Der Vogtsbur

1.

Am 29. April des Jahres 1842 ging es hoch her in meiner Vaterstadt Hasle. Ich zählte an jenem Tage noch nicht fünf Jahre und hab' von seiner Herrlichkeit wohl manches an meinen Kinderaugen vorüberziehen sehen; aber ich erinnere mich nur noch an das, was Vater und Mutter davon erzählten, als ich zehn und mehr Jahre alt war.

In aller Herrgottsfrühe zogen an dem genannten Tage die Stadtmusikanten unter Lambert, dem Schmied, durch die dunklen Gassen von Hasle und posaunten und trommelten »Tagreveille«, wie sie dieselbe nur dreimal im Jahre aufführten: am »lieben Herrgottstag«, am Fest des Kirchenpatrons, des hl. Arbogast, und an des Großherzogs Geburtstag.

Zwischen die schmetternden Märsche hinein öffneten draußen auf dem Viehmarkt die Böller und die »Katzenköpfe« ihre Schlünde und donnerten ins Städtle hinein, in Berg und Tal.

So tapfer hatten die Musikanten von Hasle noch nie geblasen und die Festkanoniere noch nie gefeuert, wie an diesem Morgen. Der Grund ihrer Energie lag in dem Hochgefühl, am heutigen Tage gratis genug essen und trinken zu können bis in die späte Nacht hinein.

Am Herrgottstag, am Arbogast-Fest und am Großherzogstag bekam von den Mannen, die hinter den Posaunen, Trompeten, Klarinetten, Pfeifen und Trommeln marschierten, und von den Feuerwerkern, welche die Geschütze bedienten, jeder nur einen halben Gulden (86 Pfennig) aus der Stadtkasse. Und dieser halbe Gulden war von den lustigen und durstigen Haslachern jener Tage »vertrunken«, ehe sie zum Mittagessen einrückten.

Am 29. April 1842 aber hatten sie »
carte blanche«, d. h. sie durften »im Kreuz« essen und trinken, so viel und so lange sie wollten. So hatte der Kapellmeister den Musikanten und sein Zunftgenosse, der Schmied Felix Walz vulgo Zängle, der Kommandant der Böller- und Katzenkopf-Garde, seinen Feuerwerkern am Vorabend schon verheißen. –

Nachdem die Musikanten und Artilleristen so das ganze Städtle aus dem Morgenschlaf geblasen, getrommelt und bombardiert hatten, zogen sie ins Kreuz zur »Morgensupp«, bei der es jedoch keine Suppe, wohl aber Schwartenmagen, Bratwürste und Achter-Wi in schwerer Menge gab.

Von der Morgensupp weg trieb die Musikanten der Generalmarsch, welcher alles, was zum Bürgermilitär zählte, unter die Waffen vor das Haus des Hauptmanns rief.

Mein Vater war eben zum Hauptmann gewählt worden; die Tapferen traten also vor unserem Bäcker-Palais an.

Bauersleute, zufällig über die Kinzig herüber ins Städtle gekommen, staunten nicht wenig, als sie am hellen Werktag die Haslacher Bürger-Garde in Paradeuniform aus allen Gassen und Gäßchen dem Haus des »Becke-Philipp« zueilen sahen.

Der Roserbur aus dem Fischelbach fragte den Grenadier »Fuchsweber«, der in der Vorstadt an ihm vorbeihuschte, während die Trommler noch Generalmarsch schlugen: »Was git's bigott hit z'Hasle. Komme d' Franzose, oder isch der Großherzog im Anzug?«

»Nix a so,« meinte ernst und feierlich und einen Augenblick stehen bleibend der Weber. »Unser Oberleutnant, der Eduard, hiratet hit 's Vogtsbure Katherle us'm Kaltbrunn. Ihr Vater isch der richst Bur im ganze Kinzigtal, un jetz word usg'ruckt und d'Hochzitere abg'holt un in d'Kirch bigleitet, und dann goht's ins Kriz. Worsch z'Mittag au antrete, Roserbur? Oder hesch kei Ladung bikomme?«

»Jo,« entgegnete der Bur, »ihr Haslacher ladet jo kei Bur extra i zum Hofig, wia wir Bure es mache. Aber i kenn de Eduard guat, er heißt mit dem Vornamen wia i, un i hol am Märkt mini Wecke alle bi ihm. Trum komm' i au ins Kriz.«

»I hab' de Schuahmacher uf'm Hof un Leder hole welle: aber z'erst b'schau i jetzt euer Fest, dann trink' i an Schoppe und gratulier' dem Eduard, eh i mi Leder kauf un dann wieder heimgang.«

So wie der Fuchsweber dem Roserbur vermeldet, so war es. Der Bäcker Eduard Hansjakob, Oberleutnant bei der Stadtgarde, sollte heute des Vogtsbure Kätherle heimführen. Und dieser Feierlichkeit galten all die Dinge, von denen wir eben erzählt.

Der Eduard, ein bildschöner, schlanker, großer, schwarzer Mann, der Neffe meines Großvaters, des Eselsbecken von Hasle, hatte seit seines Vaters Tod sich als Bäckermeister in der Stammhütte der Hansjakob in der »vordere Gaß« niedergelassen.

Sein Vater hieß Arbogast wie der Stadtpatron. Während dessen Bruder, der Becke-Peter, mein Großvater, Demokrat war, zählte der Arbogast zu den Aristokraten. Er war ein vermöglicher, angesehener Mann und, was solchen Bürgern immer gut ansteht, ein loyaler Untertan. Er hielt die Fürsten für Leute von Gottes Gnaden, und selbst dem mediatisierten Fürsten von Fürstenberg, unter dessen Landeshoheit er geboren war und noch als Bäcker sein Brot gebacken hatte, bewahrte er die ehrerbietigste Gesinnung.

Drum war er auch fürstlich fürstenbergischer Kastenvogt geworden, d.h. er mußte den Fruchtzehnten, so der Fürst von den vielen Feldern um Hasle erhielt, einsammeln und dreschen lassen und die Frucht auf den »Kästen« des Fürsten, großen, steinernen, finstern Zehnthöfen, aufschütten, daselbst überwachen und mit Genehmigung des Rentmeisters an die Bäcker von Hasle verkaufen.

Auch den Weinzehnten zog er ein, und den Herbstwein von des Fürsten eigenen Reben hatte er in den Kellern unter den Zehntkästen zu pflegen.

Sein Sohn Eduard hatte, trotzdem er erst ein Zwanziger war, 1836 nach seines Vaters Tod dieses fürstenbergische Kron-, Wein- und Kornamt übernommen. Und ich erinnere mich noch wohl aus meiner ersten Knabenzeit, daß wir bei der Ernte auf meines Vaters Feldern jede zehnte Garbe liegen lassen mußten für den Kastenvogt.

Ich erinnere mich aber auch noch gar wohl, daß ich einmal, etwa zehnjährig, auf den Aeckern hinter dem Kapuzinerkloster meiner Vaterstadt Garben machen half.

Der »Läuferjok«, unser alter Taglöhner, band die Garben, und ich mußte ihm mit unserer Magd, der Luitgard, die Halme zutragen. Als nun der »Wendel«, unser Fuhrmann, kam, um die Garben zu laden, sah ich, daß der Läuferjok, der sie an eine große Gabel spießte und dem Wendel auf den Wagen streckte, von Zeit zu Zeit eine Garbe liegen ließ.

Ich machte ihn darauf aufmerksam, weil ich glaubte, er habe sie übersehen. Da sprach der Jok: »Büable, je die zehnt' Garb' gehört dem Fürste.« Ich fragte: »Warum?« Der Jok antwortete: »Wil die g'meine Lüt uf der Welt sin, um d'Fürste zu verhalte!«

Mir kam es unrecht vor, daß der Fürst ernten sollte, wo er nicht gesät, und demokratisch, wie ich von Kindsbeinen an war – machte ich dem Läuferjok den Vorschlag, die Garben anzuzünden.

»Büable!« warnte der greise Jok, »des losch du bliewe, wenn du nit ins Loch wit.« –

Am Abend, da der Jok bei einem Schnäpsle in unserer Stube ausruhte und aufs Nachtessen wartete, erzählte er dem Vater mein Attentatsversuch auf die fürstlichen Garben.

Mein Vater lächelte und meinte: »Der Kerl ist aller Bosheit voll, aber Kinder und Narren reden bisweilen die Wahrheit.« –

Der schöne Eduard also war Bäckermeister, Kastenvogt und Oberleutnant bei der Bürgergarde. Seinem Bäckerhause gegenüber lag das Wirtshaus zum Kreuz, und im Kreuz, dem damals berühmtesten Wirtshaus im Tal, hatte des Vogtsbure Kätherle von Kaltbrunn das Kochen gelernt; denn der Vogtsbur ließ seine Kinder aufs beste ausbilden, weil er der angesehenste Bur war, so weit die Kinzig ihre Bergwasser aufnimmt.

Das Kätherle war ein rotbackiges, schwarzäugiges, lustiges Meidle. Es sah den schönen Eduard und er gefiel ihm, besonders wenn er an Sommer-Sonntagen in der Frühe zum Exerzieren aus- und einrückte in der schmucken Uniform der Garde von Hasle.

Der Vogtsbur hatte elf lebendige Kinder und war drum trotz seines vielen Geldes damit einverstanden, daß sein Kätherle einem Bäcker, dem voraussichtlich das Mehl nie ausgehen würde, die Hand reichte.

In Hasle, wo damals fast eben so wenig reiche Leute wohnten, als es Bären im Haslacher Urwald gab, war es ein Ereignis erstaunlichster Art, da es hieß: »Des Arbogaste Eduard, der Kastenvogt, bekommt des Vogtsbure Kätherle von Kaltbrunn.«

Dieses war heimgegangen, als der Vater das Jawort gegeben, um seine Aussteuer zu richten, und sollte erst am genannten 29. April wieder eintreffen »zum Hosig«. Denn nach schöner, alter Sitte fand dieser da statt, wo die Braut ihre neue Heimat finden sollte, also diesmal in Hasle. – Die Bürgergarde war vor meinem Elternhaus angetreten; mein Vater, der Hauptmann und Vetter des Hochzeiters, trat vor die Front und kommandierte: »Gewehr auf Schulter! Rechts um! Marsch!« – Die Tambours wirbelten, die Musik begann, und fort ging's zum oberen Tor hinaus, den Brautzug zu erwarten.

Der Garde voraus galoppierten die kleinen Buben, ihr hintennach trabten alle Neugierigen, d.h. alles, was laufen konnte.

Das Kätherle kannten alle Leute in Hasle vom Kreuz her, aber nicht alle den Vogtsbur von Kaltbrunn, obwohl er schon hie und da vor dem Kreuz angefahren; drum war die Menge mehr auf diesen gespannt als, wie sonst üblich, auf die Braut.

Von seinem Reichtume gingen die wundersamsten Sagen im Tal. Zweifellos glaubten alle, daß er ein Millionär sei, ein Begriff, der in jenen Tagen in Hasle mindestens zehnmal so hoch im Kurs stand als heute die fünf Milliarden, welche die Franzosen nach dem letzten Krieg zu bezahlen hatten.

Auch das war bereits bekannt, daß der Vogtsbur sich eben ein eigenes Parade-Militär geschaffen hatte, und die Haslacher und ihre Garde fragten sich deshalb heute ängstlich: »Am End' kommt der Hochzitsvatter mit sim eigene Militär?« Das wäre unter Umständen eine Beschämung für die Haslacher Bürgergarde gewesen; denn es hieß allgemein, die Leibgarde des Vogtsburen trage weiße Hosen und rote Fräcke; sie war also schöner montiert als die von Hasle, welche nur blaue Fräcke und weiße Hosen anhatte.

Doch kam der Bauernfürst ohne seine Garde; sie war noch zu neu und im Rekrutenstande, weshalb er sie nicht mitgenommen hatte.

Drum fuhr er selbst auch gegen 9 Uhr jenes Morgens in Hasle in Zivil an, d. h. in seiner alten, echten Bauerntracht: langem, schwarzem Flügelrock mit Stehkragen und rotem Futter, grüner Weste mit silbernen Knöpfen, kurzen, ledernen, mit grüner Seide gestickten Kniehosen, blauen Strümpfen und Rohrstiefeln.

Der Vogtsbur gehörte trotz seines Reichtums und seines Verkehrs mit Fürsten zu jenen alten, vernünftigen Bauern, an denen sich die jungen unserer Tage ein Beispiel nehmen könnten. Er war stolz auf seine Bauerntracht und meinte, ein Bauer müsse überall in seiner Tracht erscheinen und dürfe sich nie seines Standes schämen.

Aber herrenmäßig fuhr der Vogtsbur am Hochzeitstag seines Kätherle doch daher. In Wolfe angekommen, hatte er vom Salmenwirt dessen Chaise geliehen, die zwei schönsten eigenen Rappen in silberplattiertem Geschirr davor gespannt und war so, mit der Braut allein im Wagen sitzend, talabwärts gefahren und Hasle zu.

Hintendrein fuhren in flotten, zweispännigen Bennewägelchen die Stiefmutter der Braut, deren erwachsene Geschwister und zahlreiche ländliche Verwandte des Bauern-Fürsten von Kaltbrunn.

Der Hauptmann der Haslacher Garde kommandierte, als der Major und Fürst von Kaltbrunn am oberen Tore anfuhr: »Achtung! Gewehr auf Schulter! Präsentiert!« Der Fürst grüßte und dankte hocherfreut durch Abnehmen seines schwarzen Filzhutes und durch Kopfnicken; das Kätherle aber lächelte mit allen Zügen und mit seinen lebhaften, kleinen Augen.

Es hatte die malerische Kaltbrunner Tracht abgelegt und trug die nicht weniger vornehme Kleidung der damaligen Bürgersfrauen von Hasle: schön geflochtene Zöpfe, die ein hoher, reichverzierter Schildkrotkamm zusammenhielt, lilaseidenes Kleid mit Buffärmeln, weißen, gestickten Schulterkragen und farbigen Gürtel aus Atlas, den eine große, goldene Schnalle zierte.

Nachdem die Kaltbrunner an der Ehrenkompagnie vorüber gefahren waren, marschierte dieselbe mit der Musik hintendrein. –

Es gibt sicher Leute, besonders in unserer servilen Zeit, die es vielleicht lächerlich finden, daß mein Vater, der Becke-Philipp von Hasle, seine Stadtsoldaten präsentieren ließ vor Bauern und »gemeinem Volk«. Ich lobe das, nicht weil der Kommandant mein Vater war, sondern weil mich jede Ehre freut, die dem gemeinen Volk zuteil wird.

Dieses Volk ist in meinen Augen allein wahrhaft von Gottes Gnaden und die einzige vollberechtigte, souveräne Majestät auf Erden. Freilich ist diese Majestät sich ihrer Würde zu wenig bewußt, drum präsentiert sie durch ihre Söhne das Gewehr lieber vor andern Majestäten, sogar vor Wickelkindern, wie die Franzosen vor zwei Jahren vor einem russischen Säugling. Ja, das gute Volk schießt auf anderer Befehl selbst auf seinesgleichen.

Ein alter Volksredner, den ich noch gar wohl kannte, pflegte, wie er mir oft erzählte, wenn er anno 1848 und 49 Reden hielt, die versammelten Bürger stets anzureden mit: »Ich grüße die Majestät des Volkes!« Respekt davor! So sollte nach meiner Ansicht jeder Fürst sein Volk anreden.

Fürwahr! Die Throne würden viel fester stehen, wenn die Fürsten die größten und ersten Demokraten im Lande wären. –

Vor dem Kreuzwirtshaus stiegen die Gäste ab. Nur wenige hatten es bemerkt, wie der Vogtsbur dem Kreuzwirt einen kleinen, schweren Sack übergab, ehe er seine Brauttochter hinüber ins Haus des Bräutigams geleitete.

Der Hochzeitszug ordnete sich zum Kirchgang; der Sakristan läutete mit allen Glocken, die Stadtmusik blies in allen Tönen, die Böller und Katzenköpfe krachten, und die Garde marschierte dem Zug voran und bildete, bei der Kirche angekommen, Spalier, bis derselbe in den heiligen Hallen verschwunden war. Hier gab der kleine, jugendliche Vikar Kuß, den ich als greisen Priester noch kennen lernte, den Eduard und das Kätherle zusammen.

Trauzeugen waren der Vogtsbur selber und der angesehenste unter den »Herren« in Alt-Hasle, der fürstliche Rentmeister Fischer, von dem ich in meiner »Jugendzeit« erzählt habe.

Während des Festessens konzertierte Lambert, der Schmied; und seine Musikanten und die Bürger-Gardisten tranken, so viel sie trinken konnten.

Statt des heute Mode gewordenen Toastes auf die jungen Eheleute erhob sich während des Mahles der Vogtsbur und verschwand mit dem Kreuzwirt. Nach wenigen Augenblicken erscheint er wieder mit dem kleinen, schweren Sack auf dem Arme. Den Sack stellt er vor die Neuvermählten hin und spricht zu Eduard, dem Kastenvogt: »Do hosch die erst Portion vom Heiretsguot, des i meim Kätherle mitgeb.«

Es war, wie mir mein Vater oft erzählte, ein »ganzer Stumpen Kronentaler«, und von diesem Stumpen hörte ich noch zehn Jahre nach dem Hosig unzähligemal sprechen.

An der »Uerde«, d.i. an der Tafel der Hochzeitsleute und ihrer nächsten Verwandten, saßen auch zwei Studenten, ein alter und ein junger. Der alte war der »Karle«, des Hochzeiters, und der junge der »Nepomuk«, der Hochzeiterin Bruder.

Der Karle war ein bemoostes Haupt in der Medizin, ein Studienfreund des Vikars Kuß, der drum hatte kopulieren müssen. Der Nepomuk aber, noch nicht sechzehn Jahre alt, studierte eben in Offenburg auf dem Gymnasium und wollte »ein geistlicher Herr« werden.

Wie es diesen beiden studierenden Hochzeitsgästen im Leben erging, wollen wir später hören.

Wie alles auf Erden, nahm auch das Festessen und der großartige Hosig ein Ende, und einmal, wenn auch noch so spät, mußten die Kombattanten und Nichtkombattanten, d. i. die Musikanten der Garde von Hasle und diese selbst, den Platz räumen, auf dem sie so tapfer getrunken hatten wie noch nie seit dem Bestehen der stolzen Bürgerwehr.

»So sollt jede Woch a Hosig si,« meinte Lambert, der Schmied und Kapellmeister, als er nach Mitternacht mit seinem Nachbar, dem Schuster Xaver Holzer, dem ersten Klarinettisten seiner Kapelle, heimwankte.

Die Gäste aus dem Kaltbrunn waren längst abgefahren, ihnen voran der Vogtsbur mit seiner zweiten Frau, der schönen Gertrud.

Wir wollen ihm nachfahren, dem Bauernfürsten, und noch mehr von ihm hören.

2.

Im oberen Quellengebiet der Kinzig liegt ein einsames, waldiges Hochtal, der Kaltbrunn genannt, so benamset von einem Bächlein gleichen Namens, das einem kühlen Brunnquell im Walde entspringt. Wenige und deshalb reiche Bauern bewohnten seit alten Zeiten dieses etwas über zwei Stunden lange Tal.

Die Tannenbäume, die sie in stattlichen Flößen durch das Laienbächle und den Kaltbrunnerbach der Kinzig zuführten, machten ihren Reichtum aus.

Der reichste von ihnen war zu Anfang des 19. Jahrhunderts der Bur auf dem Vogtshof, unter dem gewaltigen Rufenkopf gelegen. Weil die Besitzer dieses großen Waldhofes ihres Ansehens wegen meist Vögte im Tal waren, hatte der Hof den obigen Namen erhalten.

Anton Harter hieß der Vogtsbur und Vogt von Kaltbrunn, als das 19. Jahrhundert in die Welt trat, ein stattlicher und stolzer Bur, der nur Holländer-Stämme, d. h. Riesentannen in seinen Wäldern schlug und seine Flöße an die Schifferschaft in Wolfe verkaufte.

Mehr denn einmal im Jahr fuhr er von diesem Waldstädtchen heim, den Sitz in seinem Wägele voll von Kronentalern, jenem schönsten und währhaftesten Silbergeld der vergangenen besseren Zeiten.

Der Kronentaler wurden nach und nach so viele, daß die Vögtin, die Mariann', sie nimmer alle in ihrem großen, buntbemalten Trog neben ihren Staatskleidern aufheben konnte.

»Was meinsch, Toni,« sprach sie eines Tages, da der Bur wieder mit seiner großen »Ledergurt« voll der großen, silbernen Dinger heim kam, »i hon kei Platz mei im Trog, i moin, i well üser Geld in einer Schiede oufhebe un d'Schiede unter üsere Himmelbettlad stelle?«

»Mach, wia du witt, Alti,« gab der Vogt zurück, »aber derno muasch d'Stubekammer gut abschliaße.«

So geschah's, und fortan lagen die Kronentaler in einer großen, weißen Schiede unter dem riesigen Himmelbett der Vogtsleute; die Schiede aber war meist voll.

Nicht weniger als sechs Buben hatten der Vogtstoni und seine Mariann' und dazu noch drei Meidle – alle lustig und lebensfroh, wie es auf Bauernhöfen, wo die Kronentaler korbvollweise sich finden, der Fall ist.

Die Buben und die Meidle waren gesucht und darum nicht allzulange ledig. Denn weit und breit in den Tälern an der Kinzig ging die Kunde von der Schiede unter der Himmelbettlade im Vogtshof zu Kaltbrunn.

Und mit den Kronentalern in der Schiede wurde nicht geknausert. Namentlich war die Mutter damit freigebig gegen ihre Kinder. Wollte eines Geld, um zu einem Tanz oder auf den Jahrmarkt zu gehen nach Alpirsbach, Schiltach oder Wolfach, so pflegte sie zu sagen: »Gau in d'Stubekammer und hol in der Schiede, aber mach' ou 's Loch wieder ebe, wenn du g'nomme hosch!«

Einer von den Buben des Vogts, Toni, der jüngere, saß schon seit Jahren als Bur droben auf dem einsamen Roßberg, einem Riesen-Waldhof, einem kleinen Fürstentum für sich. Es ward ihm aber später zu einsam und zu weltfern in diesem Waldmeer, und er verkaufte den Roßberg an einen Schiffer in Alpirsbach, der ihm 100 000Gulden bar und zwei Höfe drunten im Kaltbrunner Tal dafür gab.

Den Namen des Roßbergs nahm er aber mit hinab ins Tal, und derjenige von den zwei Höfen, auf dem er seine Residenz aufschlug, heißt bis zur Stunde der Roßbergerhof und der Bauer der Roßberger. Unter diesem Namen und als Besitzer des genannten Hofes saß in den achtziger Jahren ein Enkel dieses Bauernfürsten in der zweiten badischen Kammer.

Ich hab' ihn allzeit mögen, den heutigen Roßberger, und ihn auch schon aufgesucht auf seinem stattlichen Hof, weil er nie, selbst in der badischen Residenz nicht, seine schöne Volkstracht abgelegt und sich nie geschämt hat, ein Bauer zu sein.

Ein anderer Sohn der Vogtsleute im Kaltbrunn, der Franz, heiratete auf einen Hof im mittleren Kinzigtal, »im Reichstal, unweit Hasle. Sein Hof bekam alsbald von ihm den Namen »der Kaltbrunner Hof« und trägt ihn bis auf diesen Tag. Der Franz hatte aber kein Glück und mußte den Hof verkaufen; seine Söhne wurden Maurer und Zimmerleute. Sie machten die Pläne zum großartigen Rautschhof im Nordracher Tal, von dem ich anderwärts erzählt, und führten sie auch aus. Eines seiner Meidle aber heiratete den Sohn des meinen Lesern längst bekannten Bauernkönigs Breig, dessen Urenkel heute als Dienstmann an der Ecke der Bertold- und Kaiserstraße zu Freiburg steht.

Ein dritter vom Stamme auf dem Vogtshof, der Hans, hatte hinüber geheiratet in den »Heuwich«, den wir vom »Fürsten vom Teufelstein« her kennen. Sein Enkel ist der heutige Bürsten-Marx von Hasle, der dickste Mann im Städtle und von bewährter Biederkeit im Handel mit Bürsten und Glaswaren.

Ein anderer Enkel sitzt gar in Freiburg als wohlhäbiger »Feilträger« und ist wohl der erste seines Standes in der Dreisamstadt.

Weder der Bürsten-Marx, noch sein Bruder, der Romanus, weiß wohl mehr, daß sie fürstlichem Bauernstamme entsprossen und daß ihre Urgroßmutter eine Schiede voll Kronentaler unter dem Himmelbett stehen hatte. –

Der Lorenz und der Philipp, zwei weitere Söhne, waren Buren im Schappe, der eine auf dem Kupferberg, der andere im Gaisloch.

Und die Meidle vom Vogtshof waren noch gesuchter als die Buben. Die Monika und die Luitgard wurden junge, schöne Bürinnen, die eine auf dem Meierhof im Schappe, die andere auf dem stolzen Martinshof oberhalb Hasle, wohin ich schon als Knabe kam.

Die dritte aber, das »Tonile« (Antonie) führte gar der Revierjäger von Wittichen heim, und sie wurde die Mutter eines großen, braven Mannes, des – Fürsten vom Teufelstein.

Der jüngste Sprößling und deshalb, wie üblich bei Müttern, der Liebling der Vögtin, war der Andreas, ein frischer, bildschöner Bub, den seine ledernen Kniehosen und der kurze schwarze Kittel noch frischer und lebendiger machten. Auch geistig war er, wie die Kinzigtäler sagen, nicht auf den Kopf gefallen, und der damalige Präzeptor von Kaltbrunn, ein Natur-Schulmeister, lehrte, was heutzutage nimmer geübt wird, die Kinder denken, d. h. den gesunden Menschenverstand anwenden. Drum wurde der Andreas lediglich auf sein Studium bei diesem Lehrer-Original hin ein Mann, der auf allen Sätteln reiten und den man überall hinstellen und überall brauchen konnte.

Dieses Original alten Schulmeisterschlages war Balthasar Mäntele, ein Gütler oder Taglöhner aus dem Hirschgrund im Heuwich. Ihn hatten die Buren von Kaltbrunn, weil er gut lesen und rechnen konnte, zum Lehrer erkürt, und fast vierzig Jahre lang hat der »Schul-Balzer«, wie er im Volksmunde hieß, die Kinder von Wittichen und Kaltbrunn unterrichtet. Seine berühmtesten Schüler waren der Fürst vom Teufelstein und Andreas I., der Bauernfürst von Kaltbrunn.

Des Vogts Andres hatte er, weil es noch mehrere Buben in der Schule gab, die Andreas Harter hießen, als Andreas I. bezeichnet.

Und unter welchen Mühsalen hat der brave Balthasar seines Amtes gewaltet! Er mußte in seine Schule täglich zwei Stunden marschieren auf beschwerlichen Wegen über den Kuhberg, und zwar zur Winterszeit, weil im Sommer keine Schule gehalten wurde.

Oft kam der Brave mit der Schneeschaufel auf dem Rücken in die Schule, da er sich den Weg erst hatte bahnen müssen durch die Schneemassen.

Im Sommer war er Holzhauer und Taglöhner und im Winter Volkslehrer. In der letztern Eigenschaft trug er stets einen langen, leinenen Rock, der bis auf die Knöchel reichte, und sah darin so feierlich aus, daß die Kinder, welche ihn zum erstenmal sahen, sich vor ihm fürchteten und vielfach wieder davonliefen.

In der Nähe der Schule, auf dem Roßbergerhof, war eine Wirtschaft, wo der Balzer speiste. Traf er hier über Mittag Bauern, die ihm einen oder den andern Schoppen zahlten, so kam er am Nachmittag etwas hitzig in die Schule. Die Kinder ersahen dies an einer großen Warze, die der Balzer hinter dem linken Ohr trug. War diese gerötet, wenn er vom Essen kam, so hieß es aufgepaßt, da er dann mit dem Stock weit gröber dreinfuhr als sonst.

Er lehrte seine Kinder außer dem Denken auch das Beten. So oft die Stunde schlug auf der Schwarzwälder Holzuhr in der Schulstube, mußten die Kinder ein kurzes »Stundengebet« sprechen. Trotzdem ihm der »aufgeklärte« Pfarrer das viele Betenlassen untersagte, unterließ es der brave Mann doch nicht.

Es ist die einzige nicht edle Tat des späteren Vogts und Bauernfürsten Andreas I., daß er seinen eigenen, alten Lehrer absetzte, als dieser einmal seinem Sohne Johann Nepomuk mit einem Buch gehörig den Kopf »verschlagen« hatte.

Der Vogt pensionierte ihn daraufhin und sorgte für einen »studierten« Lehrer. Der brave Balzer aber kehrte wieder in den Heuwich zurück und blieb Taglöhner und Holzmacher bis an sein Ende.

Doch jeden Sonntag kam er, obwohl in die ihm näher gelegene Pfarrei St. Roman gehörig, über den Berg in das undankbare Kaltbrunn-Wittichen zur Kirche, wo dankbare Schüler ihm einen Schoppen bezahlten und von wo er eine jährliche Pension von 10 Gulden bezog. Er starb hochbetagt erst in den fünfziger Jahren. –

Aus der Schule entlassen und herangewachsen, wurde des alten Vogts Andres auch der Liebling anderer weiblicher Wesen als seiner Mutter.

Alle jungen Wibervölker, so weit die Kirchspiele von Wittichen, Schenkenzell, Schapbach, Wolfach und St. Roman reichten, hatten ein Aug' auf des Vogts Andres, wo immer er sich blicken ließ.

Wo eine Hochzeit in diesen Gebieten war, kam des Vogts Jüngster meist angeritten oder angefahren, seltener zu Fuß, und aller Augen richteten sich auf ihn: die der Meidle wegen des schönen, flotten Tänzers, der zudem seine Tänzerinnen fürstlich regalierte, die der Burschen aus Neid und Eifersucht und die der Buren und Bürinnen, weil der Andres immer lustig war und manche Extramaß auf den Tisch stellen ließ und ihnen »zubrachte«.

Ehe er daheim fortging, unterließ er nicht, die Schiede unter dem Himmelbett in Anspruch zu nehmen und zwar jeweils auf originelle Art.

Verließ er den Vogtshof zu Pferd, so sagte er zur Mutter, ehe er aufstieg: »Muatter, i hou no keine Spore;« fuhr er vom Hof weg mit dem Wägele, so hieß es: »Muatter, i hou no keine Rädle;« ging er, weil steile und schlechte Gebirgswege es verlangten, zu Fuß, so sprach er: »Muatter, i hou no keine Steigeise an de Stiefel!«

Die Antwort der Mutter kennen wir: »Hol' in der Schiede, aber mach ou 's Loch wieder ebe!«

Die Burschen ringsum sahen ihn ungern beim Tanz erscheinen, weil er ihnen die schönsten Tänzerinnen wegspannte und mit Vorliebe die Eifersucht wachrief; denn die Meidle ließen die Buben, mit denen sie Bekanntschaft hatten, im Stich, wenn Andreas I. auf einen Tanzboden trat und sie »engagierte«.

Die Wibervölker sind ja, wie ich schon oft gesagt, in ihren Schwächen überall gleich, in Stadt und Land.

Wenn auf einem »Bürgerball« ein Prinz erscheint und eine »Dame« zum Tanzen auffordert, so wird die Gans nicht bloß alsbald Vater und Mutter, sondern auch ihren Verlobten vergessen, und wenn der Prinz gar den ganzen Abend sich ihr widmet und sie zu einer Flasche Sekt und Eis einlädt, dann kommt sie vor lauter Pläsier in Gefahr, ihr bißchen Verstand zu verlieren und »überzuschnappen«.

Aehnlich ging es den Meidlen in den obengenannten Kirchspielen, wenn Andreas I., der Bauernprinz aus dem Kaltbrunn, kam.

Nie Bauernburschen aber, denen er so mitspielte, verstunden manchmal keinen Spaß. Ein bürgerlicher und halbkultivierter Bräutigam und selbst ein ganz kultivierter, akademischer wird sich geschmeichelt fühlen, wenn ein Prinz mit seiner Dame tanzt und sie bevorzugt. Bildung und Halbbildung machen ja nicht, wie so viele meinen, frei, sondern servil und knechtselig.

Die unkultivierten, dummen Bauern aber lassen sich in der Regel nicht foppen, und ob der Tänzer, der ihre Eifersucht wachruft, ein Bauernprinz oder ein Herr ist, sie zeigen ihm ihre Fäuste und bringen ihre Meidle wieder zur Vernunft durch einige Rippenstöße.

Andreas I. war mehr als einmal in Gefahr, auf dem Heimweg, vorab wenn er zu Fuß und durch den Wald ging, geprügelt zu werden. Aber schlau, wie er war, wußte er sich seiner Gegner, die meist zu zweit waren, der Eifersüchtige und sein Helfer, nicht bloß zu erwehren, sondern verstand es auch, sie selber noch seine Kraft fühlen zu lassen.

Der Don Juan ließ sich, ehe er abzog vom Schauplatz und wenn er eine Ahnung oder Warnung hatte, daß man ihm aufpasse, beim Dorfkrämer ein Pfund Schnupftabak, aber keinen groben, sondern seinen »Lotzbeck« geben, und den verteilte er in die Taschen seines schwarzen Tuchkittels.

An gefährlichen Stellen, wo er seine Feinde im Hinterhalt vermutete, hielt er beide Hände über seinen Schnupftabak. Stürzten dann jene auf ihn los, so salbte er ihnen mit Teufelsgeschwindigkeit die Augen mit dem Tabak ein; während sie sich denselben ausrieben, klopfte er sie und beschleunigte dann seinen Heimweg.

Im Torwald, der das Wolf- vom Kaltbrunnertal trennt, paßten ihm Schapbacher Burschen mehr denn einmal auf, um ihre Eifersucht an ihm zu kühlen, wurden aber statt dessen mit Schnupftabak gesalbt und mit Schlägen traktiert.

Noch edelsinnig, wie er war und blieb, hat Andreas I. sich immer wieder mit seinen größten Gegnern versöhnt und ist gut Freund mit ihnen geworden. –

Aehnlich wie Prinzen, die auch nicht lange ledig bleiben dürfen, beugte sich der tanzlustige Don Juan von Kaltbrunn bald unter das Joch der Ehe. Sein Vater, der alte Vogtsbur, ging aufs Leibgeding, blieb aber noch einige Jahre Vogt und starb erst 1823.

Im September des Jahres 1811, in dem der beste Wein wuchs im neunzehnten Jahrhundert, hielt Andreas I. Hochzeit.

War er da einmal beim Tanz gewesen drüben in St. Roman und hatte manch waldigen Hang und manch tiefes Tal überschritten, um dahin zu kommen.

Im Adler zu St. Roman ging's immer lustig her, wenn Tanz war; denn es kamen dorthin die Meidle von all den vielen umliegenden Höhen und Tälern, schmucke, frische Dirnen und Töchter reicher Waldbauern; drum war dem Don Juan aus dem Kaltbrunn der Weg dahin nie zu weit.

Südlich von St. Roman öffnet sich das kleine, enge Tal von Ippichen, durch das in eiligem Lauf das Ippichenbächle der Kinzig zuspringt.

Einst stund hier eine Burg der Edelknechte von Gippichen, welche außer ihrem Burgstall, den sie teils von den Grafen von Fürstenberg, teils von den Herren von Geroldseck zu Lehen hatten, nichts besaßen. Die sieben Bauernhöfe im Tal hatten Buren zu Lehen, aber nicht von ihnen.

In ihrem Wappen trugen die Edelknechte im obern Feld eine Mondsichel, wohl weil sie aus dem engen Tälchen den Mond nie voll sahen. Ihr Lieblingsname war Aulber (Albrecht) und ihre Hauptbeschäftigung Raub. Sie waren treue Diener des »steinernen Mannes« zu Hasle.

Noch 1399 am Magdalenentag versicherte ein Aulber von Gippichen das Heiratsgut »seines lieben, ehlichen Weibes«, Klara von Schnellingen, so in 400 Gulden bestund, mit Zustimmung seiner Lehensherren auf seine Burg.

Heute ist jedes Andenken an die Edelknechte von Gippichen und jede Spur von ihrem Burgstall im Tälchen verschwunden, und der Volksmund weiß weder mehr was von den Aulbern, noch von ihrer Burg. –

Aus diesem Tälchen stieg im Sommer 1811 die jüngste Tochter des zweitobersten Buren, des Schillingers, zum ersten Male zum Erntetanz nach St. Roman.

Das Kätherle war noch nicht 18 Jahre alt, und der Pfarrer von Wolfe, wohin die Ippicher kirchlich gehörten, hatte schon oft in der Christenlehre den Meidlen, die noch nicht 18 Sommer zählten, verboten, zum Tanz zu gehen. Drum wanderte das Kätherle nach St. Roman, bei dessen Pfarrer es ja nicht in die Christenlehre ging.

Es hatte schon drei Winter lang von den Mägden ihrer Mutter das Tanzen gelernt und wollte es auch einmal auf dem Paradeplatz probieren.

Hier sah es Andreas I.; er tanzte mit dem netten, lustigen Meidle, und zwei Monate später war das Kätherle Vogtsbüre im Kaltbrunn.

Die Trauung aber war gegen alles Herkommen statt im Kaltbrunn in Wolfe gehalten worden. Das Kätherle, dem der Pfarrer das Tanzen verboten, wollte diesem zeigen, daß es wenigstens alt genug sei zum Heiraten: zugleich schmeichelte es ihm, im »Staedtle« als Hochzeiterin paradieren zu können.

Getraut hat sie mein Großonkel Josef Hansjakob, der Bruder meines Großvaters, des Eselsbecken von Hasle, damals und lange nachher noch Pfarrherr von Wolfe.

Tanz und Festessen waren »im Engel bei der Halbmeil«, an einsamer Talstraße, wo die Buren von Ippichen alle ihre »Hosigen« hielten und noch halten.

Neunzehn Jahre alt war Andreas I., als er Bur ward auf dem Vogtshof.

Gern hätten die Männer von Kaltbrunn den blutjungen Bauernfürsten auch gleich zum Vogt erklärt, nicht bloß, weil diese Würde von altersher auf seinem Hof von Bur zu Bur ging, sondern auch, weil Andreas I. trotz seiner Jugend einen »hellen Kopf« hatte und lesen und schreiben konnte so gut wie ein Studierter.

Vermochte er wegen seines jugendlichen Alters noch nicht Vogt zu werden und damit Hirte der Völker im Kaltbrunn, so blühte ihm doch in jenen Tagen eine andere Würde, die er lediglich seiner Jugend und seinem knabenhaften Aussehen verdankte.

Kommt er da im Spätherbst des Jahres 1811 auf den »Kuchenmärkt« hinab ins Waldstädtle Wolfe. An diesem Markt pflegen die Buren des oberen Kinzigtals ihre Völker, die Knechte, Mägde und Hirtenbuben, zu dingen fürs kommende Jahr.

Er hat seine Völker eben gedungen, der jugendliche Vogtsbur, und will den Markt verlassen, um einen Schoppen zu trinken. Da begegnet ihm der Disemichel, ein Bur aus dem Rankach, einem einsamen Seitentale der Wolf, weit, weit ab von Kaltbrunn, und fragt ihn: »Bist du schau dunge?« »Nei,« entgegnet rasch entschlossen der Junge.

»Du tätst mir g'falle als Hirtebua,« meint weiter der Bur. »I bin der Disemichel ous'm Ranke un gib dir zwanzig Gulde Lohn un 's doppelt Häs.«

»Wieviel Vieh muaß i hüte?« fragte Andreas I.

»Zwei Roß, zehn Stier un zwölf Küh' – fürs Kleinvieh hou i a Meidle,« antwortet der Disemichel und fährt fort: »Un wenn i z' Acker fahr un hinterm Pflug stand, muaßt du 's Vieh treibe.«

»Eiverstande!« ruft der Junge, »aber i will a Kronetaler Haft!« 

»A Kronetaler hou i no keim Knecht gä (gegeben), no viel weniger emme Hirtebua,« meint verwundert der Disemichel.

»Ihr hont ou no niamals so a Bua fürs Vieh dinget, Bur,« erwidert der Hirtenknabe. »A Kronetaler isch bei mir 's kleinst Geld. Mei Muatter hot als Büre immer a Schiede voll Kronetaler unterm Himmelbett stau g'ha.«

»I hou schau davon g'höret, daß im Kaltbrunn a Hof sei, wo d' Kronetaler schiedevollweis dohoim seie. Bisch du ouf dem Hof dohoim?« fragte der Disemichel.

»Do bin i dohoim,« antwortete der Junge, »aber i möcht ou amol sehe, wie's ouf ame andere Hof isch, un a Jährle diene.«

Jetzt langt der Disemichel in seine Lederhosen, zieht den Beutel heraus und gibt dem frischen, netten Knechtlein einen Kronentaler mit den Worten: »Do hosch a Kronetaler. I will ou amol a Hirtebua hou vom a rechte Hof. Sonst stammet d' Hirtebube meist von ledige Meidle un sin bettelarm.«

Der so Angeworbene nimmt seinen Haft, frägt den Bur noch, wohin der Weg gehe in den Ranke und verspricht, an St. Johannstag z' Wînächten mit seinem Bündel einzutreffen.

Sie reichen sich die Hand und scheiden. Der Disemichel freut sich im stillen über seinen netten, reichen Hirtenbuben. Dieser schreitet fröhlich hinter dem Bur drein und sieht, wie er in die Sonne geht, um eins zu trinken.

Beim Sonnenwirt hat auch der junge Vogtsbur seine Pferde eingestellt, und da es ihm ebenfalls um einen Schoppen zu tun ist, betritt er unmittelbar hinter dem Disemichel die Wirtsstube und setzt sich neben ihn an den gleichen Tisch.

»So,« meint der Bur aus dem Ranke, »soll i dir ou no a Schoppe zahle, daß du mir nokummst?«

»Sell nit,« gibt der Gedungene zurück, »aber i hou ou mei Eikehr beim Sonnewirt.«

Dieser kommt eben bei dem Tisch an, erblickt den Vogtsbur, lüpft sein Hauskäppchen und grüßt: »A guten Morgen, Herr Harter, ou z' Märkt?« Und zum Bur aus dem Ranke sich wendend, spricht er: »Ou hiesig heut', Disemichel?«

Der Disemichel macht große Augen, schaut den Sonnenwirt an und fragt: »Seit wenn sin d'Hirtebuabe Herre, Sonnewirt? Den do hou i jo ebe dinget für mei Vieh, und Ihr nennt ihn Herr!«

»Das kann Euch nit ernst sei, Disemichel,« entgegnet der Sonnewirt. »Der jung' Herr do isch un bleibt der Vogtsbur ous'm Kaltbrunn!«

Dieser hatte indes seinen Beutel aus der Tasche gezogen und zwei Kronentaler daraus entnommen. Er schob sie lachend dem Disemichel zu und sprach: »Der Sonnewirt hot recht; i bin der Vogtsbur, aber noch so jung, daß i a Hirtebua mache könnt. Drum hou i zum Spaß mich Euch verdinget, als Ihr mich g'fragt. Den Haft will und muaß i aber verdopple, weil i den Dienst nit antreten ka am St. Johannstag z' Wînächten, denn i hou a Hof un a Weib dohoim.«

Jetzt ging dem Disemichel ein Licht auf. Er schlug auf den Tisch und rief: »Aber die zwei Kronetaler müsse heut noch versoffe werde. I gang nur schnell nochmols ouf de Markt und ding a andere Hirtebua, aber dann bleibet mir zwei sitze und esset und trinket, bis die Kronetaler alle sin.«

Der Vogtsbur war deß zufrieden, und der Disemichel und sein vermeintlicher Hirtenbub saßen bis in die tiefe Nacht hinein in der Sonne z' Wolfe und vertaten das Haftgeld.

Der Kuchenmärkt wird am Montag vor Weihnachten gehalten, und es war eine kalte Nacht, als die zwei Buren über die Kinzigbrücke fuhren, der eine rechts, der andere links ab.

Beim Abschied meinte der Disemichel, die kalte Nachtluft tät einem gut nach so vielen Botellen Zwölfer.

Beide aber konnten nüchtern werden, bis sie heimkamen, denn jeder hatte einen weiten Weg, der Vogtsbur den weitesten.

Der Sonnenwirt erzählte aber allen Buren, die bei ihm einkehrten, daß der Disemichel den Vogtsbur von Kaltbrunn als Hirtenbuben hätte dingen wollen, und der Disemichel ward noch lange gefoppt, weil er so stolz sei, daß der reichste Bur ihm sein Vieh hatte hüten sollen. –

Konnten die Buren im Kaltbrunn Andreas I. noch nicht zum Vogt wählen, so übertrugen sie ihm bald eine andere wichtige Vertretung. Er sollte in den Kriegsjahren 1813–1815 die Lieferungen von Heu, Hafer, Stroh und Brot begleiten, welche die Gemeinde den Oesterreichern und Russen talabwärts bis Offenburg zuzuführen gezwungen wurde.

Es war dies eine schwierige Aufgabe, da es nicht immer gelang, die Fuhren an den rechten Ort zu bringen, weil Marodeure oder andere Truppenteile, die den Buren begegneten, denselben ihre Ware abnahmen, ehe sie damit ans Ziel kamen.

Und selbst wenn sie im Abliefern Glück gehabt, wurden sie oft auf dem Rückweg genötigt, ihre leeren Wagen den Soldaten, die des Wegs daherzogen, zur Verfügung zu stellen und wieder umzukehren.

Andreas I. wußte für solche Fälle, nachdem er sie einigemal miterlebt, bald Rat. Er verschaffte sich einen russischen und einen österreichischen Offiziersmantel und die entsprechenden Mützen, und je nachdem die eine oder die andere Nation um den Weg war, zog er den einen oder den andern Mantel an, tat sich einen falschen Schnurrbart in sein glattrasiertes Gesicht und setzte sich mit der entsprechenden Mütze auf den Wagen. Sein Freund, der Gallenbacher, ein älterer, mutvoller Bur, machte den Kutscher. Und so fuhr Andreas I., wenn Gefahr war, im scharfen Trab und einige Worte murmelnd durch die bauernfeindlichen, militärischen Kolonnen, die ihn für einen Offizier hielten, der die Wagen schon dienstlich mit Beschlag belegt habe.

Während alle Buren, die Kriegsfuhren tun mußten, über Drangsale klagten, kamen der Vogtsbur und der Gallenbacher stets ungeschoren davon, und Andreas I. erlangte dazu noch durch den häufigen Umgang mit fremden Menschen jene Gewandtheit, die ihn später befähigte, selbst mit Fürsten freundschaftlich zu verkehren.

Oft und gern aber hat er in seinen späteren Lebensjahren erzählt von seinen und des Gallenbachers glücklich bestandenen Abenteuern während jener Kriegsjahre, in denen er alle Potentaten und alle berühmten Generale und Staatsmänner jener Tage gesehen haben wollte.

Die Buren von Kaltbrunn bewunderten aber so sehr seine Leistungen während des Krieges und die dabei bewiesene Gewandtheit, daß sie schon im Jahre 1815 Andreas I. trotz seiner Jugend an Stelle seines Vaters zu ihrem Vogt wählten.

Die Bestätigung ward aber versagt, und die Wahl wegen mangelnden Alters des Erwählten als ungesetzlich vom Obervogt in Wolfe verworfen.

Mit Schmerzen warteten die Buren, bis ihr Liebling das gesetzliche Alter von 25 Jahren erreicht hatte und sie ihn 1817 zu ihrem Oberhaupt wählen durften.

Draußen in der Linde im Vortal gastierte am Wahltag der Neugewählte seine Buren, und zwischen dem »Burgfelsen« und dem »Gallusberg« rauschte der Jubel bis nach Mitternacht.

3.

Die Kaltbrunner hatten den rechten Vogt gewählt. Einmal besaß Andreas I. von seinen vielen Vogtsahnen die Herrschertugenden eines Bauern-Hauptes in erblicher Weise, und dann war er von seiner Mutter und deren Kronentaler-Schiede her ausgestattet mit allen Eigenschaften eines freigebigen, stets hilfsbereiten Mannes.

Eines echten Fürsten erste Sorge sollte sein die Freiheit seines Volkes. Leider haben von jeher die meisten Hirten der Völker diese unterdrückt, statt befreit. Drum gibt es auch so wenig wahrhaft große Fürsten, und zu diesen wenigen gehörte im kleinen Andreas I., Bauernfürst und Vogt von Kaltbrunn.

Ein Bur seiner Vogtei hatte seine Tannenbäume an andere Leute verkauft, als an die Schifferschaft zu Wolfe, die, wie wir aus »Theodor, dem Seifensieder,« wissen, von den einstigen Grafen von Fürstenberg das Monopol hatte, in dem fürstenbergischen Kinzigtal allein mit Holz handeln zu dürfen. Drum waren die Bauern seit Jahrhunderten genötigt gewesen, an die Schiffer in Wolfe ihre Waldbäume abzugeben.

Es war dies so Gewohnheit geworden, daß die Zünftler aufmucksten, als ein Bur von Kaltbrunn, das längst badisch geworden war, sein Holz außerhalb der Schifferzunft an den Mann brachte. Sie drohten ihm mit einem Prozeß.

Da trat der junge Vogt auf, kehrte den Stiel um und prozessierte gegen die Schifferschaft und verlangte für alle seine Buren die Freiheit, ihr Holz verkaufen zu dürfen, an wen sie wollten.

Er spannte seine Rappen ein und fuhr in seiner stolzen Bauerntracht hinab nach Rastatt, wohl fünfundzwanzig Stunden weit, und verteidigte seine Buren und ihr Recht bei dem Hofgericht so gewandt und durchschlagend, daß den Schifferherren von Wolfe jeder Eingriff in das Verkaufsrecht der Buren von Kaltbrunn untersagt wurde.

Jetzt war der Vogtsbur der Löwe des Tages im oberen Kinzigtal, weil er der mächtigen Schifferschaft z'Wolfe den Meister gezeigt und die Buren von ihrer Gewaltherrschaft im Holzhandel befreit hatte. »Der setzt alles durch,« so hieß es vom jungen Vogt; »denn wer die reichen Schiffer bezwungen, kann nimmer und nirgends mehr verlieren.«

Wer fortan im Gebiet der oberen Kinzig sich von einem Prozeß bedroht sah, eilte zum Vogt von Kaltbrunn und bat ihn um Rat. Gerne hörte Andreas I. jeden an, und wenn er selbst keinen Rat wußte, so spannte er seine Rappen ein und holte ihn. Und wo?

Seine Rede, die er gegen die Schiffer von Wolfe in Rastatt gehalten, hatte ihm so sehr das Herz eines der Richter gewonnen, daß dieser ihm sagte: »Vogt, wenn Ihr wieder einmal einen Rat braucht für Eure Bauern, so kommt zu mir!«

Drum fuhr Andreas I. flugs nach Rastatt, wenn ein Bauer oder ein Taglöhner oder eine arme Witwe kam und Hilfe suchte und er keine wußte, und trug den Fall seinem Gönner vor.

Mit dessen Bescheid galoppierte er wieder dem Kinzigtal zu und brachte ihn seinem Klienten. Und sein Rat war jedesmal gut, und wenn's zum Prozeß kam, fiel dieser jeweils so aus, wie der Vogt es vorher gesagt hatte.

Fragten seine Schützlinge, was sie schuldig seien für seine Bemühungen und seine weite Reise, so hieß es: »Was fällt euch ein? Der Vogt von Kaltbrunn tut das alles umsonst!«

Dieser Edelmut erhöhte seine Popularität selbstverständlich noch mehr, und es wird selten ein Advokat so gelobt worden sein von den Klienten, wie der noble Vogt von Kaltbrunn.

Als drum mit Beginn des Jahres 1821 sein junges Weib, nachdem es eben dem Kätherle, mit dessen Hochzeit in Hasle wir unsere Erzählung begonnen, das Leben gegeben hatte, dem Tode verfiel, da konnte das Kirchlein von Wittichen all' die Menschen nicht fassen, die vom stillen Kirchhof oben im Tale, wo sie die Herrin vom Vogtshof begraben, herabkamen, um dem Totenopfer anzuwohnen.

Der junge Vogt hatte aller Herzen gewonnen, drum wollten alle auch ihm ihre Teilnahme bezeugen. Hunderte schüttelten ihm nach dem Gottesdienst vor der Kirche die Hand und wünschten ihm »Glück ins Leid«.

Das Landvolk ist in allem sinnvoll, auch im Gebiet des Todes. So sagt es da, wo die sogenannten Gebildeten die kalte Redensart: »Ich kondoliere,« sprechen – »ich wünsche Euch Glück ins Leid.« Was soll das heißen? Es soll heißen: Ich wünsche, daß in Euer Leid Friede, Trost und Seligkeit komme, Trost und Friede für die Lebenden und Seligkeit für die dahingeschiedene Seele.

Das Volk macht von dem Worte Glück überhaupt wenig Gebrauch. Ich kenne im Kinzigtal nur drei Redensarten, die mit Glück beginnen und vom Glück reden. Und diese drei heißen: »Glück in Ehestand!« »Glück ins Leid!« und sit venia verbo oder, wie die alten Bauern noch sagen, mit Salveni – »Glück in Stall!«

Das letztere Wort erwartet der Bur im Kinzigtal von jedem Kundigen, der seinen Stall betritt, in welchem ein kostbarer Teil seiner Habe steht. Unglücksfälle im Stall: Seuchen und sonstige Krankheiten – können einen Bauer arm machen; drum wünscht er sich bei seinem Viehstand ebenso Glück, wie zum Heiraten und zum Sterben.

Der alte, sinnige Spruch: »Glück ins Leid!« – schwindet jetzt schon mehr und mehr im Volke, und die liebe Kultur wird bald die Leichenbitter und die »Leichensagerinnen« auch aus dem Kinzigtal vertreiben, und Todesanzeigen und Kondolenzkarten werden sie und den obigen Glückwunsch ersetzen. Der Anfang ist bereits gemacht; gedruckte Todesanzeigen beginnen bereits bei einzelnen »besseren« Bauern zu grassieren.

's ist doch was Schönes um Kultur und Fortschritt, und es ist interessant, zu beobachten, wie beide ihre Totengräberarbeit anfangs selbst auf die einfachsten Sitten und Gebräuche erstrecken! –

Die Völker im oberen Kinzigtal, welche an jenem kalten Begräbnistag im Jänner 1821 in Wittichen dem jungen, noch nicht dreißigjährigen Vogt den Wunsch aussprachen: »Glück ins Leid!« – dachten wohl nicht daran, daß ihr Wunsch sich in einer andern Art glänzend erfüllen sollte, in dem Glück nämlich, das er bald darauf im Ehestande fand.

Zu den Tugenden, welche die Frauen vor den Männern voraus haben, gehört auch die größere Stärke ihrer Liebe und Treue. Drum sind junge Witwen nie so heiratssüchtig wie junge Witmänner.

Der Mannsvölker Schmerz ist in der Regel bald geheilt, wenn sie eine Frau zu Grabe getragen haben. Kinder vergessen die Mutter, die ihnen frühe genommen wurde, nie; Männer, die in jungen Jahren ein Weib verloren, trösten sich bald mit einem zweiten und beeilen sich unter allerlei Vorwänden, dieses zweite auch bald zu bekommen.

Der beliebteste Vorwand ist dann der, daß die kleinen Kinder – eine Mutter haben müßten. Ja, ja, die Kinder bekommen eine Stiefmutter, aber der Herr Papa kein Stiefweib. Diejenigen, um derentwillen man angeblich so bald heiraten muß, sind in der Regel die Geprellten und die Gestraften.

Ein italienischer Bildhauer, der deutschen Sprache kaum mächtig, bat mich einmal, einen Grabstein anzusehen, den er gefertigt und den ein Mann für seine verstorbene Frau bestellt hatte.

Ich fragte, warum der reiche Witwer nicht ein besseres Material verlangt hätte, und bekam vom Bildhauer die treffliche Antwort: »Der Schmerz nit so groß, daß sie nehmen Granit oder Marmor.«

Der Italiener sprach mit diesen Worten kurz und gut das gleiche aus, was ich eben behauptet habe in bezug auf die Dauerhaftigkeit der Männerliebe. –

Der Vogt von Kaltbrunn machte es gerade so wie die meisten Witwer seines Alters.

Im Januar trug man sein junges Weib zu Grab, und am ersten Mai hielt er schon wieder Hochzeit mit einem andern, nachdem ein drittes Wibervolk ihm einen Korb gegeben.

Was man nicht glauben sollte, der junge, schöne, gescheite und hochangesehene Vogt hatte einen richtigen Korb bekommen, und zwar nicht etwa von einer Amtmannstochter, sondern von einem Buremeidle seiner Vogtei.

Der Gallenbacher, ein reicher Bur draußen an der Mündung des Gallenbächles, ein Freund des Vogts, hatte eine Tochter, Sophie, im Volk die »Gallenbacher Soph« genannt. Auf diese fielen zuerst die Augen des freienden Witwers. Er ging hinaus zum Gallenbacher und redete zuerst, wie üblich, mit ihm als dem Vater. Der sagte ihm sein Meidle gern zu. Aber als die Soph davon hörte, gab sie, was sonst gegen alle Bauernregeln beim Heiraten ist, ihre Zustimmung nicht, obwohl ihr Herz frei war und der Vogt auf fünfzig Stunden Wegs die beste Partie für ein Buremeidle gewesen wäre.

Aber die Sophie war klüger als die meisten Wibervölker, wenn es sich um eine gute Partie handelt. Die meisten springen blindlings in die Grube, und alles Denken hört auf, und alles Mahnen und Warnen hilft nichts. Eine gute Partie und damit Versorgung und Stellung im Leben geht ihnen über alles, selbst über die Religion. Auch diese verkaufen sie, wenn sie vorher noch so fromm und kirchentreu getan haben und gar noch in einem »katholischen Pensionat« gewesen sind. –

Ein weißer Rabe unter den vielen hungrigen Heiratseulen war des Gallenbachers Sophie im Kaltbrunn. In ihrer Seele stieg eine Ahnung auf, und dieser Ahnung folgte sie.

Sie kleidete die Absage ihren Eltern gegenüber in die merkwürdigen Worte ein: »I Heirat' unsern Vogt nit, er houset ab.«

Und dabei blieb sie. So ungern er es tat, der Gallenbacher, er mußte dem Freier absagen, weil seine Soph keine Lust habe. Vögtin zu werden. Warum, das verheimlichte er seinem Freunde, der, sicher, eine andere zu bekommen, auch nicht darauf bestand, das kuriose Meidle, welches den angesehensten Mann im Tale verschmähte, heimzuführen.

Die Sophie aber blieb ledig bis zum Jahre 1840, wo sie einen Witwer und Buren heiratete, mit dem sie noch fast dreißig Jahre glücklich und zufrieden hauste, nachdem sie viele Jahre den Fall Andreas I. überlebt hatte. –

Der oberste Hof im Kaltbrunn hieß der Franzenhof. Er lag an der Mündung zweier reizenden Waldtälchen, da wo das Laienbächle und der »kalte Brunnen« sich vereinigen. Dorthin lenkte nun der Vogt seine Freiersfüße. Er hatte nicht weit, denn der Franzenbauer war sein nächster Nachbar.

Aber auch da wollte es nicht gleich klappen. Diesmal wollte der Vater nicht, wohl aber das Meidle, die Gertrud, die jüngste Tochter des Buren. Ihr gefiel der stattliche, frische Mann mit dem glatten Gesicht und dem kurzen Ohrenbart besser als dem Franzenbur, dem der junge Nachbar zu viel auswärts und zu wenig daheim war.

Die Vogtsgeschäfte und die vielen Bescheide, welche der gefällige Mann in Rastatt holte, brachten das mit sich. Der Franzenbur meinte, ein Bur gehöre auf seinen Hof und sonst nirgends hin, außer am Sonntag in die Kirch' und ins Wirtshaus und dreimal im Jahr auf den Jahrmarkt.

Er hatte deshalb in bezug auf seinen Nachbar die gleichen Ahnungen wie die Gallenbacher Soph. Doch sein Weib, die Regine, und seine Jüngste entschieden sich für den Vogtsbur, und der obsiegte, weil kein Familienvater in solchen Dingen seinem Weib und seinen Töchtern auf die Dauer widerstehen kann.

Der Vogt führte die Gertrud nach glänzender Hochzeitsfeier heim und mit ihr eine Steigerung seines irdischen Glücks; denn nach wenig Jahren wurde er durch sie auch Besitzer des Franzenhofes, eines Gutes, das den Vogtshof an Lage und Waldbesitz fast noch übertraf.

Der alte Franzenbur war ein vermöglicher Mann, und wenn seine Regine auch keine Schiede voll Kronentaler unter dem Himmelbett stehen hatte, so konnte er doch seinen Buben und seinen Meidlen ein schön Stück Geld mitgeben, da sie heirateten. Sie waren alle versorgt, als der Vogtsbur die Gertrud holte, und daheim nur noch der Stammhalter, der Egidi. Der aber war ein verzogener Bub und ein Strolch, aller Bosheit voll. Als zukünftiger Erbherr eines Fürstenhofs ließ der Egidi seinem Mutwillen freien Lauf, so daß der alte Franzenbur ihm oft drohte, er bekäme den Hof nicht.

Der Egidi glaubte das um so weniger, als der regierende Herr Vater unter all diesen Drohungen ein neues Leibgedinghaus bauen ließ, ein Umstand, der laut dafür sprach, daß der Alte gesonnen sei, den Hof bald zu übergeben und Leibgedinger zu werden.

Als das Haus fertig war, ging der Franzenbur an einem schönen Sonntag hinaus zum Pfarrer nach Wittichen und bat ihn, dasselbe einzuweihen.

Das war noch in jener guten alten Zeit, wo die Bauern jedes neue Haus vom Dach bis zum Stall herab weihen und segnen ließen, und wo jedes junge Ehepaar, selbst wenn es in ein altes Haus zog, seine »Aussteuer« unter den Segen der Religion stellte.

Diese schöne Sitte ist mehr und mehr abgekommen, und es ist ein Fehler, daß die Geistlichen sie nicht wieder einzuführen suchen. Der Sinn dafür lebt in unserem Landvolk heute noch.

Mich baten, da ich noch Pfarrer am Bodensee war, mehr als einmal Leute, ihr neues Haus einzuweihen, und Brautleute, ihren Hausrat zu segnen. Ich tat es stets mit Freuden.

Da in dem damals gültigen Ritual nichts über derartige Segnungen zu finden war, nahm ich das alte Konstanzer, welches das römische ist, und fand darin die gewünschten Segens- und Gebetsformeln. Ich fand aber auch zu meiner großen Freude, wie enge die Kirche ehedem mit der Volkssitte verwachsen war, und wie sie diese hegte und pflegte durch viele, jetzt leider vergessene und vernachlässigte Segnungen. Ich habe manche Stunde in jenem alten Ritual geblättert und die herrlichen Gebete bewundert, mit denen die Kirche den Bedürfnissen und Wünschen der Volksseele entgegenkommt.

Nur eines hab' ich bedauert, daß gerade jene dem Volke einst so lieben und werten Weihen und Segnungen von Häusern, Geräten, Tieren und Früchten nicht in der Sprache des Volkes gebetet wurden. –

Pfarrer in Wittichen-Kalbrunn war zur Zeit, als der Franzenbur sein neues Heim einweihen lassen wollte, der Priester Josef Merz von Vöhrenbach, der 1824 auf eine andere Pfarrei kam und ein Jahr später bei einem Besuch in Wittichen einem Schlaganfall erlag und da starb, wo er zwanzig Jahre gewirkt hatte.

Es war ein schöner Herbst-Nachmittag, als dieser Pfarrer mit dem Sakristan das enge Waldtal von Kaltbrunn hinaufschritt, um das Leibgedinghaus des Franzenburen einzuweihen.

In der Tenne waren die Knechte des Hauses und der Stammhalter mit Dreschen beschäftigt. Während dieser Arbeit studierte der boshafte Egidi darüber nach, wie er die Weihe stören könnte.

Er spähte von Zeit zu Zeit von der Tenne aus auf die Talstraße, ob der Pfarrer nicht bald komme. Als er ihn endlich erblickte, stellte er den jüngsten Drescher – er hieß Andres und war ein braver, stiller Bursche – unter das Tennenloch und sagte ihm, er solle aufpassen, bis der Pfarrer die Weihe beginne, da er, der Egidi, auch zuschauen wolle.

Der Andres streckte den Kopf zum Loch hinaus und lauerte, hinter ihm der Egidi, auch spähend. Der Pfarrer hatte indes das neue Haus betreten und begann zu beten. In dem Augenblick will der Andres den Kopf zurückziehen und Meldung machen. Der Egidi aber schiebt ihm den innern Laden des Tennenlochs bis an den Hals und hält so den Andres fest. Zu gleicher Zeit sticht er ihm mit dem Messer von hinten so ins Fleisch, daß er ganz erbärmlich zu schreien anfing und der gute Pfarrer vor lauter Geschrei seine eigenen Worte nimmer hörte. Er unterbrach seine Segnung, und der Bur und die Büre, welche andächtig angewohnt hatten, liefen davon, um zu schauen, was los sei. Sie glaubten an Mord und Todschlag. Es stellte sich aber bloß ein boshafter Streich des Erbprinzen als Ursache des fürchterlichen Schreiens heraus.

Dieser Streich kostete dem Egidi die Herrschaft über den Franzenhof.

»Der gottlose Mensch wird Euch schön behandeln, wenn er Bur ist und Ihr sein Leibgedinger,« sprach ernst der Pfarrer zum Franzenbur, als er nach der Weihe mit dem Sakristan, wie üblich, bei Schinken und Wein in der Stube saß.

»Wer die Religion verachtet,« fuhr er fort, »der mißachtet auch Vater und Mutter.«

Der Franzenbur stimmte dem geistlichen Herrn zu, und dieser sprach noch weiter: »Wenn Ihr in Euern alten Tagen Ruhe und Frieden haben wollt, so macht den Egidi nicht zum Bur. Der ist und bleibt ein Taugenichts und war schon in der Schule und in der Christenlehre ein gottloser Bub.«

»Aber wem soll ich den Hof geben? Die andern Kinder sind alle versorgt,« antwortete der Franzenbur.

»Ich weiß Euch einen Rat, Franzenbur,« gab der Pfarrer, zurück, während er sich noch einen Schinkenschnitt langte: »gebt den Hof dem nächsten Nachbar, Euerem Schwiegersohn, unserem Vogt. Der ist ein braver Mann, und bei dem habt Ihr und Euer Weib gute Tage.«

»Dem Vogt?« fragte etwas spöttisch der Bur. »Der hat keine Zeit, seinen eigenen Hof umzutreiben, kann also nicht zwei Höfe brauchen.«

»Aber die Gertrud,« fiel der Pfarrer ein, »ist eine tüchtige Büre, und Ihr seid auch noch da; denn ohne zu schaffen könnt Ihr doch nit leben. Und wenn der Vogt auch wenig daheim ist, tut er's seinen Mitmenschen zu lieb. Ihr dürft stolz auf einen solchen Schwiegersohn sein, der angesehen ist bei den Herren wie bei den Buren. Wenn er einmal beide Höfe beisammen hat, wird sein Ansehen noch wachsen, und er wird der größte Bur im ganzen Kinzigtal; der g'scheit'st ist er jetzt schon.«

So und anderes redete der Pfarrherr von Wittichen und gewann mehr und mehr den Sinn des Buren für seinen Vorschlag. Selbst Regine, die Büre, konnte und wollte heute ihren Liebling, den Egidi, nicht verteidigen: sie war eine gottesfürchtige Frau, und die neueste Tat des Jüngsten hatte sie auch empört. Mit großem, innerem Vergnügen aber hörte sie ihren Tochtermann loben.

Der Pfarrer wollte, da er gerade in der Nähe war, noch einen Kranken besuchen, droben in dem kleinen Waldtälchen, das vom Volk den schönen Namen »Grüßgott« hat, und brach bald auf. Der Bur aber versprach, indes ein Pferd einzuspannen und bei der Rückkehr aus dem Grüßgott den »Herrn« und seinen Diener hinabzuführen nach Wittichen.

Es war »kuhfinster«, wie die Kinzigtaler sagen, da der Franzenbur wieder heimfuhr und unterwegs nochmals über alles nachdachte, was der Pfarrer heute gesagt hatte.

Als er droben am Vogtshof angekommen war, sah er noch Licht in der Stube. Er hielt an und knallte mit der Peitsche.

Ein Schiebfenster öffnete sich und eine Stimme fragte: »Wer ist draußen?« »Ich bin's,« antwortete der Franzenbur.

»So, Ihr seid's, Vater!« sprach jetzt die Büre, denn sie war es. »Ich habe Euch vorbeifahren sehen mit dem Pfarrer. Es ist schon alles im Bett bei uns, ich allein bin noch auf, ich will noch Anken (Schmalz) machen.«

»Ist der Andres daheim?« fragte der Franzenbur.

»Ja, aber er liegt schon. Er war im Wald heut' und hat Holz vermessen und ist müde geworden.«

»Er soll morgen zu mir kommen. Ich hab' was mit ihm zu reden, was Wichtiges. Guat' Nacht, schlaf Wohl!« Mit diesen Worten trieb der Franzenbur sein Rößlein an, während die Tochter ihm nachrief: »Guat' Nacht, Vater, kommet guat heim. A schöne Gruß an d'Muatter, und i loß ihr ou guat Nacht sagen. Den Andres will i morge schicke!«

Der Vogt war kein großer Liebhaber von Besuchen bei seinem »Schwervater«. Er ging diesem gerne aus dem Weg, weil er stets predigte, die Buren müßten bei ihren Höfen bleiben und da den ersten Knecht spielen; Gefälligkeits- und Herrendienste brächten kein Geld ins Haus und hielten keinen Hof im Stand.

Aber sein Weib, die Gertrud, redete ihm zu, ja zeitig zum Vater zu gehen, denn er habe gestern abend in einem so wohlwollenden Tone gesprochen, daß sie glaube, er habe nur Gutes im Sinn gegen ihren Andres.

Wahrscheinlich, so meinte sie weiter, handle es sich um den Egidi; der habe, wie gestern abend noch die Mägde heimgebracht, einen gottlosen Streich ausgeführt, da der Pfarrer das Leibgedinghaus eingeweiht. –

So bekam der Andres Mut und ging andern Tags talauf zum Franzenhof.

Zwei Stunden später kam er zurück; freudestrahlend und seiner Gertrud die Hand entgegenstreckend, rief er ihr zu: »Von heut an, Weible, bist du nicht bloß Vögtin im Kaltbrunn, sondern auch die größte Bäuerin im ganzen Kinzigtal. Ich hab' eben dem Vater den Hof abgekauft um ein Schnupftabaksgeld. Der Egidi wird ausgeschlossen, wie er's verdient, der Pfarrer hat's auch g'sagt und mir gut vorg'schafft!«

Es wird nie, weder in Stadt noch Land, ein Wibervolk weinen, wenn ihr Ansehen und ihre Macht mit der des Mannes steigt und Geld genug im Kasten ist. Drum begann auch die Gertrud zu strahlen bei dieser Nachricht; denn sie war stolz auf ihren Andres, weil sie ihn überall beliebt und angesehen wußte, und jetzt voll Freude, daß der Vater ihm auf einmal so wohl wollte und ihm den Hof gab.

»Aber so will's der Vater,« fuhr der Andres fort, »im Frühjahr müssen wir hinaufziehen auf den Franzenhof. Unser Haus ist alt und baufällig; das reiß ich nieder, und da Wald und Feld von beiden Höfen zusammenstoßen, haben wir dann ein Gut und ein Haus.«

Das war der Gertrud zweimal recht, wieder heim zu kommen und da Herrscherin zu werden, wo sie als Kind gelebt.

Das Frühjahr kam. Als der Schnee geschmolzen war und die ersten Schlüsselblumen auf den Matten blühten, hielten die Vogtsleute fröhlichen Auszug vom Vogtshof und fröhlichen Einzug in den Franzenhof, der ein stattlich Ding war mit gewaltigem Hauptgebäude, neuem Leibgedinghaus und eigener Kapelle.

Die Zimmerleute und Maurer aber rissen den morschen Vogtshof nieder; doch da, wo er stand, heißt's heute noch im Volksmund »beim alte Hous«. –

Andreas I. war als Herr zweier großer Waldhöfe nach dem Geldwert unserer Tage wenigstens ein halber Millionär, was für einen Bauer vor siebzig Jahren viel, recht viel besagen wollte.

Es regierte sein Vogtsstab die Gemeinde, sein Ansehen blühte in den Tälern und auf den Bergen weithin, und seine Flöße beherrschten den Kaltbrunner Bach.

Der Egidi oder, wie er nach dem Hof seines Vaters hieß, der Franzegidi, wurde später ein Taglöhner und hatte ein kleines Gütchen am waldigen Eichberg, unweit dem Fürsten vom Teufelstein, während sein Schwager ein großer Bauernfürst geworden war, nachdem auch Egidis Fürstentum ihm zugefallen.

Der Franzegidi kam aber auch um dieses Gütlein und wurde in seinen alten Tagen ein so armer Mann, daß er von der Gemeinde Kinzigtal, in die der Heuwich und der Eichberg gehören, von Hof zu Hof und von Hütte zu Hütte »umgeäzt« werden mußte.

Heutzutage tut man derartige Arme in Kreisanstalten, wo sie fern der Heimat ein kärgliches, wehmutsvolles Leben führen.

Früher war diese Versorgung ortsarmer Menschen eine weit gefühl- und gemütvollere. Sie wurden »im Reihen« verpflegt oder, wie es noch öfter hieß, »umgehalten«, d. h. jeder Bauer und jeder Taglöhner mußte der armen Person je nach der Größe seines Hofes oder Gütchens von einem Tag bis zu einem Monat Kost und Obdach geben.

Der arme Mensch arbeitete den Kostleuten, was er konnte, und wenn es nur das Hüten kleiner Kinder war. Er aß und trank dafür mit ihnen am Tisch und ward in alleweg gehalten wie ein Glied der Familie.

Dabei war er in seiner lieben Heimat und drum ein zufriedener Mensch. Ich habe viele solche Leute gekannt und unter ihnen keinen Unglücklichen.

Der Franzegidi starb als Ortsarmer in den sechziger Jahren bei einem Bauer im Kinzigtal, bei dem er gerade umgehalten wurde, als der Tod kam.

Er mußte seinen Mutwillen und seinen Spott über Religion schwer büßen, wie ich denn schon oft beobachtet habe, daß Leute, die auf dem Land unter einer gläubigen Bevölkerung Aergernis geben, weit mehr und sichtbarer die Strafe trifft, als in Städten, wo an solchen Patronen weniger Aergernis genommen wird.

Das Knechtlein aber, welches der Egidi bei jener Hausweihe so fürchterlich schreien machte und von dem wir noch mehr hören werden, lebte, ein hoher Achtziger, bis zum Frühjahr 1898, wo auch er das Zeitliche gesegnet hat.

4.

Die besten Zeiten unseres Jahrhunderts, so hörte ich in meiner Knabenzeit oft die Bauern erzählen, waren die zwanziger Jahre. Da gedieh alles, was der Landmann pflanzte und säte, und Handel und Wandel und der Friede blühten; denn der große Kriegsdämon Napoleon war tot.

Ehe die Nachricht in die Berge des Schwarzwalds drang, der große Kaiser sei gestorben, glaubten die Bauern immer, er käme noch einmal und brächte die Welt in Revolution.

Aus der Volksseele schwinden große Männer, große Helden, blutige Tyrannen und königliche Henkersknechte ebensowenig wie große Spitzbuben und berühmte Räuber.

Wissen wir doch, daß schon das römische Volk glaubte und selbst wünschte, der Kaiser Nero, der schrecklichste Unmensch, den die Welt je gesehen, käme wieder.

In den zwanziger Jahren also freuten sich die Menschen, welche in den ersten zwei Jahrzehnten des Jahrhunderts nur Krieg und Kriegsnot mitgemacht hatten, wieder ihres Lebens und ihrer Arbeit.

Die Bauern im oberen Kinzigtal gingen wieder ans Floßmachen, Der Krieg hatte den Holzhandel darniedergelegt und die Schifferschaften verhindert, mit ihren Riesenflößen den Rhein hinunter zu fahren. Drum waren die Tannen älter geworden als sonst, und die Waldburen »riesten« fast lauter »Holländer« von den Bergen herab. Und schwer mit Kronentalern gefüllt brachten sie ihre ledernen Geldgurten heim aus den Waldstädtchen im Tal drunten, aus Alpirsbach oder aus Wolfach, wo die Schifferherren residierten.

Der Vogt auf dem Franzenhof säumte auch nicht, in seinen Wäldern, die rechts und links die Berge bedeckten, Holz zu schlagen, und lustig klangen im Winter und bis ins Frühjahr hinein die Axthiebe der Knechte und Holzhauer des Waldfürsten ins Kaltbrunner Tal herab.

Auf dem Kaltbrunnerbach zog im Sommer und Herbst jeden Monat wenigstens ein Floß des Vogts der Kinzig zu. Und bei den Zechen, die er nach getaner Arbeit seinen Flößern in Schenkenzell im Ochsen oder in der Sonne gab, geizte der Floßherr nicht mit Essen und Trinken.

Er übernahm jeweils das Präsidium bei seinen Flözerzechen und vergaß dabei nie der Armen, die hungrig und durstig des Wegs daherkamen.

Die guten zwanziger Jahre und die alten Holländerstämme machten den Vogt von Kaltbrunn so geldreich, daß er seiner Gertrud auch eine Schiede voll Kronentaler unter die Himmelbettlade hätte stellen können. Er verwendete dieselben aber besser und praktischer, indem er seine Herrschaft vergrößerte.

In seiner unmittelbaren Nachbarschaft talabwärts wurden zwei große Bauernhöfe feil. Sie waren zusammen fast so groß als sein bisheriges Fürstentum. Es waren dies der Bühlhof und der Mühlehof.

Der Bühlbur, dem beide Höfe gehörten, war ein vernünftiger Mann. Er hatte zahlreiche Kinder und so wertvolle Höfe, daß, wenn er dieselben verkaufte, jedem Kinde so viel traf, um damit ein kleines Gut zu kaufen oder auf einen kleinen Hof heiraten zu können.

Hätte, wie üblich, ein oder das andere Kind die Höfe erhalten als »Kindskauf«, so wären die anderen Kinder viel zu kurz gekommen und der junge Bur hätte trotzdem eine »starke Uebernahme« gehabt.

Fürst Andreas I. aber dachte, wie alle großen Fürsten, auf Vergrößerung seines Reiches und ließ die zwei Höfe nicht in andere Hände kommen. Er kaufte sie. Aber seine vielen Kronentaler langten nicht ganz; er brauchte noch vierzigtausend Gulden. Doch lieh er diese nicht etwa von einem der reichen Schifferherren im benachbarten Alpirsbach, der ihn darum angesehen hätte; er holte sie in jener Stadt, die von jeher am meisten Geld hatte am Oberrhein, in Basel, und zahlte den Bühlbur aus.

Jetzt hatte Andreas I. vier Riesenhöfe vereinigt und war trotz der Schuld in Basel nach heutigen Begriffen ein Millionär; sicher neben Simon, dem anderen Erzbauer, den wir spater kennen lernen, der erste und letzte Millionär seines Standes, so lange die Kinzig ihre Wasser dem Rhein schon zugeführt hat und noch zuführen wird.

Daß die heutigen und die zukünftigen Bauern keine Millionäre werden, dafür sorgen die liebe Kultur, die ihre geldfressenden Segnungen bald in jede Bauernhütte trägt, und die Industrie, welche ihre Fabiikschlote in jedem Dorf aufstellt und den Bur schädigt, indem sie ihm seine »Völker«, d. i. die Dienstboten wegnimmt und diese selbst physisch, sozial und moralisch zugrunde richtet.

Mit dem Fürstentum im Kaltbrunn wuchs, wie immer und überall im Leben, wenn die Menschen aufwärts steigen und ihren Besitz oder ihre Titel und Aemter vermehren, das Ansehen des Vogts nach innen und nach außen, d. i. bei den Buren, wie bei den Herren.

Er aber blieb der gleiche, gefällige, allen zu Diensten stehende Mann. Nach wie vor rollte sein Wagen landab nach Rastatt, um Rat zu holen für bedrängte Leute im oberen Kinzigtal.

Ja es war ihm nicht zu viel, wenn nötig, bis nach Karlsruhe zu fahren, um die Anliegen anderer vorzutragen. Ueberall fand der stattliche Vogt in seiner schmucken Bauerntracht offene Türen und gute Audienz.

Fürstliche und vornehme Züge werden heute noch von ihm erzählt aus dieser Zeit seines angehenden Großfürstentums.

Fuhr er da einmal im Dienste der Gefälligkeit in der Nähe von Rastatt gegen die Vorschrift mit seinen feurigen Rossen zu schnell über eine Dorfbrücke und wurde deshalb vom Polizeidiener angehalten und vor den Ortsvogt, seinen Kollegen, geführt. Dieser legte ihm, ohne, wie es Vorschrift war, ein Protokoll aufzunehmen, als Strafe auf, dem Sicherheitswächter einen halben Gulden zu bezahlen.

Da langt der Fürst von Kaltbrunn in seine Tasche, legt einen Gulden auf den Gerichtstisch für den Polizeidiener, einen zweiten fürs Schreiben des nicht geschriebenen Protokolls und entfernt sich, ehe der Dorfschulze von seinem Staunen sich erholt hat.

Noch fürstlich vornehmer zeigte sich Andreas I. ein andermal. Wenn die Bauernschaft seiner Vogtei flößen wollte, so mußte sie die Stauweiher in den obersten Gründen des Tales füllen, und die aus ihnen losgelassenen Wasser trieben dann die Holzmassen durch den wasserarmen Kaltbrunnerbach der Kinzig zu.

»Auf der Lai« waren die Hauptstauweiher und der wichtigste »Spannplatz« zur Herstellung der Flöße. Der Weg dahin war aber in den zwanziger Jahren ein elender. Bergauf und bergab mußten die Bauern mit ihren Ochsenkarren fahren, wenn sie die Floßwieden zum Einbinden der Tannenbäume auf den Spannplatz bringen wollten. Noch schlimmer war's beim Anfahren des Holzes selbst.

Da rief der Vogt eines Tages seine Buren zusammen ins waldige Tälchen oberhalb seines Residenzhofes und zeigte ihnen, wie man am Laienbächle hin einen bequemen Weg machen könnte. Sie sollten, so meinte er, zusammenstehen und, der Vogt voran, denselben mit ihren Knechten ausführen. Alle waren damit einverstanden, nur der Bernhardsbur nicht. Der räsonierte noch, daß der Vogt immer, was Neues wolle und den Buren Lasten auflege. Der Weg wurde doch gemacht, ohne Hilfe des Bernhardsburen. Der erste aber, der ihn befuhr, war dieser selbst. Der Vogt sieht das von seiner Residenz aus, nimmt sein Gewehr, geht dem Bur nach, stellt sich im Wald auf, als ob er auf der Jagd wäre und wartet, bis der Bernhardsbur den gleichen Weg wieder zurückfährt.

»Ist ein bequemer Weg das, nit wahr, Bernhardsbur?« ruft's aus den Tannen. Der Angerufene schaut auf und sieht den Vogt. Er erschrickt, schämt sich und schweigt, und der Vogt – schweigt auch. Die Verlegenheit des Bernhardsburen gesehen zu haben, war dem Fürsten Andreas Rache genug. Er verschwindet im Wald, und der Beschämte fährt still heim. –

Aber nicht bloß in seiner Vogtei schuf er neues, auch auf seinem Riesenhof machte er allerlei Veränderungen und Ueberraschungen. Er baute eine Ziegelei, eine neue, große Mühle und als Rarität sein berühmtes »Hennen- und Geißenhaus«. Dieses, ein geräumiger, zweistöckiger Bau, beherbergte im unteren Stock 36 Rasse-Ziegen, welche die Milch lieferten zu einer Käserei. Denn Käse aus lauter Ziegenmilch, meinte der Vogt, sei eine Delikatesse, die im Kinzigtal noch niemand kenne.

Im zweiten Stockwerk logierten Hühner aller Art, auch Fasanen und Pfauen, so daß an Sonntagen die Jugend vom ganzen Tal heraufzog zum Franzenhof, um die »neumodischen Vögel« zu betrachten zur Freude des glücklichen Besitzers.

In seinen Ställen standen die schönsten Pferde und schwerwandelndes Rindvieh – Ochsen, Kühe und Kälber – in großer Menge. Mit zwölf Paar Ochsen am Wagen ließ der Vogtsbur oft seine Hollandertannen zur Spannstatt führen, und als ihn einst ein Bauer fragte, ob er alle seine Ochsen am Wagen habe, fuhr er das nächstemal mit vierzehn Paaren; ein fürstlicher Ochsen-Zug, wie noch keiner durchs Tal von Kaltbrunn gewandelt war. Seinem vielen »Geflügel« und seinem großen Viehstand entsprechend hatte Andreas I. auch viele Völker. Aber da der Herr oft fort war und die Gertrud trotz ihrer Energie nicht überall sein konnte, so waren Knechte und Mägde häufig sich selbst überlassen, und es ging viel zugrunde, vorab in den Viehställen. Doch einem reichen Mann tut's nit gleich was.

Trotzdem die Völker nicht die loyalsten Untertanen waren, verkehrte der Bauernfürst mit seinen Knechten und Holzmachern wie mit seinesgleichen. Ganz besonders machte er gerne an Winterabenden ein Spiel mit ihnen.

Wenn sie aus dem Walde heimkamen, wo sie den ganzen Tag über im Schnee Tannen gefällt hatten, legten sie ihre Brotsäcke ab und die Spielkarten ins Ofenröhrle, damit sie recht trocken wurden und so besser »liefen«.

Dann setzten sie sich zum Nachtessen und luden nachher ihren Meister, wenn er daheim war, ein, mit ihnen zu spielen. Der Fürst stimmte meist zu, erhob sich und holte eine Rolle Geld aus der Stubenkammer. Jetzt wurde »gezwickt«, und die Waldleute hörten nicht auf, bis sie ihrem Herrn die ganze Geldrolle abgewonnen hatten.

Es ging manchmal schon gegen Morgen, wenn sie aufhörten, und die Knechte füllten vom Spieltisch weg ihre Brotsäcke und zogen ungeschlafen dem Walde zu.

Sie waren gleichwohl kreuzfidel, weil die Rolle Geld in ihren Taschen war, und der Fürst gönnte sie ihnen; denn die Leute verarbeiteten ihm seine Tannen zu Flößen, und aus den Flößen nahm er schweres Geld ein, so schwer, daß er in den folgenden Jahrzehnten erst recht als Fürst auftrat.

Er schuf sich anfangs der vierziger Jahre unter dem Namen »Bürger-Militär« eine eigene Leibgarde. Auf seinen Fahrten ins Land hinab hatte er in den Städten und Städtchen die Bürger Soldätles spielen sehen und einen solchen Gefallen daran gefunden, daß er beschloß, im Kaltbrunn auch ein solches Spielzeug zu gründen.

Vorher existierte hier schon eine Miliz in Volkstracht. Ihr Kommandant war der alte Mühlebartle, ein Bur. Aber das genügte Andreas I. nicht; er wollte die Sache militärischer und fürstlicher haben.

Jenes Knechtlein Andres, das der Franzegidi bei der Hausweihe so malträtiert hatte, war später Soldat und ein schöner Soldat geworden. Er hatte, wie damals üblich, die Uniform mit heimbekommen und trug sie bisweilen an Sonntagen beim Kirchgang. So sah ihn der Fürst an einem Sonntag als Grenadier paradieren und engagierte ihn als den ersten seiner zukünftigen Leibgarde. Der Andres sollte die anderen, welche der Bauernfürst in kurzem in einer Zahl von achtzig Mann geworben hatte, einexerzieren, wobei er nur die wenigen reichen Buren, die mitmachen wollten, ihre Equipierung anschaffen ließ, die übrigen aber auf eigene Kosten mit Uniform und Waffen ausstattete!

Und was für eine Uniform! Die Gemeinen und Unteroffiziere trugen weiße Hosen, weiße Gamaschen, roten Frack mit Schwalbenschwänzen und blauen Aufschlägen und schwarzen Tschako mit weißen Fangschnüren.

Die Offiziere, zwei Leutnants und ein Hauptmann, hatten die gleiche, nur feinere Uniform mit Epauletten. Der Fürst aber trug mit dem Charakter eines Majors einen Schiffhut mit weißen Federn und war selbstverständlich beritten.

In edelmütiger Art ernannte er den armen Andres, der sonst in Knechtsgestalt einherging, zum Hauptmann. Diese Ernennung machte im Kaltbrunn solchen Eindruck, daß der Andres von Stund an bis zu seinem Tod, fünfundsechzig Jahre lang, ausschließlich genannt ward »der Hauptmann«. Ja selbst seine Söhne bekamen teil an diesem Ehrentitel und heißen heute noch »des Hauptmanns Frieder« und »des Hauptmanns Hans«. Ehe er Hauptmann ward, der Andres, hieß er von seiner Geburtshütte im »Grausenloch«, nordwestlich von Wittichen, der Grausenlocher-Andres.

Als Hauptmann der Leibgarde Andreas I. gelang es ihm, ein Häuschen zu erwerben im »Zundelgraben« in der Nähe seiner Geburtsstätte. Er wurde dann, mitten im Walde wohnend, ein fleißiger und sparsamer Waldarbeiter, den seine Mitbürger, die Kaltbrunner, eingedenk seiner einstigen Hauptmannschaft, später zum Waisenrichter und Gemeinderat machten.

Und im Zundelgraben lebte er noch lange, der brave Mann, bei seinen Söhnen als Leibgedinger und erzählte an Winterabenden von Andreas I. und von der schönen Hauptmannszeit.

Oberleutnant in des Vogtsburen Garde war der Rußtoni, ein Burensohn, und Leutnant abermals ein Knecht des Dürrhofertoni; Feldwebel der Gebertsepple, ein Taglöhner »auf der Güte Gottes«.

Was ist das beste und schönste Militär ohne Musik! Ja, mir ist das liebste am ganzen Militarismus, diesem Moloch, der den Schweiß und das Blut der Völker verzehrt, die Militärmusik. Der zulieb laufe ich in Freiburg an Sonntagen oft »auf die Parade«, um ihr zu lauschen, so wenig auch ein alter Pfarrer unter die Parade-Menschen, die dabei auf- und abwimmeln, paßt.

Soldaten ohne Musik, so dachte der Vogtsbur, sind Kuchen ohne Zucker, Suppen ohne Salz, und darum rief er auch eine Musik ins Leben. Selbstverständlich schaffte er, da Musikanten in der Regel arme Teufel sind, die Instrumente und die Uniformen ebenfalls aus seiner fürstlichen Handkasse an.

Kapellmeister ward der Lehrer Hirt von Schapbach, später im Kaltbrunn; den Schellenbaüm schüttelte das kleine Schuhmächerle, welches, wie ich in den »Waldleuten« erzählt, oft mit dem Fürsten vom Teufelstein in Weiberkleidern ins Bierhaus ging und später im »Eselswehr« ertrank

Des Rußbure Dunise, ein Korbmacher, blies den Bombardon, der Schmidsepple schlug die große Trommel, und des Mühlemathisen Remigi bediente die Trompete.

Dann kamen die Klarinettisten, die Flötenbläser, die Trommler – alle Bauernsöhne, Knechte, Holzmacher und Taglöhner.

Fünfundzwanzig Mann stark war das Musikkorps, und es musizierte so, daß es in Berg und Tal widerhallte, wenn der Vogt ausrückte.

Ein Bataillonskommandant, der nicht reiten kann und kein dressiertes Reitpferd hat, macht sich lächerlich vor seinen Soldaten wie in den Augen der Zuschauer.

Das wußte Andreas I.; drum hielt er sich, so lange seine Garde existierte, d. i. bis zur Revolution von 1849, stets militärisch zugerittene Pferde, die er in Karlsruhe von Dragoneroffizieren kaufte. Edelsinnig und freigebig, wie er war, wußte unser Bauernfürst aber auch, daß das Wort Soldat von Sold, herkommt, und daß Soldaten ohne Sold noch weniger sind als ohne Musik. Drum bezahlte er seinen Leuten, die meist Waldarbeiter, Holzmacher und Taglöhner waren, so oft sie Dienst hatten, d. h. exerzieren mußten, eine Löhnung aus.

Machte er aber, und hierin war er zweifellos der nobelste Kriegsherr und Kommandant seit Cyrus, dem Perser, der seine Soldaten bekanntlich köstlich gastieren ließ – machte der Bauernmajor einen Ausflug, um in den Städtchen Schilte, Wolfe, Hasle oder drüben im Schapbachertal seine Garde zu zeigen und die bürgerlichen Friedenssoldaten von nah und fern zu besuchen – so aßen und tranken seine Unteroffiziere und Gemeinen samt den Musikanten auf seine Kosten.

Wie sehr er sich in seiner Rolle als Major gefiel, zeigt das Bild, welches er von einem Stuttgarter Hofmaler machen ließ. In Uniform auf einem Fuchsen sitzend, seine Residenz, den Franzenhof, und einige seiner Soldaten im Hintergrund, gleicht er zweifellos einem englischen General auf einer kriegerischen Expedition im Schwarzwald.

Jedem seiner Offiziere und Unteroffiziere schenkte er eine Kopie dieses Bildes zum Andenken. Es findet sich dasselbe heute noch in ein und dem andern Bauernhaus im Kaltbrunn; aber der Leute, welche dasselbe zu erklären wissen und jene Tage gesehen haben, sind nur wenige mehr in dem waldigen Tale, über das einst Andreas I. sein glänzendes Zepter geführt und in welchem er als Kommandant seinen Säbel geschwungen hat.

Daß die eigene, glänzende Leibgarde das Ansehen und den Respekt vor Andreas I. im Volke vermehrte und seine Krieger überall sein Lob sangen, wohin ihre Uebungsmärsche sie führten, ist erklärlich.

Wie viel aber der herablassende Bauernfürst ob seiner Freigebigkeit sich gefallen lassen mußte, das zeigen die Worte eines alten Weibleins aus den Tagen, da er seine Krieger so hochherzig behandelte.

Saß da Andreas I. einmal eines Tages in der Sonne zu Schenkenzell und speiste mit dem Obervogt von Wolfe und andern Beamten, die sich gerne von der Sonne des Bauernfürsten wärmen ließen.

Da kam eine arme Person des Dorfes in das Wirtshaus, um irgend einen Dienst zu verrichten. Ihre Jugend fiel in die Zeit, da die französischen Revolutionssoldaten im Tal lagen. Sie mochte wohl ein oder den andern der welschen Krieger gekannt haben und hieß drum das Franzosen-Wätschele.

Sie war sehr klein von Natur und ließ sich deshalb ein eigenes Stühlchen mit ihrem Namen in die Kirche von Schenkenzell machen, das heute noch in derselben steht, obwohl die Marianne schon 1838 gestorben ist.

Sie wallfahrtete viel für andere Leute zu Fuß nach Einsiedeln und hatte bei ihrem Tod den weiten Weg dahin neunundneunzigmal gemacht.

Oft schon hatte der Fürst dem armen Wibervolk eine Unterstützung zuteil werden lassen, und da er sie an jenem Tage wieder sah, sprach er zum Sonnenwirt, er solle dem Wätschele einen Schoppen Wein mit heimgeben, es könne ihn dann trinken, wie es wolle.

Das Wätschele bekommt seinen Wein, tritt vor zum »Herrentisch«, sagt dem Geber »vielmal Vergeltsgott« und fährt, zum Obervogt sich wendend, fort: »Der Kaltbrunner Vogt isch immer a guat Schoof g'sei!«

Allgemeine Heiterkeit folgte diesen kindlichen Worten, die Andreas I., edelmütig, wie er war, keineswegs übel nahm. Sie illustrieren aber das bekannte Sprichwort, daß allzugroße Herzensgüte oft als Dummheit angesehen wird. –

Vogt Andreas, Besitzer von vier großen Waldhöfen, besaß kaum seine Leibgarde, als ihm noch etwas zuteil wurde, was seiner Herrlichkeit erst das rechte Gepräge gab. Er wurde von echten Fürsten anerkannt und in ihre Gesellschaft und an ihre Höfe gezogen.

Damit beginnt die Glanzperiode des Vogts von Kaltbrunn.

5.

In dem jetzt weithin bekannten Schwarzwaldbad Rippoldsau am Fuße des Kniebis ging es in früherer Zeit viel gemütlicher her als heute, wo die Goldkönige aus Amerika und aus Frankfurt sich's dort wohl sein lassen.

Unter dem Namen Sauerbrunnen wurde das Bad damals nur besucht von Leuten aus dem Elsaß, aus dem österreichischen Breisgau und aus der Herrschaft Fürstenberg.

Beamte, Geistliche, Kaufleute und Bauern lebten da wie in einer Familie. Und wer den heute noch bestehenden »Fürstenbau« ansieht, welchen die Fürsten von Fürstenberg als damalige Herren des »Surbrunnens« sich hatten bauen lassen, der kann sich ein Bild machen von der Einfachheit jener Tage.

Der Abbé aus Straßburg, der Kaufmann aus Hasle oder Wolfe, der österreichische Baron und Offizier aus Freiburg, die großen Buren aus dem Seebach und Kaltbrunn und die Hofräte von Donaueschingen verkehrten miteinander wie unter ihresgleichen.

Und wenn der Fürst von Fürstenberg kam, änderte dies nichts an der Gemütlichkeit und an dem freien Verkehr.

Im Donaueschinger Wochenblatt vom 14. Mai 1794 habe ich eine köstliche Einladung gefunden, verfaßt von dem damaligen »Beständer des Rippoldsauer Sauerbrunnens«, Xavier Göringer. Hier heißt es: »Etikettmäßiger Zwang und kleinstädtischer Ton sind bei mir nicht zu Hause; jeder Brunnengast sucht das Vergnügen des andern zu unterhalten, zu vergrößern und durch die ganze Gesellschaft zu verbreiten. Wer sich besser dünkt, als andere sind, wer an Leib und Seele so ganz Krüppel ist, daß er sich mit andern Menschen nicht vertragen kann, dieser Invalide in der Gesellschaft muß sich's selbst zuschreiben, wenn ihn bessere Menschen als einen Störer der Harmonie und Eintracht behandeln.«

Der brave Mann, Xavier Göringer, sagt aber noch mehr: »Jeder rechtschaffene Mann ist mir willkommen; jeder glaubt und handelt nach eigenem Belieben und Gutbefinden. Weder im gesellschaftlichen Umgang, noch bei andern Gelegenheiten hat man von jeher auf Religion Rücksicht genommen. Religionshaß und Intoleranz, diese zwo Furien haben noch nie die Zufriedenheit in diesem ruhigen Tale untergraben; deswegen sind Religionsstreite, die doch kein Sterblicher. entscheidet, in Rippoldsau eine unerhörte Sache.«

Viermal in der Woche, so verkündet er weiter, der wackere Xavier, laßt er in Hausach, fünf Stunden vom Sauerbrunnen entfernt, die Post holen für seine Gäste. »Wer Diener bringt und nicht im gleichen Zimmer mit diesen schlafen will, der kann für sie schickliche Zimmer und Betten haben.«

Zum Zeitvertreib können die Fremden Billard spielen, jagen und fischen und »in müßigen Stunden« zusehen, wie der Xavier aus dem Sauerwasser Glaubersalz »gradiert und siedet«.

Man glaubt, wenn man obige Worte des Beständers des Sauerbrunnens, eines einfachen Wirts, liest, die großen Worte der französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – seien damals schon bis in den Sauerbrunnen von Rippoldsau gedrungen.

Sicher ist, daß, während der Xavier Göringer jene Einladung schrieb, die Revolutionsheere der Franzosen schon in der Pfalz stunden.

Sicher ist aber auch, daß heute, bei allem Respekt vor den Hoteliers unserer Tage, keiner von ihnen eine ebenso vernünftige als ehrlich gemeinte und ungeschminkte Einladung fertig brächte, wie sie dem Xavier Göringer sein gesunder Menschenverstand in die Feder diktierte.

Ich bin überzeugt, daß der Mann auch einen Wein schenkte, der so echt war wie seine offene Sprache. Nur daß er seinen Vornamen französisierte, will mir nicht gefallen.

Auch scheint seine »Gleichheit«, wenigstens nach außen, sich nicht auf die Bauern, die als Gäste kamen, erstreckt zu haben. In der ersten Kurliste, welche er im oben genannten Jahre veröffentlicht, beginnt er mit dem General d'Aspremont von Freiburg und endigt mit dem Lehrer von Friesenheim. Die Bauern nimmt er dann überhaupt mit der Bezeichnung »sechs Gemeine«.

Fünfzig Jahre später aber war die Gleichheit der Stände in Rippoldsau gänzlich durchgedrungen, trotzdem außer dem Fürsten Karl Egon von Fürstenberg als Badgast alljährlich auch der Großherzog Leopold von Baden erschien.

Beide Fürsten verkehrten mit den Bauern wie mit den sogenannten Herren, ja sie bevorzugten einzelne Großbauern und unter diesen vorab Andreas I. aus dem Kaltbrunn, der jeden Sommer einigemal ins Bad kam.

Nachdem er seine eigene Leibgarde eingerichtet, der Vogt von Kaltbrunn, führte er sie jeweils als Ehrenkompagnie hinab nach Wolfe, wenn er erfahren hatte, daß einer der genannten Fürsten dort durchpassiere auf dem Weg zum Sauerbrunnen.

So ward die Bekanntschaft, die in Rippoldsau gemacht worden, zur Freundschaft; denn »
similis simili gaudet«, d. h. ein Fürst fand Gefallen am andern, und die Adelsfürsten luden den Bauernfürsten stets ausdrücklich ein, sie im Sauerbrunnen zu besuchen.

Das ließ sich Andreas I. nicht zweimal sagen, und in den vierziger Jahren bis zur Revolutionszeit ging er, sobald die zwei Fürsten in Rippoldsau waren, jeweils auch als ständiger Gast hinüber und ward ihr bevorzugter Begleiter. Er kegelte mit ihnen und begleitete sie auf die Jagden.

Aber sie kamen auch zu ihm, die zwei Fürsten von Geblüt, auf seine Jagden, und er hatte fürstliche Jagden, Andreas I. Nicht nur die eigenen Wälder waren sein Revier, ringsum im ganzen oberen Kinzigtal hatte er noch die Gemeindejagden gepachtet, um für seine fürstlichen Jagdgäste auch ein würdiges Jagdgebiet zu haben.

Die echten Fürsten aßen und tranken nach der Jagd beim Bauernfürsten auf dem Franzenhof, und der joviale, heitere, redegewandte Vogtsbur ward mehr und mehr der Liebling der beiden Kollegen.

Auch wenn die Sauerbrunnenzeit vorüber war, ging die Gnadensonne in Donaueschingen und in Karlsruhe nicht unter. Die Fürsten vergaßen Andreas I. auch in ihren Residenzen nicht, und öfters kamen Einladungen zu Hoffesten nach Kaltbrunn. Und der wackere Vogtsbur forcht sich nit und ging in seiner Bauerntracht herzhaft an die Höfe mitten hinein unter die Hofleute und die vornehmen Mitgäste. Und überall stellte er seinen Mann, in den Prunksälen der Fürsten so gut wie auf dem Rathaus zu Kaltbrunn, an dem Hofgericht zu Rastatt, wie in den Wirtshäusern des Kinzigtals und bei den Ausmärschen seiner Garde.

Als er einmal nach Karlsruhe zu Hof ging und wie gewöhnlich im »roten Haus« sein Absteigequartier nahm, sahen daselbst einige Karlsruher, die den Vogt in seiner Bauerntracht nicht kannten. Sie spöttelten und fragten, ob er ein Schwabe sei und von welcher Sorte, ob ein Knöpfle- oder ein Suppen-Schwab. Da meinte der Vogtsbur ruhig, es gehe scheint's den Karlsruher Herren mit den Schwaben wie ihm mit den Karlsruhern: man lerne die verschiedenen Sorten erst nach längerem Umgang kennen. Er gehöre jedenfalls zu den dummen Schwaben; denn er komme oft nach Karlsruhe und habe erst heute gemerkt, daß es unter den Karlsruher Herren auch Esel und einfältige Kerle gebe. –

Auf dem Heimweg von der badischen Residenz fuhr Andreas I. einmal im Postwagen in seinem langen, schwarzen Bauernrock, auf dessen Rückenseite, wie damals üblich, eine Stickerei angebracht war ähnlich einem Kirchturme.

Zwei Kinder Israels machten sich lustig über den Bauersmann und meinten, er müsse ein guter Christ sein, denn er trage die Kirche auf dem Rücken nach. »Ja, das ist,« gab der Vogtsbur zurück, »der Unterschied zwischen Juden und den christlichen Bauern: uns sieht man die Religion am Rock an und euch an der Nas.«

Sprach's, und die Spötter verstummten. –

Natürlich machte der bei den Fürsten so gern gesehene und so wohl gelittene Vogt von Kaltbrunn bei seinen Hofbesuchen auch neue Bekanntschaften. Alle waren entzückt von dem geistreichen und unterhaltenden Bauersmann in seiner schmucken Tracht, und alle wollten ihn einmal besuchen in seiner Waldeinsamkeit.

So erschienen außer den genannten Fürsten Minister und Geheimeräte, Offiziere und Diplomaten zur Sommerszeit auf dem Franzenhof zu Besuch oder zur Jagd. Auch aus dem Sauerbrunnen kamen viele Gäste herüber nach dem Kaltbrunn.

Alle wurden gastlich empfangen und manche so befreundet mit dem Bauernfürsten Andreas, daß sie in Geldverlegenheiten an ihn appellierten und bei dem reichen Manne stets williges Gehör fanden.

Wenn die Gertrud, ein gescheites und kluges Weib, bisweilen mahnte, nicht so splendid zu sein in der Bewirtung und nicht so leicht mit dem Geld umzugehen, da lachte der Fürst und meinte: »Die Herren, die ich jetzt gastiere und denen ich Geld leihe, werden mich auch nicht im Stiche lassen, wenn ich einmal in Not kommen sollte.« –

Wer in Fürstengunst steht, den werden alle Fürstendiener ästimieren. So geschah es auch bei Andreas I. Die fürstenbergischen und die großherzoglichen Beamten machten, wenn sie ins obere Kinzigtal versetzt wurden, dem Vogt von Kaltbrunn ihre Antrittsbesuche, sobald sie von ihm und seinem Ansehen bei ihren Fürsten gehört hatten.

Daß sein Ruf als Sachwalter aller Bedrängten erst recht durch alle Täler und über alle Berge an der Kinzig hin ging, als man hörte, der Vogt von Kaltbrunn sei gut Freund mit dem Großherzog und mit dem Fürsten von Fürstenberg, versteht sich von selbst.

Was Andreas I. fortan nicht vor Gericht durchsetzte für seine Klienten, das machte er im Wege der Gnade ab durch Audienzen beim Großherzog.

Und wie edelsinnig er war bei seinem Sachwalter- und Fürsprechertum, zeigt die folgende Tatsache: Den Adlerwirt in Schapbach, wohin der große Vogt oft kam und wohin er bisweilen vierspännig fuhr, hatte einer durch Urkundenfälschung um 5000 Gulden gebracht.

Der Adlerwirt ruft den Vogt an. Der führt ihm den Prozeß und gewinnt ihn; der Betrüger kommt ins Zuchthaus. Nachdem er einige Zeit da verbüßt, spannt Andreas I. seine Pferde ein, fährt nach Karlsruhe und erbittet und erhält beim Großherzog Begnadigung.

So half der brave Mann dem Sünder und dem Gerechten, dem Kleinen und dem Großen, und alles sprach von seiner Hochherzigkeit und seiner Menschenfreundlichkeit.

Selbst aus dem Munde der Kinder wurde ihm Lob bereitet. Wenn er auswärts war und die Kinder sich vor dem Wirtshaus versammelten, in dem er abgestiegen, so warf er oft Hände voll Kreuzer und Groschen unter die Kleinen, um auch diesen eine Freude zu machen. –

Seine eigene, größte Freude aber erlebte er, als der Fürst von Fürstenberg ihn einmal einlud, mit ihm nach Böhmen zu fahren und dort Jagden mitzumachen.

Die Fürsten von Fürstenberg haben bekanntlich große Besitzungen auch in Böhmen, und der Fürst Karl Egon in Donaueschingen vereinigte beide Herrschaften in seiner Hand.

Obwohl Gast des Fürsten, wollte Andreas I. sich nicht lumpen lassen bei dieser Fahrt, die natürlich mit Extrapost gemacht wurde.

Das ist echte Bauernart, daß der Bauer nichts umsonst will und gerne jede Gefälligkeit und Freude, die man ihm macht, dreifach vergütet. Darin ist er viel nobler als viele Herrenleute. Drum gibt der Bauer auch lieber Trinkgelder als andere Leute, trotzdem diese in der Regel mehr Geld und mehr Bildung haben.

So machte es auch der Vogtsbur aus dem Kaltbrunn, da er mit dem Fürsten von Fürstenberg nach Böhmen fuhr. Ließ der Fürst einem Postillon einen Kronentaler geben, so gab der Bur zwei, damit die Postknechte und ähnliche Leute nicht glauben möchten, der Mann in seiner Bauerntracht sei nur um Gottes willen und als Schmarotzer dabei.

Andreas I. wollte, und da hatte er recht, nicht auf dem Armenweg nach Böhmen kommen und wieder heraus. Dem Fürsten Karl Egon machte es Spaß, den tschechischen Magnaten einmal zu zeigen, was für reiche und intelligente Bauern es in seiner Herrschaft auf dem Schwarzwald gebe.

Der Vogt aber sah in Böhmen nur große, reiche Herren und kleine, arme Bauern und Taglöhner, und das gefiel ihm nicht. Drum ward er auch aus diesem Grunde versucht, den Böhmen zu beweisen, daß es im Schwarzwald Fürstenbauern gebe, die Kronentaler im Ueberfluß hätten.

Es kostete diese Reise den Erzbauer aus dem Kinzigtale viel, viel Geld, und er kam mit leerem Beutel heim, aber stolz über die vielen adeligen Bekanntschaften, welche er gemacht, und befriedigt, weil er gesehen hatte, daß es die Bauern nirgends so gut hätten als im Schwarzwald und besonders im Kaltbrunn.

Die Aexte klangen wieder in seinen Wäldern, die Riesentannen stürzten, und auf dem Kaltbrunner Bach schwammen neue Flöße des Vogts, die das Loch bald wieder ausfüllten, welches die Reise nach Böhmen in seine Kasse gegraben hatte.

Bei all seinen Fahrten ins Land, an die Fürstenhöfe und in die weite Welt vergaß er zwar seine eigenen Interessen, nie aber die seiner Gemeinde. Ja, er vertrat deren Wohl kühn gegen seine hochgestelltesten Freunde und schonte selbst den Fürsten von Fürstenberg nicht.

Bald nach der Rückkehr aus Böhmen kündigte er der fürstenbergischen Standesherrschaft einen Krieg an.

Dieser Prozeß macht dem gesunden Menschenverstand des Vogts von Kaltbrunn alle Ehre und stellt ihn als Charakter himmelhoch über jene Legionen von servilen Leuten, die es nie wagen würden, einem Fürsten, der ihr Gönner ist, Trotz zu bieten im Interesse Dritter.

Das tat aber Andreas I., dem das Wohl seiner Gemeinde und der Armen seiner Vogtei höher stand als Fürstengunst. Und er tat es, weil im echten Bauersmann das Rechtsgefühl viel stärker ist, als bei vielen hohen und niederen Herren. Drum sagt schon ein mittelalterliches Sprichwort: »Versprechen ist edelmännisch, und halten ist bäuerisch.«

Das Kloster Wittichen, zur Vogtei Andreas I. gehörig, hatte im Jahre 1358 von dem freien Herrn Walter von Geroldseck in der Nähe des Gotteshauses einen großen Wald erhalten »zur Unterstützung der Armen«. Aus alten Briefen ersah dies unser Vogt, und nun zog er daraus den ganz richtigen Schluß: das Kloster ist aufgehoben und die Armen sind unserer Gemeinde zugefallen; der Fürst von Fürstenberg aber hat als Landesherr den Klosterwald »annektiert«, ohne aus seinen Erträgnissen unsere Armen zu unterstützen – folglich soll er zu diesem Zweck den Wald uns und damit seiner ursprünglichen Bestimmung wieder zurückgeben.

Drei Jahre führte der Bauernfürst den Prozeß gegen den Herrn Fürsten, verlor ihn aber in allen Instanzen, den einzigen, den er bisher für andere geführt und der verloren ging.

Der brave, unerschrockene Mann hatte in ein großes Wespennest gelangt: aber seine Faust war nicht groß genug, um fest zu greifen. Er mußte seinen Prozeß verlieren aus »Staatsraison«; denn wenn alle den Klöstern genommenen Güter ihrer stiftungsgemäßen Bestimmung zurückgegeben werden müßten, so gäbe es ja gar keine »Staatsdomänen« mehr.

Die armen Leute im Kaltbrunn und anderswo müssen sich deshalb noch einige Zeit gedulden, bis sie die ihnen bestimmten Wälder wieder bekommen können. Ich meine nämlich, es komme einmal die Zeit, wo der Vers aus Schillers Räuberlied sich ganz erfüllt: »Heut' kehren wir bei Pfaffen ein – bei reichen Pächtern morgen.« Bei den »Pfaffen« ist die Säkularisation bereits eingekehrt: das nächstemal kommt's an die – Pächter.

So verlangt es nicht bloß Schillers Räuberlied, sondern die ausgleichende Gerechtigkeit. –

Aber auch in anderer Art zeigte sich der Vogt als Freund seiner Gemeinde. Vom Bühlbur, der einst drei Höfe gehabt, hatte Andreas I. zwei bereits gekauft. Er kaufte ihm Ende der dreißiger Jahre auch den dritten ab, den Rußhof, so daß er jetzt fünf Höfe vereinigte und sein Fürstentum abermals mehrte. Dem Bühlbur war's zu wohl geworden; er wollte im Städtle eine Rolle spielen, zog hinab nach Wolfe mit seinem Geld, baute, spekulierte und – verarmte.

Da aber der Vogt von Kaltbrunn sein Besitztum also wieder gemehrt hatte, murrten einzelne Bauern, daß ihr Vogt alles kaufe. Was tut Andreas I.? Er bietet der Gemeinde den Hof an um den gleichen Preis, wie er ihn gekauft hat.

Die Buren gingen freudig darauf ein, und sinnig, wie das Landvolk ist, ließen sie einen silbernen Ehrenbecher machen und überreichten ihn dem braven, uneigennützigen Vogt als ein Zeichen ihres Dankes.

Ein andermal riet er seiner Gemeinde, ein Angebot zu machen auf einen Wald, der im nahen Württemberg im Submissionsweg verkauft wurde. Am Eröffnungstag bemerkte er, daß sein im Namen der Gemeinde schriftlich eingereichtes und gesiegeltes Angebot vorher von Konkurrenten erbrochen worden war. Er trat nun so energisch auf und drohte mit gerichtlicher Verfolgung, daß die Attentäter, den Kaltbrunner Vogt und seinen Einfluß kennend, ihn baten, die Sache beruhen zu lassen. Andreas I. verstand sich dazu nur, nachdem man ihm tausend Gulden eingehändigt hatte, die er heimtrug und – in die Gemeindekasse legte.

So war der Vogt von Kaltbrunn ein gerechter Mann, ein Ehrenmann, der nicht unverdient Fürstengunst genoß und aus einem Ehrenbecher trank, den ihm seine Mitburen gestiftet hatten.

Daß ihn diese immer und immer wieder zu ihrem Vogt erwählten, verstand sich von selbst.

Schon 1837, als er sein zwanzigstes Dienstjahr feierte, hatte ihm der Großherzog die Zivil-Verdienstmedaille als Anerkennung seiner getreuen Vogtsdienste zugesandt.

Ein Ehrentag für Andreas I. war auch der 25. April 1843, der Tag der Einweihung der Kirche im Städtle Schilte.

Hier war 1833 die alte Kirche abgebrannt, und es ging genau zehn Jahre, bis eine neue gebaut war. Und was für eine! In meiner Knabenzeit redeten die Leute im Kinzigtal, wenn sie auf Kirchen zu sprechen kamen, nur von den neuen Kirchen in Schilte und in Oberharmersbach im Reichstal. Beide, fast zu gleicher Zeit erbaut, wurden als Wunderwerke geschildert, neben denen das Münster von Freiburg nicht mehr genannt ward.

Und so oft ich in meinen alten Tagen beide Kirchen sehe, denke ich an jene Lobeshymnen der Bürger und Bauern vor fünfzig Jahren und schaue dann mitleidsvoll an den langweiligen Steinhaufen hinauf, die alles eher sind als Kunstbauten.

Aber beide stammen noch aus jenen Zeiten der Baukunst, in denen man trotz der herrlichsten alten Vorbilder die Kirchen im Scheuernstil baute.

Doch es darf keine Zeit der andern einen Vorwurf machen wegen Geschmacksverirrungen, weil jede die ihrigen hat und weil der Begriff »schön« wechselt wie die Mode. –

Die Schiltacher und die mit ihnen zu einem Kirchspiel vereinigten wackeren Buren von Lehengericht sind protestantisch, weil sie zur Zeit der Reformation herzoglich württembergischer, ihre Nachbarn unten und oben im Kinzigtal aber gräflich fürstenbergischer Untertanenschaft waren.

Die Herzoge von Württemberg wurden protestantisch, die Fürstenberger blieben – den Grafen Wilhelm, einen geborenen Haslacher, abgerechnet – katholisch, und die armen Buren mußten, ob sie wollten oder nicht, werden oder bleiben, was ihre Herren wurden oder waren.

Unter einem schändlicheren Grundsatz ist die Welt nie gestanden und hat die Menschheit nie geseufzt, als unter dem, daß der, dem das Land gehört, auch über die Religion der Untertanen zu befinden habe.

Um dieses einzigen Gewaltsatzes und seiner Ausübung willen sollte jeder denkende Mensch eigentlich Demokrat sein.

Nur die Leibeigenschaft, diese Nachgeburt der heidnischen Sklaverei, konnte möglich machen, daß die Menschen jener Tage sich so was gefallen ließen.

Auch die heutigen katholischen Nachbarn der Schiltacher waren jenem Gewissenszwang zufolge einige Zeit protestantisch.

Graf Wilhelm von Fürstenberg, 1492 in Hasle geboren, ein schöner, geistreicher, tapferer Mann mit einem bösen »Haslacher Maul«, ein intimer Freund Sickingens und Feind der hohen Geistlichkeit, führte 1525 die Reformation in der Herrschaft Kinzigtal ein.

Bis 1549 blieb das Tal protestantisch, und die Bürger von Hasle, Wolfe und Husen und die Buren ringsum waren in den zwanzig Jahren, da sie dem »reinen Evangelium« dienen mußten, so antikatholisch geworden, daß sie nicht mehr zur alten Lehre zurückkehren und ihre Prädikanten nicht entlassen wollten.

Am 15. Mai 1549 schrieb Wilhelms Bruder und Nachfolger, der katholische Graf Friedrich, »dieweil die Leut' im Kinzigtal gar so verstockt seien und, wie er alle Tage hören müßte, die Messe lesenden Priester so hoch verachten und vernichtigen, daß auf ihn und auf das Land nur große kaiserliche Ungnade, auf ihn selbsten aber noch der Verdacht falle, als sähe er solche Dinge gern, so müsse er sich der Prädikanten gänzlich entschlagen. Schon habe er sich um katholische Priester umgesehen, aber leider weder böse noch gute bekommen können, da keiner, wenn man ihm auch noch so viel verspreche, zum Bekehrungsgeschäft in das Kinzigtal ziehen wolle.«

Noch fast dreißig Jahre nach dieser Aeußerung blieb der Protestantismus mehr oder weniger in Uebung, bis endlich 1575 den Prädikanten der Aufenthalt in der Herrschaft strenge untersagt wurde.

Und als um das eben genannte Jahr der Weihbischof von Konstanz, Balthasar Wurer, Bischof von Askalon, in den Pfarreien Wittichen und Schenkenzell Kirchenvisitation hielt, klagte er in seinem Bericht an die Herrschaft, daß er keine Meßbücher und nur hölzerne Monstranzen gefunden habe und daß das Sakrament der letzten Oelung fast ganz in Abgang gekommen sei. –

In jener Zeit aber, da die Kirche von Schilte eingeweiht wurde, herrschte Friede und Freundschaft unter den beiden christlichen Konfessionen. Die Gläubigen jeder Konfession hielten fest an ihrem Bekenntnis, ohne einander wegen der Verschiedenheit desselben gram zu sein.

Drum war der Tag der Kirchweihe in Schiltach auch ein Festtag für die Katholiken ringsum. Das katholische Städtchen Schramberg sandte seinen Sängerbund, die von Wolfe ihr Bürgermilitär, und die Buren von Schenkenzell vereinigten ihre Zivilgarde mit der Leibgarde Andreas I. und rückten am Morgen des 25. April im festlich geschmückten Städtchen ein.

Auch die katholischen Pfarrherren von St. Roman, Schenkenzell, Oberwolfach, Wolfach, Tennenbronn, ebenso ihre Amtsbrüder aus den benachbarten katholischen Orten Württembergs nahmen teil an der Feier.

Die katholischen Bergknappen aus dem Heuwich, welche das Silber zu einem Abendmahlskelch geschenkt hatten, erschienen ebenfalls in ihrer malerischen Tracht.

Beim Rathaus ordnete sich der Festzug und bewegte sich von da aus der Kirche zu. An der Straße hin bildeten die Bergknappen und die Militärkorps Spalier, und die letzteren begrüßten unter dem Kommando des Vogts von Kaltbrunn den Zug mit militärischen Ehren.

Andreas I. war an diesem Tage Brigade-Kommandeur und sprengte auf einem feurigen Braunen laut kommandierend an den Fronten auf und ab, so daß ein Weiblein von Schiltach meinte: »Der ouf dem Roß dowe, der hot älleweil 's größt' Moul.«

Aber, von diesem Weiblein abgesehen, schauten alle Völker des Kinzigtales an jenem Tage bewunderungsvoll an dem Vogt von Kaltbrunn hinauf, der mit seinem Ruhm als Millionär, als Anwalt aller Bedrängten, als Vater seiner Gemeinde und als Freund von Fürsten und »Potentaten« am Tage der Kirchweihe von Schilte noch die Ehre eines Höchstkommandierenden vereinigte.

Seine Musik spielte und konzertierte an jenem Feste in Schilte ebenfalls mit Ruhm und vermehrte durch die Macht ihrer Töne noch weiter das Ansehen Andreas I.

Drum redeten die Buren und die Völker des oberen Kinzigtales, welche das Fest nach Schilte gelockt hatte, nach der kirchlichen Feier in den Wirtshäusern nur vom Vogt im Kaltbrunn, von seiner Leutseligkeit, seiner allzeit hilfsbereiten Hand, von seinem Reichtum, seinen hohen Freundschaften, von dem schönen Braunen, den er heute geritten, von seinen schönen Soldaten und von seinen guten Musikanten.

Seine Garde aber und deren musikalische Begleiter tranken stolz das Doppelte von sonst auf Rechnung ihres Kommandanten.

Noch einmal machte dieser von sich und seiner Garde reden. Es war dies im folgenden Jahre 1844 und zwar in Hasle. Als der damalige Erbprinz Egon von Fürstenberg, jetzt seit Jahren ein toter Mann, seine junge Frau, eine Prinzessin von Reuß, heimführte, ward Hasle, die alte, fürstenbergische Residenz, auserkoren, der Ort zu sein, an dem die ehemaligen Kinzigtäler Untertanen des Hauses Fürstenberg dem neuvermählten Paare ihre Huldigung darbringen wollten.

Schon mehr denn vierzig Jahre waren die Kinzigtäler nimmer fürstenbergisch; aber kindlich, wie das Volk ist, hatten sie ihre alte Untertanentreue noch nicht vergessen.

Sie durften zwar, die Bürger und Buren des oberen Kinzigtales, fast sechs Jahrhunderte lang für das Haus Fürstenberg arbeiten, zahlen und bluten, ohne daß ihnen in den letzten zwei Jahrhunderten irgend ein freiheitlicher oder wahrhaft volkstümlicher Dank geworden wäre. Im Gegenteil, sie hatten in den letztvergangenen zwei Jahrhunderten all das verloren, was ihre Ahnen, besonders die in den Städtchen, sich in den vorhergehenden vier Jahrhunderten an Freiheiten und Privilegien errungen.

Und trotzdem hatte dies Volk seine alte Herrschaft noch nicht vergessen und ihr Liebe und Treue bewahrt noch viele Jahrzehnte lang, nachdem das Kinzigtal durch Napoleons Gnaden badisch geworden war.

Wahrlich, wenn am jüngsten Tag der Allmächtige sein Weltgericht hält, so müssen die Völker gnädig behandelt werden schon um der unermeßlichen Geduld, Liebe und Treue willen, die sie ihren irdischen Herren gegenüber gezeigt, weil sie dieselben als von Gott gegeben angesehen haben. Und die Sünden der Fürsten gegen ihre braven und gutmütigen Völker werden am lautesten um Rache schreien zum Weltrichter. –

Also anno 1844, in den ersten Tagen des November, war in Hasle ein großer Festtag. Die ehemaligen fürstenbergischen Untertanen vom ganzen Tale versammelten sich im Städtle, um dem Erbprinzen und seiner Gemahlin auf ihrer Durchreise »ehrerbietigst und untertänigst« zu huldigen.

Ich war erst sieben Jahre alt, sehe aber jetzt noch vor meinem Geiste die riesige Triumph-Pforte aus Buchsbaum- und Tannenreis, welche die Haslacher vor dem unteren Tor aufgerichtet hatten, sehe um dieses Siegeszeichen die Bürgergarden von Hasle, Wolfe und Kaltbrunn aufgestellt; ebenso die Bergknappen aus den Silbergruben des oberen Tales; ich sehe die Festjungfrauen und Festordner, die Buren und Bürinnen in ihren malerischen Trachten und von Hasle alles, was laufen konnte.

Natürlich waren auch wir Schulkinder offiziell ausgerückt und hatten als Lohn für das Paradestehen pro Männlein und Weiblein eine Brezel erhalten, aber nicht etwa vom Fürstenpaar, sondern auf – Gemeindekosten.

Dieser Mißbrauch, die Kinder zu politischen Schaustellungen zu benützen, hat seitdem nicht nur nicht aufgehört, sondern er wurde infolge des Jahres 1870 noch gesteigert. Wir haben seither bei jeder Gelegenheit und fast alljährlich patriotische Schulfeiern, bei denen aber die Jugend nichts hört von den Großtaten und den Freiheiten des Volkes, sondern nur vom Ruhme der Fürsten und vom Danke des ihnen untertänigen Volkes und Vaterlandes. Die armen Kleinen werden dabei nur mit servilen Reden und Liedern gefüttert, die ihnen höchst gleichgültig sind, statt, wie wir, mit Brezeln, für die allein wir Verständnis hatten.

Es sind die heutigen Feiern vielfach nichts anderes als Anleitung und Heranbildung zum Servilismus, statt zum Patriotismus. –

Andreas I. hatte an jenem Tage seine Garde samt ihrer Musik auf Wagen nach Hasle spedieren lassen, damit sie nicht beschmutzt und übermüdet auf dem Paradeplatz ankäme.

Auch sein Reitpferd ward am Abend zuvor dahin gesandt, und er bestieg es erst, als auch seine Garde daselbst einrückte.

Hatte er schon zwei Jahre zuvor in Hasle Aufsehen gemacht, als er sein Kätherle dem Kastenvogt gebracht, so staunten die Leute erst recht, da sie ihn in Uniform und zu Pferd vor seinem Bataillon einreiten sahen und seine Türken Musik machen hörten.

Und nachdem das junge Fürstenpaar an jenem kalten Novembertag unter dem Triumphbogen begrüßt worden war, die präsentierenden Soldaten von Hasle, Wolfe und Kaltbrunn passiert und das Städtle verlassen hatte, war der Burenfürst der Gegenstand der Unterhaltung und der Ovationen bei den durstigen Haslachern.

Es war der letzte große Tag, den er mit seiner Garde auswärts feierte. Bald hernach kamen das Hungerjahr 1847 und die zwei Revolutionsjahre.

Im Jahre 1848, an jenem geheimnisvollen Frühjahrsmorgen, da es im ganzen Lande Baden hieß: »Die Franzosen kommen!« war auch ein Stafettenreiter von Wolfe ins einsame Tal von Kaltbrunn gestürmt mit seiner Botschaft, um alles aufzutreiben talab und dem Rheine zu. Da wehrte Andreas, der Talfürst, und sprach: »Ich habe die Zeitungen der letzten Tage fleißig gelesen, und es stand nichts darin, daß das französische Parlament Geld für einen Krieg gegen Deutschland bewilligt habe. Es wird, wenn etwas an der Botschaft ist, nur Gesindel sein, das über den Rhein kommt, und dieses ist nicht zu fürchten. Ich rücke deshalb nicht aus mit meinem Militär, und alle meine Leute können ruhig daheim bleiben.«

So kam es, daß von allen Buren und Völkern im Kinzigtal die Kaltbrunner allein nicht talabwärts rückten an jenem Märzmorgen.

In den kommenden Aufständen blieb Andreas I. seinem Gönner, dem Großherzog Leopold von Baden, treu, konnte aber nicht verhindern, daß in Kaltbrunn und Wittichen manche Freunde der Republik auftauchten, vorab die Brüder des Fürsten vom Teufelstein, des Vogtsburen Schwester-Söhne, und der damalige Kapellmeister seiner Musik, der Lehrer Martin.

Selbst unter seiner eigenen Garde gab es Anhänger der jungen Freiheit. Drum mußte auch, nachdem die Preußen gesiegt hatten, das Leibkorps Andreas I. seine Waffen abliefern, und alle Mühe seines Chefs, diese Waffen wieder zu bekommen und die Garde wieder herzustellen, waren vergeblich.

Sein Stern war im Sinken. So ging die schöne Truppe des großen Burenfürsten samt ihrer türkischen Musik unter. Aber Veteranen davon leben heute noch und erzählen ihren Enkeln von der schönen Uniform, die sie in der Jugend getragen, von den Instrumenten, die sie geblasen, und besonders von dem fürnehmen und freigebigen Major, der sie kommandiert habe.

Von seinen Soldaten waren zu Ende des 19. Jahrhunderts noch am Leben ein Gemeiner, der Jörgleandres, und dessen Bruder, der Jörglehans, welcher Trommler war bei der Truppe.

Die Musikanten waren vielfach kaum der Schule entlassene Knaben, und doch sind auch ihrer nur noch vier: der Rußdeis, welcher die Klarinette blies, 's Andrese Hans, der das Waldhorn, 's Andrese Toni, der die Trompete, und 's Hanse Konstant, der das Piccolo bediente. Diese sechs alten Männer sind die letzten Reste vom stolzen Korps Andreas I. und die einzigen noch im Leben stehenden Säulen seiner einstigen Größe und Herrlichkeit. –

Aber der Vogtsbur hatte auch einen echten Soldaten und Offizier in seiner Familie, und das war sein eigener Sohn, von dem wir jetzt reden wollen.

6.

Sitzt da eines Nachmittags in den ersten Märztagen des Jahres 1838 der Vogt von Kaltbrunn im Talwirtshaus neben der Schule. Er ist auf dem Heimweg von Wolfe her, wo er Amtsgeschäfte gehabt für andere Leute. Draußen vor dem großen Wirtshaus stehen Pferde und Wagen, die ihn hergebracht. Der Wirt aber ist sein eigener Bruder, der Toni, welcher, wie wir wissen, vom Roßberg herabgezogen war und in seinem großen Bauernhaus eine Wirtschaft errichtet hatte.

Während der Fürst so beim Schoppen sitzt, entläßt im nahen Schulhaus der Lehrer und Nachfolger des Balthasar seine Kinder. Die des Vogts erkennen das Gefährt vor dem Wirtshaus und kommen in die Gaststube, um mit dem Vater heimzufahren.

Hinter ihnen drein schreitet der Lehrer. Er hat von seinem Schulzimmer aus gesehen, daß der Vogt angefahren sei, und das bestimmt ihn, nach Schulschluß alsbald ins Wirtshaus hinüber zu gehen und dem gefeierten und allzeit freundlichen Mann seine Aufwartung zu machen. Er hat zudem Durst, der brave Meister von der Schule, vom vielen Sprechen und weiß, daß in der Nähe des freigebigen Vogts keiner verdurstet.

Er täuschte sich auch nicht in seiner Hoffnung. Kaum sieht der Beherrscher des Tales den durstigen Mann eintreten, als er dem Wirt zuruft: »Ah, da kommt der Lehrer, bring gleich noch ein Glas, Toni; er muß mit mir trinken!«

Zum Lehrer aber sprach er: »Ihr kommt mir grad' recht. Unser Pfarr' ist mit mir von Wolfe heraufgefahren und drunten in Wittichen abgestiegen. Auf dem Weg das Kinzigtal herauf hat er mir zugesprochen, meinen Johann Nepomuk, den Ihr in der Morgenschul' habt, studieren zu lassen. Der Bub' habe Talente und könne den Katechismus am besten auswendig. Er, der Pfarr', wolle ihm Stunden geben im Latein. Was meint Ihr, Lehrer? Ihr habt den Buben mehr in der Schul' als der Pfarr'. Der Schul-Balzer hat immer gesagt, mein Nepomuk sei nit dumm, aber faul, und hat ihn geschlagen, bis ich den Balzer selber entlassen habe.«

»Herr Vogt,« antwortete der Gefragte, »der Herr Pfarrer hat vollständig recht, und ich bin der gleichen Ansicht: Euer Nepomuk ist der g'scheitste Bub in der ganzen Schule, und mein Vorgänger, der Balthasar, hat ihn für faul erklärt, weil es dem lebhaften, aufgeweckten Knaben zu einfältig war, immer wieder Dinge herzusagen, die er schon längst wußte und schon hundertmal gehört hatte.«

»Wenn es so ist,« sprach freudig der Vogt, »dann will ich den Buben dem Studium übergeben. Ich hab' zwar unter meinen zwölf Kindern nur drei Buben, aber den Hof kann doch nur einer bekommen, der jüngste, der Lorenz. Der ist jetzt vier Jahre alt, und bis er vierundzwanzig ist, bin ich alt und kann übergeben.«

»Gib den Hof dem Nepomuk, wenn er einmal einige Schulen studiert hat,« meinte der Wirt. »Wir im Kaltbrunn müssen spater einen studierten Vogt haben, sonst sind wir übel dran in der ganzen Gegend, wenn du einmal abgehst. Denn du, Vogt, bist der Advokat im oberen Kinzigtal und der Helfer von reich und arm.«

»Und wenn ich meine Meinung sagen darf,« nahm der Lehrer das Wort, »so laßt Ihr, Herr Vogt, den Nepomuk ganz studieren. Ihr kennt alle großen Herren in Karlsruhe vom Großherzog an, darum kann dann Euer Sohn später leicht auch ein großer Herr werden.«

»Ihr seid beide auf dem Holzweg,« begann lachend der Vogt, dem Lehrer aufs neue sein Glas füllend. »Ein studierter Vogt auf dem Franzenhof wäre noch weniger daheim als ich, und wenn ich so was meinem Weib sagte, würde sie eher ihren Buben im Kaltbrunnerbach ertränken, als zum Vogtsamt studieren lassen. Sie räsoniert mit mir schon genug, daß ich selten daheim sei und alles zu Grunde gehe.«

»Wenn mein Nepomuk studieren will, so muß er ein geistlicher Herr werden, sonst leidet's meine Gertrud nicht. Sie ist gar fromm und hat nur vor den geistlichen Herren Respekt; die anderen Herrenleute, den Großherzog und die Fürsten ausgenommen – es kommen ja viele auf meinen Hof – nennt sie Hungerleider und Schmarotzer.«

»Die geistlichen Herren, meint sie, beteten auch noch für einen im Leben und im Tode. Und wenn's bei uns noch Klöster gäbe, müßte der Nepomuk ein Franziskaner werden. Denn die Franziskaner von Offenburg waren einst daheim in Wittichen und im Kaltbrunn, und auf jedem Hof redet man noch vom Pater Pius, vom Illuminat und vom Felix, die unsere Pfarrer waren, Der Pater Felix hat mich getauft, und beim Pater Thomas bin ich noch in die Schule gegangen.«

»Er hat oft zu mir gesagt: ›Andres, du wirst nie ein rechter Bauer, du solltest ein Herr werden‹«

So und anders redete der Vogt an jenem Tage im Wirtshaus und trank mit dem Lehrer einige Flaschen; dann fuhr er mit seinen Kindern talaufwärts dem Franzenhof zu. –

Wenige Tage später wandelte mit Zustimmung der Mutter der Johann Nepomuk am Nachmittag den weiten Weg vom Franzenhof hinaus zum Kloster Wittichen und begann beim Pfarrer Thoma, dem gleichen, der dem Fürsten vom Teufelstein zum Heiraten verholfen, den lateinischen Unterricht.

Auch beim Nachfolger dieses Pfarrers hatte der Nepomuk noch einige Zeit Unterricht, und dann ging's im Herbst 1840 hinab nach Offenburg ans Gymnasium, das in dem ehemaligen Franziskaner-Kloster eingerichtet war.

Sein Vater, der Fürst, überall im Kinzigtal und weit das Land hinab bekannt, hatte dem Sohn beim Buchbinder Gröber ein gutes Quartier besorgt, und bald spielte der junge Bauernprinz eine Rolle unter den Stadt- und Landbuben, die mit ihm die dritte Klasse des Gymnasiums besuchten.

Der Hannes, wie seine Kameraden ihn nannten, hatte aber auch alle Eigenschaften eines Prinzen. Er war nicht, wie in der Regel die meisten Knaben vom Land, welche zum Studium in die Stadt kommen, scheu und schüchtern wie ein Waldvögelein, das man in einen Käfig sperrt und auf die volksbelebte Straße schauen läßt.

Der Bauernprinz hatte schon Stadt- und Herrenleute genug gesehen auf dem Franzenhof. Es gingen ja Fürsten und Minister und kleinere Herren aller Art dort aus und ein, und wer an einem »Hof«, wie der des Bauernfürsten von Kaltbrunn, gelebt hat, wird sich nicht fremd und eingeschüchtert fühlen in der Totenstadt Offenburg an der unteren Kinzig.

Was den Mitschülern des Hannes von Pomuk besonders imponierte, war einmal seine stets wohlgefüllte Börse und seine große Freude an schönen Büchern, die er nach Lust kaufte und seinen Kameraden zur Verfügung stellte. »Alle,« so schrieb mir ein Mitschüler des Vogtssohnes von Kaltbrunn, »hatten den Hannes gern, weil er ein offener, ehrlicher Bursche war, ohne Falsch und Lüge, und ein Freund, auf dessen Wort und Treue man jederzeit rechnen konnte. Dazu kam noch sein munteres, leutseliges Wesen, sein frisches Aussehen, seine körperliche Kraft und Gewandtheit und seine starke Willenskraft. Hitze und Kälte konnte er ertragen wie sonst keiner; überhaupt härtete er sich gerne ab und schien gegen körperlichen Schmerz fast unempfindlich.«

Macht dies Zeugnis dem Bauernprinzen nicht alle Ehre und stempelt's ihn nicht zu einem kleinen Ritter ohne Furcht und Tadel und zu einem Fürstensohn, wie er sein soll?

Es darf uns deshalb nicht wundern, daß am Gymnasium ein junger Baron des alten, ritterlichen Geschlechtes von Schauenburg im Renchtal den Hannes zu seinem Spezialfreund erkor und bisweilen auch mit ihm in die Ferien ging, hinauf in den Kaltbrunn an den Hof Andreas I.

Der Hannes war übrigens nicht sehr begabt, eine Eigenschaft, die auch andern Prinzen vielfach eigen sein soll; aber er übertraf diese an Fleiß, der bei prinzlichen Knaben in der Regel fehlt.

Ich bin aber der letzte, der jungen Prinzen und ähnlichen durch den Zufall der Geburt bevorzugten Knaben die Dummheit und die Faulheit verübelt.

Für die Dummheit können sie nichts, die erbt man bekanntlich. Und wenn die jungen Herren nichts lernen, weil sie wissen, daß sie doch Rang und Stellung in der Welt einnehmen werden, und weil sie sehen, wie vom Hofmeister abwärts alles vor ihnen katzenbuckelt – so muß man sie abermals entschuldigen.

Ich bin überzeugt, daß, wenn mein Vater, statt ein armer Bäcker in Hasle, der Fürst von Fürstenberg in Donaueschingen gewesen, ich ein recht lumpiger, liederlicher Prinz geworden wäre.

Drum danke ich Gott, daß ich als Proletarier auf die Welt kam. –

Latein und Griechisch wollten Hannes, dem Bauernprinzen, nicht recht in den Kopf; dagegen übertraf er alle seine Mitschüler im Rechnen, das er noch von Balthasar, dem Schneeschaufler, gelernt hatte.

Vier Jahre lang studierte der Hannes am Gymnasium in Offenburg, als ihm die klassischen Sprachen das Studieren entleideten. Das Pfarrerwerden wurde definitiv aufgegeben und ein Stand gewählt, der in der Welt mehr gilt als der geistliche und den einer erreichen kann, auch wenn er kein Gymnasium absolviert hat. Der Hannes wollte Soldat und Offizier werden.

Nicht umsonst hatte er von Kindesjahren an die Leibgarde seines Vaters und diesen auf seinem dressierten Renner vor der Front derselben paradieren sehen. Der Nepomuk wollte jetzt Dragoneroffizier werden und in die Kadettenschule zu Karlsruhe eintreten. »Ein Rock mit zweierlei Tuch,« so schrieb er eines Tages heim, »sei ihm lieber als ein einfarbiger, dunkler und wenn er auch noch so lang wäre. Soldat wolle er werden, sonst nichts. Und wenn er das in Baden nicht erreiche, dann gehe er als Legionär zu den Franzosen hinüber nach Straßburg.«

So setzte der Hannes seinen Willen schließlich durch.

Er war zwar mit seinen neunzehn Jahren schon etwas zu alt für die Kadettenschule, aber Andreas I. beseitigte bei seinem Gönner und Freund, dem Großherzog Leopold, leicht alle Hindernisse.

Der Nepomuk wurde Kadett und bevorzugter Kadett und war nach kaum drei Jahren ein flotter Dragoneroffizier und zwar, auf besonderen Befehl des Großherzogs, der ihn nur seinen Schwarzwälder nannte, beim Leibdragoner-Regiment in Karlsruhe.

Als solchen sah ich ihn einmal, als er, es war im Frühjahr 1848, seine Schwester, die Kastenvögtin von Hasle und mein »Bäsle«, besuchte im vollen Glänze der damaligen badischen Dragoneruniform, und ich kam aus der Bewunderung nicht mehr heraus.

Alle Könige und Kaiser der Welt könnten mir heute, wenn ich sie in Uniform vor mit sähe, nicht so imponieren, wie damals des Bauernfürsten Nepomuk als Dragonerleutnant.

Und wenn man mir Zehnjährigem damals gesagt hätte, so wie des Bäsles Bruder seien die himmlischen Heerscharen gekleidet, ich hätte es geglaubt.

Der Nepomuk stand, ich wollte heute die Stelle noch bezeichnen, vor dem Hause des Kastenvogts und sprach mit seiner Schwester, die unter der Haustüre sich aufgestellt hatte. Ich wagte aber nicht, mich dem Leutnant zu nähern, und bewunderte den ersten Dragoneroffizier, den ich im Leben sah, aus respektvoller Entfernung. –

Daß die Preußen und ihr Einfluß vor 1870 die alten badischen Militäruniformen begruben, ist auch eines der vielen negativen Verdienste, welche unsere lieben nordischen Brüder ums badische Ländle haben.

Die Uniform der badischen Reiter und der Artilleristen vor 1850 war unendlich schöner und malerischer als die heutige preußische. Und doch mußte sie weichen, wie in unseren Tagen die viel schönere alemannische und fränkische Mundart des Landes verdrängt wird durch den preußischen Dialekt.

Ich meine überhaupt, Preußen und Poesie stimmen nicht zusammen; drum waren auch unsere größten Dichter keine Preußen. –

Der Nepomuk war aber nicht bloß äußerlich, durch seine Uniform, ein stattlicher, wenn auch etwas kleiner und nicht sehr schlanker Offizier, er war auch ein vortrefflicher Reiter und bei seinen Regimentskameraden wie bei den gemeinen Dragonern in alleweg sehr beliebt wegen seiner schon erwähnten ritterlichen Eigenschaften.

Aber Geld, viel Geld brauchte der Bauernprinz als Reiteroffizier. Er kaufte die schönsten und teuersten Pferde, ritt sie bald zu Schanden und kaufte dann wieder neue. Tausende von Gulden wanderten alljährlich aus dem Kaltbrunn nach Karlsruhe, von wo jetzt auch Offiziere zu Besuch auf den Franzenhof kamen.

Auch der Fürst Andreas kam öfters in die Residenz, seinen Hannes zu besuchen und dessen Kameraden zu setieren.

Er gab ihnen selbst Bälle, und mehr als einmal opferte der Bauernfürst an einem Abend tausend Gulden für derartige Unterhaltungen. –

Auch anderweitig schien das Glück noch einen Augenblick dem Nepomuk zu lächeln und hielt ihn und seinen Vater ab vom Sparen. In Baden-Baden, wo von jeher die badischen Offiziere zur Sommerszeit auf reiche Töchter Albions fahndeten, lernte der flotte Leutnant eine steinreiche Engländerin kennen und verlobte sich mit ihr.

Sie reiste vor der Heirat nochmals in ihre Heimat, ertrank aber im Kanal und begrub mit sich die goldige Hoffnung des Reiters Nepomuk aus dem Kaltbrunn. –

Bald darauf kam die Revolution des Jahres 1849 und ergriff auch das Leibdragoner-Regiment in Karlsruhe. Die allermeisten Offiziere verließen ihre Schwadronen teils aus Treue gegen den Landesfürsten, teils weil sie den Haß der Soldaten fürchteten.

Der Sohn des Bauernfürsten aus dem Kaltbrunn aber blieb bei den gemeinen Leuten, weil sie ihn darum baten und weil er sie zu lieb hatte, um sie ohne Führer zu lassen. »Um Ordnung zu halten und weil er sich geschämt habe, davonzulaufen, sei er bei seinen Leuten geblieben« – so erzählte er dem obengenannten Studienfreunde, der ihn in Heidelberg traf, als er an der Spitze seiner Reiter gegen die Hessen ausrückte.

Während so der Sohn Andreas I. mit den Freischaren zog, blieb, wie wir bereits wissen, droben in der weltfernen, waldigen Heimat der alte Fürst selbst seinem Freunde, dem Großherzog Leopold, treu und hörte mit Bedauern, daß sein Nepomuk sich der Revolution angeschlossen habe.

Dieser machte als Major und Kommandant seines Regiments alle Gefechte gegen die anrückenden Hessen und Preußen mit, tapfer voran und seine Leute vor Ausschreitungen zurückhaltend.

In dem Treffen bei Rastatt wurde dem jungen Major der Zügel seines Pferdes weggeschossen. In der Meinung, die Preußen würden sich nicht so bald vor die Festung legen, ritt er in die Stadt, um noch mit dem dortigen Kommandanten sich zu beraten und dann mit seinen Reitern landaufwärts zu ziehen, wie es die übrigen Freischaren auch taten.

Kaum war er aber einige Stunden in der Festung, so mußten deren Tore geschlossen werden, weil die Preußen draußen lagen und liegen blieben, bis sie übergeben und auch des Burenfürsten Nepomuk in ihren Händen war.

Er kam vor das Kriegsgericht, welches mit Offizieren, die mitgemacht hatten, nicht spaßte.

Jetzt zeigte sich, noch einmal der ganze Einfluß des Fürsten im Kaltbrunn. Er eilt zum Großherzog, zu den Ministern, zum Standgericht, bringt Zeugen von Karlsruhe, die bestätigen, daß der Nepomuk in der Hauptstadt selbst vieles verhütet habe, weil er bei seinem Regiment geblieben – und siehe da, der Revolutions-Major wird nur zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Und diese muß er nicht, wie andere, in den feuchten Kasematten der Festung verbringen, sondern in Kißlau, dem ehemaligen Schloß der Fürstbischöfe von Speier.

Aber eines vermochte der Vogt von Kaltbrunn trotz aller Bitten nicht abzuändern: der Nepomuk wurde für alle Zeiten aus dem badischen Offizierskorps ausgestoßen. –

Nach drei Monaten kehrt der einst so stolze Reiter heim und weiß, um den ob seiner revolutionären Taten ihm zürnenden Vater zu versöhnen, nichts zu tun, als mit den Knechten Tannen zu fällen, Holz zu machen und Flöße einzubinden.

Von all seiner Offiziersherrlichkeit war ihm nur sein Hund geblieben. Den brachte er mit in die Heimat und dressierte ihn in müßigen Stunden so, daß er auf den Ruf: »Die Preußen kommen!« den Schwanz einzog und bellend davonsprang.

Von diesem Hunde, der die Preußen fürchtete, erzählen die Leute heute noch. –

Der Untergang all seiner Hoffnungen, die Einsicht, daß auch der Vater ihm nimmer helfen könne, auch wenn er wollte, weil der Wohlstand auf dem Franzenhof schon bedenklich wankte, nahm dem einst so frischen, fröhlichen und ritterlichen Nepomuk allen Halt. Er lebte mit den Holzmachern wie mit ihresgleichen und suchte seine Lage und den Gegensatz von einst und jetzt zu vergessen, indem er in des Waldes düstern Gründen mit ihnen Schnaps trank und – viel Schnaps.

Noch einmal raffte er sich auf. Er schrieb seinem adeligen Studienfreund, dem Baron von Schauenburg, und bat ihn um Rat und Hilfe, da er nicht als Holzmacher sterben wolle und sein Vater kein Geld mehr für ihn übrig habe. Er erklärt sich zu jeder ehrlichen Arbeit bereit.

Der Baron braucht einen Müller in seine Mühle, die in dem reizenden Nachbartale der Kinzig, in dem der Rench, ihr Rad schlug, und trägt die Stelle des Müllers dem Major Nepomuk Harter an.

Der Bauernprinz gibt sich gerne dazu her, und sein Freund läßt ihn in der großen Mühle zu Willstätt, wo die Kinzigflöße landeten, ehe sie in den Rhein gingen, die Müllerei erlernen.

Er wird ein Müllerlehrling, der ritterliche Nepomuk. Ob's ihm gefallen konnte? Es wird ihm niemand zumuten können, daß er mit Lust und Liebe die Fruchtsäcke auf den Mahlgang trug und Mehl siebte.

Das unter den Rädern der Mühle dahinrauschende Wasser, die raffelnden Mühlsteine und das Klingeln der zum Aufschütten mahnenden Glocken konnten seine Gedanken an die glänzenden Tage, die hinter ihm lagen, nicht verscheuchen.

Schwermütig und freudelos saß er in freien Augenblicken auf einem Frucht- oder Mehlsack und brütete und seufzte, und es klang in seinem Innern jene Strophe des Dichters:

Ich hör' das Mühlrad rauschen.
Ich weiß nicht, was es will;
Am liebsten möcht' ich sterben.
Dann wär's auf einmal still.

Und wenn dann der Lebensüberdruß ihn erfaßte, griff er nach dem Glas und trank Vergessenheit im Alkohol, diesem unheilvollen Tröster so mancher betrübten Menschenseele.

So lernte er das Müllerhandwerk und ward nach einjähriger Lehrzeit, krank am Herzen, ein »Mühlarzt« in der Mühle seines Freundes in dem stillen Tale der Rench.

Lustig sprangen die Bächlein an seiner Mühle vorbei, lebensfroh schossen die Fischlein unter dem Rade hin und her, und in lichtem Schein blühten friedlich die Blumen an den Wassern. Der Müller drinnen, er allein war trübselig und unglücklich.

Er träumte von fliegenden Rossen, von glänzenden Waffen, von schönen Töchtern Albions auf dem Korso zu Baden-Baden: er träumte – und wenn er erwachte, sah er den flotten Reiter, den stolzen Offizier und den galanten Kavalier als armen, staubbedeckten Mühlarzt in einsamer Mühle sitzen. Um die trostlose Gegenwart zu vergessen, langte er wieder nach dem Tröster und trank das Lethewasser.

Er träumte wieder, und in seinem Traume hörte er nicht, wie die Glöcklein über den Mahlgängen riefen, daß die Steine Hunger hätten nach Korn. So versäumte und verträumte der Müller seine Arbeit.

Vergeblich mahnte und warnte der Herr der Mühle, so oft er von seiner Burg herabkam und nach seinem Müller sah. Die fliegenden Rosse, die glänzenden Waffen, die blassen Feen hatten es diesem angetan.

Er raffte sich für Tage und Stunden zwar auf, dann träumte er wieder, und wenn er ausgeträumt hatte, trank er, um wieder zu träumen.

Träumende und trinkende Müller aber machen schlechtes Mehl und verderben die Mühle.

Drum konnte nach Jahr und Tag der stolze Leutnant Nepomuk, den seine Liebe zum gemeinen Volk an die Spitze eines Reiterregiments gestellt hatte, nicht mehr länger Müller sein.

Sein Freund mußte, schwer geschädigt, ihm den Abschied geben.

Wohin, armer Nepomuk? Daheim ist der Vater indes selbst arm geworden, und drunten in Karlsruhe will niemand mehr etwas wissen vom schönen, reichen, vielumworbenen Leutnant. Er war ja in Kißlau als Züchtling und ist für immer ausgestoßen aus der glänzenden Schar seiner Kameraden. Wohin, armer, ehrlicher Bauernprinz?

Er verläßt die Mühle, ein gebrochener Mann, und geht talabwärts dem Rheine zu. Dort drüben sieht er das Münster von Straßburg herüberwinken, dort werben französische Sergeanten Legionäre für den Krimkrieg.

Dorthin geht der Nepomuk und folgt den Adlern des dritten Napoleon nach Südrußland.

Adieu Heimat, auf Nimmerwiedersehen!

7.

Es war in den Frühlingstagen des Jahres 1853. Die Sonne hatte auch in dem engen Waldtal von Kaltbrunn, wo der Schnee länger liegen bleibt als im mittleren Kinzigtal, den Winter vertrieben.

In den Matten blühten die gelben Schlüsselblumen, und am Kaltbrunnerbach und am Laienbächle hin schauten rote Wetternelken und blaue Vergißmeinnicht lachend in die kleine, grüne Welt rings um sie.

In den Wäldern am Roßberg und am Rußkopf girrten die Holztauben, und die Bergfinken und die Drosseln lösten sich ab in fröhlichem Schlag.

»Auf der Lai« waren Flößer beschäftigt, Tannenbäume zu einem Floß zusammenzubinden, zum ersten, das in diesem Jahre aus dem Kaltbrunn der Kinzig und dem Rhein zugehen sollte.

Ueber ihnen, droben im Steigwald, sitzt auf moosbedecktem Felsgestein ein greiser Mann in Bauerntracht: kurze Lederhosen, halbhohe Stiefel, grüne Weste, Tuchkittel mit weißen Metallknöpfen und runder, schwarzer Filzhut.

Er hat beide Arme auf die Knie gelegt und schaut stumm und still in das Moos zu seinen Füßen. In seinen Augen liegt schwerer Kummer, und in seinem Herzen wühlt Verzweiflung. Von Zeit zu Zeit hebt sich seine Brust, und ein tiefes, jammervolles: »O je!« – kommt über seine Lippen.

Sein Weh läßt ihm nicht lange Ruhe auf einer Stelle. Er will weiter durch den Wald, läßt sich aber bald wieder, weil seine Füße ihn nicht länger tragen, auf moosigem Stein nieder und beginnt sein stummes Brüten und sein Seufzen von neuem.

Ueberall, wohin er kommt, jubelnde Vögel und girrende Tauben – alles atmet Leben und Freude, nur der alte Mann möchte sterben.

Schon seit Wochen ist er drunten im Tale, wo sein Hof steht, in einer Kammer gelegen, menschenscheu und verzweiflungsvoll. Niemand durfte zu ihm: jedes Essen hat er verschmäht. Nur nachts trieb ihn der äußerste Hunger hinaus in den Hof an den Brunnen. Im Brunnenhäusle stunden die Milchtöpfe, und aus ihnen hat er seinen Durst und seinen Hunger gestillt, während die Sternlein friedlich über das waldige Tal hinzogen und alles im Hause schlief.

Sie glaubten schon, die Menschen, im Hause, er wolle sich zu Tod hungern, bis sie an der Milch im Brunnenhäusle merkten, daß heimlich sich jemand hier erquicke.

Eines Nachts ging er vom Brunnen weg in den Wald, und hier treffen wir ihn, und hier suchen ihn seine Leute angstvoll und bringen ihn wieder heim.

Von neuem eilt er dem Walde zu in jenen Frühlingstagen, und wieder suchen und holen sie ihn – den Fürsten von Kaltbrunn, Andreas I.; denn er ist der Mann auf dem Felsgestein im Steigwald, der da seufzt und stöhnt in Verzweiflung, weil er vor dem Abgrund steht, in den sein Glück, sein Ansehen, sein Hab und Gut, seine Höfe und Wälder zu versinken drohen.

Und was hat ihn vor diesen Abgrund gestellt? Nicht seine Freigebigkeit, nicht seine Hochherzigkeit, nicht seine vielen Reisen, um andern ihr Recht zu sichern, nicht seine Bürgergarde und die Ausgaben für sie, auch nicht die vielen Tausende, die er seinem Nepomuk gesandt, und nicht die Gant der Schifferschaft in Wolfe, wobei er viel verlor durch einen Schwiegersohn, der Schiffer war. Das alles hätte sein Glück nicht umgebracht. In Verzweiflung gestürzt haben ihn die Folgen der Revolution von 1848 und 1849 und die eigene Energielosigkeit, als die Katastrophe über ihn hereinbrach.

Der Vogt von Kaltbrunn, wir wissen es, war und blieb monarchisch gesinnt in jenen Jahren, da die deutschen Throne wankten und schwankten und der deutsche Michel, wild geworden, sie stürzen wollte.

Des guten Michels Vertreter in Frankfurt haben aber dann die Sache der Freiheit und des Volkes wieder selbst erwürgt, das Vaterland gerettet und den Michel aufs neue den Fürsten und ihren Ministern ausgeliefert. Die Preußen erdrückten in Baden die Revolution und mit ihr, unbewußt und ungewollt, Tausende von braven Bürgern, unter ihnen auch den Vogt von Kaltbrunn.

Wenn ein Volk sich empört und, was meist der Fall ist, durch seine eigenen Leute besiegt wird, so zeigen ihm die Reaktion und die wieder ans Ruder gekommene alte Regierung, ein wie strafbares Verbrechen es sei, nach mehr Freiheit zu verlangen, als obrigkeitlich genehm ist.

Es wird dann den Untertanen klar gemacht, daß sie nur existieren können und dürfen, wenn sie brav sind und folgen wie gute Kinder, daß sie aber mit Ruten geschlagen werden, wenn sie sich ungehorsam zeigen.

So geschah es auch im Lande Baden. Die Freischärler und ihre Anführer, so weit sie nicht die Schweiz oder Amerika erreichten, wurden eingesperrt und die übrigen Untertanen, ob schuldig oder unschuldig, den Folgen der Umwälzung hilflos überlassen. Diese Folgen aber waren vorab Mangel an Kredit, an Glauben und Vertrauen in Handel und Wandel. Der bessere Bürger vulgo Bourgeois hatte, wie immer, entsetzt die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als er von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hörte, und war von Herzen froh, als die wüste Revolution des Pöbels niedergeschlagen war.

Jetzt wollte er in erster Linie sein Geld haben und kündigte allen Schuldnern auf, ob sie Freischärler gewesen waren oder nicht. So wurde das Geld bald sehr rar, denn der Bourgeois gab keins mehr her aus lauter Furcht vor der »Gleichheit«; Handel und Verkehr stockten, wie immer nach Revolutionen, und der Himmel half der Reaktion durch schlechte, nasse, unfruchtbare Jahre.

So kam es, daß Tausenden wegen Schulden von 50 und 100 Gulden alles versteigert wurde, da der Staat von diesem tollen Treiben nicht abriet und seine Beamten mit Vergnügen »infolge richterlicher Verfügung« den Rebellen wie den Nichtrebellen Haus und Hof versteigerten. Es galt ja, den Leuten wieder den Meister zu zeigen und sie zahm zu machen!

Wer dann die 50 oder 100 Gulden, für welche das ganze Eigentum gepfändet war, bot, bekam Hab und Gut, Haus und Hof des armen Teufels von Schuldner, auch wenn sie das Zwanzig- und Dreißigfache wert waren.

Das merkten die »besseren Bürger« bald und ersteigerten für ein Schnupftabaksgeld Aecker, Häuser und Matten der Armen und Kreditlosen, denen niemand mehr auch nur zehn Gulden borgte, und jene Biedermänner wurden so auf leichte Art reich.

Ich habe mehr als einen solchen Ehrenmann gekannt, der auf diese Art sich und seine Kinder bereicherte vom Herzblut erbarmungslos verfolgter Schuldner. –

So fiel auch Andreas I., der Fürst von Kaltbrunn. In Basel schuldete er noch die 40 000Gulden, welche er geliehen, als er seine ersten Waldhöfe um zwei vermehrte. Außerdem hatte er noch einige kleine Gläubiger, von denen er bei schnellem Geldbedarf solches geliehen hatte.

Alle wollten nun auf einmal ihr Geld. Aber woher nehmen? Es genügte damals, zu hören, einer sei von Gläubigern gedrängt, und alle Geldbeutel schnürten sich vor ihm zu.

Dem Waldfürsten Andreas fiel es wie Schuppen von den Augen, als alles von ihm, der bisher allen gegeben und allen geholfen hatte, Geld verlangte und niemand ihm helfen wollte. Draußen in seinen Wäldern stand für 150 000Gulden schlagbares Holz. Es allein war das Doppelte seiner Schulden wert.

Doch wer kaufte Holz in jenen Tagen, und wer wartete, bis jene Tannenbäume gefällt, behauen, geriest, geflößt und verkauft waren?

So sank des Fürsten Mut. Er sah vor sich den Abgrund, verlor jede Hoffnung und brütete einsam in seiner Kammer oder stürmte verzweiflungsvoll durch den Wald.

Die Menschen floh er. Ihren Undank hatte er längst schon an seinem eigenen Volke erfahren. Seine Bauern und Taglöhner, denen er die Wälder des Rußhofs freiwillig und billig überlassen, hatten 12 000Gulden verloren, welche ihnen die bankerotte Schifferschaft von Wolfe für Holz aus jenen Waldungen schuldig gewesen war.

Jetzt wurde der Vogt der Sündenbock; denn von ihm hatten sie die Waldungen gekauft.

Sie hatten Tränen vergossen, als er nach 30jährigem Vogtsdienst 1847 sein Amt niedergelegt, und jetzt schimpften sie über den Mann, der mehr als ein Vierteljahrhundert nur für andere gelebt hatte und der Gemeinde in allweg ein Rater und Vater gewesen war.

Um keinen Preis hätte Andreas I. auch nur einen Schritt getan, das einbrechende Unheil abzuwenden. Sein Geist war umnachtet ob des Unglücks, das vor der Türe stand. Wenn Männer sich nimmer zu helfen wissen, so kommt oft in wackere Frauen der Mannesmut, und sie suchen zu retten, was zu retten ist.

Die Gertrud nimmt den Wanderstab, und sie, die noch nie in der großen Welt gewesen, geht hinab nach Karlsruhe und hinauf nach Donaueschingen zu den Fürsten, Ministern und Hofräten, die bislang und so oft ihres Mannes Freunde und ihres Hauses Gäste gewesen waren.

Sie reist auch nach Basel, wo zwei alte Wibervölker die Hauptgläubiger sind.

Von den genannten Herren bekommt sie Hoftrost und guten Rat, aber kein Geld. Bei den zwei Republikanerinnen findet sie Gnade. Die wollen fristen und warten, bis die Tannen, die noch in die Lüfte ragen, tot, verflößt und verkauft sind. Aber die andern Gläubiger sind erbarmungslos, sie wollen ihr Geld haben.

Eine Frau richtet weniger aus, als ein Mann, und wenn der Gertrude Mann sein altes Ansehen und seine Beredsamkeit angewandt und seine alten Freunde selber bestürmt hätte, das Geld wär' zusammengekommen. Aber der Fürst ist nicht dazu zu bringen, Hilfe zu suchen; lieber will er erst arm werden und dann betteln.

Jetzt sucht die nach Hilfe ringende Frau doch für sich noch was zu retten und ruft Vermögensabsonderung an – dem Andres zur ärgsten Qual. Von Lumpen, meint er, lassen Frauen ihr Vermögen absondern, aber nicht von einem Manne, wie er einer bis zur Stunde gewesen sei.

Die Gant bricht aus, die Zwangsversteigerung der vier Höfe des Fürsten von Kaltbrunn wird ausgeschrieben. Die Gertrud stürmt über Berge und Täler, um Männer zu finden, welche die zwei größten Höfe, den Vogtshof und den Franzenhof steigern möchten, sich bezahlt machten aus den Holländertannen in den Wäldern und dann die Höfe ihrem Erbprinzen Lorenz, dem jüngsten, wieder gäben.

Sie findet diese Männer, aber nicht in den fürstlichen Residenzen, sondern draußen im württembergischen Städtle Alpirsbach und überm Roßberg drüben im waldigen Reinerzauer Tal. Hier wohnt einer der intimsten Freunde des alten Fürsten und selbst ein Bauernfürst erster Größe.

Zwölf Flöße läßt der »Jungbur« von Reinerzau alljährlich durch den Reinerzauer Bach der Kinzig und dem Rhein zugehen, alle aus seinen eigenen Wäldern.

Er ist stolz, der Jungbur, aber den Nachbarfürsten Andreas hält er geistig für höher und berät ihn in allen wichtigen Geschäften.

Sein Leibspruch war: »Ebbis (etwas) isch ebbis, un ebbis isch nint (nichts),« Ebbis war ihm vorab der Fürst von Kaltbrunn.

Wenn er von seinen Floßverkäufen von der Kinzig herauf heimfuhr oder heimritt seinen Bergen zu und »zur Linde« im Kaltbrunner Vortal kam, so hielt er an und fragte: »Isch er droben?« Der »er« war sein Freund Andreas I. War die Antwort »Nein«, so sprach er: »Ebbis isch ebbis, und ebbis isch nint. Guat Nacht!« – und fuhr oder ritt davon.

War der Vogt aber oben, so saß er ab und zechte mit ihm noch einige Stunden vom Besten.

Eines Tages war er mit seines Freundes dressiertem Fuchsen die steinerne Staffel des Wirtshauses hinauf und in die Stube geritten.

Gerne ritt der Jungbur auch auf die Hochzeiten ins Schapbacher Tal hinab, und am Abend bei der Heimkehr entführte er dann zum Spaß irgend ein altes Weiblein, das Lebkuchen feil hielt vor dem Wirtshaus, in welchem die Hochzeit stattfand. Er zog die Dame zu sich auf sein Roß, nahm sie mit nach dem drei Stunden entfernten Reinerzau über Stock und Stein, Wald und Strauch, gastierte sie auf seinem Hof und ließ sie reichbeschenkt wieder heimlaufen. –

Der Jungbur nun und der reiche Holzmagnat und Schiffer Trick von Alpirsbach wollten der Fürstin Gertrud und ihrem Erbprinzen die Höfe steigern.

Es war ein schöner Maientag des Jahres 1853, als in der Linde im Vortal des Bauernfürsten Höfe im Zwangsweg versteigert wurden. Von überall her, selbst aus dem Murgtal, waren Geldleute gekommen, um billige Wälder zu steigern; denn die Gelegenheit dazu war, wie schon gesagt, damals günstig. Auch die fürstenbergische Standesherrschaft hatte einen Vertreter gesandt.

Seit Andreas I. wußte, daß er um jeden Preis ein armer Mann werden sollte, verlor er seine Menschenscheu und zeigte sich seinen lieben Mitmenschen wieder. Nie hätte er geglaubt, daß man ihn, der allen alles war, einklagen werde um Geldes willen, und noch weniger, daß von nirgends her ihm Hilfe kommen sollte.

Als er beide Erfahrungen gemacht hatte und der Notar von Wolfe ihm mitteilte, am 20. Mai werde ihm in der Linde im Vortal alles versteigert – da wurde Andreas I. ein Held. Voll bitterer Verachtung trat er wieder in die Welt und auch am bestimmten Tage in die Wirtsstube, in der er so oft als Fürst gesessen war und in welcher er nun zum Bettler werden sollte.

Auch sein Weib und sein Erbprinz waren erschienen mit ihren und seinen Freunden, aber was sie vorhatten, war dem alten Fürsten unbekannt. Er hatte sein Weib allein handeln und reisen und betteln lassen, drum sollte er auch nicht wissen, was sie in letzter Stunde vorhatte, noch sagte sie es ihm; denn er grollte ihr seit der Vermögensabsonderung, und sie grollte ihm ob seiner Tatenlosigkeit.

Die Versteigerung des Fürstentums begann, und glatt wurden die zwei unteren Höfe, der Bühl- und der Mühlehof, um 16 000Gulden zwei Holzhändlern aus dem Murgtal zugeschlagen. Beide Hofgüter wären für 50 000Gulden billig gewesen. Nun kam's an die oberen, großen Höfe. Auf beide bot ein fürstenbergischer Domänenrat 60 000Gulden, die Vertreter der Gertrud boten 61 000. jener hierauf 62 000. Jetzt entfernten sich die Steigerer der Fürstin einen Augenblick, um sich zu beraten, ob und wie viel sie weiter bieten wollten.

Die Pause benützte der Notar, um die Höfe dem Fürstenberger zuzuschlagen. Und als jene hereintraten und 500 Gulden weiter boten, hieß es – der Zuschlag sei bereits endgültig erfolgt.

Da erhob sich Andreas I., ging auf den glücklichen Steigerer seines Fürstentums zu, schüttelte ihm die Hand, gratulierte ihm mit dem Sarkasmus der Verzweiflung zu dem billigen Kaufe und schied. Zehn Jahre zuvor soll ihm der Fürst von Fürstenberg 300 000Gulden für seine vier Höfe geboten haben. Jetzt gingen sie für 78 000Gulden in fremde Hände. Und heute steht in den Waldungen, wie kundige Bauern mir sagen, für 600 000Mark Holz. Ich glaube es ihnen, nachdem ich die herrlichen Waldberge Andreas I. selbst gesehen, aufs Wort.

So wurde der reichste Mann im oberen Kinzigtal ein armer Mann, und es war auf diese Art kein Kunststück, es zu werden.

Vergeblich suchten die Gertrud und ihr Lorenz die Steigerung für ungültig erklären zu lassen. Jahrelang verwandte der junge Lorenz das Geld, welches er als Holzmacher verdiente, zum Prozessieren, aber umsonst.

Der alte Fürst, sein Vater, tat auch jetzt keinen Schritt, aus seiner Armut herauszukommen. Er bat den neuen Besitzer, den Fürsten von Fürstenberg, nur um eine Wohnung in seinem ehemaligen Hühnerhaus, und die wurde ihm in Gnaden gewährt.

Seine Gertrud wollte aber nicht ins Hühnerhaus ziehen; es tat ihr zu wehe, da, wo sie als glückliches, reiches Kind und später als Fürstin gelebt hatte, als arme Frau zu wohnen. Sie beabsichtigte deshalb, sich von ihrem Mann zu trennen und mußte gerichtlich angehalten werden, ihm ins Hühnerhaus zu folgen. Er bekam es aber gar oft von ihr zu hören, daß er an allem Elend schuld sei durch sein fürstlich Tun und Treiben. Sie vermochte es eben nicht zu fassen, daß eigentlich die Revolution den monarchischen Fürsten von Kaltbrunn gestürzt habe.

Der arm gewordene Mann pachtete einige Morgen Felder und Wiesen von seinem ehemaligen Reich; die Gertrud, der noch einige Tausend, welche über die Schulden erlöst wurden, für sich und die Kinder zugefallen waren, kaufte zwei Kühe, und so lebten sie mit ihren jüngsten, noch ledigen Kindern, dem Lorenz und der Gertrud, als arme Leute. –

Der Franzenhof wurde abgebrochen, und in das neue Leibgedinghaus, bei dessen Weihe einst der Franzegidi sein Erbrecht verloren, zog ein fürstlich fürstenbergischer Waldhüter.

War das Jahr um und sollte der Pacht bezahlt werden und es fand sich kein Geld im Hühnerhaus, so hatte die Rechtsnachfolgerin in Donaueschingen, d. i. die fürstenbergische Standesherrschaft, stets so viel Einsehen, daß sie dem armen Mann, dessen Fürstentum sie so billig bekommen, den Pacht schenkte. In schwierigen Zeiten gingen auch Bittschriften der Gertrud und des Lorenz an den Fürsten ab, und stets kam, so lange der alte Vogtsbur lebte, ein Gnadengeschenk in Geld. –

8.

Andreas I. schickte sich in seine Armut mit dem gleichen Anstand, den er als Bauernfürst und Freund von echten Fürsten gezeigt hatte.

Das Vogtsamt im Tal hatte zur Zeit, da Andreas I. Herrlichkeit unterging, sein Namensvetter und Freund, der Lindenwirt im Vortal.

Der fand als Wirt wenig Zeit zu Schreibereien und meinte, der arme Mann im Hühnerstall, der doch noch der G'scheitste im Tal sei, könnte sein Staatssekretär, auf Kaltbrunner Deutsch, sein Ratschreiber werden.

Ein braver, armer Mann nimmt Brot, wo er es findet, und so wurde Andreas I. Ratschreiber und diente fast zwanzig Jahre lang treu und pünktlich und demütig und gehorsam zwei Vögten, dem Lindenwirt und seit 1867 dem Bur am Gallenbach, der 1898 noch vogtete.

Fast täglich machte er zu jeder Jahreszeit den weiten, ein und eine halbe Stunde langen Weg von seinem Hühnerhaus bis nach Wittichen zum Rathaus.

Hatte er zu Mittag Hunger, so ging er hinaus nach Vortal, wo der Vogt und Lindenwirt für seinen armen Ratschreiber stets den Tisch gedeckt und in stürmischen, kalten Winternächten auch ein Bett parat hatte.

Des alten Mannes Trost war seine Tabakspfeife, die vom Morgen bis zum Abend auch im Ratsstüble brannte und ihn als Raucher neben seinen Neffen, den Fürsten vom Teufelstein, stellte.

So schrieb er tagtäglich im Dienste der Gemeinde, die er einst beherrscht hatte, mit einem Gehalt von jährlich 60 Gulden. Und er war dabei heiter und zufrieden.

Nur zeitweilig, wenn er seinem Nachbar, dem fürstlichen Waldhüter Mäntele, der heute noch im Leibgedinghaus des Vogtsburen wohnt, von seinen einstigen Herrlichkeiten erzählte, kamen ihm die Tränen. –

In den ersten Tagen des März 1856 brachte der Bote einen Brief an das Bürgermeisteramt von Kaltbrunn mit fremdsprachlicher Adresse und noch fremderem Inhalt.

Der Lindenwirt bringt ihn seinem Sekretär und meint, das Zeug müsse man entweder wieder auf die Post zurückgeben oder ins Feuer weifen; das könne keine »Sau« lesen, und so was sei sicher nicht für den Kaltbrunn bestimmt.

Der erfahrene Staatssekretär des Lindenwirts aber war der Ansicht, man solle es dem Seraphin bringen, der verstehe lateinisch und vielleicht auch etwas von dem Brief. Der Angerufene aber war der Pfarrherr von Wittichen-Kaltbrunn, Seraphin Wetter, ein Freiburger Kind.

Der Ratschreiber geht zu ihm hinüber ins Kloster, und obwohl der Seraphin mit dem Französischen nicht auf bestem Fuß stund, fand er doch, daß das Ding ein Totenschein sei, und las still für sich:

»Orient-Armee. Militärspital von Konstantinopel. Auszug aus dem Totenregister dieses Spitals: ›Der Herr Johann Harter, Füsilier der vierten Kompagnie des achten Regiments der Fremdenlegion, eingetragen unter Numero 5700, geboren den 19. Mai 1825 zu Kaltbrunn, im Departement Großherzogtum Baden, Sohn des Andreas Harter und der Gertrude Hauer, ist in das Spital eingetreten am 23. Jänner des Jahres 1856 und daselbst am 15. Februar nachmittags 3 Uhr an Skorbut und Diarrhöe gestorben.‹«

Nachdem er lange gelesen und studiert hatte, hob der Seraphin an: »Euer Sohn, der Offizier, ist in Konstantinopel im Spital gestorben, und das ist der Totenschein. Gott geb' ihm die ewige Ruhe!«

»Und das ewige Licht leuchte ihm!« antwortete gelassen der alte Vogt. »Es ist ihm so am besten gegangen, meinem Nepomuk; denn wenn er aus dem Krieg gesund heimgekehrt wäre, hätte er als Taglöhner und Holzmacher sein Leben durchbringen müssen.«

Er wischte eine Träne aus den Augen, dankte dem Seraphin und brachte die Todesbotschaft dem Lindenwirt und am Abend hinauf ins Hühnerhaus, wo eine arme Mutter um ihren einst hoffnungsvollsten Sohn eine Nacht hindurch weinte.

Im vergangenen Spätherbst war noch ein Brief gekommen vom Nepomuk, worin er schrieb, daß er den Sturm auf den Malakoff mitgemacht und heil davongekommen sei.

So endigte der eine der zwei Studenten, die an jenem Hochzeitstag des Jahres 1842 im Kreuz an der »Uerde« gesessen waren.

Und nun noch ein Wort über den andern Studiosus, – über des Kastenvogts Karle, meinen Vetter.

Er war bald nach jenem festlichen Tage, weil er zu keinem Examen kommen konnte, nach Amerika ausgewandert und hatte dort als Arzt zu funktionieren begonnen. Etwa zehn Jahre spater kam er einmal aus seiner neuen Heimat zurück in die alte. Damals sah ich ihn zum ersten- und letztenmal als einen stattlichen, großen Mann mit einem grauen Zylinder auf dem Haupte. Dabei war er sehr ernst und wortkarg.

Nach kurzem Aufenthalt ging er wieder übers große Wasser.

Ich vergaß ihn und sein Geschick im Sturm und Drang des eigenen Lebens und hab' erst anläßlich dieser Erzählung nach ihm gefahndet und durch den Jesuitenpater Braun in St. Louis von seinem Leben und Sterben gehört.

Der Karle lebte von Anfang seines amerikanischen Aufenthalts bis zu seinem Tode in Washington im Staat Missouri als Dr. Jakob und als ein »eigentümlicher Mensch«. Er war Junggeselle und wohnte alle Zeit im gleichen Hause und in der gleichen Familie. In seiner Studierstube sah es aus wie auf einem Schlachtfeld, und er wollte auch nicht, daß aufgeräumt werde.

Als Arzt war er sehr beliebt, weil er nur wenig verschrieb, die Arzneien selbst präparierte und den armen Leuten gar nichts, den Reichen nur so viel abnahm, als sie ihm gerne gaben. Rechnungen schrieb er nie. Er kannte durch die vielen Jahre der Behandlung seine Patienten alle in ihrer Konstitution und verschrieb in seiner letzten Lebenszeit den Auswärtigen meist, ohne sie besucht zu haben, weil er nicht mehr gerne aufs Land ging und sich weder Pferde, noch Wagen hielt.

Er reiste nie, nicht einmal in die unferne Stadt St. Louis, und war ein einsamer, stiller Mann.

Seine Nachbarn waren die Jesuiten. Mit denen stand er auf bestem Fuß, besuchte sie und holte Bücher bei ihnen, ging aber nie zu ihnen in die Kirche und überhaupt in keinen Gottesdienst.

Die Väter setzten ihm oft zu, aber vergeblich; er vertröstete sie immer auf später. Dagegen ließ er nie, wenn er in einer Gesellschaft weilte, etwas über die Religion oder über die Jesuiten kommen. Still und ruhig saß er im Wirtshaus und hörte zu. Wenn aber einer die Religion oder die Priester angriff, da nahm er das Wort und wies den Schwätzer kurz, scharf und treffend zurück, so daß mit der Zeit, wo er hinkam, die Religionsspötter schwiegen, weil sie ihn fürchteten.

Er ging nur ungern ins Wirtshaus; aber, so meinte er, die einfachen Sitten von früher, wo man in jedes Haus gehen und sich an den Herd und an den Tisch habe setzen können, hätten in Washington aufgehört, jetzt müßte ein Junggeselle in den »Barroom«. hier trank er in echt Hansjakobscher Art auch bisweilen einen Schoppen zuviel.

Mit Interesse habe er, so schreibt mein Gewährsmann, durch die Patres von mir gehört und gelesen. Die Jesuiten hatten, um ihn zu gewinnen, auch von meinen Schriften kommen lassen. Der Doktor dankte, las, aber in die Kirche ging er nicht.

Anfangs der achtziger Jahre trat der Tod zu dem alten Haslacher. Man sprang zu den Jesuiten. Ein Pater Kornely kam, jedoch zu spät. Aber die braven Väter der Gesellschaft Jesu haben den Doktor doch begraben unter allgemeinster Teilnahme; denn er hatte keinen Feind. –

Ich sah den Fürsten von Kaltbrunn noch in seiner Glorie, mehr aber nach seinem Fall, wenn er seine Tochter, unser »Bäsle«, in Hasle besuchte. Auch an die Gertrud erinnere ich mich noch als an eine stattliche, große, schöne Frau, die in ihren armen Tagen auch öfters zu ihrer Stieftochter, der Kastenvögtin, kam, um ihre Not zu klagen und eine Unterstützung zu holen.

Das letztemal im Leben traf ich Andreas I., als ich Rekrut war, an einem trüben Novembertag des Jahres 1857. Wir Rekruten von Hasle waren zur Musterung nach Wolfe gekommen; es war an einem Markttag. Als ich nun nach vollbrachter Untertanenpflicht über den dünn mit Menschen besäten Marktplatz schritt, erblickte ich den alten Vogt und damaligen Ratschreiber von Kaltbrunn.

Er präsentierte sich äußerlich, wenn auch in abgetragenen Kleidern, immer noch als einen Mann, der bessere Tage gesehen. Ich lud ihn ein zum Mittagessen in der Sonne, was der arme Fürst mit Freuden annahm.

Ich weiß noch, daß wir Hammelbraten aßen; aber von was wir miteinander redeten an jenem Tage, davon hab' ich keine Spur mehr in meiner Erinnerung.

In den Seelen bedeutender Menschen zu lesen und in ihre Vergangenheit zu dringen, daran dachte ich damaliger »Luftibus« so wenig als eine Katze; ebenso wenig als ich in jener Zeit ernstlich daran dachte, was aus mir werden sollte.

Aber so viel erinnere ich mich noch, daß der verarmte Bauernkönig vornehm, heiter und zufrieden aussah.

Und Theodor, der Seifensieder, der als Schiffer- und Waldherr bis in die letzten Lebensjahre des Fürsten oft nach Kaltbrunn kam, schrieb mir von ihm: »Der Mann hatte einen großen Charakter, daß er sich ergeben und zufrieden in sein Schicksal fügte. Man hörte ihn nie klagen.«

Unser Seifensieder ließ, so oft er in der Linde im Vortal einkehrte, beim Wirt Geld zurück zu einigen Schoppen Wein für den armen Ratschreiber.

Er klagte nicht nur nicht, der brave Mann, sondern war noch heiter bei seiner Lage. Oft, wenn in seinen alten Tagen, in denen auch ein Fußleiden ihn befallen, der weite Weg vom Hühnerhaus bis zum Ratsstüble ihn müde machte, sagte er: »Als ich jung war und gut laufen konnte, hatte ich die nobelsten Pferde zum Reiten und zum Fahren, und jetzt, da ich das Fahren nötig hätte, habe ich nur einen Stecken zur Verfügung,«

Wenn man ihn fragte, was sein kranker Fuß mache, meinte er: »Der wird nit besser, bis einmal der Totenkarren rumpelt vom Hennehäusle her dem Gottsacker zu.«

Er schämte sich auch keiner Arbeit, und da er in den von Ratschreibereien freien Stunden schwere Arbeit nicht verrichten konnte, lernte er das Stricken von Strümpfen und das Anfertigen von Strohschuhen, setzte sich zur Sommerszeit vor sein Hühnerhaus und strickte oder machte Schuhe im Angesicht von Berg und Tal, die einst sein eigen waren. Die Tannen aber ringsum sandten ihrem ehemaligen Herrn harzduftige, wehmütige Grüße.

Bis zu seinem achtzigsten Lebensjahr hinkte Andreas I. schwerfällig und unter Schmerzen fast täglich das Tal hinaus auf die Ratsstube. Aber dann ging es nimmer. Er mußte das Staatssekretariat von Wittichen–Kaltbrunn niederlegen, und da die Buren ihn als einen ortsarmen Mann jetzt hatten unterstützen müssen, so ließen sie ihm, der einst, wie Leute heute noch sagen, täglich 100 Gulden zu »verzehren« hatte, sein bisheriges Gehalt von 60 Gulden als Pension, was der greise Fürst mit großem Dank annahm; denn es war doch ein sicheres Stück baren Geldes.

Was seine zwei Kühlein einbrachten und die Felder ums Hühnerhaus, brauchte die Familie zum Leben, und die 8000 Gulden, welche Frau Gertrud beim Einbruch der Katastrophe noch gerettet, hatte sie teils ihren älteren Kindern geschenkt, teils einem Schwiegersohn in Wolfe zur Verwaltung gegeben. Als sie das Geld aber eines Tages in der Not holen wollte, wußte der brave Mann – ein ehemaliger besserer Bürger und Schiffer – nichts mehr davon, und die arme Frau hatte das Nachsehen.

Lorenz, der Erbprinz, arbeitete als Holzmacher und opferte, wie schon erwähnt, lange Zeit einen großen Teil seines Verdienstes dem Prozesse zur Wiedergewinnung seines verlorenen Reiches. –

Als Pensionär hatte der Fürst Zeit genug, erst recht sein Pfeifchen zu rauchen und Strümpfe zu stricken und Strohschuhe zu machen. Doch spann ihm die Parze keinen langen Lebensfaden mehr. Nur ein Jahr lang war er Großpensionär seiner einstigen Untertanen, Verehrer und Lobredner gewesen, als der Tod am Hühnerhäusle anklopfte und den 81jährigen Greis zum Sterben niederlegte.

Der alte Fürst schickte das Tal hinaus zum Pfarrer, damit er ihm sterben helfe durch die Sakramente des Christen; denn religiös war Andreas I. allzeit gewesen in Wort und Tat.

Pfarrer von Wittichen war in jenen Tagen ein Mann, den ich gar wohl kannte und der erst 1897 in Freiburg als Pensionär starb. Er hieß Benedikt Gillmann, gebürtig aus Merdingen bei Freiburg, und war ein sehr, sehr sparsamer Herr, der aus nichts Geld zu machen wußte.

Hätte der Benedikt des Vogtsburen Höfe gehabt, er würde bei seinem Tode sicher ein Rothschildsches Vermögen hinterlassen haben. –

Heiter und mutig sah der greise Mann im Hühnerhaus dem Erlöser von allen irdischen Leiden entgegen und schloß am 21. Juli 1873 seine Augen für immer.

Als am folgenden Tage die Leichen- und Grabbitterinnen durch die Täler und über die Berge zogen und von Hof zu Hof und von Hütte zu Hütte die Kunde trugen: »Der alt' Vogt im Kaltbrunn isch g'storbe« – da rührte sich in der Volksseele der Gedanke an die einstige Größe des Toten, an das viele Gute, so er den Bedrängten getan, und an sein herbes Schicksal.

Und da sie am Morgen des 23. Juli den Fürsten Andreas I. auf dem Totenkarren hinausführten zum einsamen, tannenumrauschten Friedhof von Kaltbrunn, da empfingen ihn viele, viele der Lebenden und wohnten seinem Begräbnis bei.

Und als sie dann von seiner Gruft weg über die Burgfelsen hinüber gingen, um im Kirchlein zu Wittichen noch für seiner Seele ewige Ruhe zu beten, sprachen sie unterwegs vom toten Vogt und von seines Lebens eigenem Geschick.

Unter ihnen ging auch sein Neffe, der Fürst vom Teufelstein. Er hatte vom Kirchhof weg seine Pfeife angezündet, denn der Weg zur Kirche war weit.

Er schritt dahin neben Benedikt, dem Pfarrherrn, der sein Freund war – und als er spät am Nachmittag heimkam auf seinen Abrahamsbühl, da schrieb er in sein Tagebuch: »Bei der Leich meines dereinst so reichen und angesehenen und später so armen Vetters Harter verzehrt 28 Kreuzer. Gott hab' ihn selig.« Heute sind die beiden Fürsten in der Ewigkeit, aber jeder von ihnen verdient es, nicht vergessen zu werden in diesem irdischen Jammertal.

9.

Noch drei Jahre nach dem Tode des Bauernfürsten wohnte die Fürstin mit ihren zwei jüngsten Kindern, dem Lorenz und der Gertrud, im Hühnerhaus. Da ließ 1876 die Eigentümerin, die fürstenbergische Standesherrschaft, dasselbe niederreißen. Jetzt war die unglückliche Familie obdachlos und mußte schauen, wo sie eine Herberge fände.

Eine Stunde über ihrem ehemaligen Bauernfürstentum liegt einsam, mitten in Wäldern, auf hohem Bergkegel der Roßbergerhof, einst, wie wir wissen, im Besitze eines Bruders Andreas I., jetzt aber längst auf ein Zwanzigstel reduziert und im Besitze eines Kleinbauern.

Neben den großen Gebäuden des alten Fürstenhofes steht eine alte, zerfallene Hütte unmittelbar am Wald. Sie trägt beim Volk von Kaltbrunn seit hundert Jahren den merkwürdigen Namen »das Profosen-Häusle«. In ihm soll, so erzählen die Leute heute noch, der Profos gewohnt haben, der in den Franzosenkriegen die »Presonnier« zu überwachen hatte.

Wessen Vaterlandes die Presonnier waren, welche den Buren im Kaltbrunn in Feld und Wald an der Arbeit halfen, wissen die Leute heute nimmer. Ich vermute, es waren gefangene Oesterreicher, welche die Franzosen in den neunziger Jahren auf ihren Zügen ins Schwabenland hier interniert hatten und in ihrer Sprache »
prisonniers« (Gefangene) nannten.

Wie die Kirchenbücher melden, wurden auf dem einsamen Kirchhof von Kaltbrunn 1806 zwei österreichische Soldaten, ein Ungar und ein Böhme, zur letzten Ruhe gebettet – mit dem Vermerk in den genannten. Büchern, daß sie auf der Rückkehr aus der Gefangenschaft da gestorben seien.

Allein diese werden sich gewiß nicht Presonnier genannt haben, da diesen Namen nur die Franzosen ihren Gefangenen oder sich selbst in der Gefangenschaft geben konnten.

Es können also diese Presonnier auch gefangene Franzosen gewesen sein, die sich den Buren als prisonniers vorstellten.

Sei dem, wie ihm wolle, in dem Profosen-Häusle auf dem Roßberg fand die einstige Fürstin von Kaltbrunn eine letzte Zuflucht, die aber weit ärmlicher war, als das Hühnerhäusle im Tal drunten.

In dieser Waldeinsamkeit lebte sie mit ihrem Erbprinzen und mit ihrer jüngsten Tochter ebenso vergessen und weltfern als armselig.

Der Lorenz arbeitete im Wald und ernährte damit Mutter und Schwester.

Wenn die Not recht drückend wurde, so lebte die alte Hoffnung wieder auf, beim Fürsten von Fürstenberg, der ihr Fürstentum um ein Spottgeld erhalten, eine Unterstützung zu finden.

Dann wanderte Lorenz, der Enterbte, hinauf in die Baar und klopfte bittend und bettelnd an, sowohl am fürstlichen Schloß als bei der fürstlichen Kammer. Aber sie fiel dem Lorenz nie reichlich genug aus, die Gabe an diesen fürstlichen Pforten.

»Mehr als vierzigmal,« so erzählte mir Lorenz, der Erbprinz, »bin ich in Donaueschingen gewesen. Aber es gab, besonders wenn der Fürst Egon nicht daheim war, wenig oder gar nichts, meist nur so viel, um mit der Bahn wieder heimfahren zu können.«

So lange das Kätherle noch lebte, waren, wie schon erwähnt, Vater und Mutter in schweren Zeiten oft hinabgewandert nach Hasle, wo die wohlhabende Kastenvögtin die Eltern gerne unterstützte.

Sie war längst die intime Freundin meiner Mutter geworden, kam täglich in unser Haus und teilte mit unserer Familie Leid und Freud. Wir Kinder alle hatten »das Bäsle« gern. Sie war eine heitere, lebensfrohe Frau, die sich in alle Lagen des Lebens wohl zu schicken wußte.

Und noch jahrelang, nachdem unsere Eltern tot waren, kam sie ins Elternhaus mit Rat und Tat, bis der Tod auch bei ihr einkehrte und sie im Frühjahr 1874, bald nach ihrem Vater, heimholte.

Der Kastenvogt und Vetter Eduard starb zwei Jahre vor ihr, und ihr einziges Kind, die Leopoldine, ist den Eltern längst auch nachgefolgt im Tode.

In des Kastenvogts Haus, dem Stammhaus der Bäckerfamilie Hansjakob, in dem fast zwei Jahrhunderte lang meine Ahnen Mehl zu Brot kneteten – ist heute alles verbaut und verändert. Ein Bierbrauer hat sich darin eingerichtet. Sein Weib aber ist eine Ur-Urenkelin meines Großvaters, des Eselsbecks von Hasle, der im gleichen Hause das Licht der Welt erblickte.

Mit dem Tode der Kastenvögtin war die letzte Stütze für die alte Fürstin gebrochen, und doch mußte sie noch jahrelang aushalten in ihrer zerfallenen Hütte auf dem Roßberg, bis der Tod sie erlöste.

Erst am 7. Januar 1886 haben sie die hochbetagte und schwergeprüfte Frau vom Roßberg durch den Wald herabgeführt auf den Kirchhof von Kaltbrunn.

Jetzt fiel die Familie des Fürsten auseinander. Der Lorenz und die Gertrud trennten sich nach der Mutter Tod.

Wer Lorenz zog hinab ins Tal, wo auf dem einstigen Rußhof sein ältester Bruder, Andreas II., und ein Schwager von ihm, Mathias, der Waldhüter, wohnten und je ein kleines Gütle besaßen. Andreas II. trat dem enterbten Bruder eine Kammer ab, und hier schlug der Lorenz seine Residenz auf. Im Sommer half er den wenigen Buren im Kaltbrunn mähen und heuen, und im Frühjahr und im Winter machte er Holz in den Wäldern seines Vaters – für den Fürsten von Fürstenberg.

Wenn aber der Schnee zu tief lag in den Bergen und mit Tannenfällen und Holzzurichten nichts zu verdienen war, zog bisweilen ein armer, alter Mann zum Kaltbrunner Tal hinaus.

Er trug einen Strick um die Schulter, und an diesem Strick zog er einen kleinen Handkarren. Seine Rechte hielt einen Stock, um den hinkenden Mann zu stützen. Auf dem Karren aber lag ein schwerer Sack voll Fegsand, den der arme Mensch mühsam unter dem Schnee hervorgegraben hatte an einem Waldrand.

Schwerfällig schleppte er sich und seinen Karren dem Kinzigtal zu. Hier angekommen, steuerte er bald ab-, bald aufwärts, einmal gen Alpirsbach, das andermal gen Schiltach.

In diesen Waldstädtchen bot er von Haus zu Haus seinen Sand feil und machte am kalten Abend den weiten Weg erleichtert zurück. Sein Karren war nicht mehr so schwer, und in seinen Zwilchhosen fanden sich, wenn's gut gegangen, zwei Mark Geld.

Todmüde, aber zufrieden, für einige Tage Mittel zum Leben zu haben, legte er sich in seiner finstern Kammer nieder.

Der arme Sandhändler aber war Lorenz, der Erbprinz des Fürsten Andreas I.

Wenn ich, statt ein geborener und erzogener Proletarier zu sein – Fürst von Fürstenberg wäre und die Wälder, die einst dem Vater des Sandhändlers gehört, so billig in meine Hand bekommen hätte, ich würde den armen Lorenz nicht so kümmerlich sein Leben haben fristen lassen. Er würde von mir eine kleine Pension bekommen haben, auf daß er zur harten Winterszeit hätte leben können, ohne seinen Sandkarren auf der Landstraße schleppen zu müssen. –

Des Lorenzen Schwester, die Gertrud, ging nach dem Tode der Mutter, trotzdem sie schon eine Fünfzigerin war, als Magd hinauf auf den Schwarzwald unweit Freiburg.

Ein ehemaliger Pfarrer von Wittichen, Zähringer, später in Waldau, hatte ihr auf der höchsten Höhe des westlichen Schwarzwaldes, »im hohlen Graben« beim »Turner«, eine Stelle verschafft im sogenannten »Süße Hüsle«.

Hier diente sie bei einem einsam wohnenden Geschwisterpaar, bis der Tod sie im Herbst 1897 holte und hinabbettete auf den Kirchhof zu Breitnau.

Ich hatte ihr oft einen Besuch versprochen, kam aber erst, als sie schon tot war, in diese wunderbare Einsamkeit und erfuhr, daß die Fürstentochter eine liebe, brave Magd gewesen sei. –

Den Bruder Lorenz lernte ich durch Zufall kennen.

Es war an einem sonnigen, aber kühlen Maientag des Jahres 1897, da ich vom Wolftal herüber in das oberste Tal des Kaltbrunnen-Bächleins gefahren kam. Der Volksmund hat dem Tälchen, das von diesem Bächlein durchzogen wird, den schönen Namen »Grüßgott« gegeben.

Das Volk ist eben in allen seinen Namengebungen, wie in vielen andern Dingen, von Gottes Gnaden, und es verrät drum in denselben ebensoviel Geist als Poesie.

Wer vom Wolftal herüber aus unheimlich dunklen Bergwaldungen herabkommt in das grüne, sonnige Waldtälchen des Kaltenbrunnen-Bächleins, dem ist's, als riefe die Natur ihm ein freudiges »Grüß Gott« zu.

Das Tälchen ist kurz, und nur eine Menschenfamilie wohnt darin in malerischer Holz- und Strohhütte. Da, wo es endigt und sein lustiges Bergwasser sich mit dem des Laienbächleins vereinigt, um den Kaltbrunnerbach zu bilden, stand einst der Residenzhof Andreas I.

Er ist verschwunden samt Hühnerhaus und Kapelle. Nur das Leibgedinghaus, in dem, wie schon gesagt, ein fürstlicher Waldhüter wohnt, steht noch.

Hier hielt ich an, und mein Rosselenker, der Ochsenwirt aus dem Schappe, fragte nach dem ihm unbekannten Weg auf den Roßberg.

Der Waldhüter war nicht daheim, wohl aber sein Weib, ein altes Mütterle mit der scharlachroten, seidenen Kappe der alten Volkstracht auf dem greisen Haar. Es meinte, man könne es riskieren, auf den Roßberg zu fahren, aber der Weg sei »gäh' und wüst«; dort drüben gehe es den Wald hinauf.

Wir riskierten es, denn auf den Roßberg wollt' ich um jeden Preis. Wir fuhren am Laienbächle hinauf. Da, wo der Weg in den Wald führt in einer lauschigen Ecke bei Wasser und Tannen, arbeitete ein Holzmacher, ein großer Mann mit schwarzem, breitrandigem Filzhut.

Als wir bei ihm ankamen, grüßte er und nannte meinen Namen. Ich frage ihn, der mir gänzlich fremd war, ob er mich kenne. Er habe, so gab er zur Antwort, gehört, daß ich in der Gegend sei, und gleich gedacht, als ein Geistlicher dahergefahren, das müßte der Pfarrer Hansjakob sein.

Und wer seid Ihr? – frage ich den Mann.

»Ich bin der Lorenz, der Bruder der Kastenvögtin von Hasle.«

Jetzt war meine Ueberraschung groß, und ich schüttelte dem armen Fürstensohn freudig die Rechte, schaute ihn von Kopf bis zu Fuß, an und merkte bald, daß der Lorenz zu etwas Besserem geboren wurde als zu einem Holzmacher.

Sein Gesicht, glatt rasiert, trug in der langen, feinen Nase unverkennbar den Typus fürstlicher Bauernahnen, und aus seinen kleinen, dunklen, lebhaften Augen schaute ein energischer Geist. Aber um seinen dünnlippigen Mund spielte ein Zug, der eine Mischung von Galgenhumor und Verbitterung verriet.

Ich schied von ihm in stiller Bewunderung mit einem »Trinkgeld« und mit dem Versprechen, ihn einmal extra aufzusuchen. Heute hatte ich Eile, denn auf den Roßberg war's noch weit, und ich mußte vor Nacht die schlimmsten Stellen in den Wäldern zwischen Kaltbrunn und Schapbach wieder passiert haben.

Den Roßberg wollt' ich sehen, weil dort das größte Bauerngeschlecht im oberen Kinzigtal gehaust und Theodor, der Seifensieder, dort oben seine Waldfeste gefeiert hat.

Es reute mich nicht, die mühsame Berg- und Waldfahrt dahin gemacht zu haben.

Nichts über sich als den Himmel, nichts rings um sich als Wald, liegt in einer grünen Oase der »obere Hof« auf dem Roßberg.

Kein Bächlein fließt, kein Vogel singt in dieser wunderbaren Einsamkeit; nur der Himmel sendet seine Sonne und seinen Regen, und seine Winde rauschen im Walde. Wie ein verlassenes Bauernschloß schauen die großen Hofgebäude drein. Im kleinsten derselben wohnt der heutige Miniaturbauer, ein Witwer mit einer stattlichen Schar lebensfrischer Buben und Meidle. Seine zwei Weiber verlor er beide auf eigene Art.

Die eine erfror vor zehn Jahren auf nächtlichem Heimweg zur Winterszeit am Laienbächle.

Nach einigen Jahren holte der Bur die zweite im Fischerbach bei Hasle. Sie war auf der Mühle daheim, die im kühlsten Grunde des Kinzigtales steht und auf der lange als Müller mein alter Freund, des Bergbure Andres, saß.

Im ersten Jahre dieser zweiten Ehe wollte der heutige Roßberger mit seinem Weib nach Hasle fahren auf den Markt. Am Wagen hatte er ein wildes Roß, das in Hasle verkauft werden sollte. Unten im Tal angekommen, scheut das Tier; die Frau stürzt aus dem Wagen und wird bewußtlos in ein Waldhüterhaus getragen, wo sie stirbt. –

Der Bur ist ein »Landsmann« von mir und Schultis sein Name. Aus der Fröschnau, unweit Hofstetten, und aus der nächsten Nähe der Heidburg ist er da heraufgezogen, nachdem er die Ruinen des einstigen Fürstenhofes gekauft hatte.

Von seinem Höflein kann er nicht leben; drum führt er dem Fürsten von Fürstenberg, dem ringsum der Wald gehört, die Tannen hinab ins Tal und an die Bahn, ein mühsam und gefährlich Tagewerk, das seinen Hauptverdienst bildet.

Das uralte Kirchlein beim Hof will zerfallen. Der Sturm nimmt ihm jeden Winter das Dach, und der Mann jammert, daß ihm niemand helfen wolle, es vom Untergang zu retten.

Ich versprach ihm meine Hilfe. Es gelang mir, das Kultministerium in Karlsruhe für das uralte Waldkirchlein zu interessieren. Ein Baurat kam auf den Roßberg, und zur großen Freude des wackern Schultis wird das kleine Heiligtum jetzt restauriert.

Auch das Profosenhäusle, in welchem die Fürstin Gertrud starb, besuchte ich, ebenso den Wald, in welchem Theodor, der Seifensieder, seine Waldfeste hielt. Er gehört heute auch dem Fürsten, und die Tannen, unter denen einst der Theodor und seine Gäste gejubelt haben, werden eben gefällt. –

Als wir gen Abend wieder vom Berg herabgekommen waren, hatte der Holzmacher Lorenz Feierabend gemacht. Draußen auf der Straße sah ich ihn noch talab heimwärts wandern, seine Axt und seine Säge auf dem Rücken und hinkend auf einen Stock sich stützend.

Ich dachte, ihm nachschauend: »Wie mag's dem Manne zumute sein, der hier Holz macht um geringen Tageslohn, inmitten der herrlichen Wälder stehend, die alle einst seinem Vater gehörten und ihn als Erben erwarteten?«

Ich nahm mir vor, ihm diese Frage einmal vorzulegen; für heute aber sagte ich mir: »Es ist dem armen Lorenz nicht übel zu nehmen, wenn ihm sozialdemokratische Gedanken kommen!« –

Einen Monat spater klopft's an der Türe meiner Arbeitsstube in Freiburg, und herein tritt – Lorenz, der Enterbte.

Trotzdem er seine besten Kleider anhat, erkenne ich ihn alsbald wieder. Er kam vom hohlen Graben herunter, wo seine Schwester Gertrud krank lag. Er hatte sie besucht, an ihrer Stelle im süßen Hüsle arbeiten helfen und heute einen Abstecher nach Freiburg gemacht, um mich aufzusuchen und dann wieder zur kranken Schwester zurückzukehren und den Ausgang ihrer Krankheit abzuwarten.

Ich fragte ihn alsbald, was er jeweils denke, wenn er als armer Taglöhner in den Wäldern seines Vaters arbeite und jahraus jahrein das einstige Fürstentum desselben vor sich sehe. »Herr Pfarr',« meinte er, »do isch am beste, ma denkt gar nichts, sonst käm' unsereiner drüber nous, und dazu hab' ich keine Zeit, ich muß schaffen und mein täglich Brot verdienen. Ich hab' viele Jahre lang geglaubt, noch etwas von den Fürstenbergern zu bekommen. Aber jetzt schick' ich mich halt drein und plag' mich. Die paar Jährle, die ich noch z'leben hab', werden ou bald rum sein!« –

Was mich an dem alten, armen Mann, der mit Jugendfeuer sprach, freute, war die Achtung und Liebe, die er seinen Eltern und vorab seinem Vater bewahrt hat. Auch auf den Nepomuk, den Offizier, ist er gut zu sprechen, denn »er war ein guter Mensch und ein stolzer Offizier«.

Und wie er mir sagte, hängen alle Geschwister, so noch leben, mit Liebe an ihren Eltern, wenn auch in die Erinnerung an ihre Jugendzeit, welche in die Glanzperiode des Vaters fiel, manch ein Wehmutstropfen fällt.

Andreas, wie der Vater, hieß das älteste der Fürstenkinder. All' seiner Lebtag ein stiller Mensch und, wie manche Prinzen, ein billig denkender Mann, hatte er sich am besten gefügt in sein Los und mit dem Teil, den es ihm traf von der Mutter Restvermögen, sich ein Taglöhnergütle gekauft und ein Weib genommen.

Dieses war ein braves Meidle, hatte sich aber im Kaltbrunn und in Wittichen den Uebernamen Schnäwili-Käther erworben, weil es mit Vorliebe das Wort Schnäbele als übrigens ganz zutreffende Redensart gebrauchte und zu sagen pflegte: A Schnäwili esse, a Schnäwili trinke, a Schnäwili schwätze etc.

Von seinem Weib bekam der Andreas auch den Namen »der Schnäwili-Andres«, und den behielt er, als seine Käther längst tot war, und hieß noch so, als er den Kaltbrunn verlassen und sich weit drüben auf der andern Talseite der Kinzig, im »Dachsloch«, unweit der »Teufelsküche«, angesiedelt hatte.

Andreas II. fürchtete, so lange er noch in Feld und Wald arbeiten konnte, am meisten das Gewitter und den Blitzschlag und flüchtete heim beim ersten Donnerrollen.

Er nahm drum jeweils, wenn er das Haus verließ, Abschied von seiner Käther mit den Worten: »B'hüet di Gott, Muatter, i weiß nit, bis wenn i wieder heimkomm'!«

Dieser sein Spruch ist heute ein üblicher Abschiedsgruß geworden im Kaltbrunn. –

Unweit von ihm, aber tief im Kinzigtal drunten, lebte seine Schwester Marie Antonie als arme Bäckerswitwe im württembergischen Dorfe Rötenbach. Sie bewahrte noch die Bilder von Vater und Mutter, 1846 gemalt von dem Stuttgarter Hofmaler Wagner. So oft aber ihre Geschwister zu ihr kamen und den Vater sahen im Glanze seiner Majorszeit auf stolzem Pferde, drangen sie in die Schwester, die Bilder zu vertilgen. Der findige, junge Pfarrvikar Heberle in Alpirsbach rettete beide Bilder vom Untergang und schenkte sie mir.

Eine andere Tochter Andreas I. lernte ich kennen, da ich die Residenz seines Sohnes Lorenz im Rußhof aufsuchte, um dem armen Manne einen Gegenbesuch zu machen.

In den letzten Tagen des September 1897, es war ein Montag, fuhr ich von Schenkenzell her nach Wittichen und Kaltbrunn. Es war Wetter wie an einem sonnigen Junitag, und Berg und Tal glänzten in heißem Sonnenlicht, da ich das enge Waldtal des Kaltbrunn hinauffuhr.

Einsam liegt an der Straße der kleine Friedhof mit einer alten, kalten, moderduftigen Kapelle. Ich wanderte von Kreuz zu Kreuz und suchte den Namen Andreas I.

Er war nicht zu finden, so wenig als der seiner Frau. Eine Anzahl grasbewachsener, kreuzloser Grabhügel begegnete meinen Blicken. Unter ihnen war sicher auch der Hügel, unter dem der brave Mann ruht, dessen Leben wir erzählt.

Vergessen von den Menschen, vergessen auf dem Totenfeld, modert er im Staube. Doch auch die Fürsten, mit denen er einst verkehrt, teilen sein Los. Auch ihr Nachruhm ist allermeist Vergessenheit; aber sie modern in kalten, steinernen Grüften, während Andreas I. auf dem offenen, stillen Waldfriedhof seinen letzten Schlaf schläft, wo die Tannen im Morgen- und im Abendwind den Grabhügel grüßen, unter dem er ruht.

Wenn der Tod auch das Los aller Fürsten gleichmacht, das der Bauernfürsten und das der Kronenfürsten, so haben die ersteren nach meiner Anschauung doch im Tode was voraus vor den letzteren. Diese modern in Zinnsärgen und in eisig kalten, verschlossenen Steingrüften, jene in der freien Natur des lebendigen Gottes. Sein Frühling und sein Sommer, sein Herbst und sein Winter, seine Stürme und seine Donner, seine Sonne, sein Mond und seine Sternlein gehen hier über ihre Grabhügel hin und verbinden sie mit dem ewigen Leben und Treiben der Natur, deren Blümlein von selbst über den Toten blühen und Auferstehung predigen.

Und in die Mausoleen und Totengrüfte der Fürsten kommt kein gläubig Volk und betet: »Herr, gib ihnen die ewige Ruhe!« hier auf diesen Waldfriedhof von Kaltbrunn kommen sie von Zeit zu Zeit, die da leben in Berg und Tal, und bringen einen neuen Toten und beten dann auch jedesmal für die längst Begrabenen.

So haben das gemeine Volk und seine Erzbauern, in den Gräbern modernd, es besser und schöner, als die ehedem in Purpur gekleideten und mit Kronen geschmückten, toten »Hirten der Völker«.

Doch einmal muß ja auch die Vergeltung kommen für die arme Herde, die hienieden so oft nur gelebt und gedarbt und gearbeitet und geblutet hat für ihre Hirten.

Wir sehen, der Lohn beginnt schon im Grabe und wird über den Sternen noch weit größer sein; denn die Botschaft von einem andern, bessern Leben gilt ja vorab den Armen, d. i. dem gemeinen Volke, diesem Lieblingskind des Welterlösers und des Weltenrichters. Er wird einst die, so auf dem Waldfriedhof von Kaltbrunn um den vergessenen Waldfürsten Andreas I. ruhen, auferwecken samt diesem, der für sein Volk lebte und in seiner Menschenliebe ein armer Mann wurde.

Sie alle glaubten an den, der da ist die Auferstehung und das Leben; sie litten und darbten um seinetwillen.

Drum geht es ihnen allen, wenn die Posaune einst ruft zum Weltgericht, zweifellos besser als denen, die an jenem Tag aus Zinnsärgen und Mausoleen auferstehen – zum Gerichte.

So dachte ich, und dann schritt ich weiter, talauf zum Ruhhof, der unweit des Gottesackers an einer Halde liegt. Er hat seinen Namen von der Rußhütte, die in den poesievollen Zeiten des Harzens, des Rußmachens und des Flößens in seiner Nähe stand und in der Kienruß bereitet wurde.

Der Rußhof macht seinem Namen heute noch alle Ehre; er ist ein rußiges, großes Bauernhaus von Holz, mit Stroh gedeckt, kurz von der Art, wie ich diese Höfe liebe.

Ich ging rings um das gewaltige Holzhaus, aber keine Seele regte und zeigte sich. Da kam ein blauäugiges, rotbackiges Mädchen, kaum vier Jahre alt, aus einer Türe, und das fragte ich nach dem Lorenz. Frisch und unerschrocken, wie ich es noch nie getroffen auf einsamen Höfen, antwortete die Kleine: »Der Lorenz isch dert denne und hilft meje (mähen).« Ich schaute auf die andere Seite des engen Tälchens, sah aber keinen Lorenz. Er mochte wohl in einer vom Rußhof aus unsichtbaren Bergfalte an der Arbeit sein.

Ich fragte nun das Kind weiter: »Kannst du mir des Lorenzen Kammer zeigen?« Ich wollte wenigstens sehen, wo der arme Mann am Abend sein Haupt niederlegt.

Frischweg beantwortete die Kleine meine Frage mit »Jo frili«, und ich stieg zu ihr hinauf auf die hölzerne Galerie. Das Kind führte mich durch eine Küche, öffnete hinter derselben eine Türe und sprach: »Do wohnt der Lorenz.«

Ich sah nichts vor mir als einen Raum voll Finsternis und zwar so voll, daß ich nicht ein Stück Möbel, sei es Stuhl oder Kasten oder Bettstatt, wahrnehmen konnte.

Nirgends ein Fenster und nirgends ein Lichtstrahl. Ich trat ein und stieß mit dem Stock vor mich hin. So traf ich auf Gegenstände, aber sehen konnte ich sie nicht, auch dann noch nicht, als mein Auge sich ein wenig an die Finsternis gewöhnt hatte.

Ich habe schon viele dunkle Kammern gesehen in den Bauernhäusern des Kinzigtals, aber einen solchen Abgrund von Finsternis, wie in der Residenz des Erbprinzen Andreas I., noch nie.

Wer, so sagte ich mir, mit solcher Wohnung schon zehn und mehr Jahre vorlieb nimmt, dem könnt' ich alle Sünden verzeihen, auch wenn sie noch so groß wären. –

Es war mir leid, daß der Lorenz nicht zu Hause war, denn er besitzt in diesem Höllendunkel vom Vater her noch Einladungskarten zu Hoftafeln und andere Belege bäuerlicher Fürstenherrlichkeit.

Ich sah ihn fortan auch nie mehr. Er schrieb mir von Zeit zu Zeit, wenn er nichts verdiente, um ein Almosen, und ich gab es ihm jeweils von Herzen gern.

Im Winter 1901 hat ihn der Tod geholt. Auf dem Heimweg nach dem »Winterwaldhäusle«, wo er in der letzten Zeit gewohnt hatte, traf ihn ganz in der Nähe seines einstigen Vaterhauses der Schlag.

Der Waldhüter sah ihn am Weg liegen, brachte ihn mit Hilfe eines Waldarbeiters heim, wo er alsbald verschied. –

Meine kleine Begleiterin im Rußhof führte mich dann auf die andere Seite des Hofes und zeigte mir, wo »die Waldhüterin«, des Lorenzen Schwester, wohnt.

Ich klopfte an einem halboffenen Fenster, und alsbald erschien unter demselben eine stattliche Matrone, so stattlich wie eine Königin-Mutter.

Und als sie redete und sich als die Schwester unseres »Bäsle« bekannte, da sprach sie mit einer Hoheit, mit einer Würde, die mich frappierte und zugleich freute, weil die greise Frau unbewußt zeigte, daß sie die Tochter eines Bauernfürsten sei und für bessere Tage bestimmt war.

Und in der Tat hatte in den Fürstentagen ihres Vaters ein junger Rechtspraktikant, der vom Amtsstädtle Wolfe in die Residenz Andreas I. gekommen war, sich mit ihr verlobt.

Da aber die Liebe der allermeisten Mannsleute zu- und abnimmt mit dem Vermögen des Schwiegervaters, so schwand des obigen Juristen Liebe gänzlich, als Andreas I. ein armer Mann geworden war.

Ich lernte den ungalanten Rechtsmann später auch kennen. Er saß mit mir in den siebziger Jahren im Landtag und starb vor nicht langer Zeit als hoher Staatsbeamter.

Hätte er Wort gehalten, so wäre die Greisin im einsamen Rußhof heute statt Waldhüterin – Geheime Rätin und würde als solche, dessen bin ich sicher, seitdem ich sie gesehen, ihre Rolle aufs beste spielen.

Ich schied nicht ohne Bewunderung von der Frau, die mit so feierlichem Ernst des Lebens Geschick zu tragen weiß.

Aber sie soll einen kreuzbraven Mann haben und ist vielleicht so glücklicher gewesen, als wenn sie einem »bessern Herrn« ihre Hand gereicht hätte fürs Leben. –

Im Vorbeifahren dem Kinzigtale zu grüßte ich noch den Roßberger Bur, der vor seinem Hof stand in der schönen Tracht seiner Väter. Er ist jetzt einer der wenigen großen Buren im Kaltbrunn, der einst zwölf Waldhöfe umfaßte, heute aber nur noch deren vier zählt.

Alle andern sind im Laufe der letzten fünfzig Jahre in den Besitz »der toten Hand«, d. i. der Standesherrschaft Fürstenberg gekommen – teils durch die Schuld der Buren, teils durch die Ungunst der Zeiten.

Große Reiche existieren selten lang – und große Bauernhöfe haben in der Regel das gleiche Schicksal. Die Beherrscher beider können nicht Maß halten und stürzen sich und ihre Herrschaften. Nur stürzen, wenn Bauernfürsten fallen, meist nur sie selbst und ihre Familien. Die andern Fürsten ziehen ihre Völker mit ins Verderben und leben nachher doch wieder gute Tage, während gefallene Bauernfürsten und ihre Kinder darben.

Es ist dies eine der vielen Ungereimtheiten des Welt lebens, die sich ausgleichen muß in einer andern Welt. –

Ich bin kein Freund der toten Hand, ob dieselbe geistlich ist oder weltlich. Aber eine Freude macht mir die tote Hand der Fürstenberger heute doch jedesmal, so oft ich ins Kinzigtal komme. Sie erhält mir die herrlichen Wälder dieses Tales, während die meisten Bauern mit ihren Waldungen umgehen wie Korsaren, ihren Kindern das Brot aus der Tischlade verkaufen, die Poesie des Waldes vernichten, das Holz blutig jung fällen und in die Papierfabriken führen und so beitragen zum schlimmsten, was unsere Zeit erfunden hat, zum Holzstoff-Papier, das in tausend Gestalten die Welt überschwemmt und uns den Fluch der Nachwelt auf den Hals laden wird. –

Ob nicht – auch das dachte ich auf der Rückfahrt – die Zeit kommt und vielleicht eher als wir glauben, wo die tote Hand diese herrlichen Wälder wieder verliert, und wo sie wieder übergehen in die lebendige der Bauern. Wer mag das wissen? Eines nur weiß ich, daß kein Bauernfürst, wie Andreas I. einer war, mehr kommen und herrschen wird am Eingang zum Tälchen »Grüß Gott«.

Drum soll er hier ein Denkmal haben, auf daß spätere Zeiten und Geschlechter erfahren, was für ein braver und unglücklicher, aber im Unglück großer Mann er gewesen ist.

Sein Lieblingslied, das er oft vor seiner Garde anstimmte und dabei den Säbel schwang, war das alte Polenlied: »Denkst du daran, mein tapferer Lagienka?«

Auf ihn passen auch die Worte in der vorletzten Strophe dieses Liedes:

Du sankst, verlassen von den Siegesgöttern,
Du sankst, mit dir des Landes letztes Hoffen,
So vieler Heil in einem einz'gen Mann.

Auch seine Kinder sind jetzt, da ich im Winter 1906 die vorliegende Auflage seines Lebens neu durchsehe, alle ins Grab gesunken.