Das Ende der Erde?

I.

»… und die beobachtete Störung ist also von verschiedenen Zeiten objektiv festgestellt. Ich ersuche Sie daher, zum Zwecke einer vergleichenden Untersuchung die Sternwarten Europas zur Nachforschung in der angedeuteten Richtung zu veranlassen, hoffentlich stellt sich dann die Befürchtung meines jungen Mitarbeiters doch als übertrieben heraus – Es wäre ja auch schade um uns – meinen Sie nicht, lieber, verehrter Herr Kollege? – Ich hoffe doch noch immer, Sie einmal hier in unserm Observatorium begrüßen und Ihnen unsern neuen 50-Zöller vorführen zu dürfen. Kommen Sie also lieber bald – falls die Sache doch schief geht!

Möchte meine Schlußformel heute mehr als eine Formel sein:

Auf Wiedersehen!
T. E. Leskop.«

– Der Empfänger dieses Briefes saß in seinem Arbeitszimmer auf der Sternwarte zu P*** und blickte nach Beendigung der Lektüre ein Weilchen sinnend vor sich hin –

Dann stand er rasch auf und drückte auf einen Knopf.

»Ich lasse Herrn Dr. Steinweg bitten, sich auf einen Augenblick hierher zu bemühen!« sagte er zu dem eintretenden Institutsdiener.

Dem Gerufenen überreichte der Direktor der Sternwarte das erwähnte Schreiben.

Dr. Steinweg las aufmerksam. Seine klugen hellbraunen Augen hefteten sich um so emsiger auf die Zeilen, je weiter er las –

»Nun?« fragte der Direktor, als er geendet.

Dr. Steinweg sah den Direktor mit einem seltsamen Ausdruck an.

»Nun, Herr Doktor?«

»Herr Direktor! Der Brief sagt mir nichts Neues – wenn auch die letzten Schlußfolgerungen darin mir neu sind –«

»Wie« – Sie haben –«

»Ich habe die erwähnten Störungen schon seit Wochen beobachtet –«

»Was – ? Und haben mir nicht einmal Mitteilung gemacht?«

»Ich war meiner Sache eben noch nicht sicher genug, Herr Direktor! Der Fall liegt so außergewöhnlich, springt so ganz aus dem Rahmen astronomischer Ereignisse heraus –«

»Ich verstehe, lieber Herr Doktor. Aber nun sagen Sie: – Was halten Sie von der geheimnisvollen Geschichte?«

»Ich möchte mich auch heute noch nicht bestimmt erklären, Herr Direktor. Nach meinen Beobachtungen und Berechnungen glaube ich aber doch soviel sagen zu können, daß –«

»– daß? Nun Herr Doktor?«

»– daß – so unwissenschaftlich und phantastisch es klingen mag – ein unbekannter Himmelskörper von gewaltiger Masse sich unserm Planetensystem mit unvorstellbarer Geschwindigkeit nähert –«

»Aber – dann müßte er doch längst sichtbar und von irgend einer Sternwarte avisiert worden sein –«

»Und – wenn es ein unsichtbares Gestirn wäre?«

»Sie meinen – nach der Hypothese von Holetschek – ein Komet, der auf seiner Bahn nicht aus den Strahlen der Sonne heraustreten kann, wie der Komet »Khedive« von 1882, der auch nur zufällig bei der photographischen Aufnahme der total verfinsterten Sonnenscheibe in der allernächsten Nähe der Sonnen-Korona entdeckt wurde –?«

»Diese Hypothese würde wenigstens seine Unsichtbarkeit erklären; – rätselhaft bleibt aber noch immer sein gewaltiger Einfluß auf unser System, zum Beispiel auf die Mondbahn, ein Einfluß der auf eine viel größere Masse schließen läßt, als wir sie sonst an einem Kometen kennen –«

»Ja – aber – dann ist es am Ende gar kein Komet im gewöhnlichen Sinne! Apropos – haben Sie aus den Abweichungen im System genauer die Position des unbekannten Störenfrieds zu berechnen versucht, die Elemente seiner Bahn –?«

»Noch nicht, Herr Direktor.«

»O, so lassen Sie uns gleich ans Werk gehen! Die hier im Briefe enthaltenen Daten werden die Arbeit ein gut Teil leichter machen –«

Damit gab der Herr Direktor seinem ersten Assistenten das umfangreiche Schriftstück, dessen Schluß der freundliche Leser oben gelesen.

Das große, auf dem höchsten Punkte der Umgebung von P*** errichtete Observatorium lag einsam und verlassen.

Einsam in dem umfangreichen Gebäude saß in seinem Arbeitszimmer Dr. Steinweg. – Vor ihm auf dem Tische lagen die mit Formeln und Ziffern bedeckten Schriftstücke, über denen er all die Zeit her gegrübelt.

Und was sagten diese krausen schwarzen Zeichen?

Was wollte die endlose Formel da auf dem Blatt bedeuten, das der Assistent gewiß schon ein dutzendmal in diesen Momenten zur Hand genommen?

… Wochenlang hatte Dr. Steinweg schon gewisse Störungen im Laufe des Mondes wahrzunehmen geglaubt, die sich mit den dem Astronomen von jeher bekannten kleinen Unregelmäßigkeiten nicht völlig erklären ließen.

Zwar waren die beobachteten Abweichungen so minimal, daß eben nur eine minutiöse Schärfe in der Beobachtung sie überhaupt wahrnehmen ließ, und Dr. Steinweg hatte anfangs die Sache auf kleine Mängel seiner Beobachtung geschoben. Aber mit jeder neuen Wahrnehmung verlor die Unregelmäßigkeit den Schein persönlichen Irrtums und verdichtete sich mehr und mehr zu objektiver Wahrscheinlichkeit. Schon hatte er soviel festgestellt, daß nur ein gewaltiger, sich unserm Planetensystem in entsetzlicher Geschwindigkeit nähernder Weltkörper durch die Kraft seiner Attraktion diese von Tag zu Tag sich steigernden Unregelmäßigkeiten bewirken könne – als das ominöse Schreiben Direktor T. E. Leskops vom Mount Hamilton eintraf.

In diesem Schreiben wurde nicht nur seine Wahrnehmung bestätigt, die mitgeteilten astronomischen Daten lieferten gleichzeitig soviel neues Material, daß er die Bahnelemente des rätselhaften, noch völlig unsichtbaren Himmelskörpers bestimmen konnte.

Abermals griff er nach dem Blatt mit den Formeln und Zeichen –

»Es ist so und bleibt so!« sagte er dann mit einem eigentümlich leeren Ton in der Stimme.

Er nahm eine Himmelskarte, auf der der Lauf der Erde in der Ekliptik für die einzelnen Tage des Jahres eingetragen war, und zog mit dem Bleistift eine schwachgekrümmte Kurve –

Dann stand er auf und öffnete das Fenster.

Weich und warm umschmeichelte die Abendluft seine Stirn. – Vor ihm breitete sich in schwellender sommerlicher Schöne die reiche Flur da unten im Tal mit ihren wogenden Kornfeldern, mit ihren Milliarden sich rundender und färbender Früchte in Gärten und Gehegen –

Schwer von reifendem Segen …

Den schmalen Feldweg drüben am Hange empor schritt heimwärts ein junges Weib in bäurischer Tracht, langsam und müde, als trüge auch sie eine Bürde –

Schwer von reifendem Segen …

Dr. Steinweg setzte sich zurück an seinen Arbeitstisch und schloß die Augen, wie einer, der all den Sommersegen da draußen nicht länger zu schauen vermag –

Er saß und sann.

Das kommende Schicksal fragt nicht nach Sommer und Winter, nicht nach Tag und Stunde, nicht nach Saat und Ernte, nicht nach Blüte und Frucht…

Und doch hat der große Brite recht, wenn er vom Leben des Menschen fordert: »Reif sein ist alles!«

– Dr. Steinweg dachte an sein vergangenes Leben: Wohl war manche Frucht aus junger Tage Blüte auch ihm gereift, wohl würde das Kommende ihn nicht unbereit finden; aber seines Lebens schönste Blume brach, ehe sie noch sich entfaltet –

Und er dachte der Zeit, da er jung war –

In den Augen der Frauen, der Mädchen und Mütter seines Bekanntenkreises galt er ja noch heute für jung, trotz seiner grauen Haare – er war ja unvermählt und hatte ein glänzendes Einkommen.

Aber er dachte an seine wahre Jugend. Er dachte an seine junge Liebe, der seine ersten Verse und Tränen geweiht waren.

Keusch und ernst und rein war seine Neigung gewesen – nur zu einem scheuen Kuß hatte er sich in einem seligen Augenblicke Mut gefaßt – Der ernste, einsame Gelehrte lächelte noch heute bei der Erinnerung an diesen Kuß und bei dem Gedanken an ihre beiderseitige Verlegenheit –

Das Schicksal hatte sie auseinandergeführt, hatte ihn ziemlich hart und wild gepackt –

Er hat sie nie wiedergesehen; aber er weiß, daß auch sie einsam lebt fern von hier – eine stolze, herbe, verschlossene Seele –

In diesem Augenblick klopfte es, und der alte Direktor trat ins Zimmer.

»Dachte ich's doch, lieber Doktor, daß sie noch hier wären! – Denken Sie sich, ich habe noch drei weitere Telegramme erhalten, die alle das gleiche Phänomen betreffen –«

»Ja,« sagte der Angeredete, »die Tatsache ist wohl nicht länger mehr anzuzweifeln! – Bitte, Herr Direktor, hier ist die Bahnberechnung des unsichtbaren Gestirns –«

Damit legte er dem weißhaarigen Herrn seine Arbeit vor.

Der Direktor beugte sich über die Schriftstücke und begann eine endlose Reihe von Formeln und Zahlen zu murmeln –

Immer ernster wurde sein Gesicht. Nach einer Weile sagte er hastig: »Aber – Herr Doktor! Das ist ja ernster, als wir vermuten konnten! Ich sehe, Sie haben die Kraft'sche Formel benutzt, die mit nur einer Konstanten die Position der fraglichen Nova zu bestimmen ermöglicht?«

»Gewiß, Herr Direktor –«

»Und Sie halten diese Angabe –« er deutete auf eine Stelle der mathematischen Rechnung – »für sicher?«

»Soweit mein Wissen reicht – ja, Herr Direktor!«

»Aber – dann nähert sich ja der unsichtbare Störenfried ganz bedenklich der Erde! Geben sie mir doch einmal die Karte der Erdbahn – das ist mir ja beinahe, als müsse die Erde um dieselbe Zeit –«

Dr. Steinweg reichte ihm die Karte, auf der er vorhin die Kurve eingezeichnet –

Einen Blick warf der Direktor darauf – dann sah er seinen Assistenten mit einem seltsamen, ernsten Blicke an und sagte:

»Ich sehe, Sie haben das Fazit der ganzen Rechnung schon gezogen!«

Und dann, nach einer kleinen Pause, fuhr er sehr ernst fort:

»Am 3. August cr. also wird das unbekannte, unsichtbare Gestirn mit unserer Erde zusammentreffen –«

»Mit einer Schnelligkeit von ca. 150 Kilometern in einer Sekunde!« setzte Dr. Steinweg hinzu.

»Das bedeutet also – das Ende der Welt!« sagte der Direktor leise, wie zu sich selbst.

»Das Ende der Welt wohl nicht – aber das Ende – der Erde!«

II.

»Das Ende der Erde!«

Nur langsam sickerte diese in Fachkreisen in kurzer Zeit zur Gewißheit werdende Kunde in die Schichten der menschlichen Gesellschaft. Im Beginn ihres Auftretens nur eine vertrauliche Meldung der einzelnen Observatorien, gewann sie allmählich in die Spalten der Tageszeitungen Eingang –

Zuerst freilich in negativer Form.

Die meisten Blätter leiteten ihre Meldung von dem kommenden Ereignis mit der Formel ein:

»Wieder einmal soll die Welt untergehen! Aber obgleich diese Botschaft diesmal aus astronomischen Kreisen stammt, glauben wir ihr doch nicht mehr Wert beilegen zu sollen, als allen ihren Vorgängerinnen –«

Und nun folgte in der Regel eine längere oder kürzere Aufzählung aller bisher prophezeiten Weltuntergänge – und der Schluß der Nachricht lief bei den meisten Zeitungen wieder in die gleiche stereotype Phrase aus:

»Hoffen wir also, daß auch diesmal, wie bisher, unsere alte, gute Mutter Erde am Leben bleibt, unsern Lesern zum Trost und allen Unglückspropheten zum Trotz, die mit mathematischer Gewißheit den Weltuntergang am 3. August cr. verkünden!« – –

Die Witzblätter hatten wieder einen dankbaren Stoff: das Neue in der astronomischen Meldung, daß ein unsichtbarer Himmelskörper von gewaltiger Masse sich unserer Erde aus den Tiefen des Weltraumes nähere, griff man heraus und variierte es in mancherlei Gestalten; der uralte Fenriswolf riß seinen Riesenrachen auf und die Midgardsschlange ringelte sich durch das empörte All – –

Am Abend des 3. Juli – nachdem in den Morgenblättern der Residenz noch einmal die Beschwichtigungs-Hofräte in aller Ausführlichkeit und Bestimmtheit ihres Amtes gewaltet und die Bevölkerung durch das bekannte Wort Aragos beruhigt hatten, daß die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenstoßes der Erde mit einem Kometen etc. sich verhalte wie 1:280 Millionen, d. h. daß es so gut wie ausgeschlossen sei, daß die Erde einen Zusammenstoß zu erwarten habe – am Abend dieses Tages hielt der alte, weißhaarige Direktor der P***er Sternwarte, O. B. Servator, einen Vortrag vor einer vieltausendköpfigen Menge.

Er war von höherer Seite dazu veranlaßt worden – wohl in der Erwartung, daß seine Darlegungen, die eines Gelehrten von Weltruf, am ersten geeignet sein würden, unnötige Besorgnisse zu zerstreuen.

Der greise Astronom begann ganz schlicht und ohne jedes Pathos die Geschichte des Ereignisses zu erzählen und ging dann auf die besonderen Eigentümlichkeiten ein, die gerade dieser Fall für den Gelehrten von Fach habe; vor allem errege die Unsichtbarkeit des herannahenden Weltkörpers, den man ja in landläufiger Weise einen Kometen nennen könne, und die aus den Störungen berechnete enorme Masse das Interesse der Astronomen. Die Bahnelemente des neuen Weltkörpers seien nunmehr genau festgestellt und zwar mit einer Genauigkeit, wie überhaupt astronomische Berechnungen möglich seien – und bestimmt am 3. August cr., nachmittags 3 Uhr 34 Minuten 52 Sekunden, werde der herannahende Himmelskörper unsere Erde erreicht haben. – –

Bis hierher war die Versammlung den Ausführungen des Astronomen nur mit halbem Ohre gefolgt; – man kannte ja den größten Teil davon aus den Berichten der Zeitungen. Aber nun ging es wie ein Zurechtrücken durch die tausendköpfige Menge, wie ein geistiges Ohrenspitzen –

Man erwartete ja nun das große » Aber« zu hören, die offizielle Erklärung, daß trotz aller dieser einwandfreien Berechnungen und Voraussetzungen dennoch das gefürchtete Ereignis nicht eintreten werde, daß es wohl allerlei Spektakel von Sternschnuppen und Meteoren am Himmel geben werde, daß aber im übrigen keinerlei Grund vorliege, die »süße Gewohnheit des Daseins« für ernstlich bedroht zu halten – und daß die Erde nach ungezählte Millionen von Jahren ungehindert ihre Bahn im Weltraum durchlaufen werde. – –

Der alte Direktor hatte eine kleine Pause gemacht in der er eine vor ihm liegende Mappe öffnete und ihr ein Blatt entnahm. Dann fuhr er fort:

»Es ist uns auf unserm Observatorium gelungen, gestern in den ersten Morgenstunden endlich eine Photographie des unsichtbaren Kometen zu erhalten. – Die Methode besteht – um dies hier kurz anzudeuten, – im wesentlichen darin, daß man auf einer Platte eine lichtempfindliche Schicht erzeugt, welche aber nicht, wie die gewöhnlichen Trockenplatten, für die Strahlen des sichtbaren Spektrums, sondern für die des ultravioletten Teiles, ungefähr von einer Wellenlänge von 200 Millionstel Millimeter abwärts empfänglich ist. Der Erfinder dieser Photographie des Unsichtbaren ist unser erster Assistent, Herr Dr. Steinweg – und auf diesem Bilde sehen Sie den Erfolg seiner Arbeit.«

Der Direktor reichte den ihm zunächst Sitzenden das oben erwähnte Blatt –

Von allen Seiten drängte man sich herzu –-

Und was zeigte diese Photographie?

Etwas, das auch dem Laien sofort auffiel: keine Spur einer Ähnlichkeit mit dem Aussehen sonstiger Kometen; es fehlte ihm vor allem der Schweif mit seiner mehr oder weniger phantastischen Form, der den Kometen früherer Zeiten den Namen »himmlischer Zuchtruten« verschafft hat. Aber auch der eigentliche Kopf des Kometen, der gewöhnlich immer aus Hülle und Kern besteht, war im Bilde nicht vorhanden; man sah nur eine einfache runde Scheibe, die in mattem, phosphoreszierendem Schimmer sich von der Umgebung des Himmels abhob – weiter nichts!

– Allgemeine Enttäuschung machte sich darum auch bei allen Beschauern des Bildes geltend. Das kleine Scheibchen also war der gefürchtete Himmelskörper, der seit Wochen und Monden die ganze Menschheit der Erde in Aufregung hielt? Nicht einmal einen ordentlichen Schweif, vor dem man sich gruseln konnte, hatte das Ding!

Und diese Stimmung machte sich in einem Ausrufe Luft, mit dem ein behäbiger Berliner Weißbier- Philister die Photographie kritisierte:

»Und vor det bisken Nischt habe ick mir nu' jejrault!«

»Ein bißchen Nichts« – das war das Urteil, das man über den angekündigten Weltwanderer zu fallen bereit war, noch ehe der alte Direktor von neuem das Wort ergriffen hatte. Diese Stimmung der Zuhörer war die Veranlassung, daß er jetzt, noch vom Gelächter der Umstehenden über jene ulkige Redensart umdröhnt, mit einer Stimme, die gegen vorhin scharf und schneidend klang, in den Saal hineinrief:

»Ja! – das bißchen Nichts wird uns alle noch graulen machen!« Und nun, jedes seiner Worte mit dem ganzen Ernst seiner Überzeugung betonend, führte er in großen Zügen aus, was der Erde diesmal geschehen würde. Diesmal würde es nicht mit einem harmlosen Sternschnuppenfeuerwerk abgetan sein, wie wenn ein kleiner Komet die Erdbahn schneidet, – diesmal würde es zu einem entsetzlichen Zusammenstoße kommen, von dem das Aufeinanderfahren zweier mit höchster Geschwindigkeit fahrender Expreß-Züge eine schwache Vorstellung geben könne. Bei diesem Zusammenstoß, der die Bewegung der Erde wahrscheinlich sofort zum Stillstand bringen werde, müsse sie, falls sie den Anprall selbst überstehe, in Weißglut geraten; so groß sei die durch den Stoß und die plötzlich gebremste Bewegung erzeugte Wärmemenge. – Er halte es für seine Pflicht, das hier zu sagen; er wisse wohl, daß man von ihm erwartet habe, er werde die Reihe der Beschwichtigungshofräte vermehren, deren Elaborate vielleicht viele der Zuhörer erst heute morgen in den Tageszeitungen wieder hätten genießen können; aber die Pflicht gegen die Wahrheit und die Wissenschaft gebiete ihm, so zu sprechen, wie er gesprochen. Die Lage sei ernst, entsetzlich ernst. Wenn nicht ein unvorhergesehener Zwischenfall einträte, so gäbe es nach seiner Meinung keine Rettung für die Erde.

»Ich liebe es nicht,« so ungefähr schloß der Redner, »in Paradoxen zu sprechen, sonst würde ich sagen: wenn einst Arago die Wahrscheinlichkeit eines verderblichen Zusammenstoßes zwischen der Erde und einem Kometen wie 1:280 Millionen annehmen zu dürfen glaubte, so möchte ich diesmal die Möglichkeit eines glücklichen, ungefährlichen Ausgangs für uns Erdbewohner mit demselben Wahrscheinlichkeitsverhältnis ausdrücken – wie 1:280 Millionen!«

– – Es war allmählich totenstill im Saale geworden, wie eine Ahnung des Kommenden lag es über der Versammlung. Jeder hörte an den Worten des Sprechers, daß sie Wahrheit, volle, bittere Wahrheit enthielten; jeder fühlte, daß das Schicksal der Erde besiegelt sei. Wohl mochte sich der eine oder andere noch wie an einen Strohhalm an die Worte des Redners klammern, in denen er von einem rettenden Zwischenfalls sprach, der allein nach das kommende Verhängnis aufhalten könnte, – aber die alte sorglose Zuversicht, mit der man bisher die kleine tägliche Sensation von der Annäherung des unsichtbaren »Kometen« mit dem Morgenkaffee zugleich genossen hatte, war dahin!

Man umdrängte den Redner, als er geendet; man hoffte im Privatgespräch von ihm doch noch eine »inoffizielle«, nur für den Privatgebrauch gültige, tröstlichere Ansicht zu erfahren – vergebens: der alte Direktor befreite sich von allen Belagerungen mit den kurzen Worten: »Es ist alles gesagt, was zu sagen war von meiner Seite – und das Reden über die Gefahr schafft sie nicht aus der Welt!«

Und als einer der Zunächststehenden sich die Frage erlaubte, was man tun könne, um das kommende Schicksal wenigstens zu mildern, da sagte der alte Herr – und ein Leuchten brach aus seinen dunklen, von den buschigen weißen Brauen überschatteten Augen – nur das eine Wort: »hoffen!« –

– Als wieder etwas Stille eingetreten war, stand an Stelle des greisen Gelehrten am Rednerpult – Dr. Steinweg.

»Was will der noch?« fragten einige. »Wer ist das?« riefen andere.

»Das ist der erste Assistent am Observatorium,« antwortete ein Herr in der Nachbarschaft der Fragenden, – »Dr. Steinweg –«

»Ach, Dr. Steinweg!« – der verschrobene alte Junggeselle!« tuschelte eine »ältliche« junge Dame ihrer Begleiterin ins Ohr –« paß' auf, Ella, jetzt kommt die »sittliche Forderung« –

»Meine verehrten Anwesenden!« begann der Redner – »mein hochverehrter Herr Direktor und Vorredner hat mir gestattet, hier noch ein paar Worte zu Ihnen zu sprechen, für die ich nun auch bei Ihnen um freundliches Gehör bitte! – Wie ein Alp wird das soeben Gehörte auf Ihnen liegen, soweit menschliches Wissen und menschliche Voraussicht reichen, stehen wir vor dem »Weltuntergang«, von dem die Weissagungen aller Kulturvölker erzählen. Der »Jüngste Tag« wird hereinbrechen, wenn auch in anderer Gestalt, als gläubige Gemüter erwarten. Das Ende, das jedem von uns beschieden ist, naht, – aber es naht Millionen und Abermillionen zugleich! Vergebens forschen wir in diesem Schicksalsnetz nach einem Loch, wo wir entschlüpfen können; vergebens rufen wir die Götter unserer Tage – die Wundermächte der Technik – um Hülfe an: sie versagen alle! Kein Dampfschiff, kein Blitzzug ist schnell genug, uns diesem Verderben zu entführen; kein Flugschiff vermag das selige Eiland zu erreichen, an dem das kosmische Unheil gnädig vorübergeht! Sie klagen mit mir über das Ende unseres Planeten, über den Untergang der Menschheit; – ich sage Ihnen: das ist nicht das Schlimmste, was uns treffen kann! Schon lange hat uns Schlimmeres getroffen –«

»Was er nur damit meint? Verstehst du diesen Faselhans, liebe Ella?« fragte die oben erwähnte Dame ihre junge Nachbarin. Diese hatte nicht Zeit, zu antworten; denn der Redner fuhr fort: »Schon längst sind unsere Seelen untergegangen in der hochgepriesenen Kultur unserer Tage! Schlimmer als der leibliche Untergang unseres Geschlechts ist das seit Jahrzehnten immer schneller und unaufhaltsamer unter uns fortschreitende Versinken alles dessen, was unser armes Leben erst wahrhaft lebenswert zu machen vermag, alles dessen, wofür die edelsten Geister der Menschheit gestritten und gelitten, wovon unsere Dichter gesagt und gesungen haben –«

»Ein Idealist!« rief einer, – »was will der noch in unserer Zeit?«

»Was ein Idealist in unsern Tagen soll? rief der Redner, der den Zuruf gehört hatte. »Blicken sie hinein in unsere Zeit! Wer unter uns darf noch von sich sagen, daß er seinem Ideale treu geblieben ist? Wer hat unter uns noch den Mut, der allgemeinen geistigen Verlotterung entgegenzutreten! was ist aus uns geworden in der Hetzjagd nach äußeren Erfolgen, unter der Peitsche des Strebertums! Die fortschreitende Kultur unseres hochgepriesenen Zeitalters hat unsern Fuß beschwingt, unser Wort beflügelt, hat unser Auge geschärft und unser Ohr verfeinert, hat in unsre Hand die Macht gelegt, Millionen von Pferdekräften mit elektrischem Zügel zu bändigen – aber sie hat unsern Geist verflacht und unser Herz verödet! In den oberen Schichten der Gesellschaft äußerer Glanz und raffinierter Lebensgenuß bei innerer Hohlheit und Verderbnis – in den untersten Klassen des Volkes völliger Zusammenbruch! Und was soll daraus werden in den Tagen, die uns bevorstehen? Die Bestie im Menschen wird übrig bleiben, die Bestie, die durch den Fortschritt der Wissenschaften nur noch raffinierter in ihren Mitteln geworden ist. Darum, meine Freunde, lassen sie dies Mene-Tekel nicht vergebens mit seiner unheimlichen Hand erscheinen! Lassen Sie uns retten, was noch zu retten ist! Ist uns der Untergang beschieden, so lassen Sie uns untergehen als wahre Menschen! Niemand wird unsere Geschichte schreiben, niemand uns richten und strafen wegen unsres Tuns und Lassens in den Stunden des Untergangs – ein jeder von uns wird sein eigener Richter sein. Die Erde kann in Trümmer gehen – aber unsre Menschenwürde nicht, und erhaben über Raum und Zeit, erhaben über Werden und Vergehen, über alles kosmische Geschehen ist das Ich in uns, das Bewußtsein unserer Persönlichkeit, das Ewige, das Göttliche –«

Lautes Gemurmel erhob sich. Einzelne wüste Rufe wurden laut: »Phrasen! – Unsinn! – Schluß! Schluß!«

»Ausreden lassen! Ruhe! Ruhe!« riefen andre.

Und schon begann die Menge sich in Parteien zu spalten. Pfeifen und Zischen ertönte. Im Hintergrund erhob sich wilder Lärm –

Von der Gallerie des Saales flogen plötzlich hunderte bedruckter Blätter unter die Versammelten.

»Extrablätter!« Aufruhr in New-York!« Revolution in Chicago!«

»Vorlesen! Vorlesen!« riefen einige.

Ein junger Mann in Arbeitertracht stieg auf einen Tisch und las:

»Telegramm aus New-York: Geheimbericht des hiesigen Staats-Observatoriums heute entdeckt! Erdzusammenstoß am 3. August cr. Furchtbare Katastrophe unvermeidlich! Untergang alles Bestehenden wahrscheinlich! Aufruhr unter der Bevölkerung! Erstürmung von Tamany-Hall! Plünderung der Banken und Warenhäuser! Auch in Chicago offene Revolution! Die ganze Nacht blutige Straßenkämpfe! Regierung machtlos! Krieg aller gegen alle!

»Krieg aller gegen alle!« wie ein Flugfeuer lief das wort durch die Menge.

Ein unbeschreiblicher Tumult entstand. Man umdrängte den Redner; Fäuste ballten sich; Schreien und Johlen erfüllte den weiten Raum. Die bessern Elemente in der Versammlung flüchteten aus dem Saale.

Dr. Steinweg stand unbeweglich und sah mit festem Blick auf die tobende Menge –

Eine Hand faßte seinen Arm.

Sein alter Direktor war es, der ihn vom Rednerpulte hinwegführte.

»Kommen Sie, lieber Doktor und Freund! Sie sehen, wo die Sache hier hinauswill! Ein Einzelner ist machtlos dagegen! Kommen Sie – der täppischtückische Zufall mit den amerikanischen Alarmnachrichten hat vollends alles verdorben. Aber vielleicht haben Sie doch dem einen oder andern das schlummernde Gewissen geweckt. – Sie wissen, ich denke wie sie! Und wenn es noch einmal eine Menschenerde gibt, so gehört der Fortschritt, der uns wirklich höher führen kann, dem Idealisten; denn nur der Idealismus kann Sieger werden über die Entartung unserer Tage, über das Irdische, Allzu-Irdische in und uns! Kommen Sie – qui vivra verra!«

Und nun schlug die allgemeine Stimmung in ihr Gegenteil um. Immer zahlreicher wurden die Alarmnachrichten. Und daß man den herannahenden Feind nicht sah, wie andere Kometen, weil er sich noch fortgesetzt in den Strahlen der Sonne verbarg, machte die Situation noch grausiger. Aber man würde ihn schon noch sehen; das hatten die Astronomen festgestellt – allerdings erst kurz vor dem Zusammenstoß!

So vereinigte sich alles, um die menschliche Gesellschaft in ihren Grundfesten zu erschüttern.

Jetzt hätte die moderne Zivilisation, die hochgepriesen Kultur unserer Tage, einmal beweisen können, was sie wert war, hätte zeigen können, zu welchen gefesteten Wesen sie die Menschen mit ihren Ur-Instinkten gemacht –

Und sie versagte kläglich, wie schon der erste Anfang in Amerika bewiesen hatte! Die Arbeit stockte, trotz aller Vorkehrungen, welche die Regierungen, teilweise mit Gewalt, getroffen hatten. Die Massen des Volkes belagerten die öffentlichen Gebäude. Überall regte sich der Aufruhr.

– Allerlei wunderliche Fahrzeuge für Wasser und Luft wurden gebaut, Schiffe, die nicht untergehen sollten, riesige Fesselballons etc. Auch die vorhandenen Ballons für militärische und aeronautische Zwecke wurden von der räuberischen Menge mit Beschlag belegt, um für den Tag des Zusammenstoßes disponibel zu sein. Über die Frage, wohin sich die Überlebenden in den Ballons retten würden, zerbrach man sich dabei nicht den Kopf. – Allerlei tolle Vorschläge zur Rettung der Erde wurden gemacht: der eine schlug vor, auf der Bahn des Kometen innerhalb unserer Atmosphäre riesige Fesselballons, mit Sprengstoffen gefüllt, steigen zu lassen, die beim Anstoß explodieren und ihn aufhalten sollten; ein anderer empfahl, mit Kruppschen Riesengeschützen nach ihm zu schießen, so bald er sichtbar geworden wäre; ein dritter wollte die gesamte Wasserkraft des Niagara zur Erzeugung einer starken elektrischen Entladung benutzen, um den sich nähernden Kometen zu vernichten; ein vierter wollte den Lauf des Kometen durch irgend welche Kräfte so beeinflussen, daß er an einer der tiefsten stellen des großen Ozeans die Erde treffe, dessen Wassermenge wie ein Stoßkissen die Heftigkeit des Anpralls mindern sollte – und was dergleichen Unmöglichkeiten mehr waren.

Alle Klassen der Bevölkerung hatte nach und nach die bleiche Furcht vor dem Kommenden ergriffen.

Nur eins hob sich aus dieser Flut des Egoismus leuchtend empor: das war die alte deutsche Treue im Berufe, die ihre Pflicht tut bis Zuletzt, auch auf dem verlorenen Posten; doppelt hell brach sie hervor aus dem Wust des Strebertums, das sich überall an den hervorragendsten Stellen breit gemacht hatte.

All die Ausgeburten abergläubischer Furcht, von denen der Chronist aus dem Jahre 1000 n. Chr. erzählt, wiederholten sich, wenn auch in modernerer Form – und wie einst feierte besonders die religiöse Ekstase ihre Orgien. Auf allen Plätzen, an allen Straßenecken, mehrten sich ordinierte und nichtordinierte Bußprediger. Alle Schrecken, welche die gequälte Phantasie finsterer Jahrhunderte für den »Jüngsten Tag« ersonnen, lebten wieder auf in den Gemütern. Die »Heilsarmee« gewann ungeheure Scharen neuer Anhänger, und um ihre Hauptquartiere mit den bunten Fahnen flutete Tag und Nacht eine leidenschaftlich hin- und herwogende Menge.

Auch das »Geschäft« blühte, von Amerika aus sandten spekulative Versicherungsgesellschaften lockende Prospekte, in denen sie gute Plätze in stoßsicheren, wasserdichten Gondeln ihrer riesigen, mit reinem Helium gefüllten Luftschiffe – gegen gute Bezahlung anpriesen …

Am 13. Juli, in den Spätnachmittagsstunden, sah man in Europa zum ersten Male einen dunklen Punkt vor der leicht durch Wolkenschleier abgeblendeten Sonnenscheibe. Man hätte das Phänomen für eine kleine partielle Sonnenfinsternis halten können; leider aber stand für diesen Tag keine im Kalender!

Die Menschen blieben auf der Straße stehen und zeigten einander den runden schwarzen Fleck –

Der Zerstörer!

Er existierte also – trotz aller noch immer auftretenden Ableugnungs- und Vertuschungsversuche, und er kam mit jeder Sekunde ca. zwanzig Meilen der Erde näher!

Die Angst, die Aufregung und Verzweiflung der einen und die Zügellosigkeit und Zerstörungswut der andern wuchs mit Riesenschritten, je größer der Fleck vor der Sonnenscheibe wurde.

Am 23. Juli, nachmittags 5 Uhr 34 Minuten 31 Sekunden, verschwand zum ersten Male die leuchtende Sonnenscheibe auf einige Augenblicke ganz hinter der dunklen Scheibe des »Kometen«.

Das grausig-schöne Schauspiel einer totalen Sonnenfinsternis ward den Bewohnern eines Teiles der nördlichen Erdhälfte unerwartet zuteil. Wie eine Prophezeiung kommenden Unheils umgab eine riesige, gleich feurigen Schwertern lodernde, blutrote Korona die verdunkelte Sonnenscheibe…

III.

In dem kleinen thüringischen Landstädtchen Camburg stand in der Abenddämmerung an dem geöffneten Giebelfenster eines freundlichen villenartigen Landhauses eine einsame Frauengestalt und blickte hinab ins Tal der Saale.

Nicht mehr der Zauber der ersten Jugend lag auf diesem Antlitz, in welchem große, blaue Augen zu dem tiefkastanienbraunen Haar einen reizvollen Gegensatz bildeten – aber ein Abglanz seelischer Hoheit verklärte wie ein von innen strahlendes Leuchten die ganze Gestalt, und das Weiß ihres Gewandes, das sie in weichen Linien umfloß, erhöhte noch diesen Eindruck.

Mit gleichgültigem Auge sah sie all die Hunderte von Menschen da unten am Ufer der Saale, die alle, wie gebannt, nach einer Stelle des Himmels starrten –

Hoch im Blauen über ihnen hing wie ein großer, dunkler Ball der »Zerstörer«, der Komet, der sich unaufhaltsam der Erde näherte und nun, scheinbar neben der Sonne stehend, infolge seiner enormen Größe, sichtbar war.

Flüchtig hefteten sich Hanna Rodtbachs Augen einen Moment auf den schwarzen Schatten da oben im lichten Blau.

Sie weiß, was er bedeutet; aber sie fürchtet ihn nicht.

Ihr wird er kein Zerstörer werden; sie sieht in ihm einen Befreier. Das Leben, das viele so preisen, um das viele jetzt so jammerten, ihr war es ein Zerstörer geworden, ein Zerstörer ihrer Lebenshoffnungen, ein Vernichter alles dessen, was ihr Dasein notwendig und lebenswert gemacht hätte. – Der Schrecken da oben am Firmament lenkt ihr stilles Sinnen und Träumen plötzlich zu dem zurück, dessen Beruf es geworden, den Himmel und seine Gesetze zu erforschen – zu Dr. Steinweg, als er noch Erwin Steinweg für sie war, zu dem Geliebten ihrer Jugend. – –

Vielleicht hefteten sich auch seine Augen in diesen Momenten nach dem Himmelskörper da oben – mit dem Interesse des Forschers, was würde er ihr alles erzählen können, wenn er noch, wie einst, vor mehr als fünfzehn Jahren, an ihrer Seite unter dem sternbesäten Firmament durch die abendlichen Fluren der Heimat schreiten könnte!

Dahin! – –

Heute weiß sie, daß sie beide schuldlos waren an ihrem Auseinandergehen. Das Leben war stärker als sie! All die kleinlichen Rücksichten kleiner Verhältnisse haben sie um ihr Glück betrogen. Mit Bitterkeit denkt sie an alle die Listen und Tücken ihrer besorgten Verwandten, mit denen man ihr den Geliebten entfremdet hat – mit leiser Bitterkeit auch gegen sich selbst und ihre Verzagtheit, und wie so manches Mal geht ihr sein letzter Gruß durch die erinnernde Seele:

»Verlaß mich nicht! Du bist ein lichter Engel,
Das Morgenglüh'n auf deiner Stirne lacht,
Und ich bin finster, voller Fehl' und Mängel:
Ob meinem Haupte flutet düstre Nacht.
Und kannst den armen Narren du verlassen,
Leb' wohl! Nicht darf ich halten dich und fassen;
Doch wenn dein Herz nur leis' noch für mich spricht –
verlaß mich nicht!…«

Er hat sie nie wiedergesehen – sie ihn nur ein einziges Mal; als sie einem Vortrage beiwohnte, den er vor einiger Zeit in einem wissenschaftlichen Vereine der Nachbar-Residenz über eine von ihm gemachte Entdeckung gehalten hat. Sie saß in einer versteckten Saalnische und hatte ihn ungestört beobachten können. Wie treu hatte sein männlich-ernstes Gesicht die lieben, ihr so vertrauten Züge des Jünglings bewahrt! Und wie tief hatte sie gefühlt, daß ihr Herz noch immer ihm gehörte, trotz alledem!…

Ein Geräusch an der Tür hat sie vom Fenster zurückgezogen –

Und da – steht er mitten im Zimmer!

Sie erschrickt und faßt nach ihrem Herzen.

Er aber nimmt ihre Hand fest und treu in die seine und sagt nur:

»Das Schicksal hat uns beiden verwehrt, mit einander zu leben, liebe, unvergessene Hanna; aber es soll uns nicht hindern – wenn du es willst –«

»Mit einander zu sterben!« sagte sie, seine Worte vollendend, und ein befreiendes Aufleuchten strahlt aus ihren seelentiefen Augen…

Und über der angstvoll hin- und hergestikulierenden Menge, deren Schreien und Jammern immer lauter herauftönt, steht am Fenster, fest umschlungen, ein seliges Paar, vielleicht die einzigen, die den dunklen, jetzt in der abendlichen Dämmerung doppelt grausig erscheinenden Zerstörer da oben am Himmel mit ruhigem Herzen betrachten.

Die Feder erlahmt bei der Schilderung all der fürchterlichen Szenen, die sich nun, wenige Stunden vor dem Zusammenstoße, unter den Menschen abspielten. Die Zeiten der französischen Revolution kehrten wieder, aber in tausendmal schrecklicheren Gestalten! So wie auf einem untergehenden Schiff der brutale Egoismus in seiner entsetzlichsten Erscheinung die Zähne fletscht, so hundertfach, zehntausendfach wiederholten sich jetzt, in den letzten Stunden die Szenen, in denen die Zweibeinige Bestie, nur noch geleitet von ihren angeborenen Trieben, den Kampf ums Dasein führte. Feigheit und Grausamkeit überall! – Die Gelehrten hatten die Örtlichkeit von Berlin als den wahrscheinlichen Punkt für den Zusammenstoß berechnet – und hier tobte der Kampf aller gegen alle in seiner ganzen Furchtbarkeit. Die wenigen Züge, die noch abgelassen werden konnten, wurden gestürmt, und um einige Luftballons wurden förmliche Schlachten geliefert. Die Zurückbleibenden ließen ihre Wut und Verzweiflung in allerlei Schändlichkeiten aus: Denkmäler wurden zertrümmert, deren es ja in Berlin eine große Anzahl gab, Gefängnisse gestürmt, Fabriken mit Dynamit zerstört, Eisenbahnbrücken gesprengt – stundenlang tobte der Kampf Zwischen den Regierungstruppen und dem wütenden Mob in den Straßen; zu Hunderten türmten sich die Leiber der Gefallenen auf – –

Ziehen wir einen Schleier über diese letzten Stunden, da fast ein Drittel! des ganzen Firmaments schon verdeckt war von dem nahenden Weltungeheuer, das wie das sichtbar gewordene dunkle Schicksal seine Todesfittiche über die Erde spannte – –

Im Observatorium zu P*** stand der greise Direktor an seinen Instrumenten.

»Ein braves Pferd stirbt in den Sielen!« hat unser großer Bismarck einmal gesagt, und ein gut Teil von seinem Lebensernst und seinem Pflichtgefühl hat auch der alte Gelehrte. – Zwar weiß er nicht, für wen er all die interessanten Abweichungen in der Mechanik des Himmels in diesen Tagen aufzeichnet – aber er tut es in peinlicher Gewissenhaftigkeit. Zu den astronomischen Störungen gesellen sich nun auch allerlei terrestrische, vor einer Stunde ungefähr durchzuckte ein gewaltiges Beben den Erdkörper; die Seismographen im Kellergeschoß des Observatoriums weisen auf eine momentan auftretende Erderschütterung hin, deren Epizentrum in der westlichen Erdhälfte Zu liegen scheint. –

Als Dr. Steinweg ihm vor ein paar Tagen seinen Entschluß mitteilte, hier auf der Sternwarte bei ihm auszuhalten, wie ein Soldat auf Posten, bis zum letzten Augenblicke, da hatte er ihm die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt:

»Nein, lieber Doktor und Freund! Für Sie gibt es einen schöneren Platz zum sterben –«

Und als der Assistent ihn mit einem ahnungsvollen Erblassen ansah, sagte er gütig:

»Haben Sie mir nicht selbst einmal erzählt, warum Sie einsam geblieben sind!«

Dr. Steinweg drückte ihm stumm die Hand.

»Nun also! Auch sie ist einsam in diesen schweren Stunden. Gehen Sie zu ihr!«

»Aber Sie, lieber, verehrter Herr Direktor? Sie sind ja auch ganz einsam hier oben?«

»Kann ich's ändern, daß mir mein Frauchen genommen wurde – oder richtiger ausgedrückt, daß ich sie unvorschriftsmäßiger Weise überlebt habe? Um mich sorgen Sie sich nicht, Herr Doktor. Und der alte Kulpe bleibt ja auch hier oben! Ich will zum letztenmal Ihnen gegenüber den allwaltenden Direktor spielen und Sie in optima forma, von Ihren Amtspflichten hier im Observatorium entbinden. Reisen Sie mit Gott! Beinahe hätt' ich gesagt: Auf Wiedersehen! – Nun – wie der Himmel will!« – Noch ein letzter Blick Aug' in Auge, ein fester, treuer Handschlag – dann war Dr. Steinweg gegangen. –

Ein Klingelsignal ertönte. Der Direktor fuhr auf aus seinem Sinnen.

Ein Klappern wurde hörbar. Der Ferndrucker des Übersee-Telegraphen meldete ein Telegramm.

Der Direktor trat an den Apparat –

Auf dem abrollenden, automatisch bedruckten Papierstreifen las er folgende Depesche, aufgegeben in New-York vormittags 8 Uhr 49 Minuten 38 Sekunden amerikanischer Zeit:

»Furchtbare explosionsartige Vulkan-Ausbrüche in der Andenkette. Hunderte längst erloschener Krater plötzlich wieder in Tätigkeit! Nähere Nachrichten fehlen noch.«

Nachdenklich überlas er nochmals das Telegramm.

»Also das war das von unserm Erdbebenmesser registrierte Beben. Es ist wahrscheinlich eine Folge der Anziehungskraft des ›Kometen‹«, sagte er dann, »auch die Gluten des Erdinnern werden, wie die Wasser des Ozeans, zu einer einzigen riesigen Flutwelle emporgerissen und bahnen sich einen Weg durch ihre alten Schlünde! Die Erde bebt in Erwartung des Kommenden.« –

Und wieder war eine Stunde vergangen, langsam und schwer, und immer tiefer senkte sich die dunkle Last herab auf die bangende Erde.

Der Direktor trat an das Beobachtungs-Fernrohr, um abermals Rektaszension und Deklination des »Kometen« zu bestimmen –

Ein Aufschrei entfuhr ihm, als er die neue Ablesung machte.

In fieberhafter Eile warf er Formeln und Ziffern auf Papier –

Eine Stunde war so vergangen.

Und aufs neue prüfte er den Stand des Kometen, und aufs neue begann er zu rechnen –

Dann eilte er an den Telegraphen –

Wohl zitterten ihm die alten Finger, als er den Taster in Bewegung setzte; aber es waren ja nur wenige Zeichen, die er dem Apparat zur Botschaft anvertraute.

Dann sank er, von der Aufregung erschöpft, in den Sessel vor seinem Arbeitstische.

Auf seiner 5tirne aber lag ein rätselhafter Glanz –

IV.

Und nun war die Stunde des Untergangs gekommen. – –

Dr. Steinweg sah auf seinen Taschenchronometer –

Noch 34 Minuten 52 Sekunden!« sagte er zu Hanna Rodtbach, die Arm in Arm neben ihm am Fenster ihres Giebelstübchens stand, »es ist drei Uhr« – »Sieh' nicht mehr nach der Uhr, Liebster!« bat sie leise. »Die Zeit wird schnell genug dahin sein – für dich und mich und für uns alle –«

Und mit unnennbarem Schauer sah sie vor sich, über sich am Himmel, fast zwei Dritteile des Horizontes verhüllend, die riesige schwarze Scheibe, die mit jedem Augenblick, wie ein heransausender Expreß-Zug, an Größe wuchs –

Infolge einer optischen Täuschung erschien dieser dunkle Körper ausgehöhlt, wie ein gähnender schwarzer Schlund, in den die Erde hineinstürzen würde!

Die Sonne war verdeckt von dem riesigen Gestirn; das fahle, schauerliche, bleifarbene Licht einer totalen Sonnenfinsternis hüllte alles ein und vermehrte noch die Schrecken der letzten Minuten.

Gewaltige elektrische Entladungen erschütterten die Atmosphäre, und nicht endenwollender Donner hallte wider aus den Tiefen des Firmaments, heftig pfeifende orkanartige Windstöße traten auf, die über die Fluren dahinsausten, alles vernichtend unter einem Hagel von riesigen Eisstücken.

– Und jetzt – die Uhren an den öffentlichen Gebäuden zeigten auf 4 Minuten nach halb 4 Uhr –- blieben nur noch wenige Sekunden –

Einen Augenbick lang schien das ganze Firmament erfüllt von dem schwarzen Riesenball, dessen Peripherie von einer unaufhörlich wie ein Nordlicht hin- und herflutenden Aureole umzuckt wurde –

Hanna Rodtbach küßte den ernsten Mann an ihrer Seite.

»Noch einmal habe Dank, daß du gekommen! Halte mich fester, Geliebter!«

Dr. Erwin Steinweg blickte ihr fest ins Auge –

Da fiel ein heller Schein auf ihr bisher in dem bleifarbenen Zwielicht totenbleiches Antlitz und glitt über ihr braunes Haar – ein lichter Schein vom Fenster her –

War es die irdische Glut ausbrechenden Feuers?

War es die vom Himmel fallende Lohe des Weltbrandes?

Es war – ein erster schüchterner Sonnenstrahl!

Dr. Steinweg zog die Uhr – sie zeigte auf 4 Uhr 37 Minuten 29 Sekunden. Fast drei Minuten über die berechnete Zeit!

Und die Erde hatte noch keinen Zusammenstoß erlitten!?

Und da erschien wahrhaftig seitlich schon die Sonne wieder!!!

Was war geschehen?!

Wie war das Unmögliche möglich geworden!?!

Das kurze Telegramm, welches das Reichsamt kurz vor der Sekunde des Zusammenstoßes empfing, kam aus dem Observatorium bei P*** und enthielt die Worte:

»Zusammenstoß abgelenkt durch Abweichung der Erde von ihrer Bahn, die einige Stunden vorher plötzlich eingetreten. Grund dafür unbekannt. Der »Komet« um 3 Uhr 34 Minuten 52 Sekunden schon ca. 100 Meilen von der Erde entfernt.«

O.B. Servator.

– – Ja – die Erde war gerettet – in zwölfler Stunde!

Wohl folgten noch einige bange Stunden des Zweifels, und solange der schwarze Schatten noch dräuend am Horizonte hing, stand auch noch die Sorge im Herzen der Menschen; als aber der Morgen des neuen Tages golden und sonnig heraufstieg, wie seit Jahrmillionen, und der »Zerstörer« nicht mehr den Himmel verdunkelte, da kehrte auch dem verzagtesten Mut und Hoffnung zurück. Im Laufe der nächsten Tage fand sich die Menschheit wieder in ihr altes Gleis, schneller als man gedacht. – – – – – –

In dem Briefe, in welchem Dr. Steinweg seinem alten Direktor seine Vermählung meldete, bat er ihn gleichzeitig um die astronomischen Aufzeichnungen, die dieser in den Stunden vor dem erwarteten Zusammenstoße gemacht hatte.

Der Direktor schloß seinen Gratulationsbrief mit den Worten:

»Anbei also lasse ich Ihnen das gewünschte astronomische Material zugehen. Frau Hanna wird – nach allem, was Sie mir von ihr berichtet, nicht schmollen, wenn sie ab und zu einmal Ihren Blick von dem Himmel Ihres häuslichen Glückes wieder zu dem außerirdischen wenden, der ja nun einmal für uns Astronomen nur eine Tafel voll gelöster und noch ungelöster Rechenexempel ist. Und daß das letzte noch ungelöste Rätsel: »warum der erwartete Zusammenstoß mit dem ominösen Kometen nicht eingetreten ist«, Sie ebenso quält wie mich, weiß ich auch, lieber Herr Doktor und Freund! Aber vielleicht sind Sie bei dessen Lösung glücklicher als ich. –

Daß Sie das im allgemeinen und im besondern sein mögen, ist der aufrichtige Wunsch

Ihres ergebenen
O.B. Servator.

– Der Wunsch des alten Herrn Direktors ging in Erfüllung: einige Wochen später legte Dr. Steinweg der Akademie der Wissenschaften eine Arbeit vor, welche den Titel trug:

» Über die Ursache des nicht erfolgten Zusammenstoßes zwischen dem Kometen vom 3. August cr. und der Erde –«

Der Verfasser wies darin an der Hand eingehender Berechnungen nach, daß die kurz vor dem Zusammenstoße erfolgte plötzliche Abweichung der Erde von ihrer Bahn einfach eine Wirkung des Rückstoßes sei, welchen die momentan erfolgende Eruption der hunderte von Kratern in der Andenkette auf den Erdkörper ausgeübt habe. All die momentan explosionsartig in Tätigkeit tretenden Vulkane mit ihren tausende von Metern tiefen, von den Ablagerungen ganzer Erdperioden verschütteten und belasteten Kratern seien solche Riesengeschütze, die ihre Ladung in den Raum schleuderten. Die in der Kettenform der Anden liegende, reihenweise Anordnung der Vulkane ergebe lauter gleichzeitig und in gleicher Richtung gegen den Erdkörper gerichtete Reaktionsstöße, deren Summierung die Kraft erzeugt habe, die hinreichend war, die Erde aus ihrer Bahn um die Sonne zu schleudern, zwar nur um winzige Bruchteile einer Bogensekunde – aber doch ausreichend, um den gefürchteten Zusammenstoß zu verhindern. –

Der Bericht schloß:

»Ist es nicht, als ob der von dem unsterblichen Darwin zuerst in seinen Konsequenzen gewürdigte »Kampf ums Dasein« sich auch in diesem Falle in wahrhaft grandioser Weise, wie in einem lebendigen Organismus, durchgesetzt habe? Wie überall in der Welt des Lebens die Not die schlummernden Kräfte der Organismen weckt oder zu erneuter Betätigung zwingt, so hat in diesem »struggle for life« unsere Mutter Erde die in ihr seit ungezählten Jahrtausenden vorhandenen, aber zeitweilig schlummernden Kräfte in der einfachsten, aber wirksamsten Weise zur Rettung vor dem herannahenden Feinde benutzt – und damit unserm Geschlechte die Fortentwicklung auf weitere Jahrmillionen hinaus gesichert. Denn im Aufbauen und Weiterbauen – in der Evolution – ruht das Geheimnis und der Sinn alles Lebens. Das Paradies liegt vor uns und nicht hinter uns.«

Der letzte Satz der Abhandlung war im Manuskript von einer Frauenhand geschrieben, von Hanna Steinwegs Hand. Und wenn er auch zunächst nur wie eine rein persönliche Verheißung klang – für den Bund, den sie in jener letzten Stunde noch mit dem Immergeliebten geschlossen, so sprach sich doch darin ebenso zuversichtlich die Hoffnung aus auf ein Besserwerden der menschlichen Gesellschaft überhaupt. Denn in allen Ständen und Klassen der Bevölkerung regte sich's leise, aber unaufhaltsam, wie ein neues, höheres Leben!

