Die Buren am Wildsee

1.

Ganz oben im Schapbacher Tal, im Zinken Seebach, liegt, nahezu tausend Meter über dem Meere, der Wildsee. Er ist wohl der kleinste, aber nach meinem Geschmack der feinste Bergsee des ganzen Schwarzwalds und zwar deshalb, weil er der düsterste ist und voll von einer Melancholie, die es einem förmlich antut, in seinen Wassern sterben zu wollen.

Wie der Dichter einmal sagt von der Gewalt einer Wasserfee:

Halb zog sie ihn,
Halb sank er hin
Und ward nicht mehr geseh'n –

so zieht der Wassergeist, der über dem Wildsee schwebt, einen an, in seinen kühlen Fluten alles heil zu sehen und zu suchen.

So wirkte auf mich der Wildsee, als ich vor Jahr und Tag einmal mutterseelenallein an seinem Ufer saß. Daß auch die Volksseele die gleiche Empfindung hat, das bezeugt die Sage von der Nixe im Wildsee, die mir erst nachher bekannt wurde.

Aus den stillen Wassern des düstern Sees, so erzählt der Volksmund, taucht bisweilen ein Wasserfräulein mit einer goldenen Leier auf und lustwandelt, auf der Harfe spielend, an den Ufern hin.

Sobald es seine Saiten und seine Stimme ertönen läßt, eilt alles, was hören kann, dem Wildsee zu; selbst das scheue Reh kommt und schmiegt sich an das schöne Fräulein an.

Die Hirtenbuben, welche vor dem Wald draußen ihre Herden weiden, springen heran und werden bezaubert vom Sang und von der Schönheit der Nixe.

Eine innere Stimme sagt ihnen: Fliehet, es naht euch Verderben! Umsonst, die Macht des Gesangs und die Schönheit der Gestalt reißt sie hin zur Zauberin.

Liebkosend umfängt diese die frischen Knaben, zieht sie dem See zu und verschwindet mit ihnen in den Fluten.

Ueber das Wasser hin aber klingt noch einmal Saitenspiel wie Totenklage.

Wie schön malt die Volksseele in dieser Sage den verlockenden, melancholischen Geist, der über den stillen Wassern schwebt. –

Die Wasser des Wildsees sind schwarzbraun, und gen Westen schließt ihn eine dunkle, breite Felswand ab wie eine Mauer ewigen Schweigens.

Zwergföhren keimen aus den Ritzen der düstern Steinwand, während sonst ringsum greise Tannen Wache halten und vergeblich in den dunkeln Wassern sich zu spiegeln suchen.

Nichts regt sich über diesen Wassern, und kein Sonnenstrahl badet in des Seeleins Spiegel. Schrecklich unheimlich und gerade deshalb so zauberhaft anziehend liegt der kleine See da – unbeweglich wie ein Stück Ewigkeit.

Unter diesem schauerlich schönen See lagen tief drunten im Tale einst zwei stolze Bauernhöfe, und auf ihnen residierten im 19. Jahrhundert noch zwei Bauernfürsten, die zweifellos zu den Erzbauern gezählt werden müssen. Drum darf ich sie in diesem Buche nicht übergehen.

Auf dem einen, der Seebenhof oder wegen seiner Größe auch der Elefantenhof genannt, waltete in den zwanziger Jahren des genannten Jahrhunderts ein Erzbauer, namens Hansjörg, und eine Erzbüre, die den Namen Apollonia hatte, jenen schönen Namen, der früher im Landvolk so häufig war und jetzt so selten geworden ist, weil er nicht neumodisch klingt.

Die Apollonia, eine Königin an Gestalt und Angesicht, hatte schon einen Mann verloren. Er war an einem Kuchenmarkt nach Wolfe gefahren und nimmer heimgekommen. Auf dem Weg von einem Wirtshaus zum andern hatte er die Kinzigbrücke mitten im Städtle passiert, war über das Geländer hinunter gestürzt und ertrunken.

Jetzt heiratete die noch sehr stattliche junge Witwe einen galanten, flotten Müllerssohn aus dem Schappe und machte ihn zum Fürsten auf dem Seebenhof, der über tausend Morgen Wald, Feld und Weide umfaßte.

Der junge Müller durfte stolz sein: denn mit dem Tag, da die Apollonia ihm die Hand reichte, war er, wenn auch nicht der erste, so doch der größte Bur im Gebiet der Kinzig.

Der erste war damals, im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, schon Andreas I. von Kaltbrunn, der wenige Jahre später ein nicht viel kleineres Fürstentum sein eigen nannte.

Aber der Elefantenbur war der größte Bur, soweit die Kinzig ihre Wasser führt von Freudenstadt bis hinab unter Millstätt, und das war Ehre und Ansehen genug für einen Müllerssohn.

Und hatte er auch nicht die wahrhaft fürstlichen Eigenschaften des Vogtsburen im Kaltbrunn, so war der Hansjörg doch nicht ganz ohne Bildung. Er konnte geigen und auch etwas Klavier spielen, was er in seinen jungen Jahren beim Schullehrer im Schappe gelernt hatte.

Geigen und Klavierspielen sind zwar zwei Künste, die einem Bauern am wenigsten von Nutzen sind; aber der Hansjörg wurde ja Elefantenbur, und der konnte sich's leisten, daß er Geige spielte und ein Klavier sich anschaffte und darauf hämmerte.

Zu seiner Herrschaft gehörten nicht weniger als fünf Taglöhnergüter, deren Besitzer alle Vasallen des Großburen auf dem Seebenhof waren und diesem alljährlich gewisse Dienste zu leisten hatten.

Knechte und Holzhauer dienten in schwerer Menge dem Fürsten Hansjörg unter dem Wildsee. Sie schlugen alljährlich in den herrlichen Waldungen ringsum und weithin Tausende von Großtannen, riesten sie zu Tal, banden sie auf dem Wasser ein und führten sie in stattlichen Flößen der Kinzig zu.

Eine eigene Sägmühle gehörte zum Hof. Auf ihr wurden Tag und Nacht Stämme zu Brettern geschnitten und diese auf den Flößen weiter expediert.

Das gab ein Heidengeld, und die Schifferschaft in Wolfe mußte tief in ihre Kronentaler langen, wenn der Elefantenbur im Städtle angefahren kam, um sich seine Flöße bezahlen zu lassen.

Hatte er dann seinen Schatz gehoben und heimgebracht, so tat die Apollonia die silbernen Taler auch in eine Schiede, wie einst die Mutter des Fürsten Andreas im Kaltbrunn. Aber die Fürstin auf dem Hof unter dem Wildsee stellte die Schiede nicht wie jene unter die Himmelbettlade, sondern schüttete sie im Angesicht ihrer Völker auf den Boden der Stube und sprach: »So, jetzt hemmer wieder Geld!«

Die Mägde halfen ihr die glänzenden Dinger aufheben, und dann ward ein Herrenleben geführt, wie es sich geziemt für Leute, die Geld genug haben.

Aber die Seebenbüre machte es nicht, wie viele andere reiche Leute, die bloß sich was gönnen; sie ließ auch ihre Mitmenschen und vorab die Armen teilnehmen an ihren Kronentalern und an dem Ueberfluß, der auf dem Hofe herrschte.

Ganze Scharen von Bettlern und Landstreichern kamen auf den Elefantenhof und holten bei der Büre Essen und Trinken und Geld und gingen davon, die Wohltäterin preisend, der sie oft unter allerlei Lügen reichliche Gaben abgeschwindelt hatten.

Die besten Geschäfte machten bei ihr die Hausierer: denn die größte Büre im Tal wollte auch den größten »Staat«. Tücher, Bänder, Spitzen, Seidenwaren kaufte sie nur, wenn sie ihr nicht zu billig angeboten wurden. Das merkten sich die wandernden Krämer bald und machten sich gut bezahlt für den weiten Weg nach dem weltfernen Seebenhof. Ueberallhin, wo es Vergnügen und »Welt« gab, hatten der Hansjörg und seine Apollonia weit, sehr weit, selbst ins Städtle Wolfe vier Stunden. Nur zur Sommerszeit war ganz in der Nähe ein Vergnügungsort ersten Ranges – das Bad Rippoldsau.

Den ganzen Winter freuten sich der Seebenbur und sein Weib auf die Maienzeit. Im Winter waren sie eingeschneit, und es tönten tagsüber nur die Dreschflegel aus der Tenne oder die Streiche der Aexte aus den Wäldern an ihr Ohr.

Wenn aber die Bächlein wieder sprangen vom Wildsee her, wenn die Mattengele blühten und die Kirschbäume, wenn der Schnee Abschied nahm vom Kniebis und vom Glaswald und wenn draußen im Wolftal die Extra-Chaisen durchfuhren mit Fremden, dem Sauerbrunnen zu – dann kam für den Bauernfürsten und seine Gattin eine fröhliche Zeit.

Jeden Sonntag fuhren sie fortan hinauf »ins Bad« und aßen »an der Tafel«. Und es ging lustig her im Bade in den Jahren nach den Befreiungskriegen. Es kamen lauter Fremde, die den Kriegstrubel der vergangenen Jahrzehnte mitgemacht oder miterlebt hatten und drum doppelt fröhlich waren in der wonnigen Waldeinsamkeit am Fuße des Kniebis.

Da knüpften die zwei Bauernhoheiten allerlei Bekanntschaften an mit großen und kleinen Herren und Damen. Noch kam in jenen Jahren der Fürst von Kaltbrunn nicht über die östlichen Berge, und nie stiegen der Hansjörg und die Apollonia so hoch in der Gunst der im Sauerbrunnen anwesenden Fürsten, wie später der Vogtsbur, Andreas I.

Doch erschien in den zwanziger Jahren der Markgraf und spätere Großherzog Leopold mit seiner Frau und seinem Gefolge auch zu Besuch auf den Seebenhof.

Das Volk erzählt sich heute noch, bei der Seebenbüre habe der Markgraf die ersten »gebrägelten« (gebratenen) Erdäpfel gegessen und sie vortrefflich gefunden.

Sehr gut stand der Hansjörg mit den Damen der Badewelt, selbst mit den Hofdamen, denn er war ein flotter Tänzer. Während der Saison in Rippoldsau waren er und seine Apollonia mit den Damen und Hofdamen bei allen Bauernhochzeiten. Selbst ins Renchtal hinüber zogen die Badgäste mit dem Elefantenbur zu »Hosigen«.

Die Hofdamen müssen damals noch nicht so zimpferlich und so nervös gewesen sein, wie heutzutag. Sie hatten ihre helle Freude, wenn der Hansjörg während des Tanzes sie in die Höhe warf und wieder auffing.

Heute würde keine Hofkammerjungfer, noch viel weniger eine Hofdame mit einem Bur tanzen; aber wenn der seltene Fall einträte und der Bur die Tänzerin in die Höhe werfen würde, bekäme sie Krämpfe und Ohnmachten.

Unsere Zeit ist eben viel kultivierter als vor achtzig und mehr Jahren; drum sind die Menschen auch stolzer, blasierter und nervöser. –

Aber es fuhren nicht bloß der Hansjörg und die Apollonia an Sonntagen ins Bad an die Tafel, die Badegäste kamen auch, wie schon angedeutet, an Werktagen zu Wagen und zu Fuß hinab in die lauschige Mulde, in welcher der Seebenhof lag.

Und da ging's hoch her. Die Apollonia ließ kochen und braten; denn auf dem fürstlichen Bauernhof gab es nicht nur allerlei Geflügel, der Hansjörg hatte neben dem Hof auch einen Fischweiher und unter dem Hause einen famosen Weinkeller. Er fuhr jedes Jahr selbst in den Herbst, hinab ins Kinzigtal, und holte ganze Wagenladungen vom Besten.

Auch ein Tänzchen wurde jeweils arrangiert, wenn die Badegäste da waren, und der Hansjörg machte dann den Spielmann. Draußen auf dem Hausmättle drehten sich die Reigen zu den rauschenden Weisen seiner Geige.

Die Gesellschaft wurde so lustig, daß manchmal auf dem Heimweg die Kutscher, welche auch nicht müßig gewesen waren im Trinken, draußen im Wolftal ihre Wagen umwarfen und die Insassen in dem unschuldigen Wolfbach ein abkühlendes Bad nehmen ließen.

Noch heute erzählen die Leute, wie am Morgen nach einer solchen Fahrt im Bach und auf der Straße Geld und sonstige Wertsachen lagen, die von den Anwohnern strandrechtlich behandelt und behalten wurden.

So vergingen dem Elefantenbur und seiner Frau wie den Badgästen die Sommertage in süßem Vergnügen. Indes hatten des Buren Holzhauer wieder Flöße zusammengebunden und waren mit ihnen hinabgefahren gen Wolfe, und da jedes Floß wenigstens 5000 Gulden wert war, so konnten der Seebenbur und sein Weib schon lustig sein.

Die Badgäste waren dankbare Leute und vergaßen ihre Freunde am Wildsee auch nicht, wenn sie vom Sauerbrunnen fort waren. Wenn die Herbstnebel über dem Glaswald lagen oder die Tannen unter der Schneelast seufzten, kamen in späteren Jahren nicht selten Einladungen von den lieben Sommergästen nach Straßburg, Stuttgart und Karlsruhe.

Der Hansjörg und die Apollonia waren galant genug, den Einladungen zu folgen, und bald ging's in die eine, bald in die andere der genannten Städte, wo ihre Badfreunde bei allen ihren Bekannten »Staat machten« mit ihren bäuerlichen Gästen.

All' diese Dingen kosteten Geld, viel Geld, und nicht selten waren deshalb der Fürst und die Fürstin auf dem Seebenhof in Geldverlegenheit. Allein das genierte sie nicht. Sie machten es wie die andern Fürsten auch; sie pumpten bei ihren Untertanen, der Hansjörg bei seinen Vasallen und Taglöhnern und die Apollonia bei ihren Mägden.

Wenn dann wieder Geld für die Flöße ins Haus kam, schüttete es die Büre vor ihren und ihres Mannes Gläubigern in die Stube und sprach: »So, jetzt hemmer wieder Geld, leset ouf, was ihr z' guat henn!« –

Die Dienstboten hatten Herrentage auf dem Seebenhof, besonders wenn die Herrschaft sich auf Reisen befand und die erwachsenen Kinder mitgenommen hatte. Da war dann die Köchin Meister, wie denn der Seebenhof der einzige Hof war, auf dem die Büre nicht selber kochte, sondern eine Köchin hielt. Diese bekam in Abwesenheit der Büre sämtliche Schlüssel, auch die für den Keller. Und Knechte und Mägde jauchzten bis in die tiefe Nacht hinein, so oft die Köchin das Regiment im Hause führte.

Der Stellvertreter des Buren nach außen war der Hauslehrer: denn einen solchen hielten die Fürstlichkeiten am Wildsee und zwar keinen Burenschulmeister, sondern einen »g'studierten«.

Droben auf dem Roßbergerhof, wo Andreas' I. Bruder Bur war, hielten sie damals auch einen eigenen Lehrer; aber das war nur der »Stelzenmichel«, ein armer Teufel aus der Gegend, der, weil er nur einen ganzen Fuß hatte und nichts Wichtiges arbeiten konnte, Besenbinder und Schulmeister geworden war.

Und draußen im Seebach, wohin der Seebenhof gehörte, amtierte der »Schulmeister-Simme« als Volksbildner, ein Bauernsohn vom Kupferberg bei Schapbach. Er hatte nur eine ganze Hand, die andere war »verdolpt«. Drum lernte er lesen und schreiben und wurde Schulmeister bei den Buren im »Säbe«.

Er war, wie die alten Buren, seine Schüler, jetzt noch sagen, ein Hauptkerl im »Spezies- und Kopfrechnen«.

Der Simme bekam 100 Gulden Lohn und, wenn die Buren metzgten, die Metzelsuppe. Er hielt ein Kühlein und hatte einige Felder gepachtet und war ein stiller, bedürfnisloser Mann mit einem Weib und zwei Kindern.

Seine Dolphand benützte er merkwürdiger Weise nur, wenn er einem Schüler Ohrfeigen geben wollte, und die waren dann saftig und drum gefürchtet.

Der Schulmeister-Simme im Säbe und der Stelzenmichel auf dem Roßberg hatten eine Art Kartell geschlossen. Wenn der eine krank war, trat der andere für ihn ein.

Beide aber waren dem Hansjörg und der Apollonia auf dem Seebenhof zu wenig. Sie engagierten einen »g'studierten«, einen »verbrannten Studenten«, wie die Kinzigtäler »vergratene« Musensöhne zu nennen pflegen.

Seine Herkunft, seinen Namen und sein Schicksal werden wir bald erfahren. Während der Simme und der Stelzenmichel im Wolftale fortleben im Munde ihrer Schüler und deren Nachkommen, fehlt heute dort fast jede nähere Kunde über den Professor auf dem Seebenhof. Nur das wissen die Leute noch, daß derselbe bald Hahn im Korb war bei der Apollonia und damit auch beim Hansjörg; denn »sie« hatte den Bur zum Fürsten erhoben von seines Vaters Mühle weg.

Kamen Holzhändler aus dem Renchtal herüber oder von Wolfe herauf, und der Bur war nicht da oder hatte keine Lust, die Leute in den Wald zu führen, so besorgte das der Professor. Er zeichnete die zu fällenden Stämme an, vereinbarte die Preise und nahm später auch das Geld ein.

Er soll drum, als seine Zöglinge wußten, was zu wissen nötig war, nicht als ein armer Mann den Seebenhof verlassen haben.

Der Hauslehrer und Hofmeister war auch ein großer Freund von Jagd und Schießerei. Er übte vorzugsweise das Weidrecht auf dem großen Waldhofe aus und hatte sich dazu einen eigenen Büchsenspanner erkoren, den Waidele-Iörg. Der war der Sohn eines der Vasallen des Hofes und später selbst Vasall, und heute noch sitzen seine Kinder auf seinem Taglöhnergut.

Der Jörg bekam den Titel Oberjäger und begleitete den Schulmeister nicht bloß in den Wald, sondern auch weithin auswärts auf Schützenfeste und Scheibenschießen.

Anfangs der dreißiger Jahre, da seine Zöglinge ausgebildet waren, kam der Haushofmeister als Schullehrer nach Gremmelsbach bei Triberg, wo ich durch einen seiner alten Schüler noch mehr von ihm erfuhr.

Er war der Sohn eines Zuckerbäckers in Oppenau und hieß mit seinem Geschlechtsnamen Advokat. Er kam als der erste »studierte« Lehrer nach Gremmelsbach, wo er aber noch kein Schulhaus antraf, sondern in einem kleinen Häusle neben dem »Rößle« seine Schule aufschlagen und bei einem Bauern logieren mußte.

Er imponierte nicht bloß durch sein »Studium«, sondern auch durch seine stattliche, wohlbeleibte Figur, die er in seinen Hofmeisterstagen auf dem Seebenhof sich angelegt hatte.

Daß er Hofmeister in einer waldfürstlichen Residenz gewesen war, geht auch daraus hervor, daß sein eben erwähnter Schüler, ein alter Bauersmann, heute noch erzählt, wie der Advokat vor allem seinen Schülern »die Anstandslehre« vorgetragen und eingeübt habe.

Er gab auch Fleiß- und Betragenszettel aus als Quittungen seiner Zufriedenheit und zugleich als Wertzeichen, mit denen die Schüler später die Befreiung von Tatzen sich erkaufen konnten.

Ein solcher Zettel galt für vier Tatzen, und wer zu solchen verurteilt war, zog seine Zettel aus der Schultasche und rechnete dann mit dem Advokat ab.

Unter ihm ward ein Schulhaus gebaut, in das er gleich mit einem jungen Weib einzog. Er hatte nämlich das Herz des schönsten Meidles im Kirchspiel erobert, das der Rußbärbel, die noch bei ihm in die Schule gegangen war.

Er war hoch angesehen bei den Buren, denen er den Winkeladvokaten machte und ihre Tannen abkaufte, weil er den Holzhandel vom Seebenhof her gewohnt war. Auch unterhielt er sie im Wirtshaus aufs beste.

Ja, er kaufte selbst eine Wirtschaft drunten im Tal vom Stumpenwirtle, verkaufte sie aber wieder an einen Bruder des Bürle im Holdersbach.

Beliebt war er bei den Bauern auch, weil er meisterhaft die Orgel schlug. Bei Kindstaufen war es damals im Schwarzwald üblich, daß der Lehrer beim Anmarsch des Taufzugs ein »Märschle« und beim Abmarsch ein »Tänzle« spielte. Dies Spielen verstand der Advokat virtuosenmäßig. Von den Bauern bekam er dann Würste, Speck und Chriesewasser. Und wenn ihm der Speck ausgegangen war, so pflegte er in der Schule zu sagen: »Kinder, i sollt' Holz mache und ha kei Speckschwarte meh' zum Sägeschmiere.« Die Kinder und ihre Eltern verstanden den Wink, und es regnete Speck ins Schulhaus.

In seinen besseren Tagen hatte er auch seinen Oberjäger nach Gremmelsbach kommen lassen, ihm bei den Bauern als Holzhauer Arbeit verschafft und ihn nebenbei wieder benutzt als Büchsenspanner und Jagdaufseher.

Was nicht in das Fach eines fürstlichen Hofmeisters schlägt, trieb er auch, nämlich die Demokratie, und das gereicht ihm zur Ehre.

Anno 1849 machte der Advokat in Gremmelsbach, wie fast alle Demokraten in Baden, auch in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Bei einer Volksversammlung in Triberg, wo vor der Apotheke im Freien eine Kanzel errichtet war, stellte sich als zweiter Redner auf dieselbe unser Advokat. Er predigte obige Tugenden und meinte namentlich, »die Pfaffen hätten zu viel und die Schullehrer zu wenig.«

Für seine Freiheits- und Gleichheitsschwärmerei wurde er nach der Revolution abgesetzt. Jetzt kaufte er einen Hof auf dem Rendsberg, Gemeinde Schonach, Gremmelsbach gegenüber, und wurde ein Bur und Holzhändler.

Es behagte ihm aber nicht lange; er war zu weit ab von der Gesellschaft. Drum verkaufte er mit Profit den Hof wieder und wurde Sonnenwirt tief unten im Tal, in Niederwasser oberhalb Hornberg, wo er durch sein Unterhaltungstalent und durch sein gelegentliches Orgelspiel alle Buren für sich begeisterte.

Doch der Sensenmann kam frühe zu ihm, und in den ersten Apriltagen des Jahres 1853 haben sie den Hofmeister vom Seebenhof begraben.

Schön war es noch von ihm, daß er trotz seines Schwärmens für Revolution der alten Tracht treu blieb und stets in Dreispitz, Kniehosen, Schnallenschuhen und langem Rock durch die neue Zeit wanderte.

Seine junge Witwe, die Rußbärbel, hinterließ er in Armut. Sie mußte als Taglöhnerin ihr Brot verdienen, und sie tat es in Geduld und ohne Klage, Ihre Schönheit gewann ihr aber noch zwei Männer und bessere Tage, und sie starb erst vor wenigen Jahren gottselig »im Schönwald« bei Triberg. –

Und nun zurück zum Wildsee.

Der Fürst auf dem Seebenhof, der kein Freund der Jagd war und sie dem Hofmeister überließ, beschäftigte sich dagegen gerne mit der Heilkunst. Er war, wie die Leute heute noch erzählen, ein halber Doktor. Wenn einem was fehlte, ging er zum Seebenbur, und der kurierte ihn. Namentlich verschrieb er gerne guten, alten Wein, und da er den besten selbst im Keller hatte, kredenzte er als Apotheker auch gleich die Medizin.

Er bekam deshalb vielen Zulauf von Patienten, auch von solchen, die nur ein fieberhaftes Verlangen nach dem Wein des Bauernfürsten hatten.

Auch Zähne zog dieser gerne. Jedem, dem er einen Zahn gezogen, ließ er als Schmerzensgeld einen Schoppen Wein aufstellen.

Während der Fürst so für die Kranken sorgte, war die Fürstin Apollonia, wie schon erwähnt, die Mutter der Armen. Sie hörte es gerne, wenn Bettler kamen und sie mit »Mutter« anredeten. Die Gabe fiel unter diesem Titel viel reichlicher aus. War sie aber übel gelaunt, und es redete sie jemand so an, dann konnte sie auch aufbrausen und sagen: »Wenn ich nur müßt' jedem Esel und jedem Bettler Mutter sein!«

Sonst arbeiteten die zwei Hoheiten auf dem Seebenhof, wie es Fürstlichkeiten geziemt, nicht allzuviel. Ihre Arbeit beschränkte sich, soweit der Schulmeister das dem Fürsten nicht abnahm, auf die Inspektion in Feld und Wald beim Hansjörg und auf die Nachschau in Haus und Stall bei der Apollonia.

»Den Völkern nachzusehen, genüge auf dem Seebenhof, wenn man auch selbst nicht mitarbeite,« meinte mit Recht die Fürstin. Und sie forderte von ihren Völkern emsige Arbeit.

»Im Seebenhof,« so pflegte sie zu sagen, »gibt es nur ein ruhiges Plätzle, und das ist der Stuhl, auf dem ich sitze.« Und wenn sie auf ihrem Ruheplätzle saß, durfte man nur in Strümpfen in die Stube treten.

Während aber der Hansjörg, der Fürst, mit seinen Knechten gut auskam, war die Büre stets auf dem Kriegsfuß mit ihren Mägden, denen sie nur mit Mißtrauen entgegentrat. Drum wechselten die Meidle oft auf dem Hof, während die Knechte jahrelang blieben.

Es ist das eine Erscheinung, die man heutzutag auch in den Städten beobachten kann. Während der Herr des Hauses mit seinen Untergebenen aufs beste auskommt, hat seine Frau jedes Ziel andere Mädchen. Es spricht dies für die bekannten Eigenschaften des weiblichen Geschlechtes, welches da, wo es zu kommandieren hat, unausstehlich wird.

Ich will die heutigen Dienstmädchen gewiß nicht verteidigen. Sie verlassen meistens ihre Heimat auf dem Lande, weil sie da die tüchtige Arbeit scheuen und, dem Zug der Zeit folgend, ein besseres Dasein suchen, d. h. wenig Arbeit und hohen Lohn.

Aber an der Klage über schlechte Dienstboten sind die heutigen Damen vielfach selbst schuld; sie selber wollen gar nichts mehr tun in der Haushaltung und verstehen davon meist auch nichts. Sie laden darum ihren Mädchen alles auf: Putzen, Waschen, Kochen, Kinder hüten, während sie Klavier spielen, Romane lesen, durch die Straßen fegen und Rad fahren.

Klagt dann »der Herr« über schlechtes Essen und Verwahrlosung der Kinder, dann ist das Dienstmädchen an allem schuld, das oft noch Hunger leiden soll, damit das gespart wird, was die Dame sonst zu viel und unnötig braucht.

Wenn drum in einem Hause Herrin und Dienerin sich stets in den Haaren liegen, so dürften sich statt des Haderns beide friedlich die Hände reichen und sagen: »Wir sind beide nichts nutz!«

So ist es; die Hausfrauen sind nimmer, was sie waren und sein sollten, und die Dienstmädchen auch nicht. Beide haben ihren guten Anteil an der allgemeinen Lumperei unserer Tage. –

Die Fürstin Apollonia unter dem Wildsee ließ ihre Mägde oft allein, wenn sie »an die Tafel« fuhr hinauf ins Bad oder eine größere Reise tat. Wenn sie dann heimkam und den Schaden besah, so fiel sie über ihre Wibervölker her, die doch nur getan hatten, was die Mäuse tun, wenn die Katze nicht im Hause ist.

So ging's auf dem Seebenhof zu jahraus jahrein. In den Wäldern tönten die Axthiebe, über den Tannen zogen die Rauchsäulen der Holzmacherfeuer in den Aether, am Seebächle und an der Wolf hantierten die Flößer, in der großen Sägmühle am Bach knarrte die Säge, der Kinzig zu fuhren die Flöße, in der oberen Stube dozierte der Professor und in der untern ruhte die Büre auf ihrem Sorgenstuhl, während der Hansjörg daneben Kranke heilte. Droben am Wildsee jauchzten die Hirtenbuben und drunten beim Hof zur Sommerszeit die Kurgäste vom Sauerbrunnen. Und Gottes Sonne ging auf und unter über fröhlichen, glücklichen Menschenkindern.

Da kam im Frühjahr 1833 aus dem obern Kinzigtal herüber ein Fremdling und führte den Hansjörg und die Apollonia in Versuchung. Sie unterlagen derselben und legten damit den Grund zum Untergang des Seebenhofs.

2.

Längst gelten die Schwaben oder, wie sie heute heißen, die Württemberger als Leute, die früher aufstehen als ihre badischen Nachbarn. Drum waren auch, ehe das Tal badisch wurde, die Schwaben, so an der Kinzig wohnten, schlauer als die Fürstenberger im gleichen Flußgebiet.

So war auch die Schifferschaft im württembergischen Waldstädtle Alpirsbach von jeher die reichste im Kinzigtal, weil die rührigste und klügste.

Von dieser Schifferzunft nun waren es Leute, die anfangs der dreißiger Jahre hinüberschielten über den Kniebis und hinab ins Wolftal und nach den größten Waldhöfen ausguckten.

Sie wußten, daß die Besitzer derselben Bauernfürsten waren und einzelne von ihnen wie Fürsten lebten; denn auch sie, die Alpirsbacher, kamen zur Sommerszeit hinüber ins Rippoldsauer Bad und sahen an der Tafel die Buren vom Seebe, vom Kaltbrunn und vom Dollenbach. Und sie dachten bei ihrem Anblick, die Leut' brauchen sicher Geld, und um Geld ist alles feil, auch Waldhöfe, die wir am besten ausnutzen könnten.

Sie redeten mit den Buren vom Holzgeschäft und von allerlei, was diese interessieren konnte, und wurden so gut bekannt mit ihnen wie die andern Kurgäste, die den Erzbauern hofierten wegen der schönen Ausflüge auf ihre Höfe.

An den Fürsten Andreas I. hätten sich die Alpirsbacher damals noch nicht gewagt, wohl aber versuchten sie es beim Hansjörg unter dem Wildsee.

Eines Tages – es war, wie schon gesagt, im Frühjahr 1833 – kam einer von ihnen auf den Seebenhof. Er hieß mit dem Vornamen Christian und war ein angesehener Mann im Städtle Alpirsbach, wo er als frei resignierter Schultheiß und Holzhändler lebte.

Er fragte den Hansjörg, ob er kein Floßholz habe, er suche schöne, starke Holländer den Rhein hinunter.

»Wirklich sind meine Leut' am Riesen, und wenn's Holz am Bach liegt, könnt ihr's beschauen,« meinte der Seebenbur.

Dann holte er eine Flasche Durbacher und setzte sich mit dem Christian zu ihr an den Tisch, an dem auch die Büre Platz nahm; denn der Herr Schultheiß von Alpirsbach war ja eine Badbekanntschaft, und wenn jemand von dieser kam, durfte er stets auf gute Aufnahme rechnen auf dem Seebenhof.

Sie redeten und tranken Durbacher dazu, und der Christian spielte den Charmanten, so gut er konnte. Endlich rückte er heraus und sprach:

»Seebenbur, wenn ich euch und euere Frau wär', ich tät mich nit so Plagen mit dem Umtrieb des großen Hofes, Ich tät' mir 's Leben leichter machen.«

»Ja, wie meinet ihr das, Schultheiß?« fragte der Hansjörg erstaunt.

»Wie ich das mein'? Ich mein', ihr solltet den Hof verkaufen, ein großes Kapital einstecken, aufs Leibgeding gehen und dann erst recht ein Herrenleben führen.«

»Ich glaub', ihr seid nit g'scheit, Herr Schultheiß,« fiel die Büre dem Christian ins Wort. »Glaubt ihr denn, wir haben keine Kinder? Acht lebendige, drei schon g'heiratet und im Haus neben zwei Meidle noch drei Bube, von denen einer größer ist als der ander' und jeder Seebenbur werden möcht'. Das wär a Schand', seine Kinder 's Brot ous der Tischlad zu verkoufe.«

»Frau,« gab der Christian zurück, »wenn ihr glaubt, ihr verkaufet euern Kindern das Brot aus der Tischlad, wenn ihr den Hof verkauft, so habt ihr den Finger am letzen Ort verbunden. Im Gegenteil, wenn ihr verkauft, so bringt ihr euern Kindern Brot, statt es ihnen zu nehmen.«

»Wie so denn?« fragte jetzt Frau Apollonia.

»Wie so denn?« erklärte ihr der Christian. »Wenn ihr den Hof einem Sohn übergebt, so bekommt er ihn, wie üblich auf dem Schwarzwald, um den dritten Teil seines Wertes und die andern Kinder verlieren zwei Drittel.«

»Verkauft ihr aber den Hof, so bekommt ihr Geld genug, um jedem einen schönen Hof kaufen und jedes eurer Kinder glücklich machen zu können.«

»Des wär 'nit so letz,« meinte, nachdenklich geworden, die Bure.

»Aber den Hof könnt' ihr nit kaufen, Schultheiß!« fiel jetzt der Hansjörg ein. »So viel Geld bringt ihr nit auf. So viel ist nit in ganz Alpirsbach.«

»Ich bin nit allein, wenn ich kauf',« antwortete der Schultheiß. »Wir sind eine Kompagnie, und Geld, Seebenbur, liegt g'nug in Basel und in Mülhausen im Elsaß. Wie taxiert ihr euern Hof?«

»Den hab' ich noch nit taxiert; aber Geld, viel Geld ist er wert,« erwiderte derHansjörg. »Und feil ist er auch nit, gel' du, Büre?«

»Feil ist er nit,« gab die Apollonia zurück, »aber wissen möcht' ich doch, was er wert wär', und was man dafür kriege könnt.« »Da ist gut helfe, Frau,« meinte der Christian. »Ihr erlaubt mir, euern Hof zu beschauen, Wälder und Felder, und in vierzehn Tagen komm' ich und sag euch, was er wert ist. Dann könnt ihr immer noch machen, was ihr wollt.«

»Auf des wollet mir eingehe, Hansjörg,« entschied die Fürstin. Der Hansjörg nickte Beifall und holte noch eine Botell' Durbacher; es war die dritte.

Schmunzelnd schied eine Stunde später der Christian über den waldigen Roßberg dem Kinzigtal zu.

Am kommenden Sonntag ging der Hansjörg, wie üblich, hinab nach Schapbach in die Kirche. Denn der Seebenbur war ein frommer Mann und hielt viel auf Gebet und Gottesdienst. Und wenn er jemanden geheilt oder einen Zahn gezogen hatte und der Patient nach der Schuldigkeit fragte, so war die Antwort des Buren: »Betet für mich einen Rosenkranz!«

Vor der Kirche versammelten sich, ehe es zusammenläutete, wie herkömmlich die Buren und diskurierten mit einander. Der Hansjörg trat zum alten Schmidsberger, dem ersten Waldfürsten nach ihm im Wolftal, und sprach: »Jakob, ich könnt' mein' Hof verkaufen an die Alpirsbacher. Sie wollen viel Geld dafür geben. Was meinst du?«

»Schäm' dich, Hansjörg,« gab sein Mitfürst ihm zur Antwort, »ein rechter Bur verkauft keinen Hof. Und wenn du auch im Geld steckst bis an die Ohren, hast aber den Hof nimmer, dann bist du auch nimmer Seebenbur und hast Namen und Ansehen und Heimat verloren.«

»Wenn mir einer käm' und wollt' mir den Schmidsberg abkaufen, ich tät' ihn zur Stub' nauswerfen,« sprach der wackere Bauernfürst und schritt der Kirche zu; denn der Schulmeister läutete eben zusammen.

Er ahnte wohl nicht, der brave Schmidsberger, daß wenige Jahre später sein eigener Hof der gleichen Kompagnie, die mit dem Hansjörg verhandelte, in die tannenmordenden Hände fallen werde.

Der Jakob hinterließ eine junge Witwe, sein drittes Weib, als lebenslängliche Nutznießerin seines Besitzes, und diese führte den Waidele-Hans, den dicksten Mann im Tal – er wog drei Zentner – auf den Schmidsberg heim.

Nach ihrem Tode sollten zwei Dritteile des Hofes an den »Bur« im Holdersbach, als den Schwiegersohn des alten Schmidsberger, fallen. Der Bur verkaufte, wie wir wissen, seinen Anteil an die Hofmetzger in Alpirsbach für 120 000Gulden mit der Bedingung, daß sie gleich bar bezahlten und den Hof erst antreten dürften nach dem Tod der jungen Witwe des verstorbenen Erzbauern. Bald nach diesem Kauf fuhr der dicke Bur vom Schmidsberg mit seinem Weib hinüber nach dem Kaltbrunn zu einer Hochzeit. Am Abend bringt er die Büre, die gesund und froh daheim fortgegangen war, krank heim, und in wenig Tagen ist sie eine Leiche.

Die Hofmetzger konnten jetzt den Hof antreten und die Wälder niederschlagen; das Volk aber sagte, es sei der Frau auf jener Hochzeit im Wein »vergeben« worden.

In fünf Jahren waren die herrlichen Tannen von zwanzig Holzhauern niedergeschlagen und verfloßt, der Wald gänzlich verwüstet! aber in den Taschen der Käufer klingelte es von Gold und Silber. –

In den Waldungen am und unter dem Wildsee ging es lebhaft her in den folgenden Wochen. Der Christian und seine Konsorten schlichen von Tanne zu Tanne und taxierten. Am Abend verschwanden sie in irgend einer Herberge im Wolftal drunten, und am Morgen kamen sie wieder. Den Seebenhof mieden sie, um nicht vorher gefragt zu werden oder gar hören zu müssen, es werde nicht verkauft.

Als sie fertig waren mit ihrer Beschau, erschien eines Nachmittags der Christian wieder auf dem Hof, und Bur und Büre setzten sich mit ihm an den Tisch. Der Durbacher Wein kam auch, und gespannt losten der Hansjörg und die Apollonia, was ihr Hof wert sein möchte.

»Ich hab' jetzt den Hof Schritt für Schritt durchgangen,« also begann der Christian, »und gefunden, daß er viel, viel Geld wert ist, mehr Geld, als ich geglaubt habe. In den Waldungen steht noch Holz wie in den Urwäldern von Amerika.«

»Und ihr habt recht, Seebenbur, so viel Geld, als euer Hof wert ist, wär' nit leicht aufzubringen, weder in Basel, noch in Mülhausen. Er ist 200 000Gulden wert!« –

Der Apollonia lief jetzt das Wasser im Mund zusammen. Zur Zeit, da der Christian also redete, lag ohnedies nicht viel Geld im Haus; es war noch kein Floß in diesem Jahr den Bach hinunter, und schon fuhren draußen durchs Tal hinauf die Extraposten mit den Fremden dem Sauerbrunnen zu. Die Badesaison ging an.

»Des hätt' ich nit glaubt, Hansjörg,« sprach die Büre, »daß unser Hof so viel Geld wert wär'.«

»Ich hab's ja gleich g'sagt, als der Schultheiß das erstemal da war, daß er mehr wert ist, als die Alpirsbacher Geld haben. Aber so hoch hätt' ich ihn doch nicht taxiert, so viel Geld gibt's gar nit,« – also meinte der Hansjörg, und sein Angesicht strahlte.

»Wert ist er so viel, ich sag's ehrlich,« nahm der Christian wieder das Wort, »und ich geb's auch. Greift zu, und dann erst seid ihr die reichsten Leut' weit und breit, und mit Ausnahm' vom Großherzog und vom Fürsten von Fürstenberg sitzt niemand an der Tafel im Bad droben, der so viel Geld hat wie ihr zwei.«

Der Hansjörg wurde nachdenklich und schwieg und die Apollonia auch. Der Geldteufel hatte in ihre Seelen geschlagen, und sie fanden beim ersten Ansturm desselben keine Worte. Die Bure fand sie zuerst.

»Des isch a fürchterliche Versuchung, Hansjörg,« so brach sie das Schweigen, während der Christian seine hellen Schwabenaugen ebenso schlau wie bieder hypnotisierend auf die Sprecherin leuchten ließ. »Do verliert unsereins ganz den Verstand, wenn's von so vielem Geld hört. Was meinst du, Hansjörg?«

Jetzt richtete der Christian seine hypnotisierenden Blicke auf den Hansjörg, und der rief rasch entschlossen: »Wib, um des Geld verkoufe mir: zahle kann er's doch nit, und wenn er's zahlt, isch's guat zahlt!« »Aber vom Hof gang ich nit,« erwiderte die Büre, der die Rede ihres Mannes gar nicht ungeschickt vorkam.

Der Christian, erfreut, daß die Fische angebissen, wußte gleich Rat für den Wunsch der Büre, auf dem Hof bleiben zu wollen.

»Ihr zwei,« sagte er, »zieht hinüber ins Leibgedinghaus, wo ihr Ruhe habt, und ich geb' euch noch ein Leibgeding, so lang ihr lebt, was und wie viel ihr wollt. Besinnt euch, und in acht Tagen komm' ich wieder.«

Diese Worte gefielen den beiden über die Maßen, und die Apollonia sprach: »Ehrlich und guat meint's der Schultheiß mit îs, und niemand soll den Hof ha als er.«

»Die Hand drauf,« rief der Christian und streckte jedem seine Biedermannsrechte hin.

Jetzt kam noch eine Flasche Durbacher, und dann noch eine und wieder eine, und feuchtfröhlich und seiner Sache gewiß zog der Christian gegen Abend dem Kinzigtal zu.

Der Bur und die Büre konnten nicht schweigen über die Riesensumme, die ihnen für den Hof geboten worden war, und als der Hansjörg am Sonntag wieder auf den Kirchenplatz kam, wußten die meisten Buren, was der Seebenhof wert sein sollte, und daß der Christian mit dem Hansjörg im Handel stehe.

Der Schmidsberger wiederholte seine Warnung; der Hansjörg aber lachte und meinte: »Wenn ich verkauf', muß der Schultheiß in vier Terminen zahlen, jedesmal 50 000Gulden in lauter Kronentalern. Bringt er den zweiten Termin nicht rechtzeitig auf, so ist der erste verfallen und der Hof und 's Geld mein; denn so viel Kronentaler bringen die Alpirsbacher nicht auf.«

»Die sind nit so dumm, Hansjörg,« mahnte der Schmidsberger, »die Alpirsbacher stehen früher auf als du und haben dich schon am Morgen vor der Supp' zum Narren, ohne daß du es merkst.« »Für a Narre het mi der Schultheiß nit, er isch fadegrad und gibt mir noch a Libding, so groß i will« – entgegnete der Hansjörg.

»Dann isch der Hof scho z' billig, sonst tät dir der Schultheiß nit noch a Libding anbiete,« lachte der Jokelesbur, der auch dabei stand. »D' Alpirsbacher sind mir die Letzten, die was anbieten, wenn kein Profit dahinter steckt.«

Eben kam der Vogt dazu, der Bur im Holdersbach, Er hatte auch schon von der Sache gehört, gratulierte dem Hansjörg und meinte, er würde an seiner Stelle losschlagen, denn Geld regiere die Welt.

»Du bist auch so ein neumodischer Bur,« fuhr der alte Schmidsberger auf diese Worte hin seinen Schwiegersohn an, »Wald und Feld sind des Buren Welt; sie und nit das Geld heben die Familie zusammen und erhalten den Stammen.«

Eben läutete der Schulmeister wieder zusammen, und die Buren gingen auseinander. Nach dem Gottesdienst aber saßen noch einige beisammen im Adler und redeten ernstlich von der Neuigkeit, daß die Alpirsbacher den Seebenhof kaufen wollten.

»Können die ihn brauchen,« meinte der Hasebur unter Seebach, »dann sollt' er's uns auch wert sein. Wir Buren wollen in den Kauf stehen, das Geld können wir auch verdienen, wenn wir den Wald nit unter uns verteilen wollen.«

Damals stand im Kinzigtal noch das schöne, altfürstenbergische Gesetz in Ehren, daß kein Fremder etwas in einer Gemeinde kaufen durfte, wenn ein Bürger derselben die gleiche Summe bot.

Dies treffliche Gesetz hat man längst abgeschafft zum Schaden der Bauern und zum Nutzen der Kinder Israels und anderer Hofmetzger.

»Der Hasebur hat recht,« nahm jetzt der Hanschristesbur, sein Nachbar, das Wort; »zusammenstehen sollten wir Buren und die Württemberger nit in unsere Gemeinde lassen.«

»Ich bin auch dabei,« riefen der Jokelesbur, der Waidelebur und andere. Und ehe sie auseinander gingen, ward beschlossen, die Waldungen auf dem Seebenhof auch zu taxieren und je nach Befund den Alpirsbachern in den Kauf zu stehen. Es ward gleich der Tag bestimmt, an dem sie aus- und in die Wälder des Seebenburen einrücken wollten.

Gesagt, getan. Eines schönen Tages ziehen die Buren in die Wälder um den Seebenhof und fangen an zu taxieren, ohne den Hansjörg lange zu fragen. Der bekam Wind davon, nahm es ungut auf, bewaffnete seine Knechte und seine Holzhauer, rief seine Vasallen auf den Kriegs-Pfad und zog an der Spitze der mit Flinten, Pistolen, Spießen, Gabeln und Sensen bewehrten Rotte in den Wald, um die Schapbacher und Seebacher Buren daraus zu vertreiben. Denn die sollten seinen Hof nie und nimmermehr haben.

Darin ist der Bauersmann eigen; er verkauft lieber an einen Juden als an seinen Nachbar und meint, es sei eine Schande, an den letzteren seine Sache abzugeben. Seinesgleichen gönnt der Bur nit gern eine Vermehrung des Besitzstandes durch den Verkauf seines eigenen. Auch Ehrenstellen gönnt nicht leicht einer dem andern, drum wählen Bauern auch viel lieber einen Herrn in den Reichs- oder Landtag als einen Mann aus ihrer Mitte.

So zog auch der Hansjörg mit Waffengewalt gegen seine Standesgenossen, als diese ebenfalls tun wollten, was die Alpirsbacher getan.

Er traf sie gerade, wie sie, von der Arbeit ruhend, unter seinen Tannen saßen und ihren Speck verzehrten und ihren Schnaps tranken.

Schapbacher Buren erschrecken nicht gleich, und so empfingen sie den Seebenbur und seinen Landsturm mit Humor. Sie luden den Hansjörg und seine Krieger ein, es mit ihnen zu halten am Speck und am Schnaps und den Kriegspfad zu verlassen.

Der Hansjörg und seine Mannen ließen sich einladen, verlangten aber nach dem Friedensmahl trotzdem energisch, daß die Buren den Wald verlassen sollten.

»Es hat ja doch keinen Wert für euch, mein Holz abzuschätzen,« sprach der Seebenbur zu seinen Kollegen; »der Hof ist zu teuer für Buren, und das Geld, 50 000Gulden auf den ersten Termin, bringt ihr nicht auf.«

»Wir wollen sehen, ob wir's nit aufbringen,« erwiderte ihm der Hasebur. »Aber entweder behaltet ihr den Seebenhof, oder wir treten in den Kauf ein, wozu wir ein Recht haben.«

»Ja, ja, das tun wir,« riefen die andern.

Das erzürnte den Hansjörg, und er bestand jetzt erst recht auf der Räumung seines Eigentums.

Die Buren, wehrlos, wie sie waren, ließen sich hinausdrängen bis auf die Grenze ihres Eigentums; aber sie hatten genug gesehen und waren auch gereizt genug, um in den Kauf zu stehen.

Sie legten zusammen, borgten bei andern Buren und trugen nach wenig Tagen 50 000Gulden nach Wolfe, damit der Kassier der Schifferschaft, Maier, sie ihnen aufhebe, bis sie das Geld brauchten; denn in jenen Jahren waren die nächsten Bankiers für die Bauern im Wolftal die Schifferherren zu Wolfe.

Der Landsturm des Seebenburen gegen die Schapbacher wurde aber alsbald in Spottversen besungen. Leider hab' ich davon nur noch Bruchstücke entdecken können, da Dichter und Sänger längst zu den Toten gehören. So hieß es von einem der Vasallen:

Der Hohwill-Michel mit sim rostige Kummisg'wehr
Lauft neben dem Seebebur her.
Als wenn er gar si Schutzengel wär'.

Und von einem andern:

Der Fidele mit sine krumme Füeß'
Trägt nur einen langen Spieß.

Während die Buren Geld sammelten und die Volksdichter Spottverse fabrizierten, legten sich der Fürst aus dem Seebenhof und seine Frau das Leibgeding zurecht. Sie bedingten für sich und die ledigen Kinder lebenslänglich freie Wohnung im Nebenhaus, im Hofgebäude eine eigene Stube, eigenen Herd mit Brutofen, im Stalle Platz und Futter für ein Pferd und vier Kühe, im Wald Brennholz, so viel sie brauchten und vors Haus geführt.

Edelmütig, wie Fürsten sein müssen, nahmen sie sich auch ihrer Vasallen an und bedingten ausdrücklich, daß dieselben in ihren Privilegien geschützt und keiner von seinem Gütchen vertrieben werden sollte.

Der Christian kam wieder, nahm die Kleinigkeit des Leibgedings mit Vergnügen an, und jetzt konnten der Bur und die Büre nimmer widerstehen. Sie schlugen den Hof zu, in vier Terminen à 50 000Gulden in Kronentalern zahlbar.

Aber nun galt es, die Schapbacher Buren aus dem Feld zu schlagen; der Kauf mußte bekannt gemacht und die Bürger eingeladen werden, ob einer in denselben eintreten wolle.

Die Kunde von den 50 000Gulden, die in Wolfe lagen, war auch zum Hansjörg gedrungen und die Gefahr groß, daß die aus dem Wald Vertriebenen in denselben als Herren wieder einziehen könnten.

Doch der Christian von Alpirsbach wußte Rat, er nahm den Hansjörg mit sich, und beide fuhren talabwärts zum Vogt im Holdersbach. Dem trug der Christian die Bitte vor, ihn, den frei resignierten Schultheißen von Alpirsbach, doch als Bürger von Schapbach aufzunehmen.

Der Vogt, welcher den »kaiben« Buren den Hof auch nit gönnte, nahm noch einige Gemeinderäte, die ebenfalls waldneidig auf die anderen waren, dazu und erkor durch Gemeinderatsbeschluß den Christian zum Bürger, der als solcher den Seebenhof alsbald kaufen konnte.

Im Juli 1833 war der Kauf gebucht, und die schneidigen Buren hatten das Nachsehen. Daß sie dem Vogt und seinen Räten, dem Christian und dem Hansjörg Loblieder sangen, konnte ihnen niemand zumuten.

Aber zum Schaden kam noch der Spott. Sie ließen die 50 000Gulden noch ein Jahr »am Zins« in Wolfe, Im Herbst 1834 gingen sie erst wieder hinunter, um den Mammon zu holen samt Zins. Doch statt des Zinses eröffnete ihnen der Kassier, daß sie 700 Gulden Verwaltungsspesen zu bezahlen hätten.

Als sie dagegen remonstrierten, meinte der boshafte Wolfacher: »hättet ihr das Geld auf's Adlerwirts Matten gelegt, dann könntet ihr es jetzt holen ohne Spesen und Vierunddreißiger dafür trinken.«

Dieser Spott kam aus, und die wackeren Buren, welche den Seebenhof gerne dem Bauernstand erhalten hätten, wurden noch ausgelacht.

Doch den Vierunddreißiger ließen sie sich beim Rinkenwirt, wie der Adlerwirt auch genannt wird, baß schmecken, und mehr als einen Bur hat in jenem Herbst der starke neue Wein umgebracht.

3.

Jetzt saßen der Hansjörg und die Apollonia als mediatisiertes und pensioniertes Fürstenpaar im Leibgedinghaus unter dem Wildsee.

An Geld fehlte es nicht. Die Alpirsbacher hatten nach Wunsch abgeliefert und bezahlt. Es war den Zweien nach Tilgung der Passiva noch eine schöne Summe für sich und ihre Kinder übrig geblieben. Auch an die Tafel ins Bad konnten sie noch fahren mit eigener Equipage und auch noch Gäste empfangen auf ihrem Altenteil.

Aber das merkten beide doch bald, daß sie keine regierenden Fürsten mehr seien, daß das Fürstentum fehlte und sie Herrschaften ohne Land geworden waren.

Auf dem Hof saß ein Verwalter der Alpirsbacher und der kommandierte die Knechte, die Mägde, die Holzhauer und die Flößer und gab den fünf Vasallen seine Befehle. Leute aber, die nichts mehr zu kommandieren haben, gelten auch in der Welt nichts mehr.

Was für »ein großes Tier« ist ein kommandierender General, so lange er aktiv, und wie klein und unbeachtet ist der Mann, sobald er als einfacher Zivilmensch herumläuft!

Was für einen Respekt genießt ein Oberamtmann, so lange er im Dienst ist und die Bauern angstvoll an seine Türe klopfen, und wie wenig gilt er noch, sobald er pensioniert ist!

So ging es auch dem Hansjörg und der Apollonia. Bis vor kurzem das angesehenste bäuerliche Paar, weil es den größten Hof besaß, galten beide jetzt im Volke als gefallene Größen, und die Warnung des alten Schmidsberger, daß der Hansjörg sein Ansehen verliere, ging nur zu bald in Erfüllung.

Dazu schimpften und räsonierten die Schapbacher über den Seebenbur, weil er seine Wälder an Fremde verschachert habe. Und wo er sich bei seinesgleichen sehen ließ, hörte er unliebsame Reden.

Die Alpirsbacher, denen sich auch noch ein Polizeikommissär aus Mülhausen, ein Verwandter des Christian, als Teilhaber angeschlossen hatte, trieben aber auf dem stolzen Seebenhof den habgierigsten Raubbau.

Rastlos schlugen ihre Holzmacher die stolzen Tannen nieder, rieften sie zu Tal und flösten sie die Wolf hinab. Fünf Jahre lang gingen alljährlich zehn mächtige Flöße aus den Wäldern des Seebenhofs der Kinzig und dem Rheine zu.

Und während da oben in den Wäldern die Axthiebe ertönten und die Tannen stürzten, hörte unten im Tal die Büure, in einsamer Stube sitzend, das Rauschen der stürzenden Tannen, und es tat ihr in der Seele weh.

Sie sah und hörte die Verwüstung ihres einstigen Fürstentums, und es reute sie, dasselbe verkauft zu haben. Das »drückt ihr das Herz ab«, sagten die Leute im Volk, und als die fünf Jahre um, die Wälder verwüstet waren und die Alpirsbacher daran dachten, den »ausgeschundenen« Hof wieder zu verkaufen, da legte sich die Erzbäuerin Apollonia zum Sterben nieder.

An einem schönen Maientag des Jahres 1838 haben sie die Seebenbüre begraben. Ihre Kinder setzten ihr einen Grabstein auf dem luftigen Kirchhof zu Schapbach. und heute noch ist auf demselben zu lesen:

Mutter, deine Laufbahn ist vollendet.
Manche Trübsal mußtest du ersteh'n:
Noch der Tod hat jede Pein beendet,
Ruhe sanft zum Wiederseh'n.
Dein Gedächtnis bleibet stets im Segen,
Deine Lust war immer wohlzutun;
Du eiltest jener bessern Welt entgegen
Und zugleich der edlen Taten Lohn.

Einige Jahre später legten sie den Hansjörg neben sie, und seine drei dankbaren Söhne ließen auf einen Stein schreiben, daß er neben »seiner Gattin« ruhe, und wünschten »Ruhe seiner Asche«.

Dankbare Kinder sind stets die Zeugen guter Eltern, und gut war das letzte Herrscherpaar auf dem Seebenhof, gut mit seinen Kindern, gut gegen Arme, gut gegen des Hauses Gäste. Daß sie sich ihres Fürstentums freuten und an der Tafel saßen im Bad und Reisen machten, wer mag ihnen das verübeln!

Ihren ältesten Sohn, den Toni, hab' ich noch wohl gekannt. Er war in meiner Knaben- und in meiner ersten Studienzeit Posthalter im Städtle Husen ob Hasle, und ich habe, wie wir sehen werden, Grund, ihm ein dankbares Andenken zu bewahren.

Als seine Eltern den Fürstenhof verkauften, war der Toni 22 Jahre alt. Zwei Jahre später trat er zum alten Posthalter Nietinger in Husen, dem sein Geschäft feil war, stellte sich ihm vor und fragte ihn, was er dafür wolle, daß der Fragende der Sohn des Seebenburen war, imponierte dem alten Posthalter; denn auch er wußte, daß der Seebenhof ein Riesengeld gegolten habe und daß somit der Liebhaber seines Anwesens zahlungsfähig sei. Drum wurden sie einig, und der junge Bauersmann aus dem Seebach, der aber einen eigenen Haushofmeister gehabt hatte und sich in jeder Hinsicht zu benehmen wußte, ward Posthalter von Husen.

Die Post in Husen war ein altes, aber großes Anwesen mit schönen Aeckern, Wiesen und Wald und damals und noch lange nachher eine Hauptstation für alle Eilwagen und für alle Extraposten, die von Frankfurt, Karlsruhe und Straßburg durch das Kinzigtal gingen, Konstanz und der Schweiz zu.

Das war, wie die alten Kinzigtäler zu sagen pflegten, ein »Lebis«, und der Posthalter nahm Geld ein wie Heu.

Der junge Besitzer der Post holte eine Frau in seiner Heimat, eine Tochter vom reichen Ferdishannes im Schappe, ein bildschönes Meidle, und beide wurden ein Wirtspaar, wie es stattlicher keines gab, soweit der Eilwagen fuhr von Offenburg bis Konstanz.

Aber zu einem so jugendlich schönen Paare paßte das alte, unschöne Posthaus nimmer; drum ward es abgerissen und ein neues, monumentales erstellt.

Fast zu gleicher Zeit bauten zwei Wirte, der eine in Hasle, der andere in Husen, die ersten Hotels im Kinzigtal; in Hasle mein Taufpate, der Adlerwirt, und in Husen des Seebenburen Toni. Beide gingen zugrund.

Mit dem neuen Prachtbau und dem daran anstoßenden geräumigen Tanzsaal kam neues Leben ins Geschäft, Nicht bloß alle Postwagen und alle Extrachaisen hielten bei »der Krone« an, auch alle Fuhrleut' kehrten jetzt ein beim jungen Posthalter und nahmen Vorspann bei ihm, und alle großen Bauernhochzeiten wurden in der Post gehalten schon wegen des vornehmen, riesiggroßen Tanzbodens. Kellner, Köche, Mägde, Postillone fungierten in Menge in dem neuen Posthause; in welchem manche Nacht 40–50 fremde Pferde mit ihren Lenkern rasteten und vornehme Herrschaften, selbst der Großherzog und der Fürst von Fürstenberg, Quartier nahmen.

Mit jedermann aber konnten der Toni und sein Weib verkehren, und bei hoch und nieder fanden sie das rechte Wort.

Die damaligen Posthalter hatten auch zugleich die Postexpedition. Sie hielten, um letztere zu besorgen, irgend einen verbummelten Studenten oder eine arme Schreiberseele und gaben diesem ihrem Postexpeditor Kost und Wohnung und einige Batzen Geld in der Woche.

So hatte auch der alte Posthalter Nietinger seinem Nachfolger den Expeditor übergeben. Der Mann – ich kannte ihn auch noch – hieß Gabriel Dummel und war ein Original, aus Beuren an der Aach im Hegau gebürtig.

Zu tun hatte der Gabriel nicht viel; Briefe wurden in jener guten, alten Zeit blutwenig geschrieben, und Husen war allzeit ein Totenstädtle, still und friedlich und einsam. Drum' kam wenig »Post« dahin, und nur der Umstand, daß Wolfe damals noch eine Filiale von Hufen war, gab dem Gabriel in den ersten Jahren seines Expedierens einige Arbeit.

Die gelesenste Zeitung jener Tage im Kinzigtal, die in Hufen vielleicht fünf und in Hasle sechs Abonnenten hatte, brachte ein Haferfuhrmann, der jede Woche einmal nach Hasle auf den Markt kam, in einem Fruchtsack von Oberndorf her. Diese Zeitung war der »Schwarzwälder Bote«.

So hatte der Expeditor mehr Durst als Arbeit und stillte den ersten in der Wirtsstube seines Posthalters, wo immer Bürger, Bauern und Fremde saßen, die er unterhielt und dafür manchen Gratistrunk eroberte. Der Gabriel war berühmt im Dichten, oder wie das Volk sagt – im Lügen. Aufschneiden wie er konnte weit und breit kein zweiter.

Selbst der Fürst von Fürstenberg und der Großherzog Leopold, die oft auf ihren Fahrten talauf und talab in der Post anhielten, ließen sich vom Gabriel zur Unterhaltung was vorlügen.

Fürsten werden ja bekanntlich am meisten angelogen in wichtigen und ernsten Dingen; drum war es schön von den genannten, hohen Herren, daß sie sich auch, weit weniger gefährlich, im Spaß vom Gabriel einen Bären aufbinden ließen.

Der Großherzog Leopold, ein sehr leutseliger und herablassender Fürst, fragte, so oft er in Hufen abstieg, alsbald nach dem Gabriel und seinen neuesten – Dichtungen.

Wie einst auf dem Seebenhof, so hatten auch in der Post zu Hufen die Dienstboten aller Art ihre guten Tage. Herr und Frau ließen bei dem Flor ihres Geschäftes auch ihre Mithelfer leben.

Diese mißbrauchten aber die Güte und suchten bald nur ihr Interesse. Kellner, die als Habe nichts mitgebracht als einen Frack und einen Stock, zogen als vermögliche Leute ab, und die Pferdeknechte stahlen den Hafer ihres Herrn sackweise und machten Geld daraus.

Dazu kam noch als weitere Schädigung die Eisenbahn, welche Mitte der vierziger Jahre bis Basel ging und viele Fremde, die bis dahin durch das Kinzigtal hinauf in die Schweiz gereist waren, nach jener Richtung ablenkte.

Bald darauf wurde in Baden in Revolution gemacht: gleich nachher kamen politisch und ökonomisch ungünstige Jahre, und der flotte Posthalter wankte und schwankte.

Trotzdem hat er in dieser bedrohlichen Zeit ein gutes Werk verrichtet und zwar an mir, dem Schreiber der Erzbauern.

Eines Augustabends des Jahres 1853 rückte der Posthalter, ein behäbiger Mann mit vollem, glattem, rotem Gesicht, wie gewöhnlich beim »Spesenhans«, der unten im Städtle ein gutes Bier schenkte, zum Trinken an.

Als er in die Stube getreten war, sah er einen blutjungen, blassen, mageren Menschen, der zu viel getrunken hatte und nimmer auf den Füßen sich halten konnte.

Er erkundigt sich, wem er gehöre, und vernimmt es von dem Begleiter des Trunkenen. Alsbald verläßt der Posthalter das Haus wieder, kommt gleich darauf mit einem seiner Knechte und einem Einspänner zurück und schickt das verunglückte Bürschchen seinen Eltern zu.

Das lumpige Bürschchen war ich, den, wie ich in meiner »Jugendzeit« erzählt habe, die Großmutter am andern Tag seinen Geschwistern als den »Schandpfahl« und »Abschaum« der Familie hinstellte.

Ich schämte mich daraufhin so, daß ich jahrelang Husen und den Speckenhans mied und dem braven Posthalter nie mehr unter die Augen trat, noch weniger mich bei ihm bedankte.

Zwei Jahre später kam der Mann um Hab und Gut. Er fiel jener kreditlosen Zeit zum Opfer, wie der Vogtsbur im Kaltbrunn. Die Generalwitwen-Kasse in Karlsruhe, der er den Zins nicht mehr zahlen konnte, stürzte ihn, konnte aber das Anwesen nur um einen Spottpreis anbringen.

Doch der Gestürzte ging nicht ganz unter. Zu gleicher Zeit mit seinem großen Posthaus wurde das kleine Wirtschäftle »zur Eiche« in Husen um billiges Geld versteigert, und ein Bruder der Posthalterin, der junge Ferdishannesbur im Schappe, kaufte und übergab es dem Schwager und der Schwester.

Die Poststation kam nach Hasle; den Gabriel jedoch, der unterdes alt geworden, wollte niemand mehr als Expeditor. Da übten die, welche soeben Edelmut von einem Dritten erfahren hatten, an dem alten Lügenfürsten die gleiche Tugend; sie nahmen ihn, der von ihnen sich nicht trennen wollte, mit in die Eiche.

Der Posthalter aber krankte sich über seines Geschäftes Untergang und starb schon im zweiten Jahr darnach, noch nicht fünfzig Jahre alt. Wenige Monate später folgte ihm der Gabriel ins Grab, fast ein Achtziger, und was er noch sein eigen nannte, ein kleines Kapital, vermachte er den Kindern seines einstigen Herrn.

Kaum war der gute Posthalter tot, als ich fortan bis zum Ende meiner Studienzeit oft in das kleine, sonnige Häusle zur Eiche kam. Es lag oberhalb des Städtchens, wenige Schritte von der Landstraße im lichten Schatten einer großen Linde.

Da kredenzte die Posthalterin, immer noch eine schöne Frau, mit ihren noch schöneren Töchtern ein gutes Hornberger Bier, und oft fuhr ich am Nachmittag oder am Abend mit meinen jetzt seit Jahren auch toten Freunden, dem Arzt Feederle und dem Notar Serger, nach Husen; und wenn der Doktor seine Patienten besucht hatte, setzten wir uns zu den Damen in der Eiche und tranken eins.

Die älteste der vier Töchter hieß wie ihre Großmutter, die Fürstin unter dem Wildsee, Apollonia und eine andere nach dem Vater Antonie.

Husen war von jeher noch unberühmter durch weibliche Schönheiten als Hasle; aber damals wohnten die Grazien des Kinzigtals in der Eiche, echtem Bauernfürstenblut im Wolftal entsprossen.

Zwei dieser Grazien waren stets daheim, die zwei anderen suchten ihr Brot in der Fremde. Die Mutter aber, eine stattliche Vierzigerin, eine Juno, fand einen zweiten Mann, einen braven, stillen Schweizer.

Unfern der Eiche bestand damals noch das fürstenbergische Hammerwerk; die Männer am Feuer und auf dem Bureau hatten Durst und löschten ihn bei den Elfen im Schatten der Linde.

So war immer Leben in dem kleinen Häuschen, bis die Hämmer still stunden und die besten Trinker, die Hammerschmiede, in die weite Welt zogen.

Zwei der schönen Meidle waren aber schon verheiratet, die eine unglücklich an einen Musiker und Lumpen in Zürich, wo sie bald starb: die andere hatte einen Sattler genommen aus St. Georgen im Schwarzwald und war mit ihm nach Amerika gezogen.

Als wenige Jahre später die zwei andern Grazien, darunter auch die schönste, die Mina, sich in der Nähe von Frankfurt gut verheirateten, und als auch der stille Schweizermann das Zeitliche gesegnet hatte, verkaufte die alte Posthalterin ihre Eiche und zog zu ihren Töchtern. Dort starb sie vor wenig Jahren hochbetagt und erblindet.

So oft ich in meinen alten Tagen an dem kleinen Häuschen in Husen vorüberfahre, gedenke ich der sonnigen Tage und der dämmerigen Abende, an denen ich in der Eiche mit nun längst toten Freunden Bier trank, und erwäge in der Bitterkeit meiner Seele, wie viele seitdem den Tod geschaut, die sich damals gefreut im Tale und in der Eiche. Selbst die große Linde vor dem Häuschen ist seitdem gestorben, und die schönen Meidle in der Eiche sind, wenn sie noch leben, sicher jetzt auch alte, greise Damen geworden.

Das ist der Welt Lauf. –

Aus jenen Glanztagen in der Post zu Husen lebte an der Jahrhundertwende von den Hausgenossen nur noch ein Mensch, der Fidele, einst Stafettenreiter und Hausknecht bei den zwei letzten Posthaltern.

Er ritt jeweils den fürstlichen und anderen Extraposten voraus und bestellte die Pferde, damit diese bereit wären, wenn die Herrschaften ankämen. Und wenn der Fidele im gelben Frack durch Hasle galoppierte, so paßte man auf, denn er war das Zeichen, daß demnächst was Vornehmes durchfahre.

Der Fidele kam oft wochenlang in kein Bett und wurde trotzdem so alt. Als ich im Frühjahr 1898 Kunde erhielt von seinem Dasein und zwar einem höchst armseligen, sandte ich ihm sofort ein gutes Trinkgeld. Es war nämlich alsbald in mir die Ahnung aufgestiegen, der Fidele möchte mich damals mit dem Einspänner des Posthalters nach Hasle spediert haben. Denn er war nicht Postillon und besorgte darum in rittfreien Stunden die Einspännerfuhren.

Bei dem Schrecken und bei der Empörung, welche meine Großmutter, bei der er mich ablud, erfaßt haben mögen, hat sie jedenfalls vergessen, dem Fidele ein Trinkgeld zu geben, darum hab' ich's fünfundvierzig Jahre später selbst besorgt.

Wenn ich aber wieder einmal nach Husen komme und der Fidele lebt noch, will ich die Sache, die ich jetzt nur vermute, festzustellen suchen bei ihm selber. Bestätigt sich meine Ahnung, so soll's der Brave nicht bereuen, mich Lumpen einst nach Hasle geführt zu haben. –

Es ist merkwürdig, wie man in der Jugend falsche Ehrbegriffe hat. So lang ich ein junger Mensch war, hätt' ich mich geschämt, dem Posthalter von Husen oder dem Fidele unter die Augen zu treten und von jener Begebenheit zu reden.

Heute würde ich es mit Freuden tun und mich erkenntlich zeigen in Wort und Tat. Warum? Weil einem, der das Menschenleben in semer ganzen Armseligkeit durchgekostet hat, die Jugendzeit in solch einem Glorienschein vorschwebt, daß dieser goldene Zauber selbst die Lumperei jener Tage verklärt. –

Das war das Schicksal des ältesten Sohnes vom Waldfürsten Hansjörg. Einzelne seiner Geschwister erfuhren ein ähnlich herbes Los, verarmten und zogen mit ihren Kindern nach Amerika.

Die Schwestern waren meist Bürinnen, die Brüder, wie er, Wirte im nördlichen Schwarzwald.

Am besten ging es noch dem Augustin. Er heiratete, nachdem er erst eine Papiermühle am Wolfbach betrieben, die verschuldete »römische Kaiserwirtin« in Nußbach bei Triberg, an der Straße nach der Sommerau.

»Durch seine scharfe Umsicht,« so schrieb mir ein heutiger Nußbacher, »und durch seinen Herrschaftsgeist brachte er die Schuld zum Sinken. Als der Bahnbau durch den Schwarzwald und damit Verdienst kam, verfuhr er so strenge mit der Abzahlung der Schuld, daß er ein vermöglicher Mann wurde.«

Von 1848–1860 war der Augustin ununterbrochen Bürgermeister, ein Beweis, daß er nicht umsonst den Advokat zum Hofmeister gehabt.

Fast ein Siebziger, übernahm er dies Amt noch einmal von 1883–1886 und starb kinderlos erst 1896 als allgemein geachteter Mann. –

In Wolfe lebt heute noch eine arme, greise Waschfrau, die eine Enkelin des Fürstenpaares auf dem Seebenhof ist.

Und dieser Hof selbst? Von ihm ist kein Stein mehr auf dem andern. Die Residenz des größten bäuerlichen Waldfürsten im Kinziggebiet und wohl im ganzen Schwarzwald ist vom Erdboden verschwunden wie die des Bauernfürsten von Kaltbrunn.

Nachdem der Christian und seine Teilhaber die Waldungen ausgeraubt und für 200 000Gulden Holz daraus verkauft hatten, traten sie den Seebenhof für 155 000Gulden an den Fürsten von Fürstenberg ab. Sie bekamen also für den ausgeplünderten Hof fast so viel, als sie selber bezahlt hatten. Das Geschäft war nicht schlecht gewesen.

Die Herrschaft Fürstenberg ließ nach dem Tode des Hansjörg, der lebenslänglich Wohnung hatte, alle Gebäulichkeiten niederreißen; nur der einstige Garten, jetzt eine Waldbaumschule, ist noch zu erkennen.

Im Volke aber geht heute noch im Wolftal die folgende Sage: Auf den Seebenhof sei vor alter Zeit aus dem Wildsee herab jeden Morgen ein Männlein gekommen mit großem Bart und alten, abgetragenen Kleidern. Dieses habe das Vieh gefüttert und sich im Futterstock und in den Ställen tagsüber aufgehalten. Am Abend sei das Seemännle, wie die Leute es nannten, jeweils wieder heim in die Flut.

Es gab auch auf die Kinder acht, wenn keine erwachsene Person im Hause war, und wenn geflößt wurde, – eine gefährliche Arbeit – stand das Seemännle auf die abgehenden Flöße, bis die gefährlichsten Stellen passiert waren.

Sein Essen habe man ihm – aber nur Milch und Brot wollte es – unter die Stiege gestellt. Dort habe der Kobold es geholt und unbeschrieen verzehrt und dann die leere Schüssel wieder an den Platz, auf dem sie gestanden, gebracht.

So war das Männlein der gute Geist des Hofes und die Leute ihm dankbar. Eines Tages aber legte ihm die Bäuerin einen neuen Anzug unter die Stiege und gab ihm auch ein besseres Essen.

Als es kam, um seine Nahrung zu holen, und das neue Gewand und das gute Essen sah, ward es traurig, jammerte und sprach: »O je, jetzt muß ich fort, wieder für immer in den See zurück.« Von Stund an verschwand es, und mit ihm wichen das Glück und der Segen vom Hofe, bis er unterging.

Wenn man nicht wüßte, wie vielen Sinn das Volk in seine Sagen zu legen pflegt, aus dieser einen Sage vom Seemännle könnte man es lernen.

Welches ist kurz die Lehre, welche die erwähnte Sage allen Bauern gibt, groß und klein? Der Volksmund will durch die Erzählung vom Seemännle sagen: »So lange der Bauer an der alten Einfachheit festhält im Essen, Trinken und in Kleidern, wird er bestehen; geht er vom Alt-Erprobten und Bewährten ab, so weicht der Geist des Segens, und der Bauer geht zugrunde.«

So ist die Sage Wasser auf meine Mühle und predigt, was ich in meinen Volkserzählungen schon oft gepredigt habe.

Es schleicht sich mehr und mehr ein anderer Geist in die Bauernhäuser ein; es ist der Kobold der modernen Kultur; der will aber nicht, wie das Seemännle, einfache Kleidung und einfache Kost. Dieser neuzeitige Hausgeist will modische Kleider, gut' Essen und Trinken und allerlei unnötige Dinge, die Geld kosten. Er verführt auch Knechte und Mägde, in die Städte und in die Fabriken zu ziehen, um besser leben zu können.

So ruiniert er den Bauer, und seinem Unsegen verfällt in unseren Tagen mancher Hof und manche Familie, weil der gute Geist der alten Zeit mit seiner Einfachheit und Zufriedenheit weichen muß vor der dreifachen Teufelin, die da heißt: Kultur, Halbbildung und Genußsucht.

4.

Saß unter dem Wildsee auf dem Seebenhof eines Müllers Sohn, der Hansjörg, als größter Waldfürst im Wolftale, so residierte im Tälchen nebenan, im Dollenbach, ein ehemaliger Bäcker als Kollege im Bauernfürstenstand.

Sein Name war Athanasius oder, wie die Kinzig- und Wolftäler sagen, Athanazi und sein Waldhof, wenn auch nur halb so groß als der seines Nachbars, doch einer der schönsten und holzreichsten im Tale.

Der Athanazi war ein Glückskind. Lebte er da, ein Dreißiger, um das Jahr 1829 im Wildschapbach in einem kleinen Häuschen als Kleinbäcker und Witwer, als die einzige Erbin des »Ameisenhofs« im Dollenbach, kaum einige zwanzig Jahre alt, die Augen auf ihn warf und ihn zum Waldfürsten machte.

Es ist ein merkwürdig Ding mit der Liebe der Wibervölker. Sie mögen oft einen, der sonst niemanden gefällt und dem alle Zeichen fehlen, die einen Mann liebenswert machen. Aber es ist dies eine alte Geschichte; drum sagt ein sinniges Volkssprichwort: »Wo die Liebe eines Wibervolks hinfällt, da bleibt sie liegen, selbst wenn sie auf einen Misthaufen gefallen ist.« Item die Liebe der Waldprinzessin im Dollenbach fiel auf den Bäcker und Witwer Athanazi.

Das war aber zu viel Glück für einen Bäcker, und dies Glück kam mit solcher Macht über ihn, daß er später sich bisweilen als den Glücklichsten der Sterblichen pries.

Wenn er hinaufkam ins Wirtshaus »zum letzten G'stör« im Burgbach oder hinab in die Schenke »vor Seebach«, wo die Buren und die Taglöhner seiner Nachbarschaft saßen und eins tranken, da überkam den Athanazi oft das Delirium seiner Herrlichkeit und seines Glücks. Und in diesem Stadium pflegte er zu sagen: »I bin a riche Ma un a Waldfürst, mi sollt ma mit Gold ifasse.«

Und die Buren und noch mehr die Taglöhner glaubten es und gaben ihm, wenn der Kurfürst vom Seebenhof, der Hansjörg, vor dem auch der Athanazi geschwiegen hätte, nicht in der Stube saß, ihren Beifall. Der Athanazi aber lohnte diesen Beifall mit vollen Maßbotellen; denn die erste Eigenschaft eines Fürsten muß die Freigebigkeit sein.

Und der Waldfürst im Dollenbach sagte es so oft, was für ein Mann er sei, und so lange, bis alle Buren und alle Taglöhner vom Kniebis bis zum Dollenbach es glaubten und den »riche Ma« zu ihrem Vogt erkürten.

Der Hansjörg konnte ihm bei der Vogtswahl keine Konkurrenz machen; denn zwischen ihren beiden Fürstentümern lag die Gemarkungsgrenze, und des Athanazis Waldhof gehörte nach Rippoldsau, der Seebenhof aber in den Schappe.

Doch der Hansjörg hätte, als sein Nachbar Athanazi anfangs der vierziger Jahre zum Vogt gewählt ward, diesem auch nicht mehr schaden können in der gleichen Gemeinde; denn damals war der Seebenbur bereits depossedierter Fürst, hatte seinen Hof verkauft und damit sein voriges Ansehen eingebüßt.

Jetzt war der Athanazi, da auch der alte Schmidsberger das Zeitliche gesegnet hatte, der einzige Waldfürst im obern Wolftal und dazu noch Vogt von Rippoldsau, zu dem der Sauerbrunnen gehörte, wo die höchsten Herrschaften verkehrten.

Wäre zur Zeit der Mittagshöhe seines Glückes dem Athanazi im Bad Rippoldsau nicht noch der Fürst von Kaltbrunn in der Sonne gestanden, so wäre seine Freude vollkommen gewesen.

Doch eine der Fürstlichkeiten, die nach Rippoldsau kamen, gewann der Athanazi fast ausschließlich für sein Haus, die Großherzogin Witwe Stephanie, die Adoptivtochter des größten Mannes des Jahrhunderts, des Kaisers Napoleon I.

Die Fürsten schenkten ihre Gunst Andreas I., der auch fürstliche Manieren und fürstlichen Geist hatte, die Hofdamen dem Waldfürsten auf dem Seebenhof; die Großherzogin Stephanie aber weilte gerne und oft im Dollenbach, nicht ausschließlich des Athanazis wegen, sondern auch zu Ehren seiner Waldfürstin, der Katharine, die, wie wir sehen werden, echt fürstliche Allüren hatte.

Hatte sich der Athanazi früher stets gebeugt vor dem Hansjörg wegen des viel größeren Fürstentums, so ließ er jetzt dem Vogtsbur von Kaltbrunn nicht bloß aus einem ähnlichen Grund den Vorzug, sondern auch, weil er fühlte, daß Andreas I. ihn eine Haupteslänge überrage als Mann und Mensch, und weil dessen Ruhm schon strahlte, als der Athanazi noch Brot buk und Brezeln machte.

Aber kollegial verkehrte er doch mit ihm, und sein Leibspruch an den Würdenträger im Kaltbrunn war: »Wir Waldfürsten müssen zusammenhalten; denn von unserer Sort' gibt's nimme viel.«

Wenn es sich um irdische Größe handelt, sind die Weiber bekanntlich eifersüchtiger als die Männer. So war es auch bei den zwei benachbarten Waldfürstinnen auf dem Seebenhof und im Dollenbach.

Die Ameisenbüre wußte, daß im Seebenhof einst viele Gäste ein- und ausgingen; darum machte auch sie ein offenes Haus, und jeden Tag war bei ihr »
jour fixe«, und Weiß- und Rotwein, Kaffee, Küchle und Schinken gab es für jedermann, der kommen wollte.

Es erschienen aber mit der Zeit nicht bloß Badgäste, sondern auch verdächtige Fremde, die Nachtquartier erbaten und erhielten und bald dieses, bald jenes mitgehen hießen bei ihrem Scheiden. Auf dem Seebenhof machten, wir wissen es, die Hausierer gute Geschäfte, aber noch bessere auf dem Ameisenhof. Wenn sie jammerten über schlechten Geschäftsgang und mit beweglichen und zierlichen Reden der Waldfürstin zusetzten, so pflegte sie zu sagen: »Laßt alles da, was ihr habt, ich kann alles brauchen,«

Den Weibern, die mit Küchengeschirr, das sie auf der Steingutfabrik Kornberg geholt, hausieren gingen, nahm die Büre, wenn sie zu reden wußten, jeweils den ganzen Korb voll ab.

Der Hansjörg und die Apollonia fuhren nur in den Sauerbrunnen und tafelten da mit den fremden Herrschaften, Das genügte der Ameisenbüre nicht. Sie war, wie echte, fürstliche Wibervölker sein sollen, von schwächlicher Gesundheit und vertrug zur Stärkung derselben das Sauerwasser in Rippoldsau nicht gut.

Da hörte sie von Badgästen, daß Wildbad mit seinen warmen Quellen ein Kurort sei, wie sie ihn brauchen könnte. Flugs machte sie eine Badereise dahin. Es ist ja nicht so weit ab, in zwei Tagen fährt sie bequem hin mit ihren stolzen Braunen.

In Freudenstadt wird genächtigt, am andern Tage das Ziel erreicht und im ersten Hotel, »zum Bären«, abgestiegen. Es geht der Ameisenbüre eine neue Welt auf in dem schwäbischen Kurort an der Enz mit seinen vielen Fremden. Gegen Wildbad ist Rippoldsau klein und die Büre dort auch viel mehr ästimiert, weil kein Prophet was gilt in seinem Vaterland und keine Bauernfürstin verehrt ist unter dem Landvolk, wie sie es wünscht.

Was die Ameisenbüre in der Fremde allein genierte, war ihre Bauerntracht. Die fiel dummerweise auf an der Enz, wo noch nie eine Bäuerin aus dem Wolftal als Kurgast geweilt hatte.

Heimgekommen, erzählt sie dem Athanazi entzückt von dem neu entdeckten Bad. »Das nächste Jahr mußt du auch mit: aber wir beide kleiden uns dann nach der Mode« – so schließt die Katharine ihren Badbericht.

Der Athanazi ist mit allem einverstanden, was sein Weib beschließt: denn – und das war ein großer Zug von ihm – er blieb seiner Gattin unentwegt dankbar dafür, daß sie ihn von der Backstube weg zum Fürsten erhoben hatte. Und er bezeugte diesen Dank durch unbedingte Unterwerfung unter den Willen seines Weibes.

Friedrich der Große hat zwar den Ausspruch getan: »Wer sich dem Willen eines Weibes unterwirft, ist ein elender Wicht.« Es ist dies nicht durchweg richtig. Ich meine, ein Mann, der seinem Weibe sich unterwirft, ist nicht immer ein Pantoffelheld, sondern gar oft ein wirklicher Held.

Tapfer ist der Löwensieger,
Tapfer ist der Weltbezwinger,
Tapferer, wer sich selbst bezwingt –

sagt der Dichter. Mancher Mann, der ein böses Weib hat und um des lieben Friedens willen ihr nachgibt, während er sie lieber prügeln möchte, zeigt die Tapferkeit der Selbstbezwingung und verdient deshalb Bewunderung.

Ferner sind Pantoffelhelden vielfach die reinsten Märtyrer, und Märtyrer muß man achten und Mitleid haben mit ihren Peinen. –

»Aber wo rechte, schöne Modekleider bekommen?« so frägt die Waldfürstin im Dollenbach, als es Frühling geworden war und die Wildbad-Reisezeit sich näherte. »In Wolfe drunten,« so meint sie weiter, »oder in Freudenstadt drüben bekommt man nichts Rechts.«

Der Athanazi besinnt sich und hat bald eine Auskunft, welche der Katharine vollauf genügt. Er kennt alle Schifferherren in Wolfe; denn dorthin verkauft er seine Flöße, und die Schiffer kommen »in der Welt rum« und wissen, wo man die schönsten Modekleider macht. Der Waldfürst fährt also hinab nach Wolfe zum »Schang« (Jean), dem Vater von Theodor, dem Seifensieder. Dieser und alle Schifferherren hatten immer eine Freude, wenn der Athanazi kam. Er hatte bei ihnen aber längst einen eigenen Namen, sie nannten ihn nur den Mantelnazi.

So oft nämlich der Bur vom Ameisenhof einen schönen, blauen Tuchmantel, wie die Bauernfürsten ihn damals trugen, nötig hatte, ging er nach Wolfe und verkaufte ein Floß, bedingte sich aber in den Kauf noch einen Mantel aus. Drum hieß er bei der Schifferschaft der Mantelnazi.

Der Schang wußte dem braven Manne, der auf Modekleider fahndete, alsbald den besten Rat und sprach: »Da ist gut helfen. Ihr und eure Frau reisen nach Straßburg. Die Straßburger bekommen die neueste Mode direkt von Paris, und diese macht von Straßburg aus den Weg ins deutsche Land.«

»Aber dort,« meinte der Athanazi, »bin ich wildfremd und mein Weib auch, und wenn so einfache Bauersleut' kommen, werden sie ausgelacht und über den Löffel barbiert und bekommen doch nichts Rechts.«

»Dann geht ihr mit mir,« beruhigte der Schang; »ich muß fast jede Woche einmal Geschäfte halber nach Straßburg. Es kommt jede Woche ein Floß von uns in Kehl an, und da muß ich dabei sein.«

»Kommt am nächsten Dienstag beizeiten hierher, und dann könnt ihr zwei mit mir fahren nach Straßburg. Bis Husen nehmen wir eure Fuhre, und dann geht's mit dem Eilwagen. In Straßburg will ich euch schon an den rechten Ort bringen. Nehmt nur einen Sack voll Fünflivres-Taler mit!«

Jetzt war dem Athanazi aufgeholfen. »Schang,« rief er, »des isch a Red', die isch zwei Botelle Zehner wert, und die zahl' i sofort drübe im Salmen!« Die Schifferherren taten den Waldfürsten gern jeden Gefallen; drum ging auch der Schang gerne mit dem Mantelnazi in den Salmen hinüber, trank mit ihm die zwei Botellen und redete von Straßburg und seinen Modeläden.

Seelenvergnügt fuhr der Bur vom Dollenbach am Nachmittag das Wolftal hinauf, so schnell seine Braunen laufen konnten: denn es drängte ihn, seiner Käther die frohe Botschaft zu bringen.

Diese strahlte, als er heimgekommen, ihr von Strasburg und Paris erzählte und die Begleitung des Schiffers Schang in Aussicht stellte.

»Des isch a ang'sehener Ma, der Schang, in Stroßburg und überall, wohin er kommt, und ist bekannt, so wit das Wasser im Rhi louft. Do were die Stroßburger Respekt ha, wenn wir mit dem Schang komme,« also schloß der Athanazi seinen Bericht.

Und Beifall nickte die Büre, die den großen Floßkapitän von Wolfe wohl kannte und von seinen Rheinfahrten nach Holland schon viel gehört hatte.

Kaum war es recht Tag am folgenden Dienstag, so fuhr der Athanazi schon beim Schang vor. Es war ein duftiger Frühlingsmorgen. Leichter Nebel lag über dem Tal; aber die Sonne schaute schon über den »Siechenwald« her durch den Nebel ins Städtle.

Der Schang war gleich reisefertig, und fort ging's Husen und der Poststation zu. Am Nachmittag schon rollte er mit seinen zwei Wolftälern über die Kehler Brücke gen Strasburg.

Während der Hansjörg und die Apollonia, so auf dem Seebenhof residierten, in Straßburg wie daheim waren, kam der Athanazi mit seiner Waldfürstin zum erstenmal in die »wunderschöne Stadt«. Denn als armer Bäcker war er nie so weit gekommen: er hatte seine Wanderjahre in Schilte, Schramberg und Rottweil zugebracht, und seiner Käther erste größere Reise war die Tour nach Wildbad gewesen.

Beide kamen auch erst recht in Flor, nachdem das Fürstenpaar auf dem Seebenhof abgeblüht hatte.

Wildbad und Straßburg, welch ein Unterschied! Jetzt gingen der Ameisenbüre erst die Augen auf, und immer und immer wieder begleitete sie ihr Staunen mit der Wehklage: »Zua was sind ou wir Leut im Dollenbach ouf der Welt!«

Der Schang, der mit ihnen im »roten Haus« am Kleberplatz abgestiegen war, zeigte ihnen alle Sehenswürdigkeiten, führte sie in alle berühmten Cafés und Restaurants und vorab in die Läden mit Modewaren, zu den Herren- und Damenschneidern und zu den Modistinnen.

Die Büre konnte sich nicht satt sehen und nicht satt kaufen. Am Mittag des andern Tages schon waren dem Athanazi die Fünflivres-Taler ausgegangen; aber der Schang half aus, denn er hatte Geld und Kredit im Ueberfluß zur Verfügung bei den Straßburgern.

Die Kleider wurden angemessen und nachgeschickt, für den Athanazi einen Herren- und für die Käther drei Damenanzüge nach der neuesten Pariser Mode.

Was man gleich mitnehmen konnte, Hüte, gewirkte Schalen, Schürzen und was sonst das Herz begehrte, wurde alsbald verpackt.

In der Nacht des dritten Tages kamen der Bur und die Büre auf den Ameisenhof zurück mit ganz neuen Ideen und mit dem süßen Gefühle, bald als Pariser auftreten zu können.

Das geschah um das Jahr 1840.

Die Büre konnte es, wie alle Wibervölker, nicht erwarten, bis sie sich in den Modekleidern zeigen konnte. Der Bur genierte sich daheim noch vor seinen Standesgenossen; auch paßte die Pariser Herrenkleidung nicht zu seinem Leibspruch: »Bin i nit a riche Bur un a Waldfürst?« Nenn echte Buren und Waldfürsten laufen nicht in der Welt rum wie Pariser Bummler.

Aber in Wildbad, wohin er fortan alljährlich mit der Gattin reiste, trug er stets nur Modekleider.

Die Büre hatte sich bei ihrer ersten Badreise den »Comment« badender Herrschaften wohl gemerkt, und fortan zeigte sie, was ich anderwärts schon gesagt, daß jedes Weib von Natur aus befähigt ist, sich in jede Rolle zu finden und dieselbe mit Takt und Anstand zu spielen.

Die Ameisenbüre nahm drum, so oft sie ins Bad reiste, außer ihrem Pariser Anzug und ihrem modernisierten Athanazi noch eine Kammerjungfer mit. Diese hieß Regine und war ein nettes, zimpferliches Meidle, das vor wenig Jahren noch lebte und von den schönen Tagen im Wildbad erzählte.

In das Fremdenbuch mußte der Athanazi schreiben: »Athanasius Armbruster, Gutsbesitzer aus dem Dollenbach, mit Frau und Bedienung.«

Auch das hatte sich die Büre bei ihrer ersten Badekur gemerkt, daß bessere und feinere Herrschaften nicht immer an der großen Tafel essen, sondern sich bisweilen auf dem Zimmer servieren lassen. Demgemäß taten auch der Athanazi und sein Weib. Sie erschienen nur zwei oder dreimal die Woche an der Tafel und nahmen dann an diese jeweils auch ihre Zofe mit.

Am Nachmittag fuhr das Waldfürstenpaar regelmäßig in Wildbad und in der Umgebung spazieren. Blieb aber der Waldfürst einmal im Hotel zurück, so mußte die Regine mit der Ameisenbüre; denn auch das hatte diese abgeguckt, daß vornehme Damen stets eine Gesellschafterin bei sich haben, wenn sie ausfahren.

Und als sie gemerkt hatte, daß die hohe Saison in Wildbad im August sei, so wurde später regelmäßig dieser Monat zur Badreise bestimmt und der Aufenthalt jeweils auf 4–6 Wochen festgesetzt.

Was sie aber den andern Herrschaften nicht abgelernt hatte, die »reiche Bäuerin«, wie sie in Wildbad allgemein hieß, das war die Noblesse, mit der sie Trinkgelder gab. Sie war durch diese bald so beliebt, daß sich alles, was auf Trinkgelder rechnet, freute, wenn die Waldbüre kam.

Waren Tag und Stunde ihrer Ankunft bekannt, so empfing sie die Kurmusik beim Eingang ins Städtle und geleitete sie bis zum Bären. Kinder und Bettler, angelockt durch die Musik, kamen in Scharen, und nun warf die reiche Bäuerin Hände voll Sechser, Groschen und Kreuzer, die sie schon parat gehalten, unter die fröhliche Menge.

Hatte das Kurorchester die Einfahrt verpaßt, oder dieselbe zu spät erfahren, so erschien es alsbald, nachdem die Herrschaften abgestiegen waren, vor dem Hotel und brachte ein Ständchen.

Für diese Huldigung, die auch bei der Abreise stattfand, bezahlte die Ameisenbüre jeweils 100 Gulden.

Daß Kellner und Zimmermädchen von ihr nicht übersehen wurden, versteht sich von selbst. Sogar die Frau des Hotelbesitzers bekam ihr Präsent, indem die Büre ihr jeweils einige Häfen voll »Anken« (Schmalz) mitbrachte.

Vor der Heimreise wurden große Einkäufe gemacht, um würdige Badgeschenke mitzubringen für Kinder, Freundinnen und Dienstboten. Bis zu tausend Gulden gingen manchmal drauf für diese Kleinigkeiten.

Drum war bei der Ankunft auf dem einsamen Hof immer großer Empfang, weil alles wußte, daß keine Person, welche die Herrschaften zur glücklichen Heimkehr begrüßte, leer ausging.

Natürlich ward für jede neue Badreise auch die Garderobe, welche nur aus Seiden- und den feinsten Wollkleidern bestand, erneuert. Ein Kaufmann in Wolfe hatte so einmal den Auftrag erhalten, der Ameisenbüre einige »gewirkte Schalen« zur Auswahl zu senden. Er schickte ein ganzes Dutzend und noch eine dazu, also dreizehn Stück.

Die Fürstin mustert und »verliest« sie, und siehe da, es hat jede in ihrer Art den Beifall der Ameisenbüre, Drum behielt sie einfach alle dreizehn.

Woher aber das Geld zu den vielen, vielen Ausgaben und dem geradezu fürstlichen Gebaren eines Buren und einer Büre?

Zunächst aus dem Wald, und drum nannte sich der Athanazi mit Recht einen Waldfürsten.

Seine Vorgänger auf dem Ameisenhof, der Vater und der Großvater der Bure, die Fürsten Anton und Simon, waren einfache, sparsame Buren gewesen. Sie hatten hausgehalten auch mit ihren Wäldern, und drum standen, als den Athanazi sein Glücksstern aus der Backstube auf den stattlichen Hof versetzte, Holländer-Tannen in ungezählter Menge das ganze Dollenbachtälchen hinauf.

So konnten jedes Jahr 10–12 000 Gulden aus den Wäldern eingenommen werden. Später, als die Ausgaben sich steigerten, mußte der Wald für 30 und 40 000Gulden bluten.

Und doch kamen zu diesen Einnahmen noch alljährlich Schulden, besonders als die fünf Buben herangewachsen waren und ihren redlichen Anteil am Fürstenleben auf dem Ameisenhof in Anspruch nahmen.

Den ältesten, den Xaveri, gab der Athanazi ins »Studi« an das Gymnasium in Offenburg, wo er einige Schulen »genoß«. Wenn dann ein oder der andere Bur im Wirtshaus vor Seebach den Ameisenbur fragte, was sein Student werden sollte, meinte der Athanazi: »Mi Xaveri soll a g'studierter Herr were, mehr broucht er vorläufig nit. Später kann er dann immer noch were, was er will. Isch si Vater nit a riche Bur un a Waldfürst?« Aber selbst dem Xaveri leuchtete es ein, daß er doch vorläufig was anderes werden sollte als lediglich ein g'studierter Herr. Und da er einsah, daß er zu einem solchen das Zeug überhaupt nicht habe, so ging er zu einem Kaufmann in Zell am Harmersbach in die Lehre, bis er zu Höherem berufen ward.

Seine Brüder, der Toweis, der Karle, der Konstant und der Engelbert trieben sich im Waldfürstentum herum und übernahmen die Regierung in Wald und Feld, in Haus und Hof. Am liebsten waren sie aber in den Wirtshäusern, wo sie zechten und spielten mit ihren Freunden, deren sie gar viele hatten, besonders beim Trinken.

Manchmal fuhr einer oder der andere mit Sägwaren ins Renchtal und hatte, wenn er heimkam, den ganzen Erlös »vertrunken« und verspielt.

Für solche und ähnliche Streiche hatte der Waldfürst Athanazi nur die Worte: »Es isch doch merkwürdig, was ich für Buawe ha.«

Diese Buben waren aber auch dankbar für die Milde ihres Vaters; denn als dieser 1863 aus dem Leben schied, da setzten sie ihm einen Grabstein und auf diesen die Worte:

Friede sei um diesen Grabstein her,
Sanfter Friede Gottes.
Ach, sie haben einen guten Mann begraben,
Und uns war er mehr.

Sicher ist diese bekannte Inschrift, welche man heute noch auf dem Kirchhof ob dem Dollenbach lesen kann, der Erinnerung des g'studierten Herrn Xaveri entsprungen, und sie macht seinem Studi alle Ehre.

Wie es oft zu gehen pflegt bei wirklichen Fürstentümern, daß die Zustände dem alten Fürsten noch nicht schaden, den jungen aber stürzen, so ging's auf dem Ameisenhof.

Als der Athanazi sich zum Sterben niederlegte, war das Waldfürstentum dem Abgrunde nahe. Wer sollte und wollte es übernehmen?

Der Jüngste, der Engelbert, hatte längst geheiratet und ein Gütchen, das zum Hof gehörte, im Dollenbach erhalten. Der Toweis war ledig gestorben, der Konstant ein Lump, der bald auch hinsiechte, und der Karle schon Bur auf einem andern Hof. So übergab die Fürstin den Ameisenhof dem g'studierten Xaveri, sprach für sich aber ein Leibgeding an, als ob die Herrschaft noch im alten Flor wäre.

Sie bedingte für sich die drei besten, tapezierten Zimmer, Holz, Butter, Milch, Equipage und alljährlich tausend Gulden in Geld.

Der Xaveri wehrte sich, so gut er konnte, diese Last und die Zinsen der Schulden, so Papa Athanazi ihm hinterlassen, zu tragen und aufzubringen. Er holte die letzten Reste des mächtigen Waldbestandes aus den Bergen und schlug sich noch vier Jahre durch mit Hilfe der Juden Isaak und Heinrich von Schmieheim.

Dann aber war's fertig und aus mit dem Waldfürstentum im Dollenbach. Die alte Fürstin krankte sich, wie einst die Apollonia auf dem Seebenhof, zu Tode, und am 10. Juli 1867 haben sie »die reiche Bäuerin von Wildbad« als arme Frau begraben.

Wenige Monate später mußte der Xaveri froh sein, daß die Fürstenberger ihm den Ameisenhof abnahmen um den Betrag der Schuldenlast. Er mußte froh sein, weil ihm ansonst alles infolge richterlichen Spruches genommen worden wäre.

Der neue, echte Waldfürst von Fürstenberg ließ alsbald den Ameisenhof niederreißen. Unter den Arbeitern, die dies besorgten, befand sich auch der Jüngste des Athanazi, der Engelbert.

Als der Giebel sank und das Gebäude in sich zusammenstürzte, stießen die Burschen ein Freudengeschrei aus. Wer am meisten johlte, das war der Engelbert, der bald nachher als abgehauster Gutler nach Amerika zog.

Der Karle verkaufte seinen Hof auch, kaufte eine Mühle droben im Klettgau, und da es ihm schlecht ging, erhängte er sich.

Der Xaveri fing in der Nähe vom Dollenbach einen Kramladen und eine Wirtschaft an; er kam aber nicht fort. Drum schied er aus der Heimat und erwarb sich weit drunten im Kinzigtal sein Brot als Schreiber.

Er starb vor wenig Jahren; sein Studium hatte ihm noch zur letzten Existenz verholfen.

Aus den Glanztagen am Dollenbach lebte 1897 nur noch die Zofe der alten Fürstin, die Regine. Sie amtete später noch einige Jahre als Zimmermädchen oder, wie man sie von der Hauptbeschäftigung, dem Bettmachen, nannte, »Bettmeidle« im Bad Griesbach im benachbarten Renchtal.

Dann heiratete sie einen armen, aber fleißigen Mann auf ein Gütle im Reichenbach, südlich vom Dollenbach. Beide haben in langer, emsiger Arbeit sich freigemacht von Schulden und sehen jetzt im Kreise braver Kinder sorgenlos dem Tod entgegen.

In ihrer malerischen Waldhütte haben der Großherzog Friedrich und die Großherzogin Luise von Baden vom Bad Rippoldsau aus die Regine früher oft besucht und bei ihr »kuhwarme« Milch getrunken, worauf die schneidige Alte besonders stolz war.

Als einstige Zofe und nachheriges Bettmeidle konnte sie mit den hohen Herrschaften aufs beste verkehren.

Vom Ameisenhof ist wie vom Seebenhof kein Stein mehr auf dem andern. Aber die Waldfürsten und Erzbauern am Wildsee leben noch im Volksmund, aus dem auch ich ihre Geschichte gehört habe. Und ich habe sie hier wiedergegeben, weil alle Fürsten, die Kronen- und die Wäldfürsten, es sich gefallen lassen müssen, daß man ihr Leben und ihre Taten beschreibt. –

Im Mai 1897 habe ich die Regine aufgesucht, bin durch das einstige Gebiet der Erzbauern unter dem Wildsee gefahren und habe die prachtvollen Waldbestände bewundert, die auf dem Boden der beim Untergang jener Fürsten ausgeschundenen Waldungen sich wieder erhoben haben.

Das ist, wie schon einmal gesagt, der Segen der toten Hand und ein Beweis dafür, daß die echten Fürsten, in der Regel durch ihre Beamten besser hausen als die allein regierenden Bauernfürsten.

Freilich genießen die Fürsten und die übrigen Herren vom Adel das Privilegium der Fideikommisse, und man darf ihnen ihre Stammgüter nicht verkaufen, auch wenn sie noch so viele Schulden haben.

Solchen Privilegs erfreut sich leider der Bauer nicht, und wenn er üppig lebt, kostet's ihm und seinen Nachkommen Haus und Hof.

Drum ist's nicht gut, wenn die Bauern so große Höfe haben, daß sie die Fürsten spielen können. Denn wir haben gesehen, daß alle Erz- und Fürstenbauern an ihrer eigenen Größe zugrunde gingen.

Man lebt eben in alleweg sicherer, ruhiger und zufriedener in der Mitte oder in der Tiefe als auf der Höhe der Menschheit.