Spaziergang

Die Leute halten den Herrn kaiserlichen Rat Reichenberger für Gott weiß was für einen Viveur oder Genüßling, weil er sich auf der Straße hinter jedem schlanken Weibsbild umdreht. Er geht an jedem Nachmittag nach Bureauschluß (und der Herr kaiserliche Rat schließt schon sehr früh am Nachmittag sein Bureau) langsam, behaglich, im Pelz oder im Sommerjackett durch die belebtesten Straßen. Zwei Stunden mindestens bummelt er so ganz ziellos durch die Stadt. Er ist durchdrungen davon, daß er diesen paar Stunden im Freien seine lustigen roten Backen verdankt, die ihm ein ganz lebensfrohes Gesicht geben, namentlich seitdem sein Backenbart vom Hellblonden ins Silberweiße übergeht. Ein so alter Spaziergänger fühlt sich auf der Straße gewissermaßen zu Hause. Die Kutscher grüßen Herrn Reichenberger, trotzdem der kaiserliche Rat noch nie einen Mietwagen benutzt hatte. Die Kokotten, die ihm als einen ebenso regelmäßigen Spaziergänger jeden Tag begegnen, lächeln ihn an, trotzdem er immer an ihnen vorübergegangen ist, freilich mit einem freundlichen Blick des Wohlgefallens für die jungen, ungeschminkten, nicht so grellen auch unter diesen Weibsbildern. An Sommertagen lümmeln die Besitzer der Geschäftsläden gelangweilt vor den Türen und sind sehr geehrt, wenn der Herr kaiserliche Rat im Vorbeigehen ein paar nette Worte an sie richtet. Dann fragt der Juwelier nach dem Befinden des Herrn Reichenberger selbst. Die zweite Frage gilt gewöhnlich dem ältesten Sohn des kaiserlichen Rates, der als Militärarzt in Bosnien domiziliert, die dritte Frage gilt dem jüngsten Herrn Reichenberger, dem, der heuer im Sommer die Matura bestanden hat.

An den ersten lauen Frühlingstagen kommt es vor, daß die Spaziergänge des Herrn kaiserlichen Rates drei und vier Stunden dauern. Einmal ist er im vorigen März auf der Straße mit einem blutjungen Putzmachermädel, das eine enorm große Schachtel am mageren Arm hängen hatte, ins Gespräch gekommen und ist mit der amüsanten Kleinen bis nach Döbling gewandert. Die Idioten und Philister meinen, daß der alte Herr so einem jungen Mädel allerhand ungehörige und unanständige Geschichterln erzählt, um so sich und ihm die Zeit zu vertreiben. In Wirklichkeit stellt er nur geschickt ein oder die andere menschliche Frage. Man kommt unversehens ins Plaudern. Herr Reichenberger fragt gemütlich mit dem stillen Humor, den nur gute alte Leute haben, was denn heute Mittag zu essen am Tisch gestanden sei. Ganz von selbst ergibt sich dann das Geständnis, daß Fleisch nur zweimal in der Woche des Putzmachermädels auf den Tisch kommt, weil sechs Geschwister noch da sind, viere noch in der Schule, die zwei größten Mädels schon in der Arbeit. Abends ist immer nur Butterbrot und höchstens, wenn's kalt ist, Tee dazu. Aber nach dem Nachtmahl, da sitzen alle um den Tisch herum, die sieben Geschwister und der Vater (die Mutter ist meistens müde und schlafen gegangen) und dann liest der Gustav, der Bub', der in die Gewerbeschul' geht, vor. Entweder den Roman aus der Zeitung oder aus einem Buch, das er vom Verein hat. Manchmal, klagt das Putzmachermädel, werden leider den ganzen Abend nur Witze gemacht.

Der kaiserliche Rat geht daneben und hört dem frohen Kind zu. Wenn er abends auf der Straße stände und, wie ein Gassenjunge durchs Fenster in die Parterrewohnung hineinguckte, wo die sieben Geschwister mit dem Vater nach dem Nachtmahl sitzen und über dumme Witze lachen, dann könnte er die Leute nicht deutlicher vor sich sehen als jetzt, während die schlanke Kleine schwätzt und schwätzt . . .

Damals ist Herr Reichenberger bis nach Döbling mitmarschiert, soviel Spaß hat ihm das Geplauder des Putzmachermädels bereitet. Ein anderes Mal hat er auf der Straße ein richtiges Onkelverhältnis mit einem sechsjährigen Jungen angefangen, der aus purer Ausgelassenheit den großen alten Herrn plötzlich von rückwärts angefaßt hatte, um ihn mit seinen Kinderhändchen vorwärts zu schieben. Im ersten Moment hatte sich Herr Reichenberger zornig umgedreht, denn nichts ist ihm so verhaßt, als auf der Straße gestoßen oder gedrängt zu werden. Da krabbelte der Knirps aber schon ganz frech zwischen seinen Beinen. Die alte Frau, der der Bub entwischt war, entschuldigte sich viele Male: »Nein, so eine Keckheit. Wart' nur, Xandl, Du wirst es zu Haus kriegen.« Weil das ein bißchen drohend klang, nahm sich der kaiserliche Rat des Jungen an, holte ihn mit einem geschickten Griff aus dem Versteck im Pelz herauf, nahm den Jungen an der Hand und kam natürlich bald in ein ganz vertieftes Gespräch über die Dummheit der Lehrer, über die Güte von gebratenen Aepfeln und über die Schönheit von Glaskugeln. Der Herr kaiserliche Rat hat dann mit dem Jungen zusammen in einem Laden lichtblaue, grüngelbe und graurote Glaskugeln von verschiedener Größe ausgesucht, die musterhaft glatt geschliffen waren und in ihrer leuchtenden Vielfarbigkeit ganz wunderbar schnell über den Fußboden rollten. Herr Reichenberger ist an diesem Abend um eineinhalb Stunden später als sonst nach Haus gekommen. Aber die roten Backen in seinem frischen Greisengesicht waren an diesem Abend noch fröhlicher rot.

Heute abend hat den Herrn kaiserlichen Rat ein merkwürdig glühender Abendhimmel verführt. Die Sonne war gesunken, aber sie färbte im Untergange noch den Horizont. Ganz hell, beinahe zitronengelb im Osten, durchsichtig lichtblau im Westen, schimmerte ein dicht aneinander gefügtes Heer von flockigen Schäfchenwolken im zartesten Orange mitten am Himmel. Aber immer wieder schnitten die klobigen Umrisse der Zinskasernen das leuchtende Himmelsbild auseinander, dort, wo es am leuchtendsten war. Herr Reichenberger ging und ging durch das verdammte finstere Gassengewirr einer Lichtung entgegen, einem Ort zu, wo die Aussicht frei war. Er hatte es eilig, denn er fürchtete, es werde ganz Abend geworden sein, ehe er seinen vorörtlichen Aussichtspunkt erreichen konnte. Das Zitronengelb am Himmel wurde schon dünner, das Graublau dichter und nächtlicher und die orangefarbenen Schäfchen wurden allmählich weiß. Das ist ein Grund zur Eile. Aber als hätte der leuchtende Herbstabend alle Leute auf die Straße getrieben, so waren heute abend alle Gassen voll mit Menschen und natürlich mit Leuten, die nur im Wege standen, die in festgefügten Gruppen die Wege versperrten, oder, Arm in Arm, die Breite des Trottoirs besetzten. Freilich, man war schon in der Vorstadt, nach Feierabend. Niemals hat der Herr kaiserliche Rat so oft ausweichen müssen, niemals sind so viel Menschen in ihn hineingerannt, niemals war ein so unangenehmes Gedränge wie an diesem Abend mit dem leuchtenden Untergang.

Er erreichte den Aussichtspunkt nicht mehr. Es wäre zu spät geworden, er fühlte sich ein klein wenig matt und kehrte um. Wie Herr Reichenberger durch die Hauptstraße des achtzehnten Bezirkes wanderte, da fiel es ihm auf, wie viel um ihn herum gelacht wurde. Er selber konnte die Ursache dieses freundlichen oder spöttischen Gelächters nicht sein, ihn regardierte niemand, seinetwegen drehten sich die Frauenzimmer nicht um, seinetwegen blieben sie nicht stehen, ihm sahen sie nicht nach. Sofort mußte erforscht werden, was los war. Und da entdeckte er plötzlich sechs Schritte vor sich . . . er war starr vor Staunen . . . seinen jüngsten Sohn, der, der im Sommer die Matura gemacht hatte, Arm in Arm mit einem Mädchen. Die Beiden gingen daher, wie nur ganz junge Menschen auf der Straße gehen können, total versunken ineinander, ohne eine Spur von Erinnerung, daß ihnen die ganze Welt zusah. Die anderen Leute mußten stehen bleiben und die Jungen begucken. Der achtzehnjährige Bursch' sprach und sprach in das siebzehnjährige Mädel hinein und das Mädel kicherte eine Zeitlang halblaut vor sich hin, bis es mit einem klingenden Gelächter nicht länger haushalten konnte. Aber der Bursch (der übrigens die frischroten Backen seines Vaters hatte) faßte das Mädchen um den runden Arm, ganz dicht unter der Schulter, an einer sehr innigen Stelle, und redete nun noch erhitzter auf sie los. Niemanden schaute das Mädchen an, ihre fiebrig flackernden Augen versanken im Anblick des schlanken Jungen neben ihr . . .

Die Weiber blieben stehen, wenn das Paar vorüberkam. Je älter die Weiber waren, desto unanständiger fanden sie diese . . . man kann's nicht anders nennen . . . diese nackte Liebespromenade. Männer kamen vorbei und verzogen die Mäuler zu ganz infamen Gelächtern. Gassenjungen auf dem Fahrweg faßten sich unterm Arm, neigten einander parodistisch-zärtlich die Köpfe zu, schlugen sie krachend aneinander und übertrieben schwatzend das intime Getuschel.

Das Paar ging weiter durch das Gewühl und sah sich an . . .

Der Herr kaiserliche Rat kam ganz nahe. Er konnte die dringende, hinter Heiterkeit zitternde Stimme seines Jungen hören, er konnte mitten im Lachen des Mädchens einen großen und ernsten Blick gewahren, der seinem werbenden Sohn galt. Herr Reichenberger blieb zurück. Um keinen Preis hätte er hier horchen oder auch nur auffangen wollen, was hier leicht zu erhaschen war! . . .

Das Mädchen hatte jetzt ihren Arm aus seiner Hand lösen wollen.

Da fing der Vater einen Blick des Sohnes auf, einen Blick aus so ernsten, so strahlenden, so flehentlichen Augen und dann ein kurzes unwillkürliches Augenschließen des Mädchens, ein gütiges banges Lidersenken . . .

Der Arm des Mädchens blieb weiter in der Hand des Jünglings . . .

Nichts als diesen Augenblick des Lidersenkens hatte der Vater gesehen (vielleicht auch noch den schwebenden Schritt des Mädchens wahrgenommen) und plötzlich rief es in ihm »Ja« zum Willen des Sohnes. Ein feierlicher Wunsch regte sich in dem Vater. Etwas, das er zu sagen oder zu gebärden nie gewagt hätte, ein Segen . . .

Ganz nah hält sich der Herr kaiserliche Rat zu dem jungen Paar. Dann treibt ihn sogleich wieder die Angst, zu nahe zu sein, zurück, so daß er seine Kinder fast aus den Augen verliert. Bald ist er so froh gelaunt, daß er Lust bekommt, das Paar anzusprechen, dem lieben Mädchen in die Augen zu sehen und ihm zu sagen: Ich sage ja zu Euch, ja, ja! . . . Im nächsten Moment fürchtet er sich vor seiner blödsinnigen Gutmütigkeit, die dem Sohn vielleicht ein sehr nettes erstes Abenteuer für ewig oder auch nur für länger als gut ist, an den Hals hängen könnte. Plötzlich fällt ihm ein, daß der Junge nicht einmal Geld genug bei sich hat, um Beiden ein Nachtmahl zu kaufen. Dann lacht er über sich selbst, daß er den jungen Leuten jetzt Nahrungssorgen zumuten könnte.

Wenn nun ein neidisches Weibsbild stehen bleibt und die jungen Leute begafft, wird der kaiserliche Rat wütend. Dann geht er, scheinbar ahnungslos, von der entgegengesetzten Seite auf die Gafferin los, tritt ihr wie unversehens gröblich auf die Zehen, entschuldigt sich ganz ergebenst und lacht beglückt in sich hinein, wenn die blöde Gafferin ihre Aufmerksamkeit sogleich nur mehr ihrer schwer verletzten Zehe zuwendet. Den Gassenjungen, die das Paar höhnend kopieren, kann er glücklicherweise ein bißchen Zuckerwerk anbieten, das er immer im Ueberrock trägt. Mit ein paar Hellern vertreibt er sie ganz. Mannsleute, die mit infamem Lächeln an den Kindern vorbeigehen, stößt der Herr kaiserliche Rat, wenn die Leute stehen bleiben und wenn das Lächeln gar zu eklig ist, unbarmherzig zur Seite, natürlich mit der allerhöflichsten Bitte um Verzeihung . . .

So geht der Vater hinter seinem Sohn und der, die zu seinem Sohn gehört. Ohne daß es irgendwer bemerkt, schafft er die Gaffer und Neider und Lausejungen beiseite, verdrängt still und schützend alle, die die Versunkenen wecken könnten . . . .

Das Hellgelb, das Grünblau, das Orangerot erlischt am Himmel. Es wird sehr dunkel.

Da biegt der kaiserliche Rat in eine lange, schlecht beleuchtete Gasse ein und geht sehr nachdenklich, ganz allein, den leeren Weg weiter.

»Ich gehöre nicht zu denen,
die sich foppen lassen . . .«

Den Hoflieferanten Kinzel, diesen zaundürren Herrn mit dem Gesicht wie aus gelbem Leder und der furchtbaren Stirnfalte zwischen den Augenbrauen, diesen verbissenen, ewig grantigen Menschen habe ich gekannt, als er verliebt war. Er war damals erst zwei oder drei Jahre in Wien. Sie wissen ja, er ist ein Bregenzer, damals war sein Gesicht noch jung, frisch, gar nicht gelb und die schauerliche Wutfalte auf der Stirn war noch nicht da. Er ist um die Gouvernante in dem Hause herumgeschlichen, wo ich, schon damals habe ich Bengels dressiert, Hauslehrer war. Das war ein Frauenzimmer, mit der man nicht über die Straße gehen konnte. Nicht, daß sie grell gekleidet gewesen wär', im Gegenteil, immer ganz einfach, englisch, schwarz, weißer Kragen, weiße Manschetten. Aber sie war so schön, so unerhört schön, sie ist so hoch und siegreich einhergegangen . . . Na, ich bin ganz gern mit ihr über die Straße gegangen. Mir hat's Spaß gemacht, daß alle, aber auch alle Leute unwillkürlich stehen bleiben und sie anschauen mußten. Es war wirklich wie irgend eine geheimnisvolle Wirkung. Wenn sie herankam, da blieben, glaub' ich, sogar die Leute, die vor ihr gingen, stehen und bildeten ehrerbietig Spalier. Wir haben sie im Scherz »Majestät« genannt. Im Scherz? Wer sie sah, mußte ihr huldigen, und die Straßen, durch die sie ging, empfingen wirklich ihre Ordnung von dem Tempo und der Richtung ihrer Schritte. Die langweiligsten Schacherer hielten in ihren Gesprächen inne und stießen sich unbemerkbar mit dem Ellbogen in die Seiten, wenn die Majestät passierte . . .

»Na, hör' schon auf! . . . Du wolltest von Kinzel erzählen!«

Ja, richtig, Kinzel. Der Kerl ist auf der Straße nie mit ihr zu sehen gewesen. Wenn sie denselben Weg gehen, zum Beispiel ins Theater, dann sagte er ihr oben in der Wohnung adieu und traf sie erst wieder im Theater . . . Wenn ich mit ihr gegangen bin, dann hab' ich mir eingebildet, daß ich selber gewissermaßen . . . Ihr könnt euch das natürlich nicht vorstellen . . ., daß ich selber etwas vom Glanze ihrer Schönheit abkriege. Man ist anders gegangen neben ihr, leichter, höher . . . und sicher hat jedes Gesicht bei ihr einen anderen Ausdruck gekriegt!

»Du wolltest von Kinzel erzählen!«

Ja, selbst dieses gelbe Ledergesicht hat zu strahlen angefangen neben ihr. Allerdings, fünf Minuten von ihr fort, und es wurde gelb . . . Er war damals gerade auf dem Wege zum Reichwerden. Auf die Majestät hat er riesig gewirkt, wahrscheinlich wegen seiner Zurückhaltung. Bei uns anderen Burschen war es so selbstverständlich, daß wir sie liebten. Der Kerl sträubte sich mit Händen und Füßen, riß sich plötzlich los, verschwand, wurde plötzlich wieder an ihr Ufer gespült und konnte nicht weg! Das fesselt die Weiber immer am meisten. So einer, der eigentlich nicht will und doch muß! Ich könnte darauf schwören, daß sie auf seinen Heiratsantrag gewartet hat, direkt gewartet! Natürlich hat sie nichts erkennen lassen, dazu war sie viel zu . . . majestätisch, sie hat ja wirklich den Männerfang nicht nötig gehabt. War froh, wenn sie sie los wurde. Wie ja überhaupt die wirklich schönen Weiber, die majestätischen, sich um die Wirkung auf Männer nicht kümmern, weil sie es nicht nötig haben.

»Kinzel!«

Ja, Kinzel, das Gelbgesicht, verschwand eines Tages und kam nicht wieder. Es war der schwerste Schlag, den die Majestät in ihrer Jugend erlebt hatte. Es war die ganz unerwartete, für unmöglich gehaltene Niederlage eines Souveräns . . . Ohne sich zu erklären, ohne sich zu entschuldigen, blieb der Rohling plötzlich weg und zog für ein Vierteljahr nach Bregenz! Sein Papa führte ihm derweil das Wiener Geschäft. Die Folge dieser Flucht war, daß die Majestät noch schöner wurde. Ihr Antlitz bekam jetzt einen Zug von Sanftmut, ihr Blick einen Schimmer von Sehnsucht . . .

»Und Kinzel?«

Bekam seine heutige Visage. Seit damals hat er sich nicht viel verändert. Ich habe ihn vier Wochen nach seiner feigen Flucht in Bregenz gesucht. Ich habe mich, wofür ich mich heute noch ohrfeigen könnte, in Erinnerung an ihr sehnsüchtiges Gesicht soweit vergessen, den Kerl zu fragen, warum er sie nicht heiratet. Und wissen Sie, was seine Antwort war? Mit einem verflucht schlauen Tiroler Lächeln sagte er: »Ah, ich laß mich nicht foppen!« Erst habe ich das nur als Gemeinheit empfunden, dann aber habe ich begriffen, daß er vor lauter Spintisieren über die Majestät bei einem ganz verrückten Ende herausgekommen war. Allerdings, mißtrauisch ist das Luder sogar noch in der Liebe gewesen. Er wollte mir das erklären, daß er »sich nicht foppen läßt«, stellte sich vor mich hin und sagte: »Schön bin ich nicht, das weiß ich. Ihr alle, die um sie herumscherwenzelt, seid hübscher, vielleicht auch interessanter, ich bin ja nur ein Kaufmann. Ihr könnt großartig mit ihr reden, ich bringe in ihrer Nähe keine drei Sätze heraus. Warum sollte ich der Richtige für sie sein? Ich bin es nicht! Nein, ich nicht! . . . Oder vielleicht, weil ich Geld hab'? Hehehe, ich überleg' alles ganz ruhig; nein, mein Lieber, ich laß mich nicht foppen!« Ich habe nichts gesagt. Innerlich hab' ich den Kerl mit seinem widerlichen und feigen Mißtrauen angespien. Er hat sich nicht foppen lassen. Ein Jahr darauf hat er irgend eine manierliche runde Gans geheiratet und seitdem ist sein gelbes Ledergesicht nicht mehr licht und froh geworden. Er ist reich geworden, hat eine Fabrik, die Zehntausende jährlich abwirft, hat fünf Kinder, kleine gelbe Dickhäuter, hat eine Villa in Hütteldorf und ist immer grantig. Vor zwei Jahren hat er mich aufgesucht, damit ich seine Buben unterrichte. Ich sollte ihn um neun Uhr abends in seiner Wiener Niederlage abholen. Ich kam um viertel zehn. Er war nicht nur noch da, nein, er bat mich, daneben ins Café zu gehen, in einer halben Stunde werde er kommen.

»Sperren Sie denn nicht zu? Ihre Angestellten sind ja schon fort.«

»Meine Angestellten«, erwiderte er grantig, »die haben es gut. Sehr gut sogar. Arbeiten ihre Zeit, ohne rechte Kontrolle, wie es ihnen paßt, und ich kann mich dann abends, nach Geschäftsschluß, herstellen und revidieren. Stichproben allein dauern eine Stunde.«

»Da kommen Sie aber sehr spät nach Hütteldorf hinaus.«

»Ich? Gar nicht. Nur Sonntag. Unter der Woche wohne ich in der Stadt, zwei Gassen weit. Ah, ich komme nicht dazu, einen gewöhnlichen Abend in Hütteldorf zu verbringen. Das Geschäft wird, wenn man nicht gut acht gibt, sofort demoralisiert. Man kann ohnehin nicht überall seine Augen haben. Wissen Sie, aber mich von meinem Personal foppen zu lassen, das paßt mir doch auch nicht!« Sein giftiges Tiroler Lächeln hatte er in diesem Moment wieder. Und so rackerte er sich täglich ab, bis spät in die Nacht, revidierte, kontrollierte, rechnete nach, machte Stichproben im Warenlager. Mit einem Worte: ließ sich nicht foppen. Von dem schönen Landhause in Hütteldorf hatte er nichts, da draußen langweilte sich seine dicke Frau, die ihn allerdings nie gefoppt hat.

Es gibt aber jemanden, den er gefoppt hat. Ich meine nicht die Majestät. Die hat den Lederzwerg verschmerzt. Aber es gibt jemanden, den er ganz infam gefoppt hat, verbrecherisch gefoppt! Das sind seine Kinder. Es sind Erzeugnisse, bei denen einem angst und bange wird. Schmale, zaghafte, tiefernste Kinder. Wenn ich den ältesten Buben, der jetzt dreizehn Jahre alt ist, ansehe, da könnte ich den Alten sofort lebenslänglich einsperren lassen. »Warum ißt du nichts?« fragt ihn die Mutter bei Tisch. »Ich hab' keine Lust,« sagt der ernste Bub. Nachmittags sagt die Mutter zu dem Jungen, der in einer Ecke sitzt: »Geh' hinunter in den Garten und spiel' mit den anderen.« Der Bub verzieht den Mund und seine ernsten Augen sagen: »Ich hab' keine Lust.« Zum Glück ist die Mutter eine Gans. Mir gibt's einen Stich, wenn ich die ewige Antwort des Buben höre: »Ich hab' keine Lust.« Nein, er hat keine Lust, in keinem Augenblick seines Lebens, und er kann keine haben, er ist einer verbrecherischen Nacht lustlos entstanden . . .

Gestern, Sonntag abends hat der Vater den Dreizehnjährigen zu sich rufen lassen. Die Falte zwischen den Augenbrauen war ganz dick und sein Gesicht noch gelber als sonst:

»Du lernst schlecht, Du bist in der Schule unaufmerksam, Du wirst durchfallen!«

Der Junge schweigt.

»Dreimal habe ich Dich schon ermahnt. Ich frage Dich: Warum geht es nicht vorwärts?«

Nach einer Pause flüstert der Bub: »Ich hab' keine Lust . . . zum Gymnasium.«

Merkwürdigerweise fährt der Vater fort, ohne die Antwort zu beachten: »Du siehst auch nicht gut aus, Du bist blaß, Du hast keinen Appetit, Du bist fortwährend müde, immer schleichst Du Dich, wie man mir sagt, von den anderen weg. Was treibst Du, wenn Du allein bist?«

Das Kind sieht mit traurigen Augen zu seinem Vater auf.

»Stell' Dich nicht so unschuldig!« sagt der Vater streng; »mich wirst Du nicht foppen. Du treibst im geheimen Sachen, die Dich ruinieren! Von heute an werde ich jeden Morgen Dein Bett und Dein Nachthemd ansehen lassen. Und wehe Dir, wenn ich entdecke . . .«

Das Kind sieht nur mit traurigen, erstaunten Augen zu seinem Vater auf.

In der Stunde, mitten im Griechischen, hat mir der Bub von dieser Unterredung erzählt und mich gefragt, während seine ernsten Augen ganz groß wurden: »Sagen Sie, was hat der Vater eigentlich gemeint?«

»Unsinn,« sagte ich, und fuhr dem zarten Buben langsam über die Haare.

Aber Abends habe ich ihn in eifrig-heimlichem Gespräch mit dem Hausmeistersohn gesehen. Der Junge wird sich um die Erklärung nicht foppen lassen.