassen, wenn die Bedingungen günstig sind, und wenn du daneben für niemand zu sorgen hast? Ich zum Beispiel –«

»Mutter, was willst du sagen?«

»Nichts Schlimmes, mein Sohn – leben möcht' ich noch gern ein wenig, wenn Gott so will –«

»Mein Mutting!«

»Aber ich könnte ja hier bleiben, einem neuen Verwalter die Wirtschaft führen und die gutbesoldete Stelle der Kastellanin im Herrenhause versehen; wenn dann auch Lotte eine auskömmliche Stelle in Hamburg hätte – –«

Jetzt nahm der Sohn das Gesicht der alten Frau in beide Hände.

»Mutting, soll ich gleich ins Schulhaus gehen?« fragte er schelmisch zärtlich.

Sie verstand ihn und antwortete schlicht: »Mir wäre es recht und lieb.«

Aber Hermann ging nicht, vielmehr setzte er sich an den Schreibtisch, um Lottes Brief zu beantworten.

»Versuche also dein Heil, Schwesterchen – ich tue es auch! In der Schule ist ja das Fragen erlaubt, und die Antworten, die es da gibt, müssen einem heilsam sein, so oder so.«

Dies schrieb er, zum Entzücken seiner Schwester. Aber so mutig es auf dem Papier sich auch ausnahm, er zögerte doch noch!

Sechsundzwanzigstes Kapitel: Herbstabend im Dorf

Marianne Froben saß am Schreibtisch bei der Lampe und bereitete sich zum folgenden Tag für die Schule vor. Der Herbstwind rüttelte an den Fenstern. Desto traulicher und sicherer erschien das kleine Zimmer, und Marianne dachte dankbar, daß sie es hier in Grünweide doch recht gut getroffen habe. Die Holzläden waren geschlossen; da sie aber nach altmodischer Art herzförmige Ausschnitte hatten, fiel der helle Lichtschein auf die Dorfstraße hinaus, und wer vorüberging, dachte vielleicht: »Da sitzt sie nun, die junge tapfere Schulmeisterin! Ob es ihr einsam ist – ob der Winter ihr nicht bange macht trotz allein guten Willen?«

Wenigstens dachte so der junge Verwalter, als er nach Feierabend durchs Dorf schritt und das Licht vom Schulhause sah.

»Macht es ihr noch immer Freude, oder würde sie eines Tages gern die Bücher und die rote Tinte beiseiteschieben? Ist sie jetzt eifrig dabei, mit der kleinen ernsthaften Falte in der jungen Stirn? Oder was treibt sie wohl?«

Ach ja, im Sommer war es einfach, davon etwas zu erfahren! Ging man am Schulgärtchen vorbei, konnte man so manches Mal am Gitter ein Wort plaudern. Durch die meist offenstehenden Fenster drangen die Stimmen der Schulkinder, oder man hörte auch das Fräulein lieblich ein Liedchen vor sich hin singen. Jetzt schufen geschlossene Tür und Laden unwillkürlich achtungsvolle Zurückhaltung.

Hermann Matersen war ja auch nur ins Dorf gegangen, um wirtschaftliche Dinge zu besprechen. In der Schmiede war eine von den neuen schottischen Eggen, an der sich viel zu früh eine Ausbesserung nötig erwies; da mußte er selbst nachsehen und hören, was der Schmied dazu meinte. Auch Maurer Sievert wollte er bestellen, daß er morgen den Hühnerstall frisch ausweiße. Mutter klagte schon, daß die Hühner schlecht legten; unbedingte Reinlichkeit und Wärme des Stalles war da Notsache.

Über Erwarten günstig traf er heute die Zustände in dem nicht wohlbeleumundeten Maurerhause. Die Frau war außer Bett und sah zufriedener aus als sonst, die große Tochter saß mit Handarbeit am Tisch und achtete scheinbar auf die Schularbeiten der Kleinen. Die kluge Mile sagte gerade laut etwas her und ließ sich auch nicht stören, als der Verwalter eintrat. Im Gegenteil, sie schien es darauf anzulegen, ihren Fleiß und ihr Wissen recht vor ihm zu zeigen. Er tat ihr auch den Gefallen, einen Augenblick sich mit ihr zu beschäftigen, und konnte nicht umhin, sich über ihre Antworten zu wundern, die von guter Schulung und eigenem Denken zeugten. Dann mußte der kleine Gusche lautieren und seine Schiefertafel zeigen. Endlich war von der seinen Handarbeit der Ältesten die Rede, und überall führte die Spur zu Fräulein Froben!

Der blassen Mile, die noch keinen Dienst annehmen sollte, weil die kranke Mutter sie nicht entbehren konnte, hatte die Lehrerin Verdienst durch Nadelarbeit verschafft, zu der Mile Geschick besaß, und worin sie sich mit Hilfe der Lehrerin noch weiter bildete, obwohl sie nicht mehr zur Schule ging. Die Frau erzählte strahlend von einem Mittel, das das Fräulein ihr empfohlen habe, und das gut anschlage – sie sei ja 'ne Doktorstochter und wisse natürlich ganz andere Mittel als die alten Frauen im Dorf oder der Schäfer, die ihr schon soviel vorgemacht hätten.

Endlich kehrte auch der Maurer heim. Da es schon eine Stunde nach Feierabend war, glaubte Hermann, er käme wieder mal aus dem Wirtshaus. Er war aber vollständig nüchtern und erzählte freiwillig, er habe heute am Tage im Schulgarten die Obstbäume angekalkt, zum Schutze gegen Raupen. Das Fräulein habe ihn darum gebeten; daher arbeitete er nun etwas länger in Langendorf, wo er im Pfarrhause zu tun habe. Dem alten Herrn Treumund gehe es augenblicklich ziemlich gut; er sei rüstig durch alle Räume gestiegen, habe ihm bei seiner Arbeit zugesehen, und als der Maurer sich wegen seines Späterkommens mit der Arbeit im Schulgarten entschuldigte, sagte der Herr Pfarrer: »Es ist recht, Sievert; helft nur alle dem braven Fräulein!«

Hermann fühlte, wie ihm das Herz im Leibe lachte. Nie hatte er so gern dem Maurer zugehört, in dessen Rede wieder und wieder »das Fräulein« vorkam, wie es doch so gar geschickt mit den Kindern umgehe und kein bißchen hochmütig sei.

»Ich laß meine,« schloß er großartig, »nu auch allens tun, was sie sagt, denn da stehen wir uns am besten bei!«

Endlich ging Hermann. Die Mutter wartete gewiß schon mit dem Abendessen. Aber nein, er mußte durchaus noch zum Schuster wegen seiner neuen Stiefel.

Hier wurde er belohnt für seine mehr oder weniger langweiligen Amtsgeschäfte und sein treues Zuhören bei all den mitteilsamen Leuten. Hinter seiner Schusterkugel saß der Meister, emsig klopfend oder mit Pfriem und Ahle hantierend, und ihm gegenüber auf dem Holzschemel eine junge Gestalt, die sich hatte Maß nehmen lassen. Nun plauderten sie beide, und der Schuhmacher bedankte sich eben für das schöne Buch, das Fräulein Froben ihm geliehen habe. Die Geschichte von den »Drei gerechten Kammachern« habe ihm zu viel Spaß gemacht; solche Gesellenstücklein, ja, das wäre noch was für einen alten Handwerksmeister – und Hermann erkannte, daß Fräulein Froben es nicht verschmähte, den großen Schweizer Dichter in ein dörfliches Schusterstübchen einzuführen.

Wie der alte Junggesell strahlte und sich bestrebte, mit seinem besten Hochdeutsch das Fräulein zu bedienen! Kaum mochte Hermann mit der nüchternen Frage wegen seiner Stiefel dazwischen kommen. Er tat es dann mit einem kleinen Scherz, indem er den Meister fragte, wie er es denn mache, seine Kunden gleichmäßig zu behandeln, wenn sie sich, wie heute, hier träfen und jeder auf seine Art ihm Eile ans Herz lege.

Nun warf Marianne dazwischen: »Oh, ich trete gern zurück; meine Hochzeitschuhe haben noch nicht solche Eile.«

Kräftig heraus lachte der alte Schuster, und auch Hermann lächelte verstohlen, daß Marianne schnell und verlegen sagte: »Sie wissen doch, Lehrer Langreuthers Hochzeit findet erst am zwanzigsten November statt.«

»Ja, ich weiß,« sagte Hermann. »Wir brauchen unserem Hans Sachs gar nicht so übermäßige Eile zu machen!«

»Je jä, Herr Entspekter, mit Ihre Lackstiebeln sieht es auch wohl man soso aus! Wollen Sie mir die nicht mal schicken?«

»Jawohl, Meister Frank, morgen meinetwegen, aber erst die Wasserstiefel, hören Sie?«

»Wird gemacht, Herr Entspekter, und Fräulein ihre Tanzschuh, die laß ich mir zum Sonntagspläsier!«

»Der alte Bursche wird noch ganz poetisch,« sagte Hermann, als sie gleich darauf die Stube verließen, »und ich bin beinahe eifersüchtig, daß Sie mir nicht auch mal eins von Ihren Büchern anbieten. Gottfried Keller zum Beispiel weiß ich ebenfalls sehr zu schätzen.«

Marianne wurde ein wenig rot und versprach alles aus ihrer kleinen Bibliothek, was ihn irgend fesseln könnte.

»Jetzt hat man nämlich Zeit zum Lesen,« sagte Hermann treuherzig. »Im Sommer kommt unsereins ja kaum dazu, aber nun an den langen Abenden habe ich ebensosehr meine Freude an Büchern, wie unser Meister da drinnen.«

Marianne mußte über den Vergleich lachen und sagte dann kühn: »Wenn Lotte erst hier ist, können wir ja vielleicht mal etwas zusammen lesen.«

»Ja, kommt denn Lotte bald?« fragte Hermann. »Ich glaube, Sie haben jetzt immer die neuesten Nachrichten von meiner Schwester. Vor mir hat sie, scheint es, ein wenig Scheu, seit ich neulich mal den Vormund herauskehrte.«

»Sie sind ihr aber doch nicht böse?«

»Keineswegs! Sie ist ein liebes, gutes Kind, in diesem Fall aber kindlich und entschlossen zugleich. Jedenfalls aber freut mich ihr baldiges Kommen. Schade, daß sie nicht schon morgen hier ist! Bei uns gibt es große Gänseschlächterei. Wissen Sie, Fräulein Froben, da sollten Sie meiner Mutter die Freude machen und sich die Sache mal ansehen – es gibt dabei auch allerlei zu kosten. Kommen Sie?«

»Gut,« sagte Marianne vergnügt, »ich komme um die Vesperzeit; dann werden die Schmalzäpfel fertig sein.«

»Das weiß sie auch?« dachte Hermann im stillen erfreut und verabschiedete sich dann vor der Tür des Schulhauses.

Am nächsten Tage herrschte in den großen Wirtschaftsräumen auf dem Hof eine hochgesteigerte Tätigkeit. Sechzig prächtige Gänse von der berühmten Grünweider Aufzucht hatten schon im Morgengrauen ihr Leben lassen müssen. Nun saß eine Reihe Frauen und Mädchen im Waschhause und zogen ihnen das Federkleid aus. Das war gewissermaßen ein Fest für die Dorffrauen, zu dem auch die Rüstigsten aus dem Armenhause zugezogen wurden. Da war Frau Mahlmann in voller, wichtiger Person; sie unterhielt die übrigen mit allerlei Geschichten aus ihrer städtischen Vergangenheit, als sie noch »in Kondition« war. Mutter Konradsch aber sorgte für muntere Stimmung, indem sie in sachlicher Weise die schönen Gänse pries, mit denen die Kunden in der Stadt, die immer schon lange vorher bestellten, gewiß diesmal besonders zufrieden sein würden. So fett, so fleischig! Was würde das für Spickbrüste geben, die sie in der Stadt so schätzten! Und was würden sie in Hamburg in der Villa sagen! Denn ein Teil dieser nahrhaften Vögel wurde ja allerdings in der Stadt verkauft, der andere mit größter Kunst und Mannigfaltigkeit für den städtischen Haushalt des Gutsherrn zubereitet. Die Federn freilich, die prächtigen weißen Federn und Daunen, die blieben alle hier. Die hingen nachher in Säcken auf einer Bodenkammer, bestimmt zu Eleonore Menkhausens dereinstiger Ausstattung, wie die Konradsch gern betonte mit dem spaßigen Zusatz: »Uns' lütt gnä Frölen kann woll lachen – in die Betten, in die Pfühle, denn man liegt nicht gerne kühle!«

Die Mahlmann aber erklärte weise: »Konradsch, das ist altmodern. Man nimmt heutzutage nicht mehr so viel Federn; bei meine Herrschaften gab's bloß Roßhaarmatratzen und Decken, höchstens 'nen kleinen Plümoh!«

»Wat's dat?« wunderte sich die Konradsch, und als jetzt Herr Matersen im Vorbeigehen mal ins Waschhaus guckte, rief seine alte Verehrerin ihm gleich zu: »Na, Herr Entspekter, das wird Sie noch viele Pferdeswänze kosten, wenn Federn keine Mod' mehr sünd – wenn Frölen Nelli es auch so mit die Roßhaare hält, als es jetzt vornehm ist.«

»Nun, Konradsch,« gab Hermann gutgelaunt zurück, »ein paar Jahre kann ich den Pferden die Schwänze wohl noch wachsen lassen, denn unser gnädiges Fräulein hat es noch nicht so eilig mit dem Heiraten. Sie wissen doch, die will erst aus dem Effeff die Wirtschaft lernen.«

»Kommt uns' Lotting am End' noch eher an die Reih'?« – die Alte lachte wieder – »oder – wenn's nach 's Oller (Alter) geht, sonst noch eine!«

Jetzt hielt Hermann es doch für geraten, weiter zu gehen; vor den Späßen der vergnügten Alten war man mitunter nicht sicher. Mittlerweile war nun die erste große Tat des Tages beendet. Kahl gerupft im wahrsten Sinne des Wortes lagen die Gänse da, nachdem man auch die letzten Spuren von Federn und Kielen noch über dem Feuer abgesengt hatte. Nun begann das »Zuhauen« und Einteilen, je nachdem die Stüse in den Rauch gehängt, sauer eingekocht oder in Salz gelegt werden sollten.

Hierbei befehligte mit größter Sicherheit Frau Matersen, sich selbst hauptsächlich den Lebern zuwendend, aus denen sie ihre vortrefflichen Pasteten machte, von denen Geheimrat Menkhausen zu sagen pflegte, daß sie den Straßburgern nichts nachgäben. Am großen Schmalzkessel aber regierte die Konradsch, sorgfältig acht gebend, daß die ausgesuchten kleinen Äpfel, die im Gänsefett schmorten, auch zur rechten Zeit wieder herausgenommen wurden, ehe etwas verbrannte.

Jetzt füllte Frau Matersen eine Anzahl der köstlich duftenden bruzzelnden Äpfel in eine Schüssel und wies das Stubenmädchen an, diese hinüberzutragen ins Verwalterhaus und den Kaffeetisch zu decken; sie selbst käme gleich nach.

Als sie zehn Minuten später ins Wohnzimmer trat, fand sie Hermann am Fenster, eifrig Ausschau haltend; gleich darauf erschien zwischen den Pappeln am Eingang des Hofes Marianne Froben.

»Eigentlich bringe ich zu arge Wirtschaftsdüfte mit herein,« entschuldigte sich Frau Matersen gegen das junge Mädchen, sobald man sich begrüßt hatte. »Ich kann fast nicht mit einem lieben Gast am Tisch sitzen, und doch möchte ich gern einen Schluck Kaffee!«

Marianne hatte schon die Kanne in der Hand und schenkte ein, dabei bemerkend: »So lockende Düfte! Meinen Sie, daß ich denen aus dem Wege gehe? Im Gegenteil« – sie zeigte auf etwas Eingewickeltes – »hier habe ich eine Schürze; nehmen Sie mich nachher ein bißchen mit hinüber, daß ich mir etwas von Ihrer Geschicklichkeit absehe, Frau Matersen? Ich kann ja nicht sagen: ›ich will helfen!‹«

»Dazu sind auch genug Hände da,« versetzte Frau Matersen freundlich, »aber kommen Sie nur mit!«

Hermann behauptete nun, das sei eine große Ehre für die Gänse, worauf Marianne lachend einfiel: »Es sind doch die kapitolinischen Vögel, mit denen sich eine Lehrerin auch wohl mal abgeben kann – meinen Sie nicht?«

Sie vesperten nun sehr behaglich, bis Frau Matersen, aufstehend, lebhaft rief: »Ich muß wieder hinüber! Es könnte was mit den Gänselebern geschehen! Kind, ich stelle Sie bei der Pastete an; das ist noch eine mühsame Sache – wollen Sie?«

Marianne hatte schon ihre hohe weiße Schürze vorgebunden, und wie sie so traulich mit seiner alten Mutter über den Hof ging, blickte Hermann ihr frohen Auges nach, denn er fühlte die Sicherheit, daß er dem lieben Mädchen mit einer Frage nahen dürfte, heute mächtig wachsen.

In den nächsten Tagen kam Lotte, voller Pläne, voller Hoffnungen, übersprudelnd vor Freude, daß man sie nicht mehr hinderte. Als gar die Mutter es nicht lassen konnte, ihr anzuvertrauen, was sie in letzter Zeit an Hermann beobachtet habe, da brach es jubelnd aus Lotte heraus: »Siehst du, wie gut, daß ich dann künftig aus dem Wege bin!«

Nun wollte es die Mutter fast wie Wehmut fassen, und sie versetzte: »Sage das nicht zu laut, Kind; es würde Hermann betrüben.«

»Das darf es nicht! Er muß es doch einsehen, und du, gutes Mutting, du auch!«

»Wenn du es nur richtig triffst, Lotte; hast du gar keine Furcht?«

»Nein,« behauptete Lotte kühn, obwohl der Brief, der in ihrer Tasche knisterte, sie ein wenig brannte. Gar zu viel stand darin was diese Frau Konsul Ohlstedt von ihr erwartete! Würde sie das wirklich leisten können? War es nicht doch ein bißchen »frechdachsig«, wenn sie der Dame »vorschwindelte« – dies waren noch so einige Klassenausdrücke – na also, wenn sie der Frau Konsul versprach, daß sie all das Geforderte mit Vergnügen übernehmen würde?

Sie beschloß, Hermann noch nichts davon zu sagen. Der brachte es am Ende fertig, ihr noch einmal heftig abzuraten und sie auf die Schulbank zurückzutreiben. Aber das sollte er nicht – nein! Nell hatte es doch auch von ihrem Vater erreicht, daß sie nicht nach Genf mehr zurück brauchte, und sie, Lotte, war ein halbes Jahr älter!

Nein, noch sagte sie ihm nichts von der Hamburger Stelle und beschwor auch die Mutter, nichts zu verraten.

»Nur ein paar Tage damit warten,« beharrte sie wieder. »Wer weiß, ob nicht gerade in diesen Tagen sich etwas ereignet, was dann ganz andere Dinge in den Vordergrund rückt! Und, Mutter, glaube mir, dafür ist es gut, wenn ich jetzt hier bin! Aus der Schule bin ich seit drei Tagen, und sieh mal, ein klein bißchen muß ich mich doch auch ausruhen, ehe ich den neuen Kurs steure.«

So redete und schmeichelte Lotte um die Mutter herum, indes sie zu Hermann trocken sagte: »Nun bin ich also aus der Schule gelaufen! Wird mein gestrenger Vormund mich hier ein Weilchen dulden?«

Dem Bruder aber schien alle erzieherische Strenge abhanden gekommen; er sagte nur: »Mädel, du bist ja ein Kobold,« worauf er sie zärtlich umarmte.

Er muß es doch einsehen, und du, gutes Mutting, du auch!

Noch am selben Tage zog es sie natürlich zu Marianne. Die kam ihr herzlich, aber mit einer gewissen Befangenheit entgegen, was Lotte wieder viel zu denken gab und ihr frisches Wesen ein bißchen gezwungen machte.

Das war ja nun eigentlich gar nicht auszuhalten! Lotte verging fast vor Ungeduld und zeigte wenig Teilnahme für die kleinen Geschichten aus der Dorfschule. Nicht einmal der Brief über Hinrich Stoppsack, den Marianne von dem Leiter jener Anstalt erhalten hatte, fesselte sie ganz. Sogar von ihren eigenen Plänen und Aussichten auf die Hamburger Stelle sprach sie so undeutlich und abgebrochen, daß Marianne nicht klug daraus werden konnte, ob Lotte sich nun doch davor fürchte oder noch guten Mutes sei; ihre Erregung ließ beide Deutungen zu.

Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die große Frage

Endlich kam Hermann die Dorfstraße entlang. Da er seine Schwester am Fenster des Schulhauses sah, klopfte er entschlossen an die Tür und fragte: »Wollen wir nicht noch einmal einen Spaziergang machen? Fräulein Froben, haben Sie Zeit? Der Tag ist so freundlich, wie wir an der Schwelle des November keinen mehr zu erwarten haben.«

»Ich habe Zeit,« entgegnete Marianne, »nur die Schuhe möcht' ich noch wechseln –«

Damit ging sie hinaus, und Hermann rief ihr nach: »Aber feste Stiefel, denn ganz trocken sind die Waldwege nicht – und warm anziehen!«

Im grünen Lodenanzug kam sie gleich darauf zurück; dann wanderten die drei einträchtig dem Eichhorst zu. Sie sprachen von dem Sonntag, da sie den ersten Spaziergang hierher zusammen machten.

Hermann erinnerte daran, daß Marianne damals gewünscht hatte, diese Spätsommertage möchten unablässig fortdauern, und daß er daraus schloß, sie fürchte sich vor dem einsamen Winter im Dorf.

»Aber das tue ich gewiß nicht,« fiel Marianne lebhaft und warm ein.

Nun entdeckte Lotte eine junge Eiche, die, im Gegensatz zu den anderen kahlen Bäumen, noch viel goldbraunes und purpurnes Laub trug. Mit ein paar Sprüngen schlug sie sich seitwärts in die Büsche, um einen Strauß davon zu pflücken, indem sie sich dabei an den Jagdtag erinnerte und im Gehen sang: »Ich schieß' den Hirsch im wilden Forst –«

Indes sagte Hermann, an Mariannes, letztes Wort anknüpfend: »Nein, Sie fürchten sich nicht, weder vor dem Winter noch vor ländlicher Einsamkeit; allzeit sind Sie die Mutige und Freudige! So wage auch ich es getrost –« Und nun kam es heraus, was er so lange schon sagen wollte, daß er sie lieb habe über alles.

Lotte pflückte und pflückte, als müsse der ganze Baum geplündert werden. Als sie sich dann endlich zurückwandte, sah sie die beiden am Waldessaum stehen, vor sich das offene Feld und die kleinen Dorfhäuser. Sie sah Hermann mit der Hand darauf deuten, als sagte er: »So wird unser Leben aussehen, so schlicht und still;« dann sah sie ihn den Arm um Marianne legen. Da kam sie herangesaust mit weiten Sprüngen und schwenkte den farbenprangenden Strauß über ihren Köpfen; Hermann aber faßte den allerletzten grünen Eichenbruch als Zeichen des glücklichen Jägers.

Bald darauf empfing sie im Verwalterhäuschen eine tief gerührte Mutter, und nun gingen alle so natürlich und innig miteinander um, als hätten sie es längst gewußt, daß es nur so und nicht anders habe kommen können.

Hermann ritt noch durch das Dunkel des Herbstabends zum Bahnhof, um eine Drahtnachricht an Mariannes Vater aufzugeben, und wartete dort gleich die Rückantwort ab. Er hatte von Doktor Froben schon vor drei Tagen brieflich die Erlaubnis eingeholt, um seine Tochter zu werben, und dieser antwortete, er lege ihr Schicksal ganz in Mariannes eigene Hand, denn »wo meine Tochter vertraut, da können auch wir Eltern dies ruhig tun.«

Mariannes Augen leuchteten, als Hermann diese Briefstelle erwähnte. So fühlten sie nun beide sich schon wie im Besitz des elterlichen Segens und stellten sich einfach im Telegramm als Brautpaar vor. Ein Ruf frohen Einverständnisses klang denn auch zurück, dem aber, jedenfalls von Mama, der strenge Befehl hinzugefügt war: »Sofort kommen!«

»Zum Sonntag, nicht wahr?« sagte Marianne lächelnd. »Noch bin ich ja meiner Schule verpflichtet!«

Lotte siedelte am selben Abend mit ins Schulhaus über, denn sie behauptete, sich nicht gleich wieder trennen zu können von der neuen Schwägerin, und diese bekannte auch offen, daß sie mit ihrem vollen Herzen nicht gern ganz allein bliebe. So saßen denn Marianne und Lotte noch die halbe Nacht auf, fragend und erklärend und sich von neuem wundernd, lachend und zugleich ein Tränlein vergießend, wie das bei solchem Ereignis so Brauch ist.

Am anderen Morgen aber gab es in der Schulstube einen Jubel, als der Herr Verwalter, der gekommen war, um einmal wieder zuzuhören und zu prüfen, wie er sagte, dann plötzlich das liebe Fräulein einfach bei der Hand nahm und als seine Braut vorstellte.

Beinahe aus Rand und Band ging die kleine Schar, und das Hurraschreien mußte schließlich verboten werden, weil die Leute auf der Dorfstraße schon stillstanden.

Als es dann nach einiger Zeit hieß, wie sonst nur an Kaisers Geburtstag: »Kinder, ihr könnt nach Hause gehen, heute ist frei!« da hob das Geschrei noch einmal an. So trieb Marianne sie schnell hinaus und ging mit Hermann hinterdrein, denn er meinte, sie wollten sich nur sogleich »dem Volk zeigen«, wie er sich scherzend ausdrückte, da durch die Kinder das große Ereignis ja doch ausposaunt würde, und die Alten dann auch gern ihren Glückwunsch anbrächten.

Wenn sich nun auch ausnahmslos allenthalben Freude zeigte, so äußerte sie sich doch verschieden bald ernst, bald neckisch, wie: »Das hätte man sich schon längst gedacht!« Dann machte Hermann ein strenges Gesicht und versetzte, wie sie sich erlauben könnten, so etwas von der Schullehrerin zu denken, worauf denn der Schuster ehrbar, aber mit einem kleinen Schalk im Auge feststellte, so was dürfe man immer denken; Fräulein Froben sei doch auch ein junges Mädchen, und zwar – mit Verlaub –- ein sehr hübsches!

Köstlich war die alte Konradsch, die einfach beteuerte: »Je, Herr Entspekter, dat Frölen hett densüllben Eesmack als wie ick! Wat heww ick ümmer seggt (was hab' ich immer gesagt)? So 'n staatschen Kierl (stattlicher Mann), de kann awerall ankloppen (überall anklopfen)! Ick kann em ja doch nich mihr fliegen (heiraten)!«

Sehr erheitert von diesem Gang langte das Brautpaar auf dem Hof bei der Mutter an, und diese konnte nicht genug im stillen Gott danken, daß sie ihren Sohn so glücklich sehen durfte. Marianne beschloß dann, gleich am Nachmittag einen Besuch beim alten Pfarrer Treumund zu machen, ehe er von anderen die Neuigkeit erführe. Hermann meinte zwar, das könne schon geschehen sein, denn die »Dorfpost« reite schnell. Aber Marianne solle doch nur gehen und zuerst allein mit dem ehrwürdigen Herrn sein; er komme dann nach und hole sie ab.

Nicht so freundlich war dieser Tag wie der gestrige, hatte eher ein trübes Novembergesicht, so daß Hermann fragte, ob er nicht anspannen solle. Aber die Braut wollte das nicht haben, sondern erwiderte fröhlich, daran müsse sie sich beizeiten gewöhnen, bei jedem Wetter durch dick und dünn zu gehen. Bei solchen Bemerkungen sah Hermann immer besonders glücklich aus, weil stets von neuem ihm darin die Gewähr zu liegen schien für Mariannes anspruchslosen Sinn, der es auch mit einem Leben voll Mühe und vielleicht Entbehrung an seiner Seite aufnehmen würde.

Nun saß Marianne wieder in dem traulichen Gelehrtenstübchen, das sie vor wenigen Wochen zum ersten Male betreten hatte, und der alte Pfarrer, der dies junge Mädchengesicht auch erst ein paarmal vor sich gesehen, äußerte seine Freude über ihre Mitteilung so herzlich, als gehöre sie schon von jeher zu seinen Pfarrkindern.

»Gut nur,« äußerte er schalkhaft, »daß ich noch zur rechten Zeit mein Amt als Schulinspektor einmal ausgeübt habe; nun dauert es ja nicht mehr lange, dann haben die Kinder von Grünweide es vielleicht die längste Zeit gut gehabt, wie man zu sagen pflegt. Aber, mein liebes Kind, wie ich Sie in Ihrem ersten Amt als treu und tüchtig erkannte, so denke ich mir auch, daß Sie eine gute Gattin und Hausfrau werden, und die gönne ich dem Hermann Matersen von Herzen!«

Nun sprach er von dem, was eine Braut am liebsten hört, von den trefflichen Eigenschaften des Verlobten, und gerade, als er recht im Zuge war, kam Hermann, um Marianne abzuholen. Zuerst wurde er neckend gefragt, welches Ohr ihm unterwegs geklungen habe, ob er mit recht gutem Gewissen hier eintreten könne; dann aber wurde der alte Herr ernst und sagte zu dem ihn frei und offen anblickenden Hermann: »Fragen Sie Ihre Braut, was ich, der ich Sie länger kenne als dies liebe Mädchen, von Ihnen gesagt habe! Fragen Sie mich, wie ich über diese hier denke, und hören Sie beide meine Überzeugung: Ich glaube, ihr seid einander wert! Der liebe Herrgott segne euch tausendfältig!«

Innig bewegt verließen die beiden das trauliche Zimmer, nicht ohne daß Marianne ein Sträußchen Nelken und Reseden vom Fensterbrett neben dem Lehnstuhl des alten Pfarrers hatte annehmen müssen.

Im Dorf trafen sie auf Lehrer Langreuther, der ihnen sofort den Brautstand ansah. Fröhliches Necken flog hin und her, und es kam natürlich die Rede auf die demnächst stattfindende Hochzeit.

»Wir, Marianne,« sagte Hermann, als sie dann wieder allein ihren Weg heimwärts nahmen, »wir haben ja noch zu warten – nicht wahr, das wußten wir beide? Ich darf dir nicht versprechen, daß wir schon nächstes Jahr unseren Herd gründen können.«

»Oh, wir haben viel Zeit, zu warten,« sagte Marianne zuversichtlich. »Wir sind jung und gesund, und zunächst muß ich noch vieles lernen. Mit der Bücherweisheit hat's nun ein Ende. Du glaubst doch, daß man mich zu Weihnachten aus meiner Stelle hier entläßt?«

»Weihnachten schon?« konnte Hermann nicht lassen bedauernd zu fragen, da das ja erste Trennung bedeutete. Aber Marianne sagte, daß ihre Mutter wohl darauf bestehen würde, sie nun sobald und solange wie möglich noch zu Hause zu haben, und das mußte man ja begreifen.

Die erste Reise zu Mariannes Eltern, wo Verlobung gefeiert wurde, machte Lotte fröhlich mit und beteuerte immer wieder: »Seht ihr, wie gut es ist, daß ich nun gerade frei und zu haben war! Manne, nun gib mir doch einmal recht und freu dich ein bißchen, daß die Schule mich nicht mehr festhält!«

»Es ist wahr, Schwesterlein,« gestand Hermann. »Leb du noch ein Weilchen ganz für uns und mit uns, ehe die fremden Leute dich bekommen!«

Jetzt war nun schon öfter von der Hamburger Stelle die Rede. Lotte hatte mehrmals mit der Frau Konsul Briefe gewechselt und sich endlich zum ersten Februar verpflichtet. Von Neujahr an wollte sie noch allerlei Praktisches lernen und zu dem Zweck in ihre alte Pension in der Stadt zurückkehren. Die nächsten Wochen bis zum Fest aber gehörten ganz dem lieben Grünweide mit Mutter und Brautpaar. Sie wohnte jetzt ständig mit im Schulhause, was allen Angehörigen, hier wie dort, ein angenehmer Gedanke war. Mehr als einmal schrieb sie auch an Leonore Menkhausen von dem idealen Leben, das sie mit der Schwägerin führte, und erinnerte an die Zeit, in der sie beide das Schulhaus einrichteten und sich vor Neugier auf die neue Lehrerin nicht zu lassen wußten. Und nun heute? Was hatte man inzwischen erlebt!

Das fand ja Nelli auch, aber ihre Antworten auf Lottes schwärmerische oder sprudelnde Briefe klangen mitunter ein wenig kläglich. Ihre Lehrzeit schien doch nicht so einfach.

Lotte, der außer der glücklichen Gegenwart von Grünweide auch ihr Hamburger Zukunftsplan mehr im Sinn lag, als sie zeigte, fühlte sich häufig getrieben, gerade mit Nelli über Verhältnisse und Gebräuche ihrer Heimatstadt zu sprechen und sich bei ihr im voraus über allerlei zu unterrichten. So kamen diese beiden, die früher nicht recht was von eifrigem Briefschreiben wissen wollten, diesen Winter miteinander in Briefwechsel wie noch nie.

Im übrigen aber hatte jetzt Nadelarbeit den größten Reiz für Lotte. Sie mußte ja der lieben Schwägerin bei der Ausstattung helfen! Fand Marianne es auch eigentlich viel zu früh, da an Hochzeit noch lange nicht zu denken war, so eiferte Lotte: »Laß mich doch, Marianne! Wer weiß, ob ich später noch Zeit dazu habe, wenn die Fremden mich erst ganz mit Beschlag belegen!«

Während so Lotte noch recht mit Bewußtsein das Zuhause genoß, suchte Nelli sich tapfer in Lindenholm einzuleben. Es war nicht leicht für sie, denn die Verhältnisse waren ganz anders, als die ihr bisher bekannten. Die Verwandten waren alt und von Sorgen bedrückt, der Großonkel leberleidend und oft verstimmt, die Tante sanft und müde; die bejahrten beiden Töchter hatten ein freudloses Leben hinter sich und begriffen die junge Base nicht, die es bei ihrem Reichtum in Hamburg so ganz anders haben konnte, und nun freiwillig mit ihnen all die Arbeiten einer Gutswirtschaft teilte. Oft war unter ihnen davon die Rede, wie es »später« werden sollte, wenn der Vater einmal nicht mehr war und das Gut verkauft würde. Hierauf horchte Nelli und baute in aller Stille einen Plan, von dem sie aber nichts verriet.

Einmal hörte sie in dieser Zeit durch Tante Pine, daß es ihrem Vater nicht ganz gut gehe; er scheine recht nervös. Da faßte das junge Mädchen eine Unruhe und das dringende Verlangen, sich nach dem Teuren umzusehen. Als es mit kurzem. Entschluß die Reise machte und unangemeldet in Hamburg erschien, merkte es wirklich auch etwas von »Nerven«, denn der Vater freute sich ja kaum über sein Mädel, sondern schien mehr erschrocken, als ob es wieder mal einen Streich gemacht hätte. Und sie, Nelli, war doch so vernünftig jetzt! Das mußte selbst Vetter Albert zugeben, mit dem sie ganz ernste Unterredungen hatte, sogar über geschäftliche Dinge. Daß aber die Hauptsorge für den lieben Papa die Verwalterfrage für Grünweide war, daß er das Gut am liebsten verkaufen wollte, wenn Herr Matersen fortging, das machte Nelli solchen Schmerz, daß sie alles daran setzte, den Vater davon abzubringen. Es gelang ihr auch. Herr Menkhausen empfand so sehr die Einwirkung der kindlichen Zärtlichkeit, daß er sich beruhigte und sogar einen Besuch in Holstein versprach, worauf Nelli in der Stille weiter an ihren Plänen für Lindenholm baute.

Sie war noch nicht lange von Lindenholm zurück, da erhielt sie den ersten Brief von Lotte aus Hamburg, und von nun an begleiteten ihre Gedanken treulich die Freundin in den neuen Verhältnissen, in denen ja niemand besser Bescheid wußte als Nelli selber.

Achtundzwanzigstes Kapitel: In der Fremde

Lotte Matersen schrieb an Leonore Menkhausen: Liebste Nell!

Nun ist es wirklich Wahrheit geworden; ich bin in Hamburg und habe eine Stelle, bin das »Fräulein« bei Konsul Ohlstedt. Wenn du wüßtest, wie mir zumut ist! Da ich es aber selber eigentlich nicht weiß, werde ich es Dir auch schwerlich klarmachen können. Also wird es am besten sein, ich halte mich gar nicht erst lange mit Gefühlsäußerungen auf, sondern lasse alles sich »historisch entwickeln«, wie wir im Seminar zu sagen pflegten.

Also: Vorgestern nachmittag kam ich an. Nachdem ich unterwegs merkwürdig ruhig gewesen war, geriet ich doch in ziemliche Aufregung, als der Zug in den Riesenbahnhof einfuhr. Würde man mich auch abholen, wie versprochen war? Würde man mich hier überhaupt finden?

Ich ließ, wie verabredet, mein Taschentuch zum Fenster hinausflattern, und dies gar nicht so ungewöhnliche Zeichen fand gleich Beachtung, als ich in Lebensgröße hinter dem fliegenden Fähnchen auftauchte.

Ich entdeckte sofort zwei halbwüchsige Knaben, die sich auf etwas aufmerksam machten. Sie standen da wie kleine Herren, hatten den Diener hinter sich, und sofort trat der kleinere der Brüder auf mich zu.

»Harald Ohlstedt, jüngster Sohn vom schwedischen Konsul,« sagte das reizende Bürschchen, das ich etwa zwölfjährig schätzte. Jetzt kam auch der Ältere heran und nannte sich. »Fabelhaft gewandt,« dachte ich und fragte dann rasch, als ich das Wort Droschke hörte, das an den Diener gerichtet war: »Ist der Weg denn so sehr weit, daß wir fahren müssen? Ich würde sonst sehr gern gehen.«

»Es dauert eine halbe Stunde,« sagte der Ältere zurückhaltend, »wenn es Ihnen nicht zu weit ist?«

Aber der Kleine puffte ihn verstohlen und versicherte in sehr hörbarem Flüsterton: »Du, die ist ja jung – die kann es natürlich!« Als er merkte, daß ich es gehört hatte, fuhr er treuherzig fort: »Unsere alte Mademoiselle klagte immer gleich über ihre Füße; aber Sie – Sie können gewiß noch fein laufen!«

Dieses »noch« fand ich wieder köstlich und versicherte sofort, ich könnte laufen und springen und sogar noch spielen! Ob das sehr pädagogisch war, weiß ich nicht, aber ich konnte nicht anders. Der kleine Herr faßte denn auch sogleich zutraulich meine Hand, während Georges mit ernster Höflichkeit meinen Gepäckschein verlangte und den Diener anwies mit der Sicherheit eines Alten.

Dann brachen wir auf, im hellen kalten Sonnenschein des Februarnachmittags, ich zwischen den Brüdern, die nun beide mit gleicher Lebhaftigkeit auf mich einsprachen und mir ihr Hamburg vorstellten. Sie erklärten alles, was wir sahen, und noch vieles dazu, was für heute noch gar nicht in meinen Gesichtskreis kommen konnte, (es wirbelte schließlich nur so in meinem Kopfe von Straßen und Gebäuden – Binnenalster und Butenalster, Lombardsbrücke, Hafen Bastion mit dem Bismarck – Rathaus und Börse, Uhlenhorst und Blankenese –

Du denkst gewiß, Nell: »Wollten denn diese Jungen die Lotte gleich totmachen?« Nun, gesehen habe ich das natürlich nicht alles auf diesem ersten Gang, aber genannt und beschrieben wurde mir noch viel, viel mehr! Echte kleine Hamburger mit dem ganzen Stolz auf ihre schöne großartige Heimat! Denn den habt ihr doch alle, meine liebe Nell, nicht wahr?

Plötzlich hieß es dann: »Jetzt sind wir da!« und mir fiel alles wieder ein, was ich auf diesem vergnüglichen Gang fast vergessen hatte.

Das große schöne Haus, das wir nun betraten, brauche ich Dir ja nicht zu beschreiben, aber es wird Dich freuen, daß ich gleich im Treppenhaus etwas so Liebliches sah; nämlich wie die kleine Sigrid Ohlstedt da herumturnte, über das Geländer sah und ihre Locken schüttelte. »Sprichst du Deuts?« fragte sie dann gleich, sowie ich herankam, und als ich eifrig bejahte, fuhr sie etwas bedenklich fort: »Aber mit uns mußt du wohl Französis sprechen, denn wir dürfen das nicht verlernen, sagt Mama.« Rasch beugte ich mich herab und sagte: »Ja, Mignon!« Da lachte sie, als ob sie es gut verstehe, sah mich lieb an und antwortete: »Du bist hübs, gar keine alte Mademoiselle!«

Da ging eine Tür; der Diener kam und meldete: »Frau Konsul erwarten das Fräulein.« Wieder erschrak ich, denn ich hatte mich hier gewiß schon zulange aufgehalten.

Jetzt wurde es endlich Ernst mit der Geschichte!

Weißt Du, Nell, so gemütlich und mütterlich freundlich wie Deine Tante Fedders dachte ich mir ja Frau Ohlstedt nicht gerade, aber so »erhaben« doch auch nicht!

Ich ließ, wie verabredet, mein Taschentuch flattern.

Sie sah im Sofa und deutete auf einen Stuhl ihr gegenüber. Als ich da glücklich sah, begann sie gleich: »Sie sind mir sehr empfohlen, Fräulein. Ich hoffe, Sie werden die Worte meiner Schwägerin Fedders rechtfertigen und mir eine Hilfe sein, bei den Kindern und überall im Hause. Ich schrieb Ihnen schon, worauf es mir besonders ankommt: Körperpflege und Kleidung der jüngsten Kinder mit peinlicher Genauigkeit überwachen, meiner ältesten fünfzehnjährigen Tochter geistige Anregung und gelegentlich Nachhilfe bei ihren Studien gewähren; bei den Knaben den Übermut zügeln und doch gelegentlich einen Scherz verstehen, damit ein heiterer Ton in meiner Kinderstube herrscht.«

Sie machte eine kleine Pause und ich schöpfte einmal tief Atem, weil diese lange Rede mich etwas benommen hatte. Frau Konsul hielt es vielleicht für einen Seufzer und fuhr in etwas anderem Ton fort: »Ich hatte bisher eine ältere, erfahrene Persönlichkeit, Schweizerin aus der Gegend von Genf, im übrigen äußerst brauchbar, nur fehlte das rechte Verständnis für die Kinder. Die täglichen Klagen von beiden Seiten hatten etwas Aufreibendes für mich. Wenn ich es heute mit einem so jungen Mädchen versuchen will, so weiß ich, daß Ihre Leistungen nicht sofort denen jener erfahrenen Mademoiselle gleich sein können, daß Sie erst allmählich in den Pflichtenkreis hineinwachsen werden, der sich mit Worten nur schwer ganz genau umgrenzen läßt. Ich hoffe aber – es ist Ihnen recht ernst damit. Bei uns in Hamburg hat man es sehr gern, wenn der Platz, den Sie jetzt einnehmen werden, auf viele Jahre von derselben Dame besetzt ist, die dann eine Vertrauensperson für das ganze Haus wird. Ich hatte bis jetzt nicht das Glück, eine solche an mein Haus zu fesseln; es wäre mir lieb, wenn es mir in Ihnen gelänge, Fräulein.«

Jetzt erst reichte sie mir die Hand, und ich fühlte mich aufgenommen in dies Haus. Gesprochen hatte ich noch kaum, nur zahllose kleine zustimmende Verbeugungen gemacht. Der Dame schien das indes zu genügen, denn – soviel hatte ich bald heraus – sie spricht am liebsten selbst, die Frau Konsul Ohlstedt. Sie tut es mit einer hellen, klingenden, etwas kalten Stimme, in wohlgesetzten Worten, gegen die man nichts einwenden könnte, selbst wenn man wollte.

Jetzt bat sie mich zu klingeln, und als der Diener eintrat, hieß es: »Bitten Sie Fräulein Gudrun her; sie wird im Musikzimmer sein.«

Er kam aber gleich zurück; das Fräulein sei nicht da, es würde wohl ausgegangen sein.

»Sehr gegen meine Absicht,« äußerte Frau Ohlstedt stirnrunzelnd, und dann zu mir gewendet: »Meine Tochter hat eine sehr selbständige Natur, die es öfter einzudämmen gilt; machen Sie sich da auf einige Schwierigkeiten gefaßt, Fräulein. Meine Jüngste haben Sie bereits vorhin im Treppenhaus gesehen –«

»Ja, die ist entzückend,« brach ich jetzt zum ersten Male mit raschem Antrieb aus, und die Dame lächelte nachsichtig.

»Immer dieselbe Geschichte – das Kind wird von jedermann verzogen,« sagte sie dann. »Ich bitte Sie, nicht allzu schwach zu sein gegen den Liebreiz dieses Kindes. Ich habe noch eine kleine Tochter, die eigentlich mehr Liebe und Fürsorge braucht; sie ist verwachsen.«

Weißt Du, Nell, dies letzte war das, was mir am allerbesten gefiel von der Dame. So traurig es ist mit der Kleinen – ich wußte es übrigens ja schon von dir – der Ton, die Art und Weise, wie die stolze Frau mich darauf hinwies, nahm mich für sie ein.

Sie machte jetzt eine kleine entlassende Handbewegung und schloß: »Man wird Ihnen Ihr Zimmer zeigen – Sie haben noch eine halbe Stunde bis zum Essen. Das Gong ruft um sechs Uhr.«

Weiter kam ich gestern nicht, meine liebe Neil, aber heute nehme ich die erste freie Viertelstunde wieder für Dich, denn ich weiß, Deine Gedanken werden mich hier überall begleiten. Du darfst auch alles wissen. Mutter mag ich nicht alles gar zu genau schreiben, denn sie würde sich doch über manches sorgen und denken: Damit wird das Kind ja nie fertig!« Und Hermann – ach nein, die zu Hause dürfen noch nicht zu genau in alles eingeweiht werden! Du aber weißt hier Bescheid, wunderst dich über nichts und traust mir zu, daß ich mir die größte Mühe geben werde, alles richtig zu verstehen und selbst das Meine zu tun.

Woher ich jetzt diese kleine Pause in meinem reichbesetzten Tage habe? Ja – die Herrschaften sind bei Tisch! Die Kleinen wurden soeben hineinbefohlen, weil Besuch da ist, der die Kinder sehen möchte – so bin ich allein in meinem Stübchen und plaudere mit dir, meine liebe, gute Nell. Ohne Bitterkeit – sei ruhig – es muß nur alles gelernt werden!

Gestern schloß ich hier damit, daß das Gong um sechs rufen würde. Ich folgte ihm also und ging ins Eßzimmer hinunter, nachdem ich sehr sorgfältig noch mein Nutzeres in Ordnung gebracht hatte. Jetzt führte mir Frau Ohlstedt ihre kleine achtjährige Dagmar zu, und das verwachsene Geschöpf mit dem blassen, unkindlichen Gesicht weckte gleich meine Teilnahme, obwohl es mich nicht gerade freundlich ansah. Ebensowenig wie die große schöne Schwester Gudrun! Die Knaben dagegen machten das Recht ihrer ersten Bekanntschaft mit mir geltend und benahmen sich nett und natürlich.

Bei Tisch sah ich nun auch den Hausherrn – ebenfalls ganz anders als Deine freundlichen Onkel, – wie ich ihn mir wohl unwillkürlich gedacht hatte. Ernst und nüchtern, wenn auch nicht ungütig, erschien mir Konsul Ohlstedt, und sehr viel älter als seine Frau, die ja eigentlich noch jugendlich hübsch aussieht. Er richtete mehrmals das Wort an mich, und ich brachte es ganz gut fertig, zu antworten. Wenn man nach Land und Leuten der Heimat gefragt wird, ist es ja auch nicht schwer! Mir ging das Herz auf, als ich zum ersten Male den Klang Grünweide wieder im Ohr hatte, nachdem ich mit dem Worte eine Frage beantwortet hatte. Frau Konsul hatte noch keine derartige Frage getan; ich zweifle, ob sie eigentlich wußte, woher ich gekommen bin. Dagegen fühlte ich mich keinen Augenblick von ihr unbeobachtet. Wie ich den Kindern die Mundtücher umband, ihnen Fleisch schnitt und so weiter, das überwachte sie alles mit prüfender Miene, wahrscheinlich auch meine eigene Art und Weise, zu essen, denn ich fühlte ein paarmal so ihren Blick auf mir, daß mir der Bissen im Halse stockte. Nun, Du weißt, Nell, daß sogar eure gestrenge Zeremonienmeisterin Fräulein von Selchow früher mal sagte: »Man kann das kleine Verwaltersmädchen ruhig mit am Tisch haben, sie hat Lebensart!« So machte ich mir denn in dieser Hinsicht keine Sorgen, aß sogar mit ziemlichem Hunger; nur tat es mir leid, daß meine Nachbarin, Fräulein Gudrun, so gar zurückhaltend blieb.

Die Mutter hatte uns ungefähr so aufeinander gewiesen: »Liebe Gudrun, Fräulein Matersen wird dir gewiß gut in all deinen Studiengängen folgen können, da sie selbst noch vor kurzem in der Klasse saß.« Hieran hätte sich ja nun so nett anknüpfen lassen, aber das junge Mädchen sah nur hochmütig über mich weg; so schwieg auch ich, recht ungeschickt. Endlich, nach einem auffordernden Blick des Vaters, entschloß sie sich zu der Frage: »Hatten Sie dort in der kleinen Stadt überhaupt ein Lyzeum mit Oberlyzeum?« Ich bejahte und wollte einiges Weitere darüber sagen, doch sah sie schon wieder so gleichgültig gelangweilt aus, daß ich rasch innehielt und mich zu der kleinen Sigrid wandte, die noch eine Feige zum Nachtisch erbetteln wollte. Ich gab sie ihr nicht, denn ich hatte gesehen, daß die Mutter eben dasselbe der kleinen Dagmar abschlug. Ein gnädiger Blick traf mich, daß ich dem kleinen süßen Schelm gleich tapfer widerstand. Als wir darauf von Tisch aufstanden, sagte Frau Ohlstedt: »Heute haben wir alle zusammen gespeist, damit wir uns ein wenig kennen lernten. Ich finde aber diese späten Tischstunden, die bei uns in Hamburg nun einmal unerläßlich sind, für jüngere Kinder nicht zuträglich und bitte Sie, von morgen an mit den Kleinen um zwei Uhr zu essen.«

Wieder verbeugte ich mich stumm. Was konnte ich dagegen haben, daß man Kindern nicht abends zwischen sechs und sieben Uhr den kleinen Magen mit Braten und Fisch und süßen Speisen überladen will? So bin ich also an diese Speisestunde nicht mehr gebunden, und nur diesem Umstand verdanke ich es, daß ich Dir schon diesen langen Brief schreiben konnte, meine gute Nell.

Nun nochmals zurück zum ersten Abend! Ich wurde in das Kinderzimmer geführt und mit allen Einrichtungen desselben vertraut gemacht. Die kleinen Luftfenster, die je nach dem Wetter zu öffnen und zu schließen sind, fand ich sehr nützlich, und entzückend geradezu die blanken Hähne über dem Waschtisch, die kaltes und warmes Wasser geben! Dann wurden mir alle Geräte vorgeführt, jeder Kamm, jede Bürste, Schwämme und Tücher. Als dann noch die Badestube besichtigt war, glaubte ich wirklich, es sei für heute genug. Aber da meldete das Mädchen: »Der Waschmann ist da.«

»Ach,« seufzte Frau Konsul, »gerade heute noch so spät? Das tut mir leid, Fräulein; Sie sind gewiß müde, aber ich will Ihnen nur mal eben zeigen, wie es damit hier gehalten wird.«

Es ging nun ins Schrankzimmer, wo die mächtigen Schränke für Kleider und Weißzeug stehen, und wo eben der Waschmann wahre Riesenkörbe mit schneeweißer Wäsche abgesetzt hatte.

»Heute zählen wir nur,« hieß es jetzt, und die Dame fing an, von dem Inhalt der Körbe auf den großen Tisch zu legen, wobei sie nach einer Aufzeichnung verglich und dann weiter erklärte: »Künftig werden sofort alle Stücke auf ihre Schäden geprüft und Kleinigkeiten ohne Verzug ausgebessert, wobei, wenn nötig, das Kleinmädchen hilft, damit möglichst bald alles in die Schränke kommt. Stücke, die größerer Ausbesserung bedürfen, werden zurückgelegt und an einem dazu bestimmten Tage vorgenommen. Nebenan ist das Nähzimmer. Da hat man alles hübsch beisammen.«

»Da fange ich also morgen damit an, diese Wäsche durchzusehen und für den Leinenschrank fertig zu machen,« sagte ich, um doch nicht immerfort stumm zu bleiben.

»Jawohl, Fräulein, nachdem Sie mit den Morgengeschäften fertig sind. Also Anziehen und Frühstück der Kinder, Kaffee und Tee für meinen Mann und mich – verstehen Sie, Toast zu rösten?«

Ich verneinte betrübt, aber schon ging es weiter: »Ich zeige es Ihnen, auch wie wir gewöhnt sind, die Eier zu essen. Vor Tische haben Sie die Tafel nachzusehen, ob gut gedeckt ist, ob Wein und Früchte auf der Anrichte stehen und Blumen in den Vasen zu erneuern sind. Nach Tisch machen Sie den Kaffee, abends später noch einmal Tee. Morgen zeige ich Ihnen alle Schlüssel und sage Ihnen noch Einzelheiten; heute scheinen Sie mir schon etwas müde, Fräulein!«

»Schon?!« dachte ich, ein klein wenig empört. Ich konnte mich kaum mehr auf den Füßen halten, und die Augen wollten mir zufallen.

»So ziehen Sie sich nur zurück; die Kinder können heute noch einmal vom Hausmädchen zu Bett gebracht werden. Gute Nacht, Fräulein.«

»Gute Nacht, Frau Konsul,« sagte ich und verbeugte mich zum letztenmal.

In meinem Zimmer sah ich nichts mehr an; ich wollte sofort die Kleider von mir werfen und ins Bett schlüpfen. Da fiel mir ein – ging denn das? Ich schlief ja bei den Kindern, und die wurden eben erst zu Bett gebracht! Es war auch gar nicht spät, erst eben acht Uhr! War das möglich? Mir schien er endlos, dieser Tag, vor allem die Unterweisungstunden, die sofort mit meinem Eintritt in dies Haus begannen.

Nun sah ich mich doch in dem kleinen netten Zimmer um, in dem ich allerdings nicht schlafen, aber meine Sachen aufbewahren und mich gelegentlich aufhalten kann. Am Fenster steht eine Nähmaschine; also ich darf auch hier arbeiten, nicht bloß im allgemeinen Nähzimmer, wo auch die Mädchen sitzen.

Jetzt wurde es still nebenan. Der kleine Kampf der Kinder mit dem Stubenmädchen hatte aufgehört: bloß noch ein Getuschel von Bett zu Bett war zu hören.

Als ich nun eintrat, stand in dem einen Bett eine Gestalt im langen Nachthemd aufrecht, und die kleine Sigrid zwitscherte mich an. Dagmar aber klagte: »Sie will nicht schlafen, und sie hat nicht gebetet, und es ist doch schon so spät!« Das klang weinerlich. Ich setzte mich zu der kleinen Verwachsenen aufs Bett, nicht achtend der Arme, die Sigrid nach mir ausstreckte, indem sie sagte: »Ach, Dagmy ist immer müde! Die hört doch nicht zu, wenn du noch mit ihr sprichst – komm hierher, Fräulein, und erzähl' mir was.«

Ich blickte auf Dagmar. Die lag ganz still mit geschlossenen Augen, aber sie hielt meine Hand fest und zuckte, sowie ich sie lösen wollte. Da küßte ich sie leise auf die Stirn und sagte: »Nun schlaf, liebes Kind; morgen spielen wir schön zusammen.« Da machte sie noch einmal die Augen auf, sah mich mit einem ungläubigen Blick an und ließ mich los. Ich steckte jetzt schnell Klein-Sigrid wieder ins Bett, wogegen sie sich noch ein paarmal wehrte; während ich endlich anfing, mich auszukleiden, rief sie mir noch fortwährend zu: »Beten! Ich habe noch nicht – mit Sophie mag ich nicht – bet du mal, Fräulein! Dagmy kann allein; du mußt mit mir beten – ich bin die Kleinste!«

Also, man war sich seiner Machtstellung genau bewußt: die Kleinste, der Verzug! Ich fürchte, das wird nicht so einfach für mich werden! Weiß ich doch gar nicht, ob ich überhaupt erzieherisches Geschick habe. Mit süßen, anschmiegenden Kindern umgehen, dachte ich mir immer beglückend, und gegen ein armes, von der Natur karg bedachtes Geschöpf gut sein, das ist doch wohl das Natürlichste von der Welt! So denke ich, ja – aber wieviel mag dazu gehören, alle guten Vorsätze durchzuführen! Ich betete recht aus tiefstem Herzen, als ich endlich im Bett lag; dann tat ich alle Gedanken ab und – schlief…

Liebe Nell, getreulich komme ich wieder zu Dir mit meinen Erlebnissen, denn es ist ja Hamburg, wo ich nun leben soll! Hamburg, das mich so sachte, sachte wohl ganz hinnehmen wird!

Schon jetzt spüre ich so etwas, ich dürfte nichts anderes denken, als »wie es bei uns in Hamburg Sitte ist!« Dies ist nämlich bei allem das dritte Wort von Frau Konsul.

O Nell, der Tag meiner Ankunft schien mir schon so riesig lang! Ich begriff abends nicht mehr, daß ich am Morgen noch in Grünweide gewesen war und in Muttchens kleinem Schlafzimmer von der Guten Abschied genommen hatte! Aber was der zweite Tag alles in sich barg, das war derartig, daß ich mich alle Augenblicke fragte: »Ist es immer noch heute?« Dabei will ich gar nicht behaupten, daß es zu viel ist, was man von mir erwartet! Man kann das gewiß alles mit der Zeit leisten; nur das Neue ist so überwältigend. Das riesige Haus, in dem ich noch immer neue Räume entdecke, die vielen Leute, die andersartige Tageseinteilung, und dann die Kinder auf Schritt und Tritt neben mir! Heute hat sogar Harald mit uns im Spielzimmer gegessen. Er sagte: »Bei den Großen ist es so langstielig, besonders, wenn die alten Tanten da sind – und essen darf man ja doch nicht von allem. Aber es geht nur heute; sonst bin ich ja um diese Zeit immer in der Schule. Darf ich Ihnen nachher mal meine Schulbücher zeigen, Fräulein?«

Wir haben dann wirklich etwas zusammen gearbeitet, und ich hatte wieder das Vergnügen, zu hören: »Fein, daß Sie so jung sind, Fräulein! Die Alten rechnen immer auf ganz andere Art; die können einem nie helfen. Verstehen Sie am Ende auch Mathematik?« Als ich bejahte, klatschte er vor Vergnügen in die Hände und erzählte: »Gudrun lernt es auch, aber sie mag nicht und gibt sich gar keine Mühe – hat überhaupt böse Nummern im Zeugnis – ich dachte, alle Mädchen machten das so! Hatten Sie immer feine Nummern, Fräulein?«

Ich mußte nun bekennen, daß drei auch nur das übliche bei mir gewesen sei, bloß einmal zwei bis drei. Doch das fand mein junger Freund schon wieder »fein« und ich stieg noch ein wenig in seiner Achtung.

Das Arbeiten mit ihm machte mir Spaß. Er ist so hell, munter und eifrig dabei; aber Frau Ohlstedt sagte mir später, nötig sei es nicht, daß ich mich um Haralds Arbeiten kümmere, lieber um Georges. Da merkte ich, daß der Vierzehnjährige, dem ich bald eine gewisse Schwerfälligkeit anmerkte, diese auch beim Lernen zeigte, besonders bei den fremden Sprachen. Nun, das war ja meine Vorliebe in der Schule; da will ich mich gern nützlich machen.

Lotte Matersen richtete an Leonore Menkhausen einen umfangreichen Brief.

Was ich aber mit Gudrun anfangen soll, weiß ich wirklich nicht. Bis jetzt glitt jeder Annäherungsversuch von meiner Seite an ihr ab. Nur einmal haben wir auf Bestimmung der Mutter zusammen vierhändig gespielt, und ich wunderte mich über ihre Fertigkeit. Ich kannte die Sachen nicht, war also im Nachteil, da ich vom Blatt spielen mußte. Aber es ging recht gut, denn meine Lehrerin legte darauf immer besonders viel Wert. So machte es mir Vergnügen, und ich geriet ganz in Eifer. Da sah Gudrun mich etwas spöttisch von der Seite an und sagte: »Sie glühen ja förmlich! Übrigens – diese Sachen sind langweilig und eigentlich zu leicht für mich. Ich müßte sowieso Noten wechseln. Mama, kann ich wohl gleich in die Musikalienhandlung gehen?«

Frau Konsul saß nämlich zuhörend bei uns, und ich hatte einmal einen sehr freundlichen Blick von ihr aufgefangen; sie war also zufrieden. Jetzt sagte sie: »Wenn Fräulein dich begleiten will, Gudrun, darfst du gehen. Wie ist es, Fräulein, haben Sie Zeit?«

Sieh, in dieser Art überrascht sie mich öfter! Ich habe nicht für jeden Augenblick genaue Befehle; ich muß selber wissen, wie ich mit der Zeit und meinen Arbeiten auskomme. Aber das gefällt mir eigentlich.

Ich sagte also, daß ich gern gehen würde, und daß Georges erst in einer halben Stunde mit seiner englischen Arbeit zu mir kommen wollte. »Nun, wenn der auch ein wenig warten müßte,« warf Gudrun übermütig ein. Dann machten wir uns rasch fertig. Ich war diese Tage ja immer mittags mit den beiden kleinen Mädchen spazieren gegangen, aber nur in den schönen Anlagen unweit unseres Hauses, weil ich doch noch nicht weiter Bescheid weiß; Harald hat sich schon erboten, er müsse mich wohl einmal führen und mir die besten Wege und Verbindungen in der Stadt zeigen. Mit der ältesten Tochter war ich bisher noch nie unterwegs.

Sie schlug gleich einen sehr schnellen Schritt an und sagte: »Wir wollen mal an der Alster entlang gehen; ich muß ja doch nach dem Jungfernstieg wegen der Noten.«

Es war noch etwas hell, denn die Tage nehmen jetzt schon merkbar zu, aber die Straßenbeleuchtung strahlte bereits und spiegelte sich herrlich in dem schönen Alsterbassin, von dem Du, liebe Nell, so oft gesprochen hast. Wie wunderhübsch ist das, mitten in der Stadt solch große weite Wasserfläche, und ringsum die prachtvollen Straßen! Dann diese Läden, diese tausenderlei Herrlichkeiten!

Ich war ein paarmal versucht, stehen zu bleiben, denn mir ist so etwas völlig neu; aber da sagte Gudrun wieder spöttisch: »Ja, Fräulein, das geht hier nicht! Sie waren wohl noch nie in einer großen Stadt?«

Weh, o weh, ich war dieser jungen Dame zum Schutz beigegeben und mußte mich von ihr unterweisen lassen! Ich gestand schnell zu, daß ich noch keine größere Stadt kannte als die Residenz unseres kleinen Landes, und daß ich Hamburg so wundervoll finde. Das nahm sie denn doch gnädig auf und bestätigte: »Ja, es ist auch schön; Berlin hat mir nicht halb so gefallen.«

»Oh, Sie kennen Berlin auch schon?«

»Ja natürlich, Dresden auch; das ist nett, aber Kleinstadt gegen Hamburg.«

Ich staunte über diese Unterhaltung der Fünfzehnjährigen. In der Musikalienhandlung trat sie aber auch mit der Sicherheit einer Dame auf und trieb die jungen Leute nur so hin und her. Als sie gar zu viel Noten ausgesucht hatte – es waren auch zwei schwere Klavierauszüge darunter – befahl sie, daß man das Ganze schicken solle, obgleich ich dachte, wir hätten uns in die Last teilen können.

Als wir eben wieder die Straße betraten, stand plötzlich Dein Onkel Röding vor uns. Ich freute mich dermaßen über das erste bekannte Gesicht, daß ich gar nicht anders konnte, als die Hand ausstrecken. Er schüttelte sie mir auch freundschaftlich und sagte auf seine lustige Art: »Sieh, sieh, das kleine Fräulein aus Grünweide freut sich beinahe zu dem alten Onkel! Na, wie geht's denn in Hamburg? So eine grüne Weide ist das hier wohl nicht wie da draußen. Na, hab' mich gefreut – auf Wiedersehen, Kinderchen!« Er hatte einen Bekannten erblickt und war weg.

»Woher kennen Sie denn Konsul Rüding?« fragte Gudrun verwundert.

»Durch meine Freundin Leonore Menkhausen,« sagte ich mit freudigem Nachdruck; aber sie tat gleichgültig und entgegnete mir: »Sie soll ja so sonderbar geworden sein, die Elinor – nichts als Landwirtschaft im Kopfe – immer von Gänseschlachten und Wurststopfen sprechen und schon ganz häßliche Hände haben. Ich täte so was nie – igitt!«

Bei diesem echt Hamburgischen Ton des Abscheus mußte ich so an Dich denken, meine Nell! Ich wollte Dir früher immer diesen Ausdruck abgewöhnen, weil ich ihn häßlich fand – jetzt brauchst Du ihn, glaube ich, nie mehr – aber dann besann ich mich schnell, daß ich Dich verteidigen mußte, wenn man Deine Absichten und Deine gegenwärtigen Neigungen lächerlich machte. Ich sagte also: »Meine Freundin ist so geartet, daß sie alles, was sie anfängt, ganz tut, mit vollem Ernst, und ich glaube, das kann man nur loben – meinen Sie nicht?«

»Na ja, meinetwegen! Sie geraten ja förmlich in Harnisch, Fräulein; mir ist das, was Elinor treibt, völlig gleichgültig. Bei uns in Hamburg hat man eben andere Interessen.«

So, da hatte ich's und nahm mir vor, mit diesem ungezogenen Backfisch gar nicht wieder von meiner lieben guten Freundin zu sprechen!

15. Februar.

Heute wurde ich in das Empfangszimmer gerufen, es sei Besuch da, der mich zu sehen wünschte, und als ich sehr gespannt eintrat, saß da Deine Tante Fedders. Oh, wie ich mich freute! Ich lief förmlich auf sie zu und küßte ihr die Hand. Sie nahm mein Gesicht in die Hände und sagte sehr freundlich: »Ich muß doch mal nach Ihnen schauen, liebes Fräulein – freue mich, daß Sie munter aussehen! Vetter Rüding erzählte es mir auch schon. Eben habe ich meine Schwägerin gebeten, daß sie Sie einmal mit den Kindern zu mir schickt – nicht wahr, Sie kommen? Dann wollen wir uns von Grünweide und unserer lieben Nelli erzählen!«

Oh, wie mich das freute! Mir ging völlig das Herz auf. Aber ich sah mich doch verstohlen nach Frau Ohlstedt um, ob sie ihr »Fräulein« nicht zu ungebunden lebhaft finden würde. Denn nach alledem, was die liebe Frau Senator berührte, hatte sie mich noch nie gefragt.

Aber sie sah recht freundlich aus, wenn auch etwas kühl, wie immer; ein bißchen wirkliche Teilnahme an dem, was ich sprach, hatte sie sicher nicht. Doch das kann ich ja auch gar nicht verlangen. Wenn ich wirklich lange Zeit hier im Hause bleiben sollte, mag es vielleicht ein bißchen anders werden; Du hast mir das ja gleich gesagt, Neil, daß man hier nicht so schnell warm werden würde. Du bist überhaupt eine kluge Deern und hast mich auf manches sehr gut vorbereitet.

Auch auf die übermütigen Backfische, von denen ich gestern eine Menge kennen lernte, als Gudrun ihr Kränzchen hatte, und bei denen die Redensart »bei uns in Hamburg« oder »wir Hamburgerinnen« blühend im Gange war! Ich blieb bloß kurze Zeit dort, da Gudrun ihren Freundinnen allein den Kaffee auftragen und möglichst ungestört mit ihnen bleiben wollte. Ich mußte nur später die süße Speise bringen, hauptsächlich weil die Kleinen so »schrecklich gern« einen Augenblick zu den Großen wollten. Darum wünschte die Mutter, daß ich aufpaßte, daß man die Kinder drinnen nicht mit Süßigkeiten überfüttere.

Die Gefahr lag allerdings für Sigrid sehr nahe, denn das reizende Geschöpf ging gleich von einem Schoß auf den anderen und ließ sich gehörig verziehen, nicht aber ohne wählerisch zu sein, denn ich bemerkte wohl, wie sie hauptsächlich den Größten und Hübschesten zugetan war. Sie hat eine Art, sich einzuschmeicheln und ihre kleinen Künste anzubringen, die leider etwas so Bewußtes aufweist, daß es auf mich gar nicht mehr wirkt. Ich bin daher auch nicht mehr in Versuchung, ihr alles durchgehen zu lassen, sondern war schon ein paarmal ganz strenge, daß sie mich höchst erstaunt mit ihren großen schwarzen Augen ansah.

Hier in diesem Kreise mußte ich sie wohl gewähren lassen, behielt aber immer die Uhr im Auge und wollte sie in einem Augenblick wieder mitnehmen, als es ihr entschieden gar nicht paßte. Sie schlang ihre Arme fest um den Hals der großen schönen Marikita Stomarschen, die etwas Spanisches hat, und bettelte: »Ich will bei dir bleiben, Marikita – du bist hübsch – guck aber, ich hab' ebenso schwarze Augen wie du! Fräulein, geh du doch nur fort – ich brauch' dich nicht! Geh doch!«

Ich war erschrocken; so war die Kleine mir noch nie begegnet. Dazu lachten die jungen Damen, als wäre es ein köstlicher Witz, worauf die Kleine immer übermütiger wurde. Dagmar stand still neben mir, hielt mein Kleid und bat leise: »Komm doch, Fräulein!«

Ich faßte mir ein Herz und sagte: »Bitte, Fräulein Gudrun, sind Sie so gut, Sigrid in ein paar Minuten ins Kinderzimmer zu bringen, wie Ihre Frau Mutter es wünscht.«

Ungnädig sah Gudrun mich an. »Nehmen Sie die Krabbe doch selbst, Fräulein; sie muß Ihnen ja folgen. Wir wollen jetzt sowieso weiterlesen. Kita, laß die Lütte los!«

Noch ein kleiner Kampf, dann hatte ich meine widerspenstige Prinzeß und entführte sie ins Kinderzimmer, wo sie mir aber an diesem Abend das Leben immerhin etwas schwer machte.

Ich beschäftigte mich nunmehr mit Dagmar, die jetzt schon eher Zutrauen zu mir faßt, weil sie merkt, daß ich Sigrid nicht blindlings vorziehe, wie die meisten sonst. An diesem Abend flüsterte sie mir sogar zu, als sie schon im Bett lag: »Hast du mich ein bißchen lieb?« Ich küßte sie herzlich und hätte ihr gern noch etwas gesagt, wurde aber abgerufen, da Mademoiselle Marong gekommen sei, um Fräulein Marikita abzuholen. Unten im Dienstbotenzimmer waren schon mehrere Mädchen und Diener versammelt, die zum Abholen der jungen Mädchen kamen. Die Mademoiselle wurde an mich gewiesen; das war ganz natürlich.

Ich ging in mein kleines Wohnzimmer nebenan und freute mich, daß ich dort so nett jemand empfangen kann. Ein ältliches Persönchen wartete da auf mich, klein, mager, mit dunklen Augen im gelblichen Gesicht. Mit großer freundlicher Lebendigkeit begrüßte sie mich, um schon nach den ersten paar Worten in den Ruf auszubrechen: »Aber, Sie armes Kind, Sie sind ja viel zu jung für solche Stellung! Wie wollen Sie denn damit fertig werden?« So verzweifelt sah sie dazu aus, daß ich dachte, so habe sich doch noch niemand um mich gesorgt.

Beruhigend drückte ich ihr die Hand und sagte lachend: »Ich werde ja jeden Tag älter!«

Nun zeigte sie alle ihre Zähne und versetzte sichtlich erleichtert: »Oh, Sie sind lustig? Das ist gut! Dann hat man es leichter, und die Kinder lieben einen mehr!« Darauf seufzte sie wieder. »Ich – ich war immer traurig, als ich zuerst hierher kam, so weit ab von allen – oh mon pays!«

Ich fragte nach ihrer Heimatgegend, und wie lange sie nun schon fort sei.

»Dreißig Jahre!« sagte sie, »davon zwanzig Jahre in Hamburg! Das ist etwas!«

Ob sie die Heimat nun nicht bald wiedersehen werde für immer?

»
Oh non, non – es geht nicht – es ist noch nicht genug! In meiner Heimat – meine Leute sind nicht reich, Jeanette muß Ersparnisse heimbringen. Darauf warten sie!«

Ich wurde ganz still. Dreißig Jahre gedient in der Fremde, und noch nicht genug Ersparnisse!

O Neil, ich war doch wohl recht kindlich, als ich dachte, wenn ich nur eine Stelle annähme, damit würde meinem Bruder geholfen! Es wird sicher noch lange dauern, bevor er etwas davon bemerkt. Aber immerhin: mehr als tausend Mark spart er jährlich an mir, und was ich von meinem Gehalt zurücklegen werde, läßt sich ja noch gar nicht ermessen.

Mademoiselle und ich kamen übrigens recht ins Plaudern; wir gefielen, glaube ich, einander gut und bedauerten, als es draußen lebendig wurde und der Backfischkranz sich aufzulösen begann. Wir sagten uns »auf Wiedersehen« und hofften, uns einmal auf dem Spaziergang mit den Kindern zu treffen.

Nun bin ich bei Deinen Verwandten gewesen, liebe Nell! Heute, am Sonntag, an dem die Essensstunden anders sind, schickte mich Frau Ohlstedt mit den beiden Kleinen gegen fünf Uhr hin, mit Harald als Führer. Frau Senator nahm mich wieder so liebenswürdig auf; daß Dagmar mich einmal heimlich fragte: »Ist sie eigentlich auch deine Tante?«

Bald kam der Herr Senator und war ebenso freundlich, wie neulich Dein Onkel Röding. Es hieß nun, ich müßte eine Tasse Tee mit ihnen nehmen; da Sonntag sei, hätten wir ja alle Zeit. Die Kinder sollten sich aufmachen und Mademoiselle suchen, daß sie den Tee bereite. Sie taten es auch, so recht natürlich, wie Kinder, die des Hauses Weise kennen; selbst die stille, scheue Dagmar kam mir hier natürlicher und netter vor, als zu Hause. Tante Fedders ist eben mit jedermann auf besondere Art lieb und gut.

Deine Base Alice war leider nicht zu Hause, aber jetzt kam Mademoiselle, von den Kindern Melle genannt, an beiden Händen gehalten und gezogen. Nun, Dir brauche ich sie ja nicht zu beschreiben: nur sagen will ich, daß sie mir sehr gefiel! Freilich auch ältlich wie jene andere, die ich neulich kennen lernte, aber fein und freundlich und in ihrem ganzen Benehmen, als sie nun Tee machte und uns alle bediente, so sicher und gewandt, recht wie eine, die sich schon lange in denselben Verhältnissen bewegt hat. Ich dachte wieder: Also so kann man werden, wenn man zwanzig Jahre in demselben Hamburger Hause bleibt! Denn so lange muß diese Mademoiselle doch wohl bei Frau Senator sein, wenn sie als bonne supérieure zu Alice und Henry gekommen ist, wie sie mir erzählte.

»Jetzt wäre ich ja eigentlich längst zu entbehren,« sagte sie dann, aber der Senator fiel ein: »Nicht – gar nicht sind Sie zu entbehren! Bilden Sie dem jungen Kinde da nichts ein, sondern zeigen Sie ihm lieber, wie man es macht, bei uns in Hamburg unentbehrlich zu werden!«

Mademoiselle Melanie Amhof errötete etwas und sah vergnügt aus, ich aber dachte: »Muß ich das wirklich von ihr lernen? Ist das mein einziges Zukunftsbild?« Aber ich will nicht undankbar sein, ganz gewiß nicht!

Ich fing an, von Fortgehen zu sprechen, da wurde noch Besuch gemeldet, und wer war es, der in den Empfangsraum trat? Dein lieber Papa, meine Nell!

Oh, wenn ich mich schon zu Onkel und Tante von Dir gefreut hatte, was sollte ich nun nur machen mit dem Entzücken, das ich fühlte, da ich das liebe, gute, prächtige Gesicht Deines Vaters sah! Ganz Grünweide stand zugleich vor mir; es war mir, als müßte auch Hermann hereinkommen und vor seinem Chef stramm stehen zum Bericht, als müßte ich Deinen Vater gütig loben hören: Nun, mein lieber Matersen, das haben Sie ja mal wieder fein gedeichselt!«

Statt dessen sagte er heute: »Na, Lottekind, nu komm mal her, gib mir die Hand und sage ehrlich, wie es dir hier gefällt?«

Ich hatte Tränen in den Augen und konnte nichts anderes herausbringen, als: »Ich schreibe alle Tage an Nelli, Herr Geheimrat!« Da lachte er ein bißchen und meinte, das sei ja kein schlechtes Zeichen, wenn ich so viel Zeit und auch Lust dazu hätte. Ich sah Frau Senator an und sagte entschuldigend: »Ich habe wirklich Zeit dazu, wenn die Kinder zu Bett sind und alles für den nächsten Morgen vorbereitet ist. Auch stehe ich gern früh auf.« Frau Senator lächelte und erwiderte: »Das kennen wir von unserer Mademoiselle; die hat auch Bände von Briefen in unserem Hause verfaßt.« Worauf die Schweizerin mit raschem Aufschlag ihrer dunklen Augen gestand: »Es ist das einzige Glück zuerst in der Fremde, Frau Senator; das haben Sie immer verstanden!«

»Gewiß,« sagte diese herzlich, »aber ich weiß auch längst, daß es jetzt nicht mehr das einzige Glück für Sie ist, meine Liebe, daß Sie ebensoviel Anhänglichkeit für uns besitzen, wie wir Freundschaft für Sie.«

Das klang ja nun alles sehr hübsch und konnte mir wohl Mut machen für später, aber ich kann noch nicht immer an das »später« denken, wenn ich ein ältliches erfahrenes Fräulein sein werde, das Faktotum vom »schwedischen Konsulat«. Ich habe doch auch das Recht, an die Gegenwart zu denken, und das Recht, einmal – Heimweh zu haben!

O Nell, meine gute Nell! Diesen Abend werde ich so leicht nicht vergessen, weil sie alle so gut zu mir waren, weil Dein Papa mich »Du« nannte, und weil mir immer von Grünweide sprachen! Plötzlich sagte er aber auch: »Hör mal, Lotte, die Geschichte mit deinem Bruder paßt mir eigentlich gar nicht! Will er denn schon bald heiraten?«

»Ach nein, Herr Geheimrat,« sagte ich ganz erschrocken; da unterbrach er mich lachend.

»Na, na, Deern, so böse ist es ja nicht gemeint! Natürlich gönne ich ihm sein Glück, erst recht, nachdem er so manches bei uns hat ausstehen müssen, und die kleine Froben ist ja ein prächtiges Mädchen. Aber – ich werde sie nun eben beide los! Na, man soll nicht so selbstsüchtig sein! Hat er denn schon irgend etwas vor, dein Bruder? Eine Pachtung soll es doch sein, nicht? Oder denkt er an Eigentum?«

»Ach nein, nein,« versicherte ich wieder, »sie denken beide vorläufig nur ans Warten!«

»Na, das ist vernünftig, wird aber nicht lange vorhalten – das kennt man!«

»Ach, die Güter sind ja so teuer jetzt,« seufzte ich.

»Sind sie das?« fragte Dein Papa. »Ja, ich glaube, zu der Zeit, als ich Grünweide kaufte, waren noch günstigere Umstände. Na, nun mach' nur nicht solch betrübtes Gesicht, Kind!«

»Wer ist betrübt?« fragte da eine mir sehr bekannt klingende tiefe Stimme, und auf einmal stand Dein Vetter Albert im Kreise. »Ich wollte dich abholen, Onkel,« sagte er, und dann zu mir gewandt: »Ich hörte schon, Fräulein Matersen, daß Sie jetzt Hamburgerin sind. Sie werden Nelli vermissen, nicht wahr?«

»Ach ja,« sagte ich wieder, und mir war, als hätte ich heute jeden Satz mit »Ach« und »O« angefangen. Das war das verborgene Heimweh, das da endlich herauswollte.

Albert beglückwünschte mich noch zu Hermanns Verlobung und sagte einige freundliche Worte über meine zukünftige Schwägerin. Ich aber war nun nicht mehr zu halten; ich zog schleunigst die Kinder an und nahm Abschied.

»Können wir Sie denn so allein hinauslassen?« fragte Herr Senator. »Verirren Sie sich nicht?«

»Nein, nein,« sagte ich nun ganz kühn und ohne »Ach«. »Harald hat mich sehr genau unterrichtet, mir auch die Elektrische bezeichnet, die mich bis dicht vor unsere Türe bringt.«

Aber nun fiel dein guter Papa ein: »Ich bin doch unruhig, Kinder; solch Landfräulein ist das nicht gewöhnt – und dabei die zwei Kinder hüten – Albert, geh du mit und setze Fräulein Matersen wenigstens in die Elektrische! Dann mag es gehen. Ich bleibe gern noch eine Viertelstunde hier – wenn du dann wiederkommen willst!«

Wir, Albert und ich, plauderten vergnüglich im Gehen, bald jedoch hieß es: »Nun aber – wenn Sie fahren wollen – da hält Ihre Elektrische. Kommt, ihr kleinen Deerns!« Er hob sie in den Wagen, sagte noch: »Sieht man Sie nicht auch mal in Onkels Haus?« und dann fuhren wir ab.

Das war ein hübscher Nachmittag! Aber als wir zu Hause ankamen, war meine Frau Ohlstedt zum ersten Male recht ungnädig. Wir waren zu lange geblieben; ich war selbst erschrocken, als ich auf die Uhr sah. Die Kinder, die in der Bahn schon übermüdet schienen, tauten freilich wieder auf und erzählten lebhaft, daß es sein gewesen sei, daß Onkel Menkhausen da war, und Onkel Albert auch.

Ich weiß nicht, irgendwie war es mir unangenehm, daß die kleine Sigrid so viel von Onkel Albert schwatzte, daß er sie in den Wagen gehoben und so weiter. Frau Konsuls Gesicht wurde noch einen Grad kälter, und sie sagte: »Also, Fräulein, künftig brechen Sie früher auf, so daß Sie noch allein Ihren Weg finden können. Es sind nämlich nicht jedesmal Begleiter zur Stelle!«

Das ärgerte mich nun; ich fühlte, wie ich über und über rot wurde, leider, und Frau Ohlstedt fragte argwöhnisch: »Kannten Sie übrigens den jungen Menkhausen auch schon?«

»Gewiß,« antwortete ich ruhig, »Herr Menkhausen war ja im Herbst in Grünweide.«

»Ach ja,« sagte Frau Ohlstedt nun gedehnt, »auf jener wunderbaren Jagd, von der ja nachher alle so viel redeten. Haben Sie auch meinen Neffen Henry heute getroffen?«

Ich verneinte und gab mir dann einen Ruck; diesem Verhör mußte ich jetzt die Spitze abbrechen. So sagte ich bescheiden: »Ich bitte sehr um Verzeihung, Frau Konsul – ich begreife, daß mein Zuspätkommen Ihren Unwillen erregt, und es geschieht nicht wieder! Heute hat mich die Freude, den Vater meiner lieben Freundin Nelli zu sehen, Zeit und Stunde vergessen lassen. Wir hatten soviel zu sprechen. Aber künftig passe ich besser auf.«

Jetzt mußte ich schon ein bißchen schlucken, und meine Stimme schwankte; da rief Sigrid auch noch zum Überfluß: »Onkel Albert sagte: zu Onkel Menkhausen soll Fräulein auch kommen. Dürfen wir mit?«

»Das wird sich finden,« versetzte die Mutter kurz, und ich fühlte mich entlassen.

Ich ging mit den Kindern ins Spielzimmer, und nun brach sich ihre Übermüdung in Ungezogenheiten Bahn; ich fühlte mich sehr schuldig. Essen wollten sie nicht mehr, sich auch nicht waschen lassen, wie sonst; ihre Haarbürste warf Sigrid mir vor die Füße und rief: »Laß doch bloß mein Haar – ich will nichts mehr – ich will schlafen!« Dagmar war still und verdrossen, und was sie lange nicht mehr getan hatte, sie machte eine unkindliche Bemerkung über Mama und mich: »Ja, du, so ist es, wenn das Fräulein gezankt wird! Immer können wir auch nicht alle Schelte allein kriegen! Mama war sehr böse, am meisten, glaub' ich, wegen Onkel Albert.«

Nun hatte ich aber genug. Ich machte mich rasch davon, ging in mein kleines Zimmer, und da habe ich bis jetzt geschrieben.

Es ist alles wieder gut. Frau Ohlstedt scheint mir nichts nachzutragen, und ich tue auch so, als wäre nichts vorgefallen. Mutter hat mir zu sehr eingeprägt: »Nur nicht empfindlich sein, wenn du auch einmal denkst, dir sei unrecht geschehen!«

Aber nein, ich hatte mich ja auch wirklich versäumt, und hatte dafür wohl einen Tadel verdient. Glücklicherweise hat es den Kindern nicht geschadet. Sie sind heute sehr munter und plaudern noch gern von gestern. Nur Dagmars kleine altkluge Bemerkungen über meine Freundschaft mit Onkel Menkhausen und Onkel Albert suche, ich möglichst zu überhören. Ich habe schon öfter bemerkt, daß sie gern über so etwas spricht, wahrscheinlich durch das Geschwätz der Mädchen veranlaßt.

Heute auf dem Spaziergang sind wir nun der Mademoiselle Marong mit den beiden kleinen Brüdern der schönen Marikita begegnet und ein Stückchen mit ihnen gegangen. Da sagte Dagmar nachher: »Siehst du, Fräulein, das wird Mama gern sehen; wenn mir mit denen gehen, dann dürfen wir auch mal zu spät kommen. Mademoiselle ist eine richtige Freundin für dich!«

Nun war ich wieder geärgert und schwieg. Ich sah hieraus, daß man in Gegenwart der Kinder Gespräche führt, aus denen sie entnehmen, daß irgendwelcher Verkehr mit den Verwandten oder Freunden des Hauses für mich nicht gewünscht wird; die Mademoiselles und Fräulein – damit soll ich zufrieden sein!

Ach, Nell, meine Nell, wenn Du nur hier wärest, wie würde es dann sein? Du würdest trotz allem zu mir halten, das weiß ich; aber angenehm wäre es doch auch für Dich nicht. Nun, vorläufig sitzest Du ja noch fest in Holstein, und ich kann kaum wünschen, daß Du auf länger herkommst.

Heute war ich am Meer und hörte die Brandung vom hohen Ufer aus. Aber nein – denke nur nicht an Kuxhaven oder gar an Helgoland – ich scherze nur! Ich war an der Börse. So oft habe ich schon diesen Vergleich gehört, daß das Stimmengeräusch dort mit Meeresbrausen verglichen wird, und habe es immer für übertrieben gehalten, bis ich nun selber die Erfahrung machte und den Vergleich zutreffend fand.

Vor einigen Tagen sagte Herr Konsul beim Frühstück: »Fräulein hat wohl eigentlich noch nichts von Hamburg gesehen, liebe Frau; willst du es einrichten, daß sie einmal tagsüber etwas Zeit zu einem größeren Ausgang hat?«

Nun antwortete Frau Konsul sehr lebhaft: »Fräulein hat immer Zeit, wenn sie sich einzurichten weiß!«

Das ist ja wohl wahr, Nell. Getan muß alles sein, was mir obliegt, und zwar gut getan, sonst wehe! Die erstaunt hoch gezogenen Augenbrauen dann und das entsetzte »aber Fräulein!« Also, getan muß es sein, aber wann und wie ich die Zeit zu allem finde, das ist ganz allein meine Sache! Gut, daß man von der Schule her noch an so strenge Zeitausnützung gewöhnt ist!

Als es nun also hieß: »Fräulein hat immer Zeit,« sagte der Herr Konsul nur: »Desto besser!« und seine Frau fragte: »Was für ein Unternehmen hattest du ihr zugedacht, Adolf?«

»Ich meine, sie müßte vor allen Dingen die Börse sehen; die ist doch für Hamburg bezeichnend. Sie könnten mit meinen Söhnen gehen, Fräulein; die Knaben wissen dort schon recht gut Bescheid, und Georges sagte mir, daß sie morgen vormittag zwei freie Stunden haben wegen Krankheit eines Lehrers. Wenn Sie sich dann bereit halten wollten, Fräulein?«

Ich bejahte hocherfreut; der Gang wurde dann wirklich gemacht, und er hat mich höchlich interessiert! Oh, ich hatte doch keine Ahnung von der gewaltigen Größe der Hamburger Handelswelt! Nun ist es mir aufgegangen, daß die in dem Menschengewühl der Börse zur Geltung gebrachten Interessen mit ihren Fäden die ganze Welt umspannen.

Wir saßen auf der Galerie und blickten in den riesigen Raum hinab, wo das Getöse von Zeit zu Zeit immer höher anschwoll. Meine kleinen Beschützer benahmen sich wieder sehr nett und wußten wirklich mich auf vieles aufmerksam zu machen. Einmal zeigten sie an einer etwas leereren Stelle einen alten Kapitän, eine vierschrötige Gestalt, so recht breitbeinig wie auf dem Schiffsdeck stehend. Er sprach mit einem jungen, sehr feinen Herrn, seinem Reeder, wie Harald erklärte, und als wir näher zusahen, war es Henry Fedders. Trotz der Entfernung erkannte ich ihn ganz genau. Aber es war mir lieb, daß eine Begegnung ausgeschlossen schien. Unten im Portal trafen wir dann aber Herrn Konsul, der mich freundlich nach meinen Eindrücken fragte, und ob seine Jungen sich auch als Führer gut benommen hätten. Da ich dies gern bejahte, sagte er freundlich: »Sie sind nun einmal frei und unterwegs, wollen wir noch einen kleinen Gang nach dem Hafen machen?«

Ja, liebe Nell, soll ich nun auch von dem Mastenwald, von den Schiffstraßen, von dem ungeheuren Getriebe sprechen? Du kennst das alles von klein auf; daß ich beinahe überwältigt war von allem, kannst Du Dir denken! Ich vermochte kaum etwas zu sagen, weil mir alles zu einfältig schien. Nur wenn die Knaben mich so auffordernd ansahen, nickte ich ihnen zu, und endlich brachte ich doch heraus, indem ich Herrn Konsul ansah: »Ja, Hamburg ist groß! Heute ahne ich seine Machtstellung in der Welt!«

Das schien Herrn Ohlstedt zu gefallen, den Knaben erst recht, und ich dachte mit voller Überzeugung: »Man kann ja gar nicht anders! Diese ungeheure Regsamkeit, dieses zähe Streben, die einem überall entgegentreten, die müssen einem ja Hochachtung einflößen! Und was einen zuerst nicht angenehm berührt – ich meine den Stolz, die Überlegenheit – das ist wohl eine begreifliche Folge dieses Lebens unter so weitem Horizont! Du, meine Nell, hast selbst früher davon gesprochen und zugegeben, daß Fremde sich zuerst davon zurückgestoßen fühlen mögen. Du bist ja auch eine echte Hamburgerin, und vielleicht auch nicht ohne diesen Stolz, da Dein Papa doch zu den Allerersten dieser Kreise gehört – aber Du sagst: »Das ist eben Papa! Auf den bin ich stolz mit liebevollem Herzen! Was bin aber ich? Auf wen dürfte ich herabsehen wollen?« Nein, Nell, Du tust niemand weh um der Größe Deiner schönen Vaterstadt willen. Ich sehne mich doch recht nach Dir! Deine einsame Lotte.

Neunundzwanzigstes Kapitel: Lindenholm

Im kleinen Verwalterhause in Grünweide saßen Mutter und Sohn zusammen und sahen beide ziemlich sorgenvoll aus. Sie hatten von Lotte gesprochen, daß sie nicht recht aus ihr klug werden könnten, ob sie sich nun eigentlich in dem großen reichen Hamburger Hause ziemlich wohl fühlte, oder ob es ihr doch zu schwer würde, was sie da in jugendlichem Feuereifer übernommen hatte.

»Leicht ist es keinesfalls,« sagte die Mutter, und Hermann fügte hinzu: »Wenn ich nur nicht immer denken müßte, daß sie es in einem kindlichen Wagemut, der aus Lebensunkenntnis entspringt, für mich getan hat und nun erwartet, daß ich bereits große Vorteile von dem an ihr ersparten bißchen Geld erlebe! Daß ich noch immer keine Pachtung finde, kann sie gar nicht begreifen. Sie ist weit ungeduldiger in diesem Punkt als Marianne. Die bittet nur immer wieder, nichts zu übereilen, und versichert, daß auch ihre Eltern es ruhig abwarten, bis sich etwas recht Vorteilhaftes bietet. Freilich glaube ich ja gern, daß die Eltern die einzige Tochter noch möglichst lange bei sich behalten wollen. Aber mir geht es doch etwas gegen die Ehre, daß ich ihr noch immer nichts zu bieten habe!«

»Hermann,« mahnte die Mutter, »das wußtet ihr doch beide, daß ihr etwas warten müßtet! Ihr seid noch kein Jahr verlobt!«

»Ja, ja, Mutting, aber ich sehe bis jetzt keinen Weg, wie es anders werden soll. Die Güter steigen immer höher im Preise, und die Pachtungen, die in absehbarer Zeit frei werden, taugen alle nicht viel. Ich weiß ziemlich Bescheid im Lande.«

»Man müßte vielleicht mal über die Grenze gehen,« schlug die Mutter vor und riet endlich: »Reise du nur einmal zur Marianne und hole dir frischen Mut von deiner Braut! Du siehst mir jetzt oft schon wieder so aus wie damals in den bösen Zeiten; das darf mir nicht wieder einreißen, Junge!«

»Nein, nein, Mutter – aber du hast recht, wenn du meinst, daß ich reisen soll! Jetzt kann ich gerade noch gut abkommen, vor der Saatzeit!«

»Ja, und wenn du dann doch unterwegs und auf halbem Wege nach Hamburg bist, könntest du dich vielleicht mal nach Lotte umsehen?«

Die Mutter sagte es ganz zaghaft, aber Hermann griff es frisch auf.

»Natürlich, das soll gemacht werden! Das Mädel schreibt viel zu wenig; man denkt unwillkürlich, es verbirgt einem was.«

Um dieselbe Zeit, da der Verwalter von Grünweide sich zu einer kleinen Reise rüstete, tat auch der Besitzer des Gutes dasselbe. Herr Menkhausen fuhr nach Holstein, weil seine Nelli etwas sehnsüchtig geschrieben hatte und er auch selber Verlangen nach der Tochter spürte.

Er fand sie frisch und rotbackig, beseelt von einem Arbeitseifer, der dem Vater so etwas wie Achtung abnötigte. »Also doch kein Strohfeuer,« dachte er im stillen und sah ihr erfreut zu, wie sie sich in dem Haushalt der alten Verwandten mit frischer Selbstverständlichkeit bewegte.

Ihm selbst war Lindenholm nebst seinen Bewohnern fast ganz fremd geworden. Er wunderte sich, wie seine Nell es bei diesen trockenen, nüchternen Leuten so gut aushielt; ja, er war überrascht, daß sie schon so viel gereiftes Verständnis hatte für diese Menschen, die ihr Leben lang hart und schwer arbeiten mußten, ohne doch viel vor sich zu bringen, so daß sie jetzt keinen anderen hoffnungsfrohen Ausblick in die Zukunft mehr kannten, als das Gut zu verkaufen und sich dann ganz still und bescheiden in eine kleine Stadt zurückzuziehen.

Leonore sprach mit dem Vater darüber, daß sie ihnen diese Erleichterung wohl noch zu Lebzeiten des alten Großonkels gönnen möchte, und daß sie oft gedacht habe – –

Sie zögerte ein bißchen, nahm dann einen Anlauf und fuhr mutig fort: »Papa, lieber Papa, kaufe du doch Lindenholm! Lege das Geld, das nun in Südamerika frei geworden ist, in heimatlicher Erde an! Es ist wirklich kein übles Ding, das kleine Lindenholm; ich hörte erst neulich zwei alte Herren darüber sprechen. Es hat den besten Boden dieser Gegend, wenn auch nicht alles Marschland, und ist auch gut im Stande – und – und – sieh mal, du könntest den alten Verwandten doch einen anderen, einen besseren Preis zahlen, als Fremde es vielleicht tun würden – und – wenn du es dann hast, setzest du Herrn Matersen als Pächter ein, und er heiratet seine Marianne Froben! Ist das nicht ein herrlicher Plan?«

In ihrer Begeisterung darüber schlug Nelli die Hände zusammen, und wer in diesem Augenblick gesagt hätte, das junge Mädchen sei nicht hübsch, der hätte ihm bitter unrecht getan! So warm und gütevoll strahlten die dunklen Augen, so klug und entschlossen erschien jeder Zug des Gesichts.

Nicht ohne Rührung blickte Herr Menkhausen auf seine Tochter.

»Für eine künftige Gutsherrin wohl reichlich idealistisch gedacht,« sagte er dann bedächtig, »ich meine das mit dem besonderen Preise, den ich für das Ding zahlen soll, den vielleicht kein anderer geben würde –«

Nelli lachte ein bißchen verlegen, und der Vater lächelte mit. Er fuhr dann fort: »Aber immerhin, man könnte es sich durch den Kopf gehen lassen!«

Dies war schon mehr, als Nelli erwartet hatte. Als sie am anderen Tage beobachtete, wie er sich vom alten Lindenholmer Herrn überall herumführen ließ, wie sie jenen in unbestimmter Hoffnung förmlich aufleben sah, da jauchzte sie im stillen. Sie hörte sogar allerlei Zahlen nennen, mit denen sie nur leider nichts anzufangen wußte, denn so weit gingen ihre landwirtschaftlichen Kenntnisse doch noch nicht, daß sie verstehen konnte, ob da von Kaufpreisen oder von Pachtsumme die Rede war. Endlich hörte sie den Vater sagen: »Ja, lieber Vetter, ich selbst bin zu wenig Landwirt, um das alles genau zu beurteilen. Aber ich werde an meinen Verwalter schreiben und ihn mal herbitten, daß der sich die Sache ansieht; dann wollen wir weiter darüber reden.«

Leonore war glücklich und trug selbst den Brief des Vaters zur Post im Dorf. Diesen Brief erhielt Hermann, als er gerade seiner Braut einen Besuch abstattete, und Marianne fragte besorgt: »Ach, wirst du schon wieder abgerufen?«

Hermann las und sagte dann mit frohem Aufblick: »Ja, mein Herz, aber will es Gott, sind wir unserer Vereinigung ein gut Teil näher, wenn ich zurückkomme!«

Da ließ sie ihn natürlich wieder ziehen. Er wünschte noch am selben Abend in Lindenholm einzutreffen; denn das Wartenlassen, das wußte er, das war nicht des Geheimrat Menkhausens Sache.

Da man ihm geschrieben hatte, daß der Weg von der Haltestelle nicht lang sei, meldete er sich nicht weiter an, sondern dachte zu Fuß einzurücken. In der hellen kalten Dämmerung des Aprilabends also schritt Hermann Matersen auf Lindenholm zu, die Reize der echt holsteinischen Landschaft gleich in sich aufnehmend, und dabei an Marianne denkend, ob es ihr hier gefallen würde. O ja, diese klaren Landseen würde sie lieben!

Der letzte, an dem er vorüberkam, gehörte schon zu Lindenholm, sagte ihm ein Vorübergehender, und gleich darauf tauchte das Dorf auf. Viel kleiner war es als Grünweide, das sah er sofort; auch der Hof schien ihm unbedeutend gegen die Verhältnisse, die er gewöhnt war. Aber das schadete ja weiter nicht! Das Wohnhaus sah recht gemütlich aus; mächtige alte Linden umstanden es schützend und zogen sich als Doppelzeile gegen das Dorf hin.

In dieser Allee sah er eine junge Gestalt auf sich zukommen, die ein kleines Tuch um den Kopf gebunden hatte, und trotz des ungewissen Lichtes erkannte er doch gleich Leonore Menkhausen.

Sie gab ihm die Hand wie einem alten Freunde und sagte ohne Einleitung: »Herr Matersen, wenn es so kommt, wie ich hoffe und wünsche, begrüße ich Sie hier an der Schwelle Ihrer künftigen Heimat!«

Er wußte gar nicht, was er dazu sagen sollte, der gute Hermann, so überraschte ihn ihre ungeschminkte Offenheit und Herzlichkeit.

Gleich darauf traten sie zusammen ins Haus, wo auf der altmodischen Diele schon die Hängelampe brannte, in deren hellem Schein Leonore noch einmal sagte: »Also herzlich willkommen!« Dann rief sie laut in eine halboffene Tür zur Linken: »Da bringe ich ihn wirklich schon! Papa, lieber Großonkel – ich hatte recht, die Matersen sind pünktliche Leute!«

Bei den gealterten, von der Welt recht abgetrennt lebenden Insassen des Hauses machte das Auftreten dieser frischen mannhaften Erscheinung eine begreifliche Wirkung, hatten doch auch die Frauen im Lauf des Tages erfahren, wen Nellis Vater sich eigentlich hierher bestellte, und wieviel von dem Urteil dieses neuen Gastes für sie alle abhängen konnte.

Die beiden alten Basen fanden es fast bedauerlich, daß er schon verlobt war, wie sie gehört hatten; das wäre ja sonst ein hübscher, prächtiger Mann für die Nell gewesen, dachten sie im stillen. Aber eben, daß er schon verlobt war und eine Wirtschaft suchte, um heiraten zu können, das war vielleicht gerade das Glück für sie selber. Denn nun würde er doch sicher dem Geheimrat Menkhausen soviel wie möglich zureden, das Gut zu kaufen.

»Mit gutem Gewissen kann er das ja tun,« sagte die eine Tochter, »es ist doch wirklich ein schönes, wenn auch kleines Besitztum. Wer etwas mehr Geld hat und sich rühren darf, kann sicherlich noch viel daraus machen.«

»Ja, ja,« versetzte die andere, »aber nun, da man sich davon doch trennen soll, wird es einem vielleicht noch schwer. Indessen – besser ist es auf alle Fälle! Nelli, die kleine Närrin, die wir zuerst nicht recht ernst nehmen konnten mit ihren Gutsschwärmereien, hat doch manchmal ganz kluge Einfälle – das muß ich zugeben!«

Es kam nun natürlich nicht so, daß Herr Menkhausen schon am nächsten Vormittage verkündete: »Mein liebes Kind, ich habe das Gut gekauft« und so weiter. Das erwartete Nelli auch gar nicht. Aber nachdem alles so weit eingeleitet war, hatte sie viel Geduld, denn es gehörte ja noch viel Rechnen und Ratschlagen dazu, bis Herr Menkhausen seinem jungen Verwalter erklären konnte: »So, mein lieber Matersen, nun reisen Sie zu Ihrer Braut und sagen Sie ihr, daß sie die Aussteuer beschleunigen darf, wenn sie will. Zu Johanni möchte mein alter Vetter das Gut gern übergeben. Wenn also Sie, lieber Matersen, mir bis dahin einen tüchtigen Ersatz für Grünweide stellen, so können Sie um Johanni die Pachtung antreten und die Braut heimführen.«

Hermann wollte etwas sagen von Dank für vertrauensvolles Entgegenkommen, doch Herr Menkhausen schnitt ihm das Wort ab, indem er neckend sagte: »Wenn Sie eine gefühlvolle Rede loswerden wollen, wenden Sie sich an meine Tochter, die das alles ausgeheckt hat.«

Aber auch Leonore wehrte lachend und sagte nur: »Hoffentlich fällt alles gut aus und Sie behaupten nicht eines Tages: ›Die Leonore Menkhausen hat uns schön was eingebrockt!‹«

»Ich denke, wir werden es gern ausessen, Fräulein Leonore,« antwortete Hermann schnell und drückte der jungen Freundin die Hand. Dann reisten sie alle drei ab, denn auch Leonore verlangte es jetzt, einmal wieder nach Hamburg zu kommen, und sie meinte, jeder Mensch, auch ein Wirtschaftslehrling, müsse einmal Ferien haben. Ihr Vater aber nahm sie nur zu gern mit sich in sein stilles Haus.

Hermann Matersen fuhr wieder zu seiner Braut, die ihn vor zwei Tagen in so besonderer Spannung hatte ziehen lassen, und die Freude im Doktorhause war groß, ebenso wie in Grünweide bei der alten Mutter, die durch einen ausführlichen Brief von dem günstigen Zukunftsbilde, das sich für ihr junges Paar aufgetan hatte, alles aufs Genaueste erfuhr. Denn Hermann kehrte ja noch nicht sogleich heim, sondern sagte zu seiner Braut: »Wie wäre es, Mariandl, wenn du dich zu einer kleinen Reise nach Hamburg rüsten wolltest? Ich möchte mich einmal nach Lotte umsehen, und die wäre gewiß selig, wenn du mitkämst. Vor allem aber möchte ich, daß wir uns unserem großmütigen Herrn Menkhausen endlich als Brautpaar vorstellen. Er kennt uns ja bis jetzt nur einzeln. Kleine Mama, hast du nicht Lust, auch mitzukommen?«

So wandte er sich dann lächelnd an seine Schwiegermutter, die allerdings nie kleiner und kindlicher aussah als neben dem großen, stattlichen Schwiegersohn. Sie bezeigte dann große Lust zu der Reise mit dem Zusatz: »Wenn mein Mann will!«

Dreißigstes Kapitel: Im Alsterpavillon

In Hamburg, im altbekannten Alsterpavillon, saß eine fröhliche Gesellschaft beim Frühstück.

Den Vorsitz führte der Geheime Kommerzienrat Menkhausen, der mit besonderer Freude seine Gäste bewirtete. Ihm gegenüber mit stillglücklichen Mienen saß das Brautpaar, rechts und links eingefaßt von den beiden Freundinnen, Nelli und Lotte, während die kleine Frau Doktor an des Geheimrats Seite einen bevorzugten Platz einnahm und Doktor Froben sich liebenswürdig dem Fräulein von Selchow widmete.

Vor zwei Stunden erst waren die Reisenden angekommen, und mit großstädtischer Schnelligkeit und Genauigkeit hatte das Programm sich so weit abgewickelt.

»Dafür, daß wir aus der kleinen Stadt und vom Lande sind, haben wir uns recht wacker getummelt,« schmunzelte Doktor Froben, indem er gemächlich eine Auster schlürfte, »aber das kommt daher, daß das Wettermädel, die Lotte, gleich die Leitung in die Hand nahm! Prosit, Lotte – bist ne fixe Hamburgerin geworden.«

Lottes Augen leuchteten bei so freundlicher Anrede wohl in warmem Glanz, aber ein kleiner Zug von Wehmut lag doch in dem feinen jungen Gesicht. Hermann hatte dies gleich bemerkt, als er in der riesigen Bahnhofshalle die Schwester entdeckte, als sie gleich darauf Bruder und Schwägerin mit so leidenschaftlichem Ungestüm umhalste, wobei immerfort Tränen in ihren Augen zitterten, auch wenn sie lachte.

»Die arme Kleine ist nervös geworden,« flüsterte Marianne ihrem Verlobten zu. »Sie hat es wahrscheinlich zu schwer und will das nicht eingestehen. Gut, daß wir einmal nach ihr sehen!«

Allerdings, Lotte wollte von sich vorläufig nicht recht sprechen.

»Ach, das ist langweilig,« behauptete sie. »Jetzt will ich mich nur an euch freuen, von euch hören! Was müßt ihr mir alles erzählen! Mir ist, als wären es hundert Jahre, seit wir uns nicht gesehen haben. Mutter geht es doch recht gut, Hermann? Und was denkt sie denn zu tun, wenn ihr diesen Sommer noch heiratet? Nehmt ihr sie mit nach Lindenholm? Habt ihr viel Platz dort? Ist es ein hübsches Haus? Nell hat mir ja oft von dort geschrieben; aber eigentliche Beschreibungen von dem Gutshause nicht gemacht. Ach, meine Nell! So wie sie ist keine von den anderen Hamburgerinnen, die ich inzwischen kennen gelernt habe!«

So sprudelte sie, munter und wieder ernsthaft, alles durcheinander, wie von einem lange wirkenden Zwang befreit, während sie mit den Geschwistern in einer Autodroschke saß, um möglichst schnell nach der Villa Menkhausen zu gelangen, wo das Brautpaar sich zuallererst vorstellen wollte.

Ahnungslos stieg Lotte als Führerin die breite Treppe in der Villa Menkhausen hinauf, als ihr von oben etwas entgegengeflogen kam, was beinahe die kleine Gesellschaft, das ganze feierliche Brautpaar, über den Haufen gerannt hätte, und »Nell – Lotte!« klang es jauchzend, bis das Stubenmädchen sich fragend umsah, ob es nun endlich melden könnte.

Während des kurzen Besuches kam dann, wie verabredet, telephonischer Bescheid von Doktor Froben, wo er inzwischen für sich und das Brautpaar Wohnung genommen hatte, und der Geheimrat Menkhausen schlug vor, daß man Mariannes Eltern vom genannten Hotel abholen und mit ihnen zum Frühstück in den Alsterpavillon gehen wolle. Da saßen sie nun, und die Stimmung ließ nichts zu wünschen übrig.

»Nein, daß du auch hier bist, Nell!« sagte Lotte immer wieder zur Freundin, und diese versicherte in ihrem alten liebenswürdigen Übermut: »Aber natürlich! Ich werde euch doch hier nicht allein feiern lassen!«

Später zog Herr Menkhausen einen Brief aus der Tasche und sagte, ihn entfaltend: »Dies wird die Herrschaften auch alle interessieren. Es ist der Monatsbericht aus der Anstalt über Hinrich Stoppsack. Jetzt endlich zeigen sich Spuren von Veränderung bei dem Jungen, nachdem er noch oft rückfällig geworden und keine Streichholzschachtel vor ihm sicher war. Vor allem entwickeln sich auch moralische Begriffe bei ihm, mit denen ihm ja anfangs gar nicht beizukommen war.«

Mir ist, als wären es hundert Jahre her, daß wir uns nicht gesehen haben.

Hier seufzte Marianne Froben vernehmlich, und Herr Menkhausen unterbrach sich im Vorlesen.

»Wir wissen es alle, mein liebes Fräulein, was für Mühe Sie sich mit dem Jungen gegeben haben,« sagte er herzlich, »und Ihnen in erster Linie wird es ja zu danken sein, wenn aus dem kleinen Wildling noch etwas Brauchbares wird. Ja, ja, was hat der uns schon zu schaffen gemacht und ahnungslos in Schicksale eingegriffen! Nicht wahr, mein lieber Matersen, Sie hatten einmal Ursache, dem kleinen Unhold recht sehr gram zu sein, bis eine liebe, kluge Hand sich der verfahrenen Sache annahm, und nun soviel Freude daraus erwuchs!«

Hermann drückte still die liebe Hand, Herr Menkhausen aber hob sein Glas noch einmal und sagte: »Dem Brautpaar haben wir im Verein schon alles Gute gewünscht; meine künftigen jungen Pächtersleute haben auch bereits ihr Teil. Lassen Sie mich nun noch dies Glas leeren auf meine gewesene Dorfschullehrerin und ihr für alles danken, was sie den Kindern meiner Leute war. Sie hat ihnen in der Schule eine wirkliche ›grüne Weide‹ bereitet!«

»Ach,« wehrte Marianne ganz erschrocken, »es ist ja alles in den Anfängen stecken geblieben! Die Zeit war zu kurz; ich bin viel zu schnell fahnenflüchtig geworden.«

Aber der Geheimrat, der nun einmal gut im Zuge war, entgegnete lächelnd: »Ja, ja, mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten – wenn Sie denn schon mal fürs Dorf bestimmt waren, hatte Ihnen das Schicksal nun doch noch eine andere Rolle zugedacht. Wir werden es ja erleben, welche Ihnen am besten liegt.«

Nelli war selig über ihren Papa, den sie seit langem nicht so aufgeräumt gesehen hatte.

Der Raum hatte sich inzwischen mehr und mehr gefüllt.

»Die Börse ist aus,« sagte Herr Menkhausen, »da empfindet so mancher einen kleinen Zug hierher. Nun wird auch wohl noch unser Albert kommen, der mich so lange vertreten hat. Beide durften wir heute nicht auf der Börse fehlen; der ›kleine Chef‹, wie mein Neffe schon vielfach genannt wird, mußte den Alten vertreten.«

Richtig, ein paar Augenblicke später betrat Albert Menkhausen den Raum und näherte sich rasch dem Tisch seines Onkels, der ihn freundlich noch zum Nachfrühstück einlud.

Albert nahm nur ein Lachsbrötchen und trank ein Glas Wein; dann ging er gleich der übrigen Gesellschaft schon zum Nachtisch über, der aus einem Aufbau köstlicher Früchte bestand. Er hatte die Gäste seines Onkels warm begrüßt und aufs liebenswürdigste an jene schönen Herbsttage erinnert, an denen man sich in Grünweide kennen lernte. Er schob dann seinen Stuhl neben Hermann und fragte: »Sagen Sie, wie gefällt Ihnen Ihr Fräulein Schwester als Hamburgerin? Mich dünkt, etwas frischer sah sie draußen auf dem Lande aus.«

Als Hermann dies nicht bestreiten konnte, fuhr Albert zu Lotte gewendet fort: »Nun denke ich, kommt gute Zeit für Sie, Fräulein Matersen; jetzt, da Nell hier ist und einstweilen auch bleibt, wird Ihnen vieles besser und leichter erscheinen.«

Lotte sah ihn dankbar an, denn sie mußte ja erkennen, daß Nellis Vetter es gut meinte; aber sie dachte doch im stillen: »Ach, werde ich denn viel davon haben? Wird man den häufigen Verkehr mit Nell gestatten?«

Nicht der mangelnden Zeit wegen! Frau Konsul Ohlstedt betonte ja immer wieder, sie halte ihr Fräulein nicht wie eine Sklavin; wer es nur recht verstehe sich einzurichten, müsse in ihrem Hause stets übrige Zeit haben. Ja, das schon! Aber wenn das Fräulein eigene Wege gehen und Mädchenfreundschaften pflegen wollte, das würde die Dame sicherlich nicht wünschen, und dieses Verzichten schien dem jungen Mädchen, das zum ersten Male in der Fremde war, recht schwer. Deshalb, in diesem Zwiespalt befindlich, hatte es Nellis Gegenwart noch nicht so herbeigesehnt.

Aber nun war sie einmal da, und sie würde in ihrer alten stürmischen Art es doch durchsetzen wollen, mit der Freundin zu verkehren. Sie würde ungeachtet des kühlen Verhaltens im Ohlstedtschen Hause zu allen Tageszeiten dort eindringen und einfach nach »Lotte« fragen. Auch wenn man ihr zehnmal antworten würde: »Fräulein ist beschäftigt.«

Aber dies alles sprachen sie jetzt schon, als man vom Alsterpavillon aufgebrochen war, um nun noch einen ausgiebigen Spaziergang durch die Straßen zu machen.

Das Brautpaar, das zum ersten Male hier war, mußte ja alles gehörig in Augenschein nehmen; es wollte auch zum Photographen, und Mama Froben hätte am liebsten gleich die günstige Gelegenheit benutzt, allerlei zur Aussteuer der Tochter einzukaufen. Diese hielt aber selbst damit zurück und bat, nichts zu übereilen. Die beiden Freundinnen jedoch wurden weder von Hamburgs Sehenswürdigkeiten noch den herrlichen Läden hingenommen; ihnen war jetzt Plaudern das wichtigste, denn »wir Hamburgerinnen kennen ja das alles«, sagte Nelli lachend. »Die Zeiten, da ich mir so sehr wünschte, dir das alles zu zeigen, statt damals der langweiligen Amy Rodberts, ja, die Zeiten sind vorbei!«

»O – Amy Rodberts! Wie geht es der?« fragte Lotte.

»Sie ist in Leipzig und schreibt wirklich manchmal an mich. Wenn du mich draußen gemütlich besuchst, zeige ich dir mal die Briefe. Übrigens, Lotte – für nächsten Sonntag zähle ich schon auf dich; das merke dir!«

Aber Lotte machte ein bedenkliches Gesicht.

»Wenn das nur geht, Nell! Nun habe ich heute den ganzen Tag frei, und morgen wird es auch noch allerlei Störungen geben, wenn Hermann und Marianne bei Konsul Ohlstedt Besuch machen.«

»O du altverständiges Würmchen,« eiferte Nelli, »laß mir nur freie Hand! Und wenn es nicht anders geht, stecke ich mich mal hinter Tante Fedders; die hat Einfluß auf ihre Schwägerin.«

»Ja, aber Nell,« beschwor Lotte die ungestüme Freundin, »fange nicht zu viel an – mache mich nicht meinen Pflichten abwendig!«

Am nächsten Tage wurde noch mehrfach über diese Frage gesprochen, als Lotte eine letzte gemütliche Stunde mit Bruder und Schwägerin und deren Eltern in dem behaglichen Hotelzimmer verlebte.

Hermann und Marianne hatten am Vormittag einen Besuch im Ohlstedtschen Hause gemacht und waren von der Frau Konsul in ihrer gewohnten kühl-freundlichen Weise aufgenommen worden, wobei es ihnen nur leid tat, daß Schwester Lotte, die sonst so Lebhafte, still danebensaß. Hermann war dann noch mit dem Konsul in ein längeres Gespräch gekommen, während Marianne sich die verschiedenen Schauplätze von Lottes Tätigkeit zeigen ließ und besonders auch die Bekanntschaft der Kinder zu machen suchte. Die Knaben nahm sie durch ihr kluges gewinnendes Wesen wieder sofort für sich ein, und mit den Kleinen ging es natürlich gut, wie immer; Gudrun dagegen zeigte sich möglichst unnahbar, und sagte auch später zu der noch immer froh erregten Lotte nichts weiter, als: »Hübsch kann ich Ihre Schwägerin nicht finden. Ihr Bruder sieht ja tausendmal besser aus.«

Lotte achtete nicht viel darauf, auch nicht, als Frau Ohlstedt bemerkte: »Nun, Fräulein, werden Sie sich wohl allmählich in unsere Hamburger Interessen zurückfinden müssen; immer kann man nicht an seine Familie denken, wenn man nun einmal in Stellung ist.«

Wie gesagt, sie achtete nicht viel darauf, aber es berührte sie doch angenehm, als Harald gleich darauf bemerkte: »Sie haben 'nen schneidigen Bruder, Fräulein – den mag ich leiden!«

Die kleine Sigrid fragte jetzt: »War das 'ne richtige Braut, Fräulein, die dein Bruder da mitbrachte? Die haben doch sonst immer 'nen großen weißen Schleier um und einen Kranz auf.«

»Ach, Sigi,« belehrte Dagmar altklug, »das tragen sie doch nicht auf der Reise, nur wenn sie zur Kirche gehen.«

Nun brachte Lotte das Gespräch auf Märchen, wo die Könige und Prinzessinnen immer mit der Krone gehen, was doch im wirklichen Leben auch nicht der Fall ist.

»Ach nein,« sagte wieder Dagmar, »hier war mal ein Großherzog zum Besuch in Hamburg, und noch ein Fürst; die sahen nicht anders aus als ein paar junge Offiziere!«

»Siehst du, und sie blieben doch immer Fürsten, wenn auch ohne goldene Krone, mit der es sich nicht gut auf der Eisenbahn fährt – ebensowenig wie mit Kranz und Schleier.«

So im Geplauder mit den Kindern fand Lotte sich am besten in die Gegenwart zurück, und niemand hätte ihr ein zerstreutes, gleichgültiges Wesen vorwerfen können als Folge der verlebten frohen Tage mit ihren eigenen Angehörigen.

Marianne war indessen mit zur Schwiegermutter gefahren. Nun saßen im kleinen Verwalterhause drei glückliche Menschen zusammen und sprachen von der nächsten Zukunft, die sich ihnen so freundlich aufgetan hatte. Lindenholm mußte ja nach allen Seiten hin aufs genaueste beschrieben werden, denn wie die Mutter in diesem Punkt zu fragen verstand, darin war sie selbst Marianne noch überlegen. Natürlich – die alte Landwirtin, die früher lange Jahre einem großen Besitz vorgestanden hatte, die kannte bis ins kleinste alles, worauf es nun ankam, und was die junge Braut erst zu lernen hatte. Herzlich freute sich die alte Frau, ihren Sohn so heiter zu sehen; danach mußte ihm das Geschäft, das in diesen Tagen zum Abschluß gekommen war, doch recht günstig und vorteilhaft erscheinen.

»Ja, Mutting, ich glaube daran, daß wir etwas Gutes erobert haben,« sagte Hermann freudig. »So wie der Geheimrat beim Kauf und beim Aufsetzen unseres Pachtvertrags in keiner Weise sich engherzig gezeigt hat, so wird er auch ferner bleiben, und ich denke, es darf dann uns fast sein, als säßen wir schon auf der eigenen Scholle.«

»Gott gebe es,« erwiderte die Mutter bewegt. »Kommen dann ein paar günstige Jahre, wird sich ja auch alles lohnen, was du zuerst hineinstecken mußt. Nun sage aber: Hast du schon an einen Nachfolger für Grünweide gedacht?«

Als auch Hermann sich hierüber geäußert hatte, wollte die Mutter von Lotte hören.

»Erzählt nun recht ordentlich von dem Kind! Wie habt ihr sie denn gefunden?«

»Äußerst tapfer,« sagte Marianne mit merklichem Nachdruck, und die Mutter erschrak darüber ein bißchen.

»Hat sie es zu schwer?«

»Sie gesteht es nicht zu, und für uns war es bei so flüchtigem Eindruck schwer zu beurteilen. Ich glaube aber sicher, daß auf solchen Platz eigentlich ein älteres Mädchen gehört. Unser armes Lottchen hat ja erst neulich ihren achtzehnten Geburtstag ganz ohne Sang und Klang verlebt.«

Die Mutter sah bekümmert aus und fragte: »Schien sie denn verstimmt oder gar elend zu sein?«

»Durchaus nicht,« sagte Marianne, »wenn ihre Farben auch ein wenig zarter geworden sind: das ist der natürliche Unterschied zwischen der Stadt- und Landluft. Und dann, Mutter – es wird dich doch freuen, daß man zufrieden mit Lotte ist!«

Erfreut horchte nun die alte Frau, und Marianne fuhr fort: »Die Frau Konsul sagte mir ganz offen: ›Ihre Schwägerin ist recht umsichtig und nachdenklich für ihre Jugend. Ich hoffe, sie findet sich mit der Zeit immer besser in alles hinein. Wir sind dann auch gern zu einer Gehaltserhöhung bereit.‹«

Hier warf Hermann ärgerlich die Zeitung hin, in der er nur scheinbar gelesen hatte.

»Mir ist es doch nicht recht, und wenn sie das Mädel, noch so gut bezahlen! Es herrscht da eine kalte Luft in dem Hause, und das ist gar nichts für unsere Lotte mit dem warmen Herzen und dem zarten Sinne! Sie wird viel mehr entbehren, als sie uns je eingesteht.«

»Ja, Hermann,« sagte jetzt die Mutter ernst, »das ist nicht anders, wenn man in der Fremde ist. Da heißt es, sich abhärten, denn sonst stößt man sich überall und tut sich weh. Wenn ihr kein Unrecht geschieht und man ihren guten Willen anerkennt, muß sie wohl noch ein wenig da aushalten. Die erste Stelle darf man nicht zu früh verlassen, das ist keine gute Empfehlung für später.«

»Aber nein, Mutter – Lotte denkt nicht daran, fort zu wollen,« rief Marianne lebhaft, »und ich sagte dir ja, sie hat uns nicht geklagt. Es ist nur – es kommt daher« – Marianne zögerte verschämt – »wenn man selbst so glücklich ist wie Hermann und ich, dann möchte man auch andere, vor allen die liebe Schwester, von Glück und Wärme umgeben sehen – nicht wahr?«

Da lächelte die Mutter einst: »Meint ihr, daß ich das nicht auch verstehe? Aber Glück ist eben Glück! Erbitten und erkämpfen läßt es sich kaum – vor allem soll man nicht drauf warten!«

Einunddreißigstes Kapitel: Fräulein!

Lotte ging ruhig ihren Weg weiter und tat ihre Arbeit in einer anspruchslosen Art, die sich nie mit etwas zeigen wollte, oder nach Lob geizte. Sie hatte es bald heraus: die Hauptsache war, daß sie immer und für jedermann da war, daß sie nie sagte: »Ich habe keine Zeit« oder »ich kann das nicht«. Sie sagte vielmehr gewöhnlich: »Ich will es versuchen,« bei allem, was auch oft unerwartet an sie herantrat. Und es gab recht viele kleine Überraschungen dieser Art; das war nicht zu leugnen.

Einmal hatte sie Gudrun zur Tanzstunde frisiert, als diese zu spät von der Eisbahn gekommen war und nun daran verzagte, noch rechtzeitig mit dem Anzug fertig zu werden. Fräulein hatte alles gemacht, und die junge Tanzstundendame sah an diesem Abend besonders gut aus; sie gestand auch selber gnädig zu: »Es war eine wahre Wohltat, daß beim Tanzen das Haar so fest saß; alle meine Freundinnen hatten wieder ihre Not damit. Erst soll es immer recht locker gesteckt sein, weil es sonst unkleidsam ist – aber wenn es sich dann so schnell löst, ist es zum Verzweifeln, und die Tanzmütter schelten!«

»Sie scheinen Talent zum Frisieren zu haben,« sagte auch Frau Konsul. »Es wäre sehr freundlich, wenn Sie sich auch meiner einmal annehmen wollten. Mein Mann ist schon lange nicht mehr zufrieden mit meiner Haartracht, aber wenn die Friseuse darüber kommt, wird mir angst und bange; die macht oft einen ganz anderen Menschen aus einem.«

»Ich will es gern versuchen,« sagte Lotte bereitwillig. »Soll ich gleich?«

»Das wäre reizend, Fräulein. Wir sind zum Abend ausgebeten; da sollte man nicht erst im letzten Augenblick den Versuch machen – wenn es dann nicht gelingt – oder zu unbequem sitzt!«

Es gelang aber. Lotte hatte einen sicheren Geschmack und eine leichte, geschickte Hand; Frau Ohlstedt lächelte ihrem Spiegelbilde bald sehr befriedigt zu.

»Und so wenig Haare ausgekämmt, Fräulein,« lobte sie noch. »Das ist es ja, was die Kinder auch gleich heraus hatten: ›sie zieht und reißt einen gar nicht!‹«

Lotte freute sich und dachte nicht weiter darüber nach, ob es ihr zukam, daß sie ihre Dame frisierte, oder ob das eine unberechtigte Forderung sei. Ach was, Forderung! Frau Ohlstedt hatte ja nur einen kleinen freundlichen Vorschlag gemacht.

Daß sich dieser nun recht häufig wiederholte und die Dame des Hauses es schließlich höchst bequem fand, in dem Fräulein eine so geschickte Kammerjungfer zur Hand zu haben – das, ja das war nun einmal so gekommen, dachte Lotte. Sie sträubte sich auch nicht, wenn die Knaben mit ihren neuen »Selbstbindern« nicht zurechtkommen konnten und annahmen, daß Fräulein natürlich den Pfiff gleich rausfinden würde. Daß man immer heile Handschuhe hatte, dafür sorgte sie ja auch, und das war einfach wundervoll, versicherten Harald und Georges. Die Fürsorge des Fräuleins nach dieser Richtung hätte sich Gudrun auch gar zu gern zunutze gemacht, aber das litt Frau Konsul nicht.

Frau Ohlstedt lächelte ihrem Spiegelbild sehr befriedigt zu.

»Hier haben Sie nur durch gutes Beispiel zu wirken, Fräulein, nicht durch Fertigmachen, was ja viel bequemer wäre. Erinnern Sie nur, bitte, meine Tochter öfter, daß sie zur rechten Zeit ihre Sachen nachsieht, und daß Schrank und Kommode immer in gutem Zustande sind! Alle acht Tage aufräumen – das ist nicht das Rechte! Die Ordnung muß gar nicht gestört, das Aufräumen gar nicht nötig werden! Wie gesagt, ich verlasse mich auf Ihr Beispiel.«

Dies fand nun Lotte ziemlich schwierig, denn Fräulein Gudrun hatte bis jetzt recht wenig Ordnungsinn und behauptete, wie die meisten Backfische, für so etwas keine Zeit zu haben, mit so langweiligen Dingen sich nicht aufhalten zu können. Wagte Lotte da einmal die Bemerkung: man spare viel Zeit, wenn man jedes Stück stets gleich an den richtigen Platz lege, dann brauche man weder zu suchen noch aufzuräumen – da erwiderte Gudrun keck: »Ich kann unmöglich solch Tugendspiegel sein, wie Sie! Ich habe es auch nicht nötig; ich bin doch kein Fräulein!«

Dann geschah es wohl, daß Lotte im stillen diese Bezeichnung verwünschte und dachte: »Wäre man nur mal wieder einfach Lotte Matersen, statt ewig dies wesenlose Fräulein!«

Daß gerade Gudrun Ohlstedt, die nun fast Sechzehnjährige, ihr so wenig freundlich gesinnt war, bedauerte Lotte am meisten; das hätte doch so ein nettes freundschaftliches Verhältnis sein können, so nahe, wie sie sich im Alter standen, und so viel gleiche Interessen, wie sie im Grunde hatten! Denn nun, da Lotte ihre eigenen Studien hatte aufgeben müssen, merkte sie erst recht, wie gern sie eigentlich gelernt hatte, und Gudrun, die ebenfalls eine gute, strebsame Schülerin war, fand es im stillen auch gar nicht zu verachten, daß im Hause immer jemand zur Hand war, der erst kürzlich all dieselben Fächer durchgemacht hatte, in denen man nun selber steckte. Ein Fräulein, das tatsächlich eine Menge wußte und auch im Französischen und Englischen eine viel bessere Aussprache hatte, als man von einer Kleinstädterin erwarten konnte! Ferner spielte es ja wirklich recht nett Klavier – –

Das alles erkannte Gudrun an, und tausend kleine Gefälligkeiten scheute sie sich nicht von Lotte anzunehmen; aber freundlich war sie doch nie zu ihr. Jene blieb immer nur das »Fräulein«.

Nun klagte Lotte einmal wirklich gegen Nelli: »Es ist hart, daß das einzige junge Mädchen, mit dem ich zusammenkomme, mich nicht mag oder wenigstens mich nicht neben sich gelten lassen will. Warum muß das so sein?«

Leonore seufzte.

»Ich finde es ja auch ganz verdreht. Aber traure du nicht um diese Gudrun Ohlstedt – nett war die nie, sondern immer schrecklich eingebildet.«

»Ja, ja, aber wie ich sagte, es ist das einzige junge Mädchen, und ich glaubte, weil sie doch noch Backfisch ist, würde es eher mit uns gehen. Die anderen, die fertigen jungen Damen beachten mich ja erst recht nicht. Deine Bäschen Alice und Edda kommen überhaupt nie hier ins Haus; denen ist wieder Gudrun zu jung. So habe ich es also immer mit Kindern oder älteren Leuten zu tun, und von den Alten ist nur deine Tante Fedders wirklich gut zu mir; die anderen fragen und sprechen so obenhin, daß ich immer denke, es ist ihnen völlig gleichgültig, ob und was ich antworte.«

Leonore war ganz still geworden, als Lotte sich zum ersten Male in dieser Weise aussprach und gleich hinterher schon wieder entschuldigend bat: »Mißverstehe mich auch nicht, Nell! Mir tut ja niemand was zuleide, und es ist gewiß immer bei fremden Leuten nicht viel anders. Man möchte nur einmal – ach, ich kann es ja nicht so sagen – man möchte einmal warm werden, auch mal von sich und den Seinen sprechen dürfen.«

Nelli streichelte die Freundin sanft und sagte plötzlich: »Weißt du, Lotte: du müßtest Tante Mathilde kennen lernen! Ich bringe dich einmal hin.«

»Tante Mathilde? Wer ist das?«

»Die Mutter von Vetter Albert. Hast du von der noch nicht gehört?«

»Nein. Aber zu der würde mich Frau Ohlstedt gewiß nicht gehen lassen; sie mag es gar nicht, wenn ich die jungen Herren ihres Familien- oder Gesellschaftskreises kennen lerne oder von ihnen beachtet werde.«

»Närrchen! Albert triffst du kaum je draußen bei seiner Mutter; der ist doch immer in Papas Kontor, und abends – na gleichviel, ich gehe doch einmal mit dir zu Tante Mathilde. Sie ist so reizend, so mütterlich und sanft – und höchst gebildet! Da kannst du einmal von anderen Dingen sprechen und brauchst nicht immer nur zu hören, was die anderen sich erzählen.«

Lotte blieb zwar dabei: »Ich weiß nicht, ob das gehen wird –« aber sie sah doch angeregt aus und bat, Nelli solle ihr noch etwas mehr von jener Tante erzählen.

»Sie ist die Witwe von Papas jüngstem Bruder, den ich kaum mehr kannte, so früh ist er gestorben. Er soll sehr begabt und sehr liebenswürdig gewesen sein, brachte es aber nicht weit im Leben, wohl, weil er von Natur zu wenig Kaufmann war. Ich hörte Papa wohl früher manchmal sagen: ›Wenn Albert ganz nach seinem Vater artete, würde ich ihm dringend abgeraten haben, Kaufmann zu werden. Nun steckt aber doch so manches in ihm, was ich in einem eigenen Sohn gern gesehen hätte; deshalb will ich ihn denn als solchen betrachten, soviel seine Mutter es erlaubt, und für seine Ausbildung tun alles, was nötig ist.‹ Das hat mein Papa auch gehalten, und –«

»Und die beiden gehen ja wirklich wunderhübsch miteinander um; ich habe jedesmal meine Freude daran, so selten ich sie zusammen sehe.«

»Freilich, Albert ist ja auch ein guter Junge! Na, und seine Mutter sollst du sehen! Die ist ganz anders als die anderen Damen, die du hier kennst – keine Hamburgerin, sondern eine Gelehrtentochter aus dem Holsteinischen.«

Lottes Phantasie war sofort geschäftig, sich eine feine stille Frau zu malen, ganz anders als die eleganten großen Damen, die im Ohlstedtschen Hause verkehrten. Das nächste Mal, wenn sie einen Nachmittag bei Nelli verbringen durfte, würde dieser Besuch doch vielleicht zur Ausführung kommen. Heute saß ja Nelli bei ihr, in ihrem kleinen Zimmer, wo Lotte wie immer am Dienstag mit dem Nachsehen der Wäsche beschäftigt war, die am Tage vorher der Waschmann gebracht hatte.

Von Zeit zu Zeit ging sie in das Schrankzimmer, wo die mächtigen Körbe mit Weißzeug standen, und holte neuen Vorrat zum Ausbessern. Nelli konnte nun einmal beobachten, wie sorgsam die Freundin dabei zu Werke ging; sie übersah nicht den geringsten Schaden und hatte besonders auf fehlende Knöpfe ein scharfes Auge, »denn,« sagte sie lachend, »unsere Herren, vom Vater bis zum jüngsten Sohn, werden ja rein wild, wenn irgend etwas mit den Knöpfen nicht stimmt. Sogar Harald, mein kleiner Liebling, verklagte mich neulich: ›Fräulein, Sie haben mich beinahe erwürgt! Knopf und Knopfloch an meinem rotweißen Oberhemdchen können nicht zusammenstimmend Ich war ganz zerknirscht, denn das reizende Bürschchen ist sonst durchaus mein Getreuer. Schließlich kam es heraus, daß Sophie, das Kleinmädchen, die Geschichte mit den Knöpfchen verbrochen hatte; nun gebe ich diese Sachen gar nicht mehr aus den Händen.«

Mit wichtigem Ernst, eine kleine Falte in der klaren Stirn, hatte Lotte dies erzählt, wobei sie unausgesetzt die Finger rührte, so daß Nelli ganz gerührt zusah. Zwischendurch kam dann auch Harald gesprungen und wollte etwas Französisches wissen, was ihm bereitwillig erklärt wurde; Georges brachte einen Aufsatz, den Fräulein nachzusehen versprochen hatte.

»Es hat aber noch Zeit,« sagte er höflich bei Nellis Anblick, und diese lobte ihn dafür.

»Gut ist nur,« sagte sie dann, als sie wieder allein waren, »daß deine beiden kleinen Trabanten dir heute nicht beständig am Rock hängen. Wo sind denn Dagmar und Sigrid eigentlich?«

»In einer Kindergesellschaft,« sagte Lotte, »und ich muß daran denken, daß es Zeit wird, sie abzuholen.«

»Ah, ein Wink mit dem Zaunpfahl für mich,« scherzte Nelli, »ich gehe dann übrigens so weit mit dir. Wo mußt du sie holen?«

»Fräulein,« klang jetzt Gudruns Stimme im Kommen durch das Nebenzimmer, »können Sie mir jetzt bald bei meiner Mathematikaufgabe helfen? Ach so, Sie haben noch immer Besuch!«

»Ja, noch immer, du höfliche Deern,« rief Nelli laut, »ich gehe aber schon, allerdings mit Lotte.«

»Oh, entschuldige, Elinor,« sagte Gudrun übellaunig, »ich hatte dich vorhin nicht gesehen; ich glaubte, du wärst längst fort.«

»Nun, du siehst, ich habe eben mehr Zeit, als meine liebe Freundin. Na, und nun willst du sie noch zur Mathematik haben? Kannst du mit dieser verflixten Wissenschaft auch nicht zurechtkommen? Im Vertrauen gesagt, ich konnte es ebenfalls nie! Lotte ist uns allen über.«

»Fräulein muß es doch auch können,« sagte Gudrun spitz, und Lotte wurde rot, während Nelli ein scharfes Wort unterdrückte.

Sie nahm nur die feine Serviette auf, an der Lotte zuletzt gestopft hatte, und sagte bewundernd: »Damaststopfen kannst du auch?«

»Es gehört zu den Vorarbeiten zum Handarbeitsexamen,« erwiderte Lotte einfach und legte ihre Arbeit zusammen, um sich für den Ausgang fertig zu machen.

Als die jungen Mädchen dann so nebeneinander durch die hellen, belebten Straßen schritten, sagte Leonore: »Wie lange ist es her, da wurde ich selbst noch vom Fräulein oder von Mademoiselle abgeholt! Tante Pine schickte mir auch jetzt noch am liebsten immer jemand nach; aber du – wer beschützt dich?«

»Oh, ich gehe gern allein,« versicherte Lotte. »Aber einmal mit dir zu sein, ist allerdings sehr gemütlich.«

»Es wird nicht mehr oft geschehen,« sagte Nelli ernsthaft. »Nächste Woche muß Papa nach Karlsbad, und ich reise mit. Zur Nachkur wollen wir dann nach Grünweide. Könntest du da nicht einmal Ferien machen und auch hinkommen?«

»Ich glaube nicht,« versetzte Lotte, »wenn Hermann noch diesen Sommer Hochzeit macht, will ich doch dann längeren Urlaub erbitten.«

»Ach ja, natürlich!«

»Ich möchte gern mit Mutter nach Lindenholm und einrichten helfen.«

»Ei, da möchte ich dabei sein! Weißt du wohl noch – damals, wie wir das Schulhäuschen einrichteten?«

»Und so neugierig waren auf die Lehrerin?«

»Wie wir am liebsten ihren Geburtsschein gesehen hätten, weil wir fürchteten, sie möchte nicht so jung sein, wie wir wünschten?«

»Und nun, was ist diese fremde Lehrerin für uns alle geworden!«

Zweiunddreißigstes Kapitel: Tante Mathilde

Am letzten Sonntag, den Nelli vorläufig in Hamburg verlebte, hatte sie Lotte für den ganzen Nachmittag »losgeeist«, wie sie sagte. Frau Ohlstedt fand zwar, daß solche Wünsche in letzter Zeit reichlich oft laut wurden, aber sie mochte sich doch nicht sperrig zeigen. Da sie gerechterweise von ihrem Fräulein nicht behaupten konnte, daß es um eigenen Verkehrs willen irgend etwas im Hause versäumte oder sich nach einem gehabten Vergnügen zerstreut oder etwa nur gleichgültig gegen die Kinder zeigte, so meinte Frau Ohlstedt wohl gar in ihrem Sinn, es habe auch sein Gutes und Bequemes, wenn andere Leute für eine kleine Abwechslung im Leben ihres Fräuleins sorgten. Sonst mußte ja sie selber es tun, denn ihre Schwägerin, die Senatorin Fedders, gab ihr öfters zu verstehen, daß man einem so jungen Mädchen manchmal etwas bieten müßte, was seinen Jahren und Interessen entspräche. Ach ja, die Senatorin war eben so schrecklich gutmütig! Aber das hatte sie doch wohl vergessen, wie sie selber es in den ersten Jahren hielt, als Mademoiselle zu ihren kleinen Kindern Henry und Alice gekommen war.

»Ja, da hatte ich eben noch keine große Tochter wie jetzt du,« hatte die Senatorin auf solche Bemerkungen geantwortet. »Laß doch deine bald sechzehnjährige Gudrun einmal für die kleinen Geschwister sorgen und euch den Tee machen; das ist sehr gesund.«

»Ach, die heutigen Backfische,« seufzte Frau Ohlstedt darauf, »die haben ja nie Zeit! Das kennst du nun wieder nicht, liebe Schwägerin; zur Zeit deiner Alice machte man in der ersten Klasse nicht annähernd solche Ansprüche, wie sie an Gudrun gestellt werden. Sie ist ja nun wirklich eine sehr eifrige Schülerin und kommt fix vorwärts, besonders seit Fräulein im Hause ist.«

»Siehst du! Du kannst ja dem jungen Mädchen gar nicht dankbar genug sein. Euren Georges fördert sie ja auch, wie ich höre. In diesem Punkt leistet sie also um ein Beträchtliches mehr als unsere von früher her beibehaltenen Mademoiselles, die außer ihrer Sprache und der uns so wertvollen häuslichen Gewandtheit nicht immer allzu viel aufzuweisen haben, abgesehen von der unsrigen, die ja eine wahre Perle ist. Aber glaube mir, die Lotte Matersen kann das auch werden! Also haltet sie warm und sorgt, daß sie sich heimisch und wohl bei euch fühlt!«

An diese Rede dachte Frau Ohlstedt noch öfter und glaubte auch wirklich den besten Willen zu haben, es dem Fräulein heimisch zu machen. Nur daß sie nicht recht die Gabe hierzu besah, denn ihre Natur war nun einmal kühl und etwas eng; über den Kreis ihrer Familie hinaus sprach ihr Herz selten.

So tat sie in dieser Zeit, da Leonore Menkhausen in Hamburg war, ihr Möglichstes damit, das; sie die Freundinnen so viel zusammenkommen ließ, wenn es ihr auch im stillen nicht ganz recht und begreiflich war, daß Elinor, dies sonderbare Mädchen, nach ihrer Gudrun keinen Deut zu fragen schien, immer nur »Fräuleins« wegen kam, die ja auch von Elinors Vater, der in diesen Kreisen im Grunde der Angesehenste war, noch »Lotte« und »Du« genannt wurde. Sonderbar!

An diesem schönen Sonntag – man war allmählich in den Mai hineingekommen – wanderten die beiden Freundinnen also frühlich zusammen an der Elbe entlang, da, wo der stolze Strom sich stiller durch Wiesen windet, wo die kleinen bescheideneren Landhäuser stehen, nach denen Lotte schon öfter von fern Verlangen getragen hatte.

Nun sollte es zu Tante Mathilde gehen. Das hatte Nelli sich fest in den Kopf gesetzt, und wenn Lotte auch etwas von der alten Schüchternheit zurückkehren fühlte, besonders indem sie sich vorstellte, daß Frau Ohlstedt diesen Besuch zum mindesten sehr unnötig finden würde, so vergaß sie dies doch bald, als sie das kleine weiße Haus erreicht hatten. Vor dessen Tür standen zwei Apfelbäume über und über in Blüte, und in dessen kleinem hellem Flur trat ihnen wirklich eine solche schlanke, feine Frau entgegen, wie Lotte sich ausgemalt hatte. Sie trug ein schwarzes Kleid mit schmalem weißen Kragen, und ihr dunkles Haar legte sich in langen schlichten Scheiteln um das schmale weiße Gesicht, aus dem ein paar tiefblaue Augen seelenvoll und gütig blickten.

Lotte war gleich ganz bezaubert und meinte, daß sie solche Erscheinung allerdings noch in ganz Hamburg nicht getroffen habe. Als Frau Menkhausen nun erst sprach, mit tiefer sanfter Altstimme und warmer Betonung ihrer Fragen, die sie an die unbekannte Freundin ihrer Nichte richtete, da ging dieser vollends das Herz auf; sie sagte im ersten Augenblick, als sie mit Nelli allein war: »O Nell, ich danke dir, daß du mich hierher gebracht hast!«

»Nicht wahr?« entgegnete jene. »Aber zugleich schelte ich mich, daß es nicht früher geschehen ist.«

Jetzt, kam Tante Mathilde zurück und sagte heiter: »Heute am Sonntag habe ich natürlich mein Mädchen ausgehen lassen; das gibt Gelegenheit, daß wir es uns recht gemütlich machen – ich koche den Kaffee hier.«

Sie dürfen es nicht völlig verlernen, sich auch mal als Gast zu fühlen.

Sie trug ein blankgeputztes Kohlenfaß mit roter Glut. Bald summte der Kessel, und in der kleinen Maschine von braunglänzendem Ton entwickelte sich der duftende Trank.

Lotte war es natürlich so, als müßte sie aufspringen und der Dame des Hauses diese kleine Tätigkeit abnehmen; aber Frau Menkhausen drückte sie sachte in den Stuhl zurück und sagte freundlich: »Nein, nein, mein liebes Fräulein Matersen! Die ganze Woche dienen Sie anderen – Sie dürfen es nicht völlig verlernen, sich auch mal als Gast zu fühlen.«

Damit goß sie dem jungen Mädchen ein und fuhr nun zu Nelli fort: »Du, mein Kind, könntest uns die kleinen braunen

Kuchen aus dem Schrank holen; du weißt vielleicht noch, wo ich immer den Blechlasten stehen hatte.«

»Natürlich, Tante Mathilde! Ist immer noch dieselbe Sorte darin, die ich als Kind so gern mochte?«

»Immer dieselbe, Nell! Albert würde es zu sehr vermissen, wenn er sie nicht hin und wieder zum Knabbern fände. Mögen Sie derlei auch, Fräulein Matersen?«

»O gewiß, es ist Ingwer dran, nicht wahr?« und beinahe hätte sie hinzugesetzt: »Das Gewürz, das bei uns in Hamburg so beliebt ist.«

Es war aber Nelli, die dies aussprach und daran erinnerte, daß es ihr als Kind ein besonderer Genuß war, wenn sie diesen etwas scharfen Geschmack auch einmal zu kosten bekam. Nell hatte überhaupt heute große Neigung vom »früher« zu sprechen und bat Tante Mathilde, doch auch Lotte das ganze liebe Häuschen zu zeigen. So ging man denn von einem Raum in den anderen, und Lotte staunte, einmal eine ganz andere Einrichtung zu finden als in all den Hamburger Häusern, die sie bisher gesehen hatte.

»Ja, bei uns ist es einfach,« sagte Frau Mathilde Menkhausen, als sie Lottes Blick auffing, mit dem sie sich in einem kleinen, ganz mit Büchern, alten Stichen und den allereinfachsten wenigen Möbeln ausgestatteten Raum umsah. »Dies hier ist eine Erinnerung an mein Zuhause – Vaters Studierzimmer, das ich zum Erbe bekam, und das mein Mann mir so gern wieder aufstellte, wie er auch dies kleine Haus damals gleich kaufte, damit ich, die einfach Gewöhnte, mich in dem großen Hamburg besser einleben könnte. Nun hängt auch mein Sohn so an dem Häuschen, daß wir noch immer hier wohnen, obwohl er in des Onkels Geschäft einen tüchtigen Weg zu machen hat, der ihm täglich viel Zeit nimmt.«

»Viel ist er wohl überhaupt nicht hier draußen bei dir?« fragte Nelli, aber Tante Mathilde sagte: »O doch, mehr als manche anderen Söhne! Heute freilich ist er mit seinem Ruderklub unterwegs. Aber das muß sein; solche Tagesausflüge bilden ein gesundes Gegengewicht zu den vielen Arbeitstunden im Kontor. Hier draußen sitzt er auch noch viel an Vaters Schreibtisch oder – hier.«

Aus dem kleinen Studierzimmer waren sie in die Gartenstube getreten, die größte im Hause, die ganz besonders freundlich und hübsch war. Hier stand auch das Klavier. Nun kam man natürlich auf Musik zu sprechen, und Nelli erzählte: »Tante Mathilde ist nämlich hoch musikalisch, Lotti – das ist was für dich!«

Dann holte sie einen Brief aus der Tasche und sagte: »Hier beim Klavier fällt mir ein, daß ich euch noch einen Brief von Amy Rodberts zeigen wollte. Tante Mathilde, du hast sie doch auch bei uns kennen gelernt und singen hören?«

»Gewiß; ich erinnere mich deutlich ihrer schönen, glänzenden Stimme.«

»Die dir trotzdem nicht zu Herzen ging. Das war ja die allgemeine Klage – auch damals in Grünweide – weißt du noch, Lotte? Alle waren entzückt von Mariannes kleiner Stimme und blieben kalt bei den Prachttönen der Amerikanerin.«

»Nun also, was schreibt sie?« unterbrach Tante Mathilde. »Kommt sie in der Musik vorwärts?«

Leonore las: »Man sagt immer, alle Deutschen sind so sehr groß im Briefschreiben; ich finde nicht, daß Sie, liebe Elinor, über mich treffen. Ich habe Ihnen schon viel mehr erzählt von Leipzig und meine Musik, als Sie von Ihre Gänse und Würste.«

Hier lachten alle und meinten, daß die Amerikanerin davon wohl wenig Genuß haben würde; dann las Leonore weiter: »Die deutsche Musik! O ja, leicht ist es nicht, wie sie es hier in Leipzig damit machen, aber meine Stimme ist schön, das sagen alle, und auch mein Ohr, und das ist die Hauptsache. Aber, obgleich sonst alle Leute sagen, ich spreche so gut Deutsch, so haben die Lehrer doch immer zu tadeln; manche Wörter gefallen gar nicht. So kann ich nicht so sagen, wie sie wollen: Waldeinsamkeit. Da ist ein Vers in ein Lied: ›Und über mir rauscht die schöne Wald–einsamkeit‹; da macht mir der Professor immer nach ›rauschti Walteinsamkeit‹. Es ist geradezu abscheulich!«

Hier lächelte Tante Mathilde, und sagte: »Das sind wohl Schwierigkeiten für fremde Zungen, und außerdem – sie wird es schwerlich so sagen und betonen, wie wir es nach unserer Empfindung tun, denn die Amerikanerin hat nicht dieses Gefühl für Waldeinsamkeit; kennt sie überhaupt nicht, wie wir Deutschen.«

»Das habe ich auch damals gedacht,« bemerkte Lotte. »Es ist nicht so einfach, singen zu wollen ›wie eine Deutsche‹, wenn man doch keine ist.«

»Tante Mathilde,« bat jetzt Nelli, »sing du doch einmal! Ich hörte dich so lange nicht!«

»Ach, Kind, ich bin alt – ich lasse mich nicht mehr gern hören – nur vor Albert manchmal, wenn er sehr bittet.«

»Und wenn wir sehr bitten, tust du es auch! Lotte muß dich hören und du auch sie!«

»Oh, ich kann doch gar nichts,« wehrte Lotte, aber Frau Mathilde schlug vor: »Wir singen zuerst einmal zweistimmig; dann fassen wir vielleicht Mut – ich, die ich eigentlich aufgehört habe zu singen, und Sie, die Sie erst anfangen sollen.«

So geschah es, und in dem kleinen Mendelssohnschen Sonntagslied vereinten sich diese beiden Stimmen, so verschiedenartig und doch von demselben echt musikalischen Geist beseelt.

»Das wollen wir öfter tun – so oft Sie zu mir herauskommen können,« sagte Tante Mathilde freundlich.

Lotte war von dieser Aussicht entzückt, denn sie merkte, daß sie von dem geschulten Gesang der Älteren viel lernen könnte. Tante Mathilde sang dann auch das Lied von der »schönen Waldeinsamkeit«, und die jungen Mädchen dachten wieder an Amy, der noch so viel fehlte, um ihre große, glänzende Gabe wirklich schön verwerten zu können.

»Aber sie ist klug,« sagte Nelli, »und sehr zäh; ich wette, sie singt doch noch in Hamburg einmal im Konzert.«

Sie waren jetzt vom Klavier weg und in den Garten getreten, der nur ein bescheidenes Fleckchen, aber in der Baumblüte von besonderem Reiz war. Lotte beobachtete eine Amsel in den Apfelbäumen und horchte auf ihre Stimme, die so süß und dringend durch den hellen Abend schlug. Ihr war lieblich zumute, halb heimatlich, halb sehnsuchtsvoll; das große Hamburger Haus, das immer noch die kühle Fremde vorstellte, schien für heute vergessen.

Noch oft dachte Lotte an diesen Nachmittag zurück. Als dann Nelli mit ihrem Vater nach Karlsbad abgereist war und sie sich einsamer als je fühlte, hätte sie der freundlichen Aufforderung von Frau Mathilde Menkhausen gern Folge geleistet und wäre einmal wieder zu dem freundlichen weißen Häuschen an der Elbe hinausgewandert. Aber sie wagte nicht, im Ohlstedtschen Hause davon zu sprechen.

Da kam eines Tages ein kleiner Brief von Nellis Tante, worin diese schrieb, Nell habe es ihr auf die Seele gebunden, sich um ihre liebe Lotte zu kümmern; auch aus eigenem Antrieb spreche sie gern den Wunsch aus, das junge Mädchen möge ihr doch einmal wieder einen freien Nachmittag schenken.

»Wenn ich als stillebende ältere Frau Ihnen auch nichts Besonderes zu bieten habe, so meine ich doch, wir haben uns neulich recht gut verstanden und werden es beim zweiten Male noch besser tun, wenn Sie mir noch mehr von Ihrer Heimat und Ihren Lieben erzählt haben. Auch wollen wir ja zusammen singen!«

Oh, wie drang dieser Ruf Lotte geradewegs ins Herz! So, das; sie den Mut faßte, sofort mit dem Brief zu Frau Ohlstedt zu gehen und die Bitte, jenen Besuch machen zu dürfen, gleich anzubringen. Zufällig traf es sich, daß gerade Frau Senator Fedders bei ihrer Schwägerin und sofort bereit war, Lottes Wunsch zu unterstützen.

»Ja, liebes Fräulein,« sagte sie in ihrer freundlichen Weise, »das kann ich mir wohl denken, daß Sie sich da draußen in dem kleinen Hause sehr wohl fühlten. Tante Mathilde, wie alle Kinder unseres Kreises sie nennen, ist auch eine besonders liebe und feine Frau, die gut die Jugend versteht, obwohl sie so einsam lebt. Da nehmen Sie nur Ihren ersten freien Tag, und benutzen Sie dies schöne Maiwetter! Meine Jugend hat eben jetzt auch allerlei vor. Henry und Alice wollen mit der neuen kleinen Jacht eine weitere Fahrt unternehmen, und Albert Menkhausen wird wohl auch mittun.«

»Da ist die gute Frau Mathilde ja sowieso allein,« sagte Frau Ohlstedt rasch, »da gehen Sie nur morgen, Fräulein, und leisten Sie ihr Gesellschaft!«

Froh sprach Lotte ihren Dank aus, und der nächste Nachmittag fand sie schon frühzeitig unterwegs. Gerade in diesen Tagen hatte die Mutter ihr ein Kofferchen mit Sommerkleidern geschickt, da der Mai sich so warm und schön anließ. So zog Lotte schnell entschlossen das weiße Kleid an, das höchst einfach, aber so frisch und niedlich war, daß sie richtig ein mädchenhaftes Vergnügen empfand, sich damit zu schmücken.

»In Gesellschaft komme ich ja doch nicht,« dachte sie dabei, »und schließlich macht es auch weniger Spaß, sich für einen großen Kreis von fremden Menschen zu putzen, als für eine einzige liebe Frau, die einen mit mütterlichen Augen ansieht!«

Sie hatte recht; sowie sie eingetreten und von Frau Menkhausen freundlich überrascht empfangen war, sagte diese auch: »Wie niedlich haben Sie sich gemacht, mir alten Frau zu Ehren! Das rechne ich Ihnen hoch an. Blühende Bäume und junge Mädchen in weißen Kleidern gehören zusammen. Nun wollen wir uns auch einen rechten Frühlingstag machen und nur von schönen lieben Dingen sprechen.«

Damit faßte die liebe Frau des Mädchens Hand und zog es in den Garten. Jetzt waren es schon die Kastanien, die in rosiger Pracht standen.

»Haben Sie mir denn auch das Versprochene mitgebracht?«

Glücklich faßte Lotte in die Tasche und brachte ein Päckchen Photographien zum Vorschein. Der Mutter ernste, von leisem Sorgenhauch beschattete Züge, eine Aufnahme von Grünweide mit dem vornehmen Bau des alten Herrenhauses und dem bescheidenen fliederumbuschten Verwalterhäuschen, und vor allem das neue Bild des glücklichen Brautpaares, das neulich hier in Hamburg aufgenommen wurde. Jedes einzelne sah sie aufmerksam an, die seine Menschenkennerin, die genau wußte, daß sie dem jungen Mädchen an ihrer Seite keine größere Freude machen konnte.

»Ich vermag mich ja etwas in Ihr Familienleben hineinzuversetzen,« sagte sie, »weil ich ebenso wie Ihre Mutter einen einzigen Sohn habe, der mir viel ersetzen muß – aber leider keine so liebe Tochter.«

Als sie so plaudernd den Gartensteig entlang gingen, klinkte das Gitterpförtchen, und Albert Menkhausen stand vor seiner überraschten Mutter.

»Du bist es, Albert?« fragte sie fast bestürzt. »Ist aus eurer Probefahrt nichts geworden?«

»O doch, Mutter, die anderen sind unterwegs; aber bei uns im Geschäft gab es heute eine überraschende Mehrarbeit durch unerwartete Nachrichten aus Amerika – da mußte ich zurückbleiben. Wir haben stramm gearbeitet, bis eben jetzt. Ich habe kaum ordentlich gefrühstückt, und nun hat auch meine Mutter wahrscheinlich gar nichts mehr für mich.«

Lächelnd legte er den Arm um sie, und diese versicherte schnell: »Das wollen wir schon machen! Ich freue mich, daß du es darauf ankommen ließest und dich nicht erst in der Stadt satt gegessen hast. Hier draußen ist heute so recht voller Frühling.«

»Das sehe ich,« erwiderte Albert freundlich und wandte sich an Lotte. »Es freut mich, Fräulein Matersen, daß Sie gerade unsere blühenden Bäume kennen lernen.«

»Vor drei Wochen sah ich schon die Apfelbäume,« entgegnete sie lebhaft, »die werden von den Amseln so gern besucht. Nirgends, dünkt mich, singen sie schöner als in den rosa Apfelblüten.«

»Diese Bemerkung,« sagte Albert, »zeigt wieder recht, daß Sie auf das Land, in die Natur gehören, Fräulein Matersen. Nicht wahr, die große Stadt kann Sie wenig fesseln?«

»Ich weiß nicht,« versetzte Lotte zögernd. »Vieles finde ich doch sehr schön und anziehend.«

»Wenn man nur mehr dazu käme –« Albert nickte gutmütig – »aber wissen Sie, unsere Elbe hier draußen, zwischen den abendlich beleuchteten Wiesen, das ist schön für jedermann! Wir wollen ein Boot nehmen, und ich rudere Sie und Mutter ein Stückchen den Strom entlang.«

»Fein,« rief Lotte entzückt, »aber zuerst müssen Sie essen, Herr Menkhausen; Ihre Mutter macht am Küchenfenster schon Zeichen, Sie sollen kommen.«

»Richtig – eine Mutter kann für ihren Sohn, wenn sie ihn auch weit weg geglaubt hat, zu jeder Tages- und Nachtzeit etwas Gutes herbeizaubern. Und Sie, Fräulein Matersen, beweisen mit Ihrer freundlichen Mahnung auch, daß Sie gewohnt sind, ständig für andere zu sorgen.«

»Ach, in die Küche komme ich fast nie,« sagte Lotte verlegen, worauf Albert einfiel: »Das ist auch bei der allgemeinen Fürsorge nicht unbedingt nötig; in der Küche sind andere Leute. Was aber auf dem Fräulein oder der Mademoiselle alles liegt, das weiß ich ziemlich genau! Und ich meine –« er zögerte, und Lotte sah ihn fragend an – »ich finde, Sie sind viel zu jung für diese Stelle im Ohlstedtschen Hause.«

»Denken Sie, daß ich es nicht leisten kann?« fragte Lotte erschrocken, aber sein stiller Blick deutete ganz andere Gedanken an.

Nun klang ein Ruf vom Hause her, und Albert eilte im Laufschritt an das offene Fenster im Untergeschoß. Er schaute in die Küche und rief: »Am liebsten äße ich hier, Mutter, ohne jede Umstände, damit wir keine Zeit verlieren, und deine Küche ist so gemütlich!«

»So komm,« forderte die Mutter lachend auf, und schob einen Stuhl an den schneeweißen Küchentisch. »Was hast du denn noch vor, mein Junge?«

»Rudern will ich euch! Ich habe im Vorbeigehen schon ein Boot bestellt, ohne zu ahnen, daß du einen Gast hattest. Nun paßt es ja erst recht schön, daß wir zu dritt fahren können.«

In Geschwindigkeit und mit bestem Hunger verzehrte Albert ein Fleischgericht; bald darauf saßen sie zu dreien im Boot und glitten in das helle Abendgold hinein.

»Ein hübscher Ersatz für meine aufgegebene Jachtfahrt,« sagte Albert, gewandt das Ruder führend, und auch Lotte dachte still, daß sie so etwas Schönes nicht von diesem Tage erwartet hätte. Als sie dann beim weißen Häuschen wieder anlangten, ruhte Albert nicht, bis seine Mutter sich anschickte, ein wenig Musik zu machen, und auch Lotte dazu heranzog. Auch suchte er selbst Noten zum vierhändigen Spiel heraus und setzte sich zur Mutter ans Klavier, um zu Lottes Überraschung den Diskant einer Haydnschen Sinfonie zu spielen, mit hübschem Anschlag und Ausdruck.

»Die Fertigkeit ist ja sehr mangelhaft,« sagte er wie entschuldigend. »Man kommt im Geschäftsleben selten dazu; außerdem bietet die Großstadt so viel Bedeutendes an Musik, daß einem das eigene Spiel allzu gering deucht.«

»So ging es mir ja auch, mein Junge,« sagte Frau Mathilde. »Als ich zuerst nach Hamburg kam und dein Vater mich in die, großen Konzertsäle führte, gab ich in Gedanken jedes eigene Fortüben auf, weil ich dachte, es könnte meinem Mann niemals genügen.«

»Ach, wie schade,« warf Lotte bescheiden ein, und Frau Mathilde erzählte weiter: »Ja, so sagte auch mein Vater, der immer viel Freude am Zusammenspiel mit mir gehabt hatte, wie an meinem kunstlosen Gesang. Öfter äußerte er: ›Kinder, daß ihr mir die gute alte Hausmusik immer in Ehren haltet! Die wird heutzutage viel zu wenig gepflegt und macht doch eigentlich das Alltagsleben so reich. Mir können ja nicht alle Künstler sein; aber es ist wahrlich ganz verkehrt, wenn man seine eigene bescheidene Gabe vernachlässigt, weil andere mehr können, und man die höchste Stufe nicht erreicht.‹«

»Ich höre Großpapa sprechen,« sagte Albert sinnend, und seine Mutter fuhr fort: »Glücklicherweise verstand auch dein Vater diese Ansichten und unterstützte sie, indem er mir immer wieder zeigte, wie gern er meine ungeschulte Stimme hörte. Dann aber ließ er mir noch guten Unterricht bei tüchtigen Lehrern geben, so daß ich eigentlich als Frau am meisten gelernt habe. Mein einziger kleiner Junge hinderte mich nicht« – dabei zeigte sie schelmisch auf den großen Albert – »sondern war selbst ganz versessen auf Musik. Großpapa aber wunderte sich nun doch beinahe und fragte ängstlich: ›Versäumst du auch nichts darüber im Hause, meine Deern, wenn du noch so übst, wie ein junges Mädchen?‹ Aber mein Mann versicherte ihm, so wolle er es gerade haben. Er mochte schon damals abends nicht mehr viel ausgehen und sehnte sich gleichwohl, anderes zu hören als immer vom Geschäft.«

»Ja, ja, so war der Vater,« sagte wieder Albert. »Ich merkte es wohl schon als Junge, daß er anders war als die meisten Herren, die ich kannte. ›Zu wenig Kaufmann,‹ sagte ja Onkel öfter, und ich hörte eine Art Tadel heraus, den ich doch nicht begriff, denn ich sah Papa immer viel arbeiten, nach meiner Meinung. Aber solche Reichtümer erwarb er freilich nicht wie Onkel.«

»Sein Sinn stand nicht danach,« erwiderte Frau Mathilde, »sonst wäre er auch nicht darauf verfallen, sich eine unbemittelte Gymnasiallehrertochter zur Frau zu nehmen.«

»Er suchte eben nicht Glanz und große Stellung, sondern das stille Glück,« sagte Albert liebevoll und streichelte der Mutter schlanke Hand.

Lotte hörte still zu und fühlte sich unbeschreiblich wohl bei diesen Gesprächen, die ihr diese Menschen so nahe brachten. Beim Abendessen ließ man sie dann selber mehr zu Wort kommen und freute sich über den Takt, mit dem Lotte auf die Fragen über ihr Leben und ihre Tätigkeit einging, ohne, wie man wohl sagt, »aus dem Hause zu schwatzen«. Zurückhaltend mit ihrem Urteil über die Menschen selbst, erkannte sie freudig alles Gute an, das sie erfuhr, und verschwieg, was ihr schwer erschien.

Als Mutter und Sohn später am Abend allein zusammenfassen, fragte Albert ziemlich unvermittelt: »Nun, Mutter, wie gefällt dir Lotte Matersen?«

»Ich finde sie sehr anziehend,« entgegnete Frau Mathilde, »und dennoch wünsche ich nicht, sie noch oft hier wiederzusehen. Na, erschrick nur nicht, Albert! Ich meine, zu ihrem Besten wäre es, sie verließe das Ohlstedtsche Haus!«

Albert seufzte.

»Da hast du recht, Mutter; ich weiß sie auch ungern in dieser Stellung – habe ihr bereits angedeutet, daß ich sie zu jung finde für solchen Platz, aber –«

Die Mutter lächelte und sah ihn dann ernst an.

»Sag du lieber nichts, mein Sohn; wie willst du das begründen? Aber ich – ich habe ihr in vertraulichem Gespräch schon den Rat gegeben, sich doch lieber noch einmal auf die Schulbank zu setzen und weiter zum Examen zu arbeiten. Die ersten anderthalb Jahre werden ihr angerechnet, wenn sie keine zu lange Pause macht, und dann hat sie später ganz andere Aussichten in der Welt!«

»Und was antwortete sie?« fragte Albert gespannt.

»Sie gab mir nicht unrecht, aber ein Jahr will sie durchaus im Ohlstedtschen Hause aushalten; sie behauptet, das sei so eine alte Regel ihrer Mutter, aus der ersten Stelle dürfe man nicht vor Ablauf eines Jahres entlaufen.«

Albert seufzte wieder.

»Sie ist ein tapferes Mädel,« sagte er leise, »das weiß ich längst. Sie hat dir auch gewiß nichts geklagt, Mutter?«

»Nichts. Sie faßt alles sachlich auf und zeigt nirgends kleinliche Empfindlichkeit; aber man hört doch zwischen den Worten mehr.«

Albert nickte. »Aber, nicht wahr, solange sie noch hier bei uns in Hamburg ist, nimmst du dich recht ihrer an Mutter?«

Nun, Mutter, wie gefällt dir Lotte Matersen?

»Das habe ich schon Nelli vor ihrer Abreise versprochen!« Dann kam Albert wieder auf die Erzählungen der Mutter aus der ersten Zeit ihrer Ehe zurück und fragte: »Wurde es dir eigentlich sehr schwer, dich hier einzuleben, Mutter?«

»Ein wenig wohl, mein Junge. Kleinstädter haben es nie ganz leicht in diesem andersartigen, großzügigen Leben; aber dein Vater war unbeschreiblich gut und feinfühlig und – kein reicher Mann. Das war für mich das Erleichternde. Wir hätten ja nie solch Haus machen können, wie Onkel und all die anderen, die ihr eigenes großes Geschäft besaßen oder ein städtisches Amt verwalteten. Papa war doch nur Angestellter seines Bruders.«

»Ebenso wie ich,« sagte Albert, aber die Mutter versetzte: »Dein Weg wird dich etwas weiter führen; dafür sorgt schon Onkel, und – du bist doch auch etwas anders als dein Vater! Vor allem gesünder!«

»Ich möchte trotzdem keine andere Art von Glück als er,« sagte Albert mit ernstem Lächeln, und die Mutter glaubte ihn zu verstehen.

Von diesem Gespräch ahnte ja Lotte nichts, aber die vorsichtigen Ratschläge der Frau Mathilde gaben ihr zu denken.

Als sie ein paar Tage später einen Brief von ihrer Mutter bekam, war es ihr wunderbar, wie deren Meinungen und die ihrer neuesten Freundin übereinstimmten.

Frau Matersen schrieb: »Wenn Hermann im Juli heiratet, gehe ich zunächst zu Hermine, die sich das schon lange wünscht, und die mich dann gerade gut wird brauchen können. Mit nach Lindenholm ziehe ich nicht. Sie haben dort auch keinen übrigen Platz. In Grünweide bleibe ich aber auch nicht, denn der neue Verwalter bringt eine Schwester mit; somit ist mein Platz dort ebenfalls besetzt. Ich denke also, ich nehme mir wieder eine kleine Wohnung in der Stadt wie damals, und Du, mein Kind, kommst zu mir und machst doch Dein Examen fertig. Marianne rät es Dir dringend, und Hermann will auch durchaus nicht, daß Du dauernd in Deiner jetzigen Stellung bleibst. ›Alle Achtung,‹ sagt er, daß die Kleine es so weit durchgeführt hat! Mehr Beweise ihrer Tapferkeit brauchen wir einstweilen nicht.‹«

Lotte war ganz bewegt beim Lesen dieses Briefes, aber wenn sie sich vorstellte, daß sie vielleicht schon sehr bald von Hamburg scheiden sollte, war es ihr doch nicht klar, ob es nur ausschließlich Freude war, was sie dabei empfinden würde. Nun, sogleich brauchte das nicht entschieden zu werden, sie hatte noch Zeit, mit sich zu Rate zu gehen, denn erst zum Herbst wollte die Mutter in die Stadt ziehen, und sie selber hatte ja nun ihre ersten Ferien vor sich.

Dreiunddreißigstes Kapitel: Lotte

Wie hatte sie in ihrer Freude darauf schon Wochen und Tage gezählt, ja, ganz wie ein Schulmädel in ihrem Anschreibebüchlein Striche gemacht, von denen sie täglich einen weglöschte!

Nun aber – seit kurzem versäumte sie dies vergnügliche Geschäft manchmal. Vergessen?! Doch wohl kaum, dachte sie ja täglich an ihre Lieben und an die Reise nach Holstein, wo sie des Bruders künftiges Heim kennen lernen und einrichten helfen sollte. Aber so reizvoll diese Aussicht war, Lotte schien es jetzt doch erwarten zu können.

Hamburg erschien ihr, jetzt gerade, wunderschön, ein ganz anderes Bild als im Winter, und auch ihr Leben in mancher Beziehung anders. Sie ging viel mit den Kindern ins Freie. Auch die beiden Knaben verschmähten es nicht, sich manchmal dem Fräulein und den kleinen Schwestern anzuschließen, denn Haralds erstes Urteil: »Die ist ja jung,« behielt seine wertvolle Geltung. Es war zu nett, wie vergnügt man mit »Fräulein« sein konnte, und wie sie für alles Anteil hatte, was sie draußen sah und hörte. Die beiden kleinen Ritter, die Lotte damals zuerst in Hamburg einführten, konnten noch sehr oft erklärend und belehrend auftreten, und das mochten sie natürlich sehr gern.

Besonders hing aber Dagmar bei diesen Spaziergängen an ihrem lieben Fräulein. Das arme Kind mit dem schwerfälligen Körper ermüdete ja leicht und fühlte sich oft unbehaglich im Vergleich mit den vielen gesunden Kindern, die es draußen auf den Spielplätzen traf, und mit denen Sigrid nur zu gern Bekanntschaft machte – immer neue. Dagmar hielt sich an Lotte und war dankbar, wenn sie nicht immer gemahnt wurde: »Geh, Dagmi, spiele auch mit – sei nicht so träge!«

Ihr Fräulein saß nie auf einer Bank und häkelte oder schwatzte mit Bekannten, zufrieden, wenn die Kinder sich andere Gefährten suchten. Fräulein wußte es immer von selbst, wenn die kleine Verwachsene nicht mehr gehen mochte; dann setzte sie sich mit ihr an ein stilleres Plätzchen, zog wohl ein Buch aus der Tasche, aus dem sie vorlas, oder erzählte etwas Hübsches, und das war eigentlich am nettesten. Fräulein konnte wunderschön erzählen! Am liebsten von Grünweide. Dagmar glaubte auch schon, daß dies Landgut etwas ganz Besonderes sei, und wenn sie hörte, Leonore Menkhausen wolle dort später für immer wohnen und wirtschaften, sagte sie altklug: »Nelli ist nicht dumm!«

Ja, altklug war sie, die kaum Neunjährige, und oft recht unkindlich, aber Lotte fand auch dabei den rechten Ton, weil sie eben ein Herz für das Kind hatte und mitleidig voraussah, was es im späteren Leben würde entbehren müssen.

So nahm sie ihm auch kleine naseweise Bemerkungen, die von Zeit zu Zeit wiederkehrten, nicht übel, sondern brach ihnen geschickt die Spitze ab. Einmal zum Beispiel erzählte Dagmar: »Du, heute war eine Dame bei Mama, die dich sonst noch nicht gesehen hatte; die sagte: ›Ihr Fräulein möchte ich nicht im Hause haben; die ist ja zu hübsch.‹«

Da lachte Lotte einfach hellauf und versetzte: »Wie gut, daß die Leute so verschiedenen Geschmack haben! Deine Mama findet das gewiß gar nicht, Dagmi.«

»Nein, Mama sagte: ›Ach, das ist Nebensache; sie ist jedenfalls eine sehr brauchbare Person.‹«

Nun lachte Lotte nicht, sondern dachte nur: »Wie kann man ein Kind derartiges hören lassen!« Als sie etwas still dazu aussah, sagte die Kleine: »Du, das war doch nicht böse von Mama gemeint? Brauchbar ist besser als hübsch, sagen die großen Leute immer, wenn sie mich trösten wollen.«

Ihr kleines unschönes Gesicht verzog sich kläglich, und die hohen Schultern zuckten, als wollte sie weinen. Da nahm Lotte sie rasch in den Arm und tröstete lachend. »Klein-Dagmi, wir wollen gar nicht an so was denken. Du wirst jetzt immer gesunder – wirst noch ganz groß, glaub' ich, und –«

»Aber nicht wie Sigi,« unterbrach die Kleine ängstlich, so daß Lotte schnell versicherte: »Nicht wie Sigi, aber mir ebenso lieb, wenn du gut und freundlich bist und nicht immer horchst und den großen Leuten nachsprichst, was du nicht verstehst.«

Indem gingen zwei Herren vorüber und grüßten. Der eine war Albert Menkhausen, der sich bald darauf von seinem Begleiter trennte und noch einmal zu dem Platz zurückkehrte, wo Lotte und Dagmar sich gemütlich eingerichtet hatten.

»Hier sitzen Sie, Fräulein Matersen?« sagte er freundlich, aber mit einem gewissen Ausdruck, als fände er es nicht leicht für das junge Mädchen, an diesem herrlichen Maitage, während alle Welt sich vergnügte, nichts anderes vorzuhaben, als jenes wenig liebenswürdige Kind hier draußen zu betreuen und zugleich auf die ungestüme Sigrid zu achten, die in kleiner Entfernung mit anderen Kindern spielte.

Er setzte sich einen Augenblick mit auf die Bank; aber als er Dagmars altklug forschenden Blick bemerkte, fing er an, mit Lotte Englisch zu sprechen. Sie antwortete gewandt, doch es schien ihr nicht recht. So stand er bald wieder auf und bat nur noch: »Darf ich meine Mutter von Ihnen grüßen und ihr Ihren baldigen Besuch versprechen?«

»Wenn es mir noch möglich ist,« sagte Lotte ernsthaft, »denn in acht Tagen reise ich.«

Am Abend erzählte Dagmar richtig ihrer Mutter von dieser Begegnung und schloß: »Dann sprach Onkel Albert Englisch – ich sollte es wohl nicht verstehen – aber Fräulein sah etwas böse dazu aus; da fing er wieder deutsch an. Mein Fräulein will eben vor mir keine Geheimnisse haben.«

Frau Konsul sagte nichts hierzu, sondern dachte nur still: »Fräulein ist wirklich sehr zuverlässig; man kann gar nichts gegen sie haben, sondern darf ihr unbedingt vertrauen.« Als daher Lotte in den nächsten Tagen bat, noch einmal zu Frau Mathilde Menkhausen gehen zu dürfen, gestattete Frau Konsul es freundlicher als sonst.

Es war kein hübscher Tag, und zum ersten Male sah Lotte das kleine Besitztum draußen an der Elbe im Regen. Aber Frau Mathilde begrüßte sie sichtlich erfreut.

»Gerade bei solchem Wetter muß man es sich drinnen um so gemütlicher machen,« sagte sie.

Als dann auch Albert etwas früher als sonst aus der Stadt kam, weil das Wetter weder zum Rudern noch Segeln nach der langen Kontorarbeit einlud, war er froh überrascht, das junge Mädchen bei der Mutter zu finden. Er war sehr lebhaft, beinahe etwas erregt, sagte aber nicht gleich, was ihn so beschäftigt hatte.

Unablässig schlug der Regen an die Fenster, und mit einiger Sorge dachte Lotte an den Heimweg. Da sagte Albert einfach: »Ich bin doch zum Schutz da, Fräulein Matersen. Übrigens – vorläufig denken wir noch nicht an Abschied,« worauf er sich schnell zu seiner Mutter wandte: »Aber wir, Mutter – beim Wort Abschied fällt mir ein: vielleicht tritt dieser Begriff bald an uns heran!«

Die Mutter stutzte, und Albert fuhr fort: »Onkel sagte schon vor einiger Zeit, daß einer von uns wegen unserer Aktien in Venezuela nach drüben müsse. Heute nun hat er bestimmt den Wunsch ausgesprochen, daß ich ihn bei dieser Sache vertrete. ›Ich mag nicht mehr reisen,‹ sagte er, ›du aber, mein Sohn, mußt dir den Wind noch ein wenig um die Ohren schlagen lassen, jenseits von Hamburger Kontor und Börse.‹«

Die Mutter war still. Sie hatte es kommen sehen, aber der Gedanke schreckte sie doch. Dann wiederholte sie im stillen des Geheimrats Worte: »Mein Sohn!« So stellte sich also der Schwager, der reiche, einflußreiche Mann, zu ihrem geliebten Einzigen? Das war nicht zu unterschätzen – das bedeutete Alberts Zukunft! Aber Übergänge waren natürlich durchzumachen; darauf mußte eine verständige Mutter gefaßt sein. Wie dachte er denn selbst darüber, der Sohn? Sah er froh aus?

In diesem Augenblick, ja! Er sprach mit Lotte, die er recht blaß fand, und ließ sich versichern, daß ihr nichts fehlte. Er fragte auch nach ihren Ferienplänen, wohin und wie lange die Reise gedacht sei; ja, er, dem nun sozusagen die ganze Welt offen stand, der über das Meer in die Neue Welt gehen sollte, schien doch noch viel Sinn zu haben für jenes holsteinische kleine Landgut, wo bald das junge Glück einziehen sollte, von dem Lotte so gern sprach.

Daß Albert Menkhausen ein gemütvoller Mensch war, wußte Lotte längst, aber heute schien es ihr wieder besonders deutlich hervorzutreten. Wie gut würde der sich mit Bruder Hermann verstehen, dachte sie. Aber würden sich die beiden je nahe kommen? Hermann blieb ja nicht länger in Grünweide, und wenn dort künftig die Herrschaft zum Besuch kam, war auch Albert nicht mehr dabei; der ging ja nach Amerika. Würde er wohl lange drüben bleiben?

Sie hatte es mit leiser, etwas trauriger Stimme gefragt, und Albert antwortete, daß das gar nicht zu berechnen sei.

»Wenn das Geschäft abgewickelt ist, um das es sich zunächst handelt – hoffentlich glatt und günstiger, als Onkel fürchtet – dann findet sich vielleicht was anderes. Wenn man einmal drüben ist, muß man jede Gelegenheit ausnutzen.«

Er reckte ein wenig die Arme, als lockte ihn wohl die weite Welt und das bewegte Leben; dann aber schien er plötzlich etwas anderes zu denken. Er trat näher zu Lotte, die ganz still saß, und sagte herzlich: »Wenn ich dann wiederkomme, hoffe ich, Sie nicht mehr im Ohlstedtschen Hause zu finden, Fräulein Matersen,« und als sie etwas erstaunt aufsah, erklärte er: »Ich meine, daß ich Sie inzwischen bald an einem Platz wissen möchte, wo Sie lieber sind und es etwas leichter haben.«

Lotte mißverstand ihn nicht, wenn er auch sagte, er wünsche sie nicht mehr in Hamburg zu finden. Albert meinte es ja gut mit ihr, und auch sie hatte heute ein deutliches Gefühl davon, daß ihr etwas fehlen würde, wenn unter den mancherlei Bekannten, die sie nun schon in Hamburg hatte, Nellis liebenswürdiger Vetter nicht mehr zu finden sein würde. Auch hier draußen im Elbhäuschen nur eine einsame Frau!

Aber die wollte sie dann erst recht besuchen, solange sie noch bei Frau Ohlstedt war; Frau Mathilde würde sich doch vielleicht freuen.

Ja, eben sprach sie es aus, und Albert fügte hinzu: »Es wird mir ein Trost und eine Beruhigung sein, meine Mutter manchmal durch Sie, Fräulein Lotte, abgelenkt zu wissen von einsamem Grübeln und – von der Sehnsucht nach dem einzigen fernen Sohn,« schloß er schelmisch, worauf Lotte versprach, treu das Ihre zu tun.

Endlich schlug die Stunde, daß man sich trennen mußte.

Albert brachte Lotte bis zur Haltestelle der Straßenbahn, die allerdings nicht sehr nahe lag, so daß sie noch etwa zehn Minuten im Regen gehen mußten. Eine Droschke oder gar ein Auto wollte Lotte nicht, denn »was würde Frau Konsul sagen, wenn ich so großartig daherkäme!«

Albert gab ihr recht, fand es auch selbst viel erfreulicher, sie noch einmal zu beschirmen, im wahren Sinne des Wortes, da es doch für lange Zeit das letzte Mal sein würde.

Ziemlich zuletzt sagte Lotte: »Morgen schreibe ich an Nell; darf ich wohl grüßen von Vetter Albert?«

»Ja,« entgegnete er, »oder noch lieber: von Ihrem Freund Albert! Das freut meine Base, ich weiß es.«

Als er dann zur Mutter zurückkam, sagte er sogleich: »Mutter, es ist mir ganz klar, und dir, glaube ich, auch, daß ich in Lotte Matersen meine künftige Frau zu finden hoffe. Aber ich habe ihr heute noch nichts gesagt. Jetzt vor der ungewissen nächsten Zeit – nicht wahr, das hältst du auch für richtiger?«

Die Mutter gab Albert recht. Sie war durch seine Mitteilung nicht überrascht, versprach ihm nur freudig, in seiner Abwesenheit das liebe Mädchen immer näher an sich heranzuziehen, solange es noch in dem fremden Hause blieb, und Lotte auch später nicht aus dem Sinn zu lassen. Dann aber trat die Abreise des Sohnes nach Südamerika mit Macht in den Vordergrund.

Vierunddreißigstes Kapitel: Der Einzug

Nun war es wieder Sommer. Auf den Feldern des kleinen holsteinischen Gutes Lindenholm reifte die erste Ernte für den neuen Pächter, der seit kurzem hier hauste; vorläufig allein, in unvollständig eingerichteten Räumen. Aber die sahen den jungen Mann auch nicht viel in ihren Wänden, da die Wirtschaft den Eifrigen von früh bis spät in Anspruch nahm; wollte er doch so schnell wie möglich sein neues Eigentum nach allen Richtungen hin genau kennen lernen, sowie Leute und Art dieser ihm bisher fremden Gegend. Nun aber hatte er eine Reise angetreten, und die Leute wußten, wenn er wiederkam, dann brachte Herr Matersen seine junge Frau heim.

Es war ein sehr warmer Juliabend. In voller Blüte standen die Linden, von denen der Ort seinen Namen trug. Das war ein Duft und ein Summen der eifrigen Bienenvölker!

Mit einem Blumenstrauß trat das größte der Schulmädchen vor.

Man konnte auch jetzt nach Feierabend noch nicht von völliger Abendstille reden, denn es herrschte auf dem Hof eine frohe Geschäftigkeit, die auf den Empfang des jungen Paares hinzielte. Dieser Einzug war den Gutsleuten natürlich ein großes Ereignis, auf das sie sich seit lange freuten. Jahraus, jahrein hatten da auf dem Hof die alten Leutchen gewohnt mit ihren zwei ältlichen Töchtern, mit ihren Sorgen und Kümmernissen. Nie hatte es mal ein bißchen Freude, eine Festlichkeit oder dergleichen gegeben. Nun aber sollte neues Leben in das kleine alte Haus einziehen, das schon seit dem Frühling mit einfachen Mitteln so schmuck zurechtgemacht und in den letzten Tagen von einer alten Frau und einem freundlichen hübschen Mädchen vollends eingerichtet worden war. Ei, das gab doch mal etwas ganz Neues! Daran konnte man vergnügt teilnehmen!

Den jungen Pächter kannte man ja schon und traute ihm Gutes zu. War er auch in der Rede ein bißchen kurz angebunden, so doch nicht unfreundlich, und – er verstand seinen Kram! Das hatten sie bald heraus, die alten eingesessenen Taglöhner und Hofleute.

Wie nun die junge Frau sein mochte, das konnte man freilich nicht wissen. Es hieß, sie sei Lehrerin gewesen. Wenn sie dann nur aufs Land und für die Wirtschaft taugte! Als aber jemand das Wort aufbrachte: »Lehrerin, ja – aber Dorfschullehrerin«, da zerstreuten sich die Bedenken schon etwas.

Auch der alte Schulmeister von Lindenholm nahm von da an den größten Anteil an der Sache. Viele Tage beschäftigte ihn die Aufgabe, den Einzug des jungen Paares hübsch feierlich zu gestalten. Nun waren sie alle auf dem Hof aufgestellt, seine Schulkinder, und er wußte, daß er sich auf sie verlassen konnte. Sowie er den Taktstock hob, würden sie anstimmen. Im Singen waren sie ja groß, die Schulkinder von Lindenholm; das wußte man in der ganzen Gegend, denn der alte Stockmann war nicht bloß Lehrer, sondern zugleich Kantor und Organist, und er meisterte sein Instrument, daß es schon manchem Kenner aufgefallen war. Morgen, am Sonntag, wenn das junge Paar hier seinen Kirchgang hielt, ei, dann wollte er sie vom Orgelchor herab ganz besonders festlich begrüßen. Das hatte er freilich für jede neue Gutsherrschaft getan; aber für diese junge Frau, diese ehemalige Kollegin, da wollte er alle Register ziehen, daß sie jubelten und brausten, und kein Geringerer als der alte Johann Sebastian Bach durfte ihm das Thema geben.

Noch aber war es nicht so weit; noch mußte er auf die Kinder achten, die ihre Aufmerksamkeit teilten zwischen dem Beobachten der Girlande, die eben über der Haustür befestigt wurde, und dem Horchen auf den etwa schon heranrollenden Wagen. Übrigens waren drei Jungen, nicht die besten Sänger, aber die schnellsten Läufer, auf Vorposten gestellt, und einer hatte dem anderen zuzurufen, wenn die bekannte Staubwolke den Wagen ankündigte.

Jetzt – jetzt war es so weit.

»Sie kommen,« schrie es durch die Dorfstraße, und »sie kommen,« trompetete es weiter am Eingang des Hofes.

Unter den blühenden Lindenbäumen hindurch fuhr der offene Wagen um das Rasenrund und hielt vor dem geschmückten Hause. Der junge Gutsherr warf dem Kutscher die Zügel zu und wollte seine Frau vom Wagen heben; aber da setzten die hellen Kinderstimmen ein: »Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren!«

Überrascht und gerührt hielt das Paar an. Den Arm auf die Schulter seiner jungen Frau gelegt, stand Hermann Matersen aufrecht im Wagen. Erst als der letzte Ton verklungen war, setzten sie den Fuß auf den Boden, den sie nun bebauen wollten, und der ihnen Heimat werden sollte.

Noch aber hatten sie kaum die erste Stufe der steinernen Haustreppe betreten, als es wieder einen Aufenthalt gab. Mit einem vollen Rosenstrauß trat das größte Schulmädchen, die Enkelin des alten Kantors, vor und sprach:

Wir Kinder des Dorfes, wir kommen so gern,
Zu grüßen die junge Frau und den Herrn,
Die heute hier ihren Einzug halten,
Des freu'n sich alle Jungen und Alten.

Wir wissen, die Frau ist den Kindern gut,
Sie hat sie genommen in treue Hut
Und hat in der Schul' unterwiesen sie fein,
Wie fleißig und fromm und geschickt man soll sein.

Nun aber, die Bücher, sie legt sie beiseit';
Sie hat einen schmucken Mann gefreit.
Dem will sie jetzt helfen in Hof und Haus
Und wandern mit ihm aufs Feld hinaus.

Und kommt sie ins Dorf und guckt bei uns ein,
Wie wollen mir dann in der Schule uns freu'n!
Und zeigen der Frau guten Willen und Fleiß,
Und sagen, was jeder von uns kann und weiß!

Und meint sie, so wär's auch bei ihr einst gewesen,
So hätten die Kinder geschrieben, gelesen
In ihrer Schule, und mir könnten's auch,
Und alles wär' bei uns der gleiche Brauch.

Dann wollen wir wieder ein Lied ihr singen,
Und freudig soll nochmals der Wunsch euch klingen:
Gott schenke euch Glück und reichen Segen
Und immer zur rechten Zeit Sonne und Regen!«

Wie Marianne diese kleine Ansprache zu Herzen ging! Wie sie sich freute, daß man ihres bisherigen Berufes gedachte und doch auch auf den neuen, noch schöneren hinwies! Mit leuchtenden Augen beugte sie sich zu dem frischen netten Mädchen und nahm mit herzlichem Dank den Rosenstrauß, während Hermann mit ebenso frohem Gesicht dabeistand und dem alten Kantor die Hand schüttelte.

»Morgen,« sagte er dann, »nicht wahr, liebe Frau, morgen nach der Kirche bitten wir den Herrn Kantor und seine junge Schar, uns zu besuchen.«

»… und bewirten sie mit Hochzeitskuchen,« fiel Marianne schnell und fröhlich ein. »Heute muß ich erst auspacken, aber nochmals vielen, vielen Dank, Herr Kantor! Es war wunderschön; mein Mann und ich werden diesen Empfang nie vergessen!«

Sie winkte noch allen Kindern fröhlich mit der Hand, drückte ihren Rosenstrauß an das innig bewegte Gesicht und trat dann endlich an ihres Mannes Hand ins Haus.

Die Dorfjugend war abgezogen; die Mägde hatten auch ihr freundliches Wort für die Schmückung der Haustür bekommen. Nun konnten Hermann und Marianne endlich ungestört sich in ihrem Heim umsehen.

Marianne hatte vorher nichts sehen wollen, und doch war ihr, als kenne sie schon alles, so genau hatte Hermann ihr jeden Raum beschrieben. Aber es war alles noch schöner und freundlicher, denn Hermann – so war er nun einmal – stellte ja alles lieber ein bißchen bescheidener und geringer hin, damit es nur ja keine Enttäuschung gebe.

»Klein – klein ist das ganze Lindenholm,« hatte er oft gesagt, und heute fügte er hinzu: »Mit Grünweide darfst du es nie vergleichen, Mariandel; ich darf es ja draußen auch nicht. Jeder Schlag hier ist nur ein kleiner Bruchteil von den mächtig ausgedehnten Feldern von Grünweide.«

»Und doch,« entgegnete Marianne, »wirst du hier weit mehr das Gefühl der eigenen Scholle haben – glaubst du nicht auch?«

»Freilich, weil unser Herr Verpächter mich so eingesetzt hat, daß ich mich rühren kann, nicht immer fürchten muß, ob die Pacht aufzubringen ist! Denn sie ist wirklich mäßig. Da kann man auch Geld in den Boden hineinstecken, hier und dort verbessern; man weiß, daß der Ertrag einem selber zugute kommt, und so bleibt es nicht fremde Erde, sondern man darf selber Wurzel drin schlagen.«

»Das wollen wir,« sagte Marianne freudig, »dazu helfe uns Gott!«

So fühlte Hermann wieder deutlich, daß er das Beste gefunden hatte in seiner Frau: eine wahre Gefährtin!

Der lange helle Sommerabend währte noch immer fort. So traten sie wieder aus dem kleinen Hause, wanderten unter den blühenden Linden hin, auch ein Stückchen hinaus ins Feld, bis an den klaren, blauen Landsee, der, halb von Wald umkränzt, im Abendlicht ruhig spiegelnd dalag.

»Ich soll nicht vergleichen,« sagte Marianne, »aber ich tue es doch, und meine: landschaftlich schöner ist Lindenholm! Sieh doch das hohe Ufer dort –«

»Das ist eben der ›Holm‹, der weite, hochgelegene Buchenwald, von dem wir hier den letzten Ausläufer haben, wie unser See nach dieser Seite hin auch der letzte und kleinste der ganzen holsteinischen Seenkette ist.«

»Klein, aber mein,« sprach Marianne innig, und Hermann gestand zu: »Es kann ja immer möglich sein, daß wir schließlich einmal das Gütchen als Eigentum erwerben. Mit Herrn Menkhausen wird sich stets reden lassen –«

»… und mit seiner Tochter auch,« fiel Marianne ein.

Sie waren nun umgekehrt und sahen bald durch die blühenden Lindenzweige die hellen Fenster ihres Hauses schimmern.

Da dachte Marianne an den Abend, an dem sie zum ersten Male vor die Tür ihres Schulhäuschens in Grünweide getreten war, nach den Sternschuppen gesehen und dann wieder von außen in ihr kleines bescheidenes Reich gelugt hatte, mit mancher stillen Frage.

»Ach, es ist alles über Bitten und Verstehen gegangen,« sagte sie und faltete ihre Hände fest, indem ihre Augen in leuchtendem Vertrauen und voll Dankbarkeit zu dem hellen sternbesäten Himmel aufblickten, worauf Hermann fragte: »Hörst du die Wachtel im Korn schlagen?« was Marianne ihm nach dem bekannten lieben Liede deutete: »Fürchte Gott – Traue Gott!«

Fünfunddreißigstes Kapitel: Herrin der Scholle

Mit Regen und Sonnenschein gingen die Jahre über Grünweide hin, wie über Lindenholm. Es gab auch wohl mal Unwetter und dürre Zeit, aber im ganzen waren es gedeihliche Jahre, sowohl für das große, reiche Besitztum in Mecklenburg, wie für das kleine holsteinische Gütchen, wo ein glückliches junges Paar in Fleiß und Tüchtigkeit und mit bescheidenen Lebensansprüchen haust. Zwei liebe kleine Mädchen folgen Frau Marianne Matersen fast auf Schritt und Tritt, wenn sie durch ihre Wirtschaft geht und überall selbst Hand anlegt; aber sie laufen auch dem Vater entgegen und wissen ihn schon geschäftig zu bedienen, wenn er vom Felde kommt, wo er als sein eigener Verwalter sich müde geschafft hat, immer allen voran.

Noch ist Hermann Matersen der Pächter des Geheimen Kommerzienrats Menkhausen, aber der Sparschatz, an dem er und seine Marianne eifrig sammeln, mehrt sich, und der Wunsch, dies Stückchen Erde, diese bescheidene Scholle dereinst als Eigentum zu erwerben, wird wohl kein Luftschloß zu bleiben brauchen. Sie sind ja jung und gesund, und »selbst ist der Mann« ist bei beiden der Wahlspruch.

Wie sie in der Wirtschaft überall das Auge haben und die Hände rühren, so denkt Marianne schon mit Vergnügen daran, daß sie später ihre kleinen Mädchen selbst unterrichten und möglichst die fremden Lehrkräfte sparen kann.

Noch ist es ja nicht so weit; erst zwei- und dreijährig laufen die rosigen kleinen Geschöpfe durchs Haus, und Hermann sagt wohl scherzend: »Ihr kleinen Druwäppel (Traubäpfel), wir hätten euch doch eigentlich Lining und Mining nennen müssen! Ihr seht wahrhaftig wie Twäschens (Zwillinge) aus!«

Aber sie heißen Lotte und Leonore, und das ist das Natürlichste, denn die beiden Jugendfreundinnen hatten wohl das nächste Recht zur Gevatterschaft an diesen Kleinen.

Die erste Patin, Leonore Menkhausen, sitzt nun wirklich seit Jahr und Tag als Herrin in Grünweide und strebt, ihre Jugendträume wahrzumachen.

Noch immer gibt es Leute, besonders in ihren Hamburger Kreisen, die Leonore nicht begreifen. Nur Henry Fedders, der Jugendfreund, der seine Gespielin sonst unbarmherzig zu necken pflegte, zeigt jetzt ernsthaftes Verständnis für diese und erklärte öfter: »Das ist kein Strohfeuer, das bald verpufft sein wird; die Nell hat sich zu einem ganzen Charakter entwickelt!«

Er selbst hat sich bei den wiederholten Jagdbesuchen in Grünweide mit dem alten Herrn von Dahlen angefreundet und war sogar manchmal zu Gast in Schönlanke, zu Leonores Überraschung als Gutsnachbar mit auftretend.

Auch unter den ländlichen Nachbarn sind zuerst oft Zweifel laut geworden, ob Leonore es würde durchführen können, ob sie den Leuten und den mancherlei Schwierigkeiten eines ländlichen Betriebes gewachsen sei. Aber immer seltener hört man solche Stimmen; man glaubt immer mehr an Fräulein Leonore Menkhausen, an ihre entschlossene Klugheit, wie ihre warmherzige Güte. Vor allem aber empfinden die Leute des Dorfes es dankbar, daß sie nun wieder eine »richtige Herrschaft« haben, die nicht nur ein paar Tage oder Wochen zum Besuch auf dem Gut weilt, sondern dort wirklich lebt und alles mit durchmacht, in guten wie bösen Tagen.

Das alte Herrenhaus steht von außen unverändert da, aber innen hat Leonore mit Hilfe eines geschickten Baukünstlers schon manches Hübsche geschaffen. Da ist vor allem die große »Wohndiele«.

Am Abend brennt dort im mächtigen dunkelgrünen Ofen ein helles Feuer von derben Buchenholzscheiten, und der Schein der Flammen läuft über das dunkelglänzende Holzgetäfel der Wände, an denen kunstvolle alte Truhen und Schränke stehen, während in der Mitte um den großen runden Tisch unter der Hängelampe bequeme Ledersessel sich reihen. Im Hintergrund führt die Treppe mit kunstreichem Geländer in den Oberstock, wo die Gesellschaftsräume und die Gastzimmer liegen. Neben der Halle befindet sich Leonores Arbeitszimmer mit dem großen Schreibtisch, an dem sie tagsüber oft zu finden ist; am Abend aber siedelt sie an den runden Tisch in der Halle über, und hier ist sie noch für manchen zu sprechen, der am Tage nicht bis zu ihr gelangen konnte.

Hier saß sie auch an einem stürmischen Novemberabend, der das Behagen dieses Raumes doppelt fühlbar machte. Ein großes Wirtschaftsbuch hatte sie vor sich, Rechnungen und Briefe.

Ein älterer bärtiger Mann, ebenfalls mit Papieren in der Hand, stand ihr gegenüber und erstattete Bericht. Er, der Verwalter, war eben aus der Stadt gekommen, wohin er eine Kornlieferung begleitete; nun mußte die junge Herrin alles aufs genaueste davon hören.

Wie Herr Bentin fort war, erschien ein junger Knecht mit Paketen im Arm, ein kleiner untersetzter Mensch mit rundem strohblondem Kopf und nicht gerade einnehmendem Gesicht. Aber Leonore sah ihm freundlich entgegen und sagte: »Schon da? Hinrich, das ist gut!«

»Mit Erlaubnis, gnä' Fräulein, ich bin mit 'm leeren Kornwagen 'rausgefahren.«

»Gut – hast du Postsachen?«

»Hier, gnä' Fräulein.«

Er reichte die verschlossene Ledertasche hin, und sein Gesicht zeigte einen bescheiden ergebenen Ausdruck, wie das Fräulein fragte: »Sonst noch etwas, Hinrich?«

»Ich hab' die Medizin für Großmutter noch mal machen lassen; weil der Doktor sagte, das müßte sein.«

»Natürlich, Hinrich! Laß dir in der Küche auch wieder von dem Tee geben, den Großmutter so gern trinkt. Hattest du heute viel in der Stadt zu besorgen?«

»Ja, siebzehn Sachen!«

»Kannst du es denn schon ebenso gut wie Großmutter?«

Hinrich Stoppsack lachte.

»Sie sagen's im Dorf!«

»Das ist gut; bis nach Weihnachten mußt du Großmutter die Botengänge jedenfalls abnehmen. Nachher willst du ja gern nach Schönlanke als Schweineknecht, höre ich!«

»Wenn Großmutter gesund ist, und wenn gnä' Fräulen erlauben; die Stelle könnt' ich kriegen.«

»Nun, wir werden sehen. Geh jetzt und schicke mir Anna herauf!«

Hinrich Stoppsack entfernte sich und Leonore blickte ihm sinnend nach.

»Doch noch was geworden aus dem kleinen Wildling! Freut mich, daß er nach Schönlanke will; allzu weit möchte ich ihn nicht fortlassen. Es interessiert mich doch so, zu erfahren, wie er sich fortdauernd macht. Nun aber endlich meine Post.«

Natürlich kam in Grünweide regelmäßig am Morgen der Landbriefträger, aber wenn Gelegenheit zur Stadt war, schickte Leonore doch gern die alte Ledertasche aus früherer Zeit zum Postamt. Wie sie jetzt aufschloß, fielen ihr mehrere Briefe entgegen.

»Ein offener aus Lindenholm?« sagte sie vor sich hin, und gleich darauf laut und froh: »Ah, der Stammhalter ist da! Hoch willkommen, kleiner Matersen! Welche Freude! Und hier? Schreibt Lotte? Ja, aus Hamburg!«

Jetzt trat ein hübsches Mädchen in ländlicher Tracht ein, und an den großen blauen Augen war Anning Kasten zu erkennen. Sie stand abwartend an der Tür, denn das Fräulein las noch; aber jetzt rief es freundlich: »Anning, nun möchtest du gewiß als Kindermädchen nach Lindenholm! Denke dir, da ist ein kleiner Junge angekommen!«

Das hübsche Mädchen schlug die Hände zusammen und sagte: »Ei, das ist fein! Aber nu hat Fräulein – ich mein' Frau Matersen – es 'n bischen schwer; denn was klein Lotting ist, die ist ja woll erst zwei Jahre alt.«

»Darum könntest du Frau Matersen eben helfen! Überlege es dir, ob du nach Holstein hinziehen willst!«

»Kann gnä' Fräulen mich denn entbehren?« fragte Anna bescheiden, worauf Leonore antwortete: »Ja, Anning, was tut man nicht aus Freundschaft! Und du mußt ja auch einmal weiter und was anderes kennen lernen! Ich nehme dann Mile Sievert; die wartet schon lange darauf, daß ein Platz auf dem Hof frei wird.«

»Ja, und die hat so viel in der Stadt gelernt – so viel kann ich ja lange nicht, gnä' Fräulein.«

»Du bist mir aber doch lieber,« dachte Leonore. »Nun, Frau Marianne soll jedenfalls ihren ehemaligen Liebling aus der Schule haben.« Laut sagte sie dann: »Nun hole mir Mademoiselle und bring Teewasser!«

Bald darauf kam die Gerufene, eine schlanke, anziehende Erscheinung, mit weißem Haar und tief dunklen Augen im klugen, freundlichen Gesicht, Leonores Gesellschafterin, jene treubewährte Mademoiselle aus dem Hause Fedders. »Ach, Melle, wie gut, daß man dich nun hat zum Plaudern,« rief Leonore und streckte ihrer Hausgenossin beide Hände entgegen. »Höre die guten Nachrichten! In Lindenholm ein Sohn! Nun wird Vater Hermann wohl nicht ruhen, bis er mir das Gütchen abgekauft hat, damit der Junge, wenn er zu Verstand kommt, gleich die eigene Scholle findet. Und hier – höre weiter – auch Lotte schreibt, für die du dich ja besonders interessierst.«

»Allerdings,« sagte die Schweizerin, »für Fräulein Matersen hatte ich von Anfang ein warmes Gefühl und dachte immer: Du liebliches Kind darfst nicht dein Leben lang durch die Fremde gehen! Gott mache es zu rechter Zeit anders mit dir als mit der alten Melle!«

Leonore umfaßte die ältere Freundin und sagte herzlich: »Weißt du, Tante Fedders hat mir das Allerwertvollste gestiftet, damals, als mir alle was schenkten für Grünweide, als sie meinten, mir so etwas wie Ersatz für nicht gebrauchte Hochzeitsgeschenke geben zu müssen! All die schönen Silber- und Kristallsachen kommen nicht auf gegen das goldene Herz meiner Melle, und ich vergesse es Onkel und Tante nie, daß sie sich meinetwegen von dir getrennt haben.«

Melanie Amhof hatte Tränen in den Augen und antwortete: »O Nell, daß du mich brauchen kannst! Daß du mir eine Heimat gibst, so lange, bis –«

»Bis?« unterbrach Leonore rasch. »Dich brauch' ich immer, und wir bleiben zusammen! Aber nun wollen wir sehen, was Lotte schreibt – unsere kleine Strohwitwe scheint heute so glücklich.«

Sie vertieften sich zusammen in den Brief, dazwischen sich aber immer wieder unterbrechend mit Erinnerungen und Betrachtungen.

»Uns' lütt Lotting, wie die alte Konradsch sagte, hat es noch immer am schwersten von uns dreien, die wir damals hier so jung-fröhlich waren,« sagte Leonore. »Zuerst die schwere Stelle in Hamburg, dann, als ich bestimmt erwartete, Vetter Albert würde sich mit ihr verloben, mußte der nach Südamerika. Papas überseeische Unternehmungen waren mir immer ein bißchen schrecklich, weil sie so viel Umstände erforderten. Stets mußte jemand unterwegs sein. Als Papa allmählich älter wurde und sich nicht mehr so darum kümmern mochte, mußte immer Albert vor. Das erste Mal, als ich Lottes wegen so enttäuscht war – obgleich wir nie darüber gesprochen haben – stand für unser Haus ziemlich viel auf dem Spiel; nur Alberts Tüchtigkeit rettete uns vor einem großen Verlust. Aber zwei Jahre gingen doch darüber hin, bis er wiederkam. Und Lotte –«

»Ja, Fräulein Lotte,« fiel Melanie Amhof lebhaft ein, »die hat nicht müßig auf ihn gewartet, sondern fleißig zum Examen gearbeitet – was ich damals so bewunderte, weil sie doch schon ein Jahr lang von den Büchern fort war. Nun aber wurde sie doch anstatt Ohlstedtsches Fräulein eine geprüfte Lehrerin und hatte sogar schon ein Amt, als Herr Albert kam …«

»Ja, und ihr einfach die junge Würde wieder abnahm, um sie fix, ohne langen Brautstand, zu heiraten. Freilich, die kurze, schöne Zeit in der kleinen reizenden Häuslichkeit war wie ein Traum, sagte Lotte später. Albert mußte abermals nach Amerika, und nun nahm er Lottchen mit. Sie war auch gern dazu bereit, vertrug aber das Klima gar nicht, so daß ihr Mann sie im Schutz von guten Bekannten schleunigst wieder herüberschickte und seiner Mutter ›in Verwahrung‹ gab, wie er sich ausdrückte.«

»Wie zart sah sie damals aus, die kleine Frau; ganz beängstigend fand ich sie,« unterbrach Melanie, und Nelli fuhr fort: »Ja, Mutter Matersens Sorgengesicht sehe ich noch vor mir und begriff es gut. Aber Mutter Mathilde hütete und pflegte meisterhaft, hatte auch großstädtische Ärzte zur Seite, so daß Lotte sich erholte, und wir alle, bei denen sie wechselweise zum Besuch war, erwiesen ihr so viel Liebe, wie wir konnten. Aber schwer ist es doch wohl, nicht wahr, Melle, diese beständige Trennung, wenn man doch einmal jemand lieb hat.«

»Gewiß,« sagte die Schweizerin mit Nachdruck, und Nelli fuhr fort: »Aber nun, hoffe ich, hat das ein Ende. Papa schrieb mir schon vor längerer Zeit, daß die Lage drüben sich vereinfacht hat, weil sich manches abgeben ließ. Der ›kleine Chef‹ soll nun endgültig zurückkommen und hier zu Hause dem alten Chef die Last mehr und mehr von den Schultern nehmen. Denn länger, meint Papa, könne man es ja nicht verantworten, Lotte wie eine Seemannsfrau allein leben zu lassen. Und – im Vertrauen, Melle – Papa selbst hat Verlangen nach Albert; er liebt ihn wie einen Sohn, der ich ja leider nicht bin! – Also, nun schreibt Lotte heute glückselig, ihr Mann sei unterwegs und könne schon in vierzehn Tagen hier sein. Dann treffen wir uns vielleicht alle in Lindenholm zur Taufe. Ja, die Geschwister Matersen sind nicht so leicht zu ihrem Glück gekommen! Wenn ich denke, was Hermann erst durchmachen mußte, bis er dann gerade durch jene unseligen Geschichten zu seiner Marianne gelangte!«

»Ja, so ist das Leben,« sagte Melanie Amhof ernst.

Jetzt rief Nelli: »Aber nun, Melle, liebste Melle, gib uns endlich Tee und dann meinen Arbeitskorb und die Pakete! Wir müssen Jäckchen für den kleinen Prinzen von Lindenholm stricken! Hinrich Stoppsack, der jetzt an Stelle der Großmutter Botenfrau spielt, hat mir alles aus der Stadt dazu gebracht, nicht ahnend, daß es für sein ehemaliges Fräulein ist, für Marianne Froben, der er so viel verdankt, wie noch mancher in Grünweide.«

Sie fanden es beide so behaglich, wie sie dasaßen, und sehnten sich nicht hinaus, noch nach irgend welcher Veränderung. Und doch konnte Mademoiselle es nicht lassen, im Gespräch noch einmal auf das zurückzukommen, was Leonore vorhin gesagt hatte: »Wir zwei bleiben zusammen, meine gute Melle.« Sie wünschte der jungen Freundin ein anderes Los und spielte fein darauf an, daß diese gar manche Gelegenheit, sich zu verheiraten, habe vorübergehen lassen, was doch eigentlich schade sei.

Aber Leonore sagte munter: »Ach, Melanie, glaube doch, ich habe noch nichts versäumt, was zu bereuen wäre! Du weißt ja, woran es immer scheiterte.«

»Ja, du bist wie die Prinzessin im Märchen, die ihren Freiern schwere Aufgaben stellt, und jeden unbarmherzig heimschickt, der sie nicht löst.«

Leonore lachte herzlich.

»Sieh da, die gute Melle erzählt dem großen Kinde noch einmal Märchen! Aber ist es denn so unbegreiflich, daß ich gerade nur jemand möchte, der auch wirklich wahren Sinn für mein liebes Grünweide hat?«

»Ich weiß wohl einen, der das besitzt,« sagte die Schweizerin mit liebenswürdiger Schlauheit, und Leonore fiel ein: »Ah, du meinst Henry! Es ist ein rechter Streich, daß er sich in Schönlanke als Volontär angeboten hat. Das wird ihm bald über sein, ebensowohl wie dem alten Herrn von Dahlen. Mich wundert nur, daß der sich überhaupt darauf eingelassen hat.«

»Du irrst, Nell! Herr von Dahlen sprach sich neulich sehr lobend über seinen Volontär aus; er sei geradezu ein Bereicherung für den Winter.«

»Nun ja, Henry ist ein liebenswürdiger Gesellschafter, das ist gewiß …«

»Weiter nichts, Leonore?«

»Doch, er ist klug und tüchtig, aber kein Landwirt.«

»Könnte er es nicht werden?«

»Ich denke, es ist alles ein Scherz!«

»Dafür hat er schon zu lange in Schönlanke ausgehalten und zu ernsthaft mitgearbeitet. Es muß ihm doch wohl Ernst sein. Henry war immer ein ehrlicher Junge.«

»Das ist wahr,« sagte Leonore nachdrücklich und blickte dann still in die Lampe.

Sie dachte an ein Gespräch, das sie neulich mit Henry führte, als er ihr wieder einmal durch die ganze Wirtschaft gefolgt war und so viel mehr Anteilnahme bekundet hatte, als man von dem Städter erwarten konnte.

»Alle Achtung vor deinen tüchtigen Kenntnissen und deiner zähen Beharrlichkeit, Nelli, aber –«

Da wurden sie unterbrochen, und noch öfter mußte Leonore an dieses »Aber« zurückdenken. Was hatte er sagen wollen? Von sich hatte er später noch geäußert: »Glaube mir doch, Nelli, daß ich nicht unter jeder Bedingung an dem Hamburger Leben festhalten muß. Ja, wenn ein eigenes Geschäft auf mich wartete, dann wäre es etwas anderes. So aber kann ich nicht in meines Vaters Fußtapfen treten; Hamburger Senator wird man nicht so einfach. Überseeer zu werden, dazu habe ich keine Lust. Also laß es mich doch einmal versuchen, ob ich die Landwirtschaft nicht so gut begreifen kann, wie eine gewisse Jugendgespielin von mir!«

Sie konnte ja nichts dagegen sagen; es fiel ihr sogar immer wieder ein – und nun kam Mademoiselles Wort dazu: »Henry war immer ein ehrlicher Junge!« Also war es auch wohl ehrlich, was jetzt oft in seinen Augen stand.

Am nächsten Morgen zog Leonore ihre hohen festen Stiefel an und machte schon vor dem zweiten Frühstück einen Gang über Feld, ohne besonderen Zweck. Sie hatte etwas Kopfweh, und die frische Winterluft lockte sie. Der Sturm vom vorigen Abend hatte ausgetobt; die Wege waren leidlich getrocknet. So wanderte es sich gut.

Ohne es zu merken, war sie nahe an die Grenze von Schönlanke gekommen. Da sah sie einen Reiter auf schlankem Goldfuchs, dessen Gangart anzeigte, daß er im Augenblick seinem Herrn nicht zu gehorchen wünschte. Leonore erkannte Henry Fedders und beobachtete gespannt, wie dieser mit dem edlen Tier kämpfte, bis es ihm gelungen war, ihm den Meister zu zeigen. Er hatte nur einmal von fern gegrüßt und sich nicht stören lassen; jetzt ritt er heran und rief fröhlich: »Verzeih, Bäschen, daß ich nicht gleich zu Diensten war; aber dieser Bursche da mußte durchaus erst folgen.«

»Natürlich,« sagte Leonore, »ich habe mit Vergnügen zugesehen, wie es dir gelungen ist, Henry.«

Dieser sprang jetzt ab und winkte einem Knecht, ihm das Tier abzunehmen, worauf er an Leonores Seite trat.

»Ein reichliches Stück Arbeit war es mit dem Fuchs, so daß ich wohl einen kleinen Spaziergang in angenehmer Gesellschaft verdient habe. Darf ich dich begleiten, Nell?«

»Gern; ich gehe sogar spazieren, ohne vorher etwas geleistet zu haben.«

»Desto besser,« versetzte Henry neckend. »Da braucht man nicht immer so ungeheuren Respekt zu haben!«

»Hast du denn das sonst nötig, Henry?«

»Gewiß; ich sagte es dir neulich, wie ich dich als Gutsherrin bewundere, Leonore.«

Das klang aufrichtig, und das junge Mädchen fiel rasch ein: »Doch brachst du mit einem ›aber‹ ab, Henry; gewiß wolltest du etwas sagen, das die Anerkennung wieder abschwächte.«

»Durchaus nicht,« sagte er jetzt mit ernster Entschiedenheit. »Ich wollte hinzufügen: Du leistest viel und bist eine ganze Persönlichkeit geworden, Nell, aber – ist es denn darum nötig, daß du allein bleibst auf der geliebten Scholle? Könntest du dich nicht entschließen, einen Lebensgefährten zu nehmen – nicht, weil du ihn brauchst, weil du nicht allein fertig werden kannst – du hast uns ja schon das Gegenteil bewiesen! Nein, sondern weil es schöner sein kann, in Gemeinschaft zu arbeiten und zu streben und die Freude am Erreichten zu teilen. Glaubst du nicht daran, Nell?«

Sie war ein wenig rot geworden, und in den klaren Augen, mit denen sie zu ihm aufsah, stand kein »Nein«.

Sagen konnte sie nichts, denn sie hatten jetzt den Hof erreicht. Leute grüßten oder kamen mit einem Anliegen heran; so sagte die junge Herrin nur: »Begleite mich ins Haus, Henry!«

Drinnen in der gemütlichen Wohndiele des alten Herrenhauses hatte Mademoiselle eben den Frühstückstisch gedeckt. Als sie das Paar herankommen sah, stellte sie zu dem Tee, den Leonore zu trinken pflegte, schnell noch eine Flasche Wein und Gläser. Dann ging sie den beiden entgegen, die mit winterfrischen, frohen Gesichtern eintraten.

»Melle, meine liebe alte Melle,« sagte Henry gleich mit gewinnender Herzlichkeit, »dich hier zu wissen, ist doch ein wundervoll beruhigender Gedanke. Hast du denn etwas Gutes für deinen kleinen Henry? Nasse Füße bringt er nicht mit herein, wie einstmals so oft, denn er hat sich die meiste Zeit heute auf Rosses Rücken gehalten, was ihm einen rechtschaffenen Hunger einbrachte. Leonore, deine edle Herrin, hat mich zum Frühstück eingeladen.«

»Komm nur, mein kleiner Henry,« erwiderte die Schweizerin heiter, »du sollst alles finden. Nur ein paar frische Eier hol' ich noch, denn die schon gekochten wirst du nicht mögen. Herrin Leonore ißt die Eier hart!«

»Wie ungesund,« tadelte Henry in scherzendem Strafton.

Dann sah er sich in den behaglich schönen Räumen um, und an Leonores Schreibplatz stehen bleibend, sagte er ernsthaft: »Hübsch und traulich hast du es dir gemacht, Leonore, und überall sieht man Spuren deines Wesens. Man wäre wahrlich grausam, dich je von hier fortnehmen zu wollen, aus dieser deiner eigensten Welt. Ich täte das nie; ich bitte dich nur, laß mich mit heimisch werden auf deiner Scholle, und glaube, daß ich dich ehrlich lieb habe, dich und deine selbstgewählte Art von Lebensführung!«

Als Mademoiselle zurückkam, war gerade das entscheidende Wort gefallen, und der sorglich bereitgestellte Wein konnte bald seinen Zweck erfüllen. Henry hob sein Glas gegen Leonore und sagte in warmem Ton: »Grünweide!«

»In Lust und Leide!« erwiderte sie ebenso, und die alte Freundin schloß: »Vereint ihr beide!«

Mit dieser kleinen poetischen Feierlichkeit aber klang die Stunde nicht aus. Leonore bestellte ihr Pferd, einen schlanken, zierlichen Rappen, und auch Henrys Goldfuchs, der so lange auf dem Hof untergestellt war, wurde herbeigeführt. Melanie stand am Fenster und sah zu, wie die beiden sich leicht in den Sattel schwangen und zum ersten Male zusammen ins Dorf ritten.

Henry hob sein Glas gegen Leonore und sagte in warmem Ton: »Grünweide!«

Und wie damals, als der junge Verwalter und die Dorfschullehrerin sich als neues Brautpaar zeigten, wenn auch etwas bescheidener als diese beiden stolzen Reitergestalten, ebenso schnell verbreitete es sich heute wie ein Lauffeuer im Dorf: »Uns' gnä' Frölen will frigen (heiraten) – ganz gewiß, wie kriegen 'nen Herrn,« und die Konradsch, die mittlerweile die Uralte des Dorfes war, aber immer die liebenswürdig neckische Weise, sagte, aus der Tür des Armenhauses an die Reiter herantretend: »Dat 's ook man gaut (gut), gnä' Frölen, dat Sei sick bisunnen hebben (besonnen haben), un nich allein bliwen (bleiben) willen, as (wie) ümmer seggt würd (gesagt wird). Up 'n (auf einen) Hof hürt (gehört) 'nen Herr, un tau (zu) 'ne junge Dam' hürt 'n Mann. Un hei (er) –« sie plinkte schelmisch nach Henry hin – »wat nu de Brüjam (Bräutigam) is, hei kann sick sehen laten (lassen); wi mögen em (ihn) all tausamen (zusammen) liden (leiden).«

Leonore lachte froh, und Henry, der junge vornehme Hamburger, versicherte: »Mehr kann ich nicht verlangen, und du auch nicht, liebe Nell. Wenn ich diese Probe bestehe, bin ich stolz und fühle bereits so etwas wie Bodenständigkeit hier in Grünweide.«

»Du hast schon damals die Herzen hier gewonnen, Henry,« sagte Leonore im Weiterreiten, »als du zum ersten Male auf der Jagd warst; da schwärmten die alten Frauen für dich, und ich habe mir manche Neckerei von der Konradsch gefallen lassen müssen, die bestimmt weissagte, wir würden noch ein Paar.«

»Bist du denn nun zufrieden, daß sie recht behalten hat?« fragte Henry schalkhaft, worauf Leonore froh nickte und herzlich antwortete: »Ich will nicht mehr selbständige Herrin der Scholle sein, sondern teile gerne mit dir.«