Ballon und Eiland

I.

Im Zyklon!

Den meisten Lesern ist jener Vorfall wohl noch in der Erinnerung, der sich in den ersten Tagen der Weltausstellung von St. Louis ereignete – wir meinen das Verschwinden jenes ersten Fesselballons, den ein plötzlich auftretender Zyklon in die Lüfte entführte. Jener furchtbare Wirbelsturm richtete bekanntlich auf dem Gelände der eben entstehenden Ausstellung bedeutenden Schaden an, der in den Zeitungen, wie üblich, nach so und soviel hunderttausend Dollar abgeschätzt wurde. Dagegen erschien freilich der Verlust eines Fesselballons von verschwindender Bedeutung –

Und so blieb auch den meisten Lesern unbekannt, was dem erwähnten Vorfalle ein rein menschliches Interesse zu geben geeignet war – daß jene zuerst vom Telegraphen verbreitete Notiz:

»Der Fesselballon der Ausstellung wurde trotz der starken Stahltrossen, die ihn hielten, vom Orkan losgerissen und entfloh auf Nimmerwiedersehen; zum Glück enthielt er wegen der späten Abendstunde keine Insassen –«

– daß jene Notiz nur in ihrem ersten Teil zutreffend war!

Denn der Fesselballon enthielt trotz der späten Abendstunde doch noch Insassen – und ihr Schicksal schildern die folgenden Blätter.

Eine kleine Gesellschaft Deutscher und Deutsch-Amerikaner war nach einem längeren Rundgange – wenn man die auf großen Strecken von einer Fahrt unterbrochene Besichtigung der Ausstellung so nennen darf – in einem der deutschen Wirtshäuser gelandet, wo echter Wein vom Rhein geschenkt wurde.

Es waren acht Personen, die sich an einem der runden Tische in einer Nische des Lokals niedergelassen hatten: der Privatdozent Dr. Heinz Sucher und seine Frau Elisabeth, Telegraphen-Inspektor Fritz Oldenburger und Frau Grete, geb. Schönthal, Mistreß Caroline Huebner aus Chicago und ihre Tochter Miß Annie, Dr. Felix Ridinger, Ingenieur und Mitbesitzer des »California-Eisenwerkes« bei Oregon-City, und seine Frau Maud, geb. Bruckner – Personen, die dem einen oder anderen der Leser vielleicht nicht ganz unbekannt sind.

Wie immer, wenn beim goldnen Wein alte Freundschaft erneuert oder neue geschlossen wird, war die Stimmung der Gesellschaft äußerst angeregt und belebt; Mistreß Huebner, die als junges Mädchen aus Deutschland herübergekommen war, hatte Gelegenheit, sich durch den Augenschein zu überzeugen, daß die jungen Deutschen – denn es waren lauter jungvermählte Paare – genau noch so fröhlich zu sein verstanden, wie sie als Fräulein Caroline vor einem Menschenalter.

Am übermütigsten erschien der Telegraphen-Inspektor Fritz Oldenburger –- das war vielleicht insofern erklärlich, als er sich – auf der Hochzeitsreise befand. Er war es auch, der durch seinen Vorschlag schließlich der schuldlose Urheber alles dessen wurde, was hinterher geschah …

Durch die mit Butzenscheiben verglasten Fenster schimmerte die rötlich untergehende Sonne. Frau Elisabeth Sucher öffnete, als die zunächst Sitzende, einen Flügel des Fensters, um den Geistern des Weines, wie sie sich schelmisch ausdrückte die Rückkehr in ihr luftiges Reich zu erleichtern – als Fritz Oldenburger plötzlich wie elektrisiert aufsprang.

»Meine Herrschaften, wissen Sie, was unserm heutigen fröhlichen Beisammensein noch zur Vollendung fehlt?«

»Noch einige Flaschen von diesem Rüdesheimer!« rief launig Dr. Sucher.

»Die auch, lieber Freund,« warf Oldenburger dazwischen, – »und sie sollen uns nicht fehlen! – Nein, meine Herrschaften, schauen Sie dorthin, sehen Sie –« er wies durch das geöffnete Fenster – »vom Lichte der scheidenden Sonne vergoldet, den Einsamen da oben, der wie der Adler aus Schillers ›Spaziergang‹ ›im einsamen Luftraum hängt und knüpft an das Gewölke die Welt‹« –

»– den Fesselballon!« rief seine Frau.

»Ja, Gretulein – ihn mein' ich. Lassen Sie uns zum Abschluß des heutigen Tages noch einen Aufstieg im Fesselballon machen –«

»Er wird eben herabgewunden,« sagte Ridinger, »er hat wohl den letzten Aufstieg für heute gemacht« – er sah nach der Uhr – »ja – es ist Schluß für heute.«

»So lassen Sie uns eilen, ladies and gentlemen!« rief Oldenburger zum Aufbruch drängend, – »der allmächtige Dollar wird uns helfen, falls die bittenden Blicke so vieler schöner Augen bei den Beamten des Fesselballons machtlos bleiben – kommen Sie, kommen Sie!«

– Ehe man sich recht besann, war man schon auf dem Wege zur Aufstieghalle. Zuerst wollte ja die eine oder andere Dame protestieren; aber der diplomatische Fritz Oldenburger hatte sich die Zustimmung der Mistreß Huebner zu sichern gewußt – und so wollte sich die Jugend nicht vom reiferen Alter beschämen lassen: der übermütige Vorschlag ging allseitig durch.

Um sich die Herren der Gesellschaft noch geneigter zu stimmen, ließ der junge Telegraphen-Inspektor einen Korb voll Rüdesheimer Wein an Ort und Stelle bringen.

»Heinz, Bruderherz, wie muß da oben der Wein erst schmecken!« hatte er enthusiastisch gerufen, als er Dr. Sucher davon berichtete. – –

Alles ging nach Wunsch. Einen Augenblick hatte zwar der Ingenieur, Mr. Sidney Morris, Einwendungen erhoben, hatte aber auf die Bitten der Damen hin doch das Signal zum nochmaligen Aufstieg des riesigen Luftungetüms gegeben.

»Aber nur wenige Minuten, mein Herr –« sagte er bestimmt zu Oldenburger. »Die Wolkenwand dort im Südwesten kommt immer näher –«

»Im voraus besten Dank, Mr. Morris!«

– Und so stieg man auf. Anfangs klammerten sich die jungen Frauen ängstlich an ihre Eheherren – aber als das eigentümliche Schwindelgefühl überwunden war, genoß man einen Ausblick und Rundblick über die gesamte Ausstellung und ihre Umgebung, der unvergleichlich war.

Die lustigen Gespräche verstummten alle – der Eindruck des Erhabenen drängte sich mit zwingender Gewalt in die Menschenseele …

Der Ballonführer, Mr. Morris, reichte den Insassen ein Fernrohr zur bessern Beobachtung des schon im Dämmerlicht verschwimmenden Horizontes.

Und eben bückte sich Fritz Oldenburger, um einige der mitgenommenen Flaschen zu einem »Toast in den Lüften« aus ihrer Verpackung zu lösen – als ein pfeifender Windstoß den riesigen Ballon von der Seite packte, daß die Seidenhülle tiefe Einbuchtungen erhielt und krachend gegen das Netzwerk gepreßt wurde –

Entsetzt klammerte sich alles an den Rand der Gondel – die Damen schrien vor Schreck auf –

Schnell gab der Führer durch das Telephon das Zeichen zum Abstieg. Man fühlte an dem Erzittern der großen Gondel, wie der Ballon ruckweise herabgezogen wurde –

Die Insassen atmeten erleichtert auf. Oldenburger stand noch immer, in jeder Hand eine Flasche Rüdesheimer, unschlüssig, ob er sie nicht doch noch öffnen sollte – – als die Gondelinsassen von einem zweiten, viel gewaltigeren Stoße durcheinandergeschleudert wurden –

Ingenieur Morris beugte sich über den Gondelrand –

Da ringelte sich das sonst straffgespannte Stahldrahtseil wie eine Schlange in den Lüften –

Es war Zerrissen.

Der Druck des Orkans war zu groß gewesen…

Pfeilschnell flog der entfesselte Riesenballon in die Höhe. Morris warf einen Blick auf das Barometer. Die Quecksilbersäule fiel rapid –

Wie ein Kreisel drehte sich das Luftschiff um sich selbst, immer höher steigend. In wenigen Sekunden war es in einem Wolkenmeere verschwunden, das der nun voll einsetzende Wirbelsturm zusammengetrieben hatte. Das war auch der Grund, weshalb Morris nicht die Ventilleine zog. Die Geschwindigkeit dieser Taifune ist bekanntlich sehr groß, erreicht nicht selten 40-50 Meter pro Sekunde. Dazu verhinderte die graugelbe Wolkenhülle jede Orientierung, so daß eine Landung völlig unmöglich schien, noch dazu mit solchen Insassen.

Denn in der Gondel sah es traurig aus – Weinen und Schluchzen und verzweiflungsvolle Schreie nach Hilfe übertönten die Trostworte der ruhigeren Männer. – Aber auch diese erkannten bald den ganzen, furchtbaren Ernst ihrer Lage.

»Derartige Stürme pflegen nur selten von längerer Dauer zu sein,« sagte Morris beruhigend zu den Verzweifelnden. »Hoffentlich können wir in ganz kurzer Zeit wieder landen. Unser Ballon ist vom besten Material und besitzt wegen seiner Größe eine bedeutende Tragkraft. Wir sind in dem gleichen Falle, wie Luftschiffer im freien Ballon, die vom Wirbelsturm unvermutet gepackt werden, ladies and gentlemen. Darum bitte ich sie alle immer wieder: verzweifeln sie nicht, behalten sie Hoffnung, fassen sie Mut!« –

Aber dieser Taifun war einer der seltenen, die tagelang andauern. Die Nacht kam mit all ihrem Dunkel und all ihrem Schrecken – und der Morgen kam, bleigrau schimmerte sein fahles Licht durch die graugelben Wolkenmassen. Hagel- und Regenschauer prasselten auf die Ballonhülle hernieder, und noch immer wagte man nicht zu landen – – –

Ungefähr sechzig Stunden nach dem unglücklichen Aufstieg – die Verzweiflung der Balloninsassen war unterdes aufs höchste gestiegen! – sah der Führer Morris mit dem Fernrohr durch den nun in einzelne Fetzen zerrissenen Wolkenmantel unter sich – das wogende Meer, das in langen, weißköpfigen Wellen dahinflutete.

»Der Ozean –« sagte er leise zu Mr. Ridinger, der mit seiner jungen Gattin neben ihm am Rande der Gondel stand.

»Aber welcher Ozean, Mr. Morris?« fragte Mrs. Maud – »Atlantik oder Pazifique?«

»Ja, Mrs. Ridinger, diese Frage habe ich mir in unser aller Interesse eben auch schon gestellt, ohne sie bis jetzt beantworten zu können –«

»Wie hoch schätzen Sie die Geschwindigkeit dieses Wirbelsturmes, Mr. Morris?«

»Ich besitze leider zu wenig meteorologische Erfahrung, aber ich glaube, sie wird sich von der Durchschnittsgeschwindigkeit derartiger Zyklone nicht weit entfernt haben, die ungefähr vierzig Meter in der Sekunde beträgt –«

»Das ergibt also für jede Stunde unserer unfreiwilligen Ballonfahrt zirka hundertvierzig Kilometer« – sagte der eben hinzutretende Dr. Sucher.

»Ja, nur daß dabei die Richtung der bewegten Luftmassen – also auch des in ihnen schwebenden Ballons – fortwährend wechselt und nacheinander alle Örter der Windrose durchläuft, eine halbwegs zutreffende geographische Orientierung nach der Länge der durchflogenen Wegstrecke also kaum möglich sein wird –« vollendete Morris.

»Auf jeden Fall müssen wir versuchen zu landen, Mr. Morris!« rief Fritz Oldenburger besorgt aus, »schon um nicht zu verhungern – von allen andern Gefahren, die uns mit jeder Stunde mehr bedrohen, gar nicht zu reden. Sie sagten selbst, daß der Gasverlust unseres Ballons seit gestern immer bedeutender wird –«

»Gewiß muß eine Landung um jeden Preis versucht werden,« sagte der Ballonführer zustimmend. Der Taifun scheint ja allmählich abzuflauen; wir wollen zunächst, so ungern ich etwas von unserem Gasvorrat opfere, noch etwas tiefer herabsteigen – vielleicht ist der Ausblick unter dieser Wolkenschicht freier –«

Er faßte nach der Schnur und öffnete das Ventil am oberen Ende des Ballons. Mit einem scharfen Zischen entwich das Gas. Die Wolkenschicht unter ihnen kam plötzlich näher – scheinbar; nun hüllten sie die Wolkenmassen selbst in undurchdringlichen Nebel –

Nochmals zog der Führer die Ventilleine.

Mit einem gewaltigen Ruck sank der Ballon durch die hüllenden Wolken –

Unter ihnen flutete endlos – bis an die Grenzlinien des äußersten Horizontes das freie Meer – –

»Vielleicht sehen wir ein Schiff!« sagte Frau Grete Oldenburger, die nun auch die Gruppe der stumm in einer Gondelecke sitzenden Frauen verlassen und den Platz neben ihrem Gatten eingenommen hatte.

»Hoffen wir es!« sagte Mr. Morris ernst …

Und über den Rand der Gondel gelehnt, starrten alle mit der Ausdauer, wie sie nur letzter Mut, letzte Hoffnung und letzte Kraft verleihen können, in die öde, weite, trostlose Wasserfläche, die in trübem Graugrün ihre Wellen in endlose Fernen wälzte. – – – –

II.

Endlich Land!

Fast achtundvierzig Stunden waren seitdem wieder vergangen. –

– Da wir nach dem mündlichen Bericht eines Augenzeugen erzählen, hätten wir vielleicht länger bei der Schilderung und Ausmalung der Gemütsstimmung unserer Luftreisenden verweilen müssen, hätten im einzelnen und anschaulicher namentlich die schrecklichen Stunden der Nacht schildern müssen, in denen wild aufschluchzende Verzweiflung und dumpfe Betäubung hoffnungslosen Schmerzes abwechselten, hätten die Leiden namentlich der weiblichen Insassen, nicht zuletzt die Qualen des Hungers, der sich nach den ersten vierundzwanzig Stunden der Fahrt mit seinem lähmenden Schrecken nur um so stärker geltend machte, und gegen den man nur etwas Biskuit und Schokolade hatte – mit satterem Pinsel malen müssen – wir haben es nicht getan und meinen, bei unserer Zurückhaltung auf die Zustimmung des gütigen Lesers rechnen zu dürfen. –

– Noch immer ringsum das weite Meer.

Greifbar nahe aber lag es jetzt unter ihnen; denn trotz des Auswerfens aller entbehrlichen Ausrüstungsgegenstände der Gondel, die bisher als Ballast die Fahrt erschwert hatten, zeigte der Ballon am heutigen Morgen kaum noch soviel Tragkraft, all nötig war, ihn über den Kämmen der hochaufschäumenden Wogen schwebend zu erhalten.

Dazu schien auch die Geschwindigkeit der Fahrt, die Morris in den letzten Stunden als eine süd-südöstliche festgestellt hatte, mit einem Male nachzulassen.

– Sidney Morris war allein wach und spähte mit seinem Glase in die Runde. Immer ernster wurden seine Züge, und als er jetzt einen Blick auf die zusehends schlaffer werdende, fast gasleere Ballonhülle warf, die lose in ihrem Netze schlotterte – und einen zweiten auf die Gruppe der vor Erschöpfung schlafenden Männer und Frauen unter dem Zeltdach der Gondel, wurde zum ersten Male sein Antlitz blaß.

Noch einmal musterte er das Aussehen des Ballons und sah nach dem Barometer –

»Noch eine oder zwei Stunden – dann –« kam es tonlos über seine Lippen. Seine Augen suchten dabei das junge Mädchen, das bleich wie eine Statue, im Arme ihrer Mutter lag, Miß Annie – und abermals wandte er sein Antlitz nach allen Richtungen der Windrose, als könne er so die Rettung herbeiführen –

Nach einer Weile legte jemand die Hand auf seine Schulter.

Er wandte sich rasch um – Maud Ridinger stand hinter ihm.

»Es geht zu Ende mit uns, nicht wahr, Mr. Morris? Unser Ballon wird ins Meer sinken, ehe –«

»Das wollen wir nicht hoffen, teuerste Mrs. Ridinger; jeder Augenblick kann uns ein Schiff oder eine Küste zur Rettung zeigen –«

»Wie er sie uns bis jetzt gezeigt hat, nicht wahr, Mr. Morris. »Ach, nicht um leere Redensarten zu machen, habe ich mich zu Ihnen geschlichen – hören sie meinen Plan!«

Und mit leiserem Flüstern fuhr sie fort:

»Ich bin eine gute Schwimmerin, Mr. Morris – eine oder zwei Stunden Schwimmfahrt im Wasser machen mir nicht viel! Ich will mich also an einem der hier in der Gondel befindlichen Seile bis zum Meeresspiegel herablassen und mit dem Seil am Gürtel, schwimmend den Weg des Ballons begleiten. Das bedeutet für den Ballon immerhin eine Erleichterung um –« sie lächelte ein wenig – »um rund fünfundsechzig Kilogramm –«

Mr. Morris küßte ihr gerührt die Hand.

»Nein, teuerste Mrs. Ridinger – nein! Wenn ein Opfer gebracht werden muß, bin ich der nächste dazu. Auch mir tun ein paar Stunden Schwimmfahrt nicht viel und – ich erleichtere den Ballon um mehr als fünfundsechzig Kilogramm. Zudem erkaufen wir die Erleichterung des Ballons infolge der Bremswirkung des im Wasser nachschwimmenden Körpers mit einer Verlangsamung des Fluges.«

Maud Ridinger vermochte nicht zu antworten; denn unbemerkt war ihr Gatte herzugetreten und schloß ihr mit einem Kusse den Mund.

»Ich weiß, was sie tun will,« sagte er, »schon gestern abend sprach sie davon, Mr. Morris, und nur auf meine Bitte hin hat sie bis jetzt geschwiegen –«

»Schade, my darling, daß du nicht ein Viertelstündchen länger geschlafen hast; dann hätten weder Mr. Morris noch du mich an der Ausführung meines Entschlusses hindern sollen. Gut,« setzte sie entschlossen hinzu, »schließen wir ein Kompromiß, Mr. Morris: Zeigt sich binnen einer Stunde keinerlei Aussicht auf Rettung, so lassen sie mich an einem Seile hinab aufs Meer; – falls ich mit meinen Kräften zu Rande bin, ehe wir Hülfe gefunden haben, dürfen sie mich ablösen –>«

»Aber – so lassen sie mich doch zuerst –«

»Nein, Mr. Morris! Sie sind der Führer unseres Fahrzeugs, der einzige, der Fachkenntnisse hat, und in diesen letzten Stunden doppelt und dreifach hier oben nötig unter den Verzweifelnden –«

»Es sei, wie du gesagt, Liebling!« sagte Ridinger ernst und entschieden. »Gott möge deine Opfertat segnen an uns allen!« – – –

– Und nun war die verabredete Stunde – ach, so bleiern langsam für die meisten der Insassen, so entsetzlich schnell für Mr. Ridinger und Mr. Morris – vergangen.

Nirgends ein Punkt am Horizont, der Rettung verhieß – nirgends! Und alle standen an der Brüstung der Gondel und alle wußten, daß sich in den nächsten Stunden ihr Schicksal entscheiden müßte! Auch den todesmutigen Entschluß der tapferen Maud kannten alle, und alle hatten sie vergebens umzustimmen versucht –

»Es ist Zeit, Mr. Morris,« sagte nun die kühne Deutsch-Amerikanerin. Sie entledigte sich ihres Oberkleides, und Morris legte ihr mit Hilfe Ridingers ein Seil um die Hüften. Nun schwang sie sich über den Rand der Gondel –

Das Seil, an dem sie über der Tiefe hing, spannte sich straff an. Zoll um Zoll ließen Morris und Ridinger das Tau durch die Hände gleiten. Auf der gegenüberliegenden Seite der Gondel aber blickten die andern Insassen bang hinab und sahen die kühne Schwimmerin dem tückischen Elemente immer näher kommen –

Nun ein Aufklatschen des Wassers.

»Halloh!« klang es von unten, und gleichzeitig machte der flügellahme Ballon einen gewaltigen Satz vertikal aufwärts –

»Nachlassen!« rief es abermals aus der Tiefe, und die Gondelbewohner sahen, daß der plötzlich um ihr Gewicht erleichterte Ballon beim Emporschnellen Frau Maud wieder mit in die Luft gerissen hatte. Im nächsten Augenblick hatten die beiden Männer das Seil frei nachgelassen. Und nun schwamm die kühne junge Frau ruhig, wie daheim im Schwimmbassin, auf den sich immer mehr glättenden Wellen.

» All right!« rief sie noch von unten.

– Es schien, als sei der Ballon durch das erneute Steigen in eine kräftigere Windströmung geraten, die noch mehr östlich gerichtet war. – Die Sorge um die einsame Schwimmerin im endlosen Meere da unten ließ alle Balloninsassen die eigene Gefahr vergessen, um so mehr, als sie wußten, daß Mauds Opfermut die letzte Ursache war für die erreichte veränderte Schnelligkeit und Richtung ihrer jetzigen Fahrt.

Ein furchtbarer Gedanke allein drängte sich allen immer wieder auf; besorgt hatte Dr. Sucher ihn eben Mr. Morris gegenüber geäußert: Die Möglichkeit, daß sich Haifische zeigen könnten!

Freilich glaubte Morris den jungen Gelehrten insofern beruhigen zu können, als erfahrungsgemäß diese »Hyänen des Meeres« nur solche Legionen des Ozeans bevölkern, welche einen regen Schiffsverkehr zeigen, weil da ihre Gefräßigkeit am ehesten Beute findet.

»Daß wir aber nicht in der Nähe der eigentlichen Schiffsrouten sind, müssen wir nach unserer fast viertägigen Irrfahrt wohl leider annehmen!« –

Trotzdem spähten aller Augen ängstlich in die graugrünen Fluten, ob nicht doch irgendwo die unheimliche »graue Flosse« des gefürchteten Ungeheuers sichtbar werde – –

Da rief plötzlich eine helle freudige Stimme:

»Land – ich seh? Land dort – dort!«

Miß Annie Huebner, die mit dem Fernrohr den Horizont abgesucht, hatte es gerufen. Dann sank sie mit Tränen der Freude ihrer Mutter in die Arme.

Nun blickte einer nach dem andern durch das erlösende Fernrohr – und alle sahen, was sie zuerst geschaut – das rettende Land, die gastliche Küste –

Und als wollte das segnende Geschick den Mut und die Opferfreudigkeit noch mehr belohnen, frischte plötzlich, trotzdem der immer mehr sich leerende Ballon von der durch seine Entlastung erreichten Höhe langsam herabgesunken war, eine stärkere Brise auf, die gerade in der Richtung zur ersehnten Küste wehte …

»Wie lange werden wir noch zu fahren haben, wenn diese Windstärke anhält, Mr. Morris?«

»Kaum eine halbe Stunde, Mr. Ridinger. Und da nun die Küste schon etwas klarer in Licht ist, wollen wir Mrs. Ridinger wieder heraufzuziehen. Es ist besser, wenn wir im Augenblick unserer Landung alle beisammen sind – wenn Mistreß auch ihr Schwimmpensum noch nicht ganz erledigt hat!«

– Muntere Zurufe belehrten die unverdrossene Schwimmerin über die freundliche Wendung, die ihr Geschick genommen.

»Kann ich nicht bis zum Lande schwimmen? Ich bin noch gar nicht müde!«

»Wir möchten aber alle, daß Sie wieder zu uns kommen, Mrs. Ridinger!« rief Morris hinab, und ohne ihre Zustimmung abzuwarten, begann er mit Mr. Ridinger das Seil hochzuziehen –

Zwar sank der Ballon in dem Augenblick, als der Körper der Schwimmerin das Wasser verließ, so tief, daß die Damen entsetzt aufschrien aus Furcht, er stürze ins Meer hinab – aber er blieb doch hoch genug über der Wasserfläche, um seinen Flug fortsetzen zu können, und – was Morris einen Moment leise befürchtet, als er den heftigen Sturz bemerkte – auch seine Fahrtrichtung und Schnelligkeit änderte sich trotz der geringen Lufthöhe nicht.

– Als Mrs. Maud den Rand der Gondel erreichte, streckten sich ihr sechzehn Arme entgegen, um sie hereinzuheben. Sie aber fiel mit einem glücklichen Lächeln ihrem Gatten um den Hals und sagte:

» Du freust dich am meisten, daß mich kein Haifisch verschluckt hat, nicht, my darling?«

»Um Gottes willen, Liebste, hast du auch daran gedacht?«

»Jeden Augenblick, Liebling – aber ich wollte doch dir und den andern nicht das Herz noch schwerer machen!«

Ungefähr eine halbe Stunde spater fiel der schlaffe Ballon, den in den letzten Minuten der Fahrt nur noch die leere Hülle wie ein großer Flugschirm über die Schaumkämme der Wellen geschleppt hatte, wie ein todwunder Vogel auf der leicht aufsteigenden Küste des glücklich erreichten Landes nieder!

Die Gondelinsassen kugelten zwar trotz aller Sicherheitsvorkehrungen ihres Führers ein paarmal bunt durcheinander – aber sie vermochten doch alle aus der Gondel zu steigen und den zitternden Fuß heil und gesund wieder auf den festen, treuen Erdboden zu setzen.

III.

Seemuscheln und Rüdesheimer

»Neun Kolumbusse auf einmal!« rief Fritz Oldenburger, der, seit er festen Boden unter den Füßen fühlte, schnell wieder seine alte fröhliche Art zurückgewonnen hatte.

Lachend und weinend vor Freude über ihre Rettung halfen sich die Irrfahrer gegenseitig aus der umgestürzten Gondel heraus.

»Wo mögen nur gelandet sein?« war die erste allgemeine Frage. Dr. Sucher betrachtete aufmerksam mit Felix Ridinger die Formation der Küste –

»Vulkanisch – nicht wahr?« sagte der erstere.

»Ja – entschieden, und daraus schon möchte ich den Schluß ziehen, daß wir im Stillen Ozean gelandet sind –«

»Auch meine Meinung, Mr. Ridinger,« sagte nun Mr. Morris, der so lange den Damen behilflich gewesen war, »damit würde auch Dauer und Richtung unserer Luftfahrt am besten übereinstimmen!«

»– Aber auf welcher Küste sind wir?« fragte Dr. Sucher. »Der vulkanische Ursprung würde auf eine kleine, verlorene Insel des pazifischen Ozeans hinweisen – leider flog der Ballon so tief, daß wir noch keinen Überblick über ihre Ausdehnung gewinnen konnten –«

»Also neun Robinsons und nicht Klumbusse!« rief Fritz Oldenburger, der, sein Frauchen am Arme, näher getreten war.

»Hoffentlich auch die nur vorübergehend, Mr. Oldenburger,« sagte Morris, auf seinen Scherz eingehend. Dann wandte er sich zu den andern:

»Das allererste in unserer neuen Lage wird wohl sein, ladies and gentlemen, uns nach einer Mahlzeit umzusehen. Bis jetzt hat uns vor dem Verhungern Mrs. Huebners Picknicktasche mit ihrem schier unerschöpflichen Vorrat an Biskuit und Schokolade –«

»Er war nicht unerschöpflich, lieber Mr. Morris,« sagte Mrs. Caroline Huebner lachend, »man muß nur einzuteilen verstehen, wie in jedem Haushalt, und man muß so zufriedene Tischgäste haben, als all die Balloninsassen gewesen sind. Freilich habe ich gestern und heute die Bissen gar zu klein machen müssen –«.

»Folglich,« nahm Morris seine Rede wieder auf, »müssen wir sie etwas größer zu machen versuchen und wollen also den Strand nach Muscheln absuchen – vielleicht können wir dann auch ein kleines Feuer machen, um sie zu rösten! Also auf – wer sich noch kräftig genug fühlt!«

Und alle brachen auf, und bald verkündeten fröhliche Rufe, daß dieser ober jener einen eßbaren Fund gemacht, den die eben einsetzende Ebbe freilegte. – –

Der wunderbare Wechsel ihres Schicksals, das aus übermütiger Feststimmung heraus sie tagelang dem furchtbaren Zyklon mit seinen tausend Schrecken ausgesetzt, um sie dann in letzter Stunde auf dem müden Fittich des erschöpften Luftseglers auf diesem Eiland in Sicherheit zu bringen, hatte bei den neun Ballonfahrern ein fast kindliches Glücksgefühl erzeugt, das ebenso sehr der überströmenden Dankbarkeit gegen das gütige Geschick als der Freude am neugeschenkten Dasein entsprang …

Wie eine schwärmende Schar fröhlicher Kinder tummelten sie sich am Strande beim Muschelsammeln. In allen geeigneten oder ungeeigneten Behältern – Hüten, Rocktaschen, Taschentüchern usw. – wurden sie geborgen. Auch ohne weitere Zubereitung schmeckten sie den teilweise recht verwöhnten Gaumen der »Schiffbrüchigen« vortrefflich und halfen über den allerersten, nagendsten Hunger hinweg. – Und als Fritz Oldenburger schließlich den von ihm fest an das Weidengeflecht der Gondel geschnürten Korb mit dem »Rüdesheimer« aus dem deutschen Wirtshaus in St. Louis – bis auf eine zerbrochene Flasche heil und unversehrt fand und von diesem glücklichen Fund Mitteilung – im wörtlichen Sinne – machte, fühlte sich die Reisegesellschaft so gestärkt, daß sie über all das Erlebte plaudern konnte, wie über einen schweren, bösen, angstvollen Traum …

An einer gegen die See etwas geschützten Stelle des Ufers beschlossen die Herren dann ein Feuer zu machen.

»Aber das Brennmaterial?« fragte Frau Grete Oldenburger.

»Vorläufig wollen wir das trockene Seegras dazu benutzen, das der Wellenschlag dort am Ufer seit langer Zeit angetrieben hat. Da wird sich auch wohl etwas Treibholz finden, hoff' ich!« antwortete Dr. Sucher.

»Gewiß – das ist ja immer so – bei allen Robinsons, liebe Grete!« sagte ihr Gatte lachend. »Bis jetzt haben wir alles programmäßig absolviert: Nr. 1: unerlaubte Abreise – Nr. 2: Irrfahrt – Nr. 3: Schiffbruch – Nr. 4: Landung an einer rettenden Küste – Nr. 5: Aufsuchen von Seemuscheln usw. zur ersten Mahlzeit – bleibt also Nr. 6: Feuermachen! – nur daß wir es damit wahrscheinlich bequemer haben. Denn wir haben ja als Kinder einer modernen Zeit und im Zeitalter der Chemie – Streichhölzer! Nicht wahr, meine Herren? selbst ich – als Nichtraucher –« er faßte in die Tasche seines Überziehers –

»Donnerwetter! Die habe ich irgendwo liegen gelassen oder bei der Fahrt verloren! – Aber Sie, meine Herren?« –

Er sah fragend auf die andern.

»Ich bin, wie Sie, Nichtraucher, Mr. Oldenburger,« sagte Morris, »und habe leider auch keine bei mir –«

»Aber du, Freund Heinz –«

»Ich denke doch!« sagte dieser und begann zu suchen. Sein Gesicht wurde rot und wieder blaß.

»Aber ich muß eine Schachtel »Schweden« bei mir haben!« wiederholte er, in nervöser Hast alle seine Taschen durchsuchend, immer von neuem … Aber – er fand keine!

Schon während der Privatdozent zu suchen begann, hatte der Ingenieur Ridinger lächelnd in eine Tasche seines Mantels gegriffen – und als jetzt Oldenburger ihn ängstlich fragte:

»Und Sie, Mr. Ridinger?« –

– reichte er ihm einen kleinen Apparat.

»Ein Taschenfeuerzeug, Mr. Oldenburger!« sagte er zur Erklärung. »Es enthält eine kleine, elektrische Batterie, welche beim Druck auf diesen Knopf ein Platin-Asbestgewebe zum Glühen bringt. Mit dieser Glühvorrichtung läßt sich bequem die Zigarre entzünden – sehen Sie!«

Er drückte auf den Knopf –

Aber der Platindraht blieb dunkel!

Nochmals versuchte er es – und nochmals –

Hastig nahm er den kleinen, kompendiösen Apparat auseinander, untersuchte die Kontakte und Verbindungen, setzte ihn wieder zusammen, probierte abermals –

Alles umsonst – das Taschenfeuerzeug funktionierte nicht mehr –

»Vielleicht ist es bei unserer Landung naß geworden, so daß die Batterie gelitten hat,« meinte Morris.

»Oder das feine Platingewebe ist zerstört, durchgebrannt vom oftmaligen Gebrauche –,« setzte Dr. Sucher hinzu.

Kopfschüttelnd untersuchte Ridinger sein Instrument immer wieder – – das Endergebnis blieb das gleiche!

»Ja,« sagte Fritz Oldenburger nach einer Pause allgemeiner Bestürzung – »dann sind wir allerdings nicht besser daran, als der Original-Robinson Daniel Defoes und müssen eventuell auf einen gutherzigen Blitzstrahl warten, der irgendwo einen Baum entzündet –«

»Erlaube, Fritz, daß ich dir zu Hilfe komme!« sagte Frau Grete, sich vor ihrem Gatten mit einem triumphierenden Lächelnd verneigend – »jetzt ist der große Augenblick gekommen, wo ich die Lektüre meiner Mädchenjahre verwerten kann! Wie oft hast du gescholten, wenn du mich wieder einmal bei einem phantastischen Roman Jules Vernes fandest!«

Und sie wendete sich zu den übrigen:

»Kennen Sie »Die geheimnisvolle Insel«, meine Herrschaften? – Oder »Die Abenteuer des Kapitäns Hatteras?« – Darin ist beschrieben, daß man sich Feuer verschaffen kann, indem man zwei Uhrgläser, mit Wasser gefüllt, zu einer Brennlinse zusammenkittet – oder indem man aus Eis mit den warmen Händen eine solche zurechtschmilzt –«

»Das letztere ist leider vorläufig unmöglich, mein kluger Schatz!« unterbrach sie neckenden Tones ihr Gatte.

»Aber das erstere nicht! – Schnell, meine Herren – zwei Uhrgläser! Zum Zusammenkitten der Ränder können Sie wohl feuchten Seefand benutzen –«

Lachend zogen die Angeredeten die Uhren aus der Tasche, klappten die Sprungdeckel auf und versuchten die Gläser herauszunehmen.

Als aber Dr. Sucher und Ridinger die ihren glücklich unzerbrochen ausgelöst hatten, zeigte es sich, daß sie viel zu flach, fast eben geschliffen waren, als daß man sie zu einer wirksamen Brennlinse hätte verkitten können.

»Aber –« mit einem schallenden Gelächter schlug Fritz Oldenburg er sich vor die Stirn – »wozu brauchen wir solch komplizierte Vorrichtung, meine Herren! haben wir nicht Mr. Morris' Fernrohr? Darin sind ja mindestens drei Linsen, wie wir sie bedürfen! Bitte, Mr. Morris!«

Und er raffte selbst ein Büschel trockenen Seegrases zusammen, indes Morris die größte der Fernrohrlinsen abschraubte. –

Aber als er sie eben auf das Seegras richtete, ging die Sonne weg, die diesen ganzen Morgen lang herniedergestrahlt, und der Himmel überzog sich mit Wolken.

So blieb die Hoffnung, ein Feuer anzünden zu können, vorläufig unerfüllt. Auf Morris' Rat begannen die Herren die Gondel des Ballons, die halb im Ufersande versunken lag, aufzurichten. Man zog sie weiter auf den Strand, wo sie vor den Anprall des Meeres geschützt war, und verankerte sie mit Stricken und Steinen im Boden, so gut es ging.

Ein Teil der Ballonhülle wurde dazu verwendet, in roher Form ein Zeltdach herzustellen, das die Gondel geräumig überspannte. – Über dieser Arbeit, an deren letztem Teile sich auch die Damen eifrig beteiligten, ging fast der ganze Tag dahin. – Zum Vesper- oder Abendbrot gab es wieder eine Portion Seemuscheln mit Rüdesheimer und den letzten Rest Bisquit aus Mistreß Huebners Picknickbeutel.

Nachdem Morris und Ridinger noch gegenseitig verabredet, je zur Hälfte die Nachtwache zu übernehmen, suchte die kleine Gesellschaft die Ruhe, und jeder bereitete sich in der Gondel sein Lager, so bequem es bei der geringen Ausstattung möglich war. schlief man doch heute das erstemal wieder auf festem Boden!

Indes Ridinger am Strande auf- und niederschritt, stieg Morris den Uferhang hinan, der an einem Punkte ziemlich steil war. Oben angelangt, richtete er sein Fernrohr nach allen Seiten. –

Zwar wechselte schon am fernen Horizont die nur kurze Dämmerung mit den Schatten der Nacht; aber noch blieb es einen Augenblick hell genug, um zu schauen, was er gefürchtet. –

Auf allen Seiten – ringsum – Wasser, nichts als Wasser!

– Ein winziges Eiland, eine Oase im Weltmeer, kaum ein paar tausend Schritt im Umfange.––––

Wie lange würden sie auf diesem baumlosen, unfruchtbaren Felsen im Ozean ihr Leben fristen können – neun Menschen, darunter fünf zarte Frauen?

Am andern Morgen – der Himmel zeigte ein trübes Grau – rief Morris die Mitglieder der kleinen Kolonie zusammen und führte sie auf die Spitze der Uferhöhe, die zirka fünfzig Meter über dem Spiegel des Meeres sich erhob.

»Eine kleine Insel!« riefen einige der Damen beim Umschauhalten.

»Ja, meine Damen,« sagte Ridinger, den Morris gestern abend noch verständigt hatte, »leider nur eine kleine Insel. –«

»Und wie es scheint, ganz unbewohnt,« fügte Dr. Sucher nach einer längeren Besichtigung durch das Fernrohr hinzu.

»Desto besser für uns,« fiel Fritz Oldenburger ein – »dann brauchen wir uns nicht vor den Kannibalen zu fürchten, die sonst ein unentbehrliches Requisit jeder echten und ehrlichen Robinsonade bilden –.«

»Die Vegetation scheint auch sehr spärlich zu sein,« sprach Frau Elisabeth, mit dem Fernrohr einzelne grüne Stellen der Insel absuchend.

»Ja – leider!« sagte ihr Gatte zustimmend – »das ganze Gebiet macht eben den Eindruck der Neuheit sozusagen – als sei das Eiland erst vor wenigen Jahren aus dem Schoße des Meeres aufgestiegen.«

»Der offenbar vulkanische Charakter der Insel würde diese Ansicht nur noch unterstützen,« äußerte Ridinger.

»Und der Mangel einer Bevölkerung auch!« setzte Oldenburg er hinzu.

»Leider sinken damit auch unsere Aussichten auf baldige Befreiung; denn der neuerliche Ursprung der Insel läßt befürchten, daß sie noch auf keiner der gewöhnlichen Schiffskarten verzeichnet ist,« sprach Sidney Morris ernst. »Ich halte es nämlich auf jeden Fall für das beste, ladies and gentlemen, unsere Lage von vornherein klar ins Auge zu fassen. Lassen sie uns alle gleich weit von sorglosem Optimismus als verzagendem Pessimismus bleiben! Unsere nächste Aufgabe ist nach meinem Dafürhalten eine dreifache: erstens – kein Mittel unversucht zu lassen, etwa vorüberfahrende Schiffe von unserem Hiersein zu verständigen, zweitens – unser Obdach so wohnlich und wettersicher als möglich zu machen; denn nach Beobachtung aller Umstände müssen wir annehmen, daß wir auf einer Insel des pazifischen Ozeans, nach dem Laufe der Sonne zu schließen, vielleicht in der Nähe des südlichen Wendekreises, gelandet sind, wo uns jetzt die Äquinoktialstürme bevorstehen, – und drittens, daß wir alles aufbieten müssen, jeder an seinem Teile, um ausreichendere Nahrung, Trinkwasser und – last not least – Feuer für uns zu verschaffen!«

Morris hatte geendet, und alle fühlten, daß er recht hatte.

»Vielleicht,« sagte nach einer Pause Ridinger, »ist es für diese letzte Aufgabe vorteilhaft, eine Teilung der Arbeit vorzunehmen, so daß die Damen den Strand regelmäßig nach Muscheln absuchen, indes wir den übrigen Teil in Angriff nehmen. Ich schlage darum zunächst eine genauere Besichtigung der Insel vor. Vielleicht entdecken wir dabei trinkbares Wasser und irgend etwas Eßbares, meinen Sie nicht auch, Mr. Morris?«

Morris nickte. »Ich habe nur ein Bedenken, die Damen ohne jeden Schutz hier am Ufer allein zu lassen –«

»Dann will ich hierbleiben,« sagte Fritz Oldenburger.

»Gut, Mr. Oldenburger. Und nun: good bye, ladies and gentlemen!«

Damit stieg Morris mit Sucher und Ridinger auf der anderen Seite der Anhöhe hinab, indes die übrigen sich anschickten, an den Strand zurückzukehren.

IV.

Das Feuerzeug

Die drei Pioniere stiegen über das Basaltgeröll der auf dieser Seite steiler abfallenden Felsbildung vorsichtig auf das eigentliche Inselterrain hinab. Schweigend schritten sie eine ganze Weile nebeneinander her, die Augen emsig nach allen Seiten richtend. –

Dann blieb Morris plötzlich stehen, zog das Fernrohr aus der Tasche, stellte es ein und betrachtete einen Punkt mitten in der fast ebenen Inselfläche.

»Was haben Sie bemerkt, Mr. Morris?« fragte Ridinger, der vorangeschritten war und sich nun umsah.

»Bitte, nehmen Sie einen Augenblick das Glas, meine Herren, und blicken sie auf den glänzenden Streif dort mitten in dem Terrain!«

Die beiden Angeredeten taten, wie ihnen geheißen.

»Nun, gentlemen, was ist dies?«

»Irgend ein spiegelndes Objekt, das den Reflex des Himmels zeigt, Mr. Morris!« sagte Ridinger.

»Also – Wasser offenbar, meinen sie nicht auch?«

»Wir wollen es hoffen,« meinte Dr. Sucher zweifelnd, »leider könnte es auch irgend ein vulkanischer Glasfluß, eine Art von Obsidian sein, der in diesem Eruptivgestein eine Spalte des aufgetriebenen Bodens ausgefüllt hat –«

»Wir werden es bald wissen! vorwärts, meine Herren!«

Und die Männer schritten, so schnell das unregelmäßige Gefüge des Terrains es ihnen erlaubte, auf die fragliche Stelle zu. –

Es war wirklich Wasser!

Morris bückte sich rasch und schöpfte mit der hohlen Hand.

»Es ist nicht salzig!« rief er froh. »Ich fürchtete schon, es sei von einer Überflutung der Insel zurückgebliebenes Brackwasser –«

»Wahrscheinlich ist es durch Regen und sonstige atmosphärische Niederschläge entstanden,« antwortete Ridinger, seinen Spazierstock hineintauchend. »Übrigens, die natürliche Cisterne scheint ziemlich tief zu sein, sehen Sie doch!«

Trotzdem er auch den ausgestreckten Arm noch fast ganz in das Wasser tauchte, stieß er nicht auf den Grund.

»Derartige vulkanische Spalten sind häufig sehr tief,« entgegnete Morris.

»Desto besser für uns alle!« rief Dr. Sucher, der nun auch das Wasser gekostet hatte – »ich finde, es schmeckt ganz rein.«

»Verdursten werden wir also wahrscheinlich nicht,« schloß Morris die Untersuchung, nochmals die ziemlich breite Spalte, die in einer Länge von fast zehn Metern im Boden verlief, mit den Augen messend.

»Dann weiter!« rief Dr. Sucher. »Entdecken wir auch Nummer zwei: unser täglich Brot in irgend einer Gestalt, gleichviel, »ob es kreucht oder fleugt«! Ich muß sagen, ich hoffe auf etwas, das da fleugt. Derartige einsame Felseninseln sind eigentlich dafür bekannt, daß sie den Seevögeln als Brutplätze dienen –«

»Das ist auch meine Hoffnung,« sagte Ridinger; »denn ich glaube kaum, daß unsere noch verhältnismäßig junge Insel etwas anderes beherbergt.«

– Aber diese Hoffnung schien sich leider nicht zu erfüllen! Es gewann immer mehr den Anschein, als berge die Insel außer ihnen keine Spur lebender Wesen. Und obwohl die drei Kundschafter stundenlang, die Kreuz und Quer, alle Bodensenkungen, alle erreichbaren Uferlöcher untersuchten, fanden sie nichts, so sehr auch der sich einstellende Hunger ihre Sinne schärfte…

Der Küstenrand fiel hier ziemlich steil ab und zeigte sich in seiner zerklüfteten Form wie geschaffen für nistende Vögel – aber diese selbst waren nicht zu entdecken.

Verzweifelt trat man den immer wieder aufgeschobenen

Rückweg an, diesmal am Ufer entlang kletternd, immer noch in der Erwartung, die Spuren von Seevögeln zu finden.

»Was fangen wir nur an, Mr. Morris?« rief Ridinger ein Mal über das andere verzweifelt aus.

Aber auch Morris wußte keinen Rat.

»Ob wir es einmal mit dem Fischfang versuchen –« fiel Dr. Sucher ein, »was meinen Sie? Ein Netz würden unsere Damen aus den vorhandenen Ballonstricken wohl knüpfen können. Wir könnten wohl auch versuchen, Angeln zu legen –«

»Wenn wir nur irgendwelchen Köder dafür hätten!« seufzte Morris. – Schweigend begannen sie dann ihre Uferkletterei von neuem …

Noch einmal unterbrach Morris seine Wanderung, kurz vor dem Ziele –

»Feuer müßten wir uns aber auf alle Fälle zu verschaffen suchen, schon um unser einförmiges Seemuschelgericht durch Rösten schmackhafter zu machen. Der Zufall scheint uns dabei zu Hilfe zu kommen: ich sehe da unten eben einige große Büschel von vertrocknetem Seegras hängen, in denen sich ein größeres Stück Treibholz gefangen hat. Ich möchte daraus eine Art Stativ zurechtschnitzen, um daran nach Mr. Oldenburgers Rat eine Linse meines Fernrohrs zu befestigen.«

Damit kletterte er vorsichtig tiefer hinab. Sich fest an dem Uferhang anklammernd, gelang es ihm, seinen Fund dicht über dem Wasserspiegel der leise anflutenden See zu ergreifen und in Sicherheit zu bringen.

Freudig zeigte er seinen Gefährten den erbeuteten Schatz. Dann schnitzte er ein primitives Stativ zurecht, indes Ridinger eine Klammer oder Gabel aus einem abgespaltenen Stück des Treibholzes herzustellen versuchte –

»Geben Sie mir doch einmal die Linse, die sie benutzen wollen, Mr. Morris – ich möchte sie einpassen,« sagte der letztere.

»Bitte, Mr. Ridinger –« Morris faßte in die Tasche seines Überziehers, in der er das kleine Teleskop zu bergen pflegte –

Sie war leer.

Abermals durchsuchte er hastig auch die übrigen Taschen seiner Kleider – Ridinger hatte ihn mit steigender Sorge beobachtet –

»Ihr Teleskop. Mr. Morris?«

»–ist verschwunden!«

»So müssen Sie es verloren haben – vielleicht an der Süßwasserzisterne!« meinte Dr. Sucher.

»Sollte es beim Wasserschöpfen – ich bückte mich allerdings ziemlich tief und ziemlich hastig – aber – das hätte ich doch wohl gemerkt –«

»Oder vorhin beim Klettern an der Uferwand, Mr. Morris? –«

»Aber ein so hellglänzender, metallner Gegenstand – so winzig war er doch nicht, daß ich ihn nicht hätte fallen hören –«

Aber bei dem letzten Worte wurde Morris blaß –

»Sollte ich es doch verloren haben? Als ich mich nach dem Stück Treibholz herabbückte, hörte ich etwas ins Wasser plumpsen – ich hielt es für ein Stück abbröckelndes Gestein, das unter mir losbrach –«

»– Sollen wir umkehren, es zu suchen, Mr. Morris?«

»Das wird kaum Erfolg haben, Mr. Ridinger. Auf ebenem Boden kann ich es nicht verloren haben, und vom Grunde des Meeres werden wir es schwerlich heraufholen können!«

»– Falls es nicht doch noch auf dem Boden der Zisterne liegt,« sagte Dr. Sucher.

»– Nein, nein! Das glaube ich bestimmt versichern zu können, daß ich es nach unserem Aufbruch von der Wasserspalte noch in der Tasche fühlte. – Kommen Sie! Sagen Sie aber den übrigen noch nichts von meinem Malheur, Gentlemen, ich bitte Sie –«

– – Trauriger als zuvor schritten sie vorwärts. Nach kurzer Wanderung kam der flache Teil des Ufers in Sicht, und die Damen schwenkten schon von weitem die Taschentücher, als sie die Zurückkehrenden erblickten.

»Haben Sie etwas gefunden, meine Herren?« rief Frau Grete Oldenburger ihnen entgegen.

»Nur Trinkwasser!« klang es traurig zurück.

»Aber wir –« jubelte sie, »haben etwas Eßbares! Kommen Sie, sehen Sie, schmecken Sie – gebackene Fische!«

Starr vor Verwunderung standen die Drei vor der primitiven Bratpfanne, in der Morris unschwer die kupferne Fassung des Ballonventils wiedererkannte –

Sie war gefüllt mit einem Gerichte knusperig gebratener Fische!

»Wer hat dies Zauberkunststück vollbracht?« fragte endlich Dr. Sucher.

»In der Theorie deine kluge Frau, lieber Heinz – in der Praxis – wir alle, nicht wahr, meine Damen?«

»Das meiste Verdienst haben Sie aber doch, Fritz,« entgegnete Frau Dr. Sucher? »denn Sie haben das kostbarste uns geschenkt – das Feuer!«

»Und die Damen, namentlich Miß Annie, haben das Fischnetz gestrickt – Sie hätten einmal all die flinken Fingerchen sehen sollen! Ich konnte gar nicht soviel Bindfaden aus den Ballonstricken aufdröseln, als sie verknüpften – und Mrs. Ridinger hat das Netz ein großes Stück ins Meer hineingeschleppt. – Dann haben wir es wieder eingezogen, und das übrige haben die gefälligen Fische besorgt, die von Mrs. Huebners Biskuitkrumen angelockt waren. – Essen Sie, meine Herren, essen sie! Wir haben es bereits getan und sind wirklich alle vollständig satt.«

»Aber die Butter zum Backen –« fragte kopfschüttelnd Mr. Morris. »Ich weiß wohl, daß die Indianer ihre Fische am offenen Feuer rösten – aber diese haben ja beinahe das Aussehen, als ob sie – wie sagt man – paniert und in wirklicher Butter gebraten wären?«

»Ei, Mr. Morris – dies Küchengeheimnis sollen wir Ihnen auch verraten?« scherzte Maud Ridinger. »Nun – da steht das Glückskind, dem der gütige Meergott dies Geschenk beschert hat, unsere liebe Miß Annie! – Erzählen Sie ihm doch, wie sie den Fund gemacht haben, liebste Miß!«

Das junge Mädchen lächelte.

»O, es war sehr einfach. Die Damen hatten das Netz ausgelegt, und ich grub auf Mamas Rat eine tiefe, viereckige Grube in den Land, in die wir die gefangenen Fische hineinlegen wollten. Da stieß ich beim Graben mit dem Spazierstock Mr. Oldenburgers auf einen harten Gegenstand, der sich in den Ufersand eingebettet hatte – es war –«

»Eine Kokosnuß!« rief Morris, der eben einen der kleinen Fische verzehrt hatte.

»Ja, Mr. Morris – schmecken Sie es heraus?«

Alle lachten.

»Mr. Oldenburger hat dann die Kokosnuß geöffnet, so geschickt, daß wir die Schale noch zu einem Gefäß benutzen können,« ergänzte Maud Ridinger die Erzählung der Miß, – »dann hat er uns eine Bratpfanne aus dem scheibenförmigen Kupferblech des Ballonventils zurechtgehämmert –

»Respekt, meine Herren, Respekt!« flocht Oldenburger lachend ein, »es war nicht so leicht – mit einem Stein als Hammer und einem anderen als Amboß! – Ich habe vor Kupfer- und sonstigen Schmieden seit ein paar Stunden mehr Hochachtung als früher –«

»– Und als die Pfanne fertig war, haben wir Kokosschnittchen geröstet und dann haben wir die Fische in der »Kokosbutter« gebraten, wir, das heißt eigentlich nur unsere teure Mrs. Huebner!« schloß die Sprecherin.

»Aber das Feuer?«

»Das hat Mr. Oldenburger als unser Prometheus uns verschafft, ihn müssen Sie fragen, Mr. Morris.«

»Aber wie nur, Mr. Oldenburger –«

»O – auch sehr einfach! Hören Sie: Als Sie drei gegangen waren, saß ich noch ein Weilchen mit Frau Elisabeth und meiner Frau auf der Anhöhe – welches sind denn eigentlich die Methoden, Feuer zu erzeugen? fragte ich mich dabei immer wieder, und schließlich, als mich meine Schülererinnerungen im Stiche ließen, auch mein Gretel aus Jules Verne keinen Rat mehr wußte, gab Frau Elisabeth als würdige Tochter ihres gelehrten Herrn Vaters an der Hand der wissenschaftlich bekannten Methoden, Wärme zu erzeugen, die Geschichte des Feuerzeugs – von dem Feuerbohrer der Südsee-Insulaner bis in die neueste Zeit der elektrischen Küche. – Leider ist uns verfeinerten Kulturmenschen gerade die primitivste Art des Feuermachens, das Aneinanderreiben eines harten und weichen Holzes, wegen mangelnder Erfahrung, Geschicklichkeit und Ausdauer unmöglich geworden. – Dann kam die Zeit der Feuersteine an die Reihe – und einen Augenblick lang dachte ich daran, nach geeigneten Steinen hier am Strande Umschau zu halten. Dann fielen mir allerdings die mißglückten Versuche aus meiner Knabenzeit ein, bei denen wir, trotzdem »Stahl und Stein und Zunder« vorhanden waren, immer nur »tote« Funken erhielten. – Ihre Methode, Mr. Morris, mit der Brennlinse Feuer zu machen, blieb schließlich in unserer Lage die einzige, die Aussicht auf Erfolg versprach – leider belehrte mich ein Blick auf den trüben, grauen Himmel auch über ihre vorläufige Unausführbarkeit –«

»Sie wäre auch bei Sonnenschein leider nicht mehr möglich gewesen!« seufzte Mr. Morris, mit kurzen Worten sein Mißgeschick erzählend.

»– All' die schönen Mittel, Feuer zu machen, die Frau Elisabeth dann in chronologischer Ausführlichkeit berichtete: die Döbereinersche Zündmaschine, die Schwefelsäure-Tunkhölzer, die Phosphorhölzer, die echten oder unechten Schweden » utan svafel och phosphor« – hinterließen in mir bei ihrer Aufzählung nur den Schmerz der schönen Erinnerung und das Gefühl ihrer Unerreichbarkeit für uns Schiffbrüchige. – Ganz zuletzt und beiläufig – als Zugabe gewissermaßen – sprach meine gelehrte Dozentin dann das Wort aus, das wie ein Blitzstrahl meine Seele erhellte, das Wort:

»Pneumatisches Feuerzeug!«

»Heureka!« rief ich aus, aufspringend und den Abhang hinuntereilend. – Das Wort hatte mir zaubergleich einen Winkel meiner Schülererinnerungen erleuchtet: ich sah in der Physikstunde auf dem Experimentiertische den kleinen Apparat stehen – einen fußhohen, dickwandigen Glaszylinder, in welchen ein strengschließender Kolben rasch hinabgestoßen wird, der am unteren Ende ein Flöckchen Zunder oder Schwamm trägt. Durch die schnelle Kompression der Luft wird soviel Wärme erzeugt, daß das Schwammflöckchen ins Glimmen gerät. – Greifbar sah ich dies wieder vor mir und wußte auch mit einem Male, woher ich in unserer armseligen Lage das dickwandige Glasrohr nehmen sollte: das Quecksilber-Barometer in unserer Gondel lieferte es mir. Schelten sie nicht, Mr. Morris, daß ich es entzwei gemacht habe – es war schon bei unserer Landung trotz seiner sogenannten »stoßsicheren« Aufhängung mitten durchgebrochen und enthob mich der heiklen Aufgabe, die dickwandige Glasröhre passend zu zerschneiden. Das obere, zugeschmolzene Ende hatte noch reichlich Fußlänge, war also für meinen Zweck wie geschaffen. Ein passender Kolben dazu war aus einer Stahlspreize von Gretels Sonnenschirm durch Umhüllung mit einem schmalen streifen Ballonzeug schneller hergestellt, als ich dachte – einen Flocken Verbandwatte als Zunder lieferte mir die kleine Taschenapotheke aus Mrs. Huebners unerschöpflicher Picknicktasche.«

»Ach, Mrs. Huebner –« rief Dr. Sucher, der alten Dame beide Hände reichend, »was fingen wir an, wenn wir sie nicht mit auf unsere Insel gebracht hätten! Sie sind der gute Geist unserer Gesellschaft!«

Alle jubelten Beifall. – Mr. Oldenburger aber fuhr fort:

»Mit klopfendem Herzen unternahm ich mein erstes Experiment! Rasch stieß ich den Kolben in die Röhre hinab – es mißlang! Auch das zweite! Aber das dritte zeigte mir das Aufglimmen des Watteflöckchens im Innern des Glasrohres – nur hatte ich in meiner Freude vergessen, den Kolben mit dem glimmenden Flöckchen schnell wieder herauszuziehen! Aber der nächste Versuch brachte volles Gelingen – und schnell hatte ich die kostbare Glut in ein Häufchen Papierschnitzel und Seegras gebracht, das ich mir schon vorher hergerichtet hatte. – Aber wie habe ich mich doch gefreut, als ich durch mein eifriges Pusten endlich die kleine rote Flamme hervorlockte! – Dann haben die Damen aus Steinen einen Herd gebaut – das übrige wissen Sie. – wie gesagt – sehr einfach! Und hier ist der »gläserne Prometheus«, meine Herren!«

Er zeigte ihnen die einfache Vorrichtung und zeigte auch, wie sie beim komprimieren ein Flöckchen Zunder entzündete, von dem er sich durch Ansengen eines Taschentuches gleich einen Vorrat hergestellt hatte. –

»Wir wollen aber dieses unersetzliche Feuerzeug nicht für gewöhnlich benutzen, nicht wahr, Mr. Oldenburger –« sagte Morris besorgt – »die Glasröhre könnte doch einmal zerbrechen –«

»Ganz meine Meinung, Mr. Morris! – Es wird unsere Aufgabe sein, in der Asche unseres Herdes immer etwas Glut zu bewahren –« rief Fritz Oldenburger zustimmend – »ich habe darum Miß Annie im Namen aller feierlich zur »Vestalin« ernannt, die gleich ihren römischen Schwestern die große Aufgabe hat, die heilige Flamme unseres Herdes zu hüten!« – Die Herren verbeugten sich vor der schlanken jungen Miß, die lächelnd errötete.

V.

» Phaëton aetherëus.«

– Am anderen Morgen, bei langentbehrtem Sonnenschein, finden wir die Herren der Kolonie wieder auf der Höhe der Insel.

Eine wichtige Aufgabe sollte heute gelöst werden: die Aufstellung irgend eines weithin sichtbaren Signals für etwa am Horizont vorüberfahrende Schiffe.

Leider mangelte es dazu am Unentbehrlichsten, am Holz; denn die wenigen Stücke Treibholz mußten für die »Küche« aufgespart bleiben.

Diese hatte übrigens sich heute morgen völlig auf der Höhe der Situation gezeigt: Mrs. Huebner hatte in der Kokosschale von dem letzten Rest der mitgenommenen Schokoladetafeln einen süßen Morgentrank gekocht, bei dem »Reih' um« getrunken wurde – wegen Tassenmangels – was im übrigen der allgemeinen fröhlich-zuversichtlichen Stimmung durchaus keinen Eintrag tat; im Gegenteil!

– Man kam schließlich dahin überein, aus zusammengetragenem Steingeröll eine Art Pyramide aufzubauen und an ihrer Spitze einen langen Wimpel aus Ballonstoff zu befestigen.

»Die leuchtend gelbe Farbe, mit der man das Seidenzeug getränkt hat, um den Guttapercha-Überzug vor der zerstörenden Wirkung der ultravioletten Sonnenstrahlen zu schützen, kommt uns dabei trefflich zu statten,« meinte Morris.

»Und ich denke eben daran, daß dieser Guttapercha-Überzug uns ja ein famoses Mittel gibt, wasserdichte Schläuche oder Säcke herzustellen, in denen wir unseren Wasservorrat schöpfen und aufbewahren können. Das erspart den Damen viel Lauferei nach der Zisterne –« setzte Dr. Sucher hinzu.

Und er eilte noch einmal den Abhang hinab, um den in der Gondel sitzenden Damen diesen neuen Auftrag der »Ansiedlungskommission« zu überbringen.

– Der ganze Vormittag verging über der Arbeit des Steinesammelns und Aufbauens. Das Mittagsmahl brachte, wie gestern, gebackene Fische, zu denen sich heute noch ein Gericht gerösteter Muscheln gesellte, während der »Umtrunk« aus einem Gemisch »Rüdesheimer« und Wasser bestand, von Fritz Oldenburger bereitet.

– Am Nachmittage halfen auch die Damen beim Bau der Signalpyramide – mit Ausnahme von Mrs. und Miß Huebner, die am Strande zurückgeblieben waren.

Miß Annie lag, die Arme unter dem Köpfchen, ausgestreckt im warmen Ufersande und blickte in den unendlichen Äther über sich, der heute wolkenlos war. Nirgends zeigte sich ein Punkt, der den Blick fesselte, und so schlossen sich die Lider ihrer Augen immer öfter und immer länger –

Plötzlich fuhr sie auf –

Ein weißschimmerndes Etwas glitt über ihrem Haupte schnell dahin!

»Ein Vogel!« schrie sie laut und freudig auf –

Beim schnellen Aufrichten sah sie noch, wie er an einer der steilsten Stellen der östlichen Uferwand hinstrich.

Dann war er mit einem Male verschwunden, als habe ihn ein Zauber unsichtbar gemacht!

Schnell rief sie ihre Mutter und erzählte ihr diese Beobachtung. Beide Damen blickten nun stundenlang nach dem Steilufer – aber der Vogel, wenn es ein solcher gewesen, erschien nicht wieder! – – – – –

Am Abend wehte ein stolzer, sonnengelber Wimpel vom höchsten Punkte der Insel hernieder.

»Hoffentlich lockt er uns bald ein braves Schiff heran!« Mit diesem Ausspruche verließ Felix Ridinger als letzter die Anhöhe und sprach damit aus, was heute wohl ein jeder der »Schiffbrüchigen« beim Herantragen und Auftürmen jedes einzelnen der vielen Steine immer wieder von neuem still gewünscht hatte.

Miß Annie hatte über ihr Erlebnis berichtet.

Trotz der nahen Dämmerung beschloß Morris, mit Hilfe der anderen Herren den bezeichneten Teil des östlichen Uferhanges noch zu untersuchen. Rasch wurden Seile aus dem Ballon herbeigeschafft. Im Eilschritt ging es an Ort und Stelle. Morris seilte sich an und begann sich an dem stark überhängenden Felsvorsprunge hinabzulassen, von den Gefährten gehalten, die, durch seine Zurufe geleitet, das Seil mehr oder minder ablaufen ließen. So untersuchte er stückweise die stark zerklüftete Steilwand –

Und endlich, an der verstecktesten, unzugänglichsten Stelle, fand sein scharfes Auge eine dunkle Höhlung, kaum so groß allerdings, daß er mit der Hand hindurchfassen konnte. Vorsichtig tastete er hinein –

Ein zischendes Geräusch ließ sich hören – Ein Schmerz, wie von einem scharfen Hieb, ließ seine Hand einen Augenblick zurückzucken; aber schon hatte er gefühlt, um was es sich handelte –

Als er die blutende Hand zurückzog, hielt sie – ein Vogelei!

»– Morgen mehr!« sagte er, als ihn die Genossen wieder zu sich heraufgezogen hatten. Schnell schichtete man am Uferrand noch ein paar auffällige Steine auf, um das Seevögelnest leichter auffindbar zu machen; dann schritt man heim.

Miß Annie, der Morris beim Eintritt in das Gondelzelt das hellschokoladenbraune, getüpfelte Ei überreichte, sott es in der heißen Asche des Herdfeuers und kostete es auf seinen Wunsch –

Es war völlig frisch und schmeckte vortrefflich.

Am nächsten Tage begaben sich Morris und seine Begleiter von neuem auf die Suche.

Die Tatsache, daß eine Ansiedlung von Seevögeln auf ihrer Insel vorhanden war, stand fest. Es war noch festzustellen, wie zahlreich sie sei.

»Der Fall ist immerhin denkbar,« sagte Dr. Sucher, »daß es sich um ein einziges Pärchen handelt, das als Kundschafter diese ihnen noch unbekannte Brutstätte aufgefunden hat.«

»Gewiß,« entgegnete Morris. »Allerdings glaubte ich gestern abend an der Steilwand reichliche Guanospuren zu bemerken – nun, wir werden ja sehen!«

An der gestern markierten Stelle angelangt, wollte sich Morris gerade anseilen lassen, als ein Geräusch wie Flügelschlagen hörbar wurde!

Gleich darauf schoß ein Vogel von der Größe einer recht großen Taube aus der Felshöhlung hervor –

Sein Gefieder war blendend weiß, an der Unterseite leicht rosenrot, wie vom Strahle der Morgensonne gefärbt; der schöne, schneeweiße Schwanz erschien länger als der ganze Vogel.

Er wiegte sich einen Augenblick mit ruhig ausgebreiteten

Flügeln über dem endlosen Meere – dann verschwand er in der Ferne…

»Wissen Sie, meine Herren, in welcher Gegend des Stillen Ozeans, unter welcher geographischen Breite unsere kleine Insel liegt?« fragte nach seinem Verschwinden plötzlich Ridinger seine Begleiter.

»Wenn wir länger hier bleiben müssen, werden wir dies durch astronomische Beobachtungen noch genauer festzustellen haben,« antwortete Morris.

»Ich glaube, schon jetzt behaupten zu dürfen,« fuhr Ridinger fort, »daß wir nicht weit vom südlichen Wendekreise gelandet sind –«

»Woher wollen Sie dies jetzt so bestimmt –«

»Der weißschwänzige Vogel hat es mir eben verraten, Mr. Morris. Es war, – und ich glaube mich nicht getäuscht zu haben: von väterlicher Seite steckt ein wenig vom Ornithologen in mir – ein sogenannter » weißschwänziger Tropikvogel« oder, wie sein wissenschaftlicher, poetisch klingender Name heißt, den ihm schon der berühmte Linné gegeben, ein

» Phaëton aetherëus«

»Die Schiffer wissen bei seinem Erscheinen, daß sie sich der Tropenzone nähern; er brütet in der Gegend der Wendekreise. Unsere Insel kann also nicht viel südlicher als zwischen 20-30 Grad südlicher Breite liegen. Daraus möchte ich für uns den tröstlichen Schluß ziehen, daß wir doch nicht so ganz außerhalb aller Schiffsrouten verschlagen worden sind –«

»Möchten Sie recht haben!« rief Dr. Sucher im Sinne der anderen. –

– Und als sei der Ausflug des einen nur das Signal für die anderen gewesen, erhob sich jetzt aus dem »Flugloch« ein Phaëton aetherëus – und ihm folgten schnell noch mehrere. – –

Als Morris, am Seile hängend, jetzt im hellen Tageslichte die Steilwand untersuchte, fand er in der Nähe der schon entdeckten Öffnung viele kleinere und größere Spalten, die zwar enger waren, als die erste, aber doch Luft und Licht genügend hindurchließen und ihm zu seiner Freude zeigten, daß sich hinter diesen Uferlöchern ein geräumiger Stollen befand, der in seinem größten Teile von brütenden Tropikvögeln besetzt war.

»Unsere Aufgabe wird sein,« meinte er nach dem Aufwinden, »die vorgefundene Öffnung vorsichtig zu erweitern, ohne die Vögel allzusehr zu beunruhigen. Dann liefert uns dieser »Taubenschlag« auf lange Zeit hinaus eine willkommene Bereicherung unserer Mahlzeiten.«

»Das wird die Damen noch mehr mit unserem Schicksal aussöhnen, hoff' ich,« sagte Dr. Sucher …

Man wandte sich heimwärts.

Unterwegs blieb Morris noch einmal stehen –

»Mr. Rdinger, Sie sind Chemiker und Geologe, wie werden wir den harten Basalt des Ufers bearbeiten, ohne Werkzeuge?«

»– Auch dafür werden wir ein Mittel finden, Mr. Morris,« tröstete ihn Ridinger. »Vielleicht hilft uns das Feuer. Vielleicht können wir uns auch von oben, gewissermaßen vom Dach der Höhlung her, leichter Zugang verschaffen. Ich glaube bemerkt zu haben, daß der Felsboden an dieser Stelle mehr poröser, blasiger Natur ist, dem Bimsstein ähnlich. – Kommen Sie, Mr. Morris, kommen sie! Schon das Bewußtsein, einen Herd nistender Vögel auf unserer einsamen Insel zu wissen, macht sie mir heimischer und vertrauter. – In meiner deutschen Heimat preist man das Haus glücklich, worin die Schwalbe nistet: lassen Sie uns glauben, daß dieser schöne »ätherische« Vogel, der sich hier niedergelassen, auch uns – Glück bringt!« – – – – –

VI.

» Home, sweet home!«

Der Nachmittag dieses Tages vereinigte alle Mitglieder der »Kolonie« wieder auf der Höhe, wo die Signalpyramide stand.

– Über ihnen rauschte, leuchtend im Winde sich wiegend, die goldgelbe Flagge!

Die Stimmung des kleinen Völkchens war heute gar nicht »schiffbrüchig«; Fritz Oldenburger, der zur Feier des » Phaëton aetherëus« die letzte Flasche Rüdesheimer unverfälscht zum besten gab, behauptete schließlich, solch kleiner Schiffbruch sei ganz nach seinem Geschmack, und er habe große Lust, für immer hier zu bleiben und mit seiner Grete hier – Adam und Eva zu spielen. Wer weiß, wie viele Kokosnüsse schon im Ufersande verborgen lägen, die das Meer freigebig hierher transportiert habe! Bald würden sich auch die daraus entsprießenden »Palmen« zeigen. Wie idyllisch sei es hier, wo es noch keine Telegraphen, keinen Post- oder Schiffsverkehr gäbe! Er als geplagter Post- und Telegrapheninspektor fühle das am besten.

– So gingen die Scherzreden hin und her. Man plauderte vom Vaterlande und von der Hoffnung, es bald wiederzusehen. –

Schließlich bat man allgemein Frau Elisabeth Sucher, die ihnen allen als musikalische Künstlerin bekannt war, um ein kleines Lied …

Und sie sang mit ihrer wunderbaren Altstimme – und es war, als ob auch das Weltmeer ihr zu Füßen, leiser atmend, lausche, – das alte, in zwei Hemisphären heimische, oft gesungene:

» Home, sweet home –«

Ganz am äußersten Uferrande stand Miß Annie und schaute in die endlose See – neben ihr Sidney Morris.

Als der letzte Ton des ihnen so vertrauten Liedes verklungen war, sah Morris in Miß Annies liebliches Antlitz –

Vielleicht hatte das alte Lied für sie beide heute noch einen tieferen, süßeren Klang – und ihre Blicke begegneten sich.

– Nun sank die Sonne rasch, wie immer, in steilem Bogen gegen den Horizont, und man schickte sich zum Abstieg an – –

Und – da kam's heran, plötzlich, gedankenschnell!

Aller Augen richteten sich auf eine Stelle des Ozeans –

Haushoch erhob sich ein langgestreckter Wogenberg mitten in der glatten See! Weißmähnig kam es dahergerast, – zischend und pfeifend und brüllend, gleich einem Riesenungeheuer der Vorzeit – von unfaßbarer Größe!

– Entsetzt, keines Wortes mächtig, keiner Bewegung fähig, starrten alle auf das herannahende, grausige Rätsel –

Und jetzt hatte es den flachen Strand erreicht, wo im Schatten der Felsmauer das Gondelzelt stand –

Mit einem Schlage überflutete es die Küste –

Ein Krachen und Donnern und Heulen, als seien die Schrecken der Unterwelt entfesselt – ein Aufschäumen der Wogen, so hoch, daß der weiße Gischt wie Schaum aus einem Riesenrachen dem sich angstvoll aneinanderdrängenden Menschenhäuflein ins Gesicht gespritzt wurde –

Dann ein hohler, pfeifender Ton –

Nun ein Abfluten all der gewaltigen Wassermengen –

Und alles war vorüber!

– Ruhig lag die See, wie noch vor wenigen Minuten; – nur die kleinen Wellen leckten am Strande wie sonst – –

Aber von der Gondel und dem Zelt war nichts mehr zu sehen!

– Eine jener rätselhaften Springfluten, wie sie in so unheimlicher Gestalt nur der Stille Ozean kennt, hatte den kaum Geretteten noch das Wenige geraubt, was ihnen das Leben möglich und erträglich machte!

Weinend standen die armen Frauen, stumm, in ohnmächtigem Zorn gegen die Macht der Elemente, die ernsten Männer –

Und als sei die tückische Flut ihr Vorbote gewesen, kamen jetzt die weißschimmernden Tropikvögel wieder heimwärts geflogen aus den Tiefen des Himmels – und ihr Geschrei, das sie beim Erblicken der Signalflagge und des verzweifelnden Menschenvölkleins ausstießen, klang wie Gelächter!

»Ihre Glücksvögel!« sagte Morris leise zu dem neben ihm stehenden Felix Ridinger, und ein bitteres Lächeln ging über sein ernstes, entschlossenes Gesicht.

Die Sonne war verschwunden und die Nacht kam …

Um die Steinpyramide geschart, fand sie die Verlassenen, die es nicht gewagt hatten, den überfluteten Strand zu betreten.

In wunderbarem Glanze funkelten über ihnen die ewigen Sterne.

Das südliche Kreuz, das wie ein Lichtzeiger der Weltenuhr die Mitternacht kündet, neigte sich langsam, langsam –

Die Nacht ging und der Morgen kam.

Und die Sonne ging auf, herrlich, wie noch an keinem Tage, in strahlender Schöne – und der Ozean glühte wie flüssiges Gold!

Traurig schickten sich die Männer an, hinabzusteigen, um den Strand nach Muscheln abzusuchen –

Da – eine helle freudige Stimme!

Miß Annie stand am äußersten Uferrande und deutete hinaus auf den endlosen Ozean – –

Und – da kam er heran, weißschimmernd, in stolzer, rascher Fahrt – und über ihm wehte – die deutsche Flagge!

»– Ein Schiff!«

Jauchzend riefen es alle, und Freudentränen weinten alle –

– Nach einer Stunde waren sie alle wohlgeborgen an Bord des »Phaëton«, eines Schiffes der deutschen Tiefsee-Expedition, das, von den Galápagos-Inseln kommend, nach Kap Horn steuerte und auf seiner Fahrt den einsamen Felsen mit der Notflagge unter 84° 12' westl. L. und 27° 4' südl. Br. heute bei Sonnenaufgang gesichtet hatte.

