Die Belowsche Ecke

Erstes Kapitel

Am Stammtisch des Weinhauses Jonathan Below, Unter den Linden, Ecke der Schadowstraße, entstand eine lebhafte Bewegung. Man hatte sich eben erst von einer hitzigen Debatte erholt, die um das Hauptthema der neunziger Jahre, Bismarcks Entlassung, entbrannt war. Eben noch waren die alten Herren, den letzten Groll zu Tabakswolken verpaffend, in stilles Brüten versunken und dem Rotspon hingegeben, als es wie ein Lichtstrahl in all den Dunst kam und Versöhnung brachte. Man blickte auf. Hauptmann v. Weinschenk, der Kriegsinvalide von 1870, war in Bismarcks Interesse heiser geworden und mußte sich tobend räuspern. Professor König, der Achtundvierziger, glaubte den Gott der Junker endgültig gestürzt zu haben und lächelte ganz jugendlich vor sich hin. Herr Rösicke, Wäschefabrikant und Hoflieferant, tat etwas Besonderes beim täglichen Stammtischschlummer – er rekelte sich und machte die Augen auf. Joachim Friedrich Below aber, der wie gewöhnlich der Debatte ausgewichen war und auf die Linden hinausblickte, drehte sich überrascht um.

Nur Gottlieb Pinkert, der älteste Kellner, reagierte nicht auf die Sensation für den Wirt und die Gäste. Er schlurfte wieder in das Hauptzimmer, um bei Mutter Below am Büfett zweimal »frische Wurscht« zu bestellen.

Was war geschehen? War ein neuer Gast erschienen? Ja. Doch keiner, der sich in der Belowschen Ecke niederließ – das wußte man genau. Obwohl er in dem ehrwürdigen Hause geboren war. Der hübsche Rudi, Belows ältester Sproß, der Achtzehnjährige. Man sah ihn immer nur über die alte Wendeltreppe in die elterliche Wohnung eilen, ein seltsam buntes Element in dem grauen Winkelgebäude. Ein Moderner, ein Kavalier, fast schon ein Gigerl, wie man sie nach Wiener Muster auch in Berlin nannte. Die alten Herren machten ganz verliebte Gesichter. Selten kriegte man den netten Jungen hier zu sehen. Nun auf einmal war er erschienen. Rudi Below war bei den strengsten Respektpersonen beliebt, obwohl man eigentlich nur von ihm wußte, daß er auf der Presse mit Mühe sein Einjähriges bekommen hatte und nichts mehr tat, als auf Vaters Kosten zu bummeln.

Er sah seinen »Alten« durch den plötzlichen Besuch in guter Laune. Das freute ihn. Der schlanke Junge mit dem glattgescheitelten Kopf, der feinen, geraden Nase und den grauen, etwas harten Augen setzte sein anmutigstes Lächeln auf. Er schien zu fühlen, daß er den alten Kannegießern, die hier jeden Abend um die großen Dinge der Zeit stritten, ihre Mißstimmung zerteilte und als leibhaftiger Vertreter der Jugend versöhnlich wirkte.

»Da kommt ja ein seltener Gast,« meinte Joachim Friedrich Below. Niemand bemerkte, wie nervös es dabei um seinen Mund zuckte. »Junge! Was willst Du denn hier?«

Rudis mageres Antlitz errötete. Dann erwiderte er mutig:

»Mutter schickt mich. Du möchtest doch mal nach oben kommen, Vater. Sie hat was mit Dir zu besprechen.«

»Mutter? Na, das is aber neu! Die sitzt doch nebenan am Büfett? Da kann ich doch gleich zu ihr rüber –«

»Nein, Vater. Bitte – es geht nur oben. Ich geh' mit Dir 'rauf . . .«

»Ach, Du kommst mit? So, so . . .« Below wandte sich mit unbestimmtem Ausdruck zu den neugierig lauschenden Gästen. »'ne kolossal wichtige Beratung, meine Herren. Die Einsegnung meiner Tochter. Die Jungens wollen ihr 'ne kleine Festivität machen. Hermann, der große Dichter, hat wahrscheinlich was verbrochen. Ja, ja. Da muß ich wirklich um Entschuldigung bitten. Höhere Order –«

»Jeh' man, Below,« brummte Hauptmann v. Weinschenk. Die anderen lachten.

Mit etwas verlegner Miene begab sich der Wirt hinter seinem Sohne hinaus. Wohlgefallen folgte den beiden.

»Janz famose Rasse,« flüsterte der Hauptmann. »Hat das Beste abbekommen.«

»Von Vater und Mutter,« meinte Herr Rösicke.

»Das ist eine Familie vom alten Schrot und Korn. Wie viel gibt es noch davon in Berlin?« sagte Justizrat Brotbäcker, ein Notar, der leicht pathetisch wurde. »Es ist eine Freude, sie Sonntags alle in die Kirche gehen zu sehen.«

»Na, ich weiß nicht,« zischelte da plötzlich Professor König.

Weinschenk schlug mit der Faust auf den Tisch. »Nanu? Sie oller Pädagoge? Was haben Sie denn jejen Below junior?«

»Nichts Bestimmtes. Mit gütiger Erlaubnis! Aber ich erinnere mich von meinen Schülern her – in solchen Augen liegt Gefahr.«

»Für wen?«

»Für ihn und für alle, die mit ihm verbunden sind!«

»Da höre einer! Was meinen Sie dazu, Herr Ascher?«

Der Befragte, Berthold Ascher, Warenhausbesitzer aus der Königstraße, wiegte seinen häßlichen, aber bedeutenden Kopf. Er war der einzige Israelit am Belowschen Stammtisch, doch sein Urteil galt am meisten.

»Ich bin nicht maßgebend,« sagte er. »Meine Kinder sind anders erzogen.«

Nachdenklich schwiegen alle.

»Jeleuchtet hat er aber, wie der Junge plötzlich vor ihm stand,« sagte dann der Hauptmann. »Er is doch stolz auf ihn. Es is die Jugend. Wir sitzen hier und quasseln. Der jeht einfach auf die Straße 'raus. Der amüsiert sich und läßt 'n lieben Jott 'n juten Mann sein.«

»Wer weiß, was Vater und Sohn jetzt miteinander zu reden haben,« meinte Professor König düster.

»Mutter is ja auch dabei.«

»Ja, ja . . .«

In dem alten Wohnzimmer im ersten Stock, zwischen den gelbbraunen Biedermeiermöbeln, stand inzwischen Rudi Below seinen Eltern gegenüber. Nun waren sie völlig verändert – er sowohl wie sein Vater. Auch die Mutter wäre von den Gästen jetzt kaum als die immer heitere und rührige Wirtin erkannt worden. Ihr Asthma war stark. Sie schluchzte und rang nach Atem. Sie wollte so viel sagen, ihrem Jungen beistehen gegen den gefährlichen Zorn des Vaters, aber sie war nicht dazu imstande. Sie setzte sich und rang ihre Hände im Schoß. Rudi stand bleich an der Tür, von finsterem, unbeugsamem Trotz durchbrannt.

»Man leise, leise,« sagte Below, sich auf einen Stuhl stützend. »Daß es nich noch unter die Leute kommt, die Schande, die Du Nichtsnutz über uns bringst . . .«

»Die Leute – Du denkst immer bloß an die Leute, Vater – an mich denkst Du nicht. Ich bringe keine Schande über euch.«

»Nee wirklich nich, Fritz,« flüsterte die Mutter.

»Sei Du man stille! Ihr macht Partei gegen mich! Ich lass' mir nich zum zweitenmal in die Kasse manschen! Sowas gibt's nich bei Below! Der Junge kriegt, was er zu kriegen hat! Für Schlemmer und Spieler, die sich die Nächte mit Frauenzimmern 'rumtreiben, hab' ich nich zu sorgen!«

»Du hörst mich eben nicht an, Vater. Das sind doch Ehrenschulden . . .«

»Ach, Quatsch! Ehrenschulden! Mit achtzehn Jahren! Ich weiß ganz genau, was es is! Wenn ich nich so'n milder Vater wär', und wenn Mutter hier nich – 'runterlangen müßte man Dir eine –!«

»Fritz! Fritz!«

»Ich tu's ja nich! Sei man ruhig, Minchen! Reg' Dich nich so auf! Denk' an Dein Herz! Das is der Junge wirklich nich wert!«

Rudolf wandte sich zur Tür. »Was ich wert bin, weiß Mutter, und ich werde mich hier keiner Beleidigung aussetzen. Vor den Gästen bist Du zuckersüß, und wenn wir unter uns sind –! Ach Gott, das kenn' ich ja! Ich weiß ja, heucheln soll man, immer bloß was vorlügen, nie so sein, wie man ist! Aber das war früher Mode, Vater! Jetzt kommt 'ne andre Zeit! Jetzt heißt es Farbe bekennen! Jetzt –!«

»Halt Dein Maul oder –!«

»Fritz!«

»Ich geh' schon! Ich möchte Dir nur noch das eine sagen: Mutter hat es Dir ja auch schon gesagt: Ich bin Dein Sohn! Ich heiße Rudi Below! Spielschulden müssen binnen 24 Stunden bezahlt werden! In der Beziehung hab' ich dieselben Verpflichtungen wie 'n lumpiger Leutnant, der Dir wahrscheinlich mehr imponiert! Morgen abend um 10 Uhr muß ich die 670 Mark haben! Bar auf den Tisch, Vater! Ich will aus Rücksicht auf Mutter nicht sagen, was geschähe, wenn –«

»Geh' jetzt!«

Rudolf verließ das Zimmer. Man hörte ihn bald leichtfüßig die alte Wendeltreppe hinuntereilen. Nun ging er wieder auf die Linden hinaus, zur Friedrichstraße, ins nächtliche Leben . . . Die Eltern sahen sich schweigend an.

»Ach, Fritzchen,« stöhnte Minna. »Warum man bloß mit dem Jungen so viel auszustehen hat.«

»Da is nichts zu machen. Das muß man auf sich nehmen. Die Leute wissen ja nichts.«

»Willst Du's noch mal bezahlen?!«

»Natürlich, Minna. Aber es ist das letztemal. Du glaubst doch auch, daß es das letztemal is?«

»Ja, Fritz. Ich kenne Rudi.«

So sah es in der Belowschen Ecke aus – Parterre und im ersten Stock. Das Bild solidester Fleißesruhe, das diese Familie bot, war im Innersten angekränkelt. Mit peinlichster Angst überwachten Joachim Friedrich und Minna die konsequente Täuschung der Außenwelt. Sie waren geschickte Lebenskomödianten. Solange sie sich selber treu blieben, meinten sie, konnte ihnen nichts geschehen. Aber sie täuschten sich in dem Wesen der Stadt, das allmählich um ihr Dämmerleben herum erwachsen war. Sie täuschten sich auch in ihrem Kinde, das ein Geschöpf dieser Stadt war. Nützte es etwas, einen talentvollen Faulpelz von der Schule auf die Presse zu bringen? Er erreichte das Einjährigen-Zeugnis, aber sein rücksichtsloser Trotz wuchs im geheimen. Brachte es Segen, daß man Below junior, der abends gern von der rechten Lindenseite auf die linke ging, den Hausschlüssel nahm und sein Taschengeld auf ein Schülervermögen reduzierte? Er war achtzehn Jahre alt, er ließ sich einen Extraschlüssel anfertigen, und der Zauber seiner Persönlichkeit eröffnete ihm einen Kredit, der über die Markstücke der Eltern lächeln konnte. Rudi Below war schön. Die Frauen liebten ihn, wo er sie traf. Er ergab sich einer gefährlichen Lebensanschauung: aus den Augen, aus dem Sinn.

Solange Rudi etwas für sich erreichen konnte, machte er die Gebräuche der Eltern mit. Er besuchte jeden Sonntag mit ihnen die Kirche, sittsam, ein Gesangbuch in der Hand. Er zeigte sich auch zuweilen im Weinlokal. So galt er als ein wohlgeratener Below.

Dieses Einverständnis in der Heuchelei erzeugte natürlich tiefste Trennung im Wahren. Denn hier war Rudi nicht zu halten – das wußten seine Eltern. Er ging ihnen durch, wie ein gefangenes Tier, das groß genug geworden, um über den Zaun zu setzen. Auch an seinen Geschwistern konnte er keinen Halt haben. Die lebten unter dem gleichen Druck wie er. Belows waren schlechte Pädagogen. Die sechzehnjährige Erna hatte die Höhere Töchterschule verlassen und irrte nun als Hauskind, das überall nützen sollte, in der alten Wirtschaft umher. Aber es blühte in ihr und kam ihr aus jedem Winkel blühend entgegen. Man beachtete das hübsche Kind fortwährend, aber man leitete sie nicht. Es stand im Hause Below felsenfest, was eine Tochter zu tun und zu lassen hatte.

Auch Hermann, den zwölfjährigen, scheuen Gymnasiasten, vertraute man ganz seinem Traumleben. Er zeichnete und dichtete. Er baute sich Häuser, große, phantastische – ganz anders als die Belowsche Ecke. Er war auch Geiger. Da er aber im Gymnasium Sekundus blieb, war man mit ihm zufrieden und überließ ihn seiner Dämmerung.

Rudolf ging entschlossen an Eltern und Geschwistern vorbei. Er wußte, wohin er gehörte. Dort, wo das Neue war, das glitzernde Leben der Nacht, das kalte, bleiche Licht und die duftenden Frauen. Ihm zerfiel der alte Sündebegriff. Er war stolz auf seine Erfahrung. Wer immerfort im Dunkel der Wohlanständigkeit saß, konnte das Leben unmöglich kennen lernen. Auch ihn verurteilte man, weil er andere Wünsche hatte als die Philister. So hielt er sich denn an die, die ihn »verstanden«.

Sein künftiger Beruf, der ihn als Nachfolger in der Belowschen Ecke designierte, kümmerte ihn nicht. Mochten seine Eltern dort Geld verdienen – für ihn war es nichts, er ließ sich für so etwas nicht opfern. Mit allen Nerven atmete Rudi das andere Berlin, das neue, große und rastlose. Wenn es ihn haben wollte! . . .

Aber er war ja noch jung, er wollte sich vor allem austoben. Verzweifelt aber mußte er erkennen, welche Hindernisse ihm in den Weg gelegt wurden. Sein vornehmes Bürgerblut neigte dazu, sich der jungen Aristokratie anzuschließen, deren Eltern seinen Eltern so vertraut waren. Aber der nächste Anschluß, an das Militär, war Rudi versagt. Ein schwerer Rippenbruch, den er beim Reiten davongetragen, machte seinen stahlfesten Körper untauglich. So entging ihm, was er in Wahrheit als Soldat gefunden hätte – nicht Trunk und Spiel, nicht bunte Eitelkeit – ein gesundes Pflichtenleben: das hätte die Seite seines Wesens gepackt, die daniederlag. Er mußte Zuschauer bleiben. Er blieb auch als Privater ein Bürgersohn, so sehr er sein Aeußeres auf den Adligen stutzte. Seine Mutter saß am Büfett, und Vater verkaufte den Bekannten Rotwein. Man war freundlich gegen ihn, aber man lud ihn nicht ein, und feudale Klubs blieben ihm so fern wie seinem Vater das Arbeitszimmer des Kaisers.

So mußte er denn niedersteigen, und wie willkommen er auch geheißen wurde, seine neuen Kumpane hießen nicht Alvensleben und Plüskow, sondern Mayer und Schröder. Ein schlimmerer Konflikt entstand in seiner Brust – hier mangelte ihm nicht das Wappen, sondern das Geld. Er kam in eine fidele Gesellschaft hinein, die Ererbtes und Erborgtes mit losen Händen streute. Gabrielle, eine entzückende, französische Sängerin, die man dem hübschen Below nicht streitig machen konnte, forderte ein Vermögen. Rudi brannte der Kopf. Er wagte eine Attacke gegen den Geldschrank des Vaters. Aber Joachim Friedrich blieb so fest wie immer. Als die schwach gewordene Mutter einen heimlichen Griff für ihren Liebling wagte, kam es zu einer Szene, die dem elterlichen Leben fremd war. Kein Außenstehender hätte sie den Belows zugetraut. Erna, die an der Tür gehorcht hatte, floh auf nackten Füßen in ihr Bett zurück. Hermann saß noch wach am Arbeitstisch. Mit großen Augen starrte er in etwas, was fremd und drohend zu ihm herüberdrang.

Belows glaubten allzu gern, daß es »besser« wurde. Sie fuhren tief in ihrem Geleise. Aber den kühlen Tugendbauten der Linden waren die heißen Lasterhöhlen der Friedrichstadt benachbart. Rudis Flucht blieb so bequem, wie sie gewesen war. Taumelnd erfüllte er Gabrielle jeden Wunsch, und im letzten Augenblick fand er eine Hilfsquelle – er wurde in einen Spielklub aufgenommen. Bei seinem angeborenen Glück enthob dies Rudi aller Sorgen. Einige Monate wenigstens – dann wurde er in einer Nacht wieder los, was er sich mühsam erobert hatte. Rudi wollte das Schicksal zwingen, aber es blieb treulos. Bis er eines Tags nicht aus noch ein wußte. Er entdeckte sich seinen Eltern. Noch einmal, zum letztenmal, wurde die Schuld bezahlt. Aber das war nur die Lockung zu neuen Spielnächten. Dennoch bewahrte den Jüngling, mit dem die Zukunft etwas vorhatte, sein guter Geist vor dem Untergang. Er hatte nämlich einen gefunden, ohne ihn eigentlich gesucht zu haben. –

In der Friedrichstraße, unweit der Leipziger Straße, blühte um jene Zeit das Handschuhgeschäft von Adolf Wünschel. Der etwas verwachsene, immer fleißige Besitzer stand seit vielen Jahren auf seinem bescheidenen Posten, aber das Hoflieferantenwappen der Belows besaß er nicht. Adolf Wünschel war immer ein Revolutionär gewesen. Seine Kundschaft war wahllos, wenn auch solide – er lächelte über menschliche Torheiten und Standesunterschiede. Ein philosophischer Skeptiker, kaufte Wünschel nur dauerhafte Moden ein und hielt, ganz unspekulativ, nur das Notwendigste auf seinem Lager.

Wünschel hatte schon viel Unglück gehabt. Seine Frau war ihm jung gestorben, und sein Sohn war ihr bald nachgefolgt. Aber er hatte eine Tochter, die man nicht für das Kind dieses Vaters halten konnte. Martha Wünschel war schlank und hübsch. Sie wurde der unersetzliche Schatz des Handschuhgeschäftes. Mochte ihr Vater noch so gute Waren führen – die wahre Anziehungskraft seines Ladens war Martha. Das liebten die Herren gar zu sehr, vor ihr am Ladentisch zu stehen, ihrer duftigen Anmut nahe, und von der ernsthaft Blickenden sich das widerspenstige Leder an die Finger massieren zu lassen.

Auch Rudi Below gehörte zu diesen Verehrern. Zufällig nur war er, der sonst Kunde ganz anderer Geschäfte war, in Wünschels Laden gekommen. Sein Instinkt spürte in der hübschen Handschuhverkäuferin ein Wesen, das in seinen Bann geraten konnte. Martha war anders als die Frauen, die er sonst schon kannte, aber ihr fehlte auch merkwürdig stark die Philistertugend, die Rudi verachtete. Sie trug eine freudlose Jugend bei ihrem verbitterten Vater, der immer nur Pflichten forderte. Sie mußte den ganzen Tag, wie eine Gelähmte, bei ihrer Arbeit bleiben. Der Vater hatte scharfe Augen. Er hütete argusgleich seine kostbare Verkäuferin. Ging es dem Mädchen nicht ebenso wie Rudi, dem Knaben, in seiner gärenden Kraft?

Rudi hatte den Duft des Lebens, das Martha nur sah. Aus seinen blassen Zügen sprach das Ringen der Nächte, die dem Stubenhocker Sünde, dem Freien die Welt hießen. Martha wußte nicht, wie ihr geschah. Als sie zum erstenmal vor ihm stand und einen feinen Wildlederhandschuh über seine aristokratischen Finger zog, sah sie ihm zufällig in die Augen. Sofort schoß das Blut wie ein Strom in ihr Antlitz. Sie wußte, daß sie erwacht war, und sehnte sich jeden Tag nach seiner Wiederkehr. Er kam. Er spürte in völlig anderer Weise als sie den Halt seines Lebens. Sie verständigten sich, und eines Abends, als Vater Wünschel eine kleine Geschäftsreise unternommen hatte, holte Rudi Below das hübsche Fräulein ab. Martha handelte zum erstenmal gegen den Befehl ihres Vaters; sie ging nicht in ihr Zimmer, sondern schloß den Laden von draußen zu und folgte Rudi in ein leuchtendes Theater.

Sie spürte, daß er schwer bedrückt war. Je freier und glücklicher er durch ihre Frische wurde, desto mehr empfand sie, daß an seinem Kern ein böser Feind nagte. Solange er der altkluge Lebejüngling blieb, der ihr imponieren wollte, verhielt Martha Wünschel sich abwartend und lächelte ein wenig über ihn. Erst als Rudi, seiner Jahre würdig, richtig grün wurde, wirres Zeug schwatzte und große Projekte entwickelte, wurde es ihr warm ums Herz. Sie fühlte eine tiefe Zärtlichkeit für ihn.

Nach dem Theater saß sie ihm im Spatenbräu gegenüber, zum erstenmal mit einem jungen Herrn im Restaurant. Was ihre Freundinnen alle schon riskiert hatten – für sie war es Neuland. Aber ernst blieb ihr Sinn; sie schloß mit Rudi Below Kameradschaft. Hingegeben lauschte sie ihm und genierte sich, wenn sie seine fein polierten Nägel sah, über ihre vom Nähen zerstochenen Finger. Er kam überhaupt aus einer höheren Welt, aus der Belowschen Ecke, und seltsam genug, er haßte diese Welt, er suchte sich mit allen Kräften ihrer zu entledigen.

Sie wollte ihn erst beruhigen, aber allmählich fühlte sie doch, daß er recht hatte. Sie lernte von ihm. Auch sie war eine Geknechtete – bald sah sie ihren Vater mit seinen Augen an. Das große Mitleid und die Leidenschaft erwachten in Martha. Sie war von ihrem Bunde beseligt. Und angstvoll rang in ihr die Frage, die ein Mädchenherz nicht zu stellen wagt: Besaß sie noch die Kraft, den schönen, unglücklichen Menschen zu retten? Von Gabrielle sagte er ihr nichts. Aber ihr Instinkt empfand, daß eine Gabrielle hinter all seinen Nöten stecken müßte. Martha war ein Berliner Kind, Erziehung und Sitte trennten sie nur mit einem Schleier von den Abgründen des Lebens.

Adolf Wünschel merkte natürlich, daß Rudi Belows Besuche nicht seinen ausgezeichneten Handschuhen galten. Er sah auch die Veränderung im Wesen der Tochter, und diese Entdeckung gefiel ihm nicht. Wünschel teilte die ehrerbietige Sympathie seines Bekanntenkreises für die Belows nicht, obwohl er dem Stammtisch der Lindenecke seit Jahren angehörte. Es lag in Wünschels Charakter, daß er sich immer dort einnistete, wo er dagegen sein konnte. Ein heimlicher Schimpfer, fühlte er sich am wohlsten, wenn er seine Stammtischfreunde grollend verlassen konnte. Jeder war ihm zu flach und zu dumm, zu hochnäsig und zu geldgierig – er zog sich immer selbstzufrieden zurück. Die »Beziehungen« Belows verdrossen ihn. Er blieb ein schäbiger Provinziale, während Below eingesessener Bürger war und seinem Königshause trotz 48 das meiste dankte.

Und die Kinder?

Nun verdrehte ein junger Below Wünschels Tochter den Kopf. Er traute der verzogenen Range nicht. Anfangs steckte noch ein Geschmeicheltsein in Wünschel, eine Hoffnung, daß sich nahe Verwandtschaft mit den Belows anbahnte, die wirtschaftlich von großer Bedeutung für ihn werden konnte. Dann aber knuffte er sich selbst ob dieser Eitelkeit und zog energisch Erkundigungen ein. Sie fielen erschreckend schlecht aus. Wutentbrannt lief er zu seiner Tochter.

»Du kümmerst Dich nicht mehr um den Menschen! Das bitt' ich mir aus! Ich verzichte auf seine Kundschaft! Er ist mir außerdem schon 60 Mark schuldig! Ich habe ein Kontantgeschäft – jawohl! Was soll das alles, Martha? Ein Mädchen wie Du – bist zwanzig Jahr alt – hängst Dich an solchen Menschen – bist ein Jahr älter als er – ich weiß es, neunzehn ist er! Er denkt ja gar nicht ans Heiraten! Ich danke ihm auch dafür, ich habe mich erkundigt! Weißt Du, daß er ein halb verkommenes Subjekt ist? Der heimliche Gram seiner Eltern? Er ist ein Spieler, ein Schuldenmacher! Jede Nacht sitzt er, statt zu Hause zu schlafen, in einer Bar, wo der Auswurf der Menschheit verkehrt! Da ist Herr Rudi Below Stammgast! Und mit wem er da sitzt? Mit einem Frauenzimmer vom Lindentheater, mit der Gabrielle, für die er Schulden macht und sich zugrunderichtet, bis er eines Tags noch den Revolver – – na, warum bleibst Du nicht hier?! Bleib' hier, wenn Dein Vater mit Dir redet! Ich schmeiß' den Kerl raus, wenn er wiederkommt, der grüne Junge!«

Aber Martha hörte den Wütenden nicht. Sie lief in ihr Zimmer, schloß sich ein und weinte. Dann aber kam ihre treue Kraft zum Durchbruch. Sie glaubte, was der Vater ihr gesagt hatte, sie hatte es schon geahnt, aber das Signal, sich von Rudi zurückzuziehen, war es ihr nicht. Sie fühlte vielmehr einen unbeugsamen Beruf in sich, der ihr ganzes Wesen erfüllte. Eine Aussprache, die sie mit Rudi herbeiführte, riß ihm die Maske ab. Was Martha da erfuhr, war noch schlimmer, als was sie gewußt hatte. Er gestand ihr sein letztes Ringen, er ahnte nicht, wieviel ihr schon bekannt war. Seine Spielschulden würgten ihn, und Gabrielle hatte ihn heimgeschickt. Ihm blieb nur noch Marthas Verzeihung und der Tod. Das erste wurde ihm sofort, und das zweite verlor sich, als er bei ihr war, denn Martha wußte nun, daß die Französin nichts für ihn bedeutete. Kühne Genugtuung erfüllte das sonst so stille Mädchen. Jetzt war sie es, welche die Projekte machte.

Ihr Vater kam, doch er war eingeschüchtert, als er dem jungen Below gegenüberstand. Er wies ihm nicht die Tür – erst als der Verführer seinen Laden verlassen hatte, schimpfte Wünschel auf ihn und wütete gegen die Tochter. Diese aber hörte nur noch, was ihre Zukunft anging. Rudolf von seinen Schulden zu befreien, ihn in Berlin zu halten – das war unmöglich. Aber ging er, so ging auch sie. Ohne Rudolf leben war ihr das Nichts.

Jetzt wurde sie ruhiger und schreckte vor keinem Wagnis zurück. Es wurde ihr überraschend leicht, obwohl sie sonst nur demütige Aufrichtigkeit gekannt hatte, ihren Vater zu betrügen. Wünschel glaubte sie von Rudolf endgültig getrennt, er schonte ihren Liebeskummer. Ein Verdacht gegen sein Kind konnte nicht in ihm aufkommen. Sie hatte ihr ganzes Leben bei ihm verbracht, er hielt sie für untrennbar. So ließ er es auch diesen Abend beim alten, legte die Geldschrankschlüssel auf seinen Nachttisch und suchte, müde und gebrechlich, wie er war, den kümmerlichen Trost des Schlafes. –

Am nächsten Vormittag, zur Frühstücksstunde, kam Minna Below aus der Wohnung zu ihrem Gatten hinunter, den sie im Stammtischzimmer traf. Below saß dort nur mit einem einzigen Gast, denn die anderen Herren waren nicht so früh bei Wege. Der erste Gast war Berthold Ascher, der Warenhausbesitzer aus der Königstraße. Minna war von ihm geniert, sie winkte ihrem Gatten und ärgerte sich, daß er sie nicht sofort verstand. Aber Below mußte an Rudolf denken, als er Minnas ansichtig wurde, und wollte die wiedergewonnene gute Laune nicht verlieren.

Doch sie sah so auffallend erregt aus. Da mußte er sich erkundigen. Sein sorgloses Lächeln erstarb, als er ihre Flüsterworte vernahm.

»Rudi is nich da!«

»Nanu? Was heißt das?«

»Ich hab' eben nachjesehn! Er is jar nich im Bette jewesen!«

»Na, ich wundre mich jetzt über nichts mehr!«

»Erna und Hermann wissen auch nichts!«

»Aber reg' Dich doch nich auf, Minna. Er wird schon kommen. Denke gefälligst an Dich.«

»Ach was – ich denk' jetzt an den Jungen! Entschuldigen Sie bloß, Herr Ascher!«

»O bitte, bitte sehr, Frau Below – ich lese doch meine Zeitung!«

In diesem Augenblick betrat Adolf Wünschel, der sonst nie um diese Stunde die Belowsche Ecke besuchte, das Stammtischzimmer. Alle erschraken über sein Aussehen. Sein gekrümmter Körper schleppte sich, wie von einer Keule geschlagen. Seine hervorstehenden Augen waren gerötet, das Antlitz fahl, das wirre Haar nun völlig grau. Er stierte die Belows an und übersah Herrn Ascher, der hinter der Zeitung hervorlugte.

»Sie wissen wohl gar nichts?« flüsterte er heiser.

»Was denn?« schrie Frau Below auf.

»Ist Ihr Sohn hier?«

»Was wissen Sie von Rudi?«

»Ihr Sohn ist nicht hier? Nun, dann sind sie also wirklich –«

»Wünschel!« rief Below mit starker Stimme und packte die erschlaffte Hand des Fassungslosen.

»Meine Tochter – heute nacht – Ihr sauberer Sprößling ist mit ihr durchgebrannt – hat sie verführt – das arme Kind!«

»Mein Sohn is mit Ihrer Tochter –?«

»Und mit meinem Geld!«

»Minna!«

Frau Below sank um. Sie wurde von Herzkrämpfen befallen.

Ascher holte einen Arzt. Als er mit ihm zurückkam, sah er, daß die Mutter sich ein wenig erholt hatte. Unvergeßlich blieb ihm der verwirrte Blick des sonst so festen Below. Er sagte nichts, er streichelte nur seine jüngeren Kinder, die angstvoll herbeigeeilt waren. Dann führte man Frau Below, die immer nur leise das Wort »Rudi« sagte, in die Wohnung hinauf. Verstört standen die Kellner zusammen.

Als Ascher aber das Gastzimmer verlassen wollte, kam ihm Joachim Friedrich plötzlich nach und sagte mit seltsam heftiger Bitte: »Diskret, lieber Freund – das is doch selbstverständlich, nich wahr?«

Ascher nickte, gab Below die Hand und trat auf die Linden hinaus. Es war ein heller Vorfrühlingstag. Wie kontrastierte dieses Hoffen und Werden zu dem großen Elternschmerz.

Ascher schritt langsam den Mittelweg entlang. Da kam ihm wieder jemand nach und ging neben ihm her, wortlos zuerst, dann heisere Worte sprudelnd. Der andere Vater, Adolf Wünschel. Ascher lächelte ein wenig. Warum kamen die Bedrängten alle zu ihm?

»Tut mir leid – tut mir sehr leid, daß Sie da eben Zeuge waren,« flüsterte Wünschel, vor sich hinstarrend. »Sie dürfen aber nicht glauben, daß ich mich unterkriegen lasse. Ich war immer allein und will auch allein bleiben. In allen Menschen steckt eine Bestie. Warum nicht auch in unsern Kindern? Meine Tochter hat mich bei Nacht und Nebel verlassen – meine Tochter hat mich bestohlen – um mit einem nichtswürdigen Schlingel – na, nun weiß ich's. Was kann noch kommen? Ich verfolge sie nicht – mögen sie an den Kongo oder nach Brasilien gehen. Mögen sie verhungern drüben. Ich kenne meine Tochter nicht mehr. Ich bin stark, lieber Herr Ascher. Das traut mir niemand zu. Die Belows – passen Sie auf – die werden es nicht verwinden. Neugierig bin ich nur, ob sie mir das Geld ersetzen werden, das mir der Junge gestohlen hat. Aber auch das bedeutet nichts – gar nichts! Ich habe meinen ehrlichen Namen, mein gutes Geschäft! Verfluchte Bande! Jetzt ess' ich allein, was ich mir verdient habe!«

Ohne Gruß und seiner Sinne nicht mehr mächtig, ließ Wünschel den Warenhausbesitzer stehen. Er verschwand in der Lindenpassage. Die Leute sahen ihm nach, obwohl man hier durch Schaufenster genügend in Anspruch genommen war. Ascher schüttelte den Kopf. Er war seiner Kinder sicher. Um seinen angegriffenen Nerven etwas Stärkung zu geben, ging er zu Bols hinein und kippte zwei Schnäpse. Dann schlenderte er die Friedrichstraße entlang, um auf einem Umweg in die Königstraße zu gelangen.

An der Ecke der Leipziger Straße blieb er stehen. Hier sollte es also gewagt werden: Verwirklichung, Wahrheit seine große, schimmernde Idee. Noch wußte kein Mensch davon. Nur richtige Kalkulationen, keine Phantasien. Er sah schon die wahre Ecke in seiner Gewalt, und mit einem flüchtigen Lächeln bemerkte Ascher, daß Wünschels Handschuhladen sein Nachbar werden sollte. Armer Wünschel. Entweder mußte er mit den Preisen heruntergehen, oder die Preise taten es mit ihm.

Zweites Kapitel

Ein fundamentaler Entwicklungsunterschied entscheidet über den Lebenserfolg des Berliners. Entweder ist er der Erbeingesessene, wie eine Pflanze dem Erdreich der Ahnen entwachsen, dessen Zusammensetzung er als vorbildlich empfindet. Oder er ist der Eingewanderte, der Zufallsmensch der Provinz, der in dieser Stadt mehr als anderswo seines Glückes Schmied sein soll.

Ein Vertreter des ersten Typus war Joachim Friedrich Below. Er gehörte zu den Besitzern vieler Gottesgaben, die nur ihr Erbe verwalten und, wenn es ihnen angegriffen wird, mit entsetzten Augen fragen: Was will denn das Leben von mir? So muß es doch sein! Pietät der Kinder gegen die Eltern, Festhalten an König und Vaterland, goldehrlicher Handel und Wandel. Was sollte ich anderes tun als mich an diese Ewigkeitswerte zu halten? Meine Rasse tut genug, wenn sie dafür eintritt.

Der andere Typus aber findet so Festes nirgends vor. Er sieht es nur bei denen, die ihm fremd bleiben, und betrachtet, was dort ethische Geltung hat, für sich nur als nützlich.

Berthold Ascher war vor dreißig Jahren nach Berlin gekommen. Der Handlungsgehilfe aus Posen, arm und häßlich, fühlte eine prinzipielle Ablehnung seiner Person, aber die Kraft des Talents ließ ihn diese Ablehnung nicht zurückgeschreckt empfinden. Er nahm von vornherein den Kampf gegen sie auf. Für ihn gab es nur Siegen oder Unterliegen. Man hatte ihm zu Hause höhnend erzählt, in Berlin liege das Geld auf der Straße, und als der kleine Rotkopf hinkam, sah er es wirklich so. Er verlegte sich auf ein zähes, sein ganzes Dasein beherrschendes Studium des Geldverdienens. Er bedurfte nichts für seinen Körper – Kaffee und Käsebrot genügten. Aber sein Geist erfüllte sich, wie das Warenhaus der Zukunft, mit allen Lebenselementen derer, die ihn umgaben. Er brauchte nicht wie Below hundert Voraussetzungen zu erfüllen, die tote Mächte über ihn verhängt hatten. Das Exempel seines Lebens war nur ein Beweis, und seine Seele blieb in biblischer Ferne.

So gelang es Ascher bald, und er fand auch die Frau, die für ihn paßte. Bertha Salomon gab seiner Anpassungsfähigkeit das Fundament. Ihre Familie hatte das Ansehen der Belows und lebte fast ebenso lange in Berlin. Ihre Mutter war mit Rahel Levin verwandt und ihr Großvater einer der ersten Juden gewesen, die Berliner Bürgerrecht erworben hatten. So studierte Berthold Ascher an seiner Frau, was in der neuen Welt Geltung hatte. Ihr Hausstand blühte, ihre Kinder, vier Söhne, gediehen. Ascher wäre ein wahrhaft glücklicher Mann geworden, wenn nicht der rastlose, alle andern Lebensreize deckende Ehrgeiz seine Triebkraft gewesen wäre.

Der Anfang war auch bei diesem Napoleon klein. Aschers erstes Geschäft in der Rosenthaler Straße hatte keine bestimmte »Branche«, sondern lieferte dem bürgerlichen Haushalt alles Neue und Nützliche. Noch gab es keine Warenhäuser in Berlin, aber dieser enge Laden mit der Gasflamme war ihr erster Pionier. Dort bedienten nur Mann und Frau, ein pockennarbiges Mädchen half – es war nicht sehr reinlich und ansehnlich bei Aschers, nur um anderthalb Groschen billiger als anderswo. Das sprach sich herum, das machte ihr Glück. Zwei Kommis wurden angenommen, die Knaben besuchten das Gymnasium, und das Geschäft wurde in ein größeres Lokal nach der Königstraße verlegt. Das Zentrum Berlins hatte Ascher von vornherein aufgesucht, und seine Frau, die Altberlinerin, bestärkte ihn darin.

Aber Bertha Salomon starb, als das Glück nach der Königstraße verpflanzt wurde. Das Dasein des Witwers wurde nur noch harte, kalte, rastlose Arbeit. Sein Garten verdorrte, und er pflanzte nichts Neues. Aber er hatte vier Söhne. Bevor ihre Knabenseelen zur Kultur und Sehnsucht erwachten, wurden sie schon vom Willen des Vaters ergriffen und systematisch in seine Zwecke eingespannt. Auch sie lernten nur, daß ihnen alles feindlich war und besiegt werden mußte. Das Geld aber war das einzige Mittel dieses Sieges. In Skepsis gepanzert war hier die Jugend wie das Alter. Was Below für sich und seinen Sohn vergebens ersehnt hatte, gemeinsame Arbeit, beherrschte hier selbstverständlich die ganze Familie. Vater und Söhne nahmen wirklich das Geld von der Straße auf.

Das Tempo der Zeit war ein anderes geworden. Aschers Wahrscheinlichkeitsrechnung löste das Exempel des Verkehrs. Die atemlose Beschleunigung, die er sah, mechanische Kräfte physische ersetzend, Sieg der Unhistorischen über die schwachen Verteidiger der Ueberlieferung – das waren die Symptome. Hier galt es, zu vereinigen, was zwecklos auseinanderlag, dem Drang nach kleinem Vorteil durch den Pfennignutzen entgegenzukommen. Ascher aus Posen war nicht dazu da, gebrechliche Traditionen zu stützen, sondern sie umzureißen, zu vermischen in unentwirrbarer Buntheit. Er erweiterte sein Geschäft in der Königstraße, er begann die Artikel der Kleinkaufleute an sich zu reißen und um ein Bruchteil billiger zu verschleudern. Er kalkulierte großzügig und brach den Bann, der über bürgerlichem Kleinmut lag.

Als der Erfolg kam, mußte er lachen – warum hatte man ihn den Ersten werden lassen? Aber auf den Ersten kam es an. Aschers Warenhaus war die Lösung. Was geschah denn da? Ein Handelsmann aus Posen verkaufte Schinken und Würste – ihre Schinken und Würste? Daneben führte er Briefpapier – wurde denn das nicht fleckig? Und Parfüms behaupteten sich neben Schokolade, Arbeiterstiefel neben Damenhüten? Etwas billiger sollte der verdächtige Krimskrams sein, aber schlechter natürlich auch. Doch nein – die Leute erzählten, es seien ganz dieselben Würste wie beim Hofschlächtermeister, dieselben Parfüms wie bei Lohse. Und Schlipse gab es dort, so elegant und billig – davon wußte man noch nichts in Berlin.

Der Sturm begann. Ein geschickter Regisseur hatte alle Wirkungen vorausberechnet. Das bunte Allerlei des Lebens, das Gesellschaftsbild lockte. Hier bekam der kleine Mann endlich etwas vom großen Luxus des Daseins zu kosten, er konnte sich für wenige Pfennige als Gourmand fühlen. Denn der findige Unternehmer eröffnete einen »Erfrischungsraum« in seinem Warenhaus, ein märchenhaft billiges Restaurant, und plötzlich hatte er die Herde in verstärktem Maße auf seiner Weide. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Doch während in der Königstraße alles klappte, war es Aschers Industrietalent schon gegeben, über die Königstraße hinaus zu denken. Der Zug nach dem Westen, der anfangs der neunziger Jahre besonders stark war, mahnte ihn, den rechten Augenblick zum Staatsstreich nicht zu versäumen. Berlin war keine einzelne Stadt mehr, es entwickelte sich zu einem Bündel von Städten, deren jede ihr fruchtbares Eigenleben hatte.

Ascher ging dem Wachstum des Riesengeschöpfes nach. Noch kamen die Schöneberger und Charlottenburger nach Berlin, um einzukaufen. Aber der Potsdamer Platz war der Eingang zur Stadt geworden – was wußte man noch von alten Toren? Ueber die Leipziger Straße ging die moderne Empfindlichkeit nicht mehr hinaus. Dort also mußte der große Hafen entstehen, der alle Schiffe aufnahm. Ungeheure Mittel waren nötig, um dem teuersten Pflaster Berlins ein großes Grundstück zu entreißen. Doch Ascher war selbst überrascht, als die Bilanz des ersten Jahrzehnts ihn belehrte, daß ein solches Vermögen schon in der Königstraße verdient war. Wenn er es wagte, seinen ganzen bisherigen Erfolg in das neue Grundstück zu stecken, dann fand er auch die Teilhaber, die den Bau zahlten. Der große Nutzen seiner Idee drängte sich jedem hellen Kopf auf. Ascher wollte eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung gründen und selbst allmählich alle Anteile an sich reißen. Aber er wagte zugleich noch das Kühnste mit seinem unerschrockenen Verstand. Er griff Berlin im Herzen des Verkehrsstromes an. An der Leipziger und Friedrichstraße wollte er den neuen Palast bauen. Mit verblüffender Zuversicht zwang er die fehlenden Kapitalien herbei.

So stand es am Anfang der neunziger Jahre, als Rudi Below das Haus seiner Eltern verlassen hatte. Noch waltete Stillschweigen über den großen Plänen, aber an der Börse spukten schon Gerüchte davon. »Wie kann man überhaupt 'ne Tragödie aufführen mit seinen Kindern? Was heißt das? Die Kinder müssen doch von vornherein fühlen, daß der Vater das Richtige tut? Einen Prachtjungen, keinen Schwächling, nach Amerika schicken, um einer Dummheit willen? Na – Herr Below muß es ja wissen.« So dachte Ascher in seiner goldenen Sicherheit und musterte befriedigt seine Söhne, die wahrhaftig keine Reckenreihe waren. Von 24 bis 16 – sie hatten alle schon ausgelernt. Moritz, der Aelteste, hinkte ein wenig und liebte die Musik. Aber dieses zartere Einsamkeitsbedürfnis hinderte ihn nicht, mit harten Augen Umschau zu halten, was seinem Gelde zur Verfügung stand. Die eleganteste Konfektioneuse war ihm in Zärtlichkeit ergeben. Das strebsame Mädchen wußte, was es tat. Isidor, der zweite Sohn, war sehr dick und gleichmütig – er wollte am liebsten den ganzen Tag Kisten packen und Stoffballen schleudern. Heinrich, der dritte, war ein gefühlloser Rechner, und Julius, der Jüngste, die Schönheit der Familie, liebte und lebte sich durch die Halbwelt. Dennoch war auch er ein Sparmeister in seiner Verschwendung. Sie standen alle am richtigen Platz. Die gemeinsame, originelle Idee, der sie dienten, machte ihre Tüchtigkeit zur Genialität. Aschers gingen Wege, wo ihnen nichts mißlingen konnte.

Adolf Wünschel hatte sich nach Marthas Flucht fanatisch seinem bescheidenen Geschäft gewidmet. Der einsame Mann nahm keine neue Hilfskraft an, nachdem ihm sein Kind gestohlen worden. Vom Morgen bis zum Abend stand der Gealterte hinter dem Ladentisch, kurzatmig, mit bösem Blick, und nur, wenn Kunden kamen, hatte er die immer gleiche, erstarrte Freundlichkeit. Es war eine Freundlichkeit, die niemand warm machte. Man störte eigentlich diesen krummen, scheuen Menschen, wenn man sein Geschäft betrat. Bei einer welken Stubenpflanze Dinge der Lebensfreude kaufen, war ein Widersinn. Handschuhe hatten solche Bedeutung – Wünschel aber verkaufte sie, als ob er nur mit Trauerkleidung handelte. Jetzt mußte man sich von den dürren Fingern des astmathischen Alten das Leder anmassieren lassen. Der Handschuhhändler merkte kaum, daß seine Kunden nicht wiederkamen. Er wollte es auch nicht merken, denn die unablässige Arbeit sollte ihn rechtfertigen und halten vor allen Schlägen des Lebens. Erst ein paar gute Freunde zeigten ihm das drohende Gewitter. Wünschel, der ein unsauberer Geizkragen geworden war, nahm das Mittagessen in keinem anständigen Restaurant ein, sondern kletterte täglich in ein dumpfes Kellerlokal hinunter, das in der Mauerstraße gegenüber der Dreifaltigkeitskirche lag. Hier verkehrten kleine Geschäftsleute, Droschkenkutscher und Dienstmänner, aber es fehlte nicht an Elementen, deren Art und Beruf im Dunkeln blieb. Die Zwielichtfarbe des Lokals hatte auch sein Wirt. Herr August Mauke, der den Beinamen »Quatschmauke« trug, wurde von seinen Gästen nie recht ernst genommen. Er war ein politischer Raisonneur und mehr als rot – man munkelte, daß er ein heimlicher Anarchist wäre. Mauke liebte die sensationellen Neuigkeiten, die er seinen Opfern in perfider Weise beibrachte. Er lullte sie erst doppelt mit beruhigenden Worten ein, befragte sie dann mit glückverheißender Trösterstimme nach ihren geheimen Nöten und Schmerzen, um sie plötzlich mit einer furchtbaren Wahrheit niederzuschmettern. Wünschel fühlte sich zu diesem kahlköpfigen, in Filzpantoffeln schlurfenden Menschen hingezogen. Er lachte nicht über ihn, wie die andern, sondern spürte hinter Maukes Temperament etwas Besonderes, das auch seinen Lebensweg beeinflussen konnte. Jetzt besonders, nach Marthas Flucht, war ihm die zynische Atmosphäre voll Zoten und Haß, die Maukes Lokal erfüllte, willkommen.

Als er an einem Wintermittag müde und tiefsinnig in den dichtbesetzten Keller hinunterkam, fühlte er mit dem ersten Blick, daß Maukes Giftpfeil heute auf ihn gerichtet war. Er merkte es daran, daß nicht die Kellnerin ihn nach seinen Wünschen fragte, sondern der Wirt in eigener Person, sehr tröstlich und liebenswürdig. Wünschels Herz klopfte, er bestellte das kärgliche Mahl, und seine Beklommenheit wuchs, als die übrige Gesellschaft mit listigem Lächeln zu ihm hinübersah. Herr Mauke brachte ihm persönlich die Suppe.

»Na, wat jedenken Se denn nu zu unternehmen, Herr Wünschel?« fragte der Restaurateur immer noch sanft, aber sein stechender Blick bohrte sich in die Seele des Gastes.

»Meine Suppe will ich essen,« knurrte Wünschel.

»Am besten tun Se woll, Se ziehn mit Ihren Jeschäft nach Westend raus, denn bis Charlottenburg is et ja nu Essig, und det Haus nebenan koofen, dazu fehlen Ihnen woll doch de Däuser?«

Wünschel fuhr wie ein bei der Mahlzeit gestörter Hund auf. »Was reden Sie denn da – Quatschmauke – wozu soll ich denn ein Haus kaufen? Wozu soll ich denn nach Westend ziehen?«

»Um de scheene Jejend is et ja schade. Sie haben jrade noch so mollig in de Friedrichstraße jesessen, dicht an de Leipzijer. Bei uns hier an de Dreifaltigkeitskirche is et ja ejal. 'n Budiker kriegt immer sein Publikum.«

»Drücken Sie sich jetzt deutlicher aus oder –!«

»Na, immer ruhig Blut und warm anjezogen. Sie verkoofen doch Winterhandschuhe. Haben Se denn ejal jeschlummert in de letzten vier Wochen? In die Blätter hat et ja schon jestanden: Der Ascher aus de Königstraße kooft Ihre janze Nachbarschaft, Ecke Leipziger und Friedrich – da soll 'n Warenhaus hinkommen, wie 't Berlin noch nich jesehn hat. Noch doller als in Amerika. Fünf Etaschen, dausend Kommis und fünfhundert Meechens. Der Jude hat 'n Vogel, aber et wird ihm schon jlücken.«

Wünschel sah mit seinen erloschenen Augen scheu die umsitzenden Gäste an. »Ist das wahr?« Man lächelte. »Ich war ja noch vorigen Montag mit Ascher zusammen. Wir treffen uns oft in der Belowschen Ecke – ich kenn' ihn sehr gut. Aber das ist ja unmöglich – er hat nicht das mindeste davon erwähnt?«

Mauke wieherte. Sein Blick wurde noch diabolischer. »Der wird sich hieten! Bis jestern hat ja noch keen Aas wat jewußt! 'ne jroße Jesellschaft hat er jejründet, aber er soll selber allens drin haben! Janz heimlich hat er sich in de Königstraße zwee Miljonen zusammenjediebt! Nu is det Jeschäft richtig! Nu könnt ihr man alle inpacken, de janze Nachbarschaft!«

»Wieso denn, warum denn –?« stammelte Wünschel.

»Na, det is doch klar – der hat doch alle Sachen, die ihr habt – und jibt se 'n Drittel billiger. Wo anders bringt er 't wieder ein. Die Berliner müßten ja besoffen sind, wenn se in eure muffigen Kartongs rumkrabbeln täten, statt allens so pikfein und haufenweise hinjeschmiert zu kriejen.«

Wünschel stand auf. Sein gekrümmter Körper reckte sich, und seine mageren Hände zitterten. »Da weiß ich aber wirklich nicht – da weiß ich wirklich nicht, was ich sagen soll, lieber Herr Mauke! Soviel will ich Ihnen denn doch – und allen hier, die sich gewissermaßen ins Fäustchen lachen, sagen – – an ein anständiges Detailgeschäft kommt der Warenhausschwindel nicht 'ran! Wir sind gewappnet! Wir werden einen Verein gründen! Das Publikum wird sich für uns entscheiden! Ich war auf solche Niederträchtigkeit nicht vorbereitet! Herr Ascher soll sich hüten!«

Nach diesen prophetischen Worten machte Wünschel kehrt und kletterte die Kellertreppe hinauf. Aber bevor er im Freien war, verlor er schon seine Sicherheit, denn er hörte hinter sich herlachen.

Der Frühling machte die Neuigkeit wahr. Das Eckhaus und die Nachbarhäuser in der Friedrich- und Leipziger Straße hatte Aschers Konsortium erworben. Rasch wurde demoliert, und ein Neubau entstand, der die Sensation Berlins war. Wünschels Laden grenzte nun dicht an Aschers Industriepalast. Er wirkte wie eine Karikatur, man übersah ihn fast. Aber der Handschuhverkäufer hielt sich – seine Feindschaft gegen den mächtigen Nachbar gab ihm den letzten Halt. Er beschimpfte die Warenhausbesitzer, wo er sich befand, und als ihn ein Brief des jüngsten Ascher energisch darauf aufmerksam machte, daß man den Beleidiger mundtot machen würde, hörte er nicht auf. Aber er wurde nicht mehr ernst genommen. Das Mißverhältnis zwischen seinen Interessen und denen des großen Unternehmens war zu offenbar. Man lachte über den Raunzer, und als die Jahre des Baus vorüber waren, als die Eröffnung des in Lichtflut prangenden Etablissements einen großen Erfolg bedeutete, ging man über Wünschel zur Tagesordnung über. Er mußte es mitansehen, wie man an seinem Laden vorbei in das Warenhaus zog. Wünschel vereinsamte. Bald merkte er es trotz seiner Bedürfnislosigkeit: Die Not kam schleichend auf ihn zu, er steuerte in einen tiefen Abgrund. Nicht der Gedanke an die Witwe seines Bruders, die er mit zwei unmündigen Kindern erhielt, noch weniger der Wunsch, für die treulose Martha ein Erbe zu schaffen, jagte ihn in den letzten Trotz hinein. Er wollte prinzipiell nicht unterliegen. Er wälzte den allgemeinen Kampf in seinem Gemüt und suchte Propaganda für seine Rache.

In der Belowschen Ecke, die er trotz seiner Erfahrung mit dem Sohn des Hauses noch zuweilen besuchte, glückte es ihm nicht, gegen Ascher zu hetzen. Den indifferenten Konservativismus Belows konnte Wünschel nicht überwinden, und die anderen Stammgäste waren egoistische, weinselige Schlafmützen. Zuweilen traf er auch Ascher selbst, aber der zynischen Trockenheit des Gewalthabers war Wünschel nicht gewachsen. Ein böser Trieb zog den Vereinsamten schließlich aus seinem Laden in die Prachträume des Nachbars. Die Oeffentlichkeit des Warenhauses ließ ihn im Verkehrsstrome untergehen, er konnte hier, ohne zu kaufen, stundenlang umherwandern, mißgünstig gaffen und sich voll Haß pumpen. Es befriedigte ihn fast, daß er sein eigenes Geschäft vorzeitig schloß und zufällig hinverirrte Kunden wieder abziehen mußten. Was sollte denn sein Geschäft noch? Er hielt es offen, wenn er Lust dazu hatte. Hier drängten sich jetzt Tausende, hier wurde natürlich ebenso viel gestohlen wie gekauft. Und die Mehrzahl gaffte nur. Was für Waren sah man? Lauter Schund. Die Herrenwelt kam auch nicht deswegen zu Ascher – die Verkäuferinnen, lauter raffiniert gewählte, hübsche Mädchen, waren die Attraktion. Also kein solides Geschäft mehr. Quäkte da nicht irgendwo Musik? Sollte man nicht in einem schwülen Wintergarten promenieren, wo Papageien schrien und tropische Pflanzen hingen? Strebte nicht vor allem der ganze Verkehr, statt ausgestellte Waren zu prüfen, zum ersten Stock hinauf, ins Restaurant? Und von dort wieder unaufhaltsam in den dritten, wo es nur Lebensmittel gab, spottbillig, jedes Detailgeschäft verderbend? Es war ein gemeiner, genußsüchtiger Geist überall. Die Arbeit wurde erniedrigt, der alte Begriff von Einzelfleiß und Einzelbegabung; man warf das Gute zum Schlechten, man fragte nur nach dem Preis. Der verbitterte Wünschel blieb mit finsterem Lächeln im Lichthof stehen. Dieser Anblick imponierte ihm. In mächtigem Quadrat fünf Etagen hoch, überall Leben und Laufen, Licht und Verdienst in den zahllosen Gängen, in den auf und nieder gleitenden Fahrstühlen. Ein großer Bluff, aber genial organisiert. Der alte Ascher war nicht zu sehen; der saß wohl im Zentralbureau. Aber die Söhne, diese unansehnlichen Menschen in ihrer fanatischen Arbeitshast, waren immerfort unterwegs. Auch der hinkende Moritz hielt sich nicht zurück – er war der schnellste und energischste von allen. Wünschel sah ihm mit einem Blick nach, der fast Sympathie war. Wie beflügelte doch der Zauber des Erfolges. Geber und Nehmer. Es war ein böser Geist, der hier siegte, aber es war ein Geist. . . .

Als Wünschel sich tiefsinnig dem Ausgang näherte, wurde er von hinten festgehalten. Mauke, der Kneipwirt, hatte ihn eingeholt. Sie kamen in ein wohltuendes Schimpfgespräch und blieben den Abend über beisammen. Wünschel fühlte, daß diese Begegnung bedeutungsvoll war. Er wollte heute aus dem geheimnisreichen Menschen klug werden. Ohne ihn zu fragen, wohin er ginge, folgte er ihm in den fernsten Norden hinaus. Es war ein lauer Frühlingsabend. Fahle Sonnenröte brannte über den häßlichen Straßen, ärmliche Menschen kamen müde von schlecht bezahlter Arbeit heim. Wünschel ging neben dem Kneipwirt wie im Traum. Mehr zu sich selbst, als zu Mauke begann er zu sprechen: »Darf das nu alles so sein? So viele Schicksale plötzlich von einer Faust gepackt, und Fleiß und jahrelange Arbeit, alles vorüber? Als ob es gar keine Eltern gegeben hätte? Jeder zwecklos? Jeder nur Maschine? Aufs Geld kommt es an, aber nicht auf dieses und jenes, sondern überhaupt aufs Geld.«

»Ja, wenn man 't sich jefallen läßt,« erwiderte Mauke ruhig.

Wünschel sah ihn nicht an. »Ich habe mir's nicht gefallen lassen, aber nun steh' ich doch vor dem Abgrund.« Der Kneipwirt pfiff vor sich hin. »Ich wollte die Ladenbesitzer der ganzen Friedrichstadt vereinigen, um gegen Ascher zu protestieren, aber ich fand lauter Drückeberger. Für eine gemeinsame Sache ist niemand mehr zu haben. Sie wollen sich mit den Warenhäusern verhalten, nicht dagegen auftreten. Wenn alle Stränge reißen, müssen sie Aschers Lieferanten werden.«

»Na, und Sie?«

Wünschel blieb stehen – jetzt trafen sich seine Augen mit dem stechenden Blick des Wirtes. »Niemals, Herr Mauke,« stieß er heiser hervor. »Lieber laß ich mich auf die Straße setzen und bettle mir mein Brot zusammen.«

»I wo denn – det werden Se doch nich dun?«

»Ja, man müßte auch eigentlich etwas ganz anderes. Man müßte – Dynamit nehmen, Bomben schmeißen in diese niederträchtige Herrlichkeit! Ueberhaupt – die Banken richten es an und die Adligen und die Kapitalisten – die müßten alle sterben, alle müßten zugrunde gehen!«

Mauke schwieg eine Weile, dann sagte er: »Mit de Lippe jeht det allens janz famos. Aber wenn man brummen soll dafor oder Reindeln seine Bekanntschaft machen – Sie reden mir zu ville, Herr Wünschel. Nehmen Se mir det nich übel.«

»Aber Mensch – wo hat man denn Gelegenheit zur Tat?! Ich dürste ja danach!«

»Wahrhaftig?«

»Mir ist alles egal! Ich finde das Leben, die Gesellschaft, in der wir existieren, so durchweg falsch, so abscheulich und – Herrgott –!«

»Sind Sie eijentlich politisch 'n bißken drinne?«

Mauke stellte diese Frage in anderem Ton als sonst. Es war etwas Warmes und Vertrauliches darin, etwas, was Wünschel wohl tat. »Ich muß Ihnen offen gestehen – ich schäme mich, daß ich mich niemals richtig damit beschäftigt habe. Die Politik, die jetzt gemacht wird, kam mir immer ekelhaft vor. Ich hasse Bismarck, aber aus Bebel mach' ich mir auch nichts. Wir kommen ja nicht weiter. Was nützt denn das? Der Zukunftsstaat – aber das Volk bleibt in Knechtschaft.«

Jetzt schob Mauke seinen muskulösen Arm unter den hageren des Kaufmanns. »Hören Se mal, Herr Wünschel,« sagte er leiser. »Sie scheinen mir doch der rechte Mann zu sind. So eener, den wir suchen.«

»Wer denn – wir –?« fragte Wünschel wirr und unter den stechenden Augen zusammenzuckend.

»Na, det werden Se schon sehn. De Hauptsache is: können Sie den Schnabel halten? Nich bloß so für heute und morjen, sondern überhaupt, bis ins Jrab, Herr Wünschel?« Der Handschuhhändler nickte hastig – er schien zu begreifen. »Na – denn kommen Se mal mit.«

In einer Nebenstraße an der Nordgrenze Berlins, wo zwischen kahlen Bauplätzen erst wenige Häuser standen, hatte Mauke den Schlüssel zu einem noch nicht mit Putz bekleideten Bau und schritt durch zwei Höfe auf eine Parterrewohnung zu, an der die eisernen Jalousien heruntergelassen waren. Wünschel folgte ihm mit pochendem Herzen ins feuchtkalte Innere. Dort war Licht, und überrascht sah der Kaufmann eine Versammlung von sechs bis acht Männern, die bei seinem Erscheinen aufsprangen. Doch Mauke klärte die Genossen über den Gast auf. Die Beratung wurde fortgesetzt. Es war ein anarchistischer Bund, man sprach die Donnerworte der aktiven Propaganda. Wünschel hörte mit sausenden Ohren zu. Was er vernahm, war nicht das, was er fühlte, aber es rührte ihm doch die Seele an. Er sah mit Dingen spielen, denen er ausgewichen war, er mußte an eine Freiheit glauben, die er nie für möglich gehalten hatte. Todesurteile hörte er, Enterbte sprachen sie aus, aber daß sie Fürsten gelten sollten, befriedigte Wünschel nicht. In seinem Herzen brannte eine andere Rache. Das Wesen der ganzen Gesellschaft, den alles erdrückenden Drachen Kapital wollte er unterminieren. Und plötzlich kam es über ihn. Der gekrümmte Mensch, der so stumpf vor sich hin gestarrt hatte, erhob sich und hielt die erste Rede seines Lebens. Es war der Ausbruch eines Vulkans. Es erschütterte ihn bis ins Letzte und erschütterte seine Zuhörer. Weinend setzte er sich wieder. Man nahm ihn in den Bund auf und traute ihm mehr zu als den Jüngsten.

Nun war es mit Adolf Wünschels ehrlichem Leben vollständig aus. Er geriet in geheime Konspirationen, er leitete die Druckerei von Flugschriften und dachte in seinem fanatischen Haß allen Ernstes daran, von seinem Laden aus das Aschersche Warenhaus zu untergraben, eine ungeheure Mine bis zur Leipziger Straße zu legen und den Kleinhandel mit einemmal an seinem Verderber zu rächen. Aber das alte Mißverhältnis störte schon den ersten Plan. Wünschel konnte nämlich die Miete für seinen Laden nicht bezahlen, und der Hauswirt, der sich nur dafür interessierte, sein Grundstück an Ascher zu verkaufen, setzte den lästigen Handschuhhändler auf die Straße. Wünschels Waren verfielen den Gläubigern – er stand nun wirklich als Bettler da. Da er seinen Unterhalt verdienen mußte und der anarchistische Bund ihn nur ausnützte, nicht über Wasser hielt, nahm Wünschel einen armseligen Posten als Stadtreisender an. Er mußte für wenige Groschen seine alten Beine den ganzen Tag umhertraben lassen. Auch verlor er mehrmals seinen Posten, da kein solides Geschäft den gefährlichen Räsonneur behalten wollte. Trotzdem hielt er an seinen wilden Ideen fest. Jede freie Stunde hockte er in Maukes Kellerlokal, und auf seinen Rücken wälzte man die gefährlichsten Machenschaften. Als er aber eines Abends zu Mauke hinunterklettern wollte, fand er zu seinem Schrecken die Tür versiegelt. Der Kneipwirt war kurz vorher verhaftet worden, eine Haussuchung hatte ihn schwer belastet. Schadenfreudige Nachbarn erzählten Wünschel jede Einzelheit und deuteten ihm an, daß er sich am besten sofort aus dem Staube machte. Aber der unfreiwillige Revolutionär wollte nichts davon wissen. Er dachte entsetzt an die Schätze der Geheimschriften, die in seiner Wohnung lagen, er eilte sofort dorthin. Doch wurde er in seinem Stübchen schon erwartet. Als Wünschel Licht anzündete, griffen energische Fäuste nach ihm und führten ihn in das Polizeipräsidium. Erst als er das wohlbekannte rote Haus betrat, stockte ihm das Herz. Er fühlte, daß er bis zu dieser Stunde als ehrsamer Bürger an den Gesetzen vorübergegangen war und nichts Reales mit ihnen zu tun gehabt hatte. Jetzt erst zerriß der dumpfe Traum, der sein Gemüt in Worte giftschöner Hoffnungen verstrickt. Als die Wirklichkeit einsetzte, wurde ihm alles schal. Er begriff, daß er trotz seines Rache- und Rechtsgefühls sich selbst verloren hatte, und beugte den grauen Kopf, um Strafe wie Frieden zu empfangen.

Drittes Kapitel

Was eigentlich vorgegangen war in ihrem Elternhause, dessen Lebenstempo man ein dauerndes Schummerstündchen nennen konnte – Erna und Hermann, die jüngeren Belowkinder, machten sich kein klares Bild davon. Ihr Rudi, der allbeliebte Aelteste, war entflohen. Was war das für ein fremdes, romantisches Wort. Ihn, den sie halb als Spielkameraden, halb als Vorbild angesehen hatten, nannten die Eltern jetzt einen verworfenen Menschen, einen Entführer und Dieb. Das war unumstößlich – Erna hatte mehrere Auseinandersetzungen im Nebenzimmer belauscht. Wenn die Geschwister auch wußten, daß dieses schlimme Urteil nicht standhielt, weil die Zärtlichkeit der Eltern für Rudi zu tief wurzelte – etwas Schreckliches mußte doch geschehen sein. So geschickt die Eltern auch ihre Kämpfe verbargen und über den Verlust des Sohnes mit fast beleidigender Hast fortgingen – man sah doch die Spuren tiefen Leidens in ihren Zügen. Das hatte Rudolf über Vater und Mutter gebracht. Aber was denn eigentlich? Am Ende nur, daß er wollte, was sie nicht wollten?

Das Erschwerende war, daß Erna und Hermann von diesem ersten großen Erlebnis so viel Gemeinsames empfanden und so wenig besprechen konnten. Das siebzehnjährige Mädchen und der dreizehnjährige Knabe waren in dem Alter, da eines auf das andere herabsah und es doch innig gern befragen wollte. Dämmerung umgab sie, der feine, scharfe Weindunst der Belowschen Ecke, der jeden Besucher sofort umfing. Er kam aus Kellern, die schon Küfergenerationen beherbergt hatten. Er nistete in allen Zimmern, an allen Bewohnern des Hauses. Vom Flur aus sah man in den Hof hinaus, aber nicht in einen von Neu-Berlin mit Zementpflaster und Rasenquadraten, sondern in einen einzigartigen – der Hof war nämlich auch ein Garten. Man hätte es nicht für möglich gehalten – auf diesem Berliner Hofe standen noch mächtige Linden, Jahrhundertbäume, deren Wipfel bis zum Dach ragten. Die alte »Galerie«, die um das Geviert des ersten Stockes lief, wurde zur Sommerszeit in Schatten gehüllt. Ein Ziehbrunnen, wie man ihn kaum noch traf, stand auf dem Hof, und zwischen zwei Baumstämmen war die Leine fürs Teppichklopfen befestigt. In der Galerie aber hatte es von jeher das sorglos fröhliche und träumerische Leben der Belowschen Kinder gegeben. Da war einst ein Stampfen vom übermütigen »Zeck«, und die Geheime Kriegsrätin von Schimmelmann mußte immer wieder ihre spitze Nase mißbilligend aus der zweiten Etage stecken.

Nun war der Ernst des Lebens gekommen. Rudolf hatte sich selbst befreit. Und er hatte ein anderes Schicksal mit dem seinen verbunden. Das war es, was Erna glühend begriff, was Hermann, der nur den Mannesweg sah, erschrocken von sich wies. So blieb der Druck auf beiden. Sie saßen sich auf der Galerie gegenüber, sie empfanden dasselbe und blieben doch stumm und fremd. Es rauschte herbstlich in den mächtigen Lindenbäumen. Der Wetterhahn auf dem Dach der Belowschen Ecke funkelte in der Sonne, und die schwere Haustür fiel murrend ins Schloß.

Erna entschied sich eines Abends, als sie ihr seltsames Traumspiel wieder aufnahm, nackt, mit einem indischen Schal umgürtet, vor dem Spiegel zu stehen und selbsterfundene Tanzbewegungen auszuführen – an diesem Abend entschied sie sich für Rudi. Er mußte recht haben. Kümmerte man sich denn um sie, was in ihr gärte und nach Entfaltung schrie? Sie kannte Martha Wünschel nicht. Aber ihr Bruder liebte sie, und das Mädchen hatte, um ihn zu retten, ihren eigenen Vater bestohlen. Man fragte im Belowschen Hause zu wenig nach den Motiven. Man warf die Freiheitsdurstigen rasch zu den Verbrechern. Man war so erhaben, weil man nie etwas wagte. Wieder schritt Erna mit trotzigem Munde ihrer jungen Schönheit froh an dem Spiegel vorüber. Sie wußte genau, was sie für einen Reichtum besaß. Das hatte auch Rudi gewußt. Mußte die Geliebte nicht alles für ihn opfern? Ach, Leidenschaft – die ganze Welt war voll davon. Nur bei diesen Uhrmacherseelen nicht. Hier ging alles seinen schweren, selbstsüchtigen Gang. Bis auch die anderen aus dem Geleise sprangen. Sie und Hermann. Die Eltern sollten sich in acht nehmen.

Erna hatte von Kindheit auf den leidenschaftlichen Drang zu tanzen. Herr Golmick, dessen Unterricht sie als kleines Mädchen, glatt frisiert, mit halblangem Rock, besucht hatte, ahnte schon den merkwürdigen Schmetterling in der unscheinbaren Puppe. Ernas Bewegungen waren von völlig anderer Rasse, als sie den Sprößlingen eines Schuhmachermeisters oder eines Regierungsrates zu Gebot standen. Sie wußte schon als Kind im Tanze ihre Empfindungen auszudrücken. Ihr Körper war von wunderbarem Ebenmaß, ein wahrer Menschenfrühling. Wenn dieses feine, kecke Gesichtchen, diese großen, braunen Augen den Zauber der Reife bekamen – aber lange wußte Erna nichts von ihrem Beruf. Erst als sie ein Gastspiel des russischen Hofballetts im Opernhause sah, war alles für sie entschieden. Sie stahl sich mit Rudolf in den Wintergarten und beobachtete die Otero. Nun hatte ihre Eigenart ein Vorbild. Die Eltern fanden ein gerührtes Vergnügen daran, als ihr Kind sich zu Hause als Tänzerin produzierte. Sie ließen es sogar Bekannte sehen und hörten geschmeichelt, ohne ihre Skepsis aufzugeben, die Lobeserhebungen. Der Gedanke an eine Ballettzukunft ihrer Tochter lag Belows ebenso fern wie an die geschminkten Mädchen, die jede Nacht in ihre Fenster starrten. Sie waren mit Signora Baltazzi, dem Ehrenmitglied des königlichen Balletts, befreundet, aber es fiel ihnen nicht ein, diese Kapazität nach Ernas Talent zu befragen.

Doch an dem Abend, da die Siebzehnjährige, den indischen Schal um ihren nackten Körper geschlungen, vor dem Spiegel stand und sich für Rudolf entschied, tauchte auch das Bild der alten, bespöttelten Künstlerin vor ihr auf, und sie wußte plötzlich, daß ihr dort die Rettung winkte. Signora Baltazzi hatte so viele Schülerinnen, aus ihrer Lehre waren berühmte Tänzerinnen hervorgegangen – zu ihr wollte Erna gehen, ohne die Eltern zu fragen. Das Spiegelbild nickte und lockte, fremdartig schön, die Kerzenflammen flackerten. Jetzt wußte Erna, daß sie nicht gefangen blieb.

Die alte Italienerin in ihrem muffig niedlichen Heim, wo alles mit vergilbten Zeichen des Ruhmes behängt war, mußte sich erst von ihrem Staunen erholen, als eine Tochter der Belowschen Ecke in stammelnder Leidenschaft vor ihr stand und um Unterricht bat. Sie pflegte bei Gemütsbewegungen zu ihren beiden Schutzpatronen aufzublicken, deren Bilder an der Wand ihres Salons hingen. Der eine war Kaiser Wilhelm der Erste, welcher der bewunderten Tänzerin sein Porträt mit Unterschrift verehrt hatte, der andere Paul Taglioni, ihr verstorbener Freund und Kollege. Aber das eigene, noch nicht erloschene Temperament spürte das aufflammende des jungen Wesens: sie ließ sich zeigen, was Erna konnte. Eine wunderliche Stunde für die alte, königlich preußische Schönheitspriesterin. So wuchs auch an der Spree, was sie nur im seligen Süden gewußt hatte? Die Granzow war kein größeres Talent gewesen als Erna Below, und Erna konnte eine Dell' Era ausstechen. Ihr siebzehnjähriger Körper war ein gewaltiges Kapital. Signora Baltazzi unterrichtete Erna und hoffte, dem geliebten Opernhause ein schönes Erbe zu hinterlassen. Peinlich war es nur, das Flehen der Belowtochter, daß vor den Eltern alles geheim bleiben müsse. Aber die Angst des armen Kindes war zu überzeugend. Es ließ sich machen, und die Folgen des Komplotts nahm die schlaue Alte auf sich. Nun lernte Erna. Nun rang sich die junge Grazie aus ihr heraus, bis in die Finger- und Zehenspitzen. Es waren selige Stunden bei Signora Baltazzi.

Hermann spürte der Schwester nicht nach. Er war froh, wenn man ihn sich selbst überließ. Das Verhalten seines Vaters hatte ihn von früh darin bestärkt. Es lag etwas in Hermanns Wesen, was Below achten, aber nicht lieben konnte. Ein Insichhineinblicken, eine Verschlossenheit, die lieber eigene Wege ging, als das Vertrauen anderer zu suchen. Hermanns gute Leistungen in der Schule kamen nicht aus seinem Ehrgeiz, sondern aus dem Bedürfnis, zu Hause wohltätige Ruhe zu finden. Man sollte mit ihm zufrieden sein, um ihn nicht in seiner Welt zu stören. Es war kein kindliches Kind, das da heranwuchs. In der schweren Weindunstatmosphäre der Belowschen Ecke eine blasse Höhenpflanze, die nichts von den Zauberfässern des Alkohols wissen wollte. Bei diesem Sohn war es von vornherein ausgeschlossen, daß ein Erbe der Firma in ihm entstand. Below drängte ihn erst gar nicht in seinen Beruf hinein. Er wußte, daß Hermann studieren würde. Entweder Musik – das mochte sein unermüdliches Geigenspiel bedeuten – oder auch Jus, das Fach aller wissenschaftlichen Belows. Freundlich und gleichgültig sah Joachim Friedrich auf sein jüngstes Kind – so wie man einen fremdartigen, aber sicherlich anständigen Menschen betrachtet. Das Moralische, das Rudolf verloren hatte, verstand sich bei Hermann von selbst. In der Mutter aber keimte die Hoffnung eines besonderen Zukunftstraumes für ihren Jüngsten. Was Below zurückschreckte, zog sie mit sanften Händen zu sich heran. Es lebte ein Stolz in ihr auf Hermann, dessen Herkunft die einfache Frau sich nicht erklären konnte. Sie sah nichts Bestimmtes, keinen Helden der Zukunft in ihm – sie wußte nur, daß er nicht bei den Weinfässern bleiben würde. Wenn Frau Below daran dachte, wurde es ihr noch einmal so leicht, die Küche zu kommandieren und eine rastlose Wirtin zu sein.

Hermann sah, wie seine Eltern um Rudolf trauerten, und es erfüllte ihn mit tiefer Sicherheit, daß sie um ihn nie trauern würden. Einsam ging er durch seine Schuljahre – er fand dort keine Kameraden. Mit achtzehn Jahren verließ er das Gymnasium, und seine erste Universität war nicht eine der romantischen Freiheitsstädte, zu denen es den Fuchs zieht, Heidelberg oder München – er blieb in Berlin. Sein Studium wurden die sozialen Wissenschaften. Er wohnte auch als Student in der Belowschen Ecke, aber die Tür wurde ihm nicht wie Rudolf verschlossen. Man sah keine Gefahr darin, Hermann einen Hausschlüssel anzuvertrauen. Er durfte, so oft er wollte, von der rechten auf die linke Lindenseite gehen. Aber er blieb in der Sphäre der bleichen Bogenlampen nicht. Im Gegenteil – die kannte er schon, dabei wollte er sich nicht aufhalten. Mit den nächtigen Frauen, die er niemals berührt hatte, mitleidig vertraut, die Männer, solange er nur ihre seichte Oberfläche sah, vermeidend, ging er aus dem Herzen der Stadt in ihren Körper, in die ungeheuren Gliedmaßen hinaus. Er wollte Berlin kennen lernen – bei seinen Eltern schlummerten nur die Ahnen von Berlin.

Was Hermanns ganzes Denken bestimmte, war der Vergleich. Sein Vater sah dem Leben mit lächelnder Skepsis zu, die in der eigenen Treue wurzelte. Das gefährliche »Gehenlassen«, das die staatliche Philosophie von der »gottgewollten Abhängigkeit« gezeitigt hat, lag Below freilich fern – er war ein Bismarckjünger und konnte die Zähne zeigen. Aber er war so durch und durch Realist und stellte die Entwicklung des Bestehenden so hoch über alle revolutionären Wünsche, daß es ihm ausreichte, in seinem weindunstigen Hause bis zur letzten Minute »mitzumachen«. So war Below gestimmt, als er Rudolf verloren hatte und Hermann zur Universität gehen ließ. Hermann aber ließ diese Skepsis nicht an sich herankommen. Er glaubte. Sein ringender Besserungswille hieß ihn in alle Abgründe schauen. Zehn Schritte vom Elternhause brachten ihn in die Wüste – das wußte Hermann. Geld erstickte jede reine Flamme. Jede? Kam es nicht auch auf die Augen des Betrachters an? Hermann wollte nicht verurteilen. Kennen lernen – das war sein Wunsch. Und so zog es ihn zuerst in die Bewegung, die er am mächtigsten sah, in die sozialdemokratische. Ein junger Below wollte wissen, was für ein Geist dort entstand – gerade weil er anderswo herkam. Wenn seine Eltern ihn abends fortgehen sahen, wußten sie ebensowenig von seinem, wie sie Rudolfs Ziel gekannt hatten, und wie ihnen Ernas Besuche bei Signora Baltazzi begreiflich gewesen wären.

Hermann fürchtete sich vor keiner Spelunke, er setzte sich an den Grenzen der Weltstadt manchen Gefahren aus. Aber er hatte die Gabe, sich »Verlorenen« nähern zu können. Ein Lächeln rief er auf den trunkentstellten Gesichtern hervor. Ein Kind war gekommen, aber ein gutes Kind. Man tat ihm nichts. Er war kein Spitzel. Man stahl ihm nichts, denn es lohnte sich kaum. Man ließ ihn reden, und im Asyl für Obdachlose, das Hermann oft besuchte, nicht nur um zu reden, sondern auch zu schenken, hatte er gute Freunde. Besonders der alte Asylvater war ihm gewogen.

Vor den Reichstagswahlen stand Hermann in einem großen Brauereisaale des Ostens und hörte die Rede des sozialdemokratischen Kandidaten. Tausende waren erschienen, und gärende Stimmung täuschte die Gewißheit vor, daß man vor einer großen Zukunft stand. Der neue Mann aber überraschte. Er kühlte die allzu leicht erregte Menge ab und gab ihr etwas dafür, was Hermann in hohem Grade fesselte: Einkehr bei sich selbst, eine Retardation der Bewegung im Interesse derer, die sie künftig gestalten sollten. Merkwürdig undankbar zeigten sich diese Zukunftsmenschen für die energische Abwehr der Schlagworte. Man sah es ihnen an, daß jeder ungern das wirkliche Leben ansah. Ein Ethiker sprach, der in voller Praxis stand. Es war eine stillere Wahlversammlung. Hermanns Aufmerksamkeit wurde jedoch von all den Köpfen im rauchigen Dunst des Riesensaales auf seine nächste Nachbarschaft gelenkt. Er hatte den alten Mann im Rollstuhl, hinter dem ein junges Mädchen stand, schon mehrmals in Versammlungen gesehen. Der Vater schien an den Beinen verstümmelt zu sein, breite Arbeiterhände ruhten auf dem umhüllten Schoß, und sein bedeutender Kopf sah, in gesunder Frische des Körpers nicht achtend, zur Rednertribüne. Die Tochter hatte ein edles, leidgefestigtes Gesicht, fern von allem, was nicht zu ihren Gedanken gehörte. Nie war Hermann von einer so reinen Sympathie ergriffen worden. Er sah auf die Hände des Mädchens, die nicht von dem Griff des Rollstuhls ließen – sie war keine Arbeiterin. Aber sie mußte die Tochter des Invaliden sein. Heute führte der Zufall Hermann dicht neben die beiden. Er hörte sie sprechen, und es war nicht Deutsch – sie sprachen etwas Weiches, Mildes und doch Festes: Russisch.

Als der Redner geendet hatte und vor der Resolution eine Pause entstand, mochte der Alte Hermanns Beobachtung bemerkt oder auch ihm sein Interesse geschenkt haben – kurz, er wandte sich plötzlich zu ihm und sagte in gebrochenem Deutsch: »Das war etwas, was man gebrauchen kann, nicht so? In den Reichstag gehen die Herren ja nur, um sich zu sprechen, nicht die anderen. Wie? Hat Ihnen auch gefallen, mein Herr?«

Hermann errötete, da auch die dunklen Augen des Mädchens sich auf ihn richteten. Er nickte und erwiderte, nur den Alten ansehend: »Es war eine Ueberraschung. Man hört sonst nur billige Dinge und erwartet nichts anderes. Plötzlich wird man vor ein Problem gestellt.«

»Sie sehen, es lohnt nicht. Die Leute sind ganz anders als sonst. Nicht, Anna?«

»Sie denken doch nach, Vater,« erwiderte das junge Mädchen.

»Die Resolution interessiert mich nicht. Wir wollen nach Hause. Der Herr scheint auch genug zu haben?«

Hermann schloß sich den Fremden lächelnd an. Er ging voraus und bahnte im Gedränge einen Weg, so daß Anna den Stuhl ihres Vaters hinausschieben konnte. Auf der Straße lächelte das Mädchen den jungen Mann dankbar an. Es war ein bezaubernder Ausdruck, weh und kindlich zugleich. Die Stimmung ergab, daß man noch nicht Abschied nahm. Hermann behauptete, denselben Weg zu haben. Langsam schritt er neben den beiden her. Er entnahm aus ihrem Gespräch das Wichtigste. Die russische Familie – Anna war das einzige Kind, und die Mutter lebte noch – war mehrere Jahre in Deutschland ansässig. Der Vater, ein Techniker, war einst als Werkmeister bei einem schweizerischen Bahnbau verunglückt. Er wollte einige Gehilfen, die sich leichtsinnig auf einem schon gesperrten Sprengungsgebiet aufhielten, zurückreißen und teilte ihr Schicksal. Doch jene fanden den Tod – ihm wurden die Beine zerschmettert. Nun wohnte Andreas Wisotzky mit den Seinen in Deutschland, arbeitsunfähig, nur der Bildung seines regen Geistes hingegeben. Die drohende Not war durch die Tochter, von der man es am wenigsten erhofft hatte, niedergezwungen worden. Anna hatte, ohne an öffentliche Verwertung zu denken, aufgezeichnet, was sie in der Schweiz erlebt hatte. Es war ein Buch über die Bahnarbeiter. Durch einen befreundeten Journalisten bekam es ein Berliner Verleger zu sehen, und der starke Eindruck, den der Mann empfing, wiederholte sich hundertfach, als das Buch publiziert wurde. Alles, was Anna betraf, konnte Hermann nur indirekt erfahren, denn weder brachte sie ihr Werk zur Sprache, noch machte sie eine Bemerkung über seinen Erfolg. Sie hatte eine so scheue und zugleich starke Menschlichkeit, daß alles Literarische von ihr abgerückt war. Ihr Buch war ein Zufall, eine Betätigung, wie irgendeine andere Arbeit. Man konnte nur an diese hohe, reine Stirn, an diese dunkel schimmernden Augen denken, nicht an Tinte und Feder. Aber Hermann wußte alles, als ihr Vater den Titel des Buches genannt hatte. Er hatte es schon gelesen und liebte es wie wenige Bücher.

Ein Zufall, der ihm als Fügung erschien, brachte Hermann mit den Wisotzkys zusammen. Als er im Chaos der Existenzen noch nicht zu lange umhergeirrt war, fand er die eine, die all seinem Unbestimmten und Ringenden festen Boden gab. Jeden Abend besuchte er nun die Familie in ihrer kleinen sauberen Wohnung am Humboldthain. Er begegnete Anna auch in ihrer Musikliebe, und sie besuchten Konzerte zusammen, zwei tief verbundene Genießer. So hörte Hermann Below allmählich auf, der Stammgast politischer Versammlungen zu sein. Sein Leben teilte sich von nun an zwischen dem Studium und Anna. Als sie eines Abends am Grunewaldsee entlangschritten, der in den schweren Prunkfarben des Sonnenunterganges lag, hatten sie ein Gespräch, das ihre Untrennbarkeit entschied.

»Ich bereue nicht, daß ich durch Kunst und Philosophie den Fragen der Zeit fern komme,« sagte Hermann. »Im Gegenteil, mir ist, als ob ich den wirklichen Fragen jetzt erst nahe bin. Es sind doch die Riesenkämpfe der geistigen Not, Anna, hinter die man kommen muß. Materielle Not täuscht uns nur Leiden vor – die wirklichen Probleme sind nicht nur bei den »Arbeitern«. Aus dem Ganzen, aus dem Universum heraus muß man urteilen. Da findet man die wahren Ungerechtigkeiten und fühlt, wo man ansetzen muß.«

»Die geistige Not,« wiederholte Anna sinnend. »Das ist das Schicksal meines Vaters. Er hat seine wahre Not erst erkannt,. als er körperlich vernichtet war. Als ihn die rohe Macht draußen nicht mehr brauchen konnte. Sie hatte von ihm bekommen, was sie wollte – dann ließ sie ihn liegen. Aber er fing nun erst an zu arbeiten und zu erfassen, was ihm der Kampf ums Brot verborgen hatte. Die wahren Schätze der ›Reichen‹, die so furchtbar brach liegen. Wie er arme Gelehrte als seine Brüder fand – das waren die besten Stunden meines Vaters. Er war verstümmelt und rang nach Vollendung. Meine Jugend fiel ganz in diese Zeit. Meine letzten Kinderjahre und dann später. Geistige Not. Ich möchte immer mehr davon begreifen.«

Sie fuhren in die Stadt zurück und beschlossen, den Abend in der Philharmonie zu verbringen. Es traf sich so, daß die beiden heute die zweite Sinfonie von Beethoven hörten. Das Larghetto beantwortete ihren ringenden Seelen alles. Das Finale entließ sie in eine warme Mondnacht zum Geständnis.

Aber nun duldete es Hermann nicht mehr in Berlin. Als es galt, sein Glück zu genießen, mußte er Berlin den Rücken kehren. Das war die Tragik seiner Heimat. Sie zeigte ihm im schönsten Augenblick, daß sie keine Heimat war. Sie enthüllte ihm den Verlust ihrer Seele und zwang ihn zur Flucht. Er träumte mit Anna von einem märkischen Dorfe, das sie bei einem Ausfluge kennen gelernt hatten. Es war nicht fern von Berlin, empfing aber nicht mehr den Dunst der Weltstadt. Rein war es dort und ruhig im Buchenwalde. Weite Aecker, wortkarge Menschen und ein kleiner, glitzernder See. Aber noch konnten sie ihre Flucht nicht bewerkstelligen. Annas Eltern verließen Berlin nicht mehr, die Leiden des Vaters hielten sie fest. Hermann aber wurde, als er Berlin schon fern gerückt war, durch eine Pflicht, an die er kaum gedacht hatte, an Berlin gefesselt. Er mußte Soldat werden. Da er ein Below war und ein neuartiger, der die gesunde Tradition und das bunte Erlebnis liebte, überwand er sich und trat sofort bei der Artillerie ein. Schon in den ersten, schweren Wochen erkannte er, daß auch dieser Zwang etwas von der ›geistigen Not‹ hatte. Als Hermann todmüde, als Uniformierter, zu Anna kam, sah er sie lächeln. Das entschied ihm alles. Er antwortete mit einem lauten Lachen und war nun für immer über das Drangsal fort.

Während seines Militärjahres starb Annas Vater. Hermann wußte von den schweren Leiden Wisotzkys, glaubte aber sein Ende nicht so nahe. Als er eines Abends zu Anna hinauf kam, flüsterte sie ihm im Flur mit glühenden Wangen zu: »Es geht zu Ende! Warte hier!« Heftig erschrocken, dann in schwerem Sinnen wartete Hermann. Anna führte ihn zu dem Sterbenden. Wisotzky sah Hermann Below lange an, ohne sprechen zu können. Dann nahm er seine Hand und legte sie in die Hand seiner Tochter. Die arme, verlassene Frau, die alles Gute und Furchtbare mit ihm geteilt hatte, lag weinend an Wisotzkys Bett – sie hatte von dem stummen Segen nichts bemerkt. Anna und Hermann aber beugten sich über den Dulder und küßten ihn. Er erkannte sie nicht mehr und schien in seltsame Fernen zu blicken. Tiefblauer Himmel und ein Regen doch von Blutströmen. Helden zuoberst, aber feige Bestien, die ihren Thron umlauerten. Wisotzky starb. Nach seinem Begräbnis willigte die Witwe ein, mit ihren Kindern in das einsame Dorf zu ziehen. –

»Is es die, die Dich neulich nach Hause jebracht hat?« fragte Frau Below ihren jüngsten Sohn, als er wieder als schlichter Zivilist bei ihr erschien und ihr mit milder Bestimmtheit erklärte, daß er Anna Wisotzky heiraten wolle.

»Die ist es, Mutter. Mich hat sonst niemand nach Hause gebracht.«

»'n hübsches, schlankes Mädel – da haste recht. Ja, weißte, Hermann, ich bin 'n bißchen müde. Ich lass' Dir Deinen Willen. Was soll ich denn sonst machen?«

»Mutter, sie ist so, wie ich Dir gar nicht – –«

»Na ja, na ja, ich kann mir schon denken. Bring' se mal morgen her. Will se mir mal in der Nähe ankucken. Und vor Vater habe man keine Angst – dem sag' ich's schon.«

»Mutter! . . .«

»Müßt ihr denn nu aber wirklich fortziehn? Könnt ihr denn nich in Berlin bleiben?«

Hermann schüttelte den Kopf. Da nickte die Mutter traurig. Er wußte, daß sie jetzt an Rudolf dachte. Zwei Söhne – für sie verloren? Nein, so war es nicht. Aber eigentlich, im Innersten, war es doch so. Auch Hermann wollte fort . . .

Als Below von der neuen Schicksalswendung hörte, zuckte er nur die Achseln. Was waren ihm noch Hermanns Entschlüsse? Er machte die Tür auf und ließ einen eigenwilligen Geist hinaus. Er respektierte ihn, aber er trauerte nicht um ihn. Eine Russin, die Tochter eines mittellosen, invaliden Arbeiters. Warum nicht gleich die Kaiserin von China? Bei einem Below war alles möglich. Rudolf im wilden Westen, Hermann in einem märkischen Dorf. Wunderlich – man durfte sich auf seine Söhne nicht verlassen. Nur die Weine waren treu. –

Nun wurde es noch stiller im Belowschen Hause. Kein geräuschvoller Jüngling, der sich vor dem Spiegel für seine nächtlichen Fahrten vorbereitete, und kein ernster Student, das Bücherpack unter dem Arm, verkehrte mehr auf der alten Treppe. Ernas Geheimnis wurde dadurch sehr erschwert. Sie war nun das einzige Kind, und jeder elterliche Ruf galt ihr. Zwar waren die Eltern geschäftlich so in Anspruch genommen, daß sie Ernas Ausreden gern überhörten. Im Restaurant war die Tochter doch nicht zu brauchen, erstens, weil sie keine Lust dazu hatte, zweitens, weil eine Belowtochter als Büfettfräulein dem Familienstolz widersprach. Erna konnte auch nicht den ganzen Tag Handarbeiten machen oder Klavier spielen. Man ließ sich willig von ihr erzählen, daß sie zwei sehr anständige, gediegene Freundinnen gefunden hätte, die einem Verein erwerbstätiger Frauen angehörten. Dort würde mäßig gelebt, gelesen, diskutiert, man machte auch Ausflüge – es war der beste Mantel für Ernas Heimlichkeiten. Doch die Furcht vor den Eltern drückte sie nicht so, wie der Konflikt, der über ihre Kunst gekommen war. Sie profitierte von Signora Baltazzi, aber ihr eigentliches Wesen wurde dort nicht entfaltet. Es war eine alte Frau, eine königlich preußische Ballerina a. D., deren Begriffe von Grazie und Dezenz einer jungen Stürmerin nicht entsprachen. Es blieb bei Pirouetten und Spitzentänzen von Gazerock-Mädchen, bei der dümmlichen Anmut pathetischer Armbewegungen und frisierter Köpfe. Eine hinsterbende Opernkunst war nichts für Erna, und das Nationale, in Carmen zum Beispiel, bot ihrem Temperament nicht genug. Sie verschwieg diese Krisis vor der gütigen Lehrerin, deren rührenden Freisinn sie so liebte, aber sie fand zum Glück Gefährtinnen ihrer Kämpfe. Eine fesche Oesterreicherin und eine rundliche Brünette aus Leipzig sagten sich energisch von der Oper los und strebten zum Varieté. Sie beschworen Erna, deren überragendes Talent sie bewunderten, ihnen zu folgen. Da diese erste Freundschaft noch ohne Berufsneid war, führten sie Erna mit Gewalt zu Mr. Simonson, einem Deutsch-Amerikaner, dessen Dialekt jedoch zum Galizischen neigte. Er war der Impresario. Seine traumhaften Versprechungen hatte die anderen Mädchen verlockt – er sollte auch Erna Below managen. Fast mit erschrockener Freude sahen die Freundinnen die Ekstase dieses Kenners, als er Erna tanzen sah. Er engagierte sie, ob sie wollte oder nicht. Ohne ihre Eltern gab es für Erna natürlich kein Amerika – sie sehnte sich zwar nach Rudolf und wollte sein Leben mit ihm teilen, aber zu einer geheimen Flucht war sie zu stolz. So blieb es vorläufig dabei, daß aus den Besuchen bei Signora Baltazzi ein lustiges Bummelleben mit Mr. Simonson wurde. Erna lernte das verbotene Berlin kennen, sie kam in Theater- und Varietékreise – ihre unverbrauchte Jugend entzückte jedermann. Sie war dazu bestimmt, den Mächtigen unter den Männern den Kopf zu verdrehen, denn sie wußte sich zu wahren und war eine wirkliche Persönlichkeit.

Frau Below empfand allmählich eine lastende Unruhe Ernas wegen. Sie stahl sich freie Minuten im Geschäft ab und untersuchte, wenn die Tochter abwesend war, ihr Zimmer. Es war jetzt ein Duft in diesem kleinen Raum, der verdächtig war und nicht in die Belowsche Ecke gehörte. Der Kleiderschrank war immer zugeschlossen. Die mißtrauische Mutter griff schließlich zu einem Mittel, das ihr sonst verwerflich vorkam. Sie ließ sich einen zweiten Schlüssel anfertigen. Als sich endlich das Geheimnis auftat, waren duftige Spitzenröcke, ein spanisches Tanzkostüm, zierliche Schuhe und Pariser Modellhüte zu sehen – alles Dinge, die für Ernas Taschengeld unerschwinglich waren. Also das war die Lösung des Rätsels. Deshalb das übernächtige, nervöse Wesen, der Schlaf bis gegen Mittag, der abscheuliche Duft. Vor allem: der »Verein für erwerbstätige Frauen«! Frau Below war wie versteinert. Wie weit mochte es schon gekommen sein. Gerade weil sie an das Schlimmste nicht glaubte, sah sie es schon gespenstisch vor sich. Sie weinte sich über Ernas einfachen Hauskleidern aus. Dann aber raffte sie sich auf, beschloß zu beobachten und zu verhindern um jeden Preis, solange es Zeit war.

Recht ungelegen kam ihr in diese Entscheidung eine Hochzeit, die bei Hofwagenbauer Gollnows am Schiffbauer Damm stattfand. Es waren alte Freunde, und man mußte die Einladung annehmen. Belows aber blieben nicht lange und gingen um 12 schon, da es eine schöne Winternacht war, nach Hause. Als Joachim Friedrich, in Zylinder und Pelzrock, von der Weidendammer Brücke in die Friedrichstraße einbog, um bis zu den Linden zu gehen, widerstrebte Minna und wollte lieber am Wasser bleiben, um durch die Neustädtische Kirchstraße heimzugelangen. »Aber warum denn?« scherzte Below, der ziemlich viel Champagner getrunken hatte. »Meinste etwa, sie werden mir den Zylinder eintreiben? Heute is doch nich Silvester.« Minna schwieg und dachte sich ihr Teil. Die Männer waren eben alle gleich – ihr Alter wollte jetzt nur wieder mal durchs Nachtleben schreiten. Er wollte was zu sehen bekommen. Sie dankte dafür. Es drückte ihr Gemüt in mütterlichem Mitleid, sobald sie diese oft hübschen und jungen Geschöpfe in ihrer Verlorenheit sah. Sie mußte immer daran denken, daß um jedes vielleicht eine Mutter trauerte.

An der Ecke der Dorotheenstraße staute sich der Verkehr. Man mußte fest untergehakt bleiben und den riesigen Federhüten, den geschminkten Puppenköpfen sehr nahe kommen. Trotzig blieb Minna stehen und beschenkte einen alten Bettler – dafür sollte auch Below Zeit haben. Als sie aber in die Dorotheenstraße einbiegen wollten, stießen sie mit einer fidelen Gesellschaft zusammen, jungen Herren und Damen, die eben aus einer benachbarten Bar kamen. Below machte ein objektives Gesicht und strebte weiter – seine Gattin aber streifte die Uebermütigen mit strengem Blick. In diesem Moment setzte ihr fast das Herz aus. Den letzten Federhut, den weißen, trug ihre Tochter Erna. Sie war vorüber, hatte aber im Auflachen gerade die Mutter erkannt. Below bemerkte, daß Minna einer Ohnmacht nahe war. Doch bevor er erregt aus ihr herausbringen konnte, was sie gesehen, war Erna schon zurückgekommen und gesellte sich mit trotzigem Lächeln zu den Eltern.

»Du bist hier – –?« stieß Below hervor. Sie war ihm wie ein Gespenst in diesem Augenblick.

»Ja, ja, ich bin mit Bekannten im Wintergarten gewesen, Papa. Das darf ich doch – nicht wahr? Ich geh' mit Euch nach Hause.«

»So wie Du aus dieser Gesellschaft kommst?« rief die empörte Mutter.

»Ja, anders kann ich doch nicht!«

»Du freches Geschöpf Du!!«

Erna schwieg. Sie schwiegen alle drei, bis sie zu Hause waren. Dann erst gab es in demselben Zimmer, wo Rudolf gekämpft hatte, den Endkampf mit Erna. Sie rechtfertigte ihre Lügen, sie klärte die Eltern, so gut es ging, über ihre Zukunft auf. Mr. Simonson engagierte sie für 10 000Dollars nach Amerika, er hielte sie für ein Tanzgenie. Die Mädchen, mit denen man sie getroffen hätte, wären Kolleginnen, die Herren Schauspieler durchaus ehrenwerte, anständige Herren. Das Leben wäre eben doch ein bißchen anders, als die Eltern sich in ihrer Weinstube vorstellten . . . Mit dumpfen Köpfen hörten Belows zu. Was wurde ihnen da für ein Märchen erzählt? Ein neues Unglück oder ein Glück? Sie wußten nur eines: zu verdammen war hier nichts, aber sie mußten auch ihr letztes Kind hergeben.

Frau Belows Bruder, der Diakonus Freese von St. Marien, sah dem Zersetzungsprozeß der Schwesterfamilie mit bangem Staunen zu. Er war ein guter, kluger Mensch, aber ein Kanzelredner, der sich mit den Unwahrheiten seines Berufes abgefunden hatte. Der Diakonus lebte, um die Symbole nicht anzweifeln zu lassen, auf einer allzu geraden Linie. Wenn es sich um Taufe, Hochzeit, Sterben handelte, war er in seinem Element. Er war ein Lutheraner vom alten Schlage, der das ungeheure Gewühl der Skepsis um sich her einfach nicht sehen wollte. Die Sünde suchte er überall, und wenn er sie entdeckt hatte, bekämpfte er sie als fanatischer Krieger. Was den Belows in den letzten zehn Jahren geschehen war, konnte er aber mit absoluten Begriffen nicht fassen. Die Ursache fehlte seinen kurzsichtigen Augen, und wenn er die nicht hatte, wußte er nicht: wo trösten, wo helfen. Ehre blieb Ehre, Sitte blieb Sitte – die Eltern hatten nach seiner Meinung immer das Rechte getan.

»Ihr habt Euch keinen Vorwurf zu machen,« sagte er zu seiner Schwester, die ihn jetzt oft in seiner alten Wohnung am Monbijouplatz besuchte. Minna war gar zu gern in diesem Hause, wo all ihre Kindheitserinnerungen wach wurden. Zwischen den geschwungenen Plüschmöbeln hatte sie einst mit dem Diakonus Blindekuh gespielt. Die Bilder der Eltern blickten aus Goldrahmen mit dämmerndem Lächeln herab, und gegenüber lag immer noch der Monbijougarten, wo sie als Kind die tellergroßen Rosen bewundert hatte.

»Aber was is nu wichtiger, Otto? Ob wir uns Vorwürfe machen, oder die Kinder machen uns welche? Es hat ihnen zu Hause an nichts jefehlt – das is jewiß. Wenn Fritz und ich auch den janzen Tag im Jeschäft waren. Kinder müssen sich heutzutage selber überlassen bleiben. Aber dann braucht es doch nich jleich so zu kommen.«

»Rege Dich nicht auf, liebe Minna. Das Unabänderliche –«

»'n Mädel wie Erna läßt Vater und Mutter im Stich und fährt nach Hamburg, mit 'n wildfremden Menschen, und von Hamburg fährt se nach Neujork, und da tanzt se den Leuten was vor, in Trikots und jeschminkt und jarnich wie 'n anständijes Mädchen –«

»Die neue Generation –«

»Was liegt denn an dem Jeld, was se da drüben verdienen? Das Jeld kann es doch nich jewesen sein. Und keine Familie, mutterseelenalleine, nichts, was man 'n Heim nennt – bloß so Leute vom Theater. Was kann ihr da alles passieren. Und wenn se nu mal hinfällt? Wenn se sich nu mal 'n Fuß bricht? . .«

»Wer wird denn gleich an solchen Fall . . .«

»Nein, daß Hermann uns das auch noch antut! Der hätte wahrhaftig bei uns bleiben können! So jut hat er's jehabt, und jejen das Mädchen war auch nichts zu sagen. Aber wie de Verrückten sind se alle. Der sitzt jetzt zwischen Mistbauern – bei Hühner und Enten – und Rudolf, der schwindelt sich wahrscheinlich bei de Indianer durch.«

»So muß man sie eben lassen. Kämpfen lassen – siegen – oder nicht siegen. Jeder sucht seinen eigenen Weg. Wir stehen alle unter Gottes Hand.«

Es war sonderbar. Wenn Diakonus Freese den lieben Gott erwähnte, wurde er warm und sicher. Aber er bemerkte auch, daß er bei seiner Schwester, die er als vorzügliche Christin schätzte, das Gegenteil bewirkte. In der Kirche ging es noch – Minna besuchte jeden Sonntag seine Predigt. Auf der Kanzel konnte er noch so konkret von Gott und den Begriffen der Ewigkeit sprechen – da sprach er zum Volke, und Minna gehörte dazu, sie nahm es als ein Gleichnis hin. Aber in menschlicher Nähe, im traulichen Zimmer, war er nur ihr Bruder Otto und mußte das Pathos in der Kirche lassen. Hier verzog sie scheu das Gesicht, wenn er Gott beschwor. Auch heute kam es wieder über sie. Sie fürchtete die Verpflichtung ihres eigenen Glaubens, sie fühlte die Unsicherheit ihrer menschlichen Existenz und resignierte. Niemand konnte ihr Aufklärung geben. Sie verließ ihren Bruder und ging noch in eine alte Konditorei am Hackeschen Markt, wo sie eine Tasse Schokolade trank und in bunte, illustrierte Blätter starrte.

Below hielt sich an den Mut seiner Frau. In einer Täuschung, die ihm wohltat, sah er, daß ein einsames Mutterherz stark blieb. Minna saß wie sonst am Büfett. Wenn die umfangreiche Dame sich in ihrer prallen Seidenbluse eifrig bewegte, um die Bestellungen der Kellner auszuführen, schaukelten ihre langen, altmodischen Ohrringe, und das dunkelbraune Haar erglänzte. Mit wuchtiger, etwas rauher Stimme rief sie die Namen der Speisen in den Schacht, der zur Küche führte, ganz ruhig und ihren Leuten vertrauend. Nur, wenn es etwas zu monieren gab, kippte ihre Stimme ins Helle und Spitze über. »Bertha! Wo bleiben denn wieder die Klopsä?!« Dies zum Beispiel brachte den hohen Ton, der in der Küche Flügel gab. Frau Below war eine vermögende Frau, sie hätte sich bequem eine Büfettdame halten können. Aber selbst im Beruf zu bleiben, war ihr Lebenselement. So sah man sie seit zwanzig Jahren Tag für Tag. Joachim Friedrich hatte nicht ihre sitzende Lebensweise, denn er verkehrte als liebenswürdiger Wirt in allen Räumen. Infolgedessen war er körperlich ihr Gegensatz, eine magere Beamtengestalt, altpreußisch aufrecht und elastisch, mit grauem, schlichtem Haar und kurzem Schnurrbart. In seinen blauen Augen wechselten tiefer Ernst und nachdenklicher Humor, und seine geröteten Züge hatten jene Lebensklugheit, welche den Berliner Edelphilister auszeichnet. Wenn er durchs Lokal schritt und die Gäste begrüßte, etwas breitbeinig, immer im schwarzen Rock mit Ordensbändchen, zeigte er Fürsorglichkeit und Zurückhaltung zugleich. Ein Buhlen um die Gunst der Gäste war ihm fremd. Er wußte, was er bot und warum man zu ihm kam. Sein Publikum bildete sich nach ihm. Man wollte keine Wirtsfloskeln – jeder hatte sein Eigenleben beim Weine. Man atmete eine unveränderliche Altersstimmung. Die Belowsche Ecke war niemals richtig gelüftet worden. Weindunst und Tabaksqualm stiegen seit Jahrzehnten zur Decke empor, und der bemalte Plafond hatte ein verschwommenes Goldbraun bekommen. Die Wände des Hauptzimmers schmückten etwas steife Porträts, welche die preußischen Könige von Friedrich dem Ersten bis zu Wilhelm dem Zweiten darstellten. Es waren lauter strenge oder sinnende Monarchenköpfe, die, beständig eingeräuchert, wie durch einen Schleier auf den Betrachter blickten. An den Fensterpfeilern hingen feine Mahagonispiegel, uralte Mullgardinen mit vergoldeten Haltern schützten die Scheiben. An dünnbeinigen Eichentischen saßen die verschiedenartigsten Weintrinker auf niederen Biedermeierstühlen. Tischtücher gab es nicht in der Belowschen Ecke. Auch das elektrische Licht drang hier nicht ein. Man begnügte sich mit matten Glühstrumpfflammen. Der fremdeste Gast kam wie in ein Familienreich hinein. Die Kellner, alle »langjährig«, wußten wie gute Bediente mit den Wünschen der Gäste Bescheid. Dabei blieben sie selbständige Beamte und durften auch ein freies Wort wagen. In der Belowschen Ecke gab es noch nicht den Kellnertypus der Weltstadtrestaurants. Man stimmte entweder zu dem patriarchalischen Ton oder man kam nicht wieder. Auch das Leben der Gäste außerhalb des Lokals war den Kellnern vertraut. Sie trugen die Zeiteinteilung aller Herren beständig bei sich, und deshalb war die Belowsche Ecke ein vorzüglicher Treffpunkt. »Is Herr Linke schon hier gewesen?« »Nee – Herr Linke kommt immer erst um zehn.« Der schnurrbärtige Kellner, der einem früheren Schutzmann glich, antwortete nicht devot, sondern wie eine ruhige, amtliche Auskunftsstelle.

Das Original des ganzen Lokals aber war Gottlieb Pinkert, der Nestor bei Belows. Er war schon Faktotum bei Joachim Friedrichs Vater gewesen. Rudolf, Erna und Hermann kannte er seit ihren Geburtstagen. In seiner kurzen, etwas fadenscheinigen Jacke, gebückt und schlurfend, mit rotem, glattrasiertem Gesicht und weißlichem Kahlschädel, war er als Bedienung nur im Stammtischzimmer möglich. Schon nebenan, unter den Zufallsgästen, lächelte man über den alten Mann. Pinkert, der immer mit grimmiger Miene seine Rebhühner mit Sauerkohl und seine Pökelbrust mit Erbsen vorübertrug, hielt sich nirgends auf. Seit vierzig Jahren schlurfte er zum Büfett, knurrte die Bestellungen, erboste sich, wenn er warten mußte, und kehrte dann wie ein Mann, der von einer großen Verantwortung beladen war, in das Allerheiligste zurück. Scherzen konnte man nur mit ihm, wenn man ihn näher kannte – Pinkerts Grobheit war gefürchtet, seine Schlagfertigkeit berühmt. Die Gäste vom Stammtisch hatten natürlich jeden Abend ihren Spaß mit Belows Hausgeist. Mehrere von ihnen waren ebensolche Originale und paßten nur in dieses Lokal hinein. Doch gab es auch einige Erscheinungen, an die sich Pinkert nie gewöhnen konnte. Es waren jüngere Herren – ihr Stuhl war noch nicht eingesessen, und sie brachten die Atmosphäre Berlins mit, die hier verpönt war.

Gottlieb Pinkert mußte immer seinen Stachel haben, wider den er löken konnte. Das bildete die einzige Veränderung in seinem Kellnerleben. Im Winter des Jahres 1905 war es Doktor Werner von Wiesenlattich, den der zersetzende Geist des Stammtisches, Rechtsanwalt Wechsler, herangeschleppt hatte. Was wollten solche Leute in der Belowschen Ecke? Eines von den reichen »Aestern« aus der Tiergartenstraße, mit Automobil und Zobelpelz, dürr und lang, mit Spitzbärtchen und Eischädel, aber freilich auch mit klugen, schönen Augen. Pinkert haßte besonders Doktor von Wiesenlattichs Ringe. »Davon kennten fufzehn Beamtenfamiljen zwee Jahre leben! Und mit die Spinnenfinger hat er doch nie wat jetan!« Es war ganz klar, der Bankdirektorssohn langweilte sich bei Hiller und im Hotel Bristol. Er brauchte eine neue Sensation, und da der Luxus sie ihm nicht bieten konnte, suchte er sie in der altmodischen Primitivität. Nachher ging er ja doch immer in den Millionenklub. Pinkert traf so ziemlich das Richtige. Aber für die feineren Eigenschaften dieses Gastes fehlte ihm das Verständnis. Der reiche Mann war Doctor philosophiae, ein belesener Kunsthistoriker und Sammler. Sein Steckenpferd war die Biedermeierzeit. Bilder und Möbel aus dieser Epoche konnten Herrn von Wiesenlattich in einen Taumel versetzen. Er hätte am liebsten die ganze Belowecke gekauft. Da dies nicht möglich war, kam er jeden Abend auf ein Stündchen. Die alten Herren am Stammtisch rückten zusammen und zwangen sich zur Höflichkeit – der Name Wiesenlattich hatte einen guten Klang.

Eines Abends aber ging es Pinkert doch über die Hutschnur. Da brachte der geduldete Millionär noch einen Fremden mit. Und was für einen! Ein kleines, abgezehrtes Kerlchen, viel geckenhafter als Wiesenlattich, ein Monokel eingeklemmt, und wie eine rastlose Maus alles um sich her beschnüffelnd.

»Hier sind wir also in der berühmten historischen Ecke, Baron Troll,« begann Herr von Wiesenlattich. »An diesem Tisch sollen Schopenhauer und Hegel gesessen haben – selbstverständlich an verschiedenen Abenden. Drüben, neben dem Ofen, war Bismarcks Platz.«

»Was Sie sagen! Als er schon Reichskanzler war?«

»Das doch nicht. In den fünfziger Jahren. Da war er noch nicht einmal Minister.«

Baron Troll nahm Bismarcks Platz ganz genau in Augenschein.

»Is nischt mehr von ihm da,« brummte Pinkert. »Nich mal eens von seine drei Haare.«

Der Baron streifte den Kellner mit einem erstaunten Blick. »Ich finde es hier entzückend,« sagte er dann, mit Trippelschritten umhergehend. »So wohltuend still. Nebenan, bei Madame Below, herrscht ja ein Höllenlärm. Da hört man von Balkanpolitik und Kursen reden. Aber hier ist Stimmung, Caché. Sehr fein. Ist dies das Stammtischzimmer?«

»Jawoll, det is't Stammtischzimmer,« erwiderte Pinkert. »Die Herren nehmen woll lieber drüben Platz?«

Baron Troll warf diesem ungewöhnlichen Kellner einen drohenden Blick zu. Sonst wurde jeder Plebejer davon entwaffnet – Pinkert aber nicht. Doktor von Wiesenlattich mischte sich lächelnd ein. »Ich gehöre ja zum Stammtisch, Pinkert.«

»Muß man hier etwa einen Passierschein vom Kellner haben?«

»Lassen Sie nur, lieber Baron. Die Hauptsache ist: was trinken wir? Ich denke, wir fangen mit dem Belowschen Hausbordeaux an.«

»Hausbordeaux? Ist der zu empfehlen?«

»Det kommt janz uf'n persönlichen Jeschmack an,« erwiderte Pinkert, indem er auf einen Stuhl kletterte und noch eine Gaslampe aufleuchten ließ. Dann kam er wieder herunter und reinigte die Stuhldecke mit seinem Aermel. »Die Herren hier, wat ihn trinken, die haben alle 'n sehr juten Jeschmack.«

»Impertinenter Kerl,« flüsterte Baron Troll seinem Freunde zu.

»Daran müssen Sie sich gewöhnen.«

»So?!«

»Also eene Haus,« sagte Pinkert, zur Tür schlurfend. »Und wat zu essen, meine Herren?«

»Nein, nein!« rief der Baron mit ängstlicher Schnelligkeit. »Ich esse nachher im Klub!«

»Rinderbrust mit Merrettig und Bouillonkartoffeln«, las Wiesenlattich lächelnd aus der Speisenkarte vor. »Rebhuhn mit Sauerkohl. Das ist eine Delikatesse in der Belowschen Ecke.«

»Essen Sie das vielleicht? Ist es schon so weit mit Ihnen gekommen?«

»Ich esse Rebhuhn. Selbstverständlich. Und einen echten Nordhäuser, Pinkert.«

»Scheen.« Der alte Kellner verschwand.

»Rebhuhn – Sauerkohl – Hausbordeaux – Nordhäuser! Wie fühlen Sie sich danach?«

»Ausgezeichnet – das werden Sie sofort sehen.«

»Na, entschuldigen Sie! Ich finde das alles ein bißchen pervers!«

»Oho!«

»Sie lassen sich von diesem unappetitlichen Kerl bedienen und werden unserm vollendeten Jacques im Bristol untreu? Alles wegen der paar Biedermeiermöbel?«

»Ueberhaupt. Im Ernst gesprochen, Troll. Hier besänftigt man seine Nerven.«

»Sie haben mir aber Originale versprochen. Wo bleiben die Originale?«

»Es ist noch ein bißchen früh. Wann kommen denn die Herren, Pinkert?«

Der Alte kam eben mit dem Wein zurück. Er drehte den Korkenzieher in die Flasche und zog ihn zwischen den Knieen heraus. Baron Troll erstarrte in Indignation. »Werden jleich hier sein. Der Herr Rechtsanwalt steht schon nebenan und redet mit Frau Below.«

Der also Angekündigte ließ nicht lange auf sich warten. Mit ihm wurde es geräuschvoll im Stammtischzimmer. Richard Wechsler, ein hübscher, beleibter Vierziger, hatte das agile und liebenswürdige Wesen, das bewußt Wärme verbreitet, Hoffnungen erweckt und Versöhnung stiftet, wo es auch auftaucht. Der Untergrund seiner schillernden Begabung war der Friedenston patriarchalischen Judentums und verband sich reizvoll mit der Nervosität des modernen Tatmenschen. Er trug sein gutes Herz beständig wie ein gefülltes Portemonnaie herum, er spielte den schlichten Mann der Arbeit. Dabei hatte seine Stimme einen verschleierten Gourmetklang, und sein Mund unter dem amerikanisch gestutzten Schnurrbart öffnete sich beim stärksten Wortsprudel schlaff und dreieckig, wie bei einem geübten Austernesser. Der Rechtsanwalt war liberaler Politiker. Er hatte alle Wandlungen dieser Bewegung mitgemacht. Bald gehörte er zu dieser, bald zu jener Gruppe. Sicher war es jedenfalls, daß Wechsler, der ein luxuriöses Haus führte, viel Geld verdiente. Er war der richtige ›Macher‹, jeden Augenblick aus der Zeitkanone geschossen. Mehrere Aufsichtsratsstellungen in industriellen Unternehmungen gaben ihm einen undurchsichtigen Nimbus, und er konnte als Jurist auf schnelle Ehescheidungen ein Patent nehmen.

»Wie immer ganz persönlich erfreut,« begrüßte er Wiesenlattich und stellte sich Baron Troll mit einem kurzen »Name ist Wechsler« vor. Dann setzte er sich und breitete sich in seiner Bestellung aus. »Pinkert! Herzenspinkert! Kommen Sie mal her! Ich verhungere!«

Pinkert leierte die Speisenfolge von »Buljong mit Ei« bis zur »Rinderbrust mit Merrettig« herunter.

»Rinderbrust! Recht saftig! Und 'ne halbe Markobrunner! Ach, meine Herren, ich habe eben zwei Akte Tristan gehört! Wundervoll! Opernhaus ausverkauft! La – talidi – la talidi – –! Aber den dritten Akt halt' ich nicht aus!«

»Mein Freund kommt eben aus London und Paris,« bemerkte Wiesenlattich. »Das ist der richtige Globetrotter.«

»So! Wie interessant!«

»Die Moderne in den Weltstädten interessiert mich aber bei weitem nicht so wie die alten Kulturreste,« näselte Baron Troll. »In Berlin scheinen sie ja immer spärlicher zu werden. Hier freilich –«

»Hier ist alte Kultur, ganz alte Kultur! Historische Ecke! Prosit, Baumeister!«

Wechsler trank mit diesem Ausruf einem großen, blondbärtigen Manne zu, der eben das Zimmer betrat. Er hatte das rote, harte Gesicht von Leuten, die viel trinken, aber auch viel im Freien sind. Er lachte geräuschvoll. »Prost, Rechtsanwalt! Komme sofort nach! Wovon reden Sie eben? Historische Ecke? Ach, möchten doch meine Ecken ooch mal historisch werden!«

»In Wilmersdorf und Schöneberg kann man sich das allerdings nicht vorstellen!«

Baron Troll, der immer nervös wurde, wenn er in einer nicht standesgemäßen Gesellschaft zu sein glaubte, erhob sich und starrte von neuem den Schmuck der Wände an. »Ueberall interessante Erinnerungen! Ein Knaus! Ein Menzel! Und diese Autogramme! Hat das Bismarck geschrieben?«

»Selbstverständlich! Below war ja ein guter Bekannter von ihm! Pinkert, ist der Camembert durch?«

»Looft schon, Herr Rechtsanwalt,« erwiderte der Alte. Er taute jetzt ein bißchen auf, da mehrere Gäste anwesend waren.

»Wo steckt denn eigentlich Herr Below?« fragte Baron Troll. »Auf den bin ich am meisten begierig. Auf den echten bürgerlichen Wirt der alten Schule, den Urberliner. Und doch etwas Vornehmes.«

»Da werden Sie ein Prachtexemplar kennen lernen,« erzählte Wechsler, sein Rebhuhn zerteilend. »In diesem seinem Hause ist er geboren und aufgewachsen! Krieg 70 hat er mitgemacht! Eisernes Kreuz! Hoflieferant von fünf preußischen Königen! Der Mann ist 'n Wahrzeichen von Berlin! Das Sauerkraut war schon besser, Pinkert!«

»Ick koch' et ja nich!«

Jetzt öffnete Below die Tür und neigte seinen weißgrauen Kopf vor den Gästen. »Guten Abend, meine Herren! Nanu? Wo bleibt denn heute die alte Garde?« Baron Troll wurde vorgestellt, und Below setzte sich an den Stammtisch.

»Die kommen jewiß nich durch,« meinte Baumeister Fork. »Unter'n Linden is ja 'n fürchterliches Jedränge. Hofball. Da lassen die Patrioten keene Equipage aus.«

»Ich habe vorhin meinen Abendbummel gemacht,« sagte Below, der Forks letzte Bemerkung zu mißbilligen schien. »Bis zum Alten Fritzen. Es is doch seit dreißig Jahren immer dasselbe. Bloß 'n bißchen mehr Leute – na ja. Guten Appetit, meine Herren. Hat Gottlieb auch für alles gesorgt?«

»Heißt dieser Musterkellner Gottlieb?« fragte Baron Troll.

»Gottlieb Pinkert, Herr Baron,« erwiderte der Wirt arglos. »Er is übrigens besser als die meisten modernen Schwalbenschwänze.«

»Rauhe Außenseite – goldenes Herz,« sagte Wechsler und kratzte seinen Camembert ab.

»Aber dem Herrn Baron schmeckt wohl der Wein nich?« fragte Below, der jede Unzufriedenheit sofort witterte und aus der Welt schaffen wollte. »Was is es denn? Hausbordeaux? Nee, nee. Den dürfen Sie doch am ersten Abend nich trinken.«

»Nicht?« rief Wiesenlattich, in die Hände schlagend. »Ja, um des Himmels willen! Ich glaubte es gut zu machen!«

»Sehen Sie,« quakte der Baron weinerlich, »Herr Below selbst –«

»Wenn Sie mir erlauben, lasse ich Ihnen was andres kommen, Herr Baron. Ueberlassen Sie mir die Wahl?«

Belows ernster Eifer wirkte auf Baron Troll. Das war kein geschäftlich interessierter Wirt, sondern ein vornehmer Verwalter, ein Sachverständiger, dem es um die Ehre ging. Troll nickte lächelnd.

»Also eine Chateau Raillac, Pinkert. 84er. Herr von Wiesenlattich hilft wohl, und ich habe so 'ne geheime Ahnung, daß der Herr Baron auch ganz alleine damit fertig wird.«

Pinkert brachte eine verstaubte Flasche aus dem Keller, die wie von ihrem Inhalt berauscht in einem zierlichen Körbchen lag. Auch besondere, fein geschliffene Gläser kamen, und nun war Below in seinem Element. Er löste selbst das Siegel, öffnete die Flasche und putzte den Hals mit einer feinen Bürste ab, alles schmunzelnd und ein bißchen nickend, als wollte er dem Trinker von vornherein sagen: »Na, die hier wird mich rechtfertigen. Da wirst Du erst fühlen, daß Du in der Belowschen Ecke bist.« Pinkert stand mit etwas leidender Miene dabei. Ihm tat es immer weh, wenn gewisse Weine nach seiner Ansicht an den falschen Mann kamen.

Nach dem ersten Glase zeigte es sich, daß Baron Troll erobert war. Aber sein Entzücken blieb wissenschaftlich. »Solche Gewächse haben Sie im Keller, Herr Below? Das ist ja prachtvoll.«

»Zwei Oxhoft hab' ich noch.«

»Sie scheinen – mit Erlaubnis zu sagen – keene Ahnung zu haben, wo wir hier sitzen,« polterte jetzt Baumeister Fork los. »Von Rechts wejen müßte jeder Jast erst mal in den Keller geführt werden, bevor er bei Below was zu trinken kriegt. Ich sage Ihnen, da liegt für hunderttausend Mark Wein unten. Da duftet's wie im Märchen. Aber alle Jartenblumen können mir jestohlen bleiben für so 'ne Blumen. Wenn's auch finster is, und bloß 'ne Funzel brennt, und Mäuse sind da und schmierige, schwarze Fässer.«

Baron Troll war eingeschüchtert. »Gewiß, gewiß – das würde mich alles außerordentlich interessieren. Wenn ich Ihren Keller gelegentlich besichtigen dürfte, Herr Below?«

»Aber sehr gern, Herr Baron.«

»Da komm' ich mit!« rief Fork.

»Nee, nee, Sie bleiben hier, Baumeister,« entschied Below mit jovialer Sicherheit. »Sie haben das Zipperlein, und wenn Sie erst mal unten sind, halten Sie sich für 'ne Prüfungskommission und fangen gleich an zu kosten.«

Das Gelächter, das diesen Worten folgte, wurde vom Erscheinen zweier neuer Stammgäste unterbrochen, die auf solche Weise jubelnd begrüßt wurden. Jetzt kam die alte Garde, von der Below gesprochen hatte. Ihre Hauptvertreter sogar: Professor Ottomar König, der achtzigjährige, pensionierte Gymnasialdirektor, und Hauptmann von Weinschenk, ebenfalls a. D. Es waren Dioskuren absonderlicher Art. Seit siebzehn Jahren holte der Hauptmann den Professor Abend für Abend aus seiner Wohnung am Köllnischen Fischmarkt ab und führte ihn in die Belowsche Ecke. Weinschenk hatte ein steifes Bein, hielt sich aber für den bedeutend Rüstigeren – er sah wie ein hochgewachsener Sohn auf den trippelnden, kleinen Greis herab. Professor König aber wehrte sich beständig gegen seine Hilfe, die ihm unentbehrlich war. Der eine schwelgte in der Undankbarkeit des anderen – sie machten sich beständig Vorwürfe, und niemals waren sie konform in der Belowschen Ecke erschienen. Auch heute kamen sie wieder am Abschluß eines Streites. Die anderen Stammgäste freuten sich schon immer auf diese Würze des Abends. In der Tür machte sich der Professor von dem stützenden Arm des Hauptmanns los und eiferte beim Eintreten: »Ich danke! Hier bedarf ich Ihrer Hilfe nicht mehr! Ich danke wirklich! Aber so lassen Sie mich doch los!«

Der große Hauptmann erwiderte mit seiner Donnerstimme, die für Schwerhörige berechnet schien: »Also gut! Meinetwejen fallen Sie in die Panke! Ich hole Sie nich mehr ab!« Dies sagte er jedesmal.

Below legte sich ins Mittel und führte den alten König auf seinen Platz. »Der Herr Professor is aber auch was Solides.«

»Bestärke ihn man noch! So 'ne Unvernunft! 'ne kleene Verrenkung jenücht, und er kommt in de Klappe, und da findet er mit 80 nich mehr raus!«

»Ach was, ach was,« brummte der Professor. »Setzen Sie sich nur hin.«

»Setzen!« rief Wechsler übermütig zu dem alten Schulmann hinüber.

Herr von Weinschenk nahm Platz und streckte sein steifes Bein aus. »Und niemals 'n Abend ohne Streit! Das kenn' ich jar nich anders! Immer erscheinen wir hier wie de Kampfhähne!«

»Was hat es denn heute wieder gegeben?« fragte Below.

»Bitte, entscheiden Sie!« rief der Professor. »Wenn er mich mitten auf dem Damm der Friedrichstraße stehen ließe, mich alten Mann, so daß ich unter ein Automobil käme – ich würde doch noch behaupten, daß es im Jahre 1870 noch keine Droschken erster Klasse gegeben hat!«

»Also das war der große Streitpunkt? Da hat der Professor übrigens recht.«

»Natürlich habe ich recht!«

Der Hauptmann bezwang sich, stützte den roten Kopf in die Hand und trommelte auf den Tisch.

»Na, was hast Du denn für Sorgen, lieber Lorenz?« fragte Below, um auch ihn zu besänftigen.

»Ach, ich halt' es nich mehr aus in Eurem Berlin! Hier erstickt man ja! Hier wird man ja langsam zu Tode jetrampelt und blödsinnig! Dies Jeschiebe, dies Jetute, dies Jeklingel 'n janzen Tag! Was brauch' ich mich denn immerzu rumschubsen zu lassen? Keine ruhige Minute hab' ich ja als pensionierter Offizier, und alles bloß, um in Berlin zu leben? Bin ich denn nich 'n Dromedar, daß ich nich schon längst auf meinem Jut bei Oranienburg sitze?«

»Ueber Ihr Verhältnis zu einem Dromedar bin ich mir nicht im klaren,« meinte Professor König, »aber daß Sie sich auf Ihr Gut zurückziehen wollen, das sagen Sie jetzt seit 25 Jahren.«

»Ich tu's, ich tu's, zum Donnerwetter!«

»Aber bedenken Sie doch auch, Herr Hauptmann,« bemerkte Wechsler jetzt mit seinem dreieckigen Feinschmeckermunde, »was Berlin Ihnen alles bietet!«

»Was bietet's mir denn?! Benzinjestank! Ich sehne mich ja nach einem Misthaufen!«

Ein stämmiger, beweglicher Herr, schwarzlockig, ein Pincenez vor den lebhaften Augen, platzte jetzt durch die Tür herein und riß seinen Radmantel von den Schultern. »Wie? Was? Benzinjestank? Misthaufen? Das sind Gegensätze! Gegensätze sind immer gut! Sagen Sie doch noch Idealparfüm! Guten Abend, meine Herren! Was gibt's Neues?«

»Das fragen Sie uns?« rief Below. »Sie Pressehäuptling?«

Kretschmar, der vielbeschäftigte Redakteur, war ebenso leistungsfähig im Essen und Trinken wie als Journalist. Er bestellte sich ein ganzes Konto bei Pinkert, bevor er Rede stand.

»Sie sitzen so jemütlich da,« sagte Baumeister Fork. »Hier hat sich eben die alte Jeneration höchst despektierlich über die neue jeäußert.«

»Wenn Se wollen, sag' ich's jleich noch mal,« brummte der Hauptmann.

»Aber liebster, bester Herr Generalfeldmarschall,« platzte jetzt Kretschmar los. »Sie sind doch 'n Kind des zwanzigsten Jahrhunderts!«

»Bin ich nich!!«

»Worüber beklagen Sie sich denn?«

»Ueber Euren lausigen, jroßartigen Berliner Verkehr! Brutalitäten sind das – weiter nischt!«

»Aber man muß doch die Nerven seiner Epoche haben! Stadt wie Berlin braucht Nerven! Alles drängt vorwärts! Heute gut, morgen besser! Nur kein Stillstand – darf ja nich sein! Pinkert, gibt es Klopse? Παντα ρει! Heraklit war wahrscheinlich auch'n Berliner! Passen Sie auf, es wird noch viel doller! Straßenbahn kriegt Schnellverkehr oder wird unterirdisch! Hochbahn wird durch Schwebebahn ersetzt! Und in der Ferne seh' ich schon die lenkbaren Taxameterluftschiffe!«

»Dann sitz' ich in Oranienburg,« resignierte Weinschenk.

»So?« rief der alte König erbost. »Und wer holt mich ab?!«

Kretschmar lehnte sich nach seiner Gewohnheit weit in den Stuhl zurück und warf seinen feisten Oberkörper hin und her. »Meine Herren, meine Herren! Es is doch 'n Hochgenuß, seine Vaterstadt so anwachsen zu sehen! Wenn ich an meine Kindheit denke! Lieber Gott! Nach 'm Nollendorfplatz war's damals 'ne Landpartie, und an die Havel, wo man jetzt per Auto über die Döberitzer Heerstraße flitzt, kam man jeden Sommer einmal!«

Professor Königs Leidenschaft, zu debattieren, brach immer unvermittelt los. »Wenn ich so etwas höre! Dieser Kiekindiewelt! Dieser Kretschmar!« Er schlug auf den Tisch, daß die Gläser klirrten. »Sie waren ja noch gar nicht geboren, als ich so alt war wie Sie! Vor 50 Jahren, mein Lieber! Wie da Ihre Vaterstadt aussah – das wissen Sie nicht!«

»Allerdings nich! Entschuldigen Sie, daß ich nich früher geboren bin, ehrwürdiger Patriarch und Kirchenvater! Sie sind ja noch 'n Achtundvierziger. Sie haben ja noch auf der Barrikade gestanden. Bei andern Achtundvierzigern kann man das allmählich bezweifeln – die haben nämlich alle auf der Barrikade gestanden. Aber Ihnen trau' ich's zu.«

»Ich habe ein dreifaches Wachstum von Berlin erlebt! Berlin war eine kleine Stadt im Jahre 48! Aber schön war diese Stadt! Ach – wunderschön!«

»Wahrhaftig!« rief Weinschenk, der mit seinem zweiten Schoppen fertig war.

»Weinschenk, davon wissen Sie nichts!« zischte König.

»Nanu!?« Der Hauptmann erhob sich halb.

»Wann sind Sie denn geboren?«

»Danach jeht's nich!«

»Ihre Zeit ist 70-71! Eine Epoche, die mich überhaupt nicht interessiert!«

»Aha! Jawohl! Die Jründung des Deutschen Reiches! Bismarck, Moltke, Roon – 'n Pappenstiel! Der alte Wilhelm – 'ne Episode! Daß Ihr vorher »Der Sänger hält im Feld die Fahnenwacht« jejrölt habt und Turnvereine jejründet und mit Redensarten um Euch jeschmissen – das war was!?«

»Redensarten?!!«

Below mußte sich wiederum ins Mittel legen. Jetzt war es im Stammtischzimmer zu laut geworden. Er liebte es nicht, wenn im Lokal nebenan gehorcht und über die Alten gespottet wurde. »Aber meine Herren, meine Herren! Ein bißchen piano, wenn ich bitten darf! Das hört ja die Geheime Kriegsrätin zwei Treppen, und die nimmt so schon immer Brom zum Schlafen! Was größer war – 48 oder 70 – das läßt sich doch hier unmöglich feststellen. Wir regen uns jetzt um andere Sachen auf.«

»Ja, Below!« rief Weinschenk mit pathetischer Handbewegung. »Wir sind zum alten Eisen jeworfen! Kriegskameraden – zu nichts mehr nutze in dieser schlappen, nervösen, miselsüchtigen Zeit!« Der Hauptmann spuckte aus und roch mit Wehmut an seinem dritten Schoppen. Below schüttelte lächelnd den Kopf und schwieg. Auch die anderen waren durch die Heftigkeit des Streites stiller geworden. Jetzt kam Berthold Ascher langsam in das Stammtischzimmer. Ruhig grüßte er, mit kaum merklichem Sarkasmus. Pinkert nahm ihm seinen kostbaren Pelz ab. Dem Kommerzienrat – er war es inzwischen geworden – folgte Herr Rösicke, der phlegmatische Wäschefabrikant, der nie durch etwas anderes bemerkbar wurde, als daß er außerordentlich viel trank. Er setzte sich, schwieg und döste, bis er wieder nach Hause ging.

»Nein, nein,« murmelte der alte König, der nach dem anstrengenden Streit den Kopf auf die Brust senkte – »ich freue mich nicht an dieser Art Entwicklung.«

»Hier sitzt einer,« sagte der Hauptmann mit einem giftigen Seitenblick auf Ascher – »der freut sich!«

Ascher reagierte nicht und aß in seiner bedächtigen Art den Kaviar, den Pinkert ihm gebracht hatte.

»Verehrtester Herr Professor,« begann jetzt Kretschmar, sich den Schnurrbart wischend, »das Idyll von Anno dazumal war ja was Wundervolles, aber wir Leute von heute haben es ein für allemal begraben. Sonst versinken wir ja in ästhetischer Gefühlsduselei. Pardon, Doktor von Wiesenlattich – ich kenne Ihre Bestrebungen – das sollte nicht auf Sie gehen.«

Wiesenlattich lächelte. »Ich bezog das auch nicht auf mich. Ich bin Kulturhistoriker. Wenn ich in vergangenen Geschmacksepochen lebe und die frühere, gewisse Schönheit der heutigen, ungewissen vorziehe, so ist das ganz etwas anderes.«

»Ja, sehen Sie, und wir, wir Unhistorischen, wir schaffen eben 'ne neue Gewißheit! Uebrigens famos formuliert! Einen Augenblick – das lass' ich mir nich unter'n Tisch fallen.« Kretschmar schrieb es sich in sein Notizbuch.

»'ne neue Gewißheit?« fragte Below, nachdenklich vor sich hinnickend. »Beneidenswert, an sowas zu glauben. Manchmal wünsch' ich mir, in die Werkstatt reinzukucken, wo neue Gewißheiten gemacht werden. In Ihren Zeitungspalast zum Beispiel, Herr Kretschmar.«

»Warum kommen Sie denn nich mal? Ich zeige Ihnen alles. Die große Rotationsmaschine, die unser ganzes Blatt ausspuckt – fertig gefalzt, geschnitten, illustriert!«

Hauptmann von Weinschenk rückte unruhig auf seinem Stuhl herum. »Aber Below – was willste denn da?«

»Ja, lieber Lorenz – hier wird immer bloß davon gesprochen.«

Diese Aeußerung schien den sonst so gleichmäßigen Ascher zu überraschen. Er sah Below über seinen Kneifer an und meinte: »Hört, hört. Das sind ja ganz neue Ansichten bei Belows?«

»Find' ich auch!« knurrte der Hauptmann. »Neue, aber keene anjenehme!«

»Nun sagen Sie mir mal, Herr Below,« brach Professor König von neuem los – »halten Sie vielleicht alles, was da draußen tobt und Radau macht, für Fortschritt?!«

Below zuckte die Achseln. »Tobt und Radau macht . . .«

»Dein Lokal is ein himmlisches Asyl des Friedens und der vornehmen Jeselligkeit!« rief Weinschenk. »Hier is die letzte Stelle, wo man zum Nachdenken kommt in Berlin! Wo man überhaupt noch weiß, was los is! Wir haben den wirklichen Fortschritt mitjemacht – das jenügt!«

»Den wirklichen Fortschritt? . . .« Below stand auf. »Sehen Sie mal die beiden Fenster hier, meine Herren. Die gehen auf die Linden raus, nich wahr? Das dritte is 'n Stiefkind – in der Schadowstraße is nie was los gewesen. Aber hier. Was hab' ich hier nich alles mitangesehn. Am Fenster. Aber auch unten auf der Straße, mittenmang. Zum Beispiel 71 – da bin ich von Frankreich nach Hause gekommen, hinter dem alten Kaiser her, durchs Brandenburger Tor. Da hatt' ich 'n Kürassierhelm auf 'm Kopf – stellen Sie sich das vor, meine Herren: Below mit 'm Kürassierhelm und 'n Säbel in der Hand und Eichenzweige und – jung – – na ja . . . Da ritt ich hier vorüber, und am Fenster – hier an diesem – stand Minna.«

Nachdenklich blickten die Grauköpfe vor sich hin. Below trank erst einen Schluck, dann fuhr er fort: »Ich habe die Revue mit 71 angefangen – aber vorher 66 – vorher 64 – und ganz im Dämmer weiß ich's noch – ich war 3 Jahre alt, meine erste Erinnerung – 48, der achtzehnte März. Da wurde auch geschrien und geschossen Untern Linden, aber anders. Mein Vater kam plötzlich und riß mich vom Fenster weg. Später ritt Wrangel draußen vorüber. Und noch später – Bismarck. Und dann fingen die Sozialisten an. Draußen sah ich den alten Kaiser, wie Nobiling ihn getroffen hatte. Andere Zeiten, meine Herren. Wir Belows machten die Fenster zu.«

»Das war das Unbeirrbare an Euch!« sagte der Hauptmann dumpf.

»Aber auch das geht vorüber. Sogar Bismarck ging. Und alles wurde wieder frisch vergoldet. Auch mein Hoflieferantenwappen. Aber unser Patriotismus – ich kann mir nich helfen, Lorenz – der war von besseren Eltern. Jetzt is doch alles mehr geredet als erlebt. Sagen Sie's nich weiter, meine Herren. Die Maße sind kleiner geworden. Unter uns: 'n Pudel is kein Tyras.«

Nun lachten alle. »Famos!« rief Kretschmar. »Wollen Sie das nich alles mal schreiben, Herr Below? Für meine Zeitung vielleicht? Wie wär's? Aufzeichnungen eines alten Berliners! Wär' doch reizend!«

»Nee, das find' ich nich. Ich wollte nur sagen: man soll sich davor hüten, engherzig zu werden. Man soll nie sagen: meine Jugend hatte Sinn, aber die von heute hat keinen. Ihren Sinn hat wahrscheinlich jede Jugend, meine Herren. Die Postkutschenzeit wie die eiserne oder die elektrische oder womöglich die mit Flügeln. Ich traue mir nich zu, aus ›meiner Zeit‹ erhaben auf alle andern runterzukucken.«

Below setzte sich. Man sah sich verwundert und beklommen an. Was war denn das für eine merkwürdig erregte Sprache bei diesem Ruhigsten von allen? War Below etwas Besonderes zugestoßen? Der Verlust seiner Kinder – nun ja – das wußte man. Aber er hatte doch den Stürmen standgehalten, selbstsicher und verschwiegen – nun sprach er plötzlich von der abtrünnigen Jugend, ohne sie zu verdammen? Alle seine Worte hatten Doppelsinn. Fühlte er sich einsam? Unter seinen alten Freunden? – In die wehmütige Entfremdung, die sich über die Stammtischgesellschaft legte und ein scheu verlegenes Schweigen brachte, sprach Berthold Ascher plötzlich hinein. Mephisto spürte etwas von Ernte.

»Sie haben ganz recht, lieber Below. Man schneidet sich immer ins eigene Fleisch, wenn man die neue Generation nicht hochkommen läßt. Die erste soll der zweiten dienen. Das ist gesunde Mathematik.«

»Nicht umgekehrt?« fragte Professor König mit zitternder Stimme.

»Umgekehrt natürlich auch. Im Familienleben, Herr Professor. Aber wir reden hier von Staat und Gesellschaft.«

»Sie?!« rief Hauptmann von Weinschenk entrüstet. »Sie reden von Staat und Jesellschaft? Sie Millionär? Sie Warenhauskönig? Ihre Jesellschaft is doch die Familie Ascher! Das werden Sie mir nich übel nehmen!«

»Ich nehme Ihnen nie etwas übel, Herr Hauptmann,« erwiderte Ascher freundlich. »Ich weiß ja, Sie sind nicht mein Kunde.«

»Nee, wahrhaftig nich! Ich lasse meine alten Lieferanten nich im Stich, um bei Ihnen in siebzehn Fahrstühlen zu rutschen, in 'nem Palmenjarten Affen und Papajeien zu sehen, daneben bei Doppelkonzert 'ne Lachssemmel zu essen und schließlich nich mehr zu wissen, was ich mir eijentlich kaufen wollte!«

»Aber ich habe den Geschmack der heutigen Generation getroffen, der Sie nicht angehören, Verehrtester.«

»Sollten Sie nicht auch dazu da sein, Herr Kommerzienrat, den Geschmack der heutigen Generation zu bilden?« fragte Professor König spitz.

»Durchaus nicht, Herr Professor. Das wäre Pfuscharbeit. Ich leite kein Gymnasium. Bei mir ist der große Markt, bei mir ist einfach alles zu haben. Ich wundere mich über keinen Anspruch, der an mich gestellt wird. Je verrückter, desto besser. Bin ich dazu da, meine Kundschaft zu rezensieren? Ich bin dazu da, sie zu bedienen. Mein Privatgeschmack ist eine Sache für sich. Wenn ich zu Hause ein gutes Buch lese, oder wenn ich hier in der Belowschen Ecke abends meinen Schoppen trinke – das genügt mir.«

»Armer Kommerzienrat!« rief Kretschmar. »Andere Freuden hat er nich!«

Jetzt kicherten alle. Ascher verstand die Anspielung, blickte aber mit seiner undurchsichtigen Miene vor sich hin und sagte, als man sich beruhigt hatte: »Ich respektiere jedenfalls die Freuden meiner Mitmenschen. Ich suche es zu verstehen, daß man mit dem Auto lieber kleine Kinder totfährt, als weniger als 100 Kilometer in der Stunde zu machen. Ich würdige es, daß man alte Häuser, wie dieses hier, scheußlich findet und die Stilblüten, die Baumeister Fork aus der Erde zaubert, wundervoll. Prosit, Baumeister. Sie sind hier, aber das macht nichts. Sie wissen ja, der Bau meines neuen Warenhauses in Westend wird Ihnen doch übertragen.«

»Das weiß ich!« sagte der lange Architekt, der sonst sehr böse werden konnte. »Darum können Sie auch sagen, was Sie wollen, Herr Kommerzienrat! Solange wir keinen neuen Stil haben, nehmen wir natürlich die alten!«

»Nu würd' es mich aber sehr interessieren, lieber Ascher,« begann jetzt Below erregter, »wie Sie mich eigentlich beurteilen. Ich weiß, daß meine alte Bude sich in der großartigen Umgebung immer wunderlicher ausnimmt. Aber sie steht doch nu mal da. Wie komme ich Ihnen denn im modernen Berlin vor? Normal oder verrückt?«

»Offen gestanden mehr verrückt.«

Ein großer Aufruhr folgte diesen Worten, aber Ascher ließ sich nicht beirren.

»Sie sind nämlich auch 'n Artikel für den modernen Geschmack geworden. Darauf kommt es einzig und allein an. Sie sind 'n Luxusgegenstand, Below. Das Geld liegt bei Ihnen auf der Straße, aber Sie heben es nicht auf.«

Below sah Ascher mit seinen großen, blauen Augen durchdringend an. »Was meinen Sie damit? Das Geld liegt bei mir auf der Straße?«

»Na, Ihr Grundstück ist doch unter Brüdern zwei Millionen wert? Wieviel Umsatz haben Sie dafür im Jahr? 'n halbes oder ein Prozent?« Ascher stand lächelnd auf und ließ sich von Pinkert in seinen Pelz helfen.

Below folgte ihm. »Was meinen Sie denn, was ich tun sollte?«

»Bleiben Sie nur so, wie Sie sind. Wer weiß, ob Sie dem Publikum gefallen würden, wenn Sie anders wären.«

»Wie denn – anders?«

»Hier läßt sich was draus machen.«

Nach diesen Worten ging Ascher. Auch die anderen blieben nicht mehr lange. Es war ein anregender, aber kein schöner Abend gewesen. In Wechsler freilich rumorten Aschers Andeutungen herum, und er sprach geheimnisvoll auf Fork ein, mit dem er noch ins Café ging. Professor König und Hauptmann von Weinschenk entfernten sich in hellem Streit. Kretschmar übernahm die Führung Baron Trolls für den angebrochenen Abend, und Doktor von Wiesenlattich war nicht zu exklusiv, um eine Flasche Sekt in der American Bar vorzuschlagen.

Below blieb allein, während Pinkert die Flaschen forträumte. Jetzt schob sich Minna durch die Tür, denn nebenan war es auch leer geworden. Die Wirtin brauchte nicht mehr am Büfett zu sitzen.

»Na?« sagte sie kurzatmig. »Ihr seid ja heute recht lebhaft jewesen?«

»Wenn die ins Streiten kommen, gibt es kein Ende,« brummte Below und sah sie dann besorgt an. »Du hast es aber wieder mächtig auf der Brust, Minna. Nimm doch 'n Pulver.«

»Nützt ja nichts mehr. Komm' schlafen. Schlafen is die beste Medizin.«

»Tust Du's auch?«

»Ach ja . . .«

»Na, na! Wenn ich man wüßte, wenn ich schlafe, ob Du schläfst!«

»Das is 'n Kunststück. Das mach' mir mal erst vor.«

Sie stiegen langsam die Treppe zur Wohnung hinauf. »Ach, Minna,« flüsterte Below plötzlich.

»Na? . . . Was haste denn?«

»Die Leute am Stammtisch – das sind doch lauter olle verweppte Herzen.«

Minna sah ihn überrascht an und blieb stehen, indem sie sich am Geländer festhielt. »Da hast Du wohl recht . . . Du bist aber doch viel jünger als die?«

»Hoffentlich, Minna! Die fühlen sich bloß im Räsonnieren wohl, im Durchwühlen von alten, abgetragenen Sachen. Stickluft is es, was ihnen nottut. Dahinter bin ich allmählich gekommen. Erinnerst Du Dich, was Rudi immer für'n Abscheu davor hatte, mit den Alten zu reden?«

»Rudi?! . . . Wie kommst Du denn auf einmal auf den, Fritz?«

»Warum denn nich? . . . Und Erna und Hermann, die wollten auch immer lieber hinten auf der Galerie sitzen. Aber vergiß es, Minna, was ich eben gesagt habe. Es fuhr mir bloß so raus. Die haben heute abend so entsetzlich viel gequasselt. Uebrigens sind die Alten immer noch besser als die Jüngeren. Wechsler zum Beispiel – was soll so einer eigentlich bei uns?«

Below war vorausgestiegen. Als er seine Frau nicht nachkommen hörte, drehte er sich nach ihr um. Da lag ihr breiter Körper über das Geländer gebeugt und zuckte. Sofort war er neben ihr.

»Minna!« bat er zärtlich.

»Es is schon . . . es wird schon besser . . . Ich bin eben 'n alter Trümmer.«

»Komm' nur. Ich bring' Dich zu Bett.«

Viertes Kapitel

Die Tauben auf dem Dach der Belowschen Ecke putzten ihr Gefieder und gurrten vergnügt in den hellen Sonnenschein hinein. Der Frühling war unterwegs und schwebte mild erwärmend über den harten Straßen. Frau Minna aber fand sich nicht in den Frühling. Sie schien das Kommando über sich selbst verloren zu haben. Seit jenem Zusammenbruch auf der Treppe war sie nicht mehr zu Kräften gekommen. Sie blieb in der Wohnung. Das Lokal wurde ihr ein fremdes Land. Sie mußte eine Vertreterin, Fräulein Löffelholz aus Dresden, ans Büfett setzen, jede Tätigkeit verbot ihr der Arzt. So war sie auf ihre Gedanken angewiesen, die kein Doktor verbieten konnte. Frau Below dachte an ihre Kinder. Fidel, der Hauskater, lag neben ihr auf dem Bett, ließ sein silbergraues Fell von ihrer matten Hand streicheln und schnurrte, wie die Gesundheit. Seine gelben Schlitzaugen sahen die kranke Frau aufmerksam an. Minna glaubte anfangs, daß der Kater ihr Sorgen und Sinnen verstand. Sie stellte schon insgeheim eine Theorie der tierischen Vernunft auf, von der sie ihren skeptischen Gatten überzeugen wollte – dann aber mußte sie sich wieder sagen, daß Fidel nur auf ihr Mittagessen wartete. Hatte er seinen Happen weg, so streckte er den Schwanz in die Höhe und entfernte sich. Ja, Minna Below war sehr allein. Bis Hermann von ihrem Zustand erfuhr. Da wurde es anders.

Joachim Friedrich mußte sich jetzt doppelt dem Geschäft widmen. Aber um die Hilfe eines seiner Kinder anzurufen, war er zu stolz. Hermann, der durch das Stocken der mütterlichen Korrespondenz beunruhigt wurde, erhielt von seinem Onkel, dem Prediger an St. Marien, Auskunft. Dieser stellte den Zustand der Kranken als bedenklich hin. Die Folge war, daß Hermann und Anna sofort Arendswalde verließen und nach Berlin kamen. Frau Below lebte auf, als die Jugend in einer Frühlingsabendstunde ihr Zimmer betrat. Das waren tüchtige Menschen aus dem Leben draußen. Warum konnte sie sie nicht immer bei sich haben? Warum ging es auch denen anderswo besser, zwischen Menschen und Dingen, die ihr fremd waren? So zog es durch ihren schwachen Kopf, während sie Hermanns Hand festhielt. Annas fremdländische Gestalt stand schlank am Fenster. Plötzlich geschah Minna etwas, was bei den Belows nur ganz selten vorkam: sie resignierte. Sie wollte lernen, daß es Menschen gab, von denen sie nichts wußte. Sie wollte von ihnen wissen, ob Rudolf, ob Erna . . .

Eines Nachmittags fand Hermann seine Mutter friedlich eingeschlafen. Sie hatte eine Zeitung gelesen, die ihrer Hand entfallen war. Es mußte irgend etwas darin stehen, was den Ausdruck der Schlafenden so glückschimmernd machte. Vorsichtig hob Hermann das Blatt auf und suchte gespannt darin, was die Mutter wohl gelesen haben mochte. Jetzt fand er es. Es war ein Bericht aus New York über einen neuen Varietéstern, der dort phänomenalen Erfolg hatte. Eine Tänzerin – Erna hieß sie. Erna Paulana. Man schwärmte von ihrer kühnen Grazie. Man prophezeite der jungen Berlinerin eine Saharetzukunft und setzte ihr Talent natürlich sofort in Dollars um.

Also davon träumte die Mutter. Sie sah ihr Kind in unerhörtem Glanze. Etwas märchenhaft Duftendes preßte sie an sich, während ihr krankes Herz pochte und die Brust unter der Decke sich senkte und hob. Hermann schlich sich zu Anna, die auf der Treppe auf ihn wartete. Dann stiegen sie zusammen hinunter und gingen durch das Brandenburger Tor in den Tiergarten hinaus. Es war eine weiche, sehnsuchtsvolle Luft. Von der harten Asphaltstraße der Charlottenburger Chaussee, wo Automobile und elektrische Wagen surrten, bogen sie bald in stille Seitenwege ein. Hier hatte die Berliner Natur noch ein Plätzchen. Hier wurde es wirklich ruhig. Hermann erzählte Anna, was er erfahren hatte. Mit einem leisen, skeptischen Lächeln sprach er von Erna und staunte, als seine junge Frau dadurch in fremdartige Erregung geriet. Sie malte sich Ernas Werdegang in Amerika aus, sie schwelgte darin, wie ein freies Frauendasein sich entfalten konnte. Hermann widersprach ihr nicht, denn in seiner abwägenden Ruhe hatte er dieselbe Gerechtigkeit gegen jedes Eigenleben wie Anna. Aber er merkte sich alles, was sie unter den Frühlingsbäumen sprach. Nicht nur für sein Urteil über Erna, sondern auch als Warnung vor jedem Zwange, den sein Einsamkeitsbedürfnis auf Annas Weltfreude legen konnte. Als sie zur Stadt zurückkehrten, kam das Erstaunen auf ihre Seite. Sie hatte nur unbekümmert herausgeplaudert, was sie empfunden, und er schien merkwürdig davon ergriffen zu sein. In der Dämmerung zog er sie plötzlich an sich und küßte, als ob er sie um etwas bäte, ihren weichen Mund. –

Als der Mai vorüber war und Minnas Schwächezustand sich nicht bessern wollte, zog Sanitätsrat Kleimann Below zu einer entscheidenden Besprechung ins Nebenzimmer. Below schien erwartet zu haben, was der Hausarzt verlangte, denn er senkte den grauen Kopf und hörte es ohne Einspruch an. »Ihre Frau muß fort, lieber Herr Below. Noch ist es Zeit. Die Hauptsache ist doch, daß Sie sie behalten, nicht wahr – nicht nur hier, im Beruf, sondern überhaupt. Ja, ich kann es Ihnen nicht verhehlen – dieses kraftlose Hindämmern Monat für Monat, das kann direkt dorthin führen, wo es kein Zurück mehr gibt. Ich kenne Sie doch, Herr Below – Sie können ein starkes Wort vertragen.«

»Was soll geschehen?« fragte Below leise und sah ihn mit geröteten Augen an.

»Packen Sie Ihre Frau zusammen und bringen Sie sie möglichst schnell nach Strausberg in das Sanatorium von Professor Kessel. Ich habe Ihnen davon erzählt. Ich halte sehr viel von Kessels neuer Methode, namentlich Herzkranke zu behandeln. Aber wie gesagt, es handelt sich da um keine kurze Kur von zwei oder drei Monaten, sondern Kessels Patienten siedeln überhaupt zu ihm über, auf Jahre manchmal. Das schließt natürlich nicht aus, daß Ihre Frau vollständig mit Ihnen in Verbindung bleiben kann. Sie werden sie häufig besuchen können. Nur das andere Milieu, verstehen Sie, die vollständig andere, hygienische Lebensweise, die ihre fernere Lebenszeit umkrempeln wird – das ist das Gute, darin sehe ich das einzige Heil für Ihre Frau.«

Below saß mit gefalteten Händen und schwieg. Sanitätsrat Kleimann rückte bewegt an ihn heran: »Glauben Sie mir, Herr Below, ich weiß, was ich von Ihnen verlange. Ihre Lebensgefährtin soll fort, von der Sie sich noch nie getrennt haben. Aber die Notwendigkeit – zu ihrem Besten – – Sie sind doch ein couragierter Mann.«

»Es is gut,« erwiderte Below und schnäuzte sich stark, um seiner Erregung Herr zu werden. »Ich weiß natürlich, was ich zu tun habe. Ich habe mich ja nie beklagt, Herr Sanitätsrat. Mir wird eben alles genommen. Aber wird sie denn wollen? Solchen alten Menschen plötzlich mit der Wurzel aus 'm Blumentopf reißen – geht das?«

»Es muß gehen. Ich kann es Ihnen verraten: Ihre Frau ist schon einverstanden.«

»Wirklich? – –«

»Ich habe es mit ihr besprochen.«

Dies wirkte auf Below. Er reckte sich und ging zu ihr hinein. Am nächsten Nachmittag schon brachten er und Hermann die Kranke nach Strausberg, in Professor Kessels Sanatorium. Als Minna in dem Krankenwagen lag, sah sie sich noch einmal um. Da hatte sie eine seltsame Vision. Vor ihren Augen gerieten die achtzigjährigen Mauern ins Wanken, es rieselte an den Wänden entlang, über die blank geputzten Fenster hinweg, und alles lag mit leisem Donner in einer grauen Staubwolke. So entschwand es ihren Augen, leblos, die Stätte ihres Glücks. Aber sie kämpfte gegen die Ohnmacht, die über sie herkommen wollte. Da Mann und Sohn gar zu ernste Gesichter machten, war sie es, die einige Scherzworte fand und für ein Reisegespräch sorgte. Below liebte seine Frau wie nie zuvor. In dem alten Städtchen Strausberg, das so schmuck und friedlich im Frühsommerschmuck seiner Gärten lag, hob sich ihre tapfere Stimmung noch. Die Quitzows, die hier vor Zeiten gekämpft hatten, fielen der Kennerin der märkischen Geschichte ein, und sie meinte scherzend: »Na, Hermann, Du könntest doch auch hier bleiben? Die ollen Raubritter – das is doch was für Dich?« Professor Kessel empfing seine neue Patientin. Er hatte einen kraftvollen Christustyp, und seinem ganzen Wesen war es gegeben, zagende Seelen bald heimisch zu machen.

Below nahm Abschied. Mit mühsamer Beherrschung versprach er in acht Tagen wiederzukommen. Trotz der gut verlaufenen Uebersiedelung hatte er doch Angst, daß Minna ihn noch am Bahnhof einholen könnte. Als der Zug sich in Bewegung setzte, gestand er dies Hermann mit mattem Lächeln. Sein Jüngster hatte ihm noch nie so gut gefallen. Was war das doch bei seiner Jugend für ein reifer, fester Mensch. Wie schade, daß er auch auf ihn verzichten mußte. Doppelt schwer kam es Below jetzt zum Bewußtsein. Hermann wäre vielleicht doch der richtige Erbe gewesen. Denn einen Erben mußte er haben. Drei Kinder, erwachsene, gesunde Kinder, und doch allein? Was war das für eine unerhörte Ungerechtigkeit? Es kam ja nicht nur auf ihn an – er hatte auch eine Verantwortung seinem Namen gegenüber. Zinsen mußte der bringen für Kinder und Kindeskinder. So war es richtig und von Gott gewollt. Aber die Belows waren von Gott verlassen. Er sah diesen Hermann an, dessen Augen ihn zu trösten schienen. Er nahm seine zarte Hand, aber diese Hand konnte nur schreiben, diese Stirn nur denken. Ferne, hohe Dinge, vor denen auch Below Respekt hatte. Sollte er so einem mit Weinfässern kommen, mit Speisenkarten und einem Stammtisch, wo alte, egoistische Schwätzer saßen? Er fühlte Hermanns Zurückweisung, ohne daß er sie vernahm. Wie Tantalus betrachtete er die junge Kraft seines Sohnes. Nahe und doch fern. Die Haare sträubten sich Below, denn er dachte auch an einen anderen, an einen Verschollenen, von dem es gewiß war, daß er ein Erbe geworden wäre. Anders geleitet! Richtig verstanden! Viele Jahre war Rudolf nun fort. Man hatte nie etwas von ihm gehört. Weder von ihm noch von der Tochter des unseligen Mannes, der nun ärmlich als Agent durch die Berliner Straßen schlich. Es kamen grauenvolle Bilder vor Belows Phantasie. Vielleicht hing dieser schöne, stolze Junge schon am Galgen drüben? Was verschwand und verdarb nicht alles in Amerika. Rudolf war es an der Wiege gesungen, in der Fremde zu sterben und zu verderben.

Voll Sorge bemerkten die Stammgäste Belows Veränderung. Man überlegte in gutmütiger Verständnislosigkeit, wie man dem Vereinsamten helfen könnte. Aber Below zog sich immer mehr in sich selbst zurück. Er merkte, daß sein Geschäft unaufhaltsam abwärts ging. Der Verdienst wurde minimal, die Zinsen des Vermögens reichten nicht mehr aus, und große Lieferantenforderungen mußten bezahlt werden. Er zehrte bereits vom Kapital. Wie sollte das weitergehen? Wo enden? Unsolide – ein Below – im eigenen Hause. War das denkbar?

Dieser Weindunst, diese süßen, trägen Kellergespenster – wie haßte er sie jetzt manchmal. Die Zeit schlich an ihm vorüber, wie in Filzpantoffeln. Solange noch Gäste da waren, fühlte Below die Gespenster nicht so, da wurde geschwatzt und gelacht, und er lachte zuweilen mit. Aber wenn alle fort waren, dann ließen sie sich auf die leeren Stühle nieder und saßen um ihn herum und tuschelten ihm häßliche Dinge ins Ohr. Gewaltsam raffte er sich zusammen und stieg in die Wohnung hinauf. Aber die Weingespenster kamen ihm nach. Sie fanden zwar da oben keinen Halt und irrten wie Höllenfeuer an den Wänden entlang, bis ein alter, fröstelnder Mann im Bett lag und die Augen schloß. Ein steifes, glattes Bett stand neben ihm, ohne Wärme, ohne Leben. Würde es jemals wieder die Gefährtin zeigen? – –

Am Morgen nach einer traumbeschwerten Nacht öffnete Below die Augen und fühlte sich etwas frischer als sonst. Er hatte noch einen kurzen Nachschlummer getan – nun konnte er nach den Postsachen greifen. Er blinzelte noch ein bißchen, die Sonne stach allzu grell durch den Spalt des Fenstervorhangs, aber er konnte doch schon übersehen, was gekommen war. Von Minna nichts – man durfte nur alle drei Tage in Strausberg korrespondieren. Aber auf der Morgenzeitung lag ein Brief mit fremder Handschrift, der Belows Interesse erregte. Er nahm ihn an sich. Französische Marke? Aus Paris? Ein Weinhändler war das nicht. Die wohnten nicht im Grand Hôtel. Wer konnte es sonst sein? Alles, was von Paris kam, empfing Below, der die Belagerung 1870 mitgemacht hatte, mit einem Gemisch von Respekt und Unbehagen. Auch erinnerte ihn die steile, amerikanische Schrift an etwas Aufregendes, was nicht zu seiner Morgenstimmung gehörte. So kam es, daß er den Brief eine ganze Weile zwischen den Fingern drehte, ohne ihn zu öffnen. Endlich kam ihm der Entschluß. Nun riß er den obersten Streifen ab und las. –

»Paris, 12. September 1905. Lieber Vater! Ich weiß nicht, wie die Ueberraschung sein wird, wenn Du diesen Brief erhältst, aber daß ich sie Dir bereiten muß nach 12jährigem Schweigen, verüble mir bitte nicht – es hängt mit den zwingendsten Umständen zusammen. Ja, ich lebe noch (hast Du mich nicht tot geglaubt und nicht mal in einer feierlichen Grube mit Efeudach, sondern im Winkel, wo die armen Sünder liegen?) – ich lebe und kann Dir, meinem Erzeuger, nur sagen, daß ich meines Lebens froh bin, daß es mich treibt, Dir von Herzen für die Liebenswürdigkeit zu danken, mich in die beste aller Welten gesetzt zu haben. Ich heiße noch immer Rudi Below, obwohl ich amerikanischer Bürger bin und Großindustrieller. Der Gedanke an meine Heimat, an meine Eltern und an meine Geschwister hat mich in all den Jahren nie verlassen. Nimm das bitte ganz unsentimental – so ist es gesagt. Ich meine weiter nichts, als daß die natürlichsten Zusammenhänge sich nicht zerstören lassen. Ich denke ohne jeden Groll an Euch. Furchtbar schwere Zeiten liegen hinter mir. Ich mache sie aber keinem Menschen zum Vorwurf, denn sie sind der Fond meines Sieges. Ich habe gesiegt. Auch über Euch zu Hause, über Eure Anschauungen meine ich. Ich bin der »Selfmademan«, von dem man sich auf dem Kontinent gewiß eine falsche Vorstellung macht. Daß ich Euch als grüner Junge bei Nacht und Nebel davongelaufen bin, war Eure Schuld, denn Ihr habt mich ganz sündhaft falsch behandelt. Aber ich nehme die Schuld auch auf mich. Mit Freuden – man muß sich auf seine »Fehler« etwas einbilden. Um es kurz zu sagen: mir ist in Amerika nichts erspart geblieben – aber das Resultat? Ich bin ein gesunder, vielerfahrener, vermögender Mann geworden. Ich bin verheiratet, Vater eines Sohnes – und wer ist die Mutter? Rate mal! Kein abenteuerliches Weib, wie es Eurer Weinstubenphantasie vorschweben mag, sondern keine andere als Martha Wünschel, dieselbe Martha Wünschel, die ich vor 12 Jahren »verführt« habe. Na? Wie wird Dir? Das hat der Tagedieb, der Schwindler nun doch zustande gebracht. Einfach ein bißchen treu geblieben, 12 Jahre lang. Weil die Frau sich als besonderes Exemplar ihrer Gattung erwiesen hat. Aber ich will weder weich werden, noch mich rühmen. Das geht keine Menschenseele was an. Ich wollte die Tatsachen nennen und weiß, daß Du auf dergleichen Wert legst. Und Mutter? Wie geht es Mutter? Und Hermann? Von Erna bringe ich Euch Grüße – der geht es fabelhaft gut. Ja, ich bringe Euch Grüße, Vater, und stelle Euch anheim, ob Ihr sie akzeptieren wollt. Ich bin jetzt in Paris und zwar mit Frau und Kind. Wir haben Amerika schon im Mai verlassen, haben erst in London die Season mitgemacht und sind dann von einem englischen Seebad nach Paris gefahren. Aber nun treibt es mich doch mächtig nach Berlin. Herrgott, wie mag da alles aussehen nach 12 Jahren! Ich habe viel davon gehört! In Berlin sieht man ja Straßen wie Gras wachsen! Das gefällt mir! Aber die Belowsche Ecke steht natürlich noch, wie sie war! Die rührt sich nicht! Na prosit, Vater, mit französischem Sekt! Hältst Du es immer noch mit dem deutschen? In acht Tagen rückt Euch die Familie Rudi auf den Hals, aber da wir immerhin nicht von gestern auf heute kommen, bitte ich Dich um Nachricht, ob wir akzeptiert sind. Gruß an alle. Und Vergebung, Verständnis, nicht wahr, ohne Redensarten, auf beiden Seiten.

Rudi.«

Below starrte den Schicksalsbrief an; er zitterte in seinen Händen. Stunden vergingen, bis Below sich gefaßt hatte. Zunächst dankte er Gott, daß Minna jetzt nicht da war. Diese Erregung für ihr krankes Herz – was schickte der Himmel immer wieder für Prüfungen. Aber als er ruhiger wurde im Bewußtsein, auf sich selbst gestellt zu sein, war er auch fähig, sich im einzelnen mit dem merkwürdigen Dokument zu beschäftigen. Je mehr er in den Inhalt dieses Briefes eindrang und sich ein Gesamtbild machte, kritisch, aber doch mit heißem Herzen, desto mehr wurde auch das Gefühl in ihm mächtig: das Gesamtbild war gut. Er glaubte dem Menschen, der diesen Brief geschrieben hatte. Er war sein Sohn und war es doch nicht mehr. Kein schriller, frecher Klang von ehemals, sondern die wuchtige, selbstsichere Stimme des Lebens. Wie lange hatte er sie nicht vernommen? Below konnte sich niemand anvertrauen. Er erschrak bei dem Gedanken, den Stammtischgenossen die Rückkehr seines Sohnes zu erzählen. Das mußte er mit sich selbst ausmachen. Er allein wußte ja von den Gespenstern, die ihn bedrängten. Merkwürdige Fügung, daß der Brief gerade jetzt gekommen war. Aber er wollte noch nicht weiterdenken. Ein Erbe? – Nein! Der nicht. Er mußte sich zusammennehmen. So setzte er sich an den Sekretär und schrieb seinem Sohn nur wenige Zeilen. »Lieber Rudolf! Meine Ueberraschung war groß, wie Du Dir denken kannst, aber sie ist, wenn ich ihr ins Gesicht sehe, freudig. Ich heiße Dich willkommen nach langer Zeit, willkommen soll mir Deine Gattin, Dein Sohn sein. Ihr werdet mich allein zu Hause treffen. Hermann ist verheiratet und wohnt in Arendswalde an der Anhalter Bahn – das heißt, nicht einmal, denn man muß noch eine halbe Stunde mit dem Omnibus fahren. Und Mutter – der ist es recht schlecht gegangen. Ihr Herz, wenn Du Dich erinnerst. Wir mußten uns im Juni entschließen, Mutter nach Strausberg in ein Sanatorium zu bringen. Auf sehr lange wahrscheinlich. Also ein ander Bild zu Hause – nur der Aelteste ist noch da. Aber wie gesagt: Willkommen! Herzlichen Gruß Euch dreien. Dein Vater.« –

Nie war Below eine Woche so lang geworden. Er bekam, aus seinem immer gleichen Tempo aufgerüttelt, einen neuen Zeitbegriff. Es war, als ob die linke Lindenseite endlich einmal auf die rechte übergriff. Rudolf antwortete nicht noch einmal. Der ruhelose Vater blieb über die Ankunftszeit im unklaren. Pinkert hatte er doch ins Vertrauen ziehen müssen. So kam es, daß er vom Frühschoppen fort aus einer anstrengenden Unterhaltung mit dem schwerhörigen Weinschenk in die Wohnung hinaufgerufen wurde. Ihm stockte das Herz – auf der Treppe standen Pinkert und Bertha. Sie hatten rote Köpfe und nickten nur. Er war gekommen. »Janz anders, aber doch . . .!« Und Martha? Und der Junge?

Below war hinaufgegangen. Er öffnete die Tür zum Wohnzimmer. Ein hochgewachsener, schlanker Mann mit lichtblondem, dünnem Haar stand am Fenster und sah auf die Linden hinaus. Er trug einen eleganten, grauen Reiseanzug, Lackschuhe und hatte das alte Gemach mit einem feinen Wohlgeruch erfüllt. Jetzt drehte er sich um und schritt auf Below zu. Sie umarmten sich. Ohne Hemmung geschah das. Below aber, fast versagend, stand krampfhaft aufrecht und küßte eine etwas harte, kühle Wange. Dann blickte er Rudolf in die Augen. Das eigentümlich Leuchtende des Knaben hatten sie nicht mehr. Sie waren kälter, bewußter geworden, und Schatten vergangener Not lagen um sie herum. Nur zuweilen kam ein merkwürdig phantastisches Flackern in ihr Blau.

»Also, Vater – ich danke Dir für Deine Antwort – nun bin ich da . . .«

Seine Stimme war anders – frisch, sonor, aber etwas ironisch und mit amerikanischem Akzent.

»Wo ist denn Deine Frau – und Dein Kind?«

»Martha und Fred habe ich zehn Minuten später bestellt. Die sind noch drüben im Hotel Bristol. Damit nicht alles auf einmal kommt.« Er lachte kurz und nahm den Arm des Widerstandslosen. »Hier ist alles unverändert. Du auch, Vater.«

»Wirklich? . . .«

»Na, ein bißchen Silberschimmer hast Du Dir zugelegt. Dafür kann ich Dir mit etwas Mondschein dienen. 12 Jahre, Vater. Wie geht es Mutter? Was hast Du für Nachrichten?«

»Ganz gute . . .«

»Schade, daß sie nicht hier ist. Ich fahre natürlich nach Strausberg, sobald der Arzt es erlaubt. Wie lange wird ein gutes Auto brauchen?«

»Das kann ich Dir wirklich nich sagen . . . Ich fahre immer mit der Eisenbahn . . . Wann bist Du denn angekommen?«

»Heute morgen. Sofort ins Hotel – übrigens recht komfortabel – gebadet, und dann auf die Berliner Straßen hinaus. Warum lächelst Du?«

»Das klingt alles so merkwürdig – Rudi im Hotel Bristol –«

»Aha! Verstehe! Ja, so ist das Leben! Uebrigens Berlin! Bin entzückt, Vater!«

»Wovon denn?«

»Na, die Entwicklung! Das ist ja kolossal! Hier gibt es ja ganz andere Möglichkeiten als in Paris, so viel Berlin auch von Paris noch lernen kann! Berlin ist mir lieber als London! Es erinnert direkt an die Metropolen in Amerika! Mein völliger Ernst, Vater! Ich bin eine ganze Stunde im Auto herumgefahren!«

»Mit leerem Magen?«

»Nein, nein, gefrühstückt! Aber da sieht man was!«

»Ich komme ja gar nich 'raus . . .«

Die Unterhaltung stockte. Below sah geniert vor sich hin. Es war sein Junge, der da vor ihm saß, aber doch ein fremder, bedrohlicher Mensch. Jetzt klopfte es – Rudolf sprang auf. »Das wird Martha sein und der Junge!« Sie waren es wirklich. Martha Wünschel, eine etwas breit gewordene, aber hübsche und sehr sympathische Frau. Ihr Kind ein scheues Pflänzchen, das sich beständig an die Mutter schmiegte. Below gab der erregten Martha die Hand und beugte sich zu seinem Enkelchen. Die dunklen, ängstlichen Augen des Kleinen wurden freundlicher unter dem Blick des Großvaters. Als ob eine neue Welt sich ihm öffnete, sah er zu ihm auf und ließ sich von dem alten Manne emporziehen. Doch Rudolf schien von solchen Szenen nervös zu werden. Er blickte seinen Vater an, ob er die Schwächlichkeit des Knaben bemerkt hatte, und nahm ihm Fred wieder ab. Dann saßen sie lange bei einer Flasche Wein um den runden Tisch herum. Rudolf schwatzte, was ihm eben einfiel, während Martha ernst und schweigsam sich in Belows Anblick versenkte. Auch Fred ließ die Augen nicht von dem Großpapa. So kam es, daß Rudolf dem Vater fremder blieb als die Frau, die er eigentlich jetzt erst kennen lernte.

»Was hat das Leben doch aus Ihnen gemacht. So was hab' ich noch nie gesehen. Martha Wünschel. Das is also Amerika.«

Rudolf schwieg verblüfft, als der Vater sich plötzlich so an seine Frau wandte. Martha stand ihm immer im Hintergrunde, wenn auch als feste, hochgeschätzte Reserve. Seine funkelnden Erzählungen schilderten dem Vater also nicht die neue Welt, sondern er sah sie durch diese einfache Frau?

Martha rückte mit aufleuchtenden Augen an Below heran. Jetzt sprach die Schüchterne zum erstenmal. »Sind Sie mit mir zufrieden? Ach, das freut mich, Herr Below. Daran liegt mir am meisten. Ja, ich bin tüchtig geschüttelt worden. Ich bin kein Berliner Mädel mehr. Ich bereue nichts, aber ich will auch alles gutmachen. Ob ich das Amerika zu danken habe? Das ist wirklich schwer zu sagen. Jedenfalls ist Amerika nicht alles. Sonst wären wir beide nicht nach Berlin zurückgekommen.« Sie sprach sehr warm und rasch, das helle Berlinisch von einst hatte sie verloren, es war jetzt etwas Dunkleres, Fremdartiges in ihrer Aussprache. Auch über der festen und breiten Gestalt lag ein Weltbürgertum, das Below bisher unbekannt gewesen.

»Na, ich weiß ganz genau, daß Amerika alles ist,« sagte Rudi etwas verstimmt. »Wir verdanken ihm, was wir sind, Du sowohl wie ich, Martha.«

Sie nickte begütigend. Below lächelte.

Dieser glänzende Mensch, der da vorgab, Rudi Below zu heißen, er saß schon ganz fest und sicher in der alten Stube, die unter ihm zu beben schien. Tiefer als Erinnerung an vergangene Leiden regte sich die Freude an seiner Existenz in Belows Brust. Noch lebte ihm also der Sohn, den das Schicksal ihm nicht gegönnt hatte. Eine zweite Trennung war undenkbar, doch der Widerstreit der Gefühle zerriß ihm das Herz. Halb trieb es ihn, den Störenfried aus seinem alten Hause fortzuwünschen, halb klammerte sich seine ganze Hoffnung an ihn. –

Als Rudolf nachmittags einige Bekannte aus früherer Zeit aufsuchte, unter anderen seine Klubkameraden Rechtsanwalt Wechsler und Baumeister Fork, überließ Martha ihren Jungen der Bonne und machte sich auch auf den Weg. Rudolf durfte nicht ahnen, wohin es sie am ersten Tage zog. Sie hatte im Adreßbuch die Wohnung ihres Vaters gefunden. Weit draußen, in einer neuen Straße am Tempelhofer Feld wohnte er. Sie konnte ihm keine vorbereitende Nachricht geben, denn die bittere Entrüstung des Vereinsamten hätte ein Wiedersehen abgelehnt. Martha kannte ihren Vater und hatte im Lauf der Jahre begriffen, wie tief sie ihn verletzt hatte. Aber der Friede mit ihm war ihr nötig, wie Schlaf und Gewissensruhe. Sie mußte unter allen Umständen seinen Trotz brechen. In London hatte sie schon von Berliner Bekannten gehört, wie Aschers neues Warenhaus das Schicksal des armen Handschuhhändlers besiegelt hatte. Auch daß ihr Vater wegen politischer Umtriebe im Gefängnis gewesen, deutete man ihr an. Nun fristete er als Stadtreisender sein kümmerliches Dasein. Marthas Groll war durch das große Leben draußen weit von ihr abgerückt. Ihr Gemüt war von Erbarmen erfüllt – sie träumte davon, als reiche, gerechtfertigte Frau vor Wünschel hinzutreten. Sie wollte ihm geben, so viel sie konnte, und den Lebensabend des alten Mannes sichern, denn er war ihr heilig geblieben.

Endlich brachte der Wagen sie in die neue Straße am Tempelhofer Feld hinaus. Im »Jartenhaus vier Treppen« wohnte nach der Auskunft des Portierkindes Adolf Wünschel. Mit zitternden Füßen stieg Martha hinauf. Wie war hier alles anders als in dem Patrizierhause Unter den Linden. Es roch nach Oelfarbe, Mauerstaub lag auf dem Geländer, die Treppen hatten keine Läufer, und in den feuchten, ungemütlichen Dunst des Baumeisterfabrikats grinsten aus den Flurfenstern bunte, pausbäckige Engel, die in jeder Etage Pauke und Triangel schlugen. Ganz erschöpft langte Martha im vierten Stock an. Sie las auf einem Schild den Namen ihres Vaters. Ein Schwindel befiel sie, dann aber, halb aus Angst vor einer Ohnmacht, hatte sie schon geklingelt. Schlurfende Schritte kamen heran, es wurde zweimal herumgeschlossen – plötzlich stand ihr ein kleiner, gebückter Graukopf gegenüber. Wünschel war aschfahl geworden – er hatte seine Tochter sofort erkannt. Er reckte sich und blitzte sie aus seinen eingesunkenen Augen an. Das Pathos, das ihm angeboren war, fand sich sofort in die Situation des empörten Vaters. »Was wünschen Sie hier? Ich bitte Sie, sich zu entfernen, wie Sie sich vor 12 Jahren entfernt haben! Ich kann Ihnen aber nicht mitgeben, was Sie sich damals genommen haben! Ich bin ein armer Mann! Aber mein Haus ist rein!« Er hielt in seiner Rede inne, denn die große, vornehme Dame, die wirklich seine Tochter war, stand wie ein flehendes Kind vor ihm. Sie schluchzte. Sie kniete vielleicht noch – darauf wartete er. Aber das tat Martha nicht, sondern griff nach seiner welken Hand und küßte sie mit heißen Küssen und benetzte sie mit brennenden Tränen. Dieser erste Ansturm überwältigte Wünschel. Ihm war alles so lange nur Redensart gewesen, daß ein wirkliches Gefühl, das sich ihm darbot, befreiende, himmlische Wirkung auf ihn übte. Er weinte nicht mit seiner Tochter, aber er zog sie sanft in seine Wohnung. Martha setzte sich. Es war der Lehnstuhl, auf dem sie immer Krawatten genäht hatte. Ihre Mutter war darin gestorben. Indem sie den Kopf zurücklehnte und noch leise weiterschluchzte, schlich Wünschel, die Hände auf dem Rücken, umher. Dann brachte er ein Glas mit braunem Wein. »Madeira,« flüsterte er. »Nimm nur. Läßt sich trinken. Das halt' ich mir noch.«

Martha ließ sich wie ein Kind den Wein einflößen, dann wurde sie ruhiger und sah ihren Vater mit dankbar schimmernden Augen an. Sie streichelte seine Hand, und er ließ es geschehen. »Verzeih' mir,« sagte sie leise. Wünschel zuckte die Achseln und schlich wieder umher. Dann aber besann er sich, rückte einen Stuhl neben Martha und betrachtete sie. Sein Schweigen schien sie zum Erzählen aufzufordern. Sie tat es. Sie breitete das Märchen der ganzen, vergangenen Jahre vor ihm aus. Sie sprach nur immer von »wir«, und Rudolf erwähnte sie nicht, aber der Vater mußte merken, daß sie für ihn sich bewährt hatte. Für diesen Menschen, den er haßte. Aber es kam auf die Liebe der Frau an. Sie wollte nicht wieder nach Amerika zurück, »der Mensch« hatte die Absicht, sich in Berlin niederzulassen. Ein Kind hatte Martha, ein Kind. Das waren glückliche Bilder. Leise schwebten sie heran. Merkwürdig unerwartete Abendsonne noch für ein altes, kaltes Herz.

Martha stand auf. Wünschel saß mit gesenktem Kopf und starrte vor sich hin. »Es ist doch ein Rätsel – die Bestimmung des Menschen. Und mit dem alten Below hat er sich ausgesöhnt? Dein Mann?«

»Ja, Vater.«

»Hm . . . Na, ich danke Dir, daß Du gekommen bist. Und laß Dich wieder mal blicken.«

»Ich komme, so oft ich darf.«

Martha blieb zögernd an der Tür stehen.

»Was willst Du noch?«

»Vater – es ist doch ganz selbstverständlich – ich brauch' es ja nicht erst zu sagen: Du verfügst natürlich über alles, was ich jetzt habe.«

»Ach so . . . Das Kapital von damals meinst Du? . . . Mit den Zinsen?«

»Vater!«

»Nein, nein! Ich scherze ja nur. Das hab' ich längst von Below zurückbekommen. Im übrigen hab' ich, was ich brauche. Solange ich noch arbeiten kann, geht's. Von Euch nehm' ich nichts. Auf Wiedersehen.«

»Ich komme bald . . .«

Martha stieg langsam die Treppe hinunter. Da steckte Wünschel noch einmal den grauen Kopf aus der Tür und rief: »Bring' Deinen Jungen das nächste Mal mit – verstanden?«

»O, gern, Vater!«

»Der braucht nicht bloß den andern Herrn Großpapa zu besuchen!« Nach diesen Worten schlug Wünschel die Tür zu.

Fünftes Kapitel

Der heimgekehrte Rudolf verlebte inzwischen nicht minder merkwürdige Stunden. Wechsler und Fork traf er nicht an und hinterließ ihnen Karten mit einem Abend-Rendezvous im Hotel. Er empfand ein köstliches Vergnügen bei dem Gedanken, wie verdutzt die beiden Bummelgenossen durch sein plötzliches Auftauchen sein würden. Den einige Jahre älteren Wechsler hatte Rudolf noch als Referendar gekannt, während Fork als rauflustiger und kneipfester Student der Charlottenburger Hochschule noch nichts von dem künftigen Glanz des Bayerischen Viertels geahnt. Nun waren sie alle drei etwas geworden, so wenig Vertrauen die Philister ihnen auch entgegengebracht hatten. Ein Zusammentreffen konnte jetzt von merkwürdiger Bedeutung sein.

Die anderen Besuche, die Rudolf sich vorgenommen, gab er für heute auf. Es war ein schöner, klarer Herbstabend, die Sonne schien ausnahmsweise ein bißchen länger bleiben zu wollen und reizte den Heimgekehrten, eine neue Wanderung durch Berlin zu unternehmen. Er hatte mit aufrichtiger Bewunderung Aschers Warenhaus in der Friedrich- und Leipziger Straße besichtigt – nun fuhr er vom Potsdamer Platz mit der Untergrundbahn nach der Tauentzienstraße. Der Tiergarten und der alte Westen reizten ihn nicht, auch das Zentrum der Kaufmannschaft und die Riesendistrikte des Proletariats ließ er für später. An diesem ersten Abend umspielte seine erregte Phantasie nur, was neu war und aus der Forderung des Tages entsprungen. Das voraussetzungslose Berlin grüßte er, selbst ein Voraussetzungsloser. Er fühlte stürmische Dankbarkeit, daß die Stadt seiner Geburt ihm diesen unbedingten Eindruck schenkte. Ihm war, als hätte sie sich seit seiner Flucht wie eine treue Braut entwickelt, genau so, wie er sie vorfinden wollte. In Rudolf herrschte der Haß gegen den Hochmut jeder Tradition. Er hatte bis ins letzte erfahren, wie vergänglich die Dinge dieser Welt waren, aber er wußte auch, wie krampfhaft jeder Lebendige sich an ihre Erneuerung klammern mußte. Erneuerung! Dieses Wort stand in flammenden Buchstaben vor Rudolfs Seele. Das Tempo, der Daseinswille, die Genußfähigkeit Berlins, wie er es wiedersah, gab seiner eigenen Entwicklung recht, und mit Rührung gedachte er des unglücklichen, zerfahrenen Jungen, der er einst gewesen, und der Stadt, wie sie in den ersten Zuckungen der Befreiung gelegen hatte. Jetzt schien sie völlig Farbe zu bekennen. Die Zwecklosigkeit des Veralteten leuchtete als Grundgesetz an ihrem dunstigen Firmament. Herr war hier der Verkehr, und Diener dieses Herrn wurde jeder, der entschlossen war. Wo Rudolf sich aus seiner Kindheit an niedrige Patrizierhäuser erinnerte, die sich wie Faulenzer gerekelt hatten, standen jetzt fertige Industriepaläste oder werdende hinter riesigen Gerüsten. Belowsche Ecken gab es nicht mehr – ein Kranzler, ein Josty wirkten wie historische Sehenswürdigkeiten und erwiesen auf solche Weise ihren Wert. Nicht anders konnte Rudolf Below irgend etwas ›Historisches‹ ansehen. Er fragte nur nach dem Geldwert, den es für Lebende, den Tag Beherrschende hatte. Berlin schien auch nur so zu fragen, und der große, lärmvolle Markt gab ihm das einzige Heimatgefühl, das er haben konnte. Nieder mit allem Unbrauchbaren, flüsterte es in Rudolf. Skepsis und Kraft vermählt zu einem neuen Glauben. Er starrte in die bunten, aufzuckenden, rollenden oder vorüberziehenden Lichtreklamen. Er atmete den Benzingeruch der Automobile und sah den eleganten Frauen nach, als ob jede zu kaufen wäre, wenn nur der Rechte kam. Plötzlich mußte Rudolf an seine Schwester Erna denken. Sie, die er vor allen Menschen auf der Welt liebte, die ihm mehr war als Martha und ihr Kind, sie hätte er jetzt neben sich haben mögen. Sie hatte mit ihm über die Sünden gelacht, die man ihnen in der Heimat vorgeworfen – nun hätte sie mit ihm zusammen ihre Rechtfertigung genossen. Erna besaß die Lebenskraft, die Rudolf mehr über, als in sich fühlte. Sie war das Weib, wie er es liebte, aber sie war seine Schwester. An Martha band ihn die Pflicht der Not und der Arbeit. Er hatte in Wahrheit niemals Zeit gefunden, um der tapferen Gefährtin untreu zu werden. Nun aber war er in Europa. In Paris und London hatte ihn noch die Freude am gemeinsamen Kennenlernen vieler Wunderdinge beherrscht. In Berlin lockerte sich das harte, atemraubende Band. Er dachte an Martha nicht mehr mit Liebe, sondern nur noch mit Achtung. Er sah hier Tausende von Kindern, die besseres Blut hatten als sein Fred.

Vom Bahnhof Zoologischer Garten fuhr Rudolf mit der Stadtbahn zur Friedrichstraße zurück. Er eilte nach den Linden, aber sein Hotel betrat er noch nicht. Erst hielt es ihn noch auf der rechten Seite fest, und er wanderte wie ein Fremder immer wieder an seinem Vaterhause vorüber. Eigentlich mußte er über diese sentimentale Fensterpromenade lachen. Aber sein unbestimmtes Ueberlegen strebte zu einem großen Ziel. Phantastisch beleuchtet unter dem brandigen Nachthimmel und von der bleichen Bogenlampe stand die Belowsche Ecke vor ihm. Ein feiner, zweistöckiger Bau aus der Schinkelzeit. Ein niedriges Parterre, in dessen Fenster man bequem von der Straße mit der Hand reichen konnte. Ueber dem alten, braunen Haustor, das eine Messingklinke Anno 1830 trug, das ehrwürdige Hoflieferantenwappen aus verstaubter Bronze. Phantastisch und doch real war das Haus, eine große Möglichkeit in der stolzen Triumphstraße Berlins. Rudolf wollte es nur noch abends sehen. Am Tage glich es einem kleinen, mißtrauischen Beamten. Einst war Rudolf nur an einem Schlüssel gelegen, der ihn hinaus und wieder hineinschlüpfen ließ. Jetzt tat ihm ein anderer Schlüssel not, der zu Schätzen führte, schlummernden Herrlichkeiten. Sie riefen ihn. So ging er immer wieder vor seinem Elternhause auf und ab und blieb an der Tür stehen. Mehrmals sah er zu dem Hoflieferantenwappen hinauf und zuckte lächelnd die Achseln.

Plötzlich bemerkte er, daß jemand neben ihm stand und ihn beobachtete. Es war ein Mann im Alter seines Vaters. Erst nach einiger Ueberlegung erkannte ihn Rudolf – Berthold Ascher stand neben ihm. Er war alt geworden, aber man sah ihm die Macht seines Sieges an. Rudolf grüßte ihn tief wie einen vorbildlichen Meister. Dann sagte er: »Sie sind ja gar nicht überrascht, Herr Kommerzienrat, daß Sie mich plötzlich vor dem Hause meiner Eltern treffen?«

»Ich wußte schon, daß Sie hier sind.«

»Ich bin heute erst angekommen. Ist Berlin eine so kleine Stadt?«

»Das gewiß nicht. Aber ich habe Bekannte im Hotel Bristol. Ich wollte eben zum Abendschoppen in die Belowsche Ecke, und da treff' ich Sie vor der Tür. Kommen Sie vielleicht mit?«

»O, nein!«

»Sie sind noch immer nicht für Stammtische?«

»Gott bewahr' mich!«

»Na, ich habe das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden. Die Modelokale genieren mich.«

»Ja, Sie stehen schon über den Dingen, Herr Kommerzienrat. Ich war vorhin in Ihrem Warenhaus –«

»In welchem? Ich habe fünf in Berlin.«

»Ecke Friedrich- und Leipziger Straße. Das ist wirklich fabelhaft.«

»Freut mich zu hören. Ihr Urteil ist mir interessant. Reizt Sie nun so was nicht, lieber Rudi?«

»Es schnürt mir die Kehle zu, Herr Kommerzienrat.«

»Kommen Sie. Ich darf Sie doch Rudi nennen, nicht wahr? Was sind denn ein Dutzend Jahre? Kommen Sie. Wir wandern ein bißchen.«

Ascher faßte ihn unter. Sie gingen auf und ab. Die vertrauliche Nähe des mächtigen Mannes durchschauerte Rudolf. Er zweifelte zwar an Aschers Aufrichtigkeit, aber seine Freundlichkeit tat ihm wohl.

»Was dachten Sie sich eigentlich, als Sie vor dem Hause Ihres Vaters standen und den Kopf schüttelten?«

»Das ist schwer zu sagen, Herr Kommerzienrat. Glauben Sie, daß ich jemals Nachfolger meines Vaters werden kann?«

»Ich bin überzeugt, daß Ihr Vater damit rechnet.«

»Wirklich – – –? Heute vormittag – als ich ihn wiedersah – da hatte ich auch das Gefühl. Er kam mir so müde und hilfsbedürftig vor. Wirklich total verändert. Das ist der traurige Zustand meiner Mutter. Sie war ja die Seele des Geschäfts.«

»Nun müssen Sie die Seele werden.«

»Ich? . . .«

»Ihr Vater hat sich doch mit Ihnen versöhnt?«

Rudolf antwortete nicht und sah Ascher von der Seite an. Er hatte die letzten Worte in seiner immer gleichmäßigen, behutsamen Art gesprochen. Es war eine Art, hinter der es von Widersprüchen zuckte. Aschers resignierte Schlichtheit wies immer von sich, was sie eisern umklammert hielt. Rudolf sah vor sich hin, während er antwortete: »Ich befinde mich in einer außerordentlich schwierigen Lage. Mein Vater tut mir leid, und ich weiß auch zu schätzen, welche Firma ich weiterführen könnte. Aber –«

»Aber?«

»Nun, Sie können sich vorstellen, Herr Kommerzienrat, daß ich mich nicht für meine weitere Lebenszeit verpflichten kann, Stammtischgespräche zu führen und eine Restaurationsküche zu kommandieren. Namentlich, wenn ich kein Haus am Grünen Weg oder am Kottbuser Tor besitze, sondern Unter den Linden. Was ich übernehme, muß mir entsprechen. Ich habe schon einen Wolkenkratzer geleitet.«

»Nun, Sie könnten ja was ›Entsprechendes‹ aus der Belowschen Ecke machen?«

»So, wie sie da steht?«

»Darüber müssen Sie sich mit Ihrem Vater unterhalten.«

Ascher brach plötzlich ab. Sie waren im Umherwandern wieder vor die Haustür gelangt. Sie verabschiedeten sich. Lauernd blickte Ascher dem jungen Below nach, seiner schlanken, sehnigen Gestalt, die rasch über den Damm schritt. So sah keiner seiner Söhne aus. Rudolf war mehr und auch weniger. Mit eigentümlichem Lächeln trat Berthold Ascher in das rauchdunstige Stammtischzimmer und verschwieg dem Wirt die Begegnung, die er soeben gehabt hatte. –

Rudolf fuhr inzwischen im Lift zu seiner Familie hinauf. Er scherzte noch mit dem kleinen Fred, der schon im Bett lag, und gab Martha zu verstehen, daß er ohne sie soupieren wolle. Er erwarte Wechsler und Fork. Martha war an solche Verabredungen gewöhnt und fügte sich auch heute ohne Groll. Sie war von dem angreifenden Besuch bei ihrem Vater ohnehin ermüdet. So sah sie mit gutmütigem Lächeln zu, wie Rudolf sich umkleidete, und entließ ihn, stolz auf ihren siegreich heimgekehrten Mann.

Rudolf fand im Lichthof seine beiden Jugendfreunde. Nach einem Freudenausbruch von seiten Wechslers und einer verlegenen Begrüßung Forks gingen die drei an ihren reservierten Tisch und ließen sich schmecken, was Rudolf bestellt hatte. Wechsler wurde durch den neuen Rudi Below in ein steigendes Entzücken versetzt. Immer wieder behauptete sein dreieckiger Gourmetmund, nachdem er eine Auster geschluckt, daß er recht gehabt habe. Immer wieder stieß Wechsler mit dem ›Amerikaner‹ an, der ›sein Mann‹ sei. Rudolf mußte sich zwar mit einiger Bitterkeit fragen, warum solche Freunde nicht einst und später für ihn gesprochen hätten, aber die prickelnde, außerordentliche Regsamkeit Wechslers gefiel ihm, und sein Unternehmungsgeist spürte in dem Rechtsanwalt den Mann, den er brauchte. Fork saß noch stumm, in grober Ungelenkheit dabei. Bei ihm heizte erst der Wein ein.

»Berlin, Berlin,« flüsterte Rudolf plötzlich und starrte auf den Rosenstrauß einer schönen Nachbarin. »Wißt Ihr denn eigentlich, Kinder, welchen Vorsprung Ihr in Europa habt? Ihr habt Amerika im Mutterlande, und ohne Amerika, das versichere ich Euch, gibt es keine Zukunft. Man wird auch hinter dem großen Teich nie ohne Europa auskommen. Europa ist und bleibt die große Sentimentalität der Welt. Darum hat es mich heimgezogen, trotz meiner Erfolge, trotz meiner sicheren Zukunft drüben. Aber am ersten Tage, den ich in Berlin verbracht habe, erkannte ich schon die wahre Bestimmung von Berlin. Markt des Universums muß es werden. Nicht Paris und nicht London. Ist Euch noch niemals eingefallen, daß nur eines nottut, ein einziger Schritt zur Befreiung? Hört ihr nicht, wie alles danach schreit? Wir müssen das Historische überwinden! Ich bin für die Hinrichtung sämtlicher Geschichtsprofessoren! In dieser Lügenpfütze, die viel größer ist als der Atlantische Ozean, sind genug Millionen ersoffen – jetzt heißt es den Kommenden festes Land schaffen. Rücksichtslosen Menschen der absoluten Zukunft. Ich hasse Rom. Ich lache über Griechenland. Ich möchte Feuer in sämtliche Museen werfen. Diese Bädekermenschheit, die überall bloß Nummern sucht und vom Louvre spricht, wenn Paris gemeint ist. Versteht mich recht – die Schönheit der Kultur und der Kunst meine ich nicht, die soll da sein, aber nur auf dem lebendigen Markt, nicht in staatlichen Gräbern. Es muß alles, ohne Ausnahme, zu kaufen sein. Wirtschaftliche Bewegung bis in die höchsten ›Heiligtümer‹. Wenn man ehrlich hinsieht, wird auch mit der Religion das beste Geschäft gemacht. Und die Monarchen sollen auch ihren Preis bekommen.«

Fork lachte grunzend vor sich hin – Wechsler aber schlug sich bei jedem dritten Satz, den Rudi Below sprach, mit der Hand an die Stirn. Er konnte ihn vor Begeisterung nicht unterbrechen. Erst als Rudolf still war, sagte er mit ergriffener Stimme: »Wißt ihr, was ich für ein Gefühl habe? Vielleicht erleben wir in diesem Augenblick einen Wendepunkt in der Geschichte Berlins. Ihre Flucht und Ihre Rückkehr, die sind symbolisch, Rudi Below. Ich habe längst so gefühlt wie Sie – die große Revolution der Unhistorischen habe ich auch erlebt, und Kretschmar vom ›Mitternachtsblatt‹, einer unserer einflußreichsten Journalisten, ist ganz meiner Meinung. Nietzsche hat nur Bücher geschrieben – jetzt kommt es auf die Tat an. Spannen Sie uns nicht länger auf die Folter – Sie sind wie Napoleon von Elba gekommen, aber Sie werden siegen, das ist ganz gewiß. Was haben Sie vor? Was schwebt Ihnen als Erfüllung Ihrer Sehnsucht vor Augen? Irgend etwas Reales muß es doch sein? Sie haben verständnisvolle Hörer.«

Rudolf aber schüttelte den Kopf und goß seinen Gästen Sekt ein. »Ich habe mir fest vorgenommen – solange mein Plan keine bestimmte Form hat, spreche ich kein Wort davon. Jedenfalls das eine: ich habe mehr Ideen als Geld.«

»Menschenskind, wir haben viel mehr Geld als Ideen! Das gleicht sich aus!«

»Na, na,« wagte Baumeister Fork einzuwerfen. »Ideen ohne Jeld, das sind Kartoffeln ohne Feuer.«

Wechsler lächelte mitleidig, dann klopfte er dem Architekten auf die Schulter. »Das ist hier nämlich unser großer Praktikus – als Miesmacher unbezahlbar. Nur für Ausführung zu gebrauchen. Träumen Sie denn nicht zunächst von einem großen, märchenhaften Bau, lieber Rudi? So kann doch eigentlich nur, ganz vage ausgedrückt, die Verwirklichung Ihrer Ideen aussehen?«

Rudolf nickte. »Sie sind neugierig, aber es stimmt. Wenn ich nur wüßte, wo ich baue?«

»Das fragt der künftige Besitzer der Belowschen Ecke?«

»Halten Sie mich dafür?«

»Ich bin davon überzeugt.«

»Was ist die Belowsche Ecke?«

»Nun, mit den Nachbargrundstücken zusammen . . .?«

Die letzten Worte des Rechtsanwalts glitzerten in ihrer scheinbaren Harmlosigkeit wie eine Märchenschlange. Nun folgte ein längeres Schweigen. Keiner sah den anderen an, aber Wechsler rechnete, Fork baute und Rudolf entwarf die Zwecke des großen Palastes. Jeder dachte sich das seinige aus. Doch Wechsler hielt es nun für nötig, von den vagen Träumen zur Praxis überzugehen. Deshalb setzte er seine gewinnendste Miene auf und fragte, die Hände reibend, mit mildem Lächeln: »Wie finden Sie denn Ihren Vater, lieber Rudi? Ist das nicht ein Prachtmensch von echtem Schrot und Korn?«

»Das ist er wohl. Wenn ich nur wüßte, was er für mich ist.«

»Ihr eigner Vater?«

»Auch mein Vater, Wechsler.«

»Das ist allerdings stark.«

»Aber ehrlich.«

Der pietätvolle Fork wurde unruhig. Er erhob sich, und man folgte ihm, um in der Vorhalle Mokka zu trinken. Hier saßen die drei Freunde noch sinnend und sahen die eleganten Fremden vorüberschreiten. »Das könnte alles viel großartiger sein,« meinte Rudolf und klopfte dem Groom, der ihm Kognak brachte, auf die Wange.

»Solche Hotels sind wohl in Amerika längst überholt?« fragte Fork. »Ich habe auch schon janz andre Ideen.«

»So? Erzählen Sie doch mal.«

»Aber jerne . . .«

»Ich erzähle Ihnen dann auch von meinen Ideen.«

Wechsler fuhr auf. »Und ich? Ich höre nichts davon?! – –«

»Sie sollen uns beide begutachten.«

Wechsler lächelte befriedigt. »Aha!! . . . Na also! . . .«

Nach dem Kaffee ging Rudolf zu seiner Frau hinauf. Er fand sie im Bett, aber noch munter. Martha wartete auf ihn. Sie schien von schwerer Sorge erfüllt zu sein. Da seine Pläne ihn wie Elektrizität durchzuckten, waren ihm diese fragenden Frauenaugen nicht recht. Er hatte behagliches Ausruhen bei ihr gesucht; nun sollte er Rede stehen. Während er sich entkleidete, erging er sich in halben Andeutungen. Er stehe jetzt am Glücksrad der Zeit, er habe das Große Los in der Hand. Sie werde staunen – alle Träume, die sie je in Armut und Sorge mit ihm geteilt, sollten nun Wirklichkeit werden.

»Wir beide waren niemals Amerikaner,« sagte er schließlich, mit heißen Wangen neben ihr liegend. Dann griff er nach ihr – sie ließ sich von ihm umfangen.

»Ich habe nur eine Furcht,« war ihre leise Antwort.

»Was denn? Schon wieder mal Furcht? Ich bitte Dich, Martha, laß doch das öde Wort. Wenn ich das höre, kann ich nicht einschlafen.«

»Ich weiß ja nicht, was Du eigentlich vorhast. Ich höre nur immer von großen Plänen, ohne ein klares Bild zu bekommen. Fremd ist mir das nicht oder gar unangenehm. Das weißt Du, Rudi. Im Gegenteil – ich liebe alles, was Du riskierst. Aber ich glaube, so recht zu Hause sind wir doch nur in Amerika. Und zwar bei den Deutschen drüben, weil die Yankees uns nicht leiden mögen. Unsere Bewunderung für diese Jobber fälscht so viel. Das merken wir erst, wenn wir nach der Heimat kommen und die amerikanischen Begriffe hier übertragen wollen. Dann stimmt alles nicht mehr. Darüber habe ich heute abend so viel nachdenken müssen, während Du unten mit Wechsler gesessen hast. Nimm mir's nicht übel, Rudi. Für alle Fälle – laß mich immer wissen, was Du vorhast. Ich bin doch Deine Frau, nicht wahr? Ich mein' es wirklich gut mit Dir. Hab' ich Dir jemals schlecht geraten?«

Sie wollte ihn nach diesen Worten umschlingen, aber Rudolf löste sich nicht ohne Schroffheit aus ihren Armen. Das wollte er nicht. Jetzt nicht und nicht von ihr. Sie fühlte es und erschrak. Bevor sie ihn aber fragen konnte, wurde sie von dem kleinen Fred in Anspruch genommen, der mit einem heftigen Hustenanfall erwacht war. Jetzt hatte Martha nur den kleinen Dulder zu beruhigen. Rudolf lag mit verbissener Miene im Bett und sah ihr zu, wie sie auf bloßen Füßen umhereilte und einen Tee für das Kind wärmte. Sie hatte ihren Mann und seine Pläne völlig vergessen. »Ja,« ging es ihm da finster durch den Kopf. »Das ist eben die kleine Welt. Das ist das, was einen fesselt. Damit bin ich auch zurückgekommen. Wer weiß, ob das sein durfte.« –

Am nächsten Vormittag besuchte Rudolf wieder seinen Vater. Below empfing ihn heute am Haustor, ganz wie einen heimgekehrten Sohn, den er in alle Rechte wieder einsetzte. Es kam Rudolf sogar vor, als ob der Vater von einer tiefen Besorgnis erfüllt wäre, daß der merkwürdige Wandervogel wieder ins Unbekannte ziehen könnte. Er war sichtlich bemüht, ihn in die idyllische Ruhe einzuspinnen. Er kletterte mit ihm in allen Winkeln des Hauses umher. Below sah selbst einiges nach vielen Jahren wieder, und Rudolf scherzte über seine Entdeckungen. Im Keller blieben sie am längsten. Hier schien der Heimgekehrte sich wohl zu fühlen. Er betrachtete die alten Weinfässer, als ob sie das Wesentlichste wären. Es wurde auch ein delikater Sherry probiert, ein starker Burgunder, aber das richtige Einvernehmen kam nicht zustande. Below schritt unruhig neben einem liebenswürdigen Fremden her. Er war jeden Augenblick darauf gefaßt, daß der Besuch sich verabschiedete und an eine Erbschaft gar nicht dachte. Dazu der griesgrämige Pinkert, der immer wie ein lebendiger Protest gegen Below junior wirkte. Joachim Friedrich konnte zu keinem Entschluß kommen. In den Hof und auf die alten Bäume blickte Rudolf nur flüchtig hinaus – hier sah er sich und Erna zu deutlich herumirren. Daran mochte er jetzt nicht denken. Als er dem Vater halb unbewußt auch in das zweite Stockwerk folgte, wurden sie durch eine verblüffende Begegnung aus ihrer bedrückten Stimmung gerissen. Nach alter Bauart befand sich nämlich eine gewisse Lokalität im Belowschen Hause außerhalb der Wohnungen, am Treppenabsatz. Als Below und Rudolf eben aufwärtssteigend um die Ecke bogen, sahen sie sich plötzlich der Geheimen Kriegsrätin v. Schimmelmann gegenüber, die in gespenstischem Negligé das intime Kabinett verließ. Sie herrschte hier oben allein und war es gewohnt, sich nicht zu genieren. Ein solches Wiedersehen mit Rudi Below, den sie immer verachtet hatte, steigerte die Entrüstung der alten Dame. Sie schimpfte sehr deutlich vor sich hin, während Rudolf und sein Vater lachend, wie ertappte Buben, in den ersten Stock zurückeilten.

»Nee, Vater!« rief Rudolf, unten angelangt. »Ich geh' nicht weiter! Noch mehr Gespenster weck' ich bei Dir nicht auf!«

»Was heißt das? Unsinn! Die Geheime Kriegsrätin –«

»Nee! Nee! Leb' wohl!«

»Wann seh' ich Dich wieder?«

»Bald! Aber erst – erst schreib' ich Dir.«

Dieser Einfall kam Rudolf selbst ganz überraschend. Er war als einziger Ausweg in ihm gereift. Was im Gespräch unmöglich war, mußte die Feder bringen, Andeutungen wenigstens, den Vorstoß der Entscheidung. Während Below ihm staunend nachsah, eilte er in das Hotel hinüber und schrieb im Lesezimmer, was ihm auf der Seele lag. Ein Groom brachte den Brief zum Vater. Below las begierig:

›Habe ich recht gesehen, Du erwartest eine bestimmte Aeußerung von mir, und mir ist die Kehle zugeschnürt, weil ich von Herzen gern sprechen möchte, aber anders, als Du erwartest. Wir beide können nicht von vorne anfangen mit unserer Auseinandersetzung, Vater – das ist unmöglich. Also schriftliche Präliminarien von meiner Seite – Deine weiß ich noch nicht. Ich bin bereit, bei Dir zu bleiben. Ich sehe sogar eine Pflicht darin. Aber – fühlst Du es selbst?! Das Bestehende kann uns beide nicht vereinigen. Der natürliche Entwicklungsprozeß will sein Recht. Wenn Du mich jetzt als Mitarbeiter und Nachfolger haben willst, Dich also vollständig mit mir aussöhnst – dann mußt Du mir auch erlauben, daß ich gestalte, was ich übernehme, meinem Wesen, meiner Ueberzeugung nach! Mehr sage ich nicht. Du weißt nun meine Bereitschaft. Du wirst nicht mehr auf den Rücken fallen, wenn ich Dir Pläne entwickle, wenn Du allmählich ein Bild bekommst, wer zu Dir spricht. Darauf sei jedenfalls gefaßt: ich bin ein Radikaler! Wo ich mich aufhalte, muß Leben und Zukunft sein! Im übrigen verrate ich Dir jetzt schon, daß Du nach meiner Ueberzeugung durchaus noch zu dieser Zukunft gehörst! – So! – Nun bitte ich Dich um eine Zeile, wann ich Dich sprechen kann. Dein Rudolf.‹ –

Unendlich lang zogen sich Below die Stunden bis zum Abend hin. Am liebsten wäre er heute dem Stammtisch ferngeblieben. So saß er denn, der sonst so Liebenswürdige, als steinerner Gast an seiner Tafel und interessierte sich nur für die Wanduhr. Um zehn wollte Rudolf in die Wohnung kommen. Dann war oben alles still; Bertha schlief schon, Pinkert mußte unten bedienen – sie konnten sich ungestört auseinandersetzen. Belows ganzes Wesen war von Spannung erfüllt. Er ärgerte sich, denn es wurde ihm zuweilen klar, daß er gar keine bestimmte Erwartung hatte. Was imponierte ihm denn eigentlich? Was beunruhigte ihn? Er hatte ja keinen Grund, schon etwas anderes in Rudolf zu sehen als den alten Flausenmacher, von dem er sein Haus gesäubert hatte. Dennoch! Die Art dieses Menschen! Er hatte etwas Zwingendes . . . Wenn Minna wenigstens hier gewesen wäre. Below fühlte sich hilflos. Er war nicht mehr für große Entscheidungen. Eigentlich hatte ja alles nur noch eine ganz geringe Bedeutung für ihn. Und doch . . .

Was dieser Wechsler für ein unergründliches Spitzbubengesicht machte. Immer wieder wandte er sich an Below, der sonst nie sein Publikum war. Ein fataler Zufall, daß Wechsler heute immerfort von Rudolf sprach. Er setzte dem Vater sein Entzücken über den wiedergewonnenen Sohn auseinander. Er gratulierte ihm zu Rudolf. Und Fork, dieser Klotz, sekundierte eifrig. Ja, Rudi war und blieb ein Rattenfänger. Scheu glitt Belows Blick über die grauen Köpfe der ältesten Stammtischgenossen hin. Ascher war heute glücklicherweise nicht gekommen. Aber in dem dumpfen Hinbrüten, in dem heftigen Tabakpaffen lag ein stummer Protest. Die Alten gratulierten ihm nicht zur Rückkehr seines Sohnes. Der Boden zitterte wohl unter ihren Stühlen. Aber das war Below gleichgültig. Um zehn Uhr erhob er sich, schützte wichtige Kontorarbeit vor und verabschiedete sich von seinen Gästen. An dem mißtrauischen Pinkert schritt er rasch vorüber. Im Wohnzimmer oben mußte er noch einige Minuten warten. Er zog die Fenstervorhänge zu, um das bleiche Licht der Linden loszuwerden. Für das Kommende genügte die trauliche Petroleumlampe. Es war sehr still um ihn her, nur von Zeit zu Zeit wurden Automobilhupen von der Straße vernehmbar. Below sah zu dem Oelbild hinauf, das Minna als Braut darstellte. Nun klopfte es. Rudolf trat ein.

»Also, Vater,« rief er, Hut und Mantel abwerfend, in schlecht bezwungener Erregung, »wir wollen gleich zur Sache kommen! Sonst sitzen wir uns wieder gegenüber und zaudern!«

»Nimm Platz, mein Junge,« erwiderte Below und setzte sich selbst auf das geschweifte Sofa. »Ich muß Dir übrigens sagen, daß das Zaudern auf meiner Seite nicht sehr bedeutend is.«

Rudolf warf ihm einen forschenden Blick zu. »Willst Du damit sagen, daß Du Deine Antwort schon vorher weißt?«

»Antwort? Worauf denn? Nee . . . Das will ich nicht damit sagen. Aber ich bin ziemlich ruhig. Ich habe ein langes Leben hinter mir.«

»Das stimmt. Aber ob Du auch wirklich ruhig bist, Vater?«

»Ich freu' mich an Dir. Du kannst Dir ja denken – alles, was ich Dir mal vorgeworfen habe, seh' ich jetzt mit andern Augen an.«

»So geht es mir mit Dir, Vater. Verzeih' den Vergleich. Aber was ich vergessen will, das hab' ich vergessen.«

»Es is 'ne schöne Fügung, daß Du aus Dir selber was geworden bist. Aber nu verzeih' mir mal eine Frage, Rudolf: was bist Du eigentlich geworden?«

Rudolf stand auf und ging mit leisem Lachen, die Hände in den Taschen, umher.

»Zunächst bist Du Familienvater, nicht wahr – hast Frau und Kind. Martha Wünschel is Dir in Amerika eine treue und brave Frau geworden. Du hast ihr doch in schweren Zeiten viel zu danken gehabt?«

»Martha ist tüchtig.« Rudolf sah durch einen Spalt des Fenstervorhangs auf die Linden hinaus.

»Und Euer Kind is zwar nich ganz gesund, wie ich leider bemerkt habe, aber das Asthma soll sich ja mit den Jahren geben.«

Jetzt fuhr Rudolf hastig wieder herum. »Ach, Vater! Wir wollen lieber von Geschäften sprechen!« Below zuckte zusammen und schwieg. Rudolf näherte sich ihm. »Hab' ich Dich verletzt?«

»Nein, nein . . . Ich muß mich nur erst an Dich gewöhnen.«

»Frau und Kind sind Nebensache, wenn Du mich nach mir fragst.«

»Nebensache?«

»Die leben von mir. Aber wovon lebe ich? Das möchtest Du wissen.«

»Ja, das wär' mir lieb.«

»Um Dir Zahlen zu nennen, bin ich ein zu guter Kaufmann Das tu' ich erst, wenn wir assoziiert sind.«

»Aha!«

»Es muß Dir vorläufig genügen, daß ich an hervorragenden Unternehmungen beteiligt bin, in Alaska und Winnipeg. Terrainspekulationen, bei denen man natürlich niemals weiß, was man eigentlich hat. Aber das eine laß Dir gesagt sein, Vater: Ich lebe vor allen Dingen von meinem Glauben an mich selbst! Ich weiß, daß ich erreichen werde, was ich vorhabe! Für mich gibt es keine Feinde und keine falschen Illusionen!«

Below umklammerte den Fuß der Lampe, die auf dem Tisch stand. »So . . . Hast Du die Probe drauf gemacht?«

»In zwölf Jahren immer wieder! Jetzt hab' ich meine Moral und meine Weltanschauung!«

»Wie lautet denn die, wenn ich fragen darf?«

»Kraft gibt Hoffnung, und Hoffnung gibt Kraft, die allein sich alles schafft!«

Below nickte und lächelte vor sich hin. »Das läßt sich hören . . . Klingt bloß nich so amerikanisch, wie ich mir's vorgestellt hatte. Erinnert beinahe ein bißchen – verzeih' das harte Wort – an Hermanns Broschüre.«

Rudolf schlug die Hände zusammen. »Meinst Du etwa sein Buch ›Die Phrase von der Heimat‹?! Ich kenn' es, ich hab' es in New York gelesen! Jeden Mittag zwischen halb eins und eins in der Straßenbahn! Das war die einzige Zeit, die ich für meine Bildung übrig hatte! Nee Vater – um Gottes willen! Mit diesem total verrannten Theoretiker hab' ich nicht das mindeste gemein! Ich liebe ja die Großstadt, ich kenne ja nichts Schöneres! Und dieser Johannes, der in der märkischen Wüste die Flucht aus Berlin predigt, der soll wie ich denken?!«

»Du mißverstehst mich. Ihr seid grundverschieden – das weiß ich. Aber Berliner seid Ihr. Hermann is in seinem Dorf nie ein Bauer geworden, und Du bist kein Yankee. Warum wärst Du sonst zurückgekommen? Du hast einfach Heimweh gehabt.«

Rudolf ging, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer umher. »Heimweh! Ja! Ich konnte kein Amerikaner werden! Das ist richtig! Aber es steckten noch andere Gefühle in mir, und die wollten zu ihrem Recht kommen! Ich sag' es Dir ganz offen, Vater – es waren Rachegefühle!«

Below verfärbte sich. Er fühlte sich irgendwie waffenlos. »Rachegefühle?« wiederholte er leise.

»Je mehr ich in der neuen Welt begriff, daß ich doch was wert bin, daß das Urteil der alten Welt über mich ein Justizmord war – desto mehr nahm ich mir auch vor: Wenn Du durch bist, gehst Du nach Europa! Dann beweist Du den Zipfelmützen ihr Unrecht und rächst Dich durch Deine Persönlichkeit! Das ist die nobelste Art von Rache!«

Below verneigte sich ironisch. »Die Zipfelmützen sind Dir dankbar dafür. Sie haben ja immer was Anständiges mit Dir vorgehabt. Nur so leicht zu überzeugen, wie Du es Dir vorstellst – das sind sie nicht.«

»Wem glaubst Du mehr, Vater? Hermann oder mir?«

»Ich weiß nur, daß ich mit Hermann nichts anfangen kann.«

Rudolf warf sich in den Lehnstuhl zurück und verbarg mit leisem Lachen das Gesicht in den Händen. »Ach, das erinnert mich an einen wundervollen Abend, den ich in St. Louis mit Erna verbracht habe!«

»Erna?« fragte Below verwirrt. »Hast Du sie drüben getroffen?«

»Wiederholt! Ich schrieb Dir doch aus Paris, daß ich Grüße von ihr bringe. Wir waren immer unterwegs – sie mit einer großen Wandertruppe und ich in verschiedenartigen Berufen! Aber in St. Louis hatten wir einen Abend – da erzählte ich ihr, wieviel ich in den Coloradominen verdient und in Pittsburg verloren hatte – und sie zeigte mir ihre Kontrakte, Vater. 20 000 Mark im Monat. Und plötzlich, wie wir so beisammen saßen, da fiel uns ein, wer wir eigentlich waren. Ich hieß damals Signor Tedesko und hatte die Direktion eines Seehundstheaters. Sie hieß Erna Paulana, Diva di St. Franzisko. Und wir dachten an unsern Bruder Hermann, der in einem märkischen Schweinenest philosophische Bücher schreibt. Und da kamen wir ins Lachen, Vater, ins Lachen, fast auch ins Weinen. Es war wunderbar. Stell' Dir mal vor: Tedesko, Erna Paulana, Hermann der Täufer – alias Rudi, Erna, Hermann Below, Deine Kinder!«

Joachim Friedrich saß gebückt und nickte vor sich hin.

Rudolf sah zu ihm hinüber. »Was hast Du eigentlich gegen Erna, Vater?«

Statt jeder Antwort erhob sich Below, zog ein Kommodenfach auf und kramte mit seinen steifen Fingern eine Photographie heraus. Die brachte er Rudolf. Es war ein Bild von großem Liebreiz, Erna als Siebzehnjährige darstellend.

»Ist das entzückend!« rief Rudolf unmittelbar.

»Ja,« flüsterte Below. »Ich habe gegen sie, daß sie das Bild verdorben hat. Daß sie nicht so geworden is, wie sie hiernach werden mußte . . .«

»Aber Vater! Weißt Du denn das alles so genau?«

»Erna lebt in einer Atmosphäre, in der ich nicht leben kann.«

»Gewiß! Sie ist eine große Künstlerin! Und Du bist Weinhändler! Ich fürchte, daß Dir meine Atmosphäre auch immer fremd bleiben wird, Vater!«

»Nein . . . Du bist ein Mann . . . Das is ganz etwas anderes.«

Below setzte sich wieder und starrte eine Weile vor sich hin. Dann richtete er seine geröteten Augen auf Rudolf. »Willst Du mein Erbe sein?« fragte er plötzlich.

Der Sohn rückte ihm langsam näher. »Ich? – Auf meine Art gewiß . . .«

»Was heißt das?«

»Ich bleibe in Berlin und biete Dir meine Kraft an.«

»Aber Du willst –« Die nächsten Worte preßten sich nur mühsam aus Belows Brust. »Du willst, daß ich hier rausgehe! Das weiß ich! . . . Aus diesem Hause soll ich gehen, wo ich geboren bin!«

Rudolf verschränkte die Arme. »Aus dem Hause – ja. Aber nicht von der Stelle.«

»Erkläre mir, was Du Dir darunter vorstellst.«

»Gern, Vater. Aber erst muß ich mir die Kehle anfeuchten. Sie haben doch Wein, Herr Wirt?«

Below stand auf. »O, entschuldige! Du wirst schlecht bedient! Was willst Du? Weißen? Roten?«

»Ich brauche Sekt.«

Below klingelte. Nach einer geraumen Weile erschien Pinkert. Seine verquollenen Augen wanderten mißtrauisch von Below zu Rudolf.

»Bring' mal französischen Sekt, Gottlieb. Und zwei Gläser.«

»Französischen, Herr Below?«

»Natürlich! Aber fix!«

Pinkert warf nochmals einen finsteren Blick auf Rudolf, dann verschwand er. Rudolf lachte hinter ihm her. »Kassandra! – – also, lieber Vater – die Einleitung geht auch ohne Sekt. Ich will Dir zunächst mal sagen, daß ich eine Idee habe – eine Idee, die meine gesamte Lebensaufgabe umfaßt. Sie konnte mir nur in Berlin kommen. Ich liebe Berlin, und ich glaube, daß diese Liebe gegenseitig ist. Du wirst mich vielleicht für größenwahnsinnig halten – aber Berlin hat ganz bestimmt auf mich gewartet.«

»Auf Rudi Below? . . .«

»Ja!«

»Was hast Du vor?«

»Ich will Berlin das Zentrum und das Symbol seiner gesamten Lebenskraft geben. Ich will hier eine Stätte schaffen, wo alle vorwärtstreibenden Elemente, der internationale Fremdenverkehr und die obersten Hunderttausend der Stadt geistig und materiell zusammenströmen!«

Below machte große Augen. Er hielt die Hand ans Ohr. »Erlaube . . . Erlaube . . . In welcher Weise willst Du das verwirklichen?«

»In Gestalt eines kolossalen Etablissements, das sämtliche modernen Kulturfaktoren in sich vereinigt. Ich erwähne nur die Restaurants von verschiedenster Klasse und Größe, Gesellschaftsräume von nie dagewesener Schönheit und Eleganz. Alle Veranstaltungen, von den großen öffentlichen Bällen, denen die Minister beiwohnen, bis zu den five o'clock-teas der Fürstinnen, müssen dort stattfinden. Wissenschaftliche Kongresse, die irgend welche Bedeutung haben, Vorträge berühmter Männer werden nur dort möglich, denn nur dorthin kommt das maßgebende Publikum. Eine allumfassende Bibliothek wird gegründet –«

»Ein großes Museum –«

»Nein, Vater! Nur kein Museum! Aber die besten Witze sollen bei uns gemacht werden! Alles, was Geist und Schönheit hat! Ein fabelhafter Konzertsaal mit Riesenorchester und den berühmtesten Virtuosen! Ein Theater von antiken Dimensionen und ein anderes, das die intimsten Bühnen in den Schatten stellt –«

»Hör' auf! Ein Zirkus! Ein Panoptikum!«

»Nein, Vater, nein! Nur, was dazu gehört! Verlaß Dich drauf, die Leute, die an der Spitze stehen, wissen, was dazu gehört! Es ist nie so leicht gewesen, wie heute, vorauszusehen, was gefällt!«

»Aschers Warenhäuser . . .«

»Ascher ist einer der Wenigen, die ihre Zeit verstanden haben. Aber ich denke an kein Warenhaus. Ich will etwas Höheres. Ich will der Wirt des modernen Geschmacks werden. Alle modernen Werte sollen bei mir fixiert werden.«

»Du meinst die Moden?«

»Nenn' es, wie Du willst. Wir haben nichts anderes.«

»Ich habe Angst vor den Moden.«

»Nicht nötig, Vater, wenn man selbst in Bewegung bleibt. Wenn man jeden Tag aufs neue spürt, was schmeckt, was originell ist. Nerven vom Scheitel bis zur Sohle – darauf kommt es an.«

Below schüttelte den Kopf. »Ach Gott, ach Gott – das enttäuscht mich aber.«

»Wie?!«

»Na ja, ich hatte immerhin was Mögliches erwartet. Aber das sind doch alles Phantastereien.«

»Ach so! Du forderst mich heraus! Aber darauf war ich gewappnet, Vater!« Rudolf zog ein Bündel Papiere aus der Tasche und warf es auf den Tisch. »Hier ist der fertige, finanzielle Plan! Keine Phantastereien!«

Below bekam langsam Zornesröte in sein Gesicht. »Du, das Papier is geduldig – das weiß ich. Hast Du 'ne Ahnung, wieviel Geld solche Geschichte kostet?«

»Zwanzig Millionen!«

»Hast Du die zufällig bei Dir?«

»Ja!«

»Du bist verrückt! Oder Du hälst mich zum Narren!«

»Durchaus nicht! Ich gebe Dir nur die größte Gelegenheit Deines Lebens!«

»Junge, willst Du vielleicht mit Deinen Alaska- und Winnipeg-Aktien die Sache machen?«

»Ich selbst habe nichts, was in Frage käme. Was ich habe, brauch' ich für meine Familie. Aber ich kann Dir die Liste meiner Finanzleute zeigen, die schon ein Drittel gezeichnet haben. Du wirst sehen, daß es höchst respektable Namen sind. Da haben wir zunächst mal den Geheimrat Breitenbach –«

»Den ehemaligen Direktor der Kreditanstalt? . . . Der is gut . . .«

»Dann haben wir den Generalkonsul Wechsler –«

»Den Onkel vom Rechtsanwalt?«

»Denselben.«

»Das is 'n Millionär, aber er is im Oberstübchen nich ganz richtig. Der steht doch den ganzen Tag im Zoologischen und füttert die Affen.«

»Das ist mir egal. Mich interessieren nur seine 700 000 Mark. Ferner haben wir die Preußisch-Sächsische Aktiengesellschaft für mechanische Wasserreinigung und die Breslauer Gesellschaft für Verbreitung des Glühlichtbrenners Saturn –«

»Die kenn' ich nicht . . .«

»Ferner das Burgdorfer Kalksteinsandwerk und die Dampfziegelei Hinzpeter –«

»Lauter unbekannte Größen.«

»Endlich erwähne ich Mayers Fabrik von Kinderautomobilen und die Deutsche Ping-Ping-Po-Gesellschaft, die das neueste chinesische Spiel fabriziert. Das sind lauter blühende Unternehmungen, die Wechsler als Syndikus vertritt.«

Below horchte auf »Wechsler? . . . Ja, sage mal . . . der Rechtsanwalt is also in alles eingeweiht?«

»Wechsler ist mein Rechtsbeistand. Ich hatte heute die entscheidende Konferenz mit ihm. Er ist hingerissen von meinen Ideen. Er hat es übernommen, die gesamten Kapitalien für meine Gründung herbeizuschaffen.«

»Der Filou! . . .«

»Was heißt das, Vater?«

»Na, jetzt begreif' ich erst, warum er Dich vorhin am Stammtisch so gelobhudelt hat! Nicht die mindeste Andeutung! Der scheinheilige Judas!«

»Du tust ihm unrecht. Er wollte mir natürlich nicht vorgreifen.«

»O, ich kenn' ihn von den Wahlen! Wie ein Aal is der Mensch! Von einer Partei is er zur andern gewutscht, und überall fand er die richtigen Redensarten!«

»Das gehört auf industriellem Gebiet zu seinen größten Vorzügen – in der Politik mag es ja unangenehm sein. Aber er ist längst nicht mehr Politiker. Er macht jetzt viel bessere Geschäfte. Wechsler ist der Mann seiner Zeit, und wer weiß, ob Du ihm gerecht wirst, Vater.«

»Gewiß, gewiß . . . Ich bin nicht der Mann meiner Zeit. . . . Ich habe nicht den Ehrgeiz. . . . Und 'n tüchtiger Kerl is Wechsler. . . . Ihm glückt alles. . . . Also Wechsler. . . .«

»Hier sind noch siebzehn erstklassige Namen, mit denen er in Verhandlung steht.«

»Am Ende auch Ascher?«

»Nein, bis jetzt noch nicht. Aber der kommt noch.«

»Und die Banken? Heutzutage is nichts zu machen ohne die Banken.«

»Das ist natürlich die Voraussetzung. Vorläufig sag' ich aber noch nichts darüber.«

Below stand auf und ging, die Hände in den Hosentaschen, mit heftigem Kopfschütteln auf und ab.

»Ich begreife Deine Skepsis, Vater,« sagte Rudolf ruhig, indem er sich eine kurze Pfeife mit duftendem Tabak stopfte. »Du lebst in Deinem engen Kreise, fern von der Welt. Dich verwirrt natürlich das erste Stadium eines Riesenunternehmens. Aber ich mußte Dich heute schon einweihen. Denn die Zeit ist kurz.«

Below blieb stehen. »Laßt mich doch zufrieden! Was wollt Ihr denn von mir! Soll ich mich etwa an der Geschichte beteiligen?! Ich habe nichts!«

»Na, na . . .«

»Mein bißchen liegt auf der Reichsbank! Preußische Konsols! Da wird nicht dran gerührt!«

»Es fällt uns natürlich nicht ein, Dich um eine Geldbeteiligung zu bitten. Aber in anderer Beziehung bist Du uns unentbehrlich. Und darum bin ich bei Dir.«

»Ihr wollt mein Haus?«

»Wir wollen den Grund und Boden Deines Hauses.«

»Unmöglich! Da steht ein achtzigjähriger Bau drauf!«

»Vater,« sagte Rudolf, sich langsam erhebend. Aus seiner Pfeife stieg ein süß umnebelnder Rauch in Belows Nase. »Vater, Du mußt mich ruhig anhören. Es handelt sich nur mittelbar um Dein Grundstück. Das Wesentliche ist Dein Name und Deine persönliche Tatkraft. Ich will etwas Großes durchsetzen – aber nur mit Dir. Dein Grund und Boden muß die Beteiligung an meinem Unternehmen sein. Gib mir Deinen Grund und Boden, Vater.«

»Und was wirst Du bei der ganzen Geschichte?«

»Ich werde von einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung als Generaldirektor engagiert. Mit 50 000 Mark Gehalt und Provision.«

»Und warum muß es gerade mein Grundstück sein? . . .«

»Die Belowsche Ecke, Vater! Von der geh' ich aus! Du willst doch einen Erben!«

»Ach was! Laß mal die schönen Redensarten! Die sind hier nicht am Platze! Du denkst natürlich an mich, weil ich ein Eckhaus Unter'n Linden habe! Aber auf der falschen Seite, Rudolf! Die richtige Seite is immer bei Bauer und Kranzler gewesen!«

»Ich gedenke diese dazu zu machen,« erwiderte Rudolf, langsam paffend.

»Das is ja der pure Größenwahn! Zunächst mal: das Haus is viel zu klein für Dich! Hier kannst Du kaum die Hälfte von Deinem Krimskrams machen!«

»Ich kaufe selbstverständlich die beiden Nachbargrundstücke dazu. Wegen des Ministeriums stehen wir mit der Regierung in Unterhandlung, und Konditor Zimmermann wird 'rausgesetzt.«

»Der alte Fuchs – –?«

»Ist schon einverstanden, weil er die Hälfte seiner Forderung auf den Tisch bekommt. 600 000 Mark.«

»Auf den Tisch?«

»Jawohl.«

»Das soll der Gauner kriegen?!«

»Errege Dich nicht, Vater. Du bist natürlich in einer bedeutend besseren Situation. Du wirst für Dein Grundstück mit zwei Millionen Mark beteiligt.«

»Man is ja – man is ja wie verraten und verkauft! Ihr habt mich ja total umzingelt – –!«

»So kannst Du es nicht nennen, Vater. Wir haben Dir das letzte Wort gelassen.«

»Rudolf! Es is nicht recht, mich so zu drängen!«

»Tu' ich das, Vater? Du wolltest mich anhören. Ich hatte Dich vorbereitet . . .«

Below legte jetzt die alte Hand auf Rudolfs Arm und zog ihn zum Sekretär hin. »Hör' mich mal an, mein Junge,« sagte er dort mit zitternder Stimme; er kam ihm jetzt näher als sonst. »Wir wollen uns gewiß nichts vormachen. Ich glaube, ich kenne Dich. Aber was aus mir inzwischen geworden is – davon hast Du keine Vorstellung. Ich bin elend, Rudolf. Du wirst Dich wundern, daß ich das sage. Du siehst mich in meinem soliden Hause wieder. Alles Aeußere is unverändert. Auch daß ich zwölf Jahre älter geworden bin, will ich nicht in Betracht ziehen. Aber man hat mich allein gelassen. Erst Du – dann Erna – dann Hermann – und zuletzt noch Mutter. Es sieht so aus, als sollte ich Schluß machen mit den Belows. Und das Merkwürdigste is – für ein Rüberdämmern, Kapital aufessen, Rumpusseln ohne Lebenszweck, bin ich trotz aller Schläge nicht gemacht. Ich habe noch immer 'ne große Portion Jugend in mir. Das muß in uns Belows liegen – wir sind Berliner, wir wollen immer noch mit. Ich habe keine Menschenseele, der ich mich anvertrauen kann. Ich halt' es nicht mehr aus, Rudolf. Hab' ich mich überlebt, dann will ich's auch eingestehen. Ablösung vor – das war immer der schönste Moment auf der Neuen Wache. Aber zur Karikatur werden – das will ich nicht.«

In Rudolfs Augen brannte es, als er diese Worte vernahm. Er ergriff die Rechte seines Vaters und drückte sie fest. »Vater – ich danke Dir, daß Du mir das gesagt hast.«

»Es is wohl 'ne Art Genugtuung für Dich? . . . Du sprachst von Rachegefühlen?«

»Laß das jetzt mal beiseite, Vater. Die Vergangenheit geht uns nichts an – wir wollen nur in die Zukunft blicken. Sei jung, Vater! Respektiere weiter nichts als Dich selbst und das, wozu Du Dich entschließen mußt!«

»Wozu muß ich mich entschließen? – Sieh mal, Rudolf – ich würde ja Gott auf den Knien danken, wenn Du als mein wirklicher Erbe nach Hause gekommen wärst. Ich weiß ja, es is Gerümpel, was ich Dir biete – ich überschätz' es nicht. Die paar Stuben, die paar Möbel, und der Wurm is auch schon drin. Aber bedenk' es wohl, mein Junge! Die Sachen gelten nicht nur das, was sie sind, sondern auch das, was sie bedeuten! Vergegenwärtige Dir, was unsere Vorfahren hier erlebt haben! Hier singt es und klingt es noch von großen Zeiten!«

»Das will ich mir eben nicht vergegenwärtigen, Vater. Haben unsere Vorfahren an sich selbst oder an Tote gedacht? Sind sie so tüchtige Leute gewesen, weil sie was Neues durchsetzten, oder weil sie das Alte konservierten?«

»Gut! Ich begreife, was Du meinst! Aber wenn Du hier weiterbauen willst – mit mir zusammen, wie Du sagst – warum denn nicht aus dem Bestehenden 'raus? Warum denn alles erst kurz und klein machen? Das is 'n Sprung auf Tod und Leben, Du!«

»Auf Leben, Vater!«

»Entschließ' Dich, als mein Kompagnon in das Geschäft einzutreten, so wie es jetzt is! Auch das wird eine neue Blüte geben! Das is es ja schließlich, was ich von meinem Sohn erwartet habe!«

»Nein, Vater, so, wie ich's Dir gesagt habe, und anders nicht. Jetzt hab' ich die Konjunktur, jetzt gibt es soundsoviel Leute, die sich für mich begeistern. Mein Plan liegt in der Luft, er ist ein Bedürfnis der Zeit.«

»Glaubst Du das wirklich, Rudolf? Sieh Dich mal um in Berlin! Was wird hier nicht alles gegründet, was wird nicht täglich gebaut! Einer überbietet den andern! Und es verzinst sich nicht mehr! Die Nachfrage entspricht nicht dem Angebot! Es sind schon viele gefallen! Und das is fürchterlich!«

»Nein, Vater – das ist eben der große Unterschied zwischen unseren Anschauungen! Nicht nach dem, was schon da ist, geht es in einer Stadt wie Berlin! Was da sein könnte – danach hat der wahre Unternehmer zu fragen!«

»Du kommst aus Amerika! Ich kann mir nicht denken, daß Berlin den Stil bekommt! Es muß doch vieles bloß nachgeredet sein in dem tollen Getriebe! Am wohlsten fühlen sie sich doch zu Hause, bei Muttern! Sie staunen über das, was einer macht, und wenn morgen einer das Entgegengesetzte macht, dann is es ihnen auch recht! Der Kern sitzt wo anders! Hier sitzt der Kern, trotz aller Verschlafenheit! Und darum sag' ich Dir: nicht abreißen, sonst hast Du die Taube auf 'm Dach und keinen Spatzen in der Hand!«

»Vater, Du hast als Besitzer der Belowschen Ecke auch Pflichten gegen Deine Mitbürger! Ich habe mich erkundigt, was unser Haus vor achtzig Jahren wert war, als Großvater es gebaut hat: 4000 Taler! Und in den Gründerjahren, nach dem Kriege: 30 000! Und heute? Zwei Millionen! Da hast Du meine Rechnung!«

»Aber Mensch, was soll ich denn dabei? Dir alles ausliefern und dann als fauler Rentier von den Zinsen leben? Dazu hab' ich keine Lust!«

»Das sollst Du auch nicht. Du sollst im Gegenteil sehr tätig sein.«

»Ach was! Ich versteh' mich auf Weine! Ich kann mal an den Rhein fahren oder nach Bordeaux und 'n gutes Gewächs kaufen, aber 'n Großunternehmer bin ich doch nicht!«

»Du hast eben brach liegen lassen, was Dir zur Verfügung stand. Den Vorwurf kann ich Dir nicht ersparen, Vater. Was hattest Du für Beziehungen? Die hat kein anderer Wirt in Berlin! Ein Dutzend alter Pensionäre verkehrt bei Dir, und Du könntest die ganze Hofgesellschaft haben! Den Adel, die Künstler, die Hochfinanz! Warst Du nicht mit Bleichröder intim? Bist Du nicht oft zu Bismarck gekommen? Nein, Vater, Du hast vornehm gewirtschaftet, aber für einen modernen Geschäftsmann war es nicht die richtige Art von Vornehmheit!«

»Ich bin kein moderner Geschäftsmann!«

»Aber Du mußt es jetzt werden – Du fühlst ja die Notwendigkeit! Alles Aeußere kann ich selbst schaffen – aber die Voraussetzung, das Renommee, das muß von Dir kommen! Wenn Du ja sagst, haben wir von vornherein ein Publikum!«

»Werben is mir nicht möglich. Wer kommt, wird bedient.«

»Du sollst auch nicht werben. Sanktioniere mich nur. Ich schaffe uns feudale Klubs, ich überzeuge die Leute, daß es ihre Pflicht ist, bei uns zu verkehren. Ach, Vater, es ist ja ein berauschendes Bild! Ich sehe schon die wunderbaren Frauen, wenn sie durch unsere Säle schreiten! Ich rieche die Atmosphäre des prachtvollen Hauses! Ich kann sie den Berlinern geben! Sie sollen nur staunen, brauchen nur zu staunen – wenn sie kommen, dann ist alles gut!«

Below ging zu dem Kachelofen hinüber. Es fror ihn. Aber der Ofen war kalt. Belows Gesicht war dunkel gerötet, er warf einen scheuen, fast mitleidsuchenden Blick auf Rudolf. Dann atmete er tief und flüsterte mit gesenktem Kopf: »Nein! . . . Nein! . . . Wenn ich mich auch über alles wegsetzen würde – – es geht nicht, mein Junge.«

»Warum nicht?«

»Mutters wegen!«

»Hier entscheidet Dein eigener Wille!«

»Kennst Du die Frau? Sie hat ihr ganzes mühseliges Leben an das Haus gesetzt, so wie es jetzt is. Wenn ich noch die Beweglichkeit aufbringen würde, mich davon loszumachen – sie hat sie keinesfalls. Ich kann sie nicht nach ihrer Meinung fragen – der Arzt hat es mir auf die Seele gebunden, sie mit nichts mehr aufzuregen. Ihr Herzfehler bedeutet Lebensgefahr. Begreifst Du, in welcher Situation ich bin? Ich habe nur eine Pflicht: mit allen Deinen Ideen, so verlockend sie sein mögen, Schluß zu machen, nein zu sagen, nein, mein Junge, und allein zu bleiben, so wie ich bin!«

»Will das Mutter?«

»Rudolf, mach' mich nicht verrückt! Sie will natürlich mein Bestes!«

»Dann wird sie auf meiner Seite stehen. Ich kenne Mutter. Wenn sie nicht mehr mitentscheiden kann, dann muß sie wenigstens das Gefühl haben, daß der andere einen Willen hat, auch ohne sie. Ich verstehe ja, wie Du darunter leidest, Vater. Aber Du mußt Dich ins Unabänderliche fügen. Mutter bleibt ahnungslos.«

»Wird das möglich sein? . . . Und wenn selbst – eines Tages – da kommt sie zurück! Und dann soll nichts mehr dastehen, gar nichts, worauf sie sich in der ganzen Leidenszeit gefreut hat? Dann soll ihr altes Haus verschwunden sein, verschwunden vom Erdboden, wie ein höllischer Spuk? Das is ja ungeheuer!«

»Nein Vater! Du stellst Dir das anders vor, als es ist! Kein Verlust wird Mutter entgegentreten – im Gegenteil – bedenke doch – ein Wunder, ein märchenhafter Aufstieg ihres ganzen Lebens! Es ist eine kühne Operation, die wir machen – aber sie muß gemacht werden! Mutter wird sich gewöhnen und sich abfinden und im Neuen wird sie glücklich sein!«

Below ging plötzlich quer durch das Zimmer zum Fenster hinüber. Er riß den Vorhang auf und starrte in den bleichen Nachtschimmer der Linden. Seine linke Hand krallte sich in die Gardine, die rechte fuhr ihm zitternd über den Kopf. Jetzt tobte der Wandel der Zeit wie ein Naturprozeß in ihm. Rudolf beobachtete es mit starrer Spannung. Nun hatte Joachim Friedrich ausgekämpft. Er wandte sich langsam um und sagte, seine großen, blauen Augen fest auf den Sohn gerichtet: »Also ja denn, Satanas! Gott verzeih' mir's! Ich bin einverstanden!«

Rudolf schnellte empor. »Du gibst mir das Haus!«

»Ich gebe Dir das Haus und behalt' es zugleich. Mach' hier, was Du willst – Du wirst nie etwas machen können, was die Grundmauern wegbringt.«

Sechstes Kapitel

Kinder kneten eine Schneekugel und wälzen sie über die Straße hin, bis sie zu mächtiger Größe anschwillt. Die lustigen, kleinen Leute glauben eine Art Erdball geschaffen zu haben, wenn er auch nur aus Schnee ist und, um groß zu werden, von der Straße mitnimmt, was gerade dalag. In der Sonne wird er bald zu schmutzigem Wasser. Aber auch als stattliche Kugel bleibt er unbeachtet liegen, denn Kinder haben bald wieder ein anderes Spielzeug.

Als es sich in Berlin herumsprach, daß eines der ehrwürdigsten »Lindenhäuser«, die Belowsche Ecke, fallen sollte, um einem Spekulationsbau Platz zu machen, nahm jedermann Stellung zu dieser Nachricht. So hart und unsentimental man auch in sein Berufsjoch eingespannt war, die Belowsche Sensation war etwas, wobei man sich aufhielt, freilich immer die Uhr in der Hand. Es zuckte an der Stelle, wo nach ärztlicher Meinung das Herz sitzt. Viele, die bei Below vorüberkamen, machten sich ernste Gedanken. Lange dauerte die melancholische Stimmung allerdings nicht – dann fragte man schon wieder nach dem Geschäft. Man sah mit Rührung die Belowsche Ecke fallen und wartete zugleich voll Ungeduld darauf, was an der lukrativen Stätte sich erheben würde. Vom Kronprinzen, der im Automobil vorübersurrte, bis zum Sonnenbruder, der mit der Schloßwache marschierte, interessierte sich jedermann für Rudolfs Plan. Dieser hatte auf so allgemeines Interesse gerechnet, aber er verfiel doch der Täuschung, die seinem Unternehmerrausch wohltat. Sympathische Neugier bei der Aristokratie, skeptisch-philiströse bei der Bürgerschaft und schadenfrohe beim Proletariat waren nur äußerliche Faktoren, draußen auf der freien Straße. Für das Haus mußte ein Publikum erst erobert werden. Die Zuflüsse, die zu Gebot standen, waren bei allem Reichtum widersprechend. Sie konnten von dem Stil des künftigen Unternehmens kein Bild geben.

Wechsler, der Mann von überall und nirgends, hatte in märchenhaft kurzer Zeit das gesetzliche Drittel des Gesellschaftskapitals zusammengebracht. Die sieben Millionen, die vorhanden waren, wurden durch die von Wechsler verbreiteten suggestiven Gerüchte zu amerikanischen Milliarden. Der kreditierte Rest aber mutete wie die schlummernden Schätze des Erdkerns an. So allgemein auch in Neu-Berlin das Verständnis für wirklich vorhandene sieben Millionen war – die Gesellschafter, die der Rechtsanwalt zusammenzauberte, gehörten, wenn man ihnen auch keine Unsolidität nachweisen konnte, allzu verschiedenen Rangstufen an. Die sonderbare Mischung im großen beruhte auf einer nicht minder sonderbaren im kleinen. In den Hauptbeteiligten lag das Problem. Hier zogen Joachim Friedrich Below, Rudolf Below und Rechtsanwalt Wechsler an einem Strange. Eigentlich gingen die Rosse nach drei Richtungen. Und in das gesellschaftliche Reich, wohin jeder strebte, kam jeder allein. Die Aristokratie interessierte sich für die Zukunft der Belowschen Ecke ganz anders als die Börse. Aristokratie und Geschäftswelt wiederum hielten sich messerscharf von den nächtlichen »Passanten« fern, deren Phantasie in Rudis Palast nur eine Stätte sah, wo lüsterne Provinzialen ihr Geld loswerden konnten.

Below hatte nach seiner Zusage an Rudolf Kampf auf Kampf zu bestehen. Die erhoffte betäubende Frische des Neuen, in der er den Sohn leben sah, blieb ihm versagt. Man antwortete ihm nicht, und er fand auch keine Zeit zu fragen. Täglich galt es, Gespenster des Alten niederzuzwingen. Die Stammtischgenossen machten es ihm leichter, als er anfangs gedacht hatte. Sie blieben, sobald die Gewißheit des Abbruchs da war, in ihrer Gesamtheit fort. Nur Berthold Ascher kam, mit offenbarer Neugier, die Pläne des jungen Below zu erlauschen. Ein bestimmtes Beifallszeichen aber konnte man dem Warenhauskönig nicht abzwingen. Er lächelte wohlwollend, doch man wußte nie, ob er die Gründer auf Sand oder Felsen bauen sah. Auch vermochte Wechsler, der hier an die Grenzen seiner Ueberredungskunst kam, Aschers Beteiligung nicht durchzusetzen. Das Fortbleiben der anderen, so bequem es ihm war, beleidigte Below. Wie ein Sünder behandelt zu werden – das verdiente er nicht. Er hatte nur das Notwendige getan. Er hatte über sein eigenes Gut, nicht über fremdes, entschieden. Dieses eisige Schweigen deutete auf völlige Verurteilung hin.

Da machte sich Below eines Tages auf, die Grollenden einzeln zu besuchen und zu versöhnen. Doch niemand empfing ihn. Der Bruch war da, der historische Stammtisch hatte aufgehört.

Nun mußte Below sich ganz an die Jugend halten. Wenn das nur leichter gewesen wäre! Man behandelte ihn wie ein Anhängsel. Er sah wohl die Entwürfe des Architekten, er hörte über abenteuerliche Pläne verhandeln, aber beim eigentlichen »Machen« war er nie dabei. Auftrumpfen, gekränkt zur Seite treten, ging auch nicht. Man gab ihm nicht den mindesten Grund zur Klage. Im Gegenteil – der pietätvolle Respekt, den man ihm entgegenbrachte, war viel zu viel für Belows bescheidene Selbsteinschätzung. Brauchte man ihn denn wirklich? Nachdem man seinen Grund und Boden hatte?

Am schwersten wurde es Below, die treuen Angestellten fortzuschicken. Keiner von ihnen war geeignet, den Sprung vom alten Hause ins neue mitzumachen. Rudolf inspizierte die Löffelgarde, wie er sie nannte, und entließ sie mit doppeltem Monatsgehalt. Below wich den Blicken seiner Leute aus. Als die schlimme Verabschiedung endlich vorbei war, sah er, daß ein einziger das Zimmer nicht verlassen hatte – Gottlieb Pinkert stand noch immer da, im hellen Tageslichte fahl und greisenhaft. Er blieb mit krummen Beinen an der Tür, sah wie ein kranker Hund seinen alten Herrn an und schien den Vorgang nicht zu begreifen. Da wandte sich Below entschlossen zu seinem Sohn hin:

»Pinkert bleibt doch natürlich? Von unserm Gottlieb wollen wir uns doch nicht trennen?«

Rudolf sah dem Vater an, daß er ihm nicht widersprechen durfte. Er engagierte Pinkert.

Als der Alte hinaus war, sagte Rudolf: »Dein Faktotum ist übrigens ein Original – er hat mich auf 'ne glänzende Idee gebracht. Wir werden die historische Ecke genau so, wie sie jetzt ist, in dem neuen Haus kopieren. An derselben Stelle. Wenn auch Zigeunermusik daneben ist und five o'clock-tea – die Gegensätze ziehen. In der neuen Ecke soll Pinkert bedienen. Nur seine Jacke muß er sich chemisch reinigen lassen. Antiquitäten kann man mit Handschuhen anfassen – aber wo man essen und trinken soll, muß es sauber sein.« –

Noch im Spätherbst wurde die Demolierung begonnen. Below hatte gar nicht daran gedacht, sich eine neue Wohnung zu suchen. Nun stand er als Sechziger plötzlich vor einer häßlichen Obdachlosigkeit. Aber bevor ihn dieses Gefühl ergreifen konnte, hatte Martha schon Ordnung geschaffen. Sie richtete dem alten Mann in ihrer großen Wohnung am Kurfürstendamm zwei Zimmer ein, und die vertrauten Möbel darin ließen Below den Verlust seines Hauses nicht so schwer empfinden. Er willigte ein, zu Rudolf zu ziehen, obwohl er sich nicht klar war, ob sein Sohn dieselbe Freude daran hatte wie Martha. Zu dieser fühlte Below sich immer stärker hingezogen. Sein Enkelchen aber wurde ihm ein Quell der reinsten Freude.

Eine Bitternis hatte er noch zu bestehen, bevor er endgültig von der alten Ecke Abschied nahm. Seine einzige Mieterin, die Geheime Kriegsrätin von Schimmelmann, beharrte bis zuletzt in offenkundigem Protest gegen den ganzen Vorgang. Sie war von ihrem Wirt tief enttäuscht, sie sah ihn als Opfer seines Sohnes, und ihre ständige Redensart war: »Ja, wenn der Geheime Kriegsrat noch lebte!«

Da sie nicht anders opponieren konnte, blieb sie so lange in ihrer Wohnung, bis ihr das Dach buchstäblich über dem Kopfe fortgenommen wurde. Als der Himmel hereinblinzelte, weinte Frau von Schimmelmann, brach einen Zweig von der Linde ab, die an ihr Fenster reichte, und verließ die Belowsche Ecke.

Nun war das Haus ganz öd und leer. Mit rapider Geschwindigkeit setzte sofort die Zerstörung ein. Hacke und Spaten taten ihr Werk, und trüber Schutt wurde vor aller Augen, was fest und verborgen durch die Zeiten gedämmert hatte. Dieser Abbruch war eine einzige Indiskretion. Belowsche Wände verschmiert, zerrissen, die geblümten Tapetenfetzen mit dem Grabstaub entseelter Häuser, dem häßlichen Weißrosa, bestreut. Das gab ein Lachen und Fluchen hinter dem Bretterzaun. Wie gierig riß man den alten Keller auf – kein Wein war mehr darin, aber der Dunst stieg noch prickelnd in die Nasen. Man beneidete das Tote und schlug mit doppelter Wollust drein. An der Einfahrt in der Schadowstraße – unter den Linden hatte ein weise Polizeivorschrift den Bauzaun zu schließen befohlen – in der Schadowstraße standen immer Neugierige und sahen mit Genugtuung sinken, was so felsenfest ausgesehen hatte. In dieser Schadenfreude verstanden sich Arbeiter und Gaffer.

Nur einem Zuschauer nahmen die Fleißigen seinen Müßiggang übel. Dieser eine, der täglich kam und die Maurer ärgerte, war Adolf Wünschel. Er konnte sich an dem Anblick, daß die Belowsche Ecke fiel, nicht satt sehen. Grinsend musterte er die staubigen Ruinen und die traurigen Fensterlöcher. »Mist, Dreck, vorbei alles, alles,« murmelte er mit schmalen Lippen.

Der Abbruch der eigentlichen Ecke aber war ihm ein Fest. An das Neue, das an ihrer Stelle entstehen sollte, glaubte er nicht. Er stand nur da und sah dem Manne zu, der auf einem Lastwagen stand und den von fallenden Mauern niederrieselnden Schutt durch einen Bretterschacht in den Wagenbehälter leitete. Dieser Mann war ein Symbol des ganzen Abbruchs. Er hatte einen fürchterlich schmutzigen Ueberzieher an, aus dessen Tasche eine Schnapsflasche ragte. Er schimpfte frierend vor sich hin, war aber tüchtig und wollte schnell fertig werden. Plötzlich vernahm er das krankhafte Kichern des alten Wünschel, der dicht hinter ihn getreten war. Er fuhr zu ihm herum und schnauzte ihn wie einen Hund an, denn es war verboten, den Bauplatz zu betreten. Da wich der Graukopf auf die Straße zurück, lachte aber in sicherer Entfernung noch lauter und trabte davon. Er hörte, wie der Mann in dem fürchterlichen Ueberzieher ihm entrüstet: »Oller Maulaffe!« nachrief.

Kichernd und wirres Zeug stammelnd streifte Wünschel, als er in die Linden einbog, einen jungen Menschen, der wie er dem Abbruch zugesehen, aber das Stehenbleiben vermieden hatte. Wünschel kannte ihn nicht und lief weiter. Es war Hermann Below, den er getroffen hatte. Zum erstenmal stand Hermann vor der Greifbarkeit von Rudolfs Heimkehr. Er fühlte keinen Zorn, nur Trauer. Langsam schritt er in der Schadowstraße auf und ab, scheue Blicke in das Innere werfend. Auch er konnte sich von diesem Anblick nicht trennen. Schließlich blieb er doch stehen und heftete seinen Blick auf die Linden des Hofes, denen man kein Leid zugefügt hatte. Ihre ehrwürdigen Kronen waren zwar beschnitten worden und mit Lappen umwickelt, aber sie standen doch da, die Bäume der Kindheit. Lange sah Hermann sie an, und seine Gedanken, die immer zu Anna flogen, brachten den Alten in ihrer Drangsal Grüße aus ihrer freien Welt. Plötzlich legte sich eine feste Hand auf Hermanns Schulter. Er fuhr herum und stand seinem Bruder gegenüber. Sie hatten sich schon gesehen, aber nur flüchtig, ohne ein Gespräch zu finden.

»Du bist hier?« fragte Rudolf mit ironischem Lächeln. »Das hab' ich mir eigentlich denken können. Was willst Du bei dem Abbruch? Vergrab' Dich nicht in die alten Geschichten. Ich habe hier zu tun, aber Dich wünschte ich erst zu treffen, wenn alles fix und fertig ist.«

»Bleiben die Bäume stehen?« fragte Hermann nach einer Pause.

Rudolf lachte. »Die sind Deine einzige Sorge! Ich weiß, was sie wert sind. Sie werden natürlich einen Ehrenplatz bekommen und eine Umgebung, die ihrer würdig ist.«

Hermann sah zur Seite, auf die Schuttwüste hinüber. Jetzt wurde Rudolf ungeduldig. »Komm' doch . . . Dein Schaukelpferd von Anno dazumal konnte ich nicht aufbewahren, tut mir leid – auch die Galerie ist verschwunden. Für mich gibt es kein gefühlvolles ›Weißt Du noch?‹, ›Erinnerst Du Dich?‹, denn das wolltest Du doch eben sagen?«

»Für Dich gibt es nur ein ›Wissen Sie schon?‹, ›Haben Sie schon gehört?‹«

»Kerl, Du hast eine scharfe Zunge! Hab' ich Dir gar nicht zugetraut! Uebrigens, Dein Buch – die Phrase von der Heimat – gut geschrieben, aber total überspannt.«

»Ich schreibe jetzt andere Bücher.«

»So? Hast Du umgesattelt? Predigst Du nicht mehr die ›Flucht aus der Großstadt‹?«

»Ich predige überhaupt nicht mehr. Ich brauchte die Flucht für mich. Ich mußte erst lernen, was andere Menschen brauchen.«

»Entschuldige – das ist mir ein bißchen zu hoch! Das versteh' ich nicht! Willst Du nicht mal über mich was schreiben? Der Einsiedler über den Antihistor? Das wär' doch famos!«

»Das tut schon Herr Kretschmar im Mitternachtsblatt.«

»Bitte sehr, damit hab' ich nichts zu schaffen. Es ist eine Frechheit von dem Kerl, daß er sich Antihistor nennt. Unter dem Namen wollte ich schreiben. Aber schreiben – pfui Teufel – ich handle lieber.«

»Da hast Du recht.«

»Das sagst Du sogar? Ein Schriftsteller? Du wirst Dich wundern, mein Junge, wie ich handeln werde. Vor Deiner Skepsis fürcht' ich mich noch lange nicht. Wüstenlöwe! Hu! Was macht'n die Löwin? Wohl nett in Eurem Nest?«

»Rudolf –«

»Dein Ton! Ja, nimm' mir's nicht übel! Zu Zweien hab' ich Verständnis für die Wüste! Buen retiro! Schaff' ich mir auch noch an! Aber vorläufig heißt's arbeiten. Ich siege über alle Zaungäste. Paß mal auf. Na, wohin willst Du denn auf einmal? Was hast Du denn? Hab' ich Dich beleidigt?«

»Ich denke –«

»An Vater? Der ist sehr zufrieden.«

»Nein – ich denke an Mutter.«

»Ach was! Die ahnt nichts! In Strausberg!«

»Wer weiß das, Rudolf? Es lastet doch auf uns allen – – fühlst Du's nicht auch? Es ist ja ungeheuerlich – daß sie nichts weiß.«

»Was denn! Seid doch nicht so pathetisch! Wenn die Frau es erfährt, dann wird sie sich keine ekligen Trümmer angucken, wie Du hier, sondern etwas –! Na! Es lastet absolut nichts! Gar nichts! Geschieht alles zu ihrem Besten!«

Hermann gab plötzlich seinem Bruder die Hand – dann eilte er fort. Kopfschüttelnd sah Rudolf ihm nach. »Verrücktes Huhn. Du bringst die Karre auch nicht weiter,« flüsterte er. Nach kurzem Sinnen trat er bei Hiller ein, um sich für eine Auseinandersetzung mit dem schwerfälligen Fork zu stärken. –

In Strausberg merkte man nur wenig von den Ereignissen der Weltstadt. Das alte Städtchen ging seinen gemächlichen Lebensgang, ringsherum lag schwere, märkische Erde. Natürlich interessierte man sich, wie überall in der Provinz, außerordentlich für die Ereignisse in Berlin. Wer dort gewesen war, rückte in der allgemeinen Achtung auf, und wer das Paradies noch nie erreicht hatte, baute daran in seinen buntesten Träumen. Aber die Mittlerrolle spielten die Zeitungen. Unternehmungslustige Strausberger hielten sogar Berliner Blätter. Im beschaulichen Kleinstadtleben spiegelte sich das Treiben der Millionenstadt sehr angenehm. Man sprach über alles, als ob man dabei gewesen wäre. Professor Armin Kessel aber, der Begründer der Heilanstalt in Strausbergs Nähe, begründete sein System auf das Gegenteil. Er verordnete vollständige Ahnungslosigkeit. Bis in das Kesselsche Waldrevier drangen die verführerischen Zeitungen nicht. Und was das Merkwürdigste war, es gelang dieser suggestiven Persönlichkeit, dem nervösesten Berliner die Neuigkeiten abzugewöhnen, ohne daß er stumpf und resigniert wurde. Genesung von der Großstadt, Vergessenheit von allen Schmerzen und Sorgen – dies war das Ziel. Kessel duldete den schriftlichen und mündlichen Verkehr mit den Angehörigen der Kranken. Aber es gab keinen Brief und keinen Besuch, der seine Zensur nicht passiert hätte. Auch dies gelang dem seltenen Arzt, ohne Mißtrauen und Widerspruch zu erregen. Kein Gatte war der Gattin hier so viel wie »der Professor«. Dabei verlor sich keine Seele bei ihm. Er war vielmehr der beste Mittler, wunde Ehen zu heilen, zürnende Herzen auszusöhnen. In diesen nimmermüden Idealmann war jedes kranke Herz verliebt. Armin Kessels »Methode« war heilig. Man ließ sich gern so himmlisch überlisten. Ruhe, tiefe, kernfrische Waldesruhe war sein Rezept. Hier schwieg die Welt. Je leiser der Wahn, desto lauter das Echte und Dauernde.

Auch Minna Below erfuhr nach einiger Opposition die Wunderwirkung des Arztes. Es war, als hätte er ihr die Hand aufs Herz gelegt und es erneuert. Es ging ihr jetzt viel besser. So viel sie auch an ihren vereinsamten Mann denken mußte und alle Pflichten, die sie im Stich gelassen – die große Notwendigkeit der Genesung beherrschte doch ihr Gemüt, sie erfuhr zum erstenmal die goldene Macht des Egoismus. Minna ging noch über die Vorschriften des Arztes hinaus. Sie mied auch die Geselligkeit, die erlaubt war. Nur mit ihrer Pflegerin, einem schönen, stillen Mädchen aus adligem Hause, sprach sie. Der erzählte sie alles von ihren Kindern. Wenn sie mit Schwester Margarete Arm in Arm im Walde spazieren ging, am Teich vorüber, dann rang sich manchmal aus Minnas Seele hervor: »Herrjott – Berlin! Der Hermann hat doch recht!« Schwester Margarete lächelte. Sie kannte Berlin nicht, aber sie verstand die Genesende vollkommen. Es tat Frau Below wohl, ihr ihren Mann zu schildern, der in der Waldesstille sich zum reinen Bilde formte. Ja, sie liebte Joachim Friedrich, wie sie ihn als Braut geliebt hatte. Rudolfs Verschollenheit, Ernas glitzernder Ruhm, Hermanns Abkehr – in wundersame Verschlingungen sah Schwester Margarete. Minna Below genas im Strausberger Walde. Sie kam sogar dazu, ihren alten Humor wiederzufinden. Sie belustigte ihre Pflegerin oft durch treffsichere Beobachtung der Leidensgenossen. Geheimrat Piek, der ständige Krakeeler der Mittagstafel, Fräulein Brecheisen, die sich täglich vor der Massage fürchtete, Studiosus Dippel, der für Fußtouren schwärmte und sich jedesmal etwas verknaxte, Doktor Lohmeyer, der interessante Mann mit der kunsthistorischen Bildung – all diese Sanatoriumstypen nagelte Minnas Berliner Witz so plastisch fest, daß man oft ein lustiges Gelächter im Park der Kranken hörte.

Doch diesen Tagen gemütlicher Befreiung folgten, als es herbstelte, auch trübe, von schweren Gedanken beschattete. Die Selbstvorwürfe Minnas wagten sich trotz des Professors energischem Trost wieder hervor. Sie war zu sehr Berlinerin, um die Gefahr, ihr Bestes im rücksichtslosen Getriebe gelassen zu haben, nicht ganz zu empfinden. Und etwas anderes kam dazu. Ihre Nerven, die einst von Pflichten dicht umwickelt waren, verfeinerten sich, da zarte Hände sie enthüllt hatten. Sie sah ihr altes Haus, das traurige Antlitz ihres Gatten im Schimmer der Waldgänge. Sie glaubte alles zu sehen, was in der Ferne geschah, als ob sie dabei wäre. Nichts Gewisses trat ihr entgegen – nur ein Druck, eine Ahnung, das Gefühl etwa, das jemand auf glücklicher Meerfahrt hat, der plötzlich sein Haus in Flammen sieht. Dabei wußte sie nicht einmal von Rudolfs Rückkehr. Anfangs wollte man ihr diese Neuigkeit wenigstens beibringen. Hermanns Sanftmut sollte das schwierige Werk übernehmen.

An einem bewölkten Septembertage kam er nach Strausberg. Er fand seine Mutter in ihrer stillen Stube emsig mit einer Handarbeit beschäftigt. Hermann hatte sich auf der Fahrt sorgfältig vorbereitet – ein Lebensdrama zu dichten wurde ihm nicht schwer. Die Motive von Rudolfs Rückkehr, die Möglichkeiten, die sich daraus ergaben, hatte er recht plausibel beisammen. Erst als er seine Mutter in ihrer goldenen Wahrhaftigkeit vor sich sah, wurde er vom Unbeirrbaren beirrt und beging sofort einen Fehler. Er fragte sie interessiert: »Woran arbeitest Du denn da, Mutter?« Sie antwortete lebhaft: »Weißte, Hermann, ich will nu endlich mal die janze Wäsche vom Restaurant in Ordnung bringen. Es is zwar verboten, ich soll hier nich an so was denken, aber ich kann's nich mehr aushalten. Ich mach' jetzt Bänder für de Servietten. Alles kriegt sein Schubfach, damit ich mal janz jenau weiß, was wir haben. Wenn ich dann zurückkomme, brauch' ich bloß zuzujreifen. Das is doch fein, nich wahr?«

Hermann saß mit gesenktem Kopfe vor ihr. Was er auf der Fahrt gedichtet hatte, fiel ihm wieder zusammen. Er wußte selbst nicht, warum. Die Mutter lebte eben eisern im ›Wirklichen‹. Jetzt sollte er von Rudolf sprechen? An das ganze Ungeheure rühren, was sich vollzogen hatte und immer noch vollzog? Die Mutter ahnte keinen Zusammenhang, aber der Begriff Rudolf konnte wie ein Sturmwind ihr stilles Gemüt aufstören. Wie recht hatte der Professor. Wie groß war diese »Kur«.

»Was is Dir denn, Hermann?« Minna richtete ihren Blick auf den Sohn. Sie verwirrte ihn völlig; ihr eben noch gesund gerötetes Gesicht wurde fahl, sie sah ihn aus der Tiefe an. Schlaff ließen die Hände die Arbeit sinken. »Nu sage mir mal, Hermann, was is zu Hause eijentlich los? Was is mit Vater? Warum kommt er nich mehr? Warum schreibt er so selten? Ich hab' ihm doch nichts jetan. Ich kann doch nichts dafür, daß ich hier sitzen muß und faulenzen.«

»Aber Mutter . . .« Hermann nahm sich gewaltsam zusammen. »Nichts ist zu Hause. Alles in Ordnung. Vater hat so viel zu tun. Ich seh' ihn ja auch selten. Wir wollen jetzt von was anderm sprechen.«

»Von was anderm?«

»Von Anna, nicht von Berlin.«

»Ja, das is auch besser. Du bist nu mal kein richtiger Berliner, Hermann.« –

Hermann mußte, ohne etwas ausgerichtet zu haben, fort. Als er dem Professor das Resultat seines Besuches mitteilte, sagte dieser mit einem feinen Lächeln: »Sehen Sie, Herr Below – das habe ich gewußt. Lassen Sie sie nur.« – So kam es denn nicht anders:

Im Winter mußte Joachim Friedrich wieder einmal selbst nach Strausberg fahren. Im Schneesturm kam er an und war so müde, so sehnsüchtig und aussprachebedürftig, daß er fast die ganze Maske vergessen und Minna alles gestanden hätte. Im letzten Augenblick noch nahm er sich zusammen und hielt ihre schrecklichen Fragen aus.

»Was machen die Bäume?«

»Sind beschnitten worden.«

»Aber auch vorsichtig?«

»Natürlich, Minna. Die stehen wie die langen Kerle in Potsdam.«

»Na und die Schimmelmann? Hat sie noch Mäuse?«

Below lächelte, aber es riß ihm ins Herz hinein.

»Nee, Minna. Keine einzige mehr. Ich bitt' Dich, im modernen Berlin.«

»Was heißt das? Hältst Du unsere olle Kommode fürs moderne Berlin?«

»Gewiß nich. Nee, liebes Kind . . .«

»Na also . . . Was machst Du denn für'n komisches Gesicht?«

»Erlaube –«

»Du rückst ja immer so hin und her? . . . Is was passiert zu Hause?«

»Nich das geringste . . . Unser Estèphe is fein geworden . . . Hochfein.«

»So? Und der Mâcon?«

»Das weiß ich noch nich.«

»Du verwechselst das, Fritz. Der Mâcon war doch schon lange fertig. Den hab' ich ja noch mit abjezogen. Aber der Estèphe –«

»Is ja egal – –«

»Egal?«

»Dem Weinschenk seine Schwester is in Oranienburg gestorben.«

»Entschuldige, das interessiert mich nu weniger…«

»Und Bülow – na ja – mit Politik – da soll man Dich ja verschonen.«

»Mit Politik laß mich in Ruhe, Fritz.«

Der Professor erschien in der Minute, die er mit Below verabredet hatte. So war die Pein zu Ende.

Minnas Kehle war wie zugeschnürt. Das Versteckte, nicht das Verratene riß an ihrem Herzen.

Below nahm Abschied. Ihm schwindelte, er hatte das häßliche Gefühl, an seinem Rock untilgbare Spuren des Mauerschutts zu tragen, von dem Minna nichts ahnen durfte. Er hörte Kutscher fluchen, Wagenräder im Staube knarren und Hacken schlagen. Mit großen, gleichsam wunden Augen gab er Minna einen matten Kuß. »Leb wohl, mein Kind! Halt Dich gut. Auf Wiedersehen.« Der Arzt geleitete ihn hinaus.

Siebentes Kapitel

Zwei Jahre bedeuten viel im modernen Berlin. Welche Feuerwerke des Erfolges verbrennen in solcher Zeitspanne! Wenn es wieder dunkel wird, wartet das Publikum auf ein neues Aufflammen. Der vergangene Effekt war schön, aber er ist vergangen.

Mehr als zwei Jahre wollten die Kenner der Reichshauptstadt nicht für die Verwirklichung von Rudolf Belows Plänen brauchen. Ueber die Gefahr einer Baukrisis, die alles zu lähmen drohte, kam man fort. Fork hielt seinen Termin inne. Von hundert Seiten wurde ihm freilich in die Hände gearbeitet. Da gab es keine große Dekorationsfirma, keine maßgebende Fabrik für Inneneinrichtungen, die nicht der »Union Berlin« (so hieß die neue Ecke) ihr Bestes lieferte. In den Ateliers arbeitete, an Honorar und Termin gebunden, die Phantasie der Künstler. Das Bedenken, das ihnen zuerst gekommen, wie unmöglich die Stileinheit beim Zusammenwirken so verschiedener Kräfte wurde, erstickte der Goldrausch. Man meißelte und malte darauflos – die Leuchte des Erfolges setzte alles in ein gutes Licht. Man ›mußte dabei sein‹. Und so wurde man fertig. Die kleine Armee des Personals war aus aller Herren Ländern zusammengekommen, es knackte in den verschlossenen Pforten wie ungestümer Frühling – am 30. September 1907, einen Tag vor der Eröffnung, ließ Rudi Below eine Vorbesichtigung stattfinden.

Er hatte durch Kretschmar vorbauen lassen – man fiel auf die Begeisterungsseite. Der erste Blick schon durch die kolossale Vorhalle in den Lichthof mit seiner funkelnden Märchenpracht war ein vollständiger Erfolg. »Das müssen Sie sehen!« war die Parole. Kretschmar war glücklich – man machte ihn zur publizistischen Hauptperson. Er fühlte sich an der ›Union Berlin‹ persönlich beteiligt, und seine Augen zeigten feuchte Rührung. Ueberall sah man das lockig gerundete Haupt des Journalisten. Er wandelte Arm in Arm mit Rudi Below durch die Prachträume. Mit Joachim Friedrich, der in seinem schwarzen Rock wie ein verlegener Ministerialbeamter aussah, wechselte Kretschmar nur huldvolle Worte. Er ließ den Vater des Ganzen neben sich gehen, und Below fühlte in seiner Aufregung gar nicht, wie dieser Popanz sich blähte.

Rudolf hatte bemerkt, daß sein Vater, bevor man sich dem ehemaligen Stammtischzimmer näherte, kehrt gemacht und das Zentralbureau aufgesucht hatte. Er lächelte. »Das ist der einzige Raum, den er meidet. Alte Erinnerungen – ist noch alles zu frisch. Aber kucken Sie mal rein. Wie wird Ihnen?«

Kretschmar stand in dem kopierten Stammtischzimmer. Gottlieb Pinkert befand sich wie ein Museumsstück als einziger Kellner darin.

»Is es möglich!« rief der Journalist, seine Hände zusammenschlagend. »Das is ja entzückend! Ihr habt ja die Ecke wiederhergestellt! Das is schenial, lieber Rudi! Passen Sie auf, das wird der Clou! So pietätvoll und doch – na ja, Sie wissen schon! Nee, reizend! Ach, hier wollen wir doch gleich mal 'n Schoppen trinken! Pinkert! Leben Sie oder sind Sie bloß 'ne Wachsfigur?«

»Ick weeß selber nich, Herr Kretschmar,« brummte der alte Kellner. »Soll ick 'n Schoppen Haus bringen?«

Kretschmars Enthusiasmus legte sich. In Pinkerts welken Zügen lag eine seltsame Trauer. Er glich einem alten Clown bei Tageslicht; das paßte nicht. »Nee, nee . . . 'n ander Mal, lieber Freund – was fällt mir denn eben ein – ich habe mich ja mit Nathanson in der Vorhalle zum türkischen Kaffee verabredet – kommen Sie mit, Rudi?«

Auch Rudi war froh, von der Stätte der Pietät fortzukommen. Sie schritten wieder durch das Neue. Kretschmar verkündete in jedem Zimmer sein Entzücken. »Nee, nee – – die Restaurants! Das holländische und das amerikanische und das englische und das französische! Man weiß ja gar nich, wo man sich zuerst hinsetzen soll! Ein auserlesener Geschmack, lieber Rudi! Jeder Kellner ein Kavalier! Passen Sie auf – hier wird sich Europa amüsieren! Sie haben das Ganze ›Union Berlin‹ getauft? 'ne piekfeine Idee! Amerika is die Losung! Dieses große Kompliment wird Ihnen keine Nation übel nehmen! Und fürchten Sie nich, daß Sie zu teuer sind! Is ja Quatsch! Das sagen die Provinzonkels! Bei Ihnen kann man endlich wieder Austern essen! Sie kriegen den Adel, die haute finance, den vornehmen Fremdenverkehr!«

»Gott geb' es,« seufzte Rudolf. »Darauf ist alles aufgebaut. Ich breche mit der plebejischen Wirtschaft. Bei mir sollen die Ansprüche wachsen.«

»Aber das hab' ich doch immer gepredigt! Der alte Below – und der junge Below – 'ne noblere Zusammenstellung können sich die Leute nich vorstellen! Aber nu lassen Se mich mal in den ›Schiller‹ reinkucken – und in die ›Harmonie‹!«

Rudolf wurde etwas verlegen. »An der ›Harmonie‹ wird noch gebaut. Dieser Saal wird erst am ersten November mit einem Monstre-Konzert eröffnet. Wir werden höchstwahrscheinlich Caruso dafür gewinnen. Caruso kommt extra aus New York herüber.«

Kretschmar machte ein anbetendes Gesicht. Er sah die Notiz vor sich.

»Hier kommen wir zur ›Grace‹, zu unserm Ballsaal. Der Haupteingang mit der Freitreppe ist natürlich drüben.«

»Grace! Grace! Das is ja ausgezeichnet! Raffinierter Name! Danach tanzt man! Menschenkind, Sie sind 'n Regisseur! Sie haben Millionen im Kopp!«

Rudolf lachte und ließ eine Seitentür des Ballsaales öffnen. Ein Griff erleuchtete die elektrischen Kronen. Kretschmar taumelte zurück. Die Spiegelwände ließen den Riesenraum verwirrend, unübersehbar erscheinen. Auf dem Orchesterpodium standen noch Arbeiter in Hemdsärmeln und Filzpantoffeln – das störte ein wenig. »Oller Affe, halt' doch de Venus fest!« schrie eben einer dem andern zu. Man war damit beschäftigt, Marmorfiguren in Nischen einzupassen.

»Die Deckengemälde sind von Claudio Spicorelli,« sagte Rudolf rasch.

»Wer war 'n das? 'n alter Meister?«

»Nein, im Gegenteil, das ist ein noch unbekannter neuer. Den größten Auftrag haben wir absichtlich einem Unbekannten gegeben. Aber er wird ihn auch glänzend ausführen. Nur ist er leider kränklich und hat sich überarbeitet. Wer weiß, ob er seinen Erfolg erleben wird.«

»Macht er denn alles ganz alleine?« Kretschmars runde Augen sahen zum Plafond empor, als wollten sie die Länge der Pinsel messen, die bis dort hinauf reichten.

»Keine Spur. Er hat natürlich ein Dutzend Mitarbeiter. Es handelt sich ja um einen Gegenstand von 200 000 Mark.«

In der Vorhalle fand Kretschmar seinen Kollegen Nathanson beim türkischen Kaffee. Auch Berthold Ascher traf man, der mit seinen Söhnen Rudolfs Einladung gefolgt war. Fragend trat Rudolf dem besten Kenner des Erfolges gegenüber. »Gut, gut,« sagte Ascher, mit dem fahlen Köpfchen nickend. »Es ist sogar noch mehr, als ich erwartet hatte. Also morgen die Eröffnung. Na, Sie können, glaub' ich, ruhig sein. Berlin ist voll von Ihnen. Man redet hier immer von Amerika, aber man kennt es nicht. Das wird Ihr Glück sein, Rudi.«

»Mein Ehrgeiz geht weiter, Herr Kommerzienrat. Aber Sie haben recht. Ich glaube, Berlin ist so: ein Unternehmen, wie das meine, muß mit den obersten Hunderttausend rechnen und darf die Fühlung mit den unteren Hunderttausend nie verlieren. Aber die große Masse wird hier nur Zaungast sein. Der komme ich mit Wohltätigkeit bei. Gott sei Dank gibt es jetzt so viel Reichtum und wirkliche Vornehmheit in Berlin, daß auch das exklusive Publikum seine Zentrale haben will.«

Below trat zu den beiden.

»Na?« fragte Ascher mit freundlichem Spott. »Der Seniorchef mit der Sorgenfalte?«

»Ich bin durchaus kein Seniorchef, lieber Ascher. Ich bin lediglich Gesellschafter. Und meine Sorge is weiter nichts als Staunen. Ich staune noch immer. Ich gehe hier wie in 'nem Märchen spazieren. Eben habe ich Rudis Personalliste gesehen. Raten Sie mal, wieviel Angestellte er hat.«

»Ich rate das nie.«

»765. Männliche, weibliche, kindliche – darunter vier Neger, zwei Chinesen und Gottlieb Pinkert.«

»Der gilt wohl als Kannibale aus dem Rixdorfer Urwald?«

»Ich kann mich gar nich an den Gedanken gewöhnen, daß mein Sohn das alles unter sich haben soll. Sehen Sie sich doch bloß mal den kleinen Kopf an – was is da alles drin verpackt.«

»Lieber Vater, es würde unweigerlich rausfallen, wenn es nicht so gut verpackt wäre. Ich bin Generaldirektor. Ich muß die ganze Verantwortung haben. Ich und selbstverständlich Wechsler, mein Syndikus. Ein Kopf, ein Wille oder nichts. Habe ich recht, Herr Kommerzienrat?«

»Aber natürlich.« Ascher antwortete nur flüchtig und sah sich nach seinen Söhnen um. Die waren beschäftigt. Isidor und Heinrich besichtigten noch immer. Julius frühstückte, und der hinkende Moritz stand in galanter Unterhaltung mit der Dame eines Coktail-Büfetts. Kretschmar und sein Kollege Nathanson konnten sich beim Kaffee über die Aussichten der ›Union Berlin‹ nicht einigen.

Wechsler und Fork kamen jetzt, aufgebläht von ihren Erfolgen, in die Halle. »Na!« rief Ascher. »Die Stammtischgäste der Belowschen Ecke versammeln sich ja! Wann wird denn Hauptmann von Weinschenk mit Professor König kommen? Und wo schläft Rösicke?«

Man lachte, ging aber auf den Scherz nicht ein. Er brachte nicht das richtige Behagen. Besonders Below wurde wieder befangen. Man sah ihn allein im Lichthof auf und ab wandern. In der Entfernung wirkte der alte Mann noch fremdartiger. Er sah aus, als ob er sich verlaufen hätte. –

Die Eröffnung am 1. Oktober verwirklichte alles, was Rudolf erhofft hatte. Ein wunderbares Gewühl füllte die ›Union Berlin‹. Farbenschimmer, zarte Wohlgerüche, Frauenschönheit, zahlreich und erlesen, wie man sie noch nie beisammen gesehen. Was sich durch Geld und Namen, Anmut und Talent berechtigt glaubte, war erschienen. Auch durch Geburt, obwohl die Aristokratie über einen jungen Herzog in Kürassieruniform nicht hinauskam. Die Hohenzollern ließen sich einstweilen durch Vertrauenspersonen erzählen, was aus der alten Belowecke geworden war. Dabei hatte Rudolf für eine sehr kräftige patriotische Note gesorgt. Aber Joachim Friedrichs Besuch im Hofmarschallamt, den Rudolf endlich durchgesetzt hatte, war doch nur so verlaufen, daß ein alter Lieferant antichambriert hatte. Below fühlte förmlich eine Genugtuung, daß er recht behalten. Man liebte seine Weine, man verlieh ihm das Hoflieferantenwappen, aber sonst – nun ja, er hatte das Eiserne Kreuz, er war mehrmals bei Bismarck gewesen, und Kaiser Wilhelm hatte ihn beim Spazierritt angesprochen – das alles stand auf einem andern Blatt. Ein direktes Geschäft war nicht damit zu machen. Indirekt tat Belows Name natürlich seine starke Wirkung. Man fühlte festen Boden unter den Füßen. Man stützte sich, wie immer in Berlin, befriedigt auf eine Tradition, um sie möglichst schnell zu untergraben.

Rudolfs ganze Existenz löste sich in den Ressorts auf, die er allein beherrschen wollte. Er konferierte mit den Abteilungschefs, mit den Kassierern und den Buchhaltern, wenn er nicht bauliche Veränderungen oder Küchenlieferungen inspizieren mußte. Er engagierte in seinem Privatkabinett neues Personal, teils für praktischen Bedarf, teils für phantastische Reklame. Ein rheinischer Weinküfer gab einer Pariserin, die ein Sektbüfett bedienen sollte, die Tür in die Hand. Ein Konzertagent stieß auf einen grinsenden Nigger. Es wurde Rudolf nie zuviel. Seine Spannkraft glich den Kabeldrähten. Wenn er im Bureau frei wurde, eilte er in das Etablissement und durchschritt die Säle, um seine Gäste zu begrüßen. Der tadellos elegante Mann, der für die Herrenmode vorbildlich wurde, schwebte gleichsam, devot und doch vornehm, durch all den märchenhaften Prunk. Im amerikanischen Saal, wo der beliebteste Zigeunerprimas seine Geige schluchzen ließ, führte ein Teppichgang an Lauben vorüber, die täglich mit kostbaren Blüten besät wurden und magisch beleuchtete Tische enthielten. Hier aßen die Paare, in diesem Raum verkehrten die Vornehmsten der internationalen Welt. Rudolf wurde gesellschaftlich als Amerikaner genommen. Sein Genie gab ihm die Stellung. Er hatte den Erfolg für sich. Nur in der großen Vorhalle, wo alles durcheinander strömte, wurde er unsicher. Hier wünschte er sich oft ein Rückgrat, dessen Konstruktion ihn begabte, sich nach allen Seiten zu drehen. Sein angeborener Belowstolz mußte viele Konzessionen machen. Bald galt es, einen veritablen Prinzen zu begrüßen, bald sah er einen Geldmann aus der Behrenstraße kommen, dessen mißvergnügten Hochmut er aufheitern mußte. Es geschah einmal, daß Rudolf zwischen einen bayerischen Herzog, einen berühmten Pianisten und Pierpont Morgan geriet. Er wußte nicht, vor wem er sich zuerst verbeugen sollte.

Er hatte das Talent, über die äußeren Hindernisse fortzukommen. Außerdem waren die Frauen jeder Klasse ihm gewogen, das erkannte er als eine wesentliche Macht. Er führte ein geheimes Konto über zärtliche Blicke. Schon standen Gräfinnen, berühmte Schauspielerinnen und Kommerzienrätinnen darin. – Aber im Innern der Maschine klappte nicht alles. Rudolf entdeckte immer neue Fehler, er schalt und knuffte sich selbst dafür. Ihm mangelte das große Eine – dunkel erkannte er es: der richtig wägende Geschmack. Ein genialer Regisseur, mußte er doch die Faktoren seiner Regie immer wieder von fremden Kräften holen. Er fand sie selten selbst. Herkommen, Bildung, Anlage hinderten ihn am wirklich Schöpferischen. Er wußte aus Vorhandenem etwas zu machen, aber worauf es ankam, das wußte er nicht. Die gesellschaftlichen Elemente ließ er durch Rechtsanwalt Wechsler herbeirufen. Er selbst berauschte sich an aristokratischen Namen, ohne ihre Bedeutung zu kennen. Ueberall drehte er elektrisches Licht auf, mischte, schmückte alles – aber ein zweiter Griff genügte, und es wurde wieder finster. Der zauberhafte Rausch war nur ein kaltes Blendwerk gewesen. Rudolf setzte von vornherein die gefährliche Göttin über all sein Tun: die Neugier. Sofort mußte er ihre Peitschenschläge fühlen: flüchtiges Hinschauen, Schlürfen ohne Dank, falsch klingenden Beifall, brutale Ablehnung. Er bemühte sich, mit allen Fibern seines Wesens, das Richtige zu treffen. Jede Berühmtheit des Hörsaales, des Musiklebens und der internationalen Bühne wurde von ihm aufgefordert. Persönlichkeiten von wahrer Bedeutung engagierte er neben Charlatans. Doch machte Rudolf hier noch nicht die bittere Erfahrung, die ihm andere Gebiete bringen mußten. Der tiefsinnigste Professor und der seichteste Causeur, der Künstler von Weltruf und die zufällige Spezialität – alle waren sie für Geld zu haben. Rudolf mußte glauben, daß er auch auf den Gebieten des Geistes das Richtige traf, daß seine »Harmonie« und sein »Schiller« höchste Kulturbedürfnisse wären.

Nur was die Architektur des Etablissements betraf, hatte ihm sein ratloser Geschmack einen dauerhaften Streich gespielt. Dies mußte er einsehen, und voll Zorn erkannte er, daß hier nichts mehr gut zu machen war. Baumeister Forks grotesker Stilsalat gefiel dem ästhetischen Areopag nicht, man hatte jetzt feinere Künstler. Man hatte vor allen Dingen schrecklich viel gelernt. Im Tohuwabohu der Weltstadt ging man scheu und empfindlich, mit den Augen der Schönheitsucher, spazieren. Nicht das kostbarste Material konnte die schlechte Form verkleiden. Nur die Kopie des Stammtischzimmers wurde nicht in ihrer Lächerlichkeit erkannt. Man begrüßte sie mit gerührtem Beifall. Leute, die niemals in der alten Ecke gewesen waren, flüchteten sich aus dem Lärm der Prunkräume in die selige Stille von Alt-Berlin. Man biedermeierte sich ein. Gottlieb Pinkert hatte einen durchschlagenden Erfolg, obwohl er immer grämlicher und schmutziger wurde. Er war beliebter als das eleganteste Büfettfräulein. Sogar Herr von Wiesenlattich, der feine Kenner, der anfangs die Kopie als barbarisch verurteilt hatte, versöhnte sich damit und träumte hier seine aparten Träume. Uebrigens kam Rudolf auf den guten Einfall, diesen echten Aristokraten als gesellschaftlichen Sachverständigen heranzuziehen. Es gelang ihnen mit Hilfe von Baron Troll, einen der vornehmsten Klubs in der ›Union Berlin‹ stationär zu machen.

Für seine Familie war Rudolf so gut wie verloren. Martha hatte von vornherein in dem neuen Unternehmen die Zerstörung ihres Glücks gesehen. Der innerste Wesenszug ihres Mannes war nur ihr bekannt. Rudolf war untreu. Aber das Leben hatte Martha so mit ihm zusammengeschmiedet, daß sie ihn mit wunderbarer Objektivität betrachtete. So war es drüben im Westen gewesen. Ein praktischer, gütiger Humor hatte ihr dort zur Seite gestanden. Es blieb ihr klar und tapfer bewußt, daß eine Frau solchen Zugvogel beständig festzuhalten hatte, mit lockerer Fessel, die ihn weit umherkreisen, aber immer wieder zu ihr zurückkehren ließ.

Martha blieb der Mittelpunkt seines Lebens. Die Streiche, die er begangen, waren nur »Dummheiten« gewesen. Nun aber gehörte er dem großen Getriebe, das er zuvor wie eine bunte Sonne angestarrt hatte. Nun gab es tausend von seinen Launen Abhängige, und daß ihm Lockenderes zur Verfügung stand als die tüchtige, alternde Frau, konnte ihm nicht entgehen. Martha kannte sich und ihn. Lähmend legte sich zum erstenmal ein Gefühl der Ohnmacht über sie.

Sie sah Rudolf fast nicht mehr. Seine ständige Entschuldigung war: »Ich habe zu viel zu tun.« Wenn Martha ihn in der »Union Berlin« besuchte, ließ er sie deutlich merken, daß sie ihm dort nicht willkommen war. Sie verstand allmählich, weswegen. Er fühlte sich durch sie gedemütigt. Er wollte eine andere, eine glänzende Frau dort sehen lassen, keine, deren Vorzüge den Leuten erst begreiflich gemacht werden mußten. Aber noch hoffte Martha. Sie rechnete auf seinen Ueberdruß, der von Blume zu Blume taumelte und schließlich alles verwarf. Wenn er nur sein Haus rein hielt. Das war Marthas Bitte, vor der ihr Stolz Wache hielt.

Eines Abends glaubte Rudolf sie bei einer Jugendfreundin in Zehlendorf. Aber die Verabredung hatte sich zerschlagen, und Martha kam unerwartet nach Hause. Im Vorzimmer hingen Hut und Mantel einer fremden Dame. Martha sah ruhig und prüfend hin. Es waren weit kostbarere Sachen, als sie zu tragen pflegte. Joseph, der Diener, drückte sich mit verkniffenem Lächeln herum. Sie hatte sich schon über seine Verblüfftheit geärgert, als er ihr die Tür geöffnet hatte – nun merkte sie, daß er diskret verschwinden wollte und zugleich auffällig blieb.

»Wartet jemand auf mich?« fragte sie fest. »So spät noch?«

»Nein, gnädige Frau.«

»Wem gehören denn die Sachen?«

»Einer Dame.«

»Schlaukopf, das seh' ich. Was will die Dame?«

»Das weiß ich nicht, gnädige Frau. Es ist ein Besuch.«

»Bei wem?«

»Beim Herrn Generaldirektor.« Mit dummschlauen Augen blieb der Diener vor ihr stehen.

Sie wandte ihm kurz den Rücken. »Es ist gut. Bringen Sie mir mein Abendbrot auf mein Zimmer.«

Sie ging mit festen Schritten fort. Erst als sie allein war, fühlte sie, wie zusammengeschnürt ihre Brust in Weh und Scham war. Aber warum denn? Sie hörte ein Rascheln und Flüstern, behende, leise Füße auf dem Korridor. Noch kämpfte ihr Stolz, ob sie hinausgehen sollte. Dann aber brannte die Empörung lichterloh.

Sie stand vor beiden. Ertappte sah sie, klägliche Betrüger, deren Erscheinung keinen Zweifel übrig ließ. Der Herr Generaldirektor hatte seine Sekretärin mitgebracht, Fräulein Giesicke. Das verschärfte alles. Das beschmutzte ihm Haus und Beruf. Das machte Martha plötzlich würdelos. So hätte er es nicht wagen dürfen. Sie warf dem Erschrockenen einen Blick zu, der in das Band ihres Lebens schnitt. Dann trat sie ins Zimmer zurück, um, kaum ihrer Sinne mächtig, das Bett zu erreichen.

Der Stich, den Rudolf ihr versetzt hatte, ging tief. Nachdem sie den Mann, den alle Welt bewunderte, so weit geführt hatte, forderte er nichts als Verzicht von ihr. Aber sie wollte noch nicht verzichten. Mit Grauen sah sie sich in den widerlichen Prunk ihrer Wohnung verbannt. Und was für ein welkes Pflänzchen ihr armes Kind, ihr Fred war, wurde ihr jetzt erst bewußt. Sie haßte die Domestiken, die Rudolfs Protzentum ihr zur Verfügung stellte. Mit organisatorischen Dingen, Werken der Wohltätigkeit, suchte sie sich zu betäuben. Hier waren ihr die Beziehungen, die sie ihrer gesellschaftlichen Stellung dankte, wertvoll. Hier konnte sie ihre alte Tatkraft beweisen. Mit leidenschaftlichem Eifer gründete sie ein Heim für krüppelhafte Kinder. Aber all das blieb nur Surrogat. Die einst in Armut reiche Frau war nun im Reichtum doppelt arm geworden.

Wenn es Martha ganz einsam im Gemüt wurde, flüchtete sie sich zu ihrem Hausgenossen, zu Joachim Friedrich Below. Unbedingten Glauben hatte sie da. Zwei Mißbrauchte fanden sich im Getriebe. Auch Below lebte im Exil. Er glaubte immer noch zu träumen und plötzlich erwachen zu müssen. Eines Tages konnte die gefährlichste Mißwirtschaft ans Licht kommen. Ein Gespräch mit Geheimrat Breitenbach, der sich aus ›Altersrücksichten‹ von der ›Union Berlin‹ wieder zurückgezogen hatte, machte ihm einen Fehlgriff besonders klar: es hätte eine Aktiengesellschaft gegründet werden müssen. Aufsichtsrat und Generalversammlung hätten der Belowschen Solidität einen Halt gegeben. So aber – die dunkle G. m. b. H., die eigentlich nur aus Rudolf Below und Wechsler bestand – wer konnte dort volle Rechenschaft fordern? Wo fing der klare Erfolg an, und wo hörte die unklare Spekulation auf? So kam Joachim Friedrich auf wunderliche Ideen. Er glaubte mit seinem gesunden Menschenverstande alles übersehen zu können. Er fing eine ganz geheime, persönliche Buchführung an, die unmöglich stimmen konnte, in ihrer naiven Logik aber dem alten Kaufmann Beruhigung gab. Das umfassende System, das Below sich in seinem Kontobuch zimmerte, war ein grotesker Gegensatz zu der wirklichen Tätigkeit, die Rudolf ihm übertrug. Below leitete in der ›Union Berlin‹ lediglich das Weinlager. Hier schätzte man seine Kennerschaft. Aber er scheiterte auch hier an den neuen Anforderungen. Sein Sohn wollte ihn gewaltsam in den ›großen Stil‹ treiben und wünschte, daß der schwerfällige Sechziger in die Weingegenden am Rhein und nach Frankreich reisen sollte, um für das berühmte Berliner Haus einzukaufen. Aber Below entschloß sich dazu nicht mehr. Er verhandelte lieber mit den Agenten, die durch seine Gründlichkeit mürbe gemacht wurden. Er blieb in Berlin.

Der einzige Mensch, der ihn hätte aufrütteln können, war unerreichbar. Sein Engel war verbannt. Minnas Urteil, ihre Klarheit – wie wären sie ihm jetzt ein Labsal gewesen. Hätte er wenigstens mit dem Gedanken Schluß machen, sein liebes Weib bei dem Arzt in der Ferne lassen können, ebenso in Vergangenheit versunken, wie sonst alles Alte. Aber Minna lebte. Sie war eine lebendige Mahnung. Unhaltbar wurde, was geschehen; je länger es dauerte. Immer stärker wurde das Gefühl in ihm: Sie ist doch die einzige. Sie steckt uns alle noch in die Tasche. Wenn sie käme und sähe – und sähe. . . . Er fühlte, daß sie ihn mit Absicht nicht mehr nach Haus und Geschäft befragte. Sie war ganz Liebe und zugleich ganz Mißtrauen. Ihr Herz bebte in unaussprechbarem Verdacht.

Nein, es war nicht mehr zu ertragen. Wenn er ihr nichts von Rudolf, nichts von Martha und Fred sagen durfte, wenn der Zauberpalast, den Rudolfs böse Geister erbaut, ein Märchen bleiben mußte für sie wie für ihn – so sollte doch sein Herz nicht länger lügen. Er setzte sich nieder und schrieb ihr dies:

»Mein liebes Minchen! Wundere Dich nicht über das, was ich Dir heute sage. Es soll eben nur mal gesagt werden. Wir beide stecken ja fortwährend in einem Du-sollst-nicht und Du-darfst-nicht. Das ist scheußlich, nicht wahr? Das wollen wir uns nicht mehr gefallen lassen. Laß Du den Professor doktern, ich sage Dir: ich hab' Dich lieb, wie immer, Minchen. Ich habe inzwischen nichts getan, was ein Widerspruch dagegen wär. Wir sind noch die Alten. Das Herz spricht, wenn der Mund auch zugebunden ist. Es ist wohl nicht ganz klar, was ich Dir gesagt habe, aber ich habe es zum ersten Mal ohne zu schwitzen gesagt. Schriftlich geht das. Du wirst das Deinige heraushören. Wie immer

Dein Fritz.«

Er glaubte wirklich etwas Erlösendes mit diesen Zeilen ausgesprochen zu haben und hatte zwei frohere Tage. Dann aber kam Minnas Antwort.

»Mein Fritzchen! Das war mal endlich was Gutes! Herrgott, warum sind wir so verkniffen gewesen! Wir beide! Der Hermann saß auch immer vor mir wie im Staatsexamen. Das ist doch keine Kur. Da werde ich ja lieber Schneeschipper oder so was und bin bei Dir. Ueberhaupt, all die Dösköppe hier, die sich immer bloß selbst bekucken und sich wohlfühlen, wenn sie recht krank sind, das ist nichts mehr für mich. Ich muß hier weg – jetzt weiß ich's. Es ist die höchste Zeit, Fritz – sonst werde ich erst krank. Ich bitte Dich von Herzen: sage es endlich dem Professor. Ich spüre ja, wie Du mich brauchst, und das ist gut für mich, das brauche ich. Das ist viel besser als jede Kur.

Sage mir nicht, was inzwischen alles passiert ist – ich habe so meine Gedanken. Aber wenn's auch das Schlimmste wär' – ich sage Dir: nu grade! Ich bin auf dem Posten! Ich nehme es noch mit jedem auf! Bloß vorwärts jetzt, Fritz, und nicht mehr zurück! Wir wollen beide gesund werden! Schließlich, wenn's nicht anders ist, wollen wir uns als Gesunde empfehlen. Der alte Schlag ist doch was wert. Telegraphiere mir sofort Deine Meinung.

Minna.«

Below küßte den Brief, aber er wußte nun, daß er sich selbst das Tor verrammelt hatte. Er durfte Minna nicht mehr in sein Leben kommen lassen. Von Angst ergriffen, telegraphierte er ihr:

»Bitte Dich von Herzen, bleibe vernünftig, halte treulich an Strausberg fest. Es hilft ja nichts. Zu Hause ist alles in Ordnung. Mein Brief sollte nur ein richtiger Gruß sein.

Fritz.«

Minna erwartete in Belows Antwort die große Entscheidung. Sie wagte kaum das Telegramm zu öffnen. Als sie es gelesen hatte, packte sie nur das eine schreckliche Gefühl: Einsamkeit! Und – von hier aus vergebens. Da war ihr Entschluß gefaßt.

An einem Sonntagnachmittag saßen Below und Martha in dem einzigen Raum der Kurfürstendammwohnung, den man ›gemütlich‹ nennen konnte. Sie saßen in Freds Kinderzimmer. Die französische Bonne hatte ihren Ausgang, und nun feierten die Drei eine gute Zeit. Großpapa mußte dem Enkel Geschichten erzählen, und Martha hörte so neugierig zu, als ob sie davon die Bedeutung des Lebens erfahren könnte. Fred war krank, seine Lebensfähigkeit zweifelhaft. Aber war diese mühselige Knospe, die in der Zimmerluft gedeihen sollte, nicht die Hauptperson des großen Gewühles draußen? Wurde nicht für ihn im Grunde alles errungen und gewagt? An welche Genugtuung konnte Rudolf denken, wenn nicht an die Zukunft seines Sohnes? Oder glaubte er nicht daran? Wofür arbeitete er dann?

Fred spielte mit einem kleinen, wolligen Bären, der, wenn man ihn kniff, brummen konnte. Heute war der Mechanismus nicht in Ordnung, und Großpapa mußte sich bemühen, das widerspenstige Tier zu reparieren. Dabei lächelte er, den grauen Kopf auf das Spielzeug gesenkt, über seines Enkels Ungeduld. Der Bär war ja das Wappentier Berlins.

Plötzlich betrat Rudolf das Zimmer. Below und Martha fuhren erschrocken auf. »Nanu?« rief der Generaldirektor, der blaß und übernächtig aussah. »Ihr macht ja ganz verdutzte Gesichter? Stör' ich?«

»Durchaus nicht,« erwiderte Martha mit zuckendem Munde. »Wir freuen uns. Aber Du bist hier eine ungewöhnliche Erscheinung.«

Rudolf warf sich lachend in einen Sessel. »Die alte Martha! Heute ist ja Sonntagnachmittag! Da. will man auch mal wissen, ob man eine Familie hat!«

»Das könntest Du jeden Tag wissen.«

»Assez, mein Kind. Wenn ich Sechsdreierrentier wär' . . . Komm' mal her, Fred. Hoppla, auf 'n Schoß. Na willst Du nicht? Laß es bleiben. Total verändert ist der Junge. Nun heult er noch am Ende? Angenehm, wenn man mal nach Hause kommt.«

»Fredchen, geh' zu Papa – er ist so anfällig, der Junge.«

»Sehr schade. Müßte man ändern, Martha. Na hier, kuck' mal in die Tasche! Marquisschokolade! Ach, heute darf er sie essen. Müde bin ich! Hundemüde, Kinder!«

»Du siehst sehr angegriffen aus,« sagte Below.

»Ist das 'n Wunder? Jeden Tag diese Hetze?! Aber es geht, es geht. Das ist die Hauptsache. Gestern haben wir unsere größte Einnahme gehabt. Ich glaube, wir sind jetzt durch.«

In diesem Augenblick erschien Joseph, der Diener, und teilte mit, daß der Herr Generaldirektor ans Telephon gewünscht würde.

»Keinen Augenblick hat man Ruhe! Ich habe doch extra befohlen, daß man mich in der Wohnung ungeschoren lassen soll!«

»Die U. B. hat auch nicht angerufen, Herr Generaldirektor. Aus Strausberg ist telephoniert worden. Ein Professor Kessel, glaub' ich, wünscht Herrn Generaldirektor oder Herrn Below zu sprechen – das weiß ich nicht.«

Below stand auf. Aber er wurde von einem Zittern befallen und konnte nicht zur Tür.

»Nanu! Nanu!« rief Rudolf, schnell gefaßt. »Bleib' doch sitzen, Vater! Reg' Dich nur nicht auf! Der Professor hat schon öfters telephoniert! Mutter ist es doch immer sehr gut gegangen!« Er folgte dem Diener.

Below starrte, von Ahnung zerwühlt, seine Schwiegertochter an. Martha war auch erschrocken, suchte ihn aber zu beruhigen. Jetzt kam Rudolf zurück. Man sah ihm an, daß etwas Außerordentliches geschehen war. Er war bleich und tupfte sich mit dem parfümierten Taschentuch die Stirn. »Na! Also ruhig Blut, Kinder! Mutter geht es ausgezeichnet! Das Leben ist nu mal grotesk – man muß aus alles gefaßt sein!«

»Was is mit Mutter?« fragte Below.

»Sie hat ihren heutigen Spaziergang dazu benutzt, um durchzubrennen!«

»Durchzub . . .?!«

»Ja! Was kann wohl mehr für ihre Gesundheit sprechen? Der sanfte Professor war ganz außer sich, aber ich mußte lachen. Jetzt weiß ich erst, daß Mutter noch auf der Welt ist. Das sieht ihr ähnlich. Sie hat die Schwester, die mit ihr ging, versetzt, ist zum Bahnhof gerannt und hat den nächsten Zug nach Berlin benutzt. Sie muß schon hier sein.«

Below reckte sich gewaltsam auf. »Rudolf! Was is da zu machen! Rate mir! Das halt' ich nicht aus!«

»Aber nimm's doch nicht schwer, Vater!«

»Beruhigen Sie sich doch!« rief Martha. Fred war weinend hinausgelaufen.

»Um Gottes willen! Seid Ihr Euch denn klar, was passiert is? Die Frau – die fährt natürlich vom Bahnhof direkt nach den Linden! Die klettert aus der Droschke und will in ihre Wohnung rauf! Das is ja – das war ja noch nie da! Sie weiß ja nicht mal, daß Du wieder hier bist, Rudolf! Und Martha! Und Fred! Das ganze Leben wird ihr umgekehrt – in einer Minute!«

»Wir dürfen keine Zeit verlieren,« mahnte Martha.

»Aber was soll ich denn machen? Du hast die Verantwortung! Junge!«

Rudolf ging mit kurzem, krampfigem Lachen umher. Auch er fand vor diesem Elementarereignis keine Fassung. Dann stieß er hervor: »Ich kann sie unmöglich empfangen! Zum Bahnhof zu fahren ist es zu spät – der Zug ist schon angekommen. 'n Auto nimmt sich Mutter natürlich nicht, sondern 'n Taxameter, und der braucht 'ne ganze Zeit! Es bleibt nichts anderes übrig, als sie direkt Unter'n Linden abzufangen. Aber wenn sie jetzt auch meine Bekanntschaft machen soll, das ist allerdings ein bißchen viel auf einmal! Sie muß erst ein vertrautes Gesicht sehen!«

»Dann werde ich nach den Linden fahren,« sagte Below und schwankte zur Tür.

Martha eilte ihm nach. »Aber nicht allein, lieber Vater! Vor mir wird sie nicht erschrecken! Sie wird mich gar nicht mehr erkennen! Lassen Sie mich mit!«

»Nimm Martha mit, Vater! Sei vernünftig!« Below stand mit gebücktem Kopf an der Tür und starrte seinen Sohn an. »Schade, daß Hermann nicht hier ist!« fuhr Rudolf fort. »Heute, wo man ihn mal braucht! Aber wer weiß, er ist zu feierlich! Ich rate Dir gut, Vater! Sei nur leicht und harmlos! Nimm's als selbstverständlich, mach' es ihr wie'n Märchen klar – sonst geht es überhaupt nicht! Das ganze Abenteuer liegt im Stil meines Unternehmens! Und nun geht, nehmt mein Auto! Verliert keine Zeit!«

Martha schob ihren Arm in Belows Arm und stieg mit ihm die Treppe hinunter. –

In der Mittagsstunde dieses Tages hatte auf dem Strausberger Bahnhof der Bummelzug gestanden, der täglich nach Berlin fuhr. Er wurde von den Strausbergern nur wenig benutzt, denn wenn man nach Berlin fuhr, wollte man es auch stilvoll tun, im Schnellzug. Nur bäuerische Handelsleute saßen mit ihren Kiepen in den alten Waggons. Kurz bevor der rotbemützte Stationsvorsteher das Zeichen zur Abfahrt gab, lief eine korpulente, ältere Dame, dicht verschleiert, ein Täschchen in der Hand, durch die Perronsperre und stieg, vom Zugführer hinaufgehoben, in den letzten Wagen. Niemand hatte Minna Below erkannt. Spornstreichs, quer durch den Wald, war sie zum Bahnhof geeilt. Ihr Herz klopfte bedrohlich, aber die Freude, daß sie den Zug noch erreicht hatte, bewahrte sie vor einer Ohnmacht.

Nun saß sie mit listigem Lächeln und nach Atem ringend in der Bahn. Sie hatte die klugen Leute doch angeführt. In einer vollen Stunde, wenn Schwester Margarete an den Teich kam, nein, viel länger noch, in zwei Stunden, wenn überall gesucht worden war, konnte ihre Flucht erst gewiß werden. Dann war sie schon in Berlin. In Berlin aber – du lieber Himmel! Hatte sie den Boden erst unter den Füßen, dann konnte sie niemand wieder nach Strausberg bringen.

Mit Fritz und Hermann wurde sie fertig. Sie war ja keine entsprungene Verbrecherin. Nur ihr Haus wollte sie sehen. Gewißheit haben über alles. Die schrecklichen Widersprüche waren ihr unerträglich geworden. Sie hatte ihre alte Tatkraft noch. War etwas geschehen, drohte irgend etwas über dem Heil ihres Lebens – dann mußte sie vor allem da sein und dafür eintreten.

Ruhiger und der Berechtigung ihres Abenteuers sicher, lehnte sie sich an die harte Wand des Dritter-Klasse-Wagens. Schlummer kam über sie, Träume, die sie lange nicht so rein und glücklich gehabt hatte. Sie sah sich schon vor ihrem alten Hause. Sie verließ die Droschke, stieg an der Weinstube vorüber die knarrende Treppe hinauf, klingelte – und Below öffnete selbst. Sie hörte nicht, was er sagte, aber sie sah ihn weinen. Das war seit Ernas Abreise nicht geschehen. . . .

Verdunkelung ihres zeitlosen Traumes, plötzliche Verlangsamung der schönen Friedensreise, Dampffauchen, rufende Menschenstimmen – Minna erwachte und begriff: Sie war in Berlin. Mit ihrer Frühstückstasche, in die sie das Notwendigste hineinpraktiziert hatte, stieg sie aus und blickte sich wie ein Defraudant um. Dann aber lächelte sie und ging zu den Droschken hinaus. Sie war ja immerhin ein anständiger Flüchtling.

Das dumme Herz klopfte aber wieder, als sie dem Droschkenkutscher ihre Adresse angab. Sie wollte von dem gleichgültigen Gesicht ablesen, ob das Haus, wohin sie verlangte, eingestürzt oder verbrannt war. Aber nichts von alldem war zu erfahren. Der Kutscher neigte sich nur ein bißchen vom Bock herunter und fragte: »Unter 'n Linden 69a, Madam? Se meinen also de U. B.?«

»Ich meine Unter'n Linden 69a.«

»Na ja, det mein' ick ooch. Det is doch de U. B.?«

»Ach was, fahren Se man los. . . . Wenn wir da sind, werd' ich's Ihnen schon sagen.«

Minna stieg zornig ein, während der Kutscher kopfschüttelnd seinen Gaul in Bewegung setzte. Eigentlich hatte sie noch sagen wollen: »Sie werden doch die Belowsche Ecke kennen?« Aber irgend etwas band ihr den Mund zu. Ihre erste, mutige Stimmung war verschwunden. Wie langsam rumpelte der Wagen. Sie hätte sich doch ein Automobil nehmen sollen, das sie sonst nicht ausstehen konnte. Endlich – Mittelstraße – Schadowstraße – Unter den Linden. . . .

Es gibt ein Märchen von einem alten Kaiser in China, um dessen Tochter Aladin, der Besitzer der Wunderlampe, warb. Der alte Kaiser hatte keine Nachbarn, und als er einmal sehr gut geschlafen hatte und erst spät am Morgen zum Fenster trat, wollte er seinen Augen nicht trauen, denn ihm gerade gegenüber, mächtig und wundervoll, hatten Aladins dienstbare Geister über Nacht ein neues Schloß gebaut. Soviel sich auch der alte Kaiser die Augen rieb, der wirre, verschlafene Mann, und immer wieder hinüberstarrte: es war doch ein wirkliches Schloß, und die vertraute Stätte war verschwunden. Geister bauten anders als Maurer und Zimmerleute. –

Dieses Märchen steht in Tausendundeine Nacht. Aber in Berlin, im Jahre 1907, Unter den Linden, erlebte es jetzt Minna Below. Die Droschke hielt, und wenn die alte Dame nicht eben noch am Schild der Ecke »Schadowstraße« gelesen hätte, wäre es zu einem zweiten Disput mit dem Kutscher gekommen. So blieb sie eine Weile im Wagen sitzen und sah hinaus. Neugierige standen vor der Tür, als wenn ein Brautpaar erwartet würde. Was war hier los? Man starrte auch in ihre Droschke, aber mißbilligend, als ob sie sich verirrt hätte.

Nun kam ein Bürschchen, reizend anzusehen, in perlgrauem Jäckchen, mit Silberknöpfen, eine Samtmütze auf dem blonden Kopf. Es grüßte tief und half ihr beim Aussteigen. Da Minna ihre Füße halb gelähmt fühlte, ließ sie es gern geschehen. Auch vergaß sie ganz den Kutscher, der von dem Groom abgelohnt wurde. Sie stand da, obwohl die Leute um sie herum lächelten und einander auf sie aufmerksam machten.

Sie stand und sah sich das Haus an. Das Haus? Sie war ja ganz wo anders. Etwas Fabelhaftes stand vor ihr. Eine unendlich breite und hohe Front mit tausend Fenstern, Erkern und Balkonen. Der Haupteingang führte in ein blitzendes Gewirr, das ihren Augen wehtat. Hinter der schwanken Drehtür, die ein rotgekleideter Neger bediente, sah sie viele fremde Menschen, Lampen, Farben, wie die Pforte zum Märchenreich. . . . War das denn Berlin? War das die Belowsche Ecke? . . .

Endlich gewann sie die Fassung, ihren kleinen Freund, der eher mitleidig als mißbilligend neben ihr stand, zu fragen: »Entschuldigen Sie – bin ich denn hier bei Belows?«

Jetzt mußte der kleine Kavalier doch lachen. »Gewiß, gnädige Frau! Das heißt, Herr Below ist unser Generaldirektor! Hier ist ›Union Berlin‹!«

»Union Berlin?«

»Ehemals Jonathan Below.«

»Ehemals Jonathan Below?«

Sie starrte wieder zu dem himmelhohen Palast empor, aber im nächsten Augenblick drohten ihr die Sinne zu schwinden. Da fühlte sie sich von Armen festgehalten, die sie kannte. Niemand konnte sie jetzt so umfassen wie er. Fritz war bei ihr. Das bewahrte sie. Sie hielt sich aufrecht und ging an seinem Arm in das Spukhaus. Below hatte ein Zimmer, wohin er Minna führen konnte.

Endlich war er mit ihr allein. Und allen Blicken entzogen. Nun konnte die Kur beginnen. Aber wo anfangen? Wie straften ihn diese Augen, die sich langsam auf ihn richteten, in namenloser Angst! Wie saßen sie sich fremd, in einer Einöde gegenüber, die hier viele Jahre glücklich gewesen waren!

»Was is denn? . . . . Wo bin ich denn? . . .« fragte sie wie ein Kind.

»Nu sei mal ganz ruhig, mein liebes Herz. Wenn Du's erst begreifen wirst, is alles wunderschön, das wirst Du sehen.«

»Was denn? . . .«

»Du weißt doch, daß Du nichts erfahren durftest. Und wenn der Professor so streng verboten hat, daß du – –«

»Wo is das Haus?«

»Das Haus is da, aber es is anders geworden. Du wirst gleich hören wie. Und noch etwas is da – die Hauptsache – – na, nu freu' Dich und nimm's, wie's is – – – Rudolf – –«

»Rudolf?«

»Der is schon zwei Jahre wieder in Berlin.«

»Rudolf?«

»Ja! Und gut geht's ihm, und 'n tüchtiger Mensch is er geworden! Und denke Dir: er hat die Martha Wünschel geheiratet. Nu kamen sie beide aus Amerika und brachten ihr Kind mit . . .«

»Ihr Kind? . . . Rudolf hat'n Kind? . . .«

»Jawohl! Na siehste! Das freut Dich! 'nen Jungen!«

»Wie heißt er?«

»Fred!«

»Ach Jott – is das dasselbe wie Friedrich?«

»Ich glaube.« – –

Minna saß zurückgelehnt und schien sich ganz an das Enkelkind zu klammern. So gewann Below Zeit.

»Du Ausreißer – Du machst es einem nicht leicht. Ich hätte Dir ja alles schließlich geschrieben. Aber nu muß ich auf einmal . . . Dein Professor hat heute telephoniert –«

»Ich konnte nich länger bei Kessel bleiben. Ich mußte wissen, was los is. Denk' doch, Fritz, über ein Jahr werden ›kleine Veränderungen‹ an unserm Haus jemacht – kleine Veränderungen – und was aus 'm Jeschäft wird, davon hab' ich keine Ahnung . . . . Das Haus war doch in Ordnung? Das hatten wir doch eben erst abputzen lassen? Und am Lokal brauchte doch auch nichts jeändert zu werden? Und die Schimmelmann zwei Treppen – lieber Jott, die war doch immer zufrieden?«

Below stützte den Kopf in die Hand. »Es hatte sich Verschiedenes 'rausgestellt . . . Bei 'nem alten Haus is das nicht anders . . .«

»Also – verbrannt is es nich?«

»Aber Minna – – Du siehst doch – wir sind ja –«

»Das hatt' ich nämlich vor mir jesehen – – und wenn wir auch versichert sind – –«

»Kind – es gibt doch noch andre Möglichkeiten – großartige Möglichkeiten – daß alles –«

»Alles?«

»Anders wird! . . .«

In diesem Augenblick stand Minna auf, als wäre sie erwacht. »Wo sind wir?«

»In unserm Haus!«

»Mach' mich nich verrückt!«

»Minna, ich sage Dir jetzt die volle Wahrheit. Nimm's ruhig hin – ich bin am Ende meiner Kraft, Minna. Du hattest mich allein gelassen. Armes Kind, das mußte ja sein. Aber ich war wie gelähmt, als Du fort warst. Es stockte alles. Und ich war so unzufrieden. Und zugleich war mein Glaube da – jawohl, mein Glaube an die Zukunft, Minna! Ohne das alte Gerümpel! Ohne die alten Quatschköpfe! Ich hatte eines der ersten Häuser von Berlin und war veraltet, verschuldet, ein zugedeckter Sumpf! Wenn ich einen Erben gehabt hätte! Ein einziges von meinen Kindern! Denk' doch, Minna, wenn wir beide unter der Erde wären – in fremde Hände wär es ja doch gekommen! Sie hätten es abgerissen, aber wie! Ausgeschlachtet hätten sie das wunderbare Grundstück! Denn nur der Boden hatte Wert! Im neuen Berlin! Das mußt Du begreifen, Minna! Nur der Boden! Und als ob ich's gewünscht hätte – in der schlimmsten Zeit – kam Rudolf!«

»Er hat Dir's abgekauft?«

»Er hat uns zu Teilhabern gemacht mit dem Grundstück. Mit zwei Millionen. So sind wir geblieben, wo wir immer waren, Minna. Aber die Bedürfnisse der Zeit – die sind anders – die kennt 'n Mensch wie Rudi! Der hat hier reingekuckt und –«

»Abjerissen – –?«

»Ja! Bis auf die Bäume!«

»Die Bäume! . . .«

»Na, nicht weinen! Die sind noch da! Und Pinkert is auch noch da! Aber sonst! Was war es denn sonst? Alte Mauersteine! In diesen Sachen wollen wir nicht sentimental sein!«

»Is nichts mehr da von unserm Haus?«

»Nein, von den Nachbarn auch nichts – das Ministerium und Konditor Zimmermann und Gebrüder Gutmann – fünf Grundstücke! Eine Gesellschaft hat Rudolf gegründet, wo er Generaldirektor is! Wie soll ich Dir das so schnell erklären! Ein kolossales Etablissement! Du wirst schon sehen, was drin is! Der Erfolg is kolossal! Und unser Name is damit verbunden, wenn es auch ›Union Berlin‹ heißt! Rudolfs Gründung trägt doch unsern Namen!«

Minna sah ihn mit eigentümlich entrücktem Blick an. »Unser Name, Fritz,« flüsterte sie ganz sanft, »der war jut.«

»An dem is auch nichts geändert!«

In diesem Augenblick betrat eine junge Frau das Zimmer, die etwas sehr Gewinnendes hatte. Minna sah es. »Is das Martha?« fragte sie leise. Martha küßte ihr beide Hände. »Wo is das Kind?«

»Fred ist zu Hause, liebe Mutter. Kommen Sie doch mit zu uns.«

»Ja, Minna – da wirst Du Dich beruhigen. In Rudolfs Wohnung.«

»Da soll ich hin? . . . Du lieber Jott – Ihr reißt einen ja auseinander . . . Und wo wohnst Du denn, Fritz? Hier? – – –«

»Ich bin vorläufig zu Rudolf gezogen. Komm' nur. Da siehst Du Deine alten Möbel.«

»Faß mich mal an – kneif' mich mal – feste – mein Kopf, mein Kopf – ja, ja – ich spür's – – ich bin janz wach – – ich dachte nämlich, jetzt fahr' ich – jetzt lieg' ich wieder in meine Stube in Strausberg – und Schwester Margarete –«

»Ruhig. Komm' nur. Wir steigen in Rudolfs Automobil.«

»In Rudolfs Automobil . . .« Minna wiederholte es fast ehrfürchtig. Sie ließ sich hinausführen, Below zur Linken, Martha zur Rechten. Aber durch die Vorhalle mußte sie doch noch. Hier gab es eine feine, wispernde Musik, hier promenierten zur Teestunde die neuen Gäste der Belowschen Ecke.

Minna blieb stehen und sah sie lange an. Man achtete nicht auf die einfache Frau mit dem Leidensgesicht. Man machte sich keine Gedanken darüber, ob sie die verschollene Wirtin von ehemals war. Die Damen führten die neuesten Moden vor, die Herren saßen in Klubsesseln und nahmen sie kritisch in Augenschein. Phantastisch gekleidete Boys servierten Tee. Ein magischer Schimmer lag über dem allen, etwas, das mit dem einst Gewesenen keinen Zusammenhang hatte.

»Willst Du nicht mal in die Säle einen Blick tun?« fragte Below schüchtern, da er sah, daß Minna ruhiger wurde. Sie nickte. Sie ging an seinem Arm durch das Märchenreich der Union. Minna ängstigte sich vor nichts. Sie staunte nur, sie fühlte eine tief beklemmende Ehrfurcht. Und dunkel lebte der Gedanken in ihr: Ihr Sohn sollte das alles geschaffen haben? Ihr Sohn? Der verbummelte Rudolf? – – –

Sie fuhren nach dem Kurfürstendamm. Hier wurde sie wacher. Die Luxuswohnung und Rudolf, ein vollständig fremdartiger Mann, dessen Wiedersehensfreude etwas Forciertes hatte. Und das Enkelkind . . . Dem lieben Gott sind tausend Jahre wie eines. So ging es durch ihr bebendes Gemüt. In einem bequemen Sessel saß sie, schwerer Südwein wurde ihr eingeflößt, und sie sollte etwas essen. Als der kleine Fred ihr mit seinen Händchen ein Biskuit zum Munde führte, nahm sie es und sog daran. Leben! Ja, das Kind. Das Kind war ein Gewinn. Sie riß es an sich, als ob es das einzige wäre, was kein höllischer Trug war. »Wo is Hermann?« fragte sie dann leise. »Eure Blumen riechen so stark.«

»Stören sie Dich?« erwiderte Rudolf. »Ich werde die Tür zumachen. Rate mal, was das Treibhaus wert ist.«

»Da hab' ich keine Ahnung . . .«

»75 000 Mark. Ich züchte Orchideen und verkaufe sie weiter.«

»So . . . Wo is denn Hermann?«

»In Arendswalde, Mutter,« sagte Below, der sich neben ihr niederließ. »Hermann weiß natürlich nicht, daß Du hier bist.«

Minna lehnte den Kopf zurück und hielt den kleinen Fred fest. »Nee, Kinder,« flüsterte sie mit geschlossenen Augen, »daß Ihr so schwindeln könnt . . .«

»Notlügen, Mutter,« meinte Rudolf auflachend.

Minna sah ihn zum erstenmal prüfend an. Es war ein Blick, als ob sie diesen Menschen, der ihr ältester Sohn sein wollte, jetzt erst bemerkte. »Meinst Du?«

»Aber ist denn nicht alles prachtvoll geworden? Du hattest doch 'ne öde Brandstätte erwartet oder so was? Und nun?«

»Ich weiß nich . . .«

Below schob Rudolf zurück. »Laß sie! Du quälst sie!«

»So! Ja, dann entschuldige! Quälen will ich sie wahrhaftig nicht! Weil ich sie groß gemacht habe? Weil die ganze Welt ihren Namen kennt?«

»Was Du jeleistet hast, mein Sohn, das is enorm – –«

»Aha! Da hast Du's, Vater! Ich habe nicht umsonst an Mutter geglaubt! So sah ihre ganze Flucht aus! Wenn sie's erst vor sich hat, dann tut sie den Schritt, den sie tun muß! Der Dir so furchtbar schwer geworden ist!«

»Den Schritt?« Minna rückte dem Versucher näher, und ihre Stimme klang etwas mütterlicher. »Den Schritt? – Aus allem, woran ich jewöhnt war, in Deine Riesensache? – Da, wo ich eben jewesen bin? – Ich bin 'ne alte Frau . . . Aber mächtig is es . . .«

»Siehst Du?«

»Aber das kostet doch – ich weiß nich, wie viel Millionen? . . .«

»Ich verspreche meinen Teilhabern 15 Prozent Dividende!«

»Is Vater auch dran beteiligt?«

»Ihr habt nur das Grundstück gegeben!«

»Hast Du noch unsers auf der Reichsbank?«

»Aber selbstverständlich, Minna! Daran wird nicht gerührt! Und bedenke doch, wie sich das Grundstück jetzt verzinst! Wir können jährlich mit 80 000 Mark rechnen!«

Während die anderen ängstlich gespannt in Minnas fahles Gesicht blickten, kämpfte sie rastlos gegen die Dämonen, die wieder in ihr hochkamen. Sie stützte sich auf die Armlehnen des Sessels, sie suchte vergebens ihr jagendes Herz zu bezwingen. Es umwirrte sie, was diese Stunde ihr gezeigt hatte. Below sah, wie sie litt. Noch einmal beugte er sich tröstend zu ihr nieder. »Minchen . . . Ich wollt' es doch für unsern Erben möglich machen!«

»Hast Du Dir Deinen Erben nich anders vorjestellt?«

»Anders ging es nicht . . .«

»Unter 'nem Erben versteh' ich nämlich den, der vor der Erbschaft Respekt hat. Der's übernimmt. Der die Arbeit seines Vaters weiterführt, so daß man janz jenau sieht, was der Vater jemacht hat, und was der Sohn jemacht hat . . .«

»Sieht man das etwa nicht, Mutter?« rief Rudolf.

»Von Vaters Arbeit sieht man nichts mehr!«

»Laß das,« flüsterte Below. »Ich wollte Platz machen.«

»Und Eure Jesellschaft – die jefällt mir nich.«

»Erlaube mal, Mutter! Unsere Gesellschaft ist erstklassig! Was weißt denn Du davon?«

»Vater hat mir im Automobil erzählt, wer dabei is . . . Ich habe alles janz jenau jehört . . . Wechsler seine Jeschichten? . . . Den kenn' ich. Ich bin keine unerfahrene Jeschäftsfrau! Erstklassig! Dein Vater – der is erstklassig!«

»Nehm' ich ihm denn etwas davon? Im Gegenteil! Ich fruktifiziere seinen Besitz, ich mach' ihn zum reichen Mann! Auch Euer gesellschaftlicher Fortschritt ist kolossal! Wo Ihr früher nur par distance einen Bückling machen konntet, das seht Ihr jetzt im eigenen Hause! Den Hof und den Hochadel! Die kommen jetzt zu Euch!«

»Mag sein – ich weiß ja nich, was Mode is. Aber zu uns kommen se nich, sondern zu Dir. Und das werden se immer mehr bejreifen. Solide is es nich!«

»Mutter!«

»Das hab' ich auf'n ersten Blick jemerkt! Und das hätt' ich Dir jleich sagen können, Fritz, wenn Du mich jefragt hättest!«

»Minna –«

»Du bist durch die Jründerjahre jekommen, ohne daß 'n Stäubchen an Dir hängen jeblieben is, und jetzt jehst Du selber unter de Jründer?«

»Andre Zeiten!«

»Nee, das jlaub' ich nich! Baff war man damals auch! Ueber Nacht! Man wollte seinen Augen nich trauen! Jenau so wie heute! Und dann krachte doch alles zusammen!«

Rudolf ging zur Tür. »Das kann ich nicht länger mitanhören. Wenn Du mir durchaus nicht glauben willst, Mutter, werde ich Dir den Beweis liefern!«

»Was Du mir beweist, is mir schnuppe! Du sprichst 'ne andre Sprache als ich! Die Mittel, mit denen Du was erreicht hast, das sind nich meine Mittel!«

»Ist das mein Dank?!«

»Nee! Ich will jetzt von Vater hören, ob es ihm nich ebenso jeht wie mir! Denn sonst versteh' ich ihn ja nich mehr! Lebt denn in Dir nich auch das alte Haus? War das für Dich bloß 'n Misthaufen, den man wegschippen kann, wie 'n Straßenarbeiter? Woran hängst Du denn eijentlich? An dem Jewibbel und Jekribbel da draußen?«

Below preßte den Kopf in beide Hände. »Laß gut sein! Es war eine Zwangslage! Ich konnte Dich nicht fragen!«

»Du mußtest mich fragen! Und wenn ich 'n Tod davon jehabt hätte! Ich bin Deine Frau! Wir wollten doch unsern Weg zu Ende jehen! Aber überlistet hast Du mich! Mit dem hast Du Partei jemacht, der immer hinter uns her war!«

Rudolf schlug ein höhnisches Gelächter auf. »Hinter Euch her! Das klingt ja, als ob ich Euer Feind wär! Euer böser Geist oder so was!« Martha suchte ihn zu beruhigen, aber er schob sie von sich. Er war jetzt von Zorn erfüllt, wie in verklungenen Zeiten. Der kleine Fred lief merkwürdigerweise nicht davon. Er blieb neben Minnas Stuhl stehen und starrte mit seinen großen, dunklen Augen bald auf die Großeltern, bald auf Vater und Mutter.

Minna erhob sich. »Wo is mein Haus? Wo sind meine Sachen? Hattet Ihr ein Recht dazu, 'ner alten Frau alles wechzunehmen, bloß weil sie nich da war?«

Below hielt sie am Arm fest. »Beruhige Dich doch! Alles is gut aufbewahrt! Es liegt auf 'm Speicher! Wir wußten ja nicht, wann Du wiederkommst!«

»Ja, wenn Ihr das jewußt hättet!«

»Verloren is doch im Grunde gar nichts! Im Gegenteil! Und ein Zurück gibt es doch nicht mehr!«

Da wandte sich Minna, so gut sie ihre Füße noch tragen konnten, zur Tür.

»Wo willst Du hin?«

Martha suchte die Fassungslose festzuhalten. »Sie bleiben doch bei uns?«

»Keine Minute länger!«

»Minna!«

»Ich suche mein Haus!«

»Um des Himmels willen! Was is Dir?«

»Ich suche mein Haus! Es muß noch da sein!«

»Halte Dich an mich! Ich bin drüber weggekommen!«

»Ja! Du! Bleib' hier, wenn Du Lust hast! Laß Dich füttern! Und wenn ich auf der Straße kampieren müßte – bei Deinem ›Erben‹ kann ich nich bleiben!«

Achtes Kapitel

Gottlieb Pinkert war es gewöhnt, daß »dumme Jungens« sich über ihn lustig machten, aber daß es nun das ganze Leben zu tun schien, wurde ihm doch zu bunt. Wo sollte er, ein alter, verbrauchter Arbeitsgaul, sein Futter finden? Bei den Belows leben und sterben, war sein Schicksal, wie auch die Belows werden mochten. Pinkert hatte Joachim Friedrich und Minna noch als kräftige, junge Leute gesehen, die dem Hause seine erste Blüte schafften. Rudolfs Geburt, Rudolfs Abwege und nun die unglaubliche Rückkehr desselben Rudolf hatte er miterlebt. Der mächtige Erbe setzte einen neuen Namen Below durch. Noch aber lebten die alten Schatten. Der Vater, die Mutter und – Gottlieb Pinkert.

Viel lebendiger waren die einst so kraftvollen Belows auch nicht als ihr Faktotum. Aber die Mutter konnte protestieren, der Vater im Verborgenen bleiben – Pinkert, der Dienstbote, mußte dienen. Man nahm eine unwürdige Maskerade mit ihm vor. In der geschwindelten, historischen Ecke ließ man ihn herumhumpeln, in seiner fadenscheinigen Jacke. Er sah sich zum »Original« ernannt und wußte jetzt, daß er immer eines gewesen war. Aber seine Spreewassernatur war zu gesund – er spürte den Museumsstaub an seiner Existenz. Es schmeichelte ihm nichts. Daß man die gute Belowsche Erbsensuppe mit Schweinsohren wie Medizin beschnüffelte, daß er nicht mehr wußte, ob der Hausbordeaux nicht schon durch die große Verschneideanstalt gegangen war, das alles fraß ihm am Herzen. Seine einst so spiegelnde Glatze bekam Sorgenfalten, sein rotes Trotzgesicht wurde fahl und welk. Er fühlte sich plötzlich alt.

Und mit seinen Kollegen konnte Pinkert sich durchaus nicht stellen. Da man ungestraft nicht über ihn spotten durfte, wurde die »Giftkröte« bald sehr unbeliebt. Beständig kamen Klagen über ihn zum Generaldirektor. Rudolf ignorierte sie, solange es möglich war. Er wußte, jede Kränkung Pinkerts war des Vaters Kränkung. Das alte Erbstück mußte mit all seinen Stacheln hingenommen werden. Aber ein Vorfall ereignete sich, der beinahe den letzten Zeugen der Vergangenheit hinausgefegt hätte.

In der großen Halle bedienten anfangs vier Negerknaben, echter Import aus Kamerun, durch den Rudolf den wichtigen Herren vom Kolonialamt ein Kompliment machen wollte. Aber das ging nicht so, wie er wollte. Drei von den Aequatorkindern erkrankten im rauhen Berliner Winter. Zwei hatten sogar den unbequemen Einfall, zu sterben, während das dritte schleunigst in die Heimat zurückgeschickt werden mußte. So blieb Mungo, der jüngste der vier, allein. Er wurde zu drei weißen Grooms gesellt. Gegen die echt chinesische Bedienung, welche Rudolf offeriert hatte, sträubte sich die Damenwelt, obwohl sie von niedlichen Bürschchen mit Zopfschwänzen bedient werden sollte. Aber die Schlitzaugen waren nicht appetitlich – man wählte lieber einen Neger statt vier Chinesen, und Mungo war ein hübscher Junge.

Aber die Eifersucht der weißen Kollegen wurde riesengroß. Es kam zu Reibereien. Besonders Bill, ein knochiger Amerikaner, ließ den armen Nigger nicht in Ruhe. Mit seinem Freunde Max, einer Berliner Range, nützte er jede Gelegenheit, um dem Schwarzen einen Streich zu spielen. Mungo hatte wie viele seines Stammes ein demütiges Dulderwesen, das Kränkungen mit schwermütiger Ironie hinnahm. Er täuschte immer darüber fort, wie jäh der Urwaldmensch, alle Demut fortschleudernd, in ihm entfesselt werden konnte. Er eilte traurig lächelnd aus der Küche in das Vestibül, aus dem Vestibül in die Küche zurück. Sein rotes Mohrengewand trug er wie einen Schmuck, von dem er nichts wußte, und obwohl er fühlte, daß die schönen Herrinnen nur von ihm ihren Tee haben wollten, ließ er doch nichts von Ueberhebung sehen, sondern strebte danach, jeden Wunsch zu erfüllen.

Pinkert ließ sich außerhalb seiner Eckstube nicht sehen. Er vermied es, mit dem neumodischen Personal, dessen Gesamtheit er haßte, in Berührung zu kommen. Ein Zufall fügte es aber, daß er um dieselbe Zeit nach Hause ging, da Mungo und seine Kollegen ihren Dienst verließen. Wiederholt hatte er nun beobachtet, daß der Teufel in diesem Falle weiß war und der Engel schwarz. Empört sah er mit an, wie die grobschlächtigen Bengels, vier an der Zahl, den einen kleinen Nigger zu Tode hetzten. Sie hänselten ihn auf offener Straße, machten Partei mit jedem Strolch gegen ihn, riefen ihm Unflätigkeiten nach, und immer wieder mußte der Schwarze vor ihnen flüchten.

Wie das zusammenhing, wußte Pinkert nicht. Er fühlte nur, daß es vollständig anders sein müßte. So seltsam es war – der alte, mürrische Berliner fühlte eine tiefe Verwandtschaft mit dem verlassenen Negerknaben. Er verstand nun erst ganz, wie er selbst entwurzelt worden war.

Eines Nachmittags, um die Stunde, da er vor Gästen sicher war, packte ihn die Neugier, Mungo einmal in seiner vornehmen Tätigkeit zu sehen. Er ließ sich von Anton, dem zweiten Kellner, vertreten und begab sich in die Halle. Das war streng verboten – niemand vom Personal durfte seinen Posten verlassen. Aber Pinkert kümmerte sich nicht darum. Man bemerkte den Alten auch nicht – er konnte lange hinter einer Säule stehen und das Getriebe beobachten. Ja, das war wirklich eine andere Welt. Diese Hüte, diese Kleider, dieses Schmuckzeug! Nur die Zigeunermusik gefiel ihm nicht – die Polacken winselten wie verliebte Kater.

Mungo jedoch erweckte ihm Bewunderung. Prächtig, wie aus dem Märchenland, sah er aus. Und die Damen waren richtig in ihn verschossen. Drei wollten immer zugleich von ihm bedient werden. Der kleine Neger grinste geschmeichelt, aber Angstschweiß stand auf seiner Stirn, und er schien sehr müde zu sein. Jetzt rannte er wieder zur Küche. Da sah Pinkert, daß zwei seiner weißen Feinde, die viel weniger zu tun hatten, sich tückisch etwas zuflüsterten. Sie faßten Posto und warteten auf die Rückkehr des Schwarzen.

Da kam Mungo, mehrere Tabletts mit Teegeschirr balancierend, aus der Küche. Als er geschickt zu den Damen hinüberschlitterte, kreuzten auf ein gegebenes Zeichen die Weißen seinen Weg. Sie stellten sich, als ob sie auch etwas Eiliges vor hätten. Der Zusammenstoß war fürchterlich. Mungo stürzte zu Boden, und über sein rotes Prachtkleid ergossen sich Teefluten und Sahnenströme. Sicher verbrannte ihm das heiße Wasser Hände und Gesicht. Die kostbaren Kannen und Tassen zerbrachen. Das Silber lag rings verstreut. Ein derartiges Gepolter machte die ganze Halle aufmerksam. Die Damen erhoben sich ängstlich – ein Unglück stand nicht auf dem Programm. Aber der beleidigte Neger blieb nicht am Boden liegen. Wie eine Pantherkatze schnellte er empor, triefend, wutentstellt, und stürzte sich auf seine Feinde. Er schlug, wie zum Todeskampf bereit, auf sie ein.

Man entsetzte sich, man rief nach Hilfe, aber vom Personal war niemand zur Stelle, und die Musik übertönte schwärmerisch die Hilferufe. Da änderte sich die Situation plötzlich durch einen eigenartigen Nothelfer, der in den Kampf eingriff. Ein alter, unansehnlicher, kahlköpfiger Mann in Kellnerkleidung brachte die Raufenden auseinander. Aber die hohe Polizei, die in Gestalt des Oberportiers endlich erschien, sah das Verdienst des Helfers nicht ein. Sie gebärdete sich, als ob sie den alten Kellner verhaftete. Vor allen Dingen entzog sie die Empörer den Blicken der empfindlichen Gäste. Die Trümmer wurden fortgeräumt, und es konnte weiter Toilettenschau abgehalten werden. Pinkert, Mungo, Bill und Max aber kamen vor das Tribunal, in das Zentralbureau.

Hier, in einem eleganten Raume, der mit den Porträts der »Gründer«, als welche Jonathan, Joachim Friedrich und Rudolf Below fungierten, geschmückt war, thronte Leopold Kuschel. Er diktierte eben Fräulein Giesicke, Rudolfs auffallend hübscher Sekretärin, Briefe, als Fabri, der graubärtige Oberportier, erschien, atemlos seine Tressenmütze vom Kopf riß und die schauerliche Mär vom Five o'clock-tea meldete. Die »Verhafteten« standen vor der Tür. Fabri begegnete jedoch im Zentralbureau nicht der leidenschaftlichen Teilnahme, die er erwartet hatte. Man pflegte im Herzen der U. B. die vornehme, skeptische Gelassenheit, man regte sich hier über andere Dinge auf als über verprügelte Negerknaben. Sowohl der Bureauchef Kuschel, der ein eleganter Dandy in hoher Krawatte und langem Schoßrock war, als auch Meyenfeld, der Oberbuchhalter, und das schöne Fräulein Giesicke lächelten zerstreut.

»Dann kann ich ja wieder gehen!« rief Fabri kühn.

Nun mischte sich Alphonse, der Oberkellner im englischen Saal, ein falscher Lord, beschwichtigend ein. Er saß im Zentralbureau, um Geld zu bekommen, und hielt sich in der Nähe des eisernen Schrankes, wie eine Katze, die auf die Maus lauert. »Sie werden die Sache untersuchen müssen, Herr Kuschel. Bedenken Sie, unsere vornehmsten Gäste sind beim Tee irritiert worden. Das darf nicht vorkommen.«

Kuschel wurde ernst und befahl, die Uebeltäter vorzuführen. Nun standen sie in wunderlicher Reihe da. Zwischen den fein gekleideten Rowdies und ihrem Opfer im Mohrengewand der alte Pinkert. Fabri fungierte als Staatsanwalt, schilderte den Hergang und beantragte strenge Verurteilung. Herr Meyenfeld, der immer zu Späßen aufgelegt war, begann ein Protokoll zu führen. Doch Kuschel verbat sich das. Mit Würde wandte er sich zu dem Neger. »Das hätte ich nicht von Dir gedacht! Schämst Du Dich denn gar nicht? Vergiltst Du so die Wohltaten des Herrn Generaldirektors? Er hat Dich extra mit einem Obsttransport von Togo nach Bremen kommen lassen.«

Mungo weinte. Das war eine Sensation. »Mein Gott!« rief der Oberkellner schaudernd.

»Das ist ja fabelhaft!« rief Fräulein Giesicke. »Ich habe noch nie einen Neger weinen sehen!«

»Nun, antworte!« herrschte Herr Kuschel den Heulenden an. »Verteidige Dich!«

»Ich kann nix für, uann böse Jungen neidisch sein und mein Livree uollen! Schufte! Ha!« Er spuckte vor den Weißen aus.

»Willste eene jelangt haben? Mohrenkopp? Wat?« schrie Max.

Bill hob auch die Faust. »Niggervieh elendes! Wir machen in Amerika kurzen Prozeß mit euch Niggers!«

»Ruhe!« Herr Kuschel wurde ganz blaß vor Zorn. Aber Mungos Redestrom war nicht mehr zu bändigen. »Alles überfallen! Tee und Zucker und Sahne, Silber, Porzellan! Alles ersetzen – ich – von mein Gehalt! Hätten mich totgeschlagen, Hunde, wenn nicht gutes Mann gekommen uär und hätte mich geholfen!«

»Aha! Das gute Mann! Da steht er ja! Den wollen wir uns mal in der Nähe besehen! Sie heißen Pinkert? Sie bedienen in der historischen Ecke?«

Pinkert stand mit eiserner Ruhe da. »Ja – wat se so nennen.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Ick meene man bloß – in de richt'je Ecke, da bin ick vierzig Jahre jewesen.«

»Beim alten Herrn Below?«

»Im alten Haus – jawoll.«

»Wie kommen Sie denn dazu, Ihren Posten zu verlassen und eine so wüste Szene in der Halle aufzuführen? In Gegenwart unserer vornehmsten Gäste?«

»Ick intressier' mir for den Schwarzen da. Ick wollte mir mal ansehn, wat der Bengel da zu tun hat. Und daß die beiden Lausejungen da hinter ihm her sind, det wußt' ick ooch. Nu sah ick se alle zusammen verkeilt, und der Schwarze hat schon jeblutet. Wat tut da 'n anständ'jer Mensch? Ob det nu in de Halle is oder uf'n Wedding, und ob eener zukuckt, der sechs Dreier hat oder 'ne Miljon, det is mir vollständig schnuppe. Hier hat sich's ums Recht jehandelt, nich wahr. Der Kleene kann ebenso wenig dafor, daß er schwarz is, wie ick for meene Jlatze. Hetzen is immer jemein. Und wenn Se mal wieder wat brauchen –« Pinkert machte kehrt.

»Hier geblieben!« donnerte Kuschel. Aber er kam nicht dazu, sein Urteil auszusprechen, denn der Generaldirektor betrat in diesem Augenblick das Zentralbureau. Auch Below kam mit seiner Sorgenmiene. So verstummte alles. Rudolf war schlecht gelaunt und ließ sich nicht erst berichten. Er hatte bereits von Pinkerts Streich erfahren. Doch als er des alten Sünders ansichtig wurde, mußte er lachen. »Pinkert! Sie machen ja schöne Geschichten! Haben Sie noch so viel Temperament? In Ihren Jahren? Gratuliere! Aber nun begeben Sie sich gefälligst ohne zu mucksen auf Ihren Posten zurück, und daß mir das nicht noch einmal vorkommt! Verstanden?«

»Is det allens?« fragte der Alte langsam.

»Selbstverständlich! Erwarten Sie vielleicht noch eine Gratifikation?«

»Nee, Herr Below . . . Det nich . . . Aber . . .« Pinkert richtete seinen traurigen Hundeblick auf den Vater. Der wandte sich ab und studierte eine Eisenbahnkarte. Pinkert sah ihn eine Weile an, dann schüttelte er den Kopf, machte kehrt und ging.

»Nimm mir's nicht übel, Vater,« sagte Rudolf nach einer Weile, »aber Dein treuer Jottlieb wird eine Plage.«

»Wir sind vielleicht 'ne Plage für Gottlieb.«

»Das kann ich aber nicht tragisch nehmen. Raus mit Euch Jungens! Was steht Ihr noch da? Macht Euch sauber! Sofort in die Halle! Und wenn Ihr den Mungo nicht in Ruhe laßt – wehe Euch! Ich seh' Euch jetzt auf die Finger!« Die Grooms verschwanden. »Portier, Sie sind auch nicht auf Ihrem Posten! Bitte!« Mit devoter Verbeugung entfernte sich Fabri. Dieser Mann hatte ein besseres Einkommen als mancher Geheimrat! Aber vom Generaldirektor, der sein Schicksal war, ließ er sich jederzeit wie ein Hausknecht behandeln.

Nur Alphonse, der Oberkellner mit dem Lordsgesicht, schien der üblen Laune Rudi Belows Trotz bieten zu wollen. Dies ließ darauf schließen, daß er irgend einen Vorsprung hatte. In der Welt der Interessenwirtschaft herrschte nur, wer eben gebraucht wurde.

»Alphonse! Sie haben es sich hier bequem gemacht? Ist für das japanische Gesandtendiner alles vorbereitet?«

»Pardon, Herr Generaldirektor – ich habe auf Sie gewartet.«

»Meine Sprechstunde ist zwischen zwei und drei!«

»Ich wollte nur höflichst um meine Auslagen ersuchen. Herr Kuschel behauptet, daß die Kasse schon geschlossen ist. Ich muß aber 5000 Mark haben für Zigarren- und Zigarettenlieferung.«

»Morgen früh, lieber Alphonse!« rief Kuschel mit dringender Bitte. Seine Kasse schien nicht sehr ergiebig zu sein.

»Was heißt das?« entschied Rudolf Below, der einen roten Kopf bekam. »Warten Sie doch gefälligst, bis ich das ordne! Hier! Ein Scheck auf mein Guthaben in der Deutschen Bank! Sie sollen sofort zu Ihrem Geld kommen! Und am ersten April sind wir geschiedene Leute!«

Alphonse nickte mit seinem Stierschädel und verschwand.

»Verfluchte Kellnerkreatur!« flüsterte Rudolf. »Mit dem Gesindel räum' ich auf!«

»Wozu is das überhaupt? Daß ein Angestellter solche Lieferungen übernimmt? Das paßt sich doch gar nich. Mir wär' es niemals eingefallen, einem Kellner irgend was schuldig zu sein.«

Rudolf warf seinem Vater, der diese Worte halblaut eingeworfen hatte, einen zornigen Blick zu. Aber er bezwang sich. »Lieber Vater – zwischen Alphonse und Pinkert ist ein kleiner Unterschied. Herr Kuschel!«

»Herr Generaldirektor?«

»Wie steht es heute in den Ressorts? Ich konnte leider erst nachmittags kommen, und dann wurde ich von der Gräfin Harrach aufgehalten. Besuch in den Restaurants? Warum zögern Sie?«

»Mittelmäßig, Herr Generaldirektor . . . Aber das Lunch will nicht viel besagen – vielleicht ersetzt das Diner . . .«

»Gut, gut. Wo geht es am besten?«

»Relativ in ›Amerika‹, Herr Generaldirektor.«

»Wir werden ›Amerika‹ vergrößern.«

»›Frankreich‹ scheint vollständig tot zu sein. Den Berlinern ist es dort zu teuer, und die Fremden glauben es nicht.«

»Was heißt das?«

»An etwas Pariserisches in Berlin, mein' ich. Ganz sicher nicht . . .«

»Genug . . . Das weiß ich besser . . . Paris ist immer gut. Ich werde Maxim kopieren. Nur Champagner. Soll getanzt werden. Meinetwegen Kokotten. Wenn man einen großen Standpunkt hat . . .«

»Ein Treffer aber scheint die deutsche Bierabteilung zu sein . . .«

»Zum Donnerwetter, Kuschel! Lassen Sie mich damit zufrieden!«

»Aber warum denn, Herr Generaldirektor?«

»Das ist Rechtsanwalt Wechslers Gründung! Das geht mich nichts an! Ich will keine Biersauferei!«

»Aber die Leute wollen es doch. Sie sitzen mittags und abends wie gerammt. Sogar die Studenten trauen sich hinein.«

»Ich will davon nichts wissen! Ich verpöble mein Haus nicht!«

»Täglich werden dort die Delikatessen der Weinabteilung gefordert – immer dringender –«

»Keine Auster kommt mir hinüber! Zu Tucher und Pilsner! Das fehlte noch! Was ist denn im ›Schiller‹ los?«

»Die Revue wird gehen. Direktor Raffler rät nur zu so etwas. Keine Gastspiele mehr. Im günstigsten Falle arbeitet man für die Tageskosten. Außerdem sagen die bedeutenden Künstler ab, wenn sie bei der Probe die miserable Akustik merken.«

»Quatsch! Das war doch in der ›Harmonie‹! Ich spreche jetzt vom ›Schiller‹!«

»Ach so – pardon – vom ›Schiller‹ Wie gesagt – allabendlich Revue, Herr Generaldirektor.«

»Also Tingeltangel! Na! Und das Wilde-Theater?«

»Da sieht es traurig aus.«

»Wir haben doch neulich erst 50 000 Mark hineingesteckt?«

»Trotzdem. Das Beste verbietet uns die Zensur.«

»Was ist denn in der Halle los? Da haben wir den Zigeuner Bela Iljy, der die russische Großfürstin entführt hat . . .«

»Bela Iljy spielt gut, aber er ist immer besoffen.«

»Das schadet nichts. Wer redet heute in der ›Harmonie‹?«

»Professor Wendland aus Leipzig. Ueber sexuelle Zwischenstufen. Wird ziehen.«

»Und im Kleinen?«

»Da liest der Dichter Moritz seine Novellen vor. Drei Reihen.«

»Wir bringen keinen Dichter mehr.«

»Man sollte eher für Forschungsreisende sorgen, Herr Generaldirektor.«

»Da haben Sie recht! Tibet und Südpol! Das muß jetzt 'ran!«

»Auch Aviatik wäre zu empfehlen.«

»Das kommt erst bei den Schauflügen, die ich arrangieren werde. Uebrigens, Sie haften mir dafür, Kuschel, daß keine technische Erfindung gemacht wird, ohne daß ich die Hand auf die Reklame lege.«

»Selbstverständlich, Herr Generaldirektor. Dazu haben wir ja unser Bureau.«

»Technik ist die Zukunft! Praktische Errungenschaften! Bezwingung der Natur!« Rudolf verkündete seine Erkenntnisse laut und an alle Anwesenden gerichtet. Er schritt nervös auf dem dicken Teppich umher. Der schöne Raum lag in feierlichem Goldschimmer. An den gelbseidenen Fenstervorhängen wallte das sanfte Licht verhüllter Kronen nieder.

Das hübsche Tippfräulein hatte zu klappern aufgehört und betrachtete anbetungsvoll ihren Gebieter. Rudi Below blieb vor Fräulein Giesicke stehen.

»Marion,« sagte er wohlgefällig. »Sie heißen von heute ab nicht mehr Marie, sondern Marion. Kommen Sie. Ich habe Ihnen Briefe zu diktieren.«

Doch zu Rudolfs Ueberraschung trat Below dazwischen und sagte mit schwerem Blick: »Is das eilig? Du hattest mir doch versprochen –«

»Ach so! Ja richtig, Vater! Entschuldige! Du wolltest mir etwas sagen! Also später, liebe Marion – später . . . Komm, Vater. Wird hoffentlich nicht lange dauern?«

Sie gingen in Belows Privatkabinett. Rudolf schloß die Tür ab, dann wandte er sich sofort zu Joachim Friedrich. »Vater, ich bitte Dich nur um eins – laß diese Angstaugen! Steh' nicht immer so düster dabei, wenn ich mit meinen Leuten rede! Das macht einen furchtbar schlechten Eindruck! Die Leute müssen ja glauben, daß Du uns für bankerott hältst!«

»Dafür halt' ich uns noch nicht.«

»Ich danke Dir bestens! Warum bist Du dann so misepetrig? Herrgott noch mal, daß mal ein schlechterer Monat kommt, das ist bei einem derartigen Unternehmen ganz selbstverständlich! Bedenke doch, wie wir fundiert sind!«

»Das weiß ich, offen gesagt, sehr wenig, Rudi. Aber mir brummt der Kopf, wenn ich Dich mit dem Kuschel verhandeln höre. Herrgott, was is das alles für ein Klimbim, Junge!«

»Du nennst es Klimbim, ich nenn' es anders! Wir stammen aus verschiedenen Welten, lieber Vater! Also das war Dein Schmerz! Na, dann höre doch einfach nicht zu! Dich geht's ja auch nichts an!«

»Was mich angeht – das is meine Sache. Ich bin schließlich Dein Vater. Aber davon wollt' ich nicht reden –«

»Ist was mit Mutter los? Wie geht's eigentlich Mutter? Habe sie lange nicht gesehen! Richtig, seit dem Krach nicht! Das war 'ne Szene! Na, Du hast Dich doch sehr nett mit ihr eingerichtet, hab' ich gehört? Ihr seid in 'ne hübsche kleine Wohnung gezogen, in der Burgstraße? Martha findet es reizend bei Euch. Ich komm' ja leider nicht dazu –«

»'s is gut . . . Bei uns in der Burgstraße – das paßt auch nicht für Dich. Bleibe Du man Unter'n Linden. Und Mutter – Mutter geht es nicht gut. Die is wie 'n Baum, der aus der Erde gerissen und anderswo eingesetzt worden is. Sie träumt immer. Sie hat 'ne schreckliche Angst vor der Straße. Aber laß das. Das is meine Sache. Ich bin ja bei Mutter. Das haben wir nu wenigstens davon. Nee, nee, Rudolf. Ich wollte mich nicht beklagen – nur über was rein Geschäftliches –«

»Was denn, Vater! Ich habe wirklich nur sehr wenig Zeit!«

»Du denkst wohl an Fräulein Giesicke –?«

»Erlaube!«

»Nee, nee, das wollt' ich auch nicht sagen . . . Auch daß ich die letzten Zinsenraten noch immer nicht bekommen habe. Ich bin Dein Vater, ich prolongier' es Dir. Aber Du blamierst mich. Du läßt mich das Weinlager leiten, und wenn ich durch die eine Tür was bestellt habe, kommt durch die andre 'ne Riesenkiste mit Sachen, die Du bestellt hast. Weil Dir's ein Geldgeber angedreht hat. Für Beteiligung an der Firma nimmst Du Ware. Is das kaufmännisch anständig?«

»Es ging nicht anders. Ich bitte Dich übrigens um Entschuldigung. Du meinst gewiß den Hoffmannschen Bordeaux. Hoffmann ist ein Schwager von Meyenfeld. Es handelt sich um 70 000 Mark. Ich mußte Meyenfelds Sohn engagieren und von Hoffmann Wein kaufen. Vergaß es Dir nur zu sagen.«

»Aber das is ja ein Labyrinth, wenn das so weiter geht. Wozu läßt Du denn unsereinen arbeiten, wenn Du immer selber zwischenfährst? Willst Du denn allmählich Deine sämtlichen Lieferanten zu Gesellschaftern machen?«

»Interessengemeinschaft! Selbstverständlich! Aber ich bitte Dich um einen anderen Ton, Vater. So kann ich nicht mit mir sprechen lassen. Ich habe Dich um Entschuldigung gebeten. Nun Schluß damit. Was ist sonst noch?«

»Sonst noch? . . . Ja, lieber Rudolf . . . Du machst mir Sorge.«

»Vollständig unnötig!«

»Du siehst sehr schlecht aus! Du kommst immer erst mittags ins Bureau! Ja, lieber Junge! Bevor die Gäste da sind, muß man arbeiten! In solcher Riesengeschichte! All die Leute hier, die lungern ja stundenlang rum! Und die haben auch gar kein Interesse fürs Geschäft! Bloß ich habe welches, weil's mich – nichts angeht!«

»Na ja, und wenn ich komme, stimmt alles, in zehn Minuten! Laß doch das Geklöne, Vater!«

»Ich denke an Dich! Du willst ja auch immer hören, was ich denke! Tu doch nicht so, als ob Du das nicht willst?«

»Gewiß, gewiß – aber Du hast nicht mein Tempo, Vater. Du –«

»Ich weiß. Sei man stille. Ich kenne Dich auch besser als alle andern. Meine Bewunderung is echt, lieber Junge. Du hast Phantasie, aber sie geht mit Dir durch. Du denkst Dir was, und es kann dann praktisch nicht gemacht werden.«

»Beweise!«

»Siehst Du denn nicht ein, daß Wechsler zum Beispiel tief unter Dir steht?«

Nach diesen Worten sah Rudolf seinen Vater nicht empört, sondern aufleuchtend und überrascht an. »Ist das Dein Ernst? Fühlst Du das, Vater? O, das freut mich!«

»Aber Junge . . . Wechsler is doch Dein Beirat . . . Um Gottes willen . . .«

»Er schafft mir Geld. Das ist sein Wert, Vater. Er läßt meine Sache nie ins Stocken kommen. Vertrauen muß ich zu ihm haben. Ich kann nicht jedesmal erst fragen, wie er zu Geld kommt. Wenn's nur da ist. Das verstehst Du eben nicht. Im übrigen bist Du mir als gutes Gewissen willkommen. Oller Below, bleibe nur auf Deinem Posten . . .«

»Das tu' ich! . . .«

»Herrgott! Da liegen ja noch Zeitungen! Bin tatsächlich noch nicht dazu gekommen! Und das ist die Hauptsache!«

Rudolf riß das Bündel an sich. Er überflog nur die Feuilletons und die Vergnügungsanzeigen. Kuschel hatte ihm alles Interessante angestrichen. Plötzlich aber starrte er auf eine Annonce; seine Augen erweiterten sich, und er schlug mit der ringgeschmückten Faust auf den Tisch. Lange hatte Below nicht solche reine Freude in seinen Zügen gesehen.

»Nanu? Was hast Du denn?«

»Vater! Rate mal, wer nach Berlin kommt!«

»Wie soll ich das raten? Ich interessier' mich nicht für Deine Berühmtheiten.«

»Haha! Aber für die! Erna Paulana! Erna Paulana tanzt im Wintergarten!«

»Um des Himmels willen! . . . Das auch noch!«

»Aber Vater! Standpunkt, Vater! Moralpauken überlaß dem Zweisiedler von Arendswalde! Mein Bruder Hermann kann dagegen sein! Aber Du!«

»Ich glaube, Du tust Hermann unrecht. Ich bin dagegen. Erna hat jahrelang nichts von sich hören lassen. Ihr is es wahrscheinlich ganz gleichgültig, ob ihre Eltern am Leben sind oder nicht. Vor dieser Aufregung muß ich Mutter schützen. Mit einer Varietédame haben wir nichts zu schaffen.«

»Herrgott – na wartet doch erst ab! Wenn Ihr sie sehen werdet! Ich bin überzeugt, daß sie Euch besucht!«

»Meinst Du? Is sie so gnädig?«

»Frei ist sie! Selbständig! Ein Prachtgeschöpf! Ganz anders als Ihr und doch etwas von Euch! Ach, ich freu' mich, daß sie kommt! Für mich ist das geradezu 'ne Erlösung! Sie wird mir Flügel geben!«

»Fliege bloß nicht davon . . .«

»Dies Weib ist voll Schönheit! Wenn ich so wär', als Mann!«

»Ich freu' mich, daß Du so von ihr sprichst. Das is das erste Mal, daß ich Dich so von einem Menschen sprechen höre.«

»Erna! – Wann tritt sie denn auf? Am 15. Februar? Ach, sie wird mir ja telegraphieren! Wechsler!«

Der Rechtsanwalt schob sich eben, Geschäftspapiere unter dem Arm, ins Bureau. Sein abirrender Blick war nur auf das gerichtet, was er dem Generaldirektor mitzuteilen hatte. Auch Fork, der Architekt, erschien. Er machte den Eindruck eines Mannes, der für seine Sorgen zu viel Likör hatte. Seine verquollenen Augen richteten sich empört auf Rudi Below. Aber Wechsler ließ ihn nicht zu Wort kommen.

»Konnte nicht früher hier sein! Tag, Herr Below! Bis Mittag war ich Viktoria-Luisen-See, die neue Villenkolonie, die ich gegründet habe! Bei Schmöckwitz! Kolossale Zukunft! Sollten Sie Terrain kaufen! Um vier Uhr hatte ich in der Motorboot-Aktiengesellschaft zu sprechen! Im Automobil begleitete mich ein Japaner hierher, will mir ein Patent übergeben – höchst originell – Erfindung einer selbstspielenden Violine!« Er warf sich in einen Sessel.

Fork wollte losfahren, doch Rudolf unterbrach ihn. »Denken Sie, Wechsler, meine Schwester kommt nach Berlin!«

»So? Wo soll sie denn tanzen? In der U. B.?«

»Sind Sie verrückt? Ich freu' mich nur so kolossal – das Mädel tanzt im Wintergarten – sie kriegt tausend Mark für den Abend –«

»Die paar Hopser? Gutes Geschäft. Was ich sagen wollte . . . Meyenfeld ist in Ordnung – und die Dessauer Bank wahrscheinlich auch –«

»Gott sei Dank!«

»Die Provinzonkels wollen immer Fühlung mit Berlin haben – das kenn' ich. Für ein Passepartout tun sie alles.«

»Was is denn eigentlich mit Berthold Aschers Beteiligung, Herr Rechtsanwalt?« warf Below schüchtern ein. »Noch immer nicht?«

»Wir brauchen keinen Ascher! Der Herr Kommerzienrat hat sich zu lange besonnen!«

Below schwieg. Die verlegene Pause benutzte Fork, um endlich zu Wort zu kommen. »Rudi, ich muß Ihnen schon sagen – Sie wissen doch – Sie dürfen hinter meinem Rücken nich mit Baulieferanten verhandeln – da kann ich Sie direkt belangen, Rudi!«

Rudolf zündete sich gelassen eine Zigarette an. »Ihnen mangelt der weite Horizont, lieber Fork.«

»Ach was! Mir mangelt Jeld! Weiter nischt! Ich muß jetzt reinen Tisch machen! Die Leute müssen bezahlt werden! Zweijährige Forderungen! Is ja ein Skandal!«

»Schreien Sie lieber nicht so, sondern wenden Sie sich an Kuschel. Das ist Kuschels Ressort.«

»So! Und wenn ich zu Kuschel jehe, dann schickt er mich zu Simon! Und Simon is wie 'n neujeborenes Kind und schickt mich zu Müller! Es is wie im Polizeipräsidium! Man kann durch 70 Zimmer loofen! Sie sind unsichtbar! Aber heute hab' ich Sie mal beim Wickel! Heute jeh' ich nich eher weg, als bis –!«

»Wollen Sie nicht gefälligst –«

»Ich will meinen Kredit nich verlieren! Sie sind mein Auftragjeber! Ihre Schiebungen kümmern mich nichts!«

»Wollen Sie nicht gefälligst meinen nächsten Rechenschaftsbericht abwarten!?«

»Ach wat, Rechenschaftsbericht! Der macht den Kohl nich fett! Nee, nee, ich bin es satt, Rudi! Ich schlafe keine Nacht mehr! Hätt' ich mich bloß nich einjelassen!«

»Aha, jetzt kommt das Lied, das ich am meisten liebe. Sie haben für Ihre Orgie von Geschmacklosigkeiten 300 000 Mark bekommen. Sie sind in allen illustrierten Blättern abgebildet worden. Aber ehe wir davon reden, lassen Sie sich mal erst von meinem Vater zeigen, wo die große Halle wackelt. Die Baupolizei war schon zweimal hier. Die versteht keinen Spaß.«

Fork schien aus seinem Wutrausch zu erwachen. Er glotzte Rudolf wie ein erschrockenes Kalb an. »Is was nich in Ordnung? Ernsthaft?«

Jetzt faßte Below ihn beruhigend unter den Arm und zog ihn fort. »Kommen Sie, Herr Baumeister. Es handelt sich, glaub' ich, um 'ne schiefe Säule.«

Als Rudolf mit dem Rechtsanwalt allein war, ging er erregt auf und nieder. »Wechslerchen! Wechslerchen! Der Fork hat recht! Bloß nicht zu viel Schiebungen! Sie manschen zuviel! Wir müssen klaren Kopf behalten!«

»Was heißt Schiebungen? Das sind Transaktionen!«

»Nennen Sie's, wie Sie wollen! Wir beide haben die Verantwortung! Sie und ich!«

»Gewiß! Und wenn Sie Ihren Belowschen Dickschädel aufgeben würden, ginge alles!«

»Fangen Sie vielleicht auch noch von der famosen Bierabteilung an?«

»Menschenskind! Wo leben Sie denn! Sie wollen doch dem Publikum gefallen!«

»Einem Publikum, das ich mir erziehe!«

»Aber wir müssen doch unbedingt einen festen Fond kriegen, wo ein reeller Umsatz gemacht wird, ein Verdienst, zum Donnerwetter! Um so mehr können Sie dann Ihr Steckenpferd reiten! Um so exklusiver können Sie wo anders sein! Bloß die Menge – die muß es bringen! Das Gros darf sich nicht vernachlässigt fühlen!«

»Wir Belows sind aristokratische Wirte, keine Plebejer!«

»Lächerlich! Und das Geld? Wo soll das Geld herkommen? Für Ihre Phantastereien?«

»Das Geld werden Sie herbeischaffen!«

»Ich danke sehr! Bei dem Diskont! Ich habe mehr zu tun, als Herrn von Itzenplitz und Mister Beefsteak zu füttern!«

»Wechsler, Sie müssen doch einsehen, daß die Hauptsache bei uns der gesellschaftliche Stil ist! Der Großberliner Stil! Den schaff' ich, den will ich nicht zerstören!«

»Großberliner Stil –«

»Ich habe vorhin erst mit Frau Bankdirektor Gutbier darüber gesprochen – die Frau hat ihre Tees bei uns, die weiß, was los ist. Sie versichert mir, daß ich mich auf dem richtigen Wege befinde. Ich soll mich ja nicht von den Philistern irre machen lassen.«

Rudolf ließ seinen juristischen Beirat stehen und ging. Der Rechtsanwalt warf sich wütend in einen Sessel. »Frecher Kerl!« flüsterte er. »Ein unglaublich frecher Kerl! Aber schließlich kann man was durch ihn verdienen! Er ist doch ein Genie!«

Mit zorniger Miene schritt Rudolf durch das Zentralbureau. Er brauchte sonst Widerstand, aber heute schmerzte ihn alles, heute war er weich gestimmt. Sein Blick fiel auf Fräulein Giesicke, die noch an ihrer Schreibmaschine saß. »Marietta!« rief er, das anmutige Namenspiel fortsetzend. »Kommen Sie mit! Ich diktiere Ihnen in meiner Wohnung!«

Der Sultan hatte gerufen, und das Fräulein erhob sich als gehorsame Favoritin. Rudolf half ihr in ihr Pelzjackett. Die Schönheit des Mädchens berauschte ihn. Was kümmerten ihn die Mienen seiner Beamten? Er nahm, was ihm gehörte. Indem er seinen Arm in den Mariettas schob, schritt er mit ihr zum Automobil hinaus. Rudolfs Chauffeur war an wunderliche Fuhren gewöhnt. Er grüßte mit steinerner Miene, und surrend flog das Gefährt davon. –

»Unerhört!« flüsterte Herr Meyenfeld. Er schnob die zornigen Worte durch seine dicke Nase. »So was Offenkundiges!«

Kuschel machte ein vornehmes Gesicht. »Was meinen Sie damit?«

»Ich meine, man sollte dem Herrn Generaldirektor die Manieren abgewöhnen! Der Herr denkt sonst, er kann hier machen, was er will!«

»Ich möchte Ihnen ein für allemal untersagen, Herr Meyenfeld, irgendwelche Kritik an dem Herrn Generaldirektor zu üben!«

»Und ich möchte Ihnen ein für allemal untersagen, irgendwelche frechen Bemerkungen zu machen!«

»Was erlauben Sie sich?! Ich bin Ihr Vorgesetzter!«

»Wo steht das geschrieben? Mein Vater ist Teilhaber der Gesellschaft! Zu Ostern krieg' ich Prokura! Sind Sie Teilhaber? 'ne Wanze sind Sie!«

Nach diesen Worten verließ Herr Meyenfeld das Bureau und schlug die Tür hinter sich zu. Er liebte Fräulein Giesicke. –

Als Rudolf und die Sekretärin etwas zerrauft in der Wohnung am Kurfürstendamm erschienen, kam ihnen zu ihrer Bestürzung nicht der treue Joseph, sondern Martha entgegen. Sie maß das höflich grüßende Fräulein mit einem kalten Blick. Dann wandte sie sich zu ihrem Mann. »Im Salon sitzt ein Besuch, Rudi! Das wirst Du nicht raten!«

Er riet es doch. »Erna!« rief er jubelnd. Sofort lief er in den Salon. Fräulein Giesicke stand ganz versteinert. Aber Martha blieb Herrin der Situation. Sie strich über das glatte Haar und sagte lächelnd: »Wollte mein Mann Ihnen vielleicht diktieren? Heute wird bestimmt nichts daraus. Seine Schwester ist gekommen.«

»Verzeihung, gnädige Frau . . .«

»O, bitte. Das Auto kann Sie wieder in die U. B. fahren. Ich werde gleich hinunterläuten.«

Sie tat es, und Fräulein Giesicke verschwand. Martha ging in den Salon zurück. Hier sah sie Bruder und Schwester auf einem Diwan sitzen. Sie lachte leise. »Na, Rudi? Das ist doch das Wahre!«

Er warf ihr einen unbestimmten Blick zu. »Martha – ich bin ja selig! Da sitzt sie nun plötzlich! Ohne die geringste Nachricht zu geben! Wenn ich nicht zufällig in der Zeitung gelesen hätte . . . Schwesterchen! Nee, ich werde ja toll!« Er zog das merkwürdig schöne Mädchen, das große Aehnlichkeit mit ihm hatte, an seine Brust. Sie hielt seinen Kopf in ihren Händen und sah ihm glücklich lachend in die Augen. »Es sollte 'ne Ueberraschung sein! Hättest Du mich auch erkannt, wenn Martha Dir nichts gesagt hätte, Rudi?«

»Aber auf den ersten Blick!«

»Hab' ich mich gar nicht verändert?«

»Kerlchen, Du bist noch viel schöner geworden!«

»Ach, Martha macht ein eifersüchtiges Gesicht! Sogar, wenn's sich um die leibliche Schwester handelt!«

»Nein, Erna – da irrst Du Dich. Es macht mich nur froh, daß Du da bist.«

Nach diesen Worten verließ Martha schnell das Zimmer. »Famoses Menschenkind,« flüsterte Erna. »Das Spröde an ihr hab' ich so gern. Aber sie sieht nicht gut aus – in der Hauptsache. Das sah ich sofort . . . Rudi – dafür müßtest Du sorgen.«

»Laß das, Erna! . . . Fred hört jedes Wort!«

»Das arme Kerlchen – so zart ist er geblieben . . .«

»Erna, ich bin – ich bin sehr allein, Erna. Das merkst Du nun wohl . . .«

»Jetzt noch?«

»Trotz meiner Arbeit! – Aber womit spielt denn der Junge? Was hat er denn da für eine wunderschöne Eisenbahn?«

»Hat mir Tante Erna mitgebracht,« sagte der Kleine und richtete seine dunklen Augen dankbar auf die fremde, schöne Frau.

»Damit hast Du Dich geschleppt?«

»Aber ich mußte doch meinem Neffen was mitbringen! Was denkst Du denn! Sieh Dir's mal an, Rudi! Die Pacificbahn! Ganz getreu!«

»Entzückend! Aber das mußt Du doch aufziehen, Bengel! Das läuft doch in der Stube 'rum!«

»Geht nicht, Papa!«

»Er hat gar kein Talent! Lauf' – Fräulein wird Dir helfen!«

Fred nickte und entfernte sich eilig. Nun waren Bruder und Schwester allein. Rudolf nahm Ernas Hände. Er sah sie an, in jeder Linie, jeder Schwingung – in allem, was sie war. Dann neigte er traurig den Kopf. »Ja, das ist das Leben . . . Du siehst wie das Leben aus . . . Nun weiß ich erst, was mir gefehlt hat.«

Jetzt geschah es dem kecken Geschöpf vor ihm, daß es rot wurde. Sie entzog ihm ihre Hände und erhob sich. Erna war so hoch gewachsen wie Rudolf. Etwas Vollendetes lag in dieser reifen Gestalt. Tanzfreude war über ihrem ganzen Wesen, auch wenn sie still stand. Dies gab ihr den Schimmer, das, was Rudolf, ohne sie gesehen zu haben, dem Vater geschildert hatte. Aus der internationalen Künstlerin sprach noch immer Erna Below, die »höhere Tochter«.

»Also Du wirst im Wintergarten auftreten?« fragte er gedämpft.

»Zum erstenmal in Berlin! Zum erstenmal auf dem Kontinent, Rudi! Ach, ich bin toll vor Aufregung!«

»Was wirst Du bringen?«

»Ich habe einen neuen Trick! Gleich das erste Auftreten! Da komm' ich in Trikot und sitze auf einem riesigen, lebendigen Bären! Ja wahrhaftig, Rudi! So sing' ich ein ulkiges Lied! Und wenn die zottige Bestie unter mir brummt, lach' ich!«

»Das wird Berlin in Atem halten! So steckst Du Dir alle in die Tasche!«

»In Amerika hab' ich 100 000 Dollars damit gemacht! Nur schade, daß ich Dir Konkurrenz machen muß! Aber in der U. B. kann ich doch nicht auftreten! Ihr habt da vornehme Kunst!«

»Darauf pfeif' ich! Konkurrenz darfst Du mir machen! Du bist die einzige, Erna! Also, es geht Dir gut? Du verdienst was –«

»Ich habe was verdient.«

Erna wandte sich ab. Sie näherte sich dem Erker. Dort sah sie dem Schneetreiben zu.

»Was heißt das?« fragte Rudolf erstaunt.

»Es ist mir peinlich, davon zu sprechen. Ich hänge von Hammond ab. Er hat meine Engagements in Europa vermittelt. Du kannst Dir ja denken . . .«

Rudolf zuckte zusammen. »Erna! Der schmutzige Mulatte! Warum denn, Erna!«

»Irgendwie muß man leben. Und Hammond hat Temperament. Ein schauderhaft hübscher Kerl.« Sie lachte wieder. »Ich komme nicht los von ihm. Er bringt mir alles Geld durch, aber er sorgt auch für mich. Ich habe was durchgemacht, Rudi. Uebrigens tut er mir leid. Er hat wieder Pech gehabt und ist drüben geblieben. In Florida, glaub' ich.«

Rudolf schwieg und starrte in das wunderliche, wilde Leben, das auch er so lange gelebt hatte. Er hatte es in der Heimat trotz aller Glücksjagd nicht vergessen.

»Tingeltangel heißt das, wo Du auftrittst,« flüsterte er und hielt seine schmalen Hände vors Gesicht.

Sie lachte hell auf. »Was sagst Du da?! Was meinst Du damit? Ich bitt' Dich! Wo, ist doch egal! Uebrigens kann ich gar nichts! Ich habe jetzt in Paris auf Montmartre ein häßliches Mädel gesehen! Die bettelt sich in den Kneipen 'rum für ein paar Francs! Die will keiner! Aber tanzen kann sie! Ach!«

Erna lief zum Diwan und warf sich darauf. Sie lag jetzt hingestreckt – die kleinen Füße in den Silberschuhen waren rührend, wenn sie die stolze Gestalt nicht trugen. In ihren Händen, die durch das reiche Haar fuhren, lag Kraft. Und einen Glanz sah Rudolf in ihren dunklen Augen, als ob sie heimlich weinte. »Dingsda!« rief sie. »Nun ist man doch wieder in Dingsda! Berlin ist ein Nest! Nimm Dicht in acht, Rudi!«

»Das tu ich – –«

»Du reißt die alte Ecke ab! Und baust einen fabelhaften Palast! Ich hab' ihn schon gesehen! Und das alte Zeug? Verflogen, in alle Winde? Wo sind Vater und Mutter? Sind die Bäume noch da?«

»Merkwürdig – wer nach den Alten fragt, der fragt nach den Bäumen. Die sind geblieben.«

»Ach, ich will sie gar nicht mehr sehen! Vater und Mutter!«

»Nicht, Erna? . . .«

»Ich glaube nicht! Oder später! Jedenfalls, nachdem ich aufgetreten bin! Denn sonst – das ist das einzige, was mich irritiert! Und Hermann? Warum lachst Du?«

»Der sitzt in Arendswalde an der Knille!«

»An der Knille?«

»Ich glaube, so heißt der Fluß. Ein Nebenstrom der Panke. Laß mich mit dem falschen Apostel zufrieden.«

»Hermann ist sicher ein anständiger Mensch!«

»Er drückt sich aber vor mir. Ich muß mich schweigend von ihm mißbilligen lassen. Ich habe Stimmungen, wo sich die ganze U. B. unter einer Kritik von Hermann windet. Er soll mir nur 'mal in die Quere kommen. Dann werd' ich ihm beweisen – –«

»Rudi – wohin verirrst Du Dich? Du sagst ja beinahe, daß er recht hat?«

»Recht?!«

»Ich interessiere mich für Hermann. Er hat weiter nichts als seine Arbeit und seine junge Frau. Das liebt sich, das stirbt zusammen. Aus. Vorbei. Ich schätze Hermann.«

»Erna!«

»Laß ihn doch herkommen! Ich will Euch zusammenbringen! Ich will, daß Ihr Euch versteht! Und er soll verlegen werden! Ich treibe ihn aus seiner Bravheit 'raus! Herrgott noch mal! Die Frau mag ein Engel sein! Aber er! Er muß ins Getriebe!«

Erna sprang auf und lief zum Flügel. Leise glitten ihre Hände über die Tasten hin. Rudi lauschte wie gebannt. »Die alte Bude,« flüsterte sie, ihre Augen schließend. »Schade ist es doch, daß ich sie nicht noch 'mal sehe. Der Hof und die Galerie! Und mein Zimmer, wo ich für die Baltazzi geübt habe! Die ist jetzt tot. Ach, wenn doch alles tot wär'. Alles, Rudi.« Sie weinte und lehnte den Kopf an seine Brust.

Er nickte mit harter Miene. »Wenn wir wollen, ist es tot. Laß Hermann in seinem Nest. Das ist Selbstbetrug. Das können wir beide nicht brauchen.«

»Aber ich bin ja Halbwelt, Rudi –,« flüsterte sie mit einem Lachen, das hold war und doch einen Mißton enthielt. Sie schloß ihre Augen, und ihre Zähne funkelten.

»Unsinn . . . Was heißt das . . . Ich verbiete Dir, daß Du so etwas von Dir sagst! Von meiner Schwester!«

»Ausgezeichnet!«

»Du bist eine große Künstlerin! Das hebt Dich aus jeder halben Welt in die ganze, in die einzig wahre! Du sollst meine Fahne sein! Schluß machen endlich mit allem Versunkenen und Verschollenen! Darin kann ich mich nicht irren! Das will Berlin! Was sich verkriecht, soll sich verkriechen! Ich gehe mit Dir zusammen!«

»Schwärmer, Schwärmer! . . .«

»Heute abend führe ich Dich ein. Die ganze U. B. soll Dich begrüßen! Sie hat auf Dich gewartet!«

»Tu das nicht, Rudi – ich will Dir doch nur nützen!«

»Ja!«

»Dein Publikum – die wollen unsereinen kopieren – aber neben uns sitzen? Nein!«

»Wie lächerlich! Ich lasse mich von keiner Feudalgesellschaft tyrannisieren! Ich will meine Macht zeigen! Wem's nicht paßt, der bleibe weg!«

Er lief zum Orchideengarten und riß mit heißen Händen die ganze hängende Pracht herab.

»Was tust Du?!«

»Das sollst Du tragen heute abend! Das ist für Dich!«

»Rudi – all Deine Orchideen – –«

»Alle!«

Er wand sie ihr ums Haar, und sie lachte. Dann küßte sie ihn, wie sie nur ihren Bruder küssen konnte. Martha schreckte wie geblendet zurück, als sie wieder eintrat. So schön war Erna in dem Kranz der ängstlich gehüteten Blumen. – –

Wie alle Träume Rudi Belows, mußte auch der um seine Schwester durch spekulative Reflexion gehen. Er sah nach einigen Stunden Ernas Erscheinen in der U. B. wie eine Premiere an. Er ließ es nicht früher dazu kommen, als bis den Berlinern ihre Person oder vielmehr der Trick ihrer Person durch die Plakate des Wintergartens vertraut geworden war. Allmählich wurde in den eleganten Plauderstunden der Halle bekannt, daß Erna Paulana, das Weib auf dem Bären, Rudolfs Schwester war. Man nahm es zwar nicht ernst. Man ließ sich Ernas Lebensgeschichte wie einen Roman erzählen, dessen Inhalt in bequemen Sesseln verschlungen wurde. Alles aber, was mit dem Wirt der U. B. zusammenhing, hatte Reiz. Rudi war der bequeme Traumheld für die Frauen, die viel zu denken und wenig zu tun hatten. Die das ganze Leben serviert bekamen, in Schönheit wohlanständig präpariert. Aber der entzückende Romantiker beging den Fehler, plötzlich Realist zu werden.

Nach der Wintergartenpremiere erschien Rudi Below in seinem Etablissement und führte tatsächlich Erna Paulana, die man eben noch fast nackt gesehen, wie eine Königin durch die Säle. Man war auf der vornehmen Terrasse des Wintergartens gewesen, wo man die Zufälligkeit interessanter Hotelgäste spielen konnte. Man hatte begeistert applaudiert und das Wagnis nur als künstlerische Offenbarung angesehen. Aber nachher, in der U. B.? Da wollte man unter sich sein. Rudi Below war hier nur der begünstigte Wirt. Er hatte sich vollständig nach seinen Gästen zu richten. Was erlaubte sich der Mann? . . .

Er führte durch die geweihten Räume, wo abgestempelte Vermögen saßen, eine Brettldiva. Und es gab einen unverbesserlichen Trottel, den Grafen Putz-Lammsdorf, der ihm nachwackelte und sich danach drängte, vorgestellt zu werden. Nein, es war ein unverzeihlicher Faux pas. Man merkte sich zwar genau, wie Erna Paulana angezogen war, vom Kopf bis zur Zehe, wie sie sich bewegte, lachte, grüßte. Man taxierte den Wert ihres Schmucks, aber man war entrüstet.

Erna hatte ihren Bruder mit Recht gewarnt. Ihr Pessimismus war Lebenserfahrung. Doch als sie den alten Dünkel in neuer, komplizierter Form erkannte, trotzte sie ihm mit ihrer ganzen Rücksichtslosigkeit. Sie zog sich nicht zurück und beklagte sich bei Rudolf nicht. Sie begann seinen Fehler auszunützen und bewog ihn, auch ihre Kolleginnen vom Varieté einzuladen. In voller Pracht sollten die Sisters und Sennoras vorgeführt werden. So erschien der Herr Generaldirektor jeden Abend mit einem Gefolge. Es wurden weiter eifrige Toilettenstudien gemacht, man lächelte mit duldsamer Anmut. Hinter Rudolfs Rücken aber stieg die Entrüstung. Schließlich mußten die begeisterten Ehemänner ein Veto einlegen. Was sollte das Treiben? Brettldamen konnten sie auch anderswo sehen – dazu gingen sie nicht mit ihren Frauen in die U. B. Es war eine Unverschämtheit von Rudi Below, das gesellschaftliche Bild so zu verschieben. Das hätte man ihm nicht zugetraut. Sein Streben, die billige Genußsphäre nicht einzulassen, rechnete man ihm ja als Verdienst an. Doppelt warf man ihm nun den verirrten Montmartre vor. Andere Weltstädte sahen Königinnen mit Zirkusdamen befreundet. Berlin besann sich im entscheidenden Augenblick auf seinen Kastengeist.

Bald mußte Rudi Below merken, daß er den Wagen in den Sumpf gefahren hatte. Das Publikum der Restaurants veränderte sich auffallend. Wie auf Verabredung ließ der Besuch nach, und was kam, hatte die Physiognomie von Leuten, die sich nur hineintrauten. Es war das Genre, dem jeder selbstbewußte Kellner mißbilligend begegnete, bis ihn ein hohes Trinkgeld milder stimmte. Auch lugten die »Verbotenen« immer begehrlicher herein. Sie hatten alle viel Geld auszugeben, mehr oft als die Feudalen, weil sie gern einmal nobel waren. Doch die hohen Preise blieben das einzige, was den letzten Zusammenstrom noch aufhielt.

Mit langer Miene sah Rudolf täglich Absagen der gesellschaftlichen Veranstaltungen kommen. Seine Gönnerinnen zogen sich zurück. Keine sagte, was sie ihm eigentlich übelgenommen, aber die Kränkung war offenbar. Am schwersten traf es Rudolf, daß er Frau Generalkonsul Gutbier und die schöne Gräfin Auersberg verlor.

Beide Damen hatten am treuesten zu ihm gestanden. Die Gattin des Industriellen hielt ihre Monstretees in der U. B. ab. Dort kam alles, was in Kunst und Wissenschaft etwas vorstellte, zusammen. Die Aristokratin dagegen hatte ihr Bureau für humanitäre Bestrebungen in der U. B. aufgeschlagen. Ihr vor allem war es zu danken, daß immer noch Hofequipagen vorfuhren. Rudolf war der Vertrauensmann der verschiedenartigen Patronessen. Er wurde von beiden geliebt. Diese Buridanstellung hatte ihn schon immer mit Sorge erfüllt. Er wußte nicht, für wen er sich entscheiden sollte. Es war hart, seine glänzendsten Eigenschaften so verschleudern zu müssen. Und fürs Geschäft tat Rudolf schließlich alles. Sollte er es mit der schöngeistigen Jüdin oder mit der wohltätigen Aristokratin halten?

Da rissen ihn die Nebenbuhlerinnen selbst aus dem Konflikt, indem sie ihn auf die Probe stellten. Frau Gutbier hielt es mit Erna Paulana, sie leistete es sich, so freigeistig zu sein, sie warnte Rudi, sich von den Moralischen einschüchtern zu lassen. Die Gräfin jedoch drohte mit dem Auszug sämtlicher Wappentiere, wenn die empörende Halbweltwirtschaft nicht ein Ende nähme. Es war ein entsetzliches Dilemma. Rudi wußte nicht, bei welchen Weisen er sich erkundigen sollte. Er entschloß sich, heute Frau Gutbier, morgen der Gräfin recht zu geben. Die Folge davon war natürlich Feindschaft beider, und ganze Kreise zogen sich zurück.

Das gab ein klaffendes Manko. Auch merkte Rudolf jetzt erst, wieviel Feinde er sich durch seine Erfolge gemacht hatte. Man hatte schon überall gegen ihn vorgearbeitet. In den geschädigten Hotels und Restaurants, in den Theater- und Konzertagenturen saß man und predigte gegen die U. B. Ueber Rudolfs Vater schritt man hinweg. Der Alte hatte keinen Zusammenhang mit den geschmacklosen Spekulationen. Warum hatte er sein vornehmes Haus dafür hergegeben? Um ein Geschäft damit zu machen? Das war mehr als zweifelhaft. Er hätte es ruhig stehen lassen sollen, das alte Wahrzeichen. Below hatte eine unverzeihliche Sünde gegen die Tradition begangen. Und auf Traditionen hielt man ja in Berlin.

Doch Rudolf ließ sich nicht einschüchtern. Er holte sich keinen Rat, auch bei Wechsler nicht, der über seinen Reorganisationsplan nicht hinauskam. Er ging auch nicht zu Ascher. In sich allein blieb Rudi Below und fühlte sich dort am sichersten. Er wußte, daß Berlin noch immer zu erobern war. Es flog ihm überall zu, was Reiz und Sensation war. Er konnte aus dem Nichts das Etwas schaffen. Darum blieb er auch kühl, als Herr von Wiesenlattich und Baron Troll in feierlicher Deputation erschienen, um die Zimmer des Klubs zu kündigen. Man wolle zu seiner Hölle nicht mehr durch das Fegefeuer der Friedrichstraße wandeln, sagte Baron Troll mit seinem Lächeln und doch so grob, wie nur ein Aesthet werden konnte. Herr Below habe sich offenbar in der Gegend geirrt. Man wünsche ihm nicht sein Geschäft zu stören. Wiesenlattich aber, die lange, müde Grazie, sah sich melancholisch um, bevor er zum Zylinder griff und ging. Er schien von alten Illusionen Abschied zu nehmen. Rudolf begleitete die Herren nicht hinaus. Es schwirrte ihm vor den Augen. Er wollte jetzt allein sein. Wie wenn der letzte Ratgeber, der sein eigenes Ich war, als zweite Person vor ihn hinträte, wandte er sich fragend ins Dunkel und flüsterte: »Was meinst Du? Könnte man . . .?«

Neuntes Kapitel

Es war eines von den schmalen, gleichsam übrig gebliebenen Häusern an der Spree, wo Joachim Friedrich und Minna nun ihr Heim hatten. Die ehrwürdige Burgstraße kann sich nur mit Schwierigkeiten auf die Herkunft ihres Namens besinnen, obwohl sie der Hohenzollernburg gegenüberliegt. Es stimmt alles nicht mehr. Der zermahlende Verkehr der Geschäftswelt ist nahe, man hat nur ein winziges »Wassergefühl« an dem eingemauerten Flusse, und die Schiffe unten muten wie Arbeitswagen auf dem Asphalt an. Schlüters Kurfürstendenkmal trabt gespenstisch an der stillosen Königstraße, und wenn es ihm wirklich gelänge, bis ans Schloß zu kommen, so würde es sich in die sauber erhaltene Antiquität nicht hineintrauen.

Minna Below saß den halben Tag am Fenster und sah das neue Wasser durch das alte Bett ziehen. Es war ja doch die Spree. Wenn Minna einmal auf die Straße hinunterkam, tat sie es nur, um auf der Zille Obst zu kaufen. Das labte sie. Sie stand wieder auf einem Kahn, kaufte sich Borsdorfer Aepfel, und drüben stand der Wachtposten vor des Kaisers Haus. Das war noch Berlin. Der Aufforderung ihres Bruders, in das alte Elternhaus am Monbijouplatz zu ziehen, folgte sie nicht. Eine Rückkehr in das gelobte Land ihrer Jugend erschien ihr ebenso unnatürlich wie das Exil ihres Alters. Der Prediger von St. Marien konnte im Elternhause bleiben – sie zwang ihre Bitterkeit nieder und richtete sich noch einmal an neuer Stätte ein.

Es war ein recht hübsches, trauliches Heim geworden. Vier Zimmer nur mit Küche und Nebengelaß, aber sie brauchten nicht mehr, die alten Leute, und ihre lieben Möbel waren hier am Platze. Da stand der ovale Mahagonitisch mit den geschweiften Stühlen, die Servante mit der feinen Tassen- und Gläsersammlung. Blumentöpfe zierten alle Fensterbretter, und an den Wänden hingen schlichte Familienbilder. Man hatte auch die alte Bertha als dienstbaren Geist mitgenommen. So war alles wieder ein wenig zum Frieden gelangt. Aber nur äußerlich. Im Innern tickte der Wurm. Belows fühlten sich heimatlos – nicht nur in der Burgstraße, sondern in Berlin, in der ganzen Welt. Der Amerikaner hatte sie entwurzelt – daran war nichts zu ändern.

Um die Vorgänge in der U. B. kümmerte Minna sich nur wenig. Sie sorgte lieber dafür, daß ihr Mann sie zu Hause vergessen konnte. Sie machte es ihm trotz ihrem Leiden behaglich, wie in früheren Tagen. Daß in dem Moloch Unter den Linden nicht alles in Ordnung war, fühlte sie. Aber sie hütete sich, die Lebenskraft ihres alternden Mannes noch durch Vorwürfe zu untergraben. Sie ahnte einen schnellen Vollzug des Schicksals. Es mußte fortschreiten, bis zum Ziel, bis zum letzten, ungeheuren Zusammenbruch. Auf Trümmern aber würde das Belowsche Lebensprinzip noch siegen – das war ihr gewiß. Doch Minna bändigte ihr prophetisches Gemüt und schwieg vor Below. Er stand ja mitten im Getriebe, er riß sich noch nicht los, und seine tiefste Sorge galt dem Sohn, dem er mißbrauchte Liebe schenkte.

Minnas Leben wurde sehr einsam. Sie hatte nur in den Morgen- und Abendstunden ihren Mann, sie wies ihre Bekannten von sich, weil sie sich durch die neue Lebenslage gedemütigt fühlte. Nun waren die meisten gekränkt und kamen nicht wieder. Ihr Bruder hatte viel zu tun, und Hermann erschien nur einmal jede Woche. Aber er brachte ihr dann seine junge Frau mit und eines Tages im Frühling auch sein Töchterchen. Der jüngste Belowsproß war eine schöne Hoffnung. Blondlockig, mit blauen, leuchtenden Augen. »Minna« hatte Hermann sein Kind getauft. Ueber die alte Minna flog es zum erstenmal wieder wie echter Sonnenschein hin. Hätte sie das Enkelkind nur behalten können. Aber die Jugend wollte nicht mehr in Berlin leben, und sie war ein gebrechliches Wesen, das seine Stube nicht verlassen konnte. Täglich horchte sie nur, wie weit sie das müde Herz noch bringen würde.

So blieb sie denn, wo sie war. Draußen im Leben war alles gegen sie. Da rannte man um, was nicht gleichfalls stieß und vorwärts strebte. Sie fürchtete sich vor der Straße. Immer saß sie in ihrem alten Lehnstuhl, machte feine Handarbeiten oder las.

Die Zeitung blieb ihre sorgsam durchgeführte Lektüre. Minna Below war von jeher eine eifrige Politikerin gewesen. Was ihr in Kessels Sanatorium versagt war, nahm sie nun doppelt wieder auf. Sie dachte zwar immer an Bismarck und Windthorst, an Lasker und Eugen Richter, wenn sie moderne Debatten las, den Reichstag nannte sie immer noch Kammer, und wer eben Kanzler war, blieb ihr nicht ganz bewußt. Eine ehrliche Vorliebe, wie für einen Jüngling, dessen Vater und Großvater sie gut gekannt hatte, hegte sie für den Kaiser. Sie war zwar selten mit seinen Aeußerungen einverstanden, aber sie fand sie doch immer »so nett«, daß sie sich die Königstreue nicht verkümmern ließ.

Aus der Zeitung erfuhr sie auch Ernas Rückkehr. Doch der glitzernde Traum, den sie beim ersten Gerücht von ihrem Kinde geträumt hatte, kam nicht wieder. Sie haßte jetzt die Welt, in der sie Erna sah. Ihr Mutterinstinkt fühlte, daß ein leuchtendes Menschenkind dort ausgenutzt und schließlich verworfen wurde. Sie litt schon insgeheim an Ernas kommendem Leid.

Die Tochter aber, von einem ähnlichen Instinkt gepackt, kam nicht zu dem Entschluß, von dem sie mit Rudolf gesprochen hatte. Der Wirbel ihres Berliner Erfolges riß sie ganz in sich hinein. Sie kannte die Schalheit dieser Freuden, aber sie genoß sie mit doppelter Gier, um nicht an Dinge, die sie für verloren hielt, zu denken. Jetzt erst, in der Heimat, den verlassenen Eltern so nahe, sah sie, daß alle Brücken abgebrochen waren. Mehrmals war sie unterwegs zur Burgstraße hinüber, aber immer kehrte sie ins Getriebe zurück. Sie verbiß sich zornig in ihren Entschluß, sie versuchte vergebens, gefühllos zu werden. Als aber ihr Gastspiel zu Ende ging, als sie nach Rußland reisen mußte, schickte sie vom Bahnhof aus noch kostbare Blumen in die elterliche Wohnung. So sahen Joachim Friedrich und Minna plötzlich dies von ihr und niemals etwas wieder. –

Mit Bangen schweiften Minnas Gedanken zu einer Stätte hinüber, die sie nur einmal betreten hatte. Rudolfs Prunkwohnung am Kurfürstendamm war ihr sonst fremd, wie die ganze Lebensführung ihres Sohnes. Aber zwei Menschen weilten dort, an denen nun ihr Herz hing. Sie hatte Martha ebenso lieben gelernt wie Joachim Friedrich. Und Fred, ihr Enkelkind, war eine süße, kleine Hoffnung, von der sie nicht lassen konnte. Aber es war ihr bewußt, wie diese Hoffnung bedroht war.

Freds Zustand verschlechterte sich. Martha wurde von ihrem Leid um Rudolf immer mehr zum Leid um ihr Kind gelenkt.

Das Weihnachtsfest stand vor der Tür. Wie wenig auch von seiner goldenen Traulichkeit in das Heim Martha Belows kam, sie hatte doch ein Kind, ein einsames, bleiches, das irgendwie vom großen Liebesschimmer berührt werden mußte.

Rudolf beschränkte sich darauf, eine riesige Waldtanne, die an der Spitze abgeschnitten werden mußte, ins Haus zu schicken. Auch eine mächtige Kiste mit kostbarstem Spielzeug kam. Das alles war sinnlos für ein einziges, scheues, krankes Kind.

So kehrte die Weihnachtsfreude nicht ein. Fred war von seltsamer Unruhe erfüllt. Er dachte gar nicht an die eigene Bescherung – dieser Begriff schien ihm von vornherein nicht zu den Eltern zu gehören. Er sah nur mit fiebernder Spannung auf das große Festgetriebe, das er draußen spürte. Er schien von der freudigen Erwartung anderer Kinder irgend etwas für sich selbst erfahren zu wollen.

Aschers Kaufhaus zeigte in jenen Tagen eine große Weihnachtsausstellung. Ein Zirkus war zu sehen mit allem, was dazu gehörte, wunderbar natürlich, das Entzücken der Berliner Jugend. Fred hörte davon, und plötzlich konzentrierte sich sein Weihnachtswunsch darauf, diese Ausstellung zu sehen. Es waren böse Tage, Schneetreiben, Ostwind, überall tückische Gefahr – Martha versuchte Fred den gefährlichen Wunsch auszureden. Es war umsonst. Das überreizte Kind tobte und verzagte vollständig, als man ihm diese Freude nehmen wollte. So mußte sie denn mit dem fiebernden Fred in die Stadt fahren.

Ganz benommen, mit glühenden Wangen trat er in das heiße Gedränge. Außerordentliches war in der Tat zu sehen. Der Riesensaal bildete eine Manege, in der sich bunt geschirrte Pferdchen tummelten. Stallmeister schwangen ihre Peitschen. Spaßige Clowns machten alle möglichen Dummheiten, und an Trapezen hingen waghalsige Künstler, um die man sich bangen konnte, als ob es lebendige wären. Ueberhaupt, es war so natürlich alles, so fabelhaft natürlich. Auch an den Seiten, dicht am Gange, wo sich das Publikum drängte, die Menagerie. Da gab es Löwen, die brüllen konnten, Affen, die ungeheuer komisch an Gittern herunterrutschten, Seehunde, die Zigarren rauchten, und Bären in täppischem Tanz. Am besten gefiel dem kleinen Fred ein Elefant, der als Chauffeur gekleidet im Automobil saß, eine riesige Brille auf der Nase und mit schaurigen Trompetentönen begabt.

Aber Freds Augen glitten doch nur flüchtig über all die Herrlichkeiten. Er fieberte, es ging ihm sehr schlecht, und er mußte von sich selbst absehen. Lieber musterte er die anderen Kinder, die glücklicheren, die ganz dem Augenblick gehörten. »Mutta! Sieh mal den Klowen!« rief ein blondes Mädchen entzückt ihrer Mama zu. Wie ungebildet – Klowen! Fred wußte es besser. Die aufgeregte Mama des Mädchens aber suchte ihr Söhnchen, das im Gedränge verloren gegangen war. Sie wandte sich zu ihrer Nachbarin: »Wo is 'n Ihr Junge? Mein Junge is wech!« »Bitte langsam weiterjehn, meine Herrschaften,« mahnte der Aufseher. Ja, das war das Leben, das glückliche, dumme sorglose Leben. Fred starrte den Gleichgültigen nach. Dann fühlte er plötzlich einen Schwindel. Er lehnte sich an die erschrockene Martha und wünschte nun selbst, nach Hause zurückzukehren.

Als er in seinem Bettchen lag, verfiel er dem letzten Fieber. Rudolf wurde mitten in der Nacht aus der U. B. nach Hause gerufen. Er sah die verlöschenden Atemzüge seines Kindes. Fred lag im Arm der verzweifelten Mutter, sein kleines Herz stockte, dann stand es still. Da starrte Rudolf das tote Geschöpfchen an, als ob es ihm jetzt erst gehörte. Als ob er es niemals mit gläubiger Liebe betrachtet hätte.

Aus der Schalheit seines Komödiantendaseins. wo nur galt, was gefiel, riß es ihn plötzlich in den Abgrund der Wirklichkeit. Schätze rannen täglich durch seine giererfüllten Finger – hier war er bettelarm. Sein Vaterschmerz bäumte sich auf, ein dumpfes Mitleid für Martha ergriff ihn. Sie kamen sich in dieser Stunde näher.

Aber Rudolfs anderes Ich, das der rastlosen Gier da draußen gehörte, blieb auf der Hut. Er fühlte die Gefahr, zu erschlaffen, dem zu gehören, was er niedertreten mußte. Er ahnte, daß Freds Tod notwendig für ihn war. Alles Schwache, Lähmende von drüben fiel nun ab. Martha stand allein – sie sollte allein stehen. Das alte Band zwischen ihnen mußte fallen. So löste er sich instinktiv aus ihren Armen, und Martha fühlte im Innersten erkaltend, daß sie ihn zum letzten Mal umfangen hatte.

Als der Sarg zur Gruft getragen wurde und Rudolf neben Martha seinem Erben folgte, ging auch ein anderer Mann an Marthas Seite. Ein alter, gebückter, fast unkenntlich vermummt und in Pelzschuhen schlurfend. Wünschel war zum Begräbnis gekommen. Martha erkannte ihn plötzlich und lächelte ihm aus tiefstem Schmerz wie einem guten Geist zu. Sie lehnte sich an ihren Vater, während die Erdschollen auf ihr Kind fielen. Rudolf, den sie losgelassen hatte, stand abseits und biß sich in die Lippe. Dann wandte er sich rasch zu den Honoratioren, deren Anwesenheit auf dem Friedhof dem Generaldirektor der U. B. galt. –

Großmama in der Burgstraße sah ihrem kleinen Toten wie einem Engel nach, der ins bessere Dasein flog. Sie gab ihm einen sehnsüchtigen Gruß mit, als ob sie bald nachkommen wollte. Doch in ihren schmerzlichen Traum griff noch einmal hart und laut das wirkliche Leben. Wenige Wochen nach Freds Begräbnis stand Martha vor ihr, in ihrer Trauerkleidung doppelt entstellt durch gedunsene, fieberrote Züge und das wirre, rasch ergraute Haar. Sie wirkte wie eine Entflohene; ihr Geständnis an Minna bestätigte es.

»Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr in seiner Wohnung bleiben! Retten Sie mich doch, Mutter! Retten Sie mich um Gottes willen!« Sie verfiel in ein schrilles, atemloses Weinen. Minna mühte sich um die Fassungslose, rieb ihr die Schläfen mit Eau de Cologne und bat sie immer wieder, doch die alte, verständige Martha zu sein.

»Was is denn bloß? Was hat er Dir denn jetan?«

»Er kommt – er bringt seine Frauenzimmer mit – es ist – als ob ihn jetzt nichts mehr genierte – gar nichts mehr – seitdem das Kind fort ist! Kann ich denn was dafür?! Ich habe nur für Fred gelebt, und nun hab' ich alles verloren. O, das ist kein Leben mehr. Ich bin ja gar nichts. Die Dienstboten verachten mich im eigenen Hause. Die sehen, der Herr tut, was er will. Er feiert Orgien mit betrunkenen Weibern, mit Ballettfrauenzimmern, die er im Automobil mitbringt und mit Geld beschmeißt, und ich, ich muß in meinem Zimmer liegen und weinen und bitten, nur erst vorüber, nur erst vorüber! Gestern aber – da bin ich doch 'rausgestürzt im Schlafrock, wie ich war, und da saß er wieder mit der Sekretärin! Die holde Unschuld, die ist die Schlimmste! Und da hab' ich sie geohrfeigt, rechts und links, und habe sie 'rausgeschmissen! Und ihm hab' ich erklärt, bei Fredchens Seligkeit, daß ich nicht mehr bei ihm bleibe! Ich will arbeiten, ich will betteln, nur ein Mensch will ich werden! Menschenwürdig! Mutter! Wollt ihr mich behalten?«

Minna beugte sich erschüttert über die Kniende.

»Wollt ihr mich behalten? Ich fall' euch ja nicht zur Last! Nur ein ehrliches Leben! Daran laßt mich teilnehmen!«

»Was uns jehört, jehört auch Dir. Ich jebe Dir die schöne Hinterstube – da is es so still, Martha, und die Sonne scheint immer! Ach, Du armes Kind! Er is doch ein Schuft, wenn er auch mein Sohn is!«

Doch Martha schüttelte den Kopf. »Nein, nein! . . . Das nicht! . . . Das kann ich nicht hören! . . . Das sagen Sie nicht von ihm! Er ist doch mehr unglücklich, Mutter. Ich kenn' ihn durch und durch. In Amerika – da war es anders, da hätt' ich ihn nicht verloren. Da war ich es, die er gebraucht hat. Ich habe mit ihm gehungert und bin mit ihm von Stadt zu Stadt gezogen. Da war ich es. Aber als er zurück wollte – nach Berlin – da ahnte ich's schon. Und hier –«

»Warum hast Du ihm denn die verfluchte Jeschichte nich ausjeredet?!«

»Das war unmöglich, Mutter. Rudi geht seinen Weg. Er verschweigt alles, bis er da ist. Ich war in seinem Leben erledigt. Aber er wird kein Glück finden ohne mich. Das weiß ich. Es wird ihm hier nicht gelingen. Berlin ist nicht Amerika. Und ich bin anders als die Weiber . . .«

»Martha – –!«

»Die richten ihn zugrunde – passen Sie auf! So lange Erna da war – die ist gut trotz allem! Erna ist fort. Nun fallen sie über ihn her. Die Aasgeier, die immer bloß haben wollen, haben. Die werden ihn zerreißen. Er hat kein Gegengewicht. Ich und das Kind – wir waren das Gegengewicht. Aber Fred ist tot. Ach, Mutter! Ich hab' ihn unter lauter Engelchen gesehen, aber Rudolf hat mir auch das genommen! Er glaubt an kein Leben nach dem Tode! Er glaubt nur an den Augenblick! Aber wer kann das? . . .« –

Martha blieb in der Burgstraße. Rudolf widersetzte sich nicht. Er fühlte offenbar eine Erlösung – nun war er in seinem Reiche ganz allein. Minna überlegte hin und her, ob es ihre Pflicht wäre, Martha zu ihm zurückzuschicken. Aber sie kam davon ab, und Below gab ihr recht. Beide erkannten immer tiefer, was für ein prachtvoller, elend mißbrauchter Mensch diese Martha war. Sie gewannen sich ein Kind an ihr, dessen Seele sie aufrichten konnten. Zur Scheidung kam es nicht. Dagegen sträubte sich Martha vor allem ihres Vaters wegen. Wünschel sollte den letzten Triumph, der für den alten Hasser wirklich ein Triumph war, nicht erleben. Aber sie zog ihn jetzt energischer zu sich heran, sie brachte es dazu, daß der Sonderling, der mit niemand verkehrte, zu Belows hinaufkam. Joachim Friedrich hatte nichts dagegen, und Minna gewann für ihre Einsamkeit immerhin einen Menschen, der aus derselben Zeit stammte wie sie.

Sie konnte mit Wünschel über Leute und Dinge plaudern, die dem gegenwärtigen Berlin ganz fremd geworden waren. Einfach gestalteten sich diese Stunden freilich nicht, denn Wünschel war ein unzähmbarer Streiter, und auch Minna pflegte von ihrem Urteil nicht abzugehen. Es kam zu hitzigen Debatten. Sie warfen sich bei den sachlichsten Gelegenheiten persönliche Wahrheiten an den Kopf. Mehrmals schon war Wünschel davongelaufen. Aber er kam immer wieder.

Die letzte Gelegenheit zu einer Aussprache war auch ihm eine Wohltat; er sah mit einem Gemisch von Schmerz und Genugtuung sein trauriges Kind bei den Belows, und in gemeinsamen Spielstunden versöhnte man sich wieder. Den biederen »Franzefuß«, den kein Mensch in Berlin mehr spielte, Piquet und Sechsundsechzig wurden von Minna und Wünschel hervorgeholt. Wenn die beiden Alten sich gar nicht mehr vertragen konnten, kam Martha dazu, und es wurde ein Skat. Wie gern ließ sich die Tochter dabei von dem alten Grobian ausschelten, als ob sie noch ein kleines Mädchen wäre.

Wenn Below nach Hause kam, blieb es nicht so friedlich. Der Alte gab zwar Wünschel gegenüber seine vornehme Ruhe nicht auf. Aber wenn das Hündchen gar zu bissig wurde, mußte er sich zur Wehr setzen. Solange es möglich war, blieb die Unterhaltung in einem zwar freien, aber humoristischen Ton. Die Frauen konnten lächelnd, wenn auch in geheimer Angst, dabeisitzen.

»Na, Below?« fragte Wünschel wie ein grinsender Teufel, die Arme unter dem schiefen Kopf verschränkt. »Wie geht's denn? Schiebt er Sie noch nicht bald ab?«

»Wen meinen Euer Hochwohlgeboren?«

»Ich meine Seine Königliche Hoheit, den Herrn Sohn! Der wird Sie doch sicher bald abschieben. Der kann Sie ja gar nicht mehr brauchen. Sie haben ja ein viel zu ehrliches Gesicht dazu.«

Below verfärbte sich, blieb aber ruhig und rührte lächelnd in seiner Kaffeetasse. »Schwerer Irrtum, mein Verehrtester. Sie übersehen, daß ich an der U. B. mit meinem Grundstück beteiligt bin.«

»Nee, Below. Sie waren mit Ihrem Grundstück beteiligt.«

»Was heißt das? Sollten Sie nicht was Niederschlagendes nehmen?«

»Lassen Sie sich lieber 'ne kalte Kompresse machen. Sie hatten ein prachtvolles Grundstück Unter'n Linden, zwei Millionen wert. Sind Sie sich darüber klar, wie viel es jetzt noch wert ist? Welche Mäuler und Löcher der Herr Generaldirektor damit zugestopft hat? Und die Zinsen? Sehen Sie viel davon?«

»Das werde ich Ihnen nicht auf die Nase binden. Sie halten ja alle Leute für bankrott, weil Sie 'mal die angenehme Erfahrung gemacht haben.«

»Das gehört nicht hierher! Ich hatte kein Schwindelunternehmen!«

»Andere Leute auch nicht!«

Wünschel sah zur Tür, als wollte er wieder davonlaufen. Aber Minna mischte sich ein. »Jott, zankt Euch doch nich immer. Dabei kommt doch jar nischt raus. Ihr kleener Handschuhladen, Herr Wünschel, und die U. B. – das sind doch janz verschiedene Sachen.«

»Gewiß, Frau Below. Sie Friedensengel. Genau so wie Ihre Wohnung hier und die am Kurfürstendamm. Aber meine Tochter scheint diese hier vorzuziehn. Was, Martha? Nee, daß ich Dich hier sehe! Darüber kann ich mich nicht beruhigen.«

»Ich hab' es schon getan, Vater.«

»In 'ner nuttigen Stube sitzt sie und fühlt sich wohler als in fünfzehn Zimmern mit Wintergarten und Speisesaal und römischem Bad und Hutzimmer und Stiefelzimmer und –«

»Vergiß nur den Kamin nicht, Vater – den mit dem künstlichen Feuer.«

»Was is'n das?« fragte Minna erstaunt. Martha lächelte.

»Hast Du das nicht gesehen, Mutter?« fragte Below, der plötzlich seinen Humor wiederfand. »Das is 'n großes, mächtiges Ding, wie ein Kamin im Schloß, und da drin is Holz, wahrscheinlich künstliches, und künstliches Feuer brennt drin, denn es stecken elektrische Lampen hinter, und die drehen sich, und durch die Drehung ziehen an der Kaminwand hinten Schatten vorüber, und das sieht denn wie Rauch aus.«

»Und vor dem Kamin sitzt man, wie die Leute in alten Zeiten!« fügte Martha hinzu. »Man sieht in ein kaltes Feuer, Mutter, und freut sich über den Rauch, der keiner ist, und wärmt sich . . .«

»Brrr,« machte Minna. Sie hüllte sich fest in ihr Tuch ein.

»O, das ist aber das Richtige für Rudi Below!« rief Wünschel. »Da kann er seine Gefühle los werden! Da kann er Teilhaber fangen!«

»Sprich jetzt nicht von Rudi, Vater . . .«

»Der Mensch soll ja ein Leben führen! Märchen erzählt man sich von seiner Verschwendung! Wissen Sie das schon, Below?«

Below schüttelte den Kopf. »Was man sich erzählt, davon weiß ich nichts.«

»Er hat jetzt drei Automobile und fünf Motorboote. Er hat dem Sportklub in Wannsee ein eigenes Palais gebaut. Mit Spielsälen, mit Gartenfesten, mit Wasserfeuerwerk, alles auf seine Kosten. Und da soll's zugehen! Die Wannseer haben doch madiges Geld, aber so was ist noch nicht dagewesen . . .«

»Alles 'ne Art von Reklame. Bei Rudolf is alles Reklame.«

»Ein Wahnsinn ist es! Passen Sie auf, der schnappt noch über!«

»Ich danke Ihnen für Ihre liebenswürdige Prophezeiung.«

Minna mischte sich begütigend ein. »Kinder – man sollte doch auch was unternehmen . . . Nich immer so dösig zu Hause hocken . . .«

»Nanu, Minchen? Was willst Du denn?«

Sie sah ihren erstaunten Gatten lächelnd an, denn sie glaubte es selbst nicht recht. Dann aber fügte sie hinzu: »Na unser Abonnement im Opernhaus zum Beispiel –«

»Das haben wir ja längst aufgegeben.«

»Richtig! Ach, die schönen Zeiten sind auch vorüber. Niemann und die Lucca. Weißt Du noch? Wachtel in der Weißen Dame?«

»Und als Postillon von Lonjumeau . . .«

»Hoho – ho – ho – so schön und froh –!«

Jetzt erhob sich Wünschel und fuhr hastig in seinen geflickten Ueberzieher. »Da müssen Sie mich entschuldigen. Arien will ich hier nicht hören. Alter Opernschwindel. Nee, ich danke. Ich bin ein Verehrer von Richard Wagner.«

Nach diesem Bekenntnis ging er wirklich. Martha holte ihren Alten nicht zurück, denn die Abkühlung draußen tat ihm gut, und sie wußte genau, daß er wiederkommen würde. –

Für Below waren diese Begegnungen nur eine tragikomische Zerstreuung. Wünschel war eine Karikatur, ein Misanthrop und Neidkopf zwischen seinen vier Wänden. Der konnte ihm keine Klärung schaffen. Auch von den Bekannten, die er abends bei Siechen traf, hatte er nichts. Was er von Minnas Rückkehr erhofft hatte, erwies sich nur in der Sehnsucht als schön. Jetzt, da er sie wirklich besaß, das hilfsbedürftige Weib, stand zu viel zwischen ihnen. In ihm lag Schuld, in ihr lag Vorwurf. Beide wollten es nicht wahrhaben und täuschten sich mit ihrer zarten Rücksicht darüber fort. Die Dinge, die geschehen waren, reichten zu tief. Versöhnt wohl, aber einsam mußte Below bleiben. Auch haftete die Neigung für Rudolf immer tiefer in ihm. Dieser Dämon reizte ihn doch zur Bewunderung. Er sah, daß er hatte tun müssen, was er getan hatte. Doch Below sah ihn in den Abgrund steuern. Nicht durch Jugendsünde wie ehemals, sondern durch seine unverstandene, höhere Begabung. Diese Erkenntnis griff in das Vaterherz. So kam es, daß er sich mitten im verhaßten Getriebe am wohlsten fühlte. Doch noch einmal griff das Alte und Versunkene ihn hart an. Noch einmal mußten sie alle an ihm vorüberziehen, die grauen Geister, die er vertrieben hatte. Dann kehrten sie für immer in die Gruft des Vergessens ein.

Die ehemaligen Stammtischgenossen der Belowschen Ecke bildeten einen Schachklub. Er hieß der Klub der »Springer«, was eine sonderbare Bezeichnung für die verrosteten Herren war. Er bestand seit über dreißig Jahren. Man hatte jede Woche einmal über den elfenbeinernen Figuren gebrütet, und mancher Meister befand sich unter den alten Denkern. Aber der Tod hatte mehrere fortgeholt, und Belows Revolution sprengte den Schachklub vollends. Man sah sich nicht mehr. Es schien eine stillschweigende Auflösung zu bedeuten. Aber an Below nagte der Umstand, daß er Kassenwart des Klubs war. Er verwahrte in seinem Geldschrank noch das Vermögen, dessen Zinsen er gewissenhaft notierte, und das in drei Jahrzehnten beträchtlich angewachsen war. Was sollte nun damit geschehen? Ascher, der Einzige, den Below von den ehemaligen Genossen sah, riet zu einer wohltätigen Verwendung. Below stimmte eifrig zu, aber selbständig durfte er keinesfalls über das Geld verfügen.

Es half nichts: Die alte, knarrende Kutsche mußte noch einmal aus der Remise gezogen werden. Below berief eine Versammlung der Schachbrüder, die letzte. Sie wurde Wirklichkeit. An einem Winternachmittag, zur Dämmerstunde, hatte er die Männer, die er jahrelang nicht gesehen, in die Burgstraße geladen. Sie kamen, bis auf die jüngeren, Wechsler, Fork und Wiesenlattich, denen der Schachklub nichts mehr bedeutete.

Als Below mit pochendem Herzen am Kaffeetisch wartete und Minna einen selbstgebackenen Napfkuchen zerschnitt, klopfte es – wirklich, der alte Rösicke erschien und setzte sich sofort aufs Sofa, als wollte er einschlafen, wie er es in der Belowschen Ecke getan. Dann klopfte es wieder, und Kretschmar kam, etwas säuerlich neugierig, als suchte er hier Stoff für einen originellen Artikel. Dann hörte man draußen ein Scharren und Pusten, einen halblauten, heftigen Wortwechsel. War es möglich? Hauptmann von Weinschenk brachte den uralten König zu Below. Noch einmal protestierte der Professor in der Tür gegen die Unterstützung seines Freundes. Sie waren ganz unwirkliche Erscheinungen geworden. Als ob sie längst gestorben wären und Below, der sie herbeigerufen, nur darüber forttäuschen wollten – so saßen sie steif, mit eingehängten Gliedern am Tisch und warteten auf eine Ansprache. Jetzt kam auch Ascher, der einzige, der frischeren Zug in die Versammlung brachte. Der kam aus dem Leben.

»Professor,« flüsterte Below. »Unverändert . . .«

»Ja, ich verändere mich nicht mehr,« murmelte König. »Das hab' ich aufgegeben. Jetzt bin ich fünfundachtzig. Die Hauptsache ist, daß ich neunzig werde.«

»So'n Unsinn,« brummte Weinschenk. »Warum denn?«

»Das geht über Ihren Horizont, mein Lieber. Ich werde Geheimrat und kriege den Hohenzollernorden. Warum soll ich das nicht offen eingestehen?«

»Kolossal wichtig. Mit neunzig.«

»Fangen Sie bloß nicht wieder zu streiten an, meine Herrschaften,« sagte Ascher, während Below mit bewegtem Lächeln den Kopf schüttelte. »Das dauert mir sonst zu lange. Ich habe wenig Zeit.«

»Ich muß auch weg, ich muß die Duse interviewen,« sagte Kretschmar mißgestimmt, denn er hatte Zahnschmerzen. »Ach Gott, ach Gott, Frau Below! Is das 'n Altdeutscher? Mein Leibgericht! Wenn ich ihn man bloß noch essen dürfte!«

»Dürfen Sie, Herr Kretschmar. Meiner is leicht.« Minna verließ, nachdem sie alles hergerichtet hatte, das Zimmer. Nun regte man sich durch Kaffee und Kuchen an.

»Also zur Sache, meine Herren,« sagte dann Below. »Sie wissen, warum wir uns noch mal versammelt haben. Nicht Unter'n Linden – das haben Sie gewiß verstanden –«

»Wahrhaftig!« schrie der Hauptmann plötzlich wieder leidenschaftlich. »Das ooch noch! Da hätten mich nich zehn Pferde hingekriegt, in den verfluchten Affenkasten!«

Below lächelte. »Ich habe ja nicht mal ein Pferd bemüht, lieber Lorenz. Jedenfalls freu' ich mich, daß ich Sie bei der Gelegenheit alle mal wiedersehe.«

»Das Verjnüjen hättest Du lange haben können. Wir haben bei Vanselow jespielt. Du bist ja nie zu Vanselow jekommen.«

»Erlaube – einmal war ich da. Aber da war's nicht sehr gemütlich für mich. Und da blieb ich lieber weg.«

»Wir werden auch bald wegbleiben,« flüsterte der alte König. »Alle.«

»Ja, Below,« fügte Weinschenk düster hinzu. »Den Vorwurf können wir Dir nich ersparen. Du hast den entscheidenden Streich jejen uns jeführt. Erst wollten wir's nich wahr haben und verpflanzten uns. Zu Vanselow in der Chausseestraße. Aber was is die Chausseestraße jejen die Linden? Und was is Vanselow jejen Below? Wir kamen uns wie Schatten vor. Wir sahen uns ins Jesicht und fragten: Wozu denn eijentlich der janze Schwindel?«

Below stützte den Kopf in die Hand. »Also wir werden uns auflösen?«

»Wir . . . wir!« stöhnte König. »Das ist unlogisch, mein Lieber! Das muß ich Ihnen korrigieren. Es löst uns auf!«

»Was soll denn mit dem Geld geschehen?«

»Machen Sie damit, was Sie wollen. Irgend etwas Gutes. Was Sie wollen. Sie sind Joachim Friedrich Below. Das genügt uns.«

Ein schmerzliches Schweigen folgte auf des Professors Worte.

»Wenn ich nur das eine bejreifen könnte.« flüsterte Weinschenk plötzlich. »Daß Du das alles – daß es mit Dir so weit jekommen is . . .«

Below richtete seine großen, blauen Augen auf ihn. »Das wirst Du wahrscheinlich nie begreifen, Lorenz. Denn ich bin auch noch nicht so weit.«

Professor König erhob sich langsam. »Nun können wir wohl gehen?« fragte er, einen grimmigen Blick umherwerfend. Alle fühlten den Augenblick des Abschieds und standen erschüttert. Kretschmar hielt sich abseits. Er drückte sein Taschentuch an die Backe. Er hatte doch von dem Altdeutschen gegessen, und sein Zahnschmerz war stärker geworden.

Weinschenk schüttelte Joachim Friedrich plötzlich die Hand. »Below, ich seh' Dir's an, daß Du Dich doch nich jlücklich fühlst. Trotz allem. Und wenn unsre Weje nu auch auseinander jehn – Du weißt, wir sind Brüder. Denk' an unsere Loge – – erinnere Dich immer, was ein Freimaurer soll.« Der Hauptmann umarmte Below, und dieser zitterte. Da wischte sich auch Professor König die Augen.

Plötzlich aber äußerte sich der alte Rösicke, der sich aus seiner Schlummerecke aufgerafft hatte. Er sagte etwas, was alle überraschte: »Was is denn schließlich ein Haus? . . .«

Ascher näherte sich. »Ein Haus ist das, was man darin erlebt hat, Herr Rösicke. Und unsere Erlebnisse in der Belowschen Ecke waren zu Ende.«

König fuhr zu Weinschenk herum. »Sie sollten sich jetzt noch auf Ihr Gut bei Oranienburg zurückziehen!«

Da lachte der große Hauptmann. »Der is nich dot zu kriejen! Na, kommen Se, Jüngling! Adjö, Below! Jrüß' Deine Frau –«

Weinschenk, König und Rösicke hatten das Zimmer verlassen. Als Below seiner Erregung Herr wurde und vom Fenster zurücktrat, sah er, daß Berthold Ascher geblieben war. Er stand mit seiner breiten Stirn und seinen welken Zügen verlegen da. Der Winterrock des Millionärs, auf den die Abendsonne schien, war gar nicht elegant, und seine Haltung erinnerte an den Hausierer, der sein Großvater gewesen war. Er warf Below einen scheuen Blick zu.

»Kann ich Ihnen noch mit was dienen, Herr Kommerzienrat?«

»Nein, Sie nicht. Ich möchte Ihnen mit was dienen.«

»Nehmen Sie doch bitte Platz.«

»Danke. Ich gehe auch gleich. Ich bin heute gekommen, Below, obwohl ich mir aus dieser Kriegervereinsstimmung nichts mache. Sie kennen ja meinen Geschmack.«

»Eiskeller, aber zuverlässig.«

»Sie unterschätzen meine Temperatur. Ich möchte Sie nämlich warnen.«

»Wovor, Herr Kommerzienrat?«

»Sie sind kein Kaufmann. Nie einer gewesen. Wenigstens im Sinne unserer Zeit nicht.«

»O weh – was bin ich denn sonst?«

»Ein Mensch, den man nicht im Stich läßt. Sie stecken im Unternehmen Ihres Sohnes. Davor möchte ich Sie warnen.«

Below wich einen Schritt zurück. »Glauben Sie denn von meinem Sohn mehr zu wissen als ich? . . .«

»Das tu' ich sicher. Ich schätze Ihren Sohn. Er ist ein genialer Phantast, aber in Berlin wird er das büßen müssen. Er steuert im Schnellzugstempo auf den Ruin zu. Sein unsinniger Aufwand und die bedenklichen Rechnungsberichte. Ein Drittel seiner Teilhaber ist faul. Die ganze Gesellschaft hätte so nicht gegründet werden dürfen. Wechsler ist ein Schwindler.«

»Wechsler – –?«

»Sag' ich Ihnen damit was Neues? Er hat seinen vertrottelten Onkel dermaßen eingeseift – außerdem soll eine Mündelgeldergeschichte schweben – man wird wohl nicht mehr lange das Vergnügen haben. Und auf seine Geldleute lauert die amerikanische Krisis. Ich kenne alle Konjunkturen, Below. Ich sehe kommen, was steigt und fällt. Durch meine Finger laufen die Chancen aller neuen Unternehmen. Wenn Ihre Gesellschafter fallen –«

»Fällt auch das Haus? . . .«

»Ein Belowsches Haus fällt nicht so leicht.«

»Das alte is sehr schnell gefallen . . .«

»Da irren Sie sich, Below. Das fiel in mindestens fünfundzwanzig Jahren.«

»Sie sind mir unheimlich, Herr Kommerzienrat. Wenn Sie's wirklich gut mit mir meinen – warum haben Sie mich denn nicht längst gewarnt?«

»Es war noch nicht an der Zeit. Einen Belowschen Dickkopf muß man erst gegen die Wand rennen lassen. Jetzt komm' ich und sage Ihnen: Ziehen Sie die Füße aus dem Sumpf. Halten Sie die Hand auf Ihr Bestes.«

»Was is das? . . .«

»Ihr guter Name, Below.«

»Mein Name?«

»Und auch Ihr Geld, um nicht pathetisch zu werden. Wie weit Ihr Grundstück Ihnen noch gehört, will ich nicht beurteilen. Aber rühren Sie Ihren Alterspfennig nicht an. Niemand ist sicher davor, das Letzte herzugeben für seine Kinder.«

»Das sagen Sie?! . . .«

»Jawohl. Weil ich mich zeitlebens vor meinen Kindern in acht genommen habe.«

Below ging langsam auf und ab. »Wir sind zu verschieden . . . Ich habe gedacht, daß ich bei ihm bleiben muß . . . daß ich da sein muß – drüben – auf meinem Grund und Boden – Sie verstehen, wie ich das meine – wegen des Namens!«

»Das ist Ihr gefährlicher Irrtum, Below.«

»Wollen sehen! . . . Jedenfalls danke ich Ihnen bestens, Herr Kommerzienrat. Was Sie mir gesagt haben – so hab' ich's noch nie betrachtet. Das wär' ja fürchterlich . . .«

»Man muß abwarten. Ziehen Sie sich nur erst zurück.«

»Ich werde es von meinem Sohn abhängig machen. Ich werde ihn auf die Probe stellen. Wenn er mich gehen läßt – dann geh' ich.«

»Ich kann Ihnen, glaub' ich, das Resultat voraussagen. Nun Adieu. Ich muß ins Café, Schach spielen. Das kann ich nicht entbehren. Aber man braucht keinen Klub.«

»Ins Geschäft gehen Sie gar nicht mehr? In Ihre Riesenhäuser?«

»Wenig. Das überlass' ich meinen Söhnen.«

Ascher ging. Als Below allein war, sah er sich in dem kleinen Zimmer um, das schon fast im Dunkeln lag, und rang die Hände. »Seinen Söhnen . . .«

Zehntes Kapitel

Ueber dem See von Arendswalde lag der Mondschimmer einer Frühlingsnacht. Hermann und Anna hatten in ihrem Häuschen lange musiziert, das Kind schlief, und Annas Mutter, die kleine, altjüngferliche Frau mit dem ebenholzschwarzen Haar, war auch zur Ruhe gegangen. Hermann öffnete ein Fenster. Rasch trat Anna zu ihm und legte den Arm um seinen Körper. Sie atmete tief. »Jetzt wacht es auf,« sagte Hermann. »Das wollen wir hier noch erleben.«

»Wirklich?« fragte Anna. »Nur dies noch?«

Er antwortete nicht und griff nach Mantel und Hut. Sie hüllte sich in ein Tuch, und so gingen sie hinaus. Das Haus wurde sorgfältig zugeschlossen – Roland, der Bernhardiner, wachte im Garten. Langsam schritten sie Arm in Arm zum See hinunter. Wie eine Silberplatte lag er vor dem schwarzen Saum des Waldes. Es war schon der Duft des Kommenden in der Luft. Irgendwoher, aus dem Süden, brachte der Wind ihn mit. Auf dem niederen Sandufer, neben den Schilfstauden, in denen es zuweilen geheimnisvoll raschelte, schritten die jungen Menschen bis zur Bucht hinüber. Dort lag der Kahn.

»Ja, Anna. Wir wollen dabei bleiben. Zum Herbst hier fort. Deine Mutter sehnt sich nach Berlin – wir müssen ihr diesen Wunsch erfüllen. Und auch unsertwegen. Des Kindes wegen. Wir verkaufen ja das Haus nicht. Wir können jeden Sommer zurück.«

Anna sah auf den feuchten Boden, der unter ihren Schritten leise vibrierte. Ihr kleines Gesicht unter der dunklen Haarlast war tief beschattet. »Wenn ich es nur ganz einsehen könnte, Hermann. Mutter war nie gern hier. Sie denkt auch viel an Vaters Grab. Aber wir? Doch wieder in Berlin? Wenn wir selber das Kind unterrichten – geht das nicht?«

»Es geht – aber das genügt nicht, Anna. Alles hängt mit der Erkenntnis zusammen, die ich jetzt habe: Unser Leben hier war wundervoll, war notwendig – aber es war ein künstliches Leben, kein geborenes, selbstverständliches – ein Leben der Willkür . . .«

Annas große, dunkel leuchtende Augen sahen ihn an. Sie lächelte. »Du Grübler . . . Dir steht noch immer das alte Belowhaus vor Augen . . . Du glaubst auch etwas niedergerissen zu haben . . .«

»Ja, Anna!« rief Hermann lebhaft. »Ich suche die Heimat!«

»Dort, wo es nie eine Heimat geben kann?«

»Ich glaube, man darf die Sehnsucht danach nicht aufgeben. Sogar, wenn man Berliner ist.«

»Besser wär's. Ich dachte oft, es wär' Dir schon gelungen.«

Jetzt schwiegen beide – ohne Verstimmung, aber mit einer leisen, unruhigen Traurigkeit. Sie waren bis an die Bucht gelangt und setzten sich auf eine Bank, die etwas erhöht am Ufer stand. Hermann ließ den Kahn noch an der Kette. Sie gaben sich beide im weichen Nachtfrieden dem Durchdenken ihres Vorsatzes hin.

Im vergangenen Winter war Hermann zu seinem Ergebnis gekommen. Oft schon hatte er Anna davon überzeugt – oft auch schon war ihre Zustimmung wieder in Zweifel entglitten. Sie hatten in Arendswalde eine wunderbar reiche Zeit verlebt. Beide in Arbeit versponnen, Hermann wissenschaftlich, Anna künstlerisch, beide erfolgreich. Sie brauchten die Unterstützung von Hermanns Eltern nicht mehr. Sie konnten selbständig ihren Haushalt führen, die Mutter ernähren und ein Dienstmädchen halten. Sie lebten zwar nicht viel besser als die Bauern um sie her, aber wie wohl tat ihnen ihre stolze Unabhängigkeit. Auch wuchsen Hermanns Wissenschaft und Annas Poesie aus einem Boden, wie Bäume, deren Kronen sich treffen und verschränken. Aber das Wort, das ihnen anfangs als klärende Richtschnur notwendig gewesen, wurde ihnen allmählich zur Fessel: Sie lebten in einer Theorie. Ihr Mitleid sprach in Büchern, nicht im Leben. Wohl taten ihre Bücher lebendige Wirkung, aber sie waren beide junge, mutige, von Wirklichkeit befeuerte Menschen – ihre Einsiedelei wurde ihnen Egoismus, ihr Weltbürgertum Verrat.

So empfand es Hermann, und er zog Anna allmählich in seine Empfindung hinein. Anna war Russin – für sie lag in weiter, unbekannter Ferne, wie ein schwermütiges Lied, was Heimat hieß. Sie war mit aller Energie ins Deutschtum gelangt. Aber der Vorwurf, vor kühner Praxis in bequeme Theorie geflüchtet zu sein, brauchte nur einmal ausgesprochen zu werden, und er verließ Anna nicht mehr. Auch sie war ein Mensch der Tat. Es kam ihr ebensowenig, wie dem Ungestüm des Mannes, darauf an, ihre einsamen Träume fortzuwerfen.

»Unsere Reisen, Hermann,« begann sie plötzlich, in der tief verwobenen Stille vor ihrer eigenen Stimme erschreckend. »Denk' an unsere Reisen. Wir sind ja nie an Ort und Stelle geblieben. Wir sind keine Stubenhocker, die sich aus den Fingern saugen, was beladene Menschen glauben sollen. Wir sind ja nach dem ersten Jahr schon fortgegangen. Nach Frankreich, nach England. In der Schweiz haben wir beide am besten gearbeitet. Denk' doch, was Du in Zürich alles erlebt hast.«

»Menschenschicksale. Unglaubliche, traumhafte in unserer zynischen Zeit.«

»Und als wir im Kohlenrevier waren – in Westfalen – das war doch Wirklichkeit. Da haben wir auch ein bißchen nützen können.« Anna lachte plötzlich leise. Es war der tiefe Wohllaut ihres russischen Lachens. »Wir haben sogar vierzehn Tage im Gefängnis gesessen – wegen Aufruhrs – alle beide.«

Hermann blieb ernst. »Armes Kind. Du warst recht elend.« Er küßte ihre schmale Hand. »Aber zum Glück waren wir beide nicht ›vorbestraft‹. Jetzt sind wir's, und wir wollen uns vor Dummheiten in acht nehmen. Wir wollen es anders machen. Was nützt denn das Reden? Man muß praktische Arbeit tun. Seelen stärken, Geister finden – jeden Menschen nehmen, als Reich für sich. Aber Du hast recht. Im Bergwerk – das war unvergeßlich. Fördern! Fördern! So klingt es mir immer noch in den Ohren. Das sagte unser Freund Kammerloher, als ihm zwei Kinder an der Diphtheritis gestorben waren. Er durfte nicht bei seiner Frau bleiben, er mußte zur Schicht.«

»Er gehörte später zu den sieben, die von den schlagenden Wettern getötet wurden.«

»Aber seiner Frau hast Du geholfen, Anna.«

»Wir schreiben uns noch immer.«

Sie standen auf und schritten zum Wasser hinunter. Hermann löste den Kahn. Bald trieben sie hinaus. »Ich meine ja nichts anderes als Tatkraft,« begann Hermann wieder, die Ruder ruhen lassend.

Sie waren auf der Mitte des Sees, zwei dunkle Menschen in der schimmernden Märchenwelt. Aufgescheuchte Wildenten flogen an ihnen vorüber und streiften rauschend das Wasser.

»Gewiß. Ich meide auch alles, was ich geschrieben habe. Ich werde die Scham dann nicht los.«

Hermann küßte Anna. Sie legte ihre Hand auf seinen Kopf, als wollte sie gewiß sein, daß ihr Liebstes da war.

»Fürchtest Du Dich vor Berlin?« fragte er nach einer Weile mit umflorter Stimme. »Ich darf Dir nicht schaden.«

»Kind,« erwiderte sie mit einem Lächeln, das jeden Zweifel aufhob. »Ich bin, wo Du bist. Du denkst an Deine Eltern?«

»Auch, Anna. Ich sehe sie in Gefahr. Ich darf sie nicht allein lassen. Sie werden sich wundern über den ›Bücherwurm‹. Aber wenn er nur zur rechten Zeit kommt. Und es reizt mich auch, die Kraft von Berlin zu erproben, wie ich sie jetzt erkannt habe. Rudolf zieht alles in den Sumpf der Schwäche. Ich bin sicher, daß ich der Realist bin, und er der Phantast. Ich will jetzt anders wiederkommen.« –

Nun war ihr Entschluß gefaßt. Annas Mutter zeigte sich tief erfreut. Den schönsten Sommer verbrachten sie noch in Arendswalde, dann aber zogen sie zu fünfen (das ländliche Dienstmädchen wurde mitgenommen) in die Hauptstadt. Mitten in das steinerne Häusermeer wagten sie sich freilich nicht, sondern wählten in Zehlendorf, nahe am Grunewald, ein stilles Haus, wo nur die Wirtin, eine kinderlose Witwe, wohnte. Die Verbindung mit Berlin war gut, und die kurzen Fahrten boten mehr Erfrischung als Anstrengung. Hermann und Anna waren Menschen, die gern unterwegs blieben. Für die kleine Minna stand die Zehlendorfer Schule bereit. Aber sie konnte noch lange zu Hause bei Großmama bleiben.

Hermann kam fast nie nach Berlin, ohne die Eltern in der Burgstraße zu besuchen. Das war für die alte Minna ein großer Gewinn. Auch Joachim Friedrich zeigte ein leises Beglücktsein durch Hermanns Heimkehr. In ihm stand die Hochschätzung für diesen Sohn jetzt fest. Mit bewunderndem Neid sah er in seine fremde Welt.

Als Hermann eines Morgens nach Berlin fahren wollte, gab ihm Anna einen Brief. Ihr Gesichtsausdruck zeigte, daß die Post etwas Besonderes gebracht hatte. Der Brief war aus der ›Union Berlin‹ und mit dem Stempel ›Generaldirektor‹ versehen. Es war Rudolfs Schrift. Der Inhalt lautete:

»Lieber Hermann! Ich höre von Vater, daß Du wieder nach Berlin gezogen bist. Laß Dir sagen, daß mich dieser gesunde Entschluß erfreut. Wir sind ja schließlich Brüder, und ich nehme teil an Dir. Wenn Du dieselbe Empfindung mir gegenüber hast, habe ich eine Bitte. Besuche mich möglichst bald in der U. B. Um 12 Uhr triffst Du mich täglich. Es zieht mich zu Dir, ich habe Dich mancherlei zu fragen. Ich bin überzeugt, daß Du kommen wirst. Aber komme bald. Schönen Gruß, auch unbekannterweise an Deine Frau, die mich nun hoffentlich ihrer Bekanntschaft würdigen wird. Dein Rudolf.«

Hermann und Anna sahen sich an. Sie lächelten nicht. Es war eine Freude und zugleich ein Erschrecken in ihren Zügen.

»Daß er das tut . . .,« flüsterte Hermann.

»Geh' heute noch hin – es muß einen besonderen Grund haben.«

»Gewiß. Sieh nur die Handschrift. So hab' ich Handschriften –« Er stockte.

»Was wolltest Du sagen, Hermann?«

»So hab' ich Handschriften in der Psychiatrischen Klinik gesehen.«

»Er ist gewiß ganz überanstrengt. So ein Mensch verschleudert seine Kraft. Aber es gefällt mir –«

»Was, Anna?«

»Daß er gekränkt ist – weil ich ihn nicht kenne. Wir haben gewiß einen großen Fehler begangen, und er zeigt seinen alten Stolz. Wir wollen es nachholen.«

Hermann fuhr nach Berlin. Nach kurzem Aufenthalt in der Bibliothek schritt er die Linden entlang bis an die Ecke, die er jahrelang gemieden hatte. Stolz, in protziger Monumentalität lag die U. B. vor ihm. Als Hermann etwas schüchtern das Zentralbureau betrat, um sich bei Rudolf melden zu lassen, sah er sich seinem Bruder gegenüber. Rudolf stand in einem Schwarm von lebhaft gestikulierenden Geschäftsleuten. Zahlen wurden geschrien, Beteuerungen gemacht – man konnte sich nicht einig werden. Sobald aber Rudolf seinen Bruder erblickte, ließ er die verblüfften Schreier stehen und zog ihn in sein Privatkabinett.

»Setz' Dich, Hermann. Danke Dir, daß Du gekommen bist. Das ist famos von Dir, Junge. Was sagst Du zu dem Hexensabbath? Na – das hab' ich alle Tage. Wie geht's Deiner Frau?«

Jetzt, als Hermann diesem fahlen, aufgedunsenen Antlitz gegenüber war, zuckte er bei Annas Namen zusammen. Sie durfte hier nicht genannt werden. Auch wurde ihm wieder deutlich, welches Leben Rudolf führte, was er über seine Frau gebracht hatte. Rudolf war immer noch der elegante Dandy der letzten Mode, aber er hatte trotzdem etwas Verwüstetes. Seine Augen besaßen kein inneres Feuer mehr, sondern den stumpfen Glanz blauer Glasplättchen. Seine dickgeaderten, feuchten Hände fuhren ruhelos auf den Knien umher. Er glich in seiner brutalen Soigniertheit einem Zirkusdirektor, doch ohne die kühne Entschlossenheit eines Pferdebändigers.

Rudolf wartete Hermanns Antwort nicht ab, sondern lief plötzlich zur Tür, wo Herr Kuschel eben den geölten Kopf hereinsteckte. »Bin für niemand mehr zu sprechen!« brüllte er und schlug die Tür zu. Dann schloß er zweimal herum. Befriedigt wandte er sich zu Hermann, der in wachsender Befangenheit dasaß.

»Hermann – hör' mal zu – ich bin zu Resultaten gekommen, mein Junge. Du bist doch auch so 'n Erkenntnismensch, nicht wahr. Du grübelst auch immer. Ja, leider – wir Belows sind auf die Grüblerseite gefallen. Haben wir von unserm Vater. Mutter ist viel gesünder als wir, trotz ihrem Herzklapps. Aber was ich sagen wollte – Du hast jetzt erkannt, nicht wahr, daß Du doch nach Berlin gehörst – nicht in das Hammelnest da draußen – daß Berlin das einzig Wahre und Richtige ist.«

»Ich möchte es anders ausdrücken, Rudolf. Ich will darauf hinarbeiten, daß ich jetzt etwas Wahres und Richtiges für Berlin werde.«

»Läßt sich auch hören! Aber das ist ja einerlei, mein Lieber!«

»Doch wohl nicht? . . .«

Es entstand eine Pause. Rudolf machte ein etwas schmerzliches Gesicht, als ob er mit dem Kopf gegen die Wand gelaufen wäre. Es zuckte um seine Lippen, aber er schwieg und ging, die Hände in den Hosentaschen, auf und ab. Darm blieb er wieder stehen. »Warum hast Du Dich eigentlich gar nicht um Erna gekümmert? Ist Dir bekannt, daß Deine Schwester vier Wochen in Berlin war?«

»Gewiß.«

»Hast Du sie absichtlich geschnitten, weil sie nicht nach der Burgstraße gekommen ist?«

»Ich habe sie überhaupt nicht geschnitten, und ihr Besuch in der Burgstraße war ihre Sache.«

»Na, na – Deine moralische Weltanschauung hat doch gewiß 'ne ganze Menge gegen Erna? Sie steht übrigens vollkommen anders zu Dir, das möchte ich Dir doch sagen. Sie hätte Dich von Herzen gern wiedergesehen. Nun ist sie fort, das Prachtmädel. Wie die Sonne ist sie untergegangen. In dem verfluchten Rußland muß sie Geld verdienen.«

»Ich will offen sein, Rudolf. Ich habe Erna gesehen.«

»Was?!«

»Ich bitte Dich auch, mir zu glauben, daß ich in Erna nur meine Schwester und einen merkwürdigen, selbständigen Menschen erblicke. Ich wollte einfach lernen, was für eine Welt sie sich geschaffen hat. Da ging ich abends in den Wintergarten. Es war ganz merkwürdig – das Herz hat mir geklopft, als ob das ganze Publikum auf mich sähe. Dann kam die ›große Nummer‹. Erna Paulana auf dem Bären. Ich sah unsere Schwester und liebte sie so – ich kann Dir's nicht beschreiben. Ich war im Innersten erschüttert. So schön. Und ihr Tanz auch. Es war ein großer Eindruck.«

»Wirklich? . . . Du warst also nicht entrüstet? . . .«

»Nein – es war anders. Zufällig stieß mich mein Nachbar, ein ungeheuer dicker Provinziale, der kaum sein Opernglas an den Augen halten konnte. Das war wie ein elektrischer Schlag. Ich erwachte. Ich sah mit einemmal, was um mich her geschah. Zweitausend Menschen glotzten ins Licht hinauf, wo meine Schwester stand. Sie sahen an ihr nur, was ich nicht gesehen hatte. Da krümmte ich mich zusammen . . . Als ihre Szene endlich vorbei war, lief ich davon. Noch immer höre ich die französische Melodie, nach der sie tanzte.«

Rudolf hatte sich gesetzt und starrte Hermann mit großen Augen an. »Unsinn,« flüsterte er nach einer Weile.

»Dir scheint es natürlich so. Ich mußte jedenfalls meine Absicht, ihr einen Gruß zu schicken, aufgeben. Ich ließ sie in ihrer Welt, uns beiden zu Gefallen. Sie weiß nichts von mir.«

»Das arme Ding. Sie hat sich direkt gesehnt nach Deinem Besuch.«

»Sage mir bitte davon nichts mehr, Rudolf.«

»So spazierst Du also immer noch durchs Leben? Na . . . Meine Hoffnungen sinken wieder.«

Hermann wurde ruhiger. Er lehnte sich in seinen Sessel zurück. »Was wolltest Du mir sagen?«

»Ach, es hat ja keinen Zweck.«

»Rudolf, ich bitte Dich.«

»Ich war eben fertig mit dem ganzen Gesindel. Mit der Schmarotzerbande da drüben. Verständnis für mich hat keiner.«

»Suchst Du Verständnis?«

»Was sonst?! Bin ich ein Holzklotz, bin ich ein Automat? Ich lebe in meiner Arbeit. Ich sage Dir, es ist übermenschlich, was ich leiste. Was ich im Kopf habe – keiner könnte mir das nachmachen. Und meine Frau ist mir davongelaufen. Mein Kind ist gestorben. Mein Vater geht um mich 'rum, als hätte ich silberne Löffel gestohlen. Es ist kein Vergnügen, Hermann.«

Er preßte das Gesicht in die Hände. Hermann rückte ihm etwas näher. »Wenn Du Verständnis suchst, Rudolf – ich trachte nur danach, Dich zu verstehen.«

»Wahrhaftig? Das hast Du mich aber nicht merken lassen. Ich bin nämlich ganz leicht zu verstehen. Man muß nur kein Philister sein, Hermann. Du bist mein Bruder – ich möchte Dir was anvertrauen – bist Du diskret?«

Hermann mußte lächeln. »Darauf kannst Du Dich verlassen.«

»Ich befinde mich in einer tragischen Krise. Hier wackelt alles. Mach' kein erschrockenes Gesicht – ich kann's mit einem Griff wieder in die Höhe reißen. Weißt Du, es ist eine ähnliche Situation, wie Napoleon sie oft erlebt hat. Aber die Art, wie ich hochkomme – das ist der Streit, darin versteht mich niemand. Zehnmal hab' ich den Wechsler jetzt 'rausgeschmissen – immer kommt er wieder und verlangt, ich soll mich ducken, ich soll mich durch Gemeinheiten sanieren. Um es kurz zu sagen: Kunst aus dem Automaten, verstehst Du, Essen für 50 Pfennig, Weine wie Lagerbier, Masse, Masse, Masse. Und dagegen wehr' ich mich – bis aufs Blut. Wenn Du die U. B. kennen würdest – wie ich sie gewollt habe – ich glaube, Du kennst sie gar nicht –«

»Doch, Rudolf. Ich bin durch alle Räume gegangen.«

»Einmal, nicht wahr? Als Giftspinne? Laß gut sein. Ich werde sie Dir noch 'mal zeigen. Damit Du mich verstehst. Ich fühle mich nämlich als Kulturträger, Mensch, ich bin ebenso Idealist wie Du! Das eine ist sicher: ein Kaufmann bin ich nicht, verdienen werde ich nie was – aber ich bin ein Organisator!«

»Du bist vor allem aktiv, und die andern sind subalterne Beamtenseelen.«

»Bravo, Hermann! Endlich 'mal ein vernünftiges Wort! Subalterne Beamtenseelen! Das sind sie! Oder Schwindler! Und das bin ich nicht! Bei Gott nicht, Hermann!«

Der Bruder zuckte zusammen. »Warum versicherst Du mir das erst?«

»Ich denke an folgendes: Ich brauche einen freien, großzügigen Kopf. Einen Menschen, der für mich empfindet. Vater ist nur ein alter Lakai – der ist unbrauchbar. Höchst anständiger Mensch, aber 'ne preußische Hofschranze. Es ist fürchterlich, wie einsam man in Berlin wird. Und man denkt – Herrgott – der große Markt – da braucht man nur hinzulaufen, und man wird gesehen, verstanden!«

Hermann sah ihm fest in die Augen. »Das war ein ernstes Wort, Rudolf. Du bist wirklich zu einer Erkenntnis gekommen.«

»Wieso –?

»Rette Dich vor dem großen Markt!«

»Ich soll mich davor retten? Kommandieren will ich ihn!«

»Das ist unmöglich. Müller und Schulze sind große Herren geworden. Die wollen selber kommandieren. Philister über Dir, Simson.«

Rudolf lies zum Fenster. »Unsinn! Man muß die Philister vor ein Fait accompli stellen! Ich habe neue Ideen, Expansionspläne! Soll ich Dir die erzählen? Willst Du Kopf stehen, Mensch?«

»Ich danke, auf meinem Kopf steh' ich sozusagen immer, ohne ein Akrobat zu sein.«

»Akrobat?«

»Ja, Rudolf. Du machst nur Kunststücke. Du amüsierst die Leute, Du bildest sie nicht.«

»Was heißt das?«

»Ich kann mir ja denken, was Dich berauscht hat. Wer in Berlin auf den Straßen herumläuft, wird davon angesteckt. Da sieht man die Spannung in allen Gesichtern – nirgends Ruhe in sich selbst, nirgends Sammlung, keinen Halt in der freien Natur. Niemand hat Zeit, jeder nützt die Zeit. Wer zu spät kommt, wird überrannt. Das Tempo hat Dich ergriffen. Du wolltest belauschen, was momentan gefällt, wofür jeder einen Blick hat, bevor er weiterhastet im Getriebe. Aber das ist unmöglich, wenn es nicht skrupellos geschieht. Und Du hast Skrupel.«

»Die hab' ich! Und die werde ich mir nicht nehmen lassen!«

»Du sagtest aber, daß Du nicht ausführen kannst, was Du vorhast. Was hast Du vor?«

»Komm' mit! Ich hasse die graue Theorie! Ich werde Dir in der Praxis zeigen –«

»Rudolf, wenn Dir Deine ganze Gründung wirklich nicht mehr gewesen wäre als ein Bluff –«

»Ein Bluff, Junge?!«

»Verzeih' das harte Wort. Ich meine, dann würdest Du sicher schon die Hand davongelassen haben.«

»Ich habe nie Geschmack gehabt – das ist mein Unglück. Aber Energie, Temperament wirst Du mir nicht abstreiten, Hermann. Weißt Du denn, was in diesen Räumen schon alles zur Entfaltung gekommen ist? Es gibt kein schönes Weib, das hier nicht am schönsten gewesen ist! Es gibt keinen berühmten Namen, der nicht auf dem Programm der U. B. gestanden hat!«

»Namen? Schönheit? Waren sie Dir ein höheres Programm? Hast Du nach der Bedeutung gewählt oder nach der Reklame? Entschied Dein Urteil oder Dein Betriebsvermögen?«

»Ich denke, das führt zu nichts. Wir wollen lieber –«

»Ich werfe Dir ja nichts vor. Im Gegenteil – Berlin entschuldigt Dich. So will es Berlin, genau so, wie Du es gemacht hast. Das Berlin, das jede Mode anbetet, die anderswo entstanden ist. Das amerikanische Berlin. Nicht das, wo wir geboren sind, und wohin wir immer wieder zurück können.«

»Was ist das? Du Träumer! Was meinst Du eigentlich – –?«

»Du hast Dich in einer Zeitung ›Antihistor‹ nennen lassen! Wenn Du das wärst, Rudolf! Aber Du hast nur ein Vergnügungsetablissement gegründet! Die Herrlichkeit des Antihistor ist das wahre Berlin, die erlösende Zukunft! Fliegen können, durch tausend Meilen sprechen, die ganze Welt eine Reise von Tag und Nacht! Das ist Berlin, wie es unsere Enkel finden werden! Neuland! Um daran zu glauben – deshalb bin ich zurückgekommen!«

»Das klingt ja fast wie mein Programm! Damit soll ich nichts zu schaffen haben?«

»Wir haben alle damit zu schaffen – das kann nicht der Sieg eines einzelnen sein.«

»Hermann! Wir treffen uns doch noch! Warum sollte meine Gründung das nicht sein? So war sie gedacht! Ich beuge mich Dir, weil Du Geschmack hast und Urteil über alle Werte. Tu' Dich mit mir zusammen, Hermann. Zwei Belowsche Söhne – dann wird es was. Dein Wissen, mein Temperament. Es kommt mir nicht drauf an, alles niederzureißen, was ich schon gebaut habe. Wenn nur das Richtige an die Stelle kommt. Ich konnte die Pfuscher nicht beurteilen. Diesen Fork, diesen traurigen Putztitanen, diesen Wechsler, den glatten Schmarotzer. Wenn ich nur Geld habe! Ich bin ein Stehauf, Hermann.«

»Ich kann Dir ebensowenig Geld verschaffen wie meine Arbeitskraft. Ueber das ›Richtige‹ sind wir grundverschiedener Meinung. Ich bin bei jedem guten Buch zu Hause und Du bei jeder Menge, die Du elektrisch beleuchten kannst.«

Rudolf stand am Fenster. Er preßte die heiße Stirn an die kalte Scheibe. »So geh'. Du hochmütiger Bücherwurm.«

»Schickst Du mich fort? Was hättest Du davon, wenn ich mit Dir schwärmte und Dich doppelt belöge? Solche Herren findest Du genug.« Hermann erhob sich und trat zu Rudolf. Er ergriff plötzlich mit Herzlichkeit seine Hand. »Aber deshalb hast Du mich nicht gerufen. Du wolltest etwas Besseres, Rudolf. Dein Instinkt war richtig. Wir sind Brüder.«

Mit einer sonderbar müden Trauer sah der Unternehmer ihn an. »Du kannst mir aber nicht helfen . . . Es wäre sogar besser gewesen, wenn Du nicht gekommen wärst. Du entmutigst mich nur.«

Hermann wurde von Qual ergriffen. »Wenn ich das tue – was ich bei Gott nicht will – dann laß mich Dich entmutigen, wie es gut für Dich ist. Laß Dich überzeugen, daß Du Dich verschwendet hast. Daß es etwas Besseres gibt – –«

»Es gibt nichts Besseres!« rief Rudolf mit schneidender Stimme. »Für mich nicht!«

»Sprichst Du von Dir? . . .«

»Geh', Hermann.« Ein sonderbares Lächeln zuckte um Rudolfs Lippen. »Ich danke Dir. Entschuldige den Zeitverlust. Du bist und bleibst ein wunderlicher Heiliger.«

»In einem bin ich Dir doch nahe. Ich weiß jetzt, was stark an Dir ist.«

»Dickkopf!«

»Ich beneide Dich, Rudolf. Du bist weiter als ich. Du gehörst schon, trotz Deinem Irrtum, zu den Kommenden.«

Nach diesen Worten ging Hermann. Wie berauscht schritt er die Linden entlang. Anfangs meinte er, Rudolf einen Trost, an den er selbst nicht glaubte, gespendet zu haben. Dann aber, im Tageslärm erwachend, spürte er, wie tief ihm das Bild des Bruders im Herzen saß. Ja, er bewunderte ihn. Er hatte Tränen in den Augen, wie durch eine immer wiederkehrende Erschütterung, obwohl er nur das bunte Nichts einer Seifenblase gesehen hatte. –

Rudolf aber trieb es jetzt ganz ins Unbestimmte hinaus. Für ihn gab es nur noch den Sieg des Tages, die stündliche Gefahr. Er biß sich in den Gedanken fest, daß Hermann sein Feind war. Alle, die von ihm abhingen, waren ihm näher als sein Bruder.

Was ihn nicht interessierte, vernachlässigte er. So kam es, daß große Ressorts unter den Einfluß Wechslers kamen, der nur Geld machen wollte. Die ›Bierabteilung‹ vergrößerte sich über Nacht, und Berlin konnte in den billigsten Delikatessen schwelgen. Doch fehlte die großzügige Solidität der Leitung. Rechtsanwalt Wechsler organisierte auf dem Papier, und die Geschäftsführer, die er anstellte, waren nur mit ihrer Gage dabei. Das Publikum aber, von dem man abhing, hatte die feinste Witterung für innere Schäden. Nur Vollendung durfte es für so billiges Geld geben – sonst konnte man sich ja anderswo quetschen und schlecht bedienen lassen. Man forderte eine hygienische Musterwirtschaft. Ein unfrischer Hummer trieb tausend Menschen fort. Rudi Below hätte es zusammenhalten können, aber er haßte die ›Bierabteilung‹.

Auch in den Tanzsälen ließ er sich nicht sehen. Da flogen die Nachtschwärmer umher – es gab keinen Zwang mehr. Ein farbiger Lichtstrudel von schlechtem Getier durfte jetzt ohne Scheu in der U. B. sich tummeln. Aus den billigen Restaurants kamen sie in die Räume der Grace. Sie johlten der Musik zu. Am frühen Morgen sah es vor der Belowschen Ecke aus, als ob die verstecktesten Lokale sich hier zusammengetan und ihre Gäste entlassen hätten.

Dort aber, wo es ›vornehm‹ blieb? Ein neugieriges Zufallspublikum, gähnende Kellner in allen Winkeln, Büfettdamen, die in der Gefahr waren, menschenscheu zu werden. Nur Eigenbrödler und Snobs fanden sich hier zusammen. Auch zweifelhafte Existenzen, aus falschem Adel, falscher Börse, falschem Fremdenverkehr. Rudi Below zeigte sich nicht. Er ließ die Tageskosten sinnlos anschwellen, er behielt das ganze Personal, nichts wurde außer Betrieb gesetzt.

Natürlich passierten in einer so unbeherrschten Wirtschaft böse Schnitzer. Man hatte z. B. im Theater das technische Personal nicht ausgelohnt, und die Folge war, daß das Publikum, allerdings nur zwei Dutzend Kunstfreunde, in einem ungeheizten Raum saß und vergebens auf die Vorstellung wartete. Die Arbeiter waren nach Hause gegangen. In der großen ›Revue‹ des Schillersaales stimmte niemals das Programm. Dort war der Besuch verhältnismäßig am stärksten, aber da man keinen Direktor fürchtete, erschienen die Stars oft nicht, um derenwillen das Publikum gekommen war. Es gab dann Skandale, Stürme auf die Kasse, häßliche Zeitungspolemiken – Rudolf ging darüber fort.

Auch in das Zentralbureau, wo Herr Kuschel Selbstherrscher war, tat er keinen Blick mehr. Herr Meyenfeld war längst fort, und zwar mit dem hübschen Fräulein Giesicke, die es zu einem Zusammenstoß zwischen ihm und Rudi Below gebracht hatte. Herr Meyenfeld war dabei geohrfeigt worden, aber draußen in der Freiheit heiratete er die Angebetete. Auf Kuschel konnte Rudolf sich insofern verlassen, als er ein Meister der Undurchsichtigkeit war. Er wußte tadellose Bücher zu führen, deren fauliger Inhalt von dem Parfüm der ›Aufmachung‹ erstickt wurde. Wozu diente sonst ein großes Bureau? Die wilde, durcheinander schwankende Wahrheit mußte der Unternehmer in seinem Kopf behalten.

Aber er gab ihr immer seltener Audienz. Er kannte die einzig wirksame Betäubung. Neue Ideen, immer wieder ein Bluff, der den Leuten während der Mittagspause zu reden gab. Das Reich Rudi Belows war groß, aber nicht konsistent. Sein Name schwebte durch den Börsensaal und hatte abends ein Plätzchen in den Theaterpausen, in Chambres séparées und Nachtcafés. Aber Rudolf hielt sein Reich mit heißen, nervigen Händen fest. Er machte sich eine Liste sämtlicher ›Stile‹. Links standen diejenigen, die er schon kopiert hatte, rechts die anderen, deren Kopie er noch plante. Er wollte die Berliner durch alle Zeiten und Kulturen führen, mit Ballettmädchen und Stuckgarnitur aus vergoldetem Kalk. Die italienische Renaissance war schon abgewirtschaftet, das deutsche Mittelalter zu streng und zu christlich – Rudolf warf sich mit Leidenschaft auf die galante Zeit. Ein Versailles wollte er zaubern – ein rauschendes Fest Ludwigs des Vierzehnten. Aber man störte ihn immer wieder. Bald kam ein Ressortchef, der an das Engagement der Wiener Schrammerln erinnerte, bald kam einer, der ihm die Modelldamen eines Pariser Schneiderkünstlers oder den Gesangverein schwedischer Studenten präsentierte. Verzweifelt schrie der Generaldirektor schließlich: »Machen Sie, was Sie wollen! Nur nichts Langweiliges!! Eine Schönheitskonkurrenz meinetwegen! Eine Kunstauktion! Das hat immer Zulauf!«

Auch die frischen Mächte der Zeit griffen nach dem ruhelosen Unternehmer. Die Aviatik war schon so weit, daß man Geld mit ihr verdienen konnte. Gelang es Rudolf, sensationelle Schauflüge von der U. B. aus stattfinden zu lassen, so hatte er gewonnen. Aber die entscheidenden sportlichen Kreise sagten sich von ihm los, weil er gesellschaftlich reduziert war.

Sein einziger Effekt konnte in einer großen Preiskonkurrenz bestehen. Doch hier wurde sofort wieder der wundeste Punkt berührt: Geld! Er hatte selbst kein Geld – wie sollte er es für andere stiften? Zu seinem Unglück geriet er jetzt gerade an einen Versucher, der nicht von seiner Seite wich und seine Spekulationsgeister stachelte.

Der Mann hieß Peter Kaspar Stelz und war halb Schlauberger, halb Quatschkopf. Ein hochaufgeschossener Rotbart, dessen Augen fanatisch durch eine Brille schielten. Er war einmal zufällig vorgelassen worden und hatte trotz seiner Ungepflegtheit Rudi Below für sich eingenommen. Dieser pathetische Kriecher, der sich überall eindrängte, war Rudis erster Genosse. Er nannte ihn verkannt von allen Sklavenseelen. Er bot ihm ohne Lohn seine ganze Ideenkraft, riskierte aber bei der ersten Unterredung schon einen Pump, den Rudolf kaum bemerkte. Peter Kaspar Stelz erklärte, sein Bannerträger zu werden. Er wollte wie ein fanatischer Apostel für ihn reisen und predigen. Daß er ihn vor allem lächerlich machte, bemerkte Rudolf nicht. Er schwärmte mit dem Apostel.

Sie kamen zu einer verhängnisvollen Verwirklichung. Rudolf gab auf Stelzens Rat ein Kapital, das der Teilhaber anders bestimmt hatte, für die Ausführung eines Reklameluftschiffes her. Der riesige Vogel der Neuzeit sollte jeden Abend durch die Dunkelheit ziehen und hoch über dem Häusermeer Berlins die Lichtreklame der U. B. zeigen. Der Gedanke war an sich nicht übel, doch den Berlinern genügte es, die Hälse zu recken und zu konstatieren: »Da kommt wieder die U. B.!« Der Besuch des Hauses steigerte sich dadurch nicht. Auch scheiterte das Unternehmen bald an einem polizeilichen Verbot. Man führte von dem Luftschiff Zettelreklame aus, und die gespenstisch aus der Höhe niedersausenden Blätter erschreckten Menschen und Tiere. Pferde gingen durch, die für neue Errungenschaften kein Verständnis hatten. Zwei Kinder wurden eines Abends zu Krüppeln gefahren. Die hatte Rudi Below nun zeitlebens zu erhalten. Das Luftschiff aber durfte nicht mehr aufsteigen, und der Teilhaber, dessen Geld vergeudet war, strengte einen Prozeß an.

Peter Kaspar Stelz jedoch schielte nach neuen Sensationen, um sich unentbehrlich zu machen. Auf die »rein künstlerische Verwertung der religiösen Gefühle im modernen Menschen« ließ Rudolf sich nicht ein. Wenn auch die Neunte Sinfonie den christlichen Gottesdienst ersetzen sollte – die Prunksäle der U. B. kirchlich umzugestalten, mit einem wirren, mystischen Aufputz, widerstrebte seinem Empfinden. Auch ahnte er sofort das polizeiliche Verbot. Als Peter Kaspar Stelz, der die äußersten Kontraste bei der Hand hatte, ihm dafür antike Dionysosfeste von verblüffender Nacktheit vorschlug, warf er ihn hinaus.

August Kretschmar war sehr unzufrieden mit Rudi Below. Er fühlte sich von ihm vernachlässigt, und sein kräftiger Berliner Arbeitssinn verachtete die Verbindung mit Leuten wie Stelz. Er entzog der U. B. seine Gunst. Zu Rudolfs Verhängnis wagte sich auch eben ein neuer Unternehmer hervor, der den Stern der Belowschen Ecke sinken sah. Es war ein unsentimentaler Geschäftsmann, der die Berliner bei der Solidität packte. Er wollte ein Konkurrenzunternehmen gründen, und zwar, das war sein großer Vorsprung, auf der ›richtigen‹ Seite der Linden. Links, wo das Herz schlug, gar nicht weit von Kranzler. Kaum hatte Kretschmar dies vernommen, als er auch sofort ins andere Lager überging.

Unheimlich schnell stand Rudolfs schlimmster Feind jetzt auf: das Berliner Umkippurteil. Man wollte über Nacht nichts mehr von ihm wissen. Es war plötzlich weder anständig noch schick, mit der U. B. zusammenzuhängen. Diese Parole durchrann wie ein zehrendes Gift die Weltstadt. Die dunkelsten Köpfe brachte es zur Klarheit. Auch Fork, der Architekt, auf den der glatte Wechsler alle Schiebungen abgeladen hatte, erwachte nun. Wie eine Mauer fiel es vor ihm nieder: Er brauchte nur einen Schritt zu tun, um wieder obenauf zu sein. Das bißchen deutsche Treue, das er Rudi Below gehalten hatte, brauchte er nur aufzugeben. Die Forderungen der Gläubiger, die ihn immer ärger bedrängten, machte er plötzlich zu seinen eigenen. Was er selbständig schuldete, ersetzte er durch Arbeitsleistungen, und alles übrige forderte er als erbitterter Prozeßgegner.

Wechsler war tief enttäuscht. Dieses gefühllose Erwachen hatte er dem schwerfälligen Baumeister nicht zugetraut. Fahnenflüchtig, fahnenflüchtig! stöhnte der Rechtsanwalt. Wenn er nur auch erst flüchtig geworden wäre, ob von einer Fahne, war ihm egal. Es knackte und zitterte, es zog sich zusammen um ihn her. Schon machte sich die amerikanische Krisis bemerkbar. Die Banken hielten ihr Geld fest, der Export erlahmte. Mehrere Unternehmungen, an denen Wechsler beteiligt war, standen vor dem Zusammenbruch. Und dieser furchtbare Rudi Below, der immer noch Projekte machte, nie in der Wirklichkeit zu halten war – an ihn gefesselt zu sein, erkannte Wechsler als sein Verhängnis.

Doch war er denn an ihn gefesselt? Konnte er es dem frechen Fork nicht nachmachen? Nein – in Berlin bleiben, als ehrlicher Mann auftrumpfen, Front machen gegen die wilde Spekulation, Rudi Below fallen lassen: das war für ihn vorbei. Er mußte mitschwimmen, wenn er nicht untergehen wollte. Im Geheimsten lauerte etwas, was nur ihm bekannt war. Das Vermögen einer blassen, kränklichen Waise, das ihm vertraut worden. Schwamm es nicht auch schon im großen Strom? Wie sollte er es zurückholen? – –

Doch dieser unglaubliche Mensch, dieser Below . . . Monate vergingen, Wechsler konnte ihm genau nachrechnen, wie lange er es treiben würde – er aber hielt sich. Er amüsierte sich mit Kokotten, er führte das glitzernde Leben weiter, um das ihn viele beneideten. Wie machte er das? Wo steckte die geheime Hilfsquelle, die vorhanden sein mußte? Wechsler hatte lange wie der Vogel Strauß den Kopf in den Sand gesteckt. Als ihn aber die Neugier nach Monaten wieder in die U. B. trieb, kam es zwischen ihm und Rudi Below zu einer erstaunlich schnellen Verständigung. Sie sahen sich in die Augen und wußten sofort, daß sie auf dem wilden Meer in demselben Boot fuhren. Sie mußten ihr Glück gemeinsam suchen. Und hinten geschah es, im äußersten Winkel des riesigen Hauses, dort, wo Rudi das ›Glück‹ schon angesiedelt hatte. Auf Kosten fanatischer oder heruntergekommener Existenzen. Zwischen entstellten, giererfüllten Menschen, die nur Geld rollen und Karten schlagen hörten, die etwas Unerreichbares in ihren zuckenden Händen spürten. –

Der alte Below ging täglich seinen schweren Weg von der Burgstraße die Linden entlang. Er grüßte die alten Häuser, an denen er vorüberkam, mit stiller Wehmut. Auch er hatte einst solche Heimstätte besessen. Eigentlich sah er die große Straße, die er schritt, immer noch in den Traditionen, die sie umschimmerten. Er aber mußte dort einkehren, wo nichts mehr vom Sicheren dastand. Sonst war sein Pflichtgefühl ein leichtes, goldenes Band gewesen, das ihn mit allen anderen Männern seines Alters verbunden hatte. Nun war er den anderen fremd. Er hatte das Gefühl, als rückten sie am Biertisch von ihm ab, als erkaltete jede wohlige Stimmung, wenn er herantrat. Die Gutgesinnten hatten den Ton, der ihn am tiefsten kränkte: sie bekundeten in ihrer Reserviertheit Mitleid, sie kondolierten ihm, ohne daß ein Unglück geschehen war.

Daß es mit Gespensterschritten herankam, fühlte Below. Seine Versuche, dem Wirrwarr der Spekulation kaufmännische, solide Logik entgegenzustellen, hatte er aufgeben müssen. Man schwindelte und verschleierte beständig vor ihm, so blieb ihm auch nur ein Verschleiern übrig. Aber das quälte ihn wie ein zweifelhafter Eid. Sein Wahrheitsdrang wollte sich nicht zur Ruhe geben. Auch Minna, mit der er nie darüber sprach, richtete ihre Augen zuweilen mit merkwürdigem Vorwurf auf ihn, als wollte sie fragen: Hältst Du das noch aus?

Der gräßliche Wünschel aber, dem das Zwischentragen Genuß war, kam täglich. Seine krankhaften Uebertreibungen hatten immer ein Gramm Wahrheit. Er kam viel herum, er hörte allerlei von fremden Zungen. Wechselschiebungen, Wucherverträge, geheime Spielorgien? Das alles auf Belowschem Grund und Boden? Zwischen Verlust und Verbrechen schwebend sein Sohn? – – –

Below saß eines Abends in brütenden Gedanken an seinem Schreibtisch. Er starrte ratlos die Blätter des geheimen Kontobuchs an. Warum waren die Dinge nicht zu zwingen, daß sie sich mit seiner Ehrlichkeit versöhnten? Daß sie einigermaßen zu dem stimmten, was Belows Hand in schlaflosen Nächten aufgeschrieben hatte? So aber – war es nur müßige Spielerei.

Ein brennender Wunsch kam plötzlich in ihm auf, Rudolf zur Rede zu stellen. Ihn zur Beichte zu zwingen, der Vater den Sohn . . . Doch das war Phantasie. Unmöglich – solche Höhen gab es nicht mehr. Sie liefen aneinander vorüber. Sie verstanden sich nicht, weil sie sich längst zu gut verstanden hatten. Doch eines – – plötzlich flammte es in Joachim Friedrich auf, mit tröstender Gewalt – eines war noch möglich: Er besann sich auf Berthold Aschers Rat. Der war ihm immer ein geschlossenes Buch gewesen, aber er hatte doch nie das Gefühl verloren, daß Ascher es gut mit ihm meinte. Belows Person war dem Alten heilig. Sein Rat konnte nicht aus einem Judasherzen kommen. Schluß machen, sich aus den Verschlingungen lösen, solange es Zeit war! . . . Auch als Vater rücksichtslos! . . . Des Namens wegen! – So tönte es Below wieder in den Ohren. Weil man ›das Letzte hergeben kann für seine Kinder‹ . . . Er hörte die Worte noch aus Aschers klugem Munde. Das Letzte für seine Kinder. Halb Fürsorge, halb Haß hatte darin geklungen. Eine kalte, aber große Wahrheit. Darauf besann sich Below, als er an jenem Abend verzweifelt in der U. B. saß. Aber zugleich auch meldete sich seine eigene Ergänzung von Aschers Rat: Er durfte nicht gehen, ohne seinen Sohn auf die Probe gestellt zu haben.

Mitten in Belows Gedanken, die sich eben zum Entschluß formten, kam Rudolf hinein. Er hatte ihn jetzt am wenigsten erwartet. Rudolf gab heute ein Souper im amerikanischen Saal, eines jener bedenklichen Feste, die nie erraten ließen, ob sie die Halbwelt oder neue Geldgeber anlocken sollten. Weinschwer, mit rotem Gesicht und unsicheren Füßen trat Rudolf bei seinem Vater ein. Er lachte grundlos und rief mit etwas lallender Stimme: »Vaterchen! Gut, daß ich Dich treffe! Du bist doch der einzige Mensch, der im Weinkeller Bescheid weiß! Ich suche den ältesten Lafitte! Den ersten Schloßabzug für 30 Meter! Wo steckt der? Ich hab' ihn der kleinen Debussy versprochen. Kein Mensch kann ihn finden!«

»Läßt Du solche Weine auffahren?« fragte Below und klappte sein Kontobuch zu.

»Ich darf doch hoffentlich?«

»Solche Weine schmecken nur bei besonderen Gelegenheiten. Bloß 'runtergegossen sind sie nicht mehr als der gemeinste Krätzer.«

»Ach, Vater, da drüben sitzen hervorragende Kenner! Die Zeiten, wo man solche Weine im Keller verschimmeln ließ, sind vorüber!«

»Dann werden wohl auch die Zeiten vorüber sein, wo solche Weine reifen.«

Rudolf ging in heftiger Ungeduld auf und ab. »Vater – nicht den Tragödieton – ich bitte Dich – den vertrag' ich nicht! Ich habe heute einen glänzenden Abend! Ich werde Leute gewinnen, die einfach alles – wie soll ich mich denn ausdrücken – sanieren – und Du – –!«

»Rudolf, wir sind doch Vater und Sohn. Wir brauchen uns hier nichts vorzumachen. Ich weiß genau, was für Leute Du bewirtest –«

»Was für Leute –?«

»Von den Damen will ich nicht reden. Darin bin ich kein Kenner. Aber die Herren – die wahrscheinlich bloß der Damen wegen gekommen sind – glaubst Du denen jedes Wort? Kommt es Dir auf einen neuen Blender an oder auf eine wirklich solide Ordnung?«

»Vater, ich bin sprachlos! . . . Was ist das für eine Art, wie Du von meinen Unternehmungen redest? Was weißt Du denn davon?«

»Ich bin Dein Vater, ich bin der nominelle Besitzer Deines Grundstücks und weiß nichts. Das is es eben. Ich weiß nichts. Und das halt' ich nicht mehr aus.«

»Vater – erlaube – was meinst Du mit ›nomineller Besitzer‹? Du wirst die Zinsen auf Heller und Pfennig –«

»Sprich nicht weiter! Ich habe ein Recht auf Offenheit! Wie alle Deine Teilhaber! Das wirst Du bald erleben! Nicht wegen der Zinsen! Mir kannst Du schuldig bleiben, so viel Du willst! Ich bin Dein Vater, ich will durch Dich kein reicher Mann werden! Mir genügt mein bißchen auf der Reichsbank! Aber ich werde mich unbedingt auf die Seite der Leute stellen, die Wahrheit von Dir verlangen!«

»So?« Rudolf warf ihm einen jähzornigen Blick zu, als ob er plötzlich nüchtern würde. Aber das war nur ein Moment. Sofort wurde er wieder leicht und undurchdringlich. »So, so . . . Ja, bitte . . . Bitte . . . Warte nur ab . . . Am ersten April mein Rechnungsbericht . . .«

»Hoffentlich ist der klarer und ausführlicher als der vorige. Hoffentlich, Rudolf!«

»Dieser Polizeiton – nicht zu ertragen! Du wirfst mir ja nichts anderes vor als die schlechten Zeiten! Was kann ich denn für die amerikanische Krisis? Wer konnte voraussehen, daß dieser Roosevelt gegen die Trusts kämpfen wird? Unser Unglück ist Amerika! Aber es ist wohl kaum zu glauben, daß ein Mann, wie ich, durch Amerika zugrunde geht!«

»Das glaub' ich auch nicht . . . Im Gegenteil – ich will Dich ja halten, soviel ich das vermag. Und das ist nicht wenig, Rudolf – wenn ich auch ein alter Mann bin . . . Ich verlasse mich drauf, daß alles ehrlich zugeht. Hörst Du mich, Rudolf? Daß Du als anständiger Mensch nie vergißt, was Du Deinem Namen schuldig bist.«

»Darauf kannst Du Dich verlassen, Vater. Unnütze Mahnung. Aber nun sage mir: wo ist der erste Lafitte?«

»Es gibt nämlich Sachen, über die ich nicht wegkomme. Ich bitte Dich von Herzen, Rudolf – denke an Deinen Ruf – der is – das wirst Du vielleicht nicht wissen – der is nicht mehr tadellos. Man verfolgt mich damit. Man hält es für nötig, Deinem Vater Dinge zuzutragen – –«

»Warum hörst Du denn darauf? Deine Schuld! Ich pfeife auf alle Verleumder und Zwischenträger! Uebrigens werde ich gerichtlich –! Sie beweisen ja nichts! Und ich wette mit Dir, wenn ich Reserveoffizier wäre, würdest Du es für überflüssig halten, mir das mitzuteilen! Dann hätte ich Dein Vertrauen!«

»Ja, wenn Du Soldat gewesen wärst! Dann wäre überhaupt vieles anders! Hermann is Soldat gewesen!«

»Der Bücherwurm! Weil er vorher nicht mit dem Pferd stürzen konnte! Darum!«

»Ich meine, dann hättest Du auch den Sinn, der Dir fehlt. Ordnung, Verantwortung. Herrgott, Junge, was nützt denn die ganze Manscherei!! Was hast Du von dem Toben und Trachten! Jeder Laufbursche, dessen Brotgeber Du bist, müßte Dir mehr sein als die unsinnigste Spekulation!«

»Ach, Vater, das riecht nach der alten Ecke. Ich spiele mit hundert Existenzen, um meine eigene zu behaupten. Und nun sage mir: Wo ist der Lafitte?«

»Ich kann mir nicht denken, daß Du ohne einen ehrlichen Warner Dich behaupten wirst.«

»O, ich komme ohne den geringsten aus! Kennst Du mein Lebenstempo? Ahnst Du überhaupt, was ich vorhabe? Ich werde aus der U. B. im Winter einen Eispalast und im Sommer ein Schwimmbad machen! Wer hindert mich? Ich lasse die Puppen tanzen! Uebrigens – was hast Du da für ein Buch?«

Schnell hielt Below beide Hände darauf. »Laß das – –,« sagte er errötend.

»Was ist das für ein Buch, Vater?«

»Gott, ich habe mir, weil ich's nicht mehr aushalten konnte, selbst ein Hauptbuch angelegt . . . Aber – – das müßte stimmen – – und das stimmt nicht – – –« Er flüsterte die letzten Worte wie ein hilfloses Kind.

Rudolf lachte hell auf. Mit raschen Fingern blätterte er in dem Buche. »Baukosten – Mobiliarkonto – Effektenkonto – Löhne – Küche – Konzerte –? Vater! Du bist ja rührend! Was sind das für Träumereien? Wie kann das stimmen?«

»Ich sage Dir, es müßte – – –«

»Aber Vater! Du bist ja ein Kind! Das ist mir unheimlich! Solch Träumer! Aber siehst Du, so sind die kompliziertesten Dinge! Ganz einfach! Man spielt damit!«

»Ich spiele damit?«

»Nun sage mir endlich, wo ist der erste Lafitte?«

»Im dritten Keller, siebentes Fach, hinter dem Burgunder –«

»Dritter Keller, siebentes Fach, hinter dem Burgunder! . . .« Rudolf wollte fort. Da aber trat der Alte dem Ueberraschten plötzlich in den Weg.

»Noch einen Augenblick, Junge! . . . Ich wollte Dir noch etwas sagen! . . . Es wird mir schwer . . . aber jetzt is die Gelegenheit! Brauchst Du mich noch?«

Rudolf stand konsterniert auf der Schwelle. »Was heißt das, Vater – – –«

»Ja, ich muß es jetzt wissen! Denn wo ich unnütz bin, da bleib' ich nicht, da halt ich's nicht aus! . . .«

»Vater – ich brauche Dich doch – ganz selbstverständlich – aber –«

»Aber? Na, was meinst Du? Ehrlich? Sollen wir lieber Schluß machen? Soll ich bei Mutter bleiben und Dich alleine wirtschaften lassen? Es geht noch! Ich will Dir nich zur Last fallen! Du sollst Dich frei entscheiden! Entweder ohne mich oder ganz mit mir!«

»Vater – Du machst es mir wirklich schwer –«

»Nanu! Da höre einer! Leicht mach' ich's Dir!«

»Aber da Du mich selber fragst – ich habe schon lange das Gefühl – ich muß Dir ehrlich sagen – so sehr ich selbstverständlich Deine Gegenwart schätze – aber – Du paßt hier nicht hinein. Es war wohl ein Irrtum, Vater, daß wir zusammengeblieben sind. Du fühlst Dich hier nicht wohl, Vater.«

»Das stimmt! . . . Also ein Irrtum war es? . . .«

»Versteh' mich recht. Ich bin Dir ewig dankbar. Aber sollte es jetzt Dein freier, aufrichtiger Entschluß sein, Dich zur Ruhe zu setzen – ich hindere Dich nicht daran.«

»So, so.«

»Ich fände sogar, daß es das Allervernünftigste wäre, was Du tun kannst. Du brauchst ja Ruhe. Du hast sie Dir wahrhaftig verdient. Wozu sollen wir die Gegensätze unnötig verschärfen?«

»Also am ersten Februar Schluß? – –«

»So bald schon? Das wird mir schwer werden – aber es wäre wohl am besten –«

»Wir gingen sofort auseinander?«

»Vater! Davon hab' ich nichts gesagt!«

»Ich sage Dir, es is am besten!«

»So tu', was Du Lust hast! Ich werde meinen Verpflichtungen Dir gegenüber nachkommen, auch ohne Deine Beaufsichtigung!«

Da reckte sich Below: »Dafür danke ich! Wir beide sind quitt! Ich schenke Dir das Grundstück! Es ist nicht mehr mein Haus!«

Rudolf lief davon. Joachim Friedrich aber wickelte langsam seinen Schal um den Hals und zog seinen Ueberzieher an. Dann schob er das erdichtete Kontobuch unter den Arm und sagte mit einem Seufzer, der halb Gram, halb Befreiung war: »Ja, ja . . . Es is nicht mehr mein Haus.« Hierauf verließ er die Belowsche Ecke.

Elftes Kapitel

Wenn doch die Herbstsonne Kraft hätte . . . So zog es durch Minna Belows Gemüt, als sie in ihrem Lehnstuhl saß, am Fenster, den abgemagerten Körper fröstelnd in ein dickes Wolltuch gehüllt. Die Handarbeit lag ihr immer wieder im Schoß – sie drückte sich davon, wie sie es als kleines Mädchen getan hatte.

Die Himmelswölbung über dem Schloß war tief durchglüht. Man konnte, wenn der Blick nur oben blieb, die ganze, fürchterliche Riesenstadt vergessen, die es kaum noch gewahr wurde, daß auch sie unter einem Himmel erwachsen war. Man durfte weit in die Ferne träumen, zu silbernen Havelseen, zu schwarzen Wäldern, und auf der Glienicker Brücke stand Minna wieder in jungen Jahren und grüßte die Türme Potsdams. Ja, die Gedanken trugen sie hinaus, aber der Körper verließ seinen Hafen nicht mehr.

Mit dem Alleinsein war es freilich vorbei. Martha war da und nahm ihr alle Wirtschaftssorgen ab. Hermann und Anna kamen täglich. Sie brachten der Mutter den Frieden, der Martha fremd war. Martha war keine Krankenpflegerin. Von den Gespenstern der Vergangenheit gepeinigt, blieb sie zerrissen und ziellos. Die Liebe zu Rudolf, die einst ihr Leben bedeutet hatte, kam immer wieder zum Durchbruch. Sie wußte den Mann, der ihr Verhängnis geworden, in Gefahr und haßte nur die Menschen, die ihn gefährdeten. Sie grämte sich, ohne ein Wort davon laut werden zu lassen, daß er in der Krisis nicht zu ihr kam. So im Innersten schwärmerisch blieb diese Frau, während sie doch mit harter Miene sich vor der Welt verschloß.

Ihre weichen Regungen dem Vater gegenüber erloschen. Sie behandelte ihn immer schlechter. Aber Wünschel ließ sich nicht einschüchtern. Er kam nun erst recht zu den Belows, denn er fühlte die Stunde herannahen, da der Dieb seines Kindes an sich selbst zerschellte. Bei diesem großen Zusammenbruch mußte er zugegen sein. –

Ja, wenn die Herbstsonne Kraft hätte . . . So schön hatte Minna sie nie gesehen wie an diesem Oktobernachmittag. Sie fühlte hinter dem verschlossenen Doppelfenster nichts von der rauhen Frische draußen. Sie sah nur das tanzende Farbenspiel der Sonnenflecken an den Wänden, an ihrem alten, eingemummten Körper. Plötzlich klopfte es. Sie erschrak. Es war ein dürrer, etwas harter Laut, wie von einem Knochenfinger. Leise und ängstlich sagte Minna: »Herein!« Als sie sich mühsam umsah, stand Gottlieb Pinkert vor ihr. Sie hatte ihn jahrelang nicht gesehen. Nun kam er plötzlich, wie ein Auferstandener aus vergangener Zeit.

»Jott, Pinkert – Sie! . . . Was hab' ich doch für'n Schreck jekriegt! Darauf bin ich nich jefaßt jewesen! Warum hat denn das Schaf, die Bertha, Sie nich anjemeldet?«

Pinkert drehte den Hut in den Händen und sah seine alte Madam mit demütiger Verlegenheit an. »Hab' ick ihr ooch jesagt . . . Aber die weeß ja nich, wat sich jehört . . .«

»Na, Sie, Pinkert! Sie kommen doch aus'n vornehmen Leben! Sie sind ja Kellner in der U. B.!«

»Jewesen, Frau Below, jewesen.«

»Was sagen Sie da? . . . Kommen Se doch mal näher . . . Ich hör' nich mehr jut.«

Pinkert näherte sich. Wie seltsam er in seinem ›Zivil‹ aussah. Es war ein Anzug mit ›Pfropfenzieherhosen‹, den Minna seit vielen Jahren kannte. Der Hut war noch älter. Er wirkte wie ein gut erhaltenes Museumsstück. Am besten sah das Vorhemdchen aus und der kleine, schwarze Schlips, Kellnerabzeichen, die er unter dem bürgerlichen Anzug trug. Pinkert war gealtert, schlicht und mager, gleichsam nüchtern geworden. Er hatte etwas von einem pensionierten Beamten. Die verdächtige Röte der Weinstube war fort.

»Is Herr Below zu Hause?« fragte er behutsam.

»Nee, der sitzt jetzt bei Kranzler. Und meine Schwiegertochter is nach Westend auf 'n Kirchhof. Ich bin janz alleine. Sie können mich ruhig abmurksen, Pinkert. Aber Jeld is nich da.«

Pinkert lächelte. Jetzt sah sie erst, daß in seinen verschwommenen Augen trotz Nüchternheit etwas Glückliches, gleichsam ein Blick in die Ferne lag. »Nee, nee, Frau Below. Janz im Jejenteil. 'n rechtet langet Leben soll'n Se haben.«

»Um Jottes willen, Pinkert! Ich danke! Nu hab' ich das meinige jeleistet! Is nich mehr schön auf der Welt. Na und Sie? Sie finden's schön?«

»Jetzt endlich wieder.«

»Nanu? – Was is Ihnen denn? – Sie sagten doch vorher, Sie wollen weg?«

»Ick habe jekündigt, Frau Below.«

»Wahrhaftig? In dem ollen Sodom und Jomorra? Haben Se sich das jetraut? Setzen Se sich doch mal hin, Pinkert.«

»Danke sehr.« Er saß ihr gegenüber. »Et fing schon damit an, wie ick den kleenen Schwarzen 'rausjehauen habe, den Nejer – davon haben Se woll jehört, Frau Below? Is übrijens sehr hibsch ausjejangen, die Jeschichte. Jetzt hat's der arme kleene Affe jut. Frau Jeheimrat Meyer, wat die reichen Kahlenmeyers sind, in die Bendlerstraße, die hat ihn in ihr Paläh jenommen, und da wird er Diener. Da hat er 'ne jroße Zukunft, denn die Meyern is janz in ihn verliebt.«

»Na so was, Pinkert! Ja, nu lachen Se. Ach Jott, wir wollen doch mal wieder lachen, Pinkert. Das hab' ich so lange nich jetan. Hat denn mein Sohn Ihre Kündigung anjenommen?«

»Natirlich, Frau Below. Der is ja froh, wenn er mir los is. Und Ihr Mann, wat der richtige Herr Below is, der is ja nu ooch nich mehr da. Nee, nee, Nu bin ick endlich draußen. Lieber Schnee schippen, als driben unter de Linden sein.«

Minna rückte ihm etwas näher. »Is woll 'n elender Misthaufen, die janze, jroßartige U. B.? Stinkt woll zum Himmel – was? 'n anständijer Mensch hält's da nich aus?«

»Nee, Frau Below. Wenn ick bloß an't Essen denke.«

»Aber das Essen soll doch jut sein?«

»Ihrs war besser, Frau Below.«

»Nanu! Lieber Jottlieb, es kommt auf die Jeschmäcker an! Die sollen ja Fische aus Rußland kommen lassen, Sterlets oder so was, in Meerwasser jepackt! Für jedes Vieh so'n Bottich!«

»Ick schwör' Ihnen, Frau Below – Ihr Aal in Bier war besser!«

»Das können Se doch nich sagen, Pinkert. Und Renntierrücken? Und Bärenkeule?«

»Rehrücken mit Sahnensoße haben wir ooch jehabt. Setzen Se mal den Fressers Ihre Rinderbrust vor – alle zehn Finger schlecken se sich danach und merken's jar nich, wenn 'n Brilljantring mitjeht. Die sind ja alle so magenklötrig, die Aester – die sind ja bejeistert, wenn't Kartoffelsuppe jibt!«

»Pinkert –«

»Ick habe mir mal 'n Menü zeijen lassen – ick kann doch 'n bißken Französch, weil ick mit 'n Portier von de russische Botschaft befreundet bin – canard aux choux de Versailles à la Rotschild – wissen Se, was det is? Ente mit Rotkohl! Und Epinard? Spinat! Det haben wir ooch jehabt!«

»Und unsere Weine, Pinkert . . .«

»Die sind alle verschnitten!«

Ein Schweigen kam. Pinkert saß mit gesenktem Kopf und drehte den Hut in den Händen. Aber sein Ausdruck war sinnend, nicht traurig. Ein merkwürdiges Lächeln lag auf seinem sonst so grimmigen Gesicht. Minna Below mußte ihm auf den Grund kommen. »Sie sind doch aber 'n alter Mann, Pinkert? Was wollen Se denn nu anfangen?«

Pinkert gab sich einen leisen Ruck. »Ick bin jar nich so alt, Frau Below.«

»Nanu? . . . Entschuld'jen Sie! . . . Ich wollte Sie nich kränken!«

»Ick habe nämlich 'ne Idee – und da wollt' ick nu erjebenst um Ihren Rat jebeten haben.«

»Aha . . . Na, schießen Se los. Was is denn? Wollen Se sich selbständig machen?«

»Jawoll. Aber mit 'ne Frau.«

Minna fuhr ganz erschrocken in die Höhe. »Herrjott, sind Sie überjeschnappt, Pinkert?«

Er griente. »Et muß woll so wat sind, Frau Below. Jestern war ick in Hundekehle draußen, und da war et so scheen, und da hab' ick mir verlobt, Frau Below.«

»Mit wem denn? Kenn' ich se denn?«

»Jawoll. Et is die Frau Jeschke in de Invalidenstraße. Rosa Jeschke.«

»Die mit 'n Jrünkramkeller?«

»Flaschenbier hat se ooch. Und 'ne Wäscherolle. Janz scheenet Jeschäft. Aber wenn ick meine sechshundert Daler von de Sparkasse dazutue, denn können wir 'ne Destillazion ufmachen und 'n französches Biljard. Dadrum handelt's sich jetzt eben.«

»Ja, lieber Jottlieb! – – Da läßt sich aber schwer was raten! – Ick kann Ihnen bloß sagen – keene zu jroßen Unternehmungen, Jottlieb! Das sehn Se doch an uns! Man weeß nie, wo man rintappt!«

»Is richtig. Det weeß man nich. Aber schließlich – et soll doch nu ooch 'n janzet andret Leben werden, Frau Below. Da muß man doch ooch rinspringen mit beede Beene.«

»Mir kommt es so vor, als ob Se meinen Rat jar nich mehr nötig haben? Jenau so, wie mein Mann. Reißen Se man ooch die Bude ab.«

Pinkert erhob sich langsam. Er stand wie ein fortgewiesener, alter Hund da. »Nehmen Se mir's übel? . . . Schließlich – det bißken, wat man noch vor sich hat . . . Ihr Mann und ick – ohne mir verjleichen zu erlauben – – wir sind doch beede richtje Berliner. Inbuddeln läßt man sich nich.«

Da gab Minna ihm die Hand. »Nee, nee, Pinkert . . . Sie haben janz recht . . . Und meinen Mann versteh' ich jetzt viel besser. Aber das eine halten Se fest: Solide, Pinkert!«

»Selbstverständlich. Adjö, Frau Below.«

»Adjö. Und jrüßen Se Ihre Braut.«

»Rosa läßt sich – –« Er machte einen intensiven Anlauf, blieb aber stecken.

»Na, was läßt se sich denn?« fragte Minna warm.

»Se läßt sich Ihnen empfehlen!« Nach diesen Worten stolperte er hinaus. –

Frau Below blieb in einer leisen, wohligen Heiterkeit zurück. Sie lehnte den Kopf an das Ohr ihres Großvaterstuhles und gab sich der kranken Schnelligkeit ihres Atems hin. Diese Menschen. Diese guten, wunderlichen Menschen. Dummheit auf Dummheit. Aber am Ende lag doch Weisheit darin. Die Hauptsache war, daß man mittat.

Es war dunkel geworden. Sie schmiegte sich, wie so oft schon, an einen großen, nahenden Freund. Langsam schritt er die einsame Straße zu denen, die am Wege liegen geblieben waren. Aber es war Fröhlichkeit in Minna, Versöhnung. Sie war zum Abschied immer bereit. Als sie mit ihrem wehen Lächeln die Augen schloß, hörte sie eine leise Stimme neben sich, die sie plötzlich wieder ins Leben rief. »Mutter!« Es war Hermann. Er hatte angeklopft, war aber von der Träumenden nicht gehört worden. Nun stand er schon bei ihr und legte einen wunderbar farbigen Strauß von Herbstblumen auf ihren Schoß.

»Ach Kind,« flüsterte sie und hielt seine zarte Hand fest, »immer so was Schönes . . . Ich hab' Dich jar nich jehört . . . Is Annchen auch da?«.

»Anna mußte leider unterwegs bleiben. Sie arbeitet für den Fürsorgeverein. Der schickt sie oft in die unerforschtesten Gegenden. Heute zum Beispiel hat sie eine Recherche in Rixdorf.«

»In Rixdorf? . . . Dann krieg' ich se nich mehr zu sehn. Aber schön, daß Du jekommen bist, mein lieber Junge. Setz' Dich. Soll ich Licht machen?«

»Nein, Mutter. Bleib' ruhig sitzen, bitte. So ist es am schönsten. Die Abendsonne noch in den Fenstern – das Zimmer schon dunkel. Das ist so beruhigend. Ich war viel unterwegs.«

»Du auch? Davon erzählst Du mir. Ach ja. Aber erst –«

»Was ist denn, Mutter?«

»Ich muß doch meinem Jast was anbieten!«

Sie griff nach einem mit Glasperlen bestickten Klingelzug, der an der Wand hing. Hermanns Augen folgten ihren Bewegungen. Bertha erschien und sollte die »Borsdorfer« bringen. Bald kam sie mit einer Kristallschale wieder, in der ein kleiner Berg der schönsten Aepfel lag. Freundlich lächelnd ließ sie Mutter und Sohn allein.

»Iß man, Hermann, iß man. Das is jesund. Ich finde, Du siehst 'n bißchen spitz aus. Soll ich Dir 'n paar Aepfel schälen?«

»Nein, danke, Mutter, die reib' ich mir ab und esse sie mit der Schale.«

»Hab' se selber unten auf'n Kahn jekauft. Wie jeht's denn Minchen?«

»Kolossal mit einer Handarbeit für Großmama beschäftigt.«

»Ach je! Das süße Kind!«

»Die Aepfel sind wirklich famos. Da holt man sich Kräfte . . .«

»Wo biste denn wieder jewesen?«

»Ja, Mutter, ich lerne Berlin kennen.«

»Für die Bekanntschaft dank' ich.«

»Mutter, wir wollen doch 'n bißchen anders drüber denken. Du auch. Ich weiß gewiß, wie schwer es Dir fällt. Aber der Gerechtigkeit wegen, Mutter –«

»Ich habe auch keine Jerechtigkeit jehabt.«

»Gewiß. Aber die vom alten Stamm müssen doch den öden Spekulanten zeigen, was Gerechtigkeit ist.« Er rückte nahe an sie heran. Sie ließ ihre matte Hand in seiner jungen, lebendigen. »Ich habe in Arendswalde immer nur das Gefühl gehabt: Berlin ist ein Arbeitsgefängnis. Aber es ist doch mehr, Mutter. Die Luft ist so hart und frisch und gar nicht sentimental. Poetische Träume sind hier Privatangelegenheit. . . . Aber Berlin hat auch Poesie. Du bist wohl nie auf der Hochbahn gefahren, Mutter? Abends mein' ich, über das Gleisdreieck? Der sprühende Wirrwarr in heiligster Ordnung. Das Chaos der Existenzen, über die man fortsaust. Wundervoll. Und gestern hab' ich die Wachtparade gesehen. Schreiten können ist auch was, Mutter. Beethoven hätte sich über den Rhythmus gefreut. Ach, in diesem Weltstadtbrei ein Rückgrat, Mutter – das muß sein! Und heute – heute sah ich einen Aviatiker! Der fliegt uns allen davon!«

»Wie Du schwärmen kannst, Hermann . . .«

»Ja, das hab' ich wieder in Berlin gelernt. Merkwürdig – was? In Arendswalde war ich ein Theoretiker. Schwärmerei, verlaß mich nicht. Ob ich im Osten zwischen Arbeiterhäusern gehe oder im Westen durch den glatten Straßenwirrwarr. Der Verkehr bringt mich in Feuer. Ich bin Berliner und will es nicht mehr verleugnen. Es ist wunderbar, wie das Ungetüm sich in sich selbst bewegt.«

»Aber Hermann! Muß denn nu alles so schnell jehn?«

»Es wäre töricht, jetzt noch Stillstand zu predigen, in den Organismus einzugreifen, ohne ihn in der Gewalt zu haben, Mutter. Und rührend ist es doch, aus der Steinmasse herauszukommen, in den sauberen Tiergarten, wo die neue Generation spielt und jeder Grashalm einen Groschen kostet.«

»Natürlich! Draufrumtrampeln is verboten!«

»In der Berliner ›Natur‹ hab' ich ganz besondere, heilige Gefühle. Da lauf' ich jetzt noch wie als kleiner Junge 'rum. Nur ist das Träumen jetzt gefährlicher als damals. Man muß sich vor den vielen Denkmälern in Acht nehmen. Marmor ist hart, und ein Träumer läuft leicht mit dem Schädel dagegen.«

»Zeig' her, hast Du 'ne Brüsche?«

»Nein, Mutter! Aber an den Goldfischteich geh' ich niemals wieder! Da war es früher mal so schön! Jetzt steht da das Haydn-Mozart-Beethoven-Denkmal. Eine Engrosbetätigung offiziellen Pietätwahns. Daß mir Berlin das antun mußte. Wo ich Beethoven kennen gelernt habe. Ich hatte 'ne böse Halluzination. Ich hielt das Denkmal nämlich für 'ne bewegliche Normaluhr. Ja, Du lachst, Mutter. Aber ich glaubte felsenfest, daß man es 'rumdrehen könnte. Erst 'n bißchen Beethoven, dann 'n bißchen Mozart, dann 'n bißchen Haydn. Aber das hat der Bildhauer übersehen . . . Herrgott, ich schwatze so viel. Verzeih' mir, Mutter. Das strengt Dich wohl an?«

Minna saß zurückgelehnt und hatte gespannt gelauscht.

»Nee, nee. Hermann. Ich höre so jerne, was Du sagst. Aber Du bist janz anders jeworden . . . Was is das nu, Hermann? Bist Du nu wirklich jerne wieder in Berlin?«

Er wurde ernster. »Ja, Mutter. Es reut mich so viel. Ich sage mir jetzt, daß man gotische Städte mit Giebelhäusern lieb haben kann, aber niemals wird man sich als Heimat vortäuschen, wo man nur Gast ist. Ich will es in Berlin versuchen. Mir schwebt etwas vor. Ein neues Berlin, Mutter. Beruhigt Dich das nicht, daß ich an sowas glaube?«

»Ja, Hermann . . . Wie meinst Du das aber? Ein neues Berlin? Sie reißen doch alles zusammen.«

»So muß man seine Heimat in dem suchen, was sie wieder aufbauen.«

»Aber Du brauchst doch frische Luft . . . Du brauchst doch Bäume . . .«

Hermann stand auf und trat ans Fenster. »Draußen, Mutter, zur Havel hinunter und in der Mark, da wird das wieder sein. Wenn Berlin erst bis dort hinausrückt. Die ganze innere Stadt muß steinerne Industrie werden. Die Menschen wohnen drum 'rum, um den Herd ihrer Kräfte. Draußen werden wieder Gärten wachsen. Es ist ein harter Weg – aber wir haben ihn schon beschritten. Andere Frauen, andere Kinder, Mutter. Dafür arbeitet Anna. Sie lindert nicht nur körperliche Not. Erziehung, Mutter. Ich versuch' es bei den Männern. Ich starre nicht mehr in einen ›Zukunftsstaat‹. Aber auf die Stadt und die Menschen der Zukunft müssen wir blicken. Erst hat das Geld unsere Ideen zertrampelt – nun soll das Geld sich in Ideen umwandeln. Neue Werte, keine Phantome. Realitäten, Mutter. Von dieser Gesundheit zeig' ich Dir was, von dieser wunderbaren Härte. Nein, lächle nicht und schüttle nicht den Kopf.«

»Ich bin zu alt dafür. Ich bin Ballast, Hermann. Ich drücke mich vorher.«

»Wird nicht geduldet, Mutter! Bleib' Du in Deinem Stuhl und laß Dir erzählen! Du glaubst mir ja!«

»Mein guter Junge . . .«

»Du hast es so schön in Deiner alten Wohnung.«

»Ach Jott, nich mal 'ne jute Stube . . .«

»Du kommst auch wieder ins Freie hinaus. Du bist ja noch gar nicht so alt! Du wirst doch wieder reisen, Mutter!«

»Jossensaß, Hermann!! . . .«

Es kam aus ihrer Seele mit schluchzender Gewalt. Ein Gewoge von Erinnerungen. Fast sprang ihr das Herz. Hermann erschrak. Er hatte zu viel von seiner Arzenei gespendet. Jetzt galt es, wieder den Vorhang über die wartende Herrlichkeit zu ziehen. Er hatte sie noch in der Gewalt – in seiner Mutter tönte sie auch, aber mit der Stimme des Abschieds. Er küßte sie, und sie wurde ruhiger. Beiden fuhr es jetzt durch den Sinn, daß sie Rudolf mit keinem Wort erwähnt hatten. Dennoch hatte er im Mittelpunkt ihres Gespräches gestanden.

Nun hörten sie schwere, müde klingende Schritte. Sie faßten sich und trockneten ihre Augen; Joachim Friedrich betrat das Zimmer. – –

In der Burgstraße fanden sich leidende Menschen zusammen, und wo das geschieht, gibt es keine Einsamkeit. Der Einsame, mitten im Gewoge, war Rudolf. Er konnte seinen Halt nicht mehr bei liebevollen Mutteraugen suchen. Vater und Gattin hatten sich von ihm getrennt – dem Erdreich menschlicher Zugehörigkeit war er enthoben. Er starrte das Leben wie die Feuerräder an, die über seinem Hause in den nächtigen Himmel leuchteten. Die aufzuckten, schwanden und wiederkamen, über der Riesenstadt mit ihren Menschenmillionen. Leer war Rudolfs Tag – er lebte nur noch nachts. Indem er vor Gefahren floh, versank er in Gefahren. Die geheime Spielhölle wurde bald sein einziges Heil. Auch die Sportwetten konnten ihm die Chancen des Zufalls nicht ersetzen. Soliden Verdienst hatte er längst aufgegeben. Wenn er den Dingen ins Gesicht sah, zeigten sie ihm nur, wie lange sie noch standhalten würden. Er wollte ihnen aber nicht ins Gesicht sehen.

Merkwürdige Dauer wurde dem Zersetzungsprozeß dieser kühnen Persönlichkeit gewährt. Die Trennung vom Vater gab ihm zwar einen härteren Stoß, als ihm bewußt wurde. Below sprach sich zu niemand gegen die U. B. aus, er schützte nur Altersrücksichten vor, aber man kombinierte, ohne auf ihn zu achten. Der Alte hatte wohl seinen Grund und Boden verloren, aber er selbst war gerettet, solange der Fäulnisprozeß nicht die Wurzel angegriffen hatte. Nun brauchte man keine Rücksicht mehr zu nehmen. Doch die Dinge waren zu tief verschlungen.

Die Hauptteilhaber standen selbst auf schwachen Füßen, und die wachsende Misere des Geldmarktes hatte schon viele zu Fall gebracht. Was Amerika nachgemacht worden, fiel im Zeichen Amerikas. Wer sich noch hielt, zitterte wie die Stütze eines Kartenhauses. Jetzt durfte man sich keinesfalls mit Rudi Below auseinandersetzen. Lieber ihm weiter nachlaufen, dem Rattenfänger, der immerhin ein Genie war. Er konnte noch eher einen Ausweg finden als Herr Müller oder Herr Cohn. Seine wildesten Rechnungsberichte nahm man, wenn der glatte Oberkellner Wechsler sie servierte, geduldig hin. Man hinderte ihn an seiner Gesundung, statt ihn hineinzutreiben. Das Wort »Konkursanmeldung« drohte als greuliches Gespenst und durfte nicht ausgesprochen werden.

Er fiel noch nicht. Es war zu unterhaltend, einem solchen Gaukler zuzusehen. Berlin ließ sich auf dem Markt seine Kunststücke vormachen, dort, wo man sich ansammeln und harmlos weitergehen konnte, ohne etwas auf den Sammelteller werfen zu müssen. Man wartete gespannt auf das Neueste, man nahm ihn nicht mehr ernst. Nur für die älteren, wirklich soliden Elemente der Großindustrie blieb es ein quälender Gedanke, was sich Unter den Linden vollzog. Man verübelte Below seine Fahnenflucht. Er hätte den Sohn zum ehrlichen Konkurs drängen müssen. Man wußte nicht, wie frei und doch seltsam abhängig Joachim Friedrich von diesem Sohn war.

Als die Gerüchte immer bedrohlicher wurden, konstituierte sich eine Versammlung, die einen der ältesten Namen retten wollte. Selbst mochte man zwar in den schweren Zeiten nichts riskieren. So wandte man sich denn an den bedeutendsten Eingeladenen, an Berthold Ascher. Der alte Freund des Belowschen Hauses, der geniale Organisator, dem das Schwierigste geglückt war, sollte auch diese Herkulesarbeit übernehmen. Man bat ihn dringend, den Augiasstall zu säubern, einen hochbegabten Mann, um den es doch schade wäre, zur Aufdeckung seiner Karten zu bringen.

Doch Berthold Ascher lehnte ab. Er sei zu alt für dergleichen. Er beschränke sich auf das Oberkommando über seine eigenen Unternehmungen. Man wunderte sich über diese Antwort. Es war eine Gelegenheit zu einem kolossalen Geschäft, denn Ascher fand nicht alle Tage eine Below-Ecke. Die ließ er sich entgehen? Sollte es wahr sein, was ein Gerücht erzählte – der alte Berthold sei ein gebrochener Mann? Ein von Krankheit Gequälter, der bei Nacht ein Leben führte, das sein großer, arbeitsamer Tag nicht ahnen ließ? Oder konnte man sich nur auf einen ganz besonderen Coup gefaßt machen? War er wieder schlauer als alle anderen? Man durfte dem Fuchs nicht trauen.

Rudolfs Stellung in der U. B. war längst nicht mehr die eines Beamten. Er hieß zwar noch Generaldirektor, aber er konnte sein hohes Gehalt ebenso wenig beziehen, wie er des Vaters Zinsen bezahlte. Sein Recht auf Provision löste sich allmählich in dem Recht auf, eigenen Vorteil mit fremdem zu vermischen. So wurde ihm der Wahn seiner Selbstherrlichkeit noch bestärkt. Es gab viele Kreise, wo Rudi Below der angebetete Gott blieb, wenn es auch nur von Nacht zu Nacht war. Doch hielt sich der Amerikaner in ihm auch eine frischere Welt offen.

Er blieb Sportsmann. Seine physische Kraft ließ im ärgsten Sorgengetriebe nicht nach. Immer wieder trug ihn sein Automobil nach Wannsee hinaus. Im Klubpalais gab er märchenhafte Feste, von denen sich Berlin erzählte. Er zauberte ein Leben hervor, wie der Philister es nur in Büchern gelesen. Rudolfs Harem war nicht von der gewöhnlichen Art. Ihn liebten durchgebrannte Damen aus vornehmen Häusern, die ihrer Freiheit froh waren. Alles, was auf dem Weg zur Käuflichkeit war oder die Käuflichkeit verhüllte, drängte sich um seinen Wagen. Mit trauriger Sehnsucht nur sah die gewöhnliche Dirne dem Bacchuszuge nach. Was war er im Grunde mehr als sie?

Das »Glück« küßte Rudi Below immer noch, wie wenige Sterbliche. Er genoß es maßlos, toll. Erst wenn er seine Getreuen in bekränzten Automobilen nach Berlin zurückbefördert hatte, kam im Morgengrauen die Leere über ihn. Dann flüchtete er vor jedem Arbeiter, der früh zum Beruf schritt, und versteckte sich in seiner öden Wohnung, wo keine Gattin auf ihn wartete, wo man vergessen hatte, das Bettchen eines toten Knaben zu entfernen. –

Im Winter hatte Rudi sein Reich bei Koloman Raczag. Das war ein feister, verschmitzter Ungar – »eingewandert«. Er verstand es, den Segen von Budapest nach Berlin zu übertragen – sein Erfolg war groß. In einer Seitenstraße der Friedrichstadt kam man durch eine unscheinbare Mietskaserne in das Freudenreich. Koloman leitete ein Ballokal, dem die stärkste Konkurrenz erlag. Schon der Name war ein Trumpf: »Chik und Chek. Berliner Nächte.« Die Originalität des Ungarn zeigte sich Rudi Below überlegen. Raczag war unbeladen. Ihm schlummerten Vater und Mutter in Temesvar. Er hatte kein Erbe und konnte sich nirgends vergreifen. Voraussetzungslos machte er als Kenner sein Geschäft.

Aber Rudi Below wurde Raczags bester Kunde. Im Winter erschien er fast jede Nacht, in guter oder übler Stimmung – das kam auf die Resultate der Spielbank an. Doch immer wieder wurde die Stimmung gut. Nur wenn Rudi einmal fehlte, gähnte man im »Chik und Chek«. Sonst aber saß er wie Herodes auf dem Thron, und jede Salome tanzte für ihn. Was sie als Lohn forderte, war durchaus kein Prophetenhaupt, sondern sie begnügte sich mit Hundertmarkscheinen und unerschöpflichem Sekt. Da diese Spenden durch viele Nächte sich fortsetzten, wurde ein Vermögen verschleudert, das fast der U. B. aufgeholfen hätte. Doch der Generaldirektor hatte jeden Sinn für Ziel und Ordnung verloren. Er betäubte sich. Es genügte ihm, wenn leuchtende Augen ihn anlachten und weiche Arme ihn umschlangen. Das »Ziel« war ihm ja doch verdorben.

Eines störte Rudi beständig. Begegnungen mit einem Manne, die ihm hier am unangenehmsten waren. Anfangs war er ganz verblüfft, als er Berthold Ascher in dieser Welt erblickte. Hier also war der alte Weise doch nicht stärker als der junge Phantast. Hier sah man ihn herumschleichen wie ein dürres, hungerndes Raubtier, halb verzagt ob seiner alten Häßlichkeit, halb trotzig, weil seinem Gelde alles zur Verfügung stand. Bald lockte er die hübschen Larven an sich, bald stieß er sie zurück. Sein Handel war allzu klar, und Rudi Below als Zuschauer – das ging nicht! »Sie wundern sich wohl, daß Sie mich hier treffen?« fragte er plötzlich einmal, auf den Ueberraschten zusteuernd. »Ich bin Witwer.« Rudolf zuckte die Achseln und wandte sich ab.

Ascher aber wurde noch stärker behelligt. Der Ruf von Koloman Raczag reichte weit. Hier suchte jeder, der es sich leisten konnte, sein Vergnügen. So geschah es, daß der Alte, ein Mädel am Arm, eines Abends zweien seiner Söhne begegnete. Leo, der Lebemann, und der hinkende Moritz erschienen. Vater und Söhne starrten sich an, aber sie lachten nicht. Sie verleugneten sich und gingen vorüber. Die Söhne kamen von der Arbeit, die ihr Vater ihnen gegeben hatte. Sollten sie jetzt nicht genießen? Der Vater kam von einem Leben, das nichts als Arbeit gewesen war. Sollte er jetzt nicht genießen? Dennoch blieb es eine Pein.

Rudolf hätte sich nicht mit so sinnloser Verschwendung dem Venusberge ergeben, wenn nicht in seinem Innersten ein lähmender Schmerz gewesen wäre, ein Gedanke, der ihn aus jeder klaren Ruhe trieb. Er sprach zu keiner Menschenseele davon. Bitter konnte er nur feststellen, wie rasch man in Berlin einen Stern vergaß. Man hatte wohl in den Zeitungen von dem Unglück Erna Paulanas gelesen, war auch einige Tage recht aufgeregt darüber gewesen. Aber das papierne Zeitalter deckte alle Wunden zu. Die glühendste Teilnahme für einen Mörder erlosch, sobald er hingerichtet war. Die entzückendste Frau durfte nicht älter als 40 Jahre werden. Ernas Tragik, die anfangs jede Dichterphantasie entflammt hatte, wurde nach wenigen Wochen der Gegenstand flüchtigen Mitleids.

In Rußland, wohin Erna von Berlin gegangen war, hatte sich ihr alter Dämon, der Mulatte Hammond, wieder zu ihr gesellt. Dieser häßliche, elegante Faulenzer hatte das Wesen eines großen Raubtiers – träg und lastend, plötzlich von grausamer Kraft. Erna entrann ihm nicht. Mit ihren Berliner Einnahmen mußte sie ihn von seinen Gläubigern befreien, und in Rußland überwachte er alles, was ihr zufloß.

Hammond hatte nichts von der gesunden Tüchtigkeit der Artistenwelt. Er war ein Abenteurer, ein Spieler und Flausenmacher. Er riß die Geliebte aus der ehrlichen Gemeinschaft heraus, die sie mit den Kollegen verband. Er okkupierte ihre Einnahmen und zog sie aus dem harten Rußland ins weiche Italien hinunter. Nach Monte Carlo trachtete Hammond, denn nun hatte er Geld. Er sprengte die Bank, und Erna wurde die Königin dieser schimmernden Frühlingstage. Dann aber verloren sie alles wieder.

Sie gastierten in Mailand. Aber Ernas Unsicherheit war nun gekommen. Ihr Tier, dem sie blind vertraut hatte, ihr großer, brauner Bär fiel eines Abends die Herrin an. In Berlin war er noch tückisch fromm gewesen, in Rußland launisch, und in Mailand zeigte er plötzlich seine Wut. Eine Panik entstand im Theater, Hammond schoß auf den Bären und traf ihn. Erna wurde lebend von der Bühne getragen, aber die Tatze der Bestie hatte ihr Werk getan. Sie war über Ernas Gesicht gefahren und hatte ihr den Hals aufgerissen. Narben blieben übrig, die nicht getilgt werden konnten.

Lange lag Erna, von Fieber geschüttelt, im Mailänder Hospital. Hammond pflegte sie anfangs, dann ließ er sie allein, um als Jongleur Geld zu verdienen. Er wollte ihr alles schicken. Doch der Mulatte blieb verschwunden. Erna hatte dies erwartet, sie wurde durch seinen Treubruch weniger erschüttert als befreit. Nur über ihre Entstellung kam sie nicht fort. Sie konnte niemals wieder auftreten. Alles hatte ihr der eine Tatzenschlag genommen. Die Welt aber, die ihr zugejubelt, machte es nicht anders als die Bestie. Man zerriß ihr Bild. Das große Mitleid hatte schwache Beine – man trachtete nur nach »Ersatz«.

Nach dieser Erfahrung schlug Erna die Sammelspende ihrer Kollegen aus und wandte sich an ihren Bruder Rudolf. Sie schilderte ihm alles. Er verschwieg ihr in seiner Antwort die eigene Bedrängnis. Er schickte ihr, was er bei sich trug. Aber sie hörte aus seiner leidenschaftlichen Bitterkeit heraus, wie es um ihn selbst stand. Als Rudolf wieder Geld nach Mailand sandte, erhielt er es von der Post als unbestellbar zurück. Die Artistin Erna Paulana war als »geheilt« aus dem Hospital entlassen worden. Niemand wußte, wohin sie sich gewandt hatte. Rudolf hörte nichts mehr von ihr.

Nun wurde er zum grübelnden Fatalisten. Verfolgungswahn griff seine trotzige Natur an. Jede Zufälligkeit gewann für ihn Bedeutung. An dem Abend, da die Bärentatze das Antlitz seiner Schwester zerstört hatte, schloß er sich jeden Monat ein. Durch nichts war er zu bewegen, irgendeine Handlung vorzunehmen. Auch das Datum seiner Unterredung mit Hermann war ein Unglückstag, wie der Tod seines Kindes und die Trennung von seinem Vater. Seltsamerweise blickte er noch immer sehnsüchtig zu dem unbrauchbaren Alten hinüber. Er herrschte in einem Lindenpalast und sehnte sich danach, in der Burgstraße ein gutes Wort zu hören. Dort waren die Eltern, der Bruder, dort lebte seine Frau. Die feindliche Partei war dort. Er haßte und liebte sie alle. Sein Fatalismus aber galt vor allem dem Gebiet, das ihn einzig noch fesselte. Nur in dem Geheimnis des »grünen Zimmers« war er der alte Rudi. Dort hinten, an der Mittelstraße, wo jede Nacht ein Posten stand, der nur Vertraute einließ.

Rudolfs Spielglück wechselte. Er hoffte immer auf einen großen Coup. Aber seine Genossen waren raffiniert. Hier hatte sich eine traurige »Internationale« angesammelt, eine Karikatur von Rudolfs ersten Träumen. Wechsler kam nicht mehr. Rudolf hatte beobachtet, daß der Rechtsanwalt vor diesem Abgrund gestutzt hatte. Hier war ein Below weiter gegangen als er. »Rutschbahn, Rutschbahn, mein Lieber,« hatte er nach einem kleinen Verlust gemurmelt. »Dabei ist kein Segen. Wenn ich spielen würde, hätte ich keine Ideen.«

Rudolf ließ sich nicht beirren. Er strebte auf den großen Schlag zu – ohne Wechsler um so besser. Aber an dem Tage, da er ihm gelingen sollte, kam ein Rohrpostbrief des Rechtsanwalts, der den Fatalisten wieder verwirrte. »Lieber Rudi! Habe mich eben entschlossen, nach Wien zu fahren, um eventuell ein paar neue Leute zu gewinnen. Wien ist für uns jungfräulicher Boden, die Leute haben auch mehr Phantasie als in Berlin. Gedulden Sie sich – ich gebe Nachricht, wenn ich Nachricht habe. Und nun noch eins, Rudi – machen Sie das grüne Zimmer zu. Setzen Sie die ganze Bande an die Luft. Freundesrat, Rudi! So geht's nicht! Ich wittere Morgenluft! Lassen Sie's lieber umkippen – Sie krabbeln sich doch noch heraus! Auf Wiedersehen! Wechsler.«

Rudolf glaubte mehr zu lesen, als in diesen Zeilen stand. Die plötzliche Reise nach Wien? War das eine Finte? Dachte er an Flucht? Das Ganze klang danach, und doch, es war ja unmöglich. Wechsler hatte eine große Familie in Berlin. Wechsler war nicht tot zu kriegen. Dennoch . . . Aber ein eigentümlicher Trotz hinderte Rudolf, dem Windhund nachzuspüren. Nur die große Nacht im grünen Zimmer war ihm vergällt. Eine so deutliche Warnung, unvermittelt, kurz vorher! Da durfte er nichts wagen.

Aber nur einen Tag bezähmte er sich. Am nächsten Abend spielte er schon wieder. Und er gewann. Er durfte das Aeußerste nicht wagen, doch der Weg war geebnet. Fatalismus! Lächerlich! Auch grauenhaft. Man konnte sich nicht einmal auf seinen Fatalismus verlassen . . . Immer wieder starrte Rudi Below in Wechslers Brief. »Ich wittere Morgenluft?« Was sollte das heißen? Eine Beobachtung durch die Polizei war ausgeschlossen. Man konnte nicht ahnen, was im hintersten Winkel der U. B. geschah.

So ging denn Rudolf auch am nächsten Abend zum Spieltisch. Verzerrt, halb lachend, halb drohend sahen die Kumpane ihn kommen. Sie ahnten, was er vorhatte. Und noch einmal führte das Glück, an dessen Mantelsaum er hing, seine Hand. Doch als es eben gelang, und unter wilden Flüchen alles, alles zu ihm hinflog, hörte man vor der Tür einen heftigen Wortwechsel, dem ein dumpfer Schlag folgte. Die Spieler erstarrten. Der Posten draußen hatte sich zur Wehr gesetzt, er war überwältigt worden. Im nächsten Augenblick betrat die Kriminalpolizei das Zimmer. – –

An einem stürmischen Märzsonntag kam Adolf Wünschel zu Belows hinauf. Die steile, alte Treppe wurde dem Asthmatischen sauer, aber er hatte wieder eine große Neuigkeit bei sich, und so kletterte er stöhnend, mit giftigem Lächeln, Stufe für Stufe. Oben angelangt, traf er seine Tochter bei Minna Below, auch Hermann und Anna. Das störte den Hiobsboten. Er fühlte sich von den jungen Leuten durchschaut. Auch traute er sich nicht recht heraus, weil er Frau Below sehr hinfällig fand und das Gebot des Arztes kannte. Geduckt saß er da und trank zunächst einmal zwei Tassen Kaffee.

Martha, die jetzt eine nachlässig gekleidete, ältliche Frau war, von gramvoller Heftigkeit, sah ihrem Vater an, daß er etwas im Schilde führte. Plötzlich fuhr sie auf ihn zu. »Vater, ich muß Dir mal was sagen! Nichts Wichtiges, Mutter! Bloß 'ne private Kleinigkeit!«

Sie warf einen bittenden Blick auf Anna. Wünschel knurrte. »Muß ich dazu aufstehen? Sag' mir's doch ins Ohr.«

»Du bist zu schwerhörig,« antwortete Martha grob. »Komm' ans Fenster.«

Wünschel gehorchte. »Was ist denn?«

»Ich möchte Dir nur sagen, daß wir schon wissen, was in der U. B. passiert ist.«

»Meinst Du die Entdeckung der Spielhölle? Das weiß die ganze Welt.«

»Du siehst an Mutters Zustand, was sie weiß. Sie hat eine schreckliche Nacht gehabt. Was zuckst Du denn so?«

»Es ist mir immer noch greulich, wenn Du die fremde Frau da Mutter nennst.«

»Die kenn' ich wenigstens – meine eigene Mutter hab' ich nicht gekannt.«

»Also die Neuigkeit habt Ihr schon? . . . Na, dann spar' ich mir die andere! . . .«

Nach diesen Worten kicherte Wünschel und schob sich mit diabolischem Ausdruck wieder zum Tisch hinüber. Er war so flink, daß Martha ihn nicht halten konnte.

Die Tochter war bleich geworden. Er wußte also noch mehr? Er war vielleicht gekommen, um den entscheidenden Streich zu führen? Um sich zu weiden am Zusammenbruch der Belows? – – Aber sie durfte nichts aus ihm herausbringen. Die Kranke war zu argwöhnisch – sie kannte Wünschels Art und ließ nicht die Augen von ihm.

Hermann und Anna saßen ernst dabei. Sie ahnten, was sich unerbittlich vollzog.

Below kam nach Hause. Das alte Aufrechtsein, das man früher an ihm gekannt, war vorüber. Den silbern schimmernden Kopf trug er meist gesenkt, die blauen Augen matt und grübelnd ins Unbestimmte gerichtet. Er ging, die Hände am Kreuz gefaltet, auf und ab.

Das Schweigen dauerte lange. Man hörte nur Wünschel Kaffee schmatzen.

»Also Mutter,« begann Below leise, einen milderen Blick auf seine Frau gerichtet, »ich habe mich jetzt erkundigt. Es is nicht so schlimm, die Geschichte. Du kannst ganz ruhig sein. Der Dreck is zwar aufgedeckt, aber verhaftet wurde keiner. Bloß die Personalien sind festgestellt. Alles andere kommt später.«

»Was kommt später, Fritz?« fragte Minna leise.

»Die Leute haben Hasardspiel getrieben. Na . . . ich weiß nicht, was drauf steht. Ich bin in solchen Sachen nicht bewandert . . . Aber es wird wohl mit Geld abzumachen sein . . .«

»Hoffentlich . . .«

»Seh'n Sie, Below, das glaub' ich nu weniger,« meinte Wünschel.

»Sie sind ja auch, Gott sei Dank, kein Staatsanwalt.« Mit diesen Worten fertigte Below ihn ab. Dann wandte er sich wieder zu seiner Frau. »Es is ja schrecklich, was da passiert is, Minna. Es is unbegreiflich, trotz allem, daß ein Sohn von uns zu sowas gegriffen hat – – aber – es is auch 'n Segen dabei. Und daran mußt Du denken. Solche Zwischenfälle trennen uns vollständig von ihm. Jetzt weiß die Welt, warum ich mich von ihm losgesagt habe. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich habe niemals Weine gepanscht – ich weiß, was ich meinem Namen schuldig bin.«

Minna saß mit zurückgelehntem Kopf und rang nach Atem.

»Denkst Du nich aber 'n bißchen zu viel an Dich, Fritz? Ich jlaube, es is Zeit – sich auch in den Jungen reinzuversetzen. Der arme Mensch. Sie hetzen ihn ja alle. Bis er so weit jekommen is.« Hermann stand auf und trat zu der Mutter.

Below machte große Augen.

»Nanu, Minna? So hast Du Dich ja noch nie geäußert? Du hast ihm doch die ganze Sache vor die Füße geschmissen?«

»Damals! . . . Er is doch unser Sohn!«

Sie starrte zum Fenster. Heute brach die Abendsonne nicht durch das Gewölk. Es war ein grauverhängter Sturmtag. Frühlingsahnung draußen, die man im geheizten Zimmer nicht spüren konnte. Martha trat auch heran. »Wir wollen lieber nicht mehr davon sprechen, Vater. Mutter ist so angegriffen. Komm', ich werde Dir den Eisbeutel erneuern.« Anna war schon an einem kleinen Tisch mit der Vorbereitung beschäftigt.

»Es ist ja auch alles nicht so schlimm,« krächzte jetzt Wünschel plötzlich und stellte seine Tasse hin. »Es kommt ja lediglich drauf an, wie jeder persönlich beteiligt ist! Darauf sieht der Richter. Was geht denn Ihren Sohn zum Beispiel an, was Rechtsanwalt Wechsler ausgefressen hat?«

Alle wandten sich ihm zu. »Wechsler? . . .«

Nun waltete der böse Trieb in Wünschel. Er mußte es sagen. »Ja, wissen Sie denn gar nichts? Sie auch nicht, Below?«

»Halt' doch bloß den Mund!« rief Martha außer sich; man sah es ihr an, wie ihre Empfindung zu Rudolf überging.

»Herr Wünschel!« rief Hermann drohend. »Ich ersuche Sie dringend, in Rücksicht auf meine Mutter –!«

»Aber was is denn? Was habt Ihr denn, Kinder?« flüsterte Minna mit fliegendem Atem. Sie wandte sich von einem zum andern.

»Sachte, sachte, junger Mann!« rief Wünschel, sich reckend. »Ich verbitte mir diesen Ton! Sie haben als Bruder eines gewissen Herrn durchaus kein Recht dazu! Rechtsanwalt Wechsler, der Kumpan dieses Herrn, ist flüchtig! Er hat Mündelgelder unterschlagen! Seine Unternehmungen sind verkracht! Aber Frau Below!«

Er hielt inne, denn Minna war in den Stuhl zurückgefallen. »Jott im Himmel!«

»Verlassen Sie augenblicklich das Zimmer!« rief Hermann zornentbrannt.

»Ich gehe schon, ich gehe! Auf Nimmerwiedersehen! So wird Dein Vater hier behandelt, Martha!«

Below folgte Wünschel einige Schritte. »Is das richtig, was Sie da eben – –?«

»Freilich, mein Teuerster! Freilich ist es richtig! Wird wohl noch viel mehr richtig sein! Die ganze Bande steckt ja unter einer Decke! Betrüger, Halsabschneider allesamt! Ich hab' es aus bester Quelle! Jetzt fällt die U. B.! Jetzt fällt sie!« Er rief es triumphierend, mit einem heulenden, hündischen Ton. Er hatte die Kranke ganz vergessen. Dann warf er seiner Tochter noch einen bösen Blick zu und verschwand.

Martha riß Hut und Mantel an sich. »Ich muß zu Rudolf!«

Below hielt sie fest. »Das werden Sie bleiben lassen! Sie haben sich in unsern Schutz begeben! Entweder gehören Sie zu uns oder – –«

»Ich gehöre zu meinem Mann, Herr Below!«

»Was soll man dazu sagen, Minna?! Nee, nee, – für uns is es gut! Für uns is es die Erlösung! Beruhige Dich doch! Wir haben mit solchen Leuten nichts zu tun! Außerdem – der Giftpilz – der Wünschel – wer weiß denn, ob Rudolf an Wechslers Sachen beteiligt is? Ich kann mir's noch nicht denken! Er muß doch im letzten Augenblick gewußt haben, was er uns schuldig is! Laß man, Minna! Ich werde mich jetzt erkundigen!«

Er wollte zur Tür, doch da kam ihm die alte Bertha ganz blaß und verwirrt entgegen. »Herr Below, draußen is jemand – –«

»Na, wer denn –?«

»Rudolf!!« schrie Martha auf.

»Rudolf? . . .« Minna konnte sich nicht vom Stuhl erheben.

»Wer is es, Bertha –?«

»Es is schon Herr Rudolf . . . Ich hab' ihn erst jar nich erkannt . . . Er will aber Herrn Below janz alleine sprechen.«

Martha blieb steif an ihrer Stelle. Die plötzliche Nähe des Menschen, der ihr Schicksal war, lähmte sie.

»Was kann er denn nur wollen?« flüsterte Minna. »Zum erstenmal bei uns? Und jrade heut? Das muß doch was Schlimmes sein?!«

»Sagen Sie meinem Sohn – – nein, warten Sie mal, ich komme gleich mit. Du bleibst bei Mutter, Hermann.«

Below ging mit Bertha auf den Korridor hinaus. Die Tür stand offen. Rudolf war noch auf der Treppe. Im Pelz, eine Automobilmütze auf dem Kopf, lehnte er am Geländer.

»Komm' doch rein . . . Geh'n Sie in die Küche, Bertha . . . Komm' in meine Stube, Rudolf. Ich schließe die Tür ab.«

»Danke, Vater.«

Rudolf ging etwas schwankend hinter ihm her. Er hatte ein ganz kleines, fahles Gesicht bekommen – die Augen schweiften unstet an Below vorbei. »Was sagst Du zu Wechsler, Vater?«

»Ich weiß nichts Näheres . . . Er is fort?«

»Seit vierzehn Tagen. Der Schurke hat mir geschrieben, daß er nach Wien – um Teilhaber zu suchen – – aber wahrscheinlich ist er nach England – und von England – nach Amerika – – nun hat er einen kolossalen Vorsprung – –«

»Läßt Du ihn denn verfolgen?«

»Die arme Frau und die Kinder . . . Er hat Mündelgelder unterschlagen . . . Aber ich schwöre Dir, Vater, ich habe davon nichts gewußt . . .«

»Das brauchst Du mir nicht erst zu schwören. Läßt Du ihn verfolgen?«

»Ich? . . .«

»Na ja, er schädigt doch gewiß vor allem die U. B.? Du bist doch der Generaldirektor –«

»Ich – verfolgen – nein. Das tu ich nicht. Ich bin nur der Geprellte. Ich muß jetzt alles ausfressen, Vater, ich stehe vor dem Ruin.« Er warf sich in einen Sessel. Es war derselbe Sessel, aus dem er einst dem Vater seine Idee entwickelt hatte.

»Ich verstehe den Zusammenhang noch nicht.« Below ließ seine großen, geröteten Augen nicht von ihm. »Warum kommst Du zu mir?«

»Ich hätte mich niemals von Dir trennen sollen, Vater!«

»Nanu? Auf einmal? Vor einem halben Jahr hast Du's noch für nötig gehalten. Ich übrigens auch. Wir bleiben getrennt.«

»Vater!«

»Aber Wechsler – Wechsler is doch Dein Syndikus? Dein Vertrauensmann sozusagen. Wenn er Dich betrogen hat – das heißt doch – daß Du nichts mit ihm zu tun hast? Daß Du persönlich makellos bist? Dann is es doch Deine Sache. den Mann zur Verantwortung zu ziehen?«

Rudolf sprang auf. »Hör' mich mal an, Vater! Ich muß kurz sein! Es ist nämlich nicht viel Zeit!«

»So? . . .« Below wich unwillkürlich einige Schritte zurück.

»Du hast Dich geschäftlich vollkommen von mir getrennt. Aber ich erkenne jetzt, daß das Edelmut war, nur Edelmut. Ich bin Dein Sohn – das haben wir noch, nicht wahr, das kann uns niemand nehmen –«

»Nur wir selber, Rudolf!«

»Ja – aber daran will ich nicht glauben! Du mußt noch ein Gefühl für mich haben!«

»Sei'n wir sparsam mit Gefühlen –«

»Gewiß, Vater. Ich möchte Dir nur den richtigen Maßstab geben. Du mußt jetzt eine große, weitherzige Anschauung haben, die Deiner würdig ist.«

»Laß doch die großen Worte. Ich habe Dir schon viel zu viel verziehen. Sogar die Spielhölle, mit der Du mein Grundstück entehrt hast. Ich habe immer gewußt, daß Du anders zu messen bist als andere. So 'n lumpiger Leutnant spielt auch und wird General, wenn er sonst was is. Das sind Jugendsünden. Wieviel Jugendsünden hab' ich Dir nicht schon vergeben. Gott im Himmel! – Aber sonst – Dein Name – der is doch intakt? Du wirst doch bloß als ein Verirrter dastehn, wenn es zum Klappen kommt – –«

»Vater, Du hast doch allmählich gelernt, daß die Verhältnisse, die Zeitverhältnisse mein' ich – daß die viel stärker sind als der stärkste Mensch, der gegen sie anstürmt –«

»Das werde ich in gewisser Beziehung niemals lernen!«

»Aber Du kommst mir doch nicht mit der verschimmelten, bürgerlichen Moral?«

»Damit wird Dir das Bürgerliche Gesetzbuch auch kommen!«

»Vater – Du hast also schon Verdacht – – was nützt denn das Katze- und Mausspielen . . . Ich bin ein tief unglücklicher, furchtbar gequälter Mensch, Vater!« Er lehnte den Kopf zurück und preßte das Gesicht in beide Hände.

Belows starker Körper wurde von einem Zittern befallen. Doch er hielt sich. »Bist Du bankrott?«

Da fuhr der Sohn wie von einer Schlange gestochen empor: »O, sag' das nicht so kalt und trocken! Das will ich von Dir nicht hören! Von Dir nicht!«

»Kein ehrlicher Mann wird Dich darum verurteilen! Diese Zeit hat manchen kräftigen Arbeiter zu Fall gebracht! Aber wenn Du klar siehst, wenn Du anständig bist, dann ist es Deine Pflicht, die Menschen, denen Du verantwortlich bist, nicht im Unklaren zu lassen! Dann weißt Du ganz genau, was Du zu tun hast! Dann gehst Du hin und meldest Konkurs an!«

»Das kann ich nicht mehr! Das ist ausgeschlossen!«

»Weshalb?«

»Weil ich ein Mensch bin – wenn ich das Ruder mal aus den Händen gebe – wenn ich die Aasgeier über mich herfallen lasse – dann find' ich nicht zurück – den Anlauf treff' ich nicht wieder. Wenn ich's eingestehe, bin ich hin – ich selbst bin hin, und das ist die Hauptsache.«

»Was heißt das, wenn Du's eingestehst? Was eingestehst?«

»Vater, Du liebst doch Deinen ehrlichen Namen?«

»Das frag' ich Dich!«

»Ach Gott, ein Name, Vater – das ist weiter nichts als die Willkür und die Oberflächlichkeit der Menschen. Daraus kann ich machen, was ich will. Aber ich muß die Möglichkeit dazu haben. Und die ist mir genommen worden. Konkurs hätt' ich im Winter anmelden müssen. Jetzt bin ich von Akzepten erstickt – jetzt halten mich Wucherer fest – ich komm' nicht mehr 'raus, Vater, es stößt mich hin und her, und überall bin ich wund, überall hab' ich Blößen. 2 Millionen Schulden! Kannst Du Dir das vorstellen? Die U. B. schwebt in der Luft. Das sag' ich Dir nur, Vater. Das sag' ich Dir in einem Augenblick, wo ich neue, wunderbare Pläne habe. Zum Beispiel eine Internationale Schönheitskonkurrenz – Berlin wird Kopf stehen. Aber es muß nur weitergehen. Die Karre darf nicht stecken bleiben. Das ist so in Berlin – wenn's weitergeht, ist man obenauf. Sonst nicht. Eine tote Minute schmeißt alles um.«

»Hör' auf, Rudolf –«

»Hör' mich nur diesmal noch an, Vater. Mit Deiner großen Güte. Mit Deinem klaren Verstand. Du kannst mich anders beurteilen als der Mob. Du hast mir sogar die Spieleraffäre verziehen. Daran erkenn' ich Dich. Du weißt, was ich gewollt habe. Noch hab' ich von Berlin nicht den Dank geerntet, den ich verdiene.«

»Ob Du den jemals ernten wirst? . . .«

»Was so über Nacht sich wandelt – wie es einem aus Händen gerissen wird – die Sympathie der Leute, der Erfolg – ich kann es Dir nicht sagen, Vater –«

»Aber ich, mein Junge! Die Mode! Du hast auf Sand gebaut!«

»Es muß noch etwas andres sein, etwas Tieferes . . . Aber vor einem muß ich bewahrt bleiben. Komm' mir mal ganz nahe, Vater . . . Ich habe nämlich anders gearbeitet, als ich durfte! Meine Rechnungsberichte – da stimmte nicht alles. Wechsler hat mir zum meisten geraten. Ich dachte. ich könnte durch ihn noch 'raus. Aber nun ist er fort. Und wenn das alles ans Licht kommt – –«

Below wich zur Tür zurück. »Wovor soll ich Dich bewahren – –?«

»Vater, Du kannst mich ja gar nicht fallen lassen. Das ist ja unmöglich. Frei war ich immer! Frei! Ich darf nicht in die Heimat zurückgekommen sein, um hinter Eisenstäben zu sitzen!«

»Soll ich Dir vielleicht Gesellschaft leisten?! . . . Der alte Below dem jungen?! . . .«

»Vater, es ist der letzte Augenblick – denk' Dich in mich hinein!«

»Das kann ich nicht!«

»Du hast schon so viel für mich gegeben! Spring' noch einmal, zum letztenmal mit allem, was Du hast, in die Bresche! Es lohnt sich, sag' ich Dir! Du hast keinen gemeinen Verbrecher vor Dir!«

»Was soll ich tun?«

»Ich weiß, Du hast noch Deine Ersparnisse auf der Reichsbank. Bring' sie in Fluß, Vater. Laß sie den Segen tragen, zu dem sie bestimmt sind! Es gilt Deinen Namen!«

»Meinen Namen –?«

»Ich bin Dein Erbe, Vater! Gib mir mein Erbteil!«

»Das hast Du schon!«

»Ich meine noch was andres – wenn es jetzt heißt, der alte Below besinnt sich – der tritt noch für ihn ein – der fragt Berlin, ob er ihm jemals etwas wert gewesen ist – – das wirkt, Vater! Das ist das Einzige, was mir Kredit verschaffen kann! Du hast es in der Hand!«

»Rudolf, ich sag' es Dir jetzt ein für allemal – ich habe mit Dir nichts mehr zu schaffen!«

Mit wildem Blick fuhr der Bittende im Zimmer umher. »Sind wir Feinde?«

»Nein, wir sind Vater und Sohn!«

»Ein Geldsack? Bist Du nur das? Ich dachte, Du wärst was andres?«

Jetzt aber brach mit ganzer Gewalt Joachim Friedrichs Entrüstung los. Aus schrecklichen Jahren strömte sie. Die Stube zitterte unter seinen Worten. »Du Narr, Du bösartiger! Hast Du mich nicht belogen von Anfang? Du hast mir was vorgespiegelt, was nie existiert hat! Wie man ein Kind mißbraucht, das alles glauben möchte! Du wußtest, daß ich Dich verstehe, aber Du hast meine Unkenntnis ausgenutzt! Und jetzt willst Du mich ganz zum Bettler machen? Du bist kein Verbrecher? Jetzt seh' ich ja erst den Verbrecher in Dir! Wie durftest Du Dich an mir vergreifen? Was hab' ich denn mit Dir zu schaffen? Geh'! Friß aus, was Du Dir eingebrockt hast!«

Rudolf reckte sich hoch empor. »Wir sind Feinde!« Dann schritt er zur Tür. Dort sagte er noch einmal still und tonlos: »Feinde.« Er schloß die Tür auf. »Ich gehe, Vater. Schäm' Dich!«

»Jetzt hab' ich keinen Grund mehr dazu! Mein Haus is hin – mein Glück is hin – aber ich stehe!«

»Du täuschst Dich, Vater. Solange ich meine Sache vor mir sehe, solange stehe ich auch meinen Mann. Wird sie mir aber von plumpen Händen zerrissen und zerfetzt – will man mich fallen lassen – gut – so fall' ich! Und Dir soll nicht wohl sein, wenn Du an mich denkst!«

»Ich fürchte mich nicht! Ich kenne Dich! Hier gehst Du fort, und drüben, in Amerika, da bist Du wieder, was Du warst! Du Stehauf!«

»Meinst Du? . . .«

»Laß Dich nicht beirren! Das rat' ich Dir! Geh' Deinen Weg! Lache über uns alle!«

»Nein, Vater. Dazu ist es zu spät. Ich bleibe.«

Nach diesen Worten verschwand Rudolf. Wie ein Schatten hinter der Tür. Below starrte ins Leere. Dann ging er, sich gewaltsam zusammennehmend, zu Minna zurück.

»Is Rudi weg? . . .«

Er konnte nicht antworten. Martha aber, die am Fenster gestanden, fuhr zu ihm herum. Tränen stürzten aus ihren Augen. Sie rang die Hände. »Hat er nach mir gefragt?«

»Nein, Martha . . .«

»Ich muß zu ihm!«

»Seien Sie vernünftig. Sie stören ihn nur. Der Mann hat viel im Kopf.«

»Ich hab' ihm ins Gesicht gesehen. Wie er dem Chauffeur Bescheid sagte. So hab' ich ihn noch nie gesehen. Und ich kenn' ihn! Er fürchtet sich jetzt! Er darf sich nicht fürchten!«

Minna versuchte sich vom Stuhl zu erheben. »Was hat er Dir denn jesagt?«

Below trat neben sie. »Wir haben weiter nichts zu tun, als den Dingen ins Gesicht zu sehen, Minna. Zuzusehen, wie einem Naturereignis. Es mußte krachen, und nun kracht es. Wir haben nichts damit zu schaffen.«

»Das seh' ich nich ein! . . . So sehr ich's Dir wünschte! . . . Du bist doch schließlich sein Vater!«

»Einmal muß man auch damit Schluß machen. Sonst wird das Heiligste zur Phrase.«

»Fritz!«

Martha drängte sich heran. »Er hat Sie also um Hilfe gebeten? Wissen Sie, was das heißt? Das war das Letzte! Allmächtiger Gott! Dann gibt es nichts mehr für ihn!«

»Das glaub' ich nicht! Ein Mann von Ehre würdigt sich nicht dazu herab, so dazustehen vor seinem Vater!«

Martha fuhr in ihren Mantel. Sie setzte mit zitternden Händen den Hut auf. »Was red' ich denn noch viel! Sie sind ja so kalt und grausam! Sie sprechen ja über alles fort, als ob es gar nichts wäre! Und inzwischen – tut er sich was an!«

Hermann und Anna suchten die Fassungslose zu beschwichtigen. Aber sie riß sich los. »Nein, nein – ich muß jetzt zu ihm – er muß mich jetzt haben – lebt wohl!«

»Vergessen Sie denn, was er Ihnen getan hat?« rief Below.

»Wenn's nur nicht das Letzte ist!« Sie eilte zur Tür.

Hermann wechselte mit Anna einen Blick des Einverständnisses. »Ich begleite Sie, Martha!«

Sie riß seine Hand an's Herz. »Ach, Hermann, Sie helfen mir! Das werd' ich Ihnen nie vergessen!«

»Seid ganz ruhig! Ich glaube, ich kann noch auf ihn einwirken, wenn's drauf ankommt! Du bleibst bei den Eltern, Anna!« Anna nickte – er schien zu sagen, was sie empfunden hatte. Dann gingen die beiden.

»Is das nicht ein Rätsel – so'n Weib?« . . .« flüsterte Below.

»Ach Fritz – – mir is so furchtbar bange . . . Was hat Dir denn Rudi jesagt?«

»Sei jetzt mal klar und logisch, Minna. Er hat mir Sachen eingestanden, die Herrn Wechsler genügten, nach Amerika zu fliehen. Er hat von mir verlangt, daß ich seinen Mist zudecke mit unserm ehrlichen Namen, und daß ich auch noch unser Letztes für ihn hinschmeiße, unsern Alterspfennig.«

»Aber es handelt sich doch nich bloß um Jeld . . .«

»Drum eben! Soll ich sein Mitwisser werden, sein Mitschuldiger vielleicht? Mit 65 Jahren? Ihm is alles Schwindel und Luft! Ich muß es in Händen halten, woran ich glaube! Ich weiß, was ich meinem Leben schuldig bin!«

»Ja, ja – aber – –«

»Mach' Dir bloß keine Sorge um ihn! Was is ihm seine Sache, was is ihm seine Frau, wenn es ihm an den Kragen geht? Der is sicher schon auf'm Bahnhof – der is schon unterwegs, nach Hamburg oder Vlissingen oder Bremen – jedenfalls – er findet einen günstigen Wind!«

»Rudi! . . .«

»Weinst Du etwa um ihn? – – Aber Minna! – Das gönn' ich ihm wirklich nicht!«

»Jewiß . . . Er war ja fast 'n Fremder für mich – und doch . . . Du hättest ihn retten können, Fritz, und das hast Du nich jetan?«

»Ich hätte ihn nicht retten können! Ich hätte ihm nur die letzte Gelegenheit genommen, in seine wahre Welt zurückzukehren!«

»Daß Du so unerbittlich sein kannst . . . das hab' ich jar nich jewußt . . . Es war doch schließlich bloß sein Ehrjeiz . . . Das is doch im Jrunde nichts Schlechtes . . . Wen so was packt . . . Das sind die Schwärmer . . .«

»Lügner!«

»Aber Du hast ihm ja mal recht jejeben? Jetzt im Unjlück müßtest Du bloß daran denken. Sieh mal, Fritz, ich bin ja bloß 'ne Frau, ich bin bloß 'ne Mutter. Damals wollt' ich von nichts was wissen. Aber was is denn ein Haus? Wir jehören doch zusammen. Reiß' alles nieder, was keine Seele hat – über sein Kind kommt man nich weg.«

»Beruhige Dich doch, Minna – – Du mußt Dich jetzt beruhigen . . .« Below sah Annas dunklen, warnenden Blick. Sie stand hinter der Kranken und stützte ihren Kopf.

»Jott, es kann ja sein, daß ich jetzt so denke, weil ich so viel zu leiden habe. Aber zur letzten Wahrheit kommt man eben erst zuletzt.«

»Ich sage Dir doch, Du brauchst Dich nicht um ihn zu ängstigen.«

»Hast Du seine Frau jehört? Das war der Ton, den ich meine! Ach, wenn's nach mir jinge – ich jäbe ja alles hin, was ich habe, wenn ich nur beisammen hätte, was zu mir jehört!«

»Er gehört nicht mehr zu Dir! Das verlang' ich! Sage Dich los von ihm! Um meinetwillen!«

»Ja, ja, Fritz! . . . Aber ich seh' doch jetzt alles – unser janzes Leben! Hermann und Rudi, die Jungen, wie sie noch so klein waren! Meine beiden schönen Jungen! Was is der Hermann für ein Mensch!«

»Das weiß ich nicht. Noch immer nicht. Ich darf es hier vor Anna sagen. So geht es mir mit allen meinen Kindern.«

»Das is Dein Fehler, jlaub' es mir! Ihr Fehler is es nich! Hermann! Wie der ans Leben jlaubt! Wie der wechsieht über alles Kleine und Häßliche! Hermann – der könnte Rudolf noch 'raufziehn! Aber nich mehr zu uns! Wir stecken in 'ner andern Zeit! Nachher wird alles anders! Aber daß sie noch mal bei uns wären, die Jungen bei den Alten! Alle! Auch Erna!«

»Erna?« Below wich zurück. Er schauderte. Ihm war, als hätte seine Frau die Zaubergabe, alles zu beschwören, was dunkel und vergessen war.

»Das arme Mädel! Warum denn nich? Und wenn sie als Mädchen von der Friedrichstraße käme – wo Menschen sterben, da is nichts, was sie auseinanderhält!«

»Aber Minna! . . . Was sind das für Gedanken! . . . Sieh' mich doch mal an!«

»Ich seh' Dich ja an . . . Ich seh' Dich janz jenau . . . Aber Du solltest nich so hart sein . . .«

»Ich möchte zerfließen! Und Du wirfst mir Härte vor!«

»Nein, nein, Fritz – das nich – ich möchte Dich bloß antreiben – mein Liebster, mein Bester, das hab' ich doch immer jetan – das darf ich doch – – zu allem, was in Dir steckt – zu aller Liebe – zur letzten Liebe – –«

»Was is Dir?« Er hielt sie. Sie umschlang ihn mit beiden Armen. Anna versuchte, sie eine Essenz einatmen zu lassen, aber das Gesicht der nach Luft Ringenden haftete an Below.

»Darauf kommt es an! . . . Es is immer noch mehr in einem, als man weiß! . . . Der Mensch kann alles! . . . Denk' an unsern Kaiser Friedrich! . . . Was sind Leiden! . . . Was is Schand! . . . Ach!« Sie ließ ihn los, und ihr brechender Blick richtete sich zum Fenster, wo nun doch durch einen Spalt des Wolkengraus ein feuriger Sonnenabschied flutete. »Die Angst! – Und so schön doch! – Möchten sie ihn finden! Möchte nichts passieren! Nichts Schlimmes! Möchten sie ihn finden! – –«

Minna sank zurück. Anna wußte, was geschehen war. Sie stand in ratloser Erschütterung. Below aber sprach noch zu der Toten. Er streichelte sie, er bat mit zagender Stimme um das Letzte, was sie ihm geben sollte: »Laß mich nicht allein!«

Zwölftes Kapitel

In der U. B. fanden Martha und Hermann den ›Generaldirektor‹ nicht. Rudolf war an dem Tage, da Wechslers Flucht entdeckt worden, noch nicht dort gewesen. Die Beamten des Zentralbureaus gaben nur lakonische Auskunft. Sie schienen die Gegenwart der fremdartigen, ihre Gemütsbewegung kaum bezwingenden Menschen als peinlich zu empfinden.

Mit freundlicher Nachlässigkeit sah Herr Kuschel vom Pult auf. Er sprach von Rudi Below wie von einem schon Gestürzten.

»Ich weiß gar nichts. Ich kann Ihnen leider nicht das mindeste sagen, gnädige Frau.« Dabei blickte er wie ein Huhn zum Himmel und tupfte mit seinem parfümierten Tuch die Stirn.

»Aber mein Mann muß doch noch kommen,« stotterte Martha. »Er muß doch die Geschäfte leiten! . . .«

»O, gnädige Frau! Die Geschäfte – die gehen auch ohne ihn! Wenn das nicht wäre! Die gehen ganz von selber weiter!«

Jetzt fühlte Martha, was die Glocke geschlagen hatte. Unter der Gewitterlast der nahenden Katastrophe machten sich diese Schmarotzer selbständig, um im Trüben fischen zu können. Rudolf war das Opfer, auf das alles abgeladen wurde.

Durch einen Blick verständigte Martha sich mit Hermann. Sie gingen. Draußen wirbelte ein häßlicher Schneeregen. Der Märzabend war bitterkalt und enttäuschte die Frühlingsahnung des Tages. »Hermann, mir war, als ob der ganze, große Palast da aus den Fugen ginge! Als ob die frechen Menschen alle offene Gräber wären! Ist Ihnen nicht auch so, als ob wir froh sein könnten, daß wir heraus sind? Bevor das Haus zusammenstürzt?«

Hermann nickte. Aber was nun? Sie wollten zunächst nach dem Kurfürstendamm fahren, in die Wohnung. Vom Telephonieren hielt Martha ihren Schwager ab. Sie fürchtete, daß Rudolf, falls er zu Hause war, sofort davonlaufen würde. Sie mußten ihn überraschen. Mit keimender Hoffnung fuhren sie hinaus.

Der Diener und das Hausmädchen, die einen übel vertrauten Eindruck machten, sahen Frau Below in peinlichster Ueberraschung kommen. Sie glaubten ihren Herrn von dieser Dame längst getrennt. Sie zogen Gesichter, als ob sie die Tür zumachen wollten. Martha aber drang energisch ein.

Rudolf war nicht mehr da. Er hatte eine halbe Stunde in seinem Arbeitszimmer verbracht, den Schreibtisch ausgekramt und alles durcheinander geworfen. Dann war er in großer Erregung wieder zum Automobil hinuntergelaufen. Reisegepäck hatte er nicht mitgenommen.

Die Domestiken sahen sich erschrocken an. Jetzt war es wohl aus mit der Herrlichkeit? Wo würden sie wieder einen so ungestörten ›Dienst‹ finden? Nichtstun, Wohlleben, Sportwetten? Betrübt schlichen sie in die Küche hinaus.

Nun setzte Hermann das Telephon in Bewegung. Es nützte nichts, die ganze Nacht unterwegs zu bleiben und Berlin abzusuchen. Nur ein gütiger Zufall konnte sie noch zu Rudolf führen. Martha lauschte auf jedes Wort von Hermann – er sprach durchaus wie von einem Lebenden. Das bändigte ihr pochendes Herz. Hermann riet auf jede Möglichkeit, wo Rudolf sich aufhalten könnte – keine wurde zur Wahrheit.

Als er eine volle Stunde telephoniert und seine Nerven mit höflichen Redensarten, Geduld und Enttäuschung ramponiert hatte, wandte er sich blaß zu Martha zurück. Er hatte die ganze Liste von Rudolfs Beziehungen durchgefragt. »Pech, nichts als Pech,« flüsterte er, »er wird schon irgendwo sein.« Doch als er nach weiteren Beruhigungsworten suchte, sah er, daß Martha ihm völlig verändert näherkam. Ihr Antlitz war entstellt, ihre bläulichen Lippen zuckten.

»Was haben Sie?« fragte Hermann bestürzt.

»Sie müssen jetzt an die Polizei telephonieren!«

»Aber Martha! Was glauben Sie denn! Ich kenne Rudolf! Das ist ganz ausgeschlossen!«

»Lassen Sie doch, Hermann! Fragen Sie die Polizei!«

Sie schluchzte wild auf und brach auf einen Stuhl nieder. Als Hermann sie fragend anblickte, deutete sie auf eine offene Schublade des Schreibtisches. »Was meinen Sie?«

»Da hat – das weiß ich ganz bestimmt – – da hat sein Revolver gelegen.«

Von der Polizei konnte Hermann auch nichts erfahren. Keiner der Unglücklichen, die bisher gemeldet worden, war mit Rudi Below identisch. »Sehen Sie!« flüsterte Hermann. »Nun reißen Sie sich doch los von dem Gedanken! Ich gebe Ihnen einen guten Rat. Fahren Sie nach Hause, Martha. Es ist Nacht geworden. Meine Eltern werden sich furchtbar ängstigen und Anna auch. Fahren Sie nach Hause und beruhigen Sie sie. Ich suche allein weiter. Ein Mann kann das viel besser allein.«

Willenlos ließ Martha sich von ihm aufrichten. Die schrecklichen Bilder ihrer Phantasie verließen sie nicht. Sie sah den Revolver blitzen, sie hörte ein schwarzes, eisiges Wasser rauschen, und der Helm eines Polizisten, der den neuen ›Fall‹ zu melden kam, leuchtete in ihr dumpfes Bewußtsein. Aber sie fügte sich – sie sah, daß sie doch nichts nützen konnte.

Auch zog sie eine Ahnung nach der Burgstraße – was mochte inzwischen mit der kranken, alten Frau geschehen sein? – »Haben Sie denn irgend einen Anhalt, Hermann? Wo wollen Sie denn noch suchen?«

»Ich weiß nichts Bestimmtes, aber ich habe einen Anhalt. Fragen Sie mich bitte nicht danach. Ich habe auch Hoffnung, Martha.«

Er errötete und half ihr hastig den Mantel anziehen. Sie nickte dabei mit einem schmerzlichen Lächeln – jetzt verstand sie ihn. Ja, dieser Gedanke konnte ihm erst so spät kommen. Sie hatten wohl an falschen Stellen gesucht.

Martha ließ sich zum Wagen führen. Fröstelnd kam sie, eine machtlos einsame Frau, wieder nach der Burgstraße. Auf der Treppe und oben im Flur standen erregte Menschen. Der Arzt ging traurig an ihr vorüber. Da ahnte Martha, was geschehen war. Eine andere Seele hatte der Würger inzwischen ereilt. Und nun war Hermann nicht zu finden. Nun irrte auch der zweite Sohn durch die Nacht.

Martha sah Belows weißes Haupt über ein friedliches Antlitz gebeugt. Sie blieb wie gelähmt an der Tür stehen. Da näherte sich ihr ein Mann, den sie nicht kannte. Es war ein Mann in schwarzem Predigertalar, Minnas Bruder, der Geistliche von St. Marien. »Sie ruht in Gott.« So flüsterte er, Tränen in der Stimme. Martha nickte hastig. Sie hatte in ihrem Leben ganz an Gott vergessen, aber daß Minna Below in ihm ruhte, daran glaubte sie. – –

Bei Koloman Raczag in der Taubenstraße gab es heute eine große Nacht. Man feierte das Debüt der Pamplonas, ganz entzückender Tänzerinnen aus Granada oder jedenfalls aus einer ähnlichen Gegend. Nach Mitternacht wurde es in ›Chik und Chek‹ erst lebendig. Hatte man den zugigen Hausflur und den Hof passiert, wo Spediteurwagen standen und das Lager eines Lederhändlers roch, so hinderte nichts mehr, im ›modernen Märchenreiche‹ unterzutauchen. Die Front des Ballhauses erstrahlte in bunten Glühlampen, protzig galonierte Diener mit weißen Perücken empfingen die Gäste, und in der Garderobe wurde zuerst das Portemonnaie erleichtert. Die Bewohner der Hofwohnungen schliefen wenig in diesen belebten Nächten. An manchem Fenster war Licht, und eine Madame im Nachtkostüm, ein blasses Kind lugte herunter, um immer wieder die imposante Einfahrt zu beobachten.

Rudi Belows Automobil war allgemein bekannt. Man lauerte darauf, wie Unter den Linden auf einen kaiserlichen Wagen. Aber heute schien er nicht zu kommen. So begnügte man sich denn mit anderen Lebemännern, sah schmunzelnd duftige Spitzenröcke aus den Wagentüren hervorkommen und elegante Füßchen auf den Teppich hüpfen.

Das Etablissement bestand im wesentlichen aus einem Souterrain mit chambres séparées, oben aus einem Vorsaal, wo man bei Zigeunermusik speisen konnte, und aus dem großen Hauptsaal, der in halber Höhe von einer breiten Galerie umgeben war. Die freie Saalfläche dient dem Ball und den Tanzvorstellungen. Das Orchester, ein sehr gutes und großes – dafür sorgte Vater Koloman – beherrschte den Fond des Saales. Eifrige Kellner drückten sich an den Wänden entlang, Sektpfropfen knallten – von den magisch beleuchteten Tischen blieb keiner unbenutzt.

Oben auf der Galerie herrschte das bewegteste Leben. Dort soupierte man, aber die Hauptsache war der Korso der Kokotten, den man in Augenschein nahm. Bekanntschaften wurden meist oben gemacht. Man stand auch an der Brüstung, sah den Tanzenden zu, applaudierte, lachte, rief hinunter. Da es ein teures Pflaster bei Koloman Raczag war, fand man immer eine leidliche Eleganz. Die ›besten Herren‹, die hübschesten Damen verkehrten in ›Chik und Chek‹. Es wimmelte von nimmersatten Roués, mutigen Jünglingen und seligen Provinzlern. Zu Ausschreitungen kam es fast nie, denn Vater Koloman führte ein strenges Regiment. Er war ebenso ein Freund der Schönheit wie ein Diener der Polizei.

Das Auftreten der Pamplonas war für zwei Uhr angesetzt, aber man mußte sich schon um eins einen Platz sichern. Eifrig strebte deshalb Herr August Kretschmar, ein Stammgast in ›Chik und Chek‹, durch die Menge. Er zog ein paar Schützlinge hinter sich her, die mit ängstlichen Blicken trachteten, auf dem Blocksberg nicht getrennt zu werden.

»Wir müssen auf die Galerie, lieber Wollenberg!« rief Kretschmar. »Hier unten is es schon zu voll! Immer feste! Bloß 'n bißchen drängeln! Die netten Kinder machen schon Platz!«

»Jawohl, Schmalzlocke – weil Du es bist!« antwortete eine tiefe Stimme. Frau Wollenberg sah sich erschrocken um – eine schöne, stolze Blondine in zarter Atlasrobe hatte so gesprochen. Man drängte sich schnell hinauf. Herr Wollenberg schwitzte. Halb wollte er keine der pikanten Erscheinungen versäumen, halb ließ er die Augen nicht von seiner jungen Frau.

Kretschmar blühte auf. Er gab auf der Galerie Frau Wollenberg den Arm. »Lassen Se mich den Cicerone machen, Frau Melanie!« rief er mit weinschwerer Zunge.

»Sie sind wohl hier zu Hause?« lachte die Dame, mit glühenden Wangen Umschau haltend.

»Aber Melanie!« Herr Wollenberg wand sich.

»Laß mich doch, Hugo! Ich find' es entzückend hier!«

»Seh'n Se woll, die kleine Frau hat Leben in sich! Lassen Se se sich doch ausleben, lieber Wollenberg!«

»Bloß – es ist doch eine verrückte Idee von Ihnen, Kretschmar – nach einem Souper bei Hiller hierher! Wenn wir beide – – aber mit meiner Frau – –«

»Ja, so seid Ihr Männer!« rief Melanie, sich fächelnd.

»So sind die Männer!« wiederholte ein weiß und rosa geschminktes Gesicht mit blanken, schwarzen Aeuglein.

Frau Wollenberg war begeistert. Sie fühlte sich von dieser Ansprache geehrt. »Chike Person! Hast Du die gesehen? Fabelhaft chik!«

»Aber Melanie!«

»Laß mich doch, Hugo!«

»Laß sie doch, Hugo!«

Jetzt drängten sich die Schwarzäugige und die majestätische Blonde heran. Das Ehepaar Wollenberg begann Aufsehen zu erregen.

»Artig, meine Damen!« rief Kretschmar gebieterisch. Dann zog er die beiden fort. »Wir müssen vor allen Dingen einen Tisch nehmen!«

»Lalala – lalalala – ich tanz' mit meiner Frau!«

»Da drüben scheint was frei zu werden!«

»Der alte Brauch wird nicht gebrochen – hier können Familien Kaffee kochen!«

»Kretschmar!!« Wollenberg war verzweifelt.

»Das geht wohl auf uns?« flüsterte Melanie selig.

»So! Jetzt setzen wir uns! Na endlich. Das nenn' ich Glück haben! Vorzüglicher Tisch! Na, Wollenberg? Nu atmen Se auf? Gott, schönste Frau – es is doch bloß 'n Theater!« Kretschmar rückte an Melanie heran. »Se sehen sich's mal an, 's Berliner Nachtleben. Gehört doch auch zur allgemeinen Bildung! Kellner! Wir müssen was bestellen!«

Wollenberg schmunzelte. »Ich mache gute Miene zum bösen Spiel. Außerdem – wenn meine Frau sich mal was in den Kopf setzt . . . Trotzköpfchen muß sich austoben. So, Melanie, nun setz' Dich hin, mein Kind, und kucke Dich nicht mehr um. Das lenkt unnötig die Aufmerksamkeit auf uns.«

Die Augen der jungen Frau wanderten ganz verzaubert umher. »Ich finde das wunderbar!«

Kretschmar lehnte sich weltmännisch zurück. »Ja, ich bitte Sie, das is hier der Comble. Totchik, sozusagen. Also, was trinken wir, Wollenberg?«

Der Bankier studierte die Weinkarte. »Wollen mal sehen.«

»Moet Chandon, Moet Chandon! Ich weiß hier Bescheid!«

»Also gut . . . Eine Moet Chandon, Kellner.«

»›In Deine Augen seh' ich tief hinein! Ihr Grund soll Gold für meine Seele sein!‹ Aus meinen Gedichten, vierte Auflage.« Kretschmar küßte Melanies Hand. »Seh'n Se mal, die Rotblonde, das is die Amerikanerin, wegen deren sich der kleine Kanitz erschossen hat.«

»Ach, wie interessant! Herrgott, was ist die doch?«

»Schweigen wir lieber von ihrem Beruf. Die beiden da drüben – das is 'ne Schwedin und 'ne Russin! International is es hier – das is das Großartige! Schönheiten aus aller Herren Ländern!«

»Die Herren gefallen mir nu weniger,« meinte Wollenberg.

»Na, wissen Sie – so 'n paar Millionen haben wir hier immerhin beisammen. Und wenig Provinz. Sehr wenig Possenonkels auf Schleichwegen.«

In diesem Augenblick kamen zwei schöne, feurige Mädchen in spanischer Tracht, untergefaßt und mit ihren Fächern winkend, vorüber.

»Wer ist denn das?!«

»Das sind die berühmten Pamplonas. 'n Abend. Lola! Herrliche Geschöpfe. Die tanzen um zwei. Da werden Sie was erleben.«

Hugo Wollenberg bemühte sich, sein Monokel einzuklemmen: »Direkt 'n ästhetischer Genuß, diese Erscheinungen.«

»Ueberhaupt, ich bin sehr froh, daß wir hergegangen sind,« plauderte Melanie. »Sehr froh, lieber Hugo. In unsern Kreisen sieht man ja doch nichts vom letzten Paris. Wenn man wissen will, was am modernsten ist, dann muß man sich wirklich die Halbwelt ansehen.«

Jetzt stimmten in Kretschmars und Wollenbergs Lachen zwei Herren am Nebentisch ein. Sie standen rasch auf und entschuldigten sich. Dr. v. Wiesenlattich und Baron Troll waren ebenfalls Raczags Gäste. »Bitte tausendmal um Verzeihung, meine Gnädigste!« sagte Wiesenlattich lachend.

»Herr Doktor!« rief Kretschmar entzückt. Man setzte sich zusammen. »Aber daß Sie hier sind? So 'n piker Aesthet? Bei Koloman Raczag?«

»Wie meinen Sie das? Farben, Formen – ich sehe hier nichts als Farben und Formen.«

»Und Lebensstimmungen,« ergänzte Baron Troll.

»Aha! Naja! Mit 'n kleenen Finger! Silberstift! Nich wahr?«

Wiesenlattich wandte sich an Melanie Wollenberg – der Baron blieb zurückhaltend. »Wie gefällt es Ihnen hier, gnädige Frau?«

»Ach, ich möchte so gern alles wissen!«

»Alles wissen – hm . . .«

»Aber Melanie!«

»Sei doch nicht so dumm, Hugo! Ich meine, wer herkommt – auch von den Herren –«

»Bis zur höchsten Aristokratie!« rief Kretschmar. »Sogar ein lebendiger Großherzog is mal erkannt worden! Wegen meiner Beziehungen zum Hof darf ich leider keine Namen nennen, aber wenn Sie ganz genau Bescheid wissen wollen, rufen wir Koloman Raczag! Da kommt er eben! Koloman! Einen Augenblick!«

Der Wirt, der herantrippelte, hatte etwas von einer kostümierten Puppe. Dazu stimmte sein rosiges Gesicht, der pechschwarze Schnurrbart und das graue, gekräuselte Haar. Er trug ein ungarisches Magnatenkostüm und hohe, lackierte Schaftstiefel. Nie verließ das liebenswürdige Lächeln sein feistes Gesicht.

»Meine Vererrten! Ich bihte! Was ist Ihr Befell?«

»Also, Vater Koloman, diese edle Dame hier will gern wissen, was so die Höhepunkte bei Ihnen sind – versteh n Se? Sie ist schon ganz entzückt, aber sie möchte es doch in der Entfaltung sehen, Orgie, Bacchanal –«

»Gnäddigste machen mich glicklich! Um zwei Uhr tanzen die Pamplonnas!«

»Das wissen wir schon.«

»Aber – aber – wenn er heute kämme! Leider, leider! Sie habben es nicht gut getroffen, Gnäddigste!«

Melanie Wollenberg brannten die Wangen. »Wer denn –? Er – –?«

»Herr Kretschmar wird wihssen, wenn ich meine! Unser Sektkönik! Unser Sardanapal!«

Kretschmar winkte ab. »Ach, Sie meinen Rudi Below! . . .«

Wollenberg verfärbte sich. »Rudi Below – –?!«

»Um Gottes willen, sprechen Sie nicht von dem, wenn mein Mann dabei ist,« flüsterte Melanie hinter ihrem Fächer.

»Aber es is ja noch gar nich gesagt – morgen kann ja die Börse wieder gut werden.«

»Ist denn – war Herr Below hier die Hauptperson?«

»War! War! Das firchten wir, meine Gnäddigste!« rief Raczag melancholisch. »Vielleicht werden sie missen trauern um ihn, unsre scheensten Medchen! Er hatte viele Feller, aber er war doch ein großer Mahn!«

»Hat er sich bei Ihnen amüsiert, der große Mahn?« fragte Wollenberg giftig.

»O, jedde Nacht! In Rossen hat er die Medchen gebetet! Und Sekt ist geflohsen, immerzu! Nur die teiersten Marken! Und eine Brieftasche hatte er! Unerschepflich! Und alles hat er dirrigiert! Er war der Wihrt, ich nicht! Getahnzt hat er nie, nur zugeschaut! Ein Scheenheitsrichter, wie er nie gewesen ist und niemals widder komt! Rudi Bellow!«

»Das is ja ein ergreifender Nachruf,« sagte Kretschmar. »Aber noch lebt er ja. Er is wahrscheinlich kerngesund, und ob er wirklich pleite is, das weiß man auch noch nich genau.«

»Rechtsanwalt Wechsler – durchgebrahnt –?« Raczag machte eine vielsagende Bewegung.

»Ja, die Bande,« zischte Wollenberg. »Die Betrüger. Da wird man noch liebliche Sachen zu hören bekommen Da fallen Hunderte von Existenzen.«

»Hugo! . . . Laß doch jetzt das Geschäft!«

»Rudi Bellow!« flüsterte Raczag und warf Frau Wollenberg einen ersterbenden Blick zu. »Betten Sie, Gnäddigste, daß er komt zurick!« Nach diesen Worten wandte sich der Ungar mit süßem Lächeln anderen Gästen zu.

»Aber plebejisch ist es doch, daß er hier den Großmogul gespielt hat,« meinte Baron Troll. »Finden Sie nicht auch, lieber Werner?«

»Gewiß,« erwiderte Wiesenlattich nachdenklich. »Die Belows sind überhaupt Plebejer. Aber eine gute Rasse.«

»Na, sein Se lustig, Wollenberg!« Kretschmar stieß mit dem Bankier an, der ganz in sich zusammengesunken saß.

»Ich werde den Zusammenbruch der U. B. nicht überleben, Melanie.« Er schluchzte auf.

»Aber Hugo! Hugo!« Sie lehnte sich an ihn. »Er ist den Krisen nicht mehr gewachsen, meine Herren! Das Wort Amerika macht ihm schon Zuckungen! Bei der kleinsten Kursschwankung legt er sich zu Bett!«

Kretschmar wurde nervös. »Aber meine Herrschaften! Sie können wohl keinen Sekt vertragen? Rappeln Se sich doch zusammen! Sehn Se sich doch das blühende Leben an! Attention! Da kommt schon was! Wer is 'n das? Die kenn' ich nich! Das is was Exquisites!«

Die Dame, auf die Kretschmar mit ungenierter Emphase hinwies, war in dem Wirrwarr eine besondere Erscheinung. Sie hatte das Großzügige, Edelrassige, was den anderen Mädchen abging. Mit ruhiger Anmut schritt sie an einem schlanken Stab aus Ebenholz, der eine grüne Schleife an der Spitze trug, durch die Menge. Ihr Kostüm war nicht kostbar, aber von erlesenem Geschmack. Ein Kleid aus stumpfer, schwarzer Seide schmiegte sich bis zum Kinn dem wundervoll gebauten Körper an. Ein Schal aus lichtgrünem Flor hing lose über der rechten Schulter, und aus dem üppigen, schwarzen Federhut lugte auch etwas Grün hervor. Diese Kleidung schien mehr als persönlicher Geschmack, schien eine Idee zu bedeuten. Seltsam war, daß dieser Erscheinung, wenn sie noch entfernt war, erwartungsvolles Entzücken entgegengebracht wurde – alle Köpfe reckten sich nach ihr. Sobald sie aber vorüberkam, sah man erschrockene oder traurige Gesichter. Man flüsterte miteinander, oder man starrte vor sich hin, als wäre neben der Schönheit die Vergänglichkeit des Lebens sichtbar geworden.

So geschah es auch an Kretschmars Tisch. »Entzückend,« flüsterte Melanie Wollenberg, als die Fremde herankam. »Mein Gott,« folgte dann, als sie die Vorübergehende näher betrachtete.

»Was denn?« fragte ihr Gatte, der nichts mehr deutlich sah.

»Das arme Geschöpf ist ganz entstellt . . . hast Du das nicht gesehen? Sie hat eine tiefe Narbe über das ganze Gesicht. Und diese wunderbare Gestalt! Wer mag das sein, Herr Kretschmar?«

Kretschmar erhob sich mühsam. »Ach, entschuldigen Se, liebste Frau – meine Augen – ich muß se mir mal in der Nähe ankucken.« Er watschelte der Schwarzgrünen nach.

Herr von Wiesenlattich aber machte ein ergriffenes Gesicht. »Gnädige Frau – da haben Sie wirklich den Extrakt des Weltstadtlebens. Erinnern Sie sich an Erna Paulana?«

»Aber freilich! Die auf dem Bären! Die wunderbare Person im Wintergarten! Weißt Du noch, Hugo – wir haben sie ja zweimal gesehen. Das zweite Mal mit Marcuses.« Wollenberg schüttelte den Kopf, obwohl er eigentlich nicken wollte.

»Aber warum fragen Sie denn nach Erna Paulana? Die ist doch damals in Italien verunglückt? Schrecklich – das hat damals in allen Zeitungen gestanden.«

Wiesenlattich lächelte. »Die Zeitungen übertreiben immer ein bißchen. Der Bär hat noch einiges von ihr übrig gelassen. Sie haben eben den Rest gesehen.«

»Um des Himmels willen! Das ist Erna Paulana?! Solche berühmte Künstlerin? Die kann doch nicht wie die anderen Mädchen – die kann doch nicht so heruntergekommen sein!«

Jetzt kam Kretschmar von seiner Rekognoszierung zurück. »Ich bin untröstlich . . . Ich bin ganz niedergeschmettert . . . Erna Paulana! . . . Das war Erna Paulana! . . . Verjöttert hab' ich das Weib!«

»Sie scheint zum erstenmal in ›Chik und Chek‹ zu sein,« näselte Baron Troll. »Sehen Sie nur, was sie für Sensation macht. Herr Raczag ist schon neben ihr und führt sie wie eine Königin durch den Saal. Uebrigens eine gefährliche Person – noch immer. Gerade ihre Entstellung hat einen Reiz. Wissen Sie nicht, wie man sie nennt? Madame Torso. Den Spitznamen hat ihr der junge Ascher gegeben – sie soll wütend darüber sein.«

»Ein Rätsel, daß ich das Mädel noch nicht gesehen habe,« klagte Kretschmar.

»Wir waren schon beim Maskenfest im Metropol mit ihr zusammen,« erzählte Wiesenlattich. »Da ist sie plötzlich wieder aufgetaucht. Sie war lange verschollen.«

»Aber hat se denn gar keinen Kies mehr? Daß sie solche Geschäfte machen muß?«

»Nein, sie ist von der Bühne abgegangen und soll gänzlich verarmt sein. Seit dem Unglück.«

»Und die Kollegen? Was tun denn die Kollegen für sie?«

»Sie will nichts annehmen. Ueberhaupt sehr schwierig, mit der Person zu verkehren. Sie hat einen wunderbar bissigen Stolz. Man kann es nicht einmal Verbitterung nennen. Interessant – nicht wahr, gnädige Frau?«

»Ich weiß nicht, ich kann mich so gut in sie hineinversetzen!« Melanie lehnte träumerisch den Puppenkopf zurück. »Madame Torso! . . . Ihr Männer, Ihr Männer! . . . Was liebt Ihr denn eigentlich an uns?«

»Aber Melanie!« Wollenberg erwachte.

»Unterschiedliches, gnädige Frau,« erwiderte Wiesenlattich mit spitzem Lächeln. »Uebrigens ist die Narbe Nebensache bei Erna Paulana. Ihr Körper ist einzig auf der Welt. Das ist die gute Rasse. Rudi Belows Schwester.«

Jetzt fuhr Wollenberg wie elektrisiert empor. »Schon wieder dieser Mensch!«

Melanie preßte die Hand an die Stirn. »Ja, mein Gott – das fällt mir ja jetzt erst ein – sie ist ja Rudi Belows Schwester! Bin ich denn dumm?«

Auf diese Frage antwortete niemand. Kretschmar aber sagte mit Grabesstimme: »Eine Tragödie! . . . Dieses Haus! . . . Die Alten an die Luft gesetzt! Den Sohn erwartet vielleicht der Staatsanwalt! Und die Tochter . . .«

In diesem Augenblick kam mit charakteristischen, schleichenden Schritten eine wohlbekannte Erscheinung an dem Tisch vorüber. Den fahlen Kopf gebückt, die Augen starr geradeaus gerichtet, schien Berthold Ascher niemand sehen zu wollen. Melanie Wollenberg aber erkannte ihn. »Nein, jetzt wird mir schlecht! Was man hier alles erlebt! Hugo, hier geh' ich nie wieder hin!«

»Was ist Dir denn? Bist Du verrückt?«

»Trudchens Schwiegervater!« flüsterte Melanie hinter ihrem Fächer. »Und mit einem Gesicht!«

»Ist nicht möglich!? Ja, bei Gott! Der alte Ascher! Na, wenn der hier ist –! Da muß ich lachen!«

»Is Ihnen 'ne Säule ins Wackeln geraten?« fragte Kretschmar. »Den Kommerzienrat können Sie hier oft treffen. Der is Stammgast.«

»Es ist so grenzenlos peinlich für mich,« sagte Frau Wollenberg. »Seine Schwiegertochter ist nämlich meine intimste Freundin.«

»Ich kann mir auch denken, warum er hier ist,« meinte Wiesenlattich. »Er ist seinem liebsten Wild auf der Spur.«

»Was heißt das –?«

»Nun, mit Erlaubnis der gnädigen Frau – Berthold Ascher hat es auf Erna Paulana abgesehen. Schon im Metropol war er beständig hinter ihr her. Er scheint ganz verrückt nach ihr zu sein.«

»Na, hören Se mal,« schnauzte Kretschmar. »Das geht denn nu doch nich! Von Erna Below soll er die Pfoten lassen!«

»Erna Below? . . . Na ja . . . Von dem Gesichtspunkt hab' ich die Sache noch nicht betrachtet.«

»Muß man aber, lieber Herr! Muß man! Se is schließlich die Tochter seines ältesten Freundes – und zu allem Unglück –«

Kretschmars Ethos wurde von Koloman Raczag unterbrochen, der eben wieder herantrippelte. »Was saggen Sie? Vererrte Herrschaften? Was saggen Sie?! Neue Sensation! Erna Paulana! Widder in Berlin! Bei mir! Ich bin iberglicklich!«

»Sehn Se bloß, sehn Se bloß – Ascher is schon im Hinterjrunde. Jetzt macht sich der schäbige Mikosch als Kuppler 'ran.«

Melanie erhob sich. »Hugo, ich denke, wir gehen.«

»Aber nich doch! Hierjeblieben! Jetzt wird's ja intressant! Das müssen Sie beobachten, Frau Melanie!«

Koloman Raczag war zu Erna Paulana getreten. »Holde Firstin –«

Erna sah ihn mit harten Augen an. »Wen meinen Sie?«

»Angebettete Kinstlerin –«

»Weder dies noch jenes. Ich bin hier lediglich Gast. Ich will mich, ohne behelligt zu werden, amüsieren.«

»Gestrenge, Unerbihtliche – ich wißte nur gar zu gern, ob Sie jemmand suchen.«

»Wer sollte das sein? . . . Ach, der da! Der alte Herr im Hintergrunde . . . Nein. Der vertreibt mich eher.«

»Leise, leise! Vorsicht, Teierste! Wissen Sie, wer das ihst?!«

»Ich weiß es zur Genüge. Aber seine Millionen imponieren mir nicht. Bestellen Sie ihm das, Herr Raczag.«

Erna wandte ihm den Rücken und wollte die Treppe zum Tanzsaal hinuntersteigen – da war Berthold Ascher plötzlich neben ihr. Sie erschrak vor dem Ausdruck seines Gesichtes. Es war gedunsen, Röte trieb in den welken Zügen, und die kleinen Augen hatten etwas hilflos Verschwommenes. Er blieb erst eine Weile stumm an ihrer Seite; der breite, sinnliche Mund war ein wenig geöffnet und zeigte Zahnlücken. Hastig, jünglingshaft befangen fuhr Ascher sich über das dünne, graue Haar und begann: »Sie sind also gekommen. Ich habe mich so geängstigt, daß Sie nicht kommen würden. Ich bin schließlich kein junger Mann mehr. Nun weiß ich wenigstens – gleichgültig bin ich Ihnen nicht.«

»Herr Kommerzienrat – was soll ich denn sagen . . .«

»Gar nichts – nur anhören sollen Sie mich. Ich möchte Sie nämlich sicherstellen. In jeder Beziehung, Erna. Seh'n Sie mal, mein liebes Kind, wie ich Sie kenne, so kennt Sie kein Mensch auf der Welt. Ich habe Sie schon in den Windeln gesehen. Ihr Vater –«

»Wenn Sie ein Wort davon erwähnen, lauf' ich davon! Hier will ich nichts hören!«

Er hatte die Zornige am Fuß der Treppe in einen Winkel gedrängt. So kam sie nicht an ihm vorüber.

»Also gut denn, wenn Sie das kränkt – ich will nichts davon sagen. Ich meine nur, ich kann Ihr ganzes Leben beurteilen. Warum sind Sie hierhergekommen? Das ist nichts für Sie. Sie sind tausendmal mehr als die Weiber . . .«

»Woher wissen Sie denn das? Die ›Weiber‹ werden ebensoviel sein wie ich – das Schlechte habt Ihr erst aus ihnen gemacht. Sie laufen doch jede Nacht hier 'rum und suchen sich was. Aber warum sind Sie gerade auf mich verfallen? Seh'n Sie doch hin, wie ich aussehe. Sie können viel Hübschere finden mit Ihrem Geld, und ich, ich pfeife offen gestanden auf Ihre Millionen.«

»Erna – sei'n Sie doch ruhig und vernünftig, Erna. Die Liebe auf den ersten Blick – ja, Sie lachen – ein alter Mann ist immer lächerlich – die Liebe auf den ersten Blick hat für Sie entschieden. Gerade, wie Sie sind, und wie ich Sie kenne. Ihr Fehler macht Sie tausendmal schöner als jedes kokette Mädel.«

»Wir können ja später weitersprechen, Herr Kommerzienrat. Jetzt lassen Sie mich bitte in den Saal.«

»Seh'n Sie, ich habe immer bloß Geld verdient. Aber ich hasse jetzt das Geld. Ich brauche jemanden, der es mich lieben lehrt, der mir sagt, es gibt noch was anderes auf der Welt als Geld.«

»Und Ihre Söhne?«

»Meine Söhne! . . . Die nutzen mich aus! . . . Was hab' ich von meinen Söhnen!«

»Die würden mich aber schön an die Luft setzen, wenn Sie mir ihre Rechte einräumten.«

»Nein! Ich bin jetzt fest entschlossen! Ich lasse mich nicht länger tyrannisieren! Mir gehört ja alles. Die Häuser, die Waren, die Kapitalien. Ich bin ein Mann von fünfzehn Millionen, Erna. Nur etwas gehört mir nicht – 'ne Kleinigkeit – das Glück. Das seh' ich in Ihnen, Erna. Können Sie sich denn nicht entschließen? Ich gebe Ihnen sehr viel, sehr viel, das hab' ich schon gesagt! Wollen Sie zu einem von den verschuldeten Laffen laufen? Zu dem parfümierten Gesindel, bloß weil es jung ist? Das wäre ja unverzeihlich töricht. Man wird Sie jagen von einem zum andern, allen werden Sie gefallen, bis Sie keinem mehr gefallen. Und dann?! Dann leb' ich vielleicht nicht mehr. Dann kann ich Sie nicht mehr retten, Erna.«

Das Mädchen stand abgewandt. Sie schüttelte den Kopf. Es schien ein heftiger Kampf in ihr zu toben. Ascher starrte sie in halber Hoffnung an. Plötzlich wandte sie sich zu ihm. »Ich möchte auch jemand – retten! . . .« stieß sie hervor. »Bei dem es auch vielleicht – noch möglich ist! . . .«

»Wer ist das? . . . Das klingt ja beinahe – –«

»Als ob ich verliebt wär'?! Nein, Herr Kommerzienrat! Es ist nur mein Bruder! Meinen Bruder such' ich hier! Ja, ja, da schneiden Sie ein Gesicht! Der ist jetzt unten durch, nicht wahr, weil er zu viel Talent hatte! In mich sind Sie vergafft, aber den armen, unglücklichen Rudi lassen Sie untergehen, für den würden Sie keinen Pfennig geben! So sind Sie! Hab' ich nicht recht?!«

Ascher blickte mit harter Miene unruhig umher. »Was soll das alles? . . . Ihr Bruder – dem ist nicht mehr zu helfen. Das versteh'n Sie nicht. Er ist überhaupt nie zu mir gekommen.«

»Würden Sie ihm denn helfen, wenn er käme?«

»Darüber will ich mich nicht äußern . . . Ich kann auch nichts tun ohne meine Söhne.«

»Ja, ja, Sie nehmen sich alles, wie Sie's brauchen. Aber eine Frage, Herr Kommerzienrat – das werden Sie ja wissen – ist Rudi wirklich fertig? Kracht die U. B. zusammen?«

»Daran ist nicht zu zweifeln, mein Kind. Die wahnsinnige Wirtschaft. Er muß zugrunde gehen.«

»Muß er? So?! Rudi Below muß, und Sie, Sie werden in Watte gewickelt!« Sie wandte ihm den Rücken.

»Halt! Wohin?«

»O, ich bleibe! Ich bleibe! Ich warte hier auf meinen Bruder! Ich will ihm geben, was ich noch habe! Dazu bin ich auf der Welt! Nur dazu! Adieu!«

Wiesenlattich ging eben vorüber und lächelte Erna an. Da eilte sie zu ihm, hing sich an seinen Arm und verschwand mit ihm im Gedränge. Aschers Gesicht wurde grünlich. Er stampfte mit dem Fuß und wandte sich wütend wieder nach oben.

Auf der Galerie war man inzwischen aufgestanden und hatte die ganze Brüstung besetzt. Koloman Raczag stand unten im Saal und klatschte in die Hände. »Die Pamplonnas, meine vererrten Herrschaften! Lola und Mercedes aus Granada! Konkurrenzlos! Ich bihte!«

Man drängte sich im Kreis herum – der Mittelraum blieb frei. Nun zog eine spanische Musikbande in den Saal, und von wunderbarer Grazie beflügelt folgten ihr die Tänzerinnen. Wollenbergs waren begeistert. Sie klatschten und gafften, sie merkten gar nicht, daß Kretschmar, ihr ›Cicerone‹, sich gedrückt hatte und Kavalier einer Freundin war. Ascher saß an einem der verlassenen Tische ganz allein und goß ein Glas Champagner nach dem andern hinunter. Die spanischen Tänzerinnen würdigte er keines Blickes. –

Draußen in der Taubenstraße fegte der Schneesturm weiter. In der nahen Friedrichstraße war trotz dem schlechten Wetter viel Leben um zwei Uhr nachts. Hier aber sah man nur vereinzelte Passanten. Männer, die fröstelnd, vermummt und den Hut mit Schnee bedeckt, noch ein Vergnügen suchten – Mädchen, hoch aufgeschürzt, durch den Schmutz patschend. Nur die ›Glücklichen‹ konnten den elektrischen Locklichtern folgen und in ein warmes Lokal schlüpfen. Die Unbegehrten waren nicht besser daran als der Krüppel, der an Koloman Raczags Pforte saß, an sein Wägelchen gefesselt und immer wieder mit sanfter Stimme »Wachsstreichhölzer« murmelnd. Der Bettler war müde und sprach zuweilen auch, wenn niemand vorüberkam. Auf einigen Droschken hockten die Kutscher, regungslos, den Lackhut wie eine abwehrende Lanze gegen den Sturm gesenkt. Sie bildeten mit ihrem Gaul und ihrem Gefährt einen stehenden Schlummer.

Die einzige besondere Erscheinung vor »Chik und Chek« war um diese Zeit ein junger Mann, der unruhig bald vor dem Hause auf und ab schritt, bald sich im zugigen Flur postierte. In den Hof und zur strahlenden Pforte hatte er sich nur einmal gewagt, um Erkundigungen einzuziehen. Schon anderthalb Stunden harrte Hermann auf seinen Bruder. Er konnte trotz der abscheulichen Nacht sich nicht entschließen, im Lokal auf Rudolf zu warten. Er war noch nie an solcher Freudenstätte gewesen. Die Möglichkeit, jetzt von Mädchen attackiert zu werden und so den Bruder wiederzusehen, war entsetzlich. Auch hätte sein Anzug unliebsames Aufsehen erregt.

Draußen hatte Hermann auch so manches Abenteuer zu bestehen. Er kaufte sofort dem Krüppel eine Schachtel Wachsstreichhölzer ab, aber jedesmal, wenn er an ihm vorüberkam, wurden ihm neue angeboten. Es fuhren viele Automobile vor, aber Rudolf entstieg ihnen nicht. Nur Kokotten mit schwankenden Federhüten, Herren mit der falschen Vornehmheit, die ihnen ein Pelzrock und ein schief gesetzter Zylinder gab. Hermann lehnte sich schließlich resigniert an den Pfeiler des Portals, dicht neben dem Wachshölzerverkäufer. Er schloß ein wenig die brennenden Augen. Er wußte kaum, wie durchnäßt er war. Seine Gedanken flogen zu Anna. Er sah sie bei seiner Mutter.

Jetzt fuhr in scharfem Bogen ein Automobil vorbei. Hermann riß die Augen auf – er hatte sich nicht getäuscht. In dem eleganten Wagen saß Rudolf. Er folgte ihm bebend und sah ihn in das Vestibül eilen. Dort entstand sofort eine Bewegung. Man lächelte, man verbeugte sich.

Rudolf warf der Garderobiere seinen Pelz hin, behielt den Zylinder auf und wollte nach einem Blick in den Spiegel das Lokal betreten. Jetzt erst bemerkte er, daß Hermann neben ihm stand. In sein zerwühltes Gesicht kam Zornesröte. »Du bist hier? . . . Was heißt denn das! . . . Bist Du mir etwa nachgelaufen oder amüsierst Du Dich hier? . . . Der große Prophet in Zivil? . . . Jedenfalls laß mich zufrieden!«

Er bemerkte erst allmählich, wie abgehetzt und erregt der sonst so feste Hermann war. Das verleitete ihn, ihm nicht den Rücken zu kehren, sondern immer noch erstaunt die Augen auf ihn zu richten.

»Komm', Rudolf,« flüsterte der Bruder. »Komm' rasch mit mir . . . Ich führe Dich zu Martha . . . Martha braucht Dich . . .«

»Jetzt auf einmal? Ich brauche sie nicht! Ich habe mit allem Schluß gemacht! Aber entweder muß ich Dich hier stehen lassen, oder Du kommst mit mir hinein. Vor dem Gesindel sprech' ich nicht mit Dir.«

»Ich gehe, wohin Du willst. Wenn ich nur bei Dir bleibe!« Dieser Ton – ja, aus dem Herzen kam er. Hermanns Augen – Boten aus einer andern Welt. Aber was sollte er damit? – Die Salbader sprachen ja alle für sich selbst.

Sie traten in den Vorsaal, wo nur zwei Tische besetzt waren – verliebte Pärchen, die von den Brüdern keine Notiz nahmen. »Setz' Dich . . . Was soll ich denn mit Dir anfangen? Trink' was, Mensch! Das ist jedenfalls das Gescheiteste – sonst kriegst Du 'ne Lungenentzündung, und Anna hat das Nachsehen. Kellner!«

Der Kellner, der gegen den wunderlichen, durchnäßten Gast nur Rudi Belows wegen nicht opponierte, verbeugte sich. Mochte die U. B. auch›pleite‹ sein – so lange Rudi zahlen konnte, sah er Untertänigkeit. »Was befehlen Herr Generaldirektor?«

»Bringen Sie –«

»Bestelle nichts, Rudolf . . . ich gehe sofort wieder . . . Und Du kommst doch mit, nicht wahr . . .«

»Also später, Leopold, später . . .« Die Zornesader schwoll auf Rudolfs Stirn. »Hör' mal, mein Junge – jetzt muß ich deutsch mit Dir reden. Laß mich ungeschoren! Du hältst mich hier fest, Du genierst mich hier. Du scheinst keine Ahnung zu haben, wie kostbar meine Zeit ist.«

»Ich habe Dich bis jetzt gesucht . . . Seit Du von den Eltern fort bist . . . Um elf Uhr war ich zum zweitenmal in der U. B.«

»Daher komm' ich eben.«

»So habe ich Dich verfehlt . . . Auch in der Wohnung . . . Ich war mit Martha dort . . . Aber die arme Frau mußte nach Hause . . . Sie ist Dir überallhin gefolgt – hierhin konnte sie Dir nicht folgen.«

»Ach so! Herr Prediger! Keine Predigt!«

»Ich bin kein Pfaffe – Dein Bruder bin ich!«

»Aber Ihr wollt mich weich machen! Das muß ich vermeiden wie die Pest! Ihr könnt mir nichts sein, und ich kann Euch nichts sein!«

»Du leidest –«

»Ja, ich leide! Donnerwetter!« Rudolf schlug mit der Faust auf den Tisch. »Um meine Sache! Um meine große, niederträchtig mißhandelte Sache! Aber das verstehst Du nicht! Du Einsiedler! Du Professor! Du hast mich ja immer verachtet!«

»Ich habe niemals eine Lebenssache verachtet! Aber Du bist mehr als Deine Sache! Du hast Dich an einen Vampyr geklammert, der Dich erwürgen wird!«

»Meinst Du Berlin?!«

»Ich meine Dein Berlin!«

»Nein, Hermann! Ich werde von ganz andern Sachen erwürgt! Von meinem Vater, der mich preisgab, als ich ihn um mein Leben gebeten habe!«

»So strafe ihn jetzt, indem Du doch durchsetzt, was Du bist!«

»Das kann ich nicht mehr! Ich bin ein Dieb! Ein gemeiner Betrüger bin ich! Meine Helfershelfer haben mich im Stich gelassen! Ich soll den gewöhnlichen Weg gehen! Wie ein Defraudant, ein Kassenräuber! Aber das tu' ich nicht! Diese Nacht noch!«

»Was willst Du –?«

»Diese Nacht noch! Den Wahn will ich wenigstens haben! Hier bin ich König! Was weißt Du davon, Hermann! Die Sterne spiegeln sich in jeder Gosse! Geh' nach Hause, Hermann! Kommt hier kein Kellner? Man verdurstet!«

»Ich weiß ja, was Du zu fürchten hast. Aber zur Flucht kannst Du Dich nicht entschließen? Du willst hier bleiben, Dich stellen? Etwas anderes bleibt Dir doch nicht übrig –«

»Doch, mein Junge!«

»Das Dritte! Du! Ich weiß, daß es ein Drittes gibt!«

»Drüben tanzen die Pamplonas!«

»Du solltest Dich im Grunde Deiner Seele schämen, wenn Du an so etwas dächtest. Ich halt' es für ausgeschlossen –«

»Ausgeschlossen!« Rudolf erhob sich.

»Du wirst die Konsequenzen tragen! Und in dieser Zeit, Rudolf – da biete ich mich Dir an!«

»Ja, jetzt kommt Ihr! Die Raben!«

»Hast Du denn gar keinen Ernst für mich? . . .«

Da wandte sich Rudolf plötzlich zu ihm und gab ihm die Hand. »Doch, Hermann! . . . Ich danke Dir, mein Junge! . . . So! . . . Und nun laß es Dir gut gehen!«

»Du bleibst?«

»Ich bleibe!«

»Aber Du versprichst mir –«

»Mensch – was soll denn die lächerliche Angst?! 'ne Kugel vor den Kopf?! Das ist mir zu billig! Noch werde ich kämpfen! Mehr sag' ich Dir nicht!«

»Das genügt mir. Ich wünsche Dir jeden Ausweg – jeden. Nur nicht den, der Dich selbst verleugnen würde und uns allen ein namenloses Weh bereiten.«

»Wem? . . .«

»Denk' an Mutter!«

»Der kann ich nichts mehr sein . . .«

»Ich war dabei, wie sie sich um Dich geängstigt hat. Das soll Dich halten.«

Hermann drückte ihm nochmals die Hand und ging. Rudolf blieb in dem Vorsaal. Er setzte sich wieder an den Tisch und stützte den Kopf in die Hände. Diese Versucher! – Aber seltsam – für einige Minuten schwärmte sein Bewußtsein wirklich weit hinaus. Er sah die Tage der Kindheit, die frohen und friedlichen, bevor er das Leben so heiß umarmt hatte. Er sah Erna, Hermann, die Eltern – sich selbst. In der längst verschwundenen Ecke . . . Was war die Wahrheit? Was war sein Werk? . . . Der Wahn zerflog . . . Aber konnte er sich an Trümmer klammern? Seine Mutter! Ein Wort. Ein fernes Wort. Er schrie es wohl, aber man hörte ihn nicht. Die liebe Gestalt schritt in einem Silberschleier weit fort. Sie strebte in ein Land, das Rudolf nicht kannte. Es war ein nahes Land. –

So saß er eine Weile, abgewandt, vor sich hinträumend. Die Kellner beobachteten ihn und flüsterten miteinander. Wie war dieser Mann verändert! Ja – nun mußte es wohl wahr sein, was sich Berlin erzählte. –

Koloman Raczag kam aus dem Saal. Er sah sich suchend um und trippelte dann mit offenen Armen auf Rudi Below zu. »Ich höre, er ist da, es behielt ihn nicht! Aber wo ist er? Da ist er! Rudi Bellow!«

Mit verstörter Miene fuhr der Abgewandte zu ihm herum. »Vater Koloman! Guten Morgen!«

»Hier gibbt es kein Morgen! Gibbt es nur Abbend! Gutten, gutten Abbend, Rudi Bellow!«

»Kennen Sie mich noch?«

»Ihch? Ich weiß gahr nichts! Gahr nichts! Ich kimmere mich nicht um beese Leite! Aber wir habben uns so um Sie geängstigt!«

»So? Wer denn?«

»Abber die Medchen! Die armen, kleinen Medchen! Weil Sie nicht kamen! Hat man hin und her gereddet! Quahtsch! Quahtsch! Habb' ich sie redden lassen! Habb' ich gesagt: Rudi Bellow – den verstett Ihr alle nicht! Der ist der Mahn der Zukkunft!«

»Ja, wahrhaftig! Das kommt mir jetzt auch so vor!«

»Mir ist Rudi Bellow nichts schuldig! Mihch hat er immer pinktlich bezahlt!«

»Und solange das der Fall ist – – na ja!« Er klopfte Raczag auf die Schulter. »Wir verstehen uns! Ich bin also wieder hier!«

»O, ich bin froh, so froh! Darf ich jetzt die Medchen ruffen? Die kleinen, sißen Dinger? Werden sich freien! Werden außer sich sein!«

»Rufen Sie, wen Sie wollen, Vater Koloman! Aber Sekt will ich haben! Was sind das für Rosen?« Rudolf griff nach einem prächtigen Korb voll dunkelroter Rosen, der auf dem Nebentische stand.

»Um des Hihmels wihlen! Den hat ein russischer Stattsrat bestehlt!«

»Annektier' ich! Lassen Sie meine Sorge sein! Ich werde mich mit dem russischen Staatsrat auseinandersetzen! Und nun rufen Sie die Mädchen!«

Koloman Raczag hüpfte. »O, das gibbt widder eine Nahcht!«

Als der Wirt in den Saal zurückgelaufen war, stellte Rudolf sich in Positur. Jetzt war Hermann ganz vergessen. Er war wieder der Alte, mit dem bezaubernden Lächeln, siegreich, wenn auch in den Augen das Chaos brannte. Er hielt den Rosenkorb im linken Arm, die rechte Hand darauf und wartete. Jetzt kehrte Koloman Raczag mit einem ganzen Rudel lustiger Mädchen zurück. »Nihcht! Nihchts! Ich sagge nihchts!«

»Rudi Below!!!«

Ein Aufschrei des Entzückens und dann ein Sturm auf den Wiedergefundenen. Er aber ließ sie nicht herankommen, sondern bombardierte die Angreifer mit den Rosen, die er aus dem Korb riß. Ein Jubel entstand, ein Kreischen, Balgen und Haschen. Raczag war selig. »Rossen von Rudi Bellow! Ihst ihnen doch lieber als Huhndertmarkscheine!«

»Vielleicht!« rief Rudolf. »So weit sind wir schon! Was, Mädels?« Er setzte sich, die Mädchen umdrängten und küßten ihn. Die Hübscheste nahm er auf den Schoß.

»Ach, daß Du wieder da bist!« rief das blonde Geschöpf, das noch ganz frisch und jung war. Sie schlang die Arme um Rudis Hals. »Hast Du Sorgen und Kummer gehabt? Das geht in 'ner Stunde weg!«

»Ja, Kindchen! Ich bin wahrscheinlich wieder mal ein großer Narr gewesen!«

»Wir dachten schon, daß wir ohne Dich zum Rennen müßten!«

»So was!«

»Du wolltest mich doch mitnehmen zur Saison nach Paris?«

»Natürlich!«

»Bleibt es dabei?«

»Es bleibt dabei! Alles bleibt beim alten!«

»Nun bist Du doch wieder glücklich!«

»Ja, mein Schatz! Wie lange dauert eine Nacht?«

»Wie meinst Du das? Sehr lange! Wir haben eben den ersten Cake-Walk getanzt!«

Rudolf erhob sich. Jetzt hatte er wieder elastische Kraft. »Also dann gehn wir mal 'rüber!«

»Gehn wir mal 'rüber! Gehn wir mal 'rüber!« sang der jubelnde Chor.

»Zu den Pamplonnas!« rief Raczag begeistert.

»Ach, Koloman, das reizt mich nicht! Spanische Frauenzimmer? Die schnappen immer wie stählerne Messer zu! Die wollen nur ihren Schnitt machen, und dann kennen sie niemand! Erzähle mir jetzt noch was von Niggers! Nee, mein Lieber – heute nacht hab' ich mich auf was Besondres gespitzt! Hast Du gar keine Sensation?«

Raczag sah erst beleidigt aus – dann aber schnalzte er plötzlich und rief: »Ich bihte! Ich bihte! Gnäddiger Herr braucht nur zu befellen, und Sensation ihst da!«

»Wer denn?« fragten die Mädchen. »Ach so! Ach so!« Sie schienen von der Idee des Wirtes nicht sehr entzückt zu sein.

»Pst! Pst! Nihchts verratten!«

»Nanu? Was habt Ihr denn?« rief Rudolf mit vergnügtem Staunen.

»Nihchts verratten! Setzen Sie sich hihn, Rudi Bellow, wie Sie vorhin gesessen habben! Nihcht umdrenn! Mahchen Sie die Augen zu! Ich frei' mich! Komt, Kihnder, komt!«

Er schlich sich mit den Mädchen kichernd in den Ballsaal zurück. Rudolf war es wunderlich zumut. Die Stimmung dieser Stunde konnte Ungeheuerliches bergen. Er setzte sich wirklich so, wie Raczag es wollte. »Da bin ich aber doch begierig,« flüsterte er und schloß seine Augen. Nach zwei Minuten wurde es wieder lebendig hinter ihm. Ein Trippeln, ein Kichern, ein Näherhuschen, Stimmen durcheinander, von denen sich eine abhob, die er nicht kannte, aber wie einen Schlag aufs Herz empfand.

»Was soll denn das, Herr Wirt! Es ist mir vollkommen gleichgültig, wer auf mich lauert!«

»Ich bihte Dich, Vererrteste – unser scheenster Kavalier wahrtet auf Dich!«

»Was lacht Ihr denn, Mädels? Na, so was! Da sitzt einer und schläft – –«

»Schläfft nihcht, schläfft nihcht! Geh' nur hin zu ihm, legge ihm die sißen Hähndchen auf's Gesicht!«

»Also – meinetwegen! . . .« Es zog die Sprechende zu dem Regungslosen hin – sie legte ihm ihre kühlen Hände aufs Gesicht, fuhr aber im nächsten Augenblick zurück. Auch Rudolf sprang auf. Er sah sich Erna gegenüber.

Alles schwankte vor seinen Augen. Die Mädchen, Raczag, der Saal . . . »Erna – Erna –,« flüsterte er, wie ein Ertrinkender. Sein brennender Blick glitt über ihre Erscheinung hin. Dies machte ihn fassungslos.

Raczag stand verblüfft. »Nun – habb' ich etwa nihcht rehcht gemahcht?«

Erna starrte ihren Bruder an. »Nicht ganz, Herr Wirt – –«

»Aber Du hast doch selbst gewinscht –«

»Still jetzt – bitte, bitte! . . . Kein Wort mehr! . . . Und Ihr auch nicht, Mädels! . . . Geht! . . . Tut mir die Liebe – – laßt mich mit dem Herrn allein!«

»Wahs! Wahs! Ihr sollt jetzt mit in den Sall komen!«

»Nein, Koloman,« flüsterte Rudolf abgewandt, sein Taschentuch an die Stirn pressend. »Die Dame hat recht. Laßt uns allein.«

»Ich will Euch doch beide im Triuhmph hineinfihren!«

»Nein, zum Donnerwetter! Versteht man mich hier nicht mehr? Auf Wiedersehen!«

Jetzt gehorchte Raczag. Unwillig flüsternd zogen sich die Mädchen mit ihm zurück. –

Erna schritt auf Rudolf zu und strich ihm das wirre Haar aus der Stirn. Bei ihrer Berührung zuckte er zusammen, aber er blieb bei ihr. Ein wehes, zärtliches Lächeln huschte über sein verstörtes Gesicht.

»Was hast Du denn, Rudi? Warum siehst Du mich so an? Ist es nicht prachtvoll, daß wir uns treffen?«

»Hier, Erna? . . .«

»Hier!«

»Was willst Du hier?«

»Du weißt doch, wie mir's ergangen ist.« Sie weinte plötzlich. Da riß er sie an sich. Er setzte sich mit ihr, wo er eben mit der Blonden gesessen hatte. Wie einen Herzensfreund hielt er die Schwester im Arm, und plötzlich küßte er ihre Entstellung. »Wie ist denn das geschehen? . . . Wie war das eigentlich? . . . Erna? . . . Du bist es doch? . . .«

»Ich bin's und ich war's. Erinnerst Du Dich nicht? Ich kam auf einem Bären auf die Bühne, aber zuletzt, da tanzte ich nicht mehr allein, sondern ließ ihn aufrecht stehen und tanzte mit Petz. Das war der größte Erfolg. Das soll so graziös und komisch gewesen sein. Ich und der Bär. Er ließ sich's auch immer gefallen. Aber in Mailand – da bin ich wohl zu übermütig geworden – da riß er mir plötzlich das ganze Gesicht auf . . .«

»Ja, das Wappentier,« flüsterte Rudolf. »Man soll mit ihm tanzen, Grazie mit dem plumpen Sack… Und dann – zerreißt es einen.«

»Dich nicht – Dich nicht! . . .«

»Doch, doch, Erna. Es ist meine letzte Nacht.«

»Nur das nicht!«

»Ich bin fertig!«

»Du mußtest mich finden! Du armer, gehetzter Junge Du! Ich weiß ja alles! Ich versteh' ja alles! Ich habe Dich immer verstanden!«

»Deine Augen, Erna! Du hast sie noch und hast sie nicht mehr!«

»Ich habe sie noch! Und sie sollen Dir wieder helfen! Mir haben sie geholfen!«

»Wirklich?«

»Was soll denn Dein Vorwurf? Dieser Schmerz? Ich weiß nicht – mir ist, als graute Dir vor mir? . . .«

»Nein! Nein!«

»Hättest Du mich lieber in 'nem Krankenhaus gefunden? Abgezehrt, wie so'n schwindsüchtiges Frauenzimmer zuletzt?«

»Du warst eine Künstlerin – –«

»Ich war's! Begreifst Du nicht, daß darin alles liegt? Ich kann auf keine Bühne mehr! Aber ich lasse mich nicht unterkriegen! Ich habe noch mal das Weib in mir entdeckt, das, was mehr ist als aller Ruhm! Das will ich hochhalten, all den Bestien zum Trotz! Ich gebe noch immer, was ich habe! Du kennst mich! Ich bin nicht dumm, ich weiß zu leben, ich verstehe die Männer, wie sie keine versteht!«

Rudolf ließ die leidenschaftlich Erregte, die sich an seinem Körper hin und her warf, los. Wie zu Tode getroffen, lehnte er den Kopf zurück. »Mir wird doch alles genommen,« flüsterte er.

Da fuhr sie angstvoll zu ihm hin. »Was denn, Rudi? Was? Du bist doch auch hier!«

»Meine Schwester!«

»Denk' doch nicht daran! Deine Schwester – ja! Wir sind aus einem Holz! Du hast hier Feste gefeiert, von denen sich Berlin erzählt! Du mußt doch hier ein großes Glück empfunden haben! Wozu hast Du denn gearbeitet? Wozu hast Du Dich in unendliche Sorgen gestürzt? Um ein bißchen Lebensgenuß zu finden! Hier liebt man Dich –«

»Hast Du mich darum hier gesucht? . . . Nein, Erna . . . Jetzt ist das alles weggewischt für immer. Wie Schuppen von 'nem Schmetterling. Etwas Ekliges, furchtbar Fades bleibt.«

»Weil Du mich hier getroffen hast?«

»Schwester!« Er packte ihre bebenden Hände. »Du wolltest was Gutes! Ja! Aber wir sind verirrt! Wir sind beide grenzenlos verirrt! Aber Du bist ein Weib – Du kannst langsam zugrunde gehen! Mich laß jetzt fort! Ich muß! Das ist das Zeichen!«

»Wohin?«

»Ein Ende machen!«

»Nein, Rudi!«

»Es war ja beschlossene Sache. Ich hatte nur diese Nacht noch. Wie eine Narkose, ein Uebergang zum Nichts sollte sie sein. Aber nun seh' ich, das war auch eine Lüge. Mein Ende muß ernster sein, weil mein Leben ernster war, als die meisten Menschen gewußt haben.«

»Ich kenne Dein Leben! Ich will nicht, daß sie über Dich triumphieren! Pfui! Du hast was gewagt! Ich auch! Es kann nicht sein, daß Du den Mut verlierst! Woher soll ich dann Mut nehmen? Warum fliehst Du nicht? Nach Amerika? Da bist Du ein andrer Mensch, Rudi! Warum willst Du das Opfer von Berlin werden?«

»Weil Berlin mein Schicksal ist. Nicht Amerika. Hier wollte ich siegen. Man muß in Berlin für seine Träume büßen. Dieses Nest und diese Weltstadt! Hermann sagt, ich habe mich an den Schein verschwendet! Ja, was ist es denn andres als Schein – solche Stadt! Solche Menschenmenge! Millionen Schicksale! Die zu bewirten! Die zu beherrschen! Als Ganzes sind sie ein Schein! Und weil mir das entwertet worden ist – darum bin ich gebrochen.«

»Nein! Versuch' es noch einmal! Es kann ja vertuscht werden! Trotz Wechsler! Willst Du die letzte Möglichkeit nicht ergreifen? Ich habe eine Möglichkeit!«

Er starrte sie an. Beide waren aufgestanden. »Worauf sinnst Du, Erna? . . . Kann das etwas sein, was ich annehme? . . .«

»Ja! Du geliebter Narr! Da muß ich Dir einen Kuß geben! Was Deine Schwester für Dich tut! Das kannst Du annehmen! Da drüben –,« sie deutete fiebernd zum Tanzsaal hinüber – »da wartet einer auf mich – – ein Mensch, dessen Leben ich in der Gewalt habe – – ein alter, häßlicher Mensch, der sich nach mir verzehrt –«

»Wer ist das?« rief Rudolf zornentbrannt. »Kenn' ich ihn?«

»Du kennst ihn! . . . Ascher! . . .«

»Der wagt es? Dies Gespenst? Darf er das? Weil er reich ist?«

»Ich hätte auch lieber was Junges gehabt – denn ich bin noch jung! Aber er kommt immer wieder! Er täte alles für mich!«

»Jetzt versteh' ich! . . .«

»Sei vernünftig, Rudi. Mein Schicksal wär' es ja schließlich doch. Und er ist nicht der Schlimmste. Er hat ein gutes Herz. Er würde mich pflegen, mich halten, wie etwas, was ihm teuer ist. Aber er muß Dir helfen. Wenn Ascher für Dich eintritt, ist alles gewonnen.«

»Erna!«

»Was liegt an mir?«

»Und davon soll ich mir Mut holen –«

»Nur darauf kommt es an! Daß Du Mut hast! Daß Du frei bleibst! Darauf kommt es an!«

»Nein! ––«

Sie standen sich wie Feinde gegenüber. Sie maßen sich aneinander, aber der flammende Blick ihrer Augen verschmolz sofort zur Freundschaft, zum tiefsten Einverständnis. Jetzt stürzte jeder Wahn. Aus dem Abgrund holten die beiden ihren letzten Stolz empor.

»Komm' mit mir,« sagte Rudolf dumpf.

»Du willst nicht,« flüsterte sie wie ein krankes Kind.

»Ich will nicht. Das will ich nicht. Aber ich kann mir etwas geben, Erna – wenn Du nicht hier bleibst – – dann kann ich mir etwas geben – – mehr als der alte Mann.«

»Ja, Rudi!«

Sie umschlang ihn. Sie war jetzt völlig sein. Wie Verirrte standen sie in diesem Saal. Von fernher tönte die Tanzmusik. Sie hörten sie nicht, sie schritten Arm in Arm an der Lust vorbei. Rudolfs Chauffeur stand in der Garderobe. »Gib mir meine Sachen, John. Laß Dir die Sachen meiner Schwester geben.«

Der Chauffeur war ein hagerer Engländer mit langer Nase und schillernden, starr gebannten Augen. So glich er ganz einem Wolf in seinem graubraunen Pelz. Ein Diener großen Stils, ließ er sich nie die Wirkung eines Auftrags anmerken. Es zuckte kaum in seinem Gesicht, als er den Herrn so früh, so verstört den Ballsaal verlassen sah. Auch an der Schwester sah er vorüber. Er machte die beiden fahrtfertig.

Rudolf drückte dem Portier ein Goldstück in die Hand und half Erna in das Automobil steigen. Er fürchtete jeden Augenblick, daß die Sinne sie verließen. Der Chauffeur saß schon an seinem Platz und hielt die Hand an der Mütze. »Nach Wannsee. Zum Klubpalais. Wir übernachten draußen.« Der Schlag fiel zu, und das Automobil surrte davon.

»Wohin fahren wir?« fragte Erna leise und lehnte den Kopf an Rudolfs Brust.

»In's Goldgräberland.«

Lachte er? – Sie konnte den Kopf nicht heben, nicht zu ihm emporsehen. Sie trachtete nur, die letzte Zuflucht nicht zu verlieren.

»Mein armes Ernakind,« flüsterte er. »Wir haben gar nichts mehr.«

»Weder Vater noch Mutter.«

»Hermann war vorhin noch bei mir. Bei Raczag. Er ist mir nachgelaufen.«

»Mit Martha? . . .«

»Ja, mit Martha. Wie gut eine Frau die Frau errät. Aber ich kann nichts damit anfangen. Mir ist das alles fern. Es ist furchtbar, von dem ›Edelmut‹ gequält zu werden.«

»Mein armes Rudichen . . .«

»Mein Schwesterchen.«

»O, meine Hände darf ich Dir doch um den Kopf legen –«

»Deine Hände –«

»Sind immer noch rein –«

»Deine Hände!« Er preßte sie an den glühenden Mund.

Das Automobil hatte die Stadt schon hinter sich. Es fuhr über die Halenseeer Brücke dem Grunewald zu.

»Sieh' mal,« flüsterte Erna. »Es schneit nicht mehr. Es ist schön draußen.«

»Der Mond kommt 'raus. Ja, schön ist es, schön. Ich habe das lange nicht gesehen.«

»Wollen wir nicht im Grunewald halten lassen? Und laufen?«

»Das ist ein guter Gedanke. Ja, Erna. Der Kerl fährt wie verrückt. Sonst sind wir im Nu in Wannsee.«

Rudolf drückte auf die elektrische Klingel. John hielt sofort. Wie ein regungsloser Wolf hockte er oben und sah mit seinen schillernden Augen herab.

»Wir gehen ein Stückchen, John. Bleiben Sie auf der Wannseestraße. Wir kommen dann.«

Rudolf und Erna bogen in den Wald ab. Der Wagen fuhr langsam weiter.

»Winter,« flüsterte Erna. »Immer noch Winter.«

»Ist gut so . . . Nur kein Frühlingsschwindel mehr.«

»Aber schön ist es doch, wenn aus dem trockenen Laub die Blümchen kommen.«

»Ist das schön, Erna? Wirklich? Ach, Du geliebtes Kind!«

Er stand mit ihr zwischen dunklen Kieferstämmen. Es war ein kleiner, freier Platz im Walde, und sie konnten zum Himmel aufsehen.

»Wie warm es ist,« flüsterte Erna. »Sieh' nur den Mond, Rudi. Und die zerrissenen Wolken. Zerrissen, zerrissen! Was ist da oben?«

»Nur, was wir sehen können.«

»Ach; Rudi – gibt es denn gar keinen Trost?«

»Für uns sind wir's . . .«

»Ja, ja –«

»Der liebe Gott ist für andre reserviert.«

»Den mag ich schon lange nicht mehr. Den lieben Gott. Aber meinst Du eigentlich – glaubst Du, daß Bruder und Schwester alles füreinander tun dürfen?«

»Ich glaub' es.«

»Wann?«

»Wenn sie nicht mehr leben wollen. Greif' in meine Tasche.«

Sie fühlte den Revolver, und beide hasteten in's Dunkel fort. – – –

John, der Chauffeur, fuhr zum drittenmal die Wannseestraße entlang. Das Wartetempo war das einzige, was diesen stählernen Menschen erschlaffen konnte. Er murmelte zornig vor sich hin. Ihn fror in seinem Pelz, aber die Weisung des Brotherrn war geheiligt.

Da ihm nichts Sanftes oder Buntes zur Zerstreuung einfiel, begann er mechanisch die Minuten zu zählen. Es fesselte den Engländer immerhin, die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, wann sein Herr wieder auftauchen würde. Er beschloß es mit einer halben Stunde zu versuchen und nickte befriedigt. Das mußte stimmen. So zählte er mit harter Miene weiter. Er kam nicht ganz bis zur Dreißig – schon bei der Achtundzwanzig fiel ein Schuß. Dann noch einer.

John, der Chauffeur, sprang empor. Er riß seine grünlichen Augen weit auf, sofort war er vom Wagen herunter, mit großen Sprüngen ins Dickicht geeilt. Er kämpfte sich in gerader Linie zu der Stelle, wo sein scharfes Ohr den Schützen vermutete. Jetzt kam er hin. Hier lagen die beiden Belows auf einem gefällten Baumstamm. Das Blut aus ihren Köpfen rieselte über ein Schneekissen. Sie hatten zufriedene Kindergesichter.

Da beugte sich der hagere Engländer, zum erstenmal in seinem Leben hilflos. Da rang sich ein Wolfston heulend aus seiner harten Brust.

Dreizehntes Kapitel

Was im Geschehenen als Untergang erscheint und dem Blick der Zurückbleibenden hoffnungslos, kann oft die entscheidende Wendung eines Entwicklungsprozesses bedeuten. Als hätte ein unsichtbarer Spielleiter die Menschenpuppen auftreten und verschwinden lassen, so begreift man erst am Ende des Spiels ihr Schweben und Stürzen, ihr Begehren und Versagen. Wildeste Schmerzen verklingen und das Recht der Lebendigen gilt.

Was Rudolfs letzte Nacht dem Hause Below zugefügt hatte, lichtete sich nur langsam in vielen, ringenden Tagen. Joachim Friedrich hatte seine Frau und zwei Kinder verloren. Hermann waren Mutter und Geschwister geraubt worden. Das Unerklärliche aber klärte ihnen den Blick dafür, was Dauer hatte, und wo ihre Zukunft lag. Als sie die Füße aus der letzten Umschlingung lösten, war ihnen der Sieg gewiß.

Below pflegte das Grab seiner Minna, als ob sie nur in einem tiefen Schlummer da unten läge. Treue umfriedete ihren Hügel. Wenn Fritz ihr nachkam, würde sie ihn erwarten. Daran glaubte er. Aber seine Todessehnsucht wurde wieder fortgescheucht. Der ihm von seinen Kindern immer am fernsten gestanden – Hermann trat jetzt ganz zum Vater.

Der alte Mann sah in diese treuen Helferaugen und vergaß, daß sie ihm jemals fremd gewesen waren. Als hätte er einen »selbstgezogenen« Sohn an ihm, so blieb er jetzt mit ihm zusammen. Die Welt der Wissenschaft, aus der Hermann kam, nahm er mit kindlichem Respekt als natürliche hin, und er zweifelte nicht mehr, daß alle Bücher unter den rechten Augen Leben wurden. Sein Erbe war ein verwandelter Begriff. Es mußte nur ein guter, ehrbarer Mensch sein – daran klammerte sich Below.

Er folgte Hermanns Rat. Die Burgstraße verließ er und kaufte sich draußen, am märkischen Walde, in Klein-Machnow an. Dafür genügte sein heiß Umkämpftes auf der Reichsbank und für seinen Lebensabend, mochte er nun kürzer oder länger werden. Hermann hatte das Häuschen, das kein moderner Villenkasten, sondern eine umgebaute, ländliche Schule war, für den Vater gefunden. Below paßte in das einfache Ding, dessen Stockwerk mit wildem Wein bezogen war, hinein. Es war sein Stil, sein Alterssitz, und in stillen Stunden glaubte er noch den fröhlichen Lärm zu hören, den barfüßige Dorfschüler hier vollführt hatten.

Kulicke, der Gärtner und Portier, hatte in diesem Hause noch seine Bildung genossen. Frau Kulicke machte die Stuben rein, denn Bertha, die alte Magd der Belows, war nicht mit nach Klein-Machnow gezogen. Die trieb es nach dem Tode ihrer lieben Frau zu mächtig, Krankenpflegerin in Bethanien zu werden. Sie hatte immer höhere Ideen gehabt als ihr Kollege Unter den Linden, Gottlieb Pinkert.

Aber Below wohnte nicht ganz allein. Martha blieb bei ihm und führte seinen kleinen Haushalt. Ihr Leben war abgeschlossen.

Jetzt hatte sie den klaren Blick, der wunschlos war und hinnahm, was ihr noch beschieden war. In wesenloser Ferne lag das Gewühl der Vergangenheit. Nur zuweilen durchzuckte sie noch der wilde Gedanke: Noch einmal anfangen. Noch einmal als das scheue Mädchen, das die Leute schön gefunden hatten, hinter Vaters Ladentisch stehen, gehorsam Handschuhe nähen und den Kunden anprobieren – wie fern, wie fern. Und Rudi Below kam. Ja, er kam. Auch in den letzten Traum. Er mußte kommen, und alles mußte geschehen, die ganze, unfaßliche Lebensfahrt, wie es geschehen war. In fernen Gräbern lagen nun der überschäumende Rudi, der schnell verwelkte Fred. Martha legte die Blumen ihrer Frauenseele darauf und wandte sich gefaßt dem Rest des Daseins zu. Wer ruhte, war am Ziel. Man mußte sich nur darauf freuen können. Das hatte Rudi nie gehabt. Sie hatte es jetzt, und deshalb fand sie gute Tage.

Den Vater sah sie nur noch, wenn er sie brauchte. Wünschel wußte, daß Martha ihm in der Not zur Seite stand. Er schimpfte sich weiter durchs Leben, das ihm im Beschimpftwerden seinen einzigen Reiz bot.

Below wäre das Zusammensein mit der resignierten Frau doch zu einsam geworden, wenn Hermann und die Seinen nicht in der Nähe gewesen wären. Aber so war es weislich eingerichtet. Nur wenige Landhäuser trennten alt und jung.

Anfangs wurde nur Below besucht. Da kam Anna und brachte ihre Kinder mit – inzwischen war auch ein kleiner Fritz erschienen – da lernte Annas Mutter den Großpapa Below kennen, an dessen Schicksal sie jahrelang teilgenommen hatte. Hermann kam täglich, brachte Bücher, ordnete mit Martha das Wirtschaftliche und verließ den Vater nie, ohne ihm neuen Lebenstrieb gegeben zu haben. Es senkte sich Abenddämmerung nach all den Stürmen auf einen schwer geprüften Mann. –

Das kranke Ungetüm, die U. B., fand inzwischen auch seinen Helfer. Der arme Rudi Below. Er hatte wirklich heimgezahlt, was Berlin ihm geliehen hatte. Sein Tod wurde seine wirksamste Reklame. Als man sich nicht mehr damit schaden konnte, erwachte die Sentimentalität der Weltstadt.

Das Finden der Geschwister, dessen merkwürdige Umstände durch den geschäftskundigen Koloman Raczag bekannt wurden, ihr gemeinsames Ende im nächtigen Grunewald packten die Gemüter. Man machte sich gern wieder einmal einen seelischen Vorwurf, denn die Räder des Betriebes rollten weiter.

Nun, in der milderen Mitleidsstimmung, ging man ernstlich daran, die Belowsche Ecke in Ordnung zu bringen. Aber Kretschmar hatte recht – es war ein ›Augiasstall‹, der erst richtig duftete, als man die Türen aufriß. Herkules fehlte. Furchtbare Verworrenheit förderte die Prüfung der Bücher zutage. Es war der greifbare Zeitschaden, den man vor sich hatte: eine versteinerte Orgie der Geschmacklosigkeit, ein Zerrbild der Modelaune und ein Strafgericht auf Sand gebauter Spekulation.

Wechsler, der Hauptschuldige, war nicht mehr zu fassen. Dieser zehnfach Gesiebte hatte sich noch in Sicherheit gebracht. Sein Prozeß wäre die Klärung geworden.

Aber nun lauerte das Elend eines brotlosen, längst um seine Löhne gebrachten Personals. Nun zitterte es ringsumher, in Banken und Industriewerken, überall, wo Unehrlichkeit oder Dummheit verstrickt worden war. Man durfte nicht zu stark an der U. B. rütteln. Ließ man sie in Staub sinken, so riß sie allzu viele Stützen mit. Dies war die Rache des toten Rudi.

Man überlegte hin und her, man dankte Below, dem Hauptgläubiger, seine Resignation und klammerte sich pietätvoll an den Bodenwert, der nicht umzubringen war (70 000 Mark die Quadratrute!) – aber der Reorganisationsplan wollte nicht gelingen. Das Genie fehlte.

Da hieß es plötzlich, aus dem allmächtigen Hause Ascher sollte die Hilfe kommen. Was niemand erwartet hatte – nicht die junge Tatkraft der Söhne riß das Unternehmen an sich, der alte Berthold selbst stand wieder auf dem Plan. Ihm gelang es in wenigen Tagen, was wirre Monate nicht gebracht hatten. Er ›interessierte‹ sich plötzlich für die U. B. Durch seine Autorität gelang es, einen Ring von Industriellen zu bilden, dessen Führung die Firma Ascher übernahm. Sie ließ die Belowsche Ecke, die ihren alten Namen wieder erhielt, von den feinsten Architekten der Zeit umbauen. Ascher hatte als Autodidakt den Spürsinn, nichts, was durch Ungeschmack und Wertlosigkeit gefährdete, hineinzulassen. So verwirklichte der alte Geschäftsmann, was Rudi Belows Schwärmerei vergebens ersehnt hatte. Freilich war es nur ein Kaufhaus der Eleganz, ein Magazin. Aber zusammenzutragen, was gekauft werden konnte, nie in unverkäufliche Objekt zu geraten – das war Berthold Aschers Gabe. Damit stieg er gelassen über Rudi Belows Grab hinweg.

Er tat es, um sich dem eigenen zu nähern. Nun hatte er nichts mehr in Berlin zu tun. Sein letztes Werk sandte er schon aus der Dunkelheit. Man sah den alten Organisator nicht. Man rottete sich zusammen, wie eine ängstliche Herde, und verkaufte ihm blindlings alle gescheiterten Ansprüche. Die Söhne führten die Verhandlungen. Wenn man sie nach dem Vater fragte, wurden sie einsilbig und machten ehrlich bekümmerte Gesichter. Berthold Aschers physischer Zusammenbruch war unaufhaltsam. Er wollte nur in seinem Lehnstuhl sitzen, im stillen Hinterzimmer der Bellevuestraßenwohnung, und rechnen. Rechnend eignete er sich noch an, was belowisch war. Dann konnte er getrost nach Weißensee fahren.

Man wußte, daß sein Versagen an dem Tage eingetreten war, da Rudolf und Erna erschossen im Walde gefunden worden. Ein merkwürdiges Zusammentreffen, das man sich nicht erklären konnte, denn ein besonderes Mitgefühl für das Schicksal des Belowschen Hauses hatte man Ascher niemals angemerkt.

Jedenfalls war seit jenem Tage seine Körperkraft gebrochen. Nur der rastlose Geist lebte noch, und während dem Einsamen die stetig wachsende, tobende Riesenstadt draußen aus dem Bewußtsein schwand, berechnete er mit genialer Klarheit ihre Erfolgsmöglichkeiten und Reize. –

Joachim Friedrich Below hatte einen anderen Lebensabend. Je enger seine Wünsche umgrenzt wurden, desto weiter sah er sie in Leben umgesetzt. Ein Sohn, der seines Blutes war und mehr als sein Blut, eine Tochter, die ihm nie gekannte Anmut und Weibeskraft offenbarte, zwei gesunde Enkelkinder, das Mädchen blond, der Junge braun gelockt – das war ein gewaltiges Vermögen. Da traf es ihn zuweilen tief ins Herz, wenn er des unglücklichen Rudi gedachte, dessen Flehen er ein Bankdepot versagt hatte.

Wie reich konnte doch das ärmste Leben immer noch werden. Es kam nur auf die Herzen an. Es galt nur die Frühlingsformel, die ein großes Blühen weckte und kleine Verdorrtheit wie schmutzigen Schnee zerfließen ließ. –

Es war an einem Abend im Mai. Joachim Friedrich saß in Hermanns Gärtchen. Die Kinder spielten zu seinen Füßen, aber ihre Aufmerksamkeit war zwischen zerrauftem Spielzeug und der Schokoladentüte geteilt, die Großpapa ihnen mitgebracht hatte.

»Es ist merkwürdig, wie dämonisch solche Tüte ist, solange sie geschlossen bleibt,« meinte Hermann, der die Kinder beobachtete.

Anna lachte leise.

»Erlaube ihnen doch –«

»Nein – pardon . . .«

»Gern, Väterchen.«

»Was muß erst geschehen? Min? Der Fritz ist noch zu klein – dem mußt Du es sagen. Also, was geschieht, wenn ich die Tüte hier aufmache?«

Minchen sah den Vater mit großen, sehr bestimmten Augen an.

»Das wirst Du gleich erleben,« meinte Below amüsiert. »Aber anders vielleicht, als Du Dir's vorstellst. Mit Kindern is es so 'ne Sache.«

»Die Sache wollen wir mal prüfen. Also, Minchen, hier mach' ich jetzt die Tüte auf. Das sind ja wunderbare Pralinés. So. Was geschieht nun?«

Minchen lachte kurz und ging mit der offenen Tüte zu allen hin, um anzubieten. Anna klatschte in die Hände. Hermann aber blieb ernsthaft und nickte nur. Der Großpapa hatte feuchte Augen bekommen. Er zog die beiden Kleinen, die nun endlich zum Naschen kamen, an sich. So saß er da, der alte Fels mit blühendem Behang, ein schöner Anblick. Er mußte, wie immer in solchen Glücksmomenten, an Minna denken. Anna spürte das, nahm die Gitarre zur Hand und sang ein kleines russisches Lied.

»In der Steppe, grau gebreitet,
Weiß ich doch, was mir gehört,
Seh' den Stern, der mich geleitet,
Wo mich auch die Welt betört.

Heimat, bist du nur ein Schimmer
Und ein Wort in meinem Ohr –
Hältst im Mutterschoß doch immer,
Was sich fern zum Glück verlor.«

Sie schwieg. Es dämmerte im Garten. Below saß, den weißen Kopf in die Hände gestützt. Die Kinder fühlten etwas Fremdes und hatten sich mit ihrem Spielzeug in einen Winkel zurückgezogen.

»Ja, das is es,« flüsterte der Alte plötzlich. »Haben wir nu eigentlich, was man so Heimat nennt, Hermann? Wir Berliner?«

»Das ist die Frage, die uns jetzt viel beschäftigt.«

»Euch Jungen, nicht wahr? Das denk' ich mir. Ich bin ja a. D. Ich mache nicht mehr mit. Ich hatte mal 'ne Heimat. Ganz entschieden. Du weißt schon, wo. Aber sie is verschwunden. Und man kann nicht mal sagen, daß es schade drum is.«

Below sagte nichts mehr. Hermann schien seine Antwort zu überlegen. Anna war mit den Kindern ins Haus gegangen.

»Ja, so'n russisches Gemüt,« begann Joachim Friedrich wieder. »Du lieber Gott, Deine Frau kann wenigstens an 'ne Heimat denken. Es is ja woll nur Sehnsucht. Aber Du, Hermann – für Dich bleibt so was nicht übrig. Da muß ein Klotz Geld verdient werden, wo Deine Heimat is. Da fressen die Hasen den Kohl weg.«

»Vater,« erwiderte Hermann, »es ist das Schwerste, aber ich glaube doch an ein Gelingen. Ich sehe nicht nur Untergang, sondern auch Zukunft. Das ist die Kraft von Berlin. Wie lange wird man sich noch mit Geschichtsbüchern herumschleppen? So schön die Vergangenheit ist – Goethe hat gesagt: ein Buch mit sieben Siegeln. So steht es um jedes Haus, das übrig geblieben ist und keine lebendigen Menschen mehr beherbergt. Ich ahne den größten Umwandlungsprozeß. Ein wenig werden ihn meine Kinder noch erleben. Die bleiben Berliner, aber sie lügen sich in keine fremde Kultur mehr hinein. Der riesige, zusammenströmende Komplex bringt selbst die Krisis und die Gesundung. Die innere Stadt wird sich überlassen bleiben, ein steinerner Herd der Industrie, ein großer Markt, keine Menschensiedlung. Draußen aber wird sie von Gartenstädten umringt, wo die Berliner der Zukunft sich geistig und körperlich heranbilden. Bescheidenere, weisere Berliner. Die unsern Rudolf verwerten, nicht untergehen lassen. Die ein Talent zu bilden verstehen in der zweckmäßigen Schönheit der Technik, in der freien Natur, die ihnen dann endlich wieder gehört.«

»Das siehst Du, Hermann? Aber das steht wohl bloß in Deinen Büchern?«

Below erschrak, als ihm die letzten Worte entschlüpft waren. »Entschuldige . . . es war nicht böse gemeint . . .« Er errötete auf seine alten Tage. »Ich weiß ja, daß Du keine Redensarten machst. Das weiß ich jetzt. Du und Anna – Ihr seid Arbeiter, bessere Arbeiter als die Spekulanten und Geldmacher. Ihr bringt die Karre auf Eure Weise vorwärts. Aber es steckt nu mal in mir: Tatsachen, Hermann. Wo sind Tatsachen? Das frag' ich Dich ohne Vorwurf. Und so war Mutter auch.«

Er sah seinem Sohn nur zaghaft in die Augen. Aber zu seiner freudigen Ueberraschung fand er feste, gütige Heiterkeit darin. Hermann hatte ihm nichts übel genommen. Er griff vielmehr nach seiner Hand und erwiderte: »Vater, es bleibt eben so: Ihr seid die Jungen, und wir – na, wir wollen das nicht näher bezeichnen. Jedenfalls – vor Deinem Ungestüm müssen wir besonnen bleiben. Das ist der Lauf der Welt. Aber ich möchte Dir versichern: Es steht nicht nur in Büchern, was ich hoffe und erwarte. Tatsachen sind schon da – doch es merkt sie nur, wer sich darin entwickelt. Das empfinde ich täglich bei meinen Vorlesungen vor jungen Hörern. Das fühlt Anna, wenn sie bei den Armen draußen in den Vorstädten ist und ein bißchen Trost bringt. Irgendwo leuchtet es immer wieder auf. Ich sehne mich auch nach Taten, Vater – sonst blieben ja meine Worte nur Worte. Laß mich ruhig einen dürren, alten Professor werden. Mag ich bis an mein Lebensende als grauer Theoretiker gelten, die Rudolf so verachtet hat – schließlich ist doch das ganze, was unsereiner zustande bringt, ein Baustein der Zukunft. Schließlich helfe ich doch die Belowsche Ecke tragen. Und wenn's nur ein schmales Buch von einem Toten wird: Unsere Kinder müssen zu essen und zu lesen haben. Die wissen dann vielleicht etwas von meiner ›Tat‹.«

Below drückte Hermanns feine Hand in seinen harten Händen. »Ja, mein Junge . . . Nu bin ich zufrieden . . . Mach's man so, wie Du willst.«