Der Kamerad des Frühlings

Ein brausender Sturm war ihm vorangeflogen, hatte die Bäume gezaust und die weiße Last von ihren Ästen geschüttelt, hatte mit Heulen die Dächer umfahren und den Schnee davon geweht. Dann hatte sich die Macht des Sturmes zu einem lauen, leisen Lüftchen gedämpft, und da wußten nun die Leute, daß er kommen würde.

Mit leichten Sohlen stieg er, von Süden her, über den Grat des Gebirges, ein schöner Jüngling in wallendem Blondhaar. Einen blühenden Lilienstengel führte er als Wanderstab, sein Gewand war aus duftenden Blüten mit Sonnenstrahlen genäht, und bunte Schmetterlinge umgaukelten ihn als sein Geleit. Singend wandelte er über die Berggehänge nieder, und wo er ging, da schmolz in weiter Runde der Schnee hinweg, es färbte sich der welke Rasen grün, die Blumen sproßten auf, um ihre Kelche summten die Bienen, die Blätter sprangen aus den Bäumen, und zwitschernd suchten sich in allen Büschen die verliebten Vögel.

Nun hatte er das ebene Land erreicht und wanderte singend die weiße Straße dahin. Erschrocken aber hielt er plötzlich inne, denn der holde Zauber, der von ihm ausging, schien jählings gebrochen. In weitem Umkreis sah er das Land verwüstet, den Rasen verkohlt, die Gesträuche niedergestampft, die Bäume gefällt. Kein singender Vogel war zu hören, zwei schwarze Raben nur durchflatterten mit heiserem Krächzen die von Rauch und Dunst erfüllte Luft. Und inmitten dieser Verwüstung, auf dem qualmenden Schutte einer niedergebrannten Hütte, sah er einen riesengroßen Mann gelagert; ein blitzender Stahlhelm deckte das Haupt und die Stirne, ein brauner, blutbefleckter Mantel mit verbrannten Säumen verhüllte die Gestalt und das Gesicht, so daß allein die düster glühenden Augen zu sehen waren. Als der Unheimliche den schönen Jüngling erspähte, rief er ihm mit dröhnenden Worten zu: »Bist du der Frühling?«

»Ja, ich bin der Frühling,« antwortete der Jüngling mit glockenweicher Stimme.

»Weshalb nur säumtest du so lange?«

»Mich hielt der Eisriese gefangen; doch als ich die Osterglocken läuten hörte, hab' ich meine Fesseln mit Gewalt gebrochen und meine frohe Fahrt begonnen. Wer aber bist du?«

»Ich bin der Krieg. Doch komm', ich habe nur auf dich gewartet. Unser Weg ist der gleiche, geh' du voran, ich will dir folgen als dein Kamerad.«

Er sprang empor und schlug den Mantel auseinander. Bläuliches Erz umschloß den riesigen Leib, am Kettengürtel hing ein blitzendes Schwert und eine blutige Geißel, bleich und hager starrte das schreckliche Gesicht, Schlangen waren die Locken, die es umringelten, und sein Bart war eine rote Flamme, die zur Erde züngelte. Knatternde Blitze fuhren aus den Schienen seines Panzers, Rauch qualmte unter seinen Sohlen hervor, und wo er stand, ging ein Regen von zahllosen Tropfen nieder, die sich zu rinnenden Bächen sammelten.

»Was sollen diese Bäche, die ich zu deinen Füßen rinnen sehe?«

»Es sind die Thränen, die um meinetwillen fließen.«

Schaudernd wandte sich der Frühling ab und schritt voran; er hörte, wie der Krieg ihm folgte mit Tritten, welche klirrten, wie fallendes Eisen und schleifende Ketten. Und wo der Frühling ging, da blühte im Glanz der Sonne das weite Land, um unter den Schritten des Krieges in Wüstenei sich zu verwandeln.

So waren sie eine Weile gewandert, als der Frühling am Straßenrain ein junges Mädchen sitzen sah, das mit beiden Händen sein Gesicht verhüllte und bitterlich weinte. »Schließe deinen Mantel,« sagte der Frühling zum Krieg, »vor deinem Anblick möchte das arme Kind zu Tod erschrecken!« Dann ging er auf die Weinende zu und streute Blumen in ihren Schoß. Und als sie dieser Gabe nicht achtete, frug er sie: »Warum weinest du?«

»Ich weine, weil ich so verlassen bin seit langen Jahren. Wie ich noch ein Kind war, hat der Krieg meinen Vater getötet, und meiner Mutter ist darüber das Herz gebrochen.«

Traurig blickte der Frühling dem Krieg in die glühenden Augen. »Willst du nicht umkehren? Rührt dieser Jammer nicht dein Herz?«

»Mein Herz ist Stein und Eisen,« sagte der Krieg. »Den ganzen langen Winter hab' ich auf dich gewartet, nun will ich dir auch folgen.«

Sie wanderten weiter und kamen zu einem schmucken Dorf. Hart an der Straße stand die Kirche, an deren hohen Fenstern die Sonne sich spiegelte. Wundersame Glockenklänge schwebten vom Turm hernieder, die Orgel rauschte, und von hundert frommen Stimmen gesungen erscholl das heilige Osterlied vom Heiland, der aus Tod und Grab erstanden.

»Willst du nicht umkehren?« bat mit sanften Worten der Frühling. »Beuge dich vor ihm, der den Menschen den Frieden und die Liebe brachte.«

»Mein Recht ist älter als das seine,« murrte der Krieg, »denn ich wurde geboren, als Kain den Abel erschlug.«

Während sie noch sprachen, war die Messe zu Ende und die Leute strömten aus dem Thor der Kirche. »Verhülle dein Gesicht,« so bat der Frühling seinen Begleiter. Und kaum daß er gesprochen hatte, eilten schon die Burschen und Mädchen herbei; sie hatten gesehen, daß der Frühling gekommen war, und begrüßten den lang Erwarteten mit Tanz und Liedern. Der Frühling aber konnte sich ihres Jubels nicht von Herzen freuen, und dann auch schien es ihm, als klänge ihr Lachen nicht so frei und heiter, ihr Gesang nicht so hell und jubelnd wie sonst, wenn er zu kommen pflegte.

»Weshalb begrüßt Ihr,« frug er sie, »mein Kommen in diesem Jahr mit so gedrückter Freude?«

»Weil bange Sorge auf unseren Herzen lastet,« gaben sie zur Antwort, »und weil wir fürchten, daß du nicht allein kommst und daß ein böser Kamerad dir folgen wird.«

Da lachte der Krieg und ließ den Mantel fallen. Jählings verstummten die Lieder, im Tanz erstarrte jeder Fuß, ein gellender Wehschrei hallte von jeder Lippe, die Weiber umklammerten ihre Männer und Söhne, die Mädchen ihre Liebsten … der Krieg aber streckte die eherne Hand, riß die Schluchzenden aus einander, hauchte Tod und Vernichtung aus seinem Munde und schüttelte den Bart, daß Feuer auf alle Dächer flog.

Klagend eilte der Frühling von dannen, doch er hörte hinter sich den Schritt des Krieges, klirrend wie fallendes Eisen und rasselnd wie schleifende Ketten. So kamen sie in einen dunklen Wald. In diesem lag, dicht an der Straße, ein kleiner See mit klarem Spiegel. Quer über die Straße schien die Grenze eines Landes zu ziehen, denn ein in Streifen bemalter Schlagbaum sperrte den Weg.

»Geh' nur voran,« sagte der Krieg und zog sein blitzendes Schwert, »dort drüben ist mein Ziel.«

»Willst du nicht umkehren?« bat der Frühling. »Dort drüben liegt mein schönstes Land, darin ich am liebsten meinen Einzug halte! Soll ich es verwüstet sehen unter deinen Schritten? Sollen sie alle, die meiner in Sehnsucht harren, meinem Kommen fluchen, weil du mir folgst?«

»Verliere keine Zeit,« murrte der Krieg, »sie wissen, daß ich komme.«

»Wie bist du schrecklich!« sagte der Frühling. »Hast du schon einmal dein eigenes Antlitz gesehen? Komm – ich will es dir zeigen.« Er führte den Krieg dicht an den See heran und hieß ihn niederblicken in das stille, tiefe Wasser. Und als der Krieg in dem glatten Spiegel nun sein grauenvolles Abbild sah, von Flammen umlodert und von Blut umronnen, erschrak er so heftig vor sich selbst, daß seiner Hand das Schwert entfiel. Zischend fuhr es in die Flut – doch als es schimmernd niedersank zur Tiefe, da zitterte durch die Lüfte ein wundersamer Laut – es war, als hätte die Erde freudig aufgeseufzt, jählings erlöst von banger Sorge.

Wie zu Stein verwandelt kauerte der wehrlose Krieg am Ufer – der Frühling aber umwandelte singend den ganzen See, und hinter seinen Schritten stiegen Rosen in dichter Hecke aus dem Grunde, höher und höher wuchs die grüne, blühende Mauer und hielt den Krieg gefangen mit ihren Dornen.

Sanft aus der Ferne tönten die Osterglocken, im Walde rauschten die Wipfel, und zwitschernd schwangen sich die kleinen Sänger von Zweig zu Zweig.

Singend zog der Frühling von dannen, das Land, in dem er Einzug hielt, mit Blüten überstreuend.

Sag' mir …

Die Langeweile hatte ihn fortgetrieben aus der Stadt. Aber er pflegte auch auf Reisen zu gähnen. Das flache Land mit seinen monotonen Pappelalleen, mit seinen stillen Dörfern und den endlosen Getreidefeldern … wie langweilig! Die großen Städte mit ihrem Fremdentrubel, ihrem Staub und ihren Ausstellungen … wie langweilig! Und erst das Gebirgsnest, in das ihn nach zielloser Fahrt der Zufall verschlagen hatte … wie langweilig! Und er that doch als Reisender seine Pflicht und Schuldigkeit. Er kaufte sich den »Führer durch X und Umgebung«, bestaunte das blaue »Meerauge« mit den zu fetter Trägheit aufgefütterten Forellen, untersuchte die Pfahlbautenreste am See und die Burgruine auf der Höhe des Waldberges, in dem einsam gelegenen Forsthaus ließ er sich Gemsbraten auftischen, in der Meierei aß er Butterbrot und schlürfte warme Kuhmilch, sogar die Dorfkirche besuchte er und unternahm jeden als »reizend« geschilderten Ausflug, jede als »interessant« empfohlene Tour. Aber ihn langweilte jeder Schritt, den er that, das leere Geschwätz seiner Führer, die kostümierten Dorfpuppen, die auf allen Wegen und Stegen umherlungerten, die müden verschwitzten Gesichter der Touristen, der Sonnenschein und das Regenwetter, sogar die findige, immer neue Art, in welcher er überall und von jedem geprellt und geschnitten wurde. Und nach langweiligem Tag der Abend im Speisesaal des Hotels! Zwei-, dreihundert Gäste an langen Tafeln; die Teller überklapperten das spärlich rinnende Geplauder der Menschen, die sich fremd waren, und in gleichmäßigen Zwischenräumen produzierte eine »heimische Sängergesellschaft«, kostümiert natürlich, mit gezierter »Urwüchsigkeit« eines ihrer dutzendmal gehörten Stücklein. Entsetzlich!

Noch einen letzten Tag, dann wieder weiter! Ein vorschriftsmäßiger Ausflug war ja noch abzufrohnen, der obligate Spaziergang in die »Klamm«. Die Hände in den Taschen des leichten Sakko vergraben, ohne Blick nach rechts oder links, so wanderte Egon den Weg dahin, dessen erste Hälfte über sonnige Wiesen führte. Dann begann ein breites Waldthal, welches enger und enger wurde. Ein reißender Bach schäumte zwischen felsigen Ufern, und aus der Tiefe der Schlucht hauchte eine erfrischende Kühle. Immer steiler wurde das Gehäng, immer näher trat es an den Bach heran, kahle Felsen, von dünnen Wasserfäden überronnen, schoben sich zwischen den Bäumen hervor, und dann verschwand alles Wachstum, und zwischen engen, wild zerklüfteten Steinwänden, so hoch getürmt, daß der Himmel nur noch herniederschimmerte als ein schmaler, lichtblauer Streif, tobte und rauschte das weiße Wasser, schoß durch finstere Schachte, stürzte sich in tiefe Kessel, gurgelte über Kies und Klötze und bildete stille Becken, auf welche sich der zarte Wasserstaub der zerschellten Tropfen niedersenkte gleich einem von Elfenhänden gewebten Schleier, der in den Farben des Regenbogens schillerte, wenn ihn ein Sonnenstrahl aus der Höhe traf.

Auf dem Balkensteg, der mit eisernen Klammern an der Felswand festgehalten war, durchwanderte Egon die Klamm. Was er sah, das alles war ja ganz hübsch, aber er hatte das alles schon zu dutzendmalen gesehen, noch großartiger, noch wilder und romantischer. Als er die Klamm durchschritten hatte und die Höhe der Schlucht erreichte, trug er aus dem dämmerigen Felsengrunde keinen anderen Gewinn empor unter den freien Himmel, als Langeweile und Ermüdung. Zwischen schattigen Büschen warf er sich in das blumige Gras und starrte hinunter in das Zwielicht der tiefen Schlucht. Ihm war so öd, so leer zu Mute. Felsen und Wasser, Himmel und Wald, Welt und Leben, alles widerte ihn an. Er stützte das Haupt auf die Hände und begann zu grübeln. Wenn es nur eines noch gäbe, nur ein einziges, um seine schläfrige Seele aufzurütteln, um diese ertötende Langeweile zu verscheuchen. Er sann und sann. Was war dieses eine, wo war es zu finden? Was ihm das Leben bieten konnte, das hatte er ausgekostet bis zur Neige. Ein Elternpaar, das ihn verzogen und verzärtelt, und dann die Reichtümer, die er geerbt – sie hatten ihm jeden Wunsch, den er nur empfinden konnte, längst gewährt, hatten ihn alles genießen lassen, was ein Menschendasein an Genuß nur zu finden vermag. Was also noch?

Er sann und sann, und seine irrenden Gedanken wiegten sich auf dem eintönigen Rauschen und Gemurmel, das emporquoll aus der Tiefe. Diese dumpfen geheimnisvollen Laute schlichen sich tiefer und tiefer in sein Ohr, das Denken erlosch in ihm, und er lauschte nur noch, lauschte und lauschte, bis es ihm war, als würde dieses dumpfe Tönen zu klar verständlicher Stimme, welche zu ihm sprach wie aus einer anderen Welt.

Aus einer anderen Welt? Er lächelte, und wie ein süßer Reiz überkam ihn die Empfindung, daß es ein Neues war, was jetzt in seinen wieder erwachenden Gedanken keimte. Das rauschende Gewässer sprach zu ihm wie verheißungsvolles Locken, wie freundliches Rufen: Komm, komm, komm! Er lauschte … und wieder lächelte er.

»Wenn ich es thäte?«

Und weshalb nicht? Er war ja Herr seiner selbst, er ließ ja keine Seele zurück, die um ihn hätte jammern und klagen müssen. Es blieben hinter ihm nur lachende Erben, und er konnte die Genugthuung mit sich hinunternehmen, daß seine letzte Laune doch wenigstens einem halben Dutzend Menschen eine wirkliche Freude gemacht hatte. Weshalb also nicht? Was ihm das Leben seiner fünfunddreißig Jahre geben konnte, das hatte er genommen mit beiden Händen … nur eines stand ihm noch aus: das Letzte, das einzig Neue noch, der Tod.

Lächelnd rückte er bis an den Rand des Abgrundes und beugte das Gesicht über die Tiefe. Ihn schauderte nicht. Was er sann, was er sich ausmalte von den Empfindungen des letzten Augenblicks, das ergötzte ihn. Er fühlte, wie sein Blut in Wallung kam, wie sein Herz in raschen Schlägen pochte, wie es glühte und sprühte in seinem Innern. Seltsam! Jetzt, da er sterben wollte, spürte er nach langer Zeit zum ersten male wieder, daß er lebte. Und dieses köstliche Empfinden sollte ihm zerrinnen in die alte Langeweile? Nie und nimmer! Es galt ja nur einen raschen Schritt, nur einen kurzen Schmerz, und er nahm diesen reizvollen Augenblick unzerstört mit hinüber in die schmerzlose Ruhe, in eine Ruhe ohne Langewelle, ohne Ekel und ohne Bitterkeit.

Tiefer und tiefer neigte sein Haupt sich über den Rand der Schlucht, und schon wollten seine Hände sich öffnen und den Halt verlieren. Da plötzlich schlug aus nächster Nähe der Wechsel zweier Stimmen an sein Ohr. Er horchte auf, und wie Neugier überkam es ihn … er wollte die letzten Menschen sehen. Lautlos drückte er die Zweige des Gebüsches zur Seite. Nur wenige Schritte vor ihm, auf einer Moosbank, saß ein junges Paar; die Ähnlichkeit der beiden verriet ihm, daß sie Geschwister waren. Egon betrachtete die Züge des jungen Mannes; es war ein schmales, feines Gesicht von blasser Farbe, ein wenig entstellt durch die blaue Brille, welche die Augen bedeckte; die schmalen Lippen lächelten, die Hände waren auf einen Stock gestützt, der Kopf lag etwas in den Nacken gedrückt … es war die Haltung eines Blinden. Seine Schwester schien um wenige Jahre älter zu sein. Ihre Gestalt war zart und von weichem Ebenmaß; aber aus jeder Bewegung sprach ein fester Wille. Ernste Sanftmut redete aus jedem Zuge des durchgeistigten Gesichtes, aus dem ruhigen Glanz der dunklen, schönen Augen. Sie schien soeben erst von einem Gange zurückgekehrt, denn Egon hörte sie sagen: »Ich wäre gerne noch länger geblieben, aber ich hatte Sorge um dich.«

Der Blinde schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich habe mich nicht von der Bank gerührt und habe ruhig gewartet, bis du kamst. Wärst du doch länger geblieben!«

»Ich habe mich schwer getrennt … es war so schön!«

Der Blinde atmete tief auf. »Sag' mir, was du gesehen hast.«

Nun schilderte die Schwester ihre Wanderung durch die Klamm. Es war ein Malen mit Worten. Man hörte aus ihrer Sprache, wie tief und mächtig die Schönheit des Erschauten auf ihre Seele gewirkt hatte, wie sie ganz erfüllt war von dem wundervollen Reiz des genossenen Bildes. Und was sie empfunden, das teilte sich aus ihren Worten dem Bruder mit, der in Spannung lauschte. Seine Wangen begannen sich zu röten, es lag auf seinem Gesicht wie ein begeistertes Schauen nach innen, und mit glücklichem Lächeln sprach er vor sich hin: »Wie schön! Wie schön!« Dann legte er die Hand auf den Arm der Schwester: »Sag' mir … wie war es weiter?«

»Ich kam an eine Stelle, an welcher hoch über meinen Häupten die Felsen sich schlossen, so daß mir der Himmel entschwand. Rings um mich her war tiefe Dämmerung. Ich sah an den Felsen keine Farbe mehr. Alles grau und dunkel; nur in der Tiefe schimmerte der weiße Schaum des Wassers, und die Tropfen, die von der Höhe fielen, leuchteten noch ein wenig, als hätten sie in ihrem kleinen Herzen ein Stäubchen Sonne aus dem hellen Tag mit heruntergestohlen in die Finsternis.«

»Ich sehe sie … ich sehe sie, wie sie fallen und leuchten,« stammelte der Blinde. »Sie fallen in mich hinein, wie ein Gruß von der Sonne … sag' mir, wo die Sonne steht?«

»Dort oben steht sie, gerade über dir.«

Der Blinde hob das Gesicht, er lächelte, und mit einem tiefen Zuge sog er die Sonnenwärme in seine Brust. Dann wieder: »Sag' mir, wie dir zu Mute war?«

»Ich stand … und da überfiel es mich plötzlich wie ein Bangen und Fürchten, wie ein Sehnen nach dem hellen Tag. Und ich dachte an dich und sorgte mich, meine Hände, mit denen ich mich festhielt am Geländer, zitterten, ich eilte vorwärts, und als ich über mir den blauen Himmel wieder sah, da war mir, als käm' ich aus dem Grab gestiegen, als wär' ich erwacht zu neuem Leben. Mir war so wohl, und alles, was ich sah, so voller Farbe, so sonnig und so schön! Die grünen Büsche neigten sich über den Rand der Felsen und griffen wie mit hundert kleinen Fingerchen in den blauen Himmel. Saftiges Moos und üppiges Flechtwerk spann sich über die steilen Wände hernieder, kleine Quellen sprudelten über die Stufen und flossen dann über die letzten schrägen Steine ganz sachte in ein großes Becken, in welchem das Wasser stille stand und mir zu Füßen lag wie ein blauer Spiegel, aus dem mein Gesicht mir entgegenlächelte wie mitten aus dem Himmel heraus. Hätt' ich nicht an dich gedacht, hier wär' ich gerne noch ein Weilchen geblieben … es war so schön!«

»So schön! So schön! Wie du es sagst, so seh' ich es vor mir … Gott ist so gut, daß er mich leben läßt und sehen mit deinen Augen.« Mit glückseligem Lächeln neigte der Blinde das Haupt gegen die Schulter der Schwester. »Und sag' mir, wie ist der Platz, vor dem wir sitzen?«

»Einige Schritte vor dir gehen die Stufen hinunter in die Schlucht. Von hier aus siehst du über ihren Rand hinweg. Drüben steigen die Hügel an, auf denen dunkler Wald mit hellen Wiesen wechselt; und hinter ihnen siehst du die hohen Berge; die kahlen Felsen sind von zartem Duft überflossen, der Schnee, der noch auf ihren Spitzen liegt, schimmert wie mattes Silber, und über allem der weite Himmel, blau und wolkenlos …«

»Mit seiner Sonne! Ich sehe sie nicht … aber wenn ich so das Gesicht hebe, dann fühl' ich die Wärme auf meinen Augen, auf meinem ganzen Gesicht … als hätte sie Hände, um mir die Wangen zu streicheln.«

So plauderten sie weiter … und Egon saß regungslos, die Hände waren ihm in den Schoß gesunken, er starrte mit feuchten Augen ins Leere und lauschte nur immer. Und als er hörte, daß die beiden den Platz verlassen wollten, ging es ihm wie ein Schmerz durch die Seele. Hastig sprang er auf und drückte die Zweige auseinander. Dort drüben im sonnigen Walde sah er sie dahin schreiten Arm in Arm, und er hörte noch die Stimme des Blinden: »Sag' mir, wie ist der Weg, den wir gehen?«

»Wir gehen im Walde. Wenn du hineinblickst zwischen die Bäume, siehst du ein zitterndes Gemisch von goldigem Licht und bläulichem Dunkel, denn der leichte Windhauch, den du fühlst, rührt die Blätter, und ihre Schatten spielen über das Moos. Die Rinde der Buchen glänzt wie graue Seide, und wenn du vor uns durch die lichter stehenden Bäume zur Höhe blickst, dann siehst du …«

Die Stimme erlosch, und Egon war allein. Doch immer noch starrte er der Richtung zu, in welcher die Beiden seinen Blicken entschwunden waren. »Er … und ich?« so stammelte er mit zuckenden Lippen. »Er dankt seinem Schöpfer für ein Leben, welches ich von mir werfen will, wie ein wertloses Ding. Mich widert an, was meine Blicke finden … und ihn entzückt, was er nicht sehen kann mit Augen.«

Die Hände fielen ihm nieder, er hob das Gesicht und ließ die Blicke langsam in die Runde gleiten. Und was er sah, erschien ihm wie eine neue Welt.

»Er ist der Sehende … ich war der Blinde!«

Und während er diese Worte murmelte, sah er das Antlitz des Blinden vor sich, mit geschlossenen Lidern, und dennoch mit Augen, groß und leuchtend. Mit ernstem Blicke waren diese Augen auf ihn gerichtet, und er hörte die Stimme des Blinden fragen:

»Sag' mir, was willst du beginnen?«

»Sterben will ich.«

»Sag' mir, weshalb du sterben willst?«

Er suchte nach einer Antwort und fand sie nicht. Was hätte er sagen können wider das Leben, wider die Menschen, wider alles … wie konnte es Geltung haben vor diesem einen, den er hatte sagen hören: »Gott ist gut, daß er mich leben läßt und sehen mit fremden Augen.« Und während er so stand, nach Worten ringend, die er nicht finden konnte, erschien ihm die »Laune«, die ihn angewandelt hatte an dieser Stelle, so häßlich und erbärmlich, daß ihn Scham und Reue überkamen.

Mit hastigen Schritten floh er den Rand der Schlucht und eilte dem Walde zu, in welchem er die beiden hatte verschwinden sehen. Und es war ihm, als ginge er nicht allein, er glaubte an seiner Seite einen leisen Schritt zu hören, er fühlte eine weiche Hand auf seinem Arme, die ihn führte, und zwei große, schöne Augen sahen ihn an in Mitleid und Erbarmen. Dieser Blick verließ ihn nicht mehr; auf dem ganzen Wege sah er vor sich nur immer dieses Antlitz mit den sanften stillen Zügen … und als er das Dorf erreichte und dem Blinden und seiner Schwester begegnete, schoß ihm jählings eine heiße Blutwelle aus dem Herzen in die Wangen.

Er war ein Neues suchen gegangen. Und was hatte er gefunden? Das ewig Alte.

