Die verliebten Brüder

Es ist eine seltsame Erscheinung, daß starke, tiefwirkende Eindrücke, welche durch Jahre hindurch in unserem Gedächtnis haften mit festen Angeln, aus der Erinnerung plötzlich entschwinden, um nach langem Schlummer in uns jählings wieder, ohne sichtliche oder fühlbare Ursache, zu erwachen in verschärfter Klarheit und Helle.

Es gleicht diese Erscheinung einem Phänomen, das wir zuweilen in den Bergen an einem trüben, regnerischen Tage zu gewahren vermögen. Der Morgen war leidlich klar, dann plötzlich, fast ohne Übergang, ist der Himmel mit Wolken überzogen, tiefer und tiefer senken sich die grauen Schleier, alle Kuppen und Höhen verhüllend, ein dünner, monotoner Regen rieselt Stunde um Stunde hernieder, Dunst und Nebel füllen unter dem tief hängenden Gewölk die Thäler, und in dem trüben Bilde scheinen alle Linien gebrochen, alle Farben verwaschen und zerflossen; erst mit dem Einbruch der Dämmerung versiegen die fallenden Tropfen, aufatmend treten wir ins Freie, ein würziger Duft entsteigt der feuchten Erde, ein frischer Lufthauch fächelt um unsere Stirn, das Auge sucht den verschlossenen Himmel – und da vollzieht es sich wie ein Wunder – jählings spaltet sich, wie von mächtiger Geisterhand entzwei gerissen, das drängende Gewölk, und offen liegt vor unseren Blicken die Höhe eines Berges, übergossen vom leuchtenden Glanz der in weiter Ferne unsichtbar sinkenden Sonne. Das ist eine Helle so rein, so scharf und klar, wie sie uns kein Tag noch zeigte mit der Sonne im Zenith. Lange Stunden hättest du zu steigen bis dort hinauf – und dennoch scheint deinen Blicken alles so nahe, wie mit Händen zu greifen. In satter Tiefe leuchten alle Farben, jeder Baum, jeder Fels, jede Almenhütte scheint mit haarfeinen, silberglänzenden Strichen umrissen, und im samtweichen Grün der Matten glaubst du jedes einzelne Blättchen, jeden Grashalm scharf zu unterscheiden. Über das alles ist ein unbeschreiblicher Himmel gespannt, dunkel wohl, aber von rätselhaftem Schein übersponnen, von stahlblauem Schimmer in seiner Tiefe, und weit, weit … beinahe schwindelt dir vor dem Gefühl dieser Ferne … taucht mit zitterndem Gefunkel der erste Stern hervor aus der Unendlichkeit …

In solcher Klarheit und Helle tauchte, nach langem Schlummer jählings ein vergessenes Bild empor in meinem Gedächtnis.

Ich sehe einen engen, unfreundlichen, dumpfen Saal. Durch die trüben Scheiben der hohen Fenster quillt die matte Helle eines grauen Wintertages. Eine hölzerne Barriere teilt den Raum in zwei Hälften; in der einen Hälfte sitzen auf langen Holzbänken die Zuschauer in unruhigem Gewisper, in der anderen stehen die Geschworenen in leise plaudernden Gruppen umher. Überall gedrückte Bewegung – nur ein einziger sitzt regungslos, wie aus Stein gemeißelt – der Angeklagte. Ein junger Bursche von etwa fünfundzwanzig Jahren, in ländlicher Tracht. Aus dieser gebrochenen Gestalt errät kein Auge mehr den schmucken, stramm und sehnig gewachsenen Burschen von einst, strotzend von urwüchsiger Kraft und Lebensfrische. Er hält die Hände im Schoße verschlungen, wie in stiller Ergebung. In glatten Strähnen hängt das lichtbraune Haar über Stirn und Schläfen des geneigten Kopfes. Die Züge des Gesichtes sind erdfahl und zerstört von Schmerz und Jammer; aber nicht abstoßend wirkt dieses Gesicht, es weckt Erbarmen; um die dünnen, farblosen Lippen spielt ein ruhiges Lächeln, und die feuchten, tiefblauen Augen leuchten in träumerischem Schimmer. Was mag er träumen und sinnen? Es kann nicht Freiheit und Erlösung sein, wovon er träumt, denn dieses Lächeln begann auf seinen Lippen, dieser sehnende, träumende Ausdruck erwachte in seinen Augen, als die Geschworenen ihren Spruch verkündeten: Schuldig des Mordes! …

Nun öffnet sich eine Thür und die Richter treten ein. Tiefe Stille lagert sich im Saal. Langsam hebt sich der Angeklagte von der Bank empor, eine fliegende Röte huscht über sein bleiches Gesicht und seine Augen leuchten, als hätte er eine freudige Botschaft zu hören. Der Vorsitzende des Gerichtes beginnt zu sprechen, mit einförmiger Stimme verliest er das Urteil – es lautet auf lebenslängliche Kerkerstrafe. Da bricht von den Lippen des Angeklagten ein gellender Schrei, einige Sekunden steht er, zitternd am ganzen Leib, dann stürzt er dem Richtertisch entgegen, bricht in die Knie, flehend streckt er die Arme, und in schluchzenden Lauten stammelt es von seinem Munde:

»Leben soll ich, leben! Ich und leben! Na, na, so hab' ich's net verdient! So hart und grausam! Sterben, laßts mich sterben! In aller Herrgottsnamen thu' ich bitten … laßts mich sterben!«

Einen Augenblick atemloses Schweigen, dann wilder Aufruhr im ganzen Saal. Zwei Gerichtsdiener faßten den Angeklagten bei den Armen und rissen ihn empor, um ihn fortzuführen. Doch hatten sie mit ihm die Thür noch nicht erreicht, da brach er ohnmächtig zusammen.

Außerhalb des Dorfes, einsam am Rande des dunklen, rauschenden Fichtenwaldes, stand das kleine Haus der beiden Brüder. Sie waren noch Knaben, als sie den Vater verloren, den bei der Holzarbeit eine stürzende Tanne erschlug. Von dieser Zeit an kränkelte auch die Mutter, doch in aller Not und Mühsal fand sie einen stützenden Trost in der zärtlichen Liebe ihrer Buben, die mit ihrer jungen Kraft und mit rührendem Fleiße der Mutter das Nötigste zum Leben erkämpfen halfen.

Wieder einmal, nach hartem Winter, ging es dem Frühjahr zu; da wurde es mit der Kranken schlimmer von Tag zu Tag. Es war ein lauer, wundersamer Frühlingsabend, an dem sie für immer die Augen schloß. Draußen im Garten zwitscherten die Stare und schlugen die Drosseln, und drinnen in dem stillen Stäbchen saßen die verwaisten Brüder mit verschlungenen Armen am Totenbett der Mutter, und Wang' an Wange gelehnt, weinten sie ihre Thränen.

Zwei Tage später, als sie vom Friedhof heimkehrten in ihr einsames Häuschen und die Stube betraten, in der man noch den Wachsgeruch und den Duft des Weihrauchs spürte, faßte Jörg die Hände seines jüngeren Bruders und sagte:

»Gelt, Toni, gelt, es soll umsonst net 's letzte Wort von unser'm Mutterl g'wesen sein: Thuts z'samm'halten, Büab'ln, z'samm'halten!«

»Ja, Jörgl, ja, so fest als einer kann!«

Sie saßen auf der Bank, hielten sich umschlungen, und ihr Schluchzen erstickte jedes weitere Wort. Sie hörten nicht, wie draußen der Abendwind durch die Tannen rauschte, sie sahen nicht, daß vor den Fenstern die Nacht herniedersank und mit finsteren Schatten das Stübchen füllte … ohne daß sie es merkten, war auf ihre heißen, schmerzmüden Augen der Schlummer gefallen. Jörg lehnte im Herrgottswinkel, Tonis Kopf lag an der Brust seines Bruders, und so schliefen sie bis zum Morgen.

Gegen Mittag kam der Pfarrer; er wollte für die verwaisten Buben sorgen, wollte den Jörg beim Schlosser, den Toni beim Schreiner als Lehrling unterbringen; hartnäckig aber widersetzten sich die Brüder diesem Ansinnen; um alles in der Welt hätte sich einer vom anderen nicht getrennt. Jörg zählte fünfzehn, Toni vierzehn Jahre, sie hatten junge, gesunde Arme, sie waren an Fleiß und Arbeit gewöhnt – da meinten sie, ihr Auskommen in der Welt auch allein noch finden zu können. Ein glücklicher Zufall wollte, daß ein reicher Bauer, der eine große Herde zur Alm schickte, zwei Hüterbuben suchte; in Jörg und Toni fand er, was er brauchte. Nun kam für die Brüder ein herrlicher Sommer, hoch oben im luftigen Bergrevier, wo vom Rande des ewigen Schnees hernieder die Gießbäche schäumend ihren Weg zur Tiefe suchten, wo unter steilen Wänden durch Tag und Nacht die fallenden Steine knatterten, wo auf überhängenden Felsen das Edelweiß seine wundersamen Sterne aus dem Wildgras hob, wo die Almenglocken läuteten und die hellen Jodler über die Thäler klangen von Hütte zu Hütte.

Als die Heimfahrt und der Winter kam, schlossen sie ihr versperrtes Häuschen wieder auf, suchten durch Korbflechten und Schindelschneiden ein paar Kreuzer zu verdienen und zehrten, soweit der neue Verdienst nicht reichte, von den Ersparnissen des Sommers.

In gleicher Weise verging ihnen ein zweites und drittes Jahr; dann glaubten sie sich alt und stark genug, um in der bescheidenen Laufbahn des Dorflebens einen Schritt nach vorwärts zu machen. Sie wurden Holzknechte. Eine Woche wie die andere, vom Montag Morgen bis zum Samstag Abend hausten sie im Wald bei ihrem lustigen Handwerk. Nach der arbeitsvollen Woche kam die fröhliche Sonntagsruhe drunten in ihrem Häuschen. Am Morgen gingen sie in das Dorf zur Kirche; nach dem Hochamt ging es wieder heim zu ihrem Häuschen, zum selbstbereiteten Sonntagsbraten. Am Abend schlenderten sie wieder ins Dorf, um einen frischen Trunk zu suchen, und wenn sie dann nach ein paar lustigen Stunden heimzu wanderten, sangen sie ihre zweistimmigen Lieder in die stille Nacht hinaus.

Niemals hörte man von einem Streit zwischen ihnen. Keiner machte einen Schritt ohne den andern, keiner that, was dem anderen nicht gefiel, und so hielten sie treu und herzlich zusammen, wie sie es der Mutter ins Grab geschworen. Bei allen Leuten im Dorfe waren sie wohl gelitten, und es war im freundlichsten Sinne gemeint, wenn man sie nicht anders nannte, als die »verliebten Brüder«.

Während der lustigen Wirtshausstunden setzte es zuweilen auch kleine Neckereien. Lachend stritt man darüber, wie es wohl werden möchte, wenn einer der Brüder einmal an ein schmuckes Dorfkind sein Herz verlöre. Ob da der andere wohl recht eifersüchtig würde? Ob er sein »Heimatl« verlassen müßte, um Platz zu machen für das junge Paar, oder trotz der Schwägerin mit dem Bruder in Eintracht weiter hausen würde unter dem gleichen Dach? Einmal geschah es auch, daß einer sagte: »Gebt's obacht, die heiraten amal heilig eine miteinander, damit keiner vom anderen lassen muß! Da wird nachher 's Busselgeben ein'teilt auf die g'raden und ung'raden Tag'.«

Die Brüder lachten, sie konnten lachen, noch war ja keine Gefahr in Sicht, welche störend hätte eingreifen können in ihr treues Zusammenhalten. So gingen zwei Jahre dahin, Jörg war in die Zwanzig hineingewachsen, und es kam die Zeit, an die sie schon lange mit Sorge gedacht hatten – die Zeit der Trennung. Jörg mußte seiner Soldatenpflicht genügen. Es war für die beiden ein trauriger Morgen, an welchem Toni den Bruder zur Bahn begleitete. Ihre Hände wollten kaum auseinander lassen, und als der Zug davondampfte, stand Toni und schaute ihm mit feuchten Augen nach, bis in der Ferne das letzte sichtbare Dampfwölkchen der Lokomotive in der Luft zerflossen war. Die nächsten Monate ging er umher wie ein Verlorener, verdrießlich und verschlossen. Die Arbeit der Woche machte ihm keine Freude, der Sonntag brachte ihm keine Ruhe. Diese unerträgliche Einsamkeit bedrückte ihm das Herz, es trieb ihn öfter und öfter ins Dorf, und so geschah es nun eines Sonntags, daß er zum erstenmal ein junges Mädchen sah, welches, aus einem anderen Dorf gebürtig, bei einem reichen Almbauern in Dienst getreten war. Beim ersten Blick, den er in diese braunen, fröhlichen Augen that, wußte Toni, wie es stand um ihn. Das Nannei … oder keine! Und um so heißer schlug die Liebe in ihm empor, je mehr sein Herz in diesen Wochen sich vereinsamt und verlassen fühlte. Und wie hätte er nicht hoffen sollen, da er liebte! Aber all' seine still verschwiegene Hoffnung kreuzte der Tag, der auch ihn zum Regiment berief. Wohl stand er die ganze letzte, lange Nacht vor Nanneis kleinem Fenster, aber er fand den Mut nicht, an die dunkle Scheibe zu pochen. Als der Morgen zu grauen begann, wanderte er davon mit doppelt schwerem Herzen – war ihm doch auch der Trost versagt, mit dem Bruder in der gleichen Stadt zu dienen.

Zwei schwere Jahre folgten für ihn, geteilte Sehnsucht im Herzen. Wohl schrieben sich die Brüder zuweilen, doch in ihren schweren, schwieligen Händen war die Feder ein ungefüges Ding, das die tausend drängenden Worte nicht fassen wollte, die so gerne dem weißen Blatte sich anvertraut hätten. So kamen ihre Briefe zumeist nicht über die paar kindlichen Sätze hinaus: »Mir gets gutt, wie gets den dir, hoffentlich auch gutt und bist auch xund und das ich dich bald widder siech und gries dich dausendmahl, dein lüber Brudder.«

Aber je schlimmer es dem Toni mit dem Schreiben ging, desto leichter ging es ihm mit dem Denken. Er that seinen Dienst wie ein Körper ohne Seele, denn all' sein Sinnen und Sehnen war bei seinem Bruder Jörg – und zu Hause bei der Nannei. Und je langer die Trennung währte, desto tiefere Wurzeln schlug diese träumende Liebe in seinem Herzen. Der Gedanke, was der Bruder dazu wohl sagen möchte, brachte ihm freilich manch' eine bange Stunde. Aber der Jörg, der ihn so lieb hatte, würde dem Glück des Bruders sicher nicht im Wege stehen! Diese Meinung führte ihn über alle Bedenken immer wieder hinweg zu neuen Träumen. Und als nach Ablauf des zweiten Jahres ein Brief von Jörg kam, in welchem er dem Bruder seine Rückkehr in die Heimat meldete, da gab es für den Toni Strafen über Strafen, weil er seinen Kopf so gar nicht mehr bei der Sache hatte und allzu häufig das »Linksum!« mit dem »Kehrt!« verwechselte. In einem der Briefe, die Jörg aus der Heimat schrieb, stand ein Satz, der dem Toni das Blut zum Sieden brachte: »Weist schon, das beim Bachpauer ein neuche Dirn' eintingt is und Nannei heißt, ißt ein sauberes brafs Madl.«

Aber in der Antwort auf diesen Brief brachte es Toni über diesen Gegenstand nur zu den Worten: »Di Nanei kenn' ich schon und Duh mirs recht freindlich grißen und wies ihr get?« Und in dem Briefe des Bruders hieß es dann wieder: »Der Nanei gets gutt und sie last dich schön griessen.«

Was brauchte Toni der Worte mehr! Er war der Seligkeit voll, daß die Geliebte vor dem Auge des Bruders gut bestanden. So begrüßte er mit doppelter Freude den Tag, der auch ihn erlöste und der Heimat wiedergab. In rosigen Träumen verbrachte er die Stunden der Bahnfahrt. Spät am Abend war es, als er den Zug verließ und durch die sinkende Dämmerung seinem Dorf entgegeneilte. Brennende Sehnsucht und fröhliche Bilder kürzten ihm den stundenlangen Weg. Fern aus dem finsteren Walde scholl der klagende Ruf eines Käuzleins, neben der Straße gurgelte ein hurtig fließender Bach, und zwischen ziehenden Wolken leuchtete der Mond hernieder auf den weißbestaubten Pfad.

Gegen zwei Uhr morgens erreichte Toni das heimatliche Dorf, das er durchschreiten mußte, bevor er zu seinem Häuschen gelangen konnte. Alle Fenster waren dunkel, alles schlief, nur die Hunde schlugen an, wenn er vorüberging. Nun zweigte von der Straße ein schmaler Weg sich ab, der emporführte zu einem Bauernhaus, dessen mächtiges Dach hervorlugte aus finsteren Bäumen. Toni zögerte … geradeaus führte der Weg, den er zu gehen hatte … aber gewaltsam zog es ihn hinweg von seiner Straße. Achtsam schwang er sich über einen Zaun, und lautlos, heißpochenden Herzens, schlich er den Garten entlang, in welchem das liegende Heu einen süßen Duft verbreitete.

Es war finster um ihn her, eine mächtige Wolke hatte sich über den Mond gelegt … aber auch mit blinden Augen hätte Toni den Weg gefunden, den er gegangen war in jener letzten Nacht. Dort stand das Haus; noch einen Schritt um die Ecke, dann mußte er das kleine Fenster sehen … nun that er diesen Schritt … und da jagte über seinen Nacken ein kalter Schauer und aus dem Herzen schoß es ihm zu Kopf wie glühende Flut. Dort drüben am offenen Fenster, in zärtlichem Gewisper, stand ein langer Bursche, und um seinen Hals geschlungen lagen zwei nackte Arme …

Toni wankte und griff, um einen Halt zu suchen, nach dem Zaun, doch unter dem Druck seines taumelnden Körpers löste sich knirschend der lockere Pfahl und blieb ihm in der zuckenden Hand. Die beiden am Fenster hörten das Knirschen … »Jesus Maria,« zischelte eine Mädchenstimme, »ich hab' wen g'hört, geh', Bua, geh' weiter, geh'« … ein leiser Kuß, das sachte Klirren eines Fensters, das geschlossen wurde … und nun kam in langen Sprüngen eine finstere Gestalt einhergeschossen.

Vor Tonis Augen war es wie Feuer und Nacht, wie ein siedender Wirbel in seinem Kopf … und da kam er an ihm vorübergehuscht, der Mörder seiner Liebe, der Räuber seines Glückes … jählings zuckte sein Arm empor, und mit dumpfem Schlag fiel der Pfahl auf das Haupt des anderen. Lautlos stürzte der Getroffene zu Boden, kein Seufzer, kein Stöhnen kam mehr über seine Lippen … rücklings lag er auf der Erde und seine Arme sanken schlaff zur Seite. Toni stand wie versteinert, erfaßt vom Grausen vor seiner That. Aus seinen zitternden Fingern fiel der Pfahl zur Erde … die ziehenden Wolken gaben das Mondlicht frei … und mit bleichem, blutüberronnenem Gesichte starrte ihm sein Opfer entgegen … sein Bruder Jörg!

Von Tonis Lippen fuhr ein gellender Schrei in die Nacht hinaus, dann stürzte er bewußtlos über den Toten.

So fand man sie bei grauendem Morgen. Den Jörg begruben sie, den Toni lieferten sie ins Gericht.

So ist es gekommen. Was aber an Jammer, Wahnsinn und Verzweiflung zwischen dieser Nacht und jenem Tage lag, an dem ich den Mörder vor seinen Richtern sah – wer mag es nachempfinden, wer mag es ahnen!

Es klirrt…

Weit draußen, wo die Mauern der Vorstadt zu Ende gehen, liegt inmitten eines mächtigen Gartens ein kleines, freundliches Haus. Das Haus eines Gärtners. Auf dem ganzen weiten Raum des Gartens ist die rohe Erde in längliche Vierecke eingeteilt, welche der Bepflanzung warten, und auf deren schmalen Wegen noch kleine, trübe Pfützen an die vergangenen Regentage erinnern. Links und rechts vom Hause liegen mehrere Reihen langgestreckter Glashäuser. Ein alter, grauköpfiger Mann geht in geschäftiger Eile zwischen ihnen hin und her, und so oft er eine der Thüren öffnet, quillt aus dem verschlossenen Raum ein intensiver Geruch von Rosen und Veilchen hervor ins Freie. Kommt der Alte nah am Hause vorüber, so tritt er wohl auch an eines der niederen Fenster, drückt die Stirne gegen das Glas und lächelt durch die Scheibe.

Es ist ein gar behagliches Stübchen, welches da drinnen hinter den Fenstern liegt, und das der zarte, süße Duft von Sämereien und getrockneten Pflanzen erfüllt. Der große, grüne Kachelofen ist schon erkaltet, aber in dem Stübchen liegt noch die sanfte Wärme, die er ausgestrahlt. Hinter dem Ofen steht ein altes Ledersofa und darüber an der Wand hängt ein Zapfenbrett mit allerlei Kleidungsstücken. Neben dem Ofen führt eine Thür in die anstoßende Kammer, aus welcher die frisch gescheuerten Dielen und das mit einer gehäkelten Decke überbreitete Bett schneeweiß hervorblinkten. Hier, neben der Thür, steht ein hoher Schrank in der Stubenecke, in der anderen Ecke schräg gegenüber ein altmodischer Schubladkasten, darauf ein wächsernes Jesukind unter blitzendem Glassturz und rings darum eine ganze Sammlung von Schachteln und Schächtelchen.

Entlang den beiden Fensterwänden zieht sich eine hölzerne, in die Mauer eingelassene Bank. Die Ecke zwischen den Fenstern nimmt ein massiver Eichentisch ein, vor welchem in einem alten Lehnstuhl ein junges, blasses Mädchen sitzt. Sie trägt ein leichtes, dunkles Hauskleid, und ihr Schoß ist von einer warmen Decke umhüllt. Sie mag sich vor wenigen Tagen erst vom Krankenbett erhoben haben. Die Wangen des schönen, sanften Gesichtes sind noch so schmal und in den großen, dunklen, träumerischen Augen liegt noch der müde Nachglanz des vergangenen Fiebers. Kaum scheint der zarte Hals die Last der schweren Flechten tragen zu können. Die schlanken Hände sind von durchsichtigem Weiß, und leise zitterten die Finger bei der mühelosen Beschäftigung, mit der sich das Mädchen die einsame Zeit verkürzt.

Sie hält im Schoß eine hölzerne Schale, welche mit dünnen, langen Schoten angefüllt ist, aus denen das Mädchen durch einen leichten Druck der Finger die kleinen Samenkerne hervorschält. Doch scheinen ihre Gedanken nicht sonderlich achtsam an dieser Beschäftigung zu haften. Immer wieder läßt sie die Hände ruhen, immer wieder hebt sie die Augen und blickt in zielloser Sehnsucht durch die Fenster empor zum Himmel, über welchen mit flinker Eile die weißen, hochliegenden Wolken ziehen, zuweilen sich klüftend, so daß ein lachendes Stücklein Blau herniederblickt aus ihrem Rahmen oder ein breiter Sonnenstrahl sich gleich einem feurigen Bande vom Himmel zur Erde schlingt.

Vor den Fenstern schlägt eine Amsel in den Zweigen der knospenden Linde, und immerwährend tönt ein sachtes Rauschen, das übers Haus und rings um die Mauern geht wie eine schaukelnde Woge. Dem süßen Amselschlag und diesem Rauschen lauscht das Mädchen; die zitternden Hände streicht sie über die blassen Wangen und atmet tief auf … ach, daß es der Frühling wäre, den sie nahen und rauschen hört! Es wäre an der Zeit, daß er käme, weiß Gott, an der Zeit … denn das war ein trauriger, leidvoller Winter!

Da klirrt das Fenster.

Das Mädchen blickt auf. Wer klopfte nur? Der Vater kann es nicht gewesen sein – – – sie sieht ihn ja weit draußen im Garten über einem Beet beschäftigt. Und außer ihm ist kein Mensch in der Nähe! Wer klopfte nur? Es klang aber auch so sanft und leise … gar nicht wie von einer menschlichen Hand … just als wäre ein Schmetterling wider die Scheibe geflogen. Aber die Schmetterlinge muß ja der Frühling erst bringen, der noch immer säumt … noch immer … immer.

Was klopfte nur? Die Lippen des Mädchens beginnen zu beben, und mit scheuem Blick richten sich ihre Augen nach aufwärts. War es ein Gruß von drüben … ein Gruß von Mutter und Bruder? Ihre Augen werden feucht, und in wehmutsvolle Gedanken verloren, mustert sie die leeren Plätze rings um den Tisch. Vor einem halben Jahr, da saßen sie noch alle beisammen! Und jetzt! Der Bruder und die Mutter … das war in der gleichen Woche gekommen! Und das hatte der arme Vater allein tragen müssen. Sie konnte ihn nicht trösten, sie lag ja selbst im bösen, ansteckenden Fieber. Und wenn die gute Mutter schon gehen mußte … hätte der liebe Herrgott dem Vater doch wenigstens den Bruder erhalten und an seiner Statt die Schwester genommen. Der Bruder wäre dem Vater ein tüchtiger Helfer bei der schweren Arbeit und ein Kamerad im Geschäft gewesen. Aber sie! Was konnte sie dem Vater nützen und helfen! Wozu denn lebt sie noch? Wozu nur? …

Da klirrt das Fenster.

Beinah' erschrocken blickt das Mädchen auf, starrt die blinkenden Scheiben an und schüttelt den Kopf. Wieder versinkt sie in ihre Gedanken, bis sie mit einemmal lauschend den Kopf erhebt. Drüben bei den Treibhäusern hört sie die Stimme des Vaters … und eine andere, eine junge, weichklingende Männerstimme dazu. Aufmerksamer lauscht sie … ein schwaches Rot überhuscht ihre Wangen, und ein leises, verlorenes Lächeln spielt um ihre Lippen. Halb freudig lauscht sie, und halb wehmutsvoll … wie einem Klang aus vergangener Zeit.

Schritte kommen näher, und zwei wandelnde Schatten fallen über die Fenster.

»Wahrhaftig, ich habe so herrliche Rosen in meinem Leben noch nicht gesehen,« sagt jene fremde Stimme, »aber ich bitte … hätten Sie nicht ein kleines Körbchen, oder sonst etwas Hübsches, um die Blumen gleich für den Tisch zu ordnen?«

Natürlich – so hört sie den Vater sagen – aber das Zeug läge noch unter dem Dach droben, in irgend einem Winkel; er wolle schnell hinaufsteigen … der junge Herr möchte nur einstweilen in die Stube treten.

Erschrocken stößt sie die hölzerne Schale auf den Tisch und greift nach den Stuhllehnen, als möchte sie sich erheben … Aber da öffnet sich schon die Thür, und über der Schwelle erscheint ein junger Mann, mit einem Strauß von selten schönen Rosen in der Hand, eine schlanke, gesunde Gestalt mit einem hübschen Kopf, mit einem flaumig sprossenden Bart um die Wangen und mit einem Paar guter, treuherziger Augen unter der weißen Stirn.

Sie sehen sich nicht zum erstenmal, diese beiden. Freilich, das ist lange her … seit dem Herbste. Da liegt dieser böse, traurige Winter dazwischen, in welchem das eine vom andern nichts wußte und hörte. Viel mit einander gesprochen haben sie wohl auch damals nicht… nur so ab und zu ein schüchternes Wörtchen.

Aber mehr als ihre Lippen, so mag es scheinen, wußten sich ihre Augen zu sagen. Und jetzt … dieses plötzliche Wiedersehen!

Sie hält die Blicke niedergeschlagen, und gleich zwei dunklen Sicheln liegen die langen Wimpern auf ihren blassen Wangen. Auch er ist überrascht, verlegen. Zögernd drückt er hinter sich die Thür zu und stammelt: »Sie, Fräulein Gertrud! … Sie!«

Sie rührt sich nicht und bringt keine Silbe über die Lippen.

»Sie, Fräulein Gertrud!« wiederholt er stammelnd. »Und … und …« Er deutet in wortloser Frage nach der Thür.

»Ja … mein Vater!« nickt sie leise.

»Welch ein glücklicher Zufall!« sprudelt es nun aus ihm heraus. »Ich habe den freundlichen Tag benützt, einen Spaziergang vor die Stadt gemacht … und als ich im Vorübergehen die großen Treibhäuser sah, dachte ich an den Geburtstag meiner Mutter und glaubte ein paar schöne Rosen …«

Betroffen verstummt er. Während er gesprochen, ist er näher getreten, und nun sieht er die Blässe ihrer schmalen Wangen, steht ihre weißen, durchsichtigen Hände.

»Fräulein Gertrud! … Sie waren krank!«

»Ja, Herr Berger, krank … schwer und lange!«

»Deshalb! Deshalb also …« murmelte er. Dann tritt er zu ihrem Stuhl und reicht ihr die Hand. Beider Augen begegnen sich und ihre Blicke halten sich gefangen.

Da klirrt das Fenster … und ein rauschender Windstoß umfährt das kleine Haus.

Gleichzeitig blicken die beiden auf und hängen mit den Augen an der Scheibe, die noch leise zittert.

»Es war der Wind,« flüstert sie und lächelt zu ihm auf.

»Nein, Fräulein Gertrud, es war der Frühling. Er hat an Ihr Fenster geklopft … man spürt ihn schon recht in der Luft … über acht Tag' ist alles grün … alles … alles!«

»Alles grün!« wiederholt sie ganz leise, und dabei überglüht eine sanfte Röte ihre Wangen.

Draußen auf der Treppe hört man niederpolternde Schritte.

Unmutig hebt der junge Mann den Kopf; hastig drückt er die Hand des Mädchens und stammelt: »Fräulein Gertrud! Werden Sie böse sein, wenn ich … wenn ich wiederkomme … um Rosen zu kaufen?«

Sie schlägt die Augen nieder und schüttelt ganz sachte den Kopf.

Die schönste Rose sucht er aus seinem Strauß hervor und legt sie auf ihren Schoß.

Jetzt öffnet der Vater die Thür … da klirrt das Fenster … klirrend springt es auf, und ein lauer Luftzug flutet in das Zimmer – – – – – –

