Das Gymnasium zu Stolpenburg.

Die Handschrift A.

Denkwürdig war immerhin schon die Art, wie er seine Liebeserklärung endlich ablegte: er ging aus von der Nibelungenfrage.

Für einen Eingeweihten lag eigentlich nichts besonders Auffallendes darin, und Fräulein Anna war eingeweiht; sie kannte den Feuereifer, mit dem er seine germanistischen Studien betrieb, und hatte auch, wenn nicht einen Begriff, so doch eine Ahnung von der Wichtigkeit derselben im Haushalt der Wissenschaft; darum vermochte sie es auch über sich, geduldig zuzuhören und auszuharren, bis er eine Durchfahrt zum Hauptthema fände. Denn sie wußte natürlich längst, wohin das Schifflein seiner Rede steuerte; schon die fürchterliche Feierlichkeit, die er zur Schau trug, als er sie zu dem gewöhnlichen Spaziergang abholte, mußte ihr ein Leuchtfeuerchen aufstecken. Und es scheint festzustehen, daß die Ueberraschung sie nicht überwältigte; ganz sicher ist, daß sie ihr nicht durchaus unangenehm war. –

Es ist richtig, ein absonderlich schöner Mann war dieser Schulamtskandidat Christian Dinse kaum zu nennen, und ein Muster weltsicheren Auftretens erst recht nicht; es lag vielmehr in seiner Haltung und Gebärde stets etwas Eckiges, Unausgewachsenes, Dumpfes, jenes geheimnißvolle kleine Unwesen, das den meisten germanischen Jünglingen zwischen sechzehn und sechzig, zumal wenn sie gelehrt sind, anzuhaften pflegt, als ob ihre Hosen immer um eine Kleinigkeit zu lang oder die Aermel um eine Kleinigkeit zu kurz wären, oder die Knöpfe irgendwo nicht in der richtigen Ordnung säßen. Zur Deckung dieses männlichen Fehls aber hat zum Glück die Natur einigen deutschen Frauen (nicht allen, bei Leibe nicht!) einen gewissen Blick in die Tiefe verliehen, der sie befähigt, verborgene Goldkörner zu erspähen, welche diese ungestalte Schale nicht selten umschließt.

Er ging also aus von der Geschichte und Kritik der Nibelungensage, verglich deren Gestaltung im skandinavischen Norden (Edda) mit der südgermanischen Wendung und suchte aus beiden durch ein sehr verschmitztes Auflösungs- und Zersetzungsverfahren die echte Urgestalt wissenschaftlich herauszuwaschen. Als er solcherart den schönen Sonnenmythus von Brynhild und Sigurd-Siegfried freigelegt hatte, schien sich von hier aus als von einer simpeln Liebesgeschichte der denkbar bequemste Uebergang zum Endziel seiner Rede zu bieten. Und in der That benutzte Christian Dinse das gegebene Sprungbrett zu einem ernstlichen Anlaufe: er schilderte mit Feuer die Beschwerden und Wagnisse, welche der Kühne zu bestehen hatte, ehe er die Geliebte gewann, – aber sei es, daß er sich schämte, sich die Sache so bequem zu machen; sei es, daß er den Ruhm deutscher Gründlichkeit zu gefährden fürchtete: sei es, daß er sich überhaupt mehr im Allgemeinen vor irgend einem dunkeln Schreckniß fürchtete: er lenkte mitten im besten Zuge wieder ab und marschirte erst noch einige Stationen weiter durch die blumenreichen Wildnisse der comparativen, symbolisirenden, spintisirenden und irrlichterirenden Mythologie.

Fräulein Anna Gebhart trippelte währenddessen je länger je mehr wie auf Kohlen; sie genoß ganz die qualvollen Empfindungen der Zuhörer, wenn ein Redner sich verhaspelt hat und den Ausgang aus der Ueberfülle seiner Gedanken nicht mehr finden kann; sie hätte ihm gar zu gern herausgeholfen, ihm das befreiende Wort zugeflüstert; doch jeder Versuch erwies sich als gänzlich erfolglos.

»Herr Gott, ja, woher weiß man denn eigentlich das Alles?« fragte sie endlich in einem Anfall von Verzweiflung, »und wer hat denn überhaupt die Nibelungen geschrieben?«

Sie hatte die Frage zu bereuen. Allerdings riß sie ihn dadurch aus jenen fabelhaften Regionen zurück, jedoch nur, um ihn alsbald kopfüber in das noch viel struppigere Dickicht der Textkritik des mittelhochdeutschen Nibelungenliedes stürzen zu sehen.

»Unter den Handschriften, welche uns das Heldengedicht überliefern,« docirte er, »sind nun allgemein anerkannt als die grundlegenden, die von uns mit A, B und C bezeichneten, von denen wiederum A und C die wichtigsten und zugleich die umstrittensten sind. A bietet den kürzesten, C den längsten der uns erhaltenen Texte. Der große Philologe Lachmann und wir, seine Anhänger, halten den Text A für den ältesten, wenngleich auch er die echte Gestalt nur durch zahlreiche spätere Zusätze erweitert und entstellt bietet; aus dieser Erkenntniß entwickeln wir dann die Thatsache, daß auch unser Volksepos wie das homerische nicht das vorberechnete Werk eines einzelnen Kunstpoeten ist, sondern vielmehr aus einer Anzahl unabhängiger Lieder allmählich nach inneren Gesetzen zu einer Einheit sich zusammengeballt und um den festen Grundstock der lebendigen Sage selbst sich gleichsam krystallisirt hat. Die Gegner freilich gehen in ihrer Verbohrtheit und hirnverbrannten Dünkelhaftigkeit so weit, den breitgetretenen Text der Handschrift C mit seinen überflüssigen und albernen Zusätzen für ursprünglicher zu halten und auf diesen plumpen Irrthum ihre Hypothese von der einheitlichen Entstehungsart des Gedichtes durch einen kunstmäßigen Verfasser zu gründen, eine Hypothese, deren frevelhafte Blödsinnigkeit nur übertroffen wird durch die nackte Frechheit und den wahrhaft schwindelnden Größenwahn, mit welchem eine Rotte denkunfähiger und sittlich unzurechnungsfähiger Subjecte sich nicht entblödet, ihre eigene jammerhafte Armseligkeit und dilettantische Kinderfaselei mit den erborgten Lappen einer gewerbsmäßigen Opposition gegen Lachmann kläglich zu überhängen.«

»Herr du meine Güte,« unterbrach ihn Anna ganz erschrocken, »wie ist es nur möglich, daß es so schlechte Menschen in der Welt gibt! Und wie kann denn der Staat nur so offenkundige Dummköpfe in ihren Stellungen dulden? Denn offenbar müssen sie doch Stellungen haben, wovon sollten sie sonst leben? Und da müßte doch der Minister ein Einsehen haben oder die Polizei.« –

»Liebes Fräulein,« belehrte sie Christian Dinse ernst, »das erste, heiligste Gesetz in der Gelehrtenrepublik heißt: gegenseitige Duldung, unverkümmerte Freiheit der Lehre, verständnißvolle Anerkennung auch geringerer Leistungen und selbst irrender Geister.« –

»Wahrhaftig?« fragte Anna schüchtern und etwas verwirrt. »Ich dachte nur, weil Sie so heftig gegen diese Subjecte redeten, so müßte doch –«

»Heftig?« fiel er verwundert ein. »Liebes Fräulein, mein Streben geht beständig nach strenger Ruhe und Mäßigung des Urtheils. Freilich bekenne ich, daß in Druckschriften auch ich nicht immer die volle Lindigkeit zu wahren vermag; es gibt da oft zwingende Gründe, schärfer vorzugehen, als ich es so im mündlichen Plauderton für nöthig halte.« –

»Gott schütze die unglücklichen Gegner!« dachte Anna, die Hände faltend, »aber was müssen das auch für Creaturen sein, die unseren sanftmüthigen Herrn Dinse zu solchem Zorne reizen können! Er steht ihm aber ganz gut, dieser Zorn, besonders seinen dunkeln Augen!«

Sie ließ nun jedoch die letzte Hoffnung fahren, daß er aus so menschenfeindlicher Stimmung heute noch den Rückweg zu sanfteren Gefühlen finden werde, und lenkte in heimlicher Betrübniß ihre Schritte wieder der Stadt und dem Hause zu; ihr Begleiter folgte gehorsam, ohne die veränderte Richtung zu merken und ohne seine Auseinandersetzung zu unterbrechen.

»Himmel, ist das ein langweiliges Zeug!« dachte Anna, »wie schrecklich, sich sein Leben lang mit solchem gleichgültigen Krimskrams plagen zu müssen, der doch keinem Menschen etwas nützen kann! Die armen Gelehrten! Der Staat sollte wirklich viel mehr für ihre Entschädigung thun, und vor Allem sollten ihre Frauen (wenn sie welche haben) sich immerdar bestreben, durch Fügsamkeit, Sanftmuth und treue Fürsorge ihr schweres Loos nach Kräften zu lindern. Man hört leider manchmal das Gegentheil. Auch Schwester Hannchen könnte zuweilen – ach na, aber Schwager Ludwig ist ja auch gar nicht so ein richtiger Gelehrter; bei dem habe ich noch nie solchen Zorn und solche Begeisterung gesehen; der prügelt seine Schüler und ist zufrieden und braucht wirklich keine so besondere Behandlung; da ist Hannchen am Ende doch ganz in ihrem Recht!«

Unter diesen tiefsinnigen Betrachtungen und Reden waren sie vor der Thür des Hauses angelangt, in welchem Anna, die Waise, bei ihrer Schwester und deren Gatten, dem Gymnasiallehrer Ludwig Gumprecht, ihr Quartier hatte zu eigenem Schutze und zur Unterstützung der Hausfrau. Der junge Hausfreund hatte die Erlaubniß erhalten, Fräulein Anna bisweilen spazieren zu führen, wegen seiner Jugend und anscheinenden Ungefährlichkeit und wegen der Faulheit des besagten Schwagers Ludwig.

Anna stand und bereitete sich etwas zögernd und etwas verlegen zum Abschied. Er aber merkte jetzt erst, bis wohin er seine Schutzbefohlene inzwischen schon geführt hatte, erschrak, brach seine Rede ab, stotterte etwas, erröthete, stotterte noch etwas, schwieg endlich und sah sie angstvoll flehend an, als ob er von ihr bestimmt die Fortsetzung des Liebesergusses erwartete, den er so beredt und ausführlich begonnen hatte. Das war denn aber doch wohl etwas zu viel verlangt. Noch gab sie ihm eine Minute Zeit, indessen ihre Blicke verzweifelte Angstsprünge um die Gegend seiner Augen herum machten und ihre Finger zitternd die wunderbarsten Handgriffe an dem Sonnenschirm vollführten.

Da er jedoch auch jetzt noch nichts Verständliches, daran man sich hätte halten können, herausdrückte, machte sie plötzlich mit auffallender und fast kriegerischer Schroffheit Kehrt und begann, die Treppe hinanzusteigen.

Sie hatte gerade die Höhe des ersten Absatzes erreicht (der Schwager wohnte selbstverständlich im dritten Stock), als Christian Dinse ihr nachgestürzt kam und von unten heraufrief:

»Ach bitte, Fräulein – ach – ach, was ich sagen wollte –«

Bei jedem dieser schwer herausgequälten Achs klomm er eine Stufe höher, während sie sich im gleichen Zeitmaß unvermerkt um ebensoviel tiefer senkte, so daß einige Aussicht auf eine baldige Begegnung in der Mitte war.

»Ja – nun – ach – was wollen Sie eigentlich von mir?« fragte sie mit einer Stimme, die vor Erregung dumpf und weich erklang.

Er sank vor Schreck wieder die drei Stufen auf den ebenen Flur zurück.

»O bitte,« klagte er, »ich wollte nur bemerken, daß – wenn mich nicht Alles täuscht – ich fest glaube –«

Sie folgte ihm inzwischen in derselben Richtung, ohne daß aus ihrer Haltung völlig klar wurde, ob sie ihn mit Gewalt zurückzuhalten oder hinauszujagen gedachte.

Schon hatte sie die unterste Stufe und er, etwas langsamer zurückweichend, fast die halboffene Hausthüre erreicht, als er im Rückwärtsschreiten die Richtung ein wenig verfehlte und sich in die Ecke zwischen Wand und Thürflügel eingeklemmt fand. Und ehe er in der Verwirrung den Ausgang aus dieser Falle gefunden hatte, sah er das glühende Gesicht des Mädchens dicht vor sich und vernahm den sonderbar gebrochenen und offenbar leidenschaftlich drohenden Ton ihrer Stimme:

»Was – Was – Was wollen Sie eigentlich von mir?«

Doch gerade ihrem Zorne gegenüber besann er sich seiner männlichen Würde und sprach gefaßt und nachdrücklich aus seiner Enge heraus:

»Mein Fräulein, ich bin mir keines Vergehens, keines unrechtmäßigen Anspruches bewußt. Wenn ich das Geständniß meiner Liebe zu Ihnen länger in meiner Brust zu verschließen nicht die Kraft hatte, so ist es das Recht jeder gequälten Creatur, sich durch einen Aufschrei Luft zu machen. Fürchten Sie nicht, daß ich deshalb Ansprüche erheben oder nur ernstere Absichten offenbaren könnte; o, ich weiß zu gut, daß mich nichts berechtigt, meine Augen so hoch zu erheben – o nein, nichts, nichts! Aber doch, das Recht, Sie zu lieben, Sie zu verehren, Sie anzubeten, kann mir Keiner nehmen, nicht einmal Sie selbst, Fräulein Anna? Und wenn Sie mir deshalb zürnen, so thun Sie ein Unrecht an mir, dasselbe Unrecht, wie im Mythus die strenge Jungfrau –«

»So? Also ernste Absichten haben Sie nicht?« rief Fräulein Anna, zwischen Erbitterung und Rührung schwankend, mit ziemlich herbem Ton.

»Nein! Nein! Nein!« hauchte er wie vernichtet. »Nein, wahrlich nicht! Ich verzichte trauernd auf ein Glück, danach ich kaum in stillen Hoffnungen zu streben wagte; ich verzichte gelassen, als ein Mann, der da weiß, daß dies Leben noch höhere Ziele kennt, als die Erfüllung eines Liebestraums –«

»Ach, wirklich? Höhere Ziele?« rief sie entrüstet. »Nun, dann – dann – dann – – sprechen Sie mit meiner Schwester!«

Mit einer kaum glaublichen Geschwindigkeit hatte sie ihren Belagerungsposten geräumt und war die drei Treppen hinaufgeflogen; schon klang aus ferner ungeheurer Höhe ihr scharfes Klingeln.

Er aber löste sich langsam aus seinem Winkel und wankte halb betäubt von dannen, um den Sinn ihres letzten Bescheides einer kritisch gewissenhaften Prüfung zu unterziehen.

So kam es, daß nicht er, sondern sie mit ihrer Schwester sprach und auch dem neugierig dazutretenden Schwager Ludwig die an sie ergangene Schicksalsfrage offenbarte. Beide Hüter ihres elternlosen Herzens zeigten eine angemessene Zurückhaltung in ihrer Theilnahme und hielten sich sogar zu einer wohlmeinenden Warnung für berufen.

»Dieser Dinse ist ja soweit ein zuverlässiger Mensch,« meinte der Schwager, »das will ich nicht in Abrede stellen, auch ein fleißiger und nicht unbegabter Philologe. Jedoch ist andererseits zu bedenken, daß seine Zukunft noch keineswegs gesichert ist; zum mindesten muß er sein Oberlehrer-Examen erst hinter sich haben. Ich zweifle ja nicht, daß er's bestehen wird; seine germanistischen Kenntnisse müssen ihn unter allen Umständen herausreißen. Indessen, es kommen unglückliche Fälle vor – und dann, seine Gelehrsamkeit ist viel zu einseitig; vom Deutschen weiß er mehr als genug, aber in den übrigen Fächern hapert es an allen Ecken. Und was nützt ihm nachher für den praktischen Unterricht die ganze deutsche Literatur vom Hildebrandsliede bis zum Kutschkelied? Wer kümmert sich überhaupt in einem ordentlichen Gymnasium ums Deutsche? Flickstunden sind das, weiter nichts! Nibelungen hin – Nibelungen her! Lateinisch hätte er hübsch büffeln sollen und Griechisch – aber dieser Dinse ist ein ganz unpraktischer Mensch, der nicht weiß, was er will, und es nie zu etwas Rechtem bringen wird. Ueberhaupt finde ich nichts thörichter, als wenn ein so junger Mensch sich und einer anderen Person vorzeitig die Hände bindet, ohne recht zu wissen, was daraus werden soll –«

»Ueberhaupt finde ich,« fiel hier Schwester Hannchen mit Würde ein, »daß ein vermögensloses Mädchen gut thäte, sich für alle Fälle zunächst auf eigene Füße zu stellen und mit dem Lehrerinnen-Examen Ernst zu machen. Einige Jahre warten müßt ihr ja doch unter allen Umständen; und da ist es klug, nicht allzu fest auf unbedingte Treue zu bauen. Doch, wie dem auch sei, persönlich habe ich gar nichts gegen Herrn Dinse; er ist ein guter Mensch, dem ich alles Glück wünsche, – nur nicht gerade auf Kosten meiner nächsten Verwandten. Gewarnt bist Du jedenfalls, liebe Schwester.«

»Das scheint fast so,« bestätigte Anna kühl. »Ihr rathet mir also, dem Herrn einen Korb zu geben?«

»Davon habe ich kein Wort gesagt,« rief Hannchen schnell.

»Ich bitte, meinen Worten keine künstlichen Deutungen unterzulegen,« sagte Ludwig. »Uebrigens bist Du durchaus Herrin Deiner Entschlüsse.«

»Ich würde es sogar ein wenig lieblos finden,« setzte Hannchen hinzu, »einen ehrlichen Antrag eines edlen Mannes so schroff von der Hand zu weisen: man muß sich doch auch in die Gefühle eines solchen versetzen. Natürlich, wenn Du ihn durchaus nicht leiden kannst – erzwingen läßt sich ja die Liebe nicht – aber bedenken solltest Du doch, welche bittere Kränkung Du ihm anthun würdest. –«

»Und auf einen Grafen oder Millionär hat ein vermögensloses Mädchen am Ende auch keinen Anspruch,« versicherte Ludwig.

»Nun, wenn Ihr fertig seid mit Euren Rathschlägen,« sagte Anna heiter, »so erlaubt mir, daß ich in aller Bescheidenheit auch meine Meinung andeute.«

»Ei sieh, Du hast Dir also schon inzwischen eine eigene Meinung gebildet?« fragte Hannchen.

»Seit einigen Wochen, ja!« entgegnete Anna gelassen. »Ich denke, das Einfachste ist, ich sage Ja! und nehme ihn.«

»Aber Anna!« rief die Schwester ärgerlich, »wie kannst Du in so leichtfertigem Tone die wichtigste Lebensentscheidung treffen? So ganz ohne innerliche Selbstprüfung –«

»Du lieber Gott,« warf Anna in demselben leichtfertigen Tone hin, »warum soll ich mich denn mit aller Gewalt in das Elend einer unglücklichen Liebe stürzen, wo ich's doch gar nicht nöthig habe?«

Sie lachte wie ein Kobold, bis sie plötzlich der starrblickenden Schwester um den Hals fiel und in heftige Thränen ausbrach. Da begriff Hannchen Alles und ließ ebenfalls die Thränen freudiger Rührung fließen. Auch Schwager Ludwig zeigte sich der Sachlage gewachsen, indem er der hübschen Schwägerin mehrere sehr menschenfreundliche Küsse schenkte, »um sie ein bischen einzuüben,« wie er zur Erklärung beifügte, ohne dadurch die schmerzliche Aufregung seines Weibes über das Unschickliche dieser Handlungsweise wesentlich zu lindern.

Die nächste Folge dieses belebten Familienauftritts war, daß der gute Schwager unverzüglich zu seinem jüngeren Freunde Christian Dinse eilte, den er mit Thränenspuren in den Augen und schmerzlich versunken fand in die Betrachtung des schwermüthigen Nibelungenverses:

wie liebe mit leide ze jungest lônen kan.

»Aber lieber Mensch!« rief Ludwig lachend, »die Strophe ist ja unecht! Eine ganz gemeine Interpolation! So viel verstehe ich denn doch auch von der höheren Kritik! Aber wenn Sie durchaus auch in Ihren Herzensangelegenheiten nicht ohne Nibelungen auskommen können, so will ich Ihnen ein anderes Verschen aufschlagen, das mir immer besonders gut gefallen hat, und dessen Echtheit obendrein meines Wissens selbst der große Strophenwürger Lachmann niemals mit dem Gift seiner Verdächtigungen bespritzt hat. Sehen Sie hier – Giselher und Rüdiger's Töchterlein:

Dô man begunde vrâgen die minneclîchen meit,
ob si den recken wolde, ein teil was ez ir leit;
doch dâchte sie zu nemene den wæltlîchen man.
si schamte sich der vrâge, sô manic meit hât getân.

Wenn Sie jetzt noch nicht verstehen, werde ich Sie der königlichen Prüfungscommission wegen vollkommener wissenschaftlicher und moralischer Unreife denunziren.«

Der arme Schulamtskandidat verstand aber wirklich, und die Verlobung konnte in Folge dessen ohne weitere schmerzhafte Zwischenfälle in aller Form mittels einer reichhaltigen Pfirsichbowle vollzogen werden. Christian Dinse vergaß heute, und heute nicht zum letzten Mal, seine wissenschaftlichen Streitfragen, Examensängste und Zukunftssorgen und alle sonstigen Nibelungennöthe unter den Küssen seiner minniglichen Maid.

Examinandus (a, um): Einer, (Eine, Eines), der geprüft werden soll oder muß.

Das ist's, das sagt Alles, dieses fürchterliche, namenlos grausame »Soll oder muß!«

Welch eine Häufung ausgesuchter Seelenmartern findet der unglückliche Sohn unseres menschenfreundlichen Jahrhunderts in der einen ungeheuren Heimsuchung des Examens! Wehe aber dem, und dreimal wehe, der in diese Verdammniß im verliebten oder gar verlobten Zustande hineingestoßen wird! Ihm wäre es besser, daß ein Mühlstein – o ihr unglückseligen Seelen, welch' ein Verbrechen muß eure Liebe sein, daß ihr so erbarmungslos mit Skorpionen dafür gezüchtigt werdet!

Seit vielen Wochen lebte der Schulamtscandidat Christian Dinse nun in immerwährender, ungestörter Todesangst; er wohnte in ihr wie in einem ewig fließenden, eiskalten Bade; sie zehrte an seinem Lebensmuthe langsam, stillvergnügt und bedachtsam, wie eine krabbelnde Schar Ameisen gemächlich eine schöne, fette Raupe bei lebendigem Leibe aufspeist. Wenn ja einmal eine Minute kam, da er im Bewußtsein seines Fleißes und barer Kenntnisse sich in gefährliche Sicherheit zu wiegen geneigt war, so brauchte er nur einen frischen Griff nach dem gedruckten Prüfungsreglement zu thun, und die Gefahr war beseitigt. Dieses Reglement wiegt einen Hexenhammer, eine peinliche Gerichtsordnung, eine Inquisitionsgesetzgebung auf. Dante's Hölle hat nicht so viele Strafen, als hier Wissenschaften, Fähigkeiten und Gesinnungen aufgezählt werden, deren Besitz und Beherrschung dem bejammernswerthen Candidaten »nicht erlassen werden kann«. Vergebens pflegen weltkundige Menschenfreunde den Bedrohten zu trösten durch den Hinweis auf die alte Thatsache, daß in dieser Welt »nichts so heiß gegessen als gekocht wird«. Die markerschütternden Forderungen des Reglements gießen darum nicht weniger ihr schleichendes Gift in die gequälten Seelen. –

Mitten in einer bewegten Welt lebensfrischen Geschäftsbetriebes steht ein riesiges Haus, das schon von außen auch dem gewissensreinen Wanderer einen dumpfen Schauder zu erregen vermag, wie wenn ihm unvermuthet in blühender Waldfrische am hellen Tage ein Nachtwächter begegnete. Ganz schmucklos steht es da, steif, grau, amtlich, theilnahmslos, grämlich abweisend, geistlos geheimnißvoll; in dumm-ernster Würde: die Fenster scheinen statt der Gardinen mit Frackschößen und weißen Halsbinden verhängt; aus den traurigen Schornsteinen haucht ein dünner, mattwirbelnder Dunst, wie der Wasserdampf des drinnen vergossenen Angstschweißes; über dem öden Portale steht eine unleserlich gewordene Inschrift; Einige wollen die Worte erkennen:

Per me si va nelle città dolente -

Andere lesen einfach:

Examinandus, a, um.

Im Grunde ist's ein und dasselbe.

Auf dieses Haus der Schrecken schwankte Christian Dinse zu, geleitet und gestützt von Schwager Ludwig. Ein dumpfer Trommelwirbel scholl aus einer Ferne; ein Zug Klageweiber schien von der anderen Seite der Straße heraufzukommen.

Sie traten ein. In dem schauerlich leeren Gange weckte jeder Tritt den unheimlichen Widerhall klopfender, ächzender, ins Dunkel der Schattenwinkel scheu verflatternder Töne.

Der Treppenabsatz heißt im Munde des philologischen Volkes die Seufzerbrücke; Christian Dinse überschritt sie und nahte entschlossen der letzten Thür, die ihn von seinen Peinigern trennte. Hier nahm er Abschied von seinem letzten Begleiter.

»Halt Dich wacker, mein Junge!« sagte Schwager Ludwig.

Christian sah ihn an mit einem sanft klagenden Blicke und sprach:

»Wenn es das Unglück wirklich will, daß heute Klickmann prüft und nicht Müllerhaus, dann –«

»Aber, lieber Mensch,« rief Schwager Ludwig sehr ärgerlich, »Du bist und bleibst ein Frosch. Wenn der Klickmann auf die Handschrift C schwört, so laß ihn schwören und verhalte Dich objectiv; rein objectiv, sage ich. Das ist überhaupt das einzig Schickliche, wie das einzig Vernünftige. Was gehen Dich als Examinanden wissenschaftliche Ueberzeugungen an? Gar nichts. Und was gehen sie Dich später als Lehrer an? Erst recht nichts. Genau so wenig, wie politische und kirchliche Ueberzeugungen oder Gesinnungen. Objectivität ist hier wie dort die Losung in allen Stücken für einen braven Mann, der seinen Weg machen und Weib und Kind mit Anstand ernähren will. Der Lehrer hat nur ein Amt und keine Meinung, und der Examinand hat noch nicht einmal ein Amt, kriegt auch keins, wenn er etwa zur unrechten Zeit eine Meinung hat. Also nochmals: sei kein Frosch! Maul gehalten zur rechten Zeit, Reden gehalten zur rechten Zeit! Und wenn Du sonst etwa Lust hättest, zum Blutzeugen für die Heiligkeit der Handschrift A zu werden, so denke gefälligst an Deine Braut und an die mögliche Echtheit der Worte: Wie liebe mit leide ze jungest lônen kan!«

Der Candidat drückte ihm stumm leidend die Hand und trat in den grauen, öden Raum, wo die Opfer ihres letzten Schicksals harren. Ein Amtsdiener, mit dem kurzen, struppigen Subalternbart auf der Oberlippe, nahm ihn schweigend in Empfang. Man nannte denselben die Hyäne des Schlachtfeldes, weil er sogar von den Gefallenen im Prüfungskampf noch obendrein ein beträchtliches Trinkgeld zu entnehmen liebte.

Dieser führte den bangen Jüngling mit leiser Hand zu einer Bank, auf der ein halb Dutzend Angstgenossen saß, schweigsam, dumpf starrend, aneinandergedrängt gleich frierenden Vögeln, zuweilen kummervolle Blicke wechselnd, zuweilen jäh zusammenschreckend, als sähen sie in der Ferne das Blitzen eines Fallbeiles.

Christian Dinse setzte sich zu ihnen, schmiegte sich an sie und wartete mit ihnen in Schweigen.

Aus diesem großen Gemache führte ringsum eine Anzahl Thüren in kleinere Seitenzimmer: die eigentlichen Schreckenskammern, zur Zeit noch geschlossen und ihre Schauer geheimnißvoll verhüllend.

Noch blieb Alles still. Nur von Zeit zu Zeit schritt ein Mann quer durch den Raum, groß, schön, stolz und furchtbar anzusehen: jeder Zoll ein Schulrath. Das war der Vorsitzende der Prüfungscommission. Er ließ jedes Mal verächtlich wüthende Blicke über die Schlachtopfer gleiten und schien nicht völlig abgeneigt, Einem und dem Anderen im Vorbeigehen einen Fußstoß zu versetzen. Doch wußte er dies Gelüsten, wenn er es hatte, heldenhaft in sich niederzuringen.

»Der Herr Schulrath ist heute nicht schlimm,« flüsterte tröstend die Hyäne des Schlachtfeldes, »er ist sonst gröber. Dahingegen der Herr Professor Klickmann scheint heute in häßlicher Laune; er grinst dann immer so komisch. Er prüft heute fürs Deutsche.«

Christian Dinse knickte tiefer in sich zusammen und wäre vielleicht wie ein abgebrochenes Stück Holz von der Bank gestürzt, hätten ihn die Nachbarn nicht zwischen sich eingeklemmt gehalten.

In diesem Augenblick schlug eine Uhr mit kläglich schrillendem Ton die vierte Stunde; eine der Thüren that sich auf, ein schwarzgekleideter, hagerer, finsterer Greis ward sichtbar:

»Herr Candidat Scholz!«

Der Aufgerufene schnellte empor; die Collegen blieben nicht ganz frei von der Befürchtung, er möchte an der Decke zerschellen; doch blieb er an zweien von ihnen hängen, die er nur eine Strecke weit mit sich in die Höhe riß.

»Kommen Sie!« sagte der Professor kalt.

Der Unglückliche kam; knarrend schloß die Thür sich hinter ihm.

Noch Einer und wieder Einer ward abberufen in andere Zellen; die Zurückbleibenden schauten ihnen mit stumpfem Mitgefühle nach. Sie lauschten qualvoll; manchmal schien ihnen ein eintöniges Wimmern aus einer der Zellen hervorzustreichen wie der Schrei eines sterbenden Säuglings; und dann ward jedesmal eine furchtbare Stille danach.

»Herr Candidat Dinse!«

Ein kleiner Mann rief es mit einem scharfen Stimmchen; er trug in überraschender Aehnlichkeit das Gesicht und den Ausdruck eines angehetzten Pinschers guter Rasse, jedoch ziemlich stark ins Menschliche übertragen.

Christian taumelte auf.

»Kommen Sie!«

Er kam, einen Blick stummer Anklage zum Himmel werfend. Die Pforte schloß sich hinter ihm.

»Der sieht aus, als ob er geliefert wäre,« sagte die Hyäne des Schlachtfeldes gelassen; »er hat den hippokratischen Zug; das kennen wir.«

Er nahm eine Prise, trat heran und legte das Ohr an jene Thür, hinter der er die Katastrophe erwartete.

»Hm, hm,« brummte er nach längerem Horchen, »es scheint doch nicht. Dieser Herr Candidat Dinse weiß viel, weiß wirklich viel. Dem wird er vielleicht nichts anhaben können; aber schlimm ist er heute, ich höre ihn ja ordentlich grinsen. Und er spuckt auch so viel; das ist immer kein gutes Zeichen.«

Und er fuhr fort zu lauschen.

Indem kam einer der Geprüften von seinem Leidensgange zurück, todtenbleich und noch am ganzen Leibe zitternd, aber wohlbehalten und siegreich.

»Der Schulrath hat mich in den Fängen gehabt,« berichtete er, »aber es ging ganz glatt; sobald ich gelegentlich seinen Gegner in der Heraklitfrage, Korn, einen hirnlosen Ignoranten geheißen hatte, konnte ich ihn um den Finger wickeln. Und ich hoffe, er wird nun auch für baldige Anstellung sorgen; man kann sich doch nicht umsonst für die langweiligen Fragmente des Heraklit erwärmt haben, die ich übrigens mit dem feinfühligen Korn meistens für unecht halte.«

Die Hyäne des Schlachtfeldes nickte mit liebevoller Befriedigung.

Danach ward wieder eine lange, furchtbare Stille.

Plötzlich hörte man aus der Folterkammer des Candidaten Dinse einen seltsamen Ton, wie einen kreischenden Aufschrei.

»Da ist etwas passirt,« flüsterte die Hyäne, »das war Klickmann; so fängt er an sich zu ärgern.«

Alle Anwesenden beugten die Köpfe vor, um schärfer zu horchen.

Man vernahm nun zuerst eine lange heftige Rede des Professors, aus welcher Feinhörige die Worte Codex A und Codex C, Lachmann, Blindheit, Verranntheit, Unwissenheit, Stumpfsinn, Hochmuth, Frechheit, Tobsucht und verwandte Vokabeln allgemeineren Sinnes deutlich heraushören konnten.

Dann antwortete die Stimme des Candidaten, erst noch so leise und unsicher, daß keine gegliederte Silbe zu unterscheiden war, dann aber stoßweise anwachsend zu schöner Fülle und Kraft.

Das erste Wort, welches sich kräftig hervorhob, war: »Böswillige Verkennung (oder Verzerrung oder Entstellung) der Thatsachen;« dann folgte Schlag auf Schlag: »Gegner Lachmann's – kindisch – blödsinnig – schamlos – verbohrt – läppisch – tölpelhaft – wahnwitzig –« und so fort in gleicher Tonart immer lauter und heftiger.

Dazwischen wieder der Professor: »Handschrift A – ekelhaft rohe Verstümmelung des Urtextes durch gedankenlose Abschreiber, die würdigen Vorläufer Lachmann's –«

Und der Candidat: »Codex C – armselig' platte Verwässerung des Urtextes durch plumpe Zusätze ungebildeter Bänkelsänger, der würdigen Vorläufer moderner superkluger Interpolatoren –«

Der Professor: »Allmähliche Entstehung des Epos aus Liedern – sinnlose Mystik – toller Traum eines begrifflosen Phantasten – schwärmender Wuthausbruch eines fieberkranken Wahnpropheten – absoluter Aberwitz –«

Der Candidat: »Die alberne Fiction eines einheitlichen Dichterwerks – ganzen Plattheit und widerlichen Hohlheit – seichte Oberflächlichkeit – bäuerische Plumpheit – geistige Engbrüstigkeit – am Boden kriechendes Gewürm – absolut blödsinnig –«

Mit markerschütternder Deutlichkeit schmetterten all' diese feurigen Anreden, Anrufungen und Gegenreden in das Ohr der bestürzten, betäubten Prüflinge: sie wurden mit jeder Secunde bleicher; Schweiß troff von ihrer Stirn, und aller Hände falteten sich zuletzt wie zu einem inbrünstigen Stoßgebet in allgemeiner Todesnoth. Selbst die Hyäne des Schlachtfeldes verlor jetzt die Fassung: sie ließ die Tabaksdose zur Erde fallen und lehnte mit herabhängenden Armen hülflos gegen den Thürpfosten. Einer der Candidaten fiel halbohnmächtig von der Bank; Niemand achtete seiner; Alles hörte selbstverloren auf den wachsenden Lärm in der Folterkammer.

Schon war kein einzelnes Wort mehr zu erkennen, nur ein ungeheurer Wirrwarr fessellos tobender Töne.

Dann ward es plötzlich todtenstill in der Kammer. Nach einem kurzen schweigenden Entsetzen that sich die Thür auf, und der Candidat Dinse trat langsam heraus.

Es gab hier Keinen, der nicht allenfalls darauf gefaßt gewesen wäre, ihn blutüberströmt, mit zerfetzten Kleidern, übersät mit ausgerissenen Haarbüscheln zu sehen. Doch nichts dem Aehnliches war zu bemerken.

Christian Dinse schritt ruhig, erhobenen Hauptes mit dem bescheidenen Stolz eines frischbekränzten Siegers. Er lächelte sogar.

»Der ist noch nicht der Mann, die Handschrift A. von ihrem Ehrensitz herabzuzerren!« sagte er mit einer feierlichen Armgebärde zurückdeutend, ergriff seinen Hut, grüßte sehr freundlich, steckte der Hyäne den fälligen Raub zu und verließ die Halle freudigen Trotzes. –

Das hinderte freilich nicht, daß der Schulamtscandidat Dinse durchs Examen gefallen war aus Gründen vollkommener wissenschaftlicher und moralischer Unreife.

Auf dem Heimwege ward er sich dieser trostlosen Thatsache allmählich bewußt; sein Haupt sank tiefer, seine Wangen wurden immer blasser.

Er hatte nicht den Muth, seiner Braut mit einer solchen Kunde selbst unter die Augen zu treten, sondern er machte einstweilen dem Schwager Ludwig eine schriftliche Mittheilung. Dieser war wüthend.

»So ein Lump!« rief er. »So ein Don Quixote! Ruinirt schlechthin seine Zukunft für die schönen Augen der Handschrift A! Narr, Narr, Narr! Der ist drunter durch ein für alle mal. Anna muß den Menschen selbstverständlich aufgeben und selbst ihr Examen machen.«

»Ja, sie muß ihn aufgeben,« seufzte Schwester Hannchen. »Es ist das einzig Vernünftige. Es thut mir leid um den armen Menschen, aber er kann es ja doch nie zu etwas bringen. Und sie ist hübsch genug, sie findet schon noch einen andern Anschluß. Es war doch klug, daß wir die Verlobung nicht gleich veröffentlicht und an die große Glocke gehängt haben. So glättet sich die Sache leichter aus, ohne peinliches Aufsehen.«

Anna faßte das Vorgefallene etwas anders, aber nicht leichter auf. Sie fand sich bitter gekränkt, denn sie vermochte in seinem Benehmen nichts zu sehen, als vor Allem einen Mangel an Liebe. Sie schrieb ihm im ersten Zorn, ihn mit Vorwürfen überhäufend, daß er ihr Glück seinem trotzigen Eigensinn habe opfern können: »Also eine alte Handschrift galt Dir mehr, als unsere Liebe! Und wagst Du das noch Liebe zu nennen?«

Nein, er wagte es nicht! Er empfand die ganze ungeheure Lieblosigkeit seiner Handlungsweise, seines Charakters überhaupt; er sah ein, daß er dies Mädchen nie würde glücklich machen können. Er zerknirschte sich immer tiefer und erkannte, daß es eine schändliche Selbstsucht sein würde, das süße Geschöpf noch ferner an sein verlorenes Dasein zu ketten; er las auch aus der Bitterkeit ihres Briefes nicht das heraus, was ein Klügerer darin würde gefunden haben, nämlich den Zorn der heißen Liebe, sondern nur das berechtigte Verlangen, sich von ihm, dem Unwürdigen, Kaltherzigen, zu befreien! Und er schrieb ihr einen feierlichen Entsagungsbrief, in welchem er bekannte, seine Liebe könne freilich wohl nicht die rechte sein, da sie solches Verrathes fähig war. Denn leider könne er sich nicht einmal mit einer bloßen Uebereilung entschuldigen, die man bereuen und bessern könne; er fühle selbst mit Schrecken, das sitze tiefer in seinem Charakter: er habe die wahre Liebe nicht und könne darum auch der Liebe nicht würdig sein.

Da mußte es ihm Anna wohl glauben und ihre Thränen hinunterschlucken, wenn sie zu ihrem Schaden nicht noch den Spott des Schwagers Ludwig einheimsen wollte.

»Sei ganz ruhig,« tröstete dieser, »der geht nicht zu Grunde daran. Der ist schon verheirathet mit der Handschrift A und wird Dich so schnell vergessen, wie Siegfried die Brunhilde. Er wird Dich einfach als eine interpolirte Stelle im Buche seines Lebens bezeichnen und ausstreichen. Du weißt, mit unechten Strophen macht er kurzen Prozeß.«

Das sah Anna ein, weil sie es einsehen mußte; und sie schickte ihm nach schwerem Kampfe seinen Ring zurück.

Als Christian Dinse diese Antwort empfing, schlug er die letzte Seite seiner Nibelungen auf und las:

mit leide was verendet des küniges hôhzît,
als ie die liebe leide ze aller jungiste gît.

»Die Strophe ist echt!« sagte er und weinte nicht weniger als Ritter und Frauen, dazu die edelen Knechte an König Etzel's Hof. –

In dem ausführlichen Zeugnisse, welches ihm nach einigen Tagen von der Königlichen wissenschaftlichen Prüfungskommission zugestellt ward, eröffnete man ihm, daß ihm die Lehrbefähigung für das Deutsche durch alle Klassen aberkannt werden müsse, wohingegen er befugt sein solle, an Gymnasien und Realschulen in den Klassen bis Quarta aufwärts den Unterricht in der Geographie, der Religion, dem Rechnen, dem Französischen und der Naturkunde zu leiten, als in welchen Fächern er immerhin das unentbehrliche Maß von allgemeiner Bildung bekundet habe. Es ward ihm anheimgegeben, sich behufs einer provisorischen Beschäftigung dem Schulkollegium einer preußischen Provinz zur Verfügung zu stellen.

Er that getreulich nach diesem milden Rath, ward in das äußerste Hinterpommern versandt und daselbst am Gymnasium zu Stolpenburg mit einem Gehalt von 425 Thalern (vierhundertfünfundzwanzig) als Hülfslehrer mit vierteljährlicher Kündigungsfrist angestellt. Daß er auf dies Einkommen hin nicht leicht hätte heirathen können, war ihm deutlich; und das gereichte ihm zu einigem Troste.

Er ergab sich in sein Schicksal und fiel schnell einer totalen geistigen Versumpfung anheim. Er fand schlechterdings nicht den Muth, an das Wagniß eines zweiten Examens auch nur zu denken; wozu auch? Für seine Person kam er ganz gut aus mit seinen 425 Thalern, und eine zweite Person gab es für ihn nicht zu versorgen. Gegen die Handschrift A aber, die Nibelungenfrage und die ganze germanistische Wissenschaft, nährte er von Tag zu Tage mehr einen tiefschleichenden Haß; er verschloß alle Bücher, welche von fern daran erinnern konnten, in die tiefsten Fächer seines Schrankes und alle Gedanken daran in die tiefsten Winkel seines Busens.

Dahingegen unterrichtete er seine Sextaner gewissenhaft in der Religion, der Geographie und anderen Nebenfächern und galt für einen recht brauchbaren Pädagogen, nicht geringer zu achten als ein wackerer Elementarlehrer. Daß man einst in wissenschaftlichen Kreisen Hoffnungen auf ihn gesetzt hatte, ahnte dort Niemand. Er selbst hatte aller Wissenschaft abgeschworen.

Aehnlich und anders gestaltete sich das Schicksal seiner weiland Braut.

Anna riß die Liebe tapfer aus ihrem Herzen, nahm alsbald nach dem Unglück die Vorbereitungen zum Lehrerinnenexamen wieder auf und bestand dasselbe dann mit einigem Ruhme; ihr kamen keine wissenschaftlichen Streitfragen in die Quere. Darauf trat sie eine Stellung als Erzieherin in einem guten Hause an.

In dieser Stellung fand sie ziemlich viel Muße zu eigener Beschäftigung. Was sollte sie treiben? Musikalisch war sie nicht über den Hausbedarf, nützliche Handarbeiten wollte Niemand ihrer Gelehrsamkeit anvertrauen, zum Malen oder Modelliren fehlte der Raum, und das Romanschreiben hielt sie für eine Sünde. Mit Unrecht! Aber sie that es.

Da ergriff sie eine stilldämonische Begierde, ein wenig an der berühmten Nibelungenfrage und der altdeutschen Sprache herumzunaschen. Der alte Vers: wie liebe mit leide ze jungest lônen kan summte ihr oft so seltsam, so traurig schön im Ohre und reizte sie unwiderstehlich, da weiter zu forschen, indem er sie zugleich zu belehren schien, daß jene Nibelungensprache nicht eben allzuschwer zu erlernen sein könne.

Sie kaufte sich also die nöthigen Bücher und begann ihre Studien erst mit einem zaghaften Eifer, dann mehr und mehr mit gesammeltem Ernst. Sie las die Nibelungen, die Gudrun, dann die Minnesänger. Hier begann ihre Theilnahme erst ganz zu erwarmen. Da gab es Verse, wie den:

Ez gât mir von me herzen,
daz ich geweine.
Ich und mîn geselle
müezen uns scheiden. . .

und viele ähnliche, welche ganz merkwürdig tief in ihrem Herzen widerhallten.

Doch kehrte sie dazwischen immer wieder zu den Nibelungen zurück, las sie mit den Lachmann'schen Anmerkungen und vertiefte sich in die »Frage«. Natürlich nahm sie von Anfang an leidenschaftlich Partei für die Handschrift A, und es währte nicht lange, so entbrannte sie in heißem sittlichen Zorn gegen jene unselig verblendeten »Gegner«, welche die offenbaren Tugenden derselben durchaus nicht anerkennen und ehren wollten. In gleichem Maße begann sie in der Stille milder zu denken von dem Fehl ihres einstigen Verlobten; die Gegner hatten den armen Menschen doch auch wirklich bis aufs Blut gereizt mit ihrer Halsstarrigkeit und Herzenshärte!

In dieser Zeit geschah es, daß den Schwager Ludwig ein Kollege aus Stolpenburg in Hinterpommern besuchte und ihm zufällig nach vielem andern Wissenswertheren auch von der »gänzlichen Versimpelung« seines früheren Bekannten Christian Dinse erzählte. Nicht ohne Triumph berichtete jener es an Anna weiter.

Die junge Dame war in diesen Jahren nun schon vertraut genug geworden mit dem Geiste der Wissenschaft, um zu empfinden, daß eine solche Vernachlässigung derselben für einen Mann von Dinse's Art nichts Geringeres als den vollen Bankerott der Seele bedeutete; es ergriff sie ein zorniges Mitleid mit jener armen Seele, und sie fragte sich, ob es nicht möglich sei, derselben auf irgend eine Weise neuen Lebenshauch und neue Nahrung zuzuführen. Sie fand eine Möglichkeit.

Sie verfaßte einen Brief an Herrn C. Dinse in Stolpenburg, unterzeichnete ihn mit »Studiosus Geiseler« (sie dachte an Giselher den Jungen im Nibelungenliede) und ließ ihn für einige Groschen von einem Schreiber in dessen Handschrift umsetzen.

Dieser Studiosus Geiseler erklärte, er habe in einem früheren Jahrgang der »Zeitschrift für deutsches Alterthum« einige so vortreffliche Aufsätze von C. Dinse über die Nibelungenfrage entdeckt, daß er nicht umhin könne, dem Verfasser seinen Dank auszusprechen zugleich mit der Bitte um nähere Aufschlüsse über diese und jene Punkte. Und in wie weit er (Dinse) in der Zwischenzeit seine Studien verbreitert und vertieft habe? Ob er nicht etwa mit einem umfassenden Werke über den Gegenstand beschäftigt sei, da er seit Jahren keine Einzelforschungen mehr veröffentlicht habe u. s. f. Die Antwort erbitte er postlagernd.

Dieser Brief war für Dinse ein erster linder Regenschauer nach endloser Dürre, ein Theil seiner Seele begann leise aufzuthauen. Er setzte sich ohne Zaudern hin und gab dem unbekannten Jünglinge eine sehr eingehende Beantwortung seiner Fragen; über seine eigene Unthätigkeit in seiner Wissenschaft glitt er sachte hinweg. Er schämte sich zum ersten Mal seiner geistigen Verkümmerung.

Studiosus Geiseler schrieb sehr bald zurück voll feurigen Dankes und verschärfter Wißbegierde. Der segnende Regen löste die verdörrte Scholle mehr und mehr.

So kam der Briefwechsel in Gang, um nicht mehr abzubrechen; und Dinse ward durch ihn in wunderbarer Weise zu neuen Gedanken angeregt und unablässig zu neuer Forschung angetrieben. Seine Bücher und Manuscripte stiegen ans Tageslicht, seine alte Leidenschaft für die germanistischen Studien erwachte mit der Wucht einer Naturgewalt. Und doch hatte er ursprünglich gar nichts im Sinne, als jenen wackeren Studenten für seinen Eifer zu belohnen und in demselben zu festigen. Und auch als allgemach wieder ein stärkerer Ehrgeiz in ihm erwuchs, war es kein anderer als der, sich in ihm einen Schüler und gleichsam Vertreter heranzubilden, durch den er die Ergebnisse seiner stillen Forscherarbeit in die wissenschaftliche Welt überleiten könnte, ohne selbst mit seinem Namen wieder ans Licht zu treten.

Zu seiner Freude verrieth der Schüler neben dem standhaften Eifer auch viel Gelehrigkeit: Dinse spürte von Brief zu Brief das Wachsen seiner Kenntnisse, seiner Auffassung; es war ihm eine Lust zu sehen, wie er in die tieferen Begriffe und Aufgaben seiner Wissenschaft hineinwuchs. Allerdings zeigte er nicht gerade eine sehr selbständige, schaffende Begabung, sondern mehr einen leicht aufnehmenden Geist und als Besonderheit einen zarten Spürsinn, der etwaige Beweislücken oder Widersprüche merkwürdig klar herauszuwittern und bloßzulegen verstand. Um so besser für den Meister! So konnte sein eigener voll ausschreitender Forschersinn sich desto ungestörter bethätigen, und Jener konnte, als rechter, treuer Jünger geduldig nachwandelnd, die ausgegrabenen Schätze der Erkenntniß sorgsam sichten, ordnen und zusammenfügen.

In so stiller und feuriger Doppelarbeit flossen Jahre dahin, Jahre großen, feinen Glücks, rastloser Seelenruhe für beide Zweckgenossen.

Und eine sonderliche zarte Würze hatte dieses Arbeitsglück nicht allein für den Studiosus Geiseler (der wohl wissen konnte, woher sie duftete), sondern auch für Christian Dinse; hauchte ihm doch aus den Blättern des unbekannten Mitarbeiters öfter und öfter etwas seltsam Bekanntes und doch Verschleiertes entgegen, etwas räthselhaft Aufregendes und feierlich Beruhigendes, etwas wie der süßvertraute Geruch einer unsichtbaren Blume. Woher das kam, er wußte es nicht, er dachte auch nicht darüber nach; und so erkannte er nicht, daß es nur gewissen Ausdrücken und Wendungen entstammen konnte, wie sie jedem Menschen eigenthümlich sind als der wahre Seelenduft; denn solcher steigt nicht in die Nase, wie ein gröberer Riecher entdeckt haben will, sondern auf viel feinerem Wege geradeaus wieder in die Seele selbst.

Außerdem war von persönlichen Verhältnissen unter den Briefschreibern kaum die Rede. Einmal zwar hatte das naseweise Studentchen gewagt, eine dahin zielende Frage zu stellen: da erwiderte Dinse knapp und trocken, er habe ein sehr unglückliches Schicksal gehabt, eine heißgeliebte Braut verloren, nicht ohne eigenes Verschulden, das doch aus innerer Nothwendigkeit hervorgegangen sei; dieses Leid habe er zwar in sich überwunden, aber noch keineswegs verschmerzt, er bitte deshalb, diese Dinge in Zukunft lieber nicht mehr zu berühren. Das hierauf umwendend folgende Antwortschreiben des Studenten stand wissenschaftlich nicht auf der Höhe, litt vielmehr an einer auffallenden Fahrigkeit und Verworrenheit, behandelte gewisse rein textkritische Fragen im Anfang des Nibelungenliedes (Traum der Kriemhild) mit einer ganz räthselhaften und ganz unwissenschaftlichen Gefühligkeit, stellte die vollkommen sinnlose Frage, ob man die beiden Aare, welche im Traum der Kriemhild ihren geliebten Falken zerrissen, nicht als Mitglieder einer Königlichen wissenschaftlichen Prüfungscommission deuten könne? und verstieg sich zuletzt gar zu der aufrührerischen Vermuthung, daß die von Lachmann verworfene Strophe 17 (der Handschrift A) mit dem Verse:

wie liebe mit leide ze jungest lônen kan

nicht doch vielleicht echt sein möge.

Christian Dinse schüttelte ärgerlich den Kopf und wußte mit dem Brief schlechterdings nichts anzufangen; fühlte sich aber hinterher unerklärlicherweise von einer krankhaften Schwermuth ergriffen, die für diesen ganzen Abend ihn geradezu arbeitsunfähig machte. Fürchtete er im Ernst für den Geisteszustand seines Jüngers? Doch es konnte ein Fieberanfall gewesen sein, und der mußte ja vorübergehen.

Er ging vorüber, und es war nicht mehr die Rede davon.

Im Uebrigen bezog Dinse während dieser Jahre ungestört seine 425 Thaler (jährlich) weiter, verwaltete sein Aemtchen in voller Ordnung und empfing in Collegenkreisen bereits hier und da den Ehrentitel des »ewigen Hülfslehrers«.

Die glücklichen Jahre aber waren in der That auch fruchtreife Jahre. Fast unmerklich fügte sich unter den forschenden Händen Stein an Stein, und eines Tages entdeckte Dinse mit freudiger Besinnung, daß er da allgemach ein wohlbegründetes,. wohlgegliedertes Gebäude aufgeführt hatte, welches er in aller Bescheidenheit wohl eine wissenschaftliche That nennen konnte; eine zusammenhängende, tiefgründige Untersuchung über den Ursprung des Nibelungenliedes, sich zuerst eng an Lachmann anschließend, dann selbständig weiter arbeitend, stützend, ausführend, bessernd, abwandelnd; das Ganze ein Buch von ansehnlichem Umfange.

Ja, das Buch war unversehens fertig, wirklich und wahrhaft fertig; das dicke Manuscript lag da vor dem glücklichen Verfasser fast so überraschend, als wäre es wie ein lyrisches Gedicht vom Augenblick geboren und nicht mit unendlichen Mühen und Nachtwachen langsam Stück für Stück emporgearbeitet und ausgerundet.

Es war selbstverständlich, daß er das geschlossene Ganze zunächst dem treuen Mitarbeiter übersandte, wie sonst die Theile, mit der Bitte um eine letzte gründliche Kritik und eine letzte Feile.

Die Ankunft dieses ungeheuren Manuscriptes, für andere Mädchenaugen sicherlich ein Schreckniß, gab für Anna einen Festtag, wie sie lange keinen erlebt hatte. Es ward gar eine feine Wonne, nicht nur zu ahnen und zu glauben, sondern mit eigenem Blicke zu sehen, aus eigenem Verständniß zu wissen, welch' eine geistige Bedeutung diesem Buche innewohnte und wie es ohne Zweifel den Namen des Verfassers mit einem Schlage bekannt und geachtet machen mußte. Und, dachte sie schnell mit praktischem Sinne weiter, schlägt es ein, wie es einschlagen soll und muß, dann ist er ein gemachter Mann trotz aller Examinatoren und anderer Gegner! Dann hat er sich selbst ein neues glänzendes Prüfungszeugniß geschrieben, und unser Staat müßte wahrlich weniger wohl verwaltet sein, als er es erwiesenermaßen ist, wenn er sich eine solche Kraft nicht erhalten und fördern wollte durch eine günstige Anstellung als erster Oberlehrer, Gymnasialdirektor, Prinzenerzieher, Schulrath, Archivrath, vortragender Rath oder was es sonst für auskömmliche Herrlichkeiten gibt. Für solche Stellungen werden freilich immer am liebsten verheirathete oder doch vorläufig verlobte Männer gewählt . . .

Solt du immer herzenlîche zer werlde werden frô,
daz geschiht von mannes minne . . .

Das war ein wunderbares Klingen in ihrer neubeschenkten Seele!

– Um jedoch völlig sicher zu gehen und nichts Thunliches zu versäumen, ersann sie den Plan, das Manuscript zur Begutachtung einem wohlbelobten Professor zu übersenden, der nicht zu den »Gegnern« gehörte und übrigens als ein zwar wohlwollender, aber keineswegs weichherziger oder überhöflicher Beurtheiler genannt wurde.

Nach einigen Wochen schon, schneller, als sie gehofft hatte, kam die Antwort dieses gestrengen Herrn; und sie lautete obendrein auch fast noch günstiger, als sie gehofft hatte: das Buch sei ein ausgezeichnetes Denkmal des Fleißes, Scharfsinnes und kritischen Feinblickes, und es werde wohl nicht zu leugnen sein, daß man von diesem Werke in der Nibelungenfrage eine neue Rechnung beginnen müsse. Insbesondere sei die Festigkeit des Gerüstes, die lückenlose Folgerichtigkeit in der Fügung der Theile hervorzuheben, gegenüber mancher allzukühnen Willkür des genialen Lachmann. Wenn ja etwas getadelt werden solle, so sei es höchstens die allzu glatte Form der sprachlichen Darstellung, die es dem denkfaulen Laien denn doch gar zu bequem mache, in die vornehmen Geheimnisse der Gelehrsamkeit seine fürwitzige Nase zu stecken.

Zu dieser letzten Bemerkung lächelte Fräulein Anna etwas boshaft und vermochte sich fortan zu ihrem eigenen reuevollen Leidwesen den wohlwollenden Professor nicht mehr anders vorzustellen, als mit einem ellenlangen Zopf am Hinterhaupte und einer riesengroßen Perrücke darüber. Zu dem Haupturtheile aber faltete sie inbrünstig dankbar die Hände; und dann that sie dieselben wieder von einander und streichelte das große Manuscript mit einem stillen mütterlichen Stolze. Der Festtag ihres Herzens war zu seiner Mittagshöhe gekommen.

In solcher hochgemuthen Stimmung aber ward sie unversehens auch von einem kleinen Uebermuthe überrumpelt, einer kindischen Lust, dem stolzen Lobe der logischen Folgerichtigkeit zum Trotz irgend ein Häkchen oder Fehlerchen oder Lückchen herauszutifteln – vielleicht, daß ihr weibliches Gemüth sich gegen die anmaßliche Alleinherrschaft der Logik heimlich empörte, oder daß sie es überhaupt für nöthig hielt, einer künftig möglichen Selbstüberhebung des Freundes nach kluger Frauenart gleich im Voraus einen milden Dämpfer aufzusetzen.

Sie witterte also zum Nachtisch noch ein bischen in den wohlbekannten Blättern umher, tastete, wühlte und zerrte; und richtig: ehe ein Stündlein vergangen war, hatte sie an einer nebensächlichen Stelle ein winzig kleines Loch, eine ausgefallene Masche in dem Gewebe der Schlüsse entdeckt und bohrte vergnügt die Nadelspitze ihrer zierlichen Bosheit da hinein. Sie durfte triumphiren, sie hatte als echtes Weib das letzte Wort behalten und der brutalen Logik einen lustigen Possen gespielt.

Das Manuscript kehrte zu seinem Urheber zurück, beschwert mit dem großen Lobe und dem kleinen Tadel und dazu mit der dringenden Mahnung des »Candidaten« Geiseler (Herr Geiseler begann auch Carriere zu machen!), er möge nun schleunigst einen Verleger suchen, der denn mit jener Empfehlung des berühmten Professors nicht schwer werde zu finden sein. Nachher müsse sich dann schon noch manches Andere finden, ein bischen Ruhm, eine bessere Stellung – und vielleicht auch einige Gedanken an ein anderes Glück.

Die Antwort ließ lange auf sich warten. Desto besser! dachte Anna, er berichtet dann gleich über das abgeschlossene Verlagsgeschäft.

Endlich kam der ersehnte Brief; doch sein Inhalt entsprach nicht ganz ihrer Erwartung. Er lautete in seinen wesentlichsten Theilen folgendermaßen:

»Lieber Freund!

— — —

Ihrer Aufforderung, mich ohne Verzug nach einem Verleger umzuthun, konnte ich leider noch nicht sogleich entsprechen. Zwar leugne ich nicht, daß bei so glücklichen Auspicien neben dem großen und echten auch der kleine Ehrgeiz, meinen Namen gedruckt zu sehen, sich wieder gewaltig in mir regte – und vielleicht auch noch in schwankenden Träumen manche feinere Hoffnung: und doch konnte ich bisher nicht zu dem entscheidenden Entschlusse kommen. Die von Ihnen selbst so scharfsinnig angeregte Kleinigkeit hielt mich noch zurück. Daß ich's Ihnen gestehe, dieser kleine Rechenfehler, oder wie Sie's nennen wollen, geht mir ganz merkwürdig im Kopfe herum. Ich mag's so leicht nehmen, wie ich will, es ist und bleibt doch eine Lücke in der Kette meiner Beweise; und es ist nun einmal nicht anders: die beste Kette bleibt werthlos, wenn ihr ein einziges Glied fehlt. Sie werden sagen: »Gut, so muß dies fehlende Glied noch eingefügt, die Lücke zugelöthet werden, das kann so schwer nicht sein!« Doch, ja! Es ist schwer! Für mich wenigstens. Wenn Sie nicht etwa helfend einspringen mit Ihrer sicheren Tasthand – ich habe die Aufgabe noch nicht gelöst, so klein sie aussieht. Und eher kann ich das Manuscript natürlich nicht aus der Hand geben. Mir will nämlich sogar allmählich fast scheinen, die Sache schneide noch etwas tiefer, als Sie selbst erkannt haben; es hängt dieses und jenes daran, was nicht gleich im ersten Augenblick auffiel. Es steht in der That so: die betreffende Lesart von A ist unglaublich schwer mit unseren Thesen in Einklang zu bringen – für sich allein betrachtet, muß sie geradezu für die Priorität des Textes C zu sprechen scheinen (oder B, wenn Sie wollen), man mag sie drehen und deuten, wie man will. Selbstverständlich ist das nur Schein, wer zweifelt daran? Doch eben die Richtigkeit dieses Scheins gilt es aufzuzeigen. Gelingen wird es ja, weil es gelingen muß; nur mag noch einige Zeit darüber hingehen, Wochen vielleicht – allein was thut's? Die Wissenschaft hat Zeit, wie die Natur. Vita brevis, ars longa.« U. s. w. u. s. w.

Freilich! freilich! Die Wissenschaft und die Natur mochten Zeit haben, aber Anna hatte gar keine Zeit! Ars longa, vita brevis.

Mit umwendender Post schrieb sie einen scharfen Mahnbrief, er möge sich doch um des Himmels willen mit solchen Lappalien nicht aufhalten! Schlimmstenfalls könne der Stein des Anstoßes ja noch während des Druckes entfernt werden. »Und selbst wenn nicht, was liegt daran? Wer achtet denn auf solche Winzigkeit? Sie sehen ja, Ihr berühmter und scharfblickender Kritiker hat ganz glatt darüber hinweggelesen: wie sollten sie also die Anderen entdecken? Nur Jemand, der alle Theile Ihres schönen Gebäudes so vollkommen beherrscht wie Sie und ich, konnte dies morsche Steinchen im Winkel entdecken, kein Anderer wird es – verlassen Sie sich darauf!« U. s. w. u. s. w.

Dinse's Antwort ließ wieder warten und fiel dann zu einem Theile beinahe ein wenig grob aus.

Mit dem wahrhaft unwürdigen Vorschlage, die Sache auf sich beruhen zu lassen, möge der geehrte Herr ihn im Interesse eines ferneren friedlichen Einvernehmens gefälligst verschonen. Ob es in der Wissenschaft auf das Erkennen der Wahrheit ankomme, oder auf dialektische Kunststückchen? Und ob jener unglaubliche Vorschlag auf etwas anderes hinauslaufe, als auf eine bewußte Täuschung? Nur noch verschlimmert durch die niedrige Spekulation auf die Unachtsamkeit Anderer? Wie eine so schimpfliche Zumuthung nur einem Freunde habe entschlüpfen können? Und dergleichen zarte Anzüglichkeiten mehr. – Im Gegensatz dazu könne er nicht verhehlen, daß ihm der sonderbare Fall ganz unverschämt zu schaffen mache; derselbe habe wohl ein Dutzend ähnlicher Fälle wie mit Zauberkraft nach sich gezogen. Das kleine Loch habe sich in einen strudelnden Trichter verwandelt, der sich in Wirbeln immer mehr erweitere und einen der scheinbar festesten Steine nach dem anderen in sich hineinreiße. Ihm selbst sei zu Muthe, als wäre er von einem dauernden Schwindel befallen; er verzweifle daran, vor Ablauf mehrerer Monate wieder zur Klarheit und Ordnung zu kommen. Was ihn am meisten verwirre, sei dies: er sei durch die jüngsten seltsamen Wahrnehmungen ganz von selbst dahin gedrängt worden, in der Streitsache Codex A contra C einmal ernstlich die Gegenprobe zu machen, sich selbst künstlich und gewaltsam von vornherein in den gegnerischen Standpunkt hineinzudenken und von dort aus die einzelnen Fragen zu beurtheilen. Und da habe sich allerdings zu seinem Schrecken ergeben, daß eine recht beträchtliche Anzahl von textlichen Varianten und anderen Differenzen gerade so gut zu Gunsten von C wie von A gedeutet werden könne (wenn man einmal jenen einseitigen Standpunkt eingenommen), ja daß es nicht an Thatsachen fehle, welche sich auf diese neue Art schlanker und natürlicher erklären ließen. Kurzum, er fühle sich in einen Strom von Zweifeln gestürzt und wisse nicht, an welches Ufer er schließlich werde getragen werden. U. s. w. u. s. w.

Anna las diesen Brief und war einer Ohnmacht nahe – »Monate!« – Doch ehe sie sich thatlosen Thränen hingab, erfand sie in der Geschwindigkeit noch einen Rettung verheißenden Gedanken.

Candidat Geiseler flehte, vor allen Dingen nur erst das Buch zu veröffentlichen – und dann möge er, Dinse, immerhin sogleich ein zweites Buch hinterherschicken, das alle eigenen Bedenken und Einwürfe gegen das erste in reinlichster Vollständigkeit enthalten könne. So werde seinem Gewissen und seinem Vortheil zugleich Genüge geschehen, und es könne überdies kaum fehlen, daß ein so besonderer Fall schneller und tiefer Selbstkritik um so gerechteres Aufsehen mache in der Welt.

Die Kühnheit dieses Gedankens schien doch Eindruck gemacht zu haben auf Christian Dinse, denn er antwortete diesmal ohne längeres Zögern; leider jedoch keineswegs in erwünschtem Sinne.

»Vor einer Woche vielleicht,« so schrieb er, »würde die Ausführung der Idee trotz ihrer Seltsamkeit vielleicht allenfalls noch denkbar gewesen sein, jetzt aber ist es zu spät! Die Selbstkritik hat schon zu tief in den ursprünglichen Bau hineingefressen und fast schon seine Grundlagen unterwühlt. Wenn ich jetzt noch das Buch herausgeben und ihm die Gegenschrift auf die Fersen schicken wollte, so ist gar kein Zweifel (es ziemt dem Manne, seine eigene Natur zu kennen), diese Gegenschrift würde verdientermaßen so unerhört giftig, so sacksiedegrob, so hausknechtsmäßig ausfallen, daß ich mir nothwendig von Anfang an den bösesten Ruf bereiten müßte schon als Kritiker wegen meiner unschönen Offenheit, noch mehr aber als produzirender Autor wegen meiner bodenlosen Unwissenheit, hirnlos plumpen Gedankenarmuth und widerlich rohen, ja wahrhaft anekelnden Nachlässigkeit und Pflichtversäumniß. – Aus diesen einfachen Gründen ist in der Sache einstweilen weiter nichts zu thun, als abzuwarten und fortzuarbeiten. In wenigen Jahren hoffe ich bestimmt zur Klarheit zu kommen. Denn natürlich bin ich unendlich weit entfernt davon, der Handschrift A ihre Priorität und Superiorität abzuerkennen; vielmehr wird der Kampf gegen die dreisten Anmaßungen ihrer Gegner nach wie vor meine Lebensaufgabe bleiben; es handelt sich eben nur um das Beibringen zwingender Beweise.« U. s. w. u. s. w.

Hätte Fräulein Anna nach der Lesung dieses Schreibens den Verfasser in Person vor sich gehabt, sie wäre im Stande gewesen, sich als Kritikerin durch unschöne Offenheit bei ihm den bösesten Ruf zu bereiten. Sie war einfach wüthend auf den selbstverderberischen Gesellen.

Am nächsten Tage jedoch gewann ein anderes Gefühl in ihr die Oberhand und wurde so stark, daß es binnen Kurzem nach ihrer tapferen Art einen neuen überraschenden Entschluß erzeugte, nicht ohne Anschluß übrigens an ihre gestrige wehrhafte Zornesstimmung.

Sie gedachte geradeswegs nach jenem Stolpenburg zu reisen, dort mit ihrer eigenen leiblichen, weiblichen Gestalt hinter dem Trugbilde des sanften Candidaten Geiseler hervorzutreten und dem Unglücklichen den Kopf zurechtzusetzen.

»Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil,« sagte sie sich selbst ermuthigend, »ich werde ihn also mit seinen eigenen Waffen, nämlich mit beispielloser Grobheit schlagen. Das muß helfen! O, Du Thor! werde ich sprechen. Du ausbündiger Tollkopf, Du überstudirter Selbstquäler, Du Säulenheiliger, Du starrsinniger Schwärmer, Du entsetzlicher Mensch, Du abscheulicher, ungetreuer, sackgrober, einziger, lieber, herrlicher . . . Ei der Tausend, nein, so werde ich bei Leibe nicht fortfahren! Aber das Andere, das wird wirken. Solche Käuze muß man bei den Ohren nehmen und ordentlich abseifen, das hilft und ist das einzige Mittel, ihnen zu helfen.«

Sie setzte ihr Vorhaben durch; nahm unter einem guten Vorwande Urlaub, fuhr in der Richtung auf Hinterpommern und kam Morgens früh in der berühmten Stadt Stolpenburg an.

Im Gasthofe händigte sie sogleich dem Hausknecht ein daheim von ihres Abschreibers Hand vorbereitetes Billet ein und befahl ihm, dasselbe dem Herrn Gymnasiallehrer C. Dinse zu überbringen. Besonders aber schärfte sie ihm ein, nichts von ihrer Person zu verrathen, sondern auf Befragen von einem fremden Herrn Namens Geiseler zu reden.

Als der Hausknecht verständnißvoll nickend das Zimmer verließ, überkam sie ein mächtiges Gefühl einer wunderbaren Vorfreude. Welch' ein Gesicht mußte der Jugendfreund machen, wenn er seinen Mitarbeiter in dieser Gestalt erblickte! Vielleicht, daß allein schon die ungeheure Ueberraschung ihn zur Vernunft brachte.

Bebend in zagendem Glücke schritt sie dem Fenster zu, um dem hoffnungbeschwerten Hausknecht nachzublicken. Unterwegs streifte sie an einem Spiegel vorbei, und ihr Blick fiel hinein. Plötzlich zuckte sie zusammen; sie besann sich eine oder zwei Secunden; dann riß sie das Fenster auf und rief den eben ausschreitenden Boten zurück: er solle mit dem Gange warten, bis sie ihn von Neuem verständigen werde – vielleicht sogar bis morgen.

Nun trat sie mit Bewußtsein vor den Spiegel und begann eine ernstliche Musterung.

Nein, sie war gar nicht mehr hübsch, nicht so wie sie früher war! Wenn der Umgang mit der Wissenschaft den Geist nicht mehr verschönte als den Körper, die Wissenschaft wäre längst der allgemeinsten Mißachtung verfallen. Sie sah ein, daß sie ein Weiteres für sich thun müsse.

Ihr graues Kleid saß wohl ordentlich und leidlich sauber, doch ohne jegliche Anmuth; nirgends ein hübscher Ueberfluß, eine Zierlichkeit, sei es nur eine bunte Schleife oder so etwas; das Haar lag auch so glatt an den Schläfen, so »angeklatscht«, so maßlos sittsam, so untadelhaft erzieherisch! Das Gesicht ließ sich noch am ersten ansehen – vorausgesetzt, daß man auf die Reize der allerersten Jugend verzichtete – aber etwas Zierloses lag doch auch darin, etwas Unfrisches, Farbloses, Uebergeistigtes, herb Angestrengtes – ach was, gerade herausgesagt, etwas einfach Eulenhaftes.

Sie schickte den Hausknecht an diesem Tage nicht mehr. Statt dessen begab sie sich selbst auf die Fahrt und machte Besorgungen. Sie besuchte eine Kurz- und Schnittwaarenhandlung, einen Handschuhladen, ein Confectionshaus, eine Schuhmacherwerkstatt, ein Weißwaarengeschäft und sogar ein billiges Schmuckwaarenlager (alle diese waren in dem Städtchen vorhanden), machte eine schöne Fülle von Einkäufen, verweilte mit diesen Schätzen erst stundenlang bei einer Schneiderin, dann bei einer Putzmacherin, dann bei einer Haarkräuslerin und fand dazwischen doch noch Zeit, einen Spaziergang gegen den frischen Wind zu machen, da sie eine andere Art von Schminke mit ihrer wissenschaftlichen Würde nicht vereinbar glaubte.

Gegen den Mittag des anderen Tages that sie nach einem neuen Spaziergange einen letzten Blick in den Spiegel. Sie wandte leicht erröthend die Augen ab und lächelte wunderlich vor sich hin. Sie hatte nun erkannt, welches die wahre Königin der Wissenschaften ist, die einzige, die handgreifliche Wunder thut. Freilich auch, welcher Fülle von Hülfswissenschaften bedient sie sich!

Kurzum, die graue Eule hatte sich in einen farbenschillernden Schmetterling verwandelt. Sie klingelte und schickte den Hausknecht. –

Eine halbe Stunde später trat Christian Dinse herein; taumelte zurück, starrte, ward blaß und roth, neigte das Haupt und kämpfte unter sonderbaren Zuckungen gegen die andringenden Thränen.

Auch Anna blickte ihm stumm und überwältigt entgegen, sie vermochte keinen Schritt und keine Bewegung zu thun; aber sie vermochte seine Gestalt und sein Angesicht mit verklärten Augen zu umfassen und festzuhalten, und sie gestand sich lächelnd, daß ihm die Gelehrsamkeit nichts hatte anhaben können, vielmehr an Schönheit eher etwas zugelegt hatte. Sein schmales Gesicht war feiner, ruhiger und stolzer geworden, selbst seine Gestalt erschien gefestigt durch ein inneres Kraftgefühl, und in seinen Augen glühte eine zurückgehaltene Leidenschaft.

»Ich bin der Candidat Geiseler,« sagte Anna endlich, das lange Schweigen brechend.

Christian Dinse verstand Alles in dem knappen Wort; er stieß einen kurzen Schrei aus, deckte die Hand über beide Augen und sagte dumpf:

»Gestern Abend habe ich mein Manuscript vernichtet.«

»Vernichtet?« stammelte Anna entsetzt, »und gestern Abend?«

»Gestern Abend,« bestätigte er, »verbrannte ich es. Ich habe mich überzeugt, daß der Handschrift C der Vorrang gebührt.«

Sie sank todtenbleich in einen Stuhl zurück. Also wieder durchs Examen gefallen! Zum letzten Mal!

Er trat ein wenig näher.

»Verzeih mir,« sagte er, »ich konnte nicht anders. Ich werde das neue Buch sogleich beginnen. In drei bis vier Jahren muß es fertig sein. Hätte ich mehr Zeit neben den Schulstunden, vielleicht könnte ein Jahr genügen. So aber –«

Sie sah mit einem trostlos liebenden Blicke zu ihm auf. Da beugte er sich tiefer hinab und küßte ihre Hände.

»Drei bis vier Jahre,« sagte sie endlich und versuchte zu lächeln, »das ist nicht zu viel. Wir haben warten gelernt, und die Wissenschaft hat Zeit.«

Sie warf einen wehmüthigen Blick nach dem Spiegel; und dann sah sie vor ihren bethränten Augen die knisternden, stiebenden, sich krümmenden Blätter des verbrannten Manuscriptes; und die wandernden Funken formten sich auf den schwarzen Flächen zu Reihen und Buchstaben, und sie las mit klagender Seele die schwermuthvollen Verse:

mit leide was verendet des küniges hôhzît,
als ie diu liebe leide ze aller jungiste gît.
- -

Es wäre vielleicht das Beste, die Geschichte hier abzubrechen; sie würde dann immerhin tröstlich mit einer Verlobung und einer Hoffnung schließen. Diejenigen aber, welche Christian Dinse den »ewigen Hülfslehrer« von Stolpenburg noch gekannt haben, ob es gleich ihrer nicht mehr viele sind, könnten kommen und uns einer unerlaubten Schönfärberei auf Kosten der Wahrheit bezichtigen.

Denn sie wissen nur zu gut, daß jenes neue Buch niemals beendigt wurde, nicht nach drei Jahren und nicht nach vier und auch nicht nach zehn Jahren; die Bestunterrichteten aber sagen aus: das sei nicht etwa die Schuld seines Geistes, sondern seines Herzens gewesen: er habe es nicht über sich gebracht, etwas Feindseliges gegen die Handschrift A zu unternehmen. Auch sei er in späteren Jahren wieder zu der Ueberzeugung von ihrer Superiorität zurückgekehrt, habe aber auch zu ihren Gunsten nichts mehr zu schreiben gewagt, aus Furcht, ihr zum anderen Male untreu zu werden.

Dieselben Leute erinnern sich auch genau des alterthümlichen Pärchens, das in späterer Zeit täglich die Stadtpromenade von Stolpenburg abwackelte, meist ernst und schweigsam, häufig Hand in Hand.

Die gereifteren Schüler des Gymnasiums nannten ihn den Archäopteryx, eine recht treffende Bezeichnung, welche auch seine Collegen der höheren Gehaltsstufen mit vielem Vergnügen in ihren Wortschatz hinübernahmen. Der alte Bursche in seinem weiten grauen Flügelmantel glich in der That ein wenig diesem urweltlichen Vogel und sah fast aus wie sein eigenes körperliches Abbild in grauen Stein geprägt. Und das gute Mütterchen an seiner Seite sah leider nicht viel besser aus; es bemühte auch weder Putzmacherinnen noch Haarkräuslerinnen mehr.

Nachzutragen ist, daß der Magistrat der Stadt Stolpenburg nach fünfundzwanzigjähriger Dienstzeit Dinse's dessen Gehälter auf 550 Thaler erhöhte, nebst einer persönlichen widerruflichen Zulage von 50 Thalern; nicht lange danach trat er mit Fräulein Anna Gebhart, geprüften Lehrerin, in den Stand der heiligen Ehe. Einige ganz fremde Leute hatten den Muth, über das jugendlose Pärchen am Traualtar zu lächeln; wer aber ein wenig von der Lebensgeschichte der Beiden wußte, fand diesen Muth nicht.

Publius.

Heute Morgens 7 Uhr 26 Minuten 30 Sekunden wurde mir ein Sohn geboren.

Quod dii bene vertant.

Stolpenburgii Kal. Maj. a. u. 25605 (Ol. 655,2) a. Chr. 1850

Dr. Martin Löwe,
Gymnasial-Oberlehrer.

Diese überraschende Kunde brachte das Wochenblättchen am 2. Mai 1850 den Bürgern der tüchtigen Stadt Stolpenburg in Hinterpommern. Es war wirklich eine Ueberraschung; Niemand hätte dem stillen Philologen die menschliche Schwachheit zugetraut, Vater zu werden. Und doch war er nun Vater, und zwar, wie es fast den Anschein hatte, in mehr als gewöhnlichem Sinne. Wenigstens erschien in der nächsten Nummer desselben Blattes ein lateinisches Gedicht aus seiner Feder, dessen streng gemessene Distichen den Vorgang unter völligem Verschweigen der dazu gehörigen Mutter in umständlicher und plastischer Schilderung so darstellten, daß jeder Unbefangene annehmen mußte, das Kind sei fertig aus dem Haupte des Vaters entsprungen wie einst Pallas Athene. Den Schluß des Poems, das von den Schülern bis zur Tertia hinab natürlich wahrhaft verschlungen wurde und ihnen in metrischer wie stilistischer Hinsicht zu dauerndem Nutzen gereichte, bildete eine schwungvolle Verkündigung von dem künftigen philologischen Ruhme des Neugeborenen. Es war kein Zweifel, dieses Kind hatten die Götter, die gnädigen, vor der Geburt schon geliebt, ihm Phöbus die Augen, die Lippen Hermes gelöset.

Es erhielt in der heiligen Taufe den Namen Titus, zur Erinnerung an eine ruhmreiche Fehde seines Vaters, in welcher dieser dem großen Komödiendichter Plautus seinen echten Namen Titus Maccius vor den hämischen Angriffen eines entarteten Jüngers der Wissenschaft gerettet hatte, der ihn blödsinniger Weise Marcus Accius hatte nennen wollen.

Dr. Löwe war ein Philologe nicht gewöhnlichen Schlages. Er hing mit ganzer Seele an seiner Wissenschaft, und an ihr allein; die übrigen Dinge der Welt kümmerten ihn wenig. Sein Wahlspruch schien zu sein: Philologus sum, humana omnia me abesse puto.

In seiner Jugend war er einst in Folge einer glücklich gelösten Preisaufgabe zum Zwecke von Handschriftenvergleichung auf einige Monate nach Rom gesandt worden und hatte daselbst das Kunststück fertig gebracht, nicht nur den Papst, sondern auch die ewige Stadt selbst nicht zu sehen – mit einziger Ausnahme der vatikanischen Bibliothek oder noch genauer der Buchstaben ihrer Manuscripte und Palimpseste. Einmal freilich war er auch zur Sixtinischen Kapelle gekommen, jedoch nur bis vor die Thür; er hatte ein paar aus seiner Heimath stammende Damen dorthin begleitet und verabschiedete sich von ihnen mit der Bemerkung: da drinnen seien berühmte bunte Bilder von Michelangelo Buonarotti, geb. 1478, gest. 1564, das sei etwas für Frauen. Mit eiserner Gewissenhaftigkeit wies er auch sonst jede Versuchung zum Rasten und Schauen ab. »Ich bin hier, um zu arbeiten, nicht um spazieren zu gehen,« pflegte er zu sagen, wenn seine Collegen ihn zu einem Ausfluge in die Campagna oder ins Albanergebirge zu verlocken suchten. Von den Wundern antiker Plastik, den Geistesoffenbarungen der großen italienischen Maler, dem Reize römischer Landschaft oder gar römischer Frauenschönheit blieb seine Seele unberührt: dahingegen gerieth er in eine helle und andauernde Begeisterung, als er eines Tages in einem alten Glossar eine nach seiner Aussage bis dahin unbekannte lateinische Vokabel entdeckt hatte: sie hieß mura, die Mausefalle. Hic dies anno redeunte festus! rief er damals aufrichtigen Herzens. Seit diesem Ereigniß erhielt er von seinen Freunden den Spitznamen Mus, die Maus, auch Publius Decius Mus oder kurzweg Publius, ein Name, der später von seinen Schülern mit Begeisterung angenommen und pietätvoll erhalten wurde, nachdem die Geschichte sogar bis in seine Heimat gedrungen war.

So war Publius oder Dr. Martin Löwe, ein Mann aus einem Guß, wie leicht es auch der stets flugbereite Witz seiner Collegen und Schüler hatte, aus seinen Thaten sich unerschöpfliche Nahrung zu saugen.

Nach seiner Rückkehr ins Vaterland übernahm er ein Lehramt, nicht so sehr aus innerem Drange, als weil er doch neben der Wissenschaft auch für seines Leibes Nahrung sorgen mußte, und verwaltete dasselbe ohne Leidenschaft und ohne Murren, ruhig, ordentlich, gewissenhaft. Zu dieser Zeit nahm er gelegentlich auch ein Weib. Die Ereignisse der Außenwelt berührten ihn nicht; die Kunde von Krieg und Frieden, Revolution und Reaktion drang kaum wie ein fernes Wehen in den windstillen Frieden seiner wissenschaftlichen Klause. Als einst die Schüler seiner Klasse ihm die Alarmnachricht entgegenschrieen: »In Berlin ist die Revolution ausgebrochen! Das Volk hat das Zeughaus gestürmt!« da entgegnete er gelassen: »Hat es? . . . Also die Kriegführung der Spartaner war, wie wir in der vorigen Stunde sahen, auch jetzt eine methodische und zögernde . . .« und er konnte nicht begreifen, warum die Knaben heute seinem ruhigen Vortrage so wenig Aufmerksamkeit schenkten, da es doch sonst für sie nichts Fesselnderes gab als das leidenschaftliche Ringen des Peloponnesischen Krieges.

Ueber die Art, wie er zu seiner Frau gekommen war, gab es sehr verschiedene Meinungen, denn Sicheres wußte Niemand. Daß sein eigenes Verdienst dabei ein möglichst geringes gewesen, betrachtete man allgemein als selbstverständlich. Ebenso wenig freilich schien die bescheidene und anspruchslose Frau dazu angethan, einen Mann mit Gewalt und List sich zu erobern, obzwar Leute, die sie näher kannten, manchen Zug stiller Entschlossenheit und Thatkraft von ihr zu berichten wußten, so daß sie möglicherweise größerer Dinge fähig war, als man ihr zutraute. Und schließlich einen Mann vom Schlage des Dr. Löwe sich anzuverloben, war noch nicht einmal ein so gar großes Ding für ein nur einigermaßen zielbewußtes Mädchen. Vielleicht war doch etwas an der Erzählung, sie habe ihm einst aus seinen eigenen Büchern nachgewiesen, daß es weder für einen athenischen noch für einen spartanischen Staatsbürger ehrenvoll gewesen sei, unbeweibt durchs Leben zu gehen, worauf er sich nach kurzem Kampf zur Heirath entschlossen habe. Etwas unwahrscheinlich blieb dabei nur die intime historische Kenntniß der sonst nicht eben gelehrten Frau, indessen gibt es für ein findiges Weib ja tausend Quellen, die leeren Gefäße der Schulweisheit zu füllen, und welches Weib wäre nicht findig und wißbegierig, wo es sich um Heirathssachen handelt. Vollkommen sicher bezeugt hingegen war die Thatsache, daß der Dr. Löwe nur unter Anwendung mäßiger Gewaltmittel hatte zum Altar geschleppt werden können, nicht weil er aus Grundsätzen der schönen christlichen Feier widerstrebt hätte, sondern aus einer ganz andern Ursache. Gleichwie nämlich einst Sokrates gedankenvertieft und selbstvergessen in einer Hausthür stehend gefunden wurde, so entdeckte man den Dr. Löwe an seinem Hochzeitsmorgen nach langem angstvollen Suchen und Rufen über einer bedeutsamen Konjektur (ein at statt et) brütend in einer abgelegenen Fliederlaube.

Die Mausefalle der Ehe, in der er nun unleugbar festsaß, war jedoch keineswegs beengend für ihn; sein Leben blieb genau dasselbe, wie es früher gewesen war, nur daß er besseres Essen bekam, und auch diese Veränderung merkten mehr die Andern an seinem gediegeneren Aussehen als er selber. Er lebte nach wie vor für seine Wissenschaft und, soweit es die Pflicht erforderte, für die Schule; daneben konnte für die Frau in seinen Gedanken kein Raum sich finden. Nicht, daß er ein Haustyrann geworden wäre; beileibe nicht, er blieb die gutmüthigste, schüchternste Seele von der Welt, machte nie ein böses Gesicht, verlangte von ihr nicht den geringsten Dienst, den sie ihm nicht geradezu aufdrängte, gerieth niemals in Zorn über abgerissene Hemdenknöpfe, verlor nie ein Wort über ein ungewöhnliches Hinschwinden des Wirthschaftsgeldes, verschwendete auch selbst kein Geld außer für Bücher, ging nicht ins Wirthshaus, betrank sich auch in häuslicher Gesellschaft nicht, kurz, er war nach gerechter Auffassung als das Muster eines guten Ehemanns zu bezeichnen, und vielleicht wären die meisten Frauen mit ihm zufrieden gewesen und hätten sich ihrer Freiheit und häuslichen Herrschaft in allem Behagen erfreut.

Nicht ganz so Frau Dorothea. Zwar öffnete sie nie den Mund zu irgend einer Klage, auch nicht vor der vertrautesten Freundin; worüber auch sollte sie klagen? Er gewährte ihr ja Alles, was sie je verlangte, keine große noch kleine Bitte blieb unerfüllt – dafern er sie überhaupt vernahm und verstand. Aber freilich es gab eine gewisse Art, mit stummen, leisen Augen zu bitten, die er noch niemals bemerkt hatte, und eine gewisse Art, mit abgewandten Blicken und unhörbaren Seufzern zu klagen, davon er nichts ahnte: denn er wiederum hatte seine Art, bei Tisch und sonst bei jeder überflüssigen Unterredung an ihr vorüber nach seinen Büchern und seinem Schreibpult zu blicken, die ein Wahrnehmen nutzloser weiblicher Gemüthsregungen vollkommen verhinderte. Und wenn er es auch bemerkt hätte, begriffen haben würde er es schwerlich, was für ein Sehnen in ihr sich regte. Sie hatte ja Alles, was eine moderne Frau in mittlerer Lebenslage vernünftigerweise verlangen kann.

Uebrigens war er für Frauenwerth und Frauentugend in der Theorie nicht unempfänglich: von der Hoheit und dem Seelenadel spartanischer, römischer Frauen wußte er vor seinen Schülern viel Rühmens zu machen, er konnte sogar in eine gewisse bescheidene Schwärmerei hineingerathen, wenn er von der Mutter des Pausanias oder des Coriolan oder von der Lucrezia oder Cornelia erzählte – und das war die einzige Untreue, deren er sich gegen seine angetraute Gattin zu schulden kommen ließ. Denn mit solchen Größen konnte sich die gute Dorothea natürlich nicht vergleichen, sowenig der Dr. Löwe geleugnet haben würde, wenn es Jemand ihm ins Gesicht behauptet hätte, daß sie ein wahres Ideal einer Gelehrtenfrau sei, sparsam, fürsorglich und still, dabei voll Ehrfurcht vor der Wissenschaft, wenn auch ohne rechtes Verständniß und ohne Herz für die himmlische Göttin.

So lebten sie mit einander ein paar Jahre in Frieden ohne rechtes Leid und ohne rechtes Glück dahin, als jener erste Mai des Jahres 1850 erschien und mit ihm eine ungeheure Veränderung in dem ganzen Wesen des gelehrten Dr. M. Löwe. Was kein Rom und kein Rafael, keine Campagna und keine Römerin, keine Braut selbst auch nur auf Stunden erreicht hatte, das brachte ein winziges, hülfloses, zappelndes, quäkendes, höchst froschähnliches Menschenkind im Handumdrehen zu Stande: Publius vergaß Pflicht und Wissenschaft und stand stundenlang in stumme, träge Betrachtung versunken vor einem Geschöpfe, das nicht den allergeringsten wissenschaftlichen Werth beanspruchen konnte – ja, stundenlang, es ist keine Uebertreibung. Dazu rührte er kein Buch mehr an, die Hefte der Schüler verstaubten zur unsäglichen Freude derselben unkorrigirt auf seinem Pult, die Manen des Horaz vollführten einen Freudentanz auf den Brettern des Bücherregals, weil Carmina, saturae und epistolae eine geraume Zeit hindurch von den Konjekturen eines ihrer gefährlichsten Peiniger völlig verschont blieben, und die sämmtlichen Lexika und Glossarien hätten ohne wesentlichen Schaden für die Wissenschaft auf Sommerfrische gehen können. Der Philologe schlief, der Mensch war aufgewacht. So gewaltsam rächte sich die lange verhöhnte Natur.

Ja, da stand er, Publius, der Philologe, andächtig an dem Wägelchen seines Knaben, wachte über den Schlaf desselben und lauerte erregt auf den Augenblick, da er die blauen Aeuglein aufschlagen würde – denn da lag es, diese Augen, die großen Kinderaugen hatten es ihm angethan: es waren vom ersten Tage an ganz besondere Augen, es waren klare, scharfe, stille, unbeirrte, gesammelte, forschende, wägende, mit einem Wort: es waren philologische Augen. Ein junger Philologe war geboren, als solcher geboren. Wenn das Kind unmittelbar nach der Geburt statt des bei dieser Gelegenheit üblichen unartikulirten Kätzchenschreies den Mund zu einem vernehmlichen Mura, murae, murae, muram, mura, mura… aufgethan hätte, er möchte sich schwerlich gewundert haben, obzwar er sich auch so zufrieden gab und einsah, daß dergleichen ein wenig gegen die Natur gewesen wäre. Die philologischen Augen aber blieben sein Glaube und sein Glück – mochten da immerhin die Gevatterinnen kommen und schwatzen, es seien der Mutter klare, lebensfreudige Augen. Ueberhaupt die Mutter – was hatte die Mutter für ein Verdienst an diesem, diesem Knaben! Wenn sie, die unwissenschaftliche, banausische Frau, mit einem solchen Kinde begnadet wurde, so hatte sie alle Ursache, den Göttern zu danken und weiter nichts für sich zu begehren. Daß sie eine gute Mutter sein mußte, war eine selbstverständliche Forderung, welche ja auch in gleichem Maße an die athenischen Frauen gestellt und von ihnen erfüllt wurde, ohne daß deren Männern einfiel, davon viel Rühmens zu machen. Wer hat je von den Müttern der zahllosen berühmten Athener reden hören? Sie hatten ihre Pflicht gethan und geistreichen Männern geistreiche Söhne geboren und verpflegt; sie verdienten eine Anerkennung, aber keine Auszeichnung – Zeugniß Nr. 2, wie der Pädagoge in Dr. Löwe sich ausdrückte; Nr. 1 blieb den Vätern vorbehalten.

So kam es, daß auch die gemeinsame Liebe zu dem Kinde, sonst so oft ein edles Heilmittel für kranke Ehen, die Gatten einander nicht näher brachte; vergebens suchte Frau Dorothea leise tastend den Weg zum Herzen ihres Mannes: er sah an ihr vorüber, wie zuvor, und ahnte nichts von den vielen stillen Thränen, die in das innere Jauchzen des jungen Mutterglückes fielen wie der Reif in einen Frühlingsmorgen.

Die Liebe zu seinem Knaben aber währte und wuchs in der Brust des Vaters und vereinigte sich auf das Schönste mit seiner ersten Leidenschaft, der Liebe zur philologischen Muse. Seine im Anblick der großen Kinderaugen plötzlich kühn, ja frech gewordene Phantasie ergriff die bis dahin demüthig von unten her verehrten Namen Gottfried Hermann, Lachmann, Böckh, Ritschl und manchen andern, mengte sie in dem großen Topfe des Vaterstolzes kräftig durcheinander und formte daraus das Idealbild des großen Philologen der Zukunft, seines Sohnes. Diesem väterlichen Hochmuth, der sich bis zur stillen Verachtung seiner Collegen und seiner Vorgesetzten verstieg – denn hatten sein Director, selbst sein Schulrath solche Söhne aufzuweisen? – mengte sich eine rührende Bescheidenheit bei: seine eigene wissenschaftliche Thätigkeit erschien ihm jetzt verächtlich gering, sie behielt nur den Werth einer redlichen Vorarbeit für die künftigen Großthaten seines Sohnes Titus. Manchmal nur stieg ihm eine Art von Furcht auf, er könnte etwa zufällig – nicht nach seinem Verdienst und Gaben – doch einmal eine bedeutende Leistung zu Wege bringen, eine unverständliche wichtige Textstelle durch eine umstürzende Konjektur überzeugend in Ordnung bringen oder dergleichen, und damit vorweg einen Raub an dem künftigen Ruhme des Titus begehen. Der junge Alexander weinte einst über einen neuen Sieg seines Vaters Philipp, der ihm nichts zu thun übrig lassen werde: wie traurig,. wenn auch sein Sohn Titus solche Thränen vergießen müßte! Zum Glück gelang es ihm, eine derartige gefährliche Leistung zu vermeiden.

Auch warf er sich für die nächsten Jahre ganz überwiegend auf eine ihm ursprünglich fremde Wissenschaft, die Erziehungslehre, und das Ergebniß dieser Forschungen war das gemeine Loos fast aller philosophisch geschulten Pädagogen, daß er den Jungen nach den Regeln des Lykurgos, des Solon, des Plato und Cato und aller nachfolgenden weisen Männer bis auf Herbart und dessen Schüler und Gegner zugleich auf das gründlichste verzog, nur daß zum Glück die stille Mutter im Hintergrunde stand, den gut gearteten Knaben mit ihren treuen Augen lenkend und ihm aufmerksam bei rechter Zeit einen gesunden Klapps verabreichend. So kam es, daß er allen pädagogischen Künsten zum Trotz ein unverdorbenes und unverkrümmtes Bäumchen blieb.

Im sechsten Jahre kam Titus auf die Schule und hatte bald, wie ihm officiell bescheinigt ward, im Lesen, Schreiben und Rechnen einen guten Anfang gemacht, seine Aufmerksamkeit war »gespannt«, sein Fleiß »bewiesen«, kurz, der Keim zum berühmten Philologen war vorhanden.

Da kam die Versetzung nach der Sexta des Gymnasiums und mit ihr etwas Ungeahntes, Unerhörtes, Unglaubliches. Der kleine Löwe vermochte durchaus kein Latein zu lernen.

Schon auf der Schwelle der Grammatik, dem mensa, mensae stolperte er lange, in den Dornenhecken der zweiten Declination verhakte er sich ohne Ende, und in der dritten ward ihm jedes Wort zum Neutrum, »das man nicht decliniren kann«. Die Endungen der vier Conjugationen bohrten sich gleich spitzigen Pfeilen in sein Gehirn, und nun erst die Regeln! Sie umschnürten seinen armen Geist wie mit schneidenden Stricken, und es verrieth noch keinen bösartigen Charakter, wenn er aus Rache ganz in das Lager ihrer natürlichen Feinde, der Ausnahmen, überging. Oder vielmehr, er behandelte einfach Alles als Ausnahme, das war seine Methode. Dieselbe hatte ihre Vorzüge, nämlich für ihn; den Beifall der Lehrer fand sie leider nicht.

Vergebens suchte der alte Löwe dem Löwchen aufzuhelfen, vergebens klagte er seine Collegen der Nachlässigkeit, der Unfähigkeit, der Parteilichkeit an, vergebens setzte er es durch, daß ihm selbst der lateinische Unterricht in der Sexta – statt wie sonst in der Secunda; man weiß, welches Opfer! – übertragen wurde, vergebens rang er mit der Erfindung einer neuen Lehrmethode, welche den alten kindischen Regeln den Krieg erklärte und dem offenbar allzuraschen Geistesschwunge seines Titus edlere Flügel zu geben suchte – Alles vergebens, Alles!

Jetzt saß der alte Titus wirklich in einer Mausefalle und starrte rathlos das grauenhafte Wunder dieser plötzlich zugeschlagenen Klappthür an, von der kein Nagen, Zappeln, Springen, Wüthen befreite.

Wohl soll er schon damals zuweilen in Blitzen grausamer Erkenntniß jenes entsetzlich bedauernde Achselzucken der Collegen sich richtig gedeutet haben, das da sagen wollte: »Ihr Junge ist eben dumm, guter College, dumm, geradezu dumm!« Aber noch bot er mannhaft der Verzweiflung Trotz, und mannhaft kämpfte das Kind den Riesenkampf weiter gegen die stets doppelt nachwachsenden Köpfe der grammatischen Hydra.

Und ein Schimmer der Hoffnung schien endlich zu winken: der Cursus der Sexta wurde doch zuletzt dem harten Köpfchen eingepaukt, und selbst die Fußangeln und spanischen Reiter der Quinta nach fürchterlichem Ringen genommen; aber siehe da, hinter diesen Vorwerken zeigte sich erst die eigentliche Festungsmauer, starr und unüberwindlich: das Griechische der Quarta!

Aber Vater und Sohn kämpften weiter. Damals war es, daß Publius im Streit gegen die verrottete Methodik des grammatikalischen Unterrichts auf jene geniale Erfindung verfiel, die seinen Namen seinerzeit in so weite pädagogische Kreise trug; er hatte bemerkt, daß sein Titus ein sonderbares Interesse für die Geographie (eine kümmerliche Hülfswissenschaft) verrieth, ganz besonders in praktischer Anwendung auf die Topographie der näheren Umgegend, die er in luftigen Ausflügen und Spaziergängen, Turn- und Sängerfahrten fleißig durchforschte. Bei solcher Gelegenheit erfuhr der Vater zufällig, daß es in der Nachbarschaft ein Dorf Namens Passow und ein anderes Namens Plassow gab, nicht gar weit von einander entfernt. Nichts war natürlicher, als daß ihm dabei die berühmte griechische »Ausnahme« einfiel, welche eine Reihe widerspenstiger Zeitwörter listig in ein gemeinsames Joch spannend mit πάσσω, πλάσσω beginnt – und siehe, im selben Augenblick zeitigte sein Geist den großartigen Plan, die andern zunächst liegenden Dörfer amtlich umtaufen und Brassow, Eressow, Ptissow, Blittow benennen zu lassen. (Mit also lautenden Verben fährt jene Regel bekanntlich fort.) Solcher Art gedachte er eigenartigen Köpfen wie dem seines Sohnes eine sinnreiche Brücke von der praktischen Heimathkunde zur griechischen Grammatik zu schlagen. Diesen Plan arbeitete er zu einem weiten Systeme aus, das zunächst die Provinz Pommern einer gründlichen Umnamsung unterwarf und die gesammte griechische Elementargrammatik umfaßte.

Allein auch so gewaltsame Hülfsmittel konnten die Widerstandskraft des Griechischen nicht brechen; das arme Kind aber war nahe daran, zu erliegen.

Und mit ihm litt die Mutter alle Tage alle Qualen durch, helfend, anfeuernd, tröstend, mitlernend, bis sie sicher wußte, es sei Alles umsonst und ihr Knabe müsse nothwendig unter der übermäßigen Last in kurzer Zeit so körperlich wie geistig verkümmern. Und sobald diese ihre Ueberzeugung fest stand, zögerte sie keinen Tag länger, sondern zog ihre besten Kleider an und machte einen feierlichen Besuch bei dem Herrn Gynmasialdirector, einem kleinen, freundlichen und nicht unverständigen Manne, der nur die kleine Schwäche hatte, daß er auch erkannten Uebelständen sehr ungern aus eigenem Entschlusse entgegentrat, vielmehr allzeit geduldig wartete, bis er von außen durch jemand Anders wie ein ruhender Pendel angestoßen wurde, worauf er dann in der That ordnungsgemäß die gewünschten Schwingungen machte, solange jene wirkende Kraft andauerte. Mit diesem Manne hatte Frau Dorothea eine lange und ernsthafte Unterredung, in welcher sie zum ersten Mal in ihrem Leben gegen den eigenen Eheherrn heimliche Ränke schmiedete. Leicht ward ihr das wahrhaftig nicht; aber sie wußte ja längst nur allzu genau, was dabei herausgekommen wäre, wenn sie ihm auf geradem Wege mit einem guten Rathe hätte entgegenrücken wollen, sie, ein gänzlich unphilologisches, amusisches Weib! Nur ein gutes Wort eines Vorgesetzten hatte allenfalls einige Aussicht auf Erfolg.

Am nächsten Tage zog der Director seinen Collegen Löwe freundschaftlich bei Seite und machte ihm mit mildem Lächeln einen inhaltschweren Vorschlag:

»Lieber verehrter College,« sagte er, »mit dem armen Jungen, Ihrem Titus, kann es unmöglich lange so weiter gehen. Sie müssen das einsehen. Beim besten Willen kann er das Pensum unserer Quarta nicht leisten und muß unter dieser hoffnungslosen Ueberanstrengung nothwendig an Geist und Körper erschlaffen, Sie müssen das einsehen. Uns Lehrern aber bereitet er eine doppelte Qual, weil er ein so liebes, frisches, prächtiges Kerlchen ist, daß uns jedes unvermeidliche Wort des Tadels in der Seele weh thut. Sie wissen aus eigener Erfahrung, nicht die ungezogenen Schlingel sind es, die uns das Leben am schwersten machen, denn für die haben wir Fuchtel und Carcer, sondern diese lieben, herzensguten, aber unbegabten Kinder sind es, die den wohlgesinnten Lehrer zur Verzweiflung bringen, weil er gegen sie wehrlos ist. Doch was sage ich? Unbegabt? Nicht doch! Handelt es sich ja so oft nur um einseitige Begabung, die auf zusagendem Gebiete Gutes, ja Vortreffliches leisten könnte. Lieber Herr College, daß Ihr Kleiner für Sprachen, speciell für die klassischen Sprachen nicht talentirt ist, haben Sie selbst mit Schmerzen und unendlichen Mühen erkannt: mein freundschaftlicher Rath wäre, Sie versuchten es anders und brächten den Knaben auf eine Realschule. Wer weiß, welche Freude Sie dann noch an ihm erleben können. Der Fall ist nicht hoffnungslos. Sie müssen das einsehen, lieber College.«

Der wohlmeinende Redner hatte nicht ahnen können, welchen Vernichtungsschlag er gegen das Herzensglück seines Amtsgenossen führte, welchen Sturm er in seiner Seele entfesselte. Vielleicht nur dieses einzige Mal in seinem Leben verlor der stille Philologe gänzlich die Herrschaft über sich selbst und fiel einem ungerechtfertigten Zorn zur Beute.

»Herr!« schrie er in namenloser Entrüstung, »Sie . . . Sie . . . Solchen Rath geben Sie mir . . . Sie? Wer erlaubt Ihnen, meine Ehre zu beleidigen? Ich soll mein Kind in eine Idiotenanstalt geben?«

Hier brach ein Schluchzen tief aus der Brust des Mannes heraus und hinderte ihn, weiter zu sprechen, vielleicht zum Glück, denn wer kann wissen, mit welchen Ausbrüchen der Leidenschaft er sich sonst noch an dem gutmüthigen Rathgeber vergriffen hätte. So aber überwältigte der Schmerz den Zorn, und er wandte sich hastig ab, die Thränen zu verbergen.

An diesem Tage gebrauchte er zum ersten Male, sein Kind mit nassen Augen umarmend, das Wort, das bald seine stehende Rede wurde: »Mein armer lieber dummer Junge!«

Denn so entrüstet er auch das Ansinnen seines Directors zurückgewiesen hatte, getroffen war er dennoch von der Wahrheit seiner Rede. Die Harpune saß, er fühlte sein Schicksal besiegelt, sein Sohn ward kein Philologe. Die bloße Thatsache, daß ein Mensch, ein Pädagoge, ein Gymnasialdirector ihm eine solche »Idiotenanstalt« vorschlagen konnte, genügte seinen Glauben zu erschüttern. Wohl sträubte er sich noch eine Weile gegen die Schmach dieses Schicksals, aber jetzt gelang es der langsamen, klugen Minirarbeit seiner stillen Frau, ihn zu überreden, daß er sein Kreuz endlich auf sich nehme. Titus wurde nach Danzig auf die Realschule zu Sankt Johann gethan.

»Mein liebes armes dummes Kind!« hieß das Abschiedswort des halb gebrochenen Vaters.

Aber wunderbar – Titus war wirklich nach der Verpflanzung in ein neues Erdreich wie umgewandelt. Er lernte! Das Griechische war er los, das Lateinische stand bescheiden im Hintergrunde, in der Mathematik aber und allen verwandten Wissenschaften war er ein Held. Er löste die Aufgaben für die halbe Klasse mit, wie das in geordneten Schulzuständen so Sitte ist, und fand dabei noch reichlich Zeit, seine peripatetischen Uebungen in der Heimathkunde mit Eifer fortzusetzen und seinen jungen Körper zu stählen. Die ganze Frische und Kraft seiner Natur trat wieder siegreich hervor.

Der alte Publius fuhr fort, seinen Sohn grenzenlos zu lieben, ja vielleicht wuchs seine Liebe noch, seit sie gewissermaßen eine unglückliche geworden war. Vor den Menschen zwar, es ist wahr, schämte er sich bitterlich seines Sohnes, der »aus Athen verbannt und unter die Böotier gestoßen war«, aber sein Herz vermochte er auch von dem banausischen Kinde nicht loszureißen. Die guten Zeugnisse über seine Fortschritte verwunderten ihn keinen Augenblick: blieb er doch immer von Abstammung ein Athener und also unter den Böotiern selbstverständlich der Erste.

Als Titus nun zum ersten Mal in die Ferien kommen sollte, strahlte Publius wochenlang vorher von heimlicher Glückseligkeit, vernachlässigte gröblich seine wissenschaftlichen Arbeiten und sann stundenlang darüber nach, womit er seinem armen dummen Knaben eine tröstende Freude machen könnte, indem er besonders die Ephebenspiele der Athener einem eingehenden Studium unterzog. Und als der schöne, heitere Ephebe nun kam, umgab ihn der Vater mit all der zarten, mitleidvollen Fürsorge, mit der sonst Eltern wohl ein krankes oder verkrüppeltes Kind zu behandeln wissen. Er ließ ihn nicht von seiner Seite und begleitete ihn seiner eigenen Neigung zuwider täglich auf den beliebten Spaziergängen nach Passow, Plassow u. s. w. Er hätte ihn am liebsten getragen oder im Wagen geschoben, wenn der stattliche Bengel das irgend nöthig gehabt oder nur gewünscht hätte. Dabei war er unermüdlich, seinem Geiste das klassische Alterthum auf Umwegen doch noch näher zu bringen: er erzählte ihm immer wieder, zwar nicht mehr von der genialen Natur der Athener, aber desto mehr von den Thaten und dem Wesen der Spartaner, ihrer schlichten, derben Art, ihrer einfachen Größe, ihrer rauhen, herrlichen Tugend, ihrem entsagenden Todesmuth, der sie vom Schlachtfelde nicht anders als siegreich oder todt, mit dem Schilde oder auf dem Schilde zurückkehren ließ. Auch die spartanischen Mütter der Helden erhielten ihre Lobsprüche, nicht ohne mitleidige Seitenblicke auf moderne Mütter, wenn zufällig Frau Dorothea dabei saß. Daß in solchem Falle der junge Titus seiner Mutter wohl heimlich unter dem Tische die Hand drückte oder auch küßte, durfte der Alte natürlich bei Leibe nicht merken. Das waren schöne, hoffnungsvolle Stunden für Publius, die ihm nur dadurch etwas getrübt wurden, daß der dumme Junge mit besonderer Vorliebe Seitensprünge machte zu den Dingen der späteren Barbaren, zumal zu den gewaltigen Gothenhelden, den sächsischen Kaisern, den Hohenstaufen und endlich gar zum alten Fritz und den Begeisterungsthaten der Befreiungskriege, Alles Geschichten, welche dem klassischen Philologen des höheren pädagogischen Werthes und jedenfalls des Interesses zu ermangeln schienen.

Allein er sollte noch einen tiefen Kummer erleben. Als die Jahre gingen und die Zeit kam, da Titus vor die Berufswahl gestellt war, entschied er sich mit aller Bestimmtheit für den Soldatenstand und zeigte einen so festen, vernünftigen Willen, daß der Vater bald seinen Widerstand aufgeben mußte. Aber es war ein neuer herber Schlag für ihn.

»Er ist aus dem Stande der Philosophen in die Kriegerkaste hinabgestiegen,« klagte er. »Das arme Kind, aber es kann nicht anders. Es muß von der Faust leben, da sein Geist verkrüppelt ist. Es war mein Verbrechen, daß ich ihn in die Idiotenanstalt ließ, dort ist sein geistiges Theil erstickt.«

Fortan war der letzte Rest von Vaterstolz in ihm geknickt. So hoch er von den Spartanern dachte, das moderne Kriegs- und Söldnerwesen war ihm ein Greuel. Schon das viele laute Knallen der Feuerwaffe erschien ihm barbarisch und brutal; es erinnerte ihn an das wüste Angriffsgeschrei der troischen Asiaten bei Homer im Gegensatz zu dem still gefaßten Anrücken der Achäer. Und nun hatte sich sein Titus gar für die Artillerie bestimmt, wo das gemeine Knallen den Gipfelpunkt erreichte! Publius zog sich jetzt gänzlich aus der menschlichen Gesellschaft zurück; er glaubte in den Mienen aller seiner Collegen die tiefste Verachtung zu lesen für den Vater eines Söldlings, eines Landsknechts, dessen Geschäft der Massenmord aus tückischer Ferne war.

So verbitterte er sich sein Leben. Aber die Liebe zu dem Kinde blieb sich immer gleich. Seine Stimme hatte einen weichen, rührenden Klang, wenn er von seinem dummen Sohne sprach.

Sein liebstes Studium ward jetzt die Strategie und Tactik der Alten; im Geschützwesen insbesondere erwarb er die eingehendsten Kenntnisse, und wenn Titus auf Urlaub kam, schwirrte seine Rede von den Geschossen der Ballisten und Katapulten. Denn all dies Studium hatte nur den Zweck, sich mit seinem Sohne wissenschaftlich unterhalten zu können.

Während aller dieser Zeit lebte Frau Dorothea einsam und öde neben ihrem Gatten hin. Er achtete sie geringer denn je, war sie es doch ohne allen Zweifel, von der Titus seinen Böotismus geerbt hatte, und das ihr von Herzen zu verzeihen, ging über seine Kräfte. In der ersten Zeit des Exils in der Idiotenanstalt hätte er ihr am liebsten einen Scheidebrief gegeben und sich nach einem anderen Weibe umgethan, das im Stande wäre, ihm philologische Köpfe zu gebären; doch stand dem sein moralisches Gefühl im Wege, und so hing er ihr weiter in müder Treue an.

Die arme Frau trug ihr kaltes Loos mit schweigendem Kummer und hegte auch so ihren Mann in sorgsamer Liebe und selbst mit einem herzlichen Mitleid: war sein Herz doch schlimmer noch als das ihre verödet, da er ihren Trost nicht theilte noch kannte, den Mutterstolz und die selige Freude über den trefflichen Jüngling, der ihr Kind war.

Denn Keiner konnte es ihr leugnen, Titus war das Musterbild eines liebenswürdigen, jungen Officiers; schmuck, kräftig, gewandt, gewissenhaft und anstellig im Dienst, schneidig im Auftreten; ein Liebling von Vorgesetzten und Untergebenen, besaß er eine sorglose Heiterkeit des Gemüthes, die weder Ueberhebung noch Geckenthum oder Blasirtheit aufkommen ließ und ihm alle Herzen, nicht bloß der Frauen, gewann. Seine Zukunft war nach menschlichem Ermessen eine glücklich gesicherte, sein Charakter wie seine Kenntnisse verbürgten eine gute Laufbahn.

Da kam das Jahr 1870.

Eines schönen Julimorgens bemerkte Dr. Martin Löwe, obgleich in Gedanken noch ganz vertieft in eine glänzende Monographie über die Ursachen des Krieges zwischen den Segestanern und Syrakusiern, die er beim Morgenkaffee gelesen, auf dem Schulwege – es war für die nicht verreisten Schüler ein Ferienunterricht angesetzt worden – eine eigenthümliche Bewegung in den Straßen. Wirklich, die Menschen hatten heut etwas Besonderes an sich, das selbst er nicht übersehen konnte, alle Gesichter, alle ohne Ausnahme, trugen den unverkennbaren Ausdruck einer stillen, starken Feierlichkeit, einer tiefernsten Festesfreude; die Leute sahen aus wie Gläubige auf dem Kirchgange an einem klaren Ostermorgen, und doch blitzte noch etwas Anderes, etwas feurig Weltliches aus ihren Augen, etwas, das Dr. Löwe noch nie gesehen hatte, eine freudige Lebenskraft, ein gefaßter Stolz, ein fast zur Hoheit verklärter Zorn, eine gemeinsame Sehnsucht; es war wie eine stumme Verbrüderung von Freunden, deren jeder Einzelne im Begriff stünde, eine große und gute That zu begehen.

Verwundert und in leise gehobener Stimmung, gerade als ob ihn die Sache etwas anginge, betrat Publius das Gymnasialgebäude und eilte nach seiner Gewohnheit ohne Aufenthalt dem Klassenzimmer der Secunda zu.

Da traf ein schauerliches Kriegsgeheul aus dem Innern sein entsetztes Ohr, »nicht anders,« dachte er, »als es Tacitus bei den alten Germanen schildert: Sie suchen besonders einen rauhen und dumpf heulenden Ton zu erzeugen, indem sie den Schild vor den Mund halten, daß ihre Stimme durch den Wiederhall voller und mächtiger erdröhne . . . . Quo plenior et gravior vox repercussu intumescat, wiederholte er in Entrüstung laut vor sich hinsprechend, als plötzlich der kleine Director neben ihm stand, merkwürdiger Weise gleichfalls mit jenem sonderbar festlichen Zug im Gesicht, die Hand mit einem fast stolzen Lächeln auf seine Schulter legte, und auf die Thür der aufrührerischen Secunda deutend, das Citat fortsetzte.

»Nec tam voces illae, quam virtutis concentus videtur!«

Jetzt blickte Publius ganz verstört darein. Er selbst, der Director, den sonst das geringste aus dem Bauch eines Klassenzimmers dringende Geräusch geradezu nervös machte, er lächelte zu diesem Höllenlärm und citirte harmlos den Tacitus:

»Das scheinen nicht bloße Menschenstimmen, sondern ein Erklingen der Tapferkeit selbst zu sein!«

Unglaublich!

Entschlossen ließ Dr. Löwe seinen Director stehen und fuhr in das Zimmer. Da geschah das Unglaublichste.

Statt wie sonst bei seinem Eintritt jäh zu verstummen und schreckenbleiche Gesichter Jeglicher hinter dem Rücken des Vordermannes zu verstecken, fuhren sämmtliche Knaben, die ungedeckte erste Bank, die Bank der Tugend nicht ausgenommen, mit leuchtenden Augen und erhitzten Wangen in ihrem furchtbaren Gesange fort:

»Fest steht, fest steht und treu die Wacht am Rhein!«

Nec tam voces illae, quam virtutis concentus videtur!

Da brach das Gewitter los.

»Herr Gott, welch ein Lärmen! Welch eine Unschicklichkeit! Was für ein Dämon ist in Sie gefahren? Welche Horden der Barbaren sehe ich vor mir? Wo ist meine attische Klasse geblieben? Entsetzlich! Ein thrakisches Geheul! Ein Toben trunkener Skythen! Entsetzlich!«

Plötzlich trat ein Schweigen ein, das nach dem Sturme geradezu bänglich wirkte. Die Reihe des Erstaunens war an die Schüler gekommen.

Allmählich erst ging den Scharfsinnigsten ein Verständniß der Lage auf, und ein halb zorniges Flüstern ging durch ihre Reihen: »Er weiß noch gar nichts!«

Endlich ermannte sich der Primus und sagte in einem etwas trotzigen Ton:

»Herr Doctor, der Krieg ist erklärt!«

»Von den Segestanern?« fragte er in unklarer Verwirrung.

Ein lautes Gelächter des ganzen Gewalthaufens antwortete.

»Nein, von den Franzosen, und wir gehen alle mit!«

»Hurrah, und Ihr Sohn Titus soll unser Hauptmann sein!« rief eine übermüthige Stimme.

Nun endlich begriff er ungefähr, um was es sich handelte, und ein jäher Schreck durchzitterte ihn. Titus mußte in den Krieg gegen die Franzosen! Der Krieg der Segestaner gegen die Syrakusier war plötzlich vergessen; als ihn hingegen die Schüler aufforderten, ihnen etwas aus der preußischen Geschichte zu erzählen, gab er sich zwar nicht selbst dazu her, aber er gestattete zur Beruhigung der erregten Gemüther – auch seines eigenen – etwas Derartiges vorzulesen. Wie immer bei solcher Gelegenheit, war mit unglaublicher Geschwindigkeit ein passendes Buch zur Hand. Es war eine Darstellung des Raubes von Straßburg unter Ludwig XIV.

Dr. Löwe hörte Anfangs kaum mit halbem Ohre zu; der Vorgang war ihm natürlich längst zur Genüge bekannt. Und doch wirkten allmählich die glühenden Augen der Knaben, die geballten Fäuste, die zornigen Ausrufungen mit still ansteckender Gewalt auf ihn, und seine Theilnahme ward eine erregtere. Es währte nicht lange, so empfand er die Entrüstung über die schnöde Gewaltthat kräftig mit, obgleich diese nicht an den Athenern begangen war, und er fühlte einen ehrlichen Haß gegen diese Franzosen, welche damals Straßburg gestohlen hatten und jetzt – auf sein armes, dummes Kind schießen wollten. Ja, das war's!

Zu Hause fand er seine Frau mit strömenden Thränen über ein Telegramm gebeugt.

»Kommt hierher nach Stettin zum Abschied. Mir nicht mehr möglich zu Euch. Titus.«

Auf der Stelle nahm Publius Abschied und reiste nach Stettin. Seine Frau nahm er mit, obwohl nicht ohne Widerstreben, denn er wußte aus der Kriegsgeschichte, daß ein starker Troß von Weibern für die Bewegungen eines Heeres sehr hinderlich und oft gefährlich sei.

Ein paar Tage des Zusammenseins mit ihrem Sohne waren ihnen vergönnt, freilich nur die wenigen Freistunden täglich. Dann saßen sie an seiner Seite; der Vater faßte oft wie im Traum nach seiner Hand, als wollte er ihn nimmer von sich lassen, und kämpfte einen großen tapferen Kampf mit den stets widerspenstig nachtröpfelnden Thränen, indem er viele schöne Sprüche aus dem Alterthum über die Nothwendigkeit und Trefflichkeit des Sterbens für das Vaterland ins Gefecht führte. Titus aber setzte andere schöne Sprüche dagegen von der Nothwendigkeit und Gewißheit des Sieges, von König Wilhelm, Bismarck, Moltke, von der unerschütterlichen Kraft des preußischen Heeres.

Wenn Titus Dienst hatte, und das war natürlich fast den ganzen Tag, wanderte Publius in der Stadt umher und betrachtete mit großen staunenden Augen die ungeheure Bewegung. Es war in der That ein wahrhaft barbarisches, schlechthin unattisches Treiben, das ihn umwogte, ein Rasseln und Dröhnen von Kanonen auf dem Straßenpflaster, ein Zischen, Poltern und Pfeifen von Lokomotiven, ein Klappern von Pferdehufen, ein Klirren von Waffen, ein Schreien und Schimpfen von Menschenstimmen, dazwischen schmetternde Trompetenstöße, Trommelwirbel und ohrenzerreißende Kommandorufe – wahrlich, man mußte die Brust mit dreifachem Erz gepanzert haben, um ganz unverworren und fest durch solchen cyclopischen Lärm zu schreiten. Und doch entging dem Blicke des Aufmerksamen Philologen nicht, daß durch all dies wilde Geschiebe etwas Festes, Starkes, Haltendes hindurch ging, ein Maß, eine Ordnung, unsichtbar und doch dem Blindesten erkennbar, eine Strammheit und Sicherheit des Schreitens, Auftretens, Hantirens, als ob eine unirdische Hand jedes einzelne Glied jedes einzelnen Mannes, Thieres und selbst Geräthes an einem straffen Faden lenkte.

»Nec tam voces illae, quam virtutis concentus videtur,« murmelte er immer wieder staunend vor sich hin.

Und dann klang ihm wohl wie eine Antwort aus den rauhen Kehlen eines vorüberziehenden Truppentheils der tyrtäisch starke Kriegsgesang:

»Fest steht und treu die Wacht am Rhein!«

In all dem gleichen Trubel aber lief die Mutter unverdrossen umher, achtete auf garnichts und machte die letzten Einkäufe für ihren scheidenden Sohn. Glücklicher Titus, wenn er all die schönen Sachen hätte mitnehmen dürfen! Nicht wie ein Spartaner, sondern wie ein Sybarit wäre er ins Feld gezogen.

Titus fuhr mit seinen Kanonen ab,. und das Elternpaar kehrte in die hinterpommersche Heimath zurück, vereint und doch Jeder für sich seinem eigenen Schmerze hingegeben. Dorothea tastete manchmal leise nach der Hand ihres Gatten, aber vergebens. Er hatte ihre Gegenwart vergessen.

Es kam nun eine Zeit, in welcher die philologische Bibliothek des Dr. Löwe sich über noch ärgere Vernachlässigung zu beklagen hatte, als damals nach der Geburt seines Sohnes. Klassiker, Glossare, Kommentare und Grammatiken deckte gemeinsam unwürdiger Staub. Dahingegen hielt er sich nicht nur neben dem heimischen Wochenblättchen eine Stettiner und eine Berliner Zeitung, sondern entnahm auch aus der Gymnasialbibliothek zum Staunen der Collegen Bücher über Bücher, welche allzumal die vaterländische Geschichte behandelten. Gründlich wie immer begann er ab ovo, mit der Völkerwanderung. (Denn Cäsar und Tacitus brauchte er freilich nicht mehr zu befragen.) Aber er rückte wacker vorwärts und ließ sich an Schnelligkeit von den deutschen Heeren in Frankreich nicht allzusehr beschämen. Als die Kunde von dem großen Siege bei Wörth kam, hatte Kaiser Otto soeben auf dem Lechfelde die Magyaren aufs Haupt geschlagen; als die Victoriaschüsse für Gravelotte durch das deutsche Land hallten, kehrte er bereits mit dem großen Kurfürsten von Fehrbellin zurück, und am 2. September erlebte er die Schlachten von Roßbach und Leuthen an einem einzigen Freudentage. Danach aber überholte er sogar den raschen Schritt der Ereignisse, denn als man eben erst deutsche Granaten in das umlagerte Paris zu schleudern begann, war er längst mit Vater Blücher in die feindliche Hauptstadt eingezogen.

Von Titus kamen viele und freudige Nachrichten. Bei Vionville erwarb er das eiserne Kreuz, vor Metz für eine glänzende Vertheidigung seiner Batterie eine andere Auszeichnung.

Sein Vater begann unvermerkt das Haupt wieder etwas höher zu tragen, er schämte sich nicht mehr ganz so arg vor den Collegen und vermied den Verkehr weniger ängstlich; meinte er doch manchmal sogar eine Art besonderer Hochachtung von ihrer Seite zu empfinden.

Aber doch trauerte er um ihn wie um einen Verlorenen. »Meinen Titus gebe ich auf,« sagte er zu dem kleinen Director, »'s ist ein grauses Morden. Der Unglückliche versteht das Kriegführen nicht, wo sollte er es gelernt haben? Er ist zu dumm, der arme Junge, er fällt in den ersten besten Hinterhalt. Er weiß nichts von den Kriegslisten der keltischen Barbaren. Meinen Titus gebe ich auf.«

Seine Frau schien der gleichen Ahnung zu leben, denn kein Tag verrann ihr ganz ohne Thränen, aber sie duldete und schwieg. Wenn aber einmal ihr Auge um Trost bittend den Gatten suchte, sagte er mit kühler Milde: »Süß ist's und ehrenvoll, fürs Vaterland zu sterben. Doch was versteht ein Weib davon?«

Und er hatte Recht, sein armes Weib verstand nichts von dieser Süßigkeit. Sie liebte das Vaterland mit treuem Herzen und jubelte mit über seine siegende Herrlichkeit: aber ihren Sohn durfte es nicht von ihr verlangen. Ihr eigenes Leben hätte sie freudig zum Opfer gebracht, aber wer verlangte das? Doch ihren Sohn? Nein, freudig nie!

Allein das Vaterland achtete ihrer Thränen nicht und verlangte ihren Sohn. Bei Le Bourget wurde er durch die Brust geschossen. Er lebte gerade noch lange genug, um das eiserne Kreuz erster Klasse sich auf das tapfere Herz legen zu lassen und einen herrlichen Brief voll heldenhafter Ergebenheit an seine Eltern zu diktiren, den er dem Gymnasialdirector zu schonender Mittheilung übersenden ließ.

So betrat denn dieser eines Tages mit dem ganzen Lehrercollegium die stille Wohnung des Löwe'schen Ehepaares, um die traurige Pflicht zu erfüllen. Beider Eltern ahnungsvolles Herz wußte auf der Stelle, welche Kunde sie hören sollten.

Zunächst stimmte draußen der Schülergesangverein das erschütternde Chorlied aus der Antigone des Sophokles an:

Glückselige, deren Geschick Verderben fern bleibt!

mit den schmerzlich beziehungsvollen Versen:

Eben über dem letzten Sproß
Des Hauses strahlte belebend Licht;
Und nieder mäht ihn ohn' Erbarmen
Jetzt des Hades blut'ges Beil.

Hieran schloß der Director seine Rede, mit dem antiken Spruch beginnend:

Wen Götter lieben, dem verleihn sie frühen Tod.

und an manches andere trostvolle Citat den Hinweis knüpfend, daß mit den Eltern auch die Freunde und Amtsgenossen, ja die gesammte Bürgerschaft mit Schmerz, aber auch mit hohem Stolz auf den gefallenen Helden blicke, der das Wort Hectors ruhmvoll besiegelt habe:

Ein Wahrzeichen nur gilt: das Vaterland zu erretten!

Nach dieser herzlich gemeinten Ansprache legten die Versammelten die mitgebrachten Lorbeerkränze zu einer ernsten schönen Pyramide über einander dem trauernden Paare zu Füßen, und von draußen erklangen wiederum in feierlichen Rhythmen die uralt erhabenen Weisheitsworte des athenischen Dichters.

Der unglückliche Vater aber hörte und sah nichts mehr. Er war auf seinen Stuhl zusammengesunken und starrte trostlos und thränenlos vor sich hin, ein gebrochener, hilfloser Mann, der nun Alles in der Welt und der sich selbst verloren hatte. Kein Zureden der erschütterten Amtsgenossen vermochte ihm ein Wort zu entringen, nur ein leises Stöhnen aus tiefer Brust und ein krampfhaftes Zucken der Hände verrieth, daß noch Leben in dem regungslosen Körper weile.

»Seltsam,« flüsterte der Director seinem Nachbar zu, »daß es ihn doch so furchtbar trifft. Er hat doch wenig auf den Sohn gehalten, da er lebte. Ja der Tod, der Tod! Wenn nicht die Wissenschaft mit der Zeit ihm Trost gewährt –«

In diesem Augenblicke trat Frau Dorothea unvermuthet zu ihrem Manne. Es lag ein wunderbarer Ausdruck in ihren Zügen; wohl schimmerten ihre Augen feucht von zurückgehaltenen Thränen, aber ein verklärter Stolz siegte über den großen Schmerz, und sie sah aus wie eine überwindende Heilige. Sie legte still die Hand auf seine Schulter und sagte mit fester Stimme.

»Es war ihm nicht vergönnt, mit dem Schilde heimzukehren; aber er ist auf dem Schilde gekommen. Martin, das war mein Sohn.«

In dem Ton der letzten Worte lag nicht bloß ein heiliger Stolz, sondern fast etwas Trotziges, ein Fordern noch mehr als ein Bitten um Liebe.

Ihr Gatte aber hob sich plötzlich auf wie erschrocken und sah ihr wohl eine Minute lang staunend und suchend in die Augen. Dann legte er beide Hände heftig vor sein Angesicht gleich einem Entsetzten oder Verzweifelnden und hielt eine lange Zeit das Haupt tief gesenkt und verborgen.

Zuletzt stand er auf und sagte mit erhobener Stimme zu den Collegen: »Er ist doch einer der Unsern gewesen!«

Und dann schlang er mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit die Arme um das Weib seiner Jugend und hielt es schweigend an seinem Herzen.

Die Reise nach Athen

Die Sonne ging auf über Hinterpommern; oder sie versuchte es doch: entweder war sie nicht stark genug, den frostigen Herbstnebel ganz zu durchdringen, oder sie verzichtete freiwillig darauf, wohl wissend, daß sie doch nicht viel Sehenswerthes darunter finden werde. Wenigstens nicht in der Gegend von Stolpenburg; was es dort zu sehen gab, waren Chausseen von Pappeln wie von aufmarschirten Gensdarmen begleitet und Landwege, an denen die Weidenstümpfe gleich buckligen Bettlern herumkrochen, und dazwischen in langen, langweiligen Streifen Kartoffelfelder und Roggenfelder und Haferfelder und Kartoffelfelder; und alle diese Felder sahen aus, als habe man hier aus Versehen statt der Frucht zum größeren Theile Sand gesäet. Diese Landschaft schien den Nebel recht mit Vergnügen festzuhalten wie einen grauen Mantel, der doch ein wenig ihre Blöße bedeckte.

Der Oberlehrer Kanold war eben dem Bett entstiegen und blickte durchs Fenster hinaus in die zähen Dünste und die Schmutzlachen des schlechten Straßenpflasters darunter.

»Grau – grau – grau!« – murmelte er fröstelnd. »Und das habe ich ausgehalten sechsunddreißig Jahre lang! Sechsunddreißig Jahre im Nebel gepilgert!«

Er kehrte sich schnell herum, und ein merkwürdiges Leuchten verklärte sein faltenreiches Antlitz.

»Strahl des Helios, schönstes Licht,
Wie's der siebenthorigen Stadt
Theben nimmer zuvor erschien –«

declamirte er laut mit freudig bewegter Stimme und schaute dabei zur Decke empor, als ob aus deren kahlem Felde ihm dieses Licht beglückend entgegenglänzte.

Dann glitt sein Auge mit gesteigertem Ausdruck stillen Entzückens an den Wänden hin: sie waren geschmückt mit zahlreichen verkleinerten Nachbildungen antiker Marmorwerke, theils Zeichnungen oder Stichen, theils kleinen Relieftafeln in Gips; auch einige Standbilder waren angebracht. Das alles nicht eben Arbeiten kostbarer Art, zumeist wohl Trödelwaare von fahrenden Händlern erstanden, oder sonst in zufälligem Ankauf zusammengerafft, viele Stücke angestoßen, fleckig, halb vernichtet, Fragmente noch einmal zu Fragmenten geworden.

Sein Blick blieb haften an der sandalenbindenden Nike von der Akropolis.

»Siegesgöttin, du geflügelte!« rief er mit feierlichem Ton. »Sei du meine Führerin! Geleite du mich aus dem Nebellande ans sonnige Ufer der Adria – Thalatta! Thalatta! – und weiter durch die ionische Fluth, an Maleas Klippe vorüber, an Felseninseln vorüber, bis endlich das hohe Gestade sich heb –

O könnt' ich hin, wo waldig des Berges Haupt,
Von Meerwogen umspült, sich hebt,
Unter Sunions hohen Fels,
Heilige Stadt Athenas, dir
Grüße zu senden!

Ja, ich komme, heilige Stadt! Sechsunddreißig Jahre der Sehnsucht sinken unter in dem einen großen Tag der Erfüllung!«

Er hob beide Arme begeistert empor, als wollte er sogleich auffliegen mit der anmuthumflossenen Göttin; und die Schöße und Aermel seines abgerissenen Schlafrocks schlotterten sonderbar um seine hageren und ungelenken Glieder.

Er selbst empfand dieses gefühlvolle Mitthun des unklassischen Kleidungsstückes als etwas Störendes und Verdrießliches; fast zornig zerrte er es herunter und warf es von sich mit der großen Gebärde eines Prometheus, der seine Fesseln sprengt; und so, in Unterhosen und auf groben Socken schreitend, begann er ein räthselhaftes Thun.

Er öffnete vorsichtig ein wohlverschlossenes Schubfach seiner altfränkischen Wäschekommode, holte aus dem Hintergrunde ein großes Stück Zeug hervor, weiß, mit purpurnem Saum, entfaltete es bedachtsam und mit einer gewissen stillen Feierlichkeit und legte es nicht ohne Beschwerde und mühevolle Verrenkungen säuberlich um seinen Leib, daß der eine Zipfel mit zierlicher Troddel kunstgerecht über die Schulter herüberfiel. Solcherart mit dem hellenischen Chiton bekleidet, wandelte er stattlich und verklärten Angesichts im Zimmer auf und nieder, zuweilen mit feierlich verschämtem Blick am Spiegel vorüberstreifend.

Sehr bald jedoch empfand er wieder etwas Störendes: diesmal war es die eigene Person, die sich der klassischen Veredlung nicht fügen wollte. Sein Gang blieb schleppend, unsicher, wunderlich undulirend, die Haltung gebückt wie unter einer dauernden Rückenlast, jede Bewegung gebunden und dennoch haltlos: bei jedem Schritte fühlte er diese Unbeholfenheit, strebte sich aus ihr herauszuwickeln wie aus einem schlecht angepaßten Gewande und ward nur schwerer gezwängt von dem vergeblichen Bemühen.

Endlich that er den Chiton wehmüthig in die Lade zurück und stand in seiner skythischen Beingewandung still vor dem Gipsbilde eines Jünglings edelster Gestalt, der beschäftigt ist, die feinen, starken Glieder vom Staube des Ringplatzes zu reinigen; die Archäologen nennen ihn Apoxyomenos.

»Ich habe es freilich nicht erreicht,« seufzte er zu dem Bilde hin, »aus mir einen Menschen zu machen, einen schönen und guten nach hellenischem Sinne; die germanische Schwere hängt wie Blei in meinen Gliedern; aber dich, mein Wolfgang, Sohn meines Geistes, mein Alkibiades, dich habe ich mir heraufgebildet; du bist in meiner Hand geworden, was mehr als ein großes Kunstwerk gilt, ein ganzer Mensch, ein echter, unverkrümmter, der, selber schön an Leib und Seele, ein Herr im Geiste ist über alles Schöne der reichen Welt und ein Bildner des Schönen, ein echter Hellene aus deutschem Blute, ein edler Zeuge für die wundervolle Kraft der nordischen Natur, mit heißer Arbeit zu erringen, was doch die Götter nur als mühelose Gabe zu schenken scheinen, und die eigene derbe Tugend mit fremdem Adel zu durchdringen, zu verklären und glänzend zu erhöhen. Du bist es, der mir besiegelt, daß mein einsames Wirken im Dienste der Schönheit kein verlorenes war: und wenn ich in sechsunddreißigjähriger Arbeit nichts gewann als deine Seele, so ist's genug, und ich bin zufrieden mit meinem Werke.«

Er warf noch einen Blick begeisterter Zärtlichkeit auf die stumme Gipsgestalt und fuhr dann fort, sich regelrecht anzukleiden, indem er zwischendurch an dem Packen eines großen und unförmlichen Koffers sich versuchte. Nach kurzer Zeit hatte er mit dieser Arbeit sowohl im Koffer selbst als auch im ganzen Zimmer eine so vollkommene Unordnung erzielt, daß er schaudernd stillstand, als ob er das orphische Urchaos vor sich sähe, und entmuthigt die Arme sinken ließ.

»Der Schuldiener muß es machen,« sprach er betrübt, »ich kann es nicht, und die Schwestern thun es nicht. Die armen Geschöpfe mißgönnen mir diese Reise.«

Er zog nun den Rock an, verließ das Schlafgemach und begab sich nach dem Frühstückszimmer.

In diesem größten Raume der bescheidenen Wohnung erwarteten ihn seine drei Schwestern. Sie saßen wohlgeordnet vor ihren Kaffeetassen, stippten, schlürften und bewahrten dazu ein unheimlich feierliches Schweigen. Von Zeit zu Zeit griff eine oder die andere nach dem Strickzeug, das auf ihrem Schoße lag, und strickte mit übellaunigem Nadelwippen zwischen der dritten und der vierten Tasse schnell einmal herum. Dabei warfen sie alle sehr häufige siegesgewisse, doch nicht siegesfrohe Blicke nach der Thüre hin mit dem lauernden Ausdruck: »Ja, komm du nur!« Erinnyen an der Pforte des Tempelhaines lauernd. Ein Paris hätte Arbeit gehabt zu entscheiden, welche von den dreien die älteste, häßlichste und verdrießlichste sei.

Auch in diesem Zimmer fehlte es nicht an plastischen Bildwerken, doch sie waren alle mit dichten Gazeschleiern überzogen, daß von ihren Formen nichts mehr zu sehen war, theils zum Schutze gegen Staub und Fliegen, theils aus Rücksichten der Sittlichkeit. Vielleicht auch, daß die hellenischen Fremdlinge selbst gebeten hatten, ihnen den täglichen Anblick der Herrinnen und mancher anderen kaum minder unschönen Hausgeräthe zu entziehen oder doch abdämpfend zu mildern.

Der Oberlehrer trat herein mit ungeschickten, jetzt hastig anfahrenden, jetzt wieder zaudernden Schritten; doch auf dem faltigen Antlitz lag noch der Widerschein eines tiefen inneren Glückes.

Er bot verlegen-freundlichen Morgengruß, nahm Platz und tappte mit unsicheren Fingern an seiner Tasse herum. Das Schweigen dauerte fort, vertiefte sich, lastete schwüler; keine Nadel mehr klapperte, kein Löffel klirrte;. ein eisiger Hauch schien durch den Raum zu wehen und den molligen Kaffeeduft langsam würgend abzutödten.

Die Haltung des Hausherrn ward unsicherer, gequälter mit jeder Secunde; die olympische Heiterkeit schwand spurlos von seiner Stirn. Er warf einen heimlich betenden Blick in die Zimmerecke, wo Athena Proxenos, die Schirmerin des umgetriebenen Orest, eine schüchterne Aufstellung, Lanze bei Fuß, genommen hatte: allein auch sie vermochte den blauen Fliegenschleier weder Hülfe gewährend noch Hülfe winkend zu durchdringen. Der Oberlehrer Kanold fühlte sich ganz allein.

Er bemerkte jetzt, daß irgend ein unbequemer Zufall ihn gegen alle Gewohnheit ganz einsam an die eine Langseite des großen Tisches verwiesen hatte, während die Schwestern in einer, ihm schien unabsehbaren Linie ihm gegenübersaßen. Hier der Angeklagte, dort der Areopag, doch dieser wider alles menschliche Recht aus Erinnyen zusammengesetzt. Athena Proxenos verhielt sich schweigend.

Er ließ einen rührenden Blick voll zusammengedrängter Unbefangenheit über die drei stummen Gesichter gleiten: er fand keine Spur eines Zornes, einzig den Ausdruck eines tiefen, stillen, allgemeinen Leidens.

»Es ist doch ein sonderbares Ding um jedes Abschiednehmen,« bemerkte er schüchtern im Anschluß an diese Beobachtung; er entfesselte einen schweren Windhauch von Seufzern.

»Mir scheint, er weiß sich kaum zu lassen vor Freude, daß er uns los wird!« sprach die Erste düster, mehr zu sich selbst als zu den Schwestern redend. Sie glich dabei auffallend einer altniederländischen Schmerzensmutter furchtbar unklassischer Stilrichtung.

»Daß er seinen Lüsten nachgehen kann und uns hier im Elend läßt!« fügte die Zweite in verschärfter Tonart hinzu mit einem sanften Verziehen des Mundes, als ob sie eben ein Chininpulver auf der Zunge hätte und dazu glauben machen wollte, es schmecke köstlich.

»Sechsunddreißig Jahre haben wir mütterlich für ihn gesorgt!« klagte die Dritte, indem sie mit dem Strickstrumpf eine Thräne in den winzigen grünen Aeuglein zu zerdrücken vorgab.

»Und nun treibt er feigen Selbstmord und stürzt sich unter die griechischen Räuber!« brummelte die Erste wieder. Ihre Nase war lang und spitz wie ein türkisches Minaret.

»Warum haben wir auch diese albernen Spielereien mit den nackenden Götterpuppen immer geduldet!« rief die Zweite mit einem giftigen Blick auf eine verwundete Amazone, die hinter ihrem blauen Gewölk sogleich noch tiefer zusammenzuknicken schien.

»Alle Menschen machen sich lustig über diese quackeligen Abgöttereien«, ging der Klaggesang weiter aus dem Munde der Dritten. Sie hüpfte dabei ein wenig auf ihrem Stuhle in einer eigenen Art, ungefähr als wenn eine strenge Hofetiquette sie veranlaßt hätte, auf einer Aloe Platz zu nehmen.

»Seine Herren Collegen am allermeisten,« tönte die Gegenstrophe.

»Der Herr Director sagt, das Zeug zerstreut die Jungen nur und stört den Ernst der Wissenschaft. Ich aber sage, es verderbt die Jugend bis ins Mark.«

»Man sieht es an unserm Herrn Bruder. Was ist das Ende vom Liede? Daß er zu den Griechen und Türken geht, das bißchen Geld verquast und natürlich mit einem Harem wiederkommt!«

»Geschlachtet werden wir auf dem Altar dieser Kindereien. Ich habe es aber immer geahnt, daß unser Unglück von daher kommen müßte, schon als Kind, wo diese türkisch-griechische Halbinsel immer so zackig und verderblich aussah. Wie eine Geierkralle, richtig wie eine Geierkralle. Und dann diese greulichen Namen, ordentlich unanständig. Philippopel und so was – da wird er natürlich auch hingehen!«

Ein Schweigen des Schauderns oder der Entrüstung trat ein. Fünfzehn Stricknadeln klimperten krampfhaft gegen einander wie zerborstene Armesünderglöcklein in trüber Ferne.

Auch Kanold saß eine Weile schweigend und blickte starr die grollenden Gesichter eines nach dem andern an. Ihm war zu Muth, als sähe er eine vernebelte Sumpflandschaft.

»Und das habe ich ausgehalten sechsunddreißig Jahre lang!« wollten seine Lippen hauchen; er verschluckte das laute Wort, doch eine tiefe Bitterkeit durchzuckte seine scharfgeschnittenen hageren Züge. Langsam stand er auf, durchmaß ein paarmal das Zimmer heftig undulirenden Ganges, die Hände in den Hosentaschen, mit augenscheinlich dringender Zertrümmerungsgefahr entweder für seine gespreizten Ellenbogen oder für alle andern schwächeren Gegenstände. Vorläufig fiel ihm zum Glück nur ein Wandleuchter zum Opfer. Plötzlich hastete er, von einem neuen Gedanken ergriffen, mit langen Schritten, man könnte fast sagen kopfüber, aus der Thür.

Er trat in seine Arbeitsstube. Dem Eintretenden gegenüber stand auf dem ärmlichen Schreibpult das große Bild der Juno Ludovisi. Er hemmte seinen Schritt und staunte mehrere Minuten lang stumm in die eherne Seligkeit dieses Antlitzes. Und dann war in seinen eigenen Zügen Friede geworden.

»Sie wissen es nicht anders, die Armen,« sagte er leise, »sie haben keine Götter.«

Ruhig entnahm er aus einem verschlossenen Fache des Pultes ein großes Wirthschaftsbuch nebst verschiedenen andern umfangreichen Papieren und begab sich gebändigten Schrittes in das Kaffeezimmer zurück.

Jetzt stand er hochaufgerichtet an der leeren Langseite des Tisches wie ein mild zürnender Lehrer vor Schülerinnen, die aus Unbedacht, nicht aus Schlechtigkeit gesündigt haben. Als er zu reden begann, geschah es im Tone eines freundlichen Berathers.

»Ihr habt Recht,« sagte er, »ich bin Euch Rechenschaft schuldig. Als Scipio der Veruntreuung von Staatsgeldern angeklagt ward, verbrannte er seine Bücher vor allem Volke, und das Volk jauchzte ihm zu. Ich aber bin kein siegreicher Held: hier sind meine Bücher. Vor sechsunddreißig Jahren trat ich mein Amt hier an; Ihr zoget in mein Haus; mein Gehalt betrug fünfhundert Thaler; von diesem Einkommen haben wir vier Menschen gelebt; Ihr verstandet es einzurichten. Aber doch war es ein klägliches Dasein, lichtlos, dumpf und zerdrückend; ein knechtisches Leben, ohne Würde und ohne Glück; für mich unerträglich. Auch ein zäher Baum vermag nicht lange zu grünen ohne einen Schimmer von Sonne: und ich habe vor tausend Andern all mein Leben lang nach Sonne und Schönheit gedürstet. Ich wäre zusammengebrochen ohne einen Schimmer von Hoffnung. Doch ich wußte mich zu wahren. Unter dem trüben Himmel jener Tage erzeugte ich mir zuerst die große Hoffnung, die mein rettender Anker ward, mein Leitstern, mein einziges Glück: die Hoffnung, dereinst an meinem Lebensabend das Land der Hellenen mit eigenem Fuße zu betreten, vor den Tempeln Athens und ihren Marmorgöttern meine Augen beten zu lassen. So habe ich ausgehalten. Kein leeres Spielwerk war es, daß ich den Vers in Goldschrift über meinen Arbeitstisch hängte:

O könnt' ich hin, wo waldig des Berges Haupt,
Von Meerwogen umspült, sich hebt,
Unter Sunions hohen Fels,
Heilige Stadt Athenas, dir
Grüße zu senden.

Mein Leben war ein langer, öder, mühevoller Weg auf der schroffen Kante eines unfruchtbaren Gebirges: doch von der einsamen Höhe sah ich unverdeckt vor mir beständig das goldene Ziel tief unten am Ende des Thales im Strahl der Abendsonne. Das war meine Hoffnung, mein Glaube, meine Andacht, mein Gebet; davon lebte ich und nährte ich meine Kraft; auf anderes Glück des Lebens, auf Weib und Kind und Liebe mußte ich verzichten. So habt auch Ihr wohl Grund, mir dieses Spiel der gedrückten Seele zu Gute zu halten: ich wäre ohne das nicht fest geblieben auf meinem Posten.

Mit welcher Art Verschwendung ich das Geld für diese Fahrt erübrigt habe, sollt Ihr erfahren: ich trug alljährlich den hundertsten Theil meines Einkommens auf die Sparkasse und ließ die Zinsen und Zinzeszinsen stehen; in den ersten Jahren je fünf Thaler, dann sechs, dann mehr, im letzten Jahre fünfundvierzig Mark. So habe ich im Laufe der Zeit mein Reisegeld gesammelt; es brauchte sechsunddreißig Jahre, doch es ist gesammelt. Inzwischen schämte ich mich, vor Euch etwas voraus zu haben, und ich machte die gleiche Einlage jährlich für Jede von Euch; hier sind die Sparkassenbücher; durchmustert sie: es ist vier Mal die gleiche Summe. Ich hatte Euch diese stillen Maßnahmen verheimlicht; vielleicht that ich Unrecht daran: ich traute Euch die Kraft der Geduld nicht zu, dem schleichenden Wachsthum dieses Sümmchens mit Freuden zu folgen.

Ich selbst vermochte das mit meiner Hoffnung im Herzen; ich hatte die zähe Lust des Försters, der junge Eichen wachsen sieht. Mit jedem Jahre ward mein Harren fröhlicher: ich konnte die Stationen der künftigen Reise Schritt für Schritt mit meinen Zahlen erreichen. Ich überschritt die Grenze nach Oesterreich, die Grenze nach Italien, ich sah das adriatische Meer, ich schiffte mich ein und kam nach Brundusium, nach Kerkyra; nach dreizehn Jahren schon vermochte ich auch die Ueberfahrt bis Athen in baarem Gelde zu bezahlen. Damals befiel mich eine erste Versuchung: Reise ab, laß Alles im Stich, dies Leben ist nicht des Lebens werth, sieh Athen und stirb! Stirb wie Faust, wenn du zum Augenblicke sagen kannst: Verweile doch, du bist so schön!

Doch ich widerstand und ließ die Eiche weiter wachsen. Nach zwanzig Jahren hatte ich das Geld auch für die Rückfahrt beisammen; jetzt, da ich des Zieles sicher war, jetzt ward mir's leicht zu warten, um mir die Zeit des Aufenthaltes zu verlängern. Noch vier Jahre weiter, und ich konnte einen Monat dort verweilen; und noch sechs Jahre, und ein halber Winter war gewonnen. Das war genug, um das zu erwerben, was ich brauchte, nur mehr, als die Neugier des kalten Reisenden verlangt, genug, mein Herz für den Rest des Lebens ganz mit hellenischer Schönheit, hellenischer Sonne zu durchtränken. Schon damals, vor nun sechs Jahren, wäre ich gereist – da lernte ich den jungen Wolfgang Freyhold kennen, der alsbald, Ihr wißt es, mein Lieblingsschüler wurde, fast könnte ich sagen, mein einziger Schüler. Ihr wißt es und habt es nicht immer gebilligt, daß ich, wie Ihr meintet, zu viel für ihn that, meine Zeit an ihn verschwendete. Doch das war die Verschwendung des Sämanns, der sein Saatkorn in einen fetten Fruchtboden wirft. Mein Herz ergriff ihn mit ganzem Feuer von Anfang an. Er war ein wilder Knabe, da er in meine Klasse trat, doch seine Wildheit hatte nichts Rohes, nichts Ungebärdiges, sie war schön wie die erwachende Ueberkraft des jungen Löwen. Und eins vor Allem erkannte ich schnell an ihm, das allen andern dieser Knaben versagt war: es war ihm gegeben, schön zu staunen. Das aber ist die erste Pforte, die zur Erkenntniß des Schönen führt, und die breite Mauer, die ausschließt vom Tempel, ist jene arme Klugheit, die nicht zu staunen vermag. Das helle Auge dieses Knaben sah ich groß aufgethan den Wundern der Welt entgegenglühen; und ich fühlte, daß dieser vor Allen, die ich kannte, geschaffen war, ein schöner und guter Mann zu werden, ein Mensch, wie die Griechen ihn wollten, dem das Böse fremd bleibt, weil es häßlich ist, und der das Häßliche haßt, weil es ihm das Böse ist.

Ich gewann es nicht über mich, vom Platze zu weichen, bis ich diese Seele mir gewonnen und ganz gefestigt hätte; er sollte mein Sohn werden im Geiste, in ihm sah ich meine Zukunft und zweite Jugend, er sollte dereinst erreichen und verkörpern, was mir versagt geblieben. Sechs Jahre noch habe ich ihm gewidmet. Ich zog ihn an mich und suchte den jungen Geist zu nähren mit edelster Kost, ihn ruhig wirkend bis ins Mark zu durchtränken mit der geräuschlosen Begeisterung, die nicht schwankt und nicht versiegt und die der Kern eines schönen Lebens ist. Und Ihr wißt auch, ich durfte des besten Gelingens mich rühmen; der Jüngling vergalt mein Bemühen mit dem Edelsten, das er geben konnte, mit dem rückhaltlosen Hineinwachsen seines jungen Geistes in meine Gedanken. In ihn allein vermochte ich ganz den seelenlösenden Quell aus dem Sonnenlande der Hellenen hinüberzuleiten, ihn ganz zu durchklären mit dem echten Geiste der Antike, welcher ist nichts Anderes als der heilige Geist der Schönheit, der durch alle Adern des hellenischen Lebens strömt und aus allen Poren sickert, der Geist des Maßes und der Anmuth, des Adels und der Stille, der Heiterkeit und Gesundheit, des freien Handelns und des kräftigen Genießens: denn das Alles und noch viel mehr ist zusammenzufassen in dem einen holden Worte Schönheit. Er hat es gelernt in unablässiger Arbeit, was sonst die große Völkermutter, ihr Füllhorn an Gaben überreich über uns nordische Germanen ausstürzend, allein uns versagte, den Sinn für das Maß und die freie Lust an der Schönheit. Jetzt ruht auf ihm meine Hoffnung sicher aus; darf ich da klagen, wenn vielleicht an etlichen Tausenden der Andern meine Arbeit fruchtlos war? Geht es doch sogar dem Schöpfer selbst nicht anders: kaum daß auf Tausende ihm einmal ein rechter Mensch gelingt! Dieser Eine bleibt mir; wer sollte seine Seele mir jetzt noch rauben, da ich sie so weit hinausgeführt denen Allen zum Trotz, die hier meine Widersacher sind, der Trägheit zum Trotz, dem Unverstande und feindlicher Meinung. Wie sollte ich also bereuen, daß ich ihm sechs Jahre gewidmet? Jetzt freilich, da er geistig versorgt und sicher gestellt ist, da er seit einem Jahre schon draußen im Leben weilt, ein wachsender Künstler voll Kraft und Hoffnung, jetzt habe ich die Arme frei, jetzt darf ich an mich selber denken. Ich bin sechzig Jahre alt; es ist spät genug, ein längeres Zögern zu verbieten, noch nicht zu spät, das Heimweh meines Lebens herrlich zu stillen. Mein Kapital ist inzwischen gewachsen; das Höchste ist erreicht, das ich mir träumen konnte, ich darf vom Herbst bis zum Frühling mich der goldenen Wintersonne des Südens erfreuen, ohne Euch das Geringste von dem früher Genossenen zu entziehen. Mein Urlaub ist bewilligt, der Vertreter bestellt: den größeren Theil meines Gehaltes bezieht Ihr weiter, ein Drittheil nur habe ich Jenem abzugeben: das genügt bequemlich, Euch ohne mein Mitzehren das gewohnte Leben weiter zu ermöglichen. Es ist kein Unrecht, nach langer trüber Pflichtarbeit ein eigenes edles Glück zu suchen, zumal wenn dies Glück die sichere Kraft besitzt, die müde Brust zu neuer Last und Arbeit zu erfrischen.«

Diese Rede hielt der Oberlehrer Kanold im Tone schlichter Wahrhaftigkeit als eine fachliche Darlegung, wenn auch die Gewohnheit, von erhabener Stelle aus unwidersprochen zu Geringeren zu reden, manchem seiner Sätze ein etwas lehrerhaft gefärbtes Pathos lieh.

Als er die unter dem Sprechen gesenkten Augen nun aufhob, um den Eindruck seines Rechenschaftsberichtes festzustellen, sah er die drei Strickzeuge in gedrückter Haltung und gleichsam zerknirscht auf dem Tische liegen, die Schwestern aber hatten die ausgetheilten Sparkassenbücher mit schweigender Gier ergriffen, hielten sie scharf in gekniffenen Fingern, studirten schnüffelnd darin herum und begannen halb neidische und mißtrauische Blicke Jede nach den gleichen Heften der Anderen hinüberzublinzeln.

Bei diesem Anblick wandte sich Kanold jählings ab, riß im Vorüberschreiten mit den Rockschößen zur Rechten wie zur Linken je einen Stuhl zu Boden und entkam in sein Arbeitszimmer. Er ließ sich schwerfällig in seinen Sessel sinken und murmelte trübe vor sich hin:

»Sie ahnen nicht, daß mir der Kampf mit ihren götterlosen Seelen hier allezeit das Schwerste war. Doch auch das ist überstanden; noch vor Abend bin ich erlöst zu langer Freiheit im Sonnenschein.« – Er raschelte noch ein wenig in seinen schon zehnmal geordneten Papieren herum, als ein schwerer und doch bescheiden an sich haltender Schritt auf dem Flur vernehmbar ward. Es klopfte, und der Schuldiener Eichler trat herein, ein schwerer, ernsthafter Mann in dienstlicher Haltung. Er trug eine große Mappe unter dem Arm, die er zur Erde setzte und gegen die Wand lehnte, ohne daß Kanold darauf achtete.

»Ich habe eine Bitte an Sie, lieber Eichler,« sagte dieser. »Verstehen Sie zu packen? Koffer zu packen?«

»Herr Oberlehrer, ich war doch Offiziersbursche, ehe ich Unteroffizier wurde,« versetzte der Schuldiener eifrig, »und was glauben Sie wohl, was solche Herren Lieutenants von der Cavallerie Alles einzupacken haben! Da verlassen Sie sich ganz auf mich, Herr Oberlehrer. Wollen Sie denn auf lange verreisen?«

»Für den ganzen Winter,« sagte Kanold, »und zwar mehrere Huudert Meilen weit. Wir werden also mit großer Umsicht packen müssen.«

Der Schuldiener machte ein äußerst erstauntes Gesicht.

»Sie, Herr Oberlehrer – das ist aber merkwürdig,« sagte er fast vorwurfsvoll und unbeschadet des strammen Respects mit einer gewissen dienstlichen Strenge, »und wir haben noch keine Meldung –! Ich und der Herr Director wenigstens mußten doch wissen –«

»Lassen Sie gut sein, lieber Eichler,« unterbrach ihn Kanold lächelnd, »diesmal ist es keine Vergeßlichkeit. Ich habe absichtlich noch geschwiegen und ersuche auch Sie, von Ihrer Kenntniß nichts verlauten zu lassen. Meine schriftliche Meldung wird unmittelbar nach meiner Abreise eintreffen; im Uebrigen habe ich meinen Urlaub und meinen Vertreter und bin frei in meinem Kommen und Gehen. Ich ließ die Collegen alle bei dem Glauben, daß ich nur Erholung und Muße zum Studiren hier am Orte suche: ich fürchtete ihre ungeschickten Rathschläge und Abmahnungen, und ich wollte ohne Abschied reisen, um keinerlei Bedauern heucheln zu müssen. Auch meinen Schwestern habe ich den Entschluß erst gestern Abend kundgethan. Es würde hier doch keiner begreifen, was mich in die Ferne treibt; sie haben Alle einen andern Geist als ich. Sie möchten die Achseln zucken und spötteln über die zwecklose und verschwenderische Fahrt; sie schlafen zu Hause ja weicher und haben ihre Grammatik bequemer zur Hand und träumen süß von unregelmäßigen Verben; auch sorgen sie treuer für ihr Weib und ihre Kinder; ich bin es müde, mit ihnen zu streiten; was bedarf ich ihres Beifalls? Mögen sie immer –«

Er brach hier plötzlich ab, merkend, daß er sich an falscher Stelle von seiner stillen Bitterkeit hinreißen ließ, und fügte nur noch die kurze Frage hinzu:

»Wollen Sie mir also packen helfen?«

»Zu Befehl, Herr Oberlehrer. Wo ist der Koffer?«

»Dort im Schlafzimmer.«

Er öffnete die Thür, welche unmittelbar dahineinführte, trat mit Jenem ein und wies nicht ohne Niedergeschlagenheit auf den weiten Irrgarten hilfloser Gegenstände.

»Das mußte Alles dort hinein,« sagte er im Tone stiller Verzweiflung.

»Wird schon gehen,« meinte Eichler und begab sich sofort an die Arbeit. Mit erstaunlicher Schnelligkeit verschwand ein Stück nach dem anderen in den Tiefen des ungefügen Koffers, und vergebens bemühte sich Kanold, durch allerlei Handreichungen und Anweisungen den raschen Mann in Verwirrung zu setzen und aufzuhalten.

Als die Arbeit in der Hauptsache für vollendet gelten konnte, ließ Eichler noch einen ruhig forschenden Blick im Zimmer umhergleiten und fragte auf einmal:

»Aber was wird denn aus Ihren schönen Gipspuppen, Herr Oberlehrer?«

»Ich werde dort die marmornen Körper finden statt dieser ihrer Schatten,« entgegnete Kanold heiter.

Der Schuldiener verstand die Rede nicht und schüttelte den Kopf.

»Aber es ist doch schade drum,« meinte er, »ich hab' es schon öfter gesehen, die Fräulein Schwestern stoßen doch manchmal ganz gerne ein bißchen mit dem Besen dran. Und so was gibt mir immer einen Stich ins Herz.«

»Sie haben also ein Herz für diese Kunstwerke?« fragte Kanold mit froher Verwunderung und blickte dabei den Schuldiener an.

»Ach Gott, Herr Oberlehrer,« antwortete Eichler ruhig, »sehen Sie, verstehen thue ich ja nichts davon. Aber erstens weiß ich doch, wenn Jemand mal sein Herz an solche Schnurrpfeifereien hängt, dann hängt er es ordentlich dran. Meistens ist es ja sonst was Lebendiges, wie zum Beispiel meine weißen Mäuse; die könnte ich nicht allein lassen, weil doch Niemand richtig für sie zu sorgen versteht, und darum bin ich unabkömmlich und muß alles Reisen aufstecken. Und zweitens weiß ich, daß es mit den Puppen so zu sagen eine Bewandtniß hat. Ich weiß es, weil ich es geradezu in meiner Jugend selbst erfahren habe.«

»Und wie das?« fragte Kanold aufmerkend und lebhaft.

»Es war da hinten in Ostpreußen,« berichtete der Schuldiener wichtig, »nämlich auf einem Rittergut, mit den Remontepferden, die ich da abholen mußte. Das heißt mit den Pferden hat es nichts zu thun, sondern nur scheinbar. Es ist nämlich ein wunderschönes weißes Schloß mitten in einem Blumengarten mit Teichen und Laubengängen, und der liegt wieder mitten in einem dicken schönen Walde. Und in dem Schloß sind viele großmächtige weiße Säle mit lauter eben solchen wunderschönen Puppen, wie Sie hier haben, Herr Oberlehrer, bloß viel größer und zehnmal so viele. Und an demselbigen Tage, wo ich da war, kamen eine Menge Leute zum Besehen zu Wagen und zu Pferde und sogar zu Fuß, wohl über hundert Bauern und dann auch Handwerker aus den Städten da herum und sogar auch einige ganz anständige Herrschaften. Und daran merkte ich erst, daß hier eine Merkwürdigkeit vorhanden sein müßte. Denn daß diese Bauern nicht zum Pferdekaufen kamen, hatte ich mit zwei Blicken weg, denn sie sahen nicht schlau aus, sondern still und unbewußt, als wenn sie in die Kirche gingen. Und da ging ich mit ihnen zusammen und kam in die weißen Säle. Und da gingen wir nun Alle langsam dazwischen herum auf Filzschuhen, die wir anziehen mußten, damit wir keinen Lärm machten mit den Stiefeln. Und nun gingen auch Alle so leise und heimlich und machten solche fromme Gesichter. Jetzt aber wirklich ganz und gar, als wenn sie in der Kirche wären. Und die Wahrheit zu sagen, geradeso war mir auch zu Muth. Aber zu predigen war nicht mehr nöthig, denn die weißen Puppen kamen uns alle vor, wie lauter überirdische Erzengel, und wer mag da noch eine Predigt hören von einem gewöhnlichen Pastor? Wenn aber Einer einen Vers aus dem Gesangbuch hätte anfangen wollen, hätten wir wohl Alle ordentlich mitgesungen. Bloß daß es vor Respect doch Keiner gewagt hat. Und wenn das Abgötterei gewesen ist, dann soll man so was nicht da so hinstellen. Und sehen Sie, Herr Oberlehrer, von dem Tage her hängt mir noch immer ein bißchen so was an für diese kunstreichen Sachen. Und Ihre hier haben mich immer gefreut; schon allein diese Reiter da: Kürassiere sind's ja nicht und nicht mal Dragoner: aber daß sie so flott ohne Steigbügel reiten, wissen Sie, das ist doch schon was für solche alte Zeiten. Richtig, Beynuhnen hieß das Gut, und ich habe mir öfter gedacht: so was müßten wir hier in Hinterpommern auch haben. Ist aber nicht.«

Kanold lächelte wehmüthig. »Die Götter suchen Rosen und nicht Kartoffeln,« sagte er, »aber ich danke Ihnen, lieber Eichler, Sie haben mich erquickt. Ich habe solchen Glauben in Israel nicht gefunden. Ich stand hier allezeit allein mit meinen Freuden; um mich her sah ich Gesichter, die nichts von solcher Andacht wußten. Von Schülern ward ich selten verstanden, von Erwachsenen nie.«

»Ja wahrhaftig, Herr Oberlehrer,« unterbrach ihn der Schuldiener, »das muß eine verzweifelte Sache sein, den Jungens solche Feinheiten einzuremsen. Und glauben Sie mir, es wird doch nichts daraus. Alles weggeworfene Arbeit. Nehmen Sie mir's nicht übel, aber Sie haben mir immer leid gethan mit Ihren Mühseligkeiten. Es hilft doch Alles nichts. Ich kenne die Jungens doch besser und mehr aus der Nähe als die Herren Lehrer alle, und ich sage Ihnen: was die Menschen sind, die bleiben schließlich doch immer gerade so dumm, als sie von Anfang an gewesen sind, höchstens, daß Mancher ein bißchen klüger reden lernt als Mancher.«

»Guter Eichler,« fiel Kanold ernsthaft ein, »auf reiche Ernten darf freilich nicht rechnen, wer in diesem Lande Rosen säet. Es ist Dünensaat. Gehen Sie hinaus an die Ostsee und sehen Sie, wie dort gepflanzt wird: dürre Hälmchen schleichen im Flugsande hin, Strandhafer und Dünengras, die unansehnlichsten Pflanzen, auch sie alltäglich kämpfend um ihr armes Leben, die meisten verkommend. Aber doch schieben sie in ungesehener zäher Arbeit ihre Wurzeln weiter, erobern den Boden und verwandeln das Erdreich. Nach einem Jahrzehnt vielleicht schon birgt sich eine Kiefer zwischen dem öden Gesträuch und erkämpft ihr Dasein, noch zwar verkrüppelt und sturmzerzaust, doch so auch andern ihres Geschlechtes das Feld bereitend. Und nach Menschenaltern arbeitet ein trotziger Hochwald sich recht mitten aus der stäubenden Wüste heraus. – Das war mein Vorbild und meine Hoffnung; wer Strandhafer säet, baut künftigen Wald: ich wäre zufrieden gewesen, hätte ich auch nie ein anderes Gewächs gesehen. Mir aber ist es besser geworden, unendlich viel besser. Ich habe einen Blüthenbaum im Sande erwachsen sehen mit eigenen Augen. Betrachten Sie dieses Bildwerk hier, lieber Eichler – fällt Ihnen nicht eine merkwürdige Aehnlichkeit ins Auge?«

Er deutete auf seinen Apoxyomenos, den er selbst, die Hände auf dem Rücken in einander gelegt, mit neu bewundernden Blicken betrachtete.

»Nein, Herr Oberlehrer,« sagte Eichler nach gründlicher Untersuchung, »ich finde wahrhaftig keine. Aber das ist kein Wunder; wer hat die Leute denn auch alle gleich beim Baden gesehen?«

»Erinnern Sie sich deutlich unseres ehemaligen Primaners Wolfgang Freyhold? Doch ohne Zweifel. Nun, diesem scheint mir das Bild wie aus den Augen geschnitten. Betrachten Sie es noch einmal.«

Eichler schüttelte den Kopf. »Richtig wird es mit der Aehnlichkeit ja wohl sein, wenn Sie's sagen,« meinte er bescheiden, »aber sie muß wohl ein bißchen sehr tief inwendig sitzen, daß Unsereiner sie nicht finden kann. Ich muß schon sagen, eine gute Photographie würde mir lieber sein.«

»Gehen Sie mir mit dieser erbärmlichen Afterkunst!« rief Kanold ganz heftig, »diesem roh mechanischen Werkzeug einer entgötterten Zeit! Freilich auch allein das rechte Werkzeug einer Zeit, die in geistloser Selbsterniedrigung selbst in der Kunst zum gemeinen Wirklichen sich hinwirft, zu träge und zu blind, mitten durch all den Wust des schmutzig Alltäglichen die ewig lebendigen Götter schreiten zu sehen. Wohl ist es wahr, dem unbereiteten Sinne ist die wirre Fülle der Natur in der dreisten Frische ihrer Farben um Vieles leichter zu ergreifen, als die eingedämmte stille Welt der Schönheit – doch lernet schauen, Ihr Thoren, nicht wie die Kinder, die nach dem Nächsten greifen und darüber hinaus nichts kennen, sondern wie Männer, die Höhen und Tiefen zugleich überschauen und tief im Wirrsal der Welt die ewige Eintracht erkennen –«

Hier stockte er, indem ihm zum Bewußtsein kam, daß er in seinem Eifer anfing, den unschuldigen Schuldiener für einen Gegner zu nehmen und mit feurigen Augen zu bedrohen. Der unerschrockene Eichler aber meinte gutmüthig:

»Ja, ja, ich verstehe schon, wen Sie meinen, Herr Oberlehrer. Der junge Herr Doctor vom physikalischen Zimmer und den andern Naturgeschichten hat Sie immer so angeärgert mit seinen Redensarten und Ihnen die Jungens abspenstig gemacht. Und so was kann Einen schon wüthend machen. Das ist gerade, als wenn man dabei ist, einen Pudel gut abzurichten, und es kommt Einer von der Seite und wirft dem Vieh eine Wurst vor die Nase, daß es von seiner Pflicht abgelenkt wird und danach schnappen muß. Und dann kriegt das arme Thier nachher die Prügel.«

Kanold lächelte und war ernüchtert.

»Ja, ja,« sagte er, »der Herr College hat mir manche Frucht zerstört. Er war mir überlegen, weil seine Arbeit leichter war: das Häßliche hat hundertmal mehr Bekenner als das Schöne. Doch Einen hat er mir nicht verderben können, der bleibt mein, den ich mir ganz erzogen habe mit allen meinen Kräften: ich hatte keinen Sohn, und er hatte keinen Vater mehr: es ist uns beiden geholfen worden. Ich habe ihm mehr noch zu danken als er mir; ich wäre verkümmert in geistiger Versandung ohne ihn. Von ihm will ich noch Abschied nehmen; ich hätte schon gestern reisen können, doch ich vermochte es nicht, ehe ich ihn noch einmal gesehen. Ich erwarte den jungen Freyhold heute, er will einige Wochen bei seiner Mutter verbringen –«

»Ja so, Herr Oberlehrer,« fiel der Schuldiener lebhaft ein, »darum komme ich ja auch eigentlich eben her. Der junge Herr Freyhold ist vor einer Stunde angekommen; ich hatte zufällig auf dem Bahnhof zu thun, und er bat mich, diese Mappe zu Ihnen zu bringen; er wollte nur schnell zu seiner Mutter heranspringen und dann zu Ihnen kommen – hier steht die Mappe.«

Kanolds Augen leuchteten.

»Ich danke Ihnen, lieber Eichler,« sagte er, »und ich sehe, Sie sind fertig mit dem Packen. Sie haben mir einen großen Dienst geleistet, ich hätte es nie zu Stande gebracht. Und wenn Sie mir etwa heute Abend noch auf dem Bahnhof behilflich sein wollen, wird mein Dank sich verdoppeln. Inzwischen schweigen Sie noch, nicht wahr, gegen Jedermann. Auch der junge Freyhold weiß noch nichts von meiner Reise. Ich möchte es ihm selber sagen; er ist der Einzige, der mich ganz versteht.«

»Zu Befehl, Herr Oberlehrer!« Der Schuldiener entfernte sich nach militärischem Gruß, und Kanold blieb allein.

Nach einem befriedigten Rückblick auf den reisefertigen Koffer trat er ans Fenster und schaute hinaus; noch immer derselbe Schmutz, derselbe hangende Nebel. Doch ein fast hochmüthiges Lächeln kräuselte seine Lippen.

»Jetzt bin ich Allem entronnen,« flüsterte er ganz leise, als fürchte er, ein zartes Geheimniß zu entweihen, »ich bin frei, ganz frei; die schweren Schatten eines endlos langen Menschenalters weichen der siegenden Sonne –

Strahl des Helios, schönstes Licht,
Wie's der siebenthorigen Stadt
Theben nimmer zuvor erschien –«

Er unternahm eine Wanderung durch beide verbundene Zimmer in lebhafter, fast tänzelnder Gangart, die Hände tief in den Hosentaschen, die Blicke freudig emporgerichtet zu dem gestaltenreichen Schmuck seiner Wände.

Da stolperte er über den Koffer, der mitten im Wege stand, griff in die Luft, um einen Halt zu suchen, erfaßte einen festen Gegenstand und riß die schwere Figur des Apoxyomenos von ihrem Standort herunter, daß sie mit greulichem Klirren zu seinen Füßen zersplitterte, nicht ohne zuvor ihn schmerzhaft auf den Kopf zu treffen. Er stand in dumpfem Schrecken, bis draußen ein Kreischen weiblicher Stimmen ihn auffahren ließ. Hastig stieß er den Riegel vor die Thür und rief mit gepreßter Stimme hinaus:

»Es war nicht das Waschgeschirr, sondern nur eine Gipspuppe.«

Da verstummte das Klagen, und er blieb ungestört. Und mit lauter Stimme tröstete er sich selbst:

»Was thut mir das jetzt noch? Es ist kein Marmor.«

Gleichmüthig kehrte er in sein Arbeitszimmer zurück, trat an die große Mappe, öffnete sie, nahm eines der zahlreichen Studienblätter, die sie enthielt, heraus, trug es sorgsam zu seinem Tische und begann mit freudig gespannten Blicken die Betrachtung.

Es war eine große, figurenreiche Skizze in Wasserfarben, von einer auffallenden, eigenartigen und etwas verwirrenden Buntheit; darstellend eine Scene aus dem bewegten Straßenleben der Hauptstadt. Der Beschauer war auf dem Oberdeck eines Pferdebahnwagens sitzend gedacht; Straßenschilder und Hausnummern hätten einem herbeigerufenen Polizeibeamten keinen Zweifel gelassen, an welcher Ecke der Leipzigerstraße er sich gerade befinde. Es war ein ungemein regsames Treiben, auf das man hinuntersah. Ein störrisches Schwein wurde ganz im Vordergrund von einem entrüsteten Schlächtergesellen beim Schwanze hoch emporgezerrt und solcherart weitergeschoben; durch das Geschrei des Thieres erschüttert, suchte ein feingekleidetes junges Mädchen mit einer Musikmappe am Arm, von skrophulöser Gesichtsfarbe und rothgeschwollenen Augenlidern, sich dadurch Luft zu machen, daß es einem vorüberlaufenden kleinen Hunde einen Fußtritt versetzte. Diese Bewegung war mit einer solchen Sicherheit gegeben, daß kein Zweifel blieb, der Hund würde in eine tiefe Pfütze fliegen und ein verkrüppeltes, krankes Kind, das eben in einem niedrigen Wägelchen vorbeigefahren wurde, über und über mit Koth bespritzen. Weiterhin standen zwei Streichholzverkäufer, ein buckliger und ein pockennarbiger, der eine mit gestreiftem, der andere mit gewürfeltem Hosenstoff, und aßen gemeinsam an einer Knackwurst, der man einen abscheulichen Knoblauchsgeruch ansah; man wußte genau, sie war von Pferdefleisch. Daneben bot ein verwelktes, stülpnasiges Blumenmädchen mit schläfrigem Grinsen seine zarte Waare feil, während ein rothgedunsener betrunkener Bierkutscher von der Firma Gabriel Sedlmayr (Spatenbräu) vom Wagen herabfiel und das Genick brach. Die Mitte der Composition bildete ein schöner Wurstladen, hinter dessen klarer Spiegelscheibe die Käufer sich drängten und in dessen Hintergrunde ein knochiges, altes Weib ein junges Huhn mit einem stumpfen Messer schlachtete; der Reflex des durch seitliche Butzenscheiben schräg einfallenden gebrochenen Sonnenlichts auf den zuckenden Flügeln des Thierchens war mit besonderer koloristischer Feinheit gegeben. Ein Schinkenrest war etwas madig geworden, und die Käuferin, ein sittlich schwer verwahrlostes Nähmädchen, versuchte, mit der Nase den übeln Zustand des Fleisches betonend, daraufhin fünfunddreißig Pfennige abzuhandeln. Am Fenster des Nebenhauses stand eine griesgrämige Krankenwärterin und lutschte gelangweilt an einem angefaulten Pfirsiche, in dessen triefendes Fleisch sie zwei schmutzige Finger wie eine Kneifzange gepreßt hatte. Ein berittener Schutzmann hielt die Mitte der Straße und blickte unentwegt und stumpfsinnig über die verworrene Menge hin.

Diese und viele andere ähnliche Gegenstände waren auf dem Bilde in musterhafter Naturtreue dargestellt. Kanold starrte darauf hin mit einem trüben, stumpfen, fast leeren Blicke. Endlich schloß er die Augen fest, als ob ein Schwindel ihn ergriffe; dann drehte er sich hastig herum und heftete den Blick mit hilfeflehendem Ausdruck auf seine Juno, seine Nike, seine Parthenonreiter.

»Der Feind ist in Attika eingebrochen und hat die heiligen Oelbäume niedergeschlagen!« rief er ihnen laut entgegen.

Matt und langsam ließ er sich in seinen Sessel gleiten, die Augen mit der runzligen Hand bedeckend. So saß er lange ganz unbeweglich.

Aber noch einmal zog es ihn zu dem fremdartigen Bilde hin. Dieselbe mürrische Wahrhaftigkeit, Alles dumpf und frostig, wie mit erbittertem Pinsel gemalt:

»Wo aller Wesen unharmonische Menge
Verdrießlich durcheinander klingt.!«

klagte er schauernd.

Da entdeckte er eine Kleinigkeit, die ihm vorhin entgangen war: hinter einem in die Gosse gestürzten, mit widrigen Abfällen gefüllten Hundekarren guckte ein seltsam liebliches Kinderköpfchen in die Höhe; die kleinen Hände hatten einen groben Sack um das ganze Gesicht geschlungen wie eine Nonnenkapuze, und die dunkeln Augen lachten aus der Vermummung heraus schelmisch zwinkernd und sprühend von Daseinslust; die seitliche Neigung des neckisch geduckten kleinen Kopfes war von bezauberndem Liebreiz. Er sah aus, als sei dies winzige Nebenfigürchen durch all das wüste Getreibe gewaltsam aus dem Bilde hinausgeschoben worden und dränge sich nun wider den Willen aller Betheiligten und zumal des argwöhnisch verdrossenen Künstlers mit schalkhafter Hartnäckigkeit wieder herein. Kanolds ernste Augen blitzten auf bei dieser Entdeckung; ja, fast wie ein kleiner Widerschein jener Schalkheit zuckte es in seinen gefurchten Zügen.

»So kann er doch noch nicht verloren sein,« murmelte er, »vielleicht –«

Er fuhr auf einmal heftig zusammen und strich mit der flachen Hand scharf pressend über die Stirn.

»Vielleicht, daß es ein Rettungsmittel gibt, ein letztes –«

Langsam durchschritt er das Zimmer und stand vor einem großen sehr vergilbten Holzschnitte still, darstellend die Akropolis von Athen mit den hohen Säulen des Parthenon und der Propyläen. Malerisch zerlumpte Hirten in Fez und Fustanella weideten im Vordergrunde ihre Ziegen.

Er hob mit einem wunderlichen Zucken beide Arme in die Höhe, als wollte er diese Säulen ergreifen und sich daran festklammern; dann ließ er sie mit ebenso hastigem Ruck wieder sinken, schob die Hände in die Hosentaschen, riß sie wieder heraus und schwenkte sie zappelnd wie in leidenschaftlicher Angst, wankte endlich zu seinem Sessel zurück und sank mit dem Kopfe schwer auf die Platte seines Schreibpultes, beide Hände mit wirren Fingern gegen die Schläfe pressend. Alle diese Bewegungen waren von einer bemerkenswerthen Ungeschicklichkeit.

Nach einer beträchtlichen Weile hob Kanold den Kopf mit müder Ruhe wieder empor, schloß ein Fach des Pultes auf und nahm ein klirrendes Beutelchen heraus; er griff hinein, zog einige französische Goldmünzen hervor und ließ sie klingend wieder zurückfallen. Er lächelte zu diesem Spiel, doch seine Augen füllten sich langsam mit Thränen.

Er schob den Beutel zur Seite, nahm ein Stück Papier und einen Bleistift zur Hand und begann mit Eifer zu rechnen. Das Blatt bedeckte sich schnell mit einer wirren Fülle von Zahlen.

»Sophokles war neunzig Jahre alt und schrieb den Oedipus auf Kolonos,« sagte er, den Stift niederlegend, »und ich sollte dann nicht einmal mehr genießen können?«

Er erhob sich schnell von seinem Sessel und reckte die Glieder gewaltsam mit sonderbaren Zerrungen.

»Nein,« sagte er innehaltend und zusammengeknickt mit dumpfer Stimme, »ich bin kein Sophokles, kein Hellene, kein ganzer Mensch, der sich ausleben durfte in Lichtfülle und Heiterkeit. Ich bin ein königlich preußischer Schulmeister in Hinterpommern.«

Er setzte sich und rechnete abermals.

»In zehn Jahren!« sagte er endlich und machte einen kräftigen Strich unter die Rechnung, »in zehn Jahren habe ich das Geld für die Reise nach Athen und einige Wochen Aufenthalt. Für die Rückreise brauche ich mit siebzig Jahren nicht mehr zu sorgen.«

Er saß nun lange, schwieg und sah die Juno Ludovisi an. Von Zeit zu Zeit stöhnte er leise auf, drückte die Hand gegen die Stirn und wischte auch wohl eine Thräne von der Wimper. Doch mehr und mehr durchleuchtete sich sein Antlitz im Anschauen jener ehernen Seligkeit der strengen Göttin.

Ein kräftiger Tritt ward auf der Vortreppe vernehmbar. Hastig erhob sich Kanold und verschloß die Thür zum Schlafgemache, wo der gepackte Koffer stand. Als er an dem bemalten Blatte auf dem Tische vorüberging, machte er eine krampfhafte Bewegung, wie ein Raubthier, das sich mit einem jähen Seitensprunge auf ein Opfer werfen will; doch ein rascher Blick auf die Juno gab ihm die Haltung wieder, und er erwartete ruhig stehend seinen Besuch.

Der Jüngling trat mit lebhaftem Schritte herein. Seine schönen Züge waren etwas blaß und gespannt, doch festen und selbst ein wenig trotzigen Ausdrucks.

»Mein gütiger Vater –«, begann er mit einer gewissen Feierlichkeit, da er das Blatt auf dem Tische liegen sah. Doch Kanold machte eine heftig abwinkende Bewegung.

»Laß das, mein Junge,« sagte er im freundlichsten Ton, ihm herzlich die Hände schüttelnd, »ich weiß ja Alles, was Du mir sagen willst. Ich kenne Eure neuen Lehren zur vollen Genüge. Ihr wollt an die Stelle des schönen Scheins die strenge Wahrheit setzen. Ihr wollt Euch befreien von uralt überlieferten Satzungen, mit freien Augen der Natur ins unverhüllte Antlitz blicken. Ihr wollt Eure eigenen Wege gehen, und fern sei es von mir, Dich mit Gewalt und Tadel auf meinem Wege festzuhalten. Ihr wollt die Welt der Dinge sehen und widerspiegeln, wie sie wirklich ist; das meinten die Hellenen von Phidias bis Goethe zwar auch zu thun, nur daß sie etwas Anderes für das Wirkliche hielten: doch die neue Zeit mag andere Ziele und andere Mittel haben, als die alte; welche die besseren sind, muß die Zukunft lehren. Folge Du getrost den eigenen Gedanken; man kann auf mancher Straße zum Heil gelangen.«

Er machte eine Pause und schien die weiteren Worte mit einiger Mühe zu suchen. Eine tiefe Blässe lag auf seinen Wangen, und seine Augen zeigten ein unruhiges Zucken, das ihnen sonst nicht eigen war. Endlich fuhr er fort:

»Doch nun höre einen Vorschlag, den ich Dir zu machen habe. Er ist nicht von heute oder gestern, sondern alterwogen und mit Ruhe vorbereitet. Ich habe seit Jahren ein Sümmchen erspart, das groß genug geworden ist, einem anspruchslosen Manne eine Reise in den Süden, nach Griechenland, nach Athen, und einen längeren Aufenthalt daselbst zu ermöglichen. Vielleicht hatte ich einst vor Jahren daran gedacht, diese Reise selbst zu unternehmen; doch das ist vorüber, die Umstände gestatteten es nicht: und jetzt bin ich alt geworden und scheue die Beschwerden der Reise, bedarf auch wohl der Schulung des Auges nicht mehr, zum Mindesten wäre es zu spät, sie noch zu verwerthen. Die ursprüngliche Bestimmung des Geldes aber soll auf keinen Fall geändert werden: wenn man alt wird, hat man seinen Eigensinn, der nicht mit sich handeln läßt. So habe ich Dich denn ausersehen, die große Fahrt statt meiner zu machen. Du sollst vor der Fortsetzung Deiner künstlerischen Studien ein halbes Jahr oder solange die Kasse reicht, auf attischem Boden verweilen und mir nachher berichten, was Du dort gelernt und gesehen hast. Fürchte nichts Unbilliges, das Dir etwa zugemuthet werde: Du weißt zwar, ich habe eine kleine Liebhaberei für alte Säulenstümpfe und andere unbrauchbare Marmorbröckel; doch nicht dies ist die Meinung, daß Du Dich um meinetwillen in diesen veralteten Dingen verlieren sollst. Lerne vielmehr und sammle dort Alles, was Dir gefällt und Dir für Deine Zwecke nützlich scheint. Die wunderbare morgenländische Welt wird Dir genug zu schauen und zu staunen geben; es ist eine Welt der Wirklichkeit nicht minder, wie es Berlin und Hinterpommern sind. Dann wirst Du heimkehren und die vertraute heimische Welt mit neuen und geschärften Augen sehen. So wirst Du Deinen eigensten Zielen dienen, und das ist die einzige Rücksicht, die Deine Schritte dort lenken soll. – Nur zuweilen dann nach der Arbeit gedenke auch Deines väterlichen Freundes: laß Deine Augen in einer stillen Stunde an meiner Statt einmal auch zu den alten Göttern beten. Steige zuweilen um die Zeit der Abendröthe hinauf zur Akropolis, tritt durch die Propyläen, sitze nieder unter den hingesäeten Marmortrümmern und halte einsam Deine Andacht vor den goldglühenden Säulen des Parthenon und vor den stillen Jungfrauen des Erechtheion. Und wenn der Hymettos heißroth aufstrahlt im Widerschein der scheidenden Sonne, wenn das dunkle Blau des Meeres seine weichen Arme um Salamis Felsen schlingt, wenn feierlich rauschend der Abendwind durch den heiligen Oelwald streicht: dann – dann gedenke Deines Freundes! Weiter ist nichts von Nöthen, und weiter verlange ich nichts von Dir.«

Der Alte schwieg und blickte mit stiller, fast schüchterner Frage auf den Jüngling. Den aber riß schnell eine überquellende Begeisterung des Glückes dahin; mit wirrer Knabenrede stammelte er wieder und wieder seinen Dank, küßte wieder und wieder die Hände des Treuen, und in herrlicher Hoffnung auf kommende Wunder strahlte sein Auge beglückt, feurig und ahnungsvoll.

Der Greis aber legte in stummer Erschütterung noch einmal die Hände auf sein Haupt und drängte ihn dann mit liebevoller Gewalt aus der Thür. »Zu Deiner Mutter!« stotterte er. Denn er vermochte die Thränen nicht länger zurückzuhalten.

Doch indem er dem freudevoll Enteilenden aus dem Fenster nachblickte und die schlanke Gestalt schön schreitend langsam im Nebel verschwinden sah, da bewegte er das graue Haupt mit einem sonderbaren, listigen und fast boshaften Lächeln, und es klang wie ein keckes Triumphiren, was er da murmelte:

»Geh hin, mein Sohn – Du bist mir noch nicht verloren! Deine Augen sind offen und froh und können nicht umsonst im Allerheiligsten der Schönheit wachen. Sieh Athen und dann lebe! Ich habe Deine Seele mir wiedererobert.« Dann schluchzte er einmal auf aus tiefster Brust; doch er bändigte sich schnell und sprach mit fester und lauter Stimme das sophokleische Sehnsuchtslied seinen Göttern entgegen wie ein heißes Gebet:

O könnt' ich hin, wo waldig des Berges Haupt,
Von Meereswogen umspült, sich hebt,
Unter Sunions hohen Fels,
Heilige Stadt Athenas, Dir
Grüße zu senden!

Munks Madonna.

Zu Stolpenburg lebten und an seinem Gymnasium wirkten zwei jüngere Lehrer, welche in ihrem außerdienstlichen Lebenswandel von so eigenthümlichen Sitten waren, daß ihr College Munk, der Religionslehrer der Anstalt, sie einst halb scherzend halb ernst mit Hophni und Pinehas verglichen hatte: und diese Beinamen, die sie selbst mit lockerer Freudigkeit auf sich nahmen, waren im Volksmunde an ihnen haften geblieben. Es sind das, wie jeder Christ weiß, die beiden Söhne Eli, des Hohenpriesters, welche nicht in des Vaters Wegen wandelten, sondern von denen geschrieben steht: »Sie waren böse Buben, die fragten nicht nach dem Herrn, noch nach dem Recht der Priester an das Volk.« Der Vergleich war schlagend; auch diese neuen Söhne Eli stammten beide aus ehrbaren Pfarrhäusern, und wenn das Sprichwort sagt:

Pastors Kind und Müllers Vieh
Gedeihen selten oder nie,

so bildeten sie keine Ausnahme von der düsteren Regel; doch wenn es leise tröstend hinzufügt:

Wenn's geräth, wird's gutes Vieh,

so konnte dies auf sie ganz gewißlich keine Anwendung finden.

Sie hatten sich, obgleich nicht verwandt, zusammengefunden durch eine gemeinsame Tante, die sie um ihrer Wohlhabenheit willen ungemein verehrten und der sie ihre letzten Lebenstage durch ihr scherzhaftes Wesen zu vergolden wußten. Die daraus sich ergebende Erbschaft, die ihnen gemeinsam zufiel, hatte verwunderlicher Weise ihr einträchtiges Verhältniß nicht erschüttert, sondern im Gegentheil erst eine dauerhafte Freundschaft begründet: fast der einzige nachweisbare Zug in ihrem Charakter, der ganz zu ihren Gunsten spricht. Ursprünglich hatten sie, und zwar vierzehn Semester hindurch, mit mehr Glanz als Erfolg Medicin studirt; als sie auf dieser Bahn zu keinem Ziele kamen, gaben sie vor, sich mit den Naturwissenschaften beschäftigt zu haben (woran schließlich ein Fünkchen Wahrheit war, soweit es sich um allerhand experimentelle Schnurrpfeifereien und Kunststückchen handelte), machten schleunigst in dieser Disciplin ein kleines Examen für das höhere Lehrfach, empfingen laut Zeugniß die Lehrbefähigung bis Untertertia einschließlich und hatten durch dieses Kunstmittel nach einigem Suchen zu Stolpenburg ein pädagogisches Aemtchen erlangt. Merkwürdigerweise erwiesen sie sich in ihren Grenzen als recht brauchbare Lehrer, indem sie mit der beweglichen Schülerschar besser als mancher sittenstrenge College umzuspringen verstanden.

Desto trübseliger stand es um ihr Privatleben. In der Kette ihrer Laster stach eines besonders hervor, welches der Religionslehrer dahin ausdrückte, daß ihre beiderseitigen Eltern bei der Geburt eines Jeden von ihnen versäumt hätten, das Gelübde zu thun: »Kein Schermesser soll über sein Haupt kommen. Und soll keinen Wein noch starke Getränke trinken.« Jedenfalls, wenn dies Gelübde etwa doch für sie gethan war, so brachen sie es auf eigene Hand in seinem ersten Theile monatlich einmal, in seinem zweiten dreißig- bis sechzigmal. Und weil ihr Einkommen trotz der fetten Erbschaft zu solchen Neigungen und ihrer Leistungsfähigkeit doch nicht im glücklichsten Verhältniß stand, so hatten sie die Gewohnheit angenommen, sehr häufige Sonntagsausflüge in die Städtchen und Dörfer der Umgebung zu machen und die dortige Geistlichkeit in so nachdrücklicher Weise zu besuchen, daß im Lande die Rede ging, ein dreimaliger Besuch der Söhne Eli sei einem einmaligen Abbrennen gleich zu achten. Auch das getreu dem Wort der Schrift: »Sie fragten nicht nach dem Herrn, noch nach dem Recht der Priester an das Volk.« Sie selbst aber pflegten, von solcher Brandschatzung heimkehrend, in der Redeweise des Collegen Munk zu sagen: »Wir haben Tribut erhoben von den Städten der Ammoniter.«

So war ihr Ruf denn nach allen Richtungen der schlechteste und wäre ganz für sie vernichtend gewesen, wenn sie nicht selbst ein Mittel gefunden hätten, dem gerechten Tadel durch eine geschickte Machenschaft ein Schnippchen zu schlagen. Sie erzählten nämlich von Zeit zu Zeit irgend einem züchtigen und glaubensreichen Bürger ein Märchen von einer ganz ausschweifenden Schlechtigkeit, die sie verübt haben wollten, und wenn die Kunde dann wie ein Lauffeuer die Stadt durchbraust und erschüttert hatte, lachten sie alle Welt aus und bewiesen zugleich ihre Unschuld und die Quelle des Gerüchtes. So brachten sie es zu Wege, daß bald Niemand mehr recht wagte, auch an ihre wirklich begangenen Streiche zu glauben, aus Furcht, sich durch eine derartige unvermuthete Aufklärung der Lächerlichkeit ausgesetzt zu sehen.

Auf diese Weise machten sie es möglich, sich trotz alledem in ihrer Stellung zu behaupten, an der ihnen übrigens in Wahrheit schon nicht einmal viel gelegen war. Sie hatten nur den sonderbaren Ehrgeiz, ihren Posten nicht freiwillig zu verlassen, als ob sie sich ihrer Aufgabe nicht gewachsen fühlten: wurden sie jedoch um außeramtlicher Vorgänge willen von demselben entfernt, so meinten sie ihre Ehre gewahrt zu haben; denn der Uebermacht zu weichen, sei keine Schmach. Auch hatten sie für alle Fälle schon vorgesorgt, sich ein Hinterthürchen zu andern Berufsarten zu öffnen. So hatten sie sich im Stillen mit ziemlich reichen Vorkenntnissen für die Ausübung des Brauereigewerbes versehen; oder sie dachten daran, eine belletristische Zeitschrift zu gründen, oder sich auf das Schankgeschäft, die Kunstkritik, oder den Cigarrenhandel zu verlegen. Ganz neuerlich aber hatten sie begonnen, sich mit der Photographie zu befassen, und diese Kunst ist später wirklich ihr Beruf geworden; ihre Firma gehört heute zu den angesehenen der Reichshauptstadt, aus welchem Grunde es richtig erscheint, ihre bürgerlichen Namen zu verschweigen und sich mit den wohlklingenden und schriftgemäßen Hophni und Pinehas zu begnügen.

Einstweilen betrieben sie damals die neue Kunst, unbeschadet des ernsteren Hintergedankens, mit eben der Possenhaftigkeit, Spielerei und Nichtsnutzigkeit, wie alle anderen Dinge. Ihr Hauptspaß war, ihre Mitmenschen aus dem Hinterhalt zu photographiren, wobei sie eine abscheuliche Gewandtheit entwickelten, sie in den ungünstigsten und lächerlichsten Stellungen oder Mienenspielen zu belauern. Das thaten sie theils von ihren Fenstern aus, wo sie einen großen und trefflich arbeitenden Apparat geschickt hinter Vorhängen zu verbergen wußten und lange Stunden täglich schußbereit auf dem Anstand lagen, theils auch auf ambulanten oder peripathetischem Wege, wie sie sich ausdrückten, mittels eines kleinen teuflischen Maschinchens, das unter dem Rocke verborgen durch das Knopfloch seine tückischen Wirkungen übte.

So hatten sie bald eine höchst merkwürdige Sammlung von Stolpenburger Charaktertypen erbeutet. Sie begnügten sich jedoch keineswegs mit solcher Ansammlung von rohem Stoff, sondern pflegten denselben in einem eigenartig satirischen Sinne künstlerisch zu verarbeiten. So setzten sie einmal den stattlichen Oberleib der Frau Gymnasialdirectorin auf die Beine und Hosen des Herrn Directors, den Uebergang mit Geschicklichkeit zurechtschneidend und vermittelnd; das so gewonnene Ganze übertrugen sie auf eine neue Platte, retouchirten es fleißig und brachten solcher Art ein eigenes und untheilbares Bildniß zu Stande: Kenner der häuslichen Verhältnisse des Gymnasiums konnten nicht umhin, darin eine Andeutung zu erblicken, daß die Frau Directorin in irdischen Dingen die weitaus größere Willenskraft zu offenbaren pflege. Oder sie hatten einmal den Bürgermeister der Stadt bei einem Schlummerchen erwischt, das ihn nicht selten beim Glase Grog befiel: sie setzten das ehrwürdige Haupt auf die Schultern eines Seydlitz, der bei Roßbach vor dem Angriff die Tabakspfeife in die Luft wirft. Der Bürgermeister wurde von seinem Volke mehr um seines schlafliebenden Charakters, als um irgend welcher persönlichen Tapferkeit willen geschätzt. Einen jungen Husarenofficier, der ein schneidiger Reiter, aber sonst auch gar nichts war, versetzten sie mit einem Gesichtsausdruck hülfloser Verworrenheit, der bei ihm leicht zu erlangen war, zu Pferde mitten in den geweihten Raum der Gymnasialbibliothek. Auch Gruppen verstanden sie zu componiren: so ließen sie den Schuldiener Eichler, einen energischen und pflichttreuen Menschen, mit dem Rohrstabe auf dem Lehrstuhl sitzen, vor ihm aber auf dem Bänkchen den gelehrten Professor Röber, der mit den Schülern, wie Jeder wußte, nicht fertig zu werden vermochte. Und so fort ins Unendliche. Kurz, sie übten eine Kunst, welche hart an der Grenze des strafgesetzlich noch Unverbotenen hinlief, diejenige des sittlich Schönen aber auf der ganzen Linie überschritt.

Einzig die hübscheren Mädchen und Frauen des Ortes kamen gelinder fort, und in deren Auswahl zeigten sie allerdings einen ebenso sicheren Geschmack wie in ihrer sinnbildlichen Zurichtung nicht selten die feinsten Griffe der Schmeichelei, indem sie die eine als Jungfrau von Orleans ausstaffirten, die Andere als Aschenbrödel mit dem zierlichen Schuh, die Dritte als Sappho, die Vierte, welche den beispiellosen Ruhm hatte, nicht Clavier zu spielen, als heilige Cäcilie, alle irdischen Instrumente von sich werfend; noch eine Andere ward durch die Begleitung eines Mohren (eines herrschaftlichen Dieners: so etwas gab es in Stolpenburg!) als Desdemona gekennzeichnet, und Eine endlich als Titania neben einem Eselskopf: man versteht, die letzten Beiden waren verheirathet. So wußten sie das weite Gebiet der Sage, Geschichte und Dichtung für ihre wunderlichen Zwecke zu verwerthen.

So waren Hophni und Pinehas.

Daß diese zwei Abenteurer so ziemlich in allen Kneipen der Stadt, deren nicht zu wenige sind, bewandert und gleichsam zu Hause waren, ist fast selbstverständlich; sie fühlten jedoch bisweilen auch den Trieb, sich auf sich selbst zu ernsterer Beschauung zurückzuziehen, und da ihnen hierfür ihre eigene Häuslichkeit als ein sehr ungeeigneter Ort erschien, so hatten sie sich in einem Hinterzimmer eines sonst anständigen Gasthofes ein eigenes Kneipchen eingerichtet und mit Schlägern, Säbeln, zahllosen Trinkgefäßen und einer Auswahl ihrer besten photographischen Aufnahmen genügend bunt und lustig ausgeschmückt. In dieser Klause verbrachten sie selbander geruhsam zechend viele Stunden, indem sie in stiller Gedankenarbeit einander anblickten und schwiegen. Denn ihre Vertraulichkeit war durch das langjährige Beisammenleben eine so große geworden, wie sie vielleicht unter besseren Menschen überhaupt nicht möglich ist; es war längst schon etwas Ueberflüssiges für sie, ihre Gedanken vor einander bis zu Ende auszusprechen oder gar breiter zu begründen und zu entwickeln; vielmehr begnügte sich Jeder von beiden mit einer flüchtigen Andeutung dessen, was er zu sagen hatte, und der Andere setzte den abgebrochenen Satz entweder stillschweigend oder bei sehr redseliger Stimmung auch in ausdrücklicher Rede fort. Wenn zum Beispiel Hophni einen Blick aus dem Fenster that und anfing: »Heute –«, so genügte das vollkommen; Pinehas verstand und fuhr stumm oder hörbar fort: »– ist recht leidliches Wetter, wir können daher unseren Vesperschoppen im Freien trinken,« oder so etwas. Ja, selbst wenn sie stundenlang geschwiegen hatten, wußte Jeder ziemlich genau, an welchem Punkte die Gedanken des Anderen in jedem Augenblick gerade angelangt waren.

— —

Um eben diese Zeit saß auf Schloß Vogelsang bei Stolpenburg in Ehren und Wohlstand der Baron Henning von Schindelwick, noch jung, seit wenigen Jahren verheirathet. Die Ehe war nach Aussage aller Zeugen die glücklichste; die junge Baronin Wiltrud, geborene Freiin von Damnitz, galt als ein Muster von Sanftmuth, und man sagte scherzend von ihr, sie habe nur den einen Fehler, keinen Fehler zu haben.

Der Baron hatte seine Jugend genossen, wie es einem ritterlichen Manne geziemt; sobald ihn die Pflichten eigenen Hausstandes heimberiefen, ward er unverzüglich das vollendete Bild eines gesetzten Hausvaters und Staatsbürgers. Er wirkte untadelig als Verwalter seiner ererbten und erheiratheten Güter, als Mitglied wohlthätiger und gemeinnütziger Vereine, als Meister edlerer Sitten in der guten Gesellschaft. Standesvorurtheilen unterlag er wenig; er war gleicherweise beliebt unter dem Adel der Umgegend, unter den Offizieren der Garnison und in den bürgerlichen Kreisen, mit denen Geschäfte oder Geselligkeit ihn zusammenführten. Unter seinen Standesgenossen besaß er den festen Ruf eines ungewöhnlich, ja unnatürlich geistreichen Mannes, eines glänzenden und unglaublich unterrichteten Plauderers; in wissenschaftlichen Kreisen wußte man ihm die seltnere Kunst eines liebenswürdigen Zuhörens nachzurühmen. Kurz, ein Mann, der überall auf seinem Posten war und sich mit Anstand auf seinem Posten zu zeigen wußte.

Daß er etwelche sogenannte Jugendsünden auf dem Kerbholz hatte, mühte er sich niemals heuchlerisch zu verbergen; im Gegentheil, er benutzte freiwillig manche Gelegenheit, in geeigneter Gesellschaft einen weise bedauernden Rückblick in allgemeinen und andeutenden Ausdrücken darauf fallen zu lassen; mehr verlangte Niemand, und er blieb dafür von flüsterndem Nachzischen fast völlig verschont. Er liebte die Wahrheit, Heucheln und Lügen erachtete er für unschön, für würdelos, ja sogar für nicht standesgemäß.

Einzig vor seiner Gemahlin war er nicht glücklich mit seiner Aufrichtigkeit: er fand schlechthin keinen Glauben. Wenn er je in aller Schüchternheit auch nur von einem Champagnerräuschchen, einer Begrüßung des Morgenroths beim Kartenspiel, einem abendlichen Ständchen und ähnlichen Abirrungen leichteren Kalibers schüchtern zu erzählen versuchte, dann lächelte sie ebenso sanft als ungläubig, indeß ihre runden Taubenaugen den Ausdruck einer leisen persönlichen Kränkung zeigten, und sagte mit einer gewissen kirchlichen Klangfarbe in der Stimme:

»Scherze nicht mit solchen Dingen, lieber Henning: es berührt mich peinlich, Dich auch nur im Spaß auf gleicher Linie denken zu sollen etwa mit Deinem wüsten Vetter Otto, der vor vier Jahren sich durch einen förmlichen Rausch geschändet haben soll, oder mit dem erbärmlichen Lieutenant von Braunstein, der einer gemeinen Kunstreiterin den Hof gemacht hat. Das ist unwürdig.«

»Liebes Weibchen,« bemerkte dann wohl der Baron bescheiden, »das ist ein bißchen sehr hart geurtheilt, ein bißchen einseitig; man muß berücksichtigen –«

»Unwürdig und erbärmlich,« betonte sie nur desto nachdrücklicher, »und Ernst von Saling hat Schulden gemacht. Das ist ehrlos.«

»Er hat sie pünktlich bis auf den letzten Heller bezahlt,« wandte der Baron hier ernsthaft ein.

»Damit wirst Du den Flecken auf seiner Ehre nicht auslöschen wollen,« entgegnete die Gemahlin sanft, »Du darfst auch nicht den Schein erwecken, als ob Du die Frivolität solcher Gesinnung theiltest. Traurig genug, daß es überhaupt so entartete Menschen in unserem Stande gibt. Ich bitte Dich, lieber Henning, nenne Dich nicht in einem Athem mit so niedrigen Schwächlingen.«

Vor der vernichtenden Kraft so ernster Urtheile pflegte der Baron aufseufzend das Haupt zu neigen und tiefere Beichtergüsse einstweilen noch zu verschieben. Nur zu verschieben: sie wird einst tiefer sehen, gerechter richten lernen; es würde ein schwerer Mangel an Lebensklugheit sein, in den Augen der Geliebten sich selbst als einen niedrigen Schwächling, als unwürdig, frivol, erbärmlich darzustellen.

Dies seltsame Hemmniß auf der reinlichen Bahn seiner Wahrheitsliebe verdroß ihn lebhaft; ja noch mehr: die ungebeichteten Jugendsünden begannen in seiner Brust den unbegrabenen friedlosen Seelen gleich gespensterhaft so lange nach ihrem Tode noch heimlich umzugehen.

Baronin Wiltrud, geborene von Damnitz, war nicht allein eine treue Gattin, sondern auch eine liebevolle Tochter. Alle vierzehn Tage fuhr sie in gewissenhafter Stetigkeit auf einen Tag zu Besuch bei ihren Eltern, deren Gut eine Eisenbahnstunde von der nächsten Station entfernt lag. Sie fuhr regelmäßig Sonnabends mit dem Mittagszuge ab und kehrte Sonntag gegen Abend zurück. Der Baron hätte sie jedesmal für sein Leben gern begleitet; zum Unglück traf fast jedesmal ein unvorhergesehenes Ereigniß ein, das ihn im letzten Augenblicke zwang, der schönen Hoffnung zu entsagen und den Mantel wieder auszuziehen. Der Viehhändler erschien plötzlich mit der Behauptung, grade auf diese Stunde bestellt zu sein: ein seltsamer Irrthum; oder die Dreschmaschine zeigte eine Unordnung: da war das Auge des Herrn selber nöthig; oder ein Wölkchen stieg eben drohend am Himmelsrande auf: die Heuernte mußte beschleunigt werden; oder das kostbare Reitpferd zeigte Symptome von Unwohlsein – oder was sonst ein tückischer Kobold mit nimmer müder Erfindungskraft ihm in den Weg zu werfen wußte.

Das Aergerlichste war, daß stets sehr bald nach der Abfahrt der Baronin die Hindernisse sich als nur scheinbare oder flüchtige zu erweisen pflegten. Der Viehhändler hatte es nur auf ein einziges Ferkelchen abgesehen, der Fehler an der Dreschmaschine war nichts als eine Dummheit des Knechtes, das Wölkchen verschwamm hinduftend im reinen Azur, das Pferdchen hub an vor stürmischem Lebensmuth im Stalle zu schnauben und zu tänzeln: der Baron würde seine Gemahlin ganz gut haben begleiten können, wenn sie nur ein klein wenig hätte warten wollen. Freilich der Zug wartete ja auch nicht.

In der unthätigen Einsamkeit verfiel der Baron alsbald in eine unbestimmte Schwermuth, darnach in eine Sehnsucht nach Menschen; zuletzt in ein gewisses friedloses Heimweh nach leisen Jugendsünden. Verzweifelnd fuhr er endlich in die Stadt.

Wann er heimkam, erfuhr Niemand, denn er hatte den Ehrgeiz, das Pferd grade diesmal eigenhändig wieder in den Stall zu bringen, um zu zeigen, daß er dergleichen kleine Verrichtungen noch nicht verlernt habe, und übrigens auch aus humaner Rücksicht auf das starke Schlafbedürfniß des Stallknechts. Dieser Letztere hatte jedoch am andern Morgen nicht selten schwere Arbeit mit dem Putzen des Thieres.

An diesen Sonntagen pflegte der Baron bis gegen Mittag in seinen inneren Gemächern zu verweilen; auf dem Hofe verbreitete sich dann mit dunklem Raunen das Gerücht: »Der Herr Baron arbeitet geistig.« Er bestätigte dasselbe nachher durch ein abgespanntes Aussehen, unsicheres Schreiten und ein häufiges Streichen oder Pressen der Stirn mit der flachen Hand.

Abends, wenn die Baronin heimkam, empfand er dann jedesmal ein erneutes und besonders starkes Bedürfniß, seinem wahrheitsliebenden Herzen durch eine volle Beichte endlich Luft zu machen; allein sie vereitelte das stets: nicht einmal die harmlosesten und heitersten Seitensprünge vom Pfade conventioneller Sitten glaubte sie ihm; sie lächelte sanft und versicherte, so Unwürdiges vermöge sie sich von ihrem Gatten nicht einmal vorzustellen.

Unwürdig – erbärmlich – ehrlos – ein Schwächling – – nein! Das doch nicht. Der Baron ergab sich in Schweigen, und die Gespenster in seinem Busen spukten unbegraben weiter. – –

An einem Sonnabend, dem 15. October Abends 11 Uhr 20 Minuten saßen Hophni und Pinehas in ihre gewohnte schweigsame Unterhaltung vertieft in jener ihrer Stammkneipe, als sich die Thür aufthat und der Baron Henning von Schindelwick hereintrat; er trug bereits leichte Spuren von innerer Erheiterung im Gesicht.

»Bravo, meine Herren!« rief er fröhlich, »immer bei der Denkarbeit! Jetzt aber gönnen Sie sich ein Stündchen der Erholung und erzählen Sie mir das Neueste aus dem Reiche des Witzes.«

Er schüttelte ihnen die Hände, setzte sich zu ihnen und ließ sich willig einen umfangreichen Humpen mit Rheinwein füllen. Hophni und Pinehas begannen ohne weitere Umstände zu erzählen, städtische Klatschgeschichten, Dummheiten Anderer und tolle Streiche, die sie selbst im Laufe der letzten Wochen verübt hatten. Der Baron lauschte mit der sehnsuchtsvollen Theilnahme eines Verbannten, der von seinem fernen Vaterlande erzählen hört.

Nachdem die wichtigsten Fälle so erledigt waren, nahm Hophni aus einer großen verschließbaren Mappe, die sie dort stehen hatten, ein ansehnliches Blatt heraus, befestigte es mittels einiger Stiftchen an der Wand und sagte:

»Und nun, Baron, betrachten Sie unser neuestes Werk – Sie sehen, wir sind auf dem Wege zum höchsten Kunststile: Heilige Familie auf der Flucht nach Aegypten. Was sagen Sie dazu?«

Der Baron stieß in der That einen Ruf der Ueberraschung aus.

»Sie erkennen hier,« erklärte Pinehas mit Würde, »in dem weiten Hintergrunde ohne Schwierigkeit die große syrische Wüste. Todmüde hat die reisende Familie Joseph um die Mittagszeit in dieser greulichen Sandöde Rast gemacht; was geschah? Eine reizende Weinlaube ist unverzüglich auf höheren Befehl aus dem starren Boden emporgesproßt. Papa Joseph hält sich natürlich bescheiden außerhalb derselben; vorsichtig lehnt er sich an einen ihrer Seitenpfosten, vielleicht, daß er ihrer photographischen Realität nicht völlig traut; doch darin würde er Unrecht haben. Die jungfräuliche Mutter aber –«

»– ist im Innern der Laube sogleich in tiefen Schlaf versunken,« nahm Hophni in gleichem Tone die Erklärung auf, »vor ihr auf dem Tische liegt das Jesuskind, auch von der Schlummernden noch mit ausgestreckten Armen sorglich festgehalten. Das Kindchen selber jedoch ist inzwischen erwacht und guckt halb aufgerichtet mit großen Augen in die Runde; und, hast du nicht gesehen, da ist schon ein viertel Dutzend Engel vom Himmel herabgeschwirrt und bemüht sich, den göttlichen Kronprinzen anständig zu unterhalten. Sehen Sie wohl, der Eine spielt mit seinen Händchen, der Zweite zupft ihm die Strümpfe glatt, und der Dritte riskirt es sogar, ihm gemüthlich auf den Speckhals zu klopfen. So etwas dürfte natürlich vor irdischen Augen nicht vorkommen, auch nicht vor denen der Madonna höchstselbst; doch da sie schläft, braucht sich ein Engel nicht zu geniren, denn Joseph ist natürlich wie wir anderen Sterblichen von Hause aus vollkommen engelblind. – Nun, was sagen Sie? Wie finden Sie die Composition? Hübsch, originell, geistreich – nicht? Und Alles Stück für Stück getreu nach der Natur photographirt!«

»Reizend! Ganz reizend!« rief der Baron schnell, »ja, mehr als das – Sie sehen mich wahrhaft verblüfft –«

In seinem Gesicht lag wirklich etwas Verblüfftes, ja, ein Zug von Schrecken und ernstlicher Verwirrung; und er that jetzt einen hastig forschenden, fast scheuen Blick nach den Augen der seltsamen Künstler; doch da hier keine besondere Arglist zu entdecken war, so fragte er ein wenig beruhigt und doch noch mit Zeichen einer unterdrückten Aufregung:

»Aber sagen Sie, meine Herren, wie ist das möglich? Woher haben Sie diese Modelle? Ich begreife nicht – ganz und gar nicht – – ich meine vor Allem diese Wüste; wie kommen Sie zu dieser großartigen Wüstenlandschaft?«

»Sehr einfach, Baron, mit der Post kommt man dahin. Man fährt vier Stunden von hier, dann noch ein paar Stündchen zu Fuß und dann hat man's. Nach Afrika oder Asien brauchen Sie sich nicht zu bemühen.«

Pinehas nahm ein neues Blatt aus der Mappe und nagelte es an die Wand.

»Sehen Sie,« sagte er, »da haben Sie unsern Hintergrund im Naturzustande, noch ohne Staffage. Nicht wahr? Die prachtvollste Wüstenlandschaft von der Welt; kein Baum, kein Strauch, kaum ein ärmlichster Grashalm; aufgethürmte hohe Hügel, mächtig von Formen, groß geschwungen, wild hingeworfen, gezackt und zerfließend, zart und gewaltig, furchtbar und schön. Und von Hügel zu Hügel durch die tiefe Mulde des stummen Thales gelagert der ewige Sand, nichts als Sand, schwerer, gelber Sand und immer nur Sand, über breite Gehänge hingesprengt, zu Kegeln zusammengewirbelt, in langen Wogen hinrollend. Ein wildes Meer von Sand, mitten im Sturmaufruhr urplötzlich erstarrt, nun glühend in mächtigem Sonnenglanz unter dem lastend blauen, wolkenlosen Himmel – so sieht es wirklich aus da hinten in den Dünen! Sie merken, Baron, daß die Natur auch in Hinterpommern Effectstücke vollbringen kann.«

»Sie sind wahrhaftig Tausendkünstler!« rief der Baron erstaunt und bewundernd, »so etwas zu entdecken, wovon wir andern Eingebornen keine Ahnung haben!«

»Sie werden sich noch zu weiterem Verwundern rüsten müssen,« meinte Hophni gelassen. »Wir gehen jetzt zur Erklärung der Staffage über. Sie wissen, wir sind ehrliche Taschenspieler und keine Spiritisten, wir gönnen dem Publicum gerne den Einblick in unsere Technik. Hier ist zuvörderst noch ein kleiner Seitensprung; es war ein erster Versuch, unsere leere Wüste zu bevölkern.«

Der überraschte Beschauer erblickte im Vordergrunde eines dritten Wüstenbildes einen mächtigen Löwen, welcher auf dem Körper eines Menschen lag, dessen Kopf die wohlgetroffenen Züge Hophnis zeigte. Neben dem Thiere aber stand Pinehas in äußerst wirkungsvoller Stellung, eben im Begriff, dem Ungethüm ein langes Dolchmesser in die Seite zu bohren.

Der Baron brach in ein helles Gelächter aus.

»Köstlich!« rief er, »ganz köstlich! Pinehas, der Löwentödter!«

»Natürlich,« sprach dieser mit der ernsthaftesten Miene, »was wollen Sie? In den Hundstagsferien haben wir bekanntlich einen Ausflug in die Sahara gemacht und erlebten dies Abenteuer außer vielen andern. Welcher Stolpenburger Philister darf zu zweifeln wagen vor solchem Beweise?«

»Und wenn nun der Philister fragt,« bemerkte der Baron noch immer lachend, »wer von Ihnen beiden die vorliegende Momentaufnahme gemacht hat?«

Hophni maß ihn mit einem überlegenen Blicke.

»Sehen Sie her,« sagte er, ein neues Blatt hervorziehend, »wir haben natürlich einen Neger abgerichtet, der uns mit dem Apparat begleiten und unsere bedeutsamsten Thaten auf die Platte werfen mußte. Damit nun die Stolpenburger erkennen, wie es zugegangen, haben wir auf diesem Abzuge den photographirenden Mohren mit auf dem Bilde behalten, – sehen Sie da!«

»Halt,« rief Pinehas, »der Baron merkt, daß da irgend etwas nicht in Ordnung ist; dieses dritte Bild erst gibt Ihnen die volle Erklärung des Herganges. Da sehen Sie zu jeder Seite unserer Gruppe einen photographirenden Neger; es ist ganz klar: Jeder von ihnen nimmt außer uns auch seinen Collegen auf, und bei dieser Gegenseitigkeit der Fixirung müssen selbstverständlich auch beide auf dem Bilde zu sehen sein. Ja, ja, auch die Kunst hat ihre Logik.«

»Und wo haben Sie diesen ausgezeichnet schönen Löwen aufgestöbert?« fragte der Baron, sich schüttelnd vor Lachen.

»In einer Danziger Menagerie erlegten wir ihn,« berichtete Hophni, »doch halten wir uns nicht länger mit Nebendingen und Vorstudien auf. – Also die Wüste haben wir; folgt die Weinlaube mit Inhalt als Vordergrund. Vernehmen Sie ihre Geschichte. Vor etwa vierzehn Tagen kommen wir von einer Studienfahrt zurück, den Apparat auf dem Rücken. Wir haben Durst; doch das ist selbstverständlich, ich meine aber gemeinen bürgerlichen Durst, im Garten hinter Köhlers Gasthaus gibt es eine schattige Laube; wir wollen eintreten und entdecken – das hier.«

Ein neues Blatt, das sie hervorlangten, zeigte dieselbe Gruppe wie das zuerst betrachtete,. nur ohne den heiligen Joseph, und alle anderen Figuren in sehr profaner Gewandung: die Engel, durchaus flügellos, waren drei kleine Mädchen, die wohl nicht einmal auf Erden den höheren Töchtern zuzurechnen wären, hübsche Dinger allerdings, der Jesusknabe ein munterer Säugling im gewöhnlichen Tragekleidchen; am auffallendsten unterschied sich das Urbild der früheren Madonna von dieser: ein kokettes Strohhütchen, das Haar in lockeren Fransen darunter hervorquellend, ein lustiges, so elegantes wie modernes Kleid mit einer graziös herausfordernden Schulterschleife, sogar ein Paar reizvoller Halbstiefelchen sichtbar werdend und darüber ein sich andeutendes Stück eines durchbrochenen Strumpfes; das Alles war wirklich nicht von sehr madonnenmäßigem Zuschnitt. Dagegen das liebliche, zarte, mädchenhafte Gesicht der jungen Schläferin war ohne Abzug und Zusatz eben das der Madonna.

»Sehen Sie, so war es,« fuhr Pinehas fort, »so fanden wir die Situation: die junge Dame, dilettantische Kinderfreundin wie alle jungen Damen, hat das jüngste Wurm der Frau Wirthin in ihre Obhut genommen, ist jedoch über der ungewohnten Arbeit ein wenig eingenickt; die scheuen Schwestern des Kleinen benutzten die Gelegenheit, sich heranzuschleichen und in lautloser Heiterkeit mit dem zappelnden Dinge zu spielen; so war's, und so haben wir's eingefangen – die Stilisirung der Gewänder hat reichliche Mühe gemacht, doch immer setzten vor das Gelingen die Götter den Schweiß – ein genialer Wurf, nicht wahr? Und doch nichts Wunderbares; denn es ist eine alte Sache: in jeder Straßenrange steckt ein regelrechter Engel mit Flügeln und allem Zubehör, nur oft ein bißchen sehr tief drinnen, aber wer den Blick hat und vor Allem den rechten Augenblick zu fassen weiß, der spürt es schon auf und holt es heraus, daß dann auch die Kurzsichtigen und Blinden es sehen können. Es gibt zwar auch Leute, die glauben, was ein Engel sein soll, das müßte aus der Luft gegriffen werden; aber das hat nur einen kleinen Haken: herumflattern mögen sie ja wohl da oben, aber greifen lassen sie sich nicht. Und mit den Madonnen ist's gerade so: in jedem Weibe sitzt eine Madonna verborgen, die freilich meist entsetzlich schwer zu finden; aber der verstorbene Rafael fand sie sogar in der unangenehmen Fornarina und wir in der Soubrette einer kleinstädtischen Schmiere. – Was haben Sie, verehrter Baron? Es scheint fast, unsere Sanctissima erweckt Ihnen besondere Gefühle – oder Sie kennen unsere Fornarina?«

Hophni und Pinehas warfen einander einen kurzen Blick der Ueberraschung zu, in welchem ein condensirtes Aha! zu lesen stand.

»Tiens, tiens!« sagte der Baron, indem er einer Erregung Herr zu werden suchte, die sich dennoch in einer gewissen Hast und dem nervösen Klange seiner Stimme noch geltend machte. »Jetzt kommt mir's! Wußte erst gar nicht, wo ich das Persönchen hinbringen sollte. Wer kann alle hübschen Schauspielerinnen gleich wieder so beim Namen fassen? Aber kenne sie, kenne sie, natürlich. Nun entsinne ich mich: bei Wallner habe ich sie gesehen. Valeska – Valeska – Zarnikow, richtig. Ganz kleine Rollen. Erregte seiner Zeit ein gewisses Aufsehen, weniger in kunstkritischen als in militärischen Kreisen; viel Reiz, wenig Talent; aber bis auf Stolpenburg zu sinken, das ist hart.«

»Sie scheint nicht allzuschwer an ihrem Schicksal zu tragen,« bemerkte Pinehas, »wissen Sie, wie ihr erster Ausspruch lautete, als sie plötzlich erwachte und ihre etwas pflichtvergessene Lebenslage erkannte? ›Ach Gott‹, rief sie, ›wie ungeschickt von mir! Ich habe Kinder so gern; und nun schlafe ich hier ein. Aber das macht, wir haben vorige Nacht ein bißchen viel gekneipt.‹«

»›Wir auch,‹ konnten wir wahrheitsgetreu erwidern, und damit war die gegenseitige Vorstellung vollbracht und eine sichere Basis der Freundschaft gegeben. War das nicht reizend?«

»Echt!« sagte der Baron heftig lachend.

»Natürlich haben wir die neue Bekanntschaft eifrig gepflegt,« fuhr Hophni fort, »nicht am wenigsten, um unsere Stolpenburger Gönner zu ärgern. Denken Sie doch, zwei Lehrer ihres hochehrbaren Gymnasiums verkehren und zeigen sich auf öffentlicher Promenade mit einer lästerlich hübschen Schauspielerin; welcher Skandal! Uebrigens läßt sich in Wahrheit nicht leicht etwas Ehrbareres ausdenken, als unsere Freundschaft mit Fräulein Valeska: beschämend ehrbar muß ich sagen.«

»Gebührt das Verdienst der Dame oder Ihnen?« fragte der Baron mit einem etwas lauernden Lächeln.

»Zur Beantwortung dieser berechtigten Frage,« entgegnete Pinehas, »diene folgende Thatsache: die sichersten Zeugen für den Ruf einer Dame sind allerorten die Aristokratie und das Militär; die himmlischen Heerscharen aber jubiliren dann, wenn die irdischen trauern. Die Thatsache nun ist, daß seit dem ersten Auftreten unserer Freundin am hiesigen Platze das gesammte Offiziercorps in Linie, Reserve und Landwehr, besonders auch soweit es unverehelicht ist, in die tiefste Bestürzung, Trauer und Verzweiflung versetzt wurde. Was bedürfen wir weiter Zeugniß?«

In den aufmerksamen Blicken des Barons zeigte sich der schnell unterdrückte Ausdruck einer inneren Befriedigung. Dann vertiefte er sich nachdrücklich in die Betrachtung des Madonnenbildes; doch blieb seinen stark gespannten Zügen ein unruhiges und aufgeregtes Nachdenken anzusehen.

Hophni und Pinehas wechselten ein zweites stummes: Aha!

Endlich nach längerem Schweigen und Sinnen begann der Baron in einem bemüht nachlässigen Ton, ohne den Blick von dem Blatte zu erheben:

»Man sollte aufhören, von jeder Schauspielerin gleich Besonderes zu denken oder doch Zweifel zu hegen. Die meisten von ihnen sind zehnmal reiner als der Ruf ihres Standes. – Der Ausdruck dieser schlummernden Züge zum Beispiel scheint mir die feinste Bürgschaft für den Charakter der Dame zu geben: in diesem lieblichen Kopfe liegt Frauensinn und geahnte Mütterlichkeit – wissen Sie was? Einer von Ihnen sollte sie heirathen; er würde nicht mit ihr betrogen sein.«

Hophni und Pinehas lachten laut.

»Wir hätten sogar alle Aussicht, von ihr genommen zu werden,« versicherte Dieser. »Wissen Sie, was sie gesagt hat? Prediger und Lehrer seien ihr furchtbar interessant. Sehr begreiflich allerdings: die interessantesten sind uns allemal die Menschen, die wir am wenigsten kennen. Aus diesem Grunde fand Fräulein Valeska sogar sich selber hochinteressant – in der Verkleidung als Madonna. Sie betrachtete sich lange verwundert und entzückt, als wir das fertige Bild ihr vorlegten, und brach zuletzt in den seltsamen Klageruf aus: »O Gott, wenn ich noch so wäre!« Aber wahrhaftig, das kam so treuherzig heraus wie bei einem Kinde, es war ordentlich rührend, und ich behaupte, eine wirkliche Thräne schimmerte in ihrem großen Auge – und das soll keine gute Schauspielerin sein?«

»Nein!« rief der Baron sehr lebhaft, sich dann erst mit sichtlicher Absicht zur Ruhe zwingend, »aber Sie sind schlechte Kritiker, die nicht Natur und Kunst zu sondern wissen. Glauben Sie mir, dieser Ausruf war so naturecht wie der andere, daß sie ein bißchen viel gekneipt habe – ich entnehme das Vertrauen einzig der beredten Aussage dieses Bildes.«

»Wahrhaftig – einzig?« fragte Hophni mit einem unmerklichen Lächeln, »nun ja, das Bild scheint allerdings eine starke natürliche Anlage zur Tugend und Madonnenhaftigkeit zu verrathen, keineswegs aber, wieweit diese Anlage auch praktisch entwickelt ist. Wollen Sie sich übrigens gefälligst erinnern, daß wir lange vor Ihnen für den Ruf unserer Dame Stimmung machten. Und selbst bei anderer Sachlage – Sie werden uns nicht für Moralprediger halten. Allein wir sagten schon, wir nennen Valeska unsere Freundin, und das im süßesten, in schwärmerischem Sinne; wie sollten wir nun so thöricht sein, den Duft dieses holden Namens mit dem grundprosaischen Titel Ehefrau zu vertauschen und unseren zart hinschwebenden Gefühlen in dem Sumpfboden der Ehe ein unwürdiges Grab zu graben? Die alte Garde liebt, doch sie verliebt sich nicht.«

»Ein reinlicher Grundsatz,« lachte der Baron, »eines antiken Philosophen würdig. Nur eines wundert mich, daß Sie sich die Gelegenheit entgehen lassen, so Bürgerschaft als Gymnasium in eine wahrhaft lebensgefährliche Aufregung zu versetzen: stellen Sie sich das verklärte Antlitz Ihres Herrn Directors vor, wenn Sie ihm eine Komödiantin in den unbefleckten Kreis seines Collegiums einführten! – Nun, ich sehe, Sie wollen nicht; man soll Niemanden zu seinem Glücke zwingen. – Dafür dürfen Sie mir eine andere Bitte nicht versagen: schenken Sie mir einen Abzug dieses Bildes. Denn ich weiß ja, käuflich sind Ihre Werke nicht zu haben; sonst säßen Sie vielleicht schon längst im Schoße der Millionen.«

»Wenn wir das Recht der Vernichtung unserer Platten verkauften, ganz gewiß,« versicherte Pinehas, »Ihr Wunsch aber ist uns natürlich Befehl. Sie können den vorliegenden Abzug gleich behalten. Sie scheinen Freude an dem Gegenstande zu haben,« fügte er mit einem eigenthümlichen Blinzeln hinzu.

»Ein Kunstwerk! Ein volles Kunstwerk!« bestätigte der Baron sehr eifrig, »und dabei doch der kecke Reiz des unmittelbaren Lebens! Es ist einzig. Ja der Wahrheit die Ehre, ich leugne es nicht: wenn ich noch ledig wäre und ich sähe mich selbst als heiligen Joseph mit dieser Madonna so auf einem Bilde vereinigt, es würde mich eine eigenthümlich warme Empfindung durchströmen – fürchte ich – fürchte ich. Man könnte diesen Joseph wahrhaftig um seine Stelle beneiden. Uebrigens gleichfalls ein vorzügliches Modell; Sie sind und bleiben Tausendkünstler. Wo haben Sie das wieder aufgefischt? Wirklich, wie geschaffen für seine Rolle: kein schönes Gesicht, gewiß nicht; ziemlich grob geschnittene Züge vielmehr, doch sehr eigenthümlich im Ausdruck – wie soll man sagen? Treuherzig und doch nicht einfältig, unglaublich ehrlich, klug zugleich und rein. Und wie pikant das schneeweiße Haar über dem männlich jungen Gesichte: ich muß bekennen, ein äußerst merkwürdiges Gesicht. Man möchte ordentlich Respect haben vor solchem Heiligen.«

»Vielleicht darf man sogar vor dem lebenden Urbild einen gewissen Respect haben, wenn man nicht zufällig Hophni oder Pinehas heißt. Jedenfalls ist es keine Uebertreibung, wenn ich behaupte, daß selbst seine eigenen Schüler veritabeln Respect vor ihm haben, und das will mehr sagen, als Sie wahrscheinlich ahnen, Herr Baron. Ich wundere mich nur, daß Sie ihn nicht kennen; als Mitglied des hohen Curatorii unserer Anstalt wären Sie eigentlich fast zu dieser Kenntniß verpflichtet. Es ist unser Religionslehrer, Nathanael Munk; er wohnt unserm Fenster gerade gegenüber; so haben wir ihn auf die denkbar bequemste Weise aufgegriffen und in diesen angenehmen Käfig versetzt. Und übrigens ist nachzutragen, daß wir vielleicht erst durch den Gedanken an ihn auf unsere Composition gekommen sind; er ist nämlich ein schwärmerischer Madonnenanbeter; er besitzt eine ganz hübsche Kupferstichsammlung –«

»Wie, ein Kunstkenner?« rief der Baron. »Das ist ein Naturwunder. Ein Kunstkenner in Hinterpommern!«

»Nichts weniger als das,« entgegnete Pinehas, »denn er denkt in Mußestunden über die Kunst, ein sicheres Zeichen, daß er nichts davon versteht.«

»Dann also ein Kryptokatholik?«

»Auch das nicht. Sein Madonnencultus ist sehr menschlicher, ich möchte sagen heidnischer Natur, wenn das bei unserm frommen Nathanael Munk im Geringsten erlaubt wäre. Es ist eine Art platonischer Vielweiberei; ein Surrogat für das, was anderen Menschenkindern die Liebe ist. Denn er ist im Uebrigen entschlossener Junggeselle, freilich nicht aus Weisheit und Grundsatz. wie wir, sondern aus bitterer Thorheit, da doch sein innerstes Herz nichts in der Welt so heiß ersehnt wie die Freuden des christlichen Ehestandes. Doch weil er nicht eben schön ist, hält er sich für häßlich und darum auch für schlechthin unfähig, einem Mädchen zu gefallen. Auch sein vorzeitig ergrautes Haar bestärkt ihn in dieser Meinung; er betrachtet sich als einen Jubelgreis, während er die Mitte der Dreißig noch nicht erreicht hat. Sie sehen, der wunderliche Heilige, wie er im Buche steht.«

»Er hat also nie ein weibliches Wesen kennen gelernt, das ihn vom Gegentheil zu überzeugen wußte?« fragte der Baron.

»Er kennt überhaupt kein weibliches Wesen,« sagte Hophni, »Beweis dessen: er hält sie alle in Bausch und Bogen für eingeborene Engel und Heiligenbilder.«

»Ich hörte vor Kurzem,« bemerkte der Baron ein wenig spöttisch, »zwei grimmige Skeptiker so ziemlich denselben holden Glauben bekennen. In jedem Weibe steckt eine Madonna, behauptete Jemand.«

»Oho, Verehrtester,« rief Pinehas laut, »machen Sie gefälligst keine Kartenkunststücke! Ein Anderes ist es, in einer Gans eine Göttin sehen, wie es ein Optimist und ein Verliebter thut, und ein Anderes, den Tropfen Götterblutes, der auch in jedem Gänschen fließt, zum Kunstgebrauch herauszuzapfen wissen, wie das wir gottbegnadeten Künstler leisten. Munk aber geht sogar noch um Vieles weiter in der Verblendung: er hält seine eigenen Schüler von Hause aus für unschuldsfromme Lämmerseelen, für lauter ausgepichte junge Heilige und pflegt uns mit ernsten Worten zu strafen, wenn wir sie im allerbesten Falle für lauter junge Affen erklären.«

»Da scheint mir freilich seiner Art,« meinte der Baron, »nur jener denkfaule Idealismus zu Grunde zu liegen, der sich nicht erst die Mühe gibt, die Menschen zu kennen – wie aber will ein Solcher Menschen erziehen? Mir scheint, er muß nothwendig ein spottschlechter Lehrer sein. Ich möchte wohl einmal sehen, wie die munteren Jungen mit dem umspringen, der sie unbesehen für fleckenlose Englein hält und den sie gar nicht erst zu betrügen brauchen, weil er dies freiwillig schon selbst besorgt.«

»Ja, sehen Sie, Baron,« sagte Pinehas trocken, »das ist eben ganz unsere Meinung auch, ganz unsere Weisheit. Das Nichtswürdige ist bloß, daß diese unsere schöne, klare, festgefügte Theorie von der brutalen Praxis rücksichtslos auf den Sand gesetzt wird. Es ist leider eine traurige Thatsache, daß Munk besonders im Punkt der Disciplin der glücklichste Lehrer unserer Anstalt ist; kein Neid der Collegen wagt ihm das zu bestreiten. Nie ist während seines Unterrichts ein ernstes Vergehen gegen die Schulzucht vorgekommen; Ungehorsam, Trotz oder gar Widersetzlichkeit, ja selbst der sonst so beliebte Kleinbetrug sind fast unbekannte Dinge. Für keinen Lehrer auch wird so redlich gearbeitet wie für ihn. Kurzum, seine Macht über die wüste Rotte ist unbeschränkt; die hoffnungslosesten Rüpel werden unter seinen Augen zu Musterknaben: es ist als wenn da hundert unentdeckte Tugenden in ihnen plötzlich zum Licht empordrängten wie die Spargel im Mistbeet. Und das Merkwürdigste ist: er bringt das alles zu Wege ohne die geringste Strafe, ja ohne Scheltwort, selbst tadelnde Zeugnisse kennt er nicht; wo wir urtheilen: ›Unter aller Kanone‹, da schreibt er: ›Ziemlich gut‹. Es ist eigentlich eine unerlaubte Methode; und läßt sich einer verleiten, sie nachzuahmen, so stürzt er in den Abgrund; die Jungen lachen ihn aus und tanzen auf Tischen und Bänken.«

»Da wird man schließlich an Wunder glauben müssen, um so mehr, als er ein Schriftgelehrter ist,« rief der Baron.

»Ja, es hilft nichts,« sagte Hophni achselzuckend, »es gehen wirklich Zeichen und Wunder von ihm aus; man wird sich an diesen Uebelstand gewöhnen müssen. Vernehmen Sie ein abenteuerliches Exempel. Kennen Sie Frau Duhr, die alte Waschfrau? Ohne Zweifel nicht. ›Du siehst geschäftig bei den Linnen‹ u. s. w. Besondere Kennzeichen: keine; denn sie gleicht allen anderen Waschfrauen darin vollkommen, daß sie es nie übers Herz bringen kann, ihren Clienten von einem Dutzend Hemden mehr als elf Stück zurückzugeben, außer wenn eine ordnungswüthige Hausfrau ihr das kleine Andenken mißgönnt. Was aber geschieht der Aermsten mit unserem Nathanael Munk? Eines Tages erscheint sie in großer Verlegenheit bei dessen Zimmerwirthin und liefert ihr aus freien Stücken das zwölfte Hemde aus, das in Gedanken bei ihr liegen geblieben sei. Die Wirthin, eine weise und tapfere Frau, wittert erst recht Unrath bei einer so naturvergessenen Ehrlichkeit und nimmt die verdächtige Person in ein scharfes Kreuzverhör, bis die in den bekennenden Jammerruf ausbricht: ›Ja, wer kann denn so'n neugeborenes Kind was nehmen? Wenn das einen so ankiekt mit seine unschuldige Augen, das ist ja wohl beinah, als wenn uns' Herrgott selbst das sieht‹. So läuft sie heulend ab, und Munks Wäsche ist vollzählig geblieben bis auf den heutigen Tag. Ein andermal hat ihm ein Bettler einen silbernen Leuchter gestohlen und gleich darauf freiwillig zurückgebracht mit der denkwürdigen Begründung, er sei ihm im Hutfutter hängen geblieben. Und solcher stadtkundiger Geschichten gibt es viele.«

»Sehr merkwürdig,« sagte der Baron nachdenklich, »doch wohl zu begreifen: das unbedingte Vertrauen hat eine still beschämende Kraft. Und Sie meinen, daß seine pädagogischen Erfolge auf diesem selben Grunde ruhen?«

»Zu einem Theile ja,« erklärte Pinehas, »und das geht ungefähr so zu: er kommt also zutraulich wie ein junger Hund auf die sündige Rotte zugesprungen, und seine munteren Augen scheinen Jedem einzeln zuzurufen: Du bist ein reiner, treuer, grundehrlicher, edler, engelguter Junge! Das glaubt ihm natürlich Jeder gern von sich in aller Treuherzigkeit, und weil er es glaubt, bemüht er sich in der That mit unbewußtem Drange, auch wirklich ein bißchen so zu sein, so gut es geht – vielleicht auch vorläufig nur zu scheinen.«

»Heißt das aber nicht Scheinheilige und Heuchler erziehen?« warf der Baron mit einem etwas salbungsvollen Ton dazwischen.

Pinehas kniff ein wenig die Augen ein und erwiderte gelassen:

»Was wollen Sie? Die Heuchelei ist eben die wahre Mutter der Tugend. Wer wenig heuchelt, wie Hophni und Pinehas, der ist wahrhaftig auch der Tugendhafteste nicht. Bei aller Erziehung der Kinder und der Menschheit kommt es zuletzt doch einzig darauf an, die Gewissen kitzlich zu machen; ist das im Gange, so reden wir uns vor, wir seien so ungefähr der Art, wie dies frisch geschliffene Gewissen uns haben will; diesen Schwindel können wir aber nicht lange aufrecht erhalten, weder vor uns selbst noch gar vor Anderen, wenn wir nicht wirklich mehr und mehr so werden. So gewöhnt man sich langsam die Tugend an, und Mancher ist am Ende, was er am Anfang scheinen wollte. Das ist Freund Munks Methode, erster Theil: je unbewußter, desto consequenter. In diesem Sinne gleicht er dem Propheten, der künftige Dinge dadurch schafft, daß er im Geiste sie als fertig voraussah und verkündete. Oder auch dem Künstler, der im schwachen Keim die volle Blume sieht und durch sein Sehen selbst sie schafft. Seine gläubigen Augen erschaffen in den struppigen Seelen das Gute, das er vorahnend in ihnen sieht.«

Der Baron machte ganz verwunderte Augen. »Hophni und Pinehas,« sagte er langsam, »ich fange an zu glauben, Sie könnten um Einiges besser sein als ihr Ruf, wenn Sie wollten.«

»Das heißt, wenn wir Anlage zum Heucheln hätten,« bemerkte Hophni trocken. »Wir kommen nun zu seiner Methode zweitem Theil. Sein Glaube hat natürlich gewisse Grenzen, denn schlechthin blödsinnig ist Nathanael nicht. Die Gemeinheit und Verlogenheit tritt ihm denn doch einmal so plump entgegen, daß er sie sich beim besten Willen nicht mehr leugnen kann. Dann sieht er dies Böse, dies Unreine mit großen, verwunderten Augen an wie etwas Fremdes, Unbegreifliches, und er wendet sich still davon ab als von einer Sache, zu der er keine Beziehung findet, die er nicht versteht. Er bekämpft es nicht, er lehnt es ab, er schweigt es todt. Diejenigen, die sich so von ihm ertappen ließen, haben für ihn aufgehört zu leben. Er straft sie nicht, er verleugnet sie. Er vermag es nicht über sich, mit den Sündern noch eine persönliche Gemeinschaft zu pflegen. Es ist eine Art von Verlegenheit, die er solchem Unreinen gegenüber zu empfinden scheint; er weiß nicht mehr mit ihm umzugehen, da er ihm nicht mehr vertrauend ins Auge blicken kann; seiner frohen Sicherheit ist hier der Boden unter den Füßen weggezogen. Er scheut sich vor ihm, wie vor einem fremdartigen Geschöpfe, dessen Denken und Fühlen von dem seinen so verschieden ist, daß es keine gegenseitige Mittheilung ermöglicht. Sieht er sich doch genöthigt, zu ihm zu sprechen, so thut er es mit abgewandten Augen und allen Ernstes erröthend. Die so gezeichneten Schüler bleiben im Winkel straflos sitzen und werden von ihm nicht mehr beunruhigt weder durch Fragen noch durch Forderungen. Sie sind moralisch hingerichtet.«

»Aber das ist grausam!« rief der Baron lebhaft. »Das ist auch ungerecht und unchristlich; unser Herr Christus richtete die Sünder auf, und dieser stößt sie von sich.«

»Es ist noch schlimmer als das alles,« nickte Pinehas ruhig, »es ist einfach dumm. Es ist psychologischer Unsinn. Als ob es von Hause aus gute und schlechte Menschen gäbe, Engel und Teufel. Als ob der gesunde Baum nicht hundert kranke und faule Früchte trüge; als ob der kränkste Stamm nicht gesunden könnte. Er ist ein Schwärmer und ein Narr. Doch siehe da, diese eine ungeheure Dummheit ist's, die dem Manne die Seelen unterwirft, sie zum Zittern zwingt, zur Besserung und – zur Liebe. Keine Strafe wird je so gefürchtet, wie jener unausgesprochene Bannstrahl; kein Lob oder Lohn vergleicht sich an Macht dem stolz treuherzigen Blick dieser glaubensvollen Augen. So groß ist die Gewalt des Unsinns auf unserm armen Planeten.«

Der Baron blickte sinnend vor sich hin.

»Ich habe wohl Aehnliches schon kennen gelernt,« sagte er nach einer Pause ein wenig zögernd, »doch nur bei Frauen, und nicht von gleicher Wirkung: es zwingt nicht zur Liebe und zur Besserung, sondern zum Achselzucken, zum Trotzen, zur Lüge.«

»Das mag wohl davon kommen,« warf Hophni hin, »daß man dieselbe Gesinnung haben kann aus Hochmuth, Beschränktheit und Froschnatur, oder aber aus Reinlichkeit. Die letztere Art ist Munks.«

»Und doch ist's bei Frauen erklärlich, die das Leben nicht kennen,« fuhr der Baron fort, ohne der Zwischenrede zu achten, »wie aber kann die Schwärmerei sich behaupten, bei einem Manne, der mit täglicher Erfahrung mitten im Leben steht?«

»Das mag wohl ebenso zu Stande kommen,« meinte Pinehas, »wie er und zahllose andere Leute es machen, die aller neuen Wissenschaft ein furchtloses Ohr leihen und dennoch fest am starrsten Dogmenglauben hangen. Ganz einfach: sie halten ihren Geist als ein offenes Land mit freien Wegen und Stegen, darin sie alle fremden Gedanken als willkommene Gäste sich munter tummeln lassen; mitten drinnen aber steht eine Festung, die Keiner betreten darf, der nicht nach Landesart uniformirt ist; diese Festung ist ihnen ihr Glaube; auch sie ist bevölkert mit schönen Gedanken, aber sie tragen alle Uniform, und wer sich in Civil auf der Straße betreten läßt, wird einfach als ein Spion erschossen. – So wird auch Munk seine Festung haben, in der er sicher wohnt vor allen feindlichen Gedanken und Erfahrungen.«

»Wenn es nun aber geschähe,« sagte der Baron, »daß einmal eine gewaltige Mine spränge und eine Bresche in den Wall seiner Festung legte?«

»Dann wäre sie eben verloren,« antwortete Hophni, »und höchst wahrscheinlich der Herr der Festung auch. Gott schütze ihn vor einer so überwältigenden Erfahrung, die ihm den Glauben an die ganze Reinheit der Reinen in die Luft sprengte. Kein Zweifel, der ganze Kerl würde aus den Fugen gehen und nicht mehr zu gebrauchen sein. Er ist ein Nachtwandler; wird er aufgeweckt, so bricht er das Genick. Mit Engeln versteht er umzugehen, mit sündigen Menschen aber nicht. Die Schüler zumal werden ihn nicht mehr fürchten und nicht mehr lieben, sondern ihm wie manchem anderen armen Wicht vergnüglich auf der Nase herumspielen. Für diesen wunderlichen Gesellen ist's nicht anders:

Nur der Irrthum ist das Leben,
Und das Wissen ist der Tod.«

Der Baron versenkte sich mit erneuter Theilnahme in das merkwürdige Madonnenbild.

»In der That,« bemerkte er, »es liegt in den Augen dieses Joseph etwas, davor man sich fürchten könnte wie vor einer schlummernden Naturgewalt. – Aber sagen Sie, welchen Eindruck hat auf ihn dies Bild gemacht?«

»Gar keinen,« erwiderte Pinehas, »denn er hat es nicht gesehen.«

»Was Sie sagen!« rief der Baron verwundert. »Aber warum zeigten Sie es ihm denn nicht? Ich dächte, seine Ueberraschung müßte Ihr Hauptvergnügen an dem ganzen Spaße sein.«

»Das sollte es auch; allein wir wagen es nicht,« bekannte Hophni beinahe kleinlaut, »er könnte so etwas wie eine Lästerung darin erblicken. Sein armes Selbst auf frech photographischem Wege zum thätigen Mitgliede der heiligen Familie befördert zu sehen, das wird er nicht vertragen. Und in solchen Fällen kann er unangenehme Augen machen.«

»Ei, ei!« lachte der Baron, »Hophni und Pinehas in ihren kühnsten Launen von furchtsamem Zartsinn gebändigt, das ist keine alltägliche Naturerscheinung. Aber hören Sie – der Mann muß dies Kunstwerk kennen lernen, ganz unbedingt; es wäre sündhaft, es ihm vorzuenthalten. Ich meine aber auch, da er gewissermaßen doch ein Heiliger ist, wird es ihn gar nicht wundern, sich als solcher photographisch erkannt und festgehalten zu sehen. Thun Sie's mir zu Liebe, ich habe meine besonderen Gedanken dabei. Ich wiederhole, es muß ein eigenes – wie soll ich sagen? molliges, bestrickendes, durchwärmendes Gefühl sein, so unvorbereitet den Joseph dieser Madonna darzustellen. Glauben Sie mir, Sie machen einen Menschen glücklich, wenn Sie es thun. Und Sie gewinnen ein Schauspiel, wie Sie selten eins erlebt haben. Wagen Sie's; versprechen Sie es mir.«

»Wenn Sie uns versprechen, uns am nächsten Sonnabend wieder in dieser unserer Klause aufzusuchen,« sagte Hophni schnell mit einem kaum merklichen, aber sehr boshaften Blinzeln.

Ein verdrießliches Zucken ging über die Züge des Barons. »Ich verspreche es,« sagte er endlich mit ungemein fester Stimme.

Hiermit war die Unterredung über diesen Gegenstand abgeschlossen; man ging zu leichteren Gesprächsstoffen und schwereren Getränken über. Nach vielen Stunden gelang es dem Baron sich loszureißen, den Wagen zu besteigen und die ungefähre Wegrichtung nach seinem Gute hin zu seiner tiefen Beruhigung endlich doch noch wieder aufzufinden. Hophni und Pinehas verweilten noch bei ihrer Thätigkeit.

»Du, er hat etwas –« sagte Hophni.

»– Mit der Valeska,« sagte Pinehas.

»Siehe in seinem Lebenslexikon –«

»– unter: Jugendsünden.«

»Und er hat etwas vor mit ihr und mit –«

»Nathanael Munk. Er wurde so dringend. Doch es hat keine Gefahr, denn Munk –«

»– ist und bleibt nur Fernliebhaber; wir können es darauf wagen ohne moralische Bedenken. Und jedenfalls –«

»– wird es ein Hauptspaß. Neugierig bin ich nur, ob unser Baron –«

»– sich loskämpfen wird. Gott schütze jeden Ehrenmann vor –«

»– einer tugendhaften Frau.«

»Amen.«

»Es lebe Valeska!«

»Prosit!«

»Wir trinken –?«

»Immer noch eins.«

»Immer noch.«

»Prosit.«

***

Acht Tage nach diesem saßen Hophni und Pinehas mit Zweifeln den Baron erwartend. Sie hatten eine neue photographische Teufelei ersonnen: der sanfte Kopf der Baronin Wiltrud von Schindelwick saß auf dem stattlichen Rumpfe des Stolpenburger Superintendenten in Talar und Bäffchen; neben ihm stand, demüthig seinen Befehlen lauschend, der dürre Küster Hulewenz mit dem wohlfrisirten Haupte des Barons geschmückt. Es waren die Früchte ihres jüngsten officiellen Kirchenbesuches. An diesem Bilde ergötzten sie sich eine Weile bei verschlossenen Thüren, dann versteckten sie es sorgsam in ihrem Kasten.

Der Baron kam wirklich. Seine Züge hatten einen abgespannten Ausdruck, wie nach einer starken Erregung.

»Verwundeter Krieger nach der Schlacht,« bemerkte Hophni laut zu seinem Cumpan hinüber.

»Wer?« fragte der Baron stutzend.

»Munk,« sagte Pinehas schnell.

»Ei, ei,« rief der Baron sogleich beruhigt und neugierig. »erzählen Sie. Wie hat sich's gemacht?«

»Wie zu erwarten war,« meldete Hophni ruhig.

»Wie war's zu erwarten?« fragte der Baron.

»Was haben Sie erwartet?«

»Daß er Feuer finge.«

»Hat er. Zunächst vergaß er, uns wegen der Blasphemie zu rüffeln. Schien sich vielmehr auf seinem Posten ehrlich zu gefallen. Im Uebrigen schwieg er sich aus. Doch seine Augen redeten in eigener Tonart.«

»Und weiter –«

»Wir beobachteten ihn dann von unserem Fenster aus. Es ist richtig, alle seine Madonnen von Fra Angelico bis van Dyk sind abgesetzt, verstoßen, zu Kebsweibern erniedrigt. Sancta Valeska ist Alleinherrscherin. Er steht stundenlang verzückt und starrt sie an. Ob auch sich selber, war nicht zu unterscheiden.«

»Und hat er nicht nach dem Modell gefragt?«

»Mit keinem Wort. Er schien ihre himmlische Abkunft keinen Augenblick anzuzweifeln.«

»Oder vielmehr,« ergänzte Pinehas, »um genau bei der Wahrheit zu bleiben, es war ihm nur zu deutlich anzusehen, wie ihm die Frage auf der Zunge brannte. Doch er verbiß sie sich dauernd: und das Naturspiel war sehr drollig zu beobachten.«

»Nach etlichen Tagen aber schmolz unser Herz,« fuhr Hophni fort, »und wir beschlossen, uns seiner Leiden zu erbarmen. Wir lockten ihn ins Theater. Nicht ohne List und Mühe; doch es gelang.«

»Das war sehr unvorsichtig von Ihnen,« meinte der Baron, »der Sprung von der Madonna zur Soubrette ist ein bißchen weit auch für seine stark geflügelte Seele; und überdies präsentirt sich grade Fräulein Valeska nach meinem Erinnern niemals schlechter, als in der Ausübung ihrer sogenannten Kunst. Sie mußten so den Aermsten mit einem Schlage aus allen Himmeln reißen.«

»Das war freilich sehr genau unsere Absicht,« bemerkte Pinehas trocken, »doch leider mißlang sie vollkommen und schlug in ihr traurigstes Gegentheil zurück. Vielleicht war die Wahl des Stückes von uns nicht minder verfehlt – wie sie es vom Theaterdirector war. Doch es ließ sich nicht anders einrichten: in eine ehrliche Posse war Munk mit aller Anstrengung nicht zu verschleppen. Vernehmen Sie und staunen Sie: man gab Emilia Galotti. Es war schauderhaft, ein literarischer Königsmord. Die Titelrolle aber gab –«

»Doch nicht Valeska?«

»Grade sie. Die erste Liebhaberin war plötzlich krank geworden. Valeska mußte eintreten.«

»Entsetzlich! Armer Herr Munk!«

»Ja, armer Munk! Diese Emilia war nämlich – entzückend.«

»Das Unmöglichste des Unmöglichen. Man kann die Emilia doch nicht wohl als munteres Kammerkätzchen spielen.«

»That man auch nicht. Man stand auf der Höhe des tragischen Empfindens.«

»Dann um so mehr zum Lachen.«

»Um so mehr zum Entzücken. Im Anfang zwar fürchteten – hofften vielmehr auch wir das Schlimmste. Doch es ließ sich aushalten; was sie in der ersten Szene zu sagen hat, ist allenfalls unschädlich; ihre Haltung war harmlos und niedlich; das wohlerzogene Schäfchen, wie es im Buche steht. Sie hatte aber Zeit sich umzusehen und uns nebst Munk zu entdecken; wir saßen in den vordersten Reihen. Nathanael war unbeschreiblich sehenswerth; ganz Auge, ganz Andacht, ganz Anbetung. Kein Zweifel, er sah kein Schauspiel, sondern eine lebenswirkliche Emilia Galotti; und diese Emilia war seine Madonna. Es gab für ihn keinen Sprung von der Allheiligen zur Comödiantin, sondern diese Beiden schwebten sich auf einer goldenen Brücke entgegen und flossen in einander. Madonna Valeska Galotti. Ein solches Quantum schwärmerischer Hingebung in einem einzigen Gesichte werden Sie sich kaum vorstellen können. Oder denken Sie an die verzücktesten Heiligen eines Murillo. So sieht sich Valeska nun angehimmelt: eine stumme Huldigung, derengleichen die kleine Soubrette wohl schwerlich schon erlebt haben kann. Und ihren Joseph natürlich erkennt sie. Und siehe da, die Neuheit eines solchen Triumphes über ein Mannesherz verwirrt sie vollkommen, sie verliert jede künstlerische und künstliche Haltung, sie ist nichts mehr als ein schüchternes, zartes, ahnungsvoll bangendes, selig erröthendes junges Mädchen, das die Augen nicht losbringen kann von einer gewissen gefürchteten Stelle, das die vorgeschriebenen Worte nur mühsam und ohne Betonung hervorstottert; kurzum, die schlechteste Darstellerin der Emilia und die denkbar reizendste Emilia selber. Dies war das ungeahnte Ergebniß dieses denkwürdigen Theaterabends. Wir waren ernstlich erschrocken.«

»Aber worüber erschrocken?« fragte der Baron, »Sie sollten stolz sein auf Ihren Erfolg. Allein ich merke – Sie sind eifersüchtig!«

Hophni und Pinehas blickten ihn von der Seite her mitleidig an, ohne ihn einer Zurückweisung solchen Verdachtes zu würdigen.

»Was soll daraus werden?« fragte Hophni statt dessen, »so etwas von Hülflosigkeit einer armen Seele kennen Sie ja gar nicht, Baron! Die einsame Schwärmerei ist ungefährlich: das frißt keinen Menschen auf. Wir hätten es dabei lassen sollen. Wo aber das Feuer auch von der anderen Seite kommt – das einsame Schwärmen dürfte kaum nach Fräulein Valeskas Geschmack sein. Was soll er nun aber mit ihr machen? Verführen kann er sie nicht, das ist nicht sein Fach. Weder als Mensch noch als Schriftgelehrter. Er müßte sie also geradezu heirathen.«

»Nun, und warum wollen Sie ihm das Glück mißgönnen?« fragte der Baron.

Hophni und Pinehas zuckten die Achseln.

»Ein köstlicher Spaß wäre es, nämlich für uns, aber ein häßlicher Ernst, nämlich für unseren Collegen. Hand aufs Herz, Baron, halten Sie es für möglich, daß dies eine glückliche Ehe gäbe?«

Der Baron lächelte. »Sie reden wie der blaue Idealismus. Junggesellenträume. Was nennen Sie eine glückliche Ehe?

Zwei Seelen und ein Gedanke,
Zwei Herzen und ein Schlag –

es sind doch nicht Hophni und Pinehas, die solche Verse machen. Jede Ehe kann glücklich werden.«

»Valeska und Nathanael – Nathanael und Valeska – nein.«

»Was gibt Ihnen das Recht, von dem Fräulein so niedrig zu denken?«

»Niedrig? Wir werden Sie vor die Klinge fordern müssen, Baron, wenn Sie das wiederholen. Sie wissen doch, wir sind bis über die Ohren verliebt in die Dame. Aber das kann uns nicht hindern, uns klar zu machen, daß sie jedenfalls keine Madonna ist.«

»Zugegeben; und vielleicht auch keine Emilia Galotti. Aber welcher Thor verlangt das?«

»Nathanael Munk.«

»Gestatten Sie mir, den Herrn für vernünftiger zu halten. Fräulein Valeska ist – nach Ihrer Schilderung – eine gutgeartete Person; gibt sich mit Wickelkindern ab, die sie gar nichts angehen; interessirt sich nach eigener Aussage mehr für Prediger und Schullehrer als für Seiner Majestät Offiziere; geräth in Verwirrung, wenn sie übermäßig angeschwärmt wird; ist übrigens heiter, aufrichtig und liebenswürdig; das ist so gerade der Teig, aus dem der liebe Gott die guten Hausfrauen bäckt.«

»Und obendrein,« bemerkte Pinehas mit Seelenruhe, »wird sie selbst nicht müde zu versichern, daß sie keine tiefere Sehnsucht, keinen schöneren Ehrgeiz kenne, als eine gute Hausfrau und Mutter zu werden. Und das ist ihr vollkommener Ernst, sie hat in aller Ehrlichkeit die Ueberzeugung.«

»Nun also, was wollen Sie mehr?«

»Sie tanzt zu gut,« versetzte Hophni kurz.

»Ist Ihr Herr Munk ein Puritaner von dieser Sorte?«

»Durchaus nicht,« sagte Hophni, »aber ich habe neulich einen Traum gehabt.«

»Hatte Pinehas ihn auch?« fragte lachend der Baron.

»In Träumen müssen wir uns nothgedrungen von einander emancipiren,« erklärte Hophni, ohne sich stören zu lassen. »Wir hatten an dem Abend eine kleine Kneiperei mit den Schauspielern gehabt, die zuletzt in einen Ball ausartete. Unter anderm Unsinn gab Valeska einen ungarischen Czardas zum Besten. – In dieser Nacht also träumte ich von unserer berühmten Dünenwüste; aber sie war nicht photographirt, sondern aus freiem Handgelenk gemalt – Colorit unglaublich, sage ich Ihnen! Dies Gelb des Sandes und Blau des Himmels, dies Blau des Meeres und dies Gelb des Sandes – ich hätte Tizians Neid nicht sehen mögen. Dazu eine nagelneue Staffage. Mitten im weltvergessenen Sandmeer saß ein einsames schönes Weib in glühenden Purpur gekleidet, mit Epheu umkränzt und blühenden Orangenzweigen; aber sie saß nicht mehr, sie war aufgesprungen, sie tanzte in jauchzendem Wirbel über die gelbe Fläche hin, den Sand aufwühlend, daß er in heißen Wolken um sie stob; sie tanzte, die purpurne Schleppe wie eine rothe Schlange nach sich schleifend, sie ganz allein in eigener Wildheit, einer sonnenbeglänzten Sturmwolke gleichend, in heißer Verzückung, dem süßesten Taumel hingegeben, in sich selbst berauscht, trunken von Einsamkeit und wirr beseligt vom dumpfen Selbstgenusse ihrer ungesehenen Schönheit – und diese brillante Person trug ganz zum Photographiren deutlich die Züge unserer neuentdeckten Madonna Valeska.«

»Nun, und – was wollen Sie damit sagen?« fragte der Baron kopfschüttelnd. »Mit der Wissenschaft der Traumdeutung habe ich mich bisher noch nicht befaßt; und auch bei Ihnen ist mir dies neu, und ich gestehe, ein wenig überraschend; ich habe Sie immer für einen klaren Kopf gehalten.«

»Ich mich auch, und gedenke, diese Ansicht gegen Jedermann zu vertheidigen. Aus jenem Traume aber habe ich für meinen Privatgebrauch die folgenden vier Streitsätze abgeleitet, welche ich hiermit in Auslage stelle. Erstens: Der geistreichste Photograph (Sie verstehen, auf wen ich anspiele) ist noch lange kein Künstler. Denn das geschilderte Traumgemälde hätte ich niemals auf photographischem Wege herstellen können, auch wenn die Wiedergabe der Farben zehnmal erfunden wäre. Zweitens: Unter der Dauer dieses Traumes war ich, Hophni, in Firma Hophni & Pinehas, ein regelrechter Künstler von Gottes Gnaden. Drittens: Ein Künstler von Gottes Gnaden sieht aus den Dingen niemals etwas heraus, das nicht von Hause aus in ihnen steckt. Viertens: Eine junge Dame, von der ein Künstler solche Abenteuer träumt, ist zur Ehegattin eines christlichen Religionslehrers nur sehr vorübergehend geeignet. Ihrem Wissen, Baron, will ich gern die genauere Schätzung überlassen, binnen welcher Frist die Langeweile in ihr die Sehnsucht nach der verderbten Welt wieder aufwecken wird.«

»Große Götter!« rief der Baron, die Hände zusammenschlagend, »verehrter Hophni, in Firma Hophni & Pinehas, wer hätte so viel Voraussicht hinter Ihrem weltberühmten Leichtsinn gesucht! Wie kommt Saul unter die Propheten? Ich war allenfalls darauf gefaßt, Sie etwa die Vergangenheit der Dame mit unberechtigten Ahnungen durchleuchten zu sehen – aber die Zukunft! Das heißt doch fast noch mehr, als Gras wachsen hören! Mir scheint, es wäre klüger, weniger klug zu sein und diesen Dingen ihren Lauf zu lassen. Und übrigens, was geht Sie's an? Sie werfen spielend einen Traubenkern durch die Luft: ein zufälliger Wind trägt ihn in ein gutes Erdreich, der Keim geht auf, der Weinstock wächst, die Trauben reifen, werden gekeltert – Ihr Bruder betrinkt sich an dem Wein und fällt im Rausch ins Wasser; sind Sie darum ein Brudermörder? Geben Sie es auf, Vorsehung zu spielen, Verehrtester, Sie gerathen in ein falsches Rollenfach.«

»Sie haben vollkommen Recht,« sagte Pinehas sanftmüthig. »Man spielt auf einem Heuboden mit brennenden Streichhölzern, man ist doch darum noch kein Mordbrenner. Und jedenfalls, da nun das Haus in Flammen steht, wäre es kindlich, mit Wassergläsern löschen zu wollen. – Die Dinge sind nämlich bereits sogar noch weiter gediehen. Hören Sie zu und jauchzen Sie. Verführer! Am Tage nach der Galotti-Vorstellung holen wir Valeska zu einem Spaziergange ab; man muß doch etwas thun für das Vergnügen der Einwohner und des Gymnasialdirectors. Da ertheilt das gute Geschöpf nach einigem Zögern uns ernsthaft folgenden Auftrag: ›Bitten Sie doch Ihren Herrn Collegen,‹ sagte sie, ›er solle nicht wieder ins Schauspiel kommen, wenn ich auftrete.‹ – Und warum das nicht? fragen wir verwundert. –›Ich kann es nicht aushalten, vor ihm zu spielen,‹ erklärt sie mit einem Thränchen im Auge, ›mir ist da gerade so, als ob ich ihm etwas vorlöge. O Gott, ich bin doch keine solche Emilia Galotti! Und er – er macht so sonderbare, sonderbare Augen, so ganz, als ob er Alles glaubte, was ich spiele. Sie können sich nicht vorstellen, wie mich das quält. Er darf wirklich nicht wieder ins Theater kommen. Bitte, sagen Sie ihm das. Wenn er mich sehen will, kann er mich ja in meiner Wohnung besuchen, wie Sie es thun.« – – Aha! – – Was blieb uns übrig, als den Auftrag ehrlich auszurichten? Den letzten Satz allerdings erlaubten wir uns wegzulassen, der Sicherheit wegen; vielleicht, daß er sie dann gar nicht mehr wiedersähe, die Leidenschaft doch noch in Madonnenschwärmerei verpuffte. Wir hatten die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Am andern Tage, als wir zum Appell bei Valeska antraten, finden wir in ihrem Empfangszimmer höchst feierlich in bitter-ernstem Gespräch ihr gegenübersitzend – Nathanael Munk. Ich will darauf schwören, er hat in seinem Leben noch nie mit einem andern Mädchen so Auge in Auge allein gesessen. – Nun war er da und das Gespräch in flottem Gange, allerdings in Form einer Predigt oder Vorlesung von seiner Seite. Aesthetische Briefe an eine Jungfrau, in mündlichem Vortrage. Er war bemüht, ihr langen Athems klar zu machen, daß die Schauspielkunst so wenig Lüge sei wie jede andere Kunst. ›Nicht einmal schöner Schein ist sie und jede Kunst,‹ offenbarte er, ›sondern ganze Wahrheit. Indem Sie die Emilia darstellen, stellen Sie einen Theil von sich selber dar, einen wirklichen Theil Ihres lebendigen Wesens. Kein Künstler kann eine andere Rolle spielen als sich selbst; versucht er es dennoch, so scheitert er und spielt schlecht, denn dann versucht er zu lügen, und die Lüge ist häßlich. Es gibt keinen schönen Schein, sondern nur schöne Wahrheit. Ein Künstler schafft Schönes, so lange er das gibt, was er in Wahrheit ist. Sie könnten niemals eine rechte Emilia weder dichten noch spielen, wenn Sie nicht eines Wesens mit ihr wären, wenn nicht ein Theil Ihrer Seele sich mit Emilias Seele deckte. Allerdings nur ein Theil. Sie müßten hundert Rollen spielen, um uns den hundertsten Theil Ihrer ganzen Seele aufzudecken, die Kunst kann immer nur einen Theil der Wirklichkeit eines Dinges herausheben und mit einem Rahmen umschließen; den winzigsten Grashalm kann der Maler nur von einer Seite, in einer Beleuchtung, in einer Stellung wiedergeben, und Shakespeares Gestalten in all ihrer Fülle sind ja nur der hundertste oder tausendste Theil eines wirklichen Menschen; aber dieser Theil genau so wie die Natur ihn schuf – als sie Shakespeare erschuf. Alle Kunst ist wahr, die uns einen Theil des Künstlers gibt. Also fürchten Sie sich nicht, mein Fräulein, Sie sind nie wahrer, als wenn Sie eine rechte Rolle spielen.‹ – Sie begreifen, Baron, daß Valeska zu dieser Predigt ein ziemlich dümmliches und wir ein ziemlich schlaues Gesicht machten. Wobei bemerkt werden soll, daß Ersteres unendlich reizend anzusehen war: ein Kind, das sich abquält, das Dogma von der Dreieinigkeit in seinen Tiefen zu verstehen, kann nicht lieblicher aussehen und nicht drolliger. Kein Zweifel aber: durch eben diese Predigt ist Nathanael Munk für sie zum Range eines Halbgottes emporgestiegen. Es dauerte eine gute Zeit, bis sie selbst ein Wort der Erwiderung wagte, das dann aber recht nachdenklich und geheimnißvoll klang. ›Dann kann man also,‹ fragte sie, ›in einem Augenblicke Alles vergessen, was man sonst ist und gewesen ist, und braucht nur zu sagen, was man in diesem Augenblicke fühlt – und das ist dann keine Lüge? Und wenn man in diesem Augenblicke sich gut und rein fühlte und hätte doch früher einmal eine Sünde begangen: darf man denn die vergessen und verschweigen?‹ Ihre Augen hatten einen seltsamen Glanz bei dieser Frage wie von einer scheuen und unsicheren Freude, wie wenn sie ein plötzliches Glück heranschweben sähe, dem sie noch nicht zu trauen wagte, eine Freude mit stiller Angst vermischt – Sie haben mehr Erfahrung mit weiblichen Personen, Baron, als wir; vielleicht wissen Sie das besser zu erklären als wir.«

Der Baron lächelte etwas gezwungen.

»Vielleicht sahen Sie zur Abwechslung einmal das Gras wachsen,« meinte er ausweichend. »Doch was erwiderte ihr Herr Munk auf die spitzfindige Nutzanwendung seiner Weisheit?«

»Er that einen Rückzug, der sehr bezeichnend für ihn ist,« entgegnete Pinehas, »er wich unversehens hinter die Mauern seiner Festung. ›Emilia – diese Emilia, die Sie spielen,‹ erklärte er tiefsinnig, ›hat keine Sünde begangen, die sie nicht vergessen und verschweigen dürfte. Diese Emilia kann gar nicht sündigen, und wenn sie sich vor sich selber fürchtet, so irrt sie; sie kann nicht sündigen, weil ihre Seele nicht bloß gut ist, sondern schön. Das Weib, welches schön ist in diesem Sinne, kennt keine Sünde, kennt nicht einmal eine Versuchung; wie schlafwandelnd geht es seinen selbstverständlichen Weg, den sein Verstand nicht kennt; es thut immer das Rechte und Reine, indem es einzig seinem Herzen folgt. Diese Ruhe, diese unbekümmerte Sicherheit ist es, die ihr die Charis gibt, den besten Theil aller weiblichen Schönheit, die duftende Blume, die kampflos der Wurzel des reinen Naturtriebes entspringt. Dieses Weib kann nicht Recht oder Unrecht thun, es kann ewig nur schön sein, weiter nichts. Ein anderes Weib kann sündigen und bereuen, und es wird ihr siebenundsiebenzig Mal vergeben werden, und man wird sie wieder gut und trefflich nennen; aber schön wie Emilia und schön wie die Madonna ist sie nicht und kann sie auch niemals werden. Die Charis der Reinheit kann nicht gegeben und nicht genommen werden.‹ – Was sagen Sie zu einer so ausbündigen Menschenkenntniß, Herr Baron? Möchten Sie so eine Wolkenschönheit nicht auch einmal mit Ihren sündigen Augen erblicken? Nathanael Munk aber, der Beglückte – er sah solch Wunderwesen vor sich in vollster Leibhaftigkeit, nicht über Wolken wandelnd, sondern ganz vernünftig auf einem etwas verblichenen Sopha sitzend. Was nicht geniale Augen Alles sehen können!«

»Und Fräulein Valeska?« fragte der Baron lebhaft. »Wie ertrug sie den Ueberschwang verliebter Huldigung?«

»Wie Sterbliche überhaupt den Duft des Weihrauchs zu ertragen pflegen. Im Anfang wehren sie den heißen Dunst mit beiden Händen ab, erröthen mit beschämtem Blick oder lachen wohl gar – bis allmählich, allmählich – – nun, der Proceß des Rausches ist uns Dreien ja geläufig. Und man kann sich bekanntlich auch in wenigen Minuten betrinken, wenn der Wein nur stark genug ist und man das nöthige Quantum einnimmt. So hat das gute Ding bald wirklich berauscht eine kurze Weile mit ganzer Seele über Wolken gethront; und Sie können glauben, sie ist nie so schön gewesen wie während dieser Weile. Nur ein klein wenig länger noch, und sie hätte zwei Gläubige mehr gewonnen. Zum Glück oder Unglück aber brach sie ganz plötzlich in schwer erklärbare Thränen aus und war nun – immer noch sehr niedlich, doch nicht mehr madonnenmäßig anzusehen. So wurden wir des drohenden Zaubers ledig und schickten uns an, durch weise Flucht uns ganz in Sicherheit zu bringen, als Munk uns zuvorkam und mit stiller Feierlichkeit seinen Abschied nahm. Möglich, daß er die ansteckende Kraft der Thränen fürchtete; denn ein guter Mensch weint immer am leichtesten, wenn er gar keinen vernünftigen Grund dazu hat. Wie er jene ihre Thränen sich gedeutet haben mag, nun, das ist seine Sache: auf jeden Fall wohl unrichtig. Und Sie, Baron, welche Deutung würden Sie für die wahrscheinliche halten?«

»Ich deute weder Träume noch Thränen,« sagte dieser kurz abweisend, »das aber steht mir jetzt fest: diesen Herrn Munk muß ich kennen lernen. Das ist eine positive Bereicherung meiner Menschenkenntniß; solche Käuze findet man nicht alle Tage. Sagen Sie, meine Herren, könnten Sie den Mann nicht einmal hierher verlocken?«

»Er ist zu schade für unsere Gesellschaft,« sprach Hophni trocken.

»Das ist etwas Anderes,« sagte der Baron mit einem kurzen Lachen, dann werde ich freilich auf Ihre Vermittelung verzichten müssen und ihn allein genießen, um ihn in besserer Gesellschaft zu haben. Richtig, ich habe einen Neffen auf dem Gymnasium; ich werde Gelegenheit nehmen, mich nach dessen theologischen Kenntnissen und moralischen Eigenthümlichkeiten im Namen seines Vaters zu erkundigen. Ich muß zwar fürchten, ein mehrstündiges Sündenregister verlesen zu hören, doch ich werde meiner eigenen Jugend denken und auch das ertragen um einer guten Sache willen. – Meine Herren,« fügte er, sich schnell erhebend, hinzu, »Sie haben Grund zu der Besorgniß, ich könnte Sie in wenigen Tagen schon wieder hier belästigen. Ich spüre den Drang, Ihnen Rechenschaft abzulegen über meine Eindrücke; und überdies, der Fortgang dieser Liebesgeschichte interessirt mich. Für heute leben Sie wohl.«

Er ging. Hophni und Pinehas blickten einander an.

»Das ist aber –« sagte Hophni.

Pinehas nickte.

So verweilten sie noch etliche Stunden schweigend und trinkbar.

***

Es folgte wirklich in einigen Tagen der dritte Kneipabend. Der Baron erschien auffallend ernst gestimmt.

»Es ist ganz gewiß die seltsamste Erfahrung meines Lebens,« sagte er nachdenklich in sein Glas blickend, »ich kam zu ihm mit einem gewissen leichten Spott im Herzen – er war ja nicht boshaft, dieser Spott: Sie begreifen, ein mildes Lächeln behaglicher Ueberlegenheit. Unsere Unterredung dauerte ein kurzes Stündchen oder höchstens deren zwei; sie drehte sich gar nicht um der Menschheit große Gegenstände, sondern meist um harmlose Fragen des nächsten praktischen Lebens. Und als ich von ihm ging, beherrschte mich ein seltsam freudiges und dennoch – ich muß beinahe sagen demüthiges Gefühl. Mir war – ich weiß nicht, wie ich das erklären soll, da ich den Mann doch nie zuvor im Leben gesehen – mir war, als hätte ich einen alten vertrauten Kameraden zufällig wiedergefunden, der es viel weiter gebracht im Leben, als ich, und doch mir redlich treu geblieben ist. Ganz wunderbar, diese Empfindung, ganz räthselhaft. Sie haben ihn gut geschildert, meine Herren, und haben doch Manches vergessen, das nicht das Schlechteste an ihm ist, so die heitere Unbefangenheit seines Wesens, die weder Hoch noch Niedrig kennt, die mit dem lieben Gott auf vertrautestem Fuße steht und mit der alten Waschfrau auch. – Meine Herren, was hat der Mensch für fröhliche, siegreiche Augen!«

»Da sind Sie ganz anderer Meinung als Fräulein Valeska,« bemerkte Hophni in gewohnter Gelassenheit, »wollen Sie hören, was die gesagt hat? ›Was hat der Mensch für schreckliche, grausame Augen!‹ rief sie aus. ›Ueberhaupt, er gefällt mir schon gar nicht; man muß sich ja fürchten vor dem. Und was er alles für Unsinn redet!‹ So hat sie gesagt, buchstäblich; aber was sie für ein Gesicht dazu gemacht hat – ich möchte wirklich einmal von einem Mädel so gefürchtet werden!«

Der Baron erwiderte nichts darauf, sondern versank noch tiefer in Nachdenken. Endlich begann er wieder mit dem gleichen Ernst:

»Ich habe noch etwas Anderes mit Ihnen zu besprechen, meine Herren, einen Rath zu erbitten. Es betrifft einen Vorfall, der mir seinerzeit schmerzlich zu schaffen machte und neuerdings auf eigenthümliche Weise wieder in meinen Gesichtskreis gerückt ist. Betrachten wir es als eine rein theoretische Frage, die Sie mir beantworten sollen. Sie sind durch Vorurtheile weniger beengt als Unsereiner und kennen doch die Verhältnisse genügend, um urtheilsfähig zu sein. Sie sind Reserveoffiziere und wissen also, was uns Ehre bedeutet, und Sie haben doch zugleich den Blick in ein anderes Leben frei, das weniger gebunden und von klarerer Menschlichkeit ist.«

Hophni und Pinehas vernahmen mit einiger Ueberraschung den ungewohnten Ton und lauschten mit gespannterer Aufmerksamkeit.

»Es handelt sich um zwei ehemalige Kameraden, Hugo von B. und Kurt von der M. Die Namen mag ich nicht nennen, obgleich die Sache viel besprochen ist und beide verstorben sind. Hugo von B., ein gutherziger, aber leichtsinniger Junge, lernte in einer kleinen rheinischen Stadt eine junge Dame aus leidlich guter bürgerlicher Familie kennen; beide Theile unvermögend, an eine Heirath nicht zu denken. Nun, Jugend hat keine Tugend; Noth bricht Eisen; kein Feuer, keine Kohle . . . kurz, man findet sich und weiß seine Gluthen zu kühlen. Leider kennt aber Jugend auch nicht die gebotene Vorsicht: das stille Glück des Paares wird ruchbar in dem Krähenwinkel, sehr laut ruchbar; der Ruf der Familie ist schwer bedroht – schon mehr als das; sie ist klug genug, vor einem öffentlichen Ausbruch den Platz zu räumen, nach Berlin überzusiedeln und hier in der schützenden Masse unterzutauchen. Das gelang vollkommen, weitere Folgen hatte die Sache nicht, die Reinlichkeit der Familie und des jungen Mädchens war unbezweifelt wie ehedem.

»Hugo athmete auf; was er an Vorwürfen verdiente, hatte er sich zur Genüge selbst gemacht. Auch er kam bald darauf nach Berlin; er that, was er thun mußte, vermied die alte Flamme hier aufs Strengste trotz starker Zuckungen im Gemüthe und wurde überhaupt fortan vernünftiger; gebranntes Kind scheut's Feuer. Zwei Jahre danach ging er auf correcteren Freiersfüßen; die neue Erkorene war reich und überaus verliebt in ihn; er hatte also jetzt die richtige Weichenstellung.

»Eines Tages führte ihn der Zufall oder der Teufel auf der Eisbahn mit der verlassenen Rheinländerin zusammen, vielmehr wirft sie zusammen im buchstäblichen Sinne; sie erkennen einander erst beim gemeinsamen Sturze. In verlegener Freundlichkeit begrüßen sie sich als alte Bekannte; ein kurzes Gespräch ist nicht zu vermeiden: im Verlauf desselben empfinden beide mit leiser Genugthuung die zwischen ihnen eingetretene Kühle; die Vergangenheit ist unter dem Eise oder sonstwo begraben.

»Zum Unglück nun hatte Kamerad Kurt von der M. den kleinen Auftritt mit angesehen; entzückt von dem Liebreiz der jungen Dame, entschloß er sich kurz, trat zu den beiden heran und bat, ihn bekannt zu machen. Widerwillig und erschrocken that Hugo, was nicht mehr zu vermeiden war.

»Die Sache entwickelte sich mit größter Schnelligkeit. Kurt war einziger Sohn aus sehr wohlhabendem Hause, ganz frei in seinen Entschlüssen. Nicht sehr viele Wochen nach jener Eistragikomödie erhielt Hugo einen Brief von Kamerad Kurt, worin dieser ihm seine bevorstehende Verlobung unter der Hand mittheilte – ihm als dem Ersten, da er doch gewissermaßen der Anstifter und Vermittler des neuen Glückes sei. Die Veröffentlichung sollte aus diesem und jenem Grunde erst in einigen Wochen erfolgen.

»Hugo war außer sich vor Schrecken. Was thun? Das arme Mädchen verrathen, zum zweiten Male unglücklich machen? Er selbst der Schuldige? Abscheulich. Unmöglich. Und gegen die Mannesehre. – Also schweigend zugeben, daß der Kamerad mit falscher Waare betrogen werde – wiederum durch seine Schuld, der ihn ungewarnt sich hat verstricken lassen? Und wenn nun vielleicht dereinst einmal Lästerungen aus der rheinischen Heimath doch bis hier herüberzischen und die Hausehre eines Offiziers und Edelmanns beflecken?

»So stand der Fall. Meine Herren, wie würden Sie entschieden haben?«

»Reden ist Silber, Schweigen ist Gold,« antwortete Hophni nach kurzem Bedenken.

»Mannesehre geht über Standesehre,« fügte Pinehas hinzu.

»Sie entscheiden sich kurz und leicht,« sagte der Baron, »dem armen Hugo wurde die Wahl schwerer, wie es denn wohl im Ernstfalle zu gehen pflegt. Und man muß sagen: die Folgen scheinen anders zu reden. Hätte Hugo das Mädchen geopfert, was wäre geschehen? Das Glück eines Herzens zerstört, das schließlich kein reines Herz mehr war, wenn es sein Glück mit einem Betruge zu erkaufen vermochte – vielleicht auch nicht zerstört; nur aufgeschoben bis zu einer dritten Liebe. So aber, was geschah? Hugo schwankte, und schwankend schwieg er wirklich so lange, bis es zu spät war. Die Verlobung ward gefeiert, die Ehe vollzogen; das Pärchen verlebte ein ungetrübtes Jahr in allem Glücke.

»Da ward Kurt von der M. plötzlich veranlaßt, um seinen Abschied einzukommen. Man konnte ihm auf seine Anfrage nicht verschweigen, daß es der Ruf seiner Gemahlin sei, der seine Stellung innerhalb des Offiziercorps unmöglich mache. Entrüstet forschte er weiter nach – und das Ende vom Liede war selbstverständlich das Duell mit Hugo von B. Kurt fiel, ins Herz getroffen. Der Arzt constatirte eine sonderbare Richtung des Wundkanals: schräg von oben nach unten. Es gab nur eine Erklärung – doch Hugo erfuhr sie nicht mehr; er jagte sich selbst auf dem Platze eine Kugel durch den Kopf. Sie sehen, meine Herren, der Fall war doch so einfach nicht.«

»Vielmehr ein neuer Beweis für die oft beobachtete Thatsache, daß jedes Ding zwei Seiten hat,« bemerkte Hophni bedächtig. »Tretbriefe gewöhnlich ausgenommen.«

»Der einzige sichere Rath, den man Herrn Hugo geben kann,« fügte Pinehas hinzu, »ist also der, sich künftig so gearteter Jugendsünden zu enthalten und seinen Bedarf an Lastern auf andere Weise zu decken. Er könnte sich an uns ein Beispiel nehmen. Es ist wahr, das viele Weintrinken ist auch ein Laster, aber erstens ein schönes, und zweitens hinterläßt es keine Folgen, als etwas Katzenjammer und später etwas Zipperlein. Doch beides nur zum Privatgebrauch; die Mitmenschheit bleibt unbelästigt. Das ist die beste Moral der Geschichte – von Ihnen freilich, Baron, sollten wir noch eine andere erwarten. Oder war Ihr Streben bloß, Ihr Erzählertalent leuchten zu lassen?«

»Die Geschichte ist typisch,« versetzte der Gefragte, »derartige Fälle wiederholen sich leider. Ein junger Kamerad befindet sich in ähnlichem Falle, nur nicht zu gleicher Schärfe zugespitzt; der Gegenspieler hat nicht Offiziersrang und ist nicht von Adel. Doch der Kamerad, wie gesagt, ist jung und noch sehr weichmäulig; sein Gewissen rumort. Er wendet sich an mich um Rath; welchen soll ich geben? Sie rathen zu schweigen und mein Gefühl im Anfang auch; und doch ist mir unheimlich dabei zu Muthe. So leicht vergißt man nicht, was man erlebte.«

In diesem Augenblicke hörte man draußen den Namen des Barons nennen; Jemand fragte nach ihm. Ein Postbote ward hereingeführt und übergab einen Brief, den der Baron mit großer Verwunderung empfing; er warf einen vorwurfsvollen Blick auf die beiden Genossen. Doch sobald er die Aufschrift betrachtet hatte, besann er sich schnell und zwang sich zur Ruhe, ohne doch eine starke Aufregung ganz verbergen zu können.

»Meine Frau vermeldet plötzlichen Besuch in meinem Hause,« sagte er mit erkünstelter Nachlässigkeit, nachdem er den Brief gelesen, »ich kann mich den Pflichten des Hausherrn nicht entziehen. Leben Sie wohl für heute und erfreuen Sie sich weiter Ihres sündlosen Lebenswandels.«

Mit diesem Versuche zu scherzen, der an dem zornigen Ausdruck seiner Züge scheiterte, entfernte er sich.

»Glaubst Du, daß die Baronin –?« fragte Hophni.

»– seine hiesige Adresse kennt?« nahm Pinehas die Rede auf. »Weder sie noch irgend ein Anderer. So unvorsichtig geht er mit seinem Rufe nicht um. Und uns war Discretion noch immer Ehrensache – eine zufällige Ausnahme ohne Bedeutung nur gerade heute –«

»Valeska!«

»Also!«

»Also!«

Nach einem längeren Schweigen fragte Hophni:

»Scheint Dir der Kopf des Barons geeignet für eine Darstellung des Theseus?«

So dunkel diese Rede war, sein Pinehas verstand sie doch.

»Ariadne auf Naxos,« sprach er mit ruhigem Kopfnicken.

»Und Bacchus?«

»Munk.«

»Es soll die glücklichste Ehe von der Welt geworden sein.«

»Nun also.«

»Also.«

***

Der Baron begab sich zu Fuß, mit hochgeschlagenem Rockkragen in den Gasthof, in welchem der bessere Theil der Schauspielertruppe sich einquartirt hatte. Er fragte nach Fräulein Valeska und ward in ihr Empfangszimmer geführt.

Sie stand auf und ging ihm langsam entgegen.

Sie war sehr einfach gekleidet; doch ihre jugendliche Anmuth schien nur um so frischer hervorzutreten.

Der Baron stand steif und zurückhaltend, vielleicht verlegen.

»Baron Schindelwick,« sagte er mit einer kühlen Verbeugung. »Sie haben befohlen, mein Fräulein –«

Der Ernst in ihren Zügen ward verdrängt durch ein fast übermüthiges Lächeln.

»Aber ich will Sie ja nicht anpumpen, Herr Baron,« sagte sie mit einem neckischen Knix, »die Bitte, die ich auf dem Herzen habe, ist wirklich vollkommen anderer Art. Auch sonst haben Sie keinerlei Anspruch oder Forderung zu fürchten; Sie sind in jeder Hinsicht außer Gefahr. – Und übrigens,« setzte sie, seine steife Verbeugung nachahmend, hinzu, »ist mein Name noch immer Valeska.«

Er lachte gezwungen. »Nun also?« sagte er kurz.

»Wie sonderbare Arten von Wiedersehen es doch in der Welt gibt!« rief sie aufrecht vor ihm stehend, und ihre Heiterkeit schien noch zuzunehmen: »Wir hatten gehofft, einander im Leben nicht mehr zu begegnen, – und hatten gefürchtet, es würde sonst eine bewegliche Scene geben; wirklich, Herr Baron, Sie haben das von mir gefürchtet! Und nun sehen wir uns doch und sind ganz vergnügt dabei. Sie wenigstens hätten allen Grund dazu, während ich allerdings nebenbei sehr ernste Sorgen habe – – nein, nein, Geldsorgen sind es nicht, ich schwöre es Ihnen.«

»Fräulein Valeska, ich weiß nicht, was ich von diesem spaßhaften Tone halten soll. Ich war gefaßt, von einem ernsten Anlaß zu hören, denn nur ein solcher vermag Ihre auffallende Maßregel zu rechtfertigen.«

»Aber warum zwingen Sie mich denn mit Ihrer Angst dazu, Sie auszulachen, Herr Baron? Sie sollten mich wirklich besser kennen; Gelegenheit hierzu habe ich Ihnen ja leider gegeben. – Es ist freilich wahr, meine Maßregel, Sie so nachdrücklich herzubitten, sieht fast wie ein Vertragsbruch aus; das dient zu Ihrer Entschuldigung. Wir hatten feierlich mit einander ausgemacht, das Stück unserer Vergangenheit, das uns gemeinsam ist, in einer tiefen, tiefen Versenkung für alle Zeiten verschwinden zu lassen. Und nun komme ich doch und will Sie wieder in meine Netze locken, ganz wie ich damals gethan –«

»Valeska!« rief der Baron heftig. »Noch einmal, was sollen die Späße? – Nein, wenn ich es denn immer wieder sagen soll, das haben Sie nicht gethan, Sie haben mich nicht mit Künsten gelockt – im Gegentheil, Sie haben sich tapfer gegen mich und sich selbst gewehrt; nie werde ich Ihnen diese Wahrheit verleugnen. Allein, auch Sie haben mir keinen Vorwurf zu machen, auch ich habe Sie nie betrogen, Ihnen niemals Vorspiegelungen gemacht –«

»Nein,« sagte sie freundlich, »die machen wir dummen Mädchen uns leider selbst. Auch ich werde Ihnen nie das Zeugniß No. Ia verweigern, daß Sie sich durchaus correct benommen haben im Kommen und Gehen, immer Gentleman. Zum Lohn für unsere beiderseitige Tugend konnten wir denn auch in Frieden und Freundschaft von einander scheiden. Nun ist da aber bloß die dumme Geschichte mit der Versenkung – Ihr Männer habt gut reden, für Euch ist so ein Zwischenfall ein Zwischenfall, den todtzuschweigen wenig Gewissensmurren kostet; keine kluge Gemahlin verlangt die Dummheiten zu erfahren, die der ehrbare Gatte vielleicht einmal gemacht hat; sein Werth wird durch solche Vergangenheiten nicht verringert. Doch mit einem Mädchen ist das ganz etwas Anderes. Da ist nicht zu murren, das ist so. Wir bringen falsche Waare auf den Markt, wenn wir so etwas verschweigen. Wir betrügen. Wir verkaufen uns zu einem Curse, den wir hatten und nicht mehr haben. – – Lieber Freund, Sie müssen mich dieses Vertrages entbinden. Das ist meine Bitte. – Und noch mehr: Sie müssen selbst reden. – Da ist ein Herr Munk, ein Lehrer am hiesigen Gymnasium; dem müssen sie Alles erzählen, was zwischen uns einst vorgegangen ist!«

Hastig, ruckweise stieß sie die letzten Sätze heraus; in ihren Blicken flackerte es wie eine schmerzliche Angst.

»Valeska!« rief der Baron im Tone der äußersten Ueberraschung. »Valeska, Du! – Sie selbst –?«

»Nein, Sie, Herr Baron, Sie sollen es thun,« sprach sie, sich noch zu einem halben Lächeln zwingend; aber dann brach sie in Thränen aus. »Ich kann es ja nicht! Ich kann es ja nicht!«

Der Baron trat hastig ans Fenster und blickte eine Minute lang stumm in die Dunkelheit hinaus. Dann kam er zurück, bot der Schluchzenden ritterlich den Arm und führte sie zu einem Sessel; er selbst nahm ihr gegenüber Platz.

»Liebe Freundin,« sagte er mit ernstlich bewegter Stimme, »lassen Sie uns diese Frage mit Ruhe und Sammlung besprechen. Sie haben mich völlig überrascht. In der That, das erwartete ich nicht, das konnte ich nicht erwarten. Das Gegentheil vielleicht – oder etwas Aehnliches. Ich sehe beschämt, ich habe Sie immer noch nicht hoch genug geschätzt. Sie sind eine wahrhaft vornehme Natur. – Und nun will ich Ihnen meinerseits ein Bekenntniß machen. Es wird Ihnen das vielleicht angenehm sein. Sie brauchen mir nichts mehr von Ihren Beziehungen zu Herrn Munk zu erzählen. Sie machen ein verwundertes Gesicht; bedenken Sie, daß wir uns in einer kleinen Stadt befinden; in einer solchen gibt es keine Herzensgeheimnisse. Ich will sogar noch das gestehen, daß ich vielleicht ein klein wenig mitschuldig bin an der Entstehung dieser Bekanntschaft – kein Erschrecken, liebe Valeska, und keine Entrüstung! Ich habe nichts Verwerfliches und nichts Verdienstliches gethan, sondern nur in halbem Spiele einem glücklichen Zufall ein wenig Richtung gegeben.«

»Und was bewog Sie zu diesem Spiele, Herr Baron?« fragte Valeska etwas befremdet. »Wer gab Ihnen das Recht, in mein Leben und das eines Andern ungebeten eingreifen zu wollen?«

»Ein Recht auf Theilnahme an Ihrem Geschick und auf herzliches Wohlwollen werden Sie mir nicht bestreiten können, liebe Freundin,« versetzte er ruhig. »Wir haben eine kurze glückliche Zeit mit einander verlebt; halten Sie uns Männer für so ganz leichtfertig, daß wir das völlig vergessen sollten, daß uns gar keine Dankbarkeit zurückbliebe? Sehen Sie, es sollte mir eine freundliche Genugthuung sein, Ihnen als heimlicher Freund zu neuem Glücke unerkannt den Weg gebahnt zu haben. Ich wußte ja, daß Sie sich ein anderes Ziel ersehnten, als die meisten Ihrer Colleginnen. Ich hoffte Ihnen Gutes zu bereiten, Valeska.«

»Indem Sie einen Mann mit mir – betrogen, Herr Baron? Es soll Sie nicht beleidigen; aber das war doch wohl mehr gutmüthig als vornehm gedacht.«

»Und wenn es nun mein Ehrgeiz wäre, einmal mehr gutmüthig als vornehm zu denken? Vielleicht, daß ich überhaupt die Vornehmheit so hoch nicht schätze. Auf jeden Fall soll mich Ihr Vorwurf nicht beleidigen. Was ging der fremde Mann mich an, mit dem ich nichts gemein hatte, nicht Stand, nicht Kameradschaft? von dem ich nichts wußte als nur von Hörensagen, daß er wahrscheinlich geeignet sei –«

»Von uns betrogen zu werden,« fiel Valeska bitter ein.

»Ich will nicht ganz widersprechen,« versetzte der Baron nach einer kurzen Pause. »Ich möchte mit Ihnen heute völlig wahrhaft sein. Ich glaubte, einen harmlosen, vertrauensvollen, herzensguten Menschen gefunden zu haben, der recht dazu geschaffen sei, nicht bloß Sie glücklich zu machen, sondern auch in unzerstörbarem Glauben an Sie von Herzen glücklich zu werden. So war meine Rechnung – bis ich ihn kennen lernte. Ich suchte ihn auf, Valeska, um Ihretwillen; ich ging selbst zu ihm mit dieser einzigen Absicht: ich wollte doch sehen, wie der Mann beschaffen war, der Ihr Herz so eilig hatte gewinnen können. So sah ich ihn und sprach ihn – und begriff das nur zu genau. Von dieser Stunde an ward ich von Reue und Zweifel gequält. Es war mir abscheulich fortan, diesen Mann betrügen zu sollen; es gab Stunden, wo es mir unerträglich schien. Mir kam der Gedanke, ihm Alles zu offenbaren, Sie zu opfern, zu verrathen, Valeska – aber es war nur ein Gedanke: die Pflicht gegen Sie war dennoch älter und stärker. Und nun kommen Sie selbst und lösen diesen Zwiespalt. Sie begreifen meine Ueberraschung.«

Valeskas Augen leuchteten. »Sie kennen ihn!« rief sie freudig, »und haben das auch empfunden, daß man ihn nicht betrügen kann! Sehen Sie, Henning, als Sie hier eintraten, waren Sie mir so bitter fremd, als hätten unsere Wege sich nie getroffen, wären nie so nahe neben einander gelaufen; und jetzt auf einmal sind Sie mir wie ein vertrauter Freund aus Kindertagen, dem man gerne Alles beichten mag, was man auf dem Herzen hat. Zwar, ich habe weiter nichts zu beichten, weil ich Ihnen nichts mehr zu erklären brauche. Ich habe diesen Mann geliebt – ich kann sagen, ehe ich ihn sah. Und so – Henning, so habe ich auch Sie niemals geliebt; ich lache Sie aus, wenn Sie mir's übel nehmen! Und seit ich ihn dann kennen gelernt, dachte ich an nichts mehr, als daß ich ihn liebte, und vielleicht er mich – und nichts darüber. Und er konnte verlangen von mir, was er wollte, – Alles – Alles – gegen ihn war ich widerstandslos; Henning, und gegen Sie – Sie wissen, wie ich gegen Sie einst zu kämpfen vermochte. Diesmal wäre es anders gewesen. Denn er ist anders als Ihr alle. Von allen Männern ist er der Einzige, der ganz fest in sich selber ist, der einzige Mann, der kein Schwanken und Fragen kennt, der Einzige mit vollem Glauben, mit stolzer unverbogener Seele. Ihr anderen seid alle Schwankende und Zauderer, Euer Herz ist voll Mißtrauen und Zweifel an Euch selber, Ihr trauet sogar Euch selbst nichts Gutes zu – und uns noch weniger. Es gibt Keinen sonst, der lieben könnte mit solchem Glauben. Ihr anderen kommt mit kalter Klugheit an uns heran, Ihr tastet und fragt – o, Jeden von Euch könnte ich betrügen mit lachendem Gewissen: Klugheit gegen Klugheit, List gegen List. Nur ihn nicht. Ihm sich zu verheimlichen ist unmöglich. Sobald ich zur Besinnung kam und den Gedanken faßte, daß er entschlossen sei, mich zum Weibe zu begehren – denn ein Kind könnte es in seinen Augen lesen – da wußte ich auch, daß es für mich keine Rettung gab vor der furchtbaren Nothwendigkeit, ihm Alles zu sagen. Aber ich fand die Kraft noch nicht in mir zu dem grausamen Bekenntniß; ich wich ihm zitternd aus; ich vermied es, je mit dem geliebten Manne allein zu sein; es waren qualvolle Tage – und endlich erkannte ich: ich werde niemals die übermenschliche Kraft zu dieser Beichte gewinnen. Doch ich würde auch niemals ertragen, mit dieser erstickenden Lüge nur einen Tag unter seinen Augen zu leben. Und darum, Henning, in dieser Noth und Wirrniß, in dieser Verzweiflung habe ich Sie mir zu Hülfe gerufen als den Einzigen, der diesen Knoten mir lösen kann.«

»Oder wohl auch nur ihn zerhauen kann,« antwortete der Baron, nachdem er eine Weile bewegt und nachdenklich zur Erde geblickt. »Valeska – sonderbar – Ihre Worte gerade haben eine wunderliche Verwandlung in mir bewirkt. Als ich hierher kam, hätte ich mir kaum etwas Besseres gewünscht, als eben diese Worte von Ihnen zu vernehmen, mein Gewissen durch Sie von dieser Unklarheit befreien zu lassen. Und nun auf einmal, da Sie mehr thun, als bloß mir diese Freiheit zu geben, da Sie selbst es fordern und mich drängen – nun auf einmal erscheint mir Alles von einer anderen Seite und in einem anderen Lichte. Sehen Sie, liebe Freundin, wir beide haben bisher nur immer an das Eine gedacht, unser eigenes Gewissen zu entlasten, uns von einem häßlichen Drucke zu erlösen; aber daran haben wir noch nicht gedacht, uns zu fragen: Welchen Eindruck wird auf diesen Mann unsere unerwartete Eröffnung machen? Und wie wird er sich verhalten nach dieser neuen Erkenntniß? – Valeska, sagen Sie ehrlich: wie, glauben Sie, wird er gegen Sie handeln, wenn er Alles weiß?«

»Verstoßen wird er mich,« entgegnete sie tonlos, »er kann ja nicht anders. Und ich – wohl mir, wenn ich dann sterben kann.«

»Valeska,« fragte der Baron mit einem scharfen und ernsten Blicke, »ist das wirklich Ihre ganze und ehrliche Ueberzeugung? Haben Sie gar keine bessere Hoffnung?«

Sie sah ihn starr an und rief plötzlich mit wild ausbrechender Leidenschaft:

»Nein, nein, ich habe gelogen – ich kann nicht sterben, ich will nicht sterben. Auch dann nicht, wenn er mich verstoßen hat. Ich dürste nach Leben, ich habe ja erst angefangen zu leben, es war Alles erst Vorspiel, es zuckt und brennt in mir nach einem volleren Dasein, nach einem überfließenden Glück, meine Sehnsucht zu ersättigen. Das hätte ich hier gefunden, hier allein – und wenn ich hier zurückgestoßen werde – Henning, ich muß noch leben, ich muß, ich muß! Nein, nein, nur nicht sterben! Ich bin keine Emilia Galotti – aber ich bin ganz verloren, wie Emilia es wäre, wenn sie nicht stürbe – Herr Baron, wenn Sie wollen, dürfen Sie mir lieber den Tod wünschen.«

Sie legte die Hände über die Augen und zitterte.

»Liebe Valeska,« sagte der Baron, »ich meinte etwas Anderes, wenn ich Ihre ganze Ehrlichkeit anrief. Ich weiß es ja doch, Sie haben geheim im Herzen eine bessere Hoffnung; und diese theile ich mit Ihnen. Ich hege den festen Glauben, dieser Mann wird, wenn er Alles weiß, sich in Alles finden und Ihnen in duldsamer Großmuth die Arme öffnen: hat doch sein Meister Jesus von Nazareth auch den Ehebrecherinnen und Magdalenen verziehen.«

»Aber er hat sie doch nicht geheirathet!« rief Valeska leidenschaftlich aus, »und, o mein Gott, ich wünsche mir ja auch nichts Besseres, als mit meinen Haaren seine Füße trocknen zu dürfen; und diese Magdalena war doch viel, viel schlimmer als ich!«

Der Baron mußte lächeln und fuhr doch gleich wieder ernsthaft fort.

»Glauben Sie mir, grade Ihre hochsinnige Redlichkeit wird ihn zwingen, Sie dem allem zum Trotz, sich selbst zum Trotz zu heirathen. Ihr Glück verlieren Sie nicht durch Ihr Bekenntniß, und Sie werden es behaglicher genießen, von dem Drucke des Geheimnisses endlich erlöst. – Und dennoch, ehe Sie dies lockende Glück ergreifen, bedenken Sie sich noch einmal und fragen Sie prüfend: Wie wird die keusche Seele dieses Mannes eine solche Wahrheit ertragen? Oder wie wird sie durch so schroffe Erkenntniß verwandelt werden? Sie preisen selbst als das Besondere, das Einzige an ihm seinen stolzen Glauben, den festen Tritt seines unbesorgten Vertrauens – Sie kennen den seltsamen Begriff, den er kühn sich erträumt hat, von dem reinen, dem schönen, dem vollkommenen Weibe: Sie sind ihm dies schöne Weib, das nicht sündigen kann, Sie sind ihm die Madonna, in der sein Traum sich erfüllt: – und nun auf einmal wird er durch den grellsten Lichtschein aufgeweckt, der festeste Stern seines Glaubens ist ein flatternder Dunst gewesen, das Heiligste, das er verehrte, sieht er befleckt, entstellt, tief im irdischen Staube haftend – Valeska, ich fürchte, dieser eine vernichtend helle Blitzstrahl zerreißt ihm allen andern Glauben auch, zerwühlt ihm auf immer den starken Grund, auf dem er stand: wem soll er noch glauben, was für rein und heilig halten, wenn dies ein Trugbild war? Seine Welt bricht um ihn zusammen, und er steht haltlos da in einem fremden, wirren, unverständlichen Leben. Und begreifen Sie, Valeska, er ist dann auch der Mann nicht mehr, der Sie zur Liebe gezwungen hat. Sie zertrümmern zugleich den Grund, auf dem Sie selber stehen mit Ihrer Liebe. Statt des glaubensvollen Helden finden Sie einen schwankenden Grübler, ein schwächeres Menschenkind, als wir alle sind, die wir statt des Glaubens die rechnende Klugheit haben, einen Menschen, den alle die vielleicht verlachen werden, die ihn jetzt verehren – Valeska, prüfen Sie sich –«

Er schwieg einige Secunden lang; sein Blick fiel auf das ihm wohlbekannte Madonnenbild, das gegen die Wand gelehnt auf einem Tischchen stand wie auf einem Altare; er führte sie an der Hand dorthin und sagte mit tieferem Nachdruck:

»Sehen Sie diese Madonna an, Ihr Ebenbild: – Valeska, retten Sie dieses Bild in seiner Seele.«

Sie rang erschüttert die Hände.

»Aber die Wahrheit,« rief sie verwirrten Blickes, »wie kann man ihm etwas Anderes sagen als die Wahrheit? Wie könnte man denn seine Augen ertragen mit solcher Lüge?«

»Was ist Wahrheit?« versetzte der Baron eifrig. »Die Wahrheit ist ein vielgestaltiges Ding, das jedem Sterblichen in anderem Gewande erscheint. Oder was meinen Sie, wenn ich einem frommen Kinde, einem gläubigen Volke, das mit einfältiger Inbrunst seinen Gott anbetet in der Gestalt eines gekreuzigten Menschenkindes oder eines schönen alten Mannes mit ehrwürdigem Bart und segnenden Händen, – wenn ich diesem treuen Volke mit unerbittlicher Ehrlichkeit das predigte, was ich für Wahrheit halte: ›Was Ihr da anbetet, ist nichts als ein Gebilde Eurer kindlichen Phantasie; der wahre Gott kann nicht die Gestalt eines Menschen tragen, sondern er ist reiner Geist, Alles umfassend, Alles durchdringend, nicht über der Welt und nicht neben ihr, sondern in ihr und mit ihr, der Geist des Weltalls selber, und jeder Einzelne von uns ein Theil dieses gestaltlosen Gottes und eins mit ihm; laßt darum ab, zu Bildern und Götzen zu beten!‹ Wenn ich das den Leuten verkündigte, was mir Wahrheit ist: würden sie Wahrheit von mir empfangen? Nein, wirbelnden Unsinn, der ihr Gehirn zerrüttete; ihre Wahrheit aber würde ich mit plumpem Fuße zertreten. Was ist Wahrheit? Die Worte gehen anders aus meinem Munde und dringen anders zum Ohre dessen, zu dem ich rede. Nicht, was wir sprechen, ist Wahrheit oder Unwahrheit, nur was gehört wird, kann die eine oder die andere sein. Das, liebe Freundin, bedenken Sie, ehe Sie Ihre Beichte ablegen. Sie werden zu sagen glauben: ›Ich habe einst eine Sünde begangen, erklärlich aus meinen Lebensverhältnissen, aus meiner Umgebung, verzeihlich, weil liebende Schwäche mich dazu trieb; ich fühle die Kraft in mir, hinfort an Deiner Seite so reinen Sinnes wie je das edelste Weib zu leben.‹ Aber das ist es nicht, was er hören wird, sondern in seinem Ohr wird es anders klingen: ›Ich bin ein unreines Geschöpf, gefallen, verworfen, der Frauenwürde baar, unwerth der Liebe, unfähig je wieder rein und schönen Herzens zu werden.‹ Das wird er hören, und Sie wissen genau, es ist die schnödeste Unwahrheit. Darum müssen Sie schweigen, um wahrhaft wahr zu bleiben. Die Vergangenheit ist todt, und nur Lebendiges kann eine Wahrheit sein. Begraben Sie das Todte in Ihrer Seele, wie ich es begraben habe, und es ist nicht mehr. In wahrhaft gegenwärtigem Leben aber seien Sie ihm das, was er in Ihnen sieht, seine Madonna, das vollkommene, reine, das schöne Weib; so allein vermögen Sie vor ihm und vor sich selbst die herrlichste Wahrheit zu reden. Valeska, hören Sie auf meine Warnung: zerstören Sie das Bild in seiner Seele nicht!«

Sie stand mit herabhängenden Armen starrblickend vor dem Madonnenbilde. Plötzlich hob sie den Kopf und sagte mit einem sonderbaren Ausdruck schmerzlicher Schalkheit im Gesicht:

»Sie müssen wohl Recht haben mit Ihrer Lehre; denn sehen Sie, Alles, was Sie da Schönes sagen, klingt in meinen Ohren doch immer ganz anders, als Sie es sagen. Es klingt immer ganz genau wie: lügen, betrügen – lügen, betrügen. Und das haben Sie doch gewiß nicht sagen wollen. Nein, lieber Freund, ich würde es nicht ertragen können, solche Art von Wahrheit zu ihm zu reden; ich würde seine Augen nicht ertragen können. Aber das andere auch nicht; es klingt zu süß, zu wunderbar, ›das schöne Weib – das schöne Weib‹; es wäre schrecklich, wenn er dies Bild verlieren müßte. Was soll ich thun? Wie soll ich es ihm retten? Ich muß verzweifeln, ganz verzweifeln. Wenn ich sterben könnte – aber Sterben ist gräßlich, Sterben ist unsagbar schauderhaft. Lieber Freund, nun bitte ich Sie, lassen Sie mich allein; das Schwerste muß Jeder allemal doch in sich selber auskämpfen. Wir haben uns wider Erwarten noch einmal im Leben getroffen; vielleicht nicht zum letztenmal; immer ist es mir tröstlich, einen Menschen zu wissen, der im Geheimen versteht, was meinem Handeln die Richtung gab. Leben Sie wohl. Ich weiß nicht, was ich thun soll – ich muß versuchen, ihm das schöne Weib zu bleiben. Es klingt zu süß, zu wunderbar.«

Der Baron küßte ihr die Hand und ging. Von der Schwelle noch einmal zurückblickend, sah er sie andächtig, mit gefalteten Händen vor dem Madonnenbilde stehen. Ein sonderbares Lächeln glitt schnell über seine Lippen.

»Das schöne Weib!« murmelte er und nickte befriedigt.

***

Einige Tage nach diesem erhielt der Baron einen Brief des folgenden Inhaltes.

»Hochedler Freiherr, Gönner und Spießgeselle!

Es würde mir ungewöhnlich lieb sein, Sie zu sprechen – leider kann es nur auf meiner Bude geschehen, woselbst ich krumm geschlossen liege. Zwar sind noch ziemlich viele meiner Knochen ganz, doch nicht genug, um mich zum Tempel des Bacchus zu schleppen. Für Speisen und Getränke ist gesorgt. Auch lagert hier für Sie ein rosa Briefchen von unbekannter Hand; was man durch den Umschlag entziffern kann, ist gänzlich ungenügend für das Verständniß. Also erlösen Sie mich bald von dieser Tantalusqual. Zur Belohnung lese ich Ihnen auch einen und den anderen schönen Spruch des Jesus Sirach vor, z. B.:

›Wo ist Weh? Wo ist Leid? Wo ist Zank? Wo ist Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursach? Wo sind rothe Augen?

Nämlich, wo man beim Wein liegt und kommt auszusaufen, was eingeschenket ist.

Siehe den Wein nicht an, daß er so roth ist und im Glase so schön stehet. Er gehet glatt ein.

Aber darnach beißet er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter.

So werden Deine Augen nach anderen Weibern sehen, und Dein Herz wird verkehrte Dinge reden . . .‹

Und weiter:

›Ein schönes Weib ohne Zucht ist wie eine Sau mit einem goldenen Halsband . . .‹

Von dieser meiner Schriftgelehrsamkeit dürfen Sie aber beileibe Nathanael Munk nichts sagen. Oder meinetwegen thun Sie's: er versteht ja doch nichts von der Schrift. Wozu hätte er sie denn studirt?

Es grüßt Sie harrend

Ihr ergebener
Pinehas (Sic! – Ohne Hophni.)

Der Baron ließ sofort anspannen.

»Du bist jetzt so unruhig,« sagte seine Gemahlin. »Du fährst so viel in die Stadt.«

»Immer Gymnasialangelegenheiten,« entgegnete er freundlich, »man muß den Herren auf die Finger sehen. Wozu sind wir Curatorium?«

»Ich weiß, Du sagst mir die Wahrheit?« sprach sie sanft mit einem leise fragenden Ton.

»Was ist Wahrheit?« versetzte er mit einem munteren Lächeln, küßte sie auf die Stirne und ging.

Er fand Pinehas in einem großen Ohrenlehnstuhl am Fenster sitzend, den Kopf und die linke Schulter stark verbunden, einen Eimer Eis zu seiner Seite.

»Was ist denn das?« rief der Baron, »Sie sind verwundet? Und wo ist Ihr Hophni.«

»Abcommandirt,« antwortete Pinehas gemächlich. »Setzen Sie sich, Baron. Die Schmisse sind natürlich unbedenklich. Hophni wird mir doch nicht ernstlich ans Leder gehen.«

»Alle guten Geister!« rief der Baron in höchstem Erstaunen, »Sie haben sich doch nicht mit Hophni geschlagen?«

»Mit wem denn sonst?« entgegnete Pinehas. »Ich schrieb es Ihnen ja doch schon. Ich schlage mich immer nur mit dem anständigsten Menschen, den ich am Ort grade auftreiben kann. Natürlich in voller Freundschaft. Bestimmungsmensur.«

Der Baron schüttelte den Kopf. »Sie werden mir kaum einreden wollen, daß da nicht etwas Ernsteres im Spiele wäre.«

»Wie Sie es nennen wollen; ich finde es nur scherzhaft. – Es ist Ihnen doch bekannt geworden, daß Fräulein Valeska Zarnikow heimlich dieser verderbten Stadt den Rücken gekehrt hat. Contractbruch selbstverständlich.«

»Nicht möglich!« rief der Baron erschrocken. »Keine Ahnung habe ich – und wie ist das denkbar – grade jetzt –«

»Und Hophni auch,« setzte Pinehas gelassen hinzu.

»Lieber Freund, ich wollte, Sie entschlössen sich, vernünftig mit mir zu reden. Oder wenn Sie Wundfieber haben –«

»Ganz ohne Bedeutung, theurer Freund. Und regen Sie sich nicht auf. Lassen Sie mich nur zu Worte kommen, die Geschichte ist ja so unendlich einfach. Nichts weiter als dies: Fräulein Valeska erklärt uns vor drei Tagen feierlich, sie sei gesonnen, durchzubrennen. Grund: übermäßige Langeweile am hiesigen Platze. Sie sehen: äußerst plausibel. – ›Ganz mutterseelenallein?‹ fragen wir mitleidsvoll. Da platzt sie heraus: ›Wenn Einer von Ihnen mein Reisemarschall sein will, habe ich nichts dagegen.‹ – Aber Sie hätten sie dabei sehen müssen. Denn eine Sehenswürdigkeit war's. Wenn sie mit demselben Tonfall und Gesichtsausdruck declamirt hätte ›den Kopf ihm ab‹, das verwöhnteste Publicum hätte stürmischen Beifall geklatscht. Aber daneben flackerte in ihren Augen etwas ganz Anderes, Wildes, Tolles, Ueppiges, Zigeunerhaftes, etwas, das mich immer wieder an Hophnis verrückten Wüstentraum denken ließ – ich habe mal irgendwo eine Geschichte gelesen von einer buhlerischen Königin, die ihre Liebhaber je nach einmaligem Gebrauche köpfen ließ: so etwas hätte man ihr auch zutrauen mögen. Die Kerlchen sollen übrigens alle einverstanden gewesen sein, daß dies bißchen Köpfen gar nicht in Betracht käme gegen das genossene Vergnügen. Ich will es glauben, wenn die Person annähernd so verführerisch ausgesehen hat, wie unsere Valeska in jenem Augenblicke; so etwas sollte in einem geordneten Polizeistaate gar nicht erlaubt sein. Neugierig bin ich in der That, ob Hophni mit oder ohne Kopf zurückkommt; wundern will ich mich über gar nichts. Doch ehe ich's vergesse, es war noch eine geheime Clausel bei dem Vertrage, die auch Sie angeht: ein feierlicher Schwur; kein Mensch außer uns und Ihnen, am allerwenigsten aber College Munk, dürfe je von der Sache etwas erfahren, nämlich von der Begleitung; das Durchbrennen war natürlich nicht geheim zu halten, brauchte es auch gar nicht. Natürlich begriffen wir nun ungefähr. Entweder hat sie sich mit Munk gezankt, oder dies alte Kameel hat einfach wider Erwarten nicht anbeißen wollen. Duobus litigantibus tertius gaudet. Aber das Gaudium hat seinen Haken; ein derartiges Durchbrennen war in firma nicht gut zu machen. Also Trennung von Tisch und Bett. Und da ergab sich das Ungeheure, Himmelschreiende, Lächerliche, ja vollkommen Dumme: Hophni und Pinehas waren beide zur gleichen Stunde ergriffen von der gleichen Kinderkrankheit. Solche Ansteckungsfälle sind bekanntlich festgestellt bei den erwachsensten Männern, Masern, Scharlach, Croup, Alles, was sonst bei unsern Kleinen gebräuchlich ist. Diesmal war es eine Art Drehkrankheit, scheint mir, erotische Tuberkeln im Gehirn oder Aehnliches. Solche Anfälle muß man hinnehmen als ein unverschuldetes Schicksal. Natürlich verständigten wir uns mit einem Blicke. Die Partie stand völlig gleich, also Würfel oder Waffen. Aber Würfel waren uns zuwider; die Sache saß tiefer. Pistolen sind feige und heimtückisch, Schläger kindisch, also krumme Säbel. Bis zur Entführungsunfähigkeit. Fertig. Hophni hat mich noch mit aller Sorgfalt hier eingepackt und ist dann auf Reisen gegangen. Heil ihm! Die Schulmeisterei ist er los. Sie sind nach dem Süden. Wir haben ein Viertheil unserer Erbschaft an die Sache gewandt; das gibt ein Jahr lang ein Götterleben für sie. Länger kann ich Hophni nicht entbehren. Bis dahin muß ich mich so behelfen. Vorläufig geht es auch ganz gut; so ein Krankenlager hat sein Behagliches; man kommt endlich einmal zur Ruhe und inneren Sammlung. Und dann habe ich drüben den Munk; ein vortreffliches Beobachtungsobject. Leider jedoch muß ich von ihm höchst Ungünstiges aussagen: der Kerl ist herzlos im Grunde; diese Idealisten sind alle herzlos. Man sollte doch meinen, anständigerweise müßte er in Schmerz und Gram ob der verschwundenen Liebsten vergehen, müßte wüthen und toben, Selbstmordversuche anstellen und dergleichen. Aber nichts von dem allen, keine Spur von einem reell gebrochenen Herzen. Im Gegentheil; er sitzt und schwärmt mit weit entzückterem Angesicht als je zuvor seine Madonna an. Stundenlang, sage ich Ihnen. Einmal habe ich ihn sogar auf den Knieen rutschen sehen. Ein Bild vollkommenster Glückseligkeit. Hie und da einmal wischt er sich die Augen, das ist wahr. Aber das ist auch Alles und geht im Handumdrehen vorüber. Da bin ich doch eine tiefere Natur; mir ist in diesem Punkte hundserbärmlich ums Herz. Es geht allerdings auch vorüber, kommt aber in ungleich kürzeren Intervallen wieder als bei ihm. Er ist in Wahrheit mehr in das Bild verliebt als in sie selber: da liegt's. So sind die Idealisten. Und das muß man ihm freilich lassen: der Vernünftigste unter uns ist er. Hophni verthut sein Geld in der sinnlosesten Weise; ich hocke hier und blase Trübsal; Nathanael aber denkt vermuthlich: ›Wenn sie schwindsüchtig ist, hätte sie mir ja doch nicht viel genützt.

Laß fahren dahin!
Sie haben's kein Gewinn,
Das Reich Gottes muß uns doch bleiben.‹

Und so ist er getröstet.«

»Schwindsüchtig?« unterbrach ihn der Baron. »Wer? Fräulein Valeska doch nicht? Das war ihr wahrhaftig nicht anzusehen.«

Pinehas lachte.

»Sie sind doch sonst ein heller Kopf, Baron. Das hat sie ihm als Grund ihrer Flucht geschrieben: unheilbare Krankheit, erblich – verstehen Sie, Baron, erblich! Gewissenhafte Menschen heirathen nicht mit solcher Krankheit im Leibe. – Uns hat sie zur Bestätigung dieser Aussage eidlich verpflichtet; und Sie, Baron, gehören als Dritter zu den Verschworenen. So werden die begeistertsten Wahrheitsfreunde zu Lügnern gemacht, bloß damit das eitle Ding in den Augen eines verliebten Schwärmers eine Heilige bleibe. – Sie hätten uns übrigens nicht zu verschweigen brauchen, Herr Baron, daß Sie mit der Dame in Briefwechsel stehen; wir hätten wahrhaftig nichts dabei gefunden. Es ist etwas so sehr Unschuldiges. In dem rosa Briefe für Sie wird wohl jene treuherzige Aufforderung zum Lügen stehen; er liegt dahinten auf dem Schreibtisch.«

Der Baron trat hastig dorthin, erbrach den Brief und las:

»Es ist unmöglich, ich kann nicht an seiner Seite leben. Aber das Bild soll ihm bleiben. Sterben kann ich nicht, ich kann nicht; ich dürste wie im Fieber nach Leben. Es soll in ewigem Taumel sein, aber leben muß ich. Denken Sie von mir, was Sie wollen – nur Ihn lassen Sie Gutes denken!

Ihre ergebene
Valeska.«

Der Baron faltete den Brief zusammen und steckte ihn schweigend in die Tasche. Pinehas beobachtete ihn scharf und sagte lächelnd:

»Nach dem Ausdruck Ihrer frommen Augen zu schließen, muß etwas sehr Rührendes in dem Briefe stehen. Ich merke, auch Sie sind so gemüthlos nicht, wie dieser Munk. Wie denken Sie im Allgemeinen über diese neueste Form seiner Heiligenverehrung?«

Der Baron zuckte die Achseln. »Ich denke, daß Munks Madonna eine äußerst wunderliche Heilige ist.«

»Ein räthselhaftes Geschöpf,« bekräftigte Pinehas, »im Schlaf eine Madonna, im Wachen eine Bacchantin. Wer will entscheiden, welches von beiden Gesichtern die Wahrheit spricht?«

»Glücklich der Glaubende,« sagte der Baron, »was ist Wahrheit?«

Er trat ans Fenster und starrte lange schweigend über die Straße nach dem stillen Hause hinüber, das Nathanael Munk bewohnte.

Erfüllter Beruf.

Der alte Röber vom Stolpenburger Gymnasium war nun endlich am Ziel seiner Sehnsucht, in den Ruhestand treten zu können; er war des Lehrens müde, unsäglich müde. Fünfundvierzig Jahre lang hatte er sein Amt mit dauernder Treue und endloser Qual verwaltet. Denn, um es sogleich und gerade heraus zu sagen, er war kein Pädagoge von Gottes Gnaden; er hatte es niemals verstanden, die wilden Gemüther der Jugend zu zügeln, zu leiten, seinem Geist und Willen zu unterwerfen.

Er war ein Mann, der Vieles wußte und Vieles konnte; ein Mann, der schon manchen Kreis von klugen Kennern entzückt hatte durch die schlichte Kraft seiner Beredsamkeit oder ein ander Mal durch die mühelose Anmuth seines Witzes; ein Mann, den auch schon mancher beträchtliche Gelehrte beneidet hatte um die Feinheit und Fülle seiner kleinen historischen Schriften, der Früchte seiner Mußestunden; dazu war er ein guter und liebevoller Mann, dem nicht leicht ein Redlicher sein Herz versagen mochte – und doch ein Mann, der das Eine ganz und gar nicht verstand, was nun zum Unglück gerade sein Beruf war. Niemals war es ihm gelungen, eine Klasse auch nur in der nothdürftigsten Zucht zu halten, weder die sittenstolze Prima noch die Gründlinge der Sexta, noch gar die rauhe Tertia, die Maienblüthe aller Flegelhaftigkeit: Alle spielten ihm mit gleicher Lust und Sicherheit tagtäglich auf der Nase herum. Nicht allein, daß während seines Unterrichtes alle Mal die eine Hälfte der Schüler sich unter dem Tische mit mannigfachen schönwissenschaftlichen Studien, von Grimms Märchen bis zu Casanovas Denkwürdigkeiten, beschäftigte, die andere Hälfte über dem Tisch ihre Unterhaltungsgabe ausbildete: es ging auch nicht leicht eine Stunde ohne irgend einen hübschen kleinen Zwischenfall vorüber, sei es, daß eine Spieldose plötzlich heitere Weisen erklingen ließ, bald aus dieser, bald aus jener Ecke, geheimnißvoll wandernd. sei es, daß eine Knallerbse explodirte oder ein Maikäfer schwirrte; oder daß durch eine wunderbare Fügung zehn Federkästen gleichzeitig zur Erde rasselten – oder was sonst das Herz der Schüler ungleich mehr vergnügt als das des Lehrers. Alles, was diese jungen Seelen an Heiterkeit und Uebermuth, Tücke, Trotz und Bosheit nährten, das trat mit wahrhaft dämonischer Erfindungslust unter den Augen dieses einen Unglücklichen ans Tageslicht und verbitterte sein Leben mit nie ermüdender Grausamkeit.

Es ist durchaus nicht anzunehmen, daß diesem Treiben eine grundbösliche Absicht zu Grunde lag, etwa die, ihn systematisch todtzuärgern; vielmehr hatten sie ihn eigentlich recht gern und seinen Unterricht noch lieber wegen der reichen Erholung, die er gewährte. Wenn aber irgend ein Gutgesinnter abmahnend den Verstand oder auch wohl die Großmuth der Schlingel anrief, dann zuckten sie die Achseln und meinten, er thue ihnen ja selber leid; »aber wir können nicht anders, es kommt immer so von selbst.«

Ueber die wahre Ursache dieser eigenthümlichen Erscheinung pflegten die glücklicheren Collegen viel hin und her zu reden, bedauernd oder lächelnd. Der Eine sprach ihm die Energie ab, der Andere die Geduld; der Eine das rasche Sehen und Ergreifen, der Andere die zuwartende Milde; der Eine vermißte Feuer und Frische, der Andere fand ihn zu unruhig; der Eine rieth zu größerer Strenge, der Andere zu mehr Sanftmuth – kurz, man hätte aus dieser Vielseitigkeit der Meinungen den Schluß ziehen können, daß er, zwischen Uebertreibungen die richtige Mitte haltend, einen wahren Musterlehrer darstelle; nur daß unglücklicherweise die Thatsachen allzu hart dagegen sprachen.

Tiefer griff das Urtheil des Schulraths.

»Sehr schade,« sagte dieser nach einer gründlichen Inspection, »er übertrifft an Wissen und Geist sehr Viele von uns; allein ihm fehlt die Kunst der Selbstdarstellung; er versteht sich keine Würde zu geben. Das ist's.«

Ohne Zweifel traf dieser Ausspruch den Nagel auf den Kopf. Denn es ist richtig, in diesem Punkte sind die Kinder nicht viel klüger als die Erwachsenen; auch sie schon schätzen das Geschäft nach dem Schilde und bewilligen ihren Respect auf Treue und Glauben einem Jeden genau nach seiner moralischen Selbsteinschätzung.

Röber aber zeigte schon als junger Hülfslehrer eine seltsame Anspruchslosigkeit, einen gänzlichen Mangel an der Fähigkeit, etwas aus sich zu machen und hoch auf Hacken zu wandeln, einen Hang, überall sich selbst in den Schatten zu stellen. Ueber ein ihm gespendetes Lob erröthete er noch in hohen Jahren und bemühte sich alle Mal eifrig, dasselbe auf ein tiefes Maß zurückzuschrauben und den Glauben an sein Verdienst mit den feinsten Kunstmitteln zu zerstören, ein Bestreben, das in den seltensten Fällen erfolglos blieb. Eine Pein war es ihm, sich selbst als Gegenstand der Verehrung für irgend Jemand, selbst für Knaben, hingestellt zu sehen; unter Leuten, die er an Geist oder Sitte überragte, hatte er keine Ruhe, bis er sich selbst so vielfach zerzupft und geduckt hatte, daß sie ihn nothwendig für ihres Gleichen ansehen mußten. Er konnte es nicht ertragen, daß sich Jemand neben ihm klein fühlte; vor einem Bettler schämte er sich seines anständigen Kleides, vor Ungebildeten verstellte er seine Sprache gewaltsam zu ihrer Redeweise und Aussprache.

Diese Art Thorheit nun vermochte er auch vor seinen Schülern nicht abzulegen; er empfand es wie eine Anmaßung, daß er klüger und stärker war als sie, und strebte heimlich, den Unterschied nach Kräften zu verwischen und sie ja nicht merken zu lassen, wie unergründlich dumm sie waren, wie unumschränkte Gewalt ihm über sie gegeben war. Auf solche Weise erreichte er stets mit vollkommener Sicherheit das Ziel, daß sie ihn nicht als ihren Herrn und Meister, sondern wirklich als ihresgleichen oder etwas Geringeres ansahen und darnach behandelten. Und wenn nun dieser Geringe dennoch den unvermeidlichen Anspruch erhob, ihnen Befehle und Lehren ertheilen zu wollen, so nahmen sie das natürlich übel und setzten der Herausforderung ihren gerechten Trotz oder Hohn entgegen.

So ward dem trefflichen Manne seine Thätigkeit eine Kette von Bitternissen, sein Amt ein Quell nimmer versiegender Leiden. Nicht, daß ihm der kleine Tagesärger, die wiederholte Kränkung seiner Person über Gebühr ans Herz gegriffen hätte: allein weit darüber hinaus empfand er mit Gram und selbsteigner Pein tiefinnerlich die Seelennoth, seiner Arbeit nicht gewachsen zu sein, auf dem eigenen Felde nichts Volles zu leisten, Tag für Tag den größeren Theil seiner Mühen ins Wasser zu schütten, ja vielleicht auch manchem haltlosen Gemüthe durch Entwöhnung von straffer Zucht handgreiflichen Schaden zu bringen.

Wenn es nur angegangen wäre, hätte er längst schon am liebsten Bücher und Bakel an die Wand geschmissen und allenfalls noch ein ehrliches Handwerk ergriffen oder ein Ehrenämtchen als städtischer Nachtwächter oder Rathsbote übernommen – zum Schuldiener oder Küster eignete er sich offenbar erst recht nicht, eben wegen jenes Mangels an Selbstdarstellung – allein es ging nun einmal nicht an: in dem ersten Hoffnungsrausch der festen Anstellung hatte er sich mit Weib und Kind belastet; wie durfte er diese in ein Loos der Armuth und Niedrigkeit herunterziehen? Ja, wenn ihm Magistrat und Schulcollegium oder welche Behörde sonst bei guter Zeit ein Ruhegehältchen, wie man es invaliden Offizieren thut, ausgesetzt und gesprochen hätte: Pflege Du fortan in ungestörter Arbeit Deiner Wissenschaft, die Du verstehst, in majorem magistratus gloriam! Aber leider, das that man nicht, sondern man conservirte ihn sorgfältig im Amt bis in sein hohes Alter.

So half ihm kein Gott, er mußte bei der Stange bleiben und weiter dulden, Jahr für Jahr. Jeden Morgen, wenn er zur Klasse ging, sah man ihn vor der letzten Ecke noch einmal stillstehen und zögernd umblicken, ob nicht vielleicht doch irgend ein Wunder käme, das ihm endlich einmal den Gang zur Folterkammer ersparte. Doch es kam nichts, weder Feuer noch Wasser, noch ein ausgebrochener Löwe; er mußte hineingehen und sich zwicken lassen, Tag für Tag und Jahr für Jahr.

Die grimme Nothwendigkeit aber ließ in seiner gequälten Brust auch immer wieder neue Hoffnung erwachsen und neues Streben. Mit unverwüstlichem Ernste legte er sich immer wieder die Frage nach der wahren Ursache seiner ewigen Mißgriffe und Niederlagen vor, ohne etwas Rechtes herauszubringen. Er ging aufmerkend und nachahmend bei seinen Collegen, auch als Greis noch bei den allerjüngsten, in die Lehre und prüfte sorgsam alle Meinungen, Mittel und Methoden, nach denen sie unterrichteten. Darnach versuchte er selbst es in jedem Semester mit einer neuen der hundert möglichen Methoden: das Ergebniß war immer das nämliche, daß die nichtsnutzigen Rangen nach jeder Methode gleich wenig lernten und sich gleich vortrefflich unterhielten.

Doch seltsamerweise wuchs im Laufe der Jahre mit der Zahl der Enttäuschungen nur die Zähigkeit seiner Hoffnung. Er rechnete ungefähr wie ein verrannter Lotteriespieler: auf hundert Nieten kommt ein Gewinn, folglich rücke ich mit mathematischer Sicherheit durch jeden Fehlschlag um einen Schritt tiefer in die Wahrscheinlichkeit hinein, nun endlich die richtige Methode zu erwischen. Und diese Hoffnung erzeugte und nährte immer kräftiger seinen heimlich glühenden Ehrgeiz, nicht eher vom Amte oder vom Leben zu scheiden, als bis er sich selbst bewiesen habe, daß klares Wollen und Beharren Alles in der Welt vermöge, wie so mancher Ausspruch alter und neuer Volksweisheit vorgibt. Immer qualvoller ward ihm der Gedanke, vielleicht mit dem Bewußtsein verfehlten Berufes, verfehlten Lebens sterben zu müssen. Nein, er wollte doch noch eine Leistung erzwingen, noch sich selbst bewähren in der großen Kräfteprüfung des Lebens; dann konnte er getrost in die Grube fahren, nicht eher!

So wälzte er von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr den schrecklichen Stein den Berg hinauf und sah ihn jenseits immer wieder hinunterpoltern. Es gab keine Ruhe und keine Erlösung für ihn, aber auch kein Ermatten.

Zuletzt aber thaten die Jahre doch ihr Werk. Die Müdigkeit überwältigte ihn; er klappte plötzlich zusammen wie ein Taschenmesser, und kein Ehrgeiz vermochte die starre Entsagung zu überwinden. Er ward nun vollkommen unbrauchbar, ein offenkundiger Schaden für die Schule. Da endlich hatte auch der Magistrat ein Einsehen, wenn nicht gar ein menschliches Rühren, griff mit schmerzlich zuckender Hand in den Gemeindesäckel und gewährte ihm das gesetzliche Ruhegehalt, welches ihn köstlich ernähren konnte, da inzwischen auch seine Kinder alle zu eigener Versorgung gekommen waren. Er hatte das fünfundvierzigste Amtsjahr und das neunundsechzigste Lebensjahr vollendet und gerade die neunzigste Methode durchgeprobt.

Und so ergab er sich denn jetzt in die Abdankung von seiner Lebensarbeit nicht allein in Frieden, sondern in Wahrheit mit Freuden und mit Sehnsucht. Er machte seinen Plan, aufs Land zu ziehen, um dort im Stillen der Wissenschaft zu pflegen und seine Muße mit Würde zu genießen. Sein ganzes Sehnen ging nun beglückt auf die Freuden der Freiheit und nie gekannter Ruhe.

Die letzten Monate durchduldete er stumpf und matt und begrüßte die Sonne des letzten Arbeitstages mit herzlicher Erquickung. Jegliche Art von Abschiedsfeier, auch die bescheidenste, hatte er sich strenge, ja mit Heftigkeit verbeten; er hätte eine solche vielleicht als herbe Ironie empfunden.

Das Eine freilich konnten sich die Collegen denn doch unmöglich versagen, vor seiner letzten Unterrichtsstunde sich mit einer gewissen Feierlichkeit im Lehrerzimmer um ihn zu versammeln, ihm ein kleines Erinnerungsgeschenk zu überreichen (es war Raumer's »Geschichte der Pädagogik« im Prachteinband) und ihm durch den Mund des Directors eine schöne Ansprache zu halten mit jenen in jahrhundertelanger Ausnutzung nie veralteten Kernworten von der Erhabenheit des Lehrberufes, der Schwere seiner Pflichten und der stärkenden Kraft des inneren Lohnes.

Allein selbst dieser einfache Act war nicht ohne Schwierigkeit ins Werk zu setzen. Der Held desselben mußte erst mit List gestellt und eingefangen werden. Man lockte ihn künstlich in das noch leere Zimmer, rottete sich draußen in aller Stille, im Sturmlauf hereilend, zusammen und drang in fest geschlossener Masse durch die Thür, ihm jeden Ausweg versperrend.

Jedoch auch dann schien das arme Opfer sich noch nicht ohne Fluchtversuch ergeben zu wollen; wenigstens deutete ein angstvolles Umherspähen seiner Augen und gewisse sehr sonderbare zuckende und duckende Bewegungen seiner hageren Glieder sehr entschieden auf eine Absicht, vielleicht unter dem Arm oder gar den Beinen irgend eines unaufmerksamen Amtsgenossen hindurchzuschlüpfen; und diese Bewegungen waren so überwältigend komisch, daß sich ein mäßiges Kichern zumal in den Reihen der jüngeren Herren nicht ganz unterdrücken ließ.

Als Röber das vernahm, änderte sich seine Haltung mit überraschender Schnelligkeit. Er hob den Kopf frei empor, faltete die Hände und faßte seine Bedränger einen nach dem andern fest ins Auge.

Und dann begann er, ohne die Anrede abzuwarten, selbst einige ernste Abschiedsworte zu ihnen zu sprechen. Er redete schlicht und klar von all den Nöthen und Qualen und ewig trügenden Hoffnungen seiner langen Laufbahn; ohne Beschönigung, ohne Klage, ohne Bitterkeit ließ er sie einen ruhigen Rückblick thun auf einen öden, sonnenlosen Lebensweg.

»Und nun am Ende,« so schloß er, »darf ich mir sagen: Ich habe Gutes gewollt, ich habe gesäet mit Fleiß und frommem Sinn; ist die Ernte nicht gediehen, so fehlte der Segen des Himmels, es war nicht meine Schuld. Die Ruhe habe ich mir auch so verdient. Die Ruhe! O, meine glücklicheren Freunde, Sie können nicht ahnen, was Sehnsucht nach Ruhe ist!«

Er schwieg, und im ganzen Zimmer regte sich kein Laut; durch die Reihe der Collegen ging sichtbarlich eine warme und starke Bewegung. Keiner von ihnen hat je diesen Anblick des greisen Mannes vergessen, wie er vor ihnen stand in seiner Schlichtheit, die Stirn nun wieder weit vornüber gebeugt, daß die dünnen weißen Haare lang und müde herabfielen, während er die mageren Hände noch gefaltet hielt, dabei aber die Daumen hastig um einander drehte, um nur ja die fruchtsame Würde, die er sich eben wider Willen gegeben, so schnell als möglich wieder zu verscheuchen.

Auch der Director vergaß seine Ansprache, er drückte dem alten Mitarbeiter nur leidenschaftlich die Hand und stürmte schweigend aus dem Zimmer. Dieser Director hatte die Eigenthümlichkeit, daß jede zartere Seelenanregung, der auch er zuweilen unterworfen war, ihren Ausdruck fand in einem Wuthanfall, wie bei manchem Andern wohl in einem Hustenreiz oder einem maßlosen Gebrauche des Schnupftuches. Solche Wuthanfälle waren selten, pflegten dann aber durch Vermittelung der Schüler gleich einer elektrischen Entladung in der ganzen Stadt und Umgegend nachzuzittern.

So stürzte er jetzt mit der frischen Ergriffenheit im Herzen unverzüglich in die ahnungslose Tertia und hielt den berüchtigten Raufgesellen dort eine Bußrede, in der er sie unter grauenvollen Drohungen aufmunterte, den alten treuen Lehrer wenigstens dieses eine Mal mit ihren Gemeinheiten zu verschonen und ihm so den schmerzlichen Abschied von den schönen, wenn auch schweren Pflichten seines erhabenen Berufes ein wenig zu erleichtern.

Die guten Jungen merkten wohl, daß mit dem Gefürchteten heute übel zu spaßen sei, und sie beschlossen, rückhaltlos zu gehorchen; die wirkliche Ausführung dieses Entschlusses freilich wurde ihnen vielleicht nur dadurch ermöglicht, daß sie heute ohnehin durch den sie umwitternden Glückshauch des Schulschlusses zur Milde gestimmt waren. Als daher der alte Röber das trübgewohnte Klassenzimmer betrat, er selbst noch ein Leuchten der Rührung im Antlitz tragend und freudiger einherschreitend, da stieß er auf eine Stille, Ordnung und schöne Sammlung, deren Möglichkeit er sich niemals hätte träumen lassen und die ihn daher nur fremdartig, ja naturwidrig und unheimlich anmuthete.

»Da ist etwas nicht in Ordnung,« dachte er erschrocken; »die haben etwas vor, sie wollen einen Hauptschlag gegen Dich führen; das kann nichts Anderes sein als die Stille vor dem Sturm.«

So wartete er in großer Angst auf den Ausbruch des Sturmes, immer gefaßt auf eine noch nie gesehene Nichtsnutzigkeit, jeden Augenblick bereit zu verzweifelter Gegenwehr. Je länger die Spannung dauerte, desto erregter wurden seine Nerven, desto düsterer seine Stimmung; es flimmerte ihm vor den Augen, schon wünschte er nichts Besseres, als daß es nur endlich zum Kampfe kommen möchte. Allein die seltsamen Schlingel hielten heute aus in ihrer Tugend; noch stand das Schreckbild des zornigen Directors ihrem Gedächtniß allzu nahe. So fuhren sie fort, den rastlos Lauernden wider Willen noch mehr zu peinigen als je zuvor. Er glich einem Verurtheilten, der stundenlang mit verbundenen Augen des tödtlichen Streiches harren muß. Kaum wagte er noch zu reden in diesem schauerlichen Schweigen; sein eigenes lautes Athmen ward ihm beängstigend.

Endlich ertrug er die gräßliche Ruhe nicht länger. Er selbst gab den Befehl zum Aufruhr. Er brach den Unterricht ab und ertheilte der Klasse die Erlaubniß, sich für den Rest der Stunde selbst zu beschäftigen, Jeglicher nach seinem Belieben.

Das thaten sie gehorsam; und das Belieben der Meisten ging dahin, sich mit gymnastischen Uebungen zu vergnügen, und zwar ausnahmslos mit solchen, welche auf dem Turnplatz nicht üblich waren, vornehmlich Faustkampf und Bücherwurf. In ihrer Gesammtheit erzielten sie sowohl für das Auge als auch für das Ohr den sehr bestimmten Eindruck einer Völkerschlacht.

Der alte Röber aber saß nun ruhevoll und blickte unerschüttert hinein in das wallende Chaos wie ein greiser Schiffer, der, von der letzten Fahrt heimkehrend, seine Brigg durch die gewohnte Brandung gelassen in den Hafen steuert.

Mit dieser denkwürdigen Stunde endete er seine Laufbahn. Er verließ nun die Stadt und siedelte sich in dem nahen Dorfe Plassow an, woselbst er sich eines ungetrübten Lebensabends zu erfreuen gedachte.

Allein sobald die erste unruhige Neuheit des Landlebens wieder seinem nachdenklichen Wesen Zeit gab, begann etwas Seltsames in ihm vorzugehen. Die noch unerklärte Erfahrung seiner letzten Unterrichtsstunde ließ ihn nicht mehr los. Eine Reue ergriff ihn, daß er damals freiwillig den Zügel hatte fahren lassen, den ihm eine unbekannte Gottheit freundlich in die Hände gelegt. Denn es war ihm längst die Erkenntniß aufgegangen, daß die wackeren Knaben damals wirklich nichts im Sinne gehabt hatten als die ehrliche Absicht, Ruhe zu halten aus irgend welchem Grunde – ja, aus welchem Grunde? Eine sonderbare Ahnung dämmerte in ihm auf: Wie, wenn ich durch einen wunderlichen Zufall gerade in jener letzten Stunde mit einer Art unbewußten Hellblicks die richtige Methode entdeckt hätte?! Dieser Gedanke nahm ihn gänzlich gefangen, und er suchte zurückschauend sich die Besonderheit seines damaligen Auftretens und Gebahrens vor der Klasse zu vergegenwärtigen. Und da kam er denn wirklich zu dem Ergebniß, daß die feierlich erhobene Stimmung jenes Augenblicks seiner Erscheinung etwas Würdevolles und Bedeutendes müsse gegeben haben, das ihm mit geheimnißvoller Macht die trotzigen Herzen unterjocht habe. Das war's! Er hatte ja von jeher ein dunkles Gefühl mit sich herumgetragen, daß gerade nur so etwas ihm mangele, eine eindrucksvolle Haltung, ein selbstbewußtes Hinschreiten, oder wie es zu benennen war. Doch er hatte kaum noch gehofft, daß es ihm gelingen werde, sich dieses ungewisse Etwas selbstthätig zu geben – jetzt aber, da der Zufall es ihm offenbart hatte, sollte es unmöglich sein, die gleiche Haltung mit Bewußtsein wieder einzunehmen und mit ihr stetig die gleiche Wirkung zu erzielen? Je weiter er dieser Vorstellung nachging, desto fester ward seine Ueberzeugung, daß ihm nach neunzig Nieten endlich der Gewinn zugefallen, daß die lebenslang gesuchte Methode gefunden sei. Und dann war ihm also das tragische Loos geworden, in eben dem Augenblicke das Schwert zu verlieren, wo er es erst schwingen lernte; das gelobte Land von ferne zu schauen und niemals betreten zu dürfen! Und selbst die einzige Stunde, die voll herrschend zu genießen ihm vergönnt gewesen, hatte er versäumt in seiner Blindheit, ein Odysseus, der, endlich heimkehrend, sein ersehntes Vaterland nicht erkannte!

Schmerzliche Reue beherrschte ihn, und indem er das einmal erlebte Bild einer ruhigen Klasse sich nachkostend immer wieder ausmalte, schmückte seine Erinnerung dasselbe täglich mit glänzenderen Farben, bis es das ganze ungeheure Grau seiner früheren Leiden mit siegreicher Leuchtkraft verdrängt und überblendet hatte. Die alte Hoffnung erwachte, die Müdigkeit wich aus seiner Brust und die Ruhe zugleich; eine trüb suchende Unrast trieb ihn grüblerisch umher.

Immer häufiger führten ihn seine Wege an dem schlichten Dorfschulhause vorüber, in immer engeren Kreisen umstrich er dasselbe und stand während der Unterrichtsstunden scheu lauschend unter den Fenstern still wie ein zagender Jüngling vor der Kammer der Geliebten.

Eine räthselhafte Sehnsucht zog ihn dorthin und hielt ihn fest, als töne die heiser krächzende Stimme des alten Schulmeisters wundersamen Sirenengesang.

Binnen Kurzem knüpfte er mit diesem abgelebten und recht sehr stumpfsinnigen Menschenkinde eine Freundschaft an, die freilich von seiner Seite nicht frei von stiller Tücke war, denn er strebte, unter der Maske wissenschaftlicher Harmlosigkeit, ihm lauernd seine pädagogischen Geheimnisse abzulisten.

Bald begleitete er ihn fast täglich in die Klasse und lernte hier immer von Neuem das große Räthsel der Disciplin bestaunen, welche täglich wie spielend das Ungeheure vollbrachte, den wirr herwimmelnden Schwarm ungeleckter germanischer Bärenkinder unverzüglich in eine mild lagernde Lämmerherde zu verwandeln; und das unter dem Zauberstabe eines Mannes, der von der Weisheit alter und neuer Zeit nur winzige Brosamen erhascht und von diesen die allerwenigsten wirklich verdaut hatte!

Seine Lehrweise und seine Manieren aber bestärkten den alten Röber nun ganz in der Sicherheit, daß er selbst an seinem letzten Tage wirklich die richtige Methode entdeckt habe: denn wahrhaftig, die Haltung, welche dies kümmerliche Huhn von einem Dorfschulmeister sich vor den Schülern zu geben verstand, war in ihrer Art ein mimisches und plastisches Meisterstück. Hoch aufgereckt pflegte er dazustehen, freudigen Trotzes, von Würde gesättigt: das Standbein starr, lothrecht, mächtig wider den Boden gestemmt, das Spielbein steif vorgestreckt, die rechte Hand breit in den Busen geschoben, die linke ruhig, sieghaft sich hebend, als zaudere sie sorglos nur noch einen letzten Augenblick, den Dreizack zu zucken oder die Aegis zu schütteln. Es ist wahr, überkluge Leute hätten leichtlich witzeln und lachen können über die eigenartige Erhabenheit dieser Schaustellung; allein sie wirkte wie jedes Pathos mit unfehlbarer Sicherheit: große und kleine Kinder glauben, schweigen und bewundern.

Und was so ein plumpes Magisterlein vom Lande so glänzend zu Stande brachte, das sollte dem Manne reicher Wissenschaft unmöglich sein? Röber's ganzer Ehrgeiz flammte wieder auf; eine neue Angst ergriff ihn vor dem Tode mitten in einem noch verfehlten Leben. Erfülle einmal Deinen Beruf und dann stirb in Frieden! so rief es wieder und wieder in seiner Seele. Die Ruhe war ihm unerträglich geworden; er richtete alle seine Gedanken darauf, noch einmal irgendwie seine alte pädagogische Thätigkeit wieder aufzunehmen.

Allein vergeblich klopfte er an bei Magistraten, Curatorien und Schulcollegien; man bedauerte unendlich, verwies auf die wachsende Ueberfüllung auch in dieser Berufsklasse, ja, man lächelte ihm mit schlecht verhülltem Spotte gerade ins Gesicht. Ein abgenutzter Karrengaul, der seine lahmen Glieder freiwillig wieder einspannen will!

Aber mit dem Widerstande wuchs seine Sehnsucht; er dürstete nach Arbeit, nach Erfolgen.

Da geschah es, daß der alte Schulmeister in Plassow selbst erkrankte und für längere Zeit vertreten werden mußte. Ohne Zaudern meldete sich Röber und erbot sich, die Vertretung für deren ganze Dauer ohne Entgelt zu übernehmen. Solchem Anerbieten vermag im Staate der Sparsamkeit keine Behörde, keine Gemeinde zu widerstehen; man erfüllte staunend sein Begehren.

So ward der gelehrte Historiker und Philologe, Oberlehrer Dr. Röber, ein Dorfmagister.

Mit jugendlich hoffendem Eifer betrat er die Stätte seiner neuen Wirksamkeit. Angethan mit Würde wie noch niemals schritt er einher, groß, stattlich, getragen, jeder Zoll ein Herrscher über die Seelen, ein wenig lächerlich sich selber zwar, doch sicher seines Eindrucks.

Und der Eindruck schien unverkennbar; eine ganze Viertelstunde lang ging Alles leidlich. Die schläfrigen Rangen waren noch nicht zum vollen Leben erwacht.

Doch freilich war's schon nicht mehr jene eherne Ruhe, jene willenlose Hingabe an die herrschende Gewalt, nicht der geheimnißvolle Instinct des Gehorchens, den er so oft unter dem vorigen Scepter bewundert hatte. Hier und dort schon zuckte etwas empor wie ein unterirdisches Flämmchen, ein leiser Versuch eines lockern Sichgehenlassens, eines willkürlichen Handelns. Der Eine begann vorsichtig die Ellbogen auf den Tisch zu lümmeln; der Zweite schnäuzte sich lauter, als sonst Gebrauch gewesen; der Dritte verwechselte den Deckel seines Rechenbuches mit einer Trommel; der Vierte suchte den Tisch durch eingeschnittene Verzierungen runenähnlicher Gestalt zu verschönern; – und jetzt unternahm es ein Fünfter bereits, seinem Nachbar ein scherzendes Kläpschen zu versetzen, welches ein kleineres Thier bis etwa zur Größe eines Kaninchens unfehlbar getödtet haben würde, Jenen aber zu einem schmetternden Rachegeschrei begeisterte.

Röber goß ohne Furcht die Schale seines Zornes hierhin und dorthin aus: er scheute sich nicht, das schwanke Birkenreis weithin mit Freuden zu schwingen, denn er wußte, daß er eine solche Herzenserleichterung sich in der Dorfschule mit heiterer Sorglosigkeit vergönnen durfte. Allein die Wirkung seiner Thaten war doch verwunderlich gering: für jeden gerichteten Rebellen standen sogleich zwei kühne Rächer auf. Immer größer ward die Unruhe, immer häufiger die Störungen; rastlos mußte er hin und wieder eilen und ohne Nutzen seine Kraft zersplittern. Ließ er links seine Wetter einschlagen, so erhob der Aufruhr rechts desto freudiger das Haupt. Als die Stunde sich ihrem Ende nahte, war die Klasse ganz Leben und Bewegung, vergleichbar einem Raubthierhause zur Fütterungszeit.

Röber mußte sich sagen, daß es noch langwieriger Anstrengungen und Versuche bedürfen würde, bis er seine erkannte Methode zur vollen praktischen Wirksamkeit durchgebildet haben würde. Doch er ließ sich nicht abschrecken; er wußte ja, was er wollte, er kannte sein Ziel und kannte seinen Weg.

So begann für den Siebzigjährigen nach kurzer Rast die Zeit der alten schweren Noth aufs Neue. Alle Tage die ewig gleiche Qual, Aerger, Demüthigung und hülfloser Kampf; nie eine Besserung, nie ein Ausruhen. Nur noch viel härter war der Kampf bei seinem Alter und der größeren Rohheit dieser Jugend.

Und doch glaubte er noch mehrere Wochen lang starr und zäh an den endlichen Sieg seiner Methode. Eines Tages aber machte er während einer Unterredung mit dem kranken Collegen eine ergänzende Entdeckung: mochte es Zufall oder Stimmung sein, es fiel ihm diesmal ganz besonders merkbar auf, wie unendlich tief dieser Dorfprophet von seiner eigenen Würde überzeugt war, wie ganz durchdrungen von gläubig zufriedenem Stolze auf seine Person, seinen Stand, sein Wissen, sein Wirken, auf Alles, was sein war. Da ging ihm plötzlich eine neue Wahrheit auf: man muß selbst von Herzen glauben an seine Würde und Höhe – dann erst glauben daran auch die Anderen; nur der vermag die Menschen zu täuschen, der zuvor sich selber täuscht! Halte Du Dich für einen Propheten und Du bist einer; zweifle an Dir, und kein Zeichen noch Wunder wird Dir helfen; nicht einmal gläubige Kinder wird Deine Predigt finden.

Diese Erkenntniß warf ihn darnieder: dies Eine war ihm in der Welt das Unmöglichste, sich selbst für etwas Sonderliches zu halten. Die Kunst verstand er nicht, sein eigenes Bild mit einem Strahlenschein sich zu verklären. Er stand vor sich selber allezeit arm und klein, ein Stümper an Wissen und ein sündhafter Mensch vom Wirbel bis zur Zehe.

Jetzt gab er die Hoffnung auf, vor dem Tode noch seinen Beruf zu erfüllen, jemals die Herrschaft über das störrische Gemüth der Jugend zu gewinnen. Er ward nun wieder müde, bitterlich müde; all seine Sehnsucht ging entsagend nach Ruhe.

Allein der kranke College beeilte sich durchaus nicht, zu gesunden. Es gefiel ihm ausgezeichnet, sich vertreten zu lassen; auch er hatte Lust an der Ruhe, und wer mochte es ihm verdenken? Alt genug war auch er und klapprig und abgetrieben erst recht. Dergleichen kommt bei Dorfschulmeistern vor.

Der alte Röber aber war nicht der Mann, eine einmal übernommene Arbeit bei Seite zu werfen; er vertrat ihn fort und fort mit gleicher Treue; er schleppte sein Elend weiter von Tag zu Tage, ein schwer verwundeter Krieger, der aus der Schlacht nicht weichen will, auch wenn er schon den Tod im Herzen fühlt.

Und er fühlte den Tod im Herzen; seine Kraft war gebrochen, sein Leben verzehrte sich. Eine Zeit lang merkte es Niemand im gewohnten Gleichmaß der Tage, wie seine Gestalt immer gebeugter, sein Gang immer mühsamer, seine Stimme immer zitteriger wurde. Eines Tages fand man ihn nach dem Unterricht ohnmächtig an der Schwelle seines Hauses.

Jetzt ward der Arzt geholt. Derselbe vermochte keine andere Krankheit zu entdecken, als marasmus senilis; er empfahl Stärkungsmittel und vor Allem unbedingte Ruhe. Uebrigens verhehlte er der Gattin nicht, daß es auch bei guter Pflege schnell genug mit ihm zu Ende gehe – nach menschlicher Berechnung. »Sicher ist, daß er nicht den kleinsten Stoß mehr verträgt,« fügte er hinzu. Als er von der Lebensweise und Thätigkeit des Greises hörte, meinte er kopfschüttelnd:

»Dann haben ihn die Racker todt geärgert.«

Mit dieser klaren Diagnose entfernte er sich.

Am anderen Morgen war Röber durch keine Macht vom Schulwege zurückzuhalten, auch nicht durch die verzweifelten Thränen seiner Frau.

»Wenn ich nichts Anderes in meinem Berufe vermochte,« sagte er, »so will ich doch bis zum letzten Ende meine Pflicht thun. Ich will mir beweisen, daß es nicht meine Schuld war, wenn ich nichts leistete. Ich will mir Absolution holen für ein verfehltes Leben.«

Es war nichts gegen ihn auszurichten, er hatte heut ein so entschiedenes und stolzes Wesen, wie sie es gar nicht an ihm kannte. Mit Mühe setzte sie es durch, daß ein Knecht, den sie herbeirief, ihn begleitete und stützte.

Unterwegs erst merkte er selbst, wie schwach er war; die letzte Strecke mußte der Knecht ihn beinahe tragen.

Nun hatte er in diesen Tagen ein Enkelchen zu Besuch im Hause, ein bildhübsches kleines Mädchen; das hatte die Aussagen des Arztes unbemerkt mit angehört und sich im Stillen seine Gedanken darüber gemacht. Als es nun in der Frühe die wohlbekannten schlimmen Scharen der Dorfjugend nach der Schule tölpeln sah, ward das Kind von einer zornigen Besorgniß ergriffen und faßte einen Entschluß. Mit einem kleinen Umwege den Großvater überholend, lief es vor das Schulhaus, steckte den Kopf durch das offene Fenster des Klassenzimmers und rief mit einem gellenden Stimmchen, das selbst das Morgengebrüll der rauhen Horde übertönte:

»Großpapa muß heute sterben. Und Ihr Racker habt ihn todt geärgert!«

Dieser seltsame Ruf und die unerwartete Erscheinung des goldigen Engelköpfchens am Fenster wirkte fast wie ein himmlisches Wunder. Der Lärm verstummte urplötzlich; durch alle Herzen zitterte ein schwerer Schauer, halb eine Ahnung von etwas Schrecklichem, halb ein noch dunkleres Empfinden; nicht Reue, aber ein dämmerndes Bewußtsein einer großen Sünde.

Das Schweigen dauerte fort, auch als der zornige Engel längst verschwunden war. Erst ganz allmälig begann ein Flüstern und Tuscheln sich wieder zu regen und langsam anzuschwellen. Vor dem Schall ihrer Stimmen aber wich der zarte Schauer mehr und mehr, und bald hatte der Lärm wieder eine leidliche Mittelhöhe erreicht; nur einige stillere Gemüther starrten noch andächtig dem lieblichen Kinderkopfe nach in die Lüfte.

Unter diesem Wechsel hatte der alte Röber mit seinem Begleiter sich langsam genähert. Als der Knecht die Stille bemerkte, sagte er verwundert:

»Wat is dat hüt mit uns' Takeltüg? Die schwigen jo rein still. Dor is wat nich in Richtigkeit. Wenn dat man wat Gods bedüd't!«

»Sie werden schon bald wieder lärmen, wenn ich nur erst drinnen bin,« versetzte Röber wehmüthig.

»Ja, dat 's ok wohr,« meinte der Knecht beruhigt, »un sie fangen nu ok so sacht all wedder an.«

Als die Beiden das Klassenzimmer betraten, ließ das Geschrei in der That nicht mehr viel zu wünschen übrig; der Knecht schleppte seine Last bis zum Katheder und machte sich dann schnell von dannen; er fühlte sich unbehaglich in dieser Umgebung.

Der alte Röber saß schwer athmend und wendete das müde Gesicht der Klasse zu; er versuchte zu reden, doch die Stimme versagte ihm noch.

Die Knaben aber blickten nach ihm hin und entsetzten sich, denn sie hatten ihn so noch nie gesehen. Ein Ausdruck feierlicher Stille erhöhte geheimnißvoll diese milden Züge; und die täppischen Seelen begriffen alle mit einem einzigen Blicke, daß er den Tod im Antlitz trug.

Da verstummten sie Alle noch tiefer als zuvor und schauten mit banger Ehrfurcht leise fragend zu ihm auf. Und es ward eine Stille wie beim Vaterunser in der Kirche und blieb so lagern und ward nicht unterbrochen von dem leisesten Hauch.

Das blasse Gesicht aber verklärte sich mehr und mehr von Freude, und schien doch zugleich noch zu wachsen an Ernst und ruhiger Hoheit. Der Mann mußte wohl begreifen, daß er heute in sicheren Händen die Herrschaft über die heilig bangenden Kinderseelen hielt.

Er gewann seine Sprache nicht wieder; stumm faltete er die Hände und blickte die Kinder eines nach dem andern liebevoll an. Ein wunderbares Lächeln strahlte um seine Lippen, und manchmal rollte eine helle Thräne über seine Wange. Und die Kinder falteten auch die Hände, Alle, ohne Ausnahme, wie auf einen Befehl, und er konnte in ihren derben Zügen einen vollen Widerschein seines Lächelns und seiner Wehmuth sehen.

Lange, lange Zeit hindurch unterredete sich so der Lehrer stumm mit seinen Schülern, und es ist gewiß, daß sie einander verstanden haben. Der müde Mann hatte seine Methode gefunden.

Einmal versuchte er noch, sich höher aufzurichten und zu sprechen; doch da fiel sein Kopf schnell vornüber auf die Brust, und seine Schulter sank gegen die Ecke des Katheders. So blieb er sitzen, ohne sich zu regen; sein Antlitz lächelte nicht mehr und weinte nicht mehr.

Die Knaben wußten Alle, daß er gestorben war. Und sie blieben bis zum Ende der Stunde unbeweglich mit gefalteten Händen sitzen, und nicht ein Flüstern ward laut in dieser wunderbaren Stille.