Das Sinngedicht.

Erstes Capitel.
Ein Naturforscher entdeckt ein Verfahren und reitet
über Land, dasselbe zu prüfen.

Vor etwa fünfundzwanzig Jahren, als die Naturwissenschaften eben wieder auf einem höchsten Gipfel
standen, obgleich das Gesetz der natürlichen Zuchtwahl
noch nicht bekannt war, öffnete Herr Reinhart eines Tages
seine Fensterläden und ließ den Morgenglanz, der hinter
den Bergen hervorkam, in sein Arbeitsgemach, und mit
dem Frühgolde wehte eine frische Sommermorgenluft daher und bewegte kräftig die schweren Vorhänge und die
schattigen Haare des Mannes.

Der junge Tagesschein erleuchtete die Studierstube
eines Doctor Fausten, aber durchaus ins Moderne, Bequeme und Zierliche übersetzt. Statt der malerischen Esse,
der ungeheuerlichen Kolben und Kessel, gab es da nur
feine Spirituslampen und leichte Glasröhren, Porzellanschalen und Fläschchen mit geschliffenem Verschlusse, angefüllt mit Trockenem und Flüssigem aller Art, mit Säuren,
Salzen und Kristallen. Die Tische waren bedeckt mit
geognostischen Karten, Mineralien und hölzernen Feldspathmodellen; Schichten gelehrter Jahrbücher in allen
Sprachen belasteten Stühle und Divans, und auf den
Spiegeltischchen glänzten physikalische Instrumente in
blankem Messing. Kein ausgestopftes Monstrum hing an
räucherigem Gewölbe, sondern bescheiden hockte ein lebendiger Frosch in einem Glase und harrte seines Stündleins,
und selbst das übliche Menschengerippe in der dunkeln
Ecke fehlte, wogegen eine Reihe von Menschen- und Thierschädeln so weiß und appetitlich aussah, daß sie eher den
Nippsachen eines Stutzers glichen, als dem unheimlichen
Hokuspokus eines alten Laboranten. Statt bestaubter
Herbarien sah man einige feine Bogen mit Zeichnungen
von Pflanzengeweben, statt schweinslederner Folianten
englische Prachtwerke in gepreßter Leinwand.

Wo man ein Buch oder Heft aufschlug, erblickte man
nur den lateinischen Gelehrtendruck, Zahlensäulen und
Logarithmen. Kein einziges Buch handelte von menschlichen oder moralischen Dingen, oder, wie man vor hundert
Jahren gesagt haben würde, von Sachen des Herzens und
des schönen Geschmackes.

So wollte also Reinhart sich wieder an eine stille,
subtile Arbeit begeben, die er schon seit Wochen betrieb.
In der Mitte des Zimmers stand ein sinnreicher Apparat,
allwo ein Sonnenstrahl eingefangen und durch einen
Kristallkörper geleitet wurde, um sein Verhalten in demselben zu zeigen und womöglich das innerste Geheimniß
solcher durchsichtigen Bauwerke zu beleuchten. Schon viele
Tage stand Reinhart vor der Maschine, guckte durch eine
Röhre, den Rechenstift in der Hand, und schrieb Zahlen
auf Zahlen.

Als die Sonne einige Spannen hoch gestiegen, verschloß er wieder die Fenster vor der schönen Welt mit
Allem, was draußen lebte und webte, und ließ nur einen
einzigen Lichtstrahl in den verdunkelten Raum, durch ein
kleines Löchlein, das er in den Laden gebohrt hatte.
Als dieser Strahl sorgfältig auf die Tortur gespannt war,
wollte Reinhart ungesäumt sein Tagewerk beginnen, nahm
Papier und Bleistift zur Hand und guckte hinein, um da
fortzufahren, wo er gestern stehen geblieben.

Da fühlte er einen leise stechenden Schmerz im Auge;
er rieb es mit der Fingerspitze und schaute mit dem andern
durch das Rohr, und auch dieses schmerzte; denn er hatte
allbereits angefangen, durch das anhaltende Treiben sich
die Augen zu verderben, namentlich aber durch den
unaufhörlichen Wechsel zwischen dem erleuchteten Kristall
und der Dunkelheit, wenn er in dieser seine Zahlen
schrieb.

Das merkte er jetzt und fuhr bedenklich zurück; wenn
die Augen krank wurden, so war es aus mit allen sinnlichen Forschungen, und Reinhart sah sich dann auf beschauliches Nachdenken über das zurückgeführt, was er bislang gesehen. Er setzte sich betroffen in einen weichen
Lehnstuhl, und da es nun gar so dunkel, still und einsam
war, beschlichen ihn seltsame Gedanken.

Nachdem er in munterer Bewegung den größten Theil
seiner Jugend zugebracht und dabei mit Aufmerksamkeit
unter den Menschen genug gesehen hatte, um von der
Gesetzmäßigkeit und dem Zusammenhange der moralischen
Welt überzeugt zu werden, und wie überall nicht ein
Wort fällt, welches nicht Ursache und Wirkung zugleich
wäre, wenn auch so gering wie das Säuseln des Grashalmes auf einer Wiese, war die Erkundung des Stofflichen und Sinnlichen ihm sein All' und Eines geworden.

Nun hatte er seit Jahren das Menschenleben fast vergessen, und daß er einst auch gelacht und gezürnt, thöricht
und klug, froh und traurig gewesen. Jetzt lachte er nur,
wenn unter seinen chemischen Stoffen allerlei Komödien
und unerwartete Entwickelungen spielten; jetzt wurde er
nur verdrießlich, wenn er einen Rechnungsfehler machte,
falsch beobachtete oder ein Glas zerbrach; jetzt fühlte er
sich nur klug und froh, wenn er bei seiner Arbeit das
große Schauspiel mit genoß, welches den unendlichen
Reichthum der Erscheinungen unaufhaltsam auf eine einfachste Einheit zurückzuführen scheint, wo es heißt, im Anfang war die Kraft, oder so was.

Die moralischen Dinge, pflegte er zu sagen, flattern
ohnehin gegenwärtig wie ein entfärbter und heruntergekommener Schmetterling in der Luft; aber der Faden,
an dem sie flattern, ist gut angebunden und sie werden
uns nicht entwischen, wenn sie auch immerfort die größte
Lust bezeigen, sich unsichtbar zu machen.

Jetzt aber war es ihm, wie gesagt, unbehaglich zu
Muth geworden; in der Besorgniß um seine Augen stellte
er sich alle die guten Dinge vor, welche man mittelst derselben sehen könne, und unvermerkt mischte sich darunter
die menschliche Gestalt, und zwar nicht in ihren zerlegbaren Bestandtheilen, sondern als Ganzes, wie sie schön
und lieblich anzusehen ist und wohllautende Worte hören
läßt. Es war ihm, als ob er sogleich viel gute Worte
hören und darauf antworten möchte, und es gelüstete ihn
plötzlich, auf das durchsichtige Meer des Lebens hinauszufahren, das Schifflein im reizenden Versuche der Freiheit da oder dorthin zu steuern, wo liebliche Dinge lockten.
Aber es fiel ihm nicht der geringste Anhalt, nicht das
kleinste Verhältniß ein zur Uebung menschlicher Sitte; er
hatte sich vereinsamt und festgerannt, es blieb still und
dunkel um ihn her, es ward ihm schwül und unleidlich
und er sprang auf und warf die Fensterläden wieder weit
auseinander, damit es hell würde. Dann eilte er in eine
Bodenkammer hinauf, wo er in Schränken eine verwahrloste Menge von Büchern stehen hatte, die von den halbvergessenen menschlichen Dingen handelten. Er zog einen
Band hervor, blies den Staub davon, klopfte ihn tüchtig
aus und sagte: Komm, tapferer Lessing! es führt dich
zwar jede Wäscherin im Munde, aber ohne eine Ahnung
von deinem eigentlichen Wesen zu haben, das nichts Anderes
ist, als die ewige Jugend und Geschicklichkeit zu allen
Dingen, der unbedingte gute Wille ohne Falsch und im
Feuer vergoldet!

Es war ein Band der Lachmann'schen Lessingausgabe und zwar der, in welchem die Sinngedichte des
Friedrich von Logau stehen, und wie Reinhart ihn aufschlug, fiel ihm dieser Spruch in die Augen:

Wie willst du weiße Lilien zu rothen Rosen machen?
Küß eine weiße Galathee: sie wird erröthend lachen.

Sogleich warf er das Buch weg und rief: Dank dir,
Vortrefflicher, der mir durch den Mund des noch älteren
Todten einen so schönen Rath gibt! O, ich wußte wohl,
daß man dich nur anzufragen braucht, um gleich etwas
Gescheidtes zu hören!

Und das Buch wieder aufnehmend, die Stelle nochmals laut lesend, rief Reinhart: Welch' ein köstliches
Experiment! Wie einfach, wie tief, klar und richtig, so
hübsch abgewogen und gemessen! Gerade so muß es sein:
erröthend lachen! Küß eine weiße Galathee, sie wird erröthend lachen!

Das wiederholte er beständig vor sich her, während
er Reisekleider hervorsuchte und seinen alten Diener herbeirief, daß er ihm schleunig helfe, den Mantelsack zu
packen und das erste beste Miethpferd bestelle auf mehrere
Tage. Er anbefahl dem Alten die Obhut seiner Wohnung
und ritt eine Stunde später zum Thore hinaus, entschlossen, nicht zurückzukehren, bis ihm der lockende Versuch gelungen.

Er hatte die artige Vorschrift auf einen Papierstreifen geschrieben, wie ein Recept, und in die Brieftasche
gelegt.

Zweites Capitel.
Worin es zur einen Hälfte gelingt.

Als Reinhart eine Weile in den thauigen Morgen
hineingezogen, wo hier und da Sensen blinkten und frische
Heuerinnen die Mahden auf den Wiesen ausbreiteten, kam
er an eine lange und breite, sehr schöne Brücke, welche
der Frühe wegen noch still und unbegangen war, und wie
ein leerer Saal in der Sonne lag. Am Eingange stand
ein Zollhäuschen von zierlichem Holzwerk, von blühenden
Winden bedeckt, und neben dem Häuschen klang ein klarer
Brunnen, an welchem die Zöllnerstochter eben das Gesicht
gewaschen hatte und sich die Haare kämmte. Als sie zu
dem Reiter herantrat, um den Brückenzoll zu fordern, sah
er, daß es ein schönes blasses Mädchen war, schlank von
Wuchs, mit einem feinen, lustigen Gesicht und kecken
Augen. Das offene braune Haar bedeckte die Schultern
und den Rücken, und war wie das Gesicht und die Hände
feucht von dem frischen Quellwasser.

„Wahrhaftig mein Kind!“ sagte Reinhart. „Ihr seid
die schönste Zöllnerin, die ich je gesehen, und ich gebe
Euch den Zoll nicht, bis Ihr ein wenig mit mir geplaudert
habt!“

Sie erwiderte: „Ihr seid bei Zeiten aufgestanden,
Herr, und schon früh guter Dinge. Doch wenn Ihr mir
noch einige Mal sagen wollt, daß ich schön sei, so will
ich gern mit Euch plaudern, so lang es Euch gefällt, und
Euch jedesmal antworten, daß Ihr der verständigste Reiter
seid, den ich je gesehen habe!

„Ich sage es noch ein Mal; der diese schöne neue
Brücke gebaut und das kunstreiche Häuschen dazu erfunden,
muß sich erfreuen, wenn er solche Zöllnerin davor sieht!“

„Das thut er nicht, er haßt mich!“

„Warum haßt er Euch?“

„Weil ich zuweilen, wenn er in der Nacht mit seinen
zwei Rappen über die Brücke fährt, ihn etwas warten
lasse, eh' ich herauskomme und den Schlagbaum aufziehe;
besonders wenn es regnet und kalt ist, ärgert ihn das
in seiner offenen Kalesche.“

„Und warum zieht Ihr den Schlagbaum so lang
nicht auf?“

„Weil ich ihn nicht leiden kann!“

„Ei, und warum kann man ihn nicht leiden?“

„Weil er in mich verliebt ist und mich doch nicht ansieht, obgleich wir miteinander aufgewachsen sind. Ehe
die Brücke gebaut war, hatte mein Vater die Fähre an
dieser Stelle; der Baumeister war eines Fischers Sohn
da drüben, und wir fuhren immer auf der Fähre mit,
wenn Leute übersetzten. Jetzt ist er ein großer Baumeister
geworden und will mich nicht mehr kennen; er schämt sich
aber vor mir, die ich hübsch bin, weil er immer eine
buckelige, einäugige Frau im Wagen neben sich hat.“

„Warum hat er, der so schöne Werke erfindet, eine
so häßliche Frau?“

„Weil sie die Tochter eines Rathsmannes ist, der ihm
den Brückenbau verschaffen konnte, durch den er groß und
berühmt geworden. Jener sagte, er müsse seine Tochter
heirathen, sonst solle er die Brücke nicht bauen.“

„Und da hat er es gethan?“

„Ja, ohne sich zu besinnen; seitdem muß ich lachen,
wenn er über die Brücke fährt; denn er macht eine sehr
traurige Figur neben seiner Buckligen, während er nichts
als schlanke Pfeiler und hohe Kirchthürme im Kopfe hat.“

„Woher weißt Du aber, daß er in Dich verliebt ist?“

„Weil er immer wieder vorüberkommt, auch wenn er
einen Umweg machen muß, und dann mich doch nicht
ansieht!“

„Habt Ihr denn nicht ein wenig Mitleid mit ihm,
oder seid Ihr am Ende nicht auch in ihn verliebt?“

„Dann würde ich Euch nichts erzählen! Einer, der
eine Frau nimmt, die ihm nicht gefällt, und dann Andere
gern sieht, die er doch nicht anzuschauen wagt, ist ein
Wicht, bei dem nicht viel zu holen ist, meint Ihr nicht?“

„Sicherlich! Und um so mehr, als dieser also recht
gut weiß, was schön ist; denn je länger ich Euch und
diese Brücke betrachte, desto lauter muß ich gestehen, daß
es zwei schöne Dinge sind! Und doch nahm er die Häßliche nur, um die Brücke bauen zu dürfen!“

„Aber er hätte auch die Brücke fahren lassen und
mich nehmen können, und dann hätte er auch etwas
schönes gehabt, wie Ihr sagt!“

„Das ist gewiß! Nun, er hat den Nutzen für sich
erwählt, und Ihr habt Euere Schönheit behalten! Hier
seid Ihr gerade an der rechten Stelle; viele Augen können
Euch da sehen und sich an dem Anblick erfreuen!“

„Das ist mir auch lieb und mein größtes Vergnügen!
Hundert Jahre möchte ich so vor diesem Häuslein stehen
und immer jung und hübsch sein! Die Schiffer grüßen
mich, wenn sie unter der Brücke durchfahren, und wer
darüber geht, dreht den Hals nach mir. Das fühl' ich,
auch wenn ich den Rücken kehre, und weiter verlang' ich
nichts. Nur der Herr Baumeister ist der Einzige, der
mich nie ansieht, und es doch am liebsten thäte! Aber
nun gebt mir endlich den Zoll und zieht Euere Straße,
Ihr wißt nun genug von mir für die schönen Worte,
die Ihr mir gegeben!“

„Ich gebe Dir den Zoll nicht, feines Kind, bis Du
mir einen Kuß gegeben!“

„Auf die Art müßte ich meinen Zoll wieder verzollen
und meine eigene Schönheit versteuern!“

„Das müßt Ihr auch, wer sagt etwas Anderes?
Würde bringt Bürde!“

„Zieht mit Gott, es wird nichts daraus!“

„Aber Ihr müßt es gern thun, Allerschönste! So
ein bischen von Herzen!“

„Gebt den Zoll und geht!“

„Sonst thu' ich es selbst nicht; denn ich küsse nicht
eine Jede! Wenn Du's recht artig vollbringst, so will
ich das Lob Deiner Schönheit verkünden und von Dir
erzählen, wo ich hinkomme; und ich komme weit herum!“

„Das ist nicht nöthig; alle guten Werke loben sich
selbst!“

„So werde ich dennoch reden, auch wenn Ihr mich
nicht küßt, beste Schöne! Denn Ihr seid zu schön, als
daß man davon schweigen könnte! Hier ist der Zoll!“

Er legte das Geld in ihre Hand; da hob sie den Fuß
in seinen Steigbügel, er gab ihr die Hand und sie schwang
sich zu ihm hinauf, schlang ihren Arm um seinen Hals
und küßte ihn lachend. Aber sie erröthete nicht, obgleich
auf ihrem weißen Gesicht der bequemste und anmuthigste
Platz dazu vorhanden war. Sie lachte noch, als er schon
über die Brücke geritten war und noch einmal zurückschaute.

Für's Erste, sagte er zu sich selbst, ist der Versuch
nicht gelungen; die nothwendigen Elemente waren nicht
beisammen. Aber schon das Problem ist schön und lieblich,
wie lohnend müßte erst das Gelingen sein!

Drittes Capitel
Worin es zur andern Hälfte gelingt.

Hierauf durchritt er verschiedene Gegenden, bis es
Mittag wurde, ohne daß ihm eine weitere günstige Gelegenheit aufgestoßen wäre. Jetzt erinnerte ihn aber der
Hunger daran, daß es Zeit zur Einkehr sei und eben,
als er das Pferd zu einem Wirthshause lenken wollte,
fiel ihm der Pfarrherr des Dorfes ein, welcher ein alter
Bekannter von ihm sein mußte, und er richtete seinen Weg
nach dem Pfarrhause. Dort erregte er ein großes Erstaunen und eine unverhehlte Freude, die alsobald nach
Schüsseln und Tellern, nach Töpfchen und Gläsern, nach
Eingemachtem und Gebackenem auseinander lief, um das
gewöhnliche Mittagsmahl zu erweitern. Zuletzt erschien
eine blühende Tochter, deren Dasein Reinhart mit den
Jahren vergessen hatte; überrascht erinnerte er sich nun
wohl des artigen kleinen Mädchens, welches jetzt zur
Jungfrau herangewachsen war, deren Wangen ein feines
Roth schmückte und deren längliche Nase gleich einem
ernsten Zeiger andächtig zur Erde wies, wohin auch der
bescheidene Blick fortwährend ihr folgte. Sie begrüßte
den Gast, ohne die Augen aufzuschlagen, und verschwand
dann gleich wieder in die Küche.

Nun unterhielten ihn Vater und Mutter ausschließlich
von den Schicksalen ihres Hauses und verriethen eine
wundersame Ordnungsliebe in diesem Punkte; denn sie
hatten alle ihre kleinen Erfahrungen und Vorkommnisse
auf das Genaueste eingereiht und abgetheilt, die angenehmen von den betrübenden abgesondert und jedes
Einzelne in sein rechtes Licht gesetzt und in reinliche
Beziehung zum Andern gebracht. Der Hausherr gab
dann dem Ganzen die höhere Weihe und Beleuchtung,
wobei er merken ließ, daß ihm die berufliche Meisterschaft
im Gottvertrauen gar wohl zu Statten käme bei der
Lenkung einer so wunderbarlichen Lebensfahrt. Die Frau
unterstützte ihn eifrigst und schloß Klagen wie Lobpreisungen mit dem Ruhme ihres Mannes und mit dem
gebührenden Danke gegen den lieben Gott, der in dieser
kleinen, friedlich bewegten Familie ein besonderes, fein
ausgearbeitetes Kunstwerk seiner Weltregierung zu erhalten
schien, durchsichtig und klar wie Glas in allen seinen
Theilen, worin nicht ein dunkles Gefühlchen im Verborgenen stürmen konnte.

Dem entsprachen auch die vielen Glasglocken, welche
mannichfache Familiendenkmale vor Staub schützten, sowie
die zahlreichen Rähmchen an der Wand mit Silhouetten,
Glückwünschen, Liedersprüchen, Epitaphien, Blumenkränzen
und Landschaften von Haar, Alles symmetrisch aufgehängt
und mit reinlichem Glase bedeckt. In Glasschränken
glänzten Porzellantassen mit Namenszügen, geschliffene
Gläser mit Inschriften, Wachsblumen und Kirchenbücher
mit vergoldeten Schlössern.

So sah auch die Pfarrerstochter aus, wie wenn sie
eben aus einem mit Spezereien durchdufteten Glasschranke
käme, als sie, sorgfältig geputzt, wieder eintrat. Sie
trug ein himmelblau seidenes Kleidchen, das knapp genug
einen rundlichen Busen umspannte, auf welchen die liebe,
ernsthafte Nase immerfort hinab zeigte. Auch hatte sie
zwei goldene Löcklein entfesselt und eine schneeweiße Küchenschürze umgebunden; und sie setzte einen Pudding so sorgfältig auf den Tisch, wie wenn sie die Weltkugel hielte.
Dabei duftete sie angenehm nach dem würzigen Kuchen,
den sie eben gebacken hatte.

Ihre Eltern behandelten sie aber so feierlich und
gemessen, daß sie ohne sichtbaren Grund oftmals erröthete
und bald wieder wegging. Sie machte sich auf dem Hofe
zu schaffen, wo Reinharts Pferd angebunden war, und in
eifriger Fürsorge fütterte sie das Thier. Sie rückte ihm
ein Gartentischchen unter die Nase und setzte ihm in ihrem
Strickkörbchen einige Brocken Hausbrot, halbe Semmeln
und Zwiebäcke vor, nebst einer guten Handvoll Salatblätter; auch stellte sie ein grünes Gießkännchen mit
Wasser daneben, streichelte das Pferd mit zager Hand
und trieb tausend fromme Dinge. Dann ging sie in ihr
Zimmerchen, um schnell die unverhofften Ereignisse in ihr
Tagebuch einzutragen; auch schrieb sie rasch einen Brief.

Inzwischen ging auch Reinhart hinunter, um das
Pferd vorläufig bereit zu machen. Dieses hatte sich das
Gießkännchen an die Nase geklemmt und am Gießkännchen
hing das Strickkörbchen, und beide Dinge suchte das verlegene Thier unmuthvoll abzuschlenkern, ohne daß es ihm
gelingen wollte. Reinhart lachte so laut, daß die Tochter
es augenblicklich hörte und durch das Fenster sah. Als
sie das Abenteuer entdeckte, kam sie eilig herunter, nahm
sich ein Herz und bat Reinhart beinahe zitternd, daß er
ihren Eltern und Niemand etwas davon sagen möchte, da
es ihr für lange Zeit zum Aufsehen und zur Lächerlichkeit
gereichen würde. Er beruhigte sie höflich und so gut er
konnte, und sie eilte mit Körbchen und Kanne wie ein
Reh davon, sie zu verbergen. Doch zeigte sie sich bald
wieder hinter einem Fliederbusche und schien ein bedeutendes Anliegen auf dem Herzen zu haben. Reinhart schlüpfte
hinter den Busch; sie zog einen sorgfältig versiegelten,
mit prachtvoller Adresse versehenen Brief aus der Tasche,
den sie ihm mit der geflüsterten Bitte überreichte, das
Schreiben, welches einen Gruß und wichtigen Auftrag
enthielte, doch ja unfehlbar an eine Freundin zu bestellen,
die unweit von seinem Reisepfade wohne.

Ebenso flüsternd und bedeutsam theilte ihr Reinhart
mit, daß er sie in Folge eines heiligen Gelübdes ohne
Widerrede küssen müsse. Sie wollte sogleich entfliehen;
allein er hielt sie fest und lispelte ihr zu, wenn sie sich
widersetze, so würde er das Geheimniß von der Gießkanne
unter die Leute bringen, und dann sei sie für immer im
Gerede. Zitternd stand sie still, und als er sie nun umarmte, erhob sie sich sogar auf die Zehen und küßte ihn
mit geschlossenen Augen, über und über mit Roth
begossen, aber ohne nur zu lächeln, vielmehr so ernst und
andächtig, als ob sie das Abendmahl nähme. Reinhart
dachte, sie sei zu sehr erschrocken, und hielt sie ein kleines
Weilchen im Arm, worauf er sie zum zweiten Male küßte.
Aber ebenso ernsthaft wie vorhin küßte sie ihn wieder
und ward noch viel röther; dann floh sie wie ein Blitz
davon.

Als er wieder ins Haus trat, kam ihm der Pfarrherr
heiter entgegen und zeigte ihm sein Tagebuch, in welchem
sein Besuch bereits mit erbaulichen Worten vorgemerkt
war, und die Pfarrfrau sagte: „Auch ich habe einige
Zeilen in meine Gedenkblätter geschrieben, lieber Reinhart,
damit uns Ihre Begegnung ja recht frisch im Gedächtnisse
bleibe!“

Er verabschiedete sich aufs freundlichste von den
Leuten, ohne daß sich die Tochter wieder sehen ließ.

Wiederum nicht gelungen! rief er, nachdem er vom
Pfarrhofe weggeritten, aber immer reizender wird das
Kunststück, je schwieriger es zu sein scheint!

Viertes Capitel.
Worin ein Rückschritt vermieden wird.

Da das Pferd noch hungrig sein mußte, stieg er unweit
des Dorfes nochmals ab, vor einem einsamen Wirthshause,
welches am Saume eines großen Waldes lag und ein
goldenes Waldhorn im Schilde führte. Aus dem Walde
erhob sich ein schöner, grün belaubter Berg, hinein aber
führte die breite Straße in weitem Bogen.

Unter der schattigen Vorhalle des Wirthshauses saß
ein stattliches Frauenzimmer und nähte. Sie war nicht
minder hübsch, als die Pfarrerstochter und die Zöllnerin,
aber ungleich handfester. Sie trug einen schwarzen, fein
gefalteten Rock mit rothen Säumen und blendend weiße
Hemdärmel, deren gestickte weitläufige Ränder offen auf
die Handknöchel fielen. In den Flechten des Haares
glänzte ein silberner Zierrat, dessen Form zwischen einem
Löffel und einem Pfeile schwankte.

Sie grüßte lächelnd den Reisenden und fragte, was
ihm gefällig wäre.

„Etwas Hafer für das Pferd,“ sagte er, „und da es
sich hier kühl und lieblich zu leben scheint, auch ein Glas
Wein für mich, wenn Ihr so gut sein wollt!“

„Ihr habt Recht,“ sagte sie, „es ist hier gut sein,
still und angenehm und eine schöne Luft! So laßts Euch
gefallen und nehmt Platz!“

Als sie den Wein zu holen ging und mit der klaren
Flasche wieder kam, bewunderte Reinhart ihre schöne
Gestalt und den sicheren Gang, und als sie rüstig ein
Maß Hafer siebte und dem Pferde aufschüttete, ohne an
Reiz zu verlieren, sagte er sich: Wie voll ist doch die
Welt von schönen Geschöpfen und sieht keines dem andern
ganz gleich! — Die Schöne setzte sich hierauf an den
Tisch und nahm ihre Arbeit wieder zur Hand. „Wie
ich sehe,“ sagte Reinhart, „seid Ihr allein zu Haus?“

„Ganz allein,“ erwiderte sie voll Freundlichkeit, blanke
Zahnreihen zeigend, „unsere Leute sind Alle auf den
Wiesen, um Heu zu machen.“

„Gibt es viel und gutes Heu dies Jahr?“
„So ziemlich; wenn das Frühjahr nicht so trocken
gewesen wäre, so gäbe es noch mehr; man muß es eben
nehmen, wie's kommt, Alles kann nicht gerathen!“

„So ist es! Der schöne Frühling war dagegen für
andere Dinge gut, zum Beispiel für die Obstbäume, die
konnten vortrefflich verblühen.“

„Das haben sie auch redlich gethan!“

„So wird es also viel Obst geben im Herbst?“

„Wir hoffen es, wenn das Wetter nicht ganz schlecht
wird.“

„Und was das Heu betrifft, was gilt es denn gegenwärtig?“

„Jetzt, eh' das neue Heu gemacht ist, steht es noch
hoch im Preise, denn das letzte Jahr war es unergiebig;
ich glaube, es hat vor acht Tagen noch über einen Thaler
gekostet. Es muß aber jetzt abschlagen.“

„Verkauft Ihr auch von Euerem Heu, oder braucht
Ihr es selbst, oder müßt Ihr noch kaufen, da Ihr ein
Gasthaus führt?“

„In der Wirthschaft wird kein Heu, sondern fast nur
Hafer verfüttert; für unser Vieh aber brauchen wir das
Heu, und da ist es verschieden, das eine Jahr kommen
wir gerade aus, das andere müssen wir dazu kaufen, das
dritte reicht es so gut, daß wir etwas auf den Markt
bringen können; dies hängt von vielen Umständen ab,
besonders auch, wie die anderen Sachen und Kräuter
gerathen.“

„Das läßt sich denken! Das läßt sich denken! Und
also über einen Thaler hat der Zentner Heu noch vor
acht Tagen gekostet?“

„Quälen Sie sich nun nicht länger, mein Herr!“
sagte die Schöne lächelnd, „und sagen Sie mir die
drolligen Dinge, die Ihnen auf der Zungenspitze sitzen,
ohne Umschweif! Ich kann einen Scherz ertragen und
weiß mich zu wehren!“

„Wie meinen Sie das?“

„Ei, ich seh' es Ihren Augen die ganze Zeit an, daß
Sie lieber von Anderm sprechen, als von Heu, und mir
ein wenig den Hof machen möchten, bis Ihr Pferd
gefressen hat! Da ich einmal die einsame Wirthstochter
hier vorstelle, so wollen wir die wundervollen Dinge nicht
verschweigen, welche man sich unter solchen Umständen
sagt, und der Welt den Lauf lassen! Fangen Sie an,
Herr! und seien Sie witzig und vorlaut, und ich werde
mich zieren und spröde thun!“

„Gleich werd' ich anfangen, Sie haben mich nur
überrascht!“

„Nun, lassen Sie hören!“

„Nun also — beim Himmel, ich bin ganz verblüfft
und weiß Nichts zu sagen!“

„Das ist nicht viel: Sollen wir etwa gar die verkehrte Welt spielen und soll ich Ihnen den Hof machen
und Ihnen angenehme Dinge sagen, während Sie sich
zieren? Gut denn! Sie sind in der That der hübscheste
Mann, welcher seit langem diese Straße geritten, gefahren
oder gegangen ist!“

„Glauben Sie etwa, ich höre das ungern aus Ihrem
Munde?“

„Das befürchte ich nicht im Geringsten! Zwar, wie
ich Sie vorhin kommen sah, dacht' ich: Gelobt sei Gott,
da nahet sich endlich Einer, der nach was Rechtem aussieht, ohne daran zu denken! Der reitet fest in die Welt
hinein und trägt gewiß keinen Spiegel in der Tasche,
wie sonst die Herren aus der Stadt, denen man kaum
den Rücken drehen darf, so holen sie den Spiegel hervor
und beschauen sich schnell in einer Ecke! Wie Sie aber
das Heugespräch führten und dabei Augen machten wie
die Katze, die um den heißen Brei herum geht, dacht' ich:
es ist doch ein Schulmeister von Art!“

„Sie fallen ja aus der Rolle und sagen mir Unhöflichkeiten!“

„Es wird gleich wieder besser kommen! Sie haben
eine so tüchtige Manier, daß man froh ist, Sie zu
nehmen, wie Sie sind, da wir armen Menschen uns ja
doch unser Leben lang mit dem Schein begnügen müssen,
und nicht nach dem Kern fragen dürfen. So betrachte
ich Sie auch als einen schönen Schein, der vorüber geht
und sein Schöppchen trinkt, und ich benutze sogar recht
gern diesen Scherz, um Ihnen in allem Ernste zu sagen,
daß Sie mir recht wohl gefallen! Denn so steht es in
meinem Belieben!“

„Daß ich Ihnen gefalle?“

„Nein, daß ich es sagen mag!“

„Sie sind ja der Teufel im Mieder! Ein starker Geist
mit langen Haaren?“

„Sie glaubten wohl nicht, daß wir hier auch geschliffene
Zungen haben?“

„Ei, als Sie vorhin den Hafer siebten, sah ich, daß
Sie eine handfeste und zugleich anmuthige Dame sind!
Ihre Ausdrucksweise dagegen kann ich nicht mit den ländlichen Kleidern zusammen reimen, die Ihnen übrigens vortrefflich stehen!“

„Nun, ich habe vielleicht nicht immer in diesen Kleidern
gesteckt — vielleicht auch doch! Jeder hat seine Geschichte
und die meinige werde ich Ihnen bei dieser Gelegenheit
nicht auf die Nase binden! Vielmehr beliebt es mir,
Ihnen zu sagen, daß Sie mir wohl gefallen, ohne daß
Sie wissen, wer ich bin, wie ich dazu komme, dies zu
sagen, und ohne daß Sie einen Nutzen davon haben. So
setzen Sie Ihren Weg fort als ein Schein für mich, wie
ich als ein Schein für Sie hier zurückbleibe!“

Diese Grobheiten und seltsamen Schmeicheleien sagte
die Dame nicht auf eine unangenehme Weise, sondern mit
großem Liebreiz und einem fortwährenden Lächeln des
rothen Mundes, und Reinhart enthielt sich nicht, endlich
zu sagen: „Ich wollte, Sie blieben nun ganz bei der
Stange und es beliebte Ihnen, Ihr schmeichelhaftes Wohlgefallen auch mit einem Kusse zu bestätigen!“

„Wer weiß!“ sagte sie, „in Betracht, daß ich in vollkommenem Belieben Sie küssen würde und nicht Sie mich,
könnte es mir vielleicht einfallen, damit Sie zum Dank
für die angenehme Unterhaltung mit dem Schimpf davon
reiten, geküßt worden zu sein, wie ein kleines Mädchen!“

„Thun Sie mir diesen Schimpf an!“

„Wollen Sie still halten?“

„Das werden Sie sehen!“

Sie machte eine Bewegung, wie wenn sie sich ihm
nähern wollte; in diesem Augenblicke wallte aber ein
kalter Schatten über sein Gesicht, die Augen funkelten
unsicher zwischen Lust und Zorn, um den Mund zuckte
ein halb spöttisches Lächeln, so daß sie mit fast unmerklicher Betroffenheit die angehobene Bewegung nach dem
Pferde hin ablenkte, um dasselbe zu tränken. Reinhart
eilte ihr nach und rief, er könne nun nicht mehr zugeben,
daß sie sein Pferd bediene! Sie ließ sich aber nicht abhalten und sagte, sie würde es nicht thun, wenn sie nicht
wollte, und er solle sich nicht darum kümmern.

Sie war aber in einiger Verlegenheit; denn die
Sachen standen nun so, daß sie doch warten mußte, bis
Reinhart ihr wieder Anlaß bot, ihn zu küssen, daß sie
aber beleidigt war, wenn es nicht geschah. Er empfand
auch die größte Lust dazu; wie er sie aber so wohlgefällig
ansah, befürchtete er, sie möchte wol lachen, allein nicht
roth werden, und da er diese Erfahrung schon hinter sich
hatte, so wollte er als gewissenhafter Forscher sie nicht
wiederholen, sondern nach seinem Ziele vorwärts streben.
Dieses schien ihm jetzt schon so wünschenswerth, daß er
bereits eine Art Verpflichtung fühlte, keine unnützen Versuche mehr zu unternehmen und sich des lieblichen Erfolges
im Voraus würdig zu machen.

Er stellte sich daher, um auf gute Manier wegzukommen, als ob er den höchsten Respekt fühlte und von
der Furcht beseelt wäre, mit zu weitgehendem Scherze ihr
zu mißfallen. In dieser Haltung bezahlte er auch seine
Zeche, verbeugte sich höflich gegen sie und sie that das
Gleiche, ohne daß etwas weiteres vorfiel. Sie nahm
alles wohl auf und entließ den Reiter in guter Fassung.

Auf diesem Waldhörnchen wollen wir nicht blasen!
sagte er zu sich selbst, als ihm beim Wegreiten das Schild
des Hauses in die Augen fiel: Vielleicht führt uns der
Auftrag der Pfarrerstochter auf eine gute Spur, wie das
Gute stets zum Bessern führt! Ich will den schalkhaften
Seitenpfad aufsuchen, der irgend hier herum zu jenem
Schloß oder Landsitz führen soll, wo die unbekannte
Freundin haust!

Fünftes Capitel.
Herr Reinhart beginnt die Tragweite seiner Unternehmung zu ahnen.

Er fand bald diesen Seitenpfad; es war aber wirklich
ein schalkhafter; denn kaum hatte er ihn betreten, so verlor er sich in einem Netze von Holzwegen und ausgetrockneten Bachbetten, bald auf und ab, bald in düsterer
Tannennacht, bald unter dichtem Buschwerke. Er gerieth
immer höher hinauf und sah zuletzt, daß er an der Nordseite des ausgedehnten Berges umher irre. Stundenlang
schlug er sich im wilden Forste herum und sah sich oft
genöthigt, das Pferd am Zügel zu führen.

Was mir in dieser Wildniß ersprießen wird, rief er
unmuthig aus, muß wohl eher eine stachlichte Distel, als
eine weiße Galathee sein!

Aber unvermerkt entwirrte sich zugleich das Wirrsal
in ersichtlich künstliche Anlagen, welche auf die Westseite
des Berges hinüberführten. Der Weg ging zwar immer
noch durch den Wald, auf und nieder, enger oder weiter,
hier einen Blick in die Ferne erlaubend, dort in dunkle
Buchengänge führend. Allein immer deutlicher zeigten
sich die Anlagen und verriethen eine feine kundige Hand;
da er aber durchaus nicht wußte, wo er war und
nirgends einen Ueberblick gewinnen konnte, mußte er nun
auch befürchten, als ein Eindringling und Parkverwüster
zum Vorschein zu kommen. Das Pferd zerriß unbarmherzig mit seinen Hufen den fein geharkten Boden, zertrat
Gras und wohlgepflegte Waldblumen und zerstörte die
Rasenstufen, die über kleine Hügel führten. Indem er
sich sehnte, der traumhaften Verwirrung zu entrinnen,
fürchtete er zugleich das Ende und verwünschte die Stunde,
die ihn in solche Noth gebracht.

Plötzlich lichteten sich die Bäume und Laubwände, ein
schmaler Pfad führte unmittelbar in einen offenen Blumengarten, welcher von dem jenseitigen Hofraume nur durch
ein dünnes vergoldetes Drahtgitter abgeschlossen war.
Gern hätte er sich über Garten und Zaun mit einem
Satze hinweggeholfen; da dies aber nicht möglich war,
so ritt er mit dem Muthe der Verzweiflung und trotzig,
ohne abzusteigen, zwischen den Zierbeeten durch, die
Schneckenlinien verfolgend, deren weißen Sand der Gaul
lustig stäuben ließ.

Endlich war er hinter dem leichten Gitterchen angelangt,
das den Garten verschloß, und das Pferd anhaltend übersah er sich zuerst den Platz, gleichgültig, ob er in dieser
barbarischen Lage entdeckt wurde oder nicht; denn sich zu
verbergen schien unmöglich.

Er befand sich auf einer großen Terrasse am Abhange
des Berges, auf welcher ein schönes Haus stand; vor
demselben lag ein geräumiger gevierter Platz, durch
steinerne Balustraden gegen den jähen Abhang geschützt.
Der Platz war mit einigen gewaltigen Platanen besetzt,
deren edle Aeste sich schattend über ihn ausbreiteten.
Unter den Platanen und über das Steingeländer hinweg
sah man auf einen in Windungen sich weithin ziehenden
breiten Fluß und in ein Abendland hinaus, das im Glanze
der sinkenden Sonne schwamm. An den zwei übrigen
Seiten war der Platz von Blumengründen begränzt, auf
deren einem der verlegene Reinhart hielt. Er sah nun
zu seinem Verdrusse, daß vorn an der Balustrade zwei
stattliche Auffahrten auf den Hof mündeten.

Unter den Platanen aber erblickte er einen Brunnen
von weißem Marmor, der sich einem viereckigen Monumente gleich mitten auf dem Platze erhob und sein Wasser
auf jeder der vier Seiten in eine flache, ebenfalls gevierte,
von Delphinen getragene Schale ergoß. Theils auf dem
Rande einer dieser Schalen, theils auf dem klaren Wasser,
das kaum handtief den Marmor deckte, lag und schwamm
ein Haufen Rosen, die zu reinigen und zu ordnen eine
weibliche Gestalt ruhig beschäftigt war, ein schlankes
Frauenzimmer in weißem Sommerkleide, das Gesicht von
einem breiten Strohhute überschattet.

Die untergehende Sonne bestreifte noch eben diese
Höhe sammt der Fontaine und der ruhigen Gestalt, über
welche die Platanen mit ihren saftgrünen Laubmassen
ihr durchsichtiges und doch kräftiges Helldunkel hernieder
senkten.

Je ungewohnter der Anblick dieses Bildes war, das
mit seiner Zusammenstellung des Marmorbrunnens und
der weißen Frauengestalt eher der idealen Erfindung eines
müßigen Schöngeistes, als wirklichem Leben glich, um so
ängstlicher wurde es dem gefangenen Reinhart zu Muth,
der wie eine Bildsäule staunend zu Pferde saß, bis dieses,
ein gutes Unterkommen witternd, urplötzlich aufwieherte.
Stutzend forschte die schlanke Dame nach allen Seiten und
entdeckte endlich den verlegenen Reitersmann hinter dem
goldenen Gewebe des leichten Gitterthörchens. Er bewegte
sich nicht, und nachdem sie eine Weile verwunderungsvoll
hingesehen, eilte sie zur Stelle, wie um zu erfahren, ob
sie wache oder träume. Als sie sah, daß sich alles in
bester Wirklichkeit verhielt, öffnete sie mit unmuthiger
Bewegung das Gitter und sah ihn mit fragendem Blick
an, der ihn einlud: ob es ihm vielleicht nunmehr belieben
werde, mit den vier Hufen seines Pferdes aus dem mißhandelten Garten herauszuspazieren? Zugleich aber zog
sie sich eilig an ihren Brunnen zurück, eine Handvoll
Rosen erfassend und der Dinge gewärtig, die da kommen
sollten.

Endlich stieg Reinhart ab, und seinen Miethgaul
demüthig hinter sich herführend, überreichte er der reizvollen Erscheinung, sie fortwährend anschauend, ohne
zu reden mit einer Verbeugung den Brief der Pfarrerstochter.

Oder vielmehr war es nicht der Brief, sondern der
Zettel, auf welchen er das Sinngedicht geschrieben:

Wie willst Du weiße Lilien zu rothen Rosen machen?
Küß eine weiße Galathee: sie wird erröthend lachen.

Den Brief hielt er sammt der Brieftasche in der Hand
und entdeckte sein Versehen erst, als die Dame das Papier
schon ergriffen und gelesen hatte.

Sie hielt es zwischen beiden Händen und sah den
ganz verwirrten und erröthenden Herrn Reinhart mit
großen Augen an, während es zweifelhaft, ob bös oder
gut gelaunt, um ihre Lippen zuckte. Stumm gab sie den
Papierstreifen hin und nahm den Brief, den der um
Nachsicht Bittende oder Stammelnde dafür überreichte.
Als sie das große Siegel erblickte, verbreitete sich eine
Heiterkeit über das Gesicht, welches jetzt in der Nähe wie
ein schönes Heimatland aller guten Dinge erschien. Ein
kluger Blick ihrer dunklen Augen blitzte auf, und als sie
rasch gelesen, lachte sie und sagte mit schalkhaft bewegter
Stimme:

„Ich muß gestehen, mein Herr, das ist mir das
seltsamste Ereigniß! Ein Unbekannter fällt, Mann und
Pferd, vom Himmel und fängt sich wie eine Drossel an
den schwachen Gitterchen meines Gartens, Beete und
Wege zerwühlend! Er überbringt mir ein Schreiben,
das mit dem Amtssiegel eines ehrwürdigen Geistlichen,
mit Bibel, Kelch und Kreuz gesiegelt ist und in welchem
mich meine Freundin im Thale, die Pfarrerstochter, in
den flehendsten Ausdrücken beschwört, ja nicht zu vergessen, ihr von dem diesjährigen Rettigsamen zu senden!
Wenn Sie in einiger Verfassung sind, sich zu vertheidigen
und Ihre wunderbare Herkunft zu erklären, so sollen Sie
in dieser hochgelegenen Behausung willkommen sein, und
ich, die ich zur Zeit das Wort führe, da mein gichtkranker
Oheim das Zimmer hütet, will ernst und weise mit Ihnen
zu Rath gehen über die fernere Entwicklung Ihres merkwürdigen Lebenspfades!“

Nicht nur vom Abglanz der Abendsonne, sondern auch
von einem hellen inneren Lichte war die ziervolle Dame
dermaßen erleuchtet, daß der Schein dem überraschten
Reinhart seine Sicherheit wiedergab. Aber indem er sich
sagte, daß er hier oder nirgends das Sprüchlein des alten
Logau erproben möchte und erst jetzt die tiefere Bedeutung
desselben völlig empfand, merkte er auch, mit welch' weitläufigen Vorarbeiten und Schwierigkeiten der Versuch
verbunden sein dürfte.

Sechstes Capitel.
Worin eine Frage gestellt wird.

Er verbeugte sich abermals mit aller Ehrerbietung
und sagte:

„Ich bin über mein Geschick nicht weniger erstaunt,
als Sie, mein Fräulein! nur daß ich in ungalanter Weise
im Vortheil und auf das Angenehmste betroffen bin,
während ich auf Ihrem Gebiete bis jetzt nichts als
Schaden und Unheil angerichtet habe. Seit heute früh
im Freien, um einer naturwissenschaftlichen Beobachtung
nachzugehen, habe ich den Tag damit zugebracht, einen
Brief von einer Dame zur andern zu tragen, worin, wie
Sie sagen, um Rettigsamen gebeten wird; ich habe mich
an diesem Berge verirrt, Gärten verwüstet und mich zuletzt da gefangen gesehen, wo ich schon freiwillig habe
hingehen wollen! Welcher Meister hat diese schönen und
witzigen Anlagen gebaut?“

„Ich selbst habe sie erfunden und angegeben, es sind
eben Mädchenlaunen!“ sagte die Dame.

„Alle Achtung vor Ihrem Geschmack! Da Sie aber so
kunstreiche Netze ausbreiten, so haben Sie es sich selbst
zuzuschreiben, wenn Sie einmal einen groben Vogel
fangen, auf den Sie nicht gerechnet haben!“

„Ei man muß nehmen, was kommt! Zu dem freue
ich mich zu sehen, daß meine Anlagen zu was gut sind;
denn hätten Sie sich nicht darin gefangen, so wären Sie
viel früher angekommen und wahrscheinlich längst wieder
weggeritten; so aber, da es spät und weit bis zur nächsten
Gastherberge ist, habe ich das Vergnügen Ihnen eine
Unterkunft anzubieten. Denn Sie sind mir angelegentlich
empfohlen von meiner Freundin und sie schreibt, Sie
seien ein sehr beachtenswerther und vernünftiger Reisender,
welcher mit ihren Eltern die erbaulichsten Gespräche führe!“

„Das wundert mich! Ich habe kaum zwei oder drei
Mal das Wort ergriffen und einige Minuten lang geführt!“

„So muß das Wenige, das Sie sagten, um so herrlicher gewesen sein, und ich hoffe dergleichen auch mit
Bescheidenheit zu genießen!“

„O mein Fräulein, es waren im Gegentheil zuletzt
solche Dummheiten, die ich besonders der jungen Dame
sagte, daß sie den gütigen Empfehlungsbrief schwerlich
mehr geschrieben hätte, wenn es nicht schon geschehen
wäre!“

„So scheint es denn bei Ihnen in keiner Weise mit
rechten Dingen zuzugehen! Wenn ich meinen Zweck
erreichen will, Sie hier zu behalten, muß ich am Ende,
da alles verkehrt bei Ihnen eintrifft, Sie vom Hofe
jagen, damit Sie uns um so sicherer von der andern
Seite wieder zurückkommen!“

„Nein, schönstes Fräulein, ich möchte jetzo mit Ihrer
Hülfe versuchen, der Dinge wieder Meister zu werden!
Weisen Sie mir meinen Aufenthalt an, und ich werde
ohne Abweichung stracks hinzukommen trachten und mich
so fest halten wie eine Klette!“

„Das will ich thun! Aber dann halten Sie sich ja
tapfer und lassen sich weder rechts noch links verschlagen,
und wenn Sie sich nicht recht sicher trauen, so bleiben
Sie lieber auf einem Stuhle sitzen, bis ich Sie rufen
lasse! Auf keinen Fall entfernen Sie sich vom Hause,
und wenn Ihnen dennoch etwas Ungeheuerliches oder Verkehrtes aufstoßen sollte, so rufen Sie mich gleich zu Hülfe!
Läuft es aber glücklich ab und halten Sie sich gut über
Wasser, so sehen wir uns bald wieder.“

Mit diesen Worten grüßte sie den Gast und eilte mit
ihrem Rosenkorbe in das Haus, um Leute zu senden. Es
erschien bald darauf ein alter Diener mit weißen Haaren,
der, als er das Pferd gesehen, einen Stallknecht aus dem
weiter rückwärtsgelegenen Wirthschaftshofe herbeiholte.
Dann kamen zwei Mädchen in der malerischen Landestracht, die er schon im Waldhorn gesehen, und führten
ihn in das Haus. Als Reinhart in dem ihm angewiesenen
Zimmer einige Zeit verweilt und sein Aeußeres in Ordnung gebracht hatte, erschien das eine der Mädchen wieder
mit einer breiten Schale voll Rosen, im Auftrage der
Herrschaft die Herberge etwas freundlicher zu machen,
und das andere folgte auf dem Fuße mit einer schönen
Krystallflasche, die mit einem dunkeln südlichen Wein halb
gefüllt war, einem Glase und einigen Zwiebäcken, alles
auf einem Brette von altmodig geformtem Zinn tragend.

Ueberrascht von dem Anblick der Gruppe, sowie auch
etwas übermüthig von den fortgesetzt anmuthigen Begegnissen dieses Tages, verhinderte er die Mädchen, ihre
Gaben auf den Tisch zu setzen, und führte sie mit wichtiger Miene vor einen großen Spiegel, der den Fensterpfeiler vom Boden bis zur Decke bekleidete. Dort stellte
er sie, den Rücken gegen das Glas gewendet, auf, und
die Jungfrauen ließen ihn einige Augenblicke gewähren,
da sie nicht wußten, worum es sich handelte. Mit Wohlgefallen betrachtete er das Bild; denn er sah nun vier
Figuren, statt zweier, indem der Spiegel den Nacken und
die Rückseite der schmucken Trägerinnen wiedergab. Um
sie festzuhalten, fragte er sie nach dem Taufnamen ihrer
Gebieterin, obschon der denselben bereits kannte, und
beide sagten: „Sie heißt Lucia!“ Zugleich aber verspürten die Mägde den Muthwillen, stellten die Sachen
auf den Tisch und liefen erröthend aus dem Zimmer;
draußen ließen sie ein kurzes schnippisches Gelächter
erschallen, das gar lustig durch die gewölbten Gänge
erklang. Bald aber guckten ihre zwei Gesichter wieder
zu einer andern Thüre des Zimmers herein, und die Eine
verkündigte mit so ziemlichen Worten, als ob sie nicht
eben laut gelacht hätte: noch sollen sie dem Herren sagen,
daß er unbedenklich in den nächsten Zimmern herum
spazieren möge, falls ihm die Zeit zu lang werden sollte;
es seien Bücher und dergleichen dort zu finden. Dann
verschwanden sie, indem sie einen Thürflügel halb geöffnet
ließen.

Reinhart that ihn ganz auf und trat in das anstoßende
Gemach, das jedoch außer einer gewöhnlichen Zimmerausstattung nichts enthielt; er öffnete daher die nächste,
blos angelehnte Thüre und entdeckte einen geräumigen
Saal, welcher eine Art Arbeitsmuseum der Dame Lucia
zu bilden schien. Ein Bücherschrank mit Glasthüren zeigte
eine stattliche Bibliothek, die indessen durch ihr Aussehen
bewies, daß sie schon älteren Herkommens war. An
anderen Stellen des Saales hing eine Anzahl Bilder
oder war zur bequemen Betrachtung auf den Boden
gestellt. Es schienen meistens gut gedachte und gemalte
Landschaften oder dann einzelne schöne Portraitköpfe,
beides aber nicht von und nach bekannten Meistern,
sondern von solchen, deren Gestirn nicht in die Weite zu
leuchten pflegt oder wieder vergessen wird. Oefter sieht
man in alten Häusern derlei Anschaffungen vergangener
Geschlechter; kunstliebende Familienhäupter unterstützten
landsmännische Talente, oder brachten von ihren Reisen
dies oder jenes löbliche, durchaus tüchtige Gemälde nach
Hause, von dessen Urheber nie wieder etwas vernommen
wurde. Denn wie Viele sterben jung, wie Manche bleiben
bei allem Fleiß und aller Begabung ihr Leben lang ungesucht und ungenannt. Um so achtenswerther erschien
die Bildung des Fräuleins, da sie ohne maßgebende
Namen diese unbekannten Werke zu schätzen wußte und
so eifrig um sich sammelte. Die weiß, wie es scheint,
sich an die Sache zu halten, dachte er, als er bemerkte,
daß alle die älteren oder neueren Schildereien entweder
durch den Gegenstand oder durch das Machwerk einem
edleren Geiste zu gefallen geeignet waren. Einige große
Stiche nach Niclaus Poussin und Claude Lorrain hingen
in schlichten hölzernen Rahmen über einem Schreibtisch;
auf diesem lag eine Schicht trefflicher Radierungen von
guten Niederländern friedlich neben einem Zusammenstoße
von Büchern, welche flüchtig zu besehen Reinhart keinen
Anstand nahm. Nicht eines that ein Haschen nach unnöthigen, nur Staat machenden Kenntnissen kund; aber
auch nicht ein gewöhnliches sogenanntes Frauenbuch war
darunter, dagegen manche gute Schrift aus verschiedener
Zeit, die nicht gerade an der großen Leserstraße lag,
neben edeln Meisterwerken auch ehrliche Dummheiten und
Sachlichkeiten, an denen dies Frauenwesen irgend welchen
Antheil nahm als Zeichen einer freien und großmüthigen
Seele.

Was ihm jedoch am meisten auffiel, war eine besondere
kleine Büchersammlung, die auf einem Regale über dem
Tische nah zur Hand und von der Besitzerin selbst
gesammelt und hochgehalten war; denn in jedem Bande
stand auf dem Titelblatte ihr Name und das Datum des
Erwerbes geschrieben. Diese Bände enthielten durchweg
die eigenen Lebensbeschreibungen oder Briefsammlungen
vielerfahrener oder ausgezeichneter Leute. Obgleich die
Bücherreihe nur ging, so weit das Gestelle nach der Länge
des Tisches reichte, umfaßte sie doch viele Jahrhunderte,
überall kein anderes als das eigene Wort der zur Ruhe
gegangenen Lebensmeister oder Leidensschüler enthaltend.
Von den Blättern des heiligen Augustinus bis zu
Rousseau und Goethe fehlte keine der wesentlichen Bekenntnißfibeln, und neben dem wilden und prahlerischen
Benvenuto Cellini duckte sich das fromme Jugendbüchlein
Jung Stillings. Arm in Arm rauschten und knisterten
die Frau von Sevigné und der jüngere Plinius einher,
hinterdrein wanderten die armen Schweizerburschen Thomas
Platter und Ulrich Bräcker, der arme Mann im Toggenburg, der eiserne Götz schritt klirrend vorüber, mit stillem
Geisterschritt kam Dante, sein Buch vom neuen Leben in
der Hand. Aber in den Aufzeichnungen des lutherischen
Theologen und Gottesmannes Johannes Valentin Andreä
rauchte und schwelte der dreißigjährige Krieg. Ihn bildeten Noth und Leiden, hohe Gelahrtheit, Gottvertrauen
und der Fleiß der Widersächer so trefflich durch und aus,
daß er zuletzt, auf der Höhe kirchlicher Aemter stehend,
ein nur in Latein würdig zu beschreibendes Dasein gewann.
In seinem Hause verkehrten Herzoge, Prinzessinnen und
Grafen; er mehrte und verzierte das gedeihlichste Hauswesen trotz der Bosheit, mit welcher eine neidische Verwaltung stets seine Besoldungen verkürzen wollte. Endlich
kaufte er sogar zwei kostbare Uhren, „die der Künstler
Habrecht gemacht hatte“, und einen herrlichen silbernen
Pokal, welchen vordem der Kaiser Maximilian der Zweite
seinem Großvater zum Gnadenzeichen geschenkt und die
Ungunst der Zeiten der Familie geraubt. Aber dem hochwürdigen Prälaten erlaubt das Wohlergehen, das Ehrendenkmal wieder an sich zu bringen und aufzurichten. Als
er zu sterben kam, empfahl er seine Seele inmitten von
sieben hochgelehrten, glaubensstarken Geistlichen in die
Hände Gottes. Unlang vorher hatte er freilich den
letzten Abschnitt seiner Selbstbiographie mit den Worten
geschlossen: „Was ich übrigens durch die tückischen Füchse,
meine treulosen Gefährten, die Schlangenbrut, litt, wird
das Tagebuch des nächsten Jahres, so Gott will, erzählen.“
Gott schien es nicht gewollt zu haben.

Diese ergötzliche Wendung mußte der Besitzerin des
Buches gefallen; denn sie hatte neben die Stelle ein zierliches Vergißmeinnicht an den Rand gemalt. Aus allen
Bänden ragten zahlreiche Papierstreifchen und bewiesen,
daß jene fleißig gelesen wurden.

Auf einem andern Tische lagen in der That die Pläne
zu den Anlagen, in welchen Reinhart sich verirrt hatte,
und andere neu angefangene.

Diese Pläne waren nicht etwa auf kleine ängstliche
Blätter sondern mit fester Hand auf große Bogen von
dickem Packpapier gezeichnet, und Reinhart wurde von
allem, was er sah, zu einer unfreiwilligen Achtung und
Verwunderung gebracht. Noch mehr verwunderte er sich,
als er in einer Fensterecke noch einen kleineren Tisch
gewahrte, wiederum mit Büchern und Schriften bedeckt,
nämlich mit Sprachlehren und Wörterbüchern und geschriebenen Heften, die mühselig mit Vocabeln und Uebersetzungsversuchen angefüllt waren. Sie schien nicht nur
Altdeutsch und Altfranzösisch, sondern auch Holländisch,
Portugiesisch und Spanisch zu betreiben, Dinge, die
Reinhart nur zum kleineren Theile verstand und auch da
mangelhaft; und die Sache berührte ihn um so seltsamer,
als es sich in dieser vornehmen Einsamkeit schwerlich um
den Gewerbefleiß eines sogenannten Blaustrumpfes handelte.

Wie er so mitten in dem Saale stand, beinah eifersüchtig auf all' die ungewöhnlichen und im Grunde doch
anspruchslosen Studien, ungewiß, wie er sich dazu verhalten solle, trat Lucie herein und entschuldigte sich, daß
sie ihn so lange allein gelassen. Sie habe seine Gegenwart dem kranken Oheim gemeldet, der bedauere, ihn jetzt
nicht sehen zu können, jedoch die Versäumniß noch gut
zu machen hoffe. Als Reinhart die schön gereifte und
frische Erscheinung wieder erblickte, trat ihm unwillkürlich
die Frage, die sein Inneres neugierig bewegte, auf die
Lippen, und er rief bedachtlos, indem er sich im Saale
umsah: „Warum treiben Sie alle diese Dinge?“

Die Frage schien keineswegs ganz grundlos zu sein,
obgleich sie ihm keine Antwort eintrug. Vielmehr sah
ihn das schöne Fräulein groß an und erröthete sichtlich,
worauf sie ihn mit etwas strengerer Höflichkeit einlud, sie
zu begleiten. Reinhart that es nicht ohne Verlegenheit
und ebenfalls mit einiger Röthe im Gesicht.

Siebentes Capitel.
Von einer thörichten Jungfrau.

Denn er fühlte jetzt, als er sie am Arme dahin führte,
daß seine Frage eigentlich nichts anderes sagen wollte, als:
Schönste, weißt du nichts besseres zu thun? oder noch
deutlicher: Was hast du erlebt? darum schritt das sich
gegenseitig unbekannte Paar in gleichmäßiger Verblüffung
nach dem Speisezimmer, und Jedes wünschte meilenweit
vom Andern entfernt zu sein, wohl fühlend, daß sie sich
unvorsichtig in eine kritische Lage hinein gescherzt hatten.

Doch verlor sich die Verlegenheit, als sie in das
bereits erleuchtete Zimmer traten, wo die zwei Mägde
mit dem Auftragen des Abendessens beschäftigt waren.
Man setzte sich zu Tisch und die Mägde, nachdem sie
ihren Dienst vorläufig gethan, nahmen desgleichen Platz,
versahen sich ohne Weiteres mit Speise und aßen mit
Fleiß und gutem Anstand.

„Sie sehen,“ sagte Lucia zu ihrem Gast, „wir leben
hier ganz patriarchalisch, und hoffentlich werden Sie sich
durch die Gegenwart meiner braven Mädchen nicht beleidigt
fühlen!“

„Im Gegentheil,“ erwiderte Reinhart, „sie trägt dazu
bei, meine Kur zu befördern !“

„Welche Kur?“ fragte Lucie, und er antwortete:

„Die Augenkur! Ich habe mir nämlich durch meine
Arbeit die Augen geschwächt und nun in einem alten
ehrlichen Volksarzneibuche gelesen: kranke Augen sind zu
stärken und gesunden durch fleißiges Anschauen schöner
Weibsbilder, auch durch öfteres Ausschütten und Betrachten
eines Beutels voll neuer Goldstücke! Das letztere Mittel
dürfte kaum stark auf mich einwirken; das erstere hingegen
scheint mir allen Ernstes etwas für sich zu haben; denn
schon schmerzt mich das Sehen fast gar nicht mehr, während ich noch heute früh es übel empfand!“

Diese Worte äußerte Reinhard durchaus ernsthaft und
eben so ehrlich, als jenes Heilmittel in dem alten Arzneibuche gemeint war. Indem er daher an nichts weniger
als an eine Schmeichelei dachte, war es umsomehr eine
solche und zwar eine so wirksame, daß die Frauensleute
des Spottes vergaßen. Fräulein Lucie wurde auf‘s Neue
verlegen und wußte nicht, was sie aus dem wunderlichen
Gaste machen sollte, und die Mägdlein beäugelten ihn
heimlich als eine kurzweilige und zuträgliche Abwechslung
in diesem klosterartigen Hause. In der That war es
ihm so wenig um grobe Schmeicheleien zu thun, daß er
das Gesagte schon bereute und, um es zu mildern und
davon abzulenken, hinzufügte, er habe auch einen glücklichen Tag gehabt und mancherlei Schönes gesehen. So
erzählte er auch von der hübschen Wirthstochter in Waldhorn und fragte, welches Bewandtniß es mit dieser eigenthümlichen Person habe?

Zugleich jedoch berichtete er mit der unklugen Aufrichtigkeit, welche ihn seit seiner Ankunft plagte, den vollständigen
Hergang und die Beschaffenheit seines Ausfluges, die
Entdeckung des weisen Sinngedichtes, die Begegnung mit
der Zöllnerin und diejenige mit der Pfarrerstochter, sowie
endlich mit der Waldhornstochter. Denn so lange er unter
den Augen seiner jetzigen Gastherrin saß oder stand, trieb
es ihn wie ein Zauber zur Offenherzigkeit, und wenn er
die ärgsten Teufeleien begangen, so würde ihm das Geständniß derselben über die Lippen gesprungen sein.

Allein obgleich diese Wirkung Lucien nur zum Ruhme
gereichte, schien sie sich dennoch nicht geschmeichelt zu fühlen.
Sich des Zettels erinnernd, den ihr Reinhart erst statt
des Briefes in die Hand gegeben hatte, röthete sich ihr
Gesicht in anmuthigem Zorn, und plötzlich stand sie auf
und sagte mit verdächtigem Lächeln:

„So gedenken Sie wol Ihre eleganten Abenteuer in
diesem Hause fortzusetzen, und sind nur in dieser schmeichelhaften Absicht gekommen?“

Worauf sie anfing, ziemlich rasch im Gemach auf und
nieder zu gehen, während die zwei Mädchen, als erbos'te
Schleppträgerinnen ihres Zornes, ebenfalls aufsprangen
und ihr folgten, höhnische Blicke nach dem unglücklich
Aufrichtigen schleudernd. Reinhart säumte nicht, sich
gleichermaßen auf die Beine zu stellen, und nachdem er
mit Bestürzung eine kleine Weile dem Spaziergange zugesehen, sagte er:

„Mein Fräulein, wenn Sie es befehlen, so werde ich
ohne Verzug das Haus verlassen und mit höflichstem
Danke auch für kurzen aber denkwürdigen Aufenthalt
augenblicklich meinen Weg fortsetzen!“

Ohne still zu stehen erwiderte die Schöne:

„Es ist zwar Nacht und kein Unterkommen für Sie
in der Nähe; aber dennoch geht es unter den bewußten
Umständen nicht an, daß Sie hier bleiben, in allem Frieden
sei es gesagt! Auch kann die nächtliche Fahrt Ihrem unternehmendem Geiste nur willkommen sein, und überdies
werde ich Ihnen einen Wegleiter sammt Laterne mitgeben.“

Demnach blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu
entfernen; bescheiden ging er der Dame entgegen, und im
Begriff, sich ehrerbietig zu verbeugen, besann er sich aber
eines Besseren, richtete sich auf und sagte höflich:

„Ich überlege soeben, daß ich für Sie und für mich
am besten thue, wenn ich mich doch nicht so schimpflich
hier fortjagen lasse! Denn während ich durch mein Bleiben
meine eigene Würde bewahre, gebe ich Ihnen Gelegenheit,
auf die herrlichste Weise Ihre weibliche Glorie zu behaupten.
Denn auch vorausgesetzt, daß ich irgend einen ungehörigen,
wenn auch harmlosen Scherz im Schilde geführt hätte,
so würde ich gewiß am empfindlichsten gestraft, wenn ich
bei aller Freundschaft so respektvoll werde abziehen müssen,
wie ein junger Chorschüler, und ohne im entferntesten
jenen frechen Versuch gewagt zu haben! Aber fern seien
von mir alle unbotmäßigen Gedanken! Doch von Ihnen,
meine gnädige Wirthin! eben so fern der bedenkliche
Schein, sich mit offener Gewalt und Wegweisung gegen
einen ungefährlichen Abenteurer schützen zu wollen!

Er bot ihr hiermit den Arm und führte sie wieder
an ihren Platz, was sie ruhig und schweigend geschehen
ließ. Sie setzten sich abermals gegenüber; dann reichte
sie ihm die Hand über den Tisch und sagte:

„Sie haben Recht, machen wir Frieden! Und zum
Zeichen der Versöhnung will ich Ihnen erzählen, was es
mit der Waldhornjungfrau für eine Bewandtniß hat. Vorher aber liefern Sie mir als Beweis Ihrer redlichen
Gesinnung jenen ruchlosen Reimzettel aus, den Sie bei
sich führen! Und Ihr Mädchen nehmt Euere Rädchen und
spinnt Eueren Abendsegen!“

Die Mädchen holten zwei leichte Spinnräder und
setzten sich herzu; Reinhart suchte das Sinngedicht hervor
und gab es Lucien; diese zeigte den Zettel den Mädchen
und sagte:

„Da seht, welche Thorheiten ein ernsthafter Gelehrter
in der Tasche trägt!“ worauf sie das arme Papierchen
unter dem Gekicher der Mädchen an eine der Kerzen hielt,
verbrannte und die Asche in die Luft blies. Dann begann
sie, während das sanfte Schnurren der Spinnräder für
Reinharten eine ebenso neue wie trauliche Begleitung
bildete, ihre Mittheilungen.

„Was nun die hübsche Wirthin vor dem Walde betrifft,“
sagte sie, „so ist sie allerdings eine eigenthümliche Erscheinung. Schon als Kind zeichnete sie sich sowol durch
Schönheit und frisches Wesen, als auch durch eine ganz
eigene Gescheidtheit und Witzigkeit oder Zungenfertigkeit
aus, oder wie man es nennen will, und je mehr sie heranwuchs, desto glänzender schienen diese äußern und innern
Eigenschaften sich auszubilden. Mit der äußern Schönheit
schien es nicht nur, sondern war es auch wirklich der
Fall; denn so hübsch sie auch jetzt noch aussieht, so ist
sie für die, so sie früher gesehen, doch beinahe nur noch
ein Abglanz im Vergleich zu dem, was sie vor einigen
Jahren gewesen. Die innere Schöne oder vermeintliche
Weisheit des Mädchens dagegen erwies sich als ein arger
Schein; sie hat zwar jetzt noch ein so schlagfertiges Redewerk, als es sich nur wünschen läßt, allein es steckt eitel
Thorheit und Finsterniß dahinter. Nicht nur wurde
sie von den Eltern, welches roh gleichgültige Wirths- und
Landleute sind, niemals dazu angehalten, etwas zu lernen
und in ihre Seele hineinzuthun, sondern sie empfand auch
selber nicht den kleinsten Antrieb und blieb zu rechten
Dingen so dumm, daß sie kaum mühselig schreiben
lernte, und man sagt, daß ihr sogar das Lesen ziemlich
schwer falle. Aber auch in Hinsicht des natürlichen Verstandes, an irgend einem Verstehen des Erheblichen und
Besseren im menschlichen Leben fehlte es ihr so sehr, daß
sie als ein vollständiges Schaf in der dunkelsten Gemüthslage verharrte, indessen sie doch durch ihre Zungenkünste in lächerlichen Dingen und durch eine große
Gewandtheit in Kindereien stets den Ruf eines durchtrieben
klugen Wesens behielt. Doch nur in zahlreicher Umgebung,
wo die Leute kamen und gingen und es auf kein Stichhalten auslief, bewährte sich ihre Weisheit; sobald sie mit
einer halbwegs verständigen Person allein war, so dauerte
die Herrlichkeit keine Stunde und sie gerieth auf's Trockene.
Da erklärte sie dann die Leute für langweilige Einfaltspinsel, mit denen nichts anzufangen sei. Befand sie sich
aber mit Menschen ihres eigenen Schlages allein, so entstand aus lauter Dummheit zwischen ihnen die trostloseste
Stichelei und Zänkerei.

Dennoch hielt sie sich für einen Ausbund, strebte von
jeher nach großen Dingen, worunter sie natürlich vor
allem das Einfangen eines recht glänzenden jungen Herrn
verstand. Da sie aber, wie gesagt, nur im großen Haufen
ihre Stärke fand, so wollte es ihr nicht gelingen, ein
einzelnes Verhältniß abzusondern und ordentlich auf ein
Spülchen zu wickeln.

Als meine Großeltern noch lebten, gab es zuweilen viel
junge Leute hier, die sich nicht übel belustigten und die
Gegend unsicher machten. Vorzüglich gefielen sich die
Herren darin, in Verbindung mit den Bewohnern und
Gästen umliegender Häuser, das Waldhorn zum Sammelplatz auf Jagd- und Streifzügen zu wählen, dort Tage
und Nächte lang zu liegen und der schönen Wirthstochter
den Hof zu machen. Die wußte sich denn auch unter
ihnen zu bewegen, daß es eine Art hatte und die Eltern
vor Bewunderung außer sich geriethen.

Da war nun auch ein junger Städter oft bei uns, ein
hübsches aber durchaus unnützes Bürschchen, das von ein
wenig Schule und Schliff abgesehen beinah so thöricht
war, wie die Dame im Waldhorn. Reich, übermüthig
und ein ganz verzogenes Muttersöhnchen, gab er, so leer
sein Kopf an guten Dingen war, um so vorlauter in
allen Narrheiten den Ton an und war hauptsächlich im
Waldhorn der erste und der letzte. Dies zu sein, war
ihm auch Ehrensache, und wenn er einen Streich nicht
angegeben hatte oder in den Zusammenkünften nicht die
Hauptrolle spielte, so fragte er nichts darnach und that,
als sähe er nichts, statt mit zu lachen. Am meisten machte
er sich mit der Salome zu schaffen, belagerte sie unaufhörlich, behauptete, sie sei in ihn verliebt und er wolle
sich besinnen, ob er um sie anhalten wolle, was selbstverständlich alles nur Scherz sein sollte. Sie widersprach
ihm eben so unaufhörlich mit spitzigen Spottreden, die
mehr grob als launig ausfielen, versicherte, sie könne ihn
nicht ausstehen, und war inzwischen begierig, wie sie ihn
an sich festbinden werde, woran sie nicht zweifelte; denn
sie wünschte keinen herrlicheren Mann zu bekommen. Allein
es wollte sich lange nicht fügen, daß die geringste ernsthafte Beziehung sich bildete; der Meister Drogo (wie ihn
seine Eltern närrischer Weise hatten taufen lassen) trieb
immer nur Komödie, und sie desgleichen, da sie nichts
anderes anzufangen wußte, bis seine eigene Narrheit ihr
plötzlich zu einem verzweifelten Einfall verhalf.

Im Garten hinter dem Hause gab es eine dichte Laube,
die außerdem noch von Gebüschen umgeben war. Dorthin
verlockte Drogo eines Abends, als schon die Sterne am
Himmel glänzten, die muthwillige Gesellschaft, indem er
sich stellte, als ob er vorsichtig der Salome nachschliche
und eine geheime Zusammenkunft mit ihr in's Werk setzte.
Er glaubte, sie sei schmollend schlafen gegangen, da sie
sich den ganzen Abend derb geneckt hatten, und wußte es
nun so gut zu machen, daß die Leute wirklich getäuscht
wurden und meinten, er wolle sich unbemerkt nach der
Laube hinstehlen. Sie winkten einander listig und schlichen
ihm eben so pfiffig nach, als er voranhuschte, und als er
in die dunkle Laube schlüpfte, umringten sie sachte das
grüne Gezelt, um das Liebespaar zu belauschen und zu
überfallen; denn es Pflegte eben nicht sehr zartsinnig zuzugehen.

Als Junker Drogo nun drinn saß und merkte, daß
die Lauscher sich nach Wunsch aufgestellt hatten, begann
er, dieselben zu äffen und neidisch zu machen, indem er
ein trauliches Geflüster nachahmte, wie wenn zwei Liebende
heimlich zusammen wären; er nannte wiederholt ihren
Namen mit seiner eigenen halblauten Stimme, und dann
den seinigen mit verstelltem Lispeln; die süßesten Wörtchen
ertönten, Seufzer, und endlich fiel ein deutlicher Kuß,
welchem bald ein zweiter folgte, dann mehrere, die sich
zuletzt in einen förmlichen Küsseregen verloren, von zärtlichen Worten unterbrochen, so daß die Lauscher sich
anstießen, vor Kichern ersticken wollten und dann wieder
aufmerksam horchten, wie die Sperber.

Nun saß der gute Herr Drogo mit seinen Possen
keineswegs allein in der Laube; vielmehr saß niemand
anders, als die Salome, auch darin, in eine Ecke gedrückt.
Sie war nämlich nicht zu Bett, sondern hieher gegangen,
um sich ein wenig zu grämen, da die dämliche Unbestimmtheit ihres Schicksals sie doch zu quälen begann, und sie
weinte sogar ganz gelinde, eben als der Possenreißer ankam. Sie konnte nicht erkennen, wer es war, und saß
bewegungslos im Winkel, um sich nicht zu verrathen.
Als jedoch die Komödie anfing, errieth sie bald ihren
Widersacher und hörte auch gar wohl die Uebrigen heranschleichen; kurz, da es sich um eine Nichtsnutzigkeit handelte, vermerkte sie endlich den Sinn des ganzen Auftrittes,
während sie etwas Ernsthaftes nicht errathen hätte, und
sie verfiel stracks auf den Gedanken, den Spötter in seinem
eigenen Garne zu fangen, jetzt oder nie!

Als er am eifrigsten dabei war, mit vieler Kunst in
die Luft zu küssen, als ob er die rothen Lippen der
Salome küßte, fühlte er sich unversehens von zwei Armen
umfangen, und seine Küsse begegneten denjenigen eines
leibhaftigen Mundes. Erschreckt hielt er inne und wollte
aufspringen; allein Salome ließ ihn nicht, sondern erstickte
ihn fast mit Küssen und rief laut: Sieh, Liebster, so viel
Küsse ich dir jetzt gebe, so viel Blitze sollen dich treffen,
wenn du mir nicht treu bleibst!

Zugleich brach jetzt das lauschende Volk los, bereit
gehaltene Lichter wurden rasch angezündet und damit in
die Laube geleuchtet, und unter rauschendem Gelächter
und lauten Glückwünschen wurde das Paar entdeckt und
umringt. Aber auch die Eltern des Mädchens kamen
herbei, ein aus dem mehrjährigen Militärdienst heimgekehrter Bruder, der nicht heiter aussah, Ackerknechte und
ländliche Gäste, die noch in der Wirthsstube gesessen.
Diese alle machten jetzt unheimliche Gesichter; das Pärchen
wurde an der Spitze der ganzen Schaar in das Haus
begleitet, wo die Eltern Erklärung verlangten. Salome
weinte wieder und ihr war sehr bang; Drogo wollte sich
sachte aus der Verlegenheit ziehen und sich abseits drücken,
seine Freunde selbst jedoch verlegten ihm den Weg und
mochten ihm aus Neid und Schadenfreude sein Schicksal
gönnen; sie beredeten ihn ebenso ernsthaft, wie die Verwandten des Mädchens, sich zu erklären, während dieses,
wie gebändigt, hold und traurig da saß und der junge
Mensch noch das frische Gefühl ihrer Liebkosungen empfand. So verlobte er sich denn feierlich mit ihr und
versprach ihr vor allen Zeugen die Ehe.

Es fiel ihm nun nicht schwer, die Zustimmung der
Seinigen zu erlangen, die von jeher thun mußten, was
ihm beliebte, und so wurde diese Mißheirath, die eigentlich nur äußerlich eine solche war, allseitig beschlossen.
Aber, o Himmel! es wäre zehnmal besser gewesen, wenn
es innerlich eine solche und die beiden Brautleute sich
nicht vollkommen gleich an Narrheit gewesen wären! Die
Braut wurde jetzt modisch gekleidet und ein halbes Jahr
vor der Hochzeit in die Stadt gebracht, wo sie die sogenannte feinere Sitte und die Führung eines Hauswesens
von gutem Ton erlernen sollte. Damit war sie aber auf
ein Meer gefahren, auf welchem sie das Steuer ihres
Schiffleins aus der Hand verlor. Eine ihren künftigen
Schwiegereltern befreundete Familie nahm sie aus Gefälligkeit bei sich auf. Diese Leute lebten in großer Ruhe
und voll Anstand und machten nicht viel Worte; schnelle,
unbedachte Reden und Antworten waren da nicht beliebt,
sondern es mußte alles, was gesagt wurde, gediegen und
wohlbegründet erscheinen; im Stillen aber wurden nicht
liebevolle Urtheile ziemlich schnell flüssig. Salome wollte
es im Anfang recht gut machen; da sie aber einen durchaus unbeweglichen Verstand besaß, so gerieth die Sache
nicht gut. Ihre Gebarungen und Manieren, welche sich
in der freien Luft und im Wirthshause hübsch genug
ausgenommen, waren in den Stadthäusern viel zu breit
und zu hart, und ihre Witze wurden urplötzlich stumpf
und ungeschickt. Sie patschte herum, wollte nach ihrer
Gewohnheit immer sprechen und wußte es doch nicht anzubringen; bald war sie demüthig und höflich, bald warf
sie sich auf und wollte sich nichts vergeben, genug, sie
arbeitete sich so tief als möglich in das Ungeschick hinein
und wurde von den feinen Leuten, die sie von vornherein
scheel angesehen hatten, unter der Hand nur das Kameel
genannt, welcher Titel sich behende verbreitete und besonders
in den Häusern beliebt wurde, wo man für die Töchter
auf ihren Verlobten gerechnet hatte. Denn obgleich der
auch kein Kirchenlicht vorstellte, so war er im bewußten
Punkte doch ein unentbehrlicher Gegenstand, den man nur
mit Verdruß durch die Bauerntochter aus der Berechnung
gezogen sah. Die weibliche Gesellschaft versäumte nicht,
die Mißachtung sichtbar zu machen, in welche die Arme
gerieth, und sorgte dafür, daß der Ehrentitel dem Bräutigam
zeitig zu Gehör kam, während sie gegen diesen selbst ein
zartgefühltes, schonendes Bedauern heuchelte, wie wenn er
als das edelste Kleinod der Welt auf schreckliche Weise
einer Unwürdigen zum Opfer gefallen wäre. Selbst die
Herren, welche der Salome auf dem Lande schön gethan
und nicht verschmäht hatten, ihr Tage lang den Hof zu
machen, wollten sich jetzt nicht bloß stellen und ließen sie
schmählich im Stich.

So kam es dazu, daß der Bräutigam, wenn die Braut
nicht gegenwärtig war, sich für einen armen unglücklichen
Tropf hielt, der sein Lebensglück leichtsinnig vernichtet
habe, und er bedauerte sich selbst; so bald sie sich aber
sehen ließ, schlug ihre Schönheit solche Gedanken aus dem
Felde, da er mit seinem leeren Kopfe nur dem Augenblick
lebte. Salome aber, die sich überall verkauft und verrathen sah und nichts Gutes ahnte, suchte sich um so
ängstlicher an die Hauptsache, nämlich an den Bräutigam
zu halten und ihn mit vermehrten Liebkosungen zu fesseln;
denn sie hatte keine andere Münze mehr auszugeben, und
sobald sie aufhörten, sich zu schnäbeln, stand die Unterhaltung still zwischen diesen Leutchen, die sonst so rüstig
an der Spitze gestanden hatten.

Salome verspürte keine Ahnung, daß die Beschaffenheit ihres Geistes, ihrer Klugheit in Frage gestellt war;
sie schrieb den obwaltenden Unstern einzig ihrer ländlichen
Herkunft und dem übeln Willen der Städter zu. Sie
hüllte sich daher in ihr Bewußtsein, dachte, wenn sie nur
erst Frau wäre, so wollte sie ihre Trümpfe schon wieder
ausspielen, und hielt sich inzwischen an den Liebsten, um
seiner Neigung sicher zu bleiben.

Da saßen sie nun eines schönen Nachmittags auch auf
einem seidenen Sopha oder Divan, Salome in einem
kirschrothen Seidenkleide, das sie selbst gekauft, mit dicken
goldenen Armspangen, die ihr Drogo geschenkt, und in
echten Spitzen, die von ihrer Schwiegermutter herrührten,
Drogo aber im neuesten Aufputz eines Modeherren. Dergestalt hielten sie sich umfangen und gaben so dem Ansehen
nach ein Bild irdischen Glückes ab; denn so jung, so schön
und so hübsch gekleidet, wie beide waren, als Brautleute,
denen ein langes sorgloses Leben lachte, der lieblichsten
Muße genießend in einem stillen Empfangssaale, den sie
zur Ruhe gewählt, schien ihnen nichts zu fehlen, um sich
im Paradiese glauben zu können. Sie waren über ihrem
Kosen sänftlich eingeschlafen und erwachten jetzt wieder,
gemächlich Eines nach dem Andern; der Bräutigam gähnte
ein Weniges, mit Maß, und hielt die Hand vor; die
Braut aber, als sie ihn gähnen sah, sperrte, unwiderstehlich gereizt, den Mund auf soweit sie konnte und wie
sie es auf dem Lande zu thun pflegte, wenn keine Fremden
da waren, und begleitete diese Mundaufsperrung mit jenem
trost-, hoffnungs- und rücksichtslosen Weltuntergangsseufzer
oder Gestöhne, womit manche Leute, in der behaglichsten
Meinung von der Welt, die gesundesten Nerven zu erschüttern und die frohsten Gemüther einzuschüchtern verstehen.

Sie müssen sich nicht wundern, unterbrach sich Lucie,
daß ich diese Einzelheiten so genau kenne: ich habe sie
sattsam von beiden Seiten erzählen hören, und es scheint
außerdem, daß jenes unglückliche Gähnduett gleich einem
unwillkürlichen, verhängnißvollen Bekenntnisse die Wendung herbeiführte. Wenigstens verweilten Beide wiederholt
bei diesem merkwürdigen Punkte. Der Bräutigam wurde
auf einmal ganz verdrießlich und rief: „O Gott im Himmel!
Ist das nun alles, was Du zu erzählen weißt?“

Salome wollte ihn küssen; allein er hielt sie ab und
sagte: „Laß doch, und sage lieber etwas Feines!“

Da wurde die Abgewiesene von Röthe übergossen; sie
sprach aber schnell: „Wie man in den Wald ruft, so tönt
es heraus! Sag' mir etwas Feines vor, so werde ich
antworten!“

„Ach, die Kameele sprechen nicht!“ erwiderte Drogo
unbesonnen mit einem Seufzer. Da wurde sie bleich,
lehnte sich zurück und sagte: „Wer ist ein Kameel,
mein Schatz?“

„O Liebchen,“ sagte er, „die ganze Stadt nennt
Dich so!“

„Und Du hältst mich also auch für eines?“ fragte
sie, und er antwortete, indem er sie wieder an sich ziehen
wollte: „Sicherlich, und zwar für das reizendste, das ich
je gesehen!“

Da fühlte sich Salome von dem schärfsten Pfeil
getroffen, den es für sie geben konnte: denn sie hielt
ihre vermeintliche Klugheit für ihre eigentliche Ehre, für
ihr Palladium und ihre Hauptsache. Aber das war gut
für sie, weil sie dadurch eine Wehr und einen Halt
gewann, sich vom Verderben rettete und ihre Schwäche
gut machte.

Ohne ein ferneres Wort zu sagen, riß sie sich los,
löste die Spangen von den Knöcheln, die Spitzen vom
Halse, warf sie dem herzlosen Bräutigam vor die Füße
und augenblicklich lief sie aus dem Hause, spuckte wie ein
Bauer auf die Schwelle desselben und lief, wie sie war,
ohne Hut und Handschuhe, aus der Stadt. Vor dem
Thor erst brach sie in Thränen aus, und in einemfort
weinend und schluchzend wanderte und eilte sie, mit dem
seidenen Prachtkleide die Augen trocknend (denn sogar ein
Taschentuch hatte sie nicht an sich genommen) durch Feld
und Forst, bis sie tief in der Nacht im elterlichen Hause
anlangte, mehr einer entsprungenen Zigeunerin ähnlich,
als einer Braut. Sie gab den bestürzten Verwandten
keine Antwort, sondern verschloß sich in ihre Kammer.
Darin blieb sie mehrere Tage und erschien, als sie wieder
hervortrat, in der alten Landtracht. Wo sie jenes rothe
Seidenkleid hingebracht, hat man nie erfahren. Einige
sagen, sie habe es verbrannt, Andere, es sei vergraben
worden, wieder Andere, sie habe es einem Juden verkauft.

Als sie eine Zeitlang zu Haus geblieben, schickte ihr
die Stadtfamilie, bei der sie gewohnt, ihre Sachen zu
ohne jegliche Nachricht oder Anfrage, und noch fernere
Zeit verging, ohne daß der Bräutigam oder sonst Jemand
nach ihr fragte. Die Ihrigen wollten einen Rechtshandel
mit dem Junker Drogo anheben; doch sie verwehrte es
zornig, und so ist die Brautschaft der schönen Salome in
Nichts verlaufen und die Jungfrau noch vorhanden, wie
Sie dieselbe gesehen haben, theilweise etwas klüger und
besser geworden, als früher, theilweise noch thörichter.
Ihre Lieblingslaune ist, die Männer zu verachten und
mit solchen zu spielen, wie sie wähnt, während sie ihre
Gesellschaft doch allem Andern vorzieht. Aber ich glaube
nicht, daß sie nochmals zu einer Verlobung zu bringen
wäre.“

Achtes Capitel.
Regine.

Als Lucia schwieg, wußte Reinhart nicht sogleich
Etwas zu sagen, da eine gewisse Nachdenklichkeit ihn zunächst befangen und verlegen machte. Des Fräuleins
ausführliche und etwas scharfe Beredtsamkeit über die
Schwächen einer Nachbarin und Genossin ihres Geschlechtes hatte ihn anfänglich befremdet und ein fast
unweiblich kritisches Wesen befürchten lassen. Indem er
sich aber der Lieblingsbücher erinnerte, die er kurz vorher
gesehen, glaubte er in dieser Art mehr die Gewohnheit zu
erkennen, in der Freiheit über den Dingen zu leben, die
Schicksale zu verstehen und Jegliches bei seinem Namen
zu nennen. Bedachte er dazu die Einsamkeit der Erzählerin, so wollte ihn von Neuem die neugierige und
warme Theilnahme ergreifen, die ihn schon zu einer unzeitigen Frage verleitet hatte. Dann aber, als Lucia von
dem thörichten Küssen und Kosen in so überlegen heiterer
Weise und mit einem Anfluge verächtlichen Spottes erzählte,
war er geneigt, das als eine strafende Anspielung auf
die Thorheit zu empfinden, mit der er selbst heute ausgezogen war. Solchen Angriff von sich abzuwehren, schritt
er zum Widerspruche und sogar zu einer Art Schutzrede
für die verunglückte Salome, indem er begann:

„Die stolze Resignation, zu welcher sie so unerwartet
gelangte, scheint mir fast zu beweisen, daß auch Vorzüge,
die nur in der Einbildung vorhanden sind, wenn sie
beleidigt oder in Frage gestellt werden, die gleiche Wirkung zu thun vermögen, wie wirklich vorhandene Tugenden, so daß z. B. die Thorheit, wenn ihre eingebildete
Klugheit angegriffen wird, in ihrem Schmerze darüber
zuletzt wahrhaft weise und zurückhaltend werden kann.
Uebrigens ist es doch schade, daß die arme Schöne nicht
einen Mann hat!“

„Sie ist nun zwischen Stuhl und Bank gefallen,“
erwiderte Lucia; „denn mit den Herren war es nichts
und mit den Bauern geht es auch nicht mehr, und doch
hätte sie einen Mann ihres Standes sogar noch beglücken
können, der bei gleichen Geisteskräften und täglicher harter
Arbeit ihrer Unklugheit nicht so inne geworden wäre und
vielleicht ein köstliches Kleinod in ihr gefunden hätte.“

„Gewiß,“ sagte Reinhart, „mußte es irgend einen
Mann für sie geben, dem sie selbst mit ihren Fehlern
werth war; doch scheint mir die Gleichheit des Standes
und des Geistes nicht gerade das Unentbehrlichste zu sein.
Eher glaube ich, daß ein derartiges Wesen sich noch am
vortheilhaftesten in der Nähe eines ihm wirklich überlegenen und verständigen Mannes befinden würde, ja
sogar, daß ein solcher bei gehöriger Muße seine Freude
daran finden könnte, mit Geduld und Geschicklichkeit das
Reis einer so schönen Rebe an den Stab zu binden und
gerade zu ziehen.“

„Edler Gärtner!“ ließ sich hier Lucia vernehmen;
„aber die Schönheit geben Sie also nicht so leicht Preis,
wie den Verstand?“

„Die Schönheit?“ sagte er; „das ist nicht das richtige Wort, das hier zu brauchen ist. Was ich als die
erste und letzte Hauptsache in den bewußten Angelegenheiten betrachte, ist ein gründliches persönliches Wohlgefallen, nämlich daß das Gesicht des Einen dem Andern
ausnehmend gut gefalle. Findet dies Phänomen statt, so
kann man Berge versetzen und jedes Verhältniß wird dadurch möglich gemacht.“

„Diese Entdeckung,“ versetzte Lucia, „scheint nicht übel,
aber nicht ganz neu zu sein und ungefähr zu besagen,
daß ein wenig Verliebtheit beim Abschluß eines Ehebündnisses nicht gerade etwas schade!“

Durch diesen Spott wurde Reinhart von Neuem zur
Unbotmäßigkeit aufgestachelt, so daß er fortfuhr: „Ihre
Muthmaßung ist sogar richtiger, als Sie im Augenblick
zu ahnen belieben; dennoch erreicht sie nicht ganz die
Tiefe meines Gedankens. Zur Verliebtheit genügt oft
das einseitige Wirken der Einbildungskraft, irgend eine
Täuschung, ja es sind schon Leute verliebt gewesen, ohne
den Gegenstand der Neigung gesehen zu haben. Was ich
hingegen meine, muß gerade gesehen und kann nicht durch
die Einbildungskraft verschönert werden, sondern muß
dieselbe jedesmal beim Sehen übertreffen. Mag man es
schon Jahre lang täglich und stündlich gesehen haben, so
soll es bei jedem Anblick wieder neu erscheinen, kurz, das
Gesicht ist das Aushängeschild des körperlichen wie des
geistigen Menschen; es kann auf die Länge doch nicht
trügen, wird schließlich immer wieder gefallen und, wenn
auch mit Sturm und Noth, ein Paar zusammen halten.“

„Ich kann mir nicht helfen,“ sagte Lucie abermals,
„aber mich dünkt doch, daß wir uns immer auf demselben
Fleck herumdrehen!“

„So wollen wir aus dem Kreise hinausspringen und
der Sache von einer andern Seite beikommen! Hat es
denn nicht jederzeit gescheidte, hübsche und dabei anspruchsvolle Frauen gegeben, die aus freier Wahl mit einem
Manne verbunden waren, der von diesen Vorzügen nur
das Gegentheil aufweisen konnte, und haben nicht solche
Frauen in Frieden und Zärtlichkeit mit solchen Männern
gelebt und sich vor der Welt sogar einen Ruhm daraus
gemacht? Und mit Recht! Denn wenn auch irgend ein
den Anderen verborgener Zug ihre Sympathie erregte
und ihre Anhänglichkeit nährte, so war diese doch eine
Kraft und nicht eine Schwäche zu nennen! Nun kann
ich nicht zugeben, daß die Männer tiefer stehen sollen, als
die Frauen! Im Gegentheil, ich behaupte: ein kluger
und wahrhaft gebildeter Mann kann erst recht ein Weib
heirathen und ihr gut sein, ohne zu sehen, wo sie herkommt und was sie ist; das Gebiet seiner Wahl umfaßt
alle Stände und Lebensarten, alle Temperamente und
Einrichtungen, nur über Eines kann er nicht hinauskommen, ohne zu fehlen: das Gesicht muß ihm gefallen
und hernach abermals gefallen. Dann aber ist er der
Sache Meister und er kann aus ihr machen, was er will!“

„Dem Anscheine nach haben Sie immer noch nichts
Außerordentliches gesagt,“ versetzte Lucia; „doch fange ich
an zu merken, daß es sich um gewisse kennerhafte Sachlichkeiten handelt; das gefallende Gesicht wird zum Merkmal
des Käufers, der auf den Sklavenmarkt geht und die
Veredlungsfähigkeit der Waare prüft, oder ist's nicht so?“

„Ein Gran dieser böswilligen Auslegung könnte mit
der Wahrheit in gehöriger Entfernung zusammentreffen;
und was kann es dem einen und dem andern Theile
schaden, wenn das zu verhoffende Glück alsdann um so
längere Dauer verspricht?“

„Die Dauer des glatten Gesichtes, das der Herr
Kenner sich so vorsichtig gewählt hat?“

„Verdrehen Sie mir das Problem nicht, grausame
Gebieterin und Gastherrin! Von Vorsicht ist ja von
vornherein keine Rede in diesen Dingen.“

„Ich glaub' es in der That auch nicht, zumal wenn
Sie, wie zu erwarten steht, sich eine Magd aus der Küche
holen werden.“

„Was mir beschieden ist, weiß ich nicht; ich geharre
demüthig meines Schicksals. Doch habe ich den Fall
erlebt, daß ein angesehener und sehr gebildeter junger
Mann wirklich eine Magd vom Herde weggenommen und
so lange glücklich mit ihr gelebt hat, bis sie richtig zur
ebenbürtigen Weltdame geworden, worauf erst das Unheil
eintraf.“

„Der würde ja gerade gegen Ihre orientalischen Anschauungen zeugen!“

„Es scheint allerdings so, ist aber doch nicht der Fall,
abgesehen von dem abscheulichen Titel, mit dem Sie meine
harmlose Philosophie bezeichnen!“

„Und ist Ihre Geschichte ein Geheimniß, oder darf
man dieselbe vernehmen?“

„So gut ich es vermag, will ich sie gern aus der
Erinnerung zusammenlesen mit allen Umständen, die mir
noch gegenwärtig sind, wobei ich Sie bitten muß, das
Ergänzungsvermögen, das den Begebenheiten selbst innewohnt, wenn sie wiedererzählt werden, mit gläubiger
Nachsicht zu beurtheilen!“

Da die zwei spinnenden Mädchen die Räder anhielten
und ihre vier Aeuglein neugierig auf den Erzähler richteten, sagte Lucia zu ihnen: „Fahrt nur fort zu spinnen,
Ihr Mädchen, damit der Herr, durch das Schnurren verlockt und unterstützt, den Faden seiner Erzählung um so
weniger verliert! Ihr könnt Euch die Lehre, die sich
ergeben wird, dennoch merken und lernen, die Gefahr zu
meiden, wenn die furchtbaren Frauenfänger ihre Netze bis
in die Küchen spannen!“

Reinhart begann somit, da die Rädchen wieder surrten,
Folgendes zu erzählen:

„In Boston lebt eine Familie deutscher Abkunft, deren
Vorfahren vor länger als hundert Jahren nach Nordamerika ausgewandert sind. Die Nachkommen bilden ein
altangesehenes Haus, wie wenige in der ewigen Fluth der
Bewegung sich erhalten; und selbst das Haus im wirklichen Sinne, Wohnung und Geräthe, sollen bereits einen
Anstrich alt vornehmen Herkommens ausweisen, insofern
während eines kurzen Jahrhunderts dergleichen überhaupt
erwachsen kann. Die deutsche Sprache erlosch niemals
unter den Hausgenossen; insbesondere einer der letzten
Söhne, Erwin Altenauer, hing so warm an allen geistigen
Ueberlieferungen, deren er habhaft werden konnte, daß er
dem Verlangen nicht widerstand, das Urland selbst wieder
kennen zu lernen, und zwar um die Zeit, da er sich schon
dem dreißigsten Lebensjahre näherte.

Er entschloß sich also, nach der alten Welt und
Deutschland auf längere Zeit herüber zu kommen; weil
er aber, bei einigem Selbstbewußtsein, sich in bestimmter
Gestalt und auf alle Fälle als Amerikaner zu zeigen
wünschte, bewarb er sich in Washington um die erste
Sekretärstelle bei einer Gesandtschaft, deren Sitz in einer
der größeren Hauptstädte war. Mit nicht geringer Erwartung segelte er anher, vorzüglich auch auf das schönere
Geschlecht in den deutschen Bundesstaaten begierig; denn
wenn wir germanischen Männer uns mit Eifer den Ruf
ausgezeichneter Biederkeit beigelegt haben, so versahen wir
wiederum unsere Frauen mit dem Ruhm einer merkwürdigen Gemüthstiefe und reicher Herzensbildung, was
in der Ferne gar lieblich und Sehnsucht erweckend funkelt
gleich den Schätzen des Nibelungenliedes. Von dem
Glanze dieses Rheingoldes angelockt, war Erwin überdies
von seinen Verwandten scherzweise ermahnt worden, eine
recht sinnige und mustergültige deutsche Frauengestalt über
den Ocean zurückzubringen.

Er fühlte sich auch bald so heimisch, wie wenn sein
Vater schon ein Jenenser Student gewesen wäre; doch
begab sich das nur in der Männerwelt, und sobald die
Gesellschaft sich aus beiden Geschlechtern mischte, haperte
das Ding, Sei es nun, daß, wie in sonst gesegneten
Weinbergen es gewisse Schattenstellen giebt, wo die
Trauben nicht ganz so süß werden wie an der Sonnenseite, er in eine etwas ungünstige Gegend gerathen war,
oder sei es, daß der Fehler an ihm lag und er nicht die
rechte Traubenkenntniß mitgebracht, genug, es schienen
ihm zusammengesetzte Gebräuche zu walten, die zu entwirren er sich nicht ermuntert fand. Erwin sowol wie
die übrigen Gesandtschaftsmitglieder waren von einfachen
Sitten, klar und bestimmt in ihren Worten und ohne
Umschweife. Sie stellten noch die ältere echte Art
amerikanischen Wesens dar und gingen den geraden Weg,
ohne um die hundert kleinen Hinterhalte und Absichtlichkeiten sich zu kümmern oder sie auch nur zu bemerken;
sie ließen es bei Ja und Nein bewenden und sagten nicht
gern eine Sache zweimal.

Nun erstaunte Erwin, von dieser oder jener Schönen
dann sich plötzlich den Rücken zugewendet zu sehen, wenn
er auf eine Frage oder Behauptung nach seinem besten
Wissen ein einfaches Ja oder Nein erwidert hatte; noch
weniger konnte er sich erklären, warum eine Andere das
selbst begonnene Gespräch nach zwei Minuten abbrach, in
dem Augenblicke, wo er demselben durch eine ehrliche
Einwendung festeren Halt gab; unbegreiflich erschien ihm
eine Dritte, die wiederholt seine Vorstellung verlangt,
ihn dann nach dem Klima seiner Heimat befragt und
ohne die Antwort abzuwarten, mit Andern ein neues
Gespräch eröffnete. Diese Schneidigkeit war allerdings
mehr nur der Mantel für innere Unfreiheit, wie die
Zurückhaltung überhaupt, mit welcher er mit seinen Gefährten behandelt wurde, wo er hinkam, während sie
gelegentlich entdeckten, daß in ihrer Abwesenheit das
breiteste Studium ihrer Personen stattfand. Wenn in
diesen Gärten auch hie und da eine Pflanze blühte, die
unbefangener und freundlicher dreinschaute, so war auch
diese überwacht und sie hütete sich ängstlich, nicht durch
die Hecke zu wachsen.

Erwin gab es daher auf, ein Meer von Putz zu
befahren, in welchem so wenig persönliche Gestaltung
auftauchen wollte, und um sich von den bestandenen
Fährlichkeiten zu erholen, machte er längere Ausflüge. Er
hielt sich bald in einer der schön gelegenen Universitätsstädte auf, um zugleich die berühmtesten Gelehrten kennen
zu lernen und einige gute Studien mitzunehmen; bald
machte er sich mit den Orten bekannt, wo vorzüglich die
Kunst ihre Pflege fand, und schulte Sinn und Gemüth
an dem festlichen Wesen der Künstler. Auf allen diesen
Fahrten sah er sich in eine veredelte bürgerliche Welt
versetzt, welche, die besseren Güter des Lebens wahrend,
sich dieses Lebens mit ungeheucheltem Ernst erfreute. Hier
wurden die Kenntnisse und Fähigkeiten mit Fleiß und
Ehren geübt, schwärmten und glühten die Frauen wirklich
für das, was sie für schön und gut hielten, pflegte jedes
Mädchen seine Lieblingsneigung und baute dem Ideal
sein eigenes Kapellchen; und weit entfernt, ein aufrichtiges
Gespräch darüber zu hassen, wurden sie nicht müde vom
Guten und Rechten zu hören. Dazu brachte der Wechsel
der Jahreszeiten mannigfache Festfreuden, die bei aller
Einfachheit von altpoetischem Zauber belebt waren. Die
schönen Flußthäler, Berghöhen, Waldlandschaften wurden
als traute Heimat mit dankbarer Zufriedenheit genossen,
wobei sich die Frauen Tage lang in freier Luft und
guter Laune bewegten; der Waldduft schien ihnen von
den Urmüttern her noch wohl zu behagen, und selbst die
Bescheidenste scheute sich nicht, einen grünen Kranz zu
winden und sich auf's Haupt zu setzen.

Das gefiel dem wackern Erwin nun ungleich besser.
Das nähert sich, dachte er, schon eher den Meinungen,
die ich herübergebracht habe; es ist nicht möglich, daß
diese frohherzigen, sinnigen Wesen inwendig schnöd und
philisterhaft beschaffen seien! Auch gerieth er zweimal
dicht an den Rand eines Verhältnisses, wie man gemein
zu sagen pflegt. Aber o weh! nun zeigte sich auch hier
eine Art von Kehrseite. Es herrschte nämlich durch einen
eigenen Unstern, wo er hinkam, eine solche Oeffentlichkeit
und gemeinschaftliche Beaufsichtigung in diesen Dingen,
daß es unmöglich war, auch nur die ersten Regungen
und Blicke ohne allgemeines Mitwissen auszutauschen,
geschweige denn zu einem Bekenntnisse zu gelangen, welches zuerst das süße Geheimniß eines Pärchens gewesen
wäre. Man schien nur in großen Gesellschaften zu lieben
und zu freien und durch die Menge der Zuschauer dazu
aufgemuntert zu werden. Sobald ein junger Mann mehrmals mit dem gleichen Mädchen gesprochen, wurde das
Verhältniß festgestellt und zur öffentlichen Verlebung
gewaltsam in Beschlag genommen. Diese Art war aber
für Erwin wie ein Gift. Was nach seinem Gefühle das
geheime Uebereinkommen zweier Herzen sein mußte, das
sollte gleich im Beginn der allgemeinen Theilnahme zur
Verfügung gestellt und das Hausrecht des Herzens, der
früheste Goldblick des Liebesfrühlings dahin gegeben sein.
So wurde er schon vor dem ersten Capitel seiner Romane
zurückgeschreckt und trug nichts davon, als den Verdruß
einiger Klatschereien. Das beweist freilich, daß er eine
ordentliche Leidenschaft nicht erfahren hatte; sonst hätte
er sich durch solche Schwächen, die dem braven Bürgerthum hie und da ankleben, nicht vertreiben lassen. Nichts
desto minder empfand er Verdruß und setzte sich, Alles
aus dem Sinn schlagend, im ausschließlichen Umgange
mit Männern fest, die sich auf einander angewiesen sahen.

Um diese Zeit, es mögen etwa zwölf Jahre her sein,
sah ich Erwin Altenauer in meiner damaligen Heimatstadt, wenn man den Sitz einer Hochschule so nennen
darf, wo der Vater als Lehrer hinberufen worden ist,
sich ein Haus gekauft und die Tochter des Ortsbanquiers
geheirathet hat. Ich selbst war kaum zwanzig Jahre
alt, obgleich schon seit zwei Jahren Student, so daß ich
die Gesellschaft des Deutsch-Amerikaners im Hause meiner
Eltern und anderwärts zuweilen genoß. Es war ein
nicht kleiner fester Mann mit einem blonden Kopf und
trug nur neue Hüte, aber stets so, als ob es alte Hüte
wären. Nur ein paar Sommermonate wollte er in
unserer Stadt zubringen, um namentlich eine gewisse
Partie älterer Geschichte anzuhören, die ein berühmter
Historiker vortrug, und unter dessen Aufsicht die Urkunden
zu studieren.

In einem stattlichen Hause, das indessen nur zwei
Familien bewohnten, hatte er bei der einen derselben
einige Zimmer gemiethet, in denen er nicht ermangelte,
von Zeit zu Zeit seine Bekannten in der Weise der
Junggesellen zu bewirthen; sonst aber verbrachte er die
Abende gern im fröhlichen Umgange mit gereifteren
jungen Leuten verschiedener Nationalität, wie sie mit
Bürgerssöhnen aus gutem Hause vermischt in solchen
Orten sich zusammen zu thun pflegen und von der Mützen
tragenden Jugend leicht zu unterscheiden sind, wiewol sie
nicht verschmähen, bei derselben zuweilen vorzusprechen.

In jenem Hause, das noch mit weitläufigen Treppen
und Gängen versehen war, fiel ihm seit einiger Zeit bei
Ausgang und Rückkehr eine Dienstmagd auf von so
herrlichem Wuchs und Gang, daß das ärmliche, obgleich
saubere Kleid das Gewand eines Königskindes aus alter
Fabelzeit zu sein schien. Ob sie das Wassergefäß auf
dem Haupte oder den gefüllten Holzkorb vor sich her
trug, immer waren Glieder und Bewegung von der
gleichen geschmeidigen Kraft und gelassenen Schönheit;
alles aber war beherrscht und harmonisch zusammengehalten
durch ein Gesicht, dessen ruhige Regelmäßigkeit von einem
Zug leiser unbewußter Schwermuth veredelt wurde, einem
Zug so leicht und rein, wie der Schatten eines durchsichtigen Kristalles. Erwin begegnete der schönen Person
nicht oft; jedesmal aber, wenn sie mit bescheiden gesenktem
Blick still vorüber ging, blieb die Erscheinung ihm stundenlang im Sinne haften, ohne daß er jedoch besonders
darauf achtete. Eines Tages indessen, als sie auf den
Stufen der unteren Treppe kniete und scheuerte und er
eben herunter stieg, richtete sie sich auf und lehnte sich an
das Geländer, um ihn vorbei zu lassen; er konnte sich
nicht versagen, guten Tag zu wünschen und eine kleine
flüchtige Entschuldigung vorzubringen, ohne sich aufzuhalten. Aber in diesem Augenblicke schlug sie ihr Auge
so groß und schön auf und ein so mildes halbes Lächeln
schwebte wie verwundert um die ernsten Lippen, daß das
Bild der armen Magd nicht mehr aus seinen Sinnen verschwand, so zwar, wie wenn Einer etwas Gutes weiß, zu
dem seine Gedanken jedesmal ruhig zurückkehren, sobald
sie nicht zerstreut oder beschäftigt sind. Sonst begab oder
änderte sich weiter nichts, als daß er sie gelegentlich nach
ihrem Namen frug, der auf Regine lautete.

Eines schönen Sonntags, den er im Freien zugebracht,
kehrte er spät in der Nacht nach seiner Wohnung heim,
mit langsamen Schritten und wohlgemuth die Sommerluft
genießend. Da und dort schwärmten singende Studenten
durch die Gassen, in welche der helle Vollmond schien;
vor dem Hause aber, das er endlich erreichte, befand sich
ein ganzer Trupp dieses muthwilligen Volkes und umringte
eine einsame Frauensperson, die sich an die Hausthüre
drückte. Ich kann den Auftritt beschreiben, denn ich stand
selber dabei. Es war Regine, die auf der runden Freitreppe, drei bis vier Stufen hoch, mit dem Rücken an
die Thüre gelehnt, dastand und lautlos auf die sehr angeheiterte Schaar herabschaute. Sie hatte von ihrer Herrschaft die Erlaubniß erhalten, die Eltern in dem mehrere
Stunden entfernten Heimatdorfe zu besuchen, bei der
Rückkehr aber die Fahrgelegenheit verfehlt und den Weg in
die Nacht hinein zu Fuß zurücklegen müssen. Allein auch die
Herrschaft war auf eine Landpartie gegangen und noch
nicht zurück, und da Regine keinen Hausschlüssel bei sich
führte und überhaupt Niemand im Gebäude auf die Glocke
zu hören schien, die sie schon mehrmals gezogen, so fand
sie sich ausgeschlossen und mußte die Ankunft anderer
Hausbewohner abwarten. So fiel sie ihrer Gestalt wegen
den jungen Taugenichtsen auf, die nicht säumten, sie zu
umringen und mit mehr oder weniger feinen Artigkeiten
zu belagern. Der eine nannte sie Liebchen, der andere
Schätzchen, dieser Gretchen, jener Mariechen; dann brachten
sie ihr ein halblautes Ständchen, und was solcher Kindereien mehr waren; sowie aber Einer die Stufen hinan
sprang, um eine Liebkosung zu wagen, lehnte sie den
Angriff mit einer ruhigen Bewegung des freien Armes
ab; denn mit der anderen Hand hielt sie den von ihr
selbst blankgefegten Thürknopf gefaßt. Wenn nun Einer
nach dem Andern die Stufen rückwärts hinab stolperte,
so lachte der Haufen mit großem Geräusch, ohne daß die
Bedrängte darüber ein Vergnügen empfand; vielmehr stieg
sie jetzt selbst hinunter und suchte zu entkommen. Aber
die Studenten riefen: Die Löwin will hinaus! Laßt sie
nicht durchbrechen! und schlossen den Weg nur um so
dichter.

In diesem Augenblicke drang Erwin, der dem Spiel
schon ein Weilchen ganz erstaunt zugesehen, durch die
Leute, ergriff die zitternde Magd bei der Hand und führte
sie in das Haus, das er mit einer Drehung seines
Schlüssels rasch öffnete und eben so rasch wieder verschloß.
Das war so schnell geschehen, daß die Nachtschwärmer
ganz verblüfft dastanden und nichts besseres thun konnten,
als ihres Weges zu ziehen.

Auf dem Flur, wo jederzeit des Nachts Leuchter bereit standen, zündete Erwin sein Licht an und theilte das
Flämmchen mit der aufathmenden Magd, welche froh war,
sich geborgen zu wissen und die Herrschaft gebührlicher
Weise in der Küche erwarten zu können. Und wie es
der Welt Lauf ist, wurde sie von der Sprödigkeit verlassen, die sie soeben noch vor der Thüre aufrecht gehalten,
und sie litt es, als Erwin ihr mehr schüchtern als unternehmend Hand und Wange streichelte und dies nur einen
Augenblick lang; denn obgleich ihr Sonntagskleid fast so
dürftig war, wie der Werktagsanzug, vom billigsten Zeuge
und der ärmlichsten Machenschaft, so verboten doch Form
und Ausdruck des Gesichtes die unzarte Berührung Jedem,
der nicht eben zu den angetrunkenen Gesellen gehörte,
und dennoch schien dies Gesicht die Demuth selber zu
sein.

Von diesem Abend an nahm die stille Erscheinung
Erwin's Gedanken schon häufiger in Anspruch, und statt
ihnen zum bloßen Ruhepunkt zu dienen, zog sie dieselben
an sich, auch wenn sie anderwärts verpflichtet waren.
Das verspürte er in wenigen Tagen, als er am Fuße
der Treppe einen baumlangen Reitercorporal bei ihr stehen
sah, der auf den schweren Pallasch gestützt mit Reginen
sprach, während sie nachdenklich an einem Postamente des
Geländers lehnte. Erwin merkte im Vorübergehen, daß
ein leichtes Roth über ihr Gesicht ging, und schloß daraus
auf eine Liebschaft. Das aber störte ihm so alle Ruhe,
daß er nach einer halben Stunde das Haus wieder verließ, obgleich niemand mehr im Flur stand, und dermaßen
in steter Bewegung den Tag zubrachte. Vergeblich sagte
er sich, es sei ja der prächtigen Person nur von Herzen
zu gönnen, wenn sie einen so stattlichen Liebsten besitze,
der auch ein ernster Mann zu sein schien, wie er in der
Schnelligkeit gesehen. Der Umstand, daß es in der Stadt
keine Garnison gab und der Reitersmann also von auswärts gekommen sein mußte, ließ das Bestehen eines
ernstlichen Liebesverhältnisses noch gewisser erscheinen.
Aber nur um so trauriger ward ihm zu Muth. Umsonst
fragte er sich, ob er denn etwas Besseres wisse für das
Mädchen, ob er sie selbst heimführen würde? Er wußte
keine Antwort darauf. Dafür wurde die schöne Gestalt
durch das Licht einer Liebesneigung, die er sich recht
innig und tief, so recht im Tone deutscher Volkslieder
vorstellte, von einem romantischen Schimmer übergossen,
der die erwachende Trauer des Ausgeschlossenseins noch
dunkler machte. Denn an einem offenen Paradiesgärtlein
geht der Mensch gleichgültig vorbei und wird erst traurig,
wenn es verschlossen ist.

Früher als gewöhnlich verließ er am Abend seine
Gesellschaft und suchte seine Wohnung auf. Da holte
er vor der Thüre, die zu seinen Zimmern führte, unversehens die Regine ein, welche zu ihrer Schlafkammer in
den Dachräumen hinaufstieg. Sie hielt neben dem Lichte
einen kleinen Bogen Briefpapier in der Hand. Der
war ihr soeben auf den Boden gefallen, dabei leicht beschmutzt und auch etwas zerknittert worden, und sie besah
sich den Schaden, fügte aber sogleich noch einen Oelfleck
hinzu von dem Küchenlämpchen her, das ihr von der
Herrschaft gegönnt war.

„Was haben Sie da für einen Verdruß, gute Regine?“ fragte Erwin, indem er die Thüre aufschloß.

„Ach Gott,“ sagte sie, „ich soll einen Brief schreiben
und habe mir ein Blatt Papier dazu erbeten; und jetzt
ist es schon verdorben, eh' ich nur oben bin!“

„Kommen Sie mit mir herein, ich geb' Ihnen ein
anderes!“ versetzte er, und sie ging mit gutem Vertrauen
mit ihm, blieb aber bescheiden an der Zimmerthür stehen,
während er ein Büchlein des schönsten Papieres zurecht
machte. „Haben Sie denn auch Tinte und Federn?“

„Etwas Tinte habe ich in einem Fläschchen, freilich
halb eingetrocknet, und eine kratzliche Stahlfeder ist auch
noch da!“ erwiderte sie.

„So nehmen Sie hier von diesen Federn mit und
holen Sie sich Tinte oder nehmen Sie gleich die Flasche,
die Sie ja wieder bringen können. Haben Sie auch
einen Tisch zum Schreiben?“

„Leider nein, nur meine Kleiderkommode!“

„Ei, so schreiben Sie hier an diesem Tisch! Ich werde
Sie nicht stören und sie haben sich keineswegs zu scheuen!
Oder mögen Sie am Pult schreiben, so sind sie grade
noch groß genug dazu.“

Er zündete gleichzeitig eine Lampe an, die helles Licht
verbreitete und wendete sich dann wieder zu der schweigenden Person, deren Gesicht, wie am Tage schon einmal,
die leichte Röthe überflog, mit den Worten: „Sagen Sie,
Regine, der schöne Dragoner, der heute bei Ihnen war,
ist natürlich Ihr Schatz? Da ist Ihnen wahrhaftig Glück
zu wünschen!“ Welche Worte er mit veränderter, etwas
unsicherer Stimme hervorbrachte, wie wenn er in Herzensangelegenheiten vor einer großen Weltdame stände.

Das Roth in ihrem Gesichte wurde tiefer und spiegelte
sich in dem seinigen, das trotz seiner acht oder neunundzwanzig Jahre ebenfalls röthlich anlief. Zugleich aber
blitzten ihre Augen nicht ohne einige Schalkheit der
harmlosesten Art zu ihm hinüber, als sie antwortete:
„Das war ein Bruder von mir!“ Ob sie im Uebrigen
einen Schatz besitze oder nicht, vergaß sie zu sagen. Auch
verlangte Erwin diesmal nichts Weiteres zu erfahren,
sondern schien mit dem Bruder so vollkommen zufrieden,
daß seine anbrechende Heiterkeit unverkennbar war und
auch dem Mädchen das Herz leicht machte. Ehe sie sich
dessen versah, stand sie an dem Stehpulte und schrieb
ihren Brief. Sie schrieb, ohne sich zu besinnen, in schönen
geraden Zeilen eine Seite herunter und faltete das Blatt,
ohne das Geschriebene nochmals anzusehen. Erwin's
Vergnügen, ihr von einem Sopha aus gemächlich zuzuschauen, war daher schon vorbei. Er gab ihr einen Umschlag und sie schrieb, wie er nun in der Nähe sah, mit
regelmäßigen sauberen Zügen die Adresse an ihre Mutter.

„Wollen Sie gleich siegeln?“ fragte er, was sie dankbar bejahte. Er bot ihr eine Achatschale hin, worin ein
Siegelring und mehrere Petschafte lagen mit fein geschnittenen Wappen, Namenszügen oder antiken Steinen,
und lud sie ein, sich ein Siegel zu wählen. Nach Jahren,
als sich das Zukünftige begeben hatte, erinnerte er sich
mit Wehmuth des zartsinnigen Zuges, wie das unwissende
junge Weib sich scheute, eines von den kostbaren fremden
Siegeln zu gebrauchen, und wünschte mit dem zinnernen
Jackenknopfe zu petschieren, den sie zu diesem Zwecke aufbewahre. Es sei ein kleiner Stern darauf abgebildet.

„Damit kann ich auch dienen!“ rief er und zog seinen
goldenen Bleistifthalter aus der Tasche; das obere Ende
desselben war wirklich mit einem runden Plättchen versehen, das einen Stern zeigte und zum versiegeln eines
Briefes tauglich war. Das ließ sich Regine gefallen.
Erwin erwärmte das hochrothe Wachs und brachte es auf
den Brief; Regine drückte den Stern darauf, und als das
schwierige Werk vollbracht war, athmete sie bedächtig auf
und sah ihn mit einem treuherzigen Lächeln an.

Den Brief in der Hand haltend, konnte sie jetzt füglich
gehen; doch wußte der junge Mann sie mit einer Frage
aufzuhalten, an die sich eine andere und eine dritte reihte,
und so stand Regine an derselben Stelle, bis eine gute
Stunde verflossen war, und plauderte mit ihm, der an
seinem Arbeitstische lehnte. Er frug nach ihrer Heimat
und nach den Ihrigen und sie beantwortete die Fragen
ohne Rückhalt, erzählte auch manches freiwillig, da vielleicht
noch Niemand, seit sie unter Fremden ihr Brot verdiente,
sich so theilnehmend nach diesen Dingen erkundigt hatte.
Sie war das Kind armer Bauersleute, die einen Theil
des Jahres im Tagelohn arbeiten mußten. Nicht nur
die acht Kinder, Söhne und Töchter, sondern auch die
Eltern waren wohlgestaltet große Leute, ein Geschlecht,
dessen ungebrochene Leiblichkeit noch aus den Tiefen uralten
Volksthumes hervorgegangen. Nicht so verhielt es sich
mit dem Seelenwesen, der Beweglichkeit, der moralischen
Widerstandskraft und der Glücksfähigkeit der großwüchsigen
Familie. In Handel und Wandel wußten sie sich nicht zeitig
und aufmerksam zu kehren und zu drehen, den Erwerb vorzubereiten und zu sichern, und statt der Noth gelassen aus
dem Wege zu gehen, ließen sie dieselbe nahe kommen und
starrten ihr rathlos in's Gesicht. Der Vater war durch
einen fallenden Waldbaum verstümmelt, die lange Mutter
voll bitterer Worte und nutzloser Anschläge; zwei Söhne
standen im Militärdienste, der dritte half zu Hause, und
die fünf Töchter lebten meistens zerstreut als Dienstmägde
und mit verschiedenen Schicksalen, die nicht alle erfreulich
oder kummerlos waren für sie und die Angehörigen.

Ungefähr so gestaltet sich das Bild, das Erwin den
Worten der Magd entnahm, beinahe das Bild verfallender
Größe, welche ihre Sterne verlassen haben, eines Geschlechtes, das im Laufe der Jahrhunderte vielleicht seine
Freiheit dreimal verloren und wieder gewonnen hatte,
zuletzt aber nichts mehr damit anzufangen wußte, da es
über den Leiden des Kampfes das Geschick verloren. Oder
war es zu vergleichen mit einem verkommenen Adelsgeschlechte, das sich in die Lebensart des Jahrhunderts
nicht finden kann? Aus den unzusammenhängenden Mittheilungen schloß er aber auch, daß Regine, obgleich das
jüngste der Kinder, gewissermaßen das beste, nämlich der
stille, anspruchslose Halt der Familie war, an welchen
sich Alle wendeten, und das deshalb so ärmlich gekleidet
ging, weil es Alles hergab, was es aufbrachte, während
die andern Schwestern nicht ermangelten sich aufzuputzen,
so gut sie es vermochten.

Auch heute war sie wieder in Anspruch genommen
worden. Erst neulich hatte sie fast ihren ganzen Vierteljahrslohn den Eltern gebracht, da eine der Töchter in
übeln Umständen heim gekommen. Jetzt wurde der Vater
von einer nicht eben großen, aber dringenden Schuld geplagt und hatte durch die Mutter dem Dragoner schreiben
lassen, daß er entweder selbst etwas Geld zu entlehnen
trachten, oder aber zur Regine gehen solle, daß diese
helfe. Natürlich konnte der Soldat Nichts thun, denn
der hatte genug zu schaffen, mit kümmerlichen Entlehnungen
seinen Sold zu ergänzen. Darum war er zur Schwester
herübergekommen, und diese empfand zur übrigen Sorge
den Verdruß über die fruchtlosen Reisekosten des Bruders,
so klein sie waren, weil sie im Augenblicke auch nicht
helfen konnte. Sie hatte darum der Mutter geschrieben,
man müsse unter allen Umständen einige Wochen Frist
zu erlangen suchen; vorher dürfe sie ihre Herrschaft nicht
schon wieder um Geld angehen. Auch hatte sie bei diesen
Aussichten bereits seit dem heutigen Vormittage auf den
kühnen Plan verzichtet, sich im Herbst einmal ein wollenes
Kleid machen zu lassen, wie andere ordentliche Mädchen
es im Winter trugen.

Als Erwin sie zum ersten Mal so viel hintereinander
sprechen hörte, wurde er von der weichen Beweglichkeit
ihrer Stimme angenehm erregt, da die traulichen Worte,
je mehr sie in Fluß geriethen, immer mehr einen der
schönen Gestalt entsprechenden Wohlklang annahmen, den
vielleicht noch Niemand im Hause kannte. Aber noch
wärmer erregte ihn der Gedanke, daß der Noth des guten
Wesens so leicht zu steuern sei; um sie jedoch nicht allfällig sofort zu verscheuchen oder argwöhnisch zu machen,
unterließ er für einmal jedes Anerbieten einer Hülfe und
begnügte sich mit ein paar leichthin tröstenden Worten:
das sei ja Alles nicht so betrüblich, wie es aussehe, und
werde sich schon ein Ausweg finden, sie solle nur so gut
und brav bleiben u. s. w. Ihr düster gewordenes Angesicht hellte sich auch zusehends auf, so freundlich wirkte
der ungewohnte Zuspruch auf ihr einsames Gemüth, und
gewiß zehnmal wohlthuender, als wenn er sofort die Börse
gezogen und sie gefragt hätte, wie viel sie bedürfe.

Es lief indessen doch nicht ohne alle Bedenklichkeiten
ab; denn als sie, über die so schnell verflossene Stunde
erschreckend, sich entfernen wollte und die Zimmerthüre
öffnete, hörte man von der Treppe her ein Geräusch von
Weiberstimmen. Es waren die übrigen Dienstboten des
Hauses, die ihre Schlafstellen aufsuchten, und es schien
allerdings nicht gerathen, daß Regine in diesem Augenblicke aus der Thüre des fremden Herrn und Hausgenossen trat. Sie drückte ängstlich die Thüre wieder zu
und blickte dabei den Herrn Erwin Altenauer leicht
erblassend an, ungefähr wie wenn es an einem Frühlingsabende schwach wetterleuchtet, und Erwin half ihr wortlos auf das Verhallen der Mädchenstimmen lauschen. In
diesem Augenblicke sahen sie sich an und wußten, daß sie
allein zusammen seien und ein Geheimniß hatten, wenn
auch ein unschuldiges. Als man nichts mehr hörte,
öffnete Erwin sachte die äußere Thüre und entließ die
schöne große Jungfrau mit ihrem Lämpchen. Mit milden
klugen Augen, ein wenig traurig wie immer, nickte sie
ihm gute Nacht; etwas Neuartiges lag in ihrem Blicke,
das ihr wol selbst nicht bewußt war; doch flackerte das
Flämmchen ihrer bescheidenen Lampe hell und tapfer in
der Zugluft, welche durch das Treppenhaus wehte, weil
die Vorgängerinnen wahrscheinlich die Bodenthüre offen
gelassen.

Es vergingen nicht viele Tage, bis es Erwin gelang,
das Mädchen mit seinem Lämpchen abermals in sein
Zimmer zu locken, und bald stellte sich die Gewohnheit
ein, daß Regine jeden Abend ein halbes oder auch ganzes
Stündchen bei ihm eintrat, bald vor dem Aufstieg der
anderen Mägde, bald nach demselben; wahrscheinlich war
das bewahrte Geheimniß, die Heimlichkeit der vorzüglichste
Anreiz, welcher der guten Freundschaft und dem Wohlgefallen der jungen Leute den Charakter einer Liebschaft
gab. Regine war aber so ganz von Vertrauen zu dem
stets besonnenen und an sich haltenden Manne erfüllt,
daß sie alle Bedenken aus den Augen setzte und sich rückhaltlos dem Vergnügen hingab, die kurzen Stunden eines
besseren Daseins zu genießen. Sie war, mit Verlaub zu
sagen, Weib genug, um von ihrer günstigen Erscheinung
zu wissen; aber mit um so größerer Dankbarkeit empfand
sie zum ersten Mal die Ehre, die ein gesitteter Mann
ihrer Schönheit anthat, ohne daß sie wie eine gescheuchte
Katze sich zu wehren brauchte. Erwin aber that ihr die
Ehre an, weil er bereits den Gedanken groß zog, sich hier
aus Dunkelheit und Noth die Gefährtin zu holen.

Also lebten sie in rein menschlicher Lebensluft so
beglückt, wie zwei ebenbürtige Wesen in stiller Heimlichkeit es nur sein konnten; Regine nur die Gegenwart
genießend, ohne Hoffnung für die Zukunft, Erwin zugleich
von frohen Ahnungen dessen bewegt, was noch kommen
mochte. Als er sie eines Abends bei guter Gelegenheit
überredete, nur der Eltern wegen der ersehnten Hülfe zu
gedenken, und sie zwang, zu schreiben und sogleich die
nöthige Baarschaft zu verpacken, die ihm lächerlich klein
erschien, da fügte sie sich mit geheimer Zärtlichkeit des
Herzens nicht aus Eigennutz, sondern weil es von ihm
und nicht von einem andern kam. Diesmal las er den
Brief, den sie schrieb, und sah, daß die Sätze allerdings
kurz und mager waren, wie eben das Volk schreibt; allein
er entdeckte nicht einen einzigen Fehler gegen Rechtschreibung und Sprachlehre und auch keinen gegen Sinn
und Gebrauch der Sprache.

„Sie schreiben ja wie ein Actuarius!“ sagte er, indem
ein Strahl von Freude seine Augen erhellte.

„O wir hatten einen guten Schulmeister!“ erwiderte
sie froh über sein Lob; „aber das ist nichts, ich habe
eine Schwester, die schreibt im Umseh'n ganze Briefe voll
Thorheiten ohne alle Fehler; wenn sie nur sonst recht
thäte!“ schloß sie mit einem Seufzer. Wie sich später
erwies, reiste nämlich die Schwester auf Liebschaften herum
und stellte ihre Schönheit nicht unter den Scheffel. Auch
war sie schon einmal mit einem kleinen Kinde heimgekommen.

Zum Schreiben hatte Regine jetzt gesessen, was sie in
Erwin's Zimmer noch nie gethan. Sie nahm eine
amerikanische Zeitung in die Hand, die auf dem Tische
lag, und versuchte zu lesen.

„Das ist englisch!“ sagte Erwin, „wollen Sie's lernen?
Dann können Sie mit mir nach Amerika kommen und
einen reichen Mann heirathen!“

Sie erröthete stark. „Lernen möcht' ich es schon,“
sagte sie, „vielleicht fahr' ich doch einmal hinüber, wenn
es hier zu arg wird.“

Erwin sprach ihr einige Worte vor; sie lachte, bemühte
sich aber, in den Geist der wunderbaren Laute einzudringen,
und es gelang ihr noch am gleichen Abend, eine Reihe von
Worten richtig zu wiederholen und das Alphabet englisch
auszusprechen. Ernstlich schlug er ihr nun vor, jeden
Abend eine förmliche Unterrichtsstunde bei ihm durchzumachen. Sie that es mit ebenso viel Eifer als Geschick;
kaum waren zwei Wochen verflossen, so sah Erwin, daß
dieses höchst merkwürdige Wesen, das sich selbst nicht
kannte, Alles zu lernen im Stande war, ohne einen Augenblick die demüthige Ruhe zu verlieren. Er schlug plötzlich
das Buch zu, über welchem sie zusammen saßen, ergriff
ihre Hand und sagte:

„Liebe Regine, ich will nicht länger warten und säumen!
Wollen Sie meine Frau sein und mit mir gehen?“

Sie zuckte zusammen, erbleichte und starrte ihn an,
wie eine Todte.

„Nun ist es aus,“ sagte sie endlich, indem sie den
Kopf auf die Hände stützte; „und ich war so vergnügt!“

„Wie so? was will das sagen, liebes Kind? Bin ich
Dir zuwider, oder ist sonst etwas im Wege, das Dich
bedrängt und hindert?“ rief Erwin und legte unwillkürlich
den Arm um sie, wie um sie zu schützen und aufrecht zu
halten. Aber sie legte seinen Arm leidvoll und entschieden
weg und fing an zu weinen.

Sei es nun, daß sie in ihrer geringen und aus trüben
Quellen geschöpften Weltkenntniß den Augenblick gekommen
wähnte, wo ein geliebter Mann sich mit einem Heirathsversprechen versündigte, das ja niemals ernst gemeint sein
konnte; sei es, daß sie es für ihre Pflicht hielt, einem
ernsten Antrag zu widerstehen, indem sie sich als Gattin
eines vornehmen Herrn unmöglich dachte; oder sei es
endlich, daß sie schon um ihrer Familienverhältnisse willen,
die schlimmer waren, als sie bisher geoffenbart, sich scheute,
den fremden Mann, der so glücklich lebte, an sich zu binden:
sie wußte sich nicht zu helfen und schüttelte nur den Kopf.

„Ich glaubte, Du seiest mir ein wenig gut!“ sagte
Erwin kleinlaut und betroffen.

„Es war nicht recht von mir,“ rief sie schluchzend,
„es auch einmal ein bischen gut haben und etwa ein
Stündchen ungestraft bei Einem sitzen zu wollen, den ich
so gern habe! Mehr wollte ich ja nicht! Nun ist es
vorbei und ich muß gehen!“

Sie stand gewaltsam auf, zündete das Lämpchen an
und ohne sich halten zu lassen, eilte sie hinaus und so
stürmisch die Treppe hinauf, daß das Flämmchen verlöschte und sie im Dunkeln verschwand. Am andern Tage,
als er ihr zu begegnen suchte, war sie auch aus dem
Hause verschwunden. Da er vorsichtig nachforschte, hörte
er, sie sei plötzlich aufgebrochen und in ihre Heimat
gegangen, und als sie nach mehreren Tagen noch nicht
zurückgekehrt war, nahm er einen Wagen und fuhr hinaus,
sie aufzufinden. Er traf sie auch in der ärmlichen Behausung der Ihrigen und zwar in großer Trauer sitzend.
Gleich einem Türken bestaunten ihn die großen Leute,
Weiber und Männer; aber er erklärte sich sogleich und
verlangte die Tochter Regina zur Frau. Und um zu
beweisen, wie er es meine, begehrte er den Stand ihrer
häuslichen Angelegenheiten zu erfahren und versprach,
ohne Verzug zu helfen. Nachdem die Leute sich erst
etwas gesammelt und seine Meinung verstanden hatten,
beeiferten sie sich, alles offen darzulegen, wobei aber der
Alte die Weiber, mit Ausnahme Reginens, hinausschieben
mußte, da sie Alles vermengten und verdrehten. Auch der
Sohn benahm sich neben dem einbeinigen Alten vernünftig
und schien doch nicht ohne Hoffnung. Es zeigte sich, daß
das kleine Gütchen verschuldet war; allein die Auslösung
erforderte eine Summe, die für Erwin's Mittel nicht in
Betracht kam; es waren eben kümmerlich kleine Verhältnisse. Ließ er obenein noch eine ähnliche oder geringere
Summe da, so gerieth das reckenhafte Völklein in einen
ungewohnten kleinen Wohlstand, und die fernere Vorsorge
war ja nicht benommen. Ueberdies versprach Erwin,
seinen Einfluß dafür zu verwenden, daß die beiden im
Dienste stehenden Söhne, deren Entlassung nahe bevorstand, ein gutes Unterkommen fänden, wo sie sich emporbringen könnten, bis er besser für sie zu sorgen vermochte,
und was die Töchter betraf, so mischte er sich nicht in
deren Geschäfte, sondern empfahl dieselben in seinem
Innern der lieben Vorsehung. Kurz, es begab sich Alles
auf das Zweckdienlichste nach menschlicher Berechnung.
Regine sah zu und redete nicht ein Wort, auch nicht, als
Erwin sie in die Kutsche hob, mit welcher er sie unter
dem Segen der Eltern entführte. Erst als sie drin saß
und die Pferde auf der Landstraße trabten, fiel sie ihm
um den Hals und that sich nach den ausgestandenen
Leiden gütlich an seiner Freude, sie nun doch zu besitzen.

Er fuhr aber nicht in unsere Stadt zurück, sondern
nach der nächsten Bahnstation und bestieg dort mit Reginen
den Bahnzug. In einer der deutschen Städte, darin er
schon gelebt, kannte er eine würdige und verständige
Gelehrtenwittwe, welche genöthigt war, fremden Leuten
Wohnung und Kost zu geben. Er hatte selbst dort
gewohnt. Dieser wackeren Frau vertraute er sich an,
ließ Reginen für ein halbes Jahr bei ihr, damit sie gute
Kleider tragen lernte und die von der Arbeit rauhen
Hände weiß werden konnten. Dann trennte er sich, wenn
auch ungern, von der wie im Traume wandelnden Regine,
reiste in unsere Universitätsstadt zurück, um den dortigen
Aufenthalt zu beendigen, und so weiter, bis nach Verfluß
von weniger als sieben Monaten die brave schöne Regine
als seine Gattin abermals neben ihm in einem Reisewagen saß.

Als Reinhart glücklich die Magd auf die Hochzeitreise
geschickt, hielt er einen Augenblick inne und bemerkte erst
jetzt, daß das Schnurren der Spinnräder nicht mehr zu
hören war; denn die beiden Mädchen hatten über dem
erfreulichen Schicksal der Regine das Spinnen vergessen,
und die Augen gespannt auf den Erzähler gerichtet, hielten
sie Daum und Zeigefinger in der Luft, ohne daß der
Faden lief. Die Eine mochte sich das schöne Reisekleid
der glückhaften Person vorstellen, die Andere in Gedanken
die goldene Damenuhr betrachten, die ihr ohne Zweifel
an langer Kette hing. Hinwiederum bedachte Jene die
Herrlichkeit des Augenblickes, wo sie im Fall wäre, selbsteigene Dienstboten anzustellen und aus einer großen Zahl
sich meldender Mädchen, auf dem Sopha sitzend, einige
auszuwählen. Die Andere aber nahm sich vor, an Reginens Stelle jedenfalls sofort wenigstens sechs Paar neue
Stiefelchen von Zeug und von feinstem Leder machen zu
lassen, und mit süßem Schauer sah sie schon den jungen,
ledigen Schuhmachermeister vor sich, den sie hatte in's
Haus kommen lassen, die Stiefelchen anzumessen, jedes
Paar besonders, und sie hielt ihm huldvoll den Fuß hin,
bereit, ihm auch die Hand zu schenken, um welche der
Blöde endlich anhalten würde. Aber wie ist denn das?
Sie wäre ja schon verheirathet und könnte den Schuhmacher nicht mehr nehmen? Aber sie ist ja nicht die Regina,
welche den Amerikaner hat, sondern das ledige Bärbchen!
Aber nun ist sie ja nicht reich und kann die Stiefeletten
nicht bestellen — kurz, sie verwickelte sich ganz in dem
Garn ihrer Spekulationen, während Aennchen, das andere
Mädchen, bereits drei Köchinnen angestellt und zwei wieder
weggejagt hatte.

Da sagte Lucie: „Wenn Ihr müde seid, Ihr Mädchen, so stellt die Räder weg und geht schlafen! Die
merkwürdige Regine ist jetzt versorgt und braucht wahrscheinlich nicht mehr früh aufzustehen, wie Ihr es morgen
thun müßt.“

Die hübschen Dienerinnen erhoben sich ohne Zögern,
als sie dergestalt aus ihrer kurzen Träumerei geweckt
worden, und trugen gehorsam die Spinnrädchen aus dem
Zimmer.

Zu Reinhart gewendet, fuhr Lucie fort: Ich wollte
es nicht darauf ankommen lassen, daß die guten Kinder
die Kehrseite oder den Ausgang Ihrer Geschichte mit
anhören; denn so viel ich vermuthen kann, wird es nun
über die Bildung hergehen, welche an dem in Aussicht
stehenden Unheil Schuld sein soll, und da wünschte ich
denn doch nicht, daß die Mädchen gegen den gebildeten
Frauenstand aufsätzig würden!“

„Ich überlege soeben,“ erwiderte Reinhart lächelnd,
„daß ich am Ende unbesonnen handle und meine eigenen
Lehrsätze in bewußter Materie untergrabe, indem ich die
Geschichte fertig erzähle und deren Verlauf auseinander
setze. Vielleicht werden Sie sagen, es sei nicht die rechte
Bildung gewesen, an welcher das Schiff gescheitert. Am
besten thu' ich wol, wenn ich Sie mit dem Schlusse
verschone!“

„Nein, fahren Sie fort, es ist immer lehrreich, zu
vernehmen, was die Herren hinsichtlich unseres Geschlechtes
für wünschenswerth und erbaulich halten; ich fürchte, es
ist zuweilen nicht viel tiefsinniger, als das Ideal, welches
unsern Romanschreiberinnen bei Entwerfung ihrer Heldengestalten oder ersten Liebhaber vorschwebt, wegen deren
sie so oft ausgelacht werden.“

„Sie vergessen, daß ich keine eigene Erfindung offenbare, sondern über fremdes Schicksal berichte, das mich
persönlich wenig berührt hat.“

„Um so gewissenhafter halten Sie sich an die Wahrheit, damit wir den Fall dann prüfen und reiflich berathen
können!“ sagte Lucia, und Reinhart erzählte weiter:

„Erwin Altenauer hatte seine Verheirathung so geheim
betrieben, daß in unserer Stadt Niemand darum wußte;
selbst die Herrschaft der ehemaligen Magd und die übrigen
Hausgenossen ahnten Nichts von dem Vorgange, und
Jedermann glaubte, er habe einfach seinen Aufenthalt bei
uns beendigt und sei abgereist, wie man das an solchen
Gästen ja gewohnt war. Etwa anderthalb Jahre später
lebte ich in der Hauptstadt, in welcher jene amerikanische
Gesandtschaft residirte. Ich benutzte die dortigen Anstalten
zur Fortsetzung meiner etwas willkürlichen und ungeregelten
Studien, dünkte mich übrigens schon über das Studententhum hinaus zu sein, und ging nur mit Leuten um, die
alle einige Jahre älter waren, als ich.

„Auf einmal tauchte Herr Erwin wieder auf. Als
ich ihm irgendwo begegnete, lud er mich ein, ihn zu
besuchen. Ich fand ihn in wohleingerichteter Wohnung,
die von gutem Geschmacke förmlich glänzte und zwar in
tiefer, stiller Ruhe. Zu meiner Ueberraschung wurde ich
der Gemahlin vorgestellt, einer vornehm gekleideten, allerschönsten Dame von herrlicher Gestalt. Das reiche Haar
war modisch geordnet, die nicht zu kleine, aber wohlgeformte Hand ganz weiß und mit alterthümlichen bunten
Ringen geschmückt, den Geschenken aus den Familienschätzen des Hauses in Boston. Ich hatte die Regine
nur jenes einzige Mal in der Nacht gesehen, wo ich dabei
stand, als sie von den Studenten bedrängt wurde; ihre
Gesichtszüge waren mir kaum erkennbar geworden, doch
auch sonst hätte ich jetzt nicht vermuthen können, daß die
arme Magd vor mir stand, weil die kleine Begebenheit
mir vollkommen aus dem Gedächtniß verschwunden war.
Ein Anflug von Schwerfälligkeit in den Bewegungen, der
sich erst mit der eleganten Bekleidung eingestellt, war
schon im Verschwinden begriffen und schien eher ein Zeichen
fremdartigen Wesens als etwas Anderes zu sein. Sie
sprach ziemlich geläufig Englisch und auch etwas Französisch, wie sich im Verlaufe zeigte, letzteres sogar besser,
als die meisten Damen bei den amerikanischen Legationen.
Als sie hörte, woher ich sei, sah sie ihren Mann flüchtig
an, wie wenn sie ihn über ihr Verhalten befragen wollte;
er rührte sich aber nicht und so ließ sie sich auch weiter
Nichts merken. Dennoch schämte er sich nicht etwa ihres
früheren Standes, sondern wollte denselben nur so lange
geheim halten, bis sie die völlige Freiheit und Sicherheit
der Haltung und damit eine Schutzwehr gegen Demüthigungen erworben habe.

Da er indessen das Bedürfniß offener Mittheilung
an irgend Einen nicht ganz unterdrücken konnte, schon um
dem Geheimnisse jeden verdächtigen Charakter zu nehmen,
wählte er mich bald zum Mitwisser, und ich war nicht
wenig verwundert, in der eigenthümlichen Staatsdame die
arme Magd wiederzufinden, die jetzt allmälig in meinem
Gedächtnisse lebendig ward, wie sie wortlos die Bedränger
von sich abwehrte. Auch der Frau geschah damit ein Gefallen; denn sie hatte wenigstens außer ihrem Manne
noch einen Menschen, mit welchem sie ohne Rückhalt von
sich sprechen konnte.

Ich erfuhr nun auch, in wie seltsamer Art Erwin die
Ausbildung der Frau bis anhin durchgeführt hatte. Vor
Allem war er mit ihr nach London gegangen, da es ihm
zuerst um die englische Sprache zu thun gewesen; und
damit sie vor jeder häuslichen Arbeit bewahrt blieb, wohnte
er, wie später in Paris, nur in Gasthäusern, und auch
dort mußte er fortwährend aufpassen und dazwischen treten,
daß sie nicht die Zimmer selbst aufräumte und die Betten
machte, oder gar zu den Dienstboten und Angestellten in
die Küche ging, um ihnen zu helfen. Ebenso kostete es
ihn einige Mühe, sie an größere Zurückhaltung gegenüber
den Dienenden und Geringen zu gewöhnen, so zwar, daß
sie, ohne der menschlichen Freiheit Abbruch zu thun, die
zu große Vertraulichkeit vermeiden lernte, um einst leichter
befehlen zu können. Dieser Punkt soll für beide Personen
nicht ohne etwelche Bekümmerniß erledigt worden sein;
denn während Regine sich immer wieder vergaß und schwer
begriff, warum sie nicht mit ihres Gleichen über Alles
plaudern sollte, was diese freute oder betrübte, dachte
Erwin fortwährend nur an den gemessenen Ton, der in
seinem elterlichen Hause herrschte, und an die Rangstufe,
welche Regine dort einzunehmen berufen war. Die Heimführung, die noch bevorstand, beherrschte alle seine Gedanken; in Reginen hoffte er ein Bild verklärten deutschen
Volksthumes über das Meer zu bringen, das sich sehen
lassen dürfe und durch ein außergewöhnliches Schicksal
nur noch idealer geworden sei. Wollte er aber diesen Erfolg nicht nur einem Glücksfunde, sondern auch seiner
liebevoll bildenden Hand verdanken, so war ihm nur um
so mehr daran gelegen, daß auch in Nebendingen das
Werk so vollkommen als möglich sei und sein Triumph
durch keine kleinste Unzukömmlichkeit gestört werde. Man
kann eben sagen, daß er bei aller Humanität und Freisinnigkeit, die ihn beseelte, hierin um so geiziger, ja ängstlicher war, als er sich in allen wesentlichen und wichtigen
Dingen ganz sicher fühlte.

Ein zweifelloser Erfolg seiner Erziehungskunst blühte
ihm fast unerwartet auf einem anderen Gebiete. Während
des Aufenthaltes in England war ein berühmter deutscher
Männerchor dorthin gekommen, um in einer Reihe von
Concerten sich mit großem Aufsehen hören zu lassen.
Erwin, der keine Gelegenheit versäumte, seiner Frau alle
bildenden Genüsse zugänglich zu machen, führte Reginen
ebenfalls in die weite Halle, wo tausende von Menschen
als Zuhörer versammelt waren. Sie wagte sich kaum zu
rühren, mitten in dem Heere von reichen und geschmückten
Leuten sitzend, und vernahm nicht eben viel Einzelnes von
den Gesängen. Da hoben die neunzig bis hundert Sänger
so deutlich und ausdrucksvoll, wie wenn sie nur ein
Mann wären, die Weise eines altdeutschen Volksliedes an,
daß Regine jedes Wort und jeden Ton augenblicklich
erkannte, denn sie hatte das Lied als halbwüchsiges
Mädchen einst selber gesungen und es erst in der Dienstbarkeit und Mühsal des Lebens vergessen. Unverwandt
lauschend blickte sie nach dem Häuflein der schwarzgekleideten Männer hin, das wie eine dunkle Klippe aus
dem schweigenden und schimmernden Menschenmeere ragte,
und was sie hörte, war und blieb das Lied aus ihren
Jugendtagen, die so schwermüthig waren, wie das Lied.
Der brausende Beifall, der dem letzten Tone folgte, weckte
sie aus der traumartigen Versenkung, und erst jetzt schaute
sie erstaunt zu ihrem Manne hinüber, als ob sie fragen
wollte, was das gewesen sei. Der wies auf den Text in
dem Hefte hin, das sie in der Hand hielt, ohne es bis
jetzt gebraucht zu haben, und wahrlich, da stand das Lied
zu lesen, Wort für Wort.

Beim Nachhausefahren fing sie es im Dunkel des
Wagens an zu singen, und als Erwin über die anmuthige
Regung erfreut ihre Hand faßte, frug sie, was das nur
sei, daß ein schlichtes Liedchen armer Landleute so fern
von der Heimat gesungen werde und einer vornehmen
Menschheit so gut gefalle? Noch mehr vergnügt über
diese Frage erwiderte er, Grund und Ursache der Erscheinung seien die gleichen, warum auch sie, das Kind
des Volkes, ihm so wohl gefalle und so sehr von ihm
geliebt werde. Dann sagte er ihr vor der Hand das
Nöthigste über die Sache; schon am nächsten Tage aber
suchte er einen deutschen Buchhändler auf, der, wie er
gehört, auch alte Sachen kaufte und wieder verkaufte, und
bei diesem fand er die bekannte Sammlung, welche des
Knaben Wunderhorn heißt. Er lehrte sie das kleine Lied
in den stattlichen Bänden aufzufinden, und sie erblickte
und las es mit einem gewissen Stolze zwischen den hunderten von ähnlichen und noch schöneren Liedern. Aber
auch diese las sie und legte das Buch nicht aus der Hand,
bis sie es durchgelesen hatte, manches Lied zwei- und
dreimal. So ereignete sich das Seltene, daß ein ungeschultes Volkskind ein starkes Buch Gedichte mit Aufmerksamkeit und Genuß durchlas in einem Zeitalter, wo
Gebildete dergleichen fast nie mehr über sich bringen.
Da sie liebte, so fühlte sie erst jetzt noch das schöne
Glühen der Leidenschaft mit, wie es in jenen Liedern
zum Ausdrucke kommt, und sie empfand dies Glühen um
so glückseliger, als sie selbst ja in sicheren Liebesarmen
ruhte.

Jetzt aber nahm Erwin den Augenblick wahr und
holte die Goethe'schen Jugendlieder herbei. Zuerst zeigte
er ihr diejenigen, die der Dichter dem Volkstone abgelauscht und nachgesungen; dann las er mit ihr eins
um's andere der aus dein eigenen Blute entstandenen,
indem er der wohlig an ihn gelehnten Frau die betreffenden Geschichten dazu erzählte. Wie über eine leichte
Regenbogenbrücke ging sie vom Wunderhorn in dieses
lichte Gehölz maigrüner Ahornstämmchen hinüber, oder
einfacher gesagt, es dauerte nicht lange, so regierte sie
das Büchlein selbständig, und es lag auf ihrem Tisch,
wie wenn sie die erinnerungsreiche und wählerische Matrone einer vergangenen Zeit gewesen wäre, und doch
lebte sie Alles, was darin stand, mit Jugendblut durch,
und Erwin küßte die erwachenden Spuren eines neuen
Geistes ihr von Augen und Mund.

Es kann natürlich nicht jeder Pfad und jedes Brücklein aufgezeigt werden, auf denen Altenauer nun dem
holden Weibe das Bewußtsein zuführte, nicht als ein
Schulmeister, sondern mehr als ein aufmerksamer und
dankbarer Finder von allerlei kleinen Glücksfällen. In
Paris, wohin er sie nachher führte, galt es vorzugsweise,
durch das Auge zu lernen, und da er selbst Vieles zum
ersten Male sah, so lernte er mit ihr gemeinsam und
erklärte ihr gemächlich, was er soeben erfahren. Sie
nahm ihm die Neuigkeiten begierig vom Munde und
sammelte sie so geizig auf, wie ein junges Mädchen die
Blumen ihres Liebhabers. Und die kleinen Dinge, die
ein solches etwa in der Schule gelernt hat, wie das
Verständniß der Landkarte und dergleichen, wurden ganz
nebenbei, ohne allen Zeitverlust, betrieben. Nur wollte
einstweilen kein rechter Zusammenhang in die Sachen
kommen; auch beschäftigte es zuweilen Erwin's Gedanken,
daß Regine wohl allerlei Lehrhaftes aus seinem Munde
hören, nie aber solches für sich allein lesen wollte. Sie
brachte es nicht über sich, nur einige Seiten Geschichtliches
oder Beschauliches hintereinander in sich aufzunehmen,
und legte jedes Buch dieser Art bald weg. Doch hoffte
er nun, nachdem über alles Erwarten es bis jetzt so
herrlich gegangen, die Hauptsache eben in Deutschland zu
erreichen, und er stellte sich, in seinem Glücke immer
begieriger auf einen glänzenden Abschluß seines Bildungswerkes geworden, nunmehr kühnere Anforderungen, als
er früher je gewagt haben würde. In diesem Zustande
war es, daß ich das merkwürdige Ehepaar vorfand, und
als ich dann das unschuldige Geheimniß desselben erfuhr,
nahm ich den wärmsten Antheil an seinem Schicksal und
Wohlergehen. Die Frau war bei all' dem Außergewöhnlichen ihres Lebensganges und trotz der Glücksumstände,
in die sie gerathen, die Bescheidenheit selbst, einfach, liebenswerth und dabei so ehrlich, wie ein junger Hund.

Wie ein Blitz aus heiterm Himmel traf eine Nachricht aus Boston ein, in Folge welcher Erwin ohne einen
Tag zu verziehen nach Amerika abreisen mußte, um bei
der Ordnung gewisser Verhältnisse hilfreich zu sein, von
denen das Wohl der ganzen Familie abhing. Er entschloß sich augenblicklich zur Reise, entschied aber nach
einigem Schwanken, daß Regine über die paar Monate
seiner Abwesenheit hier zurückbleiben sollte. Die Herbststürme hatten eben begonnen und schon waren Nachrichten
von auf der See stattgehabten Unglücksfällen und vermißten Schiffen eingetroffen. Um keinen Preis wollte
er das Leben und die Gesundheit seiner Frau den Gefahren der Meerfahrt aussetzen; umsonst fiel sie ihm fast
zu Füßen und flehte wie ein Kind, sie mitzunehmen,
damit sie bei ihm sei: sobald er nur einen Blick auf ihre
Gestalt und ihr Gesicht warf, graute es ihm, dieses schöne
Geschöpf sich auf einem untergehenden Schiffe zu denken,
und so bitter ihm die zeitweilige Trennung auch war,
so zog er sie doch der offenbaren Gefährdung des theuersten
Wesens vor.

„Siehst Du, mein Kind,“ sagte er, indem er ihre
Wange sanft streichelte, „es gehört auch zum Leben, sich
einer schweren Nothwendigkeit unterziehen zu lernen und
von der Hoffnung zu zehren! Solches wird uns noch
mehr widerfahren und so wollen wir guten Muthes den
Anfang machen!“

Im Geheimen freilich bestärkte ihn noch der Gedanke,
um jeden Preis die letzte Hand an sein Bildungswerk
legen zu können, ehe er die Gattin in das Vaterhaus
mitbringe; die menschliche Eitelkeit vermengt sich ja mit
den edelsten Ideen und verleiht ihnen oft eine Hartnäckigkeit, die uns sonst fehlen würde.

Erwin verreiste also ohne Verzug, um den nächsten
Dampfer nicht zu versäumen, und er reiste um so gefaßter, als er Ursache zu haben glaubte, seine Frau in
gutem Umgange zurückzulassen, so wie auch das Haus mit
erfahrenen und ordentlichen Dienstboten versehen war.
Er langte wolbehalten in der Heimat an; allein die
Geschäfte wickelten sich nicht so rasch ab, wie er gehofft,
und es dauerte gegen drei Vierteljahre, bis er nach
Europa zurückkehren konnte. Während der Zeit genoß
Regine allerdings einer hinreichenden Gesellschaft. Da
waren voraus drei Damen, deren Umgang ihrem Manne
zweckmäßig für sie geschienen hatte, da sie im Rufe einer
großen und schönen Bildung standen; denn überall, wo
es etwas zu sehen und zu hören gab, waren sie in der
vordersten Reihe zu finden, und sie verehrten, beschützten
Alles und Jedes, das von sich reden machte. Erst später
erfuhr ich freilich, daß man sie in manchen Kreisen schon
um diese Zeit die drei Parzen nannte, weil sie jeder
Sache, deren sie sich annahmen, schließlich den Lebensfaden abschnitten. Sie waren immer in Geräusch, Bewegung und Unruhe; denn sie besaßen alle drei selbstzufriedene und gleichgültige Männer, die sich nicht um
die Frauen kümmerten. Obgleich diese nicht eben sehr
jung waren, umarmten sie sich doch mit stürmischer
Leidenschaft, wenn sie sich trafen, küßten sich lautschallend
und nannten sich Kind und süßer Engel; auch hatten sie
einander liebliche Spitznamen gegeben, und eine hieß die
Sammetgazelle, die andere das Rothkäppchen, die dritte
das Bienchen; die erste, weil sie das Sammetauge des
genannten Thieres habe, die zweite, weil sie einst in
einem lebenden Bilde jene Märchenfigur vorgestellt, die
letzte, weil sie in Gärten oder Gewächshäusern keine
Blume sehen konnte, ohne sie zu betasten und zu erbetteln.
Trotz dieser harmlosen Schwärmerei gab es böse Leute,
welche behaupteten, die Parzen führten unter sich eine
Sprache wie mit allen Hunden gehetzt und von allen
Teufeln geritten, ungefähr wie alte Studenten, besonders
seit sie als Wahrzeichen ihres Geniewesens eine junge
Malerin in ihren Verband aufgenommen hatten, die schon
in allen Schulen gewesen. Eigentlich war es ein junger
Maler, denn sie schneuzte wie ein kleines Kätzchen, wenn
man sie Malerin nannte. Die schöne wohlklingende Endsilbe, mit welcher unsere deutsche Sprache in jedem
Stande, Berufe und Lebensgebiete die Frau bezeichnet
und damit dem Begriffe noch einen eigenen poetischen
Hauch und Schimmer verleihen kann, war ihr zuwider
wie Gift und sie hätte die verhaßten zwei Buchstaben am
liebsten ganz ausgereutet. War man dagegen gezwungen,
den männlichen Artikel der und ein mit ihrem Berufsnamen zu verbinden, so tönte ihr das wie Musik in die
Ohren. Sie trug stets ein schäbiges Filzhütchen auf dem
Kopfe und ließ das Kleid so einrichten, daß sie ihre
Hände zu beiden Seiten in die Taschen stecken konnte, wie
ein Gassenjunge. Diese Art Verirrung mahnt mich
immer an die mittelalterliche Sage vom Kaiser Nero.
Die wirklich verübten Tollheiten desselben fand sie nicht
abscheulich und verrückt genug, und um das denkbar
Schmählichste hinzuzufügen, ersann sie die Geschichte von
seinem Gelüste nach der Geschlechtsänderung. Er habe
wollen guter Hoffnung werden und ein Kind gebären und
zweiundsiebenzig Aerzten bei Todesstrafe befohlen, ihm
dazu zu verhelfen. Die hätten keinen andern Ausweg
gewußt, als dem Scheusal einen Zaubertrank zu brauen.
Weil aber der Teufel nichts Wirkliches, sondern nur
Blendwerke schaffen könne, so sei Nero allerdings schwanger
geworden, zu seiner großen Zufriedenheit, und habe aber
dann eine dicke Kröte aus dem Munde zu Tage gefördert.
Auch für das Thierlein sei er dankbar gewesen und habe
sich voll Eitelkeit Domina und Mutter nennen lassen.
Dann habe er ein großes Freudenlager errichtet, um das
Geburtsfest zu begehen. Die Amme des Kindleins, in
grünen, mit goldenen Vögeln gestickten Atlas gekleidet,
sei mit dem Kind auf dem Schooße auf einen silbernen
Wagen gesetzt worden, welchem hundert fremde Könige
hätten folgen müssen nebst unendlichen Würdenträgern,
Priestern und Kriegern. Und so sei der Zug unter dem
Schalle der Posaunen, Flöten und Pauken hinaus gegangen nach dem Lager. Als jedoch der Wagen über eine
Brücke gefahren sei, unter der sich eine trübe Lache
befunden, habe die Kröte das schöne Sumpfwasser gewittert
und sei vom Schooße der Amme hinunter gesprungen und
nicht mehr gesehen worden. Auf diese Art dachte die Sage
den Nero am allerärgsten zu brandmarken, und sie knüpfte
an das Märchen unmittelbar den Untergang des Tyrannen.

In der That hat die Wuth, sich die Attribute des
andern Geschlechts anzueignen, immer etwas Neronisches;
möge jedes Mal die Kröte in den Sumpf springen!

Die Malerin besaß mehr Männer- als Frauenkleider;
wenn sie jene auch nicht am Tage tragen durfte, so zog
sie dieselben um so häufiger des Nachts an und streifte
so in der Stadt herum, und es hieß, daß bald die Gazelle,
bald das Rothkäppchen oder das Bienchen trotz ihrer
allmälig eintretenden größeren Corpulenz sich zuweilen
in einen derartigen Anzug hineinzwängten und zu einem
geheimen Streifzug verleiten ließen, um als freie Männer
unter das Volk zu gehen und die unauslöschliche Neugierde zu befriedigen.

Als einst ein junger Gelehrter in öffentlichem Saale
eine Reihe geistvoller Vorträge hielt, hatte Erwin seine
Frau hingeführt, in der Hoffnung, daß für ihr Verständniß doch einige Brosamen abfallen und die Pforten
der Bildung immerhin sich etwas weiter aufthun würden,
wenn auch nur durch ahnende Einblicke. In den Saal
tretend fanden sie unter dem bescheideneren allgemeinen
Publikum keinen Platz mehr und sahen sich genöthigt,
immer weiter nach dem Vordergrunde in der Gegend der
Kanzel zu dringen, wo diejenigen saßen, die überall die
gleichen sind und zuvorderst zu sitzen pflegen. Da glänzten
und schimmerten dicht unter den Augen des Redners richtig
die drei Renommistinnen, die jedoch liebenswürdig und
gefällig der schönen Fremden sogleich einen Platz zwischen
sich ermöglichten, so daß Erwin froh war, die Regine
untergebracht zu sehen, und sich in eine Fensternische
zurückzog. Seit geraumer Zeit hatten die Parzen schon
die ebenso eigenartige, als geheimnißvolle Frau in's Auge
gefaßt; sie benutzten jetzt die Gelegenheit, auf's Freundlichste und Bethulichste mit ihr Bekanntschaft, ja Freundschaft zu schließen, denn zu ihren Renommistereien gehörte
unter anderen auch, für schöne oder sonst interessante
Frauen ganz besonders zu schwärmen und solche Creaturen
mit neidloser Huldigung geräuschvoll vor aller Welt zu
umgeben. Erwin sah von seinem Standorte aus mit
Befriedigung, wie seine Frau so gut aufgehoben war,
und als er sie nach dem Schlusse des Vortrages wieder
in Empfang nahm, erwiderte er die Einladungen der
Damen zu baldigem Besuche mit dankbarer Zusage. Als
nicht lange hernach seine Abreise nothwendig wurde, hielt
er es, wie schon gesagt, für einen glücklichen Umstand,
daß Regine einen so bildend anregenden Verkehr gefunden
habe, und er anempfahl ihr, denselben fleißig zu suchen;
mit arglosem Vertrauen gehorchte sie, obschon die wortreichen, lauten und unruhigen Auftritte und Lebensarten
ihr wenigstens im Anfang nichts weniger als wol zu
behagen schienen.

Indessen verlor ich sie aus den Augen, wenigstens
für den persönlichen Umgang. Ich war meinem Versprechen gemäß nach Erwin's Abreise noch zwei oder drei
Mal hingegangen, um zu sehen, ob ich etwas nützen
könne. Schon das erste Mal waren zwei von den
Renommistinnen dort anwesend; ich hörte zu, wie sie die
Regine bereden wollten, auf dem im Wurfe liegenden
Wohlthätigkeitsbazar eine Verkaufsstelle zu übernehmen,
und wie sie das Kostüm beriethen. Es gelang ihnen
jedoch diesmal noch nicht, ihre Bescheidenheit zu hintergehen. Später traf ich sie nicht mehr zu Hause. Die
ältere Dienerin klagte, daß die Damen sie immer häufiger
hinwegholten, und doch müsse man gewissermaßen jede
Zerstreuung willkommen heißen, denn wenn die Frau
allein sei, so sehne sie sich unaufhörlich nach ihrem Manne
und weine, wie wenn sie ihn verloren hätte.

Eines Tages gerieth ich zufällig in die sogenannte
permanente Gemäldeausstellung. Was sah ich gleich beim
Eintritt? Reginen's Bildniß als phantastisch angeordneten
Studienkopf, über Lebensgröße, mit theatralisch aufgebundenem Haar und einer dicken Perlenschnur darin,
mit bloßem Nacken und gehüllt in einen Theatermantel
von Hermelin und rothem Sammet, d. h. jener von
Katzenpelz und dieser von Möbelplüsch, das Alles mit
einer scheinbaren Frechheit gemalt, wie sie von gewissen
Kunstjüngern mit unendlichem mühevollem Salben und
Schmieren und ängstlicher Hand zuweilen erworben oder
wenigstens geheuchelt wird.

Natürlich war der „Studienkopf“ das Werk der Malerin
und Regine von den Parzen beschwatzt worden, derselben
in ihrem Atelier aus Gefälligkeit zu sitzen. Ob sie
wußten, daß die Künstlerin das Bild ausstellen und
verkaufen wollte, kann ich nicht sagen; Regine wußte
es jedenfalls nicht, wie mich ihre Haushälterin versicherte, als ich hinging, um jene zu sprechen, aber nur
diese antraf. Denn ich hatte bemerkt, daß das Bild
bereits von einem Händler angekauft war, der Gemäldetransporte nach Amerika lieferte. — Die Geschichte gefiel
mir keineswegs und ich schwankte, ob ich dem Erwin
Altenauer schreiben solle oder nicht. Allein die drei
Renommistinnen galten trotz ihrer wunderlichen Aufführung für ehrbare Frauen und waren es wol auch,
und sie machten nicht unansehnliche Häuser. Der Mann
der Gazelle war ein großer Sprithändler, derjenige des
Rothkäppchens ein Justizrath, der vierzehn Schreiber
beschäftigte, und der Mann des Bienchens der oberste
Regent über die vierzig Töchterschulen der Provinz, der
zudem eine polyglotte Riesenchrestomathie herausgab, alles
bedeutende Gewährleistungen für die Ehrbarkeit, während
ich selber ein unerfahrener und unbedeutender Mensch war.

Ich sah die gute Regine nun nicht mehr, als etwa
in einer Theaterloge inmitten ihrer Beschützerinnen, welche
vor Vergnügen glänzten, wenn sie durch die schöne Erscheinung die Augen des ganzen Hauses auf sich lenken
konnten. Auch empfingen sie genügsamen Herrenbesuch.
Regine schien mir das eine Mal traurig und gedrückt zu
sein; das andere Mal schien sie aber aufzuthauen und
eine wachsende Sicherheit und Munterkeit des Benehmens
zu zeigen. Vielleicht, dachte ich, ist das gerade, was
Erwin wünscht, und die drei Gänse haben am Ende nichts
Böses zu bedeuten.

Ein einziges Mal vor Erwin's Rückkunft sprach ich
seine Frau noch näher in vertraulicher Weise und sah sie
sogar während eines ganzen Tages. Der Monat Juni
war gekommen und das prächtigste Sommerwetter im
Lande. Da bat sie mich eines Tages in einem zierlichen
Briefchen, bei ihr vorzusprechen, und als ich kam, theilte
sie mit, es sei von ihren Freundinnen und deren Freunden eine große Landpartie verabredet, die zu Wagen
gemacht werden sollte. Nun wolle ihr die Sache doch
nicht recht gefallen, und sie wünsche wenigstens einen
guten Freund und Bekannten ihres Mannes und ihres
eigenen Hauses dabei zu wissen, weil ihr ja manche
von den Theilnehmern weder vertraut genug noch sonst
angenehm seien. Sie glaube im Sinne Altenauer's zu
handeln, wenn sie so verfahre; denn sie wisse, daß er
etwas auf mich halte u. s. w. Sie habe daher kurzweg
angekündigt, sie werde mich als ihren besonderen Begleiter
mitbringen, und sie bitte mich nun, wenn ich ihr den
Gefallen erweisen wolle, einen Wagen zu bestellen und
sie zur bestimmten Stunde abzuholen und auf den Sammelplatz zu bringen. Man habe allerdings ihren Wunsch
theilweise dadurch gekreuzt, daß ich sofort zum Cavalier
der jungen Malerin bestimmt worden sei, wozu ich mich
vortrefflich eigne; doch hoffe sie, die Regine, daß ich mich
wol zuweilen werde losmachen und ein Bischen mit ihr
plaudern können.

Ich sagte mit Freuden zu und nahm mir vor, den
weiblichen Schmierteufel von Maler je eher je lieber hin
zu setzen und mich an die Frau Altenauer zu halten.
Als ich diese dann holte, fand ich es ehrenvoll, an
ihrer Seite zu fahren; sie war in hellfarbigen duftigen
Sommerstoff gekleidet und in jeder Beziehung einfach
aber tadellos ausgerüstet. Sie räkelte nicht in der
Wagenecke herum, sondern saß mit ihrem Sonnenschirme
in anmuthiger Haltung aufrecht, während die Malerin,
die später uns beigesellt wurde, sich sofort zurückwarf
und die Beine übereinander schlug. Auch die übrigen
Damen erschienen, als wir den Sammelplatz erreichten,
in heiterer Sommertracht, weiß oder farbig, und auch die
Herren hatten sich mit Hülfe der Mode so schäferlich als
möglich gemacht. Nur die Malerin war wie eine Krähe;
sie steckte in einem trostlos dunklen, nüchternen und
schlampigen Kleide, mit der beleidigenden Absicht, ja
keinen Anspruch auf weibliche Anmuth und Frühlingsfreude
machen zu wollen. Statt des Filzes trug sie freilich ein
Strohhütchen auf dem Kopfe, aber ein schwarz gefärbtes,
das von den feinen weißen Florentinerhüten der anderen
Frauenzimmer schustermäßig abstach. Von einer freien
Locke oder Haarwelle war nichts zu sehen; gleich einem
Kranze von Schnittlauch trug sie das gestutzte Haar um
Ohren und Genick. Was werden das für traurige Zeiten
sein, wenn es so kommt, daß mit den lichten Kleidern
und den fliegenden Locken der jungen Mädchen und Frauen
die Frühlingslust aus der Welt flieht!

Ich wurde von der Gesellschaft nicht unartig aufgenommen; da aber durch den von mir mitgebrachten Wagen
überschüssiger Raum gewonnen war, setzte man uns, wie
bemerkt, die Malerin herein mit der Anzeige, daß das
meine Schutzbefohlene sei. Als man abfuhr und die
Kutschen im Freien rollten, zog der Künstler ungesäumt
ein Stück Brot und ein paar Aepfel aus der Tasche und
biß hinein; denn er hatte noch nicht gefrühstückt, wie er
sagte, und er genoß immer nur rohes Obst und Brot
des Morgens, weil es das Billigste war. Das that er
nicht aus Armuth, sondern aus Geiz; denn er verstand
es sehr wohl, gehörig Geld zu verdienen, und studirte
auch nichts mehr, seit das Geld einging. Beim Erwerbe
aber wußte sie, um ihrem Geschlecht jetzt wieder die Ehre
zu geben, sich sehr unschüchtern überall vorzudrängen, und
hier nahm sie urplötzlich die Rücksichten auf das Geschlecht
von Jedermann in Anspruch. Der rohe Aepfelschmaus,
wobei sie Kerne und Hülsenstücke über die Wagenwand
hinausspuckte, ärgerte mich dergestalt, daß ich beschloß, sie
jetzt schon zu verscheuchen. Ich begann ein Gespräch über
die Künstlerinnen im Allgemeinen und einige merkwürdige
Erscheinungen im Besonderen, und ich lobte vorzüglich
diejenigen, welche neben ihrem Rufe in den schönen Künsten
zugleich des unvergänglichen Ruhmes einer idealen Frauengestalt mit heiterem oder tragischem Schicksale genossen.
Zuletzt schilderte ich den lieblichen Eindruck, den das Bildniß der Angelika Kaufmann, von ihr selbst gemalt, auf
mich gemacht habe, den blühenden Kopf mit den vollen
reichen Locken von einem grünen Epheukranze umgeben,
der Körper in weißes Gewand gehüllt, und ich vervollständigte die Gestalt, indem ich sie begeistert an die
Glasharmonika setzte, das Auge emporgehoben, und rings
um sie her die edelste römische Gesellschaft gruppirte,
welche den ergreifenden Tönen lauschte.

„Das sind tempi passati,“ unterbrach mich die Malerin, „jetzt haben wir Künstler Anderes zu thun, als Glasglocken zu reiben und mit Epheukränzchen zu kokettiren!“

„Das seh'n wir wohl!“ sagte ich mit einem Seufzer,
„aber es war doch eine schönere Zeit!“

Sobald nun die Wagen den ersten Halt machten, stieg,
um ein stattliches Masculinum zu gebrauchen, der Unhold
aus und mischte sich unter die Gesellschaft, ohne mich
weiter anzusehen. Damit war es freilich noch nicht gethan.
Eben als Frau Regine sich freute, von der Malerin erlöst
zu sein, gegen die sie einen unerklärlichen Widerwillen
empfinde, kamen die Parzen herbei und stellten den für
heute ihr bestimmten Cavalier vor, einen jungen Herren
von der brasilianischen Gesandtschaft mit einem langen,
aus vielen Wörtchen bestehenden Grafentitel, er selbst
lang und schlank, wie ein alter Ritterspeer, pechschwarz
und blaß, mit der schönsten graden Nase und glühenden
Augen. Er war die neueste Schwärmerei der drei Parzen,
und weil er gewünscht hatte, mit der schönen Regine
bekannt zu werden, brachten sie ihn unverzüglich mit ihr
zusammen, womit sie zu erreichen hofften, daß beide interessante Erscheinungen zugleich in ihrer Umgebung gesehen
würden.

Als Wirth des Wagens mußte ich dem Herrn natürlich den guten Sitz neben meiner Dame einräumen, die
eigentlich nun seine Dame wurde. Er benahm sich übrigens
durchaus artig und ernst, ja nur zu ernsthaft nach meiner
Meinung, da dies auf weitgehende verwegene Absichten
deuten konnte. Regine war still, so viel an ihr lag; sie
beantwortete aber seine Anreden mit freiem Anstande,
und da der Brasilianer nicht deutsch und nicht viel mehr
englisch oder französisch verstand, als sie, so blieb die
Unterhaltung von selbst in bescheidenen Schranken. Das
Ziel der Fahrt war der neben einem fürstlichen Lustschlosse
liegende Meierhof, wo eine gute Wirthschaft für Stadtleute betrieben wurde und die unbenutzten Räume, die
Rasengründe, Gehölze und Alleen der anstoßenden Gärten
zur Verfügung standen. Nachdem das gemeinschaftliche
Frühstück eingenommen, zerstreute sich die Gesellschaft für
den übrigen Theil des Vormittages zum freien Ausschwärmen und verlor sich nach allen Seiten in den reizenden Gärten. Allein Regine ließ mich keineswegs von
ihrer Seite; immer wußte sie mich für irgend etwas in
Anspruch zu nehmen und herbeizurufen, und da zuletzt
die Absicht offenbar wurde, daß nicht der Südländer,
sondern ich als ihr dienstbarer Geist gelten und genannt
werden sollte, so zog sich der Graf mit der besten Art
von der Welt ein wenig zurück, ohne Aufsehen zu erregen;
er schloß sich anderen Gruppen an, deren Wege die unsrigen
kreuzten, kam zuweilen wieder, um einige artige Worte
zu wechseln und sich abermals zu entfernen, als ob er es
eilig hätte, auch anderswo gewärtig zu sein. Es gab
auch zu thun für ihn; so mußte er einen scheltenden
Gärtner beschwichtigen, als Bienchen aus einem Treibhause schon ein paar prächtige Blumen ohne Weiteres
hervorgeholt hatte, obgleich die freie Luft von Blüthenduft geschwängert war und der Boden von Farben glänzte.

Mich aber ergriff jetzt Regine unversehens beim Arme
und zog mich raschen Schrittes bei Seite, bis wir auf
einsamere Schattenwege gelangten. Jetzt öffnete sie auf
einmal ihr Herz: sie habe sich auf diesen Tag gefreut,
um sich von Erwin satt sprechen zu können. Die andern
Frauen sprächen nie von ihren Männern und auch von
dem ihrigen, nämlich Erwin, thäten sie es nur, um alles
Mögliche auszufragen und ihre Neugierde nach Dingen,
zu befriedigen, die sie nichts angingen. Da schweige sie
lieber auch. Mit mir aber, der ich ein guter Freund
und ja ein Landsmann sei, wolle sie nun reden, was sie
freue. Sie fing also an zu plaudern, wie sie auf seine
baldige Ankunft hoffe, wie gut und lieb er sei, auch in
den Briefen, die er schreibe; was er für Eigenthümlichkeiten habe, von denen sie nicht wisse, ob sie andere
gebildete oder reiche Herren auch besitzen, die sie aber
nicht um die Welt hingeben möchte; ob ich viel von ihm
wisse aus der Zeit, ehe sie ihn gekannt? Ob ich nicht
glaube, daß er glücklicher gewesen sei, als jetzt, und tausend
solcher Dinge mehr. Sie redete sich so in die Aufregung
hinein, daß sie schneller zu gehen und zu eilen begann,
wie wenn sie ihn gleich jetzt zu finden gedächte, und so
gelangten wir unerwartet auf einen freien sonnigen Platz,
der einen kleinen Teich umgab. In der Mitte des letzteren
erhob sich eine flache goldene Schale, aus welcher das
Wasser über ein großes Bouquet frischer Blumen so sanft
und gleichmäßig herabfiel, und so ohne jedes Geräusch,
daß es vollkommen aussah, als ob die schönen Blumen
unter einer leise fließenden Glasglocke ständen, die von
der Sonne durchspielt war. Regine hatte diese Wasserkunst noch niemals gesehen. „Wie schön!“ rief sie, stillstehend; „wie ist es nur möglich, das hervorzubringen?“

Unwillkürlich setzte sie sich auf eine Bank, dem artigen
Wunder gegenüber, und schaute unverwandt hin. Ein
seliges Lächeln spielte eben so leis um den Mund, wie
das Wasser um die Blumen, und ich sah wohl, daß die
lebendige Kristallglocke, die so treu die Rosen schützte,
die Gedanken der Frau nur wieder auf den Mann zurückgewendet hatte. Wie ich so neben ihr stand und sie
meinerseits voll Theilnahme betrachtete, ohne daß sie dessen
inne ward, fühlte ich mich innig bewegt. Ich hätte vormals nie geglaubt, daß es eine so reine Freude geben
könnte, wie diejenige ist, in die Liebe einer holden Frau
zu einem Dritten hinein zu sehen und ihr nur Gutes zu
wünschen!

Aber unvermerkt nahm ich wahr, wie die stille Heiterkeit sich wandelte, leise, leis! und einer immer dunkler
werdenden Schwermuth Raum zu geben schien. Die Lippen
blieben leicht geöffnet, wie sie es im Lächeln gewesen,
aber mit bekümmertem Ausdruck. Das Haupt senkte sich
ein weniges, wie von tiefem Nachdenken, und endlich fielen
schwere Thränen ihr aus den Augen.

Betroffen weckte ich sie aus diesem Zustande, indem
ich mir erlaubte, die Hand leicht auf ihre Schulter zu
legen und zu fragen, was ihr so Trauriges durch den
Sinn fahre? Sie schrak zusammen, suchte sich zu fassen,
und aus den paar Worten, die sie stammelte, ahnte ich,
daß erst das Heimweh nach dem Manne sie ergriffen und
dann der Zweifel an der Rechtmäßigkeit und Dauer ihres
Glückes sie beschlichen hatte. Ich bestrebte mich, sie durch
einige zuversichtliche Scherzworte aus der verzwickten
Stimmung herauszubringen. Sie wurde auch wieder ruhig
und unbefangen, und als wir weiter gehend bald darauf
dem Brasilianer begegneten, der uns suchte, um uns zur
Mittagstafel zu holen, die unter Bäumen schon bereit
stehe, empfing sie ihn mit Freundlichkeit. Von dem bescheiden dienstfertigen Wesen des hübschen Ritters bestochen
schien sie ihre frühere Härte gutmachen zu wollen und
nahm seinen Arm an für den kurzen Weg, den wir
bis zum Orte des Speisevergnügens noch zurückzulegen
hatten, und sie duldete sogar seine Gesellschaft und Bedienung bei Tische, was er in tadellosester Weise benutzte.
Dagegen entzog sie sich den üblichen Lauf-, Spring- und
Lärmspielen, welche später beliebt wurden, und nahm
mich unverhohlen abermals in Anspruch, was mich bei
aller Theilnahme und guten Freundschaft, die ich für sie
empfand, doch nachgerade ein wenig zu demüthigen begann,
da ich mir beinahe wie ein unbedeutendes junges Vetterlein vorkam, das ein stolzes Mädchen als Bedeckung mit
sich führt. An dem großen Kaffeekränzchen, das dann
unter erneuter Lustbarkeit abgehalten wurde, nahm sie
wiederum Theil und versorgte jetzt den immer gleichen
Südländer selbst mit Kaffee und Kuchen. Als es dann
zur Heimfahrt ging, mußte ich natürlich den Herrn wieder
in unsern Wagen bitten, zumal unter den übrigen Gruppen
verschiedene Spannungen entstanden waren. Insbesondere
die Renommistinnen schmollten alle drei etwas mehr oder
weniger, aus welcher Ursache, blieb mir unbekannt; ich
hörte nur das halblaute Wort eines Fahrtgenossen, es
pflege so das gewöhnliche Ende aller Landpartieen zu
sein, die jene anstellten. Indessen glaubte ich mehr als
einmal während des Tages das Phänomen bemerkt zu
haben, daß eine gewisse innere Unruhe und Unzufriedenheit durch alle Lustigkeit ging, wie ein heimlicher Lufthauch im welkenden Laube zittert und raschelt, oder wie
es im Liede von einer Gesellschaft von Männern und
Frauen heißt, die in einer Lustgondel auf stillem Wasser
fahren:

Die Herzen schlagen unruhvoll,
Kein Auge blickt wohin es soll!

und die einzige Regine schien die ruhigste Person von
allen zu sein.

Doch machte ihr die sinkende Sonne, die wir vom
Wagen aus so schön niedergehen sahen, und die mälig
eintretende Dämmerung, welche die Kinder und die Volksfrauen gern gesprächig und munter macht, viel Vergnügen;
sie plauderte ordentlich und in einer Stunde mehr, als
sie seit dem Vormittage gesprochen hatte, und erst als
es vollends dunkel wurde und die Sterne nach einander
aufgingen, wurde sie stiller und schwieg zuletzt ganz.

Der Graf flüsterte mir auf französisch zu, er glaube,
daß Madame schlafe. Sie sagte aber ganz vergnügt:
„Ich schlafe nicht!“ Und als wir endlich an ihrem Hause
vorfuhren, nachdem die Gesellschaft ziemlich ohne Abschied
auseinander gerasselt war, und sie von ihrer kleinen
Dienerschaft, die mit Lichtern im Thorwege stand, empfangen wurde, schüttelte sie uns beiden ganz herzhaft
die Hände zum Abschied, so gutes Vertrauen schien sie
jetzt wieder zur Weltordnung gefaßt zu haben.

Der Brasilianer und ich waren nicht minder zufrieden
als vernünftige und ordentliche Leute, die einen guten
Eindruck davontrugen, und wir wurden einig, zusammen
noch eine wohlberufene Weinstube zu besuchen und uns
bei einer ruhigen Cigarre etwas Gutes zu gönnen. Wir
stießen auf das Wohl der schönen Frau mit einigen lobenden Worten an, der Graf wie ein ruhiger und anständiger
Kenner, und ich machte ihm es großartig nach, worauf
wir nicht mehr davon sprachen, sondern uns der Betrachtung des nächtlich angeheiterten Weltlaufes überließen.
Doch sprach der des Trinkens nur mäßig gewöhnte Südländer dem Weine nicht eifrig zu; ich mußte das Beste
thun, und so trennten wir uns nach ausgerauchter Cigarre
schon vor zehn Uhr. Der schwarzäugige Graf suchte seine
Wohnung auf; ich aber verfügte mich, zur Schande meiner
Jugendjahre sei es gestanden, schleunig noch in eine neun
Schuh hohe Bierhalle, wo junge deutsche Männer saßen,
die einst Studenten gewesen und sich langsam und vorsichtig der braunen Studentenmilch entwöhnten.

Ich hielt es am andern Tage für schicklich, der Frau
Regine einen Besuch abzustatten. Als ich an ihrer Thüre
die Glocke zog, öffnete mir die ältere Dienerin oder Haushälterin oder wie man die Person nennen will, die von
allem etwas vorstellte und versah. Zu meiner Verwunderung betrachtete sie mich mit einem unheimlich ernsten
Gesichte, das zugleich von quälender Neugierde eingenommen
schien. Sie besah mich vom Fuß bis zum Kopfe und ließ
den Blick über diesen hinaus noch weiter in die Höhe
gehen, als ob sie in dem Luftraume über mir nach etwas
suchte. Sie schüttelte unbewußt den Kopf, brach aber das
Wort, das sie zu sagen im Begriffe war, ab und wies
mich kurz in das Zimmer, wo die Frau sich aufhielt.
Hier befiel mich ein neues Erstaunen, ja ein völliger
Schrecken. Im Vergleich mit dem blühenden Zustande,
in welchem ich die Regine am vorigen Tage gesehen, saß
sie jetzt in einer Art Zerstörung am Fenster und vermochte sich kaum zu erheben, als ich eintrat; sie ließ sich
aber gleich wieder auf den Stuhl fallen. Das Antlitz
war todtenbleich, überwacht und erschreckt, beinahe gefurcht;
die Augen blickten unsicher und scheu, auch fand sie kaum
die Stimme, als sie meinen Gruß erwiderte. Besorgt
und fast eben so tonlos fragte ich, ob sie sich nicht wohl
befinde? „Allerdings nicht zum Besten“, antwortete sie
mit einem müden und erzwungenen Lächeln, das aus
einem rechten Elende hervorkam; aber sie versuchte kein
Wort der Erklärung hinzuzufügen, und nachdem sie in
einem kurzen richtungslosen Gespräche sich und mich furchtsam überwacht hatte, begab ich mich in der sonderbarsten
Verfassung von der Welt wieder nach Hause. Denn ich
war so verdutzt und unbehaglich im Gemüthe, ohne mir
irgend eine Rechenschaft darüber geben zu können, daß
ich vorzog, allein zu bleiben. Kaum saß ich aber eine
kleine Stunde bei meinen Büchern, so klopfte es an die
Thüre, die Altenauer'sche Haushälterin kam herein, stellte
einen Korb mit Markteinkäufen neben die Thür und setzte
sich, kurz um Erlaubniß bittend, auf einen Stuhl, der
unweit davon an der Wand stand.

„Sie sind noch ein junger Mann,“ sagte sie, „aber
Sie kennen meine Herrschaft von früher her, und ich
weiß, daß der Herr etwas auf Sie hält. Da kann ich
mir nicht anders helfen und muß mich Ihnen anvertrauen,
ob Sie einen Rath wissen in der schwierigen Sache, die
mich bedrückt!“

Immer mehr betroffen und verwirrt fragte ich, was
es denn sei und was denn vorgehe?

Nachdem sie sich etwas verschnauft und sich zögernd
besonnen, sagte sie: „Gestern Nachts, als ich in meinem
Schlafzimmer, das außerhalb unserer abgeschlossenen
Wohnung in einem Zwischengeschosse liegt, noch wach
war und eine zerrissene Schürze flickte, es mochte schon
zehn Uhr vorüber sein, hörte ich an der Flurthüre sachte
klingeln, so daß die Glocke nur einen einzigen Ton von
sich gab. Ich horchte auf; dann hörte ich, wie der
inwendig steckende Schlüssel umgedreht und die Thüre
geöffnet, zugleich aber ein halbunterdrückter Ausruf oder
Schrei ausgestoßen wurde. Da ging ich, immer horchend,
nach meiner Thüre und machte sie auf, um zu sehen,
was es denn so spät noch gebe. In diesem Augenblicke
aber sah ich einen Lichtschein verschwinden und die Flurthüre sich schließen, und der Schlüssel wurde zweimal
gedreht. Ich eilte hin, um wieder zu horchen, da ich
doch einigermaßen besorgt war. Ich hörte nur noch ein
kleines Getrappel von Schritten und darauf eine der
inneren Thüren zugehen, worauf ich nichts mehr vernehmen konnte. Endlich dachte ich, es müsse die Köchin
oder das jüngste Mädchen gewesen sein, das noch einen
Auftrag oder ein Anliegen gehabt. Ich ging also wieder
in mein Zimmer und bald darauf schlafen. Vor Tagesanbruch erwachte ich über einem kurzen Gebell des großen
Hundes, welchen die über uns wohnende Herrschaft auf
ihrem Flur liegen hat. Wieder hörte ich eine Thüre
gehen; ernstlich beunruhigt, stellte ich mich schnell auf die
Füße, öffnete ein weniges meine Thüre und sah hinaus.
Ein großer Mann, höher als Sie sind, Herr Reinhart,
ging nach der Treppe zu, mit schwerem Gange, obgleich
er so behutsam als möglich auftrat. Ich konnte aber
nichts Deutliches von ihm sehen, es war eben nur wie
ein riesiger Schatten, da meine Frau, wie mir schien
auf zitternden Füßen, mit dem Nachtlämpchen vor ihm
herschwankte und das Licht mit der Hand so bedeckte, daß
nach rückwärts kein Schein fallen konnte. So ging's
die Treppe hinunter, das Hausthor wurde geöffnet und
geschlossen, die Frau kam wieder heraufgestiegen, vor
ihrer Thüre hielt sie einen Augenblick an und that einen
tiefen Seufzer; dann verschwand sie und alles ward wieder
still. Dann schlug es zwei Uhr auf den Thürmen. Die
Frau war, so viel ich sehen konnte, in ihrem Nachtgewande.

„Begreiflich fand ich keinen Schlaf mehr. Die Laterne
in unserem Treppenhaus wird Punkt zehn Uhr gelöscht
und das Thor geschlossen; der Mensch oder was es war,
mußte also sich vor dieser Zeit in's Haus geschlichen
haben oder dann einen Hausschlüssel besitzen. Als ich
um die fünfte Morgenstunde schellte, that mir die Frau
die Thüre auf, nach der während der Abwesenheit des
Herrn eingeführten Ordnung; denn wenn er da ist, so
wird der Flurschlüssel nicht inwendig umgedreht, damit
ich des Morgens selbst öffnen kann und nicht zu läuten
brauche. Die Frau zog sich aber wie ein Geist sogleich
wieder in ihr Schlafzimmer zurück. In den von der
Sonne erhellten Zimmern bemerkte ich wenig Unordnung.
Einzig in dem Eßzimmer stand das Büffet geöffnet; eine
Caraffe, in der sich seit Wochen ungefähr eine halbe
Flasche sicilianischen Weines fast unverändert befunden
hatte, war geleert, das vorhandene Brot im Körbchen
verschwunden und ein Teller mit Backwerk säuberlich abgeräumt. Auf dem Tische sah ich den vertrockneten Ring
von einem überfüllten Weinglase, auf dem Boden einige
Krumen; der Teppich vor dem Sopha war von unruhigen
Füßen verschoben, von bestäubten Schuhen befleckt.

Als die Frau später zum Vorschein kam, war sie verändert, wie Sie ja wol selbst gesehen haben. Nicht ein
Wort hat sie verlauten lassen, und ich habe bis jetzt noch
nicht gefragt und weiß nicht, was ich thun soll; ich weiß,
es ist ein fremder Mann über Nacht dagewesen und heimlich wieder fort. Ich kann das Geheimniß nicht aufdecken
und doch dem braven Ehemanne gegenüber nicht die Mitwisserin und Hehlerin eines Verbrechens sein! Und ich
kann das arme schöne Geschöpf auch nicht ohne Weiteres
zu Grunde richten. Was denken Sie nun hiervon, Herr
Reinhart, was zu thun sei?

Ich war wie erstarrt. Sorge und Entrüstung für
Erwin Altenauer, aber zugleich auch tiefes Mitleid mit
dem Weibe, wenn es wirklich schuldig sein sollte, durchstürmten mich, als ich mich einigermaßen besann. Ich
dachte unwillkürlich an den Brasilianer und fragte die
ganz verstörte Haushälterin, wie denn der Fremde gekleidet
gewesen sei, ob fein oder gewöhnlich? Sie beharrte aber
darauf, daß sie nichts habe erkennen können; nur einen
breiten, tief in's Gesicht hängenden Schlapphut glaube sie
gesehen zu haben.

Ich grübelte und schwieg einige Zeit, während die
redliche Person verschiedene Male merklich stöhnte, so nahe
ging ihr die Sache, und ich konnte daraus ersehen, wie
sehr sie an der Frau gehangen hatte, die jetzt so unglücklich war. Diese Erkenntniß verstärkte meine eigene
Theilnahme. Endlich sagte ich: Wir müssen uns, glaube
ich, in den Fall versetzen, wo in einem Hause gebildeter Leute ein Gespenst gesehen worden ist, oder gar
eine fortgesetzte Spuk- und Geistergeschichte rumort hat.
Die schreckhaften Dinge, Erscheinungen, Poltertöne sind
nicht mehr zu leugnen, weil vernünftige und nüchterne
Personen Zeugen waren und sie zugeben müssen. Allein
obgleich keine natürliche Erklärung, kein Durchdringen des
Geheimnisses für einmal möglich ist, so bleibt doch nichts
Anderes übrig, als an dem Vernunftgebote festzuhalten
und sich darauf zu verlassen, daß über kurz oder lang
die einfache Wahrheit an's Tageslicht treten und Jedermann zufrieden stellen wird. So müssen auch wir den
unerklärlichen Vorgang auf sich beruhen lassen, überzeugt
oder wenigstens hoffend, die Rechtlichkeit der Frau werde
sich so unwandelbar herausstellen, wie ein Naturgesetz.

Die gute Dienerin, die mehr an Gespenster als an
Naturgesetze glauben mochte, schien durch meine Worte
nicht aufgerichtet zu werden; doch gelobte sie mir auf
mein Andringen, gegen Jedermann ohne Ausnahme das
Geheimniß zu wahren und schweigend zu erwarten, wie
es mit der Frau weiter gehen wolle.

Ich selbst war keineswegs beruhigt. Immer fiel mir
der lange Brasilianer wieder ein, wie ein Dolchstich.
Sollte doch gestern ein rasches Einverständniß stattgefunden haben, als Abschluß längeren Widerstandes und
fortgesetzter Verführungskünste? Und wenn der Verführer vielleicht wirklich in's Haus gedrungen ist, muß
er denn wirklich gesiegt haben? Aber seit wann trinken
feine Herren, wenn sie auf solche Abenteuer ausgehen, so
viel süßen Wein, und seit wann frißt ein vornehmer
Don Juan so viel Brot dazu? Und warum nicht, wenn
er Hunger hat? Der erst recht!

Kurz, ich wurde nicht klug daraus. Nach Tisch wollte
ich den schwarzen Grafen in einem Gartencafé aufsuchen,
in welchem jüngere Leute seiner Gesellschaftsklasse sich eine
Stunde aufzuhalten pflegten. Ich dachte wenigstens zu
beobachten, was er für ein Gesicht machte. Allein ich
kam von der Idee zurück, sie widerte mich an, und was
hatte ich mich darein zu mischen? Dafür traf ich ihn
von selbst auf einer Promenade mit andern Herren. Er
grüßte mich genau so ruhig, gesetzt und unbefangen, wie
er mich gestern verlassen.

Nach der Regine getraute ich mir vor der Hand nicht
mehr zu sehen. Das sind Dinge, die du am Ende nicht
zu behandeln verstehst, noch zu verstehen brauchst! sagte
ich mir. Einige Tage später ging ich in das Theater
und sah Reginen in der Loge der drei Parzen sitzen und
hinter ihr den Grafen. Die Parzen spiegelten sich offenbar in dem Bewußtsein, aller Augen auf sich gerichtet zu
sehen. Der Graf saß ruhig und unterhielt sich höflich
mit den Damen; Regine war blaß und schien unzweifelhaft mehr hergeschleppt worden, als freiwillig gekommen
zu sein. Es wurde Maria Stuart gegeben. Gegen den
Schluß des Trauerspieles betrachtete ich die Loge von
meinem dunkeln Winkel aus durch das Glas, während die
Augen des ganzen Hauses auf die Bühne gerichtet waren,
wo Leicester die Hinrichtung der Maria belauschte, die
unter seinen Füßen vor sich ging. Der Schauspieler war
ein dummer Geck, der in seinem weißen Atlaskleide die
kümmerlichsten Faxen machte, weshalb ich auch meine Blicke
von ihm abgewendet hatte. Aber Regine, welche bis dahin,
wie ich gut gesehen, der Handlung nur mit mühseliger
Theilnahme gefolgt war, blickte jetzt mit einer wahren
Seelenangst hin, und als der Schauspieler das Fallen des
Hauptes mit einem ungeschickten Umpurzeln anzeigte, zuckte
sie schrecklich zusammen, so daß der Graf sie einen Augenblick lang aufrecht halten mußte.

Endlich kam die Nachricht, Erwin sei auf der Rückreise begriffen. Ich will, was noch zu erzählen ist, so
folgen lassen, wie es sich theils für ihn entwickelt hat,
theils mir durch ihn später bekannt wurde. Die Geschäfte
hatten ihn zuletzt nach Newyork geführt, wo er sich dann
einschiffte. Dort war er in die Verkaufsräume eines
Kunsthändlers getreten, der nebenbei ein Lager von
amerikanischen Gewerbserzeugnissen eleganter Art hielt;
er wollte nur schnell nachsehen, ob sich etwas für Reginen
Geeignetes und Erfreuliches fände. Indem er das auf
einem Tische ausgebreitete glänzende Spielzeug musterte,
wurde sein Blick durch ein starkfarbiges Bild seitwärts
gezogen, das an der Wand unter andern Sachen hing,
die alle mit der Bezeichnung „neue deutsche Schule“ versehen waren. Sobald er nun hinsah, kam es ihm vor,
als ob das seine Frau wäre. Die rechte Persönlichkeit
und Seele fehlten zwar dem Bild, und der fremdartige
Aufputz machte die zweifelhafte Aehnlichkeit noch fraglicher;
es konnte sich um einen allgemeinen Frauentypus, um ein
Spiel des Zufalls handeln. Allein Regine hatte ihm ja
geschrieben, daß sie einer talentvollen Künstlerin zum
Studium gesessen sei; hier stand der Name der Malerin
mit großen Buchstaben auf dem Bilde geschrieben, der
Vorname freilich in einer Abkürzung, die ebenso wohl
einen männlichen wie einen weiblichen Vornamen bedeuten
konnte; hingegen war die Stadt und die Jahrzahl zutreffend. Erwin fühlte sich, trotz dem blitzartigen Eindruck
von Lust, den ihm der unerwartete Anblick verursacht
hatte, gleich darauf ganz widerwärtig berührt. Nicht
nur, daß das Bildniß seiner Gattin als Verkaufsgegenstand
herumreiste, auch die komödienhafte Tracht und die Aufschrift „Studienkopf“, als ob es sich um ein käufliches
Malermodell handelte, kurz, der ganze Vorgang verursachte
ihm, je länger er darüber dachte, den größten Aerger.
Doch verschluckte er den, so gut er konnte, und erhandelte
das Bild mit möglichst gleichgültiger Miene, ohne ahnen
zu lassen, wie nah' ihm das Original stehe. Er ließ es
verpacken und sandte es nach Boston, eh' er zu Schiffe
ging, nicht ohne den Vorsatz, ein wenig nachzuspüren,
wer eigentlich an der begangenen Taktlosigkeit die Schuld
trage. Denn diese maß er keineswegs der Regine bei,
obgleich er bei dem Anlaß einen kleinen Seufzer nicht
unterdrücken konnte, ob diese höhere, diese Taktfrage der
Bildung (oder wie er die Worte sich stellen mochte) sich
bis zu der immer näher rückenden Heimführung auch noch
vollständig lösen werde?

Nun, er kam also eines schönen Julimorgens an. Er
war die Nacht über gefahren, um schneller da zu sein.
Als er den Thorweg betrat, sah er durch eine offene
Thüre die Hausdienerschaft auf dem Hofe um einen Milchmann versammelt und freute sich, seine Frau unversehens
überraschen zu können. Die Wohnung stand offen und
ganz still und er ging leise durch die Zimmer. Verwundert fand er im Gesellschaftssaal eine große Neuigkeit:
auf eigenem Postamente stand ein mehr als drei Fuß
hoher Gipsabguß der Venus von Milo, ein Namenstagsgeschenk der drei Parzen; jede von ihnen besaß einen
gleichen Abguß, der zu Dutzenden in Paris bestellt wurde;
denn es war eine eigenthümliche Muckerei im Cultus dieses
ernsten Schönheitsbildes aufgekommen; allerlei Lüsternes
deckte sich mit der Anbetung des Bildes, und manche
Damen feierten gern die eigene Schönheit durch die herausfordernde Aufrichtung desselben auf ihren Hausaltären.

Erwin betrachtete einige Sekunden die edle Gestalt,
die übrigens in ihrem trockenen Gipsweiß die Farbenharmonie des Saales störte. Aber wie überrascht stand
er eine Minute später unter der Thüre des Schlafzimmers, das er leise geöffnet, als er eine durchaus verwandte, jedoch von farbigem Leben pulsirende Erscheinung
sah. Den herrlichen Oberkörper entblößt, um die Hüften
eine damascirte Seidendraperie von blaßgelber Farbe
geschlungen, die in breiten Massen und gebrochenen Falten
bis auf den Boden niederstarrte, stand Regine vor dem
Toilettespiegel und band mit einem schwermüthigen Gesichtsausdrucke das Haar auf, nachdem sie sich eben
gewaschen zu haben schien. Welch' ein Anblick! hat er
später noch immer gesagt. Freilich weniger griechisch, als
venezianisch, um in solchen Gemeinplätzen zu reden.

Aber auch welche Gewohnheiten! Wie kommt die
einfache Seele dazu, auf solche Weise die Schönheit zu
spiegeln und die Venus im Saale nachzuäffen? Wer hat
sie das gelehrt? Woher hat sie das große Stück unverarbeiteten Seidendamast? Ist sie mittlerweile so weit
in der Ausbildung gekommen, daß sie so üppige Anschaffungen macht, wie ein solcher Stoff ist, nur um ihn
des Morgens um die Lenden zu schlagen während eines
kleinen Luftbades? Und hat sie diese Künste für ihn
gelernt und aufgespart?

Diese Gedanken jagten wie ein grauer Schattenknäuel
durch sein Gehirn, nur halb kenntlich; sie zerstoben jedoch
gänzlich, als er den Ausdruck ihres Gesichtes im Spiegel
sah und sie ungesäumt beim Namen rief, um den Kummer
zu verscheuchen, den er erblickte. Das war seine nächste
treue Regung. Sie lag nun glückselig in seinen Armen
und Alles ging in den ersten paar Stunden, bis sie sich
etwas ausgeplaudert, gut von Statten, auch das kleine
Verhör wegen des Aufzuges, in welchem er sie getroffen.
Erröthend und mit verfinsterten Augen erzählte sie, man
habe ihr nicht Ruhe gelassen, bis sie der bewußten Malerin
für eine Studie hingestanden; das sei eine wahre Pflichterfüllung, eine Gewissenssache und durchaus unverfänglich
und Alles bleibe unter ihnen, d. h. den Freundinnen, von
welchen eine der Malstunde beigewohnt habe. Nun, da
man ein solches Wesen von ihrem Wuchse gemacht und
sie den Damast einmal gekauft und bezahlt, habe sie
gedacht, das erste Anrecht, sie so zu sehen, wenn es denn
doch etwas Schönes sein solle, gehöre ihrem Mann, und
darum habe sie sich schon seit ein paar Tagen daran zu
gewöhnen gesucht, das Tuch ohne die Malerin in gehöriger
Weise umzuschlagen und festzumachen. Es sei auch nur
ein kleines Bildchen gemacht worden.

Aber wo es denn sei? fragte der Mann, seinerseits
erröthend. Ei, die Malerin habe es mitgenommen, es
sei ja ein Frauenzimmer, erwiderte Regine betreten.
Ueberdies wolle es eine der drei Freundinnen als Andenken in Anspruch nehmen. Erwin sah die Unerfahrenheit und Unschuld der guten Regine oder glaubte jetzt
wenigstens daran, nahm sich aber doch vor, die seltsamen
Damen aufzusuchen und sich das Bild zu verschaffen.
Den ersten Tag blieb er zu Hause; eh' es Abend wurde,
war Regine mehr als einmal von neuem in Trauer
und Angst verfallen, wenn sie sich auch immer wieder
zusammenraffte oder über dem Besitze des Mannes ihr
Gemüth sich aufhellte. Genug, Erwin fühlte, daß sie
nicht mehr die Gleiche sei, die sie gewesen, daß irgend
ein Etwas sich ereignet haben müsse. Ohne die verhoffte
Ruhe brachte er die Nacht zu, während die Frau schlief;
er wußte aber nicht, ob sie zum ersten Male wieder
den Schlaf fand oder stets geschlafen hatte.

Am zweiten Tage nach seiner Ankunft ging er auf
seine Gesandtschaft, um einige Verrichtungen zu besorgen,
die man ihm in Washington zur mündlichen Abwickelung
übertragen. Unter anderem gab es da obschwebende seerechtliche Interessen, wegen welcher mit den brasilianischen
Diplomaten Rücksprache zu nehmen war, eh' bei den
europäischen Staaten vorgegangen wurde; übrigens handelte es sich weder um ein entscheidendes Stadium, noch
um eine sehr große Bedeutung der Sache. Erwin trug
seinem Gesandten dasjenige vor, was sich auf unsern
Ort, wo wir lebten, bezog. Der Herr hatte Zahnweh
und ersuchte ihn, nur selbst zu den Brasilianern zu gehen
und in seinem Namen das Nöthige zu verhandeln. Erwin
ging hin, traf aber bloß einen Secretär. Der Gesandte
sei in Karlsbad, hieß es; doch habe der Attaché Graf
So und So die bezüglichen Acten an sich genommen und
studire sie soeben; er sei ohne Zweifel in der Lage, Aufschluß zu ertheilen und entgegenzunehmen und Vorläufiges
anzuordnen. Um keine weitere Zeit zu verlieren, begab
sich Erwin ohne Aufenthalt zu dem Grafen, welcher eben
der uns'rige war. Die beiden Männer hatten sich noch
nie gesehen, weil der Brasilianer erst während Erwin's
Abwesenheit an die Stelle gekommen war. Der Südamerikaner begrüßte den nördlichen Mann unbefangen,
sagte, er habe das Vergnügen, dessen Gemahlin zu kennen,
und fragte nach ihrem Befinden. Dann ging die geschäftliche Unterredung vor sich, welche etwa eine halbe Stunde
dauerte. Erwin war nicht, was man im gemeinen Sinne
eifersüchtig nennt; daher war ihm die Bekanntschaft
des Grafen mit seiner Frau nicht aufgefallen, trotz der
schwarzäugigen Romantik; er hatte seine Häuslichkeit
über der gemächlichen Verhandlung vergessen und ging
jetzt vollkommen ruhig an der Seite des Grafen, der ihn
hinaus begleitete. Wieder, wie in New-York, leuchtete
plötzlich ein Bild auf, das er vorher nicht gesehen. Neben
der Zimmerthüre, welcher er bisher den Rücken gekehrt,
stand ein Ziertischchen und auf demselben, an die Wand
gelehnt, ein kleines Oelbild in breitem, krausgeschnitztem
Goldrahmen. Es war die Figur von Erwin's Frau, wie
er sie bei seiner Rückkunft im Schlafzimmer angetroffen.
Die Malerin hatte doch die Rücksicht genommen, das
Gesicht unkenntlich zu machen, d. h. dasjenige eines andern
Modells hinzumalen; allein Erwin erkannte den Seidenstoff und die ganze Erscheinung auf den ersten Blick.
Die dämonische Malerin hatte ihr zum Ueberfluß beide
Hände an das Hinterhaupt gelegt, wie Erwin sie mit dem
Haar beschäftigt zuerst gesehen.

Er trat mit einem Schritte vor das Tischchen und ließ
die Augen an dem Bild haften, indessen es vor denselben
in einen Nebel zerfloß und sich wieder herstellte, abwechselnd, man könnte sagen, wie Aphrodite aus dem
Dunst und Schaum des Meeres. Er wagte nicht wegzublicken, noch den Grafen anzusehen, und doch war es
ihm zu Muth wie einem Ertrinkenden. Aber zum Glück
jagten sich die Vorstellungen eben so schnell, als es bei
einem solchen geschehen soll. Es war immer eine Möglichkeit, daß der Graf nicht wußte, was er besaß; warum
also am unrechten Orte sich selbst und die Frau verrathen?
Nöthigen Falls konnte er ja wieder kommen und den
Feind seiner Ehre im Angesicht des Bildes niederstoßen.
Aber müßte nicht das Weib vorher gerichtet, vielleicht
vernichtet sein? Denn ein böser Zusammenhang wird
immer deutlicher, woher sonst das elende Wesen im Hause?
Was ist indessen mit einer solchen Vernichtung gewonnen,
und wer ist der Richter? Ich, der ich ein junges, rathloses Geschöpf fast ein Jahr lang allein lasse?

So war vielleicht eine Minute vergangen, eine von
den scheinbar zahllosen und doch so wenigen, die wir zu
leben haben. Plötzlich faßte er sich gewaltsam zusammen,
sah den Grafen flüchtig an und sagte, ohne den Mund
zu verziehen: „Sie haben da ein hübsches Bildchen!“

„Ich habe es in einem hiesigen Atelier gekauft,“ sagte
der Andere, „es soll nach dem Leben gemalt sein!“

Sie schüttelten sich mit der bei Diplomaten üblichen
Herzlichkeit die Hand und Erwin zog seines Weges. Er
ging aber nicht in seine Behausung, auch nicht zu der
Malerin oder zu den Parzen, wie er früher Willens
gewesen, noch auch zu mir oder sonst zu Jemandem, sondern er lief eine Stunde weit auf der heißen Landstraße
vor das Thor hinaus, genau bis zum ersten Stundenzeiger, und von da wieder zurück. In dieser Zeit wollte
er mit seinem Entschlusse im Reinen sein und dann um
kein Jota davon abgehen; kein Fremder sollte davon
wissen oder darein reden.

In der Mittagshitze, im Staube der Straße, unter
den Wolken des Himmels, im Angesichte mühseliger
Wandersleute, die ihres Weges zogen, müder Lastthiere,
heimwärts eilender Feldarbeiter ließ er die Frau unsichtbar
neben sich gehen, um die traurige Gerichtsverhandlung
so zu sagen unter allem Volke mit ihr zu führen. Es
bedünkte ihn in der That beinahe, als seh' er sie mühsam
an seiner Seite wandeln, nach Antwort auf seine Fragen
suchend, und seine Bitterkeit wurde von Mitleiden umhüllt, aber nicht versüßt.

Als er an das Stadtthor zurückkam, war sein Beschluß fertig, wenn auch nicht das Urtheil. Er wollte nicht
den Stab, sondern die ganze Geschichte über'm Knie
brechen, die Frau über's Meer entführen und der Zeit
die Aufklärung des Unheils überlassen. Auch gegen
Reginen wollte er schweigen, gewärtig, ob sie Recht und
Kraft zur freien Rede aus sich selber schöpfe, und je nach
Beschaffenheit würde sich dann das Weitere ergeben.
Unterdessen sollte die stumme Trennung, die zwischen sie
getreten, ihr nicht verborgen bleiben und sie fühlen, daß
die Entscheidung nur aufgeschoben sei.

Mit diesem Vorsatze trat er wieder in sein Haus,
wo er Reginen nicht fand. Ihr war erst seit Erwin's
Ausgang das Bedenkliche und Unzulässige des Vorfalls
mit dem Bilde schwer in's Gewissen gefallen; Blick und
Wort Erwin's hatten sie getroffen und die Dämmerung
ihres Bewußtseins plötzlich erleuchtet. Von Angst erfüllt
war sie fortgeeilt, zunächst zur Malerin, das Bild von
ihr zu fordern. Sie suchte Ausflüchte, versprach es zu
schicken oder selbst zu bringen, und gedrängt von der
Flehenden, sagte sie endlich, das Bild müsse bei einer
der drei Damen sein (der Parzen nämlich), jedenfalls sei
es gut aufgehoben und in sicheren Händen. Regine lief
zum sogenannten Bienchen, zur Sammetgazelle, zum
Rothkäppchen, keine wollte etwas von dem Bilde wissen,
jede lächelte zuerst verwundert und jede erhob dann einen
dummen Lärm und wollte durchaus die Aermste auf der
Jagd nach ihrem Bildniß geräuschvoll weiter begleiten.

Unverrichteter Sache, aber mit doppelter Last beladen
kehrte sie heim und traf ihren Mann in Geschäften mit
einem Agenten, dem er, wie sie trotz der Erschöpfung
allmälig bemerkte, den Verkauf der ganzen hausräthlichen
Einrichtung, das Verpacken und Spediren der mitzunehmenden Gegenstände und ähnliche Dinge auftrug. Als
der Agent fort war, sagte Erwin zu Reginen, welche
bleich und stumm in einer Ecke saß: „Du kommst gerade
recht und kannst die Dienstboten auszahlen und entlassen;
es schickt sich das besser für die Frau! Wir reisen nämlich
heut' Abend weg und sind in zwei Tagen auf der See;
denn wir gehen zu meinen Eltern!“

Kein Wort mehr noch weniger sagte er zu ihr und
sie wagte nicht ein einziges zu sprechen. Nur tief aufathmen hörte er sie, wie wenn sie sich durch die Aussicht,
über das Meer zu kommen, erleichtert fühlte.

Am selben Tage noch wurden also Koffer gepackt,
Rechnungen bezahlt und alle die Dinge verrichtet, die
mit einer plötzlichen Abreise verbunden sein mögen. Erwin
brachte dann noch eine halbe Stunde auf der Gesandtschaft
zu, sonst nahm er von Niemandem Abschied. Ich vernahm von alledem das erste Wort durch die entlassene
Haushälterin, die mich wenige Tage später nochmals aufsuchte, um ihr Gewissen zu beschwichtigen, indem sie mir
gestand, sie habe im Tumulte des letzten Nachmittags
während eines stillen Augenblickes dem Erwin mit wenig
Worten leise gesagt, es sei ein einziges Mal in der Nacht
ein fremder Mann da gewesen und von da an sei die
Verstörung im Hause. Sie wisse nicht, wer und was es
gewesen sei, glaube aber, es ihm nicht verschweigen zu
dürfen, damit er in seiner Sorge nicht zu viel und nicht
zu wenig sehe. Darauf habe Erwin sie mit trüben Augen
angeschaut und, obgleich sie gemerkt, wie ihn die Mittheilung erschüttert, gesagt, er wisse die Sache wohl, es sei
ein Geheimniß, das sie nur verschweigen solle, er habe
den Mann selbst gesandt.

Unmittelbar nach der kurzen Unterredung habe er in
der gleichen milden und gelassenen Weise wie vorher das
Wenige mit Reginen gesprochen, was er zu sprechen
hatte, und beim Verlassen des Hauses der dicht verschleierten
Frau den Arm gegeben. Nun wisse sie, die Haushälterin,
doch nicht, ob sie recht gethan und das Unglück vergrößert habe.

Ich fragte sie, ob sie von der Sache jemals den übrigen
Bediensteten oder Hausgenossen oder sonst Jemand etwas
gesagt? Sie betheuerte das Gegentheil und versprach
nochmals, es ferner so zu halten, und ich glaube, sie
hat es auch gethan. Indessen beruhigte ich sie wegen des
Geschehenen. Wenn jener geheimnißvolle Besuch übler
Art gewesen sei, meinte ich, so sei nicht viel zu verderben;
sei er aber unschuldiger Natur, so komme die dunkle
Geschichte um so eher zur Abklärung.

Es fiel mir schwer, an das ganze Ereigniß so recht
zu glauben. Die plötzliche Abreise machte nicht so viel
Aufsehen, da die Ankunft Erwin's noch nicht einmal in
weiteren Kreisen bekannt gewesen, und die Parzen schienen
sich ausnahmsweise still zu halten. Ich ging nach einigen
Tagen mit einer Art Heimweh durch die Straße, wo
Altenauer's gewohnt, und sah an das Haus hinauf. Da
wurde so eben aus dem Portale ein niederes vierrädriges
Kärrchen gezogen, auf welchem die Venus von Milo stand
und ein wenig schwankte, obgleich sie mit Stricken festgebunden war. Ein Arbeiter hielt sie mit Gelächter aufrecht und rief: „hüh!“, während der andere den Wagen
zog. Ich schaute ihr lange nach wie sie sich fort bewegte,
und dachte: So geht es, wenn schöne Leute unter das
Gesindel kommen! Ich glaubte, die Regine selbst dahin
schwanken zu sehen.

Drei Jahre später, als Regine längst todt war, traf
ich Erwin Altenauer als amerikanischen Geschäftsträger
in der gleichen Stadt wieder. Er hatte die Stelle absichtlich gewählt, um durch seine Anwesenheit das Andenken
der Todten zu ehren und zu schützen, und von ihm erfuhr
ich den Abschluß der Geschichte; denn er liebte es, mit
mir von dieser Sache zu sprechen, da ich die Anfänge kannte.

Schon die Seefahrt nach dem Westen muß ein eigenartiger Zustand von Unseligkeit gewesen sein. Die wochenlange Beschränkung auf den engen Raum bei getrennten
Seelen, die doch im Innersten verbunden waren, das
wortkarge, einsilbige Dahinleben, ohne Absicht des Wehthuns, die hundert gegenseitigen Hülfsleistungen mit niedergeschlagenen Augen, das Herumirren dieser vier Augen
auf der unendlichen Fläche und am verdämmernden
Horizonte des Oceans, in den Einsamkeiten des Himmels,
um vielleicht einen gemeinsamen Ruhepunkt zu suchen,
den sie in der Nähe nicht finden durften, Alles mußte
dazu beitragen, daß die Reise dem Dahinfahren zweier
verlorenen Schatten auf Wassern der Unterwelt ähnlich
war, wie es die Traumbilder alter Dichter schildern.
Schon das gedrängte Zusammensein mit einer Menge
fremder Menschen verhinderte natürlich den Austrag des
schmerzlichen Prozesses; aber auch ohne das that Regine
keinen Wank; sie schien sich vor dem Fallen einer
drohenden Masse und jedes Wörtlein zu fürchten, welches
dieselbe in Bewegung bringen konnte. Ebenso ängstlich
wie sie ihre Zunge hütete, überwachte sie auch jedes
Lächeln, das sich aus alter Gewohnheit etwa auf die
Lippen verirren wollte, wenn sie unverhofft einmal Erwin's
Auge begegnete. Er sah, wie es um den Mund zuckte,
bis die traurige Ruhe wieder darauf lag, und er war
überzeugt, daß sie damit jeden Verdacht auch der kleinsten
Anwandlung von Koketterie vermeiden wollte, oder nicht
sowol wollte als mußte. Welch' ein wunderbarer Widerspruch, diese Kenntniß ihrer Natur, dieses Vertrauen, und
das dunkle Verhängniß.

Erwin aber scheute sich ebenso ängstlich vor dem
Beginn des Endes; nach dem bekannten Spruche konnte
er begreifen und verzeihen, aber er konnte nicht wiederherstellen, und das wußte er.

Und nun erst der Einzug in das Vaterhaus zu
Boston! Statt der siegreichen Freude der Anerkennung,
des Beifalls, ein geheimnißvolles, gedrücktes Ansichhalten,
ein schweigsames, vorsichtiges Wesen und zuletzt eine
allgemeine Stille im Hause als Folge des halbwahren
Vorgebens von einem plötzlichen Zerwürfnisse, einer
krankhaften Laune der jungen Frau. Nur der Mutter
anvertraute Erwin einen Theil der Wahrheit, so weit
diese nicht zu grausam, zu hart für Reginen und ganz
unerträglich auch für die Mutter gewesen wäre. Indem ihr der erste Anblick Reginen's ein hohes Wohlgefallen
und ihre ganze Haltung eine schmerzliche Theilnahme, aber
freilich auch die tiefste Sorge verursacht hatten, war sie mit
einem behutsam schonenden Vorgehen einverstanden, und
sie suchte das Beispiel zu geben, die halb Geächtete mit
einer gewissen ernsten Sanftmuth zu behandeln, wie es
etwa verwirrten kranken Personen gegenüber geschieht.
Alle Familienglieder, Angestellten und Dienstboten des
Hauses hielten den gleichen Ton inne, ohne sichtbare
Verständigung; Regina hingegen sah sich mitten in
der Schar der neuen Verwandten und Hausgenossen
vereinsamt, ohne zu fragen oder zu klagen. In der entlegenen Wohnung eines Seitenflügels lebte sie bald
wie eine freiwillige Gefangene, während Erwin gleich
Anfangs auf einige Wochen verreist war, um das getrennte
Leben weniger auffällig zu machen. Allein wo er ging
und stand, fühlte er die Last des Elendes, in das er mit
Reginen gerathen, die Sehnsucht nach ihrer Gegenwart
und nach den vergangenen Tagen und zugleich den Abscheu
vor dem Abgrunde, den er mehr als nur ahnen und
fürchten mußte. Und je unvermeidlicher ihm der Verlust
erschien, um so unersetzlicher und einziger dünkte ihm die
Unselige, an welche er alle die Liebe und Sorge gewendet
hatte. Zuletzt überwog das Verlangen nach ihrem Anblicke
so stark, daß er am achtzehnten Tage seiner Reise umkehrte, in der Absicht, die Entscheidung herbeizuführen
und die Frau auf die Gefahr hin, sie sofort auf immer
zu verlieren, wenigstens dies eine Mal noch zu sehen.

Während der Zeit hatte seine Mutter die einsame
Regina jeden Tag besucht und ein Stündchen mit einer
Arbeit bei ihr gesessen, ihr auch etwas zu thun mitgebracht
und ein ruhiges Gespräch in Güte mit ihr unterhalten,
wobei sie freilich das Meiste thun mußte. Jedoch vermied
sie es gewissenhaft, mit Fragen und Verhören in die
junge Frau zu dringen, die in aller einsilbigen Trauer
Zeichen demüthiger Dankbarkeit erkennen ließ, wie eine
edle Natur auch in zeitweiliger Geistesabwesenheit die
Spuren des Guten zeigt. An dem Tage, an welchem
Erwin bereits auf dem Heimwege begriffen war, fand
seine Mutter die Regina in eifrigem Schreiben begriffen.
Dies erregte ihre Aufmerksamkeit und wollte ihr gar
wohl gefallen; es lagen schon mehrere beschriebene Blätter
da, welche Regina ruhig zusammenschob, ohne sie ängstlich
zu verbergen. Den Umstand, daß sie überhaupt nie etwas
zu verheimlichen suchte und ihr Zimmer stets ebenso
reinlich geordnet als unverschlossen und für Jedermann
zugänglich hielt, hatte die Mutter überhaupt schon wahrgenommen.

Erwin fuhr in peinlicher Ungeduld wieder mit einem
sausenden Nachtzuge und betrat Morgens um sechs Uhr
sein Haus. Schnell eilte er nach seinem eigenen Schlafzimmer, um sich zu reinigen und die Kleider zu wechseln.
Kaum hörte jedoch die Mutter von seiner Ankunft, so
suchte sie ihn auf und erzählte ihm von Reginen, Nachdem sie, theilte sie ihm in sichtbarer Ergriffenheit mit,
die Zeit her von ihrem ganzen Benehmen einen solchen
Eindruck erhalten, daß jene eine entsetzliche Heuchlerin und
Schauspielerin sein müßte, wenn es erlogen wäre, habe
sie in der vergangenen Nacht oder vielmehr kurz vor
Anbruch des Tages eine seltsam rührende Entdeckung
gemacht. Von Schlaflosigkeit geplagt sei sie aufgestanden
und habe sich in der Finsterniß nach dem kleinen Saale
hin getappt, welcher dem von Reginen bewohnten Seitenflügel gegenüber liege. Dort sei auf einem Tischchen ein
kleines Fläschchen mit erfrischender Essenz unter Nippsachen
stehen geblieben, das sie seit lange nicht mehr gebraucht.
Wie sie dasselbe nun gesucht, habe sie über den Hof weg
einen schwachen Lichtschimmer bemerkt, während sonst noch
Alles in der nächtlichen Ruhe gelegen. Als sie genauer
hingeschaut, habe sie gleich erkannt, daß der Schimmer
aus Reginen's Fenster komme, und sodann habe sie diese
selbst gesehen vor einem Stuhle knieen, mit gefalteten
Händen. Auf dem Stuhle habe ein kleines Buch gelegen,
offenbar ein Gebetbuch, beleuchtet von dem daneben
stehenden Nachtlämpchen. Das Gesicht der Frau habe sie
nicht sehen können, sie habe es tief vorn über gebeugt,
und so sei sie unbeweglich verharrt, eine Viertelstunde,
die zweite und vielleicht auch die dritte. Lange habe die
Mutter der Erscheinung zugeschaut; ein paar Mal habe
Regina das Blatt umgewendet und es dann wieder rückwärts umgeschlagen, auch das Umwenden etwa vergessen
und längere Zeit in's Leere hinaus gebetet oder sonst
Schweres gedacht; immerhin scheine sie nur ein und
dasselbe Gebet oder was es sein möge, gelesen zu haben.
Jedes Mal, wenn sie sich ein wenig bewegt habe, sei das
schauerlich rührend anzusehen gewesen in der nächtlichen
Stille und bei der Verlassenheit der armen Person.
Endlich, da die Mutter im leichten Nachtkleide gefröstelt,
habe sie sich nicht getraut, länger zu stehen, und gedacht,
Jene sei ja wohl aufgehoben bei ihrem Gebetbuche, und
sei wieder zu Bett gegangen, allerdings ohne den Schlaf
noch zu finden. „O mein Sohn“, rief die Mutter mit
überquellenden Augen, „es wäre doch ein großes Glück,
wenn dieses Geschöpf gerettet werden könnte! Ich habe
noch nichts Schöneres gesehen auf dieser Welt! Wozu
sind wir denn Christen, wenn wir das Wort des Herrn
das erste Mal verachten wollen, wo es sich gegen uns
selbst wendet?“

Erschüttert mit sich selber ringend rief Erwin, der
mehr wußte als die Mutter: „O Mutter. Christus der
Herr hat die Ehebrecherin vor dem Tode beschützt und
vor der Strafe; aber er hat nicht gesagt, daß er mit ihr
leben würde, wenn er der Erwin Altenauer wäre!“

Doch schon im Widerspruch mit seinen Worten ließ
er die Mutter stehen und ging wie er war, in den Reisekleidern und vom Rauche des nächtlichen Schnellzuges
geschwärzt, nach Reginen's Zimmer und klopfte sanft an
der Thüre. Kein Laut ließ sich hören; er öffnete also
die unverriegelte Thüre und trat hinein. Das Zimmer
war leer; mit klopfendem Herzen sah er sich um. Auf
der Kommode lag ihr altes Gesangbuch, das er wohl
kannte mit seinen Liedern und einer kleinen Anzahl
Kirchen- und Hausgebeten. Es war geschlossen und
ordentlich an seinen Platz gelegt.

Ihr Bett stand in einem Alkoven, dessen schwere Vorhänge nur zum kleineren Theile vorgezogen waren. Er
trat näher und sah, daß das Bett leer war; nur eines
der feinen und reichverzierten Schlafhemden von der Aussteuer, die er seiner Frau selbst angeschafft, lag auf dem
Bette; es schien getragen, lag aber zusammen gefaltet auf
der Decke. Erschrocken und noch mehr verlegen kehrte er
sich um, schaute sich um, ob sie nicht vielleicht dennoch im
Zimmer hinter ihm stünde, allein es war leer wie zuvor.
Indem er sich nun abermals kehrte und dabei einem der
Vorhänge näherte, stieß er an etwas Festes hinter demselben, wie wenn eine Person dort sich verborgen hielte.
Rasch wollte er den dicken Wollenstoff zurückschlagen, was
aber nicht gelang; denn die Laufringe an der Stange
waren gehemmt. Er trat also, den Vorhang sanft lüftend,
so gut es ging, hinter denselben und sah Reginen's Leiche
hängen. Sie hatte sich eine der starken seidenen Ziehschnüre, die mit Quasten endigten, um den Hals geschlungen. Im gleichen Augenblicke, wo er den edlen
Körper hängen sah, zog er sein Taschenmesser hervor, das
er auf Reisen trug, stieg auf den Bettrand und schnitt
die Schnur durch; im anderen Augenblicke saß er auf dem
Bette und hielt die schöne und im Tode schwere Gestalt
auf den Knieen, verbesserte aber sofort die Lage der Frau
und legte sie sorgfältig auf das Bett. Aber sie war kalt
und leblos; er aber wurde jetzt rath- und besinnungslos
und er starrte mit großen Augen auf die Leiche. Gleich
aber erwachte er wieder zum Bewußtsein durch die ungewohnte Tracht der Todten, die sein starrendes Auge
reizte. Regina hatte das letzte Sonntagskleid angezogen,
welches sie einst als arme Magd getragen, einen Rock von
elendem braunen, mit irgend einem unscheinbaren Muster
bedruckten Baumwollzeuge. Er wußte, daß sie ein Köfferchen mit einigen ihrer alten Kleidungsstücke jederzeit mit
sich geführt, und er hatte diesen Zug wohl leiden mögen,
der ihm jetzt das Seelenleid verdoppelte. Endlich besann
er sich wieder auf einen Rettungsversuch; er öffnete das
ärmliche Kleid, das nach damaliger Art solcher Mägderöcke
auf der Brust zugeheftet war. Unter dem Kleide zeigte
sich eines der groben Hemden ihrer Mädchenzeit, und
zwischen dem Hemde und der Brust lag ein ziemlich dicker
Brief mit der an Erwin gerichteten Ueberschrift. Hastig
küßte er den Brief, warf ihn aber auf das Bett und fing
an, Reginen's Brust mit der Hand zu reiben, sprang
empor, hob die Leiche wie eine leichte Puppe in die Höhe,
drückte sie an seine Brust und hielt ihr stöhnend das
Haupt aufrecht, legte sie gleich wieder hin und lief hinaus
um Hülfe zu suchen. Alles eilte herbei und ein Arzt war
bald zur Stelle; doch die arme Regina blieb leblos und
der Doctor stellte den Todesfall fest, welcher die schwermüthige junge Deutsche nach kurzem Eheglück getroffen
habe. Erwin blieb endlich allein bei der Leiche zurück
und las den Brief.

Die Stätte, an welcher man den Brief finden werde,
solle beweisen, wie sie ihn bis in den Tod liebe. Mit
diesen Worten begann die Schrift. Einige weitere Sätze
ähnlicher Natur verschwieg Erwin, wie er sich ausdrückte,
als heiliges Geheimniß der Gattenliebe. Woher sie solche
Töne genommen, sei eben das Räthsel der ewigen Natur
selbst, wo jegliches Ding unerschöpflich zahlreich geboren
werde und in Wahrheit doch nur ein einziges Mal da sei.

Dann folgte die Eröffnung dessen, was sie bedrückt
und ihr Leben verdorben, ohne daß sie geahnt habe, in
welchem Umfange. Es war freilich traurig und einfach
genug, das Geheimniß jenes nächtlichen Besuches, von
dem sie nicht einmal wußte, daß er gesehen worden. Der
Zustand ihrer Verwandten hatte sich mit der Zeit hie und
da doch wieder etwas verschlimmert und wiederholtes Eingreifen und Aushelfen nöthig gemacht. Jedesmal verursachte das der armen Regina, die jetzt ihrem Mann
mehr anhing als den Eltern und Geschwistern, Kummer
und Sorge. Besonders der eine der Brüder, der Soldat
gewesen, konnte sich mit dem Leben nicht zurecht finden.
Unzufrieden und düstern Gemüthes wechselte er immerfort
die Stelle und den Aufenthalt, da er sich ungerecht behandelt glaubte und es zuletzt auch wurde, weil es nicht
lange dauert, bis die Menschen, die sich selbst mißhandeln,
auch von den andern mißhandelt werden, so zu sagen aus
Nachahmungstrieb. So war er von einer guten Zugführerstelle, die man ihm bei einer Eisenbahn verschafft
hatte, allmälig bis zum Gehülfen oder vielmehr Knecht
eines Pferdehändlers herunter gekommen, der ihn als
ehemaligen Reitersmann gut brauchen konnte und doch
schlecht behandelte. Mit einer Anzahl Pferde durch den
Wald reitend waren sie in schweren Streit gerathen; der
Meister hieb dem Knechte mit der Peitsche über das Gesicht, und der Knecht schlug ihn hinwieder ohne Zögern
todt und floh auf einem der Pferde aus dem Walde.
Einige Meilen von der Mordstätte entfernt verkaufte er
das Thier und irrte mit dem Erlös im Land umher, ohne
den Ausweg finden zu können. Der erschlagene Roßhändler war von einem unbekannt gebliebenen zweiten
Verbrecher, der zuerst auf den Platz gekommen, seines
Geldranzens beraubt, diese Schuld aber natürlich dem
Todtschläger aufgebürdet und derselbe als Raubmörder
verfolgt worden; so wenigstens hatte er ausgesagt und
ging nicht von seiner Aussage ab. Dieser Bruder nun,
und niemand anders, war es, der in jener Nacht bei
Reginen Zuflucht und Hülfe gesucht, nachdem er halb verhungert sich nur nächtlicher Weile herumgetrieben, überall
von den Häschern verfolgt. Er war schon in einem Seehafen gewesen und hatte seine Baarschaft von dem verkauften Pferde an einen Schiffsplatz gewendet, wurde aber
im letzten Augenblicke durch erneuerte Steckbriefe wieder
hinweggescheucht, in's Binnenland. In der alleräußersten
Noth hatte er der Schwester Wohnung umschlichen und
war bei ihr eingedrungen; sie hatte ihn mit einigen
Kleidungsstücken von ihrem Manne und mit Geld versehen, damit er wiederum die Flucht über die See versuchen konnte. Aber von Stund' an war ihre Ruhe
dahin; denn sie war nur von dem einzigen Gedanken
besessen, daß sie als die Schwester eines Raubmörders
ihren Gatten Erwin in ein schmachvolles Dasein hinein
gezogen und des Elendes einer verdorbenen Familie theilhaftig gemacht habe. Und dazu kam ja immer noch der
Jammer über die Ihrigen und selbst den unglücklichen
Bruder.

Aber wie mußte sich der heimliche Jammer steigern,
als sie in einem Tageblatt, das mehr für die Dienstboten
als für sie da war, zufällig die schreckliche Nachricht las,
der Raubmörder sei endlich gefangen worden. Niemand
in der Stadt, außer mir, kannte ihren Namen, und so
achtete Niemand darauf. Was mich betraf, so las ich
überhaupt dergleichen Sachen nicht und blieb somit auch
in der Unwissenheit. Der Gefangene verrieth mit keiner
Silbe den Besuch bei der Schwester, obgleich er sich damit
über die bei ihm gefundene Baarschaft hatte ausweisen
können; es war dies bei aller Verkommenheit ein Zug
von Edelmuth. So lebte sie Wochen lang in der trostlosen Seelenstimmung dahin, bis sie plötzlich die Nachricht
und Beschreibung von der Hinrichtung las und alle Geister
der Verzweiflung auf sie einstürmten. Wie sollte Erwin
fernerhin mit der Schwester eines hingerichteten Raubmörders leben? Wie der Ertrinkende am Grashalm hielt
sie sich an dem einzigen Gedanken, dessen sie fähig war:
Nur schweigen, schweigen!

Nach diesem ward ihr Selbstvertrauen zum Ueberfluß
noch erschüttert durch den Vorfall mit der Malerin. Sie
wußte nicht, daß das Bild in den Händen eines Mannes,
des Brasilianers war, und doch bekannte sie es jetzt als
eine Sünde, daß sie sich habe verleiten lassen. Sie habe
daraus den Schluß ziehen müssen, daß sie nicht die Sicherheit und Kenntniß des Lebens besitze, die zur Erhaltung
von Ehre und Vertrauen erforderlich sei. Allerdings
hatte die Aermste ja annehmen müssen, die Malergeschichte
allein habe hingereicht, Erwin's Vertrauen zu untergraben; hätte sie ahnen können, daß der Besuch des
Bruders gesehen und wie er ausgelegt worden, so würde
sie keine Rücksicht abgehalten haben, sich vom Verdacht zu
reinigen, und dann wäre Alles anders gekommen. Allein
das Schicksal wollte, daß die beiden Gatten, jedes mit
einem andern Geheimniß, dasselbe aus Vorsorge und
Schonung verbergend, an sich vorbei gingen und den einzigen Rettungsweg so verfehlten. Um auf den Brief
zurückzukommen, so schloß Regina mit der Bitte, sie in
dem Gewande zu begraben, in welchem sie einst als arme
Magd gedient habe. Möge Erwin dann dasjenige Kleid,
in welchem er sie in der schönen Zeit am liebsten gesehen,
zusammenfalten und es ihr im Sarge unter das Haupt
legen, so werde sie dankbar darauf ruhen.

Nach ihrem Begräbnisse war das erste, was er unternahm, die neue Versorgung der armen Angehörigen. Bei
dieser Gelegenheit erfuhr er, daß der hingerichtete Bruder
den erschlagenen Meister wirklich nicht ausgeplündert, indem der wahre Thäter, wegen anderer Verbrechen in
Untersuchung gerathen, auch dieses freiwillig gestanden
hatte. Erwin Altenauer hat sich bis jetzt nicht wieder
verheirathet.

Als Reinhart schwieg, blieb es ein Weilchen still; dann
sagte Lucia nachdenklich: „Ich könnte nun einwenden,
daß Ihre Geschichte mehr eine Frage des Schicksals als
der Bildung sei; doch will ich zugeben, daß eine schlimme
Abart der letzteren durch die Parzen, wie Sie die Trägerinnen derselben nennen, von Einfluß auf das Schicksal
der armen Regine gewesen ist. Aber auch so bleibt sicher,
daß es dem guten Herrn Altenauer eben unmöglich war,
seiner Frauenausbildung den rechten Rückgrat zu geben.
Wäre seine Liebe nicht von der Eitelkeit der Welt umsponnen gewesen, so hätte er lieber die Braut gleich
anfangs nach Amerika zu seiner Mutter gebracht und
dieser das Werk überlassen; dann wäre es wol anders
geworden! Jetzt ist es aber Zeit, unsere merkwürdige
Sitzung aufzuheben; ich bitte zu entschuldigen, wenn ich
mich zurückziehe, obgleich ich beinahe fürchte, im Traum
die schöne Person wie eine mythische Heroenfrau an der
seidenen Schnur hängen zu sehen; denn trotz ihrer Wehrlosigkeit steckt etwas Heroisches in der Gestalt. Der Wahlherr hat diesmal wirklich auf Race zu halten gewußt!“

Sie bot dem Gaste gute Nacht und sandte gleich
darauf den bejahrten Diener her, den Reinhart bei seiner
Ankunft gesehen. Der freundliche Mann führte ihn nach
seinem Schlafgemache, indem er ihm erzählte, der alte
gichtbrüchige Herr beabsichtige, am Morgen mit dem Herrn
Reinhart zu frühstücken, da nach gewissen Anzeichen der
dermalige Anfall zu weichen beginne.

Mit wunderlich aufgeregtem Gefühle legte sich Reinhart
in dem fremden Hause zu Bett, unter Einem Dache mit
dem ziervollsten Frauenwesen der Welt. Wie es Leute
gibt, deren Körperliches, wenn man es zufällig berührt
oder anstößt, sich durch die Kleidung hindurch fest und
sympathisch anfühlt, so gibt es wieder andere, deren Geist
Einem durch die Umhüllung der Stimme im ersten Hören
schon vertraut wird und uns brüderlich anspricht, und wo
gar beides zusammentrifft, ist eine gute Freundschaft nicht
mehr weit außer Weg. Dazu kam, daß Reinhart heute
mehr von menschlichen Dingen, wie die Liebeshändel sind,
gesprochen hatte, als sonst in Jahren.

Neuntes Capitel.
Die arme Baronin.

Er war zwar bald und fest eingeschlafen; doch der
neue Inhalt, die Schatzvermehrung seiner Gedanken weckte
ihn vor Tagesanbruch, wie wenn es ein lebendiges Wesen
außer ihm wäre, das freundlich seine Schulter berührte.
Er mußte sich lange besinnen, wo er sei, und erst als er
das von der Morgendämmerung erhellte Viereck des großen
Fensters aufmerksam betrachtete, kam er seinen gestrigen
Erlebnissen auf die Spur. Es wurde ihm beinahe feierlich angenehm zu Muthe, und indem er in diesem Gefühle
so hindämmerte, entschlief er wieder und erwachte erst, als
das schöne Landgebiet, in das er hinausschaute, schon im
vollen Sonnenscheine lag und der Fluß weithin schimmerte.
In den Platanen war großes Vogelconcert, eine Schar
dieser Musikanten flatterte und saß an den Marmorschalen
des Brunnens, in dessen Nähe ein Tisch zum Frühstücke
gedeckt war.

„Lux, mein Licht! wo bleibst Du?“ hörte er eine alte,
obwol noch kräftige Stimme rufen und sah darauf den
vermuthlichen Oheim vom Diener gestützt und mit einer
Krücke versehen, hinter dem Hause hervorkommen. Der
Ruf Lux galt natürlich der Nichte, deren Namen Lucia
er sich dergestalt zugestutzt hatte. Es schien ein ehemaliger
Kriegsoberst zu sein, da er einen langen grauen Schnurrbart trug, sowie einen Rock von halbmilitärischem Zuschnitt und ein verschlissenes Bändchen im Knopfloch. Nun
erschien auch das Fräulein auf dem morgenfrischen Schauplatze, und so säumte Reinhart nicht länger, sich fertig
zu machen und auch hinunter zu gehen, wo er den Herrn
und die Dame am Tische sitzend antraf, dicht neben dem
Brunnen mit seinem klingenden krystallklaren Wasser.
Reinhart verhinderte rasch, daß der alte Herr sich erhob,
als er ihm von Lucien vorgestellt wurde.

Der Oheim fixirte ihn aufmerksam mit der Freiheit
alter Soldaten oder Sonderlinge, indem er nach und nach,
ohne sich zu eilen, vorbrachte, sein Name sei ihm wohlbekannt, es komme nur darauf an, ob er etwa der Sohn
des Professors gleichen Namens in X sei; denn wenn er
sich recht besinne, so sei ein Freund aus jungen Jahren
dort hängen geblieben und ein berühmter Pandektenpauker
geworden?

Reinhart bestätigte lachend seine Vermuthung, und
Lucie erklärte das Ereigniß für ein sehr artiges, welches
sie theilweise herbeigeführt zu haben sich etwas einbilde.
Der Oheim jedoch fuhr fort, das Gesicht des jungen Gastes
zu studiren und immer tiefer in seiner Erinnerung nachzugraben, indessen sein eigenes Gesicht einen säuerlich süßen
Ausdruck annahm, dann in ein halb spöttisches Lächeln,
dann in einen weichen Ernst überging und zuletzt von einem
vollen biederen Lachen erhellt wurde. Er faßte kräftig
die Hand des jungen Reinhart, schüttelte sie und fragte:
„Haben denn Ihre Eltern nie von mir gesprochen?“

Reinhart dachte nach und schüttelte den Kopf, sagte
aber nach einem weiteren Besinnen: „Es müßte denn
sein, was auch wahrscheinlich ist, daß Sie erst auch ein
Leutenant gewesen sind, ehe Sie Herr Oberst wurden.
Dunkel entsinne ich mich aus meinen Kinderjahren, daß
die Eltern, bald der Vater, bald die Mutter, meistens
diese, von einem Leutenant sprachen, und zwar hieß es
scherzend: das hätte der Leutenant nicht gethan, oder was
würde der Leutenant zu dem Falle sagen u. s. w. Dann
verlor sich die Gewohnheit, wenn es eine war, und ich
habe die Sache vergessen.“

„Sehen Sie, es ist richtig!“ rief der Oberst, „der
Leutenant bin ich! In Ihrem angenehmen Angesicht habe
ich die Spuren von beiden verehrten Eltern herausgefunden, vom Herrn sowol wie von der Dame, und es
geht mir fast ein Licht auf, wie wenn meine junge Lux
hier an meinem engen Altershorizont aufgeht als meine
tägliche Morgensonne! Sein Sie uns willkommen und
bleiben Sie jedenfalls einige Tage, oder besser, machen
Sie Ihre Reise fertig und kommen Sie bald wieder für
länger! Spielen Sie Schach?“

„Leider nein, ich spiele überhaupt gar nichts!“

„Ei, das ist schade, warum denn nicht?“ rief der Alte.

„Ich bin zu dumm dazu!“ erwiderte Reinhart, der in
der That weder die Aufmerksamkeit noch die Voraussicht
aufbrachte, welche zum ernsthaften Spielen erforderlich
sind. Lucia sah ihn unwillkürlich mit einem dankbaren
Blicke an, da sie einen Genossen in dieser Art von Dummheit in ihm fand.

„Nun,“ sagte der alte Herr, „so lang man jung ist,
spürt man eben keine lange Weile und braucht kein Spiel.
Die hat's auch so, die hier sitzende Jugendfigur! Später
wird sie's wol noch lernen; denn ich hoffe, es gibt eine
schöne alte Jungfer aus ihr, die ewig bei mir bleibt und
auf meinem Grabe fromme Rosen züchtet und oculirt.“

„Das kann geschehen,“ sagte die Nichte, „wenn über
das Heirathen solche Anschauungen aufkommen, wie ich
sie aus dem Munde des Herrn Ludwig Reinhart habe
hören müssen! Denke Dir, Onkel, wir haben gestern bis
Mitternacht uns verunglückte Heirathsgeschichten erzählt!
Die gebildeten Männer verbinden sich jetzt nur mit Dienstmädchen, Bäuerinnen und dergleichen; wir gebildeten
Mädchen aber müssen zur Wiedervergeltung unsere Hausknechte und Kutscher nehmen, und da besinnt man sich
doch ein bischen! Sagen Sie, Herr Reinhart, haben Sie
nicht noch eine Treppenheirath zu erzählen?“

„Freilich hab' ich,“ antwortete er, „eine ganz prächtige, eine Heirath aus reinem Mitleiden!“

„O Himmel!“ rief Lucie, „wie glücklich! Magst Du
sie auch hören, lieber Onkel?“

„Da ihr Faulpelze nichts spielen und nur schwatzen
wollt, so ist es das Beste, was wir thun können, wenn
wir uns einige blaue Wunder vormachen!“

Der Tisch wurde abgeräumt, Lucie ließ sich einen
Arbeitskorb bringen und Reinhart suchte den Eingang
seiner Geschichte zusammen. „Denn,“ sagte er, „die Personen, die es angeht, stehen in der Blüthe ihres Glückes,
und um sie in keiner Weise darin zu stören, ist es nöthig,
sie in eine allgemeine Form der Unkenntlichkeit zu hüllen.
Es dürfte daher am zweckmäßigsten sein, die Sache gleich
in der Art zu erzählen, wie ein gezierter Novellist sein
Stücklein in Scene setzt. Ich würde damit zugleich in
meiner Erzählungskunst, die mir wie ein Dachziegel auf
den Kopf gefallen, einen Fortschritt anstreben können,
man weiß ja nie, wo man es brauchen kann. Es würde
also etwa so lauten:

Brandolf, ein junger Rechtsgelehrter, eilte die Treppe
zum ersten Stockwerk eines Hauses empor, in welchem
eine ihm befreundete Familie wohnte, und wie er so in
Gedanken die Stufen übersprang, stieß er beinah' eine
weibliche Person über den Haufen, die mitten auf der
Treppe lag und Messer blank scheuerte. Es war ihm,
als ob mit einem der Messer nach seiner Ferse gestochen
würde; er sah zurück und erblickte unter sich das zornrothe
Gesicht eines, so viel er wegen des umgeschlagenen Kopftuches sehen konnte, noch jugendlichen Frauenzimmers,
welches er für ein Dienstmädchen hielt. Grollend, ja böse
blickte sie nieder auf ihre Arbeit, und Brandolf trat unangenehm betroffen in die Wohnung seiner Freunde.
Dort untersuchte er den Absatz seines Stiefels und fand,
daß wirklich eine kleine Schramme in das glänzende Leder
gestoßen war.

„Es ist doch ein Elend mit uns Menschen!“ rief er
aus; „täglich sprechen wir von Liebe und Humanität und
täglich beleidigen wir auf Wegen, Stegen und Treppen
irgend ein Mitgeschöpf! Zwar nicht mit Absicht; aber
muß ich mir nicht selbst gestehen: wenn eine Dame im
Atlaskleide auf den Stufen gelegen hätte, so würde ich
sie sicherlich beachtet haben! Ehre dieser wehrbaren
scheuernden Person, die mir wenigstens ihren rächenden
Stachel in die Ferse gedrückt hat, und wohl mir, daß es
keine Achillesferse war!“

Er erzählte den kleinen Vorgang. Alle riefen: das ist
die Baronin! und der Hausvater sagte: „Lieber Brandolf!
diesmal hat Ihre humane Düftelei den Gegenstand gänzlich
verfehlt! Die Dame auf der Treppe ist eine wahrhafte
Baronin, die aus reiner Bosheit, um den Verkehr zu
hemmen, und aus Geiz, statt ihre Innenräume zu brauchen,
die gemeinsame Treppe mit Hammerschlag beschmutzt und
Messer blank fegt und dabei aus Adelstolz uns Bürgerliche weder grüßt noch auch nur ansieht!“

Verwundert über diese seltsame Aufklärung, ließ sich
Brandolf das Nähere berichten. Die Baronin war vor
einigen Wochen in das Haus gezogen, in die jenseitige
kleinere Hälfte des Stockwerkes, und hatte allsobald
ihren prunkenden Namen an die Thüre geheftet, zugleich
aber einen Zettel vor das Fenster gehängt, welcher eine
möblirte Wohnung zum Vermiethen ausbot. Schon
waren einige Fremde dagewesen, aber keiner hatte es
länger als ein paar Tage ausgehalten, und sie waren
mittelst Bezahlung einer tüchtigen Rechnung entflohen.
Wer in die aufgestellte Falle dieser Miethe ging, der
durfte in seiner Stube nicht rauchen, nicht auf dem prunkhaften Sopha liegen, nicht laut umhergehen, sondern er
mußte die Stiefeln ausziehen, um die Teppiche zu schonen;
er durfte nicht im Schlafrock oder gar in Hemdsärmeln
unter das Fenster liegen, um die freiherrliche Wohnung
nicht zu entstellen, und überdies befand er sich wie ein
hülfloser Gefangener, weil die Baronin keinerlei Art von
Bedienung hielt, sondern Alles selbst besorgte und daher
jede Dienstleistung rundweg verweigerte, welche nicht in
der engsten Grenze ihrer Pflicht lag. Sie stellte alle
Morgen eine Flasche frischen Wassers hin und füllte am
Abend das Waschgeschirr; sonst aber reichte sie nie ein
Glas Wasser, und wenn der Miethsmann am Verschmachten gewesen wäre. Das Alles begleitete sie mit
unfreundlichen, oder vielmehr meistens mit gar keinen
Worten. Niemand kannte ihre Verhältnisse und woher
sie kam; mit Niemandem ging sie um, und wenn ihre
häuslichen Beschäftigungen sie an den Brunnen, in den
Hof, unter die Mägde und Dienstleute führten, so fuhr
sie wie ein böser Geist schweigend unter ihnen herum.

Kurz, man war übereingekommen, daß sie ein ausgemachter Teufel und Unhold sei, welcher sein menschenfeindliches und räuberisches Wesen auf eigene Faust betreibe und hauptsächlich den Plan gefaßt habe, durch sein
Benehmen einen häufigen Wechsel der Miether zu veranlassen, um solchergestalt viele kleine, aber dennoch übertriebene Rechnungen ausstellen und überschüssige Miethgelder einziehen zu können, wenn die Verunglückten vor
der Zeit wegzogen. Und dieser Plan, wenn er wirklich
bestand, war allerdings nicht übel, da das Haus in einer
lebhaften und schönen Straße lag, welche immer auf's
neue anständige und wohlhabende Fremde herbeilockte,
die dann froh waren, sich bald loszukaufen und Andern
Platz zu machen.

Als diese Schilderung, verwebt mit noch vielen
absonderlichen Zügen, beendigt war, fühlte Brandolf eher
ein geheimes Mitleid mit der bösen Baronin, als Zorn
und Verachtung, und als die Freunde ihn scherzweise
fragten, ob er nicht ihr Hausgenosse werden und bei der
wunderlichen Nachbarin einziehen wolle, erwiderte er ernsthaft: „Warum nicht? Es käme nur darauf an, die Dame
in ihrem eigensten Wesen an der Kehle zu packen und
ihr den Kopf zurechtzusetzen!“

Da er aber sah, daß die Frau des Hauses nicht geneigt
war, des Weitern auf diesen Scherz oder Gedanken einzugehen, so schwieg er, kam aber für sich darauf zurück, als
er auf der Straße bemerkte, daß die Vermiethungsanzeige
eben wieder vor dem Hause hing.

Brandolf konnte gar nicht begreifen, wie man bösen
und ungerechten oder tollen Menschen gegenüber in
Verlegenheit gerathen und den Kürzern ziehen könne. So
gutmüthig und friedfertig er im Grunde war, empfand
er doch stets eine rechte Sehnsucht, sich mit schlimmen
Käuzen herumzuzanken und sie ihrer Tollheit zu überführen. Wo er von erlittenem Unrecht hörte, wurde er
noch zorniger über die, welche es duldeten, als über die
Thäter, weil durch das ewige Nachgeben diese Unglücklichen
nie aus ihrer Verblendung herauskämen. Nur die offene
Gewalt ließ er unbekämpft, weil sie sich selbst brandmarke
und weiter keiner Beleuchtung bedürfe, um in ewiger
Jämmerlichkeit und Selbstzerstörung dazustehen. Er besaß
ein tiefes Gefühl für menschliche Zustände und vertraute
so sehr auf das Menschliche in jedem Menschen, daß er
sich vermaß, auch im Verstocktesten diesen Urquell zu wecken
oder wenigstens dem Sünder das Bewußtsein beizubringen, daß er durchschaut und von der Uebermacht des
Spottes umgarnt sei. Allein sei es, daß die Argen seine
sieghafte Sicherheit von Weitem ausspürten, sei es das
irdische Schicksal, welches uns das, was man wünscht,
selten erreichen läßt, Brandolf bekam fast nie so recht
wohlbegründete Händel, und wo eine ausgesuchte üble
Existenz blühte, kam er immer zu spät, die Blume zu
brechen.

Daher ging er an der Pforte der Baronin wie
an einem verschlossenen Paradiese vorbei, in welches
einzudringen und mit dem hütenden Drachen zu streiten
er sich herzlich sehnte.

Als im September die Freundesfamilie sammt Kindern
und Dienstboten, mit Kisten und Koffern im Wagen
untergebracht war, um die Reise nach Italien anzutreten,
wo ein Winter verlebt werden sollte, als die schwerfällige
Maschine endlich unter den Seufzern der Haus- oder
hier der Reisefrau fortrollte, da hatte Brandolf, der den
Schlag zugemacht, im Hause eigentlich nichts mehr zu
thun, und er hätte füglich nach seiner eigenen Wohnung
gehen können. Er stieg aber wieder die Treppe hinauf,
klingelte bei der Baronin und wünschte ihre Zimmer zu
besehen. Sie erkannte ihn als denjenigen, der sie auf
der Treppe gestoßen, und als den täglichen Besucher der
Nachbarherrschaft. Mißtrauisch und mit großen Augen
sah sie ihn an, ohne ein Wort zu sprechen, und hielt die
Thüre so, als ob sie ihm dieselbe vor der Nase zuschlagen
wollte; doch konnte sie das nicht wagen und ließ ihn mit
knappen Worten eintreten.

Mit saurer Höflichkeit führte sie ihn zu den Zimmern;
sie waren höchst anständig und solid eingerichtet, und
Brandolf erklärte nach flüchtiger Besichtigung, die er
mehr zum Scheine vornahm, daß er die Wohnung miethe
und gleich am nächsten Tage einziehen werde. Ohne die
mindeste Freudenbezeugung verbeugte sich die Baronin
ein bischen, von der er übrigens nicht viel sah, weil
sie wieder das verhüllende Tuch um Kopf und Hals
geschlagen hatte, einer Kapuze ähnlich, und eine Art
grauen Ueberwurfes trug, der sowol einen Mantel wie
einen Hausrock vorstellen konnte. Er eilte, die Veränderung
seinen bisherigen Wirthsleuten anzuzeigen. Die waren
sehr betrübt darüber, da sie noch nie einen so guten und
liebenswürdigen Miether bei sich gesehen hatten, und da
sie selbst ordentliche und wohlgesinnte Leute waren, so
nahm sich Brandolf's Entschluß doppelt unbegreiflich aus.
Sie konnten sich denselben auch nur dadurch erklären, daß
der Herr als ein reicher und unverheiratheter studierter
Mensch seine Launen und keine Sorgen habe, und also
sich nach Belieben den Hafer könne stechen lassen.

Erst als Brandolf seine Habseligkeiten in das neue
Losament gebracht hatte und sich dort einhaus'te, sah er
sich genöthigt, genauer auf die für solche Miethzimmer
ungewöhnliche Ausstattung zu achten. Es waren überhaupt nur drei nach der Straße gelegene Stuben; diese
schienen aber mit dem Hausrathe einer ganzen Familie
angefüllt zu sein und alles von theuren Stoffen und
Holzarten gearbeitet. Der Boden war mit bunten
Teppichen überall belegt, an manchen Stellen doppelt;
in jedem Zimmer standen Secretäre, feine Schränke,
Luxusmöbel, Spieltische und Spiegelgebäude, Sopha's
und weiche Polsterstühle im Ueberfluß; prächtige Vorhänge bekleideten die Fenster, und sogar an den Wänden
drängte sich eine Bilderwaare von Gemälden, Kupferstichen und allem Möglichen zusammen, wie wenn der
Wandschmuck eines weitläufigen Hauses da zur Auction
aufgestapelt worden wäre. Erschien der Raum der sonst
ziemlich großen Zimmer hiedurch beengt, so wurde der
Umstand noch bedenklicher durch einige Eckgestelle, auf
deren schwank aufgethürmten Stockwerken eine Menge bemalten oder vergoldeten Porzellanes und unendlich dünner
Glassachen stand und zitterte wie Espenlaub, wenn ein
fester Tritt über die Teppiche ging. An allen diesen
Zerbrechlichkeiten war das gleiche Wappen gemalt oder
eingeschliffen, welches auch auf der Karte an der Eingangsthüre prangte über dem Namen der Baronin Hedwig
von Lohausen. Als er später schlafen ging, bemerkte
Brandolf, daß die Freiherrenkrone nicht minder auf die
Leinwand des prachtvollen Bettes gestickt war, welches
das Eine der beiden Hauptstücke einer ehemaligen Brautaussteuer zu sein schien. Alles aber, trotz der durch die
drei Zimmer herrschenden Fülle, war in tadellosem Stande
gehalten und nirgends ein Stäubchen zu erblicken, und
Brandolf wunderte sich nur, ob der Miether für sein
theures Geld eigentlich zum Hüter der Herrlichkeit bestellt
sei und ihm ehestens ein Reinigungswerkzeug mit Staublappen und Flederwisch anvertraut werde? Denn wenn
jemand anders die Arbeit besorgte, so mußte ja fast den
ganzen Tag dieser Jemand sich in den Zimmern aufhalten.
Es ist aber schon jetzt zu sagen, daß keines von beiden
der Fall war; alles wurde in Abwesenheit des Miethmannes gethan wie von einem unsichtbaren Geiste, und
selbst die Glas- und Porzellansachen standen immer so
unverrückt an ihrer Stelle, wie wenn sie keine Menschenhand berührt hätte, und doch war weder ein Stäubchen
noch ein trüber Hauch daran zu erspähen.

Nunmehr begann Brandolf aufmerksam die bösen
Thaten und Gewohnheiten der Wirthin zu erwarten, um
den Krieg der Menschlichkeit dagegen zu eröffnen. Allein
sein altes Mißgeschick schien auch hier wieder zu walten;
der Feind hielt sich zurück und witterte offenbar die
Stärke des neuen Gegners. Leider vermochte ihn Brandolf
nicht mit dem Tabaksrauche aus der Höhle hervorzulocken;
denn er rauchte nicht, und als er zum besondern Zwecke
ein kleines Tabakspfeifchen, wie es die Maurer bei der
Arbeit gebrauchen, nebst etwas schlechtem Tabak nach
Hause brachte und anzündete, um die Baronin zu reizen,
da mußte er es nach den ersten drei Zügen aus dem
Fenster werfen, so übel bekam ihm der Spaß. Teppiche
und Polster zu beschmutzen ging auch nicht an, da er das
nicht gewöhnt war; so blieb ihm vor der Hand nichts
übrig, als die Fenster aufzusperren und einen Durchzug
zu veranstalten. Dazu zog er eine Flanelljacke an, setzte
eine schwarzseidene Zipfelmütze auf und legte sich so breit
unter das Fenster als möglich. Es dauerte richtig nicht
lange, so trat die Freiin von Lohausen unter die offene
Thüre, rief ihren Miethsmann wegen des Straßengeräusches
mit etwas erhöhter Stimme an, und als er sich umschaute,
deutete sie auf eine große Roßfliege, die im Zimmer
herumschwirrte. Es sei in der Nachbarschaft ein Pferdestall, bemerkte sie kurz. Sogleich nahm er selbst die
Zipfelmütze vom Kopf, jagte die Fliege aus dem Zimmer
und schloß die Fenster. Dann setzte er die Mütze wieder
auf, zog sie aber gleich abermals herunter, da die Dame
noch im Zimmer stand und ihn, wie es schien, statt mit
Entrüstung, eher mit einem schwachen Wohlgefallen in
seinem Aufzuge betrachtete. Ja so viel von ihrem ernsten
und abgehärmten Gesichte zu sehen war, wollte beinah
ein kleiner Schimmer von Heiterkeit in demselben aufzucken, der aber bald wieder verschwand, sowie auch die
Frau sich zurückzog.

Zunächst wußte Brandolf nichts weiter anzufangen;
er hüllte sich in seinen schönen Schlafrock, that Jacke und
Zipfelmütze wieder an ihren Ort und nahm Platz auf
einem der Divans. Dort gewahrte er ein Klingelband
von grünen und goldenen Glasperlen und zog mit Macht
daran. Wie ein Wettermännchen erschien die Baronin
auf der Schwelle, immer in ihrem grauen Schattenhabit
mit dem kapuzenähnlichen Kopftuche. Brandolf wünschte
seinem Schneider, der viele Straßen weit wohnte, eine
Botschaft zu senden. Die Baronin erröthete; sie mußte
selbst gehen, denn sie hatte sonst niemanden. Ob es so
dringlich sei oder bis Nachmittag Zeit habe? fragte sie
nach einem minutenlangen Besinnen. Allerdings sei es
dringlich, meinte Brandolf, es müsse ein Knopf an den
Rock genäht werden, den er gerade heut tragen wolle.
Sie sah ihn halb an und war im Begriff, die Thüre
zuzuschlagen, drehte sich aber doch nochmals und fragte,
ob sie den Knopf nicht ansetzen könne? Ohne Zweifel,
wenn Sie wollten die Güte haben, sagte Brandolf, er
hängt noch an einem Faden; allein das darf ich Ihnen
nicht zumuthen!

Aber eine halbe Stunde weit zu laufen? erwiderte sie
und ging ein kleines altes Nähkörbchen zu holen, in
welchem ein Nadelkissen und einige Knäulchen Zwirn
lagen. Brandolf brachte den Rock herbei, und die vornehme
Wirthin nähte mit spitzen Fingerchen den Knopf fest.
Da sie mit der Arbeit ein wenig in's hellere Licht stehen
mußte, sah Brandolf zum ersten Male etwas deutlicher
einen Theil ihres Gesichtes, ein rundlich feines Kinn,
einen kleinen aber streng geformten Mund, darüber eine
etwas spitze Nase; die tief auf die Arbeit gesenkten Augen
verloren sich schon im Schatten des Kopftuches. Was
aber sichtbar blieb, war von einer fast durchsichtigen
weißen Farbe und mahnte an einen Nonnenkopf in einem
altdeutschen Bilde, zu welchem eine etwas gesalzene und
zugleich kummergewohnte Frau als Vorbild diente.

Es blieb aber nicht viel Zeit zu dieser Wahrnehmung;
denn sie war im Umsehen fertig und wieder verschwunden.

Für den ersten Tag war Brandolf nun zu Ende,
und so vergingen auch mehrere Wochen, ohne daß sich
etwas ereignete, das ihm zum Einschreiten Ursache gegeben
hätte. Er mußte sich also aufs Abwarten, Beobachten
und Errathen des Geheimnisses beschränken; denn ein
solches war offenbar vorhanden, obgleich die Frau hinsichtlich ihrer Bösartigkeit verlästert wurde. Da fiel ihm
nun zunächst auf, daß der Theil der Wohnung, wo sie
haus'te, immer unzugänglich und verschlossen blieb; es
war auch nichts weiter als eine Küche, ein einfenstriges
schmales Zimmer und ein kleines Kämmerchen. Dort
mußte sie Tag und Nacht mutterseelen allein verweilen,
da außer einem Bäckerjungen man niemals einen Menschen
zu ihr kommen hörte. Ein einziges Mal konnte Brandolf
einen Blick in die Küche werfen, welche mit sauberem
Geräthe ausgestattet schien; aber kein Zeichen bekundete,
daß dort gefeuert und gekocht wurde. Nie hörte er einen
Ton des Schmorens oder ein Prasseln des Holzes, oder
ein Hacken von Fleisch und Gemüse, oder den Gesang
von gebratenen Würsten, oder auch nur von armen Rittern,
die in der heißen Butter lagen. Von was nährte sich
denn die Frau? Hier begann dem neugierigen Miethsmann ein Licht aufzugehen: Wahrscheinlich von gar nichts!
Sie wird Hunger leiden — was brauch' ich so lange nach
der Quelle ihres Verdrusses zu forschen! Ein Stück Elend,
eine arme Baronin, die allein in der Welt steht, wer
weiß durch welches Schicksal!

Er genoß im Hause nichts, als jeden Morgen einen
Milchkaffe mit ein paar frischen Semmeln, von denen
er jedoch meistens die eine liegen ließ. Da glaubte er
denn eines Tages zu bemerken, daß Frau Hedwig von
Lohausen, als sie das Geschirr wegholte, mit einer
unbewachten Gier im Auge auf den Teller blickte, ob
eine Semmel übrig sei, und mit einer unbezähmbaren
Hast davon eilte. Das Auge hatte förmlich geleuchtet
wie ein Sterngefunkel. Brandolf mußte sich an ein
Fenster stellen, um seiner Gedanken Herr zu werden. Was
ist der Mensch, sagte er sich, was sind Mann und Frau!
Mit glühenden Augen müssen sie nach Nahrung lechzen,
gleich den Thieren der Wildniß!

Er hatte diesen Blick noch nie gesehen. Aber was für
ein schönes glänzendes Auge war es bei alledem gewesen!

Mit einer gewissen Grausamkeit setzte er nun seine
Beobachtung fort; er steckte das eine Mal die übrig
bleibende Semmel in die Tasche und nahm sie mit fort;
das andere Mal ließ er ein halbes Brötchen liegen, und
das dritte Mal alle beide, und stets glaubte er an dem
Auf- und Niederschlagen der Augen, an dem rascheren
oder langsameren Gang die nämliche Wirkung wahrzunehmen und überzeugte sich endlich, daß die arme Frau
kaum viel Anderes genoß, als was von seinem Frühstücke
übrig blieb, ein paar Schälchen Milch und eine halbe oder
ganze Semmel.

Nun nahm die Angelegenheit eine andere Gestalt an;
er mußte jetzt trachten, die wilde Katze, wie er sie wegen
ihrer Unzugänglichkeit nannte, gegen ihren Willen ein
bischen zu füttern, nur vorsichtig und allmälig. Er gab
vor, zu einem späteren Frühstück, das er sonst außerhalb
einnahm, nicht mehr ausgehen zu wollen, und bestellte
sich eine tägliche Morgenmahlzeit mit Eiern, Schinken,
Butter und noch mehr Semmeln. Davon ließ er dann
den größeren Theil unberührt, in der Hoffnung, die arme
Kirchenmaus werde davon naschen. Das mochte auch
während einiger Tage geschehen; dann aber schien sie
den Handel zu wittern, wurde mißtrauisch und bemerkte
eines Morgens, er möchte entweder weniger bestellen oder
über die Reste in irgend einer Weise verfügen, und zuletzt
nahm sie auch die Semmel nicht mehr, die übrig blieb.
Da wußte er nun wieder nichts mit ihr anzufangen.

Eines Tages, als er von einem Ausgang nach Hause
kam, traf er sie auf dem Hausflur bei einer Gemüsefrau,
welche auf ihrem Kärrchen einen prächtigen Nelkenstock
zu verkaufen hatte, der trotz der vorgerückten Jahreszeit
noch ganz voll von hochrothen Nelken blühte. Die
Baronin nahm den Topf in die Hand und drückte schnell
ein wenig das Gesicht in die Blumen, offenbar von einem
Heimweh nach dergleichen ergriffen; sie fragte zögernd
um den Preis, schüttelte den Kopf, gab den Stock zurück
und schlurfte eilig davon. Brandolf erstand sogleich das
Gewächs, hoffend, es ihr noch auf der Treppe aufdringen
zu können; sie war aber schon in ihrem Malepartus
verschwunden und er trug den Nelkenstock in seine
Wohnung, wo er denselben auf ein Tischlein stellte, das
er nebst einem Stuhle zum Lesen an ein Fenster gerückt
hatte. Sorgfältig legte er jedoch zur Schonung des
Tischchens einen Quartanten unter den Topf.

Später begab er sich wieder weg, um zu Tische zu
gehen, und da es zu regnen begann, versah er seine
Füße mit Gummischuhen. Daher war sein Schritt
unhörbar, als er nach einigen Stunden zurückkehrte und
in's Zimmer trat. Unter der geöffneten Thüre stehend
sah er die Frau auf dem Stuhle vor dem Nelkenstocke
sitzen, einen Staubwedel in der Hand. Sie lehnte müde
zurück und war eingeschlafen, die Hände mit dem Wedel
im Schoße. Leise schloß er die Thüre und schlich nach
dem Sopha, von wo aus er mit verschränkten Armen die
schlafende Frau aufmerksam betrachtete. Man konnte nicht
sagen, daß es gerade ein ausdrücklicher Gram war, der
auf dem Gesichte lagerte; es glich so zu sagen mehr einer
Abwesenheit jeder Lebensfreude und jeder Hoffnung, einer
Versammlung vieler Herrlichkeiten, die nicht da waren.
Einzig an den geschlossenen Wimpern schienen zwei Thränen
zu trocknen, aber ohne Weichmuth, wie ein par achtlos
verlorene Perlen.

Desto weichmüthiger wurde Brandolf von dem Anblick;
je länger er hinsah, um so enger schloß er ihn an's Herz;
er wünschte dies unbekannte Unglück sein nennen zu dürfen,
wie wenn es der schönste blühende Apfelzweig gewesen
wäre oder irgend ein anderes Kleinod. Er hatte sein
Leben lang etwas Närrisches an sich und soll es jetzt
noch haben, insofern man das närrisch nennen kann, was
Einem nicht jeder nachthut.

Plötzlich erschütterte sich die Schläferin wie von einem
unwilligen oder ängstlichen Traume und erwachte. Verwirrt sah sie um sich, und als sie den Mann mit dem
theilnehmenden Ausdruck im Gesichte wahrnahm, raffte
sie sich auf und bat mit milderen Worten, als sie bisher
hatte hören lassen, um Entschuldigung. Sie that sogar
ein Uebriges und fügte zur Erklärung bei, Nelken seien
ihre Lieblingsblumen und sie habe dem Gelüste nicht
widerstehen können, ein wenig bei dem schönen Stock
auszuruhen, wobei sie leider eingeschlafen. Einst habe sie
über hundert solcher Stöcke gepflegt, einer schöner als der
andere und von allen Farben.

Darf ich Ihnen diesen anbieten, Frau Baronin? sagte
Brandolf, der sich sogleich erhoben hatte, ich habe ihn
unten gekauft, als ich sah, daß Sie die Pflanze in die
Hand genommen und mit Gefallen betrachteten.

Das milde Wetter war aber schon vorüber. Mit
Roth übergossen schüttelte sie den Kopf. Bei mir ist zu
wenig Licht dafür, sagte sie, hier steht er besser! Als ob
es sie gereute, schon so viel gesprochen zu haben, grüßte
sie knapp, ging hinaus und ließ sich die folgenden Tage
kaum blicken.

Endlich brachte sie die erste Monatsrechnung, auf
einen Streifen grauen Papiers geschrieben. Er las sie
absichtlich nicht durch; mit dem innerlichen Wunsche, sie
möchte recht hoch sein, bezahlte er den Betrag, der jedoch
die Ausgabe keineswegs überschritt, auf die er zu rechnen
gewohnt war. Während er das Geld hinzählte, stand die
sonderbare Wirthin, wie ihm schien, eher in furchtsamer
als in trotziger Haltung lautlos da, wie wenn sie der
gewohnten Aufkündigung entgegensähe. Aber entschlossen,
durchaus ein Licht in das Dunkel dieses Geheimnisses zu
bringen, ließ er sie hinausgehen, ohne die geringste Lust
zum Ausziehen zu verrathen. Neugierig, wie es sich mit
ihren Rechnungskünsten verhalte, studierte er gleich nachher
den Zettel und fand ihn nicht um einen Pfennig übersetzt;
dagegen war jedesmal, wo er beim Frühstück nur ein
Brötchen gegessen, das zweite übrig gebliebene nicht aufgeschrieben. Nun wurde er gar nicht mehr klug aus der
ganzen Geschichte, zumal als er beim Weggehen gegen
Abend zum ersten Male von der Gegend der Küche her
ein schüchternes Knallen wie von einem brennenden Holzscheitlein hörte und den Geruch von einer guten gebrannten
Mehlsuppe empfand, die mitzuessen ihn seltsam gelüstete.
Nun war er überzeugt, daß die Baronin erst jetzt sich
etwas Warmes zu kochen erlaubte. Am Ende, dachte er,
thut sie das alle Monat einmal, wenn die Rechnung bezahlt
wird, wie die Arbeiter am sogenannten Zahltag in's
Wirthshaus zu gehen pflegen!

Und in der That war von der üppigen Kocherei schon
am nächsten Tage nichts mehr zu verspüren.

Um die Mitte des Monats October kam es zu einer
fast ebenso langen Unterredung, wie die von dem Nelkenstock war. Die Baronin machte Brandolf aufmerksam,
daß jeden Tag der Winter eintreten und die Feuerung
in den Oefen nöthig werden könne, und sie fragte, ob er
Holz wolle anfahren lassen und wie viel? Und es kam
ihm vor, als ob sie mit einiger Spannung auf die Antwort warte, aus welcher sie ersehen konnte, ob er bis
zum Frühjahr zu bleiben gedenke. Er nannte ein so
großes Quantum, daß man alle Oefen der ganzen
Wohnung damit heizen und auch auf dem Herde ein
lustiges Feuer bis in den Mai hinaus unterhalten konnte.
Zugleich übergab er ihr eine Banknote mit der Bitte,
alles Nöthige zu besorgen, den Einkauf und das Kleinmachen des Holzes; sie nahm die Note und verrichtete
das Geschäft mit aller Sorgfalt und Sachkunde. Es
dauerte auch kaum acht Tage, so fing es an zu schneien,
und jetzt mußte die einsame Wirthin sich öfter sehen
lassen, da sie die drei Oefen ihres Miethsherrn selbst
einfeuerte und mit Holzherbeitragen und allem Andern
genug zu thun hatte. Sie bekam dabei rußige Hände
und ein rauchiges Antlitz und sah bald völlig einem
Aschenbrödel gleich.

Wenn Brandolf aber gehofft, sie werde nicht so dumm
sein und auch ihr eigenes Wohngelaß etwas erwärmen,
so hatte er sich darin getäuscht, denn so wenig als im
Sommer konnte er gewahren, daß dort das kleinste
Feuerchen entfacht wurde. Und doch war inzwischen die
Kälte stärker und anhaltend geworden; wenn die Baronin
ihre Geschäfte beendigt hatte, so mußte sie sich einsam
im kalten Gemache aufhalten, und Gott mochte wissen,
was sie dort that. Auch wurde sie ersichtlich immer
blasser, spitziger und matter, und es schien ihm, als ob
sie die Holzkörbe jeden Tag mühsamer herbeischleppe, so
daß es ihm, der ohnedies ein gefälliger und galanter
Mann war, in's Herz schnitt. Allein jeden Versuch, sie
zum Sprechen zu bringen und eine Hülfe einzuleiten,
lehnte sie beharrlich ab, wie wenn sie sich so recht vorsätzlich aufreiben wollte. Er aber war ebenso hartnäckig und
wartete auf den Augenblick, der schließlich nicht ausbleiben konnte.

Indessen wurde die Zeit doch etwas lang in Hinsicht
auf seine Verhältnisse. Sein verwittweter Vater war
ein großer Gutsbesitzer und sehr reicher Mann, welcher
wünschte, daß der einzige Sohn bei ihm lebte und die
Verwaltung der Güter übernahm. Auf der andern Seite
war der Sohn ein entschiedenes juristisches Talent und
ein gut empfohlener junger Mann, welcher von oben
dringend zum Staatsdienste aufgefordert und ermuntert
wurde. Er war auch nach der Hauptstadt gekommen, um
sich die Dinge näher anzusehen und sich für einstweilen
zu entschließen, wenn auch nicht für immer.

Täglich einige Stunden auf dem Ministerium als
Freiwilliger arbeitend und im Uebrigen ein etwas wähliger
reicher Muttersohn, ließ er sich mit aller Gemächlichkeit
Raum, zum Entschlusse zu kommen. Doch wurde so eben
von Neuem in ihn gedrungen, da man ihn zu einer
bestimmten Function ausersehen hatte, die seinen Aufenthalt in einem entlegenen Landeskreise erforderte. Er
aber wollte den Abschluß seines Abenteuers in der Miethswohnung durchaus nicht fahren lassen, der Vater drang
ebenfalls auf Erfüllung seines Wunsches, und so lag er
eines Morgens länger im Bette als gewöhnlich und sann
über den Ausweg nach, den er zu ergreifen habe. Endlich
gelangte er zu der Meinung, daß er ja ganz füglich seine
juristischen Kenntnisse und amtlichen Beziehungen benutzen
könne, um im Stillen und mit aller Schonung über die
Vergangenheit und Gegenwart der Baronin die wünschbaren Aufschlüsse zu sammeln und je nach Befund und
Umständen der verlassenen Frau eine bessere Lage zu
verschaffen, oder aber sie aus dem Sinne zu schlagen und
sein Unternehmen als ein verfehltes aufzugeben.

Mit diesem Vorsatz kleidete er sich an und eilte, seinen
Morgenkaffe zu nehmen, um sich ungesäumt auf den
Weg zu machen. Allein trotz der vorgerückten Stunde
war das Kaffebrett nicht an der gewohnten Stelle zu
erblicken; die Zimmer waren erkaltet und in keinem Ofen
Feuer gemacht. Verwundert machte er eine Thüre auf
und horchte auf den Flur hinaus; es war nichts zu sehen
und zu hören. Er zog die bewußte schöne Klingelschnur,
aber es blieb todtenstill in der Wohnung. Besorgt schritt
er den Gang entlang bis er an die Küchenthüre gelangte,
und klopfte dort erst sanft, dann stärker, ohne daß ein
Lebenszeichen erfolgte. Er öffnete die Thüre, durchschritt
die stille Küche bis zu einer andern Thüre, welche in die
Wohnstube der Baronin führen mußte. Dort pochte er
wiederum behutsam und lauschte und horchte, hörte aber
nichts als ein ununterbrochenes heftiges Athmen und
zeitweiliges Stöhnen. Da öffnete er auch diese Thüre
und trat in das tiefe und düstere Zimmer, dessen kahle
Wände von der Kälte bis zum Tropfen feucht waren;
das nach dem Hofe hinausgehende Fenster bedeckte ein
einfacher weißer Vorhang sammt der dicken Stickerei
von Eisblumen. Auf einem elenden Bette, das aus
einem Strohsacke, einem groben Leintuche und einer
jämmerlich dünnen Decke bestand, lag die Baronin. Eine
schmale, feine Gestalt zeichnete sich durch die Decke hindurch; der blasse Kopf lag auf einem ärmlichen Kissen
und das feuchte nußbraune Haar in verworrenen Strähnen
um das Gesicht herum, das mit offenen Augen an die
geweißte feuchte Decke starrte. Sie war mit einem dünnen
Flanelljäckchen angethan; die Arme und Hände, die auf der
Wolldecke lagen, schlotterten demnach von Kälte und Fieber
zugleich und ebenso zitterte der übrige Körper sichtbar
unter der Decke. Erschrocken trat Brandolf an das Bett
und rief die Kranke an; sie drehte wohl die Augen nach
ihm, schien ihn aber nicht zu erkennen; doch bat sie mit
schwacher Stimme hastig um Wasser. Stracks lief er in
die Küche zurück, fand dort Wasser und füllte ein Glas
damit. Er mußte ihr den Kopf heben, um ihr dasselbe
an den Mund zu bringen; mit beiden Händen hielt sie
seine Hand und das Glas fest und trank es begierig
aus. Dann legte sie den Kopf zurück, sah den fremden
Mann einen Augenblick an und schloß hierauf die Augen.

„Kennen Sie mich nicht? wie geht es Ihnen?“ sagte
Brandolf und suchte an ihrem dünnen und weißen Handgelenk den Puls zu finden, der sich mit seinem heftigen
Jagen bald genug bemerklich machte. Als sie nicht antwortete, noch die Augen öffnete, eilte er zu der Hausmeisterin hinunter, die im Erdgeschoß hauste, und forderte
sie auf, zu der Erkrankten zu gehen und Hülfe zu leisten,
während er einen Arzt herbeihole. Er selbst machte sich
unverzüglich auf den Weg, dies zu thun; er war dem
bewährten Vorsteher eines Krankenhauses befreundet und
suchte ihn an der Stätte seiner vormittäglichen Thätigkeit
auf. Der Arzt beendete so rasch als möglich die noch
zu verrichtenden Geschäfte und fuhr dann unverweilt mit
dem Freunde, den er in seinen Wagen nahm, nach dessen
Wohnung. „Du hast da eine wunderliche Wirthin gewählt“, sagte er scherzend; „am Ende, wenn sie stirbt,
bekommst Du noch Pflegekosten, Begräbniß und Grabstein
auf die Rechnung gesetzt und kannst alsdann ausziehen!“

„Nein, nein!“ rief Brandolf, „sie darf nicht sterben!
Ich hab' es einmal auf dies mysteriöse Bündel Unglück
abgesehen, und es ist mir fast zu Muthe wie einem
schwachen Weibe, dem das Kind erkrankt ist!“

Er erzählte dem Arzte, so lange der Weg es noch
erlaubte, einiges von der Lebensart der Baronin. Jener
schüttelte immer verwunderter den Kopf. „Lohausen!“
sagte er, „wenn ich nur wüßte, wo ich den Namen schon
gehört habe! Gleichviel, wir wollen sehen, was zu thun ist!“

„Das ist ja ein vertracktes Loch!“ rief er dann, als
er das feuchte, kalte und finstere Zimmer betrat, in dem
die Kranke lag. Sie war jetzt bewußtlos und hatte sich
nach Aussage der Hausmeisterin nicht geregt, seit Brandolf
fortgegangen. Nach kurzer Betrachtung erklärte der Arzt
den Zustand für den lebensgefährlichen Ausbruch einer
tiefen Erkrankung. „Vor Allem muß sie hier weg,“ sagte
er, „und in ein rechtes Bett in guter Luft! In meinen
Krankensälen wird sich leicht ein Platz finden, wenn wir
sie hinbringen; die Einzelzimmer sind freilich im Augenblicke alle in Anspruch genommen.“

„Wir können die menschenscheue Frau nicht dem
Momente aussetzen, wo sie am unbekannten Orte und
unter einer Menge fremder Gesichter zu sich kommt“,
versetzte Brandolf, der das Kleinod seiner Theilnahme
nicht aus dem Hause lassen wollte. „Und überdies“,
sagte er, „haben wir es hier sichtlich mit verborgener
und arg verschämter Armuth zu thun, deren Gemüthsbewegungen auch berücksichtigt sein wollen. Ich kann
mein äußerstes Zimmer ganz gut entbehren; dort bringt
man sie hin, setzt eine zuverlässige Wärterin hinein und
schließt das Zimmer nach meiner Seite her ab, so sind
beide Parteien ungestört. Hätten wir nur erst das Bett!“

„Ich habe hier neben in die Kammer hineingeguckt“,
berichtete jetzt die Hausmeisterin, „und gesehen, daß die
Stücke eines vollständigen schönen Bettes dort bei einander liegen. Der Himmel mag wissen, warum die
wunderliche Dame auf diesem Armesünderschragen schläft,
während sie ein so gutes Lager vorräthig hat!“

„Das will ich Euch sagen, Frau Hausmeisterin!“
sprach Brandolf, „sie thut es, weil sie das gute Bett
spart, um nöthigen Falls zwei Miether einlogiren zu
können. So viel habe ich gesehen, daß sie wahrscheinlich
ihr Leben lang gewöhnt war, mit dem Entbehren immer
an sich selbst anzufangen, vielleicht nicht aus Güte, sondern weil sie es für nothwendig hielt. Denn die kleine,
schmale Weibsanstalt unter dieser Decke ist ein wahrer
Teufel von Unerbittlichkeit gegen sich und andere.“

Der Arzt aber warf nur ein: „So will ich eine gute
Wärterin, die ich kenne, gleich selbst aufsuchen und hersenden.“ Worauf er sich in seiner Kutsche wieder entfernte, nachdem er noch angedeutet, er werde Verhaltungsbefehle und Anordnungen der Wärterin mitgeben. Auch
die Hausmeisterin mußte sich in eigenen Geschäften zurückziehen und Brandolf saß allein am Leidensbette der
Fieberkranken, bis die Wärterin mit ihrem Korbe und
ihren Siebensachen anlangte, von der Hausmeisterin
begleitet. Zuerst wurde nun das bessere Zimmer eingerichtet und das gute Bett darin aufgeschlagen und
sodann die Uebersiedlung der Baronin bewerkstelligt. Als
die beiden Frauen sich nicht recht anzuschicken wußten,
nahm Brandolf das kranke Aschenbrödel, in seine Decke
gewickelt, kurzweg auf den Arm und trug es so sorglich,
wie wenn es das zerbrechliche Glück von Edenhall gewesen
wäre, hinüber und ließ hierauf die Weiber das Ihrige
thun. Beide versorgte er mit dem nöthigen Geld, um alles
Erforderliche vorzusehen und zu beschaffen, und empfahl
ihnen, die treulichste Pflege zu üben. Für sich selber
bestellte er noch eine besondere Aufwärterin, welche des
Morgens herkam und den Tag über da blieb, so daß es
in der sonst so stillen Küche auf einmal lebendig wurde.

Etwas länger als zwei Wochen blieb die Kranke bewußtlos, und der Arzt versicherte mehrmals, daß in dem zarten
Körper eine gute Natur stecken müsse, wenn er sich erholen
solle. Es geschah dennoch; die Fieberstürme hörten auf
und eines Tages schaute sie still und ruhig um sich. Sie
sah das schöne Zimmer mit ihrem eigenen Geräthe, die
freundliche Wärterin und den behäbigen Doctor, der mit
tröstlichen Mienen und Worten an ihr Lager trat; aber
sie frug nicht nach den Umständen, sondern überließ sich
der schweigenden Ruhe, wie wenn sie fürchtete, derselben
entrissen zu werden. Erst am zweiten oder dritten Tage
fing sie an zu fragen, was mit ihr geschehen sei und wer
für sie gesorgt habe. Als sie vernahm, daß es der Herr
Miethsmann sei, schwieg sie wieder und lag lang in stillem
Nachsinnen; aber der Trotz schien gebrochen, die Nachricht
sie eher ein wenig zu beleben als zu beunruhigen.

Als Brandolf von der bessern Wendung hörte, wurde
er sehr zufrieden und empfand etwas wie das Vergnügen
eines Kindes, wenn ein lieber Gast im Hause sitzt und
nun allerlei angenehme und merkwürdige Dinge in Aussicht
stehen. „Wie wenig braucht es doch,“ dachte er im Stillen,
„um sich selber einen Hauptspaß zu bereiten, und was
für schöne Gelegenheiten liegen immer am Wegrande bereit,
wenn man sie nur zu sehen wüßte!“

Inzwischen hatte sich die Kunde von der erkrankten
und von ihm verpflegten adeligen Wirthsfrau weiter verbreitet, und er bekam in den Kreisen, die er besuchte,
davon zu hören, was ihn keineswegs belästigte. Er machte
sich nur darüber lustig, daß er in das Haus gezogen sei,
einen ungerechten Drachen zu bändigen, und statt dessen
nun den Kranken- und Armenpfleger spielen müsse. Durch
das Gerede entwickelten sich dagegen ein paar dürftige
Angaben über das Vorleben des Pfleglings. Als die
Tochter eines im Nachbarstaate seßhaft gewesenen und
verstorbenen Freiherrn von Lohausen sei sie mit einem
Rittmeister von Schwendtner verheirathet worden, habe sich
aber nach einer dreijährigen unglücklichen Ehe von ihm
scheiden lassen, und der ꝛc. Schwendtner sei dann in übeln
Umständen verschollen. Brandolf empfand sogleich eine
sonderbare Eifersucht gegen den Unbekannten und eine
zornige Straflust, nicht bedenkend, daß er den Mann am
Ende auch noch Pflegen müßte, wenn er denselben in die
Hände bekäme.

Nach ungefähr weiteren acht Tagen befand sich die
Baronin entschieden auf dem Wege der Genesung, wenn
keine schlimmen Einflüsse dazu kamen. Brandolf war sehr
begierig, das gerettete Wesen anzusehen, und ließ durch
die Wärterin ordentlich anfragen, ob die Frau Baronin
seinen Besuch empfangen würde. Denn er wollte auch im
Punkte der Höflichkeit zur Befestigung ihrer Gesundheit
beitragen und gut machen, was sie als dienende Wirthin
in ihrer Vermummung erlitten haben mochte. Kurzum,
es sollte alles wohlsinnig und freundlich hergehen, so lange
er die Hand im Spiele hatte.

Als er den Bericht erhielt, daß sie seinen Besuch erwarten
wolle, zog er einen Ausgeherock und Handschuh' an und
begab sich in das Krankenzimmer hinüber.

Er erstaunte nicht wenig, sie in ihrem hübsch zugerüsteten
Bette liegen zu sehen, und hätte sie beinahe nicht wieder
erkannt, angethan wie sie war mit reinlich weißem Gewande
und mit dem vergeistert weißen Gesichte, das von dem
leicht aber schicklich geordneten Haar umrahmt wurde. Sie
richtete mit großem Ernste die Augen auf ihn, als er auf
einem Stuhle Platz nahm, den die Wärterin neben das
Bett gestellt hatte. Ihr Blick haftete zerstreut und aufmerksam zugleich an seinem Gesichte und schien dasselbe neugierig
zu prüfen, während er nach ihrem Befinden frug und
seine Zufriedenheit über ihre Wiedergenesung ausdrückte.

„Ihr Freund, der gute Herr Doctor,“ sagte sie leis,
„meint, ich werde gesund werden.“

„Er ist davon überzeugt und ich auch, denn er versteht
es!“ erwiderte Brandolf und sie fuhr fort:

„Sie haben es nicht gut getroffen mit Ihrer Wohnung!
Statt besorgt und bedient zu werden, wie es sich gehört,
mußten Sie die Wirthin versorgen und bedienen lassen,
die Sie nichts angeht!“

„Ich hätte es ja nicht besser treffen können“, antwortete
er mit offenherzigem Vergnügen; „thun Sie uns nur den
Gefallen und lassen sich ferner recht geduldig pflegen und
nichts anfechten! Nicht wahr, Sie versprechen es?“

Er hielt ihr unbefangen und zutraulich die Hand hin
und sie legte ihre fast wesenlose blasse Hand hinein, die
nur durch die Schwäche ein kleines Gewicht erhielt. Zugleich bildete sich auf dem ernsten Munde ein ungewohntes
unendlich rührendes Lächeln, wie bei einem Kinde, das
diese Kunst zum ersten Male lernt; dasselbe machte aber
Miene, in ein weinerliches Zucken übergehen zu wollen.
Brandolf verschlang das flüchtige kleine Schauspiel mit
durstigen Augen; da er sich jedoch erinnerte, daß er die
Kranke nicht lang hinhalten und aufregen durfte, so drückte
er sanft ihre Hand und empfahl sich.

Er eilte aber auch um seiner selbst, willen davon, weil
es ihn an die freie Luft drängte, ein Freudenliedchen zu
pfeifen, das er schon begann, während er Mantel und
Hut an sich nahm, um zum Mittagsmahl zu gehen.
Fröhlich begrüßte er die tägliche Tischgesellschaft und verführte die Herren sogleich zu einem außergewöhnlichen
Gütlichthun, indem er eine Flasche duftenden Rheinweins
bestellte. Einer nach dem Andern folgte dem Beispiel;
es entstand eine bedeutende Heiterkeit, ohne daß Jemand
wußte, was eigentlich die Ursache sei. Schließlich wurde
Brandolf als der Urheber in's Gebet genommen.

„Ei,“ sagte er, „meine Katze hat Junge, und als ich
heut' eines der Thierchen in die Hand nahm, gingen ihm
in demselben Augenblicke die Aeuglein auf und ich sah
mit ihm die Welt zum ersten Mal.“

Die Herren schüttelten lachend die Köpfe ob dem Unsinn;
Brandolf hingegen wurde am gleichen Nachmittage noch
sehr scharfsinnig; denn als er thatlustig auf sein Büreau
ging, wo er die Acten eines in der Provinz hausenden
höheren Justizbeamten zu prüfen hatte, arbeitete er mit
so vergnüglich hellem Geiste, daß eine ausgezeichnete Kritik
zu Stande kam, in Folge welcher jener ungerechte Mann
aus der Ferne erheblich beunruhigt, gemaßregelt und endlich
sogar entsetzt wurde, alles wegen des jungen Kätzleins,
dessen Welterblickung Brandolf gefeiert haben wollte.

Am nächsten Tage wiederholte er seinen Besuch und
brachte der Baronin einige zartgefärbte junge Rosen, die
er im Gewächshause eines Gärtners zusammengesucht.
Sie hielt dieselben in der Hand, die auf der Decke ruhte.
Dergleichen Artigkeit hatte sie noch nie erlebt und vielleicht
auch niemals verlangt. Es war daher wie eine erste
Erfahrung in ihrem neu beginnenden Leben, und nach
Maßgabe der noch nicht zu Kräften gekommenen Herzschläge verbreitete sich ein schwacher röthlicher Schimmer,
gleich demjenigen auf den Rosen, über die blassen Wangen.
Gleichzeitig verband sich mit dem Schimmer ein schon
lieblich ausgebildetes Lächeln, vielleicht auch zum ersten
Male in dieser Art und auf diesem Munde. Es erinnerte
fast an den Text eines alten Sinngedichtes, welches heißt:
Wie willst du weiße Lilien zu rothen Rosen machen?
Küß eine weiße Galathee, sie wird erröthend lachen. Von
einem Kusse war freilich da nicht die Rede.

Brandolf sorgte jetzt jeden Tag um etwas Erquickliches
für die Augen oder den Mund, wie es der Arzt erlaubte,
und die Genesende ließ es sich gefallen, da es ja doch ein
Ende nehmen mußte. Nach Ablauf einer weiteren Woche
verkündigte die Wärterin, daß die Baronin aufgestanden
sei und Brandolf sie im Lehnstuhle finden werde. So
war es auch. Sie trug ein bescheidenes altes Taftkleid
und ein schwarzes Spitzentüchlein um den Kopf; immerhin
sah man, daß sie dem Besuch Ehre zu erweisen wünschte.
Sie blickte mit sanftem Ernste zu ihm auf, als er Glück
wünschend eintrat und auf ihren Wink sich setzte.

„Wie ich damals mit einem Messer nach Ihrer Sohle
stach,“ sagte sie, „dachte ich nicht, daß ich einst so Ihnen
gegenüber sitzen werde!“

„Es war ein sehr lieber Stich; denn er ist die Ursache
unserer guten Freundschaft und ohne ihn würde ich kaum
je Ihr Zimmerherr geworden sein,“ antwortete Brandolf,
„weil ich kam, um Sie dafür zu strafen.“

„Sie haben freilich Kohlen auf mein Haupt gesammelt,“
sagte sie traurig, „indem Sie wahrscheinlich mein Leben
gerettet haben. Aber Sie griffen zugleich in dies gerettete
Leben ein, weil ich es nun ändern muß. Ich erfahre,
daß ich nicht auf die bisherige selbständige Weise bestehen
kann, und will versuchen, irgendwo als Wirthschafterin
oder so was unterzukommen. Ich habe mir von der
Wärterin und der Hausfrau so weit möglich die Ausgaben
zusammentragen lassen, und um die Rechnung zu bereinigen
und die nöthigen Mittel für die nächste Zukunft zu gewinnen,
gedenke ich nun, meinen Hausrath, das letzte was ich besitze,
zu veräußern, sobald ich vollständig hergestellt bin. Ich
muß Ihnen also die Wohnung kündigen und bitte Sie,
mir das nicht ungut aufzunehmen. Sie thun es aber
nicht, denn Sie sind der erste gute Mann, der mir vorgekommen ist, und es thut mir leid, Sie so bald verlieren
zu müssen!“

„Dieser Verlust wird Ihnen nicht so leicht gelingen!“
rief Brandolf fröhlich und ergriff ihre Hand, die er fest
hielt. „Denn Ihr Vorsatz trifft auf das Beste mit dem
Plane zusammen, den ich für Sie entworfen habe! Glauben,
Sie denn, wir werden Sie ohne Weiteres wieder so allein
in die Einöde hinauslaufen lassen?“

„Ach Gott,“ sagte sie und fing an zu weinen, „ich
bin so gute Worte nicht gewohnt, sie brechen mir das
Herz!“

„Nein, sie werden es Ihnen gesund machen!“ fuhr er
fort, „hören Sie mich freundlich an! Mein Vater lebt
als verwittweter alter Herr auf seinen Gütern, während
ich mich noch einige Zeit fern halten muß. Unsere alte
Wirthschaftsdame ist vor einem halben Jahre gestorben
und der Vater sehnt sich nach einer weiblichen Aufsicht.
So lassen Sie sich denn zu ihm bringen, sobald Sie zu
Kräften gekommen sind, und machen Sie sich nützlich, so
lange es Ihnen gefällt und bis sich etwas Wünschenswertheres zeigt! Daß Sie uns nützlich sein werden, bin
ich überzeugt; denn ich halte die starre Entbehrungskunst,
die Sie hier geübt haben, nur für die erkrankte Form
eines sonst kerngesund gewesenen haushälterischen Sinnes,
und ich weiß, daß Sie Ihren Untergebenen gerne gönnen
werden, was ihnen gehört, wenn die Sachen vorhanden
sind. Hab' ich nicht Recht?“

Ihre Hand zitterte sanft in der seinigen, als sie leise
sagte: „Es thut freilich wohl, sich so beschreiben zu hören,
und ich brauche Gottlob nicht nein zu sagen!“

Sie blickte ihn dabei mit Augen so voll herzlicher
Dankbarkeit an, daß ihm über diesem neuen lieblichen
Phänomen die Brust weit wurde.

„Also ist es abgemacht, daß Sie kommen?“ fragte er
hastig, und sie sagte: „Ich finde jetzt nicht mehr die Kraft,
es abzulehnen, aber Sie müssen doch vorher vernehmen,
wer ich bin und woher ich komme!“

„Morgen plaudern wir weiter, es eilt nicht!“ rief er
mit eifriger Fürsorge und stand entschlossen auf, so ungern
er ihre Hand fahren ließ, als er bemerkte, daß sie angegriffen, müde und hinwieder aufgeregt wurde.

Desto besser sah sie verhältnißmäßig am andern Tage
aus. Sie erhob sich von ihrem Sessel und ging ihm mit
kleinen Schritten entgegen, als er kam. Doch nöthigte
er sie sofort zum Sitzen.

„Ich habe sehr gut geschlafen die ganze Nacht,“ sagte
sie, „und zwar so merkwürdig, daß ich fast während des
Schlafes selbst die Wohlthat fühlte, wie wenn ich es
wüßte.“

„Das ist recht!“ sagte er mit dem Behagen eines
Gärtners, der ein verkümmertes Myrtenbäumchen sich
neuerdings erholen und im frischen Grün überall die
Blüthen erwachen sieht. Denn er gewahrte mit Verwunderung, welch' anmuthigen Ausdruckes dieses Gesicht
im Zustande der Zufriedenheit und Sorglosigkeit fähig
war. Er nahm einen kleinen Spiegel, der in der Nähe
stand, und hielt ihn der Frau vor mit den Worten:
„Schauen Sie einmal her!“

„Was ist's?“ sagte sie leicht erschrocken, indem sie in
den Spiegel sah, aber nichts entdecken konnte.

„Ich meinte nur, wie schön Sie aussehen!“

„Ich? ich war nie eine Schönheit, und bin es kaum
dem Grab entronnen wol am wenigsten!“

„Nein, keine Schönheit, sondern etwas Besseres!“

Das rothe Fähnchen ihres Blutes flatterte jetzt schon
etwas kräftiger an den weißen Wangen. Sie wagte aber
nicht zu fragen, was er damit sagen wollte, und nahm
ihm schweigend den Spiegel aus der Hand; und doch
schlug sie mit einer innern Neugierde die Augen nieder,
was das wol sein möchte, was besser als eine Schönheit
sei und doch im Spiegel gesehen werden könne. Brandolf
bemerkte das nachdenkliche Wesen unter den Augdeckeln;
er sah, daß es wieder Ungewohntes war, was ihr gesagt
worden, und da es ihr nicht weh zu thun schien, so ließ
er sie ein Weilchen in der Stille gewähren, bis sie von
selbst die Augen aufschlug. Es ging ein sogenannter
Engel durch das Zimmer. Um nicht eine Verlegenheit
daraus werden zu lassen, ergriff die Baronin das Wort
und sagte: „Es ist mir jetzt so ruhig zu Muthe, daß ich
glaube, Ihnen meine Angelegenheit ohne Schaden kurz
erzählen zu können; es ist nicht viel.

„Sie sehen in mir die Abkömmlingin eines Geschlechtes, das sich seit hundert Jahren nur von Frauengut und ohne jede andere Arbeit oder Verdienst erhalten
hat, bis der Faden endlich ausgegangen ist. Jede Frau,
die da einheirathete, erlebte das Ende ihres Zugebrachten,
und immer kam eine andere und füllte den Krug. Ich
habe meine Großmutter noch gekannt, deren Vermögen
der Großvater bequemlich aufbrauchte, bis der Sohn
erwachsen und heirathsfähig war. Diesem verschaffte sie
dann im Drange der Selbsterhaltung eine reiche Erbin
aus ihrer Freundschaft, von welcher man wußte, daß ihr
im Verlaufe der Zeit noch mehr als ein Vermögen zufallen würde, so daß es nach menschlicher Voraussicht
endlich etwas hätte klecken sollen. Diese starb aber noch
in jungen Jahren, nachdem sie zwei Knaben zur Welt
geboren hatte, und weil nun möglicher Weise zwei Nichtsthuer mehr dem Hause heranwuchsen, ruhte jene nicht bis
sie dem Sohne, meinem Vater, eine zweite Erbin herbeilocken konnte, von der ich sodann das Dasein empfing.
Allein ich erlebte noch, wie die Großmutter, ehe sie starb,
ihre Sorge verfluchte, mit der sie die zwei jungen Weiber
in's Unglück gebracht.

„Der Vater verschwendete das Geld auf immerwährenden Reisen, da es ihm nie wohl zu Hause war.
Mit den zunehmenden Jahren fing eine andere Thorheit
an, ihn zu besitzen, indem er sich an falsche Frauen hing,
denen er Geld und Geldeswerth zuwendete, was er aufbringen konnte. Sogar Korn und Wein, Holz und Torf
ließ er vom Hofe weg und jenen zuführen, die Alles
nahmen, was sie erwischen konnten. Die heranwachsenden
Söhne verachteten ihn darum, thaten es ihm aber nach
und bestahlen das Haus, wo sie konnten, um sich Taschengeld zu machen. Niemand vermochte sie zu zwingen,
etwas zu lernen, und als sie das Alter erreichten, wußten
sie sogar dem Militärdienste aus dem Wege zu gehen,
obgleich sie groß und gesund waren. Der Vater haßte
sie und lauerte auf die Erbschaften, die ihrer von mütterlicher Seite her noch warteten, um als natürlicher Vormund das Vermögen seiner Söhne wenigstens noch während
ein paar Jahren in die Hände zu bekommen. Allein sie
wurden richtig volljährig, ehe die Glücksfälle rasch einer
nach dem andern eintraten; und nun rafften sie ihren
Reichthum zusammen und reisten mit einander in die Welt
hinaus, um zu treiben, was ihnen wohlgefiel, und nicht
einen Pfennig ließen sie zurück. Sie hingen an einander
wie die Kletten; während man sonst von einer Affenliebe
spricht, hielten die zwei Brüder mit einer Art von
Halunkenliebe zusammen und thun es wahrscheinlich jetzt
noch, wenn sie noch leben; denn man weiß nicht, wo
sie sind.

„Der Vater wurde kränklich und starb, und nun war
die Mutter mit mir allein auf dem verarmten Stammsitze zu Lohausen, den sie nie gesehen zu haben wünschte.
Schon seit Jahren hatte sie zu retten gesucht, was zu
retten war, und jetzt kämpfte sie wie ein Soldat gegen
den Untergang. Von ihr lernte ich fast von nichts zu
leben und das Nichts noch zu sparen. Mit wenigen
Leuten hielten wir uns auf dem Hofe, obgleich er schon
verschuldet war. Früh und spät schaute die Mutter zur
Sache; ihr Vermögen war verloren, aber noch hatte auch
sie zu erben und in dieser Hoffnung nur hielt sie sich
aufrecht. Sie erlebte es aber nicht; als sie einen naßkalten Herbsttag hindurch auf dem Felde verweilte, um
das Einbringen von Früchten selbst zu überwachen, trug
sie eine Krankheit davon, die sie in wenigen Tagen
dahinraffte.

„Nun befand ich mich allein, aber nicht lang. Die
letzte Erbschaft, die in das unselige Haus kam, fiel mir
zu; sie betrug volle zweihunderttausend Thaler. Mit ihr
waren plötzlich auch die Brüder wieder da, scheinbar in
ordentlichen Umständen, obgleich von wilden Gewohnheiten.
Sie brachten einen Rittmeister Schwendtner mit sich, einen
hübschen und gesetzten Mann, der einen wohlthätigen Einfluß auf sie zu üben und sie förmlich im Zaume zu halten
schien, wenn sie allzusehr über die Stränge schlugen. Er
war mit Rath und That bei der Hand und voll bescheidener Aufmerksamkeit, ohne das Hausrecht zu verletzen. Die Dienstboten schienen froh, einen kundigen
Mann sprechen zu hören, denn sie waren freilich nicht
mehr von der vorzüglichsten Art und verstanden selbst
nicht viel. Trotzdem blieb ein Rest von Unheimlichkeit,
der mir an Allem nicht recht zusagte, und ich befand mich
in ängstlicher Beklemmung. Allein vielleicht gerade wegen
dieser Angst und inneren Verlassenheit fiel ich der Bewerbung des Rittmeisters, die er nun anhob, zum Opfer;
ich heirathete den Mann in tiefer Verblendung, ohne ein
zarteres Gefühl, das ich nicht kannte, und nun fing meine
Leidenszeit an.

„Denn Alles war eine abgekartete Komödie gewesen.
Mein Vermögen wurde mir aus den Händen gespielt, ich
wußte nicht wie, und angeblich in einer hauptstädtischen
Bank sicher angelegt. Die Brüder verschwanden wieder,
nachdem sie den Lohn ihres Seelenverkaufs mochten
empfangen und sich vorbehalten haben, an dem Raube
ferner Theil zu nehmen. Drei Jahre brachte ich nun
unter Mißhandlungen und Demüthigungen zu. Die
Brüder habe ich nicht mehr gesehen. Mein Mann war
häufig oder eigentlich meistens abwesend, bis er eines
Tages mit einer ganzen Gesellschaft halb betrunkener
Männer zu Pferde und zu Wagen auf dem Hofe ankam
und mir befahl, eine gute Bewirthung zuzurüsten. Ich
that was ich vermochte, während die Männer auf das
Pistolenschießen geriethen. Ich hatte ein krankes Kind
in der Wiege liegen, welches ich einen Augenblick zu sehen
ging; es war nach langem Wimmern ein wenig eingeschlafen. Da kam Schwendtner mit der Pistole in der
Hand und verlangte, ich sollte „seinen Jungen“ der Gesellschaft vorweisen. Ich machte ihn auf den Schlaf des
armen Kindes aufmerksam. Er aber rief: Ich will dir
zeigen, wie man ein Soldatenkind munter macht! und
schoß die Pistole über dem Gesichtchen los, daß die Kugel
dicht daneben in die Wand fuhr. Es schreckte erbärmlich
auf und verfiel in tödtliche Krämpfe; es war auch in drei
Tagen dahin. An jenem Tage aber zwang mich der Unhold, beim Essen mit zu Tisch zu sitzen. Um Ruhe zu
bekommen, that ich es für einige Minuten, und da insultirte er mich vor dem ganzen Troß mit ehrlosen
Worten, die nur ein Verworfener seiner Frau gegenüber
in den Mund nimmt. Ich stand auf und schwankte zu
meinem in Zuckungen liegenden Kinde.

„Inzwischen fuhr die Gesellschaft wieder davon, wie
sie gekommen war. Nachher starb wie gesagt das Kind;
ich begrub es in der Stille, ohne den Mann zu benachrichtigen, und verließ nachher das Lumpenschloß, dessen
Namen mir leider geblieben ist. Durch den Verkauf
meiner mütterlichen Schmucksachen gewann ich die Mittel,
einen Advocaten zu nehmen, der mich von dem Manne
befreite und die Auseinandersetzung besorgte, die damit
endete, daß ich nicht einen Thaler mehr von dem Meinigen
zu sehen bekam. Alles war verschwunden, obschon schwerlich aufgebraucht in so wenig Jahren. Schwendtner wurde
nicht lange nachher wegen einer andern Niederträchtigkeit
aus dem Officierstande gestoßen und soll sich eine Zeit
lang mit meinen Brüdern als Spieler herumgetrieben
haben. Zuletzt sollen alle drei mit einander in's Gefängniß gekommen sein. Das Gut Lohausen wurde verkauft und ich behielt nichts als die hausräthliche Einrichtung, mit der ich, wie Sie sehen, mich als Zimmervermietherin durchzubringen gesucht habe, freilich mit
wenig Glück. Seit zwei Jahren ziehe ich in dieser Stadt,
wo mich Niemand leiden mag, von einem Haus in das
andere, immer von der Angst gehetzt, die Miethe nicht
zusammen bringen zu können. So ist am hellen Tage
das Kunststück fertig gebracht worden, daß eine schwache
Frau fast verhungern mußte, während drei baumstarke
Männer unbekannt wo ihr rechtmäßiges Erbe vergeudeten.
Denn gewiß haben sie Theile davon in Sicherheit gebracht,
wie ja die Diebe auch ihren Raub zu verbergen wissen
und gemächlich hervorholen, wenn sie aus dem Zuchthaus
kommen.“

Nicht nur weil sie mit ihrer Erzählung zu Ende war,
sondern auch weil Brandolf Zeichen der Unruhe von sich
gab und glühende Augen machte, hielt sie inne. Ehe sie
jedoch seine Aufregung recht wahrnehmen konnte, hatte er
den in ihm aufgestiegenen Grimm schon bezwungen und
verschluckte gewaltsam die Wuth, die ihn gegen das Gesindel erfüllte, damit die genesende Frau nicht in Mitleidenschaft gerathe, nachdem sie die Unglücksgeschichte so
gelassen erzählt wie einen quälenden Traum, von dem
man erwacht ist.

„Das ist nun vorbei und wird nicht wieder kommen!“
sagte Brandolf ruhig und ergriff ihre Hand, die er sänftlich streichelte; denn er fing ein wenig an, sie wie eine
wohlerworbene Sache zu behandeln oder ein anvertrautes
Gut, für das man verantwortlich ist, das man aber dafür
nicht aus der Hand läßt. So zog sich das neue Leben
still und ruhig dahin, bis im sonnigen März der Arzt
die Baronin für genesen und fähig erklärte, ohne Gefahr
eine Reise anzutreten.

Jetzt wurde der ganze Hausrath, vor Allem das Porzellan und Glas mit den unzähligen Wappen, verkauft;
nur was zum Andenken an ihre Mutter dienen konnte,
behielt sie, alles Andere wollte sie wo möglich aus ihrem
Gedächtnisse vertilgen.

Auch ließ sie ihren bescheidenen Kleidervorrath nach
neuerem Zuschnitt umändern, suchte auf Brandolf's Bitte,
da es daran fehle, eine ordentliche Stubenjungfer aus,
und reiste endlich, mit seinen Grüßen wohl versehen, von
der Jungfer begleitet in die Provinz, wo der Vater
Brandolf's hauste und zu ihrem Empfange alles vorbereitet war.

Brandolf dagegen begab sich in eine andere Landesgegend, wo er die Aufgabe übernommen hatte, während
einiger Monate ein nicht unwichtiges Amt provisorisch zu
verwalten und gewisse in Verwirrung gerathene Verhältnisse in Ordnung zu bringen. Man gedachte hierdurch
seine Kräfte zu prüfen und ihn zu Weiterem vorzubereiten;
er aber behielt sich vor, nach vollbrachter Sache in seine
Freiheit zurückzukehren.

Es dauerte nicht viele Wochen, so kamen Briefe des
alten Herrn, Brandolf's Vater, die vom Lobe der Frau
Hedwig von Lohausen und von dem neuen Stande der
Dinge voll waren. Es sei, wie wenn sie eine Schaar
Wichtelmännchen im Dienste hätte, so glatt und gutgeordnet gehe seit ihrer Ankunft alles von Statten; ein
wahrer Segen liege in ihren Händen und rührend sei
ihre sichtbare stille Freude über die Fülle und Sicherheit,
in welcher sie sich bewegen könne und zweckmäßig zu
walten berufen sei. Von früh bis spät freue sie sich der
Bewegung, aber ohne alles Geräusch, und lieblich sei es,
wenn sie sich hinwieder eine Stunde der Ruhe überlasse,
fast mehr wie um nicht bemerklich zu sein und Andern
auch Erholung zu gönnen, als wie um selbst zu ruhen.
Auch die Stubenjungfer habe die besten Manieren und
die Küche sei vortrefflich geworden, kurz, der Herr Vater
befinde sich wie im Himmel und fühle sich verjüngt. Fast
beginge er die Thorheit, noch zu heirathen, um die treffliche Person nicht mehr zu verlieren.

Endlich kam ein Brief, in welchem der Vater schrieb,
er habe sich den Gedanken einer Heirath wirklich überlegt
und gefunden, daß der Sohn sie in's Werk setzen müsse.
Denn so liebevoll die Frau von Lohausen für ihn sorge,
hänge ihr Herz jedenfalls am Sohne, er müsse es ihr
angethan haben, das bemerke er wol. Niemals spreche
sie von ihm; aber so oft sein Name genannt werde, erröthe sie ein wenig, gleich einem jungen Mädchen, dem
sie auch in ihrer schlanken und feinen Tournüre ähnlich
sei. Darum wünsche der Vater, daß Brandolf sich entschließen könnte, den Sprung zu wagen; er hoffe auf keine
bessere Schwiegertochter für seine Verhältnisse.

Brandolf antwortete, er sei es zufrieden. Die Hedwig
sei ihm als Schützling lieb, wie wenn sie sein Kind wäre;
allein er könne sie auch als sein Frauchen lieb haben
und werde sie alsdann mit einem seidenen Faden am
feinen Knöchel anbinden, damit sie ihm nie mehr abhanden
komme. Doch müsse der Papa für ihn fragen und den
Korb einheimsen, den es allenfalls absetze.

Darauf schrieb der Alte zurück, er habe es sofort
gethan und augenblicklich ein Ja erhalten. Es sei auf
dem Wege zu dem großen Gemüsegarten geschehen, den
sie in so herrlichen Stand gebracht habe. Sie sei so
ehrlich und offen, daß sie sich nicht eine Secunde lang
zu zieren vermocht, sondern ihm gleich beide Hände zitternd
entgegen gestreckt habe, von einem ganz merkwürdig hingebenden und seelenvollen Ausdruck des schmalen Gesichtes
begleitet. Ja, ja, die kleine Hexe sei nicht nur nützlich,
sondern auch angenehm u. s. w.

Hierauf begann Brandolf allerhand kleine Briefchen
und große Geschenke an die Erwählte zu senden. Sie
antwortete eben so kurz; aber die Buchstaben flimmerten
von den Empfindungen, die darin lebten. Der Tag der
Verlobung wurde in den Monat Mai verlegt und die
Verwandten und Freunde geladen. Als Hauswirthin
hatte Hedwig die Pflicht und Freude, alle Vorbereitungen
zu treffen, und sie selbst war die Braut. Bei Brandolf's
Ankunft war sie ihm allein entgegen geeilt; so hatten sie
es verabredet. Er stieg aus dem Wagen und wandelte
mit ihr durch einen einsamen blumigen Wiesenpfad, auf
dessen Mitte er sie fest an sich drückte und sie an seinem
Halse hing, von den niederhängenden Aesten der weiß
blühenden Apfelbäume geschützt. Hier ist nun weiter
nichts zu sagen, als daß eine jener langen Rechnungen
über Lust und Unlust, die unsere modernen Shylok's
eifrig aufsetzen und dem Himmel so mürrisch entgegenhalten, wieder einmal wenigstens ausgeglichen wurde.

Da Brandolf bis gegen den Herbst hin mit seiner
amtlichen Verrichtung beschäftigt und nicht gesonnen war,
auch nach der Hochzeit noch im Dienste zu bleiben, wurde
die Zeit der Weinlese zu dem Feste bestimmt, um zugleich
eine natürliche Lustbarkeit mit demselben zu verbinden
und es zu einer gewissermaßen symbolischen Feier für
die wirthliche Braut zu gestalten, die so Vieles erduldet
und entbehrt hatte. Es sollte auch von einer Hochzeitreise nicht die Rede sein, sondern das eheliche Leben gleich
im Anfange in das Arbeitsgeräusch und den bacchischen
Tumult des Herbstes untertauchen.

Zur Zeit der Kornernte reis'te Brandolf nochmals
auf ein paar Tage nach Hause; nachdem er die Braut
im bittern Winter kennen gelernt, im Lenz sich mit ihr
verlobt, wollte er sie im Glanze des Sommers sehen, ehe
der Herbst die Erfüllung brachte. Sie war jetzt vollkommen erstarkt und beweglich, aber immer besonnen und
still waltend, und die helle Liebesfreude, die in ihr blühte,
von der gleichen unsichtbaren Hand gebändigt und geordnet,
wie die Wucht der goldenen Aehren, die jetzt in tausend
Garben auf den Feldern gebunden lagen. Zwischen zwei
ausgedehnten gelben Ackerflächen zog sich ein schmaler
Forst alter Eichen, deren Schatten das blendende Licht
der Felder und der Sommerwolken kräftig unterbrach;
ein klarer Bach floß überdies in diesem Schatten. Hier
hatte Hedwig ihren Aufenthalt; sie ordnete die Ernährung
der vielen Arbeitsleute, und Jedermann wollte hier speisen;
auch der alte Herr war herausgekommen. Und obgleich
die Gegenwart der Frau von Jedermann angenehm
empfunden wurde, war es doch, wie wenn sie nicht da
wäre. Nach verrichteter Mahlzeit blieb sie allein im
durchsichtigen Forste zurück, zwischen dessen Stämmen man
überall das Feld übersehen konnte. Sie nahm sich die
Zeit, rasch die Erntekränze zu besorgen, und Brandolf
leistete ihr Gesellschaft. Im einfachsten Sommerkleide,
nur ein dünnes Goldkettchen um den Hals, welches die
Uhr trug, schien sie eine Tochter der freien Luft zu sein
und sich allein des gegenwärtigen Augenblickes zu erfreuen,
ohne ein Wissen um Vergangenheit oder Zukunft.

„Bist Du auch schon so gewesen, wie jetzt in diesem
Augenblicke?“ sagte Brandolf vertraulich, indem er ihrem
Thun und Lassen gemächlich zuschaute.

„Nein,“ antwortete sie, „ich habe die Erinnerung
nicht! Es ist mir Alles neu und darum so froh und kurzweilig. Ich scheine mir überhaupt früher nicht gelebt
zu haben.“

Auf der Rückreise nach dem Orte seiner jetzigen
Thätigkeit bekam Brandolf Regenwetter und sah sich
deshalb mehr als sonst veranlaßt, bei den am Wege
stehenden Herbergen abzusteigen. So gerieth er auch,
schon viele Meilen unterwegs, in eine Posthalterei, deren
große Gaststube von Reisenden aller Art angefüllt war.
Darunter befanden sich drei lange verwilderte Kerle mit
struppigen Bärten und elenden Kleidern, welche verdorbene
Musikinstrumente bei sich trugen. Brandolf bemerkte, wie
die drei Menschen nach Verhältniß der fortwährend neuankommenden Gäste mit ihren Branntweingläschen von
Tisch zu Tisch weggedrängt und zuletzt ganz aus der
Stube gewiesen wurden. Murrend aber ohne Widerstand
gingen sie auf den Hof hinaus, stellten sich dort unter
das Vordach eines Holzschuppens und nahmen, wahrscheinlich um sich zu rächen, ihre Instrumente zur Hand.
Aber sie begannen eine so gräßliche Musik hören zu
lassen, daß in der Stube das Publikum zu fluchen anhub
und verlangte, die Kerle sollten schweigen. Ein gutmüthiger Krämer sammelte einige Groschen und rothe
Pfennige für die Unglücklichen und brachte ihnen die
kleine Ernte, worauf sie den Lärm einstellten und in
einem Winkel zusammen hockten, um das Nachlassen des
Unwetters abzuwarten. Brandolf fragte einen Aufwärter,
was das für traurige Musikanten seien. Ja, erwiderte
der Bursche, das seien unheimliche und wenig beliebte
Gesellen. Die zwei etwas kürzeren nenne man die
Lohäuser, und der ganz lange heiße nur der schlechte
Schwendtner. Man munkle, es seien drei Junker, die einst
reich gewesen und dann in's Zuchthaus gekommen seien.

Hedwig war in der That im Irrthum, als sie glaubte,
das ihr abgestohlene Vermögen sei zum Theil noch vorhanden und die Räuber erfreuten sich seiner. Sie hatten
es freilich so im Sinne gehabt und waren, um das Geld
wuchern zu lassen, unter die Börsianer gegangen; allein
die drei Spitzbuben waren an die Unrechten gerathen und
in weniger als sechs Wochen bis auf die Haut ausgezogen.
Wüthend hierüber wollten sie sich durch einen großartigen
Wechselbetrug rächen und heraushelfen und sich alsdann
aus dem Staube machen. Es mißlang und sie wurden
ein Jahr lang eingesperrt und mußten gestreifte Kleider
anziehen. Als sie herauskamen, standen sie auf der
Straße; sogar ihre guten Kleider sammt den seidenen
Schlafröcken hatte das Amt verkauft, und sie mußten mit
den bescheidenen Hüllen vorlieb nehmen, welche die öffentliche
Wohlthätigkeit ihnen verabreichte. So konnten sie sich
nicht einmal mehr zu der Ehrenstufe von Professionsspielern erheben, die sie früher bekleidet, und sanken,
weil sie sich immerfort schlecht aufführten, schnell auf die
Landstraße hinunter. Dort konnten sie erst recht nicht
von einander lassen; wenn sie sich je auseinander verfügten, um besser fortzukommen, so waren sie in zwei
Wochen sicher wieder beisammen; nur ein gelegentlicher
Polizeiarrest vermochte sie im Uebrigen zu trennen. Der
lange Rittmeister Schwendtner hatte in seinen jüngeren
Jahren etwas geigen gelernt und wußte mit Noth noch
eine Saite aufzuziehen und darauf zu kratzen. Die
beiden Lohäuser hatten als Knaben einst Posthorn und
Klarinette lernen sollen, die Arbeit aber frühzeitig eingestellt.

Solch' ideale Jugendbestrebungen kamen ihnen jetzt
im Unglück zustatten und liehen ihnen den Vorwand,
einen dauernden Verband zu bilden und das Land nach
Brot und Abenteuern zu durchstreifen.

Brandolf seinerseits, der an einem Fenster des Posthauses saß und durch das an demselben herabrieselnde
Regenwasser nach den drei grauen Brüdern hinausschaute,
konnte nicht im Zweifel sein, wen er da vor sich sehe.
Schrecken und Sorge um seine Braut waren die erste
Wirkung des unwillkommenen Anblickes. Sie ahnte nicht,
daß ihr böses Schicksal so nahe um sie her schweifte.
Dann stieg der Zorn mächtig in ihm auf und er verspürte Lust, die Peitsche seines Kutschers zu nehmen,
hinauszugehen und auf die drei Menschen einzuhauen.
Je länger er aber hinsah, desto milder wurde die gewaltsame Stimmung und verwandelte sich zuletzt in eine
launige Genugthuung, als er sich doch überzeugen mußte,
wie übel es den Kumpanen erging. Er sah, wie der
schlechte Schwendtner einmal um's andere die gerötheten
Augen wischte und sich an seinem durchlöcherten Schuhwerk zu schaffen machte, in welches er ein Stückchen
Birkenrinde schob, das er vor dem Schuppen fand, während die Lohäuser aus dem Schnappsack einige Brotrinden
hervorsuchten und daran kauten, dann aber einen weggeworfenen Cigarrenstummel aus dem Straßenkoth holten,
reinigten und abwechselnd rauchten; denn die Halunkenliebe zwischen ihnen schien geblieben zu sein.

Nach ungefähr einer halben Stunde, während es in
Strömen fortregnete, war in Brandolfs Gedanken ein
mehr lustiger als gewaltthätiger Rache- und zugleich
Befreiungsplan fertig, der sich um den Beschluß drehte,
das Kleeblatt auf seine Weise zur Hochzeit zu laden. Und
unverweilt machte er sich an die Vollziehung.

Er führte einen anschlägigen und getreuen Knecht vom
väterlichen Gute mit sich, der Jochel hieß und mit ihm
aufgewachsen war, auch in früheren Jahren manchen
närrischen Streich mit ihm bestanden hatte. Diesen Jochel
zog er jetzt in's Vertrauen und unterrichtete ihn, wie er
die drei Musikanten sich merken und ihre Spur verfolgen
müsse, damit er zur rechten Zeit sich in geeigneter Verkleidung an sie machen und sie in die Nähe des Gutes
locken konnte, mit der Aussicht auf ordentlichen Gewinn
und schönes Leben. Denn es handelte sich darum, sie am
Tage der Hochzeit und des Winzerfestes zur Hand zu
haben, ohne daß sie wußten, was vorging.

Es gelang auch der Schlauheit des guten Jochel so
vortrefflich, daß er sie bis zum rechten Zeitpunkt richtig
auf den Platz brachte, das heißt in ungefährliche Nähe,
wo ihnen der Mund wässerte, den Jochel vor der Hand
mit einem und andern Kruge Most erquickte und diesen
wieder mit einem Gläschen Branntwein abwechseln ließ.

Sie übten dabei wohlmeinend ihre grausigen Harmonien,
da sie allen Ernstes glaubten eine Hauptrolle spielen zu
müssen bei irgend einem dummen Teufel von Gutsbesitzer,
und die Geistertöne drangen schon unheimlich über den
Wald her, hinter welchem sie verborgen saßen. Inzwischen
hatte die Weinlese seit einigen Tagen begonnen und nahte
dem Schlusse. Außer den eigenen zahlreichen Werkleuten
waren viele fröhliche Bauernjungen und Mädchen zugezogen, die Herrschaftshäuser von Köchen und Köchinnen,
Aufwärtern und andern Dienern aus der Stadt besetzt
und ein Theil der Hochzeitgäste auch schon eingerückt,
während eine gute Ballmusik noch erwartet wurde.

So kam nun der große Festtag heran, von der goldig
mildesten Octobersonne geleitet, welche einen Duftschleier
nach dem andern von der Erde hob und zerfließen ließ,
bis alles Gelände mit Bäumen und Hügeln in warmem
Farbenschmucke erglänzte und die Ferne ringsherum in
geheimnißvollem Blau eine glückverheißende Zukunft darstellte. Im Hauptgebäude war Vormittags die Trauung,
bei welcher schon die feine Musik aus den offenen Fenstern
tönte. Dann folgte das Festmahl der Hochzeitgäste,
indeß die Winzer und die eingeladenen Landleute im
Freien tafelten und nach einer tapfern Landmusik bereits
tanzten. Gegen Abend jedoch, als die Sonne immer
lieblicher ihre Bahn abwärts ging, fand nun der große
Aufzug der Winzer statt, an welchem die drei Kujone
mitzuwirken berufen waren. Der Zug bestand freilich
in nicht viel anderem, als daß die Winzer und Kelterer
in allen möglichen Vermummungen, mit ihren Geräthschaften klopfend, unter dem Voraustritte ihrer Musik
an den Herrschaften vorüber zogen, die am Eingange des
Parkes auf einem erhöhten Brettergerüste standen, in
dessen Mitte ein aus Epheugeflechten errichtetes Tempelchen
Braut und Bräutigam besonders einfaßte.

Doch entwickelte sich der Zug malerisch genug unter
den hohen Bäumen hervor, und Brandolf hatte dafür
gesorgt, daß durch allerhand buntes Zeug, ein Dutzend
Thyrsusstäbe, Schellentrommeln, Satyrmasken und vorzüglich durch eine Anzahl artiger Kindertrachten, welche
die Zeit der Traubenblüthe vorstellten, Abwechselung
und Farbe in die Sache kam. Das Ganze drückte das
Vergnügen eines guten Weinjahres aus; der Schluß
hingegen war der Verachtung vorbehalten, die einem
schlechten Weinjahre unter allen Umständen gebührt. Die
drei Teufel eines solchen: der Teufel der Säure, derjenige
der Blödigkeit und der Teufel der Unhaltbarkeit wurden
rückwärts an den Schwänzen herbei und vorübergezogen
und mußten durch ihre Musik das Gift und das Elend
eines schändlichen Weines ausdrücken.

Das waren eben unsere drei Herabgekommenen. Man
hatte denselben, um ihnen jeden Argwohn zu benehmen,
den Charakter ihrer Rolle offen mitgetheilt. Sie wußten
auch, daß eine Hochzeit da war; allein Jochel hatte ihnen
so unbefangen einen falschen Namen der Braut genannt,
auf den sie überdies kaum achteten, daß sie ihre wahre
Lage bis zum letzten Augenblicke nicht ahnten. Dennoch
wollte ihr gutes Herkommen und adeliges Blut sich empören,
als sie eingekleidet und sozusagen angeschirrt wurden. Man
hüllte sie nämlich in grau und schwarz gefleckte Ziegenfelle,
schwärzte ihnen die Gesichter und setzte ihnen Ziegenhörner
auf den Kopf. An ihren Hinterseiten waren Kuhschwänze
sehr stark befestigt, alle drei Schwänze zusammengebunden
und an ein langes Heuseil geknüpft; an dieses Seil aber
stellten sich links und rechts an die zwanzig kräftige
Jünglinge in Küfertracht mit dichten Weinlaubkränzen
auf den Stirnen, und zogen das Seil an, um die drei
Teufel im Triumphe rücklings über den Schauplatz zu
schleppen. Wie gesagt, wollten diese sich zuerst störrisch
zeigen; allein die fünf Thaler Lohn, die jedem versprochen
waren, überwanden den Widerstand.

So kamen sie denn auch heran; immer rückwärts
hopsend und stapfend, durften sie keinen Augenblick stille
stehen; hinter ihrem Rücken hörten sie die vordere Musik,
das Singen, Jauchzen und Trommeln der Winzer und
Bacchanten, ohne zu wissen, wohin sie kamen; sie hörten
das Schreien und Lachen des Volkes am Wege und sahen
endlich die Reihen der geschmückten Hochzeitgäste, welche
in die Hände klatschten und Beifall riefen. Mit Schweißtropfen auf der rußigen Stirn kratzte der Herr Rittmeister
von Schwendtner erbärmlich an seiner Geige und bliesen
die Lohäuser in ihre gesprungenen Röhren, bis sie unversehens vor dem Epheutempelchen anlangten, in dem
die Braut stand, lieblich in ihrem wehenden Schleier und
im Glanze der Abendsonne, die auf ihrem Diamantenschmucke funkelte. Jochel, der das Seil lenkte, hieß dasselbe ein wenig nachlassen, damit die Gehörnten stehen
bleiben konnten. Alle drei erkannten augenblicklich die
ehemalige Frau und die Schwester; aber sie glaubten zu
träumen. Sie ließen die Instrumente sinken und starrten
gleich irrsinnigen Menschen hinauf, wo sie stand und ihnen
lächelnd zunickte; denn sie wußte nicht, wen sie vor sich
sah, und glaubte, auch diese Gestalten seien bestrebt, ihren
Ehrentag mit den ungeberdigen armen Späßen zu feiern.
Brandolf aber klatschte fest in die Hände und rief:
„Gut, gut so, ihr Leute!“

Wie träumend griffen sie an ihre Hörner, dann hinten
an die Schwänze, wo sie sich gebunden fühlten; dann
blickten sie wieder an das Zauberbild der verrathenen
Schwester, der Gattin hinauf; das böse Gewissen ließ sie
aber den Mund nicht öffnen, und eh' sie sich besinnen
konnten, ließ Jochel das Seil wieder anziehen, daß sie
die rückspringende Procession fortsetzen mußten. Der Zug
ging um das Haus herum, auf dessen hinterem Balkone
die Stadtmusik stand und ihn begrüßte. Dann mündete
er in den Park und erschien zum zweiten Male vor der
Herrschaft und ging vorüber. Wieder ließ man die drei
Unholde einen Augenblick vor der Braut still stehen und
wieder mußten sie weiter stolpern und immer lauter und
betäubender wurde der Lärm und der Jubel. Allein
Brandolf winkte, und zum dritten Male wiederholte sich
die Scene. Die armen Teufel merkten, daß sie abermals
vorgeführt wurden, und suchten seitwärts mit Gewalt
auszubrechen. Denn trotz ihrer Verkommenheit empfanden
sie den Verrath und Hohn, dem sie verfallen waren, mit
dem Stolze der früheren Tage. Doch die unbarmherzige
Kraft des Seiles hielt sie fest, und sie standen abermals
vor der Braut und sie stierten abermals zu ihr hinauf.
Sie knirschten und stöhnten und ballten die Fäuste. Da
warf Brandolf drei Louisd'ors, jeden in ein Papierchen
gewickelt, hinunter, und blitzschnell haschten sie darnach
wie drei Affen, denen man Nüsse zuwirft. Es schien ihnen
jetzt doch wahrscheinlich zu sein, daß man sie nicht kenne.
Indessen winkte Brandolf wieder, Jochel zog das Seil
an und der Spuk verschwand endlich. Sie wurden aber
nicht losgelassen und auch nicht zu dem Volke gebracht,
das sich wieder zu Schmaus und Tanz begab, sondern

Jochel führte sie und die zwanzig Küfer nach einer entfernt
gelegenen Schenke, um die Teufelsgruppe dort extra zu
bewirthen. Nur mußten die drei Gehörnten jetzt vorwärts
gehen und musiciren, indessen die Küfer hinter ihnen das
Seil hielten. Darüber wurde es dunkel, und als die
wunderliche Gesellschaft bei der Schenke anlangte, sah man
in der Gegend des Winzerfestes drüben ein herrliches
Feuerwerk gen Himmel steigen. Die Teufel wurden jetzt
endlich mit ihren Schwänzen losgebunden, blieben aber
fortwährend von den kräftigen Burschen umringt und
Jochel ging nicht von ihrer Seite, so daß sie nicht die
geringste Gelegenheit fanden, ein einziges Wort unter sich
zu reden. Indessen erlabten sie sich, ihre innere Zerstörung
vergessend, an dem reichlichen Essen und Trinken, das
aufgesetzt wurde, bis Jemand das Fenster öffnete und
nach dem Herrschaftshause hinwies, dessen Fenster alle
von Licht strahlten, während eine prächtige Ballmusik
durch die stille Nachtluft deutlich, aber fein gedämpft,
herübertönte.

Ob dem Hause standen die schönsten Sterne, was
freilich die Teufel nicht rühren mochte; denn wenn sie
für dergleichen Gefühl gehabt hätten, so wären sie jetzt
nicht hier gewesen. Nur der weiche, vornehme Klang der
Violinen verletzte ihnen das Herz, weil er sie an bessere
Zeiten erinnerte und sie sich die Schwester und Gattin
vorstellen mußten, wie sie in diesem Augenblicke im Reigen
dahinschwebte.

Um die Noth ihres Inneren zu ersäufen, überließen
sie sich um so gieriger dem Getränke, das ihnen Jochel
rückhaltlos einschenkte. Als er sie für betrunken genug
hielt, fing er an, sie zu necken und zum Zorn zu reizen;
Andere folgten und zerrten sie an den Schwänzen, worauf
sie unverweilt um sich schlugen und eine schöne Prügelei
anhuben.

In diesem Augenblicke erschienen zwei Gendarmen,
die im Hause darauf gewartet hatten, und eh' eine Viertelstunde verflossen war, saßen die drei Landstreicher festgemacht
auf einem Leiterwagen, und zwei Stunden später in der
Nacht im Gefängnißthurme der Kreishauptstadt. Es erging
ihnen jedoch nicht so übel. Vielmehr wurden sie am
Morgen vorgerufen und befragt, ob sie mit Kleidern,
Wäsche, Reisegeld und Schriften hinreichend versehen, unter
Ueberwachung der Polizei nach der neuen Welt auswandern
wollten, und drei Tage nachher reisten sie schon in Begleit
eines Polizeiagenten, der Geld und Pässe auf sich trug,
nach dem Seehafen. Der Agent verließ sie erst in dem
Augenblicke, als das Schiff die Anker lichtete.

Hedwig erfuhr den ganzen Hergang erst, als sie eines
Tages, ein schönes jähriges Knäblein auf dem Schoße
haltend, die Sorge aussprach, daß das Kind einst seinen
bösen Oheimen in die Hände laufen oder gar die Bekanntschaft des häßlichen Schwendtner machen könnte. Jetzt
erst erzählte ihr der Mann den harten Spaß, den er sich
damals mit den Herren erlaubt. Entsetzt schaute sie
auf, das Kind wie zum Schutze gegen unbekannte Gefahren an sich druckend; allein er beruhigte und tröstete
sie sogleich mit der Nachricht, daß laut Briefen, die er
zu verschaffen gewußt, die drei Gesellen nach ihrer Ankunft in Amerika, wie umgewandelt, sich sofort getrennt
hätten. Ja, der Einfall habe die merkwürdigste Wirkung
auf sie gethan; jeder von den Dreien sei in dem amerikanischen Wirbel aufrecht schwimmend dahin getrieben
und an einem bescheidenen sichern Ufer gelandet, wo er
sich halte. Einer sei ein stiller Bierzapfer in der Nähe
von Newyork, der andere Schulhalter in Texas und der
dritte Prediger bei einer kleinen Religionsunternehmung,
und Allen gehe es gut.

Brandolf's Vater wurde achtundachtzig Jahre alt und
versicherte, dies verdanke er nur der Lebensfreude, welche
von der stillen Gesundheit der Frau Tochter ausströme.
So verschieden ist es mit der Dankbarkeit des Bodens
beschaffen, in welchen eine Seele verpflanzt wird.

Zehntes Capitel.
Die Geisterseher.

„Ihr Herr Brandolf ist ja ein Ausbund von einem
edlen und wohlmögenden Frauenwähler!“ sagte Lucie, als
Reinhart die verarmte Baronin in seiner Erzählung zu
Glück und Ehren gebracht hatte; „aber sind Sie auch
sicher, daß dieser Erkieser seines Weibes nicht ein wenig
das Spiel des Zufalls war, oder am Ende selbst eher
gewählt wurde, während er zu wählen glaubte?“

„Wie so?“ fragte Reinhart.

„Ich meine nur!“ erwiderte Lucie; „haben Sie auch
alle Umstände ordentlich aufgefaßt und wiedergegeben, und
nichts übersehen, was auf eine bescheidene Einwirkung, ein
kleines Verfahren der guten Frau von Lohausen hindeuten
ließe?“

„Kennen Sie die Leute, oder haben Sie sonst schon
von der Geschichte gehört?“

„Ich? Nicht im Mindesten! Ich höre heute zum
ersten Male davon reden.“

„Nun, wenn Sie also keine andere Quelle kennen, so
müssen Sie sich schon an meine Redaction halten, die ich
nach bestem Wissen und Gewissen besorgt habe. Ich
betheuere, daß auch nicht die leiseste Spur von Koketterie
und Schlauheit soll zwischen den Zeilen zu lesen sein, und
ich bitte Sie, hochzuverehrendes Fräulein, nichts hineinlegen zu wollen, was hineinzulegen ich nicht die Absicht
hatte!“

„Und ich bitte den hochzuverehrenden Herrn tausendmal um Verzeihung, wenn meine Vermuthung beleidigend
war, daß der armen Frau Hedwig noch ein Rest von
eigenem Willen hätte vergönnt sein können im Punkte
des Heirathens!“

„Ei, mein ungnädiges Fräulein, warum denn so
gereizt? Ich wehre mich ja lediglich für eine Frauengestalt, die durch ihre Hülflosigkeit nur gewinnt und dem
Geschlechte zur Zierde gereicht!“

„Ei natürlich, ja! So versteh' ich es ja auch!“ sagte
Lucie mit fröhlichem Lachen, welches ihre Locken anmuthig
bewegte; „ein sanftes Wollschäfchen mehr auf dem Markte!
Diesmal handelt es sich noch um die Nutzbarkeit einer
guten Wirthschafterin, und wir müssen gestehen, Sie haben
das Thema fast wie ein Kinder- und Hausmärchen herausgestrichen!“

„Aber, liebe Lux.“ rief jetzt der Oberst, „sei doch
nicht so zänkisch! Du hast ja, Gott sei Dank, nicht
nöthig, Dich über diese Dinge zu ereifern, wenn Du doch
unverheirathet bleiben und mein Alter verschönern willst!
In dieser Hoffnung will ich Dir übrigens jetzt etwas
Hülfe bringen! Mit unserer Wahlfreiheit und Herrlichkeit, bester Freund, ist es nämlich nicht gar so weit her,
und wir dürfen nicht zu sehr darauf pochen! Wenigstens
hab' ich die Ehre, Ihnen in mir einen alten Junggesellen
vorzustellen, der vor langen Jahren einst zum Gegenstande
der Wahlüberlegung eines Frauenzimmers geworden, als
er nur die Hand glaubte ausrecken zu dürfen, und dabei
so schmälich unterlegen ist, daß ihm das Heirathen für
immer verging. Wenn Ihr es hören wollt, so will ich
Euch das Abenteuer, so gut ich kann, erzählen; es lächert
mich jetzt und zugleich gelüstet mich, es vor meinem
Ende zum ersten Male Jemandem zu erzählen oder
schwatzend zu redigiren, wie unser Freund Reinhart sich
ausdrückt.“

Die jungen Leute bezeugten natürlich ihre Neugierde,
die sie beide auch empfanden, und sie baten den Oheim,
mit seinen Mittheilungen nicht zurückzuhalten.

Er warf noch einen aufmerksam forschenden Blick auf
Reinhart's Gesicht, blickte hierauf nachdenklich zu Boden
und ließ seinen weichen silbernen Schnurrbart durch die
Finger laufen, als er seine Rede begann.

Es ist bald geschehen, daß man alt wird (sagte er),
so rasch, daß man beim Rückblicke auf den durchlaufenen
Weg sich nur auf Einzelnes etwa besinnen und sich namentlich nicht mit reumüthigen Betrachtungen über die begangenen dummen Streiche aufhalten kann. Denn dieselben scheinen in der perspectivischen Verkürzung so dicht
hinter einander zu stehen, wie jene Meilensteine, welche
der Reiter für die Leichensteine eines Kirchhofes ansah,
als er auf seinem Zauberpferde an ihnen vorüberjagte.
Dennoch gibt es eine Art von Fehlern, Begehungen oder
Unterlassungen scheinbar ganz unbedeutender und harmloser Art, welche ihrer Folgen wegen zehnmal schwerer im
Gedächtniß haften bleiben, als die gröberen Vergehungen
und Versäumnisse, und während wir diese in unserem
Sinne längst genugsam bedauert und gebüßt haben, überkommt uns immer wieder Reu' und Aerger, sobald jene
in der Erinnerung aufleben. Man verzögert den Besuch
bei einem Kranken, und er stirbt, ohne ein letztes Wort
gesagt zu haben, dessen man bedurfte. Einem guten
Freunde haben wir Opfer gebracht und große Dienste
geleistet; aber wir lassen ihn mit einer kleinen Freundlichkeit im Stiche, auf die er gerechnet hat; die Entfremdung, welche eintritt, halten wir für Undank, und
nun erst überlassen wir den Mann auf schnöde Weise
seinem Unstern und bereuen es zeitlebens. Statt, wie
wir uns vorgenommen, ruhig an der Arbeit zu sitzen,
laufen wir eines Morgens früh vom Hause weg, bleiben
den ganzen Tag fort und verfehlen einen entscheidenden
Besuch, der sich nie wiederholen wird. Wir lieben die
Wahrheit und verhehlen sie aus blödem Hochmuth, oder
auch aus einer Anwandlung von Muthlosigkeit das einzige
Mal, wo es nothwendig für uns war, sie zu sagen. Gegen
Lust und Willen geht Einer mit Menschen von schlechtem
Rufe öffentlich spazieren und wird von einer ihm theueren
Person gesehen, die sich von ihm abwendet, und was dergleichen Unstern mehr ist.

Wir haben schon von der westdeutschen Universitätsstadt gesprochen, wo Sie geboren sind, Herr Reinhart.
Dort habe ich auch einmal als Student gelebt, zur Zeit,
als der erste Napoleon noch regierte und die Frauensleute
unter den Armen gegürtet waren. Ich sollte Jura studieren,
fand aber nicht viel Muße dazu, da ich einen Anführer
unter den Rauf- und Zechbrüdern vorstellte und sonst allerlei
Verworrenes zu treiben hatte. Von der politischen Noth
des Vaterlandes mit leidend, suchte ich Erleichterung in
aufgespannten Kraftgesinnungen und verzweifelt heroischem
Dasein, welches bald in ein halbkatholisches Romanzenthum, bald in eine grübelnde Geisteskälte hinüberschillerte.
Ich war bald mehr ein aufgeklärter Mystiker, bald mehr
ein gläubiger Freigeist, alles natürlich ohne die entsprechenden Kenntnisse zu pflegen, die mit solchen Richtungen
damals verbunden wurden. Nichts verstand ich ganz, als
die körperlichen Uebungen, Fechten, Reiten und Trinken,
letzteres nicht im Uebermaß, aber doch genug, um zuweilen
empfindsam zu werden und die moralischen Leiden der
Zeit in erhöhtem Maße zu fühlen. Da war denn ein
Freund vonnöthen, der ohne Ueberhebung sein Herz dem
Vertrauen öffnete und ohne Spott den gewünschten vernünftigen und kühlen Zuspruch ertheilte.

Einen solchen fand ich in einem Studenten, dem wir
den altdeutschen Spitznamen Mannelin gegeben, wobei
wir ihn einstweilen noch lassen wollen. Ich hatte in
einem Collegium den Platz neben ihm erhalten, und er
war mir vielleicht dadurch anziehend geworden, daß er fast
in Allem das Gegentheil von mir zu sein schien. Immer
ruhig, meistens fleißig, war er doch kein Spielverderber,
und obschon er weder focht noch ritt, noch viel trank,
nahm er an den allgemeinen Versammlungen und Hauptsachen Theil und sah mit einer fast gelahrten und feinen
Haltung schon als Jüngling in die Welt und war gern
gesehen.

Engere Bekanntschaft machte ich mit diesem Mannelin
in dem Bankhause, bei welchem ich empfohlen war und
auch er seine Wechsel vorzuweisen hatte. Der Bankier
pflegte auf jeden Sonntag einige Studenten zu seinen
Tischgesellschaften einzuladen, und so trafen wir einstmals
dort als Tischnachbarn zusammen und unterhielten uns
so gut, daß wir nachher einen langen Spaziergang zusammen machten und uns auch in der Folge öfter sahen.
Ich fühlte bald das Bedürfniß, meine Lustbarkeiten und
Waffenthaten häufiger zu unterbrechen und den ruhigen
Genossen aufzusuchen, dem immer eine Stunde oder mehrere
zur Verfügung standen, weil er immer vorher schon Etwas
gethan hatte und auch nachher wieder gleichmüthig arbeiten
konnte, wenn es nothwendig war, es mochte Tag oder
Nacht sein.

Mit großer Duldsamkeit ertrug er meine Vorliebe für
das Unerklärliche und Uebersinnliche, das ich fortwährend
in allen Dingen herbeizog und anrief, und vertheidigte
ohne allen Eifer seinen Standpunkt der Vernunft, wie
Einer der es besser weiß, aber es nicht gerade fühlen
lassen will. Er war schon von seinem Vater her ein
geübter Kantianer und ließ, was darüber hinausging, sich
nicht anfechten. Närrischer Weise freute ich mich eigentlich
dessen und war seiner Gesinnung und seines Wissens froh,
während ich ihn mit phantastischen Reden bekämpfte. Es
war mit mir, wie wenn Jemand durch einen verrufenen
Wald geht und auf seine Furchtlosigkeit pocht, im Stillen
aber sich auf das gute Schießgewehr verläßt, das ein
Begleiter mit sich führt. Zuweilen wollte es mir allerdings vorkommen, als ob ich dem Mannelin ein Bischen
zum stillen und am Ende gar spaßhaften Studium diente,
wie es auf Hochschulen ja immer solche Leimsieder gibt,
die für das Geld, das sie ihre Eltern kosten, vor Allem
etwas glauben lernen zu sollen und sich allen Ernstes
einbilden, sich für so und so viele Zehngroschenstücke selbst
Lectionen in der Menschenkenntniß geben zu können. Die
Zehngroschenstücke verwenden sie nämlich an einige Flaschen
Bier oder Wein, die sie dabei wagen müssen, und sie
bringen sie den Vätern unter der Rubrik: „Allgemeines
zur Weltbildung“ extra in Rechnung. Aber ein solcher
Leimsieder war Mannelin doch nicht. Er liebte wirklich
in mir das Widerspiel und den harmlosen Kerl, der ich
im Grunde war, und wenn eine kleine Spitzbüberei dabei
mitwirkte, so war es die Kunst, mit der er sich an meinen
vielen Erholungen, wenn ich sie erzählte, förmlich selber
erholte, ohne sie zu theilen.

Als unsere gute Freundschaft in dem Bankierhause
bemerkt wurde, lud man uns immer zusammen ein, wie
wir auch bald zu einer Art von Hausfreunden gediehen,
deren erwartetes oder unerwartetes Erscheinen stets gern
gesehen wurde. Wegen der Verschiedenheit unseres Wesens
ging für die Andern auch immer etwas Kurzweiliges um
uns vor, woran vorzüglich die einzige Tochter Hildeburg
ihr Vergnügen zu finden schien. Ohne in der Denkweise
dem Einen oder Andern entschieden beizustimmen, brachte
sie uns immer in's Gefecht, und wenn nicht ein besonders
angesehener Gast vorhanden war, der auf die Gesellschaft
der Tochter des Hauses Anspruch erhob, so nahm sie bei
Tisch unfehlbar zwischen uns Beiden oder ganz in der
Nähe Platz. Als das endlich zu scherzenden Bemerkungen
Anlaß gab, erklärte sie uns offen als ihre lieben und
getreuen Diener, ernannte mich zu ihrem Marschall und
den Mannelin zu ihrem Kanzler und was dergleichen
Späße mehr waren. Eine vielbegehrte reiche Erbin und
in allen Dingen verständige und, wie der Student sagt,
patente Person, ein fixer Kerl, wie sie war, setzte sie sich
durch solche Freiheiten keinerlei Mißdeutungen aus.

Das hinderte indessen nicht, daß wir Beide uns in sie
verliebten und es einander leicht anmerkten. Doch blieben
wir dabei nicht nur friedlicher Gesinnung, sondern die
gemeinsame Verehrung diente sogar dazu, unsere Freundschaft zu befestigen und den Verkehr angenehm zu beleben,
weil ja ohnehin von ernsthaften Folgen für uns noch
Jahrelang nicht die Rede sein konnte, auch Hildeburg uns
so vollkommen unparteiisch behandelte, daß Keiner vor dem
Andern aufgemuntert oder gereizt wurde. Wie Mannelin
im Innersten dachte, wußte ich freilich nicht; ich dagegen
kann nicht leugnen, daß ich mich heimlich für prädestinirt
hielt, weil die Schöne eben so stark brünett war, wie ich
selber, Mannelin hingegen der blonden Menschenart angehörte. In der That waren ihre wagerechten Augenbrauen
so sammetdunkel, wie der heraldische schwarze Zobel auf den
alten Wappenschilden, und über der Stirne hing die krause
Nacht eines Tituskopfes — na, ich will keine Beschreibung
zum Besten geben, nur anmerken will ich noch, daß an festlichen Tagen ein paar kleine Brillantsterne aus der nächtlichen Wildniß funkelten wie Leuchtwürmchen. Und dennoch
fiel der Blick, der von dem Schimmer angezogen wurde,
sogleich hinunter in den warmen Glanz der dunkeln Augen,
die meistens gütig ihn empfingen. Aber trau, schau wem!

Doch ein heißeres Feuer entflammte sich, in welchem
die Stadt Moskau aufging und das dem Napoleon die
Stiefelsohlen verbrannte. Es dauerte nicht lange, so hieß
es bei der studierenden Jugend überall: heimgereist! Mir
stand schon eine Stelle in einem kaiserlichen Dragonerregimente offen; Mannelin wollte als bescheidener Fußgänger in die preußische Infanterie treten, und Beide
rüsteten wir uns zum Abzuge. Vorher mußten wir aber
nochmals im Bankierhause speisen und wurden mit aller
Freundschaft behandelt. Der Ernst jener Tage hinderte
nicht, daß an der Sonne der Hoffnung auch Fröhlichkeit
und Scherz wieder aufblühten, und so wurde denn, als
man auf das Wohl der scheidenden jungen Krieger trank,
die Hildeburg ein wenig aufgezogen und gefragt, welchen
von uns sie am unliebsten verliere?

„Das weiß ich wahrhaftig selber nicht!“ rief sie;
„erst war mir der Kanzler lieber; seit aber in seinem
Umgange der wilde Marschall so gesittet und liebenswürdig
geworden ist, verliere ich diesen auch ungern! Und doch
ist es wieder nicht Recht, wenn der Andere, der die
Quelle der Besserung ist, es büßen soll! Mag mir der
Himmel helfen!“

Sie verbarg auf das Artigste die Wehmuth des Abschiedes hinter der Miene einer komischen Verlegenheit,
ergriff endlich ein herzförmiges Zuckergebilde des Nachtisches, zerbrach es und gab Jedem von uns eine Hälfte.
Ich tauchte die meinige in das Weinglas und verschlang
sie sogleich zum Zeichen meines Liebeshungers; Mannelin
dagegen behielt die seinige in der Hand und spielte
scheinbar damit, bis er sie unbeachtet in die Tasche
schieben konnte.

Nach aufgehobener Tafel wurde ein Spaziergang
durch den Garten gemacht, soweit die Wege in der frühen
Jahreszeit gangbar waren; denn wir befanden uns in
den ersten Monaten des Jahres 1813. Ich weiß nicht
wie es kam, daß wir uns mit dem Mädchen bald von den
übrigen Gästen entfernten und ihr zu beiden Seiten gingen.
Wir fühlten uns jetzt ernster und zugleich leidenschaftlicher
gestimmt, als früher, da wir uns der Tiefe unserer
Neigung zu dem schönen Wesen deutlicher bewußt wurden;
nur die Ungewißheit der Zukunft und die voraussichtliche
Dauer und Gefährlichkeit des bevorstehenden oder vielmehr
schon begonnenen Krieges mochten verhüten, daß sich die
zwischen uns Beiden bisanher waltende gleichmüthige
Freundschaft trübte.

Hildeburg merkte wol an unserem stillen Wesen und
an der Natur unserer Athemzüge, was uns bewegte, und
sie selbst wurde fühlbar erregter. Als wir unversehens
vor einem Pavillon anlangten, stieß sie die Thüre auf,
ging hinein und öffnete die vom Winter her noch verschlossenen Fensterläden, indem sie uns rasch mit einem
Blicke überflog. Wir folgten ihr in den kleinen Saal
und sie wandte sich uns zu.

„Ich bin in allem Ernste in einer so traurigen Lage,
wie noch nie ein Mädchen gewesen ist; denn ich habe
Euch Beide lieb und kann es nicht auseinander lösen.
Du, Marschall, hast mein halbes Herz verschlungen; das
ist thöricht, aber es verführt mich; und Du, Kanzler,
hast die andere Hälfte aufbewahrt, das ist auch thöricht,
aber es ist treu und beglückt mich. Ich werde nie die
Frau eines Mannes werden, es wäre denn Einer von
Euch Beiden; dazu müßte aber der Eine fallen! Wenn
Beide fallen oder Beide zurückkehren, werde ich ledig
bleiben, als das Opfer eines heillosen unnatürlichen
Naturspieles oder unvernünftigen Ereignisses, das in
meiner Seele und meinen Sinnen vorgeht und das ich
vor der Welt verbergen muß, wenn ich mich nicht mit
Schmach bedecken will! Da ich mir aber Keinen von Euch
todt denken kann und will, so lebt wohl auf ewig, liebste
Brüder!“

Nach diesen Worten fiel sie Jedem von uns um den
Hals und küßte ihn heftig auf den Mund, zuerst mich
und dann den Mannelin, hierauf den Mannelin und
endlich mich noch einmal. Wir standen wie vom Himmel
gefallen und vermochten uns nicht zu regen. Für uns
war die Situation ganz verflucht und ich habe weder im
Krieg noch im Frieden eine ähnlich verzwickte Lage
wieder erlebt. Denn wenn, wie wir es ja soeben erfahren
hatten, ein ehrbares Frauenzimmer allenfalls in leidenschaftlicher Wallung zwei Männer nacheinander küssen
kann, so werden diese, wenn sie das Weib lieben, niemals
dazu kommen, dasselbe nun gemeinsam anzufassen und
wieder zu küssen. Wir brauchten uns auch nicht darüber
zu besinnen, weil sie, ehe das möglich war, uns enteilte
und im Vorbeigehen die Hand auf den Mund legend
ausrief: „Ihr verpfändet mir Euere Ehre, daß Ihr
schweigt!“

Es war uns nicht möglich, noch länger zu weilen;
wir verabschiedeten uns, wobei Hildeburg wie alle Andern
unsere Hände schüttelte und die Thränen der Rührung
nicht verhehlte.

Da gingen wir nun mit unserem getheilten Glück
und Mißglück von hinnen und sprachen, nachdem wir
ein gezwungenes Lachen bald aufgegeben, über eine Stunde
lang kein Wort miteinander, obgleich wir zusammen blieben.
Wir konnten uns nicht sehr gehoben fühlen; denn ein
Graf von Gleichen, der zwei Frauen hat, kann dabei ein
guter Ritter und Kreuzfahrer sein; zwei gute Gesellen
aber, die der Gegenstand der Doppelneigung eines jungen
Mädchens sind, müssen sich doch etwas zu zwiefältig,
zu halbschürig vorkommen, und es ist nicht Jedermanns
Sache, ein siamesischer Zwilling zu sein. Dennoch hatte
uns das seltsame Geständniß Hildeburg's und ihre leidenschaftliche Umarmung Herz und Sinn noch vollends gefangen
genommen, und wir liebten das schöne schlanke Naturspiel
unvermindert fort, zumal dasselbe ja noch tragischer als
wir gestellt war, wenn es sich so mit ihm verhielt, wie
es sagte.

Es half uns denn auch das Empfinden der Tragik
über die gegenseitige Verlegenheit hinweg. Als wir den
Versammlungsort aufsuchten, wo an die hundert junge
Männer, die am nächsten Tage nach allen Seiten unter
die Fahnen eilen mußten, den Abend noch zubringen
wollten, da erhob sich unser Geist zu der Höhe der aufwogenden und rauschenden Vaterlands- und Kampfesfreude.
Wir saßen dicht neben einander in der gedrängten Schar;
und als gegen Mitternacht die Gläser unter dem donnernden Rufe: Tod oder Freiheit! in die Höhe fuhren, da
hielt Mannelin mir sein Glas entgegen und sagte: „Sollte
es so kommen, daß Einer von uns fällt und der Andere
das Weib gewinnt, so soll er leben! Auf sein Glück!“

Nicht minder pathetisch stieß ich an, daß beide Gläser
klirrten, indem ich rief: „Und Friede dem Todten!“

So trennten wir uns als wackere Freunde, und nach
wenigen Stunden fuhren wir auf getrennten Wegen dahin,
ohne daß wir für die Zukunft irgend eine Abrede oder
Bestimmung getroffen hatten. Wie das Kriegsglück wollten
wir auch das Schicksal unserer ungewöhnlichen Liebesgeschichte sich selbst überlassen.

Mannelin hatte hellere Sterne, als ich; während ich
noch immer unter Oesterreichs zögernden Standarten harren
mußte, stürmte der blonde Duckmäuser mit seiner Muskete
schon von Schlacht zu Schlacht, und erst auf Leipzigs
Feldern kam ich zum Tanze und athmeten wir den gleichen
Pulverdampf, aber ohne uns zu sehen oder von einander
zu wissen.

Ich kann dem Verlaufe des gewaltigen Feldzuges jetzt
nicht weiter folgen. Auch in Paris traf ich den Freund
nicht, obgleich wir fast gleichzeitig dort einmarschirt waren.
Schon zum Leutenant vorgerückt, war er so zu sagen fast
auf dem Pflaster jener Stadt noch schwer verwundet
worden und lag, als ich seine Spuren suchte, unerreichbar
in einem entlegenen Lazareth. Es hieß sogar, er werde
bereits gestorben sein, als ich meine Nachforschungen fortsetzte; da widerstrebte es mir, mich von seinem Tode zu
überzeugen, um an geweihter Stätte des Kampfes und
Sieges nicht die nackte Selbstsucht in mir aufkommen zu
lassen. Denn seit Streit und Mühsal aufgehört hatten
und die Friedenspalmen winkten, waren auch die Gedanken
an das verhexte Liebeswesen wieder stärker wach geworden,
und ich blieb absichtlich im Dunkeln über Mannelin's
Tod, damit ich nicht gleich wie ein Wechselgläubiger vor
das schöne Mädchen zu treten, versucht würde, an dessen
Verheißung, den Ueberlebenden zu heirathen, ich fest
glaubte.

Im Monat Mai des Jahres 1814, zur Zeit wo das
lange Rheinthal blühte wie ein einziger Fliederbusch, zog
unser Regiment über den Strom ostwärts; es bekam aber
den Befehl, in der Rheingegend Halt zu machen, um die
ferneren Umstände abzuwarten, wie wir denn auch bald
nachher nach der Lombardei gesandt wurden. Die
Schwadron, in der ich ritt, kam aber nirgends anders
hin zu stehen, als in unsere gute Universitätsstadt. Mit
welchen Gedanken sah ich die Pferde in den Marstall
und die Reitbahn stellen, in denen sich der Student so
oft getummelt hatte! Und als ich mein Quartier im
Gasthofe bezog, in welchem ich vor fünf Vierteljahren so
manche Flasche ausgestochen, waren Wirth und Dienerschaft sehr verwundert über den ernsthaften Kriegsmann.

Allein auch ich verwunderte mich, da ich auf Befragen
vernahm, die Bankiersfamilie befinde sich zur Zeit nicht
in der Stadt, sondern auf einem Landsitze, der ungefähr
eine Meile entfernt sei. Ein französischer Emigrant, der
vor zwanzig Jahren das Grundstück an sich gebracht, hatte
es nämlich augenblicklich zum Verkaufe ausgeboten, als
die Ordnung der Dinge in Frankreich umgestürzt war;
und der Bankier hatte nicht gesäumt, das Gut auf die
leichte und billige Weise zu erwerben, die in solchen Zeit- und Kriegsläufen denen möglich ist, welche baares Geld
haben.

Ich konnte daher am Tage der Ankunft nicht mehr
vorsprechen, ritt aber um so zeitiger am andern Morgen
hinaus, von meinem Reitknechte begleitet. Es regnete ein
wenig an dem Tage, weshalb ich den Kragen des weißen
Reitermantels aufgestellt und die Schirmmütze etwas tief
in die Augen gezogen hatte, als ich durch eine lange Allee
auf das alte schloßartige Gebäude zuritt, das wenig gut
unterhalten schien. Man mochte glauben, daß eine gewöhnliche Officiers-Einquartierung angekommen sei, da auch in
der Umgebung schon österreichische Reiterei erschienen war.
Es trat daher nur ein Diener aus der Thüre, mich zu
empfangen und nach meinen Wünschen zu fragen Statt
ihm zu antworten, sprang ich vom Pferde, überließ die
Zügel meinem Burschen und betrat sogleich das einst
stattlich gebaute, jetzt etwas verfallene Vestibül des Hauses.
Erst als ich ihm den Mantel übergab, erkannte mich der
Diener trotz des veränderten Aussehens, das der Krieg
mir verliehen, und führte mich freundlich überrascht in
einen Saal, wo der Herr und die Frau des Hauses die
Zeitungen lasen. Auch sie erkannten mich nicht sofort,
erhoben sich aber mit lebhafter Freude, als es geschah,
und hießen mich willkommen. „Was wird Hildeburg
sagen,“ riefen sie, „wenn der Marschall wieder da ist!
Und wo bleibt denn der Kanzler? Wissen sie nichts von
ihm? Wie oft haben wir von beiden Herren gesprochen!“

Eh' ich antworten konnte, trat Hildeburg in den Saal,
die allein mich von einem Fenster aus erkannt hatte, sobald ich nur von der Landstraße in die Allee eingebogen war.

Ich vergesse niemals die Erscheinung, wie sie mir
entgegen trat. Wie ein weißes Tuch so bleich war das
Gesicht, das Auge träumerisch erschreckt und auf dem
Munde doch ein Lächeln des Wiedersehens, das aus dem
Herzen kam, blasse Trauer und erröthende Freude mehrere
Secunden lang sich jagend: es war kein Zweifel, sie hielt
den armen Mannelin für todt und mich für gekommen,
mein Recht geltend zu machen!

Zum Glücke waren die Eltern an allerlei wunderliche
Stimmungen gewöhnt, sonst hätten sie jetzt ihren wahren
Zustand ahnen müssen, besonders als ich nicht länger vermeiden konnte, von Mannelin zu erzählen was ich wußte,
was freilich wenig und doch bedenklich genug war. Der
Papa meinte, es sei doch zu hoffen, daß er sich noch unter
den Lebenden befinde, ansonst gewiß der eine oder andere
der jüngeren Freiwilligen, die in den letzten Wochen
bereits in ihre Hörsäle zurückgekehrt seien, eine bestimmte
Todeskunde gebracht hätte, Auch in den Verlustlisten,
die er ziemlich aufmerksam durchlaufen, sei ihm der Name
so wenig vorgekommen, als der meinige.

Allein als Hildeburg eine Viertelstunde später mit
mir zu Zweit durch eine Zimmerflucht wandelte, um mir
das Haus zu zeigen, das erst neu hergestellt und eingerichtet werden müsse, hielt sie Plötzlich an und sagte mit
leise hallenden Klagetönen: „Es ist nur zu wahr! Mein
kluger, lieber Kanzler Mannelin liegt in Frankreich unter
dem grünen Rasen; sie haben ihm die Brust durchschossen
und seine treuen blauen Augen ausgelöscht! Und Du,
Marschall, bist gekommen, es mir zu sagen!“

Und gleichzeitig sah sie mich mit tief aufflammenden
Augen an, die ebenso wol aus Haß wie aus Liebe so
erglüht sein konnten. Denn auf den blaß gewordenen
Lippen lag jetzt nichts als bittere Trauer. Das Du, mit
dem sie mich anredete, wagte ich nicht zu erwidern, so
herrisch hatte es geklungen, beinahe wie der Herr mit
dem Diener oder der Officier mit dem Soldaten sprach.

„Nein, Fräulein Hildeburg!“ sagte ich, einen Schritt
zurücktretend, doch mit scheuer Ehrerbietung, denn sie sah
gar zu merkwürdig aus, fast wie wenn sie besessen wäre:
„Ich weiß von nichts und hoffe, er lebt noch!“

„Den Teufel hoffst Du!“ rief sie mit funkelnden
Augen und lachte jählings laut auf, indessen mich das
Gewissen Lügen strafte. Denn in diesem Augenblicke
schien es mir, daß ich nicht genug gethan hatte, um über
das Schicksal Mannelin's in's Klare zu kommen, und zugleich fühlte ich mich von brennender Eifersucht gegen den
Abwesenden gepeinigt, der so leidenschaftlich betrauert
wurde. Sie hatte ihn offenbar mehr geliebt oder liebte
jetzt noch nur ihn. In dieser Beklemmung that ich einen
unfreiwilligen schweren Seufzer, worauf Hildeburg mich
bei der Hand nahm und mit veränderter Stimme sagte:
„Kommen Sie und sprechen wir vor der Hand nicht mehr
davon!“

Ruhig ging sie neben mir in den Saal zurück, wo
eine Erfrischung aufgetragen war, und als ich gegen Abend
mich nach der Stadt begab, reichte sie mir treuherzig die
Hand und sagte: „Sie hoffe mich noch öfter zu sehen,
so lange das Regiment in der Gegend bleibe.“ Da die
Witterung meistens gut war, so fand sich fast täglich
Ursache und Vorwand, den Spazierritt zu wiederholen,
und wenn ich ausblieb, sagte Hildeburg am nächsten Tage
sogleich: „Warum sind Sie gestern nicht gekommen?“
Sie schien sich mir wieder mehr zuzuneigen, und das eine
Mal verlor sie unversehens einen trauten Blick an mich,
das andere Mal streifte sie mich leicht mit einer Berührung, kurz sie beglückte mich mit jenen kleinen Zeichen,
mit welchen Liebende anfangen, sich an den Gedanken
eines dereinstigen Beisammenseins zu gewöhnen. Dann
aber blieb sie wieder Tage lang in sich gekehrt und lebte
sichtlich mit düsteren Sinnen in der Ferne. Mein eigener
Zustand schwankte daher fortwährend zwischen Hell und
Dunkel hin und her, so daß ich ungeduldig das Ende
herbeiwünschte. Allerdings stand es auch einem jungen
Dragoner, der seit Jahr und Tag den Säbel in der Faust
führte und über manche Blutlache hinweggesetzt hatte, nicht
sonderlich gut an, um ein Frauenzimmer herum zu schmachten, das doch nicht dicker war, als ein Spinnrocken, wenn
auch noch so hübsch gedreht.

Als ich eines schönen Nachmittags auf den Landsitz
hinausritt und eben in der langen Ulmenallee in unwilliger Gemüthsbewegung das Pferd in eine unruhige
und heftige Gangart versetzt hatte, ohne dessen bewußt zu
sein, eilte mir aus dem Hause ein fröhliches Menschenpaar entgegen: Hildeburg, welche einen preußischen Infanterieofficier, oder mein Freund Mannelin, der das
Fräulein Hildeburg an der Hand führte; ich konnte in
der Ueberraschung nicht erkennen, welches von beiden der
Fall war. Meine erste Empfindung war die Freude über
das unverhoffte Wiedersehen, die zweite ein Gefühl der
Zufriedenheit über die Herstellung des früheren Zustandes
zwischen den drei Personen, womit wenigstens für den
Augenblick der quälende Zweifel beseitigt wurde. Auch
Hildeburg gab ähnlichen Gefühlen Ausdruck, indem sie
ausrief: „Nun ist Alles gut, nun sind wir Alle wieder
beisammen!“

Mannelin vollends war unverkennbar glücklich und
zufrieden, die Dinge so zu finden, da er schon gefürchtet
haben mochte, zu spät zu kommen; denn er wußte, daß
er irriger Weise für todt ausgegeben worden. Er war
aber nicht so unrettbar verletzt gewesen und jetzt leidlich
geheilt; doch hatte er einen mindestens halbjährigen
Urlaub antreten müssen, um sich ganz zu erholen. Schon
wieder mit Büchern versehen war er auf dem Wege nach
einem Badeort mit heißen Quellen begriffen und hielt
kurze Einkehr in der Universitätsstadt. Erst auf dem
Landgute des Bankherren hatte er heute vernommen, daß
ich ebenfalls im Lande sei. Mannelin hatte durch den
Kriegsdienst sich sehr vortheilhaft verändert, was das
Aeußere betrifft. Ohne gerade martialisch drein zu schauen,
hatte er doch an fester Haltung gewonnen. Sein leichter
blonder Bart auf Wangen und Oberlippe erhielt durch
den Ernst der Ereignisse und Abenteuer, der in den
Augen und auf dem Munde sich gelagert hatte, eine
größere Bedeutung, als ihm sonst zugekommen wäre, und
das militärische Wissen und Erfahren, um welches er
reicher geworden, vereinigte sich vortrefflich mit seinem
wissenschaftlichen Geiste. Aber ungeachtet er die bedeutendsten Kriegsthaten mitgemacht und zahlreichere Gefechte und Gefahren bestanden, als ich, hörte man ihn
niemals davon sprechen, und wäre er nicht unfreiwillig
in die zeitgemäßen Gespräche mit verflochten worden, so
würde man vermuthet haben, er sei die ganze Zeit über
nie aus seiner Studierstube herausgegangen.

Das verlieh dem liebenswürdigen Duckmäuser einen
neuen Glanz, der indessen auch mir zugute kam; denn als
ich einst nach eifrigem Sprechen vom Hauen und Stechen
in der darauffolgenden Stille plötzlich wahrnahm, wie
renommistisch ich mich neben ihm ausnehmen mußte, suchte
ich mich beschämt zu bessern und wurde auch hie und da
bescheidener. Leider mußte ich nachher, da ich Soldat
von Prefession blieb, mich doch wieder an das Schreien
und Rufen gewöhnen.

So verlebten wir noch eine Reihe von angenehmen
heiteren Tagen, bis nicht unerwartet und doch unverhofft
der Abmarschbefehl für mein Regiment anlangte, und
zwar hatte der Aufbruch in sechs Tagen stattzufinden.
Von Stund' an war Hildeburg in ihrem Benehmen verändert. Bald unruhig und zerstreut, bald in sich gekehrt
und über etwas brütend, das sie beschäftigte und drückte,
wechselten ihre Launen unaufhörlich, und als ob sie es
selbst nur zu wohl wüßte, entzog sie sich meist der Gesellschaft, die zuweilen ziemlich zahlreich wurde, je mehr die
Umgebung des erst später wohnlich zu machenden Hauses
zum Aufenthalt im Freien einlud. Indem ich, von dem
veränderten Betragen des Mädchens abermals betroffen,
über dasselbe nachdachte, fühlte ich mich geneigt, die Erscheinung zu meinen Gunsten auszulegen und zu glauben,
nun komme die Reihe, als Abwesender oder gar Verlorener zu glänzen und betrauert zu werden, an meine
werthe Person. Ich überlegte, wie ich mich dazu zu stellen
habe: Ob ich edel gesinnt die Dinge nach Abrede gehen
lassen und dem Rivalen vertrauensvoll das Feld räumen,
oder ob ich den Vortheil benutzen und mit dem Gewicht
der neuen Sachlage dem Zünglein der Waage einen
leichten, aber plötzlichen Stoß geben solle?

Hildeburg selbst schien mir entgegen zu kommen; sie
veranlaßte ihre Eltern, mir zu Ehren ein Abschiedsessen
zu geben, und mich forderte sie bei der Einladung auf,
es so einzurichten, daß ich auch den Abend bleiben könne.
Ein Bett für mich solle trotz der mangelhaften Einrichtung
bereit sein, meinte sie, und vor Gespenstern würde ich
mich wol kaum genieren. Denn es gehe die Rede, daß
in dem älteren Flügel des Hauses etwas nicht richtig sei.

In der That hatten die Dienstboten von einem alten
Gärtner dergleichen Reden gehört und mit eigenen Beobachtungen, die sie zu machen glaubten, ergänzt. Während
der Mahlzeit, welche reich und belebt genug war, gerieth
die Unterhaltung ebenfalls auf diesen Gegenstand. Die
alte Mama beklagte sich über so beunruhigende Herumbietungen, die doch keinen vernünftigen Grund haben
könnten; der alte Herr verwies darauf, daß mit Luft
und Licht und frischer Tünche der neuen Arbeiten
das Unwesen sich wol verziehen werde. Mich aber stach
der Vorwitz, mich wieder einmal der sogenannten Nachtseiten und der jenseitigen Geheimnisse u. s. w. anzunehmen,
und ich kehrte den ernsten Kriegsmann heraus, der auf
nächtlichen Schlachtfeldern und zwischen Tod und Leben
verlernt habe, über dergleichen zu spotten.

Mannelin, der bisher das Gespräch nicht theilnahmswerth gefunden, sah mich ganz verwundert an und fragte
mich treuherzig lachend: „Ob ich noch unter die Geisterseher gehen wolle?“ Hierdurch gereizt, bejahte ich die
Frage kühnlich, sofern ich nur das Glück wirklich haben
sollte, ein Stück der andern Welt jetzt schon kennen zu
lernen; zugleich aber stellte ich ein wenig großthuerisch
in Aussicht, den Dingen in's Gesicht sehen und sie zur
Rede stellen zu wollen, wenn sie anders heran kämen.
Um was sich's eigentlich handle im vorliegenden Falle?
schloß ich meine Prahlerei.

„Es soll ein Poltergeist sein, den man die alte Kratt
nennt!“ sagte Hildeburg halb eingeschüchtert durch meine
Reden, wie wenn sie befürchtete, es möchte am Ende etwas
Wahres aus der Sache werden. Vor achtzig Jahren habe
nachweisbar eine freiherrliche Familie Kratt das Gut besessen; Weiteres habe man noch nicht heraus gebracht,
als daß es nur selten und nur in gewissen Nächten spuke.

Da die Mutter Hildeburg's ein ängstliches und noch
mehr verdrießliches Gesicht zu machen begann über die
Verunzierung des neuen Besitzes und mein Freund
Mannelin sich gleichgültig von dem Gespräch wieder abgewandt hatte, wurde dasselbe fallen gelassen und man
kam nicht mehr darauf zurück. Ich hatte zwei Kameraden
mitgebracht, lustige Donauleute, die sich das gute Leben
im Privatkreise wohl gefallen ließen nach langen Entbehrungen, und es ging den Rest des Tages über sehr
munter zu. Als sie am Abend, da auch die andern Gäste
zurückkehrten, den leichten Wagen vorfahren ließen, in
welchem wir gemeinschaftlich angekommen, schwankte ich
einen Augenblick, ob ich nicht mit ihnen fahren sollte, da
es wegen des bevorstehenden Abmarsches allerlei zu thun
gab und ich mich doch in nichts verfehlen wollte. Ich
brauchte nur Helm und Säbel zu holen und rasch Adieu
zu sagen, d. h. bis zum folgenden Tage. Da stand aber
schon die Hildeburg bei uns auf der Freitreppe und sagte
gleichmüthig: „Ich dachte, Sie würden morgen noch mit
uns im Garten frühstücken; doch lassen Sie sich nicht
abhalten, wenn es nicht angeht. Jedenfalls steht Ihr
Zimmer bereit.“

Natürlich blieb ich nun da; die zwei Oesterreicher
küßten der Dame die Hand, schwangen sich in den Wagen
und fuhren wie die Kugel aus dem Rohre davon, während
ich mit Hildeburg dem leuchtenden Diener in's Haus
zurückfolgte, mit einem geheimen Herzklopfen wegen der
süßen Entscheidung, die ich halbwegs erwartete. Hildeburg
zog sich jedoch bald in die Unsichtbarkeit zurück, und der
Tag endigte für mich damit, daß ich in der Gesellschaft
Mannelin's und von Hildeburg's Vater noch mehrere Gläser
starken Punsches trank, den die Frauen uns hatten anrichten
lassen. Dann plauderte ich noch eine Viertelstunde mit
Mannelin auf seinem Zimmer und folgte endlich etwas
schlaftrunken dem Diener, der mich in die Stube brachte,
wo mein Nachtlager stand. Ich hatte fast Alles vergessen,
was mich vor Stunden noch erregte, und sah das Gemach
nur flüchtig an, in dem ich mich befand. Es schien ein sehr
großes aber niedriges Zimmer, dessen Wände und Decke
mit hölzernem Tafel- und Leistenwerke bekleidet waren.
An den Wänden stand hie und da ein alter Polstersessel
und in einer Ecke ein alterthümliches Himmelbett, das
von allen vier Seiten dunkle Umhänge umgaben. In
der Nähe des Bettes befand sich ein Tisch mit Wasser
u. dgl., auf welchen der Diener seine zwei Leuchter stellte,
eh' er sich zurückzog: weiter war nichts zu erblicken, als
in einer entfernten Ecke, dem Bette schräg gegenüber, eine
alte Schreibcommode mit einem Aufsatz. Dicht dabei befand
sich eines der Fenster, durch welche ein schwaches Mondlicht
in den Raum fiel, und ich sah noch, wie die verdunkelte
Politur des alten Hausrathes das Licht matt reflectirte.
Als ich die Uhr auf den Tisch legte, sah ich, daß es halb
zwölf Uhr war. Das erinnerte mich nochmals an die
Spukgeschichte; da es mir aber jetzt mehr um den Schlaf,
als um ein Abenteuer zu thun war, verließ ich mich
unbedenklich wieder auf Mannelin's guten Verstand, löschte
die Lichter und legte mich, immerhin die Unterkleider
anbehaltend, in das Bett, das übrigens vortrefflich war.
In drei Minuten schlief ich fest; ich glaube, ich dachte
nicht einmal mehr an die geliebte Hildeburg, kann es aber
nicht bestimmt sagen. Mein Leichtsinn nahm diesmal
ein übles Ende.

Ich mochte kaum eine halbe Stunde geschlafen haben,
so wurde ich durch einen schrecklichen Knall oder Fall
geweckt, der mitten im Zimmer erfolgt sein mußte. Ich
sperrte die Augen auf, und halb schwindlig von den aufgestörten Geistern des genossenen Getränkes, von Schlaftrunkenheit und Ueberraschung, suchte ich mich zu besinnen,
was ich denn gehört habe? Es dünkte mich, es könnte
ein schwerer Gegenstand in oder außer dem Zimmer umgestürzt, ebenso gut aber in dem baufälligen Hause oben
oder unten etwas gebrochen sein. Zuletzt aber behielt ich
wieder den Eindruck, daß der Ton in nächster Nähe entstanden sein müsse. Ich sah und horchte hin, aber Nichts
war zu sehen oder zu hören, als der unheimliche Mondglanz auf der dunkeln Schreibcommode. Auf einmal fegt'
und kratzt' etwas hinter der Wand, dicht an meinem Bette.
Ich warf mich herum und starrte; das war nun außer
dem Spaß! Und wie ich starre, fährt mir ein eiskalter
Luftzug über das Gesicht, die Bettvorhänge flattern einen
Augenblick lang hin und her und plötzlich wird mir die
Decke vom Leibe gerissen.

„Donnerwetter!“ rufe ich beklemmt und setze mich
endlich aufrecht, jetzt ganz munter geworden. Es spukte
wahrlich. Ich brachte die Beine aus dem Bett und saß
nun quer auf demselben; mehr vermochte ich nicht zu thun,
weil das Unbekannte trotz der possenhaften Form, in der
es sich ankündigte, lähmend auf meine Glieder wirkte.
Eben dies Possenhafte war ja selbst schreckhaft mit seinem
Höllenhumor. Plötzlich wehen die Gardinen wieder, der
eisige Hauch fährt mir über die linke Seite des Gesichtes
und über den Nacken. Und indem ich mich schüttle, höre
ich dicht hinter mir, wie durch die Wand hindurch, Schritte
schlurfen, eine dünne zitternde Weiberstimme stöhnt etwas
Unverständliches, und indem ich mit neuem Schrecken hinhöre, steht schon einen Schritt links von mir eine gebeugte
graue Weibergestalt mit einer verschollenen Schleiermantille
um den Kopf. Sie muß hinter meinen Bettvorhängen
und aus der Wand hervorgekommen sein. Nur einen
Augenblick steht sie still, um Athem zu schöpfen; denn sie
keucht wie eine engbrüstige Alte, die treppauf und nieder
und durch lange Corridore gegangen ist. Dann schlurft
sie mit klatschenden Pantoffeln weiter, schräg über den
Zimmerboden, auf die Schreibcommode zu, vor der sie
anhält. Mit einer leichenblassen Hand tastet sie an dem
alten Möbel herum, wie wenn sie das Schlüsselloch suchte;
ich sehe die gespreizten mageren Finger herumfahren.
Richtig zieht sie einen Bund kleiner Schlüssel hervor, sucht
einen derselben aus, steckt ihn in das Schlüsselloch und
schließt die Schreibklappe auf. Unmittelbar darauf zieht
sie mit sicherem Griff eines von den vielen Schieblädchen
des Innern ganz heraus, guckt in die leere Oeffnung und
fährt mit der Hand hinein. Ich höre dort abermals ein
Schlüsselchen umdrehen und sehe die Gestalt ein zweites
verborgenes Fach hervorziehen, aus welchem sie hastig ein
Packet nimmt, es öffnet und ein darin liegendes Papier
entfaltet, in welchem ein drittes enthalten ist, das sie
wiederum auseinanderschlägt. Dies Alles sah ich im
Zwielicht des Mondes, der durch das Fenster scheint.
Und weiter sah ich deutlich, wie die alte Frau ein anderes
Lädchen zieht, ein Etwas aus demselben nimmt, das ein
Radirmesser sein muß; denn sie bückt sich tiefer auf das
aufgeschlagene Papier, das jetzt einen stattlichen Foliobogen
darstellt, und liest darin, liest, nachdem das Gespenst
eine Brille aufgesetzt hat, einen veritablen Nasenklemmer!
Jetzt setzt sie den Finger auf eine Stelle und fängt an,
etwas auszuradiren. Obgleich sie mir den Rücken zukehrt,
erkenne ich doch jede Bewegung. Sie keucht bei der Arbeit
mit stärkeren Athemzügen, die in der Kehle wie boshafte
Geister einander zu drängen und zu kratzen scheinen: sie
bläst das Abgeschabte weg, hustet wie ein alter schwindsüchtiger Notarius publicus, bläst wieder, fährt mit dem
Finger über die radirte Stelle und schabt abermals. Endlich scheint die Arbeit gelungen zu sein; ein niederträchtiges,
kurzes, heiseres Gelächter mit hi, hi, hi dringt mir durch
Mark und Bein, und ohne mich rühren zu können, denke
ich doch: Hier ist einstmals ein Vertrag gefälscht, ein
Geburtsrecht, ein Erbe, ein Lebensglück gestohlen worden!

Plötzlich wird das Messerchen wieder hingelegt, wo es
genommen worden, mit der scheinbaren historischen Natürlichkeit solcher Dämonen, das Papier oder die Urkunde
zusammengefaltet, ein's in's andere gelegt und ein Schubfach nach dem andern zugestoßen, die Klappe zugeschlagen
und verschlossen. Plötzlich dreht sich die Gestalt um und
schleppt sich nach der Richtung hin zurück, wo ich reglos
sitze, bis sie beinahe dicht vor mir still steht und mich
anschaut. Nie vergesse ich das infame Hexengesicht, obschon es nur seitwärts vom Monde gestreift wurde und
der größte Theil im Schatten lag. Nase, Kinn, der Mund,
alles grinste wie in blühendem Leichenwachs ausgeprägt
mir entgegen, voll Hohn und Grimm, wie das dunkle
Feuer in den doch unkenntlichen Augen. Ich war in
Kartätschenfeuer geritten, das mir wie Zephirsäuseln vorkam gegen die Schauerlichkeit, die mich jetzt übernahm.
Was hatte ich mit diesem verfluchten Wesen zu schaffen,
dem ich nie ein Leides gethan? Was sollte das für eine
Vernunft in der Welt sein, wo ein beherzter ehrlicher
Kerl macht- und wehrlos dem wesenlosen Scheusal gegenüber da saß und bei der geringsten Bewegung vielleicht
durch die Schrecken der Ewigkeit um Gesundheit und Leben
kam? Dergleichen verworrenes Zeug schwirrte mir durch
den Kopf, als das Gespenst mich anschaute; ich fühlte,
wie das Haar mir zu Berge stand, der Athem versagte
mir und ich konnte gleich Einem, den der Alp drückt, nur
noch rufen: „Die alte Kratt!“ als mir für einen Moment
die Sehkraft und Besinnung schwand. Eine Minute später
war die Erscheinung verschwunden. Selbstverständlich schlug
jetzt, zur Vollendung des Spukes, auch noch die erste Stunde
nach Mitternacht an einer entfernten Thurmuhr. Als das
bekannte wohlthätige Eins gehörig verhallt war, wagte
ich endlich, mich zu rühren und suchte Licht zu machen.
Die Leuchter standen da, aber ich fand kein Feuerzeug;
so blieb mir nichts übrig, als mich zu Bette zu legen,
und ich spürte bei dieser Gelegenheit die Bettdecke, die
auf dem Boden lag. Ich nahm sie an mich und sobald
ich mich wieder horizontal ausgestreckt und nichts Verdächtiges mehr geschah, schlief ich ein und erwachte, als
es schon lange Tag war. Erst jetzt stellte ich einige
Untersuchungen an. Die Thüre, die sichtbar einzig in's
Zimmer führte, war noch von innen verschlossen, und der
besondere altmodische Riegel, der über dem Schlosse angebracht, überdies vorgeschoben. Die Schreibcommode war
am Tage ein ganz gemüthliches Möbel. Auf dem Pultdeckel oder der Klappe war von buntem Holze eine Landschaft eingelegt. Aus einem See ragte eine Insel mit
einem Schloß, und auf dem Wasser saßen zwei Herren
mit langen Perrücken und kleinen Dreieckhütchen in einem
Nachen und schossen auf Enten. Im Vordergrunde standen
ein paar ruinirte Tempelsäulen, unter welchen ein dritter
Herr mit hohem Rohrstocke tiefsinnig promenirte; alles
so idyllisch und unverfänglich als möglich. Was mich
aber am meisten wunderte, war ein Schlüssel, der ruhig
im Schlosse stak, während ich doch deutlich den Schlüsselbund klirren und den Schlüssel des Gespenstes umdrehen
und ausziehen gehört hatte. Ich machte die Klappe auf
und sah die Schublädchen, zog eines nach dem anderen
auf, aber alle waren leer, kein Radirmesser und nichts.
Auch das geheime Fach fand sich mit seinem Schlüsselchen,
es war auch leer, und ich hatte doch das Packet und die
Papiere gesehen.

Es blieb also nur noch die Umgebung des Bettes zu
untersuchen. Dasselbe stand mit dem Kopfende eine gute
Spanne von der Wand entfernt, so daß zwischen der
Gardine und der Wand allerdings Jemand, der nicht zu
dick war, sich mit Noth dort durchwinden konnte. Als
ich jedoch die schwere Bettstelle mit Mühe etwas weggerückt hatte, fand ich ringsum nichts als das gleiche
Holzgetäfel, wie es überall die Wände und auch die Decke
bekleidete. Von einer Ursache des Knalles konnte ich
auch nirgends eine Spur entdecken.

Desto ernster erneuerte sich der Eindruck des Gesehenen;
die schnurrige und widerwärtige Seite des Spukes trat
zurück vor der Ahnung der endlosen Unruhe einer Seelensubstanz, für die sich, wenn dies Landhaus einst lange
vom Erdboden verschwunden sein wird, dasselbe stets
wieder aufbaut mit dem alten Zimmer und der Commode,
in welcher die verbrecherischen Papiere liegen, sowie auch
der Schlüsselbund und das Radirmesser immer vorhanden,
obschon sie vom Roste längst aufgelöst sind. Ich grübelte
über diese furchtbare Existenz und Fortdauer in der
bloßen Vorstellung, deren reale Natur jedem Einzelnen
dereinst noch schrecklich klar werden könnte, und da der
Tod in den Kriegszeiten mir als einem Soldaten so zu
sagen zur Seite stand, dachte ich über mich selbst nach,
über meinen Leichtsinn und dies oder jenes, was ich
verfehlt haben mochte. Erst jetzt, da ich keine Wahl
mehr hatte, beschwerte mich die übersinnliche Jenseitigkeit
mit ihren dunklen Schatten, und ich empfand ein Heimweh wie nach einem Beichtvater, während ich den Säbel
umschnallte und die Gesellschaft aufsuchte, welche eben in
einer Laube beim Frühstücke saß.

Man sprach eben von dem nächtlichen Knall, der
demnach im ganzen Hause gehört worden war, und da
ich mit düsterem Gesicht hinzutrat und mich erst schweigend
verhielt, wurde die Stimmung noch betroffener und verlegener. Befragt, ob ich es auch gehört, bejahte ich ohne
Weiteres hinzuzufügen, da ich die Familie nicht erschrecken
mochte und es der Zeit und dem Gespenste selbst überließ,
die Herrschaft mit den Merkwürdigkeiten dieses Hauses
bekannt zu machen. Erst als ich mit Hildeburg und
Mannelin vor meinem Weggehen noch etwas auf und
nieder ging und die Erstere zu mir sagte: „Was ist
Ihnen denn, daß Sie so ernst und schweigsam sind?“
antwortete ich unwillkürlich: „Was wird es sein? die
alte Kratt hab' ich gesehen!“

„Und haben Sie mit ihr gesprochen?“

Sie sagte das mit unbefangenem Lachen, wie man
thut, wenn man etwas für einen Scherz hält. Doch sah
sie mich dabei aufmerksam an. Ich antwortete nicht
darauf, zumal Mannelin mich ebenfalls erstaunt anblickte
und ich nicht aufgelegt war, eine Disputation mit ihm
zu bestehen. Da der Kutscher bereit war, mich nach der
Stadt zu fahren, nahm ich mit dem Versprechen Abschied,
am nächsten Tage noch ein letztes Mal zu kommen, und
fuhr nicht mit leichtem Herzen weg. Der Geisterbesuch,
die Trennung von dem anziehenden und trefflichen Mädchen,
die Ungewißheit der Zukunft und auch der Umstand, daß
Mannelin allein bei Hildeburg zurückblieb, alles trug
dazu bei, meine Gedanken trüb und schwer zu machen.

Ich will nur gleich den chronologischen Verlauf zu
Ende erzählen. Nach meiner Abfahrt setzten Hildeburg
und Mannelin die Gartenpromenade fort, und erst jetzt
drückte der Freund seine mit einigem Unwillen vermischte
Besorgniß über den Stand meiner geistigen und körperlichen Gesundheit aus, da ich nicht nur von Gewissensfurcht, sondern sogar von förmlichen Hallucinationen geplagt scheine. Es wäre schade für mich, wenn ich in dem
krankhaften Wesen weiter dahin lebte und Fortschritte
machte, und er frage sich, ob er mich nicht zur Einholung
eines Urlaubes veranlassen und an den bewußten Badeort mit sich nehmen solle. Offenbar hätten die Kriegserlebnisse meinem beweglichen Wesen nicht gut gethan u. s. w.

Hildeburg erwiderte nachdenklich, ob er denn so sicher
wisse, daß nur Täuschung sei, was ich gesehen zu haben
vorgebe? Ihres Theiles befürchte sie, allerdings gegen
alle Vernunft, daß doch dies oder jenes möglich sein
könnte, und für diesen Fall wäre es ihr mehr um die
Eltern zu thun, sowie um die übrigen Verwandten und
Freunde, denen der Aufenthalt in dem verrufenen Gebäude kein Vergnügen mehr machen würde. Die Vornahme der baulichen Wiederherstellungen schiene unter
solchen Umständen geradezu nicht mehr rathsam, und dergleichen mehr.

Jetzt schaute Mannelin die Sprecherin mit ebenso
besorgtem als liebevollem Blicke an. Ihn bekümmerte,
daß sie solchem Unsinn zugänglich schien. Sie las die
Sorgen in seinen Augen und blickte wahrscheinlich hierfür
wieder dankbar zurück; doch verharrte sie in ihrem Zweifel
und sagte nach fernerem Nachdenken:

„Ich muß doch wenigstens wissen, ob Andere in dem
alten Gemache eine ähnliche Erfahrung machen, oder ob
es wirklich nur der Rittmeister ist, der etwas sieht. Ich
werde den Johann beauftragen, dort eine Nacht zuzubringen.“

„Der alte Johann“, sagte Mannelin, „wird natürlich
so viele Geister sehen, als man wünscht oder fürchtet!
Wenn Sie einen zuverlässigen Bericht wollen, so lassen
Sie die Stube für mich zurecht machen! Ich will mich in
Gottes Namen der curiosen Aufgabe unterziehen, wenn
durchaus etwas geschehen soll!“

„Sie?“ rief Hildeburg, „nein, Sie dürfen es nicht
thun! Sie sind mir zu gut dazu! Wenn dennoch etwas
an der Sache wäre, so könnte der Eindruck auf Sie
gerade noch ein viel stärkerer sein, als bei unserem
Freunde, und Ihnen ernstlich schaden!“

Mannelin blieb aber bei seinem Vorsatze, und so ließ
er sich, als gegen elf Uhr man allerseits schlafen ging,
in das Gemach leuchten, in welchem ich die letzte Nacht
zugebracht hatte.

„Wollen Sie nicht wenigstens Ihren Degen und die
Pistolen mitnehmen?“ sagte der Diener, der aus dem
früheren Zimmer die nöthigen Sachen trug und von dem
Vorhaben unterrichtet war.

„Nein!“ antwortete Mannelin; „gegen Geister würden
die Waffen nichts helfen, und wenn allenfalls lebendige
Leute einen Unfug treiben, so muß man nicht gleich Blut
vergießen!“

Genug, mein Mannelin befand sich endlich, gleich mir,
allein in dem unheimlichen Zimmer. Er ging mit dem
Leuchter darin herum, verriegelte die Thüre und legte
sich halbangekleidet zu Bett, nachdem er den Tisch an
dasselbe gerückt. Dann las er eine Stunde oder länger,
bis es am Thurme Mitternacht schlug. Dann klappte er
das Buch zu und horchte noch eine Weile mit offenen
Augen. Als aber alles still blieb, wurde ihm das Ding
langweilig; er löschte das Licht, legte sich auf die Seite
und schlief ein. Kaum hatte er einige Minuten geschlafen,
so erfolgte zwar kein Knall, wie gestern, allein es klopfte
dicht hinter ihm an die Wand, ein altes Mütterchen sagte
vernehmlich: „Ja, ja!“ der kalte Luftzug strich über sein
Gesicht, die Gardinen flatterten und die Decke flog weg.
Und indem Mannelin sich besann, aber ganz ruhig liegen
blieb, wie wenn er nichts merkte, sah er schon die alte
Kratt in der Mitte des Zimmers gegen die Fensterecke
zuschlurfen, wo die Commode stand und der Mond schien,
wie gestern. Er war jetzt doch ziemlich überrascht, und
das Herz klopfte ihm bedeutend, weil er die Natur und
Tragweite des Abenteuers nicht kannte. Aber wie der
Jäger, von einem Thiere überrascht, sein Gewehrschloß
schnell in Ordnung bringt, stellte Mannelin geschwind
seine Gedanken in eine kleine Reihe, als ob es Polizeileute wären, und sich selbst an ihre Spitze. Ohne sich
zu rühren, folgte er der Erscheinung aufmerksam mit den
Augen und sah, wie sie an der Commode tastete und die
Klappe öffnete, kurz alles that, wie ich es gesehen. Als
sie nun auf dem Papiere radirte, war er schon leise aufgestanden und ihr auf unhörbaren Socken nachgeschlichen
und stand hinter ihrem Rücken. Das grauenhafte buckelige
Weibchen kratzte, schaute, keuchte und hustete und blies
den Staub weg, kurz war so geschäftig wie der Teufel,
und Mannelin guckte dem Gespenste still über die Schulter,
bis es fertig war und sein schändliches heiseres Gelächter
aufschlug. Da sagte er plötzlich:

„Na, Frauchen, was treiben Sie denn da?“

Wie eine Schlange schnellte das Gespenst empor und
stand wohl um einen Kopf höher als vorher ihm gegenüber. Mit dem schrecklichen Gesichte starrte sie ihm entgegen; aber schon hatte er die Hand auf ihre Schultern
gelegt; dann packte er sie unversehens um die Hüfte, um
sie in die Gewalt zu bekommen und die graue Mantille
wegzuziehen. Er fühlte einen allerdings schlangenförmigen,
aber sehr lebenswarmen Körper, und da sie sich jetzt in
seinen Armen hin und her wand und mit dem Leichengesicht nahe kam, faßte er unerschrocken die im Monde
glänzende schreckliche Nase und behielt eine abfallende
Wachsmaske in der Hand, während Hildeburg's feines
Gesicht zu ihm emporlächelte. Leider küßte er es sogleich
zu verschiedenen Malen und an verschiedenen Stellen,
beschränkte sich aber doch endlich auf den Mund, nachdem
derselbe ein unhöfliches: „Du lieber Kerl!“ ausgestoßen
hatte. Schließlich ließen sie sich auf einen Stuhl nieder,
das heißt, Mannelin saß darauf und Hildeburg auf
seinen Knieen. Ich will nicht untersuchen, ob es nicht
anständiger gewesen wäre, wenn sie einen zweiten Stuhl
herbeigeholt hätten; die Außerordentlichkeit des Abenteuers
und die einsame Nachtstille mögen zur Entschuldigung
dienen; ich will nur die Thatsache meines Suppliciums
erhärten: Alles das wäre mein gewesen, wenn ich in der
vorigen Nacht den einfachen Verstand des verfluchten
Duckmäusers besessen hätte!

Denn in seinem Arme ruhend erklärte sie ihm nun
den Handel. Sie habe, seit wir Beide wieder in ihrer
Nähe gewesen, ihre Lage nicht länger ertragen und doch
auch nicht zur früheren Entsagung so ohne Weiteres
zurückkehren mögen, und da sie die unglückliche Doppelliebe längst als eine unwürdige Krankheit erkannt,
beschlossen, sich durch gewaltsame Wahl zu heilen. Die
Idee der Ausführung sei ihr plötzlich durch das Gerede
von der Spukgeschichte gekommen. Demjenigen von uns
Beiden, welcher dem Gespenste gegenüber den größeren
Muth erweise, wolle sie sich ergeben und den andern freilassen; denn daß sie uns Beide gefangen halte, habe sie
wohl gewußt. Nun habe sich die Verwirrung so klar
ausgeschieden, wie wir Alle nur wünschen könnten. Ich,
der Rittmeister, so brav ich sei, habe der göttlichen Vernunft manquirt im rechten Augenblick; Mannelin sei ihr
treu geblieben ohne Wanken, und sie trage ihm daher
Herz und Hand an u. s. w. u. s. w. muß ich abermals
sagen, um das Unerträgliche nach so viel Jahren noch
abzukürzen. Sie wurden in der Nacht noch Handels
einig, daß sie heimlich verlobt sein wollten, bis der Augenblick gekommen sei, wo Mannelin bei ihren Eltern um
sie werben könne.

Diese artigen Vorgänge wurden mir in einer Geheimsitzung, die zu Dritt stattfand, am andern Tage feierlich
eröffnet, als ich zum letzten Male hinausritt. Ich hatte
ahnungsvoll das raschere Pferd gewählt, da ich jetzt um
so unaufhaltsamer wieder davon galopiren konnte. Vorher
mußte ich jedoch mit dem Pärchen den Weg begehen, den
Hildeburg als Gespenst gemacht hatte. Ich will nicht
weitläufig beschreiben, wie schlau sie alles angestellt; wie
sie den Knall einfach dadurch hervorgebracht, daß sie auf
dem Boden über dem alten Zimmer einen wackeligen
leeren Schrank mittelst einer Hebelstange umgestürzt, ihn
freilich nachher nicht mehr aufrichten konnte, weshalb
auch in der zweiten Nacht die Detonation unterblieb; wie
aus einem verborgenen Vorraume das Heizloch eines
ehemaligen Ofens in das Zimmer ging und von einem
verschiebbaren Felde des Holzgetäfels verdeckt war, das
Gespenst aber eben dort durchkriechen und hinter den
Bettvorhängen hervorschlüpfen konnte; wie sie die Bettdecke
mittelst eines Schnurgeschlinges wegziehen konnte, das
in den Falten der Gardinen versteckt hing; wie sie den
kalten Durchzug verursachte, indem sie im besagten Vorraume ein nach Norden gehendes Fenster sperrweit öffnete,
im Zimmer aber schon vorher den oberen Flügel eines
nach Osten gehenden Fensters aufgethan hatte, so daß im
Augenblicke, wo sie das alte Ofenloch frei machte, die
Luft durchstrich; wie sie den Charakter der Gespensterrolle mit merkwürdiger Phantasie ausstudiert, und zwar
in der größten Schnelligkeit: das erklärte sie uns jetzt
Schritt für Schritt, damit ja kein Zweifel übrig blieb,
und besonders mich ermahnte sie auf dem Passionswege
wiederholt, gewissermaßen bei jeder Station, doch nicht
mehr so leichtgläubig zu sein. Dabei hing sie sich zuweilen traulich an meinen Arm, so daß mir nichts übrig
blieb, als das Gesicht eines Ideals von Esel dazu zu
schneiden und fromme Miene zum bösen Spiel zu machen.

Zum Ueberflusse mußte auch noch das Traurigste,
was es gibt, der Zufall, sein Siegel darauf drücken. Um
ganz unparteiisch zu verfahren, hatte das gute Mädchen
vorher im Stillen das Loos gezogen, welchen von den
zwei Liebhabern sie zuerst der Prüfung unterwerfen solle;
denn, sagte sie, mancher zufällige Umstand konnte auf
das Ergebniß von Einfluß sein, die Verschiedenheit des
Wetters, der Mondhelle, des körperlichen Befindens und
der Gemüthsstimmung konnte eine veränderte Urtheilskraft
bedingen, wie ich denn auch geschehenermaßen am Tage
vor meiner Prüfungsnacht mehr Getränke zu mir genommen, als der Andere zu seiner Stunde wegen Mangel
an Gesellschaft habe thun können, da ich ja fortgewesen
sei! Also genau wie beim Pferderennen, wo bis auf's
Kleinste Alles verglichen und abgewogen wird!

Daß durch den Sieg meines Nebenbuhlers trotz des
technisch untadelhaften Verfahrens ihren geheimsten Wünschen besser entsprochen worden sei, als wenn ich gesiegt
hätte, daran durfte ich schon damals nicht zweifeln. Denn
sie schien von Stund an von jeder Last befreit und ungetheilten leichten Herzens zu leben, welches hat, was es
wünscht.

„Das ist die Geschichte von Hildeburg's Männerwahl,
bei der ich unterlegen bin“, schloß der Oberst, und rasch
gegen Reinhart gewendet sagte er:

„Wissen Sie, wie sie eigentlich hieß? Denn Hildeburg
wurde sie nur von Mannelin und mir genannt, wenn
wir am dritten Orte von ihr sprachen. Sonst aber hieß
sie Else Morland, später Frau Professorin Reinhart und
wird demnach Ihre Frau Mutter sein! Lebt sie noch?
Und wie geht's ihr?“

Für erwachsene junge Leute ist es immer eine gewisse
Verlegenheit, von den Liebesgeschichten zu hören, welche
der Heirath der Eltern vorausgegangen. Die Erzeuger
stehen ihnen so hoch, daß sie nur ungern dieselben in der
Vorzeit auf den gleichen menschlichen Wegen wandeln
sehen, auf denen sie selbst begriffen sind. Auch Reinhart
saß jetzt in nicht angenehmer Ueberraschung und war ganz
roth, da die Laune, in welcher er sich seit zwei Tagen
bewegte, sich gegen ihn selbst zu kehren schien. Ein par
Mal während der Erzählung des alten Herrn hatte es
ihm vorkommen wollen, als ob es sich um Bekanntes oder
Geahntes handle; doch war das vorübergegangen, wie
man oft nicht merkt oder nicht erkennt, was einen am
nächsten angeht. Zu der seltsamen Entdeckung trat ein
noch seltsamerer Eifer der Selbstsucht, als er bedachte,
wie nahe die Gefahr gestanden habe, daß ein anderer als
sein Vater die Mama bekommen hätte, und was wäre alsdann aus ihm, dem Sohne geworden? Und was war er
jetzt anderes als der Sohn der willkürlichsten Manneswahl
einer übermüthigen Jungfrau? Nun, Gott sei Dank, war
es wenigstens seine Mutter und sein Vater! Es hätte
können schlimmer ausfallen! Wie denn schlimmer, du
Dummkopf? Gar nicht wäre es dann ausgefallen!

Dergleichen Gedanken fuhren ihm in rascher Folge
durch den Sinn, bis er die Augen aufschlug und sah,
wie Lucie behaglich in ihrem Gartenstuhle lehnte, die
Arme übereinander gelegt und die Augen in voller Heiterkeit auf ihn gerichtet hielt. Das ganze Gesicht war so
heiter, wie der Himmel, wenn er vollkommen wolkenlos ist.

„Trösten Sie ich mit dem Evangelium,“ sagte sie,
„wo es heißt: Ihr habt mich nicht erwählet, sondern ich
habe euch erwählet!“

„Schönsten Dank für den Rath!“ erwiderte Reinhart,
durch den Sonnenschein in ihren Augen zum Lachen verführt; „ich begreife und würdige durchaus die Genugthuung, die Ihnen die Erzählung des Herrn Oberst verschafft ! Daß ich in meinem eigenen Papa geschlagen würde,
hätte ich allerdings nicht geglaubt!“

„Wie undankbar! Seien Sie doch stolz auf Ihren
Herrn Vater, der meinen so vortrefflichen Onkel hier
besiegt hat! Wie vortrefflich muß er selbst sein! Ich bin
wahrlich ein bischen verliebt in ihn nur vom Hörensagen!
Ist er noch so hübsch blond?“

„Er ist schon lange grau, aber es steht ihm gut.“

„Und die Mutter?" warf jetzt der Oberst dazwischen,
„ist sie auch grau, oder noch schwarz und schlank wie
dazumal?“

„Dunkelhäuptig ist sie noch und schlank auch, aber
nur dem Geiste nach; ich glaube nicht, daß sie jetzt noch
durch das Ofenloch und zwischen Bett und Wand hervorschlüpfen könnte.“

„Ich möchte sie doch nochmals sehen und den Mannelin
auch“, sagte der Oheim Lucien's mit weicher Stimme.
„Ich fühle mich ganz versöhnlich und verzuckert im Gemüth!“

„Und mich empfehlen Sie wol gütigst der Mama,
wenn Sie ihr schreiben?“ sagte das Fräulein mit einem
anmuthigen Knicks; „oder werden Sie nichts von Ihrer
kleinen Reise und den hiesigen Ereignissen sagen?“

„Ich werde es gewiß nicht unterlassen, schon weil
ich trachten muß, den Herrn Oberst und vielleicht auch
die Nichte mit gutem Glück einmal hinzulocken, wo die
Eltern wohnen.“

„Das thun Sie ja! Sie werden auch sicher gelegentlich
hören, daß wir unversehens dort gewesen sind, nicht wahr,
lieber Onkel?“

„Sobald ich wieder fest auf den Füßen bin,“ rief
dieser, „werden wir die lang geplante Reise machen und
alsdann die alten Freunde im Vorbeigehen aufsuchen.“

„Jetzt fällt mir erst ein,“ sagte Reinhart, „daß unser
seit mehr als dreißig Jahren neuerbautes Landhaus an
der Stelle des alten Gebäudes stehen wird, das die Großeltern Morland gekauft hatten! Da können Sie auch
darin rumoren, wenn Sie kommen, Fräulein Lucie!“

„Sobald ich in zwei Männer zugleich verliebt bin,
werde ich mir damit helfen!“ erwiderte sie ausweichend,
und Reinhart bereute sein unbedachtes Wort; wenn eine
feine Seele auf nachtwandlerischem Pfade einer neuen
Bestimmung zuschreitet und aus sich selbst freundlich ist,
so darf man sie nicht mit zutäppischen Anmuthungen aufschrecken.

Der heitere Glanz ihres Gesichtes war zum Theil
erloschen, als die kleine Gesellschaft sich jetzt erhob.
Reinhart sprach von seiner Abreise, sowol aus Schicklichkeit als in einer Anwandlung von Kleinmuth, und erbat
sich Urlaub, um die nöthigen Anstalten zu treffen. Der
alte Herr widersetzte sich.

„Sie müssen wenigstens noch einen Tag bleiben!“ rief
er; „an den par Stunden, die ich mit Ihnen zugebracht,
habe ich vorläufig nicht genug, und über das Zukünftige
sprechen wir noch weiter. Das unverhoffte Vergnügen,
an meine jungen Tage wieder anzuknüpfen, lasse ich mir
nicht so leicht vereiteln!“

„So Plötzlich wird Herr Reinhart nicht gehen können“,
sagte jetzt Lucie; „denn sein Pferd ist in der Frühe mit
unseren Pferden auf die Weide hinauf gelaufen und soll
dort drollige Sprünge machen. Es kann also heute
Niemand weder fahren noch reiten bei uns, es müßte
denn strenger Befehl ergehen, die Thiere heimzuholen.“

„Nichts da!“ versetzte der Oberst; „dem armen Leihpferd ist es auch zu gönnen, wenn es einen guten Tag
hat. Jetzt will ich mich für eine Stunde zurückziehen
und sehen, ob meine Zeitungen angekommen sind. Soll
ich Ihnen auch welche schicken, Sohn Hildeburg's?“

„Zeitungen werden für Ihre angegriffenen Augen
schwerlich gut sein“, sagte Lucie; „wenn Sie lesen wollen,
so holen sie sich lieber irgend ein altes Buch mit großem
Druck, Sie wissen ja wo, und bleiben Sie dort im
kühlen Schatten oder gehen Sie damit unter die Bäume!
Ich muß jetzt leider ein bischen nach der Wirthschaft
sehen!“

Luciens Sorge für seine Augen, deren Zustand er
beinahe selbst vergessen hatte, that ihm so wohl, daß er
sich ohne Widerrede fügte und nach ihrem Bücher- und
Arbeitszimmer ging, nachdem die drei Personen sich getrennt. Er griff das erste beste Buch, ohne es anzusehen,
von einem Regale herunter, und da es in dem Zimmer
ihm nicht ganz geheuer dünkte, begab er sich in den
Vexierwald hinaus, durch welchen er hergekommen war.
Dort bemächtigte sich seiner immer mehr ein gedrücktes
Wesen, das sich zuletzt in dem Seufzer Luft machte:
Wär' ich doch in meinen vier Wänden geblieben! Nicht
nur die vernommene Kunde von den ganz ungewöhnlichen
Jugendthaten seiner Mutter, die Anwesenheit eines Liebhabers und Rivalen seines Vaters, sondern auch der
ungebührlich wachsende Eindruck, den Lucie auf ihn machte,
verwirrten und verdüsterten ihm das Gemüth. Das
waren ja Teufelsgeschichten! Der Verlust seiner goldenen
Freiheit und Unbefangenheit, der im Anzuge war, wollte
ihm fast das Herz abdrücken. Man sieht ja, dachte er,
welchen Werth sie darauf legen, obenauf zu sein! Da
lob' ich mir die ruhige Wahl eines stillen, sanften, abhängigen Weibchens, das uns nicht des Verstandes beraubt!
Aber freilich, das sind meistens solche, die roth werden,
wenn sie küssen, aber nicht lachen! Zum Lachen braucht
es immer ein wenig Geist; das Thier lacht nicht!

Auf diese Art brachte er die Zeit zu, und als er in
das Haus zurückkehrte, traf er zum Ueberflusse die Pfarrfamilie, welche auf Besuch gekommen war, um das
Ereigniß gerade seiner Erscheinung weiter zu betrachten
und nach der Wirkung zu forschen, welche dieselbe unter
den großen Platanen am Berge zurückgelassen habe. Das
Pfarrerstöchterchen erröthete über und über, da er dem
Mädchen im blauen Seidenkleidchen die Hand gab, und
Lucie, welcher er die Geschichte erzählt hatte, blickte ihn
mit heller Schadenfreude an, die aber in ihren Augen so
gutartig und schön war, wie in andern Augen das
wärmste Wohlwollen. Ueber diesem Besuche verging der
Tag in anhaltendem Geräusch und Gespräch; die Pfarrleute duldeten nicht, daß man sie eine Minute ohne Rede
und Antwort ließ, oder sich einer Zerstreuung hingab.
Da der Oberst sich auf Grund seiner schlechten Gesundheit zeitig unsichtbar machte und Lucie das Töchterlein
mehrmals entführte, um ihr allerlei Anpflanzungen zu
zeigen, blieb Reinhart zuletzt allein übrig, den Eltern
Stand zu halten, und als gegen Abend die Familie mit
ihrer Kutsche abgefahren war, schien eine Mühle abgestellt zu sein.

„Ich bewundere Ihre Geduld,“ sagte Lucie, als sie
nun allein waren, „mit der Sie den guten Leuten zugehört und Bescheid gegeben haben.“

„Hab' ich denn wirklich so geduldig ausgesehen?“
fragte Reinhart verwundert; er hatte nicht das beste
Gewissen, weil er die guten Menschen innerlich dahin
gewünscht, wo der Pfeffer wächst.

„Vortrefflich haben Sie ausgesehen! Glauben Sie
nur, man ist immer etwas besser, als man es Wort
haben will! Zur Belohnung sollen Sie eine gute Tasse
Thee bekommen und meine Mädchen wieder spinnen sehen!
Wein gebe ich Ihnen nicht mehr; denn Sie haben bei
Tische schon etwas mehr in den heimlichen Zorn hinein
getrunken, als für Ihre Augen gut war.“

„Nun soll ich doch wieder zornig gewesen sein?“

„Ja freilich! Um so rühmlicher ist die nachherige
Selbstbeherrschung und Geduld!“

Als es dunkel und der Thee getrunken war, nahmen
die Mädchen wirklich ihre Rädchen und spannen noch
eine Stunde. Das Schnurren, sowie das zwanglose und
friedliche Gespräch, das man zuweilen wie zum Spaße
beinahe ausgehen ließ, um es doch gemächlich wieder
anzubinden, beruhigten vollends die aufgeregten Geister
in Reinharts Brust, so daß er zuletzt sich häuslich mit
der Lampe beschäftigte, die nicht hell brennen wollte,
und dabei plauderte, indessen Lucie ihm vergnüglich
zuschaute.

In guter Laune zog er ab, als Alles zu Bett ging,
und nahm vermuthlich aus Versehen das Buch mit, das
er aus Luciens Zimmer geholt und bis jetzt noch nicht
aufgeschlagen hatte. Erst auf seinem Gastzimmer that
er es und sah, daß es eine Geschichte von Seefahrten
und Eroberungen des siebzehnten Jahrhunderts war. Das
Buch mußte seiner Zeit fleißig gelesen worden sein, da es
zum zweiten Male gebunden worden. Denn viele Blätter
klebten von der Farbe des bunten Schnittes zusammen,
und als Reinhart zwei solche von einander löste, lag ein
Blättchen altes Papier dazwischen mit vergilbter Schrift
bedeckt. An einem Junimorgen des Jahres 1732 schrieb
eine Dame in französischer Sprache an eine andere:
„Liebste Freundin! Lesen Sie die artige kleine Geschichte,
die ich hier angestrichen habe! Guten Tag! Ihre getreue
Freundin J. Morgens 9 Uhr.“ Dies Briefchen mußte
der Buchbinder, der den neuen Einband gemacht, nicht
gesehen haben, denn es war mit eingebunden und seither
von keinem Auge mehr erblickt worden. Daneben war
in der That eine halbe Seite des Buchtextes mit Rothstein
angestrichen, der sich auch auf dem gegenüberstehenden
Blatte abgedruckt hatte, so daß Reinhart nicht wußte,
welche der beiden bezeichneten Stellen galt. Dennoch
wunderte ihn, was an jenem Junimorgen vor hundert
und zwanzig oder mehr Jahren die verschollene Dame so
piquirte, daß sie das Buch der Freundin schickte. Er las
daher auf beiden Seiten und fand eine allerdings seltsame
Heirathsanekdote, die ohne Zweifel das war, was die zwei
Damen beschäftigt hatte. Das Histörchen gefiel auch
Reinharten, und weil er doch keinen Schlaf verspürte,
spann und malte er den größten Theil der Nacht hindurch
das Geschichtchen aus und nahm sich vor, es vorzutragen,
sofern nochmals eine Erzählerei stattfinden sollte. Es
schien ihm nämlich prächtig zur Abwehr gegen die Ueberhebung des ebenbürtigen Frauengeschlechts zu taugen.

Elftes Capitel.
Don Correa.

Wie wenn sie Reinhart's Vorsatz und Vorbereitung
gekannt hätte, sagte Lucie am Morgen, als die drei
Personen wieder unter den Platanen am Brunnen saßen:
„Heute werden wir leider die Zeit ohne Geschichtserzählungen verbringen müssen, wenn der Onkel nicht
dennoch eine zweite Hildeburg erfahren hat oder Herr
Ludwig Reinhart noch eine dritte Treppenheirath kennt.“

„Behüt' uns Gott“, lachte und murrte der Onkel
durcheinander, „vor einer zweiten Schmach jener Art.
Ich hatte ein für allemal genug!“

„Und was mich betrifft,“ nahm Reinhart das Wort,
„so kenne ich einen dritten Fall von der Treppe herrührender Vermählung freilich nicht, dafür aber einen
Fall, wo ein vornehmer und sehr namhafter Mann seine
namenlose Gattin buchstäblich vom Boden aufgelesen hat
und glücklich mit ihr geworden ist!“

„Wie herrlich!“ rief Lucie fröhlich lachend, weniger
aus Muthwillen als vor Vergnügen und Neugierde, zu
erfahren, was jener abermals vorzubringen wisse. „Am
Ende“, fügte sie hinzu, „gerathen Sie noch zu der Geschichte des heiligen Franz von Assisi, der die Armuth
selbst geheirathet hat! Oder Sie sind sogar eine Art
Reiseprediger für Verheirathung armer Mädchen? Fangen
Sie an!“

„Ohne Verzug!“ sagte Reinhart, indem er sich räusperte
und begann:

Wir sprechen von dem portugiesischen Seehelden und
Staatsmanne Don Salvador Correa de Sa Benavides,
der schon in jungen Jahren so thatenreich gewesen, daß
er bereits damals den Haß der Neider erfuhr, während
die Jugend sonst von diesem Uebel verschont zu bleiben
pflegt. Denn ältere Männer müssen schon sehr traurige
Gesellen werden, bis sie Jünglinge oder Frauen wegen
eines Erfolges beneiden. Den Jünglingen selbst aber
ist das Laster meistens noch unbekannt, oder es nimmt
in ihnen wenigstens die edlere Gestalt eines fruchtbaren
Wetteifers an.

Zu einer solchen Zeit neidischer Verfolgung legte
Don Correa den vom Jugendgrün bekleideten Commandostab nieder und stieß den Degen in die Scheide, und um
die Muße nicht ganz ungenutzt vorübergehen zu lassen,
gedachte er zum ersten Male der Freuden der Liebe und
hielt dafür, da es doch einmal sein müsse, es wäre jetzt
am Besten, auf die Lebensgefährtin auszugehen, ehe die
Tage der Arbeit und des Kampfes zurückkehrten. Nachher
sei diese Sache abgethan.

Nun bewog ihn aber sein Selbstgefühl, vielleicht der
erlittenen Beleidigung wegen und auch in der Meinung,
eine um so treuere und ergebenere Gattin zu erhalten,
dieselbe als ein gänzlich unbekannter und ärmlicher Mensch
zu suchen und zu erwerben, so daß er sie mit Verheimlichung von Namen, Rang und Vermögen sozusagen
nur seiner nackten Person verdanken würde. Er schiffte
sich also zu Rio de Janeiro, wo er Gouverneur gewesen,
in aller Stille, nur von einem Diener begleitet, ein und
begab sich nach Lissabon. Dort wohnte er unbemerkt
in einem entlegenen Gemache seines Palastes und ging
nur verkleidet aus, in die Theater, die Kirchen und auf
die öffentlichen Spaziergänge, wo es schöne Damen aus
der Hauptstadt und aus den Provinzen zu sehen gab.
Lange wollte sich nichts zeigen, was ihm besonders in die
Augen gestochen hätte, bis er eines Abends bei irgend
einem der öffentlichen Schauspiele eine junge Frau sah,
deren Schönheit und Benehmen ihm auffielen. Sie war
weder groß noch klein zu nennen und vom Kopfe bis zu
den Füßen schwarz gekleidet, den steifen weißen Ringkragen ausgenommen, der nicht nur dem strengen, wohlgeformten Gesichte mit seinem blühweißen Kinn, sondern
auch den dicken schwarzen Lockenbündeln zu beiden Seiten
als Präsentierteller diente. Von der Brust glühte ein par
Mal, wenn die Dame sich regte, das dunkelrothe Licht
eines Rubins auf; die Brust selbst zeugte von einem
normalen und gesunden Körperbau, desgleichen die in den
Händen und Füßen ersichtliche Ebenmäßigkeit.

Diese Dame saß auf einem Lehnsessel in der vordersten
Reihe; rechts und links von ihr hockten auf dreibeinigen
Stühlchen ein Stallmeister und ein Geistlicher, hinter
dem Sessel stand ein Page, und ganz zuletzt hockte noch
eine Kammerfrau auf einem Schemel. Alle diese Personen
verhielten sich so still und steif wie Steinbilder und
wagten kein Wort, weder unter sich noch mit der Herrin
zu sprechen, wenn diese nicht einen leisen Wink gab.
Merkwürdig schien besonders der Stallmeister, welcher,
den hohen Spitzhut auf den Knieen haltend, mit furchtbarem Ernste dasaß. So fadenscheinig sein ergrauter
und umfangreicher Schädel war, reichten doch die langgezogenen Silberfäden hin, nicht nur auf der Mitte der
Stirne eine fest in sich zusammengerollte Seeschnecke zu
bilden, die von keinem Sturme aufgelöst wurde, sondern
auch noch beide bartlose Wangen mit zwei sauber gekämmten Backenbärtchen zu bekleiden, welche allnächtlich
sorgsam gewickelt und hinter die Ohren gelegt wurden.
Dafür war das aufwärts gehörnte Schnurrbärtchen von
echtem, steif gewichstem Bartwuchse. Der Anblick konnte
für närrisch gelten; doch Don Correa wußte schon aus
Erfahrung, daß dergleichen komische Pedantismen an
untergebenen Beamten und Dienern meist auf Ordnungssinn und pünktliche Pflichterfüllung rathen lassen: denn
um einen alten Kopf mit solcher Künstlichkeit täglich aufzustutzen, muß ein armer Teufel, der nicht selbst bedient
wird, früh aufstehen und sich an geregeltes Leben gewöhnen, das allen seinen Verrichtungen zugut kommt.
Uebrigens ging die Sage, das knappe Wams des Stallmeisters sei aus einer alten Mohrschleppe der Dame geschnitten.

Was den geistlichen Herrn betrifft, so bot derselbe
durchaus nicht den Anblick eines verwöhnten oder herrschsüchtigen Beichtvaters, sondern sah eher einem eingeschüchterten, kurz gehaltenen Hofmeisterlein gleich, und er hielt,
während er mit halb niedergeschlagenen Augen die Weltlichkeiten des Schauspiels wahrnahm, mit zagen Händen
seinen flach gerollten Hut auf dem Schoße, als ob es
eine Schüssel voll Wasser wäre.

Von dem kleinen Pagen guckte nur das weiße spitzige
Gesichtchen nebst einem blutrothen Wamsärmel hinter der
Stuhllehne hervor, und von der Kammerfrau vollends
sah man erst, als sie aufstand, daß sie ebenfalls einen
hochrothen Rock, irgend eine rothe Kopftracht und ein
Korallenhalsband trug. Die Dame schien sich demnach
nur in schwarz und roth zu gefallen.

Während sie so unbeweglich und halb gelangweilt dem
Spektakel beiwohnte und selten über etwas lächelte, ging
dann und wann irgend ein Cavalier einzeln oder mit
andern, die noch Platz suchten, an ihr vorbei und grüßte
sie höflich, wechselte auch wol ein par Worte mit ihr,
den Hut in der Hand. Sie blickte aber keinem entgegen,
der sich nahte, und keinem nach, wenn er weiter ging,
sondern grüßte nur mit überaus feiner Kopfneigung und
holdseliger Bewegung der Lippen, welche den Don Salvador
geheimnißvoll reizte, so ernst, ja starr auch der Mund
gleich nachher wieder verharrte.

Er fragte, in der Menge der geringen Bürger verborgen, einige Nachbarn nach dem Namen der vornehmen
Frau; es konnte aber Keiner Auskunft geben, weil sie
wahrscheinlich eine Fremde sei. Da er aber mit jedem
Augenblicke von der schönen und eigenthümlichen Erscheinung mehr eingenommen wurde und jedenfalls wissen
wollte, wen er vor sich habe, so blieb ihm nichts anderes
übrig, als das Ende abzuwarten und zu sehen, wohin die
Dame mit ihrem Gefolge sich begeben würde. Er stellte
sich daher zeitig an den Ausgang, durch welchen die
Herrenleute sich entfernten, und wartete geduldig, bis die
Unbekannte in der gemächlichen Procession erschien, mit
welcher die Grandezza sich fortbewegte, um die bereitstehenden Kutschwagen, Pferde, oder Maulthiere zu besteigen.

Für die Fremde wurden drei prächtig geschirrte Maulthiere bereit gehalten. Das erste bestieg sie selbst mit
Hülfe des Stallmeisters, das zweite dieser mit dem Pagen
hinter sich, das dritte der junge Priester, hinter welchem
die Kammerfrau Platz nahm, sich fest an ihm haltend,
sodaß als das herumstehende Volk sich an dem Anblick
belustigte, das Pfäffchen schämig erröthete. Ein Läufer
mit Windlicht ging voran, worauf die drei Thiere eines
dem andern folgten und in einiger Entfernung Don
Correa den Schluß machte. Der kleine Zug bewegte sich
durch Gassen und über Plätze, bis er in den Vorhof der
Herberge zum „Schiff des Königs“ einbog, in welcher
fast ausschließlich reiche oder vornehme Reisende wohnten.
Nachdem die Fremde mit ihren Leuten abgesessen und
auf den Stiegen, die in die oberen Theile des Hauses
führten, verschwunden war, trat Don Correa in eine
Gaststube zu ebener Erde, die von See- und Handelsleuten
aller Welttheile angefüllt war. Er ließ sich in der Ecke
zunächst dem Schenktische eine kleine Abendmahlzeit vorsetzen und begann mit der Aufseherin, die an der Kasse
saß und Geld einnahm, ein zerstreutes Gespräch nach
Gunst und Gelegenheit, die beide nicht ausblieben. Denn
der Ton hatte etwas in seinem Gesicht und in seinem
Wesen, das vielen Weibern ohne Zeitversäumniß gefiel,
obwol er dieses Vortheiles bis jetzt wenig inne geworden.

Er vernahm also, was er nur wünschen konnte: daß
die fremde Dame eine junge Wittwe sei und Donna
Feniza Mayor de Cercal genannt werde. Sie besitze im
Südwesten von Portugal ein kleines Städtchen und großen
Reichthum und wohne meistens auf einem einsamen Felsenschloß am Meere; dort lebe sie so eingezogen, daß weiter
nichts von ihr gesagt werden könne, und wenn sie nicht
alle Jahre einmal nach der Hauptstadt käme, um ihre
Geschäfte zu besorgen und ihren Leuten einige Zerstreuung
zu gönnen, so wüßte man überhaupt nichts von ihr. In
Lissabon mache sie nur wenige Besuche und auf ihre Besitzungen habe sie noch nie Jemanden eingeladen. Uebrigens
sei sie musterhaft religiös und versäume keinen Morgen
die heilige Messe; daher beruhe es jedenfalls auf boshafter
Verläumdung, wenn hie und da gemunkelt werde, man
halte sie für eine Hexe und ihre Dienerschaft für ein
Häuflein böser Geister.

Als Don Correa hiemit genugsam unterrichtet war,
verließ er die Herberge, um andern Tages desto früher
bei der Hand zu sein. Er verwandelte sich in einen
halbschwarzen maurischen Matrosen und belagerte das
Schiff des Königs, bis die Herrschaft aus der Thüre
trat und die Maulthiere bestieg. Im gleichen Aufzuge
wie gestern, ein Maulthier mit der Nase am Schwanze
des andern, ritt die Dame nach der großen Kathedralkirche
und Correa folgte. Da er sah, daß am Portale niemand
bei der Hand war, die Maulthiere zu halten, drängte er
sich hinzu und anerbot, den Dienst zu leisten, der ihm
vom Stallmeister auch übertragen wurde. Der junge Kriegsmann war seiner Zeit und Geburt gemäß ein guter Katholik;
es gefiel ihm daher sehr gut, daß die Frau von Cercal
ihre Dienerschaft so vollzählig mit in die Messe nahm und
an dem Segen der Religion theilnehmen ließ, und das
Gemunkel von einem Zauberwesen erhöhte unter diesen
Umständen eher seine Theilnahme, als daß es ihn abschreckte.
Nach Beendigung des Gottesdienstes konnte er die Dame
nun ganz in der Nähe sehen und das um so ungestörter,
als sie keinen Blick weder auf ihn noch auf irgend einen
der Umstehenden warf. Sie erschien ihm in dieser Nähe
und am hellen Tageslichte noch schöner und vollkommener
als am vorigen Abend. Er fand in der Eile kaum die
Geistesgegenwart, das kleine Trinkgeld aus der Hand des
Pagen mit der Miene eines dankbaren armen Teufels in
Empfang zu nehmen. Alles ging wieder so still und
feierlich zu, daß der geordnetste Haushalt, die friedlich
anständigste Lebensart in dem Banne dieser Frau zu
walten schien. Zuletzt kam die Reihe des Aufsteigens an
die einer rothen Siegellackstange gleichende Kammerfrau,
welche der maurische Schiffsgesell dienstfertig hinter den
Rücken des Geistlichen hob, und als ihn beim Abreiten
der Aufzug doch etwas grotesk anmuthete, schrieb er die
seltsame Sitte der ländlichen Abgeschiedenheit zu, aus
welcher die Dame herkam.

So lange sie noch in Lissabon verweilte, strich er in
immer neuen Verkleidungen um sie herum, wenn sie
öffentlich erschien, was aber nicht mehr manchen Tag
dauerte. Und jedesmal, wo er sie sah, bestärkte sich sein
Entschluß, Diese und keine Andere zu seiner Gemahlin
zu machen. Daher nahm er, als sie abgereist war, seine
eigene Gestalt wieder an, jedoch mit dem Aussehen eines
armen und geringen Edelmannes. Er suchte einen abgetragenen braunen Mantel und einen eben so mißlichen
Filzhut hervor, gürtete einen Degen um, dessen Stahlkorb ganz verrostet war und dessen lange Klinge einen
Zoll unten aus der Lederscheide hervorguckte, da letztere längst den metallenen Stiefel verloren hatte. So
ausgestattet verließ er vor Tagesanbruch seinen Palast
und die Stadt Lissabon und fuhr mit wenigen seiner
Leute in der bereit gehaltenen eigenen Barke längs der
Seeküste südwärts, bis er in die Gegend kam, wo die
Frau von Cercal hausen sollte.

Der Ort, dessen Namen sie führte, lag hinter dem
Küstengebirge, das Schloß aber, in welchem sie wohnte,
an dem steilen Abhange gegen das Meer hin. Don
Correa kreuzte so lange auf offener See, bis er sich vergewissert hatte, daß die Donna Feniza wieder dort sei,
und er segelte einige Mal so nahe vorüber, daß er mit
seinen scharfen Augen die Lage und Bauart erkennen
konnte. Dann fuhr er wieder hinaus und wartete einen
starken Wind oder wo möglich ein Sturmwetter ab, und
als dieses wirklich eintrat, schoß er auf dem wogenden
Meere mit vollen Segeln heran, zog sie ein wie ein
strandender Schiffer und lieh sich zuletzt, nachdem die
Barke weidlich umhergeworfen worden, wie er war, mit
seinem Degen und dem zusammengewickelten Mantel auf
den klippenreichen Strand schleudern, so daß er sich mit
Mühe durch die Brandung schlug und festen Fuß gewinnen
konnte. Seinen Leuten hatte er strenge befohlen, sich mit
der Barke wieder auf die offene See zu machen und nach
Hause zu fahren, so bald sie sähen, daß er das Ufer
erreicht habe. Das thaten sie denn auch und wußten mit
ebensoviel Kühnheit als Geschicklichkeit das dem Untergange nahe Fahrzeug, welches man vom Land aus schon
verloren glaubte, zu wenden und die hohe See zu gewinnen,
wo man es bald aus den Augen verlor.

Don Salvador Correa erklomm den schmalen Strandweg und begann einen steilen Staffelpfad hinanzusteigen,
der hinter Felsen und Gebüsch halb versteckt in die Höhe
führte. Als er einige Dutzend Stufen zurückgelegt, kam
ihm ein Knabe entgegen, welcher der ihm schon bekannte
Page der Schloßfrau war. Man hatte oben des Fahrzeuges Kampf mit dem Unwetter beobachtet, jedoch nicht
sehen können, was zunächst dem Lande vorging, weshalb
die Frau den Pagen heruntergesandt, damit er Kundschaft hole. Don Correa fragte den Knaben, wo und
auf wessen Gebiet er sich befinde, und gab ihm mit wenigen
Worten zu verstehen, daß er gestrandet und ohne Obdach
sei, worauf der Kleine ihm verdeutete, er möchte warten,
bis er hinaufgelaufen sei und mit den Befehlen der Herrin
zurückkomme. Zugleich zeigte er dem Fremden eine natürliche Grotte, welche auf einem kleinen Absatz in den Fels
hineinging und eine Ruhebank enthielt, auch mit einem
verschließbaren Gatter versehen war. Da die Sonne schon
wieder durch die zerrissenen Wolken brach, indessen das
Meer noch rollte und rauschte, so hing Don Correa seinen
triefenden Mantel über das Gatter, damit er trockne,
und setzte sich auf die Bank; denn er war von dem Abenteuer ebenso erschöpft, wie wenn er unfreiwillig gestrandet
wäre. Indem bemerkte er lächelnd die zahlreichen Mottenlöcher, die in den dunkeln Mantel gefressen waren und
nun, da die Nachmittagssonne dahinter stand, wie ein
Sternhimmel schimmerten. Drei solcher Löcher standen
so schön in einer Reihe, daß sie prächtig den Gürtel des
Orion vorstellten, einige andere zeigten ziemlich genau
das Sternbild der Cassiopeia, zweie standen sich wie die
Gestirne der Waage gegenüber, und eine Menge einzelner
Löchlein ließen sich je nach ihrer Stellung und Entfernung
von einander von einem Kundigen so oder anders benennen. Weil aber manche davon noch von Wassertropfen
wie mit kleinen Glaskügelchen verschlossen waren, so
schimmerten sie in den Sonnenstrahlen bläulich oder röthlich, und Don Correa, der ein Sternkenner und Astrologe war, betrachtete die Erscheinung sogleich mit Aufmerksamkeit als ein bedeutsames Spiel des Zufalls. Er
brachte unverweilt eine Constellation zusammen, in welcher
ihm das Venusgestirn glückverheißend zu glänzen schien.

Er war in diesen Anblick und die dazu gehörigen
Gedanken so vertieft, daß er leichte Schritte, die sich
näherten, nicht hörte, und daher höchlich erstaunte, als
der Mantel unversehens von einer Hand zurückgeschoben
und statt des Planeten Venus die ganze Gestalt der
Donna Feniza Mayor de Cercal sichtbar wurde, hinter
welcher der Knabe stand.

Correa erhob sich indessen mit ritterlicher Haltung
und bat um Verzeihung, daß er keinen Hut abnehmen
könne, weil das Meer ihm den seinigen geraubt habe.
Aber noch mehr wurde er überrascht, als die in Lissabon
so spröd und einsilbig gewesene Frau ihn jetzt mit großen
Augen und unverkennbarem Wohlgefallen anschaute und
mit fester wohltönender Stimme fragte, woher er komme
und woher er sei.

Und von ihrer Schönheit von Neuem betroffen, war
er kaum im Stande, das zurechtgezimmerte Märchen von
seinem widrigen Schicksal als armer Edelmann, der sein
Glück in weiter Welt zu suchen gezwungen und an diesem
Ufer elendiglich gestrandet und im Stiche gelassen worden
sei, mit einigem Zusammenhange vorzubringen. Um so
bessern Eindruck schien er aber zu machen. Die Frau
setzte sich statt seiner auf die Bank, und als sie im weiteren Verlaufe des Gespräches wahrnahm, daß der Fremde
nach seinem ganzen Wesen ein junger Mann von Stand,
Lebensart, Geist und Entschlossenheit sein müsse, lud sie
ihn höflich ein, Platz neben ihr zu nehmen und sich auszuruhen, und schloß damit, ihm die wünschenswerthe Hülfeleistung und Gastfreundschaft auf ihrer Burg anzubieten.
Ein Hut werde sich ohne Zweifel auch aufbringen lassen,
fügte sie bei, als sie schon auf dem engen Steige voran
ging, während der schiffbrüchige Cavalier mit seinem
Mantel folgte und der Page als, der letzte die Staffeln
erkletterte.

Einige Tage später trug der glückliche Abenteurer
nicht nur einen neuen Hut, sondern noch verschiedene
andere schöne Kleidungsstücke, welche die Donna ihm geschenkt; nur den alten Mantel mit dem Sternhimmel
hatte er noch umgeschlagen, als er mit ihr den Staffelweg hinunter stieg, um an dem einsamen Strande spazieren zu gehen. Die Sonne gab aber so warm, daß das
sehr hübsche Paar bald einen Schatten suchte und jene
Grotte betrat. Hand in Hand saßen sie auf der Steinbank, und als die Sonne tiefergehend auch hier eindrang,
hingen sie scherzend den Mantel vor den Eingang und
betrachteten die von den Motten geschaffenen Sternbilder.

Noch nie haben Sterne der Armuth ein schöneres
Glück bestrahlt! flüsterte Correa und legte den Arm um
die schlanke Frauengestalt. Sie deutete mit dem Finger
auf ein etwas größeres Loch, das vielmehr wie ein kleiner
Riß aussah:

Hier glänzt sogar eine Mondsichel unter den Sternlein, gleich dem Hirten unter den Schäfchen, wie die
Dichter sagen!

Das ist nicht von den Motten, sondern ein verjährter
Degenstich! erwiderte Correa. Sie wollte wissen, woher
der Stich rühre, und er erzählte, wie er als junges
Studentchen einst sich seiner Haut habe wehren müssen,
als er nächtlicher Weile einem unter dem Hause einer
Schönen plärrenden Ständchensinger im Vorbeigehen ein
„Halt's Maul!“ zugerufen habe. Denn von Frauenliebe
sei ihm sehr wenig bewußt und das katermäßige Miaulen
an allen Straßenecken höchst widerwärtig gewesen. Nur
der Mantel, den er mit der linken Hand vorgehalten,
habe den Stoß des ergrimmten Lautenkratzers abschwächen
können. Dessen ungeachtet habe er noch ziemlich geblutet.

Ob er jetzo wirklich ernsthaft zu lieben verstehe? fragte
Feniza Mayor und küßte ihn, eh' er zu antworten vermochte.

So ging es den einen wie den andern Tag, bis die
sonst so gemessene und stolze Dame von Cercal gänzlich
bethört und in Leidenschaft verloren war, und Don Correa
fand weder Zeit noch Gedanken, über das Wunder sich zu
verwundern, da er selbst in hitziger Verliebtheit gefangen
saß; kurz es war nicht zu ergründen, welches von Beiden
das Andere in so kurzer Zeit verführt und verwandelt
habe. Da blieb es denn, weil nichts sie hinderte, nicht
aus, daß sie sich zusammen verlobten und die Hochzeit
vorbereiteten, die in aller Eile vor sich gehen sollte.

Donna Mayor fragte kaum, woher er stamme und
gab sich mit dem Märchen zufrieden, das er ihr aufband,
in der Meinung, eines Tages als der vor sie hinzutreten,
der er war. Um so unbefangener gab er sich jetzt dem
Vergnügen hin, von ihrem Liebeseifer sich kleiden, speisen
und tränken und liebkosen zu sehen, da er hieraus die
Ueberzeugung schöpfte, daß er so viel Gunst nur sich
allein verdanke.

Die Hochzeit wurde im Palaste der kleinen Stadt
Cercal gefeiert, die hinter dem Berge lag. Das zu Pferde
über den Berg ziehende Hochzeitsgeleite glänzte und
schimmerte weithin und verkündete, daß die schöne Feniza
Mayor sich zum zweiten Male verehelichte; doch war
eigentlich Niemand fröhlich, als sie und der Bräutigam.
Der merkte aber von Allem nichts und freute sich nur
auf den Glanz, mit welchem er einst seine Braut überraschen wollte, wenn die Zeit des Glückes und der Macht
zurückgekehrt sein werde. Einzig in der alten Kirche fiel
nach geschehener Trauung ihm ein seltsamer Anblick auf.
An dem Grabmale des ersten Mannes der Donna Feniza,
das an einem Mauerpfeiler errichtet war, lehnte die dürre
blaßgelbliche Kammerfrau in ihrem blutrothen Sonntagskleide und warf einen düster glimmenden Blick auf den
blühenden Don Correa. Sie stand bei den Leuten in
dem Verdachte, jenen häßlichen und ältlichen Gemahl, von
welchem der größte Theil des Reichthums herstammte, im
Schlafe aus der Welt geschafft, auch noch andere Dinge
verübt zu haben, die ihre schöne Herrin ihr geboten.
Doch vergaß Correa, der hievon nichts wußte, den unheimlichen Blick bald wieder.

Etwa ein halbes Jahr lang lebte man nun wie auf
der Insel der Kalypso, bis der Thatendurst des Salvador
Correa endlich mit doppelter Gewalt wieder erwachte und
ihn nicht länger so weichlich dahin leben und träumen
ließ. Er hatte schon geheime Winke erhalten, daß
die Regierung sich seiner zu bedienen und trotz seinen
Feinden ihn mit erhöhtem Ansehen zu bekleiden wünsche,
weshalb er es an der Zeit fand, nach Lissabon zu reisen
und die Verhältnisse herzustellen. Aber noch sollte die
Frau nicht wissen, um was es sich handle, sondern erst
nach verrichteten Dingen mit ihm in seinen Palast einziehen. Er theilte ihr daher lediglich mit, daß er eine
Reise in nothwendigen Geschäften vorhabe, und da sie
hierüber feuerroth im Gesichte wurde, achtete er nicht sehr
darauf, streichelte ihr die flammenden Wangen und begab
sich in den Stall, um die Pferde auszusuchen für ihn und
einen Reitknecht. Allein es kam der Stallmeister herbei,
fragend, was zu seinen Diensten stände, und als Don
Correa die zwei Pferde bezeichnete, die man ihm satteln
solle, zog der Stallmeister ehrerbietig sein ledernes Hauskäppchen, machte einen steifen aber tiefen Bückling und
sagte höflich, die Pferde gehörten seiner gnädigen Donna
und er werde nicht verfehlen, ungesäumt ihre Willensmeinung einzuholen. Hierauf richtete er sich wieder in
die Höhe, worauf Correa dem Alten, den er aufmerksam
betrachtet, eine Ohrfeige gab und ihn aus dem Stalle warf,
nicht sowohl aus Rohheit, als aus angeborner Matrimonial-Politik, die in diesem ersten Falle ihm ungesucht
zu Gebote stand, so wenig er auch auf dem Gebiete schon
erfahren war. Sodann befahl er einem Knechte mit
harter Stimme und strengem Blicke, die Pferde zu
satteln und sich selber zur Abreise bereit zu machen,
worauf er wieder in den Saal hinauf ging, gestiefelt
und gespornt und den alten Mantel um die Schultern
geschlagen.

Im Augenblicke seines Eintretens stand die Donna
des Hauses leichenblaß und ohne alle Fassung, so unvorbereitet war sie, irgend etwas zu sagen oder zu thun.
Bei ihr standen der Stallmeister, der sein zerstörtes
Ammonshorn auf dem Schädel mit der Hand bedeckte,
und die Kammerfrau. Correa, der immer in der besten
Meinung lebte und arglos guter Laune war, umarmte
die Frau zum Abschied und theilte ihr beiläufig mit, er
habe den Stallmeister, der ihm als dem Herren nicht
gehorchen wolle, soeben aus dem Dienste gejagt, und da
es in Einem hinginge, so entlasse er auch die rothröckige
Kammerdame, deren Gesicht ihm nicht gefalle. Beide
Personen wünsche er bei seiner Rückkunft nicht mehr zu
treffen und werde für anständige und ihm genehme Leute
sorgen.

Niemand regte sich oder erwiderte ein Wort. Auf
der steinernen Wendeltreppe, die er nun hinabstieg, drückte
sich der Page mit feindseligem Blick in eine Ecke. Geh'
hinauf zur Frau, rief er ihm zu, und sag' ihr, ich hätte
Dich auch fortgejagt! Sollte ich Dich noch sehen, wenn
ich wiederkomme, so werf' ich Dich aus dem Fenster!
Wie eine Spinne rannte der Page treppan.

Im Thorwege standen die Pferde gesattelt und der
Reitknecht im Reisekleid dabei. Er benahm sich aber so
zögernd und verdrießlich, daß der Herr den Widerwillen
gut bemerkte, mit welchem auch dieser Dienstbote ihm
gehorchte. In der That waren sie kaum einhundert
Schritte auf dem Bergpasse davon geritten, so ertönte
eine schrille Pfeife aus dem Thurmfenster; der Knecht
hielt erst eine Weile still, wandte dann sein Pferd und
sprengte verhängten Zügels in die Burg zurück.

Steh'n wir so? sagte Don Correa bei sich selbst, als
er die Flucht des Burschen bemerkte. Anstatt denselben
zu verfolgen, setzte er aber seinen Weg fort, da er sich
lieber allein behelfen als solchen Dienern anvertrauen
wollte. Im Uebrigen belustigte ihn die Sache eher, als
sie ihn ärgerte, und fast bedünkte es ihn, es sei kurzweiliger, ein Weibchen zu besitzen, wo sich ein bischen
Pfeffer und Salz daran finde, statt lauter Honig.

Die Angelegenheit in Lissabon erledigte sich nach
Wunsch. Er wurde zum Vice-Admiral ernannt und
Jedermann wollte, da er jetzt öffentlich auftrat, sein
bester Freund sein. Doch rüstete er sich sofort zur Abreise, da er von der Regierung den Auftrag hatte, mit
drei großen Kriegsschiffen nach Brasilien zu gehen und
die dortigen Geschäfte vor der Hand zu übernehmen.

Das Admiralschiff ließ er zur Aufnahme einer
vornehmen Dame einrichten und aus seinem Familienpalaste jede Bequemlichkeit und stattliches Geräthe hintragen. Auch kostbare Geschenke aller Art kaufte er ein,
welche er der Gemahlin bei ihrer Ankunft auf dem Schiffe
zu überreichen und so das von ihr Empfangene reichlich
zu erwidern dachte. Denn er hatte beschlossen, mit dem
Geschwader bis auf die Höhe ihres Küstensitzes zu fahren,
dort anzuhalten und sie auf das Schiff abzuholen, wo
sie dann erst vernehmen sollte, wer ihr Gemahl sei.

Die Kunde von dem Auftreten Don Correa's verbreitete sich im Lande; aber so wenig das Publikum
etwas von seiner Verheirathung wußte, so wenig ahnte
die Frau von Cercal, daß von ihrem Manne die
Rede sei, wenn sogar in ihre entlegene Felsenwohnung
das Gerücht von dem Glanze des neuen Admirals
drang.

Etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang, in einer
mondlosen Nacht fuhren die drei mächtigen Schiffe heran
und stellten sich in gehöriger Entfernung dem Schlosse
gegenüber auf, dessen Lage der Admiral nicht nur aus
den dunklen Formen des Gebirges, sondern auch den hell
erleuchteten Saalfenstern des Hauptthurmes erkannte. Um
die Ueberraschung möglichst vollständig zu machen, ließ
er nur die nothwendigsten Laternen auf den Decks brennen
und auch die gegen das Land hin verhüllen. Desto heller
und prächtiger strahlte das Innere des Admiralschiffes
und besonders die große Kajüte, welche einem fürstlichen
Saale gleich sah. Eine Tafel war mit Seidenscharlach
und über diesem mit weißem Leinendamast gedeckt; mit
schwerem Silbergeschirr und vielarmigen Kandelabern
beladen, welche mit vergoldeten Gefäßen voll duftender
Blumen ferner Himmelsstriche abwechselten, ließ der Tisch
vermuthen, daß er für eine höchste Ehrenerweisung zugerüstet sei. Vor jedem Gedecke stand ein Stuhl mit
hoher wappengestickter Lehne, der eines vornehmen Gastes
harrte; längs den mit reichem Zierath bekleideten Wänden
unterhielt sich eine zahlreiche Gesellschaft in leisem Gespräche, und zwischen den verschiedenen Gruppen bewegten
sich wohlgekleidete gewandte Diener, sowie auch in einem
kleineren Gemach zwei Kammerfrauen der Herrin gewärtig
waren. Nicht nur die sämmtlichen Offiziere der drei
Kriegsschiffe, sondern auch eine Anzahl höherer Staatsbeamten mit ihren Weibern oder Töchtern, welche die
Reise mitmachten, bildeten die ansehnliche, auf die Lösung
des Räthsels begierige Versammlung.

Um halb zehn Uhr begab sich Don Correa in ein
Landungsboot und ließ sich an's Ufer führen, nachdem
er angeordnet, daß genau um Mitternacht, wo er auf der
Rückfahrt begriffen sei, alle Verdecke erleuchtet, die Raketen
steigen und die Kanonen der Breitseiten gelöst werden
sollten. Er hatte sich in den alten braunen Mantel gehüllt und einen einfachen Hut aufgesetzt. Am Ufer ausgestiegen, befahl er der Bootsmannschaft, ruhig seiner zu
harren, und schritt unverweilt den Staffelweg hinauf, den
er auch in der Dunkelheit zu finden wußte. Das Burgthor war verschlossen; doch sah er durch Gitterspalten
einen Lichtschein sich bewegen und klopfte mit dem Degenknopf zwei Mal an das Thor. Mit einer Laterne vor
sich hinleuchtend, öffnete der abtrünnige Stallknecht den
Thorflügel und starrte dem einsamen Ankömmling in das
Gesicht, als ob er den Teufel sähe.

„Geh vor mir her und leuchte!“ sagte Don Correa
kurz, ohne den Burschen zweimal anzublicken. Derselbe
gehorchte freilich diesmal dem Befehl; aber er sprang so
behende treppauf, daß Correa nicht auf dem Fuße folgen
konnte und im Dunkeln tappen mußte. Oben angelangt,
stieß der Knecht eine Thüre auf und rief mit athemloser
Kehle in das erhellte Gemach hinein: „der Herr ist da!“

„Wer ist da?“ sagte Donna Feniza, die in ihrem
Armstuhle am Nachtessen saß.

„Er, der die Ohrfeigen gibt und uns Andere weggejagt hat oder noch wegjagen wird!“

„O Du Esel!“ rief die Frau in all' ihrem Reize
und ließ zugleich ein kurzes Gelächter läuten, als sie jetzt
dicht hinter dem Burschen den Admiral stehen sah und
wie er ihn an der Schulter bei Seite schob.

Dieser nun schaute mit einem völligen Schrecken auf
die Scene, wenn bei einem Manne seiner Art das Wort
angewendet und nicht eher mit dem Ausdruck äußerstes
Erstaunen zu ersetzen ist. Am runden Tische, an welchem
er so manche schöne Stunde ihr gegenüber gesessen, waren
außer der Herrin noch zu sehen der Stallmeister, die
Kammerfrau, der junge Beichtvater, und ihr zunächst ein
Unbekannter, ein stämmiger Mensch von halb kriegerischem
Anstrich, mit breiten Schultern und einer langen Schmarre
über Nase und halbes Gesicht hinweg, so daß auch der
Schnurrbart in zwei Theile getrennt und das äußerste
Gebüschlein jenseits der rothen Furche stand. Diese Entstellung schien jedoch der schönen Hausfrau keineswegs zu
mißfallen; denn im ersten Moment, da er unter die
Thüre trat, hatte Correa mit allem Andern auch gleichsam
im Wetterleuchten bemerkt, wie sie während des Gelächters
einen vollen Blick in das Gesicht ihres Nachbars geworfen hatte.

Dennoch waren in der Verwirrung seines Geistes die
ersten Gedanken nicht auf diese Sorgen gerichtet, sondern
auf die glänzende Versammlung an Bord seines Schiffes.
Wie sollte er, ohne Zeit zu verlieren und ohne Gewalt
zu brauchen, das Haus räumen und die Frau gütlich
bewegen, sich in Staat zu werfen oder wenigstens etwas
aufzuputzen und ihn zu begleiten, ohne daß er jetzt schon
das Geheimniß verrieth? Denn trotz dem übeln Eindrucke,
den der Auftritt auf ihn machte, schwankte er noch nicht,
die wild gewordene Taube festzuhalten und wieder zu
zähmen, und dazu brauchte er ja vor Allem die herrliche
Ueberraschung, die er mit so viel Mühe und Sorgfalt
ihr bereitet hatte.

Aus diesen Gedanken, während welchen er nicht einmal zu bemerken fähig war, wie die Frau nicht Miene
machte, sich auch nur ein wenig zu erheben und ihm
entgegen zu gehen, weckte ihn unversehens ihre Stimme,
als sie inmitten der allgemeinen Todesstille sagte:

„Ei wahrlich! Das ist ja mein Gemahl! Und wie!
Habt Ihr, edler Don, Kleider und Geld, was ich Euch
gegeben, auf Eueren Irrfahrten so bald durchgebracht,
daß Ihr in Euerem mottenzerfressenen Bettlermantel
wieder vor mir steht?“

Er überlegte einen Augenblick, was sie eigentlich gesagt
habe, und fand, daß es jedenfalls nichts Schönes und
Liebevolles sei. Einen Blick auf die kleine Tafelrunde
werfend, antwortete er, mehr um aus der Verlegenheit
zu kommen, mit trockenen, aber nicht ganz traulichen
Worten:

„Laß Dich lieber fragen, meine gute Hausfrau, wie
es kommt, daß ich hier die Leute noch vorfinde, die ich
weggeschickt habe, bis auf den Spatz, der hinter Deinem
Sessel steht? Hat dieser nicht ausgerichtet, daß er entlassen sei? Und wer ist der fremde Herr, den ich an
meinem Tische so breit da sitzen sehe, ohne mein Vorwissen?“

Die Dienstleute blickten alle halb spöttisch, halb
ängstlich auf die Gebieterin; der Fremde warf einen Blick
auf sein Seitengewehr, das an breiter Koppel von gelbem
Leder mit großen Messingschnallen in der Fensternische hing.

Feniza aber sagte mit schnippischen und schnöden
Worten:

„Dieser Tisch ist, so viel mir bewußt, mein Tisch,
und es sitzt daran, wem ich es erlaube. Nehmt, statt
zu zanken, lieber den Platz ein, der noch frei ist, und
stärkt Euch, wenn Ihr Hunger habt! Aber benehmt Euch
so, wie es Jedem ziemt, der seine Füße unter meinen
Tisch streckt!“

Das plötzliche Gelächter der Anwesenden war zunächst
das Echo dieser Rede. Selbst der spitznäsige Page ließ
ein durchdringendes Gekicher hören, wie es zu tönen pflegt,
wenn unerwachsene Buben sich in die Unterhaltung der
Erwachsenen mischen und dieselbe überschreien.

Es gab aber gleich darauf einen größeren Lärm.
Don Salvador hatte sich mit wechselnder Farbe dem
Tische genähert, legte die Hand daran, und indem er
sagte: „So? strecke ich meine Füße unter den Tisch?“
stürzte er denselben um mit Allem, was darauf stand,
mit Schüsseln, Krügen, Gläsern und Leuchtern, und dies
mit einer solchen Gewalt, daß zu gleicher Zeit Alle, die
daran gesessen, sammt ihren Stühlen zu Boden geschleudert
wurden, mit Ausnahme der Frau. Die hatte, von des
Mannes verändertem Gesicht und von seinem Herantreten
erschreckt, sich merkwürdig schnell von ihrem Stuhl erhoben und in eine Ecke geflüchtet, von wo sie furchtsam
und neugierig hervor schaute.

Indessen war der Erste, der sich aus der Verwüstung
vom Boden aufgerichtet, der fremde Gesell, und Correa
sah nun, als jener auf den Beinen stand und mit dem
gezogenen Schwerte auf ihn eindrang, daß er es mit
einem außergewöhnlich großen und starken Manne zu
thun hatte. Er verlor aber keine Zeit; obgleich feiner
und schmächtiger gewachsen, als Jener, ergriff er den
nächsten schweren Stuhl von Eichenholz, schwang ihn über
dem Recken und schlug nicht nur seine Waffe nieder,
sondern auch die rechte Schulter so gründlich entzwei, daß
er augenblicklich gelähmt und überdies vor Schmerz halb
ohnmächtig und ganz wehrlos wurde. Als ein Mensch
von niederem Charakter floh er gleich aus dem Zimmer, und ihm folgte die übrige Compagnie, so wie sie
sich allmählig aus den Scherben aufraffte. Sie wischten
wie chinesische Schatten hinaus; hinter seinem Rücken
machte die Kammerfrau noch ein Zeichen gegen die
Herrin, die es mit fast unmerklichem Kopfnicken erwiderte. Nur der Page war noch im Zimmer und
steckte die Nase hinter der Frau hervor. Correa that
einen Schritt, faßte den Knaben an den Locken und warf
ihn wie einen jungen Hasen den Uebrigen nach vor die
die Thüre, welche er hierauf verriegelte.

Dann stellte er sich, auf die gezogene Degenklinge
gestützt, vor die Frau, welche mit zitternden Knieen und
ausgestreckten Händen da stand, und sagte, nachdem er sie
eine Weile ernstlich betrachtet:

„Was bist Du für ein Weib?“

„Was bist Du für ein Mann?“ fragte sie entgegen
mit furchtsamer Stimme und immerfort zitternd.

„Ich? Salvador Correa, der Admiral und Gouverneur
von Rio bin ich! Wirst Du mir nun gehorchen?“

Durch diese offenbar ungeheure Lüge bekam das Weib
in ihren Augen moralisch wieder das Oberwasser. Denn
da sie nur an sich selbst, an ihren Reichthum und an die
Kirche, sonst aber an Nichts in der Welt glaubte, so
schien es ihr ganz undenkbar, daß der eigene Mann, den
sie eine Zeit lang als ihre Puppe angesehen, etwas
Rechtes sein könnte.

Sie schlug eine unangenehme Lache auf, indem sie
rief:

„Nun merk' ich, was Du für ein Windbeutel bist!
Ein Schlucker wie Du, den ich schiffbrüchig am Strande
aufgelesen, und der berühmte, der reiche Don Correa!“

„Da Du mich nur mir selbst gegenüberstellst und der
Vergleich Deine bösliche Beschimpfung aufwiegt, so kann
ich darüber hinweg gehen!“

Mit diesen Worten, die er mit einer durch die äußerste
Noth gebotenen Gelassenheit aussprach, da die Zeit
unaufhaltsam verstrich und er in seiner Verstrickung aller
Sinne nur die Schande und das gefährdete Ansehen erblickte, wenn er wie ein Thor unverrichteter Sache zu
seinen Schiffen zurückkehrte, — mit diesen Worten ergriff
er das Weib am Arme und führte es an ein Fenster,
welches auf das nächtliche Weltmeer hinausging.

„Dort liegen meine Schiffe vor Anker“, sagte er;
„in einer halben Stunde werden wir Beide dort sein, wo
viele Herren und Damen uns erwarten und Du als
meine Gemahlin begrüßt wirst! Morgen früh kehren
wir nochmals hierher zurück, um einzupacken und eine
zwischenweilige Verwaltung zu bestellen, denn Du wirst
mich nach Brasilien begleiten. Jetzt spute Dich, ein
schickliches Festgewand anzulegen, und wenn Du zögerst,
werde ich Deinen unglücklichen Possen ein Ende machen
und Deine weiße Kehle mit diesem Eisen durchbohren!“
Er erhob die lange Degenklinge. Das Auge vom Meere
abwendend, wo sie nur einen schwachen Lichtschimmer
hatte entdecken können, warf sie den Blick auf das glänzende Eisen. Plötzlich umschlang sie mit den Armen
seinen Hals und bedeckte ihm den Mund mit so feurigen
Küssen, als sie im jemals gegeben.

„Warum sollte ich Dir nicht gehorchen, da ich erfahren, wie Du an mir hängst?“ flüsterte sie in zärtlichen
Lauten; „Alles ist vorüber und ich gehe mit Dir bis
an das Ende der Welt. Aber ich kann mich nicht allein
ankleiden und die Kammerfrau hast Du mir vertrieben,
also wirst Du mir ein wenig helfen müssen!“

Sie ergriff süß lächelnd seine Hand und er folgte ohne
Widerstand in ihre Kammer, in der Hoffnung, seine Ehre
mindestens vor der Welt noch zu retten. Doch behielt er
den gezogenen Degen in der Hand, da die Drohung so
schnell gewirkt.

Nun begann sie aber die kostbare Zeit zu verzetteln,
indem sie erst mit verstellter Unentschlossenheit ein Staatskleid aussuchte und mit niedlichem Geplauder seinen Rath
verlangte, dann das Oberkleid, das sie trug, von ihm
aufnesteln ließ, tausend Kleinigkeiten herbeiholte, dazwischen
mit Kosen und Schmeicheln sich zu schaffen machte, bis
die eiserne Wanduhr in der Kammer das Viertel auf
Mitternacht schlug.

„Wenn Du nicht gleich fertig wirst,“ sagte Correa,
„so trag' ich Dich mit Gewalt hinunter wie Du bist.“

„Nur noch das große Halsband will ich holen“, rief
sie, „und den Rubin, der zu dem schwarzen Kleide so gut
steht. Und meine weißen Kragen hat die Kammerfrau
heute unter den Händen gehabt. Im Augenblick bin ich
wieder da.“

Damit schlüpfte sie aus einer Thüre, eh' Correa sich
besonnen hatte, ob er sie gehen lassen wolle. Die Thüre
verschloß sie von außen, ganz leise, und durcheilte mit
dem Licht in der Hand die übrigen Räume, bis sie ein
Stockwerk tiefer ihre vertriebenen Genossen fand, die mit
lauernden Blicken in einem Häuflein standen.

„Zündet an! Zündet an!“ kreischte sie heiser; „er ist
ein Pirat und hat ein Schiff auf der See! Steckt unverzüglich an, es wird Euch nicht reuen! Zündet an!
Freiheit und Leben sind wol einen alten Thurm werth!“

Gleich einer Furie eilte sie voraus und hielt das Licht
an einen Haufen Reisig, der auf einer hölzernen Treppe
lag, während die Uebrigen ein Gebirge von Strohwellen
in Brand setzten, das die steinerne Haupttreppe verstopfte.
Dann wurde in der Küche ein großer Stoß entzündlicher
Stoffe entflammt, deren Gluth bald die hölzerne Diele
ergreifen mußte; dann vertheilten sich die Dämonen auf
den untersten Flur, in den Stall, die Scheune, den Holzschuppen im Hofe, überall Feuer anlegend, und sammelten
sich schließlich vor dem Schloßthore, das sie verrammelten,
dessen Schlüssel sie mit sich nahmen. Die Pferde waren
schon draußen und wurden bestiegen, auch dem Manne
mit der gebrochenen Schulter auf eines geholfen; die
Kammerfrau hielt ein Kästchen mit Geld, Pretiosen und
Papieren auf dem Schoße, und so zog die Gesellschaft,
gegen zehn Personen stark, ohne einen Laut von sich zu
geben vom Thore hinweg nach den Bergen zu und verlor
sich in der Dunkelheit. In diesem Augenblicke donnerten
die Kanonen von den Kriegsschiffen, daß die Luft zitterte
und der Berg erdröhnte, und als die Uebelthäter sich erschrocken umschauten, sahen sie auf dem Meere die Schiffe
taghell beleuchtet und eine sprühende Raketengarbe gen
Himmel steigen, während eine schmetternde Trompetenfanfare, mit Paukenschall vermischt, herüber klang.

„Das ist kein Pirat, das ist ein großer Capitän oder
gar ein Admiral“, stöhnte Der mit der Schulter, der im
Fieber schlotterte.

„Fort, Fort! Es ist der Teufel!“ schrie die Donna
Feniza, die jetzt auch wieder zu schlottern anfing, und die
Cavalcade der Mordbrenner floh ohne sich weiter umzusehen über das Gebirge.

Der Admiral ging aber nicht verloren. Nachdem mehrere Minuten vorüber und die Frau nicht zurück war,
wollte er selbst nachsehen, und als er alle Thüren von
außen verschlossen fand, merkte er den Verrath. Als er
aber mit Gewalt eine aufgesprengt und alle Zugänge mit
lohendem Feuer angefüllt sah, welches zu durchschreiten
schon nicht mehr möglich war, kehrte endlich die ruhige
und klare Besonnenheit des thatkundigen Mannes wieder
bei ihm ein; statt den Ausgang in der Tiefe zu suchen,
die vom Feuer verrammelt war, erstieg er die oberste
Höhe des Hauptthurmes, in dem er sich befand. Dort
hing in einer Mauerlücke eine Glocke, deren Seil auswendig bis in den Hof hinunter ging und dort gezogen
zu werden pflegte. Don Correa hatte selbst ein neues
Seil besorgt, das nicht dick aber stark genug war für
eine kühne That, wenn nur der oberste Punkt, die Verbindung mit dem Glöcklein selbst, versichert wurde. Er
stieg also mit allem Bedacht hinauf, ein Licht in der
Hand, das freilich von den aus der Tiefe nach der Höhe
wallenden Rauch- und Hitzewogen beinah ausgelöscht
wurde. Auf der obersten Thurmtreppe schnitt er ein Seil,
das statt eines Geländers diente, entzwei und befestigte
das Glockenseil damit derart, daß er die Fahrt wagen
durfte. Dazu diente ihm auch der alte gestirnte Mantel,
in dessen Falten er beide Hände wickelte, als er nun vom
hohen Thurme niederglitt. Auf dem Hofe angekommen,
mußte er schon zwischen den verschiedenen Brandanstalten
hindurch springen, um ein Ausgangsloch zu erreichen, an
welches die Mordbrenner nicht gedacht hatten.

Im Boote angelangt und seinen Sitz einnehmend befahl er die sofortige Abfahrt, und als er genugsam vom
Strande entfernt war, sah er das Schloß in rothen
Flammen stehen, indessen von den Schiffen her die Geschütze dröhnten und der Glanz der Lichter strahlte. Eine
sonderbarere Lage hatte er noch nie zwischen zwei Feuern
erlebt, und mit bitterm Lächeln genoß er die Ironie und
die Lehre dieser Lage, die Lehre, daß man in Heirathssachen auch im guten Sinne keine künstlichen Anstalten
treffen und Fabeleien aufführen soll, sondern alles seinem
natürlichen Verlaufe zu überlassen besser thut.

Das Gefühl der Befreiung von einer unbekannten
schmachbringenden Zukunft und der unmittelbaren Lebensgefahr erhellte dennoch etwas die dunkle Laune, sodaß er
auf seinem Admiralschiffe die glänzende Gesellschaft zu
Tisch sitzen ließ und mit gefaßtem Sinne einige Worte
an sie richtete. „Er habe geglaubt,“ sagte er, „den Herrschaften eine ehrliche Gemahlin und Reisegefährtin vorstellen zu können; allein der unerforschliche Wille der
Vorsehung hätte es dahin gelenkt, daß eine Flamme des
Unheiles und des Unterganges angezündet und ein Gericht
nothwendig geworden sei, welches das traurige Räthsel
den Freunden lösen werde.“

In der That setzte er nach beendigter Mahlzeit noch
vor Tagesanbruch ein Standgericht nieder, welches die
Verfolgung und Aburtheilung der Urheber des Schloßbrandes aussprach. Der Umstand, daß das Verbrechen
im Angesichte eines Kriegsgeschwaders verübt und dessen
Führer beinahe das Opfer wurde, schien die Gerichtsbarkeit der Kriegsflagge hinreichend zu begründen. Unmittelbar darauf ließ Correa zwanzig Reiter und vierzig
Fußsoldaten an's Land setzen und dieselben auf zwei Wegen,
die er ihnen angab, nach Cercal marschiren; denn er vermuthete mit Recht, daß die Uebelthäter sich dorthin gewendet. Sie lagen auch wirklich alle im tiefen Schlafe
in der Behausung der Feniza Mayor, als die Soldaten
nach Sonnenaufgang anlangten, und wurden zu ihrem
Entsetzen aufgeweckt und gebunden nach der Brandstätte
am Ufer zurückgeführt, auch eine Anzahl von Urkundspersonen aus dem Bergneste mitgenommen. Ein erfahrener Untersuchungsrichter befand sich schon bei der
Expedition, welcher an Ort und Stelle die erste Erhebung
des Thatbestandes leitete und die Einzelverhöre vornahm.
Nachher wurden die Gefangenen auf das Admiralschiff
gebracht, wo unter einem Zelte das Gericht und neben
demselben der Admiral mit der Feldherrnbinde und dem
Orden des goldenen Vließes saß. Vor ihm stand nun
die Frau von Cercal inmitten ihres Anhanges, mit zerrüttetem Aussehen, und sie starrte bald nach ihm hin,
bald nach den Richtern, bald nach den umstehenden Officieren und Kriegern.

So treulich die seltsame Sippschaft früher zusammen
gehalten und so anhänglich die Dienstleute der Herrin
bisher geschienen, so gänzlich zertrümmert war jetzt das
alles. Eines sagte gegen das Andere aus, Eines gegen
Alle und Alle gegen Eines. Es ergab sich, daß die
Kammerfrau den ersten Mann der Feniza auf deren
Wunsch hin im Schlafe erdrosselt, nachdem sie den Platz
an seiner Seite im Ehebette leise verlassen hatte. Dann
zog die Vollzieherin des Mordes, von welcher die Herrin
von Cercal abhängig geworden, ihren Bruder herbei, eben
den Mann mit der Schulter, der bald als Soldat, bald
als Bandit sich herum trieb. An diesen Menschen hing
sich die Frau, bis er kurz vor dem Auftreten des Don
Correa ihrer überdrüssig geworden mit einem guten Stücke
Geld davon ging, um sich in den Kriegsläuften, wie er
sagte, einen Rang zu erfechten. Während Correa's Abwesenheit war er wieder erschienen, und die Frau in ihrem
unergründlichen sittlichen und geistigen Zustande hatte ihn
auf- und angenommen und nur darauf gedacht, den Correa
durch ihn zu vertreiben oder zu vernichten, wenn er wieder
käme. Von unversöhnlichem Haß erfüllt, berieth sie gerade am Tage vor seiner Ankunft mit ihrer Gesellschaft,
was zu thun sei, und sie beschlossen, wenn er nicht anders
zu bezwingen wäre, ihn im Schlosse abzusperren und
dieses zu verbrennen. Die nöthigen Vorkehrungen hatten
die Kammerfrau, der Stallmeister und seine Knechte bald
getroffen, als sie aus der Stube gejagt waren; denn was
im Hause lebte, haßte den vermeintlichen Bettler und
Emporkömmling wie Gift, was eben auch eine unglückliche
Frucht der Erfindung war, die Correa in's Werk gesetzt,
um sich glücklich zu verheirathen, und die ihm bald das
Leben gekostet hätte.

Mit alledem waren das Wesen und die Seele der
Feniza selbst nicht weiter aufgeklärt, als die Thatsachen
gingen. Der Vergleich mit dem schönen weichen Fell
einer geschmeidigen Tigerkatze, oder mit der blauen stillen
Oberfläche eines tiefen Gewässers, auf dessen Grunde
häßliches Gewürme im Schlamme kriecht, u. dgl. hätte zu
nichts geführt. Ihr Charakter war darum nicht minder
auch ihr Schicksal. Wäre es ihr möglich gewesen, in der
letzten Stunde den Worten des Mannes zu glauben, mit
dem sie sich doch verbunden hatte, so wäre sie ohne Zweifel
mit ihm gegangen und gerettet worden. Aber nur für
einmal; denn nachher würde sie es nicht über sich gebracht haben, die Selbstsucht, Willkür, die Liebe zum Laster
und die vollendeten Künste der Heuchelei zu unterdrücken,
die ihre Lebenslust waren.

Jetzt war sie aber ärger zerbrochen, als die Schulterknochen ihres Buhlgesellen. Als Correa seine Aussage
thun mußte, blickte er sie nicht an; dennoch erschien er
ihr auf seinem Stuhle wie ein Höllenrichter. Das weiße
feine Kinn, das einst so vornehm auf dem Halskragen
geruht hatte, zitterte fahl und schlaff ohne Unterlaß,
während ihre scheuen Augen an seinem Munde hingen,
und die Perlenzähne klapperten beinahe vernehmlich. Alles
dies quälte den Admiral fast so viel, wie sie selbst. Denn
war sie schuldiger, weil das Geschöpf den wahren Menschen in ihm nicht geahnt hatte, als er, dem es mit der
Bestie in ihr gerade so ergangen war?

Nachdem in Folge kurzer Berathung alle Angeklagten
zum Tode verurtheilt worden, ließ er das Gericht durch
ein paar geistliche Capitelsherren, die an Bord waren,
vervollständigen und seine Ehe mit der Verbrecherin
feierlich auflösen. Die Gültigkeit dieser letzten Verhandlung kam nicht mehr in Frage, weil die Feniza Mayor
von Cercal gleich nachher mit ihren Genossen an's Land
zurückgebracht und an der geschwärzten Mauer des ausgebrannten Thurmes aufgehangen wurde, worauf der Admiral die Anker lichten ließ und die Fahrt nach Westen
fortsetzte. Nach vollen zehn Jahren erst nahm er auf
ebenso ungewohnte aber glücklichere Weise die zweite
Frau.

Um diese Zeit nämlich segelte der Admiral Correa
von Brasilien aus mit einer bedeutenden Flotte nach der
Westküste von Afrika, um die dortigen Besitzungen den
Holländern wieder abzunehmen, welche sich während des
portugiesischen Verfalls darin festgesetzt hatten. Er erschien unversehens vor St. Paul von Loanda, belagerte
und erstürmte diesen und andere Plätze, und zwang überall
die Holländer zur Uebergabe und zum Rückzuge, so daß
er in zwei Monaten die Gebiete von Benguela, Loanda,
kurz, die südliche Westküste von Afrika der Herrschaft
seiner Fahnen und seines Landes wieder unterwarf und
seinen Namen mit neuen Ehren erschallen ließ. Dazu
brachte er an die zwanzig kleinere Negerkönige unter die
Gewalt seines Stabes, sah sich dann aber veranlaßt, Halt
zu machen und zur größeren Sicherheit und Ausbreitung
der portugiesischen Herrschaft den Weg des Unterhandelns
einzuschlagen, eh' er die Waffen wieder ergriff.

Denn über die hinterliegenden Landstriche dehnte sich
in unbekannter Weite das Reich des sogenannten Königs
von Angola, dessen wahre Stärke nicht leicht zu berechnen
war, zumal er sich in geheimnißvoller Ferne hielt und
mit einem Nimbus von Macht und Schrecken umgab, der
so gut auf einiger Wirklichkeit, als auch nur auf schlauer
Prahlerei oder Täuschung beruhen konnte.

Correa setzte sich daher in einer geeigneten Landschaft
fest und ließ den für furchtbar geltenden Negerfürsten
durch eine Gesandtschaft gefangener Häuptlinge auffordern,
sich bei ihm einzufinden, um seine Tributpflicht und die
portugiesische Oberherrschaft über ganz Angola anzuerkennen und für den Anfang zum Zeichen guten Willens
gleich so und so viel Goldstaub und Elfenbein mitzubringen. Der König von Angola fühlte sich durch diese
Botschaft nicht angenehm berührt, suchte sich aber mit
eigenthümlicher Staatsklugheit aus der Sache zu ziehen.
Er tödtete die armen Abgesandten, sobald sie Correa's
Befehle verkündigt, damit sie den Frevel nicht wiederholen
konnten. Dagegen sandte er schleunig eine eigene Botschaft mit einigen großen Elephantenzähnen und einem
Säcklein Goldsand in das portugiesische Lager, und ließ
jene Gegenstände als großmüthiges Geschenk der Freundschaft überreichen und die Abordnung seiner königlichen
Schwester anzeigen, welche mit der Vollmacht zu allem
Nöthigen ausgestattet sein werde.

Der schreckliche Tyrann und Wüstenlöwe befolgte die
Politik manches zahmen Spießbürgerleins in Europa,
welches immer die Frau hinschickt, wo Muth und kluge
Beredsamkeit erwünscht sind; nur mußte er, da er etwa
hundert Frauen besaß, die er selbst nicht fürchtete, dafür
zur Schwester greifen, die ein keckes Einzelstück war und
im Gerüchte stand, daß sie schon einmal im Begriffe gewesen sei, den König, ihren Bruder, abzusetzen und hinrichten zu lassen.

Daß seine Abgesandten umgebracht worden seien, wußte
Don Correa nicht; er betrachtete daher die von dem angolesischen Herrscher getroffenen Maßregeln als Zeichen eines
halben Gehorsams und baldiger Unterwerfung; als er
aber nach einiger Zeit von den ausgesandten Spähern
vernahm, daß Annachinga, die Fürstin von Angola, sich
mit einem Gefolge nähere, das eher einem Heerzuge gleiche,
so stellte er seine Truppen in einer Ordnung auf, die
zur Schlacht wie zur Ehrenparade diente. In der That
wimmelte es wie ein schwarzer Wolkenschatten heran, der
immer mehr in's Breite wuchs und ein bald dumpfes,
bald gellendes Dröhnen von Menschenstimmen, Thiergeheul
und kriegerischen Instrumenten aus sich heraus gebar.
Die Portugiesen fanden für gut, als Gegengruß ihre
zahlreichen schweren Geschütze abzufeuern, deren Metall in
der afrikanischen Sonne funkelte, worauf das dunkle Heerwesen, von dem rollenden, in den Bergen widerhallenden
Donner erschreckt, still stand bis auf den letzten Mann
und sich den Anordnungen der heransprengenden Reiter
fügte. Diese verlangten, daß nur die Fürstin mit ihrem
eigentlichen Gefolge näher komme, der große Haufen aber
sich nicht weiter von der Stelle rühre. So entwickelte
sich aus der Masse heraus ein kleinerer Zug, der immer
noch ansehnlich genug war in seinem barbarischen Pompe
mit den damals noch vorhandenen Spuren einer jetzt
gänzlich verwilderten Völkerwelt.

Voraus wurde als Geschenk des Königs eine Herde
wilder Thiere, Elephanten, Giraffen, Löwen, Tiger und dergleichen an Ketten geführt, und zwar von Männern, die mit
ihrem hohen Wuchs und trotzigen Aussehen die Kraft und
Ueberlegenheit des Volkes zeigen sollten, mit welchem man es
zu thun habe. Dann ritt ein Dutzend persönlicher Vasallen
der Annachinga auf ziemlich bunt geschirrten Ochsen
vorüber, jeder von einigen schild- und speertragenden
Reisigen oder Knappen begleitet, wahrscheinlich seinen
Untervasallen; denn auch diese gingen schlank wie Tannen
und elastisch einher gleich Leuten, die auch noch irgend
Etwas unter sich haben. Auf einem mit Ochsen bespannten Wagen schwerfälligster Form, der mit Decken
behangen war, erschien endlich die Fürstin, in kostbare,
offenbar sehr alte Stoffe gekleidet, Hals und Arme mit
einer Last von Ketten und Ringen geschmückt. Sie saß
nach abendländischer Weise auf ihrem Sitze, eine kalte
Unbeweglichkeit zur Schau tragend, von welcher manche
große Frau des Occidents hätte lernen können. Ihrem
Wagen folgten zwei andere Wagen mit Hofdamen und
Sklavinnen und diesen zu Fuß eine Leibwache mit hundertjährigen guten Stahlwaffen, Halebarden und Flambergen, die unverkennbar einst im Abendlande geschmiedet
worden. Den Schluß bildeten ein Dutzend Fetischträger
nebst Hof- und Feld-Regenmachern, deren beschwörerische
und drohende Gebärden und Sprünge die portugiesischen
Soldaten belustigten. Besonders gegen eine Anzahl Jesuiten, welche herbeigekommen waren, das Schauspiel
mit anzusehen, richteten die schwarzen Hexenmeister ihre
Verwünschungen, da sie dieselben als ihre Hauptfeinde
und Brotneider ansahen; die Jesuiten aber widmeten
ihnen die wissenschaftliche Aufmerksamkeit gebildeter
Männer und lernten den thörichten Heiden ruhig ab, was
zu lernen war.

Im Innern des Lagers wurde die Fürstin erst recht
mit Trommeln- und Trompetenlärm empfangen und eingeladen, vom Wagen zu steigen. Sauber gekleidete, aber
keineswegs hohe Officiere führten sie in eine leicht erbaute lange Zelthalle, die durch Tapeten in verschiedene
Räume abgetheilt war. Im ersten Raume befand sich
eine Versammlung von Würdenträgern und oberen Officieren, welche die nöthigen Erkennungen mit der Fürstin
austauschten und die einleitenden Gespräche unterhielten,
bis sie zu ihrer Verwunderung vernahm, daß der Höchststehende gar nicht hier, sondern in einem innersten Verschlage aufhältlich sei und sie nur allein, allenfalls in
Begleit ihrer Frauen und der Dolmetscher empfange. Da
sie einmal da war, drang sie schweigend aber mit ungeduldiger Entrüstung vorwärts und stand mit immer
größerem Erstaunen vor dem Admiral, der ganz allein
auf einem erhöhten Thronsessel saß, nur einen stehenden
Pagen neben sich. Er trug den schimmernden Galaküraß,
über demselben den feinsten Spitzenkragen und dicke Ordensketten, und auf dem Kopfe den mit Federn ausgeschlagenen Hut mit Goldschnur und Diamantagraffe.
Das Gemach war an Wänden und Decke ganz mit gewirkten Seidentapeten bekleidet und der Boden mit Teppichen belegt; im Uebrigen war außer dem Thronsessel
keinerlei Art von Stuhl zu erblicken, ein rothes Kissen
ausgenommen, welches in einiger Entfernung vom Throne
auf der Erde lag.

Zwei Herren, die sie herein begleitet hatten und sich
jetzt aufrecht auf die Seite stellten, wiesen stumm auf das
Kissen, als Annachinga sich umsah, wo sie Platz nehmen
solle. Sie bemerkte nichts, als das Trüpplein ihrer
Frauen hinter sich, und winkte eine derselben herbei.
Diese kniete unverweilt hinter das Kissen, indem sie die
Arme auf den Boden legte und so in der Stellung
einer ägyptischen Sphinx einen Ruhesitz bildete. Auf
diesen Sitz ließ sich die Fürstin würdevoll nieder, die
Füße auf das vor ihr liegende Kissen streckend, stolz
und immer schweigend gewärtig, was weiter geschehen
werde.

„Es ist wohlgethan,“ ließ sich der Admiral nun vernehmen, „daß der Mann, den man den König von Angola
nennt, meine Botschafter gehört und den Willen meines
Landes und seines Gebieters geehrt hat, obgleich ich noch
lieber gesehen hätte, wenn er selbst gekommen wäre!“

Nachdem die beiden Dolmetscher, die mit herein gekommen, diese Rede zuerst unter sich, dann dem Ohr der
Fürstin verständlich gemacht, erwiderte sie:

„Du bist nicht ganz auf dem richtigen Wege des Verstehens, denn Deine Abgesandten wurden nicht angehört,
sondern vertilgt, wie sie den Mund aufthaten!“

Als diese Worte wiederum übersetzt waren und Don
Correa ihren Sinn erfuhr, schwieg er eine Weile und
ließ nur sein blitzendes Auge auf der schwarzen Person
ruhen. Dann ließ er fragen, warum man die Boten getödtet habe und was man für einen Erfolg von dieser
That erwarte?

„Sie wurden getödtet,“ antwortete sie, „weil sie die
Unterthanen und Dienstleute des Königs gewesen sind
und Unwürdiges gegen ihn in den Mund genommen
haben. Durch ihr Blut wurde seine Würde versöhnt,
Dir aber ist kein Schaden dadurch geschehen, da Du jetzt
anbringen magst, was Du von uns wünschest!“

„Ich habe nicht zu wünschen, sondern zu befehlen und
zur Rechenschaft zu ziehen!“ sagte der Admiral in strengem
Tone; „mäßige daher Deine Sprache, wenn ich Dich nicht
binden und wegführen lassen soll!“

Allein ohne sichtbaren Eindruck dieser Worte, ohne
mit den Wimpern oder den Lippen zu zucken, erwiderte
Annachinga auf die Drohung:

„Du wirst Dich auf die sechzig oder siebenzig weißen
Leute besinnen, die in unseren Händen sind! Mehr als
die Hälfte davon gehören Deinem Lande an!“

Hiemit schien die Sage bestätigt, daß eine ziemliche
Zahl Europäer im Innern von Angola festgehalten werde,
wie denn auch seit Jahren manche holländische und portugiesische Kaufleute verschwunden und erst in letzter Zeit
noch einzelne Soldaten, die sich verirrt, in Gefangenschaft
gerathen waren. Obgleich die schwarze Dame muthmaßlich
übertrieb, so konnte immerhin genug an der Sache wahr
sein, und Don Correa überdachte einen Augenblick das
Mißliche des Umstandes und was er zu antworten habe.
Aber die Negerfürstin, gleich einer vollendeten Diplomatin,
ließ seine Verlegenheit nicht dauern oder groß werden,
sondern fuhr sogleich fort, indem sie plötzlich auf die
Hauptfrage übersprang.

„Wir wissen nicht,“ sagte sie, „welchen Nutzen Du
Dir davon versprichst, uns als Unterworfene zu behandeln und uns die Knechtschaft anzubieten, ehe Du nur
unsere Macht geprüft, einen Angriff gewagt, geschweige
denn uns überwunden hast. Und wenn Du uns wirklich
besiegt hättest, so wären die Vortheile für Dich geringer,
als Dir ein freundliches Verhältniß zu uns gewähren
kann. Schließest Du ein Freundschaftsbündniß mit uns,
das ich Dir anzutragen bevollmächtigt bin, so gewinnst
Du eine starke Vormauer und einen mächtigen Beistand
gegen alle übrigen Feinde, die Dir bereit stehen, und statt
unsere ungezählten Pfeile auf Dich gerichtet zu sehen,
werden sie gegen Deine Feinde schwirren und Dir den
Weg frei machen. Statt eines erzwungenen Tributes
endlich wird Deinem Lande ein gegenseitig geordneter freiwilliger Verkehr größeren Gewinn bringen, als eine für
uns schmähliche Beraubung je abwerfen könnte. Dieses
bitte ich zu erwägen, ehe Du zu den Waffen greifst; denn
ohne Kampf wird es für Dich nicht ablaufen, was Du
anstrebst!“

Hatte Don Correa schon an der Art ihres Aufzuges
erkannt, daß er es mit einer gewissen Macht zu thun
hatte, die vielleicht nicht ungestraft zu unterschätzen war,
so mußte er sich jetzt sagen, daß dieselbe auch wußte, was
sie wollte, und mit Vernunftgründen zu unterhandeln
fähig schien. Er änderte also schnell entschlossen seinen
Plan und sagte:

„Da man uns bestimmte und deutliche Anträge macht,
welche von ehrlichem Entgegenkommen zeugen, so ist genügender Grund vorhanden, hierüber Rath walten zu
zu lassen. Ich bin bereit, bis zum Austrag der Sache
freie Verhandlung auf gleichem Fuße zu gewähren, und
behalte mir den endgültigen Entschluß nach Umständen
vor. Du magst jetzt wählen, ob Du inzwischen die Gastfreundschaft in unserer Mitte annehmen oder Dich bis zu
einer zweiten Unterredung in Dein eigenes Heerlager
zurückziehen willst!“

Die Fürstin erklärte, das letztere vorzuziehen, und
erhob sich mit derselben stolzen Würde von ihrem Sitze,
mit welcher sie sich darauf niedergelassen hatte. Zugleich
erhob sich auch der Admiral, um sie seinen Worten entsprechend auf gleichem Fuße zu behandeln und ritterlich
hinaus zu geleiten. Als dergestalt die Anwesenden dem
Ausgange zuschritten, bemerkte Don Correa, daß die
knieende Sklavin unbeweglich liegen blieb, und machte
lächelnd die Fürstin aufmerksam, daß sie vergesse, ihren
lebendigen Feldstuhl mitzunehmen.

„Ich setze mich nie zum zweiten Male auf denselben
Stuhl“, antwortete sie ohne zurückzublicken. „So mag
er dem Hause bleiben, in welchem ich mich seiner bedient
habe. Ich schenke Dir diese Person!“

So aufschneiderisch diese Rede klang, so gab sie ihm
doch auf's neue zu denken, und er begleitete die Fürstin
nicht ohne kriegerische Höflichkeit bis an den Ausgang
des Lagers. Als er hierauf sich wieder in das große
Zelt zurückzog, um zunächst die Angelegenheit für sich
allein zu überlegen, bemerkte Don Correa mit einiger
Ueberraschung, daß in dem verlassenen Raume das junge
Weib noch immer still und reglos auf seinen Knieen und
Ellbogen lag.

Er trat näher, ging um das schöne Bildwerk herum,
welchem das Mädchen oder was es war, eher glich, als
einem Lebewesen, und betrachtete mit Erstaunen und
auch mit Verlegenheit die Erscheinung, mit der er nichts
anzufangen wußte. Sie war in weißes Baumwollenzeug gekleidet, das von den Schultern bis zu den Füßen
ging und unter den Armen bis gegen die Hüften hin
mit Binden von gleicher Farbe umwickelt war. Nur die
hellbraunen Schultern und die Arme waren bloß und in
Formen von vollkommener Schönheit und Ebenmäßigkeit
gebildet. Das Haar erschien trotz seiner Ebenholzschwärze
nicht so wollig, wie bei den Negern, sondern fiel in
weicheren breiten Bändern rings vom Haupte, nachdem
es ein auf diesem befestigtes, kronenartiges Körbchen von
Weidenzweigen durchflochten. Von dem Gesichte konnte
Don Correa nichts sehen, weil es zur Erde gerichtet und
von dem niederhängenden Haar verschleiert war.

Obgleich gegen Sklaven und farbige Menschen gleichgültig und verhärtet wie die ganze gebleichte Welt, bückte
er sich endlich doch ein wenig und sagte in mitleidigem
Tone: „Wie lange wirst Du noch liegen? Steh' auf!“

Das arme Weib errieth den Sinn dieses Befehles
und richtete sich empor; doch waren die Glieder von der
unnatürlichen Lage beinahe erstarrt und der Athem beengt;
sie schwankte im Aufstehen und wußte sich nicht recht zu
helfen, so daß Don Correa ihr die Hand reichen und sie
einen Augenblick halten mußte, um sie vor dem Umfallen
zu schützen. Da stand sie nun vor ihm mit vor Scham
niedergeschlagenen Augen, und eine Purpurröthe wallte
sichtbar über die braunen Wangen. Uebrigens war die
Gesichtsbildung edel, wenn auch an den Schnitt altägyptischer Frauengesichter erinnernd oder sonst an verschollene Völkerstämme alter Zeiten. Verwundert über
die vornehme Anmuth der ganzen Erscheinung legte er
die Hand unter ihr kurzes Kinn und drückte es sanft in
die Höhe, so daß sie den Kopf zurückbiegen und ihn mit
den mandelförmigen großen Augen ansehen mußte. Da
sah er sowol in diesen dunkeln Augen, als auf dem
kirschrothen Munde die stumme Klage und Trauer der
leidenden Natur, die immer das Herz des Menschen rührt,
während ihre triumphirenden Schrecken es nicht bezwingen
können. Der Mann, der seit zehn Jahren an den schönsten
und glänzendsten Frauen achtlos vorübergegangen und
für ihre Blicke unempfindlich geblieben, wurde jetzt
urplötzlich wie von einem Zauber oder einer Offenbarung
bewegt; er vermochte nicht eine Secunde der Versuchung
zu widerstehen, das stille, fremde Menschenbild in den
Arm zu nehmen und leis auf beide Wangen zu küssen.
Damit zeichnete er es sänftlich als sein Eigenthum und
schwur in seinem Innern, dasselbe niemals zu verlassen;
denn trotz der schlechten Erfahrung, die er einst gemacht,
glaubte er jetzt der Eingebung, daß dieses weibliche Wesen
ihn nicht betrüben werde.

Zugleich beschloß er auf derselben Stelle, die heidnische
Sklavin in den Besitz der menschlichen und christlichen
Freiheit und des Selbstbewußtseins zu setzen, eh' er weiterging, und rief zu diesem Ende hin seinen Pagen herbei,
durch welchen er das Weib sofort nach Loanda in das
Haus eines seiner Offiziere bringen ließ, dessen Familie
dort wohnte. Ein zurückkehrender Proviantwagen unter
der Aufsicht eines ergrauten Soldaten kam der nicht eben
großen Reise zu Statten.

Als sodann Don Correa die Unterhandlungen mit
der angolesischen Königsschwester bis zu einem gewissen
Punkte weitergeführt und diese sich mit ihrem Troß
hinwegbegeben hatte, eilte er ebenfalls nach Loanda
St. Paul. Er fand die Sklavin bei den Frauen des
Offiziers wohl aufgehoben und schon in christlicher Tracht
einhergehend, das dunkle Haar nach Art der portugiesischen
Mägde bescheiden geflochten und aufgebunden. Es wollte
ihm beim ersten Anblick fast vorkommen, als hätte sie
mit der einfachen Weidenkrone und dem weißen Wickelgewande einen guten Theil ihres geheimnißvollen Reizes
verloren, und er bedauerte beinah' schon die Umwandlung;
doch sah er bald, daß die unschuldige und weltursprüngliche
Demuth ihres Antlitzes, verbunden mit dem natürlich
edlen Gang, der ihr eigen war, jedes Kleid beherrschten,
das man ihr geben konnte. Während des Verkehrs mit
Annachinga hatte er diese einmal beiläufig, wie man sich
etwa aus Höflichkeit über die Beschaffenheit eines Geschenkes bei dem Geber erkundigt, befragt, welcher Race
die Sklavin eigentlich angehöre und woher sie dieselbe
erhalten habe. Er sprach überdies vorsichtiger Weise in
dem Tone, mit welchem ein Fant sich nach der Nahrung
eines geschenkten seltenen Vögelchens erkundigt, ob man
es mit Würmern oder mit Körnern füttere u. s. w.
Annachinga sagte ihm, die Person stamme von Sonnenaufgang her, wahrscheinlich von einem ausgerotteten Volke,
und sei mit ihrer Mutter auf dem Wege der Eroberung
und des Handels quer durch den Welttheil bis gegen
Westen gerathen. Sie selbst habe sie als zehnjähriges
Kind erhalten und seither besessen; jetzt möge sie siebzehn
Jahre alt sein; sie verstehe weiße und bunte Zeuge zu
weben, sonst aber sei sie noch zu roh und unwissend, da
sie noch nie aus Frauenhand gekommen. Sie schicke sich
am besten für den Dienst seiner Gemahlin oder Fürstin,
der er sie schenken möge; die Art sei immerhin rar geworden. Wolle er sie aber bei sich behalten, so solle er
sie nur mit der Peitsche dressiren, wenn sie zu ungelehrig
sei. Im Uebrigen habe man noch nichts an sie gewendet
hinsichtlich der modegerechten Aufstutzung; noch seien die
üblichen Zähne nicht ausgebrochen, die Wangen nicht
tätowirt und noch kein Ring durch die Nase gezogen, zu
was allem das Alter jetzt da sei.

Höflich, aber leichthin, der Geringfügigkeit des Gegenstandes entsprechend, dankte Don Correa der Dame für
ihren sportmäßigen Rath und nahm das Gespräch über
die wichtigeren Staatsgeschäfte wieder auf.

In Loanda fand er jetzt die Angaben der Annachinga
durch das, was man inzwischen der Sklavin hatte abfragen können, so ziemlich bestätigt. Sie erinnerte sich
dunkel, als kleines Kind steinerne Häuser an einem
Wasser gesehen und einen großen Lärm und Rauch erlebt
zu haben, dann an der Hand oder auf dem Arm der
Mutter durch unendliche Landstrecken gekommen zu sein,
bis die Königsschwester von Angola Mutter und Kind
gekauft. Deutlicher war ihr das spätere gegenwärtig,
wie die Mutter von der Fürstin hart behandelt worden
und frühzeitig gestorben sei. Sonst wußte sie von nichts
weiter, als daß sie Zambo hieß.

Das nächste, was der Admiral nun that, war, daß
er sie taufen ließ und hiefür ein kleines Fest veranstaltete,
ohne im übrigen sein Vorhaben zu verrathen. Die Kirche
wurde mit Palmenzweigen und Blumen geschmückt, unter
dem Vorwande, diesen ersten Sieg über das noch zu
unterwerfende Königreich zu feiern, und der Altar
flimmerte von Lichtern. Ein Dutzend Jesuiten sangen und
musizierten während des Hochamts gleich hundert Nachtigallen, und der dreizehnte hielt die Predigt, in welcher
er die erbauliche Vorstellung ausmalte, daß Zambo ein
letzter Nachkomme der weisen Königin von Saba sei und nun
erst das Heil erworben habe, das diese merkwürdige Vorfahrin im alten Testamente bei den Juden vergeblich gesucht.

Don Correa selbst war der Taufpathe und die vornehmste Frau in Loanda die Pathin, als die Handlung
nun vollzogen und Zambo mit dem Namen Maria getauft
wurde. Sie ließ alles mit sanfter Ergebung über sich
ergehen ohne den Mund zu verziehen; erst als die Taufe
vorüber war und sie an den Altar geführt wurde, um
sich noch besonders der großen Namenspatronin vorzustellen und das Knie vor ihr zu beugen, richtete sie das
Auge schüchtern auf das hölzerne Marienbild, welches
nach Vertreibung der ketzerischen Holländer in neuem
Glanze aufgerichtet war, die Krone frisch vergoldet, das
Gesicht so stark gefirnißt, daß es glänzte wie ein Spiegel
und die linke Wange wirklich das daran gedrückte Näschen
des Christusbildes abspiegelte. Weil die Wange aber
rundlich gewölbt war, so erschien das Näslein darin so
groß, daß die Zambo-Maria vermeinte, es wohne ein
Mann in der durchsichtigen Frau, der seine Nase herausstrecke, und da sie überhaupt noch nie ein derartiges
Bildwerk gesehen, so hielt sie es für einen lebendigen
Zauber und fing sich gewaltig an zu fürchten. Zitternd
raffte sie sich auf und suchte zu entfliehen. Sie fand
aber wegen der vielen Umstehenden keinen Ausweg und
flüchtete an die Seite des Don Correa, in welchem sie
ihren Beschützer sah, und deutete mit der Hand nach dem
leuchtenden goldenen Weiblein, in welchem ein Geist stecke,
der größer sei als es selbst. Alles drängte sich herzu,
um zu sehen und zu hören, was sich mit der neuen
Christin begebe, und man suchte sich gegenseitig verständlich
zu machen, was sie gesagt habe.

Auf einmal ertönte die laute Stimme eines der
Priester, der rief: „Wunder! Wunder! Ein großes Heil
ist geschehen! Der Herr ist eingekehrt in seine irdische
Wohnung, in sein liebliches Pavillon und Sommerhäuschen! Er will die erste Heidin sehen, die wir hier
getauft haben!“

Alles blickte starren Auges auf das Altarbild, auf
welches die Zambo gedeutet hatte, und bald rief hier, bald
dort Einer aus der Menge: Ich seh' es auch! Ich seh'
es auch! ohne daß Jemand wußte, was eigentlich zu
sehen sei. Die Jesuiten, schnell gefaßt, die günstige
Gelegenheit zu packen, schlugen alle weiteren Erörterungen
mit einem mächtigen Tedeum nieder, das sie anstimmten
und in welches alles Volk einfiel. Dann ergriffen sie
die Neugetaufte und führten sie mit Kreuz und Fahne
in Procession in der Kirche und um die Kirche herum,
unter geschwungenen Räucherfässern und fortwährend ihr
Ora pro nobis singend. Immer mehr Volk lief herbei,
und in kurzer Zeit war sie ihrem Herrn und Beschützer
abhanden gekommen und unsichtbar geworden; denn man
schleppte sie auch noch in den Straßen herum und in
verschiedene Häuser hinein, wo man sich an ihrem Anblicke
erbauen wollte.

Endlich ging Don Correa, sie zu suchen, und holte
sie aus dem dicksten Haufen Leute heraus, wo sie sich
ersichtlich voll Furcht und Angst befand, da sie gar nicht
wußte, was Alles zu bedeuten habe, und zu glauben begann, sie solle jenem kleinen glänzenden Weiblein zum
Opfer gebracht d. h. getödtet werden; denn sie hatte in
den schwarzen Königreichen gesehen, daß zum Opfern bestimmte Menschen so umher geführt wurden. Sie klammerte
sich daher an Correa's Arm, sobald er sie erreichte und
ihre Hand nahm. Die Jesuiten waren jedoch nicht
Willens, auf ihre Eroberung so leicht zu verzichten, indem
sie behaupteten, Zambo-Maria müsse dem Himmel geweiht
werden und in der Hut der Kirche bleiben. Er werde
das Nöthige schon besorgen, rief der mächtige Befehlshaber; zunächst sei die Person noch sein Eigenthum und
sein Pathenkind, das jetzt einem kleinen Taufeschmaus beiwohnen und einige Geschenke empfangen müsse. Dessen
ungeachtet murrte und sträubte sich die Menge, das
Wunder fahren zu lassen, und es bedurfte des entschlossenen
Auftretens Correa's, das zitternde Weib frei zu machen.
Er ließ sie von seinem Pagen begleitet voran gehen und
schritt mit einigen seiner Kriegsleute hinterdrein. So
begaben sie sich nach einem kleinen Landhause, das er in
Loanda bewohnte; die Frau Pathin war inzwischen mit
ihrer Begleitung schon dort angekommen, da sie schon
früher aus dem Gewühle entflohen war, und die nicht
zahlreiche Gesellschaft nahm an dem gedeckten Tische Platz,
nachdem der in Unordnung gerathene Anzug des Täuflings
von den anwesenden Frauen wiederhergestellt worden.

Zambo saß zwischen der Pathin und ihrer bisherigen
Pflegerin. Sie war mit einem weißen Schleier und einem
mit rothen Rosen durchflochtenen Myrthenkranze geschmückt,
wodurch das helldunkle Gesicht und der von goldenem
Kettchen umgebene Hals eine Wirkung von ungewöhnlichem
Reize machten.

Don Correa, der ihr gegenüber saß, mußte sich etwas
zusammennehmen, sie nicht zu oft anzusehen, nicht nur
der anwesenden Frauen, sondern auch des Geistlichen wegen,
der sie getauft hatte und ebenfalls zugegen war. Obgleich
die braune Marie schon einigermaßen an das abendländische
Tischgeräthe gewöhnt war, vermochte sie doch nicht zu essen;
denn der Wechsel der Eindrücke, die sie so rasch nach einander empfangen, bedrückte ihr Herz. Sie glaubte sich
wol der Gefahr entzogen und fühlte auch, obschon sie
nicht ein Wort der Tischgespräche verstand, man rede
freundlich von ihr; doch ihre neue Lage, Umgebung
und Zukunft erschienen ihr so gänzlich fremd und unbekannt, daß die Reglosigkeit ihrer Seele eher zu- als
abnahm. Erst als Don Correa eigenhändig einen Teller
mit süßen Früchten und portugiesischem Backwerke füllte
und ihr denselben hinüberreichte, fing sie gehorsam und
ehrfürchtig an zu naschen und aß den Teller tröstlich leer.
„Ei seht,“ sagten die Frauen, „wie gut sie dem gütigen
Herren zu gehorchen versteht! Wahrhaftig, seine Gnaden
haben eine Eroberung gemacht!“

Als nun Alles über den unversehens leer gewordenen
Teller lachte, schaute Maria verwundert um sich und
lachte auch. Noch Niemand hatte sie lachen sehen und
Alle waren erstaunt über den Liebreiz, welcher sich wie
aus dem Himmel geholt so unerwartet über die fremdartigen Gesichtszüge verbreitete und eben so schnell wieder
verschwand, als sie beschämt die Augen niederschlug.

Unterdessen war die Dämmerung hereingebrochen und
die Gesellschaft erging sich nach aufgehobener Tafel noch
einige Zeit im Freien, um die wohlthuende Nachtluft zu
genießen, welche Meer und Land balsamisch kühlend umfloß. Ueber den Gesprächen der zerstreut auf und nieder
gehenden Leute blieb die Zambo oder Maria unbeachtet,
wie es so zu geschehen pflegt, nachdem der Mensch sein
bescheidenes Theil Aufmerksamkeit erregt hat. Sie stand
abseits unter einer Gruppe hoher Palmenbäume, an einen
der Stämme geschmiegt, und blickte unverwandt nach
Westen, wo die Sichel des untergehenden Mondes über
dem Meere glänzte, und zwar so stark, daß die Palmen
ihren Schatten warfen. Die äußerste Kante des großen
goldenen Gestirnes schimmerte noch extra im fernen
Sonnenlicht gleich einem blitzenden schmalen Ringe, während Zambo's scharfes Auge zugleich die nach dem Innern
des Ringes hin allmälig verschwimmenden Gebilde wahrnahm, die von dem Lichte schwächer getroffen, ihr aber
vertraut waren. Stets aber hing das Auge wieder an
dem blitzenden Ringe. Es war die letzte Ueberlieferung
eines wahrscheinlich schon seit tausend Jahren untergegangenen Cultus, welche in dem Mädchen von der alten
Heimath oder der todten Mutter her noch dämmerte;
vielleicht wendete sie sich, ohne es zu wissen, noch einmal
der verschollenen Selene zu, ehe sie der goldenen Göttin
folgte, an deren Altar sie heute gestanden, kurz, sie streckte
wie um Schutz flehend die Hand nach dem Gestirn aus.

Da faßte Jemand sänftlich diese Hand; es war Don
Correa, der vorsichtig an sie herangetreten und ihr dieselbe Hand auf den Mund legte, zum Zeichen, daß sie
schweigen solle. Dann streifte er einen schimmernden Ring
an ihren Finger und küßte sie schnell auf den Mund,
worauf er ebenso ungesehen hinweg schritt, als er gekommen
war. Bald nachher ging die kleine Gesellschaft auseinander
und Zambo kehrte mit ihrer Beschützerin in deren Behausung zurück.

Am nächsten Tage schon ließ der Admiral zwei seiner
Schiffe unter Segel gehen, die er nicht mehr brauchte,
und sandte sie mit Depeschen, das eine nach Brasilien,
das andere nach Portugal. Auf demjenigen, das nach
Brasilien ging, hatte er in der Frühe bereits die Zambo
nebst einer Dienerin untergebracht und dem Befehlshaber
auf die Seele gebunden. Die Schwester seiner längst
verstorbenen Mutter lebte in Janeiro als Aebtissin
eines Conventes von Dominikanerinnen. Dieser anvertraute er die Zambo mit einem Briefe, worin er die
vornehme Klosterfrau bat, das getaufte Heidenkind in den
klösterlichen Schutz aufzunehmen, mit christlicher Sitte und
guter Lebensart bekannt zu machen und es aber für die
Rückkehr in die Welt bereit zu halten, alles unter Zusicherung schuldiger Dankbarkeit und gewünschter Gegendienste.

Die Abfahrt der Schiffe war freilich schon früher bestimmt gewesen; die Einschiffung der Zambo aber hatte
er ganz plötzlich und rasch betrieben, und als die Jesuiten
ihre Speculationen auf die Wunderperson an diesem Tage
weiter ausarbeiten und vor allem nur die Visionärin in
Sicherheit bringen wollten, fuhren die Schiffe längst außer
Sicht, und der zukünftige Wallfahrtsort an der Westküste
des Welttheils verwandelte sich einstweilen in ein Luftschloß und ist es auch geblieben.

Zambo-Maria selbst wußte am wenigsten, was mit
ihr vorging. Als der Admiral seine letzten Anordnungen
auf dem Schiffe getroffen und dasselbe verließ, hatte er
sich zum Abschiede nicht länger bei ihr aufgehalten, als
bei anderen Nebenpersonen, und kaum ihre schmale braune
Hand einen Augenblick in die seine genommen und gestreichelt, indem er seinem guten Taufpathchen, daß es
Jeder hören konnte, ein par gewöhnliche Worte der
Aufmunterung sagte, dann aber sich abwendete und nicht
mehr umsah. Das Naturkind schien aber die Hauptsache
schon soweit zu verstehen, daß sie die par leichten Liebkosungen, die sie von ihm erfahren, sowie das Geschenk
des Ringes sorgfältig bei sich behielt, obschon die Frauenspersonen bereits das eine und andere Wort mit ihr austauschen konnten und sie schon auf dem Schiffe ein weniges
portugiesisch plaudern lernte.

In der Zeit waren auch die Unterhandlungen mit dem
Königreich von Angola zu Ende geführt und die Fürstin,
wie gesagt, mit ihren Leuten abgezogen. Die Schlauheit
und Beredtsamkeit der schwarzen Diplomatin konnte nicht
hindern, daß ihr Bruder doch als Vasall der Krone Portugals betrachtet und schließlich Don Correa zum Regenten
in Angola ernannt wurde. Er regierte das Königreich
mehrere Jahre.

Mit Ablauf des ersten Jahres aber fuhr er nach
Rio de Janeiro hinüber, um das Kleinod heimzuholen,
das er dort aufgehoben wußte, und Hochzeit zu halten.
Zur Belohnung für seine Thaten hatte der König unter
anderm seinem Wappen zwei Negerkönige mit goldenen
Kronen als Schildhalter beigegeben. Diese Figuren widmete er der zukünftigen Gattin als Zierat, indem er sie
auf Geräthe, Schmuck und Tapezerei, die er in den europäischen Fabriken bestellte, überall anbringen ließ. Noch
auf dem Schiffe, als es in den Hafen von Rio de Janeiro einlief, entwarf er in Gedanken ein Gemälde, das
er bestellen wollte, auf welchem Zambo-Maria in der
Tracht einer Königin von Saba getauft wurde und die
zwei Mohrenkönige das Taufbecken hielten. Als er aber
das Kloster der Dominikanerinnen betrat und im Sprechzimmer stand, um seine Frau Tante, die Aebtissin, nach
dem jungen Weibe zu fragen, sagte ihm die nach der
Begrüßung mit trockenen Worten, die braune Person sei
vor kurzen Tagen fortgelaufen und verschwunden.

Don Correa erblaßte und stand wie vom Blitze getroffen. Der erste Gedanke sodann war nicht etwa ein
Fluch auf die Entflohene, sondern auf die eigene Thorheit.
„Warum hast du die arme Creatur nicht bei dir behalten“, sagte er sich, „und gleich geheirathet wie sie war!
Jetzt wird sie zu Grunde gehen!“

Er fragte die Nonne, ob man denn keine Vermuthung
hege, was sie zur Flucht bewogen und wo sie sich hingewendet habe? Jene verneinte Alles und meinte, der
Admiral möge, wenn so viel an dem Weibe gelegen sei,
sie jetzt selbst aufsuchen lassen, wozu er mehr Macht und
Mittel besitze, als sie. Erst jetzt ging er in sein altes
Wohnhaus zu Rio, das er zur Hochzeit einzurichten gedacht hatte. Er fand schon manche Kiste mit angekommenen Sachen vor; aber statt sie zu öffnen, sandte er
nach allen Seiten Leute aus, die Spur der Verschwundenen zu suchen, und machte sich selber auf den Weg, voll
Erbarmen mit ihrer Rathlosigkeit. Auch war die anfängliche Liebeslaune, die ihn beim ersten Anblick nach so
langem Unterbruche befallen, zeither zu einer inneren
Neigung erwachsen, zu einem tieferen Bedürfnisse, dieser
Menschenseele außerhalb des Weltgeräusches so recht für
sich gut zu sein, und er fragte sich, als er fruchtlos nach
ihr ausschaute, ob er sich mit seinen äußerlichen und
luxuriösen Anstalten und Bestellungen nicht gegen die
Einfachheit des unschuldigen Wesens versündigt und es
zur Strafe dafür nun verloren habe. Er erinnerte sich,
wenn der Ausdruck bei einem solchen Herren und Kriegsmanne überhaupt angebracht ist, schmerzlich des pomphaften Empfanges, den er dem bösen Weibe von Cercal
einst bereitet, und welch' trauriges Ende jene glänzenden
Vorbereitungen genommen.

Von dem Verlangen getrieben, über das Wesen und
Leben der Zambo im Kloster Näheres zu erfahren, eilte
er wieder hin und befragte die Stiftsvorsteherin eifrig
und sogar mit einer gewissen Heftigkeit, die über den
Rang und Stand des Mannes, wie über die Tragweite
der Sache fast hinauszugehen schien. Die alte Dame
mit ihrem goldenen Kreuz auf der Brust sah ihn
aus wohlgenährten Augenlidern blinzelnd aufmerksam an
und erzählte dann sehr gelassen nur Gutes von der
Negerin, wie sie die Maria nannte, trotzdem sie offenbar
keine war. Sie habe die portugiesische Sprache schon
ziemlich brauchen gelernt, sich still und gehorsam verhalten
und gern mit den weiblichen Arbeiten beschäftigt.

„Welche Arbeiten?“ fragte Ton Correa, der wußte,
daß die Damen in diesem Stifte so wenig etwas thaten,
was man arbeiten nennen konnte, als diejenigen außerhalb desselben. Er fürchtete daher, das Mädchen möchte
zu niedrigen Arbeiten, wo nicht zum Sklavendienste gebraucht worden und vielleicht deshalb entflohen sein. Allein
die Aebtissin fuhr ausweichend fort, allerlei Vortheilhaftes
von dem verschwundenen Kinde zu bekunden, und dem
Herrn wurde es nur immer bitterer und fast traurig zu
Muth, als er das Alles anhörte. Die Alte aber schloß
mit den Worten: „Item, man hätte nicht gedacht, daß sie
so schnöde weglaufen würde!“

Mit verworrenen Gedanken ging er endlich wieder in
seine Wohnung, um sich nur etwas zu sammeln. Denn
er, der sonst in Entschluß und That nie zu zögern pflegte,
sah sich diesem Geheimnisse gegenüber durchaus ohnmächtig
und unentschlossen. Die Dienstverhältnisse erlaubten ihm
nicht, lang in Rio de Janeiro zu verweilen; verließ er
aber die Stadt und das Land, so verlor er jede Hoffnung,
die Zambo doch noch zu finden, und der Mann, der Land
und Leute zu erobern gewohnt war, sah sich außer Stand,
das unschuldigste und bescheidenste Heirathsproject auszuführen.

Als er in solchen düsteren Betrachtungen das Haus
erreicht hatte und eben in seinem Cabinette Degen und
Handschuhe auf den Tisch warf, kam sein Page Luis vorsichtig hereingeschlüpft, ihm eine merkwürdige Nachricht
zu bringen. Es war ein vierzehnjähriger aufgeweckter
Knabe und seinem Herrn so ergeben und vertraut, daß
dieser ihn für sicherer und zuverlässiger hielt, als alle
anderen Diener, und ihm auch sonst wegen seines anmuthigen Wesens herzlich wohl wollte. Luis hinterbrachte also nun, als er so von ungefähr in der Straße
geschlendert sei, habe ihn die Frau des Nachbars, eines
alten französischen Schiffsherrn, die für eine heimliche
Protestantin gelte, herbeigewinkt und ihm hinter der
Hausthür zugeflüstert, er solle seinem Don sagen, sie könne
ihm den Ort nennen, wo Se. Excellenz finde, was sie
suche; man möge nur, sobald es dunkel sei, einen Augenblick in die Veranda hinter ihrem Hause kommen. Don
Correa verfehlte den Gang nicht und vernahm von der
muntern Alten, nachdem er ihr Verschwiegenheit und
Schutz zugesichert, daß seine Zambo vor unlanger Zeit
auf einem nach Marseille gehenden Schiffe ihres Mannes
in ein Kloster zu Cadix gebracht worden sei. Ueberdies
wußte sie, daß es sich darum handle, das Mädchen zu
einer Art von Wunderthäterin und Heiligen zu machen,
daß es widerstanden hatte, mit Blutrünstigkeiten Stirn
und Hände verzieren zu lassen und eine heilige Blutschwitzerin zu werden; ja, der Alten war sogar bekannt,
daß dem bräunlichen Frauenzimmer ein Verlobungsring
vom Finger gestreift und weggenommen worden sei. Einen
Theil dieser Dinge hatte sie auf ganz geheimem Wege
durch eine Flamänderin erfahren, die in dem Kloster als
Bäckerin angestellt war und dir Alte bisweilen besuchte.

Don Correa erkannte sogleich die Wahrheit der Angaben und dankte der Frau dafür, sie bittend, auch ihrerseits die Sache geheim zu halten. Ein stiller Grimm
erfüllte ihn trotz seiner katholischen Gesinnung gegen die
Jesuiten, die offenbar von Afrika aus über seinen Kopf
hinweg die Hand im Spiele hatten, und nicht minder erwachte sein Zorn gegen die verlogene Prälatin, seine
Muhme. Diese vermuthete in der That nicht mit Unrecht,
daß der Neffe wieder einmal einen wunderlichen Heirathsstreich im Schilde führe, und hatte um so größere Ursache,
ihn daran hindern zu helfen, als sie längst mit einer
rühmlicheren Verbindung für ihn beschäftigt war und nur
auf den Augenblick lauerte.

Der Admiral und Regent oder Vicekönig von Angola
legte sich noch in der gleichen Nacht den Vorwand zurecht,
die Reise nach Europa auszudehnen und am Hofe zu
Lissabon über den Stand und die Zukunft der afrikanischen
Angelegenheiten persönlich zu berichten, und am nächsten
Tage ging er mit zwei Schiffen ostwärts unter Segel,
ohne das Ziel der Fahrt bekannt zu machen. Mit großer
Ungeduld sah er die Tage und Wochen vergehen, obgleich
er mit dem günstigsten Wind und Wetter segelte, und als
er endlich in den Golf von Cadix abbiegen konnte, fand
er die Bai und den Hafen durch Wachtschiffe verschlossen,
weil die Pest in der Stadt hauste.

Dieser neue Unstern steigerte seinen Unmuth und die
Besorgniß für die arme Zambo auf's Höchste, zum Glück
aber auch seine Besonnenheit. Da er wegen der auf ihm
lastenden Verantwortung sowie bei der sicheren Nutzlosigkeit überhaupt nicht daran denken konnte, seine Person
auf spanischem Boden auszusetzen, beschloß er, vorerst die
Fahrt nach Lissabon zu beendigen und nur den Knaben
Luis auf Kundschaft zu schicken. Er vertraute demselben,
der die Zambo kannte und von ihr gekannt war, sein
Geheimniß ganz an, ließ ihn das Gewand eines zerlumpten
Schifferjungen anziehen und versah ihn reichlich mit Geld,
worauf er ihn südlich von der Bucht bei der St. Petersinsel in der Dunkelheit der Nacht an den Strand bringen
ließ. Mit aller Verwegenheit und Begeisterung eines
romantischen Knaben und der Freiheit froh, verlor sich
der kluge Bursche landeinwärts, indessen Don Correa
bald nachher auf das Cap St. Vincent lossteuerte, um
den Weg nach Lissabon vollends zurückzulegen. Von dort
aus dachte er dann mit oder ohne Nachricht des Knaben
weiter vorzugehen.

Es dauerte keinen Tag, so trieb sich Luis mit einer
Schachtel voll indianischer Schnurrpfeifereien in der Stadt
herum und bot überall seinen Kram zum Verkaufe an, wurde
aber allenthalben weiter geschickt, hier mit dem Unwillen
Derer, welche Pestkranke oder schon Todte hatten, dort
mit dem Gelächter und den Flüchen des gesund gebliebenen
Pöbels, der sich zechend, tanzend und singend in Schenken
und auf öffentlichen Plätzen herum trieb. Luis ließ sich
aber Nichts anfechten, sondern durchwanderte die Stadt
die Kreuz und Quere, bis er auf ein Nonnenkloster stieß,
welches dem Dominikaner-Orden angehörte. Es bestand
aus einem Haufen alter Gebäude und hoher Mauern,
die da und dort mit sarazenischen Fensterlöchern durchbrochen waren. Natürlich war ihm der Eintritt so
verschlossen, wie jedem andern Mannsbilde; nur in
die Kirche konnte er eintreten und bemerkte dort, daß
der Gottesdienst ungeregelt abgehalten wurde und das
Innere des Klosters so voll Unruhe war, wie die übrige
Stadt.

In der Herberge, die er aufgesucht, kaufte er von der
Tochter eines plötzlich verstorbenen Bauers einen kleinen
Esel, und von einem Verkäufer alter Kleider einen Weiberrock und ein zerrissenes Kopftuch; dann belud er den Esel
mit einem Korbe voll frischer Orangen, schwang sich selbst,
als arme Bauerndirne gekleidet, auf das Kreuz des Esels
und ritt gemächlich in der Richtung des Klosters davon.
In diesem Aufzuge gelang es ihm, in einen Vorhof einzudringen, dessen Thüre sich just geöffnet hatte, um einen
Arzt einzulassen; und da drinnen Verwirrung und Rathlosigkeit herrschte, indem die Aebtissin soeben von der
Krankheit ergriffen worden, so trieb die angebliche Orangendirne ihren Esel unbeachtet bis in einen Garten, wo einige
Klosterfrauen ängstlich spazieren gingen. Da fing er an,
seine Früchte auszurufen und einen solchen Lärm zu
machen als ein kreischendes Landmädchen, daß bald mehrere
Nonnen herbei kamen und um den Esel herum standen.
Die Eine und Andere kaufte ein paar Orangen, die der
schlaue Knabe beinahe um Nichts hergab, der schlechten
und unglücklichen Zeit wegen, und der geringe Preis verlockte die guten Frauen, die Gelegenheit zu benutzen und
sich die kleine Erfrischung zu verschaffen. Einige suchten
sich unter den goldenen Kugeln einen Vorrath aus, indem
sie dieselben in der Hand wogen und an die Nase brachten,
und inzwischen ließ Luis seine Augen verstohlen herumgehen, ob er nirgends die Zambo erblicken könne. Und
das Glück wollte, daß es geschah. In einiger Höhe schauten
hinter einem hölzernen Gitter zwei Frauengesichter herunter, wovon das eine, noch im weltlichen Haarschmuck
und ohne Schleier, niemand Anderem als der dunkeln
Zambo angehörte.

Kaum hatte Luis sie erkannt, so trieb er unvermerkt
den Esel näher, bis das graue Thierchen unter dem Fenster
stand; und nun fing Jener aus Leibeskräften an zu rufen:
„Kauft, hochwürdige Damen! Kauft frische Orangen für
den Durst! Sie sind gesund, wie die Aerzte sagen, und
preiswürdig! Für ein halbes Soundsoviel und ein viertel
Nichts dazu kann ich drei Stücke geben! Kauft, gnädige
Frauen, und erlabt Euch, so vergeßt Ihr die Gefahr!
Das Neueste ist, daß Niemand in den Hafen von Cadix
einfahren darf, der aus der Ferne herkommt. Nehmt die
Orangen geschenkt, fromme Frau Mutter! Gestern mußte
der Vicekönig von Angola, der berühmte und prächtige
Don Salvador Correa, der tapfere Erstürmer so vieler
Festungen, unverrichteter Dinge aus unserem Gewässer
abziehen. Ich sah seine Schiffe; er sei nach Lissabon
gefahren, heißt es, und werde einige Zeit sich dort aufhalten! Er soll ein gar schöner und stolzer Herr sein,
sagt man; aber solche Leute sind oftmals die allerleutseligsten mit denen, die ihnen gefallen! Kauft mir die
Orangen ab, so kann ich nach Hause!“

Alles das rief der kecke Bursche so vernehmlich als
möglich, mit dem Gesichte so gewendet, daß die Zambo
ihn sehen und hören mußte. Kaum hatte er auch den
Namen Don Correa in die Lüfte gesendet, so horchte sie
auf und verwandte kein Auge mehr von ihm, bis sie
plötzlich sein Gesicht erkannte und ein Freudestrahl in ihren
Augen aufleuchtete.

In diesem Momente trat aber eine lange Priorin
oder Chormeisterin, oder dergleichen hervor, die sagte:
„Was schreit und klatscht denn die Dirne? Wie kommt
sie in den Garten herein, und was weiß und hat sie von
einem Vicekönig zu plaudern?“

Und sie schritt noch näher heran und streckte die dürre
Hand, an welcher ein Paternoster hing, nach dem Rockärmel des verkleideten Pagen aus, der aber inzwischen
schnell zu bewerkstelligen wußte, daß der Esel hinten ausschlug, der Korb auf den Boden fiel und die Orangen
umher rollten. Während ein Theil der Nonnen nach den
Orangen lief, der andere vor dem ausschlagenden Esel
floh, machte Luis mit aufgeschürztem Rocke, daß er aus
den Klosterräumen hinauskam, und rannte mit langen
Schritten durch lauter Nebengassen davon. In der Herberge angekommen, wechselte er unbemerkt die Kleider,
bezahlte den Wirth mit erlösten Kupfermünzen und verstelltem Feilschen, ging unverweilt aus der Stadt und
wanderte, bis er den nächsten Hafenort erreichte, wo er
eine Fahrgelegenheit nach Lissabon fand.

So glücklich, wie wenn er den schönsten Vogel im
Garn gefangen hätte, überbrachte er seinem Herrn die
Nachricht von der wiedergefundenen Zambo-Maria, und
sein fröhliches Gesicht hellte die düsteren Züge desselben
auf. Don Correa fühlte sich von einem Theile seiner
Sorgen befreit. Es bestand kein Zweifel, daß die Nonnen
sein nicht zu bestreitendes Eigenthum herausgeben mußten;
damit aber eine nochmalige geheime Wegschleppung unmöglich wurde, war es nöthig, sie mit einem Regierungsbefehl zu überraschen, der ihnen keine Zeit zu weiteren
Umschweifen ließ. Correa war der Mann, einen solchen
Befehl auszuwirken; allein dazu erforderte es einige Zeit,
und während derselben konnte die Zambo zehn Mal der
Pest zum Opfer fallen. Und hinwieder verhinderten
wahrscheinlich doch die Schrecken der tödtlichen Seuche die
Nonnen und Pfaffen, dem verlassenen Mädchen den Kopf
zu scheeren und den Schleier aufzuzwingen und den
übrigen Hokuspokus aufzuführen, da sie zunächst für sich
zu sorgen hatten. Genug, die Sorgen kehrten über diesen
Widersprüchen der Sachlage mit aller Schwere zurück,
und Don Correa schlug sich abermals vor die Stirne aus
Zorn über sich selbst, daß er die Maria nicht gleichzeitig
mit der Taufe zur Gemahlin erhoben und bei sich behalten
habe. Dennoch versäumte er nicht, für die Ausstellung
eines unzweideutigen Befehles bei der spanischen Oberbehörde die nöthigen Schritte zu thun, worin er von
seiner Regierung im Stillen gehörig unterstützt wurde.
Allein es verging eine Woche nach der andern, ehe das
Decret da war, und damit verfloß auch die Zeit, welche
er bei allem Ansehen, dessen er genoß, in Europa zubringen konnte.

Eines Abends spät ging er in seinem Gemache nachdenklich auf und ab und überlegte sich, ob es seiner
würdig sei, in dieser Weiberfrage so viel Wesens zu
machen und so viel Aergerniß zu dulden, und ob das
Bedürfniß und Project, sich ein so stilles weiches Ruhebett in der Häuslichkeit zu bereiten, überhaupt vor einem
höheren Urtheile zu rechtfertigen sei. Der Page Luis
saß an dem Tische in der Mitte des Zimmers, über eine
große Seekarte gebückt und halb in Schlummer versunken;
denn der Admiral gab ihm selber Unterricht in der
Schifffahrtskenntniß und prüfte ihn zuweilen, was er
auch diesen Abend gethan hatte, bis er durch den Hauptgegenstand, der ihn belästigte, selbst zerstreut wurde und
den Knaben außer Acht ließ. Die Kerzen des silbernen
Kandelabers, der die Seekarte mit ihren unbeholfenen
Gebilden beleuchtete, waren zur Hälfte herabgebrannt,
und die Stutzuhr auf dem Kamine zeigte die zehnte und
eine halbe Stunde.

„Ich bin nun sechsunddreißig Jahre alt“, sagte er
bei sich, „und dürfte die Fackel des Eros füglich auslöschen! Wer Krieg führen und befehlen soll, muß reinen
Tisch im Herzen und kühles Blut haben. Das Haus ist
freilich zu erhalten; allein vielleicht wäre es am besten,
dem Willen der Frau Muhme zu folgen und eine gleichgültige Dame in's Haus zu setzen, die den Staat macht
und uns kalt läßt! Und wäre es am Ende für die arme
Zambo nicht auch besser, wenn sie vor den Stürmen des
Lebens geschützt und zu einem frommen Nönnchen gemacht
würde?“

Hier wurde die Stille der Nacht unterbrochen durch
ein schüchternes Zeichen der Hausglocke, die in der weiten
Flurhalle des Palastes hing. Ein einziger Anschlag ließ
sich vernehmen, welchem ein schwächlicher Nachklang folgte,
der im Entstehen abbrach und erstarb. Don Correa
achtete nicht darauf und setzte seine Promenade fort. Wie
er aber doch alles bemerkte, was vorging, so ward er
nach ein paar Minuten inne, daß das Hausthor nicht
geöffnet wurde, sondern Alles still blieb und der Thorhüter mithin schlafen oder abwesend sein mußte. Nachdem er erst jetzt ein kleines Weilchen stillgestanden und
gehorcht hatte, trat er zu dem schlafenden Knaben, weckte
ihn und sagte: „Es hat Jemand auf der Straße geläutet;
geh' hinunter und laß den Pförtner nachsehen, was es sei!“

Als der Knabe aufsprang und sofort hinauslaufen
wollte, rief der Herr noch: „Nimm hier den Leuchter
mit und komm' gleich wieder, so will ich so lange im
Dunkeln stehen!“

Es schien ihm aber doch etwas lange zu dauern; er
hörte die schweren Thorflügel nach einiger Zeit auf und
zu machen, aber es währte noch Minuten, bis die Schritte
des Knaben näher kamen, und er öffnete fast ungeduldig
die Zimmerthüre, um das vermißte Licht bälder zu sehen
und den zögernden Pagen zur Eile zu mahnen. In der
linken Hand den Leuchter hoch empor haltend, daß sein
hübsches Gesicht hell bestrahlt wurde, führte Luis mit der
Rechten die Zambo oder Maria herbei, welche von den
Füßen bis zum Haupte vom Straßenstaube bedeckt und
vor Müdigkeit wankend ihm folgte.

„Da ist sie von selbst gekommen!“ rief der Knabe
mit triumphierender Freude über das treffliche Abenteuer.
Zambo dagegen fiel aus Erschöpfung und Aufregung vor
den Admiral hin und umfing mit den Armen seine Füße,
während aus den zu ihm aufblickenden Augen große
Thränen quollen. In froher Ueberraschung hob er sie,
nun zum zweiten Male, von der Erde auf und sein
Schlafrock von dunklem Sammet wurde vom Staube
weiß gefärbt. Gleich dem Vater des verlorenen Sohnes
eilte er selbst, die weibliche Dienerschaft aufzujagen und
ihr den nächtlichen Ankömmling zu jeglicher Pflege zu
übergeben und anzuempfehlen.

Dann erst ließ er sich von dem Pagen mittheilen, wo
er die Zambo gefunden. Luis erzählte mit glückseligem
Eifer, daß er, ohne den Thorwärter zu wecken, vorläufig
nur die Klappe des vergitterten Guckfensters geöffnet und
hinausgeschaut habe. Da sei eine müde Frauengestalt
draußen gestanden, die sich kaum aufrecht gehalten, und
als er durch das Gitter das Licht auf sie gerichtet, sei
es die gute Zambo gewesen. Nun habe er selbst die Riegel
zurückgestoßen, die Pforte aufgethan und die Frau, die
zitternd da gestanden, gleich bei der Hand genommen und
hereingezogen zu seinem Hauptvergnügen; denn sie habe
ihn erkannt und sei augenscheinlich etwas munterer geworden. Gesprochen hätten sie kein Wort, als er das
Thor wieder geschlossen und den Kandelaber vom Boden
aufgenommen, wohin er ihn gestellt, und auch als er sie
die Treppe hinangeleitet, habe er nur ein paar Mal
lachend nach ihr umgeschaut, um ihr sozusagen im Namen
Sr. Gnaden freundlich zuzunicken. Don Correa zahlte
dem Knaben seine Ausgaben ohne Verzug mit einem
Lächeln gütiger Zufriedenheit zurück und strich ihm das
dichte lange Haar aus der Stirne, die es im bewegten
Eifer des Burschen bedeckt hatte. Er blieb noch so lange
mit ihm wach, bis er die Meldung empfing, die Fremde
sei mit allen nöthigen Erquickungen versehen zu Bette
gebracht worden und in Schlaf versunken. Dann ging
er selbst den Schlaf zu finden, während der Page sich
noch in der Küche herumtrieb und den Weibern, die mit
gegen die Hüften gestemmten Armen und offenen Mäulern
um ihn herum standen, über das Ereigniß allerlei
Schnaken vormachte.

Am nächsten Morgen fühlte sich Zambo so gut erholt
und gesund, daß sie vor dem Hausherrn erscheinen und
ihre merkwürdige Wanderfahrt erzählen konnte. Die Pest,
welche damals übrigens außer in Cadix nur an einem
einzigen Hafenplatze aufgetreten, hatte durch ein par
rasch erfolgte Erkrankungen und den Tod der Vorsteherin
das Kloster so erschreckt und verwirrt, daß während
einiger Tage weder Hausordnung noch Ordensregel
geachtet wurde, die Pforten auf- und zugingen und Jeder
that, was er wollte. Dieser Zustand verlockte die
Afrikanerin desto unwiderstehlicher, die Freiheit zu suchen,
um in ihr die Hand ihres Herren und die rechtmäßige
geliebte Unfreiheit wieder zu finden. Sie hatte deutlich
verstanden, was der verkleidete Luis gerufen, und es für
ein Zeichen genommen, daß sie ihren Gebieter aufsuchen
solle. Daher verließ sie in einer Abenddämmerung einfach das Kloster durch eine offen stehende Seitenthüre
und wanderte die Nacht hindurch um die Meerbucht von
Cadix herum und auf der Straße nach Norden, bis sie
zur Stadt Sevilla gelangte. Sie trug noch etwas Geld
bei sich verborgen, das ihr jetzt zu Statten kam, bald
aber zu Ende ging, weil sie von den Leuten überall
übervortheilt und betrogen wurde, als sie ihre Unerfahrenheit und Unkenntniß bemerkten. Sobald sie aber nichts
mehr besaß, erhielt sie das Wenige, um das sie aus
Hunger bat, um Gotteswillen. Von Sevilla aus fing
sie an, nach der Stadt Lissabon zu fragen und ging
unablässig in der Himmelsrichtung, die man ihr jeweilig
zeigte, über Ebenen und Gebirge und die Ströme und
Flüsse hinweg, viele Tage, Wochen lang; denn die öfteren
Irrgänge verdoppelten die Länge des Weges. Trotz aller
Mühsal waltete ein freundlicher Stern über ihrem Haupte,
was Don Correa leicht begriff, als er die schuldlose
Anmuth und ernsten Züge mit neuem Wohlgefallen betrachtete. Sie erreichte endlich die Umgebung der
portugiesischen Hauptstadt mit Sonnenuntergang; bis sie
nicht mehr zweifeln konnte, daß sie in Lissabon sei, war
aber die Nacht schon vorgerückt, und sie fragte nach der
Wohnung des Admirals, zu dessen Haushalt sie gehöre,
wie sie mit gutem Instinkte aussagte. Eine Scharwache
übergab sie der andern, ohne sie zu beleidigen, obgleich
den Leuten das Abenteuer ungewöhnlich vorkam. So
wurde sie von einem Stadtviertel in's andere mitgeführt
und zuletzt einem alten Nachtwächter überlassen, der sie
vollends vor den Palast des Admirals brachte, nachdem
er aus ihren Worten auf die Wahrheit ihrer Aussage
geschlossen hatte. Da solle sie an der Glocke ziehen, rieth
er, indem er ihr den eisernen Griff zeigte und sie dann
stehen ließ.

Diese Erzählung trug sie allerdings nicht fließend vor;
sie mußte ihr vielmehr stückweise abgefragt werden; dennoch
war Don Correa erfreut, die Zambo zum ersten Male
in seiner eigenen Sprache zusammenhängend reden zu
hören und überdies nicht nur in ihren Worten, sondern
auch in den von der Sprache belebten Zügen des dunkeln
Antlitzes das Licht eines guten Verstandes wahrzunehmen,
gleich dem Morgenschimmer, der einen schönen Tag verspricht. Freilich waren diese Züge bewegter als sonst,
weil auch sie die erlernte Sprache ihres Beschützers zum
ersten Male ihm gegenüber hören ließ und sich lange
darauf gefreut hatte.

„Wo hast Du den Ring gelassen, den ich Dir gegeben?“ fragte er sie, ihre Hand ergreifend, wie wenn
er ihn suchte.

„Verzeih', Herr, man hat mir den Ring genommen!“
sagte sie mit gesenktem Blicke.

Er trat zu einem schweren Schranke, aus welchem er
ein mit Silber eingelegtes glänzendes Stahlköfferchen
holte, das er öffnete. Die darin liegenden Schmucksachen
und Kleinodien mit einem Rucke durcheinander rüttelnd,
bis er einen Frauenring fand, hielt er denselben einen
Augenblick gegen das Licht, wie wenn er sich ein letztes
Mal den Schritt überlegte, den zu thun sich ihm nochmals
die Wahl bot. Als er vor zwölf Jahren ausgezogen war,
die erste Frau zu freien, hatte er in der Eile vergessen,
den Trauring seiner Mutter mitzunehmen, wie er sich
vorgenommen. Jene dunkeln Vorgänge mit ihrer elenden
Täuschung traten einen Moment vor seine Seele; doch
dünkte ihm der Umstand, daß der unentweihte Ring jetzt
im rechten Augenblicke noch zur Hand war, ein günstiges
Zeichen, und er steckte ihn der Zambo an den Finger,
daran der frühere gesessen.

Das Trauungsfest, welches er ohne Zaudern herbeiführte, machte trotz der verhältnißmäßig großen Einfachheit
ein allgemeines Aufsehen, obschon kein so schreiendes, wie
es heutzutage der Fall sein würde. Selbst der König
und die Königin sandten Vertreter mit ihren Glückwünschen, und die Versammlung war eine glänzende,
wenn auch nicht sehr zahlreiche. Die Braut durfte sich
trotzdem sehen lassen. Zambo war in einen schweren
weißen Seidenstoff gekleidet, der in schmale Streifen mit
Goldfäden abgenäht worden. Der breite stehende Spitzenkragen, der silberdurchwirkte Schleier und die in das
Haar geflochtenen Perlenschnüre, das auf dem freien
Theile des Busens liegende Diamantkreuz hoben ihre
dunkle oder vielmehr hellbraune Farbe wie etwas Selbstverständliches, ja Einzigmögliches hervor, und ihre angeborene schlanke und gerade Körperhaltung war so edel,
daß Don Correa, als ein gelehrter Geistlicher unter den
Gästen ihm flüsternd anerbot, einen Stammbaum zu verfassen und ihre Abkunft auf die Königin von Saba
zurückzuführen, stolz auf ihre Haltung hinwies und sagte,
es sei nicht nöthig.

Der fremdartige Reiz der ganzen Erscheinung wurde
aber noch erhöht durch die über sie ausgegossene natürliche
Demuth und den träumerischen Glanz ihrer Augen, welche
verriethen, daß sie nicht recht wußte, was mit ihr vorging, da sie von den Nonnen in keiner Weise auf weltliche Dinge vorbereitet worden.

Das erfuhr Don Correa erst auf seinem schönen
Admiralschiffe, als er gleich nach der Hochzeit mit der
Gemahlin die Rückreise nach Afrika angetreten hatte.
Die Donna Maria Correa hielt sich nach wie vor für
seine Sklavin, die jede Aenderung des Schicksals zu
gewärtigen habe und zum Dienen bestimmt sei. Zuerst
verdrießlich darüber, daß sie in dieser Beziehung das in
Klöstern und unter Geistlichen zugebrachte Jahr gänzlich
verloren, machte er sich selbst zu ihrem Lehrer, so gut
er das mit seinem seemännischen Wesen vermochte. Bald
aber wurden die Stunden, die er über dem Unterricht im
einsamen Schiffsgemache mit der Gattin verlebte, zu
Stunden der schönsten Erbauung. Denn als er ihr
allmählich die Freiheit ihrer Seele begreiflich machte,
Ehre und Recht einer christlichen Ehefrau beschrieb und
ihr die Pflicht des persönlichen Willens und Beschließens
auseinandersetzte, was Alles durch Liebe zusammengehalten
und verklärt werden müsse, da soll es gar schön anzusehen
gewesen sein, wie von Tag zu Tag das Verständniß heller
aufging und die junge Frau mit dem Lichte menschlichen
Bewußtseins erfüllte. Außerdem hörte sie viele ihr bisher
unbekannte Worte, und indem sie dieselben wiederholte
und den Sinn sich anzueignen suchte, bereicherte sie zugleich im höchsten Sinne ihre neue Sprache.

Eines Tages, als das Geschwader dem Ziele seiner
Fahrt näher kam, erging sich Don Correa mit der Frau
auf dem obersten Verdecke und führte sie in den luftigen
Pavillon, der über dem Stern des Schiffes errichtet war.
Die Zeltdecken schützten hier vor den Sonnenstrahlen und
den Blicken des Schiffsvolkes. Sie schauten still auf den
unendlichen Ocean hinaus, dessen gleichmäßig schimmernde
Wellen in zahllosen Legionen heranrauschten und die
Schiffe ruhig weiter trugen.

„Hat das Meer auch eine Seele und ist es auch frei?“
fragte die Frau.

„Nein,“ antwortete Don Correa, „es gehorcht nur
dem Schöpfer und den Winden, die sein Athem sind!
Nun aber sage mir, Maria, wenn Du ehedem Deine
Freiheit gekannt hättest, würdest Du mir auch Deine
Hand gereicht haben?“

„Du frägst zu spät“, erwiderte sie mit nicht unfeinem
Lächeln; „ich bin jetzt Dein und kann nicht anders, wie
das Meer!“

Da sie aber sah, daß diese Antwort ihn nicht befriedigte und nicht seiner Hoffnung entsprach, blickte sie
ihm ernst und hochaufgerichtet in die Augen und gab ihm
mit freier und sicherer Bewegung die rechte Hand.

Zwölftes Capitel.
Die Berlocken.

„Das haben Sie gut gemacht!“ sagte Lucie; „wir
Andern wollen uns merken, wie nützlich die Demuth ist,
und wie erhöht wird, wer sich erniedrigt hat! Aber auch
mir ist während Ihrer Erzählung ein kleines Lesefrüchtchen
aus meinen Büchern eingefallen, das gleichfalls von einer
farbigen Person, einer Wilden handelt. Vielleicht haben
wir noch die Muße, das Geschichtchen abzuwandeln, und
zwar im wörtlichen Sinne, indem wir ein wenig in's
Holz hinausgehen?“

„Es scheint mir, daß ich hier in eine Art von Duell
hineingerathen bin“, versetzte der Oberst; „Herr Reinhart
hat Dein schönes Geschlecht der Erde und der Stellung
wieder näher gebracht, die er ihm anweist. Ohne Zweifel
willst Du den Streich parieren und Dich aus eigener
Kraft vom Boden erheben, auf welchem die braune Weibsperson zweimal gelegen hat. Lege also los, liebe Lux,
und schau', daß Du nicht liegen bleibst! Wenn ich aber
mit zuhören soll, so muß ich bitten, daß wir diesen
Aufenthalt nicht verlassen; denn wie Du weißt, kann ich
noch nicht weit marschieren.“

„Verzeih', lieber Onkel,“ sagte die Lux, „daß ich das
im Gefechtseifer vergessen habe! Es versteht sich von
selbst, was Du wünschest! Ich wollte nur der Ungeduld
unsers Gastes entgegen kommen, der mir etwas unruhig
zu werden scheint und vielleicht gerne den Ort verändert!“

„Achten Sie nicht darauf!“ antwortete Reinhart,
„warum soll ich nicht unruhig sein, wenn ich ein Geschütz
auf mich richten sehe, dessen Trefffähigkeit und Ladung
ich noch nicht kenne? Also fangen Sie gütigst an und
seien Sie nicht zu grausam!“

Lucie räusperte sich zum Scherz ein wenig und sagte:
„Anfangen! Das hab' ich gar nicht bedacht, daß man
anfangen muß! Warum soll ich mich eigentlich abquälen,
um eine Sache zu blasen, die mich nicht brennt? Nun,
ich springe gleich hinein!“

Zur Zeit, da Marie Antoinette sich nach Frankreich
verheirathete, gab es in der Touraine einen hübschen
guten Jungen, der noch gar nicht flügge war und keinem
Menschen etwas zu Leide gethan hatte. Er hieß Thibaut
von Vallormes und war Fahnenjunker in einer Compagnie
eines Fußregimentes, das ich nicht näher zu bezeichnen
wüßte, indem ich den Namen desselben nicht angezeigt
fand. Trotz seiner kriegerischen Stellung war er, wie
gesagt, noch halb kindisch und hielt sich, wenn er nicht
Dienst hatte, immer bei alten Tanten, Basen und andern
würdigen Matronen auf, deren Putzschachteln, Galanterieschränke und bemalte Coffrets er durchschnüffelte und von
denen er sich Geschichten erzählen ließ, während er ihre
Crêmetörtchen, Blancmangers und Zuckerbrödchen schmauste.
Aber auch diesem unschuldigen Knaben schlug die Stunde
des Schicksals, wo sich die Sachen änderten und er begann
ein gefährlicher Mensch und Mann zu werden.

Zum Pagendienste bei den Ceremonien der königlichen
Vermählung wurden aus der Armee eine Anzahl gerade
solcher hübschen Bürschchen zusammen gesucht und nach
Paris berufen, und auch der zierliche junge Thibaut ward
des Glückes theilhaft. Nach dem Schlusse der Festlichkeiten
geschah es dann, daß unter Anderem auch die sämmtlichen
Pagen in einem Salon des Versailler Schlosses versammelt, gespeist und beschenkt wurden, eh' sie zur Heimreise auseinandergingen. Nachdem ein Kammerherr oder
so was Jedem sein Packetchen überreicht, wurde ihnen
unerwartet kund gethan, daß die junge Dauphine die
Junker noch zu sehen wünsche. Sie mußten also hinmarschieren, wo sie mit einigen Hofdamen saß; jeder
Einzelne wurde ihr vorgestellt und erhielt unter graziösen
Dankesworten für seinen artigen Dienst noch eigenhändig
ein Geschenk, das ihr ein Hofherr darreichte. So bekam
Thibaut eine schöne goldene Uhr, aber ohne Kette oder
Band, mit den Worten, die Berlocken müsse er sich mit
der Zeit selbst dazu erobern.

Ganz roth vor Vergnügen betrachtete Thibaut die
Uhr, als er mit den andern Jungen in einem großen
Omnibus nach Paris zurückfuhr und sie die erhaltenen
Geschenke sich gegenseitig zeigten. Es war auf der Rückseite in einem Kranze von Rocaille ein kleiner Seehafen
gravirt, in dessen Hintergrunde die Sonne aufging und
ihre Strahlenlinien sehr fein und gleichmäßig nach allen
Seiten ausbreitete. Das Innere der Schale aber zeigte
sich gar mit einer bunten Malerei emailliert; ein winziges
Amphitritchen fuhr in seinem Wagen, von Wasserpferden
gezogen, auf den grünen Wellen einher, von einem rosenfarbigen Schleier umwallt, und auf dem blauen Himmel
stand ein weißes Wölkchen. Im Vordergrunde gab es
noch Tritonen und Nereiden.

Als alle die Herrlichkeiten genugsam bewundert worden
und auch die freundlichen Worte der künftigen Königin
besprochen und commentirt, brachte auch Thibaut vor,
was sie ihm gesagt, und er setzte hinzu: „Wenn ich nur
wüßte, was ihre königliche Hoheit damit meinte, daß ich
die Berlocken selbst erobern müsse!“

„Ha!“ rief ein Standartenjunker von der Reiterei,
„das ist doch klar, es bedeutet, daß Sie sich die Berlocken
aus kleinen Andenken von Damen herstellen sollen, deren
Herzen Sie geraubt haben! Je mehr, je besser!“

„Ich möchte doch nicht behaupten, daß die Frau
Dauphine so Etwas gemeint hat,“ wandte ein anderer
Junge schüchtern ein, „ich glaube eher, sie wollte sagen,
Monsieur de Vallormes möge sich die nöthigen Bijoux
von der Mama, den Frau Tanten und allerhand Cousinen
erbitten oder schenken lassen, weil sich ihre königliche Hoheit
nicht damit abgeben kann, so viele kleine Gegenstände auszusuchen und zusammen zu stellen!“

„Ei warum nicht gar,“ meinte der Cornett, „das
wären langweilige Berlocken! Es müssen eroberte Trophäen
sein! Jeder Gentilhomme trägt sie!“

Thibaut entschied sich für die letztere Auslegung, und
als er in seine Stadt Tours zurückkam, sah er sich von
Stund' an nach den Gelegenheiten um, die schrecklichen
Raubzüge zu beginnen. Er vermied die Plauderstübchen
der alten Tanten und guckte eifrig nach jungen Mädchen
aus, die etwas Glänzendes an sich trugen, sei es am
Halse, an der Hand oder an den Ohren. Da er sich
aber auf die Hauptsache, die Eroberung der Herzen, noch
nicht verstand und nach einigen thörichten Possen gleich
nach jenen Dingen greifen wollte, so wurde ihm überall
auf die Finger geschlagen und es wollte sich Nichts für
seine Uhr ergeben.

Einst reiste er für die Osterfeiertage nach Beaugency
an der Loire, wo er Verwandte besaß, und da schien sich
ein Anfang für seine Unternehmungen gestalten zu wollen.
Es war nämlich ein sehr schönes Frauenzimmer aus dem
benachbarten Orleans dort zum Besuche, das freilich schon
etwa zweiundzwanzig Jahre zählte und daher den Kopf
eine Hand breit höher trug, als der kaum siebzehnjährige
Fähnrich, wie sie auch ohnehin hochgewachsen war. Aber
obschon Thibaut ein wenig in ihre Augen hinauf blicken
mußte, war er doch nicht zu stolz, sich in sie zu verlieben,
zumal er an ihrem Halse ein Herz von rothen Korallen
hängen sah, das ihm außerordentlich in die Augen stach.
Es war ungefähr so groß wie ein holländischer Ducaten
und konnte geöffnet werden. Inwendig saß ein grünes
Spinnlein, sehr kunstreich aus einem kleinen Smaragdsteine gemacht, die Aeuglein von winzigen Brillanten,
und die länglichen Füße von feinem Golde. Die Spinne
zitterte und bewegte sich aber unaufhörlich sammt ihren
acht Beinchen, weil sie mit künstlichen Gelenken von der
heikelsten Arbeit versehen und außerdem auf einer kleinen,
unsichtbaren Spiralfeder befestigt war. Dieses Herz hatte
die schöne Guillemette von ihrem Bräutigam zum Geschenk
erhalten; denn sie war mit einem höheren Offiziere verlobt, der in den amerikanischen Besitzungen Frankreichs
verwendet wurde und den Zeitpunkt der Vermählung bis
nach seiner Rückkehr verschoben hatte. Als er ihr vor
der Abreise das Herz gab, sagte er wie im Scherz, er
wolle sehen, ob sie so Sorge dazu trüge, daß das unruhige
Spinnlein noch unzerbrochen sei, wenn er wieder käme;
nota bene aber setze er voraus, daß sie das Kleinod nicht
etwa beiseite lege, sondern es beständig am Halse trage.
Er sprach vielleicht damit die Hoffnung aus, sie werde
sich während der Zeit seiner Abwesenheit recht ruhig und
gleichmüthig verhalten und ihr eigenes Herz sammt dem
Korallenherzen ungefährdet bleiben.

Als nun der junge Thibaut sich in sie verliebte, beging Guillemette den Fehler, sich sein Hofmachen als
kleine Erheiterung eine Weile gefallen zu lassen, was sie
schon seiner Jugend wegen für unverfänglich hielt. Sie
ließ sich von ihm Fächer und Handschuhe tragen, spielte
und lachte mit ihm, wie wenn sie noch ein halbes Kind
wäre, und wenn er nicht von selbst in ihre Nähe kam,
rief und lockte sie ihn herbei. So oft er es möglich
machen konnte, eilte er nach Beaugency, wo sie längere
Zeit blieb, und jagte mit ihr durch Garten und Saal.
Eines Tages aber, als er ihr plötzlich zu Füßen fiel und
ihre Kniee umspannte, mußte er erfahren, daß sie ihn
lachend abschüttelte und er weiter von dem Ziele des
Herzensraubes war, als jemals. Da faßte er in jugendlichem Leichtsinn den Vorsatz, ihr wenigstens das Korallenherz zu stehlen, und führte ihn auch aus. Während einer
sommerlichen Nachmittagsstunde hatte sich Guillemette in
ein kühles Gartenzimmer eingeschlossen, um zu schlafen,
leider aber nicht das offene Fenster bedacht. Durch dieses
Fenster entdeckte Thibaut das in einem geflochtenen Armsessel schlafende Fräulein und stieg leise wie eine Katze
hinein. Das Herz hing an einem Sammetbändchen an
ihrem Halse und es gelang ihm, dasselbe los zu machen
und in die Tasche zu stecken, auch wieder durch das Fenster
zu entfliehen, ohne daß sie erwachte oder er von einem
Menschen gesehen wurde. Die grüne Spinne mochte in
ihrer dunkeln Kapsel noch so sehr zittern und blinkern,
so half es doch weder ihr noch der schlafenden Schönen;
sie mußte mit dem Diebe gehen und nahm das Glück der
armen Guillemette mit sich. Als sie erwachte und einige
Zeit später den Verlust entdeckte, suchte sie das Herz
überall, und erst als sie es nirgends fand, erschrak sie
und sann beklommen nach, wo es möchte geblieben sein.
Sie fragte auch den Thibaut, ob er es nicht gefunden
habe, und als er das verneinte, glaubte sie ihm anzusehen,
daß er doch darum wisse. Sie bat ihn heftig, es ihr zu
sagen; er läugnete und lachte zugleich und sie betrachtete
ihn zweifelnd und gerieth über seinem Anblick in große
Angst, da er immer mit den Augen zwinkerte. Zuletzt
fiel sie ihm zu Füßen und flehte, er möchte ihr das Herz
wiedergeben oder sagen, wo es sei, und erst jetzt hielt er
seinen Raub für eine rühmliche Beute, weil er merkte,
wie viel ihr daran gelegen und daß sie dem Weinen nahe
war. Wie wenn er sich in falschen Schwüren üben
wollte, beschwor er laut und heuchlerisch seine Unschuld,
machte aber, daß er fortkam, und ließ sich nie wieder vor
ihr blicken. Als der Verlobte nach einem Jahre aus den
Colonien zurückkehrte und, das Herz vermissend, nach
demselben fragte, sagte die Braut der Wahrheit gemäß,
daß sie es entweder verloren habe oder es ihr gestohlen
worden sei, sie wisse das nicht recht; allein sie brachte
die Worte so verlegen, so erschrocken hervor, daß der
Bräutigam einem etwelchen Verdachte nicht widerstehen
konnte. Und als er dringend nach den Umständen fragte,
unter welchen sie ein solches Andenken habe verlieren
können, gab sie eine unglückliche Antwort, in der die
Reue sich hinter beleidigtem Stolze verbarg. Die Verlobung löste sich auf; der Bräutigam heirathete eine
andere Person, und die Guillemette blieb arm und verlassen
mitten in der Welt sitzen.

Thibaut, der inzwischen Lieutenant geworden, trug
nun das Herz an seiner Uhrkette und sah schon lange
nach einem neuen Gehängsel aus, das er jenem beigesellen
konnte. So gewahrte er denn einstmals die kleine Denise,
das Töchterlein des seligen Notars Jakob Martin, das
eben aus der Klosterschule gekommen und nun bei der
Mutter lebte. Er wunderte sich, wie artig das Mädchen
ausgewachsen war und auf den rothen Stöckelschuhen
daherging. Auf der Brust trug es ein bescheidenes Herz
von Bergkrystall, das, in Gold gefaßt, auch geöffnet
werden konnte; aber es war nichts darin und das Herz
ganz durchsichtig. Dennoch faßte er sogleich den Plan,
dasselbe zu erobern, als er so stehen blieb und dem
Mädchen nachschaute, das mit blutrothem Gesichte davon
eilte. Er spazierte täglich an ihrem Hause vorüber, sandte
ihr verliebte Gedichtchen zu, die er den Poesieen des
Mr. Dorat, der Frau Marquise d'Antremont oder des
Herrn Marquis de Pezai und anderen Dichtern der
damaligen Zeit entlehnte, aber ohne Unterschrift ließ.
Es gelang ihm dadurch, den Kopf der jungen Denise und
ihrer Mutter zugleich in Verwirrung zu setzen, so daß er
den Zutritt im Hause erhielt und mit eitler Freude
empfangen wurde, wenn er mit einem Blumensträußchen
oder einem billigen Fächer von gefärbtem Papier erschien,
worauf ein paar Gräser und eine Nelke gedruckt waren.
Ein ehrbarer Kaufmannssohn, dessen Vater mit dem verstorbenen Notar befreundet gewesen, zog sich vor dem
Herrn von Vallormes zurück, an welchen die kleine Denise
zuerst ihr natürliches und dann ihr kleines Krystallherz
verlor. Sobald er aber dieses mit ihrer zärtlichen Einwilligung abgelöst und an seiner Uhr befestigt hatte,
verließ er sie und kehrte nie mehr zurück. Ungeachtet sie
sehr wohlhabend war, kostete es der Mutter manche sauere
Mühe, den jungen Kaufmann mit der Zeit wieder herbei
zu schaffen, der dann aus dem erst so blühenden Denischen
ein gedrücktes Hausfrauchen, so ein bescheidenes aufgewärmtes Sauerkräutchen machte.

Es dauerte jetzt einige Zeit, bis Thibaut wieder auf
eine Spur gerieth, die er jedoch abermals verlor, wie es
auch dem geschicktesten Jäger geschehen kann, und als er
eines Sonntag Nachmittags nichts anzufangen wußte,
nachdem er seine Berlocken genugsam besehen hatte, fiel
es ihm ein, endlich einmal seine jüngste Tante Angelika
zu besuchen, die noch nicht ganz fünfzig Jahre alt sein
mochte und eine empfindsame alte Jungfer war. Da sie
gerade am offenen Schreibtische saß, machte sich Thibaut
hinter die ihm bekannten Lädchen und Schatullen, um
darin zu schnüffeln, wie ehemals. Er stieß auf ein
Schächtelchen, das er noch nie gesehen, und als er es
öffnete, lag auf einem Flöcklein Baumwolle ein Herz von
milchweißem Opal, das längst vom Bande gelöst, hier im
Stillen schlummerte. Am Tageslichte schillerte das Herz
in zartem Farbenspiele wie ein Schein ferner Jugendzeiten.

„Welch' ein schönes Bijou!“ rief Thibaut, „wollen
Sie mir das nicht schenken?“

„Was fällt Dir ein, lieber Neffe?“ fragte sie verwundert, indem sie ihm das Herz aus der Hand nahm
und es mit glänzenden Augen betrachtete; „was wolltest
Du auch damit thun? Es einem anderen Frauenzimmer
schenken?“

„O nein!“ sagte Thibaut, „ich würde es an meine
Uhr hängen und dabei stets meiner Tante Angelika
eingedenk sein!“

„Ich kann es Dir dennoch nicht geben,“ erwiderte
die Dame mit weicher Stimme, „es ist meine theuerste
Erinnerung, denn der Geliebte und Verlobte meiner
Jugend hat es mir geschenkt!“

Auf sein neugieriges Verlangen erzählte sie dem Neffen
mit vielen Worten die verjährte Liebesgeschichte mit einem
herrlichen jungen Edelmann, der voll seltener Treue und
Hingebung unter schwierigen Umständen an ihr gehangen,
sich ihretwillen geschlagen und in der Blüthe der Jahre
in der glorreichen Schlacht von Fontenay als ein tapferer
Held gefallen sei, vor mehr als dreißig Jahren. Die
Beschreibung all' der Liebenswürdigkeit, der männlichen
Schönheit und Jugend des Verlorenen, der in seinem
Umgange genossenen Glückseligkeit verklärte die Erzählende
mit einem solchen Abglanz der Erinnerung und Sehnsucht,
daß trotz der stark angegrauten Haare, die im Negligé
unter dem gefältelten Häubchen hervor über Nacken und
Schultern herunter flossen, eine neue Jugend ihr Gesicht
zu beleben und rosig zu färben schien.

Ganz begeistert fiel Thibaut auf ein Knie, wie wenn
er selbst der verlorene Liebhaber wäre, und rief, die
Hände auf sein Herz legend: „Ich schwöre Ihnen, theuerste
Tante, daß ich Sie ähnlich geliebt haben würde, wäre
meine Jugend mit der Ihrigen zusammengefallen! Ja
ich liebe Sie jetzt, wie nur eine junge Seele eine andere
junge Seele lieben kann! O schenken Sie mir Ihr schönes
Herz, ich will es hegen und an mich schließen, daß es
nicht mehr einsam ist!“

Er war in der That so närrisch verzückt, daß er
selbst nicht wußte, ob er das kleine Schmuckherz oder das
liebende Menschenherz verlangte; die Tante Angelika aber
verwechselte in ihrer Schwärmerei den gegenwärtigen
Augenblick mit der Vergangenheit und den neben ihr
knieenden Jüngling mit dem lange entschwundenen Geliebten. Sie schlang in süßer Vergessenheit beide Arme
um den Hals des hübschen Schlingels und drückte ihm
mehrere Küsse auf die Lippen, und der Taugenichts entblödete sich nicht, der traumvergessenen würdigen Dame
das gleiche zu thun, wie wenn sie noch zwanzig Jahre
alt wäre. Voll Schrecken erwachte sie aus ihrer süßen
Verirrung, die sie nun doch nicht recht bereuen konnte;
sie machte sich hastig aus seinen Armen frei, und während
sie ihn mit feuchten Augen nochmals ansah, drückte sie ihm
zitternd das Opalherz in die Hand und bat ihn, sie doch
gleich zu verlassen. Dann lehnte sie sich mit gefalteten
Händen in ihren Sessel zurück, um sich von dem höchst
seltsamen Erlebnisse zu erholen.

Als Thibaut die neue Trophäe an der Uhr befestigt
hatte, dünkte ihm die Berlocke mit drei Herzen nunmehr
stattlich genug zu sein, um sie endlich auszuhängen; auch
kam es ihm gerade recht, daß er an eine Offiziersstelle
in Paris versetzt wurde; denn nur diese Stadt konnte
fortan der rechte Schauplatz seiner ferneren Thaten sein.
Und es fehlte ihm nicht an Eroberungen und Protectionen,
die ihm bald eine eigene Compagnie verschafften, deren
Capitän er wurde. Allein je vornehmer die Damen
waren, deren Eroberung er machte, und je kostbarer die
Kleinödchen, die er an seine Uhrkette hing, desto unklarer
wurde es ihm, ob er eigentlich es sei, der die Schönen
sitzen ließ, oder ob er von ihnen verlassen werde. Gleichviel, sein Uhrgehänge klirrte und blitzte, daß es eine Art
hatte, und er galt für den gefährlichsten Cavalier der
Armee, wenn er im Kreise der Herren Kameraden die
Geschichte der einzelnen Merkwürdigkeiten erzählte und
die Juwelen und Perlen streichelte, die sich darunter
fanden. Und er ging mit den Berlocken zu Bett und
stand mit denselben auf.

Zuletzt wurde ihm sein Ruhm fast langweilig, besonders da kein Plätzlein mehr für neue Siegeszeichen
auf seiner Weste vorhanden war. Weil er aber ein für
alle Mal ein Glückskind heißen konnte, zeigte sich in
diesem Stadium die Aussicht auf einen neuen Lebens- und Siegeslauf, den als ein bewährter und geprüfter
Mann anzutreten es ihn gelüstete.

Gerade damals hatte die französische Begeisterung für
den Freiheitskampf der Nordamerikaner ihren Höhepunkt
erreicht, und nachdem schon viele Franzosen als Freiwillige
für die Gründung der großen Republik mitgefochten, war
es bekanntlich dem Marquis von Lafayette gelungen, die
Absendung eines förmlichen Hülfsheeres zu bewirken. Der
Capitän Thibaut von Vallormes ging mit und befand
sich bei den sechstausend Mann, welche vom Grafen von
Rochambeau über den Ocean geführt wurden und im
Juli 1780 auf Rhode-Island landeten. Thibaut war
weder ein nachlässiger noch ein untapferer Soldat, und
so gerieth er im Verlaufe des schwierigen Krieges und
auf den Hin- und Herzügen bald in die vorderste Linie,
bald sonst auf ausgesetzte Punkte. Der frische Luftzug
der neuen Welt, der gewaltige Hauch der Freiheit, der
von ihm ausging, und die anhaltende Beschäftigung des
Dienstes unter allerlei Gefahren ließen den Offizier
allgemach ernster erscheinen; auch an seiner Einzelperson,
geringen Orts, machte sich der Uebergang aus dem
spielenden Dasein in das, was nachher kam, sichtbar.
Als die Heeresabtheilung, bei der er stand, an irgend
einen breiten Fluß vorrückte, auf dessen anderem Ufer
ein größerer Indianerstamm lagerte, entflammte er mit
den anderen Franzosen in Enthusiasmus, nun der wahren
Natur und freien Menschlichkeit so unmittelbar gegenüberzustehen; denn Jeder von Ihnen trug sein Stück Jean
Jacques Rousseau im Leibe. Es handelte sich darum,
mit den Indianern in Verkehr zu treten, sie entweder
in Güte als Freunde zu gewinnen oder sie wenigstens
zu einem neutralen Verhalten zu veranlassen, und zu
diesem Ende hin wurden die Oberbefehlshaber erwartet,
indessen auch am anderen Ufer, bei den Indianern, noch
eine Anzahl wichtiger Häuptlinge zu einer Conferenz eintreffen sollten.

Die französischen Militärs aber mochten den Tag nicht
erwarten, ihre Neugierde und die Lust an den idealen
Naturzuständen zu befriedigen; sie lockten schon vorher
die wilden Rothhäute über das Wasser und schifften auch
zu ihnen hinüber, und jeder suchte in seinem Gepäcke nach
Gegenständen, welche er verschenken oder an Merkwürdigkeiten vertauschen konnte. Thibaut war unter den Ersten,
die über den Strom setzten, und that es bald täglich nicht
nur ein, sondern zwei Mal, und war in den Wigwams
zu Hause. Nämlich eines der indianischen Mädchen zog
ihn unwiderstehlich hinüber, daß er seine ganze siegreiche
Vergangenheit vergaß und einem Neuling gleich auf den
Spuren einer Wilden umher irrte.

Ich kann es nicht wagen, eine Beschreibung von dem
wunderbaren Wesen zu machen, und muß es den Herren
überlassen, sich nach eigenem Geschmacksurtheil das Schönste
vorzustellen, was man sich damals unter einer eingeborenen
Tochter Columbias dachte, sowol was Körperbau und
Hautfarbe, als Kostüm und dergleichen betrifft. Ein
hoher Turban von Federn wird unerläßlich, ein buntes
Papagenakleidchen räthlich sein; doch wie gesagt, ich will
mich nicht weiter einmischen und nur noch andeuten, daß
sie in ihrer Sprache Quoneschi, d. h. Libelle oder Wasserjungfer genannt wurde.

So viel ist sicher, daß sie es meisterlich verstand, wie
eine Libelle ihm bald über den Weg zu schwirren, bald
sich unsichtbar zu machen, jetzt einen verlangenden Blick
auf ihn zu werfen, dann spröd und kalt ihm auszuweichen;
allein Thibaut wurde nicht müde, sich bethulich und geduldig zu zeigen und sie wenigstens mit schmachtenden
Augen zu verfolgen, wenn sie durchaus nicht in die Nähe
zu bringen war. So gleichgültig er zuletzt gegen das
Frauengeschlecht in Frankreich gewesen, so heftig verliebte
er sich jetzt in das rothe Naturkind und ging geradezu
mit dem Gedanken um, dasselbe zu seiner rechtmäßigen
Gemahlin zu erheben. Wie würde das philosophische
Paris erstaunen, dachte er sich, ihn mit diesem Inbegriff
von Natur und Ursprünglichkeit am Arme zurückkehren und
in die Salons treten zu sehen.

Durch seine Beharrlichkeit schien die zierliche Wasserjungfer wirklich allmälig zahm und halbwegs vertraulich
zu werden; die Herren Kameraden, die bisher darüber
gelächelt, daß seine Macht über die Frauenherzen sich nicht
bis an den Hudson und den Delaware erstrecke, fingen
an, ihn zu bewundern und zu loben, daß er als echter
Franzose nicht das Feld räume; kurz, er hatte zwischen
Tag und Nacht schon mehr als ein kleines Stelldichein
abgehalten mit wunderlichem Zwiegespräche von Geberden
und abgebrochenen Worten, wobei Keines das Andere
verstand noch auszudrücken wußte, was es wollte. Nur
Eines glaubte Thibaut zu bemerken, nämlich daß Quoneschi
jedenfalls von einem zärtlichen Gedanken bewegt war, der
sie fortwährend beschäftigte und die dunklen Augen öfters
wie in banger oder zweifelhafter Erwartung auf ihn
richten ließ.

Nun waren die höheren Personen auf beiden Seiten
des Flusses versammelt und die Unterhandlungen für
einstweilen erledigt, die indianischen Häuptlinge im
französischen Lager auch gut bewirthet worden, und es
blieb noch der officielle Besuch der französischen Herren
bei den Wilden übrig, welche sich auch ein wenig zeigen
wollten. Am Vorabend kam noch ein ganzes Schiff voll
Weiber herüber gefahren, die vor dem Weitermarsch der
Franzosen noch allerlei Verkäufliches an den Mann zu
bringen wünschten, wie Früchte, wilde Putzsachen, Muscheln,
gesticktes Leder und dergl. So entstand rasch noch eine
lebendige Marktscene und die Franzosen benutzten billiger
Weise den Anlaß, mit den Frauen zu sponsieren, wie
es von je ihre Art gewesen ist. Thibaut aber wußte
seine Quoneschi oder Wasserjungfer, die ein Körbchen voll
Erdbeeren zu verkaufen hatte, in sein Hauptmannszelt zu
locken und nahm sie dort schärfer in's Gebet als bisher;
denn es war keine Zeit mehr zu verlieren. Er suchte
ihr mit feuriger Ungeduld deutlich zu machen, daß er sie
mit nach Europa nehmen und mit ihren Eltern um sie
handeln wolle, in ehrbarem Ernste und zu ihrem Heil und
Glücke. Daß sie ihn ganz verstand, ist zu bezweifeln;
dagegen ist sicher, daß sie sich deutlicher auszudrücken
wußte. Indem sie mit der kleinen röthlichen Hand sein
Kinn und beide Hände streichelte, deutete sie auf die
Berlocken an seiner Uhr, die sie zu haben wünschte, nachdem sie offenbar schon lange ihren Geist beschäftigt hatten.
Dazu sagte sie immer auf Englisch: Morgen! Morgen!
und drückte mit holdselig naiven Geberden aus, daß etwas
Wunscherfüllendes vorgehen würde, wo gewiß alle Welt
zufrieden gestellt werde.

Unser guter Thibaut erschrak über die Deutlichkeit des
Verlangens nach den Berlocken und besann sich ein
Weilchen mit melancholischem Gesichte; er war ganz
überrascht von der ungeheuerlichen Keckheit des Begehrens
und konnte es nur begreifen, wenn er bedachte, daß das
unschuldige Wesen weder die Bedeutung noch den Werth
dessen kannte, was es forderte. Als aber das Mädchen
traurig das Haupt senkte und die Hand auf's Herz legte
und noch mit anderen Zeichen verrieth, daß sie große
Hoffnungen auf die Erfüllung ihres Wunsches gesetzt
hatte, legte er diese Zeichen zu seinen Gunsten aus und
änderte seine Gedanken. Im Grunde, dachte er, ist es
nur in der Ordnung, wenn ich diese Erinnerungen Derjenigen zu Füßen lege, welcher ich mich für das Leben
verbinden will! Noch mehr, es ist ja ein schönes Symbol,
wenn ich diese Siegesspolien aus einer überlebten und
überfeinerten Welt sozusagen der noch jungen Natur in
Person aufopfere, die uns eine neue Welt gebären soll!
Und am Ende bringt das gute Kind mir den kleinen
Schatz, der so lange auf meiner Weste gebaumelt hat,
getreulich wieder zu, und es wird sich gar witzig ausnehmen, wenn die Tochter des Urwaldes einst die Kleinode,
bald dieses, bald jenes, vor den Augen unserer Damen
an sich schimmern läßt!

Mit raschem Entschlusse löste er den Ring, der das
Gehängsel zusammenhielt, von der Uhr und übergab es
ihr in seiner ganzen Pracht und Kostbarkeit. Mit einer
kindlichen Freude, welche die zarte Rothhaut des Urwaldes
womöglich noch röther machte, empfing die Libelle, die
Wasserjungfer, den Schatz und überhäufte den Geber mit
Zeichen der lieblichsten Dankbarkeit; dann lief sie eilig
davon, indem sie nochmals mit leuchtenden Augen: Morgen!
Morgen! rief.

Thibaut hingegen empfand ein Gefühl, wie wenn Einer
ihm den schönen Zopf abgeschnitten hätte, der so stattlich
den Rücken seines Scharlachrockes schmückte, und in der
Nacht hatte er einen schweren Traum. Es träumte ihm,
er habe das Korallenherz der schönen Guillemette aufgemacht, die grüne Spinne sei herausgelaufen und habe
ihn in die Nase gebissen, die wie eine Rübe aufgeschwollen sei.

Am Morgen wurde es ihm wieder besser zu Muthe,
als er den klar erglänzenden Tag gewahrte, der über der
großen Stromlandschaft aufgegangen war, und heiteren
Herzens bestieg er die übersetzende Kahnflotille, da er ja
endlich der wahren Liebe und Seligkeit entgegenfuhr.

Das rothe Volk war in einem weiten Ringe um ein
Feuer versammelt, an welchem Hirsche und andere Jagdbeute gebraten und gute Fische gekocht wurden. Die
Frauen und Mädchen machten die Köche und brachten
sonst noch allerhand ihrer Leckereien herbei. Die Männer
saßen ernst im Kreise herum, vorab die Häuptlinge, alle in
ihrem höchsten Schmuck und Staate. Für die französischen
Herren aber war ein besonderer Raum und Ehrenplatz
offen gelassen, den sie vergnügt über das neue Schauspiel
einnahmen; und nun begann ein Schmausen, das den
Indianern freilich besser zu schmecken schien als den
Europäern, wenn es den letzteren auch von den Frauen
selbst zugetragen und dargereicht wurde. Nur Thibaut
erquickte sich vollkommen; denn die schöne Quoneschi hatte
ihn sogleich herausgefunden und nur ihn bedient; sie blieb
auch gern bei ihm, als er sie festhielt, und winkte ihren
Schwestern schalkhaft zu, als ob sie jetzt nicht mehr zu
ihnen käme. Traulich und keineswegs ohne Grazie saß
sie zu seinen Füßen, und als er sanft ihren rothen
Sammetrücken, wie die Herren vielleicht sich ausdrücken
würden, mit lässiger Hand streichelte, dünkte er sich der
Christofor Columbus zu sein, welchem sich der entdeckte
Welttheil in Gestalt eines zarten Weibes anschmiegt.

Jetzt war die Mahlzeit beendigt, der Platz um das
Feuer wurde geräumt und der Kreis erweitert, worauf
ein Zug junger Krieger aufmarschierte, um zu Ehren der
befreundeten Macht einen schönen Kriegstanz zum Besten
zu geben. Ein lauter Schrei oder Ausruf der Alten und
Häuptlinge begrüßte die Schar, welche von dem längsten
und kräftigsten der Jünglinge, einem baumstarken Bengel,
angeführt wurde.

Wenn ich vorhin bescheiden auf eine Schilderung der
schönen Libelle verzichtet habe, behielt ich mir vor, dafür
das Aeußere dieses jungen Kriegshelden um so ausführlicher darzustellen, soweit meine schwachen Kräfte
reichen; denn hier tritt ja das Frauenauge mit seinem
Urtheile in sein Amt. Denke man sich also einen Complex
herrlich gewachsener riesiger Glieder vom sattesten Kupferroth und vom Kopf bis zu den Füßen mit gelben und
blauen Streifen gezeichnet, auf jeder Brust zwei colossale
Hände mit ausgespreizten Fingern abgebildet, so hat man
einen Vorschmack dessen, was noch kommt. Denn eine
malerische Welt für sich war das Gesicht, die eine Hälfte
der Stirn, der Augendeckel, der Nase und des Kinnbackens
bis zum Ohre mit Zinnober, die andere mit blauer
Farbe bemalt, und dazwischen eine Anzahl fein tätowirter
Linien dieser und jener Farbe. Die ganzen Ohrmuscheln
waren rings mit herabhängenden Perlquasten besetzt, die
pechschwarzen langen Haarsträhnen mit einer Menge Schnüre
von kleinen Muscheln, Beeren, Metallscheibchen u. dergl.
durchflochten und darauf noch ein Helm von weißen
Schwanenfedern gestülpt; ein Scalpiermesser sammt einem
blonden Scalp steckte als Haarnadel in dem Wirrwarr,
nicht zu gedenken noch anderer Quincaillerie, die weniger
deutlich zu unterscheiden war. Allein über all' diesem
Kopfputze sträubte sich ein Kamm gewaltiger Geierfedern,
weiß und schwarz, in die Höhe und zog sich längs des
Rückgrates hinunter gleich einem Drachenflügel, ganz aus
den längsten Schwungfedern bestehend. Dazu nun der
reich gestickte Wampumgürtel, die gestickten Schuhe und
Mocassins, so wird man gestehen müssen, daß hier ein
Schatz von Schönheit und männlicher Kraft versammelt
war. Allein erst der glühende furchtbare Blick machte
noch das Tüpfelchen auf das I, und als der Tapfere,
den man „Donner-Bär“ nannte, den Tanz anhub, zu
stampfen begann und mit schrecklichem Gesange die roth
bemalte Axt über dem Haupte schwang, indem er die
andere Faust gegen die schlanke Hüfte stützte, da fühlten
die europäischen Gäste beinahe ihre gepuderten Haare
knistern, denen besonders das Scalpiermesser nicht gefiel.

Quoneschi, die Wasserjungfer aber, die zu den Füßen
Thibaut's lag, that erst einen Seufzer und ließ dann
einen jauchzenden Jubelruf ertönen; sie rüttelte den Offizier
am Arme und zeigte mit feurigen Augen auf den Kriegstänzer, indianische Worte redend wie mit Engelszungen,
die aber Thibaut nicht verstand, bis ein hinter ihm
stehender Amerikaner sagte: „das Weibsbild schreit immer,
das sei ihr Verlobter, ihr Liebhaber, dessen Frau sie
noch heute sein werde!“

Ganz starr vor Erstaunen blickte Thibaut nach dem
Tänzer hin, dessen schreckliches Gesicht in allen Farben zu
blitzen schien, so daß er es nicht deutlich zu sehen vermochte in seiner Verwirrung. Immer näher kam der
Donner-Bär mit seiner Bande; da riefen auf einmal
mehrere Offiziere unter schallendem Gelächter:

„Parbleu! der hat ja die Berlocken des Herrn von
Vallormes an der Nase hängen!“

Entsetzt sah Thibaut die Wahrheit dieser Bemerkung;
sie hingen dort, die Berlocken. Der Wilde tanzte jetzt
dicht vor ihm und unter seiner blau und roth bemalten
Nase, deren Rücken durch einen scharf gebogenen weißen
Strich bezeichnet war, funkelte und blitzte es, bammelte
das Korallenherz der verlassenen Guillemette, das Krystallherz der kleinen Denise, das Opalherz der Tante Angelika,
hin und her, nach links und nach rechts, und bammelten
die anderen Sachen, die Kreuzchen, Medaillons und
Ringe blinkernd und blitzend durcheinander und peitschten
beide Nasenflügel des Helden.

Jetzt tanzte dieser ein Weilchen auf derselben Stelle,
still wie die Luft vor dem Gewitter, indem er nur mit
dem einen oder anderen Fuße ein wenig trampelte; plötzlich aber stieß er ein wahres Bärengebrüll hervor, ergriff
die Quoneschi am Arme, schwang sie wie ein geschossenes
Reh auf seine Schulter und ras'te, gefolgt von seinen
Aexte schwingenden Genossen und dem Beifallsrufe der
rothen Völker, aus dem Ringe hinaus. Der Herr von
Vallormes bekam weder die Berlocken noch die Indianerin
je wieder zu sehen.

Dreizehntes Capitel.
In welchem das Sinngedicht sich bewährt.

Fast glaub' ich, dort wartet ein Schreinermeister, den
ich bestellt habe und sprechen muß; ich empfehle mich so lange
den Herren!“ sagte Lucia unmittelbar nach dem Schlusse
der kleinen Erzählung und ging, sich leicht und mit verhaltenem Lächeln verneigend, davon. Reinhart blickte ihr
nach und sah dann den alten Oberst an.

„Was hat Ihre prächtige Nichte“, sagte er, „nur für
einen Zorn auf meine armen Schützlinge, daß sie so
satirische Pfeile auf mich abschießt? Das geht ja fast
über das Ziel hinaus!“

„Je nun,“ erwiderte der Oberst lachend, „sie wehrt
sich eigentlich doch nur ihrer Haut, die übrigens ein
feines Fell ist! Und merken Sie denn nicht, daß es
weniger schmeichelhaft für Sie wäre, wenn sich die Lux
gleichgültig dafür zeigte, daß Sie für allerhand unwissende
und arme Kreaturen schwärmen, zu denen sie einmal nicht
zu zählen das Glück oder Verdienst hat?“

Ob Reinhart als Gelehrter schon so unpraktisch oder
als junger Mann noch so unkundig oder blind war,
genug, er hatte diese Seite der Sache noch gar nicht bedacht und erröthete über den Worten des Alten ordentlich von der inneren Wärme, die sie ihm verursachten.

„So geht es“, sagte er mit unmerklicher Bewegung;
„wenn man immer in Bildern und Gleichnissen spricht,
so versteht man die Wirklichkeit zuletzt nicht mehr und
wird unhöflich. Indessen habe ich natürlich an das
Fräulein gar nicht gedacht, so wenig als eigentlich an
mich selbst, so wie man auch niemals selber zu halten
gedenkt, was man predigt. Es ist Zeit, daß ich abreite,
sonst verwickele ich mich noch in Widersprüche und Thorheiten mit meinem Geschwätz, wie eine Schnepfe im Garn.“

„Gut, reiten Sie,“ antwortete der alte Herr, „aber
kehren Sie bald wieder! Kommen Sie zuweilen Sonntags und nehmen Sie statt des alten Nilpferdes einen
jungen Kutscher mit guten Trabern, so fahren Sie
rascher vom Fleck und sind weniger vom Wetter abhängig.
Ich mag der Lux zur Abwechselung eine heitere junge
Gesellschaft, wie die Ihrige, gönnen; sie ist frei, munter
und selbständig und macht keine Dummheiten. Ich selbst
aber freue mich ordentlich sentimental darauf, den Freunden
meiner Jugend durch Sie am Lebensabend noch einmal
nahe zu treten, und freue mich auch, der Dame Else
Moorland, Ihrer Mutter, meine Nichte unter Augen zu
stellen, damit sie sieht, wir seien hier auch nicht von
Stroh!“

Nachdem sie noch ein Weilchen geplaudert, Reinhart
mit ungeduldigem Herzklopfen, eilte er ins Haus, den
Mantelsack zu packen, und nach dem Stalle, das Pferd
satteln zu lassen, welches sich auf der Weide rund gefressen
hatte. Er war so eilig, weil er glaubte, Zeit und Geschick damit zu beschleunigen, mochten sie bringen, was sie
wollten.

„Sie werden doch noch mit uns essen, eh' Sie reisen?“
sagte Lucie betreten, als er wieder unter den Platanen
erschien und sie dort vorfand. „Es ist nicht möglich“,
antwortete Reinhart; „wenn ich heute noch zu Haus ankommen will, so muß ich vor Tisch aufbrechen!“

„Ei, ist denn Ihre Fahrt schon zu Ende? Sie haben
ja kaum begonnen! Sie werden doch die schädliche Arbeit
nicht schon wieder aufnehmen wollen?“

„Gewiß nicht, mein Fräulein, ich möchte jetzt mein
Augenlicht mehr schonen, als jemals, denn die bewußte
Kur hat ihm so gut gethan, daß es undankbar wäre, es
wieder zu gefährden!“

„Sie werden natürlich auf allen den bewußten
Stationen Halt machen, über welche sie gereist sind?“

„Dann würde ich nicht weit kommen! Ich denke vielmehr den andern kürzern Weg von hier aus zu nehmen,
der über die Althäuser Brücke führt.“

Lucie schien mit diesem unbedeutenden Gespräche zufrieden zu sein; sie entließ den berittenen Naturforscher
in freundlicher Weise, und er zog so ernst seines Weges,
wie ein Afrikareisender, nachdem er vor einigen Tagen
so munter ausgefahren war. An diesem Tage ging er
zwar wieder in heiterer Stimmung schlafen, nachdem er
noch einen geselligen Kreis aufgesucht und in dessen Fröhlichkeit sein Wissen um Lucien als anonymen Theilnehmer
hatte mitlaufen lassen. Am nächsten Morgen aber fühlte
er sich vereinsamt und merkte, daß er angeschossen war.

Und es kam ärger; unbekannte Nöthen fingen an, sich
in seinem Herzen zu regen, daß er widerwillig die Natur
dieses Muskels von Neuem untersuchen, und als hierbei
nichts herauskam, sich gewöhnen mußte, in angestrengter
Arbeit die Störungen zu vergessen, wenn er nicht einem
unwürdigen Zustande der Träumerei verfallen wollte.
Dennoch wiederholte er den Besuch auf dem Landgute
zunächst nicht, um durch das Getrenntsein den Ernst der
Lage gründlicher zu erforschen und klar zu stellen. Nur
ein par Briefe schrieb er ohne jede unbescheidene Anspielung und erhielt eben solche Antworten. Desto froher
machte ihn ein unerwarteter Brief seiner Mutter Else
oder Hildeburg, welche ihm im Laufe des Sommers
schrieb, daß der Oberst und seine schöne Nichte auf einer
Reise bei ihnen vorgesprochen hätten, und wie das eine
erquickliche Geschichte und ein fröhlicher Tag gewesen, wie
ferner für den Herbst ein Gegenbesuch verabredet sei.
Die Lucie sei eine ernsthafte und kluge Person mit dem
Gemüth eines Kindes, und der Papa Reinhart, der den
Leuten sonst so kurze Zettel zukommen lasse, schreibe ihr
bereits so lange Briefe, wie er ihr, der Mutter Else,
kaum in der ersten Zeit geschrieben habe. Aber sie möge
es ihr wohl gönnen und freue sich schon darauf, die
Briefe ihres Mannes zu lesen, wenn sie einmal dort sei.

Im September kam ein Briefchen von Lucie; sie
schrieb: „Ihre Eltern sind beide hier bei uns; wollen
Sie nicht auch kommen? Es wäre doch nicht schön, wenn
wir die liebe Herrschaft nicht mit der Anwesenheit des
Sohnes regaliren könnten und so gottesjämmerlich daständen, nachdem wir mit seiner Freundschaft geprahlt
haben! Aber lassen Sie das Nilpferd zu Hause und
bringen Sie einen Koffer mit! Der Onkel Marschall will
mit Ihnen smoliren, was mir leider als einem Frauenzimmer versagt bleibt!“

Obgleich Reinhart, der so ausführliche Weiber- und
Liebesgeschichten aus dem Stegreife erzählt hatte, die
letzteren Worte schon als vorläufige Andeutung eines Abschlages anzusehen geneigt war, sofern er etwa einen
solchen herausfordern würde, packte er doch einen Koffer
mit allen wünschbaren und kleidsamen Sachen, die in
seinem Besitze waren, und fuhr hin. Er fand Alles in
schönster Laune unter, den Platanen vereinigt; die Else
Moorland trug ohne Schaden an ihrer Matronenwürde
ein schneeweißes Kleid gleich der Lucie, da eine warme
Sommersonne schien, und ihr schwarzes Haar ohne Haube
entrollt. Der Oberst hatte die Krücke im Hause gelassen
und trug Sporen an den Stiefeln. Der alte Reinhart
sah aus, wie wenn er ein dreiunddreißigjähriger Privatdocent wäre und erst noch alles zu erreichen hätte, was
er schon geleistet und erreicht, und die Lucie war still
und bescheiden, wie ein ganz junges Mädchen, während
sie doch fünf- oder sechsundzwanzig zählte, kurz, Niemand
wollte alt sein oder es werden, denn Alle hatten es in
sich, und es war eine allgemeine Herrlichkeit und Zufriedenheit; nur Lucie und Reinhart schienen abwechselnd
etwas stiller oder nachdenklicher, je nachdem das eine oder
das andere bewölkten Himmel über sich sah. So vergingen einige Tage in großer Behaglichkeit.

Nun sollte endlich auch ein Besuch in dem bekannten
Pfarrhause abgestattet werden, dessen Oberhaupt ein
Studienfreund des alten Reinhart gewesen, woher eben
die Bekanntschaft auch mit dem Sohne.

„Gehen Sie auch gern hin?“ sagte Lucie besorgt zu
dem jungen Reinhart, weil sie wünschte, daß ihm jeder
Tag heiter und angenehm verlief, und wußte, daß ihn
die besondere Art der Pfarrleute zuweilen ermüdete.

„Ich bin in der That nicht recht aufgelegt,“ versetzte
er, „einen ganzen Tag dort zuzubringen.“

„Da bleibst Du eben hier,“ rieth die Mutter, „es
handelt sich ja ohnehin mehr um uns Alte; wenn der
Marschall mitfährt, so wird der Wagen so schon besetzt;
er will uns nämlich in seiner leichten Jagdstellage, oder
wie man es nennt, hinführen, der Eisenfresser. Sei
ruhig, Marschall!“

Dies rief sie, weil der Oberst, hinter ihr stehend, sie
an einer Bandschleife zupfte, als er das Wort vernahm.

„Und was geschieht denn mit Dir, Lux?“ sagte er
hierauf.

„Mit mir? Ich muß eben das Haus hüten, wie alle
armen Haushälterinnen, und für den Abend sorgen!“

„Gut, dann sorge auch für ein rechtschaffenes Getränke! denn das Smoliren mit dem jungen Duckmäuser
muß einmal stattfinden, daß die Duzerei durchgeführt ist.
Du kannst auch gleich mithalten!“

Beide junge Leute, errötheten wie Confirmanden, die
erst etwas erleben sollen. Kein Mensch hätte geglaubt,
daß sie sich vor einigen Monaten schon alles mögliche
Zeug erzählt hatten.

Als die Alten fort waren und jetzt auf einmal eine
Stille herrschte, standen die Jungen noch verlegen da
und schienen doch zu zögern, die innestehende Wage des
Augenblickes zu stören, bis Reinhart den Ausweg fand,
Lucien um ein Buch zu bitten, darin er lesen könne. Sie
lud ihn ein, selbst nachzusehen, was ihm diene. So gingen
sie gemächlich in das Haus hinein, die Treppe hinauf
und betraten das bescheidene Museum, in welchem das
Fräulein seine Jahre verbrachte. Durch die offenstehenden
Fenster wallte die Luft herein, indeß das milde Gold der
Septembersonne, von der grünen Seide der Gardinen
halb aufgehalten, halb durchgelassen, den Raum mit einem
sanften Dämmerschein erfüllte.

„Was wollen Sie lesen?“ fragte Lucie.

„Darf ich eines von Ihren Lebensbüchern nehmen?“
erwiderte Reinhart; „ich habe bemerkt, daß hin und wieder
etwas an den Rand geschrieben ist, und nun empfinde ich
ein Gelüste, diesen Spuren nachzugehen und Ihre guten
Gedanken zu haschen. Vielleicht, wenn es überhaupt erlaubt wird, entdecke ich das Geheimniß, welches Sie in
den Offenbarungen anzieht!“

„Das Geheimniß ist ein sehr einfaches,“ versetzte Lucie,
„und doch ist es allerdings eines. Ich suche die Sprache
der Menschen zu verstehen, wenn sie von sich selbst reden;
aber es kommt mir zuweilen vor, wie wenn ich durch
einen Wald ginge und das Gezwitscher der Vögel hörte,
ohne ihrer Sprache kundig zu sein. Manchmal scheint
mir, daß Jeder etwas anderes sagt, als er denkt, oder
wenigstens nicht recht sagen kann, was er denkt, und daß
dieses sein Schicksal sei. Was der Eine mit lautem Gezwitscher kundgibt, verschweigt der Andere sorgfältig, und
umgekehrt. Der bekennt alle sieben Todsünden und verheimlicht, daß er an der linken Hand nur vier Finger hat.
Jener zählt und beschreibt mittelst einer doppelten Selbstbespiegelung alle Leberflecken und Muttermälchen seines
Rückens; allein daß ein falsches Zeugniß, das er einst
aus Charakterschwäche oder Parteilichkeit abgelegt, sein
Gewissen drückt, verschweigt er wie ein Grab. Wenn ich
sie nun alle so mit einander vergleiche in ihrer Aufrichtigkeit, die sie für kristallklar halten, so frage ich mich, gibt
es überhaupt ein menschliches Leben, an welchem nichts
zu verhehlen ist, das heißt unter allen Umständen und zu
jeder Zeit? Gibt es einen ganz wahrhaftigen Menschen
und kann es ihn geben?“

„Es sind wol manche ganz wahrhaftig,“ sagte Reinhart,
„nur sagen sie nicht alles auf ein Mal, sondern mehr
stückweise, so nach und nach, und die Natur selbst, sogar
die heilige Schrift verfahren ja nicht anders!“

„Was mich tröstet,“ fuhr Lucie fort, „ist, daß mehr
Gutes als Schlimmes verschwiegen wird. Beinah' Jeder
würde, wenn er nur Gelegenheit und Stimmung fände,
uns zuletzt doch noch mit dem Unangenehmsten bewirthen,
das er über sich aufzubringen wüßte; Viele aber sterben,
ohne daß sie des Guten und Schönen, das sie von sich
erzählen könnten, je mit einer Silbe gedenken. Diese
führen auch trotzdem die lieblichste Sprache; es ist als
ob die Veilchen, Maßlieben und Himmelsschlüsselchen
zwischen ihren Zeilen hervorblühten, ganz gegen Wissen
und Willen der bescheidenen Schreiber und Schreiberinnen.“

Reinhart hatte auf dem Stuhle Platz genommen, der
vor Luciens Tische stand, und sie lehnte lässig am Tische.
Inzwischen griff er von dem Brette der Lebensbeschreibungen eines der Bücher heraus, und als er darin
blätterte, entfiel demselben ein sonderbares Bildchen oder
Einlegeblatt. Das Bildchen war mit ungezwirnter Seide
und feinster Nadel auf ein Papier gestickt, in der Art,
daß es sich auf beiden Seiten vollkommen gleich darstellte. Auf einem grünen Erdreiche stand ein Tannenbäumchen und ein Stäudlein mit zwei rothen Rosen
dazwischen in der Reihe haftete am gleichen Grund und
Boden ein Herz, von welchem ein entzwei geschnittenes
blaues Band flatterte, dessen andere Hälfte an einem
zweiten Herzen hing; und dieses, mit Flügeln versehen,
hatte sich offenbar von dem ersteren losgerissen und flog,
eine goldene Flamme ausströmend, in die Höhe, wahrscheinlich zum Himmel hinan.

Reinhart besah das Blättchen zuerst achtlos, dann
aufmerksamer, da er eben, als er es in das Buch zurücklegen wollte, den Inhalt erkannte.

„Was ist das für eine kleine Herzensgeschichte?“ fragte
er, „es scheint ja gar leidenschaftlich herzugehen. Das
eine steckt wie eine rothe Rübe im Boden fest, während
das andere feuerspeiend und geflügelt sich empor schwingt!“

Lucie nahm ihm die naive Schilderei aus der Hand,
beschaute sie ebenfalls und sagte dann: „Also hier steckt
das närrische Ding? Es wandert seit Jahren in diesen
Büchern herum und kam mir lange nicht zu Gesicht.
Uebrigens ist es eine Klosterarbeit, die ich selber verfertigte.“

Als Reinhart die Sprecherin etwas verwundert ansah
setzte sie erröthend hinzu: „Ich bin nämlich katholisch!“

„Darüber brauchen Sie doch nicht zu erröthen!“ meinte
Reinhart, den eine solche Verschiedenheit der Confession
eher belustigte als betrübte. Sie verstand seinen freien
Sinn, wurde aber jetzt ganz roth und sagte mit unwillkürlichem Niederschlagen der Augen: „Ich bin nicht katholisch
geboren, ich bin es geworden!“

Hiermit lag die Sache freilich anders. Ein Religionswechsel ist in dies scheinbar ruhige Leben gefallen; was
mag damit alles zusammenhangen! sprach es sogleich in
seinem Innern, und er blickte zu der unweit von ihm
stehenden Lucie mit der Ueberraschung empor, mit welcher
man sonst in einen unvermutheten Abgrund hinabschaut.
Sein Gesicht zeigte sogar einen etwas bekümmerten Ausdruck; es malten sich darin Mitleid und Sorge eines
Menschen, dem keineswegs gleichgültig ist, was ohne sein
Wissen geschah, als ob es ihn nichts anginge.

Die Augen plötzlich aufschlagend, sagte Lucie mit
wehmüthigem Lächeln: „Sehen Sie, da haben wir gleich
so eine Geschichte, von der man nicht weiß, ob man sie
bekennen oder verschweigen soll! Es wissen nur wenige
Personen darum und selbst mein Oheim ahnt nichts davon,
obgleich er auch katholisch ist.“

„Mir aber,“ erwiderte Reinhart, „haben Sie nun
schon zu viel verrathen, als daß Sie mir nicht anvertrauen sollten, um was es sich handelt!“

„Es ist im Grunde nichts als eine Kinderei, die Sie
erfahren dürfen“, versetzte Lucie; „es ist mir sogar lieb,
wenn Sie es wissen, damit Sie eine gute Freundin, wie
ich bin, nicht gelegentlich unbewußt verletzen oder wenigstens
kleinen Verdrießlichkeiten aussetzen. Mein Vater war
Protestant, wie Jedermann in dieser Gegend, die Mutter
dagegen Katholikin; er besaß aber so viel Gewalt über
sie, daß sie ohne weitere Umstände den protestantischen
Gottesdienst besuchte und es ohne Widerspruch geschehen
ließ, daß ich in diesem Glauben getauft und erzogen
wurde. Wir stellten so eine ungemischte protestantische
Familie vor, und Niemand wußte es anders. Nicht daß
der Vater ein besonders eifriger und gläubiger Lutheraner
gewesen wäre; nur vertrat er den Grundsatz, daß aus
einem reformirten Hause man nicht mehr rückwärts
schauen solle, und das sogenannte Katholischwerden war
ihm ärgerlich und verächtlich. Im Uebrigen benahm er
sich duldsam und friedlich, und so verhinderte er auch
keineswegs meine selige Mama, mit ihrer besten Jugendfreundin, einer stillen Klosterfrau, den alten Verkehr fortzusetzen und dieselbe alljährlich ein oder zwei Mal in
ihren geweihten Mauern heimzusuchen. Bei Lebzeiten
der Eltern bewohnten wir ein Haus in jener Stadt am
Flusse, deren Thürme wir von hier aus sehen können,
wenn das Wetter hell ist. Die Gartenterrasse stieß unmittelbar an das Wasser, zu welchem einige steinerne
Stufen hinunterführten, und am Fuße der Treppe lag ein
leichter Kahn an der Kette, der zu Spazierfahrten auf
dem leise ziehenden Gewässer benutzt wurde. Abwärts
vermochte fast jeder Hausbewohner das Fahrzeug zu
regieren, und wenn wir eine längere Fahrt unternahmen,
kehrte man auf einem der kleinen Dampfboote zurück und
ließ den Nachen anhängen.

Ungefähr anderthalb Meilen unterhalb unserer Stadt
ragte am gegenüber liegenden Ufer, wo die Menschheit
katholisch ist, das besagte Kloster idyllisch aus dem Wasser
in ländlicher Einfachheit und nur von seinen Obstbäumen,
Wiesen und Feldern umgeben.

Da die Besuche meiner Mutter meistens auf eines
der heitern Kirchenfeste in schöner Jahreszeit verlegt
wurden, wie z. B. auf Fronleichnamstag, wo die Stiftsfrauen sich eine gewisse Fröhlichkeit, ein bescheidenes
Wohlleben gönnten, so machte die Mama sich die Freude
noch dadurch feierlicher, daß sie sich auf dem blau glänzenden
Flusse hinunter fahren ließ und meine Person im frühsten
Kindesalter mitnahm. Sie putzte mich dann zierlich und
hellfarbig heraus, damit ich den guten Nonnen in ihrer
dunklen Tracht und Abgeschiedenheit den Sommertag hindurch als eine Art lebendiger Puppe dienen konnte, mit
welcher sie spielten, und die Mama empfand das schönste
Vergnügen, mich von Hand zu Hand, von Schoß zu
Schoß gehen zu sehen. Als ich jedoch etwas größer
wurde, hielt ich mich selbst so ernst und still wie ein
Nönnchen und war stolz darauf, die beiden Freundinnen
nicht zu verlassen, wenn sie unter traulichen Gesprächen
und Erinnerungen in der Zelle am Fenster standen oder
einen Gang durch die blühenden Gärten und Felder
machten. Bei der festlichen Tafel jedoch mußte ich neben
der Frau Priorin sitzen, die mir ab und zu wohlwollend
die Hand streichelte und mich niemals entließ, ohne mir
ein buntes mit seidenen Maschen geziertes Körbchen voll
Backwerk und irgend ein silbernes Kreuzchen oder Gottesmütterchen zu schenken. Kamen wir dann nach Hause,
so verglich uns der selige Vater scherzend mit jenen
aztekischen Indianern, welche heutzutage noch zu gewissen
Zeiten auf den großen Strömen landeinwärts fahren sollen,
um an geheimnißvollen Orten den alten Göttern zu opfern.

Leider war ich trotz dieser Klosterfreuden schon ein
rechtes kleines Heidenstück und zwar durch den Unverstand
der großen Menschen. Es besuchte ein hübscher junger
Mann unser Haus, der so oft er mich erblickte, mich auf
seine Kniee nahm, küßte und seine kleine Frau nannte.
Als ich das vierte oder fünfte Jahr hinter mir hatte,
ließ ich mir's freilich nicht mehr gefallen; ich sträubte
mich, schlug um mich und entfloh. So oft er aber kam,
fing er mich wieder ein, und so ging das Spiel fort, bis
ich acht, bis ich zehn Jahre alt war. Ich blieb stets
gleich wild und spröde, und doch wurde ich allmälig
unzufrieden, ja unglücklich, wenn er etwa vergaß, mich
seine kleine Frau oder seine Braut zu nennen, die er zu
heirathen nicht verfehlen werde. Indessen sah ich ihn
endlich nur noch selten, weil er längere Zeiträume hindurch abwesend war; wenn er einmal wieder kam, geschah
es in veränderter Gestalt, jetzt als verwegener Student,
dann als Militär in glänzender Montur, oder als gereister Weltmensch, was ihm in meinen kindischen Augen
einen geheimnißvollen Reiz verlieh.

Zuletzt aber verschwand er auf mehrere Jahre und ich
vergaß ihn endlich. Jetzt war ich zwölf Jahre alt, und
die Mutter starb uns weg. Eine achtlose Erzieherin und
einige Stundenlehrer besorgten meine Ausbildung, während
der Vater verschiedenen Liebhabereien lebte und öfter
verreiste. Um diese Zeit las ich den Wallenstein von
Schiller und verliebte mich unversehens in den Max
Piccolomini, dessen Tod mir gewiß so nahe ging, wie
der guten Thekla. Des Nachts träumte ich von ihm
und am lichten Tage erfüllte er mir die Welt, ohne daß
ich seine Gestalt, seine Gesichtszüge deutlich zu erkennen
vermochte. Auf einem Stück Haide unweit der Stadt
gab es eine kleine Erderhöhung, von ein par Hollunderbäumen überschattet. Ich nannte den Ort das Grab des
Piccolomini und bepflanzte ihn heimlich mit Sinngrün,
das ich in meiner Botanisirbüchse aus dem Walde holte.
Manches einsame Stündchen saß ich dort und ließ friedlich
Thekla's Geist an meiner nicht unbehaglichen Trauer
Theil nehmen. Einst aber, als ich mir besonders lebhaft
das Aussehen des jugendlichen Kriegshelden und Liebhabers vorzustellen suchte, sah ich deutlich vor mir die
Züge Leodegar's, meines scherzhaften Kindergemahls oder
Verlobten. Sogleich ward ich dem zweihundertjährigen
Todten untreu und meine stille Trauer um ihn verwandelte
sich in eine ebenso stille Sehnsucht nach dem Lebenden,
und ich zweifelte nicht an seiner Wiederkehr; denn ich
merkte, daß er es eigentlich war, der in meinem geheimsten
Herzen gelebt hatte. Ein tiefer Ernst bemächtigte sich meiner
in allem, was ich that, im Lernen und Arbeiten, da ich
alles auf ihn und sein Wohlgefallen bezog, und ich kann
wohl sagen, daß dies wunderlich ernsthafte Wesen mir in
meiner damaligen Existenz Vater und Mutter, Lehrer und
Führer war, wenigstens das alles einigermaßen ersetzte.

Und ich verschwieg die geheime Triebfeder meiner
jungen Jugend unverbrüchlich; nie erwähnte ich derselben
mit einem Worte und nannte den Namen so wenig, als
wäre er nicht in der Welt. Wurde aber einmal von
Leodegar gesprochen, so hörte ich aufmerksam zu und wich
nicht vom Orte, so lang es dauerte. Eines Tages hörte
ich ihn als phantastisch, gewaltsam, rechthaberisch und ehrgeizig schildern in Verbindung mit dem Zugeständnisse,
daß er von großen Gaben sei. Weil ich aber den Sprachgebrauch dieser Worte zum Theil aus mangelnder Erfahrung mißverstand, zum Theil aus Widerspruch und
Parteilichkeit umkehrte, so nahm ich phantastisch für
phantasievoll, gewaltsam für machtvoll; rechthaberisch verwechselte ich mit Recht liebend, und ehrgeizig galt mir so
viel wie von Ehre beseelt, als ruhmwürdige Gesinnung.
Das Bild wurde daher immer schöner und idealer in
meinem Herzen; mit ängstlichem Eifer strebte ich besser
und Leodegar's nicht ganz unwerth zu werden, und wenn
ich Fehler beging, so ruhte ich nicht, bis ich glaubte, sie
durch Reue und allerhand kleine gute Werke als gesühnt
betrachten zu dürfen.

So erreichte ich den Schluß des fünfzehnten Lebensjahres, der mit Sommers Anfang eintrat, als der Vater
eben auf einer größeren Reise begriffen und für Monate
abwesend war. Unverhofft erschien um diese Zeit Leodegar
in der Heimat, jedoch nur auf ein par Wochen, während
welcher er einige Mal in unser Haus kam, worin ich
unter der Obhut einer Wirthschafterin und meiner Gouvernante einsam lebte. Jene gehörte zu einer kirchlichen
Sekte mit sehr ausgeprägten Lehren und Gebräuchen,
und sie verbrachte jede freie Minute mit dem Besuche der
Conventikel oder dem Lesen der Traktate. Mein Papa
ließ sie gewähren und munterte sie sogar auf, um zu
seinem Vergnügen gewisse religionspsychologische Studien
an ihr zu machen, und sie merkte natürlich nicht, daß er
ihre Reden zergliederte und unter die Rubriken eines
Tabellenwerkes vertheilte. Die Erzieherin dagegen verwendete alle ihre Tage mit dem Vermehren und Ordnen
einer Käfersammlung. Sie stand mit Gelehrten und
Naturalienhändlern in Verbindung und sandte fortwährend
Schachteln fort. Denn sie verstand, auf zahlreichen Ausflügen den letzten Käfer aus seinem Hinterhalt zu ziehen,
und hatte eine seltene Art, die gerade in einem Gehölze
unserer Gegend zu finden war, nahezu ausverkauft. Ich
kann mich des Namens dieses ausgerotteten Käferstammes
nicht mehr entsinnen. Am betrübtesten darüber war ein
insektenkundiger Herr Oberlehrer, welcher der handelslustigen Dame den Ort nachgewiesen hatte und sich daher
der Mitschuld an dem wissenschaftlichen Raubverfahren,
wie er es nannte, anklagte. Uebrigens hieß sie Fräulein
Hansa. Sie bewunderte und liebte nämlich den Namen
Hans über alles, und um seiner theilhaftig zu werden,
hatte sie ihn ohne Rücksicht auf Sinn oder Unsinn mit
einem a verziert und angenommen.

Unter solchen Umständen, solchen Vorgesetzten that
ich was ich wollte, d. h. niemand sah auf mich. Als ich
aber von Leodegar's Ankunft hörte, war es, wie wenn
ich zu dieser Unabhängigkeit hinzu auf einen Ruck noch ein
par Jahre älter würde. Ich erwartete ihn mit zitterndem
Herzen und trat ihm dennoch mit der Haltung einer
zwanzigjährigen Person verschämt und feierlich entgegen.

Alle Welt! rief er überrascht aus, als er meiner ansichtig wurde; da darf ich ja nicht mehr von meiner
kleinen Frau reden, das gibt bald eine große!

Ich aber erblickte ihn jetzt fast mit Entsetzen; denn
seine regelmäßigen aber starken Züge, die schwarzen, in
die Stirne fallenden Locken, die großen Augen, die mit
kalten Flammen leuchteten, alles sah ich später lange
noch einem gemalten Bilde gleich vor mir; damals aber
erschreckte und blendete mich dies zu seinem vollen Ausdruck gelangte Wesen, und der Schrecken diente nur dazu,
meine Kinderei auf den Gipfel zu treiben. Ich nahm
mich jedoch zusammen; nach einer kurzen Unterhaltung
lud ich meinen Seelenfreund auf einen bestimmten Tag
gelassen zu Tisch, als ob es nur so sein müßte. Die
Wirthschafterin nicht weniger als die Gouvernante erstaunten trotz ihrer gewohnten Zerstreutheit über meine
Befehle und Anordnungen, und mein Gebaren verblüffte
sie so sehr, daß sie gar keinen Widerspruch erhoben noch
Schwierigkeiten machten, als ich dem Speisezettel immer
neue Dinge hinzufügte, von denen ich wußte, daß er sie
früher liebte.

Ich selber deckte schon in der Morgenfrühe den Tisch
mit dem besten Geräthe, das die Mutter nur bei seltenen
Gelegenheiten einst gebraucht hatte; mit neuer Verwunderung gab Frau Lise, die Wirthschafterin, das Silberzeug heraus. Als dann der Tisch fertig war und in aller
Herrlichkeit glänzte, zog ich mein schönstes Kleid an und
unterließ nicht, mich mit den kleinen Schätzen zu schmücken,
die man meiner Jugend anvertraut hatte. Auch Fräulein
Hansa putzte sich auf meine Bitte stattlich heraus; sie
rauschte in schwarzer Seide einher, einem Erträgnisse ihrer
Käferhandlung, und hatte einen großen ägyptischen
Scarabäus vorgesteckt, den ihr der Vater geschenkt. Das
Alterthum war aus edlem Stein geschnitten, in Gold gefaßt und zu einer Brustnadel verwendet.

So weit war Alles gut und nach meinem Willen
vollbracht. Aber nun änderte sich die Sache. Als wir
zu Dreien am Tische saßen und uns unter der Aufsicht
der Frau Lise bedienen ließen, sah ich mich plötzlich auf
mein wahres Alter und Zöglingsdasein zurückgewiesen.
Ich wußte nichts zu sagen und thronte in meiner Pracht
steif und schweigend gleich einer hölzernen Puppe, während
die Gouvernante die Unterhaltung führte und Leodegar
genug zu thun hatte, ihr zu antworten. Als sie auf
eine Bemerkung hin, die er wegen des Scarabäen an sie
richtete, die Brosche losmachte und ihm zum Beschauen
in die Hand gab, wollte mir das beinah' das Herz abdrücken; voll Eifersucht ergriff ich eine Flasche, um nur
auch etwas zu thun, und goß dem Gaste in der Verwirrung das Glas so voll, daß es überlief und der rothe
Wein das Tischtuch befleckte. Fräulein Hansa schenkte mir
einen kleinen sehr anständigen Verweis nicht; bündiger
machte es die Wirthschafterin, die ihre geistliche Gelassenheit vergessend mit einem weißen Tüchlein herbeikam, die
Verwüstung bedeckte und einen verdrießlichen Blick nach
mir abschoß. Das Wasser trat mir in die Augen; ich
wußte nicht, wo ich hinblicken sollte, sah aber dann verstohlen nach Leodegar, der mir lachend und wohlwollend
zunickte und seinen alten Scherz erneuerte. Ei, gute
Lucie, sagte er, wenn Du so ungeschickt bleibst, so können
wir uns noch nicht heirathen.

Die zwei älteren Personen mochten den Scherz, den
sie von früher her kannten, nicht mehr für angemessen
halten; denn sie lächelten etwas säuerlich dazu. Ich hingegen
wurde roth und fühlte mich nichtsdestoweniger beruhigt,
weil das unverhofft verlautende Wort meinen alten kindlichen Glauben an den Ernst und die Wahrhaftigkeit desselben bestätigte.

Nach beendigter Mahlzeit und als auch der Kaffe genommen war, schlug unser Gast vor, einen Spaziergang
in das Freie zu machen. Er werde am nächsten Morgen
wieder abreisen, sagte er, und wisse nicht, ob er so bald
wieder komme.

Mit schrecklicher Beklemmung hörte ich diese Ankündigung; kein größeres Unglück schien es mir in der
Welt zu geben, als die abermalige unerwartete Trennung.
Allein kaum eine halbe Stunde später fühlte ich mich
noch zehnmal unglücklicher. Wir gingen durch ein vernachlässigtes Lustwäldchen, dessen schmale holperige Wege
sich an einem Hügel im Stadtforste verloren. Leodegar
hatte der Erzieherin den Arm gegeben, den sie nun nicht
mehr fahren ließ, so daß ich genöthigt war, wie ein
Hündchen hinter dem Paare drein zu laufen. Sie
achteten nicht einmal darauf, und ich befand mich in
meiner fünfzehnjährigen Nichtsnutzigkeit so elend, daß ich
zu weinen anfing und mit dem Schnupftuch den Mund
verstopfen mußte, um das Schluchzen und Stöhnen nicht
laut werden zu lassen. Das paßte nicht gut zu meinem
modischen Anzuge, den ich demjenigen erwachsener Damen
so ähnlich als möglich gemacht hatte.

Plötzlich aber gab es eine Wendung der Dinge.
Fräulein Hansa zog das Fläschchen mit Spiritus, das
sie stets bei sich trug, aus der Tasche und that einen
Sprung unter die Bäume, wo sie die langen Fühlhörner
eines Käfers aus einer bemoosten Rinde hervorstehen
sah. Gleich darauf versank der arme Waldbruder in das
Fegefeuer des Fläschchens und zitterte schrecklich, bevor
er sich zur Ruhe gab. Diesen sah ich zwar nicht, aber
ich kannte das Schauspiel genugsam. Fräulein Hansa
aber rief uns zu, wir sollten einstweilen nur weiter
gehen, sie müsse den Ort genauer untersuchen und werde
uns schon einholen.

Jetzt sah sich Leodegar nach mir um und erblickte
mich in meinem verzweifelten Zustande, der mich wohl so
schlimm dünkte, wie die Lage des sterbenden Kerbthierchens. Ueberrascht ergriff er meine Hand, legte sie
in seinen Arm und führte mich weiter, wie er vorher
die Gouvernante geführt hatte, indem er sagte: Was
gibt's denn da? Warum weint man? Eine Braut, eine
kleine Frau, die weint, wo soll das hinaus?

So kindermäßig das klang, so tröstete mich doch der
alte Titel, der mir zukam wie der Platz an der Seite
des Mannes, dessen Arm mich doch eher beängstigte als
erfreute. Ich antwortete nichts, trocknete die Thränen
und brachte das Gesicht in Ordnung. Als wir ein
hundert Schritte gegangen, erreichten wir den Saum des
Gehölzes und betraten die anstoßende Haide, wo wir
gleich das Grab des Piccolomini fanden. Das Immergrün, das ich einst gepflanzt, hatte seit drei Jahren den
kleinen Hügel dicht übersponnen; die Hollunderbüsche
waren höher und breiter geworden und mit Blüthenbüscheln behangen, und irgend Jemand, dem das Plätzchen
gefiel, hatte ein hölzernes Bänklein in ihrem Schatten
errichtet.

Hier wollen wir ausruhen und auf das Fräulein
warten! sagte Leodegar; was ist das für ein lauschiger
Winkel, den ich noch nie gesehen?

Es ist ein Grab, wie ich glaube, erwiderte ich in
ängstlicher Zerstreuung, brach jedoch meine Rede ab.
Mir war zu Muth, als ob ich wenigstens dreißig Jahr'
alt wäre und auf weitentlegene Jugendträume zurückblickte. Obgleich es nur der Schatten eines Dichtergebildes war, der hier begraben lag, so empfand ich doch
eine Art Furcht vor der Nebenbuhlerschaft der zwei
Männer; denn der Lebende schien mir wohl so schön und
gewaltig, wie ich mir einst den Todten gedacht. Das
Laub der Hollunderbäume flüsterte mir unheimlich in die
Ohren. Auch hatte ich eines Tages meine Erzieherin in
einer Damengesellschaft äußern gehört, daß die Männer
es hassen, wenn ihre Frauen von früheren Liebesgeschichten
erzählen. Alles das war trotz meinem Hange zur Aufrichtigkeit Grund genug, auf Leodegar's Frage, wer denn
hier begraben sein solle, stumm wie ein Fisch zu bleiben.
Ich zitterte leise vor Beklemmung. Er bemerkte es,
nahm mich brüderlich in den Arm, streichelte mir die
Backen und fragte, was mir denn sei und warum ich geweint habe?

Da brach ich von Neuem in Thränen aus; ich sehnte
mich nach Vertrauen, nach Freundschaft und Liebe, nach
einer bessern Heimat als ich besaß, und diese Sehnsucht
machte sich jetzt, ohne daß ich daran etwas ändern konnte
mit den wunderlichen Worten Luft:

Vetter Leodegar! Wann wirst Du mich denn heirathen?

Er schwieg erst ein Weilchen, wie um sich auf die
Antwort zu besinnen. Dann hob er mein Kinn mit
einem Finger empor, daß er mein Gesicht sehen konnte,
und das seinige hing mit zärtlichen Augen über mir,
indessen der Mund seltsam lächelte.

Endlich sagte er: Du gutes Mädchen, wenn Du erst
katholisch bist, wird die Hochzeit sein!

Aber meine Mama ist ja auch nicht protestantisch
geworden, sagte ich, und der Papa hat sie doch geheirathet.

In diesem Punkte sind Dein Papa und ich zwei
Dinge! erwiderte er nachdenklich, indem er mich zärtlicher
an sich zog und einen Kuß auf meine Stirne zu drücken
im Begriffe war. Da hörten wir die Schritte und die
Stimme der Erzieherin hinter den Bäumen, und Leodegar
ließ mich unwillkürlich frei. Dieses Fahrenlassen kam
mir kleinem Ungeheuer zu statten; denn eben sträubte ich
mich gegen den Kuß. Dennoch gab es dem Abenteuer
in meinem Sinne die Weihe des Geheimnisses; ich wußte
nun, daß die Leute nichts von dem Vorgange wissen
durften, und hielt denselben um so eher für eine heimliche
Verlobung.

Der Spaziergang wurde nun auf breiteren Wegen
fortgesetzt: erst nach einigen Minuten lachte Leodegar
halblaut vor sich hin, aber nur einen Augenblick, als ob
ihm etwas sehr Drolliges einfiele. Sonst ereignete sich
nichts Besonderes mehr. Er begleitete uns noch bis vor
unsere Hausthüre und verabschiedete sich, da er in der
Morgenfrühe abreisen wollte. Mir drückte er ernst und
gütig die Hand und ermahnte mich, ferner so lieb und
gut zu sein und fleißig zu lernen. Ich blickte ihm nach,
bis seine hohe Gestalt in der Abenddämmerung verschwand.
Dann trat ich in das Haus, während Fräulein Hansa
schon oben saß und ihre Jagdbeute musterte.

Frühzeitig ging ich zu Bette, um ungestört weinen
und über die ernste Wendung meines jungen Lebens,
über die Worte Leodegar's nachdenken zu können. Allmälig aber schlief ich ein, erwachte jedoch kurz nach
Mitternacht. Da stand ich leise auf und kleidete mich vollständig reisefertig an, worauf ich einen Handkorb mit
den nothwendigsten Sachen voll packte, endlich aber auch
einen Brief an meine Hausgenossinnen schrieb, worin ich
ihnen meldete, ich hätte ein Heimweh nach der Jugendfreundin meiner Mutter, der Nonne, empfunden und sei
in das Kloster hinuntergefahren, wo ich einige Zeit, bis
der Vater zurückkehre, verweilen werde. Punktum.

Hierauf nahm ich meine Nachtkerze und den Reiseoder vielmehr Marktkorb, schlich mit unhörbaren Schritten
in den Flur hinunter, öffnete die hintere Hausthüre, die
in den Garten führte, und stieg in den dort angebundenen
Nachen, den Korb auf dessen Boden setzend. Nach alledem endlich löste ich die Kette, legte das Ruder ein, das
ich auch hinausgetragen, und lenkte das Fahrzeug auf
die Mitte des sanft im Mondlichte fließenden Stromes
hinaus; denn der Mond stand hoch am Himmel, wie es
überhaupt die schönste Juninacht war. Am Ufer schlug
hüben und drüben hier und da eine Nachtigall, und nie
ist die unbesonnene That eines Backfisches unter solchen
Begleitumständen begangen worden. Ich brauchte allerdings nur dann und wann einmal das Ruder zu rühren,
um das Schifflein in der Richte zu halten; allein die
Fahrt war immerhin bedenklich genug, da ich unter zwei
Brücken hindurch mußte und an einem ihrer Pfeiler
scheitern konnte, wenn ich die rechte Mitte verfehlte.

Ich fuhr aber frech und träumerisch ohne allen Unfall
dahin und lenkte im ersten Morgenscheine in die mir
bekannte Bucht ein, wo die Fischerkähne des Klostermüllers unter den hohen Weidenbäumen standen.

Eben läutete das Mettenglöcklein des Klosters; im
Chore sangen die Nonnen ihre Frühgebete, während
draußen die Amseln, die Finken und andere Vögel ihre
Tagelieder erschallen ließen, daß die Luft zu leben schien.
Aber auch die Hunde rannten bellend herbei, da ich die
Landung mit Geräusch bewerkstelligte, an die Kähne stieß
und mit der Kette des meinigen über dieselben hinwegsprang. Glücklicherweise kam einer der Klosterknechte,
der sich meiner noch erinnerte, und beschwichtigte die
Hunde. Er machte den Kahn fest und trug meinen Korb
an die Klosterpforte. Blaß von der Morgenkühle und
dem Nachtwachen zog ich die Glocke, mußte aber geraume
Zeit warten, bis die Pförtnerin kam und mich nach
einem kurzen Verhöre einließ. In der Vorhalle hieß sie
mich auf eine Bank sitzen; nicht weniger als der Knecht
über mein Erscheinen verblüfft, holte sie die Frau Schwester
Klara herbei, die eben aus der Kirche kam. Die gute
Tante Klara, wie ich die mütterliche Freundin sonst genannt hatte, war im Begriffe gewesen, nach der Hora
noch das übliche Morgenschläfchen zu suchen, und kam
nun ganz erschrocken, mich zu sehen, zu fragen, was sich
ereignet habe, warum und auf welche Weise ich gekommen
sei u. s. w. Vor allem aber brachte sie mich in ihre
Zelle und vernahm mit neuer Verwunderung, doch nicht
ohne Rührung, daß ich mich einsam fühle und einige
Tage bei ihr weilen möchte. Ueber meine verwegene
Stromfahrt bekreuzte sie sich. Du armes Kind, rief sie,
wacht denn Niemand über dich?

Doch sogleich holte sie aus ihrem Wandschränklein ein
Gläschen duftigen Nonnenliqueurs und zwang mich, das
wärmende Tränklein mit einem würzigen Zuckerbrote zu
mir zu nehmen. Als dies geschehen, ruhte sie nicht, bis ich
auf ihrem Bette lag und einschlief, während sie sich selbst
mit ihrem Gebetbuche auf einen Schemel setzte und dem
Aufgang der Sonne entgegen sah.

Als die Glocke zur Morgensuppe geläutet wurde, kam
sie mich zu wecken; denn sie hatte inzwischen schon mit der
Frau Priorin gesprochen und diese darauf befohlen, daß
man mich vorläufig in Stille und Ruhe da behalten solle,
bis die Angelegenheit sich abgeklärt habe. Ich frühstückte
also mit den Klosterfrauen, von denen fast alle noch die
alten waren. Gleich nachher wurde unser Hausdiener
gemeldet, welcher nach der Entdeckung meiner Flucht und
nach erfolgtem Rathschlag von dem Fräulein Hansa und
der Frau Lise mir nachgesandt worden und auf einem
Flußdampfer herunter gefahren war. Der treue Mann,
der nämliche, der jetzt noch bei uns ist, kannte die Schwester
Klara und ihr Verhältniß zu meiner verstorbenen Mutter;
als er mich daher in Begleit der Nonne am Sprachgitter
erscheinen sah und wahrnahm, daß sich alles in Ordnung
befand und ich soweit wohl aufgehoben sei, empfahl er
sich bald und ruderte das Schifflein, das mich hergetragen,
rüstig flußaufwärts, nachdem er den ihm gereichten Imbiß
eingenommen.

Dergestalt blieb ich im Kloster sammt dem Plane, den
ich im Kopfe barg. Gegen Abend aber erging sich
Schwester Klara mit mir im Felde, wie sie vormals mit
der Mutter gethan, und entlockte mir mit sanftem Andringen die Ursache, die mich auf so unvermuthete Weise
anher geführt.

Ich eröffnete ohne Zögern meinen Wunsch, mit ihrer
Hülfe und dem Schutze dieses Klosters zur katholischen
Religion überzutreten.

Klara erschrak zum zweiten Male über mich und
schüttelte den Kopf. Allein an Hingebung und Gehorsam
gewöhnt, wagte sie nicht, mein Ansinnen von sich aus zu
beantworten; sie begab sich unverweilt zu der Frau
Priorin und theilte derselben die wichtige Neuigkeit mit.
Die Priorin schüttelte ebenfalls den Kopf, worauf sie in
die Probstei hinüberging, um den über das Kloster gesetzten Probst von der Sache zu unterrichten. Er
wandelte aber mit seinem Brevier auf seinem Lieblingspfade am Flußufer, und um nichts zu versäumen, watschelte
die besorgte Vorsteherin ihm nach, bis sie ihn fand. Er
schüttelte seines Theils mit nichten das Haupt, zog vielmehr den Fall in ernstliche Erwägung und entschied sich
dahin, daß ich zur Prüfung und Beobachtung einige Tage
zu beherbergen sei, indeß er den Rath seines Abtes einhole.

Was mich betraf, so verharrte ich auf meinem Vorsatze; höheren Orts wurde überlegt, wie ich die muthmaßlich
einzige Erbin des vorhandenen Vermögens, das Kind
einer Katholikin sei, welche, durch den ketzerischen Ehemann
dem rechten Glauben entzogen, ohne die Tröstungen der
Kirche verstorben; wie mein Begehren offenbar eine
Fügung sei, deren mögliche Früchte für Stift und Kirche
nicht leichthin verscherzt werden dürften.

Nun war ich nach den Landesgesetzen, wenn ich erst
ein Jahr älter geworden, berechtigt, nach freier Wahl
den Uebertritt zu thun, auch gegen des Vaters Willen.
Es ward also die Frage gestellt: sollte man dies Jahr
verfließen lassen und mich thunlichst unter den Augen
behalten, auf die Gefahr hin, daß ich von meinem Entschlusse wieder abfiele, — oder sollte man jetzt sogleich
meinen Willen thun unter der Bedingung, daß ich den
Schritt bis zum Tage meiner confessionellen Mündigkeit
geheim halte? Und war auf mein Versprechen zu bauen?
Das letztere Verfahren wurde dennoch für gut befunden.
Für den Fall des verfrühten Kundwerdens gedachte man
auf die Aufsichts- und Rathlosigkeit hinzuweisen, in
welcher ich gelassen worden sei, und die den ehemaligen
Glaubensgenossen der Mutter des Kindes den gewährten
Schutz zur einfachen Pflicht gemacht habe.

Solchermaßen wurde denn auch gehandelt. Der Herr
Probst selber ertheilte mir während zwei Monaten den
geistlichen Unterricht; dann empfing ich in der Klosterkirche
die Taufe. Zwei Conventualen aus dem fernen Mutterstifte, dem der Probst angehörte, und zwei Nonnen, von
denen Klara die eine, wohnten als Taufzeugen bei. Nachher
wurden die nöthigen Urkunden aufgesetzt und unterschrieben,
und der Probst verwahrte sie einstweilen in seinem Archive.
Der Name Lucia wurde mir gelassen.

Ich vermag meine Seelenverfassung während des
Unterrichts und der Ceremonie kaum zu beschreiben.
Jedenfalls hatte ich dabei ein böses Gewissen und fühlte
deutlich, daß ich meinem Vater gegenüber nichts Gutes
that. Außerdem empfand ich eine eisige Kälte im Herzen,
die mich auch drückte; nur der Gedanke, daß ich mich
jetzt unauflöslich mit Leodegar vereinigt habe und keine
Schranke mehr meinem Glücke im Wege stehe, löste die
Starrheit der Seele, daß mein Blut wieder etwas Leben
gewann. Die Leute nahmen das für religiöse Ergriffenheit; einzig Schwester Klara, die einen tieferen Antheil
nahm, wurde weder klar noch ruhig über mein Wesen,
und als ich eines Nachmittags bei ihr in der Zelle saß,
begann sie mit leisen und vorsichtig gestellten Worten von
neuem nach Natur und Art der wahren Grundursache
zu forschen, die mein Inneres bewegte. Der mütterlichen
Freundin verhehlte ich es nicht länger und sie vernahm
im Verlauf eines Viertelstündchens den unglückseligen
kleinen Kindsroman.

Sie schaute mich mit großen Augen an, schlug sie
dann tief erröthend auf ihre Arbeit nieder, und nach
einem Weilchen fiel eine schimmernde Thräne darauf.
Ich glaubte, die stille fromme Dame schäme sich für mich,
da ich es nicht selbst thue; ganz unglücklich kniete ich
vor ihren Füßen und weinte auf ihre Hände. Es war
mehr die Erinnerung an eigenes Leid, das sie einst in
dies Kloster geführt, die sie jetzt bewegte. Sanft richtete
sie mich auf und sagte:

Wir sprechen nicht mehr darüber! Schweig und vergiß, oder mögen dir Gott und seine Heiligen helfen!

Wir haben freilich nach Jahren wieder davon geredet;
denn sie lebt noch. In jenen Tagen, da ich noch bei ihr
weilte, lehrte sie mich zur Zerstreuung dergleichen Bildchen
sticken, wie Sie hier eines sehen, und dieses war von ihrer
Erfindung. Es soll die himmlische und die irdische Liebe
vorstellen, freilich mit weniger Kunst zustande gebracht,
als jenes berühmte Bild von Tizian. Ich verstand die
stumme Mahnung und nähte die beiden Herzen mit der
rothen Seide auf das Papier; aber ich hielt es mit demjenigen, das zwischen dem Tännchen und dem Rosenstrauch
auf dem grünen Rasen stehen blieb. Um die Widersprüche
meines Zustandes voll zu machen, seufzte ich nicht einmal
ein Weniges, da Kinder wol weinen, aber noch nicht zu
seufzen verstehen.

Und doch gab es sofort Ursache genug zu Angst und
Sorgen. Das regelmäßige Dampfboot legte beim Kloster an;
ich guckte neben der Frau Klara neugierig aus dem Zellenfenster; aber statt einer fremden Ordensfrau, oder eines
Herren Prälaten-Inspektors, oder eines weltlichen Geschäftsmannes sah ich meinen Vater an das Land steigen. Mit
seiner Erscheinung fiel mir eine neue Last auf's Herz
und das böse Gewissen verwandelte sich in eine Sorge,
die ich noch nie gekannt. Er war früher, als man
gedacht, und unversehens von der Reise zurückgekehrt, und
als er erfuhr, daß ich seit Monaten im Kloster lebe,
über meine Eigenmächtigkeit wie über die fahrlässige Art
der Gouvernante und der Wirthschafterin von einem
tiefen Unwillen ergriffen worden. Beide entließ er augenblicklich, und sie mußten sogleich aus dem Hause scheiden.
Gegen die guten Klosterfrauen verlor er die frühere
Duldsamkeit, von der zornigen Furcht befangen, sie möchten
mich angelockt und in übler Absicht im Kloster behalten
haben. Jetzt ließ er mich hinausrufen, verlor kein Wort
und befahl mir meine Sachen zusammenzupacken und ihn
nach Hause zu begleiten. Die Einladung, in der Probstei
das Mittagsmahl einzunehmen, lehnte er kurz ab. Auf
dem Wege fragte er, ob man Versuche gemacht habe, mich
zum Uebertritt zu überreden; der Wahrheit gemäß und
doch doppelsinnig verneinte ich das; denn nicht nur wegen
des gegebenen Versprechens, sondern auch wegen der gefährlichen, so ganz veränderten Stimmung des Vaters
wagte ich nicht, das Geschehene zu bekennen.

Jetzt lernte ich auf einmal das Seufzen, da ich, wenn
auch nicht ein Verbrechen, doch einen unerlaubten, ernsten
und auffälligen Schritt zu verhehlen hatte. Als ich in
das väterliche Haus trat und die beiden durch meine
Schuld verstoßenen Frauen nicht mehr sah, seufzte ich
wiederum tief auf und ward der Bitterkeit des Lebens inne.

Ich fand jedoch nicht lange Zeit, nach den Verschwundenen
zu fragen. Der Vater hatte in Thüringen eine Art Erziehungs- oder Vollendungsanstalt für größere Mädchen
gesehen. Dieselbe wurde in entschieden protestantischem
Geiste geleitet, wodurch einer besondern Klasse der Gesellschaft gedient werden sollte. Und da der Vater stets
zu religiösen Experimenten geneigt war, die er an andern
Leuten anstellte, wie die Naturforscher an den Fröschen,
so dachte er hiedurch am ehesten den Katholizismus auszutreiben, welchen ich im Kloster eingeathmet haben mochte.
Demgemäß brachte er mich unverweilt in das Institut
und versorgte mich dort fest auf zwei Jahre.

Die strenge lutherische Rechtgläubigkeit, die er vorausgesetzt, war aber in Wirklichkeit nicht gar so weit her. Es
handelte sich mehr um gewisse unzukömmliche Einwirkungen,
um taktlose oder unschickliche Uebungen und Thorheiten, die
sich heutzutage manche schlecht kontrolirte halb- oder einseitig
gebildete Lehrerschaften beiderlei Geschlechts erlauben, und
welche durch ernsthaft und gleichmäßig geschulte Lehrkräfte fernzuhalten man bestrebt war. Das eigentliche
Ziel konnte sogar ein recht weltliches genannt werden.
Man suchte, da man doch für eine bessere als gewöhnliche Bildung sorgte, die Mädchen vor allerlei Unbescheidenheit, Absprecherei, Verschrobenheit und Unzierlichkeit zu bewahren, um ihnen nicht von vornherein Zukunft
und Schicksal zu verderben, sondern ihnen ein unbefangenes
Herz für die reifere Erfahrung, einen unbeschädigten Verstand für das in der Welt selbst zu erwerbende Urtheil
freizuhalten. In diesem Sinne konnte die herrschende
Christlichkeit lediglich einem durchsichtigen Glasgefäße verglichen werden, welches den Staub abhielt und das Licht
durchließ, ohne selbst vor dem Zerbrechen geschützt zu sein.
Vollkommen ist ja nichts in der Welt.

Uebrigens traf ich eine Anzahl sehr wohl erzogener,
gutartiger Mädchen, alle heitern unschuldigen Herzens,
unter welchen die Wahl der vertrauteren Freundinnen
schwer gewesen wäre, wenn nicht ganz gleichgültige äußere
Eindrücke sie hätten entscheiden können. Es kam auch in
der That vor, daß einzelne Pärchen scherzweise gefragt
wurden, was sie denn aneinander fänden, und es dann
lachend hieß, man wisse das eigentlich nicht und sei bereit zu tauschen, wenn Jemand wolle. Für mich aber lag
noch ein freundliches Glück in dem Umstande, daß fast
alle Zöglinge edle und gebildete Mütter besaßen, deren
wohlwollende Freundschaft ich mitgenoß, wenn ich in den
Ferientagen die eine oder andere Tochter in ihre Heimat
begleitete, bald in eine Großstadt, bald auf das Land.
Dergleichen Aufenthalte in der Mitte vollzählig blühender
Familien mit gutgestimmtem Tone ergänzten in wohlthuender Weise meine Lehrjahre, und Alles wäre gut und schön
gewesen ohne das Geheimniß meines Gewissens.

Denn mit jedem Tage, den ich älter wurde, erkannte
ich deutlicher, daß es ganz unmöglich wäre, mich zu entdecken, wenn ich in diesen ruhigen Kreisen, wo nichts
verfrüht und nichts gewaltsam gedreht wurde, nicht als
ein abenteuerliches bedenkliches Wesen erscheinen wollte.
Dieses ewige Verschweigen eines und desselben Geheimnisses, daß ich nämlich katholisch und wie ich es geworden
sei, unterschied mich von der ganzen kleinen und großen
Welt, in der ich lebte.

Aber im gleichen Maße, in welchem die verschwiegene
Last an Schwere wuchs, wurde sie mir auch theurer. Ich
hörte nie etwas von Leodegar und wußte nicht, wo er
lebte. Weder der Vater noch die Schwester Klara, mit
welcher ich Briefe wechselte, erwähnten seiner auch nur
ein einziges Mal. Allein ich glaubte fest, daß er eines
Tages, wenn die Zeit da sei, kommen und mich und mein
Geheimniß befreien werde. Je weiter seine körperliche
Gegenwart in meiner Erinnerung zurücktrat, desto heller
glänzte er, einem Sterne gleich, mir in der Seele. Das
zweite Jahr ging seinem Ende entgegen; ich war stark
gewachsen, und mit meinem Geheimniß, in der Vertiefung
meiner Gedanken mochte ich zuweilen einer vollständig erwachsenen ernsten Person ähnlich sehen. Zuletzt ging ich nur
noch mit den ältesten Mädchen, die sich dem Zwanzigsten
näherten, wagte aber nicht, mich in die Vertraulichkeiten
zu mischen, welche unter diesen Großen doch schon vorkamen, sondern sehnte mich schweigsam nach der Heimkehr.
Denn immer fester bildete ich mir ein, daß Leodegar nicht
lange nachher eintreffen werde. Diese Hoffnung war auch
eine bittere Nothwendigkeit für mich: was in aller Welt
sollte ich mit meiner Religionsänderung anfangen ohne
Den, für welchen sie allein unternommen worden?

Mein Vater war in Italien und schrieb mir, er werde
mich im Herbst abholen; und da er gute Berichte über
mich erhalten, werde er mich zur Belohnung mit nach
dem klassischen Lande nehmen, wohin er für den Winter
und Frühling zurückzukehren gedenke. Dort würden mir
die letzten etwaigen Klostergedanken sicherlich vergehen.

„Daß ich's nicht vergesse,“ endigte der Brief, „unsern
Vetter Leodegar habe ich ganz zufällig in Rom getroffen.
Er ist dort in den Orden der Redemtoristen getreten und
läuft in einem schwarzen Habit herum mit einem närrischen Hut und einem Rosenkranz. Es heißt, er wolle es
zum Cardinal bringen; ich glaub' es, denn er machte ein
sehr durchtriebenes Gesicht, als ich ihn sprach. Es war
gewissermaßen der alte Leodegar und doch etwas Neues
in ihm, wie wenn seine Augen sagen würden: Kerl, dich
wollt' ich, wenn ich dich hätte und du mich nicht anbeten
würdest!“

Die Nachricht war nur zu begründet. Fast am gleichen
Tage sagte der Institutsvorsteher, als er bei Tisch die
Zeitung las, zu mir: Da steht, daß ein junger deutscher
Liguorianer aus Ihrer Heimat sich in Rom durch seine
Predigten berühmt mache. Er trägt sogar den gleichen
Familiennamen mit Ihnen! Kennen Sie ihn, Fräulein
Lucie? Sie sind aber doch nicht katholisch!

Mit tonloser Stimme erklärte ich, von alledem nichts
zu wissen, und schenkte mir möglichst gleichgültig ein Glas
Wasser ein.

Mein armer Vater holte mich nicht mehr ab. Er hatte
sich in den heißen Sommermonaten durch unvorsichtiges
Reisen ein Fieber geholt, von dem er nicht genas.

So kehrte ich vollständig verwaist in mein leeres
Haus zurück. Da ich für die Vermögensverwaltung noch
eines Vormundes bedürftig war, so bat ich meinen Oheim,
den Bruder meiner. Mutter, darum, der eben in den
Ruhestand zu treten beabsichtigte und mir einen Besuch
ankündigte. Er übernahm den Liebesdienst mit treuer
Sorgfalt. Seither leben wir zusammen und haben vor
sieben Jahren schon dies Gut gekauft und bezogen. Nach
dem Fräulein Hansa und der Wirtschafterin hatte ich
in allen Treuen gesucht, um so viel als möglich die ihnen
widerfahrene Unbill gut zu machen. Es gelang mir aber
nicht, meinen Wunsch zu erfüllen. Die Erzieherin hatte
einen Naturalienhändler geheirathet, mit welchem sie nach
Südamerika gereist war. Sie besorgte seine Buchhaltung
und speciell den Einkauf der Käfer. Die Frau Lise war
Küchenmeisterin in einem großen Krankenhause geworden
und bedurfte meiner nicht mehr.

Von der verfrühten thörichten Leidenschaft und ihrem
Gegenstande erholte ich mich zwar bald, da es mir wie
Schuppen von den Augen fiel. Aber ich hatte durch
meine Streiche Jugend, Leben und Glück, oder was man
dafür hält, mir selbst vor der Nase abgesperrt. Den
Uebertritt konnte ich nicht rückgängig machen, wenn ich
nicht als eine abenteuernde Doppel-Convertitin in das
Gerücht kommen wollte. Inzwischen lernte ich mich mit
der Idee trösten, daß meine Geschichte mich vor späterem
Unheil, Unstern und vor Teufeleien bewahrt habe, die
ich ohne diese Erfahrung noch hätte erleben oder anrichten
können. Es gibt ja auch Krankheiten, die man den
Kindern einimpft, damit sie später davor bewahrt bleiben!
Nun aber halten Sie reinen Mund, nicht wahr? Und
mischen Sie die Geschichte nicht unter die Beispiele, die
Sie etwa anderwärts vorzutragen in die artige Laune
gerathen, wie Sie hier gethan haben!“

„Seien Sie in dieser Hinsicht ganz ruhig“, antwortete
Reinhart; „ich gönne mir selber kaum, was Sie mir so
gütig anvertrauten. Doch das Gleichniß mit dem Impfen
der Kinder kann ich Ihnen nicht gelten lassen. Was Sie
erlebt haben, ist wohl zu unterscheiden von der ungehörigen
Liebesucht verderbter Kinder und widerfährt nur wenigen
bevorzugten Wesen, deren edle angeborene Großmuth des
Herzens der Zeit ungeduldig, unschuldig und unbewußt
vorauseilt. Der naive Kinderglauben an die leichtfertigen
Scherzworte des Herrn Cardinals, an welchem Sie so
treulich festgehalten haben, gehört zu dieser Großmuth,
wie ein Taubenflügel zum andern, und mit solchen Flügeln
fliegen die Engel unter den Menschen. Beschämt ermesse
ich an diesem Beispiele des Guten, wie theilnahmslos
mein Leben verlaufen ist, wie inhaltslos, und auf
wie leichtsinnige Weise ich sogar vor Ihr Angesicht gerathen bin!“

„Sie werden endlich ja wahrhaft artig gegen Unsereines“,
sagte Lucie; „ich danke Ihnen für das gnädige Urtheil,“

Sie athmete leicht auf und fuhr fort: „Sehen Sie,
nun bin ich erst ganz von der verwünschten Heimlichkeit
befreit. Wie schwierig ist es, einen Beichtvater zu finden,
wie man ihn braucht! Aber wollten Sie nicht lesen?“

„Jetzt nicht mehr“, meinte Reinhart; „wer möchte noch
lesen! Lieber möcht' ich hinaus in's Freie, den Tag entlang, und alle Sorgen von mir thun, das heißt, wollen
Sie mithalten?“

„Da haben Sie recht!“ lachte Lucie freundlich; „warum
sollen wir uns nicht auch einen guten Tag machen? Wir
haben's ja in uns, nicht wahr?“

„Was denn?“

„Ich meine das bischen Kinderdummheit mit den Taubenflügeln, trotzdem wir so große alte Leute sind! Wissen
Sie was, wir gehen durch den Wald nach Althäusern am
Flusse hinunter; dort finden wir sogar ein leidliches
Mittagessen in der Post, wo wir die Reisenden und die
Fuhrleute betrachten können. Und eben fällt mir ein,
daß ich alsdann bei dem dortigen Schuhmacher nachsehen
kann, ob er meine Wald- und Feldschuhe für den Herbst
gemacht hat und ob sie mir passen. Der Meister Schuhmacher ist nämlich der Bräutigam unseres Bärbchens geworden, den man ein wenig zu Ehren ziehen muß.“

Sie schlug eine der grünen Gardinen zurück und rief
hinaus: „Bärbchen, hast Du etwas auszurichten? Wir
gehen spazieren und kommen zu Deinem Schuh- und
Hochzeitmacher!“

Das angerufene Mädchen kam gelaufen, fragte zuerst,
ob es am nächsten Sonntag ausgehen dürfe, und bat
nach erhaltener Erlaubniß, dem Geliebten dies anzuzeigen
und ihm zu verdeuten, daß er zu Hause bleiben und sie
erwarten solle. Sie werde ihm auch die neuen Winterstrümpfe mitbringen.

„Nun haben wir eine Mission als Liebesboten“, rief
Lucie, „und dürfen uns sehen lassen!“

Sie machten sich wohl gerüstet auf den Weg und
beobachteten aufmerksam alle Merkwürdigkeiten, die ihnen
aufstießen, einen Hirschkäfer, der am Fuße eines Baumes
saß und fleißig schrotete, so daß er schon ein beträchtliches
Häuflein Sägemehl ausgeworfen hatte; einen Eichbaum,
der eine schlanke Buche in seinen knorrigen Armen hielt;
das vermischte Laub ihrer Kronen flüsterte und zitterte
in einander, und eben so innig schmiegte sich der glatte
Stamm der Buche an den rauheren Eichenstamm. In
einem klaren Bache, der durch den Bergwald herunterfloß,
kam eine große schöne Schlange geschwommen und warf
sich unfern den beiden Lustwandlern auf's Trockene; ein
starker Krebs hing an ihrem Halse, vermuthlich um sie
anzufressen. Reinhart griff die Schlange mit rascher
Hand und hob sie empor.

„Halten Sie mir das arme Thier,“ sagte er zu Lucien,
„damit ich den Quäler abnehmen kann! Fassen Sie nur
fest mit beiden Händen, es ist keine Giftschlange!“

Lucie sah ihn etwas furchtsam an; doch traute sie
seinen Worten und hielt die Schlange tapfer fest, die sich
nicht heftig bewegte. Reinhart drückte den Krebs, bis er
seine Scheeren aufthat, und warf ihn in den Bach. Die
Schlange blutete ein wenig. Sie schaute das schöne
Fräulein ruhig an, und dieses blickte mit sichtlicher Erregung dem Waldgeheimniß in die nahen Augen. Ihre
Scheu völlig bezwingend legte Lucie das Thier langsam
auf die Erde und ließ es sachte entschlüpfen.

„Wie schön es gemustert ist!“ rief sie, ihm nachsehend,
bis es im Farrenkraute verschwand; „und wie froh bin ich,
daß ich gelernt habe, die Creatur in Händen zu halten!
Und wie erbaulich ist das kleine Rettungsabenteuer!“

„Ja,“ erwiderte Reinhart, „es erfreut uns, in dem
allgemeinen Vertilgungskriege das Einzelne für den Augenblick zu schützen, soweit unsere Macht und Laune reicht,
während wir gierig mitessen. Aber sehen Sie, die Creatur
scheint diesmal dankbar zu sein und uns das Geleit zu
geben!“

Er wies zur Seite des Weges, wo die Schlange wieder
zum Vorschein kam und neben ihnen herkriechend das Paar
in der That eine Strecke weit begleitete, bald im Gesträuche
verborgen, bald sichtbar. Zuletzt hielt sie still, richtete
sich in die Höhe und drehte sanft den kleinen platten Kopf
hin und her.

Lucie schaute wortlos aber mit wogendem Busen hin,
und erst, als die Erscheinung aus den Augen war, rief
sie: „Ach, von dieser schönen Schlange wünschte ich zu
träumen, wenn ich einmal traurige Tage hätte. Gewiß
würde mich der Traum beglücken!“

Sich alle Zeit gönnend, gelangten sie um Mittag in
das Dorf, gingen in die Wirthschaft zur Post und ließen
sich Suppe und die übrigen einfachen Gerichte geben, die
dort üblich waren. Gleich bescheidenen Reisenden oder
Hausirern, die sich vorsehen müssen, fragten sie bei jeder
Schüssel vorher um den Preis, und trieben noch andere
Kurzweil von ähnlichem Gehalte. Dann erinnerten sie
sich des Schuhmachers und suchten ihn auf. Sie fanden
das kleine Haus etwas abseits unter einem Nußbaume
und die Wand an der Sonnenseite von einem Birnenspaliere bedeckt, jedoch nur zum Theil; der andere Theil
war eine Weinrebe, sodaß die ganze Wand mit reifen
Birnen und blau werdenden Trauben behangen war.

„Das ist nicht übel,“ sagten sie, „das Bärbelchen hat
sich ein sehr behagliches Nest ausgesucht!“

Was ihnen aber noch mehr auffiel, war der Gesang
einer schönen Stimme, welche durch das offene Fenster
ertönte im allerseltsamsten Rhythmus. Da sich auf der
entgegengesetzten Seite ebenfalls ein Fenster befand, war
das Innere der Stube ganz hell und durchsichtig, und sie
standen im Schatten des Baumes einige Zeit still und
schauten hinein. Der junge Meister, der noch allein
arbeitete, war eben im Anfertigen eines neuen Vorrathes
von Pechdraht begriffen. An einem Haken über dem
jenseitigen Fenster hatte er die langen Fäden von Hanfgarn aufgehängt, welche durch die ganze Stube reichten,
und schritt nun, die eine Hand mit einem Stücke Pech,
die andere mit einem Stücke Leder bewehrt, rück- und
wieder vorwärts Garn und Stube entlang, strich das
Garn und drehte oder zwirnte es auf dem einen Knie
in kühner Stellung kräftig zum haltbaren Drahte und
sang dazu sein Lied. Es war nichts Minderes, als
Goethes bekanntes Jugendliedchen „Mit einem gemalten
Bande“, welches zu jener Zeit noch in ältern auf Löschpapier gedruckten Liederbüchlein für Handwerksbursche
statt der jetzt üblichen Arbeitermarseillaisen u. dergl. zu
finden war und das er auf der Wanderschaft gelernt
hatte. Er sang es nach einer gefühlvollen altväterischen
Melodie mit volksmäßigen Verzierungen, die sich aber
natürlich rhythmisch seinem Vor- und Rückwärtsschreiten
anschmiegen mußten und von den Bewegungen der Arbeit
vielfach gehemmt oder übereilt wurden. Dazu sang er in
einem verdorbenen Dialekte, was die Leistung noch drolliger
machte. Allein die unverwüstliche Seele des Liedes und
die frische Stimme, die Stille des Nachmittages und das
verliebte Gemüth des einsam arbeitenden Meisters bewirkten
das Gegentheil eines lächerlichen Eindruckes.

Wenn er mit leichten Schritten begann:

Kleine Blumen, kleine Blätter — ja Blätter
Streien wir mit leichter Hand
Gude junge Frihlings-Gädder — ja Gädder
Tändelnd auf ein luftig Band,

bei dem luftigen Band aber durch einen Knoten im Garn
aufgehalten wurde und dasselbe daher um eine ganze
Note verlängern und zuletzt doch wiederholen mußte, so
war die unbekümmerte und unbewußte Treuherzigkeit,
womit es geschah, mehr rührend als komisch. Die
Strophe:

Zephyr nimm's auf deine Flügel,
Schling's um meiner Liebsten Kleid;
Und so tritt sie vor den Spiegel
All in ihrer Munterkeit,

gelang ohne Anstoß, ebenso die folgende:

Sieht mit Rosen sich umgeben,
Selbst wie eine Rose jung,
Einen Blick, geliebtes Leben!
Und ich bin belohnt genung.

Nur schien ihm das „genung“ nicht in der Ordnung
zu sein, und er sang daher verbessernd:

Einen Blick, geliebtes Leben!
Und ich bin belohnt genuch.

Reinhart und Lucie blickten sich unwillkürlich an.
Der Sänger im kleinen Hause schien für sie mitzusingen,
trotz jenes abscheulichen Idioms. Welch' ein Frieden und
welch' herzliche Zuversicht oder Lebenshoffnung pulsirten
in diesen Sangeswellen. Am jenseitigen Fenster stand
ein mit Grün behangener Vogelkäfig. Nun kam aber die
letzte Strophe: Fihle, sang er,

Fihle, was dies Herz empfindet — ja pfindet,
Reiche frei mir deine Hand,
Und das Band, das uns verbindet — ja bindet,
Sei kein schwaches Rosenband!

Weil der Draht noch nicht ganz fertig war, sang er diese
Strophe mehrmals durch, immer heller und schöner, mit
dem Rücken gegen die Lauscher draußen gewendet; im
Bewußtsein der nahen Glückserfüllung wiederholte er das

Reiche frei mir deine Hand

besonders kraftvoll und ließ dann im höchsten Gefühle
die geschleiften Noten steigen:

Und das Band, das uns verbindet,
Sei kein schwaches Rosenband.

Da ein par Kanarienvögel mit ihrem schmetternden
Gesange immer lauter drein lärmten, war eine Art von
Tumult in der Stube, von welchem hingerissen, Lucie
und Reinhart sich küßten. Lucie hatte die Augen voll
Wasser und doch lachte sie, indem sie purpurroth wurde
von einem lange entbehrten und verschmähten Gefühle,
und Reinhart sah deutlich, wie die schöne Gluth sich in
dem weißen Gesichte verbreitete.

Es war ihnen unmöglich, jetzt in das Häuschen hineinzugehen; ungesehen, wie sie gekommen, begaben sie sich
hinweg, und erst als sie wieder die Waldwege betreten
hatten, stand Lucie still und rief:

„Bei Gott, jetzt haben wir doch Ihr schlimmes Recept
von dem alten Logau ausgeführt! Denn daß es mich
gelächert hat, weiß ich, und roth werde ich hoffentlich
auch geworden sein. Ich fühle jetzt noch ein heißes
Gesicht!“

„Freilich bist Du roth geworden, theure Lux,“ sagte
Reinhart, „wie eine Morgenröthe im Sommer! Aber auch
ich habe wahrhaftig nicht an das Epigramm gedacht, und
nun ist es doch gelungen! Willst Du mir Deine Hand
geben?“

So kam es, daß am Abend, als die Alten nach Hause
kehrten, Lucie schon vor ihrem Oheim auf Du und Du
mit Reinhart stand. Alle waren zufrieden mit der Verlobung, und Lucie mit dem Schuhmacher so sehr, daß sie
Bärbel am andern Tage selbst hingehen ließ, ihm die
vergessene Botschaft zu bringen.

Reinhart nannte später seine schöne Frau, wie der
Oheim, nur Lux, und, indem er das Wortspiel fortsetzte,
die Zeit, da er sie noch nicht gekannt hatte — ante
lucem, vor Tagesanbruch.