Aus See und Sand 

Erster Band

I.

Der junge Dorflehrer in Loagger, Tilmar Hellbeck, kam von einem Nachmittagsausgang ins Schulhaus zurück. Ein Gebäude war's, in seiner Bauart den anderen Häusern des Strandkirchdorfes gleich, einstöckig, von weit niederhängendem, dunkelbemoostem Strohdach bedeckt; nur wenig Fenster sahen darunter hervor, wie Augen unter übernickendem Haar, doch jedes aus vielen winzigen Scheiben zusammengesetzt. Nach Westen auf die Nordsee blickte keines aus, hier wie überall; von dort kam fast beständig durch das ganze Jahr der Wind, oft als Sturm, Seewasser oder Sand durch die feinsten Ritzen peitschend, und alle Dorfhäuser kehrten ihm feste Mauern zu, meistens die Rückwand der mit dem Wohnhaus zu einem verbundenen Scheune. Die fehlte jedoch dem Schulgebäude, zu dem kein Acker- oder Weideland gehörte. Nur für die winterliche Unterbringung eines halben Dutzend von Schafen befand sich ein kleiner Stallanbau an der Westseite.

Tilmar Hellbeck war von schmächtiger Gestalt und schmalem, blaßfarbigem Gesicht; seine Augen boten die Ähnlichkeit mit den Fenstern des Schulhauses, daß sein Haar Neigung trug, vom Stirnrand auf sie herunterzufallen und ihn veranlaßte, es gewohnheitsmäßig, manchmal mit einem leichten Aufruck, wieder emporzuwerfen. Das Haar gehörte der blonden Art an, doch machte es trotzdem einen dunklen Eindruck; aus der Entfernung erschien es wie vorzeitig ergraut, mußte indes täuschen, denn er stand erst in der Mitte der zwanziger Jahre, und beim Näherkommen zeigte es sich von einer mattem Stahl ähnelnden Färbung. Seine Kleidung war nicht bäuerisch, sondern städtisch, erkennbar mit einer gewissen Sorglichkeit gehalten, doch abgetragen, an Stellen beinahe fadenscheinig. Sie sprach von ärmlichen Verhältnissen, wie deutlicher noch die Magerkeit der Züge von karger Ernährung. Den Umständen gemäß war das Lehrergehalt in Loagger ein recht klägliches.

Trotzdem hatte er sich vor drei Jahren glücklich geschätzt, die Stellung zu bekommen. Durch mühevolle Arbeit und Entbehrung seiner Mutter war's ihm, der seinen Vater kaum mehr gekannt, ermöglicht worden, sich zum Volksschullehrer auszubilden. Jahrzehnte schweren Lebenskampfes waren es für jene gewesen, da sie, nach der landläufigen Benennung von »besserer« Abkunft, nicht in der Voraussicht aufgewachsen, sich und ihrem Kinde einmal mit ihren Händen den Unterhalt verdienen zu müssen. Doch Mutterliebe hatte sie ausdauernd zur Erreichung des Zieles gemacht, das sie sich für ihren Knaben vorgesteckt, ihn vor der Nötigung zu einem Handwerk zu bewahren. Wenn es ihr auch nicht möglich geworden, ihn der Überlieferung ihrer Familie gemäß auf eine gelehrte Laufbahn zu bringen, machte der Lehrerberuf ihn doch einem Bildungsstande zugehörig. Rastlos, mit eisernem Fleiß hatte er selbst gearbeitet, die Hoffnung seiner Mutter zu erfüllen, ihre Mühen und Sorgen vergelten zu können, denn sein Herz hing an nichts auf der Welt, als an ihr, wie das ihrige an ihm. Und so war's geschehen, im letzten Augenblick höchster Bedrängnis; als ihre Kräfte erschöpft zusammengebrochen, sie nicht mehr weiter gekonnt, der Hungertod ihnen ins Gesicht gestarrt, hatte die Schulbehörde ihm die durch Todesfall erledigte Lehrerstelle in Loagger übertragen. Kümmerlich war sie, aber ließ nicht verhungern, gewährte ihm das Höchste, jetzt seine Mutter, die früh Gealterte, erhalten zu können. Wie ein vom Himmel herabgefallenes Glück hatte er das Amt in dem einsamen, weltentlegenen Stranddorf übernommen; eine erste Stufe wenigstens, auf der er Fuß gefaßt, sich von ihr höher und freier weiter zu heben.

Spätnachmittag im Aprilanfang war's, und eine weiche Luft kündigte Herannahen des Frühlings. Wie der junge Lehrer, eine alte blecherne Botanisierbüchse am Band über der Schulter tragend, von seinem Ausgang zum Schulhaus zurückkam, saß Frau Margret Hellbeck, mehr weiß- als grauhaarig, auf einer Bank vor der Tür, nach Bauernfrauenbrauch altmütterlich mit den mageren Fingern an einem Spinnrocken tätig. Halb überrascht begrüßte sie den Herantretenden: »Kommst du schon wieder, Til? Ich dachte, bei dem schönen Wetter bliebest du länger aus. Der Winter war lang, da tut's wohl im Freien.«

Er antwortete: »Aber macht auch müde, man muß sich erst wieder gewöhnen. Ja, liebe Mutter, dir tut's gut hier draußen, das macht mich froh; du siehst prächtig aus.«

Das Aussehen der alten Frau war in der Tat ein gesundes, weit besseres, als es bei ihrer Hierherkunft vor drei Jahren gewesen. Sie hob den Kopf auf, doch schüttelte sie ihn zugleich und erwiderte:

»Von dir kann ich's nicht sagen, du bist blaß, und in deinen Augen sieht man nicht, daß du froh bist. Schon länger sah ich's und kann's mir wohl denken; dein junges Leben paßt nicht hierher, hat zu wenig, du hast gedacht, daß du schneller vorwärts kämst. Hättest du nicht um meinetwillen die Stelle hier angenommen, wärst du wohl auch schon weiter, aber ich bin dir ein rechter Klotz am Bein.«

Auch er machte jetzt rasch eine verneinende Kopfbewegung. »Du weißt, liebe Mutter, ich bin gern hier – um deinetwillen.« Das letzte schien er etwas unbedacht beigefügt zu haben, trachtete danach, es anders auszulegen: »Ich meine, mir kann's nur wohlgehen, wenn du gesund und rüstig bist, und dir bekommt die Luft hier besser, als in einer Stadt. Mir fällt es heute besonders auf, wie hell du aus den Augen siehst.«

Margret Hellbecks Mund hatte sich lange Jahre des Lachens entwöhnt gehabt, doch die erdrückende Bürde jener Zeit war von ihr abgefallen, und das Leben lag noch einmal vor ihr wie zu einem fröhlichen Aufstieg. Die Naturanlage ihres Gemüts mochte eine heitere gewesen sein, um die alten Lippen spielte ihr gegenwärtig ein beinahe schelmischer Ausdruck, so gab sie Antwort:

»Mir hat das linke Ohr gejuckt, und vorhin flog eine Möwe übers Dach, die rief etwas. Verstehen konnt ich's nicht, aber ich glaube, Til, es muß heute etwas Gutes für uns geben; deshalb halte ich die Augen recht auf, damit es nicht an ihnen vorbeikommen kann, ohne daß ich's sehe. Alte Weiber sind einmal abergläubisch, und ich will's doch versuchen, ob ich's nicht auch noch lernen kann, Karten zu legen und aus dem Kaffeesatz zu prophezeien.«

Nun lachte sie wirklich, ein liebes, altes Gesicht war's. Der Sohn nickte freundlich: »Das würdest du gewiß und eine weltberühmte Wahrsagerin werden, von der Kaiser und Könige sich weissagen ließen. Nur müßten wir uns erst Kaffee zum Trinken anschaffen; schade, daß er so teuer ist und aus unserer großen Zukunft deshalb nichts wird. Doch auch zum Trinken wäre er für eine frühaufstehende Frau – für ein altes Weib – besser als Milchsuppe; mir wär's ein Glück, wenn unsere Einnahme dazu ausreichte, Kaffee für dich ins Haus zu bringen, liebe Mutter.«

Das letzte klang vom Herzen her, ein zum erstenmal über die Lippen gebrachter Wunsch, dessen Erfüllung die Umstände versagten. Nun trat Tilmar auf den gestampften Lehmboden des Hausflurs; zur Linken führte eine niedrige Tür in den Wohnraum der beiden, gegenüber nach rechts lag die Schulstube von wenig Umfang. Drei kurze Bank- und Tischreihen hintereinander wiesen auf nur geringe Besucherzahl hin, dem kleinen Schulsprengel gehörten außer Loagger bloß noch zwei landein belegene Heidedörfer an. Die blankgeputzte Holzdiele legte Zeugnis von der Arbeitsamkeit und Sauberkeit Frau Margrets ab, sie hielt alles im Hause selbst imstand, wie sie auch die Wirtschaft ohne eine Beihilfe besorgte; dazu hätten die Einkünfte gleichfalls nicht ausgereicht. Auf den Schultischen lagen da und dort einige abgerissene Katechismen, Gesangbücher und zersplissene Schiefertafeln, von den am Vormittag stattfindenden Lehrstunden redend. Offenbar füllte sie nur der niedrigste Elementarunterricht aus; die Vorstellung, daß Tilmar Hellbeck, ihn erteilend, täglich lange Stunden vor barfüßigen Dorfkindern auf dem alten wackelnden Pult zubringe, einem Lebensberuf damit Genüge leiste, stimmte nicht recht mit dem Ausdruck seiner Züge und seinem Wesen überein. Unverkennbar trug er mehr in sich von natürlicher Begabungsmitgift wie durch erworbene Kenntnisse Anwartschaft auf eine höhere Tätigkeit. Wohl fehlte ihm klassische Bildung, da er kein Gymnasium zu besuchen vermocht, nur für Aufnahme in einem Lehrerseminar befähigt gewesen. Doch über die Obliegenheiten seiner hiesigen Stelle ragte er entschieden weit hinaus, hätte eher angemessene Aufgabe an einer Bürgerschule gefunden. Seine Mutter hatte recht, er mußte sich unbefriedigt fühlen und von hier fortsehnen. Aber aus Liebe zu ihr verneinte er diesen natürlichen Drang, stellte sich vollzufrieden mit seinem Aufenthalt in Loagger, um zu verhüten, daß sich in ihr ernstlich das Gefühl festsetze, ihm für sein Weiterkommen hinderlich zu sein. Das wußte sie auch, denn er war der beste, opferwilligste Sohn. Indes aus seiner Gesichtsfarbe, seinen Augen und einer Veränderung seines Wesens sprach ihr schon seit längerem, was sein Mund verschwieg.

An die Schulstube stieß ein kleines Gelaß, das er sich als Arbeitskammer eingerichtet hatte. Auf Wandgestellen, von ihm selbst aus Bretterabfällen gezimmert, standen seine Bücher, zum Teil für seine Lehrerausbildung und seinen Beruf notwendig gewesene. Doch machten sie nur die Minderzahl aus, ungefähr ein Viertel; der übrigen hätte er als Dorflehrer nicht bedurft. Allen sah man an, daß sie bei Büchertrödlern, wahrscheinlich auf Jahrmärkten umziehenden, als wertlose, von niemand mehr begehrte Ware um Groschenpreise billigst zusammengekauft seien; eine kleine Ansammlung von alten, schlechtgedruckten geographischen, historischen, naturgeschichtlichen Leitfäden und Lehrbüchern war's, fast alle aus dem vorigen Jahrhundert stammend. Ebenso ein Dutzend Bändchen mit schönwissenschaftlichem und poetischem Inhalt, herausgerissene Hefte aus den Schriften Herders, defekte früheste Ausgaben Schillerscher und Goethescher Gedichte, ein anfang- und schlußloses Stück von Wielands Oberon. Für alles miteinander hätte ein Antiquar schwerlich einen Taler zum Ankauf aufgewendet.

Auch die nicht von den Büchern eingenommenen Gestellbretter waren, wenngleich andersartig, doch ebenso dicht besetzt oder richtiger belegt. Verschiedenartige Steine vom Strand, Muscheln, getrocknete Seesterne lagen darauf; zwei kleine besondere Abteilungen enthielten vom Wasser ausgeworfene Petrefakten und ein paar aus Kieseln zurechtgefertigte Messer und Pfeilspitzen der Steinzeit. Sämtliche Gegenstände befanden sich geordnet, mit Blättchen versehen, die zum Teil eine Aufschrift zeigten, zum Teil leer waren. Einen Bord füllten mehrere Stöße zwischen grauem Papier gepreßter Pflanzen, unter denen gleichfalls zumeist Namen geschrieben standen, deutsche, doch auch manche lateinische, die letzteren überall in sorgsam hergestellter Schönschrift. Keine Sammlungen wissenschaftlicher Bildung waren es, sondern die eines Ungelehrten: aber man sah ihnen Eifer an, heißes Bemühen, in ihre Gebiete einzudringen, die Gegenstände mit Namen zu bestimmen, nach ihrer Zusammengehörigkeit zu ordnen, Kenntnisse zu erwerben und zu erweitern. Nebenan stand Tilmar Hellbeck als Lehrer vor dem Pult, hier dagegen saß er als Lehrling, nur auf sich selbst und seine alten, ihm vom Zufall in die Hände getragenen Bücher angewiesen. Aus ihnen suchte er einen Wissensdurst seines Innern zu stillen, doch einem Schöpfen karger Tropfen in hohler Hand glich's. Seine kleinen dilettantischen Sammlungen boten ein ziemlich treues Abbild dessen, was er sich autodidaktisch im Kopf angesammelt hatte. Überall gebrach's ihm an Wissen und an den einschlägigen Hilfsmitteln, hauptsächlich vielleicht an richtiger, im Knabenalter nicht erworbener Schulung des Geistes. Aber heftiger Drang nach höherer Ausbildung desselben lebte in ihm, und in seinen Augen stand zu lesen, hinter der schmächtigen Stirn arbeite eine Phantasiemitgift, die ihm oft mangelnde Kenntnisse ersetzte, eine lebendige Anschauung vor den Blick bringe, wo seine Kunde nicht ausreiche.

Nun setzte er sich vor den Tisch der engen Kammer und leerte den mitgebrachten Inhalt seiner Blechbüchse auf ihn aus, einige Pflanzen mit hartem, salzdurchtränktem Blattwerk, stahlfarbig sich als überwintert offenbarend. Nur ein Kraut zeigte, eben vom Frühling aufgetrieben, schmale, hellgrüne Blättchen, doch noch ohne Andeutung eines Blütenstiels; April war's erst und unter dem nordischen Breitengrad die Knospenzeit noch nicht gekommen. Der junge Selbstlehrer nahm einen vergriffenen Band vom Gestell herunter, ein altes botanisches Handbuch ohne Titelblatt, abbildungslos, dürr-systematisch. Nach dem bemühte er sich, freilich nicht selten vergebens, seine Funde zu bestimmen, und suchte dies auch jetzt zu tun. Die kleine blütenlose Pflanze bot wenig Aussicht auf Erfolg, aber Glück kam ihm heut entgegen, so daß er nach einer Weile des Untersuchens und Prüfens zur Kielfeder griff und auf ein Blatt schrieb: »Strandnelke, Armeria maritima.« Er sprach es laut vor sich hin, doch bei dem letzten Wort den Akzent falsch auf die vorletzte Silbe legend; es ließ hören, daß er kein Latein gelernt habe, so betone, wie der Klang ihm am besten gefalle. Auf die halmartigen Blättchen schauend, sagte er nochmals laut: »Wie mag sie blühen? Ich kann mich nicht erinnern, sie gesehen zu haben.« Seine deutsche Ausdrucksweise war die eines Vollgebildeten, und die Stimme besaß einen schönen, eigenartigen Ton. Er neigte dazu, mit sich selbst zu sprechen, die Einsamkeit seiner Lebensführung hatte ihn daran gewöhnt, wohl im Verein mit der regen Tätigkeit seiner Phantasie, die das Gedachte und Gefundene, gleichsam zur Vergewisserung, gern auch dem Ohr vorhielt.

Die Vorjahrsstrandpflanzen mit den scharfkantigen und stachlichten Blättern harrten noch der botanischen Bestimmung, und er stand im Begriff, diese fortzusetzen. Doch das Licht in der Kammer veränderte sich, ward, obwohl der Tag sank, nicht dunkler, sondern heller. In einiger Entfernung fiel die abendlich schräge Sonne jetzt auf die weiße Rückwand der Dorfkirche, so daß der Abglanz in die kleinen Fensterscheiben des Schulhauses herüberspielte. Tilmar ließ den Arm mit einer zur Hand genommenen dürren Strandkarde auf den Tisch niedersinken und blickte hinaus. Eine Zeitlang, in der die Strahlen drüben auf den alten Findlingsblöcken der Kirchenmauer blinkerten; wie diese Granitsteine einmal in menschenlos-ferner Vorzeit hierher in die sonst felslose Gegend gekommen seien, wußte er, es stand auch in seinen Büchern, zwar nicht in einem gedruckten, sondern in einem geschriebenen, das sein Amtsvorgänger hier, Jasper Simmerlund, hinterlassen. Ein alter, alleinstehender Mann war's gewesen, der vierzig Jahre lang die Lehrerstelle gehabt, ohne Kinder, überhaupt ohne Verwandte gestorben, so daß der Nachfolger sein bißchen dem Staat als Erben zugefallenen Hausrat für ein billiges übernehmen gekonnt. Unter dem Nachlaß hatte sich ein dicker, grauer Pappband befunden, eine Art Chronik enthaltend, die Simmerlund in der langen Zeit geführt; wie es schien, nach seiner zeitweiligen Stimmung, war manches nur mit ein paar Worten angemerkt, anderes ausführlich berichtet. Er mußte ein einsiedlerischer Sonderling gewesen sein, der sich seine eigenen Gedanken gemacht und ihnen guten Ausdruck zu geben verstanden, jedenfalls geistig auch über seine Schulmeisteraufgabe in Loagger hinausragend. Nun lag er drüben hinter dem Erdwall, der den Kirchhof zum Abhalten des Flugsandes umgürtete, und das Rückspiegeln der Sonnenstrahlen flimmerte augenscheinlich über seinen Grabstein. Seinen jungen Nachfolger überlief's einmal mit einem leichten Schauer; es war ihm noch nie so zum Bewußtwerden, zur Vorstellung gekommen, daß der drüben Begrabene so unendliche Jahre hindurch einsam zwischen diesen Wänden gesessen, jung gewesen, alt geworden sei, sein ganzes Leben hier verbracht habe. Leiblich hatte Tilmar Hellbeck ihn nicht mehr gekannt, konnte sich kein Bild von ihm machen, nur ein geistiges aus der Niederschrift in dem graugebundenen Buch, das er schon mehrmals vom Anfang bis zum Ende durchgelesen. Doch er las gern noch wieder drin; aus allerhand kurz oder länger eingeflochtenen Dingen hatte er mancherlei ihm unbekannt Gewesenes gelernt. Auch daß die Findlingsblöcke, aus denen die Kirche gebaut worden, in einer Eiszeit von Gletschermassen hergetragen und hier abgelagert worden seien; er meinte wenigstens, daß er die Kenntnis aus den Aufzeichnungen des Alten geschöpft habe, und wohl durch den Anblick der beglänzten Kirchenmauer daran erinnert, blickte er sich nach ihnen um. Dazu sprach er wieder laut vor sich hin: »Ich glaube, von daher weiß ich's.«

Er mußte sich darüber vergewissern, sichtlich zog's seine Hand, die jetzt die dürre Karde fortlegte und sich nach einem Bord ausstreckte. Das Handschriftbuch Simmerlunds herunternehmend, schlug er es auf. Das erste Blatt von grobkörnigem Papier zeigte mit schon bräunlich werdender Tinte den Titel geschrieben:

»Hochfluten, Stürme und Unwetter, Unfälle
und Begebenheiten, die ich in Loagger
mitangesehen oder mir zu Gehör gekommen.«

Darunter stand, mit anderer Tinte offenbar in späterer Zeit erst nachgesetzt:

»Es kommt alles und geht, und ist alles eitel, als
der Prediger sagt, was der Mensch denkt und hoffet,«

Nun blätterte der junge Dorflehrer, um die gesuchte, von den Findlingssteinen der Kirche redende Stelle aufzufinden. Manchmal erstreckte eine Mitteilung sich über mehrere Seiten, oft nahm sie nur ein Stück von einer solchen ein, deren Rest unbeschrieben war. Die meisten, in Klammern vorgesetzten Inhaltsangaben lauteten: »Starke Flut – Sturm, Schiffbruch« am soundsovielten Monatstage des und des Jahres, doch auch »Feuersbrunst – Gefährlich ansteckende Krankheit – Tod durch Blitzschlag« und manch anderes wechselten dazwischen ab. Ungefähr am Schluß des ersten Viertels der Aufzeichnungen stand auf einem Blatt allein vermerkt:

»Der bisherige Pastor aus dieser Zeitlichkeit abgeschieden. Hatte sein gutgemessen Teil daran gehabt und war's wohl zufrieden. An seine Stelle ernannt Herr Hans Christian Hollesen, anher noch candidatus gewesen, zuerst hier im Amt. Hat alsbald nach seinem Antritt seine Braut als Ehefrau heimgeführt, und sind beide in unserer Kirche vom Herrn Probsten, der aus der Nachbarstadt herausgekommen, kopuliert worden. Verhoffe ich auf Fortdauer guten Verhältnisses mit dem neuen Pfarrherrn wie mit dem abgestorbenen. Es ist Gewöhnung des Menschen Wegbegleiterin, daß ihm nicht leicht fällt, sie zu missen. Aber Jesus Sirach redet: ›Ein neuer Freund ist ein neuer Wein, laß ihn alt werden, so wird er dir wohl schmecken!‹«

Tilmar Hellbecks Blick war über die zufällig aufgeschlagene Seite hingegangen; er sah noch einmal auf die Jahreszahl, rechnete kurz und sagte: »Es sind also schon über dreißig Jahre, daß Pastor Hollesen hier steht, zehnmal die Zeit meines Hierseins.«

Nun ging er seinem Zweck, zu dem er das Buch hergenommen, weiter nach, fand indes das Gesuchte nicht. Doch verweilten seine Augen hier und dort; obwohl er alles kannte, zog manches ihn zum Weiterlesen an. Ähnliche Vorgänge wiederholten sich wohl, aber der Schreiber tat's in der Abfassung seines Berichtes nicht, verlieh jedem ein besonderes und anschauliches Gepräge. So boten die häufigen Schilderungen der Wasserbedrohungen und Schiffsstrandungen doch immer etwas Verschiedenes und Neues; zwischen sie hinein indes mischten sich auch außergewöhnliche Vorkommnisse. Ein solches geriet dem Blätternden mit unter die Hand, das er las:

»(Unglücksfall.) Es sind unter diesem dato an einem Juniusmorgen in der Frühe die beiden jungen adeligen Herren, die von Kindsbeinen auf unzertrennliche Freunde gewesen, Meinolf von Rhade und Dietrich von Ulfsleben, von dem Hafen der Stadt aus, wie sie's schon zu öfteren Malen getan, jeder in einem Boot selbander auf die See hinausgefahren, um nach ihrer Liebhaberei ein Wettsegeln unter sich anzustellen, beide der Segelhandhabung und des Steuerns wohl kundig. Ist ein schöner Tag gewesen, doch gegen Mittag im Westen ein dunkles Unwetter aufgezogen, das auch wir hier besahen, da der Blitz in Kaspar Jungklauhens Kate eingeschlagen, sie vollständig niedergeäschert. In der Gewitterbö aber das Boot dessen von Rhade umgeschlagen und von selbigem nichts wieder zum Vorschein gekommen. Denn weil plötzlich schwerer Regen eingefallen und so dicht wie ein Nebel auf Bootslänge alles unsichtbar gemacht, hat auch der von Alfsleben nichts von dem Unfall wahrgenommen, erst als das böse Wetter vorbeigegangen, nirgendwo mehr das Segel seines Freundes gesehen. Vergebens nach ihm gesucht bis zum Abend, da er ganz von Kräften rückgekehrt, anerst kaum sprachfähig, zu berichten, was sich zugetragen, ohne daß er angeben gekonnt, wie es geschehen. Das Boot hat hernach Johann Altschwager auf unserer kleinen Insel Herdsand angetrieben gefunden, als er dort nach seinen Schafen gesehen. Der so in der Jugend Verunglückte war der einzige Sohn des Freiherrn von Rhade auf dem Schloß Helgerslund, des größten Gutsherrn unserer Gegend. Sagt Wohl mit Recht die Schrift: ›Denn der Reiche komm' um mit großem Jammer, und so er einen Sohn gezeuget hat, dann bleibt nichts in der Hand.‹ Und item spricht der Psalmist von unserm Leben: ›Es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.‹ Mich aber will es bedünken, der Mensch sei wie ein Korn Sandes, das nicht Macht hat, zu bleiben, wo es will, sondern an den Platz muß, wohinnen es vom Wind geweht wird.«

Diese letzte Bemerkung, mit der Jasper Simmerlund seinen Bericht über den Unglücksfall geschlossen, entsprach augenscheinlich der Anschauung seines jungen Nachfolgers nicht. Er verneinte einmal mit einer Kopfbewegung und sprach dazu: »Der Mensch muß Kraft und Mut haben, gegen den Wind anzukämpfen.« Im übrigen hatte Tilmar Hellbeck den ihm bekannten Inhalt des Blattes nur überflogen; das Geschehnis selbst, von dem es Mitteilung machte, konnte bei dem heutigen Leser keine Anteilnahme mehr wachrufen. Der im Gewittersturm Verunglückte war ihm nichts als ein fremder Mann, gleich tausend anderen, und das Datum der Aufzeichnung zeigte schon bald achtzehn Jahre darüber vergangen. Auf den nächsten Blättern folgten kurz mancherlei Mißgeschicke anderer Art; der Chronist hatte weniger Freudiges als Übles zu überliefern gefunden, oder es lag wohl daran, daß menschliches Glück selten Aufsehen und Gerede verursachte, sondern sich, einer Blüte im windgeschützten Winkel ähnelnd, in der Stille barg. Nun ließ das Buch noch unter derselben Jahreszahl, doch im Spätherbst, etwas Ungewöhnliches erscheinen, eine ganze Anzahl zusammenhängend beschriebener Seiten. Offenbar war Jasper Simmerlund angeregt gewesen, hier etwas ausführlich wiederzugeben, und es schien, daß Tilmar vom Anfang die Vermutung gehegt, darin das von ihm Gesuchte zu finden, und nur hier und da umhergeblättert habe, an diese Stelle zu gelangen. Er bückte seine Augen näher auf die manchmal ein wenig undeutliche Schrift und las:

»(Providentia.) Es ist am letzten Adventssonntag gewesen, daß Pastor Hollesen eine Predigt in seiner Weise gehalten, darin er die Ankunft des Heilandes unter den Menschen mit dem Kommen des Frühlings in Vergleich gezogen. Denn so wie dieser die Erde aus der Winterstarre erlöse, in warmen Lüften gute Saat aufsprießen lasse und die Bäume mit freudigem Blütenkleid schmücke, schmelze auch die Verkündigung des göttlichen Menschensohnes alles Eis des Hasses, der Selbstsucht, Herzensverhärtung und unlauteren Begehrens aus der Brust fort, daß sie sich zur Aufnahme des Samenkornes der Nächstenliebe, des Mitgefühls und der Rechtschaffenheit für hundertfältige Ernte bereite. Es sei der Zimmermannssohn von Nazareth die in Menschengestalt herabgestiegene und mit Menschenwort redende lichte Sonne, die am Tage seiner Geburt sich aus winterlicher Verdunklung wieder aufhebe, um ihr gütiges Werk zu beginnen. Gegen solchen, in schönem Ausdruck vorgebrachten Zusammenhalt habe ich auch nicht Einwand, doch will es mich bedünken, der Prediger hätte den Hörern deutlicher zu Gemüte führen dürfen, daß er die Person und Lehre des Heilandes nur in ein Gleichnis fasse, das ein Vorgang in der Natur ihm geeignet darbiete. Wie mich denn schon hin und wieder eine ähnliche Empfindung überkommen, daß er die göttliche Seele des Menschen für die Fassungskraft der dörflichen Gemeinde nicht immer genügsam klar von der Natur unserer leiblichen Beschaffenheit, als mit dieser außer Zusammenhang befindlich, abgetrennt halte. Worüber ich bereits früher einmal, auf der Seite 117, eine Anmerkung gemacht, bei Gelegenheit seiner damaligen Predigt, in der er der Findlingssteine, aus denen unsere Kirche erbaut worden, Erwähnung getan. Denn es steht den neueren Erforschungen nach die Hierherkunft dieser Blöcke allerdings zu der Zeitrechnung der biblischen Genesis in einem scheinbaren Widerspruch, den als nur auf einer Täuschung beruhend zu erhellen, wohl in der Aufgabe des Kanzelredners gelegen hätte. Statt dessen er nur angab, nach Berechnungen der geologischen Wissenschaft müsse jene Eiszeit vor hunderttausenden von Jahren stattgefunden haben.«

Da hatte der Lesende in der Tat das Aufgesuchte entdeckt oder wenigstens die Seitenzahl, wo sich wahrscheinlich die eigentliche Mitteilung über die Granitblöcke befinden mußte. Doch er erregte den Eindruck, inzwischen den Zweck, zu dem er das Buch vom Bord genommen, völlig vergessen zu haben, denn er schlug nicht nach der Seite 117 zurück, sondern las fort:

»Habe ich jedoch während des Anhörens der Predigt nicht solcherlei Aussetzung an ihr geübt, weil ich selber von der Wärme, die aus ihr gekommen, mit durchdrungen gewesen, sonderlich von dem Teil, in dem sie den Eltern unter den Zuhörern ans Herz gelegt, welch höchste Dankbarkeit sie dem Himmel schuldeten, wenn ihnen in gesunden, fröhlichen und wohlgeratenen Kindern ein neuer Frühling von Sonnenlicht und Blütenknospen im Hause beschert sei, sorglich darüber zu wachen, daß sie zu gutem Fruchtansatz gelangten. Denn es erklang dies aus dem Munde des Pastors Hollesen wohl anders, als wenn es sonst ein Prediger gesprochen, da jeglicher in der Gemeinde wußte, sein eigner höchster Lebenswunsch stehe nach solcher jungen Freudigkeit im Pfarrhause, doch sei ihm die Erfüllung bisher in seiner schon zwölfjährigen Ehe versagt geblieben. Es verfällt ein alter Junggeselle sonst nicht leicht auf derlei Gedanken, aber an diesem Tage habe ich mich der Vorstellung nicht erwehren können, es würde ingleichen mein Leben, wenn ihm Kinder zuteil geworden, einen anderen Inhaltskern besessen haben und nicht wie jetzt einsamem Ausgang entgegenharren. Darüber ich sinnen gemußt, bis der Pastor das Schlußgebet gesprochen und in diesem die Bitte mit vorgebracht: Wolle auch, o Herr, unsern Strand gesegnen! Mag solche Fürbitte auch aufs erste und für das Ohr von Fremden vielleicht etwas einen absonderlichen Klang besitzen, als erhoffe sie aus Eigennützigkeit das Unglück und Verderben von Mitmenschen, so ist sie doch nach Vorväterüberlieferung allzeit hier, wie an anderen Orten gleichfalls, derartig von der Kanzel vorgebracht worden und anderen Sinnes aufzufassen. Sofern sie nämlich besagt, wenn der unerforschliche Ratschluß der Vorsehung das Scheitern eines Schiffes bestimmt habe, möge gnädige Fügung den Wellen gebieten, die ihnen preisgegebene und herrenlos gewordene Ladung nicht zu verschlingen, sondern bei uns an den Strand auszuwerfen, damit sie nicht nutzlos umkomme, vielmehr den Bedürftigen helfe und zum Guten diene. Solche Bitte ist, wenngleich anders, als sie vermeint gewesen, unter obigem Dato erfüllt worden.

Denn da ich von der Kirche nach Hause gekehrt, kam bald Hinnerk Lehmkuhls ältester Junge, mein Schüler, gelaufen und rief mir aufgeregt wider seine Art zu, er hätte zusamt anderen eine Kugel aus Gold gesehen, mit der das Wasser wie mit einem Wurfball spiele, sie hervorrolle, auf der Schaummähne hüpfen lasse und wieder mit sich zurückreiße. War die Entfernung bis an den Platz, nach Norden zu, nicht weit, daß ich mitging, und sah's so aus, wie er beschrieben, daß eine Goldkugel von den Wellen her und wider gerollt werde. Die Phantasie mochte sich's auch wohl so vorstellen, als bringe die See jene wie von einer Küste Ophir zu uns, mir verhalf aber alsbald eine Erinnerung zu richtiger Erkenntnis. Denn weil ich in meiner Knabenjugend einmal nach Hamburg gekommen, ging ein Gedächtnis mir auf; ich machte den Jungens Mut, daß auch einer seine Kleider auszog, sich in das kalte Wasser hineingetraute und mit dem rotgelben Ball in der Hand zurückkam. Da war die Kugel nicht hart von Metall, sondern hatte eine weiche Schale, wie ein ganz goldheller Apfel, und ich nahm wahr, die Jungen zu belehren, es sei eine eßbare, süße Frucht aus südlichen Ländern, Apfelsinen geheißen nach dem fernen Lande Sina, eigentlich China, von woher sie ursprünglich stammen; die Schiffsmatrosen aber glaubten, ihr Name bedeute einen Apfel von Messina im italienischen Land, weil sie jetzt zumeist von dorther zu uns kommen. Der sie in den Fingern hielt, biß, als er hörte, daß sie gut zum Essen sei, in die Schale hinein, doch machte er ein Gesicht gleich einem, der Schlehen zwischen die Zähne bekommen, denn sie schmeckte nicht süß, sondern, ob das Seesalz in sie eingedrungen, oder noch von Unreife, herb und sauer. Worüber ich ihn vertröstete, es würden bald noch viele andere und bessere nachkommen, denn es müßte von einem Schiffbruch draußen auf der See her eine zerschlagene Kiste mit Apfelsinen herangetrieben sein. Doch obwohl die Jungens begierig bis zur Dunkelheit warteten und mit Möwenaugen den ganzen Strand absuchten, fanden sie nichts weiter auf, und ist merkwürdig nur der einzige Goldapfel zu uns gelangt.

Es war, wie's im Dezembermonat herkömmlich, schon seit Wochen stark böige Zeit, daß wir von manchem gehört, den Ran in ihr Netz heruntergezogen und wohl mehreren noch, deren Ab- und Untergang niemandem zur Kunde geraten. Doch ließen die Zeichen heut mutmaßen, es stehe absonders schlimme Nacht bevor, zumal auch der Mond voll ward, und es kam noch über die Erwartung hinaus. Wie wir dann in menschlicher Kurzsichtigkeit nicht verstehen, warum unser Herrgott zu Zeiten der weißgesichtigen Ran alle Macht überläßt, ihre erschreckliche Lust und Gier an hilflosen Menschengeschöpfen zu befriedigen, daß sie ihnen ihr langes Tanghaar um den Leib schlingt und mit unbarmherzigen Armen mancher Mutter und Witwe Kind und Lebensstütze den warmen Atem aus der Brust preßt. Ist freilich ein gleich mit der unerklärlichen Macht, die dem bösen Feind belassen, Menschenseelen in Versuchung zu führen, vom rechten Wege abzulocken, in seine Netze der Arglist, Lügen und Laster zu verstricken und zu verderben. Daß man die Ran wohl das Teufelsgespons heißen könnte.

So sind Weststurm und Hochflut in der Nacht miteinander losgebrochen, und als die Turmuhr zehn geschlagen gehabt, hat Matz Sengebusch Lärm im Dorf gemacht, daß nach Herdsand zu etwas in Not sein müsse. Alsbald fast alles aus den Betten heraus, wie auch ich, nach Brauch am Strand gewesen, um hinüberzusehen, doch umsonst, ob zwar der runde Mond hoch am Himmel gestanden. Aber Wind und Wasser in der Luft haben schier die Augen zugeklebt, daß man sie kaum dagegen aufmachen können.

Es war von Loagger niemand auf See, so daß keiner sich in Angst und Sorge befunden, vielmehr nach einer Weile die Meinung aufgekommen, Matz habe sich geirrt, und einer lachend gesagt, daß er wohl im Traum gelegen. Blieb er aber dabei, daß er Hilfegeschrei gehört, wie er noch einmal hinausgegangen, um zu sehen, ob sein Boot fest sei, und Sönne Ewers, der die schärfsten Augen im Dorfe hatte, stand ihm bei: ›Gott verdamm mich, da is wat, awer kennen kann't de Düwel nich.‹ Es ist solches Fluchausstoßen nicht löblich, vielmehr sündhaft, und Pastor Hollesen und ich eifern gleicher Weise dawider. Doch wer niemals in solcher Nacht am Strande gestanden, weiß nicht, was das Heulen in der Luft, der fliegende Gischt und die Spannung von Auge und Ohr über die Zunge fahren lassen, daß solcher es leicht schlimmer achtet, als es gemeint wird. Denn es ist Matz Sengebusch sonst ein braver und gottesfürchtiger, Mann, und hat auch Pastor Hollesen, der daneben gestanden, ihn nicht über den Ausruf zur Rede gestellt, sondern ihm nur im Tatsächlichen beigepflichtet: ›Ich glaube auch, es befinden sich draußen Menschen in Gefahr.‹

Da hat denn keiner mehr gegengeredet, denn es weiß ein jeder, daß der Pastor nicht unbedacht und zwecklos mit solchem Ausspruch Leben aufs Spiel setzt, und ein anderer müßte da unsere Strandleute nicht wohl kennen, der glaubte, sie bedächten sich lang, wenn's drauf ankommt, der Wut Rans Leben selbst von unbekannten Menschen aus den Händen zu reißen. Mag vielleicht auch die Aussicht, sich einen kleinen Lohn und Gewinn für ihr ärmliches Dasein einzubringen, mit dazu beitragen, daß sie keine Furcht kennen, aber im Augenblick der Not wirkt dieser Gedanke wohl nur unwissentlich bei ihnen mit, und es ist zuvörderst das Gebot der hilfsbereiten Nächstenliebe, daß sie mutig ihr eigenes Leben daransetzen läßt. Solche Samenkörner hat freilich Pastor Hollesen, ob ich sonst auch nicht in allem mit ihm einverstanden bin, fleißig unter seiner Gemeinde ausgesäet.

Es ist aber in der Nacht und überhaupt ihnen für ihre Mühsal keinerlei Eintrag an irdischem Hab und Gut zuteil geworden, sondern der Verlauf also gewesen. Von einem gestrandeten Schiff haben sie und niemand hernach etwas zu Gesicht bekommen, dagegen mit ihrem Hilfsboot so ziemlich noch im letzten Augenblick mitten in der Vorbrandung ein Boot und Mannschaft von einer Schonerbark gerettet, die weit draußen in See aufgestoßen oder sonst Leck gekriegt und rasch mit Sinken gedroht. Noch ein anderes Boot von ihr, drin sich auch der Kapitän und Steuermann ausgesetzt, ist der Wahrscheinlichkeit nach alsbald bei der groben See gekentert, nirgendwo eine Spur davon ans Land gekommen. Es wirft die Welle die einen hierhin, die anderen dorthin und bekümmert sich mitnichten, ob zum Leben oder zum Tod.

Wir haben wohl an die drei Stunden dagesessen und gewartet, es bedeutet das eine lange Zeit, wenn Mütter und Frauen nicht wissen, ob ihre Söhne und Ehemänner aus dem höllischen Orgelspiel von Wind und Wasser wieder zurückkommen, hält auch das gläubigste Vertrauen auf den Beistand des höchsten nicht immer dabei zu Ende aus. Aber mir ist laut vom Mund geklungen, wie wenn ich den Gesang in der Kirche anzustimmen gehabt: Ehre sei ihm in der Höh'! Denn dann sahen wir das Hilfsboot, gleich als ob ein schwarzer Buttskopf durch den Schaum und Sprühgischt heranschnaubt, bald hoch aufgehoben, bald wie weggetaucht, und so warf's die alte fauchende Seekatze mit ihren Tatzenhieben wie eine Maus, mit der sie spielte, wieder zu uns her. Auf den ersten Blick wohl dreimal so voll, als es abgefahren, denn acht Mann hatten sie mit Haken und Tauwerk aus der Brandung lebendig zu sich hereingeholt. Sahen die aber jetzt mehr wie vom Knochenmann schon mit der dürren Hand Angepackte aus, nach der Erfahrung, daß der Mensch seine Kraft wohl anspannen kann, solange er um sein Leben kämpft. Doch wenn es dabei über seines Leibes Vermögen gegangen und ihm im Letzten wider Verhoffen noch Beistand geworden, fällt er zusammen, als ob der Tod ihn bereits zu fest im Arm gehalten, daß er ihm nicht mehr wegzureißen gewesen. So lagen die Geretteten, lauter Matrosen in wassertriefenden Öljacken und Lederhosen, weil sie nicht selber mehr die Hände zu rühren gehabt, von Erschöpfung, Kälte und Nässe gleich im Frost starrgliedrig Gewordenen da; mehrere waren in Schlaf gefallen, aus dem sie nicht zu wecken, daß man sie tragen gemußt, die anderen gingen taumelnd, wie vom Trunk von Sinnen Gebrachte, nebenher.

Da aber das Schulhaus am nächsten war, habe ich angeordnet, sie zu möglichst baldiger Erwärmung hierherzuschaffen, und sind sie alle auf den Boden in die Schulstube gelegt, der Ofen geheizt und schnell Wasser kochend gemacht worden. Während welcher Bedachtnahme ihnen allmählich die Gliedmaßen gleichsam aufgetaut und ihr Blut wieder zu fließen angefangen, wozu dann gut mitgeholfen, daß ich seit Jahren für alle Fälle eine Flasche St. Thomasrum aufbewahrt gehabt, die ein Freund mir als geborgenes Strandgut zum Geburtstagsgeschenk verehrt. Und habe ich im stillen dem Schöpfer einen Lobpsalm gesprochen, daß er uns arme Kreaturen mit solchem Labemittel für Leibesnöte bedacht, denn da ich mit Maßen, nicht zu viel, doch auch nicht zu wenig, damit der Zweck nicht verfehlt werde, von dem Rum zu dem heißen Wasser geschüttet, auch des besseren Geschmacks halber die richtige Menge von Zucker hinzugetan und von dem Kesselinhalt so den Verfrorenen zu trinken gereicht habe, sind sie in Bälde alle wieder zu sich gekommen, daß sie aufgerichtet zu sitzen vermocht, zu sprechen und zu fragen begonnen. Wobei sie auch Kraft gewannen, ihre Gläser und Tassen erstaunlich schnell auszuleeren, daß man kaum hätte glauben sollen, es seien dieselben Leute, die eben zuvor noch ausgestreckt dagelegen, als ob ihnen der letzte Atemzug vom Munde gehe. Solch ein Unterschied der Einwirkung auf die menschliche Natur ist zwischen dem salzigen Seewasser und dem anderen, das ich ihnen durch die Zähne gebracht, und war ingleichem der Anblick der Schulstube in der Nacht absonderlich verschieden von demjenigen, den sie sonst bei Tage darbietet, wenn die Anfänger der Lese- und Schreibekunst beiderlei Geschlechts mit ihren Katechismen und Schiefertafeln auf den Bänken dasitzen.«

Tilmar Hellbeck wandte einmal die Augen von der Handschrift ab und ließ einen Blick durch die offenstehende Kammertür in die Schulstube hineingehen. So ausschließlich nur trockner Betrachtung, Amts- und Lebensführung hingegeben, mußte Jasper Simmerlund hier zwischen diesen Wänden seine Tage nicht verbracht haben; ähnlich wie aus dem Palimsest einer Mönchschrift schimmerte durch die Zeilen der letzten Seite fast ein bißchen schalkisch eine Hindeutung hervor, daß dem Schreiber seine Kundigkeit von der verschiedenartigen Wasserwirkung aus die Menschennatur nicht zum erstenmal an jenem Abend aufgegangen sein möge. Doch sein heutiger junger Nachfolger ward sichtlich nicht von solchen Gedanken berührt, sondern seiner Phantasie gestaltete sich lebendig eine Vorstellung, welchen anderen Anblick in der Nacht die Schulstube geboten habe. Hinüberschauend, sagte er laut: »Ich war damals sieben Jahre alt.« Dann bückte er den Kopf zurück und las weiter:

»Wie's gang und gäbe bei Schiffsmannschaft, waren's Matrosen aus allerlei Herren Ländern, auch solche von ausländischen Zungen darunter, ist aber einer gewesen, dem man an Haar und Augen unsere Landesart angesehen und hat auch einen Namen danach getragen, da er Henning Wittlop geheißen. Den hatte es am ärgsten mitgenommen gehabt, daß er erst als der letzte wieder zu sich gekommen, aber auch dann noch nicht recht die Besinnung gefunden, zu begreifen, wo er hingeraten sei. Er sagte nur, wie er die Augen aufgemacht: ›Wo ist's?‹ fühlte nach etwas an sich mit der Hand, redete weiter: ›Ja, ich hab's, da ist's noch‹ und machte die Augen nochmals zu. Kurz zu vermelden, dauerte es noch eine ganze Weile, eh' er so weit war, zu verstehen, was ich sprach; flog ihm dann aber einmal unvermutet mit einem Lachen vergnügt vom Mund: ›Loagger – da bin ich ja zu Haus, blos ein paar Meilen weiter davon – na, dann is es ja gut‹ Und hinterdrein, wie er einen tüchtigen Schluck aus dem Grogglas getan: ›Ja, das kann es doch noch nich trinken, sondern muß was anders kriegen, Durst hat's ja gewiß auch.‹ Und wickelte er dazu ein paar wollene Tücher von einem Bündel los, welches er bisher, auch in seiner halben Sinnlosigkeit, immer fest in einem Arm an der Brust gehalten. Dachte ich natürlich, es sei was drin von Habseligkeit, die er von Bord mitgenommen, wie die Leute nicht gerade selten kopflos nach irgendwelchen Kleiderstücken greifen, als wär's Gott weiß was für eine Kostbarkeit. War's aber noch weit Verwundersameres, denn es kam unter dem letzten Tuch das Gesicht eines ganz winzigen Kindleins zum Vorschein, schätze ich dessen Alter nach meiner geringen Erfahrenheit in solcherlei Richtung zum höchsten auf etliche Wochen. Bis zu diesem Augenblick mochte es wohl im Schlaf oder auch Bewußtlosigkeit gelegen haben, wachte nunmehr von der Befreiung aus den Decken aber auf und begann ein leises, klägliches Geschrei vom Mund zu bringen, zu dem Henning Wittkop ganz beglückt abermals lachte und sagte: ›Das is ja man gut, daß es noch schreien kann, verdenken kann man's ihm nich, denn seit heut in der Früh hat's ja nichts mehr in seinen kleinen Mund gekriegt.‹

Es stand aber der Pastor Hollesen grad' dicht daneben, wie denn viele vom Dorf mit in die Schulstube hereingekommen, und bei dem jämmerlichen Ton des Geschöpfchens fuhr er mit dem Kopf herum: ›Was ist das?‹ hörte nur noch, was der Matrose dazu sagte, und hatte dann das Kind ergriffen, ihm gegen die Nachtluft sorglich die Tücher wieder übers Gesicht geschlagen und war bereits durch die Tür fort verschwunden. Wie er denn auch danach angetan, in allen Lagen schnell das Richtige zu vollbringen, erkannt hatte, daß Eilfertigkeit not tue, das schwache Lebenslichtchen nicht auslöschen zu lassen, und es hurtig ins Pfarrhaus hinübertrug, weiblicher Fürsorge seiner Frau das hungernde Menschenwürmlein zu übergeben. Denn, wessen dieses bedurfte, war bei mir im Hause, obwohl ich durch glückliche Fügung für die anderen das Ersprießliche beschaffen gekonnt, zur Stunde nicht zu finden.«

Ein anderer Leser hätte vielleicht Anlaß gefunden, den letzten Satz wieder mit einem leisen Lächeln aufzunehmen, doch Tilmar Hellbecks Augen suchten nichts zwischen den Buchstaben, sondern sahen groß und ernsthaft drein. Er drehte nur den Kopf nach der Tür, durch die vor siebzehn Jahren Pastor Hollesen in der Nacht mit der unerwarteten Bürde davongegangen war, blickte dorthin wie einer, der in eine weite Ferne hinaussieht, und kehrte zu Jasper Simmerlunds Bericht zurück:

»Es ist alsdann der Herr Pastor binnen kurzem wieder erschienen, hat sich zu uns gesetzt und auf seine Fragen Henning Wittkop in völliger Erholung nacheinander Antwort angegeben, die ich in Kürze zusammengefaßt niederschreiben will.

›Die Schonerbark, des namens ›Providentia‹, hatte in Messina auf der Insel Sizilien Apfelsinen nach Hamburg geladen gehabt, die sie, vorweg gesagt, des Lecks halber schon gestrigen Abends zum größten Teil über Bord werfen gemußt, so daß daher, wie die Wellen es sonderbar im Sinn haben, wohl die eine allein am Mittag zu uns an den Strand gekommen. Waren sie bei guter Luft an Gibraltar vorbeigelaufen, auch noch durch die spanische See und den Kanal, danach aber hatte der Wind in dickem Nebel ihnen den Kurs versetzt, daß sie zu weit gegen das englische Nordende zu gekommen und sich nicht mehr ausgekannt. Die haarige Luft wurde den anderen Tag wohl um was dünner, doch viel half's nicht, nur so weit, daß sie um Mittag eine Brigg gewahr werden konnten, die ihnen grad' ins Fahrwasser lief. Davon erzählte Wittkop mit seinen Worten: ›Wir mußten ja meinen, sie paßten auf ihr nich auf, und da wir uns doch nich von ihr anrennen lassen wollten, drehten wir bei, obgleich's uns natürlich leid um den Wind war, denn unsere Leinwand fiel dabei fast herunter. Na, ein bißchen ging's noch, daß wir ihn weghalten konnten, aber da rief Bentien, der, wo da mit dem Grog in der Tasse sitzt: De will uns jo wul rein to Lief! und richtig, da hielt die Brigg wieder mit'n Bugspriet gradwegs auf uns los. Das war denn doch kein Spaß, sie mußten ja wie die jungen Katzen an Bord sein oder hatten alle zu viel warmes Wasser im Magen, denn verdammt frisch war's ja freilich und gönnen konnte man einem Christenmenschen wohl einen Schluck. Aber so konnt's doch nicht angehn, daß sie wie ein unklug gewordener Bulle gegen uns zulief, das hatte noch keiner von uns in seinem ganzen Leben nicht gesehen. Dick wie die Luft immer noch war, wurd's ja nicht klar, was für'n Landsmann es denn wär', bloß daß er nich viel Segel bei hatte, und in dem weißen Rahm, den es vorn vorm Bug machte, sah der höllisch schwarz aus. Und gibt's bei unsereins ja immer welche, die ihre Kopfkiste mit altem Schnack voll haben, und da rief denn auch richtig einer, das müßt' der Holländer sein, aber unser Kapitän ließ sich keine Seifenblasen machen und sagte: Der is 's nich, aber 'ne Schraube is bei ihm los und besser, Jungens, wir rammen ihn, als er uns. Denn auslassen will er uns nich, da hat was die Finger am Ruder, was nich richtig is.‹

Das habe ich aus Henning Wittkops Mund nachgeschrieben, und ist es so geschehen, daß ihnen geglückt, dem fremden Schiff mit guter Manier in Lee längsseitig beizukommen und in die Wanten hinüberzuentern. Fanden da aber auf der Brigg keinen einzigen lebendigen Menschen am Deck noch irgendwo, sondern war sie von der Mannschaft verlassen worden, nicht wahrzunehmen, aus welcherlei Anlaß, denn auf den Blick hin schien nicht gefährliche Havarie daran, aber die Bootstaue waren gekappt und niemand an Bord geblieben. ›Bloß einzig,‹ berichtete Henning, ›als wie ich die Treppe hinunter in eine kleine Koje kam, lag da eine junge schöne Frauensperson im Bett, aber so weiß von Gesichtsfarbe, daß man ihr gleich ansah, in ihr war' auch kein Leben mehr drin. Und bei ihr an der Seite lag das kleine Geschöpf, das mußt' ich glauben, war' auch ebenso tot. Kriegt einer auch im Salzwasser ja allerlei zu sehen, aber ein Schiff, worin's so zuging, war mir doch nich vor die Augen gekommen, und ich kann's wohl sagen, mir wurd's ein bißchen was gruselig dabei. Gedacht hab' ich mir nich viel und sah bloß so darauf hin, da schrein sie auf einmal oben auf'm Deck, wer unten war', sollt schnell in die Höh' kommen, und ganz genau dazu macht das Kind seine beiden Augendeckel groß auf und sieht mir darunter so blau ins Gesicht, wie's manches Mal die Ostsee tun kann. Weiter kann ich gar nichts sagen, als ich muß es ja mit den Händen gegriffen haben und mit ihm die Treppe herauf sein, denn hernach hatt' ich's bei uns an Bord. Zeit war's aber auch, daß wir wieder herüber und von der ›Thetis‹ loskamen, den Namen konnten wir bloß noch eben am Spiegel lesen. Wir hatten ja gedacht, wir schleppten sie mit, und das gab' guten Bergverdienst, aber sie muß ja doch einen bösen Schaden weggekriegt haben, denn eins, zwei, drei fing sie an, mächtig Wasser zu ziehen, und es war noch nicht mal ganz dunkel geworden, da sackte sie uns auf ein paar Kabel vor den Augen weg. Der Kapitän und die Mannschaft haben wohl gewußt, daß es nich gut anders kommen könnte, aber ich denk' meistens, daß sie's auch mit dem Aberglauben im Kopf gehabt, weil die tote Frau in der Koje lag, und nu meinten sie, vom Schiff weg, je eher desto lieber. Und an das Kind hat dabei natürlich kein einer gedacht, daß es nicht von Salzwasser leben könnt', oder sie haben auch wohl gemeint, es wär' nicht mehr lebendig und brauchte nichts anderes mehr, wie ich's zuerst selber auch geglaubt.

Es ist offenbarlich die fremde Frau, kurz nachdem sie auf der See des Kindes entbunden worden, verstorben gewesen, und mag wohl in der Tat der vielfältig umgehende Seemannsaberglaube, das auf dem Wasser Geborene gehöre der See zu und sie lasse es sich nicht nehmen, die Mannschaft getrieben haben, eilfertiger als sie's sonst getan, das beschädigte Schiff zu verlassen. So aber ist das Kind wunderbar vom Tode errettet worden, da ihm zu guter Fügung, wenn auch sonst zu unheilvoller, die Frau des Kapitäns der ›Providentia‹ sich mit an Bord aufgehalten und verstanden, den Säugling mit passender Nahrung zu bedenken. Hat sie als Lohn dafür nach dem uns verborgenen Ratschluß der Allmacht um ein paar Tage später ihren frühzeitigen Tod in den Wellen gefunden, während Henning Wittkop, gleich einem vom Himmel gesetzten Beschützer des Kindleins, dieses zum anderen Male vom sinkenden Schiff mit sich genommen und treulich behütet, so daß er es selbst in der Besinnungslosigkeit nicht aus seinem Arm losgelassen, sondern lebendigen Zustandes hierher ans Land gebracht.

Schon am anderen Tage haben sich die Schiffbrüchigen reichlich gekräftigt und erholt gezeigt, wohl betrübsam um das Ableben ihres Kapitäns und der übrigen, doch von rauher Gewöhnung und ständiger eigener Todesbereitschaft der Traurigkeit nicht lange überlassen, vielmehr alsbald wieder ihrer Lebensnötigung und ihres Berufs gedenk. Und sind sie deswegen nach der Hafenstadt aufgebrochen, um dort Verklarung abzulegen, sowie neue Heuer zu suchen, nur Wittkop einstweilen nordwärts zur Verwandtschaft in seinen Heimatsort davongegangen. Natürlich ohne das Kind mitzunehmen, da er außerstande, weiter für dasselbe zu sorgen, sondern es ist dieses, bis man seine Herstammung und Angehörige von ihm wird ermittelt haben, im Pfarrhause in Obhut verblieben.«

Damit endete der ungewöhnlich ausführliche Bericht Jasper Simmerlunds über die Strandung der »Providentia«, und die nächsten Blätter enthielten Mitteilungen von dem nachgefolgten besonders harten Winter, in dem sogar die See eine ganze Strecke weit zugefroren war, so daß man zu Fuß nach der Insel Herdsand hinüberzugehen vermochte. Doch Tilmar Hellbeck wußte, es komme im Beginn des anderen Jahres noch ein Nachtrag oder eine Wiederaufnahme des Dezembervorgangs, schlug danach um und fand auch rasch die gesuchte, an ihrer eingeklammerten Über- oder Vorschrift erkennbaren Seite:

»(Ozeana.) Alle Nachforschungen, die in betreff des von Henning Wittkop an unseren Strand gebrachten Kindes, eines Mägdleins, angestellt worden, haben zu keinem anderen Ergebnis geführt, als daß um die Zeit von Hamburg ein Schiff des Namens ›Thetis‹ ausgelaufen und nicht an seinem Bestimmungsort eingetroffen ist. Es kehrt dieser Name nicht nur häufig wieder, sondern es sind in den damaligen langen und heftigen Novembersturmwettern mehrere so benannte Fahrzeuge in Verlust geraten, daß nicht einmal hat festgestellt werden können, ob die von der ›Providentia‹ verlassen auf der Westsee angetroffene ›Thetis‹ die von Hamburg aus in See gegangene gewesen.

Was mich dessen hier nochmals Erwähnung zu tun veranlaßt, ist, daß Pastor Hollesen am gestrigen Sonntag nach dem Predigtschluß vor der versammelten Gemeinde verkündigt hat, es bestehe keinerlei Aussicht mehr, über die Herkunft des fremden Mädchens einen Aufschluß zu gewinnen, und habe deshalb er mit seiner Frau den Entschluß gefaßt, dasselbe an Kindesstatt anzunehmen, hörte wohl ein jeder an seiner Stimme dabei, daß es ihm nicht schwer gefallen, sich dahin zu entscheiden, er vielmehr über die Erfolglosigkeit aller Nachforschungen von innerlicher Freudigkeit erfüllt sei, und hat er aus dem Anlaß noch eine Rede nachgefügt, ich meine, ob auch nur kurz, doch die schönste, die ich jemals aus seinem Munde vernommen, gleich einem Predigttext und Thema voranstellend, daß er am Morgen jenes Schiffbruches im Gebet gesprochen, der Herr wolle unseren Strand gesegnen. Diese Bitte aber sei ihm selber wundersam in Erfüllung gegangen, an jenem Tage Segen in sein Haus gekommen, der ihm aus der Hand der göttlichen Providentia durch eine irdische Trägerin ihres Namens zuteil worden. Und hat er danach auch sogleich in der Kirche die Taufe des Kindes vollzogen, bei der er geredet: Das Mägdlein sei auf dem Ozeanus geboren, der es mit seinen Wellen in der ersten Wiege geschaukelt. Danach würde er es ›Ozeana‹ benennen, wenn solches ein Name im christlichen Kalender wäre. So jedoch taufe er es mit der zweiten Hälfte desselben ›Anna‹, und ist ihm, weil Henning Wittkop es zweimal vom Untergang gerettet, noch der in Friesland gebräuchliche Name ›Witta‹ mitgegeben, daß es im Kirchenbuch als ›Anna Witta Hollesen‹ eingetragen worden. Es hat, wie ich gesehen, da ich dicht daneben gestanden, bei der Besprengung mit dem Wasser die Augen, aufgeschlagen und ist von ihnen ein blauer Schein ausgegangen, wie, von einem kostbaren Stein, den ich einmal in einem Fingerring an der Hand einer fürnehmen Dame wahrgenommen; seines Namens kann ich mich nicht besinnen, hat trotz der Kälte des Wassers nicht zum Weinen den Mund verzogen, wie Täuflinge es wohl in der Gewohnheit haben, nur einmal mit dem Kopf gemacht, wie wenn es die Tropfen von sich abschütteln wolle und in den nach dem Kirchengewölbe sehenden Augen einen absonderlichen Ausdruck getragen, als ob es sich verwundert zu besinnen versuche, wo es sei und was mit ihm vorgehe.« Jasper Simmerlunds Bericht von der Taufhandlung schloß oben auf einer Seite, deren Rest er bei der Weiterführung seiner Aufzeichnungen leer belassen. Doch in späterer Zeit, wie die Tinte erkennen ließ, hatte er noch ein paar Bemerkungen darunter gefügt:

»Ist von klein auf, wie auch des heutigen Tags, ein sonderbares Kind gewesen, anders als sonstige im Aussehen, Stimme und Gang, nicht wie einer, der auf festem Boden geht, sondern sich in der Luft drüber wiege, gleich einem Strandvogel, der beim Laufen weniger die Füße als die Flügel zu gebrauchen scheint. Erinnert mich aber sonst an einen anderen Vogel, bei uns seltenen Vorkommens, den sie Pfingstvogel, Golddrossel oder auch Pirol heißen, baut nach den Jahren ab und zu sein Nest drüben in dem hohen Eichbaum des Feldholzes am Heidrand, und klingt's wie von seinen Rufton aus ihrer Stimme, wenn man sie von weitem vernimmt. Wie denn auch die Farbe ihres Haares derjenigen seines Federkleides an Kopf und Brust nahekommt, oder bei ihrem Anblick mich an den Goldapfel gedenken läßt, den die Wellen, gleichsam als sei er ein Vorbote von ihr, kurz bevor sie selber zu uns hergelangt, an unseren Strand getragen. Es benennet sie aber im Dorf kaum einer nach ihrem Taufnamen ›Anna‹, sondern mit dem, welchen Pastor Hollesen ihr beizulegen gewünscht und mit dessen Verkürzung sie im Pfarrhause Zea gerufen wird. Kann ich indes diese Benennung nach einem alten Heidengott nicht billigen, insonders da mich bedünkt, daß es ihr besser geschähe, durch Ansprache mit ihrem Taufnamen an ihre christliche Zugehörigkeit gemahnt zu werden. Doch ist sie ja freilich zurzeit noch ein unbesonnenes Kind, bei dem die Zukunft alles zum Nichtigen gestalten mag, was zu erzielen ich mich in den Schulstunden nach meinen Kräften befleißige. Weiß man sich nämlich nicht zu sagen, ob man sie ein zutunliches und aufgewecktes Kind heißen soll, von guter Gemütsbeschaffenheit, oder ein scheues, verschlossenes, mit geringen Anlagen zum Lernen, denn bald will es so bedünken und bald zum Gegenteil verwendet. Sie ist in diesem letzten Jahre nur knapp nochmals einer Lebensgefahr entronnen, da sie bei einem Unwohlsein ein Brausepulver nehmen sollen und nur durch Zufall noch eben rechtzeitig entdeckt worden, daß in dem einen Stöpselglas nicht das zugehörige Pulver enthalten gewesen, vielmehr, wie eine Untersuchung des Apothekers in der Stadt herausgestellt, eine Vermischung mit Arsenik, ob zwar niemand sich erinnern könne, daß seit langem solches Rattengift im Pfarrhofe benutzt worden.«

Es ist gleichfalls in diesem Jahre Henning Wittlop, nachdem er inzwischen noch zu häufigen Malen auf der See gefahren, in seine Heimat als ein gesetzter Mann auch mit einigem sparsam Erübrigten wiederum zurückgekehrt und hat den ledig gewordenen Posten als Strandvogt an unserer Küste überkommen, dazu die freie Wohnung im Häuschen des Verstorbenen, eine halbe Stunde von uns gegen Norden. Wie es geredet wird, daß die Landesregierung im Sinne trägt, das alte Strandrecht aus langer Vorväterzeit fortan nicht weiter in Haltung zu belassen und auch durch Vorschrift des Kirchenkonsistoriums die sonntägliche Fürbitte von der Kanzel in Wegfall zu bringen. Denn es ändert sich die Zeit, wie der Prediger Salomo spricht: ›Der Mensch weiß nicht, was gewesen ist, und wer will ihm sagen, was nach ihm werden wird?‹« –

Es war so dämmernd geworden, daß Tilmar Hellbeck das letzte kaum mehr zu lesen vermocht hatte, trotzdem schlug er nochmals um, ein Paar Augenblicke gedankenabwesend mechanisch an dem Blatt, fingernd, da es ihm dicker als die sonstigen vorkam und er statt des einen zwei gefaßt zu haben glaubte. Das beruhte zwar augenscheinlich auf einer Gefühlstäuschung oder das letzte Papierstück war von gröberer Art, doch er gelangte auch nicht zu dem Versuch, noch in dem hinterlassenen Buch seines Vorgängers weiter fortzufahren, denn durch die Schulstube her trat seine Mutter zu ihm herein. Sie hielt ihm einen Brief hin: »Den hat Jons Druswitz eben aus der Stadt für dich mitgebracht.« In den Augen der alten Frau glimmerte es dabei, sie konnte nicht zurückhalten, noch hinterdrein zu sagen: »Ich glaube beinah, Til, mir hat das Ohr heut nachmittag nicht ohne Grund gejuckt.«

Merklich wartete sie darauf, daß er den Brief lesen solle; sich vom Stuhl hebend, brach er das beträchtlich umfangreiche Siegel auf, schlug den großen Papierbogen auseinander und trat damit dicht ans Fenster. Doch schien's, als gelinge es ihm auch so nicht mehr, die Schrift herauszubringen, sein Blick senkte sich vom Oberrand des Blattes tiefer herab, aber er sah ohne eine Äußerung darauf. Enttäuscht und etwas kleinlaut sagte Frau Margret:

»Da ist's also doch nichts. Ich hatte gedacht –«

Nun drehte er halb den Kopf. »Was – was hattest du gedacht?«

»Daß etwas Gutes für dich drin sei, eine Verbesserung.«

Er nickte kurz. »Von der Schulbehörde ist's, sie bietet mir eine andere Stelle an, an einer Stadtschule.«

»Gott sei gedankt!« stieß die Alte frohlockend aus. »Siehst du wohl – auch die Möwen – und bekommst du dort mehr?«

»Ja, ungefähr das Doppelte.«

Sie schlug in freudiger Erregung die Hände zusammen: »Das ist ja ein Glück vom Himmel!«

Tilmars Hände falteten das Schreiben zusammen, daß es zwischen seinen Fingern leicht knisterte. In unrichtige Falten, so daß er's wieder ausglätten mußte und schweigend aufs neue in die rechten brachte. Dann erst antwortete er:

»Nein, eine Verbesserung bringt's nicht – wenn man nachrechnet – wir wissen's ja – wie viel teurer das Leben in der Stadt ist, schon allein die Wohnung. Aber, wenn's auch ein bißchen wäre – dir bekommt die Luft hier an der See so gut, liebe Mutter – du siehst so viel besser und jünger aus als damals, wie wir herkamen. Das macht mich froh, und darum kann's mir auch nirgendwo besser zumut sein als hier. Das wäre kein Platz für mich – wir sind's nicht mehr zwischen den engen Straßen gewöhnt – und die Strand- und Heidepflanzen hier, ich brauche noch Zeit, alle zu sammeln, kennen zu lernen und zu bestimmen, du weißt, wieviel Freude das mir macht. Nein, liebe Mutter, wir wollen auf etwas Besseres warten – das kommt gewiß auch noch – ich will der Schulbehörde natürlich dankbar antworten –«

Margret Hellbeck hatte ihrem Sohn mit einem Gesichtsausdruck völliger Enttäuschung zugehört, wußte sichtlich nicht recht, was sie erwidern solle und wolle. So brachte sie hervor:

»Meinst du wirklich, Til, daß es in der Stadt so viel teurer – etwas ist's ja wohl, aber das Doppelte – und ich fühle mich so gesund, daß ich an kein Krankwerden weiter denke. Doch du weißt es ja – verstehst es natürlich besser – denn ich hatte gedacht, du würdest mit Freuden jede andere Stelle nehmen, wenn man dir nur eine anböte. Und Pflanzen fändest du dort in der Umgegend, gewiß auch – und –«

Sie hielt einen Augenblick an, ehe sie mit ein bißchen lächelnden Mundwinkeln, denen es aber nicht wirklich drum war, hinzusetzte: »Und du sagtest vorher, wenn unsere Einnahme dazu ausreichte, wäre Kaffee für ein altes Weib besser als Milchsuppe.«

»Liebe Mutter!« Der junge Dorflehrer griff hastig mit beiden Händen nach den ihrigen. »Ja, aber – nein du irrst dich, die Pflanzen hier sind ganz andere, und ich hoffe, daß ich's so weit bringe, etwas über sie schreiben und damit so viel verdienen zu können, um uns die Ausgabe für den Kaffee möglich zu machen. Siehst du, wenn ich studiert hätte – nein, daran war ja gar kein Gedanke, beste Mutter, daß du mit deiner schweren Arbeit das hättest zusammenschaffen können – aber so muß ich suchen, durch mich selbst höher heraufzukommen – an Wissen und Bildung – dazu bleibt mir hier ganz anders Zeit, als in der Stadt, dort könnt' ich nichts als meine Unterrichtsstunden geben mit der Vorbereitung für sie. Und ich möchte, liebe Mutter – möchte es im Leben noch zu anderem bringen als zum Volksschullehrer – das ist keine Hoffart, sondern liegt mir wohl im Blut, habe ich aus deiner Familie geerbt. Darum wirst du begreifen, daß ich auf den Brief nicht anders antworten kann.«

Unverkennbar aus innerer Erregung hervor hatte Tilmar Hellbeck das stockend abgerissen und rasch zugleich gesprochen und suchte einem etwaigen weiteren Einwand seiner Mutter auszuweichen, denn er griff eilig nach seinem Hut und ging schnellen Schrittes an ihr vorbei noch wieder an den sich dunkel überdämmernden Strand hinaus.

II.

Das Dorf Loagger lag auf einer alten Dünenschwellung, die, sich mäßig abflachend, bis zur See hinunterging, Hier bedurfte es deshalb, eine ziemliche Strecke weit, keiner Schutzdämme gegen die Flut, dann indes zeigten im Norden wie im Süden wagrecht abgeschnittene, gleichmäßig ins Endlose sich verlängernde Deiche die das Ufer begrenzende Marschniederung an. Auf dieser weideten Rinder und der fruchtbare Boden trug seinen Eigentümern Wohlstand ein. Doch Loagger nahm nicht teil daran; über der Sandunterlage seines Umkreises hatte sich nur da und dort eine dünne Ackerkrume gebildet, die mageren Ertrag an Hafer, hauptsächlich aber an Buchweizen gab. Die Mehrzahl der Bewohner lebte nicht vom Feldbau, sondern vom Fischfang; von alters griffen die heranwachsenden jungen Burschen zumeist zum Schiffergewerbe, gingen als Deckjungen in die Weite, als Matrosen um die Erde, in der Hoffnung, einmal mit Zurückgelegtem in der Tasche an ihren Kindheitsstrand heimzukommen. Aber selten erfüllte sich's einem; diesem versagte es eigene Schuld, in Kneipen und bei gefälligen Schönen fremder Küsten lief ihnen der schwerverdiente Lohn leichtflüssig aus den Fingern; Wollen und Vollbringen des jungen Blutes gingen nicht Hand in Hand. Andere zog die weißarmige Ran, die immer nach jungen Männern Begierige, in ihre Arme, überall auf sie lauernd, in der Glut zwischen den Wendekreisen, wie im Eismeer, im fernen Ozean, wie dicht am. heimischen Strand. Manchmal kam nach kürzerer oder erst nach langer Zeit eine Botschaft davon, manchmal auch blieb jede Kunde aus. Vater und Mutter, Geschwister und Braut warteten umsonst, bis eines Sonntags der Pastor auf der Kanzel den Namen des Verschollenen in die Fürbitte für die nicht mehr Wiederkehrenden einflocht. Man sah den aus der Kirche Rückschreitenden an, daß der Prediger ausgesprochen, was sie selbst schon lange schweigsam gedacht. Hartes hatte er verkündigt, doch zugleich eine Last von ihnen genommen. Mit einer Träne im Augenwinkel gingen sie an ihr Tagesgeschäft, die gleichfalls harte Arbeit des Lebens fortsetzend.

Ein ärmliches und einsames Stückchen Welt war's hier mit angesiedelten Menschenleben zwischen ihren drei Eigentümern aus Urzeit, Wasser, Sand und Wind. Unveränderlich blieben sie, während die Geschlechter jenes Lebens kommend und gehend wechselten. Aber das nämliche hatten die ersten gesehen, wie das heutige, immer Tropfen, die ruhlos der Wind ans Ufer trieb, und Körner, die er rastlos am Dünenhang rollte. Und so war's ein Erdenfleck, der da und dort in einem Kopf die Vorstellung regen konnte, auch die Menschheit komme, gehe und bleibe wie Wellen und Sand. Daran mochte sich auch wohl der Gedanke knüpfen, was für jene in diesem Gleichnis der Wind sei und zu welchem Ende er sein nie endendes Spiel betreibe. Die hinterlassene Niederschrift Jasper Simmerlunds ließ aufschimmern, daß ihm hin und wieder solche Fragen gekommen und er sich Antwort drauf zu geben gesucht. Doch zugleich auch, er habe sich nicht mit ihnen abzufinden vermocht oder vielmehr sei, ehe er dazu gelangt, vor ihnen umgekehrt. Er war ein Dorfschullehrer gewesen, wohl mit stärkerem Antrieb zum Denken und weiterem Gesichtskreis, als die Mehrzahl der mit ihm auf gleicher geistiger Ausbildungsstufe Stehenden. Noch man empfand, seine Augen waren zurückgeschreckt, mit dem Blick über eine Grenze hinauszutrachten, an der er sich beschied. Und auch das ließen seine Aufzeichnungen erkennen, er hatte sich, mehr im Ungewissen Gefühl als mit deutlicher Auffassung, nicht immer in Übereinstimmung mit dem Dorfpastor Hans Christian Hollesen befunden.

Die Strohdachhäuser Loaggers lagen auf dem Dünenrücken, in ihrer Mitte und zugleich am höchsten die Kirche. Sie hob sich über ihnen auf wie ein aus starkem Felsgestein errichteter Schutzbau, dessen Mauern Beängstigten Zuflucht vor Bedrohung und Gefahr verhießen, einer Burg des Mittelalters gleich, unter deren Schirmhut sich wehrlose Landbebauer zu einer Gemeinschaft zusammengetan. Wollte man den Vergleich weiterbilden, so war Pastor Hollesen der Burgherr, um dessen Burgfried seine Hörigen hausten.

Dem Wind und dem Sand konnte er nicht gebieten, sie besaßen älteres Bodenanrecht als er. Auch an der Westseite des Kirchhofswalles häufte der erstere unablässig Korn auf Korn, eine schräge Böschung anschwellend, um den Sand über den Oberrand des Schutzdeiches hinüberzuwälzen. Als Pastor Hollesen nach Loagger gekommen, hatte er einmal gestanden und dem Weiterschritt dieses Vorganges zugesehen. Schweigend, mit einem Ausdruck, als erkenne er sich nicht die Befugnis zu, in ein Recht der Natur, der großen Grundbesitzerin, einzugreifen. Aber dann hatte er angeordnet, die hochaufwachsende Körnermasse abzutragen und an den Strand zurückzukarren. Im Weitervordringen hätte der Flugsand die kargblühenden Pflänzchen auf den Grabhügeln überschüttet und erstickt; die Natur bekämpfte sich selbst, ließ ihre Angehörigen miteinander ringen, und Christian Hollesen sprach sich doch ein Recht ihr gegenüber zu. Er beschützte das Schwächere, weil es dem Menschengefühl das Schönere war.

Der Turm über den Findlingsblöcken der Kirchenmauer trug eine alte Dachhaube, der matten Farbe grauweißen Schneeises gleich. Er ragte nicht hoch, doch bildete er den höchsten Punkt im Umkreise vieler Meilen, und wie er schon fernher sichtbar war, so ging der Blick aus seinem Glockenschalloch weithin nach allen Seiten. Von der See aus gewahrte der Schiffer ihn als ersten Verkünder der noch nicht sich über dem Wasser aufhebenden Küste, und ähnlich sah er landein über endlose, sich in grauen Dunst verlierende Flächen. Bald hinter Loagger begann die Heide, den größten Teil des Jahres hindurch wie von einem dunkelbraunen Schorf bedeckt, hell gestreift und gescheckt von weißen Sandstrecken. Sie war nicht wirklich eben, wie sie aus der Weite erschien, sondern ihrem Dünenursprung gemäß mannigfach gewellt, zu niedrigen Hügellücken ansteigend und kleinen Tälern einsinkend; hin und wieder zeigten niedriger Buschwuchs und silberrindig flimmernde Birkenstämme das Vorhandensein der Schöpferin und Ernährerin des Lebens, zwischen der Dürre angesammelter Feuchtigkeit. Dort mischten Moorgründe sich ein, zuweilen mit scharf abgekanteten, fast schwarzen Rändern auf Torfstich durch die entfernten Umwohner deutend; einzelne vermorschte Hütten aus grauem Lattenwerk, mit Heidebülten zugedeckt, boten Unterschlupf gegen jäh ausbrechende Unwetter. Frei ging der herrschende Westwind auch hier über das Land, und wie er aus der Meerfläche die Wellen aufkämmte, so strich er das Gezweig von Bäumen und Sträuchern, das er auf der Heide fand, gleich Haarsträhnen gegen Osten zurück.

Dann traf er aus festeren Widerstand eines weitgedehnten Waldgürtels, den die Natur und die Menschenhand gemeinsam hergestellt, denn aus dem Laubbaumwuchs der ersteren stachen mit dunklerer Färbung Tannen hervor. Man erkannte vom Kirchhof des Dorfes aus an der verschiedenen Höhe der Wipfel, daß der Boden unter ihnen sich stellenweise zu stärkeren Hügelwölbungen anheben müsse, von deren einer ein turmartiger Aufbau neben dem Oberrand eines langgestreckten Helmdaches über Buchenkronen wegsah; das war Schloß Helgerslund, uraltes Besitztum der Freiherren von Rhade, nach dem Tode des letzten dieses Namens in die Hand des Herrn Friedrich von Brookwald übergegangen, der die Erbtochter des Abgeschiedenen, eine Schwester des beim Wettsegeln auf der Nordsee jung verunglückten Meinolf von Rhade, geheiratet hatte. Etwa zwei Stunden weiter nach Süden, von Loagger ungefähr gleichweit wie Helgerslund entfernt, umschloß der Wald noch ein Herrenhaus, das der Freiherrn von Alfsleben, doch es lag tiefer eingesenkt, so daß nichts von ihm sichtbar ward. Überhaupt traf die Rundschau weit und breit wenig Menschenbehausungen an, ließ auch die anderthalb Meilen südlich entlegene kleine Hafenstadt nur an ihrer Kirchturmspitze ahnen, denn eine Umbiegung des Deiches verdeckte völlig die Häuser.

Ja, ein ärmliches und einsames Stückchen Welt und Menschenleben, an zwanzig Dächer in einem Halbbogen um die Dorfkirche hingestreut, zwischen ihnen sandiger Grund oder eine kurznarbige, mehr graue als grüne Grasdecke. An den Ostseiten der Häuser ab und zu, in ihrem Windschutz, der kümmerliche Versuch eines Gärtchenanbaus, doch nur am Pastorat wirklich zum Bild eines kleinen Gartens aufgediehen, von sorglicher Pflege und Ausdauer zeugend. Ein paar Spalierbäume kletterten an der Wand empor, hinter der Wandung verflochtener Lattenzäune waren einige Gesträuche in die Höhe gekommen und beschirmten wieder zwischen sie hineingeborgene Blumenbeete. Das Pfarrhaus, dem Kirchhof an seinem Südrand benachbart, war nicht von anderer Bauart als die Dorfhäuser, nur umfänglicher und augenscheinlich in seiner Anlage schon aus ferner Zeit stammend, denn es zeigten sich stellenweise einzelne kleinere von den Granitsteinen, die vermutlich bei dem Kirchenbau nicht mehr erforderlich gewesen, in seine Wände eingemauert. Das gab ihm etwas Gefestetes, sicher auf sich Ruhendes, in einem Gegensatz zu dem weiter an den Strand hinabgerückten Schulgebäude. Klein, aus wenig haltbarem Baumaterial zusammengefügt, lag dies auf dem Flugsandbette, als sei es von Wind und Wellen dorthin getragen, ein Spielzeug ihrer Laune, das sie ebenso wieder mit sich fortnehmen könnten. Doch hatten sie bis jetzt kein Gelüst danach gehegt, und Menschenhände nahmen nur wenn die Zeit gekommen, aus dem Schulhause, wie aus jedem anderen, den Inwohner fort, um ihn hinter den Kirchhofswall zutragen, in den allersichersten Schutz, den die Burg des Pastors Christian Hollesen zu verleihen imstande war.

Am Morgen nach dem Aprilabend, an dem Tilmar Hellbeck die ihm unerwartet gebotene besser besoldete Lehrerstellung ausgeschlagen, wanderte von Norden her ein Mann in mittleren Jahren Loagger zu, den Seestrand entlang. Er ging gemächlich, nach der Gewöhnung von Leuten, die mehr Lebenszeit auf dem Wasser als auf festem Grunde zugebracht, etwas mit den Hüften schlingernd; seine kleinen blaßblauen Augen richteten sich aus gutmütigen Zügen, doch unverkennbar scharfsichtig, wechselnd auf das Nahe und in die fast ruhige Meerweite hinaus. Einer der wenigen war's, die sich selbst widerstanden und Ran aus den manchmal schon zugreifenden Händen geschlüpft, mit etwas erspartem Tascheninhalt zur Heimatlichen Küste zurückzukommen, an ihr für den Tagesrest zu landen, Henning Wittkop, der Strandvogt. Er fing an, sich mit seinem Namen ein wenig in Einklang zu setzen, wenn auch noch nicht durch weiße Haarfarbe, doch mit einem anhebenden grauen Schimmer an den Schläfen; so schritt er, mit dem Umblick seines Amtes waltend, daher. Jasper Simmerlunds Mutmaßung hatte sich bestätigt, ein Gesetz schon seit manchen Jahren strengere Vorschriften hinsichtlich antreibenden Strandgutes gemacht. Ner alte unbeschränkte Aneignungsbrauch aus Vorväterzeit her hatte zwar nie wirklich als ein Recht bestanden, nun indes war ei widerrechtlich geworden, und jeder Fund mußte erst dem staatlich bestellten Aufseher zur Anzeige gebracht, ihm Übergeben werden. Diese Aufsicht führte, ungefähr bis zu einer Meile Entfernung nord- und südwärts von Loagger, Henning Wittkop, ebenso gewissenhaft sorglich seiner Amtspflicht, wie der rechtlichen Ansprüche der Finder bedacht.

Aufmerksam schaute er um, denn vor zwei Tagen war ein verspäteter heftiger Sturm über die Nordsee gefahren, daß er wohl Unfälle draußen mitgebracht haben konnte. Noch keinerlei Anzeichen ließen sich gewahren und die langen Wellen zogen so gleichmäßig und ruhig heran, als könne ihnen niemals einfallen, sich zerschlagene Schiffsplanken und darauf treibende Menschenköpfe als Fangbälle zuzuwerfen; die See war heut eine spielende Katze, die Krallen einziehend und nur weiche Sammetpfötchen ausstreckend. Über dem Wasser klafterten ein paar große scharfäugende Möwen zur Seite des Wanderers dahin und vor ihm über den Ufersand lief vielstimmig singend eine Schar kleiner Strandpfeifer manchmal in blitzschnellem Flug ein Stück fortschießend und schräg wieder zu Boden schwirrend. Sonst befand sich nichts Lebendes ringsumher.

Nur aus der Richtung des kleinen würfelförmigen Strandvogteigebäudes, von dem Wittkop hergekommen, tauchte jetzt noch eine Menschengestalt auf und bewegte sich ihm nach, dem Kirchdorf entgegen. Ein Mann, dessen Gangart ihn schon aus ziemlicher Ferne erkennen ließ, denn er knickte beim Auftreten mit dem linken Knie etwas ein und zog das Bein langsamer nach. Daran sah man, Nathan Aronsohn müsse es sein mit dem immer gleichen schäbigen Anzug und dem unveränderlichen großen groben Sack über der Schulter. Er hauste drüben in einer kleinen Spelunke der Hafenstadt, doch war er wohl ein halb Dutzend Meilen rundum in jedem Dorfe und Gehöft allbekannt, denn seinem Humpeln zum Trotz zog er weit in die Runde, Lumpen und Plunder jeder Art sammelnd, mit Mägden um Knochen und mit Schindern um Häute feilschend, nach Scheiben suchend, oft Unglaubliches aus Abfallhaufen und Grabensielen mit seinem Haken herausstochernd. Nichts Wertloses gab es für ihn, er stoppelte alles in seinem Sack zusammen, legte sich, bis dieser voll geworden, bei Nacht hinter einen Zaun, oder in den Heuwinkel einer offenen Scheune und kehrte erst mit strotzender Last zu seiner Tochter Miriam nach Haus. Wie er seinen schmutzigen Trödel für Geld an den Mann bringe, war jedem unverständlich, aber er fristete sein Leben davon, dessen Benötigung allerdings äußerst gering schien; niemand sah ihn unterwegs einen Bissen zu sich nehmen und er bettelte nie um Speise oder Trank. Ebensowenig konnte jemand ihm nachsagen, daß er sich je etwas einem anderen Gehöriges unrechtmäßig angeeignet habe; es ging ein Wort in der Gegend um: Ehrlichkeit bringt Segen, sagt der Jude Nathan.

So kam Nathan heute auf seiner Umsuche von Norden her am Seestrand entlang angehinkt, und auch sein mageres Gesicht mit dem spärlich um die Ohren zottelnden Haar ward erkennbar. Henning Wittkop wartete auf ihn und sprach ihn an:

»Ihr schleppt heut schwer, scheint's, Nathan, mir deucht, Ihr knickt stärker mit dem Bein als sonst.«

Der Lumpensammler zog die breite Schirmmütze vom Kopf. »Wunder, Herr Strandvogt, hat mir doch der gnädige Herr geschenkt ein Wetterglas im Bein, daß es mir sagt, ob's wird geben Regen. Weil der gnädige Herr Baron drüben ist gewesen bei guter Laune, hat er mir gerufen: ›Wenn du hast Hunger, Jud', friß den Knochen!‹ und hat mir geworfen einem Eichenknüppel ans Schienbein, daß es davon ist gebrochen in der Mitte durch. Haben Sie Neubegier, Herr Strandvogt, einzusehen in meinen Sack?«

Der Sprecher lud diesen von der Schulter ab und band den oben drumgeschnürten Strick auf. Wittkop antwortete: »Ich bin nicht neugierig, Nathan, was Ihr drin habt, es ist bloß, weil's so sein soll.«

»Was soll sein? Abfall, wie er ist für mich; es würden sich nicht raufen drum unterm Herrentisch die Hunde.«

Ein Sammelsurium buntester Art kam zum Vorschein: Seetangknollen, verwitterte Korkpfropfen, Bretterstücke, Muschelschalen, ein Dorschkopfskelett, tote Taschenkrebse, ein paar bläuliche Sturmmöwenflügel, alles angeschwemmter, völlig wertloser Kram, fauligen Geruch verbreitend. Der darauf Hinblickende, obwohl nicht von derwöhnten Sinnen, drehte die Nase ab und sagte: »Packt's ein und verderbt die Luft nicht. Geht Ihr auch fischen? Ich hab' gemeint, es wär' wider Brauch Eures Stamms, mit dem Salzwasser zu tun zu haben.«

Nathan Aronsohn schob die Sachen in den Sack zurück, »heißt's bei den Christen, der Jud' geht nicht zu Wasser; muß er sich doch ernähren von Wasser und Brot und nicht verachten das Brot, ob es schwimmt im Wasser, auch wenn es hat mehr Salz, als ist für den guten Geschmack.«

Nicht die Nase des Strandvogts allein hatte ihn abgehalten, den Sackinhalt weiter zu untersuchen, auch sein Gesichtssinn. Von Loagger her kam etwas am Strand auf ihn zu, und in seine Augen geriet ein Glimmern, wie wenn ein Sonnenstrahl auf blaues Wasser fällt. Auch Nathan, sich den Sack wieder auf die Schultern ladend, hielt den Blick vorgerichtet, dazu kam ihm vom Mund:

»Es wirft mancherlei aus das salzige Wasser, man sollt's nicht glauben. Es kommt als ein kleines Samenkorn und geht auf als eine große Blume aus der Fremde.«

Ein Gleichnis zutreffender Art brachte er vor, in der Tat einer schlank aufgeschossenen Blume ähnlich, schritt es heran, nur nicht von landfremder Erscheinung. Anna Witta oder Zea Hollesen war's; nach den Jahrangaben der Berichte Jasper Simmerlunds muhte sie jetzt siebzehnjährig sein. Ihre Tracht ließ sich nicht bäuerisch und auch nicht eigentlich städtisch nennen; ein Kleid aus einfachem, sandfarbigem Stoff umgab sie, über den Hüften von einem Gürtel zusammengefaßt, doch nach Zuschnitt und Farbe stand's ihr, wie von der Natur ihr mitgegeben, als lasse sie sich nicht in anderem vorstellen. Unter dem Saum sahen ihre bloßen Füße hervor, denn wie die Dorfmädchen ging sie in Sommerszeit am Strande barfüßig; Schuhe taten ihr Zwang an, und sie konnte kein beengendes Gefühl ertragen. Ihre Pflegemutter fand es nicht angemessen, daß sie es noch aus ihrer Kindheit so fortsetzte, doch Pastor Hollesen willigte drein. Einige Strandläufer trippelten vor ihr her, aber flogen, von ihr eingeholt, nicht auf, sondern wichen nur ein wenig zur Seite aus. Sie mochten das Kleid und die kleinen Füße als ihrer Uferwelt mit zugehörig ansehen, augenscheinlich hegten sie vor der zwischen ihnen Dahinschreitenden keine Furcht.

Das Mädchen streckte die Hand aus. »Guten Morgen, Onkel Henning, ich sah dich kommen.« So redete sie ihn an und duzte ihn, wie er sie; es war selbstverständlich, daß das immer so Gewesene auch so blieb. Daß sie auf der Erde hier ging, dankte und schuldete sie ihm, zweimal hatte er ihr Leben erhalten. Behutsam nahm er ihre schmalen Finger in seine derbe Matrosenhand, doch freudig aufglänzenden Gesichts. Es bedurfte nicht vieler Kunst in der Deutung des Ausdrucks von Menschenzügen, um zu erkennen, daß Henning Wittkop hier Strandvogt geworden sei, in der Nachbarschaft des Mädchens sein Leben zuzubringen.

»Guten Morgen, Witta«, erwiderte er. Niemand als er nannte sie so nach seinem Namen, auf den sie mitgetauft worden; es beglückte ihn, die besondere Anrede für sie zu haben, er empfand sie dabei als etwas ihm Angehörendes. Beide sahen aus blauen Augen, doch nur in der allgemeinen Bezeichnung stimmten diese überein. Diejenigen Wittkops waren von matter Wasserfarbe, während Jasper Simmerlund die Irissterne des Täuflings wohl zuerst mit dem ihm unbekannten kostbaren Ringstein in Vergleich gebracht hatte, den er einmal an der Hand einer vornehmen Dame gesehen. Ein Saphir mußte es gewesen sein.

»Guten Tag, Nathan«, sagte Zea Hollesen nun auch. »Ihr habt's noch schwer, bis Ihr nach Haus kommt. Wie geht's Eurer Tochter?«

Natürlich war er ihr ebenfalls lang bekannt. Er krümmte, vor dem Mädchen eine bückende Bewegung machend, den Rücken. »Es wird ihr sein eine Auszeichnung, wenn ich ihr sage, daß sich das Fräulein hat erkundigt nach ihrem Wohlbefinden. Ist es sonst nicht der Brauch, daß die Taube tut eine Frage nach der Dohle.«

Zea gab zurück: »Heißt Ihr Eure Tochter so, Nathan? Davon hat sie doch nichts, deucht mich.«

»Hat sie doch schwarzes Haar um den Kopf und nicht das Gefieder von einer Seeschwalbe, welches ist weißer noch, als das von einer Taube.«

Die Antwort des Juden enthielt einen neuen Vergleich des Mädchens, und dieses hatte etwas an sich, das auch dazu Anlaß geben konnte. Nicht sowohl durch die helle Farbe ihres Gesichtes, als durch eine eigene Art ihrer Bewegungen. Jasper Simmerlund hatte von ihr, als noch kleinem Kinde, schon geschrieben, sie gehe nicht wie einer, der auf festem Boden schreite, vielmehr als hebe sie sich drüber in die Luft. Das war ihr geblieben, und auch das Emporheben ihres Armes konnte an das Auslüften eines leichten Flügels erinnern. Ein hübsches Gleichnis mit dem anmutigen Wesen der Seeschwalbe war's, doch merklich hatte Nathan es nicht angewandt, um ihr zu schmeicheln, sondern nur um des drin Zutreffenden willen.

Zea Hollesen war mit den beiden umgekehrt, die Morgensonne zeichnete den Schattenriß des Juden mit dem Sack und dem einknickenden Bein lang als eine phantastische Ungestalt auf den Sand. Um ein Stück vor ihnen belebte sich jetzt der Dünenrücken zur See hin: es war vormittägige Unterrichtspause, und ein Dutzend von Kindern drängte sich aus der Schulhaustür, jagte an dem Strand abwärts. Hinter ihnen tauchte Tilmar Hellbeck auf, er schien gleichfalls ein Erfrischungsbedürfnis zu fühlen, sich durch einen kurzen Gang Bewegung machen zu wollen. Rasch ausschreitend wandte er sich nach Norden, der kleinen von dorther nahenden Gruppe entgegen, doch ein Ruf seines Namens hielt ihn an. Seitwärts kam Pastor Hollesen aus einer Pforte der Kirchhofumwallung herab und begrüßte freundlich den jungen Lehrer. Dann fügte er die Frage nach: »Ist's schon so spät, daß die Kinder sich tummeln können? Der Tag läuft auf Rädern, und mich dünkt, jeder sucht's noch schneller zu tun, als sein Vorgänger.«

Der Angesprochene versetzte: »Ja, es ist zehn Uhr, Herr Pastor, die Zeit der Pause.« Ins letzte Wort indes fiel ihm vom Kirchturm her ein Doppelanschlag der Glocke, ließ Hollesen den Kopf drehen und danach erwidern:

»Sie haben sich versehen, lieber Hellbeck, es schlägt erst halb. Nun, den Beinen und Lungen kommt's zu gut.«

Am Haarrand Tilmars flog eine leichte Röte auf, er wiederholte: »Versehen? – ich meinte doch –«, und nach dem Zifferblatt an der Kirche hinüberblickend, wandte er den Kopf ab.

Die Zeiger der Uhr bewährten, daß es erst halb zehn sei, doch der Pastor entgegnete:

»So meint sie's vielleicht gut mit dem jungen Volk und geht unrichtig.« Er war ein Mann in der Mitte der Fünfziger, an den Schläfen ergrauend, mit klugen und schönen Augen, ohne etwas Pastorales in Haltung und Gesicht, dessen feinausdrucksvolle Züge eher einen Gelehrten vermuten ließen. Aus seinem Wesen sprach leiblich und geistig fest auf sich Ruhendes; an Körpergröße wohl ein wenig unter Tilmar Hellbeck zurückbleibend. überbot er diesen fraglos ebenso an sicherem Wissensumfang und klassischer Bildung, wie an Lebensjahren und ihrer Erfahrung. Doch lag in seiner Sprache und Miene dem jüngeren Lehrer gegenüber nichts von Überhebung, sondern aufrichtiges Wohlwollen für einen weniger günstig vom Leben Gestellten. So fügte er seinen letzten Worten nach:

»Meine Frau hat Ihre gute Mutter heute morgen gesprochen und von ihr erfahren, daß Ihnen eine einträglichere Stelle angeboten, doch von Ihnen nicht angenommen worden ist. Es hat mich überrascht, die Jugend pflegt in solchen Fällen rasch zuzugreifen –«

Der Sprecher brach ab, auf die See hinausblickend, wo ein schmächtiges Segelfahrzeug sich nahe unter der Küste entlang hielt. »Das scheint Knut Dibbern mit seinem Kahn. Er tut richtig, nicht weit hinauszugehen, kleine Böte müssen am Strande bleiben, sagt ein guter Spruch.«

Der Pastor wandte sich dem Lehrer wieder zu. »Aber es freut mich, lieber Hellbeck, daß Sie bei uns bleiben wollen, von unserer Schule und Ihnen selbst abgesehen, auch um Zeas willen, daß sie einen Begleiter beim Pflanzensuchen auf der Heide behält. Doch Sie wollen sich auch etwas Bewegung in der Pause machen, die will ich Ihnen nicht verkürzen.«

Er nickte freundlich, während Tilmar, an seinen Hut fassend, leicht verwirrt erwiderte: »Ja, ich dachte, einige Schritte –«. Die Augen niedergeschlagen haltend, ging er, doch nicht in der eingeschlagenen Richtung weiter, sondern gegen das Schulhaus zurück. Ein abermaliger Anruf indes ließ ihn wieder halten und sich umdrehen; die am Strande dem Dorf zugewandte kleine Gruppe war nahe herangekommen, und Zea Hollesen trat, eine Pflanze in der Hand aufhebend, gegen ihn hin: »Was ist das, Tilmar? Ich hab's noch nie gefunden.«

Sie hatte, als er die Stelle in Loagger angetreten, noch ein halbes Jahr lang Rechenstunde bei ihm gehabt; darin war sie zurückgeblieben, für Zahlen fehlte es ihr an Begabung, die gleichfalls nicht die Stärke des Pastors bildeten. Doch auch ein anderer Gegenstand, dem sie sich mit lebhaftem Interesse zugewandt, lag ihm zu fremd ab, als daß er ihr, wie sonst in allem, darin Unterricht hatte erteilen können. Er war wohl ein Freund der Blumen, aber nicht pflanzenkundig, und statt bei ihm hatte sie die Belehrung, nach der sie auf diesem Gebiet Verlangen trug, bei Tilmar Hellbeck und seinem alten botanischen Handbuch zu finden vermocht. So war er in gewisser Weise bis heute ihr Lehrer gewesen; sie sammelten im Sommer oft eifrig miteinander, ihr Vater sah nicht gern, daß sie allein weit in die Heide ging, zwischen deren Büscheln hier und da sich Kreuzottern aufhielten. Ein vertrautes Kameradschaftsverhältnis war aus diesem gemeinsamen Interesse und Umherstreifen bei ihnen entstanden; als seine Rechenschülerin, die sie als ein völliges Kind noch von niedrigem Wuchs gewesen, hatte er sie mit du angeredet, wahrend sie ihn Sie genannt. Dann wuchs sie in kurzer Zeit, fast plötzlich, hoch auf, und unwillkürlich eines Tages änderte er seine Ansprache. Aber dazu lachte sie, ob sie nicht mehr dieselbe wie gestern sei und er Spott mit ihr treiben wolle. Das gab ihm die Antwort in den Mund, wenn er sie du fortnennen solle, müßte sie bei ihm das gleiche tun, und sie versetzte, das komme ihr auch natürlicher vor, denn alle Leute im Dorf heiße sie von Kindheit her so und das Sie habe ihr immer Fremdes auf der Lippe gehabt, da er doch näher mit ihr befreundet sei als die übrigen. In die Stadt kam sie nur selten, fühlte sich dort nicht auf heimatlichem Boden und wußte kaum von städtischem Verkehrsbrauch.

So ging sie jetzt auf ihn zu, fragte: »Weißt du's?« und er nahm die Pflanze ihr vorsichtig aus den Fingern, dieselbe zu betrachten. Doch dazwischen sprach sie nochmals: »Ich vergaß, daß ich dich heut noch nicht gesehen habe. Guten Morgen, Tilmar!« Und sie reichte ihm die Hand.

Die nämliche, noch knospenlose Pflanze war's, die er gestern mit heimgebracht, und er stieß schnell heraus: »Die Strandnelke ist's – Ameria maritima.«

Etwas Freudiges, über seine Kenntnisse Frohlockendes klang aus dem Tom, allein gleich danach färbte ein Rot ihm die Schläfen, denn der Pastor wiederholte mit anderer Betonung den Namen: »›
Armeria maritima‹ – mir tut's leid, so unwissend in der Botanik zu sein, aber was einem in der Jugend nicht zuteil geworden, holt man nicht ein.«

Er kehrte sich begrüßend zu Henning Wittkop: »Strandnelke – den Namen hatte man auch Eurem Fund geben können, und er hätte ihm gut gestanden.« Sein Blick haftete dabei mit einer Mischung von Zärtlichkeit und Stolz auf der schlanken Gestalt Zeas; der Strandvogt gab Antwort:

»Wenn's sein soll, Herr Pastor, dünkt's mich noch mehr – ich weiß nicht, wie sie heißt, aber es gibt so eine, die ganz weiß aufm Wasser schwimmt und blüht. Das stimmt ja bei ihr, denn aus dem Wasser ist sie ja aufgegangen.«

Es hatte etwas Merkwürdiges, doch zugleich Begreifliches, daß Zea Hollesen mit mancherlei Dingen verglichen wurde, ihr Ursprung und ihre Art legten es jedem nahe. Schwerlich aber war's je geschehen, daß sie von einem Munde mit etwas Unschönem zusammengebracht worden Auch an den Weggenossen Wittkops richtete der Pastor einen Gruß, Zeugnis von seiner menschlichen Gleichstellung des Juden, doch ebenso von einer Neigung zu launigem Humor bei ihm bekundend, denn er fragte:

»Nun, weiser Nathan, ist's Euch geglückt, den echten Ring Eurer Vorfahren aufzufinden und in Eurem Sack heimzutragen?«

Ein Scherzwort ohne spöttischen Beigeschmack war's, ließ erkennen, es sei nicht zum erstenmal zwischen den beiden davon die Rede und der Angesprochene mit dem Bezug vertraut. Die abgezogene Mütze in der Hand haltend, erwiderte Nathan Aronsohn:

»Streuet doch hin der Wind den Sand über alles. Herr Pastor; hätt' ich auch ausgegraben unter den Körnern den echten Ring, würd' ihn doch vielleicht nicht einmal kennen mehr der, dem er hat angehört. Hat er vermutlich ihn weggeworfen, daß er würde zugedeckt mit dem Sand und nicht wieder sichtbar für Augen. Weiß ich, Sie wollen nur machen einen Spaß, Herr Pastor, daß Sie mich heißen weise, und nicht lassen fallen Verdacht auf mich, daß ich trage nach Haus Gold in meinem Sack. Könnt' es mir doch nicht zukommen mit Recht wie altes Eisen, und wer nimmt fremdes Gut, nimmt sich den Schlaf. Haben Sie doch gehabt richtigen Grund zu sagen, weiser Nathan! Denn ich bin geworden ein alter Mann und will nicht nehmen mir den Schlaf.«

Gleichmütig, ohne von einem Gekränktsein zu reden, war's erwidert, nur ein bißchen Abwehrendes klang hindurch, Christian Hollesen entgegnete: »Laßt es gut sein, Nathan; Ihr wißt, ich lese gern in Eurer Propheten Büchern, denn es sind Goldkörner der Weisheit drin, ausgesiebt aus dem Meersand des Lebens. Geht Euer Weg noch weiter, Wittkop, oder kehrt Ihr bei mir vor?« Der Strandvogt griff sich, den Kopf schüttelnd, an den Nacken. »Nein, weiter wollt' ich nicht, Herr Pastor, bloß mal so weit, ob ich Witta nicht zu Gesicht kriegte, ihr die Tageszeit zu sagen. Aber ich Hab seit gestern Tags ein bißchen was Ziehen hier hinten am Hals; ich glaub fast, ein reines Wort im ›Krug‹ tät gut dafür.«

Er verkürzte in Gegenwart des Geistlichen die landesübliche Bezeichnung des Kornschnapses, doch Christian Hollesen fiel lächelnd und in gewisser Weise das Ausgelassene ergänzend ein:

»Was findet Ihr seinem Namen gemäß am besten neben dem Hause Gottes in dem des Predigers und es wird dort noch wohltätigere Wirkung üben, als im ›Krug‹. Gewiß ist's anratsam für Euren Zustand im Nacken; da wir keinen Doktor zur Stelle haben, nehm' ich's auf mich, Euch das Mittel zu verordnen.«

Eine Einladung ins Pfarrhaus statt der Schenke, nicht die erste, war's, und Henning Wittkop antwortete durch ein leichtes Schmunzeln, daß er ihr gern Folge leiste. Der junge Lehrer hatte mit Zea über die Strandnelke fortgesprochen, eifrig, so weit sein Wissen reichte, die Familienzugehörigkeit der Pflanze erläuternd; eine ihm entfallende Äußerung schien darauf zu deuten, er müsse während des Unterrichts von seinem Lehrpult aus durchs Fenster das Vorüberkommen des Mädchens am Schulhause wahrgenommen haben. Wiederum schlagend zeigte die Turmuhr jetzt den Ablauf der vormittägigen Pause an, und Tilmar Hellbeck legte offenbar Beflissenheit an den Tag, sich nicht den Vorwurf einer Zeitversäumnis zuzuziehen. Sich rasch umwendend, ließ er einen Pfiff auf dem Finger zum Strand hinuntertönen, ein Zeichen, das seine Schüler zurückrief, und die Gruppe der im Gespräch beieinander Stehengebliebenen löste sich auf. Der Lehrer begab sich wieder in die Schulstube, Nathan Aronsohn hinkte allein am Ufer entlang weiter, während Henning Wittkop den Pastor und Zea den Dünenrücken hinan unter dem Kirchhofswall fort zum Pfarrhaus begleitete.

Bei der frühlingsmilden Luft hieß Christian Hollesen ihn sich hier auf die Bank einer kleinen Laube des Gärtchens setzen, wohin er, ins Haus tretend, nach kurzem mit einem wohlangefüllten Glase zurückkehrte. Der Gast schien ein wenig dran nippen zu wollen, tat indes statt dessen einen recht herzhaften Schluck, und der Pastor beschäftigte sich neben ihm mit dem Aufrichten eines von hereinfahrendem Windstoß niedergedrückten, grünaustreibenden Gesträuchzweiges. Doch nahm sein Gesicht dabei einen nachdenklichen Ausdruck an, seine sonst geschickten Finger hantierten nicht recht zweckgemäß. Dann drehte er einmal dem Sitzenden den Kopf zu und fragte:

»Als meine Tochter vorgestern nachmittag zu Euch ging – ich war an der Kirche und mein Blick geriet einmal in die Richtung nach Eurem Haus, aber es fing schon an zu dämmern – habt Ihr sich etwas auf der Heide bewegen sehen?«

Der Strandvogt nickte. »Ja, mir kam's so vor, aber es war schon sehr grau und grad hinterm Birkenhaar.«

Hollesen schwieg einen Augenblick. »Aus welcher Richtung däuchte Euch's, daß es käme?«

»So aus Osten her.«

»Mir war's auch so – da« – der Pastor streckte die Hand nach Helgerslund zu.

»Ja, so die Gegend mocht's sein.«

Es machte im Moment eigentümlich den Eindruck, wie wenn Christian Hollesen Henning Wittkop weniger zu dem Zweck hierher eingeladen habe, ihm durch das reine Wort Gottes den Rückenschmerz zu bessern, als um die eben laut gewordenen Fragen an ihn zu stellen, und auch der letztere schien von solcher Empfindung überkommen zu werden. Die beiden sahen sich ein paar Sekunden lang, ohne etwas weiter zu äußern, ins Gesicht. Dann sagte der Strandvogt:

»Das Wetter aus Osten zog auf, und ich dachte mir, es würde rasch dunkel, darum brachte ich Witta hier bis an die Tür zurück. Sie wollt's nicht haben, aber ich sagt's ihr so, der Wind könnt' sie mir sonst vielleicht ins Wasser blasen.«

Kaum hörbar näherte sich vom Hausflur her ein leichter Schritt bloßer Füße dem Garten, und die Stimme Zeas rief: »Bist du noch da, Onkel Henning?« Lachend fügte sie nach: »Nimm nur nicht zu viel von des Vaters Medizin!«

Der Pastor griff eilig wieder nach dem grünen Zweig und ebenso Henning Wittkop nach dem Glas. Er führte es zum Munde, tat mehr scheinbar als in Wirklichkeit einen langen Zug und erwiderte, das Glas absetzend: »Müssen die Lachmöwen überall fliegen, wo sie nichts zu fischen haben? Aber sie haben mal so ihre Manier, wie alles, was aus'm Salzwasser kommt.« Und das Mädchen mit seinen kleinen Augen nicht minder zärtlich ansehend, wie der Pastor, erkundigte er sich bei diesem, von wem der Kornschnaps gekauft sei, als habe er eben mit ihm über Wirtschaftsangelegenheiten geredet.

III.

Nathan Aronsohn ging schon so klein in der Ferne, daß er in seiner Fortbewegung an einen beinlahm angeschossenen dunklen Vogel erinnerte. Sein Blick suchte überall am Boden umher, manchmal stand er still und purrte mit dem Haken in einer leichten Aufwölbung des Sandes, die jedem anderen Auge unauffällig geblieben wäre. Noch er nickte darauf nieder und redete laut vor sich hin: »Es ist nichts ohne Grund und Ursache in der Welt,« und immer stellte sich heraus, daß dieser Spruch sich auch bei dem von seiner Achtsamkeit Wahrgenommenen bewährte. Ein Stein oder ein Brettstück oder sonst etwas bildeten den Anlaß der Erhöhung in dem ebenen Strandboden, meistens vollständig, ober doch allein für den Lumpen- und Trödlersammler nicht wertlos. So kam er mit oftmaligem Anhalten nur langsam weiter, der Tag zeigte sich, wenigstens jetzt, nicht ausgiebig für ihn, selten einmal lud er den Sack ab, einen Plunder hineinzutun, und nur ungefähr zu zwei Dritteln erst war jener gefüllt. So schon zu Haus zu kehren, lag nicht in seinem Brauch; einmal den Inhalt übermessend, ließ er vom Mund kommen: »Was man hat heute getan, hat man nicht nötig mehr zu tun morgen. Ist er doch ein Nimrod zu unserer Zeit, daß er vielleicht findet gutes Gefallen an dem Ding, daß ich hab' an meinem Finden auch ein gutes Gefallen.«

Mittagsstunde war's geworden, doch Nathan setzte die Richtung der Stadt zu nicht weiter fort, sondern bog nach links ab quer ins Land hinein. Nach einiger Zeit ließ er sich auf eine etwas erhöhte Heidebulte nieder, zog ein Stück alttrocken Brotes als Mittagsmahlzeit aus der Rocktasche, und seine noch guterhaltenen Zähne krachten durch die harte Rinde. Die linde Frühlingssonne hatte schon wieder mannigfaches Leben der Tierwelt aus dem Winterleben hervorgelockt, auch eine schwarzblaue Blindschleiche ringelte sich unter einem Strauch heraus auf den warmen Sandboden. Der Rasthaltende sah ihr zu und sagte: »Es bleibt alles in der Welt, wie es ist gewesen von Anfang her. Sie hat versucht die Eva mit dem Apfel, wird der Apfel wohl sein gewesen von Gold.« Doch er zeigte sich nicht sonderlich schlangenkundig, denn er redete die harmlose Schleiche an: »Bist du von der Sorte, davor hat Besorgnis der Christenrabbi, sie könnt' die Seeschwalbe vergeben mit einem Giftzahn, daß er sie nicht gern will laufen lassen mit den bloßen Füßen über das Heideland. Warum sollte das Gewürm beißen ihr in den Fuß? Aber es ist wohl nicht, daß er's meint so, sondern daß ich auch nicht ließe gehen die Miriam allein weit über die leere Heide.«

Nathan hatte zu Ende gekaut, blieb indes, sichtlich über etwas nachgrübelnd, noch ein Weilchen sitzen, dann machte er sich wieder auf den Weg oder richtiger auf den kaum wahrnehmbaren Pfad zwischen dem braunen Gestrüpp. Doch er war hundertmal hier gegangen und fehlte keinen Tritt; ein Heidedorf, ein Häuflein ärmlicher Hütten hob sich als nächstes Ziel vor ihm auf. Aber für seinen Sack gab es keine besitzlose Armut; spähend und suchend humpelte er von Hofstall zu Hofstall, meistens umsonst an sich nehmend, was niemand mehr wollte, ab und zu einmal handelnd und aus einem altersschwarzen ledernen Schnürbeutel ein paar schmutzverkrustete Kupferstücke herausfingernd. Dann blieb das Dörfchen hinter ihm, wie eine abgeweidete Koppel, von der die Herde weiterzieht, und er ging wieder auf der freien Fläche. Seine Richtung hielt sich dem näherrückenden breiten Waldgürtel im Osten entgegen.

Bisher war immer sein Schatten neben ihm, allgemach vor ihm auf gewandert, doch nun ward derselbe bleich und schwand rasch völlig weg. Die Aprilsonne in seinem Rücken konnte sich noch nicht zum Untergang anschicken, aber er hatte mit Recht gesagt, daß er ein Wetterglas im Bein trage, und es kündigte ihm für heut noch einen Umschlag am Himmel an. Das bestätigte sich, wie er den Kopf jetzt umdrehte. Eine Wolkenbank schob sich, die Sonne deckend, über der See herauf, vorauslaufender Wind ging mit einem Stoß durch die da und dort noch an den Stengeln haften gebliebenen vorjährigen dürren Heideglöckchen und ließ sie leise rascheln. Nathan Aronsohn redete zu sich selbst: »Ist es doch der Jahresmonat, der nicht weiß, was er will, ob er will scheinen lassen heiß die Sonne oder wehen mit kaltem Sturm. Es ist in seiner Jugend noch das Jahr, sie hat in sich beieinander Sonne und Sturm.«

Der Wind blies, und das Gewölk stieg rasch höher, den ganzen Himmel einzunehmen. Kein Regen fiel, doch es ward ein grauluftig rußiges Wetter; am Waldrand, den der Wanderer nun erreichte, knarrte das Geäst. Zwischen alten Buchen hindurch ging er auf sich verbreitendem besserem Weg, der auf anderes als bäuerisches Besitztum hindeutete. Ein Klang scholl durch die Stämme heran, jetzt als ein Hufschlag erkennbar, gleich danach tauchte um eine Krümmung her ein Reiter auf. Ein junger, höchstens erst zwanzigjähriger Mann mit aristokratischen Gesichtszügen, einen unter ihm tänzelnden feingliedrigen Fuchs zu langsamem Schritt zügelnd. Sich an den Wegrand drehend und die Mütze abziehend, blieb der Jude stehen, das Pferd vorüberzulassen, doch unerwartet hielt der Reiter, ihn ins Auge fassend, an und sagte:

»Läufst du noch immer mit dem Sack, Nathan? Man glaubt's kaum, daß zu Haus alles Tag um Tag so bleibt. Setz' auf.«

Der Angesprochene sah, ohne dem letzten Geheiß nachzukommen, ungewiß auf, eh' er entgegnete:

»Weiß ich nicht, ob ich mich lasse täuschen von meinen Augen und ob es ist der gnädige Herr Junker Meinold von Alfsleben, der mir erweist die Gnade, mich zu kennen und zu benennen mit meinem Namen?«

Der junge Herr lachte. »Sind deine Augen alt geworden, Nathan, oder ich so anders in den dritthalb Jahren, seit ich zuletzt hier war? Ich habe dich doch früher oft genug gefragt, was du im Sack hättst. Nu siehst freilich nicht grad' wie eine Fee aus, aber als Knabe war's mir, als müßt' einmal das Köstlichste aus ihm herauskommen, wie nur der Karfunkelstein im Märchen.«

»Wunder, Herr Junker, Wunder, das wird geschaffen von der Zeit. Hat sie doch mitgebracht dem Herrn Baron über der Lippe wie weiche Fäden von Seide ein Wachstum von braunem Haar, daß ist geworden aus dem feinen Knaben ein schöner Mann und er mir nicht mehr kenntlich geblieben in seiner Veränderung.«

»Glaubst du, ich hätte dich angehalten, um mir ein Kompliment von dir machen zu lassen?« lachte der Reiter wieder mit weißvorschimmernden Zähnen. »Wenn du das willst, kannst du mich ›Herr Doktor‹ anreden; wir treffen uns gewiß manchmal wieder. Ich habe große Lust, hier in die Weite zu reiten, die See hat's mir oft in der engen Stadt angetan, und mich trieb's gleich heute hinaus. Du kommst von draußen her, zwischen den Bäumen sieht man nicht recht, aber mich deucht, der Himmel wird anders.«

Nathan hatte seinen Sack von der Schulter heruntergenommen und band ihn auf. Dazu antwortete er:

»Wird er anders, hat er mich doch vielleicht geführt mit guter Absicht auf diesen Weg, zu begegnen dem Herrn Junker, der in früherer Zeit oft hat geglaubt, daß ich trage Köstliches in meinem armen Sack. Habe ich drin auch heut keine Kostbarkeit, aber ein Stück, was könnte gefallen einem Liebhaber von alten Gewaffen, daß ich es wollte vorweisen auf dem Schloß dem hochgnädigen Herrn Vater, weil er ist wie ein Nimrod in unserer Zeit.«

Unter dem Sammelsurium seines Sackes kramte Nathan von zu unterst eine Sattelpistole herauf, die augenscheinlich lange feucht gelegen, und an der er sich bemüht, stellenweise den braunen Rost wegzuputzen. Doch nur am Kolben war dies einigermaßen geglückt, so daß sich zu den Seiten eingelegte silberne Arabesken erkennen ließen; am Hahn und Laufe hatte der Säuberungsversuch nichts genützt. Nun hielt er die kleine Schußwaffe zu dem Reiter ausgestreckt, der, sie zur Hand nehmend und betrachtend, zunächst erwiderte:

»Sehr alt scheint die Pistole mir nicht grad', und das aus dem Märchen, was ich in deinem Sack glaubte, ist sie noch weniger.«

Nathan fiel ein: »Der Herr Junker wird doch sein ein Kenner, zu sehen, daß sie schon muß gedient haben zu Großvaters Zeit.«

Meinolf Alfsleben versuchte umsonst, den eingerosteten Hahn zu spannen und versetzte dabei: »Hatte man damals schon Perkussionsschlösser? Ich verstehe nicht viel von Feuergewehren, aber mich deucht, über dreißig Jahre kann sie kaum alt sein. Hast du sie am Strand aufgefunden?«

Die letzte Frage kam ihm, weil bei einem Umdrehen der Pistole einige weiße Sandkörner aus dem Lauf fielen, und den Juden mit einem leicht schalkhaften Blick ansehend, fügte er nach: »Hat der Strandvogt sie dir durchpassieren lassen, Nathan?«

Dieser zuckte die Schulter. »Ist es doch altes Eisen, das gehört keinem Menschen und hat keinen Besitzwert für irgendeinen, als für den Liebhaber. Das Wasser hat's einmal gebracht an den Strand und der Sand hat's genommen in sich und hat's heute gegeben mir, als ich bin vorbeigekommen. Was hält' ich bemühen sollen den Strandvogt um ein Stück Eisen, das ich selber nicht hätte aufgehoben, wenn mir nicht wäre eingefallen, es könnte machen ein Vergnügen dem gnädigsten Herrn Baron. Weil ich habe gehabt das Glück, hier zu begegnen dem Herrn Junker, brauch' ich vielleicht den Fuß nicht weiter zu setzen bis ans Schloß, denn es hat ausgemacht ein Gewicht in meinem Sack, es zu tragen bis hierher.«

In einem Begleitblick des Sprechers lag Erwartendes, das dem Hörer nochmals ein Auflachen abnötigte. »Das heißt, ich soll das Ding nehmen, es meinem Vater zum Geschenk zu machen, und weil dein Rücken dran zu schleppen gehabt, hat das alte Eisen, wenn's auch nicht aufhebenswert ist, doch einen Preis.«

Er steckte die Pistole in den Halfter, griff nach seiner Tasche und reichte dem Juden zwei Talerstücke in die Hand hinunter. »Das wird Wohl genug sein, Nathan, für dein Kompliment von vorhin; mehr schätz' ich meine Schönheit nicht wert, und dem rostiges Stück geht drein. Aber treff' ich dich wieder, hoff' ich immer noch, du hast mal den Karfunkelstein im Sack.«

Sein Pferd antreibend, ritt er weiter. Es ließ nicht Zweifel, er habe die Silberstücke nicht für die unbrauchbare Waffe gegeben, sondern aus Gutherzigkeit und weil's ihn erfreut, ein aus Kinderzeit altbekanntes Gesicht wiederzusehen. Nathan Aronsohn stand noch auf dem Fleck und redete, die beiden Taler betrachtend:

»Hätt' ich bemüht den Strandvogt mit dem alten Gerümpel, es wär' nicht geworden irgend jemandem zunutz. Und hätt' ich's gebracht dem Vater, er war' nicht gewesen so freigebig dafür, wie der Sohn. Es muß alles finden seine richtige Zeit und den richtigen Mann.«

Wen Kopf aufhebend, blickte er dem zwischen den Stämmen Verschwindenden nach. »Was heißt der Karfunkelstein aus dem Märchen das junge Blut? Will's bedünken, es würde sein hochfreigebig dafür, wenn ich ihn könnt' seinen Augen herausholen aus dem Sack,«

Diesen jetzt wieder aufladend, folgte er der Straße nicht mehr, sondern bog weglos rechtsab in den Wald, die nächste Richtung zur Stadt einschlagend. Der Tag war zum Schluß doch noch einträglich gewesen, denn auf so viel hatte er seinen Strandfund nicht veranschlagt, und zufrieden zog er das knickende Bein seiner noch beträchtlich entfernten Behausung zu. Der Reiter war der Richtung gefolgt, aus der Nathan gekommen, und vor den Waldrand hinaus gelangt. Hier traf der bisher aufgegangene Wind ihn ins Gesicht, die Dämmerung brach noch nicht an, aber ein trübes, unschönes Licht lag über der Heide, nur matt noch im weiten Halbbogen die graue See und davor rechtshin den Kirchturm von Loagger erkennen lassend. Der junge Mann hatte sich das Ziel seines Ausrittes anders vorgestellt, statt des erwarteten Sonnenglanzes breitete sich eine traurige Unterweltsbeleuchtung über alles hin und lockte ihn nicht, heut zum Wachrufen heiterer Knabenerinnerungen weiterzureiten. Wenigstens nur eine kurze Strecke noch, dann wandte er seinen Fuchs um und schlug den Rückweg ein. Unter den Bäumen fing jetzt vorzeitig Zwielicht zu spinnen an, doch wie der Waldgürtel sich ungefähr nach einer Viertelstunde wieder lichtete, hob sich aus freiem Raum noch deutlich ein Landschloßgebäude auf. Das Herrenhaus des adeligen Gutes Ekenwart war's, seinen Namen vermutlich von einem noch daneben ansteigenden, mit dickknorrigen Eichen bedeckten Hügel tragend, der ein Hünengrab ferner Vorzeit unter sich bergen mochte. Das breite, aus grauem Gestein errichtete Gebäude nahm sich, da und dort Verwitterungsspuren zeigend und von Vernachlässigung redend, nicht sonderlich anheimelnd aus. Nach seiner Bauart mußte es bereits aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts stammen, und ebensolange befand das Gut sich im Besitz der Herren, seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts Freiherrn von Alfsleben. Der gegenwärtige Eigentümer war Dietrich von Alfsleben, der Vater des heimkehrenden jungen Reiters.

Vollständig wider eigene Neigung und Willen hatte Dietrich Alfsleben in frühester Jugendzeit, fast noch als ein halber Knabe, von einem Gebot seines herrischen Vaters gezwungen, sich mit einer reichen Erbin verheiratet, deren Mitgift das Gut von einer erdrückenden Hypothekenlast befreite. Leidenschaftlich veranlagt, bäumte er sich zuerst jäh gegen den Zwang auf, aber der Wille des Alten, der ihm kurzweg nur die Wahl zwischen Hochzeit und Enterbung ließ, drückte ihn nieder, und mit gebrochener Widerstandskraft brach er auch innerlich unter dem aufgenötigten Joch zusammen. Er wurde wortkarg, in sich geschlossen, verdüstert und menschenflüchtig, jeden anderen Verkehr abbrechend als mit seinem Kindheitsgespielen und intimsten gleichalterigen Freunde Meinolf von Rhade, dem einzigen Sohn des Herrn von Helgerslund. Mit jenem ritt er im tollen Jagen durch Tage und Nächte weit ins Land oder segelte, oft bei wilddrohendem Sturm, in die See hinaus; sein Begleiter ward zuweilen von dem Gedanken angerührt, daß er stürzend oder mit dem Boote umschlagend den Tod suche. Doch dann kam ihm unerwartet Erlösung, kaum ein Jahr nach dem Beginn seiner Ehe einem Sohn Leben gebend, verlor die junge Frau das ihrige im Wochenbett, und er war frei, dabei unabhängig und reich. Nach dem Freunde ließ er den Knaben Meinolf taufen, begab sich selbst mehrere Jahre hindurch auf Reisen in südliche Länder. Stattlich, mit scharfgeschnittenen, schönen Gesichtszügen ward er dort vielfach zum Zielpunkt von Frauenaugen und Eroberungsgelüsten, doch sein heißungestümes Blut schien durch den erlittenen Ehezwang kaltgedämpft, er achtete auf keine, knüpfte selbst kein flüchtiges Verhältnis an, sondern lehrte ungebunden, von der Nachricht des plötzlichen Ablebens seines Vaters zurückgerufen, nach Haus, hier zeigte er, seiner Natur gemäß, keine Trauer, da er keine empfand, machte vielmehr den Eindruck von einem, der einen bösen Traum abgeschüttelt und sich seines Aufwachens im heiteren Morgenlicht freut. So ward er wieder Meinolf Rhades unzertrennlicher Genosse, der alte, doch das letztere nicht in Wirklichkeit, denn beide standen erst im Anfang der zwanziger Jahre, in freudigster Frühsonne des Lebens. Wie ehemals ritten sie miteinander und segelten, und Dietrich Alfsleben lachte wieder wie vor seiner Heirat; sein Herz zog ihn nicht zum anderen Geschlecht, der Freund war seine Liebe. Ein Jahr lang, da riß eines Tages der Wettersturm Meinolf Rhade beim Segeln weit draußen auf der Nordsee in die Tiefe, und Dietrich Alfsleben kam allein zurück.

An dem Tage hatte er die wiedergewonnene Lebensfreudigkeit zum andernmal verloren und fand sie nicht mehr; bei dem Jugendfreunde lag sie drunten am Meeresgrunde. Sein Wesen nahm das schon einmal über ihn Geratene und Abgeschwundene aufs neue an, schweigsamdüster, menschenscheu, alles von sich weisend, saß er in dem alten Herrenhaus. Plötzlich einmal griff er wieder zu dem einst angewandten Mittel, sich auf weite Reisen zu begeben. Aber diesmal versagte es ihm die Besserung, im gleichen seelischen Zustande kehrte er nach Ekenwart heim, freudlos-einsam in dem weitleeren Väterschloß sitzend, das er niemals zum Aufsuchen von Standesgenossen in der Nachbarschaft verließ. Überhaupt hielt er mit keinem Menschen Umgang, selbst nach Helgerslund hatte er nie mehr den Fuß gesetzt, obwohl er naturgemäß früher auch zu der Schwester Meinolf Rhades in naher freundschaftlicher Beziehung gestanden. Man wollte wissen, er habe sie heimlich geliebt und der Abbruch seines Verkehrs mit ihr stamme von ihrer Verlobung her, doch war er schon monatelang, ehe Herr von Brookwald zuerst dort ins Haus gekommen, nicht mehr in diesem vorgekehrt. Nur eines brachte ihn aus der Tür hervor; etwas Sonderlingstum hatte seit Vorvätern den Alfsleben im Blut gelegen und ebenso Trieb zum Jagen, der bei ihm sich freilich in der Jugend nicht gezeigt, sondern erst nach der zweiten Rückkehr von seinen Reisen zum Ausbruch gekommen. Dann aber steigerte dieser Anreiz sich rasch in ihm, und sein einziges Trachten ging auf die Jagd hinaus, mit Vorliebe in Mondnächten, die er häufig bis zum Morgen im Wald verbrachte, sich den Tag über zum Schlafen zu legen. Die von Nathan Aronsohn auf ihn angewandte Nimrodvergleichung traf zu, eine im Schloß schon vorhanden gewesene alte Waffensammlung vermehrte er stets noch. Der Wald zog sich, mit Lichtungen durchsetzt, wildreich weit landein, bot ihm ein großes Revier zum Umschweifen, doch nützte er es lediglich gegen Osten, ging westwärts nie bis an den offenen Heiderand hinaus. Er wich dem Anblick des Wassers aus; die erfindungsreiche Fama hatte sich wieder eine Geschichte zurechtgemacht, daß er doch einmal im Süden eine Liebschaft gehabt, die in irgendeiner tragischen Weise auf dem Mittelländischen Meer ihr Ende genommen. Die Leute vermochten nicht für wahr zu halten, er sei nie von einer Leidenschaft entflammt gewesen, denn Frostigkeit nach dieser Richtung lag gleichfalls nicht im Alfslebenschen Blut, dem man in der Gegend aus früherer Zeit manch wildtolle Dinge nachredete. Doch der wirkliche Grund, der ihn vom Waldrand im Westen zurückhielt, war, daß er die Nordsee vermied, sie nicht sehen konnte, weil Meinolf Rhade in ihr ertrunken lag; noch heute nicht, wie seit achtzehn Jahren. Sein Kopf, obwohl erst kaum der eines Vierzigers, ward von vollständig grauem haar überdeckt, nach seinem Anblick hätte man ihn auf zwanzig Jahre mehr schätzen können. Auch sonst täuschte sein Aussehen in manchem; hinter der düsteren Miene barg sich keine ihr ähnliche finstere und bösartige Gesinnung. Seine Untergebenen und Gutsangehörigen fürchteten ihn nicht; ein Gefühl persönlicher menschlicher Zuneigung zu ihm konnte zwar nicht in ihnen rege werden, da er kaum je ein Wort an sie richtete, aber sie hatten sämtlich Anlaß, Dankbarkeit für ihn in sich zu hegen. Er war selbstsuchtslos bedacht, ihre Lage zu verbessern, sie günstiger als auf anderen Gütern zu stellen; nicht nur solche allgemeine und offenbare, auch heimliche Wohltaten gingen von ihm aus, in Not- und Unglücksfällen zu helfen. Ein Physiognomiker hätte diese Sinnesbeschaffenheit nicht hinter seinem verdüsterten Ausdruck, sondern bei dem breit gutmütigen des fast immer von einem Anflug zum Lachen überlagerten Gesichts seines nördlichen Gutsnachbars Friedrich von Brookwald gesucht, doch wäre dabei ebenso, nur in umgekehrter Richtung, einer Täuschung unterlegen. Denn die Züge des letzteren spiegelten gleichfalls nicht sein inneres Wesen zurück; er besaß eine karg zumessende, am liebsten sich schließende Hand, und diese war's gewesen, die dem linken Bein Nathan Aronsohns das dauernde Gedächtnis an einen übelgelaunten Tag hinterlassen hatte.

Von Anfang an war Meinolf Alfsleben der Fürsorge einer Wartefrau anheimgegeben gewesen. In den ersten Jahren bedurfte er naturgemäß weiblicher Pflege, und während der zweimaligen langen Reiseabwesenheit seines Vaters konnte sich daran nichts ändern. Doch auch nach der letzten Rückkunft bekümmerte sich Dietrich Alfsleben kaum um den inzwischen fünfjährig gewordenen Knaben. Das Kind einer Frau war's, die er nicht geliebt, nur als Zwang und Last empfunden hatte, und er trug kein väterliches Gefühl in sich, kein Bedürfnis, den Kleinen um sich zu haben, sich mit ihm M beschäftigen. Es war gesorgt, daß es diesem an nichts mangelte, weiter ging die Anteilnahme des Vaters nicht. Niemals rief oder benannte er den Knaben bei seinem Namen, es schien, daß er bereute, ihm den immer die Erinnerung aufweckenden seines verunglückten Freundes gegeben zu haben. Gegen den sonstigen Brauch auf den adeligen Gütern stellte er, als die Unterrichtszeit herangekommen, keinen Hauslehrer für Meinolf an, sondern schickte ihn gleich aufs Gymnasium in einer ziemlich entfernten Stadt unter Obhut und Erziehung von seiten eines der oberen Klassenvorsteher. Von dort kam der Schüler nur ein paarmal im Jahr für die Ferienzeit nach Ekenwart, kurze Wochen hindurch, in denen er kein häusliches Heimatsgefühl gewinnen konnte, und gleicherweise setzte sich's fort, als er, um Jurisprudenz zu studieren, die Universität bezog. Noch weniger entstand ein Zugehörigkeitsverhältnis zwischen ihm und seinem Vater, der für ihn lediglich ein stets aufs reichhaltigste freigebiger Ausspender von Geldmitteln war. So kam's im Fortgang der Zeit dahin, daß Meinolf sich eigentlich vor dem Aufenthalt in Ekenwart scheute, wo nur das Wiederfinden aus der Kindheit vertrauter Plätze und die See ihm Freude verhießen. Das Haus mit seinen weiten toten Räumen umgab ihn trüb-unfreudig, um so mehr als er im Innern heimlich an seinem Vater hing. Von lebhaft erregbarer, leicht ungestümer, sogar etwas wilder Knabennatur, trug er daneben ein bedürftiges Herz in sich, das bei seinen Universitätsgenossen wenig Nahrung fand und, begehrlich verlangend, für den ihm im Leben am nächsten Gestellten Liebe aufwachsen ließ. Aber sie blieb ohne Erwiderung, ihre tastenden Versuche trafen stets auf Ablehnung, und sie zog sich in scheue Schweigsamkeit zurück; Dietrich Alfsleben erschien keines väterlichen Gefühles fähig. So schreckte Meinolf immer mehr vor einem Nebeneinandersein mit ihm, das kein Zusammenleben bildete, zurück; in den letzten dritthalb Jahren war er auch während der Ferien nicht mehr nach Haus gekommen, sondern unter bereitwilliger Zustimmung seines Vaters zu seiner Ausbildung, die jedoch für ihn selbst nie einen Vorwand abgegeben, bald hierhin, bald dorthin auf weite Reisen gegangen. Nun indes hatte er sein juristisches Examen vortrefflich bestanden und eine unbezwinglich angestiegene, namenlose Sehnsucht hatte ihn wieder hergebracht. Ihm war's gewesen, ein sonnenhaftes Glück, eine volle Darbietung alles dessen, was er bisher entbehrt, warte seiner hier. Doch nach der langen Zwischenzeit war der Empfang gestern nur ein treuliches Abbild jedes früheren geblieben. Kühl hatte sein Vater ihm die Hand gereicht, mit einigen Worten sich über eine vorteilhafte äußere Veränderung des Ankömmlings ausgesprochen, doch gleichgültig, ohne einen Klang innerer Teilnahme. Wie ein frostiger Winterschatten war's auf den Herzenstrieb, die lebensfreudige Jugend und Hoffnung Meinolfs gefallen.

Nun hatte in anderer Weise heute das nachmittägige Einfallen der grauen Luft ihm die Erwartung, die er auf seinen Ausritt gesetzt, vereitelt, so daß auch dieser Tag wiederum eine Enttäuschung für ihn mit sich gebracht. Wie er im ersten Dämmerungsbeginn zum Schluß zurückkam, gewahrte er in einiger Entfernung seinen Vater, der, vom Förster und mehreren Teckelhunden begleitet, mit übergehängter Jagdflinte davonging. Meinolf hätte ihn noch erreichen können, er hatte eben auf dem Heimwege den Vorsatz gefaßt, einmal geradezu einen Schritt zu offenem Aussprechen zu unternehmen. Doch die Mitanwesenheit eines Dritten trat gegenwärtig dazwischen, und er begab sich in das einsame, große Wohngemach des Herrenhauses.

Der augenblickliche Begleiter Dietrich Alfslebens ließ im Äußeren erkennen, daß er diesen erheblich an Jahren übertreffe; sein Haar zeigte gleiche Farbe, wie sein völlig weißer, ihm bis auf die Brust fallender Vollbart, doch sein Ausschreiten und seine Bewegungen sprachen nicht von Alter, vielmehr noch von kraftvoller Rüstigkeit. Er befand sich erst seit einem halben Jahr auf Ekenwart, wohin er an einem stürmischen Novembertag gekommen, sich um die erledigte Stelle des mit dem Tode abgegangenen Gutsförsters zu bewerben; sein Name war Dirk Westerholz. Mit guten Zeugnissen seiner Fachtüchtigkeit versehen, hatte er durch wortkarge, zurückhaltende Art das Gefallen Alfslebens erweckt; trotz dem Standes- und Bildungsunterschiede boten beide Männer in ihrem Wesen eine gewisse Ähnlichkeit. Daß der Bewerber sich als leidenschaftlicher Jäger kundtat und ein ausgezeichneter Schütze war, nahm den Freiherrn noch mehr für ihn ein, so daß ihm nach kurzer Rede und Antwort die Försterstelle zuteil ward. Westerholz war ein Landessohn, vom Osten her, doch als er im Anfang der Vierziger gestanden, über den Atlantischen Ozean fortgegangen, sich am Missouri im Urwalde als Farmer anzusiedeln. Von dort war er erst im letzten Herbst in die Heimat zurückgekommen, nicht ohne Ertrag seiner Arbeit und Mühe, daß er davon zu leben vermocht hätte. Aber es duldete ihn nicht in untätiger Ruhe, er mußte ein Revier unter sich haben und jagen können; so hatte er sich, da er von dem freigewordenen Posten vernommen, für diesen gemeldet und Alfsleben sich seitdem bald gewöhnt, seine Jagdgänge nicht mehr allein zu machen, sondern Dirk Westerholz bei sich haben zu wollen. Sie sprachen fast nie anderes miteinander, als das Notwendigste, auf ihren Zweck Bezügliche, doch verstanden sie sich an hingeworfenen Worten. Heute nachmittag hatte der Förster den Gutsherrn benachrichtigt, daß er etwas Seltenes in der Gegend, einen Dachsbau, entdeckt habe, dessen Insasse vermutlich mit Eintritt der Nacht seinen Stollen verlasse und schußrecht werde. Helles Mondlicht stand zu erwarten; so waren beide, die Teckel statt eines Spürhundes mitnehmend, aufgebrochen. Auch die Dachshunde gaben keinen Laut von sich; was sich um Dietrich Alfsleben befand, war an schweigsames Verhalten gewöhnt.

Nun dämmerte es rasch unter dem zwar noch unbelaubten, doch von braunen Knospen verdichteten Gezweigdach der alten Buchen; wortlos zwischen diesen schritten die Jagdgenossen fort, Westerholz führte. Es sollte wieder heller werden, aber die Voraussicht traf nicht zu, der Mond mußte hinter schweren Wolken stehen. Mit knisterndem Ton schlugen einzelne Tropfen durch die dumpf murrenden Baumkronen, wie etwas greifbar Anrückendes wuchs die Dunkelheit. Der Förster hielt einmal an, und Alfsleben fragte: »Was ist, Dirk?« – »Zu wenig Licht, Herr Baron, die Stämme sind sich gleich. Ich verließ mich auf den Himmel.«

»Besser auf eine Leuchte. Aber laßt's Euch um mich nicht kümmern,«

Aus der Antwort des Freiherrn klang's hervor, nicht an der Jagdbeute sei's ihm gelegen, mehr am nächtlichen Streifen im Wald; besser in diesem umherzuirren, als die Stunden im Schloß zuzubringen. Sie suchten die Richtung nach ihrem Ziel, doch vergeblich, gerieten in dichtes, dornverranktes Unterholz. Ohne weitere Worte zu tauschen, arbeiteten sie sich durch, aber offenbar wußte auch der Spürsinn des Försters nicht mehr, wohin sie sich halten sollten.

Dann fuhr unerwartet einmal pfeifender Windstoß ihnen ins Gesicht, sie mußten auf eine Lichtung ins Freie heraustreten; unterscheiden ließ sich nichts mehr: gleichmäßig lag alles rundum in Finsternis. »Wißt Ihr, wo wir sind?« fragte Alfsleben. Kaum gewahrten sie sich noch wechselseitig.

»Nein. Aus dem Wald.«

Westerholz schien noch etwas nachfügen zu wollen. doch Plötzliches schnitt es ihm am Mund ab. Nathan Aronsohns Bein hatte richtig vorausgesagt, ein erstes Gewitter des Jahres schloß den sonnigen Frühlingstag. Jäh schoß ein blendend funkelnder Blitz herunter, im gleichen Augenblick schmetternd krachenden Donner mit sich niederreißend. Taghell überflammt lag für einen Moment dürrbraunes Heideland umher, und an seinem Rand, weit im Halbbogen gestreckt, hob etwas Graues sich herauf, geisterhaft wie mit dem Weiß leerer Augen ansehend; die sturmgepeitschte, hohe Schaumwogen ans Ufer rollende Nordsee war's. Nun fragte der Förster in dem polternd verrollenden Donner: »Was ist, Herr Baron?«

Eine Hand hatte nach seinem Arm gegriffen, fest die Finger in ihn eindrückend, als ob sie sich an ihm halte; ein Rütteln durchlief sie. Westerholz gab selbst auf seine Frage Antwort: »Ja, das ging dicht an uns vorbei – da schießt's auf.«

Nicht weiter als hundert Schritte seitwärts von ihnen mußte der Blitz am Waldesrand in einen Baum gefahren sein und gezündet haben; eine Flamme loderte empor. Zugleich jetzt begann schwerer Wassersturz aus den Wolken zu prasseln. »Wir müssen unterducken«, sagte der Förster.

»Ja – in den Wald zurück.«

»Der deckt noch nicht, aber da ist ein Dach.«

Die Lichtflamme hatte es auch gezeigt, eine der mit Heidebulten zugedeckten Unterschlupfhütten, aus alten Bretterabfällen zusammengenagelt, und der brennende Baum ließ sie wieder gewahren, nach drei Seiten gegen den Wind geschlossen, die vierte offen, Alfsleben ging hastig darauf zu und setzte sich in eine Ecke auf eine Ballenbank, das nämliche tat sein Begleiter ihm gegenüber; in dem kleinen Raum lag Halbhelle, der flackernde Brandschein fiel nicht durch die Öffnung herein, doch an ihren Rand. Der Förster stand wieder auf und sagte ausblickend: »Der lodert nieder wie ein Strohdachhaus, aber auf die andern gießen die Wolkenkühe ihre Milch, und weiter greift's nicht.«

Kurz sprach er noch die draußen vor der Hütte in die Lohe starrenden Dachshunde an: »Duckt euch auch vorm Wasser, ihr Narren!« trat zurück und setzte sich wieder. In seinen Augen glimmerte es, als spiegele noch ein Abglanz der Flammen aus ihnen, doch war's Täuschung, sie fielen nicht mehr hinein. Vor sich hin wiederholte er mit anderen Worten: »Der Regen hütet den Wald; wär's dürr, würd' ein gutes Stück von ihm zu Asche.«

Der Freiherr hatte schweigend gesessen, doch ließ sich's merken, die Stille in der Hütte sei ihm zuwider, er wünsche, den Stimmenfang in ihr fortzuhören. Aufblickend fragte er: »Habt Ihr einmal in Amerika einen Waldbrand gesehen, Dirk?«

»Drüben? Nein.« Der Erwidernde brach ab und fügte nach: »Ich wußte nicht, daß Sie Gewitterfurcht hätten, Herr Baron, sonst hätt' ich Ihnen vom Fang heut abgeraten.«

»Gewitterfurcht? Ihr schwatzt in den Tag.«

Auch Alfsleben brach ab. »Ich sah einmal einen Waldbrand.«

»Ich auch.«

»So erzählt mir's! Kam er vom Blitz, wie der? Das Licht ist gut, davon zu hören.«

»Ja, das Licht ist gut, davon zu sprechen.«

Dirk Westerholz gab's zurück, doch verstummte danach, bis der Freiherr kurz äußerte:

»Nun? Was schweigt Ihr?«

»Wollen Sie's hören, Herr Baron? Ich sprach's noch keinem.«

Im Ton des Försters klang etwas, daß ihn's von innen dränge zu sprechen. Er schickte hinterdrein:

»Töricht war's von mir. Ich bin dann wohl Förster auf Ekenwart gewesen,«

»Warum?«

»Weil ich unvorsichtig war und gezeigt, daß ich nicht dazu tauge.«

»Mich wird's nicht kümmern.«

»Auch nicht, wenn – wenn Ihr Förster einmal seine Kugel statt einem Wild einem Menschengeschöpf in den Leib gejagt?«

Der Hörer machte eine jäh-zuckende Bewegung, mit der er seinen Kopf gegen den Sprecher vorrückte, »Ihr? Drüben – einem Wilden?«

»Nein, Auch keine Kugel war's. Nur etwas zu große Wärme –«

Westerholz hielt nochmals an, eh' er fortfuhr: »Der Baum da hat's mir lebendig gemacht, als sollt's sein. Es ist lang, ich will's kurz sagen. Wenn Sie morgen zur Stadt fahren wollen, Herr Baron, an die richtige Tür, um es weiter zu erzählen, mir tut's nichts an.«

Dietrich Alfsleben entgegnete nichts und doch war's, als komme eine Antwort aus seinem Schweigen; noch um etwas weiter bog seine Stirn sich vor. Nun hatte der Förster sich zu weit forttreiben lassen, um einen Rückweg einschlagen zu können. Doch er suchte auch nach keinem, hörbar lag ihm nichts an irgendwelchen Folgen seines Redens, und er sprach:

»Ich hatte Glück, Herr Baron, daß ich mir jung ein junges Weib nehmen konnte. Wir lebten da hinüber, wo die Sonne aufgeht, weit von hier; als Förster stand ich im Dienst eines großen Grundherrn, eines sehr hohen Herrn. Der Hausname meiner Frau war Zurhaiden, Swenna Zurhaiden, ich führ's an, weil sie nach ihm aussah. Nicht wie die Heide jetzt, sondern im Hochsommer, wenn sie rosenrot steht, die Sonne drüber, Blau und möwenweiße Wolken. Sie machte mich sehr glücklich und stolz, denn wer sie sah, tat's mit meinen Augen und neidete mich. Auch der hohe Herr war gnädig gegen sie, wie gegen mich und guter Laune, wenn er mit mir sprach; mir gab er wichtigen Auftrag nach Schweden hinüber, dort seltene Bäume für den Schloßpark zu wählen und mit dem Wurzelreich heimzuschaffen; große Kosten machte es, aber er sah nicht drauf und ließ mir volle freie Hand. Und noch glücklicher sollte ich werden, im nächsten Frühling, denn ich bekam eine Tochter. Die wuchs fröhlich heran, man sah's bald, sie trug's in sich, an Schönheit mit ihrer Mutter zu wetten. Nur – ich weiß nicht was es war, Herr Baron – wenn des Glücks zu viel wird, hält der Mensch wohl nicht mit seinen Sinnen dawider Stand. Zum mindesten konnt' ich's nicht mit meinen; wann's zuerst so gekommen und wie, kann ich nicht sagen, aber es war da und ging nicht wieder fort. In den Augen lag's, die nicht mehr so sahen wie vordem und sie machten's wohl, daß ich auch meinen Dienst nicht mehr wie früher versah. Der hohe Herr konnte mich nicht drin belassen, aber er entließ mich nicht in Ungnaden, sondern als einen, mit dem er zufrieden gewesen, denn zum Abschied gab er mir einen Verdienstorden mit. Nicht auf der Brust, der hätte mir nicht viel genutzt, ich hätte davon nicht mit Frau und Kind essen und leben können. Ein großer Orden war's, in dem wir zu dritt Platz fanden, ein hübsches Häuschen mit einem Gärtchen dran und dann Wald dicht umher, wie's ein Förster gern hat. Das alles schenkte mir die Gnade meines hohen Herrn zum Eigentum, weil er merkte, daß ich unfähig geworden und es nicht mehr gut tat, mich länger in meiner Stellung zu lassen. So kam ich, weit fort von ihm, in diese Gegend her, darin mein schönes, geschenktes Häuschen lag.«

Der Freiherr hob den Kopf mit einem kurzen Ruck auf. »Hierher? In unsere Gegend? Wohin?«

Der Befragte streckte flüchtig den Arm aus. »Da drüben: ein halb Dutzend Meilen ins Land. Wald und Haus gehörten dem hochgnädigsten, von einer Erbschaft glaub' ich. Ich hatte das Revier unter mir zur Aufsicht, auch jagen und schießen durft' ich drin nach Gefallen, Einsam und unbewohnt war's weitum, da hatt's nicht viel Gefahr, daß einer, dem's nicht ganz richtig im Kopf ist, sich einmal versehen könnt', einen Menschen für einen Fuchs halten und auf ihn anlegen. Sie wollten's hören, Herr Baron, aber ich will Sie nicht langweilen, denn das müßt's tun, wollt' ich Ihnen vorerzählen, was die Tage und Jahre in dem hübschen Haus aus mir machten. Der Schnee lag draußen, und was meine Frau im Garten gepflanzt, ward grün und blühte, oft, ich weiß nicht, wie vielmal. Meine Tochter wuchs auf wie die Blumen, und wenn einmal jemand von außen her sie sah, da sagte er, glaub' ich, sie werde schöner, als die schönste von ihnen. Mir war's wie durch Nebel, denn es ging abwärts mit meinem Verstand, immer weiter. Sie können's draus abnehmen, Herr Baron, ich hatte im Wald ein Vogelnest aufgefunden; drauf verstand ich mich von Kindesbeinen an und wußte an der Art, Grasmücken hätten's gebaut. Unnötige Wissenschaft war's zudem, denn ich sah die Alten heranfliegen, im grauen Federwerk, ein Junges drin zu füttern. Aber von Tag zu Tag – oder war's von Jahr zu Jahr – sah ich's und erkannt' ich's deutlicher, es bekam keine grauen Federn, sondern sie fingen an, ihm goldfarbig an der Kehle zu schimmern. Darüber brütete ich nach; wie kam ein Pirol in das Grasmückennest? Denn das ward's und war's, immer klarer ließ es am Kopf und Gefieder keinen Zweifel mehr, ich kannte die Pirolart genau. Wenn einer über so etwas zu brüten angefangen hat und es sich ihm im Hirn runddreht, Herr Baron, da ist's ein Zeichen, daß es nicht anders ausgehen kann, als mit Verrücktheit. Wen hätt' ich fragen sollen, wie's so wider die Natur geraten sei? Die Grasmücke? Von der hätt' ich nicht Antwort bekommen; die Weibchen sind stumm, geben keinen Laut, Und der junge Pirol? Er wußt's selbst nicht, daß er's sei; Nestvögel sind einfältig, er hielt sich für eine Grasmücke. Aber herausbringen mußt' ich's, denn wie ein böser Schwamm an einem Baumast saß es mir auf der Brust, wuchs nach innen, ich konnte nicht mehr Luft bekommen. Da kam mir ein Gedanke, an einem Maimorgen war's, am Tag, an dem vor neunzehn Jahren meine Hochzeit gewesen –«

Von der anderen Bank der Hütte klang's nachgesprochen herüber: »An einem Maimorgen?« Und Dietrich Alfsleben fügte nach: »So lange hattet Ihr's getragen?«

Der Förster nickte. »Wenn Sie's tragen nennen wollen, Herr Baron, aber ich trug's nicht mehr; zuletzt bricht die Schulter und der Kopf. Lange trocken war es in dem Frühjahr gewesen, wie seit Menschenerinnern kaum, selbst das Gras stand gelb und dürr. Da kam der Gedanke mir – einem, den der Wahnwitz am Gehirn riß, Herr Baron –«

Da Dirk Westerholz anhielt, fragte Alfsleben: »Was für ein Gedanke?«

»Das Nest war mein, ich konnt' mit ihm tun, was ich wollte, für gut hielt. Und ich fand für gut, damit ich nicht mehr darüber zu brüten brauchte, es von der Erde wegzuschaffen, in die Luft fort, als Rauch, fliegende Asche –«

Ein augenblickskurzer, jäh herausgeflogener Stimmenton schnitt dem Sprecher das letzte Wort vom Mund. Ein Laut war's gewesen, wie der einer durch Sturmwind fortschießenden Möwe, halb Schrei, halb Lachen; dann sagte Dietrich Alfsleben:

»Was heißt das? Heißt's, Ihr zündete an dem Maimorgen Euer Haus an?«

»Da Sie's wissen, Herr Baron, muß ich's schon verständlich gesagt haben. Es gehörte mir, mit dem was drin war; zu Bett war ich in der Nacht nicht gegangen, denn ich schlief doch nicht, seit lange nie mehr. Dafür tat ich anderes, häufte in meiner Kammer unterm Strohdach Reisig und Späne, und die Läden an den Fenstern rundum schloß ich von außen gut mit Nägeln und Klammern. Noch sehr früh am Tag war's, eh' die Sonne kam, ich hatte ein Licht nötig zu meiner Arbeit. Doch danach nicht mehr, so daß ich's in der Kammer stehen ließ, als ich hinunterging, durch die Haustür und sie hinter mir schloß. Ein Brunnen war daneben, sein Wasser klatschte, denn ich warf den Schlüssel hinein; er rostet wohl heut' noch drin.«

Dem Freiherrn flog vom Mund: »Ihr tatet's, Dirk? Ihr setztet das Haus in Flammen?«

Die beiden Fragen zeugten hörbar von einer inneren Erregung des Sprechers. Sie konnten nichts anderes wollen, als Ungläubigkeit oder Schreck über die Tat des Försters ausdrücken, doch sie taten's mit unrichtiger Betonung, denn beidemal legten sie diese auf das Anredewort »Ihr«. Westerholz entgegnete:

»Ich weiß nicht, was es getan, Herr Baron, wie's so geschehen, nur daß eine Flamme aus dem Dach schlug, als ich mich umsah. Aber wenn's mich nicht kümmerte, ging's keinen sonst an. Denn das Haus gehörte mir mit dem, was drin war.«

»Ich denke, der Pirol nicht. An ihn hattet Ihr kein Recht.«

»Das hat der Verstand der klügeren Leute ausgefunden, Herr Baron. Was ist Recht für einen, der seine Sinne nicht beisammen hat? Doch der Golddrossel waren Flügel gewachsen. Ich habe wohl gedacht, sie könne auf ihnen davonfliegen, wenn's ihr im Rauch nicht gefalle.«

»Die Golddrossel muß noch einen anderen Namen gehabt haben. Wie hieß sie sich selbst?«

»Wenn Sie's zu hören wünschen, Vorschrift ist's, daß ein Kind den Namen führt, den seine Mutter bei der Hochzeit bekommen; wie hätte sie's anders sollen? Nur hieß ich mich damals anders als jetzt, und so nannte sie sich Eduv Nordwalt.«

»Eduv Nordwalt«

Der Freiherr Dietrich von Alfsleben sprach den Namen nach, stand auf, trat an den offenen Rand der Heidehütte und blickte nach dem brennenden Baume hinüber. Etwa eine Minute lang, dann kehrte er zurück und sagte:

»Ihr hattet recht, er zündet nicht weiter und lischt von selbst aus. Aber Euer Haus – das brannte nieder?«

Aus den Worten klang kein Ton der Entrüstung oder Verurteilung. Es machte den Eindruck, der Freiherr habe bei seinem Verweilen und Hinausblicken nach der verglühenden Buche sich die Tat seines Försters abgewogen. Dieser versetzte kurz:

»Ich vermute es. Ich sah's nicht mehr.«

»Und Eure Frau und – ihre Tochter?«

»Ich weiß es nicht, Herr Baron. Mein Hochzeitstag war's und im Rückgedenken an ihn ging ich davon. Nur aus der Weite zeigte zu breitgestreckter Rauch mir, daß ich mich als ein unvorsichtiger Förster benommen. Zu lang war's dürr gewesen und der Wald in Brand geraten.«

Alfsleben nickte. »Mir kommt's ins Gedächtnis, einmal davon gehört zu haben. Der Brand dehnte sich weit; durch eines Försters Unbehutsamkeit, hieß es, sei's geschehen, und er habe sich ertränkt.«

»Er hätt's wohl besser getan, aber er ging nur aufs Wasser und drüberhin.«

»Mit anderem Namen. Wie sagtet Ihr? Nordwalt?«

»In den Wald im Westen ging ich, danach nannte ich mich. Ein neuer Mensch brauchte einen neuen Namen, und er paßte mir, wie ein umgewendeter Rock. Seit bald zwanzig Jahren hab' ich des alten nicht mehr gedacht. Der Waldbrand da weckte ihn auf, und Sie haben's gewollt, Herr Baron. Fahren Sie morgen in die Stadt, dem Richter anzuzeigen, Dirk Nordwalt, der Mordbrenner, sei wieder hier, damit der Hanf ihm in der Luft nachholt, was das Wasser nicht getan.«

Der Feuerschein draußen hatte sich rasch abgeschwächt, in der Hütte war's dunkel geworden, kaum ließ sich etwas unterscheiden. Nach einem Schweigen scholl die Stimme des Freiherrn: »Ich danke Euch, Dirk, für Eure Unterhaltung. Ihr versteht Euch nach Försterbrauch auf Jagdgeschichten. Oder war ich hier in der Ecke eingeschlafen und habe geträumt, Ihr erzähltet etwas? Dem Dachs kommen wir heute nicht mehr bei. Wir wollen nach Hause gehen.«

Er setzte den Schritt vor, Dirk Westerholz folgte; der Regen hatte nach kurzem heftigem Niedersturz aufgehört, durch die sich verdünnende Wolkendecke kam jetzt ein mattes Licht der falben Mondscheibe und ermöglichte das Einschlagen des richtigen Wegs. Bis sie den Waldrand wieder erreicht, hielt Alfsleben das Gesicht von der Seeseite abgewandt, er ging wortlos, erst vorm Schloßtor sagte er: »Gute Nacht, Dirk. Wenn es morgen abend heller ist, wollen wir versuchen, ob wir besseres Glück haben.«

Ein Lichtschein vom Hause her ließ gewahren, er streckte dazu dem Förster die Hand hin. Das hatte er noch nie getan, und merklich war's einem unbedachten Impuls entsprungen. Denn wie er auf die entgegengehobene Hand dessen traf, der sich ihm selbst Mordbrenner benannt, zog er, sie kaum fassend, die seinige rasch zurück, wiederholte nochmals kurz: »Gute Nacht« und trat ins Schloß, dessen Uhr aus der Höhe grade die elfte Vollstunde herabschlug. Er begab sich ins große, hellerleuchtete Wohnzimmer des Erdgeschosses, mehrere Lampen und Armleuchterkerzen brannten, es mußte nach seiner Vorschrift bis in jeden Winkel hell sein, wenn er sich abends drin aufhielt. Bei seinem Eintritt hob sich, ein Buch zur Seite legend, Meinolf aus einem Sessel auf; die Bewegung ließ den Freiherrn zurückstutzen, ungewiß sah er einen Augenblick lang in das Gesicht seines Sohnes. Dann sagte er:

»Du? Ich hatte vergessen – es ist erst seit gestern und ich bin nicht gewöhnt, jemand hier anzutreffen. Hast du den Nachmittag gut zugebracht? Ich glaube, du rittest aus.«

Über die Züge des jungen Mannes ging ein schmerzlicher Ausdruck; er antwortete: »Ja – als ich zurückkam, sah ich dich zur Jagd fortgehen. Ich wäre dir gern nachgegangen, aber –«

Meinolf hielt zögernd an, sein Vater fragte: »Was aber – ?«

»Du warst nicht allein, mit dem Förster.«

»Warum hielt der dich ab?«

»Weil ich dir etwas unter unseren vier Augen sprechen wollte.«

»Hast du große Schulden?«

Der Erwidernde setzte den Fuß vor, es erregte den Eindruck, er beabsichtige, sich zu einer Kasse zu begeben, Meinolf das Erforderliche auszuhändigen. Doch der letztere faßte haltend mit der Hand ihm nach dem Arm:

»Vater –«

»Was hast du?«

»Ich nicht – du hast Schulden, Vater, lang angehäufte – eine große Schuld –«

Der Freiherr fuhr mit dem Arm zurück, sein Mund stieß hervor:

»Du? Was, will deine Hand? Will sie –?«

»Dich halten, Vater – einmal – heut' – eh' es zu spät ist. Du sagtest es, du hattest vergessen, daß ich hier war – mein Leben lang hast du's vergessen, daß ich dein Sohn bin. Ich weiß nicht, ich hab's gehört – nicht von dir, von fremden Leuten – daß meine Mutter dir nicht lieb gewesen – und ich weiß auch nicht, ob es ihre Schuld war, die du mich bis heute zahlen ließest. Aber mein Herz klagt gegen dich, Vater, daß du dir eine Schuld an mir angehäuft hast, denn es suchte nach deinem, immer wenn ich hierherkam. Doch sein Verlangen, seine Liebe fand dich nicht – niemals – auch gestern nicht, als ich fast drei Jahre fern gewesen – und heute fragst du, ob ich Geld gebrauche. Ist's denn wahr, wie sie sagen, daß dein Herz keine Liebe kennt und nach keiner auf der Welt je verlangt hat?«

In heftiger Gemütsbewegung, ungestüm, mehr fordernd als bittend, hatte Meinolf es herausgerungen, doch an den Wimpern glänzten ihm Tränen. Sein Vater stand mit starr aufgeweiteten Lidern; etwas irr Flackerndes, das bei seiner letzten Entgegnung ihm durch die Augen gegangen, war aus ihnen weggeschwunden, ein weich aus ihrer Tiefe aufquellender Glanz hatte sie angefüllt. Seinen Körper durchlief ein Rütteln, mühsam, nur halbverständlich brachte er von zitternden Lippen:

»Du –? Du liebst mich –?«

Staunen und Glückseligkeit malte sich in den Zügen des Befragten, der mit dem Blick am verwandelten Gesicht seines Vaters wie an einem noch nie gesehenen hing. Ein jubelnder Ton durchklang seine Stimme:

»Fühlst du's zum erstenmal? Ich wußte es, du bist gut und warm – meine Augen sehen es. Laß mich's auch hören, gib mir den Namen, mit dem mich niemand auf der Welt nennt, mit dem du mich nie benannt – zum erstenmal, Vater!« »Meinolf – mein lieber Sohn.«

»Mein lieber Vater! Hab' Dank – das ist ein Name, von dem ich weiß, daß du ihn geliebt hast, der mir sagt, daß du lieben konntest. Du gabst ihn mir wie ein Kleinod, als einen Schlüssel zu deinem Herzen, und heute hat sich's ihm geöffnet. Was ist dir, Vater.?«

»Nichts – es kam mir zu unerwartet.«

Dietrich Alfsleben hatte die Hände auf die Schultern seines Sohnes gelegt, ein Zeichen seines Gefühls, ein väterliches Erfassen war's gewesen. Doch sie begannen schwerer zu lasten, man sah, er hielt sich mit ihnen an einer Stütze aufrecht. Seine Knie trugen ihn nicht, zurückschwankend ließ er sich auf einen Sessel herunter, schloß die Augen, wie von einem Schwindel befallen. Halblaut, als Bitte kam ihm vom Mund: »Bleib' bei mir!« Meinolf kniete vor ihn hin, und sein Vater legte ihm die Hände aufs Haar. Wo sie die Stirn und Schläfe streifend berührten, fühlten sie sich kalt, wie leblos an.

Beide waren von tiefer Erschütterung bewältigt und die Schwäche, die den Freiherrn überkommen, wohl begreiflich. Nach zwanzig Jahren plötzlich hatte er einen Sohn gefunden; er mußte mit diesem im gleichen Wahn gelebt haben, daß kein Band des Herzens zwischen ihnen vorhanden sei. Aber diese Stunde bewies, er habe die nämliche Sehnsucht nach Liebe in sich getragen, und zurückgezwungen, gezagt und gebangt, sie zu offenbaren, als ob er ihre Erwiderung unmöglich gehalten, sich vor einem Erbteil in der Brust Meinolfs gefürchtet. Was sein Verhalten gegen die Gutsangehörigen kundtat, war hier deutlich vor Augen getreten. Seinem düsteren Äußern entgegen hatte die Natur ihn im Innern nicht hart gepanzert; er besaß ein weiches, jäh zu ergreifendes und ihn überwältigendes Herz.

Beide verharrten eine Weile schweigend in ihrer Stellung, Dann fand die Jugend zuerst die Sprache wieder, das letztgesprochene Wort aufnehmend:

»Ich soll bei dir bleiben – wie in dieser Stunde möcht ich's – lange. Willst du mich den ganzen Sommer behalten, Vater?«

Die Hände Dietrich Alfslebens preßten sich um den Kopf des Sohnes. »Ja, bleibe bei mir – immer. Komm, steh auf! Du sollst nicht vor mir knien – mir kam's zu vor dir, dir zu danken.«

Nun saßen sie beisammen, miteinander redend, wie sie's noch nie im Leben getan. Die hohe Flut der Empfindung, von der sie sich entgegengeführt worden, beschwichtigte sich, der Mannesnatur gemäß, doch von der Zunge Meinolfs klangen auch die gewöhnlichen Worte fort wie in einem Freudenrausch gesprochen, und die Augen seines Vaters, ihnen fremdartig folgend, erhellte ein Glück. Der erstere erzählte von seinem Leben, seinen Reisen, seinen Zukunftsplänen; dieser gedachte er mit lachendem Munde. Sie lagen ihm von der letzten Stunde fern in die Weite entrückt; was er wie ein Traumgefühl in sich getragen, daß etwas Sonnenhaftes hier auf ihn warte, hatte sich doch heute erfüllt, und nur die schöne Gegenwart hielt ihn umfangen, der Gedanke an den Sommer im heimatlich gewordenen Haus. »Frau Themis wird sich trösten, wenn sie noch darauf warten muß, daß ich mich ihr als Staatsanwalt vorstelle.«

Dann und wann war ein Glockenklang von der Schloßuhr gekommen, jetzt schlug es langandauernd langsam Mitternacht. »Die Geisterstunde,« lächelte Meinolf; »hier findet sie gute Geister aufgeweckt. Aber du bist müde von deinem Jagdgang, lieber Vater, und ich bin's vom Glück; zum ersten Male lern' ich's, daß es sich auch auf die Augen legt. Hast du gute Beute heimgebracht?«

Er war aufgestanden, sein Vater tat das gleiche. »Ja, unerwartete,« erwiderte er, und fügte nach: »das heißt, nicht wirklich. Wir gingen auf etwas Seltenes bei uns aus, einen Wachs, doch wir fanden ihn nicht.« »Das freut mich für ihn,« flog's Meinolf heiter vom Mund, »denn ich fühle heut', wie schön es ist, zu leben.« Zufällig ging sein Blick seitwärts, und er streckte die Hand nach dem Tisch, an dem er gesessen. »Ich habe dafür etwas gefunden, eigentlich nicht ich, sondern Nathan Aronsohn, der Jude, der's irgendwo am Strand aus dem Sande gescharrt und in seinen Sack gesteckt. Aber ich hab's ihm abgehandelt für deine Sammlung, wenn's dir einen Platz drin wert ist. Das Ding scheint nach dem Rost lang im Wasser gelegen zu haben, bis eine Sturmflut es herausgeworfen.«

Der Freiherr nahm die Pistole. »Ich danke dir, daß du schon an diesem Abend an mich gedacht hast; das gibt ihr Wert für mich, sonst hat sie freilich wohl keinen besonderen.«

»Wenigstens spannen läßt sie sich nicht mehr,« lachte der junge Mann, »oder ich verstand mich nicht darauf,«

Er fügte das letztere hinzu, denn sein Vater hatte den Daumen auf den verrosteten Hahn gelegt und ihn mit geübter Hand doch in Bewegung versetzt, daß er sich vom Piston aushob; nun knackte er und stand. Dietrich Alfsleben bog den Zeigefinger um den Drücker und sagte, die kleine Feuerwaffe näher an eine Lampe haltend: »Sie ist einmal von nicht schlechter Art gewesen, auf dem Kolben scheint etwas eingelegt.« Das Licht ließ jetzt die von Nathan Aronsohn einigermaßen wieder herausgeputzten silbernen Arabesken am Griff unterscheiden, doch im selben Augenblick erfolgte ein scharf klappernder Ton, und ein anderer, schreckhafter flog dem Freiherr« vom Mund. Sein Finger hatte eine Rückbewegung gemacht, und der Hahn war niedergeschlagen; Meinolf stieß unwillkürlich aus: »Was hast du, Vater? Warum?«

»Nichts – ich war ungeschickt. Ein Eisensplitter scheint abgesprungen und mir in die Hand. Man muß sich mit solchem alten Plunder vorsehen. Der Jude hat dir natürlich das unnütze Ding für guten Preis angehängt.«

Alfsleben legte geringschätzig die Pistole auf den Tisch zurück und schloß ans letzte Wort: »Nu hast recht, es ist spät und Schlafzeit. Laß uns geh'n!«

Sie stiegen zusammen die Treppe zum oberen Stockwerk hinauf; vor der Schlafzimmertür des Freiherrn hielt Meinolf, seine Rechte ausstreckend, an. »Gute Nacht, lieber Vater. Schlafe gut!«

»Gute Nacht.«

Der Antwortende versetzte es kurz, seine linke Hand nahm die des Sohnes, der verwundert fragte: »Warum gibst du mir die?«

»Die andere kann ich dir nicht geben – sie tut weh –«

»Dann ist der Splitter wohl noch drin, ich will nachsehen.«

»Nein,« Alfsleben öffnete seine Tür. »Es schmerzt nur noch nach, morgen wird's vorüber sein. Schlafe du gut, mein Sohn! Deine Jugend bedarf des Wunsches nicht.«

Er trat rasch ein, und Meinolf begab sich durch den alten gewölbten Gang weiter nach seinem Schlafgemach. Dasselbe war's, das er von Kindheit auf innegehabt, wenn er in den Ferien hier gewesen, wie alle Räume des Schlosses groß und hoch, alte Bilder sahen von den Wänden. Es hatte nie Trauliches für ihn besessen, manchmal sogar beim Zubettgehen ihn mit einer Scheu überkommen; heut' zum erstenmal fühlte er sich drin in seiner Heimat. Er war sehr glücklich, kehrte sehr anders in den Raum zurück, als er am Nachmittag zu hoffen gewagt, daß er ihn wieder betreten werde. Betrachtend stand er vor einem der Porträtgemälde, das seine Mutter als junges Mädchen darstellte, mit ihr hierher und nach ihrem Tode in dies Zimmer gekommen war. Die Züge besaßen Unschönes, Hartes, ließen begreifen, daß sein Vater sie nicht geliebt hatte. Meinolf selbst sah das Bild als das einer Fremden an, mit der ihn kein Zusammenhang verknüpfte. Sein weiches Gefühl regte sich, ihm aus diesem Empfindungsmangel einen Vorwurf zu machen, doch er konnte sich nicht wider seine Natur zwingen. Die seines Vaters lebte in ihm, und dies Gesicht hatte ihm auch nicht Liebe einzuflößen vermocht. Freilich hatte noch keines je solche in ihm geweckt; er wandte sich ab, trat an ein Fenster, öffnete es und blickte in die Nacht hinaus.

Es hatte wieder zu regnen begonnen, doch in eigener Art. Sacht durch linde, stillgewordene Luft kam's herab, nichts regte sich, das Ohr vernahm nur ein gleichmäßiges Rauschen. Darin lag etwas Melodisches, dem sich harmonisch eine zwiefache Lichthelle gesellte. Die eine war bleibend, entstammte fraglos dem selbst nicht sichtbaren Mond, der hochher mit einem Schimmer den nur mehr dünnen Gewölkschleier durchdrang. Am Horizont dagegen lag noch dichtere Wolkenmasse, aus der ab und zu ein Blitzschein aufflog. Noch ohne nachfolgenden Donner, kein Gewitter mehr war's, nur ein Geleucht blauer, spielender Flammen. Wie ein plötzlich auftauchender und wieder verschwindender zauberischer Vorhang erschien's, hinter dem sich die Aufführung eines märchenhaften Schauspiels bereite. Das Gefühl sprach auch davon, was es sei: der Einzug des Frühlings im wallenden Mantel des warmen Regens. Doch es ließ nicht Zweifel, wenn der Morgen komme, werde er das graue nächtliche Kleid mit einem Goldgewand vertauschen, sich in leuchtender Herrlichkeit zu zeigen. Und auch ein Musikklang kündigte jetzt die Eröffnung des freudigen Spieles an, aus einem Busch in der Parkferne her schlug eine Nachtigall. Sie mußte zugleich mit Meinolf, als eine nicht wahrgenommene Reisegenossin, vom Süden eingetroffen sein, tat ihre Ankunft zum erstenmal kund.

Geraume Weile hatte der junge Mann sich aus dem Fenster gelehnt und mit tiefen Zügen die köstliche Luft eingeatmet, denn der Halbschlag der Schloßuhr tönte. Nun wandte er sich zurück, allein die Müdigkeit war ihm vergangen, er fühlte, daß er noch nicht schlafen werde. Nach kurzem Besinnen nahm er seine Kerze, sich von unten das Buch heraufzuholen, in dem er am Abend gelesen. Der Gang und das ganze Haus lagen dunkel, die Dienerschaft hatte alle Lichter gelöscht, und am Fuß der Treppe blies unvorhergesehene Zugluft von einem offenstehenden Flurfenster her ihm auch das seinige aus. Doch er kannte jeden Schritt im Hause, bedurfte der Kerze nicht, sondern fand die Wohnzimmertür und tastete sich dem Tisch zu; der war's, auf den sein Vater die rostige Pistole zurückgelegt, daneben mußte das aufgeschlagene Buch sich befinden. So verhielt sich's auch, der Himmel kam ihm zu Hilfe und goß kurz einen blauen Wetterschein durch die Stube, bei dem er die weißen Blätter wahrnahm und gleich darauf mit der Hand gefaßt hielt. Um ihn war's wieder finster; hatte er sich doch vielleicht geirrt, ein anderes Buch von einem anderen Tisch genommen? Die Empfindung überkam ihn, er wußte zuerst nicht, weshalb; dann erklärte sie sich ihm daraus, daß er bei dem flüchtigen Aufleuchten nur das Buch, doch nicht die Pistole daneben gesehen. Seine Hand tastete über den Tisch, aber dieser war leer. Meinolf dachte einen Augenblick nach, erinnerte sich indes nicht, daß irgendwo ein anderes aufgeschlagenes Buch gelegen; er mußte das gesuchte in der Hand halten, der Diener beim Auslöschen der Lampen die alte Schußwaffe beiseite geräumt haben. Wie er in sein Zimmer zurückkam, zeigte sich auch, daß er das richtige mitgebracht; ein Döbereinersches Platin-Feuerzeug ermöglichte ihm, seine Kerze wieder anzuzünden. Aber jetzt hatte die Müdigkeit sich seiner aufs neue voll bemächtigt, er las doch nicht mehr, stand nur noch einmal auf, das Fenster wieder zu öffnen. Leise rauschte der Frühlingsregen; mit geschlossenen Augen sprach Meinolf Ulfsleben ein paar ihm besonders liebe Verse eines altrömischen Dichters vor sich hin:

»
Quam juvat, inmites ventorum audire susurros,
Et dulces somnos imbre juvante sequi.«

Schon in halbem Traum kam's ihm von den Lippen, und auf den Schlag der näher ans Schloß herangekommenen Nachtigall hörend, fiel er in Schlaf.

IV.

Letzter Wochentag war's gewesen, und als der Morgen anbrach, kündete die Kirchenglocke von Loagger den Sonntag über Land und Wasser. Weitum ging ihr Ruf durch stille Luft; nicht ein Sonntag nur war's, auch ein Sonnentag, erfüllend, was die weiche Regennacht verheißen. Dem Schiffer, der, sich über die Planke lehnend, draußen unter kaum gebauschtem Segel auf kleinem Deckboot langsam dem Ufer entlang zog, klang's wie ein singender Ton aus den leis' dünenden Wellen. Den Strand lief's entlang, wie ein Wettspiel mit den huschenden Vögeln. Fern auf die Heide hinaus ging's eilend und bleibend, allgegenwärtig, ihr noch schmuckloses Gesträuch wie jeden grünknospenden Birkenzweig umsummend; aufhorchend da und dort hoben die Eidechsen ihre Köpfe ins freudige Licht. Nach dem Waldrand im Osten schien der Schall hinüberzutrachten, doch bis dahin gelangte er nicht; kaum zu empfinden zwar, stand die Luftbewegung ihm entgegen, seine Schwingungen lähmend, wie Schwingen eines sich ermüdet zum Boden herabsenkenden Vogels. Sonntagsgeläut, seine Mahnung zur Abwendung vom Irdischen war's, aber im Ohr tönte sie wie ein lieblicher Gruß des Frühlings, ein holder Weckruf zum Erblühen und zur Freude.

Und auf die Kanzel stieg der Pastor Christian Hollesen und verkündigte das Evangelium, die Botschaft des Himmels an die Menschen, daß alle Herzen bereit seien, mit freudigem Dankgefühl sich der einigen Güte und Liebe zu öffnen. »Sehet, sie schreitet draußen über Feld und See im goldenen Gewand. Zu jedem tritt sie heran, denn keiner achtet sie gering. Ob die Lippe schweigt, ihr gilt als Gebet der Glückstrahl eines Auges, das Klopfen eines Herzens. In ihm tragt ihr den Wahrspruch, euch selbst zu kennen, ob ihr der Gaben wert seid, die euch zugemessen, euch ihrer zu erfreuen oder vor ihnen zu erschrecken. Denn es leuchtet gleicherweise der Sonne Licht über Gerechte und Ungerechte, die unser Blick oftmals nicht scheiden kann im Dunkel ihrer Brust, doch in ihr fället jeglicher sich sein Gericht.«

So sanft die Stimme Christian Hollesens klingen konnte, so mächtig auch vermochte sie das Kirchengewölbe zu durchhalten und tat dies gegenwärtig bei dem letzten Satz. Allerdings zur Hebung des Tones auch durch einen äußeren Anlaß genötigt, um sich bei einem vom Fliesenboden aufdröhnenden Geräusch von Fußtritten vernehmbar zu machen. Ein Wagen war draußen vorgefahren, aus dem die Gutsherrschaft von Helgerslund, Herr Friedrich von Brookwald, seine Frau und seine Tochter gestiegen. Sie fehlten niemals beim sonntäglichen Gottesdienst, stellten sich gewöhnlich noch vor seinem Beginn ein. Doch heut' hatten sie sich verspätet; im Vorschreiten das Gesicht dem Prediger zuwendend, ließ der Schloßherr einen Ausdruck des Bedauerns darüber aus seiner gutmütig jovialen Miene sprechen. Er war nicht eigentlicher, wenigstens nicht alleiniger Patronatsherr der Kirche, deren Verhältnisse nach dieser Richtung von alter Zeit her nicht recht klar gelegen, bis sie einmal von seiten des Staates dahin fester geordnet worden, daß dieser sich mit den Gütern Helgerslund und Ekenwart in das Patronat geteilt. Doch bekümmerte er sich kaum um Zustände und Bedürfnisse der abgelegenen Pfarre und noch minder der jetzige Freiherr von Alfsleben, der seit bald zwei Jahrzehnten den Fuß nicht hierhergesetzt. So war Fritz Brookwald – mit dem Namen ward er in der Gegend zumeist von seinen Standesgenossen benannt – der einzige, an den sich der Pastor in äußeren Angelegenheiten der Kirche mit Erfolg zu wenden vermochte, und es hatte sich daraus zwischen ihnen ein Verkehr gestaltet oder richtiger der fortgesetzt, welcher vorher zwischen dem Pfarrhaus und dem verstorbenen Besitzer von Helgerslund, dem Schwiegervater Brookwalds, bestanden. Christian Hollesen hatte die Frau des letzteren noch als Kind gekannt, sie wie ihren in der Nordsee ertrunkenen Bruder konfirmiert und die Trauer über diesen jähen, erschütternden Unglücksfall mit ihr und ihrem Vater geteilt. Dann war die Trauung Gertruds von ihm vollzogen worden, so verknüpften ihn langjährige Beziehungen mit ihr. Nun war die Zeit weitergeschritten, eine neue Geschlechtsfolge heranreifend, denn Unna Brookwald stand bereits nah davor, ihr siebzehntes Jahr zu erreichen.

Die zu spät Gekommenen nahmen ihren besonderen Stuhl ein, mit Ausnahme Unnas, die sich an die Seite Zea Hollesens setzte, von dieser durch eine etwas fortrückende Bewegung dazu aufgefordert. Es ließ Neigung und Befreundung zwischen den beiden jungen Mädchen erkennen; die erst jetzt Eingetroffene faßte unter dem überspringenden Tischrand zu einer stummen Begrüßung nach der Hand ihrer Nachbarin und behielt sie in der ihrigen, während ihr Vater zu einem kurzen Gebet vor sich nieder sah und dann andächtig aufmerksam der Predigt zuhörte. Frau Gertrud von Brookwald tat das gleiche, doch lag in dem Falten ihrer Hände etwas von Gewöhnung Ausgeübtes, bei dem ihr Denken nicht anwesend sei. Sie zeigte in den Gesichtszügen Ähnlichkeit mit ihrer Tochter, natürlich dem Unterschied der Jahre gemäß. Indes war sie, wenn auch von mehr als doppeltem Alter, keineswegs eine alte Frau, hätte, kaum über die Mitte der Dreißiger hinaus, fast noch zu den jungen gezählt werden können. Doch sie sah älter aus, wenigstens überwogen auf den ersten Blick das schon leicht ergrauende Haar und leis' die Stirn durchziehende Schattenstriche das Jugendliche, das ihren Zügen noch geblieben und erst bei genauerer Betrachtung hervortrat. Aus ihren blauen, großen Augen sprach Milde; sie hingen am Munde des Predigers, doch nicht eigentlich mit einem Ausdruck kirchlicher Andacht. Ohne Zweifel kam sie willig, von eigenem Trieb geführt, hierher, den Worten Hollesens zuzuhören. Aber nicht der Pastor war's, der vor ihr von der Kanzel redete, sondern ein Mensch, mit dem sie lange Freundschaft, Verehrung und Vertrauen von Kindheit auf und Übereinstimmung der Gedanken verband. Zuweilen erschien's, als nehme ihr auf sein Gesicht hin gerichteter Blick auch ihn nicht gewahr, sondern sehe durch ihn hin in eine Weite.

Wie immer stillten die zur Gemeinde Gehörigen den kleinen Kirchenraum dicht an, auch Henning Wittkop befand sich in sonntäglichem Anzug drin. An einem Pfeiler stehend, hörte er sichtlich der Predigt, sowohl mit schuldiger Achtsamkeit, wie auch gern zu, doch hielt diese kirchliche Pflichterfüllung ihn nicht ab, in jeder Minute nach den nebeneinander sitzenden jungen Mädchen zu schauen und einmal sogar wohl ohne Selbstwissen halb- oder viertelslaut in seinen Bart hinein zu reden: »Sie sind richtig als wie ein Seeschwalbenpaar, bloß daß die Witta noch weißer von Federn ist.« Unweit von dem Strandvogt stand auch Tilmar Hellbeck; sein Blick hatte nichts stetig Verbleibendes, ging durch die Kirche umher, hob sich nach den von Sonnenstrahlen glitzernden Fenstern und schweifte wieder abwärts. Er schien an Pflanzen und Blumen draußen auf der Heide am Seestrand zu denken, wenigstens deutete Zea Hollesen sich es so, die aufschauend einmal seinen Augen begegnete und den Anflug eines Lächelns um ihre Lippen spielen ließ. Manchmal nahm sie am sonntäglichen Gottesdienst teil, manchmal versäumte sie ihn, blieb draußen in der Sonne. Ihr Vater verlangte nicht, daß sie zugegen sei, hatte nie ein Wort der Mißbilligung, wenn sie nicht gekommen. Doch wußte sie, ihre Gegenwart erfreue ihn, und ihr bereitete es gleichfalls Freude, dem, was er von der Kanzel sprach, zuzuhören, so war sie heute hier anwesend. Wohl aber begriff und fühlte sie auch, daß man sich trotzdem aus dem engen Kirchenraum fortsehnen könne, in die Weite, unter das blaue Himmelsdach hinaus, und dies Verständnis geheimen Wunsches Tilmar Hellbecks drückte das leise Lächeln ihres Mundes aus. Doch der junge Lehrer faßte es kaum auf, sein Blick ging rasch nur an ihr vorüber. Ein einziges Mal waren seine Augen in die Richtung ihres Platzes geraten und zufällig gerade die ihrigen mit ihnen zusammengetroffen. Es wiederholte sich nicht, denn sein Gesicht kehrte nicht mehr nach ihrer Seite zurück.

Christian Hollesen aber nahm am Schluß seiner Predigt noch einmal den Gedanken auf, dem er gerade bei der Ankunft der Helgerslunder Gutsherrschaft Ausdruck gegeben. In seiner Art, sich gerne der Bilder zu bedienen, welche die Natur um Loagger darbot, tat er's und sprach:

»Es hält sich oft verborgen des Menschen Trachten und Tun gleich dem Grunde des Meeres, wohin nicht Auge und Ohr reicht, daß er es wohl verdeckt wähnt und nicht sorgt, das Licht des Tages könne drauf fallen. Aber ein Wind braust daher, den er nicht vorgesehen, und läßt die Welle aus der Tiefe aufrauschen, daß sie Verschwiegenes emporhebt und dem Blick ans Ufer trägt. Sei es eine Sünde des Gedankens, sei es eine Missetat, sie werden zeugen gegen den, der sie gehegt oder begangen, denn Gerechtigkeit hält die Schalen der Wage, jeglichen zu wägen nach seiner Gebühr. Ob auch die Zeit über eine Schuld sich legen mag gleich dem Flugsand, es wandert doch die Düne wieder ab von ihr, und entblößt liegt sie vor der Sonne für die Stunde des Gerichts. Ist einer unter eurer Zahl, dem vor solchem bangt, da kehre er in Reue sein Herz, abzulassen vom bösen Trieb, In sich, als sein eigener Richter, spreche er sein Urteil und finde Vergebung, wenn er sie in sich selbst zu finden vermag.«

Der christliche Pastor hatte das nämliche Gleichnis von dem alles überdeckenden Sand gebraucht, wie gestern der Jude Aronsohn, es lag gleichsam draußen vor der Kirchentür, und für die Strandanwohner konnte kaum ein Bild etwas deutlicher bezeichnen. Auch Henning Wittkop nickte mit dem Kopf und nach seiner Gewohnheit murmelte er, als Tonlaut halbverständlich für das Gehör der ihm zunächst Stehenden vor sich hin: »Ja, Sand in die Augen.« Doch was er mit dieser an sich selbst gerichteten Bemerkung besagen wollte, war nicht zu entnehmen; seine Stirn hob sich dabei zu einem kurzen, durch die Kirche hin über die Gankreihen der Dorfeinwohner weggehenden Aufblick, dann verwandte er seine Achtsamkeit auf die Predigt zurück. Sie war nicht lang mehr, das Schlußgebet klang bald von der Kanzel, der Gesang hob wieder an, verhallte, und die Kirche leerte sich. Sehr schön war's, aus dem kalten Licht des kühlen Raums in den warmüberfließenden Sonnenglanz hinauszutreten; Unna hielt den Arm in den Zeas gelegt, so gingen sie miteinander, die junge Brust beider atmete wie wetteifernd in unbewußter Freudigkeit die kräftige Frühlingsluft ein. Sie kamen nicht oft, nur am Sonntagvormittag und auch dann meistens nur für kurze Zeit zusammen, doch unverkennbar hing Unna Brookwald mit dem Herzen an ihrer Begleiterin. Sie war ungefähr nur ein Jahr jünger, schlank und schön aufgewachsen, aber ein Kind noch an Leib und Gemüt, fröhlich wie ein Falter in der Sonne. Ihre Augen gingen über den Friedhof, doch sahen nur das Flimmern und Spielen der Lichter auf den Kränzen und Grabsteinen, die Schatten, die von ihnen über den Boden hinfielen, rührten sie nicht an. Den leichten Fuß einmal haltend, sagte sie mit heiterer Stimme: »Da ist Onkel Meinolfs Stein; es sieht aus, als wäre der Efeu im Winter noch gewachsen, man kann kaum mehr die Inschrift lesen.«

Die Leiche Meinolfs von Rhade hatte das Meer nicht herausgegeben, doch seine Schwester ihm auf dem Kirchhof von Loagger ein Gedächtnismal gesetzt, als liege er darunter bestattet. Eine weiße Marmorplatte war in den Granitblock eingelassen, auf ihr stand der Name des Toten und ein Grabspruch, den Christian Hollesen hinzugefügt. Der Efeu hing verdeckend darüber, nicht, weil er sich zu stark verdichtet, der Wind hatte lose Ranken herabgedrückt. Die Hand Zeas schob sie jetzt beiseite und sie sprach dazu: »Für mich ist's' nicht nötig, ich weiß von Kindheit auf auswendig, was darauf steht. Aber der Spruch meines Vaters ist schön und gehört in die Sonne.«

Sie stand zwischen dieser und dem Stein, so daß ihr Schatten auf ihn fiel, doch die Inschrift trat jetzt deutlich hervor:

»In Jugend, sprachen die Alten, gehen dahin, die von den Göttern geliebt werden: Leidlos aus der Sonne entrafft jäh sie der Blitzstrahl. So leben sie immer jung dem Gedenken.«

»Mich deucht's doch besser, älter zu werden,« sagte Unna Brookwald, »ich möchte noch nicht sterben. Oder du?«

Sie mußte zu der letzten Frage lachen, und Zea antwortete frohsinnig: »Glaubst du, ich habe die Sonne weniger gern?« Der Grabstein warf für sie beide keinen Schatten, verknüpfte ihnen keine Vorstellung. Sie hatten den, dessen Gedächtnis er erhielt, nicht gekannt.

Doch Unnas Mutter, die jetzt auch herzukam, sah man an, sie trage die Erinnerung in sich. Wie immer, wenn sie die Kirche verließ, nahm sie den Weg hier vorüber, den Stein mit einem mitgebrachten Gedenkzeichen zu schmücken; heut waren es erste Veilchen, die ihr Bruder besonders geliebt. In ihren Augen stand, wahrend sie die kleinen Duftblüten schweigend zwischen den Efeuranken befestigte, sie bringe die Gabe ihm, doch auch sich selbst, einer Vergangenheit, in der sie noch lebe, die sie an dieser Stelle wie noch seiend vor sich gewahre. Dann wandte sie sich, Zea freundlich zu begrüßen; aus der Art, wie sie dem Mädchen die Hand reichte, sprach, daß sie die Zuneigung ihrer Tochter teile.

Ihr Mann war zurückgeblieben, auf das Herauskommen des Pastors aus der Kirche zu warten, mit dem er eine Pfarreiangelegenheit zu besprechen hatte. Christian Hollesen trug die vorgeschriebene geistliche Summartracht nur auf der Kanzel, legte sie stets erst in der Sakristei an und wechselte sie dort wieder gegen seine gewöhnliche Kleidung um. Nun näherte er sich in dieser im Gespräch mit Herrn von Brookwald gleichfalls heran; der letztere blickte den Weg vorauf, brach von der Unterredung ab und sagte, sich die auf die beiden Mädchen vorgerichteten Augen mit der Hand beschattend: »Dort, glaube ich, stehen meine und Ihre Tochter, man kann sie bei der Sonnenblendung kaum voneinander unterscheiden, ihre Größe ist fast gleich, Unna muß im letzten Jahre stark gewachsen sein.«

Der Pastor ordnete noch etwas an seinem umgetauschten Rock, ehe er antwortete: »Ja, auch ihre Gesichter haben etwas Ähnlichkeit miteinander.«

»Finden Sie? Das ist mir noch nicht aufgefallen; freilich bei meiner Kurzsichtigkeit kann's mir begegnen, daß ich eine Holztaube für eine Elster ansehe und darauf losknalle.«

Fritz Brookwald erwiderte es in seiner, den ersten besten ihm auf die Zunge kommenden Ausdruck nicht abwägenden, halb derben, halb saloppen Sprechweise; sie gab ihm etwas offen Natürliches, dem gesuchte Worte fremd und ungelegen seien. Er fügte nach: »Da muß ich sie mir einmal betrachten«, und gegen Zea hinantretend, redete er sie an: »Laß dich einmal unter die Lupe nehmen, Kind – oder mir gehen heute wohl die Augen auf, daß es an der Zeit geworden ist, ›Fräulein‹ zu sagen und sich dahinter mit der dritten Person zu inkommodieren. Nein, lieber Pastor, allen Respekt vor Ihren guten Augen, aber weiter als im Längenmaß kann ich nichts Ähnliches bei den zwei ins Kraut geschossenen Pflanzen ausfinden. Die Sorten kommen mir doch ganz verschieden vor.«

Vielleicht klang aus dem letzten ein bißchen aristokratischer Hochmut, der von vornherein eine Artverschiedenheit zwischen der Tochter des Sprechers und dem bürgerlichen Adoptivkind des Geistlichen als selbstverständlich betrachtete, und Hollesen beeilte sich, zu entgegnen: »Natürlich, mir konnte nicht einfallen, beide weiter als in der oberflächlichen Erscheinung vergleichen zu wollen,« Brookwald versetzte lachenden Mundes:

»Ich glaube, ich habe einmal wieder Zeug geschwatzt, verstehen Sie's nicht falsch, lieber Freund, Sie kennen meine schlechte Gewohnheit, nicht lange nachzudenken, was mir herausfährt. Übermäßig zartfühlend bin ich ja nicht zur Welt gekommen, aber ich hoffe, für so geschmacklos halten Sie mich nicht, daß ich –«

Eine launige Miene ergänzte den Schluß und der Sprecher fuhr fort: »Übrigens hat mir heute Ihre Predigt ganz besonders zugesagt. Unsereins weiß leider Gotts, wie not es tut, den Leuten manchmal ordentlich ins Gewissen zu reden. Wenn's Ihnen recht ist, gehe ich mit in Ihre Studierstube, daß wir die Patronatssache dort besprechen. Ich bleibe ja doch einmal vor dem Rest damit, der Staat läßt sich den Schlaf nicht dadurch verderben und mein Nachbar auf Ekenwart noch weniger. Sein Sohn, der Meinolf, hör ich, hat sich einmal wieder eingefunden, da kriegt er vermutlich einen Kumpan für sein herumknallen und seine Schrullen; die Äpfel Pflegen nicht weit vom Stamm zu fallen.«

»Ihre Anerkennung ist ehrend und erfreuend für mich, Herr Baron. Wenn es Ihnen beliebt, ich stehe zu Dienst.«

Christian Hollesen beobachtete dem Patronatsherrn gegenüber einem seinem Munde fremdstehenden förmlichen Ton, der die joviale Weise nicht erwiderte, sondern sich merkbar mit Zurückhaltung unterordnete. Fritz Brookwald war nicht freiherrlichen Standes, doch der ihm von dem Pastor gegebene Titel warb ihm allgemein gebräuchlich beigelegt; die Besitzer von Helgerslund waren seit Menschengedenken Barone gewesen. Seine Kurzsichtigkeit mußte nicht so hochgradig sein, wie er sie dargestellt, denn er hatte bemerkt, daß bei einem der von ihm lachend gesprochenen Worte seine Frau leicht gezuckt und ein schmerzlicher Zug über ihr Gesicht hingegangen. Er wandte sich jetzt zu ihr: »Was hast du? Ach so, der Name deines Bruders war. Entschuldige, aber ich bin nicht sentimental veranlagt, und mich dünkt, du könntest nach so langer Zeit dies empfindsame Gefühl auch einmal ablegen, liebe Gertrud. Wir müssen alle sterben, und wäre er nicht –«

Brookwald führte den Satz nicht zu Ende. Das Ungesprochene ließ verschiedene Deutungen zu, doch als die wahrscheinlichste, daß ihm auf der Zunge gelegen, fortzufahren: »Wäre er nicht gestorben, so würdest du nicht die Erbin von Helgerslund gewesen sein.« Gertrud entgegnete nichts, aber ihr stand im Gesicht zu lesen, sie habe es so verstanden. Ein Antlitzausdruck war's, der in seiner Schweigsamkeit noch mehr redete, zwischen ihr und ihrem Manne bestehe kein innerliches Verhältnis, die früheren Schattenstriche auf ihrer Stirn und das graudurchspielte Haar seien nicht in einem Widerspruch mit ihrer Lebensführung. Allein sichtlich war sie gewöhnt, sich zu beherrschen, keinen Laut ihres Inneren offenbar werden zu lassen. Mit einem blassen, freundlichen Lächeln wendete sie sich jetzt Mathilde Hollesen, der Frau des Pastors, entgegen, die, nach ihr suchend, um die Kirche herzukam. Die beiden Frauen begrüßten sich, freundschaftliche Beziehung an den Tag legend, und schlugen miteinander den Weg nach dem Pfarrhofe ein, wohin Herr von Brookwald und der Pastor schon vorausgegangen. So blieben die beiden jungen Mädchen wieder allein, standen nach wie zuvor beisammen, und Zea sagte: »Deine Mutter war traurig.«

Unna Brookwald antwortete, der Genannten nachsehend: »Ja, Mama ist manchmal empfindlich und verträgt dann das Spaßen meines Vaters nicht.« Es lag ein Unterschied in ihrer Bezeichnung der beiden; sie fuhr fort: »Mir tut's weh, wenn ich dabei bin; so wie ihr kann's mir ja nicht sein, aber ich fühl's doch mit, der Onkel Meinolf muß ein prächtiger Mensch gewesen sein, ganz anders als – als sonst viele und jedenfalls auch als der, der nach ihm den Namen bekommen hat. Daß der wieder da ist, meinetwegen hätt' er's nicht nötig gehabt. Kannst du dich noch an ihn erinnern?«

»An wen?«

»Meinolf Alfsleben; mein Vater sagte ja, er wäre wiedergekommen. Da kann man sich in acht nehmen, daß einem die Glieder heil bleiben; wo er dabei ist, riskiert man immer geradezu sein Leben, Man kriegt etwas an den Kopf geworfen oder er stößt einen blindlings in den Teich.«

Zea Hollesen fiel ein: »Ach der, ja, mir fällt's ein, es muß lange her sein. Aber er holte dich auch wieder heraus, ist's mir.«

»Natürlich, sonst könnt ich mich heut wohl nicht daran erinnern.« Unna lachte fröhlich, sie war ein Kind, dem einen Augenblick der schmerzliche Zug im Gesicht ihrer Mutter nah' gegangen, aber der Frohsinn brach rasch wieder in ihr durch. »Mama kam, wie er mich, von oben bis unten triefend, ins Haus trug, er selbst war natürlich ebenso pudelnaß, und sie litt nicht, daß er so wegging, sondern er mußte sich auch erst bei uns trocken umziehen. Das weiß ich noch gut, denn ich hoffte, Mama würde ihn gehörig ausschelten und heruntermachen für seine Fahrigkeit, aber statt dessen war sie nur dankbar und zärtlich gegen ihn, daß er mich herausgezogen und mir das Leben gerettet hatte, und er bekam ein großes Glas voll von einem schönen, warmen Getränk, von dem ich nur ein kleines abbekam.«

»Ja, gesehen hab' ich ihn wohl auch ein paarmal, aber bis hier heraus ist er vermutlich selten gekommen; wie er aussieht, weiß ich nicht mehr,«

Zea drehte sich halb und erwiderte auf einen Gruß: »Guten Morgen, Tilmar. Dir ward es heut bei der Sonne zu eng in der Kirche.«

Der junge Lehrer war, da und dort eine Grabinschrift lesend, der letzte auf dem leergewordenen Kirchhof geblieben, jetzt den Weg entlang geschritten und hatte vor den beiden Mädchen den Hut gelüftet. Es schien in seiner Absicht gelegen zu haben, vorüberzugehen, doch die Anrede ließ ihn stehenbleiben und entgegnen:

»Guten Morgen, Anna. Weshalb meinst du's?«

»Ich las dir's in den Augen. Worüber lachst du, Unna?«

Die Befragte drückte sich die Zähne auf die Lippe. »Mir kommt's so komisch vor, daß jemand dich Anna nennt. Warum sagen Sie denn nicht Zea?«

Tilmar Hellbeck stieg ein leichtes Rot ins Gesicht. »Was kommt mir nicht – kommt mir nicht auf die Zunge. Ich habe Fräulein Hollesen Anna genannt, als sie noch meine Schülerin war –«

Das ließ auch ihr ein Lachen um den Mund spielen. »So hast du mich noch nie genannt. Liegt's heute in der Luft, auch Unnas Vater wollte mich so neu anreden.« Er stand etwas ungewiß, ob er noch bleiben oder weitergehen sollte; sie setzte hinzu:

»Was hast du heut morgen vor? Der Sonntag ist dir der beste Tag.«

»Ich dachte, nach Herdsand zu rudern, nachzusehen, ob dort schon etwas zu finden ist.«

Nicht die Worte, doch ihr Ton regte das Gefühl, eine Antwort zu erwarten; Zea fiel ein:

»Dahin möcht ich mit dir, es muß heute schön drüben sein. Kannst du nicht mit, Unna?«

Die Befragte schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, meine Eltern werden bald zurückfahren.«

»Wir wollen uns erkundigen. Sieh dich nach mir am Strande um, Tilmar; wenn's geht, komme ich.«

Der junge Lehrer lüftete den Hut wieder und ging; die Verabschiedungsart galt dem adeligen Fräulein, Zea hätte solche Grußweise von ihm nicht verstanden. Die Mädchen wandten sich jetzt nach dem Pfarrhause; wie er aus der Hörweite gekommen, sagte Anna Brookwald:

»Mich reizt es auch schon zum Lachen, wenn ich Tilmar Hellbeck sehe. Ich weiß nicht warum, er ist so komisch,«

»Er ist der beste, außer meinem Vater, mein liebster und einziger Freund; wenn ich ohne ihn sein sollte, das könnte ich mir nicht denken. Was du sagst und tust, ist kindisch, Unna, und steht dir schlecht an. Du kennst ihn nicht, nichts weiter, als daß er bei dir, wenn er dich mit mir trifft, etwas verlegen ist. Du kommst ihm vermutlich wie etwas anderes vor als ich.«

Unwillig, beinahe hastig war's Zea Hollesen vom Mund gekommen. Unna Brookwald erschrak und griff rasch nach ihrer Hand.

»Sei mir nicht böse, ich bin ja einfältig. Was du lieb hast, ist gewiß gut, ich lache nur gern, und zu Hause ist's mir selten recht danach. Hast du mich auch wieder lieb?«

Sie streichelte zärtlich die langbefingerte seine Hand Zeas, die ihren Unmut schnell wieder ausglich. Den Kopf der Reumütigen an sich ziehend, küßte sie Unna rasch einmal auf die Lippen; für einen Zuschauer war's in diesem Augenblick täuschend gewesen, als biege sich ein junges Gesicht seinem eigenen, aus einer Spiegelfläche zurückkommenden Bild entgegen. Merklich war's ein Kuß von nicht an solches Tun gewöhnten Lippen, auch die Empfängerin schien davon überrascht, doch mehr noch beglückt. Ihren erschreckten, bittenden Augen gegenüber hatte Zea ein plötzlicher Antrieb gefaßt, die erzürnt ihr entfahrenen Worte so wieder gutzumachen; nun fügte sie nach:

»Ich weiß ja, daß du nichts böse meinen kannst. Warum ist's dir denn zu Hause nicht zum Lachen?«

»Mir wär's immer, wenn ich dich bei mir hätte.« Die Antwortende griff wieder nach der Hand der Freundin. »Komme heute mit! Wir haben genug Platz im Wagen. Seit wie lange bist du nicht bei uns gewesen! Tu's!«

»Wenn mein Vater mich wieder einmal zu euch mitnimmt. Allein darf ich den weiten Weg nicht gehen, er hat's mir verboten,«

»Sonst verbietet er dir doch nichts.« Über die Freudigkeit Unnas war ein Schatten gefallen, »Hin führest du ja mit uns, mehr Schutz brauchst du doch nicht. Und was sollte dir denn unterwegs zustoßen?«

»Mein Vater sagt, auf den Koppeln bei euch vorm Wald ist zuweilen ein böser Stier los, der könnt auf mich zustoßen mit den Hörnern. Ich habe keine Furcht davor, aber meine Eltern würden sich ängstigen. Sonst ginge ich gern mit dir, auch auf der Heide muß es heut schön sein.«

»Du, warum sind die Stiere eigentlich im Frühling oft so bös, viel ärger als sonst? Das kommt mir ganz unnatürlich vor, grad um diese Zeit, wenn alles so schön wird, könnt ich's doch am wenigsten sein.«

Darauf wußte Zea keine Antwort, aber sie mußte lachen. Wohl hauptsächlich über die Vorstellung, Unna solle sich wie ein bösartiges Tier behaben, indes auch über die Frage; die hätte sie nicht getan, sie war doch um ein Jahr älter. Nun erreichten die Mädchen das Pfarrhaus, vor dem der Helgerslunder Wagen schon zur Rückfahrt bereithielt. Die beiden Frauen saßen beisammen im Gärtchen, sie hatten miteinander gesprochen oder eigentlich Mathilde Hollesen allein. Wie ihr Mann, wenn er den Summar abgelegt, nichts von einem Geistlichen an sich trug, so hatten auch ihr Gesicht und Wesen nichts von dem, ziemlich allgemein im Lande ähnlich Wiederkehrenden der Frau eines Pastors. Sie war Frau von Brookwald um zehn Jahre voraus, ungefähr in gleichem Altersverhältnis, wie es zwischen den Männern bestand, doch in ihrem Verhalten der adligen Dame gegenüber lag nichts von Steifheit, vielmehr ein völliger Gegensatz. Sie hatte eine kleine Weile mit ihren freundlich-stillen, doch von innerer Teilnahme zeugenden Augen schweigend in den Sonnenglanz umhergeblickt und sagte gegenwärtig etwas gedämpften, aber zum Herzen gehenden Tons:

»Ich sah Ihnen an, Gertrud, daß es schmerzend in Ihnen aufgewacht sei. Wenn der Tag so schön ist, bringt er's wohl mit sich, die Sonne ruft den Schatten. Daß die Haare grau werden, ändert's nicht – bei Ihnen freilich ist's zu früh – aber in sich, deucht mich, wird man dadurch nicht älter. Ich wenigstens bin's noch nicht geworden und fühle mit Ihnen wie an dem Tag, als Sie zu mir kamen und bei mir weinten, wie bei einer Mutter. Damals suchte ich Sie zu trösten, und glaubte selbst noch daran, an sein Wiederkommen. Das ist nicht geschehen, und heut glaube ich, es war besser so für Sie, Mein Mann hat es auf den Stein geschrieben: ›So leben sie jung dem Gedenken‹; das gilt nicht für die Toten allein. Ein ungelöstes Rätsel ist mir's auch, aber es ist manch Dunkles um uns auch im hellsten Licht. Ich meine – da kommen die Kinder, Ihre eigene Tochter, liebe Gertrud. Die meinige macht mich gewiß so glücklich, wie ich es wünsche, doch das Schicksal war Ihnen gütiger gesinnt. Ich mußte mir erst aneignen, erobern, was es Ihnen freiwillig gab.«

Die Absicht eines Trostes klang nicht gerade aus den letzten Worten hervor, aber der freudige Augenausdruck der Sprecherin konnte nicht fehlen, in ihrer Herzensempfindung sei kein solcher Unterschied vorhanden. Einfallend wiederholte Gertrud von Brookwald: »Gütiger! Gab es Ihnen nicht, Ihren – ?«

Sie sprach nicht aus, es schien, daß sie um der in den Garten eintretenden Mädchen willen abbrach, doch ein Zucken der Lippe lieh ihrem Innehalten andere Deutung. Im Studierzimmer des Pastors endeten die beiden Männer ihre Besprechung; Hollesen hatte nach herkömmlicher Weise eine Portweinflasche auf den Tisch stellen lassen, von deren Inhalt der Patronatsherr mit Wohlgefallen getrunken. Nun ordnete der Pastor, ihm kurz den Rücken wendend, einige benutzte Papiere in sein Schrankfach zurück; er nahm dabei eigentlich unnötig eine schräge, etwas unbequeme Stellung ein, die Fritz Brookwald äußern ließ: »Als Praktikus sind Sie nicht auf die Welt gekommen, lieber Pastor, das hätten Sie mit weniger Inkommodität zuwege bringen können.« Er streckte die Hand nach dem Tisch, sein Glas zu fassen, wie Christian Hollesen es trotz seiner Abkehrung wahrnehmen konnte, denn er stand gerade so, daß ihm ein in halbdunkler Ecke hängender kleiner Wandspiegel ein Widerbild seines Gastes zurückgab. Den Blick darauf hingerichtet haltend, beendete er sein Tun; wie er den Kopf danach wieder umdrehte, sagte Brookwald lachend: »Man muß sich bei Ihnen einladen, um etwas Gutes zu kriegen, neben der Kanzel wachsen die besten Reben. Das ist alter Brauch und vermutlich der Weinberg des Herrn, von dem die Schrift redet. Aus meinem Mund werden Sie's nicht als Blasphemie nehmen, lieber Freund, es gehört sich, daß die göttliche Weltordnung auch ordentlich für ihre Diener sorgt. Aber ich denke, Sie werden mit mir, als Ihrer Handhabe für die Kirche in Loagger, gleichfalls zufrieden sein; wo geistlich und weltlich Regiment einträchtig Hand in Hand gehen, kann gute Ernte nicht ausbleiben. Also auf Ihr Wohl den Rest des ausgezeichneten Trunks!«

Der Pastor verneigte sich. »Ich freue mich für unsere Kirche, daß die Angelegenheit durch Ihre Zustimmung erledigt worden, Herr Baron, Darf ich Ihnen das Glas noch einmal füllen?«

»Nein, danke, danke! Sie wissen, ich habe leider Gotts mancherlei Untugenden, aber von der über den Durst lasse ich mich nicht an der Kehle fassen. Im Grund ist's haarsträubend, daß ich Ihnen oft Sonntags Ihren guten Wein austrinke und Sie mir nie Gelegenheit geben, mich zu revanchieren. Na, ich hoffe doch bald mal! Jetzt heißt's, den Gäulen ein Paar überziehen, daß wir nach Haus kommen. Ich habe vor Tisch noch allerlei zwischen die Finger zu nehmen, es ist immer dafür gesorgt, daß es was gibt, Wochentag und Sonntag, Dabei läuft einem dann das Leben auch durch die Finger.«

Hollesen geleitete den Helgerslunder Schloßherrn hinaus, der, seine Frau und seine Tochter herbeirufend, den Wagen bestieg, auf dem er die Zügel ergriff, während der Kutscher einen Hintersitz einnahm. Die Pastorin und Zea winkten den Abfahrenden Grüße nach; es waren zwei Familien, deren weibliche Angehörigen in freundschaftlichem Verhältnis zueinander standen. Ebenso verhielt sich Fritz Brookwald in seiner treuherzig-biedern Art gegen den Pastor, und nur dieser wich nicht von den gemessenen Formen ab, die er sich in seiner Stellung dem adligen Patronatsherrn gegenüber vorgeschrieben. Seit mehreren Jahren schon beobachtete er sie in immer gleichbleibender Weise.

Das elegante Jagdfuhrwerk rollte ostwärts über die Heide fort; aufgeräumt sprach Brookwald zu den hinter ihm sitzenden Frauen zurück. »Ein närr'scher Kauz, der Hollesen mit seiner Steifheit! Ich glaube, er tut sich was auf die seine Manier zugut, Leute aus seinem Stand haben's manchmal so an sich. Na, jedem sein Vergnügen! Nur, ich sagt's ihm auch, es ist mir nachgrabe nicht angenehm, daß ich Sonntags immer seinen schlechten Portwein heruntertrinke und ihm fast nie etwas wieder vorsetzen kann, Hast du deine Freundin eingeladen, Unna, daß man sich wenigstens auf diese Art etwas revanchiert? Sie könnte ja mal ein paar Wochen bei uns bleiben.«

Die Befragte antwortete: »Ja, aber sie darf nicht, ihr Vater hat's ihr verboten.«

Durch die Wimpern Fritz Brookwalds ging ein kurzes Jucken, er wiederholte: »Verboten? Wer? Ihr Vater? Ihr Adoptivvater meinst du! Dummes Zeug! Du muht dich verhört haben. Warum sollte er's ihr verbieten?«

»Es war' ein böser Stier bei uns auf der Koppel, über die der Weg geht,«

»So, darum. Da soll man den Bullen einsperren, ich will dafür sorgen. Sag's ihr am nächsten Sonntag; zu albern, was die Leute sich oft für überflüssige Hirngespinste machen. Also vergiß es nicht, der Pastoralwein kratzt mir sonst noch mehr in der Kehle. Na, macht mal Beine!«

Die trotz dem sandigen Weg rasch forttrabenden Pferde gaben eigentlich nicht Anlaß zu den heftigen Peitschenhieben, die Fritz Brookwald ihnen überzog. Ihn mußte etwas verdrossen haben, und er gab zu erkennen, daß seine spaßlustige Laune dadurch jäh ins Gegenteil umschlagen könne, wie's das Bein Nathan Aronsohns vor Jahren zu bleibendem Gedächtnis erfahren. Christian Hollesen war, dem Wagen nachblickend, noch vorm Pfarrhause stehengeblieben; des Wegs vorbeikommend, trat jetzt grüßend Henning Wittkop an ihn heran. »Das waren wohl die Helgerslunder, Herr Pastor?«

»Ja.« Der Angesprochene erwiderte es kurz, sichtlich mit einem Nachdenken beschäftigt. Dann hob er den Kopf.

»Macht die Luft heut trocken, Henning?«

»Na, so'n bißchen was davon ist ja bei Sonnenschein immer drin.«

»Da könnt' ein bißchen Feuchtigkeit ja nicht schaden. Ihr habt's hier näher als im ›Krug‹, Herr von Brookwald hat einen Rest in der Flasche gelassen.«

Eine Einladung war's, die nicht in Zweifel ließ, daß Hollesen die Gesellschaft des Strandvogts augenblicklich erwünscht falle. Dieser machte halb komisch etwas wie an einem Glas kostende Lippenbewegung und fragte dann:

»Ist die Flasche gut, Herr Pastor?«

Doch offenbar kam ihm das Unangemessene der, als spreche er mit dem Krugwirt, herausgeflogenen Frage zum Bewußtsein, denn er fügte gleich drein: »Wenn die vornehme Herrschaft draus getrunken, ist sie freilich für mich eher zu gut. Aber wenn Sie mich dazu einladen –«

Die beiden gingen in die Stube, wo Christian Hollesen ein Glas vollschenkte, das Henning Wittkop zum Mund führte. Doch nippte er vorerst nur dran, setzte es ab und sagte:

»Ja, das ist gut, bloß was kräftig, zu viel darf einer nicht davon trinken, wenn er seine Zunge noch gut festhalten will; das hat der Herr Baron ja auch nicht getan, Auf'm Schiff kriegt man so was nicht; was es da gibt, is freilich noch was deftiger, daß einer sich davor noch besser in acht haben muß, wenn nicht alles klare Sicht auf der See ist. Vorkommen tut's ja freilich wohl mal, aber dafür hatten wir an Bord ein altes Sprichwort, das einem dann wieder Trost machte: »En ehrlichen Kerl süppt sick wol mal dun, en Schalk awer höd't sick davor.«

Der Pastor nickte: »Ja, an Bord – setzt Euch doch, Henning. Ihr habt mir öfter erzählt, wie's an Bord und unterm Deck auf dem Schiff ausgesehn, das Ihr damals ohne Mannschaft auf der Nordsee traft. Aber einiges davon ist mir doch aus dem Gedächtnis geraten, und Ihr habt's wohl auch nicht mehr so deutlich vor Augen. Doch vielleicht kommt's Euch in Erinnerung, wenn ich danach frage. Ihr kamt also von Eurer ›Providentia‹ auf die ›Thetis‹ hinüber und die Treppe hinunter in die kleine Koje, wo die tote Frau auf dem Bett lag, mit dem Kinde neben sich. Dachtet Ihr Euch – oder brachte irgend etwas um sie her Euch darauf, zu denken – sie sei vielleicht keine verheiratete Frau gewesen?. Ich hörte Euch gern noch einmal alles recht genau beschreiben, was Ihr im Gedächtnis behalten habt.«

Sonntag war's, zur Kirche war Zea Hollesen heut nicht barfüßig gegangen, und so ging sie auch jetzt in Schuhen an den Strand hinunter. Sie suchte nach Tilmar Hellbeck, sah ihn indes nirgendwo; so wanderte sie nordwärts einem Dünenvorsprung zu, ob er an einer kleinen Einbucht hinter diesem warte. Auch dort war er nicht, doch sie begab sich nicht zurück, sondern blieb stehen. Summend liefen die Wellen ihr zu den Füßen hin, sonnenglimmernd, in beweglichem Spiel, immer gleichkommend und umkehrend. Sie blickte darauf nieder, dann in die Seeweite und vergaß darüber ihre Absicht, bis nach einer Weile hinter ihr die Frage klang: »Glaubtest du mich hier?« Den Kopf drehend, sah sie den jungen Lehrer einen Augenblick etwas abwesend an, eh' sie antwortete:

»Ja, weil du drüben nicht warst. Ich habe dich nicht kommen gehört, das Wasser fingt heut so. Konntest du mich hier sehen?«

»Nein, aber ich sah deine Fußspur im feuchten Sand.«

»Die hätten dich leicht täuschen können, es sind viele.«

»Ich kenne sie draus hervor.«

»Ja so.« Das Mädchen blickte vor sich nieder. »Weil ich Schuhe heut trage. Hast du ein Boot?«

»Ich fand's nicht gleich, aber jetzt hab' ich eins. Du fährst also mit?«

»Ja, mir ist die Welt noch nie so schön vorgekommen wie heute.«

»Mir ist's auch so. Der Frühling tut's wohl.«

Sie gingen an den Platz zurück, wo das Fischerboot lag und stiegen hinein. Zea nahm eines der Ruder, er wollte ihr's wehren und sagte: »Nein, laß mich allein, es strengt dich an.« Doch sie versetzte: »Tu' ich's nicht immer? Warum sollt's mich heut anstrengen? Glaubst du, meine Arme werden schwächer?«

Sie schlug das Ruder ein, unter dem Kleid bog sich ihre kräftige Brust vor, im Rhythmus mit der Armbewegung tief einatmend. Ein kleines Fahrzeug mit nur einer Bank war's, sie mußten nebeneinander sitzen; Tilmar rückte, so weit er konnte, nach seiner Seite, um mit dem Arm nicht den des Mädchens zu behindern, das dagegen ab und zu an seine Schulter traf. Dann sagte sie lachend: »Ich bin ungeschickter als du und muß noch wieder bei dir in die Schule gehen.« Sie wiederholte es mehrfach mit etwas anderen Worten; das Zusammenstoßen der Schultern hatte Spaßhaftes für sie, fast schien's, sie führe es manchmal absichtlich herbei.

Das leichte Boot flog rasch und die Entfernung nach Herdsand war nicht groß; in einem halben Stündchen erreichten sie das kleine Eiland. Doch die Flut befand sich nicht mehr auf der Höhe, hatte schon so weit abgenommen, daß sie nicht am trockenen Ufer landen konnten; der Kiel stieß vorher auf den Schlickboden, und Wasser, wenn auch seicht, umgab das Fahrzeug, Zea sah darauf und sagte:

»Die dummen Schuhe! Wozu hab' ich sie angezogen, nun kann ich sie wieder ausziehen.«

Sie bückte sich, dies zu tun, ließ jedoch davon ab. »Nein, besser ist's, du trägst mich hinüber, da geht's schneller, wir haben nicht viel Zeit bis Mittag. Und klüger ist's für mich auch, da hast du die Müh' und ich keine.«

Tilmar stand, sie anblickend, ohne sich zu regen. Einen Atemzug lang auch ohne zu erwidern, dann fragte er:

»Erlaubst du's mir?«

»Was?«

»Dich hinüberzutragen.«

Nun fiel sie ein: »Das war recht und gehörte mir drauf. Ich hätte sagen sollen: ›Bitte, trag' mich.‹ Aber du hast mich verwöhnt, daß ich mich vor keinem Klaps bei dir fürchte.«

Sie stieg auf die Ruderbank und legte, wie er zu ihr hintrat, den Arm um seinen Nacken; so hob er sie auf, vorsichtig dann über die Bootplanke mit ihr fortschreitend. Das Wasser reichte ihm kaum zu den Knöcheln, und er brauchte nur wenige Schritte zu machen, sie niederlassen zu können. Doch er ging um das Doppelte weiter, so daß ihr vom Mund kam: »Wohin willst du denn mit mir? Wir sind ja schon lange auf dem Trocknen.«

Das ließ ihn stillstehen, und sie glitt von ihm herunter. Ihr Blick fiel auf seine Schuhe und sie sagte: »Verzeih' mir, ich war unbedacht und selbstsüchtig, nun hast du nasse Füße. Du bist zu gut gegen mich.«

Er schüttelte nur den Kopf, sie fuhr fort: »Doch! Und so schwer war ich dir auch, ich seh's dir an.«

Sein Gesicht hatte sich in der Tat beinah' weißgefärbt, wie nach einer zu großen körperlichen Anstrengung. Abermals mit einer kurzen verneinenden Kopfbewegung entgegnete er indes: »Gar nicht – du bist leicht.«

Sie wiederholte: »Doch! Ich hör's sogar, es muß dein Herz sein, was so klopft.«

Völlig lautlos war's umher, und der leise hastige Ton, der bis zu ihr hinklang, konnte von nichts anderem herrühren. Tilmar Hellbeck schien ein »Nein« antworten zu wollen, aber er schloß die Lippen wieder. Und für einen Augenblick, wie in einem Schwindelgefühl, auch die Lider, dann fragte er:

»Klopft dein Herz nicht?«

»Wie käm's dazu, ich habe ja nichts Schweres getragen. Nun kommt das Blut dir ins Gesicht zurück; wir wollen langsam gehen, das tut am besten. Ich kenne es bei mir auch, wenn ich zu stark gelaufen bin.«

Still und leer lag die kleine Insel vor ihnen, auf der noch kein Vieh weidete, man sah kaum, daß der Boden später ausreichenden Graswuchs dafür aufschießen lassen werde. Nur da und dort schimmerten aus der Einfarbigkeit kleine gelbe, blaue und rötliche Blüten, kurzgestielt, und eine Lerche trillerte drüber. Doch das Auge nahm nichts von ihr gewahr, sie stand zu hoch, oder das Blau um sie leuchtete zu hell.

Die beiden gingen über das Eiland hin, der junge Lehrer bückte sich ab und zu, um zu pflücken, dabei sprach er botanische Namen, meistens lateinische. Zea hörte zu, doch sagte einmal: »Mir ist's heute, als wär' es eigentlich gleichgültig, wie sie heißen, und komme nur darauf an, daß man sich daran freut. Die Namen hat ihnen jemand gegeben, sie selbst, glaub' ich, wissen's gar nicht, und wollte man sie anders nennen, blieben sie doch ebenso.«

»Ja, wie du auch,«

»Ich? Was meinst du?«

»Du wirst auch so verschieden genannt, nach dem Kirchenbuch Anna, und Henning Wittkop heißt dich Witta.«

Das Mädchen stand still und legte ihm die Hand auf den Arm. »Ich wollt's dir schon öfter sagen, Tilmar, mir klingt's auch komisch, sonderbar meine ich, wie Unna Brookwald aus deinem Mund, Warum nennst du mich nicht Zea? Anna sagt doch niemand sonst zu mir. Gefällt dir das besser?«

»Nein – ja – daß es niemand sonst sagt. Aber Zea klingt hübscher.«

»Daraus werd' ich nicht klug,«

»Anna heißen viele, aber Zea bist du, beides zusammen – Ozeana.«

»So wollte mein Vater mich nennen.«

»Ich tät's auch am liebsten.«

»Nein, das ist zu lang, und man kann's nicht rufen. Aber sag' künftig Zea, Anna klingt mir immer fremd.«

»Ich habe dich immer so genannt.«

»Aus deinem Mund auch nicht, aber ich höre auch von dir lieber Zea. Komm, laß uns auf die Düne.«

Nah vor ihnen schloß nach Westen die Insel ein niedriger Dünenwall, als ihr Beschirmer gegen die Flut, ab. Auf dem Sandlücken wuchs nichts als der grasgrün flimmernde Halm, fast stets vom Wind leis' bewegt, heut standen die schmalen Blätter in seltener Ausnahme regungslos aufrecht. Zea stieg voran und setzte sich auf den warmen, weich unter ihr fließenden Körnerboden; sie sagte: »Ich wußte, es müsse heute so schön hier sein, wie noch nie, darum wollte ich gern mit dir. Fühlst du's nicht auch so? Wir tun's gewöhnlich beide gleich.«

»Ja, schöner als je noch – so fühl' ich's auch.« Er ließ sich neben ihr auf den Sand nieder; unter ihnen dehnte sich die offene See uferlos an den Horizont. Nur ein weißer Schein kam und ging auf und über ihr, näher oder weiter manchmal eine kleine Schaumwelle und in der Luft eine schneehelle Möwenbrust. Über die endlose Fläche hinschauend, sprach das Mädchen:

»Wie sanft sie daliegt, kaum zu denken scheint's, daß die Sturmflut in ihr schläft, und ich glaube, wie die Blumen ihre Namen nicht kennen, so weiß sie es selbst auch nicht. Eigentlich bin ich ihr Kind, du sagtest es vorhin mit dem Namen; den du mir gabst, aber sie ist eine Mutter, die sich nicht um ihr Kind bekümmert. Nu hast eine wirkliche Mutter, hast du sie sehr lieb?«

Ein ganz leiser schwermütiger Hauch schwebte über den Worten, wie die leicht zitternde Sonnenluft über dem Wasser; hin und wieder einmal, von jeher, konnte es so aus der Stimme Zea Hollesens aufklingen. Der junge Lehrer antwortete:

»Ja, sehr.«

»Ist sie dir das Liebste auf der Welt?«

»Nein.« Ihm entflog's; halb erschreckt fügte er rasch nach: »Sie hat so viel für mich getan und entbehrt, wie's eines Menschen Liebe auf der Erde kann. Undankbar und unrecht ist's von mir, wie ein Stich tut's mir im Herzen weh. Aber ich habe mir mein Herz nicht gegeben –«

Seine Zuhörerin nickte: »Nein, das hat man und weiß nicht woher. Ich fühl' es mit dir.«

Er versetzte hastig: »Du hast ja beides, Mutter und Vater –«

»Ja, sie sind so gut, ich habe sie sehr lieb.«

Einen Augenblick, langsam Atem schöpfend, schwieg Tilmar Hellbeck, dann brachte er mit beklommener Stimme die Frage hervor:

»Hast du denn etwas noch lieber als sie?«

Lea schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht, aber ich möcht's, mir ist, als könnt' es sein. Mich müßte jemand noch lieber haben, dann glaub' ich, wüßt' ich's auch. Mir tut's weh, wie dir, und doch wär's so schön, schön wie die Sonne. Zuweilen ist's mir – heute nacht wachte ich auf, da war's mir so – meine Mutter hätte mich so lieb gehabt, meine wirkliche – da –«

Sie hob die Hand und deutete über die See hinaus, es schien, die leis' dünenden Wellen trügen ihr das sehnsüchtig schwermütige Gefühl heran, Tilmar antwortete nichts und sie sprach weiter:

»Auf dem Stein ist geschrieben: ›Sie leben immer jung dem Gedenken.‹ Der, von dem der Spruch redet, liegt auch da vor uns, irgendwo, wie meine Mutter. Vielleicht sind sie nah' beieinander, aber sie wissen's nicht. Das dachte ich öfter als Kind schon, darum behielt ich die Inschrift; mir war's, als gelte sie meiner Mutter. Nur lebt sie mir nicht, wenn ich an sie denke, denn ich kann sie mir nicht vorstellen; der Onkel Henning allein kann's, sonst hat sie niemand mit den Augen gesehen. Doch er spricht mir nicht von ihr, und zu Hause tun sie's auch nicht; ich glaube, sie halten's besser für mich. Aber das ist's nicht, sie sehen mir nicht in die Brust hinein; auf die kommt's mir manchmal wie die Wellen, so weich, und so schwer wie sie, daß ich nicht Atem mehr habe. Nur in deinem Buch von Simmerlund steht's; als du mir zuerst davon gesprochen, zog's mich zu dir, wie zu keinem anderen. Nachher las ich's selbst bei dir, aber Geschriebenes auf dem Blatt ist nicht eine Sprache von den Lippen, die Augen hören nicht. Im Ohr klingt's so traurig-schön, wenn du es sagst, denn ich höre draus, du fühlst es mit, wie ich, das tut sonst keiner. Mir war's lieb, daß du noch einmal wieder sprächest, wie es dir aus dem Buch im Gedächtnis ist – heute – hier – da wird's mir sein, als sagten's die Wellen selbst.«

Der nämliche Wunsch war's, den drüben im Pfarrhaus Christian Hollesen gegen Henning Wittkop geäußert, und wie dieser dort, so kam auch Tilmar Hellbeck ihm nach. Fast ebenso genau vermochte er's, denn jedes Wort der Niederschrift Jasper Simmerlunds stand ihm ins Gedächtnis eingeprägt, und Leas Empfindung hatte unfraglich recht, aus seiner Stimme klang innerste Teilnahme hervor. Sie saß, den Kopf auf die schmale Hand stützend, so blickte sie unbeweglich auf die See hinaus und hörte zu, nur selten atmend. Geraume Zeit verging, ehe der junge Lehrer zum Ende kam; als er dann innehielt, sah sie ihn groß mit den blauleuchtenden Augen an und sagte: »Ich danke dir – wenn du nicht wärst, müßt' ich's allein tragen. Aber du hilfst mir und verstehst, was ich –«

Sie saßen so nah nebeneinander, daß sie ihre Hand ausstrecken und auf die seinige legen konnte. Ihr Mund war, das Begonnene unvollendet lassend, verstummt. Nach einem kurzen Schweigen fragte sie:

»Glaubst du, daß die Toten noch sprechen können?«

Er brachte stockend mühsam hervor: »Ich weiß nicht – was meinst du?«

»Ob sie noch einmal zu mir sprechen wird.«

Es ließ nicht Zweifel, wer damit gemeint sei. Tilmar verneinte mit einer Kopfregung. »Zu lange ist's – achtzehn Jahre fast – da kommt nicht Kunde mehr aus der Tiefe.«

Er brach ab, seine letzten Worte weckten eine Vorstellung, die er schnell wieder auszulöschen trachtete, und er fügte rasch nach: »Nu allein bist gekommen und sie sagen's, woher.«

Sein Blick hatte sich, in den ihrigen gerichtet, fortgehalten, doch sie verstand jetzt nicht, wovon er sprach und sagte: »Wer sagt?«

»Deine Augen, daß sie dorther aus der See gekommen, denn sie sind wie ein Stück von ihr.«

Das Mädchen nickte ernst. »Sie ist meine Mutter. Ich will zu ihr, sie soll mich in ihre Arme nehmen.«

Die Sprecherin machte eine Bewegung aufzustehen, er fiel ein: »Was – wohin willst du?«

»Bleib' du hier, ich gehe dort hinunter an den Dünenrand. Hab' keine Sorge um mich, du weißt, ich schwimme gut.«

»Du willst dich in der See baden – drüben?« Ein Schreck ging durch Tilmar Hellbecks Augen, er stieß hastig hinterdrein: »Nein, das sollst du nicht – das Wasser ist noch zu kalt. Ich darf's nicht leiden – dein Vater würde dir's verbieten, und ich muß es für ihn tun!«

Seine Hand hatte sich um ihren Arm gelegt und hielt ihn. Es war mit einem plötzlichen Antrieb über sie gekommen, nun besann sie sich und versetzte: »Du hast recht, es ist noch zu früh. Mir kam's nur und war's, als würde ich sie in den Armen halten. Ja, es wäre kalt gewesen –«

Mit einem fröstelnden Schauer überlief sie's, ihre Hand griff wieder nach der ihres Gefährten, und sie wiederholte: »Du hast recht, in der Sonne ist's besser und bei dir, deine Hand ist warm. Der Himmel hat es gut für mich bedacht, als er dich zu mir hierher brachte,«

Sie stutzte beim letzten Wort, sichtlich kam ihr etwas Beunruhigendes, und rasch sprach sie's aus: »Aber er kann dich auch wieder von mir nehmen, gestern sagte es jemand, man wolle dich anderswohin und dort hättest du's besser, könntest mehr für deine Mutter sorgen. Willst du fort von hier? Nein, geh' nicht – bleib' bei mir!«

»Nein,« antwortete er verhaltenen Tons, die eine Hand auf die Brust drückend, als dränge sie dort etwas zurück: »Nein, ich gehe nicht fort, Zea – ich kann es nirgendwo besser haben, als hier.«

Zum erstenmal war's, daß er sie so genannt, doch hatte seine Zusicherung ihre aufgewachte Furcht noch nicht völlig beschwichtigt. Sie fiel ein: »Aber deine Mutter kann's, die du so lieb hast.«

»Ich sagte dir vorhin, sie ist mir nicht das Liebste auf der Welt. Sie war's, aber ist's nicht mehr.«

»Was ist dir denn noch lieber?«

»Mit dir hier zu sein – wie heut – und zu denken, es bliebe immer so, mein Leben lang.«

Tilmar Hellbeck hielt kurz an, wie Kraft und Mut sammelnd, dann sprach er weiter. Nicht ungestüm, in der äußeren Art kaum anders als sonst, nur leise Schwingungen eines sehnsüchtigen Verlangens bebten in seiner Stimme. So sagte er:

»Ich gehe nicht fort, weil du hier bist, Zea, denn ich kann nicht von dir. Mir wäre alles nichts, wo du nicht bist; nur wo du bist, ist die Sonne und das Glück. Für mich brachte der Himmel dich hierher; könnt' ich immer mit dir sein, wäre mein Haus ein Palast, und die Schulstube wäre wie ein Königssaal. Aber das kann nicht geschehen, und das höchste Glück meines Lebens kann ich nur draußen finden, am Strand und auf der Heide, dort mit dir zu gehen.«

Das Mädchen hatte ihm, vor sich hinblickend, zugehört und nickte nun, aufstehend. »Ich wußte, daß du mich lieb hast, aber nicht, daß ich dir das Liebste auf der Welt bin, das macht mich froh. Mir wär's auch am schönsten, immer mit dir zu sein; warum sagst du, das kann nicht geschehen? Deine Mutter wird alt und braucht bald eine junge Hilfe; hast du noch nicht daran gedacht, dich zu verheiraten? Wenn du mich zu deiner Frau nähmest, wohnte ich mit dir im Schulhause.«

Ein Ruck durchfuhr Tilmar Hellbeck, er saß wie von einem unsichtbaren Blitzschlag gelähmt, weißentfärbten Gesichts, wie zuvor, als er Zea an den Strand getragen. Zitternd und stotternd brachte er vom Mund:

»Du – ? Du wolltest meine Frau sein?«

Sie erwiderte, ein Helles Lachen bekämpfend: »Unna hat recht, du bist manchmal komisch. Du hast mich lieb und ich dich, das ist doch die Hauptsache, wenn man gut zusammen leben soll. Oder bin ich dir als deine Frau nicht klug genug? Dann gehe ich weiter bei dir in die Schule und du machst mich dazu. Sieh, da kommt die Lerche auf den Boden herunter und setzt sich, ihr Nest muß drüben in dem Heidekraut sein.«

Der junge Lehrer war noch unfähig zu sprechen, stumm folgten nur seine Augen der deutenden Hand Zeas. Dann wiederholte er traumhaften Tones: »Ja, sie kommt vom Himmel herunter –«

Die schwermütige Anwandlung war von Zea abgesunken, fröhlich fiel sie ein: »Dann haben wir auch ein Nest, wie sie, und werden auch Kinder bekommen und deine Mutter wird sich freuen. Und von meiner lesen wir zusammen in dem Buch, immer wird's so schön sein wie heute. Wie gut war's, daß ich mit dir fuhr? Aber dir scheint's – ist's dir doch nicht ganz recht und willst du lieber eine andere Frau?«

Jetzt hatte er so weit Herrschaft über sich gewonnen, daß er zu sagen vermochte:

»Du willst mir deine Hand geben?«

Wer darin liegende Sinn war ihr fremd, sie verstand's anders und entgegnete: »Ja, ich gebe dir die Hand darauf, daß ich zu dir ins Haus komme, wenn du's sagst. Du kannst dich ja noch besinnen, ob du's gern tust.«

Er hielt ihre Hand, aus seinen Augen kam ein Glanz, wie ein jauchzender Klang, doch einst und schüchtern, fast scheu: »Mich besinnen?« sprach er wieder nach – »wenn ich's dir sage?«

Einem Schatten gleich lief ein ängstlicher Zug über sein Gesicht, er setzte schnell hinzu: »Wir wollen es keinem sagen – du auch nicht – laß uns allein davon wissen. Nun ist mein Haus ein Palast geworden und meine Stube ein Königssaal – aber andere sehen's nicht und würden's nicht gut genug für dich halten. Ich muß bessern daran, es so zu machen, das will ich bei Tag und Nacht, nichts anderes denken. Doch vorher darf's niemand merken – und ich will nicht so oft mehr mit dir auf die Heide gehen –«

»Nein, dann würd's ja weniger schön, als bisher.« Das Mädchen dachte einen Augenblick nach. »Aber du hast recht, mein Vater könnte meinen, du wärest nicht reich genug, eine Frau zu haben. Noch ich kann leicht durch mein Fenster hinaus – so geht's gut – da komme ich manchmal bei Nacht zu dir, wenn der Mond scheint. Der ist nicht einmal nötig, ich finde auch im Dunkeln den Weg.«

Ein jähes Erschrecken, wie schon vorher, gab sich in den Zügen Tilmar Hellbecks kund, und wie damals stieß er aus: »Nein, das darfst du nicht, nie, gelob' es mir auch mit deiner Hand! Du mußt bei Nacht schlafen, das ist notwendig für dich. Und krank könntest du dich machen, aus der Wärme des Betts in den kalten Wind, der von der See kommt.«

»Du denkst gleich an alles und bist viel vernünftiger als ich, aber du bist ja auch älter und weißt mehr. Wenn ich so alt werde und immer mit dir zusammen war, da bin ich's gewiß auch. Sei nicht bange drum, ich will mir recht Mühe geben, daß ich eine vernünftige Frau werde. Hör', da schlägt's vom Turm, der Wind steht her. Das ist Mittag, wir müssen hinüber.«

Glockenhall kam luftgetragen verzitternd vom Dorf; der junge Lehrer sagte betroffen: »Schon Mittag? Wie schnell ist die Zeit vergangen – tut's dir auch leid?«

»Ja, aber wir dürfen uns nicht mehr verspäten, sonst warten sie drüben.«

So eilten die beiden über die Insel zurück, halb laufend, Hand in Hand, Das war nichts Besonderes des Tags, hatten sie schon öfter getan; manchmal, wenn er sie an der Hand gefaßt, ihr über etwas fortzuhelfen, gingen sie eine Zeitlang so weiter. Die Ebbe war beträchtlich stärker geworden; als sie wieder an ihr Fahrzeug gelangten, lag es völlig auf dem Trockenen, und sie schoben es miteinander an den Wasserrand vor. Auch das war ihnen gewohntes Tun, nicht viel Anstrengung erfordernd, doch kam's Zea heut nicht so leicht als sonst vor, daß sie fragte: »Wem gehört das Boot? Das ist nicht Brede Rinnings.«

»Nein, der fuhr grad' ab mit seinem, drum bekam ich nicht gleich eins. Paul Dibberns ist's.«

Das Boot war's, dem Pastor Hollesen am Tage vorher während eines Gesprächs mit dem Lehrer nachgesehen und dazu geäußert: »Kleine Böte müssen am Strande bleiben.« Demgemäß erheischte es, wenn auch um etwas schwerer, doch keinen zu großen Kraftaufwand; wie sie's, zum Wasser hingebracht, sagte das junge Mädchen: »Wart' noch, ich will erst hineinsteigen.« Aber Tilmar wehrte ihr: »Nein, dann kommen wir nicht los, ich trage dich wieder.« Sie lachte: »Da bist du wieder vernünftiger als ich,« und er bückte sich rasch, hob sie auf die Arme und ließ sie im Boot nieder. Ihn ansehend, sagte sie: »Diesmal bist du nicht blaß davon geworden, sondern rot, es war nicht so weit, da ging's leichter.« Nun ruderten sie und gelangten schnell zurück; vom Turm schlug's erst halb eins, als sie anlandeten. Der gemeinsame Weg führte sie vom Strand zum Schulhaus, Zea blieb davor stehen, betrachtete es und äußerte:

»Ich freue mich darauf, alles drinnen und außen recht hübsch zu machen. Hier, wohin der Westwind nicht kommt, will ich ein Gärtchen anpflanzen, wir müssen viel miteinander dafür zusammensuchen. Was wächst dort auf unserm Dach? Das habe ich noch nicht gesehen?«

Zea wies zum Strohdach auf, aus dessen dunklem Moosüberzug sich eine kleine rötliche Pflanze mit hellgrünen schuppenartigen Blättern höher heraushob. Der junge Lehrer blickte ebenfalls hin und erwiderte:

»Das ist – ich sah's auch zum erstenmal – der Wind muß den Samen hergetragen haben, in Loagger, glaub' ich, ist's, sonst nirgends – es kann nichts andres sein als die Hauswurz. Auch Donnerkraut heißt's, weil es vor dem Blitzschlag schützt; überhaupt, wo es wachst, bringt's nach dem Glauben alles Gute, Glück und Zufriedenheit. Wie schön, daß es zu uns gekommen und wir es grade heut entdecken! Dein Abbild, du selbst bist's, wirst das alles mitbringen.«

Freudenvoll sprach er's, Zea fragte: »Wie nanntest du's? Hauswurz?«

Er dachte nach. »Ja – warte, ich hab's gleich – auf lateinisch:›
Sempervivum tectorum‹.«

»Was heißt das auf deutsch?«

»Immer – semper ist immer – Immergrün, weil es auch im Winter aushält.«

»Und – was sagtest du noch? – tectorum?«

»Das gehört dazu, bedeutet nichts weiter – ist der Artname, vielleicht von einem, der so geheißen.«

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

»Mir kommt's vor, als müßt's etwas anderes bedeuten, aber ich versteh's ja nicht. Nun muß ich geh«, leb' wohl, Tilmar. Also wenn du's sagst, dann komme ich.«

Sie reichte ihm die Hand, nicht anders als an jedem Tag, während er die seinige um ihre zusammenschloß und sie festhielt. Doch Zea wiederholte:

»Ich muß nach Haus, es ist jetzt hohe Zeit.«

So ließ er sie los und blickte ihr nach, wie sie dem Pfarrhause zuging und hinter der Umbiegung des Kirchhofwalles verschwand. Ihm im Rücken trat Margret Hellbeck aus der Tür und sagte:

»Das Mittagessen ist fertig, Til; ich sah schon einmal nach dir aus. Warst du mit dem Kinde fort?«

Er fuhr leicht zusammen und antwortete, noch angewandt bleibend:

»Ja, liebe Mutter, wir haben auf Herdsand Blumen gesucht. Seh' die Suppe nur auf den Tisch, ich komme gleich.«

Die Alte ging zurück; er glaubte, Zea müsse an einer Stelle noch einmal sichtbar mit dem Kopf wieder über dem Wall auftauchen. Doch er wartete umsonst, ihr Goldhaar kam nicht mehr zum Vorschein, und vor sich hinsprechend: »
Sempervivum tectorum – was kann es heißen?« trat er ins Haus.

V.

In stets gleichmäßigem Gang schritten von je die Tage und schritten die Jahre über das stille Stranddorf. Sie brachten auch hier den allgemeinen Wechsel im Jahresrundlauf und im Menschenleben mit sich, Winter und Sommer, ruhende Luft und Stürme, Werden, Vergehen und Wiedererstehen in der Natur, wie unter den vermoosten Strohdächern. Es wiederholten sich Arbeit und Ruhe, Erfolg und Mißgeschick; Gesundheit und Krankheit lösten sich ab, hier begann eine Geburt neues Dasein, dort setzte der Tod länger oder kürzer Gewesenem ein Ende. Noch das Bild, der Bestand des Ganzen, erhielt sich immer unverändert; ob der einzelne draus fortschwand, blieb die Gesamtheit die nämliche. Wer aus den letzten Schlafkammern um die Kirche her einmal aufzustehen und in die Runde zu schauen vermocht hätte, und wenn er ein Jahrhundert schon drunten verbracht, würde kein neuentstandenes Haus, nirgendwo etwas Fremdes gewahrt haben. Wohl unbekannte Gesichter, aber auch nur für den ersten Hinblick, beim näheren Sehen und Hören hätte er sie gleichfalls als aus seiner Zeit wiedergekehrte erkannt, vor allem hätte nichts Fremdes ihn aus ihrem täglichen Tun, ihrem Sprechen und Denken angerührt. So wie heute war es immer gewesen, nur, wie in der hochsommerlichen Mittagssonne die kurzen Schatten der Hausgiebel, wuchs unmerklich ein junges Geschlecht weiter, bis es die Größe seines Vorgängers erreicht hatte, allmählich an dessen Stelle trat. Am Strand auch kamen und gingen unablässig flutend und ebbend die Wellen, doch die See blieb ohne Unterschied, die sie immer gewesen.

Als ein kleines, doch treuliches Abbild dieser Stetigkeit im Wechsel lag das Pfarrhaus von Loagger da. In ihm ebenfalls glich sich der Gang der Jahre wie der Tage, und seit langem waren es sturmlos-friedliche, gute und schöne; Zea Hollesen hatte nie andere darin gekannt. Im Dorfe fanden sich wenige, vielleicht niemand, der befähigt war, den Pastor Christian Hollesen wirklich zu verstehen. Alle achteten und liebten ihn, fühlten, er sei geistig hoch über ihnen und gehöre eigentlich nicht auf dies abgeschieden ärmliche Fleckchen Erde. Die kirchliche Landesbehörde dachte ähnlich, hatte ihm mehrfach eine seinen Gaben besser angemessene, reicher dotierte Stelle geboten, obwohl er von jeher unter den Strenggläubigen mißliebig gewesen und als ein weitgehender Rationalist gegolten. Aber wie Tilmar Hellbeck in diesen Tagen, hatte er jede derartige Verbesserung abgelehnt, beschied sich seit bald dreißig Jahren mit der kleinen Pfarrei und der geringen Einnahme in Loagger. Aus anderem Beweggrund als der junge Dorflehrer, nicht allein für das Verständnis seiner Gemeinde nicht, überhaupt für nur wenig Menschen begreifbarem. Doch er stand in der Tat auf einer selten erreichten, das Leben überblickenden Höhe, es mit anderem Begehren und Trachten als die meisten abschätzend. Ruhige, innere Befriedigung während der flüchtigen irdischen Daseinstage erschien ihm als das einzig wertvolle und höchste Ziel, das er hier in seinem engen Wirkungskreis gefunden, kein äußerer Schein lockte ihn davon ab. Was das Leben einem Menschengemüt an wahren Gütern bieten konnte, besaß er; ihm blieb nur, es zu behüten. Mehr an Glück erzeugte die Erde nicht als die Liebe einer treuen mitalternden Lebensgenossin und eines jung aufblühenden Kindes, heitere Sorgenfreiheit, die immer bereite, harrende Freude am Schönen oder Gewaltigen der Natur, geistig erhebende, selbstbelehrende oder andere fördernde Tätigkeit. Er verletzte keine kirchliche Vorschrift, kleidete, was er zu seinen Hörern sprach, in sichergewählte, der Kanzel wie der Fassungskraft jener angemessene Worte. Aber er war hoch über dem ihm vertrauten Amte, die geistliche Form mit menschlichem Inhalt erfüllend. Ob etwas nach dem Irdischen sein werde, vermaß er sich selbst nicht zu bejahen, noch zu verneinen. Eine Frage enthielt's ihm, für deren Beantwortung die Mitgift des Menschen nicht ausreiche; seine Weltanschauung hatte er an der von Weimar ausgegangenen klassischen Dichtung genährt. Noch jugendlich unklar in sich selbst, war er durch den Wunsch, die unbemittelte Lage seiner Eltern zur geistlichen Berufswahl veranlaßt worden, eine Zeitlang innerer Kampf daraus für ihn erwachsen. Doch ein lange zu Ende geführter; seitdem er sein Amt angetreten, stand er in keinem Widerspruch zu diesem, trug keinen Zwiespalt in sich. Im höchsten Sinn war er ein Seelsorger seiner Gemeinde, für die Beschränktheit denkend, mit dem Unglück fühlend, tröstend und aufrichtend, doch nicht minder für das leibliche Wohl eines jeden als Berater und Helfer besorgt. Auf seiner philosophischen Höhe, wie der des Gemütes, war er doch auch ein in vielem praktisch erfahrener, umsichtiger und kluger Mann, allem offene Augen zuwendend, mit unbemerktem Blick beobachtend und prüfend.

So lebte Christian Hollesen in weiser Zufriedenheit, bedacht, das, was er seinem Verlangen entsprechend als vollendetstes mögliches Erdenglück erkannt, zu behüten, und so hatte er im Verein mit seiner Frau über dem leiblichen und geistigen Gedeihen seiner »Tochter«, des ihm von der Nordsee ins Haus gebrachten Kindes, Obhut gehalten. Jahrelang war er im stillen bemüht gewesen, irgendeine Spur aufzufinden, die zu einer Entdeckung der Herkunft des seltsamen Fundes Henning Wittkops leiten könne; doch umsonst, nichts gab den geringsten Anhalt. Innerlich ihm zur Beglückung, denn er fürchtete sich vor einem solchen, der ihn zu nötigen vermocht hätte, das ihm zugefallene »Geschenk der Vorsehung« an einen Berechtigten zurückzugeben. Dann aber, seines Eigentums sicher geworden, umfaßte er es mit ganz sich hingebender Liebe väterlichen Gefühls, so sorglich, wie seine Hände die hilflose Kleine in der Sturmnacht gefaßt hatten, sie aus der Schulstube Jaspar Simmerlunds ins Pfarrhaus hinüberzubringen. Das einzige, was ihm noch gefehlt, war ihm mit ihr gegeben; sein Herz war des Dankes voll dafür, und alles in ihm richtete sich darauf hin, ihre Kindheit von so viel Sonne erhellen und durchwärmen zu lassen, wie einem jungen Leben zuteil werden kann, jeden Schatten von ihr zu halten. Kummerloser hatte nie ein Kind sein Jugendglück genossen, eine Freiheit, nur von unsichtbaren und unfühlbaren Schranken umhegt; Zea Hollesen wußte nicht, was Sorge und Leid, nicht, was ein ungestillter Wunsch sei. Was sich der Pastor im Gange seines Lebens gewonnen, die Erkenntnis der einzig wertvollen Güter des Daseins und das Trachten nach ihnen, wollte er ihr als unbewußte Mitgift ins Gemüt legen; die höchste seiner Aufgaben war's ihm, an seinen Goldfäden lenkte er ihr Geist und Herz, Das ärmliche Stranddorf ließ nicht ahnen, welch reiche Aussaat sie empfangen, die in ihr aufgekeimt, doch sie selbst trug am wenigsten ein Bewußtsein davon in sich. Sie empfand es nicht als sorglich bereitete und weitergenährte Bildung, ihr war's ein selbstverständlicher Besitz, natürlich, so zu denken und zu fühlen. Nicht methodischen Unterricht hatte Christian Hollesen ihr erteilt, doch ihr den Trieb und Wunsch geweckt, lernen und begreifen zu wollen. Dazu brachte sie unverkennbar ein Erbteil leicht auffassender Begabung mit, etwas Angeborenes, das nur des Haltes, der richtigen Leitung bedurfte, wie eine mit dem Drang, sich zum Licht aufzuheben, ausgestattete, an der Richtschnur emporrankende Pflanze. Und sie ins Licht zu heben, daß sie sich selbst drin entfalte, sorgte des Pastors unmerkbares Bemühen; er war kein Lehrer, der sie mit einem Übermaß des Wissens belastete. Was er an üblichen Schulkenntnissen für nötig erachtete, empfing sie von ihm gleichsam im Vorübergehen, als wohl Erforderliches, doch an innerem Wert Geringes. Unterlaßlos aber regte und reifte er ihr den Sinn für die Duftblüten des Menschengemütes, für hohe über das Tägliche hebende Gedanken und die Freude am Schönen; wie er edler Dichtung die Hauptnahrung seines Wissens entnommen, nützte er sie für das Gedeihen seines Kindes. Man sah dem Dorfpfarrhaus nicht an, welches Besitztum an besten Büchern es in sich trage, und dem barfüßig, gleich den Bauernkindern, gehenden Mädchen nicht, welche Gaben es aus jenen im Kopf und Herzen empfangen. Eine Bildung anderer Art war's, fast völlig entgegengesetzter, als die allgemeine des jungen Geschlechts aus den sogenannten guten Häusern; in diesen wäre Zea Hollesen vermutlich mannigfach, als in wichtigsten Unterrichtsgegenständen und der Erziehung zu junger Damen Brauch vernachlässigt; bemitleidet worden. Doch der letztere Begriff war ihr gleicherweise fremd, wie Vorschriften des Anstandes und der Schicklichkeit; Unbewußtes bestimmte ihr Tun und Lassen, umgab sie bei allem mit der Anmut freier Regung und Entwicklung jedes Wachstums der Natur. Kein Gedanke rührte sie an, daß sie über jemandem stehe, aber ebensowenig der einer Unterordnung. Weder das Elternhaus, noch die Welt drumher hatte sie jemals einen Zwang kennen gelehrt; in schöner Freiheit lebte sie, nur selbst sich gebietend. So glich sie den weißen Vögeln, die, von der See kommend, nach eigener Flugwahl am Strand und auf der Heide über ihr kreisten.

Einen Keim gab's, den Hollesen nicht in die Seele des Mädchens hineingelegt, der von diesem mitgebracht schien, auch dorther, von wo die Möwen zum Land herüberkamen. Zea wußte, daß sie nicht die wirkliche Tochter ihrer Pflegeeltern sei, und ein Begehren, zu erfahren, wer ihre Mutter gewesen, war in ihr erwacht, als sie zu einem Verständnis dafür reif geworden. Doch schon vorher, als kleines Kind noch, hatte sie dann und wann am Strand bei einem Spiel mit Steinen und Muscheln plötzlich den Kopf gehoben und, die Hände reglos lassend, mit weitgeöffneten Augen auf die See hinausblickend gesessen. Daß sie von dieser herstamme, mochte einmal in ihrer Gegenwart gesagt worden und unverstanden in ihr haften geblieben sein; im Sonnenschein und bei Meeresstille rührte es sie nicht an, doch konnte aus einem Möwenschrei, dem Aufrauschen einer Welle oder hohlaufpfeifendem Windstoß so über sie kommen. Henning Wittkop meinte: »Das geht ja ganz natürlich zu, denn das war ja auch so'n Heulen in der Luft damals, als ich sie aus der Koje auf der ›Thetis‹ an Deck mit herausnahm, und das Wasser klatschte nicht schlecht und das Vogelzeug hatt' es wie unklug mit seinem Schnabellärm, davon weiß sie ja natürlich nichts, dafür war sie doch noch nicht klug genug; bloß liegt's ihr so als wie eine Erinnerung im Kopf, und wenn sie's wieder hört, dann ist es ihr, sie weiß nicht recht was und macht verwunderte Augen.« Von einem wirklichen Gedächtnis konnte allerdings bei ihr nicht die Rede sein, und die von Kindheit auf wind- und wellengenährte Phantasie Hennings ließ dem Pastor ein Lächeln um den Mund gehen. Das zeitweilig absondere Behaben der Kleinen erschien, ihm als das etwas plötzlich einmal wie zum erstenmal staunend anblickender Kinderart, und er bekümmerte sich nicht darum. Doch als Zea dahin gekommen, die Erzählung des Strandvogts, wie er sie gefunden und hierhergebracht, zu verstehen, und sie danach immer wieder fragte und bat und mehr von ihrer Mutter hören wollte, da bedünkte Hollesen dies als ein kindlicher Neugiertrieb, dem besser die Zufuhr entzogen werde. Er besorgte, die junge Einbildungskraft könne sich zu stetig und schädlich überwuchernd mit dem Bericht Henning Wittkops beschäftigen; so hieß er diesen, wie auch Simmerlund, dem Wunsch des Mädchens nicht mehr willfahren, und im Pfarrhause blieben weitere Fragen Zeas ebenfalls ohne Beantwortung. Der Pastor sah lieber, daß sie, anstatt sich am Strande aufzuhalten, in die Heide hinausging, und suchte sie unvermerkt daran zu gewöhnen; freilich war eines Tags einmal ein Gedanke über ihn und eine Beunruhigung in ihn geraten, die er vorher nicht gekannt, sie könne dort einer Gefahr – der, von einer Kreuzotter gebissen zu werden – ausgesetzt sein. Deshalb durfte sie sich nicht zu weit vom Dorf entfernen, besonders nicht gegen Norden, wo er ein häufigeres Vorkommen der Schlangen befürchtete; nach Süden hin verstattete er ihr freiere Bewegung. Wenn er den Tod Jasper Simmerlunds auch bedauert hatte, war ihm doch die Berufung des neuen jungen Dorflehrers nach zweifacher Richtung sehr erwünscht gefallen. Tilmar Hellbecks botanisches Interesse weckte auch ein solches in Zea, zog sie mehr vom Wasser ab auf Landwege, und sie gewann an jenem einen Begleiter und Behüter. Zum erstenmal aber auch einen Vertrauten, bei dem sie das in ihr gebliebene, nun nicht mehr laut gewordene Verlangen stillen konnte, zwar in geringem Maße, nur mit dem wenigen, von der Handschrift Simmerlunds Überlieferten. Doch mehr wußte überhaupt niemand, und der stärkste Drang in ihr hatte danach getrachtet, einen Menschen, einen Freund zu haben, mit dem sie über das sprechen könne, wovon ihr sonst alle schwiegen. Daraus war ihr Anschluß an Tilmar Hellbeck entsprungen, sie mit immer festerem Band an ihn zu knüpfen. Oftmals seit Jahren hatten sie hier und dort, wie heute, auf der Düne nebeneinander gesessen und über die See hinausblickend von dem geredet, was stumm ihre Tiefe verbarg. Der Pastor ahnte nichts davon, er glaubte, Zea denke nicht mehr an das einmal zu lebhaft in ihre Kinderphantasie Eingedrungene; kein Heimlichtun und Verhehlen der beiden ihm gegenüber war's, nur eine ungesprochene Übereinkunft, etwas allein zu behalten, wofür niemand außer ihnen gleiches Gefühl und Verständnis habe. Tilmar hätte auch kaum Anlaß gefunden, jemandem davon zu sprechen, er betrat das Pfarrhaus nur selten, lebte für sich allein mit seiner Mutter. Und dem Mädchen kam die alte Anwandlung nur draußen, dann und wann, aus dem Rauschen der Wellen herauf, folgte ihr nicht über die Schwelle des Hauses. In diesem ging nie ein Schattenanflug durch den jungen Frohsinn ihrer Augen. Nur heut' am Mittagstisch verschwieg sie zum erstenmal etwas mit Bewußtsein und Absicht, daß sie Tilmar die Hand darauf gegeben, seine Frau zu werden. Sie hatte ihm versprechen müssen, noch nichts davon zu sagen, und sie selbst empfand es auch als besser so. Sein Einkommen war gering, ihre Eltern hätten sich vermutlich deshalb Sorge gemacht. Ihr Schweigen bedrückte sie auch mit nichts; es war ja eigentlich nichts von Bedeutung, und alles blieb fast ebenso wie früher. Statt der alten Mutter sorgte sie drüben für die Hauswirtschaft, doch ließ diese ihr Zeit genug, ebensoviel wie immer hier zu sein. Auch um der Bücher willen, denn was Tilmar an solchen besaß, war mit ein paar Ausnahmen armseliger Art, ließ eigentlich kaum begreifen, daß er daraus hauptsächlich seine Kenntnisse und seine geistige Bildung gewonnen habe. Die Nächte mußte sie gleichfalls hier in ihrem Zimmer zubringen, in dem wenig geräumigen Schulhaus war keine unbenutzte Kammer vorhanden. Das nötigte sie zu frühem Aufstehen und Hinübergehen, um das Frühstück herzurichten. Zur Sommerzeit ging das auch leicht und war schön, doch im Winter mußte die Schulstube rechtzeitig geheizt werden, das mochte zuweilen eine recht kalte Besorgung sein. Es ging ihr bei dem Gedanken einen Augenblick ein bißchen fröstelnd über den Rücken.

Am Tisch war's heute stiller als sonst. Allein nicht Zea gab den Anlaß dazu, sondern ihr Vater. Er sprach nicht nach gewohnter Weise und nicht mit der sorglosen Heiterkeit der Züge; ein Nachdenken schien ihn in Anspruch zu nehmen. Ihr kam's einmal, er hege doch vielleicht eine Vermutung von dem eben auf Herdsand Geschehenen, und sie stand, trotz der Abrede, im Begriff, davon anzufangen, um ihn nicht in einer Beunruhigung zu lassen, zumal da er die Frage tat: »War Hellbeck heute vormittag mit dir?« Aber wie sie darauf »ja« geantwortet, fuhr er fort: »Das ist gut, bitte ihn immer, dich zu begleiten. Es ist mir lieber, für dich lehrreicher, als wenn du allein gehst, um Pflanzen zu suchen.« Das stand zweifellos in vollem Gegensatz zur Annahme einer Besorgnis des Pastors, so daß Zea von ihrem kurz gefaßten Vorsatz wieder abließ. Statt dessen fragte sie ihn, da es ihr gerade ins Gedächtnis geriet, ob er wisse, welche Bedeutung der lateinische Pflanzenname Sempervivum tectorum haben könne. Mit einem leichten Lächeln erwiderte Hollesen: »Hat dein Freund Tilmar dir das nicht übersetzt?« Das Mädchen entgegnete: »Ja, er meinte, es heiße Immergrün und das zweite Wort sei ein Name.« Nun kam dem Pastor wirklich ein Lachen von den Lippen: »Ganz trifft's nicht zu, mit dem Raten geht's nicht gut, wenn jemand eine Sprache nicht gelernt hat. Es heißt ›das immer auf den Dächern Lebende‹; ein Lateinschule! aus den untersten Klassen hätte dir's verdeutschen können, ohne irgend etwas von Botanik zu wissen. Die Halbbildung ist immer ein gefährliches Ding, sie läßt gern irrig an sich selbst glauben und erzeugt leicht den Drang in sich, nach Unerreichbarem zu streben; zu spät bereitet dann richtige Erkenntnis bitterliche Enttäuschung. Hellbeck ist ein vortrefflicher, über seine Lehrerstelle hier geistig hinausragender Mensch, aber von seinem wissenschaftlichen Dilettantentum sollte er lassen, dazu reichen die Mängel seiner Bildung und Kenntnisse nicht aus. Freilich, wenn es ihm Freude macht, bessere Frucht kann der Mensch von seinem Acker nicht ernten. Doch er hätte klüger getan, die ihm gebotene einträglichere Stellung anzunehmen, und ich habe ihm gestern dazu geraten, doch allerdings selbstsüchtig hinzugesetzt, es freue mich um deinetwillen, daß er bei uns bleiben wolle.« So ausführlich hatte der Pastor sich noch kaum über Tilmar Hellbeck geäußert und ein entschiedenes Wohlwollen und Zuneigung trotz den angefügten Ausstellungen aus seinen Worten gesprochen. Zea war im Gefühl ihrer Verheimlichung ein wenig errötet, hörte dann aber innerlich erfreut zu. Sie wußte, ihr Vater schätzte nichts höher, als daß jemand ein vortrefflicher Mensch sei, und was Tilmar für sie außerdem noch war, wie kein anderer sonst, konnte sie allein beurteilen. Es war zweifellos, ihre Eltern würden, vielleicht nach anfänglicher Überraschung, ganz einverstanden mit dem sein, was sie heut' vormittag auf Herdsand gesagt und getan. Vom Tisch aufstehend, ordnete sie nach täglichem Brauch noch dies und jenes; sie war eine erwachsene Tochter des Hauses und hatte schon seit einem Jahr ihrer Mutter mancherlei wirtschaftliche Besorgungen abgenommen. Nach ihrer Verrichtung begab sie sich mit einem Buch ins Gärtchen, um zu lesen, heut' zum erstenmal wieder seit dem Herbst, im Sommer war es ihr gewohntes Nachmittagstun. Doch nach einer Weile lockte der Sonnenglanz sie weiter ins Freie hinaus, stellte ihr auf der Heide einen Lieblingsplatz vor Augen, den sie den Winter hindurch nicht mehr aufgesucht; dort mußte sich's schöner weiter lesen. Die sonntägigen Schuhe fielen ihr lästig; sich ihrer rasch im Zimmer entledigend, ging sie davon, nach der Vorschrift ihres Vaters eine Zeitlang in südlicher Richtung. Kurz hatte sie geschwankt, ob sie Tilmar zum Mitgehen holen solle, aber nach seiner Äußerung auf der Insel hielt er für gut, daß er sie nicht so oft mehr begleite. Nach dem was ihr Vater heut' mittag gesagt, entsprang das freilich einer durchaus unnötigen Besorgnis, übertriebener Ängstlichkeit, allerdings in einem Zusammenhang mit der Art Tilmars; etwas Ängstliches lag überhaupt in seinem Wesen, Unsicheres, sich selbst nicht recht Vertrauendes. Es nahm eigentlich Wunder, daß er seine Schuljungen in Ordnung und Zucht zu halten vermochte; Zea konnte sich ihn nur sich unterordnend und bittend vorstellen, nicht fordernd und befehlend. Ungewiß hatte sie einige Schritte auf das Schulhaus zu gemacht, doch bog sie wieder ab. Sie trug sich ja auch mit der Absicht, auf dem Heidesitz zu lesen, das konnte sie nur allein und war außerdem am Vormittag mit Tilmar mehrere Stunden zusammen gewesen. Danach blieb ihnen für heut' nichts gemeinsam zu bereden, so ließ sie davon, ihn zum Mitgang aufzufordern.

Ein Viertelstündchen wanderte sie dem Ufer entlang, um zur Linken landein den Weg einzuschlagen, auf dem Nathan Aronsohn gestern fortgehinkt, jenem ungefähr ebenso lange folgend. Dann jedoch verließ sie ihn, pfadlos weiter zu gehen; deutlich erkennbar lag oder hob sich ihr Ziel in einiger Weite vor ihr von der Fläche auf. Zumeist ward diese nur von niedrigem Strauchwerk oder da und dort vereinzelten Kiefern unterbrochen, doch an jener Stelle stiegen mehrere benachbarte schlanke und höhere Stämme empor, mit weiß in der Sonne blinkender Rinde sich als Birke kündend und auf besser nährenden, feuchten Bodengrund deutend. Ein wenig seitwärts von ihnen streckte sich flach etwas Dunkles hin, einem Schatten gleich, doch beim Näherkommen körperhaft, einer der in der Landschaft verstreuten großen Steinblöcke; graue Flechten überzogen ihn, wie eingebettet lag er im Heidekraut, an seinen Seiten rankten sich Erdbeeren- und Kronsbeerenpflanzen mit eben sich grün entwickelnden Blättchen herauf. Das war Zeas liebster Sitz, sie fühlte sich auf ihm einer Herrin gleich, der alles um sie her gehöre und ihr Untertan sei. Die Umgebung bot nicht, wie sonst umher, Einförmiges, sondern Mannigfaltigkeit, der Fleck bildete eine kleine, auch mit Wasser begabte Oase. Vorzeiten hatte man hier Torf zu graben versucht, davon standen noch senkrecht abgestoßene braune Wände, von langhalmigen Gräsern und Farnkräutern überwachsen, die sich auch durch den Winter ihre Farbe forterhalten; darunter, einem Schwarzspiegel ähnlich, sah ein kleines dunkles Moorgewässer auf. Es lag reglos, wie's auch die Luft darüber war, und doch schienen die von ihm zurückgeworfenen Widerbilder der Birkenzweige sich zu bewegen, als Würden sie von leisem Wind hin und her gewiegt. Der Frühling war gekommen, alles Leben wachte auf, und winzige, stahlblau schillernde Wasserkäfer schossen unablässig auf der besonnten Fläche hin und her, zu klein, um wirkliche Wellchen zu erzeugen, aber sie breiteten ein zitterndes Spiel darüber.

So war's seit vielen Jahren hier immer gewesen, und so war's nun wieder. Zea setzte sich auf den Granitstein und schlug ihr Buch auf, aber sie betrachtete erst noch den grünen Schimmer, mit dem sich das Birkenlaub ankündigte. Ein freudiges hervordrängen kam aus jedem Zweig, aus allem ringsumher; vereinzelte Bienen summten, sie fanden noch nicht, was sie suchten, hatten nutzlos den weiten Weg hierher gemacht und schwirrten davon. Die junge Herrin sah ihnen nach, sagte einmal zu einer: »Weshalb kommst du schon? Ich habe dich noch nicht gerufen.« Dann bückte sie den Kopf vor und las eifrig, sichtbar mit freudiger Teilnahme; die Aprilsonne hatte noch weit bis zum Seehorizont, doch sie zeigte, schrägere Bahn nehmend, daß sie nicht anhalte, sich fortschreitend dorthin bewege.

Trotz dem augenscheinlichen Interesse der Lesenden an dem Buch hob Zea ab und zu den Blick, so daß er über das Blatt fortging. Dann traf er auf die kleine Wasserfläche und die Insekten, die wie glitzernde Weberschiffchen darüberhin von Rand zu Rand schossen, und wenn sie wieder auf die Seite zurücksah, ging das zitternde Spiel ihr vor den Wimpern noch fort, als ob die Buchstaben lebendig würden, selbst sich in hin und her schnellende Käferchen verwandelten. Gleich einem leichten Schleier wallte ihr's vor den Augen, doch auch in diesen lag's wohl; sie hatte den Tag zum größten Teil im Freien zugebracht, und die erste linde Frühlingsluft machte leicht etwas müde. Ihr Blick senkte sich einmal seitwärts nieder; mit einer kurzen Bewegung konnte sie sich neben dem Steinsitz auf weichen Boden strecken, wie eine zubereitete Lagerstätte war's. Prüfend schaute sie um, ob etwas von einer Schlange wahrnehmbar sei; daß es solche auf der Heide gäbe, ließ sich wohl nicht anzweifeln, doch die Besorgnis ihres Vaters erschien ihr übermäßig, sie war mit Ausnahme eines einzigen, ihr nur dunkel im Gedächtnis gebliebenen Falles aus früher Kindheit noch nie auf eine Otter gestoßen. Es mutete köstlich an, sich dorthin zu legen, mit dem Kopf auf eine kleine Hebung wie auf ein leicht emporgehöhtes grünes Kissen, und nun hatte sie der Lockung nachgegeben, lag da und sah zu einer schneeweiß über ihr langsam durch das Himmelsblau ziehenden Wolke auf. Das Getriller einer Heidelerche klang gleichfalls von oben herab, weckte ihr Erinnerung an die auf Herdsand und zugleich an ihr vormittägiges Zusammensein dort mit Tilmar Hellbeck. Sie hatte hier nicht mehr daran gedacht; unwillkürlich kam ihr jetzt noch anderes dabei; die Pflanze auf dem Schulhaus und der lateinische Name. Ein Schuljunge, hatte ihr Vater gesagt, hätte ihr verdeutschen können, es heiße »das immer auf dem Dach Lebende«. Oder unter dem Dach? Sie konnte sich nicht ganz besinnen, die Gedanken gingen ihr ein bißchen durcheinander. Wenn das Letzte gewesen, dann paßte es auch auf sie, war sie selbst solche Hauswurz, die künftig immer unter dem Schulhausdach lebte. Halblaut und halblachend sprach sie vor sich hinaus: »
Semervivum tectorum«. Vor dem Blick gesellte sich ihr etwas dazu, wie ein vom Blau zu ihr herunterflatterndes ganz goldenes Blatt, ein Zitronenfalter war's, der dicht über sie hingaukelte. Doch nahm sie ihn nur einen Augenblick lang gewahr, er verschwand ihr sogleich wieder. Nicht weil er wirklich weiter taumelte, vielmehr kehrte er, wie neugierig, ein paarmal zurück. Aber sie sah ihn nicht mehr, denn die Lider waren ihr zugefallen. Ihr war's nicht in den Sinn gekommen, sich hinzulegen, um zu schlafen, doch dem Frühlingstag gefiel's so, seine Macht an ihr zu bewähren.

Auch wußte sie nicht, daß sie geschlafen habe, oder war nach ihrer Meinung wenigstens gleich wieder aufgewacht. Nur lag, wie sie den Kopf aufhob, das Licht anders um sie, nicht mehr strahlenblendend, sondern mit einem gedämpften rötlichen Glänze. Im Ohr klang ihr etwas nach, ein eigentümliches Geräusch, und sie hatte ein Gefühl in sich, als ob sie davon aufgeweckt worden sei; sich zum Sitzen emporrichtend, blickte sie um sich, was es gewesen sein könne. Da kam's wieder, ein schnaubender Ton, und auf ein halbes Dutzend Schritte entfernt sah sie den Urheber, den Kopf eines braunen Reitpferdes; daneben, abgestiegen, stand ein hochgewachsener junger Mann, der die Augen auf sie gerichtet hielt. Etwas von Verwunderung tat sich in ihnen kund, und er fragte jetzt:

»Willst du die Nacht hier bleiben?«

Noch nicht recht zur Besinnung gekommen, blickte sie ihn an. Ein Fremder war's, nach der Kleidung von vornehmerer Art als die Landleute der Gegend, vermutlich ein junger Herr aus der Stadt. So antwortete sie nach einem Moment ungewissen Hinblicks: »Haben Sie den Weg verloren und wollen zur Stadt? Dort liegt sie.«

Ihre Hand deutete, doch er versetzte: »Nein, das ist nicht meine Absicht, auf der Heide gefällt's mir besser,« Zu einer Umschau den Kopf drehend, fügte er nach:

»Wo sind denn deine Gänse?«

Das Mädchen wiederholte verständnislos: »Meine Gänse?«

»Oder was du sonst hütest. Sind's Schafe?«

Dafür angesehen zu werden, war ihr noch nie geschehen, und sie mußte ein Lachen bekämpfen. »Wofür halten Sie mich denn?«

Er stutzte ein klein wenig bei dem Ton der Frage, versetzte dann indes:

»Für das, was deine Füße sagen.«

Mit einer unwillkürlichen Bewegung zog sie ihre Füße unter den Kleidsaum zurück, während er, sie betrachtend, hinzusetzte: »Dein Kleid ist freilich nicht so, wie die Bauernmädchen sich's machen, ich seh's jetzt, und deine Sprache ist auch anders. Warum gehst du denn barfuß?«

Es trieb Zea, aufzustehen; sie lag oft so mit Tilmar Hellbeck zusammen und sprang hurtig in die Höhe, wenn sie weiter gehen wollten. Doch gegenwärtig zauderte sie ein bißchen, wußte ihre Absicht nicht gleich auszuführen und tat's dann in weniger geschickter Weise als sonst, fast etwas unbeholfen. Selbst fühlte sie's, und es verdroß sie, und dazu auch noch etwas anderes. Nach dem Landbrauch war sie gewöhnt, zumeist mit »Du« angeredet zu weiden, auch vom Mund eines fremden Bauernburschen war's ihr nicht ausgefallen. Doch der vor ihr Stehende war ein Städter, der an anderen Brauch gewöhnt sein mußte; ihr lag etwas Geringschätziges darin, daß er diesen bei ihr nicht innehielt, zumal sie ihn mit »Sie« ansprach. So sagte sie, aufgestanden:

»Na Sie erkennen, daß ich keine Bauerntochter bin, und wohl auch, daß ich kein Kind bin –«

Weiter kam sie nicht, einesteils wußte sie selbst nicht recht, was sie hinzusetzen wollte, zum anderen malte sich in seinen Augen ein lebhaftes Erstaunen über die Veränderung ihrer hoch vor ihm aufgewachsenen Gestalt und ließ ihn einfallen: »Wer bist du denn?«

Offenbar hatte er den Sinn ihrer letzten Äußerung nicht verstanden oder nicht verstehen wollen. Das zweite erschien als das Mutmaßliche, denn er fügte hübsch auflachend drein:

»Bist du die Herrin hier?«

Zea Hollesen überkam Unbekanntes, geweckt von etwas ihr zum erstenmal im Leben entgegengebotenem Unbekannten, ein Aufwallen in ihrem Innern, ein trotziges Sichauflehnen. Sie erwiderte: »Ja, ich bin die Herrin hier«, und drehte sich kurz ab, um davonzugehen. Doch hinter ihr klang seine Stimme nochmals:

»Du vergißt, dein Buch mitzunehmen.«

Sie hielt den Fuß an, obwohl ihr's unangenehm war, sich wieder zurückwenden zu müssen; lieber hätte sie das Buch liegen lassen und morgen geholt. Aber da er sie hörbar mit einem leicht spöttischen Ton auf ihre Nachlässigkeit aufmerksam gemacht hatte, entschloß sie sich zur Umkehr und trat, so viel Würde, als ihr möglich fiel, in der Haltung zusammennehmend, auf den Stein zu. Zugleich indes setzte auch er den Schritt vor und fragte, den Arm ausstreckend:

»Was liest du denn?«

Das Mädchen gab keine Antwort mehr, sondern faßte nur rasch nach dem Buch, doch im selben Augenblick tat er das gleiche und zog's ihr mit festem Zugriff aus der Hand. »Wart', ich will's erst sehen. Wenn du auch die Herrin bist, mußt du dich doch daran gewöhnen, daß ich der Herr hier bin, wenigstens hab' ich mich bis jetzt dafür gehalten.«

Nicht herrisch gesprochen war's, doch mit einem heiterjugendlichen Übermut, einem merklich daran Gewöhnten, nach seiner Lust und Laune zu handeln. Nun schlug er das Titelblatt auf und las laut: »Hermann und Dorothea.« Verwundert hob er den Kopf und fragte ungläubigen Tones:

»Verstehst du das?«

Zea stand schweigend, nur eine leichte Bewegung ihrer Kleidärmel verriet, daß die Arme darunter ein Zittern durchlief. Nach einem kurzen Anhalten setzte er hinzu:

»Wer bist du denn eigentlich?«

Sie hatte die Zähne auf die Unterlippe gedrückt, kein Wort mehr hervorzulassen, doch die Frage bot ihr willkommene Gelegenheit, ihm eine beschämende Zurechtweisung zu erteilen, und, ihren Vorsatz ändernd, entgegnete sie, ihre Erregung zu möglichstem Gleichmutsanschein beherrschend:

»Wenn Sie danach fragen, ich bin die Tochter des Pastors Hollesen in Loagger.«

Eine durchaus andere Wirkung ergab's, als sie bezweckt. Wohl drückte sich im Gesicht des Hörers eine Überraschung aus und er bemaß die Züge des Mädchens wie mit einem suchenden Blick. Dabei aber flog ihm lachend der Ausruf hervor:

»Also einer beim anderen!«

Das war völlig unverständlich, und gegen ihren Willen kam Zea die Frage vom Mund: »Was heißt das?«

Er deutete nach dem Granitblock. »Zwei Findlinge, beide vom Wasser hergebracht und sich ähnlich wie Zwillinge, mißvergnügt, daß ich ihre Unterhaltung gestört. Doch jetzt find' ich's wieder heraus, du hast's wie die Birke da gemacht, seit ich sie zuletzt gesehen. Aber du bist – warte, dein Name steckt mir irgendwo in einer Ecke, mit der See ist's was, natürlich – nein, mit dem Ozean, das war's – Ozeana – ich lachte darüber, als ich's hörte – ›Zea‹ riefen sie dich – Zea Hollesen bist du. Wenn eine Ente wird wie ein Schwan, kommt man nicht darauf, daß es noch der gleiche Vogel ist. Kennst du mich nicht mehr?«

Die Befragte blickte ihn wortlos an, nur aus ihren Augen sprach Verneinung. Er warf launig hin:

»Deine Augen sind anders, als die Nathan Aronsohns, aber seine haben ein besseres Gedächtnis. Vielleicht weiß dein Ohr es noch – Meinolf Alfsleben hieß ich einmal, und dabei ist's auch geblieben.«

»Du bist –?«

Eine unbewußte Erwiderung Zeas war's, man sah, aus dem Namensklang kehrte ihr auch eine Erinnerung des Gesichtssinnes. Doch unmittelbar danach verbesserte sie, die Hand vorstreckend: »Geben Sie mir mein Buch, Herr Baron, ich will fort.«

Ihm flog heraus: »Wie albern das aus deinem Mund kommt! Freilich, du bist nicht nur groß geworden, sondern auch gebildet und liest Goethe. Ich hätte dich wohl auch mit ›Sie‹ anreden und ›Fräulein‹ nennen sollen? Entschuldige, daß du mir nicht danach vorkommst, auch eh' ich wußte, wer du bist.«

Sie entgegnete nichts, tat nur das gleiche, wie er zuvor, indem sie, rasch zugreifend, ihm das locker gehaltene Buch entriß. Doch ebenso schnell streckte auch er wieder die Hand danach unter dem Ruf: »So verschlagen bist du? Ich dachte, du wolltest mir die Hand geben, als Gruß aus der Kinderzeit und als Abbitte für deine spöttisch gemachte Anrede. Deine Art ist sonst nicht so höflich, scheint mir.«

Beide hielten das Buch, zogen es ein paarmal hin und her, heftig erregt stieß das Mädchen aus: »Es ist meins – was wollen Sie damit?«

»Es noch behalten. Ich hätte dir's zurückgegeben, aber mit List und Trug wegnehmen lasse ich's mir nicht.«

Ein Ringen ward's, seine linke Hand umfaßte plötzlich ihren Arm und zwang ihn herunter. Ihr durchfuhr eine Erinnerung den Kopf, daß sie ohne Besinnen über die Lippen brachte: »Willst du mich ins Wasser stoßen wie Unna Brookwald?«

Ein helles Auflachen klang dicht an ihrem Ohr. »Warst du dabei? Das war spaßhaft! Nein, dich da wieder herauszuholen, wär' mir zu umständlich und schade für deine sauberen Füße, wenn sie von dem Moorwasser braun würden. Ich will dir nur beweisen, daß ich der Herr hier bin und mehr Kraft habe als du.«

Das bewies er, denn rückhaltlos seine Stärke gebrauchend, zwang er sie, ihm das Buch zu lassen. Mit Meinolf Alfslehen war seit gestern abend, dem stürmischen Ausbruch, in dem er um die Liebe seines Vaters gerungen und gesiegt, eine Verwandlung vorgegangen; wie ein Rückschlag in vergangene Zeit hatte es ihn gefaßt. Er war augenblicklich ganz der übermütig tollende, bedachtlose, ungebärdige Knabe von ehemals, der seinen Kopf drauf stellte, durchzusetzen, was ihn reizte. So hielt er triumphierend das eroberte Buch und sagte jetzt:

»Auf Ekenwart ist's nicht, ich habe grade Lust, ›Hermann und Dorothea‹ wieder zu lesen, morgen bekommst du's zurück. Ich bring's deinem Zwilling da, von dem kannst du's dir holen, Heut' nehm' ich's mit, die Nachtigall wird heut' nacht wieder schlagen, dabei liest sich's gut. Hab' ich dich zu hart angefaßt und dir weh getan? Das kommt von deinem Trotz.«

Zea stand gelähmt, sah ratlos auf ihr Handgelenk nieder, das er bei dem Ringen fest umfaßt gehalten, einen roten Streifen ließ es gewahren, Ihr Gesicht dagegen war blaß entfärbt, ihre Brust atmete nicht rasch, wie sonst nach einer heftigen Anstrengung, sondern bewegte sich kaum. Etwas Eigenartiges geschah; ein Zitronenfalter, vermutlich der, welcher vor Stunden hier in der Sonne gegaukelt, mußte sich an dem durchwärmten Findlingsstein zur Nachtrast niedergelassen haben und von dem Handgemenge noch einmal aufgescheucht worden sein. Er flatterte wieder und zwar einige Male, wie im Halbschlaf taumelnd, um den Kopf des Mädchens, daß es aussah, als drehe der Wind ein goldenes Blatt um sie im Kreis. Dann kauerte er sich, die Flügel zusammenfaltend, an den Granitblock zurück.

Meinolf hatte dem plötzlichen Auftauchen und spielenden Flug des Schmetterlings stummverwundert zugesehen. Nun sagte er:

»Gehört ihr auch zueinander? Da sitzt er wieder und will die Nacht hier schlafen. Wäre ich nicht zufällig hierhergekommen und du davon aufgewacht, hättest du's wahrscheinlich ebenso getan. So hab' ich dich wohl vor einer kalten Nacht bewahrt, Zea Hollesen, und du mußt für mein Kommen dankbar sein.«

Nicht mit ironischem Klang waren die letzten Worte gesprochen, doch gab ihrem Inhalt der Mienenausdruck Zeas solche Färbung, denn in ihm tat sich alles eher als Dankbarkeit kund. Was für Gedanken und Empfindungen in ihr seien, ließ indes das Gesicht nicht lesen: es hatte etwas Sonderbares, als ob sie eigentlich überhaupt nichts denke und fühle. Nur das eine, die Richtigkeit des von Meinolf Alfsleben Gesagten, daß er mehr Kraft habe als sie und daß sie mit Gewalt nichts gegen ihn ausrichten, ihm das Buch nicht wieder entringen könne. Auch was sie wolle, wußte sie nicht, oder wenigstens ward ihr gleichfalls nur eines deutlich, sie wollte nach Hause gehen. Dazu aber mußte sie den Fuß heben, und ihr kam's vor, als ob er eingewurzelt sei und sie habe keine Herrschaft über ihn. Dann indes gelang's ihr doch, sie nahm alle Stärke zusammen, löste ihn mit einem Ruck vom Boden, wandte sich und schritt fort. Anfänglich ganz langsam – hinter ihr klang noch einmal seine Stimme: »Du weißt also, wo du dein Buch wiederfindest.« Danach blieb's still, und nun ging sie rascher, allmählich beinah wie laufend. Der Abend fiel ein, es begann zu dämmern, nur über der See im Westen lag noch roter Himmelsrand. Wie der Heidegrund unter ihr verschwand und ihre Füße auf den weichen Dünensand traten, blieb sie stehen und sah verdutzt um sich. Vor ihr, in der Entfernung einer Viertelstunde, hob sich im Zwielicht ein Turm auf mit grauer Dachhaube, den sie nicht kannte; sie mußte in falscher Richtung, nach der Stadt zu, gegangen sein. Doch dann war's, als falle ihr etwas vor den Wimpern weg, und nun war es der Kirchturm von Loagger. Der lange Aufenthalt draußen und daß sie geschlafen hatte, ging ihr offenbar wunderlich in den Augen nach; im Weitergehen sah sie beständig einen kleinen dunklen Wasserspiegel vor ihnen, über dem sich glitzernde Käfer hin und her schnellten. Sie dachte noch immer nichts, nur als linkshin das Schulhaus wie ein dunkler Würfel von der Düne aufstieg, kam ihr die Erinnerung, wie sie am Nachmittag hier gegangen, habe sie sich gewundert, daß Tilmar Hellbeck seine Schulkinder in Ordnung und Zucht zu halten vermöge, da er sich nicht fordernd und befehlend, sondern nur bittend und unterordnend vorstellen lasse. Doch daß sie dies hier gedacht, kam ihr nicht wie von heut', sondern wie seit Tagen vor; das mußte auch davon herrühren, weil sie so lange auf der Heide geschlafen hatte. Auf dem Hausflur traf sie ihre Mutter, die zu ihr sagte: »Du kommst spät, das Abendessen wartet schon.« Trotzdem ging sie erst noch in ihre Stube; als sie in dieser stand, wußte sie freilich nicht, wozu. Nur daß sie mechanisch eine Schublade aufgezogen hatte, darüber dachte sie nach, weshalb, und besann sich, es sei ihr kalt, sie friere und es komme von den bloßen Füßen her. Eilig legte sie Strümpfe und Schuhe an und begab sich ins Wohnzimmer an den Tisch.

An dem Tische war's wie allabendlich, nur wie am Mittag richtete der Pastor ab und zu den Blick auf Zeas Gesicht; er schien darin nach etwas zu suchen, doch zu vermeiden, daß sie es merke. Jedenfalls lag in dieser Art, wie er sie ansah, anderes als sonst, übte, ohne daß sie sich sagen konnte, warum, eine abhaltende Wirkung auf ihr Vorhaben, von dem, was ihr begegnet war, zu erzählen. Doch fehlten ihr auch die richtigen Worte für das Fremde, ihr zum erstenmal im Leben Geschehene, sie wußte nicht, wie sie das Benehmen Meinolf Alflebens gegen sie benennen solle. Oder das wohl, junkerhaft anmaßend und hochfahrend, herrisch und gewalttätig war's gewesen; was ihr eigentlich den Mund schloß, war Scham und Unmut über ihr eigenes Verhalten dabei, ihre Unfähigkeit, ihm die gleiche selbständige Sicherheit entgegenzusetzen. Freilich hatte er seine überlegene körperliche Kraft angewandt, und wenn sie sich auch wohl getrauen würde, gegen Tilmar in einem Ringen zu bestehen, hatte sie es natürlich mit ihm nicht aufnehmen gekonnt. Aber das änderte nicht ab, daß sie ihm unterlegen war, sich seinem Willen hatte unterordnen müssen. Ihr klang's als ein Wort, mit dem sie selbst über sich gespottet habe, im Ohr nach, wie sie auf seine Frage zurückgegeben, ja, sie sei die Herrin hier. Das war sinn- und bedachtlos gewesen, bekam durch das weiter Vorgegangene etwas kinderhaft Einfältiges. Sie fühlte bei der Erinnerung daran ein Klopfen in den Schläfen.

So schwieg Zea aus Mißmut über sich selbst von ihrer Begegnung mit Meinolf Alfsleben, griff, um nicht auffällig stumm dazusitzen, manchmal eilig nach diesem und jenem, davon zu sprechen, und tat's mit etwas lauterer Stimme als sonst; ihre Nerven befanden sich noch in einem unbekannten Zustand von Erregung. Doch kam trotzdem und obwohl sie draußen geschlafen hatte, früh Müdigkeit über sie, so daß sie bald gut' Nacht sagte und in ihre Stube ging. Der Pastor blickte ihr nach, und seine Frau sagte:

»Mich dünkt, das Kind war sonderbar heut' abend; dir scheint's auch aufgefallen.«

Er wiederholte: »Sonderbar? Warum meinst du? Ja, sonderbar war's mir heut' –«

Nach einem kurzen Anhalten setzte er hinzu: »Ist dir nichts aufgefallen?«

»Ich weiß nicht, was du jetzt meinst.«

»Mir kam heut' morgen und bis eben in der Vorstellung die Ähnlichkeit zwischen ihr und Unna Brookwald noch vergrößert vor, stärker als je, fast wie die zwischen Schwestern. Und ich müßte mich sehr täuschen, wenn es Herrn von Brookwald, als wir zusammen auf dem Kirchhof standen, nicht ebenso gegangen.« Mathilde Hollesen hob den Kopf und sah ihren Mann überrascht mit einem staunend-fragenden Ausdruck an, »Du meinst – das kann nicht sein. Sie hat Dietrich Alfsleben sehr geliebt und lange auf ihn gehofft, das weiß ich am besten. Aber dafür würde ich dein und mein Leben verbürgen – ich kenne Gertrud –«

Den Kopf schüttelnd, fiel der Pastor ein: »Ich auch, und wie soll ich von ihr sprechen? Du verdenkst dich – daß die tote Frau in der Kajüte ihre Mutter gewesen, kann wohl nicht zweifelhaft sein. Wohl aber, ob sie in anderem Sinn eine Frau war – ich sprach auch mit Wittkop darüber und glaube –«

Fortfahrend dämpfte er die Stimme noch mehr: »Ich bin überzeugt, ihr Vater befindet sich am Leben, und wir haben ihn heut' morgen gesehen.«

Die Hörerin fuhr zusammen, über ihr Gesicht flog etwas Schreckhaftes, doch mit Ungläubigkeit gepaart; sie versetzte:

»Unna gleicht nicht ihm, sondern ihrer Mutter, hat ein Rhadesches Gesicht.«

Die Miene des Pastors ließ erkennen, daß der Einwand ihn nicht in seiner heute gefaßten Überzeugung beirre. Er antwortete: »Die Natur teilt gewöhnlich dem Kinde von beiden Eltern zu, nur sieht man's oft erst bei näherer Vergleichung. Ich finde auch Züge von ihm an Unna, und vielleicht besaß die Tote mit Gertrud Ähnlichkeit.«

»Und du glaubst – er ahnt – er weiß es –?«

Eigentümlich zögernd war die Frage hervorgebracht, und mit einem Ton, als berge etwas Ungesprochenes, doch für den Hörer dennoch Verständliches sich unter ihr; erwartungsvoll hielt sich der Blick Mathilde Hollesens in den ihres Mannes gerichtet, der langsam erwiderte: »Von uns nicht Begriffenes – schon lange hinter uns – könnte sich daraus erklären –«

Mit noch mehr herabgeminderter Stimme als vorher hatte er es entgegnet, doch brach er, auf die Tür sehend, ab: »Wir wollen in unser Schlafzimmer hinübergehen.« Draußen im Flur scholl der Fußtritt der Hausmagd; gleichzeitig mit seiner letzten Äußerung stand Christian Hollesen auf, ging voran und seine Frau folgte ihm schweigend nach.

Zea schlief bereits, doch es war ihr kühl, denn sie lag nicht in ihrer Stube, sondern war irgendwo unter freiem Himmel eingeschlafen. Neben ihr hockte ein Schmetterling und sagte: »Ich bewahre dich vor einer kalten Nacht«, und dazu schlug er große Flügel auseinander, daß sie sich wie zu einem goldenen Dach über ihr breiteten. Aber eigentlich war's, trotz der Nachtzeit, eine Decke aus Sonnenstrahlen, von der jetzt Wärme über die Träumende hinging. Sie dachte nach, wo sie sei; eine Lerche trillerte. Danach befand sie sich vermutlich auf der Düne von Herdsand; und ihr kam's auch, Tilmar Hellbeck sitze neben ihr, obwohl sie nichts von ihm sah, und sie habe ihn eben gefragt, ob er nicht einverstanden wäre, daß sie seine Frau werde. Aber dann war's kein Lerchengesang, der eines anderen ihr unbekannten Vogels; sie dachte weiter darüber nach, eine Nachtigall mußte es sein. Um Loagger, am Strand und auf der Heide gab's keine solche, doch im buschigen Parkgarten von Helgerslund, dort hatte sie vor langem einmal mit Unna zusammen eine gehört und kannte daher noch den Gesang. Also war sie auch wohl dort, nur stimmte nicht damit überein, daß der Falter sie fragte: »Soll ich dich heiraten?« Sie mußte dazu lachen, denn er sprach jetzt mit der Stimme Tilmars, und dieser stand auch vor ihr und bückte sich, um sie aufzuheben. Ein seichtes Wasser lag unter ihr, aber nun rief plötzlich Unna Brookwald: »Nimm dich in acht, er wirft dich hinein! Bei ihm riskiert man immer sein Leben.« Dabei flog der goldene Schmetterling über das tief und dunkel werdende Wasser hin fort, einem entfernten Waldrand zu, und alles war still und leer. Zea lag schlafend auf der Heide neben dem alten Findlingsstein und wußte, daß sie unsinnig geträumt habe. Doch sah sie in der Weite noch den Falter wie ein im Winde flatterndes Blatt, und in ihr war etwas geblieben, ein Verlangen, fast eine Sehnsucht, die Nachtigall noch einmal schlagen zu hören. Sie horchte auf, aber umsonst. Bis nach Helgerslund war's zu weit; um ihren Wunsch erfüllt zu bekommen, mußte sie dort im Parke sein.

Als sie aus dem Schlaf aufwachte, lag der Morgen mit gleichem Frühlingssonnenglanz um sie wie gestern. Spät schon erschien's nach der Helle, so daß sie hurtig die Kleider überwarf; im Gefühl war's ihr, es sei wieder Sonntag, und mechanisch legte sie auch die Strümpfe und Schuhe an; dann erst besann sie sich, aber da sie's einmal getan, beließ sie's so. Unter häuslichen Arbeiten verging ihr die Hälfte des Vormittags; als sie ihren Obliegenheiten nachgekommen, wollte sie sich zum Lesen in den Garten setzen, begab sich in ihre Stube, den Band mit der Goetheschen Dichtung zu holen. Er lag nicht an seinem Platz; sie hatte während ihrer Beschäftigung Empfindung davon in sich getragen, doch als ob sie nur in der Nacht geträumt habe, daß er nicht dort sei. Nun sah sie, das Buch fehlte in der Tat, und ihr kam zurück, sie habe es wirklich nicht, sondern es liege draußen auf dem Granitblock. Das hieß, wenn Meinolf Ulfsleben es schon dorthin zurückgebracht, oder wenn ihm überhaupt einfiel, seine Zusage zu halten; wahrscheinlich dachte er heute gar nicht mehr daran.

Zea fühlte ihren gestrigen Unmut beinah noch verstärkt wiederkehren; ihr lag augenblicklich alles daran, »Hermann und Dorothea« weiter zu lesen, und sie konnte es nicht. Es war innerlich empörend, daß jemand aus anmaßender Willkür sie nötigte, darauf Verzicht zu leisten; adliger Hochmut gab sich darin kund. Er hatte sie anfänglich für ein Bauernmädchen gehalten, doch auch die Pastorentochter galt ihm nicht mehr, und obendrein noch ein Findling, Sie hörte ihn lachend die Worte sagen: »Zwei Findlinge, einer beim anderen.« Mißächtlich klang's ihr nach, nur daneben wundernehmend, daß er eine Erinnerung daran bewahrt hatte. Nachträglich entsann sie sich allerdings seiner jetzt auch aus lange vergangener Zeit, zuletzt wohl vor fünf oder sechs Jahren, daß er ab und zu einmal im Brookwaldschen Wagen am Sonntag mit herübergekommen, und im Grunde mochte er sich nicht sehr verändert haben; ihr kam's, daß er sie schon damals ausgelacht, warum, wußte sie natürlich nicht mehr, aber mit Mißachtung war ihr noch nie ein Mensch begegnet; daß jemand Hand an sie legen könne, sie zu etwas zu zwingen, hätte sie bis gestern nicht für denkbar gehalten.

Zea war aus der Haustür getreten und einige hundert Schritte in südlicher Richtung fortgegangen, um sich das Buch aus der Heide zu holen, doch sie kehrte jetzt wieder um. Vermutlich hatte er es noch nicht zurückgebracht, oder wenn, so lief sie Gefahr, dort abermals mit ihm zusammenzutreffen. Das schuf ihr eine widrige Vorstellung, und sie verschob den Gang bis zum Nachmittag, machte sich auch an diesem erst ziemlich spät auf den Weg. Aus der Entfernung ging ihr Blick über die Fläche nach ihrem Ziel vorauf; die weißrindigen Birken standen einsam still in der schrägen Sonne, nichts Ungewohntes, kein Pferdekopf ragte neben ihnen in die Höhe, nur die niedrige Platte des großen Granitsteins. Auf ihm lag nichts, die scharfsichtigen Augen des Mädchens unterschieden es bereits von ziemlich weit her; offenbar traf das zu, was sie auch am wahrscheinlichsten bedünkt, er dachte überhaupt nicht mehr an die Rückgabe des Buches, wenigstens kam's ihm nicht in den Sinn, deshalb den Weg von Ekenwart hierher zu machen. Nur den Namen kannte sie und wußte, das Herrenhaus liege hinter dem Waldrand; dort war sie nie gewesen, hatte nur dann und wann gehört, der Freiherr von Alfsleben sei ein unzugänglicher, sich von allem Verkehr abschließender Mann. Jedenfalls auch aus mißächtlich auf andere herabsehendem Hochmut, sein Sohn diente ihm zur Erläuterung.

Obwohl ihre Hierherkunft sich so als zwecklos bestätigte, ging Zea doch weiter auf den Findlingsblock zu und setzte sich auf seinen Rand; ihr alter Lieblingsplatz war's, ein langjähriges Eigentum, als dessen Herrin sie sich heut' wieder fühlen konnte. Sie atmete einmal tief die weiche Luft ein, ein leiser, warmer Wind strich um sie, sonst lag alles unbewegt in der Sonnenstille.

Da erklang unweit von ihr eine Menschenstimme: »Du hast mich lange warten lassen, Zea Hollesen.«

Etwas seitwärts her kam sie, von einer durch einen Wachholderstrauch halbverdeckten Heidebulte, die außerdem gegen die schräg fallenden und blendenden Strahlen lag. So wurde Zea auch jetzt nichts von dem Urheber der unerwarteten Anrede gewahr; sie fuhr nur schreckhaft zusammen und wollte aufstehen. Doch nur ein Antrieb des ersten Augenblicks war es, dann schwoll ihr aus dem Innern Selbstgefühl und ein trotziger Stolz auf. Fast mit einer Befriedigung desselben überkam's sie, daß Meinolf Alfsleben glaubte, seine Willkür nochmals an ihr auslassen, sie zu einem Spielzeug seiner Laune nutzen zu können. Doch sie ließ sich durch ihn nicht von ihrem Sitz vertreiben; er war nicht für sie vorhanden, mochte sprechen, was er wolle, durch kein Zeichen gab sie kund, daß eine Stimme ihr ans Ohr töne. Unbeweglich behauptete sie den Platz, blieb, und wenn es nacht werden solle, bis er seines herrisch-anmaßenden Vorhabens müde ward, davonging und sie hier als die Herrin zurücklassen mußte.

Er hielt das gestern von ihm mitgenommene Buch aufgeschlagen auf den Knien und fügte seiner Ansprache kurz nach: »Du hast ein Zeichen eingelegt, wie weit du gekommen bist, soweit habe ich heut' nacht auch gelesen. So können wir zusammen fortfahren, ich lese dir's vor; da hast du's nicht nötig, und wenn der Zitronenfalter wieder irgendwo sitzt, kann er auch zuhören.«

VI.

Der Frühling war gekommen, und er schritt weiter vor. Nach seiner Weise im nordischen Land leisen Ganges, kaum merkbar, oft wie zögernd und anhaltend. Seine Zeit war's, und er kam als Gebieter, der keine Auflehnung wider sein Geheiß zuließ. Doch nicht herrisch trat er auf, sondern sich sanft einschmeichelnd, nirgendwo ein Gefühl weckend, daß er sich Gehorsam erzwinge. Halme und Blätter schimmerten in lichterem Grün, in verborgenem Kelchschoß bildeten sich Ansätze von Knospen; jeder Lebenstrieb war dem großen Willen Untertan. Dem eigenen Drang dabei folgend, aber unbewußt; alles geschah wie in einem Traum, dessen Vorgänge ohne Zusammenhang mit der hellen Tageswirklichkeit erschienen. Da und dort am Strand und auf der Heide hob sich aus dem sandigen Boden eine Pflanze wie trotzig abgekehrt auf, als wolle sie im winterlichen Stande verharren. Doch lächelnd sah der Frühling mit dem goldenen Sonnenauge auf sie nieder; er wußte, wie sie sich auch weigere, zuletzt müsse sie ihm doch gehorchen.

So schwand Tag um Tag die leblos braune Farbe mehr von der Heide ab, daß diese aus der Weite leicht einer von grünen Wellen überkräuselten Wasserfläche zu gleichen begann, und so bedeckte sich an ihrem Ostrand der Buchenwald mit jungem Laub. Nur die Eichen standen, von fern gesehen, noch winterlich kahl dazwischen, allein näher kommend, gewahrte man, auch in ihnen rege sich ein frischer Safttrieb, zaudernd, nur langsam sich aufringend, doch Zeugnis von wiederkehrendem Lebensdrang ablegend.

Einer solchen Eiche ähnelte der Freiherr Dietrich von Alfsleben. Auch ihn hatte eine Frühlingskraft gefaßt und im Innern durchdrungen, die entdeckte, lautgewordene Liebe seines Sohnes für ihn. Mit einer Sonnenmacht war sie über ihn gekommen, dunkle Wolken jäh durchbrechend und abscheuchend; wohl nicht aus völlig entschatteten Augen, doch die bisher vorgesenkte Stirn freier hebend, blickte er auf. Er war in dem öden Hause nicht allein mehr, die Stimme Meinolfs klang um ihn, und an der Stelle freudlos-inhaltsleerer Verbringung seiner Tage erwuchs ihm wie aus lange brach gelegenem Acker ein neuer, tätiger Daseinszweck. Seitdem er zum Besitzer Ekenwarts geworden, hatte er sich niemals um die Bewirtschaftung des großen Gutes bekümmert, alles einem Verwalter überlassend; welche jährlichen Einkünfte es ihm brachte, war ihm bedeutungslos gewesen, seine tägliche Lebensführung machte kaum mehr Ansprüche als die des einfachsten Landmannes. Doch jetzt nahm der Besitz ihm plötzlich ein verändertes Gesicht an, gewann einen Wert für ihn als das Erbe, das er seinem Sohn hinterließ. Zum erstenmal sein Augenmerk auf die Zustände des Gutes richtend, sah er, daß sich gewohnheitsmäßige Vernachlässigung, in manchem fast zu einer Verwahrlosung ausartend, eingeschlichen habe, unter seiner eigenen Leitung bei achtsamer Aufsicht der Ertrag sich um das Doppelte steigern könne. Das schloß ihm ein weites Gebiet der Untersuchungen und Beschlußnahmen auf, diente gleichfalls zu einer völligen und günstig auf ihn wirkenden Umwandlung seines früheren zwecklosen Abwartens, daß der Morgen zum Abend werde. Unter Beihilfe des Försters griff er nach der Art lange untätig Gewesener eifrig die Aufgabe an, die er sich vorgesetzt; Dirk Westerholz erwies sich als nicht nur in seinem Fach umsichtig und tüchtig, auch als Landwirt hatte er bei der Urbarmachung seiner Farm in der amerikanischen Wildnis nützlichste Erfahrungen gesammelt. Auf das, was er in der Heidehütte während des Unwetters aus seinem Vorleben hier im Lande kundgegeben, war der Freiherr mit keinem Wort zurückgekommen. Er hatte es damals eine Jagdgeschichte benannt; nicht Zweifel litt's, er sehe die Tat des Försters auch mit dessen Augen an, fühle keine Verpflichtung, sie gerichtlich zur Anzeige zu bringen. Offenbar hatte Westerholz für ihn ein Menschenrecht gehabt, der unablässig an seinem Innern fressenden, ihm den Kopf mit Irrsinn umnebelnden Marter ein Ende zu setzen, und schließlich nichts weiter vollbracht, als ihm Gehöriges, sein Haus, die Stätte seiner Qual, vom Boden weggetilgt. Was aus seiner treubrüchigen Frau und der, die nicht seine Tochter war, geworden, wußte er selbst nicht; die Mutmaßung, daß sie sich trotz den verschlossenen Fenstern und Türen doch aus dem brennenden Gebäude gerettet hatten, lag am nächsten. Doch was immer an dem Maimorgen, über den eine lange Reihe von Jahren hingegangen, sich zugetragen haben mochte, Dietrich von Alfsleben fand in sich keine Nötigung, heute noch dafür eine Ahndung zu veranlassen. Vielmehr lieh sich empfinden, sein Vertrauen zu dem Förster habe sich noch erhöht, mit einer menschlichen Anteilnahme und Zuneigung verbunden; einen Ausdruck dafür lieferte gewissermaßen, daß er ihn unter vier Augen öfter mit seinem ursprünglichen Namen Nordwalt ansprach. Vor den neuen Anforderungen an die Tätigkeit Alfslebens trat jetzt die Jagd zurück, doch viele Stunden des Tages sahen ihn, stets von Dirk Westerholz begleitet, seinen Grund und Boden bald hier, bald dort in Augenschein nehmen, um Mißstände zu beseitigen.

Auf solchem Weg schreitend, der ziemlich weit nach Norden bis an die Grenze der Güter Ekenwart und Helgerslund führte, trafen die beiden eines Morgens in einem Gehölz unvorhergesehen mit einer alleingehenden Dame zusammen. Gertrud von Brookwald war's; um eine Wegkrümmung kommend, hemmte sie unwillkürlich in einer kleinen Entfernung den Schritt, und das gleiche tat Dietrich Alfsleben. Trotz der Nachbarschaft hatten sie sich seit bald zwei Jahrzehnten nicht mehr gesehen, ungewiß hielten sie die Augen gegeneinander gerichtet. Sichtlich nicht im Zweifel, wer der andere sei, ungeachtet der langen Zeit erkannten sie sich auf den ersten Blick. Doch wußten offenbar beide nicht gleich, wie sie sich bei der unerwarteten Begegnung verhalten sollten; kein Bruch oder Zerwürfnis hatte zwischen ihnen stattgefunden, nichts Feindseliges schied sie, nur war Alfsleben nie mehr nach Helgerslund gekommen. Dem Förster war die nachbarliche Gutsherrin von Angesicht bekannt, und er lüftete zu respektvollem Gruß den Hut.

Dann hob Gertrud Brookwald zuerst das befangene Zaudern auf, tat das Einfache, Natürliche. Sie ging auf den Jugendfreund zu, und ihre Anrede an ihn drückte aus, daß nichts zwischen ihnen sei, sondern sie alt-unveränderte Gesinnung in sich trage. Wie ehemals den unzertrennlichen Genossen ihres Bruders sprach sie ihn an, sagte freundlich, fast herzlichen Tones: »Das war eine gute Fügung, die mich hierher gehen ließ, dich zu treffen, Dietrich.« Nicht anders klang's, als ob sie ihn vor kurzen Tagen zuletzt gesehen, und sie hielt ihm die Hand entgegengeboten.

Er mußte antworten, und ihr Vorgang gab ihm auch die Fähigkeit dazu; wenngleich etwas stockend, erwiderte er: »Ja, Gertrud, ich freue mich, dir zu begegnen.« Doch seine Hand blieb regungslos niederhängend, er schien die Absicht der ihrigen nicht wahrzunehmen. Nochmals die wieder geschlossenen Lippen öffnend, fügte er nach: »Wir haben uns lange nicht gesehen; mir war nicht danach, das Haus zu verlassen, ich suchte niemand auf.«

Keine Begründung gab's, doch ward daraus die Absicht vernehmlich, nicht mit Stillschweigen über sein Fortbleiben wegzugehen. Als ob ihr die Erklärung genügte, rührte auch Gertrud nicht weiter daran, sondern versetzte nur: »Dein Sohn, hab' ich gehört, ist zurückgekommen.«

Die Züge Alfslebens überhellten sich, rasch entgegnete er jetzt: »Ja, zu meiner Freude – er kam früher manchmal zu euch hinüber, ich hoffe, das wird er nun wieder tun. Du warst immer nachsichtig und gütig gegen ihn, ich weiß, er erzählte mir's zuweilen, dafür hätte ich dir gern gedankt. Verzeih', ich war – unser Zusammentreffen war so unvermutet – du wolltest mir die Hand geben, kommt mir jetzt erst. Wenn du es noch willst –«

Sie hatte den Arm langsam zurücksinken lassen, doch hob ihn nun wieder. »Du sahst es nicht«, antwortete sie, und mit den Worten: »Ich danke dir heut' dafür«, faßte er jetzt ihre Hand. Doch nur einen Augenblick lang, denn wahrend sie erwiderte: »Ob er auch manchmal ungebärdig herumtollte, freute ich mich immer, wenn Meinolf zu uns kam«, ließ er schnell ihre Hand wieder aus der seinigen und versetzte dazu:

»Ich kannte ihn kaum so, in meiner Gegenwart war er immer still, dafür tobte er sich Wohl bei euch aus. Jetzt ist's anders geworden, ich habe auch kennen gelernt, daß er ungestüm sein kann und heftig Aufstürmendes ihm im Blut ist. Wohin gehst du?«

Die letzte Frage fügte Dietrich Alfsleben, von dem ihr Vorausgegangenen kurz abbrechend, eilig nach und schloß gleich daran: »Wenn du nicht lieber allein gehst, so begleite ich dich ein Wegstück.«

Ein Nicken Gertruds gab nicht zu mißdeutende Antwort; der Förster, der sich etwas zurückgehalten, trat heran und fragte, ob er die beabsichtigte Anordnung des Freiherrn zur Ausführung bringen lassen solle. Doch der letztere entgegnete rasch: »Nein, bleibt, Dirk, folgt uns nach; ich gehe nachher mit Euch weiter.« So hielt Westerholz sich nur etwa zehn Schritte hinter den miteinander durch das Gehölz Fortschreitenden; Gertrud Brookwald erwiderte jetzt auf eine vorherige Äußerung ihres Begleiters:

»Ja, er erinnerte mich öfter an dich, wie du in seinem Alter warst; ich fand's auch, dasselbe Blut war's in ihm. Dir konnte ebenso plötzlich etwas durch den Kopf schießen, daß du es tatest und ausführtest, fast eh's dir bewußt ward. Später verändertest du dich – mein Bruder sagte mir's, ich sah dich nicht viel mehr, du kamst nur nach Helgerslund, ihn abzuholen und mit ihm auszureiten. Doch als dann dein Meinolf zu uns kam, hätte ich ihn gleich erkannt nicht am Gesicht allein, auch am Wesen. Sein Name zog mich zuerst zu ihm hin, daß ich den wieder sprechen, ihn damit rufen konnte.«

Fühlen ließ sich's, die Sprecherin befliß sich, kein Schweigen eintreten zu lassen, sondern suchte von dem, womit sie begonnen, fortzureden. Zu sonderbar war's, wie sie hier nebeneinander gingen und nicht an dem rührten, was sie beide gleicherweise stumm in sich tragen mußten; an dem Unerklärten des jähen Abbruchs ihrer Kindheits- und Jugendfreundschaft, daß sie seit so unendlicher Zeit nie mehr zusammengekommen. Von Dietrich Alfsleben war es ausgegangen; man sprach, er habe die Schwester seines Freundes geliebt und Helgerslund nicht mehr betreten, weil sie die Braut Fritz Brookwalds geworden. Doch sie wußte, ein leeres Gerede sei's; nicht er, sie hatte ihn schon von früh auf geliebt und lange auf seine Wiederkehr gehofft, auch noch, am meisten, als der Tod die ihm von seinem Vater aufgezwungene Ehe gelöst, und auch ihres Bruders stiller, höchster Wunsch war's gewesen, daß sie seine Frau werde. Hatte er diese stumme Hoffnung in ihren Augen gelesen und, da er die Liebe nicht erwiderte, nach dein schreckvollen Tode seines Freundes den Entschluß gefaßt und ausgeführt, ihr nicht mehr zu begegnen? Wie sie's eben gesagt, in seiner Jugend konnte ein Augenblick ihm Plötzliches, Unberechenbares eingeben, ihn damit überwältigen; der Schlüssel zu dem Rätsel seiner Abkehrung von ihr mußte darin verborgen liegen. Nun ging sie zum erstenmal wieder neben ihm, wie in einem anderen Leben, und doch war es noch das nämliche. Sie trug ihn noch im Herzen wie damals; hätte sie's nicht getan, wäre sie seit langem schon einmal in Ekenwart eingekehrt, ihm die Hand der alten Kinderfreundschaft entgegenzureichen. Sie hätte dabei lächeln, vielleicht von dem, was in ihr gewesen und vergangen, sprechen können, aber es war nicht ausgelöscht; wann sie seinen Knaben gesehen, hatte sie's gefühlt, und heut' bei seinem ersten Erblicken mit alter Kraft und altem Leid. Und so ging sie jetzt wieder an seiner Seite, glücklich und angstvoll zugleich. Wenn er auch damals von ihrer Liebe gewußt; daß diese noch ebenso in ihr lebe, mußte sie verbergen, im Blick der Augen und im Klang der Stimme, Und sie redete, selbst nicht das Klopfen in ihrer Brust zu hören, was in ihr war, sich und ihn mit Worten zu übertönen. Unverkennbar war's gewesen, daß er nicht allein mit ihr gehen gewollt, deshalb dem Förster mitzukommen geboten habe. Er hätte es auf andere Art vermeiden, sich von ihr verabschieden können, ohne sie zu begleiten. Aber das hatte er ebenfalls nicht gewollt; fühlen ließ sich, er griff danach, festzuhalten, was der Zufall heut' gefügt, die alte, durch nichts zerrissene und doch so sonderbar sich fremd gewordene Freundschaft neu wieder zu beleben. Nur ihre Hand zu fassen, hatte er gezögert, und das klopfende Herz sagte ihr, warum. Er wußte, die Hand war's, die sie ehemals fürs Leben in die seinige zu legen bereit gewesen wäre, und die er nicht gewollt. Das ließ ihn ungewiß zaudern, denn in ihm lang begrabene Erinnerung ward von der Hand belebt.

Nun gingen sie nebeneinander, und mit ihnen ging Ungesprochenes, von dessen schweigsamem Druck sie sich durch wechselnd lautes Reden zu entlasten suchten. Über ihnen am Waldweg flimmerte das junge Frühlingslaub, dann traten sie in die Sonne, und ihre Schatten kamen, sie zu begleiten. So waren sie einst oftmals zusammen gegangen, als heranwachsende Kinder, nur fehlte der dritte, der immer mit ihnen gewesen, der Bruder Gertruds. Nicht wie Gegenwart und Wirklichkeit lag der Apriltag um sie, sondern traumhaft, und so auch klangen ihnen gegenseitig ihre Stimmen, wie aus einer weiten, schönen Ferne her. Einen altvertrauten Ton hatten sie, und unvermerkt alte Vertraulichkeit gewannen sie zurück. Dietrich Alfsleben hielt einmal an und sagte, nach dem niedrig dicht über dem Boden breithin gestreckten, seltsam verflochtenen Geäst einer Buche deutend: »Dort hatten wir uns eine Sommerhütte eingerichtet – ich wollte, sie wäre noch, Gertrud.«

»Aber ihr Dach hielt nicht dicht, das Gewitter brach los und wir wurden durch und durch naß. Doch als wir am anderen Tag wiederkamen, war eine große Matte durch die Äste geflochten, in der Nacht hatte Meinolf sie mühsam hergeschleppt und empfing uns lachend – was willst du?«

Er hatte nach seiner Uhr gegriffen. »Es ist spät – ich muß nach –«

Noch sie fiel ein: »Heut' ist ein Tag, wie er lang nicht mehr gewesen; mich deucht, er liegt außer der Zeit und dem, was sie von anderen fordert. Zum erstenmal sah ich's, daß man von hier unser Dach über den Erlenbusch hin wahrnimmt; mir scheint, es hat sich aufgereckt, nach dir auszublicken, und wäre enttäuscht, wenn es dich vor ihm umkehren sähe.«

Die erste Äußerung Gertruds war's, die sich in eine scherzende Form kleidete, und ein leichtes Lächeln begleitete sie. Noch die Stimme vermochte keinen Klang des Scherzes in die Worte hineinzulegen; sie kamen ernsthaft von den Lippen und sprachen mit einem verhaltenen Ton innerer Bewegung eine Bitte. Alfsleben erwiderte nichts, aber sein Fuß hob sich zum Weitergehen auf; was ihn überkommen haben mochte, das ihn zur Umkehr veranlassen gewollt, er hatte es von sich getan, folgte der Aufforderung der Jugendgespielin, nach unendlicher Zeit wieder unter das von drüben herblickende Dach zu treten. Obwohl sie zusammen fortgeschritten, war's im Anfang gewesen, wie wenn ein trennender Wasserlauf sich zwischen ihnen hinziehe, an dessen Rändern sie hüben und drüben gegangen. Doch nun waren sie hinüber und zueinander gekommen; Dietrich Alfsleben hatte stumm den Schritt drübergesetzt, indem er den Entschluß kundgab, mit bis zum Hause zu gehen. Die ferne Vergangenheit hatte sich wieder mit der Gegenwart zusammengeknüpft, die das fremd dazwischen Hingedehnte gleich nicht Gewesenem vergessen wollte, in seinem Dunkel ließ, wie die Sonne jetzt neben ihnen das wirkliche Gewässer eines Baches, der in gewundenem Lauf hier und dort hell im Licht spiegelnd hinzog, doch dazwischen unter dem übergebogenen, tiefverschattenden Erlenbusch dem Blick entschwand.

Bald trat nun das Helgerslunder Herrenhaus offen hervor, heller und heiterer als das von Elenwart, obwohl der Bauart nach aus der nämlichen Zeit stammend. Doch verschieden gealtert erschienen sie; dies hier hatte sich jünger erhalten, oder zeigte wenigstens nach außen einen durch bessere Pflege jugendlich bewahrten Anstrich. Zwei efeuumwachsene, oben umzinnte Flankentürme hielten das Schloßgebäude zwischen sich, das nirgendwo von Vernachlässigung redete; ein Bild heutigen Lebens bot es im Gegensatz zu dem Eindruck halber Abgestorbenheit, den der Alfslebensche Wohnsitz verursachte. So zog sich auch wohlgeordnet der Park drumher, überall von ihm auferlegter Vorschrift zeugend; sichtlich steuerten der Eigenwilligkeit jungen Wachstums Messer und Schere des Gärtners, dem aus den Schrankentreiben alter Bäume Säge und Beil. Alles stand in einer gewissen Paradehaltung; im Einklang dazu sahen von genau abgezirkelten Beeten nach der Schnur gereihte Krokos und Hyazinthen auf. Aber sie blühten und durchdufteten die Luft, und bunte Schmetterlinge fragten nicht, ob sie von Menschenhand hierher gepflanzt und gezüchtet seien. Was freudig aus ihnen trieb, war doch dieselbe Naturkraft, der gleiche Frühlingsweckruf, der draußen in Feld und Wald allem Leuen aufzuwachen gebot. Dies anders zu gestalten, als es ihm im Keime vorgebildet worden, lag nicht in Menschenmacht, und die Falter, in der Sonne sich auf den Bluten wiegend, sahen in ihnen kein zum Prunk hingestelltes Erzeugnis der Gärtnerkunst, sondern die freie, nur ihrem Gesetz folgende Entfaltung jedes Kelches. Und ebenso erfreute sich an ihnen auch, als an einer Gabe aus der Hand der Natur und des Frühlings, Anna Brookwald, augenblicklich vor einem der Beete niedergekniet; die Schönheit und der Duft einer lichtblauen Hyazinthe hielten ihr die Augen und den Geruchsinn gefangen.

Jetzt rief ihre Mutter sie an, daß sie aufstand und herzukam. Gertruds Begleiter war ihr fremd, sie begrüßte ihn stumm, nicht in damenhafter, sondern noch in halb kindlicher Weise; ihm kam fragend vom Mund: »Ist das deine Tochter?« Doch er beantwortete es selbst sich gleich danach: »Ja, deine Tochter ist's.«

Gertrud nickte. »Man sieht's ihr wohl an. Aber wenn sie Knabenkleider trüge, glaub' ich, würde sie dich mehr noch an Meinolf erinnern, als stände er wieder da, wie vor einem Vierteljahrhundert.«

»Du meinst – ich finde, sie gleicht dir – ganz wie du warst«, versetzte Dietrich Alfsleben, doch sein Blick betrachtete das Mädchen nicht näher, ging während des Sprechens am Gesicht Annas vorbei und heftete sich auf das Haus. Dazu fügte er rasch drein:

»Ein Vierteljahrhundert – man sieht's dem Efeu da am Turm an. habt ihr ihn drinnen ausgebessert? Weißt du's noch, wir kletterten einmal die alte Wendeltreppe hinauf, unter dem Fuß krachte es uns und brach, und ein Wunder war's, daß wir lebendig wieder zurückkamen.«

Der Sprecher hatte es schnell vorgebracht, seine Augen hafteten auf dem Turm, als ob dieser ihn am meisten durch Wachrufen der Erinnerung fessele. Im Klang seiner Stimme jedoch lag dabei völlig Gleichgültiges; Gertrud fühlte, er habe nur nach etwas gegriffen, um von einem Weiterreden über die Ähnlichkeit zwischen ihr und Anna abzulenken, und sie erwiderte im gleichen anteillosen Ton: »Es ist drinnen noch ebenso, glaub' ich, mein Mann hat deshalb die Zugangstür verschlossen.«

Der, von dem sie sprach, Herr von Brookwald, trat in diesem Augenblick unter dem Schloßportal hervor und ging, den Hut lüftend und schwenkend, auf die Ankömmlinge zu. »Das ist seltene Ehre, Herr Nachbar, da muß ich mir rote Farbe für den Kalender suchen. Aber willkommen! willkommen! Gute Nachbarschaft kommt nie zu spät, nicht zu spät und nicht zu früh! Mich freut's, wie Sie aussehen! Vortrefflich, als ob Sie im Jungbrunnen herumgesprattelt hätten. Nehmen Sie's nicht krumm, ein Bauer hat nicht gleich die richtig gewählten Worte auf der Zunge. Die Gesinnung bleibt die Hauptsache, Freut mich außerordentlich, Sie hier zu sehen.«

Fritz Brookwald und Alfsleben kannten sich kaum, nicht weiter als vom Ansehen und dann und wann einmal im Gang der Jahre vorgekommenem kurzem Grußaustausch bei zufälligen Begegnungen im Freien. Doch wußte der Helgerslunder Gutsherr von dem früheren Gerede, seine Heirat habe den Anlaß gegeben, daß der ehemalige Jugendfreund der Geschwister im Rhadeschen Hause nie mehr den Fuß hierhergesetzt, und ihm die Hand bietend, fügte er seiner Begrüßung hinzu:

»Hat meine Frau Sie eingefangen? Das war vernünftig von ihr und von Ihnen, alte Freundschaft macht's wie guter Wein, wird mit der Zeit immer besser. Im Leben kommt allerhand anders, als man denkt, aber dafür kriegt man ja in unseren Jahren die Vernünftigkeit in die Kopfscheune eingefahren und hat's im August nicht mehr auf Maitrank stehen. Bitte, einzutreten, Herr Nachbar, ich lasse ein anderes, gutes Glas aus dem Keller holen; um die Jahreszeit macht das Gehen am Trockensten in der Kehle. Sie haben ja meinen verstorbenen Schwager noch gekannt und können sich mit meiner Frau von ihm unterhalten. Damit tun Sie ihr ein bene an, ich kann's nicht, denn als ich zuerst hier ins Haus kam, lag er schon unter der Erde oder eigentlich unterm Wasser. Entschuldigen Sie, ich dachte nicht daran, Sie wissen das ja besser als ich, und Ihnen ist's auch nah gegangen. Natürlich, einen Freund so jung verunglücken sehen und ihm nicht helfen können, das gehört nicht zum besten im Leben. Ich höre gern mit zu, wenn Sie zusammen von ihm sprechen; ist Fritz Brookwald wohl auch ein bißchen verbauert und hat Anlage dazu mit auf die Welt gebracht, ganz von der Sorte, wie das liebe Vieh auf der Weidekoppel ist er doch noch nicht geworden.«

In seiner offen-treuherzigen, etwas unbedacht und derb herausfahrenden Manier hatte er gesprochen, im Anfang zu einem Ausdruck gebracht, daß ebensowenig bei ihm die Unvernunft einer Eifersuchtsregung zu besorgen sei, als ihm ein noch heutiges Fortbestehen eines ehemaligen Wunsches bei seinem Ekenwarter Nachbarn möglich vorkomme. Gertrud hatte ihr sich mit einer Röte bedeckendes Gesicht abgekehrt, doch auch die Züge Ulfslebens zeigten eine verworrene Unschlüssigkeit, ob er der Einladung Folge leisten solle. Der bis hierher mitgekommene Förster war in einiger Entfernung zurückgeblieben, Brookwald nahm ihn jetzt gewahr und fragte: »Ist's Ihr Begleiter, so bitte ich ihn auch, uns drinnen bei einem Trunk Gesellschaft zu leisten.«

»Ja, mein neuer Förster Dirk Nordwalt –«

Die Augen des Helgerslunder Gutsherrn waren gegen die Sonne gerichtet und offenbar geblendet, denn er schlug einmal mit kurz-unwillkürlichem Jucken die Wimpern zusammen und erwiderte: »Wer? Ich sehe nicht recht.«

Aus der Frage kam Dietrich Alfsleben erst zum Bewußtwerden, daß er mit abwesenden Gedanken geantwortet, statt des gegenwärtigen Namens des Försters seinen früheren genannt habe. So verbesserte er: »Ich versprach mich, er ist noch nicht lange bei mir und sein Name mir noch nicht im Mund geläufig, daß ich ihn leicht verwechsle. Er heißt Westerholz.«

Nun lachte Fritz Brookwald: »Ja, damit kann's einem komisch gehen, die Zunge ist manchmal wie ein Pferd, der Kutscher will rechts und der Gaul bockt und geht links. Ihren alten Förster kannte ich ganz gut, aber den neuen hab' ich noch nirgends getroffen. Na, Namen machen die Menschen ja nicht anders und ihren Durst auch nicht. Also, lieber Westerholz, kommen Sie dem Herrn Baron und mir nach!«

Gertrud Brookwald hatte die ihr noch einmal wiedergekehrte Befangenheit überwunden, sie trat zu dem Jugendfreund hinan und sagte: »Wie schade, daß dein Meinolf nicht bei uns ist, in meinem Gefühl gehört er mit hierher. Heiß' ihn recht bald kommen, die Tante zu begrüßen!«

Sie lächelte zu den letzten Worten, und kurz begegneten ihre Augen sich mit denen Dietrich Alfslebens. Der Blick sprach noch etwas von den Lippen nicht Gesagtes, ließ jenen unwillkürlich den Kopf nach der Seite, wo Unna stand, hinwerfen. Dann nickte er: »Ja, ich will ihn veranlassen, daß er morgen sich euch vorstellt; ich wußte ihn bei dir immer gut aufgehoben, Gertrud, und es wäre mir lieb, wenn er den alten Platz bei dir neu einnähme.«

Etwas nur von den beiden Verstandenes lag darin, eine Kundgabe der Übereinstimmung mit dem, was die Augen derjenigen, die sich lächelnd die Tante Meinolfs benannt, gesprochen. Mit einer raschen Bewegung bot Dietrich Alfsleben ihr seinen Arm, sie durch die Tür des Hauses zu führen, das er nach bald zwanzig Jahren zum erstenmal wieder betrat. Eine Vertraulichkeit war zwischen ihnen zurückgekehrt, die den Blick vom Vergangenen abwendete, auf die Gegenwart, in die Zukunft richtete. Im großen Schloßflur drehte Alfsleben umschauend den Kopf: »Deine Tochter kommt doch mit uns?« Und das gleiche tat und sagte hinter ihnen Fritz Brookwald: »Sie kommen doch mit, lieber Westerholz?«

Etwa eine Stunde ging hin, bis Alfsleben und der Förster wieder aus der Tür hervortraten, um den Rückweg einzuschlagen. Der Hausherr geleitete sie hinaus und verabschiedete sich draußen von seinen vormittägigen Gästen.

»Auf ein baldiges Wiedersehen, Herr Nachbar! Sie wissen jetzt den Weg hierher und daß er nicht saurer zu gehen ist als früher. Das heißt, so verbauert bin ich doch noch nicht, daß ich Ihnen nicht erst pflichtschuldig meinen Gegenbesuch mache. Nächster Tage, wenn Ihr Sohn zu uns kommt, kann er mir vielleicht Nachricht mitbringen, wann ich Sie zu Haus treffe. Wir sind ja als Kirchenpatrone so was wie geistliche Gevattern; freilich, Sie machen keinen Gebrauch davon, natürlich, jeder nach seinem Gusto! De gustibus non est disputandum! So viel, Latein kann ich auch noch, und wo's fehlt, müssen Sie christlich mit mir vorlieb nehmen. Also guten Heimweg – Wiedersehen, mein lieber Förster!«

Mit der Hand schwenkend, sah Fritz Brookwald den Fortschreitenden noch ein paar Augenblicke nach, dann kehrte er in das Zimmer, aus dem er gekommen, zurück. Unna war davongegangen, seine Frau befand sich allein darin. Er leerte einen noch in seinem Glas verbliebenen Weinrest aus und sagte danach:

»Ich bin ganz deiner Meinung, der Gedanke war mir noch nicht gekommen, aber er ist gut, euch steckt eben der Kuppelpelz von Haus im Kopf. Hypotheken sind nicht auf Ekenwart, und bei besserer Wirtschaft kann's das Doppelte einbringen. Zeit, daran zu denken, ist's ja auch; du warst klüger als ich und hast's vermutlich schon vorgehabt, als du den Jungen manchmal kajoliertest; angemerkt hab' ich's dir heut' zuerst, aber, item, ich bin's zufrieden, und du wirst schon richtig weiter machen, daß die beiden auch nichts davon merken, der Junge und der Alte. Ich glaube wahrhaftig, du sitzt ihm noch im Kopf und er kam, um wieder mit dir zusammen zu sein. Das ist Eisen, was sich leicht schmieden läßt und vorteilhafter nicht zu wünschen. Tu' nur nicht spröd', wenn er einmal die alte Liebhaberei aufs Tapet bringt, dann könnt'st du's verderben. Daß er ein verrückter Kauz ist, hat er genug bewiesen – ich meine nicht, weil er noch ein Auge auf dich hat, wenn's auch komisch ist – aber er muß vorsichtig angefaßt werden, auf das Wie wirst du dich selbst verstehen. Eurer Eitelkeit oder Weiblichkeit, wie ihr's nennen wollt, ist's am Ende doch nicht zuwider, wenn ein verschmähter Liebhaber nach zwanzig Jahren noch im Netz zappelt, und so kann's einmal heißen: ›den Schwiegersohn mein' ich, den Schwiegervater streichl ich‹. Unna ist noch ein einfältiges Ding; sag' ihr, wenn der junge Alfsleben kommt, so soll sie sich nicht zieren und ihn ›Sie‹ anreden, sondern mit Vornamen und ›Du‹, wie sie's früher getan. Das bringt leichter zusammen; du hast's vernünftigerweise mit dem Alten ja auch beibehalten und kannst das als Grund angeben. Ich habe in meiner Stube etwas nachzusehen.«

Brookwald verließ das Zimmer; er hatte gezeigt, daß er gut zu beobachten verstehe, einen verschwiegenen Wunsch und eine Absicht seiner Frau erkannt habe. Nur täuschte seine Scharfsichtigkeit sich in dem Verhältnis zwischen ihr und Dietrich Alfsleben, maß diesem zu, was sich in ihrem Innern barg. Er hatte nie in einem Gemütszusammenhang mit ihr gestanden, um sie bei ihrem Vater geworben, weil sie die Erbin von Helgerslund geworden, und wußte nichts von dem geheimen Leben ihres Herzens. Doch wenn er hineinzublicken vermocht hätte, wäre die Entdeckung ihm jedenfalls durchaus gleichgültig gewesen, er würde darüber nur gelacht haben. Sie gingen nebeneinander hin, gewohnheitsmäßig auch Gertrud so neben ihm, aber sie kannte ihn im Innern gleichfalls nicht, nur daß sein Gesicht und Wesen im Verkehr mit anderen eine Maske von Treuherzigkeit und derber Biederkeit trug, unter der sich rechnende Vorteilssucht verbarg. Seiner Frau gegenüber hielt er jenen Anschein nicht aufrecht, zeigte sich, wenigstens in dieser Richtung, unverhohlen; wie sie über ihn denken mochte, galt ihm auch gleich, er trachtete weder nach ihrer Liebe, noch nach ihrer Achtung. In noch einer Hinsicht aber kannte sie ihn ebenfalls als von durchaus kaltem, leidenschaftlicher Wallung unfähigem Blute, und wenn sie bei dem Gespräch Christian Hollesens mit seiner Frau zugegen gewesen wäre, würde sie unbedingt erklärt haben, die Annähme desselben, daß Zea einem früheren Liebesverhältnis Brookwalds entstamme, beruhe auf einer Täuschung. Sie hätte wahrscheinlich überhaupt nicht recht zu begreifen vermocht, warum und wie der sonst alles mit ruhig-verständigem Blick bemessende Pastor lediglich durch eine allgemeine Ähnlichkeit seiner Pflegetochter mit Unna zu solcher sonderbaren, phantastischen Vermutung gelangt sei.

So hatte Gertrud den Äußerungen ihres Mannes schweigend zugehört, wohl von seiner Erkenntnis ihres geheimen Wünschens und Trachtens überrascht, doch sonst ohne Befremden, da sie im voraus gewußt, daß bei ihm nur ein rechnender Beweggrund für das Erstrebenswerte einer Verbindung zwischen seiner Tochter und Meinolf Alfsleben ausschlaggebend sein könne. Wie verschieden davon der ihrige war, fühlte sie sich durch die unerwartete Kundgabe seines Einverständnisses erleichtert und freudig erregt; ihr Leben gewann noch einmal einen Zweck und Inhalt, der ihr die Empfindung mit der Schönheit eines Traumes anrührte. Nur hatten die letzten, fast unbemäntelt zynischen Andeutungen und Ratschläge ihres Mannes ihr ein Rot in die Schläfen getrieben, und sie blieb nach seinem Weggang noch sitzen, mit den Händen sich das Blut aus dem Gesicht zurückdrückend. Es gab ihr eine jugendlich blühende Färbung; sie mußte nicht nur überaus anmutig und lieblich gewesen sein, sondern war es so noch, und es legte ein sprechendes Zeugnis der Unempfänglichkeit Dietrich Alfslebens für weiblichen Schönheitsreiz ab, daß er von dem der Schwester seines unzertrennlichen Jugendfreundes nicht erfaßt worden, ihre Liebe zu ihm nicht erwidert hatte.

Fritz Brookwald war in seine Stube gegangen, deren Türschlüssel er eintretend rasch umdrehte. Seine Augen ließen erkennen, daß die Gedanken hinter ihnen sich gespannt auf etwas gerichtet hatten; er öffnete ein verschlossenes Schrankfach, dem er einen ziemlich umfänglichen Quartband entnahm. Das Buch besaß eine Geschichte, die im Zusammenhang mit dem nachschleppenden Bein Aronsohns stand, der eines Tags, vor mehr als zehn Jahren, gekommen, um Brookwald eine alte, mit Bildern durchschossene Hausbibel zum Kauf anzutragen. Er hatte gesagt: »Warum soll ich nicht handeln damit, was ist durch Zufall geraten in meine Hand, und es bringen dem Herrn Baron, der ist ein fromm-gläubiger Herr und zu sehen jeden Sonntag in der Christenkirche; wird ihm das heilige Buch nicht geworden sein weniger achtungswert, weil ich es habe aufgefunden, und was ich nicht kann gebrauchen für mich, gebe ich fort um billigen Preis.« Das war in der Tat der Fall gewesen, so daß der Hausherr die Bibel dafür genommen, doch um einige Wochen später einen Diener zur Stadt geschickt, um Nathan nach Helgerslund herauszubestellen, und als dieser in Erwartung eines Geschäfts eingetroffen, ihn empfangen: »Du hast mich betrogen, in der Bibel lag ein beschriebenes Blatt, das zu ihr gehörte, aber nur eins; ein anderes noch muß dabei gewesen sein, wo hast du's?« Davon hatte der Befragte nichts gewußt und geantwortet: »Hab' ich doch nicht gelesen in dem Buch, Herr Baron, für das sind meine Augen zu schlecht, und nicht umgeschlagen die vielen Blätter, daß ich könnt' wissen, was drin ist gewesen hochheiliges gedruckt oder geschrieben.« Weiteren Aufschluß hatte Brookwald nicht erlangen können und war darüber in so besinnungslosen Grimm geraten, daß er dem zur Tür hinausflüchtenden Juden wie einem Hunde den dicken Eichenknüppel nachgeworfen, von dem Nathan Aronsohn der linke Unterschenkel zerschlagen worden. Seit dem Tag hatte er oft bei verriegelter Tür die alte Bibel aus dem Fach geholt, nicht um in ihr, sondern um das wieder zu lesen, was auf dem zwischen den Blättern von ihm zufällig aufgefundenen Blatte stand, und von irgendeinem Anlaß dazu bewogen, las er es heut' abermals:

»Wenn ich morgen nicht komme, so wird dies statt meiner zu dir gelangen. Ich schreibe nach Mitternacht, die Zeit ist kurz. Und auch nur kurz darum kann ich dir sagen, was du nicht weißt. Daß ich's muß, wirst du nachher verstehen, erst den Anfang.

»Wir, D. und ich, hatten uns ein weites Ziel vorgenommen und ritten ohne Anhalt eine Mondnacht im letzten Mai durch, weit ostwärts. Als der Morgen kam, sahen wir plötzlich aus einem Wald hohen Rauch aufsteigen, hielten darauf zu und fanden ein einsam belegenes Haus, aus dessen Dach Flammen schlugen. Ein sonderbarer, halb wie gespenstischer Anblick war's in der ersten Frühlingssonne; ganz ohne Leben lag's, niemand schien drin zu wohnen. Aber dann scholl ein Hilferuf und zwei Frauen wurden an einem oberen Fenster sichtbar. Wir begriffen nicht, warum sie sich nicht durch die Haustür retteten, und riefen's ihnen zu, doch sie machten Zeichen, die wir erst verstanden, als wir ihnen durch die Tür zu Hilfe kommen wollten, denn sie war verschlossen und ebenso alle Läden unten an den Fenstern. Zeit aber gab's nicht mehr zu verlieren; die beiden oben, eine ältere und eine junge, drohten vor Rauch, der hinter ihnen quoll, zu ersticken, und die erstere sprang in der Atemnot herunter. Sehr hoch war's nicht, doch sie fiel unglücklich; ich wollte sie auffangen, kam aber zu spät, konnte sie nur noch rasch wegtragen, damit sie nicht von niederstürzendem Balkenwerk getroffen würde. Wie D, währenddessen die andere rettete, sah ich nicht, blitzschnell jedenfalls. Du weißt, wie gewandt er ist; er sagte mir nachher, daß er eine Möglichkeit entdeckt, bis nah unter das Fenster hinaufzuklettern; auf sein Geheiß hatte sie sich gleiten lassen, er sie glücklich gefaßt, und ich nahm sie erst gewahr, wie er sie auf den Armen neben ihre Mutter hintrug. Frau und Tochter eines Försters waren es, der hier in der Waldeinsamkeit wohnte. Von ihm bekamen wir nichts zu sehen, erfuhren überhaupt nichts, als daß er Dirk Nordwalt hieß.«

Fritz Brookwald hielt kurz an und ließ die Augen durchs Fenster hinausgehen, dann las er weiter:

»Ich habe nicht Zeit, mehr als das Nötigste zu schreiben. Die Mutter hatte sich bei dem Sturz wahrscheinlich innerlich verletzt, kam kaum mehr zum Bewußtsein und starb noch am selben Tage, eh' ein Arzt geholt werden konnte, in dem nächsten Heidehof, den wir auffanden. Eduv, die Tochter, nahmen wir mit und brachten sie, halbwegs bis zu uns her, in einem vereinzelten Gehöft unter. Sie war von allem wie betäubt, wußte über nichts Aufschluß zu geben, weder wo ihr Vater sei, noch wie das Feuer entstanden, das sie im Schlaf überrascht hatte. Noch von weitem sahen wir, daß der Wald mit in Brand geraten war.

Ich habe, als ich an dem Abend heimkam, nichts davon erzählt, dir und den Eltern nicht. Ein unbestimmtes Gefühl hielt mich ab und ebenso D. bei sich zu Haus. Bald, nach wenig Tagen schon, blieb mir kein Zweifel über den Grund meines Geheimhaltens; ich wußte, daß unser Vater sich nicht bewegen lassen würde, mir seine Einwilligung zur Heirat mit der Tochter eines Försters zu geben. Und so verschwieg ich auch dir, zum erstenmal in meinem Leben, etwas, um dich nicht zu erschrecken und zu ängstigen. Denn ich fühlte, es könne nicht anders geschehen, so sei Liebe. Meine erste war's und ist's und meine einzige wird es sein.

Mir schneidet ins Herz, was ich schreiben muß. D. und ich litten in den ersten Tagen zusammen nach dem Gehöft, um nach Eduv zu sehen; wir betrachteten sie wie vom Himmel unter unseren Schutz gegeben. Dann – ich brauche nicht mehr zu sagen, warum – begab ich mich allein zu ihr; was ich vorschützen wollte, fiel unnötig, D. schien keine weitere Obhut über sie erforderlich zu halten, nicht mehr an sie zu denken; er unterließ es, mich wie vorher abzuholen. Wohl zwei Wochen dauerte es, in denen ich ihn kaum flüchtig sah, er sagte, eine Erbschaftssache seiner verstorbenen Frau nähme ihn sehr in Anspruch. So befand ich mich täglich des Morgens mehrere Stunden lang allein mit Eduv; sie war schüchtern, sprach wenig, doch in ihre wunderbaren Augen kam nach und nach Helleres, ein Glanz, wenn ich hereintrat. Einmal ward ich verhindert, daß ich sie erst am Nachmittag, gegen Abend aufsuchen konnte. Wir saßen in dem kleinen Garten unter einem blühenden Busch, es fing an zu dämmern, und beim Sprechen faßte ich zum erstenmal ihre Hand, die sie mir stumm ließ. Da tönte ein hastiger Fußtritt heran, und plötzlich stand D. vor uns. Auch er war, ohne daß ich es ahnte, täglich um diese Zeit wiedergekehrt, und Eduv hatte keinem von dem Kommen des anderen gesprochen. Sie wußte nichts von Liebe in sich, doch da er und ich nicht mehr miteinander kamen, hatte ein dunkles Empfinden ihr mit einer Ungewissen Scheu den Mund geschlossen.

Weiter, weiter. Vor mir steht D., als ob er vom Blitz getroffen und gelähmt sei, wie er mich Hand in Hand mit ihr sitzen sieht. Dann brach jählings ein Sturm aus ihm hervor, wie ich ihn in keines Menschen Brust, am wenigsten aber in seiner für möglich gehalten. Er war sinnberaubt, Tränen entstürzten ihm, fordernd, stehend, jammernd rief er Eduv an, er habe ihr Leben gerettet, sie gehöre ihm. Alles an ihm sprach, er könne es nicht anders glauben, sie müsse ihm in die Arme fliegen, auf denen er sie aus dem brennenden Haus getragen. Lautlos, zitternd stand sie und ich halb wie betäubt, erschüttert von einem inneren Durchriß, von der nie geahnten, übergewaltigen Leidenschaft des Freundes, den ich gleichgültig für allen weiblichen Zauber geglaubt. Endlich, mit Mühe fand ich Worte: ›Sie soll wählen zwischen uns.‹ Da fuhr ein Zucken durch Eduvs Glieder, sie verstand, was in ihrem Herzen zu schlagen angefangen, schluchzte auf und warf ohne Worte ihre Arme um meinen Hals.

Ich begriff's nachher, begreife es in diesem Augenblick mehr denn je, daß er mußte, nicht anders konnte. Sähest du sie, wie sie schlafend wenige Schritte von mir entfernt liegt – im halben Licht der Lampe, die ich verschattet – du hieltest sie nicht für die Tochter eines Försters, sondern für ein Königskind aus einem alten Märchen, zu dem die Sonnenstrahlen und das Himmelsblau, weiße Sommerwolken und die blühende Heide gekommen – jede ihr einen –«

Mit dem letzten Wort endete das auf zwei Seiten eng beschriebene Quartblatt, offenbar fehlte ein zweites, das die Fortsetzung enthalten. Die Handschrift trug ein ihr eigenartiges Gepräge, das sie sofort von anderen unterscheiden ließ, doch sprach von fliegender Hast der Feder. Und mit solcher auch mochte der Schreiber das vollgefüllte Blatt rasch in die neben ihm liegende alte Bibel hineingelegt haben, denn die letzte Zeile, deren Tinte noch nicht trocken gewesen, war halb verwischt.

Oftmals seit zehn Jahren hatte Fritz Brookwald das ihm durch Zufall in die Hand geratene Schriftbruchstück gelesen, den Jähzorn, mit dem er damals Nathan Aronsohn mißhandelt, bereut und, soweit es möglich war, gutzumachen gesucht. Gegen seine Gewohnheit zeigte er sich bald nachher ungemein freigebig, dem Juden ein Pflaster auf die Wunde zu legen, bestellte ihn, als das Bein geheilt worden, durch ein eigenhändiges Schreiben wieder nach Helgerslund heraus, unter Zusicherung, daß ihm keinerlei Schaden, nur Vorteil draus erwachsen solle. Wie Nathan dann angehinkt kam, sah Brookwald ihm schon erwartungsvoll am Parkrand entgegen, fragte eilig, wo der Trödler bei seinem Herumziehen die alte Bibel gekauft habe, nötigte ihn, trotz seinem noch mühseligen Schleppen in geschwindem Schritt mit nach dem meilenweit entlegenen Gehöft zu gehen, aus dem das Buch herstammte. Doch alle Erkundigungen dort blieben fruchtlos; die früheren Insitzer des ärmlichen Hofes waren vor Jahren gestorben und die neuen, auf niedrigster Geistesstufe stehend, wußten nichts, als daß das alte Buch im Haus gewesen und sie es gern für einen Taler weggegeben hatten, weil sie doch nicht drin lesen konnten. Dunkel erinnerten sie sich an ein Hörensagen, oben in der Dachstube, wo die Bibel im Staube auf dem Schranke gelegen, habe einmal eine Zeitlang eine fremde junge Frauensperson gewohnt, die, so wie sie gekommen, eines Tages auch wieder weggelaufen wäre, keiner habe etwas mehr von ihr gesehen und gehört. Weiter vermochte alles Nachfragen und eifrigstes Suchen des Gutsherrn in der Stube nichts herauszubringen; Nathan aber gereichte damals der schmerzhafte Weg keineswegs zu dem verheißenen und erhofften Vorteil. Denn wenn auch Fritz Brookwald ihm nicht aufs neue tätlichen Leibesschaden zufügte, jagte er ihn doch, wieder in Wut versetzt, abermals mit Schimpfworten wie einen räudigen Hund davon und der Jude hütete sich seitdem, in die Nähe von Helgerslund zu geraten.

Nun hatte heut' etwas Brookwald veranlaßt, das beschriebene Blatt aus dem sorgfältig verschlossen gehaltenen Fach zu nehmen und es wieder einmal bis zu dem mitten im Satz abgebrochenen Schluß zu überlesen. Danach wiederholte er, was er im Gang der Zeit wohl schon einhalb dutzendmal getan. Alle Wahrscheinlichkeit sprach dafür, daß der Schreiber das fehlende Stück der Handschrift gleichfalls in das Buch hineingelegt habe, in der Hast, mit der er geschrieben, vielleicht an eine andere Stelle, und der heutige Inhaber der alten Bibel schlug vom Anfang bis zum Ende achtsam Blatt um Blatt um, ob das Gesuchte sich etwa doch noch irgendwo dazwischen verborgen gehalten habe. Aber das Ergebnis blieb wie früher, nichts fand sich, und Fritz Brookwald drückte knirschend die Zähne aufeinander. Ihm mußte außerordentlich viel an dem verlorengegangenen Blatt gelegen sein, doch er konnte es sich nicht herbeischaffen, nur Gedanken darüber im Kopf umwälzen, was es noch enthalten haben möge. Diesem Tun hatte er oftmals nachgehangen, war zu einer Vermutung gelangt, die ihm zur Überzeugung geworden. Nur gebrach's ihm an der Möglichkeit, sich eines aufzuhellen, das für ihn überhaupt dem Schriftstück seine Bedeutung gab, das allein Wichtige daran war. Nach dieser Richtung gewann er aus ihr heute so wenig Aufschluß wie früher; jeder Anhalt, jede Andeutung nur fehlte. Trotzdem drückte seine Miene gegenwärtig anderes, als nach dem sonstigen Überlesen des Blattes aus, er verschloß es zurück, stand auf und trat ans Fenster. Sein Blick richtete sich nach dem Weg hinunter, auf dem Dietrich Alfsleben und der Förster davongegangen waren, und er schien von einem heftigen Antrieb gefaßt, ihnen nachzufolgen. Doch mit besonnener Überlegung stand er von der Ausführung dieses Vorhabens für heute ab, bezwang sich, warf den schon ergriffenen Hut wieder hin und ging pfeifend in seiner Stube auf und ab.

Das vornehme Helgerslunder Schloß und das ärmliche Schulhaus von Loagger standen in keinerlei Beziehung zueinander, doch gab sich im letzteren heut' ähnlicher Beschäftigung, wie Herr von Brookwald, auch der junge Lehrer Tilmar Hellbeck hin. Freilich nicht gleichzeitig, sondern erst am Abend; wie er es gleichfalls schon häufig getan, holte er in seiner Kammer die Handschrift Jasper Simmerlunds vom Wandbord, um vor dem Schlafengehen noch wieder die Mitteilungen über das kleine, hilflose Kind zu lesen, das nun zu so wunderbarer Schönheit aufgewachsen war und seine Lebensgenossin hier unter dem vermoosten Dach werden sollte. Oft Wohl waren seine Augen über die Berichte hingegangen, doch noch nie mit so stillem, traumhaft-seligem Glanz. Jedes Wort wie unheimlich ihn anblickendes Glück in sich aufnehmend, las er vom Anfang bis zum Schluß, seine Finger zitterten leicht, wie er das letzte Blatt mit ihnen hielt. Ihm kam bei diesem Gefaßthalten desselben wieder die Empfindung, daß es sich dicker anfühle, als die übrigen, doch deutlicher wie sonst. Die Verschiedenartigst des Papiers in dem Buch war merkwürdig, nicht recht begreiflich, sein Finger spielte am Rand des dicken Blattes, das sich dabei plötzlich an einer Stelle spaltete, und er entdeckte zum erstenmal, daß sich zwei Blätter fest wie zu einem aneinander geheftet hatten. Nun löste er sie und sie trennten sich mit einem leisen Knistern, als ob zwischen die Ränder eine klebrige Flüssigkeit hineingeraten sei, die sie zusammengeleimt habe, und zwar erst nach ihrer Benutzung, denn die beiden Seiten zeigten sich beschrieben. Was auf ihnen stand, gehörte nicht zum weiter Folgenden, sondern noch als ein Nachtrag zum Vorangegangenen, enthielt die Aufzeichnung:

»Es ist die angenommene Tochter des Pastors Hollesen, bald nachdem sie fast der Vergiftung durch Arsenik unterlegen wäre, in ihrem neunten Jahre nochmals einer großen und rätselhaften Lebensgefahr ausgesetzt gewesen. lediglich durch einen glücklichen Zufall ist an einem Sonntag abend die Frau Pastorin noch mit in die Schlafkammer des Mädchens gegangen und hat etwas an dem Bett in Ordnung zu bringen gefunden, wobei ihre Hand, auf etwas Glattes und sich kaltschlüpfrig Anfühlendes gestoßen ist, so daß sie selbige hurtig zurückgezogen. Da auf ihren Ruf der Herr Pastor gekommen, hat sich herausgestellt, daß in dem Bettlinnen eine große Kreuzotter, von denen der schwarzen Hautfarbe, die das Volk ›Höllennatter‹ nennt, verwickelt gelegen, die zischend den Kopf aufgerichtet, jedoch alsbald durch einen wohlgezielten Streich zu Tode unschädlich gemacht worden. Es ist zwar die Stube Anna Hollesens ebenerdig nach dem Garten zu belegen und ein Lattengeländer zum Anhalt für Birnenbäumchen unter dem Fenster durchgezogen, so daß eine Schlange sich wohl daran heraufwinden könne. Aber es hat seit Menschengedenkzeit keiner eine solche jemals im Dorfe angetroffen, noch überhaupt die schwarze Art auch auf unserer Heide gesehen, geschweige denn, daß eine Otter in ein Haus eingedrungen wäre, wie es allerdings in den heißen Ländern von Giftschlangen mannigfach zu schrecklichster Lebensgefährdung der Einwohner geschehen soll, da eine Regung im Schlaf ihnen alsdann leichtlich, bevor sie noch recht erwachen, den Tod bringt. Also hätte es auch dem Kinde geschehen mögen, daß man es am Morgen entseelt im Bette aufgefunden.

Es ist Pastor Hollesen danach, wie es denn Wohl zu begreifen, von einer Besorgnis vor der Wiederkehr solcher Lebensgefahr seiner Tochter befallen worden, daß er sie abgehalten, allein weiter auf die Heide hinauszugehen, wie sie's gern getan, weil er vermutlich dafür hält, es könne grade dort in heimlicher Stille derartiges Unheil wieder auf sie lauern und ihr unvorgesehen zustoßen. Und scheint es auch ratsam, ein Kind, das zweimal so bösem Zufall ausgesetzt gewesen, sorglicher zu behüten, da Wohl in den beiden Fällen über ihm ein besonderer Schutzengel gewacht, doch es darum dem Menschen nach der ihm vom Schöpfer gegebenen Vorschrift und Einsicht nicht zusteht, sich zum Dritten unachtsam auf die gleiche Beihilfe zu verlassen. Wenn wir auch solche immer in die Hand der Vorsehung befehlen müssen, da unsrer Augen Sehkraft nicht ausreicht, was sich im Dunkel verbirgt, zu gewahren.«

Ein Schreck hatte Tilmar Hellbeck beim Lesen der ihm bisher unbekannt gebliebenen Mitteilung, daß nochmals eine derartige Bedrohung über dem Leben Zeas geschwebt, durchfahren, und er verstand jetzt erst die ihm nie recht erklärlich gewesene Furcht des Pastors vor den Ottern auf der Heide. Zugleich indes erkannte er bei einer näheren Besichtigung, daß die beiden Blätter nicht zufällig, sondern zweifellos durch einen an ihren Rändern aufgetragenen Klebestoff zusammengehalten worden seien, Jasper Simmerlund mußte aus irgendeinem Grunde für besser geachtet haben, einem Leser seiner Aufzeichnungen diesen letzten Bericht zu entziehen, und als ein zweites ging aus der nachfolgenden Fortsetzung des Buches hervor, daß der Schreiber ursprünglich die beiden Seiten freigelassen, wie wenn er ein Vorgefühl in sich getragen, ihrer noch zu einer Nachfügung zu bedürfen. Ein doppeltes und gleicherweise nicht verständliches Verfahren Simmerlunds sprach daraus, über das der junge Lehrer einige Augenblicke, doch umsonst, nachdachte. Gestalt und Antlitz derjenigen, von deren Kindheit die Blätter redeten, drängten sich seiner Einbildungskraft dazwischen, standen wie lebend vor ihm. Seine zukünftige Frau war's; seltener als sonst und nur für kurze Dauer hatte er sie im Gang der letzten Woche gesehen; sie kam dem von ihm für ratsam befundenen Verhalten nach, begrüßte ihn nur flüchtig dann und wann, doch ohne ihn aufzufordern, sie zu begleiten. Aber er bedurfte ihrer wirklichen Nähe auch nicht, sie war ihm immer und überall gegenwärtig, wie vor den Augen, so horte er ihre Stimme. Gleich hastig ins Sonnenlicht emporstrebenden Frühlingsblüten rankten sich wunderholde Bilder der Zukunft um ihn her; dann losch einmal plötzlich die Sonne aus, daß er erschreckt auffuhr und sah, der Docht seiner niedergebrannten Talgkerze sei umgefallen. Doch ließ ein letztes Glimmern ihm noch die aufgeschlagenen Seiten der Niederschrift seines Vorgängers entgegenschimmern; ein unwillkürlicher Schauder überlief ihn, das Buch weglegend, begab er sich rasch zu Bett, Aber ein Traum kam über ihn, in dem er auf der Heide stand und eine schwarze Otter sich gegen Zea heraufschnellen sah. Er wollte ihr zu Hilfe eilen, doch war er zu weit entfernt, konnte es nicht mehr und wachte, wie aus der Luft niederfallend, halb auf. Und nicht angstvoll, denn er horte sie fröhlich lachen; eine Hilfe war ihr noch rechtzeitig gekommen, woher und wie wußte er nicht, aber er atmete befreit, sie war gerettet, und eine Stimme, welche die Jasper Simmerlunds sein mußte, sagte: »Es hat wider Verhoffen somit auch zum Dritten ihr Schutzengel doch noch wiederum über ihr die Wache gehalten.«

Aus See und Sand

Zweiter Band

VII.

Rasch erweiterte und befestigte der Frühling seine Herrschaft, ließ erkennen, sein Trachten ziele dahin, sich selbst in ein prangendes Krönungsgewand zu kleiden. Aus Gold und Blau wob er's und bestickte es rastlos mit vielfarbigen Blütensternen, schlang den Wald als hellleuchtenden Smaragdgürtel drumher. Und alles gehorchte ihm nicht nur, sondern kam bereitwillig seinem Geheiß entgegen, allein über die Heide schien er keine Macht zu besitzen. Sie weigerte sich gleichgültig-trotzig, zu seinem Schmuck beizutragen, blieb unverändert, lag da wie ein winterlich fahlbrauner Saum seines Prachtmantels. Wenigstens für den drüber hingehenden Blick; im verborgenen mochte sie dennoch gleichfalls dem großen Willen nicht Widerstand leisten können, unmerklich, ohne es selbst zu wissen, sich zum Ansetzen von Knospen für die Hochsommerzeit bereiten. Doch wenn's so geschah, entzog es sich jeder Wahrnehmung, Tag um Tag ging und ließ keinen Unterschied an ihrem Bilde erkennen.

Zwischen dem dürren Heidekraut aber suchte täglich Zea Hollesen ihren alten Lieblingsplatz auf. Ins Freie hinaus zog und trieb sie die köstliche Frühlingsluft, wie's die Wiederkehr jedes Sommerbeginns ihr getan. Doch war's in diesem Jahr anders als sonst, Tilmar begleitete sie nicht, mindestens nicht auf weiterem Gang, nur ab und zu im nahen, allen Augen sichtbaren Umkreis des Dorfes. Das hielt er für besser, und sie folgte seinem Rat; zuerst hatte sie's nicht begriffen, aber dann kam's ihr auch, er habe wohl recht damit. Ähnlich erging's ihr mit seiner Abwesenheit; anfänglich entbehrte sie ihn auf Schritt und Tritt, meinte immer, er müsse noch nachkommen, doch die Gewöhnung machte sich bald geltend, daß sie dies Gefühl verlor, nicht mehr nach ihm umschaute und auf ihn harrte. Auch begab sie sich öfter jetzt zu einer Zeit hinaus, in der er ihr doch nicht Gesellschaft leisten gekonnt hatte, sondern in der Schulstube auf dem Pult stehen mußte. Sie bedauerte ihn deshalb, denn es war draußen so schön, und sie setzte sich vor, als seine Frau wolle sie ihm im Sommer oft eine Unterrichtsstunde, die sie geben könne, abnehmen, damit er auch am Vormittag ins Freie zu kommen und Pflanzen zu suchen imstande sei.

Das aber lag noch in der Ferne, gegenwärtig konnte sie's nicht, und es wäre ohne Sinn gewesen, daß sie sich nicht am Aufwachen alles Lebens draußen freue, weil er genötigt war, im Hause zu bleiben. Des Wunsches ihres Vaters eingedenk, nahm sie die Richtung nicht nordwärts, sondern stets nach Süden, ihr selbst gefiel's von jeher dort auch mehr. Dann bog sie zur Linken ab, den junggrün von ferne winkenden Birkenwipfeln neben dem großen Findlingsblock und dem dunklen Torfstichgewässer zu. Ihre liebste Stätte auf der Heide war's, die sie als ihr angehörig behaupten, von der sie sich nicht vertreiben lassen wollte. Zum erstenmal in ihrem Leben war ihr zum Bewußtsein gekommen, daß sie einen Willen habe, war ein solcher in ihr wach geworden. Und sie lehnte sich fest dagegen auf, ihren Willen der Willkür eines anderen unterordnen zu sollen.

Das aber hätte sie vor diesem und vor sich selbst getan, wenn sie von dem Platz fortgeblieben wäre, weil auch Meinolf Alssleben seinen Kopf darauf gesetzt hatte, täglich wieder dorthin zu kommen; er mußte keinerlei Beschäftigung haben und gab müßiggängerisch einer Laune, einem spaßhaften Zeitvertreib, auf den er verfallen, nach. Zea suchte allerdings ein Zusammentreffen mit ihm zu vermeiden, es lag ihr nicht daran, ihm zu zeigen, daß sie sich nicht verdrängen lasse, sondern ihr hätte ganz genügt, lediglich vor sich selbst ihren Willen durchzusetzen. So kam sie zu verschiedener Tageszeit, wechselnd am Vormittag, am frühen oder späten Nachmittag, und schien ihre Absicht damit auch zu erreichen. In leerer Stille allemal lag der Granitstein da, daß sie sich erfreut auf ihn niederlassen konnte und mit einem inneren Siegesgefühl dasaß, durch Ausdauer das ihr streitig gemachte Eigentumsrecht behauptet zu haben. Aber regelmäßig stellte diese Zuversicht sich als verfrüht und dennoch enttäuschend heraus; stets nach Ablauf von zwei bis drei Viertelstunden erscholl hinter ihr eine Stimme und kündigte an, daß Meinolf Alfsleben doch seiner junkerhaften Laune noch nicht müde geworden, sondern geräuschlos herzugekommen sei und auf dem Heidehügel, den er sich ausgewählt, sitze. Etwas nicht Begreifliches lag in dem Zufall, der ihn immer grad' in der Stunde ihres Hierseins herbrachte; freilich kein Zufall in bezug auf sein Wegziel und seinen Zweck, denn er kam ja nur, um ihr den Aufenthalt zu verleiden. Doch zu welcher Tageszeit ihm dies gelingen werde, konnte er bei ihrem Wechseln nicht wissen, und das Merkwürdige war, daß trotzdem der Zufall ihn täglich die für seine Absicht richtige Stunde treffen ließ.

Zea schrak jedesmal bei diesem plötzlichen Stimmenklang zusammen, wenn sie sich auch beherrschte, dies durch keine körperliche Regung kundzugeben. Aber nach einigen Tagen faßte sie eine Furcht davor an; das Ungewisse, was hinter ihrem Rücken vorgehe, gerade die lautlose Stille der Einsamkeit bekam etwas Unheimliches für sie, und sie veränderte ihre hergebrachte Stellung, setzte sich in umgekehrter Richtung auf den Stein. So ging ihr Blick über die Heide bis an den Waldrand von Ekenwart, und sie konnte ihren Gegner schon in der Weite als dunklen Punkt die Richtung auf sie zu nehmen sehen, ohne daß er noch von ihr etwas zu gewahren vermochte. Dann lief es ihrem Stolz nicht zuwider, fortzugehen und ihm die leere Stätte, die sie wenigstens so lange innegehabt hatte, zu überlassen. Am Tage jedoch, an dem sie diesen neuen Plan zuerst ausführte, blieb auch er zum erstenmal aus. Nichts tauchte auf, sich vom Waldrand heranzubewegen, ihren scharf hin gerichteten Augen hätte es nicht entgehen können. Sie atmete befriedigt, die sonst stets gleichmäßige Zeit zwischen ihrer Ankunft und seinem Eintreffen mußte abgelaufen sein; da durchfuhr sie der Schreck noch stärker als sonst, denn jählings klang von der anderen Seite her hinter ihr doch seine Stimme auf. Der Zufall hatte ihn wieder zur nämlichen Zeit wie sie hergeführt, und als ob er Falkenaugen im Kopf trage, mußte er schon aus ferner Weite erkannt haben, daß sie das Gesicht dem Waldrande entgegengewendet habe. Daraus aber hatte er offenbar auch ihre Absicht hervorgelesen, davonzugehen, wenn sie sein Auftauchen wahrnehme. Ihr diesen Plan zu vereiteln, war es in verschlagener Bosheit noch eine lange Strecke nach Norden umgebogen, um so doch unbemerkt in ihren Rücken zu gelangen, und ließ ihr abermals nur die Wahl, mit ihm den Platz zu teilen oder diesen schimpflich vor ihm zu räumen. Wunsch und innerer Trieb drängten sie zu letzterem, aber darüber bäumte es sich heftiger in ihr auf, ihm solchen Triumph zu bereiten. Und so griff sie wieder nach dem Mittel, mit dem sie sich tagtäglich gegen seine herrisch-höhnische Anmaßung zur Wehr setzte. Keine Regung und kein Laut von ihr tat sein Vorhandensein für sie kund, sie saß allein in der einsamen Heidestille, unbeweglich so lange, bis er sich überwunden gab. Denn sie wußte, länger als ungefähr eine Stunde hielt er's doch nicht aus, dann verschwand er und ließ sie als Siegerin zurück.

Wenn aber seine Stimme so hinter ihr aufklang, sprach sie keinen Gruß oder etwas der Art, sondern er hub an, laut aus »Hermann und Dorothea« zu lesen, immer an der Stelle beginnend, wo er am Tage vorher aufgehört. Nur einmal hatte er anderes gesprochen, zuvor kurz geäußert: »Wenn dir's unangenehm ist, daß ich hierher komme, weil der Platz mir gut gefällt, so brauchst du's nur mit einem Wort zu sagen, dann suche ich mir eine andere Stelle.« Das war ein Spott gewesen, der ihr beinah eine bejahende Antwort über die Zunge hätte fliegen lassen. Doch sie beherrschte sich noch rechtzeitig; er war ja nicht vorhanden und zu einem Nichts konnte sie doch nicht sprechen. Dann hatte er noch hinzugefügt: »Du wunderst dich vielleicht, daß ich laut lese, aber das tue ich immer, wenn etwas mich besonders anzieht, ich verstehe es so besser.«

Zea saß stets von ihm abgekehrt, unbehindert, frei die Augen aufzuschlagen, ohne daß sie ihn sah. Doch seine Stimme mußte sie hören, das Ohr konnte sie nicht schließen, denn wenn sie ihrem Antrieb nachgegeben, die Hand darauf zu drücken, hätte sie dadurch gezeigt, daß seine Gegenwart ihr bemerkbar werde. Im übrigen gewöhnte sie sich an den unterbrechungslosen Fortgang und Klang der Worte wie an einen Naturlaut, das Plätschern eines Wassers, Lerchengetriller und Bienengesumm. Außerdem las er sehr deutlich und richtig dem Sinn nach; dann und wann einmal faßte sie den Inhalt auf, eine Stelle zog sie an, daß sie darauf hinhörte. Sie kannte das Goethesche Gedicht, doch erinnerte sich der Einzelheiten nicht, war wohl noch zu jung gewesen, als es ihr zuerst in die Hand gekommen. Indes davon abgesehen, lag offenbar etwas darin, daß manches durch lautes Lesen besser verständlich wurde, als bei stillem. Die Schönheit der Sprache und des Verses kam anders zur Geltung, ohne daß die Auffassung der Gedanken darunter litt. Denn er las langsam und gut, eigentlich schön, mußte sich viel darin geübt haben, oder vielleicht war's eine zufällige Naturmitgift, die ihm zuteil geworden. Öfter wallte es in ihr mit einer plötzlichen Empörung auf, daß er ihr gewaltsam das Buch für sich weggerungen hatte und es augenscheinlich nicht zurückgeben wollte, bis er damit zu Ende gekommen. Ganz Neues kam ihr aus der herrlichen Dichtung herauf, und sie wäre gern mit Tilmar Hellbeck zur Düne von Herdsand gerudert, sich jene dort von ihm vorlesen zu lassen; wenn sie seine Frau geworden, wollte sie ihn bitten, es täglich zu tun. Schwer begreiflich war's, daß Meinolf Alfsleben ein Interesse und Verständnis für »Hermann und Dorothea« besaß; freilich bei einigem Nachdenken stellte es sich als nicht rätselhaft, sondern natürlich heraus. Er hatte eine gelehrte Schule besucht, danach die Universität, und die Bildung, zu der jemand dadurch kam, brachte selbstverständlich auch das mit sich. Übrigens nahm er vermutlich auch gar nicht wirklich Anteil daran, tat nur so, das Buch war ihm eben zufällig als passendes Mittel in die Hände geraten, seiner Laune nachhängen zu können, sie täglich zu ärgern. Daran hatte er von klein auf Vergnügen gefunden; ihr geriet es deutlicher allmählich in Erinnerung, daß Unna früher oft davon erzählt hatte, auch daß sie selbst doch häufiger mit ihm zusammen gewesen sei. Er stand ihr wieder als Knabe vor Augen, im Grunde jetzt nur größer, sonst kaum verändert, so daß sie wahrscheinlich bei der ersten Begegnung ihn sonnenblind angesehen, da sie ihn sonst hätte erkennen müssen. Davon war ihr auch die einfältige Anrede »Sie« und »Herr Baron« in den Mund gekommen; sie schämte sich, wenn sie daran dachte, wie albern-geziert es gewesen, jetzt würde sie sich nicht mehr so abgeschmackt aufführen, sondern ebenso wie er nach alter Kinderweise »du« sagen. Doch brauchte sie dies zum Glück nicht zu tun, denn sie sprach ja nicht mit ihm, er war ja Luft; das hatte sie, als er die Unverschämtheit gehabt, sie am anderen Tag wieder hier quälen zu wollen, instinktiv höchst vernünftig angefangen, fühlte sich so befriedigt davon, daß sie ab und zu einen heimlichen Lachreiz unterdrücken mußte, wie einfach sie ihn um den erhofften Erfolg seiner schadenfrohen Absicht gebracht habe und täglich wieder bringe. Sie war außerordentlich klug gewesen, denn anstatt daß er seinen Zweck erreichte, sie zu kränken und daran sein Vergnügen zu finden, mußte er, ohne es zu ahnen, ihr eines durch sein gutes Vorlesen bereiten. Das enthielt kein ihm anzurechnendes Verdienst, verbesserte seine häßliche Gemütsart in nichts, aber es war spaßhaft; die Schadenfreude drehte sich gewissermaßen um, Zea fing an, ihm mit solcher entgegenzusehen. Einmal kam ihr ein Gedanke; sie hatte am letzten Sonntag erfahren, daß er neuerdings zuweilen nach Helgerslund gehe, und ihr schoß durch den Kopf, er solle Unna Brookwald heiraten. Das paßte sehr gut, Unna war auch von adliger Herkunft, und es brauchte ja noch nicht gleich zu sein, so daß sie erst noch etwas älter und verständiger werden konnte. Dann aber ließ sich von ihr erwarten, sie werde ihn wie ein unbändiges Pferd am Zügel nehmen und ihm seine Unarten und Anmaßungen abgewöhnen. Das bildete eine dankbare Aufgabe für eine Frau, es tat Zea fast leid, selbst bei Tilmar keine solche vor sich zu haben, da es an ihm für seine Frau nichts Eigenwilliges und Abstoßendes zu verbessern gab. Sie war so von ihren Ideen eingenommen, daß es ihr in dem Augenblick schwer fiel, bei ihrer lautlosen Stummheit zu beharren, und sie mußte die Lippen zusammendrücken, um nicht zwischen ihnen herausfahren zu lassen: »Du tätest gut, Unna Brookwald zu heiraten.«

Aus ihrem Wiederzusammenkommen mit dieser an einem Sonntag ergab sich aber, daß bereits mehr als eine Woche vergangen sein müsse, seitdem täglich die besondere Stimme hier so hinter ihrem Sitz geklungen. Oder waren es schon zwei Wochen gewesen? Möglich erschien's ihr auch, fast glaubhafter, solange gewohnt lag der Ton ihr im Ohr. Am besten hätte die Zeit sich nach der Länge von »Hermann und Dorothea« bemessen lassen, nur hatte er anfänglich größere Stücke gelesen, doch allmählich immer kürzere. Unvermutet hörte er plötzlich auf, und verschwand ohne weiteren Laut und ohne daß sie ihn davongehen sah, denn sie hatte die veränderte Stellung nur das eine Mal eingenommen, saß, da sie die Nutzlosigkeit erkannt, stets wieder in ihrer alten Weise, dem Walde den Rücken zukehrend.

Seine Absicht aber bei dem Lesen kürzerer Abschnitte lag auf der Hand, er sparte damit, weil sie ihm die beste Handhabe gaben, seinen ihr gespielten Schabernack und Unfug länger auszudehnen. Fraglos empfand er selbst, wenn das Buch zu Ende sei, werde er davon abstehen müssen, da er kein Vergnügen mehr daran finden könne, sie ohne eigene Unterhaltung eine halbe oder ganze Stunde durch seine Anwesenheit nutzlos zu belästigen. Denn daß ihre großartige Schweigsamkeit jedem Versuch von seiner Seite, sie durch irgend etwas zu erschüttern, trotzen und Siegerin auf dem Platz bleiben werde, konnte ihm nicht mehr zweifelhaft sein.

Schließlich indes mußte auch ungeachtet des Hinausschiebens das Gedicht bis zur letzten Seite kommen; sie rückte unverkennbar näher, und Zea wartete mit einer gewissen Spannung diesem Ende entgegen. Zufällig wußte sie die beiden, ihr von früher im Gedächtnis gebliebenen Schlußverse auswendig, und unwillkürlich sprach sie sich dieselben in ihrer Stube ab und zu vor. Nun war's wieder ein später Nachmittag, an dem sie hinausgegangen, wie damals, als sie die erste widerwärtige Begegnung hier mit Meinolf Alfsleben gehabt; – ebenso schräg fielen die Sonnenstrahlen über die Heide von der See her, nur wärmer, denn aus dem April war beinah Maimitte geworden. Sie saß und hörte dem Leser zu, doch nicht recht, wenigstens dachte sie gegenwärtig nicht an das Ende der Dichtung, ihre Gedanken gingen unbestimmt ins Weite. Da tönte es plötzlich einmal hinter ihr:

»Und gedächte jeder wieder wie ich, so stünde die Macht auf gegen die Macht und wir erfreuten uns alle des Friedens.«

Ein Klang scholl hinter dem letzten Wort drein, wie vom Zuschließen eines Buches, danach ward es lautlos still. Die Schlußverse von »Hermann und Dorothea« waren es gewesen und Zea vollständig überraschend gekommen; sie zitterten durch das Schweigen umher in der Luft und eigentümlich ebenso auch wie in ihr selbst nach. Das letztere rührte offenbar davon her, daß sie nicht darauf vorbereitet gewesen; etwas Unerwartetes, ein Windstoß, ein Vogelruf konnte solche täuschende Empfindung eines inneren körperlichen Mitschwingens hervorrufen.

Zea horchte auf, ob sie irgendwie Geräusch hinter ihrem Rücken vernehme, doch nicht das leiseste. Oder vielmehr so lautlos war's und blieb's, daß sie eine ganze Zeitlang das Surren einer verspäteten, vorübergeflogenen Biene noch aus der Ferne hörte. Es trieb sie, aufzustehen, und hielt sie doch zugleich wie unter einem Banne fest. Eine Vorstellung bemächtigte sich ihrer, Meinolf Alfsleben sei nicht wie sonst fortgegangen, sondern sitze noch regungslos da und warte, daß sie sich umwende, um dann mit einem spöttischen Lachen auf ihre Bewegung zu erwidern. Die Vorstellung wuchs zu einer Furcht in ihr an, die ihr das Herz hörbar klopfen ließ; so blieb sie wohl noch eine Viertelstunde in der gleichen Haltung. Aber nichts änderte sich und die Stille nahm mehr und mehr etwas Unheimliches, ihr den Atem Versetzendes an; zuletzt ertrug sie's nicht länger, drehte langsam, Linie um Linie anhaltend und weitergehend, den Kopf. Da war der Platz hinter ihr leer und alles drumher, nur oben auf einer Heidebulte lag das Buch.

Ein paar Augenblicke sah sie wieder unbeweglich darauf hin. Im Gefühl war's ihr, als wache sie nicht, sondern habe geträumt, daß sie täglich hier gesessen und auch heute hier sitze. Aber dann schnellte sie sich jählings mit einem Sprung auf, nach dem Buch hin, das sie ergriff, als ob es von etwas gehalten werde, dem sie's mit Gewalt fortreiße. Es gehörte ihr, sie hatte ihr Eigentum wieder, sich zurückgerungen in einem Kampfe, aus dem sie als Siegerin hervorgegangen. Aus dem Blick, den sie umherwarf, sprach, auch der Platz sei wieder ihr Eigentum, sie stehe auf ihm gleichfalls als Siegerin. Ihr Widersacher hatte ihn vor ihrer hartnäckigen Ausdauer geräumt, war zum letzten Male hier gewesen und kam nicht mehr. Den Kopf hebend, sah sie ihn als einen dunklen Punkt sich zum Waldrand zu bewegen; hoch Befriedigendes lag darin, einem geschlagenen Gegner nachzublicken, sie tat's, bis er unter den Bäumen verschwand.

Nun begab sie sich auf den Heimweg; der Maiabend war von einer weichen Schönheit, wie sie kaum eine gleiche im Gedächtnis trug. Doch sie fühlte, der errungene Triumph, der ihr noch das Herz laut klopfen ließ, nur nicht mehr schreckhaft, sondern freudig, komme hinzu, Himmel und Erde zu so zauberischem Einklang zu verweben. Ihr wachte Erinnerung an ein ihr im Traume gekommenes Verlangen auf, im Helgerslunder Park einmal wieder die Nachtigall zu hören, heut nacht mußte sie köstlich schlagen. Wie Zea am Strand entlang gegen das Dorf zuschritt, begann es leise zu dämmern, indes war's noch so hell, deutlich auf ziemliche Entfernung gewahren zu lassen, daß eine ihr entgegenkommende Gestalt Tilmar Hellbeck sei. Auch ihre Augen hielten sich ihm zugekehrt und sahen ihn, doch nur mit einem äußeren Auffassen, sie erkannte ihn erst, wie er sie freudig anrief. Da zuckten ihr die Wimpern, sie erwiderte: »Du bist's? Ja, du bist es ja, Tilmar,« und sie fügte rasch nach: »Das trifft sich gut, ich wollte morgen zu dir, dich zu bitten, mit mir nach Herdsand zu fahren.« Er entgegnete mit beglücktem Aufglanz der Augen: »O wie gern, Zea – glaubst du, daß wir gut daran tun?« Sie fiel ein: »Warum nicht? Du weißt – – Ach so – Du bist zu ängstlich! Wir sehen uns ja so wenig mehr, und ich möchte gern, daß du mir auf der Düne aus dem Buch hier vorläsest.«

Ihm ging's über die Kraft, zu widerstehen, er antwortete: »Gewiß – dann erwarte ich dich.« Wie sie nebeneinander fortschritten, faßte er nach ihrer Hand, so gingen sie redend auf Loagger zu. Von Meinolf Alfsleben sprach Zea nicht mit ihm, wie sie's auch zu Hause nicht tat; sie hatte sich vorgenommen, darüber zu schweigen, aus mancherlei Gründen, sie wußte nicht alle mehr. Hauptsächlich weil ihr Vater und Tilmar sich ängstigen möchten, der von Knabenzeit her als unbändig und unvorsichtig Bekannte könne ihr irgend etwas Übles zufügen, sie ins Wasser stoßen, oder dergleichen; das hätte ganz unnötige Besorgnis, ähnlich wie mit den Ottern, gegeben, denn davor hegte sie nicht die geringste Furcht mehr, nur am ersten Tage war's ihr so vom Mund geflogen. Der junge Lehrer redete mehr als sie; wie ihr vorhin etwas vor den Augen gelegen, ihn nicht von weitem zu erkennen, so lag's ihr auch im Ohr, daß sie manches nicht deutlich hörte. Vom morgigen Tag sprach er, der Fahrt und vom Aufenthalt auf der Insel, dem Lerchengesang dort über ihnen, dem Glück, neben ihr zu sitzen. Das mußte ihr zum Verständnis kommen und sie sich auch darauf freuen, denn ihre Hand, die bisher unbeweglich in seiner gelegen, hub an, sich leise zu regen und spielend die Finger um die seinigen zu schlingen; ein süßes Schauergefühl durchfloß ihn davon. Doch er war besonnen, sie kamen dem Dorf zu nahe, konnten gesehen werden, und er zog seine Hand aus der ihrigen. Sie schrak zusammen wie jemand, der aus einem Halbtraum fährt; ihr kam von den Lippen: »Was – du bist's – du sagtest – ja so, wir sind schon hier – du hast recht, es ist besser, daß du nicht weiter mitgehst. Gute Nacht, Tilmar.«

Allein legte sie im einfallenden Dunkel das letzte Stück zum Pfarrhaus zurück. Sie fühlte sich so leicht, als ob sie nicht auf den Boden trete, sondern darüber schwebe, und ebenso froh war's ihr zu Sinn. Nur besann sie sich vergeblich den Abend hindurch auf etwas, das in ihr vorhanden war, aber sich versteckt hatte. Erst als sie in ihrer Stube zum Schlafen gegangen, kam's ihr plötzlich, das eigentümliche Zusammenstimmen der beiden Schlußverse von »Hermann und Dorothea«, mit ihrem Erlebnis der letzten Wochen auf der Heide war's gewesen. Das Gedicht meinte zwar anderes, Großes mit ihnen, aber sie ließen sich auch auf den kleinen Vorgang draußen anwenden. Macht war dort gegen Macht, Wille gegen Wille aufgestanden, einen sonderbaren Krieg zu führen, und nun erfreute die Siegerin sich des Friedens. Das stimmte völlig überein, daher rührte ihr Leichtgefühl und Frohsinn; sie empfand jetzt, daß sie sich täglich mit Gewalt zu dem Weg habe zwingen müssen, er war ihr sehr unangenehm gewesen, so daß sie mehrmals fast dazu gekommen, den Kampf aufzugeben. Doch glücklicherweise hatte sie sich fest gezeigt, der Streitsüchtige davor weichen müssen, und den Lohn dafür trug sie heut' abend in sich. Denn ohne den Sieg hätte sie sich des Friedens nicht erfreuen können.

Sie schlief vortrefflich die Nacht durch, ohne zu träumen, wenigstens bewahrte sie keine Erinnerung daran. Doch mußten Gedanken sich in ihrem Kopf fortgesponnen haben, denn mit dem Aufwachen stand der Entschluß vor ihr, sogleich auf die Heide hinauszugehen, um von ihrem wiedergewonnenen Eigentum feierlich Besitz zu nehmen. Am Nachmittag hatte sie ja mit Tilmar nach Herdsand zu fahren verabredet, das mochte mitgewirkt haben, ihr im Schlaf den Vorsatz einzugeben. Es geschah manchmal so, schon öfter hatte sie's erfahren, daß etwas während der Nacht unbewußt im Kopf vorgehen konnte, woran sie beim Zubettgehen nicht gedacht. Doch beim Aufwachen stand es fertig da, ließ sich nicht abschütteln, übte einen Zwang aus.

Der Morgen war wundervoll, sie flog mehr am Strand entlang, als daß sie ging, die Leichtigkeit von gestern lag noch erhöht in ihr; schneller als je kam sie an ihr Ziel. In solcher Frühe war sie noch niemals hier gewesen, alles sah sie vertraut und doch auch fremd an. Die Schatten fielen anders, Tautropfen blitzten diamantenhaft an den Heidekrautzweigen, jeder Atemzug der noch ein wenig herben Luft regte das Blut zu einer kräftig vom Herzen ausströmenden Welle. Das kleine dunkle Wasser lag noch verschattet und reglos, aber wie das Mädchen, auf dem Stein sitzend, darauf hinblickte, glitten allmählich die Sonnenstrahlen über den Rand und weckten das zitternde Spiel auf der ruhigen Oberfläche. Einer um den anderen begannen die winzigen Käfer sich, glitzernden Weberschiffchen ähnlich, hin und her zu schnellen, wie an dem Nachmittag, als Zea zum erstenmal nach dem Winter hierhergekommen. Nur hatten die Ränder des Abstichs sich jetzt dicht mit herabhängenden Pflanzen aller Art grün überrankt, so daß kaum noch etwas von dem Braun des Torfes durchschimmerte; daraus ging hervor, es müsse mancher Tag vergangen sein, an dem Blatt um Blatt in der Stille so habe hervorwachsen können. Fast unglaubhaft erschien's ihr, großblickend ruhten ihre Augen darauf. Aber alles gehörte jetzt wieder unbestritten ihr an, in sicherem Frieden saß sie hier. Durch die Luft kam etwas getanzt, als habe sich ein ganz winziges Stückchen Himmelsblau abgelöst, zur Erde herunterzuflattern. Ein Schmetterling war's, doch kein Zitronenfalter mehr, ein kleiner Bläuling. Das sagte auch gleiches wie das grüne Blättergewirr: der Frühling neigte sich schon zum Sommeranfang hin, denn mit dem kamen die kleinen, blauen Falter. Die Augen Zeas gingen seinem vorübergaukelnden Flugspiel nach; noch ein anderer gesellte sich ihm hinzu und miteinander stiegen sie schwebend auf und nieder, umkreisten, haschten und ließen sich, doch immer zurückkehrend. Seltsame Täuschung wob's vor dem Blick, als seien es nicht zwei, sondern zunehmend immer mehr, unzählbar, die ganze Luft über dem Heidegrund ward zu einem blauen Geflatter.

Da klang es plötzlich hinter ihr: »Warum gehst du nicht mehr barfuß, wie damals, als ich dich zuerst hier traf?«

Das konnte keine Wirklichkeit sein, sie mußte mit offenen Augen träumen und im Traum die Stimme zu hören glauben. Aber nur für eines Atemzuges Dauer war diese verstummt, dann tönte sie abermals:

»Ich habe über Nacht Lust bekommen, den Oberon von Wieland zu lesen. Wenn es dich stört, sag' es mir, da suche ich einen anderen Platz auf.«

Wirklichkeit war's, unfaßbar und ungeheuerlich; wie windgewirbelte Blätter kreisten die Gedanken durch den Kopf Zeas. Unfaßbar, daß er in dieser frühen Morgenstunde sie hier vermutet habe, zu einer Zeit, in der sie noch niemals hergekommen. Ungeheuerlich, daß er dennoch wieder hier war, ihr Sieg, ihr Triumph, der schöne Frieden, dessen sie sich erfreuen zu können geglaubt, Täuschung gewesen. Dazwischen klang seine erste Anrede ihr im Ohr nach, trieb eine hastige Welle der Empfindung in ihr auf. Um nichts in der Welt würde sie wie beim ersten Male dasitzen und ihm ermöglichen, ihre bloßen Füße zur Zielscheibe seiner Spottlust zu machen. Um so boshafter war sein Hohn darüber gewesen, als er seinen Ton verstellt, die Worte geklungen hatten, wie wenn er ein aufrichtiges Bedauern damit ausdrücke, daß sie sich um seinetwillen den Zwang, Schuhe zu tragen, antue.

Doch aus diesem Gedankengedränge trat eines im Nu deutlich erkannt vor sie hin. Der Kampf war also nicht beendet, sie mußte ihn noch weiterführen. Aber ihr bangte nicht davor, nur ein erster Schreck der Überraschung hatte sie durchfahren. Auch von ihrem Herzschlag ging eine Kraftwelle aus, sie bis in die Spitzen der Finger hinein durchflutend. Noch nie hatte sie sich so stark, so mutvoll, so siegesgewiß gefühlt; da es nicht anders war, freute sie sich sogar auf die Erneuerung des sonderbaren Zweikampfes. Macht stand gegen Macht auf, das hieß, ihre Macht setzte der seinigen die unerschütterliche, gleichmäßige Ruhe des Behauptens ihres Sitzes entgegen. Nichts auf der Erde, und wenn die Sonne herunterfiele, konnte sie dahin bringen, durch eine Bewegung, einen Laut kundzugeben, daß sie ihn höre oder sehe, daß er um sie vorhanden sei. Kein Zug ihres Gesichts, ihrer Haltung hatte sich verändert, allein saß sie da auf dem alten Findlingsstein in der Heide, und hinter ihrem Rücken erklang's laut durch die Morgenluft:

Noch einmal sattelt mir den Hippogryphen, ihr Musen,
Zum Ritt ins alte romantische Land!
Wie lieblich in meinem entfesselten Busen
Der holde Wahnsinn spielt! Wer schlang das magische Band
Um meine Stirn? Wer treibt vor meinen Augen den Nebel,
Der auf der Vorwelt Wundern liegt?

Meinolf Alfsleben hielt kurz an und sprach dazwischen: »Wenn es dich langweilt, Zea Hollesen, so sag's, dann höre ich auf.« Doch ein Nichts konnte nicht sprechen und nicht Antwort bekommen, und so las er weiter.

VIII.

Die beste Jahreszeit nun war's für Nathan Aronsohn, ohne scharfen Wind und nicht sommerheiß noch, der Regel nach auch die trockenste und in diesem Jahr besonders, denn Woche um Woche brachte immer gleiche Sonnenschönheit. So ging oder hinkte Nathan emsig in seinem weiten Geschäftskreis von Ort zu Ort, mit dem leeren Sack ausziehend, und erst mit dem gefüllten nach Haus kehrend. Doch hätte dessen gemeinigliches Inhaltssammelsurium einen unrichtigen Schluß auf den Betrieb und die Erwerbsquellen seines Trägers ziehen lassen. Auch der Sack umschloß keineswegs lediglich Abfall, nicht selten barg sich dazwischen allerhand billig eingehandeltes altes Gerät und Schmuckwerk, das gut aufgeputzt um Vielfaches höheren Preis wieder eintrug; nur war der Jude genügsam und unermüdlich, mißachtete nichts, sondern nahm alles mit, was anderen als vollständig wertlos erschien. Mit einem Dreier machte sich schließlich auch der jämmerlichste Fund noch bezahlt, und aus Dreiern hatte er sich anfänglich ein bißchen Geldbesitz zusammengetragen, um nicht nur im Wegwurf scharren, auch für dies und das einen Preis bieten und kaufen zu können. Mit der angeborenen Bsdürfnislosigkeit seines Volksstammes im Essen und Trinken brauchte er fast nichts für sich, und die gleiche Blutmitgift hatte ihn früh seinen Erwerb beginnen lassen. Andere Zugänge zum Leben verschloß seine Abkunft ihm, wie seit Jahrhunderten seinen Vätern, er gehörte einer fremden niedrigen Kaste an, auf die der Straßenbettler noch herabsah, der keine Ernährungsmöglichkeit, als durch den kleinen Handel offenstand. Lachen und Fingerdeuten empfingen ihn und gaben ihm Geleit, Gassenjungen trotteten schreiend hinter ihm drein, nicht selten ward er wie ein Hund von der Tür gejagt. Aber er war ein philosophischer Hund, der ruhig Spott und Schimpf auf sich regnen ließ, wenn er den Knochen erhaschte, auf den er sein Auge hielt. Er knurrte, antwortete nie, schien nichts zu hören und zu denken, als an seinen nächsten Zweck. Geduldig ging er im selben Aufzug Tag um Tag seinem Geschäft nach, nur mit sich selbst sprach er zuweilen laut am Strand und auf der Heide.

Darüber war eines Menschenlebens Dauer verflossen, und gealtert, das Bein nachschleppend, sonst unverändert, zog er heut wie im Anfang mit seinem Sack umher. Doch in seiner Behausung sah es ganz anders aus, als damals und als die Leute mutmaßen mochten, die ihm draußen auf seinen Wegen begegneten. In gewisser Weise hatte er die Fabel verwirklicht, in welcher der Eierkorb das Mädchen in lebhafter Vorstellung sich schon als Besitzerin eines Hühnerhofes, einer Viehherde, eines großen Landgutes fühlen ließ; nur war's bei ihm kein Traumbild gewesen, das mit den vom Kopf herunterfallenden und zerbrechenden Eiern wie eine zerplatzende Seifenblase weggeschwunden. Aus dem Plunder seines Sacks hatte er sich ein Haus gekauft und mehrere Stuben drin voll mit Dingen angefüllt, die besseren Gewinn abwarfen als die, welche er zuerst auf dem Rücken heimgetragen. Alles, was seit mehr als dreißig Jahren in der Stadt und weitum käuflich gewesen, hatte er eingehandelt, und es lag und hing bei ihm wieder zu Kauf, alte Schränke, Tische und Stühle, Geräte, Stoffe, Bilder, Schmuckstücke, Uhren, Teller und Gläser, Unaufzählbares. Sein Haus bildete einen Raritätentrödlerladen nach großstädtischer Weise, doch wußte er nichts von solchem Geschäftsbetrieb anderer, war aus eigener Eingebung darauf verfallen. Die Zeit fing an, alte Sachen wieder zu schätzen und begehrenswert zu finden, und Nathan war auch ein Spürhund mit guter Witterung für den neuen Geschmack, die Wünsche, Liebhabereien, Narrheiten und Prahlereien der mehr oder auch minder wohlbemittelten Leute; sein Geruchssinn war's, mit dem er Todesfälle vorausspürte, die billige Weggabe eines Nachlasses verhießen, und mit den ausdruckslosen Augen sah er Gesichtern sonst sich in geordneten und vermöglichen Umständen Befindender zeitweilige Verlegenheiten und Bedrängnis durch Schuldverpflichtungen eingeschrieben. Davon rührten Pfandscheine, daneben auch Wechsel in einer Lade her, alle gut und sicher, keiner, der etwas aufs Spiel setzte, und ebenso ohne hohen Wucherzins. Den nahm Nathan nicht, nur so viel, als billigerweise der Notlage, aus der er heraushalf, entsprach und ihm nicht etwa vor Gericht als eine übermäßige Erpressung vorgehalten werden konnte. Ein Jude, niedrigerer Kaste angehörend, war er geblieben, aber man lachte, schrie nicht mehr hinter ihm, deutete nicht mit Fingern auf ihn. Als eine jedem bekannte, langgewohnte Erscheinung und als eine anders wie früher angesehene, hinkte er am Abend durch die Straßen seinem Hause zu, sich dort nach der Tagesmühsal enthaltsam und mäßig, wie von jeher, mit der einzigen Hausbewohnerin außer ihm, seiner Tochter Miriam, an den Tisch zu setzen.

Denn niemals im Gange der Jahre hatte etwas anderes eine Verlockung auf Nathan Aronsohn geübt, als die Aussicht auf ein vorteilhaftes Geschäft. Ein junges Geschöpf mit blauschwarzem Haar und Kohlenaugen kam in die Stadt, als Zugehörige einer mit Affen und Bären herumziehenden Jahrmarktsbande von Seiltänzern und Possenreißern; eine Zigeunerin aus Ungarn sei's, und als solche ward sie bestaunt. Doch Nathan fühlte das verwandte Blut aus ihr heraus, sie gestand's ihm auch zu, sie sei nur eine seines Stammes, und als ihre Genossenschaft weiterzog, blieb sie bei ihm zurück, denn er hatte einen Handel mit ihr abgeschlossen. Ob er guten Einkauf damit gemacht, ließ er, wie bei allem, nicht laut werden, und ob sie rechtmäßig seine Frau gewesen sei, wußte niemand, noch fragte man viel danach. Viele Meilen weit umher gab's keinen Rabbi, um eine Ehe zwischen Juden zu schließen, und was Kreaturen taten, die nicht Christen waren, bekümmerte weder die Geistlichkeit, noch die weltliche Behörde. Auch dauerte das Zusammenleben der beiden nicht lange, denn sie starb schon nach kaum zwei Jahren. Nathan holte einen Arzt herbei und ließ durch diesen feststellen, welche Krankheit die Ursache ihres frühen Todes gewesen; dann nahm er seinen Sack auf den Rücken und ging über Land, nicht anders als sonst. Und was er ab und zu draußen halblaut vor sich hinredete, drückte nicht aus, er habe einen Verlust gehabt, der schwer wieder einzubringen sei. Im Gegenteil ließ es eher darauf schließen, daß er vorschnell gewesen, sich auf die eingehandelte Ware nicht verstanden gehabt und Zufriedenheit mit sich trage, sie durch günstigen Zufall an ihren gegenwärtigen Inhaber unentgeltlich wieder losgeworden zu sein.

Behalten aber hatte er als Hinterlassenschaft einen Sprößling der zweijährigen gemeinsamen Lebensführung, ein Mädchen, dessen Aufziehen ihm bei seiner häufigen Abwesenheit vom Hause in den ersten Jahren viel Schwierigkeit machte und obendrein Kosten bereitete. Doch er legte diese für Wartung und Aufsicht der Kleinen bei einer Nachbarfrau an; wenn er's nicht gewollt hätte, würde die Behörde ihn genötigt haben, für das Kind zu sorgen, aber davon abgesehen tat er's aus eigener Einsicht, daß man müsse machen die Einzahlungen, wenn man wolle bekommen nach Ablauf von Jahren ein Kapital aus der Sparkasse. Und zu einem solchen wuchs Miriam ihm schneller heran, als er gerechnet, zu einer brauchbaren Beihilfe seines sich erweiternden Geschäftsbetriebs. Sobald sie ordentlich laufen konnte, hielt sie sich am liebsten in den Stuben mit den zusammengebrachten, sich jährlich mehrenden Verkaufssachen auf, besah, befühlte und musterte alles, huschte, wenn Käufer eintraten, behend in einen dunklen Winkel und hockte dort geräuschlos hinter einem Möbelstück oder unter einer niederhängenden Decke wie eine sich im Versteck haltende Katze. Doch ihre schwarzgestirnten Augen lugten durch einen Spalt, sie horchte und hörte alles, was gesprochen wurde, zeigte sich klug-gelehrig und gab's durch Verständnis für Wert und Preis von Gegenständen zu erkennen, daß Nathan zuweilen sagte: »Bist ein Wunder der Welt, Miriam; es ist nicht worden angelegt, was ich habe ausgegeben für dich, für einen schlechten Schuldschein. Du bist ein Kind Salomos, und ist dir früh groß gewachsen im Kopf seine Weisheit, daß auf der Welt alles ist Ware, zu handeln damit, es kommt darauf an, welchen Preis einer will bieten dafür.« Da brachten eines Tags Leute auf einer Tragbahre Nathan Aronsohn mit dem abgeschlagenen Bein nach Haus, und das Mädchen, obwohl kaum achtjährig, begriff sofort, was not tue, versah eifrig und umsichtig allein die Pflege bei dem Verwundeten, damit er zu dem unumgänglichen kostspieligen Arzt nicht auch noch eine teure Wärterin zu nehmen brauche. Und zum erstenmal in seinem Leben mit einem gerührten Ton sagte Nathan: »Bist ein Kapital, ein Juwel Gottes, Miriam; wenn deine Mutter wäre gewesen wie du, ich hätte gerauft mir die Haare über ihre Sterbenskrankheit. Aber ich habe nicht gegriffen nach ihnen, weil sie nicht hatte genug Einsicht, zu begreifen, daß auf der Welt alles ist Ware, zu handeln damit, es kommt darauf an, welchen Preis einer will bieten dafür. Such' dir aus, Miriam, unterm Zeug im Laden etwas Feines, dir machen zu lassen davon ein Kleid auf deinen Leib, wie's dir gefällt am besten nach deinem Geschmack. Wird es doch gefallen auch den Leuten, die es sehen, daß sie finden dran auch Geschmack und sie kommen kaufen ins Geschäft. Und als du hast gesagt, wird's kommen zu stehen billiger, als eine kostspielige Wärterin, daß du trägst auf dem Leib deinen eignen ersten Verdienst, und ich lege dazu in die Lade die gute Ersparnis.«

Über diesen Beinschaden Nathans war auch wieder ein Jahrzehnt hingegangen, und schon seit langem hatte er während seiner Abwesenheit vom Haus die Besorgungen im Trödlerladen vollständig seiner Tochter überlassen. Sie wußte so genau von allem Bescheid, wie er selbst, und er konnte versichert sein, bei der Heimkunft niemals etwas ins Verlustbuch schreiben zu müssen, ward vielmehr manchmal von unverhofft über den Anschlag hinaus Eingegangenem überrascht. Dann sagte er: »Bist ein Kapital; was die Leute heißen Schönheit von einem Frauenzimmer am Gesicht und Leibeswuchs, ist ein Kapital, das jeden Tag einträgt seine Zinsen. Sie zahlen besser, als wenn ihnen präsentiert die Ware eine häßliche Urschel, und glauben, ihre Augen haben den Anblick für umsonst. Hätte deine Mutter gehabt Einsicht, vernünftig anzulegen ihr Kapital, das sie auch hatte mitbekommen, ich würde sein noch heute untröstlich über den Verlust, den ich hätte gelitten durch ihren Tod. Tut man seines Gold nicht in einen alten Beutel von Leder, dran ist Schmutz und Unrat, und nicht Kapital wie deines in einen groben Sack. Laß dir machen dafür ein schönes, ein neues Kleid, es trägt sich gut ein von den Augen, welche die Leute tragen im Kopf.«

Das war eine Ermahnung, die eignem Antrieb Miriams entsprach, so daß sie ihr stets bereitwillig nachkam. Sie kleidete sich immer mit bedachtsamer Wahl, und es lag ihr im Blut, dies in besonderer Weise zu tun, stets farbige Zeuge zu bevorzugen. Doch keineswegs geschmacklos, grob und grell in die Augen fallend, sondern mit wirklichem Instinkt, was ihrem schwarzen Haar und den schwarzen Augen ihrer ganzen fremdländischen Schönheit am vorteilhaftesten stehe. Sie war ihrer Mutter nachgeartet, aber übertraf diese mit einem verfeinerten, geschmeidigeren Reiz; Nathan meinte einmal, sie zuerst in einer neuen Kleidung gewahrend: »Du wärst gewesen eine Blume im Garten von König Salomo, und er würde gesungen haben zum Harfenschlag auch auf dich ein Hohes Lied. Hatte er doch auch eine hohe Freude und vielen Verstand für die Schönheit, daß er tat gern auf seine Schatzlade mit Gold angefüllt, um zu vergelten, daß seine Augen sich recht konnten erlaben an ihr. Aber es hat die Welt nicht mehr einen König Salomo; wenn auch sind geblieben noch seine Augen und sein Verstand, ist doch geworden hochselten seine richtige Einschätzung einer Ware von besonderer Güte durch die Freigebigkeit seiner Hand. Wird nicht einer, der besitzt in seinem Garten eine kostbare Blume und hat Klugheit, sie bieten zu Kauf um geringfügigen Preis, aber er wird auch halten in Bedacht, daß eine Blume nicht immer blüht fort bis in den Winter hinein, sondern daß sie hat eine nicht lange Zeit, wo sie steht für den Sachkundigen am meisten im Wert, Hab' ich eingehandelt gestern um billigen Preis einen alten Gürtel, wie ihn in früherer Zeit haben getragen die Weiber um ihre Leibesmitte am Festtag, und will machen damit kein Geschäft, schenk' ihn dir, Miriam. Wenn du dir Müh' gibst, ihn sauber abzuputzen mit Schlemmkreide und einem Stück weichen Leder, wird es sein, als ob du trügst um deinen Leib sichtbar goldene Staubfäden von einer seltenen Blume drunter.«

Miriam antwortete nichts auf die erstaunliche Freigebigkeit ihres Vaters, doch es glimmerte in ihren dunklen Augen, und sie setzte sich sogleich in eine Ecke, stundenlang an dem alten Gürtel sorgfältig zu putzen. Solcher Mühe hatte sich ihre Mutter nicht unterzogen gehabt, dazu war sie zu bequem, gleichgültig an Erwerbssinn und zu einfältig gewesen. Wenn die Tochter ihr auch äußerlich nachgeschlagen, trug sie doch in sich eine Blutsmitgift von ihrem Vater.

Für Nathan Aronsohn aber war jetzt die beste Jahreszeit wiedergekommen, nicht zu kalt und nicht zu heiß, regenlos sich folgende Wochen. Vom Morgen bis zum Abend, bald nach dieser, bald nach jener Seite suchte er hinkend sein Jagdrevier mit der Weidtasche überm Rücken ab, und oft auch brachte sein Weg ihn durch den Ekenwarter Wald. Dabei gewahrte er, obwohl zu verschiedenen Tageszeiten daher kommend, jedesmal mit seinen scharfsichtigen Augen von weitem den jungen Freiherrn von Alfsleben am Waldrand stehen und durch ein ausgezogenes Taschenfernrohr westwärts nach der See hinüberschauen. Gewöhnlich setzte er dies fort, bis Nathan ihn aus dem Gesicht verlor, zweimal indes schob er das Fernglas zusammen, steckte es zu sich und ging rasch in die Heide hinein. Anfänglich achtete der Jude kaum darauf, er trug nichts im Sack, was sich dem Junker weiter zum Kauf anbieten ließ; aber dann setzte das häufige Antreffen desselben am gleichen Platz vormittags und nachmittags ihn doch in eine Verwunderung, daß er einmal vor sich hinredete: »Nach was kann er sehen aus mit dem Schiebeglas und gehen auf das dürre Land, wo nichts ist Brauchbares, was wächst? Sollt' er suchen nach dem Karfunkelstein aus dem Märchen, von dem er sich hat gewünscht, ich möcht' ihn haben im Sack? Es ist 'mal eingerichtet, daß ein junges Blut hat großen Gefallen dran, und vielleicht wird es sich erweisen hochfreigebig für den Fund. Kann man doch von nichts sagen im voraus, wie es ist und wird sein; warum sollt' er nicht einmal treffen an einen Karfunkelstein auf der Heide?«

Nathan blickte dem heut' über diese Davonschreitenden nach, bis er zwischen Wachholdersträuchern und anderem Buschwerk verschwand. Hurtig ging Meinolf Alfsleben, eine halbe Stunde später plötzlich hinter dem Sitz Zea Hollesens die Stimme aufklingen zu lassen und im Lesen des Wielandschen »Oberon« fortzufahren. Das Rätsel seines stets mit ihr gleichzeitigen Hierherkommens erhellte allerdings sein Fernrohr; doch er mußte in der Tat ohne jede Beschäftigung sein, nicht wissen, wie er seinen Tag verbringen sollte, daß er immer, nach dem fernen Auftauchen des Mädchens aufblickend, sich am Waldrand aufhielt, und eine knabenhafte Schadenfreude mußte noch immer in ihm stecken, die fortgesetzt sich daran belustigte, Zea täglich durch seine Gegenwart ihren Lieblingsplatz zu verleiden. Aber sie zu irgendeiner Kundgebung zu bringen, daß er dies mit Erfolg tue, gelang ihm nicht. Stets regungslos behauptete sie ihren Sitz, zuhörend, weil sie sich das Ohr nicht schließen konnte, doch auch nicht widerwillig, Der »Oberon« war ihr fremd, und wenngleich sie an manchem, besonders an dem Schlachtgetümmel, wenig Anteil nahm, mischten sich doch oftmals auch Verse und Abschnitte ein, die durch Schönheit und melodischen Klang erfreuten. Grade heut' häuften mehrfach sich Stellen solcher Art zusammen:

Was half mir, freigeblieben
Zu sein bis in mein zweites zehntes Jahr?
Auch meine Stunde kam, mein Schicksal war,
Im Traum zum erstenmal zu lieben.

Ja, Scherasmin, nun hab' ich sie gesehn.
Sie, von den Sternen mir zur Siegerin erkoren,
Gesehen hab' ich sie, und ohne Widerstehn
Beim ersten Blick mein Herz an sie verloren.
Du sprichst, es war ein Traum? Nein, Mann, ein Hirngespinst
Kann nicht so tiefe Spuren graben!
Und wenn du tausendmal mich einen Toren nennst,
Sie lebt, ich hatte sie, und muß sie wieder haben.

Denk' dir ein Weib im reinsten Jugendlicht,
Nach einem Urbild von dort oben
Aus Rosenglut und Lilienschnee gewoben;
Gib ihrem Bau das feinste Gleichgewicht,
Ein stilles Lächeln schweb' auf ihrem Angesicht –

Zea drückte unmerklich die Lippen gegeneinander, ihr war's, als sei aus Wort und Ton des letzten Verses das Lächeln hervor auf sie zugekommen, ihr selbst an den Mund zu huschen und leis' um ihn zu spielen. Das vertrug sich nicht mit dem Ernst ihres Schweigens, der täglichen Aufgabe, die sie hierherbrachte, sie mußte der Vergeßlichkeit der Lippen mit Strenge begegnen. Beste Beihilfe dazu lieh das Denken an etwas anderes, das ihr indes auch manchmal, ohne herbeigerufen zu werden, kam. Eine Erinnerung war's, unwillkürlich ein Vergleichen mit sich führend. Wie sie's gewünscht, hatte Tilmar Hellbeck ihr auf der Düne von Herdsand aus »Hermann und Dorothea« vorgelesen, doch nur einmal, sie hatte ihn nicht gebeten, es zu wiederholen. Seine Stimme hörte sie sonst gern, aber sie wußte nicht recht, was es sei, daß sie kein Gefallen daran gefunden. Oder doch, es lag daran, daß er mit dem Rhythmus der Verse nicht zurechtkam, sie falsch und wie Prosa las; dazu gesellten sich häufig unrichtige, den Sinn der Gedanken entstellende oder völlig aufhebende Betonungen. Offenbar gelangte oftmals das Schönste in der Dichtung ihm selbst nicht zum Verständnis, freilich begreiflicherweise, da es ihm dafür wie für manches andere an der Vorbildung gefehlt. Meinolf Alfsleben hatte es leicht, die Verse richtig zu lesen und inhaltlich alles so wiederzugeben, wie's der Dichter gedacht und empfunden. Er war auf einer gelehrten Schule gewesen, wo er natürlich das Verständnis dafür empfangen, und den schönen, biegsamen Klang seiner Stimme hatte er ebenso ohne sein Zutun als Naturmitgift bekommen. Bei solcher Verschiedenheit des Vorausgegangenen ließ sich die Befähigung der beiden zum Vorlesen eines Gedichts natürlich nicht vergleichen; ebenso unbillig wär's gewesen, wie von Tilmar zu erwarten, er solle im Ausdruck und Wesen das Freie, Sichere Meinolf Alfslebens haben. Es war eben durchaus ungerecht auf der Erde zugemessen, daß jemand, der es besser verdient hätte, so benachteiligt wurde und einem anderen ohne alles Verdienst derartige Bevorzugung zuteil ward.

Ein paarmal hinkte Nathan Aronsohn auch auf dem Weg zwischen dem Ekenwarter Wald und Loagger entlang, doch ließ kein Zufall ihn dabei Zea Hollesen begegnen oder sie aus der Entfernung gewahren. Und an dem Findlingsstein führte der schmale Heidepfad zu weit seitwärts vorüber, um die Augen zu jenem hinreichen, geschweige denn das Ohr etwas von der merkwürdigen Vorliebe Meinolf Alfslebens, sich dort täglich den »Oberon« laut vorzulesen, vernehmen zu lassen.

Die lang abgerissenen Fäden der altfreundschaftlichen Beziehungen zwischen Ekenwart und Helgerslund hatten sich neu geknüpft, und fast täglich schlug Dietrich Alfsleben den Weg zum letzteren ein. Es zog ihn dorthin; seitdem er, was ihm nicht erreichbar erschienen, die Liebe seines Sohnes entdeckt und gewonnen, lag die Welt verändert um ihn, und freier hob er die Stirn ins freudige Licht des schönen Frühlings auf. Und seit dem Tage, an dem er den Fuß über das schweigsame Gewässer gesetzt, das unsichtbar zwischen ihm und Gertrud Brookwald geflossen, hatten beide die Scheu, die sie bei der ersten Wiederbegegnung überkommen, von sich abgetan. Die Sonne warf über alles ihre Strahlen so hell und warm, daß auch die Schatten das Gefühl nicht frostig anrührten, vor den Augen ihre dunkle Färbung verbleichen ließen; so verschwand das Gedenken an lang' Vergangenes unter der wohltätigen Wirkung der zu neuem Leben erweckenden Gegenwart, des gemeinsamen Trachtens für die Zukunft. Von diesem ward in Anwesenheit Fritz Brookwalds nicht geredet, doch daß er mit dem Wunsch, eine eheliche Verbindung zwischen Unna und Meinolf herbeizuführen, einverstanden sei, wußte Alfsleben durch Gertrud. Sie hatte ihm, gegen die Ermahnung ihres Mannes zur Behutsamkeit, aus ihrer schon lange im stillen gehegten Hoffnung kein Hehl gemacht, aber wechselseitig jeder beim anderen den gleichen Gedanken empfunden, sie diesen nur zuerst ausgesprochen. Nun bildete er den Hauptgegenstand ihres Gesprächs, wenn sie allein miteinander gingen, täglich manchmal stundenlang, auf Feld- und Waldwegen. Der Austausch ihrer Worte war für das Glück der beiden bedacht, doch zuweilen schritten sie ein Weilchen verstummt, und dann webte es sich zwischen ihnen sonderbar wie von einem wortlosen, nicht für das Ohr hörbaren Klang. Wohl nicht mehr in Jugendblüte stehend, aber ein noch schönes Menschenpaar war's: wer sie sah, mußte denken, sie seien füreinander geschaffen und sich angehörig. Wunderlich kreiste die Empfindung in Gertrud, sie verlor die Furcht, durch etwas zu verraten, daß die Liebe für Dietrich Alfsleben noch ungealtert in ihr fortlebe. Ungesprochen kam's von ihm zu ihr herüber, daß er sich nicht wieder abkehren, das Band zwischen ihnen aufs neue zertrennen würde, wenn unbewacht ein Blick oder Ton ihm den Schlag ihres Herzens kundgäbe. Von Tag zu Tag trug sie sogar deutlicher ein Gefühl in sich, es brauche gar nicht zu geschehen, er wisse, sehe und höre es. Und doch kam er, ward nicht dadurch zurückgescheucht, obwohl sie jetzt die Frau eines anderen war. Warum denn hatte ei damals sich so jäh von ihr gewandt, als sie frei gewesen, so endlose Zeitlang jede Annäherung und Wiederanknüpfung der Jugendfreundschaft abwehrend? Das Rätsel hüllte sich in ein neues, doch unerhellbares Dunkel, aber Gertrud suchte nicht nach der Lösung. Sie war beglückt von der Gegenwart, der zweifellosen Wandlung, daß er ein anderer geworden. Die Natur gab jedem Weibe mit, ohne einen äußeren Anhalt zu empfinden, was einen Mann zu solcher täglichen Wiederkehr bewog; eine Mitgift ihres Geschlechts war es, unabhängig von Stand, Bildung und Lebensalter, jede Geringste besaß sie, wie die Vornehmste. Und sie ließ Gertrud nicht Zweifel, daß es Dietrich Alfsleben innerlich treibe, danach verlange, mit ihr zusammen zu sein, nicht nur wegen des gemeinsamen Planes bezüglich der Kinder, sondern mehr noch um seiner selbst willen. Kaum halb verschleiert sprach er es einmal auf stillem Waldweg: »Ja, ein schöner Gedanke ist's, Gertrud, dahin zu trachten, daß die Kinder ihr Leben in Liebe vereinigen. Wir hatten niemand, der uns geleitet hätte, das Glück zu finden. Auch wir hätten's wohl gekonnt, auch ich; es stand am Wege und wartete auf mich. Aber meine Augen waren geblendet, daß sie es nicht sahen. Zu spät erst, als ich achtlos an ihm vorübergegangen, da lag es fern hinter mir und nicht mehr erreichbar, kein Weg führte zu ihm zurück.«

Schweigend, klopfenden Herzens hörte Gertrud Brookwald das sich kaum verhüllende Geheimnis; Reue und tiefe Wehmut zitterte aus den Worten. Zu spät war's, und Unabänderliches stand zwischen ihnen, an dem sich nicht rütteln ließ; auch der Gedanke tat's nicht, weder hier noch dort. Doch beglückend war das, was noch sein konnte, so zusammenzugehen, unter dem Austausch der Lippen über die Zukunft der Kinder, die stumm hin und wieder bebenden Schwingungen zu fühlen, die nicht dem wachen Leben angehören. Von Gebilden und Wünschen nur einer Traumwelt geregt, glichen sie dem Wellenspiel der Sonnenluft über den aufblühenden Wiesen.

Fritz Brookwalds unvermerkt beobachtenden Augen entging die wachsende neue Vertraulichkeit zwischen seiner Frau und Alfsleben nicht; aber er bekümmerte sich nicht darum, er war nicht eifersüchtig, drängte sich ihnen nie als Begleiter auf. Der Heiratsplan hatte seine volle Zustimmung gefunden, und um den handelte es sich jedenfalls hauptsächlich; was sie sonst auf ihren einsamen Gängen reden mochten, galt ihm durchaus gleich. Vermutlich ging es nicht über sentimentale Worte hinaus, doch wenn auch, er war kein empfindsamer, sondern ein praktischer Mann, der nicht mit Dingen von inhaltslosem Wert rechnete. Dagegen hatte er sich mit dem neuen Förster von Ekenwart auf einen guten, beinah freundschaftlichen Fuß gestellt, suchte ihn fast täglich auf, wenn Dietrich Alfsleben sich mit Gertrud zusammen befand. Dirk Westerholz war ihm schon beim ersten Sehen als ein Mann erschienen, von dem er Nutzen ziehen könne; das sprach er auch in seiner offenen Art unverhohlen aus: »Ich möchte mancherlei von Ihnen profitieren, ein Ratgeber wie Sie hat mir immer auf Helgerslund gefehlt.« So zog er nach vielen Richtungen die Meinung des wirtschaftlich erfahrenen Försters ein, begleitete ihn hierhin und dorthin, unterhielt sich merkbar außerordentlich gern mit ihm. Dabei trug sein Benehmen keinen Zug von Herablassung an sich, einem tüchtigen Mann schien er sich gleichzustellen. Es konnte vielleicht ein wenig den Eindruck erregen, als wünsche er ihn seiner Stellung auf Ekenwart abwendig zu machen, um selbst ihn für sich zu gewinnen, doch ausgesprochen war nie davon die Rede. Ebenso zeigte er sein Taktgefühl, ihm von Westerholz zuteil gewordene gute Ratschläge und kleine Dienstleistungen nicht mit Geld zu belohnen, sondern in aufmerksamer Weise entschädigte er ihn einmal für seine Bemühungen durch das Geschenk einer hübsch gearbeiteten Doppelflinte aus der Helgerslunder Jagdgerätsammlung. Bei der Überreichung sagte er: »Wenn Sie einmal Zeit haben, lieber Freund, täten Sie mir einen Gefallen, den Zwilling am Strande zu probieren und mir einen Blaumantel damit aus der Luft herunterzupaffen. Für meine Treffkünste ist das Geschäft zu schwierig, Sie verstehen sich jedenfalls viel besser drauf; ich möchte mir schon lange gern eine Silbermöwe ausstopfen lassen, um sie über meinem Schreibtisch aufzuhängen. Paßt's Ihnen vielleicht morgen früh, so hole ich Sie mit meinem Wagen ab.«

Dieser Wunsch Brookwalds, dem zu willfahren der Förster natürlich nicht umhin konnte, brachte mit sich, daß der Kirchenpatronatsherr von Loagger einmal an einem Nichtsonntag im Pfarrhause vorsprach. Er äußerte auf dem Rückweg zu seinem Begleiter, daß er nicht gut vorüberfahren könne, ohne wenigstens einen kurzen Besuch bei dem Pastor abzuhalten. So stiegen beide vor der Tür Hollesens ab. Dieser empfing den Gutsherrn in der stets gleichmäßig von ihm beobachteten, förmlich gemessenen Weise; der ihm unbekannte Förster, der noch nie bis ins Dorf herübergekommen, ward ihm vorgestellt, »Nur zu einer Stippvisite, lieber Pastor«, hatte Fritz Brookwald beim Eintreten gesagt, doch er ließ sich nieder, erzählte vom Zweck und gewünschten Erfolg der Ausfahrt, erkundigte sich nach allerhand auf die Kirchenverwaltung bezüglichen Dingen und vergaß darüber augenscheinlich seine Absicht nur flüchtigen Vorkehrens. Westerholz lag noch eine vormittägige Besichtigung ob, so daß er sich erlaubte, einmal durch eine Bemerkung an das Vorrücken der Zeit zu erinnern. Dazu nickte Brookwald: »Ja, wie ein Windhund rennt sie, wir wollen gleich fahren, lieber Freund, sobald als möglich,« und lachend fügte er nach: »Sie scheinen auf Kohlen zu sitzen, das ist ja gerade kein übermäßig angenehmes Polster, aber es gibt auch noch schlimmere Notlagen auf der Welt, von denen Sie in Ihrem ganzen Leben nichts kennen gelernt haben. Das ist, wenn man als Familienvater von Frau und Tochter kommandiert wird und sich zu Haus nicht wieder sehen lassen darf, ohne daß man die Aufträge, die einem eingeknotet worden sind, ausgerichtet hat. Da sitzt« – der Sprecher zog sein Taschentuch heraus – »ein Knoten mit einem eigenmündig zu bestellenden Gruß von meiner Frau an die Ihrige, lieber Pastor, und da einer ebenso von Unna an Ihre Zea. Ist keine von ihnen zu Haus? Wenn Sie mich heute noch wieder los werden wollen, müssen Sie mir beihelfen, daß ich mich ohne Angst vor einer gehörigen Prügelsuppe am Mittag zu Tisch setzen kann.«

Christian Hollesens Miene drückte aus, daß er kein Verständnis mit der Gewissenhaftigkeit des Gutsherrn, die ihm aufgetragenen Grüße selbst zu bestellen, verbinde, doch er schickte die Magd, nachzusehen, ob die beiden Frauen im Hause seien. Das war der Fall, und sie kamen, Mathilde Hollesen zuerst und Zea gleich danach. Das Hereintreten der letzteren mußte den Förster jäh überraschen und aus abwesenden Gedanken auffahren lassen, denn ihm ging plötzlich ein Ruck durch den ganzen Körper und er blickte das Mädchen mit starr aufgeweiteten Augen an. Doch achtete niemand im Zimmer darauf außer Fritz Brookwald, der das Gesicht nach ihm hingewandt gehalten, sich jetzt schnell seiner Aufträge entledigte und danach lachte: »So, lieber Westerholz, nun sollen Sie von Ihren Kohlen loskommen, und ich will den Gäulen ein bißchen Frühstück mit der Peitschenschnur auftischen, damit Sie Ihre verlorene Zeit wieder einbringen. Mir wird's jetzt gottlob zu Haus auch schmecken, ein gutes Gewissen ist der beste Koch.« Er nahm Abschied, schwang sich auf den Jagdwagen und der Förster folgte ihm. Der Pastor sah verwundert und unwillkürlich leicht mit dem Kopf schüttelnd dem eilig fortrollenden Gefährt nach. Er wußte sich keinen Reim darauf zu machen, daß der Helgerslunder Schloßherr in der Tat nichts anderes beabsichtigt habe, als die Grüße seiner Frau und Tochter mit eigenem Munde auszurichten.

Der Wagen geriet auf den sandigen Boden der Heide, Dirk Westerholz saß wortlos, vor sich in die Weite hinausblickend, so daß Brookwald, die Pferde zu langsamerem Schritt zügelnd, fragte: »Ist Ihnen etwas über die Leber gelaufen?«

Der Förster fuhr zusammen, »Mir? Was sollte – nichts.«

»Ich glaube, Sie sind ein in Wolle gefärbter Weiberfeind, Westerholz, und maulen mit mir, daß ich Sie genötigt habe, ein Kompliment vor der Pastorin und ihrer Tochter zu machen. Freilich, krumm haben Sie den Rücken just nicht gebogen. Mir kam's vor, besonders vor der Jungen mißfiel's Ihnen gründlich, Sie machten ihr Augen, als möchten Sie sie am liebsten auffressen. Na, mich geht's nichts an, denn wie eine Vogelscheuche sieht sie doch nicht aus.«

Dirk Westerholz sprach vor sich hin: »Eine unglaubliche Ähnlichkeit –«

Da er nicht fortfuhr, wiederholte der neben ihm Sitzende: »Ähnlichkeit? Mit wem?«

Nun rüttelte der Förster etwas wie einen halb abwesenden Geisteszustand von sich und entgegnete schnell:

»Mit einer anderen, die ich einmal gesehen. Der Zufall überraschte mich, wie sie plötzlich dastand. Ist das Mädchen die Tochter des Pastors?«

»Eine angenommene, oder richtiger angeschwommene.« Fritz Brookwald holte hoch mit der Peitsche aus und ließ sie pfeifend auf die Pferde niederklatschen.

»Wollt ihr Satansgezücht uns hier im Sand stecken lassen? Ich hab' euch guten Hafer versprochen!« Und er hieb wieder auf sie ein, die er eben vorher selbst zu verlangsamtem Gang angehalten, daß sie vorsprangen und trotz dem mahlenden Sandweg hurtig den Wagen fortrissen.

Der bewegte sich nordwärts von Loagger über die Heide, und südlich vom Dorf ging Zea Hollesen auf ihrem täglichen Weg. Sie hatte dies vorgehabt, als sie zu den Gästen in die Stube ihres Vaters gerufen worden, und die Zeit reichte noch hin, daß sie zum Mittag zurückkommen konnte. Ein besonderes Verlangen zog sie heut' nach ihrem Sitz, allerdings ohne sich mehr mit der Hoffnung zu verbinden, daß sie dort allein sein werde. Diese wochenlang ihr von jedem Tag erneuerte Zuversicht hatte sie allgemach und eigentlich vollständig verloren; es lag nicht in ihrer Kraft, Meinolf Alfsleben von dem Platz zu verdrängen, und ebenso wenig, ihren Gang dorthin zu anderer Tageszeit als er anzutreten. Er mußte von irgendeiner geheimnisvollen Macht unterrichtet werden, mit einem Kobold im Bunde stehen, der ihn immer sich zur nämlichen Stunde mit ihr auf den Weg machen ließ. Das war freilich eine Vorstellung, über die verständige Leute mit Recht gelacht hätten, denn es gab keine Kobolde, und Zeas eigene Lippen zeigten sich auch verständig, begleiteten diese Schöpfung der Phantasie mit einem leicht um den Mund spielenden Lächeln. Aber ohne einen Grund konnte das Unerklärbare sich doch nicht täglich so wiederholen, und wenn er von dem vernunftmäßigen Denken sich nicht ausfindig machen ließ, verfiel zuletzt die Einbildung auf allerhand märchenhaftes Gaukelspiel. Auch die der Dichter tat's, der Elfenkönig Oberon war ja gleichfalls nichts anderes.

Zumal jedoch heut' geschah es leicht, die Luft selbst übte eine einbildnerische Wirkung. Mit tausend kleinen zitternden Wellen flimmerte sie über der Heide hin und her, lautlos still und doch auch, wie wenn lauter goldene Fäden leis' tönend aneinander schwängen. Zum erstenmal war es heiß, nicht Frühling mehr, sondern junihaft. Aber darin lag nicht das Besondere, so ward's gegen Ende des Mai in jedem Jahr. Nur konnte das Mädchen sich nicht erinnern, daß alles hier um sie her ihr je so märchenhaft, wie verzaubert, vorgekommen, als sei die Heide eine große lebendige Brust der Erde, die den Atem anhaltend, auf ein mittägiges Elfenwunder warte.

Natürlich befand sich, wie stets, bei der Ankunft Zeas niemand auf dem Platz, sie hätte auch wie immer glauben können, diesen heut' allein zu behalten. Doch sie wußte, unfehlbar werde ungefähr nach einer halben Stunde plötzlich die Stimme hinter ihr aufklingen, so daß sie sich länger ihrer Einsamkeit und Herrschaft nicht erfreuen konnte. Nur mußte sie darauf bedacht sein, ihre gewohnte Haltung schon daraufhin einzunehmen und zu bewahren. Die Luft hatte heut' so sonderbar schmeichelnd Umstrickendes, als lege sie's darauf an, die Sinne und Seele in einen traumartigen Zustand einzuwiegen. Das durfte ihr nicht gelingen, denn dann ward ein sichtbares Zusammenfahren bei dem aufschreckenden Ton der Stimme fast unvermeidlich, und noch nie war Zea so unverbrüchlich entschlossen gewesen, durch keine Regung kundzugeben, daß etwas für ihr Gehör vorhanden sei. Grad' heute um keinen Preis; sie wehrte alles, was von außen und aus ihr selbst gaukelnd an sie heranzukommen suchte, gewaltsam von sich ab, fast wartend, wie die atemlose Heide. Nur nicht auf ein Elfenwunder, sondern auf den schweigsamen Wettkampf mit ihrem Widersacher.

Und da kam's und klang's hinter ihr, so bekannt, als ob sie's schon seit Kindertagen täglich gehört hätte:

»Wenn du's anhören willst, setz' dich dorthin zu mir!«

Das war nicht aus dem »Oberon«, sondern eine Anrede, unverständlich, oder vielmehr doch nur eine einzige Auslegung zulassend, Zea mußte einen unwillkürlichen Lachreiz bekämpfen, daß er denke, sie auf so lächerlich einfache Weise zu einem Abweichen von ihrer unerschütterlichen Haltung zu bringen. Er war eigentlich ein eigensinnig-ungebärdiger, drolliger großer Junge.

Doch während sie dies dachte, ereignete sich noch etwas anderes, Unerwartetes und völlig Neues. Zum erstenmal spielte das sich täglich Wiederholende nicht allein hinter ihrem Rücken, so daß nicht nur ihr Ohr zum Anhören genötigt ward, sondern auch ihre Augen mußten daran teilnehmen. Sie hätte diese allerdings zumachen können, als ob sie schon mit geschlossenen Lidern gesessen habe, aber sie vergaß die Möglichkeit ganz. Denn was ihr vor den Blick geriet, war so rätselhaft, unerwartet und unbegreiflich, daß sie nur starr darauf hinsah. Im ersten Augenblick unterschied sie seitwärtsher kaum mehr, als ein buntes Farbengemenge, wie von einer aus dem Heideboden aufwachsenden großen, fremden Blume.

Doch dann bewegte diese sich auf Füßen weiter vorwärts, jetzt an das Schillern einer grünen Eidechse erinnernd, indes einer etwa fünf Fuß hohen, aufrechtgehenden, die blitzende Sonnenstrahlen um sich geringelt zu haben schien. Und nun ward's deutlich zu einem weiblichen Kleid mit einem goldig flimmernden Gürtel um die Mitte, und drüber war schwarzblaues Haar, ein funkelndes Augenpaar und ein weißer Zahnglanz zwischen halblachenden Lippen. Neben dieser, wie von einem tollen Traum heraufgeborenen Erscheinung aber ging Meinolf Alfsleben, die bisherigen Rollen des täglichen Auftritts auf der kleinen Heideschaubühne vertauschend, denn er benahm sich, als ob seine Augen über den alten Stein durch leere Luft wegsähen und er von dem Vorhandensein einer Zuschauerin gar keine Ahnung habe. Mit der Hand deutend, sagte er:

»So setz' dich da neben den Heidekrautbusch,« und ließ sich, als die Angesprochene dem Geheiß nachkam, an ihrer Seite nieder. Dazu schlug er den »Oberon« auf: »Gib also gut acht, es liest sich sehr hübsch hier« und zugleich legte er den einen Arm um den Nacken und die Schulter der neben ihm Sitzenden.

Das alles war zweifellos in Wirklichkeit so geschehen, nur wußte Zea Hollesen nicht, ob eine halbe Minute oder eine Stunde darüber vergangen. Auch was das Bild da vor ihren Augen bedeute, wußte sie nicht, hatte überhaupt keinen Gedanken, als nur, daß sie hier einmal gesessen und den unerschütterlichen Vorsatz gefaßt habe, ihren Lieblingssitz zu behaupten. Nichts auf der Erde, und wenn die Sonne herunterfiele, könne sie dazu bringen, durch eine Bewegung, einen Laut kundzugeben, daß sie etwas höre oder sehe.

Plötzlich, ohne ihr Wissen, fuhr der Kopf Zeas in die Höhe. Ihr war's, als müsse die Sonne eben im Begriff stehen, vom Himmel herunterzufallen. Das geschah auch, sie fühlte es mehr, als sie's sah, und mit einem jähen Ruck schnellte sie sich auf. So stand sie einen Augenblick, wie betäubt auf den Niedersturz wartend, dann verließ sie, langsam fortgehend, den Platz. Aber nach wenigen Schritten beschleunigte sich ihr Gang, immer rascher, zu atemlosem Laufen, als ob ein mittägiges Heidegespenst hinter ihr dreinjage.

Meinolf Alfsleben sah ihr nach, bis sie von Buschwerk verdeckt ward; er hatte den Arm von der Schulter seiner Platzteilhaberin abgleiten lassen und sagte fröhlich lachenden Tons:

»Es ist heut' doch nichts mit dem Lesen, die Sonne sticht zu heiß hier. Hab' Dank für deine gute Gesellschaft, Miriam; wenn du öfter auf der Heide spazieren gehst, begegnen wir uns wohl einmal wieder. Sonst komme ich gelegentlich in euren Laden, nachzusehen, ob dein Vater den Karfunkelstein gefunden hat, von dem ich früher glaubte, er müsse ihn im Sack tragen. Es soll kein Schaden für euch sein, daß du mich bis hierher begleitet und die Zeit im Geschäft verloren hast. Den Weg nach Haus findest du wohl selbst, komm' gut hin.«

Er stand auf und verschwand. Der junge adlige Herr war's, dem es Spaß gemacht, das von ihm auf der Heide angetroffene Judenmädchen bis an den Platz hier mitzunehmen, und der sich jetzt nicht mehr zu weiterer Unterhaltung mit ihr in der Laune befand. Nathan Aronsohn hatte geglaubt, es sei vielleicht der Karfunkelstein, nach dem der Junker zugreifen werde; doch schien's, Meinolf Alfsleben mache sich von jenem eine andere Vorstellung und habe die ihm passend in den Weg Gekommene nur als ein Stück buntes Glas betrachtet, sich die Dinge dadurch einmal in eine außergewöhnliche Lichtwirkung zu versetzen und es danach Nathan wieder in seinen Sack zurückzutun. Verdutzt glimmerte Miriam ihm mit den dunklen Augensteinen nach. Zwischen ihrer Hierherkunft mit ihm und seinem Weggange hatte so kurze Zeit gelegen, daß ihr nicht klar geworden, was eigentlich vorgegangen sei. Von weitem gesehen, konnte ihr blauschwarz aus dem Heidekraut abstechendes Haar den Blick täuschen, denn es glich in der Farbe genau der vom Volk »Höllennatter« genannten schwarzen Spielart der Kreuzotter. Und auch für das Ohr bot sie in der Nähe eine Ähnlichkeit, da zwischen ihren weißen Zähnen ein leis' zischender Ton hervorkam.

IX.

Zea Hollesen hatte ihr altangestammtes Recht an den Sitz auf dem Findlingstein nicht behauptet, sondern ihrem Widersacher den Platz überlassen. Warum, wußte sie nicht weiter, als daß ihr's plötzlich so gekommen sei. Oder wenigstens im Verlauf des Tages verdeutlichte sich ihr kein Grund für dies Tun, sie wollte auch gar nicht darüber nachdenken. Erst über Nacht, wie's ja manchmal so geschah, bildete sich in ihr eine Erkenntnis aus, die sie beim Aufwachen vorfand. Es war ein eigentlich unglaublich kindisches Betreiben gewesen, daß sie Tag für Tag auf die Heide hinausgegangen, um dort unbeweglich zu sitzen und dadurch zu beweisen, sie lasse sich nicht von junkerhafter Anmaßung verdrängen. Meinolf Alfsleben mußte täglich innerlich über sie gelacht haben, und sogar mit vollem Recht; ihr kam es bei der Vorstellung rot und heiß in die Schläfen, Aber wie ein eigensinniges Kind hatte sie sich betragen, obendrein ohne allen Zweck, denn ihr lag gar nichts an dem Platz, viele andere auf der Heide waren hübscher. Außerdem hatte die Nötigung, das laute Lesen des »Oberon« anhören zu müssen, sie immer mehr verdrossen, es war im Grunde ein äußerst langweiliges Buch. Und dem entstammte offenbar, daß sie es plötzlich einmal nicht länger ausgehalten, sondern davongelaufen war. So konnte sie doch dem »Oberon« in gewisser Weise dankbar sein, daß er ihr zur Vernunft zurückverholfen und sie sich außerordentlich befreit fühlte, sich nicht mehr auf dem täglichen unsinnigen Zwanggang dem Spott preisgeben zu müssen. Wie in wirklichem Sinn jetzt eben, war sie auch in übertragenem aufgewacht, aus einem wochenlangen Traumzustand, in dem sie sich so närrisch, possenhaft und unklug benommen, als ob es in ihrem Kopf nicht richtig zugegangen sei. Nun aber befand sich alles drin wieder in verständiger Ordnung, und zum Glück hatte niemand etwas von ihrem abgeschmackten Trachten und Treiben bemerkt, außer Meinolf Alfsleben, aber das kam, mit der wiedergewonnenen Vernünftigkeit angesehen, nicht in Betracht, da es keinen Menschen auf der Welt geben konnte, der ihr gleichgültiger gewesen wäre. Und zudem war sie zum letztenmal im Leben mit ihm zusammengetroffen, denn wenn sie hundert Jahre alt werden sollte, würde sie den ihr verleideten Platz nicht mehr aufsuchen.

Dagegen kam er wohl heut' und morgen und an jedem Tag wieder dorthin, weil der Platz ihm ja, wie er gesagt, so besonders gefiel, und wahrscheinlich brachte er jetzt immer seine gestrige Begleiterin mit, um ihr aus dem »Oberon« vorzulesen. Wer das eigentlich gewesen, ging Zea gleichfalls erst nachträglich auf; es mußte die Tochter Nathan Aronsohns sein, die sie ab und zu einmal, doch in den letzten Jahren wohl kaum mehr gesehen. So groß wenigstens stand jene ihr nicht in der Erinnerung, auch nicht so hübsch; es ließ sich nicht leugnen, in ihrer Art sei sie es. Freilich blieb's doch ein sonderbarer Umgang für jemand wie Meinolf Alfsleben, denn von dem Wielandschen Gedicht verstand sie schwerlich etwas, und mutmaßlich machte ihr's gar keinen Unterschied, wie es vorgelesen würde, so, oder in anderer Weise, etwa der von Tilmar Hellbeck. Das geschah dem Lesenden dann recht; es war alles Einfall und Laune, gewissermaßen auch ein kindisches Treiben bei ihm. Zea mußte einmal halb auflachen, denn ihr kam die Vorstellung, daß er plötzlich entdeckte, Miriam habe gar nichts von dem begriffen, was er gelesen. Das hätte er allerdings vorher wissen können und hatte es auch gewußt, darüber konnte kaum ein Zweifel bestehen. Es war eben nur ein Einfall von ihm gewesen, sie mitzubringen, wie er vorher den anderen gehabt, allein Tag um Tag nach dem großen Stein auf der Heide herauszukommen.

Der Platz war also nicht mehr für sie vorhanden, gleichsam von der Erde verschwunden, aber soviel andere gab's, und nach diesen umherzusuchen, trieb es sie heut', zugleich mit dem Verlangen, einen recht weiten Gang zu machen. Doch nicht allein, aus zweifachem Grund; sie trug zum erstenmal eine Scheu davor, ohne Begleitung möglicherweise irgend jemand auf der Heide zu begegnen, und dann wollte sie verhüten, daß ihre Eltern sich über ihr längeres Ausbleiben beunruhigen könnten. So sprach sie am Mittagstisch von ihrer Absicht, mit Tilmar nach einem entfernten Ziel zum Pflanzensuchen zu gehen, und begab sich von der Mahlzeit sofort zum Schulhause hinüber. Das Natürlichste war's, daß er seine künftige Frau begleitete, der Grund, weshalb er sich dessen in letzter Zeit enthielt, erschien ihr allzu furchtsam ausgeklügelt und eigentlich ganz nichtig, denn zu Hause mutmaßte offenbar niemand das Geringste, und sie war so gewöhnt, durch nichts eine Ahnung aufkommen zu lassen, daß sie gar nicht daran zu denken brauchte, sich in acht zu nehmen. Das hielt sie auch jetzt der Zaghaftigkeit des jungen Lehrers entgegen, beredete den im Innersten Frohlockenden und Beglückten leicht, nach alter Weise ihr Weggefährte zu sein. Selbstverständlich wählte sie die Richtung nördlich vom Dorf, bog so in die Heide ein, allerdings damit in die Gegend, vor der ihr Vater die meiste Schlangenbesorgnis hegte. Aber Tilmar befand sich ja mit seinem Handstock bei ihr, und außerdem ging sie nicht barfuß, sondern in sicher schützenden Schuhen. Das war doch ein Vorteil, der ihr aus dem Zusammentreffen mit Meinolf Alfsleben erwachsen; sie begriff eigentlich ihre frühere Neigung und Gewöhnung, mit bloßen Füßen zu gehen, nicht mehr. Oder wenn es auch bequem war, mußte sie doch ihrer Mutter beipflichten, daß es für eine Pastorentochter nicht recht schicklich sei. Selbst Miriam tat es nicht, hätte es sicher nicht getan, obwohl sich sonst keine Bildung und kein Verständnis bei ihr erwarten ließ. Das hatte im Grunde seine junkerhafte Geringschätzung ihr gegenüber am deutlichsten zum Ausdruck gebracht, als er einmal gefragt: »Warum gehst du nicht mehr barfuß, wie damals, als ich dich zuerst hier traf?« Wort für Wort lag's ihr noch im Ohr; sie war für ihn ein Mädchen, bei dem er etwas so Unschickliches als selbstverständlich ansah. Wahrscheinlich unterhielt er sich deshalb lieber mit der Tochter Nathans, weil sie ihm nach dieser Richtung einen gebildeten Eindruck machte. Übrigens auch wohl, weil sie ihm jedenfalls Antwort gab, wenn er zu ihr sprach. Dagegen war es von ihr höchst unschicklich gewesen, daß sie es ruhig zugelassen, sich nicht dagegen gewehrt hatte, wie er den Arm um ihre Schulter gelegt. Ihm konnte man's nicht so sehr verargen, da er's ja, wie alles, nur aus Einfall und Laune, einer kindischen Narrheit getan. Zea war beinah überzeugt davon, er habe, gleich nachdem sie fortgegangen, den Arm wieder von der Schulter Miriams weggenommen.

Sie ging sehr rasch, gradaus in östlicher Richtung, so daß eine Gesprächsführung nicht möglich ward; nur wenn sie einmal anhielt, etwas vom Boden zu pflücken, konnte Tilmar kurz einige Worte mit ihr tauschen. Oder eigentlich redete er allein, von seiner Freude, wieder einmal mit ihr zu gehen, von dem Glück der Zukunft, wenn sie immer bei ihm sein werde, und sie versetzte nur ab und zu: »Ja«, und schritt eilig wieder weiter. So hurtig einmal, daß er, um sie neben sich zurückzuhalten, mit dem Arm ihr leicht um die Schulter faßte, doch sie bog sich mit einem hastigen Ruck unter seiner Hand weg und sagte danach erklärend: »Es ist so heiß heute, nur das Kleid schon drückt fast zu schwer.« Heiße Sonnenluft lag freilich über der Heide, doch zugleich auch eine trotz offenen Augen die Sinne halbverworren und traumhaft umgaukelnde, und Zea war's schreckhaft gewesen, nicht Tilmar, sondern Meinolf Alfsleben gehe neben ihr und lege den Arm um sie.

Und noch einmal kam's ihr so, denn sie gerieten an eine sumpfige Stelle, vor der ihr Begleiter sich bückte und sagte: »Du kannst hier nicht durchkommen, ich will dich hinübertragen.« Aber eh' er sie aufzuheben vermochte, stieß sie aus: »Nein, ich gehe herum!« und sie lief rasch am Rand des Bruchs entlang. Dann besann sie sich zwar, daß es Tilmar gewesen sei, der sie schon manchmal aus dem Boot über das seichte Wasser ans Land getragen, aber das schien ihr unendlich weit hinter ihr zu liegen, und ihr war's, als gehöre das eigentlich ebenfalls zu den Dingen, von denen sie früher nicht gewußt, daß sie nicht schicklich seien. Wenigstens wäre es ihr unerhört vorgekommen, wenn Meinolf Alfsleben Miriam so hätte auf die Arme heben und tragen wollen. Doch das hätte er auch nicht getan, so weit gingen seine Einfälle und Launen nicht, wenn sie sich vielleicht auch nicht dagegen gewehrt haben würde. Aber darin war Zea ihr wieder an Schicklichkeitsgefühl voraus, um keinen Preis ließe sie sich von ihm tragen, und es war auch undenkbar, daß er es tun solle, so sehr mißachtete er sie doch nicht. Denn bei all seinem anmaßenden und herrischen Benehmen war auch etwas Zaghaftes in ihm, das sich zwar nicht hören und sehen, nur empfinden ließ, und nur von ganz anderer Art, als bei Tilmar; für den Unterschied gab's in der Sprache, selbst im Denken keine Worte. Und das wußte sie auch von ihm, er würde sie noch viel geringer schätzen, falls er erführe, sie lasse sich von jemanden auf die Arme nehmen und tragen, selbst wenn er wüßte, daß der es tue, dessen Frau sie künftig werde.

Gedanken und Vorstellungen waren's, die sich ihr beim Umgehen der feuchtbrüchigen Stelle, unwillkürlich eins aus dem anderen entspringend, durch den Kopf drängten; dann traf sie mit dem jungen Lehrer, der gradaus fortgeschritten, wieder zusammen und sagte: »Es war zu weit, ich wäre dir zu schwer geworden,« Er erwiderte: »Nein, gewiß nicht – eher zu kurz –« doch abbrechend fügte er schnell hinterdrein: »Wohin willst du eigentlich, Zea?«

Sie hob den Kopf und blickte vor sich auf. »Weiter!« und sie ging schon wieder gradaus vorwärts; wohin sie wollte, kam ihr selbst nicht zu deutlichem Bewußtwerden. Doch dämmerte es ihr allmählich mehr und mehr auf, wie sie sich nun dem im Osten die Heide begrenzenden Waldrand so stark näherten, daß seine einzelnen Bäume nach ihren Blättern unterscheidbar wurden, und dann standen sie unter dem überhängenden Gezweig. Tilmar Hellbeck sagte mit etwas angestrengt Atem schöpfender Brust: »Ich glaube, schneller als wir kommt am Sonntag, der Wagen auch nicht nach Helgerslund.«

Zea wiederholte: »Nach Helgerslund?« und sie sah um sich. Dann setzte sie hinzu: »Ja, wir müssen nicht weit mehr davon sein. Und während sie's sprach, stand's auf einmal klar vor ihr, wohin es sie heut' gezogen und weshalb sie so rasch gegangen. Wie schon früher, mußte ihr die letzte Nacht im Schlaf das Verlangen wieder erneuert haben, die Nachtigall im Helgerslunder Park schlagen zu hören; das war's, hatte sie die Richtung hierher wählen und so hurtig eilen lassen. Träume, von denen man selbst nicht wußte, konnten ja eine wunderliche Macht ausüben, doch ließ sich's nicht erklären, Tilmar hätte es sicherlich nicht verstanden und wohl darüber gelacht, sie sah einen Augenblick ungewiß an ihm vorbei, dann sprach sie rasch: »Da ich einmal hier bin, wär's unfreundlich, wenn ich umkehrte, ohne Unna die Hand zu geben. Sie bittet mich so oft, zu ihr zu kommen – wir sind so schnell gegangen, ich mag's dir nicht zumuten, noch weiter – du wirst dich lieber etwas ausruhen wollen, es ist hier ja auch schön dazu. Ich gehe nur, ihr guten Tag zu sagen, und komme gleich zurück und treffe dich wieder hier.«

Ein bißchen stockend hatte sie's gesprochen; es war besser, daß er sie nicht bis zum Schloß begleitete, ihr fiel ein, Unna fand so leicht etwas komisch und lächerlich an ihm. Das mochte er selbst auch schon empfunden haben, denn er versetzte, ob auch hörbar, selbst für die kurze Zeit sich sehr wider seinen Wunsch von ihr trennend: »Nein – wenn du meinst, daß du's so mußt – ich kenne die Herrschaften ja nicht und bleibe lieber hier. Aber komm' recht bald wieder und denke an mich, daß ich auf dich warte und immer glaube, ich höre deinen Schritt.«

»Gewiß – längstens in einer halben Stunde, mehr als zehn Minuten noch kann's bis zum Hause nicht sein«. Zea trat schnell weglos zwischen den Stämmen durch in den Waldgürtel hinein. Die große Koppel mit der Viehherde und dem Stier, vor dem ihr Vater Besorgnis hegte, mußte weiter nach rechts liegen, so daß sie nicht darüber fortzugehen brauchte. Jedenfalls konnte sie sich rechtzeitig hüten und war selbst ohne welche Furcht; wahrscheinlich verhielt es sich mit dem bösen Stier nicht schlimmer, als mit den Ottern, Der Gedanke rührte sie auch nur flüchtig an, ein anderer verdrängte ihn gleich oder eigentlich ein ihr im Ohr nachhaltender Klang, der Ton, mit dem Tilmar das Wort »die Herrschaften« gesprochen. Darin lag etwas von dem, was Unna zum Lachen über ihn reizte, Zea selbst fühlte eine Anwandlung dazu. So, sich tief unterordnend und demütig hatte es geklungen; im Grunde war's nicht zum Lachen, sondern traurig, wenn ein Mensch sich als etwas derartig niedrig unter anderen Stehendes empfand. Aber freilich sprach eine gewisse richtige Selbsterkenntnis und Schätzung heraus – nicht weil er ein armer Dorfschullehrer war – doch weil er in seinen Kenntnissen, seiner Bildung und auch in seiner äußerlichen unsicheren Art, sich zu benehmen, anderen so nachstand. Über Meinolf Alfsleben lachte Unna Brookwald wahrscheinlich nie oder wenigstens nicht aus solchen Gründen. Ändern ließ sich jedoch nichts mehr daran; wie ein Mensch in der Kindheit einmal geworden, so war er und blieb er natürlich auch sein Leben lang.

Kurz hielt Zea dann und wann den Fuß an und horchte. Doch umsonst, nur verschiedene andere Vogelstimmen klangen über ihr aus dem Buchenlaub, kein Nachtigallgesang, den zu hören sie hier ging; bis zum Schloß wollte sie gar nicht. Sie hatte es nur bei Tilmar vorgeschützt, allerdings nicht ganz der Wahrheit gemäß, oder richtiger ihm ihren wirklichen Wunsch verschwiegen. Aber das ließ sich nicht anders machen, wenn jemand das Verständnis für etwas abging, und Schweigen war nicht Lügen. Auch von ihrem täglichen Gang nach dem Findlingstein hatte sie ihm und ebenso zu Hause nicht gesprochen, denn was sie dazu veranlaßt, hätte niemand begreifen können als sie; es gab eben Dinge, die man für sich allein behalten mußte, wenigstens solange man nicht deshalb befragt wurde. Und wie gut, daß sie's getan, denn wie würden sonst alle sie wegen ihres kindischen Betragens ausgelacht haben, so wie Unna über Tilmar lachte.

Zea war auf einen Waldpfad gekommen, dem sie nachfolgte, der nun in einen breiteren Weg mündete. Beim Hinaustreten auf diesen fuhr sie indes ein wenig zusammen; seitwärts her tönte ein schon naher Fußtritt, und unerwartet stand sie gleich darauf Herrn von Brookwald gegenüber. Durch seine Augen ging ein Stutzen, als ob er sie nicht sofort erkenne, doch dann lachte er:

»Du bist's – wahrhaftig und leibhaftig – fliegen die Möwen 'mal landein? Darauf ließ sich kaum hoffen, die gebratenen Tauben sind rar in der Luft. Na, das ist ja nett von dir und wird Unna freuen. Hoffentlich hast du dich für länger eingerichtet, bei uns zu bleiben, jedenfalls über Nacht. Kriegst du Heimwehgrimmen, kannst du aus deiner Stube den Turm von Loagger und dahinter die See angucken, höher oben ist die Aussicht natürlich noch schöner. So lustige, junge Gesellschaft hab' ich gern hier, jachtert und kräht nur wie die Puten miteinander herum, mir wird's nicht zu viel.«

Da konnte Zea also nicht zurück, sondern mußte in der Tat mit zum Schloß, das auch schon an der nächsten Wegecke nah zum Vorschein geriet, Fritz Brookwald rief nach seiner Tochter; sie kam und warf fröhlich überrascht der unverhofften Besucherin die Arme um den Hals. Ihr Vater sagte, davongehend: »Nun hast du sie, halt' sie und laß sie nicht los! Matronen seid ihr alle beide just noch nicht, aber so jung kommt ihr doch nicht wieder zusammen. Das war ein guter Einfall von dir, Zea – werd' mir die Ehre geben, mein Fräulein, Sie heut abend feierlich zu Tisch zu führen – tun Euer Gnaden ganz, als ob Helgerslund Ihnen gehörte! Ich bin jetzt wohl überflüssig im Taubenschlag; so zwei Gelbschnäbel gurren lieber miteinander allein.«

Das war Herrn von Brookwalds spaßige Art, Zea nicht gerade angenehm, doch von Kindheit auf bekannt. Die Mädchen blieben selbander zurück und setzten sich auf eine Schattenbank; Unna ließ den Arm nicht vom Nacken der Freundin, zeigte sich überaus glücklich und zärtlich. Sie war ein großes Kind mit plappernder Zunge und Augen, in denen man bis auf den Grund hinuntersah, wie bei einem klaren Quellwasser. Die Nötigung, wirklich den Besuch hier zu machen, hatte im Anfang Zea nicht angenehm überrascht, doch sie fand sich jetzt darin, ja freute sich fast, daß es so geschehen sei. Tilmar wartete ja auch gern ein paar Minuten länger am Waldrand, von dem der Blick so schön über die Heide ging; ihr kam der Gedanke, ob man von dort aus die Birken über ihrem früheren Lieblingsplatz sehen könne. Nein, das war wohl zu weit, und menschliche Gestalten jedenfalls auch nicht. Ob Meinolf Alfsleben eigentlich erwartet hatte, sie werde heut, wie bisher an jedem Tag, wieder dorthin gehen? Nein, das hatte er wohl nicht und vermutlich kam er zum erstenmal ebenfalls nicht, denn sein Aufenthalt drüben hätte ja den Zweck verfehlt. So begab er sich wahrscheinlich heute anders wohin, um seine müßige Zeit los zu werden. Neben ihr plauderte, auch einem plätschernden Quell ähnlich, Unna ohne Unterlaß; Zea richtete plötzlich einmal den Kopf auf und fragte: »Ist's dir so lieb, daß ich hier bin?«

»Das weißt du doch.«

»Ja, weil du immer so allein bist, hast du denn nie anderen Besuch?«

»Nein, wenigstens keinen, der mir wirklich Freude macht. Nur Meinolf kommt in den letzten Wochen zuweilen – Meinolf Alfsleben von Ekenwart – weil sein Vater sich wieder mit meiner Mama befreundet hat. Du, der ist gar nicht so schlimm mehr wie früher – im Gegenteil, ich wollte eher, er wär' ein bißchen wilder und ausgelassener, daß man einmal mit ihm herumjagen und etwas Vergnügtes mit ihm treiben könnte, Fangen oder Verstecken oder sonst was. Aber er sitzt bloß immer langweilig da, man kann sich nicht vorstellen, daß man Angst vor ihm gehabt, er könne einen wieder in den Teich stoßen. Ich kriege jedesmal förmlich beinahe einen Schreck, wenn ich ihn ankommen sehe – da kommt er ja!«

Unna flog jählings vom Sitz auf, einem lupus ex fabula gleich trat der Beredete in nicht weiter Entfernung um eine Gebüschwand hervor. Das war ein merkwürdiger Zufall, aber es gab doch noch Merkwürdigeres. Denn in diesem Augenblick entsann Zea sich plötzlich, daß sie in der letzten Nacht auch geträumt habe, Meinolf Alfsleben komme heute nach Helgerslund, um Unna zu besuchen. Nur war ihr die Erinnerung daran überdämmert gewesen, kam ihr aber jetzt aufs deutlichste zurück, weil sie ihn genau so über den sonnigen Platz vorm Schloß herankommen gesehen hatte.

Unna lief ihm entgegen und rief: »Das ist hübsch, daß du kommst, Meinolf, und trifft sich so gut. Zea ist auch hier – du kennst doch Zea Hollesen noch? – Da sind wir einmal zu dritt und können miteinander Spiel und Spaß treiben.«

Nein, er kannte Zea Hollesen offenbar nicht mehr. Mit dem Munde verneinte er's zwar nicht, doch er verbeugte sich leicht, hübsch und höflich vor ihr, als vor einer Fremden und stellte ihr anheim, sich zu benehmen, wie sie wolle. Das war zugleich herausfordernd und hinterhältisch berechnend von ihm, das Abscheulichste, was er überhaupt tun konnte. Die erste Regung trieb sie, nicht auf seine Begrüßung zu erwidern, sondern sich wie gestern umzudrehen und fortzugehen. Doch stand er augenblicklich ja nicht mit Miriam vor ihr, sondern mit Unna, und um dieser willen durfte sie sich wohl nicht so unhöflich betragen; außerdem kam er hierher nicht, um sie in ihrem Recht zu kränken, kein Einfall, der Zufall brachte ihn, und obendrein hätte sie ja wissen oder wenigstens vermuten können, daß sie hier mit ihm zusammentreffen werde. Es war ihr auch lieber, daß er tat, als ob sie ihm wildfremd wäre und also mit Unna nicht von seinem täglichen kindischen Treiben auf der Heide gesprochen hatte; das Boshafte lag hauptsächlich in seiner harmlosen, leichtgewandten Verbeugung. Denn er wußte oder dachte jedenfalls, sie werde sich nicht darauf verstehen, ihm ebenso zu entgegnen, vielmehr sich linkisch-unbeholfen wie ein Bauernmädchen benehmen und lächerlich machen. Und das setzte er allerdings ja auch ganz mit Recht voraus, sie hatte es nicht gelernt und sich in ihrem Leben noch nicht wie eine Dame verneigt. Aber sie fühlte, gerade seine Heimtücke kehrte sich gegen ihn und leistete ihr Beistand, denn zugleich kam ihr die Überzeugung, er sei doch nicht durch einen Zufall grad' um diese Stunde hergeführt, sondern habe sich wieder von irgendeinem Kobold unterrichten lassen, daß sie hierhergegangen sei. Und da war's begreiflich, daß er sich ebenfalls einstellte, sich an dem gestern über sie errungenen Sieg zu weiden. In seinen Augen drückte sich dieser Triumph natürlich nicht aus, die sahen ganz gleichgültig drein, doch innerlich war er voll von frohlockendem Übermut, daß sie so einfältig gewesen und er gestern seinen Zweck so erreicht habe. Das alles drängte sich Zea in einem Augenblick zusammen, kam ihr zu Hilfe – zum Glück war sie ja auch ein wenig darauf vorbereitet – und ohne unbeholfen zu zaudern, erwiderte sie auf seinen stummen Gruß ebenso höflich mit einer stummen leichten Verneigung. Gar nicht wie eine Dame, aber so vollkommen mit natürlicher Mädchenanmut, wie sie nicht erlernt werden, sondern nur angeboren vorhanden sein konnte. Und selbstverständlich ebenfalls wie einem Fremden gegenüber, den sie zum erstenmal sehe, oder an den sie sich höchstens bei der Nennung seines Namens dunkel aus längst vergangener Zeit erinnere.

Nicht zu erwarten war's, daß er sie anreden, sich überhaupt weiter um sie bekümmern werde; sie fühlte sich darin ganz sicher, und ihre Zuversicht bewährte sich auch durchaus. Er tat, als ob sie gar nicht vorhanden sei, sprach nur mit Unna, doch mit dieser so spaßlustig und übermütig, daß ihre Beschwerde über ihn, er sei ihr zu langweilig und nicht mehr ausgelassen genug, sich nicht recht begreifen ließ. Allerdings erweckte er nicht mehr den Verdacht, er könne sie in ungebärdiger Wildheit blindlings ins Wasser stoßen, aber er scheute sich keineswegs, ab und zu handgreiflich an ihr zu werden, sie ein Stück am Arm mitzuziehen, ihr etwas abzuringen, wonach sie mit der Hand faßte. Das belustigte sie, und sie war augenscheinlich heut ganz mit ihm zufrieden; er benahm sich gegen sie wie ein großer Bruder, neckend und dann und wann gewalttätig, aber doch immer Rücksicht darauf nehmend, daß sie ein Mädchen sei. Sie kannten sich ja auch von klein auf und Unna war gleichen Standes mit ihm, das ließ ihn seinem Wesen freien Lauf lassen. Dazwischen erzählte er ihr außerordentlich lebendig allerhand Geschichten aus seiner Schul- und Universitätszeit, die sie offenbar zum erstenmal hörte, denn sie fragte bald dies, bald das; er mußte heut' besonders aufgeräumt und mitteilungslustig sein. »Und willst du denn nun immer hier bleiben?« fragte sie einmal. Er antwortete lachend: »Meinst du hier auf Helgerslund?« – »Du verdrehst einem immer die Worte im Mund; auf Ekenwart meine ich natürlich.« – »Wenn du machen kannst, daß es immer Sommer bleibt, dann geht sich's nämlich hier viel angenehmer in Wald und Feld herum, als zwischen den Stadthäusern ins Kolleg hinein. Von der Rechthaberei habe ich auch vorderhand genug.« – Unna fiel ein: »Du? Das sieht dir gleich, es gibt ja gar keinen zweiten, der so dazu geboren ist. Oder meinst du vielleicht Rechtswissenschaft?« – »Ich meine dir gegenüber gar nichts, aber mein Vater, glaube ich, meint, es wäre künftig ganz nützlich für mich, wenn ich Weizen von Roggen unterscheiden könnte, überhaupt nützliches Kraut von Unkraut. Kannst du's vielleicht?« – »Ja, Unkraut will ich dir schon zeigen; ihr habt doch wohl einen Spiegel auf Ekenwart? Da komm' ich nächstens einmal und gebe dir eine Lehrstunde. Übrigens kann Zea uns am besten dabei helfen, die versteht sich viel mehr als ich auf Pflanzen. – Du, ich glaube, meinen Namen vergißt du nächstens auch. Bewahr' einen Gott vor solchem Heuhüpfer im Kopf!«

Zea mußte den Kopf seitwärts drehen, sich die Zähne auf die Lippen pressen. Ein Heuhüpfer im Kopf – das hatte Unna vorzüglich ausgedrückt, besser konnte man's nicht sagen. Ein so närrisches Insekt war's; nun schnellte es sich auf und verschwand, aber da kam's schon wieder, um aufs neue ebenso wegzuhuschen, immer fort und immer doch wieder mit einem plötzlichen Sprung auftauchend und zeigend, daß es da sei. Oder noch richtiger traf's zu, als sei der Mund Meinolf Alfslebens ein Stückchen Bodengrund, auf dem unsichtbar ein ganzer Schwarm von Heuhüpfern hocke und auf etwas in seine Nähe Geratendes lauere, um auf einmal in die Höh' zu schwirren, daß es förmlich wirbelig machte, all das hurtige unkluge Gehüpf aufzufassen, und daß es wirklich schwer fiel, ein Lachen dabei zu verbeißen. Zea kannte derartige Stellen auf der Heide, die Sonne lag immer so recht voll und warm über ihnen, und ihr war's vor den Augen, als sehe sie auf einen solchen hin. Das war allerdings nur eine Einbildungstäuschung, die auch rasch verging und sie in der besonnten Fläche vor ihr wieder einen Parkplatz von Helgerslund erkennen ließ. Und halb kam ihr dabei auch, an ihm sei etwas anders als vorher, wie sie mit Unna hierhergegangen. Die Baumschatten machten's, hatten sich verändert, fielen länger herüber: sie mußte wohl schon ziemlich lange auf der Bank gesessen haben. Auch hörte sie Unna jetzt einmal rufen:

»Wollen wir denn immerzu stillsitzen? Wir sollten doch etwas spielen, wobei man laufen kann, Kriegen oder Versteck.« Und danach hörte Zea eine andere Stimme sprechen:

»Sind Sie's, lieber Meinolf? Das ist ja hübsch, daß Sie den jungen Mädchen Gesellschaft leisten, Ihr Vater, glaube ich, macht einen Spaziergang mit meiner Frau. Ja, Versteckspielen, wer das noch auf so flinken Beinen mitmachen könnte, aber wenn die Gäule zu Jahren kommen, kriegen sie den Spat und werden kreuzlahm. Das ist auch ein Kreuz, aber ein Schockschwerenot hängt dran.«

Der Sprecher mußte Herr von Brookwald sein, der wohl grad' vorbeigekommen und den Ausruf seiner Tochter gehört hatte. Noch für gewiß hätte Zea es nicht sagen können; sie verstand zwar die Worte, aber als wären sie nicht in der Nähe gesprochen, sondern klängen von irgendwo aus der Ferne her. Ihr war's, als trüge sie ein schalldämpfendes Tuch über die Ohren geknöpft, überhaupt, wie wenn ihr ganzer Kopf mit einem schleierartigen Stoff umwickelt sei und auch die Gedanken darin mit. Von dem schnellen Gehen und der heißen Sonne auf der Heide rührte es wohl her, das machte sich nachträglich geltend. Sie hörte Unna wieder rufen: »Ich will zuerst suchen! Da, an der Linde ist das Mal, versteckt euch!« Und sie begriff alles, auch daß sie natürlich mitspielen mußte, und handelte danach, aber sie hatte kein rechtes Bewußtsein von dem, was sie tat. Für Augenblicke, wenn sie wollte, sah sie ganz scharf, jetzt, nach welcher Richtung Meinolf Alfsleben sich fortbegab, und sie ging schnell in die entgegengesetzte. Doch dann lag der Schleier ihr wieder um die Sinne; in ihrem Buschversteck hörte sie das Zählen Unnas bis hundert, danach ward's still, so lautlos, daß sie das Klopfen ihres Herzschlags vernahm. Das Sichverborgenhalten, die Erwartung, ein leises Blätterrascheln hatten etwas Aufregendes, sie war nicht an solches Spielbetreiben gewöhnt. Und dann auf einmal Geschrei und Gelächter; Unna hatte sie doch an ihrem Kleid entdeckt, flog zum Baumstamm zurück und meldete ihren Namen dran ab. Nun mußte Zea sich die Augen zuhalten, zählen und suchen, natürlich nur nach Unna, denn Meinolf Alfsleben spielte für sie gar nicht mit, war ihr hier ebensowenig vorhanden, wie am Findlingstein auf der Heide; auch wenn sie ihn gefunden, hätte sie selbstverständlich nichts von ihm gesehen, seinen Namen nicht abgemeldet. Aber mit Unna so zu spielen und um die Wette zu laufen, war hübsch, brachte in Eifer, sie flog wie ein Vogel zur Linde, einem großen Goldpirol ähnlich, denn das Haar ging ihr auf, ohne daß sie's merkte. Meinolf hielt sich so gut versteckt oder lief so schnell, daß Unna ihn nie dranbrachte; die beiden Mädchen mußten immer mit Suchen abwechseln. Einmal kam Zea, wohl wieder von einem verlängerten Baumschatten her, plötzlich in Erinnerung, daß Tilmar drüben am Waldrand auf sie warte. Aber das tat er wohl nicht, er hatte gewiß bemerkt, daß sie genötigt worden sei, länger zu bleiben, und war vorauf nach Loagger zurückgegangen. Sie hatte doch Unna nicht die seltene Freude verderben und um seinetwillen gleich wieder fortgehen können; das wäre unfreundlich und rücksichtslos gewesen. Und Tilmar war ja so geduldig-sanftmütig, ward durch nichts aufgebracht, sondern sah immer das Richtige ein, so daß man bei ihm nicht daran zu denken und sich zu fürchten brauchte, er könne deswegen erzürnt werden oder gar, wie vielleicht ein anderer, weniger Vernünftiger außer sich geraten und Gott möge wissen, was für kindisch unkluge Dinge anstellen.

Darüber weiter zu denken, war ihr nicht möglich, denn Unna hatte jetzt doch einmal Meinolf Alfsleben angeschlagen! Zum erstenmal trat er an die Linde, um zu zählen, und Zea mußte nach einem Versteckplatz suchen. Sie lief hastig davon; warum, wußte sie nicht zu sagen, aber in ihr war plötzlich die Überzeugung, er werde es darauf anlegen, sie zu finden. Nicht um sie dann abzumelden – das war nicht seine Absicht – sondern nur, ihr zu zeigen, daß er sie sehe, und danach gleichgültig weiterzugehen und Unna zu suchen. Den neuen Triumph aber sollte er nicht haben, um keinen Preis wollte sie sich finden lassen, mußte sich anderswo als bisher, besser, ganz sicher verstecken. Mit dem Trieb nahm sie nicht die Richtung in den Park hinein, lief dem Schloß zu und um dies herum. Ein bedachtloses Tun indes war's, denn der Schatten der Hauswand konnte ihr nicht nützen, und sonst gab's hier keinen Unterschlupf. Außerdem sah sie auch grad' jetzt alles nur so undeutlich; sie kam an irgend jemand vorbei, doch ohne zu erkennen, wer es sei. Nur hörte sie, daß er etwas sagte, sie wisse wohl nicht, wo sie sich verstecken solle, und halb atemlos antwortete sie: »Nein – wohin kann ich denn?«

»Ja, hier ist nichts als die Tür«, hieß es. Damit war der Sprecher wohl fortgegangen, denn die Stimme klang nicht mehr weiter. Sollte sie dem Rat folgen, durch die Tür ins Schloß hinein? Drinnen war ihr alles fremd – sie konnte auch doch nicht in ein Zimmer stürzen – und auf dem Flur wurde sie jedenfalls gefunden. Aus der Ferne vernahm sie Meinolf Alfslebens Hundert-Rufen, er hatte offenbar absichtlich blitzschnell gezählt, wahrscheinlich dazu noch durch Auslassung gemogelt; das sah seiner Heimtücke ähnlich. Ihr stieg eine Angst zu Kopf, als ob es sich um Leben oder Tod handle; das riß ihr wohl den Schleier von den Angen, sie sah und unterschied plötzlich dicht vor sich unter altem Efeugerank eine andere kleine Tür, flog darauf zu. Kein Drücker befand sich daran, sie schien verschlossen, und dann war die Hilfesuchende rettungslos verloren; sie glaubte, schon einen raschen Fußtritt von der Rückseite des Hauses herankommen zu hören. Doch nein – welches Glück vom Himmel! – die Tür gab auf Druck heiserknarrend nach, und Zea schoß in das aufgefundene Versteck.

Eigentlich unnötig schien sie sich so geängstigt zu haben, denn aus einem mattgrünen Dämmerlicht ihres Schlupfwinkels vernahm sie bald von drübenher ein lachendes Gelärm, daß Unna entdeckt und angeschlagen worden sei. Dann ward's wieder still, als ob Meinolf Alfsleben weiter suche. Doch danach klang ein Ruf: »Zea! Komm nur! Ich bin's, wir fangen nun an!«

Zweifellos bekümmerte er sich gar nicht um sie, suchte nicht mehr, sie war ja auch nicht für ihn vorhanden. Vor dem Spielanfang hatte er sich ja nicht einmal recht an ihren Namen erinnert.

»Zea! Zea!«

Näher kam's, nun ums Haus her. Zwei Stimmen tönten durcheinander. Die Unnas sagte: »Wo kann sie nur stecken?« und lachend antwortete die andere: »Das mag der blaue Himmel wissen! Vielleicht ist sie bis auf die Heide hinaus.«

»Zea! Halt' doch das Spiel nicht auf!«

Das klang ganz nahe, doch plötzlich hinterdrein:

»Die Turmtür klaffte ja und ist offen. Was ist das? Um Gottes willen, sie wird doch nicht –«

Erschrocken fuhr's heraus; Meinolf Alfsleben fragte: »Was hast du denn?«

»Ach, die alte Treppe in dem Turm ist lebensgefährlich und kann zusammenbrechen; die Tür ist darum schon so lang' ich denken kann, zugeschlossen. Ich begreife nicht, wie sie – aber Zea wird ja auch nicht –«

Unna lief trotzdem auf den Turm zu, stieß die angelehnte Tür auf und rief: »Zea!« Unbemerkt tauchte hinter dem Rücken der beiden noch jemand auf; Tilmar Hellbeck war nicht, des Wartens überdrüssig, nach Loagger zurück, sondern von Unruhe getrieben, Zea nachgegangen. Doch vor dem Schloß hatte er sich bescheiden in einem Gebüsch verborgen gehalten; er gehörte nicht hierher, in die vornehme Gesellschaft, harrte geduldig auf die Beendigung des Spiels, dann unbemerkt wieder fortzugehen, und am Waldrand mit Zea zusammenzutreffen. Aber er verstand, was Unna erschreckt sprach; das ließ ihn seine Vorsicht und Absicht vergessen. Blaßgewordenen Gesichts, fast ohne Wissen eilte er aus dem Buschwerk hervor.

Aus dem Innern des Turmes kam keine Antwort, doch trotzdem zeigte das sich umwendende Gesicht Unnas noch größere Bestürzung. Ein leises Geräusch, wie von einem drinnen im Dämmerdunkel aufwärts huschenden Fuß war ihr ans Ohr gekommen. Meinolf sprang auf sie zu und griff nach ihrem Arm: »Was – was? –Sie ist doch drin – will sich nicht finden lassen –«

Unna stieß voll Angst hinterdrein: »Zea! Zea! Komm herunter! Die Treppe bricht mit dir!«

Tilmar Hellbeck lief jetzt heran, doch vor ihm warf Meinolf Alfsleben Unna beiseite und schoß an ihr vorbei in den Turm. Er sah nichts, hörte nur ein Knarren und Knacken über sich vom Gebälk einer mit den letzten Stufen matt erkennbar vor ihm ansteigenden Wendeltreppe. Gegen ihre Mitte zu ungefähr lief Zea aufwärts. Was sie wollte, wußte sie nicht – nur sich nicht finden lassen – droben sei eine so schöne Aussicht, bis auf die See, hatte jemand gesagt. Sie stieg mit geschlossenen Augen, vor denen ihr lauter buntfarbige Lichterscheinungen durcheinander gingen, und ebenso kreiste ihr's im Kopf. Doch hörte und begriff sie den Schreckensruf Unnas, die Treppe breche mit ihr. Das tat ja auch nichts, dann war's freilich mit dem Spiel vorbei – aber besser, als daß sie gefunden werde. –

Meinolf Alfsleben schnellte sich in der Tat über die Stufen auf wie ein riesiger Heuhüpfer, doch er betrug sich wie ein Bär, und rücksichtslose Bärenstärke anwendend, griffen seine Hände zu. Unna brach ein Schrei vom Mund: »Der ganze Turm stürzt ein!« Ein Krachen, Poltern, Prasseln schien's zu bestätigen. Aber nur die Treppe war's und durch das Getöse des Niederbruchs von Balken und Steinen sprang mit einem Satz wohl über das letzte halbe Dutzend ihrer Stufen etwas Großes, Doppeltes zur Türöffnung herunter, ins Freie heraus. Wie ein gewichtloses Kind hielt Meinolf Alfsleben Zea Hollesen auf den Armen, mit ihnen umschnürt und umklammert, ähnlich als halte er ein unvernünftiges Lamm, das er aus einem brennenden Stall geholt und von dessen Unverstand zu befürchten sei, es könne sich losreißen und wieder ins Feuer hineinlaufen. So trug er sie noch eine Strecke weit fort, ehe er sie in Freiheit und auf die Füße niederließ; der erste Anblick beruhigte darüber, daß sie schwere Verletzung erlitten haben könne. Ein halbes Wunder freilich schien's, wie beide so davongekommen, nur die Haare und Kleider des Mädchens waren, wie seine gleicherweise, grau und dick mit heruntergeregnetem Mörtelstaub überdeckt. Der dröhnende Lärm und Unnas Schreien hatte Gutsknechte und Mägde herbeilaufen lassen, auch Fritz Brookwald kam aus der Schloßtür gestürzt und rief, Meinolf, der das Mädchen noch nicht zu Boden gesetzt, mit dem Blick überfliegend: »Was gibt's denn? Herr Gott – was ist – ist sie – ist sie tot?«

»Nein – Unkraut vergeht nicht – mich mein' ich natürlich« – Meinolf Alfsleben lachte hell hinterdrein – »nur gepuderte Frisur hat's gegeben, wie zum Komödiespielen. Der Friseur drinnen war etwas zu freigebig damit, die Augen haben auch noch mit abbekommen.« Er rieb sich aus den Lidern den Staub und schüttelte ihn vom Haar; mechanisch tat Zea das gleiche, während Unna eilfertig ihrem Vater Aufschluß gab, was vorgefallen und wie es geschehen sei. Noch schreckzitternd schloß sie den kurzen Bericht: »Ich begreife nicht, daß die Turmtür offen gewesen.«

»Was?« Fritz Brookwald fuhr wild auf. – »Die Tür offen? Welcher Hundsfott« – er drehte sich zornweißen Blicks gegen die Knechte um – »hat drin etwas zu suchen gehabt? Natürlich wieder irgendeine Lumperei, und keiner ist's gewesen! Aber das werd' ich schon herausbringen, nachher, und der soll mir – armes Kind, du bist gottlob gut mit einem blauen Auge davongekommen.«

Er trat zu Zea hin, die wortlos vor sich hinausblickend dastand, als ob sie aus einer über sie geratenen Sinnbetäubung erst allmählich zu sich komme. Sie sah Meinolf Alfsleben jetzt neben Unna stehen und hörte ihn sagen: »Hast du Angst gehabt? Wer erschrickt denn wegen solcher Kleinigkeit? Das war bloß ein Spaß!« Unna griff mit der Hand nach seinem Arm: »Die Steine hätten dich totschlagen können!«

»Meinst du? Das kann immer passieren, einem ein Stein vom Himmel auf den Kopf fallen.«

Nun kamen die Augen Zeas dahin, etwas von ihnen entfernt ein anderes Gesicht aufzufassen, doch erkannte sie es noch nicht gleich auf den ersten Blick. Dann aber sagte sie: »Du bist es, Tilmar? Du willst mich – ja, es ist wohl Zeit, daß wir nach Hause gehen –«

Unna klopfte Meinolf den Kalkstaub vom Ärmel ab und entdeckte etwas an seiner Stirn. »Da hat dich doch ein Stück getroffen, du hast eine rote Schramme – ich glaube von einem Holzsplitter und er steckt noch darin. Ich will kaltes Wasser holen – nein, komm mit ins Haus, das geht schneller, da zieh' ich ihn dir heraus.«

Ihrer Freundin war ja nichts Übles zugestoßen, so daß Unna augenblicklich nicht an Zea dachte und ebensowenig tat's Meinolf Alfsleben. Natürlich nicht, er hatte sich den ganzen Nachmittag nicht um sie bekümmert, sie war nicht vorhanden gewesen. Nur sie mit Gewalt von der Turmtreppe herunterzuholen, hatte ihm Spaß gemacht, weil er gemerkt, daß sie sich nicht finden lassen, nicht von selbst kommen wollte, das Spiel aufhielt. Daß wirklich eine Gefahr sei, war ihm vermutlich gar nicht in den Sinn gekommen.

Die gescholtenen Knechte entfernten sich, auch Herr von Brookwald befand sich nicht mehr auf dem Platz, allein Tilmar stand neben ihr. Oder vielmehr, er folgte ihr nach, denn ohne rechtes Bewußtsein von ihrem Tun zu haben, setzte sie die Füße vor und ging. Sie durfte sich nicht länger aufhalten, der Rückweg zum Dorf war weit, und sie fühlte, es müsse hohe Zeit sein, zu gehen; doch hatte sie kein Zeitmaß dafür, wie lange sie eigentlich hier gewesen sei. Beim Heraustreten aus dem verschattenden Wald kam's ihr fast befremdend, daß die Sonne noch ziemlich hoch über der Heide stand. Jedoch in der Geschichte, die sie einmal gelesen, wie jemand um Mittag in den Wald gegangen, hatte die Sonne auch noch geschienen, als er sich wieder auf dem Rückweg befunden. Trotzdem aber hatte er ein Jahrhundert auf der Waldlichtung zugebracht.

Sie hörte neben sich ihren Begleiter sprechen, natürlich ohne einen Laut des Vorwurfs darüber, daß sie nicht Wort gehalten, ihn so lange habe warten lassen. Er begriff nicht, daß Herr von Brookwald nichts zur Ausbesserung der baufälligen Turmtreppe getan, deren gefährlichen Zustand er doch schon seit Jahren gekannt haben müsse. Zea nickte dazu und sagte:

»Ja, seit einem Jahrhundert.«

Die unverständliche Erwiderung ließ den jungen Lehrer verwundert zu ihr aufblicken, doch drängte sich ihm etwas anderes im Kopf nach, eine Erinnerung, von der er weiter redete. Der Traum war's, in dem sich vor ihm eine schwarze Otter gegen Zea aufgerichtet, er ihr zur Hilfe laufen gewollt, aber zu weit entfernt gewesen und es nicht mehr gekonnt. Doch grad' rechtzeitig noch hatte statt seiner ein anderer, von dem er nicht erfahren, wer, sie gerettet – und genau so war es heut', wenn die Gefahr auch anderer Art gewesen, in Wirklichkeit geschehen. Nur wußte Tilmar jetzt, durch wen, konnte dem Lebensretter seiner künftigen Frau dankbar sein, wie keinem zweiten auf der Erde. Er hatte auch den heftigen Drang gehabt, diesen Dank auszudrücken, die Hand Meinolf Alfslebens zu ergreifen, ihm um den Hals zu fallen. Aber das stand ihm bei dem vornehmen adligen Herrn nicht zu, und so mußte er sich schweigend zurückhalten. Schon mehr als dreist hatte er gehandelt, daß er sich bis ans Schloß hinan begeben.

Zea hörte seine Stimme und verstand seine Worte auch. Aber er konnte es doch eigentlich nicht mehr sein, der neben ihr herging, denn das, wovon er erzählte und sprach, war ja vor einem Jahrhundert gewesen.

Mit dem Tage aber hatte die lange heitere Laune des Himmels ein Ende genommen; als Zea am nächsten Morgen erwachte, fiel kein Sonnenschein in ihr Fenster, die Luft war grau, der Wind kam von Südwest her und spielte leis' mit dem vollen Laubschmuck der Gesträuche im Pfarrhausgärtchen. Sie blieb, nachdem sie sich fertig angekleidet, noch eine Zeitlang stehen und blickte darauf hin; in ihren unbeweglich weit offenen Augen lag ein großer staunender Ausdruck, als ob sie ein solches Hin- und Herspielen der Blätter noch nie gesehen habe. Ihr verwob sich damit das Gedächtnis dran, wie sie gestern abend nach Hause gekommen und nichts verändert gefunden; es war ja auch vollständig sinnlos gewesen, daß sie ein Jahrhundert im Helgerslunder Park zugebracht haben sollte. Sie trug das Kleid an sich, das sie gestern morgen ebenso von demselben Haken im Wandschrank heruntergenommen, jedes Stück in ihrem Zimmer stand und lag wie immer – alles rein und blank, und es hätte dichter Staub drauf sein müssen, wenn – aber den hatte sie grad' gestern überall abgewischt, und natürlich war ja auch die ganze Einbildung geradezu närrisch. Doch ließ sich begreifen, woher diese sie überkommen: von einer Erschütterung im Kopf durch den Zusammenbruch der Treppe. Ein kaltes Schauergefühl lief ihr über den Körper; ohne die eigenwillige Gewaltsamkeit von Meinolf Alfsleben läge sie wohl von den Steinen und Balken erschlagen; der Ausruf Herrn von Brookwalds hatte gezeigt, daß er dies auch vermutet habe. Wenn jemand so durch einen glücklichen Zufall vor plötzlichem Tode bewahrt blieb, verlor er wohl leicht etwas seine gesunden Sinne und konnte zu derartigen Vorstellungen kommen, als ob eine Minute ein Jahrhundert gewesen sei. Freilich erinnerte sie sich, daß vorher der Warnungsruf Unnas sie ganz gleichgültig gelassen, ob die Treppe unter ihr niederstürze. Aber zu solchem törichten Denken oder gedankenlosen Tun hatte nur die Aufregung des Versteckspielens gebracht; jetzt fühlte sie durch und durch, daß sie nicht sterben gewollt, unendlich dankbar dafür war, noch am Leben zu sein. Tilmar hatte ja auch ebensolches Dankgefühl in sich gehabt.

So war alles um sie her wie gestern, wie immer, und doch kam es ihr, wohin sie sah, neu, wie etwas Unbekanntes, noch nie so Dagewesenes vor. Oder richtiger, alles hatte einen besonderen Ausdruck und sah sie damit an, als ob es etwas von ihr erwarte. Was, sagte nichts, und sie dachte vergeblich darüber nach. Aber wo sie in der nächsten Stunde ging und stand, bei allem, was sie betrieb, blieb's dasselbe. Jeder Gegenstand, mit dem sie sich beschäftigte, sah sie daraufhin an, sie müsse etwas tun. Wie sie einmal in den Garten hinaustrat, da rief's auch eine vom Strand herüberjagende Möwe, sogar zweimal rasch hintereinander. Sie sagte ebenfalls nicht was, aber ihre Mahnung war nicht mißzudeuten. Das einzige, Zea zu einem Empfindungsverständnis Kommende war, alles mute ihr etwas Schweres zu, eine Selbstüberwindung, gegen die sich ihr Innerstes sträube. Doch trotzdem werde sie dazu genötigt sein, denn es müsse geschehen.

Sie hatte den Garten verlassen, schritt gewohnheitsmäßig in südlicher Richtung am Strand fort; ihr zur Rechten rollten die Wellen auf den Sand, und auch jede von ihnen wiederholte gleichmäßigen Tons: »Es muß sein.« Doch ebenso wie alles andere überließen sie ihr, zu verstehen und erkennen, was.

Da bog der Pfad in die Heide hinein, Zea hielt an und sah ihm entlang. Aus dem fruchtlosen Umhersuchen ihres Kopfes ließ der Anblick des Weges ihr einen Gedanken auftauchen: Wenn sie sich auf den großen Stein setze, so helfe der ihr vielleicht, wie ein alter Freund, zu begreifen, was sie denn eigentlich tun müsse. Zwar hatte sie sich einmal gesagt, sie werde ihn nie wieder aufsuchen, selbst wenn sie hundert Jahre alt würde, aber seltsamerweise war seitdem ja auch ein Jahrhundert vergangen. Nicht wirklich, doch in dem Gefühl, das sie gestern gehabt, und darauf kam es an, nicht ob es tatsächlich geschehen; in einem einzigen Augenblick sogar konnte eine unmeßbare Zeit, wie ein ganzes Leben enthalten sein. Wer das nicht erfahren, begriff es wohl nicht und lachte vielleicht zu solcher Vorstellung. Aber sie sah sehr ernsten Gesichts drein, ihr stand zu Schweres bevor, alles rings um sie wußte davon und bemitleidete sie wohl im stillen auch. Denn nichts bot wie sonst ein heiteres, freudiges Aussehen, die Sonne und das Himmelsblau waren verborgen, eine graue Bleidecke verdichtete sich über der Erde. Die Natur hatte gestern zum letztenmal fröhlich gelacht, und Zea empfand, auch ihr könne nie mehr eine Anwandlung zum Lachen kommen.

Nun saß sie auf dem Findlingstein, das Gesicht nach Osten gekehrt haltend. Vor ihren Augen lag nichts von der gestrigen Verschleierung, aufs deutlichste gewahrte sie jeden Gegenstand in der Nähe, sah so scharf wie je in die Weite. Eher noch schärfer, denn sie unterschied einen winzigen Punkt, der sich von dem fernen Waldrand ablöste und über die Heide heranbewegte. Manchmal verschwand er hinter Buschwerk, doch sie wußte, er tauche wieder auf und komme auf sie zu und bringe das Schwere, über das sie noch immer umsonst nachsann. Atembenehmendes kam daraus, wenn es so geschah, der verschwundene Punkt, größer, zu einer Linie geworden, aufs neue sichtbar ward, die gerade Richtung gegen den Stein innehaltend. Und sie wußte ebenso, er werde nicht aus jener abbiegen, um etwa unbemerkt von rückwärts herzukommen, sondern mehr und mehr anwachsen, bis er unmittelbar auf ein paar Schritte weit in voller Größe dastehe. Nur das allein wußte sie immer noch nicht, was sie dann tun müsse.

Und jetzt rückte der unabwendbare Augenblick dicht heran, war da. Der Herzschlag setzte ihr aus, wenigstens in der Brust stand er still, überall. Nur nach einer einzigen Richtung hin stieg er aufwärts wie eine Welle, die, aus der Tiefe emporschwellend, gleichsam alle Kraft der ganzen See vereinigte und sie gegen ein Ziel, ein Bollwerk richtete, um dies zu durchbrechen. So kam's und schwoll's und drängte unwiderstehlich die zusammengeschlossenen Lippen auseinander. Sie mußten sich öffnen, den übermächtigen Herzschlag hindurchlassen, der sich vor ihnen in Stimmenfang, in die Worte verwandelte:

»Ich bin hergekommen, weil ich gestern versäumt habe, dir dafür zu danken, daß du mir das Leben gerettet hast.«

Das war's gewesen, was alles von ihr gefordert gehabt. Ihr Kopf hatte es bis zuletzt nicht finden können, aber nun, da sie es ohne sein Beihelfen gesprochen, wußte sie's. Tief atmete sie danach auf, das Schwere, Ungeheure war vollbracht. Ihr war's, als ob der große Stein ihr auf der Brust gelegen habe und abgewälzt heruntergefallen sei.

Flüchtig blieb's still, daß Zea hörte, wie der Wind surrend durch das Heidekraut lief. Dann klang fröhlich die Stimme Meinolf Alfslebens:

»Hab' ich dir das Leben gerettet? Ich glaubte, ich tät's für mich –«

Einen Augenblick hielt er an, ehe er hinzufügte: »Denn Unna Brookwald sagte, du verständest dich gut auf Pflanzen, und mein Vater wünscht's von mir ja auch. Das fiel mir ein und ich sprang die Treppe hinauf, weil du mir nicht dazu behilflich sein konntest, wenn du nicht mehr lebendig warst.«

Wieder raschelte der Wind in den vorjährigen dürren Heideglöckchen.

»Aber verlangen kann ich's natürlich nicht von dir, nur fragen, ob dir's zuwider ist, meine Lehrerin zu sein.«

Mit dem Dank, den sie ihm auszusprechen gewußt, war's ihr plötzlich zur Erkenntnis gekommen, ihr Leben gehöre gar nicht mehr ihr selbst an, sie habe es verloren und er es am Weg aufgenommen und halte es wie sein Eigentum in der Hand. Das hatte gestern auf dem Rückweg das sonderbar verworrene Gefühl über sie gebracht; nicht ein Jahrhundert war seit dem Augenblick, in dem er sie gefaßt und aus dem Turm heruntergetragen, vergangen, sondern überhaupt alle Zeit. Denn sie war tot gewesen, durch ihn wieder neu belebt, in einer vollständig anderen, neuen Zeit. Darum sah heut alles sie so anders an, sie gehörte ihm, er hatte das Recht, von ihr zu fordern, was er wollte. Sie besaß keinen eigenen Willen, und er war großmütig, verlangte nichts, als daß sie ihm behilflich sein solle, Pflanzen kennen zu lernen.

So stand sie vom Sitz auf und antwortete: »Wenn du es willst« – doch der Klang des letzten Wortes gab ihm die Bedeutung: Wenn du es befiehlst. Ihr Fuß setzte sich vor und sie ging, aber die Fortbewegung verursachte ihr kein Gefühl; sie hatte keine Empfindung, einen Körper zu haben, sondern werde von etwas außer ihr über den Boden hingeführt. Das konnte auch nicht anders sein, denn sie war ja nicht mehr ihr Eigentum; neben ihr ging Meinolf Alfsleben, bückte sich ab und zu, hielt ihr eine gepflückte Blume vor die Augen und fragte lerneifrig nach dem Namen. Ihr kam manchmal eine Angst, sie könne nicht darauf zu antworten wissen, denn dann hätte er das Recht gehabt, zornig zu werden und ihr Leben, das er in seiner Hand trug, als etwas Unnützes wieder wegzuwerfen. Doch sie wußte es immer, zum Glück hatte sie in ihrem Vorleben bei dem Lehrer in Loagger guten Unterricht gehabt. Lange mußte sie schon so gehen oder willenlos bewegt werden und oft bereits erwidert haben; in der anderen, neuen Zeit gab es kein Maß für ihr Vergehen, sie blieb immer nur Gegenwart. Aber jetzt einmal mußte Zea sich bei einer ihr vorgehaltenen Blume erst besinnen, bis ihr gottlob der Name doch noch kam: »Glockenheide« – auch der lateinische aus dem Munde Tilmar Hellbecks: »
Erica tetralix.« Das letzte verbesserte merkwürdigerweise trotz seiner botanischen Unkenntnis ihr Schüler: »So? Tetralix, das Vierfältige.« Sie vermochte sich nicht anzugeben, warum diese Richtigstellung ihrer falschen Betonung ihr das Blut etwas in die Schläfen trieb, aber, rasch darüber weggehend, erwiderte sie schnell: »Die kann eigentlich noch nicht blühen, ihre Zeit ist erst im Juli, es ist noch zu früh.« Das ließ Meinolf Alfsleben mit einem leichten Lachen die Antwort begleiten: »Du bist freilich meine Lehrerin, aber hierbei glaube ich doch meinen Augen mehr, denn ich sehe, daß sie blüht. Und mich deucht, sie brauchte auch nicht länger zu warten, es hat lang genug gedauert, bis sie dazu gekommen ist.«

Beim Letzten brach er ab. »Das, scheint mir, war ein Tropfen auf meiner Hand. Es fängt an zu regnen, merkst du's nicht auch?«

Sie schüttelte verneinend den Kopf, doch zweifellos hatte er sich nicht getäuscht, denn im Nu schlugen sichtbar rundum große Tropfen herunter und wohl ein halbes Dutzend auch auf ihr Gesicht, so daß Meinolf nachrief: »Jetzt wirst du's fühlen!« Doch verneinte sie wieder ebenso, sie fühlte nichts, hätte es ja auch nicht gekonnt, da sie keinen Körper besaß. Nur eins gelangte ihr zur Empfindung – sein Blick war rasch umhergegangen und danach hatte er sich hurtig niedergebückt – und nun ließ die Erinnerung ein halbes Bewußtwerden in ihr dämmern, daß sie nicht mehr aufrecht, sondern, wie gestern einmal, wagrecht durch die Luft fortschwebe. Das geschah wohl, weil Meinolf Alfsleben sie mit seinen Armen aufgehoben habe und vom Tode in ein anderes Leben hinübertrage. –

Er trug sie auch wirklich. Der Regen stürzte jetzt nieder, und sein Umblick hatte in kurzer Entfernung einen der alten Wetterschuppen auf der Heide wahrgenommen. Dorthin lief er mit ihr, sie unter das Dach zu bringen, ließ sie auf die Bank nieder. Doch blieben seine Arme noch einen Augenblick lang um sie geschlungen, und in diesem Augenblick bog er sich vor und küßte ihre Lippen. Dann sagte er: »Das hatte ich gestern versäumt, deshalb kam ich heute wieder«, und dazu setzte er sich neben sie auf die Bank.

Sie saß, aufgehobenen Kopfes, mit groß offenen Augen geradeaus in die seinigen blickend. Ohne Atemzug, staunend, verdutzt, einem gefangen gewesenen Vogel gleich, der von der Hand, die ihn umfaßt gehalten, freigelassen worden, doch noch nicht daran glaubt, sich nicht zu rühren wagt. Dann aber schlug sie ein paarmal mit den Wimpern, man sah, das Bewußtsein ihrer Freiheit kam ihr, sie hob die Arme auf, wie zwei Flügel, sich mit ihnen aus der nach vorn offenen Hütte davonzuschwingen. Doch plötzlich warf sie die beiden Arme Meinolf Alfsleben um den Nacken und küßte ihn wieder auf die Lippen. Dann auf einmal hatte es sie einem Blitzschlag ähnlich durchfahren: das war die Sprache, in der sie ihm für die Erhaltung ihres Lebens danken gemußt, und so habe alles den Dank von ihr erwartet.

Nun war's geschehen, und wie es ein willenloses Tun gewesen, so redeten auch beide nicht weiter davon. Nur hielt Meinolf wieder den Arm um ihren Hals gelegt, ihren Kopf dadurch an seine Schulter gezogen, als ob er sie sicher am Davonfliegen verhindern wolle. Darüber mußte sie heimlich lachen, denn dazu war ihr die Fähigkeit doch noch wieder gekommen; sie fühlte, so hell auflachen hätte sie können, daß die Sonne und der blaue Himmel durch die graue Wolkendecke brechen müßten. Der Herzschlag wieder war's, der ihr die Lippen dazu auseinander zu drängen suchte, aber sie leistete Widerstand und hörte lautlos an, was Meinolf Alfsleben dicht neben ihrem Ohr vom Munde kam. So närrisch klang's, denn er sprach von der Heide, meinte, der Regen sei ihr viel förderlicher, als die Sonne, danach werde sie jetzt rasch immer mehr und mehr aufblühen. Darauf habe er gewartet und sei deshalb täglich herausgekommen, um zu sehen, ob die Knospen sich weiter entwickelten; denn er liebe die Heideblüte so sehr, gar nichts auf der Welt so wie sie. Doch er habe lange umsonst warten müssen, da sie zu den Pflanzen gehöre, die nur ganz, ganz langsam und kaum merklich ihren winterlichen Trotz ablegten und sich sommerlich verwandelten. Und wenn nicht ein guter Kalkregen vom Himmel gefallen wäre, würde er auch heute wohl noch kaum das aufgeblühte Zwerglein der Erica tetralix gefunden haben.

Das war unglaublich närrisch, ein Kalkregen, der vom Himmel gefallen und etwas zum Aufblühen gebracht, so närrisch, wie es nur in Träumen vorkam, und die Zuhörerin drückte ihre Schläfe noch ein wenig fester an die Schulter, oder war's an die Brust Meinolf Alfslebens, aber sonst regte sie sich nicht, um nicht aus dem Traum aufzuwachen. So klang seine Stimme ihr weiter, immer noch von der Heide sprechend; er war gar nicht so botanisch kenntnislos, wie er sich bescheiden hingestellt hatte, wußte sogar manches, wovon Zea nie gehört hatte. Auch von dem großen Findlingstein – freilich redete er von dem nicht wissenschaftlich, sondern erzählte ein Märchen, aber Märchen und Traum gehörten ja wie ein Paar Geschwister zueinander. Der Stein nämlich hatte in früheren Tagen aufrecht gestanden, und ein Mädchen kam bei ihm täglich mit ihrem Liebsten zusammen. Dann jedoch mußte der sich für einige Zeit von ihr trennen, und sie gelobte ihm, währenddessen und immer ihm treu zu bleiben. Aber sie hielt ihr Versprechen nicht, sondern küßte an derselben Stelle einen anderen, der ihr besser gefiel; da schlug der gewaltige Stein zornig um, tötete sie und färbte die Pflanzen umher mit ihrem Blut. Seitdem trug das Heidekraut rote Blüte und im Volksmund den Namen »Brauttreue«, eigentlich unrichtig, da es im Gegenteil »Brautuntreue« heißen sollte. Der Treulosen aber war es nach vollem Recht so geschehen, denn wenn ein Mädchen jemanden, der sie liebte, geküßt hatte, dann gehörte sie unabänderlich ihn fürs ganze Leben bis zum Tod.

Plötzlich flog der Kopf Zeas von der Brust, an der er gelegen, in die Höh', und wie einer, der im Schlaf fällt, fuhr sie aus ihrem traumhaften Zustand auf. Verstört sahen ihre Augen Meinolf Alfsleben an, der halb erschreckt fragte: »Was hast du – ist dir etwas?« Doch nun stieß sie aus stürmisch aufwogender Brust: »Ich habe noch niemand in meinem Leben geküßt als dich und werde und kann und will's niemals!« Und mit einer Heftigkeit, die ihr Leben ebenfalls noch nie gekannt, warf sie die Arme wieder um ihn, klammerte sich an ihm fest, drückte ihre Lippen auf seine. Als sein Eigentum gehörte sie ihm, und so hielt er auch sie umfaßt, aber zugleich doch mit einer zaghaften Behutsamkeit, wie man eine zarte Blume hält, ihren wundervollen Farbenschmelz nicht zu verletzen. Die Hände Meinolf Alflebens mochten zuweilen wild-ungebärdig und ohne Rücksicht mit Mädchen wie mit Knaben umgesprungen sein, doch unverkennbar hielten sie sich zum erstenmal so um den Nacken und Leib eines Mädchens geschlungen, und beinah einem Umtausch ähnlich erschien's. Wie mit achtlosem Ungestüm eines Knaben und fest umschlossen ihn Zea Hollesens Arme, und ob die seinigen gleiches taten, lag's in ihnen fast wie eine mädchenhafte Scheu. Prasselnd schlug schwerer Regensturz auf den alten Wetterschuppen herunter, dessen eine Seite wandlos offenstand. Doch vor dieser breiteten in unablässigem, ebenmäßigem Fall die großen Glanztropfen einen dichten Vorhang nieder, als seien sie von einer Fee beauftragt, ein wunderholdes Heidemädchen jedem entweihenden Blick zu verbergen.

X.

Nun ging der Sommer über die Heide und sie blühte auf. Ein rosenroter Schimmer tat es kund, doch eilig, Tag um Tag, vertiefte er seine Farbe. Lange hatte sie scheinbar reglos in winterlichem Zustand verharrt, durch kein äußeres Anzeichen offenbart, daß auch in ihr die alles sonst beherrschende Kraft des Frühlings gebiete und wirke. Aber in der Stille war es dennoch geschehen, unvermerkt hatte die Knospe sich angesetzt, immer noch trotzig, als stehe es bei ihr, sich nicht zur Blüte zu entwickeln. Vergeblich, denn die Natur befahl mit stärkerer Macht, als ihr Widerstand, zersprengte die verschlossene Hülle, drängte den heimlich bereiteten Inhalt ans Licht. Und jetzt blieb kein Stillstand mehr möglich, er wandelte sich in treibende Hast um, mit allen aufströmenden Kräften das Versäumte einzuholen. Einer unfaßbaren Torheit gleich lag das hartnäckige Trachten, sich zu weigern, hinter ihr; die Sehnsucht, der Zweck alles Lebens war, zu blühen, und die Heide ward zu einem purpurnen Meer. Leisen, süßen Duft atmete sie aus, auch die Sommerluft über ihr wiegte sich in weichen, schwingenden Wellen. Nicht immer zwar lachte und leuchtete der blaue Himmel herab, manchmal schütteten Wolken ihre Wasserstürze nieder. Doch der blühenden Heide galt es gleich, sie bedurfte keiner Beihilfe mehr, entfaltete ihren Sommerglanz täglich zauberischer aus sich selbst, und der Wechsel von Sonne und Regen erhöhte nur ihre Schönheit.

An jedem Tag und bei jedem Wetter machte Zea Hollesen sich zur gleichen Morgenstunde auf den Weg nach ihrem alten Lieblingsplatz; um die Mittagsstunde erst kehrte sie zurück, zuweilen im letzten Augenblick und völlig durchnäßt, so daß sie, obwohl die Mahlzeit schon wartete, noch in ihre Stube gehen und sich eilfertig umkleiden mußte. So war's auch früher wohl geschehen, ihr Tun und Treiben seit Jahren gewesen, für das der Pastor ihr immer unbeschränkte Willensfreiheit gelassen. Doch in der letzten Zeit hatte sich etwas in ihrem Wesen verändert, anfänglich berührte ihm's nur die Empfindung, dann sah und erkannte er's auch. Naturgemäßes eigentlich war's, kein hochgewachsenes Kind mehr saß am Tisch da, sondern ein holdseliges, jungfräuliches Mädchen. Diese Wandlung entsprach ihrem Alter, nur das beinah Unvermittelte daran setzte in Verwunderung. Nach dem Sprichwort wie über Nacht gekommen erschien's, wie einmal plötzlich, ohne Ankündigung der Frühling einbrach und da war. Und eine Verkörperung des ganzen Frühlings in all seiner wundersamen Köstlichkeit stellte Zea dar; Christian Hollesens Blick hing an ihr, von lieblichstem Reiz eines Menschengeschöpfes entzückt. So glich alles an ihr in erstem Zauber übermächtig aufgehender Lenzesschönheit, so blühten ihre Wangen und Lippen, hob sich unter der Gewandung in sichtbarlich wonnevollem Lebensgefühl die junge Brust, so strahlte aus ihren Augen ein blaues Edelsteinlicht.

Doch die Augen waren es, in denen die Veränderung gegen früher lag, oder vielmehr, sie benahmen sich sonderbar verschiedenartig. Dem Pastor konnte nicht entgehen, es sei kein Zufall, daß sie den seinigen nur selten mehr begegneten, wenn es geschah, ihnen rasch vorübergingen. Sie suchten es zu vermeiden; das veranlaßte ihn ein paarmal, sie zu nötigen, ihn beim Gespräch gradaus' anzusehen. Aber dann hielten sie seinem Blick wie von Kindheit auf Stand, ohne irgendeine Unruhe oder Scheu, klar bis zum Grund hinab, wie ein kristallhelles Wasser, in dem sich der blaue Himmel spiegelt und mit ihm die Sonne, die ein Goldgeringel hineinspielen läßt. Ruhig, wenn sie nicht ausweichen konnten, schauten die Augen Zeas ihrem Vater entgegen, nur um die Lippen drunter zitterte und zuckte es kaum merklich, als müßten sie gewaltsam einen Ausbruch schwellenden Jugendübermutes beherrschen.

Dies Verhalten der Augen des Mädchens wechselte in einem unverständlichen Gegensatz, über den der Pastor nachdachte. Umsonst, denn nirgendwo fand er einen Anhalt, doch er hatte still zu beobachten angefangen und verwandte eine ihm bisher nie in den Sinn gekommene Aufmerksamkeit auf das tägliche Tun Zeas. Ihr stetiger Ausgang an jedem Morgen und ihr stundenlanges Fortbleiben entsprach dem, was sie immer getan, konnte ihn nicht befremden; nur fiel ihm auf, daß sie stets genau um die nämliche Zeit das Haus verließ und sie einigemal eben zuvor auf die Standuhr in der Wohnstube blicken gewahrte. Und hinzu kam, daß sie bei drohendem Wetter nicht auf eine Besserung wartete, sondern sich gegen ihre frühere Neigung mit einem Schirm ins Freie hinausbegab.

Einen Gedanken, der sich Hollesen zunächst aufdrängte, ließ er rasch wieder fallen. Während der Stunden ihrer regelmäßigen, vormittägigen Abwesenheit hatte Tilmar Hellbeck seinen Schülern Unterricht zu geben, war außerstande, die Schulstube zu verlassen. Doch hielt der Pastor zweimal von der Kirche aus die Fortgehende im Auge, Sie nahm ihre Richtung nach Süden, schritt in einiger Entfernung am Schulhause vorüber, ohne einen Blick dorthin zu wenden; es regte sogar fast den Eindruck, als halte sie den Kopf absichtlich nach der anderen Seite gekehrt, bis das Haus ihr im Rücken liege. Hollesen hatte den ihm gekommenen Gedanken nicht ernsthaft aufgefaßt; er schätzte den jungen Lehrer als solchen und als Menschen, kannte ihn genau in seinem Trachten, nicht nur seines Geistes, auch seines Herzens. Aber es war unmöglich, daß Tilmar Hellbeck der Urheber des leuchtenden Glanzes und goldenen Sonnengeringels in den Augen Zeas sei. Von der Höhe des Kirchhofs ging der Blick weithin, und der ihr Nachschauende gewahrte sie als winzige Gestalt vom Strande zur Linken ins Heideland abbiegen. Um sich vollste Gewißheit zu schaffen, stattete er dennoch einmal einen Besuch im Schulhause ab. Der junge Lehrer stand, seinen Pflichten nachkommend, auf dem Pult, von dem sein Denken manchmal heimlich abschweifen mochte, doch unzweifelhaft setzte er den Fuß nicht vor dem Mittagsschlag der Turmuhr hinaus. Es war ja auch nicht möglich, nur aufgetaucht, weil es nichts anderes gab, was sich zu einer Vorstellung und Erklärung gestalten ließ.

Ein Sonntag fiel jetzt in das ergebnislose Nachsinnen hinein, und ausnahmsweise brachte der Wagen von Helgerslund nur Gertrud Brookwald mit ihrer Tochter zur Kirche; ihr Mann fühlte sich nicht recht wohlauf und war deshalb zu Hause geblieben. Schon bei der letzten Zusammenkunft hatte Gertrud der Pastorin ein Gefühl erweckt, als sei eine Veränderung in ihr vorgegangen, der schwermütige Blick ihrer Augen trat weniger deutlich hervor und aus der Stimme erklang etwas Lebensfreudigeres; beides brachte dieser Sonntag noch mehr zum Ausdruck. Unna plauderte und plätscherte, wie immer, alles heraus, was sie in sich trug, beschwerte sich über Meinolf Alfsleben, der doppelt unausstehlich sei, weil er einmal gut aufgelegt und unterhaltend sein könne, beim nächsten Kommen aber wieder langweilig wie ein Stück Leder dasitze; übrigens lasse er sich glücklicherweise kaum mehr sehen. Erst nachträglich fiel's Unna ein, zu fragen, ob Zea sich von dem Schreck erholt habe, und dadurch erfuhr der anwesende Pastor zuerst von dem Besuch der letzteren auf Helgerslund und der Lebensgefahr, in die sie dort geraten. Er erschrak heftig, verbarg es jedoch möglichst, ließ durch nichts mutmaßen, daß er bisher keine Kenntnis davon besessen, sondern nutzte nur eine unauffällig von ihm herbeigeführte Gelegenheit, ein paar Minuten mit Unna allein zu sein und sich genau über die Einzelumstände des Treppeneinsturzes und der glücklichen Rettung Zeas zu unterrichten. Für diese hatte er im Laufe des Tages kein Wort des Vorwurfs, daß sie gegen sein Verbot nach Helgerslund gegangen sei, noch daß sie davon und von dem, was sich dort mit ihr zugetragen, geschwiegen habe. Er schien ihr dies Verhalten der Mitteilung nicht als Unwahrheit anzurechnen; die Grundsätze seiner Lebensanschauung, nach denen er sie geleitet hatte, ohne ihr ein Gefühl des Zwanges zum Bewußtwerden kommen zu lassen, waren von jeher eigenartiger Natur gewesen, in manchem von den für heranwachsende Mädchen üblichen Erziehungsvorschriften abweichend. Doch am nächsten Morgen verließ er frühzeitig das Haus; es trieb ihn, auch einmal einen Gang in die blühende Heide hinaus zu machen, einen Rundweg, denn er schlug die Richtung nach Süden ein und kam von Norden her zum Dorfe zurück, ungefähr eine Stunde bevor Zea nach gewohnter Weise zu Mittag heimkehrte. Bald nach diesem aber empfand der Pastor bei dem schönen Sommerwetter nochmals einen Antrieb, sich ins Freie zu begeben, sogar noch weiter, als am Vormittag, denn er gelangte schließlich bis nach Ekenwart, dort einmal dem anderen Kirchenpatronatsherrn von Loagger in seiner weltflüchtigen Abgeschlossenheit einen Besuch abzustatten. Der Freiherr war indes, wie seit Wochen allnachmittäglich, nach Helgerslund hinübergegangen, dagegen fand Hollesen Meinolf Alfsleben vor, der beim Anblick des unerwarteten Besuchers ein wenig stutzte und ungewiß stand. Doch der Pastor sprach sich erfreut aus, den ihm fremdgewordenen Knaben zum Manne erwachsen wiederzusehen, wollte die Rückkunft des Vaters, mit dem er in einer Kirchenangelegenheit zu reden beabsichtigt, erwarten und bat Meinolf, ihm so lange Gesellschaft zu leisten. Seit halb unausdenkbarer Zeit war er nicht mehr nach Ekenwart gekommen, interessierte sich für die Veränderungen auf dem Gut, und ging, mit seinem jungen Begleiter bald über dies, bald über jenes sprechend, wohl eine Stunde lang umher. Dann aber ward es ihm doch zu spät, ins Unsichere hinein bis zur Heimkunft des Freiherrn zu bleiben, er nahm, Meinolf freundlich die Hand reichend, Abschied, sich auf den Rückweg zu begeben. Wie er aus dem Wald in den spätnachmittägigen Sonnenglanz der Heide hinaustrat, sprach aus seinen Zügen volle Befriedigung. Sein Gang am Morgen hatte ihm das bisher umsonst gesuchte Verständnis eingebracht und der jetzige ihm jede Unruhe beschwichtigt. Seine stillen Augen lasen gut in einem Menschengemüt; nicht alles lag noch aufgehellt vor ihnen, doch das eine in unzweifelhafter Klarheit, von Meinolf Aflsleben drohe keine Gefahr, die Vorbeugungsmaßregeln erfordere. Und Christian Hollesens Lebensanschauung war eigenartig, er stand, vor sich hinausblickend, und nickte. Freudigste Sommerzeit war's, die Heide vor ihm blühte, und sie wollte es in ihrer Weise. In einsamer Stille, verborgen, nur dem Himmelsblau und der Sonne offen, vor deren Niederblick sie sich nicht scheute. Wer eine solche Blüte aus ihrem heimlichen Erdwinkel ausgrub, sie regelrecht vor gaffende Blicke auf ein Gartenbeet zu verpflanzen, nahm ihr das Schönste, den wundersamen Zauberschmelz ihres Frühlings. Der Pastor nickte im Vorübergehen den Birkenwipfeln zu, die rechtshin in der Ferne die Stelle des alten Findlingsteins deuteten, und schritt gegen die ins Meer niedertauchende rote Sonnenkugel weiter zum Dorf zurück. Doch, nach Haus gekehrt, sprach er auch der treuen Genossin seines Lebens nicht davon, daß er in Ekenwart gewesen.

So besaßen Zea und Meinolf, ohne es zu ahnen, einen Mitwisser ihrer täglichen Zusammenkunft; sie hatten nichts von dem Späher, der behutsam zu Werk gegangen, bemerkt. Doch er hätte wohl weniger Vorsicht aufzuwenden gebraucht, denn sie sahen und hörten nichts als sich gegenseitig. Nach der Himmelslaune saßen sie zusammen in einer Wetterhütte oder auf dem großen Steinblock, nur nicht, wie früher durch Wochen hindurch, voneinander abgekehrt, sondern meistens sich dicht und fest umschlungen haltend. Über diese Verwandlung oder eigentlich über jene vormalige Rückendrehung mußten sie täglich wieder sprechen. So unglaublich närrisch, ein so kinderhaftes Versteckspielen und so über alle Maßen schön war es gewesen, und sie lachten und sahen sich mit glanzgefüllten Augen an. Dann zogen diese ihnen wie an Goldfäden die Lippen aneinander, von denen nie das Wort »Liebe« kam; fremd schien's ihnen oder bedeutungslos, nicht für ihr Beisammensein von der Sprache geschaffen. Und ebensowenig redeten sie vom Künftigen, sie fühlten und lebten nur die selige Gegenwart. Doch gestattete diese zeitweilig ein Zurückschweifen zum Vergangenen, und Meinolf sprach einmal von dem Tag seiner Ankunft auf Ekenwart, an dem er ein Vorempfinden in sich gehabt als erwarte ihn hier ein sonnenhaftes Glück, eine volle Darbietung alles dessen, was er von Kindheit auf im Leben entbehrt. Das glaubte er damals am selben Abend auch noch durch die Offenbarung des Gefühls, daß sein Vater für ihn im Herzen verborgen gehalten, errungen zu haben, und daß deshalb in der verzauberten Mondennacht die Nachtigall ihm so jubelnd bis in den Schlaf hinein geschlagen. Aber sie hatte anderes gewußt und voraus verkündigt – – ja, die Nachtigall, die wußte alles vorher, davon konnte auch Zea sagen. Denn zu ihr war sie in der gleichen Nacht im Traum gekommen, ihr das Verlangen nach dem Gesang der Nachtigall im Helgerslunder Park zu wecken. Eigentlich nicht dort, sondern im Ekenwarter Park – »denn du hattest gesagt, Meinolf, in der Nacht werde sie wieder schlagen, und dabei lese sich's gut in ›Hermann und Dorothea‹!«

Ein Liebespaar war's; den Namen hätten sie nicht verstanden, aber sie hatten sich lieb, am liebsten von allen Menschen auf der Welt, und mehr an Glück konnte nicht auf der Erde sein, als wenn sie beisammensaßen. Als höchstes Besitztum erneuerte es ihnen jeder Tag, und doch setzte er sie immer noch neu darüber in Staunen, daß eine solche Herrlichkeit kein Traum, sondern Wirklichkeit sei. Womit sie die gemeinsamen Stunden verbracht, hätten sie bei der Trennung nicht zu sagen gewußt, nur daß jeder Blick und jedes Wort, jeder Atemzug und jeder Herzschlag ein Wunder gewesen. Sie kamen, flogen sich in die Arme, zwei große Kinder, denen ein süßer Rausch um die Stirn lag; in dem sprachen und hörten sie, schlangen spielend ihre Finger durcheinander, küßten sich plötzlich, weil das sagte, was keine Worte ausdrücken konnten. Die Zeit um sie stand still, und doch auch war sie vorüber, wenn sie kaum erst begonnen zu haben schien. Ein Heidemärchen war's, von Elfenhänden und Sonnenstrahlen, Duft und Blüten gewoben, und daß es ein solches sei, hatte Christian Hollesen voll beruhigt und beglückt in den Augen Meinolf Alfslebens gelesen.

Einmal fragte Zea Meinolf: »Warum brachtest du eigentlich damals Nathans Tochter mit hierher?« Er antwortete: »Sie stand an einer Stelle, wo ich vorüberkam; da dachte ich, es mache dir vielleicht Spaß, auch ihr schönes, buntes Kleid zu bewundern, und hieß sie mit mir gehen.«

»Und deshalb fühltest du mit der Hand auf ihre Schulter, aus was für einem Stoff das Kleid sei,«

»Ja, mir war er unbekannt, und man muß immer eine gute Gelegenheit benutzen, um zu lernen,«

Ernsthaften Mundes, wie zwei Wichtiges redende Kinder, hatten beide gesprochen, ohne sich anzusehen. Nun hob das Mädchen den Kopf auf und fragte weiter: »Das ist hübsch von dir, daß du so lernbegierig bist; hast du, als ich fortgegangen war, dich auch drüber unterrichtet, aus welchem Stoff die Lippen Miriams beständen?«

»Warum gingst du eigentlich fort? Wenn du geblieben wärest, könntest du dir selbst Antwort darauf geben.«

Auch Meinolf hatte ihr das Gesicht zugewandt, so daß sie sich jetzt in die Augen sahen. Beide noch mit der ernsthaften Miene und die Lippen zusammengedrückt haltend. Aber plötzlich brachen sie gleichzeitig in ein unhemmbares Lachen aus, und Zea vermochte kaum hervorzubringen: »Wie muß der Stein hier über uns beide gelacht haben! Und meinst du, ich hätt's nicht gemerkt, daß du noch niemand im Leben geküßt hattest? So ungeschickt tatst du's in der Hütte, ich mußte dich's erst lehren.«

»Du? Du wärst ohne mich ja nie darauf gekommen!«

»Soll ich dir beweisen, wer es besser versteht?«

»Mich deucht, du vergißt jeden Tag wieder das bißchen was du gelernt hast, und ich muß mich plagen, immer neu von vorn mit dem Unterricht anzufangen,«

»O du Armer, nein, warte, plage dich noch nicht – ich will dir vorher noch etwas sagen, was du nicht weißt und mir grad' einfällt. Während deines Lesens hab' ich hier einmal gedacht, du solltest doch Unna Brookwald heiraten. Das wäre eine Frau für dich, auch von so adliger Abkunft wie du, und ihr paßtet so gut zueinander. Willst du nicht?«

»Wenn ich dir einen Gefallen damit tun kann. Ich glaube, ihre Eltern und mein Vater hätten's nicht ungern, und vielleicht, wenn ich mir bei ihr besser Mühe gebe – du sagst ja, daß ich etwas von meiner Ungeschicklichkeit bei dir verlernt habe.«

Da ging's wieder nicht mehr, zugleich konnten sie abermals keinen Widerstand länger leisten, das köstliche Lachen schlug ihnen von den Lippen. Nichts Drolligeres ließ sich erdenken, als daß er Unna heiraten solle und bereit dazu sei, um sich Zea gefällig zu erweisen. Sie redeten nicht weiter darüber, worin das Komische dieser Vorstellung eigentlich liege, konnten es auch nicht, denn sie hatten lang' durch das ernste Gespräch Versäumtes nachzuholen. Ein unglaublich närrisch-seliges Treiben war's, immer nur Gegenwart, die von ihrem unermeßlichen Reichtum zehrte, mit keinem Gedanken über ihr Glück hinausging. Schöner konnte nichts sein und werden, und das Morgen hatte nur Bedeutung, weil es das Heute, das vergehen mußte, wiederbrachte.

Doch täuschten die beiden sich darin, daß niemand von ihrem täglichen Beisammensein wisse, oder richtiger, sie dachten gar nicht daran, daß jemand sie sehen und hören könne, weil sie selbst nichts als sich hörten und sahen. Christian Hollesen war indes nicht der einzige, der sich darüber vergewissert hatte; die kleinen Hügelrücken und Einsenkungen der Heide um den Findlingstein ermöglichten im Verein mit dem Busch- und Strauchwerk ein Herankommen in ziemliche Nähe, ohne von Blicken, die nur sich gegenseitig suchten, von Ohren, die nur der Stimme des anderen lauschten, bemerkt zu werden. So ringelte sich ein paarmal schlangenartig, behutsam zu Boden gedrückt, etwas durch das purpurne Blütenmeer, hielt an und kroch geräuschlos weiter, bis sich langsam ein Kopf zum Rand einer Sandwölbung aufreckte und durch eine Strauchlücke zwei dunkle Augensterne gleich schwarzglimmernden Pfleilspitzen hindurchschoß. Reglos hafteten sie dann geraume Zeit auf den beiden in Hörweite drübensitzenden Gestalten, wie die einer lauernden Katze, die ein Nest mit zwei zwitschernden Vögeln ausfindig gemacht. Eine Hand zog sich zusammen, als ob sie tastend nach scharfen Krallen an den Fingern suche, oder schnellte sich einmal gegen ein granatrotes Lippenpaar auf, um es zu verschließen, dem Herausfahren eines zischenden Tones zuvorzukommen. So lugten die Augen über den alten Dünenkamm der Heide, bis sie sich zurückduckten und zurück auch wieder das lautlos sich am Boden fortwindende Geringel glitt. Dann ging Miriam in der Ferne als etwas Kleines, nicht mehr Unterscheidbares der Stadt zu. Ihr Vater hatte gedacht, sie möchte vielleicht einem heutigen Salomo als ein Karfunkelstein bedünken, für den er einen hohen Preis zu zahlen bereit sein werde. Doch es war kein Geschäft zustande gekommen, so daß Nathan Aronsohn philosophisch die Achsel gezuckt, die richtige Weisheit müsse sich bei einem nicht eingeschlagenen Handel damit zufrieden geben, wenn er keine Unkosten gemacht. Alles indes nahmen die scharfblickenden Augen Nathans doch nicht gewahr, oder vielmehr gab's etwas, das er nicht sehen konnte, weil er von dessen Vorhandensein in der Welt nichts wußte. Denn Miriam hatte in der Tat von ihrem ersten Gang auf die Heide und der Begegnung mit Meinolf Alfsleben Unkosten gehabt. Ihr war klar geworden, wozu er sie mit sich genommen und benutzt habe, und zum erstenmal hatte sich ihr dabei herausgestellt, daß sie doch auch noch etwas anderes in sich trage, als ihres Vaters gleichmütig rechnenden Geschäftssinn. Für sie war's nicht das vergebliche Angebot einer guten Ware gewesen, sondern sich selbst fühlte sie in jener verschmäht, mißächtlich beiseite geworfen und offenbar um einer anderen willen. Dazu aber kam, daß sie in dem Augenblick, als dieser junge König Salomo ihr den Arm um die Schulter gelegt, gar nicht mehr an einen einträglichen Handel gedacht, nur ein ihr bis dahin unbekannt gewesenes Verlangen in sich empfunden hatte, ganz von den Armen in Besitz genommen zu werden. Als ein Flackern in ihrem Blut war's gekommen, zu einem Auflodern und Brennen geworden. Sie besah sich in ihrem Spiegel; war sie mit den schwarzen Haaren und schwarzen Sternen im Gesicht nicht schöner, als die blonde Christentochter mit den wasserblauen Augen? Hatte die etwas anderes, Kostbareres von der Natur im Besitz, als sie? Kam sie nicht auch, um einen guten Handel mit dem vornehmen Junker zu machen, während Miriam an keinen Geschäftsvorteil mehr dachte, nichts wollte, als den Arm wieder um sich haben. Hastig wuchs es in ihr groß, zu heißer Leidenschaft, ließ sie mit Verachtung auf die niedrige Gewinnsucht der anderen sehen. Und so trieb's sie zweimal auf die Heide hinaus, sich hinanzuschleichen und zu winden, um zu spähen, ob er wieder mit der blonden Christentochter zusammen sei und was er mit ihr beginne. Das Blut gärte ihr bei dem, was sie verstohlen sah und hörte; doch wilder noch beim Erkennen, wie schlangenlistig die harmlos gleich einer Taube Erscheinende zu Werke gehe, nichts an dem Wert ihrer Ware zu verringern, eh' sie sich den Preis dafür völlig gesichert habe. Die Lauscherin drückte ihre Finger in die Handfläche, aber sie trug keine Krallen daran und keinen Otterzahn im Mund. Und ohnmächtig mußte sie zur Stadt zurückgehen, wo sie, die Abwesenheit ihres Vaters benutzend, den Laden geschlossen hatte, so daß vermutlich mancher Käufer kopfschüttelnd vor der Tür umgekehrt war. Aber selbstverständlich schwieg sie bei der Heimkunft Nathan Aronsohns von ihrem Fortgang, denn er hätte sie für unrichtig im Kopf angesehen, daß sie gute Zeit und Kunden versäumt habe wegen einer Ware, von der sie erfahren, daß ihre Auslage nicht zum Einschlagen eines Handels geführt.

Und noch einen dritten Mitwisser besaß neuerdings die tägliche Zusammenkunft Meinolfs und Zeas. Seit dem Tage, an dem der Förster Dirk Westerholz durch Herrn von Brookwald zu einer Einkehr im Pfarrhause von Loagger veranlaßt worden war, hatte der erstere mehrmals wieder seinen Fuß auf die Heide, dem Dorf zu, hinausgesetzt. Bis zu diesem selbst ging er nicht vor, doch begegnete er Zea Hollesen einmal auf dem Weg, und aus dem Blick, mit dem er ihr Gesicht gleichsam umfaßte, ließ sich lesen, daß der Grund, der ihn hergeführt, dem Wunsch entsprungen sei, die Tochter des Pastors nochmals zu sehen. Sie begab sich an ihm vorüber, ohne sein auf sie verwandtes scharfes Augenmerk wahrzunehmen, schaute überhaupt kaum auf und erkannte, zu sehr mit ihren Gedanken an ihr Ziel vorauseilend, den nur flüchtig einmal Gesehenen nicht wieder. Doch er folgte ihr mit den Blicken nach, wie sie weglos in die Heide hineinbog, und einigemal schon war ihm aufgefallen, daß der junge Herr von Alfsleben gleichfalls um die nämliche Vormittagsstunde durch den Wald eine Richtung nach der Heide einschlug. Westerholz bekümmerte sich sonst nicht um das Tun und Treiben anderer, und am wenigsten lag's in seiner Natur, etwaigen heimlichen Zusammenkünften eines Mädchens mit einem jungen Manne nachzuspüren. Aber an Zea Hollesen nahm er ein merkwürdiges und außergewöhnliches Interesse, das ihn veranlaßte, sich doch einmal, als er Meinolf auf dem gleichen Weg gewahrte, über die ihm aufgetauchte Wahrnehmung Gewißheit zu verschaffen. Sein Leben lang hatte er die Kunst geübt, unbemerkt auch ein scheues Wild zu beschleichen, so gelang es ihm unschwer bei dem völlig achtlosen Paar, und durch grauen Regenfall sah er in einem Bretterschuppen die Bestätigung vor sich. Mit anderem Augenausdruck, als die Tochter Nathans, blickte er drauf hin, doch auch mit einem, der nicht leere Gleichgültigkeit oder nur Befriedigung von Neugier in sich trug. Ihn ging nicht an, was in der Wetterhütte geschah, und er fühlte sich keine Pflicht obliegen, einem Zweiten etwas von seiner Entdeckung mitzuteilen. Aber wie er gegen den Wald zurückschritt, sprang zwischen seinen weißlich überbuschten Lidern ein eigentümliches Lichtspiel hin und her. Er hielt sie groß aufgeweitet, als sehe er in eine endlose Ferne hinaus; schnelleres Atemholen seiner Brust sprach von einer innerlichen Erregung. Doch seine gewohnte Wortkargheit, von der er nur einmal in der Gewitternacht beim Anblick des brennenden Baumes Dietrich Alfsleben gegenüber abgewichen, ließ auch in der Heideeinsamkeit von dem, was in ihm vorgehen und reden mochte, keinen Laut über die Lippen kommen, und er begab sich nach Ekenwart an seine Tagesaufgabe zurück.

So fiel, trotz den mannigfachen Auskundern und Mitwissern, von außen nichts in das sonnige, blühende Heidemärchen hinein, seine beiden Schöpfer oder Geschöpfe wie ein jählings von kaltem Schatten überschauertes Falterpärchen erschreckt auffahren zu lassen. Nach Haus gekehrt aber ward Zea ebenfalls von keinerlei beunruhigender Empfindung angerührt, aus ihres Vaters Zügen sprach nur innere Beglückung über den Frühlingsglanz ihres Gesichtes. Sie suchte nicht mehr seinen Blick zu vermeiden, begriff nicht, weshalb sie's eine Zeitlang getan; bei jedem Anlaß schlug sie die strahlenden Augen voll gegen die seinigen auf, und ein Einverständnis schien zwischen ihnen hin und her zu grüßen. Doch schweigend, wie in einem Traum, dessen Zauberwelt ihr Wunderbarstes verliere, wenn sie durch ein aufweckendes, lautes Wort selbst zur schönsten Tageswirklichkeit verwandelt werde. Und Christian Hollesen hütete sorglich seine Zunge, den östlichen Duftschleier, mit dem der selige Herzschlag ein Kind umwoben hielt, durch kein Anrühren des zarten Gewebes zu zerstören.

Nur vor einem trug Zea eine Scheu in sich, vor dem Anblick des Schulhauses, Sie machte es wie ein Kind, das die Augen von einem Unruhe einflößenden Gegenstand abgekehrt hält und sich einredet, dadurch werde er verschwinden, beim Umwenden des Gesichtes nicht mehr vorhanden sein; so sah sie mehrere Tage lang nicht in jene Richtung hinüber. Aber sie konnte nicht hindern, daß ihre Gedanken täglich den Weg zum Schulhaus nahmen, doch nicht, um bis zu ihm hinzukommen, sondern in einiger Entfernung davor hielten sie ungewiß an.

Diese Gedanken trugen Nebelschleier um sich, aus denen nichts deutlich Erkennbares hervorkam. Nur das stand zweifellos da: Sie hatte auf Herdsand Tilmar Hellbeck versprochen, seine Frau zu werden, aber sie konnte nicht zu einer Klarheit darüber kommen, wie es damit sei. Freilich hatte sie ja auch gedacht und es Meinolf selbst angeraten, er solle Unna Brookwald heiraten – nur durfte er sie natürlich nicht küssen, was ihm indes ohne Zweifel auch nicht in den Sinn kam – doch sie waren bei der Vorstellung beide in ein solches Lachen geraten, als ob sich nichts Komischeres erdenken lasse. Und wahrscheinlich würde deshalb Meinolf ebenso lachen, wenn sie ihm mitteilte, daß sie Tilmars Frau werde, selbstverständlich auch ohne ihn zu küssen. Sie rechnete öfter genau aus, was alles sie in seiner Hauswirtschaft zu besorgen habe und ob ihr Zeit genug bleibe, am Vormittag auf die Heide zu gehen, um dort mit Meinolf zusammenzutreffen. Diese Stunden mußte und konnte sie auch wohl erübrigen, doch darüber vermochte sie nicht ins reine zu gelangen, ob Tilmar es zulassen, sie nicht daran behindern werde. Natürlich nicht sie wirklich festhalten, dazu war er viel zu schüchtern und, zu unterwürfig. Aber sie hatte ein Gefühl, ihm würde es vielleicht nicht lieb sein, daß seine Frau jeden Morgen nach dem Findlingstein hinausgehe, und sie sah ihn mit den traurigen, hilflosen Augen, die er zuweilen haben konnte, stehen und ihr nachblicken. Das jedoch ließ sich ja nicht ändern, denn Meinolf erwartete sie, und sie durfte und konnte um nichts in der Welt ausbleiben. Es wäre wohl besser, auch für Tilmar, gewesen, wenn sie ihm das Versprechen nicht gegeben, denn eine andere Frau brauchte ihn nicht täglich mehrere Stunden lang zu verlassen. Aber das hatte sie damals ja nicht wissen können, war überhaupt noch ein recht einfältiges Ding gewesen, so wie Unna noch heut. Nun freilich hatte sie die Kinderschuhe ausgezogen, trotzdem aber blieb doch immer noch einiges Ungewisse, das sich durch Nachdenken nicht herausbringen, nur als vorhanden seiend fühlen ließ. Und dies Gefühl brachte Zea ein paarmal plötzlich dazu, sich am späten Nachmittag aufzumachen, um nach dem Schulhaus hinüberzugehen. Sie war indes gleich ihren Gedanken nicht bis dorthin gekommen, sondern beidemal auf halbem Weg wieder umgekehrt. Zu schwierig fiel's, so aus sich allein heraus, gleichsam im Dunkel umhertastend, das Richtige zu finden, und sie hatte den Weitergang wieder auf den nächsten Tag verschoben.

Doch nun war's einmal gegen Abend, daß sie dennoch dazu kam, ihn auszuführen. In der Ferne sah sie Tilmar, ihr den Rücken wendend, am Strand entlang davongehen, und auf der Türbank vor dem Schulhause gewahrte sie allein die alte Margret Hellbeck mit ihrem Spinnrocken sitzen. Da setzte das Mädchen rasch entschlossen den Fuß weiter vor und trat grüßend zu ihr hin: »Guten Abend, Mutter Margret, ich hab' Sie länger nicht gesehen, geht's Ihnen gut?« Und die Angesprochene erwiderte, mit dem Kopf die hellen, klugen Augen des alten Gesichts aufhebend: »Ja, du kamst früher öfter herüber, liebes Kind – aber mich dünkt, du bist in letzter Zeit so groß geworden und anders, ich muß dich wohl auch anders anreden.«

»Nein, Mutter Margret, das wär' mir leid.« Zea setzte sich mit auf die Bank und fragte: »Geht's auch Tilmar gut? Ich habe ihn ebenfalls länger nicht gesehen.«

»Er ist grad' fortgegangen, willst du ihn gern sehen, glaub' ich, kann ich ihn noch zurückrufen.«

»Nein, Mutter Margret – er wird's nicht mehr hören, er ist schon zu weit.«

»So – wenn du ihn gesehen hast, man täuscht sich beim Spinnen leicht in der Zeit. Es tut ihm auch gut, recht weit zu gehen und lang draußen zu sein. Als der Frühling anfing, hatte ich rechte Freude an seinem Anblick, so krustig und frisch und froh sah er aus. Aber in den letzten Wochen ist er wieder magerer und blasser und gefällt mir nicht.«

Zea fiel ein: »Er muß sich zu stark anstrengen – mein Vater meint, die Schulstube hier ist seiner nicht würdig, kann ihm keine Lebensfreude machen, und er müßte durchaus eine besser für ihn passende zu bekommen suchen.«

Die Alte nickte zustimmend, »Und du meinst das auch, Kind?«

»Und dann – wenn er eine bessere Stelle bekommt – sollte er sich doch verheiraten, Mutter Margret – natürlich nicht die erste beste zur Frau nehmen, sondern gut vorher überlegen, ob eine recht zu ihm paßt und nicht vielleicht noch ein einfältiges Ding ist, das von gar nichts in der Welt noch etwas weiß und versteht. Denn damit wäre ihm schlecht getaugt, und auch Sie, Mutter Margret, hätten an solchem vorschnell mit dem Mund redenden Geschöpf nicht die wirkliche Hilfe, die Sie brauchen, sondern würden sie wahrscheinlich so schnell als möglich aus dem Hause wieder los sein wollen. Denn ein Mann, und ganz besonders Tilmar, versteht sich so wenig drauf, ob auf eine, die er zur Frau nehmen will, wirklich Verlaß ist, und er könnte sich das allergrößte Unglück antun, wenn er nicht rechtzeitig von solcher, die nicht die richtige Frau für ihn wäre, noch wieder abließe.«

Leise ließ die Alte ihr Rad summen und nickte weiter zustimmend. »Gewiß, Kind, das sagst du alles ganz richtig. Du hast's wohl von deiner Mutter gehört, denn aus eigener Erfahrung kannst du's doch nicht wissen. Aber das ist auch richtig, ich glaube, mein armer Junge hat guten Rat nötig, damit er seine Vernunft zusammenhält und sich nicht selbst, wie du sagst, ein Unglück antut. Ich will's ihm ausrichten, wenn er heimkommt, du wärst hier gewesen, und welcherlei Wünsche und Besorgnis du für ihn gehabt. Oder wartest du auf ihn, ich denke, er bleibt nicht lang' mehr fort.«

Zea stand auf. »Nein, ich kann's heut' nicht, muß nach Haus, wollte Sie nur schnell einmal begrüßen, Mutter Margret. Nein, sagen Sie's Tilmar nicht von mir – mir würde er's nicht so glauben und zu wenig Erfahrung zutrauen – ja, ich hätt's von meiner Mutter gehört und von meinem Vater, und er möcht's recht bedenken mit einer besseren Lehrerstelle und mit – mit allem anderen. Und auch recht freundlichen Gruß für ihn, ich kam' in der letzten Zeit am Nachmittag schwer vom Hause fort, und am Vormittag müßt' er ja in der Schulstube sein. Aber auf ihn warten hätt' ich nicht können. – Gut' Nacht, Mutter Margret, es ist hohe Zeit für mich, immer später schon, als man meint, die Tage sind so lange hell.«

Der Alten die Hand gebend, ging Zea jetzt hurtig davon. Margret Hellbeck sah ihr nach, und ein Weilchen blieb das Rad stillstehen, denn ihr Fuß vergaß es zu drehen. Dann sprach sie halblaut vor sich hin: »Ja, der Herr Pastor und die Frau Pastorin lassen's wohl sagen, und ich muß dir's ausrichten, Til, denn du hast guten Rat nötig. Aber lieber wär's dir wohl, sie hätten's dir selbst gesagt und nicht durch das Kind bestellen lassen, – ich seh's dir lang an, mein armer Junge, das wär' dir lieber gewesen.« Und mechanisch trat der Fuß der Alten das Spinnrad langsam wieder in Gang.

XI.

Nach ältestem Erdenbrauch ging's zu, daß die nämliche Zeit keineswegs überall das nämliche mit sich brachte. Flora und Pandora erschienen in ihr vereinigt, die Gaben beider streute sie durcheinander gemischt aus. Der Behälter, drin sie jene bei sich trug, ließ sich in etwas mit dem Sack Nathan Aronsohns vergleichen, so vielfach verschiedenartig war sein Inhalt; die Wirkungen dagegen, die sie damit erregte, beschränkten sich eigentlich nur auf zwei, eine, die Freude, und eine andere, die Betrübnis verursachte. So teilte sie beglückenden Herzschlag und heimliches Leid zu, schuf frohe Erwartung und wandelte Hoffnung in Enttäuschung. Margret Hellbeck erfüllte sie mit Bekümmernis, Nathan Aronsohn selbst dagegen um die gleiche Abendstunde mit Befriedigung. Und zwar mit einer großen und doppelten, sowohl über ein unerwartetes, vortreffliches Geschäft, das er bei seiner Heimkunft abgeschlossen fand, als über seine Tochter, die es klug bewerkstelligt hatte. So zufrieden war er, daß er sich an einem Kistchen mit altem Portwein vergriff, den er vor Jahren von einem unvermögenden Schuldner billigst als Zahlung angenommen, um ihn nach seinem Wert zum fünffachen Preis wieder anzubringen. Davon holte er eine Flasche auf den Abendtisch, machte sie vorsichtig auf, schenkte sich selbst und seiner Ladenverwalterin ein halbes Gläschen daraus ein und sagte: »Bist eine Perle, Miriam, in meinem Hause, wärest gewesen auch eine Perle unter den Töchtern von Jerusalem. Hast verdient dir den kostbaren Trunk, der, wenn du ihn legst auf die Wage, hat ein Gewicht wie gutes Silber, und hast verdient dir noch mehr. Du kannst auftun den weißen Zahnverschluß hinter deinen Lippen und sagen nach deinem Verlangen, was du möchtest noch mehr.«

Miriams weiße Zähne blinkten zwischen den karminroten Lippen, und sie antwortete: »Wenn du mich heißt eine Perle, möcht' ich auch haben eine Perle.«

»Willst du sein eine Fürstin? Wenn es noch gäb' einen König Salomo, würdst du sie können haben um ein billiges. Aber von woher sollt' ich nehmen eine Perle, von welcher würde sagen der Juwelier, sie wäre nicht gewachsen in der Muschel, daß er könnte aufwägen sie mit Gold?«

»Ich weiß, du hast gut aufbewahrt liegen in der Schublade eine, die du hast angekauft im Winter um hochbilligen Preis.«

Nathan drückte ein Augenlid zu. »Hast du Augen, zu sehen durch's Holz. Was du heißt hochbillig! Ich würd' heißen nur hochbillig, was du dir Gutes könntest einkaufen, ohne zu haben davon Unkosten. Wolltest du dir lassen einfassen die Perle, daß sie sollte sein wie vor einer Gartentür ein Zierat, den der Gärtner bringt an für Augen, ihnen zu zeigen von weitem, wo sind zu finden preiswürdige Blumen?«

Doch Miriam versetzte nur kurz: »Ich möcht' sie zerstoßen zu einem weißen Pulver und es tun in den Wein.«

Das ließ Nathan das zugedrückte Lid weit verwundert wieder aufreißen. »Wär's ein kostspieliger Trunk, welcher, wenn du ihn wolltst legen auf die Wage, hätt' ein Gewicht nicht wie Silber, sondern wie feinstes Gold. Hast du aufgefunden vielleicht ein altes Buch und gelesen darin von dem Glauben, den haben gehabt immer die reichen Töchter von großmächtigen Leuten, daß sie sich könnten schaffen mit einem solchen kostbaren Trunk besondere Schönheit von einer weißen Hautfarbe, zu bekommen im Gesicht das Aussehen von einer Perle? Hast du doch nicht nötig, dir herzurichten an deinem etwas auf andere Art, denn es ist wohlgeraten als eine Rarität von der Natur, daß sicherlich noch wird kommen zu dir ein hochfürstliches Angebot, ohne daß du brauchst dir zu machen darum so große Unkosten.«

Vortrefflich gelaunt sprach er's, doch Miriam zeigte sich nicht empfänglich für das ihr in Aussicht gestellte gute Angebot, sondern gab zurück: »Du hast's richtig gesagt, es soll nützen mir für die weiße Hautfarbe der Trunk. Aber es ist nicht nötig dazu eine heile und kostspielige Perle, es kann sein eine, die schon ist zerstoßen zu weißem Pulverstaub und ist um ein billiges zu bekommen.«

Die Sprecherin stand auf, trat in ihre Kammer und kam mit einem alten Holzkasten zurück. Ihr Vater hatte ihr verständnislos nachgesehen, empfing sie bei der Wiederkunft: »Weiß ich nicht, daß ich jemals hab' gehört, man könnt' irgendwo kaufen Perlen, die sind kleingestoßen zu weißem Pulverstaub. Was hast du eingeschlossen in dem Kasten, Miriam? Ist etwas drin zu besehen, weil du ihn holst herüber aus deiner Stube?«

Sie zog einen Schlüssel aus ihrer Tasche, mit dem sie die wurmstichige kleine Lade aufmachte. Dazu sagte sie: »Es ist drin, was du mir hast gegeben als Geschenk, wieviel Jahre es mögen her sein, wenn du warst zufrieden mit mir. Ich will machen mit dir ein Geschäft und unbesehen dir liefern alles zurück, was ist gekommen in den Kasten, wenn du verschaffst mir dafür von dem weißen Pulverstaub, der verhilft zu der weißen Hautfarbe.«

Die Augensterne Miriams glichen geschliffenem schwarzem Kohlengestein, doch während sie das letzte sprach, sah's aus, als wurde darauf geblasen und ein rotglimmernder Schein komme unter dem dunklen Gefunkel herauf. Nathan Aronsohns Schulter machte unwillkürlich einen Ruck, wie wenn sie den aufgeladenen Sack ins Gleichgewicht schiebe, dabei sah er groß seiner Tochter ins Gesicht und sagte: »Hat dich der kostspielige Wein gemacht unrichtig im Kopf, daß du kommst auf den Einfall, anzustreichen ein gute Ware mit einer schlechten Farbe, so daß sie behielte keinen Wert mehr? Ist mir doch nicht vorgekommen in meinem Leben auf die gesunde Menschenvernunft eine solche Einwirkung, die könnte bringen einen Menschen, ich weiß nicht wozu und wohin und um was; mir läuft's über den Rücken, Miriam, was für ein schlechtes Geschäft könnte machen ein Hals mit solch einer Perle im Trunk. Du wirst dich legen ins Bett und gut ausschlafen heut' nacht deine Verkehrtheit, daß du kannst aufwachen morgen früh mit richtiger Gesundheit im Kopf.«

Damit hatte Nathan eine unverhohlene und nachdrückliche Mißbilligung des rätselhaften Perlenpulvergelüsts seiner Tochter kundgegeben, aber hinterdrein ging ihm ein Schmunzeln um die Mundwinkel, denn er war zu gut aufgelegt heut' abend, um sich durch ihren verkehrten Einfall die Laune verderben zu lassen, und er fuhr fort: »Will ich ansehen, was du hast als wie ein Hamster getragen ins Nest seit den Jahren, ob kann kommen in Rede dafür die echte Perle, von der du weißt, daß sie liegt in der Schublade. Hätt' ich wollen kaufen die Katz' im Sack, wär' nicht gekommen aus meinem Sack das eigene Dach über unseren Kopf und was drunter ist zu haben für bares Geld oder gute Handschrift.«

Wortlos und gleichgültig stand Miriam am Tisch, ihrem Vater zusehend, der die Gegenstände aus der Lade hervornahm und betrachtete. Zumeist wertloser alter Plunder war's, allerhand kleines Gerät und Schmucksachen aus Messing oder Zinn statt Gold und Silber, da und dort mit bunten Glasstücken wie mit Edelsteinen besetzt, nur für begehrliche Kinderaugen verlockend, demgemäß indes von der Besitzerin ehemals wie große Schätze sorgfältig in Papier eingewickelt. Es war begreiflich, daß Nathan sich leicht davon getrennt hatte, um eine gute Leistung seiner Tochter anspornend zu belohnen, doch trotzdem verursachte ihm's augenscheinlich einen Genuß, jedes Stück herauszuwickeln und durch die Finger gehen zu lassen. Es versetzte ihn in Zeiten zurück, wie er kleiner vor sich selbst gewesen, ab und zu kam ihm vom Mund: »Es ist mir geblieben sitzen in der Erinnerung, wo ich's hab' aufgefunden; war's eine Zeit, wär's ein schlechtes Geschäft, müßt' ich heut' wieder tauschen damit.« So häufte auf dem Tisch sich der unechte Trödel, für den Miriam sichtlich längst die richtige Schätzung gewonnen und das Besitzinteresse verloren, und der Kasten ward leer. Nur ganz zu unterst lag noch etwas Größeres, besonders achtsam mehrfach in einen Bogen Schreibpapier eingeschlagen; als Inhalt kam eine breite, schwarzangelaufene Schnallenspange zum Vorschein, über die der Beschauer mit dem Finger streichelte und sagte: »Sie ist gut, wenn du nicht wirst scheuen die Arbeit, sie abzuputzen ein paar Stunden lang mit Kreide, wirst du sehen, es kommt heraus altes richtiges Silber. Es ist mir in der Erinnerung, daß ich sie dir habe gegeben als Kind für ein besonderes Verdienst, aber ich weiß nicht mehr zu sagen, was es ist gewesen.«

Doch während Nathan dies sprach, gingen seine Augen weiter auf; sie sahen nicht mehr auf die Silberschnalle, sondern waren auf das zerknitterte, beschriebene große Quartblatt gefallen, aus dem er sie herausgewickelt, und sich mit den Fingern über der Augenbraue kratzend, brachte er halb murmelnd durch die Lippen: »Ist mir doch, als ob ich sollte kennen die Sorte Papier und auch die –«

Er sah auf, in das Gesicht seiner Tochter. »Wie bist du gekommen zu dem Stück Papier, darin zu wickeln die silberne Schnalle?«

Sie erwiderte, nachlässig die Achsel zuckend: »Davon weiß ich nichts mehr.«

»Wirst du doch suchen, dich zu besinnen darauf. Es könnte sein, daß es wäre dein Vorteil, noch zu wissen, von woher es ist gekommen in deine Hand, daß du könntest machen mit mir den Handel um die Perle in meiner Schublade.«

»Ich kann nur sagen, daß ich kein Gedächtnis mehr besitze davon. Es hat vielleicht zehn Jahre lang unten gelegen im Kasten, ohne daß ich es mehr angefaßt mit der Hand und aufgemacht.«

Nathan dachte sichtlich angestrengt nach. »Es muß sein die Sorte Papier – willst du nicht versuchen, dich zu besinnen zu deinem eigenen Besten, ob du einmal vielleicht fast noch als ein unvernünftiges Kind getrieben ein Spiel im Laden mit einem großen Buch, das war eingebunden in Schweinsleder – kannst du dich nicht erinnern? Ich habe nicht gekonnt immer bei dir stehen aufzupassen, ob du auch machtest einen Unfug, wenn du in einer Ecke dich hattest versteckt im Laden. Hast du nicht vielleicht gesucht nach Bildern in dem großen Buch?« Miriam wiederholte: »Bilder? Die Rebekka, wie sie steht am Brunnen –«

»Gott, die Rebekka, wie sie steht am Brunnen – fällt sie dir ein? So wird sie haben gestanden in dem dicken Band mit der Schweinshaut, und du wirst haben gefunden drin dies lose Blatt Papier und es genommen mit deiner kindischen Unvernunft zu wickeln drin die silberne Schnalle, die ich dir muß haben gegeben um die Zeit. Gott, hast du damit angerichtet einen Schaden – will ich nicht reden von dem Schaden an meinem Bein, bloß von den Kosten allein auf der grausam teuren Rechnung des Doktors. Aber ein Wunder der Welt ist's; wie es sonst kommt alles wieder aus dem Sand, ist es heut' wieder gekommen aus deinem Kasten. Ist dir auch wieder gekommen die Besinnung, daß du hast mit der einfältigen Hand gegriffen dies Papier aus dem Buch mit der Rebekka am Brunnen?«

Nathan faltete und glättete sorgfältig mit der Hand das zerknitterte Blatt, von dem Miriam nichts weiter begriff, als daß er es auf einen guten Handelswert einschätzte. Darüber jedoch konnte sie nicht in Zweifel bleiben, versetzte rasch, ob der Wahrheit gemäß oder nicht: »Ja, es ist mir so aufgewacht in der Erinnerung«, und als Tochter ihres Vaters hurtig die günstige Geschäftslage ausnutzend, fügte sie, ihre Hand nach dem Blatt streckend, hinterdrein: »Ich will's dir geben dafür, wenn du mir verschaffst das weiße Pulver von der zerstoßenen Perle.«

Doch Nathan Aronsohn kam ihrer Bewegung zuvor, steckte schnell das Blatt in seine Brusttasche und entgegnete: »Rede nicht als eine, welcher wächst ein gefährliches Unkraut im Zopf, das sich kann ausbreiten über den Hals und ihn verschnüren, nicht mehr lassen die Luft einzugehen in ihn. Du sollst bekommen die heile Perle aus der Schublade morgen früh, wenn du dich jetzt wirst gelegt haben in dein Bett und wirst sein wach geworden bei gesunder Vernunft. Ich will nicht hören mehr, Miriam, von dem weißen Pulverstaub, der macht die weiße Hautfarbe, ob du hättest ein Begehren nach ihr für dich selber oder für jemand sonst, denn es ist ein schlechtes Geschäft auf alle Fälle, und du wirst machen noch ein gutes mit Geduld, wie ich habe gehabt Geduld, um zu bringen über mich dies gute Dach aus meinem schlechten Sack.«

Auf Helgerslund waren Maurer und Zimmerleute beschäftigt, die eingestürzte Turmtreppe wieder herzustellen, und ab und zu besichtigte der Gutsherr kurz den Fortschritt der Arbeit. Sein Aussehen ließ nichts von dem Unwohlbefinden wahrnehmen, wegen dessen er am Sonntag den Kirchenbesuch in Loagger versäumt hatte, doch aus seinem Gesicht und Behaben sprach statt der sonstigen jovialen Laune etwas andauernd Verdrossenes, das er an allen in seine Nähe Geratenden ausließ. Mit den Handwerkern schalt er, als ob sie an dem baufälligen Zustand der Treppe Schuld getragen, und fuhr eines Nachmittags seine vorüberkommende Frau vor den Arbeitern mit dem nämlichen Vorwurf an. Er habe seit Jahren auf die Ausbesserung gedrungen, sei indes immer von Gertrud aus nichtigen Gründen, hauptsächlich übel angebrachter Sparsamkeit, davon abgehalten worden, bis schließlich ein Unglück geschehen oder es doch auf ein Haar dahin gekommen, daß sie ein Menschenleben auf dem Gewissen gehabt. Er könne sich nicht in Stücke teilen, überall zu sein und aufzupassen, ein mögliches Unheil zu verhüten; sie hätte gewußt, wie er damals den ganzen Nachmittag um einer notwendigen Arbeit willen seine Stube nicht verlassen gekonnt, und es wäre ihre Pflicht gewesen, zu Hause zu bleiben und das Treiben der jungen, unvorsichtigen Leute zu überwachen. Aber sie habe keinen vernünftigen Gedanken im Kopf gehabt, sondern sei vermutlich stundenlang mit Herrn von Alfsleben spazieren gegangen, und nur wie durch ein Wunder sei sie für ihre Nachlässigkeit nicht in der schwersten Weise bestraft worden. Das hielt Fritz Brookwald mit scharf-unwilligem Ton seiner Frau in Gegenwart der Arbeiter vor, und wenn er es auch nicht aussprach, klang doch ziemlich verständlich daraus, durch die von ihm angestellte Untersuchung müsse herausgekommen sein, daß sie die Turmtür geöffnet und in unverzeihlicher Achtlosigkeit nicht wieder verschlossen habe. Und ohne daß er in seinem Mißmut bei den heftig tadelnden Worten die Gescholtene angeblickt, ging er ins Schloß zurück.

Eine derartige Behandlung vor einem Dutzend zuhörender Ohren war Gertrud von seiten ihres Mannes noch nicht widerfahren, und sie stand einige Augenblicke von der unbemäntelten Brutalität derselben wie halbbetäubt da. Die ihr vorgehaltene Beschuldigung, daß sie beinah den Tod Zea Hollesens auf dem Gewissen getragen hätte, hatte sie kaum mit rechtem Bewußtwerden aufgefaßt; dieser Vorwurf war so vollständig ohne irgendeine Begründung und so unbegreiflich gewesen, daß er fast Zweifel an der richtigen Verstandesbeschaffenheit des Sprechers erwecken mußte. Doch etwas anderes hatte kein Mißverstehen zugelassen und Gertrud eine Röte in die Schläfen heraufgedrängt, die Äußerung über ihren Spaziergang im Wald zu der Zeit mit Herrn von Alfsleben. In unglaublicher Roheit schlug er ihr damit vor den Zuhörern wie mit der Faust ins Gesicht, eigentlich auch nicht erklärlich, denn sie wußte, daß ihre neue Wiederbefreundung mit Dietrich Alfsleben ihn völlig gleichgültig belasse. Aber seit einer Woche steckte ein Grimm in ihm, der ihn sein Inneres nicht unter lachender Miene verbergen, sondern mit nackten Worten bloßlegen ließ. Woher jener über ihn geraten, konnte sie sich nicht deuten, doch sie empfand, ein Ausbruch dieses Grimms hatte ihm mit hämischer Absicht die Worte auf die Zunge gelegt, damit die Handwerker das Gehörte weitertragen, erzählen sollten, Herr von Brookwald wisse, daß und weshalb seine Frau sich mit Herrn von Alfsleben allein im Wald aufhalte. Und im Innersten erschreckt, wie betäubt stand sie; sie hatte ihren Mann doch noch nicht gekannt, wohl ein zusammenhangloses, freudeleeres, trostloses Leben neben ihm hingeführt, aber zum ersten Male lag in diesem Augenblick seine Seele in ihrer ganzen rohen und tückischen Nacktheit vor ihr da. Wie zwei gegeneinander treffende Strömungen durchlief sie ein kalter Schauder, während zugleich der Herzschlag ihr warme Blutwellen in die Schläfen hinauftrieb. So blieb sie, ihre Besinnung sammelnd, kurz noch auf dem Fleck stehen, dann atmete sie einmal tief auf und setzte den Fuß vor, auf dem Weg weiterzuschreiten, den einzuschlagen sie das Haus verlassen.

Langsam begab sie sich in südlicher Richtung durch den Park, bis dieser in den Wald überging, an dessen Rand sie noch einmal anhielt und den Blick zurückdrehte. Aber danach wendete sie sich und trat, verschmälertem Pfad folgend, unter das dichte Schattendach der alten Buchen. Fast lautlose Stille lag umher, im Weitergehen fühlte sie nicht nur, sondern hörte auch das Klopfen in ihrer Brust. Sie wußte, auf dem einsamen Weg werde ihr früher oder später etwas entgegenkommen, sich wahrscheinlich um eine Krümmung her voraus durch ein Geräusch, den Aufklang eines Fußtrittes, das Rascheln eines Gezweiges ankündigen. Dies, als von einer noch unsichtbaren Ursache, schon aus der Entfernung zu vernehmen, trug sie eine Scheu in sich, und ihre eigene Hand streifte an den Wegrandbüschen, durch das Blätterrauschen ihrem Ohr jenen sicher zu erwartenden Ton zu übertäuben. Das Tun Gertrud Brookwalds hatte etwas von der Zaghaftigkeit eines jungen Mädchens, doch gepaart mit einem entschlossenen Mut, der sie gleichmäßig den Schritt weitersetzen ließ.

Und dann kam der erwartete Augenblick, Dietrich Alfsleben tauchte aus dem grünen Blätterrahmen dicht vor ihr auf. Die Stunde war's, in der er täglich zum gemeinsamen Spaziergang auf Helgerslund eintraf; rasch zu Gertrud hinantretend, reichte er ihr die Hand, und es war wie seit mancher Woche an jedem Tag. Nur hatte sie bisher stets seine Ankunft im Park erharrt, zum erstenmal sich bis in den Wald hinein ihm entgegenbegeben, und er begrüßte sie: »Das ist eine freudige Überraschung, dich hier schon zu finden.«

Sie antwortete: »Ich wollte nicht, daß du mehr zu uns bis in den Park kämest.« Darauf schwieg sie kurz, eh' sie weiter sprach: »Aber ich wollte mit dir zusammentreffen, um dir zu sagen, daß ich den Entschluß gefaßt habe, mich von meinem Manne zu trennen. Nichts wird mich daran beirren, meine Scheidung von ihm zu bewirken, wenn es nötig ist, zu erzwingen.«

Dietrich Alfsleben flog's über die Lippen: »Du willst?« und aus weitoffenen Augen hielt sein Blick ihr Antlitz umfaßt. Sie dämpfte ihre Stimme zu ruhigem Klang, äußerte so, daß niemals Liebe zwischen ihr und ihrem Manne bestanden, den sie nach dem Willen ihres Vaters als ein halbes Kind geheiratet habe. Frostig und leer, unter einem aufgenötigten Joch sei ihr Leben bei ihm vergangen, bis sie heute erkannt, es nicht länger fort tragen zu können und zu wollen. Mit wenigen Worten tat sie der Beschimpfung Erwähnung, die er ihr soeben vor den Umstehenden zugefügt, doch von dem schweigend, womit er ihr den brutalsten und boshaftesten Streich versetzt hatte. Und sie schloß: »Ich weiß nicht, welche Schritte ich tun muß. Du bist der einzige Freund, den ich um Rat angehen kann, darum ging ich dir hierher entgegen.«

Regunglos hatte Dietrich Alfsleben zugehört; nun fragte er:

»Dein unverbrüchlicher Entschluß ist's, ihm nicht mehr anzugehören?«

Sie nickte und sagte dazu: »Ich habe ihm nie angehört.«

Er hatte bei der Frage unwillkürlich nach ihrer herabhängenden Hand gefaßt und hielt sie mit der seinigen umschlossen. So standen sie nebeneinander, beide jetzt ohne weiter zu sprechen, wohl fast eine Minute lang. Dann hob Dietrich Alfsleben plötzlich den anderen Arm, legte ihn um die Schulter Gertruds, bog sich zu ihr und küßte ihre Lippen. Ein Zucken durchfuhr ihre Glieder, doch ihre Lippen weigerten sich nicht, gaben ihm leise, wie in einem Traum den Kuß zurück. Aber nur eines Herzschlages Dauer lang war's gewesen, dann trat er, auch ihre Hand loslassend, um einen Schritt von ihr fort und sagte: »Mein Rat, Gertrud, ist, daß du jetzt und sogleich deinem Mann offen deinen Willen kundgibst, oder wenn du es anders willst, schreibe ihm. Damit hast du für dich deine Fessel gelöst; dann komme zu mir nach Ekenwart, dort, den Beistand und das Haus eines Freundes zu finden, der dich unter sicherem Schutz halten wird, bis du von deiner Ehe auch vor der Welt losgesprochen bist.«

Er hatte einen betonenden Nachdruck auf das Wort Freund gelegt, und ihm wie einem solchen die Hand reichend, antwortete sie: »Ich danke dir und will tun, was du mir geraten, sprechen oder schreiben. Dann komme ich zu dir in das Haus des Freundes.« Beide blickten sich noch einmal mit einer stumm redenden Sprache in die Augen, danach begaben sie sich auseinander, hierhin und dorthin zurück. Gertrud ging nicht mehr rotgefärbten, sondern blassen Gesichts, aber es erschien wie vom Zauberstab einer Fee angerührt und mit jugendlichem Anmutreiz überhaucht. Was sie lange ungewiß in sich getragen, war ihr heute zu plötzlich jähem Entschluß gereift, durch die rohe Handlung ihres Mannes; doch sie suchte nicht sich selbst zu täuschen, ohne den Wiedergewinn der Jugendfreundschaft zwischen ihr und Dietrich Alfsleben wäre sie nicht zu dem Entschluß gelangt, hätte um ihrer Tochter willen das erdrückend auf ihr lastende Joch mit mählich mehr und mehr abgestumpften Sinnen weitergetragen. Aber dieser Frühling hatte fast wie abgestorben in ihr begraben Gewesenes wieder aufgeweckt, ein Gefühl, daß sie noch lebe, noch ein eigenes Leben habe, und einen Sehnsuchtsdrang, es noch vor dem tödlichen Erstarren zu bewahren. Daraus war ihr geheim die Kraft erwachsen, die ihr heut' die Stärke gegeben, sich aufzulehnen, zu befreien, zu wollen und zu handeln. Sie ging rascher, ein kraftvoller Herzschlag ließ kein Zagen und kein Bangen in ihr aufkommen, sie war gerüstet, dem, mit welchem sie nichts verband, in ruhig furchtloser Entschlossenheit ihren Willen auszusprechen. Im Gehen zog sie ihren Ehering vom Finger. Der Anblick ihrer Hand sollte ihm kundtun, daß sie mit dem äußeren Zeichen der Lebensfessel diese selbst von sich abgelöst habe. Noch ab und zu verlangsamte sie wieder den Schritt, denn manchmal schloß sie unwillkürlich ein Weilchen die Augen. Dann sprachen ihre Lippen halblaut das vor sich hin, was über allem, Glück und trauernde Wehmut zusammenmengend, ihre Brust durchklopfte: Wäre diese Stunde vor zwanzig Jahren gewesen – wären sie ein Traum nur gewesen und wir hätten eben uns so im Wald getroffen und das junge, ganze Leben läge noch vor uns –

Wohl schlug wehmütige Klage ihre Fäden in das Glücksgefühl ein, doch sommerliche Schönheit ging über die Erde und wob einen gleichen holdberückenden Zaubertraum noch um Herz und Sinne Gertrud Brookwalds, wie um die Zea Hollesens. Denn das eigene Herz in ihnen war die Fee, die aus gleicher Sehnsucht ihre Traumwunder um sie schuf.

Da trat Gertrud schon wieder aus dem Wald auf den freien Parkweg hinaus, nun eilig diesen entlang schreitend. Ihr Gang beschleunigte sich fast zum Lauf, so drängte sie's ihrem Ziele zu, dem Abschluß ihres in Herzensarmut verkümmerten Lebens. Dieser einzige Gedanke erfüllte sie jetzt, ließ sie alles nur auf ihr nächstes Vorhaben beziehen, so daß sie überzeugt war, ein seitwärts her auftönender Fußtritt müsse der ihres Mannes sein, den eine für sie vorbedachte Fügung ihr schon hier entgegenbringe. Doch dann erkannte sie's als Täuschung, nicht der Erhoffte bog um den Rand eines Gebüsches, ein anderer, nur Nathan Aronsohn mit seinem Sack war's, eine Gertrud halb fremd gewordene Erscheinung, denn wohl seit zehn Jahren hatte er's vermieden, den Helgerslunder Grund und Boden zu betreten. Vorsichtig, zaudernd ungewiß sein verkürztes Bein nachziehend, kam er auch gegenwärtig daher, ließ beim Gewahrwerden der Gutsherrin zunächst den Fuß halten. Aber danach zog er die Schirmmütze vom Kopf, hinkte auf sie zu und redete sie an:

»Konnte doch nichts kommen mir besser erwünscht, als das hohe Glück, zu begegnen der Frau Baronin, denn es sind eines die Gemahlin und der Gemahl, und kann man doch nicht wissen im voraus, wenn ich ginge hinein ins Schloß, ob ich nicht käme zu unpaß störend in einer wichtigen Angelegenheit den Herrn Baron, daß er mich nicht möchte sehen und anhören, sondern geben Auftrag an irgend wen oder was, wie auszurichten seine Antwort, ohne daß ich hätte gesprochen zu ihm.«

Ungeduldig hatte Gertrud zugehört, fiel ein: »Was wollt Ihr, Nathan? Ich habe nicht Zeit.«

»Werd' ich doch gewiß nicht gehen um leichtfertig mit der hochkostbaren Zeit der Frau Baronin. Ist es doch bloß, daß der Herr Baron ist ein Freund und Liebhaber von altem Papier, welches ich ihm hab' einmal gebracht ins Schloß, daß er hat hochgnädig gewünscht, zu bekommen mehr noch von der gleichen Sorte. Hab' ich mir nicht lassen verdrießen seitdem die Mühe, zu suchen immerfort, ob ich nicht könnte noch auffinden von dem Gewünschten, um mir zu verdienen die hohe Zufriedenheit von dem Herrn Baron. Hab' ich's doch nicht im Sinn, zu verdienen weiter noch etwas damit, wenn es ist das alte Papier von der richtigen Sorte, als das günstige Wohlwollen des Herrn Baron, daß er mir vielleicht wieder wendet zu die Gewogenheit seiner Kundschaft für gute Sachen, die ich ihm könnte vorlegen um billigsten Preis.«

Nathan hatte ein zusammengefaltetes, beschriebenes Quartblatt aus der Tasche gezogen, das er der Gutsherrin überreichte, die mit sichtbaren Zeichen erhöhter Ungeduld gestanden. Augenscheinlich nur um den ihr verursachten Aufenthalt raschmöglichst zu beenden, streckte sie die Hand nach dem Papier, doch zufällig richtete sich ihr Blick dabei auf dieses hinunter und plötzlich flog ihr vom Mund: »Das ist – Woher habt Ihr, das ist ja die Handschrift meines –«

Um ein paar Schritte indes schon entfernt, fiel Nathan Aronsohn ein: »Ich werde gewiß nicht länger verdrießen die Frau Baronin, zu verkürzen ihr noch mehr von ihrer hochkostbaren Zeit, weil ich habe ausgesprochen meine Bitte, zu geben von mir dem Herrn Baron das alte Papier, möge es sein das richtige, das gelegen hat am Brunnen der Rebekka.« Und so schleunig sein linkes Bein es erlaubte, hinkte er, um sich nicht in Mißgunst zu setzen, davon. Es hätte doch ein Irrtum unterlaufen können, daß er Bedenken auch für sein rechtes Bein getragen, wenn er sich bei dem Schloßherrn hätte anmelden lassen, und für alle Fälle bedünkte es ihm ratsam, nach der günstigen Verrichtung seines Zwecks gegenwärtig noch den Park von Helgerslund möglichst bald wieder im Rücken zu haben. Gertrud jedoch gewahrte nichts von seinem Weggang, sie sah noch wie ungläubig auf das große Quartblatt, das er ihr hinterlassen. Aus fern versunkener Zeit, wie aus dem Grab herauf kam's in ihre Hand, denn zweifellos auf den ersten Blick waren es die unverkennbaren Schriftzüge ihres Bruders Meinolf. Nur halb lag ihr im Ohr, was Nathan von dem Papier gesagt, weshalb er es ihrem Manne bringen gewollt, und sie dachte kaum darüber. Doch ein Gedächtnisblatt hielt ihre Hand, das sie im Augenblick vergessen ließ, was sie zu tun beabsichtigt hatte; unwillkürlich trat sie an eine nahstehende Parkbank hinan, setzte sich und begann die Schrift auf dem Blatt zu lesen. Was war's? Vermutlich etwas an sich Gleichgültiges, ein Auszug aus einem Buch oder dergleichen, so erschien's, aber seine Hand hatte es geschrieben und wie ein Gruß von ihm blickte es sie an. Offenbar ein abgerissenes Stück; sie wendete das Blatt um, keine der beiden Seiten zeigte einen Anfang, die eine begann mit der unverständlichen Vollendung eines Satzes: »Mitgift in die Wiege zu legen.« Ihre Augen gingen einmal flüchtig über das Ganze hin, da stutzte sie plötzlich, denn inmitten des Schriftstücks traf sie auf ihren eigenen Namen »Gertrud«. Eine Anrede an sie war's, und im nächsten Augenblick konnte ihr nicht Zweifel bleiben, das Blatt enthielt einen Teil eines Briefes, und zwar eines an sie selbst gerichteten Briefes, der nie in ihre Hand gekommen. Eine sonderbare Erregung überkam sie, etwas Schreckhaftes, sie wußte nicht, woher und weshalb. Hastig drehte sie das Blatt wieder um und las vom Anfang der Seite:

»Mitgift in die Wiege zu legen. So liegt sie da, ruhig atmend, ahnungslos, daß ich noch wache und an Dich schreibe. Möge dieser Brief nie in Deine Hand kommen, möge mir beschieden sein, ihn morgen wieder zu vernichten, Dir mit dem Munde zu sagen, daß Eduv seit vorgestern meine Frau ist. Freilich wenn ich dazu imstande sein soll, so müßte ich ihn – und das will, das werde ich nicht. Er ist ein Unglücklicher, seiner Sinne beraubt – es muß noch ein drittes geben, daß weder er noch ich – vielleicht daß er im letzten Augenblick noch erkennt – ich werde nichts unversucht lassen, all meine Hoffnung ruht darauf.

Doch Du verstehst das nicht, ich schreibe zu hastig und wirr durcheinander. Wie Eduv die Arme um mich warf, stumm damit sprach, wen sie gewählt habe, ward es für ein paar Augenblicke still um uns. Aber ich hörte nichts, mein Herz klopfte und jubelte wohl zu laut, ließ mich, sie auch mit meinen Augen umschlungen haltend, alles vergessen. Da fuhr ich auf – denn der Wahnsinn brach aus D.s Munde. Halberstickte Worte, von irrer Wut ausgestoßen, schleuderte er mir entgegen, hieß mich einen Betrüger, einen Schurken, einen tückischen, ehrlosen Buben. Das Blut stockte mir, doch ich bezwang mich, antwortete: ›Du bist von Besinnung. Du wirst morgen nicht wissen, was du gesprochen, und ich auch nicht.‹ Doch da wandte er sich gell auflachend gegen Eduv: ›Behalt' die Dirne, die du besser bezahlt hast als ich! Wieviel hat er dir gegeben, daß du ihn küßt?‹ Er streckte die Hand nach ihr, mir schien's, ihr Haar zu fassen, um ihren Kopf von mir gegen seine Augen herumzureißen. Mich hatte ich beschimpfen lassen, jetzt verlor ich die Herrschaft über mich. Meine Hand fuhr auf und schlug ihm mit solcher Gewalt ins Gesicht, daß er wie betäubt zurücktaumelte. Eduv stieß einen Angstschrei aus, die alten Leute vom Hause liefen herzu.

D. und ich haben uns nicht wiedergesehen, nur kurze Schrift gewechselt. Was die seinige enthält, brauche ich Dir nicht zu sagen, noch daß ich darauf erwidern mußte, wie er es forderte. Wir sind übereingekommen, morgen früh wie zum Wettsegeln mit unseren Böten in die See hinauszufahren. Doch nehmen wir Pistolen mit uns, trennen uns draußen eine Strecke weit und kehren dann gegeneinander zurück. Der Überlebende wird sagen, daß der andere verunglückt sei und bei unserer bis vor kurzem unzertrennbaren Freundschaft wird niemand auf den Gedanken eines Zweikampfes zwischen uns geraten. Nur Dir mußte ich es schreiben, für den Fall, daß ich Dich morgen nicht sehe.

Aber ich hoffe noch Gutes, nur das eine nicht mehr, was ich als einen Herzenswunsch gehegt. Ich glaube sicher; er hätte sich erfüllt, wenn D. nicht von der unseligen Leidenschaft für Eduv gefaßt und besinnungslos gemacht worden. Auch Dein Herz, Gertrud, ich weiß es, trägt den Wunsch in sich.

Komme ich morgen zurück, so offenbare ich unserem Vater, daß er seit vorgestern noch eine Tochter außer Dir besitzt. Es ist geschehen, unabänderlich, er muß und wird sich darin fügen. Ein mir befreundeter junger Geistlicher, dem ich mich anvertraut, hat in der Stille unseren Eheschluß rechtmäßig vollzogen. Nicht alles weiß er, nicht von D., nur daß ich von einer übermächtigen Nötigung gezwungen sei, um Lebens und Sterbens willen Beistand bei ihm zu suchen. Er weigerte sich, durch eine heimliche Trauung ohne Zeugen und ohne Erfüllung der gesetzlichen Vorschriften gegen seine Amtspflicht zu handeln, doch der Anblick der reinen Holdseligkeit Eduvs brachte ihn zum Wanken. Er ist von der Art des Pastors Hollesen in Loagger, und die Menschenpflicht in ihm ward die stärkere. So gab er mir an, es bestehe eine uralte, von der Kirche nie aufgehobene Rechtsgültigkeit eines Ehebundes, wenn ein Mann vor dem Priester in Gegenwart zweier Anwesenden die Hand seiner Braut fasse und, ehe Einwand erhoben worden, laut spreche: ›Ich erkläre diese zu meiner Ehefrau!‹ Wider die weltliche Satzung sei's eine Eigenmächtigkeit, aber damit geschehen, was die Kirche als das innerlich Bindende und Weihende der Eheschließung anerkenne, die Willenserklärung der Verlobten. Sie mißbillige diese Eigenmächtigkeit als eine Verletzung des irdischen Gesetzes, doch da sie den Bund als unlöslich geschlossen betrachte, ermächtige sie ihren Diener, ihm zur Verhütung argen Übelstandes mit dem göttlichen Segensspruch auch weltliche Geltung zu verleihen. Das habe die Kirche, als das Fundament der Ehe, nie durch eine ausdrückliche Bestimmung aufgehoben – und so geschah's vor zwei wie durch Zufall anwesenden, ahnungslosen Zeugen, uns völlig unbekannten Dorfleuten, die kaum etwas von dem Vorgang begriffen. Danach nahm der Geistliche unsere Trauung auf sein Gewissen, und als Mensch sicherte er mir mit seiner Hand Geheimhaltung zu, bis ich selbst ihm die Junge lösen werde.

Auch das mußtest Du noch wissen, Gertrud – wenn ich morgen nicht zu Dir kommen sollte. Dann nimm statt meiner die Schwester ans Herz, die ich Dir hinterlasse; in Deinen Schutz befehle ich sie! Sie war, sie ist mein höchstes Gut, und Du wirst erkennen, daß sie es sein mußte.

Ein Buch liegt neben mir, damit ich dies Blatt wie das erste schnell darin verbergen kann, wenn Eduv aufwachte. Sie ahnt nichts von morgen und soll es nicht, weiß nur, daß ich in der Frühe einen weiteren Ausritt mache, von dem ich erst am Nachmittag heimkehren kann. Ungesehen soll die Gewitterwolke über ihr fortziehen und zergehen; daß sie davon wüßte, wäre unmöglich für sie und für mich. Nur zwei Worte will ich auf ein Blättchen schreiben, falls ich gegen Abend noch nicht wiedergekommen sei, möge sie Dir das Buch schicken, ich hatte Dir davon gesprochen und Du wartetest heute darauf. Dann wüßtest Du, Gertrud, was ich als erstes von Dir erhoffe, und ich weiß, daß Du es tust.

Aber es wird nicht nötig sein, dies ganze Schreiben wird unnötig gewesen sein. Ich werde es morgen bei meiner Rückkehr in dem Buch vorfinden und vernichten. Der Glaube daran macht mich immer freudiger, wird zur sicheren Überzeugung, denn die alte Jugendfreundschaft kann nicht solchen Ausgang nehmen, muß im letzten Augenblick mit zwingender Macht – –«

Mit dem Wort brach der Brief gegen den Schluß der zweiten Seite unbeendet ab; die letzte Zeile wies sich halb verwischt, ließ erkennen, der Schreiber habe das Blatt, auf dem die Tinte noch naß gewesen, hastig in das Buch geschoben, weil seine junge Frau aufgewacht sei. Danach war Meinolf von Rhade nicht mehr zu einem Abschluß gelangt und, wie es fast zweifellos ward, auch nicht zu der beabsichtigten kurzen Anweisung auf einem Blättchen. Er mochte es vergessen haben; vermutlich hatte er es in seiner immer fester gewordenen Zuversicht am Morgen für durchaus unnötig gehalten.

XII.

Ziemlich um die gleiche Nachmittagszeit, zu der Gertrud Brookwald auf der Bank im Helgerslunder Park den vor achtzehn Jahren geschriebenen Brief ihres Bruders las, trat drüben in Loagger der junge Lehrer Tilmar Hellbeck aus der Tür des kleinen Schulhauses. Sein blasses Gesicht machte den Eindruck von Überanstrengung durch die Unterrichtsstunden, die er bis zum Mittag hin gegeben, doch er hatte schon bei ihrem Anfang farblos und überwacht ausgesehen, als ob die Nacht ihm keinen Schlaf gebracht, und fast ohne etwas von der heut' besonders sorgfältig durch seine Mutter zubereiteten Mittagskost berührt zu haben, war er vom Tisch aufgestanden. Verstohlen blickte Frau Margret ihm durchs Fenster nach, murmelte, den weißen Kopf schüttelnd, vor sich hin: »Mein armer Junge – er hätte besser mein Haar als seins.« Aber doch war's auch besser und notwendig gewesen, daß sie gestern, wie er von seinem Abendgang am Strand zurückgekommen, nicht verschwiegen, welchen guten Rat Zea Hollesen ihm von ihrem Vater ausgerichtet habe und was diese selbst an Wünschen und Besorgnis für ihn in bezug auf die Wahl einer Frau, wunderlich aus dem Munde eines halben Kindes, hinzugefügt. Und nickend sagte Margret Hellbeck ebenso halblaut noch hinterdrein: »Ja, er hatte es nötig, ich sah's ihm schon lang' an – und wie er's gehört, da brauchte er meinen Ohren nichts zu sagen.«

Gegen die Kirche hinangestiegen, stand Tilmar, ungewiß, wie ziellos um sich blickend, auf dem Dünenrücken, doch kehrten seine Augen nach einem Rundgang stets in die Richtung des Pfarrhauses zurück, um eine Weile dorthin verwandt zu bleiben. Einigemal regte sich sein Fuß wie zum Fortschreiten in der gleichen Richtung, aber er gelangte nicht weiter, als zu der kurzen Bewegung, hielt scheu wieder an. So verging wohl eine halbe Stunde, wie mit dem Zeiger einer Uhr wies die Sonne es durch den langsam mehr sich ostwärts drehenden Schattenwurf des reglos Stehenden. Dann schlug ihm einmal rasch die Wimper, drüben tauchte die schlanke Gestalt Zeas an der Pforte des Pfarrhausgärtchens auf und sie kam daraus hervor, schritt gleichfalls der Anhöhe unter der Kirche zu. Sie nahm ihn nicht gewahr, denn im Gehen hielt sie die Augen nach Osten gedreht; es schien, ein Verlangen, den Blick weit über die Heide schweifen zu lassen, führe sie herauf. Erst wie sie fast auf ein Dutzend Schritte nahegekommen, sah sie bei einer Kopfwendung plötzlich Tilmar stehen, stutzte sichtlich einen Augenblick, doch ging dann schnell auf ihn zu, ihm mit freundlichem Grußwort die Hand zu reichen. Ihre Augen warfen leuchtende Strahlen, der ganze Sommer blühte aus ihrem Antlitz entgegen. Nur wie sie sprach: »Ich wollte dich gestern abend aufsuchen, aber du warst nicht zu Hause«, klang ein wenig Befangenes aus ihrer Stimme, danach indes lachte sie, etwas wohl auch, um über einen Anflug von Verlegenheit fortzukommen, doch hörbar im eigentlichen aus innerer Freudigkeit herauf. Er erwiderte: »Ja, meine Mutter hat es mir gesagt«, und er verstummte, blieb schweigend ein paar Atemzüge lang stehen, bis er hinzufügte: »Ich – ich wollte deshalb eben zu dir, dich zu fragen, ob du – der Nachmittag ist schön – ich dachte mit dem Boot nach Herdsand –«

Abgebrochen und stotternd brachte er die Worte hervor, und es war, als ob die Ungelenkigkeit seiner Zunge sich auch auf die Sprache Zeus übertragen habe. Denn sie antwortete ebenso, doch sehr rasch: »Es tut mir leid, Tilmar – ja, der Tag ist so schön – aber heut' – du denkst nicht daran, daß du selbst, als wir zum letztenmal drüben waren, für besser hieltest – nein, gerade heut' kann ich nicht, ist's mir nicht möglich – ich bin nur einen Augenblick hierher – meine Eltern warten schon auf mich.«

Da stand Tilmar Hellbeck und sah mit den traurigen hilflosen Augen, deren Ausdruck ihr innerlich weh tat, vor sich hin. Gleich langsam fallenden Tropfen kamen ihm die Worte von den Lippen:

»Ja, wenn du nicht kannst – vielleicht ein anderes Mal.«

So weh taten die schwermütigen Augen ihr, sie mußte nach seiner Hand fassen. »Nur nicht jetzt, nicht gleich, in dieser Stunde –« abschlagen konnte sie's ihm nicht, nur einen Aufschub wollte sie und sie wiederholte schnell:

»Nein, heut' – heute kann ich ja nicht – aber – aber morgen.«

Etwas Helleres kam zwischen seine Lider; er fiel hastig ein:

»Morgen? Fährst du morgen mit mir? Gewiß?«

Sie nickte rasch. Seine Hand hielt sich zaghaft und doch so bittend um ihre gelegt. Etwas unbedacht hatte sie's wohl gesagt, doch konnte sie es nicht zurücknehmen, und so lang' war's ja auch noch bis dahin. Außerdem – sie fühlte es deutlich in diesem Augenblick – einmal mußte es doch sein, und drüben auf der Düne von Herdsand war die beste Stelle dafür. So entgegnete sie:

»Ja, gewiß, morgen – verlaß dich darauf – ich verspreche dir's.«

Nun ging sie eilig zum Pfarrhaus zurück; flüchtig hatten seine Augen sich ein wenig erhellt, aber wie sie ihr nachblickten, kehrte ihnen das Traurige, Hilflose und Hoffnungslose zurück. Sein Glück war zu sonnenhaft gewesen, er wußte nicht, von woher ein kalter, dunkelnder Schatten darauf gefallen sei, nur daß es geschehen. Seit Wochen hatte er ihn herankommen gefühlt, näher und näher, wie mit gebundenen Händen stehend, machtlos, ihn abzuwenden. –

Unwillkürlich hob er einmal beide Hände über sich gegen den Himmel auf. O, daß er etwas könnte, was kein anderer auf der Erde vermöchte – daß er etwas vom Himmel herniederholen könnte, einen Stern, ein Wunder, und sprechen: »Das gebe ich dir – ich weiß, daß ich zu wenig hatte, um es dir zu bieten – doch sieh, das bringe ich dir, mein Leben hätte ich hingegeben, es für dich zu erringen.«

Sommerschön breitete der Himmel sich über Land und See, aber er besaß keine zaubermächtige Wundergabe, sie in Tilmar Hellbecks Hand zu legen. Beklommen atmend, ging der junge Lehrer zum Strand hinunter, seine Brust rang nach einer Befreiung durch körperliche Kraftanstrengung; halb unbewußt trat er in das bereitgehaltene Boot und ruderte auf die See hinaus. Eine Weile ziellos, dann führte er aus, was er für den Nachmittag beabsichtigt hatte, hielt auf Herdsand zu. Ihm kam's, sich allein dort auf die Düne zu legen, wo er mit Zea gesessen, wo ihr der Gedanke gekommen, er solle sie zu seiner Frau nehmen. Dahin zog's ihn, mit geschlossenen Augen zu liegen, als sitze sie neben ihm, und auf ihre Stimme zu horchen.

Auch die kleine Insel hatte sich nun sommerlich angetan, ähnelte einem langgewachsenen Bettlerkinde, dem unter hellgrünem, ärmlichem, zu kurzem Kleid magere bloße Beine und Arme hervorsahen; so gliederten sich von einem bißchen niedrigen Graswuchs in der Mitte die kahlen Dünensträuche gegen die umgürtende Wasserfläche hinaus. Doch auch darüber hin ging jetzt eine Lebensbewegung, ein halbes Dutzend von kleinen Schafen rupfte an dem kargen Bodenwachstum. Sie waren sich selbst überlassen, ringsum hütete sie die See; einige über vier eingerammten Pfählen liegende Bretter boten ihnen einen Unterschlupf für einbrechende Unwetter. An Menschennähe gewöhnt, hatten sie merklich ein Gefühl der Einsamkeit, begrüßten den Ankömmling mit leise blökenden Tönen; sie standen von ihrem Futtersuchen ab, drängten zu ihm hin und folgten ihm auf den Fersen nach. Tilmar Hellbeck überkreuzte das Eiland bis zu der von ihm gesuchten Stelle; sie war nicht zu verkennen, nach rechts fiel die Düne, zu einem kleinen Halbkreis aufgerundet, gleichsam einen winzigen Hafen bildend, in ziemlicher Steilheit ab. Der Boden zeigte hier dunklere Färbung, Jahrhunderte hatten Kiesel, Muscheln und losgerissene Tange in die Höhlung hineingerollt, mit Sand und Schlamm zugedeckt, das Spiel immer neu wiederholend. Gegenwärtig zwar kamen die Wellen nicht bis zum Fuß der Düne heran, sondern hielten, leise plätschernd, schon eine Strecke vorher inne, um schnell wieder rückwärts zu laufen. Ebbezeit war's, erst gegen Sonnenuntergang kehrte heut' die Flut wieder und ein vom Wasser entblößter Vorstrand verbreitete sich noch.

Nun lag Tilmar hingestreckt, über ihm das Himmelsblau und sonnengoldene Luft, von leichtem Wind flimmernd bewegter Strandhafer umher. Ab und zu ein Möwenschrei; die Schafe blieben in der Nähe, stiegen auf und ab über den Dünenwall und schnoberten am Grund.

Der junge Lehrer hatte die Lider geschlossen und horchte. Ja, die Stimme Zeas klang neben ihm, doch nur ein winziges Wort sprechend: »Morgen –«

Sie hatte es ihm zugelobt, morgen war sie mit ihm hier. Aber wenn es so ward – was sprach sie hier morgen?

Die Wellen vor ihm rauschten leis', als raunten sie etwas, und lauschend spannte er sein Ohr. Ja, sie redeten, mit dem Klopfen seines Herzens sprachen sie, doch er verstand nicht, was sie sagten.

Warum?

Er zählte die Wochen, die Tage seit jenem, an dem sie hier neben ihm gesessen –

Warum?

Vor seinen Augen stand sie wie lebend, wie in Wirklichkeit. So leuchtend, als sei die Sonne in ihr, als seien ihre Augen der Himmel, und aus ihnen flute der Strom von goldenen Strahlen, die sie in sich trage.

Plötzlich einmal verwandelte sich ihm ihr Bild; eine Erinnerung überflog es, flüchtigem Wolkenschatten gleich. Er sah ihr Gesicht bleich entfärbt; wie leblos hing es übergebogen zurück auf den Armen des jungen Freiherrn, der sie mit eigener höchster Lebensgefahr aus dem Zusammenbruch der Turmtreppe gerettet.

Tilmar Hellbeck fuhr in die Höh', wie einer, der aus einem Schreckenstraum halb zur Besinnung kommt, und sah verstört vor sich hinaus. Da war das Bild noch vor seinen geöffneten Augen – über die See her ging Meinolf Alfsleben und trug Zea auf seinen Armen. Nur nicht mehr blaß und totenbleich, sondern ihr Antlitz leuchtete rot wie die blühende Heide, und lachend strahlte darüber die Sonne aus ihren Augen.

Der Aufgefahrene griff mit der Hand an seine Brust. Am Herzen fühlte er einen jähen Schmerz, als sei etwas daran zerrissen oder zersprungen, wie ein Glas, denn ein solcher Klang verband sich damit, schlug ihm deutlich ins Ohr.

Nun besann er sich; das Phantasiebild war verschwunden, friedlich und leer dehnte die See sich vor ihm, und im plötzlichen Übergang von der Wirklichkeit in einen vollen Gegensatz der Empfindung gedrängt, mußte er fast lachen. Unweit von ihm machte eines der Schafe einen komischen Rücksprung, glotzte dumm-erschreckt auf etwas vor sich hin. Es hatte in der kleinen Ausrundung der Düne zwischen dem Strandhafer am Boden geschnuppert, vermutlich von einem hervorragenden Stückchen Seetang angeführt, mit der Schnauze ein Loch in den Sand gewühlt und fuhr entsetzt vor einem klirrenden Ton zurück, den es dabei veranlaßt. Das war der Klang wie von einem zerspringenden Glas gewesen, der Tilmar ans Ohr geschlagen.

Eine Einbildung seines Gehörs – so war's wohl auch das, womit die Augen ihn überkommen gehabt. Sein Herz klopfte beruhigter; die Erklärung, der Gegensatz, der Anblick des verdutzten Schafes machten ihre Wirkung geltend. Er kam nicht zu einem Lachen, das war seinen Lippen zu fremd geworden, doch unwillkürlich trat er hinzu, um genauer zu erkennen, was den eigentümlichen Ton verursacht habe. Und klar ergab sich's, ein niedergerollter Kieselstein hatte in der Tat an ein im Sand steckendes Glasstück geschlagen. Von dunkelgrüner, fast schwärzlicher Farbe, saß es fest, offenbar mit dem Unterende noch weit in den Boden reichend, von zusammengeschwemmtem Schlamm und Steingeröll gehalten; doch ließ das sichtbare Stück nicht Zweifel, einer augenscheinlich schon seit langer Zeit hier angespülten und untergegrabenen Flasche anzugehören. Es kam natürlich dann und wann vor, daß eine solche von einem Schiff über Bord geriet und Wind und Wellen nahmen sie mit sich, sie allmählich bis an eine zuweilen viele Meilen weit entfernte Küste zu treiben. Auch geschah's – Tilmar erinnerte sich an zwei Fälle aus den Aufzeichnungen Jasper Simmerlunds – daß Flaschen von Fahrzeugen, die mit dem Untergang bedroht waren, absichtlich ins Meer geworfen wurden, um auf einem ihnen anvertrauten Blatt eine letzte schriftliche Nachricht ans Land zu bringen. Der Gedanke wachte den jungen Lehrer auf, während seine Hände mechanisch die Glaswandungen aus dem verfilzten Grund herauslösten, doch ohne sich ihm zu einer wirklichen Mutmaßung zu gestalten. Aber dann hielt er die Flasche in der Hand, sie war unversehrt, fest verkorkt, darüber offenbar noch verpecht, und durch das dunkle, schmutzüberkrustete Glas kam aus ihrem Innern ein matter hellerer Schimmer hervor. Halb ohne Wissen und Denken faßte Tilmar nach einem Stein, zerschlug die Flasche damit, und aus dem abgebrochenen Hals ragte das Endstück eines zusammengerollten Papierblattes. Es war beschrieben, vorsichtig zog er's heraus, setzte sich an den Rand der Düne und las das darauf Stehende:

»Ich muß heute schreiben, was notwendig – morgen – ich fühle es – morgen kann ich's nicht mehr. Er kommt näher auf mich zu – er, der Schatten – und wenn er mich berührt, dann – dann ist's vorbei. Zuerst sah ich ihn an dem Abend, als Meinolf nicht zurückkam. Da stand er auf einmal draußen vorm Fenster und sagte etwas. Aber ich konnte es nicht verstehen – jetzt weiß ich's, schon damals sagte er: ›Du wartest umsonst, er kommt nicht – nie – nie wieder.‹ In der Nacht bin ich wohl hingefallen und wußte nichts mehr, denn ich lag neben dem Bett, als jemand davon sprach. Mit dem anderen war' er auf die See hinaus und im Sturm sein Boot umgeschlagen. Da erkannte ich die Stimme, die's sagte – er war's, der Schatten – und ich wußte auch, wie es geschehen, gleich, als ob's ein Blitz mir in den Kopf hineingeschlagen. Das darf ich nicht schreiben – es ist ja auch umsonst und alles tot – er, die Sonne, der Himmel, die Erde, alles tot. Nur das Kind wird leben, sein Kind – darum – ich muß mich besinnen, wie es war. Aus Angst, daß der andere käme, lief ich fort, lange, weit fort. Aber der Schatten war immer hinter mir – auf der Heide, im Wald, bei Tag und Nacht, überall war er hinter mir und wollte mich fassen. Die Blätter wurden gelb – so müd' war ich, ich konnte nicht mehr weiter. Nur für das Kind – das durfte er nicht in seine Hände bekommen – so kalt ward's, und Nebel, lauter Nebel. Ich sah ihn nicht mehr, fühlte nur, es half nicht, immer blieb er hinter mir, wie ein Jagdhund auf der Fährte. Der Blitz, der mir in den Kopf geschlagen, hatte gezündet – es brannte drin, eine Flamme schlug heraus, wie aus unserm Dach im Waldhaus. Daran erkannte ich, wohin ich im Nebel lief und ließ nicht ab – mir fiel ein, auf das Wasser könne er vielleicht nicht nach – ich war klug, sagte dem Kapitän nichts, daß der Schatten hinter mir drein sei, und er nahm mich aufs Schiff. Aber da – der Mond schien hell und auf den Strahlen konnte er über die Wellen nachkommen, zu mir herein in die Kajüte, gestern nacht. Im Schlaf fühlt' ich's, er atmete mich an – nun ist's Tag, und ich weiß, heut' nacht kommt er wieder und hat mich, hält mich – darum muß ich's heute schreiben und das Blatt dazu legen – morgen ist's zu spät. An Gertrud von Rhade auf Helgerslund soll's, es ist ihres Bruders Kind – ich kenn' es nicht und hab's doch lieb – sie wird ihm helfen – ich werd' es nie kennen lernen, denn der Schatten ist zu dicht über mir und der Blitz frißt mir im Kopf –«

Abgebrochen endete mit dem letzten Wort die Schrift auf dem Blatt, das Tilmar Hellbeck aus der Flasche hervorgezogen. Noch zwei andere Blätter lagen in jenes eingerollt; das eine enthielt ein mit Namensunterschrift und Kirchensiegel versehenes Dokument, das die rechtsgültig vollzogene Trauung des Freiherrn Meinolf von Rhade mit Eduv Nordwalt, der Tochter des Försters Dirk Nordwalt beurkundete. In fiebernder Hast rollte der junge Lehrer das dritte Blatt auf; ebenfalls beschrieben, tat es kund:

»Auf der Hamburger Bark ›Thetis‹.

Es hat die Wahnsinnige, die ich unklugerweise mit an Bord genommen, wohl zu frühzeitig ein Mädchen zur Welt gebracht, in voll ausgebrochenem Wahnsinn, daß sie nichts mehr davon gewußt, und ist alsbald nach der Geburt mit Tode abgeschieden. Sie hat aber vorher, da sie noch einen hellen Augenblick gehabt, mich ihr schwören lassen, wie ich's denn aus Mitleid getan, eidlich zu bezeugen, das erwartete Kind sei ihres und ihres verstorbenen Ehemannes, Herrn Meinolf von Rhade auf Helgerslund. Sind wir aber hier am andern Tag, nachdem wir das Feuer von Helgoland passiert, ungefähr wohl auf 55° Breite unversehens in schweren Nordwest geraten, daß außer mir und dem Steuermann alle an Bord drauf schwören, es rühre von der toten Frau und dem Kind her, die beide Ran zugehörten, und die ›Thetis‹ müßt' ihretwegen mit Mann und Maus untergehen. Hoffe ich noch auf Abflauen vom Sturm oder ihnen Vernunft einzureden, daß sie davon lassen, wie sie's vorhaben, die Böte klarzumachen und das Schiff treiben zu lassen, denn bei der schweren See kommt keiner irgendwo an Land. Wenn aber bei ihrer Tollheit nichts hilft und wir mit müssen, geb' ich hier letzte Nachricht von der ›Thetis‹ und halt' dabei mein Gelöbnis, daß ich die Papiere, die mir die Frau gegeben, mit in die Flasche tue und hier mit Handschrift bezeuge, es sei ihr Kind, dem sie auf unserem Schiff gestern zum Leben verholfen. Weiß ich zwar nicht, wozu es noch von Nutzen sein könnte, da das Mädchen ohn' alle Aussicht ist, am Leben erhalten zu bleiben, vielmehr selbst gleichfalls von ihm schon wieder verlassen erscheint. Doch will ich mein eignes nicht zu End' gehen lassen, ohne eines rechtschaffenen Schiffers zugesagtes Wort ehrlich in Erfüllung zu bringen, darum habe ich dies aufgesetzt und zum Zeugnis mit meinem Namen unterschrieben. Weiß keiner, was der unbekannte Steuermann oben vorhat, daß er vielleicht noch zu Besserem verhilft.

Bernhard, genannt Beren, Emerich,
Kapitän auf der ›Thetis‹.
Steuermann Martin Wienbarg
bezeugt mit.«

Man sah der mehrfach fast unleserlichen Schrift an, daß sie äußerst mühsam bei heftigem Schwanken des Tisches, auf dem sie abgefaßt worden, zu Ende gebracht sei, doch Tilmar Hellbeck kam dies im Augenblick nicht zum Bewußtwerden. Rascher und rascher hatten sich ihm während des Lesens sein Gesicht rot überglühende Blutwellen herausgedrängt, klopften mit fiebernder Hast in seinen Schläfen. Zu wirklichem Denken unfähig, nahm er alles nur mit der Empfindung auf, brachte sich's durch sie zum Verständnis. Doch über allem wogte ihm im Kopf und Herzen ein ungeheures, übermächtiges Gefühl: Aus Sand und See waren diese Schriften in seine Hand gekommen. Nein – halb betäubt sah er über sich – nicht dorther – der Himmel hatte auf sein Flehen gehört und das Wunder, das leuchtende Wunder ihm in die Hand gelegt.

XIII.

Dietrich Alfsleben befand sich nach dem Zusammentreffen mit Gertrud Brookwald auf dem Rückweg gegen Ekenwart. Der Nachmittag hatte etwas gebracht, das seit Wochen näher und näher herangekommen war, um die beiden eines Tags zu erreichen und, eine Entscheidung fordernd, vor ihnen zu stehen. Diese Entscheidung verlangte unabweislich eine Scheidung, entweder der Gemeinsamkeit des täglich von ihnen eingeschlagenen Weges, oder – eine andere, die einen Weitergang auf diesem, auf einem neuen Weg gestattete. Den Gedanken an sie trug Alfsleben in sich, doch stumm; er konnte ihm nicht Sprache verleihen, und nie war zwischen ihnen durch ein Wort daran gerührt worden. Von Gertrud mußte ein Beginn ausgehen, und nun hatte sie plötzlich den Bann des Schweigens gebrochen, ihren festen Willen offenbart, sich von der unwürdigen Fessel ihres Lebens freizumachen.

Auch er wußte, sie hätte den Entschluß nicht gefaßt, wenn er nicht in diesem Frühling wieder in Helgerslund eingekehrt wäre. Von ihr geführt; nicht er hatte es gewollt, sie war es gewesen, die ihn dorthin zurückgebracht.

Ja, sie hatte ihn immer geliebt, von früher Jugendzeit auf, und auf ihn gehofft. Und alles Wertvollste hätte sie besessen, ihm zugebracht, für einen schönen, friedvollen Lebensgang.

Er fühlte, wie dies Bewußtsein damals klar in seiner Brust gewesen sei, wie sein Herz davon freudig beglückt geklopft habe. Aber da war ein namenloser wilder Sturm, ein Orkan in diese Brust hineingefahren, alles niederbrechend, zerschmetternd, überdonnernd – und wie der Orkan seine blinde Wut in ihm ausgetobt, lag er, einem entwurzelten Baum gleich, hingeworfen auf ödem, verwüstetem Feld –

Er? War es ihm selbst denn geschehen oder hatte er nur davon gehört? In so unendlicher Ferne hinter ihm abgesunken lag's – wie in einem anderen Leben gewesen – wie nur in einem bösen Traum.

Ja, Gertrud liebte ihn, und immer im heimlichsten der Brust hatte auch er sie geliebt. Und sie hatte seine Hand gefaßt, ihn in einem neuen Leben aus der Öde auf den schönen, friedvollen Weg zurückzuführen, der einst vor ihm gelegen. Spät war's, mit ihr auf dem Weg zu gehen, doch noch nicht zu spät. Noch Sommerneige war's, der ein warmer Herbst folgen konnte. Und nur ein böser Traum –

Langsam schritt Dietrich Alfsleben durch den Wald, der Schlag des Herzens in ihm stand im Einklang mit seiner Gangbewegung. Es klopfte von einem ruhevollen Glück, einem zweiten, das ihm dieser Frühling gebracht. Einen Sohn hatte er gefunden und jetzt die Liebe, die seit Jugendtagen unverändert am Wegrand auf sein Kommen geharrt.

Von der Seite her klang ein anderer Fußtritt; Dirk Westerholz war's, den Hut lüftend, trat er heran, auf dem Rückweg zum Schloß begriffen. Der Freiherr hätte lieber seinen Gang allein fortgesetzt, und doch auch war ihm in einer undeutlichen Empfindung ein Losgelöstwerden von den in ihm treibenden Gedanken erwünscht; so forderte er den Förster auf, ihn zu begleiten, richtete wirtschaftliche Fragen an den neben ihm Gehenden, der kurz, fast noch wortkarger als sonst, darauf erwiderte.

Sie waren nicht weit mehr von dem Herrenhaus entfernt, als einmal hoch über ihnen aus den Buchenkronen ein heller Vogelruf wie »Milo« oder »Bülow« herabscholl. Alfsleben hatte nicht acht gegeben, doch der besonders klangvolle Ton ließ ihn fragen: »Was war's?« Sein Begleiter antwortete: »Ein Pirol – die Golddrossel.« Verstummend machte er eine Anzahl Schritte weiter, während der Vogel seinen Ruf wiederholte. Dann hielt der Förster den Fuß an und sagte:

»Herr Baron –«

»Ja – was habt Ihr, Dirk?«

»Ich erzählte Ihnen in einer Nacht drüben auf der Heide von einer Golddrossel. In einem Käfig hatte ich sie sicher eingesperrt, und er geriet in Brand mit dem Wald umher. Damals sprach ich Ihnen, mir liege nicht dran, wenn Sie zur Stadt führen, dem Richter anzuzeigen, Ihr Förster heiße Dirk Nordwalt und trage eine Brandschuld auf sich.«

Der Freiherr blickte den Sprecher an. »Ihr wißt, daß ich es nicht getan. Warum – was gibt Euch Anlaß, mir heut' wieder davon zu reden?«

»Der Vogelruf. Wenn die Golddrossel damals verbrannt wäre, müßte ihr Gesang aufgehört haben.«

»Ich verstehe Euch nicht, Dirk.«

»Sie könnte nicht mehr, nicht wieder da sein, wenn ich ein Mörder gewesen wäre. So war ich's nicht, denn gestern sah ich sie –«

Alfsleben fuhr zusammen. »Wen – wen saht Ihr?«

»Nicht dieselbe, ihr Gefieder müßte anders geworden sein. Doch eine von der gleichen Art, ihr so gleichend, daß sie von der nämlichen Brut herstammen muß. So kann die erste nicht in Flammen und Rauch umgekommen sein, und Sie sind der Pflicht enthoben, Herr Baron, zum Gericht zu fahren.«

Der Freiherr hatte die Augen von dem Gesicht des Försters abweichen lassen, fiel jetzt hastig ein: »Ich wußte, es, daß Ihr sie nicht – man kann so träumen – Ihr hattet einen bösen Traum – darum behielt ich Euch bei mir, und was Ihr gesagt, losch mir im, Ohr aus. Ihr habt gestern wieder geträumt, mit wachem Blick ein Gaukelbild gesehen, ein andermal sprecht mir davon. Ich habe Eile, im Hause etwas herzurichten, will hier den nächsten Weg – was wollt Ihr noch sagen?«

Westerholz stand ungewiß zaudernd. »Draußen auf der Heide war's, dort sah ich sie beide miteinander. Ich saß auch einmal so mit Swenna Zurhaiden, ehe der hohe Herr mich nach Schweden hinüberschickte. Das ließ mir die Golddrossel ins Haus fliegen, für das sie zu vornehmer Herkunft war. Sie trug noch mehr in sich, als was man altes Blut heißt, aber ich weiß nicht, Herr Baron, ob Sie Gefallen dran –«

Dietrich Alfsleben machte beinahe heftig eine abwehrende und abschneidende Handbewegung.

»Morgen, Dirk – ich sagte Euch, daß ich nicht Zeit habe, und Ihr scheint nicht zu wissen, was Ihr sprechen wollt. Euer Weg geht dort – ein andermal!«

Dietrich Alfsleben bog rasch in einen Fußpfad ein, merkbar aus nicht verhehlter Abneigung, den Äußerungen des Försters weiter zuzuhören. Sie waren ihm unverständlich gewesen, doch etwas aus ihnen hervorgekommen, wie ein sich in die helle, warme Sonne nach ihm aufreckender Schatten, ein frostig anrührendes Gefühl, das er mit einem Kopfruck von sich abzuwerfen suchte. So schritt er eilig fort, an dem Hügel mit den alten Eichen vorüber. War's, wie man sagte, ein Gruftmal und lag ein Toter aus ferner Vorzeit unter ihren Wurzeln? Die Märe sprach's, doch kein Auge hatte es gesehen, niemand wußte davon. Vielleicht war es nur ein Wahn, nichts drunten in der Erde, ein Wahn, einmal von einem Traum erzeugt. Was ging ein Traum den Wachenden, was ein Toter der Vorzeit die Lebenden an! Dietrich Alfsleben trat auf den freien Platz vorm Schloß hinaus, blau lag der Himmel über ihm, er hatte den kalten Schatten hinter sich zurückgelassen.

Nun begab er sich ins Haus, ordnete an, daß im oberen Stockwerk die beiden größten, ineinandergehenden Zimmer sogleich zur Aufnahme eines Gastes in Stand gesetzt werden sollten. Eine Zeitlang wohnte er der Ausführung seines Gebots bei, legte selbst da und dort Hand an, Einrichtungsstücke anders zu stellen, die Räume dadurch anheimelnder zu gestalten. Dann ging er in den Park zurück; Blütezeit der Rosen war's, und er schnitt von einem Beet eine Fülle weißer und roter, hastig, ohne der Dornen zu achten, die ihm die Hände ritzten; eine Woge süßen Duftes umgab ihn. Der berechnende Verstand sagte ihm zwar, die Eile sei unnötig; Gertruds Willenserklärung ihrem Manne gegenüber, ob mündlich oder schriftlich, erforderte Zeit, auch sie hatte einen Rückweg zu machen gehabt, im günstigsten Fall mußte noch eine Stunde vergehen, eh' sie eintreffen konnte.

Kam sie denn gewiß? Sein Herz klopfte wie das eines Jünglings, der zum erstenmal das Kommen eines geliebten Mädchens erwartete.

Eine schreckhafte Vorstellung tauchte in ihm auf. Er hätte nicht von ihr gehen, in ihrer Nähe im Helgerslunder Park bleiben sollen. Wenn ihr Mann sie nicht fortließ, gewaltsam hinderte?

Doch das gleiche hatte sie sich selbst gesagt, zweifellos nicht mit ihm geredet, sondern geschrieben. Denn ihre Entscheidung war getroffen und sie wollte und mußte kommen; nicht mit Worten nur, unverbrüchlich hatten ihre Lippen es schweigend gesprochen, als sie den Kuß erwiderte.

Nein, er war kein bedachtloser Jüngling gewesen, ein Mann, der Herrschaft über sich bewahrt. Nicht von Helgerslund entführen hatte er sie wollen, nicht, nachdem sie ihre Fessel gesprengt, allein mit ihr auf dem Weg durch den Wald gehen. Als Schutzsuchende kam sie in das Haus eines Jugendfreundes; auch hier wollte er nie mit ihr allein sein, ihr Zimmer nie betreten, bis die Scheidung gesetzlich vollzogen worden. Kein Anhauch eines Makels sollte sie berühren, sie war ihm das junge, aufblühende Mädchen aus unendlich fernen Frühlingstagen, eine erste Liebe.

Fragend sah er auf die Rosen. Sollte er die roten zu den weißen tun, nicht diese allein ihr zum Empfangsgruß auf den Tisch stellen?

Sein ergrautes Haar war in diesem Augenblick doch das eines Jünglings, fast noch eines Knaben. Eine einzige der roten Blüten wählte er aus, die allein wollte er geheim, nur leise vorschimmernd unter den weißen verbergen.

Nun wandte er sich zum Haus zurück. Es begann doch schon abendlich zu werden, die Sonne war hinter hohe Buchenkronen getreten und das Schloß lag im Schatten. Im Saal des Erdgeschosses nahm er eine Vase, den Strauß sorglich hineinzuordnen; wie er damit beschäftigt stand, sprach's fröhlichen Klanges hinter ihm: »Bist du zum Rosenfreund geworden, Vater? Wie schön sie sind, die roten besonders!«

Der Angeredete blickte um. »Du, Meinolf? Liebst du sie nicht? Für deine Jugend blühen sie doch auch – ich habe mehr, als ich brauche. Gefallen die roten dir – da, nimm sie und gib sie Unna Brookwald –«

Er stockte beim letzten Wort, bedachtlos war's ihm entflogen. Das hatte dieser Nachmittag ja zunichte gemacht, den früheren Wunsch und Plan, er konnte nicht mehr weiterbestehen. Aber das eigene neue Leben, der eigene Herzensdrang war über dem, was kaum erst einen Keim angesetzt haben mochte, und Dietrich Alfsleben fügte in Hast hinterdrein: »Nein – für dich –«

Lachend fiel Meinolf ein: »Ich behalte sie auch lieber für mich, es wäre schad' um sie, denn sie würden wohl verwelkt sein, bis ich wieder nach Helgerslund komme. Was geht droben in den Zimmern vor, Vater? Ich sah's, wie ich heim kam; erwartest du Besuch?«

»Ja, Meinolf, ein Gast hat sich bei mir angemeldet.«

»Und für ihn sind die Rosen auch?«

Verwundert klang's und noch mehr Staunen erregend die unverständlich seltsame Antwort:

»Ja – denn die Jugend, das Glück, das Leben kommt zum Besuch. Nein, nicht als Gast – um immer hier zu bleiben, Meinolf.«

Der junge Mann wollte mit einer Frage antworten, doch das Geräusch eines schnellen Fußtrittes auf dem Schloßflur ließ ihn den Kopf nach der offenstehenden Saaltür umdrehen. Und im nächsten Augenblick sagte er mit einem Ton der Überraschung: »Ich glaube, Frau von Brookwald –« doch unmittelbar darauf rief er aus: »Was ist Ihnen –?«

Auch Dietrich Alfslebens Kopf fuhr herum, und ein Jubelruf flog ihm vom Mund: »Gertrud! Du bist's schon!«

Sie war's, sichtlich von überschnellem Gang oder Lauf erschöpft, noch vergeblich nach Atem ringend. So stand sie auf der Schwelle, mit der einen Hand sich am Türpfosten stützend, doch nicht dem Leben gleichend, das der Schloßherr zu Gast erwartete, sondern mit einem Angesicht weiß wie der Tod. Ihre andere Hand hielt ein von rüttelndem Zittern des Arms hin und her schwankendes Papierblatt, und nun rang sie ein Wort von den Lippen, aus der Brust herauf, einen Schrei:

»Judas!«

Der, dem sie den Ruf entgegenwarf, fuhr zurück und starrte sie sinnbetäubt an. Da hatte sie den Atem erlangt, mehr als das eine Wort hervorzustoßen, doch wiederholte sie es nochmals:

»Mit einem Judaskuß betrogst du mich – du hast ihn getötet – gemordet!«

Man sah, sie sprach und handelte ohne Besinnung. Ihre Hand schleuderte das Blatt vor seine Füße hin, sie schrie noch einmal auf: »Ein Mörder!« Dann stand die Türöffnung leer und wie eine gespenstische Traumerscheinung weniger Augenblicke war Gertrud Brookwald vor dem Gesicht Meinolfs verschwunden. Ein Stoß gegen den Tisch hatte die Vase herabgestürzt, zwischen deren Scherben die weißen Rosen über den Boden geflogen; auf einen Sessel niedergetaumelt lag Dietrich Alfsleben, seinen abgewandten Kopf in das Polster vergrabend. Die Hand des Sohnes griff ihm nach der Schulter: »Vater – was war – was ist dir –,?«

Eine Weile vergeblich, er regte sich nicht, doch dann hub er langsam den Kopf und drehte ihn der Tür zu. Nun rang ein schwerer Atemzug aus ihm auf, wie er nichts mehr in jener gewahrte und er murmelte: »Der böse Traum.« Aber seine Augen senkten sich zum Boden herab, gingen über die Rosen hin nach dem Blatt, auf dem sie starrblickend haften blieben. Ein leerer, bewußtloser Ausdruck lag in ihnen, sein Mund öffnete und schloß sich wieder, eh' er flüsternden Tones hervorbrachte:

»Was ist das?«

»Willst du's?« Meinolfs Kopf war unfähig, sich irgendein Verständnis zu gestalten; er trat vor, hob das Blatt auf und reichte es seinem Vater dar. Der streckte die Hand danach, doch fast zugleich mit der Bewegung stieß er einen Angstschrei aus: »Nein – es ist rot – wovon? Weg – weg!« Und wie von einem Stoß aus dem Boden herauf in die Höh' geschnellt, warf er, emporspringend, Meinolf von sich zurück und war, bevor dieser seine Sinne gesammelt, aus dem Saal verschwunden.

Hinter den Buchen, über die Heide ging die Sonne zur See hinunter, doch es ward nicht dunkel, nur die Art des Lichtes verwandelte sich. Harrend stand schon seit geraumer Zeit der beinah völlig gerundete Mond im Osten aufgestiegen, und gleichmäßig wie die Abendrothelle langsam hinlosch, nahm sein Glanz zu. Dann war er der allein Herrschende, doch nicht nur in der Luft und durch seine Strahlenkraft. Auch drunten auf der Erde übte er seine alte, geheime Macht. Zwar nicht an ihrer festen Rinde, aber an der immer hierhin und dorthin spielend-beweglichen. Die Flut trat ein, und obwohl kein Wind sie trieb, rauschte sie doch mit stärkerer Wucht als sonst auf den Strand, ließ den weißschäumenden Brandungsgürtel draußen höher aufschwellen, das Brausen seines Übersturzes deutlicher und weiter vernehmen. Die silberglänzende Himmelsscheibe hob sich die Nordsee entgegen, denn sie schritt zum Vollmond vor, dem mit unsichtbarer Kraft den Wellen Gebietenden.

Bis nach Ekenwart drang das Rauschen nicht, dort lag alles in tiefer Stille der Sommernacht. Den Angehörigen des Gutes und den Schloßbewohnern brachte sie nach heißem Arbeitstag erwünschte Ruhe, doch nicht allen; Meinolf Alfsleben schlief nicht. Er hatte die Schrift auf dem Blatt, das die Hand seines Vaters nicht berühren gewollt, gelesen; Manches darin war ihm unverständlich geblieben, aber eines, im Zusammenhalt mit dem plötzlichen Erscheinen der Frau von Brookwald, ihren besinnungslos ausgestoßenen Worten, ihm allmählich klar und zweifellos geworden. Mit einem jähen Schreck faßte diese Erkenntnis ihn an; sie warf ihm ein aufhellendes Licht zurück über Dunkles, Unbegriffenes seiner Jugendzeit im Vaterhause bis zu diesem Frühling hin. Stundenlang ging er in seinem Zimmer auf und ab, suchte sich das wie durch einen Nebel aus dem Brief Anblickende zu deutlicher Vorstellung zu entwirren und zu gestalten. Und mehr und mehr nach dem ersten Schaudergefühl überwältigte ihn ein tiefes Mitleid mit dem unglücklichen Manne, der fast zwanzig Jahre lang, verschlossen in der Brust, Entsetzliches in sich getragen. Entsetzliches, von blinder Leidenschaft und verstörten Sinnen Erzeugtes, doch nicht Ehrloses. Und dieser unglückliche, jählings heut' von einem Rätsel, diesem Blatt, hilflos, gebrochen zu Boden geworfene Mann war sein Vater, der ihn immer heimlich geliebt hatte, doch von dem Bewußtsein jener Tat scheu zurückgeschreckt worden, seine Liebe zu offenbaren. Nein, nicht Abscheuerweckendes war's – nur ein Verhängnis, ein furchtbares tragisches Geschick.

Meinolf empfand alles mehr, als daß er es fest in Gedanken zusammenzufassen vermochte. Aber diese Empfindung drängte ihn unwiderstehlich zum Zimmer seines Vaters hinüber. Er klopfte; es kam keine Antwort; seine Hand suchte die Tür zu öffnen, doch sie war verriegelt. Nun klopfte er wieder und rief mit bittender Stimme: »Vater, laß mich zu dir!« Wiederum umsonst, aber dann klang's einmal von drinnen: »Geh' und schlafe – morgen.«

Er kannte seinen Vater, daß weiteres Bitten aussichtslos sei, und er begab sich in seine Stube zurück. Fast taghell lag das Mondlicht drin, Glanz rann und rieselte draußen von allem Gezweig. Eine Nacht war's, wie die erste nach seiner Ankunft auf Ekenwart, nur aus dem Frühling Sommer geworden; wie damals legte er sich ins offene Fenster. Ab und zu schlug die Schloßuhr; dann hob sich einmal ein anderer Klang durch die Stille, ein heller, köstlicher, jubelnder. Die Nachtigall sang noch; ihre Zeit war eigentlich vorüber, aber die zauberische Nacht trieb sie noch zum Singen.

Über Meinolfs Sinne und Seele floß aus ihren Tönen etwas wundersam Beschwichtigendes. Er fühlte noch das gleiche, tiefe, schmerzliche Mitleid mit seinem Vater, doch dem Herzschlag in ihm, seinem eigenen Leben war nichts Unwiederbringliches verlorengegangen. Eigensüchtig war's, aber es klopfte plötzlich jubelnd in ihm, wie der Schlag der Nachtigall. Vor ihm verwandelte sich der Park und der weiße Mondglanz, sie schwanden fort, und statt ihrer lag vor seinen Augen Goldsonnenlicht über der blühenden Heide.

War es nur eigensüchtig? Nein, auch das nicht, freudig antwortete es sein Herz jetzt. Sein Mitleid war nicht ohnmächtig, eine Fee hatte es mit einer Wunderkraft begabt, einem Heilmittel auch für das wunde Gemüt des Unglücklichen. Morgen – das von diesem gesprochene Wort gewann Meinolf eine andere Deutung – ja, morgen ging er hinaus, seinem Vater von der Heide jene Fee selbst ins Haus zu bringen, den Frühling, die Jugend, ein neues Leben.

Ein Tun ließ ihn halb unbewußt den Kopf umwenden. War noch eine Tür im Schloß gegangen? Er horchte kurz, doch mußte er sich getäuscht haben, alles war lautlos, und er lehnte sich ins offene Fenster zurück.

Aber dann klang drunten im Park ein leises Knirschen, wie von einem behutsam sich auf dem Kiessand fortbewegenden Fußtritt. Das Mondlicht lag hell, doch zugleich auch silberne Schleier webend über dem Schloßplatz; unwillkürlich strengte Meinolf seine Sehkraft an, und einen Augenblick bedünkte es ihn, als unterscheide er dort, von woher der knirschende Ton aufscholl, eine schattenhafte Gestalt. Dann zerging sie, wenn ihn nicht überhaupt nur etwas getäuscht. Aber danach war's ihm wieder, als sei sie doch und von der Größe und dem Umriß seines Vaters gewesen. Das Ungewisse brachte seine in der letzten Stunde ruhiger gewordenen Nerven wieder in Erregung – wenn es sein Vater war, wohin und was wollte er in der Mitternacht? Er mußte sich Gewißheit verschaffen, schnell handelnd ging er in den Park hinunter, der Richtung nach, in der er sich die Schattengestalt fortbewegen zu sehen geglaubt. Und da tauchte sie wieder vor ihm auf, jetzt zweifellose Wirklichkeit und nun unverkennbar die seines Vaters, der etwas in der Hand trug, woraus der Mond wie aus einem Spiegel ein Strahlengefunkel zurückwarf. Meinolf sann vergeblich, was es sei, doch dann erkannte er's bei einer Drehung, die Fläche eines Spatens war's; geräuschlos den Fuß aufsetzend, folgte er mit unnötiger Vorsicht nach, denn das Ohr Dietrich Alfslebens gab auf nichts acht. Offenbar hatte er ein Ziel im Sinne, dem er zuschritt, dem Hünengrab mit den alten Eichen; hier hielt er an, stieß den Spaten in den Boden und begann, Erde aufwerfend, ein Loch zu graben. Dann zog er etwas unter seinem Rock hervor, das er in die Höhlung hineinsenkte; Meinolf war dicht hinter ihn hinangetreten, legte ihm jetzt sanft die Hand auf die Schulter und sagte liebevollen Tones: »Lieber Vater, was tust du?«

Der Angesprochene drehte den Kopf um, doch nicht überrascht, noch erschreckt. Heimlich raunend erwiderte er: »Du bist mein Sohn, ich kenne dich. Willst du mir helfen? Das ist gut – aber wir müssen still sein, das Loch ist noch nicht groß genug, es muß tiefer hinein.«

Er bückte sich, hob den Gegenstand wieder aus der Erde und sagte: »Halte sie so lang', bis ich tiefer gegraben.« Etwas Kaltes, Metallenes berührte Meinolfs Hand, ein Schauer überlief ihn, eine Pistole war's, und das Licht ließ erkennen, die alte Pistole, die Nathan Aronsohn aus dem Strandsand herausgeklaubt und die er jenem abgekauft, um sie seinem Vater für die Waffensammlung zu bringen. Und zugleich durchfuhr's ihn mit einer Erinnerung an den Abend, die Nacht, wie er noch einmal in den Saal herabgekommen und die Pistole dort nicht mehr auf dem Tisch gelegen, obwohl sein Vater sie geringschätzig zurückgeschoben und beim Hinaufgang ins Schlafzimmer nicht mit sich genommen hatte. Dietrich Alfsleben aber ließ das Grabscheit, mit dem er einige Stiche gemacht, wieder rasten, und sprach vorsichtig gedämpft:

»Anhänglichkeit war's von ihr, ich stieß sie weg, aber sie ist aus dem Wasser zu mir zurückgekommen. Darum will ich ihr ein gutes Bett richten, nur muß sie drin schlafen, fest schlafen. Sie war allein dabei und weiß es, sonst niemand, gar niemand – und wenn sie schläft und schweigt, da kann ich der anderen sagen – der mit dem weißen Gesicht: ›Nichts weißt du, gar nichts. Du lügst! Grab' den ganzen Hügel um, ob etwas drin ist – ein Toter, ein Schädel, Knochen – nichts ist drin, nichts – nur ein Wahn, eine Mär sagt davon. Die hat einmal jemand geträumt, aber das geht uns nicht an, sie und mich nicht.‹ Wir legen die Rosen drauf, erst die weißen und dann die roten, und decken's damit zu – ganz dicht –«

Die Worte und ihr Ton faßten Meinolf mit einem unheimlichen Gefühl an, er ergriff eine Hand des Sprechers und bat: »Komm, lieber Vater – du gehst und sprichst im Traum – ruh' dich aus.« Eine Bank stand unweit, zu der zog er ihn mit sich, darauf nieder und saß, seine Hand festhaltend, neben ihm; so sagte er nach kurzem Schweigen!

»Ich weiß, was dich quält – du hast Meinolf Rhade im Zweikampf erschossen – deinen liebsten Freund – mit der Waffe da, die ich dir ahnungslos wiederbringen mußte. Ein Verhängnis war's, das über Euch gekommen, das sein Leben nahm – so hätte es auch deines nehmen können, und er trüge heut' deine Last.«

»Er? Glaubst du's? Ich wollte, er tät's. Mir fehlte – ich hatte keinen Sekundanten. Willst du mein Sekundant sein?«

Irre Rede war's; der Hörer sann und suchte nach dem richtigen beschwichtigenden und erlösenden Wort. Das gradeste deuchte ihm das beste, und er versetzte, die Hand in der seinigen mit festem Druck umschließend:

»Ja, sein Tod liegt auf dir, du hast ihn getötet. Aber seiner Schwester Gram häufte Unrecht auf dich, ich, dein Sohn, nehme es von dir. Nicht gemordet hast du ihn – besinne dich – du bist kein Mörder, Vater.«

Dietrich Alfsleben duckte sich zusammen. »Sagst du's? Du mußt es wissen – du bist mein Sohn und mein Sekundant. Komm –«

Sein Arm machte eine Bewegung, als ziehe er Meinolf mit sich. »Da ist das Boot – das andere ist schon voraus, draußen, weit draußen. Nun kommen wir nach – du weißt, wie die Abrede ist. Nebeneinander segeln wir, dann trennen wir uns und kommen zurück, und dann –«

Da dreht er aus dem Wind und hält und spricht. Was sagt er? Unsere Freundschaft von Kindheit auf – ich soll auf ihn zielen, er wird's nicht tun – seine Hand traf mich, nicht sein Herz. Weh tut's ihm, daß ich leide – nicht er hat's gewollt, ihr die Wahl freigegeben – und Eduv hat gewählt –

Der Name – er ist über seinen blauen Augen, die mich ansehen. Meine Hand schleudert ihm zu: »Fort!« Aber er bleibt, sein Mund spricht noch einmal. Sie kann seit gestern nicht nochmals wählen, ist nicht mehr seine Braut. Sie gehört ihm, ist sein Weib –

Wird die See schwarz? Was noch länger! Hier! Jetzt! Du bist ein Räuber – wehr' dich! Der Lauf fährt in meiner Hand auf, gegen ihn. Erbarmen! Reißt mir den Arm herunter! Wenn er nicht lebt, ist sie nicht sein Weib –

Er sieht's in meinen Augen und greift auch nach seiner Waffe – da –

Seine Hand losreißend, von der Bank aufspringend, stieß Meinolf einen Schrei aus:

»Vater –!«

Dietrich Alfsleben hob langsam einen irren Blick zu ihm empor, fuhr mit flüsternder Stimme fort:

»Du mußt es wissen – du bist mein Sekundant, Konnte er sich schon wehren, mein Leben für seines nehmen? Er wollte es jetzt, um ihretwillen, um seines Weibes willen. Oder krachte mein Schuß um einen Augenblick früher, eh' er's konnte? War er noch nicht bereit – und ich – um – einen – Augenblick – ?«

Geisterhaften Ausdrucks sah der Sprecher in das Gesicht Meinolfs, der sich jählings vor ihm auf die Knie warf, seine beiden Hände ergriff, sie rüttelte und stammelte:

»Vater – wach' auf! Du träumst, du bist – nimm zurück, was du gesagt! Besinne dich – es war nicht so –«

»Still! Sie hat's gesehen und getan, darum kam sie aus der See wieder zu mir. Nur um einen Augenblick zu früh – was ist ein Augenblick? Sie muß in die Erde, dann weiß es niemand; war's ein ehrlicher Kampf? Er wollte mein Leben, und ich war schneller und nahm seines. Nur der Augenblick – hilf mir, sie einscharren, und ich bin kein Judas und kein Mörder –«

Noch die letzten Worte des Irrsinnigen klangen ins Leere, denn Meinolf war in die Höh' gesprungen und davon gestürzt. Auch ihn hatte die klare Besinnung verlassen, nur ein dumpf wogendes Gefühl kreiste in ihm. Ziellos lief er gradaus vorwärts durch die Mondnacht; hinter ihm drein kam etwas, dem er entfliehen mußte. Ein Schatten, unhörbar und doch mit einer Stimme, denn aus dem irrklopfenden Herzen Meinolfs hervor rief sie: »Haltet ihn – den Sohn des Mörders!«

Spät war's, und außer ihm gab's wohl in weitem Umkreis nur noch wenige, über die der Schlaf nicht Herr geworden, zumeist nach ältestem Erdenbrauch von Last und Leid Beschwerte, denn zu aller Zeit waren Glück und Freude auch hold geschäftig, Lider mit süßer Ermüdung zu schließen, doch der Gram hielt in bitterer Starre die Wimpern auseinander. Er tat's auf Helgerslund, wo Gertrud Brookwald noch mit glanzlosen Augen ins Leere blickend saß. Nicht jugendlich mehr, um viele Jahre schien sie in Stunden gealtert, eine lebensmüde, und doch schlaflose Frau, über ihr hatte Pandora den Sack Nathan Aronsohns geöffnet, und unter dem, was sie ausgeschüttet, lag zerschmettert der noch einmal glückvoll aufgewachte Herzschlag der Jugend, die Liebe, die Hoffnung eines neuen Lebens. Ein Trug nur waren sie gewesen, zergangen wie ein Traum, und vor dem starren Blick Gertrud Brookwalds war nichts geblieben, als die Erkenntnis, warum Dietrich Alfsleben fast zwanzig Jahre lang nicht mehr nach Helgerslund gekommen. Gleich einem Toten – nun war er's. Heute war er es für sie geworden.

Drüben auf der kleinen Insel Herdsand war eine andere Gabe herabgekommen, und nicht Pandora, Flora schien sie aus ihrem Blütenfüllhorn niedergeschüttet zu haben. Von Tilmar Hellbeck ins Pfarrhaus zu Loagger gebracht, hatte sie dort ungewöhnlich lang bis tief in die Nacht alle Augen geöffnet erhalten. Noch nicht mit Leid, mit einem märchengleichen Wunder, das nach sprachlosem Staunen, vielstündigem Reden und vergeblichem Sinnen über die Lösung des Rätsels süßbetäubenden Mohn auf die Lider Zea Hollesens – Zeas von Rhade – gelegt. Sie schlief; nur der Pastor und seine Frau wachten noch. Unerklärbares enthielten die Schriftstücke der aus dem Sand heraufgekommenen Flasche, doch Unanzweifelhaftes; Christian Hollesen konnte es noch nicht entwirren und deuten, aber als letztes vor dem Schlafengehen sagte er zu seiner Frau: »Das hat Fritz Brookwald gewußt.«

Dann wachte nur ein einziger mehr in Loagger. Im kleinen Schulhause in der Kammer neben der Schulstube saß noch bei einer Talgkerze der junge Lehrer Hellbeck. Sein Fenster stand offen, und er hörte auf die Wellen hinaus, die von der Mondflut an den Strand rauschten. Was sagten sie?

»Morgen – morgen!«

Der Himmel hatte das leuchtende Wunder in seine Hand gelegt, und manchmal kam es wie ein Aufglanz in seine Augen. Aber was die Wellen weiter sprachen, verstand er nicht.

Nun streckte er die Hand nach dem Sims aus, nahm ein Buch herab, über das er sich bückte. Glück schloß ihm nicht die Augen, und nicht Leid hielt sie ihm geöffnet, aber doch konnte er nicht schlafen. Und er las nochmals wieder den Bericht Jasper Simmerlunds von dem Kinde, das Henning Wittkop einst aus dem Untergang der »Thetis« und der »Providentia« rettend aus seinen Armen an den Dorfstrand hierher in diese Stube getragen.

XIV.

Wenig Stunden hindurch nur erhielt sich die nächtige Herrschaft des Mondes; höchste Sommerzeit war's, und rasch nahm die Sonne ihre Oberhoheit wieder an sich. Während ihrer kurzen Abwesenheit lieh sie ihm ihre Lichtmacht, doch entzog sie ihm diese im Augenblick ihrer Rückkehr. Nur als ein Spielzeug ihrer souveränen Laune erschien seine Glanzpracht; mit dem ersten Wurf ihrer Goldstrahlen zog sie ihm das silberne Gewand von den Schultern, und als ein armseliger, der königlichen Gnadenzeichen entkleideter Vasall stand er da, einem zerrinnenden Wölkchen gleich, schien sich in seiner Dürftigkeit vor den Augen zu bergen, die nicht mehr nach ihm sahen. So schwand er unbeachtet in nichts, schon geraume Zeit, eh' er seinen Weg bis an den westlichen Himmelsrand zurückgelegt, und leise rannen die ebbenden Wellen der Nordsee ihm vom Strande nach. Für sie blieb er, trotz seiner Entthronung in der Luft, doch der Gebieter, gegen den sie sich nicht auflehnten; sie wußten, er kehrte am Abend wieder, mächtiger noch als gestern, sie zum Gehorsam zu zwingen. Jene aber, die große Herrin des Tages, hob sich nun voll unter der funkelnden Krone auf ihren blendenden Goldthron. Und wie eine Fürstin, die mit eigenen Augen sich von allem zu unterrichten trachtet, suchte sie den Strahlenblick in jeden verschatteten Winkel ihres weiten Reiches zu heften.

Ein paar Stunden vergingen so, da fand sie auch einen Durchlaß zwischen grauen Buchenstämmen und Laubgewirr, und unter diesem blitzte sie auf die geschlossenen Lider Meinolf Alfslebens.

Ziellos durch den Wald laufend, war er gestrauchelt, hingefallen und nicht wieder aufgestanden; Ermattung hatte ihn kraft- und willenlos gemacht, dann seine verworrenen Sinne mit dumpfer Schlafbetäubung überwältigt. So lag er, neben der Baumwurzel, die ihn zu Fall gebracht, auf einer Moosdecke, und nun ließ der grad' in sein Gesicht gezielte Goldpfeil ihn emporfahren.

Bewußtlos blickte er erst um sich, begriff nicht, wo er sei, bis ihm plötzlich die Erinnerung kam. Und mit einem Schlage völlig überhellt stand alles gestern abend und in der Nacht Geschehene vor ihm; kein Schreckenstraum, gewisse, unabänderliche Wirklichkeit.

Ein frostiger Schauer durchlief ihn, doch ein körperlicher war's, von der Taukühle seines nächtlichen Lagers verursacht, nicht aus seinem Innern, dem rückgekehrten Gedächtnis herauf. Etwas Unbewußtes mußte während des Schlafes in ihm vorgegangen sein, ihm selbst zunächst nicht erklärbar. Aber anders sah das gleich einem Blitz auf ihn Niedergefahrene ihn in der freudigen Morgenhelle der Waldstille hier an, als in der gespenstischen Mondnacht an dem alten Grabhügel.

Wohl entsetzlich; sein Denken wich davor zurück, vor der Vorstellung einer Wiederbegegnung mit seinem Vater. Ohne es denken zu wollen, empfand er, ein weiteres Zusammenleben mit jenem sei für ihn nicht möglich. Wenigstens jetzt nicht – vielleicht später, wenn die Zeit, Jahre darüber hingegangen. Jetzt mußte er Ekenwart verlassen, fort, in die Weite, zu seinem Beruf zurückkehren, sich durch ihn einen eigenen Lebenshalt schaffen. Ihn durchrüttelte es dabei – sein Beruf war, die Hoheit des Rechtes und Gesetzes zu erhalten, Schuld zu erforschen, aus ihrer Verborgenheit ans Taglicht zu ziehen und als Richter zu strafen. Ihm klang's schaudernd im Ohr auf, daß er am Abend seiner Ankunft lachend ahnungslos gesprochen, Themis werde sich trösten, wenn sie noch drauf warten müsse, ihn als Staatsanwalt zu sehen.

Nur eine sich aufdrängende furchtbare Vorstellung war's, wesenlos, sogleich in nichts zerfallend. Recht und Gesetz legten ihm eine Pflicht auf, doch sie selbst erkannten ihm eine andere zu – dem Sohn ein höher darüberstehendes Naturrecht, Sein Schweigen brach nicht Pflicht und Gelübde; hier hatte er keines Richteramtes zu walten.

Was alles war ebenso wie gestern, und dennoch lag's in der hellen Morgensonne anders um ihn und in ihm. Er dachte darüber, woher die Veränderung gekommen, und ihm ging's auf: wie etwas Fremdes, einem anderen Geschehenes war's ihm geworden. Er trug keine Mitschuld, sein eigenes Gewissen belastete die verbrecherische Tat nicht, sein eigenes Leben rührte sie nicht an. Nichts verband ihn mit dem Ermordeten, als der gleiche Name, der ihm beigelegt worden; er hatte ihn nicht gekannt, für ihn war der Tote ein Fremder, nichts als ein inhaltloser Name. Des Vaters Schuld fiel von ihm ab, vor ihm selbst und vor allen, außer vor denen, die das gleiche Blut mit Meinolf Rhade in sich trugen. Nur Frau von Brookwald und ihrer Tochter vermochte er nicht mehr ins Gesicht zu blicken, sie, konnten ihm entgegenrufen, daß er davor verstummen mußte: »Du bist der Sohn des Mörders!« Aber zu jedem sonst durfte er die Augen aufheben wie zuvor.

Der jähe Einbruch des Schrecklichen hatte ihn gestern übermannt, ihm den Kopf betäubt. Jetzt fand er die Besinnung und ruhige, klare Erkenntnis wieder. Vogelstimmen klangen über ihm im Laub, und bunte Schmetterlinge kamen geflattert, wiegten sich auf farbenfrohen, von den Sonnenstrahlen überflossenen Blumen; nah' vor seinen Augen schlug ein großer prachtvoller Falter tiefblau schillernde Flügel auseinander. Die Natur war unverändert, freudiges Leben genoß überall die ihm zugemessene Zeit, und schön war's, mit klopfendem, sehnsüchtigem Herzen diesem Leben mit anzugehören.

Meinolf saß und übersann die Zukunft, die er sich gestalten mußte, womit er sie beginne. Nach dem Lesen des von Frau von Brookwald zurückgelassenen Briefes hatte er den Vorsatz gefaßt, heut morgen seinem Vater als ein Heilmittel eine Tochter ins Haus zu bringen; das war ausgelöscht, Zea konnte und sollte Ekenwart nicht betreten. Noch anderes, mußte geschehen, heut', in der nächsten Stunde, etwas, das er wohl schon früher hätte tun müssen. Aber so unsagbar köstlich war's gewesen, das Geheimnis in der Heide allein zu besitzen und zu bewahren, daß niemand sonst darum wisse; der Gedanke, es anderen kundzutun, hatte ihn angerührt, als werde der Blütenduft dadurch von einer Zauberblume abgestreift, das hohe Festtagswunder des Lebens zu alltäglich Gewöhnlichem. Es war eine traumhafte Schönheit gewesen, die keine Wirklichkeit erhöhen, so wiederbringen konnte.

Doch nun hatte der Tag mit böser Hand in den Traum hineingegriffen, sein zartes Gewebe zu zerreißen, und es mußte geschehen. Meinolf stand auf, nach Loagger ins Pfarrhaus zu gehen, in bräuchlicher Weise bei dem Pastor Hollesen um die Hand seiner Tochter zu werben. Darüber hinaus dachte er noch nicht, aber sie mußte ihm vor der Welt verlobt sein, eh' er von ihr ging, für sie sich durch seinen Beruf und eigene Kraft eine Lebenssicherung zu erringen. Noch einmal wollte er dann mit seiner Braut zu dem alten Findlingstein, dem Urheber seines Glückes, und danach fort, in die Fremde, ohne Ekenwart mehr zu betreten. Welche Gründe er dafür vorgeben werde, wußte er noch nicht, doch sicher entschlossen, mutig und freudig sogar schlug ihm das Herz bei dem Vorausblick, ohne die Beihilfe seines Vaters selbst für seine Frau sich eine Zukunft zu gestalten.

Rasch schritt er westwärts durch den Wald, gelangte bald an den offenen Rand der Heide. Noch frühe Morgenzeit war's, Tautropfen hingen funkelnd an den roten Glöckchen, und nur Bienengesumm ging über die stillleere Fläche. Dann tauchte einmal klein in der Ferne eine von Loagger herüberkommende Menschengestalt auf, geraume Zeit lang nicht unterscheidbar bleibend. Aber allmählich wies sie ein Kennzeichen besonderer Art, denn Nathan Aronsohn war's mit seinem Sack, schon zu seinem Gewerbegang aufgebrochen. Er hinkte nicht aus der Richtung der Stadt her, sondern war gestern nach seinem Vorkehren auf Helgerslund von Norden am Strand entlang bis zum Dorf gekommen und hatte dort die warme Nacht billigst in einer Scheune zugebracht. Nun auf dem schmalen Heideweg mit Meinolf zusammengeratend, trat er, die Mütze abziehend, beiseite und fügte seinem unterwürfigen Morgengruß hinzu: »Ist es ungewöhnlich frühe Stunde, daß mir wird beschert anzutreffen den gnädigen Herrn Junker, der bereits scheint umzusuchen auf der Heide nach dem Karfunkelstein, den ich immer noch nicht kann heraustun vor seine hochgeborenen Augen aus meinem armen Sack.«

Der Angesprochene befand sich nicht in der Gemütsverfassung, eine Zwiesprache mit dem Trödler zu führen, vergaß sogar, ihm zu winken, daß er die Mütze aufsetzen solle, und erwiderte nur flüchtig von einer Erinnerung angefaßt: »Ich trage kein Verlangen nach dem, was du aus dem Sand scharrst, es ist nicht allemal Gutes.«

Doch Nathan blieb trotz der kurzen Verabschiedung noch stehen und versetzte mit einem eigentümlichen Spiel um die Mundwinkel: »Wird es auch sagen der Herr Baron auf Helgerslund, daß es ist nicht allemal Gutes, was kommt aus dem Sand, Wunder, wie doch kann kommen über Nacht aus dem Sand ein Karfunkelstein in einer schlechten alten Flasche von Glas, daß der Herr Baron wird machen geblendete Augen davon, wenn er muß lassen zu eigen das kostbare Gut und Schloß von Helgerslund der hochgeborenen Tochter seines schon lange draußen auf der See verunglückten Herrn Schwagers.«

Etwas von Befriedigung eines tief innerlich verhehlten Hasses flimmerte aus den dunklen Augensternen Nathan Aronsohns, und er zuckte bei den Worten unwillkürlich ein paarmal mit seinem zu kurz geheilten Bein. Meinolf Alfsleben aber fiel jetzt, ungewiß stutzend, ein: »Wovon sprichst du? Ich verstehe dich nicht.«

»Um zu fragen und zu reden so, muß dem gnädigen Herrn Junker noch nicht zu Ohr gekommen sein das Gehör davon, was geworden ist für eine großmächtige Erbin vor Gesetz und Gültigkeit die arme Findlingstochter von Herrn Pastor Hollesen in Loagger, daß es ihm wird tragen guten Zins. Ist es vielleicht ein guter Weg für mich, den ich gegangen hierher, daß ich kann mitteilen dem Herrn Junker die erste Nachricht –«

Nathan sprach fort von dem, was in Loagger viele schon wußten, denen Frau Margret Hellbeck, die alte Mutter des Schullehrers, davon erzählt. Um Gewisses zu erfahren, aber war er zu diesem selbst gegangen und hatte auf seine Erkundigung bestätigt erhalten, daß Tilmar Hellbeck auf der Insel Herdsand in einer langvergrabenen Flasche Schriftstücke gefunden, aus denen unzweifelhaft hervorgehe, wie auch der Herr Pastor es anerkannt, Zea Hollesen sei die rechtmäßige Besitzerin von Helgerslund, da sie auf einem Schiff von der ehelich angetrauten Frau des verstorbenen jungen Freiherrn Meinolf von Rhade als nachgeborene Tochter zur Welt gebracht worden. Das berichtete Nathan mit einem andauernden Durchglimmern heimlicher, schadenfreudiger Befriedigung, brach jedoch beim letzten Wort verwundert und halb schreckhaft ab:

»Gütiger Himmel, Herr Junker, ist Ihnen nicht wohl bekommen der frühzeitige Ausgang, weil Sie vielleicht nicht haben genug zu sich genommen an nahrhaftem Imbiß, daß Sie sind geworden in diesem Augenblick weißfarbig im Gesicht zum Erschrecken? Wenn ich mir darf herausnehmen die große Kühnheit, anzubieten dem gnädigen Herrn Junker ein Stück grobes Brot aus meinem Sack –«

Er machte eine Bewegung, diesen von der Schulter zu heben; denn in der Tat stand Meinolf Alfsleben mit völlig blutlosem Gesicht da, weiß wie ein Toter. Vor den Augen aber lag's ihm, was Nathan Aronsohn nicht sehen konnte, wie jählings auf sie gefallene schwarze Nacht, reglos ohne Atemzug hielt seine Brust an, nur seine Hand griff jetzt vor und stützte sich schwer, wie die eines haltlos vom Umsturz Bedrohten gegen die Schulter des Juden. Ein paar Sekunden lang, dann stand Nathan allein und murmelte, dem ohne Wort schwankend Davongehenden nachblickend, vor sich hin:

»Wunder, was kann ankommen auch die hochgeborenen Herren im Kopf, wenn sie sind gewesen zu sparsam im Magen. Aber wird liegen schwer im Magen heut der neue Karfunkelstein aus dem Sand dem freigebigen Mann mit Eichenknittelholz aus dem hochadligen Herrenwald. Hat er mich beschenkt doch unentgeltlich mit einem Wetterglas am Leib, anzukündigen mir den Umschlag der Witterung, und spür' ich heut' auch in dem guten Wahrsager die Magenbeschwernis des Herrn Baron von Brookwald.«

Sich bückend, streichelte Nathan Aronsohn ein paarmal halb zärtlich mit der Hand über sein linkes Bein, dann humpelte er weiter. Die Heide lag wieder einsam in der Morgenstille da, wohl über eine Stunde lang, bis Meinolf Alfsleben sich abermals der Stelle seines Zusammentreffens mit Nathan näherte. Doch kam er jetzt aus Westen, von Loagger her, gehend, solang er in Gesichtsweite des Dorfes war, dann aber lief er, und neben ihm lief sein Schatten. Vor seinen starrblickenden Augen wogte das purpurne Blütenmeer um ihn wie mit Blutwellen, jeder Heidebusch griff nach seinem Schatten, und alle Glöckchen zischten wie mit Otternzungen: »Haltet ihn! Es ist der Sohn des Mörders ihres Vaters!«

Und nun wieder durch manche Stunden hob sich über der menschenleeren Fläche die hochsommerliche Sonne ihrem Mittagsziel im wolkenlosen Blau entgegen. Da sah sie südlich von Loagger eine hohe und liebliche Mädchengestalt am Strand entlang schreiten, auf täglich gewohntem Weg zur Linken in die Heide einbiegen. Zea ging rasch, mit voraussuchenden Augen, doch in einem Gefühl, als bewege der Boden sich leise unter ihren Füßen auf und nieder. Die Dinge um sie her hatten etwas Unwirkliches, wie in einem wachen Traum um sie Liegendes; was mit ihr seit gestern geschehen, seit sie zum letztenmal hier gegangen, begriff sie nicht mit deutlichen Gedanken; wie ein Sonnenlicht und wie dunkelnder Nebel umgab's sie. Als komme es von diesem, empfand sie einen leichten, stechenden Schmerz hinter der Stirn, doch darunter den Herzschlag so freudig, wie mit lichter Sonne, mit seligem Leben durchfließend und erfüllend. Sie wollte auch nicht darüber denken, was der gestrige Abend in ihre Hand, in ihr Gefühl gelegt – jetzt nicht – später; nur eines kam ihr, der leise Stich im Kopf rühre wohl davon her, daß Tilmar Hellbeck es gewesen sei, der die alten Schriftstücke aufgefunden und ihr gebracht habe. Seine Augen hatten sie so anders dabei angesehen, als am Nachmittag auf dem Kirchhof, nicht hilflos traurig, hatten so geleuchtet – das tat ihr weh – daher kam wohl der Stirnschmerz –

Hatte es sie früher als sonst vom Hause fortgetrieben, der Findlingstein lag noch leer vor ihr, Meinolf erwartete sie noch nicht darauf. Nur etwas Ungewohntes sah ihr von ihm entgegen, ein weißer Schimmer; auf den roten Blüten, die auch den Stein jetzt überrankten, lag ein Stück Papier, der Wind mußte es in Spiellaune grad' dort hinaufgetragen haben. Doch nun gewahrte Zea kleine Kiesel darauf liegen, das konnte nicht vom Wind so hergestellt sein. Verwundert nahm sie das Weiße Blatt und schlug es auseinander. Auf der Innenseite standen einige Schriftzeilen, die sie las:

»Es war nett, hier zu sitzen und sich mit dir zu unterhalten, Zea Hollesen, aber ich habe fortan nicht mehr die Zeit dazu, weil ich mich gestern mit Unna Brookwald verlobt habe. Du rietest mir es ja, so wird's dich nicht wundern. Leb' wohl – ich reise heut von Ekenwart fort und komme erst im Winter, oder wann, zu meiner Hochzeit zurück.

Meinolf von Alfsleben.«

Die Tochter Nathan Aronsohns hatte mit ihrem Vater einen Handel um ein Pulver abschließen wollen, das »weiß im Gesicht« mache. Auch am Grunde ihrer Schatzlade war in einem alten Briefblatt ein feineres und tödlicheres Gift enthalten gewesen und Miriam eine Pandora, die es unbewußt über die »blonde Christentochter« ausgeschüttet.

Wider Wunsch und Absicht Christian Hollesens ging's, daß Margret Hellbeck ohne sein Wissen schon am Abend Leuten aus dem Dorf von dem wundersamen Fund ihres Sohnes Mitteilung gemacht. Doch sie selbst war durch seine Entdeckung zu stark in innere Erregung geraten und gegen ihre Natur schwatzhaft geworden; ihr Mund floß von dem über, wovon ihr Herz voll war. Denn Tilmar hatte der Pflegetochter des Pastors ihren wahren Namen, die Kunde ihrer Herstammung zugebracht, eine Gabe, der keine andere auf der Erde gleichkommen konnte, und zu innigstem Dank mußte sie sich ihm verpflichtet fühlen. Frau Margret machte sich nicht deutlich, daß er durch den Rang und Besitz, den er Zea von Rhade verliehen, den Abstand zwischen ihr und dem armen Dorflehrer noch mehr erweitert habe; sie sah nur den Glanz, der in seine trüben Augen gekommen, die Hoffnung, die plötzlich in ihr selbst aufgeblüht dastand. Eine Mutter war's, die allein für ihren Sohn gelebt, nur an ihn dachte, und wie in einem Rausch hatte sie jedem, auch Nathan Aronsohn, von dem Glücksfund Tilmars erzählt. Der Pastor dagegen hätte dessen Entdeckung lieber vorerst in Verschwiegenheit gehalten, hauptsächlich um ein Hinübergelangen nach Helgerslund zu verhüten. Doch lag die Macht dazu nun nicht mehr in seiner Hand, sondern er mußte darüber nachdenken, möglichst rasch die besten Schritte zur Geltendmachung der Ansprüche Zeas zu tun. Unaufhellbares Dunkel umgab ihm noch den Lichtstrahl, der plötzlich auf ihre Herkunft gefallen; obwohl er seit bald dreißig Jahren das Kirchenamt in Loagger verwaltete, hatte er keine leiseste Ahnung von einer ehelichen Verbindung Meinolfs von Rhade gehabt, nie den im Trauschein angeführten Namen Eduv Nordwalt gehört. Das einzig Haltgebende war, daß dieser Trauschein vor seinen Augen dalag und mit ihm die Beglaubigung des Kapitäns und Steuermanns der »Thetis«, das auf ihrem Schiff geborene Kind sei das der Frau von Rhade. So weit erschien die Tatsache nicht zweifelhaft, doch Christian Hollesen war ein besonnener Mann, der auch durch solchen Augenschein sich nicht in ruhiger Erwägung beirren ließ. Er trug allerdings vollste Überzeugung von der Richtigkeit in sich; die Ähnlichkeit Zeas mit Unna Brookwald sprach fast wie ein Beweis dafür, der Vater der letzteren hatte dies offenbar schon seit langem erkannt und mußte von einer Ahnung berührt sein, woher die Ähnlichkeit stammen möge. Aber eine wirkliche Beweiskraft enthielt auch diese nicht, und es galt zunächst, eine Vergewisserung zu gewinnen, ob die aufgefundenen Dokumente rechtliche Gültigkeit besäßen. Dir Trauschein konnte gefälscht, die Beglaubigungsschrift der beiden Schiffer von anfechtbarem Wert sein. Bei nüchterner Betrachtung nahm die juristische Seite der Angelegenheit sich anders aus, als in der ersten bewältigenden Überraschung.

Im Gange des Vormittags gelangte der Pastor zur Erkenntnis des vorderhand Notwendigsten. Er schrieb einen Brief an den Dorfpfarrer, von dem der Trauschein ausgestellt worden, dann begab er sich, nachdem er sein Ausbleiben über den Mittag angekündigt, auf den Weg zur Stadt. Seine Frau befand sich von dem Ereignis in ähnliche innere Erregung versetzt, wie Margret Hellbeck, nahm Abschied von ihm damit, daß sie seine Rückkunft kaum erwartet können werde. Sie sah und hörte nicht recht, was um sie war; alles Denken und Fühlen in ihr richtete sich darauf, welchen Bescheid des Rechtskundigen, den ihr Mann aufzusuchen beabsichtigte, dieser heimbringe. Hollesen lag beim Fortgang noch ein Wort auf der Zunge, doch er hielt es zurück. Er hatte bis heut' seiner Frau von der Wahrnehmung, die er auf der Heide gemacht, und von seinem Besuch auf Ekenwart geschwiegen, so verschob er auch jetzt eine Mitteilung darüber bis zu seiner nachmittägigen Wiederkehr. Sein Vorhaben drängte ihn davon und außerdem war's ihm, es sei ein schönes Geheimnis, wie etwas Heiliges, das er fast freventlich mit profanen Augen ausgekundet. Nicht er dürfe davon reden, Zea selbst müsse es offenbaren; am Abend wollte er ihr in die leuchtenden Augen sehen und mit den seinigen stumm-verständlich sagen: »Tu's, laß dein Glück auch unseres sein!«

Er hatte sie beobachtet, ihren Weggang vom Hause zur täglich gewohnten Zeit wahrgenommen, ungefähr eine halbe Stunde, bevor er sich auf den Weg begab. Nun wanderte er an der Stelle vorbei, wo ihr Pfad in die Heide nach dem Findlingstein abbog. Zitternde Sonnenwellchen der Luft woben einen duftgleichen Schleiervorhang über rote Blüten; lächelnd blickte er hinüber, er wußte sein Kind in guter Hut. Nur Namen ohne Inhalt für sie hatte die See ihr zugetragen, keine Liebe eines Vaters und einer Mutter; sie blieb sein Kind, nur mit Meinolf Alfsleben mußte er sie fortan teilen.

Der ihm befreundete Rechtsanwalt in der Stadt prüfte die Schriftstücke, gab sein Gutachten dahin ab, die oberste Frage sei, ob der Trauschein sich als richtig und unanfechtbar herausstelle. Wenn das zutreffe, würde sich's darum handeln, die Heimat der beiden untergegangenen Schiffer ausfindig zu machen, um die Echtheit ihrer Unterschriften beglaubigt zu erhalten. Doch würde auch damit noch kaum eine ausreichende Rechtsgültigkeit gewonnen sein, da wiederum der Zeugenbeweis fehle, das von Hennig Wittkop an den Strand gebrachte Kind sei identisch mit dem auf der »Thetis« geborenen. Aus den Äußerungen des Advokaten ging hervor, er sehe ein für die richterliche Entscheidung sicher bestimmendes Ineinandergreifen der vielfältig erforderlichen Belege als sehr schwierig herstellbar an; Hollesen hatte dies ebenfalls in der Empfindung gehabt, doch sich nicht so nach allen Richtungen zur Vorstellung gebracht. Er verließ das Haus des Rechtsanwalts mit der Abrede, zunächst auf die Antwortsauskunft hinsichtlich des Trauscheins zu warten; ziemlich enttäuscht in seiner Hoffnung schlug er den Rückweg ein. Doch nicht lang hielt die Herabstimmung in ihm an. Lag denn das Lebensglück für sie darin, als das, was sie fraglos war, vor der Welt anerkannt, zur Besitzerin von Helgerslund zu werden? Dann wäre seine Schätzung wirklichen Wertes der Erdendinge, die Auffassung dieser, die er auch ihr von Kindheit auf ins Gemüt gelegt, eine haltlose und nichtige gewesen. Das wahre und einzige Glück in der flüchtig vergönnten Daseinszeit ward nicht von außenher geschaffen und bedingt; gleich dem Blütenstaub einer Pflanze entsproß es nur von innen, aus dem Herzen hervor. Das zu behüten galt's, alles andere war nur Tand und Flitter, einer Seifenblase buntglitzernder Schaum.

Der Pastor stand still und blickte auf seine Uhr. Ja, das war der Weg, den er einschlagen mußte, der Richtung nach, die seine Gedanken genommen, wenn er auch erst spät am Abend ins Dorf zurückkam. Und rasch folgte er dem über ihn geratenen Antrieb, wandte sich von der Stadt rechts ab, auf der Fahrstraße dem fernen Waldrand entgegen, hinter dem sich unsichtbar das Schloß von Ekenwart verbarg.

Drüben im Pfarrhause war Zea wieder eingetroffen und in ihre Stube gegangen. Sie saß dort, vor sich hinblickend, in ihr war nur ein Gefühl, Müdigkeit. Unsagbar schwere Müdigkeit der Glieder, der Augen, des Kopfes, und langsam-müde ging in ihrer Brust der Herzschlag. Die Füße hatten sie hierher zurückgebracht, gewohnheitsmäßig den Weg gehend; ohne Gedanken hatte sie's getan, und ohne Gedanken saß sie nun hier. Dann und wann ließ die Müdigkeit sie die Augen zumachen, doch sie hob jedesmal rasch die Lider wieder auf, denn vor den geschlossenen lag immer die blühende Heide in der Sonne um sie. Das konnte sie nicht ertragen; sie hatte dazu ein Gefühl in sich, als ob sie Flügel gehabt habe, mit denen sie über die Heide hingeschwebt, doch seien sie ihr abgefallen und sie aus der Luft, heruntergestürzt. Davon war alles an ihr so schwer, sie nur mit dem einen Wunsche erfüllend, sich auszustrecken und stillzuliegen. Aber das konnte sie nicht, ihr lag noch etwas ob, ein Gang, doch wußte sie nicht was und wohin. Dann klang einmal draußen ein Ruf und sagte ihr's: es war Mittag, sie mußte zu Tisch kommen. So war's ja täglich, wenn sie von ihrem Vormittagsweg zurückkehrte und natürlich auch heute. Sie durfte nicht wegbleiben, nicht zögern, sonst kam jemand, um sie zu holen; das wollte sie nicht geschehen lassen, gerade heute nicht. Wie sie aufstand, drehten die Wände und die Dinge der Stube sich langsam im Kreis um sie herum, und der Boden hob sich unter ihr auf und nieder, so daß ihre Hand nach dem Stuhl zurückfaßte, um sich ein paar Augenblicke draufzuhalten. Aber dann verging's, alles ward ruhig, und sie begab sich ins Eßzimmer hinüber, wo die Pastorin ihrer schon wartete. Hier stand sie ungewiß neben dem Tisch, was sie zu tun habe; doch es kam ihr, sie mußte sich setzen, dort, das war ja auch ihr gewohnter Platz. Daß ihr Vater nicht anwesend sei, geriet ihr nicht zum Bewußtwerden, erst dann, als Frau Mathilde sprach, wohin und zu welchem Zweck er fortgegangen. Sie redete weiter, natürlich von dem, was sie einzig erfüllte; die Hörerin mußte sich besinnen, wovon; nur allmählich dämmerte ihr's auf, wie aus einer weiten Ferne und wie etwas lang Vergessenes. Nun antwortete sie einmal auf eine Frage: »Ja, liebe Mutter,« doch bei dem letzten Wort stockte sie und griff mit der Hand an ihre Stirn; ein schmerzhafter Stich war ihr hinter dieser durch den Kopf gegangen, weckte ihr auf, daß sie einen dumpfen Schmerz dort schon früher empfunden und daß er immer geblieben. Sie führte den Löffel und die Gabel zum Mund, obwohl sie beide eigentlich nicht zwischen den Fingern fühlte und manchmal glaubte, mit ihnen ins Leere zu tasten. Aber sie nahm sich gewaltig zusammen, alles richtig und wie sonst zu handhaben; grad' heute mußte sie besonders darauf acht geben, sich auch zwingen, zu essen, obgleich sie nichts von den Speisen auf der Zunge empfand und schmeckte. Die Pastorin sprach, erzählte, fragte ab und zu, und Zea spannte ihr Gehör darauf, daß ihr das letztere nicht entgehe, damit sie ein »Ja« erwidere, doch »liebe Mutter« setzte sie nicht mehr hinzu. Erst gegen den Schluß der Mahlzeit fiel Frau Mathilde auf, daß im Aussehen und Behaben des Mädchens etwas anders als gewöhnlich sei, und sie sagte: »Du bist blaß, Kind.« Aber sich gleich die Ursache erklärend, fügte sie nach: »Natürlich, solche Spannung auf einen Bescheid nimmt körperlich und geistig mit; dazu ist's auch so schwül heute. Leg' dich etwas hin und suche zu schlafen; ich wecke dich, wenn dein Vater vom Advokaten zurückkommt, und sage dir, welche Nachricht er mitgebracht. Das bleiben wir dir ja doch, Vater und Mutter. Ruh' dich recht aus!«

»Ja, recht lange,« gab Zea zur Antwort, »ich bin sehr müde – wohl weil es so schwül ist.«

Nun war sie wieder in ihrer Stube und wollte sich hinlegen, doch wie vorhin konnte sie's noch nicht, mußte noch etwas tun, ebenfalls wieder ohne sich sagen zu können, was es sei. Aber sie sah es gewissermaßen mit Augen vor sich, ein beschriebenes Blatt Papier, damit hing's zusammen, und sie strengte sich an, darüber nachzudenken. Dabei horchte mechanisch ihr Ohr auf; draußen klang die Stimme der Pastorin, sie sagte zur Magd, daß sie einen Ausgang ins Dorf mache, und die Haustür öffnete und schloß sich. Wie mit einer Sprache kam's Zea aus dem Ton, was sie tun müsse; etwas Unerlaubtes war's, doch sie mußte, sonst konnte sie sich nicht ausruhen. Auf den Zehen ging sie in die Arbeitsstube ihres Vaters hinüber – ja, er blieb ihr Vater, daran war nichts anders geworden – und sah auf seinem Schreibtisch umher. Er hatte die Schriftstücke, die Tilmar Hellbeck gestern abend gebracht, an sich genommen und Wohl zwei davon mit sich in die Stadt. Aber es war noch ein drittes gewesen, das brauchte er nicht für seinen Gang dorthin.

Wie ein Lichtstrahl durch eine kleine Öffnung erhellend auf einen einzigen Punkt fällt und alles umher in Dunkel läßt, so raffte der sonst völlig gedankenleere Kopf Zeas sich eine Denkkraft zusammen, die sich allein auf jenes dritte Schriftstück richtete. Auf dem Tisch lag es nicht, doch wie ein körperliches Empfinden, ein Angerührtwerden war's in ihr, es sei dennoch in ihrer Nähe, und sie suchte, öffnete Schubladen mit Papieren, zwischen denen sie blätterte. Und dann fühlte sie einmal, da mußte es sein, und da war's auch, untergeschoben. Auf den ersten Blick erkannte sie die Schriftzüge des Blattes. Aber nun stand sie, und ihre Hand zauderte –

Ja, sie tat Unerlaubtes. Ihr Vater hatte dies Blatt, nachdem sie es gestern flüchtig gelesen, fortgenommen und hier verborgen, vor ihr, er mußte nicht für gut gehalten haben, es in ihren Händen zu lassen. Doch das verstand er nicht – und es gehörte ihr, ganz allein auf der Welt ihr, denn die Schrift darauf war von ihrer Mutter –

Sie sprach es laut vor sich hin: »Von meiner Mutter.«

Ihre Augen blickten nieder, hafteten auf einem Satz gleich am Anfang:

»Zuerst sah ich ihn an dem Abend, als Meinolf nicht zurückkam.«

Nun streckte sich ihre Hand, nahm das Blatt, und behutsam ging sie wieder in ihr Zimmer. Hier setzte sie sich und las.

Das hatte sie gestern abend auch getan, doch achtlos und verständnislos, kaum etwas von dem begriffen, was sie gelesen. Sie hatte kein Gefühl in sich gehabt, daß es sie angehe, daß die, welche es geschrieben, ihre Mutter gewesen sei. Das war nur ein Name, ein Wort ohne Inhalt, sie besaß ja eine Mutter, brauchte keine andere.

Nein, sie verstand auch jetzt die Schrift auf dem Blatt nicht, wenigstens nicht im Ganzen, nur hier und da einen Satz. Der Schatten – wer war der Schatten, der zu ihrer Mutter gesprochen, immer hinter ihr gewesen, näher und näher auf sie zugekommen, bis er sie angeatmet?

Das letzte – ja, das ward der Lesenden begreiflich, denn sie fühlte es selbst. Von dem Blatt kam ein Atem herauf und hauchte ihre Stirn an. Und da, der Satz – den verstand sie auch: »So müd' war ich, ich konnte nicht mehr weiter – so kalt ward's, und Nebel, lauter Nebel –«

Ja, so kalt – ein eisiger Schauder lief ihr durch's Blut, und doch war's auch so schwül und drückend. Was auf dem Blatt geschrieben stand, sah sie ganz anders an als gestern, jedes Wort, fühlte sie, galt ihr, nur das Verstehen fiel ihr zu schwer. Das rührte hauptsächlich von ihrem Kopf her – könnte sie mit etwas anderem denken, als mit ihm – mit dem Herzen – da würde sie alles begreifen. Aber das Herz schlief, bewegte sich gar nicht, und der Kopf konnte nicht, denn der Schmerz in ihm hatte sich während des Lesens von der einen Stelle hinter der Stirn nach allen Richtungen ausgebreitet und lastete mit schwerem Druck wie eine Bleidecke auf ihm. Sie mußte sich hinlegen und die Augen fest zumachen. Dazu aber tat sie etwas eigentlich Vernunftwidriges, denn ein dunkles Gefühl war in ihr, der drückende Schmerz sei, über ihren Kopf von dem Blatt heraufgekommen. Doch trotzdem benutzte sie dies wie ein Heilmittel, legte es sich auf die Stirn und faltete die Hände drüber. So lag sie ganz langsam atmend, und nach einer Weile kam ihr einmal mit traumverworrenem Ton vom Mund:

»Der Schatten –«

Draußen ging der Sommernachmittag über Land und See, sah Tilmar Hellbeck am Strande stehen und warten, daß Zea ihre gestrige Zusage erfülle. Er wußte nicht, ob er auf ihr Kommen hoffe oder sich davor fürchte; seine Gedanken arbeiteten umsonst, sich durch einen Nebel um sie hindurchzuringen. Seltsames, Unverständliches war am Frühmorgen geschehen, der junge Freiherr von Alfsleben für wenige Augenblicke im Schulhause mit der Frage eingekehrt, ob es sich wahr damit verhalte, daß nach aufgefundenen Schriftstücken Zea Hollesen eine Tochter des verstorbenen Meinolf von Rhade sei.

Sonderbar bleichen Gesichts war er gewesen und auf die Antwort hastig und scheu davongegangen, nordwärts am Strand entlang, als trachte er danach, im Dorf nicht gesehen zu werden. Tilmar wußte sich's nicht zu deuten, nur eines lag klar vor ihm: er hatte sich nicht getäuscht, ein Zusammenhang bestand zwischen dem verwandelten Wesen Zeas und dem, der sie auf den Armen von der niederbrechenden Turmtreppe in Helgerslund herabgetragen. Kein banger Ausdruck war in den Augen des jungen Lehrers, doch auch kein Glanz mehr, wie gestern auf Herdsand, nur Erwartung, sich aus Hoffnung und Furcht zusammenmischend, Die ließ der Nebel seiner Gedanken ineinander verwoben; über ihm aber schritt die helle Sonne fort, stundenlang mählich-gleichmäßig seinen Schatten verlängernd.

Südostwärts hinüber erreichte jetzt der Pastor Christian Hollesen sein verändertes Wegziel. In ihm war die Entscheidung dahin gefallen, daß er bei den zweifelhaften Umständen, ob die Anerkennung Zeas rechtlich möglich sein werde, unumwunden mit dem Freiherrn von Alfsleben sprechen, dessen Einwilligung zu ihrer Verbindung mit seinem Sohn sich versichern wollte; klug bedacht hielt er dafür, die Entdeckung ihrer Abkunft rasch für das Wichtigste, die Sicherstellung ihres Lebensglückes zu nutzen. Den Waldgürtel schnell durchschreitend, trat er nun auf den Platz vorm Schloß hinaus, doch hier empfingen ihn verwirrte, ratlos bestürzte Gesichter. Sein Fragen blieb von ihnen unbeantwortet, bis der Förster Dirk Westerholz aus der Tür hervorkam und kurz Auskunft gab. Er war um Mittag an dem alten Hünengrab vorbeigegangen, zwischen dessen Eichenstämme sein Jagdhund hinausgestöbert und droben plötzlich sonderbar angeschlagen hatte. So folgte er nach, und da stand der Hund unter dichtem Laubdach vor einer lang ausgestreckt regungslos liegenden Gestalt. Der Freiherr war's; herabgeronnenes, vertrocknetes Blut klebte ihm an der Schläfe, aus der Hand gefallen lag neben ihm eine alte, verrostete Sattelpistole mit zersprungenem Lauf; schon seit manchen Stunden mußte er tot sein. Bestürzt fragte Hollesen, wie es geschehen; der Förster zuckte die Achseln: »Gesehen hat's niemand; vielleicht wollte er nach einer Eichkatze schießen, aber die alte Waffe taugte nichts mehr und sprang; dabei schlug sie ihm in der Hand um und die Kugel ging ihm in die Schläfe. So wird's geschehen sein, oder anders. Kein Auge war dabei.«

Wortknapp kam's Westerholz vom Mund, das »oder anders« mit dem nämlichen Ton, wie alles übrige, aber doch hatte etwas dringelegen, als ob er seine Meinung damit ausgedrückt, es sei anders geschehen. Der Pastor folgte ihm ins Haus, wo Dietrich Alfsleben auf ein Bett hingestreckt lag. Er sah wie ruhig schlafend aus; an seinen Zügen war nichts Verzerrtes, mehr als im Leben besaßen sie trotz dem ergrauten Haar noch etwas Jugendliches. Der Förster sagte Wunderliches: »Ich wollte ihm heut' von meiner Golddrossel sprechen, jetzt hört er's nicht mehr.« Hollesen fiel laut ein, daß jeder von der umstehenden Dienerschaft es vernehmen mußte: »Ein entsetzlicher Unglücksfall, durch das Zerspringen der alten Pistole herbeigeführt – wo ist der junge Herr?« Das wußte niemand und es erhöhte die allgemeine Ratlosigkeit; man hatte ihn an dem Tage nicht gesehen, er mußte sich in der Morgenfrühe ahnungslos auf einen weiteren Weg fortbegeben haben. Der Pastor blieb noch eine Weile, den Toten betrachtend; was lag ausgelöscht unter dieser Stirn und gab keinem Ohr Kunde von sich? Wieviel, dem Menschenblick undurchdringliches Dunkel barg die helle Sonne auf der Erde; Wohl jeder nahm etwas Verschwiegenes mit sich ins Grab. Der Himmel, die Erde und das Leben auf ihr bildeten selbst ein unnahbares Rätsel, das erkannt zu haben, erkennen zu wollen unglaublich vermessen und töricht war. Nur dann und wann warf die große dunkle Flut ein kleines Stückchen aus, grub es in den Sand, und ein Zufall brachte es aus ihm ans Licht.

Mechanisch nahm Hollesen die alte Pistole, die man neben dem Totenbett auf einen Tisch gelegt, in die Hand und wiederholte nochmals: »Ja, ein Unglücksfall und Unvorsicht; ihr Anblick zeigt, daß ein Versuch, sie noch zu benutzen, nicht anders ausgehen konnte.« Er hatte den Gedanken gehegt, die Rückkehr Meinolfs zu erwarten, doch ein Blick durchs Fenster zeigte ihm die Sonne schon weit niedergestiegen. Es ward später Abend, bis er heimkam, und seine Frau harrte sicher mit Unruhe auf ihn. Hier konnte er nichts ändern und nichts helfen; über vieles besaß das Leben Macht, doch vor dem Tod endete sie. So ließ er von seiner Absicht, schrieb einige Zeilen an Meinolf Alfsleben auf ein Blatt und begab sich auf den Heimweg.

Der, dem seine zurückgelassenen Schriftworte galten, war, nachdem er in der Frühe sich verstohlen in die Schulstube Tilmar Hellbecks geschlichen, den Tag hindurch ziellos umhergeirrt. Nur eines war in ihm gewesen, was geschehen, was er tun müsse; so hatte er auf einem Blatt Papier, das er bei sich fand, inmitten der Heide hastig mit Bleistift das nächste. Was ihm durch den Kopf gefahren, niedergeschrieben, war damit zu dem Findlingstein gelaufen und, wie von einem Orkan fortgepeitscht, weiter. Ihn trieb's nach der Stelle, wo er im Wald die Nacht zugebracht; ermattet warf er sich dorthin, doch wie hohnlachend sah ihn alles an, was nach dem Erwachen beschwichtigend, trostreich, lebensfreudig zu ihm gesprochen, die Sonnenstrahlen, die Blumen, die Falter. Er sprang wieder auf und irrte fort; über sich sah er die Sonne durch den Mittag gehen und abwärts steigen. Seit gestern hatte er keine Nahrung zu sich genommen, aber sein Körper stand unter anderer Macht, als der des täglichen Bedarfs, ließ ihn nichts davon empfinden. Ängstlich hielt er sich im Laubdickicht, huschte nur wie ein verfolgtes Wild über eine Lichtung, niemand zu begegnen, von keinem Auge gesehen zu werden; ein Verbrecher mußte sich verbergen. Dabei aber wuchs eine andere Angst in ihm an, eine unbestimmte, er wußte sich nicht zu sagen, wovor. Nur daß sie ihn in eine Richtung hindränge, der weiter absinkenden Sonne zu. Anschwellend wie eine Flut stieg diese Angst zu einer ungeheuren, und plötzlich einmal verstand er, wohin sie ihn trieb. Nach dem Findlingstein zurück, das Blatt wiederzuholen, das er dort gelassen.

Zu spät war's, es lag nicht mehr dort. Seit vielen Stunden schon mußte Zea gekommen sein und es gefunden haben.

Doch aus seiner Gedankenbetäubung brach jetzt eine zweite Erkenntnis hervor, grell wie ein schwarze Wolken durchschneidender Strahl. Nicht mit bewußtem Geist, in einem Irrsinnsanfall hatte er die Zeilen auf das Blatt geschrieben.

Ja, so konnte nur der Wahnwitz handeln, von der Verzweiflung des Herzens in den Kopf hinaufgetrieben.

Zu spät – aber wär's nicht, was sonst? Was hätte er anders können? Unabänderlich hatte er das Band zerschneiden müssen zwischen ihr und dem Sohne dessen, der ihren Vater nicht im Zweikampf getötet, der ihn unvorbereitet, wehrlos ermordet.

Wenn er es nicht erfahren, nie gewußt – dann wäre es nicht gewesen, ruhvoll sein Leben mit dem ihrigen zu einem geworden, zu unsagbarem Glück. Aber ein unzertrennliches Leben neben ihr, ein innigstes Vertrauen mit dem Wissen, dem unablässigen hehlen des entsetzlichen Geheimnisses in der Brust, der Angst, es im Traum zu verraten – das hätte zum Wahnsinn gebracht, zum heranschleichenden, unrettbar anpackenden.

Kein Ausweg war möglich – und doch, das Blatt – das Blatt.

Nichts, als daß er davonging, gleich, in die Fremde – irgendwohin, wo er nichts mehr hörte und sah – wohin er nur die Erinnerung mit sich nahm. Die blieb ihm, ein Eigentum, das nichts ihm entreißen konnte.

Er dachte irrverworren und doch nicht völlig der Besinnung beraubt. So wie er ging und stand, konnte er nicht in die weite Welt davon, mußte noch einmal nach Ekenwart zurück. Heimlich – oder auch nicht – offen; sein Vater würde, wenn er ihn sähe, ebenso scheu vor einer Begegnung ausweichen wie er.

Da schritt Meinolf Alfsleben über den Platz vor dem Schloß, und Dirk Westerholz kam dem Erwarteten entgegen.

Nun stand er und wußte, was während seiner Abwesenheit geschehen und wie es geschehen sei. Wie ein Blitzstrahl war es, blendend und betäubend, doch einer, der neben ihm niedergefahren, ihn selbst nicht getroffen. Nicht aus eigenem Trieb, um der Leute willen trat er ins Haus und sah seinen Vater liegen. Mit einem Grausen streifte sein Blick über die Pistole zur Seite, doch in ihm war kein Schmerz, nur ein Gefühl, das den Toten um seine leidlose Ruhe neidete. Einer der Diener reichte ihm das von Pastor Hollesen für ihn hinterlassene Blatt; die kurzen Worte darauf baten, er möge morgen ins Pfarrhaus kommen.

Meinolf sah auf. War alles ebenso, wie es gewesen, oder war etwas anders geworden? Er hatte keine Antwort darauf – nur eines hämmerte, drängte in ihm –

Nicht morgen – heute noch mußte er hinüber, ungesehen sich ans Pfarrhaus hinanschleichen, durchs Fenster spähen –

Um einen Augenblick später ging er wieder draußen. Der Tag schritt zum Ende, die Sonne war nicht mehr am Himmel; als er den Heiderand erreichte, stand Abendrot über der See. Seit dem Morgen hatten seine Füße kaum gerastet, doch er fühlte keine Mattigkeit; er lief.

War etwas anders geworden?

Wenn er vor sie hintrat und sprach: »Ich bin der Sohn dessen, der deinen Vater ermordet, der seine Schuld gesühnt, mit der gleichen Waffe sich selbst den Tod gegeben – und wenn ihre Hand nicht schaudernd vor seiner zurückwich –?

Ja, das war anders geworden – er konnte es sprechen, seine Zunge fesselte keine Sohnespflicht mehr. –

XV.

Still, wie unbelebt hatte das Pfarrhaus den Nachmittag hindurch unter der drüber hinschreitenden Sonne gelegen und ebenso ohne Regung, wie leblos, Zea in ihrer Stube. Aus dem Dorf zurückgekommen, war die Pastorin einmal an die Tür derselben getreten, um zu horchen, ob das Mädchen sich nach ihrem Rat zur Ruh' begeben und schlafe; von drinnen her tönte kein Laut und geräuschlos begab Mathilde Hollesen sich fort, auf die Rückkehr ihres Mannes wartend, sich mit häuslichen Geschäften die Zeit kürzend. Doch, obwohl Stunden verrannen, kam er noch nicht, später Nachmittag ward's, sie begriff nicht, was ihn so lange in der Stadt zurückhalten könne. Zuletzt, von Ungeduld getrieben, verlieh sie das Haus wieder, ihm nach Süden am Strand entgegenzugehen. Höchste Ebbezeit war's, oder schon um etwas überschritten, in der Ferne schattenartig über den Sand laufend, begannen spielende Wellen zurückzukommen. Erwartungsvoll mit dem Blick voraussuchend, schritt die Pastorin langsam weiter.

Nun regte Zea sich, richtete ihren Körper zum Sitzen auf und sah vor sich hin. Nicht mit einem Gefühl, aus dem Schlafe erwacht zu sein; nur ohne Bewußtsein hatte sie gelegen und doch auch nicht ohne Empfindung eines mit ihr und in ihr Vorgehens. Davon war ihr eine dämmernde Erinnerung geblieben, auf die sie sich zu besinnen suchte, und aus verschwommenen Umrissen gestaltete ihr's sich herauf. Nicht vom Kopf her, der nützte ihr nicht; noch schwerer als zuvor, mit dumpfbetäubendem Schmerz lag die Bleidecke auf ihm, alles Denken erdrückend. Doch vom herzen her kam's ihr: Sie war wieder ein kleines, Kind gewesen, das am Strand im Sande mit Steinen und Muscheln gespielt. Und plötzlich hatte sie die Augen aufheben, weit öffnen und mit ihnen auf die See hinausschauen müssen. Eine Möwe war mit seltsamem Schrei über sie hingeflogen, und eine Welle lief, sonderbar rauschend, bis dicht vor ihre Füße heran. Das hörte und sah sie wie zum erstenmal, mit einem Gefühl, die Welle strecke weiße Hände nach ihr aus, sie zu fassen und mit sich fortzuziehen. Doch sie konnte sich nicht bewegen, all ihre Glieder waren wie festgebunden, nur ein fremder Schauer ging ihr vom Scheitel her über den Rücken herunter.

Nun rann das Erinnerungsbild verblassend wieder auseinander, ein leiser Ton schien es wegzuscheuchen. Eine ihrer Hände hatte sich geregt, das Knittern eines auf ihrem Schoß liegenden Blattes verursacht, sie sah darauf nieder.

Ja, von dem Blatt war der Schmerz so stark angewachsen, weil sie es sich auf die Stirn gelegt. Deshalb konnte ihr Kopf keinen Gedanken mehr fassen, aber sie brauchte ihn auch nicht. Während sie, die Hände über der Stirn gefaltet haltend, dagelegen, hatte sie mit dem Herzen gedacht, und dies hatte ihr alles Unbegriffene verständlich gemacht.

Sie wußte jetzt, was die Schrift auf dem Blatt bedeutete und besagte, nur ließ es sich nicht mit Worten ausdrücken. Das Herz verstand alles, doch dachte nicht in Worten.

Und eines sprach es deutlich, vor allem, als das Wichtigste: Sie habe eine Mutter nötig, die ihr helfe.

Denn sie selbst vermochte sich nicht zu helfen, ihre Glieder waren ja festgebunden. Nur die Füße konnte sie befreien, und sich bückend, zog sie mechanisch ihre Schuhe und Strümpfe aus. Das tat wohl, war erlösend, ihre Brust atmete erleichtert danach. So war sie früher gegangen, ehe jemand ihr die Fesseln an die Füße gelegt hatte. Die wenigstens konnte sie jetzt wieder bewegen.

Nur der Kopf blieb so eng eingeschnürt – wenn der auch frei würde, dann war eigentlich alles gut, war gar nichts mehr. Dann konnte sie wieder springen, jubeln, lachen – über den lachen, der sie hilflos festgebunden zu haben glaubte.

Der Wind draußen am Strand – er nahm ihr vielleicht die Bleidecke weg. Sie hatte schon früher Kopfschmerz gehabt, den er ihr fortgeweht –

Sie stand auf und trat gegen die Tür zu. Auch das war gut, so machten ihre Füße lein Geräusch. Aber die Tür knarrte beim Öffnen – das mußte sie verhüten, denn ihre Mutter – die andere – die durfte nicht sehen, daß sie hinausging. Darin lag eine heimliche Bedingung, sonst konnte der Wind ihr die Bleidecke nicht wegnehmen.

So kehrte sie um, öffnete das Fenster und schwang sich von dem niedrigen Sims in den Garten hinab, geräuschlos und behend; mit den befreiten, bloßen Füßen war, wie durch eine Zaubermacht verjagt, die schwere Mattigkeit aus ihren Gliedern fortgeschwunden. Rasch und vorsichtig schlüpfte sie aus der Gartenpforte; sie mußte vermeiden, daß jemand sie anredete, durfte überhaupt niemand zu Gesicht kommen. Und nordwärts mußte sie gehen, nach Süden hin waren giftige Ottern, vor denen hatte sie sich mit den unbeschuhten Füßen in acht zu nehmen. So ging sie dem Dünenvorsprung zu, hinter dem sich die kleine Einbuchtung umschlug, in der Tilmar Hellbeck sie an dem Sonntag angetroffen, als sie zusammen nach Herdsand hinübergerudert waren. Sie setzte sich an den Dünenrand, der Wind stand ihr mäßig stark, weich von der See her ins Gesicht und sie hielt ihm die ein wenig vorgebogene Stirn entgegen.

Niemand vom Dorf hatte sie wahrgenommen oder wenigstens kein Blick auf sie geachtet. Der junge Lehrer wartete schon lange nicht mehr am Strand, sondern war ins Schulhaus zurückgegangen; dort saß er in seiner Kammer, ins schwindende Tageslicht hinausblickend. Weder Hoffnung noch Furcht war mehr in ihm, nur eine matte, dumpfe Stille. Sie hatte versprochen, heute zu ihm zu kommen, und der Tag war vorüber – so hatte sie ihm auch drüben auf der Insel versprochen, seine Frau zu werden. Er lehnte sich nicht gegen den Bruch ihres Gelöbnisses auf, die Natur hatte ihn nicht zum Kämpfen bestimmt, ihm fehlten Kraft und Mut dazu, ein sicheres Ruhen auf sich selbst. Das ließ ihn sie auch nicht anklagen, nicht treubrüchig nennen; er war vom Leben untergeordnet worden, und es hatte so geschehen müssen. Unbegreiflich lag's hinter ihm, daß er gestern geglaubt, der Himmel habe mit dem Fund eine Wundermacht in seine Hand gegeben. Jeder andere hätte ebenso die Schriftstücke entdecken können, ein blinder Zufall war's gewesen ohne irgendwelche Bedeutung. Aber wenn er selbst für sie sein Leben einsetzen könnte, ihr einen Stern vom Himmel herabzuholen, es würde das gleiche sein. Seinen Wert vermochte er damit nicht zu erhöhen, er blieb zu wenig für sie. Darum konnte sein Herz keine Anklage gegen sie erheben, nur eines trug es als ein bitteres Wehgefühl in den langsamen Blutwellen. Das eine hätte sie nicht tun sollen, ihm ersparen können. Warum hatte sie ihm das auf der Düne von Herdsand getan? Das war grausam gewesen, wie die blendende Sonne für das kranke Auge.

Zwielichtfäden durchspannen schon so dämmernd die Luft, daß drüben, südlich vom Dorf, die Pastorin Hollesen in Zweifel stand, ob eine Gestalt die ihres Mannes sei, der unerwartet nicht aus der Richtung der Stadt, sondern von Osten her über die Heide komme. Aber dann unterschied sie doch, er sei's und eilte ihm entgegen. Er fragte, noch einige Schritte von ihr entfernt: »Wo ist Zea?« – »Im Hause« – erwartungsvoll setzte Frau Mathilde, hinzu: »Was für Nachricht bringst du?« Manche Nachrichten brachte er zurück, hatte ihr vieles mitzuteilen. Langsam, öfter eine Weile stehenbleibend, gingen sie miteinander dem Dorf zu. Es ward nicht mehr dunkler, sondern heller; der verschwundene Kirchturm von Loagger tauchte wieder sichtbar auf, wie von einem Silberglanz überhaucht.

Nach Norden saß Zea auf dem Dünenrand und blickte über die Wellen hinaus, die dicht unter ihre Füße heranliefen. Sie kamen nicht mehr spielend, sie rauschten, jede schien die ihr voraufrollende einholen und fassen zu wollen, schwoll über sie hin; die rückkehrende Flut war's. Fern auf dem Rand der See stand's noch wie ein roter Himmelsbogen, sonst lag alles, sich mit einem grauen Gewebe zudeckend; nur da und dort glimmerte drunter ein kommender und schwindender weißer Schaumwurf.

Die Sonne war tot –

Ja, sie mußte sterben – vor ihren Augen sah Zea es auf dem Blatt geschrieben: »Alles tot – die Sonne, der Himmel, die Erde, alles tot.«

Der Herzschlag in ihr wiederholte es unausgesetzt: Alles – tot, denn nichts mehr lebte, als ihr Herz, mit dem sie dachte. Das aber war schlimm. Zu spät ward sie sich dessen bewußt, denn nun ließ sich's nicht mehr ändern. Viel besser wär's gewesen, wenn der Kopf gedacht – das Herz hätte nicht anfangen sollen zu denken. Seine Gedanken brannten so – sie fühlte es in der Brust als eine Flamme, von der ein greller Lichtschein durchs Dunkel brach, und wohin er traf, ward alles zu glühenden Kohlen–

Vor ihr griff eine unsichtbare Hand nach dem grauen Gespinst über der See und wandelte es in ein silbernes um, das sich hoch aufhob und senkte und wieder hob, wie vom Auf- und Niederwogen einer großen, tiefatmenden Brust. Die Flut schwoll, der im Osten emporgestiegene Vollmond hob gebietend sich die Nordsee entgegen. Nur auf sein Gebot kam sie, von keinem Sturm getrieben, mit einer großen Ruhe ihrer Bewegung und doch mächtig. Immer klarer übergoß die strahlenhelle Nacht sie mit weißem Glanz.

Nun fuhr's Zea einmal jäh vom Scheitel bis zur Sohle herunter. Neben ihr war etwas – dort – am Dünenhang kam's herauf und heran, ein unbestimmter dunkler Umriß auf dem beglänzten Sand. Doch es reckte sich höher, ward zu einem Kopf mit Linien eines Gesichts.

Der Schatten –

Sie sah darauf hin und duckte sich angstvoll zusammen, und er tat's ebenso, sich duckend und lauernd –

Ja, er war's und sie wußte auch, wer er sei und was er wolle, denn das Herz hatte ihr gesagt, was die Schrift auf dem Blatte bedeute. Von ihm – dem Schatten – kam die bleierne Decke, die er ihr um den Kopf gelegt. Von der roten Heide her war er gekommen, durch den Nebel immer hinter ihr geblieben, weil er die glühenden Kohlen in ihrer Brust sah. Daran erkannte er, wohin sie lief – und nun kauerte er dort und wartete, um ihr die Bleidecke immer enger und enger um den Kopf zu pressen, bis sie ihn zerdrücke.

Mit dem rechten Arm wie zur Abwehr umfahrend, sprang sie auf, um zu fliehen, und mit ihr sprang der Schatten auf und streckte den Arm nach ihr –

Das Blatt sagte, aufs Wasser könne er nicht nach –

Plötzlich brach ein Schrei von Zeas Lippen: »Mutter – Mutter – hilf mir!« Der erste war's, den sie ausstieß, seitdem sie von dem Findlingstein auf der Heide zurückgekommen, ein Schrei des Herzens, namenlosen Jammers, der hilflosen Verzweiflung. Sie hielt beide Anne ausgebreitet, und im nächsten Augenblick lag der Dünenhang leer da, mit dem zurückrollenden Vorwasser lief sie geradeaus in die See. Und es war, als ob diese ihren Ruf gehört, so kam, höher noch als bisher, eine Welle, einer hochanschwellenden Brust gleichend, von der her weiße Hände sich vorstreckten. Ruhevoll und machtvoll zugleich kam sie, umschlang das Mädchen und hob es empor, wie eine Mutter ihr hilfloses Kind in die Arme nimmt. Nichts blieb sichtbar, als flüchtig noch das aufgelöste, goldig schimmernde Haar Zeas, dann neigte es sich über und verschwand, niedertauchend, unter einer weiß sich drüber breitenden Decke.

Zwei Menschenaugen hatten den Vorgang wahrgenommen, doch zu weit entfernt, zu undeutlich, um zu erkennen, was vor ihnen geschehe. Der Strandvogt Henning Witttop war in der wundervollen Nacht noch von seinem Häuschen her auf der Düne entlang gewandert, sich an dem Rauschen und Schäumen der Mondflut zu erfreuen. Ihm schien's, daß sie vor ihm jemand zum Baden habe, aber die in der Welle verschwundene Gestalt kam nicht wieder zum Vorschein. Unwillkürlich eilte er hinzu; eine neue Welle wälzte etwas mit sich und rollte zurück.

Da hielt er's gefaßt, ungläubig mit weitoffenem Blick darauf starrend. Auf den Armen trug er Zea an den Strand, hoch aufschnaubend rauschte die Flut ihm nach, als suche sie zornig-gewaltsam ihm seine Bürde zu entreißen.

Die lag reglos, mit geschlossenen Augen. Doch sie konnte nicht tot sein, zu kurz nur hatte sie unter dem Wasser verweilt. Sie mußte nur in Betäubung liegen, zum Leben zurückkommen.

Im Pfarrhaus waren Christian Hollesen und seine Frau heimgekehrt, suchten unruhig nach ihrer Tochter, von der die Magd nichts wußte. Mit einer Beschwichtigung überkam's den Pastor, wahrscheinlich hatte die Mondnacht sie auf die Heide hinausgelockt, und dann war sie dort wohl nicht allein. Obwohl von seinem langen Tagesweg ermüdet, begab er sich doch eilig wieder fort, sie an der ihm bekannten Stelle zu finden.

Im Schulhause saß Tilmar Hellbeck in seiner Kammer, bei einem rotflackernden Talglicht wiederholend, was er schon ungezählte Male getan. Er las den Bericht Jasper Simmerlunds, wie Henning Wittkop in der Dezembernacht das auf der See zur Welt gekommene fremde Kind in die Schulstube hereingetragen. Dorthin – die Tür zu ihr war offen – und der junge Lehrer wandte den Blick hinüber.

Da sprang er auf, wie eine Vision vor seinen Augen war's. Leibhaftig kam Henning Wittkop in die Schulstube hinein, etwas auf dem Arm tragend, nur nicht klein, sondern lang hingestreckt und, man sah's ihm an, nicht leicht wie damals, mit mühsamem letztem Kraftaufgebot. Deshalb brachte er's hierher, ins nächste Haus, aus erschöpfter Brust stammelnd: »Sie ist nicht tot – Sie kann nicht tot sein –«

Frau Margret kam ebenfalls, tat, wovor die Männer, die sich nicht zu helfen wußten, zurückscheuten. Um das Leben galt's und sie öffnete der Hingelegten die einengenden Kleider, zog diese hastig zur Seite, und in dem rötlichen Lichtschein lag Zea Hollesen mit der halbentblößten, schönen, jungfräulichen Brust da. Doch alle Bemühung, sie zum Atmen zu bringen, war vergebens; sie blieb reglos, war tot. Ihr Herz mußte der Welle geholfen haben; die allein hätte es nicht vermocht.

Wie ein Traumbild war's vor dem Blick Tilmar Hellbecks, ein Schreckensbild und zugleich von geheimnisvoller wundersamer Schönheit. Er dachte nichts, und keine Zeit war um ihn; auch den Pastor und dessen Frau sah er kommen, doch wie durch einen Nebel, ohne den Ausdruck ihrer Züge zu erkennen, und er hörte ihre Stimmen nicht. Er sah nur die Tote.

Dann stürzte etwas von draußenher durch die Tür herein, stieß einen herzzersprengenden Schrei aus, und wie leblos stürzte Meinolf Alfsleben vor der Toten nieder.

Markdurchdringend klang's und doch plötzlich ließ es einen seltsamen Glanz in den Augen Tilmars aufirren. Der Schrei sprach etwas, riß einen Schleier fort, mit dem sich die geheimnisvolle Schönheit umwoben gehalten, und enthüllt stand sie vor ihm da.

Sie hatte ihr Versprechen erfüllt, heute zu ihm' zu kommen, und niemand konnte sie ihm mehr nehmen – auch sie selbst nicht.

Frau Mathilde hatte mit zitternder Hand die Kleider über die Brust der Toten zurückgezogen. Nun hob Christian Hollesen sein Kind auf die Arme, es ins Pfarrhaus zu tragen. So hatte er's vor achtzehn Jahren getan; wie auf einem im Sturm schlingernden Schiff ging taumelnd Henning Wittkop neben ihm und redete vor sich hinaus: »Sie hat der See zugehört, die ließ nicht von ihr.«

Zwei Tage vergingen, da sammelten sich am Morgen die Dorfbewohner auf dem Kirchhof an. Vor dem efeuumwachsenen Gedenkstein Meinolfs von Rhade war eine Gruft gehöhlt; er ruhte nicht unter dem Grabmal, doch seine Tochter legte man heute hier in die Erde, in den Sand der alten Düne. So hatte Christian Hollesen es angeordnet.

Eine Totenfeier war's; festlich stand alles umher gewandet, der Himmel in wolkenlosem Blau, das in endlose Weite schimmernde Meer, die rotblühende Heide, in ihrem Goldkleid die Sonne. Alle erschienen nicht wie Leidtragende, doch in feierlicher Schönheit. Von der Kirchenmauer sahen die alten Findlingsteine nieder; nicht düster, mit einem freundlichen Ernst blickten sie auf den Lebenstraumwahn der ihnen vorüber kommenden und gehenden Menschen. So flatterten die kleinen blauen Falter dort über den Gräbern ein paar Stunden im Licht.

Der Wagen hatte von Helgerslund auch Herrn und Frau von Brookwald und Unna zur Beerdigung gebracht. Gertrud bot körperlich und geistig das Gepräge einer frühalten Frau mit völlig leerem Gesichtsausdruck; nichts lag in ihren Zügen, als eine stumpfe Gleichgültigkeit. Ihr Mann trug schwarze Kleidung und einen umflorten Hut, wie ein dem Vorgang Nahstehender. Er hatte Worte mit der Pastorin getauscht und schien die fast gleichzeitig mit der Todesnachricht zu ihm gelangte Kunde von der Abstammung Zeas als nicht unglaubhaft anzunehmen. Doch jetzt für belanglos; ob sie wirklich eine Tochter seines verstorbenen Schwagers gewesen oder nicht, besaß für sie selbst und für niemand mehr irgendwelche Bedeutung; bei genauerer Achtgabe ließ seine Miene Anstrengung erkennen, den geziemenden Trauerernst zu bewahren. Unna sah bestürzt und betrübt aus; sie hatte Zea lieb gehabt und hielt einen selbstgewundenen großen Kranz von weißen Rosen in Händen, ihn auf das Grab zu legen. Aber sie war noch ein halbes Kind, das den Tod in seiner Wirklichkeit im Innern noch nicht voll begriff, ihn im Gefühl mehr wie einen ungewöhnlichen, langen Schlaf trug, und ungeachtet ihres Kummers blickte sie doch mit etwas Verwunderung nach einer Stelle jenseits der Gruftöffnung hinüber, daß dort Meinolf Alfsleben stehe und sich zu dem Begräbnis mit eingefunden habe. Er hatte gestern in der Stille seinen Vater unter dem Eichenlaubdach des alten Hünengrabhügels beerdigt, war danach auf die Heide zu dem Findlingstein gegangen und dort die Mondnacht hindurch geblieben. Nun stand er, als ob er in seiner Empfindung allein hier sei, nichts von der Anwesenheit aller übrigen sehe und höre. Sein ganz farbloses Gesicht hatte eine wunderbare Schönheit gewonnen; man konnte es sich als das in einem Marmorgebild verkörperte Antlitz des Todes vorstellen, der an der Gruft stehe, die er für ein mit unabänderlicher Notwendigkeit von ihm beendetes Leben aufgetan. Ohne Regung einer Wimper hafteten seine Augen auf dem über der Höhlung ruhenden Sarg, als durchdrängen sie mit einer übernatürlichen Kraft die schwarze Holzwandung und sähen, was kein Blick sonst gewahren könne. In der Hand hielt Meinolf Alfsleben einen von dem Findlingstein draußen mitgenommenen blühenden Heidezweig.

So umgaben die auf dem Kirchhof Versammelten die Stätte, und jetzt kam Christian Hollesen heran, verwundert-überraschte Blicke auf sich ziehend, denn er trug nicht den geistlichen Summar, sondern seine tägliche Kleidung. So trat er an das Grab und sprach:

»Ich bin nicht der Pastor, der dieses Grab weihet; der Vater bin ich, der sein Kind bestattet. Ich bin nicht der Prediger, der zur Gemeinde redet: der Vater spricht zum letztenmal zu seinem Kinde. Mein Kind warst du, denn in meinem Herzen trug ich für dich die Liebe des Vaters; alles andere ist inhaltloses Wort und eitel. Und eitel ist das geistliche Kleid an deinem Sarge, Lüge wär's, käme ich in ihm zu dir. Ich komme, wie ich mit dir lebte, wie ich für dich war; nicht für eine Ewigkeit, für die kurze Zeit unseres Seins. Sie ist dir kürzer gewesen, als mein Hoffen sie maß; du bist nicht mehr, ins Nichts mir vorangegangen und zum Nichts bist du geworden. Die Liebe ist mit dir gestorben, reicht nicht mehr zu dir hin, denn es ist nichts in diesem Sarge. Laßt ihn nieder!«

Die an den Seilen Harrenden kamen dem Geheiß nach, ungläubig staunend blickten rundum die Hörer auf den kurz verstummten Sprecher. Worte waren es gewesen, wie sie wohl noch an keinem Grabe vom Munde eines Pastors gekommen, und so hob er sie jetzt aufs neue an. Ein Mensch stand da, der im tiefsten Schmerz jede Hülle von seiner Seele, seinen Gedanken ablegte, mit dem Herzen sprach, wie er fühlte und war. Liebe nahm Abschied von dem, was als ihr Teuerstes gelebt, und wußte, sie tue es für ewig. An diesem Grabe hielt die Übereinkunft, die er in sich zwischen der Forderung des geistlichen Amtes und seiner eigenen Erkenntnis geschlossen, nicht stand; für sich selbst umkleidete er diese nicht mit freundlich-tröstlichen Bildern, sondern von seinen Lippen trat die hüllenlose harte Wahrheit. Deutlich redeten die verhärmten Züge von schlaflos durchwachten Nächten; die bebende Stimme versagte ihm manchmal, daß er schluchzend innehalten mußte, ein armer, hilfloser Mensch. So hatte keiner der Zuhörer sich den ruhevoll-sicheren, alle anderen fest im Leid und Unglück aufrechthaltenden Pastor Hollesen vorstellen können. Mehr noch als seine Worte, sprach der Zusammenbruch seiner Kraft, was ihm die Tote gewesen und er mit ihr verloren.

Doch nun hatte er den letzten Abschied von ihr genommen, und plötzlich ging eine Verwandlung mit ihm vor. Er lichtete sich hoch auf, wie Flammen loderte es aus seinen milden Augen, und zu mächtigem, weithin hallendem Klang hob sich seine gebrochene Stimme:

»Dich aber, Friedrich von Brookwald, schuldige ich an, daß du meiner Tochter nach dem Leben gestanden. Du hast gewußt, ihr gehöre zu Recht, was du besitzest, und dreimal hast du sie zu töten gesucht mit Arsenik durch das Gift einer Schlange, durch den Niedersturz der Treppe in deinem Hause. Wie ist es geschehen, daß ich sie heute in die Erde legen mußte? Ich weiß es nicht – aber ich schuldige dich an, es kam wieder von deiner Hand, du hast sie getötet!«

Alles Blut war dem Angesprochenen aus dem Gesicht gefallen, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, er griff mit der Hand wie nach einem Halt hinter sich zurück. In der Brust jedes der Hörer umher stockte der Atemzug, wie betäubt richteten sie die Blicke auf den jäh mit so ungeheurer Anklage Getroffenen.

Doch nur einen Augenblick hatte Fritz Brookwald die Fassung eingebüßt; nun erwiderte er laut, allen vernehmlich:

»Mein armer Freund, der Gram um seinen Verlust hat ihm den Kopf zerrüttet. Wir sahen's und hörten schon an der unchristlichen Grabrede, mit der er seine Tochter bestattet, daß die Vernunft von ihm gewichen. Ich fühle tiefes Mitleid mit ihm, aber als Patronatsherr habe ich die Pflicht, der Kirchenbehörde Anzeige zu machen, daß die Gemeinde eines Ersatzes für ihn bedarf. Kommt, der Anblick des Unglücklichen erschüttert mich zu sehr.«

Das letzte Geheiß des Sprechers galt seiner Frau und Tochter, die ihm zum Verlassen des Kirchhofes folgten, Gertrud gleichgültig, automatenartigen Ganges, Unna in kinderhafter Willenlosigkeit. Scheu nach ihrem Pastor blickend, machten auch die Dorfleute, einer um den anderen, erst langsam, dann rascher, sich davon. Es ward leer um die Gruft, in die Christian Hollesens Augen niedergingen.

Er selbst fühlte das Übergewicht der Entgegnung des Helgerslunder Schloßherrn. Nur ein der Vernunft Beraubter konnte solche Anschuldigung ohne irgendwelche Beweismittel aussprechen. Und doch hatte er es gemußt, diese Stunde es von ihm gefordert.

Dazu empfand er, Fritz Brookwald habe wohl auch das Richtige gesagt; mit irrem Kopf sei er an das Grab getreten und so stehe er hier. Was er im Innersten trug, hätte er darin bewahren sollen, nicht den Ohren derer, die es nicht zu begreifen vermochten, kundgeben. Und doch wieder hatte er's gemußt, seinem Kinde mit dem letzten Wort die Wahrheit zu sprechen.

In dieser Stunde war der Widerstreit seines Lebens zum Ausbruch gekommen; er wähnte, ihn friedlich ausgeglichen zu haben, doch ein unversöhnlicher war's. Er hatte sich selbst mit dem Wahn betrogen, bis zum Ausgang die Freiheit seines Geistes mit dem Amt der Kirche vereinigt halten, seine Erkenntnis in ihre Ausdrucksworte fassen zu können. Aber dieser Erdhaufen türmte eine Klippe vor ihm auf, an der er gescheitert, er hatte Pastor sein müssen oder Mensch. Der Pastor hätte vor dem Grabe eine hohe, gerecht, gütig und weise bedachte Weltordnung verkünden müssen, doch vor seinem jammernden Herzen lag diese blind und, fühllos, Liebe und Schönheit gleichgültig zerstörend, und straflos ließ sie der Niedertracht den Sieg.

In irrem Gemütszustand, doch sinnbildlich, hatte Christian Hollesen sich der geistlichen Tracht entkleidet; er war kein Pastor mehr, der Patronatsherr brauchte ihn seines Amtes nicht entsetzen zu lassen. Nun löste sich der Kampf seiner Sinne, er schlug sich die Hände vors Gesicht, lindernd brachen zum ersten Male ihm Tränen aus den Augen. Sanft legte ein Arm sich um ihn, er fühlte, der seiner treuen Lebensgenossin sei's, der Liebe, die ihm noch geblieben, und er ließ sich von ihr fortführen.

Zwei auf dem Kirchhof Mitanwesende allein hatten sich nicht um die Grabrede und den ihr nachgefolgten aufregenden Vorgang bekümmert, nichts davon gehört und gesehen. Durch die Gruft voneinander getrennt, blieben sie jetzt als die einzigen an ihr, Meinolf Alfsleben und Tilmar Hellbeck, auch sich wechselseitig nicht wahrnehmend. Nur der erstere regte einmal kurz die Hand und warf den von ihr gehaltenen blühenden Heidezweig in die dunkle Höhlung nieder. Dann standen beide unbeweglich, mit den Augen auf dem Gedenkstein Meinolfs von Rhade haftend, von dessen weißer Marmorplatte, in der hellen Sonne flimmernd, die Inschrift aufsah:

»In Jugend, sprachen die Alten, gehen dahin,
die von den Göttern geliebt werden.
Leidlos aus der Sonne entrafft jäh sie der Blitzstrahl.
So leben sie immer jung dem Gedenken.«

Heute hatte der, welcher es einst ahnungslos auf den Stein gesetzt, gesprochen: »Die Liebe ist mit dir gestorben, reicht nicht mehr zu dir hin, denn es ist nichts in diesem Sarg.«

Aber jene beiden waren noch jung, und ihre Herzen hielten es heute für unmöglich, daß die Liebe je in ihnen auslösche. Für sie barg die schwarze Holzlade das höchste, was ihrem Leben geblieben, zu immer gleichem Gedenken. Als Christian Hollesen die Inschrift verfaßt hatte, war es für fremdes Leid und auch er noch jung gewesen.

Außer den zweien befand sich nur noch ein Arbeiter an dem Grabe, der die Höhlung zuschaufelte. Gleichmäßig warf er den Sand auf den Sarg, und unter jenem verschwand wie ein zerfließendes Traumbild die kleine Blüte, die Meinolf schweigend der Toten mitgegeben. Draußen aber gegen Osten blühte weithin die purpurne Heide fort, und unabsehbar im Westen spielte mit glimmernden, murmelnden Wellen an den Strand und über ihren dunklen Tiefen die See.