Mysis

I.

Auf dem Wege zur »Abendschule« erlebte ich heute ein seltsames Abenteuer, das ich meinem Tagebuche noch in später Nachtstunde anvertraue: – – Heute ist Freitag, der Tag, an dem wir uns, wie der freundliche Leser vielleicht aus früheren Erzählungen weiß, in der Regel in den Abendstunden fern vom Getriebe der Weltstadt bei einem frischen Trunke zu versammeln pflegen – sieben an der Zahl.

Auf dem Wege dahin hatte ich das sonderbare Erlebnis. Auf meiner Wanderung an der Peripherie Berlins angelangt, drehte ich mich nach alter Gewohnheit um, den Blick auf die unzähligen Lichter zu genießen, die aus den schon abendlich erleuchteten Fenstern der Häuser, den schnurgeraden Reihen der Straßenlaternen und dem bunten Heer der Signal- und Richtungslaternen von den Geleisen der Stadt- und Ringbahn herübergrüßten.

– – Als ich mich wieder zum Gehen wandte, sah ich plötzlich etwas Unerklärliches: vor mir, mitten auf dem Wege, erstrahlte ein geheimnisvolles Licht!

Es schwebte frei in der Luft, ja, es wechselte seinen Ort, launisch hin und her hüpfend. Seine Farbe erschien grünlich-weiß.

Im ersten Augenblick dachte ich an das bekannte St. Elmsfeuer, das bei hoher elektrischer Spannung der Atmosphäre an hochragenden Gegenständen erscheint. Dann verwarf ich diesen Gedanken, weil mir der seltsam grünliche Ton des Lichts den magischen Glanz des Radiums in die Erinnerung zurückrief, das uns Dr. Mathieu, einer unserer »Abendschüler« einst gezeigt. Dagegen sprach aber seine Größe, wie seine Form, die beim Näherkommen bestimmte Umrisse zeigte. Immer mehr verdichtete sich der diffus leuchtende Schimmer – und nun schwebte es vor mir wie eine Gestalt, eine zierliche, ätherische Menschengestalt!

Ein wunderliches Gefühl, aus Neugier und Grauen gemischt, überfiel mich. So sehr mich die erste trieb, näher zu kommen, so sehr hielt mich letzteres zurück.

»Ein Irrlicht!« dieser Gedanke gab mir plötzlich neuen Antrieb. War auch in der Nähe kein sumpfiges Terrain, so umgaben doch Wiesen den Weg. Mein wissenschaftliches Interesse siegte über meine natürliche Scheu; rasch trat ich auf die rätselhafte Erscheinung zu.

Und da verschwand sie, wie wenn ein Licht erlischt!

Ich stand, wie genarrt, auf demselben Flecke still in der Erwartung, das seltsame Phänomen wieder auftauchen zu sehen. –

Vergebens!

Alles schien nur ein Spiel meiner Sinne gewesen zu sein! – Halb lachend, halb ärgerlich, machte ich mich endlich auf den Weg. Mit einer kleinen Verspätung, die mir einen vorwurfsvollen Blick Fennmüllers zuzog, langte ich in der »Abendschule« an und fand die Mitglieder vollzählig beisammen: den alten Herrn Oberlehrer und seine beiden Töchter, den Großhändler Deckers, den Rentier Fennmüller, Doktor Mathieu – und auch Herr Sandter, unser freundlicher Wirt, saß mit in der Runde.

Erst wollte ich mich mit irgend einer banalen Ausrede entschuldigen, daß ich später kam – ich dachte an Freund Fennmüllers spöttisches Lächeln, als ich damals Adam Perennius, den Zeitgenossen Friedrichs des Großen, mit in die Abendschule gebracht hatte; aber dann erzählte ich ehrlich den Grund meines Späterkommens.

Fennmüller lachte natürlich – aber, wann hätte der einmal nicht gelacht! Die beiden Damen neckten mich mit meinem »Irrlicht«, das wahrscheinlich Fleisch und Blut gehabt und nach der neuesten Mode gekleidet gewesen sei. – Doktor Mathieu berichtete von einer interessanten Wahrnehmung, die Professor Miethe vor einiger Zeit auf einer Ferienreise gemacht – es handelte sich um eine erste, wissenschaftlich einwandfreie Beobachtung eines Irrlichts – und der Oberlehrer erzählte eine gruselige Geschichte von einem Spuk im Moor aus seiner ostpreußischen Heimat, schließlich erinnerte Großhändler Deckers an Reichenbach und sein »Odlicht«.

»Und von dem violetten Heiligenscheine des seligen Reichenbach bis zum modernen Spiritismus ist ja nur noch ein kleines Schrittchen!« spottete Fennmüller – »seien Sie doch wenigstens modern in Ihren Erzählungen und sagen Sie, Sie hätten den Astralleib irgendeines Mediums gesehen auf seiner geheimnisvollen Wanderung!«

»Spotten Sie nur, Herr Fennmüller,« entgegnete ich. »Ich bin gewiß der letzte, der spiritistischen Anschauungen huldigt; aber ich muß doch sagen, was ich gesehen habe, und noch kann ich nicht glauben, daß mir meine sonst so zuverlässigen Sinne einen Streich gespielt haben.«

»Und doch wird es sich dabei wohl um eine subjektive Täuschung handeln,« sagte Doktor Mathieu in seiner ruhig-überzeugenden Weise – » apropos, haben Sie genaueres an dem Phänomen beobachten können?«

»Ich kann nur sagen, daß es mir wie eine sehr zierliche Menschenfigur erschien; genaueres vermag ich nicht anzugeben, dazu war ich leider noch zu weit entfernt.

Aber eine Vorstellung von der Erscheinung können sich die Herrschaften doch machen, wenn sie an die Radiumtänzerin denken, die wir vor einiger Zeit hier im »Wintergartentheater« gesehen haben. Ihre Gewänder waren mit selbstleuchtenden Radiumsalzen getränkt und strahlten im Dunkeln ein magisches Licht aus.«

»Sie sah wunderbar aus – überirdisch – geisterhaft!« riefen die Damen dazwischen.

»Nun – so war der Eindruck des heutigen Abends für mich« – –

»Vielleicht war es die Dame aus dem »Wintergarten«, scherzte Fennmüller, »vielleicht – –«

»Vielleicht! Vielleicht!« unterbrach ich ihn lachend. »Mit all Ihren ›Vielleichts‹ laß ich mir meine Begegnung von vorhin nicht abstreiten, Herr Fennmüller! – Ich wünschte nur, Sie wären dabei gewesen, daß ich Sie ungläubigsten aller Thomasse als Augenzeugen hier aufrufen könnte.« –

»Den Gefallen würde ich Ihnen vielleicht doch nicht tun – auch dann nicht!« erwiderte Fennmüller, »eher würde ich die Zuverlässigkeit meiner Augen bezweifeln. Es ist doch sonderbar, daß sich solche Wunder immer nur Ihnen bemerkbar machen, Ihnen, mein Verehrter, dessen Phantasie immer auf Abwegen wandelt! Ich bin überzeugt: einem nüchternen »Normalmenschen« wird so etwas nicht pass– –«

Er verstummte – mitten im Wort.

Wir alle blickten ihn an. Er saß wie versteinert. Auf seinem Gesichte wechselten Röte und Blässe.

Wir riefen ihn an. Großhändler Deckers, der ihm zunächst saß, rüttelte ihn. Die beiden Damen kamen angstvoll hinzu. –

Endlich wich die Erstarrung aus seinen Zügen.

»Was war denn mit dir, Paule?« fragte der Oberlehrer besorgt.

»Ich – habe – soeben – auch –- eine Erscheinung gehabt!« – sagte er, sich zu einem schwachen Lächeln zwingend.

»Du – Fennmüller?« Deckers lachte ihm ungläubig ins Gesicht.

»Ja, Ludwig – ich! Zwar keine sichtbare – aber eine fühlbare!«

»Aber – Fennmüller – ?«

»Im Ernst! – Ich habe das Gefühl gehabt, als ob mich jemand am linken Ohrläppchen zupfte.« –

Wir mußten nun doch alle lachen; aber Fennmüller sprach weiter:

»Ja – bestimmt! – und da ich weiß, daß keiner der verehrten Anwesenden sich diesen Scherz mit mir erlaubt hat –«

»War es auch keine Sinnestäuschung, Herr Fennmüller?« fragte Doktor Mathieu.

»Nein, mein verehrtester Herr Doktor! Es ist zwar schon lange her, daß ich zum letzten Male aus der Erfahrung dies Gefühl kennen gelernt habe – damals, als ich noch mit dem A-B-C im Zwiespalt lag; wird es gewesen sein – aber eine Selbsttäuschung ist für mich ausgeschlossen. Es muß also ein – unsichtbarer Gast gewesen sein!«

»Das wäre!« rief der Herr Oberlehrer – »die Abendschule als spiritistische Séance – mit einem entmaterialisierten Medium als geheimnisvollem Gast? Herr Wirt, das bringt Ihr Lokal in Verruf! Halten Sie Ihr Haus rein!«

Wir waren alle aufgesprungen; nur Großhändler Deckers blieb sitzen und zitierte aus »Faust«:

»Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel,
Wir sind so klug, und dennoch spukt's in Tegel.«

Sandter schaltete auf einmal alle Glühlampen ein. – Einen Augenblick war es mir, als sähe ich an der Wand des Lokals einen flüchtigen Schatten, – aber es war doch wohl eine unter der Erregung entstandene Selbsttäuschung.

»Da – dort!« rief Fennmüller.

»Wo – was?«

»An der Tür dort!«

»Was denn?«

»Die Klinke! – Sehen Sie doch! Sie bewegt sich von selbst!«

»Es kommt wohl noch ein Gast – Hans vielleicht – ?«

Hans war der Sohn des Oberlehrers, Studiosus der Philologie.

Die Tür ging auf – soweit, daß ein Mensch hindurchgehen konnte - aber niemand kam herein!

»Ein Zufall!« sagte Doktor Mathieu. »Die Tür war schlecht eingeklinkt – vielleicht ein Windstoß.« –-

Ich eilte nach der Tür – ebenso unser Wirt.

Aber wir konnten nichts entdecken.

Und so kam es, daß unsere kleine Gesellschaft sich bald wieder beruhigte. Zwar ließ sich Fennmüller sein Abenteuer nun auch nicht ausreden; aber wir übrigen waren doch alle mehr oder minder geneigt, die Vorgänge des heutigen Abends auf subjektive Täuschungen oder harmlose Zufälligkeiten zurückzuführen.

Deckers erzählte schließlich noch die Geschichte von dem wunderbaren Vogelnest aus den Simplizianischen Schriften von Grimmelshausen, das die merkwürdige Eigenschaft besaß, seinen Eigentümer unsichtbar zu machen.

»Ja,« meinte dazu Doktor Mathieu, »der brave Christoph von Grimmelshausen hatte vor reichlich zwei Jahrhunderten leichtes Spiel mit den Gebilden seiner Phantasie: die Leichtgläubigkeit und Wundersucht seiner Zeitgenossen, die sich im Behexen, im Verzaubern und Unverwundbarmachen, im Bereiten von Lebenselixieren und Goldtinkturen und allerlei alchimistischem Hokuspokus nicht genug tun konnte, kam seiner Fabulierkunst auf halbem Wege entgegen! Aber der heutige Erzähler muß mit der naturwissenschaftlichen Bildung und dem nüchternen Skeptizismus seiner Leser rechnen, wenn er dergleichen Ungewöhnliches zu berichten wagt.«

»Das Unsichtbarmachen eines körperlichen Wesens ist wohl schlechthin unmöglich!« warf der Oberlehrer ein.

»Ja – und nein!« antwortete Doktor Mathieu. »Fragen wir einmal positiv: wann wird uns ein Gegenstand sichtbar? Er wird es, wenn er eigenes oder reflektiertes Licht in unser Auge zu senden vermag. Dazu gehört aber noch eine Bedingung, die das Nein in meiner Antwort rechtfertigt; der von diesem Licht auf die Retina unseres Auges ausgeübte Reiz muß eine bestimmte Dauer haben, um die Enden unseres Sehnerven in Schwingungen versetzen zu können; zu kurze Lichteindrücke wirken nicht auf unser Auge, bleiben also für uns unsichtbar.«

»Wie die Flügel eines tätigen Ventilators oder ein fliegendes Geschoß,« warf der Oberlehrer ein.

»Ja, und es wird den verehrten Herrschaften gewiß interessant sein, daß ein kleines Insekt der Tropen, um sich seinen Verfolgern unsichtbar zu machen, dasselbe Prinzip befolgt. Es schwirrt, auf demselben Punkte bleibend, so rasend schnell mit den Flügeln, daß sein ganzer Körper unsichtbar wird.«

»Das wäre also der Weg,« meinte ich lächelnd, »auf dem man sich heutzutage noch unsichtbar machen könnte!«

»Denken Sie bis zur nächsten Abendschulsitzung fleißig darüber nach,« sagte Fennmüller launig, »vielleicht treffen Sie auch den Mann mit dem Vogelnest oder gar den kühnen Recken Siegfried, der Ihnen seine Tarnkappe im heutigen nüchternen Zeitalter billig überläßt. – Aber das bitte ich mir aus, daß Sie es uns hübsch vorher sagen, wenn Sie unsichtbar geworden sind! Erschrecken Sie uns nicht!«

»Soll geschehen, Herr Fennmüller!«

»Und wählen Sie, bitte, ein anderes Mittel, sich bemerkbar zu machen; Ohrenzupfen macht nervös.«

Wir lachten nun alle wieder, und unter Lachen und Scherzen standen wir alle auf und machten uns auf den Heimweg…

II.

Von diesem Abend an begann für mich eine Zeit der Wunder! –

Es war, als ob Heinzelmännchen in meinem Heim ihr wunderliches Wesen trieben seit meiner Heimkehr – oder, als ob die Dinge um mich ein selbständiges Leben erhalten hätten!

Es war mir, als ob die spiritistischen Phänomene, die ich bisher mit der Tätigkeit des menschlichen Unterbewußtseins zu erklären versucht hatte, es darauf anfingen, mich zu bekehren. Auf Schritt und Tritt stieß ich auf unerklärliche Vorkommnisse: leblose Dinge veränderten ihren Ort, aufgeschlagene Bücher blätterten sich selbsttätig um, auf meinen Löschblättern entdeckte ich den Abdruck seltsamer Schriftzeichen.

Doch tue ich vielleicht am besten, aus meinem Tagebuche ein paar Auszüge herzusetzen:

12. August. Heute fand ich ein Buch – es war »Experimentelle Untersuchung von Gasen von M. W. Travers« – das ich am Morgen geschlossen auf meinen Arbeitstisch gelegt hatte, aufgeschlagen – auf dem Fensterbrett.

14. August. Wenn mich unsichtbare Gestalten umgeben, so müssen sie doch noch nicht ganz allem Körperlichen abgestorben sein: ein Körbchen mit Kirschen, die ich gezählt hatte, verringerte seine Anzahl seit gestern, ohne daß ich einen sichtbaren Eingriff bemerken kann.

15. August. Heute endlich gelang es mir, einen Vorgang direkt zu beobachten, der mir Gewißheit gibt, es mit einem körperlichen, wenn auch für meine Augen unter gewöhnlichen Umständen nicht sichtbaren Wesen zu tun zu haben. – Ermüdet von meiner Berufsarbeit, hatte ich mich am Nachmittage ein wenig in die Sofaecke zum Schlummer gedrückt. Die Rouleaux waren zugezogen. Das Körbchen mit Kirschen stand auf dem Büfett drüben an der Wand, mir gegenüber. Mein Schlaf ist sehr leise, und irgend ein leichtes Geräusch muß mich munter gemacht haben; ich blieb aber in meiner bequemen Lage. Durch die halbgeöffneten Finger der aufgestützten Hand sah ich plötzlich etwas Absonderliches: eine Kirsche auf der Fruchtschale wurde beweglich und wanderte über den Rand der Schale nach unten in das Halbdunkel des Zimmers; eine zweite, eine dritte folgte. Mit großer Willenskraft gelang es mir, äußerlich unbeweglich zu bleiben. Ich strengte meine Augen aufs äußerste an, das Halbdunkel des Raumes zu durchdringen – aber ich sah nichts!

Vom Fenster fiel ein feiner Spalt des Sonnenlichts ins Zimmer. Beim Hin- und Herwandern trafen meine Blicke auch die gegenüberliegende Wand – – und da war es mit meiner Selbstbeherrschung vorbei!

Der schmale Sonnenstreifen hätte sich – wie ich aus täglicher Beobachtung wußte, an dieser Wand hell abzeichnen müssen, – aber die Wand war dunkel, so, als wenn ein undurchsichtiger Körper ihmim Wege stünde! Und nun entdeckte ich auch, scheinbar mitten im leeren Raume stehend, den flimmernden Sonnenstreif!

Ich sprang auf und haschte mit der Hand in der Luft umher – ich tastete in alle Ecken des Zimmers, riß die Vorhänge zurück – –

Vergebens!

Einen Moment war es mir, als ich die Rouleaux zurückzog, als ob ein leichter Schatten vorbeihuschte, von einem flatternden Geräusche begleitet –

Aber – ich fand nichts und lachte mich schließlich selber aus…

16. August. Heute besuchte ich meinen Freund Justus Starck, den bekannten Entdecker unserer »Feinde im Weltall«, dessen wunderbar empfindliche Apparate uns die ersten Nachrichten über die Bewohner anderer Planeten gegeben haben. Seine damals dem Reichskanzler gemachten Enthüllungen über unsere extramundanen Gegner sind dem Leser ja bekannt. – Ich erzählte ihm meine wunderlichen Erlebnisse. Aufmerksam und schweigend, in der ihm eigenen Weise die klugen Augen fest auf mich gerichtet, hörte Justus mir zu.

Als ich geendet, spielte er mit einem goldenen Bleistifte an seiner Uhrkette und – schwieg noch immer. Seine Augen wanderten wie abwesend im Zimmer umher und zum Fenster hinaus.

»Nun?« fragte ich ungeduldig, »du sagst ja gar nichts, Justus? Ist dir die ganze Geschichte nicht interessant genug?«

Justus sah mit einem rätselhaften Blicke an mir vorbei, gerade so, als wenn er neben oder hinter mir jemand sähe. Dies unerklärliche Hinstarren irritierte mich schließlich so, daß ich mich umdrehte und hinter mich blickte.

»Was in aller Welt hast du denn? Was suchen denn deine Blicke? So sprich doch ein Wort! Oder hältst du mich auch, wie Fennmüller neulich, für einen Phantasten?«

»Lieber Freund,« sagte Justus, »ich fürchte, du würdest mich für einen noch größeren Phantasten halten, wenn ich dir heut schon meine Meinung über all diese seltsamen Vorkommnisse sagen würde. – Es liegt in der Natur der Sache, wenn ich seit der Feststellung der Tatsache, daß unsere schöne Erde das Ziel für die Eroberungsgelüste fremder Planetenbewohner geworden ist, immer zuerst an derartige außerirdische Eingriffe denke, falls, wie hier, unerklärliche Dinge vorliegen. – Mehr möchte ich für heut' nicht sagen, um dich nicht unnötig zu beunruhigen – und« er lächelte geheimnisvoll – »auch aus einem andern Grunde nicht!«

Es war nichts weiter aus ihm herauszubringen. Und so verabschiedete ich mich von ihm, mit einem letzten forschenden Blick in sein nachdenkliches Gesicht.

Schon war ich halb aus der Tür, als er mich mit einem halb unterdrückten Aufschrei zurückrief.

»Nun?« –

Er zog mich dicht zu sich heran und preßte seinen Mund fest an mein Ohr.

»Mein neues Modell des verbesserten Kohärers? – Es ist doch noch –«

»– sicher und wohlgeborgen in meinem Besitz – unter deinem Sicherheitsschloß!«

»Schön –« erwiderte Justus, »es wäre auch für mich –«

»Beruhige dich – oder noch besser – komm und überzeuge dich selbst!«

Damit schied ich von ihm …

Abends 11 Uhr.

Ich bin doch noch einmal aus dem Bett geklettert; Justus' Sorge um sein neues Kohärermodell ließ mich nicht schlafen. Er hat diesen neuesten Empfangsapparat für drahtlose Telegraphie vorläufig nur in zwei Exemplaren hergestellt, von denen er mir das eine für alle Fälle zur Aufbewahrung anvertraut hat. Vielleicht hält er seine Erfindung bei mir für sicherer vor unberufenen Händen als – anderswo.

Ich habe mein Spind aufgeschlossen, in dessen einem Fach, in einer angeschraubten stählernen Kassette, sich das kleine Wunderwerk befindet. Denn ein Wunderwerk muß man es nennen in seiner Empfindlichkeit auch für die allerkleinsten Hertzschen Wellen, eine Empfindlichkeit, die den ganzen umständlichen Empfangsapparat von Drähten und Stangen usw. völlig überflüssig macht – mit seiner Aufnahmefähigkeit für Ätherschwingungen, die kaum noch tausendmal größer sind als die Lichtwellen. – Die Kassette habe ich nicht geöffnet – ich wollte jetzt – mitten in der Nacht – den Geheimmechanismus des Sicherheitsschlosses nicht in Betrieb setzen – ich dachte auch an das unsichtbare Geheimnis, das mich zu umgeben scheint. Aber die Kontrollstreifen, welche über die Ränder der Kassette geklebt sind, waren unverletzt.

Justus kann also ruhig schlafen – und ich will es auch tun! …

17. August, morgens.

Einen verrückten Traum habe ich gehabt! Aber das kommt davon, wenn man sich so spät in der Nacht noch allerlei unnütze Gedanken macht; denn – alles in allem –- ist mein kurioser Traum nur die Fortsetzung der Gedankenreihe von gestern abend, wenn auch das im Traume ohne Kontrolle arbeitende Gehirn die einmal geknüpften Fäden bunt genug versponnen hat. Ich will ihn aber doch aufschreiben; also:

Mir war, als stünde ich noch immer vor der eisernen Kassette, die Justus' Apparat verbirgt.

Plötzlich hörte ich eine Stimme, ein Stimmchen, so fein und doch so melodisch, wie eine Aeolsharfe! Ich bückte mich hernieder. –

»O, mach mich frei! O, mach mich frei!«

Anfangs glaubte ich – im Traum – an eine Täuschung meiner Sinne; aber zum dritten Male hörte ich jetzt ganz deutlich, leise, unsagbar rührend und klagend:

»O, mach mich frei!«

»Wo bist du?« fragte ich, neugierig und aufgeregt. –

»In der eisernen Kassette – gefangen – ach, so lange! – Eingesperrt!« –

»Wer hat dich eingesperrt?«

»Ich weiß es nicht!«

»Was bist du für ein wunderbares Wesen, wenn du in einer solchen Kassette Platz finden kannst?«

»Ich bin ein Luftweibchen!« sagte die feine Silberstimme, »o, mach mich frei! o, mach mich frei! Ich will dir auch immer dankbar sein!« –

Im Traum erschien mir das alles ganz plausibel, und ich beeilte mich, das komplizierte Kassettenschloß zu öffnen.

Auf der Vorderseite des stählernen Behälters befindet sich eine Reihe von Knöpfen, die man in bestimmter

Reihenfolge und in bestimmtem Rhythmus niederdrücken muß, so, als ob man eine Melodie spielt.

Das alles tat ich – wie ich träumte – ganz vorschriftsmäßig, und ich erinnere mich, daß ich dabei ordentlich neugierig wurde und Herzklopfen bekam, je näher der Moment des Öffnens kam.

Und nun sprang der Deckel auf!

Wahrhaftig! – Da entschwebte dem eisernen Grabe eine elfengleiche, zierliche Gestalt!

Und sie glich – dem »Irrlicht«, das ich auf dem Wege zur Abendschule gesehen!

»Hab' Dank!« hauchte sie und neigte sich zu mir hernieder.

Ich sah ein wundersam zartes, schneeigweiß schimmerndes Antlitz, in welchem strahlend zwei nachtschwarze Augen standen – in weichen Wellen umflutete mich ihr bläulich schimmerndes Haar.

Wie einen sanften Hauch fühlte ich ihren Kuß auf meiner heißen Stirn – und ein Duft wie von frischen Veilchen umfing mich.

Dann muß ich plötzlich erwacht sein! Verwundert schaute ich in dem dunklen Zimmer umher, und es dauerte eine ganze Weile, ehe ich Traum und Wirklichkeit unterscheiden konnte. Seltsamerweise glaubte ich noch immer einen Veilchengeruch im Zimmer wahrzunehmen.

Eine längere Zeit muß ich so im Hindämmern zwischen Traum und Wachen gelegen haben, dann bin ich doch wieder fest eingeschlafen – und erst der hellhereinbrechende Tag weckte mich wieder. Nun ruft meine Berufsarbeit; aber meinen kuriosen Traum habe ich, beim Morgenkaffee sitzend, doch noch aufgeschrieben.

Mittags.

Justus Starck hat mich besuchen wollen, wie mir der Portier erzählt; leider bin ich nicht zu Hause gewesen. Aber das Telegramm, das ich soeben erhielt, gibt mir den Zweck seines Kommens an, es lautet:

»Muß Apparat haben!«

Ich werde ihm also noch heute seinen so sorgsam gehüteten Schatz zurückbringen –

Es war furchtbar – geradezu furchtbar für mich!

Diese Entdeckung! Dieser unerklärliche, mir so schrecklich peinliche Vorfall! –

Der Apparat ist aus der Kassette verschwunden!

Die Kassette ist vorschriftsmäßig geöffnet worden; nirgends zeigt sich eine Spur von äußerer Gewalt!

Das neue, kostbare Kohärermodell, mit dem Justus Starck besser als bisher die uns feindlichen Vorgänge auf dem Nachbarplaneten und in den Höhen der Atmosphäre belauschen wollte – ist geraubt worden! –

In meiner Aufregung und Bestürzung bin ich zu Justus geeilt. Er las mir die Hiobsbotschaft vom Gesicht.

»Komm herein,« sagte er, den Arm um meine Schulter legend, »komm herein und erzähle!«

Er öffnete die Tür zu seinem Privatzimmer.

Und ich erzählte ihm alles – auch meinen sonderbaren Traum!

»Alles dies paßt zu meiner Kombination,« sagte er, als ich geendet, »und es fehlt vielleicht nur noch das allerletzte Glied in der Kette meiner Beweisführung. Höre zu.«

Und er führte aus, daß alle diese scheinbar unerklärlichen Vorkommnisse sich sofort zwanglos erklären lassen durch die Annahme eines Wesens, das sich unsichtbar zu machen versteht! – Und da dies nach dem heutigen Stand der Wissenschaft so gut wie unmöglich für einen Menschen ist, so folgert er gerade daraus, daß es ein Abgesandter eines andern Planeten ist, der in dieser schützenden Verhüllung sicher und bequem unsere irdischen Verhältnisse studieren kann und leicht überall Zutritt findet, wohin ihn seine Oberen zu senden für nützlich halten. Justus kombiniert sogar noch weiter und meint, meine Begegnung mit dem »Irrlicht« sei von langer Hand vorbereitet; da seine Kontrollapparate ihm jetzt mehr als sonst Meldungen über allerlei geheimnisvolle Vorgänge in den obersten Schichten unserer Atmosphäre machen, glaubt er, daß die feindlichen Planetenbewohner – man weiß immer noch nicht genau, woher sie stammen – jetzt mehr als je an der Arbeit sind. Solche unsichtbaren Pioniere würden sich vortrefflich dazu eignen, das Privatleben namentlich solcher Personen zu beobachten, die aus irgendeinem Grunde ihr Interesse erregt haben.

»Aber, Justus – erlaube!« unterbrach ich ihn an dieser Stelle, »dann würde es doch viel mehr im Interesse eines solchen »unsichtbaren« Detektivs liegen, völlig unsichtbar und unbemerkbar zu bleiben! Aber – ich habe das »Irrlicht« doch deutlich gesehen, und Fennmüllers Ohrenzupfen war doch wohl auch nicht bloße Einbildung?«

»Hast du mir nicht selbst erzählt, daß ihr alle euch gewisser spiritistischer Anwandlungen kaum erwehren konntet? – Wie? – Wenn auch dies nur ein »Trick« zur besseren Verhüllung der eigentlichen Zwecke gewesen wäre? In manchen Kreisen unserer heutigen Gesellschaft sind ja spiritistische Séancen sehr beliebt.«

»Und die rätselhafte Entwendung deines Apparates – und mein seltsames Traumabenteuer? – Willst du beides auch auf das Konto des Unsichtbaren setzen?«

»Gewiß! – Weißt du, wer die nach meinem Dafürhalten einbruchsichere Kassette geöffnet hat?«

»Wahrscheinlich also das unsichtbare Wesen, das in meinem Hause spukt?«

»Du selbst!«

»Ich?!«

»Ja, du!« –

»Ich? – Ja – im Traum – meinst du?«

»Nein – in der Hypnose! – Höre zu: Das betreffende Wesen, das in deinem Heim sich aufhält, wahrscheinlich mit viel besseren Seelenkenntnissen ausgerüstet als wir, hat – unsichtbar in stetem Zusammensein mit dir – deine Eigentümlichkeiten, deine Gemütsanlage studiert, wahrscheinlich manche deiner Notizen gelesen, hat dich während des Einschlafens hypnotisiert, deine Träume beeinflußt und dir die Vorstellung von dem eingesperrten Luftweibchen so lebendig suggeriert, daß du in der Traumhypnose wie ein Nachtwandler aufgestanden bist und die Kassette geöffnet hast – das weitere ist ein geschickt inszenierter Theatercoup des klug berechnenden Geschöpfes! – Die Tatsache bleibt, daß jenes Modell, das ich so sorgsam hüten wollte, verschwunden ist. Zwar besitze ich noch das andere, aber mit der Geheimhaltung ist es vorbei.«

»Und was willst du nun tun, Justus?« fragte ich.

»Abwarten – und arbeiten! Arbeiten, um, wenn möglich, ein nach vollkommeneres Modell eines Kohärers zu konstruieren.«

»Und – du zürnst mir nicht?«

»Aber, lieber Freund! – Kannst du dafür, wenn du träumst? Nach allem, was du mir erzählt, hätte ich wahrscheinlich dem gefangenen Luftweibchen auch den eisernen Kerker geöffnet! Wir bleiben die alten! Und – sobald dir oder mir wieder etwas Neues, Sonderbares vorkommt, geben wir uns ein Telegramm. – Adieu!«

Und so bin ich, nachdenklicher als je in mein Heim zurückgekehrt und habe aufmerksamer als je alle Winkel meiner Wohnung durchgestöbert, habe aber nichts Auffälliges bemerkt…

18. August, mittags.

Es wird immer rätselhafter! Heute früh noch schrieb ich an Justus, daß seit ein paar Tagen in meiner Wohnung all die kleinen Anzeichen zu fehlen scheinen, an denen ich das Vorhandensein eines unsichtbaren Mitbewohners bisher heimlich zu kontrollieren pflegte – und soeben erhalte ich von ihm folgendes Telegramm:

» Spiritus familiaris jetzt bei mir. Besuche mich bald!«

Justus.

Also spukt es jetzt bei Justus Starck. Gleich heute will ich ihn aufsuchen, ehe ich in die »Abendschule« gehe.

Abends sechs Uhr.

War bei Justus. Fand ihn wider Erwarten nicht in seiner Privatwohnung, sondern noch im Staatslaboratorium. Er empfing mich in alter, lieber Weise, wie immer. War eben im Begriff, nach Hause zu fahren.

»Begleite mich, bitte. Wir bleiben noch ein Stündchen zusammen. Zu rechter Zeit sollst du schon noch in deine »Abendschule« kommen, dafür laß mich sorgen. Ich weiß ja: heute ist Freitag!«

»Also es spukt jetzt bei dir, Justus?« fragte ich, als wir beide in seinem Elektromobil saßen.

»Ja,« erwiderte er, plötzlich sehr ernst werdend, »aber wir sind dabei, den Spuk zu bannen!«

Und nun entwickelte er mir seinen Plan, dem unerklärlichen, unsichtbaren Geheimnis, das zwischen seinen Apparaten seit einigen Tagen sein Wesen treibt, auf die Spur zu kommen – einen Plan, den ich den Blättern dieses Tagebuches lieber nicht anvertrauen möchte.

Aber eins weiß ich: Fennmüller wird staunen, wenn ich ihm heute abend all das Vorgefallene erzähle!

III.

Jedermann kennt eigentlich schon aus den Tagesblättern die Schlußszene dieser Erzählung:

»In der Nacht vom 18. zum 19. August cr. war das Kaiserliche Institut für Landesverteidigung der Schauplatz einer in ihren Einzelheiten noch nicht völlig aufgeklärten, geheimnisvollen Begebenheit. Mitten in der Nacht, zwischen l2 und 1 Uhr, wurde Direktor Starck plötzlich durch ein elektrisches Alarmsignal nach dem großen Laboratorium gerufen. Er war darauf vorbereitet und in wenigen Minuten an Ort und Stelle. Hier bot sich ihm und seinen Begleitern ein rätselhafter Anblick. Mitten unter der Kuppel des großen Saales, dicht neben dem Riesenfernsender, mit dem augenblicklich Versuche zur Übermittlung drahtloser Depeschen an Orientierungsballons in den verschiedensten Höhenschichten unserer Atmosphäre angestellt werden, lag ein rätselhaftes Geschöpf, wahrscheinlich bei der unvorsichtigen Berührung eines der dort aufgestellten Hochspannungsapparate von der elektrischen Entladung getroffen: ein – – weibliches Wesen, von zierlich-schlanker, sylphidenhafter Gestalt – der Körper, viel kleiner als der eines menschlichen Weibes im Durchschnitt, bekleidet von einem dicht anschließenden Gewande, das wie aus metallenem Gewebe angefertigt schien. Das Antlitz zeigte ein fast durchsichtiges Weiß, wie das einer Statue aus Alabaster. Dazu bildete das bläulich schimmernde Haar einen wundersamen Gegensatz. Die 3tirn, die Schläfen, Nase, Wangen, Mund und Kinn waren von so zierlicher, feiner Modellierung, daß unsere menschlichen Gesichter dagegen bäurisch-derb erschienen; ebenso feinnervig und zart geformt waren die überschlanken Hände, die merkwürdigerweise nur vier Finger an jeder Hand zeigten …

Sofort angestellte Wiederbelebungsversuche schienen nach langen Mühen endlich doch von Erfolg gekrönt zu sein – als plötzlich ein zweites, noch rätselhafteres Ereignis eintrat: Mit einem furchtbaren Krach stürzte das eine der mächtigen, hohen Bogenfenster an der linken Seitenwand des Saales zertrümmert herab – in der leeren Wölbung erschien schwebend ein fischartig geformtes Luftfahrzeug! Ehe sich die Anwesenden noch Rechenschaft von dieser neuen geheimnisvollen Erscheinung zu geben vermochten, wurden sie mit unwiderstehlicher Gewalt beiseite geschleudert – unsichtbare Hände ergriffen den am Boden liegenden Körper des wunderbaren Geschöpfes und trugen ihn hinweg – in das Luftschiff, das in der nächsten Sekunde wie ein riesenhaftes, unheimliches, schwarzes Luftungeheuer mit pfeifendem Zischen im Dunkel der Nacht verschwand.«

Soweit der Bericht der Tageszeitungen.

Aus eigenen Erlebnissen aber kann ich dem noch folgendes hinzusetzen: An dem Abend, welcher dieser ereignisreichen Nacht voranging, befand ich mich, nach meinem Besuche bei Justus Starck, wie oben angedeutet, in der Abendschule, im Kreise der lieben Menschen, die der Leser kennt. Zwar konnte ich Herrn Rentier Fennmüller noch nichts über mein Verfahren, mich unsichtbar zu machen, mitteilen; aber auch das wenige, was ich von meinen und meines Freundes Erlebnissen berichten durfte, erregte allseitiges, berechtigtes Interesse.

Wie aber wuchs unsere Aufregung, als uns der Fernsprecher mitten in der Nacht – wir wollten gerade zum Nachhausegehen aufbrechen – in das Kaiserliche Institut für Landesverteidigung rief! Durch Justus wußte ich, daß alle Apparate dort durch unterirdische Leitungen mit seiner Privatwohnung verbunden waren. Ja, auch das letzte äußerste Mittel, dem unsichtbaren Geheimnis auf die Spur zu kommen, hatte mir Justus verraten: die Taster der riesigen Funkspruchapparate, überhaupt alle im Kuppelsaale des Instituts aufgestellten Maschinen waren über Nacht stets der vollen Entladung eines Wechselstroms von 100 000 Volt ausgesetzt, sodaß ein den Apparat Berührender sich selbst in die Funkenbahn einschalten und den vernichtenden Schlag erhalten mußte.

Im Automobil des Großhändlers Deckers fuhren wir wenige Minuten nach dem Anruf ins Kaiserliche Institut.

Dort fanden wir – die Unsichtbare, endlich sichtbar geworden, nachdem der gewaltige Flammenbogen der elektrischen Entladung ihr rätselhaftes, unsichtbar machendes Zaubergewand zerstört hatte.

Was aber hatte sie über Nacht in dem Institute gewollt?

Auf dem Tische, vor dem wir sie fanden, stand – das verschwundene Kohärermodell, und Justus entdeckte bei genauerer Untersuchung, daß es völlig betriebsfertig für den Empfang drahtloser Telegramme montiert war! Er fand auch Anzeichen dafür, daß sie trotz der Signalleitungen einzelne seiner neuesten Apparate untersucht haben mußte, ja, einige Zeichen schienen auch dafür zu sprechen, daß sie die Unbrauchbarmachung besonders wichtiger und empfindlicher Teile versucht hatte.

Dabei hatte der elektrische Schlag sie getroffen!

Wir standen alle noch wie gelähmt unter den letzten Eindrücken. Die Existenz und die Überlegenheit unserer »Feinde im Weltall« hatte sich uns klugen Menschen mit furchtbarer Deutlichkeit enthüllt. Greifbar hatte es vor uns gelegen, das sichtbar gewordene Unsichtbare, ein weibliches Wesen aus der Heimat jener geheimnisvollen Planetenbewohner, die seit Jahren auf unserer Erde Fuß zu fassen versuchten! Nach verzweifelten Bemühungen war es uns doch gelungen, das Rätselgeschöpf wieder zum Leben zu erwecken, und ungeduldig harrten wir des Augenblicks, da es die Augen öffnen, da seine Lippen das erste Wort formen würden, das nicht auf dieser Menschenerde geboren war.

Und ich? Ich war vielleicht der Bestürzteste von allen! Denn dies leblos vor mir liegende Zauberwesen war – das »Irrlicht«, wie ich es im Wachen und im Traum – ach, und wie deutlich im Traum! vor mir gesehen. Justus hätte mich wegen meiner Charakterlosigkeit gewiß gescholten: ich vermochte dem schönen Rätsel nicht einmal zu zürnen, als es so, von unsern künstlichen Blitzen getroffen, am Boden lag. Vergessen war all das Spionieren in meinen vier Pfählen, vergessen der Traumbetrug samt der Entwendung des kostbaren Apparates – wie Mitleid regte sich's in meiner Seele. Und auch Deckers mußte etwas ähnliches fühlen, denn er sagte einmal ganz unvermittelt:

»Welcher Mut, welche Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung gehörte doch zu einem solchen Unterfangen! Welche begeisterte Hingabe an eine Idee mag in dem zierlichen Geschöpf gelebt haben!«

»Nun,« rief Justus Starck dazwischen, »denken wir zunächst an uns! Es ist ein glücklicher Zufall, daß die Elektrizität uns das Mittel gewiesen hat, diese neue, geheimnisvolle Waffe unserer fernen Feinde, das Unsichtbarmachen, unschädlich zu machen, wenn wir auch über das Material des unsichtbarmachenden Gewandes, nun die Unsichtbare uns mit Gewalt entführt worden ist, nichts wissen und wissen werden; denn die gewaltige Wechselstromentladung hat den wunderbaren Stoff völlig verflüchtigt.«

»Nicht völlig!« sagte da auf einmal Doktor Mathieu und trat näher an den Tisch heran, an welchem Justus stand.

»Ich stieß vorhin mit der Fußspitze an ein leichtes Hindernis auf dem Fußboden,« sprach er erklärend weiter, »ich richtete ganz mechanisch den Blick zu Boden, sah aber nichts. Aber beim nochmaligen Überschreiten derselben Stelle fühlte ich die gleiche elastische Berührung. Ich bückte mich danach und erfaßte es glücklich. Hier ist es!«

Dabei hielt er das fragliche Etwas gegen das Licht der Nernstlampe über dem Tische.

Wir sahen einen unregelmäßig begrenzten Schatten, wie von einem Kleiderfetzen.

Und nun legte Doktor Mathieu das fragliche Objekt auf die braunpolierte Tischplatte.

Und da verschwand es fast momentan für unsere Augen; nur mit gespanntester Aufmerksamkeit, geleitet von Doktor Mathieus Hand, fanden wir seine Konturen wieder!

»Schutzfärbung!« rief ich, aufs höchste überrascht aus, »wie bei Schmetterlingen und Heuschrecken! An dieses Mittel hat keiner gedacht!« »Ja, Schutzfärbung!« bestätigte Doktor Mathieu meine Vermutung, »aber von einer Anpassungsfähigkeit und Vollkommenheit, wie sie sich auf unserer Erde in ähnlicher Weise nur noch bei einer kleinen Krebsart im Atlantischen Ozean findet, einer kleinen Garneele – Mysis ist ihr wissenschaftlicher Name! – Sie vermag ihre Hautfärbung zum Zwecke des Unsichtbarwerdens der Farbe ihrer jeweiligen Umgebung sofort anzupassen, sieht auf dem dunklen Meeresgrunde schwärzlich aus, wird aber im hellen Sonnenscheine fast augenblicklich wasserheli durchsichtig, auf weißem Seesand weiß und für das Auge völlig ununterscheidbar, ja, sie durchläuft alle Farben, welche das Meerwasser mit der wechselnden Tageszeit und Beleuchtung annimmt, vom hellsten Rosenrot bis zum tiefsten Violett!« –

Schutzfärbung! Das war also das Geheimnis der Unsichtbaren gewesen! Gleich der Haut eines lebendigen Geschöpfes besaß der Stoff des sie verhüllenden Gewandes die Fähigkeit, sich momentan der Farbe seiner Umgebung anzupassen. Freilich mußte es die Trägerin dieses Gewandes verstanden haben, sich mit ihrem elfengleichen Körper allzugrellen Kontrasten der Beleuchtung zu entziehen. Das diffuse Licht unserer Wohnungen war ihr dabei wohl auch zu statten gekommen.

Noch vermochten wir alle es kaum zu glauben.

»Es will mir noch immer nicht in den Kopf, Herr Doktor!« sagte der Oberlehrer nach einer kleinen Pause, »ein toter Stoff soll diese wunderbare Anpassungsfähigkeit, ein solches fast künstlerisch gesteigertes Reaktionsvermögen auf so differenzierte Reize besitzen?«

Doktor Mathieu schwieg einen Augenblick; er hob den auf der braunen Tischplatte ganz unsichtbar gewordenen Stoffrest auf und legte ihn auf den Ärmel von Fennmüllers graublaumeliertem Überzieher.

In wenigen Sekunden verwandelte sich die im Moment des Auflegens noch braune Färbung in ein meliertes Graublau!

Und nun sagte er:

»Was hindert uns anzunehmen, daß es lebendige Organismen sind, welche in die Fasern des Stoffes eingebettet liegen?« Dann sich zu mir wendend: »Gerade die rätselhafte Phosphoreszenz, von der Sie uns an jenem ersten Abend erzählten, spricht für die Annahme solcher Mikroorganismen. Wer weiß, was jener uns feindliche Planet für wunderbare Wesen und Kräfte beherbergen mag! Hoffen wir, daß dies kleine Zipfelchen uns das Rätsel lösen hilft von dem Zaubergewande der Unsichtbaren!«
