Im Lande der Phäaken.

Die Neraide.

In früher Morgenstunde verließ ich die Stadt Korfu und wanderte hinaus in das von allen Göttern gesegnete, glanzumflossene Land; es war schon Sommer, und bald wurde die Hitze übergewaltig, mühsam wand ich mich seitwärts vom sonnigen Wege durch den Schatten der prachtvollen Oelwälder, deren Gleichen der Süden nicht wieder trägt, und gegen die Mittagsstunde machte ich völlige Rast bei einem Dorfe, an einer unter Reisenden berühmten Stelle, am Brunnen von Gasturi. Eine mächtige Platane, ein bewunderter Baum, breitet seine Aeste reichschattend über den Platz, wo das Wasser sprudelt, und weit dehnt sich hinter der offenen Schlucht, die ein Theil des Dorfes und Orangengärten füllen, das hügelige Land bis zu den kahlen Bergen, die den Blick mit kühnen und feinen Linien begrenzen. Hier warf ich mich nieder ins hohe Gras und träumte in die Landschaft hinaus. Die Sonne stand gerade über der Platane, die mich schützte, aber draußen wogte und zitterte die glühende Luft, und wie ein lebendiger Schleier wallte es weich über den mattgrünen Wäldern und über den grauen, in das Grün begrabenen Dörfern auf den Höhen; und dieser Schleier war aus Gold gewirkt, unendliche Ströme von Licht flutheten über die Erde, und dennoch standen Berge und Wald wie in dämmerndem Dunst verschwimmend vor den Augen, fast als läge Mondschein darüber. Es war so stumm im Lande wie in einsamer Mitternacht, gnädige Ruhe deckte das Leben, nicht Mensch noch Thier regte sich vor den Häusern, keines Vogels Ruf klang aus dem unbewegten Laub in das feierliche Schweigen. Mir schien, als flüsterten manchmal fast unhörbar warnend die leisen Meereslüfte den Blättern zu, wie sie vor Jahrtausenden zu dieser Stunde gethan: »Der große Pan schläft!«

In unmerklichem Selbstvergessen träumte auch ich mich hinüber in tiefen, schweren Schlaf. Spät erweckte mich ein murmelndes Plaudern neben mir; als ich die Augen aufschlug, war die Sonne schon weit herumgegangen und die Luft war klarer und frischer geworden. Mädchen stiegen vom Dorfe herauf mit großen Wasserkesseln auf dem Haupt, kamen zum Brunnen, schöpften leise schwatzend und stiegen wieder hinab; reizende Gestalten waren darunter von herrlichem Gang und edle Gesichter unter den wallenden weißen Schleiern; die jungen Schönen aber blickten nur von ferne auf den Fremdling und warfen die Augen schüchtern abseits oder zu Boden. Doch eine Alte trat zu mir und fragte fast ängstlich: »Du hast doch nicht lange hier geschlafen, Herr?«

»Seit der Mittagsstunde,« erwiderte ich, mich rasch ermunternd.

Das uralte Weib, dessen Kopf aussah wie eine verwitterte Büste aus gelbem Tuffstein, schlug die Hände zusammen und rief: »Die Allheilige behüte Dich, Herr! Hier darf Niemand schlafen zur Mittagszeit, es ist gefährlich und verderblich am Brunnen und unter der Platane.«

»Warum gefährlich?« fragte ich ein wenig erschrocken.

Sie neigte sich zu mir und flüsterte geheimnißvoll: »Die Neraide schlägt Dich!«

»Wer ist die Neraide?« fragte ich verwundert und neugierig.

»Wie, das weißt Du nicht?« sprach sie mit tadelndem Ton. »Es waren doch andere Fremde hier, die es wußten, und noch mehr, die auch gelernt hatten, daß es immer Neraiden gegeben hat, schon vor huudert und tausend Jahren. Die Neraiden wohnen im Wasser überall und in den Bergen und Wäldern, und auch im Meer. Sie sind so schlank und schön wie nie ein Mädchen unter uns, außer wenn es selbst von ihnen abstammt. Sie sind auch gut und thun uns kein Böses, außer wenn Jemand zur Mittagsstunde sie stört. Und das hast Du gethan, Herr, weil Du am Brunnen schliefst.«

Ich erhob mich und reckte meine Glieder, um zu sehen und zu zeigen, daß ich nicht geschlagen war, und lächelte wohl ungläubig.

»Du glaubst es nicht?« rief die Alte fast zornig. »Und doch habe ich selbst die Neraide, die hier wohnt, mit diesen Augen und oft gesehen, und die Andern sahen sie auch, die so alt sind wie ich; das sind aber nur noch sehr Wenige hier im Dorfe. Denn es ist lange, lange her, daß sie verschwunden ist und sich nicht mehr sichtlich vor uns zeigt. Aber sie lebt doch noch, das ist ganz gewiß, oder auch irgend eine andere Neraide, und Niemand wagt sie zu stören.«

Ich war sehr aufmerksam geworden, denn auch uns weise Männer des Nordens plagt in manchen Dingen die Neugier nicht wenig, und ich forschte weiter um das Wesen jener merkwürdigen Geschöpfe, indem ich nach meinem Notizbuch tastete. Indessen hatten sich andere Frauen im Kreise um mich gesammelt, den unwissenden Abendländer bestaunend, und nickten und winkten häufig mit lebhafter Beistimmung, während die Greisin eindringlich und feierlich erzählte:

»Wie unsere Neraide hieß, das weiß Niemand, denn man weiß nicht einmal, ob die Neraiden überhaupt einen Namen tragen wie wir Menschen. Aber Jedermann kannte damals ihren Gatten, der sie gezwungen hatte – denn das wirst Du doch wenigstens wissen, Herr, daß sie oftmals in Liebe gerathen zu schönen Jünglingen, und mit diesen leben und ihnen schöne Kinder gebären, nur daß sie eine rechte Ehe scheuen, weil sie keine Christen sind, und sie können nur mit List und Gewalt zur Vermählung gezwungen werden, wenn man ihren Schleier raubt und versteckt, daß sie ihn nicht wieder finden; dann bleiben sie gefangen. Diese also war auf solche oder irgend eine andere Art die wirkliche Gattin eines vornehmen Herrn aus der Stadt geworden, der hier in der Nähe, unten nach der Ebene zu, ein schönes Landhaus hatte und ein hübscher Jüngling war, der es wohl auch einer Neraide anthun konnte. Er hieß Gozzadini: das sage ich, damit Du siehst, Herr, daß ich die Wahrheit rede, denn von seinem Geschlecht wirst Du noch heutigen Tages in der Stadt erfahren können.

Sie lebten mehrere Jahre miteinander und hatten auch ein Töchterlein, aber die schöne Mutter sah man oftmals betrübt einhergehen, weil sie sich nach ihrer alten Freiheit sehnte, wie es diese Neraiden ja immer thun, wenn sie an ein Haus gefesselt sind. Denn es geht ihnen allen nichts über die Lust am nächtlichen Tanz und Spiel mit ihren Gefährtinnen und Dämonen; und das mußte diese nun entbehren. Ja, auch das Kind war nicht so fröhlich von Natur, wie andere Kinder, sondern still und blaß, obgleich bildschön, und irrte oft Tage lang, so klein es auch war, einsam in den Bergen umher; man sah, es wußte, daß es eigentlich eine junge Neraide war. Manche sagten auch, sie hätten es heimlich um die Mittagsstunde mit den guten Fräulein tanzen sehen; doch davon weiß ich nicht so gewiß, ob es wahr ist, obwohl ich es selber glaube.

Eines Tages entdeckte die junge Frau ihren früheren Schleier wieder, der ihr genommen war, und augenblicklich entfloh sie und wollte mit ihrem Kinde zu den Gefährtinnen zurückkehren: die aber nahmen sie nun nicht wieder auf, weil sie christlich vermählt gewesen war, nur das Kind entrissen sie ihr, indem sie es ins Wasser zogen, und behielten es bei sich als Neraide. Und so war nun die arme Mutter ganz einsam und durfte auch das Haus ihres Gatten nicht mehr betreten, außer bei Nacht, wenn er schlief, dann schlich sie hinein und beugte sich über sein Lager und küßte ihn. Sobald er aber erwachte, war sie verschwunden: und dennoch erinnerte er sich, daß sie dagewesen, und erzählte davon. Viele spotteten darüber und glaubten es nicht, aber wir in Gasturi wußten wohl, daß es richtig war, und daß sie in der Nähe weilte. Denn wir sahen die schöne Neraide alle Tage um die Mittagsstunde hier am Brunnen in weißem Gewande erscheinen; zwar wagte Niemand näher zu gehen und mit ihr zu reden, doch wir standen sehr oft dort unten in der Schlucht und blickten heimlich herauf. Und dann sahen wir immer, sie ging wohl hundert Mal hier auf und ab und rang die Hände, nur zuweilen stand sie still und schaute lange Zeit in den Brunnen hinab. Sowie aber die Sonne ein wenig zu sinken begann, verschwand sie so schnell, als sie gekommen war, hinter den Bäumen.

Das dauerte so an die sieben Jahre. Denn nun wirst Du erfahren, Herr, daß während dieser Zeit ihr Gemahl einsam in seinem Hause saß und es niemals und zu keiner Stunde verließ. Das that er darum, weil er wußte, daß man eine entflohene Neraide zwingen kann, zurückzukehren, wenn man sieben Jahre ohne Unterbrechung unter seinem Dache verweilt und in treuer Liebe ihrer harrt: dann muß sie wieder zu dem Gatten kommen und bleibt fortan sein ehrliches Weib, als wenn sie menschlich geboren wäre, und sie findet auch ihre Lust und Heiterkeit wieder.

Danach that nun dieser Jüngling und wartete geduldig in aller Treue. Zu allerletzt aber, als nur noch ein Tag an den sieben Jahren fehlte, ergriff ihn die Sehnsucht nach ihr so gewaltig, daß er es nicht mehr ertragen konnte, sondern zur Mittagsstunde an diesen Brunnen ging, um sie zu sehen. Niemand kann sagen, was sie miteinander verhandelt haben; doch als er nach Hause kam, war er todkrank und an allen Gliedern gelähmt: die Neraide hatte ihn geschlagen, und er starb wenige Tage danach.

Von der Zeit an aber wurde sie auch selbst nie wieder am Brunnen oder irgendwo anders gesehen. Wir glauben, daß ihre Schwestern sie nun in Gnaden aufgenommen haben, weil ihr Mann todt war, und daß sie ihr Kind wiedergefunden hat.« –

Hier endete die Geschichte der alten Frau, und warnend setzte sie hinzu: »Du siehst, Herr, daß diese Dinge wahr sind, und Du wirst wohl thun, Dich vor dem Zorn der Neraiden zu hüten. Vielleicht haben sie Dich heute noch verschont, weil sie sahen, daß Du fremd bist und ihre Sitten nicht kennst; aber sie möchten Dich ein zweites Mal nicht mehr verschonen. Trink jetzt einen Schluck von unserem Wasser, es ist gut und gesund in dieser Stunde.«

Bei diesen Worten winkte sie einem jungen Mädchen, das eben seinen Krug gefüllt hatte; das schöne Kind warf den Schleier über Kinn und Mund und reichte mir den Krug, aus bescheidenen Augen mit leiser Neugier zu mir aufblickend; ich trank und dankte und half ihr den Krug auf das feine Köpfchen setzen. Dann nahm ich Abschied von meiner trefflichen Greisin und den andern Frauen und ging in der leichten Kühlung den Berg hinab durch den Oelwald der Stadt entgegen. Das vernommene Märchen beschäftigte freundlich meine Gedanken, doch hätte ich es gewißlich ohne weitere Deutungsversuche als ein schönes Phantasiegebilde dieses Volkes auf sich beruhen lassen, wenn mir nicht scharf aufgefallen wäre, wie seltsam realistisch der italienische Name Gozzadini in die zarte griechische Sagenwelt hineinklang und fast gewaltsam auf irgend eine mitspielende Thatsache der Wirklichkeit zu deuten schien. Nur hoffte ich kaum in der Stadt eine besondere Aufklärung finden zu können, da dieses Stückchen Thatsache offenbar so alter Vergangenheit angehörte.

Sobald ich mein Zimmer in der »Bella Venezia« betreten hatte, fühlte ich mich plötzlich von einer lähmenden Schwäche ergriffen, eine heftige innere Gluth und bald ein jäher Frostschauer folgte, und ich merkte mit Schrecken, daß ich von starkem Fieber heimgesucht worden. Ungesäumt schickte ich nach einem Arzt, und nur eine halbe Stunde quälte ich mich in Fieber und Sorge, bis dieser erschien.

Es war eine sehr absonderliche Erscheinung, die ich da vor mir sah; mir fiel bei ihrem Anblick sofort das merkwürdige Marmorbild des Aesop in der römischen Villa Albani ein. Auf einem schwächlichen, nicht blos von hohem Alter verfallenen, buckligen Leibe saß ein feiner Kopf mit raschen, klugen Augen und dem gewinnendsten Lächeln um die beweglichen Lippen. Er nahm mich alsbald in sorgfältige Behandlung.

»Sie haben sich der Hitze zu sehr ausgesetzt, mein Herr,« sagte er, nachdem er meine Temperatur gemessen.

»Die Neraiden haben mich geschlagen,« antwortete ich seufzend.

»Das heißt?« fragte er verwundert.

»Das heißt, daß ich am Brunnen von Gasturi in der Mittagsgluth geschlafen und zur Strafe dafür eine so räthselhafte Geschichte vernommen habe, daß ich vor Neugier nach deren Erklärung das Fieber bekam.«

Und ich erzählte ihm wahrheitsgetreu das Märchen der Greisin.

»Zu allernächst, mein Herr,« sagte er freundlich, »werden Sie nun auf der Stelle ins Bett gehen, und danach kann ich selbst Ihnen vielleicht etwas aus meiner Erinnerung berichten, das gegen diese Art Fieber wirksam sein dürfte. Für das andere werden wir mindestens ein paar Tage der größten Ruhe nöthig haben. Also, ich bitte!«

Gehorsam folgte ich seinem Rathe, nahm seine Arznei und ertrug die Nacht hindurch geduldig das Fieber und die unbefriedigte Neugier. Am nächsten Vormittag aber, während meiner fieberfreien Stunden, kam er wieder, setzte sich in einen Lehnstuhl mir gegenüber und begann mit freundlichem Eifer seinen verheißenen Bericht.

»Ja, ja, lieber Herr,« sagte er lächelnd, »Sie mögen es vor der Hand noch so sehr bezweifeln, aber wie Ihnen Ihr altes Weib gesagt hat, die Geschichte ist vollkommen wahr, und das von Anfang bis zu Ende; es kommt jetzt nur darauf an, daß wir sie in andere Worte kleiden, oder ich könnte auch sagen, daß Sie jene Personen, nämlich den unglücklichen Gaetano Gozzadini und seine Gattin, die sogenannte Neraide, welche Sie bis jetzt gewissermaßen nur bei Mondenschein gesehen haben, nun in der klaren Beleuchtung des nüchternen Tages betrachten. Denn unsere Bauern, müssen Sie wissen, sind ein gar wunderliches Volk, das sich gern alle Dinge nach seinen einfältigen Begriffen, die es aus Gott weiß wie uralter Zeit geerbt hat, zurechtlegt, wie sie denn, um die volle Wahrheit zu sagen, unser ganzes liebes griechisch-orthodoxes Christenthum durchaus nicht anders verstehen und lieben, denn als rechte, echte, gottverlassene Heiden. Aus ihren Heiligen machen sie Götter und Göttinnen, vornehme und geringe, sie haben ihren Donnergott und ihren Kriegsgott und ihren Meeresgott – nun gut, warum sollen sie sich nicht einmal aus einer Sterblichen eine Nymphe, und aus einer Nymphe vielleicht bald wieder eine Heilige machen? Ich nehme an, mein Herr, daß Sie als Europäer mir solche freie Redeweise nicht übel deuten werden.

Also, um endlich zur Sache zu kommen, es war im Jahre 1822, daß diese Begebenheit ihren Anfang nahm. Das ist lange her, aber mein Gedächtniß ist noch frisch, und ich entsinne mich genau jedes Umstandes, sowohl was ich selbst gesehen, als was ich von Andern gehört habe. Ich will hier sogleich bemerken, daß ich gerade am Beginn unseres Jahrhunderts geboren bin, woraus Sie ohne Rechenkunst mein vormaliges sowie mein jetziges Lebensalter ersehen können.

Sie wissen nun, daß seit dem Jahre 1821 der Freiheitskrieg der Hellenen gegen ihre rohen und barbarischen Unterdrücker, die Osmanen, entbrannt war. Wir Kerkyräer aber und die andern Ionier waren seit sieben Jahren den Engländern untergeben, welche zu jener Zeit, unter der Regentschaft des harten Lord Maitland der hellenischen Sache durchaus nicht wohlgesinnt waren, ohne daß sie doch unsere Liebe zu dem gemeinsamen Vaterlande hätten unterdrücken können. Ferner ist Ihnen ohne Zweifel bekannt, daß unsere Insel durch mehr als vier Jahrhunderte unter der Herrschaft des Löwen von San Marco gestanden hat: aus dieser Zeit giebt es noch heute, wie Sie täglich sehen und hören können, sehr zahlreiche Italiener hier in der Stadt, und damals gar lag weitaus der größte Reichthum und der meiste Landbesitz in der Hand der venezianischen Nobili, welche auch unter der neuen Herrschaft von ihrem alten Stolze durchaus nichts aufgegeben hatten. Es war nicht schön für uns Hellenen, daß hier die Engländer, dort die Italiener hochmüthig auf uns herabblickten, aber es war leider so.

Aus einer der vornehmsten und stolzesten jener Familien stammte der Conte Loredano; derselbe hatte zwei Töchter, Gabriela und Cecilia, und diese beiden Mädchen waren allerdings so schön, daß ich glaube in meinen langen Jahren nichts Gleiches wieder gesehen zu haben, auch waren sie beide deswegen berühmt und umworben genug. Was mich betrifft, so sehen Sie noch heute an meiner Gestalt, daß ich meine Augen gewißlich nicht hätte zu ihnen erheben dürfen, wenn ich selbst aus edlem Geschlecht und nicht ein unbedeutender junger Arzt gewesen wäre; dafür aber habe ich von jeher eine Gabe besessen, mir die Freundschaft und ein stilles Vertrauen der Schönen zu gewinnen, wie sie es sonst nur etwa ehrwürdigen Greisen zuzuwenden pflegen – sie wußten eben, daß ich ihrem Herzen und sogar ihrem Rufe nicht gefährlicher werden konnte, als ein abgelebter Alter. Am allernächsten war ich nun gerade mit jenen beiden reizenden Contessen befreundet, und das hauptsächlich darum, weil mein früh verstorbener Vater ihnen einmal beiden in schwerer Krankheit durch geschickte ärztliche Behandlung das Leben gerettet hatte, gleich darauf aber in Folge der Ansteckung eben dieser Krankheit erlegen war. Uebrigens hätte mir ja auch ohne Das Niemand wehren können sie heimlich für mich zu bewundern, und wahrlich, ihr bloßer Anblick erschien mir damals so köstlich wie frisches Wasser.

Mir gefiel anfänglich die Jüngere, Cecilia, noch besser; sie war oder schien etwas stiller und sanfter, während freilich die Folgezeit lehrte, daß sie ihre heiße Leidenschaft weit weniger zu bezwingen wußte, als ihre Schwester. Diese war höher von Gestalt und kecker in ihrem Wesen und ward noch von Mehreren gefeiert um ihrer feurigen Augen willen.

Zu ihren glühendsten Verehrern und Bewerbern gehörte jener Gaetano Gozzadini, dessen Namen Ihnen schon die Bäuerin gesagt hat; dieser hatte schon mehrfach auf das Ernstlichste um ihre Hand gebeten, doch Gabriela wies ihn immer ab, wenn nicht hart, so doch bestimmt. Er war nämlich, obwohl von sehr edlem Blut und im goldenen Buche von Korfu an einer der ersten Stellen vermerkt, und obwohl auch groß und schlank von Gestalt und von anmuthigen Gesichtszügen, doch nur etwas schwach von Gedanken; er pflegte sehr langsam zu begreifen, wenn er aber einmal an einen Gedanken gerathen war, mochte der nun gut oder thöricht sein, so blieb er daran hängen, als wenn er festgenagelt wäre, ob man ihm auch zehnmal vollwichtig das Gegentheil bewies. Ich sehe ihn heute noch wie leibhaftig vor mir, den armen Menschen: er hatte Augen wie ein guter treuer Hund, und hatte auch wie ein junger Hund die Angewohnheit, immerfort mit irgend etwas zu spielen, am liebsten mit Thieren und kleinen Kindern, und er konnte sich stundenlang mit diesen Geschöpfen jagen und balgen, wenn ihn Niemand sonst beobachtete; darum liebten sie ihn auch wie keinen andern Menschen in der Stadt: und man konnte schon hieraus schließen, daß er ein ehrlich Gemüth und eine reine Seele war. Wenn er über die Esplanade spazierte, so sah man fast immer ein paar kleine Mädchen an seiner Seite hängen zur Rechten wie zur Linken und mit ihm scherzen: sowie aber solche kleinen Mädchen nachher groß und heirathslustig wurden, dachten sie an ihren alten Freund am allerletzten. Er war darin beinahe in gleicher Lage mit mir, nur daß ich doch noch weit glücklicher war, weil ich mir immer klar bewußt blieb, wie es um mich in dieser Hinsicht stand, und nie zu närrischen Hoffnungen mich verstieg. Er aber war thöricht genug, sich sogleich in die Allerherrlichste, in Contessa Gabriela, zu verlieben, und das mit der ungetheiltesten Leidenschaft, weil wenig andere Gedanken in seinem Kopfe wohnten, die ihn hätten abziehen können. Ja, er blickte gar rührend und kummervoll in jener Zeit aus seinen schönen Augen; stundenlang lief er hin und her in der Nähe ihrer Wohnung – wiederum gerade wie ein Hund, der seine Herrin sucht. Es konnte aber wahrlich Niemand von dem klugen und feurigen Mädchen verlangen, daß sie dem armen Burschen ihre Liebe schenkte, da doch so viele weisere Männer ihrer begehrten. Sie wünschte jedoch garnicht sich voreilig zu fesseln, sondern bat allemal jeden Bewerber um Aufschub und lange Bedenkzeit und freute sich einstweilen vergnüglich ihrer Freiheit.

Besondere Lust hatten beide Schwestern am Fahren und Reiten, und sie konnten dieser Neigung bequemlich fröhnen, da die Engländer schon begonnen hatten, ihre neuen prächtigen Straßen nach allen Seiten durch das Land zu führen. Sie pflegten dabei einen Diener mit sich zu führen, außer wenn ich sie begleitete, was zu Wagen sehr häufig geschah; denn das Reiten war allerdings nicht meine Sache.

So waren wir auch in jenem Sommer einmal hinausgefahren auf der Straße nach Govino, wo das alte Arsenal der Venezianer war. Gabriela führte die Zügel und eben liefen die Pferde in feurigem Trabe an dem kleinen Golf vorbei, der, wie Sie sich erinnern werden, tief ins Land eindringt bis an den Weg: da springt plötzlich hinter den Oelbäumen hervor ein Mensch, wirft sich vor die Pferde, reißt in die Zügel und bringt mit einem Ruck die aufbäumenden Thiere zum Stehen. Wir sehen, es ist ein Mensch in albanesischer Tracht, in zerrissener, blutbefleckter Fustanella, vollbewaffnet mit Säbel, langer Flinte und Pistolen: wir sind starr vor Schreck; nur Gabriela, wie der Fremdling jetzt an ihren Sitz herantritt, erhebt die Peitsche, um mit dem silbernen Knauf derselben den Frechen auf den Kopf zu schlagen: der aber fängt geschickt mit der Hand die niedersausende Ruthe auf, entreißt sie mit leichtem Ruck der schönen Gegnerin und giebt sie ihr sogleich mit stolzer Bewegung zurück.

– Keine Furcht, Herrin! spricht er dann ruhig, ich bin kein Räuber und verlange nichts von dir, das du nicht aus freien Stücken zu thun gewillt sein wirst. Ich komme vielmehr als Schutzflehender mit drei kranken Gefährten; wir sind versprengte Flüchtlinge aus der Schlacht von Peta, seit Wochen irren wir mitten zwischen den Schaaren der Türken fliehend in Todesgefahr durch die Gebirge drüben, bis es uns endlich gelang, bei Nacht hierher über den Sund zu setzen. Wir wagten jedoch nicht uns öffentlich zu zeigen, denn wir wissen, daß die Engländer den Christen nicht wohlgesonnen sind, sie könnten uns gefangen setzen und festhalten; wir aber streben in den Krieg zurück, sobald unsere Wunden geheilt sind. Darum bitte ich dich, mir Auskunft und Rath zu geben, denn Du erschienst mir als ein vornehmes Weib und doch nicht englischen Stammes. Wenn du kannst und willst, Herrin, so gieb uns selber einen sichern Zufluchtsort, wo wir in Verborgenheit genesen mögen. Wir sind Sulioten, Genossen des Markos Botzaris.

Was die letzten Worte für uns bedeuteten und welchen Eindruck sie zumal auf die beiden Mädchen machten, das können Sie sich schwerlich ganz vorstellen, wenn Ihnen auch ohne Zweifel Einiges von den gewaltigen Heldenthaten dieser Sulioten bekannt ist. Doch Sie wissen nicht, wie damals nicht wir allein, sondern ganz Europa ihren Namen mit Ehrfurcht und Begeisterung nannte, und wenn ich des Markos Botzaris gedenke und seiner Heldengröße und herrlichen Reinheit, so wollen mir altem Manne noch heute die Thränen ins Auge kommen. Auch in jenem unglückseligen Kampf bei Peta und Arta drüben in Epiros, wo so viele der besten Philhellenen – und nicht die wenigsten darunter von deutschem Blute – den Tod gefunden, hat Botzaris mit einer Anzahl seiner Pallikaren den rühmlichsten Antheil genommen, wenn auch der Sieg ihm diesmal fehlte. Nun also, es war nichts Kleines, wenn jener Flüchtling sagen durfte: »Wir sind Sulioten, Genossen des Markos Botzaris.«

Auch genügte dieses Wort vollauf, den Hochsinn und das Mitleid der jungen Contessen zu entflammen, sie verließen den Wagen und gingen mit dem Pallikaren ans Ufer, wo seine Gefährten verwundet und krank im Nachen lagen. Die edlen Mädchen beriethen und kamen auf den Einfall, die Sulioten auf ein Landhaus ihres Freundes Gaetano Gozzadini zu bringen, das nicht allzu fern von jener Stelle lag; denn sie wußten wohl, daß der treue Mensch ihnen keine Bitte abschlagen konnte. So führte ich denn in Gemeinschaft mit dem kecken Pallikaren, welcher Drakos hieß, die drei Kranken zum Wagen und setzte sie, so gut es gehen wollte; wir andern aber gingen nebenher zu Fuß bis zu der Villa, wo ich sogleich auch meine Pflicht als Arzt erfüllen konnte.

Gozzadini war nun durchaus glücklich, daß er seiner angebeteten Herrin einen Dienst erweisen konnte, nahm ihre Schutzbefohlenen mit Freuden auf und ließ sie mit allem Mitleid seines guten Herzens bis zu ihrer Genesung bestens verpflegen. Drakos allein hatte nur eine leichtere Wunde am Arm und hatte auch die Leiden der Flucht so wacker ertragen, daß er frei umherwandeln konnte wie ein Gesunder. Uebrigens ergab es sich bald, daß ihm von den Engländern keine Gefahr einer Haft oder Hinderung drohte, und so sahen wir ihn täglich in der Stadt, wie er vor den Augen des bewundernden Volkes kühl und gelassen einherspazierte. Sie haben gewißlich, werther Herr, schon etliche der Albanesen hier gesehen, welche vom Festlande zur Arbeit herüberkommen: nun blicken Sie diese Menschen an, die ein armseliges Volk und zerlumptes Gesindel sind, wie sie einherschreiten und ihre Fustanella um die Hüften schwenken, als wären sie lauter geborne Fürsten und Edelleute, und dann denken Sie sich, wie so ein Suliot stolziren durfte, der gleichsam im Angesicht der ganzen civilisirten Welt dastand als geweihter Kämpfer für Freiheit und Christenthum! Und da er noch dazu ein sehr schöner, starker und ansehnlicher Mann war, so dürfen Sie sich nicht wundern, daß er von Vornehm und Gering angestaunt wurde, als wenn er etwa ein anderer Kaiser Napoleon gewesen wäre. Es versteht sich, daß er nicht mehr in seinen zerfetzten kriegerischen Lumpen aufzog, sondern in neuen, sauberen und gestickten Kleidern, die er wie schon so Vieles dem Edelmuth des Gaetano verdankte.

Es war natürlich und begreiflich, daß auch die beiden schönen Contessen freundliche Theilnahme für ihren tapfern Schützling fühlten und gar nicht verschmähten, sich öffentlich auf der Esplanade in seiner Gesellschaft zu zeigen; denn wer konnte an etwas Arges oder Gefährliches dabei denken? Und noch begreiflicher war, daß der Pallikare ihnen die feurigste Dankbarkeit widmete und es für seine beste Glückseligkeit zu erachten schien, an ihrer Seite zu wandeln und ihnen von seinen Abenteuern gegen die Türken zu erzählen. Ja gewiß, das war beides so ganz natürlich – und doch dauerte es nur wenige Tage, da wußten gar manche kluge und offene Augen in Kerkyra, wie es in den Herzen dieses Drakos und der Contessa Gabriela aussehen mußte. Ich meinestheils war auch nicht gerade blind geboren; einmal fuhren wir zusammen in einem jener kleinen offenen Wagen, wie sie die Engländer damals eingeführt hatten, wiederum die Straße nach Govino entlang, Gabriela saß neben dem Pallikaren und lehrte ihn mit Eifer die ritterliche Kunst des Rosselenkens: denn die hatte er in seinen pfadlosen Bergen freilich nicht lernen können. Sie lachten viel dazu und waren vergnügt wie Kinder, ihre Hände griffen gar oft über und durch einander, viel öfter, wollte mir scheinen, als für den Unterricht eben durchaus nöthig war, und ihre Wangen glühten dazu und die Augen strahlten vor Freude und Schönheit. Seit jenem Tage wußte auch ich nur allzu genau, was hier in der Luft schwebte.

Das aber hätte auch ein Kind in allen den Tagen an ihnen beobachten können, daß sie beide viel schöner noch geworden waren als je zuvor; es schien, als ob ihre Gestalten leichter getragen würden, wie von unsichtbaren Flügeln, und als ob ein Leuchten von ihrem Antlitz ausginge und Jedes sich in dem Anblick des Andern immer von Neuem wie in einem Zauberspiegel verklärte. Nun hätte ein solches unausgesprochenes und doch sichtbarlich von aller Welt angeschautes Glück wohl geeignet sein können, den Neid der Menschen zu wecken, und doch habe ich damals fast Niemand von diesem Gifte berührt gefunden, sei es, daß die bloße Betrachtung so wundervoll vereinter Schönheit auch niedrige Seelen für eine Zeit lang besser machte, als sie im gewöhnlichen Lauf der Dinge sind, sei es vielleicht auch, weil Jedermann ahnte, daß dieses Glück nur von so ganz kurzer Dauer sein konnte. Mir selber schienen sie dahin zu gehen gleich zwei Nachtwandlern an einem Abgrunde, und um Alles hätte ich es nicht sein mögen, der sie anriefe; denn mir war, als müßten sie beim Erwachen jählings in eine tödtliche Tiefe stürzen.

Seltsam aber war es, neben diesen Verklärten zwei andere Gestalten zu sehen, welche fast beständig ihre Begleiter waren, die Contessa Cecilia und Gaetano Gozzadini. Die Beiden hatten sich auf einmal zu einander gefunden als stille herzliche Freunde, aber keineswegs wie ein anderes Liebespaar, sondern wie zwei melancholische Menschenkinder, die sich mit einander in frommer Ergebenheit und ohne Neid und Eifersucht über ein heimliches Leid zu trösten suchen. Und wenn dies stille Paar hinter dem andern glänzenden langsam einherschritt, so sah es wahrlich so aus, als heftete die trübe Zukunft sich jetzt schon der herrlichen Gegenwart an die Ferse.

Endlich kam der Tag, an welchem der große Riß geschah und sich Alles entschied – jedoch ganz anders als irgend Jemand erwartet hatte. Mir war es bestimmt, ein Zeuge dieses schmerzlichen Auftritts zu sein. Es war in Gaetano's Villa, wo die Sulioten untergebracht waren; ich hatte meinen Krankenbesuch beendigt und trat hinaus in den Garten, wo Gaetano, der dort in träumerischer Versunkenheit an einer Cypresse lehnte, sich mir anschloß. Wir hatten noch nicht viele Schritte vorwärts gemacht, als wir Drakos und Gabriela bei einander erblickten: sie brach eben eine Blüthe von einem Orangenbaume und steckte sie ihm lachend an die Brust; er aber beugte sich plötzlich nieder auf ihre Hand, küßte dieselbe mit einer wilden Gluth und flüsterte ihr Worte zu, die wir nicht vernahmen, deren Sinn aber nach seiner leidenschaftlichen Geberde und dem flammeuden Blick seiner Augen auch dem Harmlosesten nicht eine Secunde zweifelhaft sein konnte. Ich schaute flüchtig auf Gaetano, und ich sah Thränen an seiner Wimper.

Gabriela glühte tief auf wie von einer Flamme bestrahlt, und unmöglich wäre es, den Ausdruck ihres Gesichts zu schildern, in welchem eine unendliche Seligkeit mit Grauen und Entsetzen sich zu mischen und zu kämpfen schien. Wohl eine Minute blieb sie wortlos, wie von Sinnen, dann auf einmal raffte sie sich gewaltsam wie mit einem starken Ruck zusammen und warf einen angstvollen Blick nach rückwärts, als ob sie sich Hülfe von außen erflehte. Da fiel ihr irrendes Auge auf uns, und in derselben Secunde warf sie stolz das schöne Haupt zurück, winkte uns hastig mit der Hand und sagte so laut, daß wir jede Silbe aufs Genaueste vernahmen: »Ich bin die Braut des Gaetano Gozzadini!«

Sie war bleich wie eine Todte, als sie diese Worte sprach. Ich verstand schnell ihre Meinung, daß sie mit dem jähen Bescheid Rettung vor sich selber suchte. Und auch ein Anderer verstand sie, Drakos; das las ich in seinen Mienen, die einen so raschen und wilden Kampf wiederspiegelten, wie ich ihn nicht wieder während weniger Secunden in eines Menschen Antlitz gesehen habe: Zweifel, Schreck, Unglaube, Erkenntniß, Verzweiflung, Wuth; wilder Trotz, erzwungene Fassung, Rachedurst und Hohnlachen – das mußten etwa die verschiedenen Schwingungen seines Gehirns sein, wie sie in rasender Hast auf einander folgten. Zuletzt machte er ruhig eine anständige Verbeugung und entfernte sich nach dem hinteren Ausgang des Gartens; nur die Worte schienen ihm doch zu versagen.

Ich hatte darüber nicht Zeit gefunden, auf Gaetano zu achten, wie er diese unerhört schnelle Wandlung seines Schicksals aufnehmen würde. Jetzt kam Gabriela selbst auf ihn zugeschritten und zur Bekräftigung ihres raschen Ausspruchs lehnte sie, wiewohl schweigend, ihr Haupt an seine Schulter und barg ihr Antlitz, doch gewißlich nicht aus liebender Verschämtheit, sondern um ihm die Noth ihres Herzens zu verhüllen. Sie sah aus wie Jemand, der Alles in dieser Welt verloren hat, was ihm lieb war, und der nun irgendwo am Rande der Wüste ein stilles Plätzchen findet, wo er ungestört seinem Grame leben kann.

Die ehrlichen Züge des Gaetano aber strahlten von ungemischter Seligkeit.

Am nächsten Morgen ließ Contessa Gabriela mich sehr frühe als Arzt zu sich rufen; doch sie war nicht krank, sondern wollte sich nur ohne Zeugen gegen mich aussprechen.

»Nun, was spricht man von dieser Verlobung, Grigori?« fragte sie, indem sie zu lächeln versuchte; doch nichts verrieth mir so sehr ihre innere Qual, als dieses verfehlte Lächeln.

»Man ist . . . sehr überrascht, Kontissa,« entgegnete ich verlegen.

»Das bin auch ich!« rief sie, und jetzt lachte sie wirklich. Im selben Augenblick aber traten die Thränen hervor. »Ach, Grigori,« fuhr sie vertraulich fort, »seht, es ging ja doch nicht anders. Hieltet Ihr es denn auch nur für möglich, daß ich mich mit diesem Pallikaren verbinden konnte? Ja, seht, bis gestern berauschte ich mich sinnlos, gedankenlos an seinem Glanze, seinem Heldenthum . . . und wir hätten ja noch manchen Tag mit einander glücklich sein können . . . aber er durfte das Wort nicht sprechen, das mich aufweckte aus meinem Traume. Als er mir seine Leidenschaft enthüllte, fand ich die Besinnung wieder, ich sah, welche Entscheidung ich zu fällen hatte, was mir bevorstand, wenn ich der süßen Lockung folgte: tödtliche Kränkung meines Vaters, Losreißung von meinem Hause, meiner Heimath, meiner Vergangenheit und von der Zukunft der Meinen, Herabstürzen aus goldener Höhe in den sumpfigen Strudel der gemeinen Welt – das Alles war die Folge, wenn ich mich dem wildgewachsenen Sohn der Berge zu eigen gab. Mit meinem Namen hätte ich Alles, hätte ich mich selbst verloren. O Grigori, dieser Name, der bloße Schatten der Dinge, ist so allmächtig unter uns Menschen . . . es klingt so schön und erhaben, wenn ihr spottet oder predigt gegen den Adelsstolz, den Namensdünkel: und doch ist es einzig und allein der Name, der uns über die Menge erhebt . . . Daß die Natur uns nicht besser geschaffen als andere Menschenkinder, wissen wir selber zu gut, und eben darum klammern wir uns an das Eine, das uns besser macht als die Andern: der Glaube an jenen Schatten, unsern Namen, die unerschütterliche Anbetung unsrer eignen Ehre, das macht uns groß und edel, das allein hat tausend berühmte Heldenthaten geboren, tausend niedere Verbrechen verhindert, der Name ist der Schild unserer Tugend. Gut also, diesem Namen, diesem heiligen Vermächtniß meiner Ahnen, dem Glück meines Vaters, der Ehre meiner Schwester, dem allen forderte die Pflicht eine wilde Wallung des begehrlichen Herzens zu opfern . . . es war nicht leicht, Grigori, wahrhaftig nicht leicht . . . doch allein um meiner Schwester Cecilia willen hätte ich das Opfer gebracht. Was spricht man nun von dieser Verlobung, Grigori?«

Ich war noch ein bischen verwirrter als vorher, es ist so seltsam, solche Dinge mit einem heiß erregten Mädchen zu besprechen; doch endlich sammelte ich mich und fragte bescheiden:

»Und hofft Ihr, mit diesem . . . mit Gozzadini glücklich zu werden?«

»Glücklich?« rief sie rasch mit bitterem Ton, »habe ich das gesagt, daß ich glücklich werden wollte? – Aber warum ich gerade diesen wählte? O Gott, ich mußte den einen Trost doch dem Verschmähten gönnen, daß ich ihn nicht . . . aus Leidenschaft für einen Andern zurückwies . . .«

Das war das letzte Wort, das sie in dieser Sache zu mir sprach: denn sie vermochte sich nun nicht mehr zu beherrschen, reichte mir die Hand und ging hinaus; ich meinte noch zu sehen, wie der Kampf mit den vorstürzenden Thränen ihren Körper erschütterte. An dies letzte Wort aber habe ich sehr, sehr viel denken müssen, weil ich der Ansicht bin, daß gerade hier zum nicht geringen Theil der Keim des weiteren Unheils verborgen lag. Denken Sie sich nur, Herr, in die Lage und die Empfindungen jenes Pallikaren, des gefeierten Helden, hinein: nicht die sanfte Trauer unerwiderter Liebe kann ihn bewegen, denn seine Liebe ist erhört, er ist klug genug, das klar zu erkennen, er sieht, die Geliebte, die Liebende stößt ihn zurück nicht seiner Person, sondern seines Standes wegen – um einen guten Schwachkopf zu beglücken, der nichts als vornehmer geboren ist. Nicht Drakos ist verschmäht, sondern der Pallikare, der Freiheitskämpfer, der stolze Suliot – was muß die Folge sein? Der trotzige Gebirgssohn wird all seine Liebe untertauchen in brennenden Ehrgeiz, all seine Hoffnung in wüste Rachsucht . . . so mußte es kommen, und so kam es.

Aber dieser Suliot bewies nun, daß er nicht blos als wilder Klephthe mit Gewehr und Dolch seine Feinde zu treffen wußte – wir fürchteten wohl anfangs, er möchte im ersten Zorn den Gaetano niederstoßen: doch dieser war sein Wohlthäter, und undankbar sind jene rauhen Helden nicht – nein, er wußte die Treulose ohne Blutvergießen mit so bitterer Rache zu treffen, daß der allerfeinste venezianische Bösewicht nichts Grausameres hätte erfinden können. Und wie vollbrachte er das?

Einige Tage ging er ruhig und gleichmüthig einher und verstand sich so trefflich zu beherrschen, daß wir uns mit Erstaunen fragten, ob denn alle die Leidenschaft, die zuvor in seinen Blicken geglüht, nur unsere Augentäuschung gewesen sei. Ja, er verkehrte freundschaftlich wie sonst mit mir, mit Gaetano und – mit Cecilia.

Nicht lange sollten wir in beruhigter Täuschung leben: eines Morgens war Drakos und seine halb genesenen Gefährten von der Insel verschwunden, und mit ihnen Contessa Cecilia.

Wie er die Unglückliche so schnell bethört hatte, vermochte Niemand zu begreifen; ich aber glaube, daß zu allem Anderen noch das Mitleid gekommen war, das sie mit dem so jäh Verstoßenen empfand, denn sie hatte von Jugend auf ein weiches und schnell empfängliches Gemüth und ahnte sicherlich, was hier vorgegangen war, wenn sie auch nicht gleich mir dem Augenblick der Entscheidung beigewohnt hatte. Wie dem auch sei, für die Ihrigen galt sie sogleich als eine Verlorene, Niemand dachte auch nur an eine Verfolgung, die freilich in den Bergen von Albanien jedem Verständigen als ein Unding erscheinen mußte. Der alte Conte Loredano, ihr Vater, enterbte sie, fluchte ihr und starb. Bei seinem Begräbniß sah ich Gabriela zum erstenmal seit dem traurigen Ereigniß; sie schien selbst wie eine Abgeschiedene unter den Lebenden zu wandeln, so bleich und so ohne Ausdruck waren ihre Züge. Nur einmal nickte sie mir zu mit einem müden Blick, und da trat jenes herbe Lächeln wieder auf ihre Lippen; es war das letztemal, daß sie zu lächeln versuchte, von da an blieb sie ganz verschlossen, ergeben und stolz. Ich wagte auch später nie mit ihr über diese Dinge zu reden: wie kann man ein Weib trösten, das sein ganzes Glück zum Opfer gebracht hat, und nicht für die Ehre ihres Hauses, wie sie es meinte, sondern einzig – für die Schande ihrer Schwester.

Dem Gaetano hielt die Contessa ihr Wort, sie vermählte sich ihm nicht lange danach und lebte mit ihm in einem kleinen Landhause nahe bei Gasturi, nicht in jenem, das vordem die suliotischen Helden aufgenommen. Nie hat sie den Verlust ihrer Schwester beklagt oder Jemand ihr anderes Leid wieder vertraut, sie ging an der Seite ihres Gatten dahin, nicht mehr wie ein schönes Weib von Fleisch und Blut, sondern eher wie ein weißes Marmorbild, das halb nur zum Leben erwacht ist, oder, um mit den Bauern zu reden, wie eine gefangene Neraide.

Gaetano ertrug ihre Stille und Kälte mit unendlicher Geduld; und endlich nach Jahresfrist ward seine Hingebung ihm ein wenig gelohnt. Gabriela genas eines Töchterchens, und in der liebenden Sorge für dasselbe fing ihr Herz an leise wieder aufzuleben, so daß sie auch ihrem Gatten fortan mit einiger Zärtlichkeit begegnete. Freilich das holde Lachen anderer junger Mütter habe ich nie auf ihrem Antlitz gesehen, und doch war aus all ihrem stillen Thun deutlich zu erkennen, daß sie ihr Kind mit all derselben Kraft ihres leidenschaftlichen Gemüthes liebte, durch welche jenes eine große Leid so unauslöschlich ihrer Seele eingeprägt worden. Seltsam aber war es, daß dies kleine Geschöpf die trübe Stimmung seiner Mutter von Anfang an geerbt zu haben schien, sei es, weil es von ihr niemals das Lachen lernen konnte, sei es, weil es in der That auch von Natur ein kränkliches und schwaches Würmchen war. Es wurde, als es einige Jahre zählte, nicht munter und gesellig wie sonst Kinder, sondern liebte es am meisten, einsam in der Nähe des Hauses unter den Cypressen und Oliven herumzuschweifen, und ganz schwermüthig blickte sein zartes junges Köpfchen in die Welt.

Weder von Drakos noch von Cecilia war jemals in diesem Hause die Rede. Und doch waren sie nicht ganz verschollen, sondern von Zeit zu Zeit drangen bestimmte Nachrichten über ihr Leben in unsere Stadt; und das war kein Wunder, denn die Zahl der Kerkyräer war nicht gering, welche draußen freiwillig die Waffen für das hellenische Vaterland trugen und hier und dort in den wechselnden Kriegsläuften jenem Paare begegneten. So erfuhren wir denn, daß Drakos beständig an der Seite seines Markos Botzaris gefochten, bis dieser bei Karpenisi den vielbeweinten Heldentod fand. Dann folgte er dem Notis Botzaris und gehörte zu den heldenmüthigen Vertheidigern von Missolunghi gegen Ibrahim Pascha bis zum Fall der unglücklichen Stadt. Sie kennen den schrecklichen Ausgang dieser Belagerung: wie die halbverhungerten Hellenen mit Weib und Kind den Durchbruch mitten durch das Heer der Ungläubigen versuchten, wie die Meisten von ihnen, Bewaffnete und Waffenlose, im grausamen Gewühle den Tod fanden und nur ein geringer Haufen sich endlich in die Berge rettete. Und all' dies Elend und Grausen mußte unsere zarte Contessa mit erdulden, und das mit einem zweijährigen Kinde!

Unter den Tapfern, die vorausstürmend ihren Weibern die Bahn brachen, war auch Drakos; und hier hat er durch einen edlen Kriegertod sein Verbrechen gesühnt. Zu den zweihundert Geretteten gehörte Cecilia mit ihrem Knaben. Das geschah, wie bekannt, im April des Jahres 1826. Dann vergingen einige Jahre, ohne daß Jemand von dem Schicksal der Unglücklichen weitere Kunde zu uns brachte. Was ich später erfahren, ist in aller Kürze, daß sie nach Ithaka hinüberging und dort sich mühsam und tapfer mit ihrer Hände Arbeit durchgerungen hat, bis ihre Kraft so erschöpft war, daß sie in der bittern Sorge um ihres Kindes Zukunft der Rückkehr in die Heimath nicht mehr widerstand.

Zu mir, dem alten Freunde ihres Hauses, kam sie zuerst, meine Vermittelung zwischen ihr und der Schwester zu erflehen. Fast schämte ich mich, so auf einmal als Helfer und Schützer vor der zu stehen, die ich als das schönste und vornehmste Weib vordem gekannt. Wie war sie erniedrigt und gedemüthigt! Wie einst ihr adeliger Sinn der Leidenschaft zum Manne erlegen war, so jetzt der Stolz des verstoßenen Weibes der Liebe zu ihrem Kinde. Ich sah den Knaben, und es fiel mir ein, sein schönes Kinderantlitz möchte wohl am allerbesten geeignet sein, ohne viel künstliche Vermittelung und Vorbereitung das Herz seiner nächsten Verwandten für sich einzunehmen. Deshalb überredete ich Cecilia, sogleich mit mir nach der Villa ihres Schwagers zu fahren und einen raschen Ansturm auf die Herzen zu versuchen.

Doch dieser mein Rath war nicht weise, wie sich leider zu schnell ergab. Ich hatte nicht bedacht, daß es das Kind des Drakos war und seines Vaters Züge so deutlich wie je ein Sohn im Antlitz trug: diese breite, unten stark vorgewölbte Stirn, die kräftig gebogene Nase, vor Allem die kühnen, glühenden Augen, das alles war ein unverkennbares Vermächtniß des tapferen Pallikaren, nur der holde weiche Mund war der seiner Mutter.

Wir trafen die Contessa allein im Garten, und schon freute ich mich des glücklichen Zufalls. Cecilia warf sich weinend vor ihre Füße und sagte nur die Worte: »Ich bin hilflos und verlassen!« Und wie ich sah, daß Gabriela von der plötzlichen Erscheinung überwältigt und erschüttert stand und nach kurzem Kampf erbarmend die Hand ausstreckte, da schob ich leise den Knaben vor, daß er das schöne Werk der Versöhnung vollende. Gabriela faßte ihn rasch ins Auge und mußte wohl augenblicklich den Vater in ihm erkennen – mit einem lauten Aufschrei fuhr sie zurück, wehrte ihn heftig von sich ab und rief: »Dir könnte ich verzeihen, aber diesem Kinde nie!«

So hat sie die Schwester von sich gestoßen und das schützende Haus vor ihr verschlossen.

Sofort erhob sich Cecilia von ihren Knieen, riß das Kind an sich und schritt, ohne ein Wort zu sagen, wieder dem Ausgang zu; der alte Stolz der Loredani war in ihr erwacht. Ich erkannte, daß ich jetzt nichts thun konnte, als ihr folgen. Ich suchte sie zu trösten, doch sie schien keines Trostes mehr bedürftig.

Nicht weit vor dem Garten fanden wir das Töchterchen des Gaetano allein im Grase spielend, es hielt einen großen Strauß von Asphodeloslilien in der Hand, hinter dem sein blasses Gesichtchen sich halb versteckte. Cecilia konnte das Kind hier nicht verkennen, es hatte ganz den rührend ehrlichen Blick seines Vaters; trotz ihrer trotzigen Erregung vermochte sie nicht so schnell vorüberzugehen. Sie betrachtete es lange und wehmüthig, warf dann einen fast scheuen Blick mütterlichen Stolzes auf ihren so viel kräftiger blühenden Knaben und sagte leise mehr für sich als zu ihm: »Das sollte deine Schwester werden!«

Dies Wort schien die Neugier beider Kinder gewaltig zu reizen, sie starrten unbeweglich einander ins Gesicht wie in ein nie gesehenes Wunderding, und nur mit ernstlichem Zwang vermochte Cecilia den kleinen Burschen fortzuziehen. Ich baute damals eine leise Hoffnung auf diese Scene. –

Am selben Abend noch suchte mich Gaetano in der Stadt auf und brachte in seinem und seiner Gattin Namen eine erhebliche Geldsumme zur Unterstützung der Schwägerin: doch diese wies Alles voll stolzer Entrüstung als ein klägliches Almosen zurück und ließ sich auch durch sein herzlich bedauerndes Zureden zu nichts bewegen, obwohl sie einsah, wie gut und treu er selbst es mit ihr meinte. Mich bat sie, ihr ein Haus fern von der Stadt ausfindig zu machen, wo sie im Verborgenen von ihrer Arbeit leben könnte, wie sie bisher in der Fremde gewohnt gewesen. Ich fand einen Platz, der mir wie geschaffen für sie schien: jenseits Gasturi, in einer engen Schlucht, die vom Berge Aji Deka niedergeht, nimmt unsere Wasserleitung ihren Ursprung, und hier an der Quelle im Aufseherhäuschen hauste damals ein altes wackeres Pärchen, das gern bereit war, die verlassene Frau bei sich aufzunehmen. Ich meinte meine Sache sehr gut gemacht zu haben, denn nicht nur war das Haus feiner und sauberer als eine Bauernhütte, dazu an einer reizenden Stelle gelegen, mit Weinlaub und Rosen übersponnen, sondern es war auch nicht allzu weit von Gaetano's Villa entfernt, nur der breite Hügel von Gasturi liegt dazwischen; und so dachte ich, eine zufällige Begegnung, ein plötzliches Hervorbrechen der alten schwesterlichen Liebe könnte vielleicht noch einmal Alles zu einem guten Ende bringen, wenn man nur nichts gewaltsam überstürzte. So lebten die beiden Schwestern nahe bei einander und doch in ihrem Herzen fern, und ein unversöhnlicher Groll trennte diejenigen, welche die Natur bestimmt hatte, sich die Liebsten auf Erden zu sein.

Da war es denn nun um so wunderbarer, daß die Kinder wider beider Mütter Wissen und Willen sich doch zusammenfanden und mit einem stillen Wohlgefallen unter sich verkehrten; wo sie zuerst ihre rasche Bekanntschaft erneuert, weiß ich nicht, denn seltsamerweise schwiegen sie beide gegen sonstige Kinderart vor Jedermann über diese Kameradschaft, als ob sie eine Ahnung von der schlimmen Kluft gehabt hätten, welche die Eltern trennte. Nachher haben die Bauern von Gasturi sie oft beisammen gesehen, am Brunnen oder irgendwo sonst unter den Bäumen an abgelegenen Stellen; diese Menschen hatten aber schon damals eine gewisse abergläubische Furcht vor den beiden fremden schönen Frauen und flüsterten allerhand wunderliche Dinge von ihnen wie auch von ihren Kindern: und deshalb getrauten sie sich nicht, Jenen von ihrer Beobachtung Kunde zu geben, obgleich sie mir gern und geschwätzig alles erzählten, was sie gesehen hatten. Ich aber hatte gleichfalls meine Gründe, davon noch zu schweigen.

Als ich jedoch eines Nachmittags, wie es nicht selten geschah, zur Villa Gozzadini hinauskam, fand ich Gabriela allein und in heftig erregter Sorge: ihr Töchterchen war über die Mittagszeit von Hause fortgeblieben und noch nicht zurückgekehrt; sie war zwar gewöhnt an das stille Schweifen und ließ es furchtlos geschehen, weil das Kind sich früher niemals weiter entfernt hatte, als etwa seines Vaters starke Stimme reichte, und in jener friedsamen Gegend kaum irgend welche Gefahr zu befürchten war. So ward denn diesmal die Angst nur um so größer, schon war Gaetano mit den Dienern nach verschiedenen Richtungen ausgezogen, den kleinen Flüchtling zu suchen, und die Mutter verging in der Einsamkeit des Hauses beinahe vor Unruhe.

Unter diesen Umständen meinte ich nun, es sei an der Zeit, etwas von jener heimlichen Kinderfreundschaft verlauten zu lassen, die gewißlich das heutige Ausbleiben der Kleinen am besten erklärte. Die erste Andeutung aber steigerte die Aufregung der geängstigten Mutter zu fieberhafter Höhe; sie erklärte plötzlich, sie müsse selbst hinaus, ihren Leuten suchen zu helfen, und forderte mich auf, sie zu begleiten. Ich willfahrte ihr gern, mehr um ihre zitternde Unruhe zu beschwichtigen, als weil ich unsere Hilfe für nothwendig oder besonders förderlich hielt.

Auf einem Seitenwege ziemlich weit unterhalb Gasturi trafen wir ein junges Weib, das die Contessa mit seltsam scheuen Blicken anstarrte; ich fragte, ob das Kind hier gesehen worden: das Weib schwieg und bekreuzte sich. Nur auf mein zorniges Andringen deutete es endlich stumm auf die Richtung eines stillen Pfades zwischen den Olivenhügeln, darauf lief es plötzlich wie närrisch von dannen. Ich merkte, daß hier jener abenteuerliche Neraidenglaube im Spiele war, von dem ich gelegentlich im Dorfe hatte schwatzen hören, und achtete nicht sonderlich darauf, nur daß ich im Innern die dumpfe Macht solchen unverwüstlichen Wahnglaubens über rohe Gemüther beklagte; Gabriela ward bei dem wunderlichen Gebahren der Frau von erneuter Angst gefaßt und eilte den Pfad so hastig hinauf, daß ich kaum zu folgen vermochte. Bald fanden wir eine Anzahl frischgebrochener Asphodeloslilien auf dem Wege verstreut: sie wußte, daß ihre Tochter diese blassen Blumen liebte und sah darin ein Zeichen ihrer Nähe. Und so stürmte sie noch eiliger vorwärts.

Nun muß ich Ihnen die Gegend schildern, zu welcher man auf jenem einsamen Wege gelangt. Es ist ein kleines tiefes Thal, rund wie ein Kessel, mit sanften Abhängen; zuweilen erblickt man verlassene Häuser, deren Mauern der Epheu umrankt und eingedrückt hat. Auf dem Grunde aber läuft ein lang gestreckter schmaler Sumpf wie ein Graben, so schmal, daß die mächtigen Oelbäume, welche dort stehen, darüberweg ihre Aeste ineinander schlingen; es sieht aus, als wollten sie sich festklammern, um sich vor dem Versinken zu schützen. Dieses Wasser ist trübe und fast schauerlich zu sehen, nur wenige Strahlen der Sonne dringen durch das Laub und hüpfen wie zitternde Blitze über die Fläche, welche fast undurchsichtig erscheint: und doch erblickt man darunter ein häßliches Gewirr von Wasserpflanzen und schleimigen Ranken, die sich wie Schlangen zu bewegen und um einander zu ringeln scheinen. Darüber schwimmen verstreut einige breite Blätter und einsame weiße Blumen, zwischen denen große Wasserkäfer hin und her huschen. Zuweilen gurgelt es plötzlich vernehmbar in der Tiefe, und Blasen springen auf, als ob irgend ein geheimes Leben da unten verborgen wäre. Die Luft ist dort immer stickig und schwül, ohne erfrischende Regung; zahllose Schwärme von Insekten summen leise und ohne Aufhören. Stößt man einen Ruf aus, dann schallt es so jäh durch die Stille, daß man erschrickt, und tönt lange mit gebrochenem Gellen zurück, ganz als ob diese träge Einöde ihre gestörte Ruhe beklagte. Die Stelle ist gefürchtet bei den Bauern, und im Sommer zumal vermeidet sie Jeder gern, weil das Fieber dort haust, schlimmer und gefährlicher als an irgend einem anderen Gewässer der Insel; darum sind auch jene Häuser verlassen worden. Einige meinen, dieser Sumpf sei eine Lieblingsstätte der Neraiden, Andere nennen ihn den Sommersitz des Charos: Sie wissen, daß die Leute mit diesem alten, nur ein wenig veränderten Namen heutzutage den Tod bezeichnen.

Dorthin also war ich mit der geängstigten Contessa gerathen, und es war, als ob wir in eine fremde, unheimliche Welt versetzt wären, denn keines von uns beiden hatte dies Thal zuvor betreten. Laut rief sie den Namen ihrer Tochter, und ich wiederholte denselben noch lauter, um nur die Brust von der beklemmenden Stille zu befreien. Da glaubten wir leicht hinflatternde Töne, ein helles Kinderlachen zu vernehmen: aber das klang so fremd, so unnatürlich in dieser Umgebung, daß ein verdoppelter Schauer unsere Herzen zusammenpreßte. Dann ward es wieder still, und immer peinlicher drückte uns diese Stille, je weiter wir längs des Wassers vordrangen – da plötzlich hörten wir wieder das Kinderlachen, und diesmal ganz laut, ganz nahe, und doch zugleich so unklar vergellend wie aus weiter Ferne. Einige dichte Oleanderbüsche an einer Krümmung des Wassers entzogen uns den Blick ins Weite; eifriger drangen wir vor, und sobald wir den Winkel erreicht hatten, erblickten wir unweit desselben die beiden Kinder.

Sie standen auf der weit ins Wasser vorspringenden Wurzel einer uralten Platane, die vereinzelt sich dort eingedrängt hat, die kleine Contessa griff mit der einen Hand in eine runde Höhlung des Stammes und hielt sich darin fest, während die andere sich dem Knaben entgegenstreckte, der sie mit der Linken umklammerte und sich in kühner, gefährlicher Stellung weit über die Fluth vorbeugte, um mit einem Oelzweig nach einer schwimmenden Blume zu fischen. Gabriela stieß einen schwachen Schrei der Ueberraschung aus bei diesem Anblick: der Knabe vernahm ihn, blickt auf, sieht die weißgekleidete Frau, die plötzlich wie eine Geistererscheinung aus dem Boden gewachsen ist; in jähem Kinderschreck läßt er die Hand der Freundin los und stürzt ins Wasser, diese greift ihm nach mit der leeren Hand, will ihn wieder fassen, emporziehen, verliert darüber selbst den Halt auf der schlüpfrigen Wurzel und versinkt fast zugleich mit ihm in die matt aufsprudelnde Fluth.

Mit einem entsetzlichen Angstruf fliegt die unselige Mutter zu der Stelle, wirft sich rücksichtslos ihrem Kinde nach und tastet unter dem Wasser nach dem kleinen Körper. Ihre Füße fanden Grund, jedoch, das sah ich an ihren schwankenden Bewegungen, einen unsichern, schlammig nachgiebigen Grund, und bis über die Brüste bedeckte sie die schwarze Fluth: für die Kinder mußte sie von tödtlicher Tiefe sein. Und nun stellen Sie sich meine grauenhaft jammervolle Lage vor: in diesem einen Augenblick meines Lebens habe ich Gott gelästert ob meiner verkrüppelten Zwergengestalt, denn tödtlich war diese Tiefe auch ebenso sicher für mich, den die stolze Gestalt der Contessa um mehr als Haupteslänge überragte, und ich konnte nichts als müßig vom Ufer zuschauen, wie diese mit der Angst der Verzweiflung unter dem Schlingkraut umhergriff und zerrte; zuweilen schien sie ein menschliches Glied, einen zarten Körper zu fassen, aber dann waren es nur lockere Ranken oder Binsengewirre; die Secunden wurden mir zu grausig langen Minuten – jetzt endlich, jetzt ist's wirklich ein Kinderarm, sie reißt den jungen Leib an sich, preßt ihn in die Arme, trägt ihn die Fluth durchschneidend ans Ufer und reicht ihn mir herauf. Und nun sah ich, wie sie dabei die Augen fest und gewaltsam schloß; ich ahnte, warum: sie wollte mit den Augen nicht sehen, was ihre Hände doch fühlen mußten – es war nicht ihr Kind, das sie gerettet hatte.

Wieder warf sie sich in den Sumpf und suchte und suchte, eine Minute lang und noch eine Minute; ich merkte, wie ihre Kräfte zu weichen begannen, da die entsetzliche Angst an ihnen zehrte; sie mußte sich eine Zeitlang an jene Baumwurzel klammern, um nicht einer Ohnmacht zu unterliegen. Und unterdessen ward es zu spät zur Rettung. Zu lange Minuten waren vergangen seit dem Sturz, es war unmöglich, daß ihr Töchterchen noch lebte, auch wenn sie es fand. Und doch mußte sie sich erst noch wieder auf eine schreckliche Weile dem unheimlichen Grunde vertrauen, bis sie endlich – die Leiche in den Armen hielt. Ich that mein Möglichstes, das entflohene Leben noch zurückzurufen, doch bald mußte ich als Arzt erklären, daß der Tod schon eingetreten sei. Der Knabe aber war nach kurzer Bemühung zum Bewußtsein zurückgekehrt und außer aller Gefahr.

Die Contessa lag lange Zeit regungslos über das todte Kind gebeugt, das Antlitz in dessen feuchten Kleidern verbergend; wäre nicht das unaufhörliche leise Schluchzen und Zucken gewesen, ich hätte sie für ohnmächtig oder todt gehalten. Endlich wagte ich sie sanft zur Heimkehr zu ermahnen und erinnerte sie ihres in Ungewißheit harrenden Gatten. Da sprang sie plötzlich auf, starrte eine Zeitlang wie betäubt ins Leere und preßte endlich mit dem Ausdruck leidenschaftlicher Abwehr und Angst zwischen den Zähnen hervor: »Ich kann nicht mehr zu ihm zurückkehren! Sein Haus ist nicht mein Haus! Ich kann nicht länger mit ihm leben! Was an ihm lebendig war, ist todt, er ist für mich gestorben mit dem Kinde, ich kann ihn nicht wiedersehen!«

Und nun auf einmal warf sie sich auf die Kniee vor dem geretteten Knaben, drückte ihn mit unendlicher Zärtlichkeit an ihre Brust und rief unter Thränen und Küssen: »Bei dir bleibe ich, du bist jetzt mein Kind geworden, ich habe dich mir gerettet, und niemals, niemals darfst du mich wieder verlassen! Du bleibst mein, du Sohn des herrlichsten Vaters, an seiner Stelle will ich dich pflegen mit deiner Mutter, und edler noch, als er war, wollen wir dich vor uns erwachsen sehen! O du Kind, mein geliebtes Kind, du sollst mir helfen um deine Schwester zu weinen, die um deinetwillen gestorben ist! Aber dich will ich nicht minder lieben als ich sie geliebt habe, so lange sie lebte. – Grigori, wir gehen zu meiner Schwester!«

Mit diesen Worten erhob sie sich, nahm den Knaben auf den Arm und winkte mir, die kleine Leiche zu tragen. Und so schritt sie mir festen Ganges vorauf.

Es war also bestimmt, daß dieser Tag, den ich wohl als den bittersten meines Lebens bezeichnen mag, mir zugleich einen Anblick gewähren sollte, wie man ihn erfreulicher nicht leicht ersinnen kann: die herzliche Versöhnung und Wiedervereinigung der beiden edlen Schwestern, welche in der Folgezeit bis zum Ende niemals wieder gestört wurde. Gemeinsam schmückten, begruben und beweinten sie das arme gleichsam als Sühnopfer gefallene Geschöpfchen, und gemeinsam lebten sie in dem anmuthigen Quellenhäuschen der zärtlichen Sorge für den schönen Knaben des erschlagenen Helden Drakos, und derselbe hatte bei solcher zwiefachen Mutterliebe den Vater nicht zu vermissen.

Es erübrigt jedoch, zuletzt dasjenige zu erwähnen, was Ihr abenteuerliches Bauernmärchen von der Neraide Wahres und Begründetes enthält. Das Eine ist dies, daß Gabriela wirklich während der folgenden Jahre die seltsame Gewohnheit hatte, gar häufig um die Mittagszeit zum Brunnen von Gasturi hinauf zu steigen und dort in Einsamkeit ein Stündchen auf- und niederzuwandeln, auch wohl voll schmerzlicher Erinnerung in die dunkle Tiefe hinabzublicken. Es kränkte sie, wenn Jemand davon reden wollte; aber ich meine, sie hatte das Bedürfniß, einmal am Tage mit ihren Gedanken allein zu bleiben, und sie wählte diese Stelle, weil Niemand sie dort störte und weil das Wasser und die große Platane sie an den Sumpf des Charos erinnerten.

Das Andere betrifft den armen Gaetano Gozzadini. Ich sagte Ihnen schon, daß derselbe nie zu den stärksten Geistern gehörte. Als nun aber sein Kind ertrunken war und sein Weib ihn verlassen hatte, da verlor er vollends die vernünftige Besinnung und nahm sich alles Ernstes das thörichte Gerede der Bauern zu Herzen, seine Frau sei eine Neraide und sei ihm nur entflohen, um ihrer dämonischen Freiheit zu genießen. Darum machte er auch niemals, wie verständige Leute ihm riethen, einen Versuch, sie aufzufinden und auf natürliche Weise zur Rückkehr zu überreden. Vielmehr hängte er sich mit der ganzen Kraft seines zähen Geistes an den alten Glauben des Volkes, ein Mann vermöge eine solche Dämonin, die ihn verlassen hat, dadurch zu zwingen und von Neuem an sich zu fesseln, daß er selbst sieben Jahre lang die Schwelle seines Hauses nicht überschreitet. Nach dieser tollen Vorschrift that der arme Narr und harrte wirklich durch länger als sechs Jahre wie ein Gefangener der Wiederkunft seines Weibes. Weil aber seine schwache Natur irgend etwas Sichtbares haben mußte, sein Herz daran zu hängen, so fing er an, innerhalb seiner Wände eine wundersame Blumenzucht zu treiben, nicht wie ein Gärtner, der um seines Vortheils oder auch seines Vergnügens willen seine Pflanzen als seelenlose Geschöpfe pflegt, sondern wie ein spielendes Kind, das seine Puppen mit feierlichem Ernst als Seinesgleichen hegt und liebt und sich recht freundschaftlich mit ihnen unterredet. Jede Blume war ihm ein einzelnes und besonderes Wesen, das seinen Platz und seine Achtung für sich beanspruchte und erhielt. Und es war, als ob wirklich etwas von der Seele, die er ihnen andichtete, in diesen stillen Gottesgeschöpfen unter seiner schaffenden Hand erwachte, in so wundervoller Schönheit und Frische gediehen sie in den beengten Räumen; wer von draußen hereinkam, dem drang eine Wolke von Wohlgeruch wie ein süßer, leise wehender Athem berauschend und fast verwirrend entgegen; von Decken und Wänden hingen in reizendem Wirrwarr hernieder Asklepien und Geisblatt und Clematiswinden vermischt mit Epheu und wildem Wein, darunter standen gleichsam als gliedernde feste Pfeiler Orangenstämme mit ihren märchenhaft duftenden Blüthen, Rosen von hundert Arten dazwischen und zahllose kleinere Blumen, auch Pflänzchen von geringem Werth, die auf dem Felde gemein sind, wie Anemonen und Asphodeloslilien. In die Mitte seines Hauptgemaches aber hatte er einen Rosenstock gesetzt von ganz ausgezeichneter Schönheit, dessen dunkelrothe Blumen an Duft und an Pracht des Anblicks Alles hinter sich ließen, und im Kreise um denselben herum eine Anzahl ganz junger anmuthig schlanker Cypressen wie zierliche Pagen um eine Königin. Dieser Rosenkönigin hatte er den Namen Gabriela gegeben, wie ein weißer Zettel an ihrem Stamme besagte; denn es war ihm in den Sinn gekommen, nach der Art wie es in botanischen Gärten zu geschehen pflegt, jede seiner Pflanzen mit einem besonderen Namen zu bezeichnen, nur daß er dabei nicht die Wissenschaft, sondern seine eigne Erfindung befragte. Dieses war allerdings seine Absicht: wer aber genauer zusah, der fand auf all diesen angehefteten Zetteln immer nur den einen Namen Gabriela wiederholt, so daß es deutlich war, er hatte in seiner Geistesschwäche alle anderen Namen über dem einen vergessen. Und so konnte man sagen, daß alle seine Blumen ihm das eine Wort gleichsam wie einen hundertfältigen Seufzer der Sehnsucht alle Tage zuriefen.

Es zeigte sich jedoch nach einigen Jahren, daß solche wunderliche Schwärmerei der Gesundheit des armen Menschen in hohem Grade nachtheilig wurde; von den überschwenglichen Blumendüften wurde nicht nur sein Geist immer schwerer betäubt und umdämmert, sondern auch sein Körper, der sonst von Kraft und Gesundheit strotzte, fing an abzunehmen und kläglich hinzusiechen. Zuletzt vermochte ich als Arzt diesen Zustand nicht länger geduldig anzusehen, und nachdem ich jede gütige Ueberredung vergebens versucht hatte und er durch keine Ermahnung zu bewegen war, das Haus zu verlassen oder doch die Blumen zu entfernen, beschloß ich mit List und Gewalt gegen das Unwesen vorzugehen. Deshalb ließ ich ihn einmal Nachts, nachdem ich seinen Schlaf künstlich verstärkt hatte, sammt dem Bette über seine Schwelle ins Freie tragen, um so den abergläubischen und eingebildeten Bann vor seinen Augen zu durchbrechen.

Als er nun erwachte und sich außerhalb des Hauses fand, geberdete er sich anfangs wie ein Verzweifelter; doch nachdem er seinen Jammer ausgetobt hatte, schien seine Seele etwas klarer geworden zu sein und er hörte aufmerksam auf meine Worte. Ich sagte ihm, daß er sein Weib lebendig und menschlich am Brunnen von Gasturi sehen könne, wenn er mir folgen und seinen thörichten Wahn fahren lassen wolle, und da er endlich ermüdet in alle meine Maßregeln willigte, setzte ich ihn um die Mittagsstunde auf ein Maulthier und ritt mit ihm hinauf zum Brunnen von Gasturi. Ich hoffte durch eine so plötzliche Begegnung nicht allein günstig auf seinen zerrütteten Kopf zu wirken, sondern vielleicht auch Gabriela selbst bei seinem traurigen Anblick zum Erbarmen zu stimmen. Denn ich hatte wohl öfter zuvor versucht, mit ihr von seiner elenden Verfassung zu reden, aber sie ließ mich niemals ganz zu Worte kommen, sondern schauderte so sichtlich wie in einem plötzlichen Krampf vor jedem Gedanken an ihn zurück, daß ich diesen unbezwinglichen Abscheu zuletzt für eine Art von wirklichem Wahnsinn erklären mußte, obgleich ihr Geist in allen anderen Stücken klar und still geworden war, wie er zur Zeit ihrer lange stumm genährten Leidenschaft nie gewesen.

An jenem Tage nun ließ ich ihn dort ins Gras sitzen und ging beiseite, als ich Gabriela wirklich von Weitem herankommen sah. Doch die frische Luft oder Aufregung hatten den Kranken so erschöpft, daß sie ihn völlig ohnmächtig und hilflos vor sich fand. Das gerade war meinem Plane günstig; sie konnte ihn in diesem Zustande nicht sich selber überlassen, und hatte sie einmal ihre Idiosynkrasie überwunden, so durfte ich Alles hoffen.

Mein Wunsch ging in Erfüllung. Sie half ihm auf das Maulthier und führte ihn heimwärts. Es war ein rührender Anblick, wie sie durch das Dorf zogen und die stolze und zarte Frau mit eigener Hand das Thier des bleichen Mannes am Zügel führte. Unter den Bauern aber hörte ich mehr als einmal flüstern: »Sie hat ihn geschlagen, die Neraide!« Auch ihr Ohr muß etwas von solchem Gerede vernommen haben, denn als ich mich unterhalb des Dorfes in der Nähe der Villa zu ihr gesellte, sagte sie nichts als dies: »Die Leute haben Recht, ich habe ihn geschlagen! Nicht jetzt, sondern vor vielen Jahren schon, in jenem Augenblick, da ich vor Euch sprach: ›Ich bin die Braut des Gaetano Gozzadini‹. Da schlug ich ihn, da ward ich seine Dämonin. Das war die Sünde.«

Als wir das Haus betraten, war Gaetano ganz besinnungslos und im Fieber. Gabriela wich nicht von seinem Bette bei Tag und bei Nacht, sondern pflegte ihn mit aller Treue und Aufopferung, wie es ihre Pflicht als Gattin war. Aber nach vier Tagen war er todt; er hatte sie nicht mehr gesehen.

Nachdem sie ihm die Augen zugedrückt, wandelte sie durch seine Blumengemächer – denn nur das Schlafzimmer hatte ich davon säubern lassen – und sah die wunderbare, duftende Blüthenpracht, und all diese Bäumchen schienen ihr als einen stummen Gruß des Verstorbenen zuzurufen: Gabriela! Eines aber hatte auch ich zuvor noch nicht bemerkt: die Zettel an den kleinen Cypreßchen um die Rosenkönigin trugen nicht ihren Namen, sondern den ihrer Tochter.

Als sie das entdeckte, zuckte sie zusammen, sagte noch einmal: »Ich habe ihn geschlagen, Grigori!« gab mir die Hand und ging hinaus. Es war gerade wie vor Jahren, als sie mir ihre Geständnisse gemacht hatte und ihre stürzenden Thränen verbarg.

Sie ist niemals wiedergekommen, weder hierher noch in das Haus ihrer Schwester, noch auch an den Brunnen von Gasturi. Niemand hat sie mehr gesehen und Niemand von ihr gehört. Ich hatte eine geheime Ahnung, sie habe vielleicht an jenem einsamen Sommersitz des Charos den Tod gesucht: doch ich ließ nicht nachforschen. Wem nützte es, wenn der arme Leichnam entdeckt ward? Sie hatte sich ja selbst verbergen wollen.

Contessa Cecilia, welche nun die Erbin war, verließ mit ihrem Kinde vor Grauen die Heimath wieder und zog nach Venedig, der Stadt ihrer Ahnen. Von dem Sohne des Drakos aber habe ich vernommen, daß er als rüstiger Mann in dem blutigen Aufstand von Kreta im Jahre 1866 gegen die Türken gefallen ist.

Das, lieber Herr, ist die einfache und wahrhaftige Geschichte von der Neraide.«

Der Erzengel Michael

Zu der Zeit, als Konstantinopel in die Hände der Türken gefallen und damit das gesammte oströmische Reich der Gewalt der Barbaren anheimgegeben war, wurde die Insel Korfu, als der äußerste Wohnsitz griechisch redender Völker und als die Brücke zum Abendlande, unter dem nachhaltigen Schutz der Republik Venedig ein Asyl zahlreicher byzantinischer Flüchtlinge, von denen ein Theil dann weiter nach Italien hinüber ging und den wissensdurstigen Humanisten daselbst die Kenntniß ihrer hellenischen Muttersprache übermittelte. Unter den Anderen, welche in Korfu zurückblieben, befand sich außer etlichen viel berühmteren Geisteshelden Kyriakos Lampudios, ein vornehmer, sehr reicher und nicht ungelehrter Mann, den eine eigene Galeere mit seinen Angehörigen und seinen Schätzen von Konstantinopel herübergeführt hatte. Ursprünglich plante er, des großstädtischen Lebens gewohnt, nach Venedig selber zu übersiedeln; und schon hatte er, nordwärts schiffend, die zweigipfelige Veste Korfu hinter sich gelassen, als den Zurückschauenden mit aller Gewalt das Heimweh überkam und er thränenden Auges ausrief:

»Wenn irgend eine Stätte der Welt, so vermag nur dieser blaue Sund mit seinen Golfen, seinen herrlich blühenden Gestaden und den stattlichen Bergen in der Ferne uns die verlorenen Ufer des geliebten Bosporus ins Gedächtniß zurückzurufen!«

Also ließ er das Schiff wieder wenden, um wirklich den ganzen Rest seines Lebens auf Korfu zu verweilen. In diesem Entschlusse wurde er völlig befestigt durch den plötzlichen Tod seiner jungen Gattin, welche, geschwächt durch die Beschwerden der Flucht, die Geburt ihres ersten Töchterchens nicht überstand und ihrem Gemahl nur den wehmüthigen Trost ließ, ihr Grab auf griechischer Erde pflegen zu dürfen.

Lampudios wurde von ihrem Hingange um so schwerer betroffen, als er sich schon in vorgerückterem Lebensalter befand und ihr mit der ganzen Innigkeit einer späten Mannesliebe ergeben gewesen war. Jetzt übertrug er diese Zärtlichkeit ganz auf sein einziges Kind, welches unter seinen Augen und unter der Pflege der Großmutter, die ihrem Eidam gleichfalls gefolgt war, in gutem Gedeihen emporwuchs und seines frühen Verlustes sich nimmer bewußt wurde. Im Anblick dieser lieblichen Tochter überwand er allmälig sein Leid, und es begann ihm in ihrem Umgange gleichsam eine neue Jugend zu erblühen.

Aber auch die Verpflanzung auf einen neuen Boden gewährte seinem Geiste eine bedeutsame Erfrischung, die sich nicht am wenigsten in den Zielen seiner gelehrten Studien zeigte. Während er bis dahin im alten Byzanz den ödesten Schulmeistereien und vertrocknetem grammatischen Krimskrams ausschließlich gehuldigt hatte, begann ihm jetzt, neben dem allgemeinen Abgott des Abendlandes, Platon, hier auf dem glückseligen Eiland plötzlich, wie durch eine stille Offenbarung, die Schönheit des lebendigen Homeros aufzugehen, und diese ergriff ihn mit solcher Kraft, daß ihm bald die ganze, ihn umgebende Welt, wie durch eine neue Sonne verklärt, in anderer, schönerer und allerdings zuweilen auch etwas wunderlicher Beleuchtung erschien. Er tauchte seine Seele so tief in diese klassischen Freuden, daß er fortan seine zweite Heimath nicht mehr Korfu oder Koryphus, auch nicht einmal Kerkyra, sondern nur noch Scheria, seine neuen Landsleute aber Phäaken nannte, indem er mit freudigem Glauben derjenigen Ueberlieferung der Alten folgte, welche des Homeros fröhliches Sagen-Eiland eben hierher verlegt hat. Meinte er doch, trotz mancher äußeren Unwahrscheinlichkeit, mit überwiegendem Recht Verse, wie die folgenden, als lebendige Zeugen anrufen zu können:

Diesen erleidet die Frucht nie Mißwachs oder nur Mangel,
Nicht im Sommer noch Winter, das Jahr durch, sondern beständig
Vom anathmenden West treibt dies, und anderes zeitigt.

In diesem Sinne schritt er mit seiner homerischen Taufe mehr und mehr ins Einzelne fort, und als ihn einst ein armer Lump, der ihn um ein Darlehen anging, mit dem Namen eines neuen Alkinoos beglückte, griff er das mit feurigem Eifer auf, ließ seiner Gattin noch auf ihr Grabmal den Namen Arete meißeln, hieß seine Tochter fortan Nausikaa, anstatt ihres rechten christlichen Namens Irene, die Großmutter Periböa und so fort bis zu den Knechten und Mägden, und nicht leicht entging ein vorüberziehender Hirtenbube seinem »Eumäos« oder »Melantheus«, noch ein Bettler seinem »Iros«, noch ein Bänkelsänger der Gasse seinem »Demodokos«: einen so blendenden Glanz warfen ihm die uralten Märchen noch über die kümmerlichsten Dinge des neuen alltäglichen Lebens.

Er begnügte sich jedoch nicht mit einer solchen bequemen Namengebung, sondern griff die Sache wissenschaftlich an und unterzog das ganze Land den genauesten Forschungen, indem er mit eindringendem Scharfsinn nach und nach die Stellen bestimmte, wo die Häfen der alten Stadt, das versteinerte Schiff des Odysseus, der Palast des Alkinoos, der Wäscheplatz der Nausikaa und ähnliche Erinnerungsstätten anzunehmen seien. Auch legte er eine rasch wachsende Sammlung archaischer Reliquien an, in welcher unter anderen das goldene Oelfläschchen der Nausikaa einen vorzüglichen Ehrenplatz behauptete: dasselbe hatte zufällig im eigenen Beisein des Gelehrten ein entfernter Vetter eines venezianischen Goldschmieds unfern den Gewässern eines wirbelnden Stromes ausgegraben.

Nachdem sodann die Reihe der nothwendigen Entdeckungen beschlossen schien, erbaute sich der reiche Byzantiner inmitten üppiger Gärten ein reizvolles Landhaus genau an der Stelle, wo das Königsschloß des Alkinoos gestanden hatte, auf einem herrlichen, von zwei Golfen bespülten Olivenhügel.

Hierselbst hausend, begann er seinen phäakischen Mitbürgern die glänzendsten Feste mit allerhand homerisch zugeschnittenen Spielen und Wettkämpfen zu geben. Die Jünglinge des Landes nun folgten zwar gern seinen Einladungen und verfuhren freudig nach dem berühmten Wort des Alkinoos:

Auch ist immer der Schmaus uns lieb und die Laut' und der Reih'ntanz
Und oft wechselnder Schmuck und ein wärmendes Bad und ein Ruhbett, –

Die anstrengenderen Wettspiele aber, Ringen, Lauf, Sprung und Diskoswurf bespöttelten sie anfangs mitsammt allen übrigen odysseischen Bestrebungen ihres freigebigen Wirthes und entzogen sich allen solchen an sie gestellten Anforderungen, wo sie nur konnten.

Es kam aber doch eine Zeit, da sich auf einmal auch in dieser Hinsicht eine jähe Ueberzeugung und Begeisterung auf alle Geister ergoß und die homerischen Studien im ganzen Lande Korfu einen nie geahnten Aufschwung nahmen. Das war, als die schöne Erbtochter Irene oder Nausikaa zur Jungfrau erwachsen war und mit edlem jugendlichen Feuer auf die Gedanken ihres Vaters einging, ja dieselben in sprudelnder Lebenslust noch um ein Beträchtliches weiter trieb. Sie machte Ernst aus ihrer Nausikaa-Rolle und fuhr alle Wochen einmal auf einem Maulthierwagen, von etlichen Mägden begleitet, hinaus zu der Stelle, wo einst das goldene Oelfläschchen zum sicheren Zeichen gefunden war, und wenn sich auch ihre reinlichen Händchen nicht gerade selbst mit der Wäsche befaßten, so beaufsichtigte sie doch die Arbeit nicht ohne einige Aufmerksamkeit und ward zumal im Ballschlagen an Eifer, wie an feuriger Anmuth von keiner ihrer Dienerinnen oder Freundinnen erreicht.

Es pflegte sich aber zu diesen Wäschefahrten stets eine stattliche Schar von Anbetern einzufinden und, in einer gewissen bescheidenen Ferne stehend, mit lauten Ausrufen der Bewunderung die reizenden Bewegungen und Stellungen zu begleiten, auch etwa die bezüglichen homerischen Verse begeistert zu citiren:

So wie Artemis herrlich einhergeht, froh des Geschosses . . .
Also schien vor den Mägden an Reiz die erhabene Jungfrau.

Und wahrlich, es war kaum Einer zu finden, dem solche Schmeichelei nicht voll und ganz aus dem Herzen gekommen wäre.

Einmal jedoch geschah es, daß ein vorwitziges Herrchen, in der Meinung, der Nausikaa gefällig zu sein und in ihrer Gunst einen Vorsprung zu gewinnen, in allzu gewissenhafte Nachahmung der klassischen Handlung verfiel und sich beikommen ließ, in stark erleichterter Kleidung plötzlich aus dem Gebüsche zu tauchen und mit sinnreich einstudirter Geberde eine schutzflehende Ansprache zu halten: da war Nausikaa die Erste, welche beflügelten Laufes an der Spitze ihrer Mägde die Flucht ergriff und Wagen und Wäsche im Stiche ließ. Es traf aber dann nicht den unglücklichen Tölpel allein ihre äußerste Ungnade, sondern sie verbat sich in der Folge mit allem Ernst jede männliche Zuschauerschaft bei ihren Ausfahrten.

Um so eifriger ward sie von den adeligen Jünglingen bei den häuslichen Festen umschwärmt, und dieselben gaben sich jetzt allzumal die redlichste Mühe, in den ritterlichen Phäakenspielen durch Kraft und Anmuth nach Möglichkeit ihre Augen auf sich zu ziehen, denn so große Schönheit und Mitgift vereint war im ganzen Lande nicht annähernd wieder zu finden.

Merkwürdigerweise wurde das also umworbene Mädchen trotz alledem nicht von besonderer Eitelkeit geplagt, weder um ihrer Schönheit willen, noch wegen ihrer Gelehrsamkeit in Sachen des Homeros und des Platon: vielleicht darum nicht, weil sie alle ihr darob gespendeten Lobsprüche so ziemlich zu Recht verdiente. Dagegen besaß sie eine andere Gabe, welche sie mit einem unmäßigen und beinahe thörichten Stolz erfüllte, gewißlich aus keinem anderen Grunde, als weil es die nutzloseste und überflüssigste ihrer Tugenden war. Sie galt nämlich und hielt sich für eine überaus begnadete Malerin. Es war dies eine nach uralter Ueberlieferung in ihrer Familie vererbte Kunst; unermüdlich hatte ein Geschlecht nach dem andern seine Heiligenbilder gepinselt, immer mit der gleichen Fertigkeit, immer in den gleichen strengen Linien, immer mit dem gleichen ehrbaren Ausdruck der grämlich frommen Gesichter und der großen, starren, todtenhaften Augen. Und es war kein Strichlein und kein Pünktchen auf diesen Bildern, das sie nicht mit der allerliebevollsten Sorgfalt und Vollendung ausgeführt hätten.

In dieser gleichen geheiligten Gewohnheit beharrte auch Irene, und wenn man eine ihrer allheiligen Jungfrauen gegen ein eben solches Gemälde ihrer Großmutter hielt, – denn auch diese war erbliche Malerin, – so hätte nur ein sehr feiner Beobachter hier und da eine winzige Abweichung zu entdecken vermocht, und sicherlich malte die Großmutter wiederum genau in derselben Weise, wie ihre Ahnen etwa zur Zeit des lateinischen Kaiserthums zu Konstantinopel oder in noch früheren Jahrhunderten.

Die junge Irene war zugleich eine wehrhafte, äußerst hitzige Vertheidigerin dieser strengen Kunstrichtung gegenüber den mancherlei seltsamen Neuerungen, welche gerade damals von Italien herüberdrangen. Diese bewegte, freie, glänzende und heitere Kunst schalt sie unheilig und niedrig und wehrte sich mit heftigem Abscheu gegen jeden Einfluß, der ihr von dorther kommen könnte.

In solchen Tagen hatte diese Nausikaa das für ein lediges Weib nicht unbeträchtliche Alter von achtzehn Jahren erreicht, ohne einen ihrer zahlreichen Verehrer zu bevorzugen, als ihr Vater und die Großmutter Periböa endlich bedenklich die Köpfe zusammensteckten und nach längeren Berathungen dem Kinde ernsthaft ins Gewissen redeten: es sei nun Zeit, allgemach an eine Entscheidung zu denken und die armen Jünglinge nicht beständig nutzlos auf die Folter zu spannen. Er, Alkinoos, wolle hier als in einem fremden Lande vorläufig von der strengen Handhabung seines väterlichen Rechtes absehen und die Wahl ihr selber überlassen, in der hoffenden Voraussicht, daß dieselbe seiner und der Ahnen nicht unwürdig ausfallen könne. Die Tochter entgegnete bescheiden, sie habe sich allerdings bis jetzt die rechte Mühe noch nicht gegeben, den Werth der werbenden Jünglinge zu ergründen, und müsse deshalb dringend um eine Gnadenfrist bitten.

Diese Bitte konnte ihr nicht abgeschlagen werden, und um ihr Gelegenheit zu geben, ihre Studien behufs der Gattenwahl mit aller Muße und Gründlichkeit zu betreiben, veranstaltete der reiche Mann eine Festlichkeit, derengleichen an Dauer und Pracht das schöne Eiland sicherlich seit den Zeiten des echten alten Königs Alkinoos nicht gesehen hatte. Die Feste währten mehrere Wochen lang, vom wachsenden Frühling in den vollen Sommer hinein, und litten Tag und Nacht keine Unterbrechung, nur daß jeder einzelne Gast, wenn er ermüdet war, nach Belieben sich zurückziehen und der Ruhe pflegen durfte. Schon von Weitem klang und leuchtete dem Schiffer, der von Norden oder Süden her in den breiten Sund von Korfu hineinsegelte, der Jubel und die Pracht dieses Festes entgegen und mochte ihn träumen lassen, er entdecke in Wahrheit eine verzauberte Insel der Seligen. Und wenn er näher kam, so sah er, wie auf jener Halbinsel zwischen den zwei Golfen, weitum zerstreut, unter dem Schatten der mächtigen Oelbäume Luftzelte errichtet waren und freundlich wie weiße Rosen aus dem munteren Grün hervorschimmerten; und wie tausend bunte Riesenblumen flatterten dazwischen die Gewänder der geschmückten Gäste. Wer aber selbst hineintreten durfte in den Bezirk der festlichen Gärten, der empfand, daß hier die Freude wahrhaft ihren Sitz aufgeschlagen hatte. Auf allen Wegen wogten, tanzten oder spielten frohe Menschen, sammelten oder zerstreuten sich zu wechselnder Gesellschaft und folgten dem Saitengetön, das bald laut, bald sanfter durch die Büsche lockte.

Zumal wenn nach des Tages sommerlicher Gluth der weiche Nachthauch des Meeres wie ein befreiter Athem heraufstieg, ward es lebendig in den Hallen des Palastes und auf dem zarten Rasen unter den Oliven und den Weinlauben. Da schmausten und zechten bei gesetzten Reden die Alten, indessen draußen in der duftigen Nacht manch heimlich süßes Wort geflüstert ward und manch verstohlenen Kuß kein Auge sah, als der Sterne verschwiegenes Licht, wo nicht auch diesen die Myrtenbüsche neckend den Anblick verwehrten.

Denn obzwar die Jünglinge im Großen alle den gleichen Zweck verfolgten, um der Nausikaa Hand zu werben, so verschmähten sie im Einzelnen doch nicht, während der langen Zwischenzeit bis zur Wahl mit anderen Freundinnen sich ein wenig von den sehnenden Sorgen zu erholen.

Die junge Erbtochter schwärmte während der ersten Wochen in unbefangener Heiterkeit mit ihren verliebten Gästen, indem sie bald diesen, bald jenen der Freier an ihre Seite befahl und ihn betreffs seiner Tugenden, Kräfte, Schwächen und Fehler einem sorgsamen Studium unterzog. Als sie aber endlich die ganze lange Reihe der Candidaten durchgeprobt hatte, verwandelte sich auf einmal in der schroffsten Weise ihre Miene und all ihr Gebahren. Sie legte die freie phantastische Phäakentracht ab, welche sie für die Zeit der Festtage erfunden hatte, und kleidete sich streng gemessen und geschnürt nach byzantinischer Hofsitte, nannte sich nicht mehr Nausikaa, sondern Irene, und suchte in ihrem Antlitz das Abbild ihrer ehrwürdigen und mürrischen Heiligen darzustellen, so wenig ihre rosigen Wangen sich von Natur zu so feierlichen Manieren eigneten.

Das Alles geschah, weil sie mit Sicherheit erkannt hatte, daß unter den vielen Bewerbern auch nicht Einer war, der den Ansprüchen ihres Herzens genügte. Die hochmüthigen Venezianer haßte sie schon als stolze byzantinische Patriotin und noch mehr wegen ihrer mannigfachen barbarischen Keckheiten in Rede und Sitte; die guten korfiotischen Krautjunker aber vermochten ihre Seele wohl zu herablassender Milde, aber nimmer zu ehrlicher Liebe zu stimmen; die wenigen Landsleute aus Konstantinopel endlich waren allesammt griesgrämliche, steife und langweilige Gesellen.

Nun bedachte sie mit bangem Sinne, daß nach Ablauf der festlichen Gnadenfrist ihr Vater und mehr noch ihre Großmutter von ihren gesetzlichen Rechten Gebrauch machen und ihr den ersten besten vornehmen Tölpel als Ehegemahl aufhalsen könnten. Deshalb beschloß sie, mit rascher List einstweilen einen Riegel vorzuschieben, der den Zugang zu ihrer Kammer so lange wahren sollte, bis der rechte Odysseus käme, von dem das Herz ihr freudig spräche:

»Wäre mir doch ein solcher Gemahl erkoren vom Schicksal!«

Und wie ihr Geist, vermöge all der von Jugend auf betriebenen phäakischen Abenteuerlichkeiten, eine starke Neigung zum Märchenhaften hatte, so kam es ihr in den Sinn, den Besitz ihrer Hand nach Art alter Geschichten an gewisse, schwer zu erfüllende Bedingungen zu knüpfen. Deshalb versammelte sie eines Tages die ganze liebende Schaar um sich her und erklärte in Gegenwart ihres Vaters und ihrer Großmutter mit feierlicher Stimme, sie sei entschlossen, nur denjenigen als Gemahl und Herrn über sich zu erkennen, dem es gelänge, sie gleicher Weise in der Kenntniß der homerischen Gesänge, in der Erklärung des Platon, vor Allem aber in der ehrwürdigen Kunst des Malens zu übertreffen oder doch allermindestens zu erreichen. Die höchste Entscheidung über den Werth der zu leistenden Preisarbeiten war sie vorsichtig genug sich selber vorzubehalten; jedoch sollte ihr ein Richter-Collegium würdiger Männer gutachtend und bestätigend zur Seite stehen, so daß eine schroffe Willkür von ihrer Seite nicht zu befürchten sei, auch wenn nicht ihre eigene Ehre ihr die lauterste Unparteilichkeit geböte.

Der klugen Irene gelang es, durch die Plötzlichkeit dieser Erklärung ihre gesetzlichen Hüter sowohl, als ihre Freier so sehr zu überrumpeln, daß keine rechte Gegenrede laut wurde und also durch stillschweigende Zustimmung und durch die Feierlichkeit ihres Auftretens jene Bedingung alsbald zu einem für beide Theile gültigen und bindenden Vertrage wurde, ehe noch Jemand ganz zur Besinnung kam, wie viel oder wie wenig die gestellte Aufgabe für die Bewerber bedeute.

Uebrigens waren diese so ziemlich alle geneigt, die Forderungen der spröden Schönen für gar leicht erfüllbar zu erachten. Denn sie zweifelten durchaus nicht, daß eine Fertigkeit, welche einem schwachen Weibe und gar manchem niedrig geborenen Werkmeister so glatt von der Hand ging, ihnen, als vornehm erzogenen Herrensöhnen, nicht mißlingen könne, von dem bischen homerischer und platonischer Weisheitskrämerei ganz zu schweigen.

Jedennoch hielten sie es für förderlich, mit möglichster Eile ihre Vorbereitungen zu treffen, und es geschah demgemäß, daß die ganze Stadt sich mit einem Schlage gleichsam in eine große Maler-Akademie und philosophisch-ästhetische Hochschule für den gesammten ritterlichen Adel des Landes verwandelte. Und beneidenswerth durfte man die Lehrer preisen, denen das Loos zufiel, so zahlungsfähige und zugleich so feuereifrige Schüler in Kunst und Wissenschaft einzuführen und emporzuleiten. Einige der Kecksten hatten sogar den Einfall, Irene selbst vertrauensvoll um ihren persönlichen Unterricht anzugehen, erlitten jedoch sämmtlich eine sehr deutliche und freimüthige Abweisung.

Und doch war es der Jungfrau, als sie in der Kühle ihrer einsamen Werkstatt ihre neuen Aussichten auf die Zukunft leise abzuwägen begann, plötzlich klar zum Bewußtsein gekommen, daß sie in gewissem Sinne auch sich selber wunderlich überrumpelt hatte. Sie sagte sich nämlich, da es offenbar ganz unwahrscheinlich war, daß je ein Mensch sie auf ihrem eigensten Gebiete, der Malerei, erreichen oder gar übertreffen könne, so sei die nothwendige Folge davon, daß sie nun in jungfräulicher Vereinsamung dahinaltern müsse; und das war keineswegs das süßeste Lebensideal, welches ihre träumende Phantasie sich gebildet hatte. Hinwiederum aber war die andere, wenn auch sehr ferne Möglichkeit, daß ihr künstlerischer Ruhm eine Niederlage erleiden könnte, ihrer hochgespannten Eitelkeit noch weit furchtbarer, und lieber versuchte sie sich an den Gedanken eines ewig ehelosen, aber kunstgeschmückten Lebens gewaltsam zu gewöhnen. Aber recht fröhlich wollte ihr Herz nicht mehr werden, seit sie ihre absonderliche Laune so peinlich zwischen Scylla und Charybdis geführt hatte.

Irene war jedoch nicht die einzige Person zu Korfu, welche durch diese kecke Wendung der Dinge in Kümmerniß und Sorgen gestürzt war; vielmehr sah sich in Folge jener plötzlich ausgebrochenen adeligen Kunststudien eine ganze Klasse redlicher Bürger auf das Ernstlichste in ihrem Gewerbe bedroht. Es befand sich nämlich damals in der Stadt eine ganz ansehnliche Zunft italienischer Maler, welche in glücklichem Wettstreit mit den byzantinisch geschulten und altmodisch weiter stümpernden Collegen dem weitverbreiteten Bedürfniß nach schönen Heiligenbildern für Kirche und Haus mit fruchtbarem Pinsel zu genügen suchten. Es war freilich unter ihnen kein Masaccio, Mantegna oder Bellini, sondern sie waren allesammt nur versprengte Vorposten des großen abendländischen Künstlerheeres, die eben deshalb, weil sie in dem ungeheuren Wettlaufen zu Florenz, Venedig und in anderen berühmten Städten Italiens nicht recht mit den Andern Schritt halten konnten, sich auf die stille Insel des ionischen Meeres zurückgezogen hatten, hier aber doch immerhin noch einen leisen Abglanz des über ihrer Heimath aufgegangenen wundersamen Morgenroths der Kunst scheinen ließen und der neuen Offenbarung langsam einen Weg nach Osten zu bahnen versuchten.

Alle diese bescheidenen Künstler sahen nun mit Schrecken ein, daß die so plötzlich erwachsende schwunghafte Production der einheimischen Junker sie selbst mit schnellem Ruin und die korfiotische Malerei mit einer höchst verderblichen Reaction bedrohte. Denn es war mit aller Sicherheit vorauszusehen, daß die neuen Bilder der Merkwürdigkeit und des vornehmen Ursprungs halber massenhafte Liebhaber finden und die Mode, unter der Aegide der schönen und begeisterten Byzantinerin, die wirksamste Stütze für jenen längst zur Mumie erstarrten Kunststil werden würde.

Aus diesem Grunde war die sonst so fröhliche Zunft jetzt äußerst betrübt und kleinmüthig und versammelte sich allabendlich in einem Hafenschenklein bei saurem und billigem Wein, – der befürchteten harten Zeiten halber, – und beredeten mit einander bänglich die Mittel zur Abwehr dieser byzantinischen Kunstpest, ohne daß Jemand einen durchschlagenden Rath zu geben gewußt hätte.

Da erschien eines Abends ein fremder Gast bei den melancholischen Zechern, ein junger, stattlicher und schön gekleideter Mensch, der sich als Kunstgenossen zu erkennen gab, soeben von Otranto aus Italien herüber gekommen, und um eine freundliche Aufnahme in ihrem Kreise bat. Zum Ausweis, daß er kein Betrüger und Bettler sei, ließ er einige Skizzenblätter zur Betrachtung herumgehen; wenn aber schon bei seinen ersten Worten die Mienen Aller verdrossen und verlegen geworden waren, so steigerte sich diese Stimmung jetzt fast bis zum offenen Ausdruck vergrämten Neides. Denn jene Blätter mußten auch dem blödesten Auge beweisen, daß hier ein Concurrent erschienen war, der alle Anderen binnen kürzester Frist in tiefen Schatten stellen würde: ein so überlegener Geist blickte aus den leichten Rissen und Entwürfen.

Es war also unter den obwaltenden Umständen den wackeren Meistern das bischen Künstlerbrodneid nicht zu sehr zu verargen; doch ließ sich der Fremdling den frostigen Empfang nicht anfechten, that vielmehr, als ob er gar nicht merkte, woher der Wind ging, setzte sich unbefangen zu ihnen und ließ sich plaudernd von den ängstlichen Gemüthern seine Geschicke und Lebensumstände abfragen.

»Ihr müßt wissen,« sagte er mit heimlichem Lächeln zu ihrer Beruhigung, »daß mich gar nichts Anderes als das Heimweh nach Korfu geführt hat, und zwar nur auf kurze Zeit, bis ich mich an stiller Heimathfreude ersättigt. Emanuele Pierini lasse ich mich drüben nennen, Ihr aber dürft mich schlechtweg Manuel rufen; ich bin ein Grieche, von diesem Eiland gebürtig, und führe von Rechtes wegen einen anderen Namen, den ich vorläufig verschweige, weil mir nichts daran liegt, sogleich von meinen früheren Genossen erkannt zu werden.

»Sieben Jahre sind es her, seit ich, ein achtzehnjähriger Leichtsinn, die Heimath verließ. Ich bin von adeligem Geschlecht; allein von fünfen der jüngste Sohn, überkam ich beim Tode meines Vaters ein gar mäßiges Erbtheil, so mäßig, daß es mir nur werth schien, mit dem Verthun desselben einige lustige Wochen zu durchleben und darauf draußen in freier Welt ein reicheres Glück zu suchen. Anfänglich gedachte ich zu Venedig Kriegsdienste wider die Ungläubigen zu nehmen, nur daß mir die bärbeißigen und prahlerischen Gesellen, welche die Offiziere der erlauchten Republik hießen, wenig gefallen wollten.

»Desto mehr sagte meinem lockeren Sinne eine Gesellschaft zechender Maler zu, unter welche ich dort zufällig in einer Spelunke, wie diese hier, gerieth, und da dieselben aus einigen raschen Strichelchen, die ich ihnen zum Scherz vormachte, in mir eine gewisse natürliche Begabung für ihr Fach zu erkennen vermeinten, so entschloß ich mich kurz, meine adelige Geburt auf eine Weile zu vergessen und mich, halb zum Spiel, halb der Nahrung wegen, mit diesem ehrsamen Handwerk zu befassen. Denn ich sah, daß die Meister desselben dort zu Lande überall gar hoch geehrt und mit reichlichem Geldverdienst bedacht waren, welche beiden Dinge meine jugendliche Begierde nicht wenig reizten. Später freilich geschah es mir unvermerkt, daß sich eine unwiderstehliche Liebe zu der herrlichen Kunst selber in mein Herz schlich und ich nicht wieder von ihr lassen konnte.

»Es kam nun damals zu meinen Ohren, daß wandernde Griechen noch mehr als von unserer stolzen Herrin Venezia von den weltberühmten Medicäern und ihrem weisen Volke zu Florenz geachtet würden, und darum wanderte ich über die Berge kühnlich dorthin, in der Meinung, daselbst rascher mein Glück zu machen. Ich mußte freilich bald merken, daß bei den Florentinern zwar meine gelehrten Landsleute, Theodoros Gaza, Gemisthos Plethon und Andere, in unermeßlichem Ansehen standen, ein hergelaufenes Griechlein aber, wie mich, kein Mensch aus dem Staube ziehen mochte, weil ich von den sonderbaren Lehren und Wörtern der wildfremden Heiden Platon, Aristoteles und Homeros nicht das Geringste wußte, ja, wenn mir Jemand etwas von ihrer abgestandenen Weisheit einzutrichtern versuchte, dieselbe behende zum andern Ohr wieder hinausschlüpfen ließ und genau so wenig davon verstand, als nach meiner Meinung diejenigen, welche sie mir beibringen wollten, oder jene selbst, welche sie einst zur Bethörung ihrer Mitmenschen geschrieben haben.

»Dafür aber ward mir das ausgezeichnete Glück zu Theil, daß ich bei dem berühmten Florentiner Meister Andrea Verrocchio als Schüler Aufnahme fand. Bald errang ich zu öfteren Malen seinen Beifall, und es schien, als dürfte ich den Wettkampf mit den Genossen, wie mein heiß entflammter Ehrgeiz es begehrte, siegreich zu bestehen hoffen, ja vielleicht dem Meister selbst an Kunstfertigkeit gleich oder doch nahe zu kommen. Da trat neuerlich ein Jüngling in unsere Werkstatt ein, schön von Antlitz und anmuthig, wie ein Mädchen, und doch von einem gewaltigen Geist erfüllt, welcher gleichsam von lauter lichten Funken göttlicher Gedanken durchsprüht und durchleuchtet war, die er leicht, wie kein Anderer, im Gewande zartester Formen darzustellen wußte. Der schuf jetzt unter uns mit begeistertem Wirken, und alle Tage schienen neue Flügel seinem Geiste zu wachsen, bis er zuletzt so riesengroß vor uns stand, daß, wie ich meine, der verehrte Meister selber heimlich sich dieses Jünglings größerer Seele beugte. Lionardo hieß er, und es ist kein Zweifel, daß dieser Name einst weit in alle Welt hinausgehen wird.

»Mich aber faßte bald ein verzagter Unmuth und ein geheimer Haß wider den so übermächtig begnadeten Knaben, und ich verließ das große Florenz, um einen stilleren Ort zu suchen, wo ich eher hoffen konnte, der Erste in meiner Kunst zu heißen und nicht immerwährend mit halbem Ruhm bei Seite zu stehen.

»Kaum aber fühlte ich wieder den Wanderstab in meiner Hand, als sich jener neidische Haß gegen unsern Lionardo leise in dankende Liebe verwandelte, denn ich merkte nun erst, wieviel meiner Kunst ich seinem herrlichen Beispiel schuldete; stehe ich doch nicht an, zu bekennen, es ist mehr noch, als was der Meister Verrocchio selber mich lehrte. In der aus solchen kämpfenden Gefühlen entstandenen wehmüthigen Stimmung ergriff mich eine unwiderstehliche Sehnsucht, diese meine Heimath wiederzusehen, und rastlos durchwanderte ich Italien nach Süden zu, bis ich den Hafen Otranto erreichte. Als ich hierselbst müßig der Abfahrt des Schiffes harrte, geschah es, daß ich in der Freude meines Herzens, Korfu so nahe zu sein, einigen lungernden Gesellen, die sich an mich drängten, ein Festmahl gab; unter dem Bechern begannen wir ein lustiges Würfelspiel; ich borgte Jeglichem, der Theil nehmen wollte, etliche Zechinen zum Einsatz, und ehe der Morgen dämmerte, hatte ich all mein lang erspartes, mühsam erworbenes Vermögen, das nicht klein gewesen, wieder verspielt und behielt nur den einen Trost, daß die armen Teufel, welche dasselbe mir abgenommen haben, es gewißlich eben so gut oder besser gebrauchen können, als ich selber.

»So bin ich denn nach sieben Jahren eben so armselig in mein Vaterland zurückgekehrt, als ich einst gegangen war, aber auch wahrlich noch eben so guten Muthes und eben so lustiger Hoffnung, wie damals, und der größte Unterschied dürfte sein, daß mir inzwischen der Bart ein wenig gewachsen ist.«

Als Manuel lachend seinen Bericht geendet hatte, erhob sich mit ziemlicher Hast einer der älteren Künstler, welcher sich Vivarini nannte, – nicht daß er diesen Namen von seinem Vater überkommen hätte, sondern weil er meinte, es könne ihn so vielleicht einmal ein Unkundiger mit dem berühmten Venezianer dieses Namens verwechseln und ihm ein Gemälde desto freigebiger bezahlen; zwar war dieser Irrthum noch niemals vorgefallen, aber die Hoffnung blieb ihm. Dieser also rief: »Höret, trefflicher Landsmann und Kunstbruder, Manches ist mir in Eurer anmuthigen Erzählung als merkwürdig ins Ohr gefallen, vor Allem aber ein Umstand, der leicht uns Allen und Euch selber am meisten für einen würdigen Zweck nutzbar werden kann, nämlich, daß Ihr nach Eurer Angabe von griechischem Adel seid. Erlaubt mir also eine Frage: habt Ihr Lust, Eure verfallene Vermögenslage auf einen Schlag glänzend dadurch aufzubessern, daß Ihr eine unermeßlich reiche Jungfrau dieses Landes heirathet?«

»Oho,« rief Manuel verwundert aus, »lieber Meister, da diese Jungfrau von Euch so flott und öffentlich ausgeboten wird, wie ein schlechtes Gemälde, so ist wohl kein Zweifel, daß dieselbe die Vierzig bereits in Ehren, – wie wir hoffen wollen, – überschritten hat oder aber bucklig ist, schielt, hinkt oder sonst ein Gebrechen besitzt, welches mehr geeignet ist, die Tugend zu schützen, als die Freier heranzulocken.«

»Vielmehr,« entgegnete Vivarini mit warmem Eifer, »hat sie die Zwanzig noch nicht erreicht und ist zugleich nach dem Urtheil aller Kenner das allerschönste Weib, das je zu unseren Lebzeiten auf diesem schönheitreichen Boden gewandelt ist.«

Und nun schilderte er ihm den genauen Zusammenhang dieser Dinge nebst den Eigenheiten der Personen und machte ihm begreiflich, warum ihnen, den italischen Künstlern, Alles daran gelegen sein müsse, die ungeheuerliche Kunstübung des korfiotischen Adels und vor Allem der fanatischen Byzantinerin durch einen glänzenden Sieg ein für allemal aus dem Felde zu schlagen.

Nach dieser Auskunft schüttelte Manuel lächelnd das Haupt, versank aber doch allgemach in einiges Nachdenken und sagte endlich ernsthaft:

»Wie gern würde ich Euch, meine werthen Genossen, und mehr noch unserer hohen Kunst diesen Dienst erweisen; aber sagt mir doch, wenn diese stolze Künstlerin so grimmig auf ihre altväterische Malweise versessen ist, wie soll es mir gelingen, sie mit meiner Kunst zu schlagen, da sie doch, wie Ihr sagt, an erster Stelle sich selbst zur Richterin ernannt hat? Und wenn ich besser zu malen verstände, als jener Lionardo, von dem ich Euch gesprochen habe, so würde mich dennoch ihre Zurückweisung treffen.«

»Nun eben darauf käme es an,« entgegnete Vivarini, »daß Ihr durch ein Werk von unwiderstehlicher Schönheit ihre eigenen Augen und ihren Verstand von dem Vorzuge unseres Kunstprincips überzeugt.«

»O Freunde,« seufzte Manuel, »habt Ihr je gehört, daß ein Weib durch seinen Verstand überzeugt werde, und nun gar in Sachen eines Princips? Ich fürchte, wir würden hier mit stumpfen Waffen kämpfen!«

»Ei, guter Herr,« rief Jener, »wenn Ihr ein so sicherer Kenner der Weiber seid, – und es ist kein Wunder, daß Ihr in unserem Italien es geworden, – so ersinnet denn ein Mittel, dieses blutjungen Mägdleins gutes Herz zu überreden, wo Ihr den Verstand nicht überzeugen könnt! Mir scheint, Euer gesunder Wuchs und Eure munteren Augen seien genugsam scharfe Waffen, so ein byzantinisches Püppchen mit etlicher Hoffnung auf Sieg zu bekämpfen. Es gilt einen kecken Versuch, Freund Manuel!«

»Das Abenteuer reizt mich wahrlich,« sprach dieser, »und ich will's heute Nacht in ruhige Erwägung ziehen. Vorerst sorget nur Ihr, meine Ankunft im Lande zu verschweigen, und reichet mir einen tüchtigen Humpen Weins, auf das Wohl unserer fröhlichen Kunst zu trinken!«

Darauf setzte er sich auf die Bank zu den neuen Freunden, behaglich mit ihnen zu zechen. Er benutzte aber fleißig die Gelegenheit, gesprächsweise mancherlei Dinge genauer zu erforschen, welche sich theils während der sieben Jahre seiner Abwesenheit, theils einige Jahrtausende vor seiner Geburt im Lande der Phäaken zugetragen hatten.

***

Am anderen Morgen vertauschte Manuel seine hoffärtigen Florentiner Kleider mit einem schlichten Gewande, das ihn als einen bescheidenen Wanderburschen erscheinen ließ, obgleich er eine saubere Zierlichkeit auch so zu wahren wußte, ließ sich auch den stattlichen Bart abnehmen, so daß er um mehrere Jahre jünger erschien, da er ein glattes und feines Antlitz hatte.

In diesem Aufzuge ging er herum und wartete des Tages, da Irene nach ihrer Gewohnheit zum Flusse hinausfuhr und mit ihren Mägden des Ballschlagens pflog. Da folgte er ihr aus der Ferne, verbarg sich bei der Stätte selbst hinter einer Gartenmauer und schaute zuvörderst andächtig dem reizenden Spiele zu. Als er das aber eine Weile gethan hatte, war sein Herz entschieden, Alles daran zu setzen, daß er den geplanten wunderlichen Wettkampf siegreich zu Ende führte.

Als nun endlich die Schöne zur Heimkehr ihren Wagen bestieg, fand er eine Gelegenheit, sich ohne Aufsehen ihrem Zuge anzuschließen. Er sah nämlich, daß ihre Thiere durch die Ruhe störrisch geworden und auf keine Weise zum Ausschreiten zu bewegen waren. Da sprang er hurtig hinzu, als wäre er ein zufällig des Weges ziehender Wanderer, griff vorn in die Zäume und zog die unverständigen Maulesel unter kräftigem Zuruf vorwärts, bis sie, also in Gang gesetzt, nunmehr in der Bewegung weiter verharrten.

»Dank!« sagte Irene mit einem freundlichen Blick.

»Wenn ich einen Dank verdient habe, was ich nicht meine,« entgegnete Manuel, »so könnt Ihr, Herrin. mir denselben leicht abstatten, wenn Ihr mir, als einem landfremden Manne, eine Auskunft ertheilt. Ich bin, mit einem Fischerboot von Italien kommend, im Norden der Insel gelandet und wandere hier der Stadt entgegen, um einen gewissen vornehmen Bürger Lampudios aufzusuchen, mit dessen Tochter Irene ich zu reden habe. Wolltet Ihr mir nun den Weg zu ihrem Hause weisen, vielleicht gar selber mit einer leichten Empfehlung mich dort einführen, so würde ich als ein umirrender Mann Euch, wie ich schon bei Eurem ersten Anblick im Herzen that, dann mit zwiefachem Recht der schönen Königstochter Nausikaa vergleichen, – wenn Euch jemals etwas von dieser herrlichen Geschichte meines geliebten Homeros zu Ohren gekommen ist.«

Freudig überrascht und zur Neugier entflammt, horchte Irene auf und sprach mit einem heimlichen Lächeln:

»Gern will ich Dich, mein Sohn, zu jener Tochter des Lampudios geleiten; Du darfst nur neben meinem Wagen schreitend, mir folgen und wirst den Weg nicht verfehlen. Was aber bringst Du, oder was begehrst Du von Jener? Denn wisse, ich bin ihre allernächste Herzensfreundin.«

Nun lächelte auch Manuel ganz leise und sprach:

»Leider habe ich keineswegs ihr etwas zu bringen, sondern komme nur zu begehren. Ich bin ein armer Maler, Grieche von Geburt, doch in Italien zu meinem Handwerk erzogen. Den Kennern zu Florenz ist mein Name nicht ganz unbekannt geblieben; ich darf mich dessen rühmen, jetzt, da ich den Unwerth dieser abendländischen Kunst erkannt habe. Solche Erkenntniß aber ist mir folgendermaßen gekommen: als ich jüngst in Folge eines ehrenvollen Auftrags zu Otranto verweilte, entdeckte ich in der berühmten Kirche der Santissima Annunziata ein Gemälde, welches den Erzengel Michael darstellt, wie er den Teufel bezwingt. Es ist gemalt in der alterthümlich ehrwürdigen Weise unserer Väter ohne all den neumodischen Firlefanz von täuschender Wirklichkeit, Perspective und glatter Beweglichkeit der Gestalten, streng, fest und heilig. Um kurz zu sein, der Anblick dieses Bildes überzeugte mich gleich einer Offenbarung, daß ich bisher auf einem Irrwege gewandelt war und nun erst das Ziel und die Art der wahren Kunst zu ahnen begann.

»Ich forschte sogleich nach dem Urheber des trefflichen Werkes und erfuhr, daß es eine Jungfrau Irene Lampudios von Korfu verfertigt und als ein Geschenk nach Otranto gestiftet habe. Als ich das vernahm, ward ich von solcher Rührung ergriffen, daß ich all mein unwürdig erworbenes Gut den Armen schenkte, ein Schifflein bestieg und nach Eurer Insel herübersegelte, mit der heißen Sehnsucht, bei der genannten großen Künstlerin, so es möglich wäre, selbst in die Lehre zu gehen.«

Während Manuel dieses artige Lügengewebe vortrug. strahlte Irenens Angesicht immer freudiger auf, und als er geendigt hatte, schwieg sie eine lange Zeit, mehr um ihre stolze Lust ein wenig zu bändigen, als aus zweifelnder Verlegenheit. Denn ob sie gleich bisher jeglichen Schüler männlichen Geschlechts von sich gewiesen hatte, so lag die Sache bei diesem harmlosen Jüngling doch offenbar ganz anders, und ein so heiliger Eifer durfte nicht ohne Lohn bleiben. Deshalb ließ sie ihn neben ihrem Wagen mit den Mägden einherschreiten, bis sie die Gärten des Alkinoos erreichten. Gesondert von dem Palaste war ihre und ihrer Großmutter Werkstatt erbaut, als ein lustiges Thürmchen, das Raum und Licht in Fülle bot. Dorthin führte Irene den bescheidenen Burschen und sprach:

»Tritt hier herein, mein Sohn, und Du wirst die gesuchte Lehrerin finden.« Und als sie drinnen waren, sagte sie fast ein wenig verschämt: »Ich bin es.«

Manuel stellte eine froh erregte Ueberraschung zur Schau und verbeugte sich vielmals in herzlicher Demuth vor ihr und der greisen Periböa, welche, obwohl sie längst beinahe stockblind war, dennoch rüstig weiter malte, ohne daß diesen Bildern darum eine Verringerung ihres Werthes wäre nachzusagen gewesen. Und als nun seine junge Meisterin vor ihrer Staffelei Platz nahm, bemerkte er, daß sie zu ihrer Rechten, wie zur Linken je ein Lesepult stehen hatte und während des Malens mit ehrlichem Eifer zugleich ihre Studien des Homer und des Platon betrieb. Der neue Lehrling verwunderte sich dessen; denn er bedachte, daß man die Kunst auch auf eine andere Weise treiben kann, nämlich mit beiden Augen zugleich und mit allen Kräften der Seele.

Er selber erhielt nun seine Stelle vor einer leeren Staffelei dicht neben ihr angewiesen und ließ sich mit stillem Behagen die Anfangsgründe ihrer ererbten Technik beibringen. Als er sich jedoch anfänglich ein wenig ungeschickt anstellte, sprang sie in frommem Eifer auf, griff ihm wie einem Kinde, das schreiben lernt, über die Hand und führte dieselbe kräftig weisend auf und nieder. Das dünkte den jungen Menschen eine angenehme Lehrmethode; er hielt sehr still und schaute nur mit bescheidener Bewunderung auf die zarten Mädchenhände, welche doch so greuliche Bilder zu malen verstanden.

Als Manuel nach dieser ersten Unterrichtsstunde dankend Abschied genommen hatte und seine gemiethete Wohnung in der Stadt aufsuchte, sprach er zu sich selber: »Den Geist der echten Kunst besitzt sie nicht, denn sie malt ihre Bilder, wie man Kleider näht; den Geist der Philosophie besitzt sie auch nicht, denn sonst hätte sie lange schon meine freche Schalkheit erkannt; aber von dem Geiste ihres Homeros mag wohl genug auf ihr ruhen, denn sie ist ein schönes und holdseliges Weib, und das ist so viel, daß ich wahrlich nicht mehr weiß, ob ich armer Sünder es wagen darf, meine Augen zu ihr zu erheben. Doch will ich eine Zeitlang ihrer beglückenden Nähe genießen und wenigstens versuchen, meiner Kunst vor ihr und dieser guten Stadt zum Siege zu verhelfen.«

Zu dieser selben Stunde saß Irene und studirte eifrig in einem Buche, welches über die Vorzüge des Gottes Eros und seine großen Thaten unter den Menschenkindern handelt; es war Platons Gastmahl. Allerdings glitten mancherlei wunderliche Dinge in dieser Schrift unverstanden von ihrer jungen Seele ab, aber Vieles verstand sie doch, und als sie die Lesung beendigt hatte, beschloß sie nach dem Recept des Sokrates und der Diotima eine pädagogische Liebe zu dem strebsamen Jüngling zu fassen und in seine Seele mit Sorgfalt den Keim des Guten, Schönen überhaupt und platonischer Weisheit insbesondere zu pflanzen.

Nach diesem Plane verfuhr sie nun gewissenhaft während des täglichen Unterrichts der folgenden Zeit, und es gelang ihr, den braven Jungen alle Tage lieber zu gewinnen, da er sich nicht nur in Sachen der Kunst mehr und mehr anstellig zeigte, sondern auch ihrer gemischten Weisheit ein allzeit offenes Ohr lieh, wenigstens so lange dieselbe frei aus ihrem eigenen Munde quoll; auf geradem Wege aus den Büchern dagegen mochte er minder gern schöpfen.

Eine glückliche Folge dieser fortlaufenden ernsten Beschäftigung war es für Irene, daß der heimliche Kummer über die ihr nach aller menschlichen Voraussicht drohende ewige Ehelosigkeit völlig wich und sie sich gar keine liebere Zukunft mehr ausmalen mochte, als nur immerfort im freundschaftlichen Umgange mit einem so talentvollen Schüler, lehrend und unmerklich selber lernend, weiter zu leben; ja, sie hätte gern gleich einige Runzeln und graue Haare in Kauf genommen, um ganz ohne Anstoß und Schwanken eines beständigen Verkehrs im höchsten platonischen Sinne mit ihm pflegen zu können.

Ganz anders jedoch dachte ihr Vater Kyriakos Lampudios. Dieser, längst unwillig darüber, daß sich die Vermählung seiner Tochter so aussichtslos ins Weite schob, setzte nun endlich mit aller Entschiedenheit einen Zeitpunkt fest, an dem die verzwickte Angelegenheit endgültig zum Austrage kommen sollte und jeglicher Freier seine malerischen Leistungen in einer großen Preisausstellung vorzuweisen hätte. Denn er war der Ansicht, die eifrigen Junker müßten inzwischen ohne Zweifel genug gelernt haben, um ein thörichtes Mägdlein zu überbieten und damit gründlich zur Vernunft zu bringen. Deshalb mußte sich Irene bequemen, einen Gegenstand zu bestimmen, welchen jene Alle in Wettstreit mit ihr malerisch behandeln sollten. Sie erwählte dazu einen Erzengel Michael, der den Teufel bezwingt,. als einen Stoff, durch dessen Darstellung sie schon einmal den schönsten Triumph errungen hatte. Und sie machte sich unverzüglich selbst mit allem Feuer und in stolzer Siegesgewißheit an diese Arbeit.

Nunmehr aber schien auch Manuel die Zeit zu ernsterem Handeln gekommen; denn er hatte sich während dieser ganzen Lehrzeit mit schlauem Eifer bestrebt, seiner schönen Meisterin alle ihre ererbten Kunstgriffe und Techniken abzulauschen und in heimlicher Arbeit zu Hause auszubilden, und durfte sich bereits getrauen, sie in dem bevorstehenden Wettkampf auch auf ihrem eigensten Gebiete überzeugend in den Schatten zu stellen.

Bevor er sich jedoch ans Werk machte, beschloß er, durch List ihre Gesinnung für den Fall einer Niederlage zu erforschen.

»Herrin,« sprach er, »ich habe neuerlich in den Werkstätten Eurer Freier ein wenig herumgelauscht und habe entdeckt, daß es unter ihnen Einen giebt, der nach meinem Urtheil im Stande sein wird, Euch an Kunst zu besiegen und demgemäß zur Gemahlin zu gewinnen. Das ist einer der jungen Pierakos, die Ihr kennt: bereitet Euch darauf vor; der wird den Preis gewinnen.«

»Unmöglich!« fuhr Irene tief betroffen auf. »Nein, nein, Manuel, Du täuschest Dich, oder vielmehr ich hoffe, Du scherzest nur. Denn das kann nicht möglich sein, darf nicht sein. Nimmermehr könnte ich das ertragen!«

»Und warum nicht?« fragte Manuel mit forschendem Blick. »Sind Euch jene Pierakos so sehr im Herzen zuwider?«

»Das ist es nicht eben,« entgegnete sie nach kurzem Nachdenken; »vielleicht würde ich diese den Anderen noch ein wenig vorziehen, wenn ich durchaus eine Wahl unter ihnen treffen müßte. Aber diese Gefahr wäre auch so nicht einmal übergroß: denn sieh, eben darum habe ich meine Nebenbedingungen gestellt, und ich weiß sehr gut, daß keiner dieser Korfioten es mir je in der Erklärung meines Homeros oder Platon gleich thun wird. Und dennoch, wie sollte ich die Schmach ertragen, öffentlich von einem Manne in dieser meiner hohen Kunst überwunden zu werden? Meine Seele würde sich verzehren in solcher Schande. Und gar noch sollte ich den zum Gatten nehmen, ihn, den ich auf ewig hassen und verabscheuen würde? Nein, wahrlich, das glaube mir für unumstößlich gewiß: sollte mir wirklich dieser öffentliche Schimpf angethan werden, so gehe ich desselbigen Tages in ein Kloster und weihe mich dem Dienst der allheiligen Jungfrau. So werde ich doch dem Spott der Leute und des verhaßten Siegers entgehen!«

Alle diese Reden stieß Irene mit so großer Leidenschaft und Bitterkeit hervor, und so heftig flossen ihre Zornesthränen bei dem bloßen Gedanken einer Niederlage, daß Manuel mit Schrecken merkte, zu wie gefahrvoller Höhe ihr seltsamer Stolz sich emporgebläht hatte, und daß es nicht wohl gethan sein möchte, denselben allzu jäh zu verwunden. »Wehe mir«, dachte er, »in welche böse Zwickmühle bin ich hier gerathen! Entweder besiege ich sie in diesem öffentlichen Preiskampf: dann haßt sie mich und geht ins Kloster; oder ich lasse mich freiwillig besiegen: dann darf sie mich nach ihrer feierlichen Verheißung nicht einmal nehmen, wenn sie auch wollte. Wehe mir, und doch fühle ich, daß ich an dieser Liebe sterben muß, wenn ich das herrliche Geschöpf mir nicht zu eigen gewinne. So ganz ist mein fröhliches Herz vor ihrem Liebreiz zu Schanden geworden!«

In solchen Gedanken ging er und überlegte in seinem Hause wachend die ganze Nacht, wie er sich aus dieser zwiefachen Noth befreien und auch zugleich sein Versprechen an die italischen Kunstgenossen einlösen sollte. Als aber die Sonne aufging, begrüßte er den Tag mit Freuden und kecken Muthes, denn er meinte, am Ende doch ein schönes Rettungsmittel gefunden zu haben.

Er nahm ein Bildchen, welches er jüngst in der Stille ganz in der Weise seiner Meisterin gemalt hatte, eine Verkündigung Mariä, begab sich mit demselben in ihre Werkstatt, legte es ihr vor und fragte:

»Was meint Ihr, Herrin, würde derjenige, der dieses gemalt hat, im Stande sein, Euch in jenem ernsten Wettstreit die Spitze zu bieten?« Irene blickte Anfangs mit flüchtigem Lächeln auf das Gemälde; allein je länger sie es anschaute, desto größer wurden ihre Augen, und desto mehr verfärbten sich ihre blühenden Wangen. Denn sie erkannte in jedem Pinselstrich ihre eigene Kunst, bis ins Feinste abgelauscht, und doch von einer flotteren Hand überboten und in allen Vorzügen gesteigert.

»Wer . . . wer . . . wer hat das gemacht?« rief sie mit erschrockener Hast und faßte unwillkürlich ihres Lehrlings Arm.

»Ich!« erwiderte er ganz ruhig, »und seht, liebe Herrin, ich fordere Euch hiermit zum Kampfe heraus und werbe von heute an mit den Anderen um Eure schöne Hand. Denn ich habe mich gänzlich in Euch verliebt und vermag meinem Herzen nicht zu widerstehen. Vielleicht bin ich nicht ganz ohne Aussicht, den Sieg zu erringen.«

Die Jungfrau starrte ihn ängstlich an, in der Meinung, daß er plötzlich irre redete; doch wie er ihr ruhig und frei ins Antlitz blickte, lachte sie laut auf und rief:

»Du? Du? O trefflicher Narr! O meisterlicher Schüler! Also Du wirbst um die Stelle eines Narren in meinem Hause? Gewißlich, sie soll Dir gewährt werden, denn Du hast die Schellenkappe redlich verdient! Ei, oder meinst Du auch, mein wackerer Schüler, wie Du mir meine Kunst gestohlen, so verständest Du ein wenig von Platon und Homeros, weil Du hier und da ein Bröcklein von meinen Lippen aufgefangen hast? O armer Betrogener, so eilig lernt sich solche Weisheit nicht!«

Als sie dies sagte, merkte Manuel, daß trotz all dem Hohn ihr helle Thränen aus den Augen stürzten; denn es ging ihr sehr nahe, daß sie so plötzlich den guten, stillen Freund verlieren mußte. Darum antwortete er ziemlich ermuthigt:

»Ei freilich, liebe Lehrerin, meine ich immerhin auch hier einiges Verständniß durch Euch gewonnen zu haben. Und so es Euch recht ist, will ich Euch sogleich eine Probe meiner jungen Weisheit geben. Welches Wort, glaubt Ihr, sei in diesem Eurem Buche des Platon vom Gastmahl das allerlieblichste und wahrste zugleich, allem anderen tönenden Geklügel zum Trotz? Ich will es Euch sagen, und wenn Ihr mir von ganzem Herzen und vor Eurem eigenen Gewissen widersprechen könnt, dann freilich habe ich keine Hoffnung auf Eure Hand. Nur sollt Ihr mir nicht heute in Eurem Zorn antworten, sondern ein andermal nach friedlicher Ueberlegung. Ich meine aber das folgende Wort des klugen Aristophanes: ›Denn es ist Eros der menschenfreundlichste Gott, weil er ein Helfer ist der Menschen und ein Arzt für solche Wunden, durch deren Heilung dem menschlichen Geschlechte die höchste Glückseligkeit zu Theil werden mag.‹

»Solche Wunden nämlich verspüre ich, und gebe Gott, daß Ihr sie auch empfinden möget, denn so könnte Eros uns beiden ein Helfer und Arzt werden.

»Doch dieses überlasse ich Euch zu einsamer Ueberlegung. Nun aber das Andere: ich will Euch zeigen, daß ich auch in Euren Homeros mit rechtem Verständniß eingedrungen bin. Sagt mir doch, wie beweist Jemand das beste Verständniß eines Dichters? Thut er es nicht dadurch, daß er seinen Helden nacheifert und selbst ihrer würdig zu handeln sucht? Und nun bedenket, Herrin, wodurch zeichnet sich der herrliche Held Odysseus vor allen Anderen aus; wodurch weiß er sich den schrecklichsten Gefahren zu entziehen und zuletzt die geliebte Gattin und die Heimath wieder zu gewinnen? Ist es nicht seine ausbündige Kunst, die Worte zu drehen und beständig auf das Anmuthigste zu lügen und sich zu verstellen, außer wenn zufällig einmal die Wahrheit ihm nützlicher zu sein scheint? Belügt er nicht sogar seine himmlische Schützerin Athene? Diese aber verschmäht es nicht, ihn um solcher List willen freimüthig zu loben. Nun wisset, nach diesem preiswürdigen Vorbilde habe auch ich gehandelt, weil ich meinte, daß Euch, die Ihr der holden Nausikaa mit allem Fug Euch vergleichen dürft, kein anderer Held so lieb sein könne, als eben dieser Odysseus. Aus diesem Grunde habe ich Euch ganz gröblich immerfort belogen und betrogen! Nicht um ehrlich Eure byzantinische Kunst zu lernen, kam ich in Eure Werkstatt; auch habe ich Euer Gemälde in Santissima Annunziata zu Otranto nie mit Augen gesehen, sondern nur zufällig hierselbst in Korfu davon reden hören, – von anderen geringen Lügen noch zu schweigen: sondern einzig deshalb drängte ich mich an Euch, um Eure feinen Kunstgeheimnisse abzulisten und darnach wider Euch selber im öffentlichen Wettkampf zu verwerthen. Das ist mir nun herrlich gelungen, und glaubt mir, liebe Meisterin, ich werde nun all meine Kraft und Kunst auf diesen Erzengel Michael verwenden, um Euch obzusiegen und, wenn es sein kann, Eure Hand zu erobern!

»Doch ehe ich jetzt mit allem gebührenden Dank für Eure unschätzbare Hülfe von Euch scheide, vernehmet noch die Enthüllung meiner letzten und größten Lüge: ich bin nicht ein niedrig geborener Handwerksmann und Wanderbursch, wie ich mich darstellte, sondern bin, wie Ihr selber, aus gutem und stolzem Geschlecht. Ich bin der jüngste Sohn des alten Hauses Pierakos von Gasturi, und meine Brüder sind Euch wohlbekannt und als Eure Freier geduldet. Ihr sehet daraus, daß ich ausnahmsweise auch einmal die Wahrheit sprach, wenn ich Euch verrieth, daß einer der Pierakos im Stande sein werde, Euch in Kunstfertigkeit obzusiegen . . . . Gehabt Euch nun wohl, meine angebetete Gebieterin, bis zum Wiedersehen auf dem Schlachtfelde.«

Nach dieser Rede entfernte sich Manuel eilig mit einer sehr demüthigen Verbeugung; denn er fürchtete den Zorn der betrogenen Jungfrau zum Aeußersten zu reizen, wenn er länger ihren Augen zu trotzen wagte.

Und allerdings war es weise gehandelt, daß er sich ihrem gerechten Grimme entzog. Denn Irene war über die Maßen erbittert über ein so frevelhaftes Spiel, und die Thränen stürzten aus ihren Augen nicht mehr aus heimlichem Kummer, sondern aus echtem Zorn und Haß und heißer Empörung, daß dieser, eben dieser Mensch sie durch seine gelungene List so bitterlich gedemüthigt hatte. Nachdem sie aber mehr als eine Stunde lang kläglich mit ihrer verstörten Seele gerungen hatte, raffte sie sich endlich tapfer zu einem herben Entschlusse auf:

»Nimm all deine Kraft zusammen, Irene!« ermahnte sie sich selber mit fast lauter Stimme; »versuche auch so ihn durch erhöhte Kunst zu besiegen und die Schande dem Schändlichen mit bitterem Hohne zurückzugeben! Wenn es aber nicht gelingt, wenn seine Hinterlist ihm dennoch glücken soll, – so bleibt das Kloster dir als letzte Zuflucht, und Keiner darf dir den Bruch jenes Versprechens vorwerfen, denn der Dienst der allheiligen Jungfrau hebt alle anderen Gelübde auf.«

Mit so festem und tüchtigem Herzen ging sie von Stund an zu ihrer Arbeit; und siehe, es glückte ihr, ein Wunderwerk von Fleiß und feiner Vollendung zu schaffen, welches ihre früheren bewunderten Leistungen um ein gutes Stück hinter sich ließ.

Als nun der Tag der Entscheidung gekommen war, sandte jeglicher Freier seinen Erzengel Michael, so gut oder schlecht er ihn hatte schaffen können, und alle diese adeligen Werke wurden in einem großen Saale neben einander aufgestellt, jedes mit dem Namen seines Schöpfers bezeichnet. Im Hintergrunde standen die schöpferischen Junker selbst, jeder von freudiger Siegeshoffnung getragen, nur daß einige etwas bange das zuletzt gelernte Kapitel aus Plato noch einmal leise murmelnd repetirten.

Unter lautem Beifallrufen dieser Getreuen trat Irene heran, umgeben von den erwählten Kunstrichtern. Sie erschien blaß und still; ein dunkler Schleier umwallte sie; ihr schwarzes Auge verrieth eine trübe Entschlossenheit. Scharf suchend glitten ihre Blicke über die Reihen der Bilder hin; in wenigen Minuten hatte sie sich versichert, wie gering die Gefahr für sie von allen Anderen war; auch fürchtete sie selber nur den Einen, doch ihn mit desto besserem Grunde.

Jetzt ersah sie das Streifchen Pergament mit dem Namen Manuel Pierakos. Alles Blut schoß ihr zum Herzen; zitternd beugte sie sich über das Bild, und siehe, Ein Blick genügte ihr zu sagen: du bist gerettet, du hast gesiegt! Denn das war nichts als eine mittelmäßige Arbeit, wie sie die Nebenbuhler auch geliefert hatten.

Da ließ sie triumphirend ihr eigenes Werk enthüllen: und keiner der Richter konnte nur einen Augenblick im Zweifel über die Entscheidung bleiben, selbst ihr Vater nicht, so gern dieser durch den Sieg eines der Freier einen Eidam gewonnen hätte.

Doch Irene's Stirn entwölkte sich trotzdem nicht. Seltsam fremd berührte sie der Anblick ihres siegreichen Erzengels: der sah so stumpf und verdrossen drein mit den großen öden Augen; der zeigte so gar nichts in Miene und Geberde von der Wonne des Sieges, von dem feurigen Schwung, der jetzt ihre eigene Brust beseelte oder doch beseelen sollte; denn heimlich mischte sich in den hellen Siegesruf ihres Herzens eine leise Stimme des Zweifels, der Unbefriedigung, der Sorge gleich einem dumpfen Wettergrollen in der Ferne.

Warum, so fragte diese Stimme, warum hat Jenem diesmal die Kraft versagt, die er doch jüngst noch so viel wackerer bewährt hat, da es um nichts galt, als mich im Stillen zu beschämen und mir die Augen zu öffnen? Hat ihm jetzt ein gütiger Engel die Augen verfinstert, die Hände gelähmt? Oder aber, – und das vielmehr ist es, nur diese Möglichkeit ist offen, – der Uebermüthige hat absichtlich ein geringeres, nachlässiges Werk hinausgestellt, vielleicht ein besseres, das ihm den Sieg verschafft hätte, für sich behalten! Und warum das? Nun denn, es giebt nur Eine Antwort; er weiß, daß er siegen könnte, wenn er wollte; er hat es gezeigt, er hat dich gedemüthigt: aber er wollte gar nicht siegen in diesem öffentlichen Kampf, er verschmäht deine Hand!

Dieser Gedanke überwältigte ihre arme Seele mit so plötzlicher Wucht, daß sie tief erzitternd kaum noch auf ihren Füßen sich zu halten vermochte. Mit todtbleichen Wangen wankte sie hinaus aus dem Kreise der versammelten Männer und suchte ihre einsame Werkstatt im Thurm des Gartens. Laut aufweinend und wie gebrochen sank sie in einen Sessel und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

O diese Schmach, dieser Schmerz, wie war das dreimal schwerer, als die Niederlage, der sie entgangen war! Ja, wie klein erschien ihr auf einmal jene gefürchtete Kränkung ihrer Künstlerehre, wie kleinlich ihre bangende Eitelkeit! Wie leicht, meinte sie jetzt, hätte sie jenen Schlag verwinden können, da ein so viel gewaltigerer sie nun getroffen! Verschmäht, verschmäht, sie selbst, ihre eigene, gepriesene Person verschmäht, – und wäre es von jedem Anderen, noch wäre es zu ertragen; aber das von ihm, von ihm, dem Einzigen, dem sie selbst ein Stücklein ihres Wohlwollens, ihrer milden Theilnahme geschenkt, den sie mit dauernder platonisch-pädagogischer Liebe hatte umfassen wollen! Von dem verschmäht!

»Nein, nein,« rief sie aufspringend aus und rang in unsäglichem Jammer die Hände, »er muß sich mir beugen, er muß zu meinen Füßen liegen; meinen Ruhm gebe ich preis; meine Kunst gilt mir nicht mehr als eines Windes Hauch, – aber er, er muß mein Sklave werden, daß ich ihn von mir stoßen kann und mit ruhigem Stolz ins Kloster gehen, nachdem ich ihn gedemüthigt! Doch ehe das geschieht, vermöchte ich nicht einmal zu sterben . . . .«

Plötzlich fiel ihr irrender Blick auf eine verhüllte Tafel an der Wand; sie erschrak, trat hinzu, riß das Tuch mit schaudernder Erwartung herunter und stand vor einem Gemälde, dessengleichen sie mit ihren Augen nimmer erblickt hatte.

Wunderherrlich hob sich der siegende Erzengel heraus, mit göttlich leichter Bewegung den Speer hinabstoßend, leuchtend von Farben, anmuthig von Angesicht, stolz und freundlich zugleich in seinem Ausdruck, als wollte er dem Feinde sagen: »Es thut mir leid, daß ich mich dazu hergeben muß, dich armen Wurm abzuthun; da du aber einmal der Teufel bist, so geht das denn schon nicht anders.« Was aber Irene am allermeisten aufregte und Anfangs fast entsetzte, das war, daß sie in dem himmlisch zarten Angesicht des schönen Siegerengels ihre eignen Züge auf das Allerfeinste nachgeahmt und wunderbar getroffen erblicken mußte. Sie hielt die Hand vor die Augen, als blendete sie diese Entdeckung; sie ergriff einen silbernen Spiegel und verglich ihr Antlitz noch einmal Zug um Zug, und siehe, es war keine leiseste Form, die von ihrer natürlichen Erscheinung abwiche, außer daß ein himmlischer Hauch der Verklärung über dem gemalten Abbild schwebte, den sie in lebendiger Wirklichkeit im Spiegel noch nicht an sich beobachtet hatte.

Ein süßer Schauer der Rührung ergriff sie, und es war ihr, als ob sie selber von innen heraus verklärt und über sich erhöht würde.

Nachdem sie sich aber von dem beglückten Staunen so weit erholt hatte, daß sie den Blick auch einmal etwas tiefer auf den besiegten Höllenfürsten lenken konnte, da machte sie eine neue, höchst sonderbare Bemerkung: derselbe war weder allzu mißgestaltet, noch auch sehr bösartig von Angesicht, vielmehr zeigte er einen so kräftigen Ausdruck der Demuth und Schicksalsergebenheit, wie sie das bei einem Teufel nie für möglich gehalten hatte; kaum eine leise Bitte um Gnade schien aus seinen aufwärts gehobenen Blicken zu sprechen. Allein das Allersonderbarste war: sie kannte diesen bescheidenen Satanas, der sich da im Bilde unter ihren erzengelischen Füßen krümmte; das war kein Anderer, als Manuel Pierakos, der Verräther.

»Ha,« sagte Irene, »das hat er recht gemalt, der Erzschelm, der Vater der Lüge!«

Es überkam sie aber dennoch allmälig eine seltsame Beschämung vor diesem ungewöhnlichen Teufel, der sich selbst so tief vor ihr erniedrigte, da doch eben dieses Bild zugleich ein ungeheurer Triumph seiner Kunst über die ihre schien, indem er aus ihrer eignen menschlichen Gestalt eine so überirdische Schönheit gleichsam hervorzulocken verstanden.

»Wehe mir,« sagte Irene, »auch dies Gemälde ist eine große Lüge, denn ich vielmehr bin es, die besiegt und gedemüthigt ist. Auch mit dem Pinsel hat er gelogen, – aber er lügt so schön!«

Und sie gedachte zugleich mit Entzücken, wie doch diese Darstellung viel deutlicher, als hundert Reden bewies, daß er sie nimmermehr verschmähte, sondern offenbar nur aus rechtem Edelmuth vermieden hatte, sie mit öffentlicher Niederlage zu kränken.

Da sank sie auf ihre Kniee nieder und sättigte sich in Thränen, die aber weit milder flossen, als jene, die sie zuvor geweint hatte, und mehr nur einem wohlthätigen Thau glichen, durch den sie ihr gepreßtes Herz erlöste und zu neuen Gedanken öffnete.

Und nach langer Zeit hob sie sich empor, warf noch einen Blick auf den herrlichen Erzengel Michael und den armen Teufel darunter, setzte sich und verfaßte einen Brief, in welchem folgende Worte geschrieben standen:

»Die arme Schülerin Nausikaa grüßt ihren Lehrer Odysseus.

»Sie bittet denselben, die Lügen abzuthun und ein wahrhaftigeres Gemälde anzufertigen, in welchem der verstellte Satanas in einen siegreichen Helden verwandelt sei und der angemaßte Erzengel als demüthiges Weib zu seinen Füßen sitze und Wolle spinne. Und so er das nicht mit dem Pinsel malen will, soll er selber kommen und das Bekenntniß dieses Weibes vernehmen, daß es von wahrer, lebendiger, himmlischer Kunst heute die allererste Ahnung empfangen hat. Und so er auch das verschmäht, so wird Irene, die Tochter des Lampudios, in wenigen Tagen das Klostergelübde ablegen: denn nimmermehr wird dieselbe die Hand eines anderen Mannes in der ihren empfangen, als dessen, der in allen Stücken ihres Geistes und ihrer Seele Meister geworden ist.

»Nachschrift: Denn es ist Eros der menschenfreundlichste Gott, weil er ein Helfer ist der Menschen und ein Arzt für solche Wunden, durch deren Heilung dem menschlichen Geschlechte die höchste Glückseligkeit zu Theil werden mag.«

Photinissa.

Als im vorigen Jahrhundert die alte Herrlichkeit der Republik Venedig lange vor dem letzten vernichtenden Sturme einem zähen und traurigen Siechthum anheimgefallen war, da begann auch in deren schönem Lande Korfu die früher bewahrte feste Ordnung des Lebens und des Rechtes mehr und mehr aus den Fugen zu weichen, und von den abendländisch humanen Sitten dieses berühmten Säculums war hier an der Schwelle des Orients kaum eine Spur mehr zu finden. Der Oberherr war träge geworden, und die Korfioten hatten längst verlernt sich selbst zu regieren; darum verfiel die Zucht, und wilder Unfriede fraß Herrscher und Beherrschte. Der Grundbesitz auf dem reichen Eiland war damals fast ausschließlich in den feudalen Händen weniger Familien theils venetianischen, theils rhomäischen Ursprungs; und diese waren es zumal, welche sich eifrigst bestrebten, solche ihnen vom blinden Glück gewährte übermäßige Bevorzugung dadurch wieder auszugleichen, daß sie sich gegenseitig das Leben mit allen erdenklichen Mitteln erschwerten, verbitterten und namentlich auch thatkräftig verkürzten. Es gab Menschen, welche behaupteten, die Oelbäume des Landes verdankten ihr unvergleichliches Gedeihen hauptsächlich dem Umstande, daß sie so oft mit adeligem Blute gedüngt würden.

Aber selbst in diesen wilden Zeiten war die Geschichte der beiden vornehmen Häuser der Nerulos und der Pierakos eine ungewöhnliche und durch die Zahl der verübten Greuel auffallende; man könnte dieselbe in schrecklicher Kürze etwa folgendermaßen schreiben: Georgios Nerulos erschlug den Kosmas Pierakos; Wassilios Pierakos erschoß den Georgios Nerulos; Spyridon Nerulos ließ ermorden den Wassilios Pierakos; Ilias Pierakos erstach Spyridon Nerulos; Grigorios Nerulos jagte dem Ilias Pierakos eine Kugel durch den Kopf; Panajotis Pierakos durchbohrte den Grigorios Nerulos . . . und so fort in der Reihe, gleichwie zwei Zahnräder einer Höllenmaschine genau und pünktlich ineinandergreifen. In diesem grauenvollen Vernichtungskriege trat erst dann ein plötzlicher Stillstand ein, als der letzte männliche Sproß der Familie Nerulos, der junge wilde Rhisos, durch die Pierakos gelegentlich beseitigt war. Zwar wußte Niemand etwas anderes von dessen Ende, als daß man ihn auf freiem Felde mit einer Kugel im Herzen gefunden hatte, allein es gab natürlich nicht den leisesten Zweifel, wer die Urheber des Mordes waren.

Dieser letzte Nerulos hinterließ das Erbe seiner Mutter und einer unmündigen Schwester in einem sehr traurigen Zustande, da er selbst ebenso wie schon vor ihm sein früh ermordeter Vater das reiche Gut durch eine gar zu ritterliche Wirthschaft, so gründlich als nur möglich verwüstet hatte. Dafür zeigte sich nun aber die Mutter, Frau Eudoxia, als eine Dame von so starker Gemüthsart und so klarem Geist, daß sie mehr als zwei Männer mittleren Schlages aufwog; sie verstand das Erbe nicht nur tapfer vor allen Anfechtungen zu wahren, sondern den Werth desselben allmählich auch wieder um ein Beträchtliches zu heben. Uebrigens lebte sie während der nächsten Zeit im ganzen unbehelligt von den Erbfeinden, deren Haß durch die Ausrottung des Mannesstammes endlich befriedigt schien.

Weit minder versöhnlich jedoch war die Gesinnung der Frau Eudoxia selber. Sie unterzog sich der langwierigen Arbeit, den Familienreichthum wiederherzustellen, keineswegs allein aus Fürsorge für die Zukunft ihres einzigen Töchterchens Photinissa, sondern ebenso sehr in dem starren Gedanken an die Rache, welche sie an den Resten der Familie Pierakos zu nehmen hatte. Ja, sie sann nichts Geringeres, als den männlichen Stamm derselben ebenso vollständig auszutilgen, wie es den Nerulos leider geschehen war. Gewiß wäre es nun nicht allzu schwer gewesen, durch gemiethete Mörder das feindliche Geschlecht zu beseitigen, zumal es selbst nur noch auf sechs Augen stand; allein um sich für alle Fälle mit den venetianischen Gerichten auseinandersetzen zu können, dazu mochte sie unter Umständen sehr bedeutender Geldmittel bedürfen; denn ein ehrliebender Richter läßt sein Urtheil nicht durch eine Hand voll Orangen beeinflussen. So hielt sie denn ihre Rache gleichwie ein Faß voll starken Weines zurückgelegt in stiller Gährung, bis die Stunde reif wäre.

Es giebt im Nordwesten der Insel hoch über dem Ionischen Meere auf dem Gipfel eines wild abstürzenden Felsens die Trümmer einer sehr alten, ansehnlichen Burg Angelokastron, das ist Engelsburg. In Trümmern lag sie schon damals, aber mitten hinein in das verfallende Mauerwerk hatten die Nerulos ein neues Haus gesetzt, das auch so noch seinen Besitzern Schutz und Schmuck gewährte, und weithin das Land beherrschte. Hier inmitten ihrer Güter verlebte Frau Eudoxia fern der Stadt ihre einsamen Jahre.

Außerhalb des alten Burgthores, das noch immer einen bescheidenen Wachtdienst versah, stand an weitschauender Stelle eine riesige Cypresse, aus der Ferne vom Meere her wie ein schlanker Thurm zu sehen; unter diesem Baume war kunstlos aus rohen Steinen ein Mal geschichtet, das Grabmal des jungen Rhisos; hier sollte der Todte harren, bis er würdig wäre, bei seinen Ahnen zu ruhen, von denen keiner ungerochen geblieben war. Oben auf den Steinen stand ein marmorner Engel, den die Mutter aus Venedig verschrieben hatte; es war eine schöne, zarte Gestalt in traurig sinnender Haltung. Eudoxia aber verstand es, ihm kräftigere Gedanken unterzulegen; sie lehnte an seine Schulter eine kleine Flinte, mit der ihr Sohn als Kind gespielt hatte, und befestigte an seiner rechten Hand einen blutigen Fetzen von dem letzten Kleide des Ermordeten, und so hatte sie sich mit geschmackloser, aber sprechender Symbolik aus dem stillen Todesgenius einen drohenden Dämon der Rache geschaffen.

Jeden Abend aber, wenn die Sonne sich dem Meeresrande näherte, kam die Herrin aus dem Thore einsam hierhergeschritten, kniete nieder neben der Cypresse und murmelte laute Gebete, fromme und heilige Worte; aber der Ton ihrer Stimme schien eher Drohungen auszudrücken, und ihr schön geschnittenes Antlitz sah härter und kälter aus als der Marmor über ihr, auch wenn die rosigen Abendstrahlen es zu verklären suchten. Und jedesmal in dem Augenblick, da der letzte goldene Rand der Sonne unter das Wasser tauchte, stand sie eilig auf, zog eine große, alterthümlich reiche Pistole aus ihrem Busen und feuerte einen Schuß über das Grab aufs Meer hinaus. Das war der tägliche Gruß, den sie der Sonne mitgab in die Unterwelt für ihren Sohn. Und wenn aus den tiefen Riffen und von den Vorsprüngen der zackig schroffen Felswände und von den Meeresklippen her das Echo rollend wiederhallte, dann zog etwas wie ein Lächeln über die Züge der strengen Frau, als meinte sie, ermunternde Grüße ihres todten Kindes zurückempfangen zu haben.

Mit diesem Schuß erweckte sie jeden Tag aufs Neue ihre Rache und ließ ihr keine Zeit, im Frieden langer Jahre heimlich zu entschlummern.

Unter dieser Weile wuchs ihre junge Tochter fern von ihr in einem städtischen Kloster auf, das durch den frommen und strengen Geist seiner Nonnen besonders gut beleumundet war. Und freilich schien das Kind Photinissa einer nachdrücklichen Zucht zu bedürfen, da es von dem steifnackigen und feurigen Geist seiner Ahnen gerade so viel geerbt hatte, daß die Mutter selbst trotz ihrer eigenen mehr als männlichen Thatkraft früh an seiner vollen Bändigung verzagte. Die Nonnen aber gaben es der Schwester Eustathia in besondere Pflege; dieselbe galt für ein Wunder von unvergleichlicher Sanftmuth, und ihre Schriftgelehrsamkeit war so groß, daß sie ein heimlicher Schrecken der Geistlichen im weiten Umkreise wurde. Und dieser vortrefflichen Person gelang es zu einigem Staunen ihrer Gefährtinnen in der That, die kleine wilde Photinissa vollkommen zu bezwingen und deren leidenschaftliche Triebe in so stille Bahnen zu lenken, daß bald ihr Wohlverhalten nicht minder als ihre Fortschritte in den Wissenschaften allen andern vornehmen Schülerinnen der Klosterjungfrauen als ein leuchtendes Muster vorgehalten werden konnte.

Denn nachdem Photinissa einmal durch die siegreiche Sanftmuth ihrer Eustathia unvermerkt auf den Weg der Frömmigkeit und geistlicher Studien gelenkt war, verfolgte sie denselben nun auch mit einer Kraft und einer innerlichen Gluth, welche die Lehrerin zuweilen mit einer Art von unbestimmtem Bangen erfüllte, weil ein so stürmischer Flug gläubiger Begeisterung die Kräfte ihres eigenen Taubengemüthes weit überstieg. Doch wagte sie nicht, dem heftig strebenden Geiste des Kindes die immer neu begehrte Nahrung zu verweigern, und so wuchs dasselbe hastig in eine so sichere Kenntniß der heiligen Schrift, ihrer Erzählungen und Sprüche hinein, daß die berühmte Nonne selbst nach einigen Jahren sich nahezu erreicht fühlte.

Die sanfte Eustathia empfand darob auch nicht einen Anflug von Neid für ihre eigene Person, wie es sonst unter Gelehrten Sitte ist, wohl aber begann sie allmählich leise für die Ruhe und das friedliche Beisammenleben der Schwestern zu fürchten. Die schlimme kleine Glaubensheldin fing mit der Zeit an, erschreckend scharfe Augen für die mancherlei Fehler und Schwächen zu bekommen, die von der christlichen Sittenlehre keineswegs gebilligt, doch unleugbar in höherem oder geringerem Maße auch an den tugendhaftesten Nönnchen zu beobachten waren. Denn wenn das gerühmte Frauenkloster auch weder Mord noch Brand, noch groben Diebstahl oder andere große Schande und Laster in seinen Mauern barg, so wurden doch kleine gemäßigte Feindschaften, Zänkereien, üble Nachreden, unerwiesene Behauptungen, zartgesponnene Ränke und ähnliche zumeist im Bereiche des achten Gebotes liegende Sünden keineswegs vermißt. Ja selbst ein herzhaftes Fluchwort verirrte sich wohl einmal in aufgeregten Stunden auf die ungewohnten Lippen, und vielleicht war es für kein geringes Glück zu erachten, daß dem gelehrten Kinde der mystische Irrgarten des sechsten Gebotes noch ein völlig unbekannter Bezirk war.

Sobald nun der Kleinen solch ein Stein des Anstoßes auf den Weg gerieth, eilte sie aufgeregt zu ihrer Pflegerin und peinigte diese mit der zähen Forderung, ihr den klaffenden Widerspruch zu lösen, daß diese und jene Sünde strenge verboten sei und dennoch von den frömmsten Schwestern fast wie etwas Selbstverständliches sorglos geübt werde. Dann ermahnte Eustathia nach mancherlei verzweifelten Seitensprüngen und Winkelzügen sie zuletzt mit Thränen im Auge, vor allen Dingen möge sie doch ihr eigenes Herz immerdar rein zu halten suchen vor Sünde und Anfechtung; sie werde vielleicht noch einst im Leben mit Schmerzen lernen müssen, wie schwer und fast unmöglich es sei, den klaren Spiegel der Seele ganz vor trübenden Flecken zu bewahren. Jedesmal nach solcher Unterredung rang Photinissa stundenlang mit ihrem Gott in brünstigem Gebet und flehte, ihr reines Herz ihr allezeit zu erhalten, und wenn sie aufstand, fühlte sie sich stolz und sicher, daß sie nun dies himmlische Kleinod sich wenigstens für lange Zeit gerettet habe.

Später kam sie sogar mit Schrecken dahinter, daß die feierlichen Gestalten des Alten Bundes von den Erzvätern an bis zu den Königen keineswegs einen durchweg makellosen Wandel aufzuweisen hatten, einige vielmehr mit Thaten belastet waren, die an spitzbübischer Schändlichkeit nicht überall ihresgleichen fanden. Da hatte Eustathia von neuem schwere Stunden; sie suchte von dem guten Rufe der angegriffenen Helden zu retten, was sie konnte; in der letzten Bedrängniß zog sie sich mit entschlossener Taktik in die sichere Burg des Neuen Testaments zurück. Und hier fand sie wirklich einige Ruhe, denn an den Handlungen des Heilands fand auch Photinissa nichts zu bekritteln; auch die Jünger und Apostel bestanden leidlich vor ihrem prüfenden Auge; wenn Petrus sich durch seine arge Verleugnung des Herrn in ein bedenkliches Licht setzte, so gewann er dafür wieder einen starken Stein in ihrem Brett durch sein ritterliches Vorgehen wider den Knecht Malchus und dessen Ohr.

Fast noch mehr aber als diese fern leuchtenden biblischen Ideale stärkte ihren Muth und ihren Glauben an die Kraft des menschlichen Herzens das nähere Beispiel der Schwester Eustathia selber, welche vor ihren Augen dahinlebte frei von den Leidenschaften der Menschen draußen, in zurückgezogenem Frieden, wunschlos, gleichmäßig und ohne Sünde. Und wenn der Herr gesprochen hatte: »Selig sind die Sanftmüthigen. Selig sind die Barmherzigen. Selig sind die reines Herzens sind. Selig sind die Friedfertigen –« so war mit all den trostvollen Worten aber und abermal Schwester Eustathia selig gepriesen. Und hier wurzelte vornehmlich Photinissas gläubige Hoffnung, reines Herzens zu bleiben.

Auch erlebte Photinissa den Triumph, daß ihre begeisterte Freudigkeit auf die anderen von Hause aus minder heiligen Schwestern merklich zurückwirkte; sie begannen sich nämlich bald vor ihren Blicken zu fürchten und machten alles, was sie von Sünden im Hausgebrauch nicht entbehren konnten, unter einander möglichst bei verschlossenen Thüren ab und zeigten dem Kinde fortan eine fleckenlose Außenseite.

So wuchs das letzte Kind vom wilden Stamme der Nerulos auf, eine ahnungslose klösterliche Schwärmerin.

Als nun aber die Zeit herankam, da ihre Erziehung nach den Ansprüchen des Landes vollendet schien, war inzwischen auch die ernste Thätigkeit der Mutter mit einem genügenden Erfolge gesegnet worden, daß sie daran denken konnte, ihren blutigen Racheschlag mit Ernst, wenn auch ohne Uebereilung ins Werk zu setzen.

Zu diesem Zwecke miethete sie sich in aller Stille eine tüchtige Bande epirotischer Klephthen als Leibgarde und sandte zuvörderst ein Häuflein derselben in Begleitung ihres Hauspriesters Alexios Chrysikopulos zur Stadt mit Briefen, welche den Nonnen die schleunige Heimsendung der Photinissa anempfahlen. Denn es schien ihr bei Eröffnung der Fehde das beste, ihr erwachsenes Töchterlein bei sich im Schutz ihrer Bewaffneten zu haben, und sie gedachte zudem ihr in möglicher Bälde aus einer der großen Familien des Landes einen brauchbaren Gatten auszusuchen und durch solche Verbindung einen neuen Rückhalt und noch größere Wehrhaftigkeit zu gewinnen.

Gleichzeitig mit jener Sendung aber bot sich ihr eine zufällige Gelegenheit, die Aktion durch einen glücklichen Handstreich zu beginnen, indem sie von einem sorglosen Jagdzuge eines Vetters der Pierakos Kenntniß erhielt; diesen ließ sie überfallen, wegfangen und in ihren Thurm einsperren. Sie beabsichtigte, durch diese kleine Neckerei die Feinde zum Jähzorn zu reizen; es war doch immer gut, vielleicht schon um des eigenen christlichen Gewissens willen, wenn die erste neue Blutthat – die natürlich nur einen ihrer Söldlinge treffen konnte – von jener Seite ausging. Zugleich hatte sie den Vortheil, von vornherein eine nicht ganz werthlose Geisel in der Hand zu haben, wenn auch der Vetter im übrigen für ziemlich unbedeutend und harmlos galt.

Es fügte sich jedoch, daß Photinissa die Boten ihrer Mutter trotz des nachdrücklichsten Drängens mehrere Tage in der Stadt hinzögerte, weil sie noch einige gelehrte Untersuchungen über das Hohe Lied Salomonis und die rechtgläubige Auslegung desselben mit der Schwester Eustathia zu Ende bringen mußte; und unterdessen hatten die Pierakos sich bereits munter zu regen begonnen.

Da diese keineswegs gesonnen waren, ihren armen Vetter, so wenig sie ihn sonst hochachteten, unerlöst oder aber ungerochen in den Händen der gewaltthätigen Dame verkommen zu lassen, so hatten sie ohne Verzug einen ihrem Hause ergebenen jungen geistlichen Schüler als unverdächtigen Kundschafter ausgehen lassen und durch diesen nicht nur Genaueres über das Loos ihres Verwandten erfahren, sondern obendrein eine gewisse Notiz über die Heimholung der feindlichen Haustochter mitbekommen und beschlossen mit raschem Geist, diese Sachlage zu einem förderlichen Gegenschlage auszunutzen.

Die Hauptlinie des Hauses Pierakos bestand damals auch nur noch aus zwei Personen, welche jedoch beide den in solchen Zeitläuften doppelt schätzbaren Vorzug genossen, dem waffenfähigen Geschlecht anzugehören. Es waren zwei Brüder, welche in so verschiedenen Lebensaltern standen, daß der ältere, Dimitrios, allenfalls auch der Vater des jungen Gennäos hätte sein können. Auch fühlte er sich als solcher und leitete daraus das Recht her, den Bruder etwas von oben herab als ein kraftvoller Pädagoge zu behandeln, so sehr er auch im Herzen ihm als der eigentlichen Zukunftssäule der Familie zugethan war. Denn er selbst hatte einmal bei irgend einem besonders blutigen Handel eine namhafte Anzahl Kugeln in beide Beine bekommen, und davon war auch nach der Heilung der Wunden eine peinliche Lähmung und Unbehilflichkeit zurückgeblieben, die dadurch nicht vermindert wurde, daß ihn in der langen Weile gezwungenen Rastens eine nicht gewöhnliche Liebe zu dem feurigen heimischen Weine ergriffen hatte. Er mußte daher bei beschwerlichen Unternehmungen auf thätiges Mitwirken verzichten und vermochte sich nur durch männlichen Rath als das wahre Haupt und die Seele des Hauses darzustellen. So fiel auch diesmal dem jugendlich raschen Gennäos die Ausführung des klugen Anschlages zu.

Derselbe rüstete also in aller Eile seine Banditen, zog an ihrer Spitze in das blühende Land hinaus und ließ sie endlich hinter die friedlichen Oelbäume am Wege gelagert in behaglichem Versteck der willkommenen Reisenden harren.

Photinissa hatte beweglichen Abschied genommen von den Pflegerinnen und den Genossinnen ihrer Kindheit; als sie mit ihren rauhen Begleitern aus dem Klosterhofe ritt und noch einmal thränenden Auges zurückschaute, da standen die guten Nonnen in langer Reihe mit traurigen Gesichtern, hoben alle zugleich die Arme empor mit feierlicher Gebärde des Segnens und stimmten einen Gesang voll flehender Klage an: Kyrie eleison! Kyrie eleison!

Lange noch tönten diese bangen Klänge in Photinissas Ohren nach; doch nachdem sie die Stadt verlassen hatte und draußen durch die blühenden Gärten und die gesegneten Olivenhaine ritt, da vermochte sie den Kummer nicht länger festzuhalten, sondern freute sich von Herzen ihrer jungen Freiheit und des goldenen Lichtes über den Bergen. Lange weidete sie so in Freuden die jungen Augen an der strahlenden Schönheit ihres Vaterlandes, dann fing sie an ihrer engeren Heimat zu gedenken und den Alexios Chrysikopulos, welcher neben ihr ritt, mit mannigfachen Fragen nach den Dingen und Zuständen ihres ländlichen Wohnsitzes zu beschäftigen. Unter der geistlichen Führung des Klosters hatte sie wenig genug davon vernommen, denn Schwester Eustathia hielt es der reinen Entwickelung eines jungfräulichen Gemüthes nicht für förderlich, dasselbe mit der Erzählung von lauter bitterbösen Mordthaten zu sättigen; und so erfuhr Photinissa hier zum erstenmal etwas Sicheres von der blutigen Geschichte ihrer Ahnen. Obwohl nun der verständige Priester sich mühte, jene wüsten Händel noch in einem möglichst milden Lichte schimmern zu lassen, so erfüllten sie doch schon in dieser gedämpften Schilderung ihre unberührte Seele mit Schaudern und Entsetzen.

In schweigendes Sinnen tief verloren, ritt sie wohl eine Stunde lang weiter; voll Mitleid beobachtete der Greis den schmerzlichen Seelenkampf, der sich unverhüllt in ihren reinen Zügen malte; er wagte nicht, sie aus dem dumpfen Brüten aufzustören.

Da auf einmal hob sie das Haupt begeistert empor, sah dem Priester mit klarem Blick ins Angesicht und rief mit fester und freudiger Stimme:

»Ich werde Frieden stiften mit diesen Feinden!«

Und bei den Worten brannten ihre Wangen von einem lieblichen Feuer des heiligsten Eifers.

Alexios erstaunte über eine so phantastische Hoffnung, warf trüben Lächelns den Kopf zurück und fragte:

»Frieden? Wer könnte Frieden stiften jetzt, wo der alte Brand der Rache eben von Neuem aufzulodern beginnt? Nicht eher kann Friede werden, als bis dies gottlose Geschlecht der Pierakos vom Erdboden vertilgt ist in allen seinen Gliedern. Wahrlich, nicht ich bin es, der nach ihrem Blute dürstet, aber ich erkenne, daß dieses greuliche Ringen nimmermehr ein Ende gewinnen kann als durch die gleiche und gerechte Vergeltung aller vorgeschehenen Frevelthaten. Wo immer auf Erden eine böse Saat ausgestreut wird, da muß sie in Schrecken aufgehen und zu ihrer Ernte reifen, ehe der Acker wieder gute Früchte tragen kann. Das ist ein ewiges hartes Gesetz über alle menschlichen Dinge. Das Feuer der Rache muß Jene verschlingen, dann wird Frieden sein.«

Diese düstere Rede, die der Priester mit bekümmerter Miene sprach, versetzte Photinissa gleichwohl in ernstlichen Zorn, und indem sie sich auf ihrem Rosse mit heftiger Gebärde gegen ihn vorbeugte, redete sie ihm mit großen, glühenden Augen gerade ins Angesicht:

»Die Rache ist mein, spricht der Herr, ich will vergelten! – Friede sei mit euch! ist der Gruß der Frommen. Ihr aber, Priester, Ihr selbst und leider auch meine leibliche Mutter, das sehe ich nun, ihr beide seid im Treiben dieser grausamen Sündenwelt mit angefressen von dem verderblichen Gift der Rachsucht und des ungerechten Hasses und vergesset die Gebote Gottes, der da spricht: Du sollst nicht tödten! Und aber: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, thut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen . . .«

Und in solcher Weise fuhr die Jungfrau fort, im gewohnten Stil der Klosterpredigten mächtig und beredt gegen den geistlichen Irrlehrer anzukämpfen, daß dieser schwer betroffen auf seinem Maulthier saß, sich den Schweiß von der Stirn wischte und kein Wort mehr zu erwidern wagte. Denn es wollte ihm ernstlich scheinen, als ob der heilige Geist selber aus diesem jungen Munde redete. Mit der Zeit jedoch, wie er sich ein wenig von dem ersten Schrecken erholt hatte, begann er zugleich im verborgensten Winkel seines Herzens eine gewisse kleine boshafte Freude zu empfinden, indem er sich die strenge Mutter selbst in seiner Lage vorstellte.

Ei, Frau Eudoxia, dachte er, wie wird Euch zu Muthe werden, wenn dieses junge Erzengelein auch über Euch herbrausen und mit dem Satan um Eure Seele kämpfen wird! O schlimme Zeit, wo wir Alten von der unreifen Jugend die wahre Weisheit lernen und vor ihr im tiefen Busen unsere Sündhaftigkeit bekennen müssen! Ja, ich meine, hochgeborene Frau, es wird Euch nun weit schwerer fallen, dies herrliche Himmelsfeuer zu dämpfen, als es erst den Nönnchen geworden ist, es anzuschüren. Großer Gott, was hat dies Kind für begnadete, gewaltige Augen! Und wer hat ihr solche Worte in die Seele und auf die Zunge gelegt?

Noch fuhr des frommen Mädchens Rede ungezügelt dahin wie ein feuriges Roß, als sich urplötzlich auf der Straße hinter ihr ein wildes Getümmel erhob, ein Schreien, Stampfen, Klirren und Rasseln, dazwischen knatternde Flintenschüsse und schnelle Hilferufe. Erbleichend ließ der Greis die Zügel fahren und ächzte in dumpfer Verzweiflung:

»Das sind die Pierakos!«

Photinissa aber erschrak nicht.

»Wie?« rief sie, »was sagt Ihr? Die Bösewichter sollten es wagen, auf offener Straße guten Menschen ein Leid zu thun? Ei, laßt doch gleich sehen, ihr argen Kinder der Welt, ob wirklich eure armen Seelen so ganz verhärtet sind, daß sie den Worten des Heils zu widerstehen vermöchten!«

Und ohne sich weiter um den ganz verdutzten Priester zu kümmern, drehte sie hurtig ihr Roß herum und sprengte furchtlos mitten unter die streitenden Männer. Ohne Mühe erkannte sie, welcher der Führer der Straßenräuber sein mußte, wandte das Auge scharf gegen ihn und rief mit klingender Stimme:

»Halt ein, Pierakos!«

Da meinte Gennäos und mit ihm seine Pallikaren, sie wolle sich freiwillig in Gefangenschaft geben und ein Blutvergießen hindern. Darum rief auch er ein lautes Halt in das Gedränge, sprang selbst vom Rosse und trat mit leidlicher Höflichkeit auf das Fräulein zu. Auf der Stelle jedoch mußte er merken, daß es ganz und gar nicht so sanftmüthig gemeint war, vielmehr begann die junge Heldin ihm ohne Zeitverlust eine Bußpredigt zu halten, die dreimal hitziger ausfiel als die harmlose Vorübung mit dem Geistlichen und gleich einem Strom geschmolzenen Erzes auf die Hörer niederfloß. Mit unzähligen eingestreuten Schriftworten bewies sie die Verwerflichkeit jedes Blutvergießens und Unfriedens vom Standpunkt wahrer Rechtgläubigkeit, forderte sie mit herber Mahnung auf, für heute und allezeit auf so gottlosem Wege umzukehren, und schloß zuletzt mit dem freundlicheren Spruche: »Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Boten, die den Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen.«

Während dieser ganzen Zeit ihres Redens, die nicht klein war, blieben Freunde und Feinde stumm und regungslos wie versteinerte Bilder, und die Räuber blickten manchmal mit verlegener Neugier auf ihren Rädelsführer, wie der wohl dieses unerwartete Abenteuer aufnehmen würde. Doch auch Gennäos verharrte in tiefem Schweigen und staunte wie verzaubert zu der wundersamen Erscheinung empor. Nie hatte jemand eine gleiche Beredsamkeit bei einem Manne, geschweige denn bei einem so jugendlichen Fräulein gefunden. Gennäos freilich vernahm von ihren prächtig herrauschenden Worten so gut wie nichts, seine ganze Seele war völlig versunken in den einzigen Anblick dieser reizenden Gestalt voll Kraft und Zartheit, dieser anmuthig feurigen Bewegungen, dieses strahlenden Angesichts und vor allem Anderen dieser tiefglühenden schwarzen Augen, in denen etwas lag, davor sich ein Bösewicht fürchten mochte, und das gute Menschen, wenn sie die Kraft hatten, den Blick zu ertragen, zu starkem Vertrauen begeisterte.

Der wilde Pierakos wußte nicht, wie ihm geschah, sein ganzes Inneres ward aufgewühlt von nie geahnten, heiß stürmenden, dunklen und doch wunderbar süßen Gefühlen, und er hätte eher eine Predigt des Patriarchen von Konstantinopel zu unterbrechen gewagt als die des wehrlosen Mägdleins.

Endlich, als Photinissa die tiefe und allgemeine Wirkung ihrer Rede sah, meinte sie für diesmal genug gethan zu haben, winkte den Angreifern eine gnädige Entlassung zu und lenkte ruhig ihr Roß herum, ihres Weges in Frieden weiter zu ziehen.

Jetzt endlich erwachte Gennäos aus seiner Betäubung, stand aber doch noch eine ziemlich lange Zeit in zauderndem Besinnen. Zuletzt raffte er sich kurz entschlossen empor, lief hinter der Enteilenden her und sprach zu ihr mit bescheidener Miene:

»Wisset, Photinissa Nerulos, daß Eure Rede und Eure Tapferkeit und Schönheit an mein Herz geschlagen und Euch die Freiheit erwirkt haben, ob ich gleich ein gutes Recht hätte, Euch zu fangen. Auch möchte ich Euch gern einen guten Willen zu ehrlichem Frieden zeigen, nur ist es freilich nicht so leicht, aus einem kühnen Klephtenführer ein friedliebendes Schäfchen zu werden. Wollt Ihr also dergleichen völlig bewirken, so wäre es gut, Ihr bewährtet öfter an mir die herrliche Kraft Eurer Rede. Und mehr noch: ich habe einen Bruder, der ist älter und dreimal schlimmer als ich; es ist mir auch nicht verborgen, daß er heute mit einem höllenmäßigen Donnerwetter auf mich einfahren wird, daß ich mir einen so trefflichen Fang hier habe entwischen lassen; wolltet Ihr den nun auch zu etlicher Demuth bekehren, Ihr würdet ein wahrhaft verdienstliches Werk thun, denn er gebärdet sich bis jetzt als ein breitspuriger Tyrann im Hause. Leider verbieten es mir die verjährten Häkeleien unserer Ahnen, obgleich dies mir selber unbekannte Dinge sind, Euch zu Angelokastron heimzusuchen, denn das hieße zu meinem eigenen Begräbniß gehen; darum bitte ich Euch herzlich, kommet Ihr vielmehr zu uns in unser Haus bei Gasturi und sagt uns mehr von Euren Sprüchen, und ich schwöre Euch beim heiligen Georg, beim heiligen Spyridon und bei der Allerheiligen selber, Ihr sollt in allen Stücken so ungefährdet zu unserem Thore wieder herausziehen, wie Ihr werdet hineingekommen sein. Und wer Euch auch nur mit einem Wort und einer Gebärde kränken oder Euren jungfräulichen Sinn verletzen wollte, der soll den Gennäos Pierakos seinen grimmigsten Feind nennen, wäre es selbst mein eigener gichtbrüchiger Bruder. Glaubet mir, es gelüstet mich, mit Euch in guten Frieden zu kommen.«

Während der trotzige Bandenführer so sanftmüthige Worte sprach, fiel der alte Alexios aus einem Erstaunen in das andere und meinte zuletzt, das sei eitel Spott und lose Rede; Photinissa aber verwunderte sich nicht im mindesten über den glänzenden Erfolg ihrer Redekunst, sondern nickte ruhig und etwas herablassend und antwortete:

»Ja, ja, ich werde kommen, Pierakos, denn es scheint mir kein geringes Werk, Euch und Euren verruchten Bruder der Friedlosigkeit und dem Teufel gründlich zu entreißen. Rüstet Euch indessen im Stillen zu ernster Buße, denn so recht leicht, befürchte ich, wird der Böse nicht von Euch weichen, obschon ich sehe, daß Euer Herz noch nicht so von Grund aus verderbt ist, wie Eure Thaten glauben machen; Eure Rede und auch Euer Antlitz ist nicht ganz das eines Verworfenen.«

Auf diese Schmeichelei erröthete Gennäos wie ein zarter Knabe und rief begeistert:

»Fürwahr, der müßte ein Dämon oder ein Heiliger sein, der Euren Worten und Blicken zu widerstehen vermöchte!«

»Ja,« sagte Photinissa arglos mit den Worten des Propheten Jesaias, »der Herr hat mir eine gelehrte Zunge gegeben, daß ich wisse, mit dem Müden zur rechten Zeit zu reden.«

Hierauf neigte sich Gennäos ehrerbietig und verschwand mit seinen Spießgesellen unter den Oelbäumen.

Der Priester aber schüttelte bei ihrem letzten Spruche bedenklich das Haupt und blickte sie unterweilen etwas scheu von der Seite an; es war ordentlich ein stilles Grauen über ihn gekommen. Photinissa ritt beruhigt ihres Weges weiter, ohne sich auch nur im eigenen Herzen des großen Erfolges zu rühmen; denn sie hatte keinen Augenblick an demselben gezweifelt. Und sie freute sich wie zuvor der lieblichen Thäler und Hügel und des fröhlichen Sonnenscheins.

Allmählich hob sich der Pfad höher und ward steiniger und beschwerlicher, die Aussicht dehnte sich immer weiter über das hügelige Land und den blauen Golf. Gegen Sonnenuntergang nahten sie dem Gipfel des Felsens, welcher Angelokastron trägt.

Unter der großen Cypresse kniete Frau Eudoxia am Grabmal ihres Sohnes und betete; sie ließ sich nicht unterbrechen durch die Ankunft der Reiter; ehrerbietig harrten diese, bis sie ihre Andacht geendigt. Endlich erhob sie sich, grüßte ihre Tochter mit einem ernst-freundlichen Blick, hob sie vom Pferde, gab ihr die Pistole in die Hand und hieß sie den Schuß über die Steine hinwegfeuern nach der untergehenden Sonne zu.

Photinissa stutzte über die seltsame Begrüßung; doch sie sah ihrer Mutter strenges Antlitz und gehorchte. Im selben Augenblick, als der Schuß krachte, fiel ihr Auge auf den blutigen Lappen in der Hand des marmornen Engels und die Flinte an seiner Schulter, und sie verstand mit Schaudern die furchtbare Bedeutung dieser mahnenden Zeichen und ihres Schusses. Und als das Echo hier und dort von den Felszacken kam und grell das dumpfe Brausen der Brandung in der Tiefe übertönte, da meinte sie den häßlichen Racheschrei unreiner Geister zu vernehmen.

Hastig warf sie die Pistole von sich und rief mit beklommener Stimme:

»Mutter, es muß Friede werden zwischen uns und unseren Feinden!«

Eudoxia lächelte.

»Friede? Jawohl, der Friede des Grabes soll ihnen nicht entgehen.«

Photinissa sah die gelassene Ruhe in den Zügen ihrer Mutter und erschrak; aber sogleich erwachte ihr heiliger Eifer, und sie fing an, mit immer wachsender Freudigkeit ihren frommen Vorsatz des Friedensstiftens zu offenbaren und weitläufig aus der Heiligen Schrift zu begründen.

Eudoxias Antlitz verdüsterte sich immer mehr, und da sie aus einigen Andeutungen ihrer Tochter merkte, daß derselben unterwegs etwas Absonderliches mit den Pierakos widerfahren sein müsse, berief sie zornig den Chrysikopulos an ihre Seite und ließ sich von ihm den abenteuerlichen Zwischenfall in geordnetem Vortrage berichten. Anfangs erblaßte sie ein wenig und athmete schwer bei der schrecklichen Gefahr, die ihrem Kinde gedroht; als sie aber die unbegreifliche Rettung aus der Noth erfuhr, da ging ihr rathloses Staunen hastig in den bittersten Groll über, und sie schwur, es könne unmöglich etwas anderes als eine heimtückische Arglist des verhaßten Gegners dahinterstecken, und sie dürfe nun um so weniger ruhen, ehe sie nicht die Leichen beider Brüder zu ihren Füßen sehe oder doch die gewisseste Nachricht von dem Tode derselben erhalten habe.

Ein so grimmig unversöhnlicher Ausspruch der Mutter im Gegensatz zu der freundlichen Willfährigkeit des Feindes entsetzte und verwirrte Photinissa zuerst so sehr, daß sie sich schweigend durch das große Thor über den verfallenen Burghof ins Haus und in ihre Kammer führen ließ. In der kurzen Einsamkeit jedoch, die ihr hier vergönnt ward, sammelte sie schnell wieder ihre Besinnung und ihre Kraft: sie erkannte mit kindlichem Grauen die ganze verstockte Sündhaftigkeit ihrer leiblichen Mutter und fühlte tiefer und heißer ihren eigenen heiligen Beruf, den blutigen Absichten derselben mit aller Macht ihrer erprobten Beredsamkeit entgegenzuwirken.

Sobald Frau Eudoxia sie daher wieder zu sich rufen ließ und nun Mutter und Tochter allein sich Auge in Auge gegenüberstanden, hub Photinissa in begeisterter Kampfesgluth eine herbe und langwierige Bußpredigt an und merkte durchaus nicht, wie bei ihrer unwilligen Hörerin das anfängliche Staunen über die unerhörte Keckheit langsam in eine höhnische Gelassenheit überging, die sich zuweilen in einem hastigen Auflachen Luft machte. Im Fortgang ihrer hitzigen Rede ward jedoch zu aller übrigen Tollheit offenbar, daß die junge Heilsbotin die bestimmte und ausgesprochene Absicht hegte, das eigene Schloß der Feinde heimzusuchen und daselbst muthwillig einen Frieden zu bewirken, den die Mutter selbst vielmehr im Interesse ihrer nothwendigen Rache um jeden Preis zu verhindern gewillt war. Bei dieser Entdeckung verlor die starke Frau doch endlich die so lange bewahrte Ruhe, und ihre Entrüstung brach nun mit einer solchen Heftigkeit aus, daß selbst der fromme Eifer des tapferen Kindes davor in Schrecken verstummte.

»Halt ein, Wahnwitzige,« rief Eudoxia, »dein eigenes Haus, deine leibliche Mutter zu beschimpfen und den verruchtesten Feinden zu verraten! halt ein und schwöre hier auf der Stelle, von so unsinnigem Vorsatz abzustehen; gedenke deines schnöde ermordeten Bruders, deines unseligen Vaters; schwöre oder . . .«

»Mein Bruder und mein Vater ruhen in Frieden; ich bin berufen, die Feinde zu versöhnen und zu bekehren, daß sie hinfort auf Gottes Wegen wandeln; du selbst aber –«

»Du bist berufen, deiner Mutter zu gehorchen, die dir zur Herrin gesetzt ist, das heißt für dich auf Gottes Wegen wandeln!«

»Ich muß Gott mehr gehorchen als den Menschen, wenn sie Böses ersinnen und trachten nach dem, was dem Herrn ein Greuel ist.«

»Du schwörst, Unglückliche, oder –«

»Ich kann es nicht, Mutter, nimmermehr. Gott allein leitet meinen Weg, und ich muß wandeln, wo er befiehlt –«

Jetzt verließ Frau Eudoxia der letzte Rest von Fassung und verächtlicher Geduld, und mit hart entschlossener Stimme rief sie:

»O du Narrenbrut und unverbesserlicher Trotzkopf, so muß man dir denn zeigen, wie wir mit ungehorsamen Kindern und Knechten zu verfahren gewohnt sind! Ei, so komm jetzt, daß ich dir für diese Nacht deine Lagerstatt anweise!«

Und mit scharfem Griff faßte sie das nicht widerstrebende Mädchen um das Handgelenk und zog es mit sich aus dem Gemach ins Freie.

Auf dem alten Burghofe befand sich ein noch ziemlich erhaltener Thurm hart am Abhang, wo der Felsen schroff mit zerrissenen Wänden zum tiefen Meere niederstürzt; dieser Thurm war unbewohnt und ward nur benutzt als Verließ für Gefangene und zuchtlose Unterthanen. Dort hinein mußte Photinissa gehen und ward im allerobersten Stockwerk in einem wüsten Kämmerlein untergebracht, worauf die Mutter mit eigener Hand die schwere Thür zuschmetterte und verschloß.

»Hier sollst du bleiben,« rief sie im Abgehen, »bis du deines Frevelmuthes selbst einsichtig wirst und mir in die Hand versprichst, von solchem erbärmlichen Unterfangen abzustehen!«

Also saß Photinissa schon am Abend der glücklichen Heimkehr als rechte Gefangene im Thurm der eigenen väterlichen Burg. Sie ließ sich jedoch durch solches Mißgeschick weder entmuthigen noch verstimmen, empfand auch keinerlei Reue, sondern beharrte fest im frohen Glauben, daß sie als rechte Christin gehandelt habe, und getröstete sich tapfer der Hoffnung auf irgend eine Hilfe des Himmels, sei es, daß ihrer Mutter versteintes Herz durch ein innerliches Wunder möchte gewendet werden, sei es, daß ein Engel in Person käme, sie zu befreien.

In solchen Gedanken schlief sie sorglos die ganze Nacht mit rothen Backen wie ein gesundes Kind und blickte am Morgen hoffnungsvoll aus ihrem Fenster ins Freie hinaus. Dies Fenster war weder vergittert noch so klein gebaut, wie es sonst aus guten Gründen bei Kerkern zu geschehen pflegt, weil das Gemach einst anderen Zwecken gedient hatte und jetzt die Höhe des Thurmes jede derartige Vorsicht überflüssig erscheinen ließ. An die Thurmwand lehnte sich wenig unterhalb des obersten Fensters nur eine sehr hohe und schmale Mauer, welche sich unmittelbar am Abgrund entlang zog und, der natürlichen Neigung des Felsens folgend, sich langsam senkte, bis sie auf dem halb eingestürzten Dache eines trümmerhaften Bautheils endete. Der obere Rand dieser Mauer war für Menschen nicht gangbar, sondern so scharf zugeschrägt, daß nur allenfalls eine sehr übermüthige Katze mit Vorsicht darauf entlang schleichen konnte.

Doch als Photinissa diese Mauer erblickte, da ging ein ruhiges Leuchten über ihre Züge und freudig sprach sie zu sich selber:

»Der Engel des Herrn lagert sich um die her, so ihn fürchten, und hilft ihnen aus.«

Darauf trat sie nach kurzer, fester Umschau durch das Fenster auf die Mauerkante und schritt auf derselben entlang ohne Hast und ohne Vorsicht, als wäre es eine breite, sichere Fläche; sie blickte weder rechts noch links, sondern gerade voraus auf ihre Bahn, und kein Schwindel ergriff sie vor der schauerlichen Tiefe unter ihr, denn ihr gewaltiger Glaube machte sie fest gegen die Schwäche des Hirns und der Augen. Und unter dem Wandeln sang sie mit klarer Stimme einen Morgenpsalm, wie sie gewohnt war:

»Gott rüstet mich mit Kraft und macht meine Wege ohne Wandel.

Er macht meine Füße gleich den Hirschen und stellet mich auf meine Höhe.

Er lehret meine Hand streiten und lehret meinen Arm einen ehernen Bogen spannen.

Und giebst mir den Schild deines Heils, und deine Rechte stärket mich, und wenn du mich demüthigest, machst du mich groß.

Du machst Raum unter mir zu gehen, daß meine Knöchel nicht gleiten.

Ich will meinen Feinden nachjagen und nicht umkehren, bis ich sie umgebracht habe . . .«

Indem sie diese letzten Worte hersang, merkte sie plötzlich, wie sonderbar dieselben ihren wahren Absichten widersprachen, und weil sie dennoch von eben dem heiligen Sänger stammten, der alles Andere so recht eigens für ihren Fall gedichtet zu haben schien, so gab ihr das für einen Augenblick ein inneres Stutzen und Schwanken; und eben dieser kurze Gedanke des Zweifels brachte alsbald auch ihre Augen in eine leise Verwirrung, daß sie hastig zu dem fürchterlichen Abgrund niederglitten.

Da war es ihr einzig Heil, daß sie nur noch zwei oder drei Schritte von dem breiteren Trümmerwerk entfernt war; so konnte sie einen raschen Sprung hinüberthun und sich retten.

Wie sie nun dort oben stand und die Augen mit der Hand bedeckte, um sich von dem jähen Schwindel zu erholen, vernahm sie von unten, vom Burghofe her einen vielstimmigen Aufschrei des Entsetzens zugleich und der Erlösung. Denn nicht wenige der Hausgenossen hatten ihren schauervollen Gang mit angesehen, aber keiner hatte zuvor einen Laut von sich gegeben, sie standen allzumal wie erstarrt und als wären ihre Kehlen umschnürt, und die härtesten Seelen mordgewohnter Pallikaren waren von Grauen erschüttert bis in ihre Tiefen. Erst als die Jungfrau das rettende Dach erreicht hatte, schrieen sie auf und athmeten tief, als ginge ein furchtbarer Schmerz von ihnen, viele sanken in die Kniee und beteten laut, andere standen noch lange, als wären sie versteinert.

Auch Frau Eudoxia selber mußte von ihrem Fenster aus der wahnsinnigen Wanderung zusehen, und als sie ihre Tochter hoch über dem Abgrund schweben und dann nur kaum dem tödtlichen Sturze entrinnen sah, da unterlag sie zum erstenmal in ihrem Leben einer weiblichen Schwäche und verfiel in eine kurze Ohnmacht, danach in einen langen und heftigen Weinkrampf. Sie rief aber niemand zu ihrer Hilfe und ließ sich nichts merken, bis der Zufall überstanden war; nur zu sich selber sprach sie bitter: »Wie soll ich diese Rasende halten? Sie hat einen mächtigeren Geist als ich.«

Photinissa stieg nun ruhig hinab über das Getrümmer, das einen rauhen, doch sicheren Weg gab bis in den ebenen Burgraum. Und als sie leicht und heiter zwischen den Klephten hindurchschritt, da war nicht einer unter ihnen, der ihrem Willen nicht wider alle anderen Befehle selbst der gefürchteten Hausherrin gehorcht hätte. So trat sie, ohne um sich zu sehen, vor den Schließer des Thurmes und sprach zu ihm:

»Gieb mir den Schlüssel, welcher die Thür zu dem Kerker des Gefangenen aus dem Hause Pierakos öffnet!«

Und der Mann sah ihr starr ins Angesicht, dann that er, ohne ein Wort zu entgegnen, nach ihrem Gebot, ging voran und erschloß ihr das Gefängniß.

»Folget mir, Pierakos,« rief sie, »Ihr seid frei; und Ihr sollt mich zu dem Hause Eurer Vettern Dimitrios und Gennäos führen, daß ich ihre harten Herzen zur Buße und zum Frieden erweiche! Ich bin Photinissa Nerulos!«

Der Gefangene meinte einen Engel des Lichtes zu sehen, der zu seiner Befreiung gesandt sei, fiel ihr zu Füßen, und Thränen schimmerten in seinen müden Augen.

»Ach, Photinissa Nerulos,« antwortete er nach einer Pause mit trauriger Stimme, »von Buße dürft Ihr wohl reden, doch von Frieden nimmermehr, denn die Buße werden wir mit unserem Blute zahlen. Allem, was den Namen Pierakos trägt, ist bestimmt zu sterben, und ist kein Entrinnen möglich. Auge um Auge, Zahn um Zahn, Blut um Blut. Auch ist mir's um mich selbst nicht so leid und auch nicht so um den Dimitrios, denn er ist lahm, und ich war nie zu rechten Dingen zu gebrauchen; dem Gennäos aber gönnte ich gern Glück und langes Leben, er ist schön, edel und stark, und gern auch würde ich mein Blut für ihn geben, wenn er zu retten wäre; doch das Schicksal liegt über ihm wie über uns allen. Die Sünden der Väter werden heimgesucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.«

»Ich aber komme, euch Frieden zu bringen und Versöhnung. Folget mir!« sprach Photinissa kurz mit ruhiger Ueberzeugung.

Da blickte er staunend auf, und nachdem er eine kurze Weile in ihr Antlitz gesehen, setzte er leiser hinzu:

»Und lieber noch würde ich für Euch mein Blut dahingeben, könnte ich damit den altererbten Fluch von Eurem schönen Haupte nehmen.«

Photinissa winkte ihm stumm, und er folgte ihr gehorsam wie ein Knecht seiner Herrin. Er war ein unansehnlicher Mann, schwach von Gliedern und nicht gewohnt, für etwas Großes zu gelten. Sie ließ darauf von den Knechten Rosse satteln für sich und ihn und zwei Mägde, die sie rasch auswählte und die sich zitternd ihrem Befehle fügten. Mit diesen dreien ritt sie ungehindert und ohne Abschied zum Burgthor hinaus; bei dem Grabe ihres Bruders schauderte sie leise und bekreuzte sich. Ihr Begleiter aber sagte:

»Es ist schön, unter dieser Cypresse zu ruhen.«

Dann zogen sie vorüber.

Einige Winzer, die am Fuß des Felsens arbeiteten, hoben verwundert ihre Augen auf, erkannten die Herrin und fragten treuherzig nach ehrfurchtsvollem Gruß:

»Wohin reitest Du, Herrin?«

»Nach Gasturi zu den Pierakos,« erwiderte sie freundlich.

»Kyrie eleison!« riefen die Leute und starrten ihr nach mit erschrockenen Blicken.

***

Lange nach Sonnenuntergang kehrte Photinissa von ihrer Bekehrungsfahrt zurück. Glühend von stolzer Siegesfreudigkeit trat sie vor ihre Mutter und rief der Grollenden treuherzig entgegen:

»Mutter, vernimm, die Feinde habe ich besiegt mit der Kraft des göttlichen Wortes, sie beugen sich in Demuth und bieten Dir willig die Hand zur Versöhnung, und bieten eine Buße obenein, die Du selbst bestimmen mögest. Geh nun auch Du ihnen milde entgegen und versündige Dich nicht an dem heiligen Willen Gottes, der den Trotz jener Wilden so wunderbar in christliche Reue gewendet hat. Gieb auch Du ihnen und mir die Hand zum Frieden!«

Frau Eudoxia hörte mit eisiger Ruhe die Rede ihrer Tochter an und entgegnete fest:

»Leicht ist's Versöhnung zu bieten für den, der nichts mehr zu gewinnen und alles zu verlieren hat. Die Buße aber, die ich jenen bestimme, ist nur eine und bleibt ewig dieselbe – ihr Blut. Wenn das geflossen ist und mein Sohn in der Grabstätte seiner Väter ruht, dann soll Friede sein.«

So stellten sich Mutter und Tochter von Neuem unbeugsam wider einander und fanden auch in langen Reden und Gegenreden keinen Boden, auf dem ihre Gedanken sich freundlicher begegnen konnten, bis sie sich zuletzt kalt mit zugeschlossenen Herzen trennten, jede ihren eigenen Willen bewahrend. Zwar erhielt Photinissa fortan ein geziemendes Gemach im Hause und ward in ihrem Thun durch keine Schranken behindert, aber Eudoxia beschloß in dieser Nacht, den Racheplan nun mit verdoppelter Eile zur Ausführung zu bringen.

Zur selben Stunde loderte auch in dem bußfertigen Hause Pierakos plötzlich eine ungewohnte Flamme der Zwietracht empor. Nach der Entfernung des schönen Gastes blieben die drei lange Zeit in tiefem Schweigen bei einander, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt; der Vetter saß mit trüben, Gennäos mit leuchtenden Blicken, und Dimitrios trank hastiger als sonst seinen dunkelfarbigen Wein.

Endlich unterbrach der letztere die Stille mit den kurzen Worten:

»Das Mädchen hat recht, diese Fehde muß ein Ende nehmen. Ich weiß ein Mittel, auch die trotzige Frau Eudoxia zu versöhnen: ich biete ihr zur Buße den ganzen Reichthum unseres Hauses, der ihre Armuth neu vergolden kann; ihre Tochter Photinissa soll alles, was unser ist, mitbesitzen als mein Weib.«

Der melancholische Vetter ward blaß bei dieser Rede, blickte scheu empor und verließ dann leise das Gemach.

Gennäos aber fuhr aus schwärmenden Träumen erschrocken empor, ein beglückender Wunsch, der seine Seele in schwankender Ferne umgaukelt, trat plötzlich durch die Worte seines Bruders zu klarem Gedanken gestaltet vor ihn hin, und er stammelte mit verwirrter Heftigkeit:

»Dein Weib? . . . Sie . . .?«

Dimitrios verstand den Sinn der zweifelnden Frage, und vom Trunk erhitzt, ward er zornig und rief mit lautem Hohn:

»Ei, mein Söhnchen, mir scheint gar, Du möchtest selbst diese Perle gewinnen, Du unreifes Gewächs, Du lallender Knabe – mir aber scheint es nöthiger, für Dich eine Amme zu suchen als eine Ehefrau; einem neugeborenen Kinde magst Du Dich anverloben, und wenn das herangewachsen ist, wirst auch Du vielleicht die erforderliche Männlichkeit erworben haben! Jetzt aber vergiß nicht, daß ich das Haupt des Hauses Pierakos und Dein Herr bin. Photinissa Nerulos wird mein Weib und Deine Herrin werden!«

»Photinissa Dein Weib! . . . Du Krüppel!« rief Gennäos in fassungsloser Leidenschaft und schüttelte die Faust gegen seinen Bruder. Dann stürzte auch er hinaus, warf sich auf sein Roß und suchte in wildem Ritte sein kochendes Blut zu beruhigen. Stundenlang jagte er durch die Finsterniß, und als er endlich heimkehrte, hatte sich sein sehnender Traum zu heißer Begierde und die Begierde zu festem Entschluß verdichtet.

Am nächsten Morgen in aller Frühe berief Dimitrios den gehorsamen Vetter zu sich, rüstete ihn in geheimer Unterredung mit gewichtigen Aufträgen an die alte Todfeindin Eudoxia Nerulos aus und entsandte ihn in großer Eile. Als er aber einige Stunden später seinem Bruder mit spöttischer Ruhe von dieser Sendung Kunde gab, schritt Gennäos schweigend hinaus, sattelte sein Roß und verließ trotzig das Haus seiner Väter, ohne dem Bruder lebewohl zu sagen.

***

In den Burghof von Angelokastron ritt ein Mann, den niemand leicht mit seinem Willen hier wieder zu erblicken gedacht hatte, da er doch erst vor einem Tage durch ein halbes Wunder aus höchst übler Lage erlöst worden war. Er kam jedoch diesmal als ein beglaubigter Friedensbote, ja noch mehr, als ein offener Freiwerber für seinen Verwandten und Herrn Dimitrios Pierakos.

Als er aber mit solcher Botschaft und Bitte vor Frau Eudoxia trat, machte diese gar sonderbare Augen und warf seitwärts auf ihre Tochter einen bitterhöhnischen Blick, als wollte sie sagen: »Also darum trieb Dich so gewaltiger Friedenseifer, daß Du Dir mit unschicklicher Eile einen Ehegemahl erjagest und noch dazu einen gichtbrüchigen Krüppel, wie man sagt?« Sie war jedoch bei all ihrer herben Gemüthsart eine kluge und feinblickende Frau und erkannte auf der Stelle genau, daß Photinissa von der raschen Werbung weder etwas wußte noch wissen wollte. Denn dieselbe stand da mit ganz erschrockenen Augen und machte eine unwillkürliche, aber so heftige Bewegung ängstlicher Abwehr, daß leicht zu merken war, von dieser lahmen Seite drohe ihr keine Gefahr einer Herzensverirrung. Vielmehr ward es Frau Eudoxia klar, daß sie ihrem Kinde selbst eine zwar unverdiente Wohlthat erweisen werde, wenn sie den Antrag kurzer Hand ablehnte. Und um für diese Ablehnung eine recht kräftig wirksame Form zu gebrauchen, ließ sie den Boten sogleich verhaften als einen Menschen, der heimtückisch ihrem Gewahrsam entflohen und außerdem ohne alle Frage als Spion zu betrachten sei.

Da aber erhob sich Photinissa mit feurigem Eifer für den schuldlosen Mann, den sie zudem mit Fug als ihren besonderen Schützling betrachten durfte, und hielt eine heftige Rede wider einen so schmählichen Bruch alles christlichen Rechtes und wider die verstockte Gesinnung, die einen friedebittenden Gegner mit rohem Hohn zum äußersten treiben wollte.

Durch diese Rede erreichte sie so viel, daß Frau Eudoxia einsah, es sei höchst nothwendig, ihre mütterliche Obgewalt einmal ganz sichtbarlich vor sich selbst, vor dem trotzigen Kinde und vor allen ihren Leuten zu markieren. Aus diesem Grunde ließ sie den Gefangenen gar nicht erst wieder in den Kerker führen, sondern geradeswegs hinaus vor das Burgthor, woselbst er an der großen Cypresse über dem Grabmal des Rhisos Nerulos mit einem Stricke aufgeknüpft wurde.

Er hatte den letzten Trost, mit seinen wehmüthigen Augen zu sehen, wie das schöne Mädchen für ihn einen Fußfall vor ihrer Mutter that; sein Leben aber ward dadurch nicht gerettet.

Wenige Stunden danach ritt Gennäos den Felsenweg von Angelokastron hinauf, das Herz geschwellt von sehnender Leidenschaft. Auf einmal scheute sein Pferd und ließ beiseite schaudernd den Reiter aus seinem Sinnen auffahren; und wie zu einem bösen Traume starrte er zu dem armen Gehenkten empor, der jämmerlich von der schönen Cypresse herabhing.

Seine Augen füllten sich mit Thränen, er schnitt den Leichnam mit seinem Degen ab, legte ihn zur Erde und sann darüber nach, wie er ihm zu einem ehrlichen Begräbniß verhelfen möchte. Er ahnte wohl den Zusammenhang dieses Schrecknisses, das bleiche Antlitz des Todten schien ihm eine Warnung herzuwinken, und er sprach zu sich selber: »Das ist auch dein Schicksal, wenn du drinnen von der Burgfrau erkannt würdest, ehe du etwa heimlich ihre Gunst dir erworben und ihr Herz gemildert hast.«

Eine große Furcht überfiel ihn, denn auch für einen tapferen Mann ist die Nähe eines solchen Todes häßlich und lähmend; und seine Sehnsucht kämpfte einen heißen Kampf mit der warnenden Sorge. Sein Auge fiel auf den marmornen Engel mit dem blutigen Fetzen in der Hand; mit dem Schrecken zugleich aber stieg eine tröstende Hoffnung in seine Gedanken. Ich bin unschuldig, dachte er, an dem Blute dieses Menschen, denn ich war noch ein Kind, als er gestorben ist, vielleicht daß darum mir die Versöhnung gelingen mag.

Noch schwankte er unschlüssig, ob er klüglich heimkehren oder sich dem toddrohenden Wagniß unterziehen sollte, da stiegen einige Männer mit einer Bahre von der Burg hernieder und traten mit verwunderten Blicken an den Fremdling heran. Und als sie an der Tracht und Haltung einen Edelmann erkannten, wurden sie höflich und erzählten, daß die junge Herrin sie heimlich gesandt habe, den Leichnam nach Gasturi zum Hause der Pierakos zu tragen und seinen Verwandten zu ehrlicher Bestattung zu übergeben. Diese Kunde von dem freundlichen Sinne des Mädchens befeuerte sein Verlangen so sehr, daß er seinem ersten Entschlusse wieder getreu ward und kühnlich zum Burgthor hinanritt.

Er ließ sich der Burgherrin als ein fremder Edelmann melden, ohne jedoch seinen Namen anzugeben. Frau Eudoxia empfing ihn feierlich in dem großen Gemache, das ihr als Audienzsaal diente, weil es das einzige war, das dem Ruhme der Familie entsprechend noch mit reichem venezianischen Prunkgeräth aus alter Zeit geschmückt war. Sie saß auf feingeschnitztem Thronsessel über einem schweren morgenländischen Teppich, ihre Tochter stand ihr zur Seite, und rückwärts im Kreise einige anständig gekleidete Mägde und bewaffnete Knechte.

Mit scharfer Aufmerksamkeit schaute sie dem Eintretenden entgegen, und darüber entging es ihr zum Glück, wie Photinissa bei seinem Anblick erschrocken zusammenfuhr, hastig den Arm erhob, als wollte sie ihm warnend zurückwinken, und dann erblassend mit tiefgesenkten Wimpern vor sich niederstarrte. Von den Knechten mochte ihn gleichfalls der eine oder andere kennen, aber so groß war der Respekt vor den beiden Herrinnen, daß niemand sein Wissen zu äußern wagte, aus Furcht, den Unwillen einer von beiden zu erregen; denn schon schwirrten unter den Bediensteten mancherlei Gerüchte von dem schweren Konflikt zwischen Mutter und Tochter.

Gennäos verwirrte sich anfangs bei dem Anblick der heißbegehrten Jungfrau, wie ein Taumel überkam ihn eine gewaltige Lust, sich zu ihren Füßen zu stürzen und sich laut sogleich ihr zu eigen zu schwören; doch ein Blick in die herrisch-kalten Züge der schlimmen Frau hielt ihn bei Besinnung; er vergewisserte sich bald, daß sie keinen Verdacht hegte – denn sie hatte den Jüngling nie mit Augen gesehen, ward er doch erst seit Kurzem zu den Vollerwachsenen gerechnet – verneigte sich dann mit festem Anstand und begrüßte die Damen nach aller Gebühr als rechter Edelmann. Frau Eudoxia gab er an, er sei ein Kavalier aus edlem Hause, doch sei ihm aus Gründen daran gelegen, namenlos einige Tage das Gastrecht in Anspruch zu nehmen; in leiserer Rede deutete er an, die Seinigen sännen darauf, ihn zu beweiben, er aber gedenke, soweit es angehe, lieber selbst zu handeln und zu wählen. Er brachte das alles so keck und munter vor, daß niemand ahnen konnte, wie ihm doch dabei eine rechte Angst im Herzen saß.

Aha, dachte Eudoxia, das ist ein während deines einsamen Lebens herangewachsener Sohn entweder der Quirini oder der Barozzi oder der Theotokis oder der Komutos – denn mit diesen Häusern hatte sie stille Verbindungen behufs der Heirath ihrer Tochter angeknüpft –; er ist offenbar klug und unternehmend und von eigenem Willen, und das soll ihm von mir zum Guten angerechnet werden. Es ist möglich, daß wir diesen gern zu unserem Eidam erwählen.

Er war zudem ein schöner junger Mensch, von schlankem Wuchs und frischen, entschlossenen Augen, und jetzt, wo die verschüchternde Gewalt einer echten Liebesneigung seinen ererbten adeligen Trotz zu bescheidenem Anstand herabdrückte, konnten mit gutem Recht auch mütterliche Augen auf ihm mit hoffnungsvollem Behagen ruhen.

In so wohlgefälliger Stimmung erließ sie den Befehl, für den Gast in allen Stücken auf das beste zu sorgen. Ihrer Tochter aber gab sie keinerlei Winke in Hinsicht ihrer stillen Vermuthung; sie hatte in der kurzen Frist gelernt, daß es nicht gut sei, die raschen Geister des Widerspruchs in ihr muthwillig zu reizen. Sie hoffte aber heimlich einen guten Erfolg des stattlichen Kavaliers bei einem so leidenschaftlichen Herzen; und ihre Hoffnung ward dadurch nicht verringert, daß die Jungfrau während dieses ganzen Tages scheu und still umherglitt und schwer über neuen Gedanken zu brüten schien.

***

In früher Morgenstunde des nächsten Tages begab sich Photinissa zu dem Priester Chrysikopulos, der ein kleines Haus in einem Winkel des Burghofes neben einer Kapelle bewohnte; auch war ein winziges Gärtchen dabei, das große Aloepflanzen umhegten; diese standen in jenen Tagen in Blüthe, und die schlanken Blumenstengel ragten in die Luft wie hohe Kerzen, und wilde Rosen hingen in üppiger Wirrniß darüber. Drinnen aber war nur Platz für wenige frische Kräuter und einen einzigen schönen Granatbaum, unter welchem der Greis morgens und abends bei seinen Gebeten zu sitzen liebte. Dort fand ihn das Fräulein auch heute, doch war sein Gebetbuch geschlossen, und er saß in so tiefes Sinnen verloren, daß er nicht merkte, wie die Granatblüten, vom Morgenwind geschüttelt, ihn gleich einem rothen Regen überrieselten.

»Vater Alexios!« rief sie ihn an und rührte seine Schulter leise mit der Hand, »wißt Ihr, wer der Fremde ist, der gestern zu uns kam und den meine Mutter freundlich aufgenommen hat?«

»Ich weiß es,« erwiderte der Priester, »und seit der Morgenröthe gehen meine Sorgen um ihn. Es ist Einer, dem das Schwert über dem Haupte hängt, Einer, dem der Tod gewiß ist, sobald nur ein einziger unserer Knechte ihn gleich mir erkennt und besseren Muth hat als ich, ihn der Herrin zu verrathen. Es ist ein Tollkühner, der Unmögliches wagt – ich denke aber, Photinissa, er wagt es um Euretwillen, und deshalb gebot das Herz mir, über ihn zu schweigen. Ich habe nun vor wenigen Minuten einen Knaben zu ihm gesandt, daß er mich hier aufsuche und sich warnen lasse.«

»Um meinetwillen kommt er, ja,« sagte sie rasch, »er kommt um des Friedens willen, denn meine geistliche Rede hat ihn zum Guten bekehrt. Ich denke, er hofft das Herz meiner Mutter unerkannt für sich zu gewinnen, daß sie ihren wilden Zorn fahren lasse und nachher der Versöhnung geneigter sei. Ich bete zu Gott, daß ihm sein löbliches Unterfangen wohlgelinge.«

»Den Frieden wünscht er, ja,« sprach Alexios mit Bedeutung, »aber schwerlich den Frieden allein; wie sollte ein Pierakos darum sein Leben in unerhörtem Spiele wagen? Solchen Muth verleiht die heiße Leidenschaft allein – Ihr seid es, nach deren Hand und Herz er strebt; und Gott schenke, daß ihm Euer Herz gewogen werde, das wäre die letzte und einzige Hoffnung zu einem Frieden.«

Photinissa erblaßte leicht und trat einen Schritt zurück; eine große Bestürzung malte sich in ihren Zügen, und sie fand kein Wort der Erwiderung.

Auch der Priester erschrak bei so beredtem Schweigen und fragte nach langer Pause:

»So spricht Euer Herz nicht für ihn? So liebt Ihr ihn nicht? Das geht wider meine Hoffnung und ist einem großen Unheil gleich.«

Hastige Thränen stürzten aus ihren Augen, und traurig entgegnete sie:

»Ich meinte es gut mit ihm, aber lieben kann ich ihn nicht wie einen Bräutigam. O nein, der müßte ganz anders sein; den ich so lieben könnte, der müßte so hoch und hehr sein, daß mein Herz mich drängte, nur zu seinen Füßen zu sitzen und seiner Rede zu lauschen, der müßte ein Mann sein, wie der Apostel Paulus gewesen ist!«

»Seltsame Schwärmerin!« rief Alexios fast unwillig aus, »wo wollt Ihr solchen Mann in allen Landen finden? Steiget herab aus Eurem geträumten Paradies und lernet unter Menschenkindern zu leben, die anders sind, als Eure üppige Einbildung sie Euch malt. Gennäos Pierakos ist mit nichten der Schlechtesten oder Geringsten einer, er ist tapfer und ansehnlich und scheint von ehrlichem Herzen – das aber wisset zumal: jenes Wort, mit dem Ihr seine Werbung verschmähen werdet, zerstört mit unerbittlicher Macht Euer schönes Werk der Versöhnung für alle Zeit, zieht Mord und aber Mord nach sich, vernichtet ein edles Geschlecht ohne Gnade vom Erdboden. Ich begann eine leise Hoffnung zu hegen, Eure Mutter könnte mit dem schon gefallenen Sühnopfer sich begnügen und dem Gennäos, der noch ein Kind war beim Tode ihres Sohnes, Frieden gewähren – wenn er selbst ihr Sohn würde und das gesunkene Haus der Nerulos neu erbauen hülfe. Das wäre eine freundlichere Sühne der alten Blutschuld zweier mordbefleckter Geschlechter; Ihr aber werdet das Todesurtheil über diesen Jüngling sprechen und das zarte Gewebe des Friedens, das Ihr selbst zu spinnen schienet, mit eigener trotziger Hand zerreißen. Jawohl, ich sehe, meine Hoffnung war eitel, und meine düstere Ahnung sprach die Wahrheit, es könne kein Friede werden, bis das Geschlecht der Pierakos vom Erdboden vertilgt sei in allen seinen Gliedern. Auge um Auge, Zahn um Zahn, Blut um Blut!«

Der Greis verstummte bekümmert; Photinissas Farbe war nun ganz erblaßt, und ihre Augen starrten mit dumpfem Entsetzen ins Leere.

In diesem Augenblick trat Gennäos in das Gärtchen, und wie er die Jungfrau erblickte, meinte er, daß sie es sei, die ihn besandt habe, und rief mit stürmischer Freude:

»O liebe Herrliche, um Euretwillen bin ich hergeritten, den Frieden zu suchen, helfet Ihr nun vollenden, was ich glücklich begonnen. Seht, Ihr seid es, die mein Herz gefangen und meine Seele berauscht hat, ich kann nichts fühlen mehr noch denken, als wie ich Euch mir zu eigen gewinne. Das ganze Leben ist mir öde und schrecklich geworden ohne Euch, und lieber will ich heute noch den Tod vor Euren Augen erdulden, als ohne Hoffnung wieder von hinnen scheiden. Photinissa Nerulos, erbarme Dich des Mannes, den Du mit tödtlicher Liebe geschlagen hast, den Deine Schönheit siech gemacht bis zum Tode, erbarme Dich und gieb mir den Frieden, daß ich in Deiner Liebe genesen könne!«

Nach diesen hastigen Worten stürzte er zu ihren Füßen nieder und bedeckte ihre Hand mit leidenschaftlichen Küssen.

Photinissa schauderte leise bei seiner Berührung und ihre Hand blieb kalt und regte sich mit keinem leisen Drucke; mit entschlossener Stimme aber erwiderte sie nach kurzem, bangem Schweigen:

»Ich erkenne, Gennäos Pierakos, daß Ihr Euer Herz aufrichtig zum Guten gewendet habt und zum rechten Glauben. Darum will ich Eurem Begehren nicht widerstreben, sondern will thun, was ich thun muß um des Friedens willen, wie es Gottes Ruf mir geboten. Ich will Euer Weib werden und Euch Treue geloben, so lange ich auf Erden wandle.«

Gennäos sprang in trunkener Freude empor und wollte die Geliebte feurig in seine Arme schließen; sie aber trat hastig zurück und sprach:

»Noch nicht, Gennäos! Zähmet Eure Wünsche, bis wir mit meiner Mutter geredet, denn ohne ihr freundliches Wort wäre kein Segen und kein Friede bei diesem Bunde. Lasset uns darum sogleich zu ihr gehen und ihr unseren Wunsch offenbaren. Ich weiß, sie muß nun nach unserem Willen thun und kann nicht dawiderstreben: denn wir sind es, die das Gute wollen, und ihre Gedanken stehen auf Rache, auf Mord, darum ist kein Zweifel, daß wir meiner Mutter starren Sinn niederzwingen werden und sie sich dem Gebote Gottes beuge. Wir werden über ihren Groll den Sieg davontragen, weil wir den rechten Glauben haben, denn der Glaube ist allmächtig und kann nicht trügen, er reißt nieder, was ihm fremd ist, und gewinnt, was seine Hoffnung ist. Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie die Adler . . .«

Wie Photinissa eine so begeisterte Sprache redete, blickte ihr Gennäos mit scheuer Andacht in die glühenden Augen; es überkam ihn fast eine heimliche Furcht vor dem seltsamen und feurigen Geiste, der in diesem holdseligen Leibe wohnte.

Alexios aber blickte sorgenvoll zu Boden, legte endlich die Hand auf ihre Schulter, um sie zu beruhigen, und sagte:

»Haltet ein, Kind, in so unseligem Unterfangen; wolltet Ihr heute schon der Herrin verrathen, wer dieser ist, es wäre sein sicherer Tod. Denket an jenen armen Boten, der auch sterben mußte auf Eurer Mutter Gebot all Eurer Fürbitte zum Trotz; wieviel lieber würde sie aber noch diesen tödten, der die beste Hoffnung seines Geschlechtes ist, dem sie den Untergang geschworen hat. Mein Rath ist vielmehr dieser: der Jüngling mag noch einige Tage unerkannt hierselbst verweilen und soll trachten, sich das Herz Eurer Mutter noch fester zu gewinnen, da sie ihm schon in einigem Wohlwollen geneigt scheint. Dann mag er fliehen und sich in seinem Hause bergen, bis wir mit langsamer Klugheit und etlicher List ihren Sinn zum Besseren gewendet haben. Ich verzage nicht, daß solches möglich sei, aber Ihr müsset weise die Zeit erwarten und alles sorglich im Stillen wandelnd vorbereiten. Das ist mein Rath, und dazu will ich mit meiner Kraft Euch helfen, soviel ich vermag.«

»Wie?« rief Gennäos schnell einfallend, »wie sollte mir das möglich sein, zu warten und immer zu warten, indeß die heiße Sehnsucht mich alle Tage verzehrte und marterte? Nein, als ich mich hierher wagte, da war mein Gedanke, nicht ohne Dich, schöne Photinissa, wieder umzukehren, und bei diesem Gedanken will ich bleiben, weil ich nicht anders kann. Ich rathe aber so: laß uns noch heute den Tag hindurch einander fremd scheinen, und ich will Deiner Mutter allerlei Freundlichkeit erweisen, sie mir noch besser geneigt zu machen. Sobald aber die Nacht gekommen ist, wollen wir zusammen entfliehen und uns so lange im Verborgenen halten, bis wir durch die Hilfe dieses trefflichen Priesters Verzeihung erlangt haben. Auf solche Weise kann zugleich unserer Liebe ihr Recht geschehen und der Friede zwischen beiden Häusern begründet werden. Denn man weiß, daß geschehene Dinge auch von starren Herzen leichter hingenommen werden, als wenn sie noch durch Härte zu ändern sind; und so mögen wir uns der Hoffnung getrösten, daß beide, Deine Mutter und mein Bruder, sich zuletzt in das Neue fügen und selbst einander die früheren Unbilden vergessen werden.«

Dieser kecke Plan schien nach einigem Bedenken auch dem Priester noch leidlich klug erdacht, und er gab zögernd seine Zustimmung, wenn es denn einmal dem Jüngling ganz unmöglich sei, allein seinen Heimweg zu suchen; das sei freilich immer für das Allerbeste zu halten.

Photinissa jedoch hob das Haupt hoch empor und rief:

»Wie aber, Vater Alexios, soll ich also meine leibliche Mutter so greulich belügen und betrügen? Steht nicht geschrieben: Leget die Lügen ab und redet die Wahrheit? Soll uns nun Frieden erblühen aus unreinem Wesen? Wäre uns nicht das Glück selber, wenn es so gewonnen würde, besudelt und vergiftet? Ich könnte nimmermehr vor meinem Herzen bestehen, noch mich in Freuden mit meinem Gott besprechen, wie ich gewohnt bin. Denn noch bin ich rein und nicht befleckt durch Sünde und arge List wie andere Menschen, und darum kann ich mit meinem Glauben allein wohl größere Wunder verrichten, als schuldige Seelen je begreifen mögen. Also ich will zu meiner Mutter gehen und thun, was mein eigenes Herz mir gebietet, welches mir in diesen Tagen beständig viel besser gerathen hat als all eure Klugheit und List.«

»O Kind, Kind,« fiel ihr Alexios ängstlich ins Wort, »überhebet Euch nicht Eures Glaubens und Eurer Reinheit! Es ist kein Mensch, der sündlos durchs Leben gehen kann; ja, vermöchte er's auch nur eine mäßige Weile hindurch, sein schöner Glaube würde bald ersticken unter dem Gewächs seines Hochmuthes, er würde sich Gott gleich dünken und meinen, alle Dinge seien in seine Macht gegeben, daß er überall thun könne nach seinem Belieben. Und wie nun? Wenn Ihr durch Euer trotziges Wagniß diesen Jüngling in jähen Tod verstricktet, sollte Euer Herz da nicht befleckt sein von Mitschuld? Sollte es sich nicht zurufen: Ich habe ihn gemordet! Denket wohl nach, ob Ihr auch ein göttliches Recht habt, also mit dem Leben eines Menschen zu spielen; könnte Gott es nicht mit Zorn von Euch wiederfordern?«

»Sein Leben steht in Gottes Hand, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt,« sagte Photinissa ruhig. »Und sollte Gott sich jetzt mir versagen, nachdem er mir so herrliche Zeichen seiner Gnade gegeben? Hat er mich nicht sicher wie einen Vogel über jene Mauer geführt? Hat er nicht die Herzen unserer grimmigen Feinde unter meinem Wort gebändigt, daß sie selber kommen, den Frieden mit unserem Hause zu suchen? Sind das nicht Gottes Winke? Und soll ich nicht vertrauen, daß mein Glaube auch jetzt über unchristliches Hassen siegen muß?«

»Halt ein mit Deinem Prahlen, thörichte Seele!« rief der Priester laut und nun zum erstenmal mit zorniger Heftigkeit. »Wahrlich, wenn Du ein wenig die Welt kenntest, so würdest Du merken und wissen: weder Dein Wort noch Dein Glaube hat Dir diese Herzen der Feinde bezwungen, sondern einzig ein anderes unhimmlisches und ganz irdisches Ding. Denn glaube mir, ohne Deine schöne Gestalt und Dein hübsches Gesichtlein, die vor jenen am lautesten gepredigt haben, wärest Du nichts als ein Gespött der Männer geworden, die nie zuvor einem frommen Wort aus Priestermund ernstlich ihr Ohr geliehen. Nur Deines Leibes Schönheit war es, die diesen mit weltlicher Gluth entzündet – und ich will solche Gluth nicht tadeln, wenn sie zum Frieden führt – aber Du beuge Deinen Hochmuth und maße Dir nicht an, daß Deine Siege göttlichen Ursprungs seien!«

Wie der Greis so neue, scharfe Worte ausstieß, blickte ihm Photinissa fremd und starr ins Gesicht, als hätte er plötzlich eine andere Sprache von unbekannten Lauten geredet; und als er schwieg, schüttelte sie verwundert und halb zornig das Haupt, wandte sich kurz ab zu Gennäos und wiederholte heftiger ihr Verlangen:

»Kommt mit mir, Pierakos, ich muß thun, wie mein Glaube mir gebietet; ich will die Wahrheit reden mit meiner Mutter.«

Doch auch der Jüngling neigte sich bittend zu ihr nieder: »Geh mit mir, Geliebte, wo meine Liebe und meine Waffen Dich schützen können! In diesen Mauern spüre ich's wie Blutgeruch, nicht Muth noch Trotz kann hier zum Ziele führen, sondern Klugheit allein, die sich beugt vor dem Sturm, bis er vorübergezogen.«

»Fliehet denn ohne mich!« rief Photinissa leidenschaftlich, »flieht und suchet Eure Rettung, wenn Ihr keinen Glauben an mich habt und Euch fürchtet! Mich aber laßt meinen Willen vollbringen!«

Ihre schwarzen Augen sprühten Zorn und Bitterkeit, aber nie war ihr Antlitz schöner und ihre Gestalt herrlicher erschienen als in dieser Minute. Gennäos schaute sie an mit heißer Bewunderung, die wiederum mit einem heimlichen Schauer gepaart war, und sagte fest:

»Ich bleibe bei Dir und lege mein Leben in Deine Hände. Dein Glaube sei mein Glaube, und muß ich hier sterben, so soll mir der Gedanke süß sein, daß Deine Augen meine letzte Stunde segnen.«

Als er das sagte, zog ein leises Leuchten des Stolzes über ihr Antlitz, mit freundlicherem Blicke ergriff sie seine Hand und führte ihn mit sich dem Hause zu, nachdem sie dem Priester den Spruch zugerufen:

»Die auf den Herrn hoffen, werden nicht fallen, sondern ewiglich bleiben wie der Berg Zion.«

Alexios aber senkte das Haupt, da er die beiden gehen sah, und sang schwermüthig hinter ihnen her:

»Kyrie eleison! Kyrie eleison!«

Frau Eudoxia saß auf ihrem Stuhle und sah mit Verwunderung, doch nicht ganz ungnädig die Beiden Hand in Hand herantreten.

Da rief Photinissa mit zuversichtlichem Blicke: »Schau her, Mutter, ein Wunder geschieht, um Deine Rache zu stillen und Deine Seele dem Frieden zu öffnen: siehe, Dein Feind, den Du zu tödten sannst, kommt selbst in Dein Haus und stellt sich Dir als Gefangener aus freien Stücken! Hier steht er vor Dir: dieser Mann ist Gennäos Pierakos, der Bruder des Dimitrios. Ich selber verrathe ihn Dir, denn ich weiß, daß nun die Großmuth in Dein Herz einziehen wird; Du hast den Sieg gewonnen, Dein Feind demüthigt sich selbst vor Dir, hier ist keine Rache mehr zu üben, nur Gnade, Vergebung und Liebe. Und nun eines wisse: um des Friedens willen habe ich ihn erwählt, daß er mein Bräutigam sei. So hebe ihn denn auf und begrüße ihn mit Freuden, Du kannst nun nicht mehr anders als Frieden geben, denn er ist Dein Sohn geworden, und es steht geschrieben: Wer sein eigenes Haus betrübt, der wird Wind zum Erbtheil haben.«

Indem sie so redete, hatte Gennäos sich auf ein Knie niedergelassen und harrte bescheiden der Antwort; die Worte der Geliebten schlugen wie süße Glockenklänge an sein Ohr und ließen seine Hoffnung freier aufathmen, denn er meinte, es könne kein menschlich Herz solchen Bitten widerstehen.

Eudoxia blieb eine geraume Weile stumm und fast übermannt von ihrem Erstaunen. Von der Rede ihrer Tochter vernahm sie einzig den Namen Pierakos, so gewaltig nahm dieser ihr Ohr gefangen, und heftig wechselnde Gefühle gingen durch ihren Busen: Haß und Zorn, Triumph und grimmige Freude, qualvolle Erinnerung an den gemordeten Sohn, ein kurzes Schwanken und Sinnen und dann wieder einzig die Wollust der Rache – aber nicht ein Hauch des Mitleids und der Rührung spiegelte sich in ihren Mienen.

Zuletzt rief sie eine Magd herbei, flüsterte ihr einige Worte ins Ohr und schickte sie hinaus. Gleich darauf erschienen mehrere bewaffnete Pallikaren, denen sie einen leicht verständlichen Wink gab und mit ruhigem Hohne sprach:

»Führet diesen Fremdling hinauf in das oberste Gemach des Thurmes, damit wir ihm eine besondere Ehre und Liebe erweisen, denn an eben der Stelle hat seine Braut die erste Nacht im Vaterhause geschlummert. Und wenn es ihn gelüstet, auf demselben Wege. wie sie gethan, den Ausgang zu suchen, so soll ihm niemand wehren; ich will doch sehen, ob es Engel giebt, die auch blutbefleckte Männer über den Abgrund tragen. Ich will indessen einen Boten zu seinem Bruder senden, der auch diesen laden soll zu einem herrlichen Feste, das ich den beiden alten Freunden meines Hauses zu geben gedenke. Denn ich trachte durchaus, ihrem Begehren nach Versöhnung zu willfahren, und darum will ich sie auf eine kurze Weile in die Unterwelt hinabsenden, daß sie dort über den Frieden reden mit den blutigen Schatten meines Eheherrn und meines einzigen Sohnes; und wenn die Versöhnung geschehen ist und die Hölle sie wieder heraufschickt, dann bin ich die erste, die ihnen die Hand zum traulichsten Bunde entgegenstreckt.«

Während sie mit steigender Stimme so grausam höhnte, hatten die Knechte sich auf den knieenden Jüngling geworfen, ihn entwaffnet und rissen ihn von dannen und hinauf in den Kerker, der ihm bestimmt war.

Photinissa versuchte nicht, ihn zu schützen und die Knechte abzuwehren; sie blieb und stand regungslos an derselben Stelle. Zum erstenmal hatte ihr Vertrauen sie ganz betrogen, und ihr hoher Glaube war erschüttert. Sie sah vor sich den sicheren Tod des Mannes, der sich mit frommer Zuversicht ganz in ihre Hände gegeben.

Und als sie sich endlich bewegte und langsam hinausschritt, sprach sie kein Wort weder des Zornes noch der Bitte zu ihrer Mutter; ihre Wangen waren ganz weiß wie einer Todten, aber auf ihrer Stirn lag ein furchtbar feierlicher Ausdruck sicheren Willens, und, was wunderbar zu sehen war, sie wandelte mit festgeschlossenen Augen.

Bei diesem Anblick fuhr Eudoxia ein schaudernder Schreck durch die Brust, denn plötzlich stand vor ihrem Geist lebendig jene Stunde, da sie ihr Kind hoch über dem Abgrund schweben sah.

Und zum zweitenmal wankte ihre starke Natur, ein Zittern und eine hilflose Schwäche befiel sie; sie vermochte weder zu reden noch sich zu bewegen, sondern lag auf ihrem Stuhl einsam in verlassener Ohnmacht.

Und als das vorüber war, ging sie hinaus zum Grabmal ihres Sohnes, verweilte daselbst ohne Regung den ganzen Tag, rang mit ihrer Seele und besprach sich mit den Geistern der Todten.

Als aber die Sonne sich zum Untergange neigte, sandte sie den Wächter am Burgthor zu dem Priester und ließ ihn zu sich entbieten, in einer Beichte ihr Herz zu entladen.

Alexios erschrak heftig, als er herzutrat und sie ansah: ihre hohe Gestalt erschien ihm gebeugt und verfallen, ihr Antlitz, sonst noch immer schön und klar wie Marmor, war jetzt entstellt und eingesunken, das Feuer der Augen war matt geworden, und ihre Stimme hatte den festen ehernen Klang verloren.

Daran erkannte der Greis mit raschem Sinne, was alles in der Seele dieser Frau während des einen Tages vorgegangen, und er dachte voll staunender Bewunderung: Also dennoch hat der Riesenglaube dieses Kindes das Unmögliche vollbracht und dies starre Herz gebändigt, das allen, die es kannten, unbezwinglich schien!

Zu der Gebieterin aber sprach er mit leiser Stimme, denn er fürchtete sich auch so noch vor ihr:

»Herrin, es ist nun Zeit, der Rache Einhalt zu thun, ehe sie weiter frißt und vielleicht auch Euer Kind und Euch selber ergreift. Denn ich weiß und sehe, Euer eigenes Herz hat es Euch geweissagt, wenn Ihr diesen Mann tödtet, wird seine todte Hand noch die Rache weiterführen und auf Euer Kind zurückschlagen, das Euch theuer und Euer letztes ist. Darum gebet nach, reicht die Hand zur Versöhnung und lasset heute nach dem Wort der Schrift die Sonne nicht untergehen über Eurem Zorn!«

Eudoxia erhob langsam den Blick, der erst müde und kalt erschien, bis er auf einmal wieder Gluth gewann und die alte Leidenschaft auch ihre Stimme durchtönte:

»Es ist geschehen, wie Ihr sagt, mein Herz ist besiegt und vermag nicht mehr zu widerstehen, die Angst um mein Kind hat alle Kraft in mir zu Staub zerrieben. Mein Sohn mag mir vergeben, wenn er ungerochen bleibt, denn ich kann nicht anders. Alles soll geschehen nach dem Willen meiner Tochter: eines nur, eines will ich mir vorbehalten, einen einzigen Augenblick des Triumphes, nur diesen Augenblick, wo ich mir sagen kann: jetzt habe ich die volle Rache in meiner Hand, jetzt könnte ich, wenn ich wollte, die stumm genährten Gedanken langer Jahre vollführen! – und dann, dann will ich alles mit Frieden endigen. Ich habe zu Dimitrios Pierakos einen trügerischen Boten gesandt, der ihm verkündet, daß ich seine Werbung erhören wolle, er möge eilig kommen, sich der Braut zu zeigen. Läßt er sich nun täuschen und kommt hierher – und ich traue, er wird es, denn dies Kind hat sie alle der klaren Sinne beraubt, daß sie nicht sehen, was vor Augen liegt –, dann will ich auch ihn ergreifen und fesseln und will seinen Bruder vor ihn stellen, und beide sollen die Schrecken des Todes doppelt genießen, jeder in dem Gram um den anderen zugleich; und wenn das geschehen ist und ich mein Herz an ihrer Qual gesättigt, dann will ich ihnen den Frieden und das Leben schenken als ein freies Geschenk meiner Gnade. Es ist nur ein wildes Possenspiel, das ich zu treiben vorhabe, aber ich könnte nicht mehr leben, sollte ich auch dieses Triumphes entbehren. – Morgen um die Mittagszeit, denke ich, wird Dimitrios sich zeigen, und ehe dann die Sonne untergeht, soll alles vollendet und der alte Kampf zur Ruhe gekommen sein.«

»Es mag so geschehen,« sagte Alexios, »denn ich sehe, Ihr seid nicht im Stande, Euer Herz noch ein wenig tiefer zu demüthigen, und es ist nicht weise, von dem schwachen Menschenkinde das Unmögliche zu verlangen. Doch um eines bitte ich Euch, Herrin: gehet sogleich zu Eurer Tochter und laßt sie Eure Gedanken wissen, daß sie getröstet sei und ihres Glaubens wieder froh werde, denn ich fürchte, ihre Seele liegt gewaltig daniedergeschmettert, und wer mag wissen, ob sie sich nicht in ihrer jähen Trübsal Irrwahn und Unheil gebiert.«

»Nein!« rief Eudoxia wild auffahrend, »auch sie muß meine Macht über sich fühlen, daß der Uebermuth sie verlasse, denn sie hat unkindlich gehandelt an ihrer Mutter und allerwege den Gehorsam verweigert. Darum soll sie inne werden, daß meine Gnade ihr alles gewährt und nichts ihr trotziger Glaube. Ich bin die Mutter und habe nach Gottes Willen Macht über sie und will sie demüthigen, wie ich mich selbst heute tiefer gedemüthigt habe, als ich jemals von mir gefürchtet hätte. Und wehe Euch, wolltet Ihr etwa wagen, ihr ein Wort über diese meine Absicht zu verrathen! Ihr schweigt, wie ich schweige, und so lange mag sie büßen und dulden, wie sie es verdient hat durch ihren Hochmuth, bis die Stunde kommt, die uns allen den Frieden bringt.«

Nach diesem heftigen Bescheide verstummte der Priester und ging; er kannte die Herrin und meinte wohl selber, sie habe genug gethan.

Eudoxia aber feuerte zum letztenmal ihren Schuß über das Grabmal der versinkenden Sonne nach, und wild dröhnend wie immer rollten die Donner des Echos an den Felsenwänden hin.

***

Als aber die Mitternacht gekommen war und der Mond hoch stand und hell war wie gesänftigtes Tageslicht, trat Photinissa aus ihrer Kammer und aus dem Hause und schritt quer über den Hof zu jenen Trümmern, welche die Randmauer aufnahmen. Leicht erklomm sie die Höhe derselben, und wieder wandelte sie ruhig und sicher auf der schmalen Kante entlang. Niemand sah sie diesmal, und sie sang auch nicht, damit niemand ihrer inne würde, aber sie betete mit leiser Stimme desto inbrünstiger. Ihr Auge hing an dem höchsten Fenster des Thurmes und ließ es nicht los, es war ihr wie eine sichere Stütze, an die sie sich klammerte, und das half ihr und gab ihr wieder den klaren Blick, daß ihr nicht schwindelte; und sie kam wohlbehalten hinüber wie das erste Mal. Nun stand sie fest an die Wand des Thurmes gelehnt, griff mit der Hand in das tiefe Fenster, sich daran zu halten, und rief in das Gemach hinein:

»Gennäos Pierakos, erhebt Euch und gehet mit mir, ich bin gekommen, Euch zu retten! Wenn mein Wort und mein Glaube vergeblich war vor einem verstockten Herzen, hier hat er Kraft, hier stützet mich Gott und sendet mir seinen Engel, und die Heiligen bitten für uns. Folget meiner Hand, und Ihr werdet sicher schreiten auch auf dieser Bahn, die sonst für Menschentritte nicht gemacht ist.«

Gennäos vernahm ihre Stimme und trat erschrocken ans Fenster, denn er meinte ein Gespenst oder einen seligen Geist zu hören; er sah, ihr Antlitz war weiß wie Schnee, und ihre dunklen Augen glühten darin von einem seltsamen Feuer; ein Entsetzen ergriff ihn, als er erkannte, welches Weges sie gekommen war. Das Grauen lähmte seine Zunge, daß er nichts zu erwidern vermochte, weder ja noch nein.

Doch als sie heftiger drängte, ermannte er sich und rief fast zürnend:

»Tritt Du herein, unglückseliges Kind, was drängst Du Dich zum Tode? Ist es nicht genug, daß Einer sterbe und auch Einer, der um mancher Sünden willen reichlich den Tod verdient hat? Ich habe mich ergeben und weiß, daß morgen mein letzter Tag anbricht; wenn Du aber willst, so bin ich auch bereit, schon diesen Augenblick von Deiner Mauer freiwilligen Tod zu suchen, denn nichts anderes kann jener Schreckensweg bedeuten; nur gehe Du herein und rette Dein theures Leben!«

»Ja, wolltet Ihr ohne mich gehen,« sprach Photinissa, »es wäre freilich Euer gewisser Tod, denn noch ist Euer Glaube, wie ich merke, zu schwach, Euch sicher zu tragen. Wenn aber meine Hand Euch leitet, so fürchtet nichts; Gott ist mit mir, weil ich reines Herzens bin und seine Gebote halte.«

»Photinissa, das heißt mit Frevel Gott versuchen.«

»Er hat mich zweimal treulich geleitet auf dieser Bahn, wie sollte er es das dritte Mal weigern, wenn ich doch glaube wie zuvor? Ich gehe nicht hinein zu Euch noch auch von hinnen, ehe denn Ihr mir folget. Ich habe geschworen, Euch zu befreien, denn ich war es, die Euch in diese Noth gestürzt hat. Darum haltet Euch zu mir und glaubet mit mir an die Worte der Schrift:

Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöthen, die uns getroffen haben.

Darum fürchten wir uns nicht, wenn gleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken;

Wenn gleich das Meer wüthete und wallete und von seinem Ungestüm die Berge umfielen. Sela.«

Wie nun der Jüngling so felsenfesten Glauben und so gewaltige Worte vernahm und dazu das wunderbare Leuchten ihrer Augen sah, da ergriff ihn eine trunkene und wilde Begeisterung wie ein seliger Rausch. Er hörte das Meer tief unten an der Wurzel des Felsens wüthen und wallen, aber er zagte nicht mehr davor und zögerte nicht, ihr zu folgen.

Er trat hinaus auf den Rand des Fensters und ließ sich von ihrer festen Hand vorwärts leiten auf den gefährlichen Pfad. Freudig erhobenen Hauptes schritt Photinissa voran; doch ehe sie noch die Mitte der Mauer erreicht hatte, wankte sie und ihr Fuß glitt aus; ihre Hand ließ die seine fahren und griff krampfhaft in die Luft. Dann sank sie mit einem leisen Schrei in den Abgrund nach dem Meere zu, und Gennäos sah nur einen weißen Schein wie eines matten Lichtes in der dämmerdunklen Tiefe verschwinden.

Er selbst schwankte noch einige Sekunden, mit dem betäubenden Schwindel ringend, auf der Mauer, dann kam ihm ein Augenblick gramvoller Besinnung, und er wollte sich der Verlorenen verzweifelnd nachwerfen in das Meer; aber seine Augen und seine Glieder sträubten sich schaudernd dagegen, und so stürzte er nach der anderen Seite in den Burghof hinab und ward dort am Morgen mit zerschmettertem Haupte gefunden.

Perikles,
der Sohn des Xanthippos.

Dem Priester Panagiotis Chrysikopulos zu Gasturi auf der Insel Korfu wurde an einem Dreifaltigkeitsfeste ein Mägdlein zur Taufe gebracht, auf welches nicht allein dessen Eltern, sondern auch alle anderen zahlreich versammelten Zuschauer mit ganz auserlesenem Antheil blickten. Es war den Eltern, einfachen Bauersleuten, nach zwölfjähriger kinderloser Ehe am Pfingstsonntage gerade unter dem Glockenläuten geschenkt worden; am selben Tage, ja sehr wahrscheinlich zur selben Stunde hatte ein Fieberkranker in der Nachbarschaft eine merkliche Erleichterung seines Zustandes gefühlt; eine Frau hatte einen schon aufgegebenen Ohrring plötzlich in einem Strumpfe wiedergefunden; ein Esel war sehr hoch von einem Felsen gestürzt, ohne sich wesentlich zu verletzen – diejenigen, welche behaupteten, dieser Fall habe sich schon am Tage zuvor ereignet, wurden schnell überstimmt – einige Himmelskundige hatten aus sicheren Anzeichen schlechtes Pfingstwetter prophezeit: es war aber gerade der prächtigste Sonnenschein gewesen. Als das Kind nun seinen ersten Weg zur Kirche that, geschah dies unter einem fernen majestätischen Donner gleich als unter einem himmlischen Glockengeläute; dicht vor der Thür des Hauses kroch eine schillernde Schlange langsam über den Weg, und die Taufhandlung selbst wurde ein wenig dadurch gestört, daß die Wehemutter ganz laut ihren Nachbarn mittheilte, sie habe in stiller Nacht über der Wiege dieses Säuglings ein äußerst freundliches Gewisper vernommen, das nichts Anderes als die Stimme der Mören gewesen sein könne.

Das Kind erhielt den Namen Kalomira und blieb fortan ein Augenmerk der ganzen Gemeinde.

Es zeigte sich bald, daß die allgemeine Erwartung von einem besonders begnadeten Wesen des kleinen Geschöpfes vollständig berechtigt war. Es gedieh nicht nur selbst in trefflichster Gesundheit und in einer Schönheit, die sogar in Gasturi, dessen Frauen doch dieserhalb weithin berühmt sind, Aufsehen erregte, sondern offenbar ließ es auch seine Umgebung an dem sichtbaren Himmelssegen Theil nehmen. Zunächst bemerkte man an den Eltern eine sehr bedeutsame Wandlung. Dieselben waren bisher als ein ziemlich verlottertes, faules und schmieriges Pärchen bekannt gewesen, da sie doch für Niemanden als sich selbst zu sorgen hatten; jetzt auf einmal, nachdem ein kleiner Esser mehr im Hause war, besserten sich ihre Glücksumstände in überraschender Weise. Man sah sie hübsch gekleidet auch am Werktag einhergehen, sie hielten ihr Haus in einiger Ordnung, aßen gut und wußten doch noch ein Sümmchen alljährlich nach der Olivenernte zurückzulegen. Da war es denn kein Wunder, daß sie nun beständig guter Dinge waren, indeß sie früher allzu häufig sich und ihre Nachbarn angeknurrt hatten.

Dieses Alles beobachtete am besten Panagiotis Chrysikopulos, welcher von Natur ein kluger und scharfblickender, wie auch höchst wohlwollender Mann war. Derselbe stammte zwar auch von Korfu, woselbst schon sein Vater und sein Großvater an verschiedenen Orten des Priesteramtes gewaltet hatten, er war jedoch längere Zeit auf der Nachbarinsel Kephallenia thätig gewesen, und als er von dorther in seine jetzige Gemeinde versetzt wurde, merkte er rasch mit einigem Mißbehagen, daß seine korfiotischen Landsleute sich von jenen früheren Beichtkindern sehr beträchtlich und nicht zu ihrem Vortheil unterschieden. Die Kephallenier nämlich sind überall von Hause aus ernst, fleißig und tüchtig, und wenn ihnen der bergig schroffe Boden ihres Landes nicht freiwillig mühelose Gaben bietet, so wissen sie ihm durch Sorgfalt und Ausdauer desto reichere Frucht zu entlocken. Und so wenden sie auch auf ihre Wohnstätten und sonst ihr äußeres Wesen mehr Aufmerksamkeit, kurz sie sind ein anständiges, stilles und allerdings auch etwas kopfhängerisches Geschlecht, an dem ein Volkswirth und ein guter Geistlicher seine aufrichtige Freude haben muß. Ganz anders fand nun Panagiotis seine Gasturier und allerwärts sonst die Leute von Korfu geartet; fröhlich und sorglos lebten sie in den Tag hinein, ließen sich von ihrem über die Maßen freigebigen Lande dankbar ernähren, mit so wenig Arbeit es irgend möglich zu machen war, sammelten unter ihren prachtvollen Oelbäumen die allmählich herabfallenden Früchte – nicht daß sie solche erst mühselig schüttelten oder abschlugen –, weideten ihre Lämmer auf dem fetten Rasen darunter in Frieden, und nur sehr maßvoll trieben sie hier und da auch ein wenig Weinbau oder Gemüsezucht, als welche beide eine unverhältnißmäßig große Anstrengung des Leibes erfordern. Dafür verstanden sie alle Fest- und Ruhetage, deren Zahl doch nicht verächtlich ist, mit ehrlicher Hingebung und tadelloser Kunst des Genießens zu feiern.

Nun konnten sie sich bezüglich dieses ihres etwas lockeren Wesens allerdings mit einigem Fug auf ihre legitime Abstammung von der glückseligen Nation der uralten Phäaken berufen, auch waren sie bei alledem im Großen ein heiterliebenswürdiges Völkchen, wie auch recht viel bitterliche Armuth bei der unerschöpflichen Fruchtbarkeit ihres Bodens nicht gefunden ward. Trotzdem wünschte sie der wackere Chrysikopulos ein wenig anders, etwas arbeitsamer und auch um ein Geringes säuberlicher in ihrem Aeußeren; er hatte freilich mit allen Predigten bisher gegen die festgewurzelte Eigenthümlichkeit des süßen Nichtsthuns so gut wie gar nichts ausrichten können.

Da machte er jetzt die Bemerkung, daß ein ihm so recht besonders anstößiges Paar wie die Eltern der kleinen Kalomira auf einmal ganz von selbst energisch den Weg der Besserung beschritt, und weil er sehr bald auch die Ursache deß erkannte, so kam er auf den Gedanken, ob es nicht angehen möchte, mit einem gleichen Mittel auf die ganze Gemeinde stillheimlich einzuwirken.

In dieser wohlerwogenen Absicht begann er damit, jenen zufällig erwachsenen Volksglauben von der wunderbaren Segenskraft der Kalomira jetzt selber künstlich mit allem Nachdruck aufzupflegen, indem er das Kind unter seiner Aufsicht allerhand kleine Wunderzeichen und glänzende Heilungen vollbringen ließ. Und weil er zugleich aussprengte, an heimlichen Bösewichtern müsse diese himmlische Kraft unwirksam bleiben, so fand sich Niemand, von dem nicht alles Kopf- und Zahnweh, Gliederreißen, Husten und Schnupfen bei Annäherung des Kindes bereitwillig entwich, während Panagiotis allerdings schwereren Gebresten mit Sorgfalt aus dem Wege ging, denn er bedachte, daß gegen den Tod auch dieses Wunderkräutchen nicht gewachsen war.

Nachdem auf solche Weise der allgemeine Glaube genügend gekräftigt war, schärfte der Priester all seinen Beichtkindern ein, es sei geziemend, daß ein Jeglicher der gutthätigen Kalomira seinen Dank in einem kleinen laufenden Zinse von seinem Verdienst abzutragen suche. Damit sie aber selbst durch solche dauernde Steuer nicht in Schaden kämen, sei es ja nur nöthig, daß sie jeden Tag ein ganz klein wenig, nur etwa eine und die andere Minute länger als sonst arbeiteten, um ihre früheren Ernten in gleicher Fülle zu erhalten.

Das leuchtete Allen ein; Keiner wagte sich dem kleinen Tribut zu entziehen, um nicht auch sein Antheilsrecht an dem allgemeinen Segen zu verlieren. Weil aber Jeder wußte, daß er zuvor mit seiner Arbeit nur gerade so viel verdient hatte, als er zum nothdürftigsten Leben gebrauchte, so plagte ihn alsbald die Sorge, fortan mit seinen Einküuften nicht mehr zurechtzukommen, und er wirthschaftete zu aller Sicherheit um so viel fleißiger darauf los, als ob er mindestens um das Zehnfache besteuert wäre. So kam es, daß die kleine Kalomira der freien Gaben die Fülle genoß und zugleich ihre Segensmacht auf das Allerschönste am ganzen Körper der Gemeinde sich offenbarte. Der Wohlstand des Dorfes wuchs zusehends von Jahr zu Jahr, der Anbau des Feldes mehrte sich, die Häuser gewannen ein netteres Ansehen und nicht minder die Menschen selbst; und das Alles geschah, ohne daß dies Völkchen irgend etwas an seiner alten Fröhlichkeit und Festeslust eingebüßt hätte.

Panagiotis Chrysikopulos lächelte mit heiterem Stolz zu seinem Erfolge; das Kind aber ward wie billig immer mehr der Abgott des ganzen Dorfes. Wo es in seiner jungen Schönheit sich zeigte, da wurden alle Gesichter hell; wo die Leute unter den Bäumen saßen, Oliven sammelnd, und Kalomira hüpfte spielend vorüber, da flogen die Hände noch einmal so schnell, und wenn sie gar, wie es der Priester sie in aller Stille gelehrt, auf ein Augenblickchen freundlich mit angriff, da schien es, als ob ein guter Geist die Körbe füllte, so schnell strotzten sie bis zum Rande von den edlen Früchten. Dann küßten die Leute ihr dankbar die Hände, und sie ließ sich solche frommen Huldigungen ohne Kummer gefallen. Auch von ihren Gespielen verschmähte sie nicht die gleiche Ehrerbietung huldreich entgegenzunehmen, ja allmählich mehr und mehr schon zu verlangen. Und seit sie einmal zu einem Jungen, der etwas unsauber gekleidet war und ein gar zu arges Schmutznäschen ihrer Hand näherte, laut gesprochen hatte: »O pfui doch, wie darf ein solches Ferkel meine Hand küssen?« da ging ein Schrecken durch die Schaar der Kinder, und keines wagte künftig anders als in reinlichem Gewande und mit vorwurfsfreier Nase ihrer Nähe zu genießen. Und von den Kindern lernten das hinwiederum auch die Eltern.

Unter solchen Umständen konnte es nicht leicht anders kommen, als daß dies beglückte junge Wesen, da es immer nur freudige Gesichter sich gegenüber sah, auch selber durchaus ähnlichen Gemüthes wurde und so in der Folge wiederum seine innere herrliche Heiterkeit mit unbewußtem Danke segnend auf alle seine Wohlthäter zurückstrahlte. Nebenbei freilich blieb es nicht aus, daß sich früh ein kleiner Hochmuthsteufel ihr in den Nacken setzte, ihr das Näschen kräftig in die Höhe reckte und ihren Kindergeberden eine seltsam possirliche Würde lieh. Denn da alle Anderen sie für eine Art Gnadenprinzessin oder gar Heilige ansahen, wie hätte sie selbst sich diesem frohen Glauben verschließen sollen? Geht doch dem Menschenkinde nichts so wohlig ein als das stattliche Bewußtsein, ein auserlesen Werkzeug Gottes zu guten Zwecken vorzustellen.

Ein Unglück nur betraf sie während ihrer ganzen Kinderzeit: ihre beiden Eltern starben kurz hinter einander mitten im besten Gedeihen ihres Hauses. Doch sogar dieses Mißgeschick schlug ihr gleich wieder zu einem neuen Glücke aus. Der Priester Chrysikopulos nämlich nahm sie in sein Haus auf, in welchem er bis dahin kinderlos mit seiner Gattin gelebt hatte, und leitete mit klugem Sinn ihre weitere Erziehung. Zwar weiß man ja, daß hellenische Dorfgeistliche nicht eben große Gelehrte zu sein pflegen, aber sie verstehen doch meistens ganz gut zu lesen und zu schreiben, und so lernte auch die Pflegetochter etwas von diesen Künsten.

Eines Tages saß die nun zehnjährige Kalomira friedlich im Grase und hütete ihre Lämmer unter den Oelbäumen, hatte auch ein Körbchen mit Orangen neben sich stehen, die sie als Geschenke ihrer andächtigen Verehrer gesammelt hatte. Da trat ein Knabe zu ihr, der um einige Jahre älter und ihr völlig fremd war, denn er stammte aus einem anderen Dorfe, dem benachbarten Benizze unten am Meeresstrand. Er aber kannte sie – ihr Ruhm war nicht auf ihren Heimathsort beschränkt geblieben –, und mit sittsamer Geberde näherte er sich, ihr mit Handkuß und ähnlicher Feierlichkeit seine Reverenz zu machen. Er war jedoch von Herzen ein Schalk und glaubte nicht viel von ihren Gnadengaben, oder meinte doch, dieselben hätten nur für Gasturi Gültigkeit; und so war es denn eitel Uebermuth und Bosheit, was er mit dem Kinde vorhatte. Während er sich scheinbar so rührend demüthigte und die linke Hand fromm vor Brust und Stirn hob, stibitzte unterdessen die rechte mit ausnehmender Gewandtheit eine Orange nach der anderen aus dem Körbchen und stopfte sie hurtig in die weiten Taschen seiner blauen Pluderhosen. Und als er mit diesem Unternehmen zu Ende gekommen war, sprang er laut lachend auf, lief bergabwärts von dannen und warf erst aus sicherer Entfernung einen spöttisch-frechen Blick zu der Beraubten zurück.

Er meinte nun sicherlich, sie würde alsbald in einen unbändigen Zorn verfallen und ihm also der Genuß zu Theil werden, das verhimmelte Geschöpf in einem nur allzu menschlichen Seelenzustand zu erblicken. Das geschah jedoch nicht, sondern das Kind war dermaßen erschüttert durch die unerhörte That, daß es gar nicht einmal die Kraft zu einem Zornesausbruch sammeln konnte, vielmehr immer noch ganz verstört dasaß und dem Räuber stumm mit klagenden Blicken nachschaute, recht wie eine Märtyrerin ihren Bedrängern gegenüber sich geberden soll.

Das schlug ihm nun doch gar wunderlich auf die Seele; hastigen Laufes machte er sich fort aus dem Bereich dieser schrecklich heiligen Kinderaugen und stand nicht eher still, als bis er sein heimisches Dorf und seines Vaters Haus am Strande erreicht hatte. Hier setzte er sich rittlings auf ein umgekehrtes Fischerboot, zog die Orangen hervor und speiste sie eine nach der anderen mit so großer Eile, als könnte er mit ihnen zugleich das heimlich nagende Angstgefühl hinabschlucken. Noch vor der Vollendung dieser Arbeit überraschte ihn sein Vater, und da derselbe die vielen umhergestreuten Schalen erblickte, schwante ihm nichts Gutes, denn er kannte sein Pflänzchen, und er sprach:

»Perikles, Du Lump, wo hast Du diese Orangen gestohlen?«

Solches Donnerwort des Vaters bedeutete für diesen jungen Perikles gemeiniglich ein nicht unwirksames Surrogat des Gewissens; diesmal aber weckte es die halb schon aufgerüttelte Reue zu ganz besonders kräftigem Leben, und obwohl er nichts eingestand, nahm er sich im Stillen um so ernstlicher vor, sein Unrecht an dem Kinde nach Kräften wieder gut zu machen. Natürlich mußte er zu allererst der Geschädigten eine mindestens gleiche Anzahl von Früchten wieder zustellen. Das war nicht schwer: er brauchte ja nur über des ersten besten Nachbarn Mauer zu steigen und zu pflücken, so viel er bedurfte. Wurde er dabei betroffen, so gewann er eine Tracht Prügel; doch das war ein Uebel, welches immerhin noch zu den erträglichen gehörte, wie eine breite Basis von Erfahrung ihn gelehrt hatte. Allein er wünschte noch ein Uebriges zu thun, eine Extrabuße zu erlegen; nur wußte er noch nicht, worin dieselbe bestehen sollte.

In solchen Sorgen lief er am nächsten Tage einsam den weiten Weg in die Stadt Kerkyra, indem er meinte, beim Anblick so vieler aufgespeicherter Schätze daselbst werde ihm schon irgend ein kluger Gedanke kommen. Denn er war von Natur kein erfindungsarmer Kopf und war sich dessen auch wohl bewußt. Nicht umsonst und nicht ohne Selbstbesinnung trug er den Namen Perikles, vielmehr stand in seiner Seele mit glänzenden Zügen die in der Schule empfangene Wahrheit geschrieben: »Perikles, der Sohn des Xanthippos, zeichnete sich aus vor allen Hellenen durch Weisheit, Beredsamkeit und mancherlei bürgerliche Tugend.«

Er pflegte deshalb auch seinen Vater beharrlich Xanthippos zu nennen, während demselben doch eigentlich nur der schlichte Name Spiro zukam, welchen die meisten Einwohner der Insel tragen.

Indem nun Perikles sich in solcher Absicht durch die engen Gassen der Stadt trollte; fiel ihm an einem Schaufenster ein hübsches rothes Band ins Auge, von der Art, wie es sich dort zu Lande die Weiber ins Haar zu flechten gewohnt sind, und es erwachte in ihm die Begierde, dasselbe zu besitzen und als ein zierliches Sühnopfer zu verwenden. Da er jedoch über keinerlei Geldmittel verfügte, so stand er lange und blickte mit ernst-andächtigen Augen zu dem kleinen Gegenstande seiner Wünsche empor.

So merkte er nicht, wie ein Mann in europäischer Kleidung nicht weit von ihm stehen blieb und sich mit erfreuter Miene in seinen Anblick gerade so vertiefte wie er selbst in den des rothen Bändchens. Endlich trat dieser Herr zu ihm, klopfte ihm freundlich auf die Schulter und fragte, wonach er hier so sehnsuchtsvoll hinaufschaue. Perikles bat ihn ohne Zögern gerade heraus, jenes Bändchen für ihn anzukaufen. Und der fremde Herr erklärte sich wirklich bereit, ihm hierin willfährig zu sein; nur forderte er seinerseits den Gegendienst, daß der Knabe sich von ihm solle conterfeien lassen. Er sei nämlich ein italienischer Photograph, der jedoch nicht nur wahrheitsgetreue Porträts gewöhnlicher Menschenkinder, sondern auch schöne Heiligenbilder zu verfertigen wisse. Er bediene sich aber dazu menschlicher Vorbilder, wie sie ihm durch den Ausdruck des Gesichts und durch die Gestalt geeignet schienen, diesen oder jenen Heiligen vorzustellen. So habe jetzt Perikles in seinem anständigen Hinaufblick ihm eine treffliche Verwendbarkeit für ein Bild Sanct Johannes des Vorläufers verrathen, da er auch gerade in dem rechten Alter sei, noch ein Knabe und doch nicht mehr allzu weit von den Jünglingsjahren entfernt.

Der Knabe zeigte keinerlei Abneigung gegen einen so ehrenden Gebrauch seiner Person und folgte dem Italiener, nachdem dieser das Band für ihn erstanden, durch einige Gassen und über einige Treppen hinauf in dessen Werkstatt. Hier mußte er sich rasch seiner levantinischen Gewänder vom Fez bis zu den Schnabelschuhen entledigen und ward dafür mit einem Hammelfell umgürtet und mit einem Stabe versehen, auch wühlte der Meister ihm die schwarzen Haare ziemlich gewaltthätig durch einander, wußte aber diese prächtige Willkür doch wieder durch unmerkbare künstlerische Gesetze reizvoll zu umschreiben. Dahinter befestigte er einen alten mit Goldpapier beklebten Tonnendeckel, welcher im langen Dienst als Heiligenschein freilich schon ein wenig erblindet war. Zum Schluß hieß er den Knaben die schönen Augen zu der gläsernen Bedachung emporheben und empfahl ihm als einen festen Anhaltspunkt, um nicht mit den Blicken zu irrlichteriren, fast gerade über seinem Haupte eine gewisse merkbare Spur, welche ein vorüberfliegender Vogel daselbst bewirkt hatte. So erzielte er einen herrlich schwärmerischen Blick, dessen inbrünstiger Ausdruck noch durch die heftige Angst erhöht wurde, welche den jungen Heiligen ergriff, als er die dunkle Mündung des wunderbaren Apparates gleich einem drohenden Kanonenrohr auf sich gerichtet sah und dazu den Meister viele mystische Zahlen murmeln hörte.

Nachdem diese stille Qual überstanden war, wurde Perikles mit der Verheißung entlassen, es werde zur besonderen Belohnung seiner Anstelligkeit ihm ein Exemplar der Abzüge zur Verfügung gestellt werden. Und wie er nach aufgeregtem Harren einige Tage später sein Bildniß abzuholen kam, durfte er mit Recht gar freudig erstaunen, welch einen prächtigen Sanct Johannes er in den Händen hielt.

Als am anderen Morgen Kalomira früh aus der Thür ihres Hauses trat, fand sie auf der Schwelle einen kleinen Berg von Orangen prächtig aufgebaut, und oben darauf lag, mit einem rothen Haarband umwickelt, ein sauberes Heiligenbildchen, welches, nach den Attributen und dem sonstigen Anschein zu urtheilen, Sanct Johannes den Vorläufer darstellte. Auf der Rückseite aber stand ein kurzer, sehr geheimnißvoller Spruch geschrieben, dessen Beziehung die Empfängerin nicht sogleich zu enträthseln vermochte: »Perikles, der Sohn des Xanthippos, zeichnete sich aus vor allen Hellenen durch Weisheit, Beredsamkeit und mancherlei bürgerliche Tugend.«

Da nun Kalomira weder das Aussehen jenes frechen Burschen genugsam ihrem Gedächtniß eingeprägt hatte, um ihn in so frommer Verkleidung wiederzuerkennen, noch von seinem Namen etwas wußte; da sie zudem die ganze Angelegenheit längst vergessen hatte, so fehlte ihr jeder Anhalt, den Zusammenhang auch nur zu ahnen.

Sie nahm also Perikles einfach als den Namen des Heiligen an und dachte sich unter demselben etwa einen Missionsprediger in den Zeiten dunklen Heidenthums, der sich schon im jugendlichen Alter so große Verdienste erworben, daß er Sanct Johannes dem Vorläufer in allen Stücken ähnlich geworden sei. Auch wies das schöne Antlitz sehr deutlich die auf der Rückseite des Bildes angegebenen Vorzüge: auf diesen feingeschwungenen Lippen war die Weisheit sichtbarlich zu Hause, und die großen emporgehobenen Augen sprachen laut von der innerlichen Beredsamkeit einer feurigen Seele; und an seinen mancherlei bürgerlichen Tugenden zu zweifeln, fand Kalomira nicht den geringsten Grund.

Darum hängte sie ihren heiligen Perikles getrost an der Wand ihres Kämmerleins auf, so daß die Inschrift den Augen der Menschen entschwand; sie ließ auch Andere ruhig bei dem Glauben, daß es ein Sanct Johannes sei. Denn es schien ihr gar schmeichelhaft, so eine Art geheimen Privatheiligen zu besitzen, von dem Niemand sonst etwas zu wissen schien und der ihr gleichsam durch besondere Offenbarung zugekommen war. Sie fand überdies, dieser Heilige zeige im Unterschied von den seelenlosen Gesichtern und den todten Augen auf anderen Bildern ein mehr anmuthendes, menschlich lebendiges Wesen, so daß man zu ihm Vertrauen fassen und sich in etwas gemüthlicheren Gebeten mit ihm unterhalten konnte. Und wirklich erhielt von dieser Zeit an ihre Frömmigkeit und ihr Gebetseifer einen bedeutsamen Aufschwung, während sie sich bis dahin mehr passiv heilig verhalten und nur selbst Opfer der Andacht duldsam entgegengenommen hatte.

Nach diesem Vorgange lebte Kalomira einige Jahre ohne andere wesentliche Störungen ihrer Ruhe weiter, und ihre Schönheit ward schier alle Tage augenfälliger. Als sie sich nun dem jungfräulichen Alter sichtlich nahte, ward sie ein Gegenstand tiefen Nachsinnens für ihre Pflegemutter, Frau Paraskevula, die Gattin des Panagiotis. Diese nämlich hatte klar erkannt, welch reichen Schatz irdischen Segens sie selbst und ihr Haus an diesem Wunderkinde hatte; sie sah aber auch ein, daß dieses Glück voraussichtlich ein gar schnelles Ende nehmen müßte, sobald die Tochter nach der Weise anderer Mädchen, von der Gewalt natürlicher Liebe ergriffen, sich einem Manne zu eigen gäbe und diesem alle jene ihr zufließenden Ehrengaben und Steuern mit in sein Haus hinüberführte. Je mehr sie diesen traurigen Fall überdachte, desto heftiger wurden ihre Beklemmungen, weil sie eine gute Hauswirthin war, die redlichen Gewinn und Besitz von Herzen liebte. Darum beschloß sie, dem drohenden Uebel bei Zeiten entgegenzuarbeiten und womöglich dem schönen Kinde alle Heirathsgedanken von vornherein zu verleiden.

Auch fand sie bald ein sinnreiches Mittel, der angehenden Jungfrau ohne Klostermauern auf freien Füßen ein still bindendes Cölibatsgelübde aufzudringen. Sie glaubte plötzlich zu entdecken, daß sie von bösen Ahnungen wie von einer Krankheit gepeinigt werde, und ließ sich eines Abends in die Kirche einschließen, um daselbst zu schlafen. Denn wie bekannt ist ein solcher Tempelschlummer leicht mit Heilkraft und offenbarenden Träumen gesegnet. Und wirklich konnte sie am nächsten Morgen mit begeisterter Geberde aller Welt verkünden, der heilige Spyridon, der große Schutzherr von Korfu, sei ihr im Traum erschienen und habe ihr das Geheimniß anvertraut, daß der von Kalomira ausströmende himmlische Segen streng an deren Magdthum gebunden sei und alsbald von ihr weichen würde, wenn sie je mit einem Manne in liebende Gemeinschaft träte.

Infolge dieses Orakelspruches ward es nicht allein eine dringende Angelegenheit der ganzen Gemeinde, über die jungfräuliche Unnahbarkeit des Gnadenkindes sorgsam zu wachen, sondern, was auch so noch die Hauptsache war, Kalomira selbst ließ sich unschwer überreden, in freiwilliger Jungfräulichkeit ihre Pflicht sowohl als ihren Stolz und ihre Ehre zu erblicken, da sie sich nicht anders die glänzende Stellung im Volke dauernd bewahren konnte, die ihrem hochfahrenden Seelchen schon unentbehrlich schien. So rüstete sie sich denn, die Schwelle des reifen Mädchenalters mit gefaßtem Anstand und einer wuchtigen Verachtung aller Jünglinge und deren verliebter Bestrebungen zu überschreiten. Sie wandelte unter den Menschen einher wie eine Göttin, fremd irdischen Schwachheiten, und nie verweilte ihr Auge mit einigem Antheil auf der Gestalt auch der stattlichsten Burschen. Und nachdem sie solche Uebungen zwei oder drei Jahre lang ehrlich betrieben hatte, durfte sie mit einigem Rechte für gefeit gelten wider die Anfechtungen des Liebesgottes. Auch verminderte sich zu allem Ueberfluß die äußere Gefahr mit jedem Jahre, weil bei der unabänderlichen Kälte ihrer Mienen kein Mann mehr wagte, sie anders als mit andachtsstillen Blicken zu verehren, ohne Hoffnung und ohne das süße Begehren, welches so leicht im offenen Herzen den freundlichen Widerhall weckt.

Um so mächtiger ward nun Kalomira überall als eine angehende Heilige ausgerufen. Und sie nährte ihr einsames Herz mit solchem Stolz, da es an warmer Menschenliebe täglich ärmer ward und sich auf ihrem Antlitz mehr und mehr die kindliche Heiterkeit und Frische verlor, die einst darin gewohnt hatte. Selbst ihr großes Lebenswerk des Heilens und Segenspendens war nicht mehr so wie sonst ein freies Ausstrahlen der innerlichen Huld und Güte, sondern geschah am meisten nur aus prunkendem Pflichtgefühl.

Und dennoch gab es eine Stelle, wo sie allemal demüthig wurde: das war vor ihrem Bilde des heiligen Perikles. Den übrigen Heiligen mochte sie sich allgemach so ziemlich ebenbürtig erachten.

Einmal geschah es, daß dem Dorfe Benizze ein böser Mißwachs des Weines drohte. Da beschloß diese Gemeinde in der höchsten Noth, sich zur Abwehr des Schadens für Geld und gute Worte das Wunderkind von Gasturi zu leihen. Die Verhandlungen darüber gediehen zu gutem Ende; Benizze zahlte hundert Drachmen an Gasturi und erhielt Kalomira für den Nießbrauch eines Tages ausgeliefert, nicht ohne etliche Clauseln wegen peinlicher Fernhaltung gewisser Indiscretionen.

Nun zogen die Bürger von Benizze in so feierlichem Zuge den Schlangenweg nach Gasturi hinauf, als gälte es den Leichnam des heiligen Spyridon selbst in Procession herumzutragen. Kalomira ward ihnen entgegengeführt und übergeben, jedoch nur in der schützenden Begleitung angesehener Männer und Frauen ihrer Heimath. Sie erschien in schneeweißer Kleidung, vom Kopf bis zu den Füßen mit grünem Laub und Kranzwerk behangen. Ein wallender Schleier von hochgelber Farbe umfloß gleich einer Weiheflamme ihr Antlitz, das wie von überirdisch strenger Schönheit leuchtete. Ihre Augen hielt sie groß aufgeschlagen und ließ sie ruhig hin und her über die Menge gleiten, denn sie sah nur die Menge, nicht die einzelnen Menschen. Als der Zug solchergestalt nach Benizze hinabgewallt war, strömte die regellose Schaar der Weiber, Kinder und jungen Leute herbei, drängte sich hier und dort an die begnadete Jungfrau und strebte zum mindesten ihr Gewand zu berühren und zu küssen. Die Glücklicheren drückten ihre Lippen fromm und zagend auf die segnenden Hände, welche sich still bald rechts, bald links auf eines Kindes Haupt legten, das die Mutter ihnen entgegenhielt.

Wohl hatte ein und der andere junge Bursche mit etwas keckerer Lust auf den Anblick der gepriesenen Schönen gelauert, doch wenn sie nahte mit dem regungslosen Antlitz, dann fühlten auch sie nur kaltandächtigen Schauer und waren froh, wenn sie von ihrem heiligen Auge nicht getroffen wurden. Unter diesen Jünglingen war auch Perikles, der sich den Sohn des Xanthippos nannte. Derselbe stand wider seine sonstigen Gewohnheiten etwas schüchtern abseits, denn seine lange vergessene Jugendsünde war ihm auf einmal wieder heimlich drückend auf das Herz gefallen. Aber dennoch fand ihn zufällig ihr Blick, da sie diesen mehr auf die ferner Stehenden als unmittelbar vor sich zu richten pflegte; und sogleich bemerkte er ein eigenes Aufleuchten in ihren kalten Augen, das jedoch kein freudig Grüßen war, vielmehr gemischt aus Schreck und staunender Frage. Auch hatte das seinen guten Grund; nämlich dieser Fremdling erschien ihr beim ersten Anblick wie altbekannt und vertraut, und doch wußte sie sich keineswegs zu entsinnen, daß sie ihn je in der Wirklichkeit gesehen hätte. Es war nur, als habe ein Traum ihn ahnend ihr vorausgezeigt.

Vielleicht, daß Perikles sich diesen Eindruck, den er machte, leidlich zu erklären wußte; jedenfalls verschwand bei dem ersten Schimmer menschlicher Regung in ihrem Blicke für ihn die kühle Wolke heiliger Unnahbarkeit, und von einem sanften Schauer ergriffen, stieß er sich gewaltsam durch das Volk in ihre Nähe und preßte mehr als einen herzlichen Kuß auf ihre fest ergriffene Hand. Kalomira, so unerfahren sie auch in solchen Dingen war, empfand dennoch auf der Stelle, daß diese Küsse anders geartet waren als all die gewohnten Berührungen der Andacht. Ein Schreck durchzuckte sie, und laut aufschreiend, verhüllte sie ihr erglühendes Antlitz tief in ihren Schleier.

Daran erkannte ihre heimathliche Leibwache schnell, was geschehen sein mußte. Ein grimmiger Tumult erhob sich und pflanzte sich fort weithin ins Volk hinein, und ehe Perikles recht zur Besinnung kam, fielen von allen Seiten wuchtige Fäuste und bald auch Knüttel und Stangen auf ihn nieder. Und es war vielleicht nicht diese jüngste Sünde allein, welche hier in ausgiebigster Weise von seinen Mitbürgern an ihm gerächt wurde; denn er hatte niemals für einen tadellosen Ruf unter den Seinigen Sorge getragen. Er wehrte sich jedoch mit prächtiger Kraft und Gewandtheit, rannte hier einen der Bedränger über den Haufen, wich dort einem groben Schlage aus, bis es ihm zuletzt gelang, den dichten Kreis zu durchbrechen und in den weiten Oelwald zu verschwinden, der sich vom Meere über die Hügel bei Gasturi aufwärts erstreckt. Die Wenigen, welche ihn noch dahin verfolgten, kehrten bald mehr oder weniger blutrünstig und mit sehr widersprechenden Aussagen über sein Verbleiben zurück, aus deren vergleichender Betrachtung jedoch ziemlich wahrscheinlich wurde, daß ihn der Teufel selbst oder auch nur ein Dämon geringeren Ranges am Ende zu sich genommen und menschlichen Blicken entrückt haben müsse.

Inzwischen schleppten die Gasturier ihr lebendiges Heiligenbild noch verhüllt in die sichere Heimath zurück, wo es alsbald in sein Kämmerlein abseits eilte, um den eigenthümlichen Vorfall in gesonderter Andacht mit dem privaten Heiligen näher durchzunehmen. Hier entdeckte sie aber beim ersten Blick die auffällige Aehnlichkeit desselben mit dem kecken Burschen von Benizze, und es ergriff sie zuerst fast ein stilles Grauen, danach aber eine ernstliche Reue, weil sie sich sagen mußte, sie habe jenen armen Jüngling durch ihr unbedachtes Gebahren in große Uebel verstrickt, und das ursprünglich aus einem Grunde, der doch stark zu seinen Gunsten hätte sprechen sollen, nämlich daß er einem so trefflichen Heiligen bewundernswürdig ähnlich sah.

Diese Erwägung machte ihrem Geiste bei genauerer Betrachtung des Bildes immer nur mehr zu schaffen, so daß sie am Ende die drückende Stubenluft nicht mehr ertrug, sondern einen nachdenklichen Gang in den Oelwald unternahm, um in seiner Frische ihre leis fiebernde Stirn zu kühlen. Es war doch eine große Ueberraschung, die sie in sich zu verwinden hatte.

Nachdem sie eine gute Strecke gewandert war, kam sie zu der einsamen Ruine eines eingestürzten Hauses, wie solche nicht gar selten auf der Insel mitten in blühenden Pflanzungen gefunden werden. Das Gemäuer war gänzlich von Epheu umsponnen, und mancherlei wildes Kraut wucherte in den Rissen der locker gefügten Steine. Hier gedachte sie ein wenig auszuruhen, denn die Stelle war anmuthig und man konnte den Berg hinab durch die krausen Stämme und das Laub hindurchschauen bis aufs Meer. Eben wollte sie sich ins Gras niederlassen, als sie hinter sich ein leises Aechzen vernahm, welches sie anfangs erschreckte, denn es konnte etwa von dem trauernden Genius des jämmerlich verlassenen Hauses herrühren. Sie fühlte sich indessen persönlich vor dämonischen Einflüssen völlig sicher, und nachdem sie einige Kreuze geschlagen, wuchs ihr der Muth und die Neugier; sie getraute sich einen Schritt vorwärts zu thun und in das Gewirre der Kräuter einen forschenden Blick zu schießen. Da sah sie, daß sie nichts Schlimmeres als einen Menschen vor sich hatte, der dort regungslos lag und allein durch das Aechzen ein Zeugniß von seinem Leben gab. Vorsichtig schob sie die Gräser ein wenig zurück und erkannte das Antlitz des Jünglings von Benizze, der ihre Gedanken in so wunderlicher Weise beschäftigte.

Ihr erster Antrieb war, sich so schnell als möglich der Nähe seiner immerhin nicht ganz zweifelfreien Person zu entziehen. Nur ward es ihr eilig klar, daß er nicht etwa von friedlichem Schlaf umfangen ruhte, sondern bei dem Aufruhr übel zugerichtet war und hier bewußtlos im Fieber und allem Elend lag, verstoßen und fern dem Mitleid eines Menschen. Denn, dachte sie, ich darf ja nicht einmal eines Anderen Beistand anrufen, sonst würde ich ihn nur noch grausamer gefährden und seinen Feinden in die Hände liefern.

Bei dieser Betrachtung ward seit langer Zeit zum ersten Mal ihr Herz ein wenig tiefer erweicht, und unvermerkt faßte sie aus reinem menschlichen Erbarmen den Entschluß, für den Verunglückten etwas zu thun, das weder ihre Pflicht war noch ihrer Heiligkeit förderlich sein konnte. Denn es zwang sie, diesmal geheim auf krummen Wegen zu wandeln, wozu sich ihr Stolz sonst nimmer bequemt hätte.

Sie zog sich also sachte aus dem Gemäuer heraus und eilte in geradester Richtung zurück zu ihrem Hause. Hier füllte sie in der Stille ein Körbchen mit Wein, Oel, Früchten und anderen Speisen und wandelte damit ruhig durch das Dorf, als ob sie einen gewöhnlichen Kranken besuchte, wußte es aber bald zu machen, daß sie zwischen zwei Häusern abseits glitt und sich durch die hohen Oelbäume verlor.

Unter dieser Weile war Perikles aus seinem Schlaf oder seiner Betäubung erwacht, und nachdem er sich langsam die bösen Ereignisse des Tages ins Gedächtniß gerufen, begann er seine einzelnen Glieder zu befühlen, wie viele derselben zerbrochen oder gänzlich zerquetscht sein möchten. Doch die Prüfung ergab ein überraschend günstiges Resultat; zwar fand er kaum eine Stelle seines Leibes, die völlig von Hieb oder Stoß verschont geblieben war, aber keiner von diesen hatte ein gewisses anständiges Mittelmaß überschritten, so daß er ganz leidlich im Stande war, sich zu bewegen und zu erheben, wenn ihn auch dabei ein dumpfes Schmerzgefühl vom Haupt bis zu den Füßen bedeckte. Vor Allem machte ein brennender Durst sich so gewaltsam geltend, daß er sich bereits anschickte, die schützende Ruine zu verlassen und so gut es ging sich zu irgend einer Quelle zu schleppen, als sein scharfes Ohr einen leichten Tritt bergabwärts vernahm und er mit freudigem Erstaunen der nahenden Jungfrau ansichtig ward.

Zwar wollte er anfangs kaum seinen Augen trauen; doch wie ein gewiegter Feldherr in einem flüchtigen Augenblick zugleich die Stellung des Feindes überblickt, seine Motive und Absichten enträthselt, den eigenen Schlachtplan daraus entwickelt und Jenem entgegenarbeitet, so durchschaute der rasche Bursche ahnend blitzschnell den ungefähren Zusammenhang, und wie er die etwas zaudernde und ängstliche Miene des Mädchens bemerkte, warf er sich hurtig wieder der Länge nach ins Gras zurück, ächzend und sich mäßig krümmend, als ob er vor Schmerzen völlig von Kräften sei. Durch dieses Kunststück gab er in der That dem scheuen Kinde das Verlangen und den Muth zugleich, heranzutreten und das fromme Werk der Hülfe zu beginnen.

Als sie sich nun vorsichtig und ängstlich über ihn beugte, hob er langsam seine Lider empor und schaute mit dem rührendsten Blicke flehender Hülflosigkeit zu seiner Samariterin auf, ohne sich sonst zu regen oder ein Wort zu sprechen. Denn er merkte, daß er sie erst durch seine anscheinende Unkraft und Zerschlagenheit vertraulich machen mußte. Da seine Augen auf diese Weise wieder völlig den schwärmerischen Ausdruck eines Sanct Johannes des Vorläufers gewannen, so ward ihr Herz von doppeltem Erbarmen bewegt, und sie fing an, etwas kühner zu Werke zu gehen. Sie flößte einige Tropfen Wein über seine Lippen, schälte und zerstückte einige Orangen und fütterte ihn sorglich, bis sie meinte, ihn nun hinreichend gestärkt zu haben, daß er des Weiteren sich selbst bedienen könnte. Darauf erhob sie sich still, nahm ihr Körbchen auf, nachdem sie dessen Inhalt ihm in bequeme Nähe gelegt hatte, und wollte ihn sich selbst und der Heilkraft der Natur überlassen. Sobald er dessen inne ward, schloß er rasch wieder die Augen, als ob er vor Schwäche in neue Bewußtlosigkeit verfiele. Da blieb sie stehen, lehnte sich gegen die Mauer und schaute ihn an. Und indem er auch seinerseits durch einen unmerklichen Spalt seiner Lider hindurchblinzelte, genossen sie Beide in aller Stille eine Zeit lang des gegenseitigen Anblicks.

Währenddessen entdeckte Kalomira mit innerlicher Verwunderung, wie ihr noch gar nicht der Gedanke gekommen war, die ihr verliehene himmlische Segenskraft, die sich an anderen Kranken so oft bewährt, auch in dem vorliegenden schweren Falle zu erproben. Sogleich machte sie sich daran, das Versäumte nachzuholen, beugte sich noch einmal über den Ruhenden und legte leise ihre weiche Hand auf seine Stirn, ein kräftiges Gebet dazu murmelnd.

Der Kranke regte sich nicht. Ihr selbst aber fuhr von der Berührung seines Hauptes ein seltsamer Schauer durch die Glieder, der sie furchtbar dünkte und süß in Einem Empfinden, der sie aufscheuchte zugleich und festhielt mit stillem, berückendem Zauber. Sie fühlte das Blut fiebernd in seinen Schläfen pochen und glaubte zu merken, wie es sich wallend in ihre eigenen Adern herübergoß und von der leise zuckenden Hand ausströmte in ihr eigenes Haupt und die heftig erglühenden Wangen. Da riß sie sich endlich gewaltsam empor und trat einen fluchtähnlichen Rückzug an. Und so schien es, als sei an ihr weit mehr noch als an ihrem Patienten ein innerliches Wunder geschehen.

Perikles war nun wieder allein und seinen Gedanken überlassen. Allerdings fühlte er sich in Wahrheit gekräftigt genug, daß er ohne allzu große Beschwerde hätte wandeln können, wohin es ihm beliebte. Es beliebte ihm jedoch, an Ort und Stelle zu bleiben und noch eine Zeit lang weiter den armen Kranken zu spielen. Er befand sich hier in leidlicher Sicherheit vor seinen erbitterten Landsleuten, und der Platz war freundlich genug. Frühling war es und auch die Nacht nicht mehr zu kalt; köstlich aber ruhte es sich in der schon starken Gluth der Mittagssonne, wie sie gesänftigt ward durch die hohen Oelbäume und den feuchten Hauch des Meeres, der mit leiser Regung bis zu ihm heraufzog. Darum schien es ihm gut zu verweilen, und ungern hätte er die verfallene Hütte mit einem fernen Palast vertauscht.

Kalomira kam mit neuen Gaben am nächsten Tage und an dem folgenden auch und versah wortlos mit ruhigem Eifer wie das erste Mal ihren Dienst. Es war ihr, als ob sie zu einem mutterlosen Kinde käme, das ihr desto lieber ward, je völliger sein verlassenes Leben in ihre Hand gelegt war.

Nachdem aber der dritte Tag über dieser stillen Pflege hingegangen war, begann sie allgemach zu erstaunen, wie doch dieses Siechthum so ganz hartnäckig andauern könne und weder durch ihre heilsame Nähe noch durch ihre irdische Sorgfalt im geringsten gebessert zu werden schien. Der Verdacht eines falschen Spieles aber vermochte ihre reine und hochmüthige Seele auch nicht einen Augenblick zu berühren, und so wuchs denn nur ihr Mitleid und ihre Sorge so sehr, daß sie sich des Abends vornahm, ihn bei dem nächsten Besuche frei und ernsthaft über seine Leiden zu befragen, vielleicht daß sie ihm dann besser helfen konnte.

Wie sie aber am andern Tage wieder vor ihm stand und nun reden wollte, hatte er seine Augen groß zu ihr aufgeschlagen, und das verwirrte sie so stark, daß ihr plötzlich die Erinnerung abhanden kam, mit welchem Worte sie ihre Ansprache hatte beginnen wollen. In Verlegenheit stand sie da, bis der Jüngling selbst sich ihrer Noth erbarmte und endlich den Mund aufthat.

»Habe Dank, schöne Heilige!« sagte er mit bescheidener Stimme.

Da that sie ein rasches Stoßgebet zu ihrem heiligen Perikles und fragte leise:

»Welches ist Dein Leiden und womit kann ich es heilen?«

Der Leidende besann sich eine kleine Weile, dann zuckte flüchtig ein schlaues Lächeln um seinen Mund, und er sprach:

»Meine Landsleute haben mir den Leib zerschlagen, aber mehr noch die Seele, als sie mich von Deinem Angesicht vertrieben, da ich doch nichts that noch begehrte, als diejenige recht inbrünstig zu verehren, der alle Ehre gebührt. Weil aber meine Seele so schwer getroffen ist, bin ich hülflos geworden wie ein Kind und vermag meine Glieder nicht mehr zu rühren. Auch weiß ich nur Ein Mittel zu meiner Genesung: das wäre, wenn Du selbst mich als ein Kind betrachten wolltest und mit mir verführest, wie Du oft mit kleinen Kindern gethan hast, wenn solche erkrankt waren und ihre Mütter sie nicht zu beruhigen vermochten.«

»So will ich Dir noch einmal die Hände auf das Haupt legen und Dich segnen, vielleicht daß Du gesundest,« sagte sie rasch mit heimlichem Erschrecken.

»Nein,« entgegnete Perikles, »so pflegst Du mit Erwachsenen zu thun, ich aber bin jetzt ein Kind an Kraft und Sinn; man hat mir aber gesagt, Du vermögest Kinder dadurch zu beruhigen und zu heilen, daß Du sie leise auf den Mund küssest.«

Bei dem bedenklichen Wort erbebte Kalomira in ihrem Herzen, denn er hatte die Wahrheit bezüglich der Kinder gehört; und sie gedachte in Zorn zu gerathen und ihm ein so ungebührliches Verlangen mit allem frommen Ernste zu verweisen. Doch da sie sah, wie seine Augen bittend und unschuldig gleich denen eines rechten Kindes zu ihr aufblickten und wie er hier so wehrlos vor ihr lag, gewannen Rührung und Mitleid wieder die Oberhand, und sie meinte sogar eine deutliche innere Stimme zu vernehmen, welche mit dringendem und lieblichem Antriebe rieth, dem flehenden Wunsche des Unglücklichen zu willfahren. Und wie sie an stille geistliche Offenbarungen gewöhnt war und ein Recht darauf zu haben glaubte, wußte sie auch diesmal solchem Rath sich nicht zu widersetzen. Sie überlegte aber sogleich auch weiter, daß im Grunde doch Niemand sehe noch wisse, wenn hier in der Waldeinsamkeit ein ungewöhnliches Ding geschähe, und gewann zuletzt einen klugen Rath in ihrem Herzen.

»Schwöre mir,« sagte sie hastig, »daß Du heute noch, falls Du gesundest, diese Insel verlassen und nimmer wiederkehren willst, so mag ich allenfalls thun nach Deinem Begehren und Dich heilen.«

Perikles bewegte zuerst sehr traurig das Haupt bei dieser Zumuthung; alsbald aber setzte sich wieder der Schalk auf seine Lippen, doch nur einen Augenblick, so daß Kalomira es nicht wahrnahm; dann sagte er laut mit feierlicher Miene:

»Allzu hart wäre es, wolltest Du mich um dieser Sache willen auf alle Lebenszeit in die Fremde schicken; aber ein Jahr lang mag ich Dir willfahren, und also schwöre ich beim heiligen Nikolaos, der die Seefahrer beschirmt, wenn Du mich heilest, will ich noch heute ein Schiff besteigen und diese Insel Kerkyra verlassen, und will mein Haupt auf ihrem Boden nicht zur Ruhe legen während eines ganzen Jahres, es sei denn, daß Du selbst aus freiem Willen mich des Gelübdes entbindest.«

»Dies wird nimmermehr geschehen,« sprach Kalomira zu sich selber, und zugleich dachte sie, ein Jahr sei eine schöne Zeit und lang genug, so kleine Dinge in Vergessenheit zu bringen, und darum machte sie sich zu dem guten Werke bereit, um nur die unangenehme Sache so schnell als möglich aus der Welt zu schaffen. Sie kniete zu dem Kranken ins Gras und streifte den Schleier vom Mund zurück, behielt ihn aber in der Hand, um sogleich nach gethaner Arbeit die Lippen zu wischen. Darauf neigte sie sich leise und furchtsam über ihn, der still lag wie ein Lämmchen, machte die Lippen so spitz, als sie nur konnte, und berührte seinen Mund loser und flüchtiger wie ein Vöglein, das seinen Schnabel ins Wasser taucht.

Sie konnte aber gewiß nicht ahnen, welch ungeheure Heilkraft diesem überzarten Kusse innewohnte: auf der Stelle sprang der Jüngling, alles Siechthums ledig, mit frischer Kraft seiner Glieder feurig empor und vermochte sogleich das erschrockene Mädchen zu fassen und in dankbarer Erwiderung mehrmals auf den Mund zu küssen, aber nicht wie ein flüchtiges Vöglein, sondern wie ein kluger Mann, der ein schönes Weib in seinen Armen hält.

Freilich nur für wenige Secunden blieb sie betäubt und dem Manne hingegeben, schnell regte sich wieder die Heilige in ihr gewaltig, sie stieß den Uebergesunden von sich mit gesammelter Kraft, daß er unsanft gegen die Mauer fiel, und dann stand sie glühend mit geballten Fäusten da und rang nach Worten, sie dem Verräther ins Gewissen zu schleudern. Sie war aber noch so verwirrt, daß ihr zunächst gar nichts Anderes einfiel als eine Frage, die ihr zwar schon lange im Sinne gelegen hatte, die sie jedoch kaum in einem viel unpassenderen Augenblick hätte heraussprudeln können als eben jetzt.

»Wie heißest Du und wer bist Du überhaupt?« rief sie mit der ganzen Strenge eines in sich selbst unsicheren Zornes.

»Perikles, der Sohn des Xanthippos,« erwiderte er, sich rasch wieder aufraffend, mit einem beträchtlichen Anflug von Stolz.

Diese sachliche Auskunft vernichtete den letzten Rest ihrer Fassung mit Einem Schlage; sie machte ein Gesicht, als ob die Erde sich unter ihr aufthäte, und ohne noch ein Wort zu sagen, floh sie mit den Geberden vollster Verzweiflung jählings von dannen.

Perikles stand einen Augenblick verdutzt über eine so wunderliche Wirkung seines Namens, rasch aber hob er wieder das Haupt empor und sprach mit klugem Lächeln hinter der Enteilenden her:

»Perikles, der Sohn des Xanthippos, zeichnete sich aus vor allen Hellenen durch Weisheit, Beredsamkeit und mancherlei bürgerliche Tugend!«

Als Kalomira in ihre Kammer zurückgekehrt war, riß sie mit Hast das verrätherische Bild von der Wand, denn sie hatte beschlossen, es zu vernichten und als ein Sühnopfer dem Vorläufer Johannes darzubringen, dessen rechtmäßigem Dienst sie sich, wie sie nun einsah, jahrelang zu Gunsten eines falschen Propheten entzogen hatte, obzwar ihrem einfältigen Sinne der Hergang dieses bösen Spieles noch immer nicht völlig klar geworden. Rasch setzte sie die vom Winter her im Becken zurückgebliebenen Kohlen in Brand und warf mit bebender Hand das leichte Blatt hinein, das augenblicks in lodernden Flammen aufging. Noch einmal lasen ihre Augen mitten aus der Gluth die schön geschriebenen Worte »Perikles, der Sohn des Xanthippos«, dann war das Papier verzehrt; sie aber spürte zugleich ein so großes Leid, als ob die Flamme an ihrem eigenen Herzen nagte. Und daran erkannte sie, daß sie recht gehandelt und daß es die höchste Zeit gewesen war.

Allein zu schnell erkannte sie auch, daß sie das Opfer zu einem Theile vergeblich gebracht hatte: denn nur frischer und leuchtender, wie aus den Gluthen neu erstiegen, stand die Gestalt des lebendigen Urbildes vor ihren Augen und ward um so deutlicher, je fester sie dieselben schloß und mit den Händen bedeckte.

Da ward sie von heißer Verwirrung und Angst erschüttert; ganz unmöglich schien es ihr, sich vor den Leuten fürder zu zeigen und ihre Segenskräfte spielen zu lassen, denn sie fühlte, daß ihre selbstgewisse Heiligkeit einen schmerzlichen Riß erhalten habe. Ein verborgenes Feuer brannte in ihrem Herzen und auf ihren Lippen, das kein frommes Opferfeuer war.

Sie dachte daran, dem Chrysikopulos das Geschehene zu beichten – aber sie meinte schon ein spöttisch-feines Lächeln um seine Lippen zu sehen und seine ruhige Stimme zu hören, wie er sprach: »So gieb es auf, etwas Besonderes unter dem Volke zu sein, Du hast das Deinige gethan und Deinen Lohn dahin; entschließe Dich denn, ein stillzufriedenes Menschenkind mit den anderen Frauen zu sein . . .« Aber sie wollte nicht aus ihrem Himmel fallen, nicht einer entthronten Königin gleichen . . . sie wollte ihre Pflicht erfüllen.

Darum faßte sie endlich den Entschluß, still das Haus und das Dorf zu verlassen und sich der Einsiedlerin Anastasia zu vertrauen, bei der, wie sie wußte, schon manches arme Mädchen Trost und Rath gefunden hatte. Schnell packte sie einige schlichte Gaben für die Nonne zusammen und wanderte durch den Oelwald hinab an den kleinen Golf Kaliopulos, der einst der berühmte Hafen der alten Kerkyräer war. Am Ausfluß dieses nun verschlammten, schilfumkränzten Beckens liegen zwei winzige Inselchen oder Klippen, deren jede ihr Heiligthum trägt: eine Kapelle und ein klösterlich Haus für die Hüter derselben. Auf der kleineren, die kaum einen Steinwurf vom jenseitigen Ufer entfernt und von einem ruhig wandelnden Menschen leicht in einer Minute zu umschreiten ist, hauste in frommer Einsamkeit die ehrwürdige Anastasia und pflegte ihres Kirchleins.

Zu ihr ließ sich Kalomira hinüberrudern, und ihr vertraute sie in aufgeregter Beichte unter Seufzen und Schluchzen die schlimme Lage ihres Schicksals und daß sie bitterlich darum sorge, der göttliche Segen müsse von ihr gewichen sein; denn sie selber verspüre den Muth nicht mehr, ihr heiliges Amt mit Freuden auszuüben, seit sie so heftige Küsse eines Mannes auf ihren Mund empfangen.

Als sie dies Bekenntniß geendigt, strich Anastasia ihr mit der Hand den Schleier völlig vom Gesicht und blickte sie so unerbittlich forschend an, daß die Jungfrau noch viel tiefer als zuvor erröthete und in heftige Thränen ausbrach. Dann sagte die Greisin: »Es ist schon manchem ehrbaren Mädchen ähnliche Unbill widerfahren, ohne es in großen Schaden zu bringen, falls die Sache nur in der Stille begraben und nicht mit Gewalt unter die Leute gebracht wurde. So wird es auch nicht allzu schwer sein, mit mäßiger Bußübung Dich von dieser Sünde, zumal sie doch völlig wider Deinen Willen geschehen ist, in ziemlicher Eile gründlich zu reinigen. Willst Du aber lieber zuvor in Einsamkeit Dein eigenes empörtes Herz beruhigen und prüfen, so bleibe bei mir einige Tage oder auch Wochen, so es nöthig wird. Ich gebe Dir eine Kammer über der meinen, dort halte Dich stille, bete und schaue aufs Meer hinaus. Wenn aber dann die Trübe und Verwirrung Deines Herzens nicht von Dir geht, so ist Dir wahrlich ein größer Uebel widerfahren, als Du selber glauben magst, und wir werden ernstere Mittel gebrauchen müssen, um Dich zu heilen.«

Die Nonne lächelte ein wenig bei diesen Worten; Kalomira küßte ihr die Hände und bat demüthig, auf ihrer Klippe mit ihr verweilen zu dürfen, bis sie mit sich selbst wieder werde zurecht gekommen sein. Da faßte Anastasia sie freundlich bei der Hand und führte sie ein Treppchen hinauf in ein niederes Gemach, in welchem sich kein Geräthe vorfand als ein dürftiges Lager und ein Betschemel. Dort ließ sie ihren Gast allein, stieg wieder hinab und begab sich zu dem noch harrenden Fährmann. Diesem befahl sie, nach Gasturi zu gehen und dem Priester daselbst zu berichten, wohin sich seine Tochter einstweilen zurückgezogen habe. Denn sie wußte, daß er und alle Anderen alsdann ohne Sorge um dieselbe sein würden.

Kalomira blickte dem Zurückrudernden aus ihrem kleinen Fenster nach; und nun sah sie, wie von der Nachbarklippe, welche Pantokrator oder auch »das Schiff des Odysseus« genannt wird, ein anderer Nachen abstieß und rasch von der Seite auf jenen zustrebte. Ein Mann saß darin, der dem Fährmann winkte und, als er ihn erreicht hatte, einige Worte mit ihm zu wechseln schien. Darauf kehrte er mit langsameren Schlägen zu seinem Eiland zurück, ohne daß Kalomira sein Gesicht erblicken konnte. Sie wußte, daß dort in dem kleinen Kloster nur zwei Mönche hausten und Tag für Tag beschaulich unter den hohen Cypressen lustwandelten, und sie wunderte sich ein wenig, daß die stillen Einsiedler so große Neugier zeigten, wer bei ihrer Nachbarin zu Gaste gekommen sei. Denn einen anderen Grund schien ihr die kurze Unterredung nicht gehabt zu haben.

Als es Nacht wurde, traten die Sterne glänzend am Himmel hervor, und es ward eine unendliche Stille rings auf dem Wasser, das wie ein schimmernder Spiegel dalag; nur manchmal, wenn ein Fisch in die Höhe sprang, ringelte sich die Fluth und sprühte wie von goldenen Funken. Da meinte Kalomira zu empfinden, wie recht ihr die Nonne gerathen, sie solle aufs Meer hinausschauen, denn schon begann leise eine freundliche Ruhe in ihr Herz zu ziehen. Wie es aber etwas später wurde, stieg der Mond empor mit so rother Gluth, als sollte die Sonne aufgehen und das Treiben des Tages schon wieder beginnen. Kalomira trat von dem Fenster zurück und kniete nieder, in dem tiefern Dunkel zu beten, denn noch war zum Schlafen ihr Blut nicht genügend besänftigt.

Plötzlich schlug ein klarer Gesang vom Meere herauf an ihr erschrockenes Ohr: sie meinte diese Stimme zu erkennen, ob sie gleich erst wenige Worte von derselben vernommen hatte, auch verstand sie den Sinn und die Weisen: es waren kleine feurige Liebesliedchen, wie sie unter dem jungen Volk des Landes üblich sind. Sie hatte dergleichen nächtliche Gesänge oft genug vor den Fenstern der Nachbarstöchter gehört, doch nie, so schien es ihr, von einer so sanften und sehnsüchtigen Stimme, auch hatten sie nie ein anderes Gefühl als ernste Verachtung in ihr erregt. Auch das war heute anders: sie fürchtete sich vor den verlangenden Tönen. Nur hoffte sie noch, daß es ein Trug ihrer Sinne wäre oder auch die Neraiden, welche zu dieser Nachtstunde aus dem Wasser tauchten, um sie singend zu necken und ihr Herz zu bethören, daß es seiner heiligen Pflichten vergäße. Denn sie wußte, die Neraiden seien zwar wunderschön von Gestalt und meist auch freundlichen Sinnes, allein dem Christenthum nicht allzu wohlgesinnt. Sie wagte aber durchaus nicht, wieder ans Fenster zu treten, sondern lag angstvoll auf ihren Knieen, bis sie zuletzt die innere Unruhe nicht mehr ertragen konnte und zu ihrer Beschützerin hinabeilte.

Sie fand dieselbe noch nicht im Bette, aber doch über ihrem Rosenkranz ein wenig eingenickt, so daß sie von dem Gesang da draußen nichts vernommen haben konnte. Kalomira weckte sie auf und erzählte ihr hastig ihre neuen Fährnisse.

Anastasia aber schüttelte das Haupt und sprach: »Wie meinst Du, daß solches Singen von den Neraiden abstamme? Warum sollten sie die Stimme eines Mannes annehmen? Mir scheint es weit leichter, zu vermuthen, daß jener Jüngling, den Du fliehest, hier in der Nähe sei und seine lockenden Liedchen anstimme.«

»Das ist nicht möglich,« sagte Kalomira, »er hat mir ja geschworen!«

»So hat er den Eid gebrochen,« erwiderte die Einsiedlerin ruhig.

»Nein, nein!« rief das Mädchen sehr heftig, »das hat er nicht, das kann er nicht, das ist nicht möglich!«

»Wer läßt Dich dessen so gewiß sein? Es hat schon mancher Mann, wenn die Begierde ihn trieb, seines Eides vergessen.«

»Nein, dieser nicht! Eidbrüchig kann dieser nicht sein! Mein Herz sagt es mir so sicher und laut, daß ich ihm glauben muß; dieser Jüngling kann kein Verbrecher an dem Heiligsten sein!«

Da nickte Anastasia dreimal mit dem Haupte und sprach: »Ach, wehe einem armen Mädchen, wenn ihm das Herz etwas sagt! – So bleibe Du denn hier und rede noch ein wenig weiter mit Deinem Herzen, denn ich fürchte, es wird Dir noch viele Widerrede machen. Ich aber will indessen um Deinetwillen in meinen Nachen steigen und etwas in die nächtliche Kühle hinausfahren, um Deinen Neraiden ein bischen auf den Zahn zu fühlen.«

Nach diesen Worten that die Alte, hüllte ihr Antlitz in einen weißen Schleier, schritt hinaus, löste den Nachen und ruderte mit rüstigen Armen in einem weiten Kreise um ihr Inselchen herum. Sie brauchte sich nicht lange anzustrengen, denn bald kam ihr ein anderes Boot mit begieriger Eile entgegen, und als es ganz in ihrer Nähe war, zog der nächtliche Schiffer die Ruder ein und breitete die Arme sehnsüchtig aus, als wollte er die Nahende umfangen.

Die wackere Anastasia aber hob schnell ihr eines Ruder mächtig drohend empor und schlug zugleich den Schleier zurück, daß der Mond auf ihr Antlitz schien: das war ehrwürdig und schön, aber keineswegs jung oder reizend, und jetzt zumal war es fast schrecklich zu sehen in seinem ehrlichen Zorn.

»Eidschänder!« rief sie ihm zu. Und Perikles fuhr so hastig zurück und ließ die Arme sinken, als hätte ihn das schwere Ruder wirklich geschlagen.

Er wußte sich indessen noch ziemlich schnell zu fassen, und weil er merkte, daß diese Einsiedlerin sein Geheimniß wußte, erwiderte er kräftig: »Nicht doch, Mutter, Du irrst, mein Eid ist unverletzt. Ich habe geschworen, binnen Jahresfrist mein Haupt nicht mehr auf unserer Insel Kerkyra zur Ruhe zu legen, und diesen Schwur halte ich treulich. Denn ich wohne nun zur Nacht bei den zwei Mönchen hier auf dem Eiland Pantokrator, das ist nicht Kerkyra, und wenn ich bei Tage wandernd das Land drüben betreten will, so wehret mein Eid es mir mit nichten.«

An dieser Rede erkannte Anastasia, daß sie es mit einem gewitzten Schlingel zu thun hatte, und es ward ihr sehr bange um ihren Schützling. Sie konnte ihn wegen des Eides aber nicht mehr strafen und fragte nur strenge: »Warum verfolgst Du unsere fromme Jungfrau und störest ihre Ruhe? Sie verschmäht Dich gänzlich und will nichts von Dir wissen.«

Perikles besann sich nur kurz auf eine Antwort und sagte gelassen: »Wenn Kalomira gar nichts von mir wissen will, was kann es ihre Ruhe stören, wenn ich auf freiem Meere meine Lieder singe? Ja wie weiß sie dann, daß sie ihr gelten und nicht etwa Dir, Mutter Anastasia? Bist Du doch weithin angesehen und Jedermann hält Dich hoch, und ich nicht am wenigsten. Doch ich erkenne, daß sie ihr Ohr ein wenig meinem Singen öffnet, und das nehme ich mir zu einem guten Zeichen. Wohl weiß ich, warum ihr Herz sich sträubt und sich wider sich selber setzt: sie möchte ihren Heiligenschein vor dem Volke wahren und die Ehren nicht gern einbüßen, die sie bisher genoß; darum verstockt sie sich gegen die Liebe und gegen mich, der ich allein wagte, um sie zu werben, den Leuten beider Dörfer zum Trotz, die mir darum feind sind und mich bitterlich verfolgen. Und ich bin deß nun müde, und höre Du denn genau, was ich thun will, um zu einem Ende zu kommen. Ich will der Stolzen eine neue Wette bieten, die sie von mir befreie, wenn sie will, und einen neuen Eid thun, der klarer sei und mich sicherer binde. Ich bitte Dich, verkündige Du ihr meine Meinung, und sie wisse, daß ich nicht eher, weder hier noch wo sie immer weilen mag, mein Singen einstellen will, als bis sie die Wette eingeht. Mir liegt nichts mehr an meinem Leben ohne sie und ohne ihre Liebe, doch ich will nicht von hinnen gehen, ehe ich noch einen einzigen Augenblick des Glückes genossen habe. Darum sage ihr: sie soll mich einmal noch küssen, und das mag das allerletzte Mal sein. Dann schwöre ich hier bei der Allheiligen, ich will meinen Fuß nie wieder auf ein Land setzen, das sie trägt, und auch nicht in der Nähe weilen, sondern für alle Zeiten ihres Lebens will ich ihr so fern sein wie ein Todter in der Unterwelt – es sei denn, daß sie selbst komme und aus freiem Willen mich zurückführe und also den Schwur aufhebe. So soll mein Eid sein, und Du sollst ihr diese Wette vorlegen. Doch diese Nacht noch soll es geschehen und will ich scheiden, denn mein Herz brennt so sehr von Sehnsucht nach ihr, daß ich keine Ruhe finde weder am Lande noch auf dem Meere, bis mein letztes Begehren erfüllt ist.«

Die Nonne blickte ihm recht mißtrauisch ins Gesicht bei diesem seltsamen Vorschlag und zauderte unschlüssig, ob sie seiner Bitte willfahren dürfe. Allein zuletzt sagte sie sich selber, daß in einer verzwickten Lage es immerdar am klügsten ist, eine rasche Entscheidung zu fördern und den Dingen gerade ins Antlitz zu sehen. Denn, dachte sie, ist es dieser Jungfrau ernst mit ihrer Weigerung, so wird ihr ein Kuß mehr zu den übrigen keinen argen Schaden bringen, falls sie nur den Burschen seinem Eide gemäß nie wieder mit Augen sieht. Bricht er aber den Schwur, so wird er ihr auf alle Fälle so gemein und verächtlich werden, daß sie ihr Herz mit Schaudern von ihm wendet, und er mag in seiner Schande vor ihr dahinfahren. Darum ist es gut, ich thue nach seinem Wunsche, ob ich ihm gleich noch jetzt nicht viel Gutes zutraue.

So nickte sie ihm Gewährung, fuhr schweigend Bord an Bord mit ihm an ihr Klostereiland und erlaubte ihm daselbst zu landen. Er mußte aber draußen stehen und harren, indessen sie ins Haus ging, mit der Jungfrau zu reden.

Und er blieb eine beträchtliche Weile in sorgender Einsamkeit; es war so still um ihn her vom Meere zu den Bergen, als ob er der einzige lebendige Mensch wäre mitten in einer erstorbenen Welt; und doch trug er in seiner Brust einen Entschluß, durch den er leicht in wenigen Stunden von der lebend erwachenden Welt als ein todter Mann erblickt werden konnte.

Doch als endlich die Nonne wieder erschien, führte sie Kalomira mit sich an der Hand. Perikles aber sah, daß sie ihr Antlitz tief in den Schleier verborgen hatte, und sprach: »Willst Du mir thun nach meinem Verlangen, so enthülle Dein Haupt, daß ich den Eid frei vor Deinem offenen Antlitz leisten könne.«

Stumm gehorchte sie dieser Mahnung und schlug den Schleier über die Schulter zurück, und Perikles sah, sie war blaß wie eine Lilie. Da sprach er mit zitternder Stimme seinen Eid, ganz wie er ihn Anastasia zuvor verheißen hatte. Und dann umfing er die Geliebte, die sich nicht wehren durfte, und küßte sie auf den Mund und die Augen; und er fühlte, wie Thränen leise ihren Wimpern entströmten. Auch erwiderte sie ganz heimlich seinen Kuß, denn sie dachte, sie würde ihn auf Erden nimmer wiedersehen, und wußte doch in diesem Augenblick, daß sie ein großes Wohlgefallen an ihm gewonnen hatte. Und wäre nicht ihr Stolz und ihre Pflicht gewesen, sie hätte ihn am liebsten für ihre Lebenszeit in ihren Armen festgehalten.

Nachdem Perikles in solcher Weise eines kurzen süßen Glückes theilhaftig geworden, richtete er sich rasch empor und sagte laut mit fester Stimme:

»Jetzt will ich meinen Eid lösen, wie ich ihn geschworen habe, und noch ein Stück darüber. Ich habe verheißen, den Fuß nie wieder auf ein Land zu setzen, das Dich trägt, Kalomira. Nun aber füge ich hinzu und schwöre bei allen Heiligen, ich werde den Fuß nie wieder auf irgend einen Boden setzen, weder auf das Festland, noch auf eine Insel, noch auf eine Klippe, noch selbst auf ein Schiff, sondern einzig das Wasser soll mich tragen, so lange es kann. Denn wenn Dir Dein heiliger Name höher steht als meine Liebe, so will ich eher sterben, als Deiner Liebe entbehren. Darum scheide ich jetzt von Dir und von der Erde auf ewig, es sei denn, daß Du selbst mich zurückholst und so mit eigener Hand meinen Eid vernichtest.«

Nach diesen Worten that er einen Sprung, warf sich, wie er war, von dem Steine ins Meer und begann mit starken Stößen hinauszuschwimmen.

Die beiden Frauen schrieen laut auf, als sie den wilden Sinn seines Schwures erkannten, und Kalomira sank in die Kniee. Anastasia aber sprach: »Wahrlich, mich erbarmt dieses treuen und kühnen Jünglings, den nun jeder Schlag seines Armes dem Tode näher bringt; doch ich vermag ihm nicht zu helfen, denn sein Eid bindet auch mich. Ich will in mein Kirchlein gehen, für seine Seele zu beten und für die Deine.«

Kalomira lag auf ihren Knieen und starrte mit Grausen dem Schwimmer nach. Sie erkannte wohl, es war ihm furchtbar ernst mit seinem Schwur; er schwamm und schwamm mit rüstigen Armen, als gelte es ein herrliches Ziel zu gewinnen. Kalomira blieb erstarrt in hülfloser Angst, indessen die Minuten gingen. Ja, sie wußte, sie konnte ihn retten, sie allein in der Welt, jetzt noch, diesen Augenblick noch – aber dann war er auch seines Eides entbunden, dann war ihm alle Macht über sie gegeben, sie fühlte, daß sie ihm nicht mehr zu widerstehen vermochte. Und dann war sie eine Pflichtvergessene vor ihrem Volke, des himmlischen Segens baar und unwerth, sie mußte fortan die Augen niederschlagen, wo sie das Haupt sonst hoch und herrlich getragen.

Und eine entsetzliche Furcht ergriff sie vor irgend einer dunkel drohenden göttlichen Strafe für ihren Abfall wie vor einer fernen Gewitterwolke, die das Herz mit dumpfer Ahnung künftigen Unheils niederdrückt. Und diese Angst riß wie ein Sturmwind alle anderen Gedanken aus ihrer Seele, diese ungewisse Angst vor der geheimnißvoll richtenden Allmacht über den Wolken. Es war zu Schweres auf ihr Haupt gewälzt in dieser Stunde, ihr heiliges Amt des Segenspendens lag plötzlich auf ihr wie eine zermalmende Last, und gern hätte sie alle Ehren hingegeben für ein einziges Wort, ein Zeichen von oben, das ihr Verzeihung gewährte, nur Verzeihung und nichts mehr, wenn sie ihr stilles Gelübde brach.

Sie schloß die Augen gewaltsam vor dem Schrecklichen, das sich draußen auf dem Meere vollziehen sollte; sie preßte beide Hände wie im Krampf vor ihr Antlitz, sie brach zusammen und drückte die Stirn fest auf den harten Stein – da war es ihr, als habe sie einen leisen Todesseufzer vernommen; es war nur der Seufzer ihrer eigenen Brust, der ihr so fremd erschien, als käme er ihr dort aus jener Ferne; und sie sprang wieder empor auf ihre Füße, riß die Augen weit auf und starrte hinaus zu dem verlorenen Manne im einsamen Meer.

Schon war er so weit vom Lande entfernt, daß er schwerlich mehr zurückkommen konnte, auch wenn er gewollt hätte; nach aller menschlichen Berechnung mußte ihm die Kraft lange vorher versagen. Und er ruderte doch immer noch weiter, sie sah die ruhige, gleichmäßige Bewegung seiner Arme, die ihn unbeirrt dem schauerlichen Ende näher führte. Und rings umher lag das Meer stumm und unbelebt in der leuchtenden Mondnacht, kein Schiff, kein Nachen war weit und breit zu erspähen. Noch ragte sein Haupt kräftig über der glatten Fluth empor – doch jetzt verschwand es, die Kraft der Glieder schien plötzlich zu erlahmen . . . doch es zeigte sich wieder, nur ein Augenblick war es gewesen, vielleicht ein Versuch, die Qual langsamer Ermattung freiwillig abzukürzen.

Aber dieser eine Augenblick entschied den langen Kampf des erschütterten Mädchens.

»Allheilige Jungfrau!« betete sie leise, aber gewaltig, »strafe mich, schlage mich, zerschmettere mich, aber laß mich ihn retten! Denn sieh, er ist ohne mich ja ganz verloren!«

Und sie sprang in den Nachen, und von verzweifelten Ruderschlägen getrieben, schoß das leichte Fahrzeug dem fernen Schwimmer nach, allmählich die Weite der trennenden Fläche verringernd. Laut rief Kalomira seinen Namen über das Wasser, und er wandte das Antlitz herum: aber dennoch schwamm er weiter, langsamer wohl und matter, doch er hielt seinen Eid bis zum allerletzten Augenblick. Immer schneller näherte sich das Boot dem lebendigen Ziel, immer freudiger wuchsen die Kräfte der rüstigen Jungfrau, und jetzt endlich, jetzt war sie an seiner Seite und streckte ihm selber die Hände zur Hülfe entgegen. Er vermochte sie zu fassen und sich über den Bord zu heben, aber dann sank er bewußtlos nieder auf den Boden des Schiffchens und blieb dort liegen bleich und ohne Leben. Kalomira küßte ihn leidenschaftlich auf den Mund und versuchte ihn damit wie jüngst auch diesmal zu Kräften zu bringen. Doch nun zeigte es sich, daß ihre heilige Macht wirklich ganz von ihr gewichen war.

Da ruderte sie mit tüchtiger Menschenkraft zu dem Eiland zurück und rief die Nonne zu eiliger Hülfe herbei. »O Anastasia,« sagte sie entschuldigend, »ich konnte nicht anders, ich habe ihn mir zurückgeholt!«

Doch die nickte nur ganz zufrieden, und Beide trugen den leblosen Körper in die Kapelle und legten ihn nieder unter das Bildniß der Gottesmutter, ihn ihrer Fürsorge zu empfehlen. Aber doch versäumten sie nicht, mit ihren Händen der Göttin tapfer beizuspringen, sie rieben und wärmten ihn und stärkten ihn mit Wein. Und nicht allzu lange währte es, da erfüllte die Panagia ihre Bitte und goß dem Jüngling frisches Leben in die erstarrten Glieder.

Am anderen Morgen mit dem Frühsten besandte Anastasia durch den Fährmann den Priester Chrysikopulos von Gasturi; denn Kalomira war während der Nacht in eine schwere Verzagtheit gefallen, daß nichts sie aus ihrer Trübsal aufzurichten vermochte. Als Panagiotis nun kam und sah, wie sich die Dinge gefügt hatten, zugleich aber auch erstaunte, wie schwer seine Tochter die gebrochene Pflicht ertrug, da streichelte er sie, lächelte gütig und sprach:

»Das mag noch Alles gut werden, wenn wir Geduld haben mit unserer frommen Gemeinde und den Leuten Zeit lassen, sich von einem alten Wahne langsam zu entwöhnen. Ich will euch Beide hier sogleich in diesem Heiligthum als rechtmäßige Ehegatten zusammensprechen. Wenn ich darüber ein wenig in Strafe verfalle, so soll mich das dieses eine Mal nicht allzu sehr verdrießen. Dann sollt ihr einen Monat in tiefer Verborgenheit unter Obhut der Schwester Anastasia mit einander wohnen; doch nach dieser Frist soll Kalomira in mein Haus zurückkehren und wieder daselbst leben wie zuvor, als ob nichts geschehen wäre, bis mir die Zeit gekommen scheint, dem guten Volke Alles zu offenbaren.«

Es geschah nun Alles so, wie er gerathen hatte. Nach einem Monat geheimen Glückes lebte Perikles die folgende Zeit in freiwilliger Verbannung auf dem Eiland Pantokrator bei den zwei Mönchen, diente ihnen als Fischer und hatte daselbst seine Treue in langer Entsagung zu bewähren. Die junge Gattin kehrte nach Gasturi zurück, pflag ihres frommen Amtes wie zuvor und empfing ihre Gaben. Niemand wußte von dem Geschehenen, nur waren ihrer Viele, die sich wunderten, daß auf einmal all jene strahlende Frische und beglückende Heiterkeit in ihr schönes Antlitz zurückgekehrt war, die sie vor Jahren als Kind besessen. Und es gab Keinen, dem das mißfallen hätte, vielmehr schien alles Glück und alles Gute im Lande nur desto schöner zu wachsen, und die Leutchen gediehen in stiller Arbeit immer noch besser.

Als nun ihre Zeit gekommen war, genas Kalomira heimlich eines Kindleins, und als dasselbe zur Taufe kommen mußte, ließ der Priester die ganze Gemeinde sich versammeln, zeigte das Neugeborene und sprach:

»Wie ihr wisset, ward unsere Tochter Kalomira mit besonderen Gaben zu unser Aller Bestem vom Himmel ausgerüstet; aber ein Irrthum war es, wenn ihr wähntet, der Himmel wolle ihr zugleich eigenes Glück der Liebe und trauter Häuslichkeit entziehen, daß sie euch Anderen allein zum Heile lebe. Nein, die Heiligen machen nicht dergleichen Bedingungen und Vorbehalt; wen sie begnaden wollen, dem schenken sie die Fülle ihrer Herrlichkeit aus freier Güte und ohne dafür ein Gegenopfer zu heischen. Und dessen sollt ihr jetzt ein vollgültiges Zeugniß sehen. Ist etwa im Laufe des jüngsten Jahres der Segen in unserem Lande geringer geworden, als er früher gewesen? Habt ihr nicht im Herbst des Weines und jetzt im Winter des Oeles die Fülle geerntet? Ist irgend ein gemeines Unglück über euch gekommen? Sind mehr Leute unter uns erkrankt und gestorben als in anderen Jahren? Nichts dergleichen ist mir bekannt geworden, sondern immer blühet unsere Gemeinde wie keine andere rund umher auf diesem Eiland. Und dennoch, sollt ihr nun erfahren, ist unser Segenskind beinahe seit Jahresfrist die gültige Gattin eines Mannes; die himmlischen Gaben aber sind nicht von ihr genommen, und zum Zeichen, daß kein Heiliger ihr zürnt, ward ihr dies Kind beschert, das nun bei euch in gleicher Ehre stehen soll wie sonst seine Mutter; denn in diesem Kinde sollt ihr von Neuem beglückt und gesegnet werden. Und also fordere ich von euch, daß ihr Alle insgemein den heimlichen Ehebund meiner theuren Tochter Kalomira nun öffentlich gutheißet. Wer aber anders gegen sie gesinnt wäre, der soll der neuen Gnade nicht mit theilhaftig werden.«

Als Panagiotis geendigt, ging erst ein leises Murmeln der Verwunderung durch die versammelte Schaar, doch bald schwoll es an zu lautem Beifall und immer hellerem Jubel; und es ward also Friede geschlossen zwischen der abtrünnigen Kalomira und all ihren Beschützern, ehe noch ein Krieg erklärt war. Und das Glück blieb der Gemeinde getreu und nicht am wenigsten dem jungen Hause, welches Perikles, der Sohn des Xanthippos, in Gasturi sich gründete.

Von ihm wußte man später mancherlei bürgerliche Tugend zu rühmen: Weisheit und Beredsamkeit, meinte Chrysikopulos, habe er von jeher fast ein bischen zu viel besessen.