Ein Später Derer van Doorn

Erstes Kapitel

Hieronymus van Doorn stammte aus einem alten Adelsgeschlechte. Die Väter hatten auf Schlössern der Grafschaft Westflandern gehaust und waren in sechsspännigen, schwer in Federn hängenden, prunkhaften Reisewagen mit berittener Dienerschaft durch die Lande und bis Paris gefahren. Oder sie hatten Trinkfeste auf ihren Burgen gehalten und den kostbarsten Wein aus großen Silberhumpen in bunter, lärmender Runde getrunken. Oder sie waren im reichen Zuge mit Pagen und Knechten, Ritter und Damen mit fliegenden Bandelieren und fliegenden Reiherfedern im Barett, in die Wälder um die Burg hinaus geritten, über die niedergelassenen Holzbrücken polternd die Schar ruheloser Pferdehufe unter Ritter und Edelfrau, daß dann der Tann wiederhallte vom Gekläff der Bracken und Leithunde. Und vom Brechen der Äste durch Dickicht und Dorn, wenn der Hirsch mit der Meute auf den Fersen hinstob. Auch Frauengelächter erklang in der Lichtung, wenn die Jagdfalken aus den Ketten hochgingen von den behandschuhten, schönen Händen der Burgfrauen und Burgtöchter und dann der Reiher aus den Lüften verendend nieder ins Waldgras ging.

Das alles war ferne.

Schon einst war einer Derer van Doorn immer auch dem Himmel ein Geweihter gewesen, wenn die eisernen Ritter und die in der Kapelle der Burg knieenden Edelfrauen Gott zu danken hatten für den Segen des Raubes und der Herrschaft. Schon mancher Zweite des Geschlechts hatte früh den Erdenfreuden Augen und Sinne verschließen müssen, hatte die heißen Einsamkeiten der Gottesweihe um sich gebreitet und Gott gesucht unter heiligen Tränen.

Schlösser und Burgen Derer van Doorn waren längst verfallen.

Die Hauptlinie, ein altes, kinderloses Ehepaar, besaß noch ein stilles, vornehmes Palais auf einem einsamen Platze, der dem Königsschlosse nahe lag, und auf dem die Wasser aus einem alten, verwitterten, grünlich belaufenen Steinbrunnen in gewundenen Bogen ohne Unterlaß durcheinandersprangen und eintönig und ewig denselben Reigen plätscherten seit Jahrhunderten. Sonst handelte es sich noch um einen Kammerherrn des Königs, der, weil er arm, im Hofdienst ergraut, elegant, aber leer und geschwätzig war. Und um ein paar alte, fromme Hofdamen, die in königlichen Kavalierhäusern ihre bescheidene Rente verzehrten, in den hohen, einsamen Zimmern voll von kleinen Kostbarkeiten von einstiger, königlicher Gnade und allerlei sonstigen, noblen Erinnerungszeichen ihren Rosenkranz drehten, oder dann und wann noch einmal in feierlicher Verschleierung durch die gewölbten Gänge der Seitenflügel huschten, um in entfernterem Abglanze der Königlichen in den hinteren Reihen der Schloßkapelle mit gesenkten Witwenhäuptern knieend dem priesterlichen Flüstergespräche mit Gott versunken zu lauschen.

Hieronymus van Doorn war auch ein Gottgeweihter. Er hatte den Dienst des Priesters gewählt, weil er schon früh ein bleicher Knabe war, und weil ihn schon damals oft Träume schreckten und er mit ängstlichem Blick in die Welt sah. Auch wenn er mit den jungen Prinzen auf den smaragdenen Rasen spielte, wo die hohen, weißen Vasen um die weiten, dunklen Wasserbecken standen, hatte er nie auf die im Geflüster der Fontainen ewig zerrinnenden Bilder auf dem Wasserspiegel gesehen, ohne nicht sich in Träume zu verlieren, und ohne daß ihn die Rufe der fröhlicheren Stimmen wecken und mahnen gewußt. Als der einzige Sohn einer armen Hofdame war er fern von ihr im Priesteralumnate aufgewachsen, weil sein Vater, ein gewesener Kavalier, längst tot war. Die Dame sah viel nach den frommen Mienen, die die Königin annahm, sobald sie in Dom oder Kapelle trat. In dem stillen, seligen Garten der Frommheit, darin die wundersamsten Gefühle schlafen und träumen, nur in diesem stillen, seligen Garten noch war am Ende ihrer Tage Frau van Doorn schlafend und träumend umgegangen. Und es war ihr wahrlich eine Genugtuung gewesen, als sie es noch mit eigenen Augen mit angesehen, daß man ihren Sohn, den blassen, bartlosen, feinen, tonsurierten Mann zum Priester geweiht hatte, kurz ehe sie selber ganz in Gottes Schoß eingegangen war.

Der bartlose, schlanke, tonsurierte Priester war bald in einem Fischerdorf als Pfarrer ordiniert worden. Die Männer und Frauen, die in plumpen Holzschuhen gingen, sahen ihn mit Staunen und Zufriedenheit. Wenn er in den tiefen Sandgleisen der Dorfstraße hinging, lupften die Männer, die vor den kleinen Haustüren oder in den Gattern standen, ihre zipfligen Mützen, und die Frauen machten einen Schleif und bekreuzten sich. Allen war er gleich angenehm. Allen war er bald ein heiliges Wesen. Die brennenden Blicke seines feinen Gesichtes bannten die alten, einsamen, wortkargen Fischersleute. Und wenn er die Messe las, rang er in Sehnsucht Gott in den Kirchenraum hernieder zu flehen. Die alten Männer hatten ein heißes Gefühl dabei. Und die alten Mütterlein in den Holzbänken bekamen Tränen. Es war bald eine wundersame Weihe unter den Leuten, daß sie Gott nahe fühlten, als käme er heimlich mit Flügelwehen.

Auch heute, wo die Dorfjugend mit bunten Fahnen in die kühle Kirche zog und die Glocken anschlugen und feierlich in die Herbstluft ihre gellenden Rufe sangen, sahen die Burschen und die Mädchen nur mit neugierigen Blicken sich um. Alle waren ruhelos und in die hellen Lüfte zerfahrend, solange nicht eine Stimme die Andacht schuf und Gott aus den Goldfäden spinnenden Himmelslüften in die Wölbung herniederrief.

Die Jugend! Wie frische Reiser aus Tannengrün, so Kraft und Glauben strotzend standen die Burschen im Kirchentor. Und die Gesichter der flüggen Mädchen waren ein wenig wie zum Lächeln erhellt, aber doch noch immer gebunden. Die blonden Haare hatten sie mit Spangen und Gewirk reich gehalten, und ihre Mieder waren mit glänzenden, klingenden Kettlein über Sammet oder Seiden reich geschmückt. Und mit viel Spitzenzeug eine jede, das schäumend hervorquoll, und mit viel Bändern, die um sie flatterten. Es war ein Anblick jetzt im Herbst wie noch ein Frühlingsgarten.

Aber auch die Jugend harrte nur des Hieronymus van Doorn, der im Orte Pfarrer war.

Und er kam, der schlanke, vornehme, bleiche, asketische Mensch schwebenden Ganges, wie wenn er den Steinboden der Kirche lautlos berühren könnte, schwankend das weite, feierliche Priestergewand, den brennenden Blick ganz in sich gesogen, als wenn er nicht unter den Menschen, nur auf Himmelswegen schritte.

Da faßte es alle, jung und alt, groß und klein. Alles drängte sich auf den Fließen der Kirche vor und in die Holzbänke hinein. Und es war wirklich eine große Gemeinschaft unter den wetterharten Gesichtern, und die flüggen Mädchen, die sich um den Altar drängten, schienen jetzt alle zu lächeln.

Und Hieronymus van Doorn predigte dann mit seliger, sanfter Stimme, wie Wasser rinnen. Er pries die Gottesliebe, die auch er zum Leitstern erlesen. Er rühmte die Gnade des Lebens und der seligen Leiden mit anschwellendem Wortgesang. Er zerriß sich seine Brust wie ein kranker Adler, der die Wunden offen sieht und die Blutstropfen liebt, die aus seinen Wunden quellen. Er verfluchte die Süßigkeiten des Lebens. Er schilderte das Menschenschicksal wie eine kühne, entsagungsvolle Meerfahrt und schilderte mit Geisterauge das Brechen der Masten und das Zerreißen der Segel. Und die Kraft, die im Sturme aufragt, wenn der Mensch keine Rettung mehr ausspäht und Gott im Menschen dann Kraft gewinnt. Wenn Gott dann als Heiland auf den Sturmwassern einhergeht und die Hand des sinkenden Menschen und die Planken des sinkenden Fischerbootes so lange hoch hält, bis die Wolkentore von sprühender Sonne erstrahlen und der gläubige Mensch Seine ganze Herrlichkeit ansieht.

Die alten Fischersleute sahen den Himmel offen und weinten. Die Burschen hielten die Arme gestrafft, als könnte auch die Kraft der Arme vom Glauben sprechen. Die Mädchen standen, und ihre Augen waren groß geworden, und ihre Münder voll frischer Blutsfarbe lächelten im Glauben, indes Hieronymus van Doorn das Leben in harten Pflichten und Leiden pries. Und die Lockungen des Weltlebens mit immer jacherer Stimme und mit heißem Atem und mit immer verzehrteren Mienen verwarf.

Zweites Kapitel

Hieronymus van Doorn hatte immer hinter Mauern ein einsames Leben in Gott gelebt. Seine Welt lag innen. Sein Auge, das blau war, schien dunkel, weil es verzehrt aussah, erhitzt von der Glut sehnsüchtiger Kasteiung. Seine Wangen waren hohl, seine Stirn war kalt und sehr blaß. Sein Gang, wenn er zu einem Sterbenden durch die Dünen schritt, hatte etwas sehr Edles, etwas von einer heiligen Mission, als wenn er nicht ohne Eile, doch mit ehernen Händen den Goldkelch mit Gottes Blute forttrug, oft gepeinigt, daß er den Verröchelnden noch rechtzeitig stillen und in den Saum von Gottes Kleide einhüllen könnte, den er schon auf dem einsamen Wege inbrünstig herniedergefleht.

Auch heute war ein Bote gekommen, der Hieronymus in ein entfernteres Stranddorf rief.

Der graue Herbstwind sang und raschelte in dem Epheu, der das rote Ziegelhaus seiner Pfarre überspann. Draußen in den Dünenhügeln zitterten die fahlen Gräser im Abendsinken, und dunkelgraue Wolkenzüge jagten vom Lande ins Meer. Hieronymus van Doorn war wie immer in solchen Lagen in tiefem Gebete. Möven zogen über ihn mit einsamem Klagen. Der verhallende Ruf war wie aus seiner eigenen Seele geboren und verwob sich in die heimliche Weihe dessen, der am Strande hinschritt.

Es war die Frau eines hohen Regierungsbeamten, die in ihrem Himmelbette lag und die Augen nicht auftat, als Hieronymus van Doorn eintrat. Der Hausherr war ein Lebemann. Er sah aus wie ein frischer Stutzer. Aber seine Mienen kamen dem Priester verängstigt und hilfeflehend entgegen.

Hieronymus hatte seinen Überrock kaum abtun können und stand schon im feierlichen Meßgewand hager aufragend, so hatte ihn die heiße Inbrunst getrieben, in das Gesicht der Sterbenden hineinzusehen.

Die Sterbende sah engelhaft bleich aus. Ihre Augen waren tief geschlossen. Man stand am Bette und beobachtete ihre hastigen, jagenden Atemzüge. Hieronymus blickte lange auf den Mund, der ein wenig offen stand. Die Lippen waren wie vom Schmerz etwas eingezogen, aber fein und selig. Eine Nonne, die dabei stand, versuchte einen kühlen Schwamm auf die feinen Lippen aufzulegen, um den heißen Atem zu feuchten. Es war eine wundersame Stille in dem Raume, der hoch und vornehm war. Am Bette stand ein Strauß schöner Rosen.

Hieronymus van Doorn wollte gleich niederknien und beten. Aber er besann sich noch einmal. Er trat zu Herrn Kroen zurück und sah dem frischen Lebemanne lange ins Gesicht.

»Herr Kroen,« sagte er vor sich hinflüsternd, »die Kranke ist noch jung, und Sie lebten im Glücke mit ihr.« Er wußte in dem Augenblicke nicht, was er redete. Die Luft im Zimmer, das voll eines müden, edlen Geruches war, weil die Rosen bei der Sterbenden ihren Duft hauchten, hatte ihn benommen, daß er eine Weile ganz in sich versunken nur den jetzt lauten Atemzügen von Frau Kroen zuhörte. Es mischten sich geröchelte Laute in die hastigen Rhythmen.

»Vielleicht daß es um Ihr Glück ganz geschehen ist,« sagte er dann plötzlich ganz hart und ließ den Blick des geängstigten Regierungsherrn noch immer nicht aus seinen brennenden, schmerzlichen Augen.

Die Haare der Sterbenden lagen blond um ihr vom Fieber gequollenes, hohles, erhitztes Gesicht. Die feinen Zähne zeigten weißen Glanz. Dann nahm Frau Kroen die trockenen Lippen zusammen und schien zu hören, was um sie herum vorging.

Hieronymus van Doorn sah, daß das Gesicht des Herrn Kroen jetzt eine verzweifelte Miene trug. Es deuchte ihm, daß er harte Worte geredet und ihn noch tiefer erschreckt hatte. Es standen große Tränen in Herrn Kroens Augen. Deshalb trat der junge Pfarrer noch einmal vom Bette zurück und begann in Herrn Kroen neu hineinzuflüstern.

»Wir wissen nichts,« sagte er ebenso eifrig und bestimmt. »Lassen Sie sich von meinen Worten nicht ein Jota aus Ihrer Hoffnung und Ihrem Glauben vertreiben! wer glaubt, hat Gott im Blute. Auch ich werde jetzt mit Glauben beten.« sagte er. Und wenn man den tiefen Blick Zuversicht, der aus ihm allein sprach, ein Lächeln nennen könnte, so war dieses Lächeln eine wonnevolle Verheißung.

Draußen ums Haus heulte und pfiff der Herbststurm. Man hörte es, weil die Stille um die Sterbende tief war. Ausgehöhlt das Harren, daß es wie ein leerer Raum jeden heimlichen Laut einsog.

Auch in Hieronymus van Doorn gingen Trauergewalten um und schüttelten sein Herz. Er kannte Herrn Kroen nicht. Er achtete auch nicht, daß der Reichtum des Hauses groß schien. Er hatte nicht gesehen, daß Diener im Vorhause auf den Stufen standen. Nun gar, wo sein gottgeweihter Sinn das stille Geschehnis in Himmel und Erde, dieses einzige, weite, junge Sterben in der Nähe auskostete und einsog, das jetzt in den geschlossenen Lippen der Frau sich selber auffing. Hieronymus war im priesterlichen Meßgewande wieder ans Bett getreten, kostbaren Schmuck über Brust und Schultern gebreitet, indessen die Ministranten sich anschickten, die heilige Handlung leise zu bedienen.

Vielleicht war jetzt die Zeit gekommen.

Die Nonne heftete ihre Blicke fragend auf den Priester und dann auf die Sterbende. Sie versuchte noch vor sich wie einen abmahnenden Ratschlag. In dem stillen Raume stand schon der heilige Beter hoch aufgerichtet. Und eine Sterbende hielt ihr kleines Lebenslicht vom Winde hin und her geweht in ihren weißen Händen. Nichts anderes schien bald im Raume zu leben.

Herr Kroen stand und sah in Starre nieder. Auch die Nonne hütete sich jetzt, die eherne Ruhe des Rufers ums Heil mit einem Geflüster noch zu stören.

Wenn die Stürme ums Haus pfeifen, sind die Wintergewalten nahe. Aber ein heißer Rufer ums Heil kann die Flockenstürme wegfegen und kann die sterbende Seele an die Planken des Bootes fest anbinden, um sie zu retten. Er kann dem Tode wehren.

Die Ministranten standen und beugten die Knabenköpfe und knixten lautlos mit den jungen Beinen und taten feierlich ihre Hantierung. Die Nonne kniete. Die hellen Augen des Herrn Kroen fingen an, sich wie in einem Wunder weit aufzutun.

In dem jungen Priester war von Anfang an die Gnade lebendig. Er hatte in den kranken, bleichen Zügen bald eine Hoffnung gelesen. Er betete jetzt, als wenn mit seinen stummen Worten Lasten sich lösten. Als wenn er mit seinem brünstigen Atem die kleine Lebensflamme sanft anblies.

Da wurde das Geheimnis langsam und lautlos groß und größer, das von dem jungen Priester ausging und rings im Raume Macht gewann.

Herr Kroen begann aufzustöhnen. Die junge Frau Kroen hatte jetzt ganz die Augen aufgetan. Sie erkannte den Pfarrer. Ihre Augen schienen nichts zu ahnen, womit der Pfarrer rang und worum Herr Kroen sein Stöhnen nicht meistern konnte. Niemand redete. Auch der Geistliche gab seinen Worten noch immer nicht einen Flüsterlaut. Er sprach nur im Geist. Aber der Geist war wie die Luft um ihn, daß alle ihn schmeckten.

Die kleinen Kerzen der Ministranten brannten lautlos und erhellten den Dämmer der Stube. Es fiel ein Goldschein der Sterbenden ins Gesicht. Die Lippen schienen jetzt feucht und frisch. Das Auge war voll Glauben. Entrückt und frei schien das Auge im Raume zu glänzen und zu lachen.

Dann lag die Hostie zwischen ihren heißen, fiebernden Lippen. Und auch Hieronymus van Doorn erbebte im Grunde, weil er den Schluck Gottesblut auf der Zunge hielt und das heilige Arom einzog und mit Gott ein Leib war.

Wer ihn in diesem Augenblick ansah, wußte, daß er die Kraft und der Glaube selber geworden, und daß er jetzt Berge aufhob. Die hellen Augen der Sterbenden suchten seine Kraft und umklammerten ihn und lauschten auf die gestammelten Worte, die jetzt abgerissen aus des Priesters murmelnden Lippen hervordrangen.

Die Augen der jungen Frau ruhten dann lange in seinen dunklen Augen, und beide schienen in Gott geborgen.

Es war eine lange Zeit des Gebetes noch, ehe der Pfarrer von seinen Knien sich aufhob und die eherne Stille endlich zerbrach.

Die Nonne konnte nicht begreifen, daß des Priesters Stimme zu Herrn Kroen jetzt fast irdisch klang. Hieronymus van Doorn sah Herrn Kroen wieder ins Gesicht. Als wenn er ihn prüfen wollte. Wie eine Röte schoß ihm dabei in die Wangen. Weil auch die Augen der jungen Frau Kroen eben sanft zugefallen waren, als ob ein engelhaftes Mädchengesicht mit Träumen und Lächeln auf den Lippen in den Schlaf sinkt. Hieronymus sah dann nur wieder die Schlafende an.

»Wir wissen nichts,« sagte er sanftmütig und mit einem Ausdruck tiefer, unsäglicher Sehnsucht. »Aber wer glaubt, ruft Gott zur Hilfe hernieder,« sagte er dann, indem er die strengen, entsagungsvollen Linien der Mundwinkel und die feine, magere Haut auf den hohlen Wangen ein wenig wie ein Kind zum Lächeln verzog.

Er war fast schon nur in sich beschäftigt. Als wenn er ganz abwesend und für sich allein wäre, und als wenn er den Heimweg nach seinem Fischerdorfe schon einsam durch die Nacht angetreten.

Dann schritt er durch die Dünen im Nachtsturme, umflüstert und umtost von den Strandgewalten, die heransprangen wie weiße Gesichte und ihn aus seinen Himmeln ein paarmal aufschreckten.

Er war voll Entrücktheit. Er trug die feine weiße Gestalt jetzt in seine Arme gebettet, in den Mantel der göttlichen Liebe tief eingehüllt, daß nicht der harsche, finstere Seewind, der an seinen Mantelfalten herumriß, und nicht die zischenden Meerwogen dränge, die ihn mit Gischt aus der Düsternis anwarfen, der von Gott Erflehten ein Leid taten. Er war jung, kaum viel über die Mitte der Zwanzig, und er hatte die Welt nie gesehen.

Drittes Kapitel

Am Hause des Herrn Kroen kroch die Herbstsonne über Dachwerk und Giebel und legte den großen Zackenschatten mitten hinein in braunes, raschelndes Laub und blaue Astern. Aus dem fein durchbrochenen Eisenwerk des Tores fuhr jetzt oft der tief gesenkte Wagen, darin Herr Kroen wieder mit heiteren Lebemienen und zur Rechten neben ihm Frau Hartje saß, jung und mit neu aus Leiden aufgewachten Augen die Welt der spinnnenden Herbstfäden und der weißen, schreienden Meervögel und die weiten, blauen Himmel darüber gespannt einsaugend. Oder Frau Hartje trat mit sanften Schritten, von Herrn Kroen oder von der pflegenden Nonne am Arm gehalten, auf die Kieswege im Garten und lachte leise die bunten Astern an, und die Möve, die über den Garten hinstreichend in Lüften hing und sie mit einem hochhallenden Rufe grüßte. Oder Frau Hartje saß auch, weil der Herbst warm und froh war, oft Stunden im Garten allein und ihre Gedanken waren ungebunden, und ihre Sinne flatterten sorglos wie junge Vögel, die zum ersten Male wieder aus dem Neste fliegen. Ein wenig hilflos noch war alles an ihr jetzt. Ihre Hände waren noch schwach. Und wenn sie Rosen griff, die Herr Kroen brachte, so mußte sie den vollen Strauß im Schoße stützen. Und sie zerpflückte dann langsam und mit Augen, die halb offen standen und hell glänzten, die Schleifen und Bänder, daß die Fülle der blühenden Blumen ihr gelöst im Schoße lag. Bis die zärtliche Hand jedes einzige, volle Blumengesicht einzeln aufhob und alle ihre Sinne ewig darein staunen konnten.

Aber sie war im Genesen. Das sang ihr das fröhliche Herbstgeläute aus der Ferne, wenn der Wind vom Lande stand und die Glockenklänge der Dorfkirche bis zu ihr durch die Lüfte sich schwangen. Das hing hoch in den weißen Wolkenschiffen. die in langen Scharen bis zum Horizonte sich verloren im blauen Himmel. Das sang ihr das helle Brausen des fernen, silbernen Meeresstreifs, wenn sie auf dem Steinaltan ihres Hauses den letzten Abendschein grüßte und nicht begriff, daß diese wonnigen, sonnigen Tage und die sorgenfreien, dunklen Schlummerstunden wieder ihr Leben geworden. Oh, sie begriff es doch. Sie dünkte sich fröhlicher noch, als sie je gewesen. Oft, daß sie sich, wenn sie so lange gelegen und in die spinnenden Lüfte gestarrt, selber wie der einsame Reiher hoch und fern und frei zu schweben schien.

Herr Kroen war immer voll Vergnügen um Frau Hartje.

Manchmal sagte er pfiffig: »Ein Wunder hat dich mir wiedergegeben.«

Dann zupfte er an ihren Schulterbändern herum und steckte wohl auch Frau Hartje das kirschrote Seitentuch fester um den Hals zu, das zu dem goldenen Herbstgewirr des Gartens einen lieblichen Eindruck gab. Dann mußte Frau Hartje lachen, weil es ihr sanft dünkte, daß sie ein Wunder Gottes gerettet hatte, und sie dachte von ferne an eine Macht ohne Grenzen, von stummen Menschenblicken und lautlos bewegten Menschenlippen herab gefleht, die heimlich willfährig gekommen war, ihr müdes, durstendes Herz neu mit Kraft und Glauben zu tränken. Oh, ihr junges Herz schlug jetzt fühlbar. Sie träumte oft der bleichen Nonne mit sanfter Röte im Gesicht in die frommen Augen hinein den Traum der himmlischen Gnade. Und es kam wie ein fernes Erinnern auch, als wenn des Heilands beide sanften Hände selber nach ihr sich ausgestreckt hätten, sie aus Ängsten der Finsternis und der eisigen Abgründe ins warme Licht emporzuheben.

Aber eines Tages kam endlich der junge Priester zu Herrn Kroen ins Haus. Er stand im Treppenhause, bleich und asketisch wie immer. Er tat sanfte Fragen, schon wie er mit Herrn Kroen die Treppe zu Frau Hartje emporstieg.

Da mußte sich Frau Hartje, die an der offenen Terrassentür im Lehnstuhl lag, vom Ton der Stimme getroffen, plötzlich besinnen. Da kam für ihr Erinnern, wie aus einer Brunnentiefe Perle um Perle, so das Bild eines Beters und Gottüberwinders herauf und ihrem inneren Blick immer näher, so daß sie vor dem Bilde, jetzt schon in den Rahmen der Terrassentür leibhaftig hineingeschaut als großer Schatten, gebunden dalag, als läge sie diesem Heiland in seinen ringenden Ruferarmen, und als hörte sie noch immer die stummen Gewalten mit zerrissenen Ausrufen aus diesem Munde Gott um ihre kranke Menschenseele bitten.

Hieronymus van Doorn war in dem Augenblicke mit Herrn Kroen wirklich eingetreten. Herr Kroen ganz wie ein Weltkind. Herr Kroen mußte laut lachen, weil Frau Hartje erst eine lange Weile nach dem Eintreten zu sich kam. Um so mehr, weil sie noch vollends ganz erbleichte, als sie Hieronymus van Doorn erkannte, den feinen, mageren, tonsurierten Mann, der jetzt nur im schlichten Priesterrock vor ihr stand.

»Sehen Sie, Herr Pfarrer, wie sie noch schwach ist! Das Blut fährt ihr gleich aus den Wangen, wenn sie den leisesten Schreck hat,« sagte Herr Kroen und nahm ihre Hand und küßte die Hand, indem er sie dann dem Priester fast sorglich in die seine legte.

»Sieh hier, mein gutes Weib Hartje,« sagte er dann sanft. »Der Herr Pfarrer kommt persönlich nach dir fragen.«

Aber Hieronymus van Doorn hielt nur jetzt Frau Hartjes Hand in der Seinen und sah auf die Hand nieder, die ein wenig in der seinen lastete, und verlor sich beinah in der stillen Betrachtung, daß diese weiße, feine, bläulich durchäderte Hand Frau Hartjes Hand wäre. Er sah die Hand lange an und sah dann in Frau Hartjes Augen hinein, die so blau waren wie das Aderwerk der Hand. Und er verstand noch immer nichts zu sagen, weil er sich beinahe wieder in der stillen Betrachtung verlor, daß diese Augen, die heute so selig und gläubig und frei und so glänzend wie der Himmel in seine Blicke sich senkten, die Augen von Frau Hartje wären, die einmal nur von letzten Ängsten gejagt, sich gläubig an ihn geklammert hatten.

Aber Hieronymus van Doorn besann sich. Frau Hartje hatte jetzt gelacht mit hellem Klingen. Frau Hartjes Lippen bewegten sich und plauderten mit Purpurröte. Er sah die blinkenden, kleinen Zähne in offenen, feuchten Lippen liegen. Und die kleine Weiberzunge zwischen Zähnen und Lippen spielen. Er hörte den lieblichen Ton ihrer Rede. Und sein Gefühl erfüllte eine Genugtuung, weil es von Dankbarkeit hallte. So daß Hieronymus van Doorn allmählich aus seiner Verwirrung ganz aufgerichtet emporwuchs. So daß nun das Lied der Genesung, das auch ihm in den letzten Wochen nur heimlich ohne Namen und Bestimmung in dem Geläute der Kirchenglocken und dem Brausen des Meeres in den Dünen und dann aus ihm über seine Kirchengemeinde hin als Preis der Gottesjungfrau und Gottesmutter gehallt und geklungen, in ihm deutlicher jetzt als Kraft aufsprang und er wie ein Jüngling zu Frau Hartjes lieblich tönenden Worten zu lächeln anfing.

Herr Kroen hatte dem jungen Priester einen Seidenstuhl in die Tür geschoben.

Er saß nun, ein lächelnder Schatten, vor ihr.

Die Sonne kam glühend über die fernen Meerwogen, saß als Scheibe auf dem Meerrand und umfloß Frau Hartjes reiche Haarzöpfe, die blond über ihre kleinen Ohren lagen. Blinkend lagen die reichen Falten des blaugrünen Seidenkleides an ihrer schlanken Mädchengestalt herab. Ein kostbarer Goldreif mit einer Perle hielt das Haar an der Stirne in wenig gebunden. Die Augen waren voll Strahlen. Von ihren sanften, frommen Händen funkelten Steine und Perlen. Ihr Gesicht stand zärtlich zur Seite genommen mit drolligem Augenzwinkern frei im Raume.

Hieronymus van Doorn hörte und sah. So daß auch ihm eine Anwandlung von Farbe in die mageren, hohlen Wangen kam. Er sah auch die vollen, dunklen Wimperkränze, die die jungen Blicke ewig umschatteten. Er sah alles. Er war gefangen in der Pracht der Jugend, die hier neu und strahlend das Leben liebte und lebte, die eine Auferstehung feierte in das irdische Herbstparadies, das innen und außen, über Terrasse und Garten und Himmel und Meer gebreitet lag. Alles umspann ihn. Alles sang die Sprache der Genesung, die auch Herrn Kroens volle Lippen erzählten und die in seinem Monokle in die untergehende Abendsonne hinausblitzte. Es war jetzt ein sanftes und eindringliches Geplauder von Munde zu Munde und von Auge ins Auge hinein. Auch Hieronymus van Doorn, obwohl er noch in der Morgenfrühe mit verzehrten Blicken und heimlich sehnsüchtig von der Gottesminne lockende, heilige Worte gemacht und die Macht der Gnade gepriesen, tändelte in diesem Augenblicke nur wie ein vom Stamme gelöstes Herbstblatt. Er saß in den verbleichenden Strahlen der goldenen Himmelsscheibe und wußte nur jetzt, daß er ein echter van Doorn und aus vornehmem, alten Geschlechte war.

Man sprach von weltlichen Dingen. Schüchtern rühmte Hieronymus den Glanz der Erde und die Schönheit des Kroenschen Strandschlößchens. Und er begann froh in Frau Hartjes Augen hinein von den Burgen Derer van Doorn, die sie einst im Lande besessen, eine flüchtige Erzählung.

Erst wie die Erde erblich und das Meer mit grauen Schaumkämmen den Strand peitschte und in Nacht einsank, ging der junge Priester hastig und ohne Acht auf den fauchenden Seewind mit mancherlei lichten Gestalten in Blute und Sinnen durch die Dünen heimwärts.

Viertes Kapitel

Hieronymus van Dorn hatte immer hinter Mauer und Dornen gelebt. Auch jetzt saß er eingekerkert und gebunden und verstrickt in seine heiligen Entsagungen.

Es war gut, daß der Winter gekommen war und die Sonne im Lande ganz ausblies.

Da gab es viele Einsamkeiten in den verstreuten niederen Giebelhäuschen am Meerstrand. Und aus dem einst wetterharten Gesichte manchen Fischermannes, der in der Wogenwelt im Sturme unerschrocken die Segel gerefft, und der jetzt die finstere Balkendecke des einsilbigen Raumes anstarrte, seinen inneren Blick in Demut und Begier der Erlösung zugewandt, gab es ein Leuchten und eine rechte Verklärung, wenn Hieronymus van Doorns weihevoller Schatten im Dämmer ragte und Hieronymus heiße Flüstergespräche den Engeln riefen, die arme, sterbende Seele in Gottes Schoß zu tragen.

Es gab viele Einsamkeiten über das Land und den Meerstrand gebreitet.

Hunderttausende von weißen, schillernden Meervögeln saßen reglos im Sande, darin Eisscheiben sich zerbrochen stauten, oder machten ein gelles, schrilles Gekreisch, das die graue, grenzenlose Meerluft ganz ausfüllte, wenn sie sich flügelrauschend wie hoffnungslose Geister erhoben, dem Zuge der wilden Wolkennacht nachzuziehen. Hunderttausende von Krähen krächzten im Meersande, scheu und gewitterhaft zusammenhockend, nur aufgestört von dem verhallenden, harschen Schritt eines Fischers, den der Sturm fast zerriß. Oder sie gaben sich eintönig klagende Warnrufe am dunklen Nachtufer hin, wenn die heilige Berufung als Helfer und Rat den jungen Priester hinausgeführt und er in der flatternden Finsternis mit verlorenem Stapfen, fast nachtwandlerisch nur in seine inneren Gesichte eingehüllt, durch die Dünenhügel heimkehrte.

Was in Hieronymus van Doorn vorgegangen war, seitdem er aus dem Hause der Kroens heimgekehrt und die fröhlichen Worte und das klingende Lachen von Frau Hartje noch im Ohre mit sich getragen, wußte niemand. Wenn er noch im Auge von Frau Hartje schüchtern und scheinbar froh dagestanden und zu all den heiteren Worten der blonden Genesenden auch seinerseits heiter sich verneigt hatte, schon daheim im Pfarrhaus hatte die Gottesjungfrau auf seinem Altare wie mit überirdischem Lichte geleuchtet. Und er hatte davor gelegen mit harten Schwüren, daß die Heilige sich zu ihm geneigt und himmlische Chöre aus dunkler Nachthöhe das Cyrie eleison in seine erlösenden Gebete gesungen.

Aber in einer Nacht im Winter, in der Weihnacht, wie die Glocken der Strandkirche längst verhallt waren, fand Hieronymus in seiner Einsamkeit keine Ruhe. Er war noch im Meßgewand in die Dünen hinausgelaufen. Der Nachthimmel war Stern an Stern. Es war eisig. Es war in ihm gleich eine seltsame Freude. Wie wenn einer, der lange in einer Umnachtung gelebt, plötzlich irgend woher ein Licht sieht.

Die Tage vorher hatte er nicht geruht mit Fasten und Beten.

Er war in die Dünen gelaufen und hatte vor sich hin ein Lied psalmodiert. Es war gleich wie ein Rausch. Er ging und ging, Hügel auf, Hügel ab. Die Schneedecke war dünn und knirschte. In den Dünen stand auch ein Bild der Gottesmutter in einer Nische, davor ein Strandhase aufgescheucht in die Höhe sprang und als mächtiger schwarzer Schatten entschwand. Das Licht der Sterne war in dieser Nacht so hell, daß es auch die heilige Jungfrau kräftig beschien und man die goldenen Metallsterne um ihr seliges Angesicht blinken sah. Aber der junge Priester hatte sich dabei durchaus nicht weiter aufgehalten. Ein Gebet war ihm in diesem Augenblicke gar nicht auf die Lippen gekommen. Das Lied, das er psalmodierte und das wie ein Weihnachtslied klang, hatte etwas ganz Fröhliches. Fröhlicher noch, als wie es in der Gemeinde der Fischer aus den harschen Kehlen geklungen. Der junge Pfarrer sang es jetzt ganz voll und hörbar in die Sterne.

Es ist ein Reis entsprungen
Aus einer Wurzel zart,
Wie uns die Alten sungen,
Von Jesse kam die Art;
Und hat ein Blümlein bracht,
Mitten im kalten Winter,
Wohl zu der halben Nacht.

Am Himmel war ein wundersames Leuchten. Die Sterne waren groß wie goldene Bälle. Und die Nachttiefen wie tiefblaue Gründe. Wer aufblickte, mußte die Weihnacht fühlen. Und der Pfarrer wanderte und psalmodierte ohn Unterlaß:

Das Blümlein war sei kleine
Und duftet doch so süß,
Mit seinem milden Scheine
Verklärt's die Finsternis:
Und blüht uns immerdar,
Tröstet die Menschenkinder,
Holdselig, wunderbar.

Wer sein schmales, mageres, zerhärmtes Gesicht sonst kannte, hätte jetzt ein sonderlich vom Aufblick wie erschöpftes, vom Heißhunger seliges Gesicht gesehen. Und es ist gar kein Zweifel, daß wie er lange in den finsteren Nachthügeln stand, und am Rande der nachtschwarzen Erde die schönen Sterne des Orion funkelnd aufstiegen, er einen Augenblick auch das Gesicht der Frau Hartje mit unter den Sternen und in den blauen Nachtgründen leuchten und empor schweben gesehen.

Wer kann für Gesichte?

Auch wie Hieronymus in tiefer Nacht ins Pfarrhaus kam, das große Türschloß schnappen gehört und Licht gemacht, hatte er sich nicht weiter sonst umgeblickt nach den heiligen Nischen. Er hatte das Kreuz mit dem Christ, das auf seinem Schreibtisch stand, und das Betpult mit der Gottesmutter auch hier nicht weiter angesehen. Er war auch hier, von der Zerknirschung der nächtlichen Weihe Gottes ganz losgelöst, nur auf's Bett gesunken, wie endlich ganz schwach und müde geworden. Und war in der Tiefe der Belebung, die ihm doch noch in allen Sinnen zuckte und rann, jäh und geheimnisvoll bei brennendem Licht in dem ärmlichen Dunkelraume eingeschlafen.

Aber das Licht, diese kleine Kerzenflamme, fiel ihm durch die geschlossenen Augenlider in seine Träume und begann die Welt innen noch seliger und ungebundener zu beleben.

Da kamen allerhand fröhliche Kinder um ein flackerndes und hin und her bewegtes Wesen. Das mochte wohl immer noch die lichte Feuersäule im Dunkeln sein.

Und die Kinder, die Fischerkinder waren und in Holzschuhen liefen und hörbar trappten und in irgend einem Paradiesgarten einher liefen, waren auch ebenso rasch wieder vom Dunkel eingeschluckt.

Das war durchaus nur ein rechtes Schlafen und ein rechtes Versunkensein.

Der junge Priester hatte die Augen nur fester dem Lichte zugetan.

Aber das kleine Licht leuchtete weiter und durchdrang noch seine tieferen Dunkelheiten.

Da gab es schon wieder ein heiteres Jubiliren.

Es waren allerlei harsche Wettergesichter und ein Schwarm gieriger Vögel kam kreischend aus heller Luft, wie wenn Frühling wäre. Und es schien, wie wenn eine seine, lachende Stimme sie alle riefe und nun die weißen Vögel alle in der Luft zu kreisen begönnen und der Irrende nicht vermöchte, den wunderlichen Visionen aus diesen Lauten, die auch ihn bestürmten, Einhalt zu tun. Er vermeinte, daß er selber mitten im Schwarm daher liefe, der lachenden Stimme nachzueilen, und als wenn ihn eine Sehnsucht ganz schwach und elend doch wieder zurück ins Dunkel würfe.

Der junge Geistliche schlief jetzt wieder den tiefsten Schlaf in den Gründen, die zu allerfernst in dem Lande der Träume dämmern.

Zu allerfernst liegen die Gründe der tiefsten Geheimnisse. Und aus ihnen können Sirenen singen.

Aber der junge Geistliche schlief noch den tiefsten, schwersten Schlaf in den letzten Gründen.

Nur das kleine Licht brannte heiß und streckte sich und arbeitete selber wie eine Seele, um des jungen Hieronymus Seele tiefer und tiefer aufzuhellen.

Die Flamme hatte noch immer das tiefe Dunkel um sich, indem sie ragte wie ein goldenes Geheimnis. Und vor sich das tiefe Dunkel von Hieronymus Seele, die im innersten Schlafe jetzt inbrünstig stöhnte und schwer nach Atem sich mühte. Beinahe schien der junge Geistliche auf seinem Bette, worauf er mit dem Priestergewand angetan, von Eisflocken der Nachtfee angeweht und durchnäßt, hingestreckt lag, zu erwachen.

Er regte sich.

Aber er erwachte nicht.

Er sank nur in letztes, völliges Vergessen.

Da hatte die kleine Flamme endlich den Grund der schlafenden Seele langsam und sanft erreicht.

Und es kamen allerlei frohe Menschen, die in einem Bergtale schritten. Es mußte ein Fest sein. Es kamen auch Züge von weißen Tieren. Es kamen auch glänzende Engel mit Schalmeien und mitten inne in einer Schar, die ihm deuchte wie dienende, heilige Frauen, ging lächelnd von einer unbeschreiblichen Güte Frau Hartje wie unter einem Baldachin, und ihre Blicke riefen in die Luft . . . riefen seinen Namen . . . nur immer wieder seinen Namen, den alle Lüfte wiedergaben, wie ein Echo . . . und er hörte seinen Namen rufen . . . er wollte aufstehen . . . er konnte sich nicht lösen, weil ihn ein Bann gebunden hielt . . . es war eine furchtbare Pein. Er konnte sich nicht lösen. Er war gebunden an Händen und Füßen. Gefesselt richtig, daß Blut von Händen und Füßen rann. Er hatte eine Qual, weil er in glühenden Ketten lag, die ihm den Odem aus der Seele preßten . . . er mußte sich lösen. Er mußte dem Rufe folgen, der in den hellen Lüften nicht ausklang. Frau Hartje rief ihn. Sie rief ihn mit lockender heimlicher Stimme. Jetzt hatte er Kraft! . . . jetzt begann er zu wachsen! . . . jetzt zerbrach er alle Fesseln und sprang in die Höhe . . . und stand wie verstört . . . blickte sich um . . . sah das kleine Licht im Raume . . . der weite Himmel sank krachend zusammen . . . Hieronymus erkannte wieder den engen, schwarzen Raum seiner ärmlichen Stube . . . und seine Verwirrung ging unter in heißen, zerreißenden Tränen, die er in die irdische Nacht unaufhörlich weinte.

Aber am anderen Morgen kam zufällig auch ein Brief von Frau Hartje Kroen und auch von Herrn Kroen, worin ihm beide Grüße aus dem Sonnenlande sandten, darin sie den Winter zur vollen Genesung Hartjes leben mußten, und worin es geschrieben stand, daß sie sich auf die Rückkehr in ihr Strandschlößchen sehr freuten oder wie Frau Hartje stärker sagte, nach nichts als wie danach sich sehnten. Worin noch geschrieben stand, daß sie nichts mehr wünschten, als daß dann der Pfarrer oft ihre Schwelle mit seinem hehren Wesen beglücken möchte.

Hieronymus van Doorn erschienen dann bald seine Aufwühlungen und Träume wie ganz fern und fremd.

Fünftes Kapitel

Unterdessen war Frühling geworden. Krabben lagen am Strande und sonnten sich. Die See gewann blauen Glast weit in die Ferne. Da waren im Fischerkruge alte, lange, umfräste Gesichter laut über die Aussichten der beginnenden Fänge. Und in dem Strandschlößchen der Kroen hatte man gelüftet und die Vorhänge aufgezogen. Und bald war das Leben über Friesdecken und Teppiche neu herein gesprungen, und Frau Hartjes klingendes Gelächter und Herrn Kroens sehr männliche Stimme hallte in Zimmern und Gängen. Es war auch Besuch in das Kroensche Haus miteingezogen. Eine alte, vornehme, breite Dame, eine gräfliche Dame, die die Mutter von Frau Kroen war, und ein junges lustiges Fräulein, die Jüngste der alten Gräfin, die also Frau Hartjes Schwester und jetzt eine rechte Spielgefährtin war.

Aber obwohl jetzt auch der Garten voll von Blüten sproß, die Büsche sich mit Grün behingen, und die jungen Augen, die hell in die Welt sahen, von der hellen Sonne noch lebendiger wiederglänzten, in den Augen der Frau Hartje blieb etwas ungestillt.

Hieronymus van Doorn, der junge Priester, war noch nicht ins Kroensche Haus gekommen.

Man vergnügte sich.

Herr und Frau Kroen mit der jungen Komtesse ritten täglich am Strande hin. Sie ritten durchs Dorf, wo mitten die Kirche lag. Sie sahen dem jungen Pfarrer wiederholt in die Fenster. Der schlanke heilige Mann, wie ihn nun auch Herr Kroen bezeichnete, war ihnen nirgend in den Weg gelaufen.

Und einer direkten Aufforderung, die ihm Herr Kroen auf Frau Hartjes Wunsch einmal zugesandt, hatte er seine allzu reichlichen Pflichten in seinem Priesteramte entgegengesetzt. Herr Kroen sah seine junge Schwägerin mit dem Monokle drollig an und machte spöttische Bemerkungen.

»Ein Priester fürchtet sich immer vor jungen Damen. Aber da tut auch ein Priester sehr recht«, sagte er schon jetzt ein paarmal, wenn auf den hohen, bleichen Hieronymus die Rede wieder einmal gekommen war.

Hieronymus banden wirklich Pflichten genug. Mit Gott zwischen Erde und Himmel vermitteln. Die Einen, die trachten und tun, weihen, die Andern verfluchen! Die losbinden für die Ewigkeit, und die andern mit Heilsrufen nennen, die in der Zeitlichkeit ihre ersten Schritte tun! Heute am Grabe den Namen Gottes in die sonnige Strandwelt rufen, und morgen ein bekränztes Paar als des Gottes bindende Hand selber berühren zum ewigen Bündnis unter Jubilieren der hellen Knabenlobgesänge vom Holzchore nieder in die hellbesonnte Backsteinkirche. Und neben dem allen ein Mensch sein und mit sich selber fertig werden, in dieser Zeitlichkeit ein himmlischer Diener Gottes sein, eine Seele zu sein, die Gott in sich trägt auf allen Wegen! Hieronymus begriff es, daß da volle Kraft quellen, volle Liebe sich hingeben, der Stolz und die Strenge Gottes einherschreiten und nicht rechts noch links auf Blumen und Steine groß achten dürfe.

Und so schritt Hieronymus auch jetzt wieder wie ein Heiliger unter den Fischersleuten und ging zu denen in ihre niedrigen Türen ein, die ihn riefen um Gottes willen.

Da war es eines Sommertages. Der Sommer war langsam herangekommen. Der Strand war weit und breit leer. Boote und Schaluppen lagen draußen auf dem Fischfang in Seeferne. Und Hieronymus hatte sich auf einem Gange in die Dünen befunden, nachdem er ein kleines, sterbendes Fischerkind mit inbrünstigem Gebet für seinen Weg in die Himmel Gottes gesegnet. In Hieronymus zitterte wie immer die heilige Handlung im Blute nach, und er sann, indem er ging.

»Es muß seltsam selig sein, wenn ein kleines, lachendes Kind in die Pforte eingeht,« dachte er und hatte vor Augen noch immer das Kindergesicht, dem er die Unruhe des Sterbens aus den bleichen dürftigen Zügen mit Handauflegen und innigem Flüstern genommen.

Das Kind hatte noch kein Lächeln in seiner Seele gekannt.

Und darum grade dachte Hieronymus jetzt daran, daß im Himmel das kleine, hülflose Wesen ein Lächeln und Fröhlichsein finden und ein kleiner seliger Engel eingehen werde. Denn er wollte jetzt nur Himmelsgedanken und die Wonne seiner Berufung fühlen, den armen Erdenmenschen voll Schweiß und Genügen immer neu die Freuden der Gnade auftun.

Da sah er in den Dünen am Muttergottesbilde ein paar Frauen stehen.

Hieronymus war aus seinen Gedanken gleich wie aufgeschreckt. Hieronymus hatte Sinne wie ein junger Falke. Er hatte sogleich erkannt, daß die eine der beiden jungen, sommerlich losen Frauen Frau Hartje war. Und er war auch sogleich von seinem Wege abgebogen. Er nahm eine Haltung, als wenn er mit ruhigen Schritten querfeldein durch die Dünen heim müßte. Dann begann ihn der Gedanke der Flucht wie eine Feigheit zu quälen. Und er blieb eine Weile hinter einem Hügel an einem Weidengebüsch stehen. Da sah er, daß die beiden Frauen noch immer im Sande vor der heiligen Jungfrau knieten und sich nicht gerührt und ihn nicht bemerkt hatten. So wandte er sich wieder auf seinen alten Weg zurück.

Man kann sagen, daß in dem jungen Pfarrer gleich alles wie aufgescheucht und wie gejagt war. Der Gedanke und die Vision der Paradiespforte war verwichen, wie Träume verweichen. Darin war keine Macht, wenn sich Frauen vor der Gottesjungfrau im Sande knieend, lieblich bunt wie Blumen im Dünengras und in sinkender Sonne vor das Auge stellen. Der asketische Hieronymus kämpfte heimlich, um sich still und gemessen auf dem Wege zu halten und nicht furchtsam abzuirren und nicht feige der Versuchung auszuweichen. Es dünkte ihn jetzt richtig eine Schmach, nicht aller wegen ein stolzer, freier, hochgemuter Helfer und Mittler Gottes zu sein. So gewann er allmählich auch die vollste Hoheit wieder in seine Schritte und die innerste Umklammerung dessen, der ihn durch das Leben führen sollte. Er ging, wie Adler über Abgründe fliegen, mit sicherem Niederblicken. Oder wie Kriegsrosse, wenn unter ihren Füßen Leichen um Leichen liegen und Gestöhn die Luft zerrüttet, und dann ihr Atem fast hörbar sich spannt und ihr Gang hinschwebt wie aufgeschnellt, erhaben und doch sicher gebändigt.

In den Lüften schwammen Möven in kleinen Scharen in großen Runden. Er sah ins Licht auf und sah eine Weile nicht mehr die Erde.

Aber wie Hieronymus van Doorn wieder die Erde nahe fühlte, war Frau Hartje einsam geworden. Er sah, daß sie allein noch auf dem Wege stand. Die andere sommerhelle Gestalt war in der Richtung nach dem Stranddorf verschwunden. Frau Hartje stand aufrecht. Sie zögerte offenbar, wohin sich wenden. Der Wind ging leicht in den Dünenhügeln hin. Glockenläuten verklang in der hegerigen Abendluft vom Dorfe herüber. Das Kleid der Frau Hartje wehte, so daß sie wie eine Fischerfrau stand, die sehnsüchtig in die See blickt, vielleicht den Liebsten aus der Sturmferne erwartend. Auch die Bindebänder ihres Hutes wehten. Ihr Kopf und Nacken waren in einer großen, gelben Strohkiepe, die das Gesicht tief beschattete, ganz verborgen.

Die schrillen Rufe der Möven klangen nahe. Hieronymus klammerte sich an diese Rufe, um noch immer wieder mit sich und der leuchtenden Gotteswelt allein zu sein. Obwohl er jetzt wirklich ein Gefühl der Schwäche schon im Blute empfand, und seine Beine müde waren im Sande zu stapfen. Er schlürfte eine Weile nur so hin. Aber er tat noch immer, als wenn er nicht ahnte, daß Frau Hartje näher und näher heran kam.

Er blieb ohne Absicht noch einmal stehen. Er begann in den Meersand zu blicken, wo die Kiesel knirschten. Wo die letzten Wellenschäume mit perlmutternen Blasen im Sande verebbten, und worüber die Strandflöhe ihr ruheloses Hüpfen und Springen betrieben. Er war lange stehen geblieben, als ob ihn dieses Spiel ewig fesselte. Und er mußte kindlich in sich hinein lachen, weil von den Pforten des Paradieses, darein er noch eben dem verbleichenden Kindlein selig nachgesehen, bis zu diesen elenden Strandhüpfern eine ziemliche Kluft übersprungen werden mußte. Und nun stand er auch schon, ohne daß er sich weiter wehrte, vor Frau Hartje selber.

Frau Hartje sah licht aus wie eine Heilige, von flaumiger Rosenhaut und doch jetzt ein wenig erblassend. Die hellen Blicke voll Lieblichkeit verrieten an sich nichts Schwaches mehr. Sie hatte lange, weiße Spitzenhandschuhe in Händen. Ihre schönen, sonnigen Hände und Arme tändelten mit den Handschuhen und mit Strandblumen. Daß sie aus einer Bestürmung des Blutes nicht gleich heraus fand, verwirrte auch den jungen, hastigen Mann zuerst. Sie sprach schüchtern. Während sie sprach, kaute und knabberte sie wie eine Maus mit ihren silbernen Zahnrändern an einem Grase herum, womit sie immer wieder neu in den feuchtschwellenden Mund fuhr.

»Aber sagen Sie doch, ehrwürdiger Herr Pfarrer . . .«

Sie hatte dem jungen Pfarrer ihre kühle Hand in seine nervige Hand gelegt. Sie war unschlüssig.

»Warum denn nur das ewige Fernbleiben? . . . Sind immer nur heilige Pflichten ins Buch Ihres Lebens geschrieben?« sagte sie.

Hieronymus bewahrte ganz seine Würde. Seine sengenden Blicke hafteten nirgend. Sie glitten in dieser Zeit über die schimmernden Dünen und das glühende Meer hin. Und sie sogen sich allmählich ganz voll Fröhlichkeit.

»Seien Sie mir deshalb nicht ungnädig . . .« sagte er ganz sanft und hoheitsvoll. »Ja wirklich . . . die heiligen Pflichten halten mich völlig gebunden . . . ich habe in der langen Zeit die Erde kaum gesehen . . . aber jetzt sehe ich es wieder . . . die Erde ist schön! . . .« sagte er.

»Aber Sie sehen gar nicht munter aus, Ehrwürden,« sagte Frau Hartje lebhaft mit sorglicher Betonung. Sie wagte jetzt dem jungen Pfarrer ins Gesicht zu sehen und sah, daß er verhärmtere Mienen trug als je.

»Das merkt ein Mann nicht, der sich in Gottes Schutze weiß,« sagte Hieronymus mit weichem Gelächter.

»Sie müssen auch einmal einen irdischen Feiertag machen,« sagte Frau Hartje.

»Und einmal wieder von den alten Burgen und Schlössern Derer van Doorn erzählen . . . und mich auf meinen irdischen Namen und meine flüchtige irdische Vergangenheit eitel besinnen . . .« sagte Hieronymus.

»So furchtbar streng sind Sie mit sich?« sagte Frau Hartje.

»Ein Priester Gottes muß Gottes Gebote kennen und achten,« sagte der junge Asket.

»Oh lieber Himmel!« sagte lieblich schüchtern Frau Hartje, nahm ihre Strohkiepe vom Haar, zeigte ihren schönen, hellen Kopf mit den dicken Flechten und bog ihn kindlich lachend zur Seite. »Solch kleine Abirrung ins Weltliche kann noch heute Ihr Kummer sein?« sagte sie nachdenklich und schwieg dann lange.

»Nein nein,« sagte Hieronymus lebhaft und wie erwachend. »Gott vergibt dem die Sünde, der Buße tut.«

So gingen die beiden mit einander. Manchmal in Schweigen. Manchmal auch, daß der Priester stehen blieb, mit seiner Krücke in den Sand malte und zu Frau Hartjes kindlichen Worten fröhlich aufsah.

Sechstes Kapitel

Wenn jetzt der Sonntag sonnig übers Meer in die niedrigen Fischerhäuschen und in die kleine, rote Backsteinkirche kam, war in Hieronymus Seele tiefes Ungemach. Er lag betend in seiner ärmlichen Pfarrstube. Seine Augen waren von Inbrunst geschlossen. Sein verhärmtes Gesicht rang um den Frieden dessen, der ihn bis heute noch nicht verlassen hatte. Er sah auf zum heiligen Christ am Kreuze, der als drohendes Zeichen an der Wand aufwuchs. Und seine Gelübde gingen mit inbrünstigem Atem über die hastig murmelnden Lippen.

Und wenn dann das kühle Kirchengewölbe sich mit Fischersleuten füllte, wenn die alten wetterharten Männer und Weiber und ihr blühender Nachwuchs der kleinen Schnitzkanzel mit dem schwebenden Holzengel darüber verlangenden, kindlichen Auges sich zugewandt, von wo Hieronymus heilige, flehende Rede über die Köpfe sanft hinfloß, da saß auch Frau Hartje Kroen mit ihrer vornehmen Mutter und Schwester und mit Herrn Kroen feierlich und licht in der kleinen Seitennische. Und Hieronymus hatte einen harten Kampf zu kämpfen heimlich, daß er nicht wieder ganz den Sinn seiner heißen Worte vergaß, und Frau Hartjes fromm versunkene Herrlichkeit nicht ganz das heilige Gnadenbild auf dem Altar verdrängte, das noch immer bunt über dem Goldkelche zu schimmern schien.

Hieronymus Versunkenheit in die Predigtworte schien in solchen Augenblicken wie ein Fieber. Als könnte er nie aus seiner ringenden Erbetung des Heils je wieder in die Welt der irdischen Gewalten sich zurückfinden.

Die Fischergesichter waren tief ernst.

Auch Frau Hartje war versunken. Ihr kostbares, goldviolettes Brokathäubchen, davor die dicken, blonden Zöpfe vor den Schläfen lagen, senkte sich. Ihr Auge war wie das der heiligen Jungfrau selber fromm und heilig.

Und Hieronymus konnte seiner Verwirrung, je leidenschaftlicher er redete, um so weniger Herr werden. Weil sich das Spiel in seinem Blute ewig wiederholte. daß er in Frau Hartjes Gesicht heimlich tief hinein sah, als stünde es als heilige Gnadenjungfrau selber über den Häuptern im Raume. Bis er über der Lebendigen die toten Götterbilder alle vergessen.

Wenn er dann aus der Predigt heimkam, sehnte er sich. Er stand still in seinem Pfarrgarten. Die süße Schwermut der jungen, lichten Blicke Frau Hartjes stand vor seiner Seele. Er sah noch immer die weiche, frohe Hand, die sich zärtlich an die silberne Wasserkapsel gelegt hatte, mit der er die frommen Hörer weihend besprengt. Er fühlte noch immer die goldenen Fäden in der kühlen Kirchwölbung allseitig ausgespannt, die aus ihrer andächtigen Seele heimlich hingeflossen wie Sonnenfäden zu seiner Seele. Er begann auch jetzt ein Spiel zu treiben mit den ragenden Blumen, die im Pfarrgarten an der alten Ziegelmauer blühten. Er mußte lachen, weil er dachte, daß eine solche steife Schwertlilie, wie sie in Büscheln vor ihm aufragten, mit ihrem seltsamen, schneidigen Zierat wohl Herrn Kroen gleiche. Aber die volle. reiche, blaßgelbe Rose, die üppig aufbrach und wie ein zaubrischer Weinkelch Duft hauchte, nur Frau Hartje selber sein könnte, niemand sonst weder auf Erden noch im Himmel.

Dann war seine Seele ganz entzündet.

Dann nannte er heimlich ihren Namen, als wenn er leibhaftig mit ihr spräche wie mit einer Geliebten.

Und wenn er sich an den Schreibtisch gesetzt, um an den heiligen Worten zu sinnen und zu spinnen, mit denen er die Fischersleute im Dorfe für ihr hartes Lebensgeschäft mahnen und stärken wollte, da entdeckte er sich wohl gar dabei, daß er Zettel um Zettel beschrieb und zerriß, worauf richtige Verse standen, wie sie Jünglinge schreiben, die sich zum ersten Male nach einem Mädchen sehnen.

Auch Briefe schrieb er an Frau Hartje. Heiße, irdische Briefe, wie sie wohl ein Ritter van Doorn ehedem an seine auserwählte Geliebte manchmal mochte geschrieben haben.

»Herrliche! Wie Du aufragst! . . . kräftig wie die Mutter junger Fischer . . . mit runden Armen, die von Fleisch glänzen und duften . . . mit den güldenen Armspangen, die deine Fülle zeigen . . . mit Deinen hellen Blicken, die sehnsüchtig von den Geheimnissen reden . . . mit Deinen rosigen Füßen, mit denen Du im Sande tändelst vor meinen Augen . . . mit Deinen kleinen, blanken Zähnen, die die Strandgräser zerbeißen, einen Halm nach dem andern . . . indes Du in Dich hineinlauschest, weil Du es vielleicht doch erhören möchtest, daß auch meine Seele tönt . . . Ja, ich liebe Dich! . . . ich liebe Deine eisklaren Augen . . . Deine goldenen Haare, die wie Weizenähren riechen . . . aber ich bin ein Priester . . . ein Geweihter . . . ein Streiter Gottes . . . und wenn ich Dich gleich liebte wie die Sonne die Blumen, so will ich doch nur einher gehen wie ein gepanzerter Turm, in dem die Liebe verschlossen liegt wie ein Schatz . . . Ja, ich liebe Dich, herrliche Hartje! . . . ich liebe dich, du herrliches, irdisches, blondes Weib Hartje! . . . ich liebe dich! . . .« so schrieb er. Und schrieb hundert solche Briefe in Tagen und Wochen und zerriß sie wieder.

Und es ging mancher Sommertag über Meer und Dünen hin.

Auch heute hatte Hieronymus van Doorn, wie er von den blumigen Hügeln des Strandfriedhofs heimkehrte, Frau Hartje begegnet.

Und Zeit und Stunde verging in tiefer Einsamkeit.

Der Meerstreif rauschte in der Ferne mit eintöniger Gewalt. Die Strandhalme zitterten, und die kleinen, blauen Skabiosen nickten drollig und hastig im Winde.

Frau Hartje war ermüdet niedergekniet und hatte das kirschrote Tuch, das sie lose um die Schultern gewunden, über den Sand gebreitet, so daß auch Hieronymus sich neben sie setzte.

Sie hatte in der Einsamkeit ihre feinen Sandalen noch vollends gelöst, die sie in der Hand trug, so daß ihre schlanken Füße jetzt im Sande lagen wie kleine, rosige Tiere.

Sie begann die ärmlichen, blauen Blumen, auch vereinzelte Glockenblumen und ein paar gelbe Ranunkeln zusammenzugreifen, um sie achtlos und lieblich lächelnd zu einem winzigen Kranze zu binden. Ihr großer Strandhut hüllte ganz ihr Gesicht ein, das voll eifrigen Ausdrucks war. Ihre jungen Hände waren geschäftig. Sie lachte dazu, weil eine einzelne Möve lautlos in der hellen Luft über sie hinstrich, dann ein zweiter und ein dritter schneeweißer Vogel, der ein jeder auch einen lachenden Laut gab.

Die blinkenden Tiere flogen ins weite, blaue Meer hinaus.

Da hatte Hieronymus das Spiel dieser heiligen Hände und das Spiel dieser kindlich lachenden Seele nicht ansehen können, ohne nicht einmal laut aufzuseufzen wie in Zerknirschung.

Und Frau Hartjes blaue Augen hatten ihn dabei auch sogleich unsäglich sehnsüchtig angesehen. Aber sie hatte ihn dann nur wieder kindlich angelacht.

»Hieronymus van Doorn« begann sie drollig feierlich zu sagen »ein Ritter und ein Gottgeweihter . . . oh ja . . . das Menschenherz muß manches ertragen und darf nicht seufzen!«

So hatte sie gesagt und hatte ihn dann lange angesehen.

Und sie hielt wie eine selige Gnadenmutter noch immer den Kranz dürftiger blauer Blumen in ihren schlanken Händen.

Und dann hatte sie mit ganz verlorener Seele, wie wenn sie nicht mehr wüßte, was sie tat, die schimmernden Blumen auf des Priesters Haar sorglich aufgedrückt.

Denn Hieronymus' schwarzer Priesterhut lag im Sande.

Und Hartjes feuchtpurpurner Mund stand lange vor Hieronymus verhärmtem Gesicht. Sie hatte Mühe, den Kranz auf dem Haupte des Priesters zu befestigen.

Und Hieronymus war heimlich zerrüttet.

Aber Hartje lachte wieder nur kindlich und fromm in des Priesters sengende Augen hinein. Und sie sagte weiter mit feierlicher, glockenheller Stimme: »Nur der, der den Sieg erringt, bekommt die Krone.«

Das hatte Frau Hartje leise in den Wind gesagt und hatte dann Hieronymus ihrerseits mit tiefer Schwermut lange angesehen, indes aus ihrem jungen Gesicht die Sommerröte eine Weile auch ganz gewichen war.

Siebentes Kapitel

Wenn jetzt Hieronymus van Doorn unter seinen Fischersleuten ging, trug er ein sehr jaches Wesen zur Schau. Was er sagte, klang hart und unversöhnlich. Die andächtigen Fischersleute sahen sich dabei oft verwundert an. Es schien ihnen, als ob einer mit dem Teufel kämpfte, nicht als spräche der Heiland, wie es früher war.

Die Einfalt hatte richtig empfunden.

Hieronymus brauchte jetzt alle Inbrunst und alle Gebete, um sich gegen sich selber aufzurichten. Nicht äußerlich. Er ging noch immer hochaufgerichtet. Aufgerichteter wie je. Herausfordernd. »Welcher Mensch könnte mich einer Sünde zeihen?« So stand es fast pharisäisch in seinen Blicken und Mienen geschrieben.

Aber in seinem verborgenen Leben hinter den Mauern des Pfarrhauses war weder Gott, noch die heilige Jungfrau im Raume.

Hieronymus van Doorn saß dort vor sich hinbrütend und brachte so oft Stunden im Halbtraum zu.

Es war in der Zeit, wo Herr und Frau Kroen in ihr Palais in der Hauptstadt zurückzukehren pflegten.

In dieser Zeit war Hieronymus van Doorn völlig zerschlagen. Er besann sich nicht groß mehr auf andere Pflichten. In seinen Träumen war er kein Priester mehr. Seine Träume hatten aufgehört von Engeln mit Schalmeien und von weißen Tieren zu träumen. Wenn es ein weißes Tier war, so konnte es nur ein weißer Zelter sein, der eine Burgfrau als Braut in eine van Doornsche Ritterfeste hineintrug.

Frau Hartje war die Burgfrau, Hieronymus van Doorns allergeliebtestes Erdenweib, das er selber in seinen starken Ritterarmen auf den Zelter emporgehoben.

Und er träumte dann, wie er sie mit Kostbarkeiten und Steinen und Schätzen wie aus Tausendundeinenacht glückstrahlend behangen. Daß ein van Doorn Frau Hartje wie eine mythisch reiche Königin mit Glanz und Kleinodien besät, noch ganz anders, als ein Kroen je ein junges Weib hatte schmücken können.

Auch jetzt träumte er noch oft den Kranz blauer Blumen auf sein Haupt, mit dem Frau Hartje ihn einmal draußen in den Dünen gekrönt hatte. Er hatte das ärmliche Gewinde in ein weißgoldiges Brokattüchlein gehüllt und verwahrte es im Schube unter heiligen Dingen.

Und wenn er es ansah, küßte er es, wie er den Goldkelch Gottes leibhaftig mit den Lippen berührte.

Da stand auch wieder der junge, feuchte Mund und das frommselige Gesicht der Frau Hartje vor ihm. Und dann wähnte er gar den Himmel aller Seligkeiten offen. Dann fühlte er, daß er Frau Hartjes schlanken, schmiegsamen Leib in seinen Armen festgebunden hielt. Und er war in Verzückung und kam lange nicht zu sich.

Endlich erwachte er doch wieder in seiner Pfarrhausarmut.

Er hatte kaum mehr als Bett und Stuhl, ein paar dürftige Regale, einen hölzernen, plumpen Tisch den er seinen Schreibtisch nannte. Und wenn nicht die Gottesmutter in allerlei bunten und Goldtünchen auf dem Betpult gestanden, wären der Farben und des Glanzes wahrhaftig hier nicht viel zu greifen gewesen.

Dann lachte Hieronymus höhnisch.

Dann sah er scharf und verletzt die bunten Bilder der Götter kalt und nüchtern ragen.

Dann begriff er gar nichts als nur, daß seine Lage durchaus nicht eine van Doornsche, jedenfalls aber eine völlig zerrüttete war.

Die großen Meerwellen kamen aus dem Grau und überstürzten sich mit Schaumkämmen und schlugen den öden Strand. Die Sturmtrompeten aus dem Norden bliesen eherne, johlende Laute. Die Sturmvögel schrieen in die verdüsterte Meerluft. Sie strichen vom Lande her. Auch im Kroenschen Strandschlößchen fegte der Herbstwind durch den Garten, trieb rote Blätter in den Wegen um und machte die anmutige, lichte Frau Hartje im Herzen trübe.

Das waren für Hieronymus van Doorn schwere Tage.

Kisten und Kasten standen im Hause gepackt. Die alte Gräfin mit der jungen Komtesse waren schon vorher heimgefahren. Auch von Frau Hartje sollte er jetzt für einen langen, einsamen Winter Abschied nehmen.

Das Blut des jungen Priesters stockte in allen Adern.

Auch Frau Kroen litt heimlich von dem Gedanken an die Trennung.

Wie Hieronymus durch die durchpfiffenen Dünen ging, rief er ihren Namen in die stoßende, harsche Grauluft.

Des Weges hatte er nicht geachtet.

Er kam durchwettert vor dem hohen Eisentor an.

Frau Kroen stand trotz des pfeifenden Sturmes im Garten. Ihr kirschrotes Tuch um die Schultern flatterte. Sie lachte wehmütig in das Treiben der Blätter.

Herr Kroen war nicht in der Nähe.

Frau Hartje hatte beide feinen, schmalen Hände dem bleichen Asketen ängstlich und scheu entgegengestreckt. Und Hieronymus hatte diese beiden, süßduftenden Hände auch sogleich inbrünstig geküßt.

Und es war ihm, als wenn seine Kraft vollends zu ihren Füßen nieder in den Erdboden versänke, als wenn er jetzt ihre junge Gestalt in seinen Armen wirklich aufheben und forttragen müßte, als wenn es jetzt keine Macht Himmels und der Erden mehr gäbe, die ihn abhalten könnte, das Weib Hartje an sich zu reißen und ihres Lebens letzte, lieblichste Süße ganz auszukosten.

Es war nur ein Augenblick.

Frau Hartje hatte deutlich die Gefahr empfunden. Sie hatte eine so flehende Gebärde gemacht. Ihre blauen Augen baten so zärtlich. Ihre schönen Hände lagen so gebenedeit abwehrend gegen ihn in der Abendluft, noch ehe er eine kleinste Bewegung aus seiner Erstarrung und aus seinem Erstaunen getan. Denn wie er Frau Hartjes Hände geküßt und losgelassen, hatte er sie ins Auge gefaßt, als ob er noch nie im Leben je eine solche lichte Herrlichkeit angesehen.

So stand Hieronymus noch erstarrt, als Herr Kroen lustig dazutrat und den bleichen Priester mit vergnüglichem Handschlag begrüßte.

Dann saß man mit heiterer Wehmut bei Tische.

Und weil die Abende jetzt früh hereinbrachen, hatte Frau Hartje Befehl gegeben, die Kerzen am Flügel anzuzünden. Und nun quoll Lied um Lied aus versunkenen Mienen und ihren feuchtglänzenden Lippen sehnsüchtig in die unheimlich tosende Düsternacht.

Fromme Gesänge, die von heiliger Inbrunst sprachen und die Herr Kroen lobte.

Hieronymus van Doorn sogen sie Blut aus Hirn und Schläfen, wie Vampyre saugen.

Der bleiche Priester saß in einer Ecke des Kroenschen Musiksaales, in sich eingesunken. Die nervige, ruhelose Hand jetzt ganz aufs Gesicht gepreßt.

Und durch einen Fingerspalt sah er Frau Hartjes vom Kerzenschein vergoldetes, junges, inbrünstiges, singendes Gesicht. Und er hörte ihre glockenreine Stimme und war nicht bei sich.

Er wußte dann auch nicht, wie er ins Pfarrhaus und in sein Bett gekommen war, als er sich am andern Morgen daheim entdeckte. Er war ganz zerfahren und völlig unschlüssig, ob er in die Welt seiner heiligen oder unheiligen Pflichten – was galten sie ihm noch? – je zurückkehren sollte?

Frau Hartje und Herr Kroen fuhren an diesem Morgen in die Hauptstadt zurück.

Und der Winter kam.

Und Frau Hartje saß in der großen Gesellschaft. Ging in fließenden Schleppkleidern, schlank und lustig und vornehm durch die Salons.

Sie saß im Königsschlosse neben Generalen und Kavalieren, die mit ihr lachten und scherzten.

Und sie dachte von ferne auch manchmal des Hieronymus van Doorn, der in seiner armen Pfarre saß, doch wieder ganz eingeschnürt in seine heiligen Pflichten. Der durch die Dünen verwettert zu Sterbenden und Kranken lief und dann einsam ins Pfarrhaus zurückkehrte, darin die Wände ihn arm und leer anstarrten, und die heiligen Figuren, die nur Holzpuppen waren, ihm seine Hoffnungslosigkeit ins Gesicht schrien.

Achtes Kapitel

Nach der Weihnachtszeit hatte Hieronymus van Doorn vom Bischof einen kurzen Urlaub in die Hauptstadt erhalten. Er war im Treppenhause Derer van Doorn und dann gleich im Treppenhause der Kroens gewesen. In beiden Häusern hatte er niemand angetroffen als Diener. Aber draußen auf der Straße im Menschengewühl war ihm der vornehme Hängewagen mit Herrn und Frau Kroen in Staatskleidern hinter spiegelnden Glasscheiben, offenbar vom Hofe kommend, entgegengefahren. Frau Kroen hatte erst ganz förmlich mit kaum fühlbarem, gnädigen Kopfnicken gegrüßt, hatte dann Hieronymus erkannt und lächelnd ein wenig zurückgeblickt grade, als auch der junge, verhärmte Priester sich nach dem Wagen noch einmal umgesehen, um nun auch seinerseits den Rundhut noch einmal tiefer und ergebener herabzuziehen.

Aber diese erste Begegnung hatte Hieronymus sehr erschüttert. Schon wie der an sich eingeschüchterte, unschlüssige Heilige vom Lande in dem Hoteleingang erschienen war, hatte der abgeschabte Portier eine Miene voll heimlichen Mitleids gemacht.

Den Priester hatte nur der eine Gedanke erfüllt, Frau Hartje Auge in Auge wiederzusehen. Und jetzt war sie soeben wie ein lichtes Bild der Einbildungskraft hoheitsvoll und fern über den Köpfen und dem Staube der Menge schwebend vorübergezogen.

Hieronymus war in menschenfremde Ratlosigkeit ganz eingesponnen durch Straßen und Menschengewühl weiter gehastet und derart ins Hotel zurückgekehrt.

Da hörte er, daß der Diener von Frau Kroen den Versuch gemacht hatte, ihn persönlich zu sprechen. Der gemächliche Portier legte ihm auch einen feinen, köstlichen Brief, den Frau Hartje selber adressiert hatte, ehrerbietig in die Hände.

Frau Hartje schrieb voll Huld: »Nein . . . Ehrwürden . . . daß Sie wirklich in der Hauptstadt sind! Sie werden hier nicht die Stille der Dünenhügel und die eintönige Gewalt der blauen Meerwogen finden. Nur ein zerfahrenes, menschliches Durcheinander. Und wenig Besinnung. Und noch weniger Halt. Der innere Mensch hat hier keine Rechte. Man lebt mit Augen und Sinnen draußen. Eine richtige Jagd nach Vergnügung. Wer im Strome steht, muß vorwärts. Kommen Sie trotzdem. Sie, der Sie nach dem Höchsten in Ihrer Einsamkeit die Flügel rühren . . . usw.«

Hieronymus las den Brief viele Male. Er dachte an Frau Hartje. Ein zehrendes Verlangen nach ihrer leibhaftigen, sonnigen Erscheinung quoll auf in ihm. Er las den Brief wieder. Er sog den reichen Duft, der von dem Papiere ausging. Er schmeckte fast die Lieblichkeit ihres huldreichen Grußes. Und wähnte, daß auch sie sich heimlich nach ihm sehne. Und war erfüllt, als wenn er nicht bei sich wäre, all die Stunden, ehe er vor Frau Hartjes helle, blaue, schwermütige Augen wirklich hintreten konnte.

Aber wie Hieronymus van Doorn am Abend durch das weit aufgetane, hellerleuchtete Tor einschritt, entlud Equipage um Equipage Herren und Damen in prahlenden Uniformen und kostbaren Kleidern. Scharen von üppig geschmückten Menschen liefen durch Treppenhaus und auf den Gängen.

Auch Hieronymus fühlte sich eine Weile wie gehoben.

Als wenn er ein richtiger van Doorn wäre.

Aber wie er wie zufällig an seinem Priesterhabit herabblickte. merkte er, daß er bis an den Hals schwarz zugeschnürt und ärmlich und dürftig aussah.

Hieronymus war im Zuge der Herren langsam bis zu Herrn Kroen selber durchgedrungen.

Es hatte ein lachendes Ins-Auge-blicken und ein kräftiges Handschütteln gegeben.

Dann befand er sich schon wieder an einer andern Stelle.

Da stand er eine Weile wie angewurzelt.

Eingeklemmte Monokles unbekannter Gesichter spiegelten auf ihn.

Die Uniformen in bunten Farben und mit goldenen Schnüren prangten und glitzerten.

Die nackten Frauenschultern in seiner Nähe, die blendend weiß schimmerten, machten ihn erröten.

Üppig quoll ein Arom von lebendigem, süßen Fleische und Blumen, wie in einem Orchideengarten.

Das alles ging ganz verwirrend in ihm hin.

Fast hätte er Frau Hartje dabei ganz vergessen.

Da hatte ein neuer Saal mit blinkenden Spiegeln und tausend warmen Kerzenflammen an Decke und von den Wänden und mit sprühenden Diamanten allenthalben über den Köpfen vor seinem schüchternen Blicke sich aufgetan.

Da sah er auch Frau Hartje. Sie selber noch heller als der volle Lichterschein, mit blitzendem Diadem, über den dicken, goldlichten Zöpfen. Die freien Schultern wie Blüten. Große, sprühende Steine an der Brust.

So ragte Frau Hartje mitten in dem blendenden Saale.

Und alles drängte zu ihr.

Auch Hieronymus kam langsam und fast zwangsweise immer mehr in ihre Nähe.

Die Herren, die großen Schmuck und viel Orden trugen, verneigten sich tief vor ihr. Sie küßten mit gebeugten Häuptern die behandschuhten Hände von Frau Hartje. Und Frau Hartje lächelte lieblich und stand leicht und gnädig ihren von Schmuck und Jugend schimmernden Kopf geneigt.

Hieronymus hatte sich gleich derart in ihren Anblick verloren, daß er vergaß, Schritte vorwärts zu tun. Er stand wieder eine Weile, ohne sich zu rühren.

Auch Herr Kroen ragte jetzt in Staatskleidern in der Nähe, das Monokle ins Auge gedrückt, das auch von vielen andern Männeraugen glänzte.

Und der junge, bleiche Hieronymus fühlte sich wieder eine Weile wie gehoben. Als wenn er ein richtiger van Doorn wäre. Aber wie er an sich herabblickte, kam er sich bis an den Hals schwarz zugeschnürt sehr armselig vor.

Hieronymus war jetzt doch bis zu Frau Kroen hindurchgedrungen.

Frau Hartje sah ihn mit demselben Lächeln an, das schon von ferne in ihrem Auge stand. Sie schien zuerst kaum zu wissen, wer er wäre? Nein . . . doch! Sie nannte ganz deutlich und kindlich seinen Namen. Sie sagte zu den Kavalieren, die dabei standen, mit allergnädigster Glockenstimme: »Das ist der Herr Pfarrer von unserm schönen Meeresstrande. Er hat mir einmal in schwerer Zeit mit seiner Gebetsinbrunst das Leben gerettet.«

Frau Hartje sagte das besonders ins gerötete Gesicht eines jungen Offiziers, der ein Prinz war.

Und der auch besonders unbändig darüber lachte.

Das alles erschütterte Hieronymus van Doorn wie eine unbegreifliche Phantasmagorie, darin er obendrein eine ziemlich schauerliche Figur zu machen begann.

Zumal er schon längst nicht mehr vor Frau Hartje stand und die von Glanz und Hitze geblendeten, fremden Gesichter, die um ihn waren, ihn jetzt alle spöttisch anzulächeln schienen.

»Das ist der Herr Pfarrer vom schönen Meeresstrande. Er hat mir einmal in schwerer Zeit mit seiner Gebetsinbrunst das Leben gerettet.«

Das unbändige Lachen des jungen Offiziers, der ein Prinz war, schien sich im Lichterglanze fortzusetzen und ihn aus allen Blicken zu höhnen.

Er sah sich jetzt von unten bis oben an, gehetzt und gepeinigt, daß er noch immer schwarz eingeschnürt dastand wie eine Krähe im lichten Weizenfelde, darin der Wind die vollen Ähren durcheinandertreibt.

Hieronymus war völlig in Verwirrung geraten.

Und wie er in seinem ziellosen Umgeschobenwerden zufällig irgendwo eine Tür entdeckt hatte, war er auch sogleich aus dem Wirrwarr hinaus geflohen.

Er war irgend wohin in eine Gasse gelaufen, um sich nur erst abzukühlen.

Die blendenden Säle bei Kroens standen in seinem inneren Auge noch immer wie eine Feuersbrunst in Weißglut.

Er konnte der Aufregung und der Schmach gar nicht Herr werden.

Warum er sich so erschöpft und erniedrigt fühlte, das wußte er nicht.

»Ach was!« dachte er nur, »alle verlachten mich!«

Und er lief schon, wo in der Hauptstadt die Hafenarbeiter ihre Schenken haben.

Musik von einem Dudelsack und einer Flöte näselte und pfiff aus einer Schifferkneipe, darin Blusenmänner und Soldaten mit blonden Frauenzimmern im spärlichen Lichte um die Eisensäule tanzten.

Er begann langsamere Schritte zu nehmen.

Dann saß er einsam vor einem unsauberen, rohen Holztisch. Seine Augen brannten vor sich hin.

In dem unheimlichen Gewölbe, darin er in einer halbdunklen Nische Zuflucht gefunden, stand neben dem mit Schinken und Rauchfischen, Austern und Käse besetzten Schenksims ein kolossales, schwarzes Faß.

Schifferknechte und Matrosen mit der dicken Wirtin in aufgesteckter Schürze saßen gegen die Tür im andern Winkel des pechschwarzen Raumes und lärmten.

Geräucherte Fische und Würste hingen von der Decke nieder.

Und angemoderte Flaschen alten, schweren Weines standen in den rauchigen Mauernischen.

Hieronymus ließ sich den teuersten, alten Wein geben. Er trank Glas um Glas. Er begann stolz und erregt und gehässig auszusehen.

Er begann sich jetzt wieder als einer Derer van Doorn zu fühlen.

Und er lachte manchmal vor sich hin, als er eine um die andre Flasche kostbaren, schweren Trankes mit den wenigen Goldstücken, die er bei sich trug, bezahlte.

Erst gegen Morgen kam er torkelnd in sein kleines Hotel zurück. Und er faßte den Hausdiener lachend an, um nicht beim Hinansteigen auf die erste Stufe ganz in die Ecke der Treppe zu fliegen.

Neuntes Kapitel

Draußen lachte der helle Morgen.

Als Hieronymus im Morgengrauen ins Hotelzimmer eingetreten, hatte er sich, wie er ging und stand, erschöpft übers Bett geworfen. Nun war er aus einem jachen, gepeinigten Schlafe aufgeschreckt.

Ein Lärm, der den im Schlafe gehetzten Priester noch beängstigender überfallen, hatte ihn ans Fenster getrieben. Fahl und zitternd bog er den Vorhang zurück.

Unten auf der Straße stand ein Menschenhauf um ein gefallenes Pferd gaffend versammelt. Männer schrieen, um dem gemarterten Tiere wieder auf die Beine zu helfen.

Hieronymus kam nicht zu sich. Hart und leer kroch sein Blut in den Adern hin.

Er starrte nur nieder in das Menschengewühl, ohne sich auf irgend etwas besinnen zu können. Und starrte dann ewig auf die Kerze vom Nachttisch, die zu einem winzigen Stumpf herabgebrannt, noch mit blassem Schemen leuchtete.

In dieser Stunde konnte kein Helfer der Seele rufen.

Ein gewalttätiger, harter Sinn ergriff ihn.

Als er aus dem Hotel ausging, dachte er nicht mehr daran, etwas zu sich zu nehmen.

Er lief ohne Ziel. Jetzt gleichsam getrieben von der sinnlosen Zerrüttung, die sein Blut erbarmungslos ausfüllte.

So stand er bald vor einem Waffenladen.

Gewehre waren in schöner Ordnung nebeneinander aufgestellt. Dolche von eingelegter Arbeit lagen im Schaufenster ausgebreitet. Revolver hingen zur Rechten und Linken.

In dieser Stunde konnte kein Helfer der Seele rufen.

Um Hieronymus klang nur jetzt die freche Stimme des nüchternen Tages. In seinen Mienen nagte eine stumme, bleiche Rachsucht.

Hieronymus schritt hastig die beiden Stufen in den Waffenladen empor.

Er redete leise und dumpf nur so hin, daß irgendwo ein Forstmann wäre, der einen dieser kostbaren Revolver brauchte. Er murmelte höhnisch Worte in die Luft.

Der alte, grauhaarige Waffenschmied war sehr devot vor dem jungen Geistlichen und war heimlich sehr verwundert.

Hieronymus ging mit bleichem Gelächter sogleich wieder zur Tür zurück, als er den Revolver an sich genommen.

»Sie vergessen die dreizehn Franken, Ehrwürden!« sagte der alte Waffenhändler.

»Ja so!« sagte Hieronymus und kam noch einmal an den Ladentisch zurück.

Er hatte den letzten Fünfzigfrankenschein für den Revolver in Zahlung gegeben.

»Ich bin immer in Gedanken,« sagte er und versuchte den Waffenschmied anzulächeln. »Entschuldigen Sie nur!«

»Ich habe nichts zu entschuldigen, Ehrwürden!« sagte der Alte.

Hieronymus hatte die Worte des Waffenhändlers gar nicht mehr gehört.

»Ich werde den Minister töten, wie ein Echter van Doorn,« redete es in ihm. »Und dann werde ich mich töten . . . und die Edeldame wird gar nicht ahnen, daß ein Priester auch ein Held sein kann!«

Solche Worte trieben sich um in ihm.

Aber er irrte doch nur sinnlos lachend in der Menge weiter.

Der Strom der Menschen hatte ihn willenlos mit in ein großes eisernes Portal hinein getrieben.

Es war ein mächtiges Kaufhaus durch viele Etagen.

In Hieronymus Sinnen kroch eine feile Neugier auf. Er begann die tausend Dinge, die jetzt um ihn lagen, ein jedes einzelne Ding lüstern und aufdringlich anzusehen.

Die Verkäuferinnen allenthalben boten ihm sehr gefällig ihre Dienste an.

Sein Gesicht war krankhaft zerfurcht. Seine nervigen Hände waren zerfahren und ruhelos. In der rechten Tasche seines Priesterrockes preßte er noch immer den Revolver. In der linken Tasche zerkrümelte er welke Blumen, die ihm einmal Frau Hartje am Strande in die Hand gelegt.

Er begriff gar nichts.

Er hatte nur lange vor den kostbaren Teppichen gestanden und ging dann langsam durch blanke Möbelstücke.

Er erinnerte sich jetzt an niemand.

Er war auch in die Abteilung der Goldschmiedewaren eingetreten, wo kostbare Stücke zum Teil unter Glas lagen.

Das bunte, juwelische Funkeln und Blinken begann ihm eine Weile im Blute zu prickeln wie mit feinen Nadelspitzen.

Zum ersten Male. daß jetzt ein Gefühl in ihm aufkam.

Ein kleiner erlesener Berloque blitzte in Hieronymus Augen wie eine geile Lockung.

Das Kleinod bestand aus einer gold- und steinverzierten Reiterfigur, die auf einem großen Rubin befestigt war.

Hieronymus' jähe entzündliche Blicke begannen in ihrer ausgehöhlten Einbildungskraft mit dem Kleinod ein Spiel.

Aber wie er aus seiner lüsternen Vertiefung erwachte, war er scheu und wie ertappt sofort von den Juwelen hinaus getreten.

Und doch kam er auf einem andern Wege bald dahin zurück.

Seine Augen begannen in lässiger Gaukelei neu an dem Berloque herum zu sehen und herum zu tüfteln.

Es war eine feine Glasglocke über das Juwel gestülpt.

Auch an der Glasglocke versuchten sich seine Augen eine Weile zu schaffen zu machen, sie in Gedanken einen ganz unsichtbaren Spalt einmal empor zu heben.

So hatte der junge Priester mehrere Minuten sinnlos vertieft davor gestanden.

Aber als ihm die Verkäuferin andere Kleinodien sehr verbindlich zur Ansicht hin hielt, hatte Hieronymus seinen bohrenden Blick auch auf die Spangen und Agraffen geheftet und sie und die Verkäuferin irr belächelt.

Und doch konnten sich seine inneren Blicke, auch wie er jetzt wieder unter den Möbeln stand, von dem blinkenden Berloque heimlich nicht mehr lösen. Sie versuchten den Berloque richtig aus dem Glasgefängnis heraus zu eskamotieren.

Hieronymus sagte das Wort »Glasgefängnis« pfiffig vor sich hin. Sodaß in seinem beschäftigten Gesicht von dem Augenblicke an der sinnlos befriedigte Ausdruck nicht mehr zu verschwinden schien.

Nun war Hieronymus schon zum dritten Male zu den Goldschmiedestücken zurückgekehrt.

Und jetzt kam der Augenblick, der seine Pulse jach antrieb.

Seine Hände krampften sich. Seine Blicke wurden wie Stein.

Und weil keine Verkäuferin mehr das hütende Auge auf den jungen bleichen, zernagten Mann im Priesterrocke geheftet hielt, weil grade ein Kreis vornehmer Herren und Damen die Verkäuferin umringte, trug der Priester den köstlichen Raub, den seine Augen sich in ihrer tiefen Lüsternheit ausgesonnen, längst mit weihevollem, heiligem Gange die Treppen des Kaufhauses nieder.

Jetzt stand er schon vor dem Wirt seines Hotels.

Er hatte eine ganz freudige Miene. Er sah sehr stolz aus.

Er zögerte eine Weile, und sagte dann mit priesterlicher Herablassung, daß er sich nicht genug mit Gelde versehen. Und dann sah er das kostbare Kleinod an, das er in einem leeren Hausflur eilig an seiner Uhr befestigt hatte, und bot es zum Pfande.

Der Wirt war sehr gefällig und half seinem priesterlichen Gaste mit reichlichem Gelde aus der Verlegenheit.

So hatte Hieronymus van Doorn den Priesterrock bald in einen vornehmen Herrenrock verwandelt.

Am Nachmittag saß er unter den Gästen des Café Imperiale auf der Straße zum Opernhaus.

Jetzt sah er aus wie ein Edelmann.

Den Abend hatte er zuerst im Opernhaus ein Ballet angesehen.

Dann irrte er durch finstere Straßen, scheu wie ein vornehmer Schatten.

Das Sternenlicht fiel spitz in die Häuserschlünde hinab.

An einem alten, finsteren Haus, das ihm der Portier genau bezeichnet, hatte er ein bronzenes Furienhaupt, daran als Ring eine Bronzeschlange lag, lange angestaunt.

Bald hörte man in der Finsternis der Gasse mehrere dumpfe Schläge.

Wie sich das schwere Tor lautlos in tiefem Dunkel auftat, fiel ein kleiner Lichtschein heraus, der Hieronymus Schatten an die kahle, fensterlose Mauer von gegenüber warf.

Der Blick eines kalten Frauenauges verständigte ihn ohne Worte, sodaß er sogleich durch den langen Gang vorwärts ging, der unheimlich und gewölbt schien.

Hieronymus Herz schlug so hart gegen seine Brust, daß er eine Weile wähnte, es wäre ein fernes Hämmern.

Dann trat er in spiegelnde, erleuchtete Räume ein.

Schimmernde Frauen aus seidigem Glanze lachten ihm allenthalben entgegen. Die meisten schienen hell und blond wie Hartje. Eine war von zitronengelber Hautfarbe, hatte dunkles Haar und war wie eine Katze schlank und geschmeidig in ihren Bewegungen. Sie tanzte im Kreise, indem sie dazu das Tamburin schlug.

Die andern Frauen saßen in Seiden und Spitzen um die Tanzende, schlugen in die Hände und sangen dazu die Endzeile.

Der elegante Herr Hieronymus van Doorn trat lachend in den Kreis ein, den Seidenzylinder in den Nacken geschoben, schlug auch in die Hände und begleitete bald den Tumult wie die andern vornehmen Lebemänner, die herum standen.

Scham war nicht im Raume. Man konnte sich hier dreist in die Augen sehen und an jedes Leibe prüfend herabblicken.

Eine junge, anmutige Dirne mit blauen Augen, die zwei dicke, gelbe Zöpfe um ihren Kopf geschlungen trug, hatte Hieronymus einen Schlag auf den Rücken gegeben, ihn lustig um sich selber gedreht und hatte ihn dann in ihre fleischigen Arme aufgehoben und in feierlich drolligem Gange auf das Sofa getragen.

Man trank. Man kreischte Lieder zum Weine.

Auch Hieronymus schrie.

Weil Hieronymus mit Gelde prahlte und nicht zurück hielt, hatten sich auch andre Dirnen an seinen Tisch hinzu gefunden. Hieronymus und Hartje, denn so hieß zufällig die blonde Person, die ihn aufs Sofa getragen, hockten in einander gewunden. Eine der Damen tanzte unterdessen auf dem Tische über Gläser und Flaschen hinweg. Allen erschien Hieronymus wie ein besonders vornehmer Herr, der das Tollsein verstünde.

Aus den Weingeistern stieg das Wirrsal, daß man sich jetzt neu umeinander schwang. Und daß der junge Priester in verzehrter Sucht vollends Hartje umfaßt und sie jäh und ungebärdig in ihre Kammer gerissen hatte.

* *
*

Und Hieronymus van Doorn war dann wie in ein tiefes, abgründiges, hoffnungsloses Dunkel versunken.

Er war ganz ausgeblasen. Von ferne nur schien es, als wenn er in tiefster Hölle irgendwo begraben läge.

Die Wölbung der Finsternisse war aus schwerem Urgestein und preßte ihn.

Ein heißes Brennen wie der furchtbarste Durst trocknete seinen Gaumen.

Wer ihn gesehen hätte neben der blonden Hartje, die auch im Schlafe lag, hätte auf einen in der Qual der Entbehrung lallenden Mund und in ein Gesicht des bleichen Entsetzens gesehen.

Der Schlaf war nicht der Tod, er war die Verdammnis.

Rings herrschte tiefe Nacht. Das kleine Gewölbe lag in tausend grauen Schatten.

Durch die Fenster dämmerte die Graunacht.

Hartjes Atem ging gleichmäßig und hörbar.

Hieronymus' Atem schien nicht mehr zu leben.

Nur tiefste Stille drinnen und draußen. Die Stadt schlief dem Morgen zu.

Und Hieronymus fühlte nur von ferne, daß er irgendwo im Grabe läge und nicht von den Wunden und Schwären erwachen könnte.

Und es kam ein Dröhnen.

Die Wölbung gab es kaum erst als Ton. Nur wie ein Surren.

Und Hieronymus träumte. daß Männer bei ihm stünden über seinem Grabe. Und daß der eine mit der Hand auf ihn wiese und zum andern laut sagte: »Oh, Herr, er stinket schon!«

Da schlug wieder ein gewaltiges Dröhnen und Surren aus der Höhe in Hieronymus tiefste Finsternis.

Und Hieronymus träumte, daß die beiden Männer, die über sein Grab sich beugten, Jesus Christus und der blonde Johannes selber wären.

Und er lag lange starr mit Schwären und Wunden im finsteren Grabe.

Aber das Dröhnen schwoll und quoll wie Wogen in der Finsternis. Es gab ein Branden und ein hehres Erklingen. Es war wie wenn Engelstimmen heimlich sich mischten.

Und Hieronymus träumte, daß Jesus Christus Gestalt sich tiefer über sein Grab herab beugte, die bleiche, sanfte Hand nach ihm reckend, mit der er seine Rechte ergriff, und daß Jesus mit freundlichem Augenglanz sagte . . . »Lazare. komm heraus!« . . .

Da war ein Gewimmel von Tongewalten, die um Hieronymus geschlossene Augen sich zu ergießen begannen. Die anschwollen und ebbten und brandeten. Und die Nachtluft erzittern machten. Und Hieronymus' Blut gleich mit Eiskälte trafen und vollends erweckten.

Die Domglocken dröhnten ihren Frühgesang.

Hieronymus sprang aus dem Bette.

Er sah sich nicht um.

Er warf die Kleider über.

Er floh in die Morgenluft.

Er war an demselben Tage schon wieder in der Heimat.

Wie er durch sein Dorf schritt, sahen seine Fischersleute, daß sein Haar weiß geworden.

* *
*

Am andern Tage nach langem Fasten und blutiger Kasteiung war Hieronymus zum Bischof gefahren.

Der alte Kirchenfürst war über den Anblick des zermarterten, vernichteten Menschen bis ins Innerste erschrocken. Er mußte sich lange bemühen, Sinn in Hieronymus' gehetzte Worte zu bringen.

Wie der ehrwürdige Herr endlich alles begriffen hatte. war er zunächst zur höheren Ehre der Kirche beflissen, die irdischen Spuren der begangenen Verbrechen noch vor dem völligen Ruchbarwerden auszutilgen.

Das ist ihm auch unschwer gelungen.

Und vor allem hatte der Bischof Hieronymus tiefe Entwürdigungen auferlegt, wodurch die greuliche Sündenlast langsam gesühnt werden sollte.

* *
*

Als im beginnenden Frühling Herr und Frau Kroen wieder in ihr Strandschlößchen eingekehrt und am Strande entlang geritten waren, hatten sie bald den Pfarrer des Dorfes begegnet.

Sie wußten zuerst nicht, ob sie recht gesehen.

Aber wie sie ihn heimlich erschrocken mit zutraulichem Gruße grüßten, war der bleiche Mensch mit scheuer Gebärde, und als wenn er vor dem Glanze der Höllenkönigin auf der Hut wäre, an ihnen vorüber gehastet.

Hieronymus van Doorn war jetzt ein Büßer. Aber er war keiner von denen, die Bischof oder irdische Sündenvergebung je zu lösen vermochte.

Wer Hieronymus sah, sah einen, der nicht mehr jung schien, nur zerfurcht von dem Hunger nach Reinheit, einen ganz in sich Gekehrten und Verzehrten, der immer neu die heimlichen Qualen niederrang.

Hieronymus war jetzt ein Gebetsrufer aus der Tiefe seiner Seelenschande, der nur die heiße, heilige Anklammerung an die letzte Verheißung noch lebte und litt in der Jagd seiner nie gestillten Gewissenspein.

* *
*

Eines Tages, ein zwei Jahre nachher, hatten an einem Weihnachtstage die Fischersleute in der Dorfkirche vergeblich auf Hieronymus gewartet. Er war nicht vor dem Altar erschienen.

Wie man ins Pfarrhaus eindrang, fand man ihn halb entblößt, den Rücken mit blutigen Striemen bedeckt, in seinem Schlafzimmer vor dem Kreuze erstarrt auf der Diele liegen. mitten in der Inbrunst seiner Zerknirschung vom »Erlöser« mit weicher Hand in die ewige. abgrundtiefe Ruhe gebettet.