Iwan der Schreckliche und sein Hund

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Das neue Schuljahr nahm acht Tage nach Ostern seinen Anfang.

»Wie Kraniche, ihr Klagelied singend, ziehn –«

so wälzten sich die Gymnasiasten von Stolpenburg in endlosen Reihen heran, alle in jener trostlosen Stimmung unbestimmter Gewissensangst, wie sie nach den Ferien auch des redlichsten Schülers Brust beklemmt, nachdem die von hundert jungen Herzen liebevoll gepflegte Hoffnung wieder einmal zuschanden geworden ist, die Hoffnung, es möchte noch in der letzten Nacht das Gymnasialgebäude ein Raub der Flammen oder der Direktor eine Beute jähen Todes geworden sein, oder mindestens werde durch den Ausbruch der Cholera, der Pest oder des Schwarzen Todes, durch einen tropischen Zyklon, ein ungeheures Erdbeben, die plötzliche Erhebung eines feuerspeienden Berges mitten auf dem Marktplatz oder ein ähnliches Ereignis von öffentlichem Interesse der Beginn des Unterrichts noch um einige Tage verzögert werden.

Auch diesmal war nichts dergleichen geschehen; die breite Tür des Gymnasiums war höhnisch aufgesperrt, und nicht das kleinste Hindernis stand dem freien Eintritt in die Klassenräume entgegen.

Da waren sie wieder, die kahlen, graugetünchten Wände, die großen Fenster mit den kleinen Scheiben, die schwarze Tafel, das dräuende Katheder, die nüchtern hingereckten Tische; selbst der einzige Schmuck der letzteren, die kunstvoll eingeschnittenen Buchstaben, flammende oder durchbohrte Herzen und andre Sinnbilder früher Seelenzartheit, waren durch brutales Ueberstreichen mit dicker brauner Farbe wieder zerstört worden, und es bedurfte zu ihrer Wiederherstellung voraussichtlich der mühevollen Arbeit mancher Religions- oder Mathematikstunde.

Wie alle Untertertien stand auch die von Stolpenburg in dem Ruf namenloser Verworfenheit, und wie alle Untertertien auch diese mit gutem Grunde. Heute war freilich noch nichts von ihrer sonstigen Fruchtbarkeit zu spüren; stumm und verdrossen saßen die wilden Scharen schon lange vor dem verhaßten Glockenton jeglicher auf seinem Platze, nur ein schauerliches Gähnen unterbrach häufig die Schwüle, manchmal auch wohl ein eigentümlicher, scharf klatschender Doppelschlag, der für kundige Ohren das Austeilen und Wiederempfangen einer nachbarlichen Ohrfeige bezeichnete. Doch die Grundstimmung der Klasse war trübe und friedlich, überaus friedlich. Die meisten hatten die Köpfe tief in ihre Lehrbücher versenkt; einige ganz verzweifelte Charaktere aber hatten jede Hoffnung draußen gelassen, ihre Bücher entschlossen zugeklappt und starrten blödsinnig in den regengrauen Morgenhimmel.

Da kam noch ein Halbverspäteter hereingeschossen, und seine Stimme klang hell und derb in die allgemeine Dumpfheit:

»Au, Jungens, der Neue ist draußen! Ich hab' ihn gesehen! Und wir kriegen jetzt gleich die erste Stunde bei ihm! Ich weiß es von dem Primaner Butzke, der mein Freund ist!«

Das wirkte wie ein Trompetenstoß auf alte Streitrosse.

»Wer? – Wie heißt er? – Wie sieht er aus? – Was kriegen wir bei ihm?« schrie es durcheinander.

»Wie er heißt, weiß ich nicht, aber Mathematik gibt er natürlich,« antwortete der junge Wissende mit ganzer Überlegenheit.

»Donnerwetter, wie sieht er aus?«

»Eklig,« sagte jener kleinlaut, »sehr eklig!«

Auf diese knappe Personalbeschreibung hin schien die Stimmung wieder eine äußerst flaue werden zu wollen, als plötzlich aus dem Hintergrunde, wo die gefürchtetsten und bestraftesten Individuen hausten, eine entschlossene Stimme sich vernehmen ließ:

»Na, Kinder, dem wollen wir's zeigen!«

Dieser bescheidene Schlachtruf hob die Stimmung wieder mit überraschender Schnelligkeit.

Von allen Seiten klangen fröhliche Zurufe:

»Na, natürlich! – Das wollen wir auch! – Ei weih! – Mit dem wollen wir schon fertig werden! – Was will der? Bloß so'n Mathematiker! – Der soll nicht mucken!«

»Wißt ihr was, Kinder?« gellte eine herrschende Stimme durch das allgemeine Brausen. »Die letzte Bank fängt an zu trommeln, sowie er frech wird, und wenn er dahin läuft, legt die erste los, und dann –«

»Ach was, alle Bänke zugleich,« schrie ein andrer, »das flutscht besser. Daß ihm gleich Hören und Sehen vergeht!«

»Ach, die da vorn sind ja doch gemein und drücken sich!« scholl es hinten aus der Verbrechergegend.

»Wer gemein ist, wird verhauen!« war die prompte Antwort.

»Und wer petzt –«

»Na, so gemein ist doch keiner! Und wir würden ihn auch zu Mus keilen!«

»Famos, Jungens! Also paßt auf: wenn ich meinen Federkasten vom Tisch fallen lasse, geht's los!« Das war der Ruf des ersten Aufwieglers.

»Aber nicht gleich von Anfang an,« rief ein Besonnenerer, »vielleicht ist er überhaupt anständig –«

»Na nu! Ganz egal, getrommelt wird doch!«

»Natürlich! Eh' er übermütig wird! Erst müssen wir ihn klein kriegen; nachher können wir ihn ja besser behandeln, wenn er anständig ist.«

»Übrigens ist er doch immer bloß ein Mathematiker.«

»Na, denn also drauf!«

So hatten Kampflust und Siegesgefühl die Wolken des Trübsinns schnell verscheucht; diese jungen Germanen gingen so freudig in die Mathematikstunde wie ihre Ahnen in die Schlacht.

Jetzt ging die Tür auf, herein trat mit großen, ruhigen Schritten der neue Lehrer und stand vor der scharf beobachtenden und schweigsam lauernden Klasse.

Allein keine Hand regte sich, kein Fuß ward gerückt, keine Lippe murrte, kaum daß eine Wimper zu zucken wagte; still, wie in Erz gegossen, kerzengerade in musterhafter Haltung saß die gefährliche Untertertia vom ersten bis zum letzten Glied ohne Ausnahme und ohne Unterbrechung. Wie ein unhörbarer Seufzer ging es durch ihre Reihen, ein Seufzer der Entsagung und hoffnungslosen Unterwerfung. Aller Augen hingen wie gebannt, voll heimlichen Schreckens an den Zügen des Lehrers, die eben noch hell entbrannten Wangen waren bleich, schlaff, entnervt. Es war, wie wenn in ein junges Bataillon die erste Granate einschlägt und eine fürchterliche Lücke reißt.

So schreckhaft niederschmetternd wirkte die bloße Erscheinung dieses Mannes. Er hatte einen vollständigen Sieg errungen, ehe die Feindseligkeiten noch eröffnet waren, ja, ehe er die ihm drohende Gefahr vielleicht auch nur ahnte.

Und in der Tat, der Sieger sah unbeschreiblich furchterweckend aus. Schwarze, borstige Haare und ein kurzer, aber bedrohlich gesträubter Bart umrahmten das finstere Gesicht, die starken Lippen waren fest zusammengekniffen, die Nase gleich dem Schnabel eines Raubvogels, die Stirn immer gerunzelt, die buschigen Brauen unheimlich in der Mitte zusammengewachsen, und vor allem die Augen – die dunkeln, tiefliegenden Augen waren unwiderstehlich furchtbar, ihr Blick durchbohrend, vernichtend. Diesem Menschen stand es mit entsetzlicher Deutlichkeit im Gesicht geschrieben, er war ein Wüterich, ein Tyrann, ein Schreckensmann von eherner Unnahbarkeit.

Und nun begann er den Unterricht. Seine Stimme war herb und heiser; jedes Wort, schroff herausgestoßen, klang wie ein Befehl zur Hinrichtung. Alles zitterte und schwieg, bis ins Mark von Ehrfurcht durchschauert; nie hat ein Sterblicher eine so lammfromme Tertia gesehen. So begann die Stunde, und so schloß sie.

Am selben Tag noch erhielt »der Neue« von der ganzen Schule den Beinamen, welchen ein historisch gelehrter Knabe mit glücklichem Griff gefunden hatte: »Iwan der Schreckliche«.

Der Mathematiker, mit seinem bürgerlichen Namen Gotthold Belling geheißen, hielt an diesem Tag noch einen ähnlichen Triumphzug durch die Ober- und Unterquarta und verließ dann ziemlich erschöpft, wie es schien, das Gymnasium.

Der Direktor Wenzlaff, ein kleiner, rundlicher Herr mit leidlich humanem Gesicht, stand neben dem alten Professor Heding am Flurfenster und blickte ihm nach.

»Ein vortrefflicher Pädagoge allem Anschein nach,« sagte er, »dieser junge Kollege; er hält musterhafte Disziplin, musterhaft, sage ich –«

»Woher wissen Sie das denn schon so sicher, Herr Direktor?« fragte der Professor etwas scharf.

Der Direktor, welcher nicht gern sagen mochte, daß er wieder einmal nach seiner löblichen Gewohnheit an der Tür gelauscht und nachher einige Schüler über die Art des Lehrers ausgehorcht hatte, erwiderte:

»Dem Anschein nach, lieber Kollege. Aber Sie wissen, ich täusche mich nicht leicht in meinem physiognomischen Urteil. Und ich behaupte, seinem ganzen Auftreten nach hält dieser Mann eine eiserne Disziplin; und man mag sagen, was man will, Disziplin ist und bleibt das Alpha und Omega aller Pädagogik.«

»Disziplin – o ja!« sagte etwas gedehnt der alte Heding, von dem allgemein bekannt war, daß er seine Schüler nur sehr mangelhaft im Zügel hielt. »Es ist freilich ein großer Unterschied, durch welche Mittel die Zucht gehandhabt wird. Ein Regiment durch eitel Furcht und Schrecken ist am Ende keine Kunst. Und ich gestehe, der junge Herr sieht ein wenig danach aus, als ob er dem Grundsatz huldigte: Oderint, dum metuant.«

»Tut nichts! Die Furcht Gottes ist der Weisheit Anfang. Wir bedürfen einer Stärkung der Zucht an unsrer Anstalt,« sagte der Direktor mit Bedeutung.

»Und die Furcht vor dem Schulrat ist für manchen der Weisheit Vollendung,« sagte der geärgerte Professor mit einer sehr durchsichtigen Anspielung auf eine wohlbekannte Eigentümlichkeit seines Vorgesetzten.

»Zügellosigkeit nach oben,« versetzte dieser, »verbindet sich sehr leicht mit schwächlicher Laxheit nach unten.«

»Vielleicht noch öfter Despotismus nach unten mit Unterwürfigkeit nach oben.«

»Ich habe nichts von der letzteren Eigenschaft bei dem neuen Kollegen bemerkt,« sagte der Direktor mit erzwungener Unbefangenheit.

»Von dem sprach ich auch eigentlich nicht gerade,« versetzte der alte Heding, »indessen glaube ich allerdings ein gewisses scheues Wesen an ihm bemerkt zu haben, eine auffallende Schüchternheit uns Älteren gegenüber –«

»Die mir uns Älteren gegenüber durchaus nur am rechten Platz zu sein scheint.«

»Ganz schön. Aber doch ist mir der Mann nicht sympathisch. Er hat ein Tierbändigergesicht. Ein unheimlicher Mensch! Ein Mensch, dem ich weder Herz noch Phantasie zutrauen könnte, sondern nur Rechnen und herrisches Wollen.«

»Ein Mann, der sich in Respekt zu setzen weiß, ein Pädagoge, dem ich eine Zukunft prophezeie.«

»Er wird Sie doch nicht noch einmal vom Thron stoßen, Herr Direktor?« fragte der Professor höhnisch.

Jener seufzte:

»Jedenfalls würde er es besser verstehen als ich, die unruhigen Elemente und bösen Zungen im Zaum zu halten. Ich wollte, mir wäre etwas mehr von der Natur eines Tierbändigers gegeben.«

Während diese Wechselrede der beiden erfahrenen Pädagogen stattfand, legte der besprochene Doktor Gotthold Belling seinen Weg nach Hause zurück. Da er sich bereits seit vierzehn Tagen im Städtchen aufhielt, so war er selbstverständlich jedermann der Persönlichkeit nach vollkommen bekannt, jedoch immer noch neu genug, um das öffentliche Interesse in starker Spannung zu erhalten. So ward er denn auf seinem Gang von allen Seiten und aus allen Fenstern von neugierigen Blicken wie von einem Fliegenschwarm verfolgt; allein auch die zudringlichste Neugier verwandelte sich bei seinem Näherkommen sogleich in augenniederschlagende Bescheidenheit; hochmütige Vollbürger wichen dem Einwanderer mit unwillkürlicher Höflichkeit aus, und nicht nur der vielgefürchtete Polizeiwachtmeister Biestemann griff mit fast untere würfiger Miene an seine Mütze, sondern selbst der Bürgermeister Bumcke, der erste und gröbste Mann seiner Stadt, zog den Hut so tief wie vor den reichsten Leuten und zeigte ein wahrhaft verbindliches Lächeln. Vielleicht noch merkwürdiger aber war, daß der Bankier Karfunkelstein, der an die Huldigungen der adeligsten Gutsbesitzer der Umgegend gewöhnt war, ihm mit einer geradezu gemäßigten Dreistigkeit ins Gesicht starrte. Zwei junge Backfischchen endlich, die ihn erst aus unmittelbarer Nähe bemerkten, fielen vor Schreck beinahe in eine offen stehende Haustür und blickten dem finster Weiterschreitenden bebend nach.

»Herrgott, sieht der aber böse aus!« flüsterte die eine.

»Das ist der neue Lehrer vom Gymnasium,« hauchte die andre.

»Ach, mein armer Bruder!« seufzte die erste.

So hielt Iwan der Schreckliche seinen Triumphzug durch die Stadt.

Zur nämlichen Stunde waren vier eifrige Frauenhände noch beschäftigt, das Wohnzimmer des Triumphators zu seinem Einzug vorzubereiten. Es war die verwitwete Frau Rechnungsrätin Gehrke, die ihm die zwei möblierten Zimmer vermietet hatte, und ihre zwanzigjährige Tochter Helene.

»Mutter,« sagte diese, den schon für abgestaubt geltenden alten Schreibsekretär noch einmal musternd, »hier in den Fugen sitzt noch eine Menge Staub; ich bitte dich, tu uns nicht die Schande an! Wenn er das gemerkt hätte!«

»Aber, Lenchen, das merkt doch solch Herr nicht! Und dann – das nennst du noch Staub? Das sind ja höchstens drei Fusselchen noch –«

»Daumendick, Mutter!«

»Lächerlich! Wenn wir bei uns so abstauben wollten, kämen wir den ganzen Tag zu keiner andern Arbeit und du zum Lesen erst gar nicht.«

»Ja, bei uns, das ist auch etwas andres. Bei sich selbst kann es jeder halten, wie er will, bei andern aber, wie es sich schickt. Und denke nur, wenn er den Staub doch einmal merkte und dich dafür ansähe, so . . . so . . . na, du weißt schon!«

»Barmherziger Himmel, ja, Lenchen, das ist wahr, der Schreck wäre grausam! Erbarme dich, was kann der Mensch für entsetzliche Augen machen!«

»Aber so sage doch bloß nicht immer ›der Mensch‹, Mutter! Ich kann das nicht hören.«

»Und du sagst immer bloß ›Er‹, liebes Lenchen, das finde ich erst recht unschicklich; ich sage doch meist ›der Herr Doktor‹, außer wenn ich gerade so einen Schauder vor ihm ausdrücken will.«

»Du hast aber gar keinen Schauder vor ihm zu haben, Mutter; ich habe dir zehnmal gesagt, er ist ein ganz guter, stiller, bescheidener und sogar schüchterner Mensch –«

»Aber er sieht doch aus wie ein Menschenfresser! Das kannst du nicht leugnen, Lenchen; denke doch, wenn er seine Augen macht! Auf dem Gewissen muß er jedenfalls etwas haben, dabei bleibe ich.«

»Tu mir den einzigen Gefallen, Mutter, solchen Unsinn nicht zu glauben. Stelle dir nur immer vor, wie höflich er zu dir ist und wie er den Kindern im Keller nebenan immer Bonbons mitbringt und ihnen dann Augen macht, selbst die reinen Bonbons, und wie er freundlich mit seinem Hündchen umgeht –«

»Ja, das weiß Gott, das greuliche Tier verwöhnt er schon mehr, als erlaubt ist. Das mußt du selbst sagen, Lenchen, so darf man eigentlich ein Vieh nicht behandeln, reinweg wie ein Kind! Ich habe sogar gesehen, daß der Köter eine ganze Weile auf des Herrn Doktors Bauch gelegen hat, als beide ihren Mittagsschlaf hielten. Das ist doch nicht recht! Das nenne ich Verhätscheln! So etwas habe ich doch dir nicht einmal gestattet, und du warst immer mein Kind und nicht mein Hund.«

»Das ist nun einmal eine Eigenheit von ihm – Molly! Komm doch mal heraus, Mollychen!« rief Helene.

Doch der sanfte Lockruf verhallte erfolglos.

»Siehst du, Lenchen,« sagte die Rechnungsrätin, das Sofakissen geradestellend, »parieren tut er auch nicht, ganz und gar nicht. Aber auch seinem eignen Herrn pariert er nicht. Und das muß ich sagen, das ist mir wirklich merkwürdig. Denn man sollte meinen, diesem Mann müßte jeder Mensch gleich aufs Wort gehorchen; ja, wahrhaftig, wenn er mir etwas befehlen wollte, ich flöge nur so, solche Furcht hätt' ich vor seinen Augen – und so ein Vieh nimmt sich's heraus und ist obstinat! Siehst du, das begreife ich einfach nicht!«

»Ich begreife das sehr leicht: ich sage dir ja, weil er viel zu gut ist. Ihm braucht niemand zu gehorchen, wer's nicht freiwillig tut, zwingen wird er niemand mit Gewalt. Darum ist ihm der Hund über.«

»Lenchen, Lenchen, du hörst wieder das Gras wachsen und willst klüger sein als deine alte Mutter und die andern Leute, die alle vor dem Herrn Doktor Respekt und die richtigste Angst haben! Ich will dir aber sagen, woran das liegt, das mit dem Hund: weil er Molly heißt! Daran liegt's. So ein scheußliches Vieh Molly zu nennen! Jeder Christenmensch möcht' es lieber Satan nennen oder Nathan oder so was Ekliges, bloß nicht Molly; Molliges ist an dem doch ganz und gar nichts!«

Als ob er gesonnen wäre, dieses herbe Urteil der Frau Rechnungsrätin durch seine Erscheinung entweder zu bestätigen oder zu widerlegen, kam der Hund Molly plötzlich unter dem Sofa hervorgekrochen, reckte kräftig seine vier Beine, gähnte und wandelte dann mit gemütlichem Wedeln auf die alte Dame zu.

Sie wich erschrocken einen Schritt zurück. Und das Tier konnte wirklich trotz seiner Winzigkeit selbst einen beherzten Menschen erschrecken, eine so ungeheure Böswilligkeit stand ihm im Gesicht geschrieben. Der vorstehende Unterkiefer mit den ewig gefletschten Zähnen schien beständig von frischem Blut zu triefen, und die umbuschten Augen funkelten wie von unstillbarer Mordbegier. Diesen unsympathischen Ausdruck behielt das kleine Ungeheuer selbst dann, wenn es sich unter den streichelnden Händen seines Herrn im zärtlichsten Wohlbehagen krümmte.

»Lenchen,« flüsterte die Frau Rechnungsrätin wie immer ängstlich und geheimnisvoll, »Lenchen, Lenchen!«

»Was ist, Mutter, um Gottes willen, was ist dir?«

»Sieh doch bloß das Tier – findest du nicht auch?«

»Was denn, Mutterchen?«

»Ganz wahrhaftig aber! Nein, zu auffallend!«

»Was hast du denn bloß? Man könnte sich ja ordentlich ängstigen, so aufgeregt bist du!«

»Nein, aber auch so was! Wie aus dem Gesicht geschnitten!«

»Wem denn? Wer denn? Der Hund doch nicht?«

»Nu natürlich, der Hund! Und wem denn anders!«

»Ja, aber wem denn?«

»Siehst du, ich habe das so oft im Leben gefunden: Eheleute, die sich gut sind, werden zuletzt untereinander so ähnlich wie Geschwister, und ganz dasselbe findet man oft bei einem Hund und seinem Herrn – ich weiß bloß nicht, wer dabei zuerst ähnlich ist. Sieh ihn dir jetzt bloß wieder an, gerade in diesem Augenblick, nicht wahr? Der Herr Doktor, wie er leibt und lebt, oder doch wie sein Bruder!«

»Aber Mutter!«

Es klang durch diesen Ausruf eine tiefe sittliche Entrüstung.

»Ich werde es dem Herrn Doktor ja auch nicht gerade sagen,« begütigte die Mutter, »aber unter uns, was wahr ist, muß wahr bleiben. Übrigens, sieh doch schnell einmal aus dem Fenster, ob der Herr Doktor auch nicht schon kommt. Wahrhaftig, es ist zwölf Uhr, und dich darf er doch auf keinen Fall hier finden.«

»Warum nicht mich so gut wie dich?« fragte Helene kühl.

»In seinem Zimmer! Lenchen, bedenke doch!«

»Ich?«

»Du bist zwanzig Jahre alt – der Herr Doktor könnte doch denken –«

»Was soll er denken?«

»Du interessierst dich mehr für ihn, als – ich meine ja nur beispielsweise.«

»Mutter,« sagte Helene mit großer Ruhe und Sanftmut, »du weißt, darüber bin ich hinaus. Das kann mir nichts mehr anhaben.«

»Ach, Kind –«

»Es bleibt unwiderruflich. Ich sage mit Thekla:

›Du, Heilige, rufe dein Kind zurück;
Ich habe genossen das irdische Glück,
Ich habe gelebt und geliebet!‹«

»Ach, unglückseliges Kind!« seufzte die Mutter; doch ein Blick auf das lebensfrische und von gleichmütiger Heiterkeit strahlende Gesicht ihrer Tochter beruhigte sie einigermaßen. Und zum Überfluß tröstete diese noch selbst:

»Aber natürlich, Mutterchen, so schlimm wird's nicht! Ein Leid tue ich mir nicht an, dazu habe ich dich viel zu lieb, und dazu gefällt es mir auch viel zu gut in der Welt. Die nächsten sechzig Jahre hindurch denke ich es auf Erden noch auszuhalten. Aber freilich, mit solchen Gedanken, wie du sie immer für mich noch hast, ist es ein für allemal vorüber; tue mir die Schande nicht an, solchen Verrat an dem Heiligsten von mir zu verlangen. Ein Mädchen, das einen Herbert von Bodungen geliebt hat, kann niemals das Weib eines andern werden! Nur einmal blüht die Rose –«

»Ist schon nicht wahr, sie blüht jedes Jahr wieder, und die edeln Sorten sogar zweimal im Jahr.«

»Aber nicht das Herz des echten Weibes. Denke an Friederike Brion, die ihr Leben lang dem einen Goethe die Treue bewahrte, denn

›Ein Strahl der Dichtersonne fiel auf sie . . .‹«

»Sie wird nachher eben keinen andern ordentlichen Menschen mehr gefunden haben. Und von dir möchte ich schon gar nicht, daß die Leute sagten: ›Ein Strahl der Leutnantssonne fiel auf sie!‹ Dazu bist du mir viel zu schade, um so einem aufgeblasenen Prinzen länger als ein paar Wochen nachzuschmachten. Das kann bei einem jungen Ding schon vorkommen und ist sehr verzeihlich; aber an so einer Simpelei jahrelang festzukleben, das geht denn doch über den Spaß.«

»Mutter, du wirst verletzend!« sagte Helene mit Würde.

»Ach, Lenchen, wer hätte das von dir auch gedacht, daß du je in solche Gefühle versinken würdest! Du warst immer ein so gesundes Kind.«

»Ich denke, das bin ich heute noch. Du weißt, wie ich arbeiten kann, und essen kann ich für zwei, wenn's nötig ist, und schlafen auch, und beim Tanzen bin ich schon gar nicht totzukriegen.«

»Das war auch immer meine beste Hoffnung, daß du so gern tanzest und so guten Appetit hast; ich dachte, da kann es mit dem Liebeskummer nicht gar so arg sein.«

»O Mutter, man kann fröhlichen Herzens durchs Leben gehen und doch die heilige Flamme der Treue fest im Busen tragen.«

Die Frau Rechnungsrätin seufzte schwer.

»Übrigens,« fiel sie, sich besinnend, ein, »was nutzt denn das alles? Der Herr Doktor könnte doch von deiner unglücklichen Idee nichts wissen und könnte also immer noch denken –«

»Wie sollte er darauf kommen?« rief Helene heftig; dann warf sie schnell einen musternden Blick in den Spiegel. »Es ist wahr,« seufzte sie, »ich sehe jetzt wieder entsetzlich jung aus.«

Diese Bemerkung enthielt eine Wahrheit, an der kein Skeptiker zu rütteln gewagt hätte.

»Ich glaube aber, das liegt hauptsächlich an der Frisur,« fuhr sie fort, »ich werde künftig wieder den glatten Scheitel tragen wie früher –«

»Ehe Herr von Bodungen die krausen Härchen über den Schläfen so hübsch fand; aber darin hatte er recht, sein Geschmack in solchen Dingen war gut. Ihm verdankst du diese Frisur.«

»Dann bleibt sie geweiht für alle Zeiten,« sagte Helene entschlossen und ließ die Hand wieder sinken, die bereits einige übermütige Löckchen an der Stirn glattzudrücken versucht hatte.

»Ich werde dem Herrn Doktor selbst meine Lebenstragödie mitteilen,« erklärte sie feierlich, »um jede Gefahr zwischen uns zu beseitigen. Er wird mich verstehen, er liest ja immer Jean Paul. Ich werde mich ihm ganz vertrauen, und dann kann vielleicht eine ungetrübte, unentweihte Freundschaft zwischen uns erblühen.«

Sie schwang über die lange Reihe der Werke Jean Pauls auf dem Bücherregal mit besonderer Sorgfalt den Staubwedel. Plötzlich aber nach einem zufälligen Blick aus dem Fenster rief sie laut: »Mutter, er kommt!« und entfloh, wie von einem Wirbelwind entrafft; die Frau Rechnungsrätin folgte ihr langsam, nachdem sie noch einen befriedigenden Blick auf die Früchte ihrer Tätigkeit zurückgeworfen hatte.

Wenige Minuten nach ihrem Abgang betrat Iwan der Schreckliche sein Gebiet. Sein Tun hatte jedoch gar nichts Schreckenerregendes oder Menschenfeindliches an sich. Zunächst begrüßte er den an ihm emporjubelnden Hund mit außergewöhnlicher Zärtlichkeit, dann nahm er ein Buch aus dem Regal – es war diesmal der »Don Quichotte« – und streckte sich der Länge nach auf das Sofa. Da dieses jedoch wie alle Mietsofas anscheinend für ein vorweltliches Pygmäengeschlecht hergestellt war, so reichten seine Beine über die Seitenlehne hinaus bis auf den Fußboden, woselbst sie ein leises Trommeln vollführten, das Molly für einen kriegerischen Marsch halten mochte, denn er fuhr alsbald wie wahnsinnig im Zimmer umher und hatte binnen wenigen Minuten die letzten Spuren von Frau und Fräulein Gehrkes Morgenarbeit vernichtet.

Da sein Herr ihn jedoch durch kein einziges Wort des Tadels ermunterte, so ward ihm diese Arbeit bald langweilig; er sprang ohne Anfrage auf das Sofa und legte sich gerade auf den Bauch Iwan des Schrecklichen, behaglich schnurrend wie ein Kater, ohne daß sich der blutdürstige Ausdruck seines Gesichts irgendwie veränderte. Sein Herr aber lag und las und lachte von Zeit zu Zeit so kräftig auf, daß Molly heftig auf und nieder geschleudert wurde, als ob er den Sancho Pansa auf dem Prelltuch darzustellen berufen wäre.

*

Nach dem Mittagessen begaben sich die beiden Damen – zum erstenmal in diesem Frühling – in die Laube hinter dem Hause, woselbst sie während der guten Jahreszeit ihren Kaffee zu nehmen pflegten. Beide saßen schweigend und stickten; auf dem Holztischchen standen drei goldgeränderte Tassen, die sich in ihrer steifen Würde vollkommen dessen bewußt zu sein schienen, daß ihr Erscheinen im Sonnenlicht etwas Besonderes bedeutete; darunter spreizte sich ein Linnen von einer fast unbegreiflichen Sauberkeit.

Fräulein Helene förderte ihre Arbeit allerdings bedenklich wenig, denn sie war vollauf in Anspruch genommen durch einen leidenschaftlichen Kampf gegen die Fliegen, die den Zucker umschwirrten und im Taumel des ersten Frühlingsrausches dessen unbeflecktes Weiß in unehrerbietiger Weise zu schädigen drohten. Außerdem aber trippelten ihre Füße sehr unruhig hin und her, als ob sie entweder einen ähnlichen Kampf gegen etwelches kriechende Geschmeiß ausföchten, um den Glanz ihrer feinen Sonntagsschuhe gegen dessen Wut zu verteidigen, oder aber irgend jemand mit aufgeregten Gedanken erwartete. Ihre Wangen zeigten ein kräftigeres Rot, als es die angenehme Wärme des Tages erzeugen konnte, und in ihren grauen, großen Augen schimmerte eine festliche Unruhe.

»Jetzt könnte er eigentlich kommen,« sagte sie, nach der Uhr sehend.

»Ja,« sagte die Frau Rechnungsrätin, »meinetwegen kann der Herr Doktor jetzt kommen.«

Und als wenn er hinter der Tür auf diese Zitation gelauert hätte, trat der Herr Doktor Gotthold Belling im selben Augenblick aus dem Hause und bewegte sich in ganzer Feierlichkeit auf die Damen zu. Helene begrüßte ihn zurückhaltend, die Mutter sehr wohlwollend.

»Setzen Sie sich, lieber Herr Doktor,« sagte die letztere, »und erzählen Sie uns, wie es Ihnen heute morgen ergangen ist. Helene, den Kaffee!«

Beide gehorchten, der Doktor mit gemessener Ruhe, während das junge Mädchen verschwunden und wiedergekehrt war mit einer Hast, als ob sie fürchtete, die Fliegen könnten in ihrer Abwesenheit doch die so lange verhinderte Ungebühr vollenden. Sie goß ein und kredenzte den Kaffee, der von so unerhörter Schwärze war, daß man kaum noch den Boden der Tasse durchschimmern sah.

Jetzt endlich fand der Doktor seine Antwort.

»Gut,« sagte er, »über Erwarten gut. Alle Klassen waren musterhaft.«

Er machte zu diesen frohen Worten ein Gesicht, als ob er von einem Mordversuch auf seine Person berichtet hätte.

»Das freut mich,« sagte die Frau Rechnungsrätin, »freut mich wirklich recht sehr. Das wird eine gute Empfehlung für unsre Stadt bei Ihnen sein. Ich hätte es zwar kaum anders erwartet –«

»Warum nicht?« fragte er. »Sind die Knaben hier so besonders wohlerzogen?«

»I, wo denken Sie hin! Ganz abscheuliche Rangen sind es natürlich! Und sind es immer gewesen! Was mein Lenchen von den bösen Jungen hat ausstehen müssen! Erst, wie sie klein war, geneckt und an den Zöpfen gezupft und geschneeballt und selbst geschlagen, und nachher umgekehrt, wie sie größer wurde und . . .«

»Mutter!« warnte Helene.

»Nun ja, nun ja, da hat sie eben andre Anfechtungen gehabt – doch lassen wir das; kurzum, von Wohlerzogenheit hat man nie viel spüren können. Ich meinte vielmehr – und so ist's ja nun auch gewesen – vor Ihnen, Herr Doktor, mußten sie doch Respekt haben.«

Doktor Belling lächelte düster.

»Sie meinen wegen meines Gesichts?« fragte er.

Die Frau Rechnungsrätin räusperte sich verlegen.

»Hm, hm – nun ja, nun ja – das heißt, ich meinte – ich glaube, Sie können ein sehr strenges Gesicht machen, wenn Sie wollen.«

Sie warf einen halb scheuen Seitenblick auf den Gast und bemerkte mit Erstaunen, daß in dessen Zügen eine bedeutsame Wandlung vor sich gegangen war; dieselben zeigten einen gelösten, gutmütigen, fast weichen Ausdruck, besonders hatten die Augen völlig das Starre und Stechende verloren und blickten eher wehmütig träumerisch; nur die sich sträubenden Haare und der Despotenbart hielten ihren Charakter fest.

»Sie drücken sich sehr schonend aus, Frau Rechnungsrätin,« sagte er, »ich verstehe ungefähr, was Sie sagen wollen – und was die Meinung aller ist – und mit Recht – das heißt –«

Er wollte noch mehr sagen, biß sich aber plötzlich auf die Lippen und schwieg. Die gute Frau war ganz rot geworden, als sie ihre Gedanken durchschaut sah, und ward durch sein Schweigen sehr beängstigt, so daß sie ihre ganze Tasse Kaffee, heiß, wie sie war, in unzähligen kleinen Schlucken hinuntergoß und dabei sogar vergaß, den kleinen Finger edler Sitte gemäß zierlich von dem Henkel abzuspreizen.

Dagegen sah der Doktor, daß Helenens Augen jetzt hell und heiter auf ihm ruhten, mit einem Ausdruck frohen Verständnisses, der deutlich genug sagte: ›Ich weiß schon, Sie sind nicht so schlimm, wie Sie aussehen!‹

Das schien ihn überaus wohltuend zu berühren, seine Mienen klärten sich noch ein wenig mehr auf, und er vermochte sein Schweigen nicht zu bewahren.

»Das heißt,« sagte er, nun ganz zu Helenen gewendet, »gewissermaßen doch nicht mit Recht – Sie müssen nämlich wissen – es ist mir bewußt, daß ich ein sehr böses Gesicht habe –«

»Oh, bitte, bitte!« stotterte die Frau Rechnungsrätin. Helene aber nickte unbefangen bestätigend.

»Es ist aber nicht so arg gemeint,« fuhr er fort.

»Das wissen wir, lieber Herr Doktor, oh, das wissen wir!« rief die alte Dame gerührt.

»Vielmehr, wenn die Leute immer geneigt sind, aus meiner Physiognomie auf einen sehr starken Charakter zu schließen und mir ohne Schwanken eine trotzige Willenskraft, eine furchtlose Energie oder gar eine ungezähmte Leidenschaftlichkeit zuzuschreiben, so irren sie leider ganz und gar. Es ist alles nur ein zufälliges Spiel der Muskeln, ohne innere Bedeutung. Was haben auch dicke Haare und ein starker Bart mit dem Charakter und der unsterblichen Seele zu tun? Und das andre – ich habe einen Mann gekannt, der sich viel Haß und Feindschaft zuzog dadurch, daß sein Gesicht immerfort einen lachenden Ausdruck zeigte, mochte es ihm noch so bitter ernst zumute sein; es war nichts als eine abnorme Stellung der Wangenmuskeln, und doch meinte jeder, er werde von ihm verspottet, und der arme Mensch hatte viel darunter zu leiden. Sehen Sie, und so ähnlich ergeht es mir auch. Ich hatte schon als Kind die Eigentümlichkeit, daß ich immer böser und schrecklicher aussah, je mehr ich mich innerlich ängstigte; man sah natürlich Trotz und Tücke darin, und es ist leicht zu denken, wieviel Schläge mir das eintrug. Bei meinen Mitschülern und Spielkameraden freilich setzte es mich auch wieder in Respekt; gerade wenn ich selbst mich recht kläglich vor einem Angriff derselben fürchtete, wichen sie unvermutet, erschrocken zurück und machten sich sachte aus dem Staub, so greulich sah ich dann aus. Das merkte ich denn mit der Zeit und lernte meine eigne Furchtsamkeit als Verteidigungswaffe gebrauchen. Ich machte es wie der Igel, der in jeder Angst sich alsbald mit grimmigen Stacheln umgibt und seine Feinde schreckt. Und so mache ich es im Grunde noch heute, wenn auch unwillkürlich, so doch mit Bewußtsein: meine finstere Maske schreckt die Leute am meisten, vor denen ich mich selbst am meisten fürchte.«

»Ei, da müssen Sie sich aber vorhin vor uns ganz entsetzlich gefürchtet haben,« sagte Helene lächelnd.

Er errötete und sah plötzlich wieder ganz böse aus.

»Verzeihen Sie,« stotterte er, »gewissermaßen – tat ich das auch – das heißt – ich bin schüchtern und ungelenk – und vor Damen besonders –«

»Fürchten Sie sich? Oh, das ist aber prächtig! Da brauchen wir uns ja gar nicht mehr vor Ihnen zu fürchten!«

»Nein, liebes Fräulein, das sollen Sie nicht,« rief er mit weicher Stimme, »nein, nein, Sie nicht, Sie am wenigsten!«

Helene schlug ein wenig die Augen nieder.

»Wie merkwürdig!« sagte die Mutter.

»Ja, merkwürdig ist es,« entgegnete er, »daß ich sogar die besten Physiognomiker der Welt damit täuschen konnte – ich meine die Kinder, die Schüler, die sonst die Eigenart ihrer Lehrer mit erstaunlich sicherem Instinkt herauszuwittern vermögen. Allein auch sie habe ich heute überlistet. Wenn sie geahnt hätten, wie ich mich vor ihnen fürchtete!«

»Sie – vor den dummen Jungen?« fragte die Rechnungsrätin verwundert.

»In der Tat! Leider! Ich habe schon schlimme Erfahrungen gemacht.«

»Sie haben schon früher unterrichtet?« fragte Helene.

»Ja, vor Jahren schon, als ganz junger Mensch, ehe ich noch meinen großen Bart hatte. Aber es war kein erfolgreicher Anfang. Ein tüchtiger Pädagoge muß etwas vom Despoten in sich tragen, er muß vor allem ein überzeugtes Selbstbewußtsein besitzen, ja, er muß ein Stück Zelot sein, den es gewaltsam drängt, sein eignes Wollen und Wissen auf die Welt um ihn her überzupflanzen, es ihr auch wider ihren Willen aufzuzwingen. Eroberer, Bekehrer und Erzieher werden im Grund aus demselben Holz geschnitzt: in ihnen allen herrscht der treibende Wille, die Außenwelt nach sich selbst zu gestalten und damit sich unterzuordnen. ›Seid wie ich!‹ rufen sie den Menschen zu, ›denn ich bin stärker und klüger als ihr!‹ Und wenn die Menschen und Schüler sich sträuben, so beweisen sie es ihnen mit dem Schwert, dem Scheiterhaufen und dem Rohrstock. Solche Naturen stehen aber im geradesten Gegensatz zum Gelehrten, und auch, wenn Sie wollen, zum Künstler. Diese sagen zu den Erscheinungen der Welt: ›Ich will mich euch hingeben, ihr sollt auf mich wirken und mich leise umgestalten, ich will mich in euch verwandeln und mein bescheidenes Selbst zu euerm Selbst erweitern; ich bin nichts durch mich, sondern alles durch euch, durch die Bereicherung, die ihr mir gebt, indem ich euch mit großen Augen ansehe, euch verstehe, mich an euch entzücke, eins werde mit euch, und zu allerletzt das unendliche Empfangene in stillem Bilden zu einem geringen Teil ruhig wieder von mir ausstrahle. Ich liebe euch, wie ihr seid und weil ihr seid, nicht weil ihr so oder so seid und ich euch vielleicht noch besser machen kann; ich kenne nichts Gutes und nichts Böses, sondern ich sehe die fertige Welt mit Freuden und sage in meinem Herzen: ›Siehe, es ist alles sehr gut.‹

»So stellt sich der Gelehrte und der Künstler vor die Dinge. Beide mögen gute Lehrer sein, aber nicht gute Erzieher. So war meine Natur, und so war ich ein schlechter Pädagoge. Es lag nicht in mir, auf Welt und Menschen eingreifend, umgestaltend, beherrschend zu wirken, auch nicht auf die kleine Welt der Schüler. Als ich das erstemal vor meiner Klasse stand, hatte ich meine Herzensfreude an den prächtigen Kerlchen. Nichts Holderes, Frischeres, Vollkommeneres als so ein wilder Junge mit seiner täppischen Kraft, seiner trotzigen Eigenart, seiner sprudelnden Unart. Und so ein wackeres Gebilde soll man ändern, in seinem heiligen Wachstum verbiegen und beschneiden wollen, statt die freudig wuchernde Natur in ihm staunend zu verehren? Ich ließ die schöne Natur freudig wuchern, bis sie mir gründlich über den Kopf gewachsen war. Ich verlor den Zügel aus den Händen, da ich ihn von vornherein nicht fest ergriffen hatte. Es war unmöglich, die verlorene Herrschaft wiederzugewinnen. Eine entfesselte Schülerschar ist wie ein durchgehendes Pferd, wenn es das Gebiß einmal zwischen die Zähne bekommen hat – an ein Halten ist nicht mehr zu denken. Ich merkte, daß dieses Roß für mich ein für allemal verdorben war; ich mußte mir ein andres zuzureiten suchen.

»Ich verließ mein erstes unglückliches Versuchsfeld und ging in eine andre Stadt, an ein andres Gymnasium. Meinen Fehler hatte ich klar erkannt, ich hoffte ihn künftig vermeiden zu können. Allein es ist nicht wahr, daß die Erkenntnis eines Fehlers der erste Schritt zur Besserung ist, oder: der erste mag es sein, aber es bleibt gewöhnlich auch der letzte. Denn unsre wahren Fehler, die nicht bloß äußere Angewohnheiten sind, wurzeln in uns unausrottbar, und wenn wir sie ablegen wollten, müßten wir uns selbst vernichten und mit dem Unkraut zugleich unsre besten Fruchtähren ausreißen. Nehmt einem Menschen seine Fehler, und ihr nehmt ihm seine Tugenden, deren andre nur beschattete Seite sie sind, und es bleibt nichts übrig als ein stygischer Schatten ohne Mark, ohne Blut, ohne Farbe.

»Ich verlor zum zweitenmal die Herrschaft über meine Klasse, weil sie mich nicht fürchtete, weil die klugen Schlingel meine Gleichgültigkeit gegen ihre Sünden fühlten. Ueber meine Strafen lachten sie, denn sie witterten es, daß sie eine Heuchelei waren, daß ich im Herzen mit ihnen fühlte und heimlich mit ihnen lachte. Ich gewann nicht den Gehorsam, aber auch nicht einmal die rechte Liebe meiner Schüler. Denn Kinder sind wie Hunde und Menschen: sie müssen geprügelt werden, um recht mit Begeisterung zu lieben. Kein Sterblicher hat je so glühend hingegebene Anhänger gefunden als der große Massenmörder Napoleon. Von den Hunderttausenden, die sich für ihn schlachten ließen, starben viele Tausende freiwillig und freudig. Jesus von Nazareth fand statt der Tausende zwölf Jünger, und von den zwölfen verriet ihn der eine und der beste verleugnete ihn; von der Masse aber ward er gekreuzigt. Hätte sie Furcht vor ihm gehabt, sie würde begeistert für ihn in den Tod gegangen sein. Die Menschen können nicht lieben, ohne zu fürchten.

»Diese Erkenntnis war die Frucht meines zweimaligen Mißlingens – leider eine unfruchtbare Frucht. Ich verzichtete auf die Lehrtätigkeit, denn ein Beharren in derselben glich einer Verurteilung zu lebenslänglichem Martyrium; es gibt in der Welt für einen Mann keine so entblätternde, so entsittlichende Not als das Bewußtsein, seinem Berufe nicht zu genügen. Ich wandte mich ganz der Gelehrtenlaufbahn zu. Ein paar tausend Mark, die meine Eltern mir hinterlassen, ermöglichten es mir, meine Studien zu vertiefen und zu vollenden. Doch als ich mich allenfalls reif fühlte, eine Dozentenstelle an einer Hochschule zu bekleiden, war ich mit der Hauptsache zu Ende – mit dem Gelde. Es ist ja in Deutschland nicht möglich, diese edelste Laufbahn zu beginnen, ohne daß man sich einige Jahre lang selbst zu ernähren vermag. Auch zum Tempel der Wissenschaft ist der unentbehrlichste Schlüssel das Geld. Ich aber stand dem Nichts gegenüber.

»So blieb mir nichts übrig, als mich nach Jahren zum drittenmal in das verhaßte und gefürchtete Lehramt zu retten. So bin ich hierher gekommen und stand heute vor einer Entscheidung über Sein und Nichtsein. Aber zum Glück, ich hatte sie fürchten gelernt, die zarten Knaben; ich sah in ihnen die überlegenen Feinde, denen es bestimmt sein sollte, nach grausamem Kampf mein Leben völlig zu vernichten. Darum zitterte und bebte ich, als ich vor sie trat – und diese meine Angst war es, die mich heute zum Sieger gemacht hat. Sie hat meine Züge schrecklich gemacht, ich sah es in allen Mienen, wie sie erschraken über mein grimmiges Gesicht und wie sie sich beugten und duckten in zitternder Demut. Ich konnte unangefochten über sie herrschen in gelassener Milde; ich bedurfte keiner Strafe, um mir Gehorsam zu erzwingen. Mit meinem Igelpanzer gerüstet, hoffe ich mich nun so lange gegen ihre Pfeile halten zu können, bis die Gewohnheit mir ein festerer Schild geworden ist. Es ist also möglich, daß ich doch noch einmal Wurzel schlage im Leben. Das ist die Geschichte meines bösen Gesichtes, meine Damen, urteilen sie selbst, welch hohen Wert dasselbe für mich haben muß.«

»Oh, wie merkwürdig!« sagte die Frau Rechnungsrätin.

Helene sah ein Weilchen nachdenklich vor sich nieder. Dann sagte sie, mit verdeckter Schalkheit aufblickend:

»Ist es aber nicht ein bißchen unvorsichtig, Herr Doktor, daß sie uns ein so gefährliches Geheimnis in die Hände legen? Denken sie doch, wenn Ihre Schüler auch nur eine Ahnung bekämen von der inneren Ursache Ihrer Furchtbarkeit! Da würde es mit Ihrer Herrschaft ein schnelles Ende haben! Sie müssen nämlich wissen, wir haben morgen einen Damenkaffee.«

Doktor Belling erschrak wirklich, vielleicht nicht minder über das Wort Damenkaffee überhaupt, als über seine Unvorsichtigkeit. Gleich darauf aber hafteten seine Blicke mit einem innigen Ausdruck an Helenens lachenden Augen, und er sagte, ihrer Mutter die Hand reichend:

»Ich muß es wohl getan haben, weil ich Vertrauen zu Ihnen hatte.«

Die Frau Rechnungsrätin zerdrückte eine Träne in ihrem Auge und machte ein Gesicht, als ob sie in ihrem Herzen ein ungeheures Gelübde täte. Ihre Tochter aber war merklich rot geworden und goß dem Gast eilig neuen Kaffee ein, obgleich seine Tasse noch halb voll war. Auch sie mußte einen Schreck bekommen haben, denn ihre Augen suchten ängstlich auffordernd den Blick ihrer Mutter; doch die winkte ärgerlich den Kopf schüttelnd und blinzelnd ab.

Plötzlich richtete Helene sich trotzig empor und sagte mit bewundernswerter Feierlichkeit:

»Herr Doktor, wir werden Ihr Vertrauen nicht mißbrauchen. Zum Zeichen dessen will ich es sogleich mit einem Vertrauen erwidern. Sie sind ein erfahrener Mann; bitte, sagen Sie mir, was würden Sie von einem Mädchen halten, das in ihrer Jugend eine hohe, ideale Liebe gehabt hat und später in vorgerückten Jahren einen andern Mann heiratet?«

Die Frau Rechnungsrätin machte verzweifelte Anstrengungen, dem Doktor einen abratenden Blick zu geben; er sah nichts, sondern hielt den Blick verlegen in die Kaffeetasse gesenkt.

»Würden Sie ein solches Mädchen nicht für wankelmütig, oberflächlich, niedrig erklären müssen?« drängte Helene.

»O ja,« brachte er endlich hervor, rot und ängstlich, »gewissermaßen – das heißt – vorausgesetzt, daß der erste Geliebte jenes Mädchens würdig war, und –«

»Zweifeln Sie daran?« fuhr sie heftig auf.

Er sah sie erschrocken und fast traurig an und fuhr unsicher fort:

»Gewiß, wenigstens ist es erhaben und edel, einer einzigen Liebe sein Leben lang treu zu bleiben –«

»Nicht wahr, auch wenn sie unglücklich war?« rief Helene begeistert.

»Dann ist es sicher am erhabensten.«

Sie machte ein ganz entzücktes und triumphierendes Gesicht. Die Mutter rang still die Hände.

»Ich selbst entbehre zwar der Erfahrung in solchen Dingen,« setzte der Doktor hinzu, »auch ist es nicht mein eigentliches Fachstudium; mit mathematischer Strenge zu beweisen dürfte es ohnehin nicht sein; jedoch scheint nach den Lehren der Dichter, die hierin offenbar die kompetenten Richter sind, genugsam festzustehen, daß ein festes und tiefes Gemüt nur einmal im Leben wahrhaft zu lieben vermag. Freilich wird man so hochgestimmte Seelen nur selten finden –«

Er blickte mit dem Ausdruck innerer Verehrung und tiefen Verständnisses auf das junge Mädchen, das mit dem Anstand einer gottentzückten Märtyrerin dasaß.

»Um des Himmels willen, Helene,« rief die Rechnungsrätin in ausbrechender Verzweiflung, »das ist ja entsetzlich – der Kaffee ist ja ganz kalt geworden, sofort holst du eine neue Kanne; der Herr Doktor –«

»Danke verbindlichst, Frau Rechnungsrätin, danke tausendmal, es wäre mir wirklich nicht mehr möglich, beim besten Willen – Ihr Kaffee ist so kräftig –«

»Oh, bitte, bitte –«

»Ich bin nicht daran gewöhnt und habe schon drei Tassen –«

»Behüte, Herr Doktor, erst dritthalb!«

»Aber sehr voll gerechnet – es ist wahrhaftig keine Möglichkeit –«

Endlich überzeugte sich die gute Dame, daß der Starrsinn ihres Gastes unbeugsam sei, und ergab sich in ihr Schicksal, den Rest des Getränkes für morgen und übermorgen beiseitesetzen zu müssen. Um einen Abschluß des Gelages zu gewinnen, schlug sie einen gemeinsamen Spaziergang vor.

»Aber dann kommt auch Molly mit,« sagte Helene. Belling warf ihr einen dankbaren Blick zu und eilte ins Haus, seinen Hund zu befreien.

»Ein so lieber Herr!« sprach die Frau Rechnungsrätin gerührt hinter ihm her.

»Das ist er,« bestätigte Helene feierlich. »Ja, wäre nicht ein Herbert von Bodungen ihm zuvorgekommen –« Sie warf einen Dulderblick zum Himmel.

»Ich glaube, er hält ziemlich viel von dir,« sagte die Mutter mit Versucherstimme.

»Mutter,« rief Helene mit einem strafenden Blick. »Übrigens – ich habe meine Pflicht getan, und ich weiß, dieser Mann wird meine Gefühle zu ehren verstehen.«

Jetzt kam der Doktor zurück mit seinem abscheulichen Hündchen, das sich sofort mit unbezähmbarer Wut auf die am Boden harmlos hüpfenden Sperlinge stürzte und sie schwirrend aufjagte.

»Er macht die Vögel darauf aufmerksam, daß ihr Reich die Luft ist und nicht die Erde,« sagte Belling scherzend.

»Wie das Reich unglücklich Liebender,« sagte Helene leise.

Der Doktor machte ein etwas betroffenes und fast betrübtes Gesicht und redete während des Spazierganges sehr wenig. Am Abend dieses Tages las er »Werthers Leiden«, Helene Lenaus Gedichte und die Frau Rechnungsrätin eine Abhandlung über rationelle Hundeerziehung, die sie gerade in der Hausfrauenzeitung fand.

2

Der Damenkaffee des folgenden Tages war in voller Fahrt.

»Sie meinen also wirklich?« fragte die Wirtin, Frau Amtsgerichtsrätin Wippermann.

»Positiv,« bestätigte die Gymnasialdirektorin, »mein Mann sagt's.«

»Was will er werden?« fragte die harthörige Frau Mühlenbesitzer Ingenohl, das spitze Gesicht weit vorstreckend.

»Nichts will er – er wird Schulrat werden, der Herr Direktor sagt's,« schrie ihr Frau Oberlehrer Knorz heftig ins Ohr.

»Ah, wird er?« fragte jene, entzückt darüber, daß sie etwas ganz verstanden hatte.

»Ja, er ist in der Tat ein außerordentlicher Pädagoge!« sagte Frau Knorz mit tiefer Bewunderung.

»Jedenfalls verdiente er wohl, dereinst Schulrat zu werden,« bestätigte die Wirtin.

»Etwas Unheimliches hat der Mann dabei doch,« meinte Frau Polizeileutnant Sommerlatte.

»Das haben alle Schulräte,« belehrte die Direktorin.

»Ja, er hat etwas Unheimliches, etwas ganz Unheimliches!« klang es von verschiedenen Seiten.

»Man sagt, er habe nie gelacht,« sagte dumpf die Gattin des Historikers Quade – eine Behauptung, die ihr Mann von Tilly, Alba, Torquemada, Moltke und vielen andern historischen Größen aufzustellen pflegte.

»Schrecklich!« seufzte Frau Nachbar Jansen; ihr Mann wurde in Ermanglung eines andern Titels von aller Welt Nachbar genannt.

»Es ist ordentlich, als wenn er etwas auf dem Gewissen hätte,« flüsterte die Frau Polizeileutnant mit einem Schauder.

»Was hat er?« fragte Frau Ingenohl.

»Etwas auf dem Gewissen!« hauchte Frau Knorz.

»Schrecklich!« seufzte Frau Nachbar Jansen.

»O – ja,« sagte breitgezogen Frau Professor Heding, »ich könnte mir schon vorstellen, daß dieser Herr ein Menschenleben –«

»Bitte, reden Sie auf meinem Kaffee nicht von Menschenleben, liebe Frau Professor, bitte, bitte, es ist so schrecklich,« hauchte die Wirtin ängstlich.

»Schrecklich!« rief Frau Nachbar Jansen.

»Oh, das ist nicht schlimm!« sagte die Frau Polizeileutnant.

»Das sagen Sie so, Frau Sommerlatte, Sie gehören zur Polizei, aber wir –«

»Vorstellen kann man sich's,« bestätigte die Historikerin.

»Menschenleben! Menschenleben! Menschenleben!« klagte Frau Wippermann.

»Das heißt im Duell, ja, das wäre möglich!« sagte Frau Rittmeister von Funk.

»Nun, natürlich,« rief die Professorin sehr laut, »ich spreche doch nicht von Raubmord.«

»Raubmord!« schrie die Harthörige fürchterlich auf.

»Versteht sich, daß es ein Duell gewesen ist!« sagte die Historikerin mit Überzeugung.

Der Aufschrei der Frau Ingenohl lockte noch einige Damen aus dem Nebenzimmer herbei. »Was ist geschehen?« fragten sie.

»Unser neuer Mathematiker Belling soll ein Duell gehabt haben.«

»Der neue Mathematiker hat ein Duell gehabt,« gab man im Nebenzimmer weiter.

»Also darum nennen sie ihn Iwan den Schrecklichen!« rief ein junges Fräulein, dessen Bruder der Untertertia angehörte.

»Was heißt das: Iwan der Schreckliche? Wer war Iwan der Schreckliche?«

Aller Augen wandten sich hilfesuchend an die Historikerin. Diese wurde sehr rot, räusperte sich, rührte mit einem Stück Kuchen in ihrem Kaffee und sagte endlich überlegen lächelnd:

»Bekanntlich ein grausamer Herrscher in Hochasien.«

»Hat der so viele Duelle gehabt?« fragte Frau Knorz.

»Wie viele, das kann man nicht wissen,« entschied die Historikerin, »aber eins gewiß, und mehr sind von Herrn Belling doch auch noch nicht konstatiert.«

»Aber doch sehr wahrscheinlich, wenn es wirklich wahr ist, daß man ihn Iwan den Schrecklichen nennt.«

»Das ist unzweifelhaft.«

»Nun also!« rief Frau Professor Heding und blickte triumphierend im Kreise umher.

»Überhaupt werden diese schrecklichen Duelle doch oft so leichtsinnig unternommen,« sagte Frau Quade.

»Noch immer!« bemerkte Frau von Funk.

»Aber doch meistens so um ein reines Nichts, um eine bloße Redensart, wie wir sie uns alle Tage ins Gesicht sagen.«

»Aber, ich bitte doch, Frau Oberlehrer,« fiel die Amtsgerichtsrätin ein, »in meinem Salon wohl gewiß nicht.«

»Das sage ich ja eben, Liebe, in unsern Salons wird daraus nicht gleich eine Duellgeschichte.«

»Ja, ja, die Duelle! O die Duelle!« rief Frau Stabsarzt Wadepfuhl, die eben erst in den Kreis gerückt war, »sehen Sie, meine Damen, so geht das mit den Duellen bei diesen Leuten: erst bloß so ein bißchen gezankt und dann gleich geschossen, und dann – nun, ich sage ja gar nicht, daß einer mit voller Absicht gleich seinen Gegner totschießt, i bewahre, er zielt nur so aufs Geratewohl, aber das Unglück will es, er drückt los, und die Kugel trifft den andern mitten ins Herz.«

»Mitten ins Herz! Das ist ja aber schrecklich!« stöhnte Frau Nachbar Jansen.

»Mitten ins Herz?« fragte Frau Knorz entsetzt.

»Nun, wohin denn sonst, meine Liebe? Wissen Sie es vielleicht besser?« erwiderte Frau Wadepfuhl.

»Nein, o nein, gewiß nicht!« sagte Frau Knorz errötend.

»O Gott, da kann ich mir aber vorstellen, wie das den armen Doktor Belling mitgenommen haben muß, wenn er überhaupt ein Gewissen hat –«

»Das hat er! Das hat er! Jeder Mensch hat ein Gewissen.«

»Da ist es freilich kein Wunder, daß er immer ein so fürchterliches Gesicht macht!«

»Namentlich, wenn ihm das so oft passiert!«

»Das ist eben das Schreckliche!«

»Oh, wie muß dem zumute sein, dem bei Tag und bei Nacht die blutigen Leichname seiner Ermordeten vor Augen tanzen! Was mag solch ein Mensch für Träume haben!«

»Darüber könnte uns gewiß Frau Rechnungsrätin Gehrke die beste Auskunft geben!« rief plötzlich Frau Sommerlatte. »Ja, ja, die muß uns alles erklären und bestätigen können.«

Eine allgemeine Bewegung entstand, und Frau Gehrke ward samt ihrer Tochter nicht ohne Gewaltsamkeit in den Vordergrund gezogen. Die alte Dame war ganz blaß vor Ärger und Aufregung.

»Mutter,« flüsterte Helene ihr zu, »ich bitte dich, sage zu allem ja und laß sie bei dem Glauben.«

»Gestehen Sie uns, liebe Frau Rechnungsrätin,« begann Frau Sommerlatte zu inquirieren, »haben Sie bei Ihrem Mieter nicht eine nächtliche Unruhe bemerkt? Steht er nicht häufig aus dem Bett auf, wandert rastlos durch die Stube und stöhnt dabei? Redet er nicht laut mit sich selber? Bricht er nicht manchmal mitten in einer Unterhaltung ab, wird bleich und geht hinaus?«

»Schrecklich!« sagte Frau Nachbar Jansen.

Die Frau Rechnungsrätin stand wie eine arme Sünderin vor dem hohen Gerichtshof, nickte krampfhaft mit dem Kopf und stöhnte

»Ja! Ja!«

»Wenigstens spricht er nicht selten laut mit seinem Hunde,« bemerkte Helene mit einem unterdrückten Lächeln.

»Das ist dasselbe,« erklärte Frau Sommerlatte, »als wenn er mit sich selber spräche. Übrigens so ein furchtbar häßlicher Hund! Das ist doch auch verdächtig. Es ist erwiesen, daß Leute, die sich solche sonderbare Tiere halten, die jedem andern greulich sind – ich will mal sagen weiße Mäuse oder Ziegenböcke oder Affenpinscher –, dies nicht selten aus unglücklicher Liebe tun – und wenn man nun weiß, welch eine allgewaltige Leidenschaft die Liebe ist und wie leicht aus Leidenschaft und Eifersucht Duelle entstehen – sagen Sie noch eins, liebe Frau Rechnungsrätin, hält sich der Mann nicht Schießwaffen im Hause? Seien sie ganz unbesorgt, es bleibt alles unter uns, die Polizei erfährt amtlich kein Wort davon.«

»Ja, freilich,« rief Helene schnell, »sechs Paar Pistolen und eine ganze Kiste voll Patronen!«

Ein allgemeiner Aufschrei des Entsetzens folgte; die Frau Rechnungsrätin sah ihrer Tochter mit schweigendem Vorwurf ins Gesicht und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Was brauchen wir weiter Zeugnis?« sagte die Frau Polizeileutnant. »Die Kette meiner Beweise schließt sich damit zu einem ehernen Ring zusammen.«

»Ja, ja, wenn man nur von dieser Liebesgeschichte etwas Näheres wüßte!« bemerkte Frau Quade nach einer Pause.

»Aber, ich bitte Sie,« rief Frau Sommerlatte eifrig, »wie leicht kann man sich das alles ausmalen! Wenn die Polizei nur immer so sichere Beweise den Verbrechern gegenüber hätte! Übrigens ist es besser, wir schweigen darüber, denn ich sehe, wir haben junge Mädchen unter uns –«

»Ach ja,« flehte Frau Wippermann angstvoll, »ich möchte doch sehr bitten, in meinem Salon nicht dergleichen zweifelhafte Dinge –«

»Behüte Gott,« unterbrach sie Frau Professor Heding, »übrigens verstehen wir uns ja auch ohne Worte vollkommen. Meinen Sie nicht zum Beispiel, liebe Frau Direktor –«

Und sie neigte sich zu ihrer Nachbarin und begann ein eifriges Flüstern. Die andern Damen folgten diesem Vorbild, und die allgemeine Verhandlung löste sich in geheimnisvolle Einzelgespräche auf. Als man sich trennte, war Iwan der Schreckliche ein vollkommen durchsichtiger Charakter geworden.

»Aber, Lenchen,« sagte Frau Rechnungsrätin Gehrke auf dem Heimweg aufgeregt zu ihrer Tochter, »ich verstehe dich nicht! Wie konnten wir nur alle diese Lügen dulden oder gar bestätigen! Ich sage dir, ich habe gezittert und gebebt vor Ärger und hätte ihnen am liebsten ihren Unsinn ins Gesicht geworfen! Ich bin ganz außer mich vor Entrüstung. Ich begreife überhaupt nicht, daß ich es so lange ausgehalten habe! Lenchen, und du lachst noch! Denke doch, so ein wehrloses Opfer wie unser Herr Doktor, das sich nicht einmal verteidigen kann! Lenchen, ich fange an zu glauben, daß du kein Herz mehr hast, sonst könntest du nicht lachen über ein solches Unglück.«

»Aber, liebstes Mütterchen,« sagte Helene vergnügt, »das taten wir doch nur, um unserm Doktor Belling einen guten Ruf zu bereiten.«

»Einen guten Ruf nennst du das?« rief die Mutter entsetzt. »Und das muß ich von meiner leiblichen Tochter erleben! Lenchen, du wirst mir mit keinem Fuß mehr ein Kaffeekränzchen betreten! Diese Gespräche sind ein schleichendes Gift für deine junge Seele. Übrigens werden wir uns auch von diesem Herrn Belling ein wenig zurückziehen müssen, denn wenn auch nicht alles wahr ist, was die Damen geredet haben, so werden die Leute doch dumm genug sein, es zu glauben– du weißt ja, wie fabelhaft leichtgläubig die Leute sind, wenn von einem Mitmenschen Schlechtes geredet wird – und das könnte denn zuletzt auch auf unsern Ruf nachteilig wirken, und das kann ich nicht dulden, Lenchen, kann ich auf keinen Fall dulden! Mit einem Manne von schlechtem Ruf darf ein junges Mädchen unter keinen Umständen verkehren, sie hat zuletzt immer den Schaden davon. Und schließlich muß man denn doch sagen, wenn das auch alles Unsinn war, was da geredet wurde, etwas muß denn doch daran sein, ganz aus der Luft greifen kann sich doch kein Mensch solche Dinge!«

Helene lachte hell auf.

»Du kommst mir auf kein Damenkränzchen mehr. Helene! Dein Gelächter zeigt mir, daß du heute schon Schaden gelitten hast. Ich habe ja doch nicht gesagt, daß alles wahr ist; ich bin zum Beispiel vollkommen überzeugt, das Liebesverhältnis, von dem die Rede gewesen, ist ein ganz unschuldiges gewesen, aber die vielen Duelle sind und bleiben denn doch verdächtig, wenn man auch annimmt, daß er jedesmal provoziert worden ist –«

»Siehst du, liebste Mutter,« sagte Helene mit ungestörter Heiterkeit, »so gefällst du mir, so mußt du immer sprechen, wenn die Leute dich ausfragen wollen. Begreife doch, daß gerade der Ruf eines wilden Pistolenschützen ihm nur nützlich sein kann, weil sich die Leute und auch seine Schüler dann noch mehr vor ihm fürchten, als sie jetzt schon tun – und weiter braucht er ja nichts! Wir müssen, so viel wir können, dazu beitragen, ihn in Respekt zu setzen, Mutter. Siehst du, und dazu kommt das schauerliche Gefasel ganz wie gerufen.«

Die Frau Rechnungsrätin blickte ihrer Tochter unendlich verblüfft ins Gesicht und begnügte sich dann damit, leise vor sich hin zu seufzen.

Als sie zu Hause angekommen waren, begab sich Helene unverzüglich in den Hof, woselbst sich ein hölzerner Ausgußkasten mit beweglichem Deckel befand. Diesen Deckel hob sie auf und schmetterte ihn mit aller ihr verliehenen Kraft, die nicht gering war, wieder hinab, dadurch einen Knall erzeugend, der sich von einem mäßigen Kanonenschlag nicht wesentlich an Kraft unterschied. Dieses merkwürdige Spiel setzte sie in Pausen eine beträchtliche Weile fort. Voll Entsetzen erschien die Frau Rechnungsrätin im Küchenfenster und sah staunend die rätselhafte Leibesübung ihrer verständigen Tochter.

»Kind, unglückliches Kind,« rief sie hinab, »was treibst du für Tollheiten? Die ganze Nachbarschaft wird in Aufruhr geraten!«

»Das soll sie auch,« entgegnete Helene ruhig und ließ ihr Geschütz wieder knallen, »und wenn sie kommt, sagen wir: ›Der Herr Doktor übt sich im Pistolenschießen!‹«

Von diesem Tag an war der Ruhm Iwans des Schrecklichen in Stolpenburg fest begründet; vor allem bei den Schülern und den jungen Damen. Wenn die letzteren durch das tragisch Erschütternde und prickelnd Schauderhafte in seinen Schicksalen und Taten mit einem geheimnisvollen Schauer erfüllt wurden, so wirkte die Erkenntnis, daß dieser Mann des Zornes auch andrer Leidenschaften fähig sei, völlig überwältigend auf ihre Herzen. Vor der Phantasie der Schüler aber stand ein Duell als die äußerste Höhe des Lebens nach der dämonischen Seite hin; und zitternd fügten sie sich dem Gewaltigen, denn jeder hatte die geheime Angst, Iwan der Schreckliche würde ihm bei dem geringsten Ungehorsam eine Pistolenforderung schicken oder auch noch einfacher einen Revolver aus der Rocktasche ziehen, wie andre Leute ihr Taschentuch, und den Unbotmäßigen mit einer graziösen Handbewegung auf seinem Platz niederknallen. So hüteten sie sich wohl, seine Wut in Versuchung zu führen.

3

Das Mädchenerziehungsinstitut von Fräulein Leinemann genoß auf Meilenweite des glänzendsten Rufes. Es galt für eine Musteranstalt in Hinsicht auf Sitte und Lehrer. Festere Disziplin, edleren Unterricht für junge Töchter bemittelter Stände gab es nirgends. Es war gleichsam eine chemische Waschanstalt für Mädchencharaktere; die zerknittertsten und verstaubtesten Exemplare kamen aus ihr zurück wie gebadet in Wohlanständigkeit und weiblicher Tugend.

Die Mittel, durch die Fräulein Leinemann solche Wunder vollbrachte, waren die denkbar einfachsten; sie bestanden einzig und allein in sanften Blicken; Strafen kannte sie nicht. Diese Blicke aber übten über ihre Schülerinnen eine fast unwiderstehliche Gewalt, selbst fühllose Gemüter schmolzen vor dieser kondensierten Sanftmut in Reue dahin, und zartere Seelen fürchteten sie wie der Teufel das Weihwasser.

Als denkende Pädagogin wußte sie natürlich die Intensität ihrer Zuchtblicke genau nach der Schwere der Vergehung abzumessen. Für eine gewöhnliche Vergeßlichkeit, einen schlecht geflochtenen Zopf, einen angekauten Federhalter und dergleichen Mittelsünden gab es einen kurz hin huschenden, mit Sanftmut nur leicht imprägnierten Blick, dem Jagdhieb derberer Erzieher zu vergleichen; erheblich verstärkt ward die Gabe schon bei Faulheit oder hartnäckiger Unordnung, hier kam schon der Blick der sterbenden Gazelle in Anwendung; wehe aber der Unseligen, die der gerechte Vorwurf des »direkten Ungehorsams« oder der »Unweiblichkeit erster Klasse« traf! Der Blick, der sie züchtigte, war der Inbegriff und Auszug aller Sanftmut – »spiritus clementiae rectificatissimus« sagte der Chemiker der Anstalt – er war engelhaft entsagend, hilfeflehend, in wollüstigem Schmerz gebrochen, dämonisch verzweifelnd; die Sünderin vergaß ihn nicht mehr bis zu ihrem Totenbette.

Um diese Zeit geschah es, daß der reichste Bürger der Stadt, der Kommerzienrat Gruber, von schwerer Strafe für einen unpatriotischen Hochmut ereilt wurde: er hatte nämlich sein einziges Töchterchen Alma mit ungerechter Umgehung des Fräulein Leinemann einem Berliner Institut anvertraut, und die sechzehnjährige Alma kam nun zurück als derselbe hübsche kleine Satan, der sie zuvor gewesen war, völlig ungebessert und ungezähmt, ein Ausbund aller Untugenden, das wahre Modell einer höheren Tochter, wie sie nicht sein soll.

Da ging der Kommerzienrat in sich und bat reuevoll Fräulein Leinemann, die Sünden der weltstädtischen Pädagogik wieder gutzumachen und die milde Hand an seine entartete Tochter zu legen. Das war ein Triumph, wie die einheimische Erziehungskunst noch keinen erlebt hatte, ein öffentlich erteiltes Vertrauensvotum, das Fräulein Leinemann nicht hoch genug schätzen konnte; es war ein Geschenk, das sie sich wie bares Geld rechnen durfte, denn eine wirksamere Reklame ließ sich nicht gut ausdenken. Freilich verbarg sie sich auch nicht die Schwierigkeiten und Fährnisse, die ihr ein solcher Zögling ins Haus brachte, allein der Stolz und der Ehrgeiz siegten, und sie gewährte dem reichen Mann mit ruhigem Lächeln seine Bitte.

Allein nur zu bald zeigte es sich, wie sehr es ein Danaergeschenk gewesen war. Alma Gruber erwies sich als schlechthin unzähmbar.

Fräulein Leinemann verschwendete an dies eine Persönchen so viel sanfte Energie und energische Sanftmut, daß sie damit ganze Kannibalenvölker zu Vegetarianern hätte machen können; von Alma prallte das alles ab wie von einem Panzerturm. Sie blieb ungehorsam, naseweis, trotzig, faul, plauderhaft, unaufmerksam, eitel, hochmütig, vor allem unweiblich, ein Schrecken aller Lehrer und mehr noch aller Lehrerinnen.

Dabei aber blieb sie immer hübsch und graziös; schon begannen die Augen der jüngeren Offiziere gefühlvoller auf ihrer Gestalt zu verweilen, und die oberen Klassen des Gymnasiums huldigten ihr mit einer feurigen Massenliebe, von der zunächst ihr einziger Bruder Hermann seinen Vorteil zog, denn dieser fand stets mit spielender Leichtigkeit Freunde, die Aufsätze und Exerzitien für ihn verfertigten, wofern sie dafür nur einen Fuß über die geweihte Schwelle seines Vaterhauses setzen durften.

Dieser stille Kultus der männlichen Jugend trug jedoch zu ihrer sittlichen Zerknirschung nicht wesentlich bei.

Nun war wieder einmal irgendeine absonderlich schwere Tat geschehen. Fräulein Leinemann fühlte endlich, es galt den Ruf ihrer Anstalt. Dieses fürchterliche Geschöpf mußte gebändigt werden, oder sie selbst entsagte ihrer Tätigkeit und erklärte, ihren Beruf verfehlt zu haben.

Zunächst beschloß sie, als letztes Mittel eine Tortur anzuwenden, die bisher in ihrem Strafgesetzbuch nur der Theorie nach bestanden hatte und die sie die Luftkur nannte. Diese bestand darin, daß die moralische Patientin von ihr so lange schlechthin ignoriert, als Luft betrachtet wurde, bis sie mürbe war und zu Kreuze kroch.

Diese Achtserklärung ward jetzt über Alma Gruber ausgesprochen, und zwar in der sehr verschärften Form, daß sämtliche Mitschülerinnen an der Vollstreckung teilzunehmen hatten. Damit war die Geächtete von jedem menschlichen Verkehr ausgeschlossen, gleichsam auf eine wüste Insel versetzt oder völlig in Luft verwandelt. Es galt für unmöglich, daß ein weibliches Gemüt diese Marter auch nur einen Tag lang ertragen könne.

Allein die schreckliche Alma wußte sich auch hier zu helfen.

Zunächst spielte sie eine Zeitlang mit großem Ergötzen die Rolle der teuflischen Versucherin, indem sie ihre Kameradinnen mit der harmlosesten Miene unvermutet anredete und ihnen eine Antwort zu entlocken suchte, die ihnen dann notwendig einen sanften Blick des Fräulein Leinemann zuziehen mußte. Als aber bald ihre bösen Künste an der scharfen Schulung und Tugend der andern scheiterten, verfiel sie auf eine neue Unterhaltung.

Sie besaß unter andern unnützen Talenten auch eine nicht geringe mimische Begabung und verstand es, die Stimmen und Gebärden ihrer Umgebung mit erschreckender Virtuosität nachzuahmen. Diese schöne Kunst begann sie während des gemeinsamen Mittagessens zu verwerten und solcherart mit sich selbst die muntersten Zwiegespräche zu halten.

»Bitte, liebe Alma,« redete sie sich mit der Stimme ihrer Mitschülerin Berta Heding an, »hilf mir doch bei meinem französischen Aufsatz; du weißt, ich bringe ihn nie ohne deine Hilfe zustande.«

»Mit Vergnügen, meine süße Berta,« antwortete Almas natürliche Stimme, »ich will sogar wie neulich gern den ganzen Aufsatz für dich machen.«

»Oh, wie gut du bist! Wie liebreich!« sagte die falsche Berta Heding.

»Nicht wahr, Alma,« flötete die fingierte Stimme einer Edith Quade, »du sagst es Fräulein Leinemann nicht wieder, daß ich ihr gestern hinter ihrem Rücken eine lange Nase gemacht habe!«

»Hast du je gehört, daß Alma Gruber petzt?« ließ sich die Stimme eines Fräulein Wadepfuhl vernehmen.

»Aber es war sehr unrecht von dir, teure Edith,« sagte die echte Alma mit mildem Vorwurf, »du weißt doch, wie gut es Fräulein Leinemann mit uns meint und wie sanft sie ist.«

»Ach, Alma, was wären wir ohne dich, du treue Warnerin!« klang begeistert die täuschende Stimme der kleinen Quade.

»Ach, was ist doch der Fähnrich von Dobeneck für ein reizender Mensch!« hörte man Erna von Funk seufzen. »Was er für herrliche Augen und Stiefel hat!«

»Aber, Erna,« rief die echte Alma entrüstet, »es gibt nichts Unpassenderes für ein junges Mädchen, als einen Husaren anzusehen! Besonders aber einen lebendigen!«

In dieser Tonart ging es fort; die Geächtete unterhielt sich in der liebenswürdigsten Unbefangenheit unverdrossen weiter mit ihren selbstgeschaffenen Gesellschafterinnen. Die andern armen Mädchen aber quälten sich jämmerlich, ihr Kichern zu unterdrücken; bald hier, bald dort zischte es plötzlich auf wie eine angezündete Rakete.

Fräulein Leinemann verstopfte ihre Ohren mit Sanftmut und starrte mit so leeren Blicken auf Almas Platz, daß jeder erkennen mußte, sie sah dort Luft und nichts als Luft.

Inzwischen hatte Alma im Geist bereits ihre bisherige Genossenschaft verlassen und sich einem höheren Kreise zugesellt. Sie wagte es, ihre Lehrer selbst zu kopieren. Den Anfang machte sie mit dem deutschen Lehrer und dessen geschmackloser Deklamationsweise. Mit süßlichem und heulendem Ton hob sie an:

»Schon stehn die beiden Sänger im hohen Säulensaal,
Und auf dem Throne sitzen der König und sein Gemahl,
Der König furchtbar prächtig, wie blut'ger Nordlichtschein,
Die Königin süß und milde, als blickte Vollmond drein –«

Bei dem letzten Verse warf sie einen bedeutsamen Blick auf Fräulein Leinemann und schwenkte plötzlich in deren sanften Tonfall über.

Die unglücklichen Mädchen erstickten fast an dem verhaltenen Lachen; die meisten hatten sich die Taschentücher in den Mund gestopft und sahen wahrhaft beängstigend aus mit ihren blutroten Gesichtern und hervorquellenden Augen.

Jetzt war der Augenblick gekommen, wo selbst Fräulein Leinemanns übermenschliche Gelassenheit ins Wanken geriet. Es war offenbar nicht mehr Luft, was ihre Augen an Almas Platze sahen, sondern es war ein Schreckbild, eine junge Teufelin, die ihr Zorn vernichten mußte. Den heute Anwesenden war es vergönnt, Fräulein Leinemanns olympische Stirn von Wetterwolken überschattet zu sehen.

Allein Alma verstand es, ihre Erbitterung noch ein wenig zu vertiefen und ihr doch zugleich die Waffen des Zorns aus der Hand zu spielen:

»Nicht wahr, Fräulein Leinemann,« sagte sie mit einer unnachahmlichen Treuherzigkeit, »Sie nehmen mir den kleinen Scherz doch nicht übel?«

Und während jene erschüttert mit sich selber kämpfte, ob sie das hübsche kleine Ungeheuer nicht einfach aus dem Hause werfen sollte, lenkte dieses schnell ab und rief mit fröhlicher Unbefangenheit:

»Kinder, wißt ihr, wie ich mir diesen ›König, furchtbar prächtig‹ vorstelle? Genau wie Iwan den Schrecklichen vom Gymnasium:

›Denn was er sinnt, ist Schrecken, und was er blickt, ist Wut –‹

»Na, paßt das nicht wie angegossen?«

Eine überraschte Zustimmung malte sich in aller Augen.

Fräulein Leinemann aber hatte in diesem Augenblick eine Offenbarung.

Wenn irgendein Mensch in der Welt, so war dieser allgefürchtete Pädagoge berufen, Alma zu bändigen und die aus den Fugen weichende Disziplin der Musteranstalt einzurenken. Ihm und ihm allein mußte dies Werk gelingen; wenn aber doch nicht, wenn die Unverbesserte auch seiner Kunst trotzte – dann, ja, dann war immerhin Fräulein Leinemanns Ruf gerettet, denn was jener Gewaltige nicht vermochte, das konnte auch von einem schwachen Weibe nicht verlangt werden; dann konnte Alma mit gutem Gewissen als eine verlorene Seele ihrem Vaterhause zurückgegeben werden. Fräulein Leinemann gestand sich, daß sie sich im stillen ein wenig auf den letzteren Ausgang der Sache als den wahrscheinlicheren freute, denn immerhin würde ihr Ehrgeiz die Überlegenheit jenes finstern Mannes nur unter schmerzlichen Zuckungen anerkennen. Welch ein Genuß dagegen mußte es sein, den Helden von zehn Mordduellen vor dieser jungen Äffin die Waffen strecken zu sehen! Wer weiß, vielleicht konnte man noch einmal aus dieser seiner Niederlage Kapital schlagen, wenn er erst Schulrat war!

Ihr Entschluß war gefaßt, Doktor Belling für einige Unterrichtsstunden zu engagieren, selbstverständlich für einen sehr hohen Gehalt; das konnte die Musteranstalt sich in solchen Fällen leisten.

Nur wie war ein Mathematiker an der Mädchenschule zu verwerten? Als gemeiner Rechenlehrer – das war unmöglich!

Mit großer Geistesgegenwart erkannte sie, daß die mathematischen Wissenschaften zwar im allgemeinen in ihrer abstrakten Herbheit für Mädchenköpfe wenig geeignet sind, in ihren Anfangsgründen jedoch für gereiftere Schülerinnen von erklecklichem Nutzen sein könnten. Klagt man doch allerorten so viel über die Eigenartigkeit weiblicher Logik; warum sollte man nicht einmal versuchen, von hier aus die bessernde Hand anzulegen?

In dieser rasch eroberten Erkenntnis schrieb sie Herrn Doktor Belling einen sehr schmeichelhaften Brief, in dem sie ihm ihre Bitte vorlegte, einige besonders begabte junge Damen ihrer Anstalt in seiner schönen Wissenschaft zu unterrichten.

Mit Alma Gruber schloß sie inzwischen einen heuchlerischen Waffenstillstand.

*

Seit jenem ersten Kaffeebesuch in der Gartenlaube hatte Gotthold Belling die Gewohnheit angenommen, alle Dinge von Wichtigkeit, die in sein stilles Leben fielen, mit Fräulein Helene Gehrke zu besprechen; er fand, daß solche Aussprache in wunderbarer Weise seine Gedanken klärte und seine Entschlüsse festigte. Und es war merkwürdig, wie sich die Zahl der wichtigen Dinge im Lauf der Woche mehrte; bald gab es kaum noch Vorfälle, die unbedeutend genug waren, um nicht dringend einer Erörterung zu bedürfen. Und wenn er ging, sie in der Laube oder in dem behaglichen Hinterstübchen aufzusuchen, hatten seine düsteren Augen einen warmen Glanz, und wenn er zurückkam, einen noch wärmeren.

Ihr Verkehr war ein sehr offenherziger und zwangloser, wie unter guten Kameraden; eine sanfte Kühle wehte zwischen ihnen hin und her, eine freundliche Klarheit, die jede schwüle Stimmung ausschloß.

Helene war stolz darauf, daß sie durch ihre kluge Ehrlichkeit diesen erquickenden Umgangston ermöglicht hatte; lagen doch seither ihrer beider Herzen offen voreinander wie zwei schön gedruckte Bücher. Sie konnte friedlich ruhen in seiner edeln Freundschaft wie in einem sommerlichen Kornfeld, und sie konnte ungestört den versunkenen Blumengarten der süßen Leidenschaft im sicheren Herzen verwahren. Sie wußte, sie hatte nichts von dem Freunde, nichts für den Freund zu fürchten; sie sah, seine Augen ruhten mit maßvoller Wärme auf ihr, und sein Händedruck verriet niemals einen schnelleren Pulsschlag.

Und er, er gestand sich, daß er noch niemals eine gleich glückliche Zeit durchlebt habe; er war mit sich und der Welt zufrieden; die täglichen Angststunden vor der Klasse waren schnell überstanden; weitere Wünsche hatte er nicht, als täglich ein halbes Stündchen lang in Helenens große graue Augen zu sehen und mit ihr ein vernünftiges Gespräch zu führen. Daß ihr Herz versagt war, wußte er ja; so kam ihm auch nicht einmal der Gedanke, ob es vielleicht ein noch reizvolleres Verhältnis zwischen zwei jungen Leuten ungleichen Geschlechts geben könne. Auch erfüllte ihn die hohe Idealität ihrer Auffassung mit so großer Hochachtung, daß er es für schändlich gehalten hätte, die Haltbarkeit derselben auch nur auf die Probe zu stellen, denn er war von der Einzigkeit einer wahren Liebe genau so fest überzeugt wie sie.

Als Gotthold das überraschende Schreiben des Fräulein Leinemann empfing, eilte er natürlich auf der Stelle, den Rat seiner guten Freundin einzuholen.

»Was gedenken Sie zu antworten?« fragte Helene, als sie den Brief gelesen hatte.

»Ich hätte Lust, den Antrag anzunehmen,« sagte er, »vornehmlich des mir gebotenen schönen Extrahonorars wegen; wenn ich dasselbe regelmäßig zurücklege, so kann ich vielleicht schon in zwanzig Jahren so viel beisammen haben, um mich als Privatdozent habilitieren und ganz meiner Wissenschaft leben zu können. Ich bin dann eben erst fünfzig Jahre alt und habe noch eine reiche Zukunft vor mir –«

»Spätestens mit siebzig Jahren werden Sie dann schon Professor,« lachte Helene, »mit neunzig bekommen Sie den Charakter als Geheimrat, mit hundert bis hundertundzehn den Orden Pour le mérite für Kunst und Wissenschaft, mit hundertundzwanzig den Ehrendoktor der Universität Jokohama – welche glänzenden Aussichten! Und das alles werden Sie im letzten Grund einem ungezogenen kleinen Backfischchen verdanken.«

»Wie meinen Sie das?« fragte er verwundert.

»Ganz einfach. Fräulein Leinemann bedarf Ihrer pädagogischen Faust zur Zähmung einer Widerspenstigen – nebenbei bemerkt, des reichsten und hübschesten Mädchens der Stadt, Fräulein Alma Gruber –«

»Da ist sie freilich sehr an den Unrechten gekommen – obgleich – wer weiß – vielleicht werde ich mit den Mädchen von vornherein besser fertig als mit den Jungen, auch mit einem freundlicheren Gesicht – sie sind von Natur zarter, feinfühliger, schmiegsamer –«

»Um Gottes willen, wo denken Sie hin? Nur feinspitziger, boshafter, listiger und übermütiger sind wir – natürlich nur, solange wir Schulmädchen sind –, ich rate Ihnen ernstlich, lieber dort die Hand aus dem Spiele zu lassen, wenigstens solange Alma Gruber die Schule besucht, und nachher wird Fräulein Leinemann Sie ohnehin entbehren können.«

»Ist denn dieses Kind ein so unerhörter Ausbund von Gefährlichkeit?«

»Allerdings, und für Sie doppelt gefährlich, denn Ihr Nimbus darf nicht den kleinsten Riß bekommen. Sie mag sonst nicht bösartig von Natur sein, aber sie kennt weder Respekt noch Furcht; nur wenn Sie wirklich so wären, wie Sie manchmal aussehen, dann könnten Sie den Versuch wagen, die junge Löwin zu zähmen. So aber – denken Sie doch, sie versagt Ihnen den Gehorsam, sie trotzt Ihren grimmigen Blicken und lacht Sie aus – ich traue ihr das zu, sie ist verzweifelt klug – was wollen Sie machen? Prügeln können Sie sie doch nicht, sich mit ihr schießen auch nicht, Sie müssen Ihre Niederlage hinnehmen; Alma wird dann zwar aus der Anstalt entfernt werden und fortan auf anderm Gebiete gegen andre Männer zu Felde ziehen, aber was nutzt das Ihnen? Am nächsten Tag kennt die ganze Stadt den Schiffbruch Ihrer Autorität, nicht am letzten Ihre Tertianer, und dann –«

»Sie haben recht, liebe Freundin, dann werden sie es auf der Stelle auch versuchen, und ich bin verloren. Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre treue Warnung. Es ist entschieden, ich werde mich nicht aufs Eis locken lassen.«

»Gott sei Dank! Ich war schon ernstlich in Sorge um Sie. Übrigens ist diese Alma kein Kind, sondern ein sechzehnjähriges Fräulein. Ich werde Ihnen nachher einige von ihren Streichen erzählen, die ich durch ihre Mitschülerin Berta Heding weiß, und Sie werden erschrecken, an welchem Abgrund Sie gestanden haben. Gegen diese Künste wären Sie waffenlos wie ein Kind gewesen.«

»Sonderbar! Ich hätte mir alle Mädchen gedacht ungefähr wie Sie –«

»Das wäre auch schon gerade schlimm genug,« lachte Helene. »Ohne mich zu rühmen, aber ich war als Schülerin eine der Ausgelassensten und Unbändigsten; wenn ich jetzt etwas ernster geworden bin, so danke ich das allein – nun aber gehen Sie und schreiben Sie Ihren Absagebrief; ich bin nicht ruhig, ehe ich ihn unterwegs weiß. Schicken Sie ihn durch die Post, eingeschrieben, das ist am feierlichsten.«

Belling gehorchte, schrieb den Brief mit einer sehr höflichen, aber bestimmten Ablehnung – Grund: Arbeitsüberhäufung – und ging, ihn sogleich auf die Post zu tragen. Unterwegs erinnerte ihn die Form des Briefumschlags an ein mathematisches Problem, in dem der Kreuzpunkt der Diagonalen eines Parallelogramms eine gewisse Rolle spielte, und er versenkte seinen Geist alsbald so tief in diese Untersuchung, daß er den Zweck seines Ausgangs völlig vergaß und mit dem Brief in der Hand die städtische Promenade entlang brütete.

Fast hatte er schon den Faden der endgültigen Lösung sicher in der Hand, als er plötzlich aufgestört wurde durch den Anblick zweier dicht vor ihm spazierenden Damen, in deren einer er mit einem kleinen Schreck Fräulein Leinemann erkannte. Er mäßigte sofort seine Schritte und gedachte bei dem ersten Querweg seitwärts abzubiegen, als sein Auge durch die Gestalt und das Gebaren ihrer Begleiterin gefesselt wurde. Es war eine kleine, feste Gestalt voll jugendlicher Geschmeidigkeit, mit einer eignen kecken Grazie des Ganges. Sie drehte ihr bewegliches Hälschen nach rechts und links herum, und dabei gab sie gelegentlich ihr Profil zur Ansicht, das durch eine vornehme Kühnheit des Schnittes ausgezeichnet war. Flotte Löckchen kräuselten sich über dem Nacken auf und hüpften leicht wie in heiterem Übermut. Selbst die streng geometrisch geschulte Seele Iwans des Schrecklichen konnte sich ein männliches Wohlgefallen an dem regellosen Reiz dieser Erscheinung nicht verhehlen.

Bald darauf fiel ihm an Fräulein Leinemanns hagerer Hochgestalt etwas Sonderbares ins Auge; es hatte den Anschein, als fiele ihr ein langer, prächtiger Zopf frei über den Rücken. Das schien doch eine recht auffallende Frisur für eine Pädagogin vom Rang und Lebensalter dieser Dame; übrigens hatte der Zopf eine sehr ungewöhnliche, stark ins Grünliche spielende Färbung. Da streckte sich plötzlich die rechte Hand der jungen Dame ganz leise hinter den Rücken der älteren und machte sich in geheimnisvoller Weise etwas an jenem Zopf zu schaffen. Jetzt erkannte er die wahre Natur desselben: er bestand aus einer langen Reihe von Kletten, die, in zierlicher Regelmäßigkeit aneinander gefügt, von dem Mantelkragen herabhingen.

Gleichzeitig vernahm er nun auch die Stimme der berühmten Lehrerin, die vernehmlich sagte:

»Wirklich, liebe Alma, Sie glauben nicht, wie sehr es mich freut, daß Sie mir endlich einmal aus freien Stücken Ihre aufrichtige Reue zu erkennen geben; ich muß Ihnen gestehen, daß ich im Begriff stand, völlig an der inneren Weiblichkeit Ihres Gemütslebens zu verzweifeln, und doch, liebes Kind, ist nichts so häßlich an einer Jungfrau, nichts so unangenehm vor Gott und den Menschen, als ein unweibliches Wesen. Es wäre mir ein wahrhaft tröstlicher Gedanke, wenn ich den heutigen Tag mit heiligem Ernst als Ihren Tag von Damaskus bezeichnen könnte –«

Die junge Dame tat einen lauten Seufzer, der von tiefer Zerknirschung sprach, und fügte gleichzeitig mit der geschickten Rechten eine neue Klette an den Zopf.

Doktor Belling entsetzte sich und dachte: ›Gott sei Dank, daß der Balg nicht in meiner Tertia sitzt!‹

In diesem Augenblick mochte Fräulein Leinemann ein Zupfen in ihrem Rücken verspüren; sie wandte den Kopf plötzlich herum und ward des nicht allzu weit hinter ihr schreitenden Mathematikers gewahr. Sogleich blieb sie stehen und erwartete mit einem liebenswürdigen Lächeln sein Herannahen.

Belling war peinlich betroffen; ein Fluchtversuch war durch die Umstände ausgeschlossen; auch der Gedanke, ihr den Brief zu überreichen und sich aus dem Staub zu machen, schien ihm nicht ausführbar; so ergab er sich denn und trat heran, sie zu begrüßen.

Indem er nun gleichzeitig einen etwas scheuen und finsteren Seitenblick auf die hübsche junge Übeltäterin warf, machte er eine ganz überraschende Entdeckung. Dieselbe stand da in der äußersten Verwirrung und Beschämung, von flammendem Rot übergossen, die Augen regungslos zu Boden gerichtet.

In dieser Verfassung hatte noch kein Sterblicher Alma Gruber gesehen, und es steht fest: so hatte sie auch noch kein Sterblicher in ihrem anmutigsten Reiz gesehen.

Auf Belling übte dieser Anblick eine Wirkung, die fast einer leichten Betäubung oder einem angenehmen Schwindel gleichkam. Nur wie aus einer gewissen Ferne und mit eigentümlicher Gleichgültigkeit hörte er die reich fließenden Worte der Institutsvorsteherin, die in verbindlichster Form ihre Bitte wiederholte, viel von dem idealen Wert der reinen Mathematik redete, von der bildenden Kraft abgezogener Vorstellungen, von der nahen Verwandtschaft mit der Logik und der Metaphysik, von dem Einfluß der praktischen Trigonometrie auf die Charakterentwicklung, von der Vertiefung des weiblichen Gemütslebens durch klare, stereometrische Anschauungen und vielen ähnlichen pädagogischen Wundern – er stand stumm mit seinem Absagebrief in der Hand, und als er zur Besinnung kam und von ihr freigelassen war, hatte er ja gesagt und alles war verabredet und geordnet.

Mit einem Gefühl tiefen Unbehagens kehrte er nach Hause zurück; den unbenützten Brief legte er zu den Personalakten und den Papieren, die die wichtigsten Abschnitte seines Lebens bezeichneten, Prüfungszeugnisse, Anstellungsdekrete und dergleichen.

»Wir haben uns überrumpeln lassen, Molly,« sagte er, »wir sind im Begriff, etwas gegen unsre Überzeugung zu tun, unsre ganze Existenz mutwillig aufs Spiel zu setzen!«

Molly gab einige sanft heulende Töne von sich, wie immer, wenn er ins Gespräch gezogen wurde.

»Ist das nicht halber Wahnsinn? Wie war es nur möglich, sich in einer flüchtigen Verwirrung so widerstandslos gefangen zu geben? Ist es wirklich eine so merkwürdig reizvolle Aufgabe, die Kindereien eines verzogenen Backfisches zu bekämpfen?«

Er war entschieden nicht dieser Ansicht; aber es gab in einem Winkel seiner Seele eine Stimme, die dreist behauptete: Ja, es ist eine merkwürdig reizvolle Aufgabe.

Was ihn zunächst am meisten verdroß und mit einer wahren Angst erfüllte, war die Notwendigkeit, Helene von seinem tollen Wankelmut in Kenntnis zu setzen; auch rang er den ganzen Abend hindurch vergebens mit diesem Entschluß und verbrachte infolgedessen eine schlaflose Nacht; er hätte ebenso gern ein zweites Oberlehrerexamen bestanden.

Am nächsten Tag aber legte er ihr die schwere Beichte ab und berichtete mit ziemlich erheblicher Wahrheitsliebe die näheren Umstände seines Stimmungswechsels.

Helene sah ihn durchdringend an, ward dann auffallend blaß und sagte nur:

»Gott gebe, daß es Ihnen zum Glück ausschlage!«

Sie blieb auch schweigsam und er verstimmt, und die Frau Rechnungsrätin gab sich vergebliche Mühe, beide durch Hoffnung heiter zu stimmen.

»Mit so einer Gans sollten Sie nicht fertig werden, verehrter Herr Doktor,« rief sie, »ich bitte Sie! Meine Helene war doch auch ein wildes Pflänzchen und ist es im Grunde noch jetzt – Sie kennen sie nicht – aber vor Ihnen hat sie einen Heidenrespekt, Sie wissen gar nicht, was für einen! Und nun so eine dumme kleine Pute!«

Und als er gegangen war, sagte sie zu ihrer Tochter:

»Ich weiß wirklich nicht, warum du dich so gefürchtet hast, Lenchen; und wenn er sie wirklich nicht zur Vernunft bringt, ist das Unglück auch noch nicht so groß. Seine Tertianer sind schon viel zu gut gezogen, die revoltieren nicht mehr. Sie haben zu großen Respekt vor seinem Schießen.«

»Ach, wenn es nur das wäre!« sagte Helene geheimnisvoll und trocknete heimlich eine Träne. Dann ging sie hinaus auf den Hof und vollführte eine Kanonade, als ob es der Stadt eine gewonnene Schlacht zu verkünden gälte.

*

»Kinder, wißt ihr das Neueste?« Mit diesem lauten Ruf stürmte Alma nach jenem verhängnisvollen Spaziergang unter ihre Kameradinnen. »Wir kriegen einen Tierbändiger, ratet mal, wen?«

Alle horchten staunend auf. Einige Minuten lang weidete sie ihr Herz an der ängstlichen Erwartung der andern; endlich hielt sie es selbst nicht mehr aus und offenbarte:

»Iwan den Schrecklichen!«

»Aaah!

»Na, wer's glaubt!«

»Alma lügt, wie gewöhnlich!«

»Der! Was soll der bei uns? Der schießt ja!«

»Alma, rede doch nicht so dummes Zeug!«

»So wahr ich hier stehe,« triumphierte Alma, »er kommt: ›Ein König, furchtbar prächtig, wie blut'ger Nordlichtschein!‹ Kinder, ihr glaubt gar nicht, wie ich mich darauf freue!«

»Aber was soll er uns denn für Stunden geben?« fragte Lisbeth Wippermann. »Bei den Bengeln hat er doch Mathematik!«

»Und bei uns soll er das Gemütsleben vertiefen,« sagte Alma weise, »nämlich auch mit Mathematik – aber natürlich nur bei uns Reiferen!« setzte sie mit stolz erhobenem Kopf hinzu.

»Na, dann kenne ich das Tier, das er bändigen soll!« sagte Gretchen Ingenohl, die als Tugendspiegel bekannt und verachtet war.

Alma rümpfte höhnisch die Nase.

»Natürlich, tugendsame Gänschen brauchen sich nicht erst bändigen zu lassen, die kriechen vor Angst immer von selbst in den richtigen Stall.«

»Wißt ihr auch, was der Hauptspaß bei der ganzen Geschichte wird?« rief der Tugendspiegel. »Wenn Alma zu Kreuze kriecht! Das wird für Fräulein Leinemann der schönste Tag ihres Lebens!«

»Ich?!« schrie Alma empört.

»Oh, du wirst dich schon ducken! Mit dem nimmst du's doch nicht auf! Ich sehe dich schon, wie du rot wirst und die Augen niederschlägst. Der wird dich zähmen wie ein Hündchen, Iwan der Schreckliche.«

Almas Augen funkelten. Die armen Mädchen entsetzten sich ordentlich über die Wut, die aus ihren Zügen und geballten Fäusten sprach. Sie begriffen nicht, wie die kleine Neckerei sie so maßlos aufregen konnte.

Alma aber begriff es. Erröten! Augen niederschlagen! Welch ein Glück, daß niemand die Schmach gesehen hatte, die sie auf offener Promenade schon erlitten! Sie tat in ihrem Herzen den fürchterlichsten Racheschwur.

»Wenn ihr wüßtet, wie ich den Menschen hasse!« schrie sie außer sich. »Oh, der soll mich kennen lernen!«

Noch ehe der neue Unterricht begonnen hatte, erwachte in Alma ein rätselhaftes Interesse für die strenge Wissenschaft der Mathematik. Bei einem Besuch im Elternhause ließ sie sich von ihrem Bruder in die ersten Geheimnisse derselben einweihen und stahl ihm ein Lehrbuch, das sie, obgleich es längst nicht mehr sehr appetitreizend aussah, mit hingebendem Eifer studierte, nicht nur in ihren Mußestunden, sondern unter dem Tisch auch in denjenigen Zeitabschnitten, die durchaus weder für die Muße noch für die Mathematik bestimmt waren. Bald zeichnete sie mit großer Geschicklichkeit die saubersten Dreieckchen, Quadrätchen und Parallelogrämmchen; aber auch der geraden Linie an sich wußte sie Geschmack abzugewinnen, nur pflegte sie einer solchen zuletzt ein paar Widerhaken anzusetzen, um sie als Lanze zu kennzeichnen, die sie dann in Gedanken dem verhaßten Unterdrücker freier Mädchenseelen ins Herz bohrte; mit gleicher Kunst verstand sie aus jedem Kreise durch Anwendung eines konzentrischen Hilfskreises einen Mühlstein zu gestalten, den ihre Phantasie dem Feind um den Hals hängte, um ihn mit dieser Bürde ins Meer zu werfen, wo es am tiefsten ist.

Über diesen Studien und Mordplänen kam der Tag der ersten Mathematikstunde heran. Fräulein Leinemann hatte sieben Schülerinnen der Ehre gewürdigt, in diese männliche Wissenschaft eingeweiht zu werden, und zwar hatte sie Sorge getragen, nicht so sehr die begabtesten als die sittlich reifsten auszuwählen, von deren bewährtem Tugendsinn Almas Frevelmut keinerlei Rückendeckung zu erwarten hatte.

Wohlgerüstet saß diese auf ihrem Platz; sie erwartete ihren Feind, richtiger ihr Opfer, mit vollkommener Siegesgewißheit. Sie hatte ihren Schlachtplan mit aller Umsicht entworfen. Sie würde am Anfang der Stunde still mit gefalteten Händen wie ein leibhaftiger Gottesengel dasitzen; zu diesem Zweck hatte sie sich eine sonderbare Madonnenfrisur angelegt, einen ganz glatten, streng pomadisierten Scheitel, der sich zu ihrem kecken Gesicht unendlich komisch ausnahm, so daß selbst die erlesene Tugend alle Mühe hatte, sich des Lachens zu erwehren. Wenn dann zufällig der Herr Lehrer sich an dem Tischrand, der zufällig dick mit Kreide beschmiert war, einen weißen Strich über den Bauch malte, was ging sie das an? Und wenn dann zufällig aus einer Schachtel in ihrer Kleidertasche ein Dutzend Maikäfer hervorschwirrte, wer konnte ihr die Schuld auf den Kopf zusagen?

Nach solchen harmlosen Vorpostengefechten freilich würde sie mutvoll zum offenen Angriff vorgehen; wenn sie jenem, der dann offenbar schon eingeschüchtert war, statt seiner philiströsen Quadrate und Dreiecke ganz gemütlich ein fröhliches Schweinchen, mathematisch stilisiert, präsentierte und ihn dazu treuherzig anlächelte, wie konnte er da seine Fassung behalten? Und wenn sie zuletzt auf seine Frage oder Drohung ihm unvermutet mit der nicht zu verkennenden Fistelstimme seines eignen Gymnasialdirektors in die Parade führe, mußte er da nicht notwendig ein so dummes Gesicht machen, daß sie selbst diese sechs Tugendpinselchen als willenlose Lacher auf ihrer Seite hätte? Wahrlich, sie konnte mit Seelenruhe dem Kampf entgegensehen.

Im Nebenzimmer ging Doktor Belling mit unruhigen Schritten auf und ab, große Schweißtropfen auf der Stirn. Seine Stimmung war trostlos; er fühlte sich verurteilt, in einen bodenlosen Strudel zu tauchen, aus dem es keine Wiederkehr gab; er kam sich vor wie ein Betrüger, der heute öffentlich entlarvt werden sollte. Heute würde er den Mädchen und morgen den Knaben zum Gespött werden und übermorgen als ein geschlagener, unbrauchbarer Mann ohne Heimat und Nahrung seines Weges ziehen. Und er selbst war es, der dies Geschick sich in frevelhaftem Leichtsinn heraufbeschworen!

Fräulein Leinemann trat ein und begrüßte ihn: die Priesterin, die den Stier zum Altar geleiten sollte. Er folgte ihr fast willenlos in die ihm bestimmte Folterkammer, wo die eiserne Jungfrau Alma seiner harrte.

Fräulein Leinemann stellte ihn vor und setzte sich dann in eine Ecke, um dort der Stunde beizuwohnen; sie gedachte von der Methode des bewunderten Pädagogen etwas zu profitieren.

Dieser stand einsam vor den sieben Jungfrauen, grüßte finster, setzte sich. Almas Blicke maßen gespannt den trennenden Raum zwischen dem Tischende und seinem Rock; doch er saß steif aufgerichtet und berührte ihn nicht. Er sah grimmiger aus als je, ganz Iwan der Schreckliche. Alle vierzehn Mädchenaugen senkten sich, und selbst Almas Lippen hauchten unhörbar: »Ein König, furchtbar prächtig, wie blut'ger Nordlichtschein!«

Jetzt ließ er einen scheuen Blick über das regungslose Häuflein schweifen; er entdeckte die abscheuliche Frisur Almas und wußte mit schauerlicher Sicherheit: dies bedeutete etwas. Er entfärbte sich und zitterte leise. Doch wie der einsame Mensch, der in baumloser Wüste plötzlich einem Löwen gegenübersteht, das Ungetüm mit starren Blicken festhält und zu bannen sucht, so haftete sein schwarzes Auge unbewegt an dem Scheitel des gefährlichen Mädchens.

Nie hatte er so dämonisch fürchterlich ausgesehen als in diesen Sekunden seiner äußersten Angst.

Und Alma – Alma errötete über und über, bohrte die verwirrten Blicke in den Tisch und zitterte.

Sie hatte die Empfindung, daß zwei scharfe Brenngläser unausgesetzt auf ihre Stirn gerichtet wären und dort erbarmungslos sengten und sengten; sie wäre in diesem Augenblick bereit gewesen, ihren schönsten Zopf zu opfern, wenn sie sich des entsetzlichen Madonnenscheitels hätte entledigen können. Umsonst versuchte sie sich zu trösten: ›Er merkt den Hohn ja gar nicht! Er weiß ja nicht, wie du sonst die Haare trägst!‹ Was half dieser Trost? Auf jeden Fall stand ihr die Frisur abscheulich schlecht.

Tränen ohnmächtiger Wut füllten ihre Augen, eine hastige Rachsucht trotzte in ihr auf gegen den Menschen, der sich herausnahm, sie häßlich zu finden, und sie tastete leise unter dem Tisch nach dem lebenwimmelnden Kästchen in ihrer Tasche. Mit nervösen Fingern hielt sie es umklammert, auf einen günstigen Moment lauernd, den Deckel zu öffnen. Aber – die entsetzlichen zwei Brenngläser sengten auch diese verborgene Hand; erschrocken zog sie dieselbe wieder heraus und legte sie in all ihrer unschuldigen Weiße offen auf den Tisch. In der Tat, diese Hand wenigstens war unzweifelhaft hübsch, rund, zart und reizend gegliedert. Hier taten die Brenngläser nicht mehr weh. ›Ich warte lieber noch eine Viertelstunde!‹ dachte sie. ›Er muß erst noch sicherer gemacht werden! Und ich bin selbst noch ein bißchen zu aufgeregt!‹

Allein diese Viertelstunde ging herum und noch eine dazu – kein Maikäfer flog auf. Der Lehrer hatte sich längst in die Erklärung der schlichten Grundsätze der Geometrie vertieft und ließ erläuternde Zeichnungen anfertigen. Alma malte kein einziges Schweinchen, keine Lanze und keinen Mühlstein, sondern die allergesetzmäßigsten Linien, Quadrate und Kreise. Am allerwenigsten beging sie die Pietätlosigkeit, die eigenartige Klangfarbe einer Gymnasialdirektorstimme zu kopieren.

Immer demütiger, immer trauriger ward ihr kühnes Gesichtchen; sie kam fast einer Ohnmacht nahe, wenn sie an die verhängnisvolle Kreide auf dem Tischrand dachte. Zum Glück war Doktor Bellings Bauch nicht von zu beträchtlichen Ausmessungen; doch so oft er sich im Eifer des Beweisens ein wenig vorbeugte, richtete sie einen angstvoll flehenden Blick auf ihn, als ob es gälte, ihn von einem Abgrund zurückzureißen. Sein Antlitz aber wandelte sich nicht; sein Auge hing an Almas verängstigten Zügen mit unentwegter, düsterer Strenge.

So ging diese denkwürdige Stunde herum und schloß mit einem unbezweifelten Sieg Iwans des Schrecklichen.

Fräulein Leinemann trat auf ihn zu, drückte ihm die Hand und sagte leise:

»Ich bewundere Sie, Herr Doktor!«

Der Herr Doktor empfand in seinem Gewissen, daß dieser Lobspruch eigentlich ein unverdienter sei, und fühlte doch zugleich, daß sein Herz ihn nur um so mehr mit einem gesteigerten Wohlwollen gegen die Lobende beantwortete.

Die Betrachtung dieser eignen Gefühle gab ihm einen genialen Gedanken ein. Er verneigte sich leicht vor Alma und sagte ernsthaft:

»Fräulein Alma, ich bewundere Sie!«

Sie antwortete heiß errötend mit einem Blick, in dem beschämtes Dankgefühl zugleich mit dem stillen Bekenntnis all ihrer geplanten Sünden und rückhaltlose Unterwerfung lag. Dann hielt sie ihren Abgang, stolz, hochaufgerichtet, mit einem verächtlichen Blick auf ihre Gefährtinnen; auf ihrer Stirn thronte der volle Triumph: »Seht, dieser Mann bewundert mich!«

Jetzt war sein Sieg vollständig. Almas Tag von Damaskus war gekommen.

Als sie in ihr Kämmerlein trat, zog sie die fatale Schachtel aus der Tasche, hob den Deckel ein wenig in die Höhe und betrachtete das krabbelnde Gewimmel. Ein Haß ergriff sie gegen diese mutlosen Geschöpfe, die ihrer Pflicht so wenig genügt hatten, und sie verurteilte dieselben ohne Umstände samt und sonders zum Tode. Etwas vom Geist Iwan des Schrecklichen war über sie gekommen. Und zwar war ihnen der Tod durch das Fallbeil bestimmt.

Auf dem Tisch stand ein sinnvoller Apparat zum Zigarrenabschneiden, den sie vermittelst einer hinzugefügten Stickerei als Geburtstagsgeschenk für ihren Vater verarbeitete; derselbe wies drei runde Löcher und darüber ein bewegliches Messer auf. Durch diese Löcher steckte sie hurtig die Köpfe von drei Maikäfern und guillotinierte sie mit der Präzision eines geprüften Nachrichters.

»Oh, wenn das doch die Köpfe von Fräulein Stübbe, Fräulein Kahlemann und Mademoiselle Picard wären!« seufzte sie mit einem wonnevollen Schauder, die Namen ihrer bestgehaßten Lehrerinnen aufzählend.

»Na, gut,« fügte sie hinzu, »und jetzt kommen Herr Hoppmeyer, Herr Fonsky und Herr Dehnel an die Reihe!« Auch diese drei wackeren Erzieher wurden in effigie um einen Kopf kürzer gemacht.

So ging die Blutarbeit fort, bis nur noch zwei besonders schöne und fette Exemplare übrig waren. Von diesen schien sich das eine für ihr phantasievolles Auge durch einen besonders sanften, seelischen Blick auszuzeichnen: das war natürlich Fräulein Leinemann. Diese wurde für sich allein mit solcher Leidenschaft hingerichtet, daß der Kopf weithin in das Zimmer flog. Ein Ausdruck wilder Befriedigung lag auf ihren Lippen, sie glich der Kriemhild, da sie den grimmen Hagen erschlug.

Jetzt packte sie den letzten Überlebenden. Der hatte etwas merkwürdig Finsteres, Despotisches im Ausdruck, wie ein gefangener Krieger. Gut, das war also Iwan der Schreckliche; der sollte nicht eines so ordinären Todes sterben, sondern mit der edeln, kriegerischen Lanze durchbohrt werden. Sie zog eine Nadel aus dem Kleid und setzte die Spitze mordbereit auf seine Brust.

Da überlief sie ein Grauen. Ihr Opfer hatte so dämonische Augen, die mit überlegenem Hohn ihr entgegenstarrten und sie nicht loslassen wollten. Da warf sie es hastig in großem Schwung aus dem offenen Fenster. Und siehe da, stolz wie ein Adler flog es der Sonne zu.

Alma blickte ihm schwärmerisch nach und sprach feierlich: »Ein König, furchtbar prächtig, wie blut'ger Nordlichtschein!« Hierauf brach sie in heftige Tränen aus. Doch wenn man sie gefoltert hätte, sie würde nicht haben sagen können, worüber sie weinte. Über die ermordeten Maikäfer doch schwerlich.

*

Gotthold Belling kehrte in äußerst gehobener Stimmung nach Hause zurück. Es war gut, daß keiner seiner Schüler den munteren Ausdruck seiner Züge sah; wer weiß, ob nicht der Respekt darunter gelitten hätte! Nicht gerade Fräulein Leinemanns glänzende Anerkennung war es, was ihn so heiter durchwärmte, nicht der pädagogische Triumph – o ja, freilich, das war etwas recht Schönes, noch mehr, ein wahres, großes Glück, eine rechte Rettung aus dringendster Gefahr, und doch, und doch – auch dieses erhebende Bewußtsein kam nicht auf gegen die Erinnerung an den unbeschreiblich rührenden Blick jenes bildhübschen Geschöpfchens. Welcher Blick! Welcher Blick! Und wie wundervolle schwarze Augen!

Als er zu Hause angekommen war, empfand er es als seine erste Pflicht, der guten Freundin Mitteilung zu machen von dem glücklichen Ausgang des gefürchteten Abenteuers. Gewiß, es war Pflicht; freilich war er nie im Leben so wenig gestimmt gewesen, Pflichten zu erfüllen. Es muß doch auch Stunden geben, da man, vom Druck aller Pflichten gelöst, ganz sich selbst, ganz dem Genuß des eignen Empfindens leben kann! Pflicht und immer nur Pflicht! Welcher Mensch könnte beständig solchen Druck ertragen! Auch Stunden reiner Freiheit braucht der Geist nach ernstem Zwang – auch die Freiheit, von schönen schwarzen Augen und rührenden Blicken zu träumen.

Einige Stunden lang machte er Gebrauch von dieser selbstgeschenkten Freiheit; dann überkam ihn doch eine Empfindung wie Reue. Es war doch nicht schön, der liebenswürdigsten Freundschaft ihr Recht zu schmälern. Er ging, den Frauen seinen Besuch zu machen.

Helene schaute ihm mit einem bangen Blick entgegen.

»Ihre Sorge war unnötig,« sagte er etwas gezwungen, »Fräulein Alma Gruber ist, wie es scheint, verleumdet worden. Sie ist nach meiner Erfahrung die Bescheidenheit und Sanftmut selbst.«

»Sie sind ein Tausendkünstler!« rief die Frau Rechnungsrätin. »Aber Sie glauben nicht, wie mich das freut, verehrter Herr Doktor, daß Sie auch diesen unartigen Backfisch in Respekt setzen konnten; ich hätte es wirklich kaum gehofft –«

Es mußte irgend etwas in den Worten der harmlosen Dame sein, das ihm nicht behagte; er machte ein verlegenes Gesicht. – Helene bemerkte es und sagte mit leichtem Spott:

»Also wieder ein Diamant, der nur des rechten Schleifers harrte! Wenn ich aber nur erst ganz sicher wäre, daß der glückliche Schliff wirkliche Dauer hätte! Verzeihen Sie mir den Zweifel – ich kenne die junge Dame von früher – auch ihre Eltern – übrigens in der Tat ein sehr hübsches Mädchen!«

»Die liebenswürdige Gesinnung, die Fräulein Gruber mir zeigte, wird von Dauer sein, ich weiß es,« sagte Belling bestimmt, beinahe scharf. »Wenn Sie den rührenden Blick gesehen hätten! Sie ist offenbar falsch behandelt worden – sie ist von Hause aus eine schöne Natur – ich möchte sie eine anmutige Seele nennen.«

Es klang eine mühsam gedämpfte Begeisterung durch seine Worte. Helene sah ihm scheu ins Gesicht, senkte den Blick und sagte ganz leise:

»Es wird wohl so sein.«

Dann ward sie auffallend schweigsam. Die Frau Rechnungsrätin redete an ihrer Statt zwar ziemlich viel, doch es erschien dem Mathematiker recht reizlos und gleichgültig. Er hatte zum erstenmal das Gefühl, von diesen beiden Frauen nicht verstanden zu werden.

›Es ist wohl ein unbewußtes und leicht verzeihliches Gefühl des Neides gegen jenes bevorzugte Wesen!‹ dachte er. ›Wie könnten sie sonst so kühl und ungerecht urteilen?‹

Der Gedanke schien jedoch sogleich ihm sonderbar. Was hatte Helene denn eigentlich an jenem kleinen »Backfisch« zu beneiden? Richtig, das Wort Backfisch im Munde der alten Dame hatte ihn geärgert. Das war es. Warum nur gleich?

Zum erstenmal unterzog er Helenens Erscheinung einer bewußten Musterung. Und zum erstenmal fiel es ihm auf, daß sie wirklich schön zu nennen war. Ihr Profil, das sie ihm eben zugewendet hielt, war so ebenmäßig vornehm wie ihre hohe Gestalt; nirgends an ihrer ganzen Person machte sich irgendeine Einzelheit hervorstechend bemerkbar; es gingen alle Teile so edel und rein zusammen, daß ihre Schönheit dadurch alles Blendende verlor und für ein unachtsames Auge auch wohl gar nicht zum Bewußtsein drang, sondern nur in der Stille mild erfreuend wirkte wie ein verschämter Wohltäter, dessen Taten jeder sieht, dessen Name verborgen bleibt.

Es ist wahr, daß Gotthold Belling sich dieses Geständnis fast unwillig machte und den Wert desselben sogleich durch die mathematisierende Behauptung einschränkte, diese Art Schönheit habe etwas Negatives an sich, es sei gewissermaßen nur eine Nichthäßlichkeit, eines positiven starken Reizes doch eigentlich ermangelnd, während – nun ja, er wußte, wo solcher Reiz zu finden war.

Die gute Stimmung wollte nicht wiederkommen. Auch als er gegangen war, blieben die beiden Frauen schweigsam. Plötzlich, nach einem sehr langen Nachdenken, seufzte Helene:

»Es gibt nichts Süßeres, als ganz in dem Glück andrer aufzugehen!«

»Aber, Helene, was redest du wieder für Zeug!« rief die Mutter entrüstet; so wenig will uns oft eine anerkannte Lebenswahrheit in ihrer besonderen Anwendung gefallen.

Von da an blieb die Freundschaft leise abgekühlt, die Brücke des vollen Vertrauens war abgebrochen, Gotthold fühlte keinen inneren Beruf mehr, Helene von rührenden Blicken einer andern jungen Dame oder sonstigen pädagogischen Triumphen zu erzählen.

Diese Triumphe aber erlitten keine Einbuße; Almas Umkehr war eine vollständige. Zwischen ihr und dem gesamten Lehrerpersonal herrschte fortan unumwölkter Friede; seit der symbolischen Hinrichtung desselben war ihr Groll geschwunden, denn ein edler Mensch haßt nicht über das Grab hinaus. Sie sah vor allem mit Verachtung auf ihre vorigen Kindereien herab, denn der Tag von Damaskus hatte ihr als reifste Frucht die stille Einsicht gebracht, daß sie kein Kind mehr sei, daß es also auch kein ausfüllender Lebenszweck mehr für sie sein könne, ihre Lehrer zu ärgern, sondern daß sie vielmehr allen Ernstes darauf zu denken habe, durch schöne Gewänder und Haartrachten sowie auch durch gesittete Gebärden die Herzen der andern Zeitgenossen zu erfreuen. Nur durch eine Untugend setzte sie noch zuweilen ihre Umgebung in Schrecken: durch ihre Leidenschaft, die Mathematik in alle andern Wissenschaften einzumischen und über alle zu erhöhen. So kränkte sie den Historiker durch die Erfindung eines Herrn Cosinus von Medici, rechnete das Quadrat der Hypotenuse zu den christlichen Symbolen des pythagoräischen Konzils, sprach in der Literaturstunde nur von Goethe plus Schiller und machte sogar einen Versuch, die Kurve der Herderschen Parabeln zu berechnen. In der Zeichenstunde dagegen wurden ihre geradlinigen Figuren besonders rühmend hervorgehoben.

Alle diese kleinen Verstöße hinderten jedoch nicht, ihr die Qualifikation vollkommener sittlicher Reife zu erteilen, und so ward sie denn am Ende des Sommers sauber konfirmiert, mit den wärmsten Segenswünschen für ihr ferneres Leben aus der Schule entlassen, erhielt ihr neues Herbstkleid noch um einige Zentimeter länger, so daß nun auch nicht mehr der Sohlenrand der Stiefel zu sehen blieb, und empfing durch Anfügung einer angemessenen Turnüre den letzten Stempel der vollen Jungfräulichkeit. So gerüstet trat sie in die gesellschaftliche Winterkampagne ein.

4

Es war Winter geworden. Das Haus des Kommerzienrats Gruber rüstete sich zu der ersten Tanzgesellschaft dieses Jahres.

Alma saß in Festkleidung erwartungsvoll allein in dem großen Saal. Der Armleuchter war schon angezündet, das Gas zischte leise, sonst wehte ein feierliches Schweigen der Erwartung durch den stattlichen Raum. Der Parkettfußboden glänzte spiegelblank, und über die prächtigen Plüschmöbel glitten schimmernde Lichter. Der Flügel war tatenlustig geöffnet, Tische und Stühle beiseitegerückt, eine Menge Tassen und Gläser standen darauf verteilt; alles war in musterhafter Ordnung, die Gäste konnten kommen.

Es war aber auch Zeit, daß sie kamen! Almas Herz schlug mit jeder Minute unruhiger.

»Mama könnte auch schon fertig sein,« murmelte sie ärgerlich; »daß sich Papa verspätet, ist freilich selbstverständlich!«

Sie wanderte ein paarmal den großen Saal auf und ab; ihr Herz schlug wahrhaftig ganz aufgeregt! War es denn möglich, daß sie Lampenfieber hatte, sie, Alma Gruber, die ihre ersten Schritte schon auf dem Parkett gemacht und ihre ersten Worte in großer Gesellschaft gelallt hatte? Nein, wahrlich nicht, das konnte ihr nimmermehr passieren; es war nur so eigen, daß sie Fräulein Leinemann und Herrn Doktor Belling heute zum erstenmal als vollendete Dame entgegentreten solle, nicht mehr als Schülerin. Das war es, das machte ihr Sorge, sie war sich noch nicht recht klar darüber, in welcher Art sie sich vor ihnen benehmen mußte. Zwar Fräulein Leinemann – du lieber Gott, nein, die machte ihr wirklich keinen Kummer, die Sache war zu einfach und natürlich. So war's denn also wahrhaftig nur Doktor Belling, nur dieser Iwan der Schreckliche! Ja, wenn er ein alter Mann gewesen wäre, dann war alles einfach – aber so! Sie konnte doch einem jungen Herrn, einem veritabeln jungen Herrn der Gesellschaft nicht öffentlich die Ehrfurcht bezeigen, die sie vor ihm fühlte! Sie durfte ihm ja nicht einmal mehr den Stuhl zurechtrücken oder sonst eine kleine Dienstleistung erweisen – vielmehr war all so etwas jetzt seine Sache ihr gegenüber als einer Dame. Aber dieses auf den Kopf gestellte und unnatürliche Verhältnis festzuhalten und durchzuführen, da lag eben die Schwierigkeit! Wie war es möglich, sich ihm gelassen als gleichberechtigt an die Seite zu stellen, wo man sich doch so gar nicht gleichberechtigt fühlte? Wie war das durchzuführen ohne Erröten, Erschrecken, Stottern und Sichverwirren? Und welch ein Gaudium das für die übrige Gesellschaft, sie, Alma Gruber, als verlegenen Backfisch zu erblicken!

Ihre innere Unruhe wuchs. Sie machte den Versuch, ihre Gleichberechtigung sich selbst zu beweisen. Warum brauchte sie jenen denn anders zu empfangen als beispielsweise alle jüngeren Offiziere, mit denen sie unbefangen und sogar, wie sie sich gestehen konnte, eher ein wenig von oben herab verkehrte? Wenigstens, was sich der Herr von Bodungen zum Beispiel von ihr gefallen ließ! Oder gar der kleine Mellenthin! War ein Mathematiklehrer denn mehr als ein Husarenoffizier? Kein Gedanke daran – im Gegenteil! Und die Tochter eines Kommerzienrats sollte nicht . . . Ihr Vater war ungeheuer reich! Und sie sollte jenem nicht ebenbürtig sein? Natürlich, selbstverständlich, mehr als das . . . Ja, aber . . .

Ihre Unruhe war noch nicht beschwichtigt. Da tat sie einen verzweifelten Blick in den Spiegel, um sich jene unglückliche, verlegene, unebenbürtige Alma Gruber zu betrachten; und sie betrachtete sich. Immerhin stand ihr das rote Seidenkleid vortrefflich zu dem dunkeln Haar, und die Frisur selbst – etwas auffallend konnte sie ja auf den ersten Blick scheinen, aber doch nur auf den ersten Blick, und dann sehr originell und so passend zu ihrem ganzen Gesicht, so flott und kühn – Herrgott, wenn sie an den Madonnenscheitel in der ersten Mathematikstunde dachte! Wirklich, sie konnte sich sehen lassen, sie sah nach etwas aus – o ja, Alma Gruber war ihm doch ebenbürtig!

Die Ruhe war in ihr Herz zurückgekehrt, sie wäre bereit gewesen, ohne Vorübung einen König zu empfangen.

Wenn jetzt nur erst die Gäste da wären! Inzwischen trat ihre Mutter im Festschmuck herein, eine noch jugendliche Dame, ihrem Anzug nach sogar noch sehr jugendlich.

»Hier ist noch etwas für dich,« sagte sie, ihrer Tochter einen großen Strauß auserlesener Rosen überreichend. »Wahrhaftig, wie ausgesucht zu deinem Kleid,« fügte sie hinzu, die reizende Gestalt mit Befriedigung musternd; »eine von den Rosen kannst du noch ins Haar stecken – Herr von Bodungen schickt sie mit der Bitte, ihm den Kotillon zu reservieren, er könne leider erst später kommen.«

Alma nahm den Strauß etwas langsam und sagte kühl: »Paßt mir nicht! Wenn er etwas will, kann er zur rechten Zeit kommen.«

»Aber, Kind, er ist dienstlich verhindert; sonst kennst du ihn doch zur Genüge, um zu wissen –«

»Ist mir ganz gleich. Meinen Kotillon habe ich versagt.«

»Nicht möglich! Aber an wen denn? Du hast doch niemand gesprochen!«

»Ist meine Sache! Ich bin kein Kind mehr, Mama.«

»Nur zu sehr, fürchte ich fast. Sag mir doch, was denkst du dir eigentlich dabei, Herrn von Bodungen so kurz zu behandeln? Ich habe das schon öfter mit Bedauern beobachtet. Noch neulich auf der Promenade – den schneidigsten und beliebtesten Offizier des Regiments –«

»Warum ist er so zudringlich? Er kann mir ja den Hof machen, natürlich, wie die andern, aber nicht so! Er läßt mich ja gar nicht los.«

»Ich vermute also, daß er es ernst meint. Und du solltest auch erwachsen genug sein, es ernst aufzufassen.«

»Tue ich. Darum behandle ich ihn kurz. Ich mag ihn nicht.«

»Aber, Alma, du wirst mir unbegreiflich. Was hast du gegen diesen Mann einzuwenden?«

»Nichts. Er ist forsch und ein famoser Tänzer.«

»Alma! Nicht diese Studentenausdrücke!«

»Na, wenn mir doch keine besseren einfallen! Forsch ist er, gerade forsch, und darum nenne ich ihn so.«

»So sage doch kräftig, energisch, männlich – schneidig, wenn du willst, nur nicht das burschikose Wort!«

»Das paßt alles nicht so gut wie forsch. Aber trotzdem kann ich ihn nun einmal nicht leiden. Er ist mir greulich, ganz verhaßt. Er ist so unverschämt. Er spielt den Überlegenen, wie kommt er dazu? Er ist mir noch lange nicht überlegen! Im Gegenteil, dumm ist er. Denke dir, neulich wußte er nicht einmal mehr den pythagoreischen Lehrsatz! Na, und so einen soll man ernst nehmen!«

Die Frau Kommerzienrätin sah ihrer Tochter prüfend ins Gesicht.

»Liebe Alma,« sagte sie langsam, »ich will doch nicht hoffen – die Einladung für diesen Herrn Belling –«

»Herrn Doktor Belling, Mama!«

»Lag dir so auffallend um Herzen, obgleich er gar nicht Visite gemacht hatte – ich will doch nicht hoffen, daß du den Kotillon für diesen Herrn reserviert hast?«

Alma wurde rot.

»So?« rief sie trotzig. »Und warum willst du das nicht hoffen? Wenn es mir nun zufällig so paßt?«

»Dann würdest du zeigen, daß du noch ein rechtes Kind bist. Zunächst würde Herr von Bodungen sehr verletzt sein –«

»Ist mir gerade recht!«

»Vielleicht sich ganz zurückziehen –«

»Soll er tun, in Gottes Namen!«

Die Frau Kommerzienrätin wurde ärgerlich.

»Du bist nicht recht gescheit!« sagte sie scharf. »Dann möchte ich doch nur eins wissen: sage mal, willst du diesen Herrn Schulmeister etwa heiraten?«

Alma machte ein vollkommen verblüfftes Gesicht. »Mama!« rief sie erschrocken. Dann stieg ihr das Blut heiß in die Schläfen. Dann schwieg sie und starrte verwirrt zu Boden.

»Ein köstlicher Gedanke!« lachte die Mama. »Du – und ein armer Schulmeister!«

Jetzt stampfte Alma heftig mit dem Fuß auf, warf ihrer Mutter einen wütenden Blick zu und schrie:

»Und nun gerade! Ja, ja, heiraten will ich ihn! Gerade heiraten! Dir zum Ärger erst recht! Und nachher wird er Schulrat, und wir lachen dich aus! Ein Schulrat ist doch viel mehr als so ein lumpiger Kommerzienrat, der bloß Geld hat und weiter gar nichts!«

Die Mutter rang fassungslos die Hände.

»Alma, du beleidigst deinen Vater!« stöhnte sie. »Übrigens würde Papa natürlich nie seine Einwilligung geben.«

»Papa?« lachte Alma spöttisch. »Als ob der etwas zu sagen hätte! Hast du ihn denn je gefragt, wenn dir etwas paßte?«

»Kind! Und so sprichst du von deinem gütigen Vater!?«

»Warum ist er auch bloß gütig und weiter nichts? Warum ist er nicht ein bißchen forscher? Und du machst es gerade so mit ihm!«

»Ich bin seine Frau –«

»Und ich bin seine Tochter und will Schulrätin werden! Es paßt mir nun einmal so.«

Jetzt stampfte die Kommerzienrätin geradeso mit dem Fuß auf wie vorher ihre Tochter und rief:

»Närrisch bist du, närrisch, komplett närrisch. Einen hungrigen Schulmeister!«

»Na, weißt du, hungrig sieht er wahrhaftig nicht aus! Wenn dein Mann nur so aussähe und so wäre! Er ist noch viel forscher als der Bodungen. Denke doch nur an seine Duelle! Und dann noch die Integralrechnung – die ist nämlich furchtbar schwer. Die würde nicht einmal Herr von Bodungen kapieren und Papa schon gar nicht.«

»Alma, schone deinen Vater!«

»Na ja, aber – und Differentialrechnung! Denke dir doch, Papa und Differentialrechnung!«

»Ach was, das sind brotlose Künste! Papa verdient zehnmal mehr mit bloßem Addieren und Multiplizieren. Ich nehme an, daß du mit deinen Kindereien jetzt zu Ende bist und Vernunft annehmen wirst. Ich denke auch, der Herr Schullehrer wird schon selbst verständiger sein als du. Was sollte er auch mit einem so dummen Ding, wie du bist, anfangen?«

Mit diesen Worten rauschte sie, sich kurz umwendend, hinaus, und Alma blieb nochmals allein in dem großen Saal. Jetzt trampelte sie mit beiden hübschen Füßchen auf dem kostbaren Parkettboden herum und rief: »Und ich heirat' ihn doch! Ich heirat' ihn doch! Ich heirat' ihn doch!«

Da klingelte es draußen. Der erste Gast war da. Es war Herr von Bodungen. Ein schöner, hochgewachsener Offizier von sicherem Auftreten und eleganten Bewegungen. Sein Gesicht hatte etwas Herrisches, aus seinen Augen sprach zuweilen ein trotziges Begehren. Die Kommerzienrätin führte ihn herein.

»Ich bin so glücklich, gnädiges Fräulein, früher zu kommen, als ich gehofft hatte; ich kann also meine Bitte um den Kotillon persönlich wiederholen.«

»Bedaure, Herr Oberleutnant, bin schon versagt.«

»Oh, abscheulich – also doch schon zu spät gekommen! Darf man fragen, wer der glückliche Gewinner des großen Loses ist?«

»Fragen dürfen Sie,« sagte sie schnippisch, »ob Sie aber eine Antwort bekommen, steht auf einem andern Blatt.«

Die Mutter warf ihr einen mild verweisenden, halb bittenden Blick zu.

»Ich verdiente die Strafe, gnädige Frau,« sagte Herr von Bodungen lächelnd. »Wie kann man auch so naseweis fragen? Gnädiges Fräulein ist in ihrem Recht! Gnädiges Fräulein, welchen Tanz bewilligen Sie mir als Zeichen Ihrer Vergebung?

»Welchen Sie wollen – mir ganz gleichgültig.«

»Mir auch. Jeder Tanz mit Ihnen ist gleich schön. Darf ich Quadrille bitten?«

»Meinetwegen.«

Sie reichte ihm die Tanzkarte. Er sah, daß für den Kotillon noch kein Name notiert war.

»Bedauerte gestern unendlich,« sagte er, »nicht bei Schünemanns sein zu können – war beim Oberst – wußte, daß Sie dort waren – oder nicht?«

»Natürlich. Also Sie waren nicht da?«

»Meines Wissens nicht! Gnädiges Fräulein sind heute mehr boshaft als wahrheitsliebend.«

»Und Sie mehr wahrheitsliebend als boshaft. Aber Sie unterschätzen sich: daß sich auch Ihre Abwesenheit mir so bemerkbar machen sollte als Ihre Anwesenheit – nein, so schlimm sind Sie wirklich doch nicht!«

»Alma! Alma!« rief die Frau Kommerzienrätin entsetzt. Herr von Bodungen machte ein verblüfftes Gesicht; diese Grobheit ging denn doch über allen Spaß.

»Unter diesen Umständen verzichte ich freilich wohl besser auf meine Quadrille,« sagte er, sich verbeugend.

»Schade!« lachte Alma.

»Sie spotten! Warum schade?«

»Sie tanzen so gut.«

»Wie gnädig, an mir eine gute Eigenschaft anzuerkennen!«

»Nun, irgend etwas Gutes findet sich am Ende bei jedem.«

»Danke verbindlichst! Und irgend etwas Böses, scheint es, auch bei der reizendsten jungen Dame.«

»Sie tun also jedenfalls klüger, mich nicht aus zu großer Nähe kennen lernen zu wollen; bei nicht so naher Bekanntschaft bin ich liebenswürdiger, ich verspreche es Ihnen.«

»Diesmal sind Sie, fürchte ich, so wahrheitsliebend als boshaft – auf eigne Kosten. Ein Glück aber, daß sie selbst diese Äußerung machten, nicht ein andrer über Sie; er bekäme es mit mir zu tun.«

»Ach, wirklich, würden Sie ihm eine Grobheit sagen?«

»Allerdings – eine einzige. Und die würde genügen.«

»Sie würden ihn fordern?«

»Jeden, der Ihnen jemals zu nahetreten sollte, mein gnädiges Fräulein.«

»Dann schießen Sie sich nur zuerst mit meiner Mama; die macht mitunter Versuche, mir widerwärtige Dinge zuzumuten; so noch vor einer Viertelstunde! Fragen Sie sie nur!«

»Lassen Sie das ungezogene Kind, lieber Herr von Bodungen,« fiel die Kommerzienrätin verlegen und hastig ein, »sie ist heute völlig ungenießbar, wie Sie sehen. Uebrigens habe ich ihr zur Strafe heute einen Schulmeister bestellt, der sie zur Raison bringen soll; Sie werden sich vortrefflich amüsieren, zu sehen, wie gehorsam und demütig sie dann sein kann.«

Almas Augen schossen Blitze.

»Ein Schullehrer, ein gewisser Herr Belling,« erläuterte die Mutter.

»Ah, Iwan der Schreckliche!« rief der Oberleutnant. »Bin begierig, den Herrn kennen zu lernen, habe viel von ihm gehört, soll ein merkwürdiger Mensch sein, höchst schneidig, brillanter Schütze, wütender Draufgänger – wird aber hoffentlich gegen gnädiges Fräulein nicht mehr den Schulmeister herauszukehren wagen, sonst –«

»Werde ich mich selbst zu schützen wissen,« sagte Alma kühl. Als sie sein herausforderndes und hochmütiges Gesicht sah, erschrak sie einen Augenblick; dann aber drehte sie sich ruhig ab und murmelte: »Herr Doktor Belling schießt ja viel besser!«

Nun kamen auch andre Gäste, und der Saal füllte sich langsam mit buntfarbigen Kleidern, wehenden Locken und Frackschößen, weißen Schultern und Armen, blitzenden Diamanten und Uniformknöpfen, mit Schärpen, Sträußen, Handschuhen, Batisttaschentüchern, Fächern, Riechfläschchen, Orden und Ordensbändern, weißen Krawatten, Haarbürsten, Handspiegeln, Brillen und Kneifern, Lackstiefeln und Klapphüten, blitzenden Augen und Busennadeln, mit Schleppen, Einschnürungen und Auswüchsen und vielen andern Zeichen menschlicher Fröhlichkeit.

Alma war nun vollauf beschäftigt, alles zu empfangen und zu begrüßen.

Endlich trat auch Doktor Gotthold Belling herein. Er sah »furchtbar prächtig« aus. Sein Haar und Bart wallten feierlich wie eine Amtstracht, seine große, knochige Gestalt überragte alle andern und hob sich von den buntjackigen, leichthüpfigen Husarenoffizieren in düsterer Würde ab.

Alma näherte sich ihm jetzt langsam und ängstlich. Er sah sie noch nicht, er war von dem Glanz geblendet und etwas verwirrt. Der eigentümliche Ballduft, der schon den Saal zu durchwehen begann, gemischt aus zahllos verschiedenen Wohlgerüchen und Halbwohlgerüchen, betäubte seine ungewohnten Sinne und erregte in ihm eine unbehagliche Beklemmung. Dies ängstliche Gefühl ließ ihn sehr grimmig aussehen, am grimmigsten, als er Alma erblickte. Denn ihre zierlich feste Gestalt, die sich in dem verwirrenden Menschengewühl so frei und sicher bewegte, hierhin und dorthin lächelte und nickte, den Fächer graziös auf- und zuklappte, übermütig tänzelte und wippte, diese entzückende Lichtgestalt mit den festlich aufgeregten Augen im reichen Ballschmuck, mit entblößten Schultern und flatternden Locken, die erschien ihm so fremdartig schön wie ein jäh aufgeflammtes Nordlicht, verführerisch anziehend zugleich und in glänzender Unnahbarkeit.

In dem heiteren Selbstbewußtsein, das ihr der Spiegel eingehaucht hatte, trat sie auf ihn zu. Doch als sie seine finstere Miene erblickte, erschrak sie und ward wieder ganz klein und schüchtern wie ein Schulmädchen. Unwillkürlich tastete sie mit der Hand nach dem Kopf.

›O weh,‹ dachte sie, ›meine Frisur gefällt ihm nicht. Wie schändlich! Und ich fand sie so hübsch!‹

Er begrüßte sie mit steifer Herablassung, um so steifer, als es ihn unnatürlich dünkte, sich körperlich zu der hinabbeugen zu müssen, die wie ein Stern über ihm hätte stehen müssen.

So ängstigten sie sich beide und fanden wenig Worte. Alma hielt ihm ihre Tanzkarte lockend vor die Augen, doch er schien nichts zu sehen.

»Wollen Sie nicht mit mir tanzen?« fragte sie endlich verlegen.

»Wenn Sie gestatten, Fräulein Al–, Fräulein Kommerz–, gnädiges Fräulein, sehr gern.«

Sie reichte ihm die Tanzkarte, die er umständlich studierte, als wenn sie ein noch nie gelöstes arithmetisches Problem enthielte.

»Sie haben nur noch den Kotillon frei,« brachte er endlich als Resultat seiner Berechnungen heraus und wollte ihr das Kärtchen zurückgeben.

»Nun ja,« sagte sie zaghaft, »wollen Sie den nicht mit mir tanzen?«

»Ich?« fragte er ganz erstaunt, als wenn sie ihm ein Ministerportefeuille angeboten hätte.

Sie erschrak. ›Himmel,‹ dachte sie, ›er will gar nicht! Ich bin ihm zu jung! Oho, dann wird er wohl Fräulein Leinemann zum Kotillon führen wollen!‹ trotzte sie in sich selbst.

»Das heißt,« stotterte sie, »wenn Sie keine Lust haben, natürlich nicht; wenn ich Ihnen zu unbedeutend bin – Herr Premierleutnant von Bodungen bat sehr um den Kotillon – aber ich hoffte –«

Jetzt endlich begriff er.

»Oh, oh, oh,« rief er, »aber ich bitte Sie – wenn ich darf – wenn Sie erlauben – ich konnte nicht denken, daß ich gerade – ich tanze aber nur schlecht –«

Er sah in seiner Verlegenheit so wütend aus, daß Alma abermals betrübt ihre Frisur betrachtete und sich unendlich geehrt fühlte, den Kotillon doch noch von ihm bewilligt zu bekommen.

»Ich habe übrigens Ihre verehrten Eltern noch nicht begrüßt,« sagte er. »Ihren Herrn Vater konnte ich nicht finden, und Ihre Frau Mama sah mich nicht, obgleich ich – sie war so sehr in Anspruch genommen –«

»Ach, kümmern Sie sich um Mama nicht,« entgegnete sie eifrig; »die hat ihre kurzsichtigen Stunden – ihre Mucken meine ich – Launen meine ich – wenn man sich darum scheren wollte, hätte man viel zu tun. Und Papa – Gott, Papa ist bei solchen Gelegenheiten überhaupt das fünfte Rad am Wagen. Ach, sehen Sie, aber da ist Fräulein Leinemann gekommen, die gute alte Schraube, was wird die heute wieder für Sanftmut flöten –«

Der Doktor blickte sie ernstlich erstaunt an. Sie fuhr ein wenig zusammen. ›Au,‹ dachte sie, ›da hab' ich mich mal wieder verplappert!‹

»Seien Sie nicht böse,« sagte sie demütig, »wenn ich so rede. Man gewöhnt sich so etwas von den vielen Leutnants an. Ja, und was kann ich schließlich dafür, wenn ich vor jemand keinen Respekt habe!« platzte sie auf einmal halb trotzig heraus.

»Ich bitte Sie, Fräulein Alma,« sagte er in stark schulmeisterlichem Ton, »eine so hochverdiente Dame wie Fräulein Leinemann, die bei jedermann der höchsten Achtung genießt –«

»Ach ja, ich weiß schon,« unterbrach sie ihn kleinlaut, »die genießt Papa auch – natürlich, bei mir auch – aber Achtung, Achtung, das klingt so langweilig – und ich wickle mir ihn darum doch um den Finger – was hilft das alles? Furcht habe ich noch nie vor ihm gehabt.«

»Muß man denn fürchten, um Respekt zu haben?« fragte er mit etwas unsicherem Ton.

»Ich weiß nicht,« versetzte sie, leicht errötend, »aber ich glaube fast – ich wenigstens – man kann sogar, glaube ich, jemand erst richtig lieben, wenn man Furcht vor ihm hat.«

Er schwieg etwas betroffen. Sie wich scheu seinem Blick aus. Da wandelte Fräulein Leinemann heran und begrüßte die beiden. Sie war entzückt, ihren Lehrer und ihre einstige Schülerin so miteinander fraternisieren zu sehen.

Alma aber benutzte die Gelegenheit, um zu entschlüpfen; auf die Länge ward ihr das Gespräch mit dem künftigen Schulrat zu streng und beängstigend; doch warf sie im Abgehen auf ihn einen Blick voll furchtsamer Verehrung, der ihn mit einem merkwürdig angenehmen Schauder überrieselte.

Fräulein Leinemann hängte sich mit sanfter Energie an seinen Arm und ließ ihn nicht mehr los, sondern führte ihn im Triumph im Saal auf und nieder, stolz umherblickend, als wollte sie aller Welt zurufen: ›Seht, das ist mein Lehrer!‹

So mußte er lange Zeit hindurch Leid und Lust der Geselligkeit mit ihr gemeinsam tragen. Doch war ihm das am Anfang nicht unlieb, denn seine Beklommenheit war nicht geringer geworden, er bedurfte einer Stütze. Noch war die ungemütliche Periode jeder deutschen Hausgesellschaft nicht vorüber, wo man sich mit Teetassen in den behandschuhten Händen unklar hin und her schiebt, von Zeit zu Zeit ein Küchelchen knabbernd, um damit wieder über einige Minuten hinwegzukommen, und wo die Hauptunterhaltung darin besteht, daß die Damen ihre Fächer und die Herren ihre Klapphüte oder Kneifer allerhand abenteuerliche wippende und kreisende Bewegungen ausführen lassen und dabei mit dem Brustton der Überzeugung unermüdlich den denkwürdigen Satz repetieren, das Wetter sei in diesem Jahr vollkommen abnorm.

An der Seite Fräulein Leinemanns aber konnte er diesen Trübsalen leidlich trotzen. Auch gewann er den Vorteil, daß verschiedene Herren höheren Alters und Ranges, die er sonst hätte aufsuchen müssen, sich ihm von selbst präsentierten.

Auch der Oberleutnant von Bodungen stellte sich ihm vor. Bodungen? Bodungen? Wo hatte er den Namen schon gehört? Der junge Offizier musterte ihn ein wenig auffällig, zeigte sich aber im übrigen von einer ritterlichen, etwas nachlässigen Liebenswürdigkeit. Er begann sehr unvermittelt eine Unterhaltung über studentische Formen des Duells, und als der andre sich wortkarg zeigte, weil er herzlich wenig davon wußte, ging er auf etliche technische Fragen bezüglich der Konstruktion einer neuen Pistole über, wobei ihm Belling noch viel weniger Rede stand. So kam es, daß die beiden gleichmäßig übereinander die Köpfe schüttelten und sich im Herzen gegenseitig für wunderliche Käuze erklärten.

»Sie schießen doch gern, Herr Doktor?« versuchte der Leutnant noch einmal anzuknüpfen. »Natürlich zum Vergnügen, nur zum Vergnügen,« fügte er mit einem Seitenblick auf Fräulein Leinemann hinzu. Und als jener ihn verwundert mit seinen düsteren Blicken anstarrte, sagte er mit gedämpfter Stimme: »Ich verstehe – darf nicht laut werden der Herren Vorgesetzten wegen – warne Sie also, Herr Doktor. Man hört von der Straße her deutlich Ihre Uebungen im Hof oder Garten – also Vorsicht!«

Damit empfahl er sich.

›Was?‹ dachte Doktor Belling. ›Also man schießt auf dem Hof? Daher dies störende Knallen! Wer kann das sein? Die Rechnungsrätin oder Helene dürften doch kaum solchem Sport huldigen; wenn es Fräulein Alma wäre, könnte man schon eher auf den Verdacht eines derartigen Unfugs kommen –‹

Plötzlich kam ihm die Erinnerung, daß er den Namen Bodungen gerade von seinen Hausdamen irgendwie hatte nennen hören. Er fragte Fräulein Leinemann nach den Lebensumständen des Mannes.

»Er ist ein nicht ganz vorwurfsfreier Charakter,« sagte diese sanft, »leider! Soll zwar ein tüchtiger Offizier sein, ein berühmter Reiter, aber nicht fleckenlos in seinem Privatleben. Nicht wahr, Sie muten mir nicht zu, etwas Näheres zu wissen? Das Mildeste ist, daß er unsern jungen Damen allzu lebhaft und allzu flatterhaft den Hof macht; ich fürchte, er hat manche Mädchenträne auf dem Gewissen – ich glaube, Sie brauchten in Ihrem eignen Hause nicht weit zu suchen – ich entsinne mich wenigstens, daß vor zwei oder drei Jahren von einer bevorstehenden Verlobung viel die Rede war, bis der Herr Leutnant zufällig in Erfahrung brachte, daß eine dort vorhandene Erbtante erst fünfunddreißig Jahre alt und von eiserner Gesundheit sei, zudem noch gar kein Testament gemacht habe und für wohltätige Anstalten schwärme, so daß nach dieser Hinsicht das Schlimmste zu befürchten sei. Da war es denn mit der Liebe zu Ende.«

Gotthold Belling wurde auf einmal sehr nachdenklich und schweigsam. »Dann hat er mehr verloren als sie,« sagte er nur noch kurz, und gerade diese flüchtige Bemerkung klang ihm immerfort vor den Ohren nach. Es stand plötzlich aus unbekanntem Grunde in ihm die Überzeugung felsenfest, daß ein Mann, der jenes Mädchen besitzen könne und es verschmähe, ganz unermeßlich töricht sein müsse. In diesem Augenblick glaubte er zu bemerken, daß Fräulein Leinemann, in das Gewühl der Gäste blickend, ein wenig spöttisch lächelte, und obgleich er sich selbst sagen mußte, daß dies zappelige Knicksen, Dienern, Tänzeln, Gliederrenken, Halsverdrehen und Bachstelzeln so vieler Menschen für den unbefangenen Beobachter überreichen Stoff zum Lachen gab, so konnte er doch das Gefühl nicht loswerden, als ob er selbst der Gegenstand ihres Spottes sei und sie ihn aus irgendeinem Grund ganz unermeßlich töricht finde.

Doch das war nur eine sekundenlange Vision, ein zweiter Seitenblick überzeugte ihn von Fräulein Leinemanns unanfechtbarer Harmlosigkeit. Sein Auge suchte den ungetreuen Offizier. ›Ein schöner Mensch,‹ dachte er, ›feurig und stolz! Wohl begreiflich, daß er das bleibende Ideal eines edeln Herzens sein kann!‹

Aber trotz dieser gerechten Anerkennung ergriff ihn doch ein stiller Haß gegen jenen, nicht gerade wegen seiner Untreue, dafür war er ja durch ihren Verlust schon bestraft genug, sondern vielmehr darum, daß er sich herausnahm, ein bleibendes Ideal zu sein für – nun, für irgend jemand!

Er begriff sich selbst nicht, woher ihm plötzlich so ein häßliches Gefühl gemeinen Neides kam, und er bemühte sich ehrlich, dies zu unterdrücken, wenn auch vorerst ohne ganzen Erfolg.

Inzwischen hatte ihn Fräulein Leinemann schon wieder weitergeschleppt und stand plötzlich mit ihm vor dem Hausherrn, in dem er einen kleinen, trippelndem bartlosen Herrn mit großen Brillengläsern und sehr vielen Runzeln kennen lernte, der überaus gutmütig und unschuldig aussah und ihm wie seiner Führerin die wortreichsten Komplimente über ihre wunderbaren pädagogischen Erfolge bei seiner Tochter machte.

»Sie glauben gar nicht,« rief er entzückt, »wie das Kind jetzt für Mathematik schwärmt! Beachten Sie, Herr Doktor, sie hat sogar das Ende ihrer Schärpe in Form eines pythagoreischen Dreiecks mit den Quadraten zugeschnitten – und früher konnte sie nichts als mathematische Schweinchen machen, fröhliche, traurige und gleichgültige! Mein Sohn in der Untertertia ist auch ein ganz andrer geworden, seit er in Ihrer Zucht steht; ich habe es immer gesagt, ein Erzieher kann nicht streng genug sein.«

»Jedoch mit Maßen,« bemerkte Fräulein Leinemann, »auch die Sanftmut hat ihre pädagogischen Erfolge.«

»Versteht sich, versteht sich, verehrtes Fräulein,« rief der kleine Herr, ihre beiden Hände zärtlich drückend, »oh, versteht sich, die Sanftmut! Nichts geht über die Sanftmut in der Erziehung!« Damit schlüpfte er vorüber, um den nächsten Gast zu irgendeinem Erfolg zu beglückwünschen.

Jetzt setzte die Musik rauschend ein und rief zur Polonäse. Gotthold Belling schlang diesen ehrbaren Reigen mit Fräulein Leinemann, dann ward er sie endlich los und folgte nun eine Zeitlang ungestört dem Wirbel der Tanzenden, ohne selbst mitzutun.

Der selten genossene Anblick hatte etwas Berauschendes für ihn. Die rhythmische Bewegung, die Auge und Ohr zugleich gefangennahm, regte seine Sinne mächtig auf, und die feinen Wellen der Wohlgerüche bezauberten ihn. Er kam sich vor wie entrückt in eine heitere Welt olympischer Götterwesen, die nur die schwebende Seligkeit des Lebens kannten und nichts von der ewig hemmenden, an den Boden fesselnden Mühsal wußten.

Immer wieder tauchte in den wirbelnden Reihen Almas zierliche Gnomengestalt auf in dem leuchtenden Kleid mit den lang nachflatternden Haaren; er folgte ihr mit entzückten Blicken und ließ sie nur manchmal auf eine Weile los, um sich inzwischen heimlich auf das Wiedersehen zu freuen. Er fand sie unglaublich schön heute.

Und er wußte, daß auch sie ihn sah und seinen wechselnden Stellungen folgte. Ihr Blick streifte ihn oft selbst während des schnellsten Tanzes, und immer war es ein seltsamer Blick scheuer Bewunderung und Verehrung, der ihm einging wie süßer, schwerer Wein.

»Sie tanzen nicht, Herr Doktor?« fragte der Hausherr, zu ihm tretend.

»Ich tanze mangelhaft, und es macht mir mehr Vergnügen, zuzusehen,« erwiderte er.

»Versteht sich, versteht sich, mir auch, oh, versteht sich! Aber wie wäre es mit einem Zigarettchen? Habe ein ganz geheimes Rauchzimmer eingerichtet; soll eigentlich erst nach dem Essen betreten werden, indessen Sie schweigen ja darüber, versteht sich – nebenbei, habe dort ein Pröbchen griechischen Weins, Kephalonia, alte Beziehung zum Vizekonsul in Argostoli; wirklich feines Weinchen, versteht sich.«

Gotthold folgte dem liebenswürdigen kleinen Herrn und betrat mit ihm das abgelegene Rauchzimmer. Es war ein überaus gemütlicher Raum, durch eine Hängelampe ruhig beleuchtet und teppichwarm, mit Polsterstühlen besetzt, wie gemacht für eine stille Erholungspause.

Der Kommerzienrat bot ihm eine Zigarette, schenkte ihm und sich von dem Kephalonier ein, der stark und würzig schmeckte, und lief plaudernd umher wie ein Wiesel.

Nach kurzer Zeit bat er um Entschuldigung für einen Augenblick. »Nur noch einmal revidieren im Eßsaal. Bin gleich wieder da, versteht sich.«

Aber er kam nicht so bald zurück, und Gotthold sehnte sich nicht nach ihm. Er fühlte sich äußerst behaglich in der Einsamkeit. Die ganz gedämpfte, wie aus weiter Ferne leise heranschwellende Musik, der kräftig feine Duft des türkischen Tabaks, der feurige Wein, die ganze wohlige Atmosphäre gesättigten Reichtums um ihn her, das alles stimmte ihn zu wonnig träumendem Ausruhen. Er empfand einmal ernstlich, daß es seine Vorzüge hat, sehr reich zu sein.

Inzwischen wurden im Saale Polkas, Walzer, Galopps, Mazurkas und Quadrillen abgetanzt; Alma begann mitten im Strudel eigner Bewegung ihren stillen Zuschauer zu vermissen.

»Papa, hast du den Herrn Doktor Belling nicht gesehen?« sagte sie im Vorübergehen.

»Versteht sich,« entgegnete er, »ist wohl aufgehoben im Hintergrund. Ein tüchtiger Mann das, sehr tüchtig! Wenn er um eine Kleinigkeit weniger hochmütig aussähe, wollte ich es ihm hoch anrechnen, um eine Kleinigkeit, versteht sich. Aber freilich, solch ein Mann! Wenn du ihn zum Tanzen haben willst, Almchen, mußt du ihn weit suchen, aber vielleicht findest du ihn.«

Alma wußte sogleich Bescheid. Aha, im Rauchzimmer.

»Ist er allein?« fragte sie.

»Versteht sich!«

Ein Gedanke schoß ihr durch den Kopf. Schnell malte sie auf die Rückseite ihrer Tanzkarte einige Zahlen und Buchstaben und schlüpfte durch die Reihe der menschenleeren Gemächer bis zum Rauchzimmer.

So trat sie plötzlich wie eine Lichterscheinung vor Bellings Blick, mit einem Rosenstrauß in der Hand, vom Tanz reizend gerötet, mit anmutig aufgelockertem Haar.

»Ach Gott, verzeihen Sie, ich dachte –« stotterte sie, als ob sie von seiner Anwesenheit völlig überrascht wäre, »ich wollte – ich habe hier eine Gleichung, die ich schnell auflösen wollte – sie ist so schwierig – aber gewiß helfen Sie mir; sehen Sie nur:

y²+7·y(7x+y)²-x·y=297+…«

Sie trat zu dem Stillverwunderten, der sich hastig erhoben hatte, und legte ihm ihre Gleichung vor.

»Mit Vergnügen,« sagte er und nahm ernsthaft das bekritzelte Blatt. Beide setzten sich nebeneinander an den Tisch. Er schien sich in die Gleichung zu vertiefen, aber er sah in Wahrheit nichts, gar nichts, es schwirrte ihm vor den Augen, die beiden Unbekannten x und y tanzten miteinander unzählige Kotillontouren mit labyrinthischen Verschlingungen und machten nicht die geringste Anstalt, sich zu demaskieren – 7 Tänzer und eine Tänzerin gemeinsam ins Quadrat erhoben und mit 7 Tänzerinnen multipliziert – welcher Wirrwarr! – das gab schon allein 49 Tänzer in zweiter Potenz und 14 weitere mit ebenso vielen Tänzerinnen, und die dufteten so wunderbar nach Rosen und jugendlichem Haar; aber sie blieben Unbekannte, sie versäumten durchaus, sich vorzustellen.

»Müssen wir nicht zuerst die Klammer auflösen?« fragte sie schüchtern.

»Natürlich, das müssen wir!« seufzte er und machte nun wirklich den Versuch.

»343x²·y+98x·y²+y³…« Aber er schauderte. Der Lockenduft von 343 potenzierten Tänzerinnen schien ihm ins Gehirn zu dringen; er kam nicht weiter.

Alma zerpflückte indessen, ihn unverwandt anblickend, ihren kostbaren Rosenstrauß, daß der Duft sich immer betäubender verbreitete.

Endlich kam sie ihm zu Hilfe. Sie neigte sich ihm noch näher und versuchte mit ihrer Hand unter den widerspenstigen x und y Ordnung zu schaffen. Dabei lehnte sich ihr kleiner Finger neben den seinigen und blieb dort fest liegen, indes ihr Zeigefinger leise hin und her tippte. Es war eine erstaunlich hübsche Hand, aber die Hilfe, die sie leistete, war äußerst gering. Im Gegenteil, der gequälte Mathematiker schloß verzweifelnd die Augen, als ob es in seinem Innern auch eine Gleichung zu lösen gäbe. Er fühlte, wie der festgewurzelte kleine Finger da neben seiner Hand leise zu zittern begann, und dies Gefühl durchschauerte ihn süß bis ins Mark. Er fühlte auch, daß sie jetzt immerfort ihn ansah und kein x noch y, und er hatte plötzlich den sonderbaren Gedanken: ›So ungefähr muß es einer Zahl zumute sein, wenn sie mit einer andern zusammen in Klammern geschlossen und ins Quadrat erhoben wird!‹ Vielleicht war es auch schon die dritte Potenz der Glückseligkeit.

»y³…« murmelte er verzückt und öffnete die Augen ein wenig; vor seinen Blicken taumelten hundert zerzupfte Rosenblätter und darüber eine große, herrliche, glühend rote und durchaus unzerzupfte Rose.

»Finden Sie meine Frisur wirklich so abscheulich?« fragte diese Rose auf einmal kleinlaut, »das wollte ich eigentlich bloß wissen.«

Er riß die Augen weit auf und starrte die wehende Fülle ihrer dunkeln Locken an.

»Entzückend!« stammelte er. »Aber die Gleichung scheint mir inkommensurabel.«

»Ach, wirklich?« rief sie froh mit reizendem Erröten und fügte schelmisch hinzu: »Also besser als der Madonnenscheitel gefällt sie Ihnen – und ich habe mich so darum geängstigt!«

»Aber, ich bitte Sie! So etwas ist doch nicht der Rede wert!« sagte er beruhigend und doch selbst verwundert, denn er begriff nicht, was ein Madonnenscheitel für ein Ding sei, und was er mit der Gleichung zu tun habe.

»So?« rief sie verdutzt und etwas gekränkt. »Sie mögen es freilich nicht der Rede wert finden, aber für mich – wir Mädchen sind nun einmal so kindisch! Aber alle, alle! Sie hätten mich darum vorhin nicht so böse anzusehen brauchen, Herr Doktor!«

»Das ist völlig ohne Absicht geschehen, glauben Sie mir!« beteuerte er ziemlich bestürzt; »wie sollte ich denn auch böse sein um eine Gleichung, die doch eben inkommensurabel ist! Das wäre doch geradezu unvernünftig.«

Sie blickte ihn starr an. ›Herrgott, der redet immer noch von der langweiligen Gleichung!‹ dachte sie staunend. Und dann ging etwas Sonderbares in ihr vor, etwas ihr selbst Unverstandenes und Unbegreifliches. Eine ungeheure Kühnheit kam über sie, ein Übermut der Verzweiflung. Sie raffte mit beiden Händen so viele Rosen vom Tisch auf, als sie fassen konnte, und warf sie ihm mit aller Kraft ins Gesicht. Darauf sprang sie entsetzt auf und rannte aus der Tür.

Als sie dieselbe hastig zugeschlagen hatte, blieb sie stehen und lauschte. Sie vernahm keinen Laut.

›Na, daß er sich das gefallen läßt, ist aber komisch!‹ dachte sie.

Sie guckte durchs Schlüsselloch. Er saß ihr gerade gegenüber regungslos, ganz mit Rosenblättern bestreut, wie im Traum.

»Herrgott, was er für ein Gesicht macht!« flüsterte sie. »Ganz – ganz – inkommensurabel!«

Da machte er eine leichte Handbewegung; sie entfloh, wie von Erinnyen gejagt, und barg sich im Saal in dem Gewühl der Tanzenden. Sie sah hier ihre Mutter im Gespräch mit Herrn von Bodungen.

›Etsch, Mama,‹ dachte sie, ›ich heirat' ihn doch! Wir werden die Gleichung schon lösen!‹

Inzwischen hatte Gotthold Belling seine Gleichung schon lange gelöst und fand sie überraschend kommensurabel.

Jetzt begriff er, welcher geheimen Kraft er seine pädagogischen Siege über dies wilde Kind zu verdanken hatte. Aber er begriff auch noch mehr; vor allem, daß er selbst leidenschaftlich in das entzückende Wesen verliebt war und daß er sich unerhört tölpelhaft benommen hatte. Sie in solchem Augenblick entschlüpfen zu lassen! Ihr nicht zu Füßen zu fallen! Sie nicht an sich zu pressen und festzuhalten für alle Ewigkeit! Es war einfach unglaublich! Er schlug sich vor die Stirn und murmelte:

»Ich bin ein Frosch! Ein Frosch in Klammern zum Quadrat!«

Nach dieser harten Selbstkritik ward er etwas ruhiger und überlegte, wie er das Versäumte nachholen könne. Daß die Entflohene wiederkäme, war schwerlich zu hoffen – kein entschwundenes Glück kehrt zum zweitenmal von selbst wieder! Er mußte sie also suchen – dort im Saal – richtig, beim Kotillon hatte er sie ja für sich, da konnte er ihr mitten im Gewühl so vieler Menschen unbemerkt seine Gefühle offenbaren.

Und doch sträubte sich etwas in ihm dagegen. Ein heiliger Treueschwur mitten im leichtsinnigen Festjubel, unter Lachen und Schwatzen und übermütiger Tanzmusik – nein, das war seiner nicht würdig, das war nicht die rechte Art für einen ernsten Mann. Im Grund war es auch das Richtige gewesen, daß er nicht im heißen Taumel der ersten auflodernden Leidenschaft sie an sich gerissen hatte. Mit voller Besonnenheit und klarem Bewußtsein den größten Schritt des Lebens zu tun, war das allein Geziemende. Heute war nicht der Tag für eine weihevolle Entscheidung, der Rausch des Festes mußte erst verklingen, Vertiefung und Sammlung die Leidenschaft klären. Überdies, was war durch den Aufschub zu verlieren? Seiner Liebe war er sicher, und an der ihrigen zweifeln, hieße sie einer häßlichen Koketterie beschuldigen. Hier war alles wie bei einer mathematischen Aufgabe: ist das Prinzip der Lösung einmal entdeckt, so ist alles durchsichtig, einfach und unumstößlich.

Er beschloß, das Fest möglichst unbemerkt zu verlassen und sich in seine stille Behausung zurückzuziehen.

Als er den Saal betrat, entdeckte er mit einigem Schrecken, daß der Kotillon schon im Gang war; er hatte also seine Tänzerpflicht versäumt! Sein Auge suchte unruhig Alma; er sah, daß sie sich getröstet hatte. Der Oberleutnant von Bodungen saß an ihrer Seite und wandte sichtlich all seine Liebenswürdigkeit auf, sie zu unterhalten.

In Gottholds Brust wollte die Eifersucht aufkochen; doch er bemerkte bald, daß sie den Eifer ihres Tänzers schlecht belohnte; sie erschien verstimmt und hielt den Kopf trotzig in den Nacken geworfen. Er weidete lange seine Augen an ihrem Reiz. bis auch sie ihn zufällig entdeckte und ihm einen Blick demütiger Abbitte zuwarf. Da fühlte er sich getröstet und schob sich langsam aus dem Saal.

Als er im Eingangsflur seinen Klapphut öffnete und aufsetzte, ergoß sich aus demselben ein Regen von Veilchen und Vergißmeinnicht über seinen Kopf. Er lachte still in sich hinein und schwankte einen Augenblick, ob er nicht doch wieder umkehren und sein Glück noch heute mit keckem Wagemut ergreifen sollte. Wer weiß, ob morgen die Welt noch am gleichen Platze steht! Eine Stunde des Glücks verträumt, ist unendliches versäumt! Auch der Rausch der Leidenschaft hat sein Recht im Leben, auch er kann heilig sein, was braucht er nach der Zufälligkeit seiner Umgebung zu fragen? Vorwärts mit dreistem Manneswort – das ist's, was sie verlangt, keine Schulmeisterehrbarkeit.

Sein Blut geriet in heiße Wallung, und der Kopf schwindelte ihm in süßem Taumel. Er wandte sich heftig zurück, dem Tanzsaal zu.

Da klang von drinnen die überlustige Weise:

»Vorwärts mit frischem Mut!
Lieb' ist mein Panier!«

»Nein,« sagte er entschlossen, »Operettenliebe ist mein Fall nicht.« Und er verließ ungesehen das Haus.

Es war heiteres Frostwetter. Der dunkle Winterhimmel glühte von Sternen. Ihm kam es vor, als ob auch sie sich drehten in ausgelassenem Wirbel, und mit wahrem Erstaunen wollte er bemerken, daß sie sämtlich die ihnen von der Wissenschaft angewiesenen Stellen am Himmel verlassen hätten; er hatte trotz aller astronomischen Kenntnis vergessen, daß die himmlischen Lichter keine Straßenlaternen sind, sondern um Mitternacht einen andern Platz einzunehmen berechtigt sind als um sieben Uhr abends, zu welcher Stunde er sie sonst zum letztenmal zu begrüßen pflegte. Denn er war ein solider Mann und nächtlicher Ausschweifungen unkundig.

Heute jedoch lockte ihn auch zu dieser Stunde noch nichts nach Hause. Ein Unbehagen beschlich ihn bei dem Gedanken an die dürftige Einsamkeit seines Stübchens; der berauschende Duft des Reichtums prickelte noch durch seine Nerven. Zugleich erkannte er plötzlich, daß er sich durch seine Flucht um etwas Wesentliches betrogen hatte, nämlich um das Abendessen. Er hätte zu Hause ein genügendes Stück Zwiebelleberwurst und Brot die Fülle gefunden, aber dieses sein tägliches Freudenmahl reizte ihn heute gar nicht. Er fand die Weinstube des ersten Gasthauses offen; er trat hinein mit dem unsicheren Blick des hier völlig Fremden.

Doch er fühlte sich bald behaglich; ein Eckstübchen erinnerte ihn durch die vornehme Art seiner Ausstattung an das Rauchzimmer bei Kommerzienrats. Er bestellte ein Stück Putenbraten und ein Moselweinchen. Doch das letztere schmeckte ihm nicht recht stilgemäß. Im Hauptzimmer trank eine Gruppe wohlbeleibter älterer Herren Sekt in erheblichen Massen. Gotthold fühlte eine geheime Notwendigkeit, es ebenfalls mit diesem unerhörten Getränk zu versuchen; er ließ eine halbe Flasche kommen und trank sie ohne merkliche Gewissensbisse. Jetzt fühlte er sich zu Hause und unermeßlich wohl.

Nach Vollendung dieser Genüsse machte er noch einen vergnügten Gang durch die Straßen und strich an dem stattlichen Hause des Kommerzienrats vorüber. Strahlendes Licht floß aus allen Fenstern wie ein warmer Festgruß, und ein freudiges Brausen drang dumpf in die nächtliche Stille hinaus.

Der Nachtschwärmer kam sich vor wie ein irrender Ritter, der im Begriff steht, ein Königsschloß zu erobern und die reizende Prinzessin im Sturm zu gewinnen. Die Brust von heißer Siegesfreude geschwellt, kehrte er endlich nach Hause zurück. Als er im Bett lag, kreisten die Sterne des Himmels um sein Haupt in so hitzigem Wirbeltanz, daß er sie ordentlich zischen hörte.

5

Am nächsten Morgen besaß Gotthold einen Katzenjammer, doch nicht der schlimmsten einen, sondern in vernünftigen Grenzen, wie ihn ein anständiges Getränk erzeugt. Er fühlte sich immer noch sehr gehoben und glücklich. Es war Sonntag, und das war ihm lieb.

Als er aufgestanden war und sich seinen Kaffee über der Spiritusflamme gebraut hatte, bemerkte er auf dem Tisch ein Paar alter Handschuhe, die sich bei näherer Durchforschung als sehr sorgsam geflickt erwiesen.

Da ergriff ihn eine Rührung. Er wußte, wer dieses Werk der Barmherzigkeit vollbracht hatte. Er hatte Helene lange vernachlässigt, und das reute ihn jetzt. Ihre ehrliche Freundschaft hatte eine bessere Aufmerksamkeit verdient. Freilich hatte sie seit langem ein gewisses madonnenhaftes Wesen angenommen, das ihr nicht stand und das ihm nicht behagte. Ein kleiner Heiligenschein schien beständig ihr schönes Haupt zu umschweben. Seit wann eigentlich? Unverkennbar seit dem Tage, da er in Fräulein Leinemanns Institut den großen Triumph gefeiert. Warum gönnte sie ihm den nicht? Bloß weil sie das Gegenteil vorausgesagt und ihn vor dem Schritte gewarnt hatte, der ihn nun seinem höchsten Glücke entgegenführen sollte? War sie so eitel auf ihre Klugheit, so rechthaberisch? Er mußte immer wieder den Kopf schütteln; diese Eigenschaften paßten noch weniger zu ihrem Wesen als der Heiligenschein.

Jedenfalls fühlte er heute das herzliche Bedürfnis, ihre Freundschaft wieder zu suchen, sich mit ihr auszusprechen, sie vielleicht ganz ins Vertrauen zu ziehen. Eine gewisse Unklarheit der Empfindungen, die sich trotz aller Siegesfreude immer wieder heimlich geltend machte, ließ ihn nach einem teilnehmenden Herzen verlangen. Und er selbst fühlte sich heute so weich und feierlich gestimmt, daß er bereit war, jedes Vertrauen zu geben.

Zu geeigneter Vormittagsstunde machte er den Damen seinen Besuch. Die Mutter wirtschaftete in der Küche; er fand Helene allein.

Sie sah aus, als ob sie ihren Heiligenschein für den Sonntag frisch geputzt habe, vornehm, mild, zurückhaltend. Das verstimmte ihn, und er verlor sofort die Vertrauensfreudigkeit, die ihn hergetrieben hatte. Es prickelte ihn sogar, sie zu ärgern, zu demütigen, ihr zu erzählen, daß er gestern Herrn von Bodungen kennen gelernt habe und wie flott derselbe Fräulein Alma den Hof gemacht. Dabei kam er selbst sich merkwürdig erhaben vor, daß er so gar keine Eifersucht gegen den gefährlichen Nebenbuhler verspürte; er fühlte sich seiner Sache offenbar mathematisch sicher.

Indem er nach einer schicklichen Anknüpfung suchte, erinnerte er sich des Gesprächs, das er mit jenem gehabt über Pistolen und Duelle, und der unverständlichen Bemerkung über Schießübungen hinter dem Hause.

»Sagen Sie, Fräulein Helene,« begann er schnell »ich wollte Sie schon immer fragen: pflegt hier jemand auf Ihrem Hof oder sonst in nächster Nähe mit Pistolen oder Flinten zu schießen? Ich hörte es oft und wurde gestern noch besonders aufmerksam gemacht durch Herrn – durch einen Herrn –«

Er stockte doch und brachte den Namen nicht über die Lippen. Er schämte sich seiner boshaften Anwandlung. Er schämte sich auch noch aus einem andern Grunde: warum mißgönnte er es ihr denn, daß sie jenen Mann geliebt hatte, vielmehr noch liebte? War das etwa eine anständige, ehrliche Eifersucht? Machte er selbst denn etwa Ansprüche? War das etwas andres als der gemeine, niedrige Neid der Eitelkeit? Er begriff sich selbst nicht und schämte sich sehr.

Helene war bei seiner Frage offenbar sehr verlegen geworden. So sah er sie zum erstenmal; der Heiligenschein war zerflossen wie ein Regenbogen; sie machte ein sehr menschliches, sehr mädchenhaftes, schuldbewußtes und doch zugleich halb schelmisches Gesicht. Sie gefiel ihm ausgezeichnet so. Merkwürdig, ja, sie erinnerte ihn mit dieser Miene gerade an Alma. Das war es, darum gefiel sie ihm offenbar jetzt so gut.

»Ach Gott,« stotterte sie, »das wäre ja schändlich. wenn hier jemand schösse – aber ich denke, es wird wohl der Deckel von unserm Ausguß sein, der knallt ganz hörbar, wenn man ihn zufällig zuklappen läßt. Aber bitte, sagen Sie das nicht weiter, nein?«

»Warum denn nicht?« fragte er verwundert.

Sie ward noch verlegener.

»Ich meine nur – es ist ja ganz gut, wenn die Leute denken, man schießt hier, Sie zum Beispiel – wir sind dann sicherer vor Dieben.«

Er war nicht ganz überzeugt; ihre Unsicherheit machte ihn stutzig.

»Ich weiß nicht,« sagte er nachdenklich und sah dabei sehr grimmig aus, »ich habe manchmal das Gefühl, als ginge hinter meinem Rücken etwas vor, irgend etwas ganz Unklares, wie ein Raunen und Zischeln, das ich nicht höre und doch auf geheimnisvolle Weise wahrnehme, ohne es gleichwohl zu begreifen . . .«

»Das ist ohne Zweifel nur eine Einbildung Ihrer erregten Phantasie,« entgegnete Helene schnell.

»Ich möchte es selbst gern glauben,« sagte er, »und doch – erstens habe ich noch nie eine sehr lebhafte Einbildungskraft bei mir beobachtet; wie käme ich auch als Mathematiker zu solcher Neigung? Und dann – was veranlaßt zum Beispiel selbst den Herrn Bürgermeister, den alle Welt als sackgrob verschreit, mich, einen neuangestellten, völlig unbedeutenden Schullehrer, mit der ausgesprochensten Höflichkeit zu behandeln?«

»Ei,« rief sie, »das ist doch ganz einfach: der Herr Bürgermeister fürchtet sich genau so wie alle seine Untertanen vor Ihrem bösen Gesicht.«

Gotthold blickte ernst und unruhig vor sich hin.

»In diesem Fall,« sagte er nach einer Pause, »wäre es offenbar meine Pflicht, die Leute über meine unfreiwillige Maske aufzuklären.«

»Eine solche Pflicht kann ich durchaus nicht einsehen. Ebensogut könnten Sie sich verpflichtet fühlen, Ihren Schülern zu sagen: Kinder, ich bin gar nicht der strenge Despot, für den ihr mich haltet; wenn ihr Lust habt, könnt ihr mir getrost auf der Nase herumspielen.«

»Das ist doch etwas andres. Den Kindern gegenüber ist eine gewisse Verstellung sogar einfach Pflicht; die ganze Erziehungskunst beruht zuletzt auf dem großen Schwindel, daß wir alten, erwachsenen Schlingel mit unsern brutalen Fehlern, Dummheiten, Sünden uns der lieben Jugend mit bewußter Heuchelei als fleckenlose Vorbilder sittlichen Wandels, als unbeschränkte Meister alles Wissens, kurz, als möglichst ideale Wesen hinstellen; diese Lüge übt jeder Vater, jeder Erzieher und muß es tun, will er nicht die Pietät und den Gehorsam im Keim ersticken. Soweit also bin ich vollkommen in meinem Recht; aber mich von den Erwachsenen mit Bewußtsein in einem falschen Licht sehen zu lassen, streift denn doch hart an die Rolle eines Betrügers.«

»Und wenn die Erwachsenen sich nun selbst zu Kindern machen?« rief sie eifrig. »Oder sind sie nicht rechte Kinder, wenn sie sich vor einem strengen Gesicht fürchten und dahinter auch gleich allerlei Abenteuer vermuten? Wahrhaftig, Herr Doktor, es ist mein voller Ernst, Sie wären ein Pedant und ein Tor, wenn Sie den Nimbus selbst zerstören wollten, der Ihnen so wohltätig ist und nach Ihrem eignen Geständnis Ihnen erst Ihre Lebensstellung sicher gegründet hat.«

»Und doch wußten Sie es einst warm zu rühmen, daß ich Ihnen gegenüber meine Maske sogleich abnahm.«

»Weil ich darin einen Beweis eines edeln Vertrauens erblickte,« versetzte sie warm, »dessen würdig zu sein ich mich seither ehrlich bemüht habe – durch Schweigen.«

»Sie trauen also andern nicht die gleiche Schweigsamkeit zu?«

Helene senkte betroffen den Blick.

»Es war wohl sehr hochmütig,« sagte sie leise, »zu glauben, daß Sie uns durch Ihr Vertrauen ein Zeichen besonderer Freundschaft geben wollten.«

»Nein, wahrhaftig, das war kein Hochmut und kein Irrtum,« rief er ganz gerührt, »es war so die Meinung, und sie kam aus dem Herzen. Und Sie haben recht; eine übertriebene Ehrlichkeit wäre Torheit; ein derartiges Vertrauen ist eine freie Gabe, auf die niemand Anspruch hat – oder glauben Sie, daß irgend jemand von Haus aus berechtigt wäre, eine solche Offenherzigkeit von mir zu fordern – etwa mein Direktor? Mein Schulrat? Meine Kollegen?«

Helene dachte ernsthaft nach. Dann sagte sie bestimmt:

»Ich wüßte nur einen Fall, in dem jemand ein Recht auf Ihre ganze Offenheit hätte –«

Sie brach leicht errötend ab. Belling verstand sie auf der Stelle, und das Blut stieg ihm heiß ins Gesicht. Das war es, was ihm unklar auf der Seele gelegen, was gestern bei aller Begeisterung und Leidenschaft seinen Mund verschlossen, seinen Fuß gehemmt hatte! Daß ihm das nicht von selbst ins Bewußtsein gekommen war! Daß dieses junge Mädchen erst der gute Genius sein mußte, der die Erinnerung an eine so einfache Pflicht in seiner Seele löste! In diesem Augenblick fühlte er eine grenzenlose Verehrung für sie, jetzt schien sie ihm wirklich einen Heiligenschein zu haben, aber einen andern, einen echten – er suchte mit dankbarem Blick ihr kluges, treues Auge.

Doch nein, da war plötzlich wieder der alte, unangenehme stilwidrige Heiligenschein! Ganz urplötzlich, ohne daß er ein Wort gesprochen. Fort war die anmutige Schelmerei, fort die frische Offenheit, fort auch das mädchenhafte Erröten – gerade als wenn es von seinem eignen tieferen Erglühen verscheucht wäre – was übrig blieb, war kühnes vornehmes Wohlwollen.

Er fühlte sich wahrhaft peinlich berührt von diesem unklaren, launenhaften Wesen; war es doch gerade die Klarheit und Festigkeit gewesen, die er an ihr – irrtümlich – so hoch geschätzt! Wie stand auf einmal Almas Gestalt so bezaubernd vor seinem Geiste! Dort immer die gleiche Demut, Kindlichkeit, Frische, Offenheit, Schalkheit, Anmut, und hier – kühle Klugheit. Und er war fast im Begriff gewesen, ihr sein ganzes volles Herz zu öffnen!

Er sprach noch allerlei gleichgültige Dinge und empfahl sich mit mattem Händedruck.

Als nicht lange danach die Frau Rechnungsrätin hereintrat, fand sie Spuren von Tränen in den Augen ihrer Tochter.

»Aber Lenchen, was ist dir?« rief sie betrübt. »Ich denke, unser Herr Doktor war hier – er ist doch nicht etwa unartig gegen dich gewesen?«

Helene schüttelte kräftig den Kopf und versuchte zu lächeln.

»Dann ist's also richtig wieder der unglückselige Bodungen!« rief die Mutter entsetzt. »Oh, dieser . . . Und ich Ärmste hoffte, du würdest endlich Vernunft annehmen und unsern lieben Herrn Doktor schätzen lernen statt jenes Unwürdigen!«

»Mutter,« rief Helene heftig, »solch ein Wort kann ich nicht dulden! Wenn ich Herbert auf die Dauer nicht genügte, so ist das wahrlich kein Grund, ihn zu schmähen. Ich fürchte, er war nur zu sehr in seinem Recht. Zehnfach aber würde ich ihm erst recht geben, wenn ich ihm jemals in meinem Herzen die Treue bräche und einen andern liebte. Und das mußt du doch einsehen, daß gerade dann Herr Doktor Belling selbst mir seine Achtung entziehen müßte; und ohne Achtung keine wahre Liebe.«

»Das wäre freilich eine verzweifelte Zwickmühle, wenn nur alles so stimmte! Aber unser Herr Doktor ist viel zu verständig –«

»Mutter, glaubst du, daß er jemals seiner ersten Liebe untreu werden würde? Dann denkst du geringer von ihm, als ich, und dann würde ich ihn nicht mehr wahrhaft achten und also auch nicht wahrhaft lieben können. Deine Zwickmühle steht also wirklich von beiden Seiten offen. Übrigens kann ich dir zu deiner Beruhigung mitteilen, daß Herr Doktor Belling nicht von weitem an uns denkt – er ist für uns zu vornehm geworden.«

»Wieso? Was heißt das?«

»Er verkehrt – sehr intim, wie mir scheint – in der Familie des Herrn Kommerzienrats Gruber.«

Helene sprach in einem spitzen und pikierten Ton, der ihr sonst nicht eigen war.

»Nu, was ist das denn Großes?« rief die Mutter. »Erstens: Rat ist Rat, und Kommerzienrat ist nichts besseres als Rechnungsrat, denn er verdient sein Brot auch bloß mit Rechnen und nichts Besserem, der Unterschied ist bloß, daß der eine für seine eigne Tasche rechnet und der andre für den Staat, und da ist das letztere doch viel anständiger. Übrigens weißt du, ein Mathematiker hat es im Grunde doch auch nur hauptsächlich mit Rechnen zu tun und könnte ganz gut auf deutsch Rechnungsrat heißen, und er rechnet auch für den Staat und wahrhaftig nicht für sich, denn sonst würde er natürlich auch die Taschen voll Geld haben, wie so ein Herr Kommerzienrat, und also paßt er viel besser zu uns als zu den Grubers – die übrigens sehr gute Leute sein mögen,« setzte sie eifrig hinzu, um ihr Gewissen wegen der Gehässigkeit ihrer Rede zu beruhigen.

»In dem einen Punkt hast du recht, Mutter,« sagte Helene still, »daß wir uns für nichts Schlechteres zu halten brauchen als reiche Leute, aber eben darum – und nun gib mir einen Kuß, mein kleines Mutterchen, und laß mich zufrieden mit deinen Hoffnungen und Wünschen, aus denen doch nichts werden kann.«

Und sie fiel ihr um den Hals und fing dort plötzlich laut zu schluchzen an ohne jeden vernünftigen Grund, wie es der Frau Rechnungsrätin scheinen wollte. Das hielt diese jedoch nicht ab, sie zärtlich zu streicheln und nach Kräften zu trösten.

Ungefähr zur gleichen Stunde hatte Fräulein Alma eine lebhafte Unterredung mit ihrem Vater, dem Kommerzienrat Gruber, in dessen Arbeitszimmer. Sie sah etwas übernächtig, aber sehr hübsch aus.

»Papa, ich habe eine Bitte,« sagte sie gelassen.

»Das brauchst du nicht erst zu sagen, wenn du hierher kommst,« entgegnete er noch gelassener. »Ist's diesmal ein Kleid oder ein Schmuck?«

»Keins von beiden.«

»Also etwas noch Kostspieligeres, versteht sich.«

»Versteht sich. Ich bitte um ein kleines Fest.«

»Was – nach dem gestrigen fürchterlichen Ball noch ein Fest? Nein, Almchen, das geht über die Hutschnur.«

»Aber so laß mich doch erst ausreden. Es handelt sich um ein ganz andres Fest, viel billiger und origineller. Wir brauchen nichts als ein Dutzend Schlitten und ein bißchen Proviant, Punsch, Wein und dergleichen für höchstens hundert Menschen, dazu etwas Kostüm, viele Blumen und Grün und sonstige Kleinigkeiten –«

»Und wozu diese ganze Kleinigkeit?«

»Ich will ein Eisfest veranstalten, kostümiert, mit allerhand Zauber. Denke doch, Papa, ist es nicht eine reizende Idee? Wir kostümieren uns als neapolitanische Lazzaroni und feiern so ein nordisches Eisfest zu Schlittschuh. Ist das nicht großartig?«

»Versteht sich, versteht sich. Die etwa hundert Kostüme kosten auch gar kein Geld. Oh, versteht sich!«

»Ach, Papa, das ist furchtbar einfach. Wir setzen bloß phrygische Mützen auf und binden eine rote Schärpe um, das genügt für den Eindruck. Das ist billig zu beschaffen, ich schreibe sofort nach Berlin. Überhaupt besorge ich alles, du hast gar keine Umstände davon.«

»Bloß Kosten, versteht sich.«

»Nun ja, aber diesmal lohnt es sich auch. Dies Fest hat seine besonderen Gründe.«

»So? Und welche?«

»Es wird mein Verlobungsfest.«

»Himmlischer Vater! Du willst dich verloben?« rief der Papa, entsetzt zurückfahrend.

»Mit Herrn Doktor Belling, zurzeit Lehrer am hiesigen Gymnasium, künftig Provinzialschulrat oder vortragender Rat im Ministerium –«

»So? Von deinen Gnaden, versteht sich. Aber das ist ja eine ganz merkwürdige Überraschung.«

»Für mich gar keine, Papa.«

»Also, du hast schon lange so ein kleines Verhältnis mit diesem Herrn Schulmeister?«

»Schulmann sagt man, Papa. Und ich habe kein andres Verhältnis zu ihm, als daß ich ihn zu heiraten wünsche.«

»Die Herren Eltern werden natürlich gar nicht gefragt, oh, versteht sich!«

»Aber, Papa, ich frage dich doch zu allererst.«

»So, das nennst du fragen? Auch gut! Und die Mama, was sagt die dazu?«

»Die ärgert sich natürlich. Aber das ist gerade mein Hauptspaß dabei, und deiner doch sicher auch. Das heißt, heiraten würde ich ihn, auch wenn sie sich nicht ärgerte. Aber sie findet natürlich, es sei keine passende Partie für mich.«

»Offen gestanden, liebes Kind, das finde ich auch. Allen Respekt vor dem Herrn, aber ich hätte wirklich nicht gedacht, daß du, gerade du dir einen gewöhnlichen Schullehrer aussuchen würdest –«

»Schulmann, Papa! Außerdem einen ungewöhnlichen! Und dann – was bildest du dir eigentlich ein? Was bist du denn Großes? Du hast doch wahrhaftig nichts als dein bißchen Geld, das du mühselig zusammengescharrt. Wenn du das nicht hättest, wärest du nicht mehr als der Krämer am Markt oder dein Buchhalter. Welcher Offizier würde dann mit dir verkehren? Ich zum Beispiel schon gar nicht. Und auch kein einziger Schulmann. Ein Schulmann aber verkehrt mit uns und sonst mit der guten Gesellschaft, auch wenn er gar kein Geld hat. Folglich ist er in Wahrheit viel mehr als du, und wenn er erst obendrein reich ist, braucht er dich eigentlich gar nicht mehr anzusehen.«

»Ein netter Schwiegersohn, den du mir in Aussicht stellst. Der Hochmut scheint ihn allerdings schon so ein wenig zu plagen.«

»Das gefällt mir gerade an ihm, daß er so ist. Ich sage dir, er ist furchtbar forsch, Papa.«

»Das fürchte ich. Aber noch eins, mein Töchterchen: hat er sich dir denn schon erklärt?«

»Nein, das soll er ja eben auf dem Eisfest tun.«

»So? Also er soll? Versteht sich, oh, versteht sich! Nach seinem Willen wird er so wenig gefragt wie Papa und Mama.«

»Na, aber er muß doch fragen und nicht ich. Und das wird er schon tun, sei ganz ruhig. Man muß ihm nur eine richtige Gelegenheit geben. Und die findet sich gerade auf dem Eise famos. Daß ich ihn haben will, muß er gestern schon gemerkt haben –«

»Und daß er da sogleich zugreift, ist ja selbstverständlich.«

»Ach, tue doch nicht so, Papa! Daß ich eine gute Partie bin, weißt du doch auch.«

»Ich denke wohl, daß ich es allenfalls wissen könnte.«

»Und er ist schließlich nur ein einfacher Schulmann –«

»Na, weißt du, viel Logik scheint er dir mit seiner Mathematik aber nicht gerade beigebracht zu haben – da ist Fräulein Leinemann gründlich auf den Holzweg geraten.«

»Ach, zum Heiraten braucht man auch gar keine Logik! Und übrigens, laß mich nur ausreden. Daß er mich nämlich gern hat, weiß ich auch – oh, du glaubst nicht, was er gestern für ein entzückendes Gesicht gemacht hat! Ich kann dir sagen: der nimmt mich!«

Der Kommerzienrat strich sich nachdenklich das Kinn.

»Hm, hm,« brummte er, »ich dachte eigentlich, der Bodungen – weißt du, der hätte eigentlich viel besser für dich gepaßt. Eine leichtsinnige Fliege ist er zwar, und seine Majorsschulden wird er lange voll haben, indessen –«

»Ich mache mir aber nicht viel aus ihm. Er ist so zudringlich.«

»Das finde ich in solchen Fällen der Situation nur angemessen.«

»Ich finde aber Herrn Doktor Bellings Manier viel vornehmer. Na, kurzum, Papa, ich schwöre dir, ich heirate ihn, und wenn du dich auf den Kopf stellst.«

»Das werde ich bleiben lassen. Mir kann es ja übrigens ganz recht sein, wenn ich keine Schulden zu bezahlen brauche. Wie du aber mit Mama fertig werden willst – nun, das ist deine Sache. Verlange von mir nur nicht, daß ich mich da weiter hineinmische – etwa gegen Mamas Wunsch –«

»Aber, Papa, wie könnte ich so pietätlos sein! Verlaß dich ganz auf mich. Ich mache alles. Also das Fest ist bewilligt?«

»Meinethalben, meinethalben. Was hilft es mir auch, wenn ich es nicht bewillige? Dann wird es ja erst recht veranstaltet, und ich ersticke nachher in Rechnungen. So habe ich wenigstens noch eine leise Hoffnung, daß diese Laune von selbst wieder verraucht.«

»Keine Illusionen, Papa!« rief Fräulein Alma und verschwand.

Eine Stunde später wurden die Einladungen versandt.

*

Der Tag dieses großen Festes war gekommen. Strahlend, wolkenlos, in milder Kälte stieg er empor. Als Gotthold in die blitzende Winterherrlichkeit hinausschaute, überkam ihn die feierlich wonnevolle Stimmung, mit der er als Kind in den Weihnachtstag hineingeschritten war, jene Stimmung, die mitten in der Hoffnung auf hundert köstliche Dinge sich halb in ein heimliches Zagen vor dem Glück verliert, als ob es ganz unglaublich sei, daß das erträumte Glück trotz seiner sicheren Nähe wirklich werden könne.

Als die Stunde des Aufbruchs herankam, ward sein Benehmen so sonderbar, seine Bewegungen so unruhig und hastig, daß Molly aufmerksam wurde, in eine wachsende Aufregung geriet und zuletzt in ein klägliches Winseln ausbrach.

Sein Herr nahm das kleine Ungeheuer auf den Arm und streichelte es mit besonderer Rührung; er kam sich vor wie ein Vater, der seinem Kinde eine Stiefmutter zu geben im Begriff steht. Als er ging, übergab er den Hund Helene mit der Bitte, ihn zu versorgen und festzuhalten, da seine Begleitung auf dem Eise unbequem sei. Alma hatte ihm neulich verraten, daß sie das Tier abscheulich finde.

»Glückliche Fahrt!« sagte Helene zum Abschied mit einem sonderbaren Blick, dessen Bedeutung ihm nicht klar ward, obgleich er ihn bis an sein Ziel verfolgte. Es hatte eine große Herzlichkeit darin gelegen, ohne Zweifel; aber noch mehr: war er nicht ein wenig scheu, ein wenig besorgt, ein wenig traurig gewesen?

Wenn er sich zu einer Nordpolfahrt aufgemacht hätte, wäre das ganz begreiflich. Aber so? Doch dies Mädchen war ihm ja lange schon unverständlich geworden.

Mit mathematischer Pünktlichkeit erschien er an der ihm bezeichneten Stelle, an der sich die Festgenossen versammeln sollten. Der Fluß bildete hier eine breite Ausbuchtung, die eine herrliche Fläche für eine Fülle von Schlittschuhläufern bot; von da an aufwärts verengte er sein Bett, war aber weiter oberhalb stark über die Uferwiesen getreten und hatte die besondere Liebenswürdigkeit für die Menschenkinder, jeden Abend von neuem dies Gebiet ein wenig zu überschwemmen und so für jeden neuen Morgen eine neue Bahn von tadelloser Glätte zu bereiten, während die schneebedeckte Landstraße an seiner Seite den Schlitten die leichteste Fahrt gestattete.

Gotthold war der erste auf dem Plan. Er legte die Schlittschuhe an und probierte seine Fertigkeit. Er war ein kräftiger Läufer, wenn auch wenig geübt in feineren Kunststücken und ohne besondere Zierlichkeit. Es kam ihm heute zum erstenmal die Frage, wie er bei dieser Art Bewegung sich ausnehme, von der er sonst eben nur empfand, daß sie wohltuend, erfrischend und stählend war.

Einige Schlitten sausten prächtig heran; er erkannte die bunten Mützen der Husarenoffiziere, die ihm meistens vom Ball her flüchtig bekannt waren. Sie begrüßten ihn mit großer Höflichkeit und begaben sich ebenfalls sogleich aufs Eis und probierten ihre Fertigkeit auf dem Stahlschuh. Als der beste Läufer war leicht Herbert von Bodungen zu erkennen. Die Geschmeidigkeit und männliche Anmut seiner Bewegungen war unvergleichlich, und er vollführte die gewagtesten Drehungen, Sprünge und Wirbelzüge ohne merkbare Anstrengung und ohne Koketterie, leichthin und wie selbstverständlich, wie etwa ein jugendlich starkes Pferd zwecklose Sprünge voll unbewußter Grazie macht. Gotthold bewunderte ihn und staunte über die feurige Schönheit des Mannes.

Jetzt scholl ein kräftiges Klingeln von der Seite der Stadt her. Alles wandte sich um und glitt dem Ufer zu. Das waren die Schlitten der Festgeber.

Glänzend geschmückt glitten sie daher, purpurne Decken wallten mächtig gebläht über den ausgreifenden Rappen, auf deren Köpfen bunte Federbüsche schwankten, dahinter sah man kostbare Pelze und Decken, farbige Kleider, eine Fülle von Blumen und Kränzen, flatternde rote Bänder. Einem Königszug glich die Auffahrt, alles Pracht, Freude, strahlende Farbenglut, doppelt frisch erglänzend über dem tonlosen Weiß und Grau der Ebene, unter dem mattfreundlichen Blau des nordischen Winterhimmels. Es ging eine ansteckende Fröhlichkeit von diesem Schlittenzuge aus, all dies übermütige Klingeln, Stampfen, Wehen und Sichblähen übte eine freudig aufregende Wirkung auch auf den ruhigsten Zuschauer.

Die frühergekommenen Herren drängten sich um Almas Platz. Sie saß behaglich in ihrem Pelz und grüßte lachend nach allen Seiten: ihr schönes Köpfchen war fast verdeckt durch eine Fülle von Rosen und Sträußen, die in verschwenderischer Zahl über den Schlitten gestreut waren; so sah sie aus wie eine Frühlingsfee mitten in dem starrenden Winter.

Während aber die Herren sich wetteifernd bemühten, ihr beim Aussteigen behilflich zu sein, schüttelte sie plötzlich Pelze und Blumen von sich, sprang leichtfüßig nach der andern Seite hinaus und war im Nu hinter dem Schlitten herum auf das Eis geschlüpft.

»Meine Herren,« rief sie, ihre zierlichen Schlittschuhe hoch in der Luft schwingend, »wer zuerst den Pfahl dort oben an der Flußbiegung erreicht, wird die Ehre genießen, mir die Schlittschuhe anzuschnallen. Ich bitte die Herren, die sich an dem großen Wettlauf beteiligen wollen, sich in eine Linie zu stellen und zu warten, bis ich das Zeichen zum Ablauf gebe.«

Alle anwesenden jungen Männer eilten herbei und ordneten sich gehorsam. Alma zählte – eins – zwei – drei, und klatschte in die Hände, und dahin sauste die ritterliche Schar wie ein aufgescheuchtes Volk Hühner über das schurrende Eis hinweg.

Nach sehr kurzer Zeit schon zeigte sich unverkennbar, daß Herr von Bodungen der schnellfüßigste Läufer war und zweifellos als der erste das Ziel erreichen mußte; er fuhr den andern weit voran, als wenn er seine Schwadron zum Angriff führe. Mit stiller oder lauter Bewunderung folgten die Blicke der Zuschauer am Ufer seinen schönen und kraftvollen Bewegungen; mitten im stürmischen Wettlauf konnte er noch eine rasche Drehung machen und, eine Zeitlang rückwärts laufend, den ihm folgenden Schwarm wie ein musternder Feldherr überblicken, ohne seinen Vorsprung wesentlich zu verringern. Sein Sieg war so unzweifelhaft, daß die andern bereits in freiwilliger Entsagung lässiger dahinglitten; nur Gotthold stürmte noch, blind hoffend, mit voller Wucht weiter und gelangte dadurch ein gutes Stück über die ziemlich gleichmäßige Reihe der übrigen hinaus.

Da geschah etwas Unerwartetes. Der sichere Sieger schien nicht weit vom Ziel plötzlich von einem tollen Übermut ergriffen zu werden; er bog von der geraden Bahn ab, machte allerlei graziöse Kapriolen, Kurven und wirbelnde Umdrehungen, und so geschah es, daß Belling wider aller Erwartung an ihm vorüberschoß und als erster das Ziel erreichte.

Es war unmöglich zu verkennen, daß Bodungen absichtlich den Siegespreis aufgegeben hatte. Obgleich Fräulein Alma mit dem durch seine Selbstverleugnung erzielten Ergebnis durchaus zufrieden war, ärgerte sie sich doch. So seine Überlegenheit zu zeigen und dann den gebotenen Preis wie etwas Wertloses zu verschmähen, das war mindestens ungeschliffen, bei genauer Betrachtung war es empörend. So ein hochmütiger Mensch! Bildete er sich denn auf seine Schönheit und Kraft, die allerdings unleugbar waren, so viel ein, daß er glaubte, sie würde sich etwas aus seiner zur Schau getragenen Gleichgültigkeit machen! Du lieber Himmel, als ob der Wert des Menschen nach dem Schlittschuhlaufen zu schätzen wäre! Sich darüber zu ärgern fiel ihr im Traum nicht ein! Im Gegenteil, sie war ihm selbstverständlich nur von Herzen dankbar!

Diese Dankbarkeit verriet sich dem unglücklichen Leutnant freilich nur in einer äußerst unliebenswürdigen Miene, und als er darauf mit einem harmlos-freundlichen Lächeln antwortete, drehte sie ihm zornrot den Rücken. Das triumphierende Aufblitzen seiner schwarzen Augen sah sie nicht.

Doktor Belling freilich fand nun Gelegenheit, durch die eingehende Betrachtung zierlicher Pelzstiefelchen und zierlicher Knöchel sein ungeschultes Auge zu bilden; ihr jedoch war dieses kleine Vergnügen halb verdorben.

Während dieses aufregenden Zwischenspiels war der große Gepäckschlitten angelangt. Im Handumdrehen war im Rund ein kleiner Wald von Tannenbäumen auf dem Eise aufgestellt, über und über mit goldroten Orangen behangen, die aus dem dunkeln Grün mit wundervoller Leuchtkraft hervorstrahlten. Mitten hinein ward ein Tisch getragen und hurtig mit Tassen, Gläsern, Kannen und mehreren ernstlich dampfenden Maschinen besetzt, in denen neben dem Kaffee für verwegene Charakter bereits Punsch in verschiedenen Mischungen eingebraut wurde, um jedem Geschmack und jeder Begabung zu genügen.

Während die beschlittschuhten Gäste hier vergnüglich ihre Stimmung regulierten, ward von Alma ein Kästchen niedergesetzt, das ganz mit neapolitanischen roten Fischermützen und Schärpen gefüllt war, erstere an ihrem Zipfel mit einer klingenden Schelle versehen. Diese Abzeichen verteilte sie an die herzudrängenden Festgenossen, und bald tummelte sich auf dem Eise eine sonderbare Schar rotmütziger Lazzaronie, mit lustigem Klingeln die festliche Narretei verkündend, Herren und Damen in der gleichen einfachen Weise ausstaffiert.

Wiederum trat Alma heiter vor die schwankende und gleitende Versammlung und sprach:

»Meine Herrschaften! Erstens ergeht hiermit ein allgemeines strenges Verbot, am heutigen Tag irgend etwas Ernsthaftes und Vernünftiges zu reden, zu tun oder zu denken. Wer gegen dieses Gebot sündigt, wird öffentlich für einen Philister erklärt. Und zweitens, damit von vornherein alle ernsthaften Gemütserregungen, Neid, Eifersucht, Strebertum, falsche Hoffnungen und dergleichen gänzlich ausgeschlossen seien, soll jetzt die notwendige Zusammenfügung der Paare der Entscheidung eines gütigen Zufalls anheimgestellt werden. Ich schlage dazu das folgende, eigens von mir erfundene Bocciaspiel vor: Jeder pflückt sich eine Apfelsine von diesen Bäumen und ritzt die Anfangsbuchstaben seines Namens oder sonst ein sicheres Zeichen in die Schale. Hier diese Zitrone lege ich als Lecco aus, jeder wirft seine Kugel danach; derjenige Herr, dessen Zeichen die dem Lecco am nächsten gekommene Apfelsine aufweist, bildet die Spitze des Festzugs mit der Dame, deren Kugel der Zufall ihm in die engste Nachbarschaft geführt hat, und die folgenden reihen sich nach den gleichen Gesetzen daran. Wie gefällt Ihnen meine neue Kotillontour?«

Allgemeiner Jubel belohnte ihren Einfall, und man öffnete ihr eifrig die Bahn, ihren Lecco auszusetzen. Wie sie so dastand, die mächtige Zitrone in der Hand wiegend wie eine junge Spartanerin den Diskos, den linken Schlittschuh fest ins Eis stampfend, den rechten Fuß keck vorgesetzt, das Auge feurig die Bahn bemessend, die Lippen im Eifer zusammengepreßt, das dunkle Haar phantastisch mit der phrygischen Mütze geschmückt, sah sie so fremdartig schön aus, daß ein Flüstern der Bewunderung durch die Reihen ging und selbst einige ältere Herren die Versuchung fühlten, es noch einmal mit dem Eislauf zu wagen, wenn es an ihrer Seite geschehen könnte.

Jetzt flog die gelbe Kugel erst in langen niederen Sprüngen, dann blitzschnell rollend über die graue Fläche, bis sie endlich in ansehnlicher Entfernung mitten auf dem Eise zur Ruhe kam.

»Jetzt werfen wir alle gleichzeitig,« rief sie, in die Hände klatschend, »damit um Gottes willen keine Durchstecherei geschieht! Nur der lustige Zufall soll heute König sein!«

Im selben Augenblick aber raunte sie lachenden Auges dem Mathematiker, an dessen Seite sie sich zu stellen gesorgt hatte, zu:

»Ich werfe ganz abseits vom Lecco nach dem schwarzen Pfahl dort am Ufer, ich habe eine ganz dunkle Blutapfelsine, die Sie leicht von allen andern unterscheiden können. Werfen Sie später als ich und zielen Sie sorgfältig!«

Ein süßer Schreck durchzitterte ihn. ›Jetzt ist's entschieden,‹ dachte er, ›die Stunde des Glücks ist da!‹

Nun kollerte ein tolles Durcheinander von goldigen Kugeln über die blanke Bahn, sich mengend und überholend, abprallend und sich schiebend, bis sie sich in weiten Abständen um das gelbe Ziel gelagert hatten.

Nur Herbert von Bodungen hatte absichtlich seinen Wurf verspätet. Mit einem übermütigem Blick sagte er zu Alma:

»Sehen Sie, gnädiges Fräulein, ganz seitwärts dort liegt eine prachtvolle dunkelrote Orange und eine andre nicht weit davon; die erste gefällt mir merkwürdig, ich will doch sehen, ob ich den Nachbar nicht übertreffen kann, man rühmt doch sonst meine Kunst zu zielen.«

Alma wurde rot und wagte nicht über die Vertragsverletzung zu protestieren. Er warf, aber so ungeschickt, daß sein Ball nach einer ganz andern Richtung flog.

Der Fehlwurf war wieder unzweifelhafte Absicht. Alma merkte es und mußte sich schon wieder ärgern. Ein abscheulicher Mensch! Geradezu ungezogen! Mit keinem Blick wollte sie ihn heute mehr ansehen! Merkwürdigerweise sah sie freilich doch, wie er jetzt sehr unbetrübt lächelte, sich den Schnurrbart strich und mit ungebeugter Kraft über das Eis seine eleganten Kreise zog.

Nunmehr ward durch zwei wohlbeleumundete ältere Herren eine strenge Kontrolle über die ausgeworfenen Glückskugeln geübt und durch Vorlesen der eingeritzten Buchstaben die Paare gefügt und der Zug geordnet, wie sich gerade Männlein und Fräulein zusammenfanden. Doktor Belling und Alma bildeten ordnungsgemäß das letzte Paar.

So setzte sich der fröhliche Haufe stromaufwärts in Bewegung; ihm voran ein beweglicher Wald lustig schwankender Tannenbäume, von gemieteten Fischern getragen. Auf dem beschneiten Uferweg fuhren die Schlitten, die lange Kette der rüstigen Paare mit schmetternder Musik in gleichem Zeitmaß begleitend.

Gotthold und Alma liefen mit verschränkten Armen in glücklichem Schweigen nebeneinander, beide in selig banger Erwartung des Kommenden. Von Zeit zu Zeit warfen sie einander scheue Blicke zu. Alma fand, ihren Begleiter kleide die blutrote Mütze prachtvoll, sein Gesicht bekam durch dieselbe einen Zug wilder Größe. Masaniello!

Langsam, ganz allmählich blieben sie ein wenig zurück und erweiterten unbewußt wollend den Abstand vom nächsten Paare. Schon hätten sie ziemlich laut miteinander reden können, ohne von einem Unberufenen verstanden zu werden. Aber sie schwiegen noch immer.

Gotthold rang mit ernsten Gedanken. Jetzt war der Augenblick gekommen, da er der Erwählten seines Herzens das Geständnis von der Sonderheit seines Wesens machen mußte, da er sie einweihen mußte in sein Schicksal und den Irrtum aufklären, in dem sie wie alle andern befangen war. Allein dies Geständnis ward ihm unendlich schwer. Warum war es ihm einst vor Helene so leicht geworden? Er schwieg noch immer. Er zitterte davor, die Ruhe des süßen, gleitenden Glücks an ihrer Seite zu unterbrechen.

Und doch, er mußte sprechen, ehe er an das letzte Ziel seines Glückes rührte. Er mußte! Sie hielt ihn für einen andern Menschen, als er seinem inneren Wesen nach war, ob für einen besseren oder schlechteren, gleichviel, jedenfalls für einen andern. Es war gewissenlos, ihr Herz zu überrumpeln. Sie hatte das Recht, ihn ganz zu kennen, ehe sie ihm ihr Herz ganz ergab. Und warum nicht? Warum zauderte er? Konnte dadurch ihr Herz, ihre Liebe zu ihm gewandelt werden? Unmöglich! Die Liebe fließt aus tiefen Quellen und ist durch eine Erkenntnis des Verstandes nicht zu verstören.

Und dennoch zauderte er und schwieg. Ein seltsames Bangen umfing ihn mit schwerer Dumpfheit.

Der kurze Wintertag ging schon zu Ende, die Sonne war gesunken, und die Farben über der breiten Landschaft begannen zu verblassen. Die beiden waren schon weit genug zurückgeblieben, um das tiefe Schweigen der winterlichen Dämmerung um sie her zu empfinden. Unwillkürlich drängten sie sich ein wenig näher aneinander. Alma war ganz selig; sie dachte an nichts als an den kommenden Augenblick des letzten Glücks, der ihr sicher war. Gerade sein Schweigen war ja beredt genug.

Sie waren jetzt an einer Stelle angekommen, wo der Fluß eine scharfe Biegung machte und sich eine schmale Landzunge, mit Gestrüpp bewachsen, weit vorspringend zwischen sie und die bunte Schar der Festgenossen schob; mit einem heimlichen Aufjauchzen sagten sich beide heimlich: »Jetzt sind wir allein, ganz allein in der Welt! Von niemand gesehen, von niemand gehört!«

Vom gleichen dunkeln Gefühl bestimmt hielten beide die Schritte an und glitten mit unbewegten Füßen langsamer vorwärts. Dies sanfte Hingleiten war unsäglich schön; sie sanken miteinander leise dem sicheren Glück entgegen. Alma schloß die Augen wie berauscht und lehnte den Kopf ein wenig zurück, die Lippen öffneten sich leise und atmeten tief.

Er sah und wußte, jetzt war sie sein; wenn er sich nur über sie beugte und diesen heißen Mund küßte, war sie ganz sein ohne Kampf. Seine Hände zitterten, es flimmerte ihm vor den Augen, ohne es zu wissen, neigte er seine Lippen dem holden Antlitz näher und näher. Noch glitten beide ganz leise weiter; wenige Sekunden noch, und die verlangenden Lippenpaare mußten einander gefunden haben.

Da nahm die gleitende Bewegung ihr Ende, und sie standen still. Es gab einen winzigen, kaum merkbaren Ruck, doch er genügte, sie aus der süßen Versunkenheit heimlich aufzuwecken. Alma öffnete die Augen, und Gotthold fuhr halb erschrocken zurück. Ihr Blick hatte etwas Sonderbares, es schien ein heimlicher Vorwurf, eine zornige Frage darin zu liegen.

Da endlich faßte er Mut; jetzt mußte er reden, oder er unterlag dem Glück, das noch für ihn kein rechtmäßiges war.

»Mein verehrtes Fräulein,« sagte er nicht ohne eine steife Feierlichkeit, »bestatten sie mir, den kurzen Augenblick des Alleinseins mit Ihnen zu einer ernsthaften Aufklärung zu benutzen, die zunächst mich selbst und meine eigentliche psychische Struktur, wenn ich so sagen darf, betrifft –«

Sie blickte etwas verwundert auf; er machte ein so fürchterlich finsteres Gesicht, wie sie es noch selten von ihm gesehen hatte. Aber dennoch fürchtete sie sich heute nicht davor, heute zum erstenmal nicht.

›Herrgott, ist das aber ein Schulmeister!‹ dachte sie vielmehr respektlos, und laut rief sie: »Herr Doktor, bedenken Sie, daß ernste Reden heute strengstens verpönt sind!«

»Und dennoch, liebes Fräulein,« sagte er nach einem kurzen Schwanken hastig; »mir ist es sehr ernst zumute, ich muß mit Ihnen reden, ich bin Ihnen eine gewisse Erklärung schuldig –«

»Schuldig?« rief sie, mit dem Fuß kräftig aufs Eis stampfend. »Schuldig sind Sie mir wirklich nichts – jedenfalls keine langen Erklärungen und Redensarten.«

Das klang ziemlich schnippisch, aber ihr Auge blitzte da so übermütig froh und schalkhaft herausfordernd, daß er völlig verwirrt wurde. Und dann ließ sie plötzlich seine Hände los und stand vor ihm mit gesenkten Blicken stumm und regungslos, als wollte sie sagen: »Da hast du mich! Nun umarme mich!«

Da kam es über ihn wie ein freudiger Trotz, und er dachte: ›Gut denn, wenn sie nicht hören will, dann . . .‹ Und in beseligtem Taumel breitete er die Arme aus.

In diesem Augenblick erscholl ziemlich nahe ein mißtöniges, widerwärtiges Gekläff und Gewinsel. Beide blickten erschrocken zur Seite – und siehe da, über das Eis patschte in den ungeschicktesten Sprüngen, immerfort stolpernd und ausgleitend, der Hund Molly, der häßlichste und gemeinste seines Geschlechts.

Dieser garstig-komische Anblick machte einen sonderbaren Riß in die erregte Stimmung der beiden Menschen; Alma rief mit halb zorniger, halb weinerlicher Stimme: »Pfui, das ist Ihr abscheulicher Hund, der da kommt!«

Auch sein Herr ward keineswegs freundlich gestimmt durch das unzeitige Erscheinen des Tieres.

»Ich hatte ihn eingeschlossen,« brummte er verlegen und ärgerlich, »er muß sich irgendwie frei gemacht haben.«

»Freilich muß er das,« rief Alma erzürnt, »aber so jagen Sie das greuliche Geschöpf doch fort! Lassen Sie es nicht herankommen! Sehen Sie doch, es ist ganz schmutzig!«

In der Tat hatte das unglückliche Tier es auf irgendeine rätselhafte Weise fertiggebracht, sich auf dem glänzend sauberen Eise Bauch und Beine auf das gründlichste zu beschmutzen. Seinem Herrn ward die Lage sehr unbehaglich.

»Marsch, nach Haus!« rief er rauh und machte die Drohgebärde des Steinwerfens zugleich mit einer Miene, die einen Haufen Landsknechte in die Flucht geschlagen hätte; Molly aber ließ sich nicht verwirren noch einschüchtern, sondern strampelte sich unter verstärktem Freudengeheul näher und näher, obgleich er in seinem Eifer noch öfter als vorher ausrutschte.

Gotthold versuchte ein andres Mittel, um wenigstens Zeit zu gewinnen: er hob einen dürren Zweig auf, rief: »Apport!« und warf ihn so weit wie möglich über das Eis.

Doch auch diese List verfing nicht. Molly hatte im Rausch der Wiedersehensfreude alle Künste vergessen. Jetzt war er da und sprang glückselig winselnd und bellend an seinem Herrn empor, nicht ohne die ausgedehntesten Spuren seiner schmutzigen Pfoten auf dessen Kleidern zu hinterlassen.

»Das Vieh hat ja aber nicht den geringsten Appell!« rief Alma entrüstet. »Strafen Sie es doch!«

Aber das vermochte Gotthold doch nicht über sich. Trotz seines stillen Ärgers erschien ihm die rücksichtslose Freude des treuen Tieres gar zu rührend. Es für seine leidenschaftliche Ergebenheit noch zu schlagen, das konnte ihm nimmermehr zugemutet werden. Er vergaß sich sogar so weit, ihm heimlich eine kleine Liebkosung angedeihen zu lassen. Diese aber trug schreckliche Früchte: sie steigerte Mollys Wonnetaumel bis zur Tollheit, aufjauchzend stürzte er sich nun auch auf die Gefährtin seines Herrn und versuchte dieser die Hände zu lecken, ohne die geringste Rücksicht auf den köstlichen Pelzbesatz ihres feinen Mäntelchens zu nehmen.

Sie schrie vor Entsetzen laut auf mit einem nicht sonderlich lieblichen Ton und gab ihm in der Angst mit ihrem zierlichen Füßchen einen Stoß, der kräftig genug war, ihn eine gute Strecke über das Eis zurückzuschleudern.

Das wirkte. Ziemlich bescheiden kam er zurück und benahm sich fortan mehr seinem Stande angemessen.

»Das begreife ich aber nicht, wie ein Mann nicht einmal seinen Hund in Zucht halten kann!« rief sie erbittert und betrachtete mit Schaudern ihr beschmutztes Kleid. »Ich weiß gar nicht, warum Ihnen dann eigentlich Ihre Schüler gehorchen!«

»Das ist's eben,« erwiderte er dumpf und finster, »sie würden es auch nicht tun, wenn sie klüger wären.«

Sie blickte ihn groß an, offenbar ohne ihn recht zu verstehen. Da wollte er die Gelegenheit benutzen, ihr seine große Offenbarung zu machen; doch kaum hatte er seine feierliche Miene wieder aufgesetzt und wollte seine Rede beginnen, als sie ihn ergrimmt mit den Worten unterbrach:

»Ach, Sie sind langweilig, Sie passen gar nicht zu uns.«

Er war ganz erstarrt über diese Worte.

»Sie mögen recht haben,« sagte er leise. »Ich passe wohl nicht zu Ihnen.«

Sie erschrak über den düsteren Ton seiner Stimme mehr noch als über die Worte und sagte beschwichtigend:

»Heute nicht. Heute sind Sie so sonderbar.«

Und plötzlich bückte sie sich nieder, raffte eine Handvoll Schnee zusammen, formte einen Ball, warf ihm den leicht ins Gesicht und wandte sich zur Flucht.

Das war genau wie neulich der Blumenwurf, und doch stimmte es ihn ganz anders. Es erschien ihm als ein unerlaubter Übermut, fast fühlte er sich beleidigt. Als er ihr aber nachblickte und sie in den anmutigsten Schwingungen eilig über das Eis schweben sah, schlug er sich vor den Kopf und murmelte:

»Ich bin ein Frosch – oder besser, ein richtiges Schaf!«

Dann folgte er ihr langsam, indem er acht gab, daß der arme Hund auch Schritt halten könne.

Alma hatte bald den Zug der übrigen Paare erreicht. Hier gelang es ihr mit Leichtigkeit, eine allgemeine Verwirrung zu stiften. Sie tat einen absichtlichen Fall aufs Eis, das nächste Paar eilte hilfsbereit herzu und stürzte ohne Verzug über sie hinweg ebenfalls zu Boden, andre Läufer folgten getrennt oder paarweise dem Beispiel, und bald war der ganze schön geordnete Festzug zu einem wirren Knäuel zusammengeballt.

»Alle Büchsen rühren sich!« rief Alma laut, befreite sich aus dem Gedränge und schwebte allein über die Bahn weiter. Herbert von Bodungen schoß hinter ihr her wie ein Raubvogel. Und diesmal machte er keine Volten noch Seitenzüge, sondern erreichte sie im geradesten Ansturm, ergriff mit einer prachtvollen Schwenkung ihre beiden Hände und riß sie in rasendem Lauf mit sich fort.

Das tat ihrem heiß erregten Blut wohl; das war Kraft, Leidenschaft, Wildheit, Taumel, wonach sie sich sehnte, das war Befreiung von einer drückenden Schwüle. Mit Begierde genoß sie die Lust des vollen Ausstürmens, des schwindeligen Wirbels; ihre Wangen glühten heißer, ihre Brust wogte, sie jagte so leicht dahin, als würde sie frei durch die widerstandslose Luft geschwungen; alle Glieder erschienen ihr selbst wie von einem mächtigen Rausch ergriffen, sie wollte aufjauchzen vor Lust, doch eine wonnevolle Angst schnürte ihr die Kehle zu; sie bog den Kopf zurück, schloß die Augen und ließ sich von der überlegenen Kraft des Mannes hinaustragen, wohin es gehen mochte. Warum hatte der andre sie nicht in so herrlichem Ansturm mit sich gerissen? Der hoffnungsselige Augenblick an der Landzunge lag jetzt weit hinter ihr wie ein Traum.

Herbert von Bodungen sprach kein Wort zu ihr; doch wenn sie aufblickte, hingen seine Augen voll stolzer Glut an ihrer Schönheit. Warum hatte der andre sie nicht so angesehen? Und warum konnte der andre nicht einmal seinen Hund beherrschen? Und so einen scheußlichen Hund!

Ein Wirtshaus am Fluß war das Ziel der reisigen Gesellschaft; dort empfing die Frostüberhauchten ein geheizter Saal und dampfender Punsch. Der schlichte Saal ward durch die fruchtgeschmückten Tannen und durch Kränze und Bänder in wenigen Minuten zu einem prächtigem Festraum umgewandelt. An den Schlittschuhlauf sollte sich nach kurzer Rast ein Tanzvergnügen schließen; Ermüdung durften die jugendlichen Füße nicht kennen.

Als der Mathematiker eintrat, sah er Alma an Herrn von Bodungens Seite sitzen mit heiß erregten Wangen, die Augen unstet flackernd; sie war schön wie eine Bacchantin. Ihm warf sie einen kurzen Blick zu voll Zorn und fast voll Haß. Er fühlte sich unsäglich klein und wagte ihr nicht mehr zu nahen; seine Leidenschaft selbst schien ihm plötzlich stumpf geworden.

Alma tanzte mit wahrer Wildheit; ihr Blut, das durch jenen heiß erwartenden Augenblick an der Landzunge mächtig aufgeregt war, mußte sich austoben; immer wieder ließ sie sich von dem Arm des schönen Husaren umschlingen und in betäubender Hast herumwirbeln. Ihre Augen brannten wie im Fieber. Wie taumelnd schien sie sich an ihren festen Tänzer anzuklammern, sich hilflos hinzuschmiegen. Sie sah gefährlich schön aus in der wilden Grazie ihrer Bewegungen. Ihr Blick ward immer leerer und fieberhafter; wenn sie jetzt an Gotthold vorüberkam, sah sie ihn gar nicht mehr. Sie hing wie selbstverloren im Arm ihres Tänzers.

Ihm ward erstickend heiß bei diesem Anblick; er verließ auch heute das Fest lange vor seinem Ende. ›Ich gehöre nicht in diese Freuden!‹ dachte er verstört.

Draußen warf er die lustige Schellenkappe wild von sich und drückte seinen eignen breiten Schlapphut tief in die Augen. Er trat hinaus in die sternenklare, eisige Nacht; sein Hund begrüßte ihn freudig bellend, doch er beachtete ihn nicht. Er legte sich die Schlittschuhe an die Sohlen und fuhr einsam im Dunkel den Weg zurück, den er bei strahlender Sonne in der liebsten Gesellschaft gekommen war.

Der gleichmäßig schnelle Flug über das Eis beruhigte seine aufgestörten Gefühle; eine stumpfsinnige Ergebung begann ihn zu beherrschen. »Ich habe sie verloren,« sagte er zu sich, »denn es ist unabwendbar, daß ich sie verliere. Das Schicksal thront nicht über den Wolken, seine Blitze zu schmieden, sondern ich selbst bin das Schicksal, das mich erbarmungslos beraubt. Weil ich nicht anders sein kann, als ich bin, geschieht alles so, wie es geschieht. Ich selbst bin der gottgleich Unerbittliche, der das Glück zerstört, weil ich nicht anders sein will, mein Wesen nicht wandeln, mich selbst nicht vernichten will. Mit einer einzigen mühelosen Bewegung hätte ich, frei zugreifend, Liebe, Reichtum, Glanz, Ehre, alles zugleich gewinnen können, wenn ich das furchtsam grübelnde Gewissensbedenken nur eine Sekunde lang fahren ließ; allein dann war auch mein innerstes Wesen verwandelt, dann war ich nicht mehr ich, ich war tot, ich war nicht mehr eins mit dem Schicksal, nicht mehr der lenkende Gott auf dem rollenden Lebenswagen, sondern ich war der willenlose Sklave eines Glücks, das von außen zwingend wie ein goldenes Netz über mich geworfen war. Und war ich dann glücklich?«

In so hochgeflügelten Nachtgefühlen suchte er die Pein der stillen Selbstvorwürfe zu verflüchtigen. Und indessen sauste er weit ausgreifenden Schwunges über das Eis; nur das Schnurren seiner Eisen klang eintönig durch die Nacht und manchmal ein fernes Krachen oder ein schwermütiges Schlucken und Glucksen unter der Eisdecke. Die Bäume am Ufer huschten vorüber wie ängstliche Schatten, zuweilen auch ein matt erleuchtetes Haus, einem zerfließenden Traume gleich; alles flüchtete vorüber, rückwärts, dorthin, wo das verräterische Glück geblieben war. Nur die Sterne über ihm blieben unbewegt und unverändert.

›Das ist die Ruhe,‹ dachte er, ›die eherne Ruhe des Schicksals und des inneren Kerns der Dinge und der Menschen!‹

6

Am nächsten Vormittag herrschte in der Untertertia während der Pause vor der Mathematik eine auffallend erregte Stimmung.

»Hurra, Kinder,« rief eine prahlerische Stimme, »wir machen einen Aufstand wie die Samniter –«

»Ach, das ist nichts, die mußten nachher durchs Joch gehen,« antwortete ein andrer, »das tun wir nicht!«

»Nein, das tun wir nicht! Niemals!«

»Niemals! Niemals!«

»Na, denn also wie die Cherusker. Gruber heißt ja auch Hermann, das ist famos; Gruber ist ja doch der Anstifter!«

»Famos! Hermann Gruber, der Cherusker, hoch!«

»Wieso? Wie hat er angestiftet?« fragte eine etwas ängstliche Stimme im Hintergrunde.

»Na, hast du denn nicht gehört? Seine Schwester hat ihm gesagt, Iwan wär' eigentlich gar nicht so eklig, wie er aussähe; wir sollten nur mal stramm aufmucken, da würd' er schon klein werden; sie hätt' selbst gesehen, daß ihm sein Hund nicht parierte, und er hätt' den Köter doch nicht gehauen. Und sie selbst parierte ihm auch nicht mehr.«

»Das hat sie gesagt!« bestätigte Hermann Gruber wichtig.

»Uns haut er am Ende doch.«

»Ich weiß überhaupt nicht, warum wir uns von Grubers Schwester aufhetzen lassen sollen,« bemerkte ein unnatürlich verständiger Knabe.

»Au, du, die ist ja riesig hübsch!« belehrte ihn ein andrer, und dieser Grund schlug durch.

»Wenn einer anfangen will, meinetwegen, ich trommle mit, aber anfangen tue ich nicht.«

»So 'n feiger Hund! Ich tu's gleich!« rief Hermann Gruber stolz. »Man muß den Stier bei den Hörnern fassen!«

»Du kannst es auch am besten, dir tut er nichts, nämlich von wegen deiner Schwester –«

»Ach, Unsinn; meine Schwester ist ja böse mit ihm, glaub' ich.«

»I wo, dann tut er nur so; weißt du, was mein großer Bruder gesagt hat, der bei den Husaren?«

»Na?«

»Er ist verliebt in Alma Gruber.«

»Aaah!«

Ein ungeheures Staunen ging über die Klasse und eine Entrüstung über die unglaubliche Schwachheit eines bisher so geachteten Lehrers. Iwan der Schreckliche verliebt! In wenigen Sekunden sank der Respekt vor ihm in wahrhaft gefahrdrohender Weise.

»Donnerwetter, wer hätte das gedacht?« rief einer nach allgemeinem Schweigen. »Aber dann ist's richtig, Gruber, dann tut er dir nichts; wenn man verliebt ist, ist man immer so gegen die Brüder; du kannst es riskieren.«

»Ja, ja, Gruber muß voran, er hat auch angefangen mit dem Aufhetzen!«

»Will ich auch!« rief Gruber trotzig. »Ich will's ihm schon zeigen. Aber wenn ihr nicht mittrommelt, nutzt es nichts, und ich muß es nachher allein ausbaden.«

»Er tut dir ja nichts; denk doch an den Köter, den er auch nicht gehauen hat, und der ist doch so 'n freches Biest, wie du noch lange nicht bist.«

»Nein, noch lange nicht!«

Hermann Gruber fühlte sich sehr geschmeichelt und ermutigt.

»Aber natürlich trommeln wir alle mit!«

»Aber nach Noten!«

»Wißt ihr was, Jungens?« schlug einer vor. »Ich hab' Murmeln bei mir – das ist 'ne Dynamitpatrone – die muß Gruber ihm um die Beine schmeißen.«

Gruber erblaßte. »Das ist aber zu glupsch!«

»Ach wo! Famos ist es! Weißt du, sie fallen dir ja natürlich ganz zufällig aus der Tasche.«

»Gruber, wenn du feige sein willst, gibt es Keile!«

Um ihm jeden Zweifel an der Tatsächlichkeit dieses ihm drohenden Schicksals zu benehmen, wurde er gleich von einem Dutzend munterer Fäuste bearbeitet während ihm von andern die Taschen voll Lehmkugeln gestopft wurden. Er wehrte sich wie ein Löwe, und durch dieses Vorpostengefecht wurde sein Kampfesmut so befeuert, daß er jedes Zagen vergaß und die unerhörtesten Heldentaten gegen Iwan den Schrecklichen in Aussicht stellte.

»Schade, daß ich meine Spieldose nicht bei mir habe,« rief er prahlerisch, »das wär' fein! Da sollte er 'ne Musik hören!«

»Na, zum Musikmachen können wir auch Stahlfedern nehmen.«

Das leuchtete allen ein; augenblicklich wurden von einem halben Hundert Federn die Spitzen abgebrochen und in das Holz der Tische gebohrt; auf so einfache Weise wurden ohne Zeitverlust die zierlichsten Instrumentchen hergestellt, die zwar zur Ausführung komplizierterer Tonsätze weniger geeignet schienen, aber doch einen zarten, harfenähnlichen Ton hervorbrachten, der den zeitigen Anforderungen vollkommen genügte.

Diese kriegerischen Vorbereitungen erhitzten den Mut und Eifer zu fieberhafter Höhe. Von der Kriegsmusik ging man zur Anfertigung von Waffen selbst über. Aus Gummischnürchen, Zwirnfäden, Fischbeinen, Streichhölzern, Federhaltern und andern Gegenständen des friedlichsten Gebrauches wurden mit rüstiger Arbeitskraft höchst verwickelte Schußwaffen zusammengesetzt, Schleudern, Bogen, Ballisten und Katapulte; wären Frauen zugegen gewesen, sie hätten wie einst die Karthagerinnen ihr Haar zur Anfertigung von Bogensehnen hergegeben. An Munition fehlte es nicht; Papierkügelchen wurden in Masse bereit gehalten, von kannibalischen Gemütern sogar mit dem schwarzen Gift der Tinte getränkt. Der Krieg mußte nach Partherart aus der Ferne – eminus – geführt werden, denn im Nahkampf – cominus – hatte der schwerbewaffnete Lehrer offenbar zu viele Vorteile für sich; das war gemein von ihm, feige und heimtückisch, aber es war nicht zu ändern, die Lehrer sind einmal so von Gott erschaffen.

Der junge Gruber saß mit finster entschlossenem Antlitz da, ein neuer Decius Mus und Winkelried, zum Opfer geweiht und sich seiner Weihe bewußt.

Die Tür ging auf, und Iwan der Schreckliche schritt herein. Hermann Gruber, noch eben hochrot von den vorhergegangenen Faustkämpfen, ward bleich wie Kalk und wäre am liebsten nicht nur unter den Tisch, sondern gleich unter die Diele verschwunden; doch sein Heldensinn bestand die furchtbare Probe; er blieb stramm sitzen und kroch nicht unter die Diele.

Eine unheimliche, fast grauenhafte Stille trat ein.

Jetzt drehte der Schreckliche der Klasse den Rücken, um seine geometrischen Figuren an die Tafel zu malen. Da ward hinten in der Ferne eine ganz feine Kriegsmusik angestimmt, so zart und leise wie ein Engelgesang über Wolken, für ein sterbliches Ohr kaum vernehmbar; doch der junge Decier hörte sie, und durch das erhebende Gefühl der Rückendeckung ward sein Mut gestählt. Er zog eine Lehmkugel aus der Tasche und ließ sie zur Erde fallen. Allerdings gebrauchte er die Vorsicht, die Hand dabei so dicht über den Fußboden zu halten, daß ein Geräusch durchaus vermieden wurde, aber die Kugel rollte doch einige Fingerbreit fort und hätte beinahe den freien Raum vor dem Tisch erreichen können.

Es war immerhin ein erster Versuch, wohl geeignet, die Kühnheit zu wecken, da er keinerlei üble Folgen nach sich zog.

Eine zweite Kugel ward abgelassen; man vernahm ein hörbares, wenn auch immer noch äußerst zartes Rollen. Auch die Kriegsmusik im Hintergrund begann ein wenig anzuschwellen. Noch immer erfolgte nichts Schreckhaftes auf diese verwegenen Herausforderungen.

Da ergriff den Schützen ein trunkener Todesmut gleich dem taumelnden Verzweiflungskampf des Selbstmörders, und die Augen zukneifend ließ er mit ungeheurem Entschluß eine ganze Faust voll Kugeln polternd nach dem Katheder hinsausen.

Dann hing er mit geschlossenen Augen über den Tisch, totenbleich, als säßen ihm zwanzig Feindesspeere in der Brust, das Ende aller Dinge erwartend. Alle fünfzig Köpfe der Klasse sanken mit einem Ruck tief auf die Tische herab, und lange Sekunden hindurch war kein Atemzug zu vernehmen. Jeder einzelne erwartete unter Stoßgebeten eine nie dagewesene Katastrophe. Wenn der Gewaltige jetzt wie Simson das Haus über sich und der meuterischen Klasse zusammengestürzt hätte, keiner hätte sich gewundert und keiner die Strafe zu hart gefunden.

Iwan der Schreckliche fuhr von der Tafel herum; nie hatten seine Augen so furchterregend geflammt. Mit einem Blick hatte er die Sachlage erfaßt; er wußte, daß die ganze Klasse gegen ihn verschworen war.

›Das ist dein Schicksal!‹ dachte er, ›Diese Unmündigen werden deine Richter sein.‹

Er wußte auch ganz genau, wer dem Attentat die ausführende Hand geliehen; auf dem entstellten Gesicht des jungen Gruber stand ja eine ganze Speisekarte ungeheurer Sünden geschrieben.

Wenn er diesen jetzt ohne Zaudern herausgriff und als Sündenbock für aller Vergehen schlachtete, so konnte mit ein paar gesunden Ohrfeigen die Sache abgetan und seine Herrschaft auch für die Zukunft wieder befestigt sein. Das war ihm zweifellos klar.

Aber er fand im entscheidenden Augenblick nicht den Entschluß, danach zu handeln. Zehn Bedenken sprachen dagegen.

Er konnte sich ja irren, Gruber war vielleicht ganz unschuldig, seine Schuld war nur geahnt, nicht bewiesen. Durfte der gerechte Lehrer sich der Gefahr aussetzen, durch die vorschnelle Züchtigung eines Unschuldigen einen moralischen Justizmord zu begehen? Und daß es gerade der junge Gruber war!

Und wenn der rasche Griff auch der richtige war – er zweifelte doch wirklich nicht – war denn der Ausführende strafwürdiger als die Anstifter? War er nicht im Gegenteil nur der Mutigere, Noblere, der zu handeln wagte, wo die Feigen sich tückisch duckten? Und dieser Bessere sollte büßen und die Lumpen straflos ausgehen? Und daß es gerade der junge Gruber war!

Und während der wenigen Sekunden solcher Billigkeitserwägung war auch der volle Ernst seines Zorns schon gebrochen; zuletzt war das ganze ein kindischer Spaß, ein harmloser Übermut, keines Aufhebens wert, und wenn er nun diese fünfzig angstversteinerten Köpfe sah, die samt und sonders aussahen, als ob sie bereits auf dem Block lägen, wie sollte er sich da eines innern Lachens erwehren? Es ward ein rührend komischer Anblick und weiter nichts.

Diese versäumten Sekunden bedeuteten die Entthronung Iwans des Schrecklichen.

Er beschloß am Ende, sich mit einer allgemeinen Strafrede zu begnügen, die zwar sehr zornig klingen sollte, aber nicht innere Kraft der Wahrheit genug besaß, die Gemüter wahrhaft zu erschüttern, ihnen vielmehr nur die Muße gewährte, sich von ihrer Zerknirschung zu erholen. Es war ein Sturm, der über ihre Köpfe brauste, während sie sicher im windstillen Tale saßen.

»Kinder, er tut nichts,« flüsterte es in einem fernen Winkel, »er hat den Köter auch nicht gehauen!«

Und diese Ermunterung lief wie ein tröstliches Prophetenwort blitzschnell von Mund zu Mund. Die erblaßten Wangen bekamen ihre derben Farben langsam wieder, die Stirnen hoben sich vorsichtig, und die Augen spähten wieder mit scheuer Keckheit nach neuen Taten umher. Wohl richteten sie ihre Blicke mit heuchlerischer Demut auf den wohlwollenden Redner, der sich mit mild gemäßigtem Tadel über ihr Unrecht erging, ihre Ohren aber lauschten weit gespannter auf die summenden Harfenklänge, die im Hintergrund schon wieder anzuschwellen begannen.

Das Gefühl persönlicher Sicherheit wuchs mit jeder Minute in jedem einzelnen. Mochte selbst noch eine Strafe kommen, sie traf dann alle, was schadete sie dem einzelnen? Eine Strafe für alle ist eine Ehre für den einzelnen. Vor allen aber hob sich des jungen Gruber Brust von freudigem Stolz; jetzt fühlte er sich als der bekränzte Sieger und Held des Tages.

Der Lehrer schloß seine gütige Ermahnung mit der versöhnenden Zusicherung, es solle diesmal alles vergeben und vergessen sein als ein Torenstreich, der keinen bösen Willen bekunde; er hoffe, ja, er wisse, daß etwas Derartiges nie wieder vorkommen werde.

Kaum hatte er diese herzgewinnenden Worte gesprochen, als etwas Weißes wie ein schnelles Insekt durch die Luft geschwirrt kam und dicht an seinem Kopfe vorüberblitzte.

Auch jetzt war er sich vollkommen klar darüber, was dies bedeutete, und sein Zorn kochte heftiger empor. Von dem Täter hingegen hatte er diesmal keine Ahnung, er konnte also nun erst recht nicht daran denken, aufs Geratewohl einen Unschuldigen abzustrafen. Überdies, juristisch sicher war er seiner Sache im Grunde doch nicht, einen Eid hätte er nicht darauf ablegen können; es konnte wirklich ein Insekt oder sonst etwas Zufälliges gewesen sein.

Es schien ihm das beste, vorerst gar nichts gesehen zu haben; erst eine Wiederholung konnte beweisen. Und wenn es ihm dann gelang, den nichtsnutzigen Schlingel auf der Tat zu ertappen, dann gnade dem Gott!

Er legte sich heimlich auf die Lauer, und während er scheinbar ganz in seinen geometrischen Erklärungen aufging, wanderten seine Augen so scharf beobachtend über die Klasse, als gälte es eine trigonometrische Aufnahme derselben.

Doch je angestrengter er aufpaßte, desto unsicherer wurde sein Blick; überall glaubte er verdächtige Fingerbewegungen zu entdecken, überall ein verdächtiges Zwinkern und Zielen der Augen, und doch war es nirgends etwas Sicheres, Greifbares; schon begann ihn ein leichter Schwindel zu befallen.

Dazu vernahm er nun ein unheimlich schwirrendes Klimpern, aber auch das nur halb, nur in unbestimmter Ferne, nur wie eine Möglichkeit; es konnte auch draußen von der Straße, etwa von einer fernen Drehorgel, kommen; es konnte auch gar nur ein Klingen seines überreizten Gehörnervs sein. Freilich wurde es stärker und stärker, aber das war noch kein Beweis; freilich stand seine subjektive Überzeugung, daß es eine neue Bosheit war, vollkommen fest, aber was half das? Einen objektiven Tatbestand zu finden, darauf kam es an.

Er spannte seine Aufmerksamkeit bis zum äußersten an, es schwirrte ihm vor den Augen, es brauste ihm vor den Ohren; sein Blut pulsierte wie im Fieber. Das lange Lauern und der unterdrückte Ingrimm hatten seine Nerven fürchterlich erregt.

Da fühlte er plötzlich etwas wie einen leichten Schlag gegen den Kopf; er griff hinauf und faßte ein Papierkügelchen, das in seinen Haaren saß.

Gott sei Dank, ein corpus delicti hatte er in der Hand! Wenn er jetzt den Täter auch nur ahnte, dann wehe dem!

Prüfend ging sein Blick über die Reihen – eine schuldbewußte Miene hätte ihm jetzt als Beweis genügt – doch was er sah, waren lauter ehrliche, unschuldige, reine Knabengesichter, voll rührenden Vertrauens auf den Lehrer gerichtet; nicht ein einziges trug die geringste Spur eines schlechten Gewissens, einer Tücke, eines hämischen Triumphes oder ähnlicher unschöner Gefühle; alles war Friede, Liebe, Ehrfurcht, Treuherzigkeit.

Da erst schwoll ihm der heiße Zorn mächtig in der Brust empor; die niederträchtige Heuchelei dieser jungen Seelen raubte ihm ganz die Fassung, und ohne weiteres Besinnen fuhr er auf den ersten besten los, ihn mit Donnerstimme der Tat beschuldigend und mit beiden Händen schüttelnd.

Nun hatte aber dieser erste beste wirklich die letzte Kugel nicht abgeschossen; er hatte die vorher bereitgehaltene vielmehr soeben ganz unschädlich zur Erde fallen lassen, und das stolze Bewußtsein dieser wunderbaren Gewissensreinheit gab dem armen Opfer den ganzen Trotz des ungerecht Gekränkten, und mit aller Heftigkeit eines edlen Zornes legte er gegen die Anklage Verwahrung ein.

Diese Heftigkeit wirkte in der Tat überzeugend; der Lehrer bekam das Gefühl, einen Unschuldigen gefaßt zu haben, ward unsicher und dachte heimlich über einen ehrenvollen Rückzug nach; da kollerte ihm von einer andern Richtung her eine volle Ladung polternder Lehmkugeln um die Füße, und die geheimnisvolle Musik schwoll von allen Seiten zugleich zu schauerlichem Dröhnen an.

Nun ließ er sein erstes Opfer los und stürzte sich blindlings auf einen beliebigen andern Schüler, der einen Anflug von Heiterkeit im Gesicht zu haben schien. Er gab ihm eine schallende Ohrfeige.

Was aber vor einigen Minuten sein Heil gewesen wäre, ward jetzt das Signal zum offenen, allgemeinen Aufstand. Die Würde der Tertia war beleidigt von einem, der sich nicht durch absolute Furchtbarkeit ein Recht dazu erworben hatte. Seine Furchtbarkeit hatte soeben schon einen Riß bekommen.

Die schwirrende Musik der Federspitzen ward übertönt von einem wirren Schurren und Klappern, vermischt mit einem dumpfen Brummen, das sich nur erst unsicher aus festgeschlossenen Lippen hervorwagte.

Als aber weder der Himmel noch die Zimmerdecke einstürzte, kein Blitz aus blauem Himmel niederfuhr, Iwan der Schreckliche selbst aber weder einen Revolver noch eine Dynamitpatrone aus der Tasche zog, sondern nur in hilflosem Grimm bleich mit starren Blicken vor der aufgeregten Masse stand, da kam ein Taumel der Wut über sie alle, daß sie sich so lange hatten knechten lassen von dem da – dem da, der sie bloß betrogen hatte mit seinem finstern Gesicht, dem da, vor dem sie sich so wenig zu fürchten brauchten, wie sein Hund sich fürchtete, dem da, der sich in die Schwester eines ganz gewöhnlichen Tertianers verlieben konnte und also jedenfalls auch gefühlvolle Gedichte machte und überhaupt eine sanfte, gute Seele war, denn wie hätte er sich sonst verlieben können?

Ein immer wüsteres Poltern, Trampeln, Pochen, Rasseln, Scharren und Trommeln erhob sich, dazwischen sogar einmal ein gellender Pfiff und ein Heulen und Winseln – das war der große Racheschrei der geknechteten Untertertia wider ihren Tyrannen.

Jetzt aber ging plötzlich mit dem besiegten Tyrannen eine auffallende Veränderung vor. Sein Gesicht verlor den starren Ausdruck, sein Auge glitt ganz ruhig und gelassen über die aufgeregte Schar hin, und etwas wie ein mitleidiges Lächeln spielte um seine strengen Lippen.

Das verblüffte sie für einen Augenblick, und der Lärm ließ ein wenig nach. Da sagte er mit einer stillen, sehr gleichmütigen, aber doch allen vernehmbaren Stimme zu ihnen:

»Wenn ihr wüßtet, was ihr mir heute angetan habt, die Besseren unter euch hätten sich vielleicht doch anders besonnen. Aber es ist nun einmal geschehen; und ich denke, wir haben uns nun wohl heute zum letztenmal gesehen. Ich gehe jetzt, dem Herrn Direktor Meldung zu tun.«

Ein jähes Verstummen antwortete dieser ruhigen Anrede; ein geheimnisvoller Gewissensschreck zuckte durch alle Gemüter, ein dunkles Schaudern vor einer halb unbekannten, schwerlastenden Schuld.

Der Lehrer hatte schon den Griff der Tür in der Hand; er kehrte sich noch einmal um, an das plötzliche Schweigen eine dunkle Hoffnung knüpfend; er sah verlegene, einige fast verstörte Gesichter; der junge Gruber lag mit dem Kopf auf dem Tisch und schluchzte krampfhaft.

Da stieß einer, vielleicht nur um sich von dem quälenden Bangen zu lösen, ein kurzes Lachen aus, ein andrer antwortete etwas lauter und roher, und nun folgte als allgemeines Echo ein wüstes, brüllendes, zügelloses Gelächter. Es klang Iwan dem Schrecklichen nach draußen so widerlich gemein, wie wenn eine stumpfsinnige Horde über die letzten Zuckungen eines Gehängten johlt. Denn ihm war nicht viel besser als einem solchen Galgenvogel zumute.

Doktor Belling hatte jetzt mit seinem Direktor eine längere Unterredung, infolge deren dieser sich sehr erstaunt und sehr aufgeregt in das Lehrerzimmer begab, um hier ebenfalls eine allgemeine Aufregung und großes Erstaunen zu erregen.

»Hm, hm,« sagte der Professor Heding, »ich habe es längst gewußt, daß es so kommen würde. Allzu scharf macht schartig. Hochmut kommt vor dem Fall. Ein zu straff gespannter Bogen muß eben reißen. Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht. Hm, hm, ja, die Disziplin, die Disziplin!«

Mit sorgenvoll gefurchter Miene verließ er die Kollegen.

Eine Viertelstunde darauf saß Frau Professor Heding auf dem guten Sofa der Frau Doktor Quade; jetzt eben wurde sie erst mit dem Zuknöpfen der Handschuhe fertig.

»Wie es gekommen ist?« rief sie eifrig. »Ganz einfach. Der Hund ist die erste Veranlassung. Sie kennen doch den fürchterlich häßlichen Hund, der dem Herrn so ähnlich sieht?«

Frau Quade nickte mit einer Gebärde des Abscheus.

»Nun also, das Tier soll es gar zu toll getrieben haben. Überall hat es den greulichsten Unfug gestiftet, so zum Beispiel soll es gestern Fräulein Gruber auf einer Eispartie alle Kleider vom Leibe gerissen haben und aus Bosheit allen Schlittschuhläufern zwischen die Füße gestürzt sein, bis sie elend zu Falle kamen. Und sein Herr hat das ruhig mit angesehen und höchstens gelacht, statt das Viehzeug zu strafen. Und nun denken Sie doch bloß, liebe Frau Doktor, was so ein zügelloses Geschöpf alles für Unheil stiften kann und sicher auch schon gestiftet hat! Setzen Sie zum Beispiel den Fall, der Hund fällt ein wehrloses Kind auf der Straße an – wer kann wissen, ob es in diesem Augenblick nicht schon geschehen ist?«

»Ich schwöre darauf, daß es geschehen ist!«

»Sehen Sie wohl? – Ein wehrloses Kind gebissen, zerfleischt, in seinem Blut schwimmend – und obendrein so ein unglaublich häßliches Vieh! – und sein Herr steht gemächlich daneben und rührt nicht die Hand, das Ungeheuer zurückzuhalten und das Kind zu retten.«

»Furchtbar! Das muß ich aber sofort der Frau Polizeileutnant erzählen, sofort, sage ich, die wird mit ihrem Manne reden – o Gott, ich selbst habe Kinder!«

»Das konnten unsre Gymnasiasten nicht länger mit ansehen! Sie haben sich empört gegen diesen Lehrer und ihm offen gezeigt, wie sehr sie sein Betragen mißbilligen. Sie haben ihn herausgetrommelt – mit blutendem Herzen haben sie es getan, ich bin davon überzeugt, denn sie wissen, daß es an sich ein Unrecht ist und ein strafbares Vergehen gegen die Disziplin, aber die wackeren Knaben wollten lieber die grausamsten Strafen erdulden, als solche Dinge länger mit ansehen. Es ist schrecklich, die unschuldigen Knaben selbst zur Meuterei zu zwingen! Es tut mir zu leid, liebe Frau Doktor, daß ich nun aber gar keine Zeit mehr übrig habe, ich bin nur so heraufgesprungen auf einen Augenblick aus besonderer Freundschaft; ich bin eigentlich auf dem Weg zu Frau Wippermann und Fräulein Leinemann, Sie müssen mich schon entschuldigen, liebste Frau Doktor!«

Frau Doktor Quade entschuldigte sie gern; sie hatte selbst bereits Hut und Mantel angezogen, um zu Frau Polizeileutnant Sommerlatte zu fliegen.

*

Doktor Belling saß einsam auf seinem Zimmer und brütete verzweiflungsvoll vor sich hin. Er malte sonderbare Zeichen und Kreise auf ein Papier, die nicht die geringste geometrische Ordnung hielten, sondern wirr durcheinander tobten wie eine aufrührerische Rotte.

Da klopfte es sehr schüchtern an die Tür, und auf ein mehrmaliges Herein zeigte sich das angstvolle Gesicht des Tertianers Gruber.

Belling winkte ihm einzutreten und blickte ihm mit unsicherer Erwartung entgegen.

»Ich wollte – Sie um Verzeihung bitten,« stotterte der Knabe, »daß ich – so ungezogen – heute gegen Sie war –«

»Wer schickt dich her?« fragte Belling, von einem plötzlichen Gedanken ergriffen. Sein Herz klopfte heftig.

»Niemand,« antwortete jener bestimmt, »ich konnte es bloß nicht aushalten, weil – weil – ich der Schlimmste gewesen war – und alles zuerst angestiftet hatte – aber nun ist es so toll geworden –«

Der Lehrer war sehr überrascht und schwieg eine Weile. Dann sagte er mit stark bewegter Stimme:

»Du also warst der Anstifter dieser unverhofften Rebellion? Dein offenes und freiwilliges Geständnis ehrt dich; es freut mich, daß du dich deiner Tat schämst und fühlst, es war keine gute Tat. Es ist das die beste Sühne für dieselbe. Aber nun sage mir ebenso offen und ehrlich: was hat dich bewogen, mir so plötzlich eine heimtückische Falle zu stellen, gerade dich?«

Der Knabe blickte völlig zerknirscht mit nassen Augen zu Boden.

»Ich dachte ja nicht – daß es so – so schlimm werden würde – und ich dachte auch – es war bloß, weil Alma – weil meine Schwester –«

Belling zuckte zusammen und faßte hastig die Hand seines Schülers. »Was hat deine Schwester?« forschte er atemlos.

»Alma sagte, wir brauchten gar nicht solche Angst vor Ihnen zu haben; wir sollten nur 'mal versuchen, ob wir Sie nicht unterkriegten, Sie wären gar nicht so böse, wie wir dächten; Sie könnten nicht einmal Ihren Hund in Gehorsam halten, hat sie gesagt, also brauchten wir erst recht nicht zu gehorchen. Sie wären überhaupt nicht –«

»Nun?«

»Nicht so forsch, wie alle glaubten, und darum –«

»Darum hat sie sich den Spaß gemacht, den ihr dummen Kerle für so ernst genommen habt – nicht wahr, deine Schwester lächelte ein wenig, als sie dich zum Ungehorsam anstiftete, du wirst dich entsinnen, oder sie lachte gar?«

»Nein, doch nicht, Herr Doktor,« sagte der Schüler verwundert, »gewiß nicht. Sie war ja im Gegenteil ganz wütend, und machte so sonderbare Augen gestern abend, ganz sonderbare – wütend war sie wirklich, Herr Doktor; ich dachte erst, sie wäre verrückt, weil sie sich so hatte, aber das war sie nicht, und gelacht hat sie nicht ein bißchen, sondern sie stampfte mit den Füßen, und wie ich sagte: ›Hab dich doch nicht so gefährlich, Alma!‹, da sagte sie, sie wollte sich an Ihnen rächen. Und da dachte ich, Sie müßten ihr irgend etwas zu leid getan haben, und da –«

»Und da wolltest du als ritterlicher Bruder mir auch etwas zuleide tun – und siehst du, mein Sohn, das ist dir ja auch merkwürdig gut gelungen, diese frohe Kunde kannst du deiner armen Schwester bringen!«

Belling sprach mit sehr weichem Ton; jetzt sprang er von seinem Stuhle auf und ging mehrere Minuten lang im Zimmer auf und nieder, sehr stark atmend, daß es manchmal wie ein Stöhnen klang. Der zitternde Knabe wagte keinen Laut von sich zu geben noch sich zu rühren.

Endlich stand der Lehrer still, machte wieder ein so sonderbar gelassenes und kühles Gesicht wie zuletzt in der Klasse und sprach langsam und sehr dumpf:

»Sage deiner Schwester, ich sei ihr aufrichtig dankbar für ihre rasche Entscheidung unsrer Angelegenheit; sie habe recht getan, schnell zu handeln und einen Knoten zu zerhauen, der wirklich schwer zu lösen war; sie soll sich keinen Vorwurf machen, als habe sie mich zugrunde gerichtet, sie hat mir ja nur den Gnadenstoß gegeben, statt mich lange zu martern. Das war sehr human gedacht von ihr. Mein Glück war ja doch nur ein Kartenhaus, das jeder Windhauch umwerfen konnte; wer mag in einem solchen Hause wohnen? Es war das richtigste, daß sie selbst kam und blies und blies mit ihrem roten, lachenden Munde, bis es umfiel – grüße sie und sage ihr, daß ich ihr danke.«

Dem armen Jungen ward ganz unheimlich zumute, bei diesen Reden, von denen er wenig verstand. Eins aber begriff er doch, daß ein verhaltener großer Schmerz aus den fremdtönenden Worten sprach und daß er selbst unzweifelhaft diesen Schmerz verschuldet, und dann kam es ihm zum Bewußtsein, daß es doch immer Iwan der Schreckliche war, der hier so weich und seltsam traurig redete, wie es nie ein Mensch für möglich gehalten, und es ergriff ihn eine furchtbare Erschütterung; laut weinend küßte er ihm die Hand und bat noch einmal flehentlich um Vergebung.

Gotthold legte stumm die Hand auf seinen Kopf und streichelte ihn.

Da blickte der Knabe mit leuchtenden Augen zu ihm auf und rief:

»Herr Doktor, und wenn jetzt noch einer wagt, gegen Sie aufzumucken, der kriegt es mit mir zu tun. Und die andern haben Respekt von mir seit heute!«

Gotthold küßte ihn und entließ ihn.

Sobald der Besucher die Türe hinter sich geschlossen hatte, fuhr Molly mit wütender Miene aus seiner Ecke hervor und bellte wie rasend hinter ihm her. Es war das seine Art, den fliehenden Feinden goldene Brücken zu bauen, eine Art, die für beide Teile gleich angenehm und vorteilhaft war.

Nachdem er sich dieser Pflicht bis in ihre letzten Konsequenzen entledigt, stellte er sich mit schiefem Kopf und fragenden Augen vor seinen Herrn. Dieser blickte mit bitterem Lächeln auf ihn herab und sprach laut zu ihm:

»Du bist mein erster Feind in dieser Stadt gewesen, du warst der Verräter, an dem mein Glück zuschanden geworden, du hast es ihr verraten, daß man mich nicht zu fürchten braucht – und wen man nicht fürchtet, den braucht man auch nicht zu lieben – du warst mein erster Feind und sie meine erste Feindin, du aber bist auch mein letzter Freund und sie – –«

Er beugte sich nieder zu dem Tier, klopfte und streichelte es, das sich vor stolzer Freude winselnd krümmte.

7

Doktor Gotthold Belling machte nachmittags mit seinem Hunde einen Spaziergang auf der städtischen Promenade längs der alten Stadtmauer. Eine Art Trotz hatte ihn hierher geführt, wo er aller Welt begegnen mußte. Er konnte nicht zweifeln, daß die Kunde von seiner pädagogischen Niederlage längst durch einige hundert Kanäle in aller Ohren gedrungen sei und daß er infolgedessen in der öffentlichen Schätzung tief gesunken sein müsse. Was kann denn auch an einem Lehrer sein, der sich von den Schülern aus der Klasse jagen läßt! Er beschloß, diesem Wetterumschlag der Volksstimme die Stirn zu bieten; die Nadelstiche konnten ihm wenig anhaben, dazu war sein Herz zu tief und ernsthaft erschüttert. Darum ging er mutig den spöttischen Blicken der Menschen entgegen.

Molly machte nach seiner Gewohnheit die Vögel darauf aufmerksam, daß ihr Reich die Luft sei und nicht die Erde.

»Warum jagst du mich nicht auf, Molly?« fragte er bitter. »Ich bin ja nun auch wieder ein Vogel ohne Heimatrecht auf der Erde; und du bist es, der mich darum gebracht hat!«

Zu seiner eignen Verwunderung aber war in den Blicken und Grüßen der ihm begegnenden Spaziergänger wenig Veränderung zu bemerken; sie zeigten alle noch die gleiche scheue Ehrerbietung wie immer, nur daß für seinen durch Mißtrauen geschärften Blick die ducksame Scheu vielleicht die freie Ehrerbietung um ein merkliches zu überwuchern schien. ›Die haben noch etwas auf dem Herzen,‹ dachte er; ›die Legende von mir ist auch durch die vernichtende Kritik meiner Tertia noch nicht beseitigt worden!‹ Er dachte an das letzte Gespräch mit Helene. Es überkam ihn eine selbsthöhnende Lust, den nutzlos gewordenen Nimbus gewaltsam vor aller Augen zu zerstreuen; wenn er nur gewußt hätte, wo er ihn fassen sollte, der, ihm selber unbekannt, in der Luft um ihn schwebte! Er war in der Stimmung, alles, was für ihn selbst noch etwas Gutes bedeuten konnte, mit eigner Hand in Stücke zu schlagen. Er wollte sein wie der Vogel in der Luft und auch nicht einen Zweig mehr haben, auf den er sich setzen könnte! Er sehnte sich danach, den Punkt zu erreichen, den er doch erreichen mußte, auf dem ihm nichts, gar nichts mehr zu hoffen übrigbliebe, wo es nicht mehr schlechter mit ihm werden konnte, also auch nichts zu fürchten mehr bliebe. Darum vermied er es, Helene aufzusuchen, gerade weil eine seltsame Ahnung ihm sagte, daß er bei ihr irgendeinen Trost finden würde. Woher kam ihm diese Ahnung? Was konnte sie ihm helfen, auch wenn sie wollte, die kühle Heilige? Nein, er wollte in der Welt von keinem Freunde mehr wissen, außer von seinem Hunde, und auch von dem nur, weil er sein wahrer Feind gewesen.

Endlich ward er doch der neugierigen Augen müde und bog von dem Promenadenweg seitwärts ab auf eine Chaussee, die zur Stadt hinausführte und ziemlich menschenleer zu sein pflegte. Als er die letzten Häuser hinter sich hatte, holte er einen hochbepackten Kohlenwagen ein, dessen gemächlicher Bewegung er nun folgte, sich dicht hinter ihm haltend, um sich den Ausblick in die Welt vor ihm zu verdecken. »Der Vogel Strauß, wie er im Buche steht!« bemerkte er selber. »Wer doch im Leben immer beruhigt hinter so einem plumpen Kohlenwagen hertrotten könnte! Die meisten Menschen können es; warum gerade ich nicht?«

Doch er sollte erfahren, daß auch ein so ausgedehntes Schutzdach nicht vor unliebsamen Begegnungen schützt.

Er vernahm hinter sich den Hufschlag eines leichttrabenden Pferdes und erkannte, zurückblickend, die kraftvolle Gestalt des Herrn von Bodungen. Es war ihm doch peinlich, gerade von diesem Mann als melancholisches Anhängsel eines Kohlenwagens gesehen zu werden, und er trat seitwärts auf die freie Straße. Mit Schrecken aber bemerkte er nun ziemlich nahe vor sich zwei ihm nur zu bekannte Erscheinungen, die Frau Kommerzienrätin Gruber und Fräulein Alma.

Eine Flucht nach rückwärts war angesichts des nahenden Reiters ohne Aufsehen nicht mehr zu bewerkstelligen; so blieb nichts übrig, als, zwischen beide Teile eingekeilt, seine Schritte möglichst zu verlangsamen und die Damen ihren Vorsprung vergrößern zu lassen.

Inzwischen hatte der Husar ihn bald genug eingeholt.

»Gut bekommen gestern, Herr Doktor?« fragte er mit der ihm eignen nachlässigen Liebenswürdigkeit; »oder auch kleiner Katzenjammer? Man hat Sie freilich bei der Nachtkneipe vermißt. Ging etwas toll her. Heute sogar kleiner Anschnauzer vom Oberst wegen allgemeiner Schlappheit im Dienst – kann Ihnen natürlich nicht passieren – und doch hier auch in nachdenklicher Einsamkeit –«

Belling wußte nicht recht, ob er volle Harmlosigkeit oder einen deutlichen Spott in diesem Worten suchen sollte; doch ehe er eine für beide Fälle passende Antwort fand, hatte sich Molly bereits energisch in die Sache gemischt. Er hatte bisher ein so unerschöpfliches Feld der Tätigkeit in der Ermunterung der Wagenräder gefunden, daß er an keinen andern Unfug denken konnte; jetzt überließ er dieselben ihrer unüberwindlichen Trägheit und stürzte sich mit namenloser Leidenschaft zwischen die Beine des Pferdes.

Das edle Tier scheute bei dem ohrenzerreißenden Gekläff des häßlichen Ungeheuerchens und machte einen unerwarteten Seitensprung. Der Reiter schwankte stark im Sattel und verlor einen Bügel; allein er hielt sich mit sicherer Kunst und ließ die Reitgerte wuchtig auf den Hals des schreckhaften Pferdes niedersausen; da holte es wild aus und trug ihn in wenigen Sätzen bis dicht in die Nähe der beiden Damen, die erschrocken seitwärtsprallten.

Jetzt aber konnte er es wieder fest in den Zügel nehmen und ließ es im Kreise herumtanzen, während Molly seinem Unwillen über den unordentlich herumschlotternden Steigbügel einen tobenden Ausdruck lieh und das Pferd immer heftiger aufregte. Es drehte sich wie im Wirbel eines Waldbaches, während der Reiter mit kaltblütig herrschender Hand ruhig gemessene Hiebe niederfallen ließ; die Augen des armen Tieres quollen hervor, die Flanken flogen, der Schaum floß stromweise aus seinem Maul, die Nüstern blähten sich und stießen heiße Ströme Dampfes aus. Der Reiter sah wundervoll aus in diesen stürmischen Augenblicken, eine Heldengestalt voll Schwung, Feuer, Kraft, Siegesruhe und unerbittlicher Härte.

Gotthold sah mit einem Seitenblick, wie Almas Auge in bebender Bewunderung an ihm hing.

Jetzt schien er das gequälte Tier wieder fest in die Faust zu bekommen; mehrere Sekunden lang stand es wie versteinert, nur daß es am ganzen Leibe zitterte. Plötzlich aber machte es abermals einen ganz unvermuteten Sprung nach rückwärts, warf den Reiter aus dem Sattel und blieb dann nach wenigen weiteren Sätzen regungslos stehen.

Den Stürzenden verließ auch jetzt weder Geistesgegenwart noch Gewandtheit; trotz der Gewalt des Schwunges kam er gerade auf die Füße zu stehen, drehte sich wie im Wirbelwind zweimal um sich selber und taumelte dann heftig gegen einen Baum.

Alma stieß einen gellenden Angstschrei aus und streckte die Hände vor, wie um ihn aufzufangen; die Kommerzienrätin hatte sich mit geschlossenen Augen abgedreht und wimmerte kläglich, Gotthold war verwirrt und doch nicht nahe genug, um sogleich zuzuspringen. Molly aber fand sich sofort in die veränderte Sachlage, fuhr auf den abgeworfenen Reiter los und ermahnte mit Tönen, die einen Toten hätten erwecken können, sich aus der Betäubung aufzuraffen und sich wieder als Helden zu zeigen.

Auch erreichte er sehr schnell seinen Zweck, jedoch zu seinem bitteren Schaden. Der Offizier zog kaltblütig einen kleinen Revolver hervor, spannte den Hahn, zielte kurz und knallte das kläffende Vieh nieder. Dann wandte er sich, ohne sein Opfer noch zu beachten, mit ritterlicher Artigkeit zu den Damen.

Gotthold sprang zu seinem Hunde; der lag steif auf dem Rücken, nur die Vorderpfoten bewegten sich in leisen Zuckungen; die Augen hingen fest an dem Gesicht seines Herrn, wie es schien, in unerschütterlichem Vertrauen auf dessen Hilfe. Diese kleinen, häßlichen, fast tückisch funkelnden Augen, wie rührend sie blicken konnten, gleich stillen Kinderaugen, ohne Vorwurf und ohne Klage, nur ruhig die heilende Hand erwartend.

»Bitte, Herr von Bodungen, Ihren Revolver, schnell!« rief Gotthold hastig mit rauher Stimme in befehlendem Ton, und als jener sich fragend herumwandte, entriß er ihm die Waffe, die derselbe eben wieder einzustecken im Begriff stand. Er setzte die Mündung dem Hunde ans Ohr und schoß ihn durch den Kopf. Dann stand er einige Sekunden schaudernd, totenblaß. Es war die erste Pistole, die er in seinem Leben abgeschossen hatte.

Jetzt erst bemerkte Alma den Doktor Belling; sie wurde dunkelrot und schlug verwirrt die Blicke zu Boden.

»Alle Wetter, Herr Doktor,« rief der Husar, als ihm jener den Revolver ruhig zurückgab, »ist doch nicht Ihr Köter gewesen? Aber ich glaube wahrhaftig – erkenne jetzt die kleine Giftkröte. Tut mir auf Ehre leid, glaubte, es wäre so ein Bauernvieh, sieht genau so aus – das heißt, will Sie nicht kränken, aber seine Rasse war's nicht – bedaure trotzdem aufrichtig – hoffe indes, Sie werden sich trösten – immerhin ehrenvoller Tod auf dem Schlachtfelde und obendrein letzter Gnadenschuß von der Hand des eignen Herrn – ungeschickt genug von mir, ihn nicht gleich abzutun; bin übrigens zu jedem Ersatz bereit. Habe zufällig einen Wurf junger Teckel, famose Rasse; werde mir zur besondern Ehre schätzen, wenn Sie sich eines der Köterchen zulegen wollen – bitten Herr Doktor, keine Ablehnung, ich verlange das von Ihnen als Zeichen, daß Sie's nicht übelnehmen. Bitte übrigens tausendmal um Entschuldigung, gnädige Frau, gnädiges Fräulein, Sie erschreckt zu haben; bedaure unendlich –«

Noch während dieser höflichen Worte sprang er zurück zu seinem harrenden Pferde und zog es am Zügel heran; doch begann es nun sogleich wieder unruhig zu werden und nervös zu tänzeln. Alma schlug die Augen nicht auf, die Mutter kämpfte noch mit ihren Nerven. Belling verbeugte sich stumm gegen den Offizier und die Damen; er vermochte kein Wort hervorzubringen. Ganz mechanisch nahm er den toten Hund vom Straßenstaube auf; legte ihn auf seinen Arm und wollte gehen.

In diesem Augenblick sah er, wie Almas Blick von dem Husarenoffizier zu ihm selbst herüberglitt und nun einen sonderbaren Ausdruck annahm – einen nasenrümpfenden Ausdruck, ganz ohne Zweifel.

Plötzlich überkam ihn selbst mit aller Macht das Bewußtsein, welch einen Anblick er darbieten mußte, er mit dem blutigschmutzigen Hundekadaver auf dem Arm, im Gegensatz zu dem jungen Krieger, der dort mit graziöser Kraft sein edles Roß bändigte!

Ein jäher Grimm erfaßte ihn bei diesem Gedanken. Was war moralisch besser, ein harmloses Gottesgeschöpf in brutaler Gelassenheit niederzuknallen und dann in seiner Todesqual sich unbekümmert winden zu lassen oder sich des sterbenden zu erbarmen und das tote nicht wie ein gemeines Aas am Wege liegen zu lassen? Und doch . . .

Aber sein Grimm richtete sich nicht gegen den schneidigen Offizier – was ging der ihn an? – sondern gegen das gedankenlose junge Ding da, das jetzt die Nase über ihn zu rümpfen wagte, nachdem es ihn erst durch übermütige Koketterie aus dem sicheren Stilleben seiner Seele herausgelockt, um zuletzt in einer jähen Laune sein ganzes Lebensschicksal aus den Fugen zu reißen. Ein leidenschaftlicher Haß überwältigte ihn ganz, ein ungerechter Haß im Grunde, das fühlte er selbst, ein Haß, der nur das letzte, wilde Aufzucken der zerstörten Liebesleidenschaft war; aber ein unwiderstehlicher Haß, der sich mit Notwendigkeit auf irgendeine Weise nach außen entladen mußte.

Jetzt endlich fand er eine Erwiderung auf die entschuldigende Rede des Offiziers.

»Ich habe Ihnen wohl kaum etwas zu verzeihen, Herr von Bodungen,« sagte er laut. »Sie waren vollkommen in Ihrem Recht; es wäre meine Aufgabe gewesen, das Tier in besserer Zucht zu halten; ich hätte wissen müssen, daß Hunde und Menschen, die ihnen gleichen, nur durch Furcht in Ordnung zu halten sind. Es war also alles meine Schuld. Ihr freundliches Anerbieten aber muß ich dennoch dankend ablehnen, denn dieser Hund war mir immerhin ein Freund, und einen toten Freund ersetzt man doch nicht ganz so schnell, wie eine Dame von einem Tag auf den andern etwa ihre Haartracht oder ihren Geliebten wechselt –«

Gott sei Dank, nun war es heraus, das Gift!

Er atmete tief auf und fühlte sich wie von einer Krankheit befreit. ›Beim Himmel,‹ dachte er, ›wie gut haben es die alten Weiber, die mit etlichen Schimpfreden sich so schnell ihrer Schmerzen entlasten können!‹

Alma aber war heftig aufgefahren; ihre Augen funkelten und warfen einen Blick voll zorniger Frage auf Herrn von Bodungen; dieser verstand ihn, ließ sein Pferd los, eilte dicht an Belling heran und fragte in ruhigem und durchaus höflichem Ton:

»Ich will hoffen, mein Herr, daß Sie mit Ihren letzten Worten nicht irgendeine Dame zu beleidigen gedachten; auf jeden Fall darf ich Sie wohl um eine ausdrückliche Erklärung bitten!«

Gotthold ward von dieser stillen Drohung weder überrascht noch erschreckt; er übersah seine Lage mit vollkommener Klarheit und nahm sie mit Gleichgültigkeit hin. ›Auch gut,‹ dachte er bloß, ›das gibt ein bequemes Ende für mich!‹ Mit dem Haß meinte er auch den letzten Lebenstrieb hinausgeworfen zu haben.

»Wenn irgendeine Dame Grund hat,« entgegnete er kalt mit lauter Stimme, »sich durch meine Worte beleidigt zu fühlen, so mag sie sich für beleidigt halten.«

»Mit dieser Erklärung beleidigen Sie mich!« rief Bodungen schnell.

»Ich wiederhole meine Erklärung!«

»Zu welcher Stunde wünschen Sie meinen Abgesandten zu empfangen?« fragte Bodungen mit gedämpfter Stimme.

»Im Lauf des heutigen Abends zu jeder Stunde,« antwortete Gotthold ebenso.

Beide verbeugten sich kurz, aber höflich voreinander und trennten sich. Gotthold wandte sich mit der Leiche seines Hundes zur Stadt zurück. Der Oberleutnant grüßte die Damen hastig, sich jedem ferneren Gespräch mit ihnen entziehend, schwang sich auf sein Roß und sprengte in vollem Galopp die Straße entlang.

Die Damen kehrten nun ebenfalls um, ganz verstört und beide in scheuem Schweigen. Sie wußten ganz genau, was zwischen den beiden Männern im Werk war, aber sie hatten nicht den Mut, es einander auszusprechen.

Als Alma den schönen Offizier davonsprengen sah, durchschauerte sie ein Gefühl des Stolzes. ›Dieser Mann wird sich für dich schießen. Die beiden besten Pistolenschützen der Stadt werden um deinen Besitz tödliche Kugeln miteinander wechseln!‹ Sie war sich selbst eine ungemein wichtige Person geworden.

Über die Bedeutung des kleinen Wörtchens »tödlich« dachte sie vorerst nicht weiter nach; ihr genügte es, sich Herbert von Bodungen als ruhmgekrönten Sieger vorzustellen: wie herrlich er dastand, mit der rauchenden Pistole in der Hand, hoch erhobenen Hauptes in ritterlicher Kaltblütigkeit auf den gedemütigten Gegner herabblickend! Nur als Sieger vermochte ihre Einbildungskraft ihn anzuschauen.

Plötzlich aber senkte sich über das farbenhelle Phantasiebild ein grauer Gedanke. War der Gegner denn nicht Iwan der Schreckliche, der verrufene Duellant, der grausamste Schütze, dessen Hand bereits von Menschenblut troff! Wenn er nun vielmehr – Gott im Himmel, der Gedanke war nicht auszudenken in seiner Gräßlichkeit! – wenn Herbert von Bodungen so daläge im Straßenstaub, blutig, beschmutzt, wie soeben der – nein, es war eine unmögliche Vorstellung. Ein namenloses Grauen befiel sie. Der entsetzliche Gedanke ließ sich nicht mehr bannen.

Sie wollte ihre Mutter ansprechen, sich von ihr trösten lassen. Allein sie brachte kein Wort über ihre Lippen. Sie fühlte, daß sie kein Vertrauen zu ihr hatte. Da wuchs ihre Angst. Sie fühlte sich schrecklich allein und verlassen. Wer sollte helfen? Ihr Vater? Ach, Unsinn! Aber geholfen werden mußte! Mußte! Man konnte das Gräßliche doch nicht ruhig geschehen lassen! Und es geschah, morgen schon in aller Frühe geschah es unfehlbar, wenn niemand half! Aber wer? Sie war allein, ganz auf sich selbst gestellt.

Da fühlte sie etwas wie Mut und Kraft in ihrer Brust. Was hinderte sie, selbst zu handeln? Ja, aber wie? Was konnte sie tun, ein beschlossenes Duell zu hintertreiben?

Den Duellanten auflauern, sich mit ausgebreiteten Armen zwischen die Streitenden werfen wie weiland die geraubten Sabinerinnen? Aber das war lächerlich und war unschicklich für ein junges Mädchen.

Herrn von Bodungen aufsuchen und ihn bitten, daß er die Beleidigung auf sich beruhen lasse und von seiner Forderung abstehe? Aber sie wußte, das durfte er als Offizier gar nicht mehr, selbst wenn er gewollt hätte, seine Ehre war bereits verpfändet. Und überdies, wo sollte sie ihn finden? Sie konnte ihm doch nicht »auf die Bude rücken«, wie ihr Bruder sagen würde! Das war denn doch erst recht unschicklich, ja geradezu das Unschicklichste, was es gibt für ein junges Mädchen. Der junge Offizier wohnte ja natürlich ganz allein mit seinem Burschen. Das war alles nichts. Ja, dann, was blieb aber dann noch übrig? Sie schauderte. Wenn sie Iwan den Schrecklichen –

Nein, das war ja aber gerade das Allerunmöglichste!

Freilich, wenn der wollte, so konnte er alles wieder ausgleichen; er brauchte nur die Beleidigung zurückzunehmen, und die Sache war abgetan, mit einem einzigen guten Wort alle Gefahr beseitigt, alle Schrecknisse vermieden. Und er konnte es so leicht: er war ja nicht Offizier und seine Ehre nicht so über die Maßen zart! Kein Mensch würde ihm einen kleinen Widerruf verdenken, und es wußte ja auch kein Mensch! Denn natürlich, Herr von Bodungen mußte schweigen. Dafür wollte sie schon sorgen.

Wahrhaftig, es war noch eine Rettung möglich, wenn jener wollte.

Ja, aber . . . Das war ja eben das Unmögliche! Ihn darum bitten, ihn? Entsetzlich!

Es war nichts zu machen, es gab keinen Ausweg, das Duell mußte seinen fürchterlichen Gang gehen.

Und da lag Herbert von Bodungen mit durchschossenem Kopf, blutig, beschmutzt, im Straßenstaub.

Es mußte etwas geschehen, mußte, mußte, mußte!

Da – ein schwacher Stern in dunkler Nacht! Herr Doktor Belling wohnte bei zwei Damen, die sie kannte. Jawohl, Fräulein Helene Gehrke kannte sie ganz gut – das heißt sehr flüchtig allerdings, mehr nur von Ansehen, vielleicht daß sie gelegentlich einmal ein paar Worte mit ihr gewechselt; aber was schadete das? Sie entsann sich, es war ein ganz nettes Mädchen, wirklich sehr nett und sogar hübsch – ja, ganz entschieden hübsch zu nennen. Sie fühlte auf einmal ein ganz merkwürdiges Vertrauen zu dieser netten und hübschen jungen Dame.

Ja, ja, so mußte es gehen, wenn sie deren Vermittlung anrief. Die mußte doch natürlich ihren Mieter näher kennen. Sie mußte auf ihn einwirken, ihm vorstellen, wie entsetzlich grausam es wäre, einen jungen, liebenswürdigen Offizier mit kaltem Blut ums Leben zu bringen – das mußte ja den verhärtetsten Massenmörder rühren! Und warum sollte die nette, hübsche Helene sich einem so guten Werk nicht unterziehen? Oh, ganz gewiß, sie tat es gern, und Alma konnte persönlich vielleicht ganz aus dem Spiel bleiben! Wenn aber nicht – nun ja, im letzten Notfall – wenn gar nichts übrigblieb – um Herbert von Bodungen zu retten, war sie sogar imstande, in Helenens Gesellschaft selbst zu Iwan dem Schrecklichen zu gehen, ihn um Gnade zu bitten, ihm zu Füßen zu fallen, wenn er es haben wollte! Aber freilich nur im Notfall! Es blieb doch ein schauerlicher Gedanke, ganz schauerlich! »Mama,« sagte Alma mit unsicherer Stimme, als sie ihre Haustüre erreicht hatten, »ich gehe noch in die Stadt, ich habe noch etwas zu besorgen – weißt du, ich sollte doch meinen neuen Morgenrock noch einmal anprobieren.«

»Ja, ja, ganz richtig, aber heute schon?« rief die Mutter mit wieder erwachendem Lebenstrieb. »Daß sie ihn aber um Gottes willen nicht wieder so weit in der Taille macht! Das wäre ja furchtbar! Und so ganz ohne Turnüre ist es wahrhaftig nicht schön, es sieht doch gar zu dürftig aus. Und der Kragen könnte um eine Idee niedriger sein, aber nur um eine Idee natürlich, nur um eine Idee!«

Alma schien mit allen Anordnungen ganz wider ihre Gewohnheit einverstanden; sie nickte pietätvoll und eilte davon.

8

Es war schon dunkel geworden, als Alma Gruber an der Tür der Frau Rechnungsrätin Gehrke klingelte. Das öffnende Dienstmädchen gab den Bescheid, das Fräulein sei allein zu Hause, und ließ sie herein.

Als sie das Zimmer betrat, ward sie ein wenig überrascht durch die zierliche Behäbigkeit dieses Raumes und aller Möbel und Geräte; sie hatte eine stille Vorstellung von verschämter Armut mitgebracht und fand sich merkwürdig enttäuscht, nicht zum Vorteil ihres Selbstgefühls. Der Mut, den Bewohnerinnen dieser Hütte als ein Wesen aus höherer Sphäre entgegenzutreten, war ihr plötzlich vergangen.

Auch Helene war sichtlich überrascht, als Alma ihren dichten Schleier zurückstreifte und der Schein der Lampe auf ihr erregtes und befangenes Gesicht fiel.

»Fräulein Gruber?« rief sie. »Wahrhaftig! Sie wünschen mich zu sprechen, in der Tat – oder meine Mutter? Sie ist leider ausgegangen – aber, bitte, nehmen Sie Platz – es ist doch nichts Schlimmes passiert? Sie sehen so ängstlich aus.«

Alma nickte stumm und nahm den angebotenen Platz auf dem Sofa ein. Sie war in der Tat ängstlich. Das hübsche und nette Mädchen machte ihr einen andern Eindruck, als sie erwartet hatte, sie kam ihr so verständig und überlegen vor. Und Helene hatte heute wirklich ihren umfangreichsten Heiligenschein aufgesetzt.

Endlich fand Alma die Sprache wieder.

»Ja,« sagte sie, »es ist etwas Schlimmes passiert, das heißt, es wird passieren, wenn nicht – wenn Sie nicht helfen, Fräulein. Ich komme, Sie darum zu bitten. Es handelt sich um Herrn Doktor Belling und –«

Helene zuckte ein wenig zusammen, und ihr Gesicht nahm einen herben Ausdruck an.

»Freilich wird es sich um etwas Schlimmes für Herrn Doktor Belling handeln, wenn Sie im Spiel sind,« sagte sie bitter.

Alma wurde rot und blickte erschrocken auf.

»Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen,« stotterte sie verlegen.

»So,« sagte Helene kalt, »Sie wissen also vermutlich auch nicht, daß Sie heute zu Ihrem Privatvergnügen die Existenz eines Ehrenmannes zerstört haben? Oder vielleicht rechnen Sie das nicht als etwas besonderes Schlimmes?«

Alma machte ein Gesicht wie ein gescholtenes Kind, das nicht recht weiß, auf welche seiner vielen Unarten es diesmal gemünzt ist.

»Ich verstehe wirklich nicht recht,« sagte sie kleinlaut.

»Ich habe heute Ihren Bruder auf unserm Flur abgefaßt,« belehrte sie Helene streng, »und er hat mir alles gestehen müssen. Sie sind es, die ihn und die Klasse aufgehetzt hat zu einer Schändlichkeit –«

»Ah so,« nickte Alma mit einem kleinen Auflug von Trotz; »sie haben ihn herausgetrommelt; aber das ist doch nicht so schlimm –«

»Das bedeutet für diesen Mann die Vernichtung seiner Existenz. Doch das würden Sie kaum verstehen, wenn ich es Ihnen auch erklären wollte. Er ist durch diesen Zwischenfall genötigt, seine Laufbahn als Lehrer für immer aufzugeben, und da er keine pekuniären Hilfsmittel besitzt, so befindet er sich dem unwürdigsten Elend gegenüber. Ich weiß nicht, ob Sie das begreifen. Und das dankt er Ihnen, Ihnen allein – und ich glaube nicht, daß er das gerade von Ihnen erwarten durfte,« setzte sie etwas langsam und lauernd hinzu.

Alma starrte sie mit großen Augen an, die sich allmählich mit Tränen füllten.

»Aber davon hatte ich ja gar keine Ahnung!« rief sie entsetzt. »Ich verstehe auch nicht –«

Helene wurde etwas milder gestimmt. Ihr Heiligenschein ward um mehrere Ringe schmäler. Auf einmal klärten sich Almas Züge auf.

»Wissen Sie was, Fräulein Gehrke?« rief sie mit Freudigkeit. »Dann muß mein Papa ihm helfen! Aber natürlich!«

Helene blickte wieder sehr strenge.

»Ihm ein Zwanzigmarkstück in die Hand drücken, nicht wahr? Als Abschlagszahlung für seine Tochter, deren Koketterie –«

Alma zog die Brauen in die Höhe und sprang hastig auf. »Das geht zu weit!« rief sie empört; ihr kühnes Gesichtchen flammte. Plötzlich besann sie sich, daß sie als eine Hilfesuchende gekommen war, und legte mit einer verzweifelnden Gebärde die Hand an die Stirn.

Helene fühlte, daß ihre Entrüstung sie ungerecht gemacht hatte.

»Seien Sie nicht böse,« sagte sie freundlicher, »und behalten Sie Platz. Ich tat Ihnen unrecht, Sie hatten es diesmal gut gemeint. Aber Sie sind in einem Irrtum befangen. Ich zweifle nicht. daß Ihr Herr Vater, wenn er den Zusammenhang dieser Dinge kennte, den guten Willen haben würde, Herrn Doktor Belling in anständiger und vornehmer Weise über Wasser zu halten, bis er eine seiner würdige Stellung als Universitätslehrer gefunden hätte. Aber wie ich Herrn Doktor Belling kenne, wird er eine solche Hilfe von dieser Seite niemals annehmen. Verstehen Sie ihn recht, nicht aus einem hochmütigen Bettelstolz würde er sie verschmähen – es wäre auch wahrlich gar nichts so Großes, das man ihm gäbe – ich bin überzeugt, er wird ein Darlehen aus der Hand der Freundschaft freudig und dankbar empfangen in dem stolzen Bewußtsein, daß er es seinerzeit zurückzahlen kann, aber aus Ihrer Hand nimmt er es niemals, niemals! Ich will Ihnen auch verraten, daß man bereits Vorsorge zu treffen beginnt, ihm beizuspringen, und ich verbürge mich für ihn, daß er die Hand der Freundschaft annimmt, aber niemals die Hand einer treulos gewordenen – wie kann man überhaupt einer Liebe treulos werden?! Ein edles Herz liebt einmal und nicht wieder!«

Alma war ganz verblüfft und niedergeschlagen.

»Woher glauben Sie . . .« stotterte sie ängstlich.

»Woher ich das weiß, meinen Sie? Nun, gewisse Schulgeschichten ließen mir längst keinen Zweifel mehr, und Herr Doktor Belling ist für den, der ihn einmal durchschaut hat, ein aufgeschlagenes Buch – und ich las viel Glück darin und wachsende Hoffnung – bis heute. Heute aber habe ich ihn noch gar nicht gesehen, statt dessen höre ich nur Schlimmes. Sagen Sie vor allem: Was hat Sie dazu verführt, ihm diesen wahnsinnigen Streich zu spielen? War denn vorher alles Komödie oder –«

Alma seufzte und suchte abzulenken.

»Hören Sie nur, bitte, erst das Neue, das Schlimmste – nachher –« bat sie schüchtern.

»Erst das Alte,« befahl Helene, »wenn ich Sie nicht kenne, kann und mag ich Ihnen nicht helfen – und bis jetzt sind Sie mir ein Rätsel.«

»Ja, sehen Sie, ich mir selbst eigentlich auch!« sagte Alma. »Gestern war alles noch so anders, so ganz anders, und ich wollte ganz bestimmt – ich zweifelte gar nicht – ich hatte es sowohl Papa wie Mama schon angekündigt – und eigentlich hatte ich das ganze Fest zu dem Zweck veranstaltet und mir alles so himmlisch gedacht – und gerade von Herrn von Bodungen wollte ich gar nichts wissen.«

Helene riß die Augen weit auf und errötete stark; sie war froh, daß Alma die Blicke zu tief gesenkt hatte um es zu bemerken.

»Ich hatte mich immer mit ihm gezankt,« fuhr diese fort, »und wir konnten uns deshalb gar nicht mehr leiden, und es ärgerte mich, daß er mir doch immer den Hof machte, und ich ließ ihn gründlich abfallen. Aber vor Herrn Doktor Belling hatte ich so furchtbaren Respekt, daß ich immer ordentlich zitterte, wenn er kam – aber das war so angenehm! Und gestern mit einemmal – nein, Sie glauben nicht, wie dumm er sich da plötzlich anstellte! Wollte mir eine ehrpusselige Schulmeisterrede halten, statt einfach – na, und dann auf einmal kam der ekelhafte, schmutzige Hund dazwischen – mein ganzes Kleid hat er schmutzig gemacht, und wir wollten nachher doch noch tanzen! Und wie ich dann merkte, daß er gar keine Gewalt über das dumme Vieh hatte, da, ich weiß nicht, wie das kam, da hatte ich plötzlich allen Respekt vor ihm verloren und ärgerte mich bloß über ihn und war furchtbar wütend und warf ihn mit Schnee und lief ihm fort, aber bloß um ihn zu ärgern! Und dann kam plötzlich Herr von Bodungen und lief so prachtvoll mit mir und tanzte wie toll, und ich war von der Geschichte mit dem Belling so furchtbar aufgeregt, daß mir ordentlich schwindelte und sich alles mir vor den Augen drehte, und ich glaube, wenn Herr von Bodungen mich nicht immer so fest gehalten hätte – aber das tat er, und das war wieder so angenehm! Ach Gott, ich war aber so verwirrt im Kopf, daß ich wahrhaftig gar nicht mehr wußte, ob es eigentlich Herr von Bodungen wäre oder Herr Belling. Ich glaube, ich hatte auch zu viel Punsch getrunken; nämlich Herr von Bodungen gab mir immerfort zu trinken, und das war das starke Zeug für die Herren, und ich glaube ganz bestimmt, ich hatte einen kleinen Hieb weg. Und nachher war der Belling ganz verschwunden, und das ärgerte mich so wahnsinnig, und dann war es mir wieder ganz lieb, aber ich fand es denn doch etwas sehr komisch von ihm, und überhaupt, ich begriff gar nicht mehr, warum ich eigentlich immer so schreckliche Angst vor ihm gehabt hatte, denn er war nun doch gar nicht so zum Ängstigen – und ich ärgerte mich über mich selbst, daß ich so dumm gewesen war – und da packte mich eine riesige Lust, ihm einen recht tüchtigen Schabernack zu spielen, und da sprach ich mit meinem Bruder; und ich wollte ihn nämlich zugleich ein bißchen auf die Probe stellen, ob er die Jungens auch nicht besser in der Gewalt hätte als den greulichen Hund – und da geschah das Unglück mit den frechen Tertianern; ja, mit denen soll sich einer nur einlassen! Die Bande! Aber Sie können mir glauben, heute schämte ich mich über die Maßen, als ich Herrn Doktor Belling sah auf der Chaussee! Und ich hätte ihn gewiß auch gern um Verzeihung gebeten; aber da war auch der gräßliche Hund, und Herr von Bodungen kam geritten, und der Hund machte sein Pferd scheu, und er wurde abgeworfen, und ich schrie – denn er hätte sich doch gleich das Genick brechen können! Denken Sie doch, wie entsetzlich! Aber er fiel auf die Füße und schoß den ekligen Hund tot, und sie haben keinen Begriff, wie schön er jetzt aussah! Und der Belling nahm den alten Kadaver auf den Arm, und das sah zu dumm aus – wahrhaftig, ich konnte mir nicht helfen, ich fand Herbert von Bodungen zehnmal schöner! Und da wurde Herr Belling auf einmal böse und schimpfte mich ein bißchen – aber nicht so sehr, und ich hatt' es ja auch gewiß verdient; aber Herr von Bodungen wollte das nicht leiden und ging dicht an ihn heran und redete erst laut und dann leise mit ihm – und da wußte ich ganz genau, daß sie sich auf Pistolen gefordert haben! Und das ist nun das Entsetzliche, und darum bin ich hergekommen!«

»Großer Gott im Himmel!« rief Helene erbleichend aus und sprang von ihrem Stuhl auf. »Ja, das ist wirklich entsetzlich!«

»Nicht wahr,« sagte Alma weinerlich, »der Belling wird ihn im Duell ja ohne Zweifel erschießen, er macht sich sicher gar nichts draus, er hat ja schon so viele auf dem Gewissen! Aber das darf nicht sein, und Sie müssen mir helfen, wir müssen beide mit Herrn Doktor Belling reden und ihn versöhnen.«

Helene blickte ihr mit fast unheimlicher Starrheit ins Gesicht. Plötzlich lachte sie seltsam auf.

»O Sie Kind,« sagte sie tonlos, »der Bodungen, meinen Sie, sei in Gefahr? Wenn es so läge –«

Sie schrak jäh zusammen, sank auf ihren Stuhl zurück und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. Alma sah sie erstaunt an.

Nach einem langen Schweigen sagte Helene mit einem sonderbaren Blick gen Himmel:

»Was habe ich zu Ihnen gesagt – ich begriffe nicht, wie man einer Liebe treulos werden könne? O ich Armselige! Verzeihen Sie mir das, ich habe Ihnen unrecht getan; Sie waren nicht wankelmütiger als – andre. Doch Sie haben recht, vor allem müssen wir handeln. Das Duell darf nicht stattfinden, unter keinen Umständen. Sie sind also sicher, daß Herr Belling es wirklich angenommen hat?«

»Oh, es ist gar kein Zweifel. Und er sah so ungeheuer grimmig aus – o Gott, o Gott, er schießt ihn gleich durch und durch!«

»Das ist ja Selbstmord,« rief Helene, »ausgesprochener Selbstmord!« Und leise, wie zu sich selber redend, fügte sie hinzu: »Und dann ist's auch bewußtloser Selbstmord. Oh, ich verstehe ihn – er hat ja jede Hoffnung verloren!«

Hastig ergriff sie Almas Hand und sagte:

»Kommen Sie, wir müssen mit Herrn von Bodungen reden.«

»Ach Gott, das nützt ja nichts,« seufzte Alma, »der kann nicht anders. Mit Herrn Doktor Belling eben wollte ich reden.«

»Der will nicht anders,« versetzte Helene bestimmt. »Bei einem Menschen, der zu diesem Äußersten entschlossen ist, wäre jede Überredung verschwendet. Glauben Sie mir, Herr von Bodungen allein kann helfen – und wird auch helfen, wenn ich mit ihm rede, ich hoffe es zuversichtlich. Wenn nicht, müßte ich ihn verachten. Nur – wo finden wir ihn?«

Alma machte ein sehr verwundertes Gesicht.

»Um sechs Uhr,« sagte sie nachdenkend, »soll er immer ins Kasino gehen. Als ich eben bei seinem Hause vorüberkam, war Licht in seinem Zimmer; jetzt ist er also zu Hause, aber nicht mehr lange. Aber wir können doch unmöglich zu ihm gehen, zu einem Offizier – um Gottes willen, das würde sich nicht schicken!«

»Freilich nicht,« sagte Helene; »und doch, liebes Fräulein, ich glaube, wenn es sich um ein Menschenleben handelt, dann schickt sich alles. Bei schweren Krankheiten und Operationen geschieht auch viel, was sich nicht schickt. Und was sollen wir tun?«

»Wenn wir ihn vielleicht bitten ließen, hierherzukommen? Oder ihn auch nur auf die Straße herabrufen ließen?« fragte Alma.

»Das würde die Sache nur noch schlimmer machen. Denn schließlich handelt es sich nur um das Gerede der Leute, und das vermeiden wir leichter, wenn wir keine Dienstboten in die Sache mengen. Ich könnte ihm ja auch schreiben – aber nein, es hat Eile, entsetzliche Eile; wenn erst andre Offiziere um die Absicht wissen – wir müssen sofort gehen. Aber, o Gott, warum ist meine Mutter nicht hier!«

Sie war schon aufgesprungen und suchte in aufgeregter Eile ihre Sachen hervor.

»Könnten Sie Ihre Mutter nicht irgendwo finden?« fragte Alma zaghaft.

»Vielleicht ja, vielleicht auch nicht. Und wir verlieren Zeit. Und wir haben keine Zeit zu verlieren. Aber wissen Sie auch, was für mich das Allerschlimmste ist? Daß ich Herrn von Bodungen allein sprechen muß, ganz allein – auch ohne Sie!«

»Ach,« sagte Alma erstaunt.

»Ja; ich muß ihm ein Geheimnis des Herrn Belling ausliefern, das nur er wissen soll und kein andrer, auch Sie nicht. Darum muß ich allein zu ihm. O Gott, wenn doch meine Mutter käme!«

Alma machte ein ganz erfreutes Gesicht.

»Ach ja,« rief sie, »tun Sie's! Ich hätte mich so entsetzlich geängstigt! Ich hätte es gar nicht fertig gekriegt. Auf seine eigne Bude!«

Und sie blickte auf Helene mit dem Ausdruck stiller Bewunderung.

*

Herbert von Bodungen lag in seinem unordentlichen Junggesellenzimmer sehr gemütlich auf dem Sofa und paffte eine Zigarette, als der Bursche hereintrat mit der Meldung:

»Eine Dame ist da, Herr Leutnant.«

»Eine Dame? Bin nicht zu sprechen! Jung natürlich?«

»Zu Befehl, Herr Leutnant, ich glaube; sie hat einen Schleier.«

»Nicht zu sprechen!« rief Bodungen barsch noch einmal. »Wenn man im Begriff steht, sich zu verloben,« murmelte er in sich hinein, »kann man doch anständigerweise nicht – übrigens recht dreist; es kann doch nicht die Kleine von neulich sein?«

Der Bursche war gegangen und kam nach einigen Minuten wieder.

»Sie will nicht gehen, Herr Leutnant. Sie sagt, es wär' ernst.«

»O verdammt!« fuhr Bodungen auf und brummte: »Dann ist's die kleine Below; das wäre eine verfluchte Geschichte, wenn's wahr wäre! Gerade jetzt! Geht nicht, kann sie nicht sprechen!«

»Zu Befehl, Herr Leutnant, aber die Below'n ist's nicht!«

»Kerl, was haben Sie zuzuhören, wenn ich nicht mit Ihnen rede? Die Below ist's nicht? Ja dann begreife ich nicht – ich weiß doch von keiner andern – seit zwei Monaten –«

»Sie verzeihen, Herr Leutnant, diese sieht furchtbar anständig aus. Und sie läßt nicht locker.«

»Mensch, Sie verstehen einen neugierig zu machen! Nun, in Gottes Namen herein, wenn keine Rettung möglich ist!«

»Zu Befehl, Herr Leutnant!«

Bodungen sprang auf, knöpfte den Rock zu und erwartete in vornehmer Haltung den Gast.

Eine hochgewachsene junge Dame stand in der Tür – ›unzweifelhaft anständig,‹ rekognoszierte er sogleich nach Kleidung und Auftreten, ›sehr merkwürdig in der Tat!‹

Sie schlug den Schleier zurück, und er erkannte Fräulein Helene Gehrke.

»Gnädiges Fräulein, ah!« rief er ganz verblüfft und fast verlegen mit einer tiefen Verbeugung. »Bitte gütigst Platz zu nehmen – bin entzückt – was verschafft mir die Ehre? Aber bitte doch gütigst, Sie sehen, ich bin im Besitz eines veritabeln Sofas – oder wenn Sie ein Fauteuil vorziehen –«

»Bitte, Herr von Bodungen, ich bleibe hier!« sagte Helene energisch, indem sie neben der Tür stehen blieb und die Klinke in der Hand behielt.

»Ah so,« sagte er gemütlich, »in diesem Fall gestatten Sie mir, daß ich mich hier in die Ecke hinter die Sofalehne zurückziehe – so – und jetzt schiebe ich noch die Kommode davor, nun kann ich Ihnen doch auf keine Weise gefährlich werden. Denn daß ich nach Ihnen schieße oder mit Steinen werfe, werden Sie mir doch nicht zutrauen.«

Trotz ihrer ängstlichen Aufregung mußte sie lächeln über die raschen Veranstaltungen und trat einen Schritt weiter vor, ohne sich jedoch zu setzen. Der Offizier blieb in seiner Ecke stehen.

»Herr von Bodungen,« sagte sie ohne weitere Einleitung, »Sie dürfen sich mit Doktor Belling nicht schießen.«

»Ei der Tausend,« rief er überrascht, »hat der tapfere Herr geschwatzt? Das ist allerdings neu, junge Damen als Vermittlerinnen in Duellsachen zu schicken! Gnädiges Fräulein, ich glaube. Sie haben den Zweck Ihrer Mission bereits erreicht, denn nach dieser Probe kann ich den sehr ehrenwerten Herrn allerdings nicht mehr für satisfaktionsfähig halten.«

Helene war heftig errötet.

»Mein Herr,« rief sie entrüstet, »ich weiß nicht, ob es nach Ihren Satzungen ritterlich ist, einen offenen Gegner und eine Dame zugleich zu beleidigen, ohne vorher nach den Tatsachen zu fragen. Mir werden Sie jedenfalls gestatten müssen, meine eignen Gedanken darüber zu haben. Auf meine Ehre, Herr Doktor Belling hat weder mir noch sonst einem sterblichen Menschen ein Wort von diesem Ehrenhandel verraten und würde einer solchen Kläglichkeit niemals fähig sein, ebensowenig wie ich mich als seine Botin gebrauchen lassen würde. Ich stehe zu dem Herrn auch in keiner näheren Beziehung als etwa zu Ihnen, Herr Oberleutnant – ich bitte auch das zu beachten.«

Bodungen verbeugte sich etwas betroffen und sagte:

»Ja, dann begreife ich aber wirklich nicht, wer –«

»Wer mich zu diesem schweren und peinlichen Gang veranlaßt hat, ist vielmehr ein junges Mädchen, das für Ihr Leben bangt, Herr von Bodungen – denn sie weiß, daß Herr Belling, genannt Iwan der Schreckliche, ein gewaltiger Schütze ist –«

»Alma!« stammelte er überrascht und leicht errötend.

»Ich habe nichts gesagt,« bemerkte sie mit einem Anflug von Schelmerei, »doch, wer es auch sein mag, ich wiederhole noch einmal: Sie dürfen sich mit diesem Herrn nicht schießen!«

»Und warum nicht, wenn ich fragen darf? Ich gestehe offen: der Wunsch junger Damen ist zwar im allgemeinen für mich Befehl, indessen gibt es doch Fälle –«

»Weil es eine feige Handlungsweise sein würde, deren ich Sie nicht für fähig halte.«

»Gnädiges Fräulein, da muß ich um nähere Erklärung bitten. Mit einem gefürchteten Schützen auf die Mensur zu gehen, pflegt man sonst nicht für Feigheit zu halten.«

»Die Erklärung soll Ihnen werden – vorläufig unter dem Siegel der Verschwiegenheit, wie ich dringend bitten muß, da ich von dem Herrn nicht zu dieser Aussage ermächtigt bin. Ich habe hierin volles Vertrauen zu Ihnen. Also auf mein Wort: Herr Doktor Belling hat in seinem Leben noch keine Pistole in der Hand gehabt.«

»Sie scherzen, mein Fräulein.«

»Ich sage auf mein Wort und auf meine Ehre! Es wäre also mindestens unhöflich, von Scherzen zu reden. Es ist die volle, einfache Wahrheit.«

»Nun, das verstehe ein andrer! Man behauptet doch allgemein –«

»Halten sie sich wirklich für verpflichtet, jeden Unsinn zu glauben? Ich versichere Sie und ich verlange von Ihnen vollkommenen Glauben: alles, was in der Stadt von Duellen jenes Herrn oder sonst von abenteuerlichen Geschichten aus seiner Vergangenheit geredet wird, sind nichtige, völlig grundlose Klatschereien, die einem Damencafé ihren Ursprung verdanken –«

»Das erklärt allerdings sehr vieles,« lachte Bodungen, »und ich würde nicht wagen, an einer so bestimmten Aussage Ihrerseits zu zweifeln. Ich gestehe auch, daß mich diese Entdeckung recht peinlich berührt. Ein Duell mit einem so ungleichen Gegner wäre wirklich ein schlechter Ruhm.«

»Es wäre ein Mord,« sagte Helene eifrig, »oder richtiger im vorliegenden Fall die wissentliche Unterstützung eines Selbstmords.«

»Das bedarf freilich wieder einer Erklärung.«

»Die zu geben ich nicht befugt bin. Sie müssen auch hierin meinem Wort glauben. Sie werden zugeben, ein Duell kann unter Umständen für einen Waffenunkundigen eine anständige Form des Selbstmords sein.«

»Sehr wohl! Das ist denkbar. Wenn ich nur wüßte, was ich tun sollte. Ich bin der Beleidigte – und zwar in einer Dame beleidigt – und ich bin Offizier –«

»Vergeben Sie ihm.«

»Nach dem Duell mit Vergnügen. Vorher wäre solches Christentum gegen die Ehre, wenn er sich nicht zu einem förmlichen Widerruf entschließt.«

»Das wird er nicht. Aber sagen Sie: worin bestand denn eigentlich die Beleidigung?«

Herr von Bodungen besann sich:

»Hm – hm – da müßten Sie eigentlich Fräulein Alma selber fragen – ich glaube, sie fühlte sich in ihrem ganzen Geschlecht beleidigt. Jener Herr behauptete, daß manche Damen ihre Haartracht zuweilen wechselten –«

»Das kommt wirklich vor, glaub' ich.«

»Aber auch ihren Geliebten –«

»Nun, das kann doch auf jeden Fall Fräulein Alma nicht treffen?« sagte Helene mit leichter Schelmerei; »überhaupt das ganze weibliche Geschlecht nicht, wenigstens nicht das weibliche allein, denn dergleichen kommt gewiß auch beim männlichen gelegentlich einmal vor –«

Bodungen drehte in einigem Unbehagen an seinem Schnurrbart.

»Jedenfalls,« fuhr sie lächelnd fort, »ist die Beleidigung keine allzu blutige, und Fräulein Alma wäre, wie ich bezeugen kann, im jetzigen Augenblick bereit, zehn von dieser Sorte zu vergeben. Von der Seite her können Sie also Ihr Ehrengewissen entlasten. Und im übrigen, sollte wirklich die Ehre eines Offiziers es ihm ganz unmöglich machen, ein vernünftiger Mensch zu sein? Wenn ich mich aber als vernünftiger Mensch in ihrer sonderbaren Lage befände, wissen Sie, was ich täte? Ich ginge statt meines Kartellträgers oder Sekundanten oder wie das heißt, einfach selbst zu meinem Gegner und sagte: ›Lieber Freund‹ und so weiter, und so weiter. Sie als der Überlegene können das; daß er es nicht kann, ohne sich den Vorwurf der Feigheit zuzuziehen, müssen Sie einsehen. Ich bin aber überzeugt, er wird vernünftig sein, wenn Sie vernünftig mit ihm reden. So, Herr von Bodungen, jetzt habe ich Ihnen einen Rat gegeben; einen Rat in Fräulein Almas Namen, bitte ich zu beachten, auf ihre Veranlassung und in ihrem Auftrag. Wie hoch Sie Fräulein Almas Wünsche und wie hoch Sie meine Ansichten über Ritterlichkeit schätzen wollen, muß ich Ihnen überlassen. Auf jeden Fall aber, wie auch Ihr Entschluß ausfallen mag, fordere ich von Ihnen das Versprechen, meinen Namen als einer Mitwisserin und Mithandelnden nicht zu nennen – ich verlasse mich ganz auf ihre Diskretion.«

Herr von Bodungen besann sich und lächelte.

»Ihr Name soll nicht genannt werden, ich verspreche es hiermit feierlich – wenn ich mich wirklich zu diesem höchst seltsamen Schritt entschließen sollte. Aber noch um eine Auskunft bitte ich, mein gnädiges Fräulein. Sie versichern, jener Herr habe noch nie eine Pistole in der Hand gehabt. Fern sei es mir, an der Aufrichtigkeit Ihrer Überzeugung zu zweifeln. Aber wäre die Möglichkeit ausgeschlossen, daß Sie sich in einem Irrtum befänden? Oder wie wollen Sie es erklären, daß man in oder hinter dem Hause, in dem nur Frau Rechnungsrätin Gehrke und Herr Doktor Belling wohnen, häufige Detonationen vernommen haben will von sehr erheblicher Schallstärke? Hat der Herr etwa statt auf Pistolen sich lieber auf Kanonen eingeschossen?«

Helene errötete stark und suchte verlegen nach Worten.

»Und wenn jener nun seinerseits mich auf Kanonen fordert,« fuhr Herr von Bodungen übermütig fort, »dann bin ich der Geklatschte – oder werden Sie dann auch zu meinen Gunsten die Vermittlerin spielen und seine Ritterlichkeit anrufen? Sie dürfen ihm in der Tat mit gutem Gewissen sagen, ich habe noch nie eine Kanone in der Hand gehabt!«

»Ach Gott,« stotterte Helene, »wissen Sie, das Knallen, das war eine Kinderei von mir – ich wollte die Leute in ihrem dummen Glauben an Herrn Bellings fürchterliche Schießwut bestärken – aus reinem Übermut, müssen Sie wissen – und da machte ich immer den Lärm mit dem Ausgußdeckel –«

Bodungen lachte laut auf. Helene aber ließ hastig ihren Schleier fallen, grüßte mit einer flüchtigen Verbeugung und schlüpfte hinaus.

»Donnerwetter,« murmelte er, als sie verschwunden war, »ein famoses Frauenzimmer ist sie doch. Kluges Köpfchen und brillant gewachsen! Schade, schade, daß ihr seliger Vater seinen Beruf so schnöde verfehlt hat und nicht Kommerzienrat geworden ist! Freilich, allerliebst ist die kleine Alma auch. Hm, man wird den beiden guten Dingern den Gefallen schon tun müssen, obgleich es eigentlich eine unverschämte Zumutung ist. Da indessen seine Ansprüche auf Almas Herz erloschen zu sein scheinen, so kann man schon allenfalls ein übriges tun. Und eine gute Gelegenheit ist es, diesem verrückten Schulmeister zu sagen: ›Mensch, wenn ein Mädchen wie diese Helene für mich mit Kanonen schösse und einem übelberufenen Leutnant drohend auf die Bude rückte, dann wüßte ich, was ich täte!‹ Und ich denke, er wird es auch merken, was er zu tun hat, und dann sind wir ihn los, und Alma ist mein ohne Widerrede – und man kriegt endlich Ruhe vor den verfluchten Manichäern!«

Nach dieser Klarstellung seiner Gedanken arbeitete er sich aus seiner verschanzten Ecke hervor und rüstete sich zum Ausgehen.

In derselben Minute aber schüttelte Helene über sich selbst den Kopf. Daß ihr das Ideal ihrer Jugend heute so ganz nur den Eindruck eines gewöhnlichen Sterblichen gemacht hatte und sie ihn so ganz ohne eifersüchtigen Gram einer andern abzutreten vermochte, das konnte sie sich nicht verzeihen. »Gotthold wird ewig dieser seiner ersten Liebe treu bleiben,« seufzte sie, »und ich bin seiner unwert geworden!«

*

Einige Stunden später schritt über den dunkeln Hofraum der Frau Rechnungsrätin Gehrke eine schwarze Gestalt, eine brennende Laterne und mehrere andre Gegenstände tragend.

»Herr des Himmels,« rief erschrocken die Rätin, die zufällig aus dem Küchenfenster sah. »Helene, wer schleicht da bei Nacht und Nebel über unsern Hof? Das ist mir doch sehr ängstlich. Überhaupt ist heute ein so unheimlicher Tag, ich weiß gar nicht, wie mir ist, und du bist auch so sonderbar, Lenchen, und machst ein Gesicht, als wenn die Katze donnern hört, und bei Herrn Belling ist auch etwas nicht in Ordnung; er kramt und wirtschaftet so wunderlich herum, und dann hat er einen Besuch, der wie ein Leutnant schnarrte, und dann ist's ganz still bei ihm und auch kein Licht, und zu Hause ist er doch, denn ich hab' ihn mehrmals laut stöhnen und seufzen hören, wenn ich das Ohr an die Zwischentür legte, und es soll ihm in der Schule etwas passiert sein, und sehen lassen tut er sich gar nicht. Das ist alles so unheimlich, so unheimlich! Und nun dieser Mensch mit der Blendlaterne – er trug etwas auf dem Arm, weißt du, etwas Unheimliches, wahrhaftig, o mein Gott, Helene, es sah wie eine Kinderleiche aus! Wenn er die in unserm Garten verscharren will – und nachher – die Polizei – o Kind, Kind, fühle nur, wie ich zittere! Aber Herr Doktor Belling muß uns zu Hilfe kommen, er muß, er ist ein Mann, wenn auch nur ein Mathematiker, und wir zwei wehrlose Weiber!«

»Ja, ja, Mutter,« rief Helene kurz, »ich rufe ihn schon!« Und sie warf ein Tuch um und eilte hinaus über den Hof, dem nächtlichen Wanderer nach.

Im Garten erreichte sie ihn. Er hatte die Laterne an einen Baum gehängt und hielt einen Spaten in der Hand. Das grelle Licht fiel mit seltsamem Schein in sein finsteres Gesicht.

»Was treiben Sie hier, Herr Doktor,« fragte sie schüchtern, »in dunkler Nacht? Mutter hat sich so erschreckt! Kann ich Ihnen nicht helfen? Und warum sind Sie heute noch nicht bei uns gewesen, gerade heute nicht?«

»Ich will meinen Hund begraben!« erwiderte Gotthold kurz.

»Also ist er wirklich tot?« sagte sie. »Ich hörte schon, daß Herr von Bodungen ihn erschossen hat. Es tut mir aufrichtig leid; man gewöhnt sich an so ein Tier, und ich hatte es wirklich gern, es war treu und anhänglich trotz all seiner Ungebärdigkeit; ein guter Kerl war's! Und Ihnen muß es noch schmerzlicher sein. Es war eine Roheit von dem Offizier!«

»Er war durchaus in seinem Recht,« versetzte Gotthold düster, »nur hätte er ihn gleich zu Tode schießen müssen. Es war gräßlich, wie das Tier mich noch ansah. Herr von Bodungen konnte nicht wissen, daß er meinen letzten Freund erschoß.«

»Ihren letzten?« fragte Helene leise. »Wirklich Ihren letzten?«

Er warf einen hastigen Blick auf ihr hell beschienenes Gesicht; sie war ihm noch nie so hübsch vorgekommen. rosig und reizend blickte es aus dem dunkeln Tuch hervor, das sie über den Kopf geschlagen hatte. Von einem Heiligenschein war nichts zu bemerken – wenn der nicht unter dem Tuch verborgen war – er sah nur freundliche Teilnahme und einen flüchtig aufblitzenden Funken kluger Schalkheit.

Er seufzte leise und fing dann kräftig an zu graben. Die hartgefrorene Erde machte ihm die Arbeit schwer genug.

»Ich wollte Ihnen helfen,« sagte sie, nachdem sie eine kurze Weile zugesehen hatte, »wir haben noch einen Spaten dort in dem Verschlag, ich hole ihn.«

»Bitte, nein,« sagte er, »es ist zu anstrengend für Sie; ich bin auch bald fertig.«

»Oho,« rief sie, »zu anstrengend? Da sollen Sie mich kennen lernen!«

Und sie lief und kam mit einem tüchtigen Spaten zurück.

»Ich habe auch ein Recht darauf, an dem kleinen Grabe mitzuarbeiten,« sagte sie, »der Hund betrachtete mich als seine zweite Herrin, er war mir fast gehorsamer als Ihnen selbst. Gestern freilich war er ganz außer Rand und Band und gar nicht zu halten. Es war ordentlich, als wenn er ein Unglück für Sie fürchtete, so unruhig war er; ich begreife nur nicht, wie er Sie auf dem Eise hat finden können.«

»Vielleicht,« sagte Gotthold trübe, »vielleicht hat er auch ein Unglück von mir abgewandt, es ist möglich; doch ich verstehe mich selbst noch nicht. Jedenfalls hat er mir zunächst ein andres Unglück dafür gebracht.«

Er schwieg und schaufelte gewaltig weiter. Auch Helene machte sich ans Werk, und so gruben sie tapfer miteinander.

Zuweilen blickte Gotthold schüchtern auf, und dann sah er mit frohem Erstaunen die Anmut ihrer gelenkigen Kraft und die Schlankheit ihrer Glieder.

Plötzlich stieß sie den Spaten kräftig auf die Erde, stützte ihre Hände darauf und sagte energisch:

»Herr Doktor, mit Ihnen geht etwas vor. Ich will es wissen. Sie haben schwarze Gedanken. Sie sind in Verzweiflung. Das ist Ihrer nicht würdig. Ich weiß, was Ihnen gestern und heute Schlimmes widerfahren ist, alles weiß ich und kenne auch die Folgen für Sie. Und ich bin entschlossen, Ihnen zu helfen – nicht bloß beim Begraben des Hundes. Sagen Sie mir nur eins: was haben Sie vor einer Stunde mit Herrn von Bodungen ausgemacht? Ich weiß es, daß er bei Ihnen war.«

Er sah ihr überrascht ins Gesicht. Wie wunderbar diese grauen Augen glänzen konnten!

»Herr von Bodungen,« sagte er dann, »hat sich als ein vornehm denkender Ehrenmann und ein liebenswürdiger Mensch erwiesen. Ich bin völlig mit ihm ausgesöhnt und gönne ihm sein nahes Glück von ganzem Herzen und mit Freuden und nicht aus christlicher Entsagungslust, denn ich verliere nicht, wo er gewinnt. Das ist alles, was ich hierüber zu sagen habe. Der Rest ist freilich, daß ich diese Stadt sobald als möglich verlassen werde. Meine Rolle als Lehrer ist ein für allemal ausgespielt!«

»Ihre Rolle als Schullehrer – ja; Sie werden dafür die Lehrtätigkeit an einer Universität eintauschen.«

»O Fräulein Helene, ich kann nicht glauben, daß Sie mich verhöhnen wollen, aber ich selbst habe Ihnen meine Aussichten auf diesem Wege klargelegt –«

»Und ich habe es gut verstanden und behalten. Sie brauchen ein wenig Geld und weiter nichts. Mit tausend Talern etwa würden Sie bei Ihrer Bescheidenheit schon zwei Jahre auskommen können, mit zweitausend Talern vier Jahre, und das ist die längste Zeit, die Sie brauchen, um eine Professur zu erlangen. Und dann können Sie mit Bequemlichkeit in wenigen Jahren ein Darlehen von ein- bis zweitausend Talern samt allen Zinsen zurückzahlen. Sie wünschen also ein unkündbares Darlehen in der bezeichneten Höhe.«

Der Mathematiker hatte ebenfalls seine Arbeit eingestellt und starrte sie an, ganz außer Fassung gebracht durch den gleichmütigen Geschäftston ihrer Rede.

»Ein solches kann ich Ihnen,« fuhr sie fort, »gegen mäßige Zinsen verschaffen. Ich besitze eine Tante, eine sogenannte Erbtante, die aber so jung ist, daß sie sich selbst deswegen vor ihren Nichten schämt und ihnen als Abschlagszahlung für die weit aussehende Erbschaft gar zu gern von Zeit zu Zeit ein Sümmchen im voraus zufließen läßt. Sie hat sich jedoch mit meinem Vater zeit seines Lebens nicht gut gestanden, weil er meine Mutter, ohne ihren Rat vorher einzuholen, geheiratet hatte; und deshalb haben wir ihre hochmütigen Wohltaten beharrlich verschmäht. Das ist aber doch für Sie kein Grund, das Anerbieten auszuschlagen, das sie Ihnen auf meinen Antrag voraussichtlich in den nächsten Tagen machen wird.«

»Fräulein Helene,« rief Gotthold mit tief erregter Stimme, die fast einen zornigen Klang hatte, »hören Sie auf! Ich kann und will und darf von Ihnen keine Wohltat annehmen!«

»Geehrter Herr Doktor,« sagte sie ruhig, »wer spricht von einer Wohltat? Meine Tante wünscht zweitausend Taler sicher zu plazieren gegen leidliche Zinsen; das liebste wäre ihr eine Hypothek auf ein sicheres Gebäude oder Grundstück. Gut, ich bezeichne Ihre Kenntnisse, Ihren Fleiß, Ihre Begabung ihr als sicheres Grundstück, das sich in wenigen Jahren nach aller menschlichen Voraussicht brillant rentieren wird – nun also, warum wollen Sie der armen Frau die solide Kapitalanlage mißgönnen? Wollen Sie die Unglückliche gewaltsam zwingen, ihr bißchen Vermögen in wackeligen Industriepapieren zu verspekulieren? Ich sehe wahrhaftig nicht ein, warum man einen reellen deutschen Gelehrten nicht mit einer Hypothek belasten soll! Aber zur ersten Stelle, das versteht sich, anders tut es meine Tante nicht. Sicherheit ist ihr die Hauptsache; sonst würde sie lieber auf Husarenleutnants spekulieren.«

Er sah das schalkhafte Blitzen ihrer großen Augen, legte die Hand über die Augen und rief noch einmal wie verzweifelnd:

»Ich kann es nicht, Helene, von Ihnen kann ich es nicht annehmen, von Ihnen nicht! Nur von Ihnen nicht!«

»Lieber Freund,« sagte sie mit ganz verändertem, sehr weichem Ton, »und doch müssen Sie es, wenn Sie mein feierliches Wort, meine gegebene Bürgschaft nicht bloßstellen wollen. Ich habe vor einer Stunde bei Fräulein Alma Gruber für Sie gutgesagt, daß Sie aus meiner Hand, aus der Hand der Freundschaft eine Hilfeleistung ohne kleinlichen Stolz mit Freuden annehmen würden, während Sie eine solche aus der Hand eines Mädchens, das Sie lieben, als eine Demütigung empfinden müßten. Sehen Sie, lieber Freund, diese Bürgschaft habe ich für Sie übernommen, und aus diesem Grunde das gutgemeinte Ansinnen jener jungen Dame in Ihrem Namen zurückweisen zu dürfen geglaubt.«

»Ich danke Ihnen, Helene,« sagte er tief erschüttert, »daß Sie mich richtig verstanden haben. Ihre Bürgschaft war zuverlässig und wohl erwogen, und eben darum kann ich aus Ihrer, gerade aus Ihrer Hand keine Wohltat annehmen, auch nicht die kleinste, auch nicht den Schein einer Wohltat.«

»Hierin verstehe ich Sie denn nun freilich nicht,« sagte sie leise, und ihr heißes Erröten strafte sie Lügen.

»Weil ich Sie liebe, Helene,« stieß er leidenschaftlich heraus, »Sie allein wahrhaft, von ganzem Herzen liebe!«

»Mich,« fragte sie zitternd, »mich?«

»Ja, Sie,« sagte er zaghaft, »und das ist nun mein traurigstes Schicksal, daß ich mich dieser Liebe vor Ihnen schämen muß, niemals auf Erhörung hoffen darf, daß Sie mich mit Recht für einen Unwürdigen halten werden. Habe ich nicht selbst vor wenigen Stunden noch einem armen jungen Mädchen den gleichen Wankelmut zum bittersten Vorwurf gemacht? Und mir, einem gereiften Mann, sollte ich die gleiche Charakterschwäche verzeihen? Ja, es ist so; gestern noch liebte ich in fieberhaftem Seelentaumel eine andre, oder wäre es nicht ein dürftiger Sophismus, zu sagen: Das war keine echte Liebe, das war nur ein Rausch der Eitelkeit, der geblendeten Sinne? Es ist wahr, diese Leidenschaft wurde allmählich, künstlich, durch keckes Entgegenkommen, durch äußeren Glanz in mir entfacht, es war eine selbstbetrügende, gemachte Liebe, während vor Ihnen ich gleich beim ersten Sehen beinahe dasselbe empfand wie heute, eine volle, freie Sympathie, ein ganzes Vertrauen, eine rückhaltlose Hingebung, ein Gefühl, das nur zu tief und zu rein war, um es sogleich als die feste Wurzel einer innerlich treibenden Leidenschaft zu erkennen. Und ein Gefühl, das überdies in seinem natürlichen Wachstum gehemmt und gewaltsam zurückgepreßt wurde durch Ihr freimütiges Bekenntnis, Helene, daß Sie einen andern geliebt hätten und daß Sie es einer edeln Seele für unwürdig hielten, sich jemals einer zweiten Liebe zu öffnen. Und nun, Helene, nun sehen Sie in mir, der ich Ihnen einst beistimmte, einen solchen Unwürdigen!«

Helene stand mit überströmenden Augen da und schwieg. Sie starrte grübelnd hinab in die dunkle Grube, die sie zwischen sich geöffnet hatten.

»Wissen Sie, was wir tun wollen, Herr Doktor?« rief sie plötzlich mit frischer Stimme. »Legen wir jetzt den guten Hund hier hinein, das Grab ist tief genug, und dann legen Sie Ihre lustige Kotillonliebe, die der wütende Leutnant mit ihm zugleich totgeschossen hat, dazu und weinen ihr eine letzte Träne nach. Und damit sie sich nicht einsam fühlt, gebe ich ihr eine Gesellschafterin, die auch irgendwo zu Schaden gekommen ist, mit auf den Weg in die Ewigkeit, nämlich meine törichte Backfischliebe zu einem königlich preußischen Husarenoffizier, und dann tun wir noch ein paar jugendlich närrische Überschwenglichkeiten und Gefühlstänzeleien als Totenopfer dazu, und dann –«

Und dann strauchelte sie plötzlich und fiel vornüber in die Grube, die sie sich selbst hatte graben helfen, und Gotthold Belling konnte nicht umhin, sie mit seinen Armen aufzufangen. Und dann machte er es ihr mehrere Minuten lang auf irgendeine Weise unmöglich, weiter zu Wort zu kommen, obgleich sie noch etwas Notwendiges zu sagen hatte. Und sobald sie nur irgend Luft schöpfen konnte, rief sie fröhlich:

»Und die Tante nimmt eine absolut unkündbare Hypothek auf unser gemeinsames Glück!«

»Und die Zinsen,« fügte er hinzu, »werden mittels einer geheimnisvollen Integralrechnung meiner lieben Frau in Coupons von Treue und Dankbarkeit ausbezahlt.«

Solcher Art lautete der Segen, der über dem Grab des Hundes Iwans des Schrecklichen gesprochen wurde.

Noch am selben Abend schickte Alma Gruber ihren Bruder, den Tertianer, an Helene mit der Nachricht, daß sie sich soeben noch schnell verlobt habe, »gegen den Oberleutnant von Bodungen,« sagte der Schlingel.