Erlebnisse eines Erdenbummlers

Mein erster Erdentag

Als ich im Jahre 1853 am 12. Mai das Licht der Welt erblickte, gab es in Waldmichelbach noch viele ungläubige Menschen. Da waren solche, die weder an den Teufel glaubten noch auch an den Bestand einer deutschen Republik (man bedenke, es war nicht gar lange nach der badischen Revolution), ja es fanden sich unter den Ur-Eingeborenen sogar solche, die nicht glauben wollten, daß man ohne Pferdevorspann einen Wagen von einem Platz zum andern bringen könne. Das alles hatte seine guten Gründe: Mein Geburtsort lag dazumal noch schwer ersteigbar im sogenannten Überwald. Vom Dorfe Kreidach bis zur Wasserscheide vom Rhein und Neckar herauf führte der sogenannte Kirchweg, der zur Regenzeit mehr einem Bachbett glich als einer Straße und nur an den seltenen Gerichtstagen einmal von dem Lederwagen eines Darmstädter Advokaten erstiegen worden war. Dieser westliche Zugang verband damals meine Zeitgenossen mit den großen Völkerstraßen den Rhein entlang und brachte ab und zu die spärliche Kunde von Neuigkeiten, die sich in der Welt ereigneten, während sich von Süden her, den Olfenbach entlang, zumeist vor den Quatember-Fasttagen, die Hirschhorner Fischfrau heraufarbeitete und neben der Neuigkeit, daß von Heidelberg nach Mannheim eine Eisenbahn laufe, ihre Weißfische zum Verkaufen anbot.

Die wenigen Welterfahrenen im Dorfe hatten einen schweren Stand gegen das bodenständige Vorurteil. Man hielt die Besserwisser für Aufschneider und wenn der Blaufärber vor seiner Indigolösung sang: »Zu Straßburg auf der Schanz, da ging mein Trauern an,« so glaubte man ihm seine Worte nicht und wollte ihm nachweisen, daß er die ganzen zwei Jahre seiner Abwesenheit von der Heimat auf der Tuchbleiche zu Altneudorf verlebt habe, mit dem Forellenstehlen aus dem Steinachbache beschäftigt.

Als ich mich zu diesen Menschen an den Tagen der Eisheiligen versetzt fühlte, fror es mich ein wenig, und da mir der Geruch einer eben ausgeblasenen Rüböllampe unangenehm in die Nase stach, so fing ich an zu winseln.

»Göttliche Gerechtigkeit,« schrie die Hebamme, »der Junge ist schon über eine Stunde auf der Welt und hat noch keinen warmen Löffelstiel übers Herz gebracht. Man muß ihm etwas zur Stärkung geben.«

Bei diesen Worten goß sie mir einen faden Fencheltee über die Zunge und in den Schlund hinunter. Ich schluckte zwar, aber ich fand das Gebräu nicht nach meinem Geschmack und wehrte mich dagegen mit jämmerlichen Lauten. Meine Mutter, mit deren Hand meine Wiege durch einen soliden Hanfstrang verbunden war, brachte die Kufen in eine wiegende Bewegung, wodurch ich insoweit beruhigt wurde, daß ich meine Angehörigen zur ersten Vorstellung empfangen konnte. Mein Vater ließ sich bei der Feierlichkeit entschuldigen, er saß, wie alle Tage um die Morgenstunde, auf der Orgelbank und spielte ein Seelenamt für irgendeinen, der trotz reichlicher Kirchenspenden immer noch im Fegfeuer war. Nach dem Haushaltungsvorstand kam mein Bruder Nikolaus an die Reihe. Da er ein kleiner Idiot war und nur wenig sprechen konnte, so fiel es ihm schwer, seiner inneren Überzeugung Ausdruck zu geben, daß ihm ein junger Hund lieber gewesen wäre als ein kleiner Bruder. Mit verdrossenem Gesichte stahl er sich von der Wiege weg und machte meinen beiden Schwestern Marie und Elisabeth Platz. Diese lieben Mädchen empfingen mich sehr freundlich und erzählten mit vielen Worten des Bedauerns, daß mein ältester Bruder Heinrich schon vor einiger Zeit nach Amerika abgereist sei, während Karl und Jakob sich in der Rheinebene befänden, der eine, um die Kaufmannschaft, der andere, um das Metzgerhandwerk zu erlernen. Daß drei von meinen Geschwistern bereits gestorben waren, mag ich auch bei dieser Gelegenheit erfahren haben. Kurzum, ich konnte merken, daß es in meinem Elternhause an manchem fehlen mochte, nur an Kindern nicht.

Nach meinen Geschwistern sind dann vermutlich Nachbarsleute gekommen, die meine Gescheitheit lobten und prophezeiten, daß einmal ein Pfarrer aus mir werden solle.

In der Zehnuhrpause drängten sich die Schulmädchen in die Stube, um zu bewundern, was der Storch dem Herrn Lehrer gebracht hatte.

Der Rasierer kam gegen Mittag, da der Vater ins Pfarramt hinmußte und allda nicht mit einem Stoppelbart erscheinen konnte. Sehr wahrscheinlich, daß auch die gute Tante Magsamen von Hammelbach da war und ein Häubchen brachte, denn sie war überall, wo es fehlte. Gerne gedenke ich ihrer, denn wenn sie mit ihren freundlichen Augen und ihrer Ledertasche in unser Haus kam, dann herrschte Wohlstand in der Küche und im Speiseschrank.

Doch was suche ich den Ereignissen vorzugreifen? Vorerst war ich ja noch an meinem ersten Lebenstag und brauchte wenig. Und dies wenige bezog man von zwei Kühen, die unter mir im Stall standen. Meine Mutter hatte einige Morgen Wiesen in die Ehe gebracht, und zur Besoldung meines Vaters gehörte der Schulacker. Mithin waren die Ingredienzien gegeben, die man zum Betrieb der Landwirtschaft brauchte und um den Kindersegen zu ernähren, der in alle Schulhäuser mehr als reichlich hineinfloß.

Daß ich's nicht vergesse, auch mein Onkel von Mackenheim sah gegen Abend nach mir. Er kam mit einem Paar Ochsen vom Beerfelder Viehmarkt und hatte einen Rausch. O, dieses Beerfelden, es war doch ein rechtes Lumpennest. Wer am Morgen katzennüchtern dort ankam, torkelte am Abend sternhagelvoll an dem Galgen vorbei, der auf der Höhe vor dem Städtchen stand. Aber man konnte ohne Beerfelden im Odenwald nicht auskommen. Wo anders hätte man die Viehmärkte abhalten sollen als in seiner breiten Straße und vor seinem vielröhrigen Brunnen, der neben einem Labsal für Ein- und Zweihufer auch noch die Quelle der Mümmling war? Allzuviele Wirtshäuser, es ist wahr, standen in dem Städtchen herum. Da drinnen wurden die Käufe abgeschlossen, und natürlich wurde auch getrunken. Manchmal endete das Gelage mit einem fröhlichen Gesang, manchmal mit einer Keilerei. Aber ob das eine oder andere der Fall war, wenn man schließlich Abschied voneinander nahm, so geschah's unter Händeschütteln und unter dem Versprechen, daß man sich auf dem Viehmarkt wiedersehen wolle, wenn man auf dieser Welt nicht mehr zusammenkommen solle.

Es gibt Leute, die im Rausche die besseren Menschen sind. So 'war's bei meinem Onkel. Da fühlte er sich reich und war voller Freigebigkeit. »Schullehrer,« hatte er zu meinem Vater gesagt, »was du brauchst, um diesen Frischling großzuziehen, das alles kannst du bei mir auf dem Gute holen. Die Bäume blühen in diesem Jahre wie verrückt. Die Kartoffeln stoßen schon aus den Schollen und drei Kühe sind mir nah am Kalben. Also nichts an den Metzger verkaufen, sondern großziehen was kommt.«

Ob ich dies alles als Erlebtes beschwören könnte? Nein. Aber da sich in entlegenen Bezirken die Sitten wenig ändern, so wird es bei meiner Geburt gewesen sein, wie es dreißig Jahre später auch noch war.

Weiter auf der Rutschbahn des Lebens

Nach all dem Gesagten war ich zweifellos nicht vom Himmel gefallen, sondern ein echter Odenwälder. Nun könnten neugierige Menschen kommen und fragen, wie ich zu dem fremdländischen Namen gekommen sei und wo ich eigentlich herstamme. Ich will ihnen das wenige sagen, was ich darüber weiß. Der Vater meines Vaters soll in Wehrheim am Taunus eine Strumpfweberei besessen haben und späterhin Torschreiber in Frankfurt gewesen sein. Seine Söhne wußte er im Dienste der freien Stadt nicht unterzubringen. Mein Vater ging ins Darmstädtische, und so kam es, daß ich als der Sohn eines großherzoglichen Schulmeisters auf hessischem Boden das Licht der Welt erblickte.

Wovon meine Frankfurter Großmutter nach dem Tode ihres Mannes gelebt hat, weiß ich nicht. Ich erinnere mich nur, daß ich als Kind zuweilen bei ihr in der Mainstadt war, als sie hinterm Weißen Lämmchen wohnte. Von der Ecke ihres Wohnhauses herab blickte im flatternden Rokokokleid eine hölzerne Muttergottes freundlich auf die Straße, was jedoch nicht verhinderte, daß dieser Straße Pflaster immer sehr schmutzig und von leichtsinnigem Volk betreten war. Das ganze Erdgeschoß im großmütterlichen Hause schien etwas in den Boden gesunken zu sein, war feucht und roch nach Gewürznelken und Petroleum. Die Hälfte des Innenhofes war in Stockwerkhöhe von einer schönen Holzgalerie umkleidet. Hatte man diese erst auf altmodischer Treppe erreicht, so wurde die Luft reiner und gleichfalls der Boden. Man merke wohl auf, wo der Magistrat aufhörte, da fing meine Großmutter an zu regieren, wenn auch zunächst noch mit unsichtbaren Händen. Wollte man sie selber sehen, so mußte man an einem blanken Messingringe ziehen, worauf sie zu erscheinen pflegte, das Matronengesicht von einer Spitzenhaube umrahmt. War der Gast nicht willkommen, so lag eine feudale Kälte in den vornehmen Zügen, die sich aber zu milder Sonnenwärme wandelte, sobald das Gegenteil der Fall war. Das Möblement der alten Dame war derart, daß man ihm die bessere Abstammung noch immer ansah, trotzdem daß hier und da der Kanapeeüberzug gestopft war und der eine oder der andere Fauteuil auf drei Beinen stand. Wo die Frankfurter Großmutter herstammte, weiß ich nicht. Ich habe nur manchmal sagen hören, sie sei aus der Wetterau gewesen und von Talern entsprossen, aber von solchen, die zu Kreuzern geworden wären. Wie dem auch sei, der Schluß ist zulässig, daß mein Urgroßvater ledig oder als Witwer aus Frankreich nach Frankfurt kam und in der Stadt selber oder ihrer nächsten Umgebung seßhaft wurde und heiratete.

Gründete die eine Wurzel meines Stammbaumes in französischer Erde, so stak die andere um so tiefer in deutschem Boden. Mein Großvater mütterlicherseits besaß zu Hartenrod im Odenwald ein schönes Bauerngut, das er mit zähem Fleiß selber bewirtschaftete, bis er noch ein zweites hinzubekam in dem Nachbardorf Aschbach. Meine arme Mutter war leider bei dem geldstolzen Hofbauern in Ungnade gefallen, weil sie ohne die väterliche Einwilligung sich an einen hergelaufenen Federfuchser – meinen Vater eben – weggeworfen hatte. Lange und schwer genug trug sie an dem ungerechten Zorn und ich glaube, eine förmliche Aussöhnung hat sie überhaupt nicht erlebt, da erst nach ihrem Tode herbe Schicksalsschläge den zähen Bauern mürbe machten. Die Gräber von Vater und Tochter lagen übrigens auf dem Waldmichelbacher Kirchhof nicht weit auseinander, und wenn ich den Alten in »Adams Großvater« sein Kind viele Jahre überleben ließ, so geschah dies mit poetischer Freiheit und zwar aus künstlerischen Gründen.

Eine »orewällische« Großmutter werde ich wohl auch einmal besessen haben. Sie muß aber lange vor meiner Geburt gestorben sein, denn ich habe nie über sie sprechen hören. Vielleicht aber war dem nur deshalb so, weil in jenen patriarchalischen Zeiten neben dem Bauern die Bäuerin eine nur ganz untergeordnete Rolle spielte.

Eigentlich hätten nun meine Frankfurter Großmutter und der »orewällische« Großvater als Überbleibsel einer entschwundenen Zeit etwas füreinander empfinden können. Dem war aber nicht so. Sie haßten sich, wie das Feuer das Wasser haßt. Sie waren beide zu selbstherrliche Naturen, als daß eines dem andern das geringste Zugeständnis gemacht hätte, und wie der Bauer meinen Vater nicht als vollwertig hinnahm, so betrachtete hinwieder die Großstädterin meine Mutter als ein inferiores Landgewächs. Da meine beiden Ahnen klug genug waren, sich aus dem Wege zu gehen, so ist es zu einem Haarausreißen und Gesichtzerkratzen nie gekommen, obwohl ich überzeugt bin, daß die Großmutter im Ringkampfe ihren Mann gestellt hätte. Mir wenigstens hat sich ihre schlagfertige Energie einmal im hellsten Lichte gezeigt, wie der Leser späterhin sehen wird.

Nachdem ich somit über meine Abstammung kurz berichtet habe, will ich fortfahren, über mich selbst zu schreiben.

Ob's bei meiner Kindtaufe hoch hergegangen ist, darüber habe ich nichts erfahren können. Ich nehme aber an, daß es an dem landesüblichen Schüsselkäs nicht gefehlt haben wird, da mein Pate der Sohn eines dazumal noch gutstehenden Hofbauers war und wie herkömmlich für den Schmaus zu sorgen hatte. Für mein weiteres Fortkommen sorgten dann neben meiner Mutter noch zwei Kühe, die wir in einem Stalle neben der Schulstube stehen hatten, so daß sie da gelegentlich in den Unterricht mit hineinreden konnten. Auch an Eiern dürfte es nicht gefehlt haben, denn ich kann mir unsern Garten gar nicht anders vorstellen, als daß sich Hühner darin herumtrieben und nach den Erbsenschoten hüpften, die über schwankes Reisig herunterhingen. Im Schatten dieser Hülsenfrucht müssen viele Tage meiner Kindheit friedlich verlaufen sein, denn ich wurde dort zum Schlafen hingelegt.

Ist diese Paradieseserinnerung nur die einzige, die ich mir bis ins Greisenalter herein bewahrt habe? Nein, ich habe eine weitere, die wohl in mein drittes oder viertes Lebensjahr zurückreichen mag, soweit zurück, daß es für den oberflächlichen Beschauer noch nicht feststand, ob ich ein Bub oder Mädchen sein sollte. Ich weiß ganz genau, ich trug noch die weißen Haare lang und einen gewürfelten Mädchenrock und ging an der Hand meiner Mutter nach Gadern zu einem Kindtaufsschmause. Eine Zeitlang wird es mir wohl im Kreise der kaffeetrinkenden Menschen gefallen haben. Als ich mich aber am Kuchen satt gegessen hatte, wurde es mir langweilig, und ich fing an zu nengern und meine Mutter am Tuchrock zu zupfen, weil mich ein starkes Heimweh in die gewohnten Räume unseres Schulhauses zurückzog. Da meinem Drängen keine Folge gegeben wurde, so machte ich mich ohne Begleitung auf den Weg nach Hause. Ich habe späterhin im Leben gefährlichere Wege durch Wüsten und Urwald gemacht als den von Gadern nach Waldmichelbach. Krokodile und Nashörner gibt's da nicht und doch, ich erinnere mich dessen ganz genau, habe ich damals eine unsägliche Angst ausgestanden. Riesen, übermenschlich große Riesen standen nämlich in Hemdsärmeln auf dem Wiesengrund und fütterten Sauerkraut mit eisernen Gabeln. O, wie ich mich fürchtete, an ihnen vorbei zu müssen. Bildete ich mir ein, sie sähen mich nicht, und wagte ich in dieser Annahme ein paar Schritte voran, so änderte irgendeiner der Allgewaltigen die Richtung seiner Schritte und schien direkt auf mich losgehen zu wollen mit einem gezackten Ding auf der Schulter, das todsicher zum Kinderspießen war. O, wie ich mich da entsetzte! So sehr würgte mich die Angst, daß ich nicht einmal fliehen oder aus vollem Halse losbrüllen mochte. Nein, ich konnte nur wie angewurzelt stehen und zittern wie Espenlaub, wenn der Oktoberwind durch die Täler streicht. Wie ich schließlich an den Kinderfressern vorbeigekommen sein mag, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß mir die unheimlichen Knechte mit den aufgeschürzten Hemdsärmeln unauslöschlich im Gedächtnis haften geblieben sind, ja, daß sie zuweilen heute noch durch meine Träume spuken. Woher die Nachhaltigkeit eines solchen Eindruckes? Nun, sie erklärt sich aus der Differenz meiner eigenen Kleinheit gegen einen ausgewachsenen Alltagsmenschen in der Heuernte. Daß ja kein Kleiner ganz verzage! Ihn mag der Gedanke aufrichten, daß er auch schon einmal der Schrecken eines noch Kleineren gewesen ist.

Vielleicht übrigens, daß das Erlebnis sich doch nicht so tief meinem Gedächtnis eingegraben hätte, wenn es nicht in den Erzählungen der Erwachsenen tausendmal wiederholt worden wäre. Aber die Kunde von der sagenhaften Wanderung des Lausbuben im Mädchenrocke wollte und wollte nicht sterben, und sie wurde viele dutzend Male erzählt, wenn die Nachbarsfrauen bei uns an langen Winterabenden hinterm Spinnrad saßen und alles der Meinung war, daß ich in meiner Ecke hinterm Ofen eingeschlafen sei. Warum die Frauen der Nachbarschaft die Spinnräder nun gerade zu uns trugen, diese Erscheinung hing damit zusammen, daß der Lehrer seine Stube mit Besoldungsholz heizen konnte, und dann hatte man nebenher doch wohl auch die Absicht, der kranken Lehrersfrau die langen Abende ihres Krankenlagers mit Gesprächen ein wenig zu verkürzen. Bei diesen Unterhaltungen lernte ich frühzeitig etwas, was mancher im ganzen Leben nicht lernt, nämlich das Schweigen. Denn erstens mußte ich mäuschenstill sein, wenn die Zungen so recht ins Tratschen kommen sollten, und zweitens, wohin hätte ich die Freunde unseres Hauses gebracht, wenn ich nicht reinen Mund gehalten und das weitergetragen hätte, was mir über Hinz und Kunz, Richter und Pfarrer und über mich selber gar bekannt geworden war?

»Er wird nicht alt,« hatte eines Abends die Hoffmannsliese gesagt, und sie hatte sich umgeguckt, ob ich schliefe, »weil ihm eine blaue Ader über die Nasenwurzel läuft.«

Und die Kunzefranzehannädelsen hatte beigefügt: »Und weil er auch so gar gescheit ist.«

»Man wollt' ihn gern begraben, denn warum? Ei, so e Kind kummt doch direkt in Himmel nein. Wenn's nur net gar so e grausamer Tod wär, den er sterben müßt',« seufzte die Strickericke.

»Red' so kein Geißedreck daher. Was weißt denn du, an was das Kind stirbt,« ließ die Nahbärbel sich hören.

»Ich weiß es freilich nicht, aber die Zigeunerin. Nicht wahr, Frau Schullehrer, war nicht erst eine neulich hier in der Stube drin, die gesagt hat, der Adam tät im Wasser sterben?«

Als meine Mutter vom Bette aus die Angabe bestätigte, legte die Bärbel ihrerseits los:

»Bleibt mir vom Leib mit den Heidenmenschern! Vor dreißig Jahren hat mir so eine Hexe einen Mann prophezeit, und bis auf den heutigen Tag hab' ich noch keinen. Hätte sie mir einen Schnurrbart unter der Nas' prophezeit, dann hätte sie recht behalten!«

Jetzt lachten alle laut auf, und damit war der Gegenstand der Unterhaltung für heute erschöpft.

Auf mich selber hat die unheimliche Weissagung von meinem Sterben damals wenig Eindruck gemacht. Welche Vorstellung sollte auch ein Kind vom Tode durch Ertrinken haben können? Vergessen aber habe ich das Orakel nie ganz und zuweilen, wenn ich in Seenot war, wie im chinesischen Meere und auf der Ostsee, da war es mir so, als ob nun der Augenblick gekommen sein müsse, wo mein Geschick sich erfüllen werde. Seit Pius IX. durch sein einfaches Weiterleben die uralte Weissagung, daß kein Papst so lange regieren werde wie Petrus der Apostel, zuschanden gemacht hat, sollte die Menschheit vom Glauben an Weissagungen befreit sein. Freilich dieser Pius feierte sein Jubiläum erst später, als ich schon ums Glauben gekommen war.

War mir die Unterhaltung der Spinnerinnen zuweilen nicht interessant genug, so schlief ich, den Kopf wider die Wand gelehnt, wohl auch einmal ein Stückchen, oder ließ mir von meinem zwei Jahre älteren Bruder Nikolaus Kartoffelhostien in den Mund stecken. O, diese Seelenspeise der armen Leute, wie köstlich war nicht ihr Geschmack und wie leicht waren sie nicht herzustellen! Kleine Scheiben wurden von den rohen Knollen heruntergeschnitten, mit der Zunge beleckt und an den heißen Ofen geklebt. Sie piepsten ein bißchen wie junge Mäuse, fielen dann ab und waren zum Genusse fertig.

Merkwürdig, daß ich zum Schlafen niemals in mein Bettchen wollte. In meiner Ecke hinterm Ofen war mir die Welt gut genug. Hier schlief sich's fein. Hier konnte man auch so herrlich spielen mit dem Bügeleisen, das je nachdem einen Schuh, eine Hundehütte oder eine Kanone vorzustellen hatte. Ja, die Dinge sind immer das, was wir Menschen in sie hineindenken, und wer einen Stall für einen Palast ansieht, der wohnt so vornehm wie ein König und kann, wenn er will, sich einbilden, daß er mit einer Schneiderelle die Welt regiere. Schade, daß wir wachsen müssen und auch geistig nicht Kinder bleiben, so wie die Schafhüter etwa, von denen Heine singt: »König ist der Hirtenknabe.«

Mit meinem Größerwerden hatten leider auch meine guten Tage ein Ende. Ich bekam Hosen und mußte mich nun vorschriftsmäßig schämen, wenn mich die großen Schulmädchen auf die Arme nahmen oder gar küßten, obwohl ich eigentlich beides gut leiden mochte.

Getragen wurde ich zwar manchmal noch, und zwar, wenn die Zeit gekommen war, wo man den ausgereiften Kohl in die Krautsteine trat. Da dies Geschäft fast gleichzeitig an einem Tage in all den Nachbarhäusern einsetzte, so bekam ich die Füße gewaschen und wurde, damit sie nicht wieder schmutzig wurden, von Keller zu Keller getragen, um in den Steinen zu tanzen. Späterhin, als ich mich durchs Blasbalgtreten am Kirchengesang beteiligte und beim Aveläuten an den Strängen zog, lehnte ich das Krautgeschäft als unter meiner Würde dankend ab.

Ein Himbeererlebnis

In den gleichen Jahren wird es wohl gewesen sein, daß meine Frankfurter Großmutter zur Sommerszeit in unserm Hause verweilte. Ihre stattliche Figur und modische Kleidung machten auf mich, das Landkind, einen gewaltigen Eindruck. Ich verehrte sie wie ein Wesen aus einer andern Welt und wollte ihr, soweit ich nur konnte, gefällig sein. Ich hatte die Vorstellung, daß sie so ganz etwas Apartes sei, so nicht das, was die Großmütter meiner Schulkameraden waren, mit denen man sich herumzanken konnte, wenn sie einem einmal irgendeinen Auftrag gegeben hatten, der einem nicht paßte. Nein, ich hätte nicht gewagt, meiner Großmutter auch nur im geringsten zu widersprechen.

Als sie mir nun eines Tages nahegelegt hatte, in den Wald zu gehen und für sie Himbeeren zu suchen, so tat ich dies ohne Widerrede, obwohl ich nicht recht wußte, wo ich diese aromatischen Leckerbissen auftreiben sollte. Den irdenen Topf in den vorderen Knopf meiner Hosen gehängt, schritt ich barhäuptig und barfüßig die Kirchhohl herunter, fest überzeugt, daß irgendwo im Walde meiner vornehmen Großmutter zuliebe Himbeeren von den Weißdornhecken herunterhängen müßten. Als ich vors Dorf kam und an eine Stelle, wo die Wege sich gabelten, wurde ich schon etwas unsicher in meinem Urteil. Zum Glück weidete da nun gerade der Sohn eines Wilddiebes seine Geißen im Wiesental. Dieser Knabe, der, wie ich wußte, seinen Vater auf seinen verbotenen Wegen zu begleiten pflegte, war für mich an der richtigen Stelle der richtige Wegweiser. Ich holte mir Rat bei ihm, und er gab mir die Auskunft: »Geh nur ans Fuchsloch. Links unter der Chaussee, dort, wo der Pfad nach Weiher in den Buchenwald einbiegt, an einer Steinrossel, die gegen's Kreidacher Feld hinunterhängt, zwischen einem Ahornbusch und einer Schäferhütte, dort wachsen die Himbeeren so dick, daß du sie nur so herunterschütteln kannst, wie die Läuse aus deinem Alltagskittel.«

Ich schluckte meine Zweifel hinunter, ob mich der Schelm auch nicht belogen habe, ging aber dann frohen Mutes dem gesteckten Ziele entgegen. Zu meiner Freude fand ich die bezeichnete Stelle und in ihrem wilden Gestrüpp soviel Beeren, daß mein irdener Topf noch über den Geschirrrand hinaus gefüllt war. Gut gelaunt scheute ich nun den kleinen Umweg über den Storrbuckel nicht, da mir sein Gipfel einen Ausblick in die weite Welt gestattete, nach der nun einmal schon in meinen Knabenjahren all mein Sinnen und mein Sehnen stand. Der runde Rücken war damals noch ganz kahl und mit geringem, steinigem Humus überkleidet, in den die Schafherden Tausende von niedrigen Stufen hineingetreten hatten. Nach allen Seiten hin war ein weiter Ausblick möglich, nach dem Neckartale hinunter und in die Rheinebene hinein, die mit dem Donnersberge gegen Westen zu ihren Abschluß fand. Mir war so seltsam froh zumute, so leicht, so als ob ich fliegen wollte da nach dem Waldmichelbach hinunter, wo meine vornehme Großmutter war, die mich heute königlich belohnen würde, wenn ich mit meinen süßen Früchten kam. Und es dauerte nicht lange und ich streckte die Arme wie Adlerflügel von mir und machte einige verwegene Luftsprünge, bis ich zwar nicht mit dem Scheitel die Himmelsdecke, aber mit der Nase den Erdboden und mit dem Himbeertopf einen verteufelt harten Porphyrbrocken erreicht hatte. Die Folge davon war, daß mir das Blut über die Oberlippe lief und mich zwang, nachzuforschen, ob sich in meiner Hosentasche wohl ein Sacktuch finden möchte. Wider Erwarten war eines da und damit war meiner Nase ein großer Dienst geleistet.

Wer aber half meinen Himbeeren auf, die zu einem Brei zerdrückt zwischen den Trümmern meines Topfes lagen? Nach langem Bedenken kam mir die Idee, sie in das Taschentuch zu verpacken. Was Blut- oder Himbeerflecken sind, so spekulierte ich, das wird die Großmutter wohl doch nicht so unterscheiden können, und wenn sie die Frucht nur erst mit Appetit verspeist haben wird, so ist es einerlei, in welcher Sauce sie serviert worden ist. Von diesem Gedanken beruhigt schlich ich mich nun wie Judas Ischariot mit nicht ganz gutem Gewissen und einem Beutel in der Hand den Berg hinunter und unserm Hause zu. Von weitem sah ich schon, daß die Großmutter auf der Haustreppe saß, die Hornbrille auf der Nase hatte und in einem Buche las. ›Du wirst sie überraschen,‹ dachte ich mir, bückte mich und schlich auf meinen Barfüßen leise wie ein Marder die Steinstufen empor. Wie der Eimer, der aus einem Brunnen taucht, stieg ich plötzlich hinter ihrem Buche empor und stellte mein Sacktuch mit den triefenden Himbeeren der erschreckten Alten auf den Schoß.

Wie sie sich nun freuen und was für ein Gesicht sie machen wird, daran dacht' ich eben noch, als ich schon eine Ohrfeige auf der Backe sitzen hatte, wie sie mir in meinem kurzen Leben noch nicht zuteil geworden war. Mit einem Satz war ich von der Undankbaren hinweg und in den Hausgang verschwunden. Die Scham und das Gefühl, ein schweres Unrecht erlitten zu haben, trieb mich von den Menschen hinweg und unter die Ziegel unseres Speichers hinauf. Dort saß ich auf dem Heu, zwischen glühenden Speeren, die von der Sonne geworfen, zwischen den Ziegeln durch das Halbdunkel fielen, und dachte grollend über die Ungerechtigkeiten nach, die von erwachsenen Menschen an wehrlosen Kindern verübt werden. Wie um des Himmels willen kam meine Großmutter nur dazu, mich zu schlagen, da ich ihr doch nur Liebes und Gutes zugedacht hatte? Nein, so was war unbegreiflich. – Der Gedanke, daß die Art meines Servierens der Alten nicht gefallen haben könne, der kam mir erst viele, viele Jahre später, als ich im Nilhotel in Kairo speiste, wo man mit goldenen Löffeln von Sèvresporzellan herunter die Himbeeren aß.

Beginn der Ruhmeslaufbahn

Noch einmal spielte die Schulhaustreppe in den Erlebnissen aus meinen Kindertagen eine Rolle. Ich erinnere mich, daß ich auf ihr stehend eine nicht allzu gelinde Strafexekution von seiten meiner Mutter über meine Kehrseite ergehen lassen mußte. Das Warum war mir dazumal unklar und ist es auch geblieben, bis ein Zufall in den reifen Mannesjahren die überraschende Aufklärung brachte, daß der Donatische Komet vom Jahre 1858 an meinem Mißgeschicke schuld war.

Ich war schon einige Jahre Arzt in Weinheim gewesen. Mehr noch, ich hatte die Kreuzfahrt geschrieben und den Michael Hely. Der letztere namentlich hatte sich einen weiteren Leserkreis erworben und hatte um mich einen matten Schimmer von zweifelhafter Berühmtheit ausgebreitet, der mich immer verlegen machte, wenn ein ehrlicher Mensch mir lächelnd ins Gesicht sah. Eines Tages mußte ich dies nun gar von einem Wesen erleben, an dessen Achtung mir unendlich viel gelegen war, und dieses Wesen war die Stadtschwester Philippine Schwarz. Ihr schiefer Kopf stak unschön in der schwarzweißen Haube drinnen. Sie hatte einen großen Mund und war durchaus nicht so, daß sie ein Titian als Modell für einen Venuskopf ausgewählt hätte, und doch hatte ich sie immer gut leiden mögen. Sie war nämlich die fleischgewordene Gutmütigkeit selber und unermüdlich in den Werken christlicher Nächstenliebe. Mir selber erschien sie immer wie ein strafender Mentor, wenn mein lässiger Eifer für die Leiden der Menschheit erlahmen wollte. Als ich nun das verdächtige Lächeln in ihren Zügen sah, hatte ich mehr noch als sonst kein gutes Gewissen und fürchtete so halb und halb, daß sie wieder einmal hinter eine meiner Dummheiten und Nachlässigkeiten gekommen sein könnte. Um nun aber den völlig Ahnungslosen spielen zu können, kam ich ihrer Anrede zuvor, indem ich sagte:

»Gut ausgeschlafen heute oder in der Lotterie gewonnen, Schwester, oder gar zu einem Judenball geladen?«

»Weil ich so lustig bin,« war die Antwort. »Nein, ich soll Ihnen nur ausrichten, daß Sie einmal zu Fräulein Pfander kommen möchten.«

»So, und da freuen Sie sich auch noch, daß wieder einmal ein Menschenkind einem Doktor verfallen ist.«

»Sie sucht den Arzt nicht in Ihnen. Aber tun Sie mir doch den Gefallen und beehren Sie das alte Fräulein im Laufe des Vormittags. Sie sind ja nun doch schon einmal auf dem Weg. Um die Ecke herum, und Sie stehen am Diebsloch, dann den Grundelbach entlang, am Spital vorbei. Die Waschbleiche lassen Sie rechts liegen, den Rosengarten links und dann über die zweite Brücke den Burgweg hinein. Sind Sie erst dort, so schauen Sie sich nach einem Fenster um, aus dem eine gefranste Bettspreite herniederhängt, übrigens brauchen Sie im Burgweg nur nach Fräulein Pfander zu fragen, und jeder Mensch wird Ihnen sagen können, wo sie wohnt.«

Mit diesen Worten und einem verschmitzten Blick unter ihrer Haube hervor war sie hinter einer Haustür im Gerberviertel verschwunden.

Ich müßte nicht neugierig sein und nicht Adam heißen, wenn ich nicht das Verlangen verspürt hätte, dahinter zu kommen, welche Überraschung diese Evastochter Philippine mir bereitet hatte. Ich machte mich also sofort auf den Weg, um die Wohnung des Fräuleins Pfander aufzusuchen. Drei Treppen hoch, und ich war dem Himmel näher als andere Leute und vor der Türe des Fräuleins Pfander. Auf mein leises Pochen antwortete aus dem Zimmer heraus ein schwaches »Herein!« Ich trat ein und stand einem schneeweißen Damenkopfe gegenüber, von dem ich zunächst nur das eine wußte, nämlich, daß er nicht zu Fräulein Pfander gehörte. Um dem rätselhaften Wesen näher zu kommen, erklärte ich, daß ich ein Doktor wäre und durch die Stadtschwester hierherbestellt.

»Dann heißen Sie am Ende gar Karrillon und sind der Schullehrersadam?«

»Das erstere bin ich für die Polizei und Steuerbehörde, das letztere für meine Freunde,« gab ich zur Antwort.

»Zu denen auch ich mich rechne,« fuhr die Dame fort, »oder sollte Ihnen der Name Pauli gänzlich unbekannt sein?«

»Pauli, Pauli,« gab ich zurück, »wenn's mir recht ist, spielt der Name in den Erzählungen meines Vaters aus seinem Leben eine Rolle.«

»Wird wohl stimmen. Pauli hatte die Apotheke in Waldmichelbach, und Ihr Vater selig verkehrte viel in unserm Hause. Mein Gott, er hatte wenig von dem eignen Heim! Viel kleine Kinder und seit Jahr und Tag eine kranke Frau. Wo gab es da für ihn eine Stelle, wo er sich ausruhen konnte von den Sorgen und Mühen des Tages? So sprach er des öfteren bei uns in der Apotheke vor, trank einen Kaffee mit und sah seinem Jüngsten zu, wie er an Stühlen und Bänken die ersten Versuche machte, ein Weltenbummler und Dichter zu werden.«

»Und diesen kleinen Athleten haben Sie gekannt?«

»Gewiß, und er glich Ihnen bis auf den Schnurrbart unter Ihrer Nase. Lassen Sie mich nur weiter erzählen und Sie werden erfahren, warum ich die Schwester Philippine ersuchte, Sie einmal herzuschicken. Ich bin nämlich des Paulis Tochter und jene, die den kleinen Blondkopf mit Süßholz fütterte, wenn er unruhig wurde. Ich habe späterhin einen Doktor Kritzler geheiratet, bin in die Nähe von Aschaffenburg gezogen und habe meinen Schützling von ehedem aus dem Auge verloren, zumal da ich gar bald für zwei Weißköpfe zu sorgen hatte, die nicht minder gefräßig waren, wie vordem der Lehrersbub. Nun, Gott sei Dank, wir hatten zu essen für die Söhne. Sie wurden groß und dienen heute als Offiziere dem Vaterlande. Der eine ist Hauptmann in Koblenz, der andere in Leipzig. Von letzterem komme ich soeben. Er hat eine Lungenentzündung überstanden und war schwerkrank.«

»Und Sie haben ihn gepflegt?«

»Ja und bin bei dem Geschäfte wieder auf Ihre Fährte gestoßen. Hören Sie nur! Als es meinem Jungen wieder besser ging, bat er eines Tages seinen Arzt um etwas Lektüre. Der vielbelesene Mann brachte seinem Patienten ein Buch mit, und denken Sie nur, was das war.«

»Vermutlich keiner von den Kirchenvätern.«

»Das nicht, obwohl der Inhalt des Buches sich um einen Mann drehte, der im Alten Testament schon eine Rolle spielte.«

»Er wird doch nicht Michael Hely geheißen haben?«

»Nicht anders, und das Buch war von einem Autor geschrieben, dessen Name nicht leicht mit einem andern verwechselt werden kann. Verstehen Sie jetzt, warum es mich in meinen alten Tagen hierher an die Bergstraße gezogen hat? Daß ich's nur offen sage: Ich bilde mir ein, daß ich ein Anrecht an den Früchten eines Baumes hätte, dessen Wurzeln ich vordem mit Himbeerwasser begossen habe.«

An dieser Stelle suchte ich dem Gespräche eine andere Wendung zu geben, indem ich bemerkte: »Sie müssen doch meine Mutter gekannt haben, verehrte Frau Doktor, wollen Sie mir nicht einmal von ihr erzählen? Denken Sie nur, ich kann mir, so sehr ich auch mein Gehirn plagen mag, keine Vorstellung davon machen, wie sie ausgesehen haben kann, obwohl ich doch schon zehn Jahre alt war, als sie starb. Ein bleiches Gesicht, aus dem zwei hektische Rosen traurig herausleuchteten, ist alles, was mir als Erinnerung von ihr geblieben ist.«

»Nur zu begreiflich,« sagte Frau Kritzler, »sie hat mehr als acht Jahre im Bette zugebracht. Aber ich kann Ihnen sagen: Sie war eine hehre Gestalt mit breiten Schultern und schwarzem Haar, das leicht gewellt über eine hohe Stirne niederfiel. Wenn sie erregt war, konnte sie sogar energisch, ja furchtbar erscheinen.«

»Und eine solche Gestalt, von der ich aber nicht weiß, ob sie meine Mutter war oder nicht, schwebt meinem Geiste vor. Werden Sie mir verzeihen, wenn ich Ihnen erzähle, in welcher Situation?«

»Reden Sie immerhin. Wir sind beide alt und dickhäutig genug geworden, so daß von innen heraus die Schamröte uns nicht mehr durchleuchten kann.«

»Sei's drum gewagt! Eine ernste Frauengestalt schwebt mir vor. Sie hat sich über mich gebeugt, hebt mir mit der Linken das Hemd empor und bearbeitet mit der Rechten mein Hinterteil, wie mir's erscheinen will, nicht allzu zärtlich. Wissen Sie vielleicht, wer das war?«

Frau Kritzler lachte laut auf, indem sie sagte: »Ihre Mutter war's, und wissen Sie auch, warum Sie damals die Prügel erhalten haben?«

Als ich den Kopf schüttelte, fuhr sie fort: »Sie dürfen es der Guten nicht gar so übel nehmen. Aber Sie hatten sie ja auch in eine arge Verlegenheit gebracht. Ich muß den Donatischen Kometen vom Jahre 1858 noch einmal an den Himmel malen, wenn ich Ihnen erklären soll, wieso. Haben Sie eine Vorstellung, wie der damals ausgesehen hat?'

»Wie eine Zuchtrute aus glühenden Eisendrähten hat er über dem Dorfe gestanden.«

»Und für eine Zuchtrute hat ihn auch das Volk genommen. ›Gott will seine mißratenen Kinder züchtigen,‹ so sagten sich die Leute untereinander. ›Kriege werden kommen, Erdbeben auftreten, ja der Weltenuntergang ist so gut wie sicher. Wehe alle denen, die jetzt nicht in sich gehen.‹

Man lief zu den Beichtstühlen, und die Rosenkranzhändler hatten goldene Zeiten. An jedem Abend, den Gott am Himmel erscheinen ließ, versammelte sich eine fromme Schar am Fuße der hohen Schultreppe, und der Erbhannädel belehrte die Leute über all' die Zeichen, die dem letzten Gerichte vorangehen würden. ›Die Erde wird ihren Mund auftun und Feuer speien, und warmes Wasser wird niederregnen aus den Wolken.‹ Na und das letztere war in diesem Augenblicke wahr geworden.«

»Ich fange an, zu begreifen,« unterbrach ich plötzlich. »Sollte ich an diesem Tage getan haben, was an jedem Abend vor dem zu Bette gehen mein letztes Geschäft war?«

»Sie machten das Männchen auf dem Brunnen zu Brüssel, weiter sage ich nichts. Aber nun denken Sie sich nur, wie angesichts der eben gehörten Weissagung unmittelbar unter der Wirkung der Gottesrute das warme Wasser wirkte! Wie eine Taubenschar, in die der Habicht stößt, fuhr die Menge auseinander. Wer die warme Nässe im Genick zu fühlen bekam, spürte gleichzeitig unter seinen Füßen auch schon die versengenden Flammen aus der geborstenen Erde. Angstrufe und Geschrei aus fünfzig Kehlen erfüllten die Luft. Der einzige, der ruhig Blut und Fassung behielt, waren Sie auf Ihrem erhabenen Standpunkt über dem Volkshaufen.«

»Vermutlich nur so lange, bis meine Mutter Zeit gefunden, aus dem Zimmer zu stürzen, um den Übeltäter zu bestrafen,« erlaubte ich mir zu ergänzen.

»Ganz recht, dann stimmten auch Sie mit ein in das allgemeine Heulen und Zähneknirschen und doch, denken Sie nur, hatten Sie an diesem Abend die erste Sprosse auf der Leiter Ihres Ruhmes erstiegen.«

»Man wird mich doch nicht zum Ehrenbürger gemacht haben, weil ich den Leuten umsonst den Scheitel gesalbt hatte?«

»Das nicht. Aber Sie wurden von den Aufgeklärten, vom Aktuar, Forstrat und Apotheker, auf den Schild gehoben. Der Hutmacher erklärte Sie für einen neuen Luther, der mit beißender Essenz den Leuten den Kopf wasche. Ihr Name ging am Honoratiorenstammtisch von Mund zu Mund, und überhaupt das ganze Kirchspiel lachte und redete über drei Monate lang von nichts anderem als dieser lustigen Geschichte.«

»Gleichwohl kann ich mir nicht vorstellen, daß alle Leute von meinem ersten Auftreten auf der Lebensbühne entzückt gewesen sind.«

»Waren sie auch nicht. Aber Sie hatten andere Eigenschaften, die Sie Ihren Gegnern wieder unentbehrlich machten.«

»Sie können meine Achtung vor mir selber nur steigern, wenn Sie mir die nennen wollen, Frau Kritzler.«

»Nun, da war zunächst einmal Ihre Stimme.«

»War die so, daß man mit ihr die Hasen aus dem Krautfeld scheuchen konnte?«

»Das nicht, aber Sie galten als guter Sänger bei den Beerdigungen, verstanden es, die Altarkerzen zu bedienen, schwangen bewundernswürdig das Rauchfaß und gossen das Öl in die ewige Lampe, wenn die Künste der Karline versagten, und die Leute trotz Streichens und Blasens zum Sterben kamen. Ach, die Karline, können Sie sich deren nicht erinnern, der kleinen, rotbäckigen Alten, die acht Söhne und zweiunddreißig Zähne verloren hatte und doch immer ein so fröhliches Gesicht machte, als ob Kirmes und Fastnacht bei ihr auf einen Tag fielen?«

»Sie meinen doch die Haubenbüglerin, die auch die Schirtingblumen fabrizierte in den Buchs der Totenkränze hinein?«

»Gott gebe ihr eine fröhliche Auferstehung! Sie hat mehr Gutes an der Menschheit getan als hundert Wundärzte zusammengenommen. Sie konnte das Blut mit Spinnweben stillen und brauchte keine Blutegel hinters Ohr zu setzen, wenn sie ein Kopfweh vertreiben wollte. Schade, daß ihre Zaubersprüchlein mit ihr verloren gingen.«

»Bis auf eines, das wie ein verwehter Schmetterling in dem Brei meines Gehirns hängen blieb. Denken Sie nur, Frau Kritzler, die Sache kam so. Meine Mutter litt stark an Migräne, und sie wurde ihre Schmerzen los, wenn die Karline kam, um es zu brauchen. Freilich hielt die Wirkung oft nur einige Stunden an, und um die Nachtruhe der weisen Frau wäre es geschehen gewesen, hätte man sie so oft rufen wollen, als meine arme Mutter nach ihrer Hilfe verlangte. Man mußte also auf einen Ersatz bedacht sein, und man kam auf den Gedanken, daß ich das Sprüchlein der klugen Frau erlernen solle, um es anzuwenden, wenn es verlangt wurde. Zu ihrem Nachteil gab die Künstlerin ihr Geheimnis preis. Zwei-, dreimal hergesagt, und ich konnte das Sprüchlein nachplappern: »Wilder Wald, ich hör' dein Brausen, hör' dein Sausen, will der Marieliese Kopfweh mit dir vertauschen. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.«

»Und haben Sie die Zauberformel an ihrer Mutter angewendet und damit Erfolg erzielt?«

»Mehr als tausendmal hat der Humbug ihr geholfen. Er hilft jedem, der dran glaubt, und zum mindesten er schadet keinem Menschen, es sei denn, daß die Einnahmen der alten Karline durch meine Konkurrenz zurückgegangen wären.«

»Sind Sie ihr denn wirklich ein gefährlicher Konkurrent geworden?« fragte Frau Kritzler.

»Ich nehme es an, denn ich war damals ein gesuchter Heilkünstler, so zwar, daß ich nur an wenig Tagen der Woche noch zur ganzen Nacht kam. Hundert Male bin ich von einem Arm auf den anderen gewandert und habe die Reise durch alle Höfe und Winkel des Dorfes gemacht, zwischen dem letzten Abendschein der Sonne und dem ersten Hahnenschrei. Wie gut erinnere ich mich des Umstandes, daß ich kalte Zehen bekam, weil mir die Füße unten aus der umgeschlagenen Pferdedecke herausguckten.«

»So waren's etwa gar Ihre wißbegierigen Zehen, die das beobachteten, was Sie später zu Papier gebracht haben?«

»Kann sein, Frau Kritzler. Kalte Füße veranlassen erst einen warmen Kopf, und den muß der Dichter haben, wenn er auf gescheite Einfälle kommen soll. Im übrigen danke ich nun für das Interesse, das Sie an meiner Person bekundet haben, Frau Kollega. Wenn's das Schicksal will, sehen wir uns noch einmal wieder im Leben, nur darf es sich nicht abermals vierzig Jahre Zeit gönnen wollen, bis es uns zusammenführt.«

Wir verabschiedeten uns voneinander, um uns niemals wiederzusehen. Wie ich gehört habe, ist die Dame im Jahre 19 in Heidelberg gestorben.

Strenge Lehrjahre

Die Gänseweide von Waldmichelbach und der Turm, in dem der Michel Hely hauste, das war seither meine Welt gewesen.

In mein neuntes Lebensjahr fiel meine erste Wanderung über die Gemarkungsgrenze hinaus. Meine Mutter hatte in der Not ihrer vielen Krankheitsbeschwerden eine Wallfahrt zum Heiligen Blutsaltar zu Walldürn gelobt. Ich nehme an, daß dies im Winter des Jahres 1861-1862 der Fall war. Als aber die Zeit der Kornreife kam, wo die Bittprozessionen um Peter und Paul ihren Anfang nehmen, war sie kränker denn je. Nun tat sie, was zu allen Zeiten üblich war. Da sie nicht zahlen konnte, stellte sie dem Himmel in meiner Person einen Bürgen. Wer war glücklicher als ich über diese Stellvertretung? Sie gab meiner Persönlichkeit Bedeutung und führte mich den goldenen Wundern entgegen, die hinter dem schwarzen Kreise der Bergesgipfel lagen, die seither meinen Horizont eingeengt hatten. Voller Ungeduld horchte ich tagtäglich, hinter der Haustür marschbereit stehend, ob denn nicht endlich von der Kreidacher Höhe herunter das Lied der Waller ertönen wolle und ihr eintöniges Rosenkranzgebet.

Ein paarmal schon hatte ich die Eier aufgegessen, die man mir als Wegzehr für den heiligen Gang abgesotten hatte, da kam sie doch endlich, die Prozession, mit ihren im Winde flatternden Fahnen, dem Großmaul ihres Vorsängers und mit einem Menschenhaufen hinter dem hölzernen Kreuzesbilde, der aussah, als ob er den Anfang einer neuen Völkerwanderung vorzustellen habe. Im Nu war ich mit meinem Bündel die Schultreppe hinabgestürmt und hatte mich, »Stolz in der Brust«, eingegliedert in die fromme Kette. »Leb' wohl nun, du altes Schulhaus,« so dachte ich mir. »Fünf Tage ist eine lange Zeit und hinter den Bergen liegt die allmächtige Welt. Würden und Ämter hat sie zu verteilen, und wer kann wissen, was aus mir geworden sein wird, wenn an einem schönen Tag ich wiederkomme?«

Welch' ein Rausch des Glückes durchschauerte mich, als wir in der Herde durch die wogenden Kornfelder zogen, im Walde lagerten, uns um die rauschenden Dorfbrunnen stellten, um unseren Durst zu stillen. Anders gefärbte Vögel sangen neue Lieder von den Bäumen, und eine neue Weise klapperten die an den Bächen hin zerstreuten Mühlen. Bei Beerfelden sah ich zum ersten Male einen Galgen und hing an seinen sechs Ketten alle Menschen auf, die mir zuwider waren. Zunächst den Holzebein von Kocherbach, der bei Waterloo den Unterschenkel verloren. Er verletzte mein Schönheitsgefühl.

Ein lebender Edelhirsch im Park zu Ernsttal kam mir vor wie ein Zeitgenosse des Noah und ein Pfau zu Hesselbach wie eine wandelnde Monstranz. Was ich sonst noch alles erlebt habe an Zeichen und Wundern, hat mich beinah völlig umgestaltet, so daß ich von dem Gnadenorte den Entschluß mit nach Hause brachte, ein Priester, womöglich gar ein Bischof zu werden. In der Stube des Michael Hely begann nun ein eifriges Leimen und Flicken, dem Rauchfässer aus Zuckerstricken und kostbare Meßgewänder aus Zeitungspapier ihr Dasein verdankten.

So Vorzügliches ich auch auf dem alten Glockenturme schaffte, bei meinem Vater in der Schule leistete ich nicht viel. Zu meiner Faulheit drückte der gute Mann mehr als nur das eine Auge zu.

Durch die Sorge um meine schwerkranke Mutter und durch deren im Frühjahr 1863 erfolgten Tod war seine Aufmerksamkeit von mir abgelenkt. Vielleicht auch blendete ich ihn durch mein gutes Gedächtnis.

Hatte ich einem Bänkelsänger nur zehn Minuten auf den Jahrmärkten zugehört, so waren seine Lieder in meinem Kopf und ich konnte sie dann gelegentlich mit all den schiefen Mäulern des Rhapsoden in den Spinnstuben zur Erheiterung des Publikums zum Vortrag bringen. Mit solchen Mätzchen hatte ich mir das Ansehen eines »gewürfelten Kopfes« ersungen und galt für vielversprechend. Als aber der Kaplan Werner den ernstlichen Versuch machte, mich in die Geheimnisse der lateinischen Deklinationen einzuführen, da versagte ich vollständig. Ich war zerstreut und es hingen meine Gedanken draußen im Walde, wo ich die Nester der Eichhörnchen besser kannte, als die kniffeligen Regeln, nach denen ein Akkusativ cum infinitivo konstruiert sein wollte. So mußte ich denn eines Tages zu meiner großen Beschämung, in unserer Nebenstube versteckt, zuhören, wie der junge Priester mit dem feurigen Gesicht meinem Vater über meine angebliche Begabung reinen Wein einschenkte. Es ging gefährlich über mich her, und das Schlußergebnis der wohlwollenden Aussprache war, daß ich das Stundenlaufen ins Pfarrhaus einstellen durfte. Zum Lohn für mein gnädiges Herabsteigen aus höheren Regionen wurde ich von meinen Schulkameraden bei den Spielen um den Helyturm herum zum Räuberhauptmann befördert.

In mir selber war zur damaligen Zeit der Glaube erwacht, daß ein tüchtiger Kerl auch ohne Gelehrsamkeit sich in der Welt eine Stellung erringen könne. Götz von Berlichingen gefiel mir und Hans Sachs. Überhaupt für die Drahtzieher von Profession hatte ich etwas übrig. In der Schusterstube des Nachbars Basel ging es immer fidel her. Die Gesellen saßen abends im Scheine der Glaskugel um die Werkbank herum und sangen beim Hämmern der Sohlen mit schallenden Stimmen in die Luft hinein:

»Frau Meisterin lösch sie aus das Licht,
Wenn ich mein Schätzlein küß,
Das ist gewiß, dafür brauch ich's nicht«

und so weiter, bis eine Magd zum Abendessen rief und der Spannriemen mit samt dem Schabeisen in die Ecke flog. Nach Feierabend ging es auf die Straße hinaus, wo der Schuhmacher mit dem Hutmacher und Schneider Händel suchte und immer Sieger blieb.

An den Gedanken, das Meßgewand mit der blauen Pechschürze vertauschen zu wollen, hatte ich mich allmählich gewöhnt. Ja, ich hatte bereits mein Äußeres den Verhältnissen anzupassen gesucht und die bunte Mütze versteckt, die mir als dem künftigen Studenten das Stigma einer höheren Berufung aufzudrücken versuchte.

Unter solchen Umständen war ich vierzehn Jahre alt geworden und der Augenblick der Schulentlassung rückte heran. Im Vaterhause arbeitete eine Hemdennäherin dem Kommuniontage entgegen. Ein Tuchrock aus dem Nachlaß meiner Mutter war schwarz gefärbt und zu Michelstadt »dekatiert« worden. Derart verjüngt hatte sich das Kleidungsstück unter der Hand des Schäferschneiders zu einem Konfirmandenanzug für mich umgestaltet. Im obersten Knopfloch des Kittels pflegte bei jedem der männlichen Konfirmanden ein Sträußchen von scheckigen Zeugblumen zu prangen, die oft älter waren als der Konfirmand, der sie trug, und von einem Haus zum andern im Dorfe herumgeliehen zu werden pflegten. Wehe dem, der sich herausnahm, vom alten Brauche um eine Haaresbreite abzuweichen. Zu meinem Unglück war nun die Aufkäuferin, die zweimal in der Woche den Weinheimer Markt besuchte, auf den verwegenen Gedanken gekommen, mir ein Sträußchen lebender Blumen mitzubringen.

Meine Schwestern in ihrem Unverstand versteiften sich darauf, daß ich diese statt der Schirtingblumen an meinen Rock stecke. Ich fügte mich. Aber was geschah? Als die lange Schlange der Kommunikanten durch die Gasse der Neugierigen hindurch sich dem Kirchenportal zuwälzte, hörte ich, wie aus der Menge der Gaffer eine weibliche Stimme in die Andächtigen hineinrief: »Da guckt dem Schulmeister seinen! Der Aff muß natürlich was Extras haben. Hat er nit gar en lebendige Blumenstrauß vor sein Gänsebrüstel hingesteckt?«

So, da hatt' ich's nun, das Urteil meiner Landsleute über mich. Ein Affe war ich, weil sich meine Angehörigen herausgenommen hatten, mich mit einer anderen Kreide zu zeichnen als die übrigen Hammel. Da ging ich als Gebrandmarkter in der langen Reihe und hätte ich es auch gewollt, es wäre mir unmöglich gewesen, aus der Kette herauszubrechen. Ich mußte die Blicke des Menschenspaliers aushalten, so sehr sie mir auch durch den Rock hindurch bis in die Seele brannten. Nein, wie jetzt alle Freude, aller Stolz über den feierlichen Tag und den neuen Anzug plötzlich von mir genommen waren. Ja, ja, der Pfarrer hatte breitspurige Worte gemacht, als er uns erzählte, daß der große Napoleon den Tag seiner ersten Kommunion als den glücklichsten seines Lebens bezeichnet habe. Schon möglich. Der Schlachtenlenker war vielleicht ein frommer Knabe gewesen, sicher aber hatte ihm keine Aufkäuferin einen lebenden Blumenstrauß an den Rock gesteckt, sonst hätte er wohl gleich mir empfunden. O, wie ich mich schämte, daß ich, ich ganz allein, eine Ausnahme machen mußte, unter den Dutzenden meiner Kameraden. Ich wagte nicht aufzusehen, nicht zu husten aus Angst, ich könnte die Blicke der frommen Gemeinde auf mich lenken, auf mich, den Hoffärtigen, dem die Schirtingrosen nicht genügten, der einen Strauß lebender Blumen in seinem Knopfloch haben mußte.

Von des Pfarrers Predigt hörte ich nur wenig. Das Glück, den Heiland zu genießen, schätzte ich nicht hoch ein. Mir graute nur vor dem Augenblick, wo ich, von der Kommunionbank zurückkehrend, dem Publikum meine Vorderseite zuwenden mußte. Ach, da würden es dann tausend Augen sein, die meinen Strauß sahen, und tausend Gehirne, die den Gedanken hegten: »Da seht den Affen! Er muß natürlich was Extras haben.«

Ich kam auf den Gedanken, meine Blumen loszuzerren und sie unbemerkt auf den Boden fallen zu lassen. Der Versuch mißlang. Mit schwarzem Zwirn hatte man die Rosenstengel am Rock festgenäht. Aber was hätte ich wohl gewonnen, wenn ich ohne Strauß von der Kommunionbank zurückgegangen wäre? »Der Affe muß etwas Extras haben,« hätten von hundert sicher neunundneunzig gedacht, »er trägt keinen Strauß. Hatten sie kein Geld, einen anzuschaffen?« Man überlege nur, wie mich der Gedanke quälte und die Schmach, die er in sich schloß. Ach damals, da ich ja noch keine Bücher geschrieben hatte und noch eine so empfindsame Seele hatte, die sich krümmte, wie das Blütenblatt der Mimose, wenn sie unzart betastet wurde!

Wie die Sache schließlich ausging? Nun, die Blumen selber hatten Mitleid mit meinen Seelenschmerzen. Bis das Hochamt zu Ende war, waren sie verwelkt und abgefallen. Am Nachmittag hatte ich einen Schirtingstrauß im Knopfloch und war, was meine Kameraden auch waren, und balgte mich mit ihnen auf den Wiesen herum. O selige Gemeinschaft der Altersgenossen, die noch kein Oben und kein Unten kennt, und glückliche Zeit, in der jeder Groschen für drei Kreuzer gilt, solang er rund ist und man ihn rollen kann!

Ich erzählte schon, daß ich mich langsam an den Gedanken gewöhnt hatte, ein Schuhmacher zu werden. Doch es kam anders. In der Wetterau war ein Beamter nach der Ewigkeit abgereist und hatte durch sein Sterben das lustige Leben seines Sohnes auf der Gießener Hochschule ertötet. Als der erste Monatswechsel ausblieb und kein Kredit mehr vorhanden war, kam der bemooste Bursche auf den Gedanken, ein Volksschullehrer zu werden. Er stellte sich dem hessischen Staate zur Verfügung und wurde nach Gadern bei Waldmichelbach versetzt. Die erste Veränderung, die nun mit seinem äußeren Menschen vorging, war, daß sein Schnurrbart ihm aus dem Gesichte verschwand, denn innerhalb der rotweißen Grenzpfähle war es einem Volksschullehrer untersagt, Haare auf der Oberlippe zu tragen. Georg Pfuhl, der Studiosus außer Dienst, rasierte sich also und ist für mich und noch drei andere Buben in meinem Alter die größte Anregung geworden, die wir jemals von einer Menschenseele empfangen haben. Der neugebackene Lehrer nahm das muntere Viergespann vor seinen Wagen und lenkte es ohne Peitsche. Es war erstaunlich, mit welchem Eifer wir uns in die Stränge warfen. Um es kurz zu machen, nach drei Monaten bereits meldeten wir uns, Christof Haag und ich, zur Aufnahmeprüfung am Mainzer Gymnasium und übersprangen zwei Klassen, während Herr Pfuhl im abgelegenen Gadern saß, ohne daß eine Menschenseele eine Ahnung davon hatte, welche Kraft er war. Vielleicht säße er heute noch in dem grünen Wiesentälchen am Südabhang der Tromm oder läge auf dem Waldmichelbacher Kirchhof, wenn nicht eines Tages mein Bruder Karl aus Amerika gekommen wäre. Dieser war in St. Louis zu Geld und Ansehen gekommen und vermochte den Herrn Pfuhl zu bestimmen, daß er sich entschloß, mitzugehen nach der Neuen Welt. Drüben wußte man seine Talente besser zu schätzen. Er wurde Schulinspektor und erlangte eine Art von Oberaufsicht über die Lehranstalten eines weiten Bezirks. Leider hat er kein hohes Alter erreicht. Geschätzt und betrauert von den Leuten des Auslands ist er mitten aus einem erfolgreichen Schaffen heraus im besten Mannesalter nach einem besseren Jenseits heimgegangen.

Ich saß also nun in der Sexta des Mainzer Gymnasiums, aber nicht an deren erstem Platz, sondern am letzten. Meine Hauptaufgabe war, den Ofen in Ordnung zu halten, eine schwierige Sache unter einem Schuldiener, dem man im Holzstall ein jedes Stück Holz abbetteln mußte. Doch ich wehrte mich ritterlich gegen den Geiz des Alten und gelangte bei meinen Lehrern in das Ansehen eines guten Feuerwerkers. Vermutlich aber wäre ich gleichwohl am Ende des Jahres sitzen geblieben, wenn ich mich nicht durch eine kleine Unehrlichkeit, die ich zu Nutz und Frommen mittelmäßiger Schüler anderwärts beschrieben habe, unter die Zahl der dreißig vordersten hinaufgeschafft hätte. Die Anstalt war kolossal überfüllt. Siebenzig Zöglinge in einer Klasse war keine Seltenheit. Bei so viel Hochwasser pflegten die Lehrer sich Luft zu verschaffen. Es war üblich geworden, daß ein Drittel der Schüler in den unteren Klassen sitzen blieb. Hatte man erst die Quinta alten Stiles, die heutige Untertertia, erreicht, dann war man in einem minder bewegten Fahrwasser und konnte annehmen, daß man gemächlich bis an das Wehr des Maturitätsexamens herangeschwemmt werde. Unter der Direktion Bones hatte sich das Mainzer Gymnasium in ganz Süddeutschland eines guten Rufes zu erfreuen.

Überhaupt galt Mainz dazumal seinen vollen Batzen. Mit dem Krummstabe in der schwerberingten Rechten regierte von hier aus der streitbare Bischof Wilhelm Emanuel, Freiherr von Ketteler, das Hessenland. An den Stufen seines sazerdotalen Hochsitzes standen als Wappenriesen rechts der redegewaltige Moufang und links der ewig lächelnde Domdechant Heinrichs, während auf Katzenpfoten die Gräfin Hahn-Hahn und auf Hundekrallen der Schweinemetzger Falk die feudale Priesterresidenz umzirkelten. Über allen diesen aber und das Puppenspiel an unsichtbaren Fäden lenkend, schwebte als Spiritus Rektor der Jesuitenpater von Doß. Sein bartlos mageres Gesicht wuchs aus dem kelchförmigen, schwarzen Kragen der Sutane heraus und überschaute mit klugen Augen durch stark gebuckelte Brillengläser alle Winkel und Ecken der Stadt und des Landes. Nichts entging seiner kontrollierenden Aufmerksamkeit, und Dutzende von Sodalitäten und Kongregationen stellten ihm ein mehr als eifriges Überwachungspersonal zur Verfügung. So war es schwer, ja fast unmöglich gemacht, ungestraft über die Stränge zu schlagen. Dazu kam für mich noch während der ersten fünf Jahre meiner Gymnasiastenzeit die fast klösterliche Klausur des Konviktes. Kein Tritt vor die Tür, außer wenn es in geschlossenem Haufen zur Schule ging und wieder zurück. An den Mittwochen und Samstagen ein Spaziergang vor das Stadttor, aber nach Sträflingsart einer neben den anderen gereiht in langer Schlange. Festtage waren es, wenn wir, um den Kirschbaum zu leeren, in den Hof des Bischofs geladen waren, einen Ausflug auf den Leniaberg machten, mit dem ehrwürdigen Kirchenfürsten Ball spielten oder vor dem Gautor Schneeball warfen. Bei solchen Gelegenheiten lernte ich den Grafen Galen kennen, der damals die Sutane eines Kaplans trug, später aber der Beichtvater des in Serajewo ermordeten österreichischen Thronfolgers geworden war. Ein anderer war noch um den Bischof herum, der in der Weltgeschichte eine Rolle spielen sollte. Es war Kettelers Neffe, der in der Tien-Mönstraße zu Peking durch eine Kugel aus einer Boxerflinte endete und durch sein Blut dem Deutschen Reich den chimärischen Besitz der Provinz Schantung erkaufte. Der junge Freiherr war mit dem Grafen Hoensbroech am Jesuitengymnasium zu Feldkirch erzogen worden. Da aber die letztere Anstalt nicht das Maturitätszeugnis verleihen konnte, so pflegten deren Schüler, die sich aus dem rheinisch-westfälischen Adel rekrutierten, von Unterprima ab das Mainzer Gymnasium aufzusuchen. So kam's, daß die Sprößlinge aus den alten Geschlechtern der Gemmingen, Löwenstein, Diepenbrock usw. gleich mir aus dem Bäckerkorb im Mainzer Gymnasiumshof ihr schwarzgebranntes Frühstück kauften.

Daß übrigens sonstwie Rücksichten auf die feudalen Herrschaften genommen worden wären, kann ich nicht sagen. Der Lehrer handhabte noch das Züchtigungsrecht über seine Schüler, und wenn es Ohrfeigen gab, so bekam sie einer wie der andere.

Ewig denke ich dein und deiner Fäuste, o Professor Lindenschmitt, wie du uns den Abdruck deiner Finger auf die jugendlichen Backen geschrieben hast, als wir, noch am Morgenbrote kauend, nach der Zehnuhrpause in deinen Zeichensaal traten. Nicht das Kauen freilich war es, das den alten Graubart genierte, aber das Türzuschlagen, das unleidliche Türzuschlagen. Ach und darauf gerade hatten wir es ja doch abgesehen trotz den harmlosen Gesichtern, mit denen die Anführer unserer Klasse in den Saal traten und hinter sich die Tür ins Schloß warfen.

Einmal, zweimal, dreimal hatte die Sache gut getan, dann aber roch der Fuchs den Braten, und er biß zu. Zur Verwunderung der wenigen, die schon im Raume waren, verfügte sich der Graubart schweigsam in das dem Saale vorgelagerte, dunkle Gängchen.

›Was wird nun werden?‹ dachte ich, der ich schon vor meinem Zeichenbrette saß. Gleich sollte ich es wissen.

Oskar Hauswald, der große Oskar, stand auf der Schwelle und rieb sich die Backe. »Da steht er im Dunkeln und alleweil kriegt alles eine Ohrfeige, was von der Wendeltreppe auf das Gängchen tritt. Ich hab' die meine schon.«

Nun aber die Freude von uns, die wir ungeprügelt durchgekommen waren, und das Vergnügen, die Grimassen zu beobachten, mit denen der eine und der andere unserer Mitschüler ihr Mißgeschick hinnahmen! Vom Ingrimmirten bis zum ausgelassen Heiteren herunter waren alle Sorten menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten an den Gottesebenbildern zu beobachten, vor allem dann, als Lindenschmitt ganze Arbeit gemacht und auch einem jeden von den Frühgekommenen seinen Denkzettel gegeben hatte.

Wenn man berücksichtigt, daß sich unter den Geohrfeigten einer befand, der eben als Sieger von den französischen Schlachtfeldern heimgekehrt war, so wird man Respekt haben müssen vor dem Autoritätsglauben, der an unserer Musterschule herrschte.

Ich bin späterhin des öfteren gefragt worden, ob keiner meiner Lehrer dazumal gemerkt habe, daß ein gewisses Erzählertalent in mir stecke. Leider war dies nicht der Fall. Meine deutschen Aufsätze waren mittelmäßig, von einem einzigen abgesehen, den ich in der Unterprima schrieb. Unser Lehrer, Professor Hernnes, war neugierig, was wir aus uns selber künftighin zu machen gedächten, und gab uns als Aufsatzthema die Überschrift: »Mein künftiger Beruf.« Trotzdem ich damals noch nicht sicher entschlossen war, was ich eigentlich werden wollte, so vertiefte ich mich in die Vorstellung hinein, ich wäre Arzt, und schrieb, von der Idee bezaubert, ein begeistertes Essay über die erhabenen Vorzüge dieses vornehmen Standes. Der Aufsatz, den ich heute nicht noch einmal schreiben würde, trug mir am Schluß des Schuljahres den Preis im Deutschen ein und die Entlassung aus dem Konvikt. Mein Vater erhielt in den Herbstferien des Jahres 1872 einen Brief vom Rektor Erler, daß er sich für seinen Sohn um ein Logis in der Stadt umsehen möge, zum geistlichen Stande schiene derselbe doch weder Lust noch Anlagen zu haben.

War der preisgekrönte Aufsatz allein die Ursache meiner brüskierten Entlassung? Ich glaube nicht. Beim Religionslehrer Kempf hatten wir neben der Kirchengeschichte das Studium der christlichen Apologetik begonnen. Mit wahrer Begeisterung wühlte ich mich in die Streitigkeiten der alten Kirchenväter hinein und in ihre dogmatischen Spitzfindigkeiten, und ich schrieb darüber lange und gelehrte Abhandlungen, die Herr Kempf zu korrigieren hatte. Noch sehe ich den spitzen Mund dieses Herrn und seine durchbohrenden Augen, wenn er mir die Arbeiten zurückgab, und noch klingen seine sauersüßen Worte mir im Ohr: »Sehr fleißig, sehr gelehrt – – aber, aber! – –«

O, ich wußt' es wohl zu deuten, dieses »aber – aber.« Was Cäsar einst sagte, das meinte heute Herr Kempf: »Der magere Cassius denkt zu viel.« Bei den nahen Beziehungen des Religionslehrers zur Leitung des Konviktes ist es mir mehr als bloß wahrscheinlich, daß der Brief an meinen Vater zum Teil wenigstens auf die Einflüsterungen meines Religionslehrers zurückzuführen war.

Wie dem auch sei, am Anfang des Wintersemesters 1872-1873 stand ich auf dem Pflaster und suchte nach einer Bude bei braven, ordentlichen Bürgersleuten. Der Jesuitenpater von Doß wies mich an eine Familie im Gartenfeld. Fünf Tage wohnte ich unter dem Dache eines gottgefälligen, friedlichen Ehepaares wie in einem stillen Eden. Am sechsten – es war ein Samstag – da prügelten sie einander in der Betrunkenheit und wären des Nachts in meine Stube hereingefallen, wenn ich meine Tür nicht rasch vor der Katastrophe noch verriegelt hätte.

Am Montag zog ich aus, und zwar zu einer Witwe Klein, die in der Langgasse Nr. 34 ein Spezereilädchen betrieb. Von jetzt ab hatte ich mit meinem Mitschüler Hülfenhaus den gleichen Schulweg und die gleiche Ausrede, wenn ich zu spät in die Klasse kam. »Es hat ein Möbelwagen in der Langgasse gestanden,« die Bemerkung genügte bei der Enge des Sträßchens vollkommen, um einen Eintrag ins Klassenbuch zu vermeiden.

Ach, Hülfenhaus und das Schulbanksitzen! Der Bursche hatte den siebziger Feldzug mitgemacht, war ein Riese von Gestalt und hatte mehr Haare am Kinn als unsere Kuh am Schwanz und die ganze übrige Klasse im Gesicht. Spät hatte er sich zum Studium entschlossen und mit dem Aussehen eines Geheimrates trug er nun mit einem Bündel blauer Hefte zusammengewurstelt den Horaz in den Schulsaal der Prima hinein. Was Wunder, daß wir uns über ihn lustig machten und uns doch wie Kinder von ihm führen ließen, ins Gesellenhaus zum Mittagsmahle und zum Vieruhressen nach seiner Bude auf der mittleren Bleiche. In ihr war der Singularis durch ein Bett, der Dualis durch zwei Stühle und der Pluralis durch ein halbes Dutzend Tabakspfeifen vertreten, die am Fensterkreuz und an der Wand hingen. In diesem Raume, den ein eisernes Säulenöfchen mit behaglicher Wärme füllte, machten wir nach dem Grundsatz einer vernünftigen Arbeitsteilung unsere Schulaufgaben. Einer vom Stamme Juda löste die Zinseszinsaufgaben, ein Pfarrerssohn übersetzte den Sophokles, andere schrieben ab, und zuletzt machten wir uns über die Wurstscheiben her, die der Schermuly, weniger vom Standesdünkel angekränkelt als wir anderen, in den Metzgerläden zusammengekauft hatte.

Daß ich es nur gestehe, nicht immer saßen wir auf des Mitschülers kleiner Stube. Auf der großen Bleiche war eine Bierwirtschaft, »zum Kleeblatt« benannt. In dieses Himmelreich hinein führte, einzig dem Herrgott und dem Hülfenhaus bekannt, von der mittleren Bleiche aus ein enger Gang nach einer Nebenstube. Dort saßen wir zuweilen vom Auge des Zapfwirtes verständnisvoll gehütet, tranken zu Schweinsrippchen das schäumende Aktienbier und bereiteten uns zum Besuche der Universität vor, indem wir abwechselnd versuchten, aus unseres Seniors Pfeifen zu rauchen. So ging der Winter herum und die Osterferien lösten für drei Wochen unsere Tafelrunde auf.

Als ich nach dem weißen Sonntag wiederkam, war Frau Klein nach einem anderen Hause in der Langgasse Nr. 19 gezogen. Ich rückte ihr nach und sie hatte ja auch wieder ein Zimmerchen für mich. Es war nicht größer als ein Taubenschlag. Trotzdem gedachte ich in ihm auszuhalten, und ich hätte es gewiß auch getan, wenn die Nachbarschaft nicht gewesen wäre. Aber allmächtiger Himmel, mir gerade gegenüber in dem engen Hinterhofe war eine Nähstube. Wenn ich aus meinem Buche die Augen erhob, hatte ich mehr Jungfern vor mir als die heilige Ursula, da sie mit ihrem Schiffe abgefahren war, um das Grab des Erlösers zu befreien. Und dann das Geschnatter. Nein, das war keine Umgebung für einen, der die Regierungszeiten der deutschen Kaiser noch nicht im Kopfe hatte und doch Maturitas machen wollte! Leider zeigte Frau Klein für meine Ausstellungen an ihrem Logis kein Verständnis und wir sind im Streit auseinandergekommen.

Der Stefanskirche gegenüber verwohnte ich die letzten Monate meiner Gymnasialzeit. Sie war ausgefüllt mit dem Wirrwarr eines zusammenbrechenden Systems. Das Preußentum war mit einem kalten Bureaukratismus nach dem Süden vorgestoßen. Der gewiegte Schulmann Bone war durch einen rotbärtigen Unteroffizier Professor Beck ersetzt, die Jesuiten vertrieben, der Geschmack verändert. Ich, der Preisträger im Deutschen, schrieb einen der schlechtesten Aufsätze im Maturitätsexamen, hatte aber bestanden und verließ fröhlichen Herzens als Mulus im August 1873 die Bischofsstadt.

Zu Hause wurde ich von meiner Stiefmutter mit fragenden Blicken wie der Steuerbote empfangen, von meinem Vater mit offenen Armen und von einem Dritten Menschenkind, ich weiß nicht wie mit lachenden Augen, die sich doch vor mir zu fürchten schienen.

Daß ich's nur eingestehe. Von meinem zehnten Jahre ab war ich in eine Schulkameradin bis über die Ohren verliebt. Das Mädchen war mir in gar nichts entgegengekommen, so wenig wie ich gewagt hätte, mich ihr zu nahen. Aber es war in der Schule so üblich, daß jeder Lausejunge seinen Schatz haben mußte, und der Einfachheit halber teilte man jedem Hänsel die als seine Grete zu, die eben auf der Mädchenseite den gleichen Platz einnahm wie er auf der Bubenseite. Da man mich mit der schwarzäugigen Kleinen neckte, so war es nur natürlich, daß ich mir mein Teil genauer ansah. Die Kirchgänge gaben dazu die beste Gelegenheit. Da ich hinter ihr kniete, so konnte ich ihren Nacken bewundern und das zarte Rosa, das von ihm übersprang auf ein weiches, schier durchsichtiges Ohrläppchen. Ihr Gesicht bekam ich nur selten zu sehen, und wenn sie an mir vorüberging und ich auch noch so freundlich grüßte, so schien mir doch zwischen ihren dunklen Brauen immer so etwas Stolzes zu liegen, was ungefähr sagen wollte: »Dummer Junge, was dir bestimmt mag sein, steckt noch im Tragkissen drinnen.« Mädchen denken weiter voraus als Knaben.

Auch daß ich heute Maulesel war und das Recht hatte, Pfeife zu rauchen und den Hut verwegen aufs Ohr zu setzen, machte keinen Eindruck auf sie.

Gleichwohl, oder war's vielleicht gerade deshalb, liebte ich sie. Kurzum, ich hatte die Kinderkrankheit meiner ersten Leidenschaft aus der Volksschule heraus durch alle Klassen des Gymnasiums hindurchgeschleppt und nahm sie auch mit auf die Universität. Zweierlei Folgen waren mit diesem Seelenzustand verbunden. Einerseits störte die heimliche Sehnsucht meinen Lerneifer, andererseits befruchtete sie ihn wieder, indem ich mir sagte, was würde sie wohl für ein Gesicht machen, wenn ihr zu Ohren käme, daß du sitzen geblieben! Gewiß ist, daß die Neigung zu dem stolzen, engelreinen Mädchen mich sicherer als alle Schutzengel vor dem Gemeinen bewahrte. Wie aufgeputzt das flitterbesetzte Laster an mich versuchend herantreten mochte, ein Gedanke nur an dieses mein Ideal aller Weiblichkeit, und ich blieb Sieger gegen die Lockungen des Blutes. Sei drum gesegnet, du mein Gabriel, auf welchem Sterne du zurzeit auch weilen magst, gesegnet von deinem Tobias trotz der Fasttage, die er deinetwegen erduldet hat, als ein Gedicht zu deinem Preise in meinem Gebetbuch vom Rektor Erler gefunden worden war!

Möglich, daß meine Stiefmutter von meiner heimlichen Liebe etwas gemerkt hatte. Es gab eine heftige Szene zwischen uns beiden, und mein guter Vater, dem jeder Zank ein Greuel war, gab mir Geld zum Reisen. In dem Buche »Adams Großvater« findet man, wenn auch etwas idealisiert, zusammengestellt, was ich damals erlebte.

Es steht ein Wirtshaus an der Lahn

Indessen war ich schlüssig geworden, daß ich Arzt werden wolle. Unendlich freute ich mich auf die Studentenzeit. Mein Vater hatte mir in verständiger Weise einen Einblick in seine Vermögensverhältnisse gewährt und mich wissen lassen, daß ich nicht allzusehr zu sparen brauche. So zog ich denn guten Mutes gegen Gießen hin. Einige meiner Mainzer Compennäler fand ich dort schon vor, und da diese sich der Burschenschaft angeschlossen hatten, so war es nur natürlich, daß auch ich diesem Bunde beitrat. Der Mann, auf den wir als unseren Führer und besten Fechter viel Vertrauen setzten, hieß Wallenstein. Leider kam ich mit ihm zu einem recht gespannten Verhältnis. Um dies zu erklären, muß ich noch einmal um fünf Jahre zurückgreifen. Wallenstein war der Sohn eines Bäckers in Gaualgesheim. Er hatte sich zu Hause einige Vorkenntnisse im Lateinischen erworben und war zu uns ins Mainzer Gymnasium gekommen, als wir eben das bellum gallicum des Julius Cäsar zu lesen begannen. Professor Keller stand vor der Klasse und hatte uns in weitschweifiger Weise auseinandergesetzt, daß der Mensch im allgemeinen und der Gymnasiast im besonderen bestimmten Gesetzen unterworfen sei, die unter allen Umständen und unter allen Breitengraden unserer Erde nicht außer acht gelassen werden dürften. Als er mit seiner langatmigen Erklärung endlich fertig war, wandte er sich mit der Frage an Wallenstein: »Nun, du Neuzugetretener, sag' einmal, hast du dich auf die Lektüre des Julius Cäsar gehörig vorbereitet?«

Der Aufgerufene bejahte und fing sofort mit lauter Stimme zu lesen an: »Gahlia est omnis divisa in partes tres.« Ein schallendes Gelächter erschütterte die ganze Klasse. Verdutzt hielt der blondgelockte Leser inne. Verwundert sah er sich um mit den wasserblauen Fischaugen. Hatte man ihn zum Besten? Warum lachten die Mitschüler? Die frechen Stadtbuben? Warum schmunzelte sogar der Lehrer selber?

Herr Keller fühlte, daß außer ihm kein anderer hier Klarheit schaffen könne, und mit der Hand seinen Striefelbart streichend, begann er würdevoll die folgende Rede: »Nicht wahr, Wallenstein, du findest es unbegreiflich, warum deine Mitschüler lachen. Ich will es dir sagen, wenn du mir versprichst, dich für alle Zukunft einem Gesetze zu unterwerfen, das für jeden seine Gültigkeit hat, selbst für jene Menschen, die in Gauahlgesheim geboren wurden. Und dies Gesetz, verstehe mich wohl, es gebietet mit zwingender Notwendigkeit, daß ein Vokal, dem zwei Konsonanten folgen, unter allen Umständen kurz ausgesprochen werde. Es heißt also nicht, wie du gelesen hast, Gahlia sondern Gallia. Nun nachdem du solches gehört hast, wirst du nie mehr im Leben in die Versuchung kommen, dich gleicherweise an dem heiligen Geiste einer erhabenen Sprache zu versündigen. Frisch dran jetzt und übersetze ins Deutsche, was du soeben lateinisch vorgetragen hast.«

Wallenstein besann sich nicht länger und brüllte los: »Ganz Gahlien …«

Weiter kam er nicht. Ein ungeheures Gelächter erfüllte den Saal. Federhalter trommelten von selber auf den Tintenfässern, Lineale tanzten auf den Bänken, Absätze schlugen den Takt zu einer Indianermusik auf dem Stubenboden. Alles war in Bewegung, alles im Wirbeln mit Ausnahme von zwei Menschen, die sich wie Schulze und Müller gegenüberstanden im Kladderadatsch. Der große Wallenstein war der eine und sein Klassenführer der andere. Lange freilich dauerte das bange Schweigen der beiden auch nicht, da fuhr der letztere los, und seine zornigen Worte kollerten kantig und scharf über seine Lippen: »Hat es je einen traurigern Beruf gegeben, als der des Lehrers ist? Bringt nicht der Steinhauer seine Steine klein, formt nicht der Grobschmied das Eisen, macht nicht der Wagner aus Krummholz den Radschuh? Einzig nur dem Lehrer ist es aufgespart, daß er keinen Erfolg von seiner Arbeit sehen darf. Was ist ein Sisyphus gegen unsereinen? O du Rindvieh im Quadrat, wie lange willst du das a im Worte Gallia ziehen? Etwa bis es zu einem Stricke wird, um dich dranzuhängen? Könnt' ich dich baumeln sehen wie das Feldhuhn an der Tasche des Jägers, meine Frau und Kinder wollt ich opfern und mich als Witwer mit dem Ovid in der Tasche durch das Leben schlagen, wenn ich nur deinem Anblick entfliehen könnte. Stammst du von einem Seiler ab, daß sich alles bei dir in die Länge ziehen muß?«

Der Professor schwieg ganz erschöpft von einer solchen Expektoration klassischer Gedächtnisvorräte.

Wallenstein selbst war wie ein Fernrohr in sich selber hineingesunken und saß zerschlagen wie die Tabakpflanze nach dem Hagelschlage still und traurig auf seinem Platz.

Neben ihm aber war's derweilen lebendig geworden. Der Peter Eichhorn hatte angefangen, dem großen Übersetzer des großen Feldherrn mit den Absätzen die Waden zu bearbeiten. Auch stach er ihn unterm Tische mit dem Bleistift in die Schenkel. Kein Wunder, daß der Namensvetter des Friedländers endlich aufgeregt und zapplig wurde. Der Klassenführer aber nahm dies unruhige Wesen seines Schülers als eine Auflehnung gegen seine Worte hin und schickte den Interpreten des krummnasigen Römers vor die Tür. Während Wallenstein extra muros lebte, hatte sich über ihn und seine Taten bereits die Satire hergemacht und ihn selber umgetauft. Als er in der Zehnuhrpause wieder vor seinen Mitschülern erschien, war er etikettiert und gestempelt. Er hieß von da ab nicht mehr Wallenstein, sondern nur noch der Gahlier, wie er sich auch mit Fußtritten und Faustschlägen gegen diesen Namen zu wehren suchte.

Von Mainz nach Gießen war ein weiter Weg, und Wallenstein durfte wohl hoffen, daß ihm sein Spitzname nicht nachfolgen würde auf die Universität, zumal da er jetzt in der Lage war, jede ihm angetane Schmach mit der scharfen Schneide des Schlägers zu rächen. Und doch, Wallenstein hätte leichter wie der Schmetterling seine äußeren Formen abwerfen können als seinen Spitznamen.

Eines Tages war er wieder da, der unleidliche Gahlier. Von wem war der Name hereingetragen in die Kneipe der Alemannen?

Wallenstein hatte mich in Verdacht, und es kam zu einer wüsten Szene zwischen uns beiden. Wenig fehlte, und ich wäre aus der Burschenschaft hinausgeflogen, ohne daß Wallenstein davon einen Vorteil gehabt hätte, denn der Name hing nun einmal an ihm, und er begleitete ihn sogar ins Philistertum hinüber. War ich späterhin imstande, mir den blondlockigen Notar vorzustellen, ohne daß der Name Gahlier mir in den Sinn gekommen wäre? Es war unmöglich, ja der Name überdauerte sogar seinen Inhaber, wie sich sogleich zeigen soll.

Gehe ich da eines Tages zu Worms von der Martinskirche nach dem Obermarkte zu an dem Eisengitter eines Vorgärtchens entlang. Bei meiner Seele Seligkeit, ich dachte an nichts so wenig als an Gallien und all die Völker, die seine Grenzen einst bevölkerten, und doch mit einem Male standen Büffel, Auerochsen und römische Krieger wieder vor meiner Seele, und zwar beim Anblick eines kleinen Schildes, das die Aufschrift trug: Gustav Wallenstein, Großherzoglicher Notar. Der »Gahlier« mußt' ich denken, und ich hätte nichts anderes denken können, selbst nicht an Reue und Leid über meine Sünden, und wenn mir einer das Messer an die Kehle gesetzt hätte. Also lebt er noch, so folgerte ich aus dem Blechschild weiter, und da gerade in einem Fenstergewand des unteren Stockwerkes ein Dienstmädchen mit einem Putzlappen herumgeisterte, so faßte ich mir ein Herz und rief der Küchenfee entgegen: »Mein Fräulein, ist der Gahlier zu Hause?«

Ich weiß nicht, ob das ominöse Wort begriffen war oder nicht. Ich merkte nur, wie das Mädchen mich mit leeren Augen fragend ansah, und ich verbesserte meine Rede und fragte, ob der Herr Notar zu Hause sei, und erhielt als knappe Antwort das Wörtchen: »Nein!«

»So ist er ausgegangen – verreist?«

»Nein!«

»Aber wo steckt er denn, Fräulein, wenn er nicht zu Hause, nicht in der Stadt und nicht in der Fremde ist?«

»Im Grabloch,« sagte die ländliche Schöne und putzte gefühllos an einer Fensterscheibe weiter.

»Im Grabloch!« Wie dieses Wort mich doch erschüttert hat! Im Nu stand ein Dutzend Menschen um mich herum, die alle einmal mit mir jung und fröhlich und jetzt tot waren.

Auch du warst unter der Gesellschaft der Abgeschiedenen, mein guter Leibbursche August Weber, der du die neue Welt meines Geistes, ein zweiter Kolumbus, entdeckt hast. Tierarzt bist du nur gewesen und hast doch besser in Menschengehirnen zu lesen verstanden als mancher Psychologe.

Apropos! Daß ich nicht vergesse, dich meinem Publikum vorzustellen! Hört Leute! Weber war von mittlerer Größe. Über den schwarzen Schädel lief ihm eine kunstgerechte Läuseallee von der Stirne bis tief ins Genick hinein. Seine Brust zierten zwei Bänder, drei Bierzipfel seine Magengegend, während in seiner Rechten der Elfenbeingriff eines Wappenstockes lustig auf- und niedertänzelte. So schritt in Kidlederstiefeln der Übermensch über das Pflaster Gießens, das Entzücken aller Vogelsberger, auch wenn sie vom Burschentum nur eine blasse Ahnung hatten. Daß sein hehres Aussehen mich bestochen hatte, mag der Umstand dartun, daß ich diesen Adonis zum Leibburschen gewählt habe. Gut, er tat mir den Gefallen und nahm mich an. Mehr noch, er kümmerte sich sogar um mich, führte mich zum Friseur, trank mir zuweilen vor oder setzte sich sogar neben mich, um sich von mir allerlei aus meinem Vorleben erzählen zu lassen, wenn ich angetrunken war. Lag mir damals schon etwas Autoreneitelkeit im Sinn, daß ich die Leute liebte, die ihr Ohr meinem Gesange öffneten? Mag sein, denn ich erinnere mich genau, daß ich meinem Leibburschen gegenüber sehr gesprächig wurde, und daß es mich mit stolzer Freude erfüllte, wenn er zu meinen Geschichten lachte. Ach und er konnte lachen! Lachen, so recht aus tiefstem Herzensgrund. Lachen, daß die größten Krakehler stumm wurden und die Wände zu tönen anfingen.

Als er wieder einmal lachend an meiner Seite saß, näherte sich uns mit vornehm überlegener Miene ein anderes bemoostes Haupt. Es war ein Herr Räuschenberg, vielgewandert von einer Universität zur anderen und doch bis heute noch nicht soviel erstarkt, daß er den Gang ins Examen hätte wagen können. Als er, ohne mich eines Blick zu würdigen, stolz an unserer Tischecke vorüber wollte, suchte mein Leibbursche ihn mit den Worten festzuhalten: »Setz dich da mal her, Räuschenberg, und hör' dem krummen Fuchs da zu, wie der erzählen kann.«

Wunder über Wunder! Der weltgereiste Herr, der gefürchtete Fechter, der die scharfe Klinge schlug, er setzte sich neben dem krassen Füchslein nieder und er lauschte auf seine Worte, zwar nicht derart, daß darüber sein Durst zu kurz gekommen wäre, aber er lauschte doch. Bald erhob er sich wieder und ging. Im Abgehen hatte er noch die Gnade, daß er mir herablassend auf die Schulter klopfte und die ermunternden Worte sprach, die ich in meinen »Sechs Schwaben« einem anderen in den Mund gelegt habe: »Junge, aus dir wär' was zu machen, wennste Talent hättest!«

Warum ich diese Geschichte hier erzählt habe? Nun weil ich durch sie dartuen wollte, wie manchmal das Huhn das Körnchen findet, nach dem das Auge des Geiers vergeblich geschaut hat. Hatte ich nicht siebzig und noch mehr deutsche Aufsätze geschrieben, ohne daß von irgendeinem meiner Lehrer eine schriftstellerische Begabung in mir auch nur geahnt worden wäre. Und da mußte ausgerechnet ein Student der Tierarzneikunde kommen und herausfinden, daß ich Talent zum Erzählen hätte, und ein Bummler mußte es bestätigen.

Gefallen hat es mir in Gießen nicht. Der Student lebte dazumal fast nur im Wirtshause. Um elf Uhr hatte man zum Frühschoppen bei Andreas Weidig zu erscheinen und die halbe Nacht über saß man auf der Kneipe. Wer am meisten trinken konnte, kam zu Ansehen bei seiner Korporation und wer eine gute Klinge zu führen verstand, konnte im Städtchen seinen Namen zu einem gefürchteten machen. Doch auch ein derber Prügel konnte ein Gegenstand werden, der einen aus der Mittelmäßigkeit heraushob.

Nicht selten waren nämlich die nächtlichen Holzereien der Studenten untereinander. Korps und Burschenschaften standen gegenseitig beständig in Waffenverruf und stießen sie im Hellen oder Dunkeln aufeinander, so begann die Prügelei. Wer eine Mütze oder gar ein Band bei einer solchen Gelegenheit ergattern konnte, hängte sie als Siegestrophäe in seinem Zimmer auf. Wer Beulen am Kopfe hatte, schämte sich und rieb sie schweigend ein.

Gottserbärmlich waren auch die Wohnungsverhältnisse des Studenten zu meiner Zelt. Die neueren Stadtteile überm Graben existierten noch nicht, und die alten Holzbaracken der inneren Stadt standen nur, weil sie nicht umfallen konnten. Windschief hing ein Haus übers andere hinüber. Die Türen waren verzogen, die Treppen ungleich und die Fenster schlossen nicht. Dem Winde war es eine Kleinigkeit, einem das Gucklicht auszublasen, wenn man sich einmal entschlossen hatte, zu Hause zu bleiben und einen Brief zu schreiben. Ich wohnte ein Semester lang in einer derartig verzogenen Bude, daß ich vorwärts fiel, wenn ich von der Tür nach dem Fenster strebte, und den Kopf an die Decke anschlug, wenn ich wieder zurückwollte. Den Abort vertrat ein Eimer, der geheimnisvoll auf dem Hausgang hinter einem grünen Vorhang lauerte. Streit und Zank mit den Hausleuten ersetzten das Morgen- und Abendgebet, und sie hätten auch über Mittag angedauert, wenn man es nicht vorgezogen hätte, sich selber an die Luft zu setzen, und so den Gerüchen zu entgehen, die aus den Geißenställen und Hühnerhöfen zu den Musensöhnen in den Dachkammern emporkletterten.

Daß ich im dritten Semester bereits mein Philosophikum bestanden habe, verdanke ich nur der Frechheit, mit der ich ins Examen ging, und dem Zufall, daß ich das wenige gefragt wurde, wovon ich eine blasse Ahnung hatte.

Schwer ist mir der Abschied von der Musenstadt an der Lahn nicht geworden. Als ich noch ein letztes Mal auf der Ruine Staufenberg den Schläger mit einem Marburger Burschenschafter gekreuzt hatte und mit leichten Schrammen davongekommen war, packte ich meine Siebensachen zusammen, um in die Osterferien zu gehen. Kein weibliches Auge ist bei meinem Weggang naß geworden. Abgesehen von einigen Theologen war in unserem Bunde keiner verliebt, und wenn es einer gewesen wäre, so hätte er es niemandem gezeigt, am wenigsten dem geliebten Wesen selber. Wir waren viel zu sehr Übermenschen, als daß wir uns um das schwache Geschlecht hätten kümmern sollen.

Die Würzburger Glöckle haben e wunderschön's Geläut

Dem Leben in Würzburg ging ich erwartungsvoll entgegen. Ältere Verkehrsgäste unseres Bundes hatten viel Rühmens von dieser Universität gemacht und die Lage der Stadt und das Treiben in ihr in schönen Farben gemalt. Es war ein Frühlingstag, an dem ich das Maintal hinauffuhr. Er neigte sich schon seinem Ende zu, als, von der Abendsonne rosig angehaucht, zuerst das Kloster Himmelspforte und dann die Marienburg vor meinen schönheitshungrigen Blicken auftauchte. Gleich darauf hielt der Zug und ich stand auf dem Perron des Würzburger Bahnhofs. Als ich einen Blick in die Wartesäle warf, fiel es mir auf, daß sie voller Leute saßen. Es kam mir vor, als ob die ganze Menschheit aus lauter Geschäftsreisenden bestünde, die, Gott weiß wohin, von ihren Bedürfnissen getrieben wurden. Ich kannte zur damaligen Zeit noch nicht die süße Gewohnheit aller Bayern, in den Bahnhöfen mit Vorliebe ihren Abendschoppen zu trinken. Dieser Brauch rührte wohl daher, daß man in den Wartesälen Gelegenheit hatte, wieder einmal mit alten Bekannten zusammen zu treffen, ihnen die Hand zu drücken, ein paar Worte zu wechseln und Neuigkeiten zu erfahren. Ich drängte mich mit meinem Gepäck durch die fröhlich zechende Menge hindurch und kam vor den Bahnhof. Ein Nachtquartier fand ich in der »Blauen Glocke«, und als ich gegen neun Uhr am nächsten Morgen vom Zusammenläuten geweckt wurde und die Wirtstochter mir den Kaffee brachte, wußt' ich schon, daß die Kapitelüberschrift stimmt, und auch daß die Würzburger Mädli kreuzbrave Leut' sind.

Meine vollbusige Hebe hatte mich nämlich auf das genaueste unterrichtet, wo man die Woche über in der Stadt die größten Kalbshaxen bekam, und wo ich sie selber in ganzer Wesenheit an den Sonntagen finden würde, wenn es mich gelüsten sollte, einen Arm voll Brusttee im Walzertakt herumzuschwenken. Das war für meinen vorläufigen Wissensdurst gewiß sehr schätzenswert, zunächst aber fehlte es mir an einem Logis. Ich ließ mein Gepäck im Schutze der offenherzigen Wirtstochter und bemühte mich, das Juliushospital aufzufinden. Im Portal desselben entdeckte ich bald das schwarze Brett und an diesem eine Masse von geschriebenen Zetteln, die Studenten aufmerksam machen sollten, wo ein leeres Zimmer zu finden wäre. Eine von diesen Anschriften verwies mich auf die Bohnesmühlgasse, wo ich denn auch bei einer wohlgenährten Frau Raninger eine saubere und leidlich geräumige Stube fand und von der allwissenden Studentenmutter erfuhr, daß die Burschenschaft im Hofbräuhaus ihre Kneipe und im Theaterkaffee ihren Mittagstisch hätte. Wenn ich der guten Frau noch eine Zeitlang Gehör geschenkt hätte, so konnte ich erfahren, wieviel Hunde die Mönanen hatten und wieviel Geld ihnen der Heidungsfelder Jude vorgestreckt zur Feier ihres letzten Stiftungsfestes. Doch was ich über die Würzburger Verhältnisse jetzt schon wußte, genügte mir. Ich ließ mein Gepäck in die Bohnesmühle schaffen und richtete mich allda ein mit dem festen Vorsatz, meine Studien nicht zu vernachlässigen, im übrigen von den Lebensfreuden an mich zu raffen, was sich von einem gesunden, jungen Menschen nur ergattern ließ. Und diesem meinem Streben war der Genius Loci zugetan. Über dem klaren Fluß, in dem sich neben der Brücke die Burg und das lustige Wallfahrtskirchlein spiegelte, zitterte eine kristallklare Atmosphäre von leichtsinniger Lebensbejahung. Weiter hinaus als an das Heute dachte keiner von den behäbigen Spießern, die mit dem umgebundenen Schurzfell ihren Frühschoppen tranken, dachte keine von den leichtfüßigen Bürgerstöchterchen, die am Arm des Studenten nach der Zeller Waldspitze wanderten oder mit dem Galan im Hofgarten zu Veitshöchheim hinter verschnittenen Buchsbaumhecken Theater spielten. War's da ein Wunder, wenn der Musensohn mitgerissen wurde in den Strudel der Freude hinein? Seid gesegnet, frohe Tage an den sonnigen Ufern des silberblauen Maines, gesegnet ihr Lippen, die mir gelächelt, der Wein, den ich getrunken, und nicht zuletzt seien gesegnet die Freunde, deren Lieder mich entflammten, wenn wir freudetrunken von Dürrbach niederstiegen in den feurigen Nebel, der abends die kirchenreiche Stadt vergoldete.

Von den vielen feuchtfröhlichen Gesellen, die ich im Laufe von fünf Semestern kennen lernte, hat keiner einen so nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht als Michael Venedey. Seinen Vaternamen hat die badische Revolution vom Jahre 1848 bekannt genug gemacht, und was die nicht tat, das brachte Heinrich Heine fertig, der den idealen Schwärmer mehr als ausreichend in der Sauce seines lauchigen Witzes garkochte. Gut für den Dichter der Loreley, daß er nicht mehr lebte, als der junge Venedey ein Kerl von zwanzig Jahren war. Heine wäre sicher keines natürlichen Todes gestorben.

Der Michel war nämlich ein wahrer Herkules an Kraft. Als er mit seiner Ulmer Dogge, die Reitpeitsche unterm Arm zum ersten Male auf der Arminenkneipe erschien, waren aller Augen voll Verwunderung auf den jungen Halbgott gerichtet. Sein frisches Gesicht leuchtete wie die Morgensonne und ein verwegenes Lächeln, das um seinen Mund spielte, schien so verächtlich auf die Erde niederzuschauen, als ob er hätte sagen wollen: »Was kannst du trüber Klumpen einem Göttersohne anhaben.« Der breite Thorax stak in einer knapp anliegenden Schützenjoppe und die mächtigen Schenkel flossen in schönen Linien in ein Paar eleganter Reiterstiefel hinein. Dabei war keine Spur von Plumpheit an ihm. Im Gegenteil, alle seine Bewegungen waren so rund und elegant, als ob er sie einem Zirkuskünstler abgeguckt hätte.

»Er wird der Schrecken unserer Gegner auf dem Fechtboden sein und das Entzücken aller Würzburgerinnen auf der Sonntagsparade, wenn er aktiv wird,« das war der Gedanke, der jedem von den Burschenschaftern aus den Augen leuchtete. Und Venedey brauchte nicht gekeilt zu werden. Er wollte aktiv werden. Er war mit der Absicht erschienen, einzuspringen, und unaufgefordert stellte er seinen Antrag und bat um die Rezeption. Gewiß, er hätte am gleichen Abend noch im Schmucke der Farben als Renommierfuchs die Kneipe verlassen können, wenn er nicht mit dem Bekenntnis herausgerückt wäre, daß er in einen Ehrenhandel verwickelt sei. Seine kurze und bündige Aussage darüber enthüllte etwa folgendes: Kaum abgestiegen in einem hiesigen Hotel, hatte sich die Wirtin in ihren Gast verliebt. Diese Selbstverständlichkeit einem Adonis gegenüber verletzte die älteren Rechte eines Stammgastes und das Renkontre war da und endete mit einer Säbelforderung. Michel hatte angenommen und sein Ehrenwort gegeben, daß die Mensur innerhalb dreier Tage zum Austrag kommen solle.

Als man ihn auf der Arminenkneipe frug, ob er denn fechten könne, meinte er: »Nein, aber das ließe sich doch wohl innerhalb dreimal vierundzwanzig Stunden erlernen.«

So unwahrscheinlich dieses auch war, die Burschenschaft konnte den verwegenen Fuchs nicht im Stiche lassen, und da er nun schon einmal sein Ehrenwort verpfändet hatte, so nahm man ihn am nächsten Tage mit auf die Fechtscheuer, gab ihm den Säbel in die Faust und zeigte ihm, was eine Terz und eine Quart ist. Michel stellte sich nicht ungeschickt an, allein er war noch weit von einem Fechtkünstler entfernt, als die drei Tage schon verstrichen und die Mensur auf dem Malzspeicher einer Brauerei gezogen war. Ich selber war als Verkehrsgast der Burschenschaft von der Teilnahme an dem Ehrenhandel ausgeschlossen. Was ich darüber weiß, stammt aus dem Munde eines Augenzeugen, der mir das Folgende berichtet hat:

»Venedey hatte zwar Arme wie ein Fleischerknecht, allein was wollte die rohe Kraft bedeuten einem Gegner gegenüber, der athletisch gebaut und als gewandter Fechter stadtbekannt war. Und nun denke dir nur unseren Schrecken! Als die beiden eben bandagiert waren und antreten sollten, erscheint mit grauen Haaren ein Weib auf der Bildfläche. Sie schreitet auf dem Kothurn einer Antigone über die knarrende Diele des Speichers hin, nimmt den Säbel in die Hand und erscheint vor unserem Paukanten mit den Worten: »Michel, mach' deinem Vater Ehre!« Und rate einmal, die Heroine, wer war's? Venedeys Mutter war's, seine leibliche und wahrhaftige Mutter. Nein, so was war noch nicht erlebt worden. Die Sekundanten sahen einander staunend an. Der Paukarzt zog die Hände aus dem Karbolwasser und putzte seine Brille. Der Unparteiische stemmte sein Notizbuch in die Seite und wußte nicht, was er beginnen sollte.

»Indessen hatte Venedey seine Mutter beiseite geschoben und war vorgetreten auf den Kreidestrich. Sein Gegner ließ nicht auf sich warten. Das Kommando ertönte, und die Klingen fuhren mit scharfem Klang gegeneinander. Eins, zwei, drei Gänge waren vorüber, ohne daß noch ein Tropfen Blut geflossen war. Es war zu sehen, zu fühlen, mit Händen zu greifen, Venedeys Gegner sondierte seinen Feind. Er wollte wissen, wen er vor sich hatte, bevor er einen Hieb riskierte. Er lauerte auf eine Blöße und wenn er die gefunden hatte, dann – aber erst dann – holte er zu dem Streiche aus, der die Mensur beenden mußte. Wie vorauszusehen war, so kam's. Im vierten Gang warf Michels Gegner den rechten Arm mit dem ganzen Oberkörper blitzschnell vor. Der Hieb pfiff durch die Luft und fiel mit einem dumpfen Ton nieder auf den Schädel unseres Paukanten. Ein panischer Schrecken lähmte die Zunge der Sekundanten. Sie vergaßen »Halt« zu rufen. Die Zeugen nur stürzten vor und fingen den Michel auf. Mit ellenlangen Schritten kam der Paukarzt herangeeilt und drückte den nassen Schwamm auf Venedeys Kopf, von dem ein blutiges Rinnsal übers Ohr hinweg nach der Schulter lief. Man mußte das Schlimmste befürchten. Ohne gespaltenen Schädel konnte man sich den eben noch so strammen Fuchs schon gar nicht mehr vorstellen. Eine schöne Geschichte das. Noch hatte das Semester nicht begonnen, und schon lag eine Leiche auf der Strecke. Welch ein Gelärm über Studentenunfug wird es in der Stadt, in den Blättern geben.

»Na, so oder ähnlich dachte ein jeder von uns und doch kam's anders. Der Hieb, den Venedey mit dem Haupte pariert hatte, war mit flacher Klinge geschlagen worden, und wie sehr auch dem Michel die Ohren klingen mochten, das Gehäuse seiner Denkkraft hatte standgehalten. Er hatte sogar wieder Sicherheit auf seinen Beinen gewonnen und er war bereit, zu einem weiteren Gange anzutreten.

»Indessen hatte man auf der Gegenseite um Pause gebeten; Venedeys Feind hatte sich umgedreht, als ob er sich schäme, sein Gesicht zu zeigen. Und in der Tat, er hatte allen Grund zur Scham. Ein Zufall hatte es gewollt, daß einer von Venedeys ungehobelten Hieben ihm auf den Vorderarm geraten war, als er sich eben gestreckt hatte, um der Mensur mit der Quart ein Ende zu machen. Nun war das Ende allerdings da, aber anders, als der geübte Fechter es sich gedacht hatte. Ihm waren die Vorderarmsehnen durchschnitten und der Säbel fiel ihm aus der Hand.«

So die Erzählung des Augenzeugen. Die Folgen des unerwarteten Sieges konnte ich wieder selber beobachten. Der Michel ist ein wüster Raufbold geworden. Ich glaube nicht, daß er weniger Blut vergossen hat als Herodes bei seinem berüchtigten Kindermord zu Bethlehem. Dabei war er auf dem Grunde seiner Seele eine harmlose Natur. Er besaß nur den Ehrgeiz, daß keiner seiner Kraft zu widerstehen wagen solle. Gab man zu, daß er der Bulle unter den Kälbern sei, so konnte er wie ein Kind gutmütig und vertrauensselig werden. Gerade diese Eigenschaft seines Charakters war es, die ihn zu meinem ersten Patienten machte.

Venedey der Große lahmte in letzter Zeit ein wenig. Alle Leute sahen es mit Befremden, und daß die Zeitungen von dieser Tatsache noch keine Notiz genommen hatten, war mehr als ein halbes Wunder. Was mochte ihm nur fehlen, unserem tapferen Rufer im Streit? Ja, wer den Mut gehabt hätte, den Gewaltigen danach zu fragen!

Nun, eines Tages erfuhr ich's ohne zu fragen. Venedey hatte sich mir angeschlossen, als wir vom Mittagessen gingen. Er war redselig heute, und er wich nicht von meiner Seite, obwohl wir bereits an dem Zigarrenladen vorübergekommen waren, wo er einzukaufen pflegte. Das war auffällig und mir schwante schon etwas, als ob er mich anpumpen wolle, obwohl er nie in Geldverlegenheiten war. Doch mein Verdacht war grundlos. Er begleitete mich auf meine Bude, machte sich's auf dem Sofa bequem und erkundigte sich, in welcher Station meines Staatsexamens ich gerade angekommen wäre. Als ich ihm sagte, daß ich seither gut abgeschnitten und Grund zur Hoffnung hätte, auf die Menschheit losgelassen zu werden, meinte er so nebenbei: dann brauche wohl auch er sich nicht weiter vor mir zu genieren und er wolle mich bitten, einmal nachzusehen, ihm falle das Gehen schwer, und er fürchte, daß eine Hüftgelenkentzündung bei ihm im Anzug sei.

Daß Venedey, der Unbesiegbare, Vertrauen zu meiner Heilkunst hatte, erfüllte mich mit berechtigtem Stolze. Bis auf seinen dicken Bauch ahmte ich das Aussehen meines Lehrers Linhart nach. Ich setzte den Zwicker auf die Nase, zog die Oberlippe in die Höhe, räusperte ein wenig und tat alles, wovon ich dachte, daß es meinem Klienten imponieren könne. Ich spähte, klopfte, fühlte und horchte an dem erlauchten Patienten herum, bis ich endlich so weit war, das Resultat all meiner Forschungen in die Formel binden zu können: »So leid es mir tut, mein Verehrtester, aber ich kann nur die eine Erklärung abgeben, daß aller Irrtum ausgeschlossen ist, und daß du zweifelsohne an einer Hernia inguinalis leidest.«

Mit dem Kunstausdruck hoffte ich den Übermenschen zu betäuben, wie ihn seinerzeit der flache Säbelhieb betäubt hatte. Allein meine fremdsprachlichen Brocken machten auf den Allgewaltigen keinen Eindruck. Phlegmatisch erhob er sich vom Kanapee, um seine Kleider zu ordnen, und als er eben seinen rechten Hosenträger über die Schulter zog, ließ er sich huldvollst zu der gnädigen Bemerkung herab: »Es freut mich, daß ihr Kerle doch eure Eltern nicht ums Geld betrogen, eure Zeit nicht verbummelt und etwas Tüchtiges erlernt habt. Daß ich es dir nur eingestehe, bevor ich zu dir kam, bin ich nämlich schon beim Bundesbruder Stenger gewesen. Er hat das gleiche gesagt wie du, und wenn es schon einmal vorkommt, daß zwei Mediziner das Gleiche sagen, so darf man mit einiger Sicherheit annehmen, daß es auch das Richtige sein wird. Aber nun gehe einen Schritt weiter, gelehrtes Haus, und sag' mir, was ich zur Heilung des Schadens tun soll. Fällt alles gut aus, so werde ich dich zum Hofrat machen, wenn ich an die Regierung komme.«

»Was du tun sollst, mein Bester? Nichts einfacher als das. Du gehst zum Bandagisten hin und kaufst dir ein Bruchband. Den Taler, den du zum Geschäfte nötig hast, kannst du mir demnächst im Skat abgewinnen. So kommst du zum Gebrauch deiner Glieder, und alles wird in schönster Ordnung sein.«

Venedey schmunzelte befriedigt, erklärte, daß auch Stenger wortwörtlich das gleiche vorgeschlagen habe, und verließ mit einem huldvollen Gruße meine Bude.

Daß sich infolge unserer Verordnung der Lebenswandel Venedeys geändert hätte, konnte weder durch Stengers noch durch meine Beobachtung konstatiert werden. Er spielte, raufte und soff wie immer, und auch sein Hinken hatte sich nicht gebessert. Im Gegenteil, in Gestalt eines Knotenstocks hatte sich der Übermensch ein drittes Bein zugelegt. Wenn er aber einmal den Fuß gegen einen Stein stieß, so verzog er schmerzvoll das Gesicht.

Na, was soll ich viel noch reden. Eines Tages war der Michel wieder auf meiner Bude, um mir rückhaltlos zu erklären, daß meine Verordnung nichts genützt, sondern im Gegenteil den Zustand nur verschlimmert habe. Diese Eröffnung war betrübend, weil mit ihr der versprochene Hofrat im blauen Dunst verschwand, aber ich fühlte, daß ich mich nicht verblüffen lassen dürfe. Ich ließ mir zunächst einmal das Bruchband zeigen. Mit Kennermiene prüfte ich seine Feder, indem ich eifrig darüber nachsann, ob ich nicht die Schuld am Mißerfolge dem Instrumentenmacher in die Schuhe schieben könne, und mit gut geheucheltem Unmut fing ich an zu schimpfen:

»Na was dem Tölpel denn nur eingefallen sein mag. Er muß doch gesehen haben, daß er keinen Bauernrammel vor sich hat. Diese Feder wäre recht in einer Bärenfalle, nicht aber auf dem Körper eines Kulturmenschen. Weißt du was, mein Lieber, lege zu den bereits bezahlten drei Mark zwei weitere zu, und du wirst im Besitze eines englischen Bruchbandes sein, das deine Beschwerden von dir nehmen wird, wie die Morgensonne den Junireif.«

Venedey lächelte befriedigt, und indem er erklärte, daß Stenger ihm ganz die gleiche Auskunft gegeben habe, verließ er das Zimmer.

Einige Tage noch sah man den Unbezwinglichen im Theatercafé um das Billard hinken, dann erblickte ihn keiner mehr. Ein verstohlenes Nachforschen nach seinem Verbleib förderte die Tatsache ans Licht, daß er im Juliusspital Aufnahme gefunden hätte. Stengers Gewissen muß nicht minder schlecht gewesen sein wie mein eigenes. Er nahm den Namen Venedey nicht in den Mund, und damit auch ich es nicht tun konnte, vermied er es, mit mir am gleichen Tische zu sitzen. So ging hangend und bangend in schwebender Pein eine Woche hin, als sich das Gerücht verbreitete, der Michel sei an einem Karfunkel des Oberschenkels glücklich operiert worden. Welch ein vernichtender Schlag für uns zwei junge Mediziner!

Wollte sich denn zwischen Hernia und Karfunkel gar kein innerer Zusammenhang herstellen lassen? Nein, es ging schlechterdings nicht. Die Schüssel voll Eiter, die sich beim Einschnitt entleert haben sollte, sprach ein zu vernichtendes Urteil aus über meine und Stengers Kenntnisse. Es war schrecklich. Um unsere Schamröte zu verbergen, hätten wir in einen Brunnenschacht hinabspringen müssen. Ich meinerseits ging nur noch des Abends aus und da nur in Wirtschaften, wo ich hoffen konnte, keinen Bekannten zu finden. Eigentlich hätte ich ja einmal ins Spital gehen und meinen kranken Freund besuchen müssen, aber ich fand den Mut nicht dazu, ebensowenig wie der Stenger. Meine stille Hoffnung war, daß mein Staatsexamen einen gedeihlichen Fortschritt nehmen und ich aus Würzburg fort sein möchte, wenn der geheilte Löwe wieder in der Arena erschiene. Leider erfüllten meine stillen Wünsche sich nicht.

Bis zur Augenheilstation war ich in den Fachprüfungen vorgedrungen. Nun konnte es nicht mehr fehlen. »Der alte Reichsritter läßt keinen durchfallen,« das war ein Glaubenssatz der Studentenschaft, an dem zu zweifeln eine Todsünde gewesen wäre. Wer war der Reichsritter? Der Leser soll es alsbald erfahren. Er hieß von Welz, hatte die kugelrunde Gestalt einer Flunder und stammte aus einem alten österreichischen Adelsgeschlechte. So viel man sehen konnte, wandelte er in den Wegen des Herrn und in gerüsterten Schuhen, während sein dunkelblauer Leibrock mit vergoldeten Wappenknöpfen verziert war. Sein Hut konnte ihm zu allen Zeiten einen Schirm ersetzen, und da seine breite Krempe die gedrungene Figur ihres Trägers noch kleiner machte, als sie ohnedies schon war, so wird man sich allgemach vorstellen können, daß der altadelige Herr mit einem neuadeligen Champagnerstöpsel eine entfernte Ähnlichkeit hatte.

Sein Lehrfach war, wie gesagt, die Augenheilkunde und seine Liebhaberei das Sammeln von Altertümern. Beide Disziplinen mischten sich unter seinen Dachpfannen derart lieblich zusammen, daß die Atropintropfen zumeist in Frankentaler Kaffeeschalen und des Professors Taschentücher zwischen den Blättern eines anatomischen Atlasses aufbewahrt waren. Daß man viel bei dem alten Starstecher gelernt hätte, kann nicht behauptet werden. Er sah dies selber ein und war aus diesem Grunde der beste Examinator, den man sich nur wünschen mochte. Wenn einer auch rein gar nichts wußte, so konnte er mit der Bemerkung, er müsse demnächst den Einjährigen machen, oder, wenn auch das nicht ziehen wollte, es könne das Heiraten unmöglich länger hinausgeschoben werden, eine genügende Note erreichen. Nun denn, man sollte denken, daß das Examen bei diesem gutmütigen Herrn kein Graben war, der sich nicht hätte überspringen lassen, zumal da es auch noch unerlaubte Beihilfen gab, deren sich jeder Kandidat skrupellos zu bedienen pflegte.

Zu den letzteren gehörte es, daß man sich in die Klausur herein einen Kommilitonen bestellte, zu dessen Kenntnissen man mehr Vertrauen hatte, als zu den eigenen. Gut, ich war so weit, daß der Reichsritter mir einen Patienten zugeteilt hatte. Auf der Schwelle des Klausurzimmers stehend stellte er mir einen grauköpfigen Bauern vor mit den Worten: »Do habens also Ihne Ihren Patienten, dens untersuchen und dann e Krankengeschichten über sein Zustand schreiben sollen. Daß ös a wissen, i könnt Ihne ja einschließen. Sell tu i aber nit, weil i a denk, Sie wern a so kan reinlassen, der Ihnen da helfen soll und so weiter. Und daß i darauf nit vergeß: Um en zwölfe geh i aus dem Haus und punkt zwei Uhr werd i wieder da sein, wo i a jetzt steh.« Mit diesen Worten schob er den Bauer neben einem ausgestopften Krokodil vorbei zu mir ins Zimmer herein und ging zum Mittagessen in den alten Bahnhof, wie der Stadt und der Welt genugsam bekannt war.

Ich forderte meinen Patienten auf, einmal die Augen aufzureißen. Er tat, was alle Menschen bei einer solchen Zumutung tun, er riß den Mund auf. Ich mußte mit den Fingern zulangen und die Lider zu öffnen suchen. Ich war erstaunt über den leichten Fall, den der Professor mir zugewiesen hatte. Bei dieser Sachlage hätte ich eines Helfershelfers nicht bedurft. Aber er war nun doch einmal bestellt und er war nicht abzutelephonieren. Wohl möglich, daß er dem Reichsritter unter dem Portal der Augenklinik begegnet ist, denn jener war kaum erst gegangen, als dieser schon kam. »Kinderleichter Fall,« sagte er, als er den Bauern neben mir so obenhin betrachtet hatte. »Mensch, in fünf Minuten bist du mit der Krankengeschichte fertig. Hoffentlich hast du doch für uns beide das Mittagessen bestellt und einige Flaschen Steinweines.«

Der Klausurdiener, an Besuche längst gewöhnt, hatte während dieser Rede den Tisch gedeckt und die Gläser vollgeschenkt. Wir setzten den Patienten zu uns an die Mittagstafel und fingen an zu kneipen. Die Stimmung wurde animiert, und eben wollte ich den herzensguten Reichsritter hochleben lassen, als er leibhaftig und in Lebensgroße vor uns stand. Wer am meisten erschrocken war, er oder wir, das wußte ich zunächst nicht, denn es herrschte ein verteufelt peinliches Schweigen, bis endlich der Champagnerpfropfen in die Worte ausbrach: »Nu aber jötzt! Was is aber nu dös? Jetzt hab' ich Ihna g'sagt, daß ich Punkt zwei Uhr da sein werde. Drei Minuten sans drüber, un nu is der als noch da herinnen. Was tun's jetzt aber auch Sie da?« hauchte er mit starken Akzenten meinen Helfershelfer an.

»Ich hab' mein Mikroskop hier g'sucht. Den Herrn da kenn' ich gar nit mal,« gab dieser rasch entschlossen mit seltener Unverfrorenheit zurück.

»E Mikroskop also haben's g'sucht? In dem Haus ist seit Christi Geburt noch kei Mikroskop nit gewese. Hörns, i will's Ihna sagen, was Sie hier g'sucht haben. Dem da haben's geholfen, aber a nit zu seim Vorteil, denn daß ens nur wissen, durchgefallen is er alleweil, un da beißt kein Maus kein Faden nit daran ab, sag i und damit basta.«

Ich fühlte, daß jetzt die Reihe zum Reden an mir war, und ich erhob mich langsam von meinem Stuhl und versuchte gesenkten Hauptes den alten Herrn umzustimmen, indem ich ihm programmäßig zu bedenken gab, daß ich mit dem ersten April das Abdienen meines Soldatenjahres zu beginnen habe.

Er blieb ungerührt. Ich mußte stärker beschwören und führte deshalb, während der Bauer und mein Helfershelfer sich drückten, dem Starstecher die Notwendigkeit einer beschleunigten Eheschließung vor die Augen, indem ich die schüchterne Erwartung aussprach, er werde es doch nicht über sich gewinnen können, so a arms Madel unglücklich zu machen.

Aber da hatte ich diesmal einen falschen Akkord gegriffen. Der Reichsritter fühlte sich an seiner Ehre berührt und polterte los: »Na, da kommen's mir aber erst recht überzwerch. Wo denken's hin? En alter Mann, un e jungs Madel unglücklich machen! Daß ens mir dös nit en zweites Mal sagen!«

Alle heiligen Nothelfer, ich merkte, daß ich mich in einem Punkte falsch ausgedrückt hatte, der dem Alten womöglich Alimentationspflichten zuwälzen könnte. Ich mußte die Sache, so peinlich sie auch war, wieder richtigstellen. Ich bemühte mich also, in den beweglichsten Worten ihm zu versichern, daß ich mich rückhaltlos zu allen Voraussetzungen bekennen würde, die in solchem Falle nötig wären, wenn er – was für ihn doch ein leichtes wäre – die Sache doch so drehen wolle, daß die Kindtaufe nicht vor die Hochzeit falle.

All mein Bitten war umsonst für heute. Der alte Starstecher erklärte mir, daß er diesmal auch in einem so dringenden Falle keine Nachsicht üben werde und, übel oder wohl, ich mußte für heute die Klinik verlassen.

Ich ging nach dem Theatercafé, wo ich einen Teil meiner Bekannten noch beim Skatspielen antraf. Nicht in der besten Laune setzte ich mich neben den Kandidaten Stenger, von dem ich mich angezogen fühlte, weil er eben einen Nullouvert verloren hatte, und somit gleich mir zu den Bedauernswerten gehörte.

»Du kommst aus dem Juliusspital,« sagte er kleinlaut. »Hast du nichts von Venedey gehört?«

»Kein Wort,« wollt' ich zurückgeben, da stand wie aus dem Boden herausgewachsen der eben Genannte stramm und aufrecht in alter Burschenherrlichkeit da. Er hatte den silbernen Griff seiner Reitpeitsche gegen mich gewendet, und jedes seiner Worte scharf betonend tat er in voller Öffentlichkeit den vernichtenden Ausspruch: »Du, Karrillon, dir und dem Stenger, euch beiden würde ich in Zukunft keinen Hund mehr anvertrauen. Aber wenn der Sauter kommt, muß er mir für zwei Groschen eine Ballade auf euere Gelehrsamkeit schreiben.« Sprach's und kehrte uns den Rücken zu.

Wehe uns, dieser Sauter! Wen er andichtete, der war der Lächerlichkeit verfallen. Als letzter Vertreter der Minnesänger trieb er sich an den deutschen Musensitzen herum und dichtete im Tagelohn über jedes Thema, das man ihm in Vorschlag brachte. In ein Poem hinein verwurstelte er Studenten und Metzgerstöchter wie der Selcher Speck und Rotfleisch in eine Fleischwurst, und nicht immer war er diskret genug, die Namen zu verschweigen. Ach, das konnte ein Unglück werden, wenn er gar das Machwerk mit all seinen Titeln und Würden unterzeichnete als da waren: Astralide oder Sterngläubiger, Mitglied der Gesellschaft zum gläsernen Himmel usw. usw. Nein, es war nicht abzusehen, wohin das alles führen konnte. Schließlich blieb dem Stenger und mir nur übrig, an die Ufer der Behringstraße abzuwandern.

Wie dieser Venedey mich von jetzt ab ärgerte! Ich wünschte mir schon nichts mehr als die spitzigste Feder des galligsten Satirikers, damit ich mich an ihm reiben könne, wie Heinrich Heine sich an seinem Vater gerieben hatte, oder die schärfste Klinge eines Renommierfechters, damit ich ihn niedersäbeln könne, wie er seine Gegner niedersäbelte. Um ihn nicht mehr sehen zu müssen, den Unhold, verließ ich zunächst für heute das Theatercafé und am nächsten Morgen entschloß ich mich, noch einmal den Versuch zu machen, ob ich den starrköpfigen Starstecher nicht doch noch zu meinen Gunsten umstimmen könne. Denn wie wollte ich dem Hohne Venedeys entgehen, wenn er erfuhr, daß ich durchgefallen wäre?

Den Reichsritter traf ich in sichtlich guter Laune, wie er zwischen Fechtertorsos und Schlangenhäuten in seinem Raritätenkabinett in Hemdsärmeln auf- und niederging. In seiner Nähe bemerkte ich seinen Assistenten, auf den ich mich im Notfalle wie auf einen Fürbitter vorm Throne der Allmacht verlassen zu können glaubte. Ich nahm die Miene eines Leichenbitters an und suchte meine Frechheit vom Tage vorher mit der Zudringlichkeit meines Helfershelfers zu entschuldigen. Ich trug vor, wie der Geselle leider nicht rechtzeitig fortzubringen gewesen sei, nachdem er einmal den Duft des Steinweines gerochen hatte.

Diese Ausrede schien den Reichsritter schon etwas milder zu stimmen und ich hatte gewonnenes Spiel, als der Assistent sich mit der Bemerkung in die Unterhaltung mischte. »Erinnern Sie sich nicht, Herr Professor, das ist der Kandidat, zu dem Sie einmal beim Praktizieren gesagt haben: ›Wo haben Sie nur all die Kenntnisse her? Ich bin gar nicht gewohnt, daß bei mir die Herren was lernen.‹«

Der alte Sammler sammelte seine Gedanken ein wenig, und indem er mich mit forschenden Augen ansah, sagte er nach einer kleinen Pause: »Na, so wollen wir dann versuchen, ob's Madel noch vorm Kindbett unter die Haube zu bringen ist. Mag Er denn dableiben, Kandidat, das Examen kann gleich von neuem losgehen.«

Von jetzt ab bedrängte er mich acht Tage lang in der unerhörtesten Weise, ohne mich aus dem Sattel meiner Kenntnisse heben zu können. Am neunten Tage gab er die weiteren Versuche auf, indem er mir erklärte: »Daß Sie 's wissen, Sie haben e ganz gutes Examen g'macht, aber die schlechtst Not kriegens halt doch, ein Vierer mein ich. Sind's zufrieden damit?«

Ich nickte schweigend mit dem Kopfe und er fuhr fort: »Da die Geschicht mit dem Madel ja doch verlogen is, und Sie nu demnächst fertig sind, wissens was, da könntens da bei mir als Assistent bleiben. So nach und nach bin i e alter Mann worden, un muß dran denken, daß i mir en Sarg anmessen lasse. E' Privatdozent is zurzeit nit da. Sehens, wenns Ihne habilitieren täten, dann könntens nach e paar Semester ganz schön da an der Universität unterkriechen.«

Da mir der Vorschlag einleuchtete, so fragte ich forsch heraus: »Und welches Gehalt geben Sie mir im Jahr?«

»Sie kriegen sechshundert Mark,« antwortete der Ritter, ohne zu erröten.

»Und freie Station,« forschte ich weiter.

Er erhob sich wie ein Känguruh auf den Hinterbeinen und sagte: »Wo denkens a hin? Freie Station, nei, die könnens nit haben.«

»Mit sechshundert Mark im Jahr, das werns zugeben, kann ich doch nit leben.«

»Alldarnach, was Sie essen.«

»Kalbsragout mit Nudeln für zweiundfünfzig Pfennig an jedem Abend im alten Bahnhof.«

»Dös wanns essen wollen, dann könnens mit sechshundert Mark nit auskomme.« So sagte er noch und ließ mich stehen. Damit war meine Aussicht auf eine akademische Lehrkanzel vernichtet, aber mein Examen wenigstens war bestanden.

»Zur alten Heimat geh' ich ein«

Arzt war ich nun nach einem leichten mündlichen Schlußexamen, und daß ich es war, hatte mir mit einem Schlage die Welt umgestaltet. Klein erschien mir jetzt der große Venedey und schal das studentische Treiben, in dem Augenblick, wo mir der Lebensernst mit strengen Problemen gebieterisch ins Gesicht sah. Daß der Jüngling in mir abgetan und der Mann von mir gefordert wurde, das war's, was mir den Abschied aus der Musenstadt zu einem schmerzlichen Ereignis machte. Schöne Augen weinten mir nicht nach, wenn es nicht vielleicht die eines Wesens waren, das als Kirchhofsblüte an meinem Wege gestanden und an das mich Mitleid mehr als Liebe gefesselt hielt. Ich hatte nämlich im letzten Winter noch einmal meine Wohnung gewechselt. Diesmal war ich zu zwei alten Leuten gekommen, die wie Philemon und Baucis ein stilles Haus in der Eichhornstraße bewohnten. Da sie kinderlos geblieben waren, so verzottelten sie semesterweise an die unterschiedlichsten Studenten, die jahraus, jahrein bei ihnen wohnten, ihre Zärtlichkeiten. So weit ging die Fürsorglichkeit des Paares gegen mich, daß ich zu Bett getragen wurde, wenn es mir einfiel, mich betrunken zu stellen. Item, die liebenswürdigen Alten, waren eines Tages damit beschäftigt, die Betten zu lüften, die Sofas zu klopfen und die Gänge zu scheuern. »Was ist los, Frau Gründlich?« fragte ich im Vorübergehen.

»Ach Gott, Herr Doktor, wir hätten's Ihnen schon lange sagen sollen, aber wer denkt an alles. Besuch werden wir kriegen, und nun erschrecken Sie nur nicht, von einem jungen Mädchen gar. Aber daß Sie doch ja nicht denken, wir werden Sie nachher vernachlässigen. Leider sie ist krank, das Mädchen nämlich. Sie kommt von Meran zurück, und sie hat außer uns keine lebende Seele mehr, die sich ihrer annimmt, und da haben wir gedacht, wir wollen sie zu uns nehmen um Gottes Barmherzigkeit willen, und morgen wird sie da sein, und wenn Sie wollen, so werden Sie sie sehen können. Nicht daß wir sie für Geld sehen ließen, aber da die Tür, um Luft zu schaffen, offen stehen bleibt, so ist Ihnen, wenn Sie übern Gang gehen, der Blick nach der Ärmsten gewiß nicht verwehrt.«

Wäre ich am gleichen Tage zu Hause geblieben, so hätte ich wohl erlebt, daß eine Kutsche vorfuhr, die Nachbarsleute die Fenster aufrissen, Herr Gründlich vor die Tür stürzte, ein Bündel aus dem Wagen hob und es behutsam über die Stiegen bis zum zweiten Stockwerk emportrug, wo Frau Gründlich erwartungsvoll stand und sich nicht genug wundern konnte, wie gut doch die kleine Base aussehe, und wie es von ihr ein glücklicher Einfall gewesen wäre, nach Meran zu gehen. Nein, das müsse sie selber sagen, wenn es nun auch viel gekostet habe, das Geld sei nicht umsonst zum Fenster hinausgeworfen worden.

Während so ihr zahnloser Mund sprach, mag ihr Kopf gedacht haben: »Wie mich das arme Ding dauert. Wenn's in Meran einen Kuckuck gibt, so war das der letzte, den sie hat schreien hören.«

Genau so wie Frau Gründlichs Gehirn dachte auch das meine, als ich am nächsten Tage vor ein Sofa in der guten Stube gerufen wurde und einen Wust von Decken sah, aus denen ein schönes, aber unendlich bleiches Antlitz mit verschüchterten Augen gnadeflehend zu mir emporsah. Ich weiß nicht, ob es anderen Männern in ihrer Jugend auch so ergangen ist wie mir. Die brutale Gesundheit roter Backen stieß mich ab, während das Leidende, namentlich wenn es mit Ergebung gepaart war, etwas unendlich Anziehendes für mich hatte. Daß ich in unseren kranken Besuch verliebt gewesen wäre, kann ich nicht sagen, aber gleichwohl wußte ich, daß ich nicht anders gegen sie mich betragen könne, als ob ich von ihrem Wesen sympathisch angezogen wäre. In einer Art von Großmut nahm ich mir sogar vor, mein Interessegefühl für sie zu übertreiben. Gab ich ihr nicht ein artiges Geschenk, wenn ich dem kranken Kinde den Glauben beibrachte, daß sie die Neigung eines gesunden, jungen Mannes zu erregen vermöchte?

Der Himmel sei mein Zeuge, daß ich mich nicht für einen Apollo gehalten habe, aber dessen war ich mir gleichwohl bewußt, daß abgesehen von unterschiedlichen Kellnerinnen eine sehr vermögliche Fleischerstochter namens Himmelreich ein Auge auf mich geworfen hatte.

Wenn ich also für so viele Gesunde ein erstrebenswerter Gegenstand war, wie hoch mußte dann nicht von den Augen einer Kranken mein Besitz eingeschätzt werden! Kurz und gut, ganz gleichgültig war mir das Mädchen nicht, und ich gab mir aufrichtig Mühe, ihr, wo ich konnte, ab und zu eine kleine Freude zu machen. Ich kaufte ein Veilchensträußchen und trug es ihr zu. Ich erzählte ihr dumme Geschichten aus dem Studentenleben und brachte sie zum Lachen, und ich quälte ihrem Stammbuch zu Gefallen die Muse der Dichtkunst. War's nur ein grausam Spiel, das ich mit der Armen trieb?

Alles, was Schwiegermutter zu werden hofft, wird »Ja« sagen und mich dafür in den Grund der Hölle verdammen. Meine Hauswirtin dachte anders. Sie freute sich herzlich des kleinen Glückes, das ihrem Pflegling in den Schoß gefallen war, und sie wußte tausend Gelegenheiten zu schaffen, die mich veranlassen sollten, ab und zu am Krankenlager der Kleinen zu verweilen.

Während das Examen meine Zeit in Anspruch nahm, muß sie gefürchtet haben, mein Interesse könne erkalten, und sie fing mit dickem Holz in wohlwollender Gutmütigkeit an, mir einzuheizen: »Herr Doktor,« sprach sie eines Tages zu mir, »Sie sollten nicht gewaltsam das Wasser abwenden, wenn es auf Ihre Wiese laufen will. Verstehen Sie mich doch! Unser Fräulein ist alleinstehend in der Welt, und niemand ist da, der ein Recht hätte, auf ihren reichen Nachlaß eines Tages zu hoffen. Mein Mann und ich, wir haben im Stillen die Sache oft schon besprochen, und wir würden von ganzem Herzen Ihnen alles gönnen, was da einmal mit einem einzigen Federzug für Sie reif werden und abfallen kann.«

Wie war mir denn eigentlich nur zumute bei solch' einer offenherzigen Erklärung? Im ersten Augenblick kam es mir vor, als ob ich geohrfeigt worden wäre. Hatte ich bei meiner Rücksichtnahme auf die Kranke jemals an einen materiellen Vorteil gedacht? Kannte ich das, was man Erbschleicherei nennt, anders als nur dem Namen nach? Mit Schrecken aber wurde mir jetzt auf einmal klar, daß mein seitheriges Handeln, wenn man es böswillig beurteilen wollte, so genannt werden konnte. Geld hatte ich nie im Überfluß besessen, aber es wäre mir doch nicht eingefallen, daß ich mir durch erheuchelte Zärtlichkeiten ein Vermögen hätte erschwindeln wollen. Ich besaß ein Abgangszeugnis mit der Note »Sehr gut« von der Universität Würzburg in der Tasche, und die Gießener Alma mater hatte mir vorsichtig bestätigt, daß »bezüglich meines Betragens nichts Nachteiliges bekannt geworden sei«. Unter so bewandten Umständen mußten mir auch ohne Erbschleicherei die Millionen in den Schoß fallen. Frau Gründlich hatte das Gegenteil von dem erzielt, was sie erzielen wollte. Meine Besuche bei dem kranken Mädchen wurden seltener, und ich bin mir heute nicht einmal recht klar darüber, ob ich von der Kranken einen formellen Abschied genommen habe oder nicht.

Auch einer anderen hatte ich nicht Adieu gesagt, die in Rimpar wohnte und in »O domina mea« eine Rolle spielt. Weibertränen sind also bei meinem Abgange von Würzburg so wenig geflossen als bei dem von Gießen, dagegen reichlich Bier, denn es hatten einige Freunde mich zum Bahnhof begleitet, Hieber, der als Arzt in Lörrach starb, und Rennert, den der Tod aus Frankfurt heimholte in seine dunkle Kammer.

Besonders freudig war ich bei meiner Fahrt das Maintal hinab und durch den waldigen Spessart nicht gestimmt.

Das Gefühl, daß ich nun ganz auf mich selbst gestellt sei, machte mich unsicher, zumal, wenn ich mir vorstellte, daß ich demnächst ganz unter Bauern leben müßte, ohne daß ich von der Landwirtschaft und Viehzucht mehr verstand als den Unterschied zwischen einem Kalb und einem Hammel.

»Muß selber nun Philister sein«

Zu Hause angekommen, grüßten und beglückwünschten mich eine Menge alter Bekannter. Von keinem aber war ich lieber gesehen worden als von dem gichtbrüchigen Doktor Willmann. Er hatte seit langem mit meinem Kommen gerechnet, weil er sich einmal zu einem Sprunge in die Welt hinaus ein paar freie Tage machen wollte. Gerne war ich bereit, ihn zu vertreten. Denn so auf einem Fuhrwerk bei guten Wegen durch die Täler hinzuklappern, das erschien mir als der Gipfel allen Erdenglückes.

Aber Willmann war kaum fort, so änderte sich das Wetter. Unendlicher Schnee fiel vom Himmel und auf der Höhe von Oberabsteinach war ich dem Tode des Erfrierens so nahe wie die Weißrübe, die im Felde vergessen worden ist. Es schien überhaupt so, als ob der Sensenmann nur so hinter mir herschleiche, um mir bei der ersten besten Gelegenheit das Lebenslicht auszublasen. In Aschbach war ich auf dem Stauweiher eines Hammerwerkes beim Schlittschuhlaufen eingebrochen, und in Bad Nauheim, wo ich den Doktor Grödel vertrat, holte ich mir an einem Kinderkrankenbette die Diphtherie. Noch erinnere ich mich genau der qualvollen Stunden, in denen ich mit der Atemnot zu ringen hatte. Was war das doch für eine Nacht, in der ich mich von einer Seite auf die andere warf, ohne das finden zu können, was mich doch zehn Kilometer hoch so massenhaft umgab, die Luft.

Wie ein Gürtel schnürte mir ein eiserner Reif die Rippen zusammen und trieb mir das Blut nach dem Kopfe. Farbige Kränze schwebten vor meinen Augen. In den Ohren war ein verworrenes Singen, aus dem heraus ich nur ab und zu die Sätze hören konnte: »Warum hast du dich jetzt nur geplagt und dein Examen gemacht? Warum nur, wo du doch nun dem Tode verfallen bist?«

Doch noch war es nicht ganz so weit. Meine zähe Konstitution blieb Sieger über die Heimtücken der Krankheit. Ich erholte mich verhältnismäßig schnell unter der sorgsamen Pflege der Frau Doktor, und als ich erst wieder auf sein und die eingelaufene Post lesen konnte, genoß ich mit Wonne die Gewißheit, daß es noch Menschen gab, die an mich dachten. Fräulein Himmelreich hatte mir nämlich eine Anzahl lyrischer Gedichte zugesendet, in denen von Vergißmeinnichten die Rede und die aus einer Fleischerzeitung ausgeschnitten waren. Wer sie auch gemacht haben mag, ihm sei dafür gedankt. Vom Rande des Grabes abermals zurückkehrend, war ich sehr empfänglich für Zärtlichkeiten, und wenn man's mit den Reimen nicht so genau nahm, so konnte man die Versfüße hinunterschlucken, als ob sie wie Schnuten und Pfoten in einer braunen Sauce lägen.

Indessen war Doktor Grödel wieder heimgekommen und ich mußte wandern. Als sichtbaren Gewinn meines Nauheimer Aufenthaltes nahm ich einen Sommerüberzieher mit hinweg, den ich mir gekauft, und ein illustriertes Exemplar des Gil Blas, das mir ein Herr v. Löw geschenkt hatte.

Mein Weg ging jetzt über den Rhein hinüber. An einem seiner Altwasser in der Gemeinde Eich war ich unter mehreren Bewerbern als Armenarzt erwählt worden. Meine Wohnung war ein verlassenes Bauernhaus mit vielen Stuben, in die ich mich mit den Ratten teilte, während in der halbleeren Dunggrube die Frösche zu nächtlichen Serenaden ungebeten ihre Instrumente stimmten. Was der Hofreite außer einem Stall voll Vieh noch fehlte, fand ich in einer Wirtschaft, die mir gerade gegenüber in der Dorfgasse stand und den Namen »Zum Löwen« führte. Man kann nicht besser aufgehoben sein, als ich es bei den braven Wirtsleuten war. Und was ich da für meine ganze Verköstigung im Tage zahlte? Ich geniere mich, es niederzuschreiben. Man bekäme heute keine rauchbare Zigarre dafür. Um die Leute einigermaßen schadlos zu halten, ließ ich mir über Tisch eine Flasche ihres besten Weines vorsetzen. Da kam es nun manchmal vor, daß ich nicht alles trinken mochte und mir von einem Nachbarn helfen ließ, mit dem ich zuweilen auf den Altrhein fuhr, wenn er Wildenten schoß. Diese meine Liberalität war nicht nach dem Sinne meiner Wirtin, obwohl sie doch ihrer Kasse nicht zum Schaden gereichen konnte. Und so stand sie denn eines Tages vor mir mit der Erklärung: »Daß Sie es wissen, Herr Doktor, ich habe meinem Mann anempfohlen, den »Goldberger« in halbe Flaschen abzufüllen. Haben Sie Durst, so trinken Sie zwei Halbe. In der Art bezahlen Sie doch nur, was Sie getrunken haben. Es ist nicht nötig, daß Ihr Huhn sein Ei ins Nest reicher Leute legt.«

Ich erzähle dies Ereignis, weil es zeigt, wie vordem die Menschen waren, als der unselige Geldhunger, der mit den französischen Milliarden ins Land gekommen war, noch nicht die deutsche Volksseele angefressen hatte.

Unter der mütterlichen Fürsorge der Löwenwirtin war ich zu neuer Leibwäsche gekommen und sogar zu einem Sparkassenbuch, dessen Zahlen sich nach meinen Begriffen unheimlich vergrößert hatten, so oft es mir neuerdings zu Gesicht kam. Für gewöhnlich befand es sich in den Händen des Polizeidieners Rüßler. Einen Gröberen als er in seinen äußeren Formen war, hätte man in der absolut ländlichen Bevölkerung nicht auftreiben können, und so war er durchaus naturgemäß zur Würde des Dorfbüttels gelangt, zumal da er gerne einen Schoppen trank und deshalb ein Auge zudrückte, wenn die Wirtsuhren nach Mitternacht ihren Gang verlangsamten.

Wie er mein Tresorchef geworden war? Nun, ich hatte ihn von meinem Vorgänger übernommen, wie der Thronfolger von der toten Majestät einen brauchbaren Minister übernimmt. Er kam am Quartalschluß und holte meine Rechnungen ab. Die offenen Zettel trug er den Leuten überm Essen in die Häuser hinein. Er sagte nicht »Guten Tag«, sondern nur: »Vergeßt nicht, dem Doktor sein Geld aufs Fensterbrett zu legen, ehe ihr ins Feld geht! Gegens Abendläuten komm ich vorüber und nehm's mit.« Und er machte selten einen Metzgersgang. Unter den Groben genießt der Gröbere immer noch ein Ansehen und setzt seinen Willen durch.

Hätte ich irgend eine geistige Anregung gehabt, so hätte es mir in Eich lange gut genug sein können. Allein dieses rein vegetabile Hinleben unter den Bauern befriedigte mich nicht. In mir war ein ewiges Drängen und Schieben nach den großen Horizonten des Lebens. Die flache Gegend ermüdete mich; sie war mir zu übersichtlich, zu gefahrenarm. Ich wünschte Schrecken um mich herum. Auf Schroffen wollte ich hinaufklettern, und in Abgründe wollte ich hinuntertauchen. Wenn ich bei hellem Wetter im Osten den Melibokus sehen konnte, dann verzehrte mich das Heimweh nach den Bergen wie ein Fieber, und Tag und Nacht schmiedete ich Pläne, wie ich aus dem Engen heraus und in die größere Weite kommen möchte. »Wie du den Wolf auch füttern magst, immer schielt er nach dem Walde.« Irgendwo hatte ich damals diesen Ausspruch gelesen, und wie ein Stempel hatte er sich meinem Gedächtnis eingeprägt, nicht weil er leicht zu behalten war, sondern weil er schon darinnen stand, lange bevor ich wußte, daß der Kulturmensch für ein sicheres Stallfutter das Beste, was an ihm ist, seine Freiheit verhandelt hat.

Um die innere Glut zur Siedhitze zu steigern, war der älteste Sohn des Dorfpfarrers Jung für einige Monate nach Hause zurückgekehrt. Er war für ein holländisches Geschäft am Kongo tätig und erhitzte meine leicht erregbare Phantasie durch lebhafte Schilderungen der Tropenwelt. Von da ab weilte fast nur noch mein Körper in der rohrbestandenen Sumpflandschaft, während mein Geist zwischen Lianen und vielgestaltigen Orchideenblüten der Urwaldstämme mit Schmetterlingsflügeln herumschwebte. Immer mehr und mehr gewann der Vorsatz des Auswanderns in meinem Inneren Form und Gestalt, namentlich dann, wenn ich mir vom Polizeidiener mein Kontobüchlein zeigen ließ und mit Staunen wahrnahm, daß mein Vermögen schon weit über das hinausgewachsen war, was ein anständiger Mensch für ein bescheidenes Leichenbegängnis nötig hatte.

Aber halt die Pferde an, Fuhrmann! Da war mein guter Vater noch, der durch meine Abreise das letzte von seinen elf Kindern aus dem Auge verloren hätte, und dann – und dann – es war eben noch ein Wesen da, zu dem hinüber sich so langsam ein Faden gesponnen hatte, der sich wohl noch hätte zerreißen lassen, aber nicht so, daß nicht eine schmerzliche Stelle hüben oder drüben zurückgeblieben wäre.

An einem Bauernhofe vorüber führte mein Weg des öfteren über ein Stückchen Rasen, auf dem außer einem Nußbaum noch andere Bäume so standen, daß man zwischen ihnen bei schönem Wetter ein Waschseil bequem spannen konnte. War's Zufall oder Fügung, daß ich unter flatternden Wäschestücken des öfteren eine Mädchengestalt beobachten konnte, die mir in ihrem schlanken Körperbau gar wohl gefiel, zumal wenn sie die Arme nach oben reckte und mit arbeitsgewohnten Fingern die Klammern verteilte über den schneeigen Glanz der Leinenstücke hin. Beim ersten Anblick werde ich mir wohl nicht allzuviele Sorgen über das Mädchen gemacht haben. Beim öfteren Hinsehen muß mir aber der Gedanke gekommen sein, daß die Kleine so das richtige Mittelstück wäre zwischen einer hyperkultivierten Modedame und einem bürgerlichen Arbeitsweibe, ebenso beschaffen und zurechtgestutzt, wie sie für den bescheidenen Haushalt eines Landarztes paßte, und ich fing an, dem Mädchen ein wenig den Hof zu machen. Soll ich das Alltägliche zu beschreiben versuchen? Ich werd' es bleiben lassen! Man nützt keinem anderen damit, wenn man den eignen Liebesweg topographisch wie eine Wandkarte hinzeichnet. Immer sind Amors Pfade andere, und wie vorsichtig man auch auf sie treten mag, gewöhnlich enden sie vor dem Schreibtisch eines Standesbeamten. Nun, so weit war es vorläufig bei mir noch nicht. Ich hatte zunächst noch einen Winter vor mir, den ich auf dem Lande zubringen wollte, aber der wäre mir zum zweiten Male beinahe verhängnisvoll geworden.

In breiten Tafeln trieb das Treibeis träge den Rheinstrom hinunter. Nur hier und da wagte sich der Kahn eines verwegenen Schiffers zwischen die Schollen, um am anderen Ufer spurlos zwischen den kahlen Weidengerten zu verschwinden. Ich war an diesem Tage an der Rheinfähre bei einem kranken Kinde gewesen und ging langsam durch eine langweilige Pappelallee dem Dorfe zu. Es schneite mehr und mehr, und schon mußte ich den Schnee von meinen Schuhen klopfen, als ich über die Schwelle meiner Wohnung trat. Der Wind rüttelte an den Fensterläden, als ich mich zu Bette legte. An dieses Geräusch war ich gewöhnt, und es störte meine Nachtruhe nicht weiter. Ganz anders war's, wenn jemand noch so vorsichtig auf die Haustürklinke drückte. Da fuhr ich auf und war mein Schlaf noch so tief gewesen. Und heute hatte es auf die Klinke gedrückt. Schon zum zweiten Male, bevor ich Zeit gefunden hatte, mit den Beinen in die Hosen zu fahren. Ich zündete Licht an und öffnete das niedere Fenster. Im Hofe stand frierend, einen dicken Schal um den Hals gewickelt, ein ärmlich gekleideter Mann.

»Es wird nichts anderes übrig bleiben,« sagte er, »Ihr werdet mit müssen aufs Wörth hinüber. Es handelt sich um eine Wöchnerin.«

Natürlich mußte ich mit, da gab es doch keine Widerrede, wo es sich um das Leben von zwei oder noch mehr Menschen handeln konnte. Ich also aus dem Hause heraus und neben dem Boten her. Bald hatten wir die Gasse hinter uns und befanden uns im Feld. Der Wind pfiff in den blätterlosen Gerten gestutzter Weidenbäume. Was ging das uns an! Raben strichen auf und schlugen mit den Flügeln. Wollten sie uns vor etwas warnen? Wenn schon, nur keine Bedenklichkeiten! Immer voran und dahin, wo die Pflicht unsere Gegenwart verlangte.

Plötzlich aber standen wir beide vor einer breiten, weißen Fläche. Das war ein Arm des Rheines. Drüben an seinem anderen Ufer lag das Wörth, auf dem die Backsteinmacher im Sommer die Ziegel brannten, während sie im Winter die Erdarbeiten verrichteten. Zu diesen Menschen sollte ich hinüber. Wie aber wollte ich das machen, da doch kein Nachen weit und breit zu sehen war?

»Das Eis trägt,« ermunterte der Bote, »die Schulkinder sind über Tags vom Wörth nach Hamm gegangen, und ich selber habe die Fläche vor einer Stunde erst überschritten.«

Nur keiner Gefahr aus dem Wege gehen! Wer in ferne Länder wollte, durfte sich vor dem Wasser nicht fürchten. Ich also hinter dem Arbeiter her auf die glatte Breite des schneeüberdeckten Eises.

Anfangs ging alles gut, obwohl ein gefahrdrohendes Krachen und Springen sich fortwährend unter unseren Sohlen hören ließ. Plötzlich aber ein Schrei, und vor meinen Augen war mitsamt der Laterne der Bote verschwunden. Ehe ich meinen Schritt noch hemmen konnte, fühlte ich schon, daß ich im kalten Wasser auf dem Manne lag. Nun gab's da im Nassen ein verworrenes Zappeln und Tasten, bis wir beide auf den Beinen standen. Zum Glück für uns war die Stelle, wo wir einbrachen nicht tief und nahe dem anderen Ufer, und als wir erst wieder in der Senkrechten uns befanden, waren wir außer Lebensgefahr. Wenige Schritte nur, und wir hörten den Kies der sandigen Halbinsel unter unseren Schuhen knirschen.

Nun hieß es wacker ausschreiten, denn in hellem Galopp froren unsere Kleider zu steifen Panzern zusammen. Kaum noch, daß es möglich war, die Knie krumm zu machen in den eisigen Röhren der Hosen. Doch in der Ferne winkte ein Licht, und wir beide eilten drauf zu. Welch eine Glut schlug mir nun aber entgegen, als ich plötzlich in die niedere, überheizte Wochenstube trat. Ein rotbackiges Säulenöfchen warf tausend feurige Pfeile gegen mich und im Nu fing ich an zu rinnen wie der Tugendbrunnen vor der Lorenzikirche zu Nürnberg. Wenn das so fort ging, mußten einige Katzen versaufen, die da auf dem Boden spielten mitsamt einigen Wickelkindern, die auf einem niederen Gestell wie Reisigbündel aufgestapelt lagen. Trockene Kleider waren erstes Erfordernis für mich, wenn anders ich ans Werk der Nächstenliebe schreiten sollte. Zum Glück war der Sonntagsanzug eines Arbeiters bald aus dem Kasten herausgekramt, und ich fühlte mich von warmem Zeug umhüllt, wenn es auch schon peinlich war, den Kostümwechsel vor einem geschlechtlich gemischten Publikum vornehmen zu müssen. Nun, die Notwendigkeit ist ein gewandter Helfer, und unter ihrer Mitwirkung gelingt gar manches, was anfangs unmöglich schien. So war ich denn bald mit mir und auch mit der Wöchnerin fertig und lernte es sogar rasch, als ich an mir heruntersah, über mich selber zu lachen, wie auch die Leute über mich lachten, als der Weltbürger gewaschen war und sie Zeit gefunden hatten, mich in meinem Anzuge zu betrachten.

Sobald man sich genügend über mich amüsiert hatte, wußte man nichts Rechtes mehr mit mir anzufangen. Man kochte mir Kaffee und als ich den getrunken hatte, und der Tag immer noch nicht kommen wollte, machte eine alte Frau den Vorschlag, sie wolle die größeren Kinder aus dem Bette jagen und ich solle mich auf deren Platz legen. Indessen sei wohl gegen Morgen das Eis fester geworden, und ich könne dann gefahrlos über den stillen Rheinarm hinüberschreiten.

Ich ging auf das Ansinnen ein, zog mich aus und schlief in dem vorgewärmten Bett in der Tat einige Stunden lang noch recht gut. Als ich erwacht war, schien eine bleiche, kalte Wintersonne durch die gefrorenen Fensterscheiben mitleidig auf meine Bettdecke und ich bemerkte, daß letztere derartig überflickt war, daß man nur schwer entscheiden konnte, wo der Urstoff aufhörte und der Flickstoff seinen Anfang nahm.

Vom Hauptstrom herüber hörte man das Knistern und Springen des Treibeises, und ein kalter Wind strich schneidend durch die dünnen Backsteinmauern. Da außerdem der neue Weltbürger zu brüllen angefangen hatte, überkam mich ein gelindes Grausen vor meiner verzweifelten Lage und ich beschloß, den Rückweg anzutreten, selbst auf die Gefahr hin, daß ich nochmals einbrechen sollte. Den Ermahnungen der Wöchnerin folgend, trank ich als Prophylaktikum gegen Erkältungen abermals Kaffee und machte mich dann auf den Weg. Das Eis mußte in der Tat in den Morgenstunden dicker geworden sein, denn es trug mich sogar ohne inneres Knirschen, und ich kam lebend und trocken, wenn auch in fremden Kleidern steckend, ans andere Ufer.

Zu Hause angekommen, fand ich meine Wirtin in nicht geringer Aufregung. Sie hatte mein Frühstück über die Straße getragen und an meiner Tür gepocht. Als niemand öffnete, erwachten in der guten Frau allerlei ängstliche Vorstellungen. Die Hofreite, in der ich wohnte, genoß nicht den besten Ruf. Man wollte schon Geisterstimmen aus ihr vernommen haben und ein früherer Besitzer, der einmal einen Grenzstein versetzt hatte, rollte, ein zweiter Sisyphus, das corpus delicti der Sage nach in den Wochen des Adventes über die Holzstiegen. Na, wer konnte unter solchen Umständen mit Sicherheit wissen, was aus dem neuen Doktor geworden sein mochte? Zum Glück war ich eben noch in die Gaststube des »Löwen« eingetreten, bevor man den Polizeidiener Rüßler in Trab gesetzt hatte, und trotz meiner Verkleidung wurde ich als der Richtige erkannt.

Nachdem ich meine Erlebnisse kurz zum Besten gegeben hatte, mußte ich natürlich zum Schutze gegen Erkältungen Kaffee zu mir nehmen. Und dieser himmlische Trank wirkte in der Tat derart erfolgreich, daß ich weder einen Schnupfen noch auch den geringsten Husten davontrug. Das einzige, was mich unangenehm belästigte, war in den folgenden Tagen ein geheimnisvolles Beißen über meinen Schädel hin, das mich dann am meisten quälte, wenn ich zu geographischen Afrikastudien mich vor den grünen Schirm der Petroleumlampe am Abend niedergesetzt hatte. Über das Nesselfieber hinweg hatte ich alle Krankheiten der medizinischen Enzyklopädie bis zur Hysterie herunter schon für dieses Beißen verantwortlich gemacht, bis eines schönen Abends während meiner Kratzbemühungen mit hörbarem Aufschlagen ein schwerer Gegenstand gerade mitten in den Kongofluß meines Atlasses hineinfiel. Wäre er wirklich voll Wasser gewesen, so hätte den Gegenstand die Tiefe verschlungen, bevor ich noch hätte feststellen können, wer er war. So aber konnte ich ihm nachsehen und konstatieren, daß er Beine hatte und auf dem Rücken gar ein schwarzes Kreuz nach Art der Mühlesel.

Himmel, Wetter! Nun wußte ich, woher mein Beißen kam. Keine Frage mehr, ich hatte vom Wörth herüber einige Läuse mitgebracht. Ach und was für eine Sorte! Überläuse waren's, die sich an den Zinken meines Kammes mit Verzweiflung festklammerten. Ich muß schier annehmen, daß man sie da drüben zum Backsteintragen verwendete. Nie noch hatte ich im Leben solche Monstra zu Gesicht bekommen. Wie hätte dem seligen Nietzsche das Herz sich erweitern müssen, wenn er gesehen hätte, wie seine Lehren wenigstens irgendwo auf Erden in die Tat umgesetzt waren.

Nun mit Hilfe des Dorfbarbiers Pfeffer und eines Krügleins voll grauer Salbe aus der Apotheke zu Guntersblum wurde ich die Tausendfüßler innerhalb weniger Stunden los. Das Beißen und ein unsauberes Gewissen aber hatte ich noch mehrere Monate lang und auffallenderweise gerade dann am stärksten, wenn jemand hinter mir stand und mir, wie ich annahm, ins Genick sehen konnte.

Im übrigen war meine Praxis in der billardebenen Gegend bei weitem nicht so abenteuerreich, wie ich es wünschte. Daß einmal ein Räuber des Nachts meinen Weg versperrt hätte, oder ein Wagen unter mir zusammengebrochen wäre, kam gar nicht vor, und allzu romantisch war auch das nicht, was ich nun zu erzählen habe, obwohl ich einen nicht geringen Schrecken dabei ausgestanden hatte.

Von der Bahnstation Mettenheim führte eine beinah kerzengerade Chaussee nach meinem Amtssitze Eich. Rechts von der Landstraße etwas entfernt, liegt zwischen Sandhügeln halb versteckt ein mit den Resten einer abbröckelnden Schlängelmauer umgürtetes Gehöft.

Außer zwei Gutsbesitzern hauste allda als Schankwirt ein gar seltsamer Mensch. Er hatte einen dicken Kopf, breite Schultern und kurze Beine. Obwohl er nicht länger war als ein ausgewachsener Reiterstiefel, konnte er sich doch in eine haushohe Wut hineinreden lassen, was nicht schwer war für seine Gäste, da der zwerghafte Wirt allerlei Seltsamkeiten sein eigen nannte. So hatte er beispielsweise seinen Schubkarren frisch anstreichen lassen und trug seitdem seine Heringsfäßchen, um den Karren zu schonen, auf den Schultern von Osthofen herunter und wieder zurück. Dem Räderwerk seiner Wanduhr zu Liebe hatte er den Perpendickel festgenagelt. Wer ihn über solche Dinge zur Rede stellte, konnte ihn in eine schier komische Raserei hineintreiben, und es ist verständlich, daß er im Volksmund nur noch kurzweg der »Zornwirt« hieß.

Zu diesem Zunftgenossen des Andreas Hofer trat während der Dämmerung ein Klempnermeister aus Eich in die Stube.

»Guten Abend, Zornwirt!« sprach der Gast.

»Guten Abend, Galoppspengler!« antwortete der Wirt.

»Heiß ich Galoppspengler?« war die Frage, und eine Ohrfeige klatschte dem Sandhofer ins Gesicht.

»Heiß ich Zornwirt?« war die Gegenfrage und klatsch, der Spengler hatte wieder, was er soeben hergegeben hatte. Eine Balgerei war die natürliche Fortsetzung der vertraulichen Aussprache. Der Wirt zog den Kürzeren und flog wider seinen Kachelofen. Rasch hatte er sich aus dem Staube erhoben und war nach einem Beil in den Holzstall gerannt. Er wollte unter allen Umständen dem Blechklopfer den Kopf abhacken. Da er nur einen Stiel vorfand, war er mit diesem in die Stube gerannt. Ein derber Schlag und der Spengler kugelte unter den Tisch und rührte kein Glied mehr.

Jetzt kam die Reue über den Zornwirt, und er überlegte, daß da nur ein Doktor helfen könne. Sofort traf er Anstalten, um mich herbeizuzaubern.

Noch erinnere ich mich jener Nacht so genau, als ob sie erst vierundzwanzig Stunden hinter mir läge. Es war um Laurenzi herum und eine unheimliche Schwüle in meinem Schlafzimmer.

Die Rheinschnaken sangen zum Verzweifeln ihre langweilige Weise mir ins Ohr und ihre Stiche brannten wie Feuer mir auf den Händen und der Stirn. Man muß solche Nächte an den Altwassern des Rheines mitgemacht haben, um zu begreifen, daß dieser Strom nicht jeden zu patriotischen Liedern begeistert. Wie sehnte ich mich doch hinweg aus diesem Sumpfgebiete und hinein in das kühle Fächeln einer Waldlandschaft. Aber wenn das ja auch nicht zu ermöglichen war, ein Gang ins Freie hinaus, wohin der Pfad auch immer führen mochte, mußte schon eine Erquickung sein wie die Finger des armen Lazarus auf der Zunge des reichen Prassers. Das wars ungefähr, was ich dachte.

Hörte man da übrigens nicht das Schlagen von Wagenrädern auf dem Pflaster? In welchem Hofe hatte man gestern vergessen, daß nach Mitternacht die Sonntagsruh beginnt? Doch das Schlagen kam näher und hörte plötzlich auf.

Klopfte es da nicht an meinem Hoftor? Es war so, ich konnte mich nicht täuschen. Ich eilte zum offenen Fenster und sah nach der Straße hinunter. Da stand im Halbjoch vor einem Bollerkarren eine Kuh. Was wollte dieses seltsame Fahrzeug zur nachtschlafenden Zeit vor meinem Hause? Ich rief in die Nacht hinein: »Ist jemand da?«

Eine rauhe Männerstimme antwortete: »Ich bin's, Doktor! Kennt er mich nicht, den Wirt vom Sandhof. Daß Er's nur weiß, die Sach' erleidet keinen Aufschub. Leicht möglich, daß ich dem Spengleruntier den Garaus gemacht habe. Eilt euch, ich hab ein Fuhrwerk mitgebracht.«

»Die Kuh da?« fragte ich verwundert.

»Wenn sie nicht trächtig wäre, keine zweite im Überrhein hätte den Weg vom Sandhof hierher in kürzerer Zeit zurückgelegt.«

»Ich will's Euch glauben und will mich zu Euch hinter ihren Schwanz setzen. Schneller werden wir immerhin vom Platze kommen, als wenn Ihr mit einer Schildkröte vorgefahren wäret.«

Fünf Minuten später schon saßen der Zornwirt und ich einträchtig nebeneinander, und die Kuh zog uns gemächlichen Schrittes zum Dorfe hinaus. So hatte ich Zeit, die ganze verzweifelte Geschichte zu hören, ob deren das arme Rindvieh seine Nachtruh zu opfern gezwungen war. Da ich den Spengler kannte, dachte ich mir gleich, die Sache wird nicht so schlimm sein, als die Angst des Wirtes sie macht, und ich hätte mich gerne noch eine Stunde lang durch die Nacht fahren lassen, wenn es nicht hinter dem Donnersberg im Westen da hinten gefährlich zu blitzen begonnen hätte. Ich stieg deshalb, einen nassen Buckel fürchtend, vom Wagen herunter und brachte, mit raschen Schritten voranschreitend, den Zornwirt hinter meinen Rücken und den Spengler vor mein Angesicht. Mehr wie meine Augen brauchte ich nicht, um zu konstatieren, daß der Galoppspengler eine Ohnmacht vorgetäuscht hatte, um den Zornwirt in Trab zu bringen. Ich konnte also nach wenigen Minuten den Heimweg unter die Füße nehmen. Ich beeilte mich, so viel ich konnte, denn es fegte in wilden Stößen ein ungestümer Wind über die Sandhügel hin und wirbelte den Staub durch die Luft, daß man sich schon anstrengen durfte, wenn man sich durch dieses Chaos von Sand, Stroh und Nußbaumblättern hindurch drücken wollte. Meinen Fuhrmann traf ich keine zweihundert Meter weiter über den Punkt hinaus vorgerückt, wo ich ihn verlassen hatte.

Sein erstes Wort beim Wiedersehen war: »Schnauft er noch, der Malefizhund?«

»Ja,« sagte ich, »und zwar mit den Stallhasen zusammen im Futtergang.«

»Wenn's keine Assisen gäbe, wollte ich, daß er verreckt wäre. Hat's je ein Gespenst gegeben, das die Leute so in Schrecken bringen konnte wie er? Das Gewitter soll ihn verschlagen!«

»Vielleicht tut es das in dieser Nacht noch,« rief ich hinter mich und machte, daß ich weiterkam, denn schon fielen Tropfen aus den Wolken, von denen der kleinste einen Fingerhut gefüllt hätte. Stürmisch wiegte sich der Wald der Nußbaumstämme, die längs der Straße hin eine Allee bildeten, von einer Seite zur anderen und seine Gerten peitschten die Maiskolben, die sich mit groben Waffen unter ihnen wehrten. Ab und zu fuhren unter prasselndem Donner lange Zickzackblitze aus den hellgeränderten Wolken und beleuchteten taghell die spiegelnde Straße und die weißen Nußbaumstämme.

Da war einer breit und dick wie eine dorische Säule in die Erde gerammt.

Hinter seiner Wetterseite mußte man etwas Schutz gegen den Regen finden. Schon fühlte ich, wie mir die Tropfen unter den Kleidern von der Schulter nach der Achselhöhle liefen. 's ist eine alte Bauernregel, man soll sich bei einem Gewitter nicht unter einen Baum stellen. Aber was tut man nicht, wenn einem das Wasser schon in den Stiefeln quatscht?

»Komm's wie's will, ich stell mich unter,« dachte ich mir, ging auf den dicksten Stamm los und postierte mich so, daß sich mein Gesicht der Straße zuwandte. Ja, etwas besser wie auf dem Wege war es da schon, wo ich stand. Wie das Eckblatt von der Säule auf die Basis fällt, so zog sich eine trockene Stelle, einer Bischofsmütze gleich, über den Boden hin. Man konnte das ganz deutlich sehen, so oft ein neuer Blitz die Nacht erhellte.

Derart stand ich regengeschützt und fühlte mich leidlich geborgen, als sich mir plötzlich etwas Breites, Weiches auf die Schulter legte. Himmel, wie's mir da durch alle Nerven zuckte! Ich drehte mich um und hätte in den Boden sinken mögen, als ich dicht vor meinen Augen, von einem neuen Blitze grell beleuchtet, in ein bekanntes bärtiges Gesicht schaute.

»Wie Ihr mich erschreckt habt,« hörte ich derweilen eine Stimme ertönen. »Denkt nur, die Allee vom Sandhof hat doch so viele Stämme. Einen hatte ich mir zum Schutze gegen's Wetter ausgesucht. Und auf diesen einen sehe ich beim Blitzen mit festen Schritten einen Mann zueilen. Mußte ich da nicht denken, er weiß um das Geld in deiner Tasche und er kommt nicht mit den freundlichsten Absichten?«

»Und was tatet Ihr, weil Ihr so dachtet?« fragte ich.

»Jetzt kann ich's Euch ja sagen. Ich griff nach dem Messer in meiner Tasche und erwartete, fest an den Stamm mich drückend, den Angriff eurerseits.«

»Und als der ausblieb?«

»Ei, da dachte ich: ›Sieht er dich nicht, so siehst du um so besser ihn‹, und ich bemühte mich, während des Blitzens Euer Gesicht zu erkennen. Als ich wußte, wen ich vor mir hatte, schlug ich Euch auf die Schulter.«

»Und das hätte Euer Tod sein können, denn, werdet Ihr mir glauben, ich hatte gleichfalls das offene Messer in der Hand, und ich hätte vielleicht zugestochen, wenn ich nicht durch Euer Schulterklopfen zu sehr erschrocken gewesen wäre.«

»Wie's doch gehen kann? Nichts weiter fehlt nun mehr noch, als daß uns zwei Helden hier der Blitz erschlüge. Wollen wir nicht machen, daß wir weiterkommen?«

Und wir gingen in den Regen hinein.

Den Zornwirt habe ich nicht mehr gesehen, und ob seine Kuh ihr Wochenbett gut überstanden hat, davon weiß ich nichts zu berichten. Alles, was zur Landwirtschaft gehörte, war mir so fremd und unbekannt wie dem Grobschmied der Grabstichel. Ich glaube deshalb auch nicht, daß es mir je gelungen wäre, mich in den Geist der Bevölkerung einzuleben.

Die Stunde des Abschiedes war nahe gerückt. Von meinen guten Wirtsleuten nahm ich einen gerührten Abschied, und wir versprachen uns gegenseitig, daß wir uns nicht vergessen wollten. Ich meinerseits habe dies Versprechen gehalten, und wenn wir uns heute nicht mehr schreiben, so liegt dies daran, daß ich das Auslandsporto bis zu dem dunklen Strande, am Hadesflusse, wo sie jetzt wohnen, nicht bezahlen kann.

Wieder unter den Studenten

Mein Weg führte mich zunächst nach Süden. Mit dem Gelde, das der Gemeindediener für mich zusammengespart hatte, gedachte ich meinen Einjährigen und gleichzeitig meinen Doktor zu machen. Auf keins von beiden freute ich mich sonderlich. Zum Soldatenhandwerk hatte ich kein Talent, und ich war deshalb froh, als ich die Freiburger Karlskaserne in den gleichen Hosen wieder verlassen durfte, in denen ich sie betreten hatte.

Das Doktorieren war für einen, der sein Staatsexamen schon hinter sich hatte, eine reine Farce. Ich schrieb eine sog. Dissertation, überstand ein Colloquium, bezahlte die Gebühren und durfte vor meinen Namen das Dr. schreiben.

Zwischendurch hatte ich mich umgesehen, ob sich nicht für mich Gelegenheit fände, eine Reiseexpedition mitzumachen. Ich wäre gern mit Riebeck gegangen. Der aber hatte schon einen Alexander Moork aus Bergzabern engagiert, der jetzt in der Nähe von Jericho am rechten Jordanufer begraben liegt. In meinem Buche ›Die Kreuzfahrt‹ (Verl. v. Ackermann, Weinheim) habe ich beschrieben, wie ich an dies Grab gekommen bin. War's mit Riebeck nichts, so hoffte ich auf eine andere Möglichkeit und nahm einstweilen beim alten Siedler Reitstunden, um auf alle Fälle gerüstet zu sein, und nebenbei machte ich mich bei den Alemannen nützlich, indem ich den Paukarzt mimte. Bei dieser Beschäftigung kam ich wider Erwarten abermals mit Venedeys Mutter in Berührung. Sie wohnte damals in Oberweyler in einem Hause, das auf Veranlassung der Gebrüder Keil mit Sammelgeldern der Gartenlaube für ihren Mann erbaut worden war, und das der unruhige Achtundvierziger sein »Rasthaus« nannte. Ruhe hat er ja da auch nicht gefunden. Er schrieb nach der Schlacht von Wörth den berühmten Artikel »Vae victis« in die Kölner Zeitung und kam dadurch wieder viel ins Gerede. Auch kandidierte er für den ersten deutschen Reichstag, dessen Zusammentritt er aber nicht mehr erlebte. Sein definitives Rasthaus hatte nämlich inzwischen der Totengräber fertiggestellt und seine Witwe blieb in dem zurück, was seine Freunde am Fuß des Belchen für ihn hingestellt hatten. Freilich auch sie ohne inneren Frieden. Immer brauchte die alte Dame irgendeine Gefahr, in die sie sich stürzen konnte. Ohne Händel mit der Polizei schien ihr das Dasein nicht lebenswert. So war sie auch jetzt wieder im Begriff, sich in Ungelegenheiten zu bringen, und sie hätte es getan, wenn ich nicht dazwischen getreten wäre.

Zwischen einem Alemannen, namens Wörner, und einem Franken, namens Wack, war es zu einer schweren Säbelforderung gekommen. Die Sache war auch ruchbar geworden, und die Polizei hatte die Saalbesitzer in Freiburg und Umgegend mit schweren Strafen bedroht, wenn sie zum Austrag des Handels ein Zimmer hergeben sollten. Wo die Burschenschaft auch anklopfen mochte, überall fand sie die Türen verschlossen und bedauernd ablehnende Gesichter der Schenkwirte. Als man schon gar nicht mehr woaus, woein wußte, tauchte plötzlich die Witwe Venedey in Freiburg auf und bot ihr friedlich Rasthaus zum Austrag des Duelles an. Als Paukarzt hörte ich natürlich von der Geschichte, und die gute Frau hätte mir leid getan, wenn sie in ihren alten Tagen noch einmal ins Gefängnis hätte wandern müssen. Ich suchte nun ihren Sohn Michel auf, dem man es zutrauen konnte, daß er den Plan seiner Mutter billige, wenn nicht dessen Urheber sei. »Michel,« sagte ich, »hast du dir überlegt, in welche Gefahren sich deine Mutter begeben will? Denkst du daran, daß sie eventuell ins Landesgefängnis spazieren kann?«

»O, was schadet ihr denn das?« rief er heiter aus. »Es ist nicht halb so schlimm, als wenn sie in deine oder Stengers Behandlung kommen sollte. Hoffentlich habt ihr Kerle euch im Lauf der Jahre etwas gebessert. Die Menschheit könnte mir leid tun, wenn das nicht der Fall sein sollte. Übrigens was bummelst du, altes Sumpfhuhn, immer noch auf den Universitäten herum?«

»Zu dieser Frage, Michel, hast du kein Recht. Ich habe Gott sei Dank alle meine Examinas hinter mir. Wie aber steht's mit dir, der du kaum jünger bist wie ich?«

»Wie's mit mir steht? Gerippe, wenn du meinen Ranzen schleppen müßtest, könntest du auch noch nicht so weit sein wie du bist. Übrigens, damit du mit dem Fragen aufhörst, will ich dir den Gefallen tun und meine Alte auf andere Gedanken bringen.«

Die Mensur stieg und sie stieg auch in Oberweyler, wenn auch nicht im Rasthause Venedeys. Die Witwe des Achtundvierzigers kam um den Triumph, ihre Hände in ein gewagtes Spiel gemengt zu haben. Aber sie wäre todunglücklich gewesen, wenn sie nicht in irgend etwas an dem Handel teilgenommen und sich strafbar gemacht hätte. Sie nahm also den schwer verwundeten Wack in ihr Haus auf, pflegte ihn nach besten Kräften und verleugnete ihn kühnlich, als die Polizei kam, um nach ihm zu fahnden.

»Die Erinnerung an die Affäre hat ihr bis zu ihrem letzten Stündlein noch Spaß gemacht,« hat ihr jüngerer Sohn Martin mir erzählt, als ich ihn vierzig Jahre später einmal am Hafen zu Konstanz getroffen habe.

Dieser Martin, des alten Venedeys zweiter Sohn, besaß die gleiche Kraft und das gleiche innere Feuer wie sein Bruder, aber er blieb Herr seiner Triebe und er ist deshalb eben größer geworden wie der Michel oder auch – wer vermag den Menschen abzuschätzen – er ist kleiner geblieben als jener.

Der Winter des Jahres 1879 auf 80 war ein unfreundlicher Geselle. Er fesselte die Bäche, ließ die Teiche erstarren und vergrub Feld und Wiese unter einer Schneedecke. Er ermordete die Nachtigall und lehrte die Wagenachsen das Singen. Mir persönlich konnte er nichts anhaben. Ich wohnte in der Rheinstraße und hatte im Zimmer einen guten Kachelofen. Mein Hausherr war ein Champagnerreisender, namens Friedle, von dem ich einzig wußte, daß er klein war und an der rechten Hand nur vier Finger hatte. Da ich ihn immer nur nachts und niemals nüchtern gesehen habe, so weiß ich nicht, was weiter Gutes oder Böses in ihm steckte. Ich nehme an, daß er nicht ohne Vorzüge war, denn wie hätte er sonst zu einer so braven und begabten Frau kommen sollen, wie er sie hatte. Ihr zu Liebe bin ich an manchem Abend zu Hause geblieben, um hören zu können, wie sie im Zimmer nebenan Klavier spielte oder mit gut geschulter Stimme allerliebste Lieder sang.

Über Tags weilte ich in den Kliniken oder auch auf der Reitbahn, wo ich es im »Gaulbändigen« bereits so weit gebracht hatte, daß ich dem Stallmeister die Schindluder zustutzen durfte, die sich vor der Front im Kommiß nicht verwenden ließen.

Als ich einmal hoch zu Roß über die Kaiserstraße trabte, gab mir der Michel Venedey, die grüne Frankonenmütze schwenkend, vom Bürgersteig aus ein Zeichen, daß ich halten und auf ihn hören solle. Ich brachte das Pferd zum Stehen und erfuhr nun von ihm, dem Unwiderstehlichen, daß ihm seine Mutter den Rat gegeben habe, er solle sich mit einem anständigen Mädchen verloben, damit die verfluchte Geschichte mit den Dienstmädchen einmal ein Ende nähme.

»Du bist in der Welt herumgekommen,« fuhr er fort, »weißt du mir keine? Sie darf Lene heißen, wenn sie eine halbe Million in die Ehe bringt und so viel Kleeäcker, daß sie mir ein Reitpferd ernähren kann, aber so keine Schindmähre, wie die ist, auf der du herumsegelst.«

»Michel,« gab ich ihm zur Antwort, »wenn du einmal reiten oder heiraten willst, geh' nach den Niederlanden. Weißt du warum?«

»Schlaumeier, ich versteh, was du sagen willst. Du denkst: ›Nicht jedes Tier trägt den und seinen dicken Bauch.‹ Da magst du eher recht haben als dazumal, wo du mir weiß machen wolltest, daß ich einen Bruch hätte. Gottes Segen mit dir, aber füttere dich besser, sonst kann deine Frau dich wie ein Heringsskelett im Brillenfutteral mit auf die Hochzeitsreise nehmen. Und dann, hörst du, bleib bei windigem Wetter mit der Rosinante zwischen den Häuserreihen. Man kann nie wissen. Leeres Stroh und leichte Ware sind schnell verweht. Vom Sturm nämlich, mein ich.« Und er pfiff seinem Hund und stelzte hinter einer Konfektionöse her die Kaiserstraße hinunter.

Damit sollte ich ihn für längere Zeit gesehen haben, den Michel, den deutschen Michel, denn ich mußte an meine Abreise von Freiburg denken. Mein erspartes Geld ging zu Ende, und eine Gelegenheit, ins Ausland zu kommen, hatte sich nicht gefunden. Ade nun für immer, Studentenherrlichkeit!

Drei Jahre hinterm Donnersberg

Zunächst ging ich wieder zu meinem guten Vater. Da hatte ich festen Ankergrund für mein allzu leichtes Lebensschiff. Im Honoratiorenzimmer des Gasthauses »Zum Odenwald« traf ich aufs Sofa hingegossen einen Kollegen, namens Flottmann. Er vertrat den Doktor Willmann und war alles, was sein Name sagte: Burschikos, schneidig als alter Korpsstudent, eine forsche Erscheinung mit der Glasscherbe im Auge und einem tiefen Durchzieher über der linken Wange. Mit der Manila zwischen den Zähnen hätte man ihn für ein Herrenhausmitglied halten können, wenn nicht eine geschwätzige Naht auf der rechten Brustseite verraten hätte, daß der Rock gewendet war. Gleich mir suchte Flottmann eine Praxis aurea, und es dauerte nur wenig Tage, und beide waren wir auf der Reise dem Glück entgegen. Zunächst kamen wir nur bis Heidelberg. Mein Genosse hatte da alte Bekannte aufzusuchen und im Rausch des Wiedersehens vergaßen wir beide, daß wir eigentlich nach Kalw zu reisen die Absicht hatten, wo eine Armenarztstelle ausgeschrieben war. Da unser Geld schon nicht mehr recht bis an die württembergische Grenze reichen wollte, entschlossen wir uns, nach Rockenhausen im Alsenztale zu fahren, weil wir auf der Westfalenkneipe gehört hatten, daß alldort ein Arzt gestorben sei. Als wir in genanntem Orte ankamen, erfuhren wir von einem Schweinehändler, daß mit dem Tode des Ortsarztes eine Stelle frei geworden sei, auf der nicht einer, sondern zwanzig Ärzte ein Vermögen machen könnten so groß wie das der Rothschilds. Flottmann und ich waren beide dumm genug, um dem Aufschneider zu glauben, und vielleicht wären wir beide in dem Neste hängen geblieben, wenn der Corpsier nicht eine feinere Nase gehabt hätte als der Büchsier. Der Geruch des Dorfes gefiel dem feudalen Lehrerssohn von der Lüneburger Heide nicht. Auch sahen die windschiefen Holzhäuser der Straßen nicht so aus, als ob hinter ihren Kattunvorhängen die reichen Erbinnen zu träumen pflegten. Flottmann ließ mich also im ungeschmälerten Besitz der weitläufigen Gegend und ging nach Weinheim in die Nähe seiner vielgeliebten Westfalenkneipe. Sein dunkles Ahnen hatte ihn nicht betrogen. Er fand im »Pfälzer Hof« die ersehnte reiche Erbin in Gestalt einer Bremer Kaufmannstochter, ging rasch mit ihr zum Altare und fragte am nächsten Morgen, was die Welt koste. Da man ihm in dem kleinen Fabrikstädtchen für seine jetzige Lage zu wenig forderte, zog er bald darauf nach Wiesbaden, von da nach Berlin und dann wieder mehr südwärts nach Bad Ems an der Lahn. Wäre er nicht alldorten rechtzeitig noch gestorben, ich bin sicher, der Lord hätte von dem Bremer Kaufmannsgelde keinen Groschen vor die Himmelspforte gebracht, um St. Petrus, den Torschreiber Zions, bezahlen zu können.

Vielleicht hat Flottmann seine Lebensgeschichte selber geschrieben. Ich aber will zu der meinen zurückkehren. Ich blieb also in Rockenhausen hängen und mietete mich bei einem kleinen Brauer, namens Dietz, ein und zwar im zweiten Stock. Da im ersten eine stark besuchte Wirtschaft war, so konnte ich annehmen, daß mein kleines Doktorschildchen, vor dem der Messingring einer Nachtglocke sich schaukelte, meinen Namen rasch bekannt machen würde in der Gegend. Dem mag ja auch so gewesen sein, aber gleichwohl kam niemand, der nach meiner Hilfe begehrte. Es war zum Verzweifeln, wie ich als der Gefangene meines Berufes da saß und keine andere Abwechslung hatte, als die Faustschläge zählen zu dürfen, mit denen die Gebrüder Mahlo, ihres Zeichens Schweinehändler, ihre Trümpfe unten auf die Tischplatte pfefferten.

Meinen kleinen Hausherrn selbst mußte meine Verlassenheit gerührt haben, denn er besuchte mich eines Tages, um mir den Vorschlag zu machen, ich möchte mich doch, um das Geschäft in Gang zu bringen, nach Marienthal hinterm Berge da drüben begeben. Ein Freund von ihm habe dort eine besuchte Wirtschaft. Es könne nichts schaden, wenn ich im Münstertale drüben mich sehen ließe.

Es war ein Samstag Nachmittag; aber kein Besen kehrte die Gasse. Der grausame Winter des Jahres 1879 auf 80 hatte in einem späten Wutanfalle noch einmal das Land mit Schnee überschüttet. Diesem Umstand Rechnung tragend, suchte ich meine Reitstiefel hervor und wärmte sie hinterm Ofen. Auch meine Reithosen konnten vorläufig einmal wieder eine nützliche Verwendung finden. Kaum zehn Minuten brauchte ich zum Umkleiden, und schon befand ich mich auf dem Wege nach Marienthal. Je höher ich stieg, um so mühsamer wurde mein Weg. In einer engen Schlucht plagte ich mich auf einem Fußpfade ab, von dem nichts zu sehen war. Immer öder die Gegend. Immer tiefer der Schnee. Meine Stiefel waren hoch und doch, der weiße Flaum fand seinen Weg zu den Schäften hinein. Spur war nur soviel vorhanden, als zwei Menschenfüße treten konnten, die offenbar kurz vor mir her auf dem gleichen Wege sich abmühten.

Hätte ich nicht vielleicht den unsichtbaren Wanderer einholen können? Der Gedanke quälte mich, denn ich fühlte das Bedürfnis, mich mit einer Menschenseele ein wenig zu unterhalten. Da, als ich eben durch eine Hecke mich durchgearbeitet hatte, sah ich vor mir, dem Wäldchen schon ganz nahe, einen Mann, der auf dem Rücken ein umfangreiches Bündel trug. Bald hatte ich den Beladenen eingeholt, denn er war alt und hatte mit dem Schnaufen zu tun. Auf der Wasserscheide hatte er gar Halt gemacht, um sich auszuruhen.

»Was da drüben auf der Höhe liegt, ist wohl Ruppertsecken,« so redete ich den Müden an, »und die Häuser in der Mulde werden Marienthal vorstellen sollen?«

Der Mann nickte mir bejahend zu und nickte noch einmal, als ich sagte: »Ihr seid wohl müde?«

»Ja,« gab er jetzt als ersten Laut zurück, »Ihr könnt Euch denken, wenn man vom Glan bis hierher in dem Schnee gelaufen ist.«

»Und nichts gegessen hat,« fügte ich seiner Rede bei.

»Und nichts gegessen,« wiederholte er mechanisch.

»Das könnt ihr nachholen, wenn wir nur erst in Marienthal sind.«

»Ich hab zum Einkehren kein Geld. Ich bin ein armer Müllersknecht vom Lauterbach da hinten. Alle zwei Wochen hab ich einen freien Sonntag und den verlebe ich in Dannenfels da vornen bei den Meinen. Für's Wirtshausgehen da reicht's nicht.«

»Laßt das Bezahlen meine Sorge sein, tut mir nur den Gefallen und kommt mit,« entgegnete ich.

Der Mann sah mich mißtrauisch von der Seite an, schwieg und humpelte neben mir her den Berg hinab. Als wir ins Dorf kamen, streckte ein langer Eisenarm uns einen goldenen Stern entgegen.

»Da ist das Wirtshaus,« sagte mein Begleiter, »wenn Ihr einkehren wollt.«

»Ihr geht doch mit?«

»Ich? Wenn's sein muß und Ihr zahlen könnt,« und er warf abermals einen schier beleidigenden Blick auf mich und meinen Anzug. Als ich ihn nun am Ärmel faßte und an ihm zog, gab er nach und überschritt mit mir die Türschwelle.

Der Wirt stand vor seinem Ofen und wärmte sich den Hintern. »Viel verzehren die auch nicht,« dachte er. »Einen Schnaps vielleicht,« und er griff, um unseren Gruß zu erwidern, nur lässig mit der Hand nach seinem Stülpkäppchen.

Als ich nun aber eine Flasche Wein bestellte und Eier mit Schinken, kam Leben in seine hölzerne Figur und er fing an, zu knixen und zu dienern, und er hatte sich nach kurzer Frist zur Türe hinaus in die Küche hineingedienert. Nicht lange mehr und der Wein stand auf dem Tisch und neben ihm das Essen. Himmelwetter, wie da der Mühlknecht eingehauen hat! Bald war die Schüssel leer und der Wein war getrunken. Nur das Bezahlen blieb noch übrig. Ich wollte es erledigen und suchte nach meiner Hosentasche. Gefunden hab ich die auch. Was ich aber nicht fand, das war mein Portemonnaie. Kein Wunder, denn es stak noch in den Alltagshosen zu Rockenhausen. Was nun? Zum allerersten Male in dem Tal, in dem Dorf, im goldenen Stern! Eine flotte Zeche gemacht und nun kein Geld, um zu bezahlen! Höllenschrecken müssen nach und nach in mein Gesicht getreten sein, denn ich sah, wie der Mühlknecht bleichen Angesichts mit steigender Furcht von mir ab und der Tür entgegenrückte. Als der Sternwirt für einen kurzen Augenblick nur das Zimmer verließ, hatte mein Kostgänger seinen Sack und die Mütze ergriffen und war – hast du nicht gesehen – verschwunden. Herrgott, mir blieb nun die Aufgabe, mich mit dem Gasthalter auseinanderzusetzen und das Geständnis meiner Insolvenz abzulegen. Eine schwere Sache an einem Ort, wo niemand meinen Namen kannte, geschweige denn mein Soll und Haben auf der Landesbank.

Wie oft ich mich hinter den Ohren kratzte, bis ich den Mut hatte, dem Wirte meine Zahlungsunfähigkeit einzugestehen, das weiß ich nicht mehr. Erinnerlich ist mir nur noch, daß er ein sehr verwundertes Gesicht machte, da ich mich als der neue Doktor von Rockenhausen vorstellte. Ich glaube, er hatte mich für einen Zirkusdirektor gehalten. Einzig der Umstand, daß ich mich auf meinen Hausbesitzer Dietz berufen konnte, schien ihm einiges Vertrauen zu meiner Kreditwürdigkeit einzuimpfen, so zwar, daß er mich abziehen ließ, ohne meinen Rock als Pfand zurückzubehalten. Ich ging, als es schon einigermaßen zu dunkeln begann. Eine Laterne hatte ich nicht nötig, denn die Schamröte, die in meinem Gesichte stand, beleuchtete weit voraus wie eine Autolampe meinen Weg.

Sobald ich in Rockenhausen angekommen war, packte ich Briefmarken zusammen und schickte den Betrag umgehend an den goldenen Sternwirt nach Marienthal. Drei Jahre später hat mir der Menschenkenner einmal eingestanden, daß er mich für einen Zechpreller gehalten habe und den Mühlknecht für einen Mausfallenhändler. Die Briefmarken bot er mir bei der Gelegenheit zum Rückkaufe an, weil im Dorfe aufs Briefschreiben niemand eingerichtet sei.

Man wird nun wissen, wo ich hingeraten war und daß ich nicht in Arkadien wohnte. Um mir die Zeit zu vertreiben, wurde ich ein eifriger Zeitungsleser. Und da fand ich denn eines Tages eine Geschichte, die mich hoch aufmerken ließ.

In Freiburg hatte der Studiosus W. einen anderen Studenten im Duell erschossen. W. – der Buchstabe stimmte auf den Namen meines Freundes Weidig. Sollte er es also sein, dem das Unglück zugestoßen war? Ich wollte Gewißheit haben, setzte mich hin und schrieb einen Brief. Bald hatte ich die Rückantwort in der Hand. Es war so. Weidig hatte einen Studenten namens Belgard getötet. Die Veranlassung zum Duell war von Michel Venedey ausgegangen. Dieser selber hätte eigentlich als erster mit Weidig antreten sollen. Der Umstand, daß er im Examen stand, verschaffte ihm einen kleinen Ausstand, und Belgard wurde vorgeschoben.

Nach den Abmachungen der Kartellträger hätte Weidig neun Kugeln von drei Gegnern zu erwarten gehabt. Die alle neun abzuwarten hieß viel Geduld verlangen von einem, der nur wenig hatte. Mein erster Gedanke war, das Schicksal muß große Dinge mit dem Michel vorhaben, daß es ihn nicht vor Weidigs Pistole stellte. Wer den letzteren kannte, wußte, daß er schoß wie der beste von Ali Babas vierzig Räubern. Energisch, wie er war, und vor keiner Notwendigkeit zurückschreckend, hatte er denn auch mit dem ersten Schuß seinen ersten Gegner auf dem Kampfplatz niedergestreckt. Dann war er zur Bahn gegangen und hatte ein Billet nach Genf gelöst, wo sein Onkel Karl Vogt – der berühmte Affenvogt – einen Lehrstuhl an der Universität einnahm. Da die Schweiz wegen Zweikampfvergehen nicht ausliefert, war Weidig in Sicherheit. Er benutzte seine augenblickliche Muße und beendete in Genf seine Studien.

Während dieser Zeit hatten viele seiner Freunde, darunter ich selber, ihm des öfteren geschrieben, er möge nicht zeitlebens dem Vaterlande fernbleiben, sondern sich der deutschen Justiz zur Verfügung stellen. Nach der Ansicht der Rechtsverständigen konnte seine Strafe keine sehr hohe werden in Anbetracht der frivolen Provokation und der Schwere der Forderung. Sechs Monate Festungshaft, damit rechnete man. Dann aber war Weidig wieder auf freiem Fuß und konnte in Deutschland machen, was er wollte.

Nach einigem Hin und Her stellte sich Weidig dem Gerichte in Freiburg. Aber die Strafe fiel schwerer aus, als man vermutet hatte.

Das Schwurgericht erkannte auf zwei und ein halbes Jahr Festungshaft, die der Duellant in Rastatt abzusitzen hatte. Das war lang. Aber Weidig war in den Händen der Justiz und mußte sich fügen. Um ihm Mut zuzusprechen, habe ich ihn einmal besucht. Ein Amtsrichter, bei dem ich um die Erlaubnis nachsuchen mußte, begleitete mich in liebenswürdiger Weise durch weitläufige Gänge und vernachlässigte Zimmer über zerfallende Balkone des alten Schlosses hinweg bis zu einem Flügel, in dem die Festungsgefangenen untergebracht waren. Nach langem Wandern war endlich eine Tür erreicht, die mit einem schweren Riegel versperrt war.

Der Richter schloß auf und nötigte mich in einen schmalen Korridor hinein. Mit dem Finger deutete er an einer Flucht von Stuben hinunter, indem er sagte: »Hier auf Nummer neun haust Doktor Weidig. Ich muß Sie leider zu ihm einsperren. Wenn Sie aber wieder befreit sein wollen, dann klingeln Sie nur, und der Gefangenwärter wird Sie herauslassen.«

Ich war allein in einem unermeßlich langen, entsetzlich schmalen und unausstehlich hohen Gang. Um sich Zellen für die Einzelgefangenen zu verschaffen, hatte man in brutaler Weise die alten Prunkräume mit kahlen Backsteinmauern durchschnitten und nur der Rokokostuck der Decken und die Halbsäulen zwischen den hohen Fenstern erinnerten an die entschwundene Herrlichkeit.

Menschen können herunterkommen, und sie bleiben doch immer noch Menschen, wenn aber Fürstenschlösser in Verfall geraten, dann sehen sie sich selber nicht mehr ähnlich. Sie sind nur noch das Mene tekel upharsin einer verschwundenen Herrlichkeit.

Angst und bange ist mir geworden vor dieser Flucht armseliger Pförtchen, die in der kahlen Backsteinmauer ausgespart waren und eine elende Nummer trugen, damit nicht etwa ein frisch gewaschener Hemdenkragen an einen falschen Verbrecherhals geraten konnte. Hätte es für mich noch ein Zurück gegeben, ich wäre geflohen ins Freie hinaus und den nahen Bergen entgegen, die mit ihren schwarzen Gipfeln so frei, so ungebunden nach den ziehenden Wolken haschten. Aber ich war ja eingeschlossen, abgeriegelt wie mein Freund da drinnen hinter der Brettertür, auf der die Nummer neun mit weißen Pinselstrichen aufgemalt war.

Ein gurgelndes Geräusch drang an mein Ohr, als ob sich in weiter Ferne einer die Zähne putzte, und ich hörte ein hohles Husten wie aus einem Grabe heraus. Waren's die Geister Abgestorbener, die sich hier in der Wiedergabe menschlicher Laute noch einmal versuchten? Ich hielt's nicht mehr aus. ›Durch die Tür oder zum Fenster hinaus‹ war meine Losung. Hat einer der Strafrichter, die in jeder Saison so ein paar hundert Jahre Gefängnis verhängen, selber einmal auch nur sechzig Minuten lang hinter verschlossenen Türen gestanden?

Eine Wut wollte mich packen. Da klopfte ich mit dem Finger an die Tür, und eine Stimme rief von innen heraus: »Eintreten!« Es war Weidigs Stimme. Er hatte vielleicht den Wärter erwartet mit dem irdenen Geschirr, darinnen seine Suppe war. Als er meiner ansichtig wurde, sagte er trocken: »Du bist's, Karrillon? Gleich will ich nach der Küche melden, daß sie eine Portion Saubohnen – aber halt einmal, ist's nicht ein Donnerstag heute? – ja, es ist einer, dann also Saubohnen heraufschicken. Du mußt nämlich wissen, daß wir hier mit unseren Mägen an die Wochentage angegliedert sind, so zwar, daß es wie beim Rübenernten keine Ausnahmen gibt. Was auf dem Felde steht, muß in den Keller. Du bist doch auf Saubohnen eingestellt mit deinen Eingeweiden?«

»Wie ein Hausknechtshinterer auf die Fußtritte.«

»Gut dann, wir speisen also zusammen. Aber was sagst du dazu, daß ich hier sitze, und der Venedey läuft lebend herum, er, dem meine Kugel zugedacht war und der sie auch reichlich verdient hatte. Glaubst du etwa noch, daß ein vernünftiger Wille die Welt regiere?«

»Du wirst doch nicht in deiner Klause hier zum Philosophen werden wollen?«

»Ich will es nicht, aber ich muß es werden, wenn ich bedenke, wie mir das Leben schon mitgespielt hat. Weißt du, daß meine Eltern eines Morgens tot im Bette lagen, während man mich kleinen Bengel gesund und munter aus der Wiege hob?«

»Ich hörte mal von einer Gasvergiftung so was läuten, aber sag', wer hat dich dann erzogen?«

»Ein Onkel von mir mitten unter dem Schwarzwild des Vogelsberges. Er war Förster, und von ihm hab' ich das Schießen gelernt. Siehst du dort die Wanze auf meinem Kopfkissen? Paß auf, sie lebt keine Sekunde mehr.« Er griff nach einem kleinen Taschenrevolver, zielte, und wo die Wanze gesessen hatte, war ein linsengroßes Loch im Kissenüberzug.

»Du hast deinem Onkel nicht wenig zu verdanken,« bemerkte ich.

»Auch den Umstand, daß ich heute ein bettelarmer Teufel bin.«

»Ich denke, du hattest ein bedeutendes Vermögen.«

»Als der Äneas im Plusquamperfekt sprach, hatte er Troja verloren. Um dem Staat meinen Bettel nicht in die Hände fallen zu lassen, hatte ich vor der Pistolenmensur durch eine notarielle Schenkung meinem Onkel mein Vermögen zugewiesen in der Meinung, ich würde es von ihm eines Tages zurückerhalten.«

»Und der hat den Schlechten gemacht und dich um das Deine betrogen?«

»Nicht zu vorschnell. Mit seinem Willen bin ich um keinen Pfennig gekommen. Der Tod war's, der mich beschummelte, indem er meinen Onkel hinwegraffte.«

»Wenn ich verstehen soll, wie du das meinst, so mußt du dich deutlicher ausdrücken.«

»So höre denn nur: Mein Onkel hatte sich sein Lebenlang mit einer Haushälterin beholfen. Mag sein, daß die Person ihm viel Liebes erwiesen hat. So kam's, daß er sie als die Universalerbin seines Nachlasses letztwillig schon vor Jahren bestimmt hatte.«

»Nun fallen mir die Schuppen von den Augen. Deine Schenkung war zum Vermögen des Onkels hinzugekommen und wurde der Haushälterin als Eigentum zuerkannt. Formaliter war die Sache korrekt und die Richter sagten Amen und klecksten ein Siegel unter das Protokoll.«

»Gut, du begreifst jetzt, daß ich als armer Teufel eines Tages diese Knallhütte verlasse?«

»Was heißt das: ›Armer Teufel‹. Du hast deine Arbeitskraft und deinen Doktor der Chemie.«

»Und meinen Revolver da.«

»Ich denke, du hast genug geschossen?«

»Wer kann's wissen? ›Immer bereit stehn,‹ ist meine Devise. Hast du übrigens nicht auch ein solches Schießeisen in der Tasche oder im Schreibtisch wenigstens? Du bist als Burschenschafter zur unbedingten Satisfaktion verpflichtet. Was willst du machen, wenn du gefordert wirst?«

»Ich werde mich zum Duell stellen, aber ich kann ja vorbeischießen.«

»Welcher Schütze ist sicher, daß er nicht aus Versehen einen Hasen trifft?«

»Du meinst, man müsse nicht nur die Waffe besitzen, sondern sie auch zu gebrauchen verstehn. Ich will deiner Ansicht nicht widersprechen, allein mir graust es vor den Schießgewehren. Denke dir nur, ein Zufall hat mich davor bewahrt, einen Menschen niederzuknallen.«

»Ich bin begierig, dein gefährliches Erlebnis zu erfahren.«

»Ich war noch Gymnasiast und eben in den Osterferien nach Hause gekommen. Als ich die erste Nacht durchgeschlafen hatte, sah ich im Zimmer die Koffer meines Bruders Karl stehen. Er war aus Amerika zugereist, um seine Heimat wiederzusehen. Du kannst dir denken, daß ich neugierig war und gern gewußt hätte, welche Schätze in den Koffern waren. Ich fing also an zu kramen und nestelte unter den Wäschestücken einen Revolver hervor. Es war ein vierläufiger Militärrevolver, dessen Hahn sich beim Aufziehen drehte und nacheinander in die vier Röhren schlug. Mit großem Interesse musterte ich das Ding. Es kam mir harmlos vor und weil die Läufe hinten mit Kupferblättchen geschlossen waren, so hielt ich die Waffe für nicht geladen. Zufällig trat unser Dienstmädchen ins Zimmer. ›Soll ich dich totschießen?‹ drohte ich scherzhaft und drückte los. ›Knack,‹ sagte der Revolver.

»Ehe ich zum zweiten Male aufziehen konnte, trat mit verstörten Zügen mein Bruder ins Zimmer.

›Was machst du da?‹ fragte er.

›Ich hab' des Spaßes wegen auf die da einmal angelegt.‹

›Ein schöner Spaß,‹sagte mein Bruder, nahm mir die Waffe aus der Hand und schüttelte vor meinen Augen die vier Patronen heraus. Ein Lauf war's, der versagte, und in den hatte zum Glücke der Hahn geschlagen. Ich stand wie versteinert.«

»Und bist seither den Schußwaffen ausgewichen?« bemerkte Weidig mit leisem Spott.

»Ja, und ich habe einen Revolver nicht mehr angerührt, sogar den nicht, den ich bei einem Preiskegeln einmal gewonnen hatte. Er blieb auf dem Tische liegen und ist die Beute eines anderen Spielers geworden.«

»Du hättest ihn nehmen sollen. Man kann nie wissen, ob man nicht einmal auf sich selber schießen muß. Ich will dir etwas anvertrauen, Karrillon. Zwei und ein halbes Jahr werde ich in dem Loche da nicht bleiben. Sobald sich Gelegenheit bietet, reiße ich aus und verschwinde übers große Wasser hinüber. Komme ich in der Neuen Welt empor, gut, dann ist es recht, sinke ich aber, so soll dies Schießeisen mein letzter Helfer sein«.

Wir brachen ab in der traurigen Unterhaltung, denn der Beschließer hatte die Saubohnen gebracht. Sie schmeckten mit einem Stückchen Schweinespeck zusammen nicht übel. Mir aber war der Aufenthalt in dem hohen, schmalen Käfig mit seinem vergitterten Fenster unerträglich. Welch niederträchtiges Gefühl ist es doch, eingesperrt zu sein. Mit wahrem Heißhunger nach Luft sehnte ich die Stunde herbei, wo ich zur Bahn mußte, und doch, ich durfte den armen Gefangenen meine Sehnsucht nicht merken lassen.

Endlich war's fünf Uhr des Abends, die Schlüssel des Kerkerwärters klirrten, und ich wurde erlöst. Ein Schnellzug nahm mich auf und führte mich nach Rockenhausen zurück mitsamt meinem Reiseköfferchen und dem Vorsatz, daß ich mit meinem Lose zufrieden sein wolle, solange ich noch im Freien wohnen dürfe. Ich gewöhnte mich an den Gedanken, daß ich ein Bauerndoktor bleiben müsse, und richtete mich danach ein.

Im Oktober 1880 hatte ich Hochzeit gemacht und war von Worms aus mit meiner Frau nach Köln gefahren, um der Domeinweihung beizuwohnen. Welch einen Unsinn hatte ich damit doch gleich in den ersten Tagen meiner Ehe gemacht! Da wir weder zu den hohen noch höchsten Herrschaften gehörten, mußten wir uns wie Treibholz auf dem Wildbach des zusammengeströmten Volkes herumschieben und -stoßen lassen. Nirgends war für uns Platz. Strecken half auch nicht immer, wenn wir etwas sehen wollten. Um wenigstens meiner Frau den Anblick des Festzuges zu ermöglichen, hatten wir einen zerlumpten Lazzaroni gemietet, der unseren Lederkoffer trug. Sobald nun irgendein Hoch aus den Gassen ertönte und anzeigte, daß eine prominente Persönlichkeit nahe, wurde meine Frau auf den Koffer gehoben. So genoß ich durch die Augen derselben den Anblick des alten Kaisers, Bismarcks, Moltkes usw. und nebenbei mit der eigenen Nase die Gerüche alter Kleider und trangeschmierter Stiefel aus der Eifelgegend.

Doch der Abend brachte eine neue Überraschung. Unser Trio hatte sich auf dem Domplatz neben einer Tribünenwand aufgepflanzt, meine Frau wie immer auf dem Koffer. Die Beleuchtung begann nach Sonnenuntergang, und der herrliche Bau erstrahlte einige Minuten lang in fabelhafter Pracht. Dann aber wälzten sich rote und grüne Rauchwolken von den Strebepfeilern weg und über das tausendköpfige, dichtgekeilte Publikum hin. Im Nu begann ein Husten, wie es außer den damaligen Festteilnehmern gewiß noch kein Mensch gehört hat. Fügt hundert Schafställe aneinander und gebt jedem der armen Wolleträger die Lungenpest, die Husterei wird nur das Andante jener sein, die damals auf dem Kölner Domplatz einsetzte.

Und zu dem Husten gesellte sich ein panischer Schrecken vor dem Erstickungstod. Alles, ob arm, ob reich, ob groß, ob klein, ob dick, ob dünn suchte von dem Domplatz wegzukommen. Ein wüstes Gedränge nach den Seitenstraßen setzte ein. Wehe dem, der unter die Füße geriet!

Unser armer Kofferträger war gefallen und wollte sich eben wieder aufrichten, als sich die Lawine eines Schweineschlächters über ihn wälzte und ihm unter Faustschlägen zurief: »Nu mußt du auch noch dastehn mit dinen Balken.« Als ob der arme Teufel allein schuld gewesen wäre an all der Drangsal, die sich hier angehäuft hatte!

In der Nacht irrten wir Neuvermählten unterstandslos von Wirtshaus zu Wirtshaus und jedes von uns beiden nahm sich heimlich vor, die nächste Hochzeitsreise sicher nicht nach Köln zu einer Domeinweihung zu machen. Wir fuhren heim und bald lag unser Hochzeitskahn verankert am Alsenzufer.

Meine Praxis hatte sich inzwischen gemacht. Ich hatte mir ein Pferd angeschafft. Der Sommer war hingegangen, der Winter wieder ins Land gezogen, und er brachte mir das fröhlichste Weihnachtsfest, das ich je erlebt habe.

Unsere Hausfrau war zu uns in den zweiten Stock gekommen und hatte uns, da wir noch keine Kinder hatten, gebeten, am Weihnachtsabend ihre Gäste zu sein. Ich sagte zu und erbot mich noch, ihr behilflich zu sein, wenn sie den Christbaum herausputze. Die Weihnachtsnähe brachte Arbeit in jedes Haus, in unseres mehr, als bewältigt werden konnte. Herr Dietz hatte ein Doppelbier gebraut, und das kam mit Bockwürsteln vergesellschaftet am Bescherabend zum Ausschank. Ach Gott, wie sah's in unserm Hausgang aus! Jedermann hatte außer seinem Durst noch einen Haufen Schnee mitgebracht, den er vor dem Türpfosten von den Stiefeln klopfte. Teilweise hielt er sich als Klumpen und teilweise war er zu Wasser geworden, das beim Lampenglanze mit spiegelndem Scheine über die Sandsteinplatten sickerte. Wenn die Tür sich öffnete, sah man den kleinen Herrn Dietz in der Einschenke stehen, wie er die schäumenden Maßkrüge übers Büffet hob und das Geld der Kellnerin in Empfang nahm. Aus einem Dunstloch drang ein übler Kanasterrauch auf den Gang und vermählte sich mit dem Knoblauchdunst der Würste, der aus der Küche kroch, als ich die Treppe heruntergeschritten kam.

»Fleißig, Herr Dietz?« rief ich in die Wirtsstube hinein und wollte ins Nebenzimmer, als ich mich von meines Hausherrn sieben Kindern, einem halben Dutzend Buben und einem Mädel umdrängt sah. Sie wälzten sich im Gang herum, und ihr Dasein schien nur den Zweck zu haben, daß sie mit ihren Kleidern die Nässe aufwischten, die durch den schmelzenden Schnee entstanden war.

»Das Christkind wird euch nichts bringen, wenn ihr euch nicht besser aufführt,« rief ich ihnen zu. Sie achteten meiner Rede nicht, drängten sich aber an meine Beine und suchten mit mir ins verschlossene Innere der Nebenstube zu dringen. Auf mein Rufen öffnete sich die Tür zu einem kleinen Spalt, und es erschien ein Handbesen, der den Kindern so energisch auf den Köpfen herumwirbelte, daß sie bestürzt in die Hausgangecken zurückwichen. Nun hatte ich freie Passage und trat ein. Ich fand meine Hauswirtin auf einem Schemel stehend, wie sie die kleinen Wachskerzchen an einem Tannenbäumchen festklebte und half ihr bei dem Geschäfte. Während wir uns abmühten, alles recht und ordentlich zu machen, wurde der Kinderspektakel auf dem Hausgang größer und größer. »Mama,« hörte man lamentieren, »mich hat der Otto ins Bein gepetzt.« »Der Rudolf hat mir in die Nas gebissen.« »Und die Luise hat mein Ohr gezaust.« »Ach Gott, Mama, dem Franz hängt am heiligen Abend der Hintere aus der Hose heraus.«

Frau Dietz, die seither nur stumm den Kopf geschüttelt hatte, fing nun an zu jammern: »Nein, wie ich mich schäme und vorm Herrn Doktor gar. Bösere Kinder kann kein Mensch haben, als unsere sind. Ei Otto, ei Rudolf, ei Konrädel, wollt ihr denn ruhig sein! Gewiß, euch bringt das Christkind nichts, wenn es hört, wie ihr euch aufführt.« Ein kleine Pause war wohl ob dieser Rede eingetreten. Dann aber ging draußen das Geschiebe von neuem los. Die Kinder mußten sich zu einem Klumpen ineinander verstrickt haben. Man hörte ein verschwommenes Stimmengewirr und ab und zu ein dumpfes Aufschlagen, wenn das Konglomerat wider die Stiege fiel oder die Nebentür. Frau Dietz hatte gerade einen Pantoffel in der Hand, rannte vor und ließ ihn durch die Türspalte hindurch auf den Schädeln ihrer Nachkommenschaft herumtanzen.

»Au, au!« klang es von dem Vorplatz her und dann konnte die Keilerei ihren Fortgang nehmen.

Der Rauschgoldengel war auf der Spitze des Bäumchens angebracht, und ein Schellchen bimmelte mit magerem Klang.

»Kommt's jetzt!«

»Ist das Christkind da?« erschallte ein vielstimmiger Kinderchor vom Gange her und dazwischen hinein in die Sphärenharmonie das: »Mama, der Lorenz hat mir ins Gesicht gespuckt.«

Wieder wollte das bewegliche Klagen meiner Hausfrau über ihre muntere Nachkommenschaft anheben, als ich sagte: »Aber Frau Dietz, wir sind ja nun soweit fertig. Die Geschenke sind aufgestellt, und ich meine, wir dürfen die Kinder nicht länger hinhalten,« und ich rührte eigenmächtig die Schelle.

Alle Wetter, wie's nun aber da an der Stubentür lebendig wurde. Ein Schlagen, Kratzen, Treten gegen die Füllungen hub zu gleicher Zeit an. Dies Gedränge wurde lebensgefährlich, und als die gute Mutter die Tür aufsperrte, so fehlte wenig, und sie wäre von ihren Sprößlingen über den Haufen gerannt worden. Ich selber rettete mich eben noch aufs Kanapee hinauf, als das Rudel der gierigen Wölfe heranstürmte. Im Nu war der kleine Tisch mit seinem Tannenbäumchen umringt, und es begann ein wütendes Kämpfen um die einzelnen Beutestücke.

Was Konrad am Kopf gefaßt hatte, hielt Lorenz am Hinterteile fest, bis die Baumwollbibermenagerie ihre Sägmehleingeweide über Lebkuchen und Buttergebackenes verstreut hatte.

Die Mutter war machtlos geworden. Verzweiflungsvoll sah ich sie die Hände ringen, während ich mir vor Lachen nicht zu helfen wußte.

So trieben denn die Dinge, da niemand eingriff, der Katastrophe uferlos entgegen. Die Kinder hingen wie ein Weißdornhag ineinander. Es gab nur noch eine Massenbewegung der sieben Körper und die war ausgiebig genug, um Tischchen, Christbaum und Kinder alles auf einen Haufen zu legen.

Nun konnte ich nicht länger meine wohlwollende Neutralität bewahren. Sollte nicht Europa in Flammen aufgehen, so mußte ich vom Sofa herunter und löschend zwischen die brennenden Wachslichter hinein.

Während ich dies tat, war Frau Dietz in die Wirtsstube geeilt und hatte ihren Mann zu Hilfe gerufen. Das kleine, verwachsene, aber energische Männchen erschien wie Jupiter, nur anstatt des Blitzebündels mit Bierschläuchen in der Hand. Und nun ging es, einerlei wo es beim einzelnen hintraf, Schlag um Schlag auf das Bündel Menschenleiber herunter. Aber da waren dem Klumpen nun plötzlich viele Beine gewachsen. Es fing an zu krabbeln und, hast du nicht gesehen, in der Zeit von einer halben Sekunde war die ganze Dietzsche Deszendenz unter die elterlichen Betten verkrochen. Als der Hausherr nichts mehr vor sich sah, worauf er hätte niederhauen können, verschwand er zu seinen Bockwürsteln hinüber, während seine Gattin im Scheine der pendelnden Hängelampe stand und sich von ihrem Schrecken langsam erholte.

Inzwischen waren am Rande der Bettstellen, wie zu einem Eierstab geschnitten, Kopf an Kopf erschienen. Vorsichtig und verschüchtert um sich blickende Augen sondierten, ob die Luft rein sei. Als dies so schien, kamen Schultern nach, und zu guter Letzt standen alle Kinder wie die sieben Arme der Schabbeslampe vor der Mutter. Diese hielt nun ihrem Nachwuchs eine gepfefferte Weihnachtsrede, an deren Schluß sie den Sündern erklärte, daß sie samt und sonders vom Mitgenuß der Abendmahlzeit ausgeschlossen seien. Dieses Gottesurteil nahmen die Kleinen mit Resignation hin. Sie konnten ohne Atzung bleiben, denn was von den verkrümelten Lebkuchen und dem Buttergebackenen noch zwischen ihren Fingern hing, konnte für eine vollwertige Mahlzeit gelten. Die Wirtin, meine Frau und ich hatten uns einstweilen um ein Hasenragout gesetzt. Obwohl es mir gut schmeckte, sah ich doch fortwährend über den Teller hinweg nach den Kindern. Sie hatten sich um den Ofen herum in einem Kreise niedergelassen und waren eifrig damit beschäftigt, das wieder ganz zu machen, was sie vorher zusammengerissen hatten. Da mußte ein Rad an einem Wägelchen repariert, einem Pferde der Schwanz angepappt, einem Hanswurst aufs neue der Bauch mit Seegras gefüllt werden. Bei all diesen Werken christlicher Nächstenliebe halfen sie einträchtiglich zusammen. Sie waren beschäftigt, befriedigt und überselig am Weihnachtsabend.

Als ich später mit meiner Frau im zweiten Stock allein war, legte ich dieser die Frage vor, ob es denn nicht besser wäre, wenn die Eltern ihren Kindern die Spielsachen von vornherein im zerbrochenen Zustand überreichten.

Die Gattin mochte von meinen Ansichten nichts wissen. Ich aber legte mich zu Bett mit dem Bewußtsein, daß ich nie einen schöneren Christabend erlebt hatte wie diesen.

Am ersten Weihnachtstage lag Schnee, und zwar lag er meterhoch an Stellen, wo ihn der Wind zusammengeweht hatte. Ich war nach Schönborn gerufen worden und hatte meine liebe Not, mich mit meinem Pferde auf die steile Höhe hinaufzuarbeiten, auf der dies Nest lag. Als ich gegen Abend mein Rößlein schweißtriefend nach dem Stalle zog, meinte mein Hausherr:

»Sie sollten einen Schlitten haben.«

Gewiß sollte ich das, aber woher einen solchen nehmen, zumal da es mir gar sehr an Geld fehlte. Ich machte also dem Herrn Dietz gegenüber ein sehr vieldeutiges Gesicht, und er war der Mann, der sich aufs Lösen von Bilderrätseln zu verstehen schien.

»Ich habe einen Schlitten,« stieß er unvermittelt hervor, »nur daß er unterm Heu sitzt. Wenn morgen früh der Knecht Ziemer kommt, so wollen wir sehen, ob wir ihn ausgraben können.«

Der Ziemer kam am anderen Tage und das Exhumieren begann. Als das duftende Heugrab erbrochen war, Himmel, welch ein Lazarus stand da vor mir! Es waren die fossilen Reste einer vorsintflutlichen Bettlade, was man da auf zwei Schlittenkufen genagelt hatte. Staat war mit dem Möbel nicht zu machen. Aber da ein zerrissener Strumpf besser ist als gar keiner, so empfahl ich dem Himmel meine Seele und spannte mein Rößlein vors Geräte; und es ging wahrhaftig. Ja es ging nicht einmal allzu schlecht.

Der Schnee war auf den Chausseen niedergefahren, und die Kälte hatte ihn zu einem glatten Pflaster umgeformt. Darüber hinweg sauste mein Rößlein vom Schellengeläute seines Halsringes angefeuert mit Windeseile. Ein paar Teppiche, die malerisch um die schäbige Kiste herumdrapiert waren, gaben dem Fuhrwerk ein schier feudales Aussehen und ließen mich selber, über den Sitz gegossen, in einer schier beneidenswerten Lage erscheinen. Ich nehme das an, weil hier und da neben der Fahrspur der und jener im Schnee stand, und so ein Gesicht machte, als ob er mitfahren würde, wenn eine Einladung an ihn erginge. Gewiß: wer die innere Struktur meines Fuhrwerkes nicht kannte, konnte sich, von seinem Äußeren geblendet, ihm anvertrauen, und das taten eines Abends auch in ihrer Verblendung der Amtsrichter von Rockenhausen und sein Sekretär.

Noch steht sie vor mir die schöne Vollmondnacht, in der ich über die Wittgemark ins Münstertal fuhr. Der Schnee weinte unter den Schlittenkufen, und in den Dörfern zwinkerte durch die Fensterscheiben ein blutrotes Licht auf die Straße heraus. So war's in Würzweiler, das ich soeben passiert hatte, und in Gerbach, dem ich mich nahte, war's geradeso. Plötzlich, als ich eben am »Ochsen« vorüber will, wird ein Fenster aufgerissen und eine bekannte Stimme ruft mir zu:

»Wonaus so spät noch, Doktor? Könnten Sie auf dem Rückweg nicht halt hier vorm Wirtshaus machen und uns mitnehmen?«

Der Rufer war mein Skatgenosse, der Richter Graf. Froh war ich, daß ich dem braven Mann einen Gefallen erweisen konnte. Ich machte also meinen Krankenbesuch im Dorf, dann ging's zurück und dem »Ochsen« entgegen.

In der Wirtsstube saß am runden Tisch mit seinem dicken Sekretär zusammen der allmächtige Gerichtsherr. »Wenn wir doch jetzt fahren können, so verschlägt es nichts, wenn wir noch eine Flasche trinken,« brachte der wohlbeleibte Herr in Vorschlag. Und es widersprach ihm niemand. Aus einer Flasche wurden zwei. Mag sein, daß es auch fünfe wurden. Um nicht lange nachzählen zu müssen, will ich nur berichten, daß wir unter weinseligem Gelächter die alte Arche bestiegen. Neben mir auf dem Vordersitz hatte sich der Amtsvorstand eingerichtet, sein Sekretär und mein Kutscher hinter uns auf dem Rücksitz. Der Mond guckte uns heiter zu und ich fuhr los.

Wie das Pferd in die weiße Winterlandschaft hineinrannte! Der Schnee stäubte wie ein Silberstrahl unter den Kufen heraus, und das Schellengeläute klingelte melodisch. Man hätte singen mögen oder sonst was Verrücktes beginnen. Der Richter neben mir lachte in einem fort und erzählte Schnurren. Als er einmal einen Eideshelfer brauchte, um eine gewagte Behauptung glaubhaft zu machen, wendete er sich nach hinten um, indem er sagte: »Nicht wahr, Herr Sekretär?«

Aber o Wunder, wo war da noch ein Sekretär? Fort war er, rein fort, von der Erde verschwunden und mit ihm zugleich mein Knecht und o wehe, auch das Hinterteil meines erborgten Schlittens. Keine Frage, wir zwei Vorderbliebenen hätten Grund zum Weinen gehabt. Statt dessen lachten wir nur. Lachten, daß uns die Tränen über die Wangen liefen und die Knöpfe von den Hosen sprangen.

Als wir einigermaßen wieder normal zu denken anfingen, fragten wir uns, was hier wohl nun zu tun wäre? Zurückfahren und die verlorenen Brüder suchen, hatte keinen Sinn. Wir mußten annehmen, daß sie nicht im Winterschnee liegen geblieben waren, um zu warten, bis einer kam, der sie zusammenkehrte. Ein Settenpfad führte außerdem als näherer Weg über die Wittgemark nach Rockenhausen. Den hatten die verlorenen Söhne sicher mit gutem Mut oder der Not gehorchend eingeschlagen. In dem tiefen Schnee konnten sie nicht hart gefallen sein. Und die Hintere Schlittenhälfte? Nun die hatten sie wohl aus der Fahrbahn geschleift und im Felde liegen lassen, wo sie einstweilen verweilen konnte. Sie war zu minderwertig, als daß sich einer hätte daran vergreifen können! So dachten wir und retteten unter Lachen uns wieder in den Torso unseres Fahrzeugs hinein. Wie feurige Augen blitzten uns die Fenster der Rußmühle entgegen.

Kaum gegrüßt lag sie hinter uns, und das Forsthaus der Wittgemark mit seinen weißen Mauern vorm dunklen Walde lag an unserer rechten Seite.

Damit war der höchste Punkt der Straße erreicht. Es ging ins Alsenztal hinunter. Wie breite Gräben legte sich der Schatten alter Pappeln über die Chaussee. Das Pferd stutzte einen Augenblick, nahm dann einen kräftigen Anlauf und schwups war die Kiste über das vermeintliche Hindernis hinübergeschleudert. In einer Dampfwolke raste der Renner ins Tal hinunter, kaum war er in den Zügeln zu halten. Uns, den Insassen des Schlittens, konnte alles nicht schnell genug gehen. Wir wollten zu Hause beim Vater Dietz hinterm Glase sitzen, wann die verlorenen Brüder ankamen. Die erste Dorflaterne war erreicht. Die menschenleere Straße tat sich auf. An der Kirche vorüber mit dem roten Schimmer ihrer ewigen Lampe, dann um die Hausecke des Tuchhändlers und der Schlittenrest stand, wo er hingehörte, vorm Brauhaus meines Hausherrn. Das Pferd fühlte die Nähe seines Stalles und schüttelte sich mit Behagen, wobei die Schlittenglocken wie ein Schellenbaum einen Massenton von sich gaben, der seinerseits den Herrn Dietz herbeirief. Die gedrückte Gestalt stand im Mondschein da wie ein Wichtelmännchen und der Kleine wußte nicht, ob er weinen oder lachen solle, als er das beaugenscheinigte, was von seinem Besitze aus der Fremde heimgekehrt war. Nach kurzem Besinnen tat er, was wir zwei andern auch taten, er lachte, nahm das Pferd am Zügel und führte es in den Stall, während der Richter und ich uns in die Wirtsstube begaben, als die Uhr eben zum elften Stundenschlag aushob.

»Ehe eine Viertelstunde vergeht, ich kenne meinen Sekretär, werden wir Gesellschaft haben,« sagte der Oberrichter und schraubte seine Jagdpfeife zusammen. Er hatte richtig geweissagt. Ein Poltern auf dem Hausgang, die Tür ging auf und zwei lachende Gestalten standen auf der Schwelle.

»Na, so ein Gelump von einem Schlitten, Doktor, hätt' ich einem Hinkelkrämer zugetraut, aber sicher keinem Arzte. Sinds froh, daß wir zwei mit heilen Knochen davongekommen sind. E paar Jahr Zuchthaus hättens sicher gekriegt, wenn einem von uns zwei der Atem ausgegangen wäre.«

Damit waren die Vorwürfe erschöpft und es begann ein lustiges Trinken bis zum Morgengrauen.

Ach dieses Morgengrauen! Es wurde noch grauer, als ich zu meiner Frau an den Kaffeetisch kam. Natürlich wußte sie bereits alles, ja mehr als alles. Sie wußte, daß der Unfall nicht gekommen wäre, wenn wir nicht betrunken gewesen wären. Daß wir jetzt die ganze Schande hätten und Herr Dietz nur einen halben Schlitten. Nun möge ich nur sehen, wie ich mich durch den Schnee durchschlängelte. Sie würde keinen Finger krumm machen, um mir zu helfen.

Indessen setzte sie sich an den Tisch und fing an zu schreiben. Als sie die Stimme unseres Metzgers in der Küche hörte, ließ sie die Feder fallen und eilte aus dem Zimmer. So hatte ich Gelegenheit, einen Einblick in ihre Schriftstellerei zu gewinnen. Trotz der Drohung, keinen Finger für mich krumm zu machen, hatte sie an ihren Vater geschrieben und ihm klar zu machen versucht, daß zu Hause zwecklos ein neuer Schlitten in der Remise stehe, während er im Alsenztale fehle und durch seine Abwesenheit einen jungen, hoffnungsvollen Mann an den Rand des Grabes bringe.

Als sie wieder in die Stube kam und mich mißtrauisch ansah, tat ich so, als ob ich mit meinen Kleidern an dem Firniß des neuen Kleiderschrankes angepappt wäre und ließ mich von ihr vorsichtig loslösen, auf daß es ja kein Loch in den Anzug gäbe.

Drei Tage später stand ein eleganter Schlitten vor meiner Wohnung. Die Freude über seine Gegenwart war groß, aber sie währte nicht lange.

An einem Samstag ward ich nach dem Dorfe Dörrmoschel gerufen. Ein rauher Wind strich über die Höhen hin und verwehte die Spur, die der Schneeschlitten am Tage vorher gewühlt hatte. Ruhig und geduldig ging mein Roß seine Straße, denn zum Glück fuhren wir vor dem Winde her. So erreichten wir Dörrmoschel ohne Zwischenfall. Als wir aber den Heimweg antraten, änderte sich die Lage. Wir fuhren in den Sturm hinein und alles, was er an Schnee und Eisnadeln mit sich trug, raste uns mit brutaler Rücksichtslosigkeit in die Augen hinein. Ein ewiges Zwinkern mit den Lidern ermöglichte mir eben nur, die Richtung unseres Weges zu bestimmen. Auf der Straße waren wir freilich nicht immer. Ich merkte dies an dem Geschnaufe des Rosses und an seinem Stolpern, wenn es in eine Ackerfurche trat. Aber ich fuhr halt zu und in ein unendliches Grau hinein, das hinter dem Scheitelpunkt der Straße lag. Da mit einem Male bemerkte ich in dem Nebelvorhang eine dunklere Tönung. Der Flecken wurde kompakter und nahm die Form eines Weibes an, das mit einem Korb auf dem Kopfe verzweifelt gegen den Sturm anging.

»'s ist die Dörnbacher Aufkäuferin,« sagte ich zu mir selber. An ihren Hüften erkannte ich sie und an den tausend Falten ihres Tuchrockes. Nun war es mein Bemühen, der Wackeren näher zu kommen und sie aus ihren Schwierigkeiten zu erlösen. Bald hatte ich sie erreicht, und sie machte ein überglückliches Gesicht, als ich sie einlud, ihren Korb in den Schlitten zu stellen und sich selber an meine Seite zu setzen. Mein Pferd freilich schien mit der Zumutung, zwei weitere Zentner ziehen zu müssen, nicht ganz einverstanden zu sein. Es blies heftig durch die Nasenlöcher, doch es zog, vielleicht, weil es dachte: »Gleich bin ich auf der Wasserscheide und dann, wenn es ins Tal hinuntergeht, sollt ihr sehen, was ich mit euch anfange.«

Die Höhe kam und ich hatte das Pferd vom Ackerlande weg dahin gelenkt, wo ich die Straße vermutete. Als nun das Tier den ebenen Boden unter sich fühlte, warf es sich mit Gedankenschnelle ins Geschirr und sauste schneller als es sich ein Mensch vorstellen kann, mit uns gegen Dörnbach hinunter. Die Bäume an der Straße tanzten nur so vor meinen Augen, und die Telegraphenstangen walzten mit.

Warum hatte sich die Aufkäuferin ängstlich in meinen linken Arm gekrallt, wo es doch so lustig zuging? O sie wollte nur einen Teil ihrer Angst auf mich herüberleiten, weil sie keine Zeit fand, dieselbe hinauszuschreien. Wer weiß, was meine Ohren hätten ertragen müssen, wenn ihre Zunge gelöst gewesen wäre. Vielleicht wäre ich verrückt geworden und Pferd und Fuhrwerk wären über die zur Linken gähnende Böschung hinabgestürzt. So aber war ich doch in der höchsten Not noch entschlußfähig, und als wieder einmal eine hohe Schneewehe kam, riß ich das Pferd plötzlich nach rechts herüber in der Hoffnung, es möge in dem weichen Haufen stecken bleiben.

Gut gemeint war die Geschichte. Aber der schönste Feldzugsplan garantiert nicht immer den Sieg. Wohl tat der Gaul den ersten Schritt in die weiche Masse hinein, dann aber warf er den Körper nach links.

Der Schlitten geriet in eine schiefe Lage und leerte den Korb, die Aufkäuferin und meine Wenigkeit in den Schnee hinein. Ich lag auf dem Bauch und, den Kopf erhebend, konnte ich eben noch sehen, wie mein Roß mit dem umgekehrten Schlitten ins Tal hinunterraste und der Brücke entgegen, die über den Dörnbach führte. »Dort an der Steinbrüstung,« so dachte ich mir, »wird für Roß und Schlitten der letzte Tag gekommen sein« und sah mich nun nach der Aufkäuferin um.

Helft ihr Himmelsmächte! Sie lag mit dem breiten Hintern in einer gelben Sauce von zerschlagenen Eiern drinnen und rings um sie herum gruppierte sich in schönen Klumpen ein halber Zentner strohgelber Butter.

»Welch ein Omelett für eine Kompagnie Trainsoldaten wäre aus ihr zu machen,« so mußt ich trotz des verlorenen Fuhrwerks denken, als die Dicke eben gottserbärmlich zu jammern anfing. »Meine Eier, meine Butter, mein Rahm!« so lauteten ihre Worte. »Was soll mein Mann sagen, wenn ich heimkomme? Er schlägt mich tot, er tritt mich tot, wenn ich ihm gestehe, wie's gegangen ist. Ach daß aber auch gar nichts mehr ganz ist! Nicht einmal der Korb, in dem meine Sachen waren! Wenn ich nur einen Strick hätte. Aufhängen müßt ich mich ja am ersten besten Baum. Einmal mit einem großen Herrn gefahren und all mein Lebtag nie und nimmermehr.«

Was wollt ich machen? Um den Anklagen ein Ende zu bereiten, griff ich nach dem Geldbeutel und gab der Frau, was ich an Vermögen nur bei mir trug. Dann trennten wir uns. Sie lief mir immer um zwanzig Schritte voraus. Ich glaub', sie fürchtete, ich könne das Geld zurückfordern, das ich ihr gegeben hatte. Vor der Brücke bog ihr Weg rechts ab, der meine links, wir waren geschieden. Wenn sie gewollt hätte, konnte sie mir nützlich werden, denn ich trug schon einen Arm voll Trümmer meines Schlittens mit mir und neue zeigten sich, als ich die Straße abwärts ins Alsenztal schaute. Daß ich vom Pferde nichts sah, gab mir die Hoffnung, daß wenigstens dieses Rabenaas heil und ganz heimgekommen sein möchte. Und es war so. Es stand ruhig beim Herrn Dietz vor seiner Raufe und fraß sich satt, während sich auf dem Marktplatze Menschenhaufen ansammelten, die mein Unglück besprachen und zu der gemeinsamen Überzeugung kamen, daß ein Doktor keinen jungen Gaul brauchen könne, sondern höchstens einen solchen, der nach zwölfjähriger Dienstzeit mit dem Militärverdienstkreuz um den Hals entlassen worden wäre.

Ich aber dachte: »Na warte nur, du Luder! Schon regnet's draußen ein wenig. Sobald der Schnee weg ist, werde ich dich zwischen meine Schenkel nehmen, und dann sollst du dafür büßen, daß du mich und die Aufkäuferin zusammen in den Schnee gelegt hast.«

Meine Ahnung, daß das Wetter umspringen könne, erfüllte sich. Wir hatten den letzten Schnee in diesem Winter gehabt. Rasch kam der Frühling ins Land und ihm folgte ein gewitterreicher Sommer. Wer einmal die Schrecken eines Gewitters kennen lernen will, muß hinterm Donnersberg leben. Der Riesenklotz trägt seinen Namen nicht ohne Grund. Gewölk, das im Westen aufgestiegen ist, lagert sich langsam, immer ein Ballen neben dem andern um sein Haupt. Wenn er dann in stundenlangem Sammeln jede Himmelstrübung wie Watte um sich gewickelt hat, dann legt er los. In den Tälern und Schluchten fängt es an zu schießen und zu donnern, schlimmer als in der größten Schlacht. Die Häuser wanken unter den Wetterschlägen; die Ziegel fallen von den Dächern. Die Läden klappern und in den Zimmern stehen die Uhren still. Mit geilem Kichern stechen zuckende Blitze aus dem Wolkenmantel heraus, und wo sie hinfahren, da knickt die tausendjährige Eiche zusammen wie ein Rohr, und Menschenwerk ist wie die Spreu vor dem Winde. Die Leute kennen die Gefahr, flüchten in die Stuben und liegen mit dem Rosenkranz zwischen den Fingern im Herrgottswinkel laut betend auf den Knieen. »Herr, erbarme dich unser! Christe, erbarme dich unser!« kann man's aus den Häusern jammern hören, wenn man zufällig durch die menschenleeren Gassen zieht.

Es war in der ersten Hälfte des Juni, und der Tag neigte sich seinem Abend zu. Seit vier Stunden bereits vermummelte sich der Berg immer dichter in seinen Wolkenmantel. Wird es zum Losschlagen kommen oder wird sich das Wetter noch einmal verziehen?

Das war die Frage, die sich jedes in Rockenhausen vorlegte, und vor allem auch meine Frau und ich. Ich war über die Rußmühle hinaus nach Ruppertsecken gerufen worden, einem armen Neste, dessen Häuser sich zwischen den Mauerresten einer alten Ritterburg versteckten.

»Du darfst nicht fahren,« flehte meine Frau, »mich frißt die Angst.«

»Mich ruft die Pflicht.«

»So warte doch erst das Ende des Gewitters ab.«

»Es wird nicht kommen. Hab keine Furcht. Bald kehr ich wieder.«

Und ich spannte das Pferd vors Halbverdeck und fuhr zum Dorf hinaus. Es ist unheimlich und dunkel. Licht brennt hier und da hinter einer Scheibe.

Die Straße steigt. Sie will aus dem Alsenztale herauskommen.

Das Pferd geht seinen Schritt in der Scherendeichsel. Ein Wind hat sich aufgemacht und schiebt das Chaischen hinter dem Tiere her. Große Regentropfen trommeln aufs Lederverdeck. Am Wege wiegen sich die schlanken Pappeln. Dann mit einem Male, urplötzlich, ein Rollen, ein Krachen und ein Aufstammen vor meinen Augen. Aus meinen Sinnen schwindet die Welt. Dunkel ist's nach der übergrellen, funkelnden Helligkeit.

Als ich nach einiger Zeit die Augen öffne, liegt das Pferd vorm Wagen und regt sich nicht. Ich mußte meine Gedanken sammeln, bis ich mir selber sagen konnte: »Der Blitz hat's getan; das arme Tier ist tot.«

Ich stieg aus und war im Nu naß bis auf die Haut. Ich rüttelte an meinem Pferd. Es regte sich nicht. Was wollte ich machen? Ich beschloß, bei strömendem Regen umzukehren und aus dem Dorfe Hilfe zu holen.

Schon war ich straßab einige Meter gegangen, da schaute ich mich noch einmal um. Sehe ich recht? Der Gaul bewegt sich.

Ich zurück und ruf ihm zu. Er hebt den Kopf. »Nichts wie von den Strängen los« ist die Parole und ich fange an, die Schnallen zu lösen und die Riemen. Das Pferd fühlt sich frei und springt auf. Ich such es am Zügel zu halten. Es trifft mich mit den Knieen vor die Brust, steigt und ist aus meiner Faust. Toll vor Schrecken rast es die Straße hinab die Zugstränge hinter sich herschleifend. Wenn ich auch hätte rennen wollen, der Ausreißer war nicht einzuholen.

Könnte ich etwas für meinen Wagen tun? Ich überlegte. Da fuhr ein Windstoß ins Verdeck, und die ganze lederne Herrlichkeit rollte über die Chausseeböschung hinunter ins Wiesental hinein. Ich stand allein neben einem dicken Pappelaste, den der Blitz vom Stamme abgespalten hatte. Als ob der Weltenuntergang gekommen wäre, polterte und donnerte es drauf los. Mir war mit einem Male alles egal. Die Hosen klebten an meinen Beinen, und im ruhigen Schritte ging ich die Straße entlang mitten drinnen in einem Regen, der wie ein Vorhang die Welt vor mir verhüllte.

Da stieß ich auf vier Männer, die Feuerwehrhelme auf den Köpfen trugen. Sie blieben stehen und blickten mich verwundert an.

Aha, ich verstand. Sie hatten mein Pferd durch die Straßen rennen sehen, und sie waren zusammengelaufen, um die Leiche ihres Doktors heimzuholen, an der Spitze dieser Samariter der Bürgermeister. Mußt ich mich jetzo nicht entschuldigen, daß ich die Keckheit hatte, noch zu leben? Ich tat's und mir wurde gnädigst verziehen.

Zu fünfen zogen wir ins Dorf hinein, wo hinter schäbigen Kattunvorhängelchen manches Alltagsherzchen enttäuscht trauerte, weil die hochdramatisch veranlagte Geschichte so trivial geendet hatte.

Um nichts unberücksichtigt zu lassen, will ich noch erwähnen, daß mein Halbverdeck am anderen Tage schon aus dem Wiesengrunde herausgeholt wurde und zu einem Grobschmied in die Werkstatt wanderte. Als es dieses Kunstinstitut wieder verließ, war der innere Zusammenhang zwischen Vorder- und Hinterteil durch ein Bandeisen leidlich gewahrt, und das Chaischen konnte sogar zum Fahren wieder verwendet werden, obwohl mich jedesmal ein gelindes Grauen durchrieselte, wenn eines der Räder knirschend über einen Stein ging. Mein Gott, das Schmelzpfännchen war alt, stammte vom Großvater meiner Frau her, und ich ahnte, daß es seinem alten Hausgenossen, dem Schlitten, bald nachfolgen werde.

Das Unabwendbare kam rascher, als mir lieb war. Eines Nachts wurde ich nach Gundersweiler gerufen und fuhr mit brennenden Laternen in die schwarze Dunkelheit hinein. Ich kam in dem reichen Bauerndorfe an und fand bald die Mühle, wo mein Patient lag. Wer von den Müllersleuten bettlägerig war, weiß ich heute nicht mehr. Sicher ist, daß ich ein Rezept aufschrieb und daß damit die große Frage aktuell wurde, wer mit dem Doktor in die Apotheke nach Rockenhausen fahren solle. Man steckte die Köpfe zusammen, lief nach der Küche und in die Mühle hinaus und bat schließlich den Doktor, er möge so gut sein und warten, bis der Schuhmacher im Dorfe geweckt worden sei.

Was tut man nicht? Ich setzte mich neben die qualmende Petroleumlampe an den Tisch und harrte des Schuhmachers, der da kommen sollte. Und er kam auch, und es dauerte nicht lange, so saß er neben mir im Chaischen drinnen und betrachtete gleich mir das dampfende Hinterviertel meines Pferdes. Die Wagenlaternen schufen mit ihrem Glanze eine heimliche Helle um uns her, und es plauderte sich gemütlich in unserer Ledernische. »Schuhmacher,« sagte ich da mit einem Male, »was fällt dem Müller ein, daß er Euch gerade aus dem Bette jagt, wo er doch die drei Mägde im Hause hat und Mühlburschen mehr als ein halbes Dutzend.«

»Da können Sie's sehen, Doktor, wie die reichen Leute sind,« sagte der Zunftgenosse von Hans Sachs. »Am Tage gilt man nichts in ihren Augen. In der Nacht aber, wenn es jedem graust, über die Türschwellen zu treten, da weiß man plötzlich, wo der Handwerksmann zu finden ist. Nun, ich darf es mit dem Reichsten im Dorf nicht verderben. Und dann, was macht es mir aus, ob ich zwischen zwölf und vier im Bette liege oder neben Euch hier im Chaischen sitze?«

»Ihr fürchtet euch wohl nicht?« warf ich dazwischen.

»Ich und fürchten! Pah, wäre noch schöner! Vor wem denn wohl? Den Teufel gibt es nicht, an die Hexen bin ich durch mein Weibervolk gewöhnt, und der Räuber müßt ein geschickter Kerl sein, der einem Schuhmacher was abnehmen könnte. Und dann noch, betrachten Sie den Prügel, der hier zwischen meinen Knieen steht. Einem Ochsen wollte ich damit eine beibringen, daß er nimmer wüßt, wann sein Geburtstag wäre.«

Ich schwieg. Alles um uns schwieg. Als wir eben durch ein kleines Wäldchen fuhren, da schrie plötzlich eine Eule auf und ich merkte, wie neben mir der Schuhmacher zusammenschreckte. ›Auch kein ganzer Held,‹ dachte ich und nahm das unterbrochene Gesprächsthema wieder auf, indem ich sagte: »Bald sind wir an der Stelle, Meister, wo vor vierzehn Tagen sich ein Gutsbesitzer eine Kugel in die Stirne jagte, umfiel und mit dem Körper in die Alsenz hinein. Nicht wahr, Ihr habt davon gehört? Es soll ein Licht dort gehen, immer um die Mitternacht über dem Gumpen. Mehr als tausend Menschen sind es, die es schon gesehen haben. Was meint Ihr zu der Sache?«

»Ich sollte glauben, der Gutsbesitzer liegt auf dem Kirchhof; was aber das Licht da soll, das weiß ich nicht zu sagen. Ist nicht die Mitternacht bereits vorüber?«

»Nein, sie kommt erst noch. Gleich werden wir die Uhr schlagen hören vom Imsweiler Rathaustürmchen, und gleich sind wir eben auch an der verrufenen Stelle.«

Gewiß, es war nicht recht von mir, daß ich mit dem Schuhmacher so gottlos scherzte, und die Strafe dafür blieb mir nicht erspart. Wie es gekommen sein mag, daß mein Pferd in seinem scharfen Trabe scheute? Wer wird es sagen können, aber es geschah, und das Vorderrad des Wagens fuhr wider einen der Abweissteine, die am Wege angebracht waren. Krach, und zwischen Vorder- und Hinterrädern war der Wagen durchgebrochen. Unsere vier Beine schleiften auf dem Boden hin, während unsere Köpfe durch das Verdeck gegen den Kutscherbock gedrückt wurden. Infolge dieser unserer Lage waren die Zügel in meinen Händen zu lang geworden. Sie konnten nicht mehr wirken, und das Pferd schleifte den Wagen mit allem, was drum- und dranhing, mit verfluchter Schnelligkeit über den Boden hin. Was das für meine und des Schusters Knie heißen wollte, mag sich einmal einer ausmalen. Die Schreie, die mein Nachbar ausstieß, werde ich nie vergessen und auch die Heiligen nicht, an die er plötzlich glaubte und die nun als fromme Litanei hintereinander zum Vorschein kamen. Da war eine Agatha, eine Emerentia, eine Veronika. Kein Wunder, der arme Meister war übler dran wie ich, der ich die schwache Stelle meines gebrechlichen Vehikels kannte, das Bandeisen. Er mußte sich da in den scharfen Krallen des Teufels vermuten, wo ich mich nur eingeklemmt fühlte zwischen den morschen Brettern der alten Kalesche. Allzulange dauerte, Gott sei Dank, die gefährliche Fahrt auch nicht. Die Straße stieg, das Pferd tat langsam. Ich konnte mich aus dem Gerümpel herausschälen und das unruhige Tier aus den Strängen lösen, und es eilte, als dies geschehen, ungeheißen und ungeführt seinem Stalle entgegen. Nun erst wendete ich mich dem Schuster zu, der psalmodierend noch immer in den Trümmern steckte. Seine laute Andacht hatte zum Glück einen Bahnwart geweckt, der in der Nähe stationiert war und uns sein Häuschen als Verbandplatz zur Verfügung stellte. Hier war's nun, wo des Meisters Schäden besichtigt werden konnten, und es stellte sich heraus, daß er seine Schuhe seither an der verkehrten Stelle trug. Hätte er sie über die Knie gezogen, so wären wahrscheinlich wir alle mit dem bloßen Schrecken genugsam bestraft gewesen. So aber war immerhin einiges Blut geflossen und zwar von des Schusters Beinen. Doch es war auch das nicht gar zu schlimm. Die Bahnwartsfrau gab Kinderwickeln her, und Patient und Arzt gingen langsam dem Pferde nach und erreichten gleichfalls Rockenhausen.

Der Aberglaube der Gegend zog aus dem Ereignis neue Nahrung und wer es vorher noch nicht geglaubt hatte, schwur von jetzt ab, daß der Geist des Selbstmörders im Erlengebüsch der Alsenz hause und mit allerlei Schabernack den nächtlichen Wanderer plage. Sage keiner nein. Am Doktor gar hatte es sich bewahrheitet, daß es Geister gibt, und daß sie sich unterschiedslos über die Menschen hermachen wie die Raupen übers Kappeskraut.

Ob ich nun endlich einen neuen Wagen anschaffte, wird der Leser wissen wollen. Nein, ich dachte nicht daran. Mehr als drei Jahre saß ich nun in Rockenhausen und was hatte ich verdient? Es ist zum Lachen, wenn ich sagen muß, daß ich nicht einmal viertausend Mark auf die Sparkasse gebracht hatte, obwohl in den ersten zwei Jahren in der ganzen Gegend der Typhus herrschte, als ob er sich extra vorgenommen hätte, nicht eher zu ruhen, als bis er mich zum reichen Manne gemacht habe. Und wie hatte ich ihm dafür gedankt? Ich hatte ihn, der mein guter Arbeitgeber war, an die Wand gedrückt. Nun saß ich da und konnte mit Goldfischen hausieren gehen, wenn ich nicht verhungern wollte. Das Jahr 83 zeichnete sich durch epidemische Gesundheit aus und setzte mein Monatseinkommen auf weniger als hundert Mark herunter, bei einem Familienstande von bereits vier Personen. Daß da die Augen meines Lebenshungers wieder über Deutschlands Grenzen ins Ausland hinüberstarrten, wird man begreiflich finden. Aber ach, ich war ja so beweglich nicht mehr, wie vor drei Jahren noch. Zwei Kinder und eine Frau hingen an meinen Schultern und hinderten den Hochflug meiner Wünsche.

Wie mir dies Gebundensein in kleinbürgerlichen Ketten unsagbaren Kummer bereitete! Ich mußte schon an Weidigs Kerker in Rastatt denken, wenn ich meinen Zustand noch erträglich finden sollte. Wenn ich nur den Wind hörte, die Zugvögel sah, wurde mir das Herz schwer. Drei Handwerksburschen, die an einem Kreuzweg saßen und das Brot teilten, das sie im Dorf erbettelt hatten, erfüllten meine Seele mit Neid, weil ich mir denken mußte, wenn sie ausgeruht haben, dann kann jeder von ihnen von den vier Wegen hier wählen, welchen er will, ich aber muß an jedem Abend, der uns die Sonne stiehlt, nach Rockenhausen zurück, nach Rockenhausen und immer wieder nach Rockenhausen! Doch auch damit sollt' es ein Ende haben.

»Muß i denn, muß i denn zum Städtele 'naus«

Während ich scheinbar fest mit beiden Füßen im bürgerlichen Alltag begraben war, hatte mein Vater sich von den Geschäften zurückgezogen und lebte von einer Pension in Weinheim, so viel ich wußte, zufrieden und in leidlicher Gesundheit. Da kam eines Tages ein Brief von meiner Stiefmutter, der mir meldete, daß der Vater krank und in ärztlicher Behandlung sei. Ich reiste sofort, um ihn zu besuchen, und ich lernte an seinem Krankenbett den Doktor Roder kennen, einen Mann von düsterem Aussehen, mit langem Vollbart, aber einem klaren Auge, aus dem ein scharfer Verstand sprach. Als Kollege ward ich bald mit ihm vertrauter und ich erzählte ihm, wie mich die kleinen Verhältnisse meines jetzigen Aufenthaltes niederdrückten. »Sie sollten nicht säumen,« sagte er, »und machen, daß Sie dort wegkommen. Augenblicklich bietet sich hier im Städtchen eine gute Gelegenheit zur Niederlassung. Ein Doktor Nebel ist hoffnungslos erkrankt, und da doch ein anderer Arzt an seine Stelle kommt, so ist es mir persönlich lieber, Sie kommen als irgendein wildfremder.«

Dieser Rat meines Kollegen wurde zunächst zwischen meinem Vater und mir und am folgenden Tage zwischen meiner Frau und mir eifrig besprochen. Wir kamen schon fast zu einem Entschlusse, als uns abends vor Mattigkeit die Augen zufielen. Als wir aber am nächsten Morgen die Augen aufschlugen, wußte jedes von uns, was zu tun sei, und wir fingen an zu packen. Um acht Uhr schon trugen die Schreiner das erste Möbelstück nach dem Bahnhof. Nur eine Nacht schliefen wir noch in Rockenhausen. In der Morgenfrühe fuhr meine Frau mit den Kindern von der Station ab. Ich aber kehrte noch einmal ln die leere Wohnung zurück, um nachzusehen, ob auch nichts versehentlich zurückgeblieben sei. Wie ich so nach meinem Sprechzimmer zugehe, fand ich die Tür weit offenstehend und einen kleinen Säulenofen verdeckend, der nebst einem gebrechlichen Stuhle in der Zimmerecke stand.

»Haben Sie diesen lendenlahmen Reichsinvaliden mit Absicht zurückgelassen?« fragte mein seitheriger Hausherr, auf den Stuhl deutend.

»Ja, Herr Dietz, und zwar zur Erinnerung an den faulen Matterstock aus Rudolfskirchen. Was mag nur sein Bube machen?«

»Dem geht es gut. Er ist ein fetter Brocken schon. Ich sah ihn, als ich, um Gerste einzukaufen, in der ›alten Welt‹ da drüben war. Sein Vater ist aber immer noch nicht gut auf Euch zu sprechen. Er sagt, Sie wären nicht beizubringen gewesen, wenn eines nach Ihnen geschickt hätte.«

»Das fehlt nun gerade noch, daß der mir auch noch Vorwürfe macht. Stellen Sie sich nur vor, als er kam, um mich zu seiner Frau zu rufen, war ich zufällig im Städtchen. Vom Dienstmädchen wurde er nun angewiesen, sich neben den Ofen zu setzen und meine Rückkunft abzuwarten.«

»Da wird er doch nicht eingeschlafen sein?«

»Um kein Haar ist es anders, als Sie sagen. Er schlief den ganzen Tag von der Türe bedeckt und meldete sich erst am Abend, als wir uns eben zum Schlafengehen bereit machen wollten. Überlegen Sie, wie ich überrascht war, als ich erfuhr, wie lange der Bauer schon gewartet hatte, und verärgert, weil ich nun in die Nacht hineinfahren mußte.«

»Haben Sie ihn da nicht gehörig angehaucht, den Bruder Schlottrig?«

»Nicht einmal. Sie erinnern sich gewiß des Abends und wissen, da Sie einspannten, ich setzte ihn neben mich ins Halbverdeck und wir fuhren alsbald los, weil mich die arme Wöchnerin dauerte, die nun schon zehn Stunden vergeblich auf mich wartete.«

»Das hat dem Untier aber keine Sorgen weiter gemacht.«

»Es scheint nicht, denn hören Sie nur. Dort, wo die Straße gegen Dörrmoschel empor anfängt zu steigen und das Pferd im Schritt gehen mußte, habe ich, da ich sehr abgearbeitet war, dem Bauer die Zügel anvertraut, weil ich ein wenig zu schlafen gedachte.«

»Das weitere kann ich mir schon beinahe vorstellen,« bemerkte mein Hausherr.

»Doch wohl nur halb so schlimm, als es war. Ich schlief in der Tat fest vom Dunkel bedrückt. Als ich aber die Augen aufschlug, war's heller Tag und ich befand mich in einer Gegend, die mir durchaus fremd war. Nach meinem Fuhrmann mich umsehend, fand ich den Edlen gleichfalls schlummernd. Das Pferd war die Nacht über seinen ruhigen Schritt weitergegangen, und wir waren auf einem Irrweg über Ganglof hinausgekommen.«

»Sie haben doch hoffentlich jetzt den Schlafkollerer auf die Straße gesetzt?«

»Und ob, und ich fuhr im scharfen Trab gegen Rudolfskirchen davon. Als ich dort ankam, hatte sich der junge Matterstock bereits selber ans Licht herausgeschafft, was ich ihm nicht übelnehmen konnte, obwohl er mich in der Art um meinen Verdienst brachte.«

»Dem Alten hätte ich mal nicht zu wenig gerechnet. Ist er lange nach Ihnen in Rudolfskirchen angekommen?«

»Wann er zu Hause angekommen ist, das weiß ich nicht. Ich hab' ihn auf der Rückfahrt in Dörrmoschel getroffen, wie er eben in den ›Goldenen Pflug‹ hinein wollte.«

»Hat er keinen roten Kopf gekriegt, als er Sie sah?«

»Im Gegenteil, er schien die Seelenruhe selber zu sein. ›Was ist es, was Sie mir gebracht haben,‹ erkundigte er sich, indem er am Türpfosten seine Pfeife ausklopfte. Da wurde ich giftig über die Indolenz des Gesellen und sagte in meiner Erregtheit: ›Seinem Vater nachartend hätte es ein Kalb werden müssen, nun aber ist es ein Bub geworden,‹ und gab dem Pferd die Peitsche, damit ich nicht zu hören brauchte, was der Ungeschliffene darauf zu antworten habe.«

Herr Dietz lachte, strich seinen schütteren Knebelbart und entgegnete: »Wenn Sie aufgewärmt essen wollen, was Sie frisch nicht schluckten, so kann ich Ihnen die Mahlzeit vorsetzen. Der Matterstock war in meiner Wirtschaft, schimpfte über Sie und meinte unter anderem, Sie wären ein Grobian. Erst verlangten Sie, daß die Leute für Sie wachten, dann behandelten Sie sie schlecht und ließen sie wie einen Hund hinterm Wagen nachlaufen. Was denn ihn eigentlich die Kindbetterin anginge, zu der er gerufen habe?«

»Auch ein Standpunkt, Herr Dietz,« sagte ich. »Nun lassen Sie uns die Hände zum Abschied reichen,« und ich ließ die Reitpeitsche durch die Luft pfeifen und trat auf die Straße.

Vielerlei hatte ich, wie der Leser weiß, mit meinem Pferde zusammen erlebt. Deshalb wollte ich es mitnehmen nach der Bergstraße herüber und hatte mich auf seinen Rücken geschwungen. Ich verfolgte den Pfad, den ich einst mit dem Mühlknecht gegangen, und kam nach Marienthal, als eben der Lehrer mit seinen Schulkindern vor einem Sterbehause das Lied sang: »Selig alle, die in dem Herrn entschliefen.« Hier sollte jemand begraben werden. Hatte ich den Toten behandelt? Nein. Ich besann mich. Ich hatte was im Blättchen gelesen. Es mußte sich um den Besenbinder handeln, der statt mit einem Doktor seinem Leben mit einem Strick ein Ziel gesetzt hatte. ›Ach ja, so ist das Leben,‹ dachte ich bei mir, ›mit dem Sterben hat seither noch ein jedes geendet. Wo dies geschieht, ist im Grunde genommen einerlei. Am Ende hättest du in Rockenhausen bleiben sollen.‹

So grübelnd war ich auf die Wasserscheide bei Dannenfels gekommen und sah nun aus dem Sattel meines Pferdes heraus die breite Rheinebene vor mir liegen. Vom Donnersberg bis zum Melibokus hinüber ein schöner, blühender Gottesgarten. Da ging das Herz mir auf und ich mußte an jenen denken, der die Lilien kleidet. Und doch, und doch, er konnte wohl nicht jeden berücksichtigen mit der Kleiderlieferung. – Der Besenbinder – der Besenbinder! Immer trug er zerrissene Hosen. – Ob er in ganzen Stiefeln gestorben sein wird? – – –

Zigeuner kamen gezogen, und ihnen voraus fiedelte einer von seinem Kutschersitz herunter fröhliche Weisen. Da rieselten mir die letzten Bedenklichkeiten vom Leibe und heiter und wohlgemut zog ich meine Straße hinunter gegen Bolanden zu. Ich kam noch durch manchen wohlhabend und sauber aussehenden Ort und hielt um die Mittagsstunde, allerdings ohne Festjungfrauen, meinen feierlichen Einzug in Worms. Im »Römischen Kaiser« leistete ich mir ein gutes Mittagessen und wollte eben mein Rößlein aus dem Hoftor ziehen, als es auf der Straße Geschrei gab und einen Menschenauflauf. Ein Epileptiker hatte Krämpfe bekommen und wälzte sich in greulichen Zuckungen in der Gosse. Ich machte geltend, daß ich Arzt sei, und leistete Hilfe, soviel sich eben leisten ließ. Als der Kranke sich zu erholen anfing, wollte ich mich wieder in den Sattel schwingen. Aber da merkte ich, daß an mir etwas fehlte, was vorher da war. Was war das nun? Verflucht aber auch; meine Geldtasche hing nicht an mir. Meine Geldtasche mit allem, was wir im Zeitraum von dreieinhalb Jahren auf die Beine gebracht hatten. Schöne Geschichte das, wenn sie fort war! Ich stürze in den Speisesaal. Da hängt sie an einem Fensterriegel. Gott sei Dank! Jetzt aber los und aus dieser Stadt hinaus. Auch wenn man nicht gerade Luther heißt, kann es einem schwül da werden.

Ich kam an den Rhein, und die alte Schiffbrücke, die nach dem Rosengarten führte, schwankte unter mir. Das Pferd wurde unruhig und blies durch die Nüstern, als es nichts anderes um sich sah, als Wasser und auf diesem einige schwankende Kähne. Bald waren Pferd und Reiter auf dem rechten Rheinufer und passierten zwei nüchterne Rieddörfer. Dann ging's hinein in den Lorscher Wald, zwischen dessen uralten Stämmen noch heute der Geist des Schinderhannes und seiner Spießgesellen spukt. Hat man erst den Forst im Rücken, so liegt der Odenwald vor einem wie eine Reliefkarte.

Burgen grüßen von den Spitzen der Berge herüber, und an den Hängen hin strecken sich, mit Schlössern und Kirchen durchschossen, die lachendsten Städtchen und Dörfer. »Und da drüben in diesem Paradiese, dem eben die scheidende Sonne den Gutenachtkuß gab, da soll nun künftig deine Wohnung stehen.« Der Gedanke machte mir das Herz weit und freudenvoll und selbst mein Pferd schien sich zu freuen.

Es wieherte laut und trabte munter auf dem Weschnitzdamm der neuen Heimat entgegen.

»Es regt sich was im Odenwald«

Die erste Nacht kampierten wir bei meinem Vater, wo derweilen meine Frau und Kinder angekommen waren, um am nächsten Morgen schon mit dem Aufstellen der Möbel in der eigenen Mietwohnung zu beginnen. Alles war durch meinen alten Herrn gut vorbereitet worden, und beim Krämer Bundschuh prangte am Abend schon an der Hausecke ein Porzellanschildchen mit der Aufschrift: »Dr. Karrillon, praktischer Wundarzt« und, was weiß ich, was noch sonst für eine Sorte von Heilkünstler. Wer bei Bundschuhs Kaffeebohnen oder Gewürznelken kaufte, konnte gar nicht anders, er mußte die große Botschaft lesen, daß ein neuer Stern über Bethlehem aufgegangen sei. Als nun gar noch der Anzeiger in einem Arabeskenrahmen die staunenswerte Kunde brachte, da mangelte es schon bald nicht mehr an Patienten. Die ersten, die mir ihr Vertrauen schenkten, waren natürlich diejenigen, denen von den anderen Ärzten Mahnbriefe ins Haus geschickt worden waren. Doch ich wußte das nicht so und nahm zu meinen Gunsten an, es müsse meiner Person irgendein glänzender Strahl von einer geheimnisvollen Ruhmesaureole vorausgegangen sein.

Meiner Wohnung gegenüber hauste ein jüdischer Getreidehändler, bei dem die Bauern aus dem Odenwald vorsprachen, wenn sie ihre Kreszenz verkaufen wollten. Auch dieser Umstand kam mir zugute. Er trug meinen Namen in die entlegensten Bauerngüter hinaus, wo er übrigens durch meinen Vater zu besserem Glanze gekommen war, als ich ihm zu geben je vermocht hätte. So waren denn die Ferientage meines Gaules bald herum. Er stand wieder, wie hinterm Donnersberg, unterm Sattel und trabte mit mir in den Odenwald hinaus. Beersbach, Hilsenhain, Lampenhain und andere Seeplätze waren es, in denen meine Praxis blühte. Gerne verweilte ich bei den einfachen Menschen, deren Eigenart mir von Kindesbeinen auf bekannt war, und die auch mich so ganz und gar nicht als einen hereingeschneiten Fremdling nahmen. An ihren Apfelwein gewöhnte ich mich rasch, und für den Wohlgeschmack ihres Schüsselkäses hätte ich einige Wochen von der bestimmten Zahl meiner Lebensjahre hingegeben und täte es heute noch. In diesen entlegenen Dörfern herrschte nämlich noch die alte Sitte, daß dem Arzte bei seinem Besuche jedesmal ein Imbiß vorgesetzt wurde. Sie stammte aus einer Zeit, wo die Wirtshäuser noch keine Landplage waren. O, wie wir damals gelebt haben, mein edler Gaul und sein Herr! Während ich nämlich im Zimmer saß und kaute, tat er das gleiche im Hofe drunten an einem Kleehaufen oder vor einem Futtertrog mit Hafer, den eln Knecht ihm vors Gebiß geschoben hatte.

Als ich wieder einmal so in Beersbach saß und tafelte, kam von Steinach der Röhrig herein, ein Blutvergießer, wie es keinen größeren mehr geben konnte, denn er war Dorfbarbier. Wo seine Messer schabten, flogen nicht nur die Haare aus den Gesichtern, sondern es sprangen auch rote Quellen auf aus Bauernbacken. Er leerte heute seinen Rasierbeutel hin über den Tisch und hing den Streichriemen am Fensterriegel auf. Während er nun so sein Messer schärfte, sagte er verloren über die linke Schulter hinweg: »Am Jöstebauer zu Wünschmichelbach werd' ich heute den letzten Groschen verdient haben. Er ist für die Ewigkeit rasiert. Ja, wenn einer da wäre, der operieren könnte! Zu Darmstadt im Landkrankenhaus, da haben wir manchen durchgebracht, der schlimmer dran war als der Jöst trotz seiner vierundachtzig Jahre!«

Ich horchte auf. Der Barbier merkte etwas und fuhr mit Eifer fort: »Was wir Leute vom Fach einen eingeklemmten Bruch nennen oder Incaceration ist nichts wie eine Verschlingung von Därmen. Man schneidet ein, legt die Kutteln zurecht, die Winde finden ihren Weg und der Patient ist gerettet.«

»Er redet, daß du's hören sollst,« dachte ich bei mir, legte Messer und Gabel fort und bestieg mein Pferd. Ich ritt über die Höhe und konnte bald das Gorxheimer Tal hinunter auf die Ruine Windeck sehen. Die Sonne war am Untergehen, hielt aber die Gipfel der Berge noch in einem guten Licht. Ein Wäldchen war zu durchreiten.

Dann sah man auf der rechten Seite in einer grasbewachsenen Mulde den Hof des kranken Jöstebauern liegen. Die Giebelfenster spiegelten den roten Abendhimmel fröhlich wider und sahen nicht so aus, als ob hinter ihren Scheiben einer läge, der den nächsten Morgen nicht mehr schauen solle. Absichtlich nahm ich meinen Weg vom Pfade ab, so daß ich eine Bergwiese überqueren mußte. Ich dachte mir: »Ein Retter kann in dem Hause mit den vorhanglosen Fenstern nicht unbemerkt bleiben. Irgend jemand wird ihn sehen, und man wird einen Familienrat zusammenrufen und fragen, wer es sei. Die Bäuerin war gewißlich mit ihrer Butter auf dem Wochenmarkte zu Weinheim gewesen und in großer Gesellschaft nach Hause gegangen. Sollte da nicht zufällig die Rede auch darauf gekommen sein, daß im Städtle ein neuer Doktor wäre, wie die Welt noch keinen gesehen habe, fingerfertig wie ein Taschendieb und geschickt wie nur je ein Hexenmeister?«

Ich hatte nicht falsch kalkuliert. Als ich tiefer ins Tal herunterkam, stand am Wege einer, der die Mütze nicht auf dem Kopf, sondern unterm linken Ellenbogen trug. Er wünschte einen guten Abend und fragte, ob der Herr da auf dem Pferde der neue Doktor sei.

Als ich bejahte, sagte er bescheiden: »Der Röhrig war da und hat gemeint, wenn so ein richtiger Schinderhannes von Operateur zur Hand wäre, könne dem Großvater vielleicht doch noch einmal geholfen werden. Den Pfarrer haben wir schon gehabt, für eine gute Himmelfahrt ist gesorgt, wollt Ihr nun nicht so gut sein und nach dem Hofe da herüberkommen?«

Ich war natürlich sofort bereit zu gehen, ließ erst nur kurz den Gaul am Röhrenbrunnen vor der Treppe seinen Durst stillen und trat dann in die Stube. Eine Hand schob einen Bettvorhang über Seite. Ich fand meinen Patienten und an diesem alles, wie es der Streichriemen zu Beersbach geschildert hatte. Es war da mit nichts anderem zu helfen, als in der Tat nur mit einem raschen chirurgischen Eingreifen. Vorsichtig und mit schönen Worten wollte ich dieses eben in Vorschlag bringen, als der Kranke entschlossen meine Hand faßte und zu mir sagte: »Von Eurem Großvater habe ich auf dem Beerfelder Markt die beste Kuh gekauft, die je in meinem Stalle war. So kommt's, daß ich Vertrauen zu Euch habe. Wenn Ihr ein Messer bei Euch habt, ich bin bereit.«

Und der hochbetagte Greis wurde ohne weiteres auf den Tisch gebracht. Ohne Betäubung lag er schweigend da und ertrug die lange, schwierige Operation eines guten Viehhandels wegen.

Und er hatte Glück. Er kam mit dem Leben davon und mit soviel Rüstigkeit, daß er bald wieder in dem Felde stand und die Ochsen vor dem Pfluge hertrieb.

War's Einbildung von mir, oder war's Wirklichkeit?

Mir kam es nämlich vor, als ob die Leute den Hut tiefer vor mir abzögen, seitdem ich dem Bauer die Gesundheit wiedergegeben hatte. Menschen, die ich gar nicht kannte und die aus fremden Kirchspielen in die Gegend gekommen waren, blieben stehen und musterten mich und mein Pferd.

»Sollte da nicht der Röhrig die Hand im Spiele haben?« dachte ich mir und ich gab mir Mühe, wieder einmal mit ihm zusammenzutreffen. Seine Bahn war nämlich wie die eines Kometen zu berechnen. Am Samstag in aller Herrgottsfrühe ging er mit dem grünen Beutel in Steinach weg und kam lange vor Tag in Oberlöhrbach an. Von Hof zu Hof rasierte er die Bauern im Bett, das lange Tal hinunter. Um sich eine Abwechslung zu schaffen und anderen ein Vergnügen, kitzelte er auch nebenher einmal an einem Fuß der Bäuerin, wenn gerade ein solcher unter einer Bettdecke hervorschaute. Hatte er so seine Witze gemacht und die Bauern für den Sonntagsgottesdienst im Löhrbachtal zugestutzt, so überschritt er zu gleichem Zweck die Höhe von Buchklingen und kam nach Gorxheim herüber. Dort war er mit Sonnenaufgang zu erwarten. Also richtete ich es so ein, daß ich in Gorxheim war, wenn er aus dem Staatswald heraustrat. Nach den Buchen hatte ich seither vergeblich hinaufgespäht. Da sah ich den Bürgermeister des Dorfes auf seiner Treppe stehen, wie er mit einem grauen Handtuch das Blut aus seinem großen Vollmondsgesicht wischte.

»Guten Morgen,« sagte ich und »war der Röhrig da?«

»Wie Ihr seht;« gab er mir zur Antwort. »Was mir das Aas schon für Blut abgezapft hat, tät fast ein Mühlrad treiben. Aber ein Kerl ist er halt doch. Er haut die Stoppeln einem aus dem Gesicht, daß die Schwarten fliegen wie vor einer Kreissäge.«

»Ist er noch in der Nähe hier herum?«

»Hört Ihr nicht das Schaben seines Messers? Er wird im Wasserbau daneben sein und die Holzknechte bedienen.«

Gewiß, ich hörte ein Kratzen, aber ich hatte es für das Geräusch einer Wurzelbürste genommen; bis es plötzlich aufhörte und der Röhrig mit eiligen Schritten im Hofe erschien.

»Gott's en Dunner,« sagte er, »der Doktor schon in aller Herrgottsfrühe! Ihr werdet doch nicht schon wieder einem alten Mann den Bauch aufgeschnitten haben? Tut mir den Gefallen und laßt die Alten sterben. Sie sind so schwer zu rasieren mit den vielen Falten in den Judasgesichtern drin;« und er ließ mich stehen und lief ins Nachbarhaus hinein.

»Fort ist er, und wann trifft man den mal wieder?« fragte ich den Bürgermeister.

»Oh, wann die Bärte wieder gewachsen sind. Alle Samstag hier im Dorf. Aber hört doch nur, ein Fuhrwerk kommt soeben das Tal herabgesaust. Sind da die Pferde durchgegangen oder braucht einer eilig einen Doktor? Seht nur, dort biegt der Karren eben um die Ecke. Er muß von weither kommen aus der Hinterzent. Man sieht's am Messingzeug der Kopfgeschirre. Stell' dich am Weg auf, Liskathrin, und schrei dem Fuhrmann zu, wenn er einen Doktor braucht. Da wäre einer, sag'!«

Der Zuruf galt einer Magd, die am Brunnen stand.

Der Bürgermeister hatte richtig vermutet und nicht umsonst die Magd bemüht. Das Fuhrwerk hielt. Im Nu war ich aufgeladen. Der Wagen gedreht und fort ging es wieder das Tal hinauf.

»Wo geht es hin?« fragte ich den Kutscher.

»Zu einem großen Unglück. Denkt nur, überm Nonnenhof zu Eiterbach da schlagen schon die Flammen zusammen und die Hohlziegel knallen aufs Pflaster herunter, da läuft die Bäuerin noch in den zweiten Stock hinauf, um dem Sohne Bastian seine Militärpapiere herabzuholen. Als sie nicht wieder kommt, stürzt der Bauer nach.

Gleich drauf ein Geschrei aus dem brennenden Haus und ein Gerumpel. Die Zwei sind die Stiegen heruntergefallen und liegen, ein brennender Klumpen, im Hausgang. Mit den Feuerhaken hat man sie ins Freie gezogen und Wasser auf sie gegossen, bis sie nicht mehr rauchten und flammten. Sie leben noch, aber Gott wie sehn sie aus!«

»Hat man sie denn in ein anderes Haus gebracht?«

»Ja, zum Nachbar 'rüber, und der Hexenkonrad steht dabei und spricht Gebete gegen das wilde Brennen. Aber es hilft wenig. Der Bauer zwar ist wieder auf seinen Beinen. Die Bäuerin aber liegt auf dem blanken Stubenboden. Sie jammert gottserbärmlich, und kein Mensch hat den Mut, sie nur anzugreifen.«

»Fahrt mit der Peitsche aus, Fuhrmann, und laßt die Gäule laufen, was sie können!«

Es geschah nach meinem Wunsche. Die Taglöhnerhäuschen tanzten nur so an uns vorbei, und das gleiche tat sogar eine kleine Kapelle, die fromm am Wege stand. Es ging ein wundervolles Tal hinunter, aber ich sah wenig von seinen Wundern. Ein Mühlrad drehte sich im Bach, aber ich hörte nicht das Klappern seines Stuhles. Zu laut war das Schlagen der Wagenachsen. Staub hatte sich in meine Gehörgänge gelegt und auch auf die Schleimhäute meiner Nase.

Und doch, ich konnte mich nicht täuschen. Ein brandiger Gestank verletzte meine Geruchsnerven. Es konnte nach der Unglücksstelle nicht mehr weit hin sein.

Wir kamen durch ein Dorf. Schulkinder standen da herum, die Bücher unterm Arm und wußten nicht, was sie beginnen sollten.

Der Lehrer war offenbar dort, wo das Haus eingeäschert war und die Verunglückten sich befanden. Noch über eine Brücke hinüber. Hinter Bäumen her, die auf dem Anger standen, und die kahlen Giebel eines ausgebrannten Gebäudes starrten mir entgegen.

Grauschwarzer Rauch stahl sich aus den leeren Fensterhöhlen und mischte sich mit weißem Gewölk, das überm Tale schwebte. Hier und da leckte noch mit roter Zunge eine Flamme an verkohlten Dachsparren. So sah das aus, was vor wenig Stunden noch eine menschliche Wohnung war. Und was ums Haus herum Baum gewesen, streckte die laublosen schwarzen Zweige zum Himmel empor, und was Gras war, lag am Boden und war in den nassen Grund getreten mit Ziegelsteinen belastet, Feuereimern und Holzkohlen.

Der Fuhrmann lenkte an der Brandstelle vorbei der nächsten Hofraite zu. Ich stieg vom Wagen und mühte mich eine Treppe empor. Am Geländer standen Frauen, hatten den Schürzenzipfel zwischen den Zähnen und die Augen voller Tränen. Sie sahen mich an wie einen, nicht der retten, sondern der Not ein Ende machen solle, denn ein nervenzerreißendes Jammern drang zwischen blühenden Fuchsienstöcken hindurch aus dem Fenster heraus.

Auf das Schlimmste gefaßt war ich über die Schwelle ins Zimmer getreten. Aber was kann der Mensch ersinnen, das nicht die Wirklichkeit mit Übertreibung sogar längst hergestellt hat? Mit Dante hätte ich in die Unterwelt steigen müssen, um ein Schreckensbild zu suchen, wie es jetzt sich meinem Auge bot. Wachsbleich lag ein nackter Körper vor mir auf den sandbestreuten Dielen.

Das reiche Haar des Kopfes war zu einer verklebten Masse zusammengeronnen, die wie Pech den ganzen Schädel deckte. Über Stirn und Wangen zogen schwarze Streifen wie die Kohlezeichnung einer Kinderhand. Sie stiegen tiefer diese grauenvollen Schriftzüge und mit großen Brandblasen untermischt übermalten sie die Brust und den größten Teil des nackten Unterleibes. Um die Hüften schlang sich in verkohlten Resten alles das, was noch von dem Faltenwurf der Röcke übrig war. Die Ober- und Unterschenkel waren nichts mehr als eine fleischige Masse, aus der sich das schwarze Blut stahl in kleinen mit Wasser vermischten Tropfen. Und doch, der ganze übelduftende Klumpen lebte noch. Er zuckte, er schrie sogar auf, wenn jemand auf die Diele trat und die unbarmherzigen Bretter sich bewegten. Wird man's verstehen können, daß ich, der Arzt, wie versteinert dastand und kein Glied bewegen konnte? Nein, der unseligste aller Kriege war ja damals noch nicht dagewesen und hatte die menschlichen Gefühlsnerven verkalkt wie Quarzadern im Porphyr.

Und doch im Zimmer lief einer auf und ab, der von dem traurigen Vorgang wenig berührt schien. Er hatte die Hände mit Handtüchern fest umwickelt und gab zuweilen kurze Anweisung, was mit dem Vieh zu geschehen habe, das sich ohne Aufsicht in den Ackern und Wiesen herumtrieb.

»Ist das etwa der Mann der Sterbenden?« fragte ich einen der Umstehenden und erhielt durch Kopfnicken die Bestätigung meiner Vermutung. Im selben Augenblick trat der Pfarrer mit dem Sanktissimum in die Stube. Ich begrüßte sein Erscheinen wie eine Erlösung. Denn, um es nur offen zu gestehen, ich wußte mir keinen Rat, was ich mit dem Rest von einem Menschen anfangen sollte, der da zu meinen Füßen lag. Ich drückte mich also schweigend zur Türe hinaus, und die Leute folgten mir der heiligen Beichte wegen, die keine Teilnehmer duldete.

Im Hofe wartete ich zwischen betenden Frauen, bis der geistliche Herr wieder zum Vorschein kam. Der gute Mann schien mir von dem, was er gesehen, tief erschüttert, und doch – es lag in seinem Gesicht etwas, was wie Verwunderung aussah und zu fragen schien, ob niemand da sei, der in menschlichen Verhältnissen besser Bescheid wisse als er selber. Kaum daß ich mich ihm als Arzt vorgestellt hatte, so zog er mich am Rockärmel auf die Seite, um mir mit Flüsterstimme die Frage vorzulegen: »Haben Sie schon mit dem Manne der Sterbenden gesprochen?«

»Nein,« sagte ich, »ich will warten, bis die Ärmste da drinnen ausgelitten hat.«

»Sie werden einen merkwürdigen Heiligen an dem Hofbauer kennen lernen. Denken Sie nur, als ich jetzt oben einige tröstliche Worte an ihn richten wollte, unterbrach er meine Rede mit der Frage: ›Können Sie, Herr Pfarrer, sich noch an die Kaffeekannen mit den goldenen Rändern erinnern von der letzten Kindstauf her?‹ Ich nickte, und er fuhr fort: ›Sie waren doch schön, nicht wahr? Denken Sie, und die sind auch verbrannt.‹«

Der Pfarrer und ich sahen einander voller Staunen an und keiner wußte, was er sagen sollte, als plötzlich ein lautes Weinen der Umstehenden einsetzte und verkündete, daß die Seele der Schwergeprüften den Weg aus dem Körper gefunden habe.

Ich wartete noch ein wenig und ließ dann den Mann der Toten zu mir in ein Nebenzimmer rufen. Kunstgerecht verband ich seine stark verbrannten Hände, und als ich eine Pfeifenspitze aus der Innentasche seines Wamses herausgucken sah, so erlaubte ich mir die Bemerkung: »Sie sind nun verbunden, mein Lieber, und ich hoffe, Sie werden bald wieder die Hände gebrauchen und die Pfeife rauchen können.«

»Die Pfeife rauchen, wieso denn?« gab der Bauer staunend zurück. »Rauchen, ja was denn aber? Ich hatte noch ein frisches Päckel Tabak, als das Feuer kam.«

»Der Tabak wird mit verbrannt sein,« bemerkte ich.

»Verbrannt? Im Leben nicht! Ein Spitzbub von den Feuerwehrleuten hat es zu sich gesteckt. Ich wollte eine Sommergans drauf verwetten, und wenn's sein muß einen Scheffel Welschkorn zum Fettmachen.«

»Wenn Deutschland einmal einen Nero braucht, so kann ich ihm den besorgen,« dachte ich bei mir, bestieg den Wagen wieder und ließ mich heimwärts kutschieren.

Zu Trösel fuhr ich am Rasierer Röhrig vorüber. Natürlich wußte er längst, daß es im anderen Tale gebrannt hatte und auch bei wem, und er wollte von mir nur wissen, ob der Bauer noch am Leben sei. Als ich das bestätigte, sagte er traurig: »Schade dafür! Das Sohlleder wäre abgeschlagen, wenn unser Herrgott den und seine großen Füße zu sich in den Himmel genommen hätte.«

Ich dachte über die Worte nach und fuhr in den Abend hinein.

Beinahe einen ganzen Tag hatte ich in Weinheim gefehlt, und ich hatte manchen enttäuscht, der in der Sprechstunde auf mich wartete. Waren das nun alles Patienten gewesen? Keineswegs. Es waren Vereinsvorstände, die mich zum Beitritt in den Pfeifenklub, in den Sing-Sang- und Bruderverein, in die Tauben-, Kaninchen- und Blutegelgenossenschaft zu keilen bestrebt waren.

Ich trat natürlich überall ein und bezahlte bald mehr Beiträge als Hausmiete. Auch im Kasino wurde ich Mitglied, und da ich oft und ausgiebig im Skat zu verlieren pflegte, so war ich wegen dieser Eigenschaft in dem erlauchten Kreise mehr geschätzt als im Kirchengemeinderat. Außer im Kasino saß ich aber auch des öfteren im »Goldenen Schaf«, wo die Gebrüder Köhler meine Gesellschaft waren, oder beim Kochebäcker in der »Pfalz«, wo es Freitags Zwiebelkuchen gab und im zweiten Stock mein Vater wohnte. Wer zur Gesellschaft der »Rundbrenner« gehörte, kam in einer Woche in sämtlichen Wirtschaften der Stadt herum. Ich schloß mich diesem Kreise an, mehr, um bekannt zu werden, als weil ich auf den Traminerwein und die Schwartemagenspitzen versessen gewesen wäre, die bei diesen Feinschmeckern als Leckerbissen galten. Trotz alledem wollte meine Praxis in der Stadt sich nicht recht machen. Ich hatte Verwandte am Ort. Sie waren Vettern und Basen von meiner Frau. Sie hätten mir nützen können, wenn sie mich als Arzt genommen hätten. Da sie es einem Ministerssohne zu Gefallen nicht taten, schadeten sie mir, denn mancher wird sich gesagt haben: »An dem Schullehrersbub muß nicht viel sein, wenn die nächste Verwandtschaft sich ihm nicht anvertraut.« So kam es, daß an manchem Abend mein Pferd mehr verfressen, als ich verdient hatte, und daß ich manche Stunde beim Nachbar Maas plaudernd unterm weitgeästelten Kastanienbaume saß.

Herr Maas – daß ich dem Leser diesen Mann nun vorstelle – war ein Ökonom, der wie der Onkel Bräsig die Theorie des Ackerbaus aus dem Eff-Eff heraus verstand und die Feldwirtschaft deshalb aufgab, weil zur damaligen Zeit mit allem Fleiß doch kein Gewinn zu erzielen war.

Er hatte seinen Hof zu Straßenheim verpachtet und lebte als genügsamer Rentner in Weinheim. Da er aber trotz seiner respektablen Körperfülle das Schollentreten nicht lassen konnte, so hatte er sich eine Jagd zugelegt und natürlich den dazu gehörigen Hund, damit er die Hasen finge, an denen sein Herr vorbeizuschießen pflegte. Fingal hieß der Köter, und es war ihm gelungen, sich in den Jägerkreisen einen ehrlichen Namen zu machen, obwohl er im hohen Kartoffelkraut drinnen mehr Feldhühner verspeiste, als er seinem Besitzer in die Jagdtasche lieferte. Nun gut, dieser Hund, ohne den man sich den Herrn Maas so wenig vorstellen konnte wie den Alkibiades ohne seine Dogge, bekam einen Kropf an den Hals. Sein Besitzer scheute kein Geld. Er fütterte seinen Freund mit Jodeisen, ließ ihn eine Lehmkur bei einem Kurierpastor durchmachen, schickte ihn in die Klinik einer Veterinärschule. Es war alles umsonst. Der Kropf wuchs und hing seinem Besitzer wie eine Schnapsbulle am Halse herunter.

»Ich werde ihn totschießen müssen, den Fingal,« sagte eines Tages tieftraurig der Herr Maas zu mir, als wir zusammen unterm Kastanienbaum saßen.

»Wenn der Hund nicht gerade standesgemäß durch eine Kugel enden muß, sondern eventuell auch unter meinem Messer sterben kann, dann, Herr Nachbar, würde ich Ihnen den Vorschlag machen, Sie geben mir den Fingal zur Operation,« versetzte ich.

Herr Maas rief seine Töchter herbei, befragte sie um ihre Meinung und die Sache wurde perfekt. Der Fingal lag eines Tages auf dem Operationstische und hielt mit musterhafter Ergebung in den Willen des Schicksals still. Als alles vorüber war und die Operationswunde vernäht, lag das Tier hinterm Ofen und leckte vom Boden das Wundsekret auf, das ihm vom Halse lief, wobei er mich mit seltsamen Augen musterte.

»Sie werden gut tun, wenn Sie dem Hunde in Zukunft aus dem Wege gehen,« bemerkte Herr Maas. »Er ist verteufelt scharf, und wer sich vor ihm auch nur nach einem Stein bücken wollte, mag sehen, daß er seine Hosen behält. Er vergißt nichts und verzeiht nichts.«

Nun, es kam anders. Fingal war in ein paar Tagen wieder gesund und derart verliebt in mich, daß er unaufgefordert das Federvieh der ganzen Nachbarschaft packte und mir zutrug. Was noch lebend ankam, konnte mir nicht angerechnet werden. Für manches tote aber mußte ich mit dem Inhalt meines Geldbeutels herhalten.

Das kleine Ereignis hatte übrigens Aufsehen erregt. Man sprach darüber und vor allem im Freundeskreise des Herrn Maas.

Zu diesem gehörte auch ein alter Gerber namens Schmitz. Er war ein Sohn der roten Erde. Sie hatte ihm einen dicken Kopf mitgegeben und alle Sünden gegen die deutsche Grammatik, die ein Mensch sich nur denken kann. Das »mir« und »mich« verwechselte er in einem fort. Dieser Unverbesserliche hatte kaum erfahren, welche Kur der Fingal überstanden hatte, als er auch schon »su« dessen Leibarzt eine lebhafte »Suneigung« in sich erwachen fühlte und beschloß, denselbigen »su« seinem Hausarzt »su« erküren. Su meinem Glück bekam er alsbald einen Karfunkel ins Genick und mußte zu Bette liegen. Ich war einigermaßen überrascht, als ich bei meiner Ankunft im Krankenzimmer den Kollegen von der vierbeinigen Rasse schon vorfand. Wie ein Cherub stand er da, der vom anderen Getier, mit gezücktem Operationsmesser.

Herr Schmitz aber hub an, mit knappen Worten die Situation zu erklären: »Ich hab' Sie mal ein Ferd gehabt, dem hat kein Viehdoktor nich helfen können. Hat mich ein Menschenarzt, der Vohwinkel, den Gaul kuriert. Hab' ich dasumal zu meiner Frau selig gesagt: ›Wenn wieder was Krankes im Hause is, ziehen wir in Jottes Namen den Tierarzt zu Rate.‹ gestorben is sie nun trotz Viehdoktor, aber gelernt hab' ich was dabei und swar, daß ich für mein Part nun gleich die swei beiden nehme, die Tier- und Menschenarzt. Nun aber keene Genierlichkeit weiter. Denkt, daß Sie's mit einem Jerber und Westfälinger zu tun habt und nehmt dats Messer in die volle Faust.«

Was soll ich noch weiter sagen? Ich verständigte mich mit dem Vierbeinigen, und wir machten uns über den Patienten her.

»Hat die Fingal wirklich nicht gewinselt oder gebissen?« fragte der zu Operierende noch einmal.

»Nein,« war meine Antwort.

»Werd' ich das auch nicht tun,« sagte er, nahm Reitsitz auf seinem Stuhl und legte den Kopf über die Lehne.

Ich säbelte nun so eine gute halbe Stunde an ihm herum und schnitt aus seinem Kammstück einen Fetzen heraus, der immerhin ein Frühstück für einen hungrigen Pfarramtskandidaten abgegeben hätte. Dann stopften wir das Loch mit Jodoformgaze aus. Das letztere tat ich deshalb vor allem, weil dieser Stoff durch seinen Gestank den Hahnebüchenen verhindern sollte, unter die Leute zu gehen. Der Patient blieb auch so an acht Tage lang im Zimmer.

Dann aber suchte der Achtzigjährige die Gesellschaft der Rundbrenner zum ersten Male wieder auf. Da er den Kopf noch etwas gefroren über den Schultern trug, fragte ihn ein Spaßvogel: »Ob er etwa Geheimrat geworden wäre?«

»Nein,« gab er zur Antwort, »aber die swei Galgenvögel haben mich das janze Hornfleisch herausgeschnitten.«

Die Kunde von den zwei gelungenen Kuren machte natürlich die Runde im ganzen Städtchen herum und nicht zu meinem Nachteil. Ich wurde, wie ich glaube, einzig daraufhin Hausarzt in einem vornehmen Mädcheninstitut. Seine Vorsteherin, Miß Pannebacker, war meines Wissens eine geborene Amerikanerin und hatte eben erst wieder die Reise über den Atlantischen Ozean gemacht. »Ich soll Sie von dem Schiffsarzt der ›Lahn‹ grüßen,« sagte sie mir eines Tages. »Kennen Sie ihn nicht?«

»So wenig wie seinen Stammvater, wenn der nicht Abraham geheißen hat.«

»Das nicht, aber Venedey heißt er und Michel mit dem Vornamen. Er ist ein scharmanter Lebemann. Ich glaube, es gab während meiner letzten Reise außer mir wenig Damen an Bord, die nicht in diesen Schwerenöter verliebt waren.«

»Und weiter wissen Sie nichts von dem Don Juan zu berichten?«

»Weiter nichts außer dem Umstand, daß in Bremerhaven Würzburger Bier ausgeschenkt wird, sobald Venedeys Schiff an Land festgemacht hat.«

Wie mag der Michel nur zu dem Geschäft eines Schiffsarztes gekommen sein? Der Gedanke quälte mich, und als ich mal wieder einen gemeinsamen Bekannten traf, der in Mannheim Anwalt war, erkundigte ich mich bei diesem über Michel, den Nachkommen des berühmten Achtundvierzigers.

»Der Michel,« so klärte mich der Advokat auf, »hat nach vielen Semestern doch noch ein leidliches Examen gebaut. Nach diesem hat er sich in Haßmersheim am Neckar niedergelassen, als Arzt nämlich, und hat die Tochter des sehr vermöglichen Apothekers Runkele geheiratet. Die Brautreise machte er nach Venedig, und von dort aus hat er seinen Schwiegervater zum ersten Male um Geld angegangen. Dieser Akt hat sich vermutlich des öfteren wiederholt, bis der Schwiegervater seine Tochter wieder zu sich genommen. Sie war in gesegneten Umständen, starb im Wochenbett, und der Michel zog als lustiger Witwer in die Welt hinaus.«

»Hat er denn wenigstens dafür gesorgt, daß die Venedeys nicht aussterben?«

»Ja und nein, wie man will. Ein Töchterchen ist da, an dem der Großvater Vaterstelle vertritt. Seinen Familiennamen hat er sonach nicht fortgepflanzt.«

So hatte ich denn wieder einmal eine Kunde vom Michel erhalten. »Vielleicht, daß er seine Mutter in Oberweiler einmal besucht. Dann muß er ja die Bergstraße entlang fahren. Vielleicht, daß ihn die Dankbarkeit gegen seinen früheren Arzt veranlaßt, einmal hier in Weinheim einen Zug zu überspringen.«

So dachte ich mir und ging meinen alltäglichen Geschäften nach.

Die nahmen nun schon alle meine Zeit in Anspruch, denn der Arbeit war mehr geworden und die Tage kürzer. Weihnachten war vorüber, und ich freute mich auf den Silvesterabend, der mit befreundeten Familien zusammen uns das Abschiednehmen vom alten Jahre erleichtern sollte. Um mir die Gefahr, daß ich zu einem Nachtbesuche aufgefordert werden könnte, zu verringern, machte ich in der Dunkelheit noch ein oder den anderen Besuch bei Schwerkranken und kam so nach der Vorstadt Müllheim zu. Mein Erstaunen war nicht gering, als ich von weitem schon ein äußerst lebhaftes Schießen vernahm, untermischt mit Schreckensrufen und Hundegebell. »Was los da draußen?« fragte ich einen Schutzmann und fing wie andere zu laufen an. Ein Gerenne hub an übers gefrorene Pflaster hin, und ein Geklapper wie vor einem Brechloch. Jammerrufe dazwischen hinein. Bald ein roter Feuerschein in der Ferne, ein Spautzen und Spucken wie aus einer Schmiede heraus.

»Brennt's beim Sternwirt?« hörte man aus einem Fenster rufen.

»Es muß so sein,« antwortete aus dem Dunkeln eine Stimme.

Rauchballen wälzten sich uns entgegen. Man hustete, stieß wider Menschen und stand vor dem »Stern«. Seine Fensterscheiben waren eingeschlagen. Aus den leeren Gewändern zuckten Stichflammen, während Menschenleiber sich in Klumpen über die Sockelsteine aufs Pflaster wälzten. Einer der Gefallenen erhob sich in heller Verzweiflung und schlug wild mit den Händen um sich. Kein Wunder, unter seinem Wamse schien auf den Schulterblättern ein Maschinengewehr zu funktionieren.

»In die Bach mit ihm,« schrien die Leute, »ihm ist ein Pulverfrosch unter den Kittel geraten.«

Hände griffen zu und das feuergefährliche Individuum flog ins Wasser hinunter. Es zischte auf und die Dienstmädchen kreischten: »Der Schorsch, der Schorsch, es ist der Schorsch! Nun hat er's. Was bleibt er nicht vom Sternwirt weg, diesem Himmelsakramenter!«

»Was kann der Wirt dazu,« antwortete eine Mannesstimme. »Er hatte sich eine Kiste von Feuerwerkskörpern zugelegt, um ein Geschäft zu machen, ihr Schneegäns. Der Lenhard war's, er hat seine Zigarre in den Kasten unter die Schwärmer geworfen.«

Der Lenhard also war's, wer anders als der Lenhard? Diesmal soll er seinen Streich bereuen. War denn nicht der Armenbüttel aus dem Fenster gefallen? Ja, aber der Übeltäter bereute nicht. Wie ein Bajazzo sprang er von einem Bein aufs andere und hielt sich den Bauch vor Lachen.

Nun wird er sich dünn machen, denn es kommt soeben die Polizei. Aber nein, er verzog sich nicht. Er hatte einen Zigarrenstummel weggeworfen. Warum sollte er das nicht tun? Hätte der Wirt dort Sauerkraut hingestellt, wo der Stummel hinfiel, so wäre nichts passiert.

Die Diener des Gesetzes kümmerten sich auch um den Lenhard nicht. Sie hatten den Schankwirt zwischen sich genommen und fragten ihn nach seinem Gewerbeschein. Ja, darin lag der Schwerpunkt. Feuerwerkskörper verkauft ohne amtliche Genehmigung! Man wird ihm Mores beibringen, dem Zapfhahnen.

Der Wirt stand in der Tat wie vernichtet da. Ich konnte ihn beobachten, während ich den Schorsch verband und die anderen Leichtbeschädigten. Einem Ecce homo sah er gleich, ganz geknickt, ganz vernichtet. Der Silvester hätte ihm eine gute Einnahme bringen sollen, statt dessen stellte er ihn vor zerschlagene Flaschen, zertrümmerte Fenster und unbezahlte Zechen. Denn daran war nicht zu denken, daß einer seiner Gäste zurückgekehrt wäre, um zu fragen, was er schuldig geblieben. Nein, nein, die Rotte Korah hatte mit dem Sternwirt kein Mitleid. Johlend und lachend zog sie ab, um in einer anderen Schenke zu verzehren, was sie hier erspart hatte. Ich selber war mit der Herde nach der Stadt gezogen, aber meinem Bette entgegen im Bewußtsein, daß das scheidende Jahr mir noch einen schönen Abend geschenkt habe.

Ein erster Flug vom Neste

Ich weiß nicht, ob es anderen Menschen auch so geht wie mir. Wenn das Wetter mich ins Zimmer bannt, muß ich zu meiner Unterhaltung Reisepläne schmieden. Gebt mir ins Zuchthaus einen Atlas mit, und ihr habt mir die Hälfte meiner Strafe geschenkt. O, dies Arbeiten an einem Reiseplan! Es ist vielleicht das beste, was man von der Reise hat. Man ist vom Alltag fern, geht über schwindelerregende Abgründe und fällt nicht herunter, steigt über himmelhohe Berge und wird nicht müde dabei.

Diesmal hatte ich die Karte von Dänemark auf mein Knie genommen. Nach diesem fernen Norden wollt' ich einmal hinauf, um Renntiere zu sehen und die Menschen in ihrem Urzustand. O, ich war ja noch so dumm, daß ich glauben konnte, Deutschland allein habe die Kultur in seinen schwarz-weiß-roten Grenzpfählen eingefangen.

Es wurde Juni, bis ich aus dem Städtchen kam. Zum Schutz gegen Nordlicht und Mitternachtssonne hatte ich eine blaue Brille zu mir gesteckt. So ausgerüstet, stieg ich nach einer Nachtfahrt im Bahnhof zu Hamburg aus. Der Hafen war's, dem ich den ersten Besuch machte, nachdem ich mich im Hotel »Wismar« einlogiert hatte. Auswanderer und ihr Treiben zu sehen, das war's, was mich anzog. Am Kai der Amerikalinie lagen zwei Dampfer nebeneinander. Der, der am meisten nach der Mitte des Stromes lag, sollte in einer Stunde reisefertig sein. Der am Land vertaute wurde vor der Ausreise frisch bemalt und durfte besichtigt werden. Ich machte mich also daran und durchforschte ihn nach allen Dimensionen, indem ich mich nicht genug darüber wundern konnte, wie schön und zweckdienlich ein solcher Hochseedampfer eingerichtet ist. Selbst das Zwischendeck kam mir noch wie ein Raum vor, in dem man anstandslos den ganzen rheinisch-westfälischen Adel mit samt den Schwerindustriellen, die in dieser Gegend hausen, verstauen könne und nun gar die zweite Kajüte, von der ersten und ihren Luxuskabinen gar nicht zu reden! Ich hatte mich in einer der letzteren auf ein Sofa niedergelassen, sah durchs Bullenauge und träumte mir die affenbelebten Palmen des Amazonenstromes ans Ufer, als ich durch ein lebhaftes Getrampel über mir gestört wurde. Ich stürzte an Deck und sah, daß lebendes Rindvieh über den ersten Dampfer hinweg auf den zweiten transportiert wurde.

Als ob ich zum Ehrengeleite dieser Zweihufer gehörte, schloß ich mich der Prozession an und war unbeanstandet über die Laufplanke weg auf dem zweiten Schiff. Ich fand dieses so schön, wie das erste, nur noch bedeutend sauberer, sozusagen wie geleckt und zwar in allen seinen Teilen. Von der Barbierstube konnte ich mich schon gar nicht trennen, weil sie mit lebenden Blumen bestanden und schier wie ein Garten hergerichtet war. Aber der Uhrzeiger, der Uhrzeiger blieb nicht stehen, und wenn ich nicht mit nach Pernambuko wollte, mußte ich machen, daß ich aus dem Reisefertigen herauskam. An Deck hatte bereits das Zuströmen der Auswanderer begonnen, Polizeibeamte standen an der Laufplanke und kontrollierten die Papiere jedes einzelnen Reisenden. Meiner Ansicht nach gingen diese uniformierten Säbelträger mich nichts an. Ich wollte ja nur heraus aus dem Schiff und versuchte es ungeniert, mich zwischen ihnen durchzudrängen. Doch ich wurde festgehalten. »Ihr Ausweis, mein Herr,« wurde mir zugerufen.

»Ausweis?« Ich wußte kaum, was mit dem Worte gemeint sein sollte und machte ein verlegenes Gesicht.

»Wo kommen Sie her und wo wohnen Sie in der Stadt?«

Ich nannte das Hotel »Stadt Wismar« und durfte das Schiff verlassen, aber seltsamerweise nicht ohne einen Adjutanten. Der mehr wie schweigsame Diener der Gerechtigkeit begleitete mich bis ins Hotel, ja bis ins Heiligtum meines Zimmers sogar und verlangte, daß ich meinen Reisekoffer aufsperre. Das war sonderbar, aber ich fügte mich seinen Befehlen und sogar dem, daß ich das Haus nicht verlassen dürfe, bevor er mir die Erlaubnis dazu erteilt habe. Dann ging er von mir. Ich aber wurde den Gedanken nicht los, daß er aus der Tapete treten würde, sobald ich nur auf den Gang hinausginge. An drei Stunden mochte mein Arrest gedauert haben, da erschien der unheimliche Gast wieder, diesmal aber mit einem weniger grimmigen Gesicht und auch der Klang seiner Stimme war menschlicher, als er mir die Mitteilung machte, man habe mich für genügend verdächtig gehalten, aber inzwischen Erkundigungen über mich eingezogen und erfahren, daß ich mit dem Bankraub am gestrigen Tage in einen kriminellen Zusammenhang nicht gebracht werden könne. Ich möge deshalb entschuldigen und inzwischen fernerhin tun, was mir beliebe.

Das Wort Bankraub war mir ins Mark der Knochen gefahren. Ich bekam einen heillosen Respekt vor dem Spürsinn der Hamburger Justiz gegen Harmlose und beschloß, gleich nach dem Mittagessen abzufahren, um zu sehen, ob die Wilden in Dänemark drüben nicht bessere Menschen seien.

Bei Altona schon stieß ich auf die preußische Grenze und die ersten Apachen. Sie hatten blaue Nasen, staken in Uniformen von Zollbeamten und verlangten von mir, daß ich eine Wurst verzollen solle, die in meinem Koffer lag, oder umkehren. Ich sagte, daß ich keins von beiden täte und mir getraute, meine Wurst auch ohne Zoll über die Grenze zu bringen.

Als sie zornig erwiderten, »das wollten sie sehen«, zog ich mein Messer aus der Tasche und fraß vor ihren Augen meine Wurst zur Hälfte auf. Eine Zeitlang sahen sie meinem Beginnen wütend zu, dann aber schien sie ein Erbarmen mit der armen Wurst zu packen, und sie ließen mich mit dem letzten Drittel ihrer einstigen Größe durch die Zollschranke hindurch.

Von Altona nach Kiel ist nicht so sehr weit, und hinter Kiel beginnt es wässerig zu werden, und das Meer ist da. Trotz meiner Sehnsucht nach dem Grenzenlosen blieb ich doch in der Hafenstadt über Nacht, denn ich wollte etwas sehen von der Welt und die Fahrt nach Korsör bei Tag machen. Ich schlief im Hotel »Germania« und nahm auch allda ein substanzielles Frühstück ein, damit ich auf dem Dampfer die Zeit nicht mit Essen zu vertrödeln brauchte. Gegen elf Uhr ging ich an Bord mit krummen Beinen, denn ich wollte nicht als ein Grünhorn erscheinen, das mit dem schwankenden Gleichgewicht eines Schiffes noch keine Bekanntschaft gemacht habe.

Die Fahrt in der Bucht war still und schön. Als wir aber die offene See erreicht hatten, fing der kleine Dampfer heftig zu stampfen an und brachte manche Schweinsrippe wieder ans Tageslicht, die für immer in der dunkeln Tiefe des Magens geborgen schien. Mir konnte das Meer nichts anhaben, vielleicht weil ich verächtlich auf es herabsah. Es war mir nämlich zu klein. Ich hatte mich in den Gedanken eingesponnen, nur Himmel und Wasser um mich zu sehen, und das stimmte hier nicht, überall schaute noch der Saum von irgendeiner Insel auf unseren Kahn herüber, bald von Laaland, bald von Langeland, bald von Seeland, bis wir gegen Abend in Korsör waren. Von dort brachte mich die Eisenbahn in wenigen Stunden Nachtfahrt nach Kopenhagen. Von der Stadt sah ich zunächst nichts als die Beleuchtung in den Straßen und im Hotel, und da diese besser war, als die im berühmten »Rappen« zu Gießen, so fiel der erste Brocken vom Verputz nationaler Selbstgerechtigkeit von mir ab. Der zweite fiel beim Frühstück, das erfreulicherweise neben dem Kaffee noch einen Fleisch- und Fischgang brachte, und der dritte, als ich auf die Straße trat und bemerken mußte, daß die Menschen statt der Strümpfe wie in Marburg Glacéhandschuhe über den Fingern trugen.

Mein erster Gang aus dem Hotel führte mich natürlich nach dem Thorwaldsen-Museum, nach Holmens Kirke, nach den Schlössern Christiansborg und Rosenborg. Auch dem Kommunehospital machte ich einen Besuch und war erstaunt, daß ich dort die älteren Medizinstudenten, die statt geflickter Backen geflickte Hosenböden hatten, Operationen machen sah, an die zu meiner Zelt auf deutschen Universitäten kein Student herangelassen wurde.

Am Abend unterhielten mich im berühmten »Tivoli« die Kunstreiter, Kunstgeiger und Kunstfeuerwerker. So ging es einige Tage, bis ich mich an der Stadt satt gesehen hatte, nach Neuem verlangte und nordwärts nach dem Sund herausfuhr. Auf der Terrasse vor dem Schlosse Kronborg traf ich es nicht glücklich. Ich hatte nämlich einen Tag erwischt, wo eines Sterbfalls wegen in der Galerie der Geist des alten Hamlet nicht erscheinen konnte, dafür aber wurde den Reisenden für den Abend ein Fetzen Nordlicht in Aussicht gestellt, wenn sie sich entschließen könnten, in Helsingör zu übernachten. Ich war schlau genug, das nicht zu tun, sondern ich benutzte einen Dampfer, der von Göteborg kommend nach Lübeck an die deutsche Küste fuhr.

Die Nacht war wunderschön und der Wein gut und billig auf dem Schiff. Kein Wunder, daß ich auf dem Promenadendeck unterm klaren Sternenhimmel sitzen blieb und eine Flasche nach der anderen trank. Hatte ich mir doch auf alle Fälle eine schöne Kabine gesichert, in die ich mich zurückziehen konnte, sobald es mir beliebte. Aber es beliebte mir erst lange nach Mitternacht, obwohl auf mich die lieblichste Überraschung wartete, die einem jungen Manne nur bereitet werden kann.

Man stelle sich nur einmal vor: Ich ziehe die schwere Portiere vor meiner Kammer zurück und auf meinem schneeweißen Bette liegt die schönste Maid, die sich einer nur malen kann. Sie liegt da trotz der weißen Unterlage nicht so, wie Tizian seine Herzogin von Arbino hinlegte, sondern sie war vollständig bekleidet und sie blieb auch nicht liegen, sondern sprang auf, um mir durch eine Pantomine klar zu machen, daß das Schiff überfüllt sei, und daß sie zum Ausruhen das leere Bett benutzt habe, bis der eigentliche Inhaber der Kammer käme. Zu einer mündlichen Verständigung konnte es leider zwischen uns beiden nicht kommen, da die Schöne nur schwedisch sprach und ich nur deutsch. Im übrigen tat ich alles nur Erdenkbare, um die Kleine zu beruhigen und sie wieder zur Fortsetzung ihres Schlummers auf die Kissen niederzudrücken. Dann verließ ich mit einer tiefen Verbeugung den engen Raum. ›Was war nun zu tun in der herbstlichen Nacht?‹ fragte ich mich mit Goethe und antwortete mir mit dem gleichen Autor: ›So hab' ich doch manche weit schlimmer verbracht,‹ ließ mir in der Küche einen steifen Grog brauen und setzte mich auf dem Verdeck in die Nähe des Maschinenraumes, wo es mollig warm und gemütlich war.

Nicht gar zu lange, und die Sonne des neuen Tages stieg ostwärts aus dem Meere herauf und beleuchtete rechts und links vom Schiff grüne Wiesen und menschliche Ansiedlungen. Wir waren bereits in die Trave eingelaufen, und südwärts winkten in der Ferne die Steildächer der Lübecker Kirchtürme. Eine Stunde noch, und der Dampfer hatte am Kai der alten Hansakönigin festgemacht. Mir eilte es wahrhaftig nicht, wieder auf festen Boden zu kommen, und ich verließ als der letzte von allen Passagieren das Schiff. Kaum war ich über den Laufsteg, da trat ein Herr auf mich zu mit einer tiefen Verbeugung, reichte mir die Hand und lud mich ein, um elf Uhr im Ratskeller zu erscheinen und sein Gast zu sein. Ich wußte nicht gleich, wie ich einer solch' ausgesuchten Höflichkeit begegnen sollte, aber der Liebenswürdige ließ mich auch nicht zu Wort kommen. Er sagte mir, seine Braut habe ihm soeben erzählt, wie artig ich mich in letzter Nacht gegen sie benommen habe, und daß er's nur mir und meiner Höflichkeit verdanke, wenn sein Schatz heute so ausgeruht und rosig aussehe.

Da guckte ich mich denn gleichfalls um und erblickte zwischen den grauhaarigen Köpfen lächelnder Matronen das allerliebste Gesicht meiner Kabineninhaberin, und meine allzugroße Zuvorkommenheit der letzten Nacht wollte mich schier gereuen. Trotzdem nahm ich die Einladung zum Frühschoppen an, und ich muß sagen, bei gutem Gewissen habe ich selten eine so heitere Stunde verlebt wie die im Ratskeller zu Lübeck.

Bevor ich übrigens zum Frühschoppen gegangen war, hatte ich mir die Stadt angesehen und ihren uralten Dom. Seine Tore standen, weil's gerade Sonntag war, ausnahmsweise einmal offen. Sonst wohl möchte man fast vor jedem protestantischen Kirchenportal in seiner Unzugänglichkeit glauben, der Eintritt sei mit Lebensgefahr verbunden. Was legen sie Ketten vor die Tür, bei denen keine Monstranzen zu stehlen sind! Vertrauen ist Vertrauen wert.

Ich trat mit genügender Ehrfurcht in das mystische Halbdunkel des gotischen Backsteinbaues hinein und wurde von einem Kirchendiener empfangen, nach einem gepolsterten Stuhle gebracht, und es wurde mir ein sauberes Gesangbuch überreicht, derweilen mit lockenden Tönen die Glocken läuteten. Aber mochten sie, die ehernen Zungen, auch bitten und betteln, außer einigen Frauen und Kindern kam kein Teufel und von Hosenbekleideten war ich der einzige, der schließlich unter der Kanzel saß und einem schmalbackigen Pastor zuhörte, wie er goldene Wahrheiten einfach ins Leere streute. Der Redner dauerte mich, zumal er noch von dem Sämann sprach, dessen Weizenkörner auf die Straße fielen. Um meine Bewegung zu verbergen, wäre ich gerne fortgegangen, aber ich fürchtete, daß der Schall meiner Tritte in den Kreuzgewölben oben das Echo und dieses die toten Glaubenshelden wecken könne, die in steinernen Sarkophagen seit der Schwedenzeit da herumstehen im gott- und menschenverlassenen Gotteshause. Ich wartete also den Segen ab und ging dann zwischen ein paar Schulmädchen zur Kirche hinaus.

Zwei Tage später saß ich zu Berlin im Kaffee Bauer und mir gegenüber am Tisch ein Herr, der mich neugierig musterte. Mit einem Male stand der Fremde auf, verneigte sich vor mir und sagte im Tone großer Höflichkeit: »Sind Sie nicht der Herr, der am Sonntag zu Lübeck meine Predigt angehört hat?«

»Die Stimme des Rufenden in der Wüste,« sagte ich.

Er lächelte wehmütig und entgegnete: »Was haben Sie nur von unserem Glauben gedacht, als Sie die weiten Hallen so schrecklich und beschämend leer fanden?«

»Was ich gedacht habe? Nun, daß der David des Protestantismus schwerlich jemals in die Rüstung des katholischen Goliaths hineinpassen wird.«

Er schüttelte trübselig das Haupt, und wir gingen auseinander.

Vier Tage nach diesem Ereignisse kam ich wieder zu Weinheim ins Kasino hinein. Der Bezirksamtmann, der mit einem späteren Reichskanzler im Namen eine große Ähnlichkeit hatte, ließ den Kreuzbuben unter den Tisch fallen und begrüßte mich mit den Worten: »Aber härn's doch, Alterchen, was haben's denn in Hamburg nur angestellt gehatt? Z'wegen Ihna hab i ja en geschlagenen Tag am Telegraphendraht dranhängen müssen.«

In großer Offenherzigkeit gestand ich ein, daß ich in Hamburg einige Bankhäuser ausgeraubt und das Geld mitgebracht hätte. Ich wolle es verwenden, den Neckar bei Heidelberg abzugraben und ihn zur Verschönerung des Landschaftsbildes wieder die Bergstraße entlang laufen lassen. Mit den Rothschilds sei bereits Rücksprache genommen. Sie hätten nichts dagegen, daß der Fluß bei Frankfurt in den Main fließe.

Ob alle meine Zuhörer die Rede für ernst genommen, weiß ich nicht. Mir ist nur aufgefallen, daß einige mich fürderhin mit scheuen Blicken grüßten, so, als ob sie dächten: ›Ja, etwas muß er doch in Hamburg angestellt haben. Umsonst wird doch der amtliche Telegraph nicht in Bewegung gesetzt.‹

Weiter in der Tretmühle des Lebens

Bald war ich in den alten Geschäftsgang wieder eingewohnt, schrieb Rezepte, Krankenscheine, Geburts- und Todeszeugnisse. Eines der letztern auch für einen Mann, den ich zu meinen Freunden rechnete. Der dicke Herr wog so nahezu an drei Zentner und konnte mit einem solchen Gewichte die drei Gemeinden Gorxheim, Flockenbach und Kunzebach würdig vertreten, bis er eines Tages beim Kopfwaschen vorm Brunnentrog zusammengebrochen war. Bewußtlos hatte man ihn ins Haus getragen. Durch seine nächsten Angehörigen wurde nach mir geschickt, und ich war am Sterbebett erschienen, gerade noch rechtzeitig genug, um dem Toten die Augen zudrücken zu können. Natürlich sollten nun doch die Leute im Wochenblättchen lesen, daß es in der Welt einen Bürgermeister weniger gäbe und auch ein wie vortrefflicher Mensch der Verschiedene gewesen sei. Ein Sohn des Toten hatte sich, da das Schriftstellern keine leichte Sache ist, mit der Frage an mich gewendet, ob ich nicht während der Heimfahrt bei der Zeitungsredaktion vorfahren und die Annonce aufsetzen wolle. Ich sagte ja und bestieg meinen Wagen. Neben mich ins Chaischen drängte sich der Enkel des Toten, ein grobknochiger Bengel von etwa sechzehn Jahren. Er grüßte nicht, er sprach nichts, er saß nur da und lachte vergnügt, weil an ihn einmal die Reihe gekommen war, weich zu sitzen und Chais zu fahren. Da ich ihn in seiner Beschaulichkeit nicht stören wollte, so sagte ich auch nichts und machte mich darüber her, die Todesanzeige zu entwerfen. Aber halt, da fehlte mir gleich von vornherein etwas. Es hat Gott gefallen, unseren lieben Großvater, Vater, Onkel usw., den Großherzoglichen Bürgermeister – da halt zum Teufel, der Vornamen fehlte. Aber da konnte doch sicher der trauernde Enkel mit seinen Kenntnissen aushelfen, der grinsend neben mir saß und sich mit leisem Pfeifen die Zeit vertrieb. »Adam,« so fuhr ich den Träumer an, »wie hat doch dein Großvater geheißen?«

»Philipp,« war die kurze, aber erschöpfende Antwort, mit der mir vorläufig geholfen war. Ich komponierte also weiter: Philipp Schmidt im Alter von?? Da eine neue Schwierigkeit, die sich ohne Standesregister nicht lösen ließ. Aber wo dieses hernehmen, ohne den Gaul zu drehen und zurückzufahren. Doch vielleicht konnte da abermals der Enkel Rechenschaft geben.

»Adam,« so lautete die neue Frage, »weißt du, wann dein Großvater geboren wurde?«

»Nein, dös war vor meiner Zeit.«

›Du hättest anders fragen sollen,‹ sagte ich mir und ich fing nochmals an: »Wie alt war doch dein Großvater, jetzt, wo er eben gestorben ist?«

Adam steckte den linken Daumen in den Mund zum Zeichen, daß er sich besinnen wolle. Als er ihn wieder herausholte, stürzte hinter ihm die Antwort her: »Der kann alt gewesen sein, so an achtzehn – neunzehn Jahren.« Nun könnt' ich mir nicht länger helfen. Ich mußte lachen, daß mir der Hosenbund zu eng wurde, und das Patenkind des ersten Menschen lachte mit. So waren wir vor dem Zeitungsverlag angekommen, wo ich das Wundertier eines sechzehnjährigen Enkels von einem achtzehnjährigen Großvater der Redaktion zur gefälligen Weiterverhandlung überließ.

Durch den Tod des Bürgermeisters Philipp Schmidt war der Lauf der Zeiten nicht unterbrochen. Dem Verewigten folgte im Amt sein Sohn nach, der genau wie der Vater hieß und dem von den drei Zentnern Schlachtgewicht, die sein Vater hatte, höchstens zehn Pfund fehlten. Also war alles wieder in Ordnung. Die Gemeinde hatte ihr Oberhaupt und ich einen wohlwollenden Protektor, von dem man alles verlangen konnte, nur kein Geld. Bald sollte ich in die Lage kommen, seine Güte in Anspruch nehmen zu müssen.

Es war eine bitterkalte Winternacht und vor meinem Schlafzimmer hatte die Nachtglocke geschrien. Ich zog den Fenstervorhang zurück und sah auf die nackten Steine des Pflasters hinunter. Da hielt ein armseliges Fuhrwerk im fahlen Lichte des Halbmondes und eine Stimme rief zu mir herauf: »Ich bin's, der Forstwart von Steineklingen. Sei's wie's will! Ich hab' ein Fuhrwerk mitgebracht. Sie müssen heraus und mit mir fort.«

Ich zog mich an und kam reisefertig auf die Straße. Hölle und Fegefeuer, welchem Fuhrwerk stand ich da mal wieder gegenüber! Da war zunächst ein Wagen, an dem außer der Deichsel nichts heil war. Die Radkränze waren mit Stricken gebunden und die Leitern schienen aus den Resten alter Kinderwiegen zusammengesetzt zu sein. Ach, und nun gar der Gaul, der vor dieses Fuhrwerk geknotet war! Das reine Pferdeskelett, und selbst das nicht einheitlich, sondern aus der Knochensammlung einer Tierarzneischule zusammengestohlen. »Von welchem Schinderwasen, Förster,« rief ich aus, »haben Sie diesen Lazarus geholt?« und schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

»Den laß ich mir nicht schlecht machen,« sagte der Waldmensch beleidigt. »Er hat den Weg von Steineklingen nach Weinheim gefunden, und er findet ihn auch wieder zurück. Im Übrigen stammt er von den Leutershäuser Judden und hat mich fünfundsiebzig Mark gekostet.«

Bei Tag hätte ich mich unter keinen Umständen auf das Fuhrwerk gesetzt – aus Furcht vor der Ärztekammer und ihrem Standesdünkel. In der Nacht aber, da mocht' es einmal hingehen, da ich bei meiner Fahrt außer dem verschwiegenen Mond keinen anderen Zuschauer wußte. Ich stieg also auf, und es ging los und zwar mit einem Spektakel, den ich dem Vehikel gar nicht zugetraut hätte. Alle vier Eisen des Pferdes hingen lose und besorgten die Schellenbaummusik zu den Fagottönen, die sich unter den Achsen hervordrängten. Ohne Peitsche wären wir der ruhende Punkt gewesen, den Archimedes suchte, und mit ihr kamen wir auch nicht anders als im Schneckentempo voran. Aber immerhin, im Lauf von einer halben Stunde hatten wir die letzte von des Städtleins achtzig Wirtschaften erreicht. Eben wollte ich den Strohsack unter meinem Sitzfleisch etwas aufschütteln, als ich aus dem Wagen fiel und über die Straße rollte. Was war geschehen? Eines der beiden Hinterräder hatte sich selbständig gemacht und lief auf eigne Rechnung und Gefahr dem Gastwirt Bienhaus in die offene Torfahrt hinein. Ein Hund fing an zu bellen, und es dauerte noch keine zwei Minuten, so stand der freundliche Wirt auf der Straße und half uns, das Rad wieder über die Achse zu schieben. Da der eiserne Bolzen verloren gegangen war, so behalfen wir uns mit einem hölzernen, den der erfindungsreiche Herr Bienhaus aus einem Besenstiel gebrochen hatte. »Glückliche Reise!« rief uns der gute Mann noch nach und wir setzten unseren Weg ins Tal hinein fort.

Ein Hahn krähte, als wir nach Gorxheim kamen und dem Hause des neuen Bürgermeisters gerade gegenüber waren. Was fiel nur da dem Roß auf einmal ein? Schneller, als es ihm ein Mensch je zugetraut hätte, machte es nach rechts hin Kehrt und zog das Fuhrwerk einer Notbrücke zu, die über den Bach hinüber in des Bürgermeisters Hof führte. Da die Brücke keine Rampe hatte, so waren nur die Vorderräder so glücklich, auf den Holzdielen zu bleiben. Die hinteren glitten ab und ich fiel zum zweiten Male aus dem Wagen heraus und ins kalte Wasser des seichten Baches hinein. Diesmal brauchte ich keinen Hund, um die Nachbarschaft zu wecken. Ich fing aus Leibeskräften zu fluchen an und trieb damit den neuen Ortsgewaltigen aus den Federn heraus. Bald stand er mit der Laterne im Hof und leuchtete dem Pferd ins Gesicht hinein. Während ich den Versuch machte, aus dem Wasser zu krabbeln, hörte ich auf einmal, wie der dicke Herr verwundert sagte: »Ei, da wärst du ja glücklich wieder! Sag', wie kommst du, altes Schindluder, zum zweitenmal ins Tal herein? Forstwart, wer hat Euch den Gäulsknochen aufgehängt, nachdem wir ihn an die Mannheimer Pferdemetzger verkauft hatten? Adam,« rief er nach der Stube hinauf, »komm schnell und guck! Da ist die Liese wieder, die wir schon in den Ladenburger Salamiwürsten vermuteten.«

Der Adam kam, und er war auch nötig, erstens um die Tatsache zu konstatieren, zweitens um den Wagen wieder auf die Straße zu setzen und dann um das Pferd einige hundert Meter weit über die Bürgermeisterwohnung hinaus zu führen. Als man an den nächsten Meilenstein gekommen war, ließ der Adam das Kopfgestell los, indem er sagte: »So, von jetzt ab geht er wieder bis in den Siedelsbrunner Steinbruch hinein. Das heißt, wenn euch ein Mülleresel begegnen sollte, dann steigt ab, so rat ich euch. Mit drei Beinen hat ein Schmisser wie der da noch einen Huf zuviel.«

Wir hofften, daß wir mit dem bereits Überstandenen das Schicksal versöhnt hätten, und es kam auch weiter nichts mehr vor. Nachdem wir an der Daumühle noch einmal Halt gemacht und die Räder geschmiert hatten, kamen wir, als man eben die Schweine fütterte, in Steineklingen an. Ich waltete allda meines Amtes und lehnte, wie vordem auf dem Sandhof, die Rückfahrt dankend ab. In ein Gewitter bin ich diesmal nicht gekommen, wohl aber zu einem Wellfleischessen.

Als ich nämlich so gegen zehn Uhr an der Bienhäuserschen Wirtschaft in Weinheim vorüber wollte, hörte ich, wie die gute Frau Wirtin sagte: »Sieh, Martin, da kehrt soeben der Doktor heim von Steineklingen. Guck, wie erfroren er doch aussieht. Ruf ihm zu, und da wir doch heute geschlachtet haben, so mag er ein Stück warmes Wellfleisch essen. Ich weiß, er liebt das sehr.«

Herr Bienhaus rief mir zu, und ich machte Kehrt, wie ich dies über Nacht von der alten Liese gelernt hatte. In der Schenkstube fand ich um den ovalen Tisch die Schmidte, die Schmiede, die Schmiedels und die Schmidtchens, wie sie so in der Vorstadt hausten, versammelt. Sie aßen tüchtig, tranken nicht zu wenig und unterhielten sich über Kindererziehung.

»Daß man ein Kind schlägt, halt ich für eine Rohheit meinerseits,« sagte einer, der zufällig Schmidtdecke hieß. »Sieben Buben hab' ich groß gezogen, geschlagen aber niemals einen.«

Dem Schmidtdecke senior entgegnete auf's prompteste ein junior: »O Vater, wie lügt Ihr da! Habt Ihr mich nicht des öfteren geschlagen, daß die Schwarten krachten?«

»Na, und du, mein Sohn, sag', hast du mich denn nicht auch geschlagen? Heben da die Prügel sich nicht gegenseitig auf?«

Die Schmidt und Schmidtchens lachten höhnisch über die Schmidtdeckens, und die Situation hatte schon einen Schimmer von gestörter Gemütlichkeit, als sich ein Schmiedel mit den Worten meldete: »Da wir nun doch beim Schlagen sind. Da ist mein Großer, der Athlet. Ihr kennt ihn ja. Hat er nicht Hände wie die Backofenschießer? Der Kerl, denkt nur, vor dem muß man Respekt haben. Hat er mir da neulich eine Ohrfeige gesteckt, daß ich wider den Bettpfosten gefahren bin. Da schaut her an meiner Schläfe, da könnt ihr noch die Narbe sehen. Der Doktor da, er sitzt ja hier, der hat die Wunde zusammengenäht.«

Da ich direkt apostrophiert war, so fühlte ich, daß ich etwas antworten müsse, und ich sagte drum: »Was Prügel her und Prügel hin! Sein Teil muß jeder haben. Wer sie nicht als Knabe eingerieben hat, dem werden sie im Greisenalter zugemessen,« und ich erhob mich, um zu gehen.

Auf der Straße draußen überholte mich der Waldhüter von Steineklingen. Er hatte das Rezept für seinen Patienten verloren. Ich mußte mit ihm in die Apotheke hinein, um ein neues zu schreiben, und da ich nun doch einmal bei dem Giftmischer war, kaufte ich mir Kampfersalbe, um die Beulen einzureiben, die das Schicksal mir in der letzten Nacht geschlagen hatte.

»Auf die Berge will ich steigen,
Lachend auf euch niederschauen.«

Mein Sohn, der noch in Rockenhausen geboren war, lief schon wacker in Höschen herum, also mochte ich schon ein paar Jahre in Weinheim wohnen, da kam's, das lang versprochene Geschenk des Staates an die Arbeiterschaft. Die eisengepanzerte Germania hatte sich vorgenommen, die Welt zu verbessern und den Moses zu überbieten, mit seinem Jubeljahr, indem man anfing, die soziale Frage zu lösen. Die kleine Meppener Exzellenz putzte damals ihre katholische Brille und sagte: »Es ist ein Sprung ins Dunkle hinein.«

Trotzdem kam er, der Versicherungsschwindel. Wir hatten einen sozialen Kaiser, warum sollten wir nicht auch soziale Nachtwächter haben. Freie Bahnen! Man konnte zu Amt und Würden gelangen, wenn man verstand, sozial zu husten, zu niesen und zu schwitzen.

O, wie hat diese unselige Gesetzesfabrikation dem Vaterlande geschadet. Sie ist es, die dem deutschen Manne das Beste nahm, was er überhaupt hatte, die Pflichttreue und das stolze Gefühl, daß er zunächst selber verantwortlich sei für sein eigenes Wohl und das seiner Familie. Sie ist es, die den moralischen Zusammenbruch unseres Volkes seit dem Jahre achtzehn verschuldete, weil wir zu einer Herde geworden waren, die nach Futter blökte, statt zu arbeiten, wenn sie Hunger hatte. Wehe dem deutschen Ärztestand, daß er sich damals nicht wie ein Mann erhob und dem Staate sein non possumus entgegenschleuderte. Daß er nicht sagte: »Mach', o Staat, mit deinen Arbeitern, was du willst, wir tun nicht mit. Für uns bleibt jeder Kranke, der unsere Hilfe nachsucht, Privatpatient. Der Arme, der nichts hat, ist uns nichts schuldig. Der Vermögliche aber verbürgt uns die Existenz.« Leider! Leider! – – Was in England, in Amerika todsicher erfolgt wäre, es geschah bei uns nicht. Die Adepten eines Hufeland, Humboldt und Virchow hielten still und ließen sich das Joch des Staatssozialismus hinter die Büffelhörner legen. Von da ab der Niedergang der Ärzteschaft. Eingeklemmt als Puffer zwischen die Begehrlichkeit der Arbeitnehmer und den Geiz der Arbeitgeber und Kassenverwaltungen mußten sie zur formlosen Masse zerrieben werden. Man denke doch nur, seit der Inauguration des neuen Evangeliums gab es – zum ersten Male seit der Vertreibung aus dem Paradiese – Dinge, für die man kein Geld auf den Tisch zu legen brauchte. Man konnte Medikamente, Seife, Wein, ja »Ferientage vom Ich« erhalten, ohne einen Pfennig zu bezahlen. Alles das mit ein paar Zeilen, die der Arzt auf einen Zettel schrieb. Aber der, konnte der sich der Hochflut der Fordernden entgegenstemmen? O, der sollte nur! War man als Versicherter nicht sein Herr? Konnte man ihn nicht brotlos machen, wenn man seine Sprechstunde mied? War er nicht geächtet, wenn man in den Werkstätten die Losung ausgab: »Bleibt von ihm weg, er ist kein Doktor für den armen Mann.«

Und der andere Stein des Mahlganges, die Kassenverwaltung, was tat denn die? War einmal in der höchsten Not der Krankheit dem Patienten eine Flasche Wein aufgeschrieben worden, so hatte man sich als Arzt am Monatsschluß zu verantworten, wieso und warum man derart unerklärlich mit dem Kassenvermögen hause. Was lag dem Herrn Direktor daran, was aus dem Kranken werde. Er kannte seinen Namen kaum. Eine gute Bilanz am Schlusse des Geschäftsjahres, das war's, worauf man hinarbeitete, weil dann mit dieser die Gehälter des Kassenpersonals erhöht werden konnten. Von dem gleichen Standpunkte aus wurden die ärztlichen Honorare heruntergedrückt auf dreißig Pfennige für den Krankenbesuch. Man vergaß ganz, daß man für einen Groschen wohl einen Löffel haben konnte, daß dieser aber kaum von Silber war. Mit anderen Worten: Die ärztliche Leistung wurde diesem Honorar gleichwertig gemacht, um den Goetheschen Spruch zu bewahrheiten, daß »Vernunft Unsinn und Wohltat Plage wird«. O, wieviel Ethik ist seither verloren gegangen in dem mehr als dreißigjährigen Kriege der Ärzte mit den Kassenverwaltungen! Jeder neue Tag gebar den alten Ekel wieder vor der Krankenkassenpraxis und die Sehnsucht nach ein paar Tagen Erholung von der schmachvollen Kuliarbeit.

In jener Zeit, es mag so gegen den Anfang der neunziger Jahre gewesen sein, verabredete ich mit meiner Frau eine kleine Schweizerreise. Eine Verwandte aus Heidelberg schloß sich uns an und nach einer sechsstündigen Nachtfahrt schon saßen wir im Bahnhof zu Basel vor unserem Morgenkaffee. Er war nicht allzu heiß, als wir ihn bekamen, und doch hatten wir ihn noch nicht getrunken, als schon der Schaffner in den Wartesaal hereinrief: »Einsteigen zur Abfahrt nach Olten, Luzern, Bellinzona, Mailand.«

»Einsteigen, ja einsteigen, das wäre schon recht, wenn wir nur erst den Zahlkellner dahätten.«

Ich klopfte mit dem Kaffeelöffel an die Tasse. Er ließ sich sehen, kam aber nicht näher. Ich rief, und er verschwand hinterm Büfett. Meine Damen wurden unruhig, denn rings um mich her da leerten sich schon die Tische. Sollten wir gehen, ohne bezahlt zu haben? Welche Blamage, wenn wir angehalten wurden! Sollten wir auf einen Fensterplatz verzichten, wir, die wir zum ersten Male den Wundern der Alpenwelt entgegenfuhren? Beide Eventualitäten waren für uns gar schmerzenreich.

Ich war indessen aufgesprungen und stampfte mit den Füßen. Da endlich kam der ersehnte Schwarzfrackteufel. »Drei Kaffee,« sagte ich und warf ein Fünffrankstück auf die Marmorplatte.

»Sofort, mein Herr, zwei Frank zurück. Ich werde wechseln lassen.«

Auf dieses Wechseln warte ich noch bis auf den heutigen Tag. Vom Perron herein schrien meine Damen ängstlich und winkten mit den Hutschachteln. Ich ließ mein Geld im Stich und eilte aus dem Saal. Meine einzige Beruhigung war ein Engländer, der langsam seinen Mokka schlürfte und dann in gemächlicher Seelenruhe seine Pfeife stopfte. ›Kommt der noch recht,‹ so dachte ich, ,›so kommst du auch nicht zu spät. Er hat auch noch nicht bezahlt.‹ Aber plötzlich stand der Nachkomme Wilhelms des Eroberers auf, legte einen grünen Fetzen Papier auf den Tisch und verschwand mit einem Angelstecken in einem Kupee. Hinter ihm her meine Damen und hinter diesen ich.

Als wir dem Jura entgegenrollten, erzählte ich mein erstes Abenteuer auf eidgenössischem Boden einem Bundesbruder des Wilhelm Tell, der in der Schützenjoppe neben mir saß und fragte, was der grüne Zettel des Engländers für eine Bedeutung haben könne. »Cha, cha,« fing der an zu röcheln, »'s isch wohl e Coupon g'sin von dem Reisebureau Cook & Comp. So hat der Chaib noch viele in der Tasch. Mit dem grünen Zettel zahlt er seinen Kaffee in Basel, mit dem roten das Mittagessen in Rom und mit einem gelben seinen Strohsack in Neapel. So drückt er sich ums Trinkgeld, wird beim Wechseln nicht bemogelt und profitiert noch alleweil Zeit.«

Geriebene Luders sind sie doch, diese Engländer und unsere Konkurrenten auf dem Weltmarkte, mußte ich voll Schwermut denken, als der Zug durch das Dunkel des Hauensteintunnels sauste. Dann aber wurde ich wieder froh, als die Bergesnacht hinter mir lag und die saftgrünen Ufer der Aar mir entgegenlachten.

Bald war Luzern erreicht und der Vierwaldstätter See. Dem Schöpfer sei's gedankt, daß er uns dies Prachtstück seiner schönen Erde so nahe gelegt hat. Kein Deutscher sollte sterben, ohne diesen Gletscherspiegel gesehen zu haben. Mehr kann ich nicht sagen, denn wie durch ein Wunder waren wir allzuschnell durch den smaragdgrünen See getragen, der Kapitän unseres Schiffes hatte »rackwärts« kommandiert, und wir standen bei Flüelen am Eingang des Reußtals. Hier auf der Schaubühne der Wilhelm Telltragödie erwartete uns ein Eisenbahnzug und schleppte uns den Wasserstürzen des schäumenden Flusses entgegen nach Göschenen hinauf. Das Dunkel des Gotthardtunnels schenkten wir uns. Ich war mit meiner Frau schon zu lange verheiratet, als daß uns dieses Dorado verliebter Hochzeitsreisenden noch verlocken konnte. Wir stiegen vorm nördlichen Tunneltor aus und gingen selbdritt über die Teufelsbrücke nach Hospental, wo wir einkehrten, um uns ein wenig zu erfrischen. Nach dem Essen setzten wir unseren Weg fort nach dem Gotthardhospiz empor. Es ist ein nicht gerade mühsames Aufsteigen in dem alten Saumpfad, der zuweilen die Landstraße schneidet, um sich dann wieder durch Geröll und Steine hindurchzuwinden. Längst schon ist der letzte Wacholderstrauch entschwunden, und in einer öden Steinwüste erscheinen die kahlen Mauern des Hospizes doppelt vor unseren Augen, weil sie sich einerseits auf dem Blau eines südlichen Himmels und andererseits auf der glatten Fläche eines Bergsees widerspiegeln. Wir umgehen eine scharfe Gebäudeecke und treten in die große Wirtsstube eines kalten Hauses, aus dem die Gemütlichkeit ausgezogen ist. Kaum nur, daß es gelingt, mit Rufen und Klopfen ein weibliches Wesen herbeizulocken, das eine Schüssel Milch bringt und sie wortlos vor uns auf den Tisch stellt. Wer sich zunächst darüber hermacht, das ist ein Schwarm von Fliegen. Ihrer viele arrangieren ein Wettschwimmen, während wir dem Gezappel zusehen, gähnen und uns fragen, was wir mit den Stunden anfangen sollen, die es noch dauern wird, bevor die Nacht erscheint und das Abendessen bringt. Meine Frau kommt auf den Gedanken, daß wir eine der Höhen erklettern möchten, die rings den Talübergang umstarrten. Gedacht, getan, und eine Stunde später schon schlitterten wir auf den glatten Grashängen herum, die mit spärlichem Grün diese Gipfel übermalen. Das Gehen wurde immer schwieriger, die Luft dünner, das Atmen kurz und kürzer bei raschem Schlagen des Herzens, plötzlich fiel meine Frau nieder und riß sich die Kleider von der Brust. Wir zwei andern standen dabei mit einer ungefähren Ahnung im Herzen, daß es sich hier, wo man außer Bergen nichts anderes sah, um die Bergkrankheit handeln könne. Wir nahmen nun die Kranke zwischen uns und rutschten mit ihr auf den Kehrseiten den Abhang wieder hinunter. Da diese Talfahrt trotz der traurigen Ursache stellenweise etwas Lustiges hatte, so erlaubten ich und die Base uns, ab und zu ein wenig zu lachen. Das nahm meine Frau uns übel, und sie schmollte derart mit uns beiden, daß sie uns kein Wort gönnte, als wir am Hospiz angekommen waren. Wir hatten dagegen nichts einzuwenden und grämten uns darüber auch nicht zu Tode, daß die Gattin sich an den Tisch zu den Knechten der Anstalt setzte und folgende geistreiche Unterhaltung mit den grobschrötigen Männern begann:

»Leben Sie das ganze Jahr hier oben?«

»Cha.«

»Auch im Winter?«

»Cha.«

»Was essen Sie denn da?«

»Cha, was wir han.«

»Auch Eier?«

»Cha.«

»Habt ihr denn auch Hühner hier?«

»Cha.«

»Legen die gegen's Frühjahr zu auch Eier?«

»Naan.«

»Warum legen sie keine Eier?«

»Cha, mir fraßet se zuvor.«

Hier fielen nun die Base und ich mit einem homerischen Gelächter in die phäakenhafte Unterhaltung herein, und als wir ausgelacht hatten, holte ich Feder und Tinte herbei. In mir war nämlich der in meinem Unterbewußtsein seither bescheiden schlummernde Schriftsteller plötzlich wach geworden und zwang mich, den Ausflug nach dem Monte Prosa – so hieß der Gipfel, den wir erklettert hatten – in einem Feuilleton zu verewigen. Bevor ich das Manuskript in einem Kuvert verstaute, unterstrich ich einmal das »P« im Worte »Prosa«, weil mich wie einen Hellseher der Gedanke an ein drohendes Unheil erfaßt hatte. Dann warf ich den Brief in einen Kasten, der im Hausgang aufgehängt war, und hoffte, daß er seinen Weg nach der von mir gemeinten Redaktion finden werde.

Indessen war der Abendtisch gedeckt, und unsere Gesellschaft vermehrte sich um einen französischen Abbé und eine Dame, mit der dieser wahrscheinlich verwandt war wie Dortchen Lakenreißer mit Fallstaff, denn sie hatte Simpelfransen in die Stirne hängen und zwischen den Brustansätzen einen nackten Amor, der auf Porzellan gemalt war. Sie lachte viel und nahm es durchaus nicht ungnädig, als ich mit ihr ein wenig zu schäkern anfing. Den harmlosen Flirt sollte ich bald bereuen. Es setzte sich nämlich eine schönere an meine Seite. Frau Lombardi war's, die Besitzerin des Hauses, eine ausnehmend blühende Dame, so daß ich »wie der Esel, zwischen zwei Bündeln Heu« saß, »ohne zu wissen, wo das bessere Futter sei«.

Im übrigen wurde es noch recht lustig an jenem Abend. Der Abbé spielte heitere Weisen auf dem Klavier, und Frau Lombardi sang dazu mit einer volltönenden, glockenreinen Stimme.

Als wir uns am nächsten Morgen von der bildschönen Nachtigall trennten, sagten wir: »Auf Wiedersehn!«

Daraus ist nichts geworden. Im folgenden Frühjahr bereits löste sich oberhalb von Airolo ein Felsbrocken los und begrub die frohe Sängerin samt ihrem Sommerhause am Südabhang des Gotthards. Ein Glück für uns drei, daß wir nicht wußten, was die nahe Zukunft brachte, sonst wären wir wohl nicht so fröhlich durch die grause Schlucht hinuntergetänzelt, die der junge Tessin sich hier aus dem Urgestein des Bergriesen Gotthard herausgemeißelt hat.

Als wir so an zwei Stunden gelaufen sein mochten, war die Schlucht zu Ende. Das Tal bot schöne Wiesengründe, den gelbgrünen Schimmer von Kastanienbäumen, mit einem Worte, die Welt zeigte, an unseren Erfahrungen gemessen, einen veränderten Charakter, zumal da uns zuweilen auch noch ein Mauleselfuhrwerk begegnete oder ein Dudelsackpfeifer. Wie ich so auf der guten Landstraße gegen Faido hin rüstig ausschreite und mit Interesse die veränderte Form der Kirchtürme betrachte, merke ich, daß die Base sich hilfsbedürftig an mich drängt und mich ungeachtet der Nähe meiner Frau unterm Arme faßt. Ich guckte fragend an der kleinen Gestalt herunter, und wie ihr blaues Auge mir forschend entgegenleuchtete, fragte ich so obenhin: »Du frierst doch nicht, Base?«

»Nein,« gab sie zur Antwort, »aber ich fürchte mich, denn sie müssen doch jetzt bald kommen.«

»Wer denn?«

»Eben die Fra Diavolos, die Abruzzenräuber, die man so auf den Theatern sieht.«

Ich lachte nicht über diese dämliche Bemerkung, denn ich erinnerte mich meiner eigenen Torheit, die vor wenig Jahren noch in Kopenhagen die Renntiere suchte.

Indessen schritten wir rüstig voran und erreichten in Faido einen Schnellzug, der uns rasch nach Bellinzona brachte, wo wir übernachteten.

Am anderen Tage ging's gegen Locarno zu, die vielbetretene Straße und von da weiter nach Luino, Pallanza, Arona usw. usw.

Wie wir so in letzterer Stadt im Schatten des heiligen Karl von Borromeo standen, meinte meine Frau, den Blick rückwärts über den See gerichtet, die Welt sei doch weitläufiger, als sie gedacht, und die Base sagte. »Was fangen wir nur an, Onkel, wenn es Regen geben sollte, da wir keine Schirme mit uns haben?«

Kurzum ich merkte, daß beide schon etwas reisemüde waren, und daß sie am liebsten heimgefahren wären. Diesem Drange gegenüber fing ich an, zu bramarbasieren: »Mailand zum mindesten müßten wir bestimmt erreichen. – Mailand in der Lombardei« betonte ich. »Wer seinen Dom nicht gesehen und das berühmte Abendmahl von Leonardo da Vinci, der rechne nicht zu den gebildeten Menschen.« Daß ich außer den beiden Sehenswürdigkeiten in Milano noch eine dritte erwartete, nämlich von der Zeitungsredaktion das Geld für meinen allerersten literarischen Versuch, das verschwieg ich, hoffte aber bestimmt auf dies Wunder, denn ich hatte vorsichtshalber bei Einsendung des Manuskriptes meine Mailänder Adresse angegeben.

Wir fuhren also nach Milano hin. Als meine Frau die enge Gasse sah, in der das Hotel »Schweizerhof« lag, wollte sie nicht mehr mit und nannte mich eigensinnig, als ich auf der Einkehr in diesem Gasthof und keinem anderen bestand. Mit Ach und Krach behielt ich Recht, und was fand ich vor beim Hotelportier? Einen Brief von der Zeitungsredaktion mit der Einlage von einem Zwanzigmarkschein.

Beim Anblick meines ersten mit der Feder verdienten Geldes verlor der Mailänder Dom, das Amphitheater, ja die Brera für mich jede Bedeutung. Nicht um alle Welt hätte ich den Zettel aus der Hand gegeben. Ich beschloß, ihn aufzuheben, einzurahmen und den spätesten Enkeln zu vermachen, damit sie sich überzeugen könnten, von welch' bedeutendem Urgroßvater sie abstammten. – Im Überschwang meiner Gefühle baute ich eine Phantasievilla, für deren Portal ich folgendes verwegene Epigramm dichtete:

Manch einer, dem dies Haus gefällt,
Denkt: Woher hat er nur das Geld?
Und lacht verschmitzt. So wißt denn, daß
Es floß aus meinem Tintenfaß.

Von jetzt ab teilte ich das Heimweh meiner Frau und der Base. Wir sahen uns zwar den Dom noch an, die Brera und auch den Kirchhof. Dann aber machten wir, daß wir nordwärts und wieder nach Deutschland kamen. Die Base meinte, als wir überm Rhein waren, sie hätte immer an Konradin von Schwaben denken müssen, und sie sei froh, daß sie ihren Kopf noch habe. Da meine Frau sich freute, daß sie ihr geschmuggeltes Foulardtuch noch hatte und ich meinen Zwanzigmarkschein, so waren wir alle drei seelenvergnügt, als wir uns der Musenstadt im engen Neckartale wieder näherten. Die Base ließen wir hier zurück, und nur noch zwei Personen stark lief die Reisegesellschaft im Bahnhof zu Weinheim ein. Hier wunderte ich mich einigermaßen, daß nicht an der Spitze des Magistrats der Bürgermeister mit den Insignien seiner Würde zu meinem Empfang am Bahnhof stand. Wie kam das nur? Hatte ich geheime Neider? Man mußte doch in Deutschland meinen Artikel gelesen haben, und nun in Weinheim gar, wo zum Interesse am Inhalt noch das am berühmten Verfasser hinzukam. Nein, dieses Ignorieren hatte etwas Beleidigendes. »Florentiner, Florentiner, was kann euren Sinn verkehren«, deklamierte ich vor mich hin, ging aber an der Seite meiner reisemüden Gattin heim. Merkwürdig, daß ich selbst beim Anblick meiner Kinder nicht zur Ruhe kam. Nein, ich konnte nicht zu Bette gehen, bevor ich wußte, was die Stadt über mein literarisches Opus dachte. Ich ging also los, womöglich um die Gesellschaft der Rundbrenner aufzufinden. Ich traf sie in dem Hotel »Zu den vier Jahreszeiten«. Bei meinem Eintritt in die Nebenstube entstand eine große, allgemeine Heiterkeit, von der sich auch Liese, die Kellnerin, bei der ich doch einen Stein im Brett hatte, nicht ausschloß. Hinterm Tisch aber erhob sich vorschriftsmäßig der Oberamtmann wieder zu folgender Rede: »Schade, daß Sie nicht vor zehn Minuten gekommen sind. Eben ist der Lehrer Weyermann weggegangen. Er hatte Ihren Artikel mitgebracht und eine Landkarte von der Westschweiz. Er meinte, daß Sie den Ausflug vom St. Gotthard nach dem Monte Rosa in einem Nachmittag gemacht hätten, sei mehr, als Jules Verne oder Münchhausen ihren Lesern zu glauben zugemutet hätten. Nach Weyermanns Ansicht sollte man auf Ihrem Grabstein Münchhausens berühmte Enten aushauen lassen.«

Ich begriff im Augenblick. Da hatt' ich's nun. Dem verfluchten Setzer hatte der Strich unter dem »P« des Wortes Prosa nicht imponiert. »Monte Prosa« hatte er gedacht – »Unsinn, gibt's gar nicht, muß natürlich Rosa heißen« – und so hat er die greulichste Unmöglichkeit in die Zeitung hineingeschwärzt. Wehe, wenn die Setzerlehrlinge anfangen zu denken! Sie können den berühmtesten Menschen für Jahrtausende hinaus zum Gelächter der Nachwelt machen. Für mich stand vorläufig unerschütterlich fest, daß ich mich mit meinem Artikel nicht in die deutsche Literaturgeschichte hineingebaut hatte. Was sollte aber nun mein Zwanzigmarkschein noch für einen weiteren Wert haben? Keinen anderen als den der Erinnerung an eine ungeheure Blamage. Nein, er durfte mich durch die Anwesenheit in meiner Brieftasche nicht weiter kränken. Ich setzte mich unter die fidelen Brüder und vertrank das Geld noch am gleichen Abend.

»Den lieben langen Tag
Hab' ich nur Sorg' und Plag'.«

Am nächsten Morgen hatte mich, trotz meines Katzenjammers, der Alltag wieder in seinen Dienst gezwungen. Streit hatte es im Logis gegeben und zwar mit dem Hausbesitzer. Mein kleiner Junge war ihm über die Mistbeetfenster gelaufen und hatte einige Scheiben zertrümmert. Das Hausfräulein flehte mit gerungenen Händen zum Himmel um Rache, während ihr Vater mit der Faust auf den Tisch schlug und brüllte: »Naus muß sie, die Bagage.«

Ein Zufall war es, daß ganz in der Nähe ein Anwesen feil wurde. Ich griff zu und war Hausbesitzer. Darüber freute sich am meisten mein guter Gaul, denn er kam aus einem dumpfen Loch in einen anständigen Stall und in die Gesellschaft eines kleinen Schweinchens.

Ich muß erzählen, wie dies zugegangen. Kaum waren wir umgezogen, so erkrankten meine beiden Kinder an Scharlach, den ich von der Praxis in die Familie geschleppt hatte. Sie erkrankten gleichzeitig an einem Tage und lagen eine Woche lang schwer danieder. Dann aber ging's besser. Sie wurden lebhaft und manchmal konnte ich sie schon im dritten Stockwerk toben hören, sobald ich unten nur die Haustür geöffnet hatte. Eines Tages waren sie überlaut in ihrem Tollen, und mit stürmischen Schritten lief ich die Treppe empor, um Ruhe zu schaffen. Als ich nicht ohne einen kleinen Zorn ins Schlafzimmer trat, konnte ich eben noch beobachten, wie die nackten Hinterteile meiner Kleinen unter den Bettladen verschwanden. »Daß euch der Kuckuck hole, ihr Rackerware,« rief ich in meiner Empörung. »Was schafft ihr unterm Bett da drunten?«

Im Nu hatten sich die Kinder um eine frontale Achse gedreht und zwei lachende, strahlende Gesichter kamen am Bettrand zum Vorschein, aus denen zwei rosige Mäulchen die Worte riefen: »Da schau doch nur, Papa, schau nur, was wir haben!« Und was hatten sie nun?

Wenn ein Taschenspieler einen Handwerksburschen aus dem Futtertuch eines alten Hutes herausentwickelt, so ist unsere Verwunderung groß, aber sie kann nicht größer sein, wie die meine war, als die Kinder ein allerliebstes kleines Ferkel unterm Bette hervorzauberten.

»Wo zum Teufel habt ihr denn den Dreiläufer her?«

»Eine Frau hat ihn gebracht, und er ist ganz unser,« schrieen sie in hellem Jubel auf.

Indessen war meine Gattin gekommen und brachte Klarheit in die Geschichte. »Hast du nicht in Siedelsbrunn einen armen Steinhauer behandelt?«

»Doch, und er ist gestorben trotz aller meiner Bemühungen.«

»Die Witwe ist dir dankbar, vielleicht deshalb, weil's so gekommen ist.«

»Das will ich nicht hoffen. Ich nehme vielmehr an, daß sie dankbar ist, weil ich ihr keine Rechnung schickte.«

»Mag's denn auch so sein. Item, sie war da und hat den Kindern das Schwein geschenkt und die sind überglücklich damit. Aber sag, was fangen wir nur damit an, um des Himmels Willen, nachdem's die Kinder doch um keinen Preis mehr hergeben wollen?«

Unser Dienstmädchen war an uns herangeschlichen und hatte die Unterhaltung belauscht. Münch hieß sie, Eva Münch, und sie war eines braven Bäckers fleißige Tochter. »Daß Sie sich keinen Kummer machen, Frau Doktor,« so ließ sie sich hören. »Ich versteh mich wohl aufs Schweinemästen, und zu Weihnachten feiern wir ein fröhliches Schlachtfest, wenn Sie mir den Frosch da überlassen.«

Das Schwein blieb und wurde meinem Söhnchen vor allem ein lieber Spielkamerad. Den Kleinen drückten noch keine Schulsorgen, und wenn er den Löffel aus dem Mund gelegt hatte, konnte er in den Garten eilen zu seinem Wutzchen. Die Zwei tollten miteinander herum und wenn sie müde waren, schliefen sie nebeneinander im warmen Sande des Kiesweges. Der Himmel lohne den guten Willen der armen Steinhauersfrau. Der reichste aller meiner Patienten hat mir soviel Glück nicht ins Haus gebracht wie diese Bettlerin.

Immer roher, immer rücksichtsloser war derweilen unter dem veredelnden Einflusse der Krankenkassengesetzgebung die Form geworden, in der das übrige Publikum mit dem Arzt verkehrte. Er kostete ja nichts mehr und auf ihm konnte man herumtreten wie auf dem Abputzlumpen vor der Haustür. Wer nachts ins Feld ging, schellte und gab den Kassenzettel ab: »Er soll ihn ausfülle, daß man am Samstag 's Geld holle kann,« riefen sie dem Dienstmädchen zu und schoben unter der Tür das Kassenformular ins Haus herein. Bei allem guten Willen war nun der Arzt außer Stande, den Zettel auszufüllen, denn die Tintenbuben der Kassenverwaltung waren zu faul, auch nur den Namen des Bezugsberechtigten auf dem Wische zu bemerken. Wie sollte nun der Doktor die anderen Fragen beantworten, die da lauteten: Beschäftigt bei … Erkrankt am … Verschwägert mit … Geschieden von … usw. So kam's denn, daß unser neues Mädchen den Auftrag erhielt, sich unter keinen Umständen mehr einen Krankenschein aufdrängen zu lassen, sondern jedes mit seinem Anliegen auf die Sprechstunde zu verweisen. Hätten wir noch die Eva Münch gehabt, so wäre das keine große Sache gewesen. Sie wußte mit den Pfahlbürgern umzugehen. Allein sie war nun nicht mehr da, und eine Perle von einem Mädchen aus Hammelbach war bei uns eingezogen. Ihre Menschenkenntnisse gingen soweit, daß sie ein Mannsbild von einem Weibsbild wohl, aber einen Kerl von einem Herrn nicht unterscheiden konnte. Ihre Heranbildung zum Kulturwesen unsererseits mußte sich auf eine Art von Dressur beschränken. Du darfst die Nase nicht in den Unterrock putzen und keine Krankenscheine entgegennehmen, das war's, was sie so ungefähr begriffen hatte, als sich eines Tages ein Herr von Hornstein mir im Kasino vorstellen ließ.

Der höfliche Mann reichte mir die Hand mit den Worten: »Ich hatte Ihnen, Herr Doktor, eine Antrittsvisite zugedacht, habe aber niemand von den Herrschaften zu Hause getroffen.«

»Bedaure sehr, Herr von Hornstein.«

»Nicht einmal meine Karte konnte ich bei Ihnen anbringen, da das Mädchen die Annahme derselben auf das entschiedenste verweigerte.«

»Mir geht ein Licht auf, Herr Assessor. Werden Sie mich für genügend entschuldigt halten, wenn ich Ihnen eine Photographie von unserem Hausgeist verehre?«

»Nicht nötig,« erwiderte er, »ich habe das Mädchen in der Erinnerung. Die Kleine sah nicht so aus, als ob sie wie weiland Athene aus dem Haupte des Zeus stamme. Ein Prost übrigens, Herr Doktor, auf dies Erlebnis hin.«

Wir stießen die Gläser wider einander und sprachen von etwas anderem.

Am nächsten Morgen traf ich unsere Perle, wie sie am Wasserstein stand und den Versuch machte, den Meerrettich darauf zu zerreiben. »Sie sind doch zu dumm, Bärbel,« sagte ich, »warum nehmen Sie nicht ein Reibeisen?«

»Weiß ich denn, ob ich darf? Ich soll ja nicht einmal ein Papier nehmen.«

»Gott steh' mir bei, und weil Sie kein Papier nehmen sollen, deshalb haben Sie auch am Sonntag dem Herrn die Karte nicht abgenommen.«

»Sell is aber net wahr! Erstens war kein Herr bei mir, sondern e Mannskerl, und zweitens hat er keine Kart gehabt, sondern e weiß Papierle.«

»Ja und dies Papierle eben war dem Herrn seine Karte.«

»Gott laß Ihne Ihrn Verstand und mir den meinen auch. Glauben sie, die Orewällische wäre hinterm Mond dehaam und täten die Kart nit kenne? Im ›Bäre‹ zu Hammelbach, potz Donnerkeil, da karten die Leineweber alle Samstag.«

Na, ich war geschlagen und zog mich auf meine Stube zurück, um das Frühstück einzunehmen, während die Bärbel in einem der vorderen Zimmer Fenster putzte. Plötzlich stand sie mit dem Putzlumpen in der Hand vor mir, fuhr sich mit dem Ärmel unter der Nase her und sagte zutraulich: »An der Türe draußen, da klappert wer. Was meine Se, Herr, wolle wir den reinlassen?«

Ich belehrte sie: »Ja Bärbel, wenn's an die Türe klopft, dann pflegt man ›Herein!‹ zu rufen. Wer draußen steht, besorgt dann das Weitere schon selbst, vor allem, wenn er Geld will.«

Sie ging also ins Zimmer zurück und schrie, so laut sie nur konnte: »Herein also, wenn's nit grad en Kerl ist, der Geld will.«

Unwillig wollt' ich aufspringen und das Untier beim Schopfe fassen, da rannte ich wider meinen Freund Weidig.

»Nun bin ich aber starr,« schrie ich auf, »Weidig, wo kommst du denn her?«

»Well,« sagt er, »aus Amerika, und ich hab' auch meine Frau mitgebracht. Gleich wird sie antanzen. Ich bin ihr ein paar Schritte vorausgegangen, um dich zu bitten, daß du mir nichts von Rastatt redest. Daß ich da gesessen und warum, das weiß sie ja, aber daß ich von dort weg bin, ohne begnadigt zu sein, das braucht sie nicht zu wissen. Sie könnte unruhig werden, wenn sie sich vorstellen soll, es käme eines Tages ein Polizist, der mich wieder nach der Festung brächte.«

»Keine Sorge, alter Freund. Übrigens, du siehst nicht so aus, als ob es dir schlecht ginge. Für deine amerikanische Busennadel da kannst du dir ein deutsches Bauerngut kaufen.«

»Na, es mußte doch auch einmal kommen. Das Schicksal hat mich überm Heringsteiche drüben ein wenig dafür entschädigt, daß es mich hier gepiesackt hat. Als ich kaum den Boden New-Yorks betreten hatte, fand ich eine Stelle in einer chemischen Fabrik zu Newark, und diese Fabrik ist heute die meine, dem Himmel sei's gedankt und der kleinen Frau, die du gleich sehen wirst.«

Frau Weidig war inzwischen gekommen. Sie war eine jugendliche Erscheinung mit bleichem, aber freundlichem Gesicht. Um ein Gesprächsthema verlegen, fragte ich, an welchem Hafen die Herrschaften ans Land gegangen seien.

»In Neustadt« entgegnete Frau Weidig munter und sah mir forschend ins Gesicht.

›Da schau einer,‹ dachte ich bei mir, ›die Importierte da will dir mit ihren Kenntnissen im Griechischen imponieren. Nun mal nicht verblüffen lassen.‹ Ich setzte also, ohne stutzig zu werden, die Unterhaltung mit den Worten fort:

»Haben Sie auch hinter Neustadt den Vesuv erstiegen?«

»Yes, Mylord, und von da sind wir durch die Volsker Berge nach Rom gegangen.«

»Und haben das vatikanische Museum besucht. Wie hat es Ihnen gefallen?«

»Nicht allzusehr. Es liegt da zuviel Staub herum. Man sieht eben, daß der Papst keine Frau hat.«

»Was sagst du, Freund, zu meiner Kleinen da?« mischte sich Weidig in die Unterhaltung. »Sie ist übers Meer gekommen, um Europa umzugestalten.«

»Sie fängt ihr Geschäft am richtigen Ende an. Vieles bei uns wäre schon gebessert, wenn der Papst eine Frau hätte. Übrigens, alter Büchsier, wie hast du dich an den Onkel Jonathan, seine Sitten und Gebräuche gewöhnen können?«

»O ich bin fast nur von Germanen umgeben. Die meisten meiner Arbeiter sind Süddeutsche sogar, und meine Skatbrüder sind deutsche Akademiker. Wir treffen uns regelmäßig in einem Restaurant des Castelgartens. Der Nicklas ist der Hauslehrer meiner Kinder, und denke doch nur, der Kapitän Dettweiler, du erinnerst dich doch noch, in welch' genialer Weise er seinerzeit den Schulrat Soldan und seinen eigenen Vater zu Darmstadt aus dem Sattel gehoben hat, besucht mich, wenn sein Schiff im New-Yorker Hafen liegt. Übrigens für heute genug davon. Wir haben sonst noch Besuche zu machen.«

Weidig blieb einige Tage in Weinheim. Als er weiterreiste, versprach er mir, in zwei Jahren wiederzukommen. Dieses Versprechen hat er nicht gehalten. Der Tod hat seinem Erdenwallen ein Ende gemacht. Durch seinen Hauslehrer Nicklas erfuhr ich, daß Weidig, auf einer Erholungsreise begriffen, aus einem Hotelfenster gestürzt und zerschmettert vom Straßenpflaster aufgelesen worden sei. Merkwürdig, daß der Sensenmann am Hudson-River auf eine Beute wartete, die er doch zu Gießen im elterlichen Schlafzimmer mit so leichter Mühe hätte haben können.

Ich trauerte gebührend um meinen Freund, ohne mich übrigens von der Gesellschaft der Rundbrenner und deren Jagd- und Schlachtfesten fernzuhalten. Was wäre ohne sie für mich der lange Winter gewesen – für mich, der ich über Tag durch die verschneiten Dörfer irrte, einsam und ohne Aussprache mit einem Menschen meinesgleichen.

Wo hätte ich mich unterrichten sollen über Ereignisse, die Europa erregten, das Vaterland und die Frau Apotheker? Meine liebste Erholung war es, zuzusehen, wenn der Tierarzt Marquart mit dem Feuerwehrkommandanten und dem Ratschreiber Skat spielte und das Trio in Streit geriet.

»Warum haben's allweil nit den Zehner zugeben?« brauste der Tierarzt auf.

»Weil's Aß noch nicht auf dem Tisch war, Sie Dämel Sie!«

»An Dämel habens mi g'heißen? Wart i werd Ihnen,« und Marquart stand auf dem Stuhl. Der Ratschreiber, nicht faul und auf die Bank. Wenn die Beiden sahen, daß jetzt keiner mehr etwas Überragendes vor dem anderen voraushatte, beruhigten sie sich soweit, daß der Tierarzt wiederholen konnte:

»En Dämel haben's mi geheißen?«

»Ja, und dös kann ka Beleidigung für Ihna net sei, wo's sogar an deutschen Dichter gibt, der grad so heißt.«

»Na, da mag's für heut mal bei dem Dämel bleiben. Aber daß es nur wissen, mit Ihna spiel i nit mehr.«

»I mit Ihna a net, mei Lebtag net mehr,« und die Karten flogen auf den Tisch, daß es nur so krachte und der Fidibusbecher vor Schreck auf den Boden flog.

In einer der Kunstpausen, die da regelmäßig eintraten, fragte mich ein alter Weinhändler:

»Gehes jetzt heur a wieder über die Alpen, Sie? Wissens i möcht schon a mol mitgehn!«

»Das können's schon, aber lassen Sie uns später noch emal von der Sache reden, Herr Merkle. Ich glaub', die drei fangen wieder mit dem Karten an.«

»Wer is an der Reih?« fragte der Tierarzt. »Wer hat die Karten zu geben?«

»Aber mit Ihna wollt' i fein nimmer spielen,« entgegnete der Ratschreiber und fing an, die Karten zu mischen.

»Daß ihr's wisset: Nachg'spielt darf nimmer werden, sonst schmeiß i die Karten weg,« bemerkte der Feuerwehrkommandant und hob ab.

»E Kart hab' i zu wenig! Ach na, 's is recht geben. Da liegt eine im Kindbett, und dösmal überbiet mich kaner von euch. En Grand sag' i an.«

Krach knallte der Kreuzbub auf den Tisch und ein neues Spiel nahm seinen Anfang. Der Weinhändler fragte derweilen bei mir an: »Wann wollen wir fort?«

»Im September,« sagte ich, »und bis Neapel runter.«

»Oh Sakra,« sagte der Tierarzt, »nei so e Spiel soll nichts gelten? Nu hab' i doch e Kart zu wenig. Net emal Kart geben kann er, der Federfuchser, und will andre Leut en Dämel heißen.«

Na, da lagen sie sich denn wieder in den Haaren, die Kartenspieler.

Ich aber ging mit dem Weinhändler fort, und wir gaben uns die Hände daraufhin, daß ein Mann ein Wort sein solle, und die Reise abgesprochen und im reinen sei.

»Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?«

Als die Trauben am Rhein so langsam ins Reifen kamen, fuhr ich mit dem Herrn Merkle durch den Gotthard durch und dem Apennin entgegen. In Mailand machten wir Station, und dann ging's schlankweg über Bologna der Mediceerstadt entgegen. Der Blick von der Paßhöhe herunter nach Pistoia und weiterhin ins Arnotal hinein lohnt reichlich schon die Reiseunruhe und das wenige Lausegeld, das man damals noch zur Reise brauchte. Schade, daß der Genuß der Überfahrt ein so kurzer ist, denn der Schnellzug braucht von Mailand nach Florenz leider nur fünf Stunden. Nach dem Frühstück fuhren wir ab, und zum Mittagessen saßen wir schon in Florenz. Die Kost war tadellos, aber am Wein hatte mein Begleiter allerlei auszusetzen. Seine Zunge war auf den Chianti und Nostrano nicht so abgestimmt, daß es in der Kehle einen vollen Akkord gab. Immer suchte Herr Merkle nach einer neuen Sorte Rebensaft und immer fand er nicht das, was er sich vorgestellt hatte. So lebte er in einer ewigen Fehde mit den Kellnern und mit den Wirten. Für diese zwei Tierarten hatte er unglücklicherweise einen Vorrat italienischer Schimpfworte auf Lager.

Um mich nicht aufregen zu müssen, fing ich an zu dichten und schickte die Machwerke, sobald sie sich nur leidlich gereimt hatten, an den Amtsverkündiger meines Heimatstädtchens.

In Rom sahen wir viel Merkwürdiges, was vor uns auch andere Leute gesehen und zu unserer Bequemlichkeit beschrieben haben, aber den Papst bekamen wir nicht zu Gesicht, trotzdem uns der Hotelportier für den Preis von fünf Lire eine Audienz in Aussicht gestellt hatte. So zogen wir ohne Segen und Generalabsolution aus den Toren der ewigen Stadt und hätten doch eine Sündenvergebung zum mindesten gar nötig brauchen können. Man denke nur: Die Eisenbahnbrücke über den Sacco stürzte ein, zum Glück, als wir eben gerade darüber hinweggesaust waren. Niemand im Zug hatte eine Ahnung von der Gefahr, der wir entgangen. Erst als wir zu Neapel angekommen waren, belehrten uns die an den Straßenecken angeschlagenen Depeschen, daß nur wenig fehlte und die Wellen des Flusses hätten unsere Leichen ins Meer gespült.

Obgleich die Todesgefahr uns auf Ernsteres hätte hinweisen sollen, änderte Herr Merkle seinen Lebenswandel nicht, sondern fuhr mit Beharrlichkeit fort, auf den Wein und die faulen Wirte zu schimpfen, die von einer Kellerbehandlung des Rebensaftes keine Ahnung hätten. Immer war mein Reisebegleiter verstimmt und lachen sah ich ihn nur ein einziges Mal und das war vor der Kirche San Fernando.

Als wir vor deren säulengeschmücktem Portale im Mondenschein promenierten, hatte sich so eine glutäugige Parthenove an mich herangeschlichen mit dem ehrenvollen Ansinnen, daß ich sie nach Haus begleiten möchte. Da es nicht in meiner Natur liegt, einer Aufforderung zum Tanz mit einer Grobheit zu begegnen, so lehnte ich dankend ab unter dem plausiblen Vorwand, daß ich mit meinem Vater reise. Ob die Schöne dieser Ausrede schon einmal im Leben begegnet ist, weiß ich nicht. Keinesfalls aber kam sie dadurch in Verlegenheit. Ehe ich's nur dachte, war sie mit der schlagfertigen Antwort bereit: »Nehmen Sie Ihren Vater nur mit. Zu Hause ist auch für den noch eine zu finden.« Wie gesagt, bei der Gelegenheit lachte Herr Merkle, und noch einmal, als er erfuhr, daß man auf dem Wege nach dem Vesuv in einer Osteria die Marke »Lacrimae Christi« rein zu trinken bekäme. Von jetzt ab drängte er auf eine Besteigung des Vulkans.

Wir versuchten am Bahnhof zu Neapel, ein Billet nach Pompeji zu lösen, indem ich Pompeji forderte.

»Bombay, oder Vale Bombay?« schrie mir der Schalterbeamte entgegen.

»Bombay?« so fragte ich mich verwundert. Wenn ich auch für mein Leben gern nach Indien und an die Türme des Schweigens gekommen wäre, so paßte es mir in diesem Augenblicke doch nicht recht und ich sagte auf gut Glück: »Vale,« worauf ich eine Fahrkarte bekam.

Ich zahlte eine mäßige Summe und stieg mit Herrn Merkle in den Zug, der sich in einer Richtung vorwärts bewegte, die, gemäß meiner Kartenkenntnis, nach Pompeji führen mußte. Der größeren Sicherheit wegen guckte ich immer zum Fenster hinaus, bereit auszusteigen, sobald ich die von Abbildungen her bekannten Ruinen sehen würde. Ein paar Stationen nur, und sie guckten hinter dem graugrünen Laubwerk ehrwürdiger Olivenbäume hervor. »Nun aber raus aus dem Kasten!« rief ich dem Herrn Merkle zu, und wir standen auf dem Bahnsteig. Aber jetzt kam mit großen Gesten der Zugführer auf uns zu und suchte uns klarzumachen, daß der italienische Eisenbahnfiskus sich von niemand auf der Welt etwas schenken lasse. Nach Vale Bombay lautete unser Billet, und bis dahin hatten wir auch die Pflicht zu fahren, und einen freiwilligen Verzicht auf die Strecke von anderthalb Kilometern wollte der stolze Spanier durchaus nicht gelten lassen. Herr Merkle, der zehn Worte mehr vom Italienischen verstand als ich, führte die Unterhandlungen und erzielte für uns einen Erfolg dadurch, daß er sich noch schwerhöriger stellte, als er in der Tat war. Kurzum, der Zugführer schrie sich müde und ließ zu guter Letzt uns beide stehen, wo wir standen, und fuhr mit seinen anderen Reisenden südwärts weiter. Erst lachten wir zwei uns eine Weile an, dann gingen wir nach Erlegung eines Obolus durch ein Tor in die wieder ausgegrabene Stadt hinein. Das erste, was wir sahen, war ein vor eine Haustür gemalter Hund mit der Unterschrift: »Cave canem.« »Was soll das bedeuten?« fragte Herr Merkle.

»Ich nehme an, daß im Anfang unserer Zeitrechnung die Pompejaner schon kluge Köpfe waren, die sich zu helfen wußten. Sie malten den Hauswächter an die Wand und brachten den Staat um die Hundesteuer.«

»Das läßt sich hören,« sagte er. »Wenn sie nur aber auch verstanden hätten, ihre Weine besser zu bauen. Will sehen, was sie uns vorm Tor da im Hotel Schweizerhof vorsetzen werden.«

Wir gingen weiter und sahen noch mancherlei, was sich schöner aus dem Baedeker herauslesen läßt, als ich es sagen kann. Bei einbrechender Dunkelheit aber saßen wir im Gasthof hinter einer Flasche dunkelroten Weines.

»Die reine Tinte,« versicherte Herr Merkle und fuhr fort: »Wenn's auf dem Vesuv oben morgen nichts Besseres gibt, hätten wir uns die Reise hierher ersparen können. Haben Sie übrigens zur Bergbesteigung die Pferde bestellt?«

»Ja und auch einen Mann, der Ihren alten Knochen in den Sattel hilft. Daß Sie's nur wissen: Punkt drei Uhr reiten wir los.«

»All right,« erwiderte er in einem Anfall von englischer Krankheit, die zuweilen über ihn kam.

Ich erinnere mich noch recht gut, daß ich in jener Nacht von Lavaströmen und dem Kollegen Plinius träumte, der die Katastrophe von Pompeji beschrieben hat, daß ich aber plötzlich wach wurde, als ich das Schlagen von Hufeisen auf dem Pflaster des Hofes zu hören vermeinte. Ein Blick auf die Uhr – wahrhaftig verschlafen! Nun aber die Beine aus dem Bett und den Fenstervorhang hoch. Aber was war denn nur das da draußen? Kein Baum, kein Strauch, keine Mauer war zu sehen. Ein einziger eselsgrauer Teppich aus unermeßlichem Regen war vor das Trümmerfeld und den Vesuv gespannt, und was ich vorhin als Hufeisenschlag glaubte ansprechen zu dürfen, war der Überlauf einer Regenrinne, der von Zelt zu Zeit auf das Blechdach einer Garküche niederprasselte. Welch schrecklicher Gedanke! Statt der Lacrimae Christi diese graue, charakterlose Brühe. In die Tiefen meiner Seele hinein dauerte mich der arme Herr Merkle, den ich bei so bewandten Umständen zunächst noch schlafen ließ.

Als ich ihn beim Frühstück traf, machte er ein verdrießliches Gesicht und fragte mit enttäuschter Miene: »Was jetzt?«

Um ihn aufzuheitern zog ich den Viktor von Scheffel aus der Tasche, indem ich pathetisch vorzulesen begann:

»Bruder, bei dem pfiffig krummen
Apotheker von Sorrento
Ließ ich blaue Tinte mischen,
Schiffte mich durchs Meer nach Capri.«

»Hörn's auf, oder i schrei! I will nur sehn, wo's mich noch alles hinführn,« stieß er hervor und nippte unter Kopfschütteln zum wiederholten Male an einem Weinglase.

Nach einer Stunde, als der wahrhaft tropische Regenguß nachgelassen hatte, befanden wir uns auf dem Wege nach Castellammare und kehrten gegen Abend im Hotel Loreley zu Sorrento ein. Mein Schlaf war gesund und mein Erwachen hoffnungsfroh. Da das Haus auf einem senkrecht ins Meer hinunterstürzenden Felsen steht, so fielen meine Blicke vom Bett aus direkt aufs Meer hinaus. In schäumend grauen Rollen wälzte es Woge auf Woge heran und ließ sie donnernd in den Höhlen zerschellen, die es sich in jahrtausendealter Arbeit tief unter den Fundamenten des Hauses ins Gestein gegraben hat. Zuweilen schien es, als ob die Mauern bebten, und das war keine Täuschung. Die Scheiben klirrten in den Rahmen zumal, wenn der Wind durch die Schornsteine strich und in tausend Tönen klagte wie eine Hölle von Verdammten.

Ich wurde unruhig und machte mich aus den Federn heraus, um einen freieren Blick auf das Meer zu gewinnen. Ich suchte das Felseneiland von Capri, das da ja irgendwo ins Meer gestreut liegen mußte. Zu trübe war der Horizont. Ich fand es nicht. Was ich aber fand, war die Nußschale eines kleinen Dampfers, der auf den Wellen tanzend bald sichtbar war, bald verschwand und dann nichts von sich sehen ließ als eine schwarze Rauchfahne, die der Wind in Fetzen riß. »Hilf, Himmel,« dachte ich bei mir, »dies Spielzeug da wird doch nicht etwa der Dämpfling sein, der den Verkehr zwischen Neapel und Capri vermittelt? Wenn er das ist und das Meer sich nicht beruhigt, sitzen wir in sechs Wochen noch in Sorrent, denn wie wollte ich den Wasserfeind Merkle überreden, sein Leben dieser schwimmenden Pelzkappe anzuvertrauen?«

Ich schellte nach dem Zimmermädchen. Eine leicht geschürzte Hebe erschien und erklärte auf meine Frage mit süßem Lächeln: »Er ist es, der Postdampfer, aber bis er bei dem Wetter auf die Höhe von Sorrent kommt, vergeht eine Stunde und mehr noch.«

Sechzig Minuten hatte ich Zeit, meinen Reisegenossen zu bearbeiten, und ich benutzte sie in der Art, daß ich den Wein von Capri lobte, als ob seinesgleichen nicht auf der Welt zu finden sei. Und Herr Merkle ließ sich biegen. Um ihm den Anblick der Gefahr etwas zu verschleiern, stieg ich vor ihm die schmale Felsentreppe hinunter, die aus dem Gestein gehauen bis in die Brandung führt. Unten im schäumenden Gischt hielt, von einem verwegen aussehenden Kerl gesteuert, eine kleine Barke. Erst mußten wir unser Leben dem Schiffchen anvertrauen und, wenn dies nicht absackte, während der Pesce cola davonschwamm, dann erst dem Schiff. Ich gestehe, daß mir da doch das Herz unter das Zwerchfell rutschte, und daß ich umgekehrt wäre, wenn nicht eine altdeutsche Mutter mit einer neudeutschen Tochter die Treppe betreten hätte, um sich uns anzuschließen. Man hat schon etwas gewonnen, wenn man in gefährlichen Lagen ein Sprichwort findet, das der Situation gerecht wird. Also sprach ich: »Frisch gewagt ist halb gewonnen« und stieg zuerst in den Spucknapf hinein. Die andern folgten, und die Fahrt ging los. Himmel, wie sich der Wind in das lateinische Segel legte und den Mastbaum bog! Wie der Schiffer die Füße an die Spanten leimte, um das Steuer zu beherrschen! Wie das ganze Fahrzeug nicht auf dem Kiele schwamm, sondern auf den Seitenbrettern! Wie sich die schäumenden Wellen überholten und uns durchnäßten! Wie es anfing, im Bauche des Schiffchens zu schwappern und die Brühe durch unsere Stiefel drang! Wehe, und nun kehrte sich gar noch den Damen der Magen um! Fort aus dem stinkenden Brockenregen! Aber wohin? Wäre ich ein Kaiser gewesen, ich hätte in der Wassernot den vierzehn Nothelfern einen Dom versprochen.

Doch es ging auch so. Wir kamen vorm Fallreep des Dampfers an. Herr Merkle und ich konnten auf eigenen Füßen die schwankenden Stufen hinauf. Die Damen aber wurden mit Hilfe des Ladebaums an Bord geschafft.

Viel gebessert waren wir mit dem Seelenverkäufer auch noch nicht. Auf dem Deck stand eine Bretterbank. Auf diese warf ich mich bäuchlings nieder, zog die Knie unter meinen Gummimantel und genoß in aller Stille, während die Spritzwellen über mich zischten, die jugendlichen Freuden meiner ersten Seekrankheit.

Indes, die Insel kam geschwommen. Zwei Schritte auf dem festen Boden des Eilandes getan, und vorüber war aller Schmerz und alles Unbehagen. Mit gutem Appetit verzehrten wir beide ein reichliches Gericht frischer Fische und tranken einen Wein dazu, der auch den verwöhnten Gaumen meines Mitreisenden befriedigte. Was wir sonst noch genossen? Nun ja, die blaue Grotte, die »Rausschmeiß des Tiberius« und den Gesang einiger Straßenjungen, die mit dünnen Stimmen das Lied vortrugen: »Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus,« nach welcher Leistung dann der Anführer der Bande vortrat und zu mir sagte: »Du, Signore, giff mi e Mark.«

Am übernächsten Tage benutzten wir zur Rückfahrt nach Neapel einen transatlantischen Dampfer, der aus Argentinien kam und an der Insel beilegte. Die See war während der Rückfahrt ruhig, und das Riesenschiff zog wie ein Schwan stolz und sicher seine Spur in die spiegelglatte Fläche. Je näher wir der Stadt der Parthenope kamen, um so schärfer traten die Formen des Vesuvs und seines Nachbarberges Somma hervor, während der Südwind eine schwarze Rauchfahne über das Atrio del Cavallo spannte. Ich stand an der Steuerbordseite des Schiffes und schaute zum kahlen Gipfel des Berges hinauf, als Herr Merkle zu mir trat und sagte: »Sie, daß Sie's wissen, eine Schande wär's doch, wenn wir heimkämen, ohne Lacrimae Christi getrunken zu haben und ohne droben gewesen zu sein auf diesem Kehrichthaufen da!«

Diese großsprecherige Rede war nach meinem Geschmack. »Machen wir,« sagte ich kurzerhand, und in der Frühe des nächsten Morgens saßen wir auf der Straßenbahn und fuhren nach Torre del Greco hinaus. Eigentlich wollten wir im Merkleschen Sinne den Ruhm einheimsen, die ganze Tour zu Fuß zurückgelegt zu haben. Da uns aber ein Vetturino unaufhörlich mit seinem zweisitzigen Fuhrwerk verfolgte und die Sonne unbarmherzig vom Himmel brannte, so stiegen wir schließlich auf, nachdem wir einen festen Preis für die Fahrt verabredet hatten. Bald sollten wir erfahren, daß so ein Kutscherhidalgo sich von keiner Abmachung für gebunden erachtet.

Zunächst nahm der Biedermann einen kleinen Jungen aufs Fuhrwerk herauf. Dieser Teufelsbraten, der aber ein großer Spitzbub war, warf nämlich, ohne daß wir's merkten, des Herrn Merkle Rucksack aus dem Karren und tat nach kurzer Zeit sehr verwundert darüber, daß der Sack verloren war. Sein Anerbieten, daß er zurücklaufen und den Vermißten holen wolle, wurde natürlich dankbar angenommen. Als der gefällige Knabe kam, verlangte er einen Finderlohn von fünf Lire, während eben sein Conpatriote uns klarmachte, daß wir uns jetzt auf einem Privatwege befänden, für dessen Benutzung wir dem Besitzer zehn Lire zu entrichten hätten. Na, wir zahlten, und der Strauchdieb überließ das letzte Drittel des Berges großmütig unseren Beinen, indem er vor einem allerdings stark zerklüfteten Lavafelde haltmachte und erklärte, daß sein edles Pferd zu weiche Hufe habe.

›Immerzu,‹ dachten wir und halfen uns selber den Berg hinauf und gar noch auf den Aschenkegel. Als wir oben waren und die wundervolle Rundsicht genossen hatten mit dem Kranz von Städten, mit dem Ring der lachendsten Gefilde, mit dem Meer und seinen Inseln, dem Apennin und seinen Schroffen, da zahlten wir denn noch einmal einem Polizisten, den der Krater ausgeworfen haben mußte, sieben Lire Steuer. Hoffen wir, daß Italien dafür Stricke kauft, um jene aufzuhängen, die uns zu diesem lateinischen Bundesbruder verholfen haben.

Beim Niedersteigen vom Berge entdeckten wir hinter einem Kastaniengebüsch unseren Vetturino wieder. Daß er uns auf der Herfahrt übers Ohr gehauen hatte, das hatte er uns längst verziehen, und er hätte uns außer in seine Gnade auch in sein Fuhrwerk aufgenommen, wenn wir auch nur halb soviel für die Rückfahrt hätten zahlen wollen, als die Herfahrt gekostet hatte. Doch wir behalfen uns ohne ihn und fanden uns mit Hilfe unseres Reisehandbuches zu einer Osteria hin, deren feurige Tränen ich allen denen in die Adern wünsche, die kalten und betrübten Herzens sind. Dank, Vesuv, für solche Gabe!

Die Heimfahrt, die auf den nächsten Morgen festgesetzt war, verzögerte sich um sechzehn Stunden. Weil die Brücke über den Sacco noch nicht hergestellt war, mußte alles, was von Reisenden nach Rom wollte, mit Bauernfuhrwerken durch die Monti Lepini befördert werden. So kam's, daß nur eine bestimmte Anzahl von Fahrkarten ausgegeben wurde, und wer keine erwischt hatte, mußte eben warten bis zum nächsten Schnellzug. Nun, wir konnten ganz gut noch einen Tag in Neapel bummeln, genossen wir doch nachher auch das Nachtvergnügen, von Frosinone nach Piperno beim Fackelscheine unter Gendarmenbegleitung phantastisch genug befördert zu werden.

Eine Nebenbahn nahm uns in Piperno auf. Links der Fahrtrichtung schwankte das Rohr der pontinischen Sümpfe. Nochmals grüßte uns aus der Ferne die Kuppel der Peterskirche und der schneeige Gipfel des Soracte. Dann ging's in die Maremma hinein, wo der breitgehörnte Büffel grast und die Stechfliege ihm und seinen Hirten das Leben zur Hölle macht. Bei Genua erkletterte der Zug die Höhe der Ligurischen Alpen, stürzte sich in die Poebene hinunter, um wieder durch das Tal des Tessino den Gotthard zu erreichen. Wir bohren uns durch die samtweiche Finsternis des Tunnels und atmen abermals die kältere Luft des Nordens. Wenig Stunden noch, und wir sind wieder an der Bergstraße.

»Schier gar hätten's Ihr'n Gaul nimmer antroffen,« sagte der Tierarzt zu mir, als sich am Bahnhof eben unsere Wege kreuzten. »Kolik hat er g'habt, aber i hab en doch wieder auf die Beine g'bracht. E wink alt, sollt i denken, is des Vieh halt anfangs auch schon.«

Ja, ja, es ist schon wahr, alt war er, der Gaul. Aber der Gedanke, ihn verlieren zu müssen, brachte doch viel Schmerzliches über mich. Vieles hatten wir in elf Jahren zusammen erlebt, wie's eben kam, Frohes und Trauriges. Durch meinen Sinn schoß mir auf dem Heimweg der Gedanke, wie ich zu dem Tiere gekommen war. Halt, da fällt es mir doch eben ein. In Winnweiler war der Kollege Röhrig gestorben und seine Witwe hatte an mich geschrieben, daß sie nun ein Pferd vor dem Raufen stehen habe, mit dem sie nichts anzufangen wisse. Zwar sei schon ein Geschirrhändler bei ihr gewesen und hätte einen annehmbaren Preis geboten. Allein man wisse ja, wie solche Leute mit Pferden umgingen, und sie wolle doch den Arbeitsgenossen ihres Mannes selig in guten Händen sehen. Sie gönnte ihm, wie jedem, der fleißig gearbeitet habe, einen stillen Lebensabend. Ich möge kommen und das Tier ansehen. Sechzehn Jahre sei es zur Stunde alt, aber noch gut auf den Knochen.

Na, wie ging's denn dann weiter? Ich besann mich. Recht so! Ich hatte meiner Frau den Brief gegeben. Warum nur? Ei, weil ich ein junger Ehemann war, und weil ich meinte, sie als eine Bauerntochter müsse alles verstehen, was irgendwie mit Stall und Fuhrwerk in Zusammenhang gebracht werden könne.

Sie las die Zeilen und sah mich fragend an mit den Worten: »Du willst doch nicht noch einen zweiten Gaul auf die Streu stellen? Du hast ja im Stalle den edlen Renner, der den Mac Mahon in der Schlacht bei Wörth auf seinem Buckel getragen haben soll.«

»Ganz recht, aber der Pferdejude hat mir damals etwas weisgemacht. Ich glaube, die Schindmähre bewegte schon auf den Jahrmärkten die Reitschulen, als der unglückliche General noch Kadett war.«

»Aber sie hat doch noch vier Beine unterm Bauch.«

»Ganz recht, und die will ich dir geben, wenn du einmal einen neuen Bügeltisch brauchst. Vorläufig ist der Holzwurm noch nicht drinnen. Etwas Wäsche und ein Bügeleisen werden die Stempel schon noch eine Weile tragen, wenn auch keinen Reiter mehr.«

»Gut, wenn's nicht anders geht, dann will ich gegen den Pferdekauf weiter nicht sein. Aber daß du nicht mehr auf den Waschbock bietest als hundert Mark! Bedenk' nur, er ist sechzehn Jahre alt!«

Mit dieser Ermahnung und anderen Verhaltungsmaßregeln war ich nach Winnweiler gereist und traf das Pferd im Stall. Als die Türe aufging, krähte es hell auf und machte Anstalten, mit den Vorderbeinen in die Krippe zu steigen. Das gefiel mir, und ich malte mir schon die lustigen Manöver aus, die es setzen würde, wenn ich ihn erst einmal zwischen meinen Schenkeln auf der Straße hätte.

Vom Stall ging ich in den Salon zur trauernden Witwe. Sie sah niedergeschlagen aus, vielleicht weil sie der Gedanke drückte, daß sie in dem Pferde noch einmal einen Teil ihres Mannes herzugeben habe. Schon aus dieser Vorstellung heraus hätte ich generös sein und die lumpigen hundertfünfzig Mark hinlegen sollen, die sie als Kaufpreis von mir verlangte.

Doch da machte sich der Einfluß meiner Frau geltend. Wie ein Jude fing ich an zu markten und zu handeln, wollte den Sattel noch in den Kaufpreis hereinziehen, eine Garantie haben gegen Währschaftsfehler und was dergleichen Dinge mehr sind, die man im Geschäft des Pferdehandels vorzubringen pflegt.

Frau Röhrig blieb meinen Ausführungen gegenüber zugeknöpft, ließ mich aber reden, solange ich wollte. Als ich endlich fertig war, tat sie, was die Greisin dem Tarquinius gegenüber tat in dem berühmten Bücherhandel: Sie steigerte den Preis. Und was habe ich gemacht? Ich beschloß, keinem Eheweib mehr zu folgen, und schlug in den Handel ein.

Eine halbe Stunde später ging das Pferd aus dem Hofe, und ich saß darauf. Noch waren wir beide nicht aneinander gewöhnt, wobei es unentschieden bleiben mag, ob ich dem Tiere zu wenig den Herrn zeigte oder zu viel. Sicher ist, daß es mich los sein wollte. Als es mit dem Ausschlagen nach hinten seine Absicht nicht erreichte, bäumte es nach vornen auf. Auf dieses Manöver vorbereitet, schlug ich ihm die Reitpeitsche zwischen den Ohren durch auf die Schnauze. Die Reaktion gegen diesen Regierungsakt war sofort da. Mit gewaltigem Satze sprang der Gaul über den Chausseegraben und flog in gestreckter Karriere mit seinem Reiter auf dem Rücken über den weichen, kurzgeschorenen Wiesengrund. Die Stange hatte der Schinder sich zwischen die Zähne geschafft und damit hatte ich die Herrschaft über ihn verloren.

›Er mag's versuchen, wie weit er kommt,‹ dachte ich mir und klemmte mich auf dem Sattel fest, immer nur bestrebt, das wildgewordene Tier auf dem weichen Rasen zu halten, weil es da schneller ermüden mußte, als auf festem Untergrund. Da mit einem Male wurde es sumpfig unter uns. Schollen flogen und der Dreck spritzte auf. Noch ein Satz, und das Pferd des Colleone stand nicht fester auf seinem Leopardoschen Piedestal als wir mit einem Male in den Wiesen zu Imsweiler. Nun hob ich mich aus dem Sattel, um die Schwere zu vermindern. Die Zügel straff in der Faust stand ich vor dem Ausreißer und sah ihm mit drohender Reitpeitsche starr in die Augen. Er blies die Nüstern auf, überschüttete mich mit einem Sprühregen aus seiner Nase, aber er beugte den stolzen Kopf und schien um gut Wetter zu flehen. Von da ab waren wir gute Freunde. Aber zeitlebens hat er sich mit meiner Frau nicht recht vertragen, und ich vermute deshalb, weil sie geglaubt hatte, ihn, der ein Königreich wert war, um hundert Mark erhandeln zu können.

Ach, und dieses Roß sollte ich jetzt verlieren! Ihn, der den Gerichtssekretär in den Schnee, den Schuhmacher in den Dreck, die Aufkäuferin in die Eier gelegt hatte? Der Gedanke war mir schmerzlich.

Herr Merkle sah, daß etwas in mir vorging. Da er aber nicht wußte, was, nahm er an, daß ich Durst hätte und nötigte mich in den Pfälzer Hof herein. Herr Reiffel begrüßte uns Weltreisende nicht mit allzugroßem Respekt und stellte uns einen Wein auf den Tisch, bei dessen Genuß wir beide die Gesichter verzogen. Unsere Grimassen nahm er wohl nicht als Schmeichelei für seinen Wein hin und um diesen in ein besseres Licht zu rücken, sagte er: »Nun, so gut wie euere Gedichte im hiesigen Anzeiger wird er wohl noch sein.«

Da hatte ich's denn einmal wieder. Was ich vorzusetzen hatte, war nicht jedermanns Geschmack, und ich nahm mir vor, künftighin nur noch teure Rezepte zu schreiben, um die Apotheker wenigstens auf meine Seite zu bringen, nachdem ich's mit dem Repräsentanten der Gastwirte verdorben hatte.

»Ohne Sorg' durch Dick und Dünn
Strampelt er durchs Dasein hin.«

Das erste, was ich am nächsten Tage machte, war, daß ich meinen Gaul einspannte. Er schien sich zu freuen, daß ich wieder da war und ihm eine gelbe Rübe mitgebracht hatte. Als er im Geschirr erglänzte, merkte man nichts mehr von der überstandenen Kolik. Er lief, wie immer, die Wegstunde in fünfzehn Minuten. Dies mit Wohlgefallen bemerkend, dachte ich mir: ›Was will der Tierarzt nur mit seiner schlechten Prognose. Der Gaul ist frisch wie ein Fohlen. Sprecht einem nur das Leben ab, und er wird älter als alle Erz- und Holzväter zusammen!‹ Nicht um tausend Gulden und die Haut einer Leberwurst wollt' ich diesen Renner umtauschen, und ich hielt vorm Hause eines meiner Patienten still und band die Zügel an einen Gartenzaun. Als ich aber vom Krankenbette wiederkam, was sah ich da? Es war ein schmerzlicher Anblick. Vor meinem Chaischen lag das Pferd und die Scherendeichsel war zusammengebrochen.

Der gleiche Vorgang wiederholte sich von jetzt ab noch verschiedene Male, und da ich nicht immer Hebebäume mit mir führen konnte, um den Schlafkoller aufzurichten, so entschloß ich mich, den Genossen meiner Leiden und Freuden an den Wasenmeister zu verkaufen, daß er verlocht werde und nicht etwa einem meiner Mitmenschen zu einem Darmgrimmen verhelfe, weder als Sauerbraten noch als Salamiwurst.

Nun war der Stall leer und die Frage entstand, ob ich dem Verstorbenen einen Nachfolger geben oder warten solle, bis Herr Benz von Mannheim einen Wagen zustande gebracht hätte, der von selber lief. An zähen Versuchen ließ es der gute Mann nicht fehlen, und es wird wenig von meinen Weinheimer Zeitgenossen geben, die nicht ein oder das andere Mal unter dem Halloh des Janhagels geschoben hätten, wenn der unermüdliche Erfinder mit dem klapperdürren Skelette seines phantastischen Vehikels nicht weiterkam.

Zum Glück für mich hatte damals das Fahrrad bereits eine Form angenommen, die sein Besteigen möglich machte, ohne daß man über den Tod von Basel mitsamt seiner Sense wegmußte. Ich kaufte mir also ein Niederrad und machte mich daran, die damals noch seltene Kunst zu erlernen. Meine Versuche haben einen Metzgerhund kreuzlahm gemacht und etwelchem Federvieh das Lebenslicht ausgeblasen. Aber ich ließ nicht nach, bis ich unabhängig war von der irdischen Schwerkraft und dem Gesetz der Trägheit. Nein, wie ich mich damals erhaben fühlte, als der Radfahrer noch keine Proletariererscheinung war, sondern so gleichsam ein von allen Hunden angekläffter Himmelsgast, der die Erdenkugel perquasi nur tangential berührte. Entfernungen gab's fast nicht mehr, und da das Stahlroß keinen Hafer fraß, so war es billig zu halten. Einen Nachteil hatte es freilich. Man war mit ihm an die Landstraße gebunden und leider auch an ihren Staub. Vorbei waren die poetischen Träume jener Nächte, wo mein gutes Roß mich über mondbeschienene Bergesrücken getragen hatte und hinein in den Nachtigallenschlag junggrüner Buchenhaine, in denen Nixen gängelten und des Erlenkönigs holdselige Töchterlein mit ihren Schleiern das Gebüsch umrauschten. Ach ich fürchte, ich fürchte, das Automobil gar wird unsere Poeten überfahren oder ihre Machwerke mindestens nach Benzin stinken lassen.

An mir selber merkte ich, daß ich trotz aller Zeitersparnis des modernen Fuhrwerks zu einer stillen Einkehr in mich selbst keine Zeit mehr hatte. Freilich die Krankenkassen sorgten auch dafür, daß man ausreichend beschäftigt war. Um einen Schwindsüchtigen in ein Sanatorium zu bringen, mußte man ein Aktenfaszikel schreiben so dick wie eine Käskiste, und die Krankenzettel wurden endlos wie die Streifen einer chinesischen Gebetmühle. O hehrer Genuß und Himmelswonne, wenn sie, die Drückeberger Freitags angerückt kamen mit erlogenen Schmerzen, um ihre Scheine ausfüllen zu lassen, und aus dem Sprechzimmer gingen mit der Gewißheit, daß das Beschummeln eines Arztes leichter sei als das Verrücken eines Uhrzeigers. Aber was machen? Der Fuchs hatte den Hals in der Schlinge, und ohne daß er sich selber den Kopf abbiß, kam er nicht wieder frei. Also man schrieb, schrieb gegen seine innere Überzeugung und sein besseres Wissen und hatte keine andere Rechtfertigung vor Gott und sich selber als die, daß es die Kollegen gerade so machten. Wollte man sich eine Erholung gönnen, so träumte man sich hinaus aus dieser schlechtesten aller Welten oder wandelte nach dem Bahnhof, um die Fahrpläne zu studieren, die einem mit einem Schlage Beziehungen gaben zu neuen Welten.

Als ich wieder einmal im Wartesaal stand, das Auge starr auf eine Reklametafel der Circumaetnea geheftet, klopfte mir von hinten jemand auf die Schulter. Ich drehte mich um und erkannte, trotz dem wettergebräunten Gesichte, der kupfernen Nase und der weißen Seemannsmütze, nun wen denn? Meinen ersten Patienten, den Michel Venedey.

»Freundchen, wie siehst du abgezehrt aus?« sagte er. »Wer dich am Karfreitag ißt, hat trotzdem keine Todsünde begangen, denn Fleisch ist wahrhaftig kein's an dir. Verschreibst du immer noch den Leuten Bruchbänder? Nun, dann kann ich mir wohl erklären, daß sie vor dir Reißaus nehmen und dich so nach und nach verhungern lassen.«

»Ach, Michel,« erwiderte ich, »du solltest dich vor einem Bruchband nicht mehr fürchten. Wer dir eins anmessen wollte, brauchte die Stangen eines Klafterschlägers. Mensch, wie bist du nur zu so viel Fett gekommen? Laß nach oder die Speckmäuse gehen an dich.«

»Nachlassen,« wiederholte er. »Guck, das sagst du so in deinem Unverstand und bedenkst nicht, daß die Sorgen einen aufschwemmen, daß man wird wie eine Wasserleiche. Was glaubst du nur, was ich nicht alles durchgemacht einzig nur, bis meine Mutter von mir erzogen war.«

»Gott verzeihe allen Menschen, die sich irren, Michel, aber ich war der Ansicht, deine Mutter hätte viel ausgestanden, bis sie dich so leidlich zurechtgestutzt hatte.«

»Wie man's nimmt. Alles ist relativ. Aber stelle dir einmal vor, die alte Frau wollte noch einmal heiraten, und den Gedanken mußt ich ihr wie einen Champagnerpfropfen aus dem Kopfe ziehen. Ein wahres Glück, daß ich in dem Geschäft einige Übung habe. Und des ferneren weißt du am Ende noch gar nicht, daß Herr Runkele, weiland mein Schwiegervater, gestorben ist.«

»Herr Runkele, der dich etwas knapp im Gelde hielt?«

»Eben der, und nun hab' ich doch seinen Nachlaß zu verwalten bis zu meiner Tochter Volljährigkeit.«

»Die hoffentlich nicht ferne ist, wenn du Schwiegervater werden willst.«

»Was du für Gedanken hegst! Ich fahre nicht mehr und lebe als Biedermann in Freiburg. Du glaubst doch nicht, daß ich mit dem Erbe meines Kindes in den Tag hineinhause?«

»Nein, Freundchen, aber in die Nacht. Sag' an, wie vielmal schlägt vom Martinsturm die Uhr, wenn du aus dem Portal der Weinstube gehst?«

»Soll ich dir zu Gefallen mein Gewissen erforschen? Kannst du mich absolvieren, wenn ich gesündigt habe? Sag' lieber, daß du einen Wagen in der Nähe hast, der mich nach deiner Wohnung bringt.«

»Du wirst laufen müssen. Mein Pferd ist mir eingegangen.«

»An Überfütterung sicher,« bemerkte er boshaft und humpelte dann schicksalsergeben neben mir her.

Er blieb einige Tage bei mir, und von ihm erfuhr ich vieles über das Ergehen alter Jugendfreunde. Dieses Amerika war seit seiner Entdeckung stets ein Hafen für gescheiterte Lebensschiffe. Venedey sah auf seiner »Lahn« gar manchen, der unserer alten Welt verdrossen den Rücken zukehrte, und er stand ihnen bei mit seinem Rat. Wenn er gar nicht wußte, wohin mit einem, so schickte er ihn nach Newark zum Weidig. So war's vielleicht doch des Schicksals Wille gewesen, daß die beiden Kampfhähne sich nicht mit den Pistolen in der Hand auf dem Freiburger Exerzierplatz gegenübertraten. Ist alles Leben nur ein Zufall, oder steht hinter den Kulissen doch einer, der die Menschenpuppen nach seinen Plänen tanzen läßt?

Ehe der Michel von mir ging, mußte ich ihn einmal am Benderschen Institut vorüberführen, und ich meine, er hätte zu mir gesagt: »Du, da drinnen habe ich viele Prügel gekriegt und doch am Ende nicht genug. Was meinst du dazu?«

Diese Frage werde ich wohl nicht beantwortet haben. Sie ist nicht mit einem Ja oder Nein zu lösen. Jeder ist sich selber Richter am Schluß seiner Tage, und die unseres Freundes waren abgezählt. Er starb kurz darnach rasch und schmerzlos in Freiburg.

Als Venedey weg war, zog ich wieder mit den Rundbrennern auf der feuchten Wirtshausstraße. Die Zahl der Zechkumpane hatte sich um eine Nummer verringert. Der Gerber Schmitz war gestorben. Auf seinem Todesbette hatte er noch mit westfälischer Zunge gesagt: »Wenn ich in die Binsen jejangen sein werde, jrabt unterm Lohhaufen. Ihr werdet eine Sohlhaut finden. Kann sich ein jeder von sie seine Stiefel von sticken lassen, a's en Andenken an mir.«

Wir haben den biederen Westfälinger in der pfälzer Erde verscharrt und haben seiner an der Tafelrunde gedacht.

Von Wirtshaus zu Wirtshaus gezogen sind wir nicht mehr. Diese und jene Kneipe hatte ihren Besitzer gewechselt, eine andere hatte ihr Renommee verloren. So drängten wir uns in den »Jahreszeiten« zusammen, erzählten uns was und rauchten die Tapete braun. »Was hängen Sie da eigentlich auf, Liese,« so fragte ich eines Abends die Kellnerin.

»S'ist eine Reklametafel für die Antwerpener Ausstellung. Sie werden da wohl nicht hinwollen?« war deren Antwort.

»Warum nicht, wenn ich Gesellschaft finde.«

»Die sollst du haben,« sagten wie aus einem Mund gleich zwei Herren vom ovalen Tisch. Man fing an, sich in das Projekt zu vertiefen. Man fand, daß sich an den Besuch der Ausstellung leicht eine Seereise anschließen lasse um Spanien herum und nach Genua. Wie das zog, wie das lockte! Das blaue Meer und hier und da ein Zipfel Festland von Frankreich, Spanien, von Afrika sogar. Je mehr man redete, um so mehr Leute wollten mit, die Kellnerin sogar, wenn erst ihre Sommerbluse fertig wäre.

»Fern im Süd das schöne Spanien«

Als der Tag des Reiseantritts gekommen, war dem einen ein Kalb, dem anderen die Frau krank geworden. Die Folge dieser mehr oder minder beabsichtigten Zufälligkeit war, daß unsere Reiseherde aus nur vier Beinen bestand, als ein Schnellzug uns von der Weschnitz hinweg und der Schelde entgegentrug. Auf welcher Seite man auch zum Fenster hinausschauen mochte, es regnete halt einmal, regnete in das reifende Korn hinein und sogar in das Bett des Rheines. Da es auch in die Straßen Antwerpens regnete, so blieben mein Reisegenosse und ich die erste Nacht über vorsichtig im Gasthof.

Am anderen Morgen suchten wir am Scheldekai den Dampfer »Darmstadt« auf und siedelten mit dem Handgepäck dahin über. Mit dem Lösen der Fahrkarte hatten wir das Recht erworben, auf dem Schiffe zu wohnen, wodurch die Ausgaben vermindert wurden.

Das erste, was ich in der Scheldestadt kennen lernte, war der Maler Rubens und das zweite eine Büffetdame, die auf dem Ausstellungsplatz Champagner verkaufte. Da sie selber eine Miniaturausstellung aller weiblichen Netze war, so zog sie manchen Schönheitssucher nach ihrer Bude hin, unter anderen auch meinen Reisebegleiter und mich.

Wir traten bei der Juno ein und fanden an ihr nur das eine auszusetzen, daß sie sich voraussichtlich nichts aus uns machen werde, weil wir ihr nur mit deutschen Brocken aufwarten konnten und sie doch wohl eine Französin war.

»Sprich mit ihr,« spornte mein Reisegenosse. »Etwas Französisch wirst du doch wohl können. Der Teufel hol's, zu meiner Zeit hat man in den Schulen nichts gelernt als die zehn Gebote, und die hat man zu halten vergessen.«

Ich gab mir nun alle Mühe einen gelehrten ostelbischen Rittergutsbesitzer vorzutäuschen und verlangte mit eleganter Handbewegung: »La carte á vin.«

Das Fräulein brachte das Verlangte. Ich unterstrich mit dem Zwicker eine Zeile und schnurrte: »Veuve Cliquot, une bouteille.«

Nicht lange, und Flasche und Gläser standen vor uns auf dem Tisch, die Kleine aber neben meinem Freund auf dem Boden in vertrauensseliger Annäherung, obwohl stumm.

»Weißt du nichts Gescheiteres mit ihr zu schwätzen,« sprudelte mein Freund in seiner Verlegenheit hervor, »nun dann frag' sie halt, ob sie katholisch wäre.«

»Est-ce que vous êtes catholique?« stammelte ich notgedrungen.

Nun aber platzte die Schöne heraus: »Ei, so reden Sie doch, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist. Ich bin ja auch eine Pfälzerin, und zwar von Einseldum am Donnersberg.«

»Jetzt magst du ruhig nach dem Schiffe gehen,« wandte sich der Genosse mir zu. »Wenn der Spürhund erst auf die Fährte gesetzt ist, weiß er schon, was er zu tun hat.«

Ich aber ging nicht, und wir drei Landeskinder saßen noch zusammen, als der Kuckuck aus einem Schwarzwälder Gehäuse heraus verkündete, daß die Mitternacht gekommen sei. Nun allerdings brachen wir auf.

Als wir unter der Tür dem Fräulein Ade sagten, regnete es recht bedenklich, und es herrschte im Freien eine solche Finsternis, daß uns diese selber nicht zum Bewußtsein gekommen wäre, wenn nicht ein paar Richtlaternen auf sie aufmerksam gemacht hätten. Wir tappten mehr nach dem Schiffe hin, als daß wir gingen.

»Eine dumme Geschichte jetzt. Werden wir am Flusse draußen unseren Dampfer finden?« ließ ich gelegentlich so im Weiterschreiten fallen.

»Keine Sorge,« tönte es zu mir zurück. »Wenn tausend Schiffe auf dem Flusse liegen, so führ mich mit verbundenen Augen hin, und ich will dir sagen, welche von den Kisten die unsere ist.«

Ich schwieg zu dieser Renommage, und wir schritten dem Scheldeufer entgegen. Still war es am Land und still auf dem Wasser. Nur der Regen trommelte auf den Wellblechdächern der Güterschuppen. Den Strom ahnte man nur und von den gewaltigen Schiffsleibern sah man einzig das Gerippe von Rahen und Masten zwischen zwei, drei Buglaternen. Ärgerlich suchten wir den Kai entlang nach der »Darmstadt.«

»Wo ist nun dein berühmter Spürsinn?« fuhr ich heraus meinem Begleiter gegenüber.

Kleinlaut gab er zurück: »Guck, wenn der Kasten da nicht zu hoch auf dem Wasser läge, tät ich meinen, er wär's. Sind wir doch heut morgen vom Bord auf den Kai gestiegen und jetzt müßten wir das umgekehrte tun, trotzdem man doch über Tags Eisen geladen. – Versteh' das, wer da will.«

In diesem Augenblick wanderte in einen Regenmantel gehüllt ein Nachtwächter vorüber. Ich hielt ihn an und sagte: »Wo liegt der Dampfer ›Darmstadt?‹«

»Vor Ihrer Nase,« war die Antwort.

Wir glaubten der unfreundlichen Auskunft nur so halb und halb, stiegen aber gleichwohl aufs Verdeck und suchten uns zu orientieren. Eine Kabinentür stand seitwärts des Schornsteins offen. Mein Begleiter trat in die Kammer.

»Was willst du da im Dunkeln,« fragte ich.

»Laß mich gewähren,« war die Antwort.

»Wenn ich hier auf der Tapetenleiste einen Zigarrenstummel finde, dann weiß ich, wo meines Vaters Sohn zu Hause ist. Ah hä,« lachte er plötzlich auf, »da ist er ja. Nun sind wir, wo wir hingehören. Guck, von den Zigeunern hab' ich das gelernt. Wo man einmal war, da muß man etwas von sich liegen lassen. Man kann daran sich zurecht finden, wenn man vom Wege abgekommen ist. Nur möcht' ich bei des Satans Großmutter nun auch noch wissen, wie das verrückte Laufbrett dazu kommt, einen irre zu machen.«

Da ich dies Rätsel nicht zu lösen verstand, zog ich mich langsam aus und ging ins obere Bett, nachdem ich das Licht ausgedreht hatte. Aber der Schlaf wollte sich nicht zu mir gesellen. Schuld daran war, daß einerseits mein Schlafgenosse zu laut schnarchte, und daß andererseits mich das Geheimnis mit dem Laufbrett quälte.

Während ich so lag und sann, hörte ich auf dem Gange draußen die Frage stellen:

»Wann werden wir den Anker heben, Kapitän?«

»Gegen Morgen; erst muß die Flut verlaufen.«

Die Flut, die Flut, dies eine Wort gab den Dingen ihr natürliches Gesicht. Wie dumm auch war's von mir, daß ich an den Wechsel der Gezeiten nicht gedacht hatte. Ich war doch noch ein unerfahrenes Grünhorn. Das aber durfte mein Freund nicht wissen, er mußte an meine Weltkenntnis glauben, wenn ich sein Reisemarschall bleiben sollte.

Beim Erwachen am nächsten Morgen schwammen wir schon die Schelde hinunter. Über mir ertönten die Schritte der Matrosen und unter mir das Gurgeln meines Freundes, der sich die Zähne putzte. »Du,« sagte ich zu ihm, »nun ist mir eingefallen, warum heute Nacht die ›Darmstadt‹ so hoch überm Kai stand. Die Flut war gerade da, als wir vom Zechen nach Hause kamen.«

»Was du nicht alles weißt! Ein Mordskerl bist du fürwahr. Man sollte dein Bild in die Bauernkalender pinseln, damit die Leute sehen, daß du größer bist als Pilatus und Kolumbus, von denen doch der eine die Kartoffeln erfunden haben soll, wenn ich die Schwerenöter nicht mit Kopernikus verwechsle. Denk' nur, wie mein Gedächtnis nachläßt. Als Handwerksgeselle konnte ich böhmisch bis auf zehn zählen und als Kommerzienrat kaum noch auf drei.«

Die »Darmstadt« wollte nach Japan. Sie sputete sich so gut es ging, und wir waren schon tief im Ärmelkanal, als es abermals tagte. Es war ein Sonntag, und die Schiffskapelle hatte die Schläfer mit einem Choral geweckt.

Ich erhob den Kopf vom Kissen. Gerade mir gegenüber an der Außenwand des Schiffes war das Bullauge. In seiner hellen Scheibe stand nun, von einem glänzenden Messingrahmen hervorgehoben, mit schwellenden Segeln und glitzernden Masten ein ungeheurer Fünfmaster. Wie eine Arche stand er da, und sein Aussehen hatte etwas patriarchalisch Alttestamentarisches. Als ich all meine Sinne an dieses Prachtstück auf den Meereswogen verschenken wollte, sagte unter mir der Schlafgeselle:

»Gestern in der Frühe hast du mir eine Neuigkeit erzählt. Heute kann ich dir mit so was ähnlichem dienen. Denk' nur, meine Hosen sind zerrissen gerade über dem Knie.«

»Wenn du noch andere Beinkleider hast, dann ist die Sache nicht schlimm.«

»Gewiß ich bin vorgesehen. Ich hab noch eine Sonntagshose im Koffer. Wie steht's übrigens, mein Lieber, nicht ein wenig Aufstoßen in der Gurgel als Vorboten der Seekrankheit? Sieh' her auf mich! Mir tut dies Schaukeln nichts. Ich bin einmal über den Kanal gefahren im Wintersturm. Da haben die Ratten mit ihrem Mageninhalt die Fische gefüttert. O, du hättest die Möwen sehen sollen, wie die sich mästeten im Flug. Alles war marode, sogar der Kapitän. Nur ich, ich allein behielt, was ich bei mir hatte, es waren« – – –

»Nun kommt das dicke Ende,« dacht ich mir, und um dies abzuwenden, stellte ich mich krank und fing äußerst naturgetreu an zu wurgsen. Diesem Gesang widerstanden die Kommerzienratsohren nicht. Ihr Inhaber floh, und ich war allein in der Kammer. Ich genoß nun ungestört die ungeheuere Wonne eines Sonntagkonzertes zwischen dem Azurblau der See und der gleichen Farbe des Himmels. Wie mir heute noch, so viele Jahre nach dem Begebnis, das Herz weit wird in Gedanken an jene Stunde!

In den folgenden Tagen trug uns das Schiff ruhig über die Meerflut. Nur ab und zu einmal war ein Streifen Land zu sehen. Die Insel Ouessant, das Kap Finisterre, die Steilküste von Portugal. Um das Kloster Sao Vincente herumbiegend kamen wir über Kadix südwärts in die Straße von Gibraltar hinein. Rechts die Säulen des Herkules, zur Linken die Berge Granadas steuerten wir den Pityusen und Balearen entgegen.

Bis hierher war die Reiseausstattung meines Freundes ausreichend gewesen. Nun aber wurde die Sache kritisch. Durch niederfallende Zigarrenglut war in die Sonntagshosen ein Loch gekommen, so groß wie die Tonsur eines Priesters. Da ein steifer Nord die Beinkleider zu Säcken aufblies, so war wie durch das Flugloch eines Starenkastens mancherlei zu sehen, was angehenden Komtessen verborgen bleiben sollte. Da mußte nun Rat geschafft werden und zwar unter allen Umständen. Ich trug die älteren kriegsinvaliden Hosen zum Segelflicker und sie wurden, wenn auch nicht wasserdicht, so doch undurchscheinbar und verwendungsfähig. Ohne ein öffentliches Ärgernis zu erregen, durften wir zu Genua den Boden des keuschen Italiens betreten.

Wie wir vom Wasser nach der oberen Stadt aufsteigend den »schwarzen Adler« suchten, machte mir mein Begleiter klar, daß wir einen Hosenschneider nötiger hätten, als das geschnäbelte Federvieh. Ich tat ihm den Gefallen und trat mit ihm in einen Laden, dessen Schaufenster außer mit einer Hose noch mit einem Rosenkranz von Knoblauchzehen, Salamiwürsten und Zigarrenkisten ausstaffiert war. Ein rothaariger Amalekiter trat aus dem schwarzen Hintergrund, und wir belehrten ihn durch eine Pantomine über den Zweck unseres Kommens. Gleich darauf türmte sich ein ganzes Gebirge von Hosen vor uns auf. Mein Genosse prüfte, beguckte, streckte und verkürzte die dargebotene Ware, feilschte, stritt mit dem Händler und warf zuletzt siegesbewußt ein Paket von grauem Katzenpapier umhüllt in seine linke Achselhöhle. Der Handel war gemacht, und wir gingen aus dem Laden. Bald war der »Aquila nera« entdeckt und ein Zimmer ausgewählt. Im blendenden Mittagsscheine wurden die Hosen mit Feierlichkeit enthüllt und übers Bett geworfen. Wer Augen hat zum Sehen, der sehe. Sie waren heliotropfarben, mit gelben Karos übermalt wie ein Dambrett. Ich konnte nichts anders tun, als nur so weit wie möglich die Lider auseinanderreißen.

»Gefallen sie dir nicht?« fragte mein Kommerzienrat. »Doch,« entgegnete ich, »aber ziehe sie einmal an, damit ich sehe, ob sie dir passen.«

Sie paßten ihm. Sie hätten jedem gepaßt, sogar dem dummen August in einem Wanderzirkus. Und doch hatten sie einen großen Fehler. Am Hosenbund, da waren keine Knöpfe. Verflucht auch, wir hatten mit der Landessitte des Gürteltragens nicht gerechnet. Was nun?

Der alte Handwerksbursche fand Rat. Er rannte nach der Tür und klingelte das Stubenmädchen herbei. Sie hieß Rosa und hätte nicht anders heißen dürfen, denn sie war die Königin aller Blumen und aller Mädchen auch. Nie vorher habe ich eine so vollendete Schönheit gesehen und mit einem Male begriff ich, warum Italien der Mutterboden eines Raffael, Tizian und anderer Maler werden konnte. Ja, man hat leicht malen, wenn man nur zu schellen braucht, um solche Modelle vors Auge zu bekommen, wie da eines auf den Knieen vor dem Sanskulotten herumrutschte und Knöpfe annähte.

Was wir zu unserer Freude im Hotel noch vorfanden, war einer unserer Weinheimer Bekannten. Die Krankheit seiner Frau oder das, was darnach aussah, hatte ihn wohl um die Seereise gebracht, die Landreise aber ließ der Wackere sich nicht nehmen. Er war durch den Gotthard gefahren und hatte uns in Genua erwartet. Als der dritte im Bund durchstreifte er in unserer Gesellschaft die Stadt und deren reizvolle Nachbarschaft. Ein Zug trug uns nach Nizza hinunter und auf der Rückfahrt versuchten wir unser Glück in Monte Carlo. Am meisten profitierte dabei der Mann mit den gewürfelten Hosen. Sie waren doch allzu ordinär, und ihres Musters wegen wurde ihr Inhaber zu den Spielsälen nicht zugelassen. So behielt der Beneidenswerte sein Geld in der Tasche, während das unsere zum Teil wenigstens in dem Schrank der Spielhölle übernachtete.

Eine unglaubliche Hitzewelle lagerte damals über den ligurischen Gestaden und neben der Palme ließ auch mein älterer Reisegenosse den Kopf hängen. Eine Art von Dysenterie war über ihn gekommen, vernichtete seine Genußfähigkeit und leider auch das mühevolle Tagewerk der schönen Rosa. Die Unaussprechlichen mußten mit den Händen getragen werden, wenigstens dann, und so lange nicht ihr Besitzer an einem Orte weilte, wo er für Besuch nicht zu sprechen war. Es ging nicht anders, wir mußten ihn und uns aus dem Höllenfeuer der südlichen Sonne herausbringen.

Über Turin retteten wir uns ins Tal der Dora Baltea hinein. In Courmayeur fanden wir zum erstenmal wieder Ruhe vor den Stechfliegen und einen erquickenden Schlaf. Wie neugeboren wanderten wir am nächsten Tage langsam die bequeme Straße nach dem kleinen Bernhard hinauf. Schon fing es an zu dunkeln, als wir uns dem Hospiz näherten. Von der hohen Freitreppe vor seinen Mauern hat man einen schönen Blick nach Süden hin, wenn man sich die Mühe macht, sich umzudrehen. Ich tat es, und ich forderte dazu auch meinen Genossen auf, den mit den karierten Hosen nämlich. Wir standen, die Augen den lombardischen Gefilden zugewendet, und ich legte dem Freunde die Frage vor, ob ihm nun Italien den Eindruck eines Stiefels gemacht habe? Entrüstet fuhr er mich an: »Einem Stiefel soll dies Land gleichen? Einem schmutzigen Klosett ist es ähnlich. Außer der Rosa habe ich nichts Schönes darin gesehen.«

Ja, Reisen und Reisen ist ein Unterschied. Wer in die Fremde nichts hineinzutragen hat, wird aus der Fremde auch nichts mitbringen.

Ein neuer Tag führte uns das Flußtal der Isere hinunter und ein folgender über Genf hinweg der Heimat wieder zu.

Die Heliotropfarbenen haben unter dem Sitzfleisch eines Kesselschmiedes ein unrühmliches Ende gefunden, nachdem sie an den Beinen ihres Herrn einen Auflauf der Schuljugend veranlaßt hatten. Für meine mündlichen Reiseberichte am Stammtisch zeigte man an der Bergstraße wenig Interesse. Nachdem man durch meine Begleiter erfahren hatte, daß in Italien die Pferde Strohhüte und die Katzen kurze Schwänze trügen, waren Phantasie und Geist genügend beschäftigt und ausreichend befriedigt.

Über Zion und Seinebabel zurück an die Bergstraße

Das Jahr fünfundneunzig hatte einen guten Wein geliefert und mit dem half ich mir hinweg über die Schikanen des überlauten Werkeltages. Im stillen bereitete ich mich vor auf eine längere Reise, die mich über das Land der Griechen hinweg nach dem Libanon und seinen Ausläufern führen sollte. Das Jahr sechsundneunzig brachte die Verwirklichung meines alten Traumes. Was ich auf dem Hin- und Herweg erlebt, ist in der »Kreuzfahrt« beschrieben. Unnötig deshalb, daß ich hier weitschweifig werde. Bemerken aber will ich, daß mir das zitierte Buch viel Anfechtungen brachte, weil ich noch nicht wußte, daß man nicht ungestraft auf den Markt gehen darf, um seine Seele zu entkleiden im Dienste der Wahrheit. Zu meiner Rechtfertigung will ich nur eines hier erzählen.

Eines Tages, es war im Frühjahr neunzehnhundert, bekam ich einen Brief aus Augsburg. Ein angesehener Geistlicher dieser Stadt ersuchte mich um die Erlaubnis, die »Kreuzfahrt« in einem katholischen Sonntagsblatt, dessen Redakteur er sei, veröffentlichen zu dürfen. Ich schrieb sofort zu und bekam nun die einzelnen Belegnummern regelmäßig ins Haus geschickt. Doch eines Tages blieben sie aus. Statt ihrer kam ein Brief, worin mir mitgeteilt wurde, daß die Publikation des Ganzen hätte müssen unterbrochen werden. Das Nähere würde ich erfahren, wenn der Briefschreiber demnächst nach Weinheim käme. Er hätte die Absicht, die Pariser Weltausstellung zu besuchen, und gedächte bei mir Station zu machen, vorausgesetzt, daß sein Kommen erwünscht wäre.

Von meiner Seite ging nun eine höfliche Einladung ab, und ich hatte die Freude, am Bahnhof einen lieben geistlichen Herrn begrüßen zu dürfen, mit dem ich auf der Palästinareise bekannt geworden war. Da dem Hochwürdigen die Gegend gefiel, blieb er einige Tage bei mir und begleitete mich auf meinen Gängen in die Nachbardörfer.

»Hören Sie,« sprach er eines Tages, indem er mich unterm Arme faßte, »waren Sie nicht erstaunt, als ich Ihnen die Belegnummern des Sonntagsblättchens nicht mehr schickte?«

»Gewiß,« entgegnete ich. »Allein ich dachte mir, Sie hätten wohl Gründe gehabt für Ihr Vorgehen und habe mir über deren Erforschung nicht gerade den Schädel zerbrochen.«

»Sie sollen sie jetzt hören, ohne daß Sie die lebensgefährliche Manipulation an sich vollstrecken. Denken Sie nur, eines Tages werde ich zu meinem Bischof ins Palais bestellt.

›Herr Pfarrer,‹ sagte der hohe Herr zu mir,›Sie veröffentlichen da ein Buch von einem gewissen Karrillon. Sind denn da in Ihnen keine Bedenken erwacht?‹

›Doch, bischöfliche Gnaden,‹ hab' ich g'sagt, ›aber ich glaubte der guten Sache einen Dienst zu erweisen, wenn ich einem weiteren Kreise bekannt gäbe, wie's im heiligen Lande bestellt ist. Nur wenn man erst im Abendlande die Mißstände kennt, wird man sich an deren Beseitigung heranmachen dürfen. Berücksichtigen Euer Gnaden wohl, daß ich selber drüben war in Palästina, und daß ich nur die Wahrheit dessen bestätigen kann, was dieser gewisse Herr Karrillon geschrieben hat.‹

›An Ihrer guten Absicht, Herr Pfarrer, zweifelt niemand. Aber Sie müssen mit dem Eindruck rechnen, den derartige Veröffentlichungen auf die Leser machen. Da liegt ein Haufen Briefe aus der Diözese. Lesen Sie diese, und dann bilden Sie sich selbst ein Urteil darüber, was der Laie denkt, wenn er erfährt, wie es an den Stellen zugeht, die ihm seither heilig waren.‹

»I hab' nun so ein und den anderen Brief aufg'macht und fang zu lesen an. Da war nu freilich viel die Red' von liebgewordenen Vorstellungen und geheiligten Überlieferungen, so daß i rein selber darüber erschrocken bin, was mer nit alles für en Unheil anstellen kann, wenn man anfängt, an so altem Hausrat zu wackeln. Und wissen's, was i meinem Bischof g'sagt hab'?

›Gnaden,‹ hab' i g'sagt, ›wann's nit sein kann, so wollen wir halt die weiteren Fortsetzungen unterlassen.‹ Nit wahr, mein lieber Doktor, Sie sein mir deshalb doch nit bös drum? Zumal, wenn's bedenken, daß i persönlich bei dem Gang nach Kanossa hab' Haar lassen müssen.«

»All die, die auf Ihrer Glatze fehlen?« unterbrach ich scherzend.

»Dös net. Aber mein' schöne Vollbart hat's mi kost. Sie erinnern sich doch noch an den? Ausg'schaut hab i da drin wie der Judas Ischariot. Aber zur Erinnerung an meine Wanderung im heiligen Land hab' i ihn wolle weiter tragen hier unter dene bayerischen Biergesichtern. Wann's der Bischof nit grad g'sehn hätt, hätt's vielleicht a' noch e Zeitlang gut getan, denn so war er net, daß seinetwegen die Elektrische en Umweg hätt um en erum mache müsse. Dem Bischof aber hat er im Weg gestanden, und er hat zu mer g'sagt: ›Herr Pfarrer‹, hat er g'sagt, ›wollten's mir net den Gefallen tun und Ihne hier und da als emal rasieren lassen?‹

»›Warum nit, bischöfliche Gnaden‹, hab i g'sagt, ›ans Herz g'wachsen sin' mir die paar Schweinsborsten fein a net.‹

Damit war's alle mit die Audienz, un wir sinn im Frieden auseinander gegangen.«

»Und der Wahrheit war wieder einmal eine Tür versperrt, weil man sie nicht in jeder Stube brauchen kann. Dort vor allem nicht, wo man mit Kindernahrung die großen Puppen füttert. Kennen Sie sich übrigens aus in Paris, Herr Pfarrer, da Sie eben doch dahin wollen?«

»Das nicht, aber indem Sie ja vor drei Wochen erst von dort zurückkommen sind, so können Sie mir gewiß sagen, wo i mich einquartieren muß, um billig durchzukommen.«

»Ich würde, wenn ich die Ausstellung zum zweiten Male zu besuchen hätte, mir nur ein Zimmer in einem der entlegneren Stadtviertel suchen, etwa am linken Seineufer hinter dem Palais Luxembourg. Essen zu billigen Preisen finden Sie in den über die ganze Stadt hin zerstreuten Cafés Duval, vor allem aber auf dem Ausstellungsplatze selber im sogenannten algerischen Dorfe. Für einen einzigen Franken bekommen Sie dort ein Hammelragout, wie Sie es nirgends auf der Welt besser treffen können, und algerischen Rotwein können Sie dazutrinken, so viel Sie nur immer wollen. Eine Flasche steht vor Ihnen auf dem Tische, die sich immer wieder füllt, wie das Ölkrüglein der Witwe von Sarepta.«

»Was Sie da sagen, ist mir sehr wertvoll. Können Sie mir nicht noch andere Dinge nennen, die man nur in Paris findet und sonst nirgends?«

»Gewiß, wenn Sie einmal sehen wollen, wie man mit Eleganz betteln geht, dann verfügen Sie sich an einem Sonntag in die Kirche von St. Eustache. Sie werden sich wundern, wenn Sie sehen, daß da den Andächtigen nicht etwa in rücksichtsloser Weise ein Klingelbeutel unter die Nase geschoben wird, sondern daß der schönste Mann eines ganzen Domkapitels in veilchenblauer Sutane an den Kopf der Bänke tritt und neben sich einen Diener hat, der eine schwere Silberplatte die Reihe der Beter hinunter wandern läßt. O, Sie sollten das Klingeln hören, mit dem die Goldstücke auf die spiegelblanke Platte fallen, und den verliebten Blick sehen, mit dem der würdige Kirchenfürst den schönen Spenderinnen zu quittieren weiß. Dieser Blick, er ist nicht nur eine vollendete Liebeserklärung, sondern bedeutend mehr. Er ist ein Ego absolvo te ab omnibus peccatis tuis, der reine Himmelsschlüssel sogar. Laßt uns die französischen Geistlichen loben. Ich glaube, Sie verstehen es, das Bußsakrament zu einer Art von Vergnügen umzugestalten. Wenn ich eine Prinzessin wäre, kein anderer als ein französischer Abbé dürfte mein Beichtvater sein. Ich glaube fast, sie sind die Nährväter der reizvollsten von allen Sünden. Wie auf dem Moos die Pilze, so gedeiht in ihrer Nähe die verliebte Torheit.

Wenn Sie an einem Werktag sich einmal im Schatten von St. Eustache umsehen wollen, werden Sie die Mauern der Kirche umlagert finden von Magdalenen. Alle jene, aus denen das Alter sieben und mehr Dämonen ausgetrieben hat, gelangen, zu Fischweibern umgestaltet, hier beim Patron der Jäger an, dem einst das Heil der Welt zwischen den Hörnern eines Hirsches erschienen ist. Aber was schwatze ich Ihnen da vor, Herr Pfarrer, Sie werden keine Lust haben, dem Laster nachzugehen, auf seinem Wege aus dem Spiegelglanz der Maximsäle bis zum Fischmarkt vor der Eustachiuskirche.«

»Man sollte wohl schöne Gesichter in diesen Hallen machen, wenn einer mit der Tonsur auf dem Wirbel sich dort blicken ließe. Aber wissen Sie, was ich mir ansehen möchte: Den Pere Lachaise. Ein sonderbarer Name übrigens für einen Kirchhof: Vater Lachaise. Können Sie mir über die Geschichte dieses Namens Auskunft geben?‹

»Sie ist einfach genug. Der Jesuit Lachaise war der Beichtvater Ludwigs des Vierzehnten und bekam von seinem König ein Landhaus mit einem Park geschenkt. Dieser Park ist im Jahre 1804 zu einem Kirchhof eingerichtet worden und seine Mauern umschließen heute ein Kunstwerk, das mein Interesse mehr in Anspruch nahm, als die ganze Weltausstellung. Ich meine jenes ergreifende Monument des Bartholomé, das dieser Künstler den Toten gewidmet hat. Gewiß, Herr Pfarrer, dies Denkmal müssen Sie gesehen haben. Der Eiffelturm wird sich Ihnen von selber aufdrängen. Die Kunst aber läßt sich in Paris, wie überall in der Welt, suchen. Sie braucht Stille um sich her und flieht den lauten Markt der menschlichen Eitelkeiten. Sie werden übrigens doch noch nicht abreisen wollen, mein Bester?«

»Doch, doch, morgen muß es sein. Ich darf die Zeit meiner Ferien nicht allzu nutzlos vertrödeln.«

Er ging, und ich habe den lieben Palästinapilger vom Jahre 1896 nicht wiedergesehen, wohl aber ein kleines Buch von ihm, das »Dornen und Disteln« überschrieben, seine Erlebnisse aus jenen Reisetagen wiedergibt.

Während ich die Absicht hatte, meine »Kreuzfahrt« zu verteidigen, merke ich nun, daß im Handumdrehen aus der Apologie eine Beschreibung von Paris und seiner Weltausstellung herausgewachsen ist. Nun, was einmal dasteht, braucht nicht mehr niedergeschrieben zu werden. Der Leser weiß jetzt, daß ich in Seinebabel war, und ich hoffe, daß er mir deshalb nicht grollen wird. Meine Weinheimer Mitbürger taten es auch nicht. In ihrer überwiegenden Mehrheit haßten sie Frankreich nicht, so wenig wie ich selber, und sie machten mich zur damaligen Zeit zum Vorstand der Schützengesellschaft, obwohl ich das Evangelium predigte, daß Deutschland mit Frankreich Arm in Arm für Europa den Beginn des goldenen Zeitalters zu bedeuten habe. Den derzeitigen Schützenbrüdern war es übrigens mit dem Losbrennen auf zweibeinige Feinde, von Enten abgesehen, überhaupt nicht ernst. Sie renommierten nur gerne ein wenig mit dem Stutzen auf der Schulter, der Feder am Hut und dem grünen Kragen am Rock.

Unser Hauptkünstler vor den Scheiben war zweifelsohne ein Zahnarzt namens Lehmer. Mit unfehlbarer Sicherheit traf der eingefleischte Altbayer ins Schwarze, d. h. wenn er's nicht grad »verwackelte«. Aber leider kam er von Tag zu Tag mehr ins »verwackeln« hinein. Ein heimtückisches Leberleiden zehrte seine Kräfte auf. Einen halben Winter lang stand er noch am Fenster seines Zimmers und zählte durch die Scheiben die Raben, die an den Abenden von der Rheinebene nach ihren Nachtquartieren im Odenwalde flogen. So lang es ging, fuhr er ihrem Fluge mit dem Zimmerstutzen nach. Aber es ging nicht lange mehr, denn ihn selber hatte der Schütze Tod aufs Korn genommen. Er wurde bettlägerig und hing mit der Welt nur noch durch die paar Menschen zusammen, die an sein Krankenlager kamen, und mich, der ich sein Arzt war. Die beste Medizin, die ich ihm bieten konnte, war die, daß ich seine Gedanken ablenkte von seinen Leiden, indem ich von vergangenen besseren Zeiten sprach. Wenn ich die Namen Magenta oder Königgrätz nannte, glühte er auf in heiliger Begeisterung, nicht minder aber, wenn die Worte Tucherbräu oder Hacker fielen. Ich hatte also eine reiche materia medica zur Verfügung, die ich den Umständen entsprechend verschreiben und verteilen konnte. Der Abwechslung halber kam ich einmal auf die Idee, das Rauchbier zu loben, einen Absud, in dem die Wacholderbeere eine Rolle spielt. Er hörte mir eine Zeitlang zu, ohne Ja oder Nein zu sagen. Plötzlich aber konnte er mit seiner Ansicht nicht mehr zurückhalten und, wie Funken aus dem Span springen, so knisterte es aus ihm heraus: »Sie, Doktor, haben's a schon mal n' G'frorn's trunken?«

»E G'frorn's, Herr Lehmer, was is n' G'frorn's?«

»E G'frorn's is e G'frorn's un dös, wann es noch net trunken haben, dann haben's n' Bier überhaupt noch net trunken.«

»Wollten Sie mir nicht wenigstens sagen, wie so e G'frorn's hergestellt wird, denn zum Versuchen wern's doch wohl keins dahaben.«

»Wie's gemacht wird, ah Sie mein Lieber, da müßten's zu Augsburg den Wirt zum ›Hölzernen Nachttopf‹ fragen. Der hat Ihna, als wenn's in en Winter recht kalt g'wesen, e paar Fasserln in sein Hof naus g'stellt, bis es a gar ganz g'frorn war.«

»Das Bier im Faß, das meinen Sie doch?«

»Ah freili, freili nicks anners. Den Spunden muß ma einschlagen können ins Faß und kein Tropfen a darf auslaufen, kein Tropfen sag' i.«

»Aber wie soll man trinken, wann kein Tropfen ausläuft.«

»Mit der Goschen natürli. Aber erst muß mit an Bohrer en Loch durchs Eis durchbohrt sein, daß de Brüh' a auslaafen kann, natürli.«

»Jetzt begreif' ich, Herr Lehmer. Das was im Bier Wasser ist, hat sich an die Faßdauben rangemacht und ist da selber zu einem Eisfaß geworden, worin nun der alkoholreiche Extrakt eingeschlossen liegt. Da kann ich mir jetzt schon vorstellen, daß dies, was flüssig bleibt, ganz was besonderes sein muß.«

»Können's das? Na, wartens! Bald's den Winter kalt werden sollt' und i wieder a wink besser bei enand bin, machen wir dös in en ›Vier Jahreszeiten‹ da drüben.«

Dies Projekt ist nicht zur Ausführung gekommen. Eine Stunde nach seinem Entwurf schon war der tot, der es entworfen. Was mögen die Gefallenen von Königgrätz und Magenta gesagt haben, als der bayerische Scharfschütz beim himmlischen Appell in ihren Reihen stand?

Um jene Zelt ist mancher noch aus dem Kreise meiner Bekannten ausgeschieden. So was ist immerhin unheimlich. Meine Stimmung war zudem noch durch pekuniäre Verluste getrübt. Um meine Gedanken abzulenken, setzte ich mich an den Abenden hin und schrieb, schrieb große und kleine Novellen, um sie nach einigen Tagen wieder in den Ofen zu werfen. Nicht jeder Stein, den der Maurer in die Hand nimmt, wird in die Wand gesetzt. Verloren ist aber auch diese Mühe nicht. Man bleibt gewissermaßen im Training und entflieht dem Alltag, von dem nur zu verzeichnen war: Ich ging nach Buchklingen zu durch den Wald. Aus den Brombeerstauden lockte der Schlag eines Dompfaffen. Ein Eichhorn kletterte am braunen Stamm einer Fichte empor. Die Sonne warf rote Lichter übers Unterholz. Aus der Ferne vernahm man das Dengeln einer Sense. Das alles zusammen gab Stimmung. Abendstimmung in die Seele und wenn ich die einmal brauchte, konnte ich sie auferwecken wie Christus den Jüngling zu Nain. Immer bereit stehen und Eindrücke sammeln.

»Es wuchsen einst auf Hildings Gut –«

Also merkte ich auch auf, als eines Tages meine Frau sagte: »Hast du schon das reizende Wesen gesehen?«

›Das reizende Wesen! Als ob es nur eines gäbe auf der Welt,‹ überlegte ich und warf so kurz hin: »Welches meinst du wohl? Wohinaus zielt deine Frage?«

»Verstelle dich nur nicht. Sicher bin ich, du hast sie längst bemerkt. Alle Welt ist von ihr entzückt, in erster Reihe natürlich die Herren.«

»Dann wird's aber höchste Zeit, daß auch ich mir das Mirakel ansehe! Sag' mir doch, so schnell es dir möglich ist: Wo weilt sie nur, hinter welchem Ladenfenster ist die Sehenswürdigkeit ausgestellt?«

»Als ob du und gerade du nicht längst schon besser orientiert wärst als unsereiner, der im Tage kaum jemals mehr als drei Kaffeegesellschaften mitgemacht hat. Übrigens vor einer Stunde etwa bin ich ihr zum erstenmal begegnet. Am Rochensteinbrunnen droben, und ich muß sagen, daß ich es nur verstehen kann, wenn so viel Anmut und Schönheit den Herren die Köpfe verrückt.«

»Habe ich dir's nicht immer gesagt, du solltest meine Kragen steifer bügeln! Gegen so ein Kopfverrücken ist das meiner Ansicht nach das einzig praktische Schutzmittel. Im übrigen hast du meine Neugierde aufs höchste gesteigert. Ansehen muß ich mir auf alle Fälle dieses Wesen, schon deshalb, weil du soviel Wesens aus ihm machst,« und ich ging gleich nach dem Essen, um die ganze müßige Unterhaltung wieder zu vergessen.

Vielleicht hat es noch ein Vierteljahr gedauert, vielleicht auch länger noch, bis ich im Kasino einmal einem Ingenieur Kalbow vorgestellt wurde und auf dem Heimgang von anderen erfuhr, daß er der Mann der allerschönsten Frau sei, die zurzeit an der Bergstraße zu sehen wäre. Als ich nun wirklich einmal hinter einer jungen Dame herging, die unter ausgesucht eleganter Kleidung die Körperformen der Venus Kallipygos versteckte, fühlte ich natürlich das Verlangen, den Avers der Medaille kennen zu lernen. Monate gingen abermals ins Land, und was derweil aller Welt gelungen war, blieb mir versagt, nämlich mit dem reizenden Wesen einmal zusammenzutreffen, und zwar obwohl und trotzdem, daß ich mit ihrem Manne des öfteren Skat spielte. Als wir wieder einmal eine Partie beendet hatten und uns mit dem Stadtklatsch nicht befassen wollten, sagte Herr Kalbow zu mir: »Wie wär's, Herr Doktor, könnten wir nicht zusammen reisen, wenn es Sie in diesem Jahre wieder einmal in die Weiten hinausziehen sollte?«

»Keinen, den ich lieber auf der Reise neben mir sehen möchte, als Sie, Herr Kalbow,« erwiderte ich, »und nach welcher Himmelsrichtung wünschen Sie, daß uns die Dampfkraft tragen soll?«

»Mir ganz egal, meinswegen nach dem Nordpol. Und was meine Frau, die Walli, betrifft, des bin ich überzeugt, die macht mit, und wenn sie Lebertran trinken muß statt der Morgenschokolade.«

»Gut denn, fahren wir mal zu den Eskimos hinauf.«

Und wirklich, keine vierzehn Tage waren vorüber, und wir gingen selbdritt zu Hamburg auf den »Sigurd Varl« und fuhren der norwegischen Küste entgegen. O, glückliches Deutschland, als es deinen Kindern noch möglich war, für einen Preis, den man heute für eine Fahrt auf der Straßenbahn anlegen muß, die halbe Welt zu sehen.

Die Seekrankheit legte eine leichte, interessante Blässe ins feine Ovalgesicht unserer Reisegefährtin, aber nicht länger als wir brauchten, um das Skagerrak zu überqueren. In Stavanger bereits glich die Wangenfarbe wieder dem Blatt der wilden Rose, und unsere Freundin konnte in vollen Zügen die Bewunderung des männlichen Teils der Reisegesellschaft einheimsen. Wir waren für ein paar Stunden an Land gegangen und ich meinerseits hatte mich in eine Schenke verirrt, um einen Kümmel zu trinken. Ein halbes Dutzend verwegen aussehender Seeleute saßen in dem niederen Zimmer zu Stavanger. Jeder von ihnen hatte eine kurze Tonpfeife im Mund. Alle waren sie schweigsam, als ob sie in einer Kirche säßen. Vielleicht, daß dies Rauchen für sie eine stille Andacht vorstellte, wobei ihre Gedanken beim Schöpfer der Tabakpflanze weilten und der anderen Dinge, die es sonst noch im weiten Weltenraume gibt. Wie einen Gralsbecher hatten sie ein irdenes Gefäß in die Mitte ihres heiligen Kreises gestellt. ›Weiheschale‹ bildete ich mir ein, bis ich erkannte, daß der Topf die Funktion eines Spucknapfes übernommen hatte, wohin ein jeder der wackeren Heringfänger mit wunderbarer Geschicklichkeit seinen Speichel entleerte. Immer kann es mich ärgern, wenn ein Volk glaubt, daß es in allen Dingen vorbildlich sei. Man muß nur reisen, und man wird erkennen, daß auch andere Leute Spezialitäten besitzen, in denen sie unbedingt tonangebend sind. So diese Norweger in der Kunst des Spuckens.

Unser nächstes Reiseziel war Bergen. Daß wir Menschen über die Amphibien hinweg von den Fischen abstammen, zu diesem Glauben verführte mich vor allem meine Liebe zum Meer. Ich liebe es, wenn es wie ein Kind still in seiner Felsenwiege liegt, und ich liebe es auch, wenn es wie ein ungezogener Junge daherstürmt und mit Händen und Füßen um sich schlägt. Ja, ich liebe es sogar dann noch, wenn es wie ein Ungeheuer wütet, seinen weiten Rachen öffnet und mit blinkendem Gebisse mich zu zermalmen droht.

Wir hatten eine stürmische Nachtfahrt. An ein Schlafen war nicht zu denken, und um Gesellschaft zu haben, bat ich den Kapitän, daß er mich zu sich auf die Brücke ließe. Er tat's, nachdem ich ihm versprochen hatte, daß ich stumm sein wolle wie eine Weinbergschnecke. Der Seemann liebt den Schwätzer nicht. Sein Amt verlangt Taten von ihm und nicht Worte. In jedem Augenblick hängt Leben und Gesundheit, Hab und Gut von der Ruhe seiner Entschlüsse ab. Gott und sich selber verantwortlich steht er an einer Stelle, wo niemand ihm raten kann, keiner ihn belehren soll. Allein des Himmels Sterne sind seine Wegweiser in der uferlosen Breite und das Licht der Leuchtfeuer sein Führer. Die Flammen hat er zu beachten, ob ihr Schein aus der Unendlichkeit zu ihm dringt, ob von den Türmen des Ufers oder wie ein Leuchtkäfer aus dem schwarzen Nachen des Meeres. Ja, da unter uns, wo mit scharfem Sporn der Kiel die Meerflut pflügt, da vor allem lauert die Gefahr. Nicht höher oft als der Rücken eines Alligators ragt ein schwarzer Fels aus dem Wasser heraus. Wehe dem Schiffe, das auf ihn stößt! Bei der Schnelligkeit der Bewegung wirkt der plumpe Stein wie ein Dolch im Gekröse eines Menschen. Im Nu ist ein Loch in der Wand, das Herz des Schiffes steht still, die Maschine erstickt vor der eindringenden Flut. Die Schwere wirkt, und alles sinkt dem Mittelpunkt der Erde zu oder so weit wenigstens, als der Grund des Meeres dies erlaubt. Um die Gefahren für die Schiffahrt zu vermindern, haben allenthalben die Regierungen eingegriffen und einen regelmäßigen Befeuerungsdienst eingerichtet. Achtundzwanzigtausend Feuer brennen zwischen Stavanger und Hammerfest und warnen, soviel sie können, den Schiffer.

Die Nacht entschwindet, aber es erbleichen nicht alle Feuer. Viele brennen Tag und Nacht weiter. Sie befinden sich auf menschenleeren Eilanden. Nur von Zeit zu Zeit betritt einmal ein Schiffer das Gestade und füllt die Lampe mit Öl, damit sie weiter warne, ein guter Geist.

Es war an einem Vormittage, als der »Sigurd Varl« vor Tyskebryggen zu Bergen festmachte. Diese »deutsche Brücke« ist eine lange Reihe von alten Holzhäusern, die in gerader Front dastehen und alle ihre hohen Giebel dem Hafen zukehren. Sie enthielten vorzeiten die Büros der hanseatischen Handelsfürsten und auch die Wohnräume für Kaufleute, die nach dem Norden ausgesandt waren, um Geschäfte zu machen. Diese Sorte von untergeordneten Menschen mußte ehelos bleiben. Für ihre Geschäftsherren hatte das den Vorteil, daß man sie mit geringen Umzugskosten bald an diesen, bald an jenen exponierten Punkt der Erde werfen konnte. Ich weiß nicht, ob sie durch einen Eid zum Zölibat verpflichtet wurden, weiß auch nicht, ob man ihnen eine Tonsur auf den Wirbel rasierte, um sie den Weibern als verbotene Frucht kenntlich zu machen, ich merkte nur, daß die Handelsfürsten dem allem mißtrauten, dafür aber den Bau der Häuser so einrichteten, daß Plus und Minus durch Mauern voneinander geschieden waren. Wunderbare Vorstellungen werden in einem wach, wenn man neben den Betten die Löcher sieht, durch welche nur die obere Hälfte eines Weibes sich drängen kann, um die Federn aufzuschütteln – –

Als wir die sinnige Einrichtung genügend besichtigt hatten, erlaubte ich mir gegen Herrn Kalbow die Bemerkung: »Wird's viel geholfen haben?«

Seine Frau hatte die Frage aufgefangen und antwortete an des Gatten Stelle: »I wo! Man baue einmal Mauern, durch die kein Luftzug dringt, und wo ein Wille ist, da ist auch immer ein Weg.«

»Guck, Walli, du gerade mußt das wissen,« sagte ihr Mann, und lachend gingen wir weiter.

In den Straßen von Bergen suchte ich vergeblich nach jenen blondschlanken Erscheinungen, wie sie die deutsche Phantasie so gerne in Tegners Frithjofssage hinein illustriert. Was da auf dem Fischmarkt herumwimmelte von holder Weiblichkeit war nicht so, daß es auch nur den allerhungrigsten Gaumen befriedigen konnte. Als ich mich von der Straße enttäuscht nach einer Barbierstube wandte, um nach den blondgelockten Ingeborgs zu fragen, sagte man mir, ich könne eine solche auf Cooks Reisebüro besichtigen, wenn ich durchaus eine sehen wolle. Ich ging wirklich nach der Office hin und fand dort auch eine Semmelblonde vor, die sich als eine maskierte Dalekarlierin auswies, geboren am Matzeberg in der deutschen Rheinpfalz. Von da ab gab ich das Suchen nach skandinavischen Schönheiten auf und begnügte mich damit, von Zeit zu Zeit meine Reisegenossin zu bewundern, die viel umschwärmt auch als geborene Magdeburgerin das war, was ich seither umsonst an einer Skandinavierin suchte.

Bergen war besichtigt und wir alle wieder an Bord, auch der Feudalkreis Hamburger Kaffeebohnenspekulanten. Diese exquisite Sorte hatte sich lästig gemacht durch ihre Champagnergelage, ihren Manilageruch und ihre Börsengespräche. Mir war die Ausschußware gleichgültig. Wir reisten also friedlich nebeneinander von einem Fjord in den andern und störten einander nicht beim Anglotzen der Gletschermassen, die allenthalben bis ins Meer herunterhängen, und der Wasserfälle, die wie silberne Schlangen am bemoosten Felsgestein herabrieselten. Nein, es war mir nicht möglich, mich satt zu sehen. Ich war sogar eifersüchtig geworden auf die Schönheit des nordischen Landes, so zwar, daß ich deren Mitgenuß keinem anderen gönnte und mich diebisch freute, wenn der Dampfer um eine kühne Felsenecke bog, während im Speisesaal die Gesellschaft die Nasen über einen gesottenen Stockfisch beugte, da genoß ich allein, ganz allein. Um gar nicht in meinen Träumen gestört zu sein, schlief ich fast gar nicht mehr und war zumeist schon stundenlang auf dem Promenadendeck, wenn in den Kabinen noch niemand an ein Aufstehen dachte.

Als ich eines Morgens mal wieder so saß und meinen Regenmantel derartig um mich drapiert hatte, daß er meine Unterhosen verdeckte, kam ein Frühaufsteher von den Hamburger Übermenschen auf mich zu.

»Guten Morgen, Herr Doktor,« sagte er gnädig.

»Guten Morgen,« war meine devote Antwort.

»Schöne Aussicht heute?«

»Schöne Aussicht.«

»Reisen Sie allein hier im Norden?«

»Nein, mit einer Reisegesellschaft.«

»Ich meine, ob mit Gemahlin oder nicht?«

»Oder nicht.«

»Sie sind wohl überhaupt noch nicht verheiratet?«

»Doch und habe sogar schon einen Sohn, der zurzeit in der Gießener Burschenschaft den Schläger schwingt.«

»Was Sie nicht sagen. Vor Jahren habe ich in Würzburg zwei Gießener gekannt, von denen der eine Kemperdick hieß und der andere Karrillon.«

Nun durfte die Sache dramatisch werden. Ich sprang von meinem Sitze auf und sah dem Hamburger ins Gesicht. Trotz der Glatze, die einen früher schwarzen Haarwuchs überklebte, erkannte ich plötzlich einen alten Studienfreund.

»Knallprotze,« fuhr ich auf ihn los. »Soll ich dir sagen, wer du bist? Bist du nicht einer, der einmal auf der Marienburg gesessen und nun zu Hamburg sich auf einem Senatorsessel rekelt? Rot mußt du übrigens heute noch heißen, wenn nicht inzwischen ein schwarzer Adler dir durchs Knopfloch deines Gehrockes gefahren sein sollte.«

»Hat er nicht getan, Karrillon, und weißt du, woran ich dich wiedererkenne? An dem Schmiß in deiner Nasenspitze. Herrgott haben wir uns damals gefreut, wie du von einer Marburger Gastspielreise übel zugerichtet zurückkamst. Dreißig Jahre, und keiner hat vom andern mehr ein Wort vernommen. Und nun führt der Zufall uns hier im Norden zusammen, eine Minute übrigens nur vor dem Augenblick, der uns wieder trennen wird! Sind die Schindeldächer da nicht Lördals am Sognefjord? Hier muß ich das Schiff verlassen. Aber nicht wahr, du besuchst mich doch, wenn du wieder einmal nach Hamburg kommst?«

Ich versprach's dem Abgehenden in die Hand hinein. Gehalten hab' ich dies Versprechen bis heute noch nicht. Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, so mag es denn auch der nach Hamburg sein.

Unser Schiff schlängelte sich einem Aale gleich an drei, vier Wochen lang durch die engen Wassersträßchen des wildzerklüfteten Landes hindurch. Bald kamen die Häuschen zutraulich an den »Sigurd Yarl« heran, bald wichen sie scheu vor ihm zurück und schauten von überragenden Klippen herunter ängstlich in seinen Schornstein hinein. So näherten wir uns allmählich dem Städtchen Molde, das für diesmal der nördlichste Punkt der Reise sein sollte, und damit war ich einverstanden. So schön die Landschaftsbilder auch sein mögen, immer sind sie doch aus Felsen, Gletschern, Wassern und Himmel zusammengemalt. Dem Norden fehlen die Ruinen, die von der Menschheit Kindertagen zu uns reden. Die Geschichte fehlt ihm, die um Tempelsäulen heilige Träume windet und uns mit Helden, Halbgöttern und Göttern in Verbindung bringt, ohne deren erlauchte Gesellschaft doch nur der Proletarier leben mag.

Molde liegt vor den schneebedeckten Bergen von Romsdalen in geschützter Lage. Hier wachsen die letzten Rosen. In wilden Ranken klettern sie an Häusern und Zäunen hin und ihre großen weißen Blüten schwängern die Luft mit Wohlgerüchen. Es ist wirklich nicht übertrieben, wenn ich sage: Man riecht das kleine Städtchen, bevor man noch seine Häuser sieht, und doch hatte ich scharf genug nach ihnen ausgeguckt.

Wie ich als unverbesserlicher Idealist bei Oberwesel immer denke, ich müßt' einmal die Lorelei sehen, so konnt' ich mich hier im Norden von dem Gedanken nicht freimachen, daß mir doch noch nach all den bleichen Stockfischgesichtern eine Ingeborg übern Weg laufen könne. Ganz ohne realen Hintergrund war mein Hoffen auch nicht. Ich hatte nämlich unserer Stewardeß, die als eine Schönheit mittleren Ranges gelten konnte, einmal geklagt, daß eine solche ersten Ranges mir noch nicht vor die Augen gekommen wäre.

»Warten Sie,« hatte sie mich getröstet, »wenn wir nach Molde kommen, dann zeige ich Ihnen eine.«

Nun war Molde da, und man wird es mir nicht zur Sünde anrechnen, wenn ich an der Reeling stand, um das Gegenstück zu jenem Götterbild in Blond zu sichten, das ich in Schwarz beim Knopfannähen zu Genua bewundern durfte. Ich stand, sagen wir einmal, wie angenagelt da und suchte die Holzmole ab, an der unser Schiff festmachen mußte. Na gut, da wimmelte etwas wie Kraut und Rüben durcheinandergemengt von Gottes Ebenbildern herum, aber so was, wie es Tegner in der Frithjofssaga schilderte, war nicht dabei.

Mit einem Male aber ging es mir wie dem Türmer im zweiten Teil von Goethes Faust:

»Harrend auf des Morgens Wonne,
Östlich spähend ihren Lauf,
Ging auf einmal mir die Sonne
Wunderbar im Süden auf.«

An einer Rosenhecke nämlich öffnete sich ein Gartentürchen, und eine hohe, blonde Schöne trat ans Meeresufer heran. Wie Aphrodite selber stand sie da, und, o Wunder, sie winkte mir sogar mit einem Taschentuch, das aus weißen Rosen zusammengesetzt erschien. Konnt' ich meinen Augen trauen? Galt dies Grüßen wirklich mir? Im frommen Glauben nahm ich's vorläufig an, im stillen freilich fürchtend, daß mein schöner Glaube durch irgendeine banale Trivialität vernichtet werden könne.

Und wirklich. Eine ungebetene Hand legte sich von hinten erbarmungslos auf meine Schulter. Gekränkt fast drehte ich mich um. Und wer stand da? Daß sie der Himmel für den Frevel strafe – unsere Stewardeß.

»Haben Sie nun gefunden, was Sie suchen?« fragte sie.

Ich hauchte ein »Ja« in den Rosenduft hinein und ließ neben meiner Pfeifenspitze heraus mir die Worte entschlüpfen: »Und sehen Sie denn nicht das Mädchen dort, sie fängt schon wieder an, mir zu winken,«

»Dies dürfte wohl nicht Ihnen gelten, sie, die da steht, ist meine Schwester.«

»Ihr Fläschchen,« sagte ich, »wenn mich nicht die Vernichtung treffen soll. Aber immerhin besser noch Ihre Schwester, als die meine. Könnte man übrigens nicht einmal mit dieser Himmelserscheinung zusammen irgendwo einen Kaffee trinken?«

»Ei, warum denn nicht, meine Mutter wird sich freuen, wenn Sie uns die Ehre Ihres Besuches schenken.«

So war denn das erste Kapitel eines kleinen Romans geschrieben. Die nächste Fortsetzung war leider schon sehr langweilig. Nicht jeder kann sich wie der König von Kypros Pygmalion in ein elfenbeinern Bild verlieben, und was ist das schönste Weib denn anders, wenn ihm die Worte fehlen, uns zu sagen, was in ihr vorgeht. Der Teufel mag den holen, der am Turmbau zu Babel schuld ist und der Sprachverwirrung. Er hat uns doch um manchen Genuß gebracht.

Nach zwei Tagen schon kehrte unser Dampfer sein Bugspriet wieder dem Süden zu. Ich glaube, die Frau meines Freundes war froh, daß wir von Molde loskamen, denn keine schöne Frau fühlt sich ganz behaglich an einem Orte, wo eine noch schönere neben ihr existiert.

Sechs Reisetage teils zu Wasser, teils zu Lande noch und wir waren wieder, wo jeder hingehörte, zu Hause und was ein jeder für sich mitgebracht, war die Erinnerung an schöne Tage. Ich aber im besonderen brachte blasse Schemen mit, die sich späterhin in der »Mühle zu Husterloh« und in »O domina mea« zu Gestalten verdichteten.

»Enger wird um ihn die Welt.«

Es war die Zeit, wo meine Bücher zwischen dem Neckar und Rhein schon einiges Aufsehen erregt und mich in Verbindung gebracht hatten mit einer Anzahl hervorragender Männer. Joseph Lauff war gekommen, desgleichen Ernst von Wolzogen mit der Elsa Laura. Andere hatten schriftlich Fühlung mit mir genommen. Ein ganz sonderbarer Brief war einst aus Darmstadt an mich gekommen. Sein Inhalt lautete kurz und bündig: »Mein lieber Karrillon! Dich muß ich kennen lernen. Ich habe Deinen Hely gelesen. Löse ein Billett und Du wirst mich in der Gesellschaft von Arnold Mendelssohn am nächsten Sonntag zu dem Eilzug 1020 am Bahnhof zu Darmstadt finden. Erkennungszeichen meinerseits: 64 Zentimeter Kopfumfang. Gruß Dein Hermann Wette.«

»Mein Hermann Wette« sagte ich mir vor. Wahrhaftig ich gäbe was darum, wenn ich wüßte, wer mein Hermann Wette ist. Aber nun mal den Literaturkalender her, vielleicht daß der über den Briefschreiber mehr weiß, als ich, den er den seinen nennt.

Ein paar Seiten umgeschlagen! Na da steht es ja schon: Hermann Wette aus Köln hat den »Krauskopf« geschrieben und die Schwester des Komponisten Humperdinck geheiratet. Genügt mir. Ungewöhnliches Menschenkind jedenfalls. Originelle Art des Briefschreibens, vierundsechzig Zentimeter Kopfumfang, Mann der geborenen Humperdinck. Schon den Weg nach Darmstadt wert.

Ich setz mich also hin und schreibe. »Lieber Wette! Werde mich zur Minute einfinden, sofern das der ewige Streit zwischen badischen und hessischen Uhren zuläßt. Erkennungszeichen meinerseits: Spitzkopf, dem ein Kneifer auf der Nase reitet.«

Abgemacht. Ich komme in Darmstadt an, steige aus und sehe mich nach einem Menschen um, dessen Schädel vierundsechzig Zentimeter messen könnte. Na das trifft sich gut, da steht er ja schon der Mann, den ich suche. Er steckt in einem Lodenmantel, hat die Form eines Fliegenpilzes und dazu stimmend einen Hut auf dem Kopf, der einem Dutzend Schulmädchen als Regenschirm dienen könnte. Was ist da noch ein langes Besinnen nötig, zumal da du sein Schmollisbruder doch nun einmal bist. Ich also heran an den Kleinen, den Hut gelüftet und heraus mit der Begrüßungsrede: »Ei da wärst du ja mit deinem dicken Kopf.«

Da war ich schön angekommen. Die Angst fuhr mir in die Knochen, als ich das Augenrollen des Knirpses sah. Ach und gar seine Fäuste. Sie erschienen mir wie die Zuschlaghämmer eines Kesselschmiedes und sie standen in gefährlicher Nähe von meiner Nase, als mir das Zwerglein wütend die Worte entgegendonnerte: »Ei, Sie unverschämter Mensch, Sie! Wie kommen Sie dazu, mich zu beleidigen? Glauben Sie, weil ich klein bin und Sie ein langer Lackel! Täuschen Sie sich nicht! Mit dreien von Ihrer Sorte werd' ich noch fertig,« und er fing an, die Rockärmel in die Höhe zu schürzen.

Das Publikum hatte indessen respektvoll einen Kreis um uns gebildet, und der Ringkampf konnte seinen Anfang nehmen. Da, zu meinem Glücke schaufelte sich wie ein Kanonenboot eine Figur durch den Zuschauerkreis, die auf breiten Riesenschultern den Kopf eines Nilpferdes trug, faßte den Kleinen und schüttelte ihn am Ärmel, daß er klapperte wie ein Schellenbaum, während man die Rede hörte:

»Was vergreifst du dich an meinem Freunde hier, du Wasserkopf! Die Leute ersaufen, wenn ich dir ein Loch in den Schädel schlage. Das ist der einzige Grund, warum ich's nicht tue. Aber aufhängen werd' ich dich an der Gaslaterne hier, damit du mit Händen und Füßen zappeln kannst, wie ein Hampelmann.«

Indessen war eine hohe Gestalt mit weißem Kopfhaar an den Krauskopf herangetreten und hatte ihm besänftigend auf den Rücken geklopft, indem sie die Worte sprach: »Aber Hermann, was willst du hier am Bahnhof Menschen umbringen? Vergiß doch nicht, daß meine Frau zu Hause gut gekocht hat, und daß schon der Moselwein im Eisschrank steht.« Mendelssohn war's, der diese goldenen Worte sprach, und sie wirkten wie Öl auf der empörten Meerflut.

Zu dreien guckten wir uns lachend in die Gesichter, und ohne daß einer seinen Namen nannte, wußte jeder von uns, wer der andere war.

Wir gingen nun zu Mendelssohns hin, aßen gut und erzählten uns allerlei nach Tisch. Unter anderem erwähnte ich auch das seltsame Zusammentreffen mit meinem alten Studiengenossen Rot auf dem Dampfer »Sigurd Yarl«. Wette meinte, die Szene müsse als eine lustige Kapriole des Schicksals gedeutet werden, während Mendelssohn behauptete, er wisse eine bessere Erklärung für ein so auffallendes Zusammentreffen mit halbvergessenen Weggenossen und er fuhr fort: »Die Menschheit will mir manchmal wie eine Reissuppe erscheinen. Was vollwertige Körner sind, das liegt unten, und das einzelne Korn hat nur Kenntnis von seinem Nachbar rechts und Nachbar links. Oben aber auf der Suppe da schwimmen Hülsen und üble Blasen, die immer in Bewegung sind und die sich von Zeit zu Zeit begegnen und aneinander reiben müssen.«

»Wenn du den Arnold da für seinen Vergleich fordern willst, so werde ich dir sekundieren« sagte Hermann Wette und sah mich über den Rand seiner Brillengläser weg bedeutsam an.

»Ich denke, ich will ihn einstweilen leben lassen, wie du den Wasserkopf leben ließest, aber anstoßen wollen wir mal wieder miteinander.«

Wir taten es, und wahrhaftig, wir sollten's nicht oft mehr tun. Einmal war Wette noch bei mir in Weinheim, dann habe ich im Sommer 1919 in der Zeitung gelesen, daß der Krauskopf mit dem vierundsechzig Zentimeterschädel zu Heidelberg im Spital gestorben sei. Seine Gattin war ihm drei Jahre im Tode vorausgegangen.

»Wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder?«

Schon saß ich wieder in Weinheim mit meinen Kranken herum und schrieb an einem neuen Roman, O domina mea zubenannt. Damals machte ich die Bekanntschaft von Karl Ernst Knodt, dem Dichter der himmelblauen Sehnsucht. Wie das kam, weiß ich nicht mehr so recht, ich nehme aber an, es geschah, weil unsere beiden Frauen alte Bekannte waren und gemeinsam vor Jahren in einem Darmstädter Pensionat ihre Erziehung genossen. Knodt, nach seinem früheren Wohnsitz Oberklingen der Waldpfarrer genannt, hatte sein Amt niedergelegt, um ausschließlich seiner frommen Muse zu Gefallen leben zu können. Der Architekt Metzendorf hatte ihm zu Bensheim ein kleines Tuskulum erbaut. Die früheren Schulkameradinnen waren wieder füreinander erreichbar, und so mag es gekommen sein, daß auch Knodt und ich einander kennen lernten.

Der Waldpfarrer war ein großes Kind und sein Haus die reine Herberge zur Gerechtigkeit, obwohl außer mir auch andere Sünder da ein- und ausgingen. Es verkehrten da gelegentlich Liliencron, Hermann Hesse, Schönaich-Carolath, Gustav Falke, Gotthardo Segantini und so weiter. In den literarischen Kränzchen, die mit einiger Regelmäßigkeit im nahen Auerbach stattfanden, konnte man dann allerlei Lokalgrößen kennen lernen, wie Helene Christaller, Daniel Greiner, Frau Gottfried Schwab und so weiter, und so weiter. Mein ärztlicher Beruf ließ mich nicht allzuoft zu diesen literarischen Kuchenessen kommen. Auch war mir der Waldpfarrer lieber, wenn ich ihn ohne die Verzierung von Pimpernell und Petersilie genießen konnte. Zumeist pflegte ich ihn dann erst aufzusuchen, wenn mir das Herz schwer war. Ich weiß nicht, wie es kam, aber in seiner Nähe hatte ich das Gefühl, daß es eine ausgleichende Gerechtigkeit gäbe, die auch mir eines Tages zu meinem Anteil von Glück verhelfen würde. Und doch wieder stach mich zuweilen ein innerer Kitzel, mich über den weltfremden Gottesmann ein wenig lustig zu machen. So hatte ich sein Haus das Kernerhaus zu Weinsberg getauft, seinen musikalischen Sohn Theodor den Hamlet und ihn den Franz von Assisi, obwohl ich ihn niemals in härenem Gewände traf, sondern immer nur in einer braunen Samtjacke, auf die sein weicher Vollbart niederfloß, als wolle er mit der goldenen Uhrkette spielen, die sich in der Nabelgegend quer über eine helle Weste legte. So traf ich ihn auch wieder einmal in seinem Dichterheim. Er schien besonders gut aufgelegt und sein freundliches Gesicht war noch verschönt durch den roten Schein, den einige Weinflaschen auf Bart und Haarwuchs streuten. »Geburtstag« predigten die Flaschen, und ein großer Rodonkuchen auf dem Tische stimmte ihnen bei. Gleichwohl stellte ich mich, als ob ich von dem Feste keine Ahnung hätte, das offenbar da gefeiert wurde, tat erstaunt über den Reichtum, den ich vor meinen Augen sah, und sagte: »Hallo, Kinder, erwartet ihr den Großherzog als euren Gast?«

»Käthchen, da hör' mal, was der Doktor sagt,« rief Knodt seiner Frau zu. »Denk nur, er hat keine Ahnung von dem, was heute bei uns vorgeht. Noch nicht einmal hat er gesehen, was hier an unserer Wand hängt.«

Obwohl ich da schon längst einen Lorbeerkranz beobachtet hatte, setzte ich doch nun den Zwicker auf, schaute hin und sagte: »Aber Knodt, was ist los in eurem Hause? Ich kann nur hoffen, daß eure Enten prämiiert worden sind.«

Nun lachte aber das große Kind überlaut auf. »Na, was der Karrillon für Einfälle hat! Sieht er nicht einmal, daß man in mir den Dichter ehren will. Gewiß, ich bin ihm eine Aufklärung schuldig. Wie kann er sonst wissen, daß sogar der Gemeinderat von Oberklingen hier war. Staunen Sie nur, Karrillon, er hat mit uns Kaffee getrunken, und vieles haben wir miteinander geschwätzt. Zuletzt habe ich die Herren an die Bahn begleitet. Sie steigen ein und als eben der Zug abfahren will, reicht mir der Bürgermeister ein Schriftstück aus dem Fenster, indem er sagt: ›Da hätten wir beinahe die Hauptsache vergessen.‹

Der Zug rast weiter. Ich öffne das Schreiben und was war's? Die Ehrenbürgerurkunde der Gemeinde Oberklingen.«

»Nun denn meinen Glückwunsch, Waldpfarrer,« sagte ich, »und wenn ich einmal der deutsche Kaiser werde, sollen Sie von mir den schwarzen Adler haben.«

Dann setzten wir uns zusammen an den Tisch, denn aus uns war indessen eine große Gesellschaft geworden. Damen waren mit Blumensträußen gekommen. Andere hatten Notenblätter mitgebracht. Es wurde gesungen, geschwatzt, gelacht, und als es Nacht geworden war, mußte ich fort, ohne mit Knodt nur ein einziges Wörtchen von dem gesprochen zu haben, was mir auf dem Herzen lastete.

Eine seltsame Sache bewegte mich dazumalen, über die ich gerne mit einem teilnehmenden, einsichtsvollen Menschen geredet hätte. Den hatte ich an Knodt, und da ich heute an sein Herz nicht herankommen konnte, so scheute ich den Weg nicht und kam nach einigen Tagen wieder, wo ich ihn ausnahmsweise einmal antraf, ohne daß Besuch im Hause gewesen wäre.

»Waldpfarrer,« sagte ich zu ihm, »was halten Sie von der folgenden Beobachtung: Als ich noch ein Anfänger in der ärztlichen Praxis war, erlebte ich es des öfteren, daß es mir in der Nacht träumte, ich wäre zu einer Wöchnerin gerufen. Nicht immer, aber doch ab und zu kam es vor, daß das betreffende Weib in seiner ganzen Figur vor meinem Geiste stand und als eine Bekannte von mir zu rekognoszieren war. Gewöhnlich blieb es nicht beim Traum, sondern ich wurde wach und zündete Licht an, um mich ganz in die reale Wirklichkeit zu versetzen. Meine Frau kennt diesen Zustand und sagt dann gewöhnlich zu mir: ›Kannst du wieder nicht schlafen?«

»›Nein,‹ sag' ich, ›paß auf, gleich wird die Nachtglocke gezogen werden‹.

»Wir warten nun beide, und es dauert nicht lange und von der Straße her vernimmt man den Laut eiliger Tritte oder auch das hastige Schlagen eines Fuhrwerks.

»›Hör' nur,‹ flüstert eins dem andern zu, ›gleich wird die Schelle tönen.‹

»Und sie tönt wirklich, schrillt durch den Hausgang hin und weckt die Magd und die Kinder. Indessen bin ich schon am Fenster. Kaum daß der Riegel knarrt und die Scheibe klirrt, ruft es schon von der Straße herauf: ›Die Ammbase schickt mich, Doktor. Nehmt das Geschirr mit Euch, Ihr müßt zu einer Wöchnerin.‹ Was sagen Sie zu der Beobachtung, Pfarrer?«

»Da haben wir's, mein lieber Freund. Auch wenn ihr sie mit euern Messern nicht im Menschenkörper aufstöbern könnt – es gibt eben doch eine Seele – und es gibt deren viele, und eine strebt der andern zu, wenn sie in Not ist. Oder wüßten Sie eine andere Erklärung?«

»Das schon, nur schwebt sie nicht so im Transzendentalen wie Ihre Seelen. Ich nehme an, ein menschliches Gehirn besitzt in Momenten starker Ganglientätigkeit die Kraft, elektrische Wellen zu erregen, und die laufen in radialer Richtung fort allenthalben in die Unendlichkeit, genau so, wie in der drahtlosen Telegraphie, und gehen verloren, wenn sie nicht auf eine Antenne treffen, die auf ihren Anruf abgestimmt ist. Beachten Sie meine weiteren Ausführungen, denn es liegt mir viel daran, daß Sie meinen jetzigen Seelenzustand richtig erkennen. Ich nehme also an, daß in früheren Jahren, wo ich mich in der Geburtshilfe noch nicht als Meister fühlte, meine Nervenendigungen noch empfindsamere Antennen waren als heutzutage, wo mich keine Komplikation am Kreisbett mehr überraschen kann. Anders ausgedrückt: Ich bin hartschlägiger geworden seit einigen Jahren schon und schlafe infolgedessen besser, als früher. Und dennoch, denken Sie nur, ist mir vor einiger Zeit eine Geschichte passiert, die mich um den Verstand, wenn nicht gar ums Leben bringen wird. Hören Sie weiter, Knodt.

»Ich werde wieder einmal wach. Die Erinnerung an einen Traum habe ich nicht. Aber es quält mich eine innere Angst vor irgend etwas Schrecklichem, was mir bevorstehe. Ich will meine Frau nicht wecken und lausche mit angestrengtem Ohr auf die Straße hinaus. Aus der Ferne höre ich das Klappern von Holzschuhen. Es kommt näher. Man reißt an der Klingel. Eine Stimme ruft, bevor ich am Fenster bin: ›Kommen Sie so schnell wie möglich, der Mann, der bei uns wohnt, liegt am Ersticken!‹

»Na, ich auf und mit dem Boten fort. Der Patient, zu dem ich gerufen war, hatte einen Anfall von Herzasthma. Die Sache war nicht weiter schlimm. Ich schrieb ein Rezept auf, und der Bote, der mich gerufen hatte, klapperte sich damit nach der Apotheke in die Stadt hinein.

»Am nächsten Morgen erfahre ich, daß der Holzschuhmann verhaftet sei. Warum nur? Ich kannte ihn doch als einen braven, friedlichen Bäckermeister.

»Bald erreichte mich das Gerücht, er stehe im Verdacht, in der fraglichen Nacht eine Brandstiftung begangen zu haben. Man will gesehen haben, wie er vom Ort der Tat weggesprungen sei. Man will das Klappern seiner Holzschuhe gehört haben.

»›Dummes Zeug,‹ dacht' ich mir. ›So vernagelt kann nicht einmal das Kriminalgehirn eines Staatsanwalts sein, daß es annimmt, wer einen Brand legen will, zieht ausgerechnet gerade Holzschuhe an. Man wird dich als Zeugen vernehmen. Du erzählst, was sich in der Nacht zugetragen, und der Bäcker ist auf freiem Fuß.

»Nichts von alledem geschah. Hat die blinde Gerechtigkeit erst mal einen dingfest gemacht, dann nimmt sie sich Zeit. Vor allem sucht man zunächst nach Belastungsmaterial. Man erforscht des Delinquenten Abstammung, und wenn einer seiner Urgroßväter einmal Kohlenbrenner war, dann erscheint er schon als verdächtiger schwarzer Teufel.

»Indessen schickt man die Gendarmen aus und erkundigt sich, wo der Mann seine Streichhölzer kauft. Da haben wir ihn schon. Beim Krämer Hollerbock hat er vor acht Tagen ›Schweden‹ erstanden. Schon ist er beinahe überführt, denn am Tatort hat man sogar einen roten Streichholzrest entdeckt, der denen wie aus dem Gesicht geschnitten gleicht, die der Hollerbock zu verkaufen pflegt. Um ganz sicher zu gehen, fragt man noch bei seinen Lehrern herum, ob dem Inkriminierten eine solche Tat zuzutrauen sei, und erfährt, daß er als Ministrant einmal am Meßwein genascht habe.

»Auf dem Gerichtstisch wachsen die Aktenbündel turmhoch gegen die Decke. Die Schreiber bekommen den Krampf in die Finger. Da macht man eine Kunstpause, um nachzuprüfen, ob der Inhaftierte bei Wassersuppen für ein Geständnis seiner Tat reif geworden sei.

»Man sah in unserm Falle langsam ein, daß unser Hartgesottener mit dieser Methode nicht erweicht werden könne. Er war ruchlos genug, sich noch immer nicht zur Tat zu bekennen. Man mußte wohl oder übel, da sein Anwalt drängte, die von ihm bezeichneten Entlastungszeugen laden, und so bekamen der Asthmakranke und ich eine Vorladung. Noch einige Tage, um die schlimmen Folgen eines raschen Klimawechsels für den Gefangenen fürsorglich zu vermeiden, dann aber konnte der Angeschuldigte zu seinen Angehörigen zurückkehren.

»Er fand da manches verändert. Die guten Nachbarsleute erwiderten seinen Gruß nur noch so halb und halb, und, was schlimmer war, sie kauften ihr Brot bei einem andern Bäcker. In der Kirche wäre die Bank leer geblieben, in der er kniete, wenn sich nicht ein Blinder hineinverirrt hätte. Kurzum, der Mann war gezeichnet, weil er gesessen hatte. Schlimm das, sehr schlimm, allein doch nicht nur für den einen, den das Geschick getroffen hatte. Der trug es denn auch nicht leicht, und wem es gerade so ging, das war ich. Ich tat mein möglichstes, um den Bäcker an den Stammtischen zu verteidigen. Im Kasino bekam ich Streit mit allem, was nur in der Herberge zur Gerechtigkeit mit Aktenfaszikeln herumhantierte«

»Und Sie wurden womöglich eingesperrt,« sagte Knodt.

»So weit kam es nicht. Stellen Sie sich vor: Eines Nachts schellte es wieder. Diesmal stand nicht der Bäcker vorm Hause, sondern der Asthmatiker. ›Schnell, schnell,‹ rief er im Flüstertone zu mir herauf. ›Ich warte auf Sie. Hier vor der Haustür sollen Sie erfahren, was los ist.‹

»Ich beeilte mich nach Möglichkeit und erfuhr auf der Schwelle meines Hauses, daß der Bäcker sich den Hals durchgeschnitten habe, aber noch lebe. ›So weit mußte es kommen,‹ fügte der Bote hinzu. ›Seitdem er aus dem Gefängnis heraus ist, war der Mann gebrochen.‹

»Wir gingen oder vielmehr wir tappten mit unbeholfenen Schritten in eine pechschwarze Finsternis hinein. Ich kann mich nicht erinnern, eine zweite so dunkle Nacht erlebt zu haben. Das Hoftor des Bäckers tasteten wir uns aus der Mauer heraus. Im Hausgang drang eine kreischende Weiberstimme in mein Ohr. Die Frau des Bäckers war's. Sie tobte wie unsinnig und schlug die Hände überm Kopf zusammen.

›Ich kann's nicht sehen,‹ sagte der Asthmatiker noch, schob mich der Tür zu und war verschwunden. Es war dunkel um mich. Durchs Schlüsselloch aber stahl sich ein dünner Lichtstrahl. Ihm folgend öffnete ich die Tür und befand mich einer grauenvollen Szene gegenüber. Da stand der Bäcker im Scheine einer von der Decke niederpendelnden Petroleumlampe mit offener Brust.

Ein Strom von Blut wälzte sich von seinem Halse hernieder und floß unter seinem Gürtel in die Hosen hinein. Seine blutige Rechte umfaßte den Griff eines elenden Küchenmessers, und kaum daß sein rollendes Augenpaar meiner ansichtig geworden war, so fing die stumpfe Kneipe von neuem an, in der gräßlichen Halswunde zu wühlen. Es war, als ob der Lebensmüde fürchtete, ich könne gekommen sein, um ihn noch einmal auf der Erde festzuhalten, deren Ungerechtigkeiten er sich ja eben entziehen wollte.

»Merkwürdig doch, wie klar in diesem Augenblicke der Mediziner durch meine Augen sah. Das anatomische Bild des durchschnittenen Halses lag wie ein Präparat vor mir. Wie durch ein visionäres Schauen belehrt wußte ich, der Mann arbeitet mit einem stumpfen Instrument, aber unerhörter Energie. Es ist ihm gelungen, die Luftröhre zu durchschneiden. Dadurch hat er sich der Sprache beraubt, aber nicht des Lebens. Die großen Halsgefäße hat er nicht getroffen. Sie sind der schartigen Klinge ausgewichen. Wie könnte er sonst noch aufrecht vor mir stehn? ›Wer weiß,‹ so sagt' ich mir, ›vielleicht ist der Mann noch zu retten, wenn er mich an seine Wunde läßt.‹

»›Man hat Euch unrecht getan, Bäcker, ich weiß das,‹ so redete ich ihm zu, ›gebt mir das Messer und ich will's probieren, ob ich Euch retten kann.‹

»Mit drohender Abwehrbewegung schwang er gegen mich die Klinge und gleich darauf stak sie wieder in der Halswunde drinnen, einen erneuten Blutstrom über das Schlüsselbein pressend.

»Ich sprang hinzu und versuchte es, den Arm des Lebensmüden festzuhalten. Mit Riesenkraft wurde ich zurückgeschleudert und fuhr wider die krachende Kammertür, in die Knie niedersinkend. Den Rasenden keine Sekunde aus dem Auge lassend, erhob ich mich wieder. Er hatte sich auf die Bank neben dem Tisch gesetzt. Das Messer auf das Knie gestützt, schien er nur die Kraft sammeln zu wollen zu einem neuen Angriff gegen sich selbst. Da plötzlich erhob er den Kopf. Das Geschrei seines Weibes war an sein Ohr gedrungen vom Hofe her. Auch die Stimme eines Nachbars war hörbar geworden.

»Zwei Männer jetzt gegen ihn! Der Gedanke mußte den Unglücklichen erfaßt haben. Im Nu hatte er den Fensterladen aufgestoßen und war verschwunden in das Dunkel der unheimlichen Nacht hinein.

»Ein Schrei meinerseits, und die Frau trat mit dem Nachbar zusammen ins Zimmer. Da standen wir nun und sahen einander an. Blutlachen warfen geisterhaft vom Boden herauf das Licht der flackernden Lampe zurück; wohin man trat, überall war Glätte und Blut.

›Ist er durchs Fenster?‹ fragte die Frau. ›Geht, lauft ihm nach, guter Nachbar, eh' er sich ins Wasser stürzt.‹

›Später will ich Euch den Gefallen tun. Jetzt kann ich nicht. Das Brot wird schwarz, was ich im Ofen habe.‹

›Später, ja später,‹ wiederholte die Frau, ›da wird das später ein zu spät sein.‹

›Um so besser für Euch! Was wollt Ihr mit einem Manne tun, der keine Gurgel mehr hat und im Zuchthaus saß?‹

Da war es wieder das verdammte Brandmal, das die empörende Allmacht eines Staatsanwalts dem Untertanen auf die Stirne drücken kann, ohne daß er imstande ist, sich irgendwie dagegen zu schützen.

»Im gleichen Moment fuhr ein Windstoß durchs Fenster und die Lampe erlosch. Dicht drängten wir drei uns aneinander und suchten die Tür nach dem Hofe zu gewinnen. Ich rief den Nachbar mit Namen. Er gab keine Antwort mehr. Das Weib aber schrie sinnlos wie ein Tier zum Himmel auf. Nein, ich konnte dies Getue nicht mehr hören. Es schien, als ob es eher den Schmerz verhöhnen solle, als ihm einen Ausdruck zu geben. Auf was wollte ich warten? Ich machte mich fort von der Statte des Grauens und schritt auf meine Wohnung zu.

Als ich auf der Brücke über den Bach ging, dacht' ich bei mir: »Da drunten wird der Bäcker im Wasser liegen, aber an welcher Stelle wohl?«

Knodt hatte mit gesenkten Augenlidern, die Hand in seinen Bart vergrabend, zugehört.

»Und hat der Ärmste endlich noch gefunden, was er suchte? O, es muß schrecklich sein das Sterbenwollen und Nichtsterbenkönnen,« bemerkte er mit frommem Seufzen.

»Ja, er fand das Ende. Zum mindesten ist die Sonne über seinen Schmerzen nicht mehr aufgegangen. Aber auf die meinen scheint sie nun Tag für Tag. Denken Sie nur, Pfarrer, ich kann seit diesem Erlebnis keine Ruhe mehr finden. Wenn ich einen vom Gericht sehe, dann packt mich eine Wut gegen diese Söldlinge der Paragraphengerechtigkeit, daß ich einem jeden von ihnen an die Kehle fahren möchte, und sehe ich niemand um mich, dann steht der Bäcker vor mir mit der durchschnittenen Luftröhre. Er drängt sich in alle meine Träume und macht mir mein Bett zu einer Folterbank. Mit Angst im Herzen betrete ich am Abend meine Kammer, und wenn ich sie am Morgen verlasse, steht der Schweiß auf meiner Stirne.«

»Und dann über Tags! Das Wasser im Bach, das Haus, in dem der Tote wohnte, jeder Holzschuh, den ich sehe, alles, rein alles erinnert mich an den Unglücklichen. Was fang ich an, was mach ich nur, daß ich die Halluzination, die schreckliche Halluzination aus meinen Vorstellungen banne?«

Knodt sagte: »Beten Sie oder lernen Sie Klopstocks Messiade auswendig.«

»Alles schon versucht« war meine Antwort, »sogar im Dante fand ich kein Vergessen.«

»Dann nehmen Sie den Rucksack auf den Buckel und wandern Sie wieder einmal in die Welt hinein, wie Sie oft getan.«

Diesen Rat hatte ich mir eigentlich schon selber gegeben, und nun, wo er mir von einer Seite kam, die ich sehr schätzte, zögerte ich nicht länger. Ich löste ein Billet nach der Schweiz und fuhr in der dritten Klasse eines Abends von Heidelberg ab.

In meinem Abteil saß außer mir nur ein italienischer Arbeiter, der eine Spitzhacke über die Schulter lehnte und in lauernder Stellung da saß, so, als ob er sich bereithalten müsse, alle Augenblicke aus dem Zuge zu springen. Da eine Verständigung mit dem Manne nicht möglich war, so streckte ich mich aus auf meiner Bank, um zu schlafen. Und merkwürdig, es gelang. Vielleicht war es das Summen der Wagenräder, was den Schlaf brachte, vielleicht das Wiegen und Stoßen der Achsen, kurzum, was seit langem schon nicht mehr geschehen war, der Schlaf kam und er war tief und traumlos.

Da aber wurde ich gleichwohl wach. Jemand hatte mich an der Schulter gepackt und schüttelte mich. Ich schlug die Augen auf und sah mit verängsteten Zügen den Italiener vor mir stehen mit der Spitzhacke über der Schulter.

»Ba-asel, Signore?« flüsterte er mir zu.

Ich warf einen Blick durch die Scheiben, winkte ab mit der Hand und sagte: »Karlsruhe.«

Gleich darauf schlief ich wieder und träumte mir etwas zurecht von Gamsböcken und Geißbuben, als ich wieder geweckt wurde und die Worte hörte: »Ba-asel, Signore?«

»Rastatt,« war meine Antwort, und ich träumte zu Gamsböcken und Geißbuben als Fortsetzung noch Schweizerkäs und eine Sennerin hinzu.

Wieder ein Schütteln und abermals: »Ba-asel Signore?«

»Offenburg,« schrie ich jetzt, und um mir meine Nachtruhe zu sichern, sprang ich auf und suchte dem Italiener am Zifferblatt meiner Uhr klar zu machen, daß wir Basel vor sechs Uhr des Morgens nicht erreichen würden. Gott sei Dank, er schien mich zu verstehen. Er lächelte holdselig und sagte: »Grazie, Signore.«

Gut also, mit diesem Störenfried war ich fertig. Nun das Taschentuch unters Hinterhaupt, die Augen geschlossen und das Versäumte nachgeholt.

Wahrhaftig ich schlief abermals ein. Der Bäcker kam nicht, und auch der Italiener schien für mich abgetan. Aber ich hatte mich getäuscht. Wo und wie oft der Zug auch halten mochte, immer stand der Steinbrecher mit seiner Spitzhacke vor mir und immer wieder hatte er die Frage auf den Lippen: »Ba-asel, Signore?«

Nun färbte auf der Höhe von Freiburg der Tag die Scheibe schon etwas grau. Ich setzte mich auf und suchte die Gegenstände zu erkennen, die draußen vor dem Zuge tanzten. Ein Mäher war's mit einer Sense über der Schulter; ein Weib mit einem Korbe auf dem Kopfe. Bald kamen breite Strohdächer in Sicht und spitze Kirchtürme, die den Frühnebel durchstachen. Eine Fasanenkette, die neben dem Bahndamme genächtet haben mochte, flog auf und suchte mit lautem Kreischen das Weite. Das hob mich nun ganz aus dem Halbschlummer heraus, so zwar, daß ich das Verlangen spürte, zu rauchen. Mit der Zigarre im Mund verneinte ich von jetzt ab die ewige Frage des Italieners nur noch mit einem Kopfschütteln, bis ich sie, auf dem linken Rheinufer angelangt, mit einem Kopfnicken bejahen konnte.

Die nächste Nacht verbrachte ich in einem Hotel zu Interlaken. Ich schlief nicht viel besser wie in der Bahn, aber, Gott sei Dank, der Bäcker mit seinem Messer war nicht mehr in meinen Träumen. Er war abgelöst von dem Italiener mit seiner Spitzhacke. Doch der mit seinem lächelnden Munde war mir lieber wie jener mit seinen rollenden Augen. Warum sollte man nicht den Teufel mit dem Teufel austreiben, zumal wenn der kommende weniger schwarz ist als der gehende.

Am folgenden Tage stieg ich von der Aareschlucht das Haslital hinauf, um in Guttannen zu übernachten. Als ich in die geräumige Gaststube trat, war sie gegen mein Erwarten fast leer. Nur ein einziger Mensch lief im Zimmer mit großen Schritten auf und ab und dieser einzige war nicht nach meinem Geschmack. Er hatte einen roten Schnurrbart aus den Nasenlöchern heraushängen und Sommerflecken auf den Händen, »'s wird ein Berliner Feldwebel sein« so schätzte ich ihn ein, und ich hütete mich wohl, mit ihm in ein Gespräch zu kommen. Wenn er mich nur ansah, so schielte ich zum Fenster hinaus ins Freie, wo der Mond durch Tannenwipfel auf die bleiche Landstraße herunterguckte.

»Ich werde den Herren das Nachtessen zusammenrichten,« rief die Wirtin aus der Küche herein.

»Ich muß für meinen Teil danken,« sagte ich, denn ich hatte derweilen aus dem Fremdenführer herausgelesen, daß eine Stunde talaufwärts bei dem Handeckfall eine gute Unterkunftsstätte zu finden sei. Ich warf also den Rucksack über die Schulter, den Lodenhut auf den Schädel und trat den Nachtmarsch an. Neben mir zur Seite donnerte schäumend die Aare in tiefer Schlucht nach dem Brienzer See hinunter. Die Tannen knackten vom Winde bewegt, und ab und zu schrie ein Rabe auf, dem der späte Wanderer ungelegen gekommen sein mochte. Alles war so ernst, so still, so wunderbar stimmungsvoll, daß ich mich in eine andere Welt versetzt glaubte und den Bäcker, den Steinhauer mitsamt dem Unteroffizier vergessen hatte.

Als ich am Handeckfall ankam, machte ich große Augen. Der Mond schien auf die Trümmer der Unterkunftshütte herunter und auf zwei oder drei elende Bretterbuden, die als Schlafstätten für Arbeiter dienten. Eine Lawine hatte im letzten Frühling das Hotel zerstört. Das war etwas, was dem Reiseführer bei seiner Drucklegung noch nicht bekannt sein konnte, mir aber elend die Laune verdarb, als ich es an Ort und Stelle erfuhr. Was war nun zu machen? Vorwärts über den Aargletscher zu kommen, war in der Nacht unmöglich. Nach Guttannen zurück, zu dem Rotbart wollte ich nicht. Ich entschloß mich also, auf einem Strohsack zu übernachten, den man mir in einer der Bretterbuden zur Verfügung stellte. Zwar war eine Tür an dem Verschlag, aber der Riegel paßte nicht in die Öse. Eine Scheibe war an der Tür, aber ihr Vorhängelchen deckte nicht die Glasfläche. Wollte ich Licht machen und mich ausziehen, so war ich denen draußen zur Schau gestellt, die im Vorraum rauchten, Karten spielten und Schnaps tranken. Ich zog mich im Dunkeln aus und legte mich auf die Pritsche, mein Geld unter das Kopfkissen und meine Seele in Gottes Vaterhände. An alles, was mich vordem gequält hatte, dachte ich nicht mehr. Nur die Gegenwart und die allernächste Zukunft beschäftigten meine Gedanken. Gut schlief ich nicht. Jede Maus, die im Bettstroh raschelte, schreckte mich auf, und ich sah Räuber in meinen Verschlag treten, die mein Geld teilten und meine Leiche nach dem Handeckfall schleppten. Doch der Tag kam heißersehnt endlich heran, und es war abermals eine Nacht vergangen, in der ich von dem Bäcker nicht geträumt hatte.

Als ich den Frühkaffee durch die Ritzen der Holzbude hindurch roch, sprang ich vom Lager und freute mich meines Lebens. Einen Schluck aus der Schnapspulle meines Rucksackes ließ ich mein Frühstück sein und ich machte, daß ich ins Freie kam. Als ich eine Zeitlang gewandert war, überkam mich der Gedanke, daß ich einmal mein Geld zählen wolle. Ich griff in meine Tasche, aber wo war da ein Geldbeutel zu finden? ›Nun hat's eins auf allen Türmen geschlagen‹, dachte ich bei mir und rieb mir die Stirne, mich selber fragend: »Wo bist du nur um deinen Beutel gekommen?«

Ja, nun fiel es mir heiß ein. In der Bretterbude, bei den Diebsgesichtern da unten hatte ich ihn der Gesellschaft mißtrauend unter mein Kopfkissen gelegt – und – – liegen lassen.

»Das hast du gut gemacht,« mußte ich mir sagen, »wenn du den Rückweg sparen wolltest, hättest du was Geistreicheres getan als je in deinem Leben.« Gleichwohl trat ich ihn an und glaube einen Weltrekord errungen zu haben, weil schwerlich jemand jemals den gleichen Weg in kürzerer Zeit zurückgelegt haben wird. Denn zur Eile trieb mich der Gedanke, daß, wenn das Bett gemacht wäre, alles verloren sei.

Als ich mich der Bretterbude näherte, stand ein herkulisches Weib mit schnurrbärtigen Gesichtszügen unter der Tür und hielt mir in verdrossener Wortlosigkeit einen Gegenstand entgegen, in dem ich meinen Geldbeutel mit großer Freude wieder erkannte. Ich öffnete ihn vor den Augen des Mannweibes und siehe, es fehlte kein Pfennig an seinem Inhalt. Diese erfreuliche Tatsache versöhnte mich wieder mit der Menschheit, mit jenem Teile wenigstens, der nicht aus Feldwebeln bestand, und wohlgemut, ja heiter trat ich den Rückweg an, dem Aargletscher entgegen.

Inzwischen hatte sich das Wetter geändert. Nebelfetzen fielen in Waldparzellen hinein und hüllten die Baumstämme in eine graue Watte. Der Boden wurde feucht und schlüpfrig. Das Fortkommen ward beschwerlicher.

›Auf dem Gletscher wird's besser sein,‹ bildete ich mir ein und es war auch besser, denn das Eis bot den starken Nagelschuhen eine feste Unterlage. Bald aber verlor sich die braune Spur, die von früheren Wanderern getreten war.

Was nun anfangen auf einer gleichmäßigen Fläche, von der sich nichts mehr übersehen ließ, als höchstens vier Meter in der Runde. Wenn ich nach einer falschen Richtung lief, vor welchem Abgrund oder vor welcher Felsenschroffe endete dann mein Lauf?

Ich ging zurück bis zu jener Stelle, wo der Gletscher mit dünner Eiszunge sich auf die Talstraße legte. Da wartete ich, auf den glücklichen Zufall hoffend, daß vielleicht ein anderer Mensch, nach dem gleichen Ziele strebend, des Weges käme. Und richtig, aus dem Nebel heraus schälte sich ganz allerliebst die Flucht nach Ägypten nur mit dem Unterschied, daß zur Abwechslung einmal Maria führte und Josef auf dem Esel saß. Bei näherem Zusehen aber erkannte ich die Mutter Gottes als die Finderin meines Geldes und den Nährvater als den vermeintlichen Feldwebel. Nun waren mir mit einemmal alle drei Gestalten äußerst sympathisch geworden und zwar von allen Seiten, obwohl ich mich zumeist mit der Rückansicht begnügen mußte. Nach einem kurzen Gedankenaustausch hatte sich nämlich herausgestellt, daß der Reiter gleichfalls nach dem Rhonegletscher wollte und der Sicherheit halber den Esel und das Weib am Handeckfall gemietet hatte.

Nun ging es langsam bergan, immer auf Eis, wenn nicht der Esel etwas verloren hatte, worauf er keinen Wert legte. Schön ist so ein Wandern im Grauen gerade nicht, doch es dauerte auch nicht ewig. Schon sah man den Nebel von Sonnenstrahlen durchschossen, und nicht lange mehr und die Maienwand winkte mit nackten Zacken zu uns herunter. Einen Zickzackpfad sah man zwischen Moos und Steingeröll nach der Höhe steigen. Hatten wir diese erst erreicht, so mußte sich uns nach meiner Berechnung bereits der Blick ins Rhonetal hinein auftun.

Bevor ich dies Ziel erreichte, tat sich mir übrigens ein neuer Blick ins Menschliche, Allzumenschliche auf.

Kurz vor der Paßhöhe kamen wir mit unserem Esel an einem Wanderpaare vorbei. Aus der Ferne gesehen schienen sie mir Hochzeitsreisende zu sein, und ich dachte es mir gar schön, so jung vereint durch die Wunder der schönen Welt zu pilgern. Im Begriffe, beide zu überholen, merkte ich, daß sie miteinander zankten.

»Zu diesem Zwecke hätten sie nicht in die Schweiz zu reisen brauchen, das hätten sie auch zu Hause besorgen können,« sagte zu mir der Eselreiter.

»Dann hätten's aber die Leute gemerkt, daß sie nicht glücklich sind und das muß doch im Anfang der Ehe vorgetäuscht werden,« entgegnete ich.

»O Jesu,« seufzte die Alte vor ihrem Esel, »was sich Eheleute gegenseitig nicht alles antun. Wie oft hab' ich nicht schon gesehen, daß sie mit Kochgeschirr einander traktieren. Guat is schon, wann mer e' dickes Fell mitbringt in den Ehstand nein.«

Wir waren vorbei und sahen unter uns im Tale das schäumende Band der jungen Rhône zwischen Felsen sich hinschlängeln und ein massives Haus, von dem wir annahmen, daß es unser Ziel, das Rhônehotel sein werde.

Da der Pfad sich stark senkte und der Reiter achtzugeben hatte, daß er nicht seinem Tiere über den Kopf rutschte, so stieg er ab und lief neben mir her. Er fragte mich über meine weiteren Reisepläne ein wenig aus, und als ich ihm bekannte, daß ich nur Vergessen suchte und mich vom Zufall wolle leiten lassen, da schlug er mir vor, ob wir nicht zusammenbleiben wollten. Ich sagte zunächst nicht ja und nicht nein, denn obwohl ich unterdessen erfahren hatte, daß mein Begleiter ein Gymnasialdirektor sei, so konnte ich mich immer noch nicht recht mit ihm befreunden. Der rote Schnurrbart konnte mir nicht gefallen, und ich wollte abwarten, ob ich mich über Nacht an seinen Anblick gewöhnen könne. Der Tag war nämlich schon weit vorgeschritten, und, offen gestanden, nach den vorausgegangenen schlechten Nächten sehnte ich mich nach einer guten und nach einem bequemen Bett.

Als wir ins Konversationszimmer des Gasthofes traten, fanden wir Feuer im Kamin. Ich glaube, es erlischt da oben zwischen dem Eis der Gletscher und den Festungsmauern des Hauses gar nie und ist auch selten wohl zur Last. Wir beide fröstelten ein wenig, holten Stühle herbei und rückten sie an die brennenden Scheite heran. Funken sprühten, und das flammende Holz sang seinen Schwanengesang. Ich fing an mich behaglich zu fühlen, als eben die Tür aufging, und das vermeintliche Ehepaar zu uns ins Zimmer trat. Sie waren offenbar noch nicht ausgesöhnt miteinander. Er warf einen ansehnlichen Zigarrenstummel in die Gluten, während sie einen feinen Saffianschuh vorstreckte, um mit seiner Spitze das Feuer zu schüren. Es war offenbar, sie hatte es drauf abgesehen, ihn dadurch zu kränken, daß sie etwas zerstörte, was ihm Geld gekostet hatte. Man sah's ihm an, er ärgerte sich auch, und er fuhr zu und riß der Unverschämten den Fuß zurück, indem er sagte: »Wenn du glaubst, hier das Feuer schüren zu müssen, so tu es mit den nackten Füßen, eine ungegerbte Haut ist billiger als fettiges Leder.«

Sie schwieg einstweilen, nestelte aber eine Spange von ihrem Gürtel los und warf sie in den Kamin. Sofort fing das Ding Feuer und ein abscheulicher Gestank verbreitete sich durch die Stube. Das war mir nun doch zu dumm. Ich erhob mich und, vor die Dame hintretend, sagte ich: »Meine Gnädige, wenn Sie tatsächlich die meine wären, so wüßt ich, was ich mit Ihnen zu tun hätte.«

»Und was täten Sie?« fragte der Herr, von seinem Stuhle springend.

»Ich gäbe sie ihrem Vater zurück, daß er sie solange noch erzöge, bis sie ein Mann, der auf Anstand hält, neben sich brauchen kann.«

»Bravo,« sagte der Rotbart und erhob sich gleichfalls, indem er mit drohender Miene bemerkte: »Für zwei von uns Vieren hat das Zimmer keinen Platz mehr, entweder Sie entfernen sich oder wir.«

Die Dame hatte unterdessen ihr Taschentuch von sich geworfen. Als sich aber niemand fand, der sich darnach bückte, holte sie es selber wieder und wurde nun von ihrem Manne hinterrücks wie eine störrische Ziege zur Stube hinausgedrängt.

»Unglaublich, was sich die Menschen gegenseitig nicht antun. Es scheint fast, als ob sie sich nur heirateten, um sich ungestraft chikanieren zu können, und so ein Abkommen nennen die Priester gar noch ein heiliges Sakrament.«

»Das sie schlauer Weise nicht selber empfangen, sondern den Laien überlassen, damit sie darin selig werden. Sie sind wohl selber nicht verheiratet, Herr Direktor?«

»Nein, ich begnüge mich damit, den anderen Leuten die Kinder zu erziehen, und habe vor acht Tagen gerade Pause in dem Geschäft gemacht, um mich ein wenig zu erholen. Ich wollte an die italienischen Seen hinunter. Wie wär's, wenn wir zusammen gingen?«

»Um nach unserem heutigen Siege Arm in Arm unser Jahrhundert in die Schranken zu fordern? Sei's drum, vorausgesetzt, daß wir über Göschenen kommen, ich möchte allda den Ernst Zahn kennen lernen.«

»Einverstanden,« sagte der Schulmann, und wir setzten uns an den Tisch und nahmen das Abendessen mit gutem Appetit zu uns.

Traumlos hatte ich geschlafen. Bereits die vierte Nacht war nun schon herumgegangen, ohne daß der tote Bäcker vor meiner Bettlade stand. In Dankbarkeit erinnerte ich mich dessen, als ich vor dem Spiegel stand, um mir eilig die Backen zu rasieren, denn schon hörte ich, wie der Direktor sich die Zähne putzte und gurgelte.

Eine Stunde später, und wir standen im Purpurrot der Morgensonne auf der Furka oben und sahen nach dem Reußtal hinunter. Hospental und Andermatt brachten wir in raschem Ausschreiten bald in unseren Rücken, und nicht lange mehr und auf dem Bahnhofe zu Göschenen standen wir vor dem lorbeerbekränzten Dichtergastwirt. Er hatte einen Bleistift hinterm Ohr stecken, schöpfte Suppe aus einem Kessel in Porzellanteller hinein und glich weder dem Tasso noch dem Horaz. Ich war fast peinlich überrascht von der Tatsache, daß man prosaisch aussehen und doch ein Dichter sein könne.

Da man aber die Lokomotive schon schnaufen hörte, die den Zug von Wasen nach dem Tunnel hinaufarbeitete, so ließen wir uns statt der Autogramme vom Dichterwirte Hammelkoteletts geben und fuhren dann durch den Tunnel hindurch den lombardischen Gefilden entgegen.

Vierzehn Tage lang trieb ich mich mit dem Schulmanne zusammen noch zwischen Como und Pallanza herum. Dann als ich sicher war, daß der Bäcker nicht mehr in meinen Träumen spukte, wagte ich es, an die Heimreise zu denken. Mit mir nach dem Norden zurück nahm ich den Vorsatz, daß ich künftighin keinen mehr für einen Unteroffizier halten wolle, der einen roten Schnurrbart trägt, und keinen mehr für einen Garkoch, wenngleich er einen Suppenlöffel schwingt.

»Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.«

Einer meiner ersten Ausgänge in die Stadt ließ mich mit dem Doktor Roder zusammentreffen. Der Leser fragt: »Wer ist der Mann,« und er soll Antwort haben. Er heißt mit dem Vornamen Georg und hat mit seinem heiligen Patron, dem Drachenspießer, die herkulische Gestalt und mit Johannes Gensfleisch, dem Mainzer Buchdrucker, den langen Bart gemeinsam. Der Herr ist nicht denkbar ohne einen Bullenbeißer an seinem linken Wadenbein, der gegen alles, was weich und katzenhaft war, eine todbringende Abneigung hatte. Roders Äußere und seinen Umgang kennen wir nun. Sein Inneres war komplizierter. Es war ein Mosaik aus frommem Bibelglauben und Schopenhauerscher Philosophie.

Außer dem Futterneid besaß er alle Eigenschaften, die für einen guten Arzt erforderlich sind. Er roch nichts, war schwerhörig und von gediegener Gefühllosigkeit. Die ärztliche Praxis betrieb er teils, um sich doch auch einigermaßen nützlich zu machen, und teils, um sich die Langeweile zu vertreiben, wenn er keine Gelegenheit hatte, im Kaffeehaus den Juden beim Franzzefußspiel in die Karten zu schauen.

Als dieser seltene Mann meiner ansichtig geworden war, kam er auf mich zu, schüttelte meine Hand und rief im Tone eines herzlichen Willkommens aus: »Sind Sie zurück, Herr Kollege, und haben Sie sich müde gesehen an diesen eidgenössischen Käseproduzenten? Schade, daß Sie nicht hier waren. Unendlich vieles haben Sie versäumt. Denken Sie nur, die Stadt hat einen Sängerkrieg veranstaltet. Ehrenpforten waren gebaut, und die Leute hatten, als die Tagesreveille erschallte, ihre Häuser bekränzt, der Bürgermeister aber sich selber mit einer goldenen Kette. Ja, es war alles sehr ernst und feierlich zugegangen unter den Augen einer hohen Behörde bis zum Abend wenigstens. Da allerdings waren nach der Preisverteilung kleine Differenzen entstanden unter den Vereinen. Die Leutershauser wollten schöner gesungen haben als die Käferthaler. Vökelsbach und Kreckelbach nahmen für die eine Seite Partei, Schnornbach und Hornbach für die andere. Als man sich in Worten nicht zu einigen vermochte, nahm man die Vereinsbanner und schlug sich gegenseitig die Köpfe blutig. O das hätten Sie sehen sollen, Kollege, es war, um sich krumm zu lachen. Ich hatte mich in der Festhalle mit meinem Zampa auf einen Tisch hinaufgerettet. Wie ein Meer schäumte unter mir die empörte Volksseele und mein Hund bellte dazu aus Leibeskräften. Fäuste, Stöcke, Schirme erhoben sich über dem vielköpfigen Ungeheuer, Pöbel geheißen, und sausten mit den Fahnenstangen um die Wette nieder auf alles, was da im Nahkampf biß, kratzte und würgte. Nein, Sie können sich nichts Lieblicheres denken als die Masse in ihrer urwüchsigen, unverzogenen Natürlichkeit. Und zuletzt als harmonischer Abschluß des Ganzen, stellen Sie sich einmal vor, da trat ein Skelett von einer Müllerstochter, als eben die Helden kampfesmüde sich aus der Schlacht zurückzogen, auf die Tribüne und sang aus einem Halse länger wie eine Gänsegurgel heraus in getragenen Fisteltönen das Lied der Sehnsucht:

»Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?«

Bei meiner Seele, da fahren die Leute nach Frankfurt und Karlsruhe in die Theater und geben vieles Geld für gute Plätze aus und zu Hause kann man manchmal den größten Kunstgenuß rein umsonst haben. Sie hätten da sein sollen, Kollege, zumal es hintennach noch viel zu verbinden gab. Ich sage Ihnen, Nadeln habe ich an diesem Freudentage gelegt, mehr als sonst in einem ganzen Jahr. O, es ist eine Wonne, zu sehen, wie erbärmlich sich da die Helden krümmen, wenn sie den furchtbaren Nadelhalter sich ihren Siegerstirnen nähern sehen.

Aber kommt da nicht eine angeschwebt von den Heldenseelen? Wahrhaftig der Hauptkrakeeler ist es aus dem Scharmützel, passen Sie auf, eben geht er über die Brücke und dem Spital zu. Er wird verbunden sein wollen. Kommen Sie mit, kommen Sie mit ins Verbandzimmer, den müssen Sie flöten hören.«

Der Kollege Roder, heute längst schon vermodert mitsamt seinem Zampa, hatte mich am Arm gepackt und zog mich hinter sich her ins Krankenhaus hinein.

»Nun aber ernst und die Berufsgrimasse geschnitten, damit der Zeisig singt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.«

Im Sprechzimmer angekommen machten wir Augurengesichter zu einem feierlichen Schweigen, zogen die Röcke aus und wuschen die Arme bis zur Achselhöhle hinauf. Als wir uns mit Seifeverschwendung ein genügendes medizinisches Ansehen verschafft hatten, wandte sich der Kollege um und sagte mit verwundertem Tone:

»Ei, was seh ich, Herr Liebermann, Sie auch noch einmal hier. Ich glaubte, daß Sie längst wieder vor der Werkbank ständen.«

»Was Sie da sagen? Vor der Werkbank? Mit so einem Kopp und gar keinem Appetit im Leib. E' leerer Sack bleibt doch nit stehen; Sie wisse das als studierter Mann so gut wie ich. Und wie's einem is, der nichts im Magen hat, und dazu bei den armen Leuten, auf deren Teller selten einmal was von einem Schweinshinterviertel kommt! Und dann, warum auch soll ich mich überschaffe? Sie müssens ja bezahlen, die Käfferthaler, sie warn's ja auch, die angefangen haben. Soll ich denn jetzt nichts dafür haben, wo ich doch die ganze Lyra von ihrer Fahnenstange als Narbe auf meinem Kopf rum trage? Wo blieb denn da die Gerechtigkeit? Beim Affekat war ich schon. Er hat gesagt: In 'n Bad sollten Sie mich schicken.«

»Damit Sie mal gewaschen würden,« unterbrach Roder den Sprechenden.

»Deshalb? Nein, da braucht ich's nit. Ich bin mir sauber genug. Werktags das Gesicht und Sonntags den Hals gewaschen. 's ist dessentwegen, daß die Käfferthaler sehen, an wem sie sich versündigt habe. Na, ich will denen schon n' Rechnung z'samme flicke! Mei Hemd müsse se bezahle, mein Rock, mei West, mei Hose bis auf die Stiefel runter. Überall sinn die Blutflecken, und die Blutflecken, die gehn, das wissen Sie ja auch als studierter Mann, gar nimmer 'raus aus em Zeug.«

»Nu mache Sie aber das Tuch vom Kopf herunter, daß wir die Narbe sehen,« brummte ich dazwischen.

»Zu sehen ist da dran nichts. Ich hab's zugebunden, damit die Luft nit dran kann, und dann es könnt einem ja n' Käfferthaler begegnen! Die solle sich nur en Augenspiegel da dran nehmen, was sie angestellt habe! Dann die innerliche Schmerze! Ich sag's Ihnen ja, die innerliche Schmerze, die kann man keinem beschreiben.«

»Mit dem Tuche mögen Sie künftighin Ihre Nase putzen. Auf dem Kopfe haben Sie's nimmer nötig, und morgen, denk ich, fangen Sie wieder an zu arbeiten,« sagte der Kollege kurz.

»Auf Ihre Verantwortung hin will ich's wagen. Meinetwegen. An mir liegt ja nichts. Aber Frau und Kinder, die könnte mich dauern, wenn e Rotlauf an mein Kopf kommt. Und nur noch, Herr Doktor, die Scheine fürs Rathaus habe Sie doch gut ausgefüllt? Zum erstenmal ist's, daß ich seit einem Vierteljahr die Krankenkasse in Anspruch nehme. Un nu will ich's halt in Gotts Namen probieren, ob ich morgen arbeiten kann. Wenn's nicht geht, so komm ich halt übermorgen wieder.«

Er ging, und als er draußen war, machte der Kollege hinter ihm her ein Kreuz in die Luft. »Dem Himmel sei's gedankt, daß wir ihn los sind,« sagte er.

Aber er war ihn nicht los. Die Tür ging nochmals auf, und wer stand auf der Schwelle? Der Schwerverletzte vom Sängerstreit.

Roder rang nach Fassung. Ich sah ihn bleich werden. Aber es gelang ihm, die innere Wut niederzuringen, gelang ihm so weit, daß er sogar in sanftmütigem Tone fragen konnte: »Nun, Herr Liebermann, Sie sind schon wieder da. Sie werden doch hoffentlich nichts zu fragen vergessen haben?«

»Doch, doch, Herr Doktor, ich wollt mich noch erkundigen, ob ich auch ins Feuchte greifen darf?«

»Um Christi Barmherzigkeit willen, ja, wenn Sie keine Forellen stehlen wollen!«

Nun merkte der Blechkopf doch, daß man ihn zum Besten hatte, und er drückte hinter seinem Rücken die Tür ins Schloß.

»Und das ist nun unser Beruf, daß wir uns mit solchen moralisch zusammenregierten Menschen jahraus jahrein herumdrücken müssen! Ist das Produkt deutscher Sozialerziehung noch ein Mann, vor dem man Achtung haben kann? Und sind wir Ärzte selber nicht Feiglinge, daß wir uns nicht aufzuraffen vermögen, um zu sagen: ›An dieser systematischen Demoralisationsarbeit, wie sie die Krankenkassengesetzgebung inauguriert hat, beteiligen wir uns nicht. Staat, mach was du willst, von uns aber bekommst du nicht ein einziges Attest mehr!‹«

So und in noch heftigeren Worten hatte der Kollege seinem bedrängten Herzen Luft gemacht. Ich stand dabei, mußte seine Rede billigen, und doch saß ich eine Stunde später wieder an meinem Schreibtisch und schrieb die Leute arbeitsunfähig, von denen ich wußte, daß sie's nicht waren, und verordnete ihnen auf Kosten der Allgemeinheit allerlei, obwohl ich überzeugt war, daß es Geldverschwendung war. Warum tat ich es? Nun, weil ich gleichfalls schon moralisch angefault war, weil's die andern taten und das Bezirksamt drohend hinter mir stand:

»Denn der Nacken wird gebrochen,
Der sich nicht gefügt den Jochen,«

hieß es früher schon und heißt es heute noch.

Wieder war einige Zeit vergangen, in der ich mich über Tags mit meinem Fahrrad auf der Landstraße herumtrieb, während ich in der Nacht immer noch mein totes Pferd benützte – man verstehe – wenn ich träumend durch die Wälder ritt. Aber merkwürdig, so munter traben wie früher wollte es nicht mehr. Kein Wunder auch, seit Monaten hatte ich ja keinen Hafer mehr gekauft, kein Heu mehr angeschafft, und doch verlangte ich von dem guten Tiere, daß es Tag für Tag seine Arbeit tue. Verstimmt und von Selbstvorwürfen gequält, pflegte ich dann zu erwachen. Und so wie dazumal geht es mir heute noch in meinen Nächten, nur daß die Träume nicht mehr so häufig kommen wie früher. Vielleicht auch, daß dazumal mir das Pferd mehr im Sinne lag, weil das Auto dem Radfahrer den Besitz der Straße streitig machte. Das Tuten der Hupe hinter mir zu hören, war schon eine Aufregung. Man drückte sich an den Rand der Straße hin, soweit es ging. Dann rasselte das fauchende Ungetüm an einem vorüber, ein paar blaue Schleier im Winde zeigend und brutale Ballonmützen. Was es hinter sich ließ, war Staub und Gestank. Kein Wunder, daß einem die Kultur zuwider wurde, und daß man sich aus ihr hinaussehnte in einfache, paradiesische Zustände hinein.

Mir bot sich die Gelegenheit, nach der Menschheit Uranfängen zurückzukehren. Eine Stelle als Schiffsarzt war mir angeboten. Ich griff zu und sollte über die Kanarischen Inseln hinweg nach dem Kamerunflusse fahren. Hamburg war unser Auslaufhafen. Ich sage unser, weil außer meinem Tagebuch meine Frau noch mit mir fuhr. Als sie mich an der Mole von Boulogne sur mer verließ, hatte ich schon mancherlei Notizen gemacht und was dann alles noch dazukam, findet – wer sich dafür interessiert – in dem Buche zusammengestellt, dem ich die Überschrift gegeben hatte: »Im Lande unserer Urenkel.« Heute würde ich diesen Titel nicht mehr wählen, aber heute ändere ich ihn auch nicht, weil ich hoffe, daß nach dem Gesetze der immanenten Gerechtigkeit dem die Ernte gehört, der die Aussaat bestellt hat, und weil ich Vertrauen habe zu dem Worte:

»Und würden – wend' das Gott – die Söhne
Nicht besser als die Väter wieder,
So sind sie uns'rer Schmerzentöne
Nicht wert und uns'rer Klagelieder.«

Als ich schon wieder zu Hause war, brachte eines Tages der Briefträger ein Paket aus Berlin. Es waren zwei Bücher aus der Feder von Hans Dominik, und zwar: »Vom Atlantik zum Tschadsee« und »Kamerun.« Ein Briefchen lag bei, worin der Wunsch ausgesprochen war, daß wir uns »drüben« noch einmal wiedertreffen möchten. In Kamerun wird dies nicht möglich sein, denn der tapfere Held ist nach einem andern »drüben« abgereist. Seinen Leib beherbergt der Apostelfriedhof zu Berlin, seine Seele aber sollte weiterleben im Himmel und im deutschen Lied, sofern das Vaterland stark genug ist, noch einmal einen Freiligrath zu erzeugen.

Dominiks Bücher verlieh ich oft in Weinheim und sie wurden viel gelesen. In Damenkreisen weckten sie ein Feuer der Begeisterung für diesen afrikanischen Siegfried, und von mehr als einer Schönen wurde ich gefragt, ob der Held noch ledig sei und ob ich sie nicht mitnehmen wolle, wenn ich wieder zum Äquator reiste. Ich erinnere mich, daß ich damals viel versprach, vor dem Herd und hinter dem Herd, aber ich glaube, meine Wechsel wurden nicht mehr für voll genommen. Ich hatte nämlich zu der Zeit schon fast soviel Bücher geschrieben wie der Kollege Moses, und Bücherschreiber verlieren ihren Kredit beim Publikum. Trotzdem verbrach ich ein neues, und zwar das »Bauerngeselchte«. Als es kaum im Buchhandel erhältlich war, fuhr ich einmal nobel nach Heidelberg, und zwar zweiter Klasse unter Benutzung meiner Freikarte als Bahnarzt. Als ich in Weinheim ins Kupee gestiegen war, saß in der einen Sofaecke ein alter Herr und in der anderen eine Dame, deren Gesicht von einem mächtigen Spitzenhut überschattet war. Ich setzte mich den beiden gegenüber und machte mir aus purer Nächstenliebe Gedanken darüber, ob und durch welche Bande die beiden Mitreisenden allenfalls zusammenhängen könnten. Vater und Tochter? Sie hatten keine Ähnlichkeit miteinander. Mann und Frau? Sie saßen zu weit auseinander. Onkel und Nichte? Sie tauschten keine verliebten Blicke. Primadonna und Impresario? Sie war nicht herrschsüchtig, er nicht unterwürfig genug. Ein Rätsel lag für mich zwischen den beiden und außerdem ein Buch, das in eine Zeitung gewickelt war.

Zwei »Sachsen« waren am Wagenfenster vorübergeglitten und dem dritten mit Namen »Großsachsen« näherte sich der Zug, als die Dame einem augenblicklichen Impulse folgend zu dem Herrn sagte: »Das Buch gehört wohl Ihnen? Erlauben Sie, daß ich es einmal ansehe?«

»Ich bitte Sie darum, verfügen Sie über mein Eigentum. Den Inhalt kenne ich noch nicht. Ich hab' es vor einer Stunde erst in Bensheim gekauft, weil ich mich für seinen Verfasser interessiere und dessen frühere Bücher schätze. Er ist ein Bergsträßer und wohnt in der Station, wo wir zuletzt gehalten haben. A propos, mein Herr, sind Sie nicht in Weinheim zu uns gestiegen?«

»Ja.«

»Und sind vielleicht gar aus dem Städtchen mit dem Gerberlohgeruch?«

»Ja. J–ja.«

»Da müssen Sie doch wohl den Mann mit dem seltsamen Namen kennen, den Adam Karrillon?«

»Kenne ich gut genug, wohne in einem Hause mit ihm zusammen und seine Frau hat mir des öfteren schon den Kopf gewaschen.«

Der Herr machte große Augen und fragte: »Kopf gewaschen? Ihnen?«

Die Dame leckte an dem Schleier und fragte gleichfalls: »Ihnen?«

»Ja,« war meine Antwort.

»Wohl komische Leute die beiden,« nahm der Herr wieder das Wort. »Er trinkt wohl gern, wie ich mir hab' sagen lassen?«

»Tut er. Sie können ihn jeden Abend unter seinen Spießgesellen in den ›Jahreszeiten‹ treffen.«

»Ist er von bemerkenswertem Äußern, mich interessieren Schriftsteller?« so fragte die Dame.

»Er ist wie der Dreinweck, den man nach dem Dutzend beim Bäcker bekommt, ein Mensch wie andere mehr. Ich für mein Teil möchte ihn nicht, auch wenn ich eine Dame wäre. Übrigens, da halten wir schon in Friedrichsfeld.«

»Wahrhaftig, indes bis wir nach Heidelberg kommen, können wir uns ja noch manches erzählen,« sagte der Herr. »Ich habe den Doktor einmal, doch nur von hinten gesehen und kann mir deshalb kein klares Bild von ihm machen.«

»Nach seinen Büchern ist er ein Weiberfeind. Ist dem so?« unterbrach die Dame.

»Wieblingen, da hält's nicht,« sagte ich.

»Nein, wenn's wieder hält, sind wir schon in Heidelberg. Also antworten Sie schnell. Sie scheinen mehr zu wissen, als Sie sagen wollen. Wie steht es mit dem Schriftsteller, hat er wirklich für uns arme Damen nichts übrig?«

»Was soll ich da sagen? Sein Vorname ist Adam, und wenn Sie zufällig, was man nicht wissen kann, Eva heißen, so müßten Sie sich mit dem Apfel in der Hand einmal selber an ihn wagen. Aber ich bitte Sie, beeilen Sie sich damit, denn alleweil steigt er aus.«

»Was?« schrieen nun die beiden wie aus einem Munde. »Sie wären?«

Der Zug war in den Bahnhof zu Heidelberg eingelaufen.

Der Herr erfaßte meine Hand und schüttelte sie. Die Dame aber nahm mich am Arm und sagte:

»Ganz ungeschoren kommen Sie mir nun doch nicht fort. Hier, diesen Blumenstrauß tragen Sie zunächst einmal und dann dies Paket. Ihr Lohn soll für heute eine Loge im Theater sein. Ich komme von Frankfurt und singe den Heidelbergern eine Gastrolle vor.«

Gut, ich übernahm bereitwillig das leichte Gepäck und den Arm meiner Reisegesellschafterin, und da sie wirklich nicht aussah, wie des Teufels Großmutter, so will ich keinem Bekannten grollen, wenn er mich in der Gesellschaft gesehen und sich allerlei dabei gedacht hat. Wie langweilig müßte übrigens das Leben sein, wenn es über die Komponenten der Menschheit Mann und Weib nichts mehr zu klatschen gäbe.

Nun, ich hab' es dazumal den lieben Nächsten an Stoff zu pikanter Nachrede nicht fehlen lassen und hatte sogar Phantasie genug, mit meinem Freunde Lederle zusammen noch allerlei Abenteuer zu erfinden, um dem »grünen Kränzchen« und dem »Verein der Unbescholtenen« eine Sonntagsfreude zu bereiten.

»Es stürzt der Fels und über ihn die Flut.«

Der Vesuv regte sich einmal wieder und bedrohte Torre del Greco mit dem Schicksal von Pompeji und Herculanum. Potz Blitz, so was war nicht alle Jahre zu sehen wie das Kasperltheater. Auf also nach den Tyrrhenischen Gestaden hinunter. Mein Freund Kalbow war Feuer und Flamme, als ich ihm erzählte, wohin die Reise gehen solle, und seine Frau setzte sich sofort an die Nähmaschine und schneiderte an einem feuersicheren Mantel herum, weil sie dem Lavaregen mißtraute, den sie aus Bulwers »Letzten Tagen von Pompeji« kannte.

Genua erreichten wir, nicht ohne daß unsere Reisegenossin bereits den Vesuv zu riechen glaubte und die Fenster des Wagens schloß. Im »Aquila nera« erkundigte ich mich vergeblich nach der schönen Kammerzofe, die mir damals mit Zwirn und Nadel so hilfreich zur Seite gestanden hatte. Sie war spurlos verschwunden. Hätte ein Raffael sie auf ein Stück Leinwand gepinselt, so hätte ihr Gesicht in tausend Jahren noch die Menschheit nach irgendeinem Galeriezimmer locken können. So aber war's nichts mit ihrer Unsterblichkeit und meinem Fragen nach ihr. Punktum, sie war erledigt, und wir drei hatten eine andere Doktorfrage zu lösen, und das war die: Wie wir zwischen uns die Blutsverwandtschaft herstellten, die von der Navigazione generale italiana gefordert wurde, wenn uns die 33% Fahrpreisermäßigung zuteil werden sollten, die die Gesellschaft gewährte. Nach einigem Hin und Her einigten wir uns dahin, daß Herr und Frau Kalbow bleiben sollten, was sie waren, ein Ehepaar nämlich, ich aber sollte den Schwiegervater mimen. Zu diesem Zwecke lernte ich von »ihm« das Walli-Sagen und traktierte von jetzt ab »sie« mit dem allerväterlichsten Du, das sich einer nur ersinnen mag, wenn er sich und andere täuschen will. Beim Generaldirektor der Schiffsgesellschaft gelang das Manöver. Als wir aber auf den Dampfer Letimbro kamen und der Kapitän mit mißtrauischem Gesichte Frau Kalbow fragte: »Was sind Sie für eine Geborene,« da glaubte ich schon, es werde »Pusch« herauskommen. Allein sie besann sich noch im letzten Moment und sagte mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht: »Herr Kapitän, wer wird so neugierig sein. Man schätzt eine Dame ab nach ihrem Aussehen, nicht nach ihrem Namen.«

Da schmunzelte der alte Seelöwe ein wenig und bemerkte: »Mit welchem von den beiden da wünschen Sie nun die Kabine zu teilen?«

»Mit dem da,« erwiderte sie und hing sich in den Arm ihres Mannes.

»Und Sie sind nun der monsieur seul und bekommen die Kammer hier neben der Friseurstube,« bemerkte der Alte noch, strich seinen Schnauzbart über die Lippen und ging nach der Kommandobrücke.

Wir waren untergebracht. Unserthalben konnte es losgehen, und es ging auch los. Bald schwanden hinterm Achterschiff die ligurischen Berge, und im Vorblick stieg Korsika aus dem Meere herauf, dies Inselchen, das ein kleiner Mann zum berühmtesten Eiland der Erde gemacht hat.

Die Nacht brach an, und der Speisesaal wurde erleuchtet. Wir kamen beim Essen in die Nähe des Kapitäns zu sitzen, wie ich glaube, nicht meinetwegen. Der Biedermann wußte das Schöne zu schätzen, und das Schöne bedankte sich bei dem Starken mit klugen Reden, die aus allen Gebieten menschlichen Wissens zusammengesucht waren. So verlief die Unterhaltung gar belehrend für mich, und ich erfuhr nebenbei aus dem Gerede der Frau Kalbow, daß es in Deutschland Olivenbäume gibt, die an den Bächen hinwachsen, keine Früchte tragen und vom Volke Weiden genannt werden.

Am nächsten Morgen schon liefen wir den Hafen von Livorno an. Wir benützten den vielstündigen Aufenthalt, um nach Pisa zu fahren, den schiefen Turm zu besteigen und das berühmte Echo im Baptisterium zu bewundern. In dreißig Minuten trug uns, als wir uns weidlich umgesehen, die Eisenbahn durch den Schatten von Pinienhainen unserem Schiffe wieder entgegen, und wir fuhren südwärts weiter. Gegen die zwölfte Stunde des folgenden Tages waren wir auf der Höhe von Ostia, und wer ein Fernglas hatte, der suchte über das Flachland der Campagna hinweg vor dem schwarzen Schatten der Albanerberge die Kuppel der Peterskirche zu entdecken.

Ich bemühte mich nicht allzusehr, das Riesendach zu finden. Denn erstens kannte ich es ja von früher, und zweitens war all mein Denken dem Vesuv zugewandt, den ich mir in voller Tätigkeit furchtbar und herrlich zu gleicher Zeit wie die Gottheit selber vorstellte. Für meine Ungeduld hatte übrigens das Schiff kein Verständnis. Der alte Kasten bummelte seinen alten Trott weiter, und es ging noch eine Nacht herum und beinahe noch ein ganzer Tag, bis das Cap Miseno in Sicht kam.

»Jetzt dürfte man schon eher den Vesuv riechen,« sagte ich zu Frau Kalbow. Sie rümpfte die Nase, hob sich auf die Zehenspitzen und sagte: »Doch, und ganz sicher, ich seh' ihn auch schon. Bemerken Sie nicht, da links am Fockmast vorbei eine lichte Stelle, nicht größer zunächst wie ein Feigenblatt? Aber passen Sie wohl auf, der Lichtpunkt wird wachsen.«

Und er tat es auch, und als wir näher kamen, war es das Leuchtfeuer der Insel Procida.

»Da haben Sie Ihren Vesuv,« sagte ich zu Frau Kalbow. »Wollen Sie ihn nicht ins Handtäschchen packen und mit nach Weinheim nehmen?«

»Ich hab' ihn schon, und denken Sie nur: in der Nase. Hören Sie doch, wie ich niesen muß.«

Sie nieste in der Tat, und ich sagte »Gesundheit«; aber ich hätte das Wort noch hundertmal wiederholen können, denn andere Passagiere fingen gleichfalls zu niesen an, und ich muß wohl annehmen, daß es Nasen gibt, die, empfindlicher als die meine, bereits den Lavastaub merkten, der über den Wassern in der Luft schwebte.

Während wir noch schäkerten und uns gegenseitig neckten, machte sich am östlichen Horizont von Zeit zu Zeit ein Aufleuchten bemerkbar, wie das Wetterleuchten eines heranziehenden Gewitters.

»Walli, du kannst mich dauern, so unbeschirmt wie du nach dem Süden gereist bist,« sagte Herr Kalbow, »bis wir vom Schiff nach dem Hotel kommen, ist dein neuer Hut dir vom Kopf hinweggeschwommen. Ich habe soeben den ersten Tropfen Regenwasser ins Gesicht bekommen.«

»Ich auch. Aber ich glaube, die Tropfen sind nur das Kondenswasser aus dem Schornstein.«

Mit dieser glücklichen Bemerkung verscheuchte ich aus Wallis Gesicht die Angst und das Mitleid mit ihrem neuen Hut. Von da ab konnten wir drei die Blicke wieder dem Osten zukehren, wo sich hinter kämmenden Wogen ein ruhiges Leuchten wie Nordlicht über einem Fjord gelagert hatte.

Höher und breiter wurde nach und nach der purpurne Teppich, während doch in Minutenabständen hellblinkende Lichter von blau, gelb und rosa über ihn hinüberhuschten. »So wie da vor mir die Gegend,« dacht' ich mir, »muß die Welt ausgesehen haben, als der Herr das Wort gesprochen: ›Licht soll es werden.‹«

Und es wurde Licht auch um unser Schiff. Das feste Land schied sich von dem Wasser. Enger zog sich der Golf von Neapel zusammen, und man unterschied die Felsenschroffen von Capri und Sorrent. Wie Leuchtkäfer hingen an ihren Klippen die erleuchteten Scheiben menschlicher Behausungen.

Auch übers Bugspriet hinaus erschaute man jetzt ein anderes Bild. Stolz und kühn liefen zwei schwarze Linien zu einem spitzen Dreieck zusammen, über dem ein grauer Drache schwebte, der statt der Eingeweide ein ewiges Feuer in seinem Bauche wälzte. Aber nur für eine Minute stimmte dieses Bild. In der nächsten schon blühte über dem Bergesgipfel eine ungeheure Feuertulpe auf, fraß die Rauchsäule des Drachen in sich hinein und stand in allen Farben des Regenbogens erstrahlend da wie ein kristallener Kelch, aus dem nur Götterlippen den blutigen Nektar schlürfen.

Nein, wie sank bei solchem Anblick doch das kleine Ich zu einem Nichts zusammen, so winzig und unbedeutend, daß es sich kaum zu atmen getraute! Redet mit Zungen aus Höllenflammen geformt, all ihr Fastenprediger zusammen, nie werdet ihr die sündige Menschenseele so zermalmen können, wie es einzig ein solcher Anblick zu tun vermag!

Und dazu noch von Zeit zu Zelt das Grollen und Donnern aus den unheimlichen Tiefen des gefährlichen Berges heraus. War's nicht der reine Wahnsinn von unserem Schiff, daß es sich nach dem Feuerspeienden hinbewegte, statt sich von ihm zu entfernen?

Indessen, wir waren rings um uns her von Millionen von Lichtern umgeben. Ein strahlender Polyp hatte seine Arme um uns geschlungen und uns eingefangen. Lange Reihen von Gaslaternen standen stramm wie Soldaten da und beleuchteten die Kais. Der Bug knirschte gegen eine Mole, und die Laufplanke rutschte über den Schiffsrand herüber. Wie Treibholz im Bergstrom wurden die Passagiere ans Ufer geschwemmt. Dahin und dorthin verlor sich die Menge in schmale Gäßchen hinein.

Unser Trio fand in einem Hotel auf der Chiaja, wo ich früher schon war, ein Unterkommen. Mich aber duldete es nicht in den engen Räumen eines Gebäudes und wär' es ein Palast gewesen. Ich mußte ins Freie hinaus, an einen Ort hin, wo ich einen Umblick genoß und vor allem den geheimnisvollen Berg vor mir hatte. In Sprungschritten, als ob mir das Phänomen entschwinden könne, eilte ich um den Pizzofalcone herum nach der Piazza Plebiscito. Dort hinterm Königspalaste stand ich wie festgenagelt und schaute nach dem Vesuv hinüber, dem eine rotglühende Feuerstola vor der Brust hing, Vernichtung drohend den Häusern von Portici. Diese Stola, von der fortwährend wie Lämmer von der Weide weiße Wölkchen sich hinwegstahlen, war das dickflüssige Herzblut des Vulkans, Saft von jenem Safte, unter dem vor zweitausend Jahren die Städte Stabiae, Pompeji und Herculanum wie unter einem Brotteige erstickt waren.

Allgewaltig ist der Anblick der entfesselten Naturgewalten. Und doch des Menschen Herz gewöhnt sich an alles! Während die empörte Woge ihm übers Gesicht leckt, schläft im Mastkorb der Matrose. Wenn der Vesuv Feuer speit, lacht der Neapolitaner erst recht. Die Zigarette zwischen die Lippen gedrückt, geht er schäkernd mit seinem Schatz spazieren. Der Lazzarone pfeift, und ein Dudelsackbläser verdient sich ein paar Soldi mit seinem Gewimmer. Nicht einmal die Grisetten in ihrem Erwerbsbestreben werden von dem drohenden Höllendrachen am Berge drüben erschreckt. Eine aus der Zunft mit goldenen Reifen in den Ohrläppchen hat sich an mich herangebirscht und flüstert mit Sirenentönen: »Signore, Signore, la camera mia è vicina.«

Als ich ins Hotel zurückkam, saßen Herr und Frau Kalbow noch bei einer Flasche weißen Capriweines, und die Dame ließ sich folgendermaßen vernehmen: »Hören Sie, Doktorchen, man soll hier in der Stadt so billige Handschuhe zu kaufen kriegen. Daß Sie mir nur den Fritze nicht vor die Tore schleppen, bevor dies Geschäft allhier erledigt ist.«

Die gute Frau hatte am nächsten Tage Ruhe vor mir. Mich zog es hinweg nach den Ruinen von Pästum hinunter. Früh umfuhr ich den Vesuv und tat gut daran. Da waren meine Lungen noch nicht zugestaubt, denn heute zum ersten Male sollt' ich erfahren, was es bedeuten wollte, wenn einst die kranke Mutter sagte: »Macht, Kinder, keinen Staub und laßt doch nicht die Lampe rußen, kaum kann ich's noch erschnaufen.«

Schon bei den Granilis war die Luft mit gepulverter Asche erfüllt. Bei Greco war's, als ob man nur ins Himmelblaue zu greifen brauche, um sich Streusand aus der Luft zu holen. Der Geruchsinn war verschwunden, und hören tat man schon gar nichts mehr. Keuchend wie durch Schneewehen hindurch arbeitete sich die Maschine auf dem Bahndamm weiter. O, wie so schneckenmäßig langsam lief der Zug der Station La Cava entgegen! Hier wo der Apennin seine Berge wie Kulissen schützend gegen das Meer vorschiebt, verschwand das aschgraue Einerlei von den Fluren, und Grün trat wieder hervor auf Wiesen und Wald. Heil uns Reisenden! Auf dem Wege zum Paradies hatten wir die Vorhölle hinter uns gebracht. In tiefem Tale geht's gegen Salerno vor und bald sahen wir, wie die altberühmte Universitätsstadt ihre Türme und Häusergiebel im blauen Azur des Tyrrhenischen Meeres spiegelt. Zur Rechten wird's nun flach, während zur Linken die baumlosen Ausläufer des Apennin sich in die Ebene stürzen. Nicht lange mehr und schon sieht man die Silhouetten alter Griechentempel aus dem Boden steigen.

»Paestum« heißt es vor einem armseligen Bahnhof, und ich als einziger verlasse den Zug. Ist es denn möglich? Kann eine Stadt und eine Gegend, die einst wegen ihrer Rosenzucht weltberühmt gewesen, derartig vereinsamen? Noch stehen ohne Dach in ernster Würde die dorischen Tempel da und noch die meterbreiten Stadtmauern, die einst das lustige Völkchen der Sybariten umzirkelten. Aber wo ist am Tore der Wächter, wo in den Basiliken der Priester, wo auch nur der Hund, der einst vor jeder Haustür wachte? Das einzige lebende Wesen, das ich zwischen den Ruinen sah, war ein Mutterschwein, das einen Hofstaat von Ferkeln hinter sich nachzog. Wie sich's geziemt, bewohnen diese Hochwohlgeborenen einen kostbaren Stall, zu dem vielleicht einmal ein Phidias und Ageladas die Ornamente geliefert haben. Sein Erbauer war allerdings ein Kunstbanause; denn regellos hat er rohe Feldsteine neben Marmorbruchstücke von antiken Helmen gesetzt und Kniee von Göttinnen neben Kiesel, die der Silarus auf seinem Wege vom Gebirg herunter leidlich geschliffen und poliert hat.

Wer frohen Mutes ist, soll von Pästum fernbleiben. Ich beneide nicht die Hirten, die im Sumpfland dort den Büffel hüten, ja nicht einmal dies Mutterschwein trotz seinem kostbaren Palaste und der fröhlichen Schar seiner Epigonen. Eine schwere Melancholie brütet heute über den Trümmern dieser vordem so lustigen Stadt, und wenn's der Trübsinn allein nicht fertigbringt, daß er einem das Leben verleidet, so helfen ihm Tausende von kleinen Stechfliegen, die ihren Stachel wie eine Impflanzette gebrauchen, um einem die Malaria ins Blut zu drängen. Hinweg von diesen Trümmern verfluchter Zeiten!

Mit meinen Reisegenossen war verabredet, daß wir uns in Salerno wieder zusammenfinden sollten. Es klappte bei meiner Rückreise alles, und in einem Zweispänner ging die Fahrt nach Amalfi weiter. Im Hotel Sirene fanden wir ein gutes Unterkommen für die Nacht, und der nächste Morgen brachte einen unvergleichlich schönen Sonnenaufgang über dem Tyrrhenischen Meere und seinen berühmten Inselchen. Obwohl ich das Schauspiel so bequem wie möglich vom Bette aus genießen konnte, so trieb mich der Hunger nach Schönheit gleichwohl auf die Terrasse. Im Schatten eines Rebganges nahm ich da mein Frühstück ein, derweilen auf der Straße unten ein Mauleselgespann vorfuhr. Als Herr Kalbow sich zu mir gesellt und seinen Kaffee getrunken hatte, hätten wir wegfahren können, wenn, ja wenn – Frau Kalbow zur Stelle gewesen wäre.

»Fritze, sieh, wo deine Frau bleibt,« schnurrte ich heraus.

»Gleich wird sie da sein. Das Zimmermädchen hat nur an ihrem Kleid noch einiges zu putzen.«

»Der Himmel sei uns gnädig! Das Zimmermädchen wird das Nähmädchen suchen, diese den Hausdiener und der das Benzin. Bis alles zusammen ist, wird der Lavastrom erkaltet sein, der vom Vesuv niederhängt. Was stellen wir nun an, daß wir deine Frau zu uns herunterbringen?«

»Ich werde ihr sagen, der Prinz von Neapel käme mit seinem Stabe vorübergeritten, und du sollst sehen, in zwei Minuten ist sie da.«

Fritze ging, und richtig: in zwei Minuten war Walli auf der Terrasse. In der einen Hand hatte sie ein Opernglas, durch das sie den Prinzen zu beobachten gedachte, und in der andern ein Aquarell, das sie offenbar soeben vom Oberkellner erstanden hatte. Ihre Freude an dem billig erhandelten Kunstwerk war groß, und ich muß gestehen, es war eine Schöpfung von erstaunlicher Vielseitigkeit. Auf den ersten Blick glaubte man auf dem Karton die blaue Grotte zu erkennen. Drehte man den Pappdeckel herum, so stellte er einen Eisbär dar. Von links besehen, erschien er einem als der Dom von Mailand, und von rechts als eine Mannheimer Dreschmaschine. Das war allerdings eine Akquisition, die mit dreißig Franken nicht zu teuer bezahlt war.

»Nun aber aufpassen, daß uns das Juwel während der Reise nicht gestohlen wird. Es werden in Deutschland die Museumsdirektoren sich danach die Sohlen von den Schuhen laufen,« sagte ich.

»Werd' ich auf den Schoß nehmen,« bemerkte Fritze.

Frau Walli aber entschied: »Wird hinter uns ins Verdeckleder gesteckt,« und so geschah's, als wir gleich darauf abfuhren, ohne den Prinzen von Neapel gesehen zu haben.

Die Gegend von Amalfi nach Sorrent ist zu schön, als daß man außer ihr noch etwas anderes beobachten könnte. Bald geht der Weg auf hochgespannter Brücke über eine Meeresbucht hinüber, bald bohrt er sich eigensinnig mitten durch einen Felsen hindurch. Unter einem schaukeln Fischerboote auf blauer Meerflut und über einem klettern Geißen über lorbeerumgrünte Felszacken. Kurzum, es gibt so viel zu bewundern, daß man darüber das Aufpassen verlernt. So war denn auch, als wir auf der Cantoniera dei due golfi ankamen, unser berühmtes Aquarell glücklich aus dem Verdeck herausgeklaut. Fritze und Walli sahen für einen Augenblick einander drohend an, dann wandten sie die Augensterne voneinander ab, und es sah aus, als ob die Eheleute nie mehr im Leben einander ansehen wollten. In diesem Augenblicke fühlte ich die Wohltat des Alleinreisens, so wie ich sie seinerzeit am Rhonegletscher gefühlt hatte, und ich machte mich unter Wonneschauern von Glückseligkeit über eine Flasche Wein und Gorgonzolakäse her, den eine glutäugige Wirtin mit klingelnden Ohrringen herbeigeschleppt hatte. Aber selten ist der Mensch ganz glücklich.

So wurde denn auch meine Freude hier in diesem Erdenparadies durch Netze gestört, die hinterm Hause aufgestellt waren. Sie hatten den Zweck, die Zugvögel abzufangen, die von der Reise übers Mittelmeer ermüdet hier ankommen und beim ersten Versuch, ihre Füße auf den Boden zu setzen, der menschlichen Arglist zum Opfer fallen. Eine ganze Anzahl der lieben Sänger lag getötet vor den Netzen und verleidete mir den Aufenthalt an einer Stätte, die sonst aussieht wie ein Stück Himmel, das auf die Erde niedergefallen ist.

Da Fritze und Walli wegen des Bildes noch immer schmollten, so war es ausnahmsweise einmal an mir, die großen Töne zu reden. Ich kommandierte also den Vetturino ans Fuhrwerk und ließ mich an seiner Backbordseite auf dem Bocksitz nieder.

Die Straße fällt von hier ab beständig über Sorrent hinweg nach Castellammare hinunter. Zwischen uralten Ölbäumen hindurch streift der Blick aufs blaue Meer und auf den Kranz von Villen und Städten hinunter, die vom Cap Miseno über Camaldoli hinweg sich hinziehen, bis der rauchende Vesuv im Hintergrunde das unvergleichliche Panorama abschließt.

Als ich mich an der Gegend sattgesehen hatte, sah ich mich nach meinen Reisegenossen um. Sie saßen noch immer grollend nebeneinander. Um sie zu versöhnen, langte ich über mich in einen Olivenbaum hinein und brach einen mit Früchten reich beladenen Zweig herunter. Beide griffen sie danach. Dabei müssen ihre Hände sich berührt haben, und alles war auf einmal wie bei Hans und Liese wieder gut.

In Castellammare entließen wir unseren Fuhrmann und benützten zur Fahrt nach Neapel die Straßenbahn. Wir hatten noch Zeit, unsere Koffer zu packen und uns nach dem Hafen zu verfügen. Mit Sonnenuntergang fuhr der Dampfer ab, der uns nach Palermo bringen sollte. Der kleine Seelenverkäufer zerrte unruhig an seiner Ankerkette, als wir über die Laufplanke gingen, und das Meer spielte mit Seetang und allerlei Unrat, den es vom Grund heraufgeholt hatte, um unseren Kiel herum. Das waren keine Vorzeichen für eine glückliche Fahrt. Die Gesellschaft der Mitreisenden war auch nicht erstklassig, zumal da so an zwanzig Abruzzenräuber an einer langen Kette zusammengeschmiedet im Zwischendeck verstaut worden waren. Frau Kalbow schüttelte den Kopf und sah so aus, als ob sie lieber in Neapel geschlafen hätte, als auf dem Meere. Ihr Mann aber knöpfte den marineblauen Rock zu und sagte gleichmütig: »Komm's, wie's will.« Da auch ich seiner Ansicht war, so hatten wir die Majorität und fuhren los mit dem Schiff oder das Schiff mit uns.

Solange wir im Golf waren, gestaltete sich alles noch erträglich. Als wir aber Capri und die Punta Campanella hinter uns hatten, ging's los. Der kleine Dämpfling warf sich wie eine Forelle im Gebirgsbach von einer Seite auf die andere. Die Maschine ächzte, als ob sie am Verenden wäre, und als noch gar aus der Küche heraus Töpfe und Gläser widereinander klirrten, klang's wie ein wahrhaftiges Sterbegeläute um unsere Ohren.

Und doch waren wir noch nicht beim Schlimmsten angelangt. Als wir gegen Mitternacht in die Nähe der liparischen Inseln kamen, wo der Stromboli seine glühende Rauchsäule nach den Sternen warf, da entfaltete erst das Meer all seine Tücken. Von unten herauf stieß es gegen den Kiel, hob bald das Vorder-, bald das Achterschiff aus den Wassern und dazu brüllten die gefangenen Räuber im Zwischendeck wie eine ganze Hölle voller Verdammten.

Wo Herr Kalbow und seine Frau waren, wußte ich nicht. Ich hatte nur so eine ungefähre Ahnung davon, daß sie sich in eine Kabine versteckt haben könnten, um der Welt zu verbergen, wie erbärmlich es um sie bestellt sei. Ich selber vermochte mich kaum auf den Füßen zu halten, wollte mich aber um alle Welt auch nicht in eine Kabine einschließen. So kauerte ich mich denn auf dem Verdeck in der Nähe der Maschine hin und ließ mir von der Kesselwand den Rücken wärmen, während mir die Kniee in einem eisig kalten Nordwind schlotterten.

Endlich, endlich wich die sternenlose Nacht dem Tage und im Vorblick zeigten sich die scharfen Formen des Monte Pellegrino, nachdem ein ersehntes Leuchtfeuer früher schon ins Meer hinaus uns gegrüßt hatte.

Gerne verließ ich das Schiff, und doch betrat ich das Land hinwieder mit einem geheimen Grausen. Eine Art von Hautgout hängt an der Insel. Fast glaubt man einen gewissen Fäulnisgeruch noch heute zu verspüren von den Tagen der sizilianischen Vesper her. Und gleichwohl: Palermo ist eine schöne Stadt und was hinter ihm liegt, die Conca d'oro, ist ein Eden. Die Fahrt nach Monreale hinauf ist mit das Schönste, was einem die Erde bieten kann. Mehr sage ich nicht, denn nie wird das Wort auch nur annähernd das beschreiben können, was dem Auge hier geboten wird! Der Versuch ist tausendmal schon vergeblich gemacht. Wozu soll ich meine Tinte vergeuden?

Drei Tage weilten wir in Palermo. Dann ging es über Cefalù auf Messina los. Zu meiner Rechten hatte ich im Kupee den schlafenden Herrn Kalbow, zu meiner Linken das klippenreiche Tyrrhenische Meer, während vor mir lang ausgestreckt Frau Kalbow auf dem Sofa lag. Bei soviel Schönheit im Gesichtsfeld wußte ich manchmal nicht, wohin ich die Blicke richten sollte. Und weil ich es nicht wußte, schloß ich die Augen und schlief auch ein Weilchen.

Die Sonne hatte sich gedreht und stach mir wie ein Brennglas ins Gesicht. Ich wurde wach und hatte einen verteufelt unangenehmen Geruch in der Nase. Was war das nur? Es roch, als ob eine Petroleumquelle in der Nähe wäre. Sollte das mit dem Ausbruch des nahen Stromboli auf den Liparen da drüben in einem Zusammenhange stehen?

Ich sah mich im Abteil nach allen Seiten um. Was war nur das? Aus dem Netz herunter fiel alle Augenblick ein dicker Tropfen und zerplatzte auf der Hüfte meiner Reisegenossin. Lag übrigens da oben nicht mein Rucksack und da drinnen eine Flasche mit Odol? Mag der Teufel alle Drogisten holen! In Weinheim hatte mir von diesen einer ein Mundwasser verkauft mit einem Patentverschluß über der Flasche »extra für das Reisen eingerichtet«, so hatte er versichert. Da hatt' ich's nun. Der Extraverschluß war extra aufgegangen und hatte meinen Rucksack durchnäßt und die arme Frau Kalbow erst recht. Na, den Jammer will ich hören, wenn sie wird wach geworden sein! Jedenfalls will ich das Corpus delicti zuvor aus der Welt schaffen. Ich nahm das Glas und warf es beim Kap Orlando ungefähr ins Meer. Nach dieser befreienden Tat fing ich aus Leibeskräften zu schnarchen an und es dauerte denn auch nicht lange und ich hatte meine beiden Begleiter wach geschnarcht.

»Schier unglaublich. Wie doch der Doktor sägt,« hörte ich den Fritze sagen.

»Laß ihn, er wird müde sein,« erwiderte Walli gutmütig. »Aber, Mann, wonach riecht's denn hier nur so schrecklich?«

»Kann ich mir ooch nich erklären. Sollte da unter dem Boden nicht irgendeine Röhre geplatzt sein?«

Fritze schnüffelte ein wenig in den Ecken herum und schrie dann auf: »Da unter uns liegt übrigens Messina. Schüttle mal den Doktor, damit er sich hinterher einbilden kann, er hätte die Scylla und die Charybdis gesehen, denn das, was hier zum Fenster hereinleuchtet, muß wohl die Straße von Messina sein.«

Ich wurde munter und entdeckte, wir waren in der Tat für den heutigen Tag an unseren Reiseziel. Daß wir im Hotel Trinacria ein dunkles Zimmer nach einem engen Sträßchen hinaus beziehen mußten, hängt meiner Meinung nach mit den Odolgerüchen zusammen, die von Frau Kalbow ausströmten, obgleich ich mich wohl hütete, dieser Ansicht mündlich Ausdruck zu verleihen.

Am nächsten Tag durchwanderten wir die Stadt. Sie ist alt und weder sauber, noch scheint sie gesund zu sein. Die Menschen, denen man begegnet, machen zumeist einen verlebten oder krankhaften Eindruck, und nicht viel anders sehen auch die Gebäude aus. Angenehm könnt' ich es auch nicht finden, daß man fortwährend von einem Gefolge von Bettlern umgeben war. Um dieses Ehrengeleite los zu werden, fuhren wir mit einer schmutzigen Straßenbahn nach der Punta di Faro hinaus. Aber es muß uns wohl eine Depesche vorausgeeilt sein, denn als wir ausstiegen, standen zu unserem Empfange bereit an die drei Dutzend halbwilder Knaben und ungefähr gerade so viele Mädels, die wohl alle dem Teufel aus der Kiepe gefallen waren und scheinbar ohne Eltern, von Wölfen gesäugt, groß wurden. Was kann aus Italien nicht alles werden, wenn nur die Hälfte von diesen Ungewaschenen das wird, was Romulus und Remus waren. Vorläufig schrien sie alle unisono: Fame, Signore, und hielten die Hand hin, um sich eine Gabe zu erbetteln.

Der Blick vom Faro aus reicht westwärts über die Meerenge bis zur Scylla hin und nordwärts bis zu den Liparen. Ein Leuchtturm steht an diesem nördlichen Zipfel Siziliens, und sein Licht fing eben an, übers Meer hin zu blitzen, als wir uns wieder südwärts wandten. Vor uns hatten wir das offene Tor einer kleinen Kapelle, und aus dieser heraus brach ein breiter Lichtschein und beleuchtete eine Masse zumeist kröpfiger Frauengestalten, die mit Rosenkränzen in den Fingern nahten, um bei der Madonna im Pinienhaine ihre Andacht zu verrichten, denn es war Samstag heute. So häßlich das Weibsvolk da war, eines mußte man ihnen lassen: Sie hatten gute Stimmen, und als ihr Ave Maria purissima sine peccatis concepta über Land und Meer hinschallte, war ich so ergriffen von der Macht des Gesanges, daß mir die Tränen in die Augen traten.

Auf der Rückfahrt war die Straßenbahn schrecklich überfüllt. Da aber Frau Kalbow noch immer stark nach Odol duftete, so gähnte um uns drei herum eine erwünschte Leere.

Wie üblich besuchten wir in den folgenden Tagen das Theater, einige Gotteshäuser und den Kirchhof. Von letzterem, der hochgelegen ist, hat man einen entzückenden Ausblick über die Meerenge hinüber nach dem Aspromonte. Schade, daß die meisten, die nach dem Campo santo kommen, in Särgen reisen und geschlossene Augen mitbringen.

Abgemalt könnte ich mich wohl an tausend Jahre in Messina aufhalten, aber so mit den Bedürfnissen des Kulturmenschen am Leibe war ich zufrieden, daß es bald wieder südwärts ging der Küste entlang, dem berühmten Theater von Taormina entgegen. Die kleine Stadt liegt auf schroffem Felsen hoch überm Ionischen Meer. Seine Eisenbahnstation heißt Giardini, und da verließen wir drei den Zug. Das erste, was passierte, war, daß Herr Kalbow einem Literaten in die Arme lief. Der muntere Herr hatte irgendwo im Lande Italia seinen Namen in die Präsenzliste eines Kongresses eingetragen und war dann ausgerissen nach Sizilien herüber. Sehr befriedigt war er von seinem Ausflug nicht. Er klagte über die Heimtücke des Regengottes, der ihm während eines dreiwöchigen Aufenthaltes in Taormina hartnäckig den Anblick des Ätna verweigert habe, und er riet uns, schleunigst wieder abzureisen. Ich bestand darauf, daß wir trotz allem und allem hinausmüßten und machte mich, um alle weiteren Erörterungen abzuschneiden, auf den Weg. Er ist lang und steil, aber er führte zu einem Fürstenschlosse empor, dem Hotel »Castello a mare«. Es war schon dunkel, als wir, von einem feinen Nebelregen stark angefeuchtet, in den mit Kronleuchtern erhellten Speisesaal traten. Ein kurzes Abendessen, und ich suchte mein Schlafzimmer auf. Es lag nach dem Meere hinaus und hatte einen kleinen Balkon. Die Brandung mußte unmittelbar unter meinen Füßen liegen. Ich hörte, wie sie gegen den Felsen donnerte, aber ich sah sie nicht. Himmel und Erde war von einem grauen, naßkalten Schleier verhüllt. »Zu ärgerlich wäre es doch, wenn uns die Wetterlaune hier an dieser Stelle gerade einen Possen spielen sollte.« Mit diesem dunkeln Gedanken stieg ich in die blendende Weiße eines tadellosen Bettes hinein und schlief alsbald.

Nach einigen Stunden wurde ich wach. Aber welch' ein Wechsel in der Szenerie! Ein silbernes Licht hatte das ganze Zimmer gefüllt. Hell glänzten mir die Vorhänge entgegen, so hell, daß ich die Arabesken der Stickereien unterscheiden konnte. Ein Satz, und ich stand im Nachthemd auf dem Balkon. Das erste, was ich sah, war über mir ein Vollmond so groß, wie ich ihn nie vor mir gesehen, und merkwürdig genug, unter mir schwamm der gleiche goldglänzende Schild auf den Wellen des Meeres. Drüben aber, durch ein Tal von mir geschieden, da gleißte ein ungeheurer Bergesriese, von silbernem Lichte umflossen und auf dem Haupte eine schneeweiße Kappe. Der Ätna war es, der erderschütternde Vulkan, der vorzeiten Lavaströme von sich ausgeschickt hatte, die siebzig Kilometer von seinem Gipfel entfernt das Meerwasser noch zum Kochen gebracht hatten. Heute aber war er friedlich, der Allgewaltige, und über seinem Scheitel kreiste nur ein leichtes Wölkchen so, als ob der Bergesalte ein Knasterpfeifchen rauchte. Ja, er sah sogar etwas spöttisch und lächelnd aus, und er schien sich zu verwundern, wie so mit einem Male ein langaufgeschossener Germane im Nachthemd gar da drüben auf den Balkon käme. ›Was machen die Deutschen?‹ schien er fragen zu wollen, ›liegen sie noch immer auf der Bärenhaut?‹

»Weit gefehlt,« gab ich stolz zurück. »Sie haben die Führung der Menschheit im Sozialen übernommen. Gegenwärtig züchten sie mit Wohltätigkeitsverordnungen die vielen Allzuvielen heran.«

»Schade,« entgegnete der Riese und er warf einen forschenden Blick in die Zukunft hinein. »Ihr solltet nach Nietzscheschen Rezepten einen Übermenschen heranmästen; Ihr werdet ihn bald brauchen können.« Und er zog ein weißes Gewölk um sein Haupt und war für mich unsichtbar geworden.

Ein Frösteln kam über mich. Ich fürchtete, daß ich dem Alten nicht imponiert haben könnte, und machte, daß ich ins Bett kam.

Am nächsten Morgen lag blendender Sonnenschein über Meer, Gebirg und Tal, und so ging es fort an all den Tagen, wo wir die Stadt durchstreiften, den Monte Venere erstiegen und nach dem Gestade hinunterkletterten, um die Grotte von San Giovanni aufzusuchen.

Ein Fischerjüngling mit rotem Gürtel um die Lenden und der phrygischen Mütze auf dem schwarzen Lockenhaar nahm uns in einen kleinen Nachen auf und steuerte uns mit langer Stange durch die seichte Brandung hindurch nach einem dunkeln Felsentore. Das Schifflein stieß rechts und links an die Steinkante, dann aber hob es eine geschickte Welle, und sanft und leise war es unter die schwarze Wölbung eines breiten Domes hineingeglitten. Im ersten Augenblicke sah man nicht viel. Das Auge mußte sich zunächst ein wenig an das Dunkel gewöhnen, und es mußte sich rückwärts wenden, um die Morgensonnenstrahlen zu trinken, die durch das Sandsteinportal in die Grotte drangen. Jetzt erst kleidete ein blaues Licht das ganze Innere aus und füllte das Wasser, das plätschernd unseren Nachen trug, mit einem satten Saphirschimmer, der mit spielenden Zungen am Kiele unseres Schiffleins leckte.

Unter uns aber in nicht allzugroßer Tiefe, da lag ein Teppich ausgebreitet, wie er schöner nie vom Webstuhl eines Persers heruntergekommen ist. Seesterne, Medusen, Korallen, Quallen, Muscheln lagen wie in einem Kaleidoskope bunt durcheinander, und zwischen ihnen hindurch schlängelten sich mit elegantem Körperschwunge Aale, oder krochen in träger Ruhe Hummern und Krebse hin.

Über all der Herrlichkeit schwebend, bedauerte ich zum ersten Male, daß ich als Mensch auf die Welt gekommen bin. Wahrhaftig, welch' eine Wonne muß es nicht für diese Kaltblüter sein, da zwischen den Radiolarien sich im kristallklaren Wasser herumzutreiben. Es ist nicht erlogen, mit einem Male packte mich der Gedanke, daß ich tot da unten liegen möchte auf dem weißen Meeresgrunde, umringt von all der Herrlichkeit. Hinaus, hinaus, so winkte ich dem Schiffer zu, und ich war fast froh, daß ich mich selber lebend wiederfand dem Ätna gegenüber und der Felsenmauer von Taormina. – –

»Verlassen Sie Sizilien nicht, ohne die Circumaetnea gesehen zu haben,« so predigten einem an den Straßenecken und in den Osterien die Reklameplakate entgegen. Herr und Frau Kalbow wollten nicht mit. Also mußte ich die Reise allein machen um den Vulkan herum.

Zunächst bedeutete das für mich ein frühes Aufstehen am nächsten Tage. Vor sechs Uhr schon ging der Zug von Giardini ab, und gegen zehn Uhr war ich in Riposto. Hier Routenwechsel. Beim Aus- und Einsteigen geriet ich unter viel Volk, wie es ein Markttag von den Eisenbahnen in Empfang zu nehmen und wieder zurückzugeben pflegt. Mit den Wölfen zu heulen, das war immer so mein Geschmack und gerade deshalb löste ich eine Fahrkarte der niedrigsten Klasse. Ich saß kaum auf einer der wurmstichigen Holzbänke, als in spiegelnder Sutane ein Pfarrer im Kupee erschien und einen Sack mit rätselhaftem Inhalt unter seinen Sitz schob. Das geheimnisvolle Gepäckstück lag nämlich nicht ruhig, sondern drehte sich unter der Bank hervor und rollte auf meine Füße zu. Was mag das sein, dachte ich mir, als eben aus einem Loch im Sacke ein Schweinsfüßchen hervorkam und mich belehrte, daß Hochwürden auf dem Markte Ferkel eingekauft hatte.

Er selber stand derweilen mit dem Barett auf dem Kopfe da und schob sich in jedes Nasenloch eine gehörige Prise. Als er damit zu Ende gekommen war, putzte er mit einem blauen Taschentuch die Stelle ab, auf die er sich zu setzen gedachte, und hob dann sein geistliches Gewand in die Höhe. In ganz Italien ist die niedere Geistlichkeit erbärmlich gestellt. Man wundere sich deshalb nicht, daß unter der Sutane kein weiteres Unterzeug mehr zu sehen war als das, was mit dem geistlichen Herrn und seinem Knochengestell unmittelbar zusammenhing. Gott hat den Mann so geschaffen, wie er sich uns zeigte, und auf den Schöpfer fällt die Schuld, wenn ein paar junge Mädchen von ihrem Seelsorger mehr gesehen haben sollten, als man so im Alltagsleben zu zeigen pflegt. Sie schienen übrigens an derartige Perspektiven gewöhnt zu sein. Sie erröteten weder, noch kicherten sie in sich hinein. Mehr als ihr Pfarrer und seine Kehrseite schien sie ein Harmonikaspieler zu interessieren und ein fliegender Händler, die mit eingestiegen waren und unterwegs ihre Geschäfte machten in Liedermelodien, Korallenschnüren und Hosenträgern.

Langsam und in beständigem Ansteigen fährt die Bahn von Station zu Station. Anfangs geht's durch Reben-, Feigen- und Orangenhaine.

Dann folgen ganze Haselnußwälder. Reiner und klarer wird die Luft. Man sieht in ein tiefes Tal hinunter, aber vergebens sucht man auf seinem Grund den rauschenden Bach. Sizilien ist ausgetrocknet, wie ein Weihnachtsgutsel um die Osterzeit. Auf dem vulkanischen Boden kommt nur ein magerer Graswuchs fort, während andererseits die genügsame Kaktusfeige in ihrer Verwendung als Gartenzaun über Mannshöhe hinaus in die Lüfte wächst.

Leute steigen aus und andere ein. Sonderbare Erscheinungen sind unter diesen Reisenden. Da ist einer mit einem wahrhaftigen Räubergesicht unter einem zerrissenen Schlapphut. Seine Kleidung besteht aus einigen Lumpen, über die er eine Kuhhaut gehängt hat. Mit trotzigem Gesicht hat er sich niedergelassen, und zwischen die halbnackten Schenkel hat er ein Gewehr gestellt. Der Schaffner kommt und bemüht sich mit allen Zeichen einer tiefen Devotion dem Gentleman ein Billett zu verkaufen. Er begegnet nur einem ärgerlichen Kopfschütteln mit einem drohenden Griff nach dem Gewehrkolben, als seine Liebesmüh anfängt, lästig zu werden. So ein Schaffner auf der Cirumaetnea muß ein horrendes Einkommen haben, wenn die Gefährlichkeit seines Berufes mit Gold aufgewogen werden kann.

Als übrigens der Flintenträger lang genug gefahren war, verließ er den Zug.

Der Pfarrer mit seinen Spanferkeln war auch fort und ich beschäftigte mich mit den Flöhen, die ich von meinen durchlauchtigsten Mitreisenden geerbt hatte, als wir Nikolosi erreicht hatten und einen Ausblick gewannen nach den roten Bergen hin, alten Ausbruchstellen des vielzerrissenen Berges.

Von jetzt ab kam der Zug in ein besseres Lauftempo hinein. Die Route senkte sich gegen Catania hinunter, und als es Abend wurde, war ich dort. Die Verabredung stimmte auch diesmal. Mit den Kalbows traf ich im Hotel zusammen. Wir blieben über Nacht und fuhren erst am nächsten Tage weiter gegen Syrakus zu.

Syrakus ist nur noch ein Schatten von dem, was es einstens war. In einer Stunde ist man um seine Häuserhäufchen herumgegangen, während man acht Stunden brauchte, um die alte Stadt zu umschreiten. Wir drei Reisende hatten uns in einem kleinen Hotel eingemietet, das den Namen »Arethusa« trug und einer deutschen Witfrau gehörte namens Zunke. Gleich bei der ersten Mahlzeit lernten wir da einen italienischen Obersten namens Erba kennen, die höchste Militärperson, die es am Orte gab. Ich habe dem Herrn in mehr als einer Beziehung dankbar zu sein. Er hat mich am ersten Abend gleich aus einer Falle gezogen, die so geschickt aufgestellt war, daß ich voraussichtlich nicht ohne Schaden die Pfoten wieder aus den Eisen gebracht hätte. Ich war nämlich im Halbdunkel ausgegangen, um einen Barbier zu suchen. In den engen Straßen war ich unter einen Haufen halbwüchsiger Mädchen geraten, denen ich mit dem rechten Zeigefinger die Pantomime des Bartscherens vormachte. Sie schienen sofort verstanden zu haben, was ich wollte, denn es begann unter ihnen ein heftiger Kampf um meine Persönlichkeit. Die eine hatte mich am Ärmel gefaßt und wollte mich in einen Hausgang hineinziehen, die andere packte mich an der Hosentasche und deutete nach einer kleinen Winkelgasse, während andere vor meinen Augen allerlei Figuren mit den Fingern in der Luft machten. Da ich nirgends das Zunftzeichen der Haarkünstler, die goldene Schüssel sah, so war ich mißtrauisch und suchte mich den kleinen Sirenen zu entziehen, während diese wie Stechbremsen nur immer zudringlicher wurden und, ehe ich mich dessen versah, zu einem Ringelreigen angetreten waren.

In diesem Augenblick einer schier komischen Bedrängnis hörte ich eine Reitpeitsche durch die Luft schneiden und sah den Obersten Erba, wie er zornfunkelnd auf die Köpfe der Teufelsware herunterhieb, bis sie nach allen Winden zerstoben war. »Nie mehr am Abend ohne meine Begleitung auf die Straße gehen,« sagte der Oberst warnend. »Dieses minderjährige Kropfzeug da sind Angelhaken, an denen die Geheimbünde der Maffia und Camorra die Fremden zu fangen pflegen. Einen Schritt nur in einen der dunkeln Hausgänge hinein, und Sie waren von Männerfäusten erfaßt, aus denen Sie nur mit schwerem Lösegeld befreit werden konnten.«

Ich erschrak nicht wenig vor der Gefahr, der ich soeben entronnen, und nahm mir vor, mich ganz nach den Anweisungen des redlichen Soldaten zu richten, wenigstens in soweit, als sie sich auf den Abend und die Nacht erstreckten. Für den Tag freilich verließ ich mich auf meinen kräftigen Arm und einen derben Prügel. Mit letzterem zwischen den Fingern ging ich in der Frühe aus und kam am Abend zurück.

Bis man die Latomien besichtigt hat, das Ohr des Dionysos, die zerstörten Theater und die Bergfeste Euryalos ist manche Stunde vergangen. Mein Eigensinn bestand darauf, daß meine Beine einmal zum mindesten die alte Stadtmauer umschritten. Damit wird begreiflich, daß ich für Frau Zunke nicht der bequeme Gast war, der regelmäßig zum Essen kam.

So hatte ich herumirrend wieder einmal nicht nach der Uhr gesehen. Meine Blicke waren nach Seltenheiten suchend auf den Boden gerichtet, als mich ein fernes Donnern aus meinen Träumereien riß. Ich erhob die Augen, um eine drohende Wetterwand zu erspähen, und fand statt deren im Gesichtsfeld einen Kapuziner in seiner braunen Kutte.

Er kam freundlich lächelnd näher und sagte: »Es ist sehr schön hier, mein Herr,« und ich antwortete: »Ja, Pater, sind Sie zum ersten Male hier?«

»Nein,« war die Antwort. »Ich wohne in Paris, und meine Aufgabe ist es, die Klöster vom Orden des heiligen Franziskus zu inspizieren. Vor zwei Tagen war ich noch in Malta, und seit zwei Stunden bin ich hier. Aber wir werden Regen haben, ehe Sie noch die Stadt erreichen können. Wollen Sie nicht mit mir ins nahe Kloster San Giovanni gehen? Während es in der Oberwelt donnert und kracht, zeige ich Ihnen unter der Erde die Katakomben.«

Obwohl ich schon anderwärts die altchristlichen Gräberstädte gesehen hatte, und diese Gänge, wo man sie auch finden mag, immer die gleichen sind, so entschloß ich mich doch rasch zu deren Besichtigung, da sie mir hier für diesmal einen nassen Buckel ersparen konnten.

Während wir nun von einem Grab zum andern gehend ein halbes Dutzend qualmender Fackeln verbrannten, hatte sich auf der Oberwelt das Gewitter ausgetobt und ein purpurnes Abendrot spannte sich über den westlichen Himmel aus und leuchtete ab und zu durch Luftschächte in die dunkle Tiefe hinein.

»Ein schönes Wandern nach der Stadt hinunter wird es jetzt für mich werden, Pater,« hatte ich eben zu meinem gütigen Führer gesagt und wollte ihm die Hand zum Abschied reichen.

»Da sei Gott vor, daß Sie ohne Labung aus dem Convente gingen,« war seine Antwort, und er drängte mich ins Refektorium hinein, wo ein dienender Bruder bereits Wein, Käse und Brot auf den Tisch gestellt hatte. Ich ließ es mir schmecken, obwohl ich wußte, daß ein »Gott vergelt's« alles sein würde, womit ich das Kloster bezahlen konnte, und doch, wenn auch nicht dem Kloster, – dem französischen Pater konnte ich seine Gefälligkeit mit einem Gegengefallen lohnen.

Wir hatten die Arethusaquelle, das städtische Museum und darin auch das genügend betrachtet, was der Venus Kallipygos den unvergänglichen Weltruhm eingebracht hat, und strebten wieder dem Norden zu. Herr Oberst Erba gab uns das Geleite zum Bahnhof, ja, mehr noch, er stieg in Uniform zu uns ins Kupee herein.

»Werden Sie mit uns fahren, Herr Kommandant?« rief Frau Kalbow aus und klatschte fröhlich in die Hände. »O das wäre nett, zu nett!«

Der Oberst lachte nur und sagte, als der Zug eben ins Rollen kam, und er rasch ausstieg: »Ich hoffe, Sie werden noch wohltätig empfinden, daß ich mit Ihnen eingestiegen bin.«

Er ging und ein Schaffner kam und schloß unseren Wagen ab.

Wir drei sahen einander an. Wie bequem. Unser Trio war wieder allein. Ein ganzes Kupee für uns, in dem wir machen konnten, was wir wollten. War die italienische Eisenbahnverwaltung gegen alle Fremde so zuvorkommend, wie gegen uns? Das war kaum anzunehmen. Oder sollten wir als die Schützlinge des Kommandanten eine Extrawurst bekommen? Aha, da lag's vielleicht. Deshalb also war der Oberst zu uns ins Kupee geklettert, damit wir kenntlich gemacht waren. Wie dem auch sei, wir freuten uns der größeren Bequemlichkeit und dachten gerührten Herzens an den zurück, dem wir sie verdankten.

Indessen raste der Zug durchs Land.

Bei unserer Ankunft in Catania wimmelte es von Menschen auf dem Bahnsteig. In Klumpen schoben sich die Reisenden an dem Zuge auf und nieder, ein jeder bestrebt, für sich noch ein Plätzchen zu ergattern. Wir drei hatten uns ans Fenster gedrängt und in dem gemeinsamen Bemühen, ein überfülltes Abteil vorzutäuschen, die Oberkörper an die Luft gehängt. Aber plötzlich, was sehe ich denn da? Nein, ich kann mich ja nicht irren. Er ist es, mitten in einer Schar Kapuziner, der französische Prior, dessen Gast ich im Kloster San Giovanni gewesen war. Nun, ein mächtiges Winken mit den Armen, ein Rufen und Schreien, und es glückte. Wir wurden bemerkt. Die braune Herde der Ordensleute kam auf uns zu. Aber schnell jetzt eingestiegen, ehe die Räder ins Rollen kamen. Die Tür von innen aufgestoßen und den Kapuziner hereingezogen mitsamt seinem Reisesack. So, das war gelungen. Der alte Herr gab seinen Ordensbrüdern mit der Hand den Segen zum Fenster hinaus, und wir fuhren weiter in nördlicher Richtung.

Die Gesellschaft des frommen Ordensmannes war für Frau Kalbow etwas Neues, und sie gab sich alle Mühe, den herzenskalten Greis durch Belehrung etwas anzuwärmen. Erst als sie so ziemlich ausverkauft hatte, kam ich an die Reihe, den interessanten Mann zu unterhalten. Nach den ersten billigen Redewendungen fragte der Prior, aus welcher Gegend Deutschlands wir kämen. Obwohl das nicht ganz richtig, aber doch auch nicht ganz falsch war, und weil ich annahm, daß der geistliche Herr, wenn überhaupt eine deutsche Stadt, dann doch diese kennen würde, so sagte ich mit erweitertem, geographischem Gewissen: »Von Mainz.«

»Haben Sie dort studiert?« war die Gegenfrage des Paters.

»Ja, sechs Jahre lang.«

»Dann dürften Sie wohl meinen Freund Moufang kennen, den Domkapitular. Ich habe mit ihm zusammen an den Vorarbeiten zum vatikanischen Konzil gearbeitet.«

»Ich sah ihn oft, und er verkehrte in einem Hause, wo auch ich gern gelitten war.«

»Kannten Sie nicht auch den Grafen Hoensbroech? Er muß doch auch zu Ihrer Zeit auf dem Mainzer Gymnasium gewesen sein.«

»Und ob ich ihn kannte! Als einen guten Turner und flotten Schlittschuhläufer, und ich vermute, daß er auch ein begehrter Tänzer war.«

»Auch Reiter,« bemerkte der Pater. »O, er war zu allem zu gebrauchen, nur eben zum Priester nicht. Die Jesuiten haben übel daran getan, daß sie ihn nicht gehen ließen, als er aus ihrem Orden fort wollte. Dadurch, daß sie ihn hielten, ging dem Staat ein tüchtiger Offizier, ein schneidiger Verwaltungsbeamter verloren, und die Kirche hat an der Person des Grafen nichts gewonnen, übrigens wir müssen bald in Messina sein und auf dem Fährboot, das den ganzen Zug in sich hineinschluckt und über die Meerenge nach Calabrien hinüberträgt.«

Es war so weit. Die Wagen standen auf der Fähre, und wir verließen unsere Plätze, um auf dem ungeheuren Lastschiff zu promenieren und uns die berüchtigte Enge zwischen Scylla und Charybdis zu betrachten. Unsern Gottesmann hatten wir inzwischen aus den Augen verloren. Als wir ihn auf dem Calabrischen Ufer wiederfanden, hatte er auf den Polstern des Kupees für uns den Abendtisch gedeckt.

Die Mönche von Catania hatten gut für ihren Confrater gesorgt. Gebratene Hühner lagen da auf reinlicher Serviette, Schinken, Wurst und Käse. Selbst die Butter kam aus der Tiefe des Zwerchsackes herauf, als Frau Kalbow sich nach ihr erkundigte. Wir aßen gehörig und tranken dazu den berauschenden Hybleawein der Mönche von Catania und wurden lustig, obwohl wir unterwegs erfahren hatten, daß infolge der Erdbeben Brücken zusammengekracht und Tunnels eingestürzt wären.

Da es schon dunkelte, als wir in Reggio abfuhren, so stellte sich bald der Schlaf bei uns vieren ein. Doch war dieser leider nicht ungestört. Infolge der Erdbebenverwerfungen mußten wir ein paarmal umsteigen, eine Strecke laufen und dergleichen mehr, was gewiß interessant genug gewesen wäre, wenn die Nacht uns erlaubt hätte, einen Überblick über die Gegend zu gewinnen. So aber sahen wir nicht viel mehr als die Rotglut vorausgetragener Fackeln und hier und da eine in Eile zusammengezimmerte Bretterbude. Mit wie vielstündiger Verspätung wir in Neapel ankamen, vermag ich nicht mehr zu sagen. Ich weiß nur, daß wir uns noch einen Tag und eine Nacht herumtrieben und erst am nächsten Morgen weiterfuhren gegen Rom.

Als wir in die Nähe des Sacco kamen, erzählte ich dem Pater mein früheres Erlebnis bei der Brücke von Frosinone.

»Da hätten Sie allen Grund, mit mir vorher auszusteigen und im Kloster Monte Cassino oben dem Himmel zu danken für die Errettung aus Todesgefahr. Wie wär's,« fuhr er eindringlicher fort. »Ich habe nur drei Tage oben zu tun, dann fahren wir zusammen nach Rom und sind im Vatikan die Gäste des Papstes. Seine Heiligkeit ist ein Jugendfreund von mir. Als wir noch junge Kapläne waren, haben wir monatelang die gleiche Stube miteinander geteilt.«

Das war ein Anerbieten, wie es nicht an jeden Menschen herantritt. Wird man mir verzeihen, wenn ich es trotzdem ausschlug und zwar des Umstandes halber, weil ich meiner Frau versprochen hatte, mit ihr den dreißigsten Hochzeitstag in Baden-Baden zu verleben? Was wäre geschehen, wenn ich mein Versprechen nicht gehalten hätte? Ich will dem nicht nachsinnen, bedauere aber heute, daß ich mein Wort gehalten. Rheinsalm und Kälberbraten könnt ich wohl schon noch einmal mit meiner Frau zusammen essen. Mit dem Stellvertreter Gottes die Beine unter den Tisch zu stellen, ist mir nie mehr gelungen.

Doch geschehen ist geschehen. Der Kapuziner ging seine Wege und wir die unsrigen über viele tausend Kilometer italienischer Eisenbahndämme hinweg.

In Como gönnten wir uns noch einen Ruhetag und nahmen ein Diner ein in einem Restaurant am See. Frau Kalbow war überaus gut aufgelegt.

»Sie freuen sich, nach Hause zu kommen.« fragte ich über den Tisch hinüber.

»Ja und über diesen Schal hier, den mein Mann mir gekauft.«

»Fritze du?« fragte ich befremdet.

»Eben ich,« gab er zurück. »Ich mußte sie doch schadlos halten von wegen des gestohlenen Aquarells. Sie geht uns sonst nicht mehr mit.«

Trotz dem kostbaren Tuche ging Frau Kalbow nicht mehr mit. Wer sollt' es denken: Sie, die Überschäumende, Übersprudelnde trug hinter einem blühenden Äußeren den Keim des Todes in der Brust. Sie kämpfte wacker mit dem Vernichter alles Schönen, bis er, der Unüberwindliche, sie, ich weiß nicht genau in welchem Jahre, in den Sarg zwang.

»Funkenblicke seh' ich sprühen
Durch der Linden Doppelnacht.«

Niemals war das Paradies auf der Erde, wenn wir Deutschen es vor dem Jahre 1914 nicht hatten. Aus dem frommen Boden schossen die Kirchtürme heraus wie die Spargeln, und Fabrikschornsteine wie gaile Hanfstengel. Geld kam ins Land und der Arbeiter schwamm im Bier und mästete sich mit billigen Schweinerippchen. Einen Fehler freilich hatte dieses Eden, es waren zu viele Adams darin und leider auch Evas. Die Folge dieses Umstandes war ein zu rasches Anwachsen der Bevölkerungsziffer. »Wovon wollen die leben, wenn sie noch mehr geworden sind,« fragten jene sich, die am Zaune standen und durch das Laub der Bäume guckten. »Sie werden über unsere Felder herfallen, wenn sie ihren Kohl aufgefüttert haben,« gaben sie sich selber zur Antwort und wurden ängstlich. Der Furchtsame sucht immer nach einem Helfer und findet ihn leicht in einem anderen Verzagten. So waren, durch unsere Überproduktion veranlaßt, jene starken Völkerverbrüderungen entstanden, die das Vaterland wie ein eiserner Ring umspannten. Jeder Deutsche fühlte den Druck des Reifes in der Gegend seiner kurzen Rippen. Ihm war, als ob er nicht atmen könne, und das was jeder empfand, machte sich in dem Worte Luft: »So kann's nicht bleiben.« Um diesem verwegenen Diktum, das an den Grundfesten des Bestehenden rüttelte, auszuweichen, hatte ich mich mit anderen Leichtlebigen nach dem Nebenzimmer in den »Vier Jahreszeiten« zurückgezogen. Da saßen wir um den runden Tisch, rauchten, tranken und überließen das Weltregieren dem lieben Gott und jenen, die dafür bezahlt wurden. Dachte man ganz und gar einmal an die Möglichkeit eines Krieges, so stellte man sich den als einen kurzdauernden vor und seine Schlachten verlegte man hinter die Berge und hinter sumpfige Einöden, in deren Morast man den Gegner ersticken ließ. Man war eben in der langen Friedenszeit der richtige Philister geworden, der an die Allmacht des preußischen Landwehrmannes glaubte, Gott einen guten Mann sein ließ und nicht geniert sein wollte. Eine Ausnahme von der Regel dieser Musterknaben machte auch ich nicht. Ich war im langsamen Vorrücken sechzig Jahre alt geworden und hatte meine beiden Kinder versorgt. Der Sohn war in meine Fußstapfen getreten und ging hausieren mit den Kraftbrühen der Medizin. In selbstgerechter Sorglosigkeit hatte ich mich nach einer Schiffsarztstelle umgesehen und war mit dem Dampfer Scandia nach Ostasien gegangen. Noch war ich damit beschäftigt, meine Reiseerlebnisse unter dem Titel »Sechs Schwaben und ein halber« zu sammeln, als der politische Horizont sich mehr und mehr trübte. Es war klar, daß die Wolken, die Deutschland umlagerten, zu einer Entladung führen mußten.

Eher schon, als diese kam, hatte das Unglück an meiner Tür gepocht. Im Frühjahr 1914 war mein Schwiegersohn gestorben, und die Sorge für zwei Enkel belastete neuerdings meine Schultern. Wenige Monate nur, und wir hatten den Krieg. Mein Sohn war eingerufen und schwamm auf dem Schiffe »Albatroß« in den Gewässern der Nord- und Ostsee herum. Um ihm die künftige Rückkehr zu erleichtern, hatte ich seine Praxis bis zur Beendigung des Feldzuges übernommen. Diese Vorsicht war überflüssig gewesen. Er kam nicht mehr. An dem Gestade der schwedischen Insel Gotland hatte er den Heldentod und ein ehrliches Soldatengrab gefunden. Sein Name aber lebte auf und rauschte in dem deutschen Blätterwald. Hunderte von Briefen regneten nieder auf den Schreibtisch seiner Mutter und auf den meinigen. Darunter war einer, der mit den Worten begann: »Mein lieber Herr Doktor« und endigte: »Ihre Luise Happold.« Ich strengte alle meine Sinne an, um Klarheit darüber zu erlangen, wer die Schreiberin sein könne. Es half nichts. Ich mußte mich an die Entzifferung einer ziemlich undeutlichen Handschrift heranmachen. Ich tat's und stieß auf den folgenden Satz, nachdem eine Anzahl von Beileidsbezeugungen durchgelesen war.

»Erinnern Sie sich noch, wie Sie mir zu Würzburg in mein Album schrieben: ›Nun ist die Welt vom Winterschlaf umfangen.‹«

Ich griff nach meiner Stirn. Das waren ja Verse. Hatte ich mich je mit der Fabrikation von Versen befaßt? Ach richtig – in der Eichhornstraße der fränkischen Bischofsstadt, zugunsten jener Todeskandidatin, die von Meran aus meinen Hauswirten zugereist war. Hätte ich die nicht beerben sollen? Ja doch, und nun lebte sie heute noch.

Aber nun wo denn?

Da stand's ja. Zu Sachsenhausen in einer Straße, die ihren Namen von einem Musikanten herleitete, Mozart, Bach oder Wagner.

Und eingeladen war ich, die Briefschreiberin einmal zu besuchen, wenn mich mein Weg an den Main führen sollte.

Da ich bald darauf in Frankfurt zu tun hatte, so scheute ich den Gang über die Brücke nicht und fand den Todeskandidaten aus den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in leidlich guten Gesundheitsverhältnissen vor. Ich glaube, die Absicht, daß das Mädchen mir ihr Vermögen vermachen wollte, mag ihren Körper erhalten haben. Wer ein hohes Alter erreichen will, muß einen deutschen Dichter zum Erben einsetzen.

Wir sprachen viel über den unseligen Krieg und einiges wenige auch über die Literatur. Während des Geredes erfuhr meine Partnerin mit Staunen, daß der »Michael Hely,« »Die Mühle zu Husterloh« und »O domina mea« von mir verfaßt seien. Sie hatte die Bücher aus einer Leihbibliothek bezogen, und sie hatten ihr gefallen. Von wem sie geschrieben sein mochten, das hatte die Gute nicht interessiert. Der Tod meines Sohnes erst hatte ihr den Gedanken nahegebracht, daß der Student von dazumal mit dem Schiffsarzt des Albatroß in einem verwandtschaftlichen Verhältnis stehen könne. So war der Brief an mich zustande gekommen und als dessen Folge unsere nähere Aussprache.

In Weinheim hatten sich rasch die Verhältnisse geändert. Der Überschwang einer patriotischen Begeisterung war im Verlauf des Krieges einer nüchternen Sparsamkeit gewichen. Die Stadtväter fanden, daß sie mehr Spitäler gegründet hatten, als sie unterhalten konnten. So wurde das von mir verwaltete Lazarett aufgehoben, ohne daß ich um meine Meinung gefragt worden wäre. Verärgert verließ ich die Stadt, um mir einen anderen Posten zu suchen.

Durch Vermittlung meines Freundes Max Nassauer in München fand ich rasch eine ärztliche Verwendung in Schliersee. Dort zwischen den bayrischen Bergen, wo ich dem Kanonendonner von der französischen Grenze ferner war, fand ich die Ruhe wieder zum Schreiben. Lange hatte ich mich mit dem Gedanken getragen, die Gestalt meines Großvaters literarisch festzunageln. Wie ich den Alten aber auch packen mochte, immer war er mir für den Wagen zu kurz und für den Karren zu lang. Mit seinem Sohne zusammen mußte er auf den Markt gefahren werden, aber die Beiden ließen sich in einer Kiste nur schwer verpacken.

Da – es war an einem Sonntag in der Morgenfrühe – kam der erlösende Gedanke. Ich lag im Bett und ließ mein Ohr füllen von fernem Glockengeläute, das wache Träume schuf. »So, jetzt hast du ihn,« mußt ich da mit einem Male sagen und sprang mit gleichen Füßen aus den Federn. »Genau in der Pose wie der Kirchenschwänzer damals der Engelwirtin zu Waldmichelbach erschien, so mußt du ihn vor dein Publikum stellen und es wird wissen, was es an ihm hat.« Von da ab schrieb ich denn munter drauf los. Freilich, ein Jahr hat's doch noch gedauert, bis »Adams Großvater« fertig war und bis ich im Rheingau unter das vollendete Werk die Worte setzen konnte:

Zu Schliersee erdacht' ich den Roman,
Zu Schlangenbad macht' ich den Schlußpunkt dran.

Ich war nämlich in dies stille Waldtal geflohen, um ruhig arbeiten zu können. Nun, wo ich fertig, suchte ich nach neuer Tätigkeit und fand in einer Zeitung das Gesuch eines Wittener Arztes nach einem Vertreter. Ich meldete mich und wurde angenommen.

So stand ich denn am 1. September des Jahres 1917 zwischen rauchenden Schornsteinen am Ufer der kohlenschwarzen Ruhr in einer mir gänzlich unbekannten Stadt. Um mir die Orientierung zu erleichtern, suchte ich nach einer Kartenskizze und geriet in den Laden eines Buchhändlers. Hier vor einer Unmasse von Gelehrsamkeit, die in Regalen aufgespeichert war, spielte mir mein Regenmantel einen dummen Streich. Er war wie das Kleid Johannis des Täufers aus Kamelshaaren und ich hatte ihn in Peking gekauft. Ich muß zugeben, daß er etwas Exotisches an sich hatte, selbst dann noch, wenn man sich das Ideogramm wegdenkt, das der mongolische Schneidermeister an das Rockfutter genäht hatte. In den Verdacht der Spionage wäre ich aber wohl doch noch nicht gekommen, wenn nicht die Wogen politischer Erregung allzuhoch gegangen wären und wenn mir nicht eine bleichsüchtige Jungfrau gegenübergestanden hätte, die es mit ihren patriotischen Pflichten gar zu ernst nahm. Kaum hatte sich dem kleinen Racker der Gedanke aufgedrängt, daß ich ein Ausländer sei, so mußte ich auch schon Kriegsgeheimnissen nachspüren und mit dem feindlichen Ausland im Bunde stehen. Der schlaue Cherub ließ mich in seinen Büchern wühlen, verkaufte mir aber weder einen Führer noch eine Karte. Ich ging ärgerlich aus dem Geschäft und die Ruhrstraße entlang. Vor den Körben einer Obsthändlerin machte ich halt, um mir Birnen zu kaufen. Als ich eben den Geldbeutel ziehen will, legt mir ein Polizist die Hand auf den Arm. »Im Namen des Gesetzes« sagt er, »mein Herr, Sie sind verhaftet.«

»Schon wieder einmal« bemerkte ich und folgte dem Zutreiber der Gerechtigkeit ins Ratshaus hinein.

In einem öden Zimmer, das nach Handkäse und Streusand roch, saß ein schnauzbärtiger Beamter, der mich vergeblich mit seinen Blicken zu durchbohren suchte. Als dies mißlang, verlangte er mit gebietender Stimme nach dem Anblicke meines Passes. Da ich keinen hatte, so war ich schon so gut wie der Spionage überführt, und ich wurde angepfiffen.

»Er treibt sich also ausweislos im Lande herum und versucht es, Karten und sonstiges Material zusammenzukaufen und über die Grenze zu schaffen. Wie heißt er denn?«

Da ich nun gar das schreckliche Wort Karrillon noch hervorstoßen mußte, da war ich verhört, gerichtet und verdammt. »Er bleibt zunächst in Haft, bis anderweitig über ihn verfügt sein wird,« hieß es. »Oder hat er vielleicht eine vertrauenswürdige Persönlichkeit hier am Ort, die über ihn aussagen kann.«

Ich nannte die Gattin meines Chefs und bat, dieselbe telephonisch über mich befragen zu wollen. Ihr Mann war nämlich, nachdem er mich kurz instruiert hatte, nach dem Sennelager abgereist.

Der Apparat schnurrte und der Kommissar rief in den Schallbecher hinein: »Frau Doktor da?«

»Nein, ausgegangen in die Stadt« antwortete das Dienstmädchen.

»Schlimm für Sie« fuhr der Beamte mir zugewendet fort. »Haben Sie nicht etwa noch einen anderen Bekannten in der Stadt?«

»Da fällt mir eben ein, den Herrn Oberbürgermeister« entgegnete ich.

»So so, mein Herr, wollen wir also den einmal anrufen. Aber bitte, nehmen Sie Platz. Sie werden müde sein,« flötete in milden Tönen der Großinquisitor.

Als ich mich nach einem Stuhl umwende, sehe ich die kleine Buchhändlergans sitzen, die durchaus das Kapitol retten wollte und ihre Sache auch jetzt noch nicht verloren gab.

Mit spitzem Finger deutete sie nach der Keilschrift meines Mantels hin und erreichte damit, daß der Kommissar die Frage an mich richtete: »Was die Hühnerfüße zu bedeuten hätten.«

Ich sagte, es sei wohl die Reklame einer Schneiderfirma und wollte weiteres beifügen, als es aus dem Telephon erschallte:

»Bitte wer dort?«

»Dein Bundesbruder, erkennst du meine Stimme?«

»Du, Karrillon? Aber sag Mensch, warum hast du mich noch nicht aufgesucht?«

»Soll heute noch geschehen, sobald ich wieder auf freien Füßen bin.«

»Sie sind es schon mein Herr,« mengte sich unter Bücklingen der Beamte in die Unterhaltung. »Ich kann meinerseits nur bedauern, daß Sie durch den Übereifer einer Unerfahrenen in Ungelegenheiten gekommen sind.«

»Einer Unerfahrenen,« da hatte sie ihren Lohn, die kleine Papiermotte. Nun konnte sie gehn. Aber sie ging nicht, sondern sauste in Sprungschritten die Treppe hinunter, offenbar in Sorge, daß ich nachkommen und sie bei den Ohren nehmen könne. Außer dieser Belästigung erlebte ich nur gutes an der Ruhr.

Ein Jahr lang weilte ich zu Witten. Länger zu bleiben erschien mir nicht ratsam. Die Zeichen des nahen Zusammenbruchs der deutschen Front waren zu deutlich. Den einen über den andern Tag standen die Granatendreher in den Straßen und drehten – Zigaretten. –

»Warum schafft ihr nicht?«

»Wir haben keinen Strom.«

Diese Antwort war falsch. In Wahrheit fehlte es am Magneteisen zur Herstellung der Geschützmunition.

Auch Soldaten trieben sich da herum. Sie erzählten ungescheut, daß sie ohne Urlaub die Front verlassen hätten und daß sie nicht gesonnen wären, wieder ins Feld zu gehen. Es ging dem Schlusse zu. Die Begeisterung verrauscht, der Opfermut zerrieben. – – –

Die letzte Nacht vor meiner Abreise verbrachte ich im Hause des Direktors Liske. Seine Gattin und die Kinder hatten mir viel Anhänglichkeit und Liebe entgegengebracht und als ich in der Morgenfrühe am Bahnhof von den Guten Abschied nahm, war mir das Herz recht schwer. Was hinter mir lag, war mir bekannt, was vor mir drohte, durchaus gespenstisch und rätselvoll.

Zu Köln am Rhein sah ich mir den Dom noch einmal genauer von außen und innen an, wie man ein Ding betrachten mag, das dem Untergang geweiht ist. Vor achtunddreißig Jahren hatte ich die Einweihung des Wunderbaues mitgemacht. Sollte ich seine Einäscherung noch erleben?

Der Feind war im Anrücken, wer wollte prophezeien, was geschah?

Zu Bonn nahm ich Nachtquartier und besuchte den eisernen Ernst Moritz auf seiner Terrasse überm Fluß. Er hat noch immer die Hand erhoben, als ob er Deutschlands Jugend belehren wolle. Allein ich fürchte, er predigt tauben Ohren. Marx und Lassalle haben die Menge hinter sich. Das Herz ist mundtot gemacht. Die Menschen fühlen mit dem Magen.

Eine Stimme aus meinem Innern flüsterte mir beim Blick über den Rhein und nach dem Siebengebirge hin zu: »Wer weiß, bald wird es einen Deutschen Rhein nicht mehr geben. Laß dich von seinen Wogen noch einmal tragen, bevor das Banner der Alliierten von seinen Burgen weht.«

Der schmerzliche Gedanke gebar eine unruhige Nacht. Der Morgen sah mich mit meinem Gepäck auf dem Dampfer und es ging stromaufwärts. Viele Leute kamen an den Zwischenstationen mit wehenden Fahnen und Standarten an Bord. Waller warens, die zur Madonna von Bornhofen pilgerten. Wollten sie mit Gebeten fertig bringen, was mit Kanonen nicht zu erreichen war? Laut genug schrillte ihr Rufen zum Himmel hin:

»O, Maria hilf uns all'
Hier in diesem Jammertal.«

Umsonst das Beten, umsonst der Sang. Wie eine Springflut wälzten sich die Scharen unserer Feinde dem Rheine zu. Ehe sie die Ufer des heiligen Stromes erreichten, verließ ich Bornhofen, wo ich mich einige Wochen aufgehalten hatte. In Wiesbaden traf ich mit meiner Frau zusammen. Wir waren beide alt und arbeitsmüde und hofften nichts mehr von besseren künftigen Tagen. So mieteten wir uns in der Bäderstadt ein. Bis meine Frau den Umzug von Weinheim bewerkstelligt hatte, weilte ich bei meiner Tochter in Freiburg. Zwei Jahre vorher war ich auch bei ihr gewesen, aber ich hatte unruhige Nächte dort erlebt. Die Flieger von Belfort waren des öftern zum Besuch der Stadt gekommen. Der Keller war Nachtquartier geworden, das Bett ein Kohlenhaufen.

Die Nachrichten vom Vorrücken des Feindes beschleunigten meine Abreise nach meinem neuen Wohnsitz. In Weinheim machte ich eine kurze Station, um noch einmal mit meinem Freunde Platz zusammen zu sein. Alte Bekannte von den verschiedenen Stammtischen sahen sich wieder, aber mit veränderten Gesichtern. Die Augen trübe, die Stirnen umwölkt, trotz des Trompetenschalls, der von der Straße her zu uns dringt. Geschlagene Östreicher sind's, die vom Rhein ostwärts nach der Donau fluten.

Nun nicht länger zögern. Komme, was kommen mag, ich kann die Frau nicht allein in Wiesbaden lassen.

Ich eile nach dem Bahnhof. Autos flitzen an mir vorüber. Sie sehen verlebt aus ebenso wie die Männer, die in ihren Polstern liegen. Unter den Wagenachsen hervor quälen sich krächzende Töne, wie von einem Kranichzuge, der dem Winter vorausfliegt. Wohin zielt die Reise dieser verschlagenen Fuhrwerke? Eilen sie den weichenden Regimentern voraus, um ihnen Quartiere zu bereiten? Sind ihre Insassen Führer, die ihren Posten verlassen haben? Wie niederdrückend, wie undenkbar ist diese Möglichkeit nach so vielen Jahren eines beispiellos zähen Standhaltens. Aber nun nur nicht tiefsinnig werden und stehen bleiben. Immer voran, teils schiebend, teils geschoben. Die Menge drängt nach den Schaltern, nach den Bahnsteigen. Wohin wollen sie, alle diese Vergeisterten mit den flatternden Haaren und zerrissenen Kleidern? Nur an die Bahn, an diese Schlagader des Verkehrs. Man hofft auf eine bessere Nachricht aus der Ferne. Es ist ja nicht möglich, daß unsere Heere anders heimkommen als mit dem Siegeslorbeer um die Fahnen. Man schiebt sich ineinander hinein. Es entsteht eine Mauer von Menschenfleisch. Vorsichtig, um kein Unheil anzurichten, nähert sich die Lokomotive. Ich steige ein. Heppenheim, Bensheim, Zwingenberg ruft es vor den Wagentüren. Überall das gleiche Bild. Die Menge steht, staunt und gafft dem Unglaublichen entgegen.

In Darmstadt gibt es einen längeren Aufenthalt. Ob und wann ein Zug nach Mainz fährt, weiß man nicht. Ich gehe vor den Bahnhof. In langen Reihen stehen Pferde da herum, magere, struppige, abgetriebene Tiere. Traurig lassen sie die Köpfe hängen. Gewiß nicht jeder Gaul konnte glauben, daß er den siegreichen Feldherrn auf seinem Rücken durchs Brandenburger Tor tragen werde, aber daß es keiner von ihnen tat, das schien der große Gattungsschmerz zu sein. Oder war es das Strohseil im Schwanz, das sie beschämte? Hatten sie nicht durch vier Jahre hindurch alle Mühe und Gefahr ihrer Reiter geteilt und nun war dies Sklavenzeichen, daß sie käuflich seien für den Zigeuner, Milchhändler und Pferdemetzger ihr Lohn. O wie undankbar ist doch der Mensch.

Plötzlich ein Rennen nach den Einsteigehallen. Ein Gerücht geht, daß ein Zug gegen Mainz hinabgelassen werde. Man fragt nicht, welcher Zug das sei. Man steigt nur ein und ist glücklich, daß man sitzt oder steht. Ein Zufall hatte mich gut geleitet. Ich war, wo ich hingehörte, und sah nach einer Stunde bereits, wie sich die Türme der alten Bischofsstadt im Rheine spiegelten. Nur bis zum Neutor ging der Zug. Vorm Tunnel mußten alle Reisenden heraus und nun flutete es mit Kisten und Kasten in die engen Straßen hinein. Welch' ein Gedränge in den Winkeln und Gassen. Jeder schien nur dazu da zu sein, um etwas Verkehrtes zu tun. Der schöpfte Wasser mit einem Sieb, jener spannte einen Maulesel vor eine Komodschublade. Alles schien fort zu wollen und keiner wußte doch wohin. Nur die Diebe waren sich darüber klar, warum sie ihre Beine bemühten.

Auf der Brücke über den Strom war ein lebensgefährliches Gedränge. »Sie kommen und sperren den Weg nach Wiesbaden ab«, diese Losung war es, die jeden Fuß beflügelte. Und sie kamen auch, die ersten Geschütze von den zurückströmenden Heeren. Mit Mühe rettete ich mich noch in einen Wagen der Elektrischen hinein und saß am Ende dieser traurigen Reise ratlos bei meiner Frau in Wiesbaden.

Um nicht ganz im Trübsinn zu versinken, hatte ich mich an meinen Schreibtisch zurückgezogen und fing an, meine fröhliche Vergangenheit niederzuschreiben, um meine traurige Gegenwart zu vergessen.

»Michel, horch, der Seewind pfeift.«

Über ein Jahr schon hatte ich mich mit Schreiben abgemüht, da kam vom Norden herunter ein frischer Hauch für meine vertrocknende Seele. Eine Depesche aus dem Hamburger Zippelhaus bot mir eine Schiffsarztstelle an auf einem jener Dampfer, die den Gefangenenaustausch über die Ostsee hin vermitteln sollten. Nicht eine Nacht mehr schlief ich in meinem Bett. Die harte Bank eines Eisenbahnabteils war mein Lager. In Hannover trank ich meinen Frühkaffee und zum Mittag schon war ich in Hamburg angeheuert und nahm die Weisung entgegen, daß ich in Stettin den Dampfer »Regina« aufzusuchen hätte. Da dies am gleichen Tage nicht mehr ging, blieb ich bei meinem Vetter Seitz über Nacht und setzte erst am nächsten Tage die Reise fort. Gegen Mittag war ich mit meinem Koffer an der Oder. Ich nahm eine Droschke und ließ mich nach dem Hafen fahren. Den Kai entlang entzifferte ich die Namen aller Schiffe. Eine »Regina« war nicht darunter. Ich fragte nach ihr in einer Anzahl von Büros. Man kannte sie nicht.

Ich muß gestehen: Mein Glaube an die Vortrefflichkeit republikanischer Neuordnungen im deutschen Reich war durch dies Erlebnis schon stark erschüttert und wurde es noch mehr, als ich bei der Admiralität vorfahrend alle Türen schon um vier Uhr geschlossen fand. Was wollte ich da auch nur lästig fallen, ich Rückständiger, der ich das Dogma von der Heiligkeit des Achtstundentags noch nicht kannte.

Gut, um zu lernen, schlief ich noch einmal in einer Hafenschenke und sprach am nächsten Morgen wieder bei der Admiralität vor. Warum das verlodderte Institut den stolzen Namen trägt, weiß ich nicht. Seine Holztreppen waren ausgetreten und erinnerten an ein verkommenes Hotel, und seine Angestellten schienen fürs Äpfelessen bezahlt zu werden. Bei meinem Eintritt ins Büro zum mindesten schaffte niemand etwas anders. Ich stellte mich als Schiffsarzt der »Regina« vor, und erregte bei Buben und Mädels Heiterkeit. Meine Frage nach dem augenblicklichen Standort des Schiffes beantwortete man mir nach langem Hin- und Herfragen von Pult zu Pult dahin, daß ich schleunigst nach Swinemünde fahren solle, wo ich möglicherweise das Schiff vor seiner Ausreise noch antreffen könne.

»Das ist vor Nacht unmöglich, und von heut' auf morgen?«

»Nun da gehen Sie in der Stadt in ein Hotel und leben auf ungerechte Kosten. Sie sind angeheuert und fallen den Woermanns zur Last.«

Schön so! Nun wußt' ich, daß man im neuen Staat nicht kleinlich mehr dachte. Ich suchte mir zum Logieren keine Spelunke mehr aus und fuhr am nächsten Morgen die Oder hinunter und ließ mich beim Fischmarkt zu Swinemünde aufs Trockene setzen. Ich suchte eine kleine Weile den Strand entlang und fand da unter allerlei Kähnen auch mein Schiff, die »Regina«. Aber wie sah sie aus, diese Königin? So gar nicht wie Woermannsdampfer vordem auszusehen pflegten, frisch gewaschen und fein bemalt, ach ganz und gar nicht. An hundert Stellen guckte das rostende Eisen der Schiffswände durch die Ölfarbe hindurch. Verschossene Wimpel schienen nicht zu wissen, welche Farben sie zu tragen hätten, und trugen deshalb gar keine.

Meine Kammer fand ich ungeordnet, das Bett nicht gemacht, den Waschtisch beschmutzt. Von der Schiffsbemannung wurde ich mit Freundlichkeit aufgenommen und mit wahrem Heißhunger von den Wanzen, als ich des Abends zu Bette ging.

Die erste Ausreise am nächsten Morgen führte mich keineswegs an einen finnischen oder russischen Hafen, sondern mit einer Ladung Berliner Urwähler nach Pillau. Als wir das Stimmvolk ausgeladen hatten, erinnerte ich mich der Tatsache, daß schon die Karthager die baltischen Küsten des Bernsteins wegen aufgesucht hätten und wollte mein Glück probieren. Im Stillen rechnete ich mit Manschettenknöpfen oder einer Zigarrenspitze. Doch wie ich auch den Ufersand durchwühlen mochte, ich fand nichts dergleichen, vielleicht weil ich ein Pechvogel bin und mir es überall so geht. Ich entdeckte an der Goldküste keine Uhrketten, an der Elfenbeinküste keine Elefantenzähne, nur Knechte fand ich überall, so weit ich auch von der Sklavenküste entfernt sein mochte.

Wir fuhren am gleichen Tage noch leer nach Swinemünde zurück und so ging es denn noch, so lange die Abstimmung dauerte, herüber und hinüber, wobei es mir möglich war, auch einmal nach Königsberg hinaufzudampfen, bis der Tag erschien, der uns die Schwingen frei machte zu einem Fluge über die ganze Ostsee hinüber in den finnischen Busen hinein. Von jenen waldumsäumten Buchten habe ich den Romantitel »Wiljo Ronimus« heimgebracht und den Roman dazu geschrieben. Einen Verleger hat das Opus noch nicht gefunden, und so bin ich gezwungen, die Neugierigen einstweilen auf das Karlsruher Tageblatt zu verweisen, wo unter dem Titel »Briefe aus Swinemünde« alle meine Erlebnisse auf der Ostsee getreulich aufgezeichnet sind. Auch der Umstand findet sich dort, daß ich über dem Untergang der »Irmgard« einige Rippen gebrochen habe und den Seedienst aufgeben mußte. Es war dies im Herbst des Jahres 1920.

Seitdem sitze ich in Wiesbaden, unterstütze meine Frau im Haushalt, spalte Holz und übe noch gar manche Künste, zu deren Ausübung weder andere Leute noch ich selber mir vor Jahren das nötige Talent zugetraut hätten.

Mag's mir zurzeit auch an allerlei fehlen, was man des Lebens kleine Zierden nennt, an guten Freunden mangelts nicht. Viel schon haben sie mir getan, fast zuviel, zumal als sie an meinem Elternhause zu Waldmichelbach eine Tafel anbringen ließen, auf der verzeichnet steht, wann ich geboren bin. Schade, daß ein anderes Datum mir zurzeit noch unbekannt ist. Welch vollendeter Abschluß meiner Lebensbeschreibung wäre nicht erzielt, wenn ich wie der allweise Doppelkollege Johannes Dietz, weiland Barbier und Schriftsteller, hierhersetzen könnte: »Und darnach bin ich gestorben meines Alters? So und soviel Jahre.«