Aus dem Leben eines Glücklichen

1

Zur Sommerszeit, wenn die Sonne ihre heißesten Strahlen ins Dreisamtal sendet und selbst die dicken Mauern meiner Kalthäuser Zelle durchdringt, flüchte ich mich öfters hinaus in den Wald.

Ich nehme dann jeweils den Stuhl mit, der innerhalb der Gartenmauer unter dem Lärchenbaum steht, und setze mich an eine recht düstere Stelle.

Hier unter dunkeln Tannen weilt kühler Schatten. Die Vögelein ruhen; ringsum ist heilige Stille. Nur drüben in einer kleinen Schlucht murmelt leise ein Bächlein, und droben durch die hellgrünen Buchen zittert das Sonnenlicht herab auf Moos und Stein.

Ich bin allein, oder ich glaubte wenigstens lange Zeit, es zu sein, bis eines Tages ein Wesen, das bisher stumm zwischen zwei großen Tannen saß, zu reden anfing. Ich war nicht wenig erstaunt, als dieses altersgraue Ding, mit einem grünen Röcklein angetan, plötzlich Leben gewann. Ich sah an ihm Augen, einen Bart und eine mächtige Römernase, auch einen breiten, dünnlippigen Mund. Aus diesem Munde aber kamen, während ich still brütend zu ihm hinschaute, plötzlich die folgenden Worte: Schon oft hab' ich dich, armes Menschenkind, hier sitzen sehen und dich seufzen hören und dir im Gesicht abgelesen, daß du nicht zu den Glücklichen dieser Erde gehörst. Ich kann dir's nicht verübeln. Ich bin uralt und habe schon zahllose Wesen kennen gelernt, aber außer mir niemals eines, dem Leid und Schmerz erspart geblieben wären.

Ich habe von dem niedern Standpunkt meiner Erkenntnis aus gefunden, daß ich allein der Glückliche war und bin unter den unzähligen Unglücklichen, von Schmerz, Not und Tod Bedrängten, die in meiner Nähe lebten und leben und die an mir vorübergingen und vorübergehen.

Ich habe darum schon oft dem Schöpfer alles Sichtbaren gedankt, daß ich bin, was ich bin. Denn ich war noch keine Sekunde meines langen Daseins unglücklich, und das will gewiß viel, sehr viel heißen. Und da ihr Menschen am meisten zu jammern und zu klagen habt, weil ihr am tiefsten die Not des Lebens fühlt, kurz gesagt, die unglücklichsten aller irdischen Wesen seid, wird es euch gewiß interessieren, auch einmal einen durchweg und in alleweg Glücklichen kennen zu lernen.

Also vernimm es, und erzähle es dann allen deinen Leidensgefährten; sage es aller lebendigen Kreatur, was dir ein Glücklicher in des Waldes düstern Gründen zur Sommerszeit des Jahres 1900 erzählt hat.

Ich bin eigentlich ein Fremdling hier in dieser Gegend, habe aber das Bürgerrecht eines Eingeborenen längst ersessen durch die vielen, vielen Jahre, die ich hier verlebt.

Mein Vater kam von Süden. Schmerzlos hat er sich zur Zeit einer großen Revolution losgemacht von den Bergen seiner Heimat und ist in die weite Welt gezogen. Damals gab es noch keine anderen Wege zum Reisen als die Rücken der Eisberge. Auf denen rutschte mein Ahne gegen Norden und ließ sich droben am »Roßkopf« seßhaft nieder. Wie lange das schon her ist, kann ich mich nicht entsinnen, aber es ist schon lange, sehr lange her.

Von meiner Jugendzeit weiß ich nimmer viel. Sie liegt mir zu weit ab. Nur das weiß ich, daß ich mich eines Tages, als es mir nicht mehr ganz geheuer schien, weil in der Nacht die Erde zitterte und bebte, von der Seite meines Vaters losmachte, hurtig durchs verödete Land herabsprang und hier mein Standquartier aufschlug.

Es war noch rings um mich ziemlich wüst und leer. Bäume gab es noch keine; die Palmen und Zedern der Vor-Welt lagen im Staube der Erde; die Eiszeit hatte sie und fast alles Lebendige begraben. In den Sümpfen, welche die Revolution geschaffen, stampfte hungrig der Mammut umher, und auf den Wassern lebte einsam der Singschwan.

In meiner Nähe in einer Schlucht lag eine riesige Fischeidechse. Sie war so lang wie ein Tannenbaum und hatte sich aus der Revolution, die ihr Geschlecht begrub und das meinige schuf, gerettet. Aber welch ein Dasein führte dies unglückliche Wesen!

Es fehlte ihr das warme Wasser. Eisig ging die Quelle, die den Berg herabkam, über ihren Riesenleib. Schrecklich schlug sie wochenlang um sich in ihren Todeswindungen. Ich sehe ihre von Qual verdrehten, jammervollen Blicke heute noch. Sie peitschte im Todeskampf mit ihrem Schwanz so mächtig die Ränder der Schlucht, daß sie zusammenstürzten und das letzte Tier der Vorwelt begruben.

Ich sah ruhig und ohne jede Gemütsbewegung ihrem qualvollen Sterben zu, und als sie begraben war, dachte ich: Gottlob, daß ich kein lebendes Geschöpf der untergegangenen Welt gewesen bin. Das war keine Kleinigkeit, bis diese Riesin ihr Dasein vollendet hatte!

Die Jahrhunderte gingen weiter, während ich still und zufrieden in meiner Einsamkeit saß, – über mir untertags die kühle Sonne und nachts die ewig stummen Sterne. Stürme tobten übers öde Land, und Regenschauer strömten vom Himmel. Ich blieb stets gleichen Mutes, denn – und das gehört zu meiner Größe – mir kann kein Element etwas anhaben.

Die Sonne wurde mit der Zeit wärmer; es wuchsen Bäume in Gruppen, und den Boden bedeckten nach und nach Moose und Flechten. Es war Steppenland rings um mich, und dies Land belebte sich mit der Zeit.

Das Elentier kam, der Höhlenbär, der weiße Fuchs, das Wildpferd, der Luchs, der Alpenhase, das Murmeltier. Sie alle freuten sich des Lebens.

Anfangs dachte ich: Das ist eine fidele, possierliche Gesellschaft! Die Bären und Füchse gruben sich Höhlen, die Murmeltiere Gänge und alle sprangen lustig aus und ein. Die Elentiere weideten und hüpften auf dem grünen Rasen. Ich hätte sie beneiden können, wenn Neid mir nicht absolut fern läge. Unsereins kennt weder Tugend noch Laster, und neidlos schaute ich drum auf der Ankömmlinge glückliches Leben und Treiben.

Ich sollte aber bald eines andern belehrt werden. Die Bären bekamen Junge, und da sah ich eines Tages, wie ein Bärenvater ein Elentier anfiel und ihm den Hals aufriß. Ich hörte das arme Tier stöhnen vor Schmerz. Als es tot war, schleppte es der blutdürstige Mörder vor seine Höhle, wo jung und alt sich gütlich tat am Fleisch und Blut der getöteten Unschuld, die eben noch friedlich vor meinen Augen geweidet hatte.

Das ist ein wüstes Gesindel, sagte ich mir jetzt, diese Bärenviecher. Sie töten und verzehren ihre Mitgeschöpfe. So was kommt bei unserm Geschlechte nicht vor. Friedlich lebt eins neben dem andern, und wenn wir bisweilen beim Springen die Köpfe aneinander stoßen, so geschieht es ohne jede Absicht und nur, weil man nicht anders kann.

Dabei hat unsere glückliche Natur dafür gesorgt, daß es keinem von uns wehe tut, wenn wir noch so derb aneinander geraten.

Aehnlich wie dem Elentier machte es der Bär den Murmeltieren und den Alpenhasen, welch letzteren auch die Füchse das gleiche Los bereiteten. Aber das war nur ein kleiner Anfang meiner Erfahrungen. Es wurde wärmer und wärmer im Lauf der Jahre, und in meiner Nachbarschaft ward es immer lebendiger.

Aus der Erde krochen Würmer; Ameisen wimmelten auf ihr; an den Gräsern zogen Insekten aller Art auf und ab; Mücken summten, und Käfer schwirrten.

Auf den Bäumen ließen sich Vögel nieder: Tauben girrten, Drosseln sangen, Kuckucke riefen, Raben krächzten, Falken und Habichte schrieen.

Es war mir zuerst, wenn unsereiner so sagen darf, eine Freude, diesem Leben, Kriechen, Summen, Fliegen und Singen zuhören zu können.

Aber welche Enttäuschung! Was mußte ich sehen! Krieg und Kampf und Mord und Leid und Schmerz allüberall bei diesen lebenden Wesen. Die Ameisen fielen über die armen, stummen Würmer her und peinigten sie zu tot. Auch die Insekten, die friedlich an den Pflanzen auf- und abkrochen, wurden von Käfern und Ameisen verzehrt. An diese Mörder machten sich dann die kleinen Vögel. Diese selbst wurden, jämmerlich schreiend, von den großen abgewürgt. Während diese aber daran waren, ihre Beute zu verschlingen, schlich sie der Fuchs oder der Luchs an und machte ihnen den Garaus. So ging es fort, Tag für Tag und Nacht für Nacht. Das war ein Aechzen und Stöhnen und Wimmern und Sterben, daß es einem die Seele hätte durchschneiden können, wenn unsereiner von Gemütsleiden nicht absolut frei wäre!

Das ist mir ein schönes Leben, das durch ewiges Morden anderer Leben erkauft wird. Und was ist das Springen, Laufen, Zirpen, Pfeifen und Singen wert, wenn man keinen Augenblick davor sicher ist, daß ein anderes Mitwesen über einen herfällt und einen abtut! So sprach ich oft zu mir und war herzlich froh, kein solch laufendes, singendes, springendes und elendiglich sterbendes Geschöpf zu sein.

Bei diesen Tiermorden lernte ich ein merkwürdiges Gesetz kennen, das nämlich, daß die Größern und Größten immer die Kleinern und Kleinsten umbringen und daß die Großen am ungestraftesten Unrecht begehen können, trotzdem sie die Gewalttätigsten und Blutdürstigsten sind. –

Was im Frühjahr und Sommer nicht durch seine lieben Nächsten zugrunde ging und nicht sein Leben lassen mußte, um andern das Leben zu fristen, das töteten der Winter und der Frost durch millionenhafte Massenmorde in der Insektenwelt.

Unsereinem schadet eine Winternacht mit 29 Grad Kälte so wenig als ein anbrechender Sommermorgen, Mir ist es immer gleich wohl zu allen Jahreszeiten und bei jedem Wetter.

Mich greift ferner kein Bär an und kein Wolf; ich bin gefeit gegen jeden Angriff auch der grimmigsten Tiere. Keines haßt mich, alle lieben mich. Der Fuchs ruht sich aus auf meinen Schultern, die Ameise kriecht mir friedlich durchs Haar, und der Vogel singt in gefahrlosen Stunden fröhlich sein Lied auf meiner Nase.

Von allen seinen Mitgeschöpfen geliebt, von keinem gehaßt zu sein, ist gewiß auch kein Unglück.

Ich will nun, ehe ich dir weiter beweise, daß ich allein der Glückliche bin in dieses Waldes Dunkel, eine Pause machen. Ich bin das Sprechen nicht gewohnt und habe es heute zum erstenmal probiert. Müde bin ich zwar nicht; dieses Gebreste kenne ich so wenig als irgend ein anderes. Allein ich hab' für heute genug, und du könntest dich erkälten; der Abendwind geht kühl durch die Bäume.

Also Fortsetzung, wenn du wieder kommst. Es wird dir mit dem Gesagten schon eine Ahnung aufdämmern, daß du heute mit einem Glücklichen verkehrt hast. Es kommt aber noch besser. Zeige dich nur bald wieder in meiner Nähe.

2

Am folgenden Tage trat Regenwetter ein. Ich, der Schreiber, kam nicht in den Wald und mußte eine Woche lang warten, bis es wieder trocken war in seinen Gründen.

Als ich nach reichlich acht Tagen wieder unter meine Tannen mich setzte, hub mein glücklicher Freund alsbald an zu spötteln: Weiß, wohl, warum du nicht gekommen. Hast gefürchtet, einen Schnupfen zu holen in meiner Nähe, und ein Schnupfen ist schon ein halbes Unglück für viele Herren der Schöpfung. Unsereiner lacht ob solcherlei Kleinigkeiten. Und während euch tausendfach die Krankheit heimsucht, ist er kerngesund; und wenn alles, was lebt und schwebt, die Pest kriegt und an Cholera stirbt – unsereinem tut das so wenig als ein warmer Windhauch.

Doch setze dich jetzt, alter Seufzer und Kränkler, ich will dir weiter von meinem Glück reden, will's aber ganz kurz machen für heute, denn der Waldboden ist doch noch zu feucht für dich.

Ich habe dir das letztemal erzählt, daß ich mit keinem Tiere, weder groß noch klein, tauschen möchte; denn sie alle sind unglücklich, während ich glücklich bin, weil bewahrt vor all ihrem Leid und Schmerz.

Aber nicht bloß die Tiere, auch was sonst noch lebt in meiner Nähe, kann nicht, wie ich, von Glück sagen.

Als ich hierherkam, wuchsen mit den Jahren rechts und links von mir zwei Birken. Sie sind schon lange, lange tot, von Sturm und Alter gebrochen und verendet. Die Tannen, die du zu meinen Seiten siehst, sind schon die fünfzigste Generation, die neben mir wuchs, groß ward und starb. Ich aber bin der Gleiche geblieben, gleich frisch, gleich gesund und gleich jung, wie an dem Tage, da ich mich hier niederließ.

Und was hat ein Waldbaum alles mitzumachen! So lang er jung ist, nehmen ihm andere, größere das Licht, dem er zustrebt. Hat er sich bis zu diesem durchgerungen, so muß er mit den Stürmen kämpfen, die ihn zu brechen drohen; er muß, wenn die Donner rollen, die Blitze fürchten, die ihn spalten wollen; er muß es dulden, wenn schädliche Käfer an ihm nagen und ihm langsam den Tod bringen.

Ich für meine Person danke für das Vergnügen, ein Baum zu sein und, groß geworden, den Aether des Himmels zu küssen. Dies kurze Glück ist mit Sorgen erkauft, die unsereiner nicht kennt.

Und wenn ich die Blumen und die Gräser betrachte, die unter den Bäumen aus der Erde sprießen, grünen und blühen, so erfaßt mich wahrlich auch kein Neid.

Kaum freut sich das Gras seiner üppigsten Lebenszeit, so kommen die Tiere des Waldes und verzehren es samt seinem Leben. Und die Blumen haben kaum einige Tage das Licht der Welt erblickt, so müssen sie ihre Kelche neigen und sterben.

Im Sommer gehen sie oft qualvoll an Durst zugrunde, und im Herbst tötet sie der Frost.

Und was nützt es dem schönen Blümlein, wenn Schmetterlinge kosend es umflattern und Bienen schmeichelnd es umsummen? Sie wollen es ja nur küssen, die Falschen, um ihm seinen zartesten Schmelz und sein, süßes Herz zu stehlen und dann für immer von ihm zu scheiden und es allein sterben zu lassen.

Nein, nein, ich möcht' fürwahr keine Blume sein!

Wo immer ich hinschau', ist Sterben und Vergänglichkeit. Siehst du jenes Sonnenlicht, wie es im Laube und im Moose spielt? Es lebt und bringt Leben. Doch bald kommt die Nacht, und es muß sterben. Ich aber bin Tag und Nacht der Gleiche, und Licht und Finsternis können mir weder Freud, noch Leid bringen.

Fühlst du den weichen Hauch des Abendwinds, wie er sanft und leise alles küßt auf seinem Weg, wie ein junger Friedensgott?

Es erhebt sich ein Sturm und der packt den stillen Zephyr, verschlingt ihn und jagt mit ihm hinaus ins weite Luftmeer. Er ist dahin und kommt als solcher nimmermehr.

Und hörst du das Büchlein dort drüben schluchzen? Im Frühjahr, wenn der Schnee schmilzt, da rauscht es stolz an mir vorüber, hinaus in die weite Welt, heute hat es nur noch Tränen; denn es ist am Sterben. Die heiße Sonne ist sein Totengräber.

Ich sehe es dir an, du gibst mir mehr und mehr recht und schaust achtungsvoll mich an, mich, dem der Schöpfer so wenig und doch so viel gegeben hat, daß er weder mit den Tieren des Waldes, noch mit den Vögeln des Himmels, weder mit den zum Lichte ringenden Bäumen, noch mit den duftenden Blumen, weder mit dem lichten Sonnenstäubchen, noch mit den leisen Zephyren und mit den rollenden Bächlein tauschen möchte. Sie alle, alle müssen leiden und sterben, ich aber nicht.

Du wirst sicher noch mehr und erst recht an mein Glück glauben, wenn ich dir Vergleiche bringe zwischen mir und euch Menschen. Doch das gibt ein langes Kapitel für unsere nächste Zusammenkunft. Ich schließe drum heute und rufe dir zu: »Auf Wiedersehen, Unglücklicher erster Klasse!«

3

Ich ging am folgenden Abend etwas früher in den Wald. Der alte Kerl hatte mir Achtung eingeflößt mit seinen Darlegungen. Ich mußte ihm Punkt für Punkt Beifall geben.

Ich war nun begierig, zu hören, wie er die Menschen taxieren und wie er sich und seine Lage ihnen gegenüber verteidigen würde.

Im Walde herrschte tiefes Schweigen. Kein Vögelein rührte sich in den Bäumen. Drüben auf der Wiese am Waldrand stand ein Reh und statt zu äsen, horchte es auf.

Die Tiere mochten ahnen, daß einer im Begriffe stehe, mit ihren Herrschern und Tyrannen ins Gericht zu gehen. Drum schwiegen sie, um kein Wort zu verlieren, wenn der Alte im grünen Röcklein seinen Spruch täte.

Dieser sah heute aus wie einer, der einen Freudentag hat, den ihm niemand trüben kann.

Ich hab' schon den ganzen Nachmittag – so hub er an – nach der Türe in der Mauer gespäht, ob deine lange, schwarze Gestalt nicht durch sie herauskäme; denn ich kann's nicht erwarten, bis ich dir dargetan habe, daß ich hienieden das glücklichste aller Geschöpfe bin und, was Glück betrifft, euch Menschen und Herren der Schöpfung ebenso hoch überrage, als ich in der Reihe der irdischen Wesen tief unter euch stehe.

Also höre mich an, und so dir, wenn ich zu Ende bin, etwas nicht paßt oder du eine Einwendung zu machen hast, so tue es ungeniert. Ich kann alles ertragen, ohne mich aufzuregen, und werde dir keine Antwort schuldig bleiben, denn ich hab' in meinem langen Leben was gelernt.

Ich habe namentlich auch die Menschen aller Zeiten kennen gelernt. Ich sah noch vor meinen Augen wandeln, leben und sterben die Männlein und Weiblein der Eiszeit. Es mögen wohl 5000 Jahre vergangen sein, seitdem sie eines schönen, kalten Tages in dieser Gegend erschienen und ihre Zelte aufschlugen auf dem Hügel, der heute die Karthause trägt.

In Renntierfelle gehüllt, humpelten sie daher, klein, blaß, hohlwangig und schwermütig. Man sah es ihnen auf den ersten Blick an, daß es ihnen nicht ums Lachen sei in ihrem Dasein. Sie kämpften einen schweren Kampf um ihr armseliges Leben. Kälte und Schnee, Stürme und Unwetter verfolgten sie, und mit Mühe und Gefahr suchten sie ihre tägliche Nahrung. Aber wo und in was? Im Morde der Tiere.

Als die Menschen kamen, ging das Sterbenmüssen unter den Tieren erst recht an. Hatte ich bisher nur gesehen, wie die Tiere einander, das Größere das Kleinere, auffraßen, so sah ich jetzt, wie der Mensch über alle Tiere herfiel, sie mit Lanze und Bogen tötete und über jedes Meister ward. Der Mammut, der Bär, das Elentier, der Wisent, der Ur fielen seiner List zum Opfer so gut wie der Alpenhase, die Gemse, der Polarfuchs und wie die Schneehühner, Ammern, Drosseln, Auerhähne, Enten und Schwäne.

Jetzt kam die Vergeltung auch über die größern, grausamern Tiere, die bisher ungestraft ihre Mitgeschöpfe gemordet. Der Mensch fällte nun auch sie selber.

Und alle, alle verzehrte er, wenn auch nicht roh, wie die Raubtiere es taten, sondern gebraten; denn er brachte das Feuer mit. Von ihm lernte ich dieses gewaltige Element kennen, erfuhr aber zugleich auch, daß selbst diese Kraft, die sonst alles verzehrt, mir nichts anhaben kann. Manchmal brieten die Eiszeitmännlein ihre Beute ganz in meiner Nähe. Die Flammen schlugen an mir hinauf, aber ebenso wirkungslos wie ein Windhauch. Ich war stolz darauf, daß selbst die Feuerflammen mein Wohlbehagen nicht zu stören imstande sind.

Was Haare und was Federn trug unter den Tieren – alles, alles tötete der Mensch, dieser Massenmörder, den ich ob seiner Grausamkeit verachtete. Es ist ja wahr, daß er sein Leben in dem damaligen kalten Klima, in dem nur Moose, Flechten, Fichten, Führen, Birken und Weiden gediehen, nicht anders fristen konnte, denn als Jäger.

Aber ich frage: Ist ein Geschöpf glücklich zu nennen, das sich nähren muß mit dem Blute und Leben seiner Mitgeschöpfe, die es unter Martern getötet?

Und was für ein hartes Leben führten sie trotzdem! Wie beschwerlich war die Jagd und wie gefährlich zugleich. Ich sah mehr denn einen von ihnen von Bären zerfleischt werden und unter Qualen sterben.

Wie mühsam mußten sie ihre Waffen und Werkzeuge herstellen aus Stein und Knochen! Wie litten sie unter der Kälte! Während des langen Winters krochen sie in Höhlen, wo der Rauch ihres Herdfeuers sie fast erstickte.

Ihr einziges Vergnügen, in freien Stunden mit Steinen die Knochen der getöteten Tiere aufzuschlagen und das Mark daraus zu saugen, war ein ekelerregendes.

Während ich bei allen Tieren beliebt war, fürchteten diese bald den Menschen wie das Feuer. Wo immer er sich blicken ließ, flohen sie entsetzt vor ihm davon. Sie kannten ihren größten Feind.

Noch die arme, verfolgte Tierwelt fand einen Rächer am Tod, der grausam mit den armen Menschen umging. Ich hörte sie in ihren Zelten und aus ihren Höhlen oft stöhnen in den Schmerzen des Todes. Und wenn die Lebenden dann weinend und jammernd hinter der Leiche des Toten dahinschritten, um ihn drunten im Tal ins Moor zu begraben, da hätte mich Mitleid mit ihnen erfassen können, wenn Mitleid nicht wehe täte und ich nicht frei wäre von jedem, auch dem geringsten Wehe. Oft aber sagte ich mir: Die Geschöpfe, so man Menschen nennt, müssen doch am meisten unglücklich sein: denn bei keinem andern Wesen, als bei ihnen, sehe ich Tränen.

Daß unsereiner, tränenlos und sorgenlos, glücklicher sich fühlte als die Menschen der Eiszeit, würdest du mir gewiß glauben, auch wenn ich es nicht sagte.

Ich sah sie auch langsam aussterben. Das Klima tötete sie. Der Tod war für diese melancholischen, freudelosen, frierenden Menschen eine Erlösung. Viele der Tiere, die sie gejagt, folgten ihnen im Tode für immer nach, so der Mammut und das Elentier.

Ich weiß nicht, wie lange ich wieder in meiner Einöde lebte, bis andere deines Geschlechtes kamen.

Eis und Schnee wichen mehr und mehr. Nur der Feldberg war bald allein noch ein Gletscher. Die Waldbäume, die bisher nur vereinzelt da gestanden, verdichteten sich durch neue Sorten zu Wäldern, und in den Tälern wuchs Gras statt Moos und Flechten.

Auch neue Tiere kamen, wie das Reh, der Hirsch, das Wildschwein.

Endlich rückten auch wieder Menschen an. Sie standen eine Stufe höher als die früheren. Sie trieben Ackerbau und Viehzucht und bauten Häuser. Aber das Glück brachten sie auch nicht mit. Im Gegenteil: während ihre Vorgänger ihr ödes Dasein friedlich unter sich verbrachten, sah ich jetzt, wie oft um des Eigentums willen ein Stamm über den andern herfiel, ihn plünderte, ihn verjagte und seine Hütten zerstörte. Dabei ging es nie ohne Tötung ab.

Bisher hatten die Menschen ihre Waffen nur gebraucht, um Tiere zu morden; jetzt kehrten sie ihre Lanzen und Pfeile auch gegen sich selbst.

Ist das nicht ein jammervolles, elendes Geschlecht, das sich selber mordet? Bären, Füchse, Luchse und andere wilde Tiere ziehen nicht herdenweise gegen sich selber zu Feld, wohl aber die Menschen. Dabei erfuhr ich noch eine schreckliche Untat, zu der nur der Mensch fähig ist. In meiner Nähe hatte sich eine Familie niedergelassen. Eines Tages war der Stammvater, ein alter, noch kraftvoller Bauer der jüngern Steinzeit, auf die Jagd gezogen. Als er am Abend heimkam, fand er die Seinen alle erschlagen, seine Hütte verbrannt und seine Herden weggetrieben.

In der Wut des Schmerzes und der Verzweiflung stieß er sich seinen hörnernen Dolch in die Brust und tötete sich selber. So was sah ich bei Tieren nie!

Wie namenlos unglücklich muß ein Geschöpf sein, das so was tut! Und jener Urbauer war nicht der einzige, den ich so enden sah.

Und ihr Menschen, von denen keiner sicher ist, daß er im Wahn oder in der Verzweiflung Aehnliches tut, wagt es, das Wort Glück auch nur noch im Munde zu führen? –

Du kannst von der Karthause aus das Dorf Kirchzarten sehen. Es ist der erste Ort, den die Kelten, welche die Menschen der jüngern Steinzeit ablösten, erbauten und ihm den Namen Tarodunum gaben, d. i. Burg des Taro.

Dieser Taro war ein Häuptling, den ich noch wohl kannte. Er hatte seine Sommerresidenz ganz in meiner Nähe, auf dem spätern Karthäuserberg, und ging oft in diesem Walde spazieren. Er war ein grausamer Mann und behandelte seine Untergebenen wie die Hunde. Er ließ sie schlagen und peitschen und töten nach der Willkür seiner Laune und verkaufte sie an andere Häuptlinge um schnödes Geld, wo sie als Söldner dienen und andere Stämme bekriegen mußten.

Ich lernte da kennen, was ihr Menschen euch alles gefallen lassen müßt von euren Herren, die von eurem Schweiß leben und noch dazu gar oft euer Blut vergießen.

Unsereins ist sein absolut eigner Herr, Freiherr von Gottes Gnaden. Bei uns kennt man keine Könige und keine Knechte, keiner befiehlt dem andern, und keiner dient dem andern. Alle sind wahrhaft frei und darum glücklich.

Aber auch jener Taro war kein glücklicher Mann und fand seinen verdienten Lohn. Eines Tages erstürmte ein fremder Häuptling seine Burg und erschlug ihn.

Bei den Kelten lernte ich wieder etwas ganz Neues kennen, ein Ding, das man auch wieder nur bei euch Menschen findet, die Religion.

Ich sah die Priester der Kelten, die Druiden, Altäre errichten und Opfer darbringen und hörte alles Volk flehentlich zum Himmel rufen.

Sie adelt euch, die Religion: aber, ehrlich gesagt, mir kam, so oft ich die armen Menschen so zu ihren Göttern flehen und rufen hörte, der Gedanke: Was müssen diese Geschöpfe an Schuld und Unglück zu tragen haben, daß es ihnen nicht genügt, ihre Tränen zur Erde fallen zu lassen; sie müssen auch nach einer andern Welt rufen um Gnade und Kraft und Hilfe!

Unsereiner, frei von Schuld und Sühne, frei von Leid und Schmerz, braucht keine Götter, die sich seiner erbarmen und ihm helfen sollen. Er dankt seinem Schöpfer durch sein stilles Glück in dem unscheinbaren Dasein, in das er ihn gerufen. - – –

Während der Alte so redete und ich, der Karthäuser, gespannt ihm zuhörte, war ein Gewitter vom Feldberg her ins Dreisamtal gezogen. Die Blitze zuckten und die Donner rollten und die ersten schweren Regentropfen fielen.

Da es bekanntlich gefährlich ist, bei Gewittern unter Bäume zu sitzen, und schwachnervige Leute, wie ich, ohnedies ängstlich sind, so wurde ich unruhig und bat den greisen Erzähler, seine Schilderung noch einmal zu unterbrechen und mich zu entlassen.

Dein Wunsch sei dir gewährt, so antwortete er. Ihr Menschen seid ja nirgends eures Lebens sicher und überall von Unglück bedroht, während unsereiner nichts, auch den Blitz nicht zu fürchten hat, weil er der einzigen Sorte von Geschöpfen angehört, die laut singen können: Kein Unglück schlägt uns je darnieder!

Also eile, um dem Gewitter aus dem Weg zu kommen. Ich will, wenn du an einem andern Tag wiederkommst, mein Lied vom Glück der Menschheit weiter und zu Ende singen.

4

Zwei Nachmittage später kam ich wieder in den Wald. Der Alte sprach: Laß uns gleich ans Werk gehen, damit ich meinen Spruch vollende. Es ist schwül heute und abermals könnte ein Wetter dich vertreiben, ehe ich euer Unglück und mein Glück zu Ende geschildert.

Die Kelten, so ich im Dreisamtale kennen lernte, waren ein fleißiges, aber ein streit- und händelsüchtiges Volk. Ich war drum nicht sehr unglücklich, als eines Tages einige Horden deutscher Nation und alemannischen Stammes über sie herfielen, sie von Hab und Gut vertrieben, in die Berge hinausjagten und sich im Tale und in meiner Nachbarschaft niederließen. Das Glück brachten diese Deutschen aber auch nicht mit – Krieg, Sorge, Not und Tod hörte auch bei ihnen nicht auf.

Was ich sowohl bei den Kelten als bei den ihnen nachrückenden Alemannen und bis herauf in deine Tage an menschlichem Elend sah, hatte noch eine besondere Eigenheit. Es ging denen, die in Mühe und Arbeit ihr Leben verbrachten, jeweils am schlechtesten. Nicht nur, daß die Elemente, Wasser, Blitz, Hagel, Kälte, Hitze, sie oft um den Lohn ihrer sauren Arbeit brachten: nicht nur, daß sie die ärmlichste Lebensweise führten, sie waren auch vielfach unfrei, leibeigen, wurden von ihren Herren beraubt, geschunden und geplagt, und wenn diese Herren unter sich Krieg und Fehde führten, mußten die Bauern es büßen, Ihre Hütten wurden niedergebrannt, ihre Ernte verwüstet, ihr Leben bedroht.

Eines Tages – vor mehr denn tausend Jahren – kam nun ein Mann und predigte den armen Bäuerlein im Dreisamtale den Glauben an einen gekreuzigten Gott. Auf dem Hügel, der jetzt die Karthause trägt, hörten sie dem Glaubensboten zu und ich auch. Der Prediger trug in der Linken das Bild des Gekreuzigten, und mit der Rechten begleitete er seine Worte vom Heil im Kreuze und von einem bessern, jenseitigen Leben.

Das scheint mir die einzig richtige Religion für euch Menschen, die christliche mit ihrem gekreuzigten Gotte. Das Kreuz ist das echte Sinnbild eures Lebens, das mehr oder weniger für jeden eine Kreuzigung ist.

Darum hörten die Bedrückten und die Enterbten so gerne die frohe Botschaft, die ihnen vorzugsweise galt, die Botschaft von einem andern, bessern, glücklichern, ewigen Leben.

Die Leiden gingen zwar nach wie vor durch die unglückliche Menschheit, aber jene Botschaft gab Mut und Kraft und Trost, das Unglück leichter zu tragen.

Gottesfrieden predigten die Glaubensboten und Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, aber das war umsonst. Nach wie vor sah ich die einen Menschen rauben und plündern und kämpfen und die andern beraubt und geplündert und besiegt und mißhandelt werden.

Ich sah in jenen Zeiten die alemannischen Herzöge, die Zähringer, in diesem Walde jagen. Es waren mächtige Herren, aber keine glücklichen Leute. Sie verbrachten ihr Leben in Kämpfen und Sorgen um ihren Besitz, doch den Tod konnte all ihre Macht nicht aufhalten. Er rief sie unerbittlich bis zum Letzten aus ihren herrlichen Besitztümern ab.

Ihre Erben, die Grafen von Freiburg, waren leichtlebige Leute, aber das Glück floh auch sie. Schulden und der Streit mit ihrer Bürgerschaft vertrieben sie aus ihrer schönen Burg in meiner Nähe, und bald ging auch ihr Geschlecht zu Grabe.

Zu ihrer Zeit bauten die Bürger der Stadt das wunderbare Gotteshaus, Münster genannt. Ich hörte sie während des Baues oft davon erzählen, wenn sie im Walde Holz holten. Aber was hat sie angetrieben, der Gottheit solch ein hohes Wunderwerk zu errichten? Antwort: Die Not und der Tod und das Elend dieses Lebens und der Glaube an ein besseres, ewiges Dasein. Also nicht das irdische Glück, sondern das Gegenteil davon hat die Menschen jener Tage bewogen, so großartig den Herrn der Ewigkeit zu ehren. –

Da, es mag seitdem ein halb Jahrtausend vorübergegangen sein, kamen die Kalthäuser-Mönche in meine Waldeinsamkeit. Ich sah und hörte sie beten und singen und schweigen und sterben. Aber auch bei ihnen fand ich das Glück nicht. Ich hörte manch einen von ihnen im Walde seufzen und stöhnen im Kampfe gegen Welt und Fleisch, und auf den Stirnen aller, die schweigsam umherwandelten, konnte ich den Ernst, aber nicht das Glück ihres Lebens lesen.

Später erlebte ich es, daß selbst in diesen Gottesfrieden Hader und Zwietracht einkehrten, und lernte erkennen, daß ihr arme Sterbliche hienieden nirgends Glück und Ruhe findet, nicht einmal in den Klöstern. –

In den ersten Jahrhunderten des Karthäuser-Klosters kam oft auch aus der Stadt herauf eine Sorte Menschen, die ich vorher nie gekannt. Es waren Gelehrte, Professuren, Denker, die mit den Mönchen im Wald auf- und abwandelten und – disputierten.

Ich ersah hierbei, was das Denken für euch Menschen ein Unglück ist. Wie mühten sich diese gelehrten Leute ab, das Woher und Wozu aller Dinge zu erklären, und wie erhitzten sie sich, über religiöse Spitzfindigkeiten, ohne zu einer Gewißheit und Uebereinstimmung zu kommen! Und wie bleich und abgehärmt von ihrem vielen Denken sahen diese Männer aus!

Ich war angesichts dieser Wasserträgerei in Sieben ordentlich froh, vom Denken nicht geplagt zu sein und noch keine Sekunde meines langen Lebens mich gefragt zu haben, was mein Anfang war und welches mein Ende sein wird.

Ich glaube, daß ein höheres Wesen mich geschaffen hat, und damit begnüge ich mich, umsomehr, als die Zufriedenheit mit meinem Lose nichts zu wünschen übrig laßt.

Mit diesem meinem Glauben stehe ich weit über vielen eurer Gelehrten, die nicht so viel glauben, wie ich, und mit meiner Zufriedenheit hoch über euch Menschen allen, die ihr solche Zufriedenheit gar nicht kennt. –

Die alten Karthäuser sind längst zu Grabe gegangen und neue sind eingezogen mit dir; aber ihr seid alle nur neue Zeugen dafür, daß euch Menschen das Glück flieht. Du bist ein Kläger und Jammerer ersten Ranges, und die armen Leute, die neben dir in der Karthause wohnen, hat das Elend und die Not und das Alter – also sicher nicht ihr Lebensglück hierhergebracht, wo sie unter allerlei Bresten und unter täglichen Seufzern auf den Tod warten.

So sehe ich seit vielen Jahrtausenden rings um mich nur dem Tod Geweihte, Leidende, Sterbende, mögen sie nun Pflanzen, Bäume, Tiere oder Menschen heißen.

Und wenn an Sommer-Sonntagen auch hunderte aus der Stadt kommen und jubeln und jauchzen durch den Wald hin, so geschieht es lediglich, um die Sorgen, Mühen und Arbeiten, die während der Woche auf diesen Spaziergängern liegen, zu vergessen und zu übertäuben.

Von Glück ist – das weih ich alter Menschenkenner nur zu gut – bei allen diesen scheinbar fröhlichen Sonntagskindern keine Rede. Und ihr Jauchzen zur Sommerszeit bestärkt mich in meinem Glück ebenso sehr, wie die harte Arbeit der armen Holzmacher, die zur Winterszeit im Walde frieren und seufzen.

Wie viele belauschte ich schon hier, wenn sie an sonnigen Tagen in meiner Nähe saßen und ausruhten oder Waldblumen suchten. Sie sprachen meist von Lenz und Liebe und von seliger, goldener Zeit. Und wenige Jahrzehnte später hinkten sie, alt geworden, an Sonntagen durch den Wald und seufzten über die Sorgen des Lebens und über die Bresten des Alters. Oder es kam nur eines von beiden, weil das andere nach langer Pein der Tod geholt, und das Ueberlebende schaute voll Schmerz in die Gründe, auf denen einst beide im Frühling des Lebens und der Liebe Blumen geholt.

Und wenn ich gar das alles erzählen wollte, was ich von dir selber gehört über euer Glück, es gäbe allein ein ganzes Buch. Wie oft hab' ich euch belauscht, wenn du mit einem deiner wenigen Freunde, die dich in der Karthause besucht, hier unter den Tannen saßest und ihr über euer Menschtum redetet. Die Armseligkeit eures Lebens, seine Flüchtigkeit und seine Leiden und Schmerzen waren der Hauptgegenstand eures Gesprächs.

Nur bei einer Sorte von Menschen sprachst du von Glück und Seligkeit. Nu nanntest diese Sorte die Knechtseligen, die nach oben wedeln und kriechen. Aber dies müssen erst recht armselige Tröpfe sein; denn du redetest immer mit Verachtung von ihnen als von Menschen, die den Hunden Konkurrenz machten.

Ich brauchte dir eigentlich gar keine Rede zu halten darüber, daß ich glücklicher bin als ihr. Ich tue es auch nur um derer willen, die da so dumm und so unvernünftig und so gedankenlos sind und meinen, euer Leben sei schön und glücklich.

Ich könnte dir für diese noch vieles sagen über mein einzig Glück und über meiner Mitgeschöpfe Leid; aber ich denke, du hast genug gehört von mir, um andern was von einem wahrhaft Glücklichen erzählen zu können. Am Schlusse meines langen Redens rufe ich drum allen meines Geschlechts, groß und klein, zu: Freuet euch eures Daseins! Ihr steht auf der untersten Stufe der geschaffenen Wesen, aber auf der glücklichsten.

Wo immer Geist und Leben sich zeigt in den Geschöpfen, da sind auch unzertrennlich damit verbunden Leiden und Tod. Und je höher ein geaschaffnes Wesen hienieden steht, um so höher steigt sein Schmerz und sein Leid. Und da der Mensch auf Erden das geistig bevorzugteste Wesen ist, sucht auch ihn am meisten heim des Lebens Pein.

Der allein richtige Wahlspruch für ihn heißt: Leiden und dann Sterben.

In diesen zwei Worten liegt die ganze Geschichte des Menschengeschlechtes. Das einzige Glück dabei ist, daß euer Leben so kurz und so flüchtig ist und ihr es bald überstanden habt. Wer Tod ist so eigentlich euer bester Freund, obwohl er euch meist schrecklich plagt und peinigt, bis er euer Leben besiegt hat. –

Wie kurzlebig seid ihr, wie bald seid ihr vergessen und wie zerstört die Zeit all' eure Werke! Wenn ihr eure Namen, euer Andenken, euren Ruhm erhalten und verlängern wollt, müßt ihr sie unsereinem anvertrauen. Mein Geschlecht ist es, dem ihr es verdankt, wenn die Nachwelt noch etwas sieht und erfährt von der Vorwelt.

Und wir, die wir kein einziges eurer Leiden teilen, euch aber um Jahrtausende überleben und euch und eure Werke der Vergessenheit entreißen, wir sollten nicht glücklicher sein als ihr?

Ich schließe und sage: Bei mir und bei meinem Geschlechte allein wohnt hienieden das Glück und der Sieg über Not und Tod und Vergänglichkeit. – Ich hab' dir, alter Kalthäuser, nun gesagt, was ich längst auf dem Herzen habe; wenn du etwas über mein Glück einzuwenden hast, so bringe es vor. Ich werde dir die Antwort nicht schuldig bleiben. –

Also endigte der Alte im grünen Röcklein.

Ich aber, der Kalthäuser, sonst nicht redefaul, wußte nicht recht, was ich dem glücklichen Geschöpfe widerlegen sollte. Und doch wäre es für einen vom Herrschergeschlecht der Schöpfung eine Schande gewesen, dem scharfen Maul des Vorredners gar nichts zu entgegnen.

Ich sagte ihm also ziemlich kleinlaut: »Du hast in vielem, ja fast in allem recht, was du von deinem Glück und von der andern Geschöpfe Unglück behauptest, aber eines muß ich dir doch sagen. Die Menschen stehen weit über dir durch ihre Gotteserkenntnis und durch ihre Berufung zu einem ewigen Glück in einem andern, bessern Leben.«

»Und dann stehst du weit unter ihnen, denn du kennst und weißt nicht, was Freude, was Liebe, was Tugend heißt – Eigenschaften, die den Menschen groß und glücklich machen.«

Also sprach ich, der Karthäuser. Der im grünen Röcklein aber war gleich bei der Hand mit der Antwort. Ueber seine Züge ging's wie ein Hohnlächeln, und dann führte er mich ab mit den folgenden Sätzen: »Ich muß lachen über deine vermeintlichen Vorzüge des Menschen, wenn ich bedenke, was ihr damit machet. Es ist wahr, eure Vernunft lehrt euch, Gott zu erkennen. Aber die einen von euch benützen diese Vernunft, um Gott zu leugnen und ihn aus der Schöpfung hinauszuwerfen. Es ist in der neuesten Zeit mehr denn ein solcher Gottesleugner durch diesen Wald gegangen und hat mit einem Gleichgesinnten diese Leugnung besprochen.«

»Die andern, zu denen auch du gehörst, glauben und erkennen Gott, aber wie viele von euch tun und leben nach dieser Erkenntnis? Unter zehn Millionen ist nicht ein Heiliger!«

»Im großen und ganzen seid ihr Menschen Gott gegenüber alle, deutsch gesagt, Lumpen, indem ihr sein Dasein entweder leugnet, oder ihm nicht gebt, was ihr ihm schuldig seid.«

»Was das ewige Leben betrifft, zu dem Gott euch berufen, so verhält es sich damit ähnlich wie mit eurer Gotteserkenntnis. Ihr seid berufen, aber wer von euch folgt ernstlich dieser Berufung?«

»Allsonntäglich höre ich von weitem die Kapläne von St, Martin drunten in der Klosterkapelle predigen, daß ihr Menschen zu wenig oder gar nichts tätet fürs ewige Leben.«

»Und so war es schon vor drei und vier Jahrhunderten, als die Professoren der Universität noch zu den Kalthäusern kamen und mit ihnen über die Religion sprachen. Damals schon hörte ich sie davon sprechen, daß die meisten Menschen, weil sie ihren himmlischen Beruf vernachlässigten, ewig verloren gingen, d. h. statt ewigen Glückes ewige Pein zu erwarten hätten. Wenn dem so ist, dann danke ich für euren Vorzug mir gegenüber, der ich stets glücklich und euch Eintagsfliegen gegenüber unsterblich bin.«

»Auch um eure Freuden beneide ich euch nicht. Sie sind die seltenen Tropfen Honig im großen Essigfaß eures Lebens. Ihr freut euch, so lange ihr jung seid und des Lebens Not nicht fühlt; aber diese Freude müßt ihr später teuer bezahlen, und es bleibt euch von ihr nur die schmerzliche Erinnerung.«

»Und erst euer Lieben! Die wahre, die göttliche Liebe, sie kennt und übt ihr nicht. Die höhere, menschliche Liebe ist gleichbedeutend mit Leiden. Lieben heißt leiden. so hast du einmal in meiner Gegenwart in ein Buch geschrieben.«

»Die ordinäre, sinnliche Liebe, die ist erst recht euer Unglück. Der sinnliche Liebesgott ist der Gott alles Unheils in eurem Leben.«

»Wie viele unglücklich Liebende sah ich schon durch diesen Wald gehen! Und erst im vergangenen Frühjahr hat sich ganz in meiner Nähe ein junger Mann getötet. In seiner Rocktasche fand man einen Zettel, der besagte, er habe sich das Leben genommen aus unglücklicher Liebe,«

»Also geh' mir mit eurer Liebe und ihrem Glück!«

»Und was endlich eure Tugend anbelangt, so habe ich zwar in meinem langen Leben eure Laster: Eigennutz, Grausamkeit, Stolz, Sinnlichkeit, Lüge, Ungerechtigkeit, Heuchelei, Neid, Bosheit und wie sie alle heißen, kennen gelernt, Tugenden aber blutwenig. Du weißt von dir selber, wie wenig ihr Menschen der Tugend euch rühmen dürfet, und du hast hier mit Freunden mehr denn einmal von Leuten gesprochen, die sich der Tugend und Frömmigkeit rühmen, in Wirklichkeit aber keinen Kreuzer wert und eher heuchlerische Schufte als Tugendhelden sind.«

»Die einzige Tugend, die euch in aller Not helfen könnte, die Geduld, die habt ihr am wenigsten, ich aber im Ueberfluß. Ich lasse auf und über mich seit Jahrtausenden Regen und Sturm, Blitz und Hagel ergehen, ohne je auch nur eine Sekunde kleinmütig zu werden.«

»Also mit all euern Vorzügen ist es nichts, weil sie entweder in Wirklichkeit keine sind oder weil ihr sie nur mißbraucht und sie euch mehr zum Verderben als zum Heile gereichen.«

»Drum werdet ihr – wenn einst, wie schon die ersten christlichen Glaubensboten hier predigten, euer und mein Gott kommen wird, die Welt zu richten – jammern und wehklagen und in Angst und Trübsal vergehen. Unsereiner aber wird in jenen Tagen, da die Welt in Stücke geht, zu denjenigen gehören, welche furchtlos und schmerzlos von ihren Ruinen betroffen werden. Und ich werde sicher auferstehen in schönerer Gestalt und glänzen als Edelstein. Denn wenn der Herr, wie ich früher schon oft von den Mönchen habe sagen hören, nach dem Weltuntergang alles neu und herrlich schafft, wird er auch uns, seine bravsten Geschöpfe, nicht vergessen.«

»Willst du mir jetzt bald zugestehen, daß ich glücklich bin, allein glücklich unter allen denen, die um mich leben und sind?« –

Der Karthäuser war besiegt. Er erhob sich, eine Träne des Neides in seinen Augen, schritt hinüber zu dem Alten, klopfte ihm auf seine grüne Schulter und sprach: »Du hast in alleweg recht. Du bist glücklich, weil ohne Sorge, ohne Mühe, ohne Schmerz und ohne Tränen, ohne Liebe und ohne Leiden. Ich bitte dich, sei fortan mein Freund, denn du hast mich gelehrt, mich und mein Geschlecht selbst zu erkennen, und mich gemahnt, entweder mein Leben und meine Berufung besser zu benutzen oder dich zu beneiden um dein Los.«

Es ging auf meine Worte hin über das Antlitz des Alten etwas wie tiefes Mitleid. Er blickte mich wehmutsvoll an und sprach noch einmal: »Höre auf zu reden, armes Menschenkind, sonst ergreift mich Schmerzlosen ein Weh, weil ihr, die höchsten Geschöpfe, so unglücklich euch fühlet, daß, ihr mich beneiden müßt.« –

Meine Tränen träufelten auf den Alten herab. Ich schied. Er hatte mich verstanden, der Glückliche, und das war für mich Grund genug, zu weinen. –

Und nun, lieber Leser und Mitmensch, wenn du es bisher noch nicht gemerkt, wirst du jetzt fragen: »Wer ist denn dieser glückliche Alte?«

Der Glückliche, dessen Leben und Lebensanschauung, dessen Lehren und Mahnungen ich dir kurz hier vorgeführt. ist kein anderer, als ein mit Moos bedeckter – Granitfelsen. Der Glückliche ist ein – Stein.

Daß aber auch die Steine uns predigen können und predigen sollen, hat schon unser Herr Jesus Christus, die ewige Wahrheit, gesagt.

Nimm, lieber Leser, die Steinpredigt zu Herzen, und da dir hienieden das Glück des Steines nicht beschieden ist, so suche mit allem Ernste das ewige, viel höhere Glück, zu dem du berufen bist. Und wenn dereinst ein neuer Himmel und eine neue Erde erschaffen sein werden und dann dich und mich mein alter, glücklicher, unverwüstlicher Wald-Freund wiedersehen sollte in der neuen, bessern Welt, im Lande der Seligen, dann wird er uns zurufen: »Jetzt seid ihr die Glücklichen!«