Nächte

Erstes Kapitel

»Die macht Claus Tinnappel auch noch zum Flederwisch . . . das ist ein Galgenvogel . . . kaum zwanzig is' se . . . und zwei Männer liegen schon im Erdboden eingescharrt . . . die wird ihre Schlingen schon um den jungen Kerl zu werfen wissen . . . die hat auch in Trauerkleidern Courage.«

Es war Nacht.

Die mürrische Erzählung machte eine quarrige Stimme, die aus einem vorgebeugten, mageren, grauen Schädel kam, dessen blinzelnde Augen in ein kleines, wieder neu sprühendes Waldfeuer sahen. Die harten Hände rissen frische Fichtenzweige umständlich und fest aus einem mächtigen Reisighaufen heraus und deckten sie gemächlich über die sausenden und krachenden Dunkelflammen. Der alte Buchwald ragte gegen die graue Dämmerluft und den Schein der jagenden Funkenschwärme, die stumm und geisterhaft über die Waldgräser hinschwebten.

Es war hoch oben im Forste.

Die Lichter fern in der Tiefe der Täler waren erloschen.

Der Waldboden war kühl und feucht. Er atmete erdigen Wohlgeruch. Die Sträucher der Rehheide flüsterten am Hange. Sie schienen unter den bleichenden, starren Sternen wie geheimnisvoll erglüht, als wären goldblinkende Gewirke weit hin am Waldsaum gebreitet.

Die Schutzhütte stand offen.

Nur der alte Totengräber ging vor der Hütte ums Feuer.

»Die macht Claus Tinnappel auch noch zum Flederwisch . . . das ist ein Galgenvogel . . . und die Alte ist eine Hexe oder Eule . . . und was der Vater war, wie der noch lebte . . . der immer mit Vieren fuhr,« begann er neu seine Rede, als wenn er dem Feuer seine lustige Geschichte erzählte, weil der, mit dem er geredet hatte, längst unversehens wieder eingeschlafen war.

Drinnen in der Hütte lag auf Bündeln zu Häupten, mit Jacke oder Laub leicht zugedeckt, Mann an Mann, alte Holzfäller, die schwerfälligen Sinne noch vollends dem leisen Rauschen der Waldnacht und dem Glanze des Feuers und der Sterne verschlossen.

Der dürre, stakige Totengräber besaß allein die Unrast der Greise. Er muddelte ewig an seinem Pfeifenkopfe herum, schob den Kaffeetopf übers Feuer und machte sich auch in den tiefsten Nachtstunden immer zu schaffen.

»Oh du großer Gott und Heiland!« seufzte er vor sich hin. »Die Alte ist richtig ein Uhu . . . und was den Vater betrifft, wie der noch lebte . . . und immer mit Vieren fuhr . . .«

Das Gerede war plötzlich erstorben, weil der alte Totengräber jetzt verstohlen beobachtend ein Stück an der Waldlehne hingehumpelt.

Drüben in den Rehheidestrichen, die nachtgolden glühten, sah man im ersten Morgengrau ein paar Dämmergestalten, unbestimmt und doch blendend.

»Ihr Leute! . . . Ihr Leute!« . . . rief jetzt Buchwald pfiffig den Schlafenden in der Hütte zu. »Ich sagte es doch gleich . . . da stehen se . . . da stehen se . . . sie macht sich das Tüchel frisch um die Haare . . . weil Tinnappel sie richtig gezaust hat . . .«

Einer nach dem andern erhoben sich die alten Holzfäller von ihrem Laublager, reckten ihre erstarrten Leiber und kamen verschlafen in die Morgenluft.

»Und fort is' se . . . wie ein Rehkitz« . . . schrie der Totengräber verhalten. »Und liegt längst in den Federn, wenn die alte Eule zum Rechten sieht!«

Claus Tinnappel stand drüben in der Rehheide, und Salie war bereits im tieferen Bannwald dem Tale zu verschwunden.

Claus Tinnappel war straff wie ein junger Buchenbaum. Oben im Gebirge am Hochmoor stand noch das alte, kleine, wettergezauste Forsthaus aus Balken gebaut, darin er als Kind in der Wiege gelegen, und daraus er als Junge zu Tale gesprungen. Jetzt war Claus Tinnappel Forstgehilfe, angetan mit graugrünem Waldhabit, und hatte noch mehr einen Blick wie ein äugendes Waldtier. Er hatte geschworen sich unbarmherzig an den Wilderern zu rächen, die seinen Vater im tiefsten Forste zu qualvollem Tode gebracht. Sein rechtes, unteres Augenlid war gespalten. Er hatte einmal einen Streifschuß ins Gesicht erhalten, gerade als er den Wilderer scharf aufs Korn nahm. Auch die Mittelsehne seiner linken Hand war verkürzt, weil er in das Messer eines Wilderers in jachem Handgemenge hineingegriffen. Er wußte noch heute nicht, wie er damals davon kam. Claus Tinnappel konnte unbarmherzig sein. Er fürchtete sich vor niemand.

Jetzt stand er in der Rehheide im Morgengrau. Und Salie hatte ihm noch eben in den Armen gelegen.

Als der junge Forstgehilfe, die Büchse über der Schulter wie von einem Patrouillengange näher kam, krochen die alten Holzfäller noch einmal in ihre Schlummerlager zurück.

Der alte Totengräber ließ stumm den Kopf hängen und stöckerte im Feuer mit einem Reisigast. Alle taten, als wenn nur schlafende Stimmen grau über der Waldnacht hingen und Wunder und Sagen um die bleichen Stämme spännen.

Auch Tinnappel streckte sich wortlos ins Waldgras hin.

Nur der alte Buchwald nahm jetzt den Topf aus dem Feuer, schlürfte und ließ das Feuer einsinken.

Aber wie der Morgenschein über die Ginsterhänge floß, daß sie wie helle, goldene Fließe am Hange lagen . . . wie die alten Holzfäller zwischen den gestürzten Stämmen sägten oder die Äxte schwangen . . . als der junge Tinnappel am Waldrande stand, die kurze Pfeife dampfend im Munde, und der Förster herzu kam, rief auch er dem Forstgehilfen entgegen: »Die dachte wohl gar, ich erkennte sie nicht . . . übrigens sieht sie verteufelt unschuldig aus in ihrer dörflerischen Maskerade . . .«

Der Forstgehilfe wurde rot wie Purpur. Ganz übergossen wie ein junges Mädchen in Scham. Er konnte dem Förster nicht recht in die Augen sehen.

»Vor der warne ich Sie!« sagte der schwarzbärtige Förster, als er zu Claus Tinnappel herankam. »Zwei Männer hat sie schon unter die Erde gebracht . . . das ganze Dorf kennt ihre Tollheit,« sagte er hart.

»Ach Gott . . . Herr Förster!« . . . sagte Tinnappel kleinlaut. »Wie wilde Hummeln nun einmal sind!« . . . »Ich verstehe mich schon auf sowas« . . . sagte er jugendlich drollig und doch noch immer verlegen.

»Unter uns gesagt«, sagte der schwarzbärtige Förster begütigend, »eine hitzige Zigeunerin war mir auch immer lieber wie ein Lamm auf der Weide« . . . »Nun Gott befohlen . . . die ganze Sippschaft ist ziemlich sonderlich . . . ich wollte Ihnen nur einen guten Rat geben,« sagte er treuherzig, zündete sich auch die Pfeife an, nahm sein Forstbuch und seinen Signierhammer und maß die Stämme.

Unterdessen hallten auf der Lichtung die Axtschläge und summten rhythmisch die Sägen. Der nahe Wald wogte leise im Sonnenschein. Spechtrufe lachten. Und Claus Tinnappel sah einer einsamen Krähe nach, die in der Talrichtung ferner und ferner im Licht sich verlor.

Zweites Kapitel

Unten im Dorfe am Eingang in das enge Flußtal lag, den weißen Häuschen mit dem schwarzen Balkenwerke oder mit böhmischen Holzaltanen und bunter Wäsche zum Trotz, hinter schwarzem Eisengitter mit goldenen Spitzen und einem Vorgarten, darin mächtige Kastanien Schatten über grünen Rasen und Kieswege warfen, ein feines, weißes Herrenhaus, die Fensterscheiben seltsam gewölbt, daß sie wie geschliffenes Glas spiegelten, und Portal und Brüstungen aus hellem Granit gehauen und gerundet.

In diesem Hause oder Schlößchen wohnte jetzt die alte Frau Rotkegel seit Jahren allein. Denn Herr Rotkegel war lange tot.

Und es ist wahr, was der schwarzbärtige Förster oben im Schlage zu Claus Tinnappel gesagt, daß die ganze Rotkegelsche Sippe sehr wunderlich war. Die armen Leute im Orte waren an dem hohen Eisenzaun nie entlang gegangen, ohne sich nicht in die schielenden Fenster wie in eine verborgene Zauberwelt hinein zu träumen, auch schon als Herr Rotkegel noch lebte.

Aber Herr Rotkegel war an sich nichts Geheimnisvolles gewesen.

Herr Rotkegel, so Sonderliches man sich auch von seinen Liebhabereien und Launen erzählte, hatte mit dem Dorfarzt und dem Oberförster zusammen im Wirtshaus gesessen.

Er war mit Flinte und seinen Hunden pürschend über die Dorffelder gestrichen.

Und wenn der lustige, breite Mann mit dem Doppelkinn und mit den vollen, weißen Bürsten über seinen kleinen, flinken Augen in die Kirche trat, so war an ihm mit Ausnahme der großen, funkelnden Busennadel und den reichberingten, dicken Fingern, mit denen er dann sein Gesangbuch vor sich hin hielt, nichts Auffälliges weiter gewesen, als eben die kleine, jugendliche, ganz schüchterne und immer wie in entschuldigender Güte lächelnd hinter dem breiten Rücken des Herrn Rotkegel verschwindende Frau Rotkegel, die er erst in seinen späteren Jahren, wie er längst ein reicher Mann war, aus der Stadt mit heimgebracht hatte. Frau Rotkegel immer ein wenig verschleiert, oder gar hinter den Spiegelscheiben, wo all das Wunderwerk stand, das Herr Rotkegel aus der weiten Welt gesammelt, allzeit ungesehen umgehend, so daß sie von Anfang an, sobald sie ins Dorf eingefahren war, unter die Reichtümer und sonderlichen Kostbarkeiten des alten, breiten Herrn Rotkegel von den Dorfbewohnern gleich mit eingerechnet worden war.

Man muß auch wissen. daß es mit den Vieren, womit, wie der alte Totengräber behauptete, Herr Rotkegel immer gefahren war, eine eigene Bewandtnis hatte.

Man denkt sich dabei zwei fliegende Doppelgespanne mit flatternden Mähnen vor einander, leicht in der Hand des betreßten Kutschers hineilend. Einen rollenden Wagen, der in Federn wiegt. mit allerhand vornehmer, herausquellender, seidener Frauenkleidung, wenn der Diener erst vom Bocke gesprungen ist und den Schlag einmal öffnet.

Aber das war alles ganz anders gewesen.

Der Wagen war ein haushoher, breiträderiger Planwagen gewesen, in dem feine Leinwanden gestapelt lagen, und vor dem vier mächtige Pferde aus Brabant mit Messingscheiben und anderem Geklingel und mit buntem Lederwerk reichlich aufgeputzt, alle Muskeln hatten spannen müssen, um ihn polternd und krachend und dröhnend die Landstraße fortzuziehen.

Erst war Herr Rotkegel selber im blauen Hemde, am Hute einen Strauß, die Peitsche lustig schwingend daneben gegangen. Später freilich hatte er genug Kutscher und Knechte und stand nur noch als reicher Herr unter den reichsten Händlern auf der Messe.

Und die seltensten Sonderlichkeiten brachte er der feinen, scheuen Frau Rotkegel von seinen Reisen mit heim. So daß das Rotkegelsche Haus bald gar nicht wie eine menschliche Wohnung, eher wie ein Märchen anzusehen war. Zimmer an Zimmer nur voller Glasschränke, darin geschliffene Gläser und Schalen, buntes Steinzeug, Mosaiken, Miniaturbildchen, Ringe und Gemmen, winzige Uhren mit Diamant- und Perleinlagen und tausenderlei anderer kostbarer Kleinkram dem Auge verlockend blinkten. Truhen mit getriebenen Beschlägen standen da, aus denen man die schimmerndsten Wirkereien in Gold und Steinen ausschälen und hinbreiten konnte, edle Arbeiten, wie man sie in den Ländern der Wunder Königinnen über die weißen Steinterrassen breitet, oder auf die Altäre der Götterbilder selber anbetend niederlegt.

Es standen auch solche Götterbilder auf elfenbeinernen Tischchen in den Winkeln der weiten Räume.

Überall brütete eine große Feierlichkeit.

Die scheue Frau Rotkegel ging in dem Rotkegelschen Hause herum ganz ohne Laut.

Sie hatte große, nächtliche Augen.

Und auch deshalb konnte man an eine Eule denken, weil ihre Augen viel blinzelten.

In vielen Zimmern waren die Vorhänge gegen die Sonne immer niedergelassen.

Auch ein fremdartiger Geruch lag über allem Möbelkram und quoll aus den Schüben, sobald man sie öffnete.

Die erlesensten Spitzen lagen in den Kästen und Schüben geborgen. Frau Rotkegel konnte im Anstarren der kleinen Wunderwerke, die darin in weiß gebildet waren, Reigen von Sternen und Tieren und Blumen, Stunden vergessen.

Auch Goldbecher und Goldschalen gab es, schwer und gediegen. Schmuckkästchen, darin Ketten und Geschmeide lagen, die Frau Rotkegel oft wie eine umspinnende Musik lange durch die Finger gehen ließ, als wenn sie sie mit ihren feinen, weißen Händen noch lebendiger fühlte, als mit ihren fast zugedrückten, blinzelnden Augen sah.

Frau Rotkegel ging in dem Rotkegelschen Schatzhause richtig wie verzaubert um.

Freilich war da auch ein Kind aufgewachsen. Rosalie. Salie hatte sie der Vater genannt. Das gesund und frisch und unternehmend war. Das mit viel Lärm und rücksichtslos schon auf seinen kurzen Beinen durch die stillen Räume gelaufen und der Feierlichkeit und Schätze nie geachtet hatte. So daß es der kleinen, scheuen Dame, wie der Alte tot war, wohlgetan, wie die Tochter sich mit ihren sechzehn Jahren gleich einen älteren Mann, einen Gymnasialprofessor erkoren, den sie mit ihren lustigen, dunklen Augen völlig betört hatte.

Jetzt war Salie kaum zwanzig.

Sie hatte außer dem Professor schon einen zweiten Mann, einen jungen Offizier gehabt, der auch unversehens gestorben war.

Und Salie sah schlank aus, achtete der Trauerkleider nicht, hatte Blicke wie eine spanische Tänzerin und lief wie ein Mädchen herum.

Wenn sie jetzt neu im Rotkegelschen Hause herumpfiff und sang, kam die kleine, scheue Frau Rotkegel gar nicht mehr aus ihren hintersten Verstecken hervor.

In Salies Stimme, die zärtlich war, lachte und girrrte es.

In ihren Hantierungen, wenn sie auch nur mit einem Blumenkelche tändelte, lagen Liebkosungen wie zum Trotze.

Manchen Alten, nicht bloß durch junge Sinne gesehen, stach ihr wissendes Wesen im Blute wie mit feinen Nadeln und machte ihn ihr nachblicken, wenn sie mit wehendem Brusttuch um die Schultern, ohne Hut in der Sonne, heute wie ein Bauernmädchen, und morgen wie eine Prinzessin durch die Dorfstraße lief. Mancher weise Blick lächelte über die Schalkheit und Inbrunst ihrer jungen, jähen Bewegungen, die ihr um Schultern und Hüften zuckten und ihren losen, dunklen Kopf zurückwarfen.

Vor dem Hause der Frau Rotkegel ragten jetzt im Schatten unter den Kastanien große Blüten von Purpurmohn hinter den Eisenstäben des Zaunes. Glut brannte in den Kelchen. Die Farbe der losen Blätter, die auch leicht abgeworfen im Kies lagen, war wie Feuer so glühend.

So waren die Stunden, die Salie hinwarf.

Im Grunde jeden losen Blütenblattes war ein Zeichen wie aus sammetschwarzem Tode. Es konnte nichts Unheimlicheres geben, als im Innersten der Blütenglut die Flecken von tiefster Finsternis zu sehen.

So ragten die Purpurblumen im Schattengarten am Julitage.

So ragte in dem verwunschenen Hause drinnen die junge, verzehrende Frau.

Drittes Kapitel

Claus Tinnappel war so nüchtern, wie Salie verrückt und verschroben und nach allerhand Aberglauben und Märchentorheiten lüstern war. Sie hatte nicht umsonst unter dem Zauberballast im Rotkegelschen Hause ihre Jugend zugebracht, um nicht selber Verwunschenes genug an sich zu tragen und mit Wahrsagen und Hexensprüchen ihre Stunden und Tage zu vertändeln.

Aber eine Wahrheit lag in ihr, heiß wie Sonnenfeuer und dunkel wie Abgründe. Das junge, starke Blut Claus Tinnappels hatte draußen und hoch im Blütenmeer der goldenen Rehheide die stumme Sprache verstanden, die Salies Atem und Pulse redeten.

Und Salie dachte, daß sie sich nur nach Claus je gesehnt hätte. Sie lief jetzt oft oben an den Waldhang, wenn der Mond golden in der Nachtluft hing.

Aber sie hatte Claus nie gesagt, daß sie mehr als Heimlichkeiten wünschte.

Das kränkte Claus.

Mit der Zeit war ihm auch das Gerede der Holzfäller und des Försters zu dumm geworden.

So war er eines Tages zu Tale gelaufen und stand vor dem Rotkegelschen Hause.

Er hatte Frau Rotkegel nie von Angesicht gesehen.

Es war dem straffen Claus Tinnappel eine lächerliche Beklemmung, als er jetzt gar in dem feinen Treppenhause stand und unter den seltsamen Wohlgerüchen atmen mußte, die aus einem indischen Bazar gewiß nicht üppiger aufstiegen.

Aber Claus Tinnappel war gewissermaßen aufgebracht.

Er war gekommen, die steilen Steinwege und durchs Dickicht nieder, wie Hirsche durch die Dickung brechen. Er wollte etwas in Klarheit bringen. Er dachte nicht viel mehr, als daß er einmal die ganze Lage sich mit eigenen Augen besehen und daraus erkennen würde, wie weit ihn seine törichten Sinne narrten.

Verdacht ist ein Arom. Könnten wir unser verdächtiges Blut prüfen, wir könnten vielleicht eine feine Flamme damit grün färben, oder wer weiß mit welchem nie gesehenen Zauber. Verdacht lag Claus Tinnappel im Blute. Obwohl auch er jetzt in Salies Blicke verzehrend hinein sah, wie in einen Purpurkelch.

Claus war gleich über die Teppiche im Rotkegelschen Hause empor gelaufen, obgleich Boden und Füße ein wenig unter ihm schwankten.

Aber er mußte doch lachen, als er in die Tür zu Frau Rotkegel vollends eintrat.

Die Glasservanten alle in dem gewölbten Zimmer schielten und spiegelten. Sofa und Tisch und Lehnstühle darin waren mit Spitzenzeug reich behangen und schwiegen in ganz versunkenem Gehaben. Auch Frau Rotkegel war mit Spitzen behangen wie Tisch und Sofa. Sie sah sehr weiß und sehr zierlich aus.

Claus Tinnappel konnte die blinzelnde Dame ruhig betrachten, weil sie ihn zuerst nicht ansah.

Ihre Augen schienen ziemlich verzweifelt. Sie blickten auf den Erdboden oder an die Wände. Ihre Augen schienen dunkel wie Salies Augen, aber in einem sehr feinen, bleichen Gesicht. Ihre Lippen waren schmal. Unentschlossen lag der erste Gruß auf den Lippen. Sie war Claus Tinnappel wie abwehrend gleich bis an die Tür entgegengelaufen, indessen sich das dienende Bauernmädchen noch immer nicht entfernen gewollt.

Claus stand ziemlich ratlos.

Er hatte außer dem Gruße, den er aus Verlegenheit hervorstieß, sich in allen Winkeln umgesehen und die beiden, großen Bernhardshunde, die ein jeder in einer Fensternische nur den klugen Kopf hoben, ins Auge gefaßt.

»Ja, was wollen Sie denn bei mir?« hatte die kleine Frau Rotkegel jetzt ausgerufen.

Da hatte Claus Tinnappel sich zwar gleich besonnen, daß er vor Salies Mutter stand, und daß er nun eigentlich einmal wissen müßte, was es mit ihrer Tochter für eine Bewandtnis hätte?

Aber diese Frau Rotkegel war allzu fein und zierlich und leise, und gar nicht so, wie Mütter sind, die über das Schicksal von Töchtern sich nüchtern und sicher verbreiten könnten.

Claus war plötzlich ganz seltsam abgestoßen.

Gar nicht unlieb.

Die kleine Frau war ja wie ein feiner Gesang. Aber einen Gesang und ein Märchen war Claus Tinnappel nicht zu hören gekommen.

Er gab seine ganze Absicht verloren.

Er suchte nach andern Ideen, die ihn aus seiner Lage wieder heraus bringen könnten, in die er durch seine Hast geraten war.

Claus war einsilbig wie Frau Rotkegel.

Er fragte nur, ob sie Holz für den Winter brauche? Sagte, daß er nur deshalb gekommen wäre.

So daß jetzt auch das Bauernmädchen sofort gleichgültig aus der Stube verschwand.

Claus sprach ziemlich jäh. Er stotterte einiges über die Holzpreise für den Winter. Er kam nicht zu Ende. Er lächelte sogar jetzt, daß die feine Spitzendame mit den grauen Scheiteln errötete. Und hielt wieder inne, um für ihre Antwort endlich eine Pause zu lassen.

Aber da tat sich zum Glück eine Seitentür auf und mit zwei roten Flatterrosen an der jungen, braunen Brust, die aus einem eng fließenden, silbergrauen Falbelgewande hervorlugte, wie eine schwebende Göttin, lachend und toll, wie wenn es hier gar keine zarte Frau Rotkegel weiter gäbe, kam Salie hereingestoßen, selbst ganz überrumpelt und jetzt auch ihrerseits überrumpelnd. Und wie sie Claus Tinnappel verlegen stehen sah, ihm an den Hals fliegend, ihn mit drollig tollen Namen benennend.

»Meine Haideschnucke,« begrüßte sie ihn.

So daß Frau Rotkegel fast einer Ohnmacht nahe war.

Aber da hätte weder Ohnmacht, noch sonst irgendeine Macht der Erde, wenn sie in Frau Rotkegel lebendig gewesen, je etwas anderes jetzt zu wecken vermocht, als daß auch Claus die junge, seidene, jähe Gestalt Salies fest an sich gepreßt und gehalten hätte.

Aber er hatte sie dann doch sogleich wieder losgelassen.

»Das ist nämlich mein wahrhaft Erkorener, mein liebes, ängstliches Mutterschnäuzchen,« sagte Salie mit drolligem Tone. »Und keinen andern habe ich je geliebt . . . weder vor noch zurück . . . und alle können mir jetzt gestohlen sein!« sagte sie mit einem Anfluge von Hohn.

Die kleine Dame stand lange ganz nur in starrem Erstaunen. Und das starre Erstaunen hätte sicherlich kein Ende gefunden, wenn nicht Claus Tinnappel gleich in aller guten Sitte und knabenhafter Seligkeit zu Frau Rotkegel gesprochen und sie dabei flehend angesehen hätte. Claus Tinnappel sagte seine Worte jetzt ganz feierlich, ganz als wenn er wüßte, daß man den Alten in sanftem Flüstertone solche Entscheidungen des Lebens zu bekennen hätte.

»Ja . . . nämlich . . . wirklich . . . Frau Rotkegel . . . ich liebe Salie,« sagte er mit leiser Stimme. »Nehmen Sie es nur freundlich auf . . . und geben Sie mir vertrauensvoll Ihre Tochter!«

Warum Frau Rotkegel bei diesen Worten weinte, hätte sie selbst in dem Augenblicke nicht zu sagen gewußt. Der Ton mochte ihr fremd sein und schien sie wohltätig zu rühren. Auch an das Wesen Salies mochte sie denken, das unstet und haltlos war, und sie mochte insgesamt Leid aus Vergangenheit und Zukunft ungeschieden in ihren Tränen tragen.

Sie stand völlig abgewandt.

»Wenn es schon wieder gleich sein muß,« sagte sie dann mit traurigem Blicke und blieb ganz von fern.

Wie Claus endlich hinaus war, hatten ihn wohl die Ringe der einstigen Ehemänner, die Salie vor den Augen der Mutter immer am Finger trug, einen Augenblick wieder ins Auge gestochen. Aber er lachte doch kindlich und froh, als er im Bergwalde aufstieg.

Und Salie hatte daheim mit der Mutter keine Geduld gehabt. Sie hatte bei deren Mahnungen beide Goldreife glatt vom Finger herunter gestrichen und sie der erschütterten Dame hohnlachend vor die Füße geworfen.

Die Ringe blieben lange im Teppich liegen.

Und die kleine sanfte Frau Rotkegel sah den Tag noch bleicher aus wie sonst.

Viertes Kapitel

Jetzt gab es einige gute Zeiten.

Claus Tinnappel war ein straffer Mann. Oder besser eine ehrliche Haut und ein fester Sinn. Und es sprang aus den Augen Clausens auch in Salies Augen hinein, daß sie wie eine Braut einherlief, die Glückliche spielte, überall wie ein vornehmes, gesittetes Mädchen auftrat, wo sie es gefällig fand, und vor den Dorfleuten und der kleinen, blassen Frau Rotkegel insgesamt etwas darstellte, was sie in dieser Zartheit noch keinem erschienen war.

Wie die großen Kastanienblätter den Vorgarten des Rotkegelschen Hauses bestreuten, und man raschelnd hindurch ging, wie die gefleckten Knollen beim Auffallen aus den Stachelfrüchten sprangen, und über dem Dorfe in den milchigen Lüften Scharen von Krähen kreischend dem Gebirge zuzogen, da war auch in Frau Rotkegel eine gelinde Beruhigung heimlich eingekehrt.

Die kleine Dame, scheu wie sie immer unter ihren Glasservanten und Truhen in dem weiten Schatzhause umging, begann sich an den Anblick Tinnapppels langsam zu gewöhnen. Hatte sie die Sommer- und Herbstmonate noch gewünscht, daß Claus nur wie zufällig ins Haus käme, so duldete sie, wie die Winterzeit heran war, daß er bei Salie in der Stube saß, und daß der beiden Liebesleute Gespräch und Gekicher manchmal noch bis in die späteren Abendstunden in das feine, einsame Treppenhaus heraus hörbar blieb.

Und was das Beste war, und einen sehr versöhnlichen Geist zwischen Mutter und Tochter säte, das war die Willfährigkeit, mit der die zarte, verschleierte Frau Rotkegel viel schöne Dinge herbeischaffte, die bald Claus Tinnappel und der Tochter in ihrem eigenen Hause zu gute kommen sollten. Wie es Frau Rotkegel noch nie so lebhaft getan hatte, sann sie mit Salie an Einrichtungen und Kleidern herum. Und wenn einer im Winter, wo ein Paar Schneiderinnen an den Fenstern von Frau Rotkegels Wohnräumen saßen und eifrig stichelten, und die Maschinenräder ewig schnurrten, in das Rotkegelsche Haus eingetreten wäre, hätte er wohl gar die kleine Mutter Salies unter Leinwanden und Spitzen und feinen Seiden wühlen und mit ihren nie gestillten, fremden Blicken ratlos darin herum suchen sehen.

Unterdessen sauste Salie, in feinem, drallem Pelzwerk, angetan wie ein Jagdpage, mit schlanken Beinen, die in Ledergamaschen straff eingefügt standen, den dunklen, spanischen Kopf mit einem sammetnen, pelzverbrämten Federbarett bedeckt, im Arme Claus Tinnappels aus der einsamen Baude die Schneehänge jauchzend zu Tale nieder.

Toll war Salie noch immer.

Toll konnten ihre heißen, erhitzten Blicke noch mehr sein, sobald sie einsam in Claus Tinnappels strahlender Verliebtheit ging.

Auch wenn der Winter die alten und jungen Wetterfichten oben an den einsamen Kammhängen in tausende Urwelttiere und schlafende Adler verzaubert, und über die weiten Schneefelder verwunschene Zwergenhochzeiten im Dämmer huschten, auch oben unter den Reifriesen im Gebirge hing unversehens ihr heißes Begehren an Tinnappels Lippen und Leben.

In seinem Blute war dann auch die Kraft und das Jauchzen. In seinem Blute sausten und tobten auch Frühlingsstürme. Auch in ihm war dann eine Gewalt und Seligkeit ausgebrochen, die nicht leicht zu stillen war.

An einem dieser Abende waren Claus Tinnappel und Salie den Dorfweg vollends mit schwebenden Schritten niederstreifend, er ein Jägersmann mit dickem Fuchsmuff am Leibe, und sie in ihrem drallen Pagenkostüm, in die Dorfwirtschaft eingetreten.

Salie hatte schon von ferne die Musik angelockt.

Es war eine mächtige Dorfbrauerei, ein altes, breites Giebelhaus, das aus seinen hohen Saalfenstern auf die Dorfstraße und den Schnee Schein warf.

Es war Sonntags.

Und weil sich immer zu Feiertagen allerlei Leute aus der Stadt hier ihre Lust machten, hatte Claus, ehe sie eintraten, doch noch dawider geredet.

Claus Tinnappel war einer von denen, die in der Einsamkeit aufgewachsen, die Blicke fremder Menschen immer wie etwas Kaltes und Peinliches empfinden. Und außerdem fühlte er jetzt stets seine Glut für Salie beleidigt, wenn Neugier und Dreistigkeit über ihre auffällige Gestalt hinkroch.

Aber Salie wollte es.

Und im Grunde war augenblicklich durchaus nicht einzusehen, warum sie nicht hätten offen in die Wirtsstube eintreten und sich dort an einem der wachstuchnen Tische des hellerleuchteten Raumes niederlassen sollen.

Überwindung kostete es Claus immer noch ein wenig.

Aber es kam noch dazu, daß er sich in der Sonderlichkeit des auffallenden Wesens Salies, heimlich verlegen, doch auch sonnte. Und daß er an die vielen Blicke der Neugier nicht hatte denken können, ohne nicht auch eine Genugtuung zu fühlen, daß Salie, der reichen Frau Rotkegel Tochter und die einstige Erbin ihres Reichtums, seine Geliebte war.

So war also Claus Tinnappel, den lustigen Pagen an der Seite, doch in die weite, erhellte und durchlärmte Wirtsstube entschlossen eingetreten.

Salie sah sehr chick und erlesen aus. Claus benahm sich gleich wie ein großer Herr.

»Nach einer solchen Anstrengung wird Dir ein Glas Wein gut tun!« sagte er nur ganz wie nebenher und gar nicht geflüstert.

Er wählte mit einem flüchtigen Blick wie ein Kenner auf der Weinkarte und hing dann erst mit Hilfe des Kellners Salies Barett und seinen Hut und Stock sorglich an den Halter.

Salie sah sich keck um. Ihre Augen hatten Glut.

Im Nebensaal wiegte man sich.

Für Salie war das gleich ziemlich zerrüttend. Der Rauch, der sie umspann, nahm ihr vollends die Ruhe. Rauch mit Bierdunst und Ausdünstungen und Staub. Das kriecht ins Blut und ist wie Gift in den Sinnen.

Salie blinzelte lüstern in den Dämmer hinein. Sie blinzelte heute mit keinem Bedenken.

An einem Tische saß eine lustige Runde, Stadtherren in schwarz, die alle getrunken hatten. Einer, ein spießbürgerlich eleganter, kräftiger Herr, dessen Schnurrbart straff stand wie bei einem französischen Grenadier, und dessen Bartspitzen über das derbe Gesicht hinaus ragten wie zwei Pinsel, schien der Gefeierte. Er benahm sich sehr laut und sehr zuvorkommend.

Wie der Wein kam, lachte Salie ungebärdig. Claus Tinnappel war ahnungslos auf Champagner verfallen.

Das Auffällige der Sachlage, wie der alte Dorfkellner den Korken umständlich knallen ließ, brachte sie immer mehr aus dem Häuschen.

Claus Tinnappel war es unangenehm.

Und die Galle fuhr Claus noch mehr ins Blut, als Salies Blicke sich mit dem schnurrbärtigen Städter zu begegnen schienen.

Der gefeierte elegante Herr mit der roten Weste unter seinem Gehrock kam an Salie heran, sie zum Tanze in den Saal zu entführen.

Claus war gelinde gesagt empört.

Der Wein und der tolle Tag saß ihm ohnehin in den Sinnen.

Und Salie tanzte wie eine Süchtige. Sie schien den Mann gleich zu pressen, nicht nur er sie. Ihr Lachen, das ohne seiner zu achten, jetzt aus ihren dunklen, hitzigen Blicken in die Luft ging, hätte ihn beinahe um allen Verstand gebracht. Nur war jetzt gar nicht Gelegenheit, irgendwie zu Verstande zu kommen.

Claus Tinnappel wollte nur in den Saal, den Tanzenden nach.

Aber der Tanz kreiste. Er konnte nicht weiter. Er mußte den Tanzpaaren ewig ausweichen. So ging er rückwärts wieder in den Türrahmen zurück und gewann langsam Geduld.

Wein im Kelche ist kühl. Er lief zum Weinkelch und goß ein volles Glas hinunter.

Dann kam Salie auch wieder.

Aber noch in der Tür hatte sie sich neu zu dem Fremden zurück gewandt.

Der schnurrbärtige Riese schien ihre Hand noch immer nicht loszulassen, und ihre Hand immer noch wieder herzhaft zu drücken.

In dieser Nacht war mit Claus Tinnappel nicht mehr viel anzufangen. Er saß da und sah zornig aus. Sein offenes, junges Gesicht feuerte rot nicht nur von Wein und Wetter. Auch seine hellen Augen konnten brennen.

Salie hatte sich doch wieder noch besonnen. Obwohl sie zuerst nur höhnisch gelacht hatte. Sie begann ihm Flausen vorzumachen. Sie fing seine Füße unterm Tisch und preßte sie. Am Ende wagte sie doch nicht mehr in den Tanzsaal zu gehen, obwohl ihre Blicke immer noch einmal den Schnauzbärtigen suchten.

Claus Tinnappel benahm sich an dem Abend gradezu kindisch.

Er redete mit Salie kein Wort.

Alle Blicke in der Wirtsstube, die den Streit mit ansahen, amüsierten sich.

Claus verlangte plötzlich wie ein gestrenger Liebhaber den Aufbruch.

Als sie das Gastzimmer verließen, sandte Claus aus seinen hitzigen, vertrunkenen Augen einen gehässigen Blick nach allen Seiten.

Den schnurrbärtigen Fremden, der sich besonders verneigte, als Salie aufstand und drollig demütig Clausens Arm nahm, sah er mit durchbohrender Herausforderung an.

Erst wie sie beide auf der Straße standen, und Salie toll loslachte und ihn umhalste und mit sich zog, gewann er langsam sein Lachen wieder.

Fünftes Kapitel

Oben am Kamme schoß Junggrün aus den Moorwiesen, und die Knieholzgebüsche huschten drüber wie dunkle Schatten. Hoch dehnte sich der Äther in blauer Klarheit. Vogelgezwitscher und Jubilieren flatterte einsam in die flechtengelben Steinfelder und koste das Ohr des Wanderers in den Einöden.

Wenn Claus Tinnappel jetzt hier oben am Hange dem Raubvogel nachschlich, sah er vergraben und fremdartig aus. Seine Blicke hatten nichts Gutes mehr. Er sah in die blendenden Lüfte auf und sandte die Kugel aus der Büchse. daß sie unbarmherzig wie ein höhnischer Pfiff klang, und der schweifende Bussard mit dumpfem Fall ins Gestein ging.

Claus Tinnappel war ein ganz andrer Mann jetzt. Das Lachen hatte er ganz verlernt. Nämlich dazu hatte es für ihn gar nicht erst der Aufklärung bedurft.

Die weiten Felder von Rehheide lagen wieder golden im Glanze.

Aber wie Salie auch nur einmal nicht mehr in dem nächtlichen Glanze erschienen war, wie er auch nur einmal umsonst die Abhänge nieder gesehen und ihre fliegenden Schritte gesucht hatte, war ihm der Zusammenhang gleich klar geworden.

In dem Hause der Frau Rotkegel war Salie nicht zu finden gewesen.

Auch Frau Rotkegel hatte zuerst gar nichts gewußt.

Dann war es bald ruchbar geworden, daß Salie längst einem andern Manne am Halse hing.

Die kleine, zarte Frau Rotkegel ließ sich überhaupt gar nicht mehr sehen. Sie war hinter ihren Vorhängen und Spitzengardinen vor Scham ganz leidend geworden.

Salie hatte in den Tagen, wo wieder die großen Mohnblumen vor dem Rotkegelschen Hause geblüht und das Trauerjahr vorüber war, nicht lange gewartet. Sie hatte mit Herrn Hecht . . . so hieß der schnauzbärtige Fremde, der jetzt als neuer Besitzer der Brauerei ins Dorf eingezogen war, Hochzeit gehalten.

Alle Welt lachte.

Salie saß jetzt in dem großen Giebelhause der Brauerei, einhergehend wie eine junge, dralle Wirtin, und als wenn sie sich an einen Claus Tinnappel gar nicht mehr erinnerte.

Eine Schmach fraß Claus im Blute, daß er gar nicht mehr zu Tale ging. Eine jagende Unrast, die ihn in den Forst trieb, und die ihn empfindlich machte und jäh. So daß er die Fährten des Wildes wie ein Spürhund ausspähte und die Fährten der Wildschützen noch besser, nur um sich Ruhe zu schaffen.

In dieser Zeit konnte er nirgends sein.

Der Wald und die Hänge waren sein ständiges Wandern.

Dort wanderte er noch kaum rechts und links blickend. Nicht einmal die Pfeife hing ihm aus den verächtlichen Lippen.

Die Hände hatten etwas von zitternder Wut immer gleich, auch wenn nur ein Holzfäller etwas versehen hatte. Oder wenn ein Gesicht in klarer Waldluft flüchtig vor seinem inneren Auge vorbei gestrichen war.

Man begriff es.

Man ließ ihn jäh sein.

Auch der Förster sah, daß Claus ganz unzugänglich und abweisend war. Daß er es in seiner Lage ablehnte mit Menschen groß zu reden, außer wenn es der Dienst unbedingt verlangte.

Den Signierhammer in Händen schlug Claus mit hartem Schlage. Er tat alle Arbeit mit einem jachen Gefühl, als könnte er ebenso das Leben wie einen Baum dann treffen, daß nichts übrig blieb von all der Narrheit und den Lüsten, wie eine lächerliche Nummer.

In diesen Tagen, im Spätherbst, wo die Hirsche noch oben in der Heide standen und schrien, und der Frost nur eine Glasdecke über den Kamm gelegt hatte, war er einem berüchtigten Wilddiebe in den Strich gelaufen.

Sagasser war ein Mann, der klettern konnte wie ein Rehbock und schießen und paschen, was das Zeug hielt.

Oben am Teichrande war Sagasser seines Weges fürbaß geschritten und trug in der Hucke sein Geheimnis.

Wie Sagasser Claus Tinnappel, den Forstgehilfen. kommen gesehen, hatte er sich nicht groß besonnen, dem vergrabenen, vom Schicksal gehänselten Tinnappel den Rücken zu kehren. Kühn wie er war, hatte er das Stück Hirsch, das er unausgeweidet auf der Hucke im Sacke trug, die Felsen des Teichrandes im voraus niedergeworfen und sich selber auf die Hucke setzend gleich dahinter, und war heidi wie auf bequemem Winterschlitten die eisglatten, nackten Felsränder niedergesaust.

Aber Sagasser hatte sich in Tinnappels Todesverachtung getäuscht.

Claus Tinnappel galt jetzt das Leben auch keinen Dreier.

Er war mit sicheren Schritten, gleitend und packend, auf seinen schweren Nagelschuhen ohne Aufenthalt nachgefahren und unten am Wasserrande ebenso eilig gelandet.

Da gab es ein Ringen.

Claus umklammerte die Hand Sagassers, in der ein Hirschfänger offen blinkte.

Sie lagen bald über einander.

Es wäre beinahe um Sagasser zu tun gewesen. Nur hatte sich Claus Tinnappel plötzlich erinnert, daß Sagassers Häuschen im Dorfe neben der Brauerei lag, wo Salie jetzt wohnte.

Das war es, was seine Kraft schwach machte, die wie ein stählerner Ring noch immer die Hand des Wildschützen umspannt hielt.

Claus Tinnappel sprach jetzt nur ganz leise.

»Wart einmal!« sagte er mit gepreßtem Atem, »Du Hund Du . . . wirf nur erst Dein Messer weg . . . dann magst Du ruhig Deiner Wege gehen . . . weil mir . . . alle . . . Rache für meinen gemordeten Vater . . . doch nicht die Schmach . . . von der Seele wäscht . . . die ich von dem Weibe an mir trage,« hatte er nur fast geröchelt in der Anstrengung.

Er hatte Sagasser dabei so elendiglich und schwermütig angesehen, daß Sagasser sogleich die ganze Sache begriff und auch wirklich das Messer wegwarf und aufsprang.

Claus Tinnappel machte sein eigenes Wort verlegen. Er lachte nur ganz irr, wie Sagasser aufgesprungen war. Er sah nur den Steinhang an, den Sagasser und er, einander jagend, hernieder zu rasen gewagt hatten.

Und Sagasser begann Tinnappel sofort zutraulich und gutmütig zu erzählen, daß Salie großartig im Brauhause und in der Wirtsstube herum scharwenzte und herum lachte, auch in der feinen Brauerkutsche wie eine große Dame in der Gegend herumführe und sich mit ihrem handfesten, reichen Brauersmanne überall sehen ließe. So daß Claus eine Weile ganz bleich geworden, stumm zuhörte.

Bis ihm die Röte wie Purpur neu ins Gesicht und in die Augen schoß, als der Wildschütz wie zufällig noch dazu gab, daß das junge Weib doch wohl endlich vernünftiger werden würde, wenn sie zu dem bereits erwarteten Kinde käme.

»Halts Maul, Hund Du!« schrie Claus nur Sagasser sprühend in die Augen.

So daß der Wildschütz hastig Hucke und Packen griff und sich springend aus dem Staube machte. Jetzt zurück lachend. Aber in der Ferne noch einmal zögernd.

»Schönen Dank, Herr Tinnappel!« rief er dem Forstgehülfen noch zurück. »Diesmal hätte es einem oder dem andern doch die Seele kosten können! . . . verraten Sie mich nicht, Herr Tinnappel . . . gelt nee? . . . Sie verraten mich nicht?« rief er, daß es über dem Wasser verhallte, als er um die Felsecke verschwunden war.

Claus Tinnappel stand noch lange in den Felsen am Teichwasser, darin die eisigen, grauen Steinränder seltsam tief und kristallen wiederspiegelten.

Die starren Gräser in den Halden waren längst gelb geworden. Die Luft hoch oben hing in milchigem Opalglanze über den Schroffen. Der Winter war im Kommen.

Da saß dann Claus Tinnappel bald in der kleinen Forststube, war graugelb im Grame, rauchte und war nirgend aufzuwecken.

Das ganze Gebirge lag tief eingebettet in Schneelasten. Hirsche und Rehe waren mit den Menschen zu Tale gegangen, um sich vor den Wintergewalten zu bergen. Hoch oben sangen nur die Flockenwirbelstürme ihre johlenden, höhnenden Choräle und der Schnee jagte in Huschen über den weißgrauen Hang.

Sechstes Kapitel

Das alte Jahr war vollends ins Land gegangen. Der Schnee des Winters hatte manches verschüttet. Und die Frühlingssonne hatte doch nicht alles weggetaut.

Oben in den Bergen am Waldhange, wo die goldenen Fließe der Rehheide breit und voll und prunkend wieder sich dehnten, wo die Fichten ihre zierlichen goldenen Tatzen aus den Zweigen hinaus gestreckt, wo Bussarde und Falken hoch im Himmel zogen und die Singdrossel flötete und in die Goldluft pfiff, war es wie immer.

Auch der alte Totengräber stand wieder vor dem Feuer in der Nähe der Schutzhütte, als die Berge ihren großen Schatten langsam ins Tal gesenkt, und der Kuckuck dazu unaufhörlich seinen Ruf in die Heide hallte.

Und wieder auch, wenn längst von tief unten und fern die Glockentöne der Dorfkirche die Mitternacht bis in den Waldwinkel verweht hatten, saß der alte Buchwald, den die Greisenunrast nicht schlafen ließ, und plauderte vor sich hin, indes die Flammen seines Reisigfeuers prasselten und die Funkenschwärme ihn noch immer lachen machten.

Drinnen in der Schutzhütte lagen wieder die alten Holzmacher und schliefen und schnarchten.

Auch Claus Tinnappel lag jetzt in der Schutzhütte.

Am Tage war es hart zugegangen.

Mit dem Forstgehilfen war schon lange kein rechtes Leben mehr. Er war streitsüchtig. Nun gar zu höhnen wie früher, das wäre niemandem mehr in den Sinn gekommen. Obwohl es den alten Totengräber in diesem Augenblick mit allerhand Gespenstern aus der Brauerei narrte, als er zum Ginsterhange hinüber sah.

Auf dem Holzschlage hatte man den ganzen Tag kein freundliches Wort gehört.

Claus Tinnappel hatte sich nicht vom Flecke gerührt.

Auch jetzt, wo Claus unter den Holzmachern sich lang hingestreckt hatte und endlich aus dieser unruhvollen Nachtwelt einmal ganz erledigt war, wäre dem knochigen Totengräberschädel, der vor dem Feuer hockte, kein Wort von all den Gesichten aus der Kehle gequarrt, die drüben in den goldenen Ginsterbüschen wie Schemen verwehten, indes die Welt, eine weite Hohlkugel, in ewigem Frieden schlief.

Claus Tinnappel schlief.

Aber der sanftmütige Arzt, der Schlaf, konnte Clausens Seele nicht von seiner Schmach heilen.

Der gütige Tröster Schlaf hatte Clausens junge Seele flehend umarmt, wie ein geängstigter Vater, und hatte sie hart und zerrissen und beleidigt gefunden.

Er hatte aus ihr nicht die Güte erflehen, nicht die Stricke und Bande des Hasses und seines hoffnungslosen Ersehnens lösen können.

Der Wind strich huschend und rauschend durch Waldgras und Ginster und sang und wogte Frieden überall in die Höhe des nächtlichen Himmels und tief in die Täler und an den flüsternden Hängen.

In Claus Tinnappel gab es Beängstigungen, Traumgesichte, Schlangen, die von Felsen auf ihn zuschossen, gewunden und scheu, die mit giftigem Zünglein seinem Munde ganz nahe wisperten. So daß er aufschrie.

Der Totengräber hörte manchmal seine Stimme deutlich aus der Schutzhütte stöhnen und rufen.

Buchwald wußte, daß es Tinnappels aufgescheuchte Seele war. Er ließ ihn stöhnen und rufen, auch wie sich Clausens Stimme zum zweiten Male deutlicher aufhob.

»Du wirst auch noch einmal Ruhe finden!« sagte er nur mit nebensächlichem Lachen, weil er Totengräber war.

* *
*

Unten im Tale bei der Dorfstraße lag jetzt die Brauerei im versunkenen Schlafe. Der schnurrbärtige Herr Hecht lag noch immer mit den Bürstenpinseln geziert, die aus dicken Betten herausragten, und schnarchte.

Salie war aus ihrem Bette herausgekrochen.

Sie hatte nur erst nebenan scheu ein Licht gemacht.

Aber es trieb sie die Angst, rasch ein Kleid aus dem Schranke heraus zu reißen und in die Nacht hinaus zu fliehen.

Sie ängstigte sich jetzt vor allem. Vor dem Manne, neben dem sie Tag um Tag herlief. Und vor dem Kinde, das sie jetzt in ihrem Leibe lebendig fühlte, das aus seinem Blute gekommen war und sie aussaugte wie ein Vampyr.

Als sie am Tage vor dem Spiegel gesessen, war sie erschrocken vor sich zurückgefahren. Ihr Gesicht war fahl und hohlwangig. Die Augen lagen in Höhlen. Sie dünkte sich wie ein Totenkopf.

Die Angst hatte sie schon manchmal aus dem Bette getrieben, um jache Traumquälereien zu verscheuchen.

Jetzt hatte sie Kleider aus dem Schranke gerissen, weil sie gleich etwas trieb, das nicht in ihrem nächtlichen Zimmer und in ihrem eigenen Schatten an der Wand zu finden war.

Es war gleich wie ein Wahnsinn.

Schwangere Mütter zerreißt manchmal die Sehnsucht, daß sie aus ihrer Erwartung jäh zur Erfüllung drängen.

Salie war wie von Sinnen.

Sie wollte etwas ungeschehen machen, was ihr im Blute kreiste. Sie hatte eben von Claus geträumt. Sie wollte die ganze Herrlichkeit, die sie mit Claus Tinnappel gelebt hatte, zurückreißen wie mit Krallen.

Sie hastete.

Die Glieder, die noch am Tage den runden Leib müde und schleppend einhergetragen, begannen zu spielen.

Sie hatte das Bauernkleid ergriffen, das Claus Tinnappel liebte.

Sie huschte hinaus.

Niemand im Brauhause hatte einen Laut vernommen.

Der alte Hund im Flur hatte Salies Hand zärtlich geleckt.

Sie eilte in die Berge.

Das Bauerntüchel aus Seide hatte sie wieder um ihren Kopf geschlungen.

Und wie sie bergan schritt, mußte sie plötzlich nach Atem suchen und die Schnüre lösen, um nicht auf dem steinigen Wege umzufallen.

Aber sie klomm bergan.

Es war eine warme Julinacht. Balsam der Stämme ergoß seinen Duft.

Sie atmete schon höher.

Es war wie ein Freiheitstraum.

Jetzt wußte sie auch, daß sie Claus Tinnappel finden würde.

Claus Tinnappel träumte noch in der Schutzhütte. Und der alte Totengräber sah in den goldenen Ginsterflächen nur bleiche Gespenster und lachte vor sich hin. Das Feuer brannte hoch, weil der alte Buchwald es neu mit Reisig versehen. Und es schien Frieden in den Nachträumen.

Aber Claus Tinnappel konnte jetzt nicht mehr Ruhe finden.

Der Wind erhob sich, zerbrach Äste und brachte wie Rufe.

Obwohl noch bleiche Finsternis war, sprang Claus sofort auf die Beine und ergriff sein Gewehr, das an der Wand hing.

Auch dem alten Totengräber, der schon ein wenig taub war, war es jetzt plötzlich so vorgekommen, als wenn eine klägliche Stimme von ferne gerufen.

Es klang, als wenn eine Hirschkuh einen Schreckruf getan.

Vielleicht hatte Claus Tinnappel diesen Ruf gehört. Vielleicht hatte er gar die Stimme erkannt.

Claus Tinnappel stand gleich wie gebannt und horchte in den Wald und zum leuchtenden Hange hinüber.

Die klagende Stimme klang jetzt deutlich herüber.

»Gehen Sie nicht hinüber, Herr Tinnappel,« flüsterte der Totengräber hastig und von Grausen gepackt.

Aber Claus war wie von Furien gejagt.

Er klapperte mit den Kiefern wie ein Totenmann.

Er lief und war nicht aufzuhalten.

Äste brachen, weil er Schriemwege nahm und jach über Blöcke und Stämme sprang.

Das alles sah und hörte der alte Buchwald genau.

Auch er hatte jetzt das klägliche Rufen genau vernommen.

Aber alles war noch einmal wieder in der tiefen Nachtstille erstorben.

Nur neu Ästekrachen wie von einem durchbrechenden Hirsche, der zur klagenden Hinde hin will.

Claus war zu den Ginsterbüschen hin gelaufen.

Da hatte er Salie vor Augen.

Und er fing an sie zu streicheln und zu liebkosen.

Er war im Blicke wie ein Kind.

Er war ganz sinnlos selig versunken.

Er hatte Salie auch gleich eisenzerbrechend in die Arme genommen.

Er hatte sie in seine Arme geborgen.

Eine ganze Ewigkeit.

Alles ging wortlos.

Und er hatte sie auch ebenso schnell wieder aus seinen Armen gelassen.

Mit Stöhnen, wie ein sehnsüchtiges Tier aufstöhnt.

Weil er es jetzt bemerkt hatte, daß sie das fremde Kind unterm Herzen trug.

Er hatte sie gleich wie gelähmt aus den Armen gleiten lassen.

Obwohl ihre flehenden Arme sich noch immer nach ihm streckten und ihn halten wollten. Und der Glanz ihrer Augen ganz gebrochen schien. Sie dann nur noch abgewandt wie eine Verurteilte, demütig und zum Tode bereit mit schlagenden Gliedern und lautlos gebunden vor ihm stand.

Da war es Claus auf einmal gewesen, als wenn alle Hoffnungslosigkeiten der Erde gespenstisch aus den rauschenden Morgenlüften über ihm zusammenbrächen.

Und es hatte ihm gar keine Zeit gelassen.

Kaum, daß er schnell genug und im Erbeben die Büchse an die Schulter riß.

Der Schuß war in dem nächtlichen Dämmer schon verhallt.

Der Totengräber hatte dabei seine Pfeife aus dem Mundwinkel ins Waldgras verloren.

Dann gab das Echo am Hange einen zweiten Schuß wieder.

So daß der alte Buchwald jetzt vor das Feuer ganz niederkniete, als hätte ihm vollends der Schreck die Beine weggezogen.

Der alte Totengräber begann gleich ein Gebet feierlich vor sich hin zu sprechen.

Drüben in den schimmernden Goldfeldern der Rehheide verrauchte der Pulverdampf.

Der Frühwind rauschte neu auf.

Salie lag neben Claus Tinnappel, nach dem sie sich doch gesehnt hatte. Beide lagen jetzt aus der Herzwunde blutend. Lebendige Tropfen sickerten auf Kleid und Jagdhabit. Beide waren ganz still ins Waldgras gebettet. Die Mütze Clausens war beim Falle ein Stück fortgerollt. Die Büchse lag neben ihm im Grase.

Treffen tat Claus gut.

Beider Ängste waren auf einmal ganz ausgeblasen.

Am andern Morgen trugen die acht alten Holzfäller die beiden Leichen auf Bahren mit Tüchern verhüllt zu Tale nieder, nachdem Gerichtspersonen an Ort und Stelle den gewaltsamen Tod durch Tinnappels Gewehr festgestellt hatten.

