Franz Popjels Jugend

Erstes Kapitel

Wenn Franz Popjel auf der Straße mitten im Menschengewühl einen Kameraden seiner Nächte traf, lachte er offen mit ihm. Sein dunkles Auge versuchte fest unter die Leute zu blicken. Sein sonst ein wenig vorgerückter Kopf war empor gehalten, als wenn er Sieg und Freiheit verkünden wollte. In seinen Stirnfurchen zuckte es von Leben. In seine bleichen Mienen kam Röte. Seine schmalen, allzu schlanken, gebrechlichen Finger zitterten nicht, wenn sie das Stöckchen schwangen, das er in der Hand trug. Alles an ihm schien sich des Lebens zu freuen. Und man hätte in diesem Augenblicke nicht zu sagen gewußt, wo in aller Welt der düstere Schein des Gezeichneten hin verschwunden war, der ihn noch vor Sekunden in seinem einsamen Schreiten mit großen, fast abgewogenen Schritten umspielte.

Sein Kopf war mächtig. Seine Stirn vorgelagert. Die Stirnfurchen konnten oft tief scheinen wie bei einem Greise. Feuer verzweifelter Blicke konnte aus seinen bohrenden Augen blitzen. Seine Wangenhaut lag zäh über den starken Knochen des Antlitzes. Sein Mund war scharf geschnitten und fast immer ein wenig eingezogen wie von verhaltenem Hasse. Und seine dunklen, straffen Haare umhingen jetzt fast tändelnd den wunderlichen Schädel des Gemarterten, der mit einem einzigen Sichbesinnen die Dämonen seiner inneren Schau von sich getrieben hatte, und wie ein sanfter, gütiger Mensch sich nur dieser einen Minute Lebens um und um und sonst an gar nichts weiter zu erinnern schien.

Wenn Franz Popjel so einem Kameraden seiner Nächte begegnete, klang seine Stimme hell. Der rauhe, unheimliche Dumpfklang, der manchmal wie Höhlengewässer grollte, die nie das Licht gesehen, war wie aufgelöst in dem Lärm und Leben der Fußgänger an den Häuserreihen. Man konnte wähnen, daß da ein paar Studenten standen, die eifrig und redselig die schönen Geheimnisse der Erkenntnis besprachen oder sich mit lockenden Bildern der ersten Leidenschaft harmlos neckten.

Wirklich taten Popjel und Baron Vogelsang durchaus gar nicht, als wenn sie gemeinsame Erinnerungen besäßen.

Obwohl Popjels dunkler Abendrock am heutigen Morgen, wo es schon gegen die Lunchzeit ging, noch gar nicht richtig gesäubert schien, und der gebundene, schwarze Seidenschlips nachlässig zwischen welken Kragenenden an Popjels Halse hing, war Popjel von ausgesuchter Bonhomie im Tone, gleich auf eine Frage des Schicksals gestoßen. Man unterhielt sich lachend von dem Todessturze eines Aviatikers, dessen Unglück man in den Straßen soeben ausschrie. Es war aus Popjels Worten, die er mit hellem Lachen verkündete, nur zu entnehmen, daß jedenfalls ihm der Tod nicht das Übelste dünkte, und daß jedes Schicksal mit sicherer Kraft gelebt, also auch mit sicherer Verachtung alles Kleinkrams vollendet werden müsse.

»Außerdem kann es in der Erregung der letzten Augenblicke, die Schicksalsaugenblicke sind,« sagte Popjel mit dem sichersten Tone, »die also Herrschaft oder Vernichtung bedeuten, weder Schmerz noch Feigheit geben.«

Das alles sagte Popjel mit einem gewissen Ausdruck des Glanzes. Er gefiel sich dabei in seiner Größe. Obwohl er noch die Minute vorher, ehe er den jungen Baron traf, weder von Herrschaft noch Tod, sondern ganz nur von Kleinlichkeiten des Lebens erfüllt war.

* *
*

In Popjels Wohnung, die im dritten Stock eines Miethauses lag, hatte es ein jämmerliches Streiten gegeben, wie jetzt mit Unterbrechungen von Tagen oft.

Die alte Frau Popjel war eine kleine, leise Dame. Immer zwischen zwei Feuern. Deshalb war es kein Wunder, daß sie durch ihre Übertreibung und ihre grenzenlose Unrast alles Verkehrte noch verkehrter machte.

Das hatte Franz auch heute wieder bald hinaus getrieben.

Eduard Popjel, der ältere Bruder von Franz, war der gute Engel der Familie.

Wenigstens dachte sich Frau Popjel ihren Ältesten in dieser gesegneten Stellung.

Obwohl in Eduard auch Feuer brannten. Obwohl auch er gehässig sein konnte. Obwohl auch seine Augen hart werden konnten wie Steine. Obwohl seine Stimme gellen konnte. Obwohl auf seiner breiten Stirne die Furchen wie tiefe Runen standen und sich ewig nicht regten.

Eduard hatte heute sogar wieder einmal zuerst getobt.

Freilich hatte Frau Popjel das Vorspiel dazu angegeben. Nämlich am Morgen hatte Frau Popjel Franzes Bett wieder einmal leer gefunden.

Wie Eduard an den Frühstückstisch trat, seine langen Geigenfinger wie zum Spaße in der Luft übend und über das Sonnenlicht kindlich lächelnd, das ins Hinterfenster und auf die Höfe sah, auch mit zärtlichem Sinn die Hantierungen der sanften, alten Dame am Teetisch musternd, da war es ihm flüchtig so vorgekommen, als ob die gebrechliche Mama mit dem kleinen Runzelgesicht unter dem Morgenhäubchen beim Halten der Teekanne ungewöhnlich zitterte.

Frau Popjel leugnete es ganz entschieden. Sie gab vor, gar keinen Grund zur Erschütterung zu haben. Sie zerstreute das Mißtrauen Eduards gänzlich, indem sie so tat, als wenn Franz nur wieder nicht aus dem Schlafe aufzurütteln wäre. Da war Franz bleich und verwahrlost von der Nacht, stumpf und unehrerbietig, mit völliger Nichtachtung von Mutter und Bruder von der Straße her am Teetisch erschienen.

In Wahrheit war trotz des ewigen Streitens immer auch ein inbrünstiges Verhältnis zwischen den Brüdern Popjel gewesen. Vielleicht daß auch Sonne und Mond sich lieben. Wenn es sowohl lieben heißt: Licht spenden, wie der beglänzte Nachtmond es von der Sonne nimmt. Als auch nachziehen der Sonne, weil es unerhört reich macht, in dem Scheine des Himmels zu leben.

Franz sah heimlich zu Eduard auf.

Eduard war braun von Haar, das straff und lang hing, wie es Musiker tragen. Seine Augen hatten ein seltsames Feuer in braun. Sein Mund war groß über einem vollen Kinn. Seine kräftigen Zähne leuchteten, wenn er lachte. Und da er seine inneren Sinne voller Harmonien und Melodien hatte, kam ihm die Welt, die um ihn lag, nicht so wichtig vor. Alles das gab ihm eine schöne Unschuld, in der der Betrachter Ruhe fand.

Seine Kraft war stählern. Die Griffe seiner langen, schlanken Hände, mit denen er die Saiten seiner Geige schweben und schwingen machte, waren vehement. Er hatte schon jetzt erreicht einer der hoffnungsvollsten Männer seiner Kunst zu sein.

Und er ruhte keinen Augenblick. Innere Tätigkeit war alles an ihm. Immer schaffend und sich erleuchtend stieg er weiter aufwärts.

Franz sah in ihm die Sehnsucht seines Lebens.

Franz hätte für Eduard den Tod erlitten. Wenn er ihn heimlich ansah, sog er sich fest wie der Betrunkene an dem goldenen Weinkelch.

Man konnte nicht zärtlicher und demütiger aussehen, wie Franz aussah, wenn er Eduard einmal wie zufällig betrachtete.

Aber auch Eduard liebte den zermarterten Franz wie seine eigene Seele.

Das kam, weil Eduard eine letzte Sehnsucht ungestillt mit sich trug.

Sein Genie war immer Erfüllung. Immer war um ihn die Luft getränkt voll guter Werke und edler Begierden. Reichtum und Unschuld wie im Frühlingsgarten. Aus seinen Gründen quollen Harmonien, nicht Schreie. Allenthalben spielende Strahlen. Nirgendwo chaotische Finsternisse.

In jedes Menschen Urstätte raunen auch trostlose Gewässer.

Hier hatte sich alles in klares Offenbaren verwandelt. Und der ewige Kampf unter den Mächten erschien wie Spiel und Liebe.

Das war Eduard, wie er im Ringen um seine Kunst immer gewesen, und wie er nie anders sein konnte.

Eduard hatte nie hingehen können und sich wegwerfen um eine jähe, tolle, verwahrloste Stunde.

Er war nie aufgebrannt wie ein Höllenfeuer ungezähmt und unentrinnlich.

Er hatte nie mit dem vollen Becher »Leben« spielen und rasen können mit dem Tode um die Wette.

Nie wie ein durstendes Vieh schreien können nach Seligkeit.

Nie fluchen dem Lichte, um den Gott dahinter inbrünstiger zu greifen.

Nie über der Unschuld und Reinheit des Lebens sich ganz verwerfen, um auch die Hölle mit ihren Feuern und Qualen auszuschöpfen.

Das war Franzens Leben.

Das hatte der Dumpfklang seiner Abwehr auch heute am Morgen wieder gesungen.

Das war der Fluch, den Franz Popjel mit sich trug. So daß Eduard auch heute wieder, wie Franz in dumpfem Hasse das Haus verlassen hatte, erschüttert und von einem versengenden Gefühl angerührt, ihm sehnsüchtig nachgeblickt, ganz erfüllt von Liebe zu dem dunklen Menschen. Bis dessen zarte, gebrechliche Gestalt um die Straßenecke verschwunden war.

Zweites Kapitel

Das gierige Essen in einem Automaten, wo Franz für seine letzten Groschen wie sinnlos Schnitte um Schnitte verschlungen, hatte seinen grollenden Magen stille gemacht.

Er war am Nachmittag nach Hause zurück gekehrt.

Er wußte, daß Eduard zu Fräulein Hellen Raddas gefahren war, um mit ihr noch einiges für das Konzert zu proben. Er hatte auch die alte Frau Popjel nicht daheim angetroffen.

Er hatte sich nur gleich, wie er ging und stand, auf sein Bett hingeworfen und war in gänzliches Vergessen eingesunken.

Wie er langsam wieder zu sich kam, war es in der Wohnung immer noch still.

Er begann sich vollends zu ermannen, und sich in der Küche nach irgend einer Kanne kalten Tees oder nach etwas Eßbarem umzusehen.

Er sah kreidig aus.

Seine Glieder waren schwer wie Steine.

Er konnte nicht einmal sagen, daß ihm elend oder schmerzlich zu Mute war. Nur die Gebundenheit hockte in allen Muskeln und allen Gelenken. Er schien sich wie abgestorben.

Bis Franz dann die Abendsonne im Fenster blinken sah, und die Schornsteine der Fabrik gegenüber wie lächerliche Schattengestalten mit Grimassen fast seine Nase zu berühren schienen. Da mußte er lachen und kam noch mehr zu sich.

Lachen oder schluchzen.

Sein aschfahles Gesicht war noch immer ganz starr.

Ganz aus seinem Banne ging der Laut aus und konnte auch ein Fluch sein.

Franz saß dann ewig.

Von ferne nur kamen Überlegungen mit zerrissenen Gedankenfolgen.

Er wußte jetzt auch, warum Frau Popjel noch immer nicht heim kam.

»Die Mutter ist zu niemand so hündisch wie zu mir,« sagte er vor sich hin.

Frau Popjel war unbegreiflich in ihrem Narrenhange zu Franz. Oder vielleicht auch zu begreiflich, weil sie beide Söhne geboren hatte, und beide Söhne auch aus ihrer Seele stammten.

Wenn man die alte, kleine Dame im Winkel des Musikzimmers sitzen sah, die Beine auf den Sessel gezogen, wenn man in dem runzeligen Gesicht unter dem violetten Spitzenhäubchen das Spiel der Wonne und Entrückung sah, das über die zarte, leise Gestalt kam wie ein seliger Reigen, wenn man die Augen dieses mit einigen haarigen Warzen gezeichneten, mütterlichen Antlitzes groß werden sah, sobald die gezogenen Striche des Geigenbogens, den Eduard führte, volle, reiche, breite, jubelnde oder schluchzende Tonfülle in den Raum ergoß, da sah man, daß der in leidenschaftlicher Hingabe an die Töne seiner Geige versunkene, kaum dreißigjährige Mann ihrem innersten, nie alt gewordenen Mutterherzen verwandt und ihr erlösendes Leben war.

Und doch war auch Franz in ihrer Seele als Teil lebendig.

Dort lag der leidende, ewig mißratene Menschensohn. Dort, wo die alte Frau Popjel den dunklen Franz im Blute fühlte, lag Gebet und Klage, heiße Sehnsucht und ewiges Verfehlen. Dort brannte es im eigenen Blute wie heiße Verdammnis, von der sie sich und den bleichen, zerfurchten Franz losringen und loskämpfen gemußt, schon zur Zeit, als sie ihn erst als Frucht in Leib und Blute getragen.

Wenn die kleine, alte Dame auf der Straße ging, murmelte sie oft Worte.

Das galt alles nur einer ewigen Zwiesprache mit Franz.

Wenn sie aus ihren Selbstgesprächen aufsah, geweckt von einem Automobilgetöse, da waren ihre Augen gleich erschrocken wie über ein Unglück. Wo eine Gefahr drohte, da hinein warf ihr inneres Auge ihren Sorgensohn.

Auch jetzt war sie wieder hinaus, um für ihn sich wegzuwerfen.

Das hatte sie jetzt schon manchmal getan.

»Ach was! Sich demütigen! Nur helfen!« redete sie vor sich hin. Franz mußte auch jetzt wieder geholfen sein.

Franzens Blicke konnten sich in die Blicke der geängstigten Mutter einsenken wie Tauben ins Licht.

Die Mutter wurde ganz nur Zärtlichkeit und Mitleiden.

Franz hatte wieder Geld nötig. Viel.

Baron Vogelsang hatte immer Geld. Der hatte auch ein Reitpferd im Stalle. Auch Asmussen hatte Geld, dessen Vater ein reicher Brauer war. Und Oliven hatte Geld, dessen große, väterliche Eisenwerke vor der Stadt rauchten.

So war auch heute Frau Popjel hinaus, um sich hinter Eduards Rücken von fremden Leuten für Franz Geld zu verschaffen.

Franz wußte es jetzt. Er horchte in sich hinein. Ahnend und dumpf und blöde. Und jetzt schon wieder scheu überkommen von der beginnenden Dunkelheit, die seine Zeit war.

Aber Frau Popjel kam nicht.

Franz war auf den Balkon hinaus getreten und musterte die Straße, darin vereinzelte Goldlichter im grauen Dämmer glänzten. Dann erinnerte er sich des Gesanges des Hirten, der in der sechsten Symphonie Beethovens den vierten Satz mit Schalmeiklang beginnt.

Wenn ihm Musik in den Sinn kam, begann er immer einen Augenblick zu genesen. Er sehnte sich dann nach seinem Bruder, und gute Entschlüsse gewannen die Oberhand.

Der Gesang des Hirten ist eine selige Weise.

»Wohl denen, die im Licht leben! Wohl den Lämmern auf der Blumenflur! Wohl den schauenden Augen, die im Anblick der Aue ruhen und ohne Willen hierhin und dorthin wandern!«

So etwas kannte Franz. So klangen die Sehnsuchtsrufe in ihm, wenn er an Eduard dachte.

In der Wohnung der Popjels war eine geheime Zelle. Jenes war einfach ein ganz stilles, unbenutztes, vornehmes Zimmer. Einmal vor Jahren war es das Zimmer des Vaters gewesen, der auch ein erfolgreicher, sehr ruhmreicher Künstler war. Die schönen Instrumentenkästen des Vaters benutzte mit Ehrfurcht Eduard. Aber der Schreibtisch stand noch, wie ihn Herr Popjel sen. einst verlassen hatte. Kleinodien lagen darauf. In einigen Kästchen steckten Dinge von großer Kostbarkeit. Ein Petschaft mit einem von Edelsteinen besäten Handgriff hatte ihm einst ein Großfürst geschenkt.

Nie hatte sich in diesem Zimmer seit Jahren irgend etwas geändert. Die beiden edlen Marmorfiguren, die eine jede gegen ein Fenster stand, die Reihen kostbar gebundener Werke, die Schreibzeuge aus Meißener Rosen hätte niemand anzurühren gewagt.

Die kleine sanfte Dame weinte davor, wenn sie jedes erinnerungsreiche Stück selber sorglich abstäubte. Manchmal saß sie einsam auf dem großen Eichenstuhl tief versunken in Vergangenheit, und war wohl auch schon einmal über den Sorgen, die nun hereingebrochen wie Wellen eines Stromes, in dem heiligen Zimmer des Herrn Popjel eingeschlafen.

Eduard ging in das Zimmer nur an Feiertagen. Nur wenn er irgend einen Entschluß oder einen Enthusiasmus brauchte. Manchmal verschloß er sich darin und spielte, als wenn der Vater sein einziger Zuhörer wäre so mit der Aufbietung aller Zauber. Von den Zimmerwänden und aus allen Gegenständen strömten stärkende Geister nieder.

Auch Franz hatte jetzt den Schlüssel in der Zimmertür gedreht. Er trat lässig hinein, wunderbar umwoben von den Tönen des Hirtengesanges.

Aber er wartete nur heimlich.

Er lag nur in dem eichenen Lehnstuhl zurückgelehnt und sah verkümmert und zernagt aus.

Nur Neugierde kroch billig und leer auf in ihm.

Er begann nur mit den Kleinodien auf dem Schreibtisch völlig achtlos zu tändeln.

Er harrte der alten, sanften Dame.

»Sie muß kommen!« sagte er vor sich hin.

Er hatte das Kästchen mit dem steinbesetzten Petschaft dabei gleichgültig aufgetan.

»Oder vielleicht kommt sie auch nicht!« sagte er hart.

Sein harter Blick streifte das Petschaft.

Er hatte sich das juwelische Stück noch nie so genau angesehen.

Das Prunkstück begann ihn zu fangen.

Das Prunkstück begann ihn zu berauschen.

»Puh!« sagte er aufgeblasen. »Das ist eine Sache!«

Er lachte häßlich.

Es war ganz wunderbar, wie sich aus dem Berühren dieser Steine jetzt gleich eine Stärke über ihn ausbreitete.

Er wußte selbst gar nicht mehr, daß er das Petschaft anstaunte wie der Bauer, der einen Schatz gefunden.

Er hatte die Steine neugierig ans Fenster getragen und in dem bleichen Lichtschein, der von den Laternen heraufkam, ewig blitzen und funkeln lassen.

Daß er in seines verstorbenen Vaters Heiligtume sich herum dehnte, daran dachte er gar nicht mehr.

Durchaus nicht herum dehnte. Sich richtig jetzt streckte, ganz freie Gestalt annahm. Das Kleinod in der Hand wägend wie mit drolligem Spiele und dann an dem Kästchen herum fingernd, das Goldschlüßelchen betastend, und das Schlüßelchen spielerisch drehend. Und alles dann ganz plötzlich mit entschlossener Hantierung und mit ruhiger Genugtuung. So daß das Schloß des heiligen Erinnerungsraumes schon schnappte und das Zimmer des seligen Herrn Popjel in einsilbigem Dämmer zurückblieb.

Franz Popjel, der zerrissene, dunkle Mensch, trug jetzt das köstliche Kleinod in seiner Tasche.

Die Mutter Popjel kam die Treppe empor gegeistert, als er in die Nacht hinaus verschwinden wollte.

Sie hielt unter ihrem Silbertäschchen einen Geldschein in der Hand, den sie ganz zerdrückte. Sie hatte ihn von einer Freundin geliehen.

Franz küßte nur inbrünstig ihre beiden, ängstlichen Augen. Und küßte ihre zitternde Hand, aus der er auch den Schein nahm, und entfernte sich eilig, indessen Frau Popjel auf der oberen Treppe stand und mit einigermaßen erlöstem Gefühl seinen Schritten nachsah.

Drittes Kapitel

Als Eduard am Abend in die Wohnung zurückkehrte, kam Hellen Raddas mit ihm. Frau Popjel, die ein Seidenhäubchen über ihren dünnen, grauen Scheiteln trug, lachte ihnen zu, obwohl Hellen Raddas auch nicht ganz nach ihrem Geschmacke war.

Franz nannte Hellen eine Geiertaube. Er wollte ausdrücken, daß sie eine seltsame Doppelnatur besitze. Er behauptete auch, daß er nie grünere Augen gesehen hätte. Und daß ihre Augen, die eisig oder weich, tief oder spitz spielen könnten je nach Wunsch und Belieben, die Augen einer Kupplerin wären.

»Die würde ihrer Hündin auch Senfbrot zu essen geben, damit das Hündlein ewig weinte,« sagte Franz, »und würde dann den züchtigen Mädchen vorreden, das trostlose Geschöpf wäre ihre verwunschene Schwester und wäre nur durch hartnäckige Keuschheit in solchen Fluch geraten«. Wie es in der Legende erzählt wird.

Nun das waren Reden eines Eifersüchtigen. Das waren Franzens schwelende Gefühle.

Franz beliebte es manchmal, Hellen Raddas in seinen heimlichen Gedanken zu verfolgen.

Hellen war eine anerkannte Künstlerin. Und jung und lustig obenein. Sie hatte gar keinen Sinn für sein vergrabenes Wesen. In ihr war alles klar, fast gläsern hell. Ihre Worte und ihr Lachen hatten etwas Kühles und Sprödes. Und ein selbstsicheres Gefühl trug sie, daß Eduard mit seinen Geigengesängen ohne ihre reichen, freien, gerundeten Akkorde und Kantilenen sein Werk vor dem Publikum nicht gut hätte bestehen können.

Franz nannte Hellen, wenn er sich zufällig daran erinnerte, wie sehr sie Eduard für sich in Beschlag nahm, vor sich hin auch noch mit gemeineren Namen. Weil es ihm zu Zeiten gradezu wohltat, etwas Kränkendes und Verwahrlostes aus seiner Brust heraus zu stoßen.

Wenn Frau Popjel das Mißtrauen gegen Hellen teilte, hatte auch bei ihr die Eifersucht großen Anteil.

Eduard ging oft mit Hellen. Sie machten zusammen ihre Wege in den Stadtstraßen oder auf den Promenaden. Und Eduard war mit ihr im wirklichen Sinne kindlich vertraut.

Übrigens war es Frau Popjel heute angenehm, daß Hellen mit Eduard zusammen eintrat.

Es war kaum eine Stunde, daß Franz hinaus war. Und wenn Eduard allein gekommen wäre, hätte sie seine Fragen gefürchtet.

Aber Eduard fragte gar nicht. Eduard brachte einen ganz arglosen, heiteren Ton mit in den dämmrigen Zimmerraum.

»Warum hast Du nicht Licht gemacht, Mutter?« weiter fragte er nichts.

Die alte, runzelige, kleine Dame lachte leise und lief nach der Lampe, die bald auf dem Tische brannte.

Hellen Raddas hatte gleich im Scheine des Lichtes am Tische Platz genommen.

Hellen sah in ihrem dunkelblauen, schlanken, englischen Winterkostüm sehr anmutig aus. Sie hatte einen blaßgrünen Shawl ums ganz braune Haar gewickelt. Das Haar, das in der Sonne wie braunes Herbstlaub glänzen konnte, mit einem Schein in Rotgold, war schwer und voll. Es umrahmte die ein wenig knochigen Formen des eigenartigen, langen Gesichtes. Die Nase war leicht schief, aber bedeutend und schön. Die Haut war gleichmäßig rein, einen Schimmer bräunlich. Die Lippen offen und groß, aber fein.

Wenn sie so dasaß, lag vieles wie achtlos hinter ihr. Da konnte sie auch Eduard gradezu zuwider sein. Dann deuchte es ihm, daß sie ihn mit ihrem Hochmut locken wollte. Oder gar, wenn sie vor ihm so hin spielte, tragische Schwermut und absichtliche Blödigkeit im Ausdruck abwechselnd, jäh wie Wolken vor der Sonne.

Wenn Fräulein Raddas so stumm dasaß, wie jetzt, mußte auch Frau Popjel immer ein wenig ihre Geduld bändigen, und heimlich Franzes niederträchtigen Worten durchaus Recht geben.

Aber an dem Abend blieb alles sanft und leise.

Frau Popjel fragte Eduard nur, ob er mit seinen Aussichten fürs Konzert zufrieden wäre.

Man sprach auch von den großen Anschlagszetteln. Man lachte über den Künstleraberglauben.

Eduard schilderte drollig, daß er sich jede große Erwartung systematisch aus den Gedanken triebe.

»Sobald mir auch nur die leiseste Idee von irgend einer solchen Lage kommt z. B., daß ich mich ans Ende des Konzertes träume, und nun die tausend Menschen mir frenetisch zujubeln, so zwicke ich mich gleich fest in die Haut oder sehe einfach in die Blendung der Sonne,« sagte er lachend.

Man tändelte dann auch nach dem kleinen Abendbrot, das Frau Popjel herzu getragen, mit zwei weißen Angorakatzen, Eduards Lieblingen. Er hatte sie selber nach Tisch herzu geholt. Und der Abend war bisher sehr ruhig und heiter hingegangen.

Da hatte Fräulein Hellen die Rede ganz ahnungslos auf Franz gebracht.

Eduard hatte kaum zugehört zuerst.

Weil er in einer dunklen Zimmerecke stand, um mit einem Lederlappen Funken aus dem weichen Katzenfell heraus zu streichen, war er nur ganz leidenschaftlich beschäftigt, wie ein Kind, das sein Spiel keinen Augenblick vergißt.

Er fragte sehr achtlos noch einmal, weil er nicht genau gehört hatte. Indessen sich der braun umhangene, launige Künstlerkopf lachend umsah, um die Aufmerksamkeit der Frauen noch mehr auf sein Spiel hinzulenken.

Da sah Eduard, daß die Mutter ganz schwermütige Augen machte und wie in einem Schrecken vor sich hinsah. Noch hinterrücks hatte Frau Popjel versucht, Fräulein Hellen ein Zeichen zu geben.

Das ahnte Eduard jetzt.

Da hatte er auch schon seine harte Miene angenommen und mit sehr gehässigen Fragen in Fräulein Raddas zu dringen begonnen.

»Was? . . . von Franz? . . . was sprechen Sie da? . . . nun? wissen Sie denn was von Franz?« sagte er hastig.

»Herrgott, Eduard, Sie brüllen mich ja an!« sagte Hellen eingeschüchtert.

»Lassen Sie den Ton Ton sein! . . . der Ton ist ganz gleichgültig . . . wenn ich brülle, so ist das eine Unart . . . aber das hat mit der Sache gar nichts zu tun . . . was wissen Sie von Franz?« . . . sagte er hart.

»Was wollen Sie denn eigentlich von mir?« sagte Hellen sehr sanft. Es tat ihr Leid, daß sie die Rede auf Franz gebracht hatte.

»Ich begreife Sie gar nicht, Eduard . . . ich hätte mir wahrhaftig niemals denken können!« . . . Sie konnte ihren Satz gar nicht vollenden, weil sie in Eduards gereizte Blicke hinein sah.

»Sie hätten sich wahrhaftig niemals denken können . . .« schrie Eduard plötzlich noch mehr aufgebracht. »Schlimm genug, wenn Sie im Popjelschen Hause verkehren, und noch immer nicht das große, beschämende Geheimnis wissen, das uns Tag und Nacht heimlich in die Ohren gellt.«

»Sie sind doch geradezu rein verrückt mit Ihrer Schroffheit, Eduard,« sagte Hellen sehr bestimmt und spröde. »Nehmen Sie sich doch ein bissel zusammen . . . vor Ihrer Mutter wenigstens . . . Sie sind doch kein Kind . . . Sie sind doch ein großer Künstler,« versuchte sie ein wenig drollig zu sagen.

Eduard merkte, daß sie lächelte und mußte auch lachen. Aber gar nicht etwa, um sich jetzt zu beruhigen. Er nahm nur einen noch jämmerlicheren, gequälteren Ton an, der Hellen direkt mitleidig stimmte.

»Sehen Sie mich einmal sehr genau an, meine liebe Hellen,« sagte Eduard flehentlich und doch streng in Hellens helle Augen hinein. »Sie wissen das noch nicht . . . Mutter hat nämlich gar nicht zwei Söhne . . . Mutter hat nur einen Sohn . . . das ist Franz . . . ich bin nur ihr Engel!« schrie er heraus.

»Meine geliebte Hellen . . . helfen Sie mir! . . . helfen Sie mir! . .« sagte ganz ratlos Frau Popjel.

Hellen sah jetzt in der Mutter Gesicht, das fahl und erschrocken war, und sah dann zu Eduard hinüber, der über die weiße zottige Katze mit zitternden Händen jäh hinstrich.

»Ich sage Wahres . . . so ist es! . . .« schrie er und ließ die Katzen, die aufgescheucht zu miauen begannen, und lief im Zimmer hastig hin und her. »Ich bin ein spielender Narr! . . . er ist ein Mensch, der das Leben lebt . . . nur weiß ich nicht was? . . . wo? . . . wie? . . . Sie scheinen seine Gänge zu kennen . . . wo läuft er denn hin, wenn er sich nachts aus dem Bette stiehlt? . . . wo war er denn, wenn er frühmorgens am Frühstückstische erscheint wie einer, der in der Nacht einen Mord begangen? . . . ich weiß gar nichts . . . Mutter und Franz sagen mir nichts,« stieß er hastig hervor und wühlte sich mit seiner langen Hand in seinen braunen Haaren herum.

»Mutter und Franz sagen mir nichts . . . ich bin ihnen zu rein . . . ich bin ihnen zu unschuldig . . . ich bin ein zu großer Künstler . . . man muß Rücksichten auf mich nehmen . . . ich muß in guter Spiellaune erhalten werden . . . ich weiß gar nichts . . . wo ist denn Franz heute wieder hin?« schrie er mit noch härterem Tone. »Weißt Du gar nichts, Mutter? . . . das ist ein Fluch, der auf mir lastet. Richtig . . . richtig, machten Sie nicht unterwegs schon Anspielungen auf Franz,« sagte er schroff zu Hellen. »Aber ich habe es gar nicht begriffen . . . ich war zu närrisch in so einer verfluchten Partitur befangen . . . ich bin wirklich zu kindlich . . . ich verfluche diese kindliche Reinheit, die mir niemand verderben will,« stieß er hervor. »So sagen Sie es doch wenigstens einmal Mutter ehrlich ins Gesicht, daß sie Franz ganz unsinnig in seinem Leichtsinn unterstützt . . . Ja . . . das tut sie . . . das muß sie tun . . . sonst ist Franzens Leben gar nicht zu erklären…«

»Liebe, gute Mutter,« wandte er sich jetzt leidensvoll und gütig an die kleine, zärtliche Frau, und streichelte ihr Gesicht.

Aber Frau Popjel weinte nur.

Aus ihr war gar nichts heraus zu bekommen.

Der sinnlose Ausbruch Eduards hatte auch Hellen ganz in sich hinein getrieben.

Auch sie streichelte jetzt Frau Popjel.

»Seien Sie doch vernünftig, Eduard!« sagte sie ganz leise und nebenher. »Daß Franz nicht maßvoll lebt, weiß doch ein jedes von uns . . . und Worte werden daran nichts ändern . . .«

Es schien, als wenn jetzt auch Eduard ganz stille geworden.

Aber er blieb nicht stille.

Die ganze Angst kroch aus Hellens Worten noch einmal neu über ihn.

»Nein nein nein . . . Worte werden daran gar nichts ändern . . . nur die Wahrheit wird daran etwas ändern . . . Fräulein Hellen . . . was wissen Sie von Franz? . . . Sie sind meine Freundin nicht mehr . . . ich werde Sie verachten, wie ich darin meine Mutter verachte, wenn Sie mir jetzt nicht alles sagen, was Sie wissen . . . wenn Sie Mutter und mir nicht ganz reinen Wein einschenken! . . .« schrie er und gestikulierte mit seinen geballten Händen.

Aber Fräulein Raddas hatte zärtlich seine Hände ergriffen und hielt sie fest und zog ihn so an den Flügelstuhl heran. Und sie redete leise in ihn hinein, weil sie sah, daß Eduards Hände blaß geworden waren, wie die eines Toten.

Sie erzählte ihm im Grunde gar nicht viel.

Ein Musiker hatte Franz am Morgen auf einer Bank im Bahnhofswartesaal dritter Klasse liegen gesehen, bleich und tief eingeschlafen und in einer Art Arbeitskittel, am Leibe ziemlich verwahrlost.

Da war Eduard endlich ganz stille für sich geworden.

Den ganzen Abend blieb er scheu und beschämt, wie ihn Hellen gar nicht kannte.

Wie eine eisige Luft hatte der verhärmte, gütige Mensch um sich. Sobald Hellens Blick oder der der Mutter ihn suchte, lächelte sein braunes Auge kindlich.

Und wie Hellen hinaus war, harrte er einsam bis tief nach Mitternacht.

Er konnte nicht einschlafen, solange er Franz nicht daheim wußte.

Franz kam wirklich gegen zwei Uhr heim.

Eduard ging ihm entgegen. Ganz zärtlich war er zu ihm.

Franz tat auch wie arglos und selbstverständlich. Er nahm es hin, daß ihm Eduard im Hemde aus dem Büffet einige Stücke Semmel und Fleisch brachte und ihn ohne Absicht ansah.

Eduard schlief dann erst tief ein, als er bemerkt hatte, daß Franz in dieser Nacht durchaus nicht verwahrlost, sondern völlig geordnet aussah, und einen ganz ruhigen Blick zur Schau trug.

Viertes Kapitel

Einige Tage und Wochen waren hingegangen. Der Termin des Konzertes kam heran.

Franz war besonders lustig aufgelegt. Da gab es kein dumpfes Scheelsehen. Er schien gradezu gemächlich. Er spottete über den Agenten. Und wenn jemand wirklich liebend für Eduard sorgte, war es der bleiche, brandäugige Franz mit der vorgebauten Stirn und den glattrasierten, hohlen Wangen, die mager auf den Knochen saßen.

Franz hatte sich in der Zeit um alles gekümmert. Er hatte so zu sagen tagelang gute Werke getan. Im Konzert selbst saß er auf der Seite ganz nahe dem Podium.

Ein Konzert! Ein Schwirren von Menschenstimmen zuerst, die aus schwatzenden Mündern kommen. Eine Fülle stechender Lichter, die hoch im Raume über tausend Köpfen hängen und in die Augen blenden, wohin das Auge sich flüchtet. Damenköpfe, Haarwülste und Flechten aufgetürmt, darin Steine blinken. Geruch aus Haaren und Leibern. Herren, die im Frack stehen, den Zylinder in der Linken und durch Gläser in die Menge blicken. Allenthalben zwischen Dunkel die hellschimmernden Flecken der nackten Frauenschultern. Und alles in ruheloser Bewegung, alles in ruhelosem Geschwirr.

In solchem Umwühlen von Menschen gibt es lange keinen Stillstand. Oben auf den Galerien stehen Züge von Menschen, die nicken, sich wenden, herab und hinauf sehen, sich setzen oder Mäntel ablegen, Zettel vor die Nase halten oder Glas oder Monokle putzen. Da ist noch nirgend Stille und Ruhe.

Bis Eduard aus der Künstlertür Hellen Raddas über das Podium heranführt, die im Lichten dasteht, und deren Blicke mit denen Eduards freundlich und tief sich neigen.

Da beginnt plötzlich aus tausend Seelen die schöne, erhebende Weihe.

Und nun tropfen zuerst leise, dann immer mehr schwellend und steigend die Töne, aus Hellens Händen ausgestreut.

Und die Geige Eduard Popjels singt süße Cadenzen, schwingt sich über die versunkenen Hörerköpfe zu den Lichtern im Raum, beginnt ein seliges Widerstreiten mit Hellens volltönigen Klangweben und macht die stummen Seelen der Lauschenden immer höher und himmlischer schlagen.

Bis auf Frau Roßberg, die mit ihrem Taschentuche sich unentwegt eine Fliege wedelt und sich dann und wann ganz gleichgültig umsieht.

Franz Popjel fühlte das Rauschen und Rascheln ihres Seidenkleides, obwohl er die Hand vor die Augen gepreßt dasaß.

Er hätte beinah ein Zornwort gerufen.

Er bezähmte sich, sandte nur einen jähen Blick zu der Dame hinüber und war neu versunken.

Man spielte auch die Elegie von Sinding. Das floß ganz ein wie Leiden in Franzens Blut.

Wenn es jemand hätte leben können, was Franz fühlte und lebte, wenn er im Zauberbann der Töne tief gefangen saß. Seine innerste Natur war ein heißer Krater. Alle Feuer waren jetzt darin lebendig. Jähe Opferherde brannten. Die Flammen waren langgedehnte sprühende, lodernde Zungen. Die Tonschwalle sangen, wie der Sturm rast in Flammenwogen. Die losen Töne stachen wie Funken.

Nirgend stille, klare Lichter wie Sonnenstrahlen am friedlichen Tage.

So war nicht Franzens Seele, die in Musik vergraben sich mühte.

Ganz erdversunken war die Welt, die in ihm aufquoll, wenn er Musik hörte.

Das schlug ihm Wunden, daß er wie ein Gemarterter lachte. Verzehrende Brände, nicht Blumen. Sausende Stimmen schrieen in diesen Abgründen nach Erlösung.

Man ahnt nicht, wie Musik aussehen konnte in diesem Blute. Welche Urgewalten und Höllendünste sie aufwühlen konnte. So daß nach solchen Stunden, mit tönenden Mächten durchkämpft, eine noch unsinnigere Gier zurückblieb, einmal bis zum letzten Geheimnis aller Erdentiefen durchzudringen.

An diesem Abend hatte es Franz abgelehnt, noch mit den Künstlern zusammen zu sein.

Wie man in dem kleinen Hotelsaal an dem vornehm und blumig gedeckten Tische mit den Gläsern klang, die lachenden Damengesichter Fräulein Hellen Raddas und die losen Künstlerköpfe hin und her dem Meister Popjel zuwinkten und zutranken, und bald immer lauter Geschwatz und Geschrei hier und da an den Nebentischen sich erhob, war Franz Popjel nur durch den halberleuchteten Hinterhof des Konzerthauses hinaus gehastet und seiner Wege gegangen.

Fünftes Kapitel

Franz Popjel befand sich in einer schwierigen Lage.

Er hatte, wie er aus dem Konzert seines Bruders heraus trat, Baron Vogelsang getroffen mit dem ebenso eleganten Oliven zusammen. Oliven mit seiner hohen, ein wenig schnarrenden Stimme und mit einem Geruch von Reseda, sodaß der junge Elegant wie eine Demimondedame in einer Wolke von Arom hinschritt.

Franz waren diese beiden jungen Männer in dem Augenblicke sehr unangenehm. Er hatte zwar den langen, nachdrücklichen Handdruck Olivens geduldig in seiner Hand ertragen. Er war auch eine Weile mit ihnen gelaufen. Aber der Widerwille in ihm war allzu mächtig.

Und auch der Lärm, den die Schatten des Gehörten jetzt in der Stille der Seitenstraße immer lebendiger in ihm zu machen begannen.

So war Franz plötzlich stehen geblieben, hatte die beiden vornehmen Kameraden mit einer Miene Verdrusses angesehen, hatte die Pflicht vorgegeben, seinen Bruder aus dem Hotel heimholen zu müssen. Und ehe Vogelsang und Oliven die Stimmung des dumpfen Franz richtig begriffen, war er bereits um die Straßenecke verschwunden.

Es war in der Vorstadt.

Ein kalter Zug ging über das Pflaster. Strohhalme tanzten im Rinnstein.

Aus einer Tür hörte man ein paar Droschkenkutscher, die mit Gläsern Bier dastanden, schallend lachen. Ein heller Schein fiel auf den Bürgersteig, so daß man ihre Schattenbilder wie zwei dicke Tanzbären gegen das Licht der Stube sah.

Franz lief und lief. Er hielt nicht inne.

Wenn jetzt ein zweiter, hohläugiger, magerer Franz in fröstelnder Gestalt, den Überzieherkragen hoch aufgeschlagen, den Hut in die Stirn gedrückt wie ein unbekannter Ritter sein Visier, entgegengesetzten Weges gekommen wäre, diesem wirklichen, aufgewühlten, mit sich streitenden Franz entgegen, und hätte mit dem tiefsten Dumpfklang seiner Stimme den irrenden und hastenden Franz liebend angerufen, so wäre unter einem tollen Hohnlachen der Bann von dem irrenden Ritter abgefallen. Der wirkliche Franz hätte plötzlich all das unnütze, nächtliche Wandeln von Straßenecke zu Straßenecke im Laternenlicht so unsinnig blöde und hündisch gefühlt, und hätte seine Sucht wegwerfen können wie die Eidechse ihre Haut, um den nach Licht und Reinheit, nach Frieden und Arbeit, nach Bruderliebe und Wohlklang, nach innerer, freier Haltung und Kraft sehnsüchtigen Franz mit ganz sicheren Schritten vor das Hotel und dann Arm in Arm gelegt, Bruder mit Bruder, die zugigen Stadtstraßen entlang in die kleine Wohnung der Popjels zu führen.

So wäre es gewesen, wenn jetzt ein zweiter Franz dem dunkelverkappten Franz in den Weg gelaufen wäre.

Franz würde plötzlich hell aufgelacht haben wie ein Wahnsinniger, der durch ein Wunder sehend wird.

Vielleicht würde er den schwelenden, schleichenden Franz, dem jetzt schon die Beine zitterten vor unbestimmtem Verlangen nach irgend einem wirklichen Feuer, das er verschlingen könnte wie der Geizhals die Funken, verhöhnt und mit seinem Stocke wütend geschlagen und in die Flucht getrieben haben, bis der wirkliche Franz allein und einfach und frei auf der Straße gestanden, ein ganz vornehmer Herr mit schwarzem Überzieher über seinem Gehrock, mit Handschuhen und einem feinen Schlapphut, der nur der Popjelschen Wohnung zustrebte.

Aber kein zweiter Franz wollte sich herzu finden.

Das Gespenst, das da war, blieb allein und schob um die Straßenecken, indes Strohhalme aufwirbelten.

Franz war jetzt nicht mehr aufzuhalten. Er ging schon mit gemesseneren Schritten.

Daß die Schritte gewichtiger und länger wurden, daß seine schmächtige Gestalt im Überzieher sich fast streckte, war das deutliche Zeichen, daß die Verlockungen und Gesichte im Blute klarer und klarer geworden und den Rest guter Erinnerungen ganz ausgetrieben hatten.

Franz war in eine Unterführung eingebogen, wo ein elektrisches Licht kalten Schein gab. Er mußte bekannt sein. Ein dickes Weib mit bemalten Augenbrauen, jung, aber rund wie ein Faß, ziemlich gewöhnlich gekleidet, wackelte in den Hof und grüßte ihn mit Gekreisch wie einen Duzbruder.

Obgleich Franz darauf keinerlei Acht gab, schien ihn noch einmal ein Zaudern anzukommen. Er sah an sich herab, daß ein feiner Herr gewissermaßen sich ganz zu verleugnen im Begriff stand.

Sonst kam er gewöhnlich im abgeschabten Kittel. Kam er, wie er im Chemielaboratorium gestanden, als er dort noch ein eifriger Arbeiter war.

In diesem Augenblicke konnte er unmöglich für die Hölle noch Toilette machen. Er lachte höhnisch. Denn sein Atem ging süchtig wie bei einem Pferde, das ein heimlicher Reiter jetzt mit harten Geißelhieben peitschte.

So stand er bald mitten unter Zuhältern und Dirnen.

Kreischende Weiberstimmen schrieen durcheinander.

Freche, feile Burschen, die Mützen auf vollen Haaren, lümmelten am Tische und schlugen die Karten. Es war eine Rauschluft.

Franz Popjels Schatten, der hier im gemeinen Dunste lüsterner Künste verkaufter Seelen aufragte, begann Herr zu werden.

Franz schien an dem schwarzen Tische, darauf die schmutzigen Karten fielen und den Huren und Lumpen rings umkränzten, allmählich groß wie ein Herrscher unter den Seinen.

Die Dirnen saßen mit Prunkkleidern, die verschmutzt waren. Vergriffen und zerrissen hingen die Achselbänder an den fleischigen Armen nieder. Die Busen lagen offen für jede tolle Berührung. Die Gesichter waren staubig und grob bemalt wie die Larven auf Jahrmarktsfesten oder wie Tänzerinnen bei einem Dorfzirkus.

Manches Weib saß halbnackt, die Bluse auf einen Stuhl geworfen, weil die Schwüle sie toll gemacht.

Alle Gesichter wirkten wie Grimassen.

Lachen zerklirrte wie Scherben im Kehricht.

Ein widerlicher Staubdunst. Ein ewig heiseres Geschrei aus Männer- und Weiberkehlen. Franz Popjel stand groß und lang gereckt.

Er lachte nicht.

Er stand wie ein Herrscher unter den Seinen.

Sein hohlwangiges Gesicht mit den Brandblicken hatte einen Ausdruck eiserner Ruhe. Seine Augen glommen in Sicherheit. Die Farbe seines Gesichtes schien sich zu röten.

Er hatte ein Goldstück auf den Tisch geworfen, und stieß einen häßlichen, höhnischen Laut aus. Dunkel gekleidet wie mit einem Kaftan, gar nicht mehr wie seine Herren, die in den Konzertsaal gehen, jetzt wie ein Teufel in der Messe.

Franz fühlte leibhaftig wie aus dem Goldstücke, das er auf den Tisch warf, eine Macht ausging.

In der Ecke begann man an einem Tisch neu zu bechern.

Die dicke Wirtin humpelte herzu und flüsterte Franz mit feilem Blicke etwas in die Ohren.

Franz nahm ein Goldstück und legte es hochmütig in ihre fette, ausgestreckte Hand.

Allen schien Franz eine Macht.

Die Weiber lächelten ihm fast demütig zu.

Frech, auf Du und Du schienen mit ihm nur einige Männer, die vor niemand Furcht hatten, weil sie auch vor Mord nicht scheuten.

Der strupphaarige Faßband war ein Dieb. Er spielte heute mit Glück und gewann Franz Gold ab. Franz stieß einen häßlichen, höhnischen Laut aus und warf mehr aus seiner Tasche.

Die rothaarige Böhmin wollte Franzens Beine von hinten umklammern, wie wenn sie zu einem Kreuze betete.

Franz schüttelte das tolle Weib mit einem jähen Rucke von sich.

Seine Blicke spielten mit dem Golde auf dem schwarzen Tische.

Sie begannen auch mit den jungen Augen einer Dirne zu spielen, in denen die Zärtlichkeit aufzuleuchten versuchte.

Es war ein ganz unfertiges Ding. Sie war das Kind eines Jägerburschen, das eine armselige Maurerswitwe kümmerlich groß gezogen. Julie hieß sie. Ihre blauen Augen erinnerten an ein junges Waldtier. Ahnungslos und sanft schienen sie auf der Lauer. Und freuten sich doch in den Lichtdunst hinein.

Wenn Franz sie mit seinen süchtigen Blicken traf, deuchte es ihr wie Liebe.

Die bunten, schmutzigen Kostüme waren ihr ein Fest.

Sie hatte auch einen entblößenden Fetzen um ihre jungen, schlanken Glieder gezogen. Der Wein rann ihr im unschuldigen Blute. Fluchen und Lachen, das kannte sie längst als Lebenslaute.

Wenn Franz sie ansah, glomm es wie eine Gewalt über sie, die sie noch demütiger machte.

Franzens Schatten ragte am schwarzen Tisch.

Die frechen Mannsgesichter mit den Schnurrbärten, die vertrunken und aufgedunsen waren, schluckten Gold ein, wie die Wolken den Mond.

Die schlanke, sehnsüchtige Julie hatte sich verstohlen erhoben.

Franzens Blick traf sie noch immer nur wie zufällig, aber jetzt ganz herrisch. Sie hatte auch die Brüste offen. Sie schienen zart wie bei einem Reh. Sie lächelte demütig Franz zu.

Die Dirnen alle wußten jetzt, daß sie heute die Erwählte war.

Julie näherte sich langsam dem Schatten, der im langen Kaftan stand und unter Gekreisch das Gold anstarrte, das auf dem schwarzen Tische blinkte.

Franz Popjel schien ein ganz hochgereckter, sicherer Gebieter. Und Julie wie ein Hündlein, das ihn ankroch.

Sie streichelte an seinem Ärmel nieder. Er ließ es geschehen. Er lächelte Gnade. Obwohl Gold um Gold hinging. Er hatte noch immer genug.

Franz stieß einen häßlichen, heiseren Laut aus.

Alle lachten jetzt Julie zu.

Franz hatte ihr wie nebenher die rechte Hand um den Nacken gespannt. Wie drollig Julie dastand. den Nacken demütig beugend und die sanften Augen schließend, als wenn der Henker sie griffe.

Es war schon stiller geworden.

Eins nach dem andern waren die Paare verschwunden wie huschende Falter.

Die Männer einer nach dem andern zählten ihr Gold. Einige lachten. Andere fluchten.

Franzens Schatten begann am Ende noch mit Glück zu spielen.

Julie hatte sich in seinen Arm gehangen. Sie lächelte ihn zärtlich an, als wollte sie seine zernagte Seele zu sich ziehen. Sie war jung und wußte noch kaum in ihrer Jugend, was um sie herum vorging.

Alles Licht war allmählig ins Dunkel gesunken.

Die dicke Wirtin stand vor der einzigen Kerze, die noch den schwarzen Tisch beschien.

Ein paar scharfe, magere Männer, zum Jagen über die Dächer wie gestählt, zerrten noch vor Franz an den Karten herum.

Franzens harter Herrenblick traf sie, so daß sie neu die Karten auswarfen, und er jetzt mit Ruhe das Gold einstrich.

Aber er warf das gewonnene Gold wieder auf den Tisch zurück. Es war ein Geschenk, das seine Gnade jetzt vergeudete.

Er war ein Herr unter den Seinen.

Die wütenden Blicke der Männer wurden zahm. Die Männer nahmen das Gold und teilten es unter sich. Sie gingen lachend und sahen mit scheuen Blicken auf Franz zurück.

Julie küßte seine Hand, die das Gold hingeworfen. Sie sehnte sich, demütig und wie ein Hündlein vor diesem harten, sengenden Blicke zu kriechen. Die Blicke aus Franzens Augen hatten sie längst ganz umwunden. Sie war jung wie eine Blüte. Sie kannte nur Demut und Liebe bis zum Vergessen und zum Sterben.

Franz war dann mit Julie in einem ärmlichen, jämmerlichen Alkoven und trank Leib und Seele aus diesem jungen Blute, wie ein Vampyr trinkt.

Sechstes Kapitel

In der Nacht, in der Erschöpfung des Blutes, waren Franz allerlei helle Menschengesichter wie gegen den Himmel auffahrend erschienen. Nicht Traumverzerrungen. Klare, stille, feierliche Gesichter, die aufdampfend wie in Nebelkleidern nach finsteren Gewittern, in irgend eine Lichtsphäre sich zerlösten.

Franz Popjel hatte lange in bleierner Gebundenheit gelegen, nichts ahnend, als nur diese seltsam aufdampfende Morgenstille. Bis er erkannte, daß alle diese Gesichter seiner Mutter Sorgenantlitz trugen.

Da war er mit einem harten Schlage nüchtern gemacht, aus dem Bette gesprungen, und ohne ein Wort stumm und bleich in die Kleider gefahren.

Es war noch eine dunkle Frühstunde, als die zähneklappernde Julie. die hagere, halbnackte Gestalt hastig in ein großes Umschlagetuch gewickelt, in schlürfenden Pantoffeln, den Schein eines offenen Ollämpchens vor sich tragend, aus dem Schatten des Hausflurs vergeblich versuchte, Franz einen Gruß nachzuwinken.

An dem Morgen war daheim keine Unruhe.

Eduard Popjel und die kleine, zernagte Sorgenfrau schliefen noch.

Der Abend des Ruhmes, den Eduard mit der Mutter im Kreise liebender, schmeichelnder Anbeter verbracht, hatte eine tiefe Entspannung verursacht.

Außerdem hatte Franz nie gemocht, wie er sich ausdrückte, seine Hochgefühle in parfümierten Salons langsam verpuffen zu lassen. Das wußten Mutter und Bruder. Und weil sie nach dem Konzert noch seine seltsamen Augen gesehen, die von den Tönen in fiebernder Glut leuchteten, hatten sie an nichts Böses gedacht, hatten sie nur stillschweigend angenommen, daß er in einem einsamen Nachtspaziergang seine Erregung langsam stille machen, und dann kommen würde.

Und Franz war gekommen.

Als Frau Popjel am Morgen spät aufwachte und noch in Nachtjacke und Häubchen die Semmeltasche von der Klinke der Korridortür herein nahm, sah sie Franzens Gehrock am Pfosten hängen und seine Lackstiefeln aus dem Dunkel glänzen.

So ging sie wieder ruhig ihren Morgengeschäften nach, hieß das Mädchen den Frühstückstisch bereiten, horchte an der Tür von Franz und dann an der von Eduard.

Sie wäre am liebsten gleich zu einem jeden mit pfiffig lächelndem Gesicht zum Morgengruße eingetreten. Unterließ es trotzdem. Nur in sich hinein lachend, als sie in der Enge des Korridors noch wieder einige Geigengänge des Konzertes leibhaftig wie flatternde Fahnenfetzen vor sich aufsteigen und verhallen hörte.

Frau Popjel hatte dann noch eine ganze halbe Stunde behaglich bei ihrer Toilette zugebracht, aber, ehe ihre Toilette beendigt war, war doch neu Unruhe gekommen. Es drängte sie, den Eindruck des Abends vor allem mit Franz zu besprechen. Sie wollte sich mit Franz an alles Einzelne erinnern. So daß sie ihre Nachtjacke noch einmal umnahm und leise zu ihm in das dämmrige Zimmer eintrat.

Wie die zarte, runzelige Sorgenfrau in Nachtjacke und Häubchen leise an Franzens Bette trat, lag da ein bleiches, im Schlafe tief eingezehrtes, junges, erhabenes Gesicht. Die große, vorgebaute Stirn schien in ihrer Bleiche noch mächtiger. Der verschlossene Mund war noch mehr wie sonst fein zusammen genommen. Die Lippen schienen so schmal wie nie im Leben. Die Wangenhaut war zart und blutleer. Die dunklen Glanzhaare umhingen geordnet die blassen, hohlen Schläfen.

Die kleine, alte Dame in der Nachtjacke sah den Tiefschlafenden mit inbrünstiger Liebe. Sie huschte eine Fliege, die sich auf die fleischige, merkwürdige Nase setzen wollte.

Aber die kräftige Nase hatte schon unwillig zu zucken begonnen. Die Augensterne hatten sich schon lächelnd aufgetan. Ein liebendes Kind war Franz erwacht.

»Mutter . . . Du bist es? . . . ist es schon spät? . . . kommst Du mich wecken?« sagte er zärtlich, und sah unschuldig und gütig aus. Sein Lächeln war mit dem Erstaunen des Erwachenden gemischt und glänzte voll Vergessen in der Mutter fröhliche Augen hinein.

Da saß die Liebe auf dem Bettrand, im Flüsterton plaudernd, leise zärtlich lachend und sein bleiches Gesicht und seine dunklen Haare mit ihren kleinen, gebrechlichen, sanften Händen wieder und wieder streichelnd.

Wie Franz dann an den hellbesonnten Frühstückstisch trat, wo Eduard schon eine Morgenzeitung eifrig studierte, kam er lachend, und die Brüder umarmten sich.

Lobens und Rühmens machte Franz gar nicht. »Damit zahlen die, die keinen Enthusiasmus des Blutes kennen. Die machen Worte.« Er umarmte Eduard neu und küßte sich mit dem Bruder.

Und Eduard nahm die Zeitung wieder auf und reichte sie Franz, indem sein junges, braunes, jetzt noch offeneres Gesicht einen koketten Charme annahm, und trotzdem aus dem heiteren Fürsichsein nicht heraus kam.

Auch das erlesene Mittagsmahl, das Eduard beim Traiteur bestellt hatte, um wie er scherzend sagte, seinen Berater und Helfer Franz einmal wirklich feiern zu können . . . womit er auf Franzens Abwesenheit vom Hoteltisch nur leise anspielte . . . erwartete Franz wie ein richtiger Schwelger. Er machte drollige Bemerkungen, als Fräulein Hellen Raddas, feierlich zum Diner angetan, in der kleinen Wohnung erschien.

Dann war die erlesenste Tafelrunde.

Eduard noch schlanker im Smoking und ein wenig linkisch die rauschende Hellen mit ihren eisigen, fröhlichen Augen und schimmernden, vollen Schultern, und ebenso schlank, aber fast neckisch, der jüngere Franz die zarte, kleine Frau Popjel zu ihrem Platze vor die duftenden Blumen führend.

Die Damen griffen die Blumen in ihre Hände. Man aß. Man sah sich in die Augen, dahinter nichts wie Zutrauen verborgen schien. Man machte Glossen über Künstler und Kunstfreunde.

»Ein bissel klatschen gehört nun einmal zum seinen Essen,« neckte Eduard.

Man lachte darüber.

Hellen erinnerte sich spitzig, daß gestern Nacht wieder der Konzertagent sie, doch die erste Dame des Abends, breitspurig zur Tafel geführt, und derart sich selber den ersten Platz angemaßt hätte.

Man sah ohne Arg ins perlende Sektglas hinein, um die unzähligen Perlen zu zählen, die aus dem eisklaren Grunde sich ewig gebaren.

Man liebte sich an dem Tage.

Franz war gerötet und wie ein fröhliches Kind auch zu Hellen.

Sie begannen ihre Fingerkräfte gegen einander zu erproben, um nur immer wieder Spaße zu treiben.

Er glättete dann ihre schöne, lange, schlanke Hand und hätte sich beinahe vergessen, einen Kuß auf die rosigen Fingernägel zu drücken wie ein Liebhaber.

Aber Eduard war launig dazwischen gefahren und hatte die Hand und den Arm, nach dem er seinerseits zärtlich darauf gestaunt hatte, schließlich scheu und verlegen werdend, doch wirklich geküßt.

Auch das machte Franz nur lachen.

Die kleine, huzelige Sorgendame, die heute nicht weniger vornehm und geistig aussah, auch jetzt gerötete Bäckchen hatte. konnte einen Augenblick ihre leise Verlegenheit nicht verbergen.

So war diese sehr flüchtige und doch sehr innige Ovation für Hellen fast zu einer Feierlichkeit geworden.

Franz machte noch immer ein großes, heiteres, gutes Kindergesicht dazu. Er saß über Stuhllehne und Tisch die Arme gelehnt und gespreizt wie auch Eduard.

Wer so die Brüder Popjel mit einander sah wie gute Jungen die Zeit vertändeln, sich mit der drollig schmollenden, gebrechlichen Mutter neckend, von dem gläsernen Lachen Hellens lustig beschienen, der wußte von keiner Nacht unter Zöllnern und Sündern, auch nichts von Diebsherbergen und Mörderhöhlen.

So fiel von Eduards Triumphe ein freundliches Licht in die Zukunft, sodaß Wochen und Monate ohne Störung unter den Popjels hin gingen.

Siebentes Kapitel

So war also in dem Hause der Popjels lange Frieden gewesen. Das Konzert hatte Geld gebracht. Und der Erlös für das Petschaft aus Vater Popjels Arbeitsstube, die noch immer in ihrem heiligen Dämmer lag, hatte auch für Franzes Bedürfnisse eine gehörige Weile ausgereicht.

Nun begann es in den tiefen Winter zu gehen.

Eduards Aussichten waren in der Zeit glänzend. Es schien durchaus nichts Bedrohliches in der Luft. Nur daß die Novemberstürme auf den Straßen fauchten und die Teppiche auf den Stangen im Hofe auf und ab flattern machten.

Eduard übte viel und war verstrickt in Arbeit.

Auch Franz gab Pflichten des Studiums vor, hörte ein paar Collegs über Philosophie und Kunstgeschichte und schmiedete allerlei Pläne. Was man so Pläneschmieden nennt, wenn man eigentlich nur denkt, wie kann ich einen Schatz aus der Erde graben, einen Sack Gold wie einen Sack Kartoffeln? Ihn hinstellen und hinein langen wie die Weiber mit den roten Kopftüchern draußen auf umgewühlten Herbstäckern?

Nur Frau Popjel weinte schon wieder manchmal heimlich. Das merkte Eduard. Da gab es Vorwürfe. Jähes, herrisches Aufbrausen, Jähzorn des in die Arbeit vertieften Eduard. So daß dann der Hohn aus Franz wie Schläge ins Gesicht des Bruders wirkten.

Einmal war es schon wieder zu einem tollen Geschrei ausgeartet.

Weil mit dem Winter auch diese verfluchte Eisluft um die Gemüter sich neu bilden wollte, die man schon ohne Gewaltsamkeit nicht mehr vertreiben konnte.

Aber wenn auch die große Vertraulichkeit Hellens mit Eduard Franz heimlich in Erregung gebracht hatte, fand sich die kleine Frau Popjel noch immer in der Zeit wieder zurecht.

Es war Franz stets lächerlich erschienen, wenn ein Künstler sich in jungen Jahren an ein Weib binden wollte.

»Das Genie muß seine Fülle dem Werke ungeteilt geben . . . Sehnsucht und Erlebnis muß im Kunstwerke in vollem Schwalle lebendig werden,« sagte er hart. »Nun gar die kleinlichen Plackereien mit einer Familie . . . die sollen den Künstler weiß Gott ungeschoren lassen!«

Er fühlte sich noch immer als Hüter des Schatzes, den er in Eduard heimlich anbetete. Deshalb hatte es Franz schon manchmal Frau Popjel aufgebracht und höhnisch in ihre erschrockenen Augen geflüstert, daß nur der törichte, arglose, kindliche Eduard sich schließlich von den Blicken und Armen der Circe könnte umstricken lassen.

Da war Franz eines Tages selber bei Fräulein Hellen erschienen.

Er war im Leben kaum zweimal sonst in geschäftlichen Angelegenheiten gekommen, als das Konzert in Sicht stand.

Was ihn dazu brachte, gerade jetzt zu Fräulein Hellen zu gehen, war für sie nicht recht zu ergründen.

Jedenfalls lagen in diesen Tagen die Kummerlinien in Franzes Gesicht sehr tief gezogen. Er war offenbar in einer sehr zerrissenen und vieldeutigen Lage. Noch im Hörsaal hatte er sich zuerst ganz leidenschaftlich an die Andacht anzuklammern versucht, die der Kunsthistoriker erweckte, als er Leonardos Tun und Seele beschrieb.

Da waren dazwischen plötzlich heiße Überlegungen in ihm aufgebrannt. Und er war hastig aus dem Colleg heim und dann sogleich weiter zu Fräulein Hellen Raddas gelaufen.

Alles in allem war es ein Knäuel von hohen und niedrigen Drängen, die ihn längst wieder bestürmten.

So kam er zu Hellen Raddas, die Mienen zerquält. Äußerlich nur den Versunkenen spielend. Dumpf und leise die Stimme. Ein wenig mit den glimmenden Augen in den Winkeln suchend. Aber noch immer wie ein guter Kamerad.

Hellen behandelte ihn außermaßen freundlich und zutunlich, obwohl ihr gleich ein banges Gefühl kam.

Eine große Schwüle herrschte im Raume.

In Hellens Atelier, wo sie ihr Klavier stehen hatte, lagen Felle herum. Eine Chaiselongue streckte sich unter dem breiten Atelierfenster, das im Dache saß. Buketts von Rosen und Orchideen gaben Duft. Ein violetter, japanischer Seidenlaken mit feinen Goldtroddeln hing über dem Rundtisch in der Ecke.

Franz war nur an den Tisch getreten und hatte sich eine Zigarette achtlos angezündet. Und er hatte beim Eintreten das Gefühl erweckt, als wenn er um einer wichtigen Sache willen käme.

Aber er besah sich beim Anrauchen jetzt nur wieder eingehend die kleine Cloisonnévase, die dastand, zog den Rauch in die Lungen, blies Kringel aus der Nase, betrachtete en passant Fräulein Hellen, die die Maschine in Ordnung setzte, um ihm Tee zu bereiten, und sagte gar nichts.

Alles gewann sofort eine Dumpfheit.

Fräulein Hellen konnte die Spannung nicht lange ertragen. Sie lachte hell auf und riß Franz aus seinem dumpfen Träumen heraus.

»Franz! . . . Sie schlafen ja!« sagte sie drollig.

Das brachte Franz wirklich ganz zu sich.

»Nein!« sagte er hart. »Nichts weniger als das!« sagte er. »Aber ich komme, weil es anders werden muß . . . weil es so nicht weiter gehen kann . . . weil es nicht mehr zu ertragen ist, ein solches Hundeleben . . . ohne daß man ein Ende sieht!« sagte er hart und stoßweise.

Es war ein reiner Betrug, der in diesem Augenblicke ganz unvermittelt in ihm aufkam.

»Franz! . . . Herrgott! . . . wenn Sie endlich zur Besinnung kämen!« wollte Hellen wie erleichtert ausrufen.

Sie dachte jetzt, daß er mit moralischen Selbstanklagen käme und sich vor ihr zerfleischen und geißeln wollte.

Aber davon war gar nicht die Rede. Franz dachte gar nicht an Selbstanklagen. Im Gegenteil. Er schien jetzt noch vollends klar zu werden, worum er gekommen war. Er nahm eine ganz herrische Haltung an und warf die Bemerkung Hellens mit Hohn beiseite.

»Reden Sie nicht töricht, bevor Sie wissen, was ich sagen will,« sagte er verächtlich. »Sie scheinen gar nicht zu ahnen, worum es sich auch für Sie in diesem Augenblick handelt,« sagte er und sah Hellen durchbohrend an. Lange und ganz unheimlich. So daß Hellens Blick ihn einen Augenblick gar nicht mehr erkannte und sich vor seinen stechenden Augen zu fürchten anfing. Aber sie beherrschte sich.

»Auch für mich?« sagte sie noch immer ganz an sich haltend und mit weicher Stimme.

»Auch für Sie! . . . natürlich . . . für wen denn sonst? . . . für Sie und mich! . . . warum käme ich denn sonst zu Ihnen?« stieß er hart und dumpf heraus. »Sie dachten wohl gar, ich käme als armer Sünder? . . . hahahaha,« lachte er verächtlich. »Ich wollte Beichte tun? . . . das fehlte noch grade! . . . ich hätte mich in einen Betbruder verwandelt? . . . wie?« stieß er hervor. »Warum denn? . . . weil ich Erlebnisse habe . . . mehr als Sie! . . . weil ich Kraft habe . . . mehr als Sie und Eduard zusammen . . . die Ihr nur immer die starken Gefühle destilliert in die Luft blast . . . Ja, so ist es . . . ich lebe,« schrie er. »Aber das wäre mir jetzt ganz gleichgültig . . . nur das ist mir nicht gleichgültig, daß Eduard mit Ihnen ein Spiel treibt . . . und Sie mit Eduard . . . Ihr beide kennt die Wirklichkeit nicht!« sagte er verhalten und leidenschaftlich. »Aber ich kenne die Wirklichkeit . . . mir ist das liebe Leben schon zu Leibe gegangen . . . ich habe Nöte . . . und weiß was Trost ist . . . ich bin es wahrhaftig bedürftig . . . ich weiß Trost zu schätzen . . . ich weiß Liebe zu schätzen,« grollte und tollte er heraus. »Wie der Verdurstende nach einem Tranke beinah verschmachtet!«

Schon diese Worte machten Hellen Raddas sonderbar verwandelt. Sie war, wie wenn sie noch immer nicht begriffe, an den Ofen rückwärts getreten, die Hände in die schwarzen Shawlenden gewickelt hinter sich gehalten. Ihre schlanke Gestalt ragte frei im Raume, der dämmrig war. Und ihr junger, erschütterter Blick sah mit kühler Güte in Franzens brennende Augen hinein.

Aber wie sie jetzt noch immer versuchte, ein gütiges Wort zu finden. ließ Franz Hellen gar nicht mehr zu Worte kommen. Er war ihr schon ganz nahe getreten. Er hatte sie schon gewaltsam an sich gerissen. Er küßte sie wie unsinnig. So daß sie vor Schreck keinen Laut von sich gab. Bis sie doch ihrem Entsetzen endlich einen Hilferuf abzwang. Und ihr gellender Ton Franz plötzlich abwehrend nieder schlug, wie wenn ein Gewand von ihr abfiele.

Franz lag lange da, schluchzte und konnte sich nicht zusammenraffen. Hellen war schneebleich und zitterte an Händen und Füßen.

»Es hat uns niemand gehört . . . Gott sei Dank!« sagte Hellen nach langer, tiefer Stummheit im Raume.

Alles lag erstarrt.

Bis sie die elektrische Birne über ihrem Flügel rasch entzündete. Ihre Zähne schlugen.

»Sagen Sie Eduard nichts!« sagte Franz ganz leise. »Und vergeben Sie mir! . . . ich werde nicht wiederkommen . . . wenigstens so nicht!«

Er hatte sich aus seiner zusammengesunkenen Stellung langsam und geräuschlos erhoben und wollte zur Tür gehen und zögerte doch. Hellen horchte sorglich auf jedes Geräusch draußen.

»Im Hause ist alles still geblieben wie im Tode!« sagte sie wie für sich. Franz hatte geschluchzt, fast ohne Tränen. Aber er hatte sich schon besonnen. Die wenigen Tränen wischte er sich leicht weg. Und er reckte sich. Er nahm wieder Haltung an.

»Es ist nichts passiert zwischen uns! . . . gar nichts!« sagte er barsch.« Und also braucht niemand etwas davon zu wissen . . . das Lebensbehagen des Künstlers braucht nicht weiter gestört werden . . . auch ich bleibe, der ich bin,« sagte er mit Härte. Er wollte hinaus gehen. Aber er stand wieder zögernd, die Türklinke in der Hand haltend. Er blickte auf den Boden. Dann kam er in sich gebunden ins Zimmer zurück und lachte häßlich.

»Es ist gar nichts passiert,« sagte er noch einmal hart. »Vielleicht ist Ihre Seele jetzt noch reiner geworden, als sie schon war . . . der Wein braucht sich keine Skrupel zu machen, daß der Most aufschäumt,« sagte er mit innerem Lachen. »Sagen Sie Eduard kein Wort davon . . . es könnte den zarten Jungen nur verwirren!« sagte er jetzt, indem er versuchte, Hellens Blick zu finden.

»Sie sind ein Untier!« sagte Hellen in einer Anwandlung von Schlaf, den der Schreck gemacht hatte.

Aber sie reichte Franz doch die Hand hin, weil sie an Eduard und Frau Popjel dachte.

»Huh!« stieß sie hervor, »es ist greulich!«

Franz stand noch immer im Sinnen.

»Hellen!« sagte er plötzlich. Er zögerte wieder. »Wenn Sie wirklich trotzdem ein guter Kamerad sind . . . mir doch die Hand noch wieder reichen,« sagte er mit verlegenem Stammeln.

»Huh!« sagte Hellen noch einmal, »es ist greulich!«

»Nämlich . . . Hellen!« bemühte sich Franz, der Hellens Ausruf gar nicht mehr beachtete, in diesem Augenblick zögernd hervor zu bringen. »Ja . . . ich bin wahrhaftig in einer jämmerlichen Verlegenheit!« sagte er vor sich hin.

»Oh . . . Geld soll mir gleichgültig sein in dieser Minute!« sagte Hellen hastig, nahm eine Reihe Scheine braune und blaue aus ihrem Schube und breitete sie vor Franz hin. »Nehmen Sie! . . . Geld ist mir jetzt nichts!« sagte sie wie aufwachend. Franzens Augen waren zwischen ihrer Härte und den hingebreiteten Banknoten auf der Lauer. Sein Gesicht nahm eine Schalksmiene an.

»Blaue tun es nicht mehr!« sagte er pfiffig und steckte sich mit Gelächter, das häßlich und heiser klang, zwei Tausendmarknoten in seine Brusttasche. Dann war er bald mit verstohlenen Schritten die Treppe hinunter, als käme er von einer Dirne.

Achtes Kapitel

In der Zeit um Weihnachten herum schlief Franz, wenn er einmal daheim war, ziemlich immer bis in den Nachmittag.

Die Vorwürfe der kleinen, runzeligen Frau Popjel, die darüber ganz sprachlos war, halfen gar nichts.

Sie drangen kaum in seine Ohren.

Selbst wenn Franz sich im Bette vor der Mutter aufrichtete und mit mühsam geöffneten Augen ins Licht des Tages sah. Oder wenn er in Mutters Lehnstuhl in ihrer Arbeitsstube hockte, in sich zusammen gesunken aschfahl und abwesend.

Franz war und blieb unheilbar in seiner Verwahrlosung.

In Eduard stand es längst fest, daß es um alles in der Welt galt, sich gar nicht weiter darnach umzusehen. Vorwärts zu schaffen und zu arbeiten und aufrecht und heiter zu scheinen, selbst wenn sich den frischen, männlich herben Zügen und dem Blicke aus der braunen Klarheit heimlich eine drängende Welle Schwermut zugesellte.

Eduard hatte in diesem Winter eine besonders zärtliche Seele.

Er tat der kleinen, verschüchterten Mutter gegenüber immer wie ein an seine Arbeit eisern gebundener Sohn, vermied es fast ängstlich, ihr Vorwürfe wegen Franz zu machen, streichelte mit langem Zeigefinger die weichen Runzeln der Sorgenstirne unter dem Seidenhäubchen und ließ die zarte Frau Popjel fühlen, daß er versöhnlichen Sinnes wäre.

Eduard war es wirklich. Er war nicht nur leidenschaftlich an seine Geige gebunden. Es gab jetzt andere Dinge, die ihm heimlich Wunder getan.

Hellen Raddas, die keusche, gläserne, kühle Hellen war ein ganz heißatmendes Leben geworden. Wenn er zu ihr kam, barg sie sich an ihn wie an einen Hort. Sie umschlang ihn und hielt ihn. Nicht nur mit ihren Tönen im Raume wie früher, als auch zwei Seelen sich verwoben hatten. Jetzt stumm und mit leisen, wonnigen, duftenden Atemzügen. Mund an Mund. Die weichen Finger in Eins verschlungen. Die jungen Leiber in Eins gehalten.

Gleich an dem Abend, als Franz bei Hellen gewesen war, war es über sie gekommen, wie wenn es kein Heil gäbe, als sich Eduard hinzuwerfen, demütig und anbetend. Diesem jungen, reinen, echten, keuschen Eduard, der nie gewagt hatte, sie auch nur mit seinen Fingerspitzen zu berühren. Der, wenn er auch nur einmal ihren Leib unversehens gestreift hatte, fast errötend und scheu um Vergebung gebeten.

Jetzt war sie in seinem Schutze. Jetzt sah sie zu ihm auf.

Und Eduards Geige schien jetzt noch mehr seiner Seele innerste Stimme geworden. Wenn seine junge, ehern vertiefte Gestalt neben ihr aufragte, sang und jubelte es, daß ihr mitten in ihr Spiel Tränen kamen.

Um das Leben dieser Beiden war jetzt ein Ring geschlossen. Eine große Festigkeit wie eine Mauer. Daraus nahm Eduard seine Kraft gegen etwas, was er gar nicht kannte. Was, wenn er es gekannt hätte, grade in der Zeit seiner ersten Verklärung durch Hellens Liebe ihn wie stinkende Luft und Leichengeruch angeweht und angewidert hätte.

Auch die kleine Frau Popjel mochte daraus einige Kraft nehmen.

Eduard und Hellens Bund war noch durchaus unerklärt vor der Welt. Das Heimliche ihres Zustandes dünkte ihnen eine besondere Süßigkeit. Liebende fürchten Menschen. Eduard und Hellen waren sich Welt genug, zusammen geschlossen ohne Lücke wie eine runde Sonne. Nur eine weite Blumenwiese brauchten sie, still und einsam, um mit ihren eigenen Strahlen in alle Winkel und Schatten hinein zu tändeln.

So ging es aus Eduard.

Das mochte es auch sein, was in die Mutter Popjel übersprang und sie trotz allem und allem doch auch lachen machte. Wenn durch die Zimmertür herein Hellens perlende Rhythmen mit Eduards seligen Geigenstrichen verwoben ihr Ohr umstrickten, deuchte es ihr, als ob Geister aus der Höhe in ihrer kleinen Behausung ihr Wesen trieben.

Aber in Franzens verzehrte und erstarrte Sinne hämmerten diese Klänge hinein wie mit ehernen Hämmern.

Wie glühende Tropfen in die kalte, schweißige Stirn eines Höllenverdammten bohrten sie sich so ins Unbestimmte seines vertierten Bannes.

Und wenn sich der Violingesang aufhob, saß Franz mit offenem Munde, als wäre das bißchen Blut in dem jungen Duldergesicht längst geronnen und die grauen starren Menschenzüge von Leben ganz ausgeblasen.

Da kam es wie eine verwirrende Zermalmung.

Da trug er ewig von irgend woher lockende Seligkeiten in seinem Blute wie glühheiße Brände, sehnte und träumte er in den Dämmer von Frau Popjels Arbeitsraum Flüche und Abwehr gegen die weiche, jauchzende Welt, die in Schönheit einherkam.

Ein zernagter, grauer Fels dünkte er sich, den ein sonnbeglänzter, bis in fernes Licht hingebreiteter Ozean hoffnungslos anspülte. Ein auf einsamem Geröllhügel im Meere längst gebleichter, verworfener Totenschädel dünkte er sich, den keine Herrlichkeit mehr weckte.

Das waren Krankheitsgefühle. So saß Franz starr und zerrüttet in der gebrechlichen Frau Popjel Lehnstuhl. Und weil er erschöpft und nicht zu erwecken war, fühlte er sich in seinem tiefsten Brüten doppelt wie ausgestoßen.

Aber das Weihnachtsfest nahte.

Eduard hatte sich ausgesonnen, daß man Mutter Popjel am heiligen Abend überraschen müßte. Eduard war in seinem Rausche allerlei eingefallen. Er hatte dabei auch gleich liebend an Franz gedacht. Er war vor Hellen sehr überzeugt, daß auch Franz an der Freude teil haben, vielleicht gar eine besondere Umwandlung verspüren würde.

Hellen war darüber erschrocken. Sie war sehr schüchtern geworden.

Sie hatte Franz im Popjelschen Hause nur flüchtig wiedergesehen, sich mit ihm ohne groß Worte ein paarmal die Hand gereicht.

Aber sie hatte noch den Schrecken seiner Blicke und seine Verworfenheit im Blute summen, so daß sie bei Eduards Erwähnung des Bruders eine Weile richtig die Augen unversehens geschlossen und dann immer wieder nur ungläubig mit dem Kopf geschüttelt hatte.

Aber Eduards zutrauliche Gutgläubigkeit blieb doch Sieger.

Er sprang von der Chaiselongue auf, drehte sich um sich selber, griff sich Hand in Hand mit Hellen, wie wenn er mit der schlanken, jungen Gestalt ringen wollte, lachte ganz nahe und zärtlich in ihre hellen Blicke hinein, drückte ihre Hände sanft und stark nieder. Und wie ihr schmiegsamer Leib vor ihm langsam auf die Kniee sank, weil er ihre Hände unbarmherzig umbog. sagte er mit neckischer Donnerstimme:

»Wenn Eduard Popjel für seinen geliebten Bruder redet und seiner alten Mutter ein Weihnachtsfest zu machen wünscht, wird Hellen Raddas nur demütig sich verbeugen und zu Eduard liebend aufblicken . . . das ist doch nur alles äußerlich . . . denn im Grunde beugt sich ins Joch grade der, der aufrecht steht . . . und die, die zu Füßen liegt und aufblickt, ist doch die Gewaltige!« sagte er.

Und sie lachten beide, wußten nicht, wo sie waren, wußten nur, daß Hand in Hand verschlungen war und Blick in Blick Glanz und Kraft gewann.

Die Stunden eilten wie weiße, stille Vögel im blauen Raume.

Es war durchaus kein irdischer Himmel ausgespannt.

Draußen am Atelierfenster rüttelte der Wintersturm.

Finstere Nachtgewölke hingen über der Stadt, die im Dunste von Millionen Lichtern schwelte und lärmte.

Draußen war kalte, rauhe Winternacht.

Aber wer immer liebt, wie Eduard jetzt lieben konnte, einer, der bisher verzehrt nach der blauen Blume seine Stunden und Wochen, Monate und Jahre nur die singende Geige umbuhlt, einer, der zu feinfühlig erregt war, um das gebundene Leben der Knospen mit lüsternem Finger aufzutun, einer, der als Künstler ein Mann geworden, in der Seele noch immer ein Knabe war, gesund und stark und von keiner Lockung verdorben . . . Ja wer immer liebt, wie Eduard jetzt lieben konnte, der mußte sich in dem Sonnenlichte solcher Liebe wie im Paradiesgarten spielend dünken.

Hellen, die kühle, klare, spröde Hellen, deren Blicke aus ihrer Wasserklarheit jetzt kindlich und behutsam und sehnsüchtig geworden, war seine Geliebte.

Eduard dünkte sich oft, als wenn er über ihre anmutig schwebenden Schritte statt seines schwarzen Regenschirmes richtig einen bunten Blütenschirm hielte, wie ein japanischer Diener.

So neckisch wandelte sie.

So hold konnte sie aufschauen, wenn die beiden allein ihre Stunden vertändelten.

Übrigens waren beide noch jung genug. Er noch einige Monate von den dreißigen entfernt. Und sie in der ersten Hälfte der zwanzig.

Und auch ihre Jugend war Arbeit und Ehrgeiz gewesen. Sie waren beide Menschen voll hohen Sinnes.

Neuntes Kapitel

Und Franz hatte das Weihnachtsfest wirklich unter den Seinen verlebt.

Die kleine Frau Popjel hatte es über ihn vermocht.

Sie hatte ihn in den beiden Tagen oder gar in dreien vor dem heiligen Abend daheim gehalten.

Sie hatte ihm allerlei Aufträge mit der schmeichlerischsten Miene und mit flehenden Augen zu geben gewußt, die den unsteten Grübler immer wieder von den Straßen heimgeführt hatten.

Es hatte Franz sogar Spaß gemacht, die tausenderlei Zierraten und Behänge für den Weihnachtsbaum selber einzukaufen.

Frau Popjel wußte das von früher.

Grade dieser Junge hatte ehemals berauscht vor dem bunten Lichterglanze gestanden. Ehemals, wie ihn noch nicht das Leben wie mit Krallenhänden an sich gerissen.

Franz sah jetzt wie erwachend die kleinen Menschenspäße.

Auch er begann sich zu erinnern.

Er kaufte gleich ziemlich unsinnig. Viel zu viel. Lichter und Perlen und bunte Flitterbehänge, Christkindelhaar im Überfluß, allerlei kleine Gestalten aus der Christusgeschichte. Und wer weiß was? So daß Mutter und Eduard hell auflachten, als er mit dem Packträger ankam, der ihm die Menge Schachteln und Kästchen nachtrug.

Franz hatte also in den Tagen gekauft und gesorgt. Und er hatte auch mit getan, wie Hellen und die Mutter den Baum und die Geschenktische behingen und belegten. Wie Eduard auf die Leiter stieg, um eingewickelte Bescherungen, für jeden Blick noch geheimnisvoll, unter die Süßigkeiten an die Zweige zu hängen. Wobei man sich wie Kinder nichts wie Torheiten sagte, und sich selber oder dem andern fortwährend Süßigkeiten in den Mund schob.

Auch der Abend war voll Laune herangekommen.

Eduard hatte Franz gewichtig lachend und zutraulich einen blinkenden Schmuck grüner Halbedelsteine mit Diamanten, leicht in Gold gefaßt vor die Augen gehalten.

Und weil der bleiche Franz wirklich sanft und gütig wie ein Junge aus seinen brennenden Augen heraus auf die Steine sah und sie bestaunte, hatte Eduard stolz hinzugefügt, daß Hellen seine Verlobte wäre, und daß er ihr den Schmuck als Verlobungsgeschenk brächte.

Einen besonderen Eindruck schien diese Mitteilung auf Franz nicht zu machen.

Er hatte sich im Anschauen und Umundumwenden der Steingehänge und Ohrringe nicht groß weiter stören lassen.

Nur ein Huschen von häßlichem Gelächter, das Franz dabei hören ließ, hätte Eduard beinah aus der Stimmung gerissen.

Aber weil Franz doch völlig gutmütig und treuherzig verblieb, besann sich Eduard rechtzeitig, als er sich wieder mit Franzens Blicke begegnet war, und machte sich heimlich Vorwürfe über seine Unduldsamkeit.

Erst gegen Abend war ein scharfer Mißton gekommen.

Frau Popjel war in des seligen Herrn Popjel Zimmer geeilt, in das stille, immer feierlich liegende Heiligtum.

Sie war lange nicht dazu gekommen hineinzugehen.

Jetzt, wie die Glocken draußen über die Häuser der Großstadt zu surren und zu sausen begannen, wie unten in den Straßen über dem Lärm und dem Geleuchte die Tonwogen wie Weihnachtschoräle brandeten und ebbten, hatte die kleine, ängstliche Frau mit gefalteten Händen vor der Kerzenflamme gesessen, hatte Gott gedankt, hatte mit weinenden Augen die Nähe ihres verstorbenen Mannes empfunden. Und dann war in ihr ein Gedanke aufgeblitzt, Eduard eine besondere Ehre und Freude anzutun.

Sie suchte nach Vaters kostbarem Steinpetschaft, das er einst von einem russischen Großfürsten zum Geschenk erhalten.

Sie wollte es rasch noch für Eduard mit unter den Weihnachtsbaum legen.

Der Baum begann schon aus Dunkel seine Strahlenlichter auszuschicken.

Eduard und Franz gingen um den Baum mit Stöcken, daran Wachsstockenden leuchteten und tropften, sorglich von Licht zu Licht und mahnten Hellen, zurückzutreten, die schon in ihrer weißen, schlichtfließenden Moiréseide schlank dastand.

Da war Frau Popjel erschrocken und jammernd wieder dazugekommen.

Die Söhne beide lachten zuerst, weil die Mutter noch einmal wieder verschwunden war.

Sie lachten, weil sie meinten, daß sie ihre Brille oder irgendeinen Schlüssel suche, die sie eigentlich immer suchte, solange sie sie nicht fest ans Kleid angebunden trug.

Aber so einfach war es diesmal nicht.

Frau Popjel war gleich ganz außer sich.

Es wollte sich durchaus keine Kostbarkeit finden.

Es gab eine richtige Aufregung im Hause. Sie durchsuchte Kisten und Kasten.

Auch Eduard war heimlich erschrocken, wie er hörte, worum es ging.

Aber er verscheuchte sofort jedes böse Mißtrauen.

Die kleine Frau kam weinend, die brennende Kerze in zitternden Händen, so daß sie sich noch das ganze Festkleid mit Stearin volltropfte.

Aber das war ihr in diesem Augenblicke völlig gleichgültig.

Das kostbare Fürstengeschenk war nicht zu finden.

Sie suchten gemeinsam, Eduard und die zitternde, weinende Mutter.

Auch Franz hatte zuerst versucht, sich wie arglos zu Frau Popjel zu wenden und an dem Ereignis teilzunehmen. Aber es war doch wie ein Zucken über sein Gesicht gegangen, das seinen Blick ganz versteint hatte.

»Die Mutter hat es verkramt . . . nicht anders wie tausendmal!« sagte er dumpf vor sich hin, wie er mit Hellen unter dem blinkenden Lichterbaum noch wieder allein stand und vollends erstarrt war.

Aber auch Eduard kam jetzt. Er hielt die Mutter am Arm. Er streichelte sie und tröstete sie mit denselben Worten, die Franz schon für sich geredet.

Und weil die kleine Frau Popjel ihre Tränen unter den Lichterglanz brachte und noch immer nicht stillen wollte, wurde er endlich unwillig.

»Du hast es viel zu gut aufgehoben, gute Frau Sorge! Nur das ist es!« sagte er zärtlich.

So daß endlich auch Frau Popjel daran glaubte, daß sie das Kleinod nur verkramt hätte, und sich wieder an die Weihe des Abends erinnerte.

Und die Laune der Liebenden und der Glanz der strahlenden Weihnachtslichter hatte das Dräuende vollends weggefegt.

Aber die Bescherung ging doch noch ziemlich ohne Worte, nur mit zärtlichen Blicken hin.

Auch Franzens Züge bemühten sich wieder zu einigem Ausdruck. Er schien schwächlich und erschöpft und bleich. Am Tische noch hielt er zuerst fortwährend das blinkende Glas in Händen, starrte hinein, war stumm und stürzte hinunter, was Eduard ihm eingoß.

Bis ihn der Wein immer lauter machte.

Die Mutter Popjel war von dem ersten Schluck Wein fröhlich geworden. In Eduard und Hellen spann wieder voll die heimliche Heiterkeit.

Und Franz begann jetzt immer leidenschaftlicher aufzuwachen. Er bekam allmählich große Augen. Die strenggezogenen Runen seiner weißen Stirn schienen wie Zeichen der Weisheit. Steinern war sein Gesicht. Er schien edel wie eine Statue. Ein feines Zittern umspielte seine derben Nasenflügel. Um den Mund zuckte es von Überzeugung.

Und er begann Worte zu suchen.

»Was ist denn euer so berühmtes Weihnachtsfest?« sagte er mit Hochton. »Mein Gott! . . . die Menschen sind blöde Narren . . . weil sie nur immer sich an Namen klammern, die im Grunde gar nichts bedeuten . . . Namen ändern gar nichts an diesem unabänderlichen Gaukelspiel,« sagte er wie ein feierlicher Prediger.

Er verwandelte seinen Ton immer mehr in Härte.

»Aber eben . . . das Aufbrechen des Schimmers . . . des goldenen, wärmenden Glanzes . . . Ja . . . aus Orten, wo es sonst dunkel ist . . . das ist das große Geheimnis . . . vielleicht muß das Glänzende immer wieder in Finsternis tauchen . . . auch in mir mag es so zugehen!« sagte er mit sicheren Blicken. »Das Unheimliche verwandelt sich in ein Lichtfest . . . in jedem Menschen steckt eine verborgene Grube, darin die Genien mit den Dämonen in toller Umklammerung liegen und schlafen . . . oder auch manchmal durcheinanderträumen!« sagte er emphatisch.

Franz konnte jetzt sprühen. Mutter und Eduard kannten ihn kaum wieder. Hellen lächelte flüchtig zu Eduard hin und sah Franz in die funkelnden Augen.

»In einem jeden steckt solch eine verborgene Grube . . . darin die Dämonen der Finsternis sich vielleicht gar in Genien des Lichtes verwandeln können . . . wer soll denn das Geheimnis mit Worten ausdrücken?« sagte er dumpf. »Denn im Grunde ist überhaupt gar nichts von alledem zu greifen . . . alles geht in der verfluchten Verwandlungskunst dieser Welt seine geheimen Wege . . . das Gute und das Böse!« sagte er.

Eduard mußte am Ende lachen. Es war eine Weile wie eine Erhabenheit im Raume. Auch Hellen lachte schüchtern auf.

Da ging die Erregung Franzens wieder unter.

Die kleine, liebende Mutter strich Franz die dunklen Haare aus der Stirn, die ihm bei seiner fieberhaften Aussprache ins Gesicht gefallen waren, aber ihn nicht weiter gestört hatten.

Er lachte jetzt jäh. Er saß in toller, heißer Weinlaune. Halb Schmerz, halb Wollust beherrschte ihn. Und er blieb wieder lange stumm.

Man tändelte mit den Flittern vergoldeter Äpfel. Man knackte Mandeln und Nüsse.

Es war Weihnachtsfeier.

Franz sah dann in Eduards Augen mit schelmischen Blicken. Und sah herrisch in Hellens Augen hinein. Ein Herr war er jetzt wieder. Er hatte sich längst aus den Trümmern neu zu sich gefunden. Er war jetzt ein würdiges Glied dieser Tafelrunde.

Rühmens und Lobens über Eduards Kunst kam laut aus seinem Munde. Eduard war entzückt. Er sah Franz liebend an. Die Mutter hörte Franzens Worte wie ein Orakel. Und Franzens glimmende Blicke konnten jetzt immer wieder Hellens Augenglanz streifen, die sich an Eduard barg.

Es war eine seltsame Weihnacht.

Man fühlte sich aufgewühlt und gehoben.

Hellen bebte heimlich.

Noch viel mehr, als am Ende die alte Sorgendame aus guter Sitte verfügte, daß Franz Hellen heute in ihre Wohnung heimgeleiten sollte.

Hellen, in einem unbestimmten Gefühl von Duldung und Müdigkeit, ergab sich drein. Weil auch Eduard sich jetzt gescheut hätte, Franz dieses Zeichen brüderlichen Vertrauens von dem Weihnachtstisch zu streichen.

Eduard küßte Hellen auf Mund und Stirn und Hände. Und Franz und Hellen liefen dann durch die Straßen.

Aber in Franz wütete jetzt das Gift immer mehr.

»Dieses Frauenzimmer habe ich angefallen wie ein Raubtier und ihr dann Geld abgenommen . . . meiner Mutter habe ich eine unersetzliche Kostbarkeit gestohlen!« begann es in ihm verborgen zu schreien. Er wußte nicht, wie er mit sich fertig werden sollte. Und war doch jetzt Herr und ging hochgereckt.

Hellen ging neben Franz, in ihren Pelzmantel tief eingehüllt. Sie hatte seinen Arm ergriffen. Aber die Kälte machte sie schaudern.

»Warum muß denn grade ich eines andern Geliebte nach Hause führen?« sagte er hart, wie sie eine Weile stumm gegangen waren.

»Aber Franz, alte Damen wie Mama sind doch nun einmal so . . . voreingenommen,« sagte Hellen wie in einem Zwange oder Traume.

Franz hielt Hellens Arm wie in einer Klammer. Er ging mit harten Schritten, die laut stapften. Er hatte etwas unbegreiflich Tyrannisches und Jähes jetzt. Er sprach schon lange gar nichts.

Hellens Seele war wie ganz in diesen Augenblick zusammengepreßt, wie ein Ding ohne Vergangenheit und Zukunft. Wie ein Nichts fast, das doch eines andern Gewalt jetzt herrisch umspielte.

Sie fühlte fortwährend Franzens Blutwelle durch ihren Ärmel hindurch, und es schien ihr in unbestimmtem Erschauern, als wenn seine Blutwelle sich mit ihrer Blutwelle ewig zu schaffen machte.

Hellen war plötzlich krankhaft müde. Sie lief neben Franz bald wie im Bannschlaf. Und doch lebten beide schon miteinander ein heimliches Leben.

Wie sie so stapften, schien es Hellen, als wenn kein andrer als Eduard mit ihr ginge.

Franz hatte längst die Verwandlung in sich vollzogen. Er schritt sicher und anmutig, wie Eduard im Glücke schreiten konnte. Hellen träumte jetzt ganz deutlich Eduard neben sich in die Nachtluft.

Franz war einer, der in den Gründen der Seele Bescheid sah. Er fühlte Hellens Traum. Er wurde ganz zärtlich im Gange. Er störte Hellen nicht mehr und weckte sie nicht.

So liefen sie beide wie in schwerer Gebundenheit.

Keine Ausflucht. Auch wie sie längst oben im Atelier saßen, sie auf den Lehnstuhl hingestreckt und in tiefem Dunkel.

Franz hatte ausdrücklich kein Licht gemacht. Im Laternenschein von der Straße her waren sie im Treppenhause emporgekommen.

Bis Franz sich im Dunkeln von der Chaiselongue wieder erhoben hatte und auf sie zukam.

Da schrie Hellen auf. Aber es blieb ein Schrei ohne Seele. Es hallte nur wie aus einer Steinschlucht, geängstigt und unheimlich. Die Seele war nicht mit erwacht. Sie lag hinter Erstarrung und Zwängen gebunden. Sie träumte von Eduard. Und es blieb dunkel im Raume.

Zehntes Kapitel

In Franz Popjels Blute und Sinnen war Winter wie in einer kalten, zugigen Stadtstraße, so daß er immer irgendwo auf der Flucht schien, um sich zu bergen.

Wenn ihn nicht die Verderbnisse der Triebe unversehens zum Herren gemacht und er dann für sich emporwuchs aus der heimlichen Verkümmerung und sich selber zum Staunen aufragte wie ein über Nacht stattlich aufgeschossenes, giftiges Kraut.

So war er auch vor Hellen Raddas umnachteten Augen aufgewachsen.

Aber er war dann davon geschlichen, wie Mörder davon schleichen.

Hellen war eine Zeitlang heimlich zerrüttet. Der Gedanke an Eduard zerriß sie. Ihre Schmach schrie in ihrer Seele. Stumm und hart lag diese Schmach in ihr. Sie hätte die Worte nie im Leben finden können, die ihre Schmach in Eduards reine Seele ätzten. So trug sie das Heimliche, unbegreiflich scheu und demütig geworden. Und hütete fast mit jäher und krankhafter Sucht die Reinheit der Flamme, die in Eduards Liebe noch immer ganz ungestört für sie brannte.

Und es wechselten wieder schallende Feste in den Sälen der Reichen mit stillen Stunden klingender, jauchzender Arbeit der beiden. Und das stumme Wesen der Zeit verschluckte fort und fort Ziel und Geschehnis. Und alles gelebte Leben blieb noch immer nur wie ein Echo von Gutem und Bösem zurück.

Draußen war Winter. Und in Franz Popjels Blute und Sinnen lag es grau in grau und windig und jämmerlich.

Franz hatte einen Ausweg gefunden. Er wohnte jetzt nicht mehr mit Mutter und Bruder zusammen. Er hatte mit aller Bestimmtheit erklärt, daß das Musizieren im Hause ihm das Arbeiten unmöglich mache, und daß er der Universität näher sein müsse.

Franz sprach das alles vor der Mutter mit vollem Gewicht.

Wer in diesem Augenblicke die steinmodellierten, harten Manneszüge, die bleich und grau, mager und verzehrt waren, genau angesehen, wenn Franz die Gründe hervorsuchte, die ihn zwangen, aus Rücksicht für die Seinen ganz frei zu werden, der hätte das natürlichste Begehren und die volle Wahrheit nicht anzuzweifeln gewagt.

Es sprach die Wahrheit daraus, daß ihn daheim von den Wänden die eigenen Lügen anschrieen. Daß er die Lüfte, die um die kleine alte Dame mit dem Seidenhäubchen wehten, mit greulichem Staube erfüllt fand, der seine Augen ewig tränen machte. Daß aus der verschlossenen Tür zum Vaterzimmer Gestalten in seine offenen Augen huschten, schwarz und greulich und hager wie Gerippe mit Krallenfingern, die sich an ihm rächten wie die Totengeier am Aase.

Das war einfach für ihn nicht auszuhalten.

Warum sollte er sich schwach machen lassen? Warum sollte er immerfort nur kriechen? Wenn er jetzt nur von ferne Hellens Schritte hörte, warum sollte er in der Luft wie verworfenes Gelächter kichern und höhnen hören? Warum, wenn er wähnte, daß sich Hellen nahte, sollte er es leibhaftig ertragen, daß ihm eisige Hände ins Gesicht schlugen und Münder ihn anspieen?

In Franzens Erschöpfungen waren allerlei unsinnige Vorstellungen mit im Spiele.

Manchmal machte er sich auch Vorwürfe, daß er diese Vorstellungen noch lüstern übertrieb.

Es waren Selbstquälereien, die sich einstellten, wenn er nach seinen nächtlichen Gängen wieder daheim an der alten Stätte sich ganz ins Nüchterne zurück geschlafen, wo er einmal als reines, unschuldiges Kind gelegen.

Jedenfalls hatte er mit aller Bestimmtheit der ängstlichen Frau Popjel erklärt, daß er für sich zöge.

Und weil es auch Eduard hoffnungsvoll dünkte, daß Franz endlich einmal ans Examen dachte, so saß Franz jetzt in einer entfernten Straße im Norden oben im vierten Stock mit Gesindel, das zu ihm paßte.

Dort oben auf der Bodenhöhe wohnten einzelne, kleine Leute.

Ein junger Kerl, der ein Schlosser war, grüßte Franz bei den ersten Begegnungen fast ehrerbietig, weil Franz ihn sofort mit sicherem Blicke umgarnt hatte. Der Mensch war vor Franz gleich sehr ergeben, als wenn er in ihm seinen Meister sähe.

Eines Abends kam er sogar unversehens in Franzens Zimmer. Gerade in dem Augenblicke, als Franz auf dem Rande seines Bettes saß, noch vertierter und dumpfer, als er je vor der Mutter Augen sich aus schwerem Schlafe brütend zurecht gefunden.

Aber Franz ermannte sich gleich, als der junge Badura sich in der Tür zeigte. Er bildete sich sogar ein, eben von diesem Menschen geträumt zu haben.

Das durchzuckte ihn wie eine Lockung, machte ihn ganz wach, und er zeigte sich der gutmütigen, zutraulichen Rede Baduras gleich ganz willfährig.

Badura war ein schlanker, kleiner Mann, straff wie aus Stahl, und hatte blaue, angenehme Augen. Wenn er sprach, sah er oft weg, und er suchte das Gedachte auf dem Erdboden oder in den Giebelfenstern. Manchmal versuchte er es auch in einer momentanen Ungeschicklichkeit mit der Hand zu erschnappen, wobei Franz erkannte, daß seine Hände groß und häßlich waren, spinnenlang und unsicher und scheu. Und daß der Mund mit dem dunkeln Bärtchen und den sehr roten, mädchenhaften Lippen unversehens ein paar Augenblicke zuckte und stotterte.

Das alles mutete Franz empfindlich an.

In Franzens Augen vollzog sich dabei eine tiefe, sonderbare Überlegung.

Man muß wissen, daß Franz sich sehr scharf auf die harten Wahrheiten dieser Welt verstand, die im Fleisch geschrieben stehen. Das Blut summte ihm jetzt die Melodie einer solchen Wahrheit und machte daraus gleich eine ganze, lange Geschichte.

Aber Franzens Stummheit störte Badura durchaus gar nicht in seinen Einfällen.

Er begann ihm unbedenklich allerlei aus seiner Privatwerkstätte zu zeigen.

Nämlich Privatwerkstätte, das sagte Badura lächelnd wie ein Mädchen, wobei seine blauen Augen nur ganz schüchtern glänzten.

Das gab Franz sogleich volle Behaglichkeit.

Franz hatte ohne alle Erklärung verstanden, daß damit die kleine Bodenstube gemeint war, darin Badura dann und wann schon am sehr frühen Morgen heimlich hämmerte.

Badura arbeitete eigentlich in einer großen Werkstatt in einer Fabrik. Aber er zeigte jetzt Franz kleine Erfindungen, die er nur so zum Spaße für sich gemacht hatte. Feine Kunstschlösser.

Wunderbar wie die sanften Augen des jungen, mädchenhaften Diebes glänzten, während er sich mit den feinen Schlössern zu schaffen machte.

Franz verstand sofort alle seine Erklärungen und fühlte eine heimliche Lockung. Es kroch ihm wie eine Höllenfreude ins Blut.

Sie hantierten dabei so nahe beieinander, Leib an Leib, daß sie ihre Körperwärme durch die Kleider fühlten.

Baduras lange Spinnenhände, die die zierlichen Stahlgewerke der Schlösser sicher auseinander legten, schienen gar nicht der Seele zuzugehören, die aus seinen hellen Augen lachte.

Vielleicht hatten die Hände die Seele erst zum Diebe gemacht.

Überhaupt lag in Badura etwas Unsagbares.

Franz fühlte sich sonderbar betroffen. Und völlig zu ihm hingezogen.

Die Natur hätte die Stimme dieses Menschen nicht sanfter bilden können.

Badura erklärte, als wenn er Wunder beschriebe.

Und Franz fühlte dabei auch, daß er allerlei nebenbei mit verriet. Daß er recht eigentlich und ganz heimlich von Dingen sprach, die sie gemeinsam ausführen würden.

Badura hatte dann auch Prägstöcke für Münzen aus seiner Dachstube herüber geholt.

Alles das war wie ein offenes Geheimnis aus seinen feuchten, roten, sanften Lippen gegangen.

Und Franz waren dabei Aussichten erstanden. Und er war bald mit Badura auf einem Streifzuge.

Hart lag der Winter in den Straßen. Es war eine wahre Verwirrung. Der Schnee war in schüttenden Massen gefallen. Die Kärrner der Stadt wußten seiner gegen eine Dunkelnacht nicht Herr zu werden.

In dieser Nacht war es schon zum zweiten Male, daß Franz einen Weg nach Westen ging. eingewickelt in fremdes Kleiderwerk, und in einen vornehmen Garten über den Eisenzaun einen Sprung wagte. Nicht anders wie ein Somnambuler wußte er die Wege der Hauskatze zu schleichen und hatte mit Spannung auf die Läden eines Balkons gehorcht und gespäht, der dann nur ein flüchtiges Geräusch gegeben.

Franz war in dieser Nacht gleich in seine Bodenstube zurück gekehrt. Er hatte es durchaus vermieden, mit Golde noch auf dem Spieltisch und unter den Dirnen herum zu werfen.

Er hatte sehr zufriedene Träume gehabt. Er hatte im Schlafe gelegen wie nach einem ruhmreichen Werke.

Auch am andern Tage quälte ihn gar nichts. Große Ruhe und Herrschaft im Blute fühlte er.

Und er war fein säuberlich nur in die Popjelsche Wohnung gelaufen. Er hatte vor der kleinen Frau Popjel gestanden, sie zärtlich streichelnd, und als wenn er ihr jetzt zeigen wollte, wie geordnet er wäre, und wie gut er Zeit und Geld angewendet. Er bat um gar nichts. Er erzählte mit Überzeugung von den Vorbereitungen des Examens, das er nun endlich machen würde.

Nur mit Eduard und Hellen vermied er zusammen zu treffen.

»Grüße Eduard!« sagte er hastig, als nur ein Schatten von Geräusch ihn anwehte. »Meinetwegen auch Hellen, die Reine!« sagte er. Und ein grelles Gelächter brach ab, verschwand wie ein trocknes Gespenst. So daß sein geängstigtes Auge noch einmal wieder mit Demut der kleinen, liebenden Mutter in die Augen sah.

Elftes Kapitel

Heimlichkeiten lassen sich für manches Blut schwer ertragen. Heimlichkeiten sind Schatten, die im Blute umgehen. Das Blut sehnt sich, sie in Licht zu verwandeln.

Aber manche Heimlichkeit muß ertragen werden. Da gab es auch für Hellen kein Besinnen.

Wenn Hellen in ihrer Einsamkeit zurück sann, sehnte sie sich, ohne Erinnern zu leben, wusch und wusch sie das Schweißtüchlein ihrer heimlichen Schmach und Schmerzen.

Aber vor Eduards Blicken ging aus der Höhle des Grams und der Vernichtung ein Hauch reiner Himmelsgeschenke, gab sich nicht ein zufrieden strotzendes Leben, sondern ein Streben und Ersehnen und Erringen und Werden ins Licht, eine inbrünstige Genugtuung, ihm zu dienen, und die Stimme des Grams mit liebender Tat zu übertönen.

Hellen war in der Zeit bis gegen den Frühling ein ganz verwandeltes Wesen.

Das Kühle und Gläserne ihres Blickes und ihrer Geste schien schmiegsam und edel gebeugt, demütig und stolz. Die Augen hatten den Glanz von hellem Wasser noch immer. Aber sie waren groß geworden, lagen voll Erstaunen. Und die kleinen, geschwungenen, hellbraunen Flügel der Brauen zitterten oft von verhaltenem Leben. Der Mund lag fein geschlossen, aber so lieblich nur auf einander gelegt die Lippenränder, als wenn sie sich noch in Liebe auf Eduards breite Lippen legten.

Hellen war kaum wieder zu erkennen, so hatte Schmach und Liebe sie verwandelt.

Auch ihre Kunst hatte sich erschlossen, wie Knospen sich erschließen zu vollem Leben.

»Wer ohne die letzten Geheimnisse das große Wunder wecken wollte, wäre ein Tor!« sagte sie oft mit Eduards Worten, stolz auf ihn lauschend, wenn er neben ihr aufragte und mit seiner Geige sang. Und ihre Seele das Wunder wähnte.

Und wunderlich auch: Hellen wurde allmählich der Erinnerungen Herr und ließ sie hinter sich. Als wenn etwas nicht gewesen wäre, und das Blut Macht hätte über das Tote. Die Minuten gelebten Wahnes und niederer Verlockung schwanden völlig aus ihrem Besinnen. Sie besann sich nicht mehr, einmal ohne Licht in der Tiefe den Zwang kalter Grüfte in ihrem Blute beleidigend genossen zu haben. Sie lebte wieder nur die freie Macht, die das tätige Leben ihr täglich neu aus Licht und Tönen und aus Eduards zutraulichen Blicken zuführte.

Hellen genas auch gegen Franz.

Franz stand nicht mehr als ein böser Schatten irgendwo. Seine Macht war zerronnen wie ein Gespenst, sodaß der leere Pelzflausch allein noch zum Ausklopfen auf der Stange hing, der einmal wie ein Unhold geschienen.

Als Franz einmal zufällig noch bei der Mutter stand, wie Hellen ins Haus eintrat, war nur plötzlich ein tiefes Mitleiden in ihr heiß und ohne Erinnern aufgestiegen.

Franz war wie ein feiner Herr gekleidet. Hellen grüßte ihn freundlich.

Und Franz verbeugte sich wirklich, von der gütigen, freien Reinheit überwältigt. Er küßte ihr die Hand, was er nie im Leben je getan hatte. Er verbeugte sich auch bei ihren schlichten Worten, bei denen sie ihn kindlich ansah. Er fühlte ihre sanfte Rede, die von nichts Wichtigem, nur von seinen Studentenhoffnungen plauderte, wie einen weichen Flügelschlag, fühlte sich ergeben und klein gemacht und wußte nach der Begegnung mit Hellen den Weg zu sich in langer Zeit nicht zurück zu finden.

Übrigens hatte Franz dabei durchaus seine Haltung bewahrt. Er war ja doch auch in dieser Zeit ein sicherer Herr geworden. Er hatte auch versucht einen Blick anzunehmen, der verriet, daß er Arbeit wußte und Ziele sah.

In dieser Zeit war Franz auch öfter in den Klub gelaufen, wo man ihn sehr liebte. Er hatte immer viel Geld zum Vertun und Verspielen mitgebracht.

Baron Vogelsang hing wieder an ihm. Eine Weile hatte Vogelsang Franz nicht vergeben können, daß er den jungen Oliven ihm vorgezogen.

Oliven war ein übermäßig schlanker, spitzer, gefälliger Mensch, braun im Gesicht wie ein Indianer. Der immer lustig sein konnte, und eine Leidenschaft hatte, Jongleurkünste zu treiben. Daneben auch ein ausgezeichneter Chemiker und unter seinen Kommilitonen wegen seiner Gescheitheit sehr angesehen.

Aber Baron Vogelsang hatte sich jetzt neu überzeugt, daß in Franz eine ganz verrückte, geniale Seele steckte, wie er sich lachend auszudrücken pflegte.

Man machte oft Ausfahrten im Automobil und dergleichen, weil einige Vorfrühlingstage hinausgelockt.

Da war es in einer Nacht im März.

Auch Franz hatte mit den jungen Tänzerinnen gespeist, deren eine mit Baron Vogelsangs Gelde eine reizende Wohnung inne hatte. Die jungen Männer hatten Tollheiten getrieben. Oliven hatte mit Ananas, Orangen und Perlen über dem Tische voller Weinkelche seine Jongleurkünste gezeigt. Man saß in entzückenden, losen Kostümen.

Auch Franz war im Frack erschienen.

Der Speiseraum war von erlesenem Geschmack. Die Wände einfarbig purpurn. Die wenigen Möbelstücke, eine Kredenz und ein weites Buffet waren von hellem, altem Rosenholz. Die Tischplatten von schwarzen Mohren mit goldenen Schürzen getragen. Lange Orchideenzweige standen da und dort aus Krystallkelchen ragend.

Er war ein schwüles Arom im Raume. Das gleichmäßig an der kassettierten Decke verteilte Licht gab einen lichten Dämmer. Und junge Männer und Frauenstimmen lärmten durcheinander, lachten und kreischten und kicherten.

Da war es plötzlich am Schlusse des Mahles über Franz gekommen wie eine herausfordernde Verachtung.

Franz hatte einen Streit richtig vom Zaune gebrochen.

Er war mit Oliven über Frauenkleider an einander geraten, und hatte unversehens die Parfums der anwesenden Damen getadelt und ihren Geruch gemein und niedrig genannt.

Es mochte sein, daß er in diesem Augenblicke die ganze Atmosphäre stechend und abstoßend empfunden.

Jedenfalls hatte er gleich eine Miene angenommen, als wenn er das Fest verlassen wollte.

Weil seine schroffen Bemerkungen bei Olivens blonder Geliebter zu Tränen und bei Vogelsangs zigeunerischer Hetäre zu drolligen Verhöhnungen geführt hatten, so hatte sich Franz in seiner augenblicklich aufquellenden, inneren Bestürmung gar nicht mehr halten können. Er hatte geschrien, daß er lieber in einer Kneipe mit Bauerndirnen und Dienstmädchen, die heimlich von der schweißigen Arbeit von Hause gelaufen und nach Fleisch und Lüsternheit röchen, als mit solchen künstlichen Puppen sich amüsieren möchte. Dann war er hinaus gelaufen und hatte die Tür in seiner Zornanwandlung hinter sich zugeworfen.

Was ihn überfallen, wußte er selber nicht. Es war Nacht. Er lief auf den Stadtstraßen.

Aber seltsam genug, daß er nicht einen Weg wußte, wohin zu gehen? Nur fühlte er, daß er es im Blute hatte, was ihn am reichbesetzten Tische der zigeunerischen Hetäre und in der Gesellschaft der Klubfreunde angewandelt, ihn zum Streite und zu Schmähungen hingerissen und jetzt weiter in die Irre brachte.

Der Mensch ist ein Ding, das Speise und Trank zum Schlüssel seines Lebens braucht, und Sonnenstrahlen, die es warm durchdringen, damit es im Lichte wandeln kann. Aber der Mensch ist auch ein Turm, mit seinen Grundfesten tief in die Zeit hinein gebaut. Auf allerlei vergrabenen Schätzen und versunkenen Götterbildern ruht sein Bau. Und die Kämpfe, die in ihm wühlen, können weder Wein noch Speise, weder der Mond noch die Sonnenstrahlen in Harmonien verwandeln.

Da ist ein Wirken und Geschehen und Schicksal, das sich seine Wege aus der tiefsten Tiefe ans Licht sucht wie brennende Lava, die das Innere mit lebendigem Feuer ausfüllt und die Umgegend mit Feuer überschüttet.

So ging es in dieser Nacht aus Franzens Blicke heraus gleich wie sengende Funken.

Der Abscheu hatte ihn erschüttert. Die Sehnsucht zerriß ihn.

Wenn er jetzt irrte und nichts sah, was in den grauen Nachtstraßen um ihn war, so waren es Schreie, die sich in ihm aufrangen.

Er war lange nicht daheim gewesen. Seine Schritte wurden hastig. Er dürstete nach einem Tranke reiner Luft. Er lief, was er konnte.

Er war in die Straße gekommen, wo die Wohnung der Seinen lag.

Oben im dritten Stock im Zimmer seiner Mutter schien noch Licht hinter den Vorhängen.

Franz stand ewig unten auf der Straße. Er starrte sehnsüchtig in die Höh. Er sah jetzt einen Schatten gegen das innere, warme Licht. Es deuchte ihn, daß er die gebeugte Gestalt der kleinen Frau Popjel unterschiede.

Wie von einem Zapfen kalten Eises floß Gefühl von Franzes armer, dürrer Seele.

Der Kampf, den Franz jetzt führte, hinauf zu gehen, schien ihm lächerlich. Weiche Gefühle galten ihm einen Fluch. Er war zu sich gekommen, versuchte neu Haltung zu nehmen, und schritt wie ein feiner Herr weiter, stolz den Stock auf den Rücken gepreßt, und das Monokle, das er unter den Klubfreunden getragen, aus verächtlicher Anwandlung wieder ins Auge gekniffen.

So spazierte er weiter und bog in die Promenade.

Es war eine Vorfrühlingsnacht. Die Erde roch stark. Das betäubte ihn sogleich neu, sodaß das Monokle wieder achtlos seinem Auge entglitt, und er in die alten Schmerzen neu gebunden war.

Wenn man Franzens Herz in diesem Augenblicke hätte anpacken und aus der Umklammerung hätte herausreißen können, so wäre es einem in den Händen geblieben, das hämmernde, zuckende Herz eines Schwermütigen, der nach seiner Jugend und seiner Menschlichkeit irren und suchen ging.

Franz war wieder in die Stadt eingebogen.

Es kam ein Leichenzug. Sonst war die Nachtstraße ganz leer. Schmucklos und kahl stand ein gewöhnlicher Brettersarg auf dem Leichenwagen. Ein Selbstmörder mochte in dem Brettersarge liegen. Ein paar gewöhnliche Arbeitsleute hasteten mit den Pferdetritten um die Wette. Die Pferdehufe trappten dumpf und eilig. Der Wagen gab ein dumpfes Rollen, das sich rasch im trüben Straßenschlunde verlor.

Ein langes, endlos langes Gefühl begann Franz ganz auszufüllen, ein vollständiges Umwobenwerden der Sinne und der Seele, wie wenn es kein Entrinnen gäbe nah und weit, tastend und greifend in die graue Nachtluft und hoch über Häuser und Zinnen in das hoffnungslose Dunkel.

Er hatte das Haupt erhoben, um aufzublicken. Es war eine Nacht ohne Raum. Die schwelende Dämmersphäre der Stadt schloß sich ganz nahe über den Häuserzinnen. Es blieb ewig diese enge Kapsel, in der er saß wie ein Kern in drückender Schale, selber nur lebend, um dieses lange, einzige, hoffnungslose, unentrinnbare Gefühl des Begrabenseins in Grüften auszukosten.

Franz hatte lange im Sinnen dagestanden. Erst eine fremde Hand mußte ihn schütteln und wecken, so daß er sich zuerst fast bedroht sah, weil er völlig in einer andern Welt gebunden gewesen.

Aber es war keine Gefahr. Badura schüttelte seinen Arm.

Badura war auch als feiner Herr gekleidet wie Franz. Auch er trug einen Zylinder und lachte wie ein Mädchen. Und er sprach jetzt so sanft, wie wenn er eine Beichte täte. Er erzählte Franz sein Vorhaben und wünschte mit ihm weiter zu gehen.

Der fremde, harte, unbeugsame, herrische und ablehnende Franz lachte mit Schärfe, wie es Badura längst von ihm gewohnt war und wies den Kameraden auf seinen Weg weiter. Das alles nur so leise hin in der Finsternis der späten Nachtstunde, die auch Franz auf seine Weise noch in ihrer Klammer fest hielt.

Ein gemachter Gruß beider, die ihre Zylinder tief abnahmen vor einander, machte dem Flüstergespräch wie in einem Schauspiel ein Ende.

Franz war hart umklammert. Gefühle, die wie der Tod sind, können sich nicht von einer Straßenecke zur andern lösen.

Um Franz war nur ewig jetzt ein dumpfes Trappen der Pferdehufe und ein dumpfes Rollen, als wenn der Tod Straße um Straße, Ecke um Ecke mit ihm vorwärts zöge.

Franz war tief geängstigt. Er war auf seinem Irrpfade wieder in die Straße gekommen, wo oben im dritten Stockwerke das Fenster von Frau Popjels Zimmer lag. Jetzt nur noch beglänzt vom äußeren Laternenschein. Die kleine gebrechliche Frau schien nun zu schlafen. Innen war Tiefdunkel.

Die Angst schlug Franz jetzt jäh mit Zittern und Klappern der Kiefer. Er hatte keine Macht über sich. Weil er den Haustürschlüssel immer im Rocke bei sich trug, hastete er die Treppen zur Popjelschen Wohnung empor. Er stand ewig vor der Korridortür und bebte und horchte.

Es war tiefe Nacht. Wenn er jetzt eingedrungen wäre, wäre er wie ein Dieb auf Schleichwegen gekommen.

Am Ende schlich er die Treppen wieder sorglich nieder. Und lief in seine Wohnung. Und fiel in einen ehernen Schlaf, darin Selbstmörderscharen ihn anwehten wie im Wirbel bei schwerem Flockenfall, und das todbleiche Gesicht seiner Mutter fortwährend flehend auf ihn gerichtet im Raume stand.

Zwölftes Kapitel

Vater und Mutter sind ein schwacher Halt in diesem Leben. Vater und Mutter sind uns im innersten Ursprung geheimnisvoll verbunden, nur ein wenig näher wie alle Dinge der Welt. So nahe wie Zweige dem Aste, aus dem sie ins Licht drängen. Oder so fern auch wie die Blüte der Wurzel.

Wen die Dinge rings, die alle Lebensquellen sind, nicht halten und tragen, die großen Mütter auch von Vater und Mutter, dem werden auch Mutter und Vater weder Stärke noch Stolz ins Blut bringen können. Und er wird nicht wie eine Flamme sein, die dem Winde zum Trotz aufrecht brennt. Oder nicht der junge Blütenzweig, der sich dem Frühlingslichte sehnsüchtig entgegenstreckt. Krumm und verdorben werden seine Gänge einherkriechen.

Aber Vater und Mutter sind doch Mächte aus der Tiefe der Zeit.

Einmal, daß die einzelne, kleine Menschenseele wie ein fernes schütterndes Dröhnen heimlich den ehernen Klang vernimmt, was für tragende Gewalten Vater und Mutter ihrer Dürftigkeit und Armut seit dem ersten Lebensschreie bedeuteten.

Einmal, daß es ganz öde und trostlos um die vereinzelte Seele hallt, wie wenn die Stützen ihres sicheren Fahrzeuges plötzlich im Nachtsturm brechen, und die Welt unversehens eine große Wasserwüste scheint, nur durchfegter Raum ohne Gnade, nur springende, wälzende Wogenungetüme, die uns wie wildes Getier anspringen. Die uns nicht schonen werden, wenn wir nicht unsere letzten einsamen Kräfte im Kampfe auf Tod und Leben vergeuden.

Vater und Mutter sind mehr wie nur zärtliche Namen.

Vater und Mutter sind wie Sonne und Sterne.

Vater und Mutter. das wird nicht aufhören wie eine Sphärenmusik im Blute zu klingen.

Und wenn diese Sonne einmal untergegangen. wenn die Sterne erloschen sind, werden wir unsere Seele verdunkelt fühlen, unser Gemüt vereinsamt. Unsere Bestimmungen in der irdischen Welt hart auf uns selber gestellt. Werden wir uns aufgerufen fühlen wie Kriegsleute auf Todesposten und von einem höchsten Glücke entblößt und verarmt.

Franz war zwei Tage nicht groß aus seiner Bodenstube heraus gekommen. Er hatte in diesen Tagen wunderlicherweise in einer philosophischen Vorlesung Zuflucht gesucht. Sonst hatte er in einer sonderbaren Erstarrung, gleichsam in einer Art heimlicher Erwartung vor seinem leeren Arbeitstisch gehockt, als wenn in dieser seltsamen Lage keinerlei Tun recht verlohnte.

Da war endlich am Abend dieses sinnlosen Tages von Eduard ein eiliger Bote zu Franz gekommen.

Wer Eduards Schrift kannte, mußte gleich stutzig werden.

Eduard hatte feste Züge sonst. Garnichts Unruhiges. Auch wenn seine große Hand eilig über das Papier sprang. Seine Schrift war leicht und frei hingeworfen, gleichmäßig groß ohne alle Schnörkel. Kein Zug, als hätte der Schreiber je an Nebendinge gedacht.

Franz erkannte an diesem Abend sofort, daß eine mächtige Unruhe in Eduard der Zeichen kaum Herr geworden.

Man muß sagen, daß Franz dabei einer eigentlichen Besinnung gar nicht mehr bedurfte. Es deuchte ihn in diesem Augenblick, als wenn er Stunde um Stunde hinter verschlossener Tür mit Gesichten im inneren Blick nur auf diese zitternden Zeichen Eduards gelauert hätte.

Franz war nicht Stein. Der Strom Blut in ihm rann hastig und jäh und in Leiden. Aus seinem Blute kroch die ewige Trauer in seine Augen. Die fahle Blässe seiner Gesichtszüge, die eiskalte, bleiche Sorgenstirn erzählten keine Fröhlichkeiten. Sein Lachen hatte längst nur wie aus einem Maskengesicht heraus geklungen.

Und Eduards Brief traf jetzt einen sehr in sich verstrickten, heimlich bedrohten Menschen, der schon lange sich zwischen Bettrand und Schreibtisch mühselig in sich hinein horchend herum gedehnt. Und der gewähnt hatte, auf irgend etwas, auf das Schlimmste gefaßt zu sein.

Aber Eduards zitternde Zeichen erschreckten den bleichen Franz doch zuerst bis ins Mark.

Nur machten sie ihn unerhört entschlossen. Als wenn er mehr wüßte, als der Schreiber dieser zerrissenen, schiefen Zeilen, die von der kleinen, gebrechlichen Mutter Popjel sprachen.

Es waren nur wenige Worte. Franz hatte sich die Worte gar nicht weiter richtig angesehen.

Er sah nur gleich wie leibhaftig den braunhaarigen, ratlosen Eduard vor sich, in hoffnungslosem Insichsuchen in der Popjelschen Wohnung hin und hergehen. Manchmal wie ungezogen aufgebracht wider alle Wirrung, die um ihn daheim plötzlich aufgekommen. Und die er nicht stillen konnte, weder mit Worten noch mit Tönen. Weil Töne und Worte plötzlich ganz allen Sinn verloren hatten.

Das alles sah Franz sofort leibhaftig vor sich.

Und er gewann große Ruhe. Er tat sogleich einen Anzug an, der ihn ganz nur zu einem schlichten Studenten und zu dem Franz machte, der Frau Popjels Sohn war.

Um Franz lag gleich eine Atmosphäre, wie wenn er keines Rufes bedurft hätte, wie wenn er das Schicksal längst hätte trappen und rollen hören, mit dumpfen, eiligen Schritten.

Franz lachte. Aber ganz nur entsetzt. Ganz nur, wie ein guter Sohn lacht, den die Schrecken vor dem Tode lachen machen. Seine Augen sprachen es längst, daß Beten und Weinen nun nichts weiter helfen würde.

Er wußte es jetzt, daß er diese ganzen Tage eine feine Witterung gehabt.

Und er war zufrieden. Er hatte sich die ganze Zeit nicht besudelt, seit der Leichenwagen durch die Straßen zog. Schon vorher in der Nacht war es gewesen, daß in ihm etwas wie eine Drohung oder auch wie eine Verheißung aufstieg.

Er hatte ja damals auch vor der Mutter Wohnung gestanden. Er hatte das schlafende Leben der Seinen wie Gewissenshämmer durch die Wände pochen fühlen. Und er hatte gezittert einzutreten.

Wäre er nicht Franz Popjel gewesen, er hätte sich jetzt Vorwürfe gemacht, nicht schon dort dem Rufe seiner Inbrunst gefolgt zu sein.

Franz sah jetzt hart in den Lauf der Dinge.

Er lachte wieder, weil er an Eduard dachte, der in Sorgen des Lebens linkisch und zerfahren war. Der edle, kindlich heitere Musiker, der in der Welt klingender Hirngespinste ein Meister war. Oh! die Schrift verriet ihn jetzt. Eduard hatte in Angst und Bedrohung geschrieben. Mutter Popjel war erkrankt.

Franz fühlte jetzt hart, daß er mehr wußte, als nur diese kindliche Angst und Bedrohung. Franz hatte gleich eine ganz klare Schau, daß sich etwas für Eduard, aber vor allem für ihn selber vollenden müßte.

Ja, nur für ihn.

Eduard hatte der Mysterien nie ausdrücklich bedurft, die von irgendwo aus völligem Dunkel sich auf den Menschen niederlassen.

Eduard hatte zwei große Bündnisse in dieser Welt, die ihm Halt und Kraft gaben. Die Musik. Und Hellen, die demütig Liebende, die wie ein weicher Schatten um ihn ging.

»Nun ist dem geistigen, kindlichen Jungen plötzlich ein tolles Wild in sein Gehege gebrochen,« lachte Franz vor sich hin.

Franz stand vor dem Spiegel. Er legte sein schlichtes, dunkles Haar ganz an die Schläfe. Er richtete sich her wie zu einer Feier. Er sah sich tief ins Auge. Und es deuchte ihm dabei lange, als sähe er in seiner Mutter Auge und auch in seines Bruders Auge tief hinein.

Seine Augen lebten ein ganz sanftes, stilles Leben, sahen entschlossen aus, und lachten einander an, weil plötzlich auf sie Verlaß schien.

Es war nur ein flüchtiges Spiel von einer Minute. Denn jetzt erst suchten Franzens Gedanken in den Schriftzügen Eduards den vollen Sinn dessen, was der Bruder eigentlich mitgeteilt.

»Die geliebte Mutter macht sich in ihren schweren Fieberträumen nur Schmerzen um Dich,« schrieb Eduard. »Komme um alles so rasch Du kannst an ihr Krankenbett!«

Das war alles, was außer der Mitteilung von der schweren Erkrankung in Eduards Briefe geschrieben stand.

»Du wirst dort sein, und ich hier,« redete es aus Franzens Munde Worte, die wie Erwägungen klangen.

»Du wirst zerfließen wie ein guter Sohn in Schmerzen oder wie eine untröstliche Frau,« sagte er vor sich hin. »Auch mir wird es ein Verhängnis werden!« sagte er und verlor sich ins Träumen.

Dann legte er ruhig Feuer in den kleinen Ofen seiner Giebelstube. Und er klappte auch ein Bibelbuch auf, das ihm die kleine Frau Popjel heimlich in seine Stube gelegt, und das er nie bisher angesehen hatte. Er las die ersten besten Zeilen.

»Man wird Weinberge pflanzen zu Samariä. Pflanzen wird man und dazu pfeifen«.

»Nein,« sagte er, »anders wird es klingen wie Spiel und Freude. Aber es wird nicht weniger gut sein!«

Und es war in Franz richtig wie eine Heiterkeit gekommen. Er schien wie ein Delinquent, der zum Tode verurteilt ist. Und der hinter den Greifbarkeiten seiner groben, irdischen Sühne sich die Tore der Seligkeit aufgetan erwartet.

So ging Franz Popjel an der kleinen Frau Popjel Krankenbett.

Und so saß er bald stumm und auf der Mutter schwache, jagende Atemzüge lauschend einsam im Krankenzimmer.

Eduard Popjel war Franz schon im Korridor entgegen gelaufen, die Augen von Tränen gerötet und ganz geduldig, als wenn Franz ein Höherer wäre. Ganz sonderbar gleich in Franzens Banne, weil Franz bleich aber wie unerschütterlich eingetreten.

Auch Hellens Augenglanz verriet Tränen.

Franz erschien beiden, die liebend und zerrissen waren, wie wenn eine Hoffnung und ein Meister der Weisheit ins Haus träte.

Und Franz hatte dann gleich der Mutter zerbrechliche Sorgenhand gehalten, die im Schlafe oder in sonst welcher Gebundenheit zuckte.

Die Augen der kleinen Frau Popjel lagen unter zerrunzelten Augenlidern. Sie vermochte lange die welken Lider nicht zu erheben. Wer weiß, wohin ihre Blicke jetzt schon wanderten?

Aber Franz wußte, daß ihre Sehnsucht noch immer mit heißer Glut ans Leben gebunden war. Der alte, faltige Mund flüsterte Worte, die auch ihm jetzt alles verrieten.

Eduard war mit ans Bett der Mutter getreten. Franzens dunkler Blick streifte ihn wie ein Verwundern. Da war Eduard zu Hellen zurück gegangen und hatte Franz mit der Mutter allein gelassen.

Nun stand Franz stumm am Bette aufrecht und sah einsam auf die feinen, dürren Lippen, die flüstern wollten und doch ohne Ton sich bewegten.

Frau Popjel war seit Tagen erkrankt. Er sah jetzt, daß nicht mehr viel Zeit war. Er fühlte jetzt wie eine unbegreifliche Feier. Vieles hatte sich erst vorher begeben müssen. Nicht eher hatte er dem Rufe seines Schicksals folgen dürfen. Und es tat ihm wohl, daß ihn niemand eher gerufen. Jetzt war er gekommen, wie ihre und seine Seele es heimlich begehrte.

Wer Franz an der kleinen Frau Popjel Bette sitzen sah, sah einen Mann, der sinnlos liebend und ohne alles Begreifen das Opfer ansah, das er gebrauchte. Als wenn der Tod, der jetzt im Raume sein Werk tat, die schwarzen Vorhangsfalten vom Allerheiligsten plötzlich zerriß, daß sein Auge ins Licht sah.

Eduard kam wieder. Er sah, daß die Mutter noch immer in ihrem gebundenen Zustande lag. Und ihre Hand in Franzes beide Hände wie eingekrallt auf den Bettrand sich stützte.

Franz hörte Eduard nicht. Er fühlte Blutwelle an Blutwelle. Er brauchte nichts als das stille, heiße Einvernehmen mit der Seele, die hinstarb. Er wußte auch, daß Seele und Gram der Mutter noch zitterte und lebte, und daß ihre Träume noch im geheimen Spiel um ihn gingen.

Eduard war eine Weile leise hin und her gegangen und hatte von neuem das Krankenzimmer verlassen.

Und Franz fühlte, daß aus dem Auge der Mutter, an dem Tore der Ewigkeit aufblickend, eine Kraft emporwuchs, noch von keinem Chemiker ausgespürt, die sein bisheriges Leben greifen, es schütteln, es um und zerwühlen und verwerfen und ihn vernichten würde wie Ozeanstürme und Wogen ein geringes Wrack.

Frau Popjels Augen waren jetzt schon groß aufgetan und sicher auf Franz gerichtet.

Die Mutteraugen sahen ihn lange an.

Es waren noch immer der kleinen Sorgendame sanfte Augen. Nur schien die Güte und Sanftheit darin unermeßlich tief. Und die Frage, die aus diesem weiten Brunnen aufstieg, schien Franz wie eine ewige Frage ohne Ende.

Franz hatte unter der Last dieser Frage seinen dunklen Kopf tief niedergebeugt. Er hatte die schwache, zitternde Hand der Mutter aus seiner Hand entgleiten lassen. Er saß wie ein reuiger Sünder abgewandt auf dem Bettrand unter den sehnsüchtigen Blicken, die sich in dieser Stunde nur noch für ihn weit aufgetan.

Die zitternde Hand der Mutter tastete jetzt nach ihm. Er wagte nicht wieder die Hand zu ergreifen, weil die Blicke der Mutter unbarmherzig unter den Lidern hervorwuchsen. Die Mutteraugen schienen ihn jetzt anzuschreien.

»Du hast Deines Vaters Gedächtnis besudelt. Du frecher Dieb!« schienen sie zu rufen.

»Du hast Deines Bruders Seelenglück hinterrücks angefallen, wie ein Raubtier, Du frecher Räuber! . . .«

Es gellte Franz in den Ohren, daß er die Hände vor das Gesicht nahm und die Augen vollends schloß.

»Du hast die Sonnenstrahlen bespien und Dein schlichtes. menschliches Leben durch stinkende Sümpfe gezogen,« hörte er hohle Anklagen in der Luft.

»Auch Deiner Mutter Gedächtnis wirst Du in alle Ewigkeit hinein beflecken!« schrie es aus den Mutteraugen.

Es war eine reine Gaukelei seines Blutes. In der Stunde der tiefsten Erregung, wie sie jetzt für ihn angebrochen, konnte er nicht mehr innen und außen unterscheiden.

In Wirklichkeit vermochte der trockene Mund der Mutter keine lauten Töne mehr hervor zu bringen. Schwach und saugend ging der letzte Atem aus ihrer röchelnden Brust.

Franz bebte und lauschte.

»Seid Brüder!« klang es zitternd an Franzens Ohr, als wenn er nicht bei sich wäre.

Franz begann die Augen weit aufzutun und der Mutter Anblick und Worte wie ein Verhungerter einzusaugen.

»Seid Brüder! wenn ich jetzt in die Seligkeit eingehe!« sagte sie mit liebender Anstrengung. »Der große, heilige Gott hat uns alle auf die steinige Erde verstoßen,« sagte sie fast mit tonlosem Atem. »Er wird uns auch wieder in seine Himmel nehmen . . . Er wird . . . uns . . . allen . . . vergeben!« mühte sie sich in tiefem Glauben auszuhauchen. Und hatte dabei mit unerwarteter Kraft Franzens Hand an ihr Herz gerissen. Und hüllte so hastig mit den letzten Atemzügen den Mantel der Sehnsucht und Gnade um ihre und seine Blößen.

Aus Franzens Augen waren Tränen gesprungen. Und dann hatte eine Ohnmacht seine Sinne ebenso jäh erlöschen machen, sodaß auch ihm die Welt versank unter der Mutter Sterbeinbrunst.

Der Mutter Herz war dabei ganz still geworden.

* *
*

Als Eduard ins Krankenzimmer trat, erwachte Franz wie aus einer unbegreiflichen nie enden wollenden Entfremdung.

Dann standen die Brüder noch lange vor der kleinen, sanften Frau Popjel, die im Tode wie ein ruhevoller junger Engel schien.

Ausklang

Franz Popjel war seit der Mutter Tode neu erwacht. Starr und fremd, dunkel und unnahbar noch immer. Aber streng gegen sich und von zäher Arbeitssucht.

Franz hatte begonnen mit Selbstvergessenheit die Rechte zu studieren und brachte es sehr schnell vorwärts.

Schon als junger Richter wurde er wegen seines Scharfblickes angestaunt.

Eduard und Hellen waren ein Paar, dessen Klänge allen ein Glück deuchten, die die harte Welt unter Harmonien vergessen wollten.

Die Brüder sahen sich fast nie. Sie hatten sich gar nichts mehr zu sagen. Sie wußten mit einander nur noch von den gleichgültigsten Dingen zu reden.

Aber wenn sie an einander dachten, geschah es mit Liebe und Stolze.

Auch Eduard konnte mit Stolz an Franz denken.

Franz galt bald als einer der glänzendsten Rechtsmänner, die mit sicherem Gefühl das Körnchen Wahrheit erspähten, und Verrat und Treue, die Lüge und die sittliche Haltung wie Spürer wogen. Das bißchen Feingold und den kleinen, blinkenden Edelstein in der grauen Erzgrube.

Auch Franz war ein Meister geworden, wie Eduard es in der Musik war.

Und Franz war rastlos tätig und sah nicht zurück.

Er blieb unverheiratet.

In seinem Hause war es einfach wie in getäfelten Hallen. Nur strenge Bildungen der Antike standen ein paar auf Sockeln herum. Und ein Uhu stand groß als mächtiges Wahrzeichen an Weisheit gemahnend über seinem Schreibtisch.

Sein Blick war immer vergraben und sprang jäh auf die Dinge, die sich plötzlich vor seine Augen stellten. Aber sein Blick war doch voll Güte.

Nur das häßliche, heisere Lachen war von dem einstigen Franz zurück geblieben. Wenn Franz Popjel in schwarzer Robe und schwarzem Barett im Schwurgerichtssaal präsidierte, konnte es noch einmal unversehens ausbrechen. Und es mußte jedes feinere Ohr seltsam treffen und verletzen. Aber die andern Richter im Saale wußten dann, daß sein schwermütiger Blick einen Augenblick noch tiefer und sehnsüchtiger glänzte, der den Angeklagten gleichsam nur für sich mitleidig zu streifen schien. Und sie wußten auch, daß er dann zur Milde gewonnen war.

