Aus der Chronik eines geistlichen Herrn.

Etliches von Familienchroniken

Was der Verfasser sonst in den drei Büchlein erscheinen ließ: »Aus dem untersten Stockwerk,« »Aus der Familienchronik eines geistlichen Herrn« und »Aus vergangenen Tagen,« will jetzt den geneigten Leser in einem Büchlein grüßen. Gehören die drei doch zusammen. Es sind wohl zehn Jahre her, daß das erste Büchlein seinen Lauf begann »Aus der Familienchronik eines geistlichen Herrn.« Es war nicht ein Gedanke von gestern und heute, solch ein Büchlein hinaus in die Welt fliegen zu lassen. Als ich noch ein Büblein war und wie alle Büblein mit dem Ranzen auf dem Rücken in die Schule ging, in welchem viel gelehrtes und ungelehrtes Zeug sich aufhielt, hörte ich an einem Schulfest eine Rede vom alten Herrn Rektor. Die Rede war aber kurz und gut und gefiel mir über die Maßen. Der liebe alte Herr, Gott hab ihn selig, sprach nämlich von einem Trieb, den die Knaben hätten, einem absonderlichen vor allen andern, und der hieß: der Sammeltrieb. Und das ist wahr. Der eine klettert wie eine Katze auf die Bäume und holt sich die Vogeleier in seine Sammlung und kauft sich noch ein Straußen- oder Kolibriei dazu, weil sie heuer im deutschen Wald nicht mehr geraten; der andre springt den Schmetterlingen nach, bis er sie alle in den Kasten gesperrt hat und läßt sich keine Mühe dabei verdrießen. Denn es geht ihm dabei oft fatal und um kein Haar besser als den Fischern; wie die an der Angel statt eines Fischleins nach langem Harren ein Stück Holz oder ein Pfund Schlamm herausziehen, so fangen oft die Schmetterlingsförster gelben Ginster und roten Fingerhut im Netz, aber der Herr Schmetterling wirbelt in der Luft und lacht den Ginsterfänger aus. Und wieder ein anderer sammelt Steine und klopft an alle Berge und sogar auch an den Consol mit der Marmorplatte in der Staatsstube, um seine Sammlung zu vervollständigen, und legt zugleich die Ohrfeige, die er dafür bekommt, zu der bereits angelegten Sammlung dieser zarten Südfrüchte; und wieder ein andrer legt sich auf Raritäten und Altertümer, und gäbe das Butterbrot vom Munde weg, wenn ihm einer die Zähne des Kalifen von Bagdad verschaffte, die Hüon, der tapfere Ritter, ihm seiner Zeit aus dem Munde schlug. Da meinte denn der alte würdige Herr, es lohne sich der Mühe, etwas Besseres und Bleibenderes zu sammeln als Vogeleier und Schmetterlinge, hinter die das Ungeziefer kommt, – das sei die Geschichte von Vater und Mutter, Großvater und Großmutter väterlicher- und mütterlicherseits, so weit's hinaufgeht in der Kunde und das Gedächtnis samt dem Papier reicht.

Und darin hatte er wieder recht. Denn da wächst das Männlein unversehens hinein in die Geschichte seiner Familie nicht bloß, sondern auch seines Volkes, wie die Dorfkonfirmanden in den großen Konfirmationsrock, der unten noch zwei Handbreit eingeschlagen ist. Da sieht man durch die Familiengeschichte in die große Volks- und Weltgeschichte wie durch ein kleines Guckfensterlein hinein, und es wird einem die Geschichte beigebracht man weiß nicht wie, aber ohne Arrest und Thränen jedenfalls. Und sie wird lebendig, wenn man hört, wie der Urgroßvater unterm alten Fritz gedient und an seiner Tafel gesessen, und wie der Großvater mütterlicherseits die Bastille hat stürmen und die Guillotine hat aufschlagen sehen; wie der Großvater väterlicherseits von den Franzosen übel traktiert worden ist, und wie die Großmutter von der Frau Seite anno 13 die Kinder versteckte von wegen der Kalmücken und Don'schen Kosaken.

Seit jener Rede habe ich eine Sammlung angelegt von Geschichten aus der Familie, und paßte wie ein Hechelmacher auf, wenn der Vater oder die Großmutter von der Frau Seite erzählte von dem Vorfahr und den guten und bösen Zeiten. Denn es gilt noch immerhin, was in den Sprüchen steht: »Bei den Großvätern ist die Weisheit und der Verstand bei den Alten.« Nun giebt's freilich Familiengeschichten, die man nicht in die Druckerei geben kann, und unter Schloß und Riegel gehören; denn nicht alles was man weiß, kann und soll man an die große Glocke hängen; das will ich auch nicht, sondern nur zeigen, wie Gott mit unsern Vätern gewandelt und sie mit ihm, und wie ihnen und uns nichts fehlen wird an Heil und an allem Guten, wenn wir seine Wege wandeln.

Als ich nun das Büchlein hatte hinausfliegen lassen, dachte ich in meiner angeborenen Bescheidenheit nicht im mindesten daran, daß mir aus verschiedenen Gauen Brieflein zukommen würden mit viel freundlichen Dankworten. Der eine frug: »Ob denn das alles wahr wäre, was da drin stünde« – als ob man etwas drucken lassen könnte, was nicht wahr wäre und dazu noch ein »geistlicher Herr« solches thun würde, das wäre doch etwas stark; abgesehen davon, daß der Herr Steinkopf sein Papier nicht zum Lügen hat. Der andere bat um gefällige Auskunft, wie man denn zu einer solchen Familienchronik kommen könnte. Er habe auch nicht umsonst in der Welt gelebt und wisse auch ein Stücklein daraus zu erzählen, allein er könne die Sache nicht klein kriegen. Darauf habe ich ihm gesagt: er solle nur einmal anfangen zu schreiben und was er geschrieben, den Seinen des Abends nach dem Nachtessen vorlesen und einmal zuschauen, was das für einen Eindruck mache. Er werde bald sehen, wo die Geschichte zu breit oder zu lang sei und solle dann die Schere nicht sparen. Schreiben lerne man durch Schreiben, wie man Schwimmen nur durch Schwimmen lerne. Er könne das Geschreibsel ja, nach des quintus Flaccus Horatius gutem Rat, noch neun Jahre liegen lassen, ehe er's zum Druck befördere; in neun Jahren ließe sich bei redlichem Fleiße immer noch etwas an Gescheitheit zulegen. Der dritte wollte wissen, wie ich denn meine Familienchronik eingerichtet hätte, was denn da alles drin sei. Dem habe ich erzählt, daß ich zunächst einmal einen Stammbaum verfertigt hatte, väterlicherseits, mütterlicherseits und von der Frau Seite. Da müsse eben jeder sehen, wie er sich helfen könne, wie man den Leuten allen auf die Spur komme. Das koste heuer, seit dem deutschen Reich, nicht mehr viel; mit ein paar Groschenmarken und einem Brief an das »Wohlehrwürdige Pfarramt da und da,« mit der Bitte um einen gefälligen Auszug aus dem Familienregister, und drunter: »unter Postnachnahme zu senden« und wenn man besonders wohlgezogen ist, noch dazu mit einem: »Sich damit« oder »Zu Gegendiensten stets bereit« – komme man weit. Sei das in Ordnung und der Stammbaum so weit hergestellt, daß mit einiger Sicherheit auf Adam und Eva als Urahnen zu schließen sei, dann könne man sich beruhigen. Sodann hätte ich eine Hauschronik vom Anfang der Ehe angelegt, dabei die Hochzeitspredigt und Gedichte nebst der Hochzeitsreise und was sich zugetragen bis zur Geburt des ersten Kindleins. Letzteres bekomme dann seine besondere Chronik, mit Taufschein, Taufrede, Patenbriefen nebst allem was sich auf seine Geburt, Leben, Thaten und Meinungen bezieht. Der erste Zahn wird notiert, die andern nicht mehr. So werde jedem Kindlein die Chronik zusammengeheftet; die Hauptsache sei dabei ein guter Aktenstecher und – daß das Männlein oder Fräulein (oder gar wie dem Verfasser am 13. Novembris des Jahres 1862 in der Morgenstunde passierte das Männlein und Fräulein) – etwas erlebt. Die Hauschronik gehe aber trotz alledem weiter, nebenher aber die Familienchronik. Alles was sich von Wissenswürdigem aus alter und neuer Zeit im Jahr sammelt, kommt zusammen in eine blaue Schachtel, die an Sylvester umgestürzt wird, und woraus sich dann die Nachträge und weitere Geschichten spinnen. Am Familientage, an welchem aus Ost und West die Kinder und Geschwisterkinder väterlicher- und mütterlicherseits zusammenkommen, wird der Stammbaum ergänzt, ein alter Fund mitgeteilt und in seiner Echtheit nachgewiesen oder als Familiensage in einen rosenroten Kasten gelegt. Daneben halte ich auch ein besonder Fach mit Schwarz überzogen, drin seien die Erinnerungen an die Heimgegangenen, Leichenreden und Andenken, getrocknete Blätter und letzte Briefe. Bei diesem Fach kämen dem Verfasser freilich manchmal die Thränen in die Augen, nebst einem Ergrimmen im Geist. Aber das »Memento mori« auf dem Deckel thue allezeit Dienste. Bei diesen Aufzeichnungen solle aber der Herr Briefsteller nicht zu scrupulös sein und meinen, es müßten immer große gewaltige Geschichten sein, die er verzeichnen müsse. Auch die kleinen Sachen sind interessant für den, der sich dafür interessiert; und nicht die großen, sondern die kleinen Züge machen oft das Porträt erst ähnlich; selbst Sommersprossen und Leberflecken, wie auch der schüchterne Schnurrbart, der sich zu ihrem Leidwesen bei der Tante allmählich eingestellt, dürften nicht fehlen.

So mache es der Verfasser; wenn der Herr Briefsteller es aber anders machen wolle, so sei dagegen nichts einzuwenden.

So ließ ich das zweite Bändchen »Aus vergangenen Tagen« erscheinen. Und auch das brachte mir manch lieben Gruß zurück, und die Bitte, ob ich nicht im Zusammenhang etwas aus meinen Leben schreiben wollte. Da bin ich freilich schwer dran gegangen. Denn wer bin ich, daß ich von mir erzählen sollte? Aber ich dachte: du erzählst ja nicht von dir, sondern vom lieben Vaterhause, von deinen lieben, seligen Eltern und erinnerst etliche Leute an die Zeit ihrer eignen Jugend. So schrieb ich das letzte Büchlein »Aus dem untersten Stockwerk.« Das haben mir zwar etliche Leute sehr übel vermerkt und gemeint, ein königlicher Hofprediger habe doch heutzutage etwas anderes zu thun, als »Aus dem untersten Stockwerk« zu schreiben. Aber es reut mich nicht. Mögen andere, die das Zeug dazu haben, über Kirchenpolitik schreiben und die Tagesfragen beleuchten, jeder arbeite an seinem Stücklein Erde im Weinberg und es kommt doch dem Ganzen zu gut. Wenn ich schreibe, so schreibe ich mir zur Erholung in den wenig stillen, freien Stunden, die mein Amt mir läßt. Was ich in Jahren gedacht und in mir innerlich reif geworden, das fällt dann in einer stillen Mitternachtstunde fröhlich ab. Wem's nicht gefällt, der braucht's ja nicht zu kaufen. Was aber mir in der brausenden Welt, in der sauren Tagesarbeit, im wechselnden Heute mit seinen kommenden und gehenden Bildern Erholung ist: das stille, traute Heim, das Wandeln mitten unter den Kinderaugen und Kinderherzen, das Zurückgehen auf die Tage der Vergangenheit in der unvergeßlichen Heimat; das Kramen unter alten, vergilbten Papieren, das treue Hangen an denen, die mir noch geblieben sind nach so vielem Scheiden – das, dachte ich, wird vielleicht auch anderen eine solche Erholung und Erquickung sein.

Es geht heutzutage so vieles aus dem Leime, aber wenn das Beste aus dem Leime ginge: der Sinn fürs Haus und die Familie, diesem Schaden würde auch das gelehrteste Buch nicht aufhelfen. Ich möchte im kleinsten Punkte an unserem Volksleben mitbauen durch dies Buch und tröste mich dabei des großen und schönen Wortes eines großen Mannes:

»Aus der Kinderstube wird die Welt regiert.«

Aus dem untersten Stockwerk

Erstes Kapitel

Dem geneigten Leser zum Gruß. Unser Haus.

Als der Verfasser seinen vierzigsten Geburtstag feierte (an welchem bekanntlich die Schwaben ihren richtigen Verstand kriegen und gescheit werden, denn sonst bleiben sie eben so dumm wie die andern Bewohner des heiligen deutschen Reichs), sollte er abends zum Danke für all die schönen Sträuße und Glückwünsche ein Stück aus seinem Leben erzählen. Nun giebt's aber kein wonnevolleres Stück darin, als den Morgen, zumal wenn's bei Einem stark auf den Abend geht. Da war alles so frisch und duftig, so voll Tau und Sonnenschein, da und dort auch ein Stücklein Nebel und Wolken dazwischen; Wahrheit und Dichtung, Selbsterlebtes und Gehörtes geht da bunt durcheinander. Denn manchmal ruft der Bruder beim Erzählen: »halt, das bist nicht du, sondern ich gewesen,« aber 's ist Einem doch, als hätte man's selbst erlebt. So nahm ich denn den Morgen vor zum Erzählen oder auch das unterste Stockwerk, die Zeit vom ersten bis zum zehnten Jahr. Denn dann zieht man hinauf in den nächsten zehn Jahren in den Zwischenstock; darnach in die Beletage, die die Zwanziger und Dreißiger umfaßt, dann geht's schon in den vierten Stock, und so immer höher hinauf in den fünften, sechsten und siebenten, und je höher hinauf, desto beschwerlicher das Treppensteigen, aber auch immer näher und höher dem Himmel zu. Und von oben herunter sieht man auf das Treiben der Menschen herab; die kommen Einem, je höher hinauf man gezogen, desto kleiner da drunten vor in ihrem Rennen und Treiben. Man gedenkt aber daran, wie man sich selber einst auch da herumgetrieben zwischen Menschen, Pferden und Wagen durch; den Ball gespielt und unbesorgt seinen Tanzknopf den Spaziergängern zwischen die Beine gejagt, und kann sich auch wieder freuen an all dem bunten Treiben und ist nur froh, daß man's nicht noch einmal durchzumachen hat. Denn zweimal lebt kein Mensch sein Leben gerade so durch, und mit dem »Andersmachenwollen das nächste Mal« ist's auch eine bedenkliche Sache. Zuletzt geht's aber mit dem Geiste aus dem obersten Stockwerke hinauf zur lichten Wohnung, und der Leib zieht wieder ins wahrhaftige Parterre, davon er genommen ist.

Als ich aber so erzählte, baten sie alle, ich möchte es doch 'mal aufschreiben für meine Kinder und für andere auch, als einen Eingang zur »Familienchronik« und zu den »vergangenen Tagen«, die beim Herrn Steinkopf in Stuttgart auf Lager liegen und die er gerne hergiebt. Zugleich sollte das Büchlein auch andern Vätern im deutschen Reich Lust und Liebe machen, von ihrem Leben, ihrer Jugendzeit für ihre Kinder etwas aufzuschreiben als ein liebes Vermächtnis. Und das bei Zeiten, und nicht denken: »du kommst einmal dran, wenn du dich zurückgezogen hast oder zurückgezogen worden bist (was auch vorkommt) – denn da kommt so mancherlei, was es nicht mehr leiden will, als da sind: das Zipperlein am Finger, oder das Zittern an der Hand, oder es kommt der Tod und nimmt die Feder weg. Sie brauchen's ja nicht drucken zu lassen und können's wegschließen, daß es niemand sonst liest. So kam der Verfasser dazu und hat's lange Jahre liegen lassen. Denn man besinnt sich eben doch, ehe man solch ein Stück Eigentum und Heiligtum allen Leuten weggiebt. Aber andere haben ihn ermutigt und vielleicht denkt Eins oder das Andere dabei an seine Jugend zurück. Und wenn in ein altes Auge ein Strahl der Freude käme, oder ein anderer sagte: »So war's bei uns zu Haus auch« und er noch dankbar seiner lieben Eltern gedächte und all des Guten, was ihm sein Gott in der Jugend beschert: und wenn ein anderer zufrieden würde mit seinen alten Tagen und mit den mancherlei Bresthaftigkeiten, die dran hängen, weil er's doch einmal licht gehabt in seinem Leben, so würde es ja das Büchlein schon wert sein.

O du Heimatflur, o du Heimatflur,
Laß zu deinem heil'gen Raum
Mich noch einmal nur, mich noch einmal nur
Entfliehn im Traum!

Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm,
War die Welt mir voll so sehr;
Als ich wiederkam, als ich wiederkam,
War alles leer!

So singt's freilich jetzt im Verfasser, wenn er wieder einmal in die alte Heimat kommt und in seine Geburtsstadt Karlsruhe. Wohl steht sie noch auf demselben Fleck, aber sie ist größer und schöner geworden; die Häuser sind's zum Teil auch noch, alte Bekannte, aber andere Gesichter schauen heraus. Wie anders als damals, wo man auf dem Schulweg des Morgens früh um sieben oder um acht Uhr jeden Hausbewohner kannte in seinem Morgenkostüm! Da schaute im Schlafrock, uns gerade gegenüber, der Herr Kanzleirat zum untern Stock, auf rotes Polster gelehnt, seine Pfeife rauchend heraus und mit ihm im Morgenhäubchen seine Frau. Man zog ehrerbietig seine Kappe herunter und stereotyp klang der Gruß: »Gutemorge Büble, kann'sch dein' Sach?« Ja, das waren manchmal »Gewissenssachen« mit dem Können, und oftmals stieg der Neid auf in dem Gedanken: »Ach, wenn du's so gut hättest, wie der Herr Kanzleirat Strohmeyer, der sein Sach' schon längst kann und nichts mehr zu lernen braucht.« – Dann ging's vorbei beim Flügeladjutanten des Großherzogs, einem alten General, und seinem Bruder, dem Forstmeister; ein Blick in die Stube, ob die Geweihe und Sechzehnender noch alle lebten und am Platz waren, und langsam vorüber an dem weißen Hühnerhund, der's nicht leiden konnte, wenn die Buben sprangen und einen dann für eine Schnepfe ansah und ihnen die Hosen zerriß; am Waldhornwirt vorbei, dem Herrn Hartweg, der unter der Thür stand. Da roch's zu gut nach saftigem Braten und nach kaltem Tabaksrauch aus dem Saal der Stammgäste, in welchem die Pfeifen der Reihe nach hingen wie das Prinzipalregister in der Orgel. Dann bog's um die Ecke in die Lammgasse; da wohnten zwei Nachbarn einander gegenüber. Der eine im Tuchladen, der Herr Nathan Levis im großblumigten Kaftan und rotem Fesch, gelb wie eine Quitte und mit gewaltiger Adler- oder Hobnase, die sich im verjüngten Maßstabe bei seinen Kindern wiederfand. Seine lange türkische Pfeife mit großer Bernsteinspitze rauchend, unterhielt er sich mit dem Nachbar, dem Bäckermeister Vorholz, dem Karlsruher Meistersänger und Freunde Justinus Kerner's, über die Straße herüber. Dann ging's vorbei an dem großen Bogenfenster eines alten Kaufmannshauses, in welchem ein kleiner freundlicher Herr des Morgens, zwischen elf und zwölf Uhr Audienz gab. Er war das Börsenorakel der Stadt, dieselben Herren machten zur selben Stunde ihr »Ständerlein« bei ihm – bis man endlich richtig das Lyceum erblickte.

Jetzt lebt keiner mehr von allen und keiner fragt die hochwichtige Frage mehr: »Büble, kann'sch dein' Sach?«

Vornehmlich hat sich's aber dort geändert, wo der Verfasser das Licht der Welt erblickte, am Spitalplatz. Der lag am Anfang des Stadtteils, den man kurzweg »das Dörfle« nannte; in gebildeter Sprache auch der »Pfannenstiel« genannt, der älteste und auch der ärmste Teil der Stadt. Denn bei meiner Vaterstadt ging's, wie's in der großen Welt geht: die Kultur drängte von Osten nach Westen: das »Dörfle« aber lag im Osten. – Aber auch im »Osten beginnt's zu tagen,« die einstöckigen kleinen Häuser aus Lehm beginnen zu schwinden und da und dort entsteht im Dörfle ein ansehnlicher Baustil. Der einzige Fluß, an dem die Stadt lag, ist ein Nebenfluß des Rheins, nämlich der Landgraben, dessen Quellen sehr im Verborgenen liegen. In alter und auch zu meiner Zeit zog er noch ziemlich unverblümt durch die Stadt und wälzte seine schwarzen Wogen offenkundig. Nachgerade aber wurde der alte Geselle bedeutet, daß er, da ihm jeglicher Sinn für Aufklärung abginge, überbrückt werden müsse – und so ist er denn größtenteils den Augen entschwunden und führt ein unterirdisches Dasein. Zu meiner Zeit aber lag er offen, quer über den Platz, wohl überwölbt, aber man konnte hinabsteigen und – Schiff fahren, was bei dem pestilenzartigen Fluidum für eine Bubennase noch immerhin ein Genuß war.

Das Haus, in welchem wir in den ersten Jahren meines Lebens wohnten, steht heute noch. Später ging ich freilich nie an demselben ohne ein gewisses Gruseln vorüber. An einem Abend – nach Jahren, als wir herangewachsen waren – erzählte auf vieles Bitten der Vater davon. Im untern Stock wohnte nämlich ein städtischer Beamter mit seiner Frau. Die Leute hatten keine Kinder, keine Sorgen, aber auch keinen Frieden, sondern viel Streit miteinander, und oft mußte der Vater herunterkommen und schlichtend zwischen die beiden treten. So ging's Jahre lang. Der Mann hatte etwas Finsteres, Verstecktes an sich, und niemand traute ihm. Er brauchte viel Geld für sich und daher vielleicht auch so mancher Streit. Da, an einem Winterabende, während es draußen stürmte und tobte, war unten wieder Streit. Der Eltern Schlafzimmer lag gerade über dem Schlafzimmer der Leute unten und man konnte fast die Worte hören. Es wurde Mitternacht. Da ertönte ein gellender Schrei und dann wurde es plötzlich totenstill. Die Mutter wachte und rief: »Um Gotteswillen, was für ein Schrei, da ist gewiß ein Unglück geschehen!« Der Vater beruhigte sie, es werde eben wieder wie gewöhnlich Streit sein. »Nein,« meinte die Mutter, »solch einen Schrei habe ich in meinem ganzen Leben nicht gehört, der ging durch Mark und Bein.«

Die Eltern hatten noch nicht ausgeredet, als es draußen vor der Thür leise klopfte. Der Vater stand auf und machte Licht. Draußen stand die hagere, rothaarige Magd der Leute im untern Stock im Nachtkleid, das Entsetzen auf dem Angesicht und sagte: »Ach, Herr Professor, kommen Sie – unsere Frau!«

Der Vater stand auf, weckte noch einige von den Atelier-Herren, seinen Kunstschülern, die oben unter dem Dache schliefen und ging mit ihnen hinunter. In der Wohnstube am Ofen saß der Mann und stierte die Eintretenden an. »Wo ist Ihre Frau?« rief der Vater laut und stark, daß der Mutter oben das Herz bebte.

»Drinnen in der Stube liegt sie, sie hat sich selbst entleibt, nachdem sie mich hat umbringen wollen.« Dabei deutete er auf Wunden an seinen Händen.

»Das ist nicht wahr. Sie haben sie umgebracht!« rief der Vater; damit nahm er das Licht, schloß die Thüre nach dem Gange ab und befahl den drei handfestesten unter seinen Atelierherren, den Mann festzuhalten, der Miene machte, aus der Stube zu gehen. Der Vater ging in die Schlafkammer, das Bild, das sich ihm darbot, war entsetzlich. Da lag die Frau schwimmend im Blute, ein großes Messer in die Brust gebohrt, die Hände durchschnitten. Sie hatte sich offenbar gewehrt, als er das Messer gegen sie führte. – Nachdem der Vater sich von dem eingetretenen Tode überzeugt, schloß er die Kammer ab und schickte zwei Herren nach der Polizei. Gensdarmen kamen, legten dem Manne die Handschellen an und führten ihn ab. Damals war noch andere Gerichtspflege, und der Mann leugnete hartnäckig und behauptete, von seiner Frau angefallen worden zu sein, die sich dann, als sie gemerkt, daß sie ihn nicht töten könne, selbst umgebracht habe. Das war sehr unwahrscheinlich, aber dennoch wäre er fast freigesprochen worden. Da wurde auch die Mutter zum Zeugnis aufgerufen, und sie erzählte von dem gellenden Schrei, den sie gehört. Von dem aber hatte der Mann nichts gesagt, sondern im Gegenteil, sie habe das alles ganz still vollbracht. Als die Mutter ihm aber gegenüberstand, ihm die Stunde sagte, zu welcher es geschehen, da erblaßte er und gestand. Er sollte eben weggeführt werden zum Zuchthause, um gerichtet zu werden, da – auf dem Karren – bohrte er sich einen kleinen Löffel, den er im Gefängnis scharf geschliffen hatte, in die Herzgrube und starb sogleich. Seit jener Zeit war es graulich in dem Hause. Der Mutter ging noch bis in ihr hohes Alter jener Schrei in den Ohren nach. – –

Aber der Platz war auch von Erinnerungen besserer Art durchzogen, denn dort hatte der Vater seine Jugend wenigstens vom zehnten Jahre an zugebracht, und so wurde uns auch jedes Haus lebendig, als ob wir drinnen gelebt hätten. Es war allemal ein Festtag, wenn der Vater aus seiner Jugend erzählte. Einiges steht auch schon in der »Familien-Chronik eines geistlichen Herrn« zu lesen. Aber ich hole hier noch etliches nach. – Der Vater war auf Schloß Birkenfeld geboren auf dem Hunsrücken, der, damals zur sponheimischen Grafschaft gehörig, badischen Gebiets war. Der Großvater, der dort markgräflicher Baumeister war, wurde im Jahre 1799 nach Karlsruhe versetzt und zog mit seiner Familie dahin. Da war allerdings die schönste Zeit für den Vater vorbei. Denn auf Schloß Birkenfeld war Freiheit, Wald und Feld ringsum; zwischen Pferden, Kühen und Schafen und Hühnern trieben sich die »Buben« des Landbaumeisters mit denen des Forstmeisters und Gerichtsaktuars herum, dort zogen die Franzosenscharen unter General Ney durch – und da gab's immer was zu sehen (wenn auch manche Angst dabei war), was einen Buben interessierte. Nun auf einmal herunter in die enge, gradlinige Residenz, damals eine Stadt mit 12000 Einwohnern, wo jeder den andern kannte. Statt des Hauslehrers, der den gerade nicht gelehrten Namen »Ochs« führte, mit dem sich allenfalls noch über die Stunden reden ließ, ging es in die Schule, in das damalige »Lyceum illustre« was nicht weit vom Spitalplatz war. Da gab's gleich die ersten Thränen bei den gestrengen Lehrern und bei den Mitschülern die ersten Kämpfe. Denn es war in Karlsruhe nicht anders als wie in andern Schulen: man mußte sich den Einlaß erkämpfen. Es geht dem Büblein wie dem Hahn oder Meister Gockler, der auf einen fremden Hof oder Dunghaufen kommt und sich in manchem ritterlichen Strauß erst das Hausrecht erobern muß. Ein Umstand aber verschlimmerte die Sache gewaltig. Der Großvater, der seiner Zeit lange in England gewesen, hatte eine besondere Vorliebe für jenes Land und seine Sitten. So kleidete er auch seine Buben englisch. Ein blaues, feines Wämschen über der Brust, den Hals offen und den weißen Hemdkragen breit über das Wams gelegt, weiße Pantalons und Schuhe; auf dem Kopfe aber nur kurz geschnittene Haare und sonst nichts darauf, kein Hut und keine Mütze: so zogen zum Schrecken der Karlsruher Lyceisten die englisierten Hunsrücker auf. Denn die Karlsruher »Herren Buben« trugen große lange Überröcke mit gelben Aufschlägen am Kragen und an allen Ecken des Rockes, welcher bis über die Kniee ging; gelblederne Beinkleider, die über dem Knie zugeknöpft waren, große Stulpenstiefeln und schwarze hohe Halsbinden, aus denen der Kopf mit Mühe herausschaute. Oben auf dem Kopfe pomadisierte und gebrannte Locken und – lange Zöpfe, die bis auf den Boden reichten, wenn sie das höchste Maß der Schönheit hatten, auf dem Kopf ein dreieckiger Hut im Sommer, und im Winter eine dicke Pelzkappe mit langem, oben überliegendem Fuchsschwanz – so stiegen die Eingeborenen daher. So kam's denn bald zu Schlägereien, und die Zöpfe der Schulfüchse mußten gehörig dran glauben, bis endlich Friede ward. Um zehn Uhr erhielten die Reicheren ein Frühstück, bestehend in einem Glas Wein und einem Stück warmem Braten, das die Bedienten im Schulhofe servierten. Oft erzählte uns der Vater, wie die andern minder Reichen um zehn Uhr zu einem Bäcker wanderten, der in der Nähe des Luceums wohnte. Der backte »Salzwecke« und »Hörnle« so duftig, und ums Neujahr herum die »Dambedei« Männlein und Fräulein in Bretzelteig. Da passierte es ihm einmal, daß er über dem Backen einschlief und die ganze »Backet« von Dambedei rein schwarz wurde. Die Frau schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sie den Schaden besah und rief: »Mann, 's isch alles hin.« – Er aber besann sich und sagte: »Mutter, geh hinaus und rupf' dem Gockler seine schönsten Federn aus.« Kopfschüttelnd Hing die Frau hinaus, und bald hörte man das Gewinsel des Hahns. Sie brachte die Federn. Der Bäckermeister nahm sie, setzte eine um die andere auf das Haupt seiner schwarzen Legion und wartete, bis er den ersten »Buben« zur Schule, gehen sah. Den rief er herein und gab ihm eins von den Prachtexemplaren zum Präsent und sagte: »Büble, heut ist Dreikönigstag, da hat's lauter Mohrenköpf gegeben, da hast du einen; sag's nur den andern.« Das Büblein bewunderte den schwarzen Mohren und zeigte ihn zum hohen Ergötzen in der Schule. Um zehn Uhr aber stürmte die Jugend die Bäckerei; alle wollten »Mohrenköpfe« haben. In wenig Minuten war der ganze Vorrat aufgeräumt. Schmunzelnd sagte aber der Bäcker: »Siehst du, Mutter, es kommt halt nur auf den Namen an, den man einer Sache giebt« – womit derselbe eine große und zwar nicht bloß eine »Bäckerwahrheit«»ausgesprochen. – So trocken und philisterhaft die damalige Stadtjugend aussah, so spukte doch in den pomadisierten, zopfbehafteten Köpfen allerhand Bubenmutwillen. In der Residenz war auch ein Theater und da hineinzugehen eine Hauptfreude. Aber woher das Geld nehmen und doch nicht stehlen? Da gab's nur ein Mittel, das war: selbst mitspielen. Freilich stand keiner von den Buben auf dem Theaterzettel, sondern sie kamen unter die Rubrik: »Volk etc.« Unter anderem war ein beliebtes Stück: »Die Donauweibchen,« in welchem tanzende Säcke vorkommen. Schnell waren die Hunsrücker Jungen bei der Hand, einen solchen mit Empfindung zu spielen. Also hinein in den Sack und dafür das nächstemal ein Freiplatz auf dem »Juchhe« im Theater. Aber der verschmitzte Sack war nicht festgenäht und platzte mitten in der Vorstellung beim Tanzen. Der Onkel, der Bruder des Vaters purzelte aus dem betreffenden Sacke heraus vor die zuschauende Menge, die ihn sofort erkannte und aus einem Munde erstaunt rief: »Das ist ja Frommels Edeward!« Das gab zu Hause eine Scene und die Bretter wurden für lange Zeit verboten. – Aber das Theaterspielen war doch zu verlockend. Schillers »Räuber« waren dazumal ein höchst beliebtes Stück, und vornehmlich das Räuberleben ein Ideal der Schulbuben. Mit »hoher obrigkeitlicher Bewilligung« wurden denn auch auf einem Liebhabertheater in der damaligen »Affengasse« von Schülern die Räuber aufgeführt. Die Hauptschwierigkeit bestand allerdings darin, die einzige weibliche Person, die in dem Stücke spielt, zu engagieren, sich unter die Räuber zu wagen. Endlich unter vielen Versprechungen verstand sich auch die Cousine eines Räubers dazu, die Rolle der »Amalia« zu übernehmen. Die Zettel wurden ausgegeben, ein mäßiges Eintrittsgeld festgesetzt, das Haus war ausverkauft und die Vorstellung begann. Im dritten Akte aber wäre fast gar das Stück zu Falle gekommen. Als die Räuber ihren großen Gewinn überschlugen, wollten sie sich dafür Würste und Schinken und Bier als »räuberwürdiges« Mahl kaufen, Amalia aber wollte für sich Torten und Eingemachtes haben, und als die Jungen das nicht wollten, lief sie hinüber auf den Hof und setzte sich auf eine Holzbeuge, weinte und sagte: »Ich spiel nimmer mit.« Es bedurfte des ganzen Aufwands der Beredsamkeit Karl Moors (meines Onkels), um sie zu bewegen wieder zu kommen; sie sollte »ihr Sach' apart haben.« Das Stück ging dann zu Ende. – Aber das Ende war noch nicht da. Bei der großen Mehrzahl hatten die Räuber festen Fuß gefaßt. Die Flinten und Säbel, die Schlapphüte waren ja schon vorhanden, Geld auch, das Räuberlied einstudiert – was fehlte da noch? Nichts, als daß man die wohlgelungene Sache auch einmal im Ernst ausführte. Etwa fünf Stunden von Karlsruhe lag die alte verfallene Burg Ebersteinburg, damals im dichtesten Wald liegend, ein herrlicher Schlupfwinkel für Räuber. – Die Kleider wurden in ein einsames Wirtshaus vor dem Stadtthor gebracht; damit der Thorwart nichts merke, zog man zu verschiedenen Stadtthoren einzeln hinaus und sammelte sich in jenem Wirtshause. Dort wurden die Kleider angezogen, in der Nachtstille durch die Ortschaften marschiert und in der Mitternacht langte die Bande oben auf Ebersteinburg an. Am frühen Morgen, nach den Schauern in dem alten Verließ, wurde die Burg in Verteidigungszustand gesetzt, der Eingang mit großen Steinen verrammelt und Wachen ausgestellt. Dann wurde ein Feuer angezündet, Eier gesotten und Kaffee gekocht und die Würste von der Vorstellung her vollends verzehrt. Am folgenden Tage wurde ein nächtlicher Ausfall auf das Dorf Ebersteinburg beschlossen, um dort einiger Gänse habhaft zu werden und diese dann kunstgerecht zu braten. Der Überfall wurde mit großer Schlauheit ausgeführt und gelang. Droben auf der Burg wirbelte der Rauch über der ermordeten Gans in die Luft und die Bauern wurden aufmerksam. Die beraubte Bäuerin erhob ein Wehegeschrei bei dem Vogt. Einer von den Bauern wollte sich hinauf zur Burg machen, wurde aber von der Wache mit einem blinden Schuß empfangen. Die Räuber stürzten gleich alle hervor und im Todesschrecken lief der Mann zum Vogt und schrie: »Es sind Räuber da oben, wahrhaftige Mordbrenner!" Der Vogt ließ Sturm läuten und holte den Gensdarmen, der bereits von der Residenz aus avisiert war, »ob man keine Buben gefunden hätte.« Langsam zog die Schar mit Dreschflegeln und Mistgabeln und alten Nachtwächterspießen unter Anführung des Gensdarmen hinauf zur Burg. Den »Räubern,« die vom Wartturm aus zusahen, wurde doch bänglich zu Mute. Nach kurzem Kriegsrate beschloß man, sich aus dem Staube zu machen. Aber der kriegskundige Gensdarm hatte wie ein kluger General den Bergkegel umstellen lassen, damit ihm keiner der Vögel entwische. So fielen denn die meisten den Bauern in die Hände, ihrer Sechse aber, und darunter mein Onkel, entwischten, indem sie von den hohen Tannen hinabkletterten und unten übel zerschunden ankamen. Dann liefen sie Karlsruhe zu. Kurz vor dem Thore trafen sie mit den andern Malefikanten zusammen, die per Schub gefahren wurden und ihnen zuriefen: »Mir hen doch noch fahren dürfen!« – Was es daheim absetzte, kann sich der geneigte Leser selber denken, nebst der Standrede in der Schule. Einer aber kam am schlechtesten dabei weg, der doch gar nicht dabei gewesen: das war der Dichter Friedrich von Schiller, der den jungen Leuten die Köpfe verrückt gemacht haben sollte. Mein Vater ist nicht mit dabei gewesen wegen eines kranken Fußes, und segnete sich, daß er am Fuße gepackt worden war. Von diesen Geschichten war uns die ganze Umgegend, in der wir wohnten, wie von einem lebendigen Sagenkreise umhüllt. Freilich fand sich vieles nicht mehr vor zu unserer Zeit, was damals noch existierte. Daß auf dem Marktplatz, wo jetzt die geheimnisvolle Pyramide steht, und drin das Herz des Erbauers der Stadt, um die nur trotz des Verbots so oft nach der Schule »Fangerles« spielten, die Stadtkirche stand und ein großer Kirchhof war, wollte uns nicht in den Sinn, noch daß der Wald ganze heutige Straßen einst bedeckte.

Dort am Spitalplatze wohnte der ehrwürdige Meister Haldenwang, der berühmte Kupferstecher und Lehrer des Vaters, und hinten dran lag der Zimmerplatz des Ratszimmermeisters, Herrn Küntzle, auf dem der Vater oft gespielt; in der nächsten Straße das Haus der einen Großmutter. Denn was nicht jedem passiert: ich hatte ihrer drei – während sonst jeder andere deutsche Mensch nur zwei hat. Wie das kam, erfährt der Leser im nächsten Kapitel. Nur so viel will ich noch sagen zu diesem ersten: als ich nach dreißig Jahren in meiner Vaterstadt angestellt wurde und die Stadt in besondere kirchliche Distrikte eingeteilt wurde, da fiel mir, als dem Jüngsten, dieses Stück Jugendland zu: »das Dörfle«, und es gereichte mir zur absonderlichen Freude und ist's bis zum heutigen Tage noch, daß ich einen Teil der Liebesschuld meiner lieben Vaterstadt abtragen konnte und der »Dörflespfarrer« geheißen wurde.

Zweites Kapitel

Etliches vom Großvater und Großmüttern, Paten und andern

Der hundertundsiebenundzwanzigste Psalm, in welchem geschrieben steht: »Wo der Herr das Haus nicht bauet, arbeiten umsonst, die daran bauen,« gilt nicht sowohl dem Hause, das der Zimmermann mitsamt dem Maurer baut, als vielmehr dem, das aus lebendigen Bausteinen, alten und jungen, aus Großvätern, Vätern und Enkeln besteht (wiewohl es allwege eine gute Sitte bei den Zimmerleuten ist, den Hut zu lüften und den großen Baumeister der Welt zu bitten, beim Aufschlagen des Hauses gegenwärtig zu sein). In das Haus der Familie wächst aber das Kind hinein und weiß nicht wie, aber gut ist's, wenn es hinterher sich drum kümmert und von der Familie zu sagen weiß.

Zu Frankfurt am Main residierte noch zu Anfang dieses Jahrhunderts eine Großtante des Vaters, die sich dorthin verheiratet hatte. Als sie deshalb aus dem Badischen verzog, stellten ihr des »durchlauchtigsten Herrn Markgrafen zu Baden und Hochberg, hochfürstlichen Oberamts Durlach gnädigst verordnete Oberbeamte« auf kunstvoll geschriebenem Pergament den Geleit- und Empfehlungsbrief aus, »dem hochwohlweisen, hochedelgeboren, »hochstrengen Rat der freien Stadt Frankfurt kund zu »wissen gethan, daß die Juliane Margarete Frommel »ein rechtmäßig Kind sei. und in heiliger Taufe der »lutherischen Kirche einverleibt, mithin von uns allen »als ein wahres, rechtes Ehekind gehalten worden ist »und noch jetzt gehalten wird. Sie ist auch weder diesseitiger »höchster Landesherrschaft noch sonsten jemand »mit einiger Leibeigenschaft anverwandt und zugethan, »sondern derselben vollkommen frei, los und ledig, daß »sie also Bürgerrecht suchen und annehmen kann, wenn »und wo ihr gefällig. Was übrigens ihre Aufführung »betrifft, so ist uns davon nichts Widriges, sondern »alles Gutes bekannt, daher wir auch dieselbe der hoch»löblichen p.p. Obrigkeit zu Frankfurt am Main zu »geneigtester Aufnahme bestens rekommandieren.« So war sie ausgewandert mit ihrem Manne, dem Herrn Cornelius Pilgram, und hatte ihre Hochzeitreise in Begleitung des Friseurs Mack gemacht, der von Frankfurt entgegengereiset kam, um das Landmädchen mit reglementsmäßigen Toupées zu versehen, damit sie würdig in Frankfurt einziehe in das Haus »zum trierischen Eck.« Herr Pilgram aber trug »bei solcher Gelegenheit einen himmelblauen Frack, knappe Beinkleider und seidene Strümpfe,« laut der Hochzeitschronik.

Diese besagte Großtante Pilgram war das Familienorakel in Betreff der Verwandtschaft. Wehe, wenn einer der Familie unter dem Heer von Onkeln, Tanten und Vettern sich nicht zurecht zu finden wußte! Das war zehnmal schlimmer, als wenn ein Büblein in der Schule aus Angst die deutschen Kaiser unter einander schmeißt. Der Vater hatte einst bei einem Besuche in Frankfurt von der Tante eine saftige Ohrfeige empfangen, weil er im Familien-Stammbaum nicht Bescheid wußte, er warnte im Andenken daran vor Schaden und weihte uns möglichst in die Stammtafel der Familie ein. Mit Ehrfurcht sahen wir daher in Durlach an dem Marktplatze an dem Markgrafen mit der roten Tasche hinauf, (der weiland dort auf dem Brunnen stand und leider vor etlichen Jahren auswandern mußte) – denn mit diesem Markgrafen sollte auch unser Familienbaum und erste sichere Kunde über das Haupt der Familie beginnen. Über den hinaus aber ging eine dunkle, graue Sage. Die einen behaupteten: aus Italien sei der erste des Namens gekommen, natürlich ein tapferer Ritter und Edelmann; die andern aber, aus Schweden sei er her. Bis zum heutigen Tage ist der Streit noch nicht geschlichtet. Fußend aber auf einer dunkeln Mär, daß früher auf den Kornsäcken der Söllinger Urväter des Geschlechts sich der Name »Frommheld« befunden, wurde das Wappen acceptiert: Kreuz und Schwert, im blauen und roten Felde. Tante Pilgram aber wußte das alles genau und hielt darauf, daß andere es auch wußten und jeder den gehörigen Respekt vor der Familie habe. Das kommt einem nun heutzutag freilich ziemlich altmodisch vor, wo man kaum noch das Geschwisterkind als »Verwandtes« gelten läßt und man durch das leidige Herumwandern in der Welt einander kaum mehr kennt, so daß es leicht passieren kann, daß sich zwei Vettern im Eisenbahncoupé die schönsten Grobheiten sagen, und schließlich mit »einiger Befriedigung« merken, daß sie denselben Großvater hatten, der sich gewiß wenig über die Enkel gefreut hätte. Damals spannte man aber den Zirkel weiter und hieß in den Familienkreis noch viele kommen, wenn sie auch kaum mehr einen Tropfen Familienblut in sich hatten. Waren sie auch Nach-Nach-Nachgeschwisterkind und angeheiratet dazu, so hießen sie doch immer noch »Herr Vetter« oder »Jungfer Nase,« und man »vetterte und baste« sich leichter durch die Welt, als wenn man heutigen Tages so wildfremd an die Häuser klopft. Dem heurigen Geschlecht thut aber ein wenig mehr Familienachtung und Liebe not, wenn es nicht ganz zerfahren soll. 'S ist eben doch was andres, wenn man weiß, auf welchem Ast des Familienbaumes man als Blättlein festsitzt, als wenn man so geschichtelos vom Winde verweht wird.

Darum horchten mir auch hoch auf, wenn der Vater von dem alten, ehrwürdigen »Schulz« von Söllingen sprach, von welchem ich in einer badischen Chronik vor kurzem zu meiner Freude unter dem Titel:

»Von einigen besonders verdienten Einheimischen und wenigen Fremden bezüglich auf die Zeit Karl Friedrichs,« folgendes fand: »Frommel, Schultheiß zu »Söllingen, ein denkender Kopf, nicht nur mit ausgezeichneter Anwendung seiner praktischen Kenntnisse in »der Landwirtschaft, sondern auch mit Sinn für alle »bürgerliche Ordnung. Der Markgraf ehrte ihn mit »öftern Unterhaltungen. Frommel war voll Anhänglichkeit »zu seinen Fürsten, hielt übrigens fest an seiner »einfachen Lebensweise des Landmanns. Starb in den »1750 er Jahren« – das war aber der Vater der gefürchteten Tante Pilgram zu Frankfurt und der Urgroßvater meines Vaters.

Alle Jahre wurde drum eine Fahrt nach Söllingen gemacht zum alten Stammhause, das ich noch lebendig vor mir sehe, mit seinem breiten, handfesten Hofthor, dem weiten Hof und den großen Scheunen. Wohl war's schon in fremdem Besitz, aber die Namenszüge der Familie, die einst drin gewohnt, standen noch über dem Thor.

Einen richtigen Buben interessiert freilich die lebendige Gegenwart mehr als die Vergangenheit, und erst später konnte ich mich freuen, von den Alten zu hören. Zunächst aber ragte die Gestalt des Großvaters ehrwürdig und mild herein ins junge Leben.

'S ist ein wunderbar Ding um solch einen Großvater und seinen Enkel. Sie haben beide einen eigenen Zug zu einander. Das Kind fühlt sich da so sicher und gut aufgehaben, nicht so rasch und derb angefaßt und aus seinem Spiel gerissen, wie manchmal der Herr Vater thut, der eben von der Arbeit kommt und nun auch »seine Freude« an dem Buben haben will. Bei beiden liegt die Röte über dem Lebenshimmel, bei dem Großvater die Abendröte und beim Enkel die Morgenröte. Beide haben einander nichts vorzuwerfen. Hat der Großvater seine Haare verloren, so hat sie der Enkel noch nicht bekommen und die zwei Kahlköpfe schauen einander vertraulich an; fehlt dem Großvater so mancher liebe Zahn – so weist der Enkel das zahnlose Mündchen. Der eine hat Schmerzen beim Kommen, der andere beim Gehen der weißen Müller. Der eine hat nicht weit vom Himmel, denn in des Enkels Auge glänzt so was von oben her, und der Großvater nicht weit zum Himmel, und solch ein Auge leuchtet auch – kurz die vier Augen schauen sich verständnisvoll an, und wenn der Großvater den Enkel auf dem Schoße hat, und dieser mit seinen Ärmchen hinaufgreift, ist's nicht anders, als wenn der junge, grüne Epheu sich um einen alten Stamm oder Gemäuer schlingt, und als wollten die beiden sagen:

Mein Herz und auch das deine
Verstehen sich gar gut!

Oder hat der Großvater oder die Großmutter nicht so ein verborgenes Schublädlein im Schreibtisch, wo »Gutzele« drin sind? Und haben sie nicht ein blankes Gröschlein oder Kreuzerlein, das ihnen in den Weg kam, arretiert und aufgehoben, dem Enkel bei einer feierlichen Gelegenheit zu überreichen? Zumeist giebt's auch dort keine Schläge und keine Rüben noch Bohnen zu Mittag und das Kind braucht nicht zu singen, wie wir so manchmal zu Hause:

Rüben, Rüben, Rüben!
Die haben mich vertrieben;
Hätt' meine Mutter Fleisch gekocht,
War' ich länger blieben!
Bohnen, Bohnen, Bohnen
Sind meines Herzens Kronen!

So ist denn das Großelternhaus allewege ein vom Kinde gesegnetes. –

Der Großvater väterlicherseits, meines Vaters Vater, steht mir noch lebendig vor der Seele. Sein Zimmer lag nach dem Garten hinaus, freundlich und heiter wie er selbst. Der Großvater war von imposanter Figur; das volle silberweiße Haar deckte den männlich schönen Kopf des hohen Siebzigers; unter den dichten Augenbraunen schauten zwei kluge, sinnende Augen voll Milde und Freundlichkeit hervor; um den Mund spielte ein schalkhafter Humor, mit größtem Wohlwollen gepaart. Ich sah ihn nie anders, als im langen Rocke und weißer hoher Halsbinde und stehender Weste, die lange Pfeife rauchend. Auf seinem Schreibtisch stand das für mich so geheimnisvolle Ding, eine Zündmaschine. Nicht oft genug konnte er mir das Experiment machen, daß der Platinaschwamm glühte und der Fidibus brannte, nachdem der kleine Knall vor sich gegangen. Auf dem Ofen stand die Kaffeemaschine; den ganzen Tag rauchte er und trank langsam den selbstbereiteten Kaffee. Wie oft mußte später, als die Mutter behauptete, das Rauchen verkürze die Lebenszeit, als Beweismittel dienen, daß man beim Rauchen siebenundsiebzig Jahre alt werden könne, wie der Großvater selig! Der Mutter fiel freilich nicht jener durchschlagende Beweis einer Tante ein, die ihrem Neffen auch das Schädliche des Rauchens vorhielt, indem es das Leben verkürze. »Aber,« sagte der Neffe, »der Großonkel raucht doch auch immer noch und ist schon achtzig Jahre alt.« »Ach,« entgegnete die Tante, »dummes Zeug! der wäre schon neunzig, wenn er nicht rauchen thäte!« Womit also das Rauchen, als ein abscheuliches Laster, gebrandmarkt sein soll. Aber das Schnupfen ist noch viel abscheulicher, meint der Verfasser, der leider an dem ersten leidet.

Der Großvater hatte ein Angesicht wie eine schöne Abendlandschaft, die im Sonnenstrahl nach einem Gewitter vor einem liegt. Denn gewettert hatte es ja freilich in diesem Leben, und über der schönen Stirne hin lagen noch so ein paar Wölklein stille gelagert. – Droben im Oberlande geboren, ein munterer Pfarrersbub, wanderte er ins Gymnasium zu Lörrach. Da geschah's in seinem vierzehnten Jahre, daß der Markgraf Karl Friedrich, der seinen zwei Augen und Ohren mehr traute als denen andrer Leute, selbst das Gymnasium visitierte und Examen abhielt. War's doch die Jugend, auf die er hoffte, um sein Volk zu einem wahrhaft »christlichen, glücklichen und opulenten« zu machen. Da traf er denn auch den Pfarrersbuben an und fühlte ihm auf den Zahn. Als der klug und geschickt antwortete und in mathematicis und physicis ordentlich Bescheid wußte, notierte sich ihn der selige Markgraf, und bald kam ein Brief aus der geheimen Kanzlei an den Pfarrer zu Bettberg, des Inhalts: Ob er Willens sei, seinen Wilhelm herzugeben, dann wolle der Herr Markgraf ihn nach England senden, damit er dort die Rechenkunst und Sternseherei gründlich lerne. – Der Pfarrer von Bettberg dachte aber: »Das kommt nicht von ungefähr sondern von dem Herrn, der der Menschen Herzen lenkt wie Wasserbäche.« Hatte er doch acht Kinder, die alle etwas werden wollten und dem Vater bis dahin noch die Füße unter den Tisch streckten und alle Mittag nach ihrem Löffel griffen, ohne zu fragen, wie teuer der Malter Weizen und das Pfündlein Butter auf dem Lörracher Markt stehe. – So schrieb er denn einen Dankbrief nach Karlsruhe, und der kaum fünfzehnjährige Knabe ging aufs Schiff nach England und verblieb dort etliche Jahre. Das war aber für sein ganzes Leben von Segen. Er sah, daß die Welt noch größer sei, als die obere Markgrafschaft, und es noch andere Leute in der Welt gebe, als den Herrn Obervogt von Lörrach. Das eben aber wollte der selige Markgraf, der selbst weit gereist war und einen großen, freien Blick hatte für alles Gute, was in andern Ländern sich fand. – Dann war er heimgekommen und sollte auf der Sternwarte in Mannheim nach den Sternen schauen, ob sie alle in der Ordnung seien und keiner die Kreuz und die Quer laufe. Aber das sagte ihm doch auf die Länge nicht zu und sein Sinn stand zur Baumeistern. So ward er denn Baumeister und zog als markgräflicher Beamter hinauf nach Birkenfeld, wo wir ihn im vorigen Kapitel trafen. Nachdem er fast alle Habe im Kriege verloren, kam er wieder ins Land nach Karlsruhe und wurde zuletzt Oberbaurat. Dort verlor er seine Frau, die mit ihm treulich alle Not geteilt. In der Blockade von Straßburg stürzte sein jüngster Sohn mit dem Pferde und sank nach langen Leiden im blühenden Alter ins Grab, nachdem er ahnungsvoll in einem Gedicht sein eigenes Begräbnis, Wochen zuvor, aufs genaueste beschrieben. Dort in Baden-Baden auf dem Kirchhofe in der Seufzerallee liegt er zu Füßen des schönen Kruzifixes begraben. Dieser Tod war ihm nahe zu Herzen gegangen. In dies Dunkel hinein blickte aber wie ein lichter Sonnenstrahl unser Vater, der im innigsten Freundschaftsverhältnis zu seinem Vater stand. Gegen die Sitte der damaligen Zeit, da man die Eltern aus Ehrfurcht »Sie« nannte, hatten die beiden das trauliche »Du« behalten. Jeden Tag ging Vater zum Großvater, Jahr aus Jahr ein. Der Großvater war des Vaters bester Freund. Wenn ich die beiden sah und später meinen Vater davon reden hörte, war's mein innigster Wunsch, ich möchte doch auch meines Vaters Freund so werden, wie es beim Großvater war. Und es ist gottlob auch so geworden, und die Liebe nimmt dabei nicht ab noch die Ehrerbietung; und wenn man gleich selber alt wird und sein eignes Haus und Kinder hat, so ist's doch was Besonderes von Güte Gottes, solch einen betagten Vater und Mutter noch zu haben, die einen von Jugend auf kennen und daher vieles an den Augen schon abmerken, ohne daß man ein Wörtlein zu ihnen sagt. Aber wenn solch zwei alte, treue Augen, die uns von Jugend an angeschaut und geleitet, brechen, da bricht eben vieles mit und man fühlt dann erst recht, daß man in dieser Welt keine Heimat hat. –

Des Großvaters Lebensabend neigte sich. Noch erinnere ich mich dunkel des Ehrentages, den er als letzten Sonnenblick erlebte, seines fünfzigjährigen Dienstjubiläums. Wir wurden festlich gekleidet und mit Blumensträußen bewaffnet, und kamen des Morgens in der Frühe zur Akademiestraße, wo der Großvater wohnte. Der Großvater sah so feierlich und so friedlich aus und dankte jedem so herzlich für alle Liebe. Den tiefsten Eindruck machte mir aber, daß der selige Großherzog Leopold ihm den Zähringer Löwenorden verliehen, der im roten Kästchen auf dem Tische lag. So wußte ich in der Jugend schon, was das zu bedeuten hatte: »der Zähringer Löwe,« und kam nicht in die Verlegenheit, in die einst eine gute Landsmännin geriet, als ihr Mann freudestrahlend nach Hause kam und rief: »Mutter, ich hab' den Zähringer Löw' bekommen!« »Ach,« sagte sie höchst aufgeregt: »ach Vater, wie kannsch du denn so'n Tier mitbringen, wir hawwen ja gar kein Schtall derfür.« Der gute Großvater hatte ihn nach fünfzig Jahren wohl verdient und trug ihn nicht mehr lange. – Nach seinem Jubiläum legte er sein Amt nieder. Sein Bild war ihm und der Familie zum Andenken geschenkt worden, ein treffliches Bild, das in unserer »guten Stube« hing und mich mit seinen Blicken wahrhaft verfolgte, wenn ich was Böses im Sinne hatte. An dem Tage des Jubiläums schrieb er an seine Untergebenen folgenden Brief, der den Großvater ganz bezeichnet:

»Nach dem höchsten Befehl S. K. Hoheit, den ich höchlich dankend verehre, trete ich nach fünfzigjähriger Dienstzeit in den Ruhestand und trete außer Geschäftsverbindung mit Ihnen. Wenn wir auch in unsern Meinungen über Dienstgegenstände nicht immer gleicher Ansicht waren, so bitte ich, wenn ich Anlaß zu Unzufriedenheit gab, um desfallsige Nachsicht und völlige Vergessenheit, zugleich aber auch um Fortdauer der gegenseitigen Freundschaft, womit ich mich bestens zu empfehlen die Ehre habe ec.

Karlsruhe 1836, am 50sten Jubiläumstage 1836.«

Die Antwort der Beamten ist rührend, voll Dank und Anhänglichkeit. – Sein Leben ging von da an still, in der Bereitung zur Ewigkeit. Großvater war ein frommer Mann und voll Verlangen und Sehnsucht nach göttlicher Wahrheit. In einer Zeit aufgewachsen, wo das Gold des Evangeliums selten war, mußte er sich durchkämpfen zum Lichte. Kurz vor seinem Tode schrieb er noch an einen Neffen, den er herzlich liebte, den spätern Dekan in Pforzheim:

»Recht herzlichen Dank für deine guten Wünsche und für dein Gebet um mich. An dem Grab, vor dem ich so nahe stehe, finde ich es so tröstlich, wenn Gute im Gebet sich meiner erinnern und mich mit einschließen; da ich es fühle, wie weit ich mit meinem Werke zur Seligkeit zurück bin, so bitte ich: Zeige mir den Weg, den ich wandeln soll zur Seligkeit, um sie zu erlangen; löse in mir die trüben Zweifel, um mit heiterem Blick und froher Zuversicht mit der Bitte endigen zu können: HERR, in deine Hände befehle ich meinen Geist.« –

Etliche Monate vor seinem Tode hatte er sein Haus bestellt, alles geordnet und wartete auf sein Feierabendstündlein. In seinem Testamente hatte er zu Anfang desselben etliche Worte vorgesetzt, in denen er den Dank gegen seinen Gott niederlegte.

»Wenn es,« so sagt er darin, »der weise Wille unsers gnädigen Vaters im Himmel ist, daß wir, liebe Gattin (seine zweite Frau) und Kinder! uns nach seinem hohen Rate trennen, so laßt uns vor allem kindlich danken für das viele Herrliche, Schöne und Gute, das Er uns verliehen, auch für die Prüfungen, die Er uns, als zum Besten führend, so schonend gab.

Der HErr hat alles wohlgemacht!
Gebt unserm Gott die Ehre!

Wenn wir die vielen vorangegangenen Jahre unseres Vereins wieder durchlaufen, das Schwere und Harte, was Zeitumstände mit sich führten, das Herrliche, das uns daraus zu teil ward, wenn auch das Menschliche nie das Vollkommene zu erreichen vermag, so müssen wir doch mit vollem und gerührtem Herzen sagen:

Er hat alles wohl gemacht,
Er führt uns auf guten Bahnen zum bessern Ziel.
Ehre sei Gott in der Höhe!

Lasset uns unsern Verein diesseits so beschließen, wie wir wünschen, daß er jenseits fortgesetzt werde.

Friede auf Erden!

Denn der Friede ist's, unter dessen Schirm und Schatten das Kleine und das Große gedeiht, er giebt uns die Heiterkeit unseres Wandels in diesem Leben, die Freudigkeit unseres Thuns, den reinen Genuß des vielen Köstlichen, das uns so reich geboten wird.

Den Menschen ein Wohlgefallen;

Alle Güter der Erde, was sind sie? Ein Rauch, der vergeht, wenn sie nicht fruchttragend waren. Geist und Herz sind Rauch, wenn sie ohne das Feuer der Liebe sind. Bedenket es, liebe Kinder und Enkel! – – Laßt mich heimgehen, ihr Lieben, in dem für mich so seligen Gedanken und der Hoffnung, daß ihr auch fernerhin das Band der Liebe erhaltet, wie bisher, daß ihr es noch fester schlingen möchtet! –

Vergebet euch unter einander, wenn ihr fehlt. Tröstet die Traurigen, stehet den Dürftigen bei – liebet euch unter einander, denn Gott ist die Liebe.

Der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu. Amen.

So kam auch sein Ende. »Weinet nicht und lasset mich ruhen,« das waren seine letzten Worte. Darauf schlief er stille ein. – Am Tage vor der Beerdigung nahm mich der Vater mit ins Sterbehaus. Da stand der Sarg aufgedeckt. Der liebe Großvater lag drin im weißen langen Kleide, die Hände über die Brust gefaltet. Es, war, als schliefe er. – Ich hatte noch keinen Toten bis dahin gesehen, aber ich danke es dem Vater heute noch, daß er mich mitgenommen. Das Bild des lieben, stillen Mannes im Sarge hat mich durchs Leben begleitet. Ich weinte damals, wie Kinder weinen. Sie weinen, weil sie andre weinen sehen, sie ahnen den Verlust nicht; das Leben behält sein Recht, und nach etlichen Tagen, ach vielleicht schon nach Stunden sind die Thränen versiegt und das kleine Herz getröstet. »Wann kommt der Großvater wieder?« so fragte ich und so fragen heute noch die Kinder. – Ach, verstünden wir's recht – wir würden auch so thun, wie die Kinder, und uns müßte sein, wenn eins der Unsern geht, als sei es nur aufgestanden von der Arbeit und ins andere Zimmer gegangen und käme bald wieder. So war der Großvater eine der ersten Gestalten, die ins Leben hinein geragt – und es war eine lichte Gestalt. –

Nur dunkel erinnere ich mich der Großmutter väterlicherseits, der Witwe des Großvaters. Aber das eine vergesse ich ihr nie: daß sie uns Jungen zu Weihnachten hellrote Westen mit Glasknöpfen schenkte, die größte »Neuheit« damals. Wie stolzierte man auf dem Marktplatze am folgenden Tage, mit dem fröhlichen, fragenden Gesicht: Seht ihr denn gar nicht, was ich für eine Weste habe? Sie hätte uns weiß was schenken können, nichts hätte diese Wirkung gehabt.

Lebendiger steht die zweite Großmutter vor mir. Mein Vater hatte seine erste Frau verloren, und aus dieser Ehe stammten Bruder Karl und Schwester Bianca – wir drei Buben waren aus zweiter Ehe. Aber die Mutter der ersten Frau lebte noch und war gegen uns nachgeborne Kinder sehr freundlich und lieb. Sie war damals schon im hohen Alter, die Frau Geheimrätin, ein kleines, zusammengegangenes Mütterlein, in großer gefältelter Haube. Mir fiel immer die Großmutter im Rotkäppchen dabei ein, die der Wolf so ohne weiteres verschlang, und bekam für die dichterische Bemerkung, daß der Wolf es leicht gehabt, wenn sie nur so klein und dürr gewesen wäre, wie unsere Großmutter – von der Mutter eine Ohrfeige. In ihrem Hause war alles höchst altertümlich. Wir aßen je zwei alle Dienstage bei ihr zu Mittag und freuten uns drauf, denn es wurde da »auf Zinn« gegessen, was tiefen Eindruck machte; dann kochte die Großmutter jedesmal das betreffende »Leibessen,« was bei der Verschiedenartigkeit von uns fünfen je nach der Roheit des Geschmacks ausfiel. Bruder Karl blieb beständig bei den »Leberknöpfle.« Sodann hatte die Großmutter frisches Kartoffelbrot, was zu Hause nie erschien; denn die Mutter hielt frisches Brot für »gemeinschädlich,« wir aber für ausgezeichnet und »gar nicht so arg gefährlich.« Die altertümlichen Schränke, die Zimmer mit den großblumigten Tapeten, der beständige Geruch von Wollblumenthee, die behagliche Wärme im Winter und die tiefe Stille im Hause gegenüber unserem unruhigen Treiben, und dazu die stille, gute Frau mit dem etwas wackelnden Kopfe und der zitternden Stimme – das alles verlieh, mitsamt der großen Rassel an der Hausthüre und dem eisernen Klöpfel dran, die jedermanns Kommen avisierten, dem Hause einen eigentümlichen Reiz. Und trotz der Ohrfeige: es war eben doch wie bei Rotkäppchens Großmutter!

Wir waren auch da möglichst brav und still, und hielten uns am liebsten in der Küche auf bei der alten Magd, der Haan (Hanna) und ihrer Freundin »Applone« (Apollonia). War doch die Alte auch schon Ende der Sechziger und hatte bereits das fünfzigjährige Jubiläum bei der Herrschaft gefeiert. Am liebsten war es uns, wenn sie von ihrem Bruder erzählte, der mit den badischen weißen Husaren nach Rußland unter Napoleon gezogen und nicht mehr heimgekommen, sondern dort an der Beresina erfroren sein mußte. Grade dies Dunkel, in das sich dies Leben verlor, was nun allen Phantasien Spielraum ließ, war das Interessanteste dabei. Konnte er denn nicht am Ende gefangen und nach Sibirien verbracht, dort ein reicher Pelzhändler geworden sein und an einem schönen Tage zu seiner Haan – und der Applone, die seine Braut war, heimkehren? Als ich später Bürgers Leonore »um das Morgenrot herumfahren« sah, dachte ich immer an den weißen Husaren an der Beresina und die »Applone.« – Bei der Großmutter wohnte noch eine alte Tante, eine verwitwete Frau Doktorin, die mit uns Buben ihre kleinen Späße hatte und auch nach der Großmutter Tode uns noch eine Weile erlaubte zu kommen. – Dann wurde das alte Haus verkauft mit seinem schönen terrassierten Garten und den herrlichen Stachelbeeren und Johannistrauben drin – eine kleine, stille Welt verschloß sich für uns! Ach, wie manches Haus hat sich seit jener Zeit für uns geschlossen! 'S war immer ein interessantes Spiel, am Abend ein altes Papier zu verbrennen und dann in dem verkohlten Papier die einzelnen Sternlein laufen und verschwinden zu sehen; »die Nonnen, die in ihren Zellen ins Bett gehen, und die letzte, die's Kloster zumacht,« sagte die alte Wartfrau. So ist mir's jetzt, – ein Fünklein nach dem andern erlischt, jedes sucht nach dem andern sein Ruhebettlein; es kommt der Letzte, der schließt das Haus zu.

Aus diesem Hause stammte auch mein Herr Pate, ein tüchtiger, treuer Mann, still und friedfertig lebte er in Straßburg. Von ihm habe ich sechs silberne Löffel als Patengeschenk erhalten, die mir an hohen Festtagen gezeigt wurden, um dann wieder zu verschwinden. Zogen mir gen Straßburg, dann ward's mir eingebunden: »Besuch' auch den Herrn Paten und vergiß es nicht.« Das that ich redlich, wiewohl ich mich von den beiden dort postierten Hunden immer unangenehm berührt sah. Aber dann nahm mich der Pate mit ins altstraßburgische kleine Wirtshaus am Thomasplatz, wo mit uns noch etliche andere alte Junggesellen vortrefflich »Mümphele« (Mundvoll), d.h. auf Straßburgisch: »gute Bissen« aßen.

Dort in Straßburg wohnte die dritte Großmutter, die Mutter unserer Mutter. – Diese aber flicht sich tiefer ins Leben hinein und von ihr darf ich ein andermal reden.

Drittes Kapitel

Das neue Haus und seine Insassen

Das »Ausziehen« hat der Verfasser im Laufe der Jahre redlich gelernt, und wenn das Sprichwort seine Wahrheit hat: »Dreimal umgezogen ist einmal abgebrannt,« dann ist er schon an fünfmal abgebrannt. Das erstemal aber geschah in früher Jugend, als der Vater zum Direktor der Galerie ernannt wurde. Da zogen wir aus, aus dem Hause am Spitalplatze in die schönste Gegend der Stadt, in die Nähe des Schlosses, des Theaters und des botanischen Gartens. Statt dem alten Landgraben die herrlichste Flora zu unsern Füßen. Die Treibhäuser statt des melancholischen Spitals, und statt dem Gejohle der »Dörflersbuben« der Gesang im Theater, den man bis zu uns herüber hören konnte bei den Proben. Und dann das originelle Schloß mit Turm und Türmchen, dem prächtigen Schloßgarten mit seinen alten schönen Bäumen; zum großen Hardtwalde nur ein paar Schritte – »Herz, was begehrst du mehr!« Ein Kind muß, wie die Pflanze, Licht und Luft haben, soll's anders gedeihen; aber wie viele Kinder müssen's entbehren! Ein eigenes Haus, ein eigener Garten, was ist's doch wert! So sein ganzes Glück nicht auswärts suchen zu müssen, sondern im Hause gern sein, unter den Augen der Eltern spielen und sich warm im Neste fühlen – das trägt doch für den spätern Menschen vieles aus.

Unten wohnte der Portier, ein alter, ehemaliger Hofbedienter und nachmaliger Galeriediener, der den Leuten die Galerie zeigte, die im mittleren Stocke des Gebäudes war, und oben auf wohnten wir. Die breiten Gänge hinauf waren mit weißen klassischen Gypsköpfen besetzt, die einst einer Bauernfrau einen tödlichen Schrecken einjagten, weil sie glaubte, sie lebten und wären doch nur Köpfe. Oben aber ein großer Raum von zwölf Zimmern in einer Flucht und ein langer Gang, das war ein Spielplatz samt dem hübschen Garten unten! Kurz, wir hatten's so gut, wie man's nur haben kann. Jetzt ist freilich das Vorderhaus zugebaut durch die neue schöne Akademie, und nur der Seitenflügel steht noch: immerhin aber das Stück des Hauses, darinnen wir unser Wesen hatten. Von meinen Habseligkeiten aus dem alten Hause ist ins neue Haus nur eins gekommen und bis zum heutigen Tage noch in meinem Besitz: mein weißes Taufhemdlein, unten mit einem grünen Eichenkranz in gestickten Perlen versehen. Mit dem Eichenkranz hatte es seine besondere Bewandtnis: die Mutter hatte als junges Mädchen in voller Jugendbegeisterung die Freiheitskriege durchlebt, der Bräutigam der Schwester war in der Schlacht von Belle-Alliance gefallen und so sollte ich »als Christ germanischer Nation« getauft werden. Wie ist mir das Taufkleid jetzt so eng geworden und bin draus heraus gewachsen! – und doch muß der Mensch wieder in es hineinwachsen, soll er anders ein fröhliches Gotteskind sein und bleiben; und nicht umsonst tragen (wenigstens die Mägdlein) das weiße Kleid an den Höhetagen ihres Lebens: an Taufe, Konfirmation und Hochzeit – und zuletzt kriegt jeder sein weißes Sterbekleid. –

Zu Bruder und Schwester und mir kam im neuen Hause noch ein schwarzäugiges Kindchen, und fünf Jahre später noch ein braunäugiges. Dieser letzte Bruder brachte uns Kindern etwas mit, jedem eine große Bonbonnière mit den verschiedenen Leibzuckersachen. Als wir an seine Wiege traten, lagen diese Dinger alle da mit Namen bezeichnet, die der kleine Bruder »aus dem Himmel« mitgebracht hatte. – Nur unser ältester Bruder Karl wollte nach genauerer Betrachtung finden, daß er irgendwo diese Bonbonnière schon einmal gesehen hätte – gerade so eine wäre auch »beim Zinko« (einem Konditor) einmal am Laden herausgelegen. Eine Ohrfeige von seiten der alten Wartfrau setzte diesen Skrupeln und Erinnerungen ein jähes Ende. – So waren wir denn unsere fünf.

Was ist's doch wert, Geschwister haben und nicht so das einzige Kind im Hause sein! Ein einzig Kind ist eben doch ein »Schreckenskind« und wie ein einziges Auge – erlischt das, so wird's finster im Haus. Aber so ein halb Dutzend Buben und Mägdlein in einem Haus und auch noch mehr, das giebt wohl Kopfbrechen für den Vater und Strumpfstopfen für die Mutter, dafür aber ist Leben da, Krieg und Frieden, wie's kommt. Vornehmlich aber giebt eines das Rasiermesser, die Putzschere und den Schleifstein für das andere ab; denn Geschwister wissen am besten, wo das eine und das andere seine Hühneraugen hat, und tritt ihm drauf und sucht sie ihm wegzutreten oder wegzuoperieren: und wo bei einem der Docht zu groß brennt, hilft das andere mit der Putzschere nach; und wo die rauhen Kanten sind, wird weggeschliffen frischweg, ohne Kompliment und Umstände. Und das ist ein Segen, denn später sagen einem die Leute wohl auch noch die Wahrheit, aber wie! – »Eine Mutter zieht sieben und siebenerlei Kinder,« heißt's im Sprichwort, sind sie doch verschieden wie die Vögel unter dem Himmel und wie die Blumen auf dem Felde. Wir waren's auch.

Die Schwester Bianca führte ihren Namen nach einer Italienerin, die als Freundin des Hauses hochgeschätzt wurde, und war das einzige Kind dieses Namens in der ganzen damaligen Stadt. Ein zartes, von Jugend an leidendes Kind mit großen, ungewöhnlich glänzenden Augen und braunen, über den Kopf gelegten dicken Zöpfen. Still für sich vergnügt war sie, wenn sie nicht krank war. Ich erinnere mich nur eines Augenblicks, wo sie übermäßig freudestrahlend aus der höhern Töchterschule heimkam, denn sie hatte das beste Zeugnis bekommen auf rotem Papier – eine Stufe der Vollendung, zu der wir »Buben« es nie bringen konnten. Dagegen war Bruder Karl ein anderer Geist. Noch habe ich ein Bild aus seiner Kindheit von ihm, ein rechtes Bubengesicht, so frisch und unternehmend in die Welt blickend mit seinen braunen Augen und den dicken, roten Pausbacken, in die die verschiedenen Onkels (»onkelmäßig« wie er behauptete) hineinkniffen; einen Urwald Haare auf dem Kopf, durch den der Kamm mühsam wie eine Lokomotive mit verschiedenen Haltstationen und Schmerzenspfiffen von seiten des Besitzers, durchdrang. Ging Einer seine eigenen Wege, so war er es. Er hielt sich meistens bei den Alten auf. Die alte Haan hatte ihn nach dem Tode seiner Mutter gepflegt und am Bette gehabt, und die Applone aus dem vorigen Kapitel war auch seine Freundin. So war in ihm bei allem Bubenmäßigen doch etwas Altväterliches. Zur Schule hatte er einen ziemlich weiten Weg, aber nicht bloß deshalb wurde er eine Stunde früher weggeschickt, sondern vornehmlich darum, weil er unterwegs an jedem Hause stehen blieb, die Fenster und die betreffenden Scheiben zählte, ob er sie noch richtig wüßte. Denn seitdem er zählen konnte, wußte er den Bestand an Fensterscheiben an jedem Hause auf dem Schulweg und kontrollierte jeden Tag. Auch zu Hause wurde alles mit Gründlichkeit visitiert, und hätte solches einmal schlimm für mich ablaufen können. Denn eines Tages (er war etwa sechs und ich zwei Jahre alt) fiel es ihm ein, sich genauer zu vergewissern, was das »glitzernde Ding im Auge« wäre – (der Augenstern). Zu solchem Behuf legte er mich kunstgerecht der Länge nach auf dem Boden, nahm eine Schere und war eben daran, mir die Augensterne auszustechen, als die Mutter hereinkam und ihn wegriß. Oft hat die Mutter mit tiefer Bewegung, wenn sie mir in die Augen sah, dieses Augenblicks erwähnt. – Ein anderes Experiment, wozu ich einmal herhalten mußte, bestand darin, daß er über dem Essen unter den Tisch schlüpfte und mich in die dicken, herabhängenden Beine kniff. Als ich schrie und die Mutter ihm Vorwürfe machte, warum er das thue, sagte er bedächtig und langsam (wie er immer sprach): »Ha, s'isch zu komisch! Wann m'r'n (man ihn) unten pfetzt (kneift), so schreit er oben!«

Auch die Strafen, die er abzubüßen hatte, machten keinen sonderlichen Eindruck auf ihn, weil er sie auch zu allerhand philosophischen Betrachtungen benützte. So hatte ihn die Mutter einst wegen einer Unart in das berüchtigte »Ofenloch« gesteckt. Welche Bewandtnis es mit diesem schauerlichen Verließe auf sich hat, wissen freilich norddeutsche Landeskinder kaum zu bemessen. Aber bei uns zu Hause, da wurde von außen gefeuert mit dicken, festen Buchenklötzen in den großen Porzellanofen hinein. Dazu aber ward der Schornstein benützt, der bis oben hinaufging. In dies Gemäuer stieg der Schrecken der Kinder, damals und heute: der Schornsteinfeger – und da hinein, wo's von oben her noch heulte und pfiff, wurde man gesteckt! Aber für Bruder Karl hatte dieser Ort längst alles Grauen verloren, seitdem er wußte, daß die Schornsteinfeger hinein und auch wieder herauskamen. Als er darum wieder einmal hinein mußte, ging er getrost. Die Mutter bekam Besuch und vergaß den Arrestanten total. Nach zwei Stunden erinnerte sie sich seiner plötzlich; sie riß das Schloß und die Thür im Schrecken auf; dann, als sie nichts sich bewegen hörte drinnen, dachte sie nicht anders, als daß der Junge erstickt sei. Sie fand ihn stillestehend, aber – auf einem Bein; das andere war in die Höhe gezogen. »Was machst du denn da?« rief die Mutter. »Ha,« erwiderte der gebesserte Malefikant, »ich hab' nur einmal gucken wollen, wie lang daß die Gäns auf einem Bein stehen können!« (Ziehen ja doch die Gänse gern das eine Bein hoch und stehen stundenlang auf dem andern.)

Nebenbei konnte er auch seinen Scharfsinn wie ein Untersuchungsrichter verwenden. Er beschuldigte mich einmal, ihm seinen Ball gestohlen zu haben, und sagte frischweg: »Du hast mir meinen Ball gestohlen.« Als ich meine völlige Unschuld beteuerte, stellte er das Verhör an und sagte zu mir, dem kaum vierjährigen Kinde: »Gieb einmal Achtung! Giebt's schwarze Gäule?« Antwort: »Ja.« »Giebt's weiße Gäul'?« »Ja.« »Giebt's braune Gäul'?« »Ja.« »Giebt's rote Gäul'?« »Ja.« »Giebt's blaue Gäul'?« »Ja.« »Giebt's grüne Gäul'?« – – »Ja.« – Da rief er triumphierend: »Siehst du, du lügst, und wer lügt, der stiehlt, hat die Mutter gestern gesagt. Du hast mir meinen Ball g'schtohlen.« Er drang zwar mit dieser Beweisführung nicht durch, wurde aber darob ebenso sehr bewundert als ausgelacht.

Bei ihm mußte man sich sehr in acht nehmen, nicht irgend etwas zu sagen, was nicht so ganz richtig war, denn schnell war er bei der Hand zur Anwendung im gegebenen Fall. So hatte er sich einst auf dem Jahrmarkt vertrödelt und war mit mehreren »Buben« herumgelaufen, hatte Streit bekommen und war von ihnen in den Straßenkot geworfen worden und kam heulend nach Hause. Als die Mutter ihn abgescholten hatte wegen seines Ungehorsams, fügte ein Freund des Hauses noch hinzu, um ihm die Sache recht eindrücklich zu machen: »Siehst du, deswegen hat dich der liebe Gott auch in den Dreck geworfen, das ist die Strafe dafür, daß du nicht heimgekommen bist.« Bruder Karl schlug die Augen nieder und schwieg. Ein paar Tage drauf gab er dem kleinen Bruder Max einen Stoß, daß er in den aufgeweichten Schmutz im Garten fiel. Die Mutter sah diesem Gewaltakte zu und rief: »Was fällt dir denn ein, den Max hinzuwerfen?« Bruder Karl, in der größten Gemütsruhe entgegnete: »Ich hab ihn nicht hing'schmissen.« Das ging der Mutter doch über die Bäume, und eben wollte sie ihn gehörig dafür herkriegen und sagte nur noch: »Ich habe es ja gesehen, daß du und kein anderer ihn hingeworfen; wer hat ihn denn hingeworfen?« »Der liebe Gott hat ihn hing'schmissen.« »Was?« rief die Mutter entsetzt, »der liebe Gott soll das gethan haben? Du hast's gethan; der liebe Gott thut so was nicht.« – »So,« sagte der Bruder; »dann hat er mich aber selbigmal auf der Messe auch nicht hing'schmissen, wie der Herr … g'sagt hat.« So kam er diesmal mit dem blauen Auge davon.

Hatte je ein Bube einen Sammeltrieb, so war er es. Er erstreckte sich auf alles im Hause. Vornehmlich waren's die Schlüssel, die er zusammenbrachte und in seinem Zimmer wie in einem Hamsterbau verwahrte. Sie lagen alle geordnet nebeneinander; dann kamen die Scheren an die Reihe, je nach der Größe. Er mußte sich's drum gefallen lassen, daß alle paar Tage eine Razzia in den Hamsterbau von seiten der Mutter und der Jungfer gemacht und seine Schätze geplündert wurden. Vorsorglich hatte er auch einmal den ganzen Schlüsselbund der Mutter unter sein Kopfkissen gelegt und sanft darauf geschlafen. – Kurz, er war nicht wie andere Kinder. Sinnend und in sich verschlossen konnte er jahrelang Erlebnisse, Beobachtungen auf Reisen in sich tragen, und war kein Wort aus ihm herauszubringen; plötzlich brach's los und er erzählte dann so lebendig und anschaulich, daß man meinte, er habe es gestern erst erlebt. Ein eigentümlicher Unternehmungsgeist pulsierte aber in ihm, trotz seines beschaulichen Lebens. Lange trug er sich mit der Herausgabe einer Zeitung, »Vorzeit und Gegenwart« genannt. Endlich kam die Sache zur Reife; unter den Onkeln und Tanten wurde ein von ihm verfaßter Prospekt verteilt und Abonnenten gesucht, die bis auf zwanzig stiegen; das erste Blatt erschien. Er, der vierzehnjährige Junge, war der Redakteur, Bruder und Vettern die Mitarbeiter. Er selbst zeichnete sehr hübsch die Illustrationen dazu, deren erste der Trifels war, Richard Löwenherzens Gefängnis. Eine kurze Beschreibung der Burg und ein selbstverfaßtes Gedicht beschloß den »gelungenen« Artikel. Bruder Max lieferte einen »Gang nach Leopoldshafen,« dem berühmten Ankerplatz der Rheinkähne; Rätsel und Sinnsprüche aus Dichtern schlossen die vier Seiten lange Nummer, die wir dann im Schweiße unseres Angesichtes zwanzigmal abschrieben. Nach halbjährigem Dasein versagte aber der Witz und der Stoff. Als die Eisenbahn von Mannheim nach Karlsruhe eröffnet wurde, gab Karl ein Büchlein heraus mit den Ansichten der Hauptstationen samt Umgegend. Per »Stehwagen« hatte er die Reise billig gemacht und die Skizzen gesammelt und hübsch auf Kupfer radiert. Wir mußten dann für den Verkauf sorgen und brachten sie bei dem Portier der Eisenbahn glücklich unter. Seine Freude über den ersten Absatz war nicht zu beschreiben.

– – Die beiden lieben Geschwister – sie ruhen schon lange im Grabe. In der Blüte ihres Lebens starben sie. Schwester Bianca im dreiundzwanzigsten, Karl im zweiundzwanzigsten Jahre. Ein schwerer Typhus, von dessen Folgen sie sich nicht erholen konnte, nahm die zarte Schwester weg; Bruder Karl hatte sich zu einem Eisenbahnzuge verspätet, und lief einen stundenlangen Weg in kürzester Zeit und setzte sich erhitzt in den zugigen Wagen. Bald darauf fing er zu kränkeln an und starb nach monatelangem Leiden. – Aber beide gingen im Frieden heim, mit rührendster Liebe an unserer Mutter, die ihre Stiefmutter war, hängend. Das Bild der beiden, ihr seliger Heimgang, bleibt dem Herzen unvergeßlich.

Zu uns Geschwistern kam noch unser Vetter, des Vaters Schwestersohn, dessen Vater früh gestorben war, der jetzige Maler Lindemann-Frommel. So war das halbe Dutzend vollzählig. Hinten aber am Ende des Hauses in zwei großen Zimmern hausten »die Atelierherren,« Kupferstecher und Schüler des Vaters, ihrer acht bis zehn, junge und alte. Fast zünftig wurde hier von der Pike auf gedient: die Lehrjungen, die fegen und putzen, Stichel schleifen und mit der Pechfackel grundieren, das Frühstück beischleppen mußten; dann die Gesellen, von denen jeder an seinem Pult, mit großem Seidenschirm versehen, arbeitete, und die Altgesellen, die ihre besondere Stube hatten –, Bauernbuben und Stadtkinder, Schwaben und Engländer, alles wimmelte bunt durcheinander. Bald sang der Schwabe »Silber« ein Lied vom »Uahland,« bald der Engländer Lambert sein Rule Britannia, bald war es wieder totenstill und man hörte nur den Grabstichel durch den Stahl gehen. Dort wurden die Werke illustriert, wie Zschokkes romantische Schweiz, der Rhein, Tyrol; die Aeneide, der Horaz – alles nach Zeichnungen des Vaters. In's Atelier sich zu schleichen und bei diesen »herrlichen Jünglingen« mit den langen fliegenden Haaren, den Sammtbaretts und weißen Blousen sich aufzuhalten, welch eine Wonne!

Diesem Hinschleichen (denn 's war eigentlich in den Arbeitsstunden verboten) hab' ich's zu danken, daß ich noch ein Conterfei von mir aus frühester Jugend besitze. Unter all den Herrlichkeiten im Atelier schlief ich nämlich einmal an einem Sommernachmittag, auf einem Pult liegend, ein. Der Maler Mosbrugger benutzte diese Gelegenheit, mich aufs Pauspapier mit etlichen genialen Strichen in ganzer Häßlichkeit zu zeichnen. (Denn meine gute Mutter, die mich von Jugend an nicht in der Wiege, sondern in einem großen Waschkorb erzog, deckte mich schonend zu wenn Besuch kam – alles von wegen der Häßlichkeit. Selbst das kalte Wasser, in welchem ich, ein Winterkind, gebadet wurde, half dem Unglücke nicht auf, aber es benahm mir für's ganze Leben die Wasserscheu.) Daher also datiert noch dies Bild, mir immer, nach einer feinen Bemerkung eines Unparteiischen zum Trost: »wie sich doch ein Mensch mit einigem guten Willen im Lauf der Jahre verschönern könne.«

So war das Haus belebt und durchzogen von Kunst und Kunstjüngern, denn schon unten der Portier trieb auf eigene Faust allerhand Künste, und gab sich den Schliff eines Kunstverständigen. Wenn er Fremden die Galerie zeigte, ließ er mitunter seine Kunstansichten einfließen, z. B.: »Sehen Sie, meine Herrschaften, dies Bild ist von M …, eine liederliche Haut! sag ich Ihnen – aber im Grau in Grau malen geht er keinem aus dem Weg.« Kam er an ein Bild von Franz van Mieris, dem berühmten Holländer, so murmelte er wohl leise: »von mir isch.« »Was, von Ihnen?« »Ja, wissen Sie, so dann und wann mal ich auch noch, aber 's geht halt nimmer wie früher.« »Sehen Sie, der Mann schreibt sich jetzt Laokoon (auf die Laokoon-Gruppe zeigend), aus Gips leider, aber weil er die Götter beleidigt, von den Schlangen gefressen. Schön gemacht, aber unpraktisch, wie Lessing sagt.« Leider wurden seine weiteren Kunststudien durch seine Pensionierung unterbrochen, die in den dreißiger Jahren erfolgte.

Freilich das Beste habe ich noch nicht genannt, was im Hause war. Das waren bis jetzt alles erst Sternlein und Trabanten, aber die Sonne im Hause, das waren doch Vater und Mutter, um die sich alles bewegte.

's wird einem Kinde schwer, von Vater und Mutter was zu sagen, geschweige denn davon zu schreiben. Haupt und Herz am Leibe sind schon nicht leicht zu beschreiben und auch nicht am Leibe der Familie, wo der Vater das Haupt und die Mutter das Herz ist. Jeder meint, daß er die besten Eltern gehabt – und so ist's auch recht. Er soll nur allewege bei diesem Glauben bleiben. Und so will ich's auch frischweg sagen: daß wir den liebevollsten Vater und die treueste Mutter hatten. Der Vater, durch und durch eine Künstlernatur, harmonisch durchgebildet, hatte aus einer schweren, kampfvollen Jugend sich einen frommen, heiteren und milden Sinn durchgerettet. Ich habe ihn kaum je verstimmt oder gar heftig gesehen. Schläge gab's von ihm nicht, aber mit viel Liebe und Milde, auch dann und wann mit fröhlichem Humor, half er einem zurecht, wenn man sich verhaspelt hatte, wie das Strickgarn der Tante, das wir zur Geduldsprobe zeitweilig zwischen den beiden Händen halten mußten, bis langsam alle Knöpfe gelöst waren, – oder wie eine Fliege, die den Weg aus dem Glase nicht mehr findet. Denn das kommt etlichemal bei den Buben und sogar auch bei den Mägdlein vor. Einen fleißigeren Mann wie ihn gab's nicht. Des Morgens regelmäßig um fünf Uhr auf und nüchtern gearbeitet bis sieben Uhr, wo er beim Frühstück eine Tasse schwarzen Kaffee mit uns trank, mit welcher er, bis mittags ein Uhr, ununterbrochen arbeitend, ausreichte. Nach dem Mittagessen das kurze, aber süße Schläfchen, das nicht länger als zehn Minuten dauern durfte, und dann wieder an die Arbeit bis spät die Sonne sank. Darnach ein regelmäßiger Spaziergang mit Mutter in der Abenddämmerung, und dann vor dem Abendessen beim Lampenschein Kohlenzeichen oder Radieren, – kurz, ich habe den Vater niemals im Leben müßig gesehen. Aber deswegen war's doch nicht so, wie bei manchen Vätern, deren Kindern das Herz klopft, wenn sie einmal in Vaters Zimmer kommen und Angst haben, zu stören, und die Rede hören müssen: »Was ist denn schon wieder?« sondern frisch und fröhlich gings mit dem Schulranzen oder mit der Flinte und Säbel hinein, und dem Vater die kleinen Leiden und Freuden erzählt, wahrend er ruhig, seine Palette haltend, weiter malte. Des Abends aber erzählte er aus seinem Leben, seinen Reisen in Italien, Frankreich und England; der ganze Schatz seines Herzens lag offen; war's aber ganz besonders schön, dann griff er nach der Guitarre, die er meisterhaft spielte, und sang mit seiner hohen, klangreichen Tenorstimme deutsche und italienische Lieder. Man wußte nicht warum, aber in Vaters Stube war's halt gar zu schön und traulich. Es war, als ob die Ruhe seines heiteren Gemüts sich über den ganzen Raum hergelagert hätte. Und doch – wie oft hat es der Vater gesagt – ›lieben Kinder! dankt's eurer Mutter, wenn aus euch was geworden ist!‹

Die Mutter, von deren Vater des mehreren in der »Familienchronik« und in »Vergangenen Tagen« steht, war durch den Ernst der Zeiten in der Jugend schon zu einem Charakter gereift. In Paris geboren, war sie mit ihren Eltern nach Bremen gezogen, hatte dort die Zeit der Freiheitskriege durchlebt, und war zuletzt in Straßburg im Elsaß zur Jungfrau herangereift. Eine stattliche Erscheinung mit schönen, braunen Augen und zartestem, rosigem Teint, dabei voll Verstand und fein gebildet, so reichte sie dem Vater die Hand in der Pfarrkirche zu St. Aurelien in Straßburg. Es bezeichnet ganz den Vater, wenn er des Morgens an seinem Hochzeitstage hinausgeht auf die Wälle der Stadt und von dort das Pfarrhaus und die Kirche, das alte Weißturmthor noch schnell zu Papier in sein Skizzenbuch malt und die Mutter darunter schreibt: »Am Hochzeittage.« Sie trat die beiden Kinder der ersten Frau an, und als erstes Wort in ihrem Wörterbuche stand das Wort »Pflichttreue.« Nie hat sie das Vergnügen der Pflicht vorgesetzt, wenn's ihr auch noch so sauer ward. Dem Vater nahm sie alles Schwere weg, damit er seiner Kunst leben konnte, und trug die Last des Hauses allein, während sie dem Vater den Schmuck und den goldenen Schein in dasselbe zu legen überließ. So hielt sie über uns alle das festeste Regiment, nur auf zwei Dinge unerbittlich haltend: auf unbedingten Gehorsam und unbedingte Wahrheit. Widersprechen, Opponieren gab's nicht bei ihr, und nichts haßte sie mehr als Lügen. Mit einem hohen, idealen Sinn verband sie ein scharfes, sittliches Urteil – wehe dem, der sich in ihrer Gegenwart ein rohes oder gar gemeines Wort erlaubte! Ihre feurige, fast französische Natur hatte etwas Republikanisches; sie kannte nur eine Autorität, das Gesetz, unter welches sie sich selbst beugte. Aber es lag auch das Schnelle, leicht Erregbare des französischen Charakters in ihr. Darum that sie leicht auch des Guten zu viel, und mancher Puff und Ohrfeige, deren es viele gab, kam auch einmal an den Unschuldigen. Aber sobald sie's erkannt hatte, war sie die erste, Abbitte zu thun, auch vor dem Kinde, wenn ihre Heftigkeit sie hingerissen. Alles glich doch in letzter Instanz ihre unwandelbare Treue aus – wir wußten doch alle: »Ein treueres Herz giebt's nicht.« Was sie für Recht einmal vor ihrem Gewissen erkannt, das focht sie durch mit aller Energie und Rücksichtslosigkeit, und Furcht vor Menschen kannte sie nicht. Sie sagte offen ins Gesicht, was sie dachte. Aber nie hat sie hinter dem Rücken eines Menschen geredet, und es auch nie gelitten, daß es vor ihr geschah.

So hat sie in uns den Sinn für Autorität, aber auch den Widerstand gegen jede Willkür, den Haß gegen alles Gemeine und Unedle, die Selbständigkeit des Wollens, mit einem Wort den Charakter und Willen in uns gepflegt und gestählt. –

Was beide Eltern aber uns wurden, als ihnen das Licht des Evangeliums heller aufging, und welch stiller, innerer Frieden nach schweren Kämpfen ihren Lebensabend vergoldete, welche überströmende Liebe und Milde aus dem verwitweten Mutterherzen floß – der selige Heimgang beider – das gehört in eine andere Zeit und an einen andern Ort, Nur so viel: soll ich den süßesten Teil meiner Jugenderinnerungen nennen, so wie er jetzt verklärt und abgeklärt vor meinem innern Auge steht, die beste Habe und Gabe fürs Leben, so schließen ihn die beiden Worte ein, die alles sagen: Vater und Mutter!

Viertes Kapitel

Buntes Leben und Treiben im Hause. Gute Freunde und Nachbarn und dergleichen. Haus- und Tischregeln. Die normannische Bonne. Die Großmutter in der »wunderschönen Stadt.«

»Mit einer Kindheit voll Liebe kann man ein halbes Leben hindurch für die kalte Welt haushalten« – sagt ein Dichter. Und hat er nicht recht? Gewiß 's ist gut, wenn der Lebensmorgen nicht weichlich linde, sondern frisch wie ein Frühlingsmorgen ist; aber deswegen braucht in ihm doch der kalte Reif nicht herabzufallen, der der Blume schon im Aufblühen einen Knickfang fürs Leben giebt. Liebe und Licht haben auch uns gegrüßt am Anfang des Lebens. So klein die Stadt damals war, so barg sie doch eine Anzahl trefflicher und bedeutender Männer, die weit über sie hinaus wirkten. Dichter, Maler, Architekten und Gelehrte, Musiker fanden sich zusammen. Jung-Stilling und Hebel, der allemannische, unvergleichliche Dichter und Erzähler, Weinbrenner, der in seiner Art geniale Architekt, waren kurz erst gestorben, aber andere an ihre Stelle getreten. Noch erinnere ich mich wohl des Kränzchens »der alten Garde,« zu der die alten »Römer« gehörten, d. h, die in Italien ihre Jünglingsjahre verlebt, wie Hübsch, Kachel, Eisenlohr u.a., die mit ihren Frauen regelmäßig zusammen kamen, reihum im Hause. Die großen Portefeuilles wurden geholt, das Neueste in Kupferstich und Malerei gezeigt, hier eine Skizze eines Bildes, dort eines Baues oder Medaillons, kurz jeder gab das Beste. Nach dem Essen wurden Schreibspiele gemacht, Frage und Antwort aufgeworfen und gegeben – noch habe ich etliche der besten aus jener Zeit aufbewahrt, voll Geist und Leben. Dann geschah es wohl, daß einer der Freunde beim Punsch improvisierte. Wir Kinder wurden zwar, nachdem wir unsere Duetten gesungen, wieder abkommandiert ins Bett, lauschten aber doch verstohlen an der halboffenen Thür. Wir bewunderten nur den genialen Mann mit dem schönen, interessanten Kopf und dem langen, wallenden Haare, wie der Verse machen konnte ohne sich weiter zu besinnen, und schnappten nur da und dort ein Wort auf, von denen mir eines geblieben ist als er das »Frauenlob« sang:

Die beste der Frauen
Soll jeder in seiner eigenen schauen.

Das machte auf mich unverstanden einen tiefen Eindruck, und kann heuer nur nach vierzig Jahren sagen: der Mann hat vollkommen recht gehabt.

Daß wir aber früh schon vor andern musizieren und singen mußten, das kam nicht daher, daß die Eltern mit uns paradieren wollten, sondern um uns unbefangen inmitten der Menschen zu erhalten und die Ziererei uns abzugewöhnen. Sodann aber wollten sie uns den Sinn einpflanzen, daß jedem Recht eine Pflicht entspreche, d.h. also nur unter der Bedingung das Vergnügen, daß man selbst etwas dabei leiste und beitrage. Nichts war der Mutter verhaßter als Sentimentalität, Egoismus und dergleichen. Wenn sich da einer in Gesellschaft so hinsetzte als der »große Unverstandene« und an sich die Leute vorüberziehen ließ, als sei er eigentlich viel zu gut für sie, oder sich niederließ mit dem Anspruche: »Bitte, unterhalten Sie mich nun gefälligst,« ohne auch nur selbst einen Finger dazu zu regen, oder sich so an den Thürpfosten aufhielt, gelangweilt und langweilend, – da war sie schonungslos darüber her. »Wenn man euch auffordert zu spielen oder zu singen,« sagte sie, »nur flugs dran und keine Floskeln: Ach, ich geniere mich u.s.w. Je länger ihr euch ziert, desto mehr erwarten die Leute, und 's ist doch nichts, was ihr könnt. Also frisch euer Lied gesungen und dann aufgestanden.« (Denn es giebt auch »Klebepflaster« am Klavier, die immer fortmachen, ohne daß man sie bittet.) Wir sollten's früh lernen, daß ein Mensch dem andern Freude machen soll. – Dazu halfen uns namentlich auch die Aufführungen an Vaters Namenstag (dem Karlstage) und andern festlichen Gelegenheiten. Die Größeren ersannen das Stück, sei's nun eine Charade oder irgend etwas, und die andern spielten mit. Da wurde Wochen vorher im Atelier geschneidert und gepappt, Ritterrüstungen fabriziert, alles auf den festlichen Tag hin. Was wurde da nicht von Sinn und Unsinn zusammen gebraut! Nichts macht aber so los von der Befangenheit, als eine Rolle spielen. Daß wir nicht übermütig wurden und vom Lobe nur sehr homöopathische Tropfen bekamen, dafür sorgte die Mutter treulich.

Ebenso hörten wir in der Jugend viel und gute Musik. Die Eltern hatten damals den ersten und einzigen Streicherschen Flügel aus Wien, und so kamen Künstler von Rang zu den Eltern, und noch erinnere ich mich des Abends, wo Spohr und Strauß mit einander spielten. Quartette und Trio's, auch das Septuor von Beethoven, altitalienische Sachen für Chor wurden aufgeführt, und nach der Musik hieß es: »Kinder, ins Bett.« Kurz, wir fühlten den Odem einer geistigen Welt. Es bezeichnet die Mutter ganz, wenn sie mich als vierjähriges Kind, als erstes Gedicht Schillers »Hoffnung« auswendig lehrte und ich die unverstandenen Worte aufs ernsthafteste recitierte. Waren doch damals Jean Paul und Schiller ihre Lieblingsdichter, und konnte Vater die großen Balladen Schillers fast alle auswendig! Ach, welcher Schauer durchging uns, wenn er den Taucher deklamierte! Und welches Lachen, wenn er den Kaiser und den Abt von Bürger unter einem großen weißen Tuche vortrug, aus welchem ein Anderer mit den Händen hervorgestikulierte!

Wie sich doch die Erinnerung anheftet an allerhand Nägel! So steht, wenn ich einen farbigen Lampion in einem Garten sehe, mir immer noch der Jubiläumstag, da der Vater sein 25 jähriges Jubiläum als Professor feierte, vor Augen. Unten im Garten standen seine Schüler aus alter und neuerer Zeit, jeder einen Stock mit farbiger Lampe tragend, ein vierstimmiger Männergesang tönte herauf – auf rotem Seidenpapier war das Lied gedruckt, davon mir nur das Wort geblieben, das drin vorkam (nach der Melodie: Heil dir im Siegerkranz):

Er wandle froh die Bahn,
Künstler, Freund, Biedermann.
Er lebe lang und hoch!
Er lebe hoch!

Wir Kinder schauten im Nachthemdchen oben herunter – ich wußte nicht, um was es sich handelte. Ich sah nur die Thränen im Auge des Vaters und fühlte, daß es heute abend wieder einmal »herrlich« gewesen.

Auch eines großen Maskenballs entsinne ich mich. Alle Freunde und Verwandte des Hauses sah ich plötzlich in anderer Gestalt. Die Tante, die sonst braune Haare hatte und gewöhnlich eine große Haube trug, sah aus wie eine Fürstin, war mit einem Male schneeweiß von Haar und hatte eine Krone auf, und der Herr Baurat sah aus wie ein spanischer Ritter – und die Mutter kannte ich vollends gar nicht mehr, denn sie hatte eine Maske auf. Aber als wir zu Bette lagen, da kam sie wie immer, that die Maske ab und küßte uns und ließ uns unser Gebetlein sagen. Das versäumte sie nie, mochte sie hingehen wohin es war. Ich war so froh, daß das doch unsere Mutter wieder war unter der häßlichen schwarzen Maske – und lange mußte ich drüber nachdenken, warum denn die Menschen auf einmal so anders gekleidet gewesen wären an diesem Abend? Von den »vier Tanten,« die damals in unser Haus kamen, steht in den »vergangenen Tagen« des Mehreren zu lesen, und was dazumal Bruder Lindemann geleistet. Ich kann sie nicht alle nennen »die Völker,« die damals durch unser Haus gingen; ich weiß nur, daß wenn die Rouleaux im »schönen Zimmer« gelüftet wurden und das gelbe Plüsch-Kanapee zum Vorschein kam, das bedeutete immer einen Gast. Nur die Namen von Thorwaldsen, Rauch, Cornelius, Schwanthaler, Karl Rottmann sind mir noch geblieben.

Von Zeit zu Zeit kam auch Großherzog Leopold zum Vater, welcher an dem Fürsten mit außerordentlicher Liebe hing. Als derselbe noch Markgraf war, war er oft Wochen lang mit ihm in Baden und Ebersteinschloß. Vater erzählte mit besonderer Liebe von jener Zeit, als einer hochpoetischen und idyllischen. Kam der Großherzog, da spannten wir alle darauf, ihn zu sehen und ihm die Hand zu geben. Einmal nahm er Einen von uns lange auf den Arm, und noch heute ist's ein Friedenszankapfel, ob Bruder Max oder ich die Ehre hatte, auf dem Arm des gütigen Fürsten zu sitzen und ihn, auf seinen großen Stern auf der Brust weisend, zu fragen: »Was hast denn du für ein schönes Ding da?«

Trotz all der Unruhe des vielen Besuchs wußte doch die Mutter die Hausordnung mit fester Hand aufrecht zu erhalten. Ging's noch so spät in die Nacht hinein – deswegen wurde des Morgens keine Viertelstunde länger geschlafen oder so »nachgeduselt.« Jedes mußte wieder an seinem Posten sein. Das kalte Waschen des Morgens von Kopf bis zu Fuß war zwar nicht eines jeden Passion, aber es wurde keinem geschenkt. Zu Weihnachten hatte jeder ein großes Zinkgefäß bekommen, worin man stehen konnte, um sich zu begießen, und wurde auch jedem auf die Wanderschaft zur Universität später mitgegeben. Wir nannten das Ding »Suwaroff,« von jenem russischen Generalissimus, der sich angesichts aller seiner Reußen des Morgens mit eiskaltem Wasser übergoß. – So großen Widerwillen die Mutter vor allem ärztlichen Personal hatte, so fleißig dokterte sie doch selbst und führte allerhand »Verbesserungen« ein. Unter anderem gab's statt des »gefährlichen« Mokkakaffees des Morgens »Fruchtkaffee,« ein ziemlich elendes Getränk, und nur an Sonn- und Festtagen »wirklichen« Kaffee. Auch wurde versucht, einen Winter hindurch einer dicken Mehlsuppe des Morgens Eingang zu verschaffen. Da wir uns aber beklagten, daß wir in der Schule »ganz dumm von der Suppe seien,« so wurde sie wieder abgeschafft. – Die Mutter hielt den Magen für den empfindlichsten Teil des menschlichen Körpers und hielt die Strafen, die in die Magenwände eingeschrieben seien, für die unvergeßlichsten. Wenn darum einer etwas pecciert hatte, so wurde ihm das Fleisch zu Mittag oder das »Dessert« entzogen. Aber das Entziehen war nicht das Schlimmste, sondern daß man zusehen mußte, wie die andern so vergnüglich speisten. Bei größerer Bosheit gab's auch manchmal gar nichts. Sonst aber mußte alles gegessen werden, was auf den Tisch kam, und wehe dem, der ein Gesicht zog oder Miene machte, nichts von einer Speise essen zu wollen. Es giebt ja so allerhand im Küchenzettel, was von einem Kindermagen nur mit »Hindernissen« verzehrt wird. Wir sollten uns aber gewöhnen, nichts »schlecht« zu heißen, was der liebe Gott habe wachsen lassen und froh sein, daß wir überhaupt etwas zu essen hatten, da wir doch noch gar nichts verdienten. Das haben wir dabei freilich gelernt, uns mit allem zu begnügen; denn 's ist nichts greulicher als ein wählerisches Kind, und später muß man doch im Leben so manchen andern harten Brocken und sauren Apfel hinunterschlucken, daß es schon gut ist, wenn man in der Jugend etliche Vorstudien dazu gemacht hat. Übrigens kam die Mutter doch später von diesen Prinzipien zurück, und der Jüngste, der Nesthocker, mußte es oftmals hören: »Ja, du hast's gut! das haben wir alle nicht gedurft!« Aber bei den Jüngsten wird man nachgerade schwach, oder man merkt, daß ein Kind eine Blume ist. Jede will anders gepflegt sein, die eine braucht fetten Boden, die andere magern, die eine braucht viel Licht, die andere kann's gar nicht vertragen, die eine braucht viel Wasser und die andere wenig, einige blühen schnell, die andern langsam – da gilt's eben Unterschied machen und nur so wird man gerecht, wenn man jeden nach seiner Natur behandelt. Ein anderes Kapitel war die Kleidung. Wir trugen gewöhnlich kleine Wämschen mit drei Reihen Goldknöpfen und im Sommer weiße Hosen aus »englisch Leder« und Schuhe, die ein schlimmer Schuster, der uns die Füße gründlich verdarb, fabrizierte. Trotz unseres Heulens wollte aber die Mutter den Mann nicht verlassen, da er viele Kinder hatte. Das Schlimmste aber war der Hemdkragen, der steif gestärkt war und breit sich über die Jacke legte – der »kratzte« nach allen Windrichtungen hin! Dann kam die andere Prozedur, das waren die Locken. Da mir alle mit einem üppigen Haarwuchs versehen waren, so wurde derselbe in Locken formiert und mußte abends vor Schlafengehen aufgewickelt werden in kleine lederne »Würstchen.« Das ging, wenn sie fest gedreht wurden, ohne Schmerz nicht ab; aber wehe, wenn einer sie sich verstohlen des Nachts aufmachte! Es zausten uns die Jungens an den Locken, die so versuchlich für eine Bubenhand herabhingen, wie des Nachbars Apfelbaum, der mit seinen Äpfeln herüberhängt. Kurz, die Lockenperiode war just keine der angenehmsten. – Um uns beizeiten alle Hoffart zu benehmen, wurden die Kleider und Schuhe der Älteren auf die Jüngeren vererbt, ohne Notar und Zeugen, und keiner freute sich der Erbschaft. Denn so einen Stiefel bekommen, vorn an den Zehen oder an der Seite mit einem Riester versehen, oder einen Vorschuh, der über den halben Stiefel lief, war keine Herzensfreude. Oder wenn so eine Hose etwas kürzer gemacht, und unten das Verdorbene wegoperiert wurde, dafür aber auf das Knie ein schöner, neuer Fleck oder »Blezzen« genannt, kam, welche Überwindung kostete es, damit auf die Straße zum erstenmal zu gehen! Ein Winterstück wurde besonders gehaßt. Das war ein lichtbraun-gelber Mantel, aus unverwüstlichem Zeug fabriziert, der oben einen roten Plüschkragen hatte und dem etwa zehn sich vergrößernde Kragen folgten. Das »Kutschermäntele« wanderte von einem zum andern und als Novität wurde oben der Plüschkragen erneuert und unten ein Kragen abgeschnitten. Jeder fürchtete den Augenblick, wo der »Unverwüstliche,« den die Mutter so sehr lobte, an ihn kam. Aber er hat uns alle ausgehalten, wir mochten ihn traktieren, wie wir wollten, der »Kerl« war stärker als wir alle. Ihn kümmerte kein Spott und keine Schmach, die die Buben auf ihn häuften, und auch der letzte von uns, der selige Otto, wanderte mit ihm in die Schule und streckte das verfrorene Näschen aus dem roten Plüschkragen fröhlich heraus.

Als wir 16, 14, 12, 8 und 6 Jahre alt waren, beschlossen die Eltern, um uns im Französischen zu üben, eine normannische Bonne anzunehmen. Zwar konnten wir's früher schon, da über dem Essen nur französisch gesprochen wurde, und jedes deutsche Wort einen halben Kreuzer kostete. Aus der Summa dieser »Strafkreuzer« wurde dann, wenn die Büchse voll war, ein Kuchen gekauft. Wenn wir merkten, daß das Ding zu langsam ging, wurde trotz des Abzugs am Monatsgelde noch öfters deutsch gesprochen, damit der ersehnte Kuchen käme. So erschien denn die Bonne, um uns völlig in die Geheimnisse der französischen Sprache einzuweihen und zugleich der Mutter an die Hand zu gehen, uns wilde Buben zähmen zu helfen. Sie war aus Cherbourg, dem nördlichen Kriegshafen, und schrieb sich Viktoire Langoulant. Was den ersten tiefen Eindruck machte, das war, daß sie eine große Haube mit goffrierten Spitzen trug. Außerordentlich lebhaften Temperaments, eine echte Französin mit tiefschwarzem Haar und Augen, sprach sie ein tadelloses Französisch; schnell in ihren Bewegungen, leistete sie in zähster Ausdauer was nur möglich war, und wurde dadurch der Mutter eine unentbehrliche Stütze. Aber sie hatte ihre starken Sympathien und Antipathien. Bruder Lindemann hielt sich bereits ihrem Regimente entwachsen, und Bruder Karl machte auch Miene sich loszumachen, fand es aber denn doch geratener, mit ihr Freundschaft zu schließen, und dabei besser zu fahren. Bruder Max war ihr Liebling. Dagegen hatte Schwester Bianca und ich den härtesten Stand und mein »ésprit de contradiction« zu deutsch »Widerspruchsgeist« wurde auf die härteste Probe gestellt. Auch bei ihr gab es Prügel und Ohrfeigen. Sie hatte ihre absonderlich schlimmen Tage; das waren die, wo sie das größte Exemplar von goffrierter Haube aufsetzte. Dann ging man ihr möglichst aus dem Wege. War aber eines krank, gab's keine sorgsamere Pflegerin; kein Schlaf kam in ihre Augen, und den Jüngsten, den sie noch in der Wiege antraf, verzärtelte sie mit mütterlichster Liebe. Zwei von uns hatten das Scharlachfieber, und mir wurden, damit mir die Sache auf einmal abmachten, alle zu einander ins Zimmer gesteckt. Aber wir kriegten's eben doch nicht alle und wurden abgesperrt. Da wurde durchs Schlüsselloch korrespondiert mit Zetteln, und Viktoire vermittelte liebevoll den Verkehr. Für ihre Ohrfeigen suchten mir uns aber zu rächen. Im Winter war sie nämlich äußerst empfindlich gegen die Kälte, und legte sich regelmäßig einen mit heißem Wasser oder Sand gefüllten Krug ins Bett. Der galt als Angriffspunkt. War sie »böse« gewesen, so wurde ihr der Pfropfen des Kruges sachte aufgedreht, so daß er nur lose saß. Sprang sie ins Bett, wie sie immer that, so ging bei der leisesten Berührung die Geschichte auf und das heiße Wasser oder der Sand lief ins Bett. Wir thaten, als schliefen wir, bloß um den entscheidenden Moment noch abzuwarten. Dann aber untersuchte sie, legte ihr Ohr fest aufs Gesicht eines jeden, um zu hören, ob er wirklich schliefe. Das war allemal gefährlich, wie in der Fabel, da der Bär sich über den sich totstellenden Freund legte. Platzte einer heraus, so war's um ihn geschehen. – Wenn Gesellschaft war, hielten wir uns gern noch in der Küche auf, um irgend eine warme Kartoffel zu erwischen und mit ihr ins Bett zu gehen. Wehe aber, wenn sie uns dabei ertappte! dann rief sie den Mägden in ihrem gebrochenen Deutsch zu: »Was schaff' die Kinn' in die Küch? Die Kinn' krieg ihr Sach in die Stubb' – die Kinn' muß in die Bett! Allons! vite, vite!« – Die Mägde lachten und brachten uns noch Kartoffeln ins Bett, das war eine Freude! – Fünf Jahre blieb die Normännerin bei uns, und wir haben ihr unser bißchen Französisch und auch allerdings strenge Zucht zu danken. Als sie in ihre Heimat zurückgekehrt war, wurde sie Superiorin der barmherzigen Schwestern an dem großen Seespitale. Dort in der Stille mußten ihr manche »Unthaten,« die sie an uns verübt hatte, eingefallen sein, denn sie schickte die schönsten Sachen, prächtig aufgetakelte Schiffe, Kommoden mit Muscheln, kurz was ihre Liebe nur ersinnen konnte. Sie pflegte einmal in ihrem Spital einen schwerkranken Schiffskapitän, der sie zum Dank heiratete. Im Jahre 70, als der Krieg ausgebrochen, schrieb sie uns: wenn wir je nach Frankreich kämen, dann möchten wir doch daran gedenken, daß sie uns erzogen und mit ihren Landsleuten säuberlich fahren,« was auch der Verfasser im Kriege redlich gethan hat. Die Viktoire bleibt als ein Hauptaktenstück in unserer Erinnerung eingeschlossen, mitsamt dem Heer der Köchinnen und Jungfern; wir begriffen erst später die Mutter, als sie einmal sagte: »Sie freue sich schon deswegen herzlich auf den Himmel, weil es keine Mägde mehr dort gäbe.« – Nun noch zu einem andern Stück Jugendland, das mit zum Besten gehört – zur wunderschönen Stadt Straßburg, der Großmutter und den Verwandten drin. Die heurigen »moralischen Elsaßeroberer,« die jetzt drin sitzen, wollen zwar nichts von der »wunderschönen Stadt« wissen und können mit aller Mühe das Wunderschöne nicht drin herausfinden. Das kommt aber daher, daß sie keine Großmutter und keine Jugenderinnerung drin haben.

Wer, wie wir, aus der gradlinigen Fächerresidenz kam, und noch dazu etwas Poesie im Leibe hatte, für den war das alte Straßburg mit seinem Münster, seinen engen Gassen und Gäßlein, den hohen Giebeln und Türmen und Erkern, von denen freilich jetzt viele verschwunden, der Inbegriff alles Schönen. Was ließ sich da für unsre Bubenphantasie »hineingeheimnissen.« Dazu war das Volk damals noch ein kernfestes, biederes, fast ganz deutsches, die richtigen »Steckelburger« der freien Reichsstadt, und wenig berührt vom welschen Wesen. – Dort wohnte die Großmutter, nahe bei der »Treljerkirch« (Aurelienkirche), wo der Großvater einst in hohem Ansehen und vieler Liebe bei den »Gartnern« gestanden. Erzählte mir doch vierzig Jahre nach seinem Tode noch ein alter Förster im Breitschloß, wie er als Kind mit seinen Eltern alle Sonntage zwei Stunden weit gegangen sei, um den Pfarrer »Chambs« predigen zu hören. Der Großvater war längst gestorben, als ich geboren wurde, doch besitze ich von ihm ein Patengeschenk, ein silbernes Besteck, das er meiner Mutter als Mädchen gab für ihr erstes Kind, wenn sie sich einmal verheirate. Die Großmutter war in ihrer Jugend von ausnehmender Schönheit. Noch haben wir zwei Bilder von ihr von berühmten Malern aus der Revolutionszeit in Paris gemalt. Wie sie dort dem Großvater beigestanden, ihn einmal von Danton, der ihn bereits schon unter die Opfer der Guillotine in die berüchtigte Conciergerie geworfen, mit den Worten herausforderte: »Citoyen Danton, je te dis, ce n'est pas sa place« – »Bürger Danton, ich sage dir, 's ist nicht sein Platz hier« – das steht auch wieder in der »Familienchronik.« Ich mochte etwa vier Jahre alt sein, als ich zum erstenmal mit der Mutter nach Straßburg kam, zum Besuch der Großmutter. Der Leibkutscher Hofmann kam mit dem breiten Reisewagen des Morgens früh. Es wurde Abschied genommen, als ob's eine Reise um die Welt gelte, alle Verwandten waren da und wurden der Reihe nach geküßt. Über Rastatt und Stollhofen nach Kehl ging's und dann über die Schiffsbrücke, und drüben stand die erste Rothose, der französische Soldat, Posten. Dann kam der Paßkapitän und prüfte den großen Paß der Mutter, dann wurden die Koffer von den Douaniers sorgsam visitiert. Die Mutter hatte eine besondere Abneigung gegen die Zölle und war sehr fürs Schmuggeln kleiner Sachen, darum pochte ihr immer etwas das Herz bei der Douane. Ich hatte gehört, daß einmal eine Dame arretiert worden war, die mehrere hundert Ellen Seide sich um den Leib gewickelt hatte. In einer Separatstube wurde die arme Frau aufgewickelt. So stand ich denn jedesmal Angst aus, wenn's nach Straßburg ging, es möchte am Ende auch einmal die Mutter aufgewickelt werden. Dieser Kindesangst habe ich es zu danken, daß ich nichts schmuggle. Aber 's ist vornehmlich eine Liebhaberei der Frauen. Auch die Tante in Strasburg ließ uns nie heim, ohne irgend einen schmuggelhaften Gegenstand mitzugeben, und wenigstens die günstige Gelegenheit zu benützen, einem, wie wir's nannten, einen »Buckel« aufzuhängen, der bald in kleinen Dingen, wie Socken, die sie für uns gestrickt, oder auch in Matratzen und Bettpfulben bestand. – Endlich rollten wir durch die Thore Straßburgs. Die finsteren Gewölbe, die rasselnden Zugbrücken, die bärtigen Soldatengesichter, wie unvergeßlich ist's einem! In der Austerlitzergasse Nr. 16 wurde Halt gemacht, da wohnte Onkel und Tante, die Schwester der Mutter, mit ihren sieben Buben und zwei Mädchen. Die stürzten alle herunter in die enge Gasse aus dem alten Kaufmannshause, in welchem ein Spezereiladen war, ein ganz natürlicher, kein nachgemachter, mit welchem wir spielten. Nach kurzem Gruß ging's dann zur Großmutter in der Elisabethgasse. Ach, ich könnte das Haus noch zeichnen, wie's aussah, bin auch später in alten Jahren hineingelaufen, aber 's war nicht mehr so. Unten wohnte damals ein Küfer, der seine Faßdauben im Hof in großen Türmen aufgestellt hatte, alles roch nach frischem Eichen- und Tannenholz; oben wohnte die Großmutter. Um den innern Hof lief ein breiter, gedeckter Holzaltan, auf welchem Blumentöpfe mit Nelken und der Hauswurzel standen, dem probaten Mittel gegen Hühneraugen. Dann führte ein Gänglein, mit roten Backsteinen gepflastert, hinein in die heimeligen, niedrigen Stuben der Großmutter. Wie traulich war's da drin! Das große Himmelsbette, darin Mutter und ich schlafen sollten, schneeweiß gedeckt, alles so blink und blank; die schwarzen Silhouettenbilder der ehrbaren Vorfahren an der Wand, der Spiegel, hinter dem die Rute, mit rotem Seidenband versehen, schon vorsorglich und bedrohlich winkte. Der Abend lag schwer über der Stadt, da fing im Münster an die tiefe Glocke zu läuten. Wie sie hinschallte, weithin rufend die Leute, die sich vor den Thoren herumtrieben, hereinzukommen, ehe sie geschlossen würden! Der tiefe, wunderbare Glockenton, ich habe ihn immer summen hören. Wie viel solcher Glockentöne klingen aber hinein ins Kindesleben! Aber einer haftet tiefer als der andere. – Die Großmutter war noch trotz ihres Alters und schweren, bewegten Lebens ungemein lebendig. Die milden blauen Augen, der rosige, liebliche Mund und die schöne, weiße Hautfarbe machten sie so lieb und anziehend. An der Hand der Magd mit dem weißen Straßburger Häubchen, dem Mieder mit den goldstrotzenden Schmelzblumen, den weißen bauschigen Hemdärmeln, den grünen Unterröcken mit den roten Streifen dran, und den langen Zöpfen, die in seidenen Bändern ausliefen, ging's morgens zu dem Bäcker, die frischen Sonntagsbrote zu holen. Der Laden war immer voll, die Neuigkeiten wurden ausgekramt, wie des Abends am Brunnen, wo das Mädchen in dem schönen, bronzierten Kruge mit dem Zinndeckel oben Wasser holte. Das war eine neue Welt für mich, dies gemütliche, harmlose Leben der freien Reichsstädter. – Dann kam die »Herde« Vettern, mich abzuholen zur Austerlitzgasse. Sie trugen alle gestreifte Blousen, was mir besonderen Eindruck machte. So wild die Buben waren, so mild war das eine Mädchen, an das ich mich mit innigster Liebe anschloß: die kleine Elise. Ein ätherisches Kind mit sanften, schwärmerischen Augen, aber die Frühreife und den Todeskeim schon in sich tragend. Wir verstanden uns gar zu gut, und es war der erste Schmerz in meinem jungen Leben, als das holde Kind starb. Lange konnte ich mich nicht trösten. – In dem Onkelshause aber war's wie für einen Buben gemacht. Da standen in dem dunklen Magazin die Syrupfässer und die großen Ballen von Mandeln. Die Vettern wußten (mehr als gut war) Bescheid, wie man das Syrupfaß anbohren und den Mandelsäcken so ein unversehenes Loch beibringen und sich dann aus dem unerschöpflichen Schatze »nachquellen" lassen konnte. Am Werktage saßen die Kontorherren in dem engen Gewölbe an großen Büchern, draußen standen die »Ladenschwengel" und verkauften, und wir trieben uns zwischen ihren Füßen durch. Aber am Sonntag war alles totenstille, oben im großen Salon feierliches Mittagessen und zum Dessert kamen Datteln und Feigen und Rosinen und die bereits gekannten Mandeln. Das haftete tief, denn so was gab's zu Hause nicht. – Oben im Hause wohnte noch eine alte Großtante, die Tante Gretel. Hoch in den 80ern, war sie schon kindisch geworden und führte ein Pflanzenleben, treulich gepflegt von der Tante unten, die sie als Erbstück überkommen hatte. In einer schweren Krankheit, von der man nicht glaubte, daß sie davon sich erholen würde, roch sie plötzlich von unten herauf den Fettdampf ihres Leibgerichts, eines Schweinebraten. Schnell zog sie sich an, kam die Treppe herunter gewackelt und sagte: »Ihr hen e Schwinebrätl, warum sagen 'r 's denn nit?« Und sie aß und – genas und lebte noch etliche Jahre. – Vor den Thoren der Stadt wohnte die Jugendfreundin der Mutter. Auf der Insel Wacken, die große Lohgerberei Herrenschmidt, mit den vielen großen Lohhäufen und den vielen Buben im Hause – das war ein drittes Eldorado in Straßburg. Tante und Onkel nannten wir die beiden Alten, und ich war auch um einen Traum ärmer, als ich erfuhr, daß sie keine eigentlichen Onkel und Tante waren. Aber lieb hatte ich die beiden und fühlte mich wie ein Kind im Hause. Die früheste Erinnerung daran geht in die Julitage 1833. Da wurde auf dem Straßburger »Polygon« Feuerwerk zu Ehren der Juli-Revolution abgebrannt – Raketen stiegen, die mir wie glühende Kugeln vorkamen. Wir waren oben hinauf auf die Lohkäsdarren gestiegen. Papa Herrenschmidt hielt mich im Arm und zeigte mir die Kugeln und die Illumination. Das ist die tiefste, erste Jugenderinnerung gewesen außer der tiefen Glocke im Münster. – Dort auf den Lohhäufen wurde gekämpft im Spiel, Deutsche und Franzosen vorstellend. Am Sonntag nachmittag war's auf dem Wacken »voll von Buben.« Es wurde Kahn gefahren, die älteren Jungen bliesen das Waldhorn ganz hübsch, so war's denn idyllisch unter den herabhängenden Zweigen durchzufahren. Das alte Haus brannte einst ab, ein neues erstand, größer und schöner als das erste. Aber eine noch größere Wandlung sollte ich sehen. Vierzig Jahre darnach – und ich lag als preußischer Divisionspfarrer vor Straßburg mit meiner Division; das Feuerwerk am Himmel in dunkler Nacht wiederholte sich, die glühenden Kugeln galten der Stadt selbst, deren Brand die furchtbare Illumination war. Ich sah das Münster wie früher im Feuerschein; der Jugendtraum, der Kampf der Deutschen mit den Franzosen, war zur Wahrheit geworden. Ich kam zum Wacken, quer über den Garten, in welchem wir gespielt, lag die württembergische Batterie. Ich sah die Kirche, in der ich konfirmiert war, in Flammen aufgehen; der greise Pfarrer, der mich eingesegnet hatte, kam mit der Geistlichkeit unter dem Portal der Thomaskirche dem General von Werder entgegen – und ich, halb straßburgisch Kind, hielt die erste Predigt nach der Übergabe!

Fünftes Kapitel.

Der erste Schulgang. Allerhand Freundschaften. Festtage.

Ach wie herrlich, ach wie schön
Ist es in die Schule gehn!
Denn da lernt man lesen, schreiben
Und sich auch die Zeit vertreiben!

so singt's im Liede, von welchem namentlich der letzte Vers der schönste ist: »Und sich auch die Zeit vertreiben.« Wenn's so ums fünfte Jahr herumging, wurde man langsam auf die große Stunde vorbereitet, die schlagen sollte, »wenn's in die Schule geht.« Die Eltern stellten uns das als das höchste Glück vor Augen, aber das kleine Herz pochte oder wie's hieß »pokelte,« wenn's daran dachte, daß man nun heraus müsse aus dem stillen, traulichen Heim, dem süßen Nichtsthun vom Morgen bis zum Abend, wo man zuletzt auch des Spielens müde geworden. Es ist eine Ahnung im Kinde, daß mit dem Augenblick des ersten Schulgangs der Anfang einer Periode beginnt, in welcher sich zwei Mächte von nun an in das Kind teilen: Haus und Schule. Ein Teil der elterlichen Herrschaft geht an die Schule über – zum erstenmal ragt der Ernst herein ins Leben, und das Büblein erfährt's: das Leben ist kein Spiel. Menschen, die man nie gesehen, machen sich mit einem zu schaffen und üben eine Gewalt, die man sonst nur den Eltern zugestanden hat; sie greifen hinein ins Herz und Gemüt des Kindes, ach manchmal mit so rauhen, plumpen Händen! Ob nicht daher die Angst und der Widerwille des Kindes gegen die Schule kommen und die ersten, wahrhaft bittern Thränen dort geweint werden? – Bruder Karl, der die Sache schon erfahren, wußte von allerlei Schreckbildern aus der Schule zu sagen: von Däbslein mit dem viereckigen Lineal auf die Fingerspitzen oder auf die hohle Hand, oder von Hosenspannen mit dem spanischen Röhrlein – oder gar »über die Bank gelegt werden« und vom Schuldiener regelrecht fünfundzwanzig auf den gepolsterten Teil des menschlichen Körpers gezählt bekommen! Zum Trost begleitete uns die Mutter, den Taufschein in der Hand und den Kronenthaler für die Bibliothek in der Tasche, dem damaligen Direktor, dem ehrwürdigen Kirchenrat Zandt, uns vorstellend. Mir schlug das Herz wie bei einem Gerichtstermin. Dann ging's hinunter in die Klasse, in die »Duodecima« oder »infima« – wo der Duodezschüler beim Rate König erschien, der im blauen Frack mit Goldknöpfen und weißer Halsbinde auf dem Katheder saß und die Mutter ehrerbietig begrüßte. Schon viele Buben saßen da auf den kleinen Bänken, jeder mit Schiefertafel und Abc-Buch mit dem Gockler vorne drauf. Die Mutter sprach noch etwas insgeheim mit dem Rate, küßte mich und ging fort. Ich hätte laut aufschreien mögen, wenn ich nicht die vielen Buben angeschaut hätte, die diesen Schmerz schon überwunden hatten und sich gegenseitig anstaunten, sich hier zu finden. Die Mutter aber hatte dem Rat ein paar funkelnagelneue Kreuzer gegeben, die mir nach der Schule einzeln verabreicht werden sollten, als Lohn für das Aushalten. Der ehrwürdige Mann, Gott Hab ihn selig, ich segne ihn heute noch. Sein schneeweißes Haar und seine Liebe zu dem Häuflein der Kleinen hielt die beste Schulzucht. Der Verfasser ist schon lange der verkehrten Ansicht, daß in die untersten Klassen die alten Lehrer und in die oberen die jungen gehören und man hat ihn darum auch nirgends zu einem Provinzialschulkollegium vorgeschlagen. Denn mit kleinen Kindern wissen junge Leute zumeist nichts anzufangen, sie sind ihnen zu klein, da fahren sie hinein in die Kinderwelt wie der Hans von Rodenstein in den Odenwald. Zumeist verstehen sie auch keine Zucht zu halten und nehmen zum Prügel ihre Zuflucht. Das ist aber ein schlechter Schulscepter. Sodann wechseln die jungen Lehrer unten und streben weiter, fort von den Abc-Schützen und dem mensa, mensae – und alle halb Jahr flickt ein anderer Lehrling an den Kindern herum. Das ist aber der größte Schaden. Zum Fundamentlegen nimmt man keine Lehrlinge, sondern bewährte Altgesellen, denn wenn's unten nicht taugt und fest ist, fällt oben die ganze herrliche Geschichte ein. Darum unten so stabil wie möglich. Die heilige Ruhe, der kindliche Sinn eines älteren, selbst greisen Mannes, wie thun sie dem Kinderherzen wohl! Gerade so wohl, als wenn's, wie oben, beim Großvater ist. – Aber das gilt als eine verrückte Ansicht, denn es ist ja heute die Hauptsache, daß der Mensch nicht früh genug zum Greis werden kann, und so mancher (nicht alle) »grasgrüne Herr Lehrer,« der frisch von den Seminarbänken eintrifft und dort vielleicht gar noch »Corpsbursche« gewesen, kommt dann über die Flachsköpfe in der Dorfschule, und wirtschaftet wie ein Haarkräusler in den Köpfen herum, daß es zum Erbarmen ist. –

Item: Ich hatte das Glück, als Lehrer einen lieben Greis zu haben, der unter uns wie ein Vater wandelte. Wir lernten das Abc und Rechnen vortrefflich. Arbeit und Erholung gingen Hand in Hand; merkte er, daß unser Kopf abgelaufen war wie ein Fadenwickelein, dann erzählte er eine Geschichte. Am Schluß der Schulstunde gab's für die Braven einen neuen Kreuzer, mit dem wohlgemeinten Rate: »Kauf dir dann und wann einen Kreuzerweck dafür, gieb aber ja nicht alles auf einmal aus.« Rief einer: »Herr Rat, mein Feder geht gar nit,« dann antwortete er: »Mußst sie halt führen.« Am Schluß des Schuljahrs kam das Examen. Da wurden wir alle im Sonntagsstaat hinaufgeführt in den großen Saal. Die Lehrer saßen ernsthaft im Kreise unter der großen Tribüne, an der Helm und Palmen als bedeutungsvolle Zeichen angebracht waren. Die Primaner, diese »herrlichen Jünglinge« schon mit dem Flaum um den Mund, schauten mitleidig auf uns »Frösche« herab (denn das Lyceum wurde der »Teich« genannt und die Lehrer höchst unehrerbietig »Teichphilister«), die Reden wurden gehalten vom Herrn Direktor und dann aufsteigend von den Kleinen bis zu den Großen, – die, o Staunen! »Selbstgemachtes« vortrugen, während wir Kleinen hersagten, was »im ersten Lesebuch« stand, z. B.:

Ein Knabe aß, wie viele Knaben,
Die Datteln für sein Leben gern etc.

Die Kleinen hielten sich krampfhaft an der Stuhllehne fest, aber die Großen standen oben und redeten da frisch herunter. Dann kam die Hauptsache: die Prämien. Auf einem weißgedeckten Tisch lagen die Silbermünzen, immer größer werdend mit den Klassen. Der Direktor las die Preisträger. Atemlose Stille. Die armen Abschnapper, vor denen die Thüre gerade vor der Nase zuschlug, oder die mit einem »Laude dignus« als einem blauen Auge, davon kamen! Die große Masse aber kriegte, in großen Waschkörben beigeschleppt, ein ungeheures Milchbrot, welches der barmherzige Schuldiener ohne Unterschied der Konfession und des Fleißes jedem austeilte, in den Klassen, wo der Magen noch nicht mit der »Wissenschaft« sich sättigt. Eine von all den möglichen »kriegbaren« zwölf Prämien hat der Verfasser erobert, die kleinste Ausgabe, eine Jungfrau, die einen Knaben zum Sonnentempel führt. In den späteren Jahren wurde er nur mit Milchbroten bedacht, und zuletzt bekam er gar nichts mehr und war froh, wenn er nicht hinten abschnappte, d.h. nicht sitzen blieb. Wie glücklich waren andere, denen ihre Eltern im voraus eine ganze Schachtel hatten machen lassen zum Ausfüllen, und die alle Prämien errangen! Einmal wäre es mir fast gelungen, als Fünfter einen Preis zu kriegen, da fiel aber just ein Hungerjahr über die Prämien, das Silber war schlecht geraten, und ich fiel durch. Da beschloß ich, von nun an mich mehr in der goldenen Mitte zu bewegen. Wie viel habe ich aber all' den Lehrern zu danken, und wie war's mir zu Mute, als ich an derselben Anstalt später neben den verehrten Herren Lehrern saß und selbst eine Rede von der Rostra herab hielt! –

Neben unsrem Rate König lehrte noch der Rat Koch, ein ebenso würdiger Mann, der Lehrer Sütterlin, ein gemütvoller Oberländer, der immer mit seinem großen Federrohr erschien und die »Examenschriften« schreiben ließ, und Foßler, der tapfre Rechenmeister! Ja, du liebe Zeit! Wenn nur das Kopfrechnen nicht gewesen wäre, das er aus dem ff verstand! Er wußte ja doch schon, wie viel's machte, und wir mußten's für ihn ausrechnen! Viele der Lehrer sind heimgegangen, aber die noch leben, die grüße ich aus Herzensgrund, und bitte ihnen alle meine Dummheit und Bosheit herzlich ab! –

In der Schule gab's nun allerhand Gesellen. Man schließt sich zu dieser Zeit so frisch und rückhaltslos an und frägt nicht viel, woher einer ist, noch ob sein Vater von Adel oder ein Schneider ist. Mich zog's unter anderem auch zu einem hinkenden Judenknaben, der »krumme Elias« genannt. Sein Vater war ein alter Trödler und ein strenger Jude. Der Elias aber hatte eine prächtige Sopranstimme, ich sang Alt und das verband uns. Ich ging auch einmal mit ihm nach Hause, da war alles Mögliche aufgestapelt, Teppiche, Vasen, Waffen, was mich höchlich interessierte. Am allerschönsten war's aber, als mich der Junge überredete, am Freitag Abend zu ihm zu kommen. Wie der greise Vater unter Gebeten die messingene Lampe ansteckte, und wie alles feierte! selbst der Lumpenkram hatte etwas Sabbathliches. Oder wenn Laubhüttenfest kam und wir draußen saßen unter der schnell gepflanzten Kürbislaube und Wein mit Wasser tranken! Auch in die Synagoge kam ich bei dieser Gelegenheit zum Mitsingen, und sah hinunter in den halbfinstern Raum und hörte mit einem gewissen Schauergefühl das dumpfe Gemurmel. Der krumme Elias wurde später Künstler, ich hielt ihm Vorträge aus der Kunstgeschichte. Er ist übers Weltmeer gegangen und hat vielerlei erfahren. Aber er ist indessen ein tüchtiger, braver Mensch und ein treuer Christ geworden, und welche Freude ihn nach vierzig Jahren so wieder zu sehen! als einen Freund nicht bloß, sondern Bruder im Glauben. Welche Lebensgänge in auf- und absteigender Linie!

Die andern Freunde waren die »Nachbarsbuben,« mit denen man sich traf und spielte. So viel wir auch »auf« hatten, so war noch Zeit genug zum Spielen, und das muß ein Kind auch haben. Im Spiel kommt der Charakter zu Tage und schleift seine Ecken ab. – Sonst aber hatten wir noch Freunde, deren Eltern mit den unsern befreundet oder bekannt waren, die wir auch mit nach Hause bringen durften. An Sonntag Nachmittagen kamen sie oder wir zu ihnen. Es ging dabei ziemlich einfach her. Zu vier Uhr Butter, Brot und Äpfel, oder eine Schokolade, aber nichts von Kuchen oder gar Eis, wie heutzutage sich's die kleinen Herrschaften spendieren. Das fast »Unerreichbare« war, als einmal am Geburtstage eines Jungen »Merinkentorte« kam. Trotz des guten Appetits war doch das Essen Nebensache. Wir waren unsrer vier Brüderpaare, die zusammen hielten und im Alter uns entsprachen. Den Geist aber, der uns beseelte, kann ich nicht besser schildern, als wenn ich hier als Schluß eine Reisebeschreibung folgen lasse, die ich zu Nutz und Frommen reiselustiger, deutscher Büblein in die Zeitschrift: »Deutsche Jugend« seiner Zeit geschrieben.

Sechstes Kapitel

Per pedes apostolorum

Eine Bubenreise im alten Stil

O Wandern, o Wandern,
Du freie Burschenlust!

Oder wandert nicht alles in der Welt? Nicht bloß der ehrsame Handwerksbursche mit dem schweren Felleisen auf dem Rücken, aus dem die beiden Stiefeln, der eine ost-, der andere westwärts das Land mit dem Absatz beschauen; auch das Bächlein wandert aus dem dunklen Wald hervor durch Thal und Wiese bis zum Fluß, und dann in guter Gesellschaft ins weite Meer. – Und am Himmel wandern die Sternlein auf eigenen Füßen ohne Eilwagen und Eisenbahn, und wenn's um Petri Kettenfeier herumspringt, dann packt der Storch seinen Koffer und spricht zur Frau Störchin: »Was meinst du, Mutter, sollten wir nicht allgemach ans Auswandern denken hinüber nach dem schönen Afrika?" Und hinter ihnen drein zieht das Schwalbenheer mit schnellem Fluge und schafft sich aus dem Staube, ehe der Winter kommt.

Sollte sich's nicht auch im kleinen Büblein regen, einmal dieser Gesellschaft es nachzuthun? Als der Verfasser noch in der Septima saß und am heißen Sommernachmittag bei offenen Fenstern das Lied in der Singstunde studierte: Über Reisen kein Vergnügen, Wenn Gesundheit mit uns geht, Hinter mir die Städte liegen, Berg und Thal dann vor mir steht!

da ergriff es ihn mit wunderbarer Sehnsucht, und wenn er nicht so weit links ab von den Fleißigen gesessen hätte, die nah am Fenster postiert waren, wäre er fast auf Flügeln des Gesanges zum Fenster hinausgeflogen und hätte beim Scheiden nur noch gerufen: »Adjes, Herr Kapellmeister; nichts für ungut, aber ich muß fort, Ihr habt mir's angethan mit Eurem Liede.« Aber ich mußte leider sitzen bleiben und dem »Sitzenbleiben« habe ich den Teil der Wissenschaft zu verdanken, der nicht sitzen geblieben ist. Der Wandertrieb ist aber darum nicht gestorben, und wenn die Hundstage kamen, die daher ihren Namen haben, daß es selbst den Hunden nicht ums Studieren ist, oder der Herbst mit seinen Äpfeln und den goldenen Trauben, machte die Wanderlust wieder auf: »Da zog's in die Ferne mich mächtig hinaus.« Aber allein wandern, so mutterseelenallein, das ist auch nicht viel wert. Zu zweien will's auch oft nicht gehen; denn jeder hat seinen Kopf, und der eine möchte am Abend lieber in den »Storchen,« den er noch vom Brüderlein her kennt, der andere lieber in den »Ochsen,« den er öfters vom Herrn Professor im Gymnasium hat nennen hören, und da kommt der Streit; oder der eine will ein Gläslein Zuckerwasser und der andere dagegen hat einen lechzenden Durst nach Hopfen und Malz, – kurz, zu zweien ist's auch nicht angenehm. Gehen ihrer drei oder sechs Büblein aber miteinander, da findet jeder doch seinen Mann darunter, an den er sich anschließt, und in Eß- und Trinkwaren entscheidet die Mehrheit. Was der eine nicht weiß, das weiß der andere; fröhlich läßt sich's ein Lied anstimmen, und im dunkeln Wald fürchtet man sich nicht, weil ihrer »sechs Mann« wandern und einer stärkt den andern. So hat der Verfasser etliche Reisen in seinen Bubenjahren gemacht, und will in der heurigen schönen Sommerzeit zu Nutz und Frommen aller deutschen Büblein einiges daraus erzählen.

Eine Hundstags-Wanderung im Achteck und Dreieck

Von Baden-Baden nach Herrenwies, Hornisgründe und Mummelsee, Allerheiligen über Windeck nach Affenthal, Fremersberg und Baden

Es war im Jahr 1840. Drüben über dem Rhein krähte der gallische Hahn und schlug mit seinen Flügeln. Freund Becker sang damals sein Lied:

Sie sollen ihn nicht haben,
Den freien deutschen Rhein,
Ob sie wie gier'ge Raben
Sich heiser darnach schrei'n.

Das donnerte hinüber und die Rothosen gaben sich zufrieden.

Als das Kriegsgewitter verzogen war, kamen gerade die Ferien. In der guten Residenz war's so heiß wie in einem Backofen. Den Büblein war im Winter der Verstand bei der grimmigen Kälte beinahe eingefroren, und der kleine Rest, der noch geblieben war, drohte in der Hitze einzutrocknen; darum beschloß das Lehrerkollegium eiligst, ehe noch einer zu Schaden kam, das Gymnasium zu schließen. Der große lange Schuldiener, der Pontius hieß und mit Beinamen noch zum Überfluß Pilatus geheißen wurde, schloß die Thüren und sagte denen, die nichts mehr zu suchen hatten und in den Schulzimmern sich noch an den Tintenfässern versündigen wollten: »Fort, ihr Buben; wartet nur, daß euch das Mäusle beiß'! Ich sag's eurem Vater!« Alles stob hinaus und hinunter.

Wir waren unser acht junge Freunde, von vierzehn Jahren bis zehn Jahren herunter. Also in dem richtigen Alter, wo Sonne, Mond und Sterne nicht finster geworden (laut dem Prediger am 12.) und die Müller nicht müßig stehen, die Heuschrecke nicht beladen ist und der Mandelbaum noch nicht blüht – (rat einmal, was das ist!). Schon lange war uns eine Fußreise in Aussicht gestellt, wenn in dem Zeugnisse kein häßlicher Klex wäre (NB. nicht vom Herrn Lehrer herrührend). Als das Zeugnis sauber ausfiel, wenn auch nicht glänzend, weil der Herr Professor das Lob nur in Quentlein und den Tadel in Zentnern auszuteilen gewohnt war (oder laut Reichstag: in Milligrammen und in Kilogrammen), so wurde das Versprechen gehalten und nach gegenseitiger Abrede mit den Eltern ein Reiseplan entworfen, frei aus dem Gedächtnis ohne Bädeker. Eisenbahnen gab's dazumal noch nicht und das Fahren kostete viel Geld, aber das Reiten auf Schusters Rappen war gesund. Jeder bekam einen ganzen Kronenthaler, thut nach Adam Rieß auf Badisch 2 Gulden 42 Kreuzer und auf Preußisch 1 Thaler 16 Groschen. Damit sollten wir »die schöne Welt« besehen. Die Zusammenkunft wurde nach Baden-Baden schlag zwölf Uhr im Schloß am Vehmgerichtskeller festgesetzt.

Jeder hatte seinen Schulranzen neu ausstaffiert, hinten mit Schweinsborsten verpicht und den beiden Anfangsbuchstaben des Namens versehen, zum Reisegebrauch umgewandelt; das Schulzeugnis diente als Paß, und statt: »Nase proportioniert,« »Augen grün,« stand darin: »Lateinisch ziemlich befriedigend,« »Mathematik beinahe mittel-mäßig.« So gleichartig die Gesellschaft sonst aussah mit den kurzen Jacken und den weißen, herausgelegten Hemdenkragen, dem handfesten Stock, der so groß war, daß, wie bei des kleinen Dolobella großem Säbel man mit Cicero sagen konnte: »Wer hat dich, mein Kleiner, an diesen großen Säbel geschnallt?« – so gleichartig das alles auswendig war – so ungleich war doch inwendig die Gesellschaft.

Numero Eins, ein Generalskind, hoch aufgeschossen und hellblonden wallenden Haares, war der Altertumsforscher in der Gesellschaft. Jeden alten Stein betrachtete er und an jedem Knochen fand er etwas Interessantes. Er ging namentlich auf alte Ritterschädel, rostige Waffen und dergleichen aus. Vor alten Burgen brach er in Begeisterung aus, weil der Geist seiner Ahnen lebendig in ihm wurde. Weil er so sehr auf das Wühlen in der Erde erpicht war, hatte er den Namen Maulwurf empfangen, den er mit Ehren trug.

Numero Zwei war dagegen ein leidenschaftlicher Käfersammler und führte immer eine Spiritusflasche bei sich, die manchmal aufging, so daß er stark nach Branntwein roch. Jeden unschuldigen Käfer packte er am Kragen, wie ein Land-Gensdarm einen Malefikanten, und brachte ihn in seiner Schnapsflasche in Numero Sicher unter und notierte sich den Fall. Er hieß darum Spiritus.

Numero Drei war ein Poet und machte verstohlen Gedichte, gute und schlechte, wie es kam. Er brummte immer vor sich hin und konnte oft nur die Reime nicht finden. Er wurde kurzweg Schiller genannt,

Numero Vier war ein raffinierter Steinsucher, zu deutsch Mineralogus. Er führte ein Hämmerlein bei sich, ein Stemmeisen und einen Ledersack, worin er seine Fündlein aufbewahrte. Er schlug nicht bloß draußen in der Natur an jeden Kieselstein, sondern auch in manchen Zimmern an den Konsolen die Ecken weg – darob wurde er Steinmetz genannt.

Numero Fünf war ein Schmetterlingsjäger und ging stets mit dem Garn, einer Korkschachtel und mit Stecknadeln bewaffnet. Er war immer auf dem Sprunge und konnte in der Luft nichts fliegen sehen. Er wurde daher kurzweg Förster geheißen.

Numero Sechs war ein leidenschaftlicher Soldat. Er führte eine kleine Terzerole und ein Horn mit Pulver bei sich und schoß an den schönsten Stellen in die Luft, um das Echo zu probieren. Er trug auch einen Dolch im Tornister gegen etwaige Überfälle. Er wurde darum Wallenstein geheißen.

Numero Sieben und Acht waren Brüder, des Sanges kundig. Numero Sieben war noch nebenher ein Maler. Er zeichnete für sein Alter ganz leidlich. Seine Skizzen fielen zwar manchmal so aus, daß man nicht recht wußte, was es eigentlich war; aber ihm war's genug, daß er es wußte. Er wurde Raphael gerufen.

Numero Acht war ein Sänger und Trompetenbläser und trug eine sechsklappige Trompete an einer grünen Fangschnur. Er mußte die Signale blasen zum Sammeln, zum Essen, zum Geschwindschritt und an schönen Stellen etwas »fürs Herz« vortragen. Um seiner Musik willen wurde er Mozart geheißen.

Das war die Gesellschaft, von der man noch manches sagen könnte, wenn nicht des Verfassers bergischer Freund recht hätte mit dem Worte: »Allzu große Deutlichkeit schadet.« Der geneigte Leser möge nur die Namen sich ordentlich merken.

Der Tag war also festgesetzt und auch die Stunde, wie zu einem Gerichtstermin. »Also droben in Baden beim Vehmgericht,« lautete die etwas grausige Parole. Und man sah sie herwandern, den einen rechts, den andern links aus den Straßen kommend. Man schüttelte sich die Hände und begrüßte sich mit deutschem Gruß.

Der »Förster« hatte noch die Hälfte des Butterbrotes in der Hand und sein Mund glänzte ringsum von Fett, als ihn Schiller und Maulwurf aufmerksam machten, daß Butterbrot nicht am Platze sei, wo es sich um ein ehrwürdiges Altertum wie ein Vehmgericht handle, und er sich ganz andern Gefühlen hingeben müsse. Der Förster würgte schnell noch die andere Hälfte hinunter und sagte: »So, nun bin ich fertig für die Schauergefühle.« »Mozart« blies kurz noch einmal zum Sammeln, wiewohl wir alle beisammen waren, der Ordnung halber, und die erste Excursion wurde unter Leitung des grauköpfigen Hofbedienten gemacht. Die Wendeltreppe ging es hinunter, und wir kamen in einen großen Raum, der ringsum von steinernen Bänken eingefaßt war.

»So, meine Herrschaften,« sagte der Alte (der stets das Plusquamperfektum statt des Präsens gebrauchte), »das wäre also das alte Römerbad gewesen, wo die alten Römer ihre Wunden geheilt haben. Dies stammt von dem Kaiser Marcus Aurelius her, daher auch der Name Aquae Aureliae kommt. Hier traten sie hinunter, hier war Seife und wohlriechendes Öl. Denn was ein rechter vornehmer Römer war, der ölte sich den ganzen Leib ein."

»Darum riecht mein Julius Cäsar auch ganz nach Öl,« sagte Wallenstein, der einst die Öllampe über seinen bellum gallicum geworfen hatte.

Der Steinmetz zog sein Hämmerlein heraus und wollte eben an dem Römerbad experimentieren, als der Bediente rief: »Bst! Sie junger Herr, ob Sie das bleiben lassen! Wenn das der Herr Badfonds erfährt, geht's Ihnen schlecht, das ist ja ein Altertum, da darf nichts weggeklopft werden.«

Beschämt steckte der Steinmetz seine Waffe wieder ein und der Maulwurf sah ihn noch extra vorwurfsvoll an. Wir stiegen nun noch etliche Stufen weiter hinab und traten in einen engen schmalen Gang, der zum Vehmgericht führte. Einer nur konnte hinter dem andern gehen, jeder ein Wachslicht in der Hand.

»Daß keiner hier lacht,« sagte vorsorglich der altertumsforschende Maulwurf, »das sind heilige Räume, die der Geist der Vehme umschwebt.«

»Mir gruselt's schon halber,« sagte Schiller.

Der enge Gang war passiert. Wir standen vor einer dicken, schweren, eisernen Thüre.

»Das war die Thür zum Vehmgericht,« sagte der Führer. »Diese Thüre hat das Innere vom Äußeren abgeschlossen, so daß niemand horchen konnte. Sie war also ›fermetisch‹ geschlossen.«

»Das kömmt wohl von ›Ferm‹, raunte Spiritus leise dem Wallenstein ins Ohr.

»Halt den Mund,« sagte Maulwurf unfein und erbost. »Ihr habt auch keinen Sinn für Vehmgerichte.« Die Thüre drehte sich langsam in den rostigen Angeln. Wir traten in ein Gemach, das an seinen Wänden steinerne Bänke hatte.

»So, hier,« verkündigte der Führer, »wurden diejenigen Menschen, die vor die heilige Vehme geladen waren, hereingeführt, was man jetzt ›schambrieren‹ heißt, wenn die Leute auf die gnädige Herrschaft warten müssen.«

»Der kommt um zwei hinunter,« sagte Spiritus wieder leise, »das ist ja ganz falsch, antichambrieren heißt es, das weiß ich von meinem Onkel, der sich die Füße in den Vorzimmern abstehen muß.« »So, hier waren die Malefikanten gewesen. Wir kommen jetzt zum Hauptsaal.«

Wieder öffnete sich eine schwere eiserne Thüre. Man stieg eine Stufe hinab. Ein ziemlich geräumiger Saal empfing uns.

»Hier sehen Sie, meine Herren, das war jetzt der Gerichtssaal gewesen. Da saßen die Freischöffen oder Richter in großen schwarzen Kaputzenmänteln, wo nur das Auge wild hervorblickte, damit niemand wüßte, wer der Richter war. Hier saß der Herr Direktor der heiligen Vehme.«

Der Maulwurf starrte hin auf den Platz, auf welchen die magere Hand des Bedienten deutete.

»Also hier,« sagte er nachdenklich und leuchtete mit seiner Wachskerze hin.

»Ja, Sie können's glauben, junger Herr. Das hat mir ein Herr Professor, der sich namentlich mit Vehmgerichter abgiebt, gesagt. Hier stand der Corpus delicti oder der Angeklagte und wartete auf sein Urteil. Und hier in der Ecke, da war jetzt der Scharfrichter gewesen mit dem roten Mantel. Wenn sie nun verurteilt gewesen waren, wurden sie durch den roten Kerl hinausgeführt, sehen Sie, hierher.

Damit führte er uns in einen engen Gang, an dessen Ende eine Nische in der Wand sich befand.

»Sehen Sie, hier war jetzt der berühmte Jungfrauenkuß gewesen. Da stand nämlich so eine Art Weibsbild ganz von Eisen. Das mußten die ›Relinquenten‹ küssen – aber wie sie hintraten, da schnappte sie mit beiden Armen, die mit lauter Dolchen und Messern gespickt waren, zu und stieß sie dem Unglücklichen in den Leib. Wenn er tot gewesen war, sehen Sie, dann hob der Henker hier dies Brett auf und ließ den Körper hinunterfallen in das grausige tiefe Loch.«

»Da sind noch Blutspuren,« rief der Maulwurf lebendig aus, »ganz natürliche.«

Der Steinmetz rüstete in der Stille sein Hämmerlein, um die Spuren wegzuklopfen und mitzunehmen. Als der Maulwurf es rasseln hörte, genügte ein Blick aus seinen hellen Augen, dem Hämmerlein das Handwerk zu legen.

Trotz alles weiteren Fragens war aus dem Bedienten nichts mehr herauszubringen. Seine Weisheit war abgelaufen wie ein Fadenwickelein oder wie eine Spieluhr, die absolut nichts Neues mehr produziert, selbst nicht auf Verlangen. So wurde denn der Rückweg angetreten. Überall trat man auf rote Erde. Der Maulwurf erläuterte das dahin: »daß die Vehmgerichter alle auf roter Erde sich etabliert hätten, damit man die Blutspuren nicht merkte. Darum seien die meisten auch in Westfalen, im Lande der roten Erde gewesen.«

Der Förster frug, ob nicht hier unten große Nachtschmetterlinge sich aufhielten.

»Ja,« sagte der Führer, »Fledermäuse fliegen als oft 'rum,« worauf sich der Förster mit Abscheu wegwendete und sich zufrieden gab.

Am Ausgange des Gewölbes wurde eine finanzielle Frage erörtert: wie viel nämlich dem kunstsinnigen Führer verabreicht werden sollte. Jeder klirrte mit seinem Gelde in der Hosentasche.

»Per Mann einen Groschen,« diktierte der Bediente endgültig, als er merkte, daß wir nicht einig werden konnten. Der Maulwurf wollte nämlich besonders nobel sein, aber Spiritus und Förster waren sehr dagegen und meinten, sie hätten ihre Kenntnisse nicht um einen Kreuzer bereichert und höchstens schlechtes Deutsch gelernt. Ja Wallenstein behauptete, er habe sich extra aufs Gruseln gefreut, aber es habe ihm gar nicht einmal gegruselt. Auch der Steinmetz erklärte sich unbefriedigt.

»Ihr seid eben unpoetische Leute,« sagte Maulwurf und Schiller, die meist zusammenhielten samt Raphael. Mitten in das Gewirr der Meinungen blies aber Mozart auf der Sechsklappigen im Schloßhof das Lied:

Da streiten sich die Leut' herum
Nur um den Wert des Glücks;
Der eine heißt den andern dumm,
Am End' weiß keiner nix! –

worauf ein allgemeines Gelächter entstand und die ganze Schar höchst vergnüglich abzog.

Es war mittlerweile ein Uhr mittags vorbei, und wiewohl keiner von uns, außer Wallenstein, eine Uhr besaß, die aber weder Zeiger noch Glas hatte, da ihm beides bei einer Fehde der Lateiner mit den Elementarschülern abhanden gekommen war, so trugen wir doch alle einen Chronometer bei uns, der äußerst genau ging und immer deutete und knurrte, wie eine alte Dorfuhr, wenn es zwölf Uhr war, und der hieß Magen, und das Brummen bedeutete die Stunde des Mittags und des Vesperbrotes. Da schlug es denn bei allen auf einmal aus. Mozart blies lustig zum Essen. Aber in dem teuren Baden-Baden durfte es nicht gewagt werden; so beschlossen wir denn, an den in der Mitte gescheitelten Kellnern, die vor ihrem Hotel lauerten, vorüberzugehen und einen Bauernhof aufzusuchen.

»Ihr könnt lang warten, bis wir kommen,« rief Spiritus zum Überfluß den Kellnern zu.

Unterwegs wurde ein großes Stück Backsteinkäse gekauft und dem Spiritus, weil er »ohnehin nach Branntwein roch,« zum Tragen übergeben. Brot und große Würste bildeten den ferneren Proviant. So zog man auf den Selhof, einen kleinen, abgelegenen Bauernhof; dort wurde auf der großen Bank unter einer gewaltigen Linde kampiert und frischgemolkene Milch getrunken. Bis um drei Uhr wurde Rast gehalten. Man zerstreute sich, jeder für sich gehend. Auf der bunten Wiese trieb der Förster, nach Schmetterlingen haschend, sich umher, Wallenstein lag im Grase und dachte an den großen Weltfrieden, der jetzt über der Erde lag. Um ihn hüpften und zirpten die Grillen im hohen Ährenfeld. Der Spiritus war seinen Käse glücklich los geworden, der in der Sommerhitze schon bedenklich zu fließen begonnen, und jagte den Käfern nach. Der Maulwurf aber war noch erfüllt von den Eindrücken des Vehmgerichtes. »Ja, das waren noch Zeiten,« redete er leise vor sich hin. Neben ihm zeichnete Raphael die herrliche Gegend. Aus dem wogenden Ährenfeld hob sich der dunkelgrüne Wald, dessen Spitze die alte Burg Hohenbaden krönte, am Fuße des Berges die Stadt mit ihren Türmen im heißen Mittagsstrahl flimmernd, und weithin verlor sich der Blick in die lichtblauen Vogesen, die durch die Pforte des Oosthals hereinschauten. – Was ist's doch um solch ein Lagern am heißen Sommermittag! Alles so still ringsumher, alles wartend auf den kühlen Abend, wo es durchs Feld zieht mit Gesang beim Klang der Abendglocke! Wie so ganz anders dann! Es ist, als dürfte man am heißen Mittag, der die Früchte reift, den lieben Gott in seiner Arbeit nicht stören. Die Stunde aber schlug zum Aufbruch, wenn wir noch Herrenwies, die Waldstation vor den hohen Hornisgründen, vor Nacht erreichen wollten.

Der Aufbruch wurde allen etwas sauer, und es bedurfte der ganzen Energie des Maulwurfs, um die Säumigen anzutreiben. Wir stiegen hinab zur Lichtenthaler Allee, jenem berühmten schattigen Gange, in welchem die vornehme Welt fährt, reitet oder zu Fuß lustwandelt. Freilich nahmen wir uns unter den geputzten Leuten, die in Pariser Moden daherkamen, wenig elegant aus. Den Förster plagte aber ein gewichtiges Bedenken auf diesem Gange. Er hatte nämlich eine Tante, die im Bade zur Kur war, und es verfolgte ihn der schreckliche Gedanke, daß wir alle seine Tante antreffen könnten, und er dann aus Reih und Glied treten müßte und sie sich vielleicht seiner schämte von wegen seiner Kameraden. Ganz entsetzlich aber wurde ihm zu Mute, als der nach Branntwein und Backsteinkäse stark duftende Spiritus ganz freundschaftlich that und sagte: »O, deine Tante, die kenne ich auch ganz gut, da würde ich mich nicht genieren. Ich würde sie um einen Gulden anbetteln auf die Reise.«

»Was! anbetteln!« riefen Maulwurf und Schiller entsetzt aus Einem Munde; »pfui, schäm dich, so etwas zu sagen. Das thun ja die Handwerksburschen, die fechten die Leute an.«

»Das ist ja keine Schande, da mache ich mir nichts daraus,« entgegnete Spiritus gelassen. »Es haben schon viele berühmte Leute in ihrer Jugend gebettelt.« Ein schallendes Gelächter belohnte den bescheidenen Sprecher. »Bravo, Spiritus!« rief Wallenstein und wollte eben anfangen zu singen:

Ein freies Leben führen wir,

als der Maulwurf ihm den Mund zuhielt und zurief: »Dort vorn läuft ja ein Gensdarm, du bringst uns alle ins Unglück!«

Die Tante begegnete uns nicht und des Försters Angst ließ merklich nach. Am stillen Kloster zu Lichtenthal vorbei bogen wir rechts ab nach dem Geroldsauer Thal. Wie lieblich lag's da mit seinem muntern Bächlein, das die Sägemühlen treibt, mit dem Sandsteinkreuze von Heidekraut und Ginster reichlich umwachsen, auf der Höhe des Weges, von wo sich der Blick aufs neue öffnet, unten die malerischen Bauernhütten und das kleine Kapellchen in den Fels gehauen!

Vieles ist jetzt verschwunden, was damals den Weg so anziehend machte; der Berg ist abgetragen, das Sandsteinkreuz ist verwittert, das Kirchlein liegt abseits, in das wir damals traten, die Mützen vom Haupte gezogen, jeder das Seine denkend, den meisten der Gang nach dem Eisenhammer und der fromme Fridolin im Herzen und Gedächtnis liegend! Konnte ihn doch Schiller ganz auswendig; bald waren wir alle an ihm, ihn zu bitten: »O, sag's mal her!« –

Da wurde es still unter den lauten Burschen, selbst Spiritus und Wallenstein verstiegen sich zu der gewagten Äußerung: »Der Schiller hat doch als manchmal recht schöne Gedichte gemacht.«

Von Geroldsau steigt der Waldweg durch herrliche Tannen hinauf. Bald waren wir am Wasserfalle, den der Bach, über einen Felsen sich stürzend, bildet. Ein buckliges Männlein hielt dort Wache und zeigte den Fall. In seine Strohhütte, mitten in der tiefsten Waldeinsamkeit, hatte er aus Baden Bier und Wein hergeschafft. So wurde denn bei ihm ein ganzer »Schoppen Batzenvierer« bestellt, thut also auf preußisch für 1 Silbergroschen 2 Pfennige, und dazu acht Gläser und Wasser aus dem Wasserfall. Das trübselige Männlein war über dies »glänzende Geschäft« nicht sonderlich erbaut.

Nach kurzer Rast ging's weiter. Die Waldnacht schlug mit den hohen Zweigen über uns zusammen und die Sonne schien schon golden, wie beim Scheiden, in den Wald. Wir marschierten fest zu. Die lauten Gespräche wurden stiller, je stiller es im Walde und je dunkler es wurde, zuletzt schwiegen alle. Wir waren schon beinahe vier Stunden gestiegen: der stille Ort Herrenwies konnte nicht mehr weit sein. Die Sonne war untergegangen und in dem dichten Walde ward's nachgerade finster. Da standen wir plötzlich vor einem Kreuzwege, an welchem zwei Wege sich teilten. Wohl stand ein Wegweiser da, aber seine Arme hatte er verloren. Maulwurf, der der Größte war, nahm den Wallenstein auf die Achseln und hob ihn hinauf, ob nicht etwas zu sehen wäre. Wir machten Licht, aber es war nichts zu erkennen. Dem Förster entfuhr aber halb weinend das Wort: »Wenn ich nur bei meiner Tante in Baden geblieben wäre!«

»Was?« riefen wir; »Fürchteputz! Wir finden den Weg schon!« Der Maulwurf hatte eine genaue Generalstabskarte von seinem Herrn Vater bekommen; wir setzten uns unter den Stock des trügerischen Wegweisers, zündeten ein Stück Papier an und leuchteten ihm auf die Karte. Richtig, da fand sich's, wir mußten links durch ein dichtes Gehölz und dann waren wir in Herrenwies. Mozart nahm die Trompete und blies aus Leibeskräften das Lied:

Der Jäger aus Churpfalz u.s.w.

und alle stimmten ein, und selbst der verzagte Förster sang sich die Angst aus dem Herzen. Bald schimmerten Lichter durch die Zweige und Hunde schlugen an; wir waren in Herrenwies, einer armen Waldkolonie. Eine weite, grüne Wiese, inmitten des dichten Waldes, mit Holzschindeln gedeckte niedrige Häuser, ihrer etwa zwanzig an der Zahl, ein ebenso armes Kirchlein und ein stattliches Försterhaus, so lag's dunkel vor uns.

Das Försterhaus, an dem großen Hirschgeweih kenntlich, war zugleich auch Gasthaus; wir eilten darauf zu und frugen nach Nachtquartier. Der Mond war schon aufgegangen und beleuchtete die müden Wanderer. Aber o weh! Im Forsthaus war gerade Kindtaufe und das ganze Haus voll Gevattern, die alle in der Nacht nicht mehr heim konnten. »Ich kann euch nicht helfen, ihr Herren,« sagte der Förster, »ihr müßt noch ein Halbstündlein gut zumarschieren, dann kommt ihr an ein einzeln stehendes Wirtshaus, da ist noch Platz, ich weiß es, ich war heute noch da.«

Er gab uns seinen Jägerburschen mit, der uns auf den rechten Weg führte und uns dann bald verließ. Wir stiegen über Heide und Moos auf großen Steinen weiter hinauf. Freilich hinkten ein paar nach, denen die Füße weh thaten und die entsetzlich müde waren. Namentlich wurde es dem kleinen Raphael sauer, so daß ihn der Maulwurf teilnehmend fragte, ob er ihn »hutzeln« sollte, d. h. auf dem Rücken tragen. Das wollte er aber doch nicht, und so schleppte er sich weiter, bis wir endlich an die einsame Waldschenke kamen. Es war ein großes Schwarzwälderhaus mit breitem, vorspringendem Dach, unter welchem ein Altan das Haus entlang lief. Hinter ihm die hohlen, kahlen Hornisgründe in die Höhe steigend, vom Monde grell beleuchtet.

Wir traten in den dunkeln Hausgang und tappten nach der Thür, da wir Stimmen hörten. Wir öffneten und waren im niedrigen, aber großen Wirtszimmer. Ein hellbrennender Kienspan erleuchtete dasselbe und warf den rötlichen Schein flackernd an die dunkelbraune Holzdecke des Zimmers.

»Können wir hier über Nacht bleiben? Der Herr Förster schickt uns und hat gesagt, daß Sie noch Platz haben,« so fragte Wallenstein frisch und keck die dicke Wirtin.

»Ja wohl, meine Herren, Sie müssen aber immer ein Paar in einem Bett schlafen. Wollen die Herren nichts essen?«

»Versteht sich,« sagte Spiritus, »ich hab' einen grausamen Hunger.«

»Pfannkuchen können Sie essen und Schinken,« erwiderte die dicke Wirtin. Jedem lief das Wasser im Munde zusammen. »Ja, ja! Pfannkuchen und Schinken, aber viel!« rief der Chor. Die Wirtin lachte und schürte das Feuer im Herde an, der an die Stube stieß.

Wir hatten vor Hunger kaum bemerkt, wer noch alles in dem Zimmer war. An den Wänden lehnten blitzende Äxte und an einem langen Tische saßen etwa fünfzehn Männer, alle in schwarzen, verräucherten Hemdärmeln und Kitteln, die Gesichter rußig und verwittert. Die Männer waren über unserem Hereintreten alle still geworden und schauten uns groß und neugierig mit forschenden Blicken an. Als wir uns setzten, schielten sie oft verstohlen nach unserem Tische und sprachen leise mit einander.

Wir machten uns weiter nichts daraus und bald dampften die Pfannkuchen auf dem Tische. Sie verschwanden ebenso schnell, als sie gekommen waren, und auch von dem Schinken blieb kein Stücklein mehr übrig, wiewohl der gutgezogene Maulwurf mahnte, doch nur anstandshalber ein Stückchen auf dem Teller liegen zu lassen. Aber Spiritus behauptete, dem Wirt dürfe nichts geschenkt werden.

Wir blieben noch eine Weile sitzen, da die Betten noch nicht fertig waren. Da fiel uns aber je länger je mehr die merkwürdige Gesellschaft, in der wir uns befanden, auf. Die weißen Augen, die aus den schwarzen Gesichtern so herüberschielten und das leise Zischeln der Männer machte namentlich den kleinen Raphael, den Förster und den Schiller bedenklich. Ohne etwas zu sagen, sah man's ihnen an, daß es ihnen nicht geheuer war. Als die Wirtin endlich zum Schlafengehen einlud und uns zwei Lichter gab, sagten sie auf der Treppe:

»Habt ihr's nicht gesehen?«

»Was denn?« fragte Maulwurf ruhig.

»Nun, die Äxte und die schwarzen Männer, die immer auf uns geschielt und gedeutet haben. Das sind Räuber, sag' ich euch,« entgegnete hohl und leise der Förster.

»Ach was, dummes Zeug,« sagte Mozart, »ich fürchte mich nicht, die thun einem nichts.«

»Ja, man kann aber doch nicht wissen,« meinte Raphael, »es giebt halt doch Räuber in diesen Gegenden.«

Unter diesen Gesprächen erreichten wir unsere Zimmer. Das eine lag am Anfang, das andere am Ende eines langen Ganges.

»Seht ihr's,« sagte der Förster, »die wollen uns nur trennen, daß wir uns nicht wehren können. Ach, wenn ich doch bei meiner Tante in Baden wäre.«

»Sei doch still, du dummer Kerl,« sagte Maulwurf, »dir thut niemand etwas.«

Wir wurden dann geteilt. Jeder von den größeren nahm einen kleinen zu sich und dann wurde befohlen, die Thür gut zuzuriegeln.

Es mochte wohl eine Stunde vorübergegangen sein, als wir leise an unsere Thür klopfen hörten. Der Maulwurf sprang auf und ging zur Thür. »Wer da?« rief er laut, und wir flogen alle mit einem Schlag aus den Betten.

»Ich bin's,« sagte draußen Spiritus leise, »macht nur auf.«

Da stand er mit den drei andern, jeder einen Teil seines Bettes und seiner Kleider schleppend, alle im leichten Nachtgewande, höchst geisterhaft anzusehen mit ihren blassen, verstörten Gesichtern. Wir ließen sie herein, die Barfüßer.

»Ja was habt ihr denn? – warum kommt ihr denn?«

»Ach, wir können's nicht mehr aushalten. Neben uns an der Wand, da sägt's und bläst's, wie wenn einer die Wand durchbohren wollte. Es ist ganz unheimlich, sag' ich euch,« versetzte angstvoll Spiritus.

Da wurde selbst der sonst furchtlose Maulwurf bedenklich.

»Gelt! ich hab's gesagt, daß sie uns umbringen; ach, wenn ich nur bei meiner Tante in Baden wär!« wiederholte weinend der Förster. »Jetzt halt den Mund mit deiner ewigen Tante in Baden, wir haben jetzt anderes zu thun,« sagten Maulwurf und Wallenstein. »Wir müssen uns jetzt selbst helfen. Ihr Fürchteputze legt euch ins Bett, und wer keine Angst hat, der bleibt auf. Kommt, wir schieben jetzt die große Kommode vor die Thür.«

Wir schoben sie vor. »So! Du, Wallenstein, ladest dein Terzerol und giebst mir deinen Dolch. Und du, Mozart, stellst dich ans Fenster und bläst Feuerlärm, wenn's losgeht, dort hinaus, wo der Förster wohnt. Dem Steinmetz seinen Hammer her und dem Spiritus seine Flasche mit den Käfern, die bekommen sie zu allererst an den Kopf.« Wir zündeten das Licht an, löschten es wieder aus, und zündeten es nach einer Weile wieder an, damit es reiche. So wachten denn drei, zwei auf der Kommode und einer am Fenster. Es regte sich nichts. Die alte Schwarzwälder Uhr schlug eins und zwei und drei – da wurde es unruhig im Hause. Wir hörten Thüren gehen und die Fußschritte leise auftreten.

»Aufgepaßt!« sagte Maulwurf, »jetzt kommen sie; Wallenstein, den Hahn auf!« In atemlosem Grausen lauschten wir nach der Thür, – unheimliche fünf Minuten vergingen, aber niemand kam, alles ging die Treppe hinunter. Der Morgen graute mit dem lichten Strahl herein in unser Zimmer. Da legten sich die drei Wächter auch schlafen. Wohl klopften der Wirt und die Wirtin, bei denen mir bestellt hatten, uns bei Sonnenaufgang zu wecken, aber es ward fortgeschlafen aus Todesmüdigkeit. Die Sonne stand schon ziemlich hoch, es mochte gegen sieben Uhr sein, als endlich Maulwurf aufsprang und ausrief:

»O wehle! (o weh) die Sonne ist schon ganz herausgeschlupft!«

Der Mozart sprang auf, um zum Aufstehen zu blasen. Schnell wurde die Kommode wieder an ihren Platz gerückt und in wenigen Minuten stand alles parat.

Als wir herunterkamen, war keine Axt mehr zu sehen, kein rußiger Mann mehr vorhanden. Wirt und Wirtin schauten uns aber verwundert an.

»Haben die Herren nicht gut geschlafen?« fragte die Wirtin. »Ich bin heute morgen so erschrocken, wie die eine Stube ganz leer war. Ich hab' gemeint, Sie seien durchgebrannt. Aber die andern habe ich schnarchen hören, da hab' ich mich halt zufrieden gegeben von wegen der Betten, von denen ich geglaubt hab', Sie hätten sie mitgenommen. Ja, aber was tausend, ihr Herren, was habt ihr denn angefangen heut nacht?«

Da saßen wir denn wie Butter an der Sonne. Endlich ergriff Wallenstein das Wort und erzählte höchst schaurig die Geschichte von den Fürchteputzen und was sie alles gehört hätten.

Da hielt sich die dicke Wirtin mit ihren Armen die Seiten und lachte, daß ihr die Thränen aus den Augen liefen, und rief immer nur: »Mann, komm schnell, es ist zum kranklachen – nein, so was!«

Wir wußten nicht, warum die Frau so lachte, und saßen ziemlich verdutzt dabei. Endlich kam sie wieder zu Atem und erzählte ihrem Manne die Geschichte. Nun lachten die Zwei noch einmal aus vollem Halse. Endlich aber riß dem Wallenstein die Geduld und er rief ärgerlich: »Was ist denn da zum lachen? Ihr Esel!«

Da lachte das Ehepaar erst recht, und der Wirt stammelte unter dem Lachen nur noch heraus: »So was ist noch nicht dagewesen. Ach! Nein, so was!«

»Wie so?« fragte Maulwurf gelassen.

»Ha nein,« sagte der Wirt immer noch lachend, »so was, das ist wirklich zum kranklachen!«

»Was denn?« rief Wallenstein zornig. »Hört doch einmal auf mit dem dummen Lachen.«

Endlich faßte sich der Wirt und fing an zu erklären, daß die rußigen Leute Holzhauer und Kohlenbrenner seien, die hier im Sommer arbeiteten. Diesen gehörten auch die Äxte, die wir gesehen. Die Säger aber an der Wand seien eben diese Leute gewesen, die hätten einen harten Schlaf und schnarchten so laut, daß man's durch ein paar Bretter hörte, und andere hätten's an sich, daß sie statt zu schnarchen nur so bliesen.

Nun platzten wir freilich auch in lautes Gelächter aus. Der Förster wollte sich zwar nicht gefürchtet haben und Spiritus auch nicht, nur so halb, wiewohl sie die Decke hoch über den Kopf gezogen hatten. Da brannte ihm aber Wallenstein seine Tante von Baden auf den Pelz, daß er jählings verstummte. Wir baten die biedern Wirtsleute herzlich um Verzeihung, sie möchten's uns nicht übel nehmen, aber wir hätten solche Geschichten gelesen, wie vom Wirtshaus im Spessart und vom »Siehdichfür« im Pforzheimer Stadtwald, und da hätten wir doch gedacht, es könnte am Ende auch hier so etwas passieren.«

»Wenn ich hundert Jahre alt werde, so werde ich halt an die Geschichte denken,« sagte noch einmal lachend die Wirtin.

Wir zahlten unsere Zeche, die per Mann zwölf Kreuzer machte; für den Schrecken wurde nichts bezahlt. Der Wirt zeigte uns den Weg hinauf nach den Hornisgründen. Wir verabschiedeten uns aufs herzlichste, und der Wallenstein bat dem braven Wirt den »Esel« noch extra ab. So verlief der erste Tag und die erste Nacht unserer Reise.

Mozart blies in die frische Morgenluft hinaus sein: »Wohl auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!« das heißt: auf die frischgeschmierten Stiefel, die wir uns alle selbst kunstgerecht gewichst hatten. Nebenbei gesagt, hatte Spiritus eine stille Leidenschaft, die, wie er einmal in einem unbedachten Augenblicke verriet, im – Stiefelwichsen bestand. So hatte er auch am Morgen glänzende Proben seiner Kunstfertigkeit gegeben. Aber bei einigen unter uns hieß es nicht bloß auf die Stiefeln, sondern auch auf die am gestrigen Tage frischgelaufenen Blasen treten, was bekanntlich keine besondere Herzstärkung ist. Aber über dem prächtigen Morgen war bald alles Leid vergessen. Wallenstein schoß das Terzerol, das den Räubern gegolten hatte, in die Luft, und man wanderte fröhlich in den Morgen hinein. Der Wald wurde lichter, kleiner die Tannen; zuletzt war nur noch Heidekraut und Moos zu sehen. Der Wind fing schon an ganz erheblich zu pfeifen, als wir nach dreistündigem Marsche bergan die Höhe des 3600 Fuß aufsteigenden Berges richtig erklommen hatten. Auf der Spitze befand sich ein Turm, aber ohne Eingang, ein großer viereckiger Steinhaufen. Wir setzten uns hinter den Wind und langten die Eßwaren vor. Zwar lockte die schöne Aussicht, aber was ist die allerschönste Aussicht, wenn der Magen zwölf Uhr schlägt! In allen war das gleiche Gefühl. Spiritus packte wieder den weithin duftenden Käse aus, Wallenstein die hartgesottenen Eier, Maulwurf eine Unmasse Butterbrote; der Förster hatte in seiner Büchse noch eine Flasche Wein ohne Glas. Ängstlich wurde beobachtet, ob nicht einer zu viel trank. Wallenstein that einen kräftigen Zug, da riefen sie alle: »Halt, das ist aber einmal viel!« Er aber behauptete, es sei noch kein Tropfen in den Magen gekommen, sondern unterwegs im heißen Hals »rein verdunstet.« Ob dieser neuen Verdunstungstheorie wurde er gehörig bewundert.

Der Imbiß war genommen, und nun mit gestärktem Magen in die Gegend hinabschauend, welcher Blick! Da lag die lachende Ebene mit dem weiten Silberstreif des Rheins, den wir auf acht Stunden Weges verfolgen konnten, all die reichen Dörfer des Rheingaues und die alten Burgen auf den vorspringenden Bergen. Drüben das Elsaß mit den Höhen des Wasgaus, Straßburg mit seinem Münster so nahe, daß Wallenstein meinte, er sähe die Rothosen unten am Thore von Straßburg Schildwache stehen. Wie herrlich ist's doch, wenn das Auge schweifen kann in die Nähe und in die Ferne, wenn solch ein kleines Männlein mit seinen zwei Augen eine ganze Welt einsaugt, alles sieht und von niemand da unten gesehen wird! Da saß ich und dachte, wie die Straßburger Schulbuben jetzt auch heim gingen und ihr welsches Zeug im Tornister hätten, und wie traurig das sei, daß das schöne Land da drüben Deutschland geraubt worden. Da hätte ich stundenlang so hinabträumen können von Einst und Jetzt. Ich sah die kühnen Raubritter hervorbrechen aus ihren Hohlwegen, den biedern Handelsmann überfallend, der zur Frankfurter Messe zog; aber da zog es mich selbst hin in der heißen Mittagsluft und die Sinne schwanden über der Betrachtung, ich schlief fest ein; und noch einmal zog Straßburgs Münster und die alten Ritter durch den wirren, schönen Traum.

Unterdessen hatten die andern sich zerstreut, jeder wieder auf seinen Fang ausgehend. In Mozarts Nähe aber brummte etwas – und das Brummen weckte ihn. Es war Schiller, der über einem Gedichte saß, das er schon lange im Sinne haben mußte. Er hatte es fertig gemacht. Es galt dem Vehmgericht in Baden. Schüchtern sagte er zu Mozart: »Soll ich dir's 'mal vorlesen? Aber du darfst nicht lachen.«

»Lies nur, Schiller – deine Sachen sind alle gut, das hat der Herr Professor schon gesagt: ›Schillers Sachen sind alle moralischer Natur.‹«

Schiller räusperte sich und las:

Im Vehmgericht zu Baden
Ist's finster und sehr kalt,
Und graue Geister laden –
Der Fußtritt still verhallt!

Schiller stockte. »Nur weiter!« rief Mozart: »Der Fußtritt still verhallt.« –

Im Vehmgericht zu Baden
Ist steinern jede Thür;
Es waltet ohne Gnaden
Die heil'ge Vehme hier.

Da sitzen vermummte Gestalten,
Sie richten hier das Recht;
Sie haben heimliche Gewalten
Über König, Ritter und Knecht.

»Der ist ein bißchen holprig,« sagte Mozart. »Schadet nix. Nur weiter.«

Im Vehmgericht zu Baden
Da wird's dein Menschen weh; –
Gottlob, daß ich ohn' Schaden
Den Himmel wieder seh'.

»Das ist nicht übel, Schiller, das mußt du vorlesen. Aber du liest so schlecht. Gieb acht, ich will's einmal vorlesen. Das muß nämlich grauslich und mit hohler Stimme vorgetragen werden.« Schiller hörte zu – er kannte sein eigenes Werk nicht mehr.

»Ja, so ist's besser,« meinte Schiller.

»Wenn die andern kommen, so wird's vorgelesen« sagte Mozart. – Es wurde ein Trompetensignal gegeben und alle sammelten sich. Im Halbkreis sitzend wurde das Gedicht gelesen. Alle stimmten zu, daß es etwas ganz Vehmgerichtartiges habe, und Wallenstein meinte: »es habe ihm fast gar gegruselt,« was als großes Lob aufgenommen wurde.

Es ward wieder zum Aufbruch geblasen; nun ging es hinab von der Höhe zum Mummelsee, der etwa 800 Fuß tiefer als der Gipfel liegt; wir erreichten bald wieder die Bäume, große herrliche Tannen mit weit ausgebreiteten Zweigen, ein schmaler Fußpfad führte durch den dichten Wald. Durch die reichlich gefallenen Nadeln und die knorrigen Baumwurzeln war der Weg so glatt und holprig, daß da und dort einer im tollen Hinunterjagen sich überschlug. Bald blickte der tiefschwarze See durch die Bäume. Wie eine Camera obscura gab der unbewegte See leuchtend das Bild der Wölkchen am Himmel und der großen Tannen am Ufer wieder. Kein Leben war weit und breit wahrzunehmen. Nur einige Libellen flogen lautlos umher und einige Frösche sprangen bei unserer Annäherung von den großen bemoosten Steinen, welche am Rande des Sees lagen, in die Tiefe. Sonst war alles totenstill rings umher. Der See war rings von hohen Tannen umgeben, ihrer etliche waren vom Sturm hinein gestürzt worden und lagen mit ihren Stämmen und Ästen im Wasser.

Die Stille, die Einsamkeit ringsum, der leis rauschende Wald und der spiegelglatte See – das alles machte, daß keiner ein Wörtlein zu sprechen wagte. Endlich brach der Maulwurf das Schweigen. »Der See ist unergründlich tief. Junge Bursche aus Herrenwies wollten hier einmal kahnfahren, aber das Wasser des Sees trägt keinen Kahn. Einige schwammen in den See hinaus und ließen ein dreihundert Ellen langes Senkblei hinunter, aber sie fanden keinen Grund. So berichtet ein altes Werk über den See.« Der Maulwurf trug diese Mitteilung in einem ganz bedeutenden Amtstone vor, der keine Widerrede erlaubte. So starrten wir denn alle hinab in den »unergründlichen« See und er kam uns allen nun noch einmal so merkwürdig vor als vorher. Dem Spiritus jedoch wollte das Wort »unergründlich« nicht einleuchten, denn er meinte, es gebe nichts in der Welt, dem man nicht auf den Grund kommen könnte.

»Deiner Schnapsflasche kommt man freilich auf den Grund! Aber da will ich euch noch etwas anderes vom Mummelsee erzählen, auf dessen Grund man auch nicht kommen kann. Kommt, wir wollen uns hierher setzen auf einen Baumstamm.« Wir folgten alle. Wir wußten, daß Raphaels Vater diese Gegenden oft bereist hatte und viel schöne Geschichten erzählen konnte, wie er sie aus dem Volksmund gehört.

Raphael begann denn folgendermaßen: »Hier in dem See, wenn es Abend wird und still ringsum und nur die Tannenwipfel rauschen, tauchen aus dem dunkeln Wasser beim Mondenschein die Seejungfrauen herauf, die man auch »Mümmlein« heißt, woher der See auch seinen Namen »der Mummelsee« hat. Tief unten ist ein herrlicher Palast, und alles darin von hellem, lauterem Gold und Kristall, Auf dem goldenen Stuhle sitzt der Seekönig, eine goldene Krone auf dem Haupte, ein langer silberweißer Bart wallt ihm bis auf die Brust herab. Dieser hat die Macht über die Seejungfrauen, alle müssen ihm folgen, und wehe, wenn eine nicht gehorsam ist. Unten müssen sie arbeiten, das Gold blank machen und die Kristalle schleifen, doch nach der Arbeit erlaubt ihnen der alte Seekönig, in der Nacht herauf zu tauchen und an der Oberfläche des Sees zu verweilen. Darauf freuen sie sich alle. Aber einst gingen sie auch zu den Menschen im Thal und freuten sich, wenn sie bei ihnen sein konnten. Denn gern sahen sie der Menschen Thun und Treiben und ihre Liebe, und wären am liebsten oben geblieben, statt wieder in den dunkeln See zu tauchen. Sie bekamen an stillen Winterabenden die Erlaubnis, hinunter ins Thal zu gehen zum nächsten Dorf, zu braven Bauersleuten. Dort setzten sie sich mitten unter die Frauen und Jungfrauen, die abends mit ihren Spinnrocken zu einander kamen. Die jungen Bursche saßen auf der Ofenbank oder lagen oben auf dem Ofen, sahen zu und schnitzten ihre Handwerksgeräte. Aber auch die Seejungfrauen setzten sich an den Spinnrocken und spannen mit, so fein, wie es keine von den Dorfmägdlein konnte. Der Reihe nach erzählte man, bald eine von den Jungfrauen aus dem Dorf, bald eine von den Seejungfrauen. Aber die letzteren erzählten am schönsten, denn sie sprachen vom See und seiner Herrlichkeit, von den reichen Perlengeschmeiden, von den goldenen Armspangen und von ihrem Singen und Treiben da unten. Da lauschten die Bursche hoch auf und wären am liebsten selbst mit hinunter in den See gegangen. Aber die Seejungfrauen redeten ihnen solches Vorhaben aus; denn im See könne kein sterblicher Mensch leben. Wenn die alte Schwarzwälder Uhr warnend elf schlug, dann standen die Mümmlein hastig auf und eilten fort. Niemand durfte sie begleiten, noch ihnen nachsehen, denn sonst, so hieß es, kämen sie nie wieder. Jedesmal aber, wenn sie dagewesen, hatten die Dorfmägdlein dreimal so viel gesponnen als sonst, und da und dort fand sich auch ein schönes Stücklein Goldfaden auf der Spule. Dann und wann kamen die Seejungfrauen auch zu kranken Bauerfrauen, brachten ihnen Arznei aus Waldkräutern und Seeblumen, hüteten ihre Kinder und sangen sie in Schlaf. Wo ein solches Mümmlein bei einem Kranken gewesen, brauchte man keinen Arzt, denn der Kranke wurde schnell gesund. So waren denn die Mümmlein rings in der Umgegend gekannt und geliebt. Da blieben sie einmal aber Wochen lang aus, niemand wußte, was geschehen war und warum sie nicht kamen. Die Ursache davon war, daß junge Burschen und Mädchen in der Mainacht zum See hinaufgegangen waren und sie belauscht hatten. Das hatte der Seekönig gemerkt und mit seinem goldenen Dreizack schlug er voll Zorn in den See, so daß er wallte und brauste und fast gar die thörichte Schar ergriffen hätte. Zur Strafe sollten daher die Mümmlein nicht wieder ins Thal kommen, denn die Menschen seien undankbar und verdienten es nicht mehr. Da war großer Jammer im Dorf und auf den einzelnen Höfen und jedermann riet, wer wohl die Schuld davon trüge. Um diese Zeit begab es sich, daß eines der Mädchen, das in der Mainacht mit am Mummelsee gewesen war, krank wurde. Als der Vater hinauf zum See gehen und die Mümmlein zu seinem kranken Kinde holen wollte, da richtete sich das Mädchen hoch auf und sagte traurigen Blickes: »Ach, die Mümmlein kommen nicht, ich weiß warum; geh nicht zum See, sonst ist's dein Tod.« Als der Vater in sie drang, da erzählte sie, wie sie hinaufgegangen wäre mit ihren Gespielen und die Mümmlein belauscht hätte; sie weinte bitterlich dabei und sagte: »Dieser Schuld wegen muß ich jetzt auch sterben.« In der Nacht aber, als sie alle glaubten, daß es mit ihr zu Ende gehe, that sich die Thüre auf und ein Mümmlein kam und setzte sich an ihr Bett und legte ihr Umschläge von Schilf auf die fieberkranke Stirn. Da schlug das Mädchen die Augen auf und schaute das Mümmlein erschreckt an; die aber sprach zu ihr: »Weil du noch so jung bist und dein Unrecht bekannt hast, darum habe ich mich aufgemacht, dir zu helfen; aber versprich es mir, daß du nie wieder des Nachts an den See gehst; denn wenn dies noch einmal geschieht, dürfen wir niemals wieder kommen, und unsere schönste Freude ist dann auch dahin, denn wir sind gar zu gern bei den Menschen.« Dann gab sie dem Vater noch einige Arzneien, küßte das kranke Mägdlein und ging schnell hinaus. Nach dieser Zeit kamen sie wieder und alles war wie vorher, nur daß sie noch ängstlicher nach der Uhr schauten und früher aufbrachen, damit sie ja vor Mitternacht zum See kämen. Da geschah es an einem Winterabend, daß eines der Mümmlein eine wunderschöne Erzählung angefangen hatte; atemlos hörten die Bursche zu und die Mägdlein spannen nicht mehr vor lauter Hören. Als die Geschichte gerade am schönsten war, schlug es elf Uhr; schnell brach das Mümmlein ab und versprach die Fortsetzung beim nächsten Besuch. Sie wußte nicht, daß einer der Bursche verstohlen den Zeiger der Uhr um eine Stunde zurückgerückt hatte. Wohl schlug die Uhr nur elf; als aber der Wächter draußen ins Horn stieß und die zwölfte Stunde mit dem Lied absang: »Hört, ihr Leut', und laßt euch sagen, unsere Glock' hat zwölf geschlagen! Nur zwölf Stunden hat der Tag, wer weiß, wie bald man sterben mag,« wurde sie totenblaß und schrie vor Entsetzen auf: »O weh, o weh, nun ist's für immer vorbei!«

Und seit dieser Zeit steigt kein Mümmlein mehr ins Thal herab; denn der Seekönig hatte es geschworen, daß, wenn sie einmal zu spät zurückkämen, kein Mümmlein mehr zu den Menschen hinauf dürfe. Nur dann und wann tauchen sie in stillen Mitternachtsstundcn aus dem See herauf und man hört sie leise klagen, aber kein Mümmlein kommt mehr zu den Menschen herab ins Thal.«

Als Raphael geendet, schwieg die ganze kleine Gesellschaft. Es giebt ja ein Schweigen, wobei keiner der erste sein will, der wieder zu sprechen anfängt, weil man fühlt, daß man nichts Unpassendes sagen dürfe. Selbst der philisterhafte Spiritus wagte kein Wörtlein. Allzulange hielt das Schweigen jedoch nicht an, und der Maulwurf zeigte, daß er sich ganz auf der Höhe der Stimmung befand. »Daher kann ich es nur auch erklären,« sagte er, »warum man erzählt, man dürfe keinen Stein in den See werfen. Man behauptet, daß man damit den Seekönig reize und dann stets ein Gewitter komme.«

»Was der nicht alles wissen will!« rief Wallenstein; »wißt ihr was, mir wollen einmal einen Stein hineinwerfen und probieren, ob ein Wetter kommt!«

»Das läßt du bleiben!« riefen Maulwurf, Schiller und Raphael wie aus Einem Munde. Nur der Spiritus und der Förster stimmten ihm bei, wiewohl letzteren eine geheime Angst ankam, es möchte am Ende doch etwas Wahres an der Geschichte sein. Während man sich noch stritt, blies Mozart das Lied vom schönen grünen Wald, um die Stimmung wieder herzustellen und, wenn es möglich wäre, die Nixen heraufzurufen. Der Steinmetz war seitwärts gegangen, nach Steinen zu suchen, um irgend ein interessantes Stück von hier mit nach Hause bringen zu können. Als er aber nichts fand, warf er unmutig einen großen Stein in die Tiefe. Da fuhren die Knaben zusammen. »Wer hat das gethan?« riefen sie, und selbst der Spiritus war erschrocken darüber, daß einer es doch gewagt hatte. Alle warteten in ängstlicher Spannung, ob nichts Wunderbares geschehe. Der Himmel war noch blau und spiegelte sich im See; aber bald zog ein Lüftlein daher und jagte die Wolken am Himmel zusammen, der bald grauschwarz darein sah. Dicke Tropfen sielen herunter, der Wind strich durch die Wipfel und von fern grollte der Donner. Da ward uns doch allen angst und bange; denn der See wurde unruhig und trat aus dem Ufer, und von oben prasselte der Regen und die Blitze leuchteten über uns hin durch den finster gewordenen Wald, den wir in wilder Flucht hinunter jagten. Hinterdrein trabte der unschuldige Missethäter, der Steinmetz, dessen Lederbeutel dann und wann beim schnellen Springen aufklirrte. Keiner dachte daran, daß auch ohne den Steinwurf das Gewitter am heißen Sommertage über die Höhe gekommen sein würde. Bei dem unheimlichen Zusammentreffen des furchtbaren Gewitters mit dem Vorausgegangenen wurde uns allen höchst grausig zu Mute. Bis auf die Haut durchnäßt kamen wir unten in dem Wirtshause an, das etwa anderthalb Stunden tiefer als der See liegt. Aber hier war keines Bleibens. Der Wirt mußte wohl auf dem Felde beim Ernten sein, denn alles war fest geschlossen und nur unter dem breiten Vordach des mit Stroh gedeckten Hauses konnten wir uns einigermaßen decken. Wir schauten nach der Karte, es mußte wohl noch eine Stunde nach Allerheiligen, dem alten Kloster sein; so beschlossen mir denn in schnellem Trabe, trotz des argen Wetters, hinabzugehen. Wir brachen auf. Gesprochen wurde unterwegs nicht viel, denn dazu war keine Zeit. Jeder hatte nur auf seinen Weg zu sehen.

Unterdessen heiterte sich der Himmel wieder auf, da und dort blickte ein Sonnenstrahl durch den Wald, und das Gewitter zog grollend immer ferner, wie ein geschlagener Feind, dessen Nachhut dann und wann noch einmal dreinfeuert. Wohl schüttelte der frische Wind noch manchmal ein ordentliches Spritzbad von den triefenden Tannen auf die wandernde Schar, die lachend und eilig darunter hinweglief. Aber wie duftete es nun nach dem erquickenden Regen aus den Zweigen und Wiesen so würzig und labend! Die Vöglein, die während des Gewitters sich versteckt hatten, wagten sich wieder aus dem Dickicht hervor, der Specht fing wieder zu hacken an, der Häher schrie, und da und dort lief ein erschrockenes Häslein, das über dem Gewitter seine sonstige Geistesgegenwart und Mannhaftigkeit verloren hatte, wieder tiefer in den Wald zurück.

Da fanden denn die Buben auch die Sprache wieder, die sie während des Gewitters fast verloren hatten. Doch wollen wir sie darüber nicht schelten. Wenn unser Herrgott im Donner redet, dann muß das Menschlein auf Erden zuhören und fein stille sein. Es ist doch auch gut und schön, wenn Menschen stille sind, zum Exempel, wenn sie die Sonne still hinter den Bergen sinken sehen. Da ist Schweigen viel besser, als »Ach wie schön!« sagen. Nicht wahr, mein Büblein? Die Narren haben ihr Herz im Munde, die Weisen aber ihren Mund im Herzen.

So ging es denn unter fröhlichen Gesprächen dem alten Kloster Allerheiligen zu, dessen verfallene Ruine uns bald aus dem tiefen Thalkessel entgegenblickte.

Kloster Allerheiligen war einst eine berühmte Abtei, von gelehrten Cisterciensermönchen bewohnt. Die Sage berichtet, daß die Mönche, die von reichen Rittern und Herren einen schweren Sack voll Gold zur Erbauung eines Klosters erhalten hatten, denselben einem Esel aufluden, den sie frei in den Wald laufen ließen. Wo der Esel sich lagern und den Goldsack abwerfen würde, dort sollte das Kloster erbaut werden. Und der Esel trabte in den vielgrünen Wald hinein und die Mönche in gebührender Entfernung hinter ihm her. Er stieg den Berg hinan, aber das Bergsteigen war nicht seine Passion, darum wandte er sich um, einer Thalschlucht zu, deren Wasser er rauschen hörte. Da, auf einem schönen samtgrünen Flecke scharrte er dreimal, und warf, wie ein müder Handwerksbursche seinen Ranzen, so seinen schweren Sack ab, indem er zu sich selbst in der Eselssprache sagte: »Hier ist's ganz pläsierlich, die Quelle rauscht, die Vögel singen und Gras und Disteln giebt's hier genug, – hier willst du ausruhen.« Die Mönche kamen herzu, bezeichneten die Stelle, lichteten den Wald, erbauten das Kloster, und lebten dort als gelehrte, brave Leute. Denn man muß nicht denken, daß die Mönche in grauer Vorzeit nur Faulenzer gewesen seien.

Wir dachten nun freilich weniger an die Verdienste der braven Mönche, als an unsere nassen Kleider, trockenen Kehlen und knurrenden Magen. Neben der abgebrannten Kirche, die der Blitz zu Anfang dieses Jahrhunderts zerstört hat, war ein Teil des Klosters mit seinem Refektorium und kleinen Zellen zu einem Försterhause umgewandelt worden, das zugleich Wirtshaus war. Darin hauste und wirtschaftete ein alter Förster, kurzweg der wilde Jäger genannt, ein kleiner untersetzter Mann mit langem Vollbarte, der ihm bis auf die Brust herabging. Der alte Förster stand schon unter der Hausthür, strich sich seinen langen Bart, setzte seinen großen Schlapphut mit den Reiherfedern zurecht, lachte dann ganz weidmannsmäßig, daß es weit in den Wald hineinschallte, und rief: »Alle Hagel, Bomben und Granaten! Kommt ihr endlich, ihr gebadeten Stadtmäuse! Gelt ihr Knirpse, der Regen macht naß im Gebirg? Potz Mohren und Türken, wie seht ihr aus! Da muß die Mutter schaffen, daß sie euch auszieht, hab' schon vom Jägerburschen, der oben am Mummelsee war, gehört, was ihr für Fürchteputze seid. Kommt nur herein, es ist alles gerüstet.«

Ob dieser Anrede waren wir alle etwas stark verblüfft; Raphael und Schiller, Spiritus und Förster verkrochen sich sogar etwas hinter den Maulwurf und den Wallenstein, welcher letztere sich aber von dieser biderben Anrede ganz angeheimelt fühlte. »Guten Tag, Herr Forstmeister,« sagte er (denn er wußte, daß der Förster diese Anrede gern hörte); »ja, uns ist's schlecht gegangen. Nicht wahr, wir können heute nacht hier bleiben?«

»Versteht sich! Nur vorwärts, ihr Stadtmäus', ihr gebadeten!« rief im tiefsten Baß der Förster.

Des »Forstmeisters« Ehefrau, die aus der Residenz gebürtig war, hörte uns gleich am Dialekt an, woher wir kamen, und wollte auf breitester Grundlage ihre Erlebnisse von Jugend an erzählen, »weil sie auch da her wäre,« als ihr Mann sie mit den Worten unterbrach: »Mutter, vergiß deine Red' nicht, aber die Stadtbuben sind pudelnaß und kriegen heut nacht Zahnreißen und Leibgrimmen, wenn du ihnen nicht Socken giebst und Wollenblumenthee machst.«

»Was, Wollenblumenthee! – warum nicht gar!« rief entsetzt Wallenstein, dem alles, was nach Thee roch, unausstehlich war; »ich trinke keinen!«

»Potz Wildsau und Fuchspelz – wollt ihr still sein, ihr Herren! Wenn ich einmal sage: das wird gemacht, so geschieht's,« rief der »»Forstmeister«. Flugs zog die ganze Gesellschaft die Kleider aus, die Stiefeln flogen von den Füßen, was bei manchem recht schwer hielt, da sie gründlich naß waren. Der Jägerbursche mußte beim Ausziehen weidlich mithelfen. Um den großen Kachelofen, in welchem trotz des Sommers lustig das Feuer brannte, wurden auf langen Stangen die Kleidungsstücke zum Trocknen aufgehangen. Dann trat unter die im leichtesten Nachtkostüm dasitzende Gesellschaft der Forstmeister mit dampfendem Wollblumenthee. Da mußte jeder so warm wie möglich eine Tasse hinunter trinken, bis wir wieder Wärme in den Gliedern fühlten. Mozart blies zum Tanze auf und um den Forstmeister herum, der in der Mitte stand, tanzte das lustige Septett. Jeder von uns bekam ein Paar grobe Socken aus der Truhe der Knaben des »Forstmeisters«, die unsere Füßlein gewaltig stachen und kratzten, denn unsere Mütter hatten sie nicht gestrickt.

Als die Kleider getrocknet waren und jeder sich wieder behaglich warm fühlte – nur die Stiefeln wollten nicht so schnell trocknen – führte uns der Forstmeister in das »Herrenzimmer«, wo noch andere Gäste saßen. Zwar genierten wir uns ein wenig, da wir alle in Socken ankamen; aber was konnte es helfen! »Niemand guckt euch auf die Füße,« sagte unser Wirt, »und die Mönche, die früher hier gehaust haben, waren alle barfuß.«

»Das sind gebadete Stadtmäuse aus Karlsruhe, meine Herrschaften,« mit diesen Worten stellte uns der Forstmeister vor. Diese Herrschaften aber bestanden aus dem Stadtrechner des kleinen Städtchens Oppenau, dem Amtmann von Oberkirch und seinem Adjunkten; einem alten Feldscher, der sich Doktor nennen ließ, und dem Schullehrer, der auf Kost und Logis angestellt, die Wanderschule hielt. Das waren die Honoratioren, die damals zweimal in der Woche sich beim Forstmeister zusammenfanden. Denn zu jener Zeit war das Kloster Allerheiligen noch nicht so besucht wie heutzutage. Dazumal angelten noch keine flachshaarigen Engländer Forellen im klaren Bach, und unser derber »wilder Jäger« freute sich über jeden Besuch, der zu ihm in seine Einsamkeit kam. Ihm war es mehr um Gesellschaft und aufmerksame Zuhörer zu thun, als um die paar Kreuzer, die er verdiente. Er unterhielt mit seinen Jagdgeschichten die ganze Gesellschaft und hatte dabei neben sich ein Hubertusmesser liegen, das so groß war, wie das Sauls des Gaditers, mit welchem er beim Erzählen aufschneiden konnte, daß den Leuten Hören und Sehen verging. Nachdem er auch an diesem Abend von Wölfen und wilden Ebern, von weißen Hirschkühen und auch von der Dummheit des »Forstgehilfen« ein Mehreres berichtet hatte (wobei Wallenstein offenen Mundes ihm auf den Socken immer näher geschlichen kam), da brachte der alte Stadtrechner von Oppenau, namentlich um unsertwillen, das Gespräch auf das alte Kloster und auf die Mönche von Allerheiligen. »Ja«, sagte der Forstmeister, »das sind so Geschichten, von denen ich selber nicht gern erzähle;« dabei blinzelte er lächelnd und mit einem Seitenblick auf uns nach seinen Gästen hinüber. »Selbst unser einem gruselt's, wenn man nur daran denkt. Aber in den heiligen Zeiten, wie zum Exempel am Advent, oder vor Ostern, oder an Fronleichnam, da wird's drüben in der alten Abtei lebendig. Nachts um zwölf Uhr steht der Prior da in weißer Kutte mit dem Krummstab und liest die Messe mit hohler Stimme, und rings um ihn sitzen im Chor auf den Steinen die Mönche und murmeln in ihre langen Bärte hinein. Und dann singt es wunderschön durch die Hallen und geht es hier herein ins Refektorium, da hört man, wie sie die Gläser vom Simse holen, da rappelt's und tappelt's aus der Küche heraus und der feinste Hirschbraten riecht durch das ganze Haus.« Der Alle schien sich an unsern immer länger werdenden Gesichtern weidlich zu ergötzen, er ließ aber nichts davon merken, blinzelte nur öfters nach den Herren hinüber und erzählte fort: »Dann gehen die Mönche einzeln durchs Haus und suchen ihre alten Zellen auf. Einer ist einmal ganz lange vor meinem Bett stehen geblieben, bis ich halt meine Jagdflinte heruntergeholt hab' von der Wand. Da hat er mir eins mit dem dicken Strickende auf den Kopf gegeben, daß ich ganz durmelich geworden bin. In Sommerszeiten, läßt sich aber kein Mönch blicken, darum könnt ihr ganz ruhig sein, meine Herrn,« schloß der Förster und schaute verschmitzt lachend in unsere immer bleicher werdenden Gesichter.

Unserem »Förster« fiel eben wieder seine Tante von Baden ein, aber er schämte sich, den Gedanken laut werden zu lassen, und raunte nur leise dem Spiritus ins Ohr: »Wenn ich nur bei meiner Tante in Baden geblieben wäre.« Zum Glück kam bald die Försterin mit einer dampfenden Mehlsuppe, einem Gebirge von Kartoffeln und Leberwürsten, und alle Angst wurde tapfer hinunter gegessen. Trotz der Erzählungen des Forstmeisters, die heute »extra Aufgeschnittenes« enthielten, übermannte uns die Müdigkeit und der Schlaf, und süß und ruhig schlummerten wir in den ehemaligen Zellen der Mönche.

Es war früh morgens um vier Uhr, als der »wilde Jäger« mit einem ungeheuren Sprachrohr von unten herauf uns mit dem Gruße wach rief: »Aus dem Bett, ihr faulen Schlafratten, ihr Residenz-Schlafkappen! Wartet, ich hol' euch an den Beinen heraus! Nur herunter, hemdärmelig an den Brunnen! Waschschüsseln giebt's nicht, ihr Herren, und auch keine Toilettenseifen, aber frisches Klosterwasser, den Schoppen zu einem Kreuzer, – kommt, ich zapfe euch vom besten, jedem so viel er will.« Der Maulwurf kam zuerst herunter und mußte sich vom Forstmeister waschen lassen. Dieser befahl ihm nämlich, sein Gesicht unter die Brunnenröhre zu halten, und dann pumpte er ihm das eiskalte Wasser über den Kopf, daß es nur so platschte.

»Das ist Naturbleiche,« sagte er lachend, »da wird man weiß wie die schönste Leinwand.«

Der Maulwurf lobte, sich vor Kälte schüttelnd, pflichtmäßig diese Morgen-Erfrischung durch Klosterwasser und trank auch gleich einen Schoppen davon. Einer nach dem andern von uns mußte herunter, denn der »wilde Jäger« behauptete, das müsse man uns noch wochenlang anmerken, daß wir bei ihm im Wald über Nacht gewesen. Daß er so freundschaftlich und ohne viel Federlesens mit uns verfuhr, mochte daher kommen, daß ihm unsere Eltern in der Residenz wohl bekannt waren und er darum schon etwas weidmännisch zutraulich mit uns umgehen zu können glaubte. Schließlich aber thut's den Buben auch schon ganz gut, wenn man sie nicht in Baumwolle wickelt.

Nach dieser Brunnenkur stieg der wilde Jäger mit uns an die Wasserfälle hinab. Durch einen engen Schlund sich durch Felsen zwängend, stürzt der Bach hinab und bildet eine Reihe der schönsten Fälle. Kühne Brücken laufen hart am Abhang und an den Felsen gelehnt, längs des Baches hin. Alles dieses war ein Werk des alten Forstmeisters, der uns während des Ganges schauerliche Kriegsgeschichten aus der Schwedenzeit erzählte. Wir stiegen den Berg wieder hinauf und begaben uns in den alten Klostergarten, in welchem uns ein weißgedeckter Tisch mit einer dampfenden Schüssel empfing. Es war Suppe, kräftig und auf die Dauer. »Kaffee ist nichts für euch,« sagte der wilde Jäger, »der verfliegt im Magen, aber Weidmannssuppe, die hält vor.« Dann kamen Linsen und geräucherter Speck; kurz, es war echte Weidmannskost. Jeder bekam noch eine Knackwurst auf den Weg, die Flasche wurde mit Wasser und Oberkircher Kirschwasser gefüllt, und dann ging's unter der Begleitung des Jägerburschen hinunter nach Ottenhöfen. – Die Rechnung war aufs billigste gestellt; Mozart mußte der Forstmeisterin noch ein Ständchen bringen, in das die Sippschaft zum Dank für die warmen Socken im Chor einfiel. Der wilde Jäger drückte jedem die Hand, daß man aufschreien mußte vor Abschiedsschmerz. Bald lag die Abtei hinter uns samt dem wilden Jäger und seiner guten Ehehälfte, die uns noch viele Grüße an ihre liebe Vaterstadt mitgab.

Es war gegen elf Uhr, als wir in Ottenhöfen einrückten beim weithin berühmten Pflugwirt. Wir überlegten, ob wir der Kosten wegen Table d'hôte mitessen konnten oder nicht; denn wir wollten es auch einmal »gut« haben, wiewohl Wallenstein behauptete, beim »wilden Jäger« habe es ihm am besten geschmeckt. Aber das Wort »Table d'hôte« wirkte zu verführerisch auf uns, so etwas konnten wir nicht alle Tage haben. Der Maulwurf unterhandelte mit dem Pflugwirt, und weil wir unser acht waren, verstand sich der Mann zu der billigen Forderung von achtzehn Kreuzern oder fünf Groschen per Mann »samt dem Wein.« Wir packten unsere Ranzen aus, legten frische Kragen an und machten uns möglichst »fein,« denn das Haus war von Gästen ziemlich voll, die alle mitspeisen wollten. Mozart blies zum Sammeln und punkt ein Uhr marschierten wir alle in den Speisesaal, in welchem viele Herren und Damen aus Straßburg und Baden-Baden, Achern und der Umgegend an langer Tafel saßen. Der Maulwurf hielt die Etiquette aufrecht und sorgte dafür, daß keiner zu viel aß und trank, indem er uns allen immer die achtzehn Kreuzer und die Regeln der Bescheidenheit vorhielt. Die Tischgesellschaft ergötzte sich an unserem fröhlichen muntern Treiben und an unseren Erzählungen vom »wilden Jäger.« Namentlich war es eine Familie, ein schwarz gekleideter Herr mit einer ebenfalls schwarz gekleideten, blassen Dame und einem Töchterlein in unserem Alter, die uns mit lebhaftem Interesse zuhörten. Der sinnige, stille Schiller kam gerade neben die blasse, schöne Frau zu sitzen, und das Büblein gab ihr so nette Antworten, daß sie ihre volle Freude an ihm hatte. Wir mußten dann zum Dessert unsere Nachtgeschichte auf den Hornisgründen erzählen, was allgemeines Vergnügen erregte, und zum Schluß wurde dreistimmig gesungen, welchen Gesang Mozart sanft mit seiner Trompete begleitete.

Nun machte einer von den Gästen den Vorschlag, in aller Stille für uns Geld zu sammeln, da er dachte, wir seien hungrige Scholaren. Maulwurf aber wies die Gabe freundlich und fest zurück, »denn,« sagte er, »wir sind mit wenigem fröhlich.« Dafür bestellten uns nun die Gäste einen großen Leiterwagen, auf dem Strohbündel lagen und den zwei mutige Pferde zogen, damit wir in der Juli-Hitze den Weg nicht zu Fuß machen mußten. Diese Freundlichkeit nahmen mir mit Dank an. Einige von den Gästen, darunter die schwarz gekleidete Familie, hatten ihre Equipagen bei sich und nahmen denselben Weg nach Baden zurück, wie wir. Abwechselnd durfte nun einer um den andern mit in der Kutsche der freundlichen Familie fahren; zuweilen setzte sich auch der Herr zu uns auf den Leiterwagen. So ging es über Achern nach Bühl, unter der alten Windeck und dem Schloß Lauf vorbei, immer am Saume des schönen Gebirges entlang. Dem Maulwurf und Wallenstein zu lieb, die Brüder waren, wären wir gar zu gern nach der alten Burg Hohinrode, der Stammburg ihrer Ahnen, gegangen, und nach dem Edelfrauengrab, von dem sich auch noch manches Schöne erzählen ließe.

Der kleine Schiller aber deklamierte den Brüdern zum Trost das bekannte Gedicht von Chamisso: »Das Schloß von Boncourt.«

Der Herr, der mit uns auf dem Strohsitze saß, hörte freundlich zu. »Woher kennst du das Gedicht, Kleiner?« sagte er. »Unsere Mutter,« erwiderte Schiller, »liest uns manchmal am Abend vor. Alle ihre Lieblingslieder hat sie in ein Buch geschrieben, da lerne ich ihr zu lieb manches Gedicht auswendig, das ihr besonders wert ist.«

»Da hast du wohl eine gute Mutter, mein Kind,« versetzte der Herr. »Hast du noch mehr Geschwister?«

»Ja, noch vier kleinere; ich bin der älteste.«

»Und dein Vater?«

Da traten dem Schiller die Thränen in die Augen. »Er ist seit vier Jahren tot,« antwortete er fast tonlos. Wir alle kannten diesen wunden Fleck und wurden daher auch stumm und still. Sinnend saß der fremde Herr und drückte dem Knaben warm die Hand. Bald aber brach die Fröhlichkeit wieder durch, als wir nach Affenthal hereinfuhren, dem berühmten Weinort. Die Vorstellungen, welche der Name dieses Ortes erweckte, der doch irgendwie etwas mit Affen zu thun haben mußte, brachten einen unaufhörlichen Lachreiz bei uns hervor. Jeder von uns wollte den biedern Bauersleuten etwas von den Affen ansehen. Am Wirtshause angekommen ließ der fremde Herr für uns alle Brot, Käse und Affenthaler kommen. Wir griffen tapfer zu, denn so ein Bubenmagen arbeitet besser als die schnellste Mühle. Von dem Linsengericht des wilden Jägers und seinem Speck, und von der Table d'hôte des Pflugwirts war absolut keine Nachwirkung mehr zu verspüren, und es läutete schon wieder im Magen wie beim Müller, wenn der Gang leer läuft. Der fremde Herr freute sich königlich unseres Appetits, und selbst über die Züge der blassen Dame kam ein leichtes Lächeln. Es war gegen halb fünf Uhr geworden, als wir zur letzten Station aufbrachen, zum Kloster Fremersberg. Bis dahin sollte der Wagen uns noch bringen. So ging es denn vorüber an Steinbach, dem Geburtsort des berühmten Erbauers des Straßburger Münsters, Erwins von Steinbach, und dann hinauf durch die Halden und Weinberge zum alten Kloster, das damals zum Wirtshause umgewandelt war.

Fern winkte uns schon das große weiße Sandsteinkreuz entgegen, das der selige Großherzog Leopold an der Stelle des Hochaltars hatte errichten lassen. Bald fuhren wir durch das Thor bei dem hübschen Gasthause vor. Es war schon etwas abendlich geworden, als wir vom Wagen herunter kletterten.

Welche entzückende Aussicht ringsum! Drüben auf spitzem Kegel inmitten der hohen Tannen die einsame feste Iburg mit ihrem aus gewaltigen Quadern erbauten Turme. Dort senkte sich der Wald, Dörfer lagen im Abendschein der Sonne, da und dort stieg der Rauch aus den Schornsteinen. Im tiefen Violett lagen die Vogesen und doch so klar, daß man die fernen Ortschaften drüben unterscheiden konnte. Zu unsern Füßen zog der nahe Rhein. Unten im Thal läuteten die Glocken das Ave Maria der scheidenden Sonne nach. Wir sahen die Leute und die Herden heimziehen. Ringsum war alles so still, als wäre es Sonntag. Mozart blies zum Sammeln, und zwar das schöne Lied seines Namensvetters: »Goldne Abendsonne.« Wir sammelten uns am Fuße des großen Sandsteinkreuzes, das rings von hohen Malvenstauden umgeben war, und setzten uns auf die steinernen Bänke. Auch die fremde Familie, die uns längst nicht mehr fremd war, setzte sich zu uns. Schiller zog aus seinem Ränzchen ein Blatt. Zaghaft und schüchtern begann er; nach und nach aber hob sich die Stimme des schönen Knaben mit den wallenden Haaren und den sinnigen, blauen Augen. Er las die Geschichte des Klosters Fremersberg vor, aus der ich aber nur das Gedicht, das von seiner Gründung erzählt, mitteilen will.

Der Wald erbraust, der Sturmwind saust;
Wohl dem, der jetzt in Frieden haust!
Es zuckt und blitzt, der Donner rollt,
Als ob der Himmel brechen wollt'.

Und Markgraf Jakob irrt umher
Im finstern Walde kreuz und quer,
Getrennt von seinem Jagdgeleit,
Schon stundenlang und stundenweit.

Er reitet her, er reitet hin;
Die Zwerg' und Elfen necken ihn.
Bald gleitet er auf nassem Grund,
Bald ritzt ein Zweig sein Antlitz wund.

Der Fürst zum Tod ermüdet spricht:
»Mein Herr und Christ, dich laß ich nicht!«
Er stößt ins Horn zum letztenmal –
Da blinkt von fern ein Rettungsstrahl.

Zwei Fackeln schimmern durchs Gesträuch;
»Schutzengel Gottes, nahet euch
Und reichet hilfreich eure Hand
Dem Greise, dem die Kraft entschwand!«

Einsiedlermönche führten ihn
Zur Klause, die von fern erschien,
Ein schlichtes Mahl, ein trocknes Kleid,
Ein ländlich Bett war schnell bereit.

Er schlief, wie's Vöglein auf dem Baum;
Und träumte einen Jakobstraum,
Bis sich der helle Morgenstrahl
Hold grüßend durch das Fenster stahl.

Und also herzbeseligt ganz
Von stiller Andacht Friedensglanz
Sprach er: »Ein Kloster werd' erbaut,
Wo ich den Rettungsstern geschaut;

Damit noch mancher Wandersmann,
Vom Sturm verfolgt, da rasten kann.
Damit noch manches Rettungslicht
Aus diesem Waldesdunkel bricht.«

Und wie er's sprach, so ward's vollführt!
Von Jakobs Fürstenstab berührt
Erhob sich die bescheidne Klaus
Zu einem schmucken Gotteshaus.

Die Sonne war mittlerweile hinuntergesunken. Alle waren still geworden. Da stand die ernste, blasse Dame auf, küßte Schiller, der fast erschrak, auf die Stirne, und sagte zu ihm: »Du bist ein liebes Kind.« Der fremde Herr erhob sich auch, nahm Schillern an der Hand und verlor sich mit ihm und der Dame in den dichten Gebüschen. Was sie mit einander geredet, erfuhren wir damals nicht, erst später ward es uns kund. Die fremde Herrschaft hatte nämlich vor kurzem den einzigen Sohn verloren, der in Schillers Alter war und ihm sehr ähnlich gewesen sein soll. Daher zog es die Eltern auch so innig zu dem schönen Knaben. Sie fragten ihn nach seiner Mutter und schrieben Namen und Wohnung auf. Bald darauf machten sie seiner Mutter den Vorschlag, ihnen den Knaben zu überlassen, sie wollten für ihn sorgen, als ob sie seine rechten Eltern wären. Aber die Mutter konnte sich nicht von ihrem Kinde trennen. Da setzten die guten Menschen ihm ein Stipendium aus und ließen ihn studieren. Leider aber starb er in der Blüte der Jahre. –

Als Schiller mit verweinten Augen wieder zurückkam, blies Mozart zum Sammeln und Geschwindschritt. Wir eilten neben dem Wagen der fremden Herrschaft her, und kamen nach einer Stunde auf der Höhe oberhalb Badens an. Unten flammten die Tausende von Lichtern auf dem Platze des Konversationshauses, und es wogte von geputzten Gästen. Wir gedachten beim Scheiden der schönen Tage, der Stille und Einsamkeit im grünen Wald, am Mummelsee und beim wilden Jäger. Der Förster eilte zu seiner »Tante,« die andern in das alte Wirtshaus zum »Baldreit« – wir reichten uns die Hände und nahmen Abschied. »Es war doch herrlich!« sagte der Maulwurf zum Schluß. Der Verfasser aber, welcher der Mozart in der Gesellschaft war, bläst zwar nicht mehr auf der Trompete, aber zwischen den Lippen summt ihm das Lied, dessen Vers zu Anfang des Büchleins stand:

Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit
Klingt ein Lied mir immerdar;
O wie liegt so weit, o wie liegt so weit,
Was mein einst war!

Damit haben wir das erste Stockwerk durchgangen. Möge der Gang den geneigten Leser nicht ermüdet haben!

Aus der Familienchronik

Erstes Kapitel

Vom seligen Vater

»Aus dem Munde der jungen Kinder und
Säuglinge hast du dir eine Macht zubereitet
um deiner Feinde willen, daß du vertilgest
den Feind und den Rachgierigen.«
Psalm 8. V.3.

Wer seiner Zeit in der Geographie kein Faulenzer war, weiß, daß es noch bis auf den heutigen Tag von Kreuznach aufwärts nach dem Hunsrücken geht. Das wird wohl der größte Hundsrücken auf der Welt sein (wenn das Wort von Hund herkommen sollte), und ist gut und heilsam, daß der Hund dazu fehlt. Denn da könnte einem doch angst und bange dabei werden. Dieser Hundsrücken trägt auf seinem Rücken Städtlein und Dörfer, Wälder und Wiesen, und unter andrem auch das Städtlein Birkenfeld mit samt einem Schloß auf dem Berge. Im vorigen Jahrhundert gehörte es den Markgrafen von Baden, die zugleich die Herren der Markgrafschaft Sponheim waren und davon noch jetzt den Titel führen, es aber nicht mehr sind, wie heutzutage mancherlei Leute das nicht sind, was sie heißen. Jetzt ist das Ländchen, das in Mitteldeutschland liegt, der Verkehrserleichterung wegen zu Oldenburg geschlagen worden. Im Schlosse wohnte der herrschaftliche Forstmeister und der herrschaftliche Baumeister, und der letztere war mein seliger Großvater väterlicherseits.

Das Städtchen Birkenfeld liegt am Fuße des Schlosses und hatte mit seinen Erkern und Türmchen, den schwarzen Schieferdächern mit grünen Schlagladen ein trauliches Ansehen. Das Schloß war groß und weitläufig, faßte eine alte gotische Kirche und hatte Warttürme und Ringmauern. Trotzdem ging's aber ganz friedlich darin zu, denn es lag kein Kriegsvolk darin; auf den Wällen trocknete die Wäsche der Frau Forst- und der Frau Landbaumeisterin und in den Schießscharten hatte sich die Spatzen- und in den hohen Warttürmen die vornehmere Dohlenzunft ohne Hauszins einquartiert. Des Nachmittags kamen oft die Herren Beamten zu einander im großblumigten Schlafrock und rauchten lange kölnische Pfeifen zum Kaffee, und des Abends stiegen die »Herren« von Birkenfeld in Scharlach und Seide, oder goldgestickten Röcken mit langen Zöpfen und gepudertem Haar den Berg hinauf, oder die Herren vom Schloß kamen herunter, weil der Weg akkurat so weit war vom Schloß hinunter als vom Städtlein herauf. Da ward denn von guten und bösen Tagen geredet, von Franklin und Washington, vom Sultan weit hinten in der Türkei. Und es war alles Liebes und Gutes dabei.

Der Großvater trieb neben seinem Berufe noch Ackerbau und Viehzucht, oder wie man's jetzt nobler heißt: »Ökonomie;« denn es ist bald eine Schande, wenn man einen Bauern noch einen Bauern nennt. Er hatte viele Knechte und Mägde im Hause, um des vielen Viehs willen, das aufgezogen ward. Die Kinder hatten's dabei gut, denn sie brauchten sich nicht zu genieren wie die Stadtkinder, wenn sie noch ein dickgestrichenes Butterbrot haben, oder eine Schüssel süße Milch über den Durst trinken wollten, denn sie hatten's alles im Überfluß. Das war denn eine fröhliche Zeit für die Kinder des Herrn Landbaumeisters da droben auf dem Schloß. Denn ein Kind muß wie die Pflanze Luft und Licht haben, wenn's gedeihen soll, und was zu sehen kriegen, sonst lernt's nichts. Aber da war viel zu sehen und zu studieren. Vom Wartturm herunter sah man das ganze schöne Hunsrücker Land und drüber die Sonne auf- und untergehen. Unter der großen Linde im Schloßhof saßen abends die Knechte und Mägde und sangen, und an Markttagen kamen Besuche von auswärts. Da ging's im Schloßhof hoch her. Auf dem Wartturm gab's bei den Dohlennestern Naturgeschichte zu studieren, und der Schäfer wußte allerhand Sachen, die man nicht weiß, und hörte die Gräslein wachsen; und in der Kirche mit den gotischen gemalten Fenstern und den alten Grabsteinen der Herren von Birkenfeld gab's immer was Neues.

Aber da sollte etwas Neues kommen, was die Kinder noch nicht gesehen hatten, und das waren die Franzosen. Der geneigte Leser weiß, daß diese unruhigen Köpfe in den neunziger Jahren ihrem König den Prozeß gemacht und den Kopf abgeschlagen hatten. Und damit die Kopfabschneiderei schneller ging, hatten sie nicht etwa die Türken und Mameluken zum Beistand gerufen, sondern eine Maschine erfunden. Als nun die Reichsarmee sich aufmachte, den Frevel zu strafen, hatten sie es nicht gemacht wie der Mann, der zuvor gesessen und den Kosten überschlagen, ob er's habe, hinauszuführen, sondern sie hatten eine große Proklamation an die Franzosen erlassen und gemeint, das andere werde sich schon finden. Aber es fand sich das Gegenteil. Das Volk stand auf und die Reichsarmee wurde geschlagen, und die Franzosen kamen herüber und machten einen unerfreulichen Gegenbesuch.

So kamen sie auch auf den stillen Hunsrücken, der ihnen gewiß nichts zu Leide gethan hatte. Es war im Jahre 1795, als die Nachricht kam: die Franzosen kommen. Sie waren so schlecht empfohlen, daß man lieber dem Besuch auswich, und der Großvater mit seinen Kindern beschloß, der Mutter, die schon vorausgegangen war, nach Koblenz zu folgen. Es war tiefer Winter, der Schnee krachte unter dem beladenen Wagen und die Kinder krochen fast in den Großvater hinein vor Furcht, um so mehr, als sie mitten im Wald vor einer alten Ruine still hielten, weil man Menschenstimmen zu hören vermeinte. Die Flucht ging vorwärts nach Kirchberg und Koblenz, aber überall die Nachricht von den Franzosen, bis in einem kleinen Städtchen an der Mosel Ruhe gefunden wurde. Nach mehreren Wochen hieß es, die Franzosen seien zurück, und die Familie machte sich auf den Weg. Als sie aber in Birkenfeld ankam, war das Schloß von den Östreichern besetzt und sah wie eine kleine Festung aus, denn es wimmelte von Kriegsvolk darin. Alle Morgen wurde im Hofe von einem Mann in goldenem Rocke Messe gelesen und das Kriegsvolk kniete dabei nieder; des Mittags war türkische Musik während der Mahlzeit, und des Abends tranken und spielten die Soldaten mit Würfeln. Es war das bunteste Kriegsvolk, das man sehen konnte: Kroaten, Panduren, Rotmäntel mit langen Pistolen und eingelegten krummen Säbeln. Alles scheute sie, nur die Kinder hatten sie lieb, denn sie nahmen sie auf den Arm und tanzten mit ihnen herum, und setzten sie neben sich auf die ausgebreiteten roten Mäntel. Je besser den Kindern das lustige Treiben gefiel, desto weniger dem Großvater. Ein Ochse und Hammel nach dem andern wurde gschlachtet, und der Hahnen am Weinfasse wurde nicht kalt, und keiner fragte: »Was ist unsre Schuldigkeit?« sondern sie sagten: »Schreibt alles auf die Rechnung von unserm allergnädigsten Kaiser,« was etwa gerade so viel hieß als »schreibt's in den Schornstein hinein.« Und der Großvater sollte noch mehr verlieren. Eines Morgens hörte man eine starke Kanonade über dem Berge drüben. Die Östreicher rückten aus, nach kurzer Gegenwehr rückten die Franzosen vor das Schloß. Der französische General mit zwanzig Offizieren saßen nun da, wo die Östreicher gesessen hatten. Als der General nach acht Tagen abgezogen war, kamen unter einem andern französischen General die Arrièregarde; vielmehr ein Lumpengesindel, Bursche von fünfzehn bis siebzehn Jahren, verlumpt, ohne Strümpfe, viele ohne Flinte. Da ihrer so viele kamen und immer wieder neue, so nannten sie die Leute: »Grundelcher« oder »Gründlinge,« wie's auf hochdeutsch heißt, die sich ja bekanntlich auch zu Tausenden mehren. Als der Großvater den französischen General fragte, was er denn mit diesen kleinen Buben anfangen könnte, antwortete er: »Die schießen den größten Östreicher tot.« Sie trieben's noch viel ärger als die Östreicher, nahmen ohne weiteres alles was ihnen in die Augen fiel, plünderten die Ställe der Bauern und brieten die Tauben und Hühner, nachdem sie sie eine Weile erst blutend hatten herumfliegen lassen, weil der Koch behauptete, das Fleisch werde zarter. Da kam den Kindern immer mehr das Weinen an, zumal auch die Seuche unter dem zusammengeschleppten Vieh ausbrach und rings umher die armen verhungernden Leute sich aufmachten und um Gotteswillen um Brot baten.

Das Lumpengesindel zog wieder weg, dafür kam der General Ney mit frischen Truppen, die etwas manierlicher waren. An ihrer Stelle rückten Preußen ein. An einem Abend leuchtete der Himmel blutigrot, – die Franzosen hatten das Städtlein Kusel verbrannt. Die Preußen blieben den Winter durch und zogen im Frühjahr weg. Da kam in einer Nacht ein Schwarm französischer Husaren in das Schloß. Die Kinder schliefen schon, nur der Großvater war noch auf und ging ihnen auf die Hausflur entgegen. Sie drängten ihn in die Stube und forderten mit geschwungenen Säbeln von dem Großvater Geld. Als er ihnen ruhig sagte, daß er bereits ein ausgeplünderter Mann sei und keines mehr habe, drangen sie auf ihn ein, der Wortwechsel wurde immer heftiger. Der Großvater verteidigte sich mit einem Stuhl gegen sechs dieser Kerle, während die andern das Haus durchsuchten. Da wachte mein Vater, der damals ein Knabe von sechs Jahren war, auf, hört die Stimme seines Vaters und ahnt die Gefahr. Blitzschnell fuhr er aus dem Bette und kroch in seinem Hemdlein unter einem hohen Kasten durch, der die beiden Stuben trennte. Als er aber durch war und den Kopf vorstreckte, sah er einen Husaren seinen Säbel über den Großvater schwingen und zum Hieb ausholen. Wie eine Katze kletterte er von hinten an dem Husaren hinauf und hielt sich an seinen Arm, so daß er den Säbel im Schreck sinken ließ. Der Säbel fuhr in die Lehne des Sofas hinein und gab eine tiefe Wunde, aber sie blutete nicht. Dem Großvater aber hätte sie das Leben gekostet. Erstaunt über den beherzten Knaben, der nun eben so schnell am Hals seines Vaters hing, um ihn zu decken, wurde das rohe Volk zufrieden, ließ sich speisen mit dem letzten Rest dessen, was noch da war, und zog in der Nacht wieder ab. Der Großvater aber schloß das Kind in seine Arme und herzte es wie seinen Lebensretter, und behielt zu dem Kind seit jener Zeit, wiewohl er alle seine Kinder lieb hatte, doch eine besondere Zuneigung.

Das war auch die letzte Angst, die sie auf Birkenfeld ausstehen sollten. Der Großvater hatte alles verloren durch den Krieg und war aus einem reichen Besitzer ein armer Landbaumeister geworden. Seiner Frau zarte, Gesundheit war durch die vielen Schrecken gebrochen, und als ihm der Ruf nach der Heimat eine Stelle als Baurat gab, zog er im Jahre 1799 vom Hunsrücken herunter nach der Residenz, wo auch bald darnach sein treues Weib, die Hunsrückerin, starb.

Wenn er da am Aktentisch arbeitete, überflog ihn manchmal ein düsterer Schatten, unter dem aber die freundlichen Augen plötzlich leuchtend hervorbrachen: er dachte der schönen Zeit auf dem Hunsrücken und auf dem Birkenfelder Schloß, der leidigen Franzosen und seines Kindleins, das ihm das Leben gerettet. Mein Vater stand schon in den Siebzigern, als er diesen Zug aus seinem Jugendleben niederschrieb. Er hatte Italien, Frankreich, England und Deutschland in seinem Leben durchwandert, aber so lange, so gern und mit so viel reinem Glück dachte er an keinen Ort und keine Zeit zurück, als an die Jugendzeit auf Schloß Birkenfeld auf dem Hunsrücken.

Zweites Kapitel

Meines Vaters Türkenpfeife

Mein Vater hat nie geraucht und doch eine Pfeife gehabt. Daß er nicht rauchte, kam daher, daß er es für eine abscheuliche Gewohnheit hielt, und die selige Mutter stimmte dem vollkommen bei. Und doch hielt er eine Pfeife hoch und wert. Sie hatte einen langen geringelten Schlauch, oben eine große Bernsteinspitze, die wie eine Eichel aussah, und unten einen schönen, roten, türkischen Kopf mit Gold eingelegt.

Ging der Vater einmal an die obere Schublade seines Pults und unsereins kam just dazu, gab's viel Fragen und wenig Antwort. Vergilbte Zettel, getrocknete Blumen, ein schöner Rosenkranz aus Jerusalem, alte Münzen und auch die Türkenpfeifen lagen drin. Ja, warum der Vater diese Sachen alle so hübsch aufhob und fest wieder zuschloß und sagte: »das ist nichts für euch, ihr lieben Kinder?« Unsere Blicke blieben noch lange an der wieder geschlossenen Schublade hängen, aber sie war und blieb zu. – Als ich von Universitäten kam, wo ich unter andern Künsten leider auch rauchen lernte, gelüstete es mich gewaltig nach der schönen Türkenpfeife, sie zu probieren. Da wurde denn die Rede auch einmal ganz sachte auf den Türkenkopf gebracht, und wie das Rauchen aus so einer langen Pfeife gesünder und weniger kostspielig wäre, und was dergleichen Reden mehr waren. Der Vater lächelte still vor sich hin und hörte dem Ding ruhig zu, aber er merkte gleich wo's hinaus wollte, und machte ein Gesicht, als wollte er sagen: »du kriegst sie aber doch nicht.« Nachdem alle Beredsamkeit von meiner Seite am Ende war, schwieg der Vater noch immer still. Und das ist immer peinlich, wenn einer so viel spricht, und der andere sagt kein Wörtlein drauf. Endlich brach er das Schweigen auf Zureden der Mutter. Mit dem Türkenkopf hatte es nämlich so seine Bewandtnis, warum er nicht geraucht werden durfte.

Auf der schönen Insel Sizilien, die unten an Italien ruht wie das Schoßhündlein zu Füßen seiner Herrin, liegt die Stadt Palermo, hoch aufgebaut mit ihren Burgen und Palästen und großen freien Plätzen. Dahin war in seinen jüngern Jahren auf seiner Fahrt nach Welschland der Vater gekommen, er ein Maler, und seine beiden Freunde Baumeister, wovon der eine die Ludwigskirche, der andere die Auerkirche in München erbaut hat. Die wollten dort studieren aus dem großen Buch, wo statt Buchstaben Berge und Fluren, Paläste und Kirchen stehen, und wo jede Nacht ein Komma und jedes Nachtquartier ein Pünktlein ist. Zwei von ihnen, der Maler und der eine Baumeister gehörten nicht gerade zu den stärksten, dagegen war der andere Baumeister ein breitschultriger, stämmiger Mann, dessen Stück allezeit geladen war, wenn Not an Mann kam. – – So saßen denn die drei einst an einem Abend vor einem Kaffeehaus. Über ihnen war ein Zelt gespannt und ringsum standen blühende Oleander und Aloen, auf dem Tisch Kaffee und Eis und was so von diesen Herrlichkeiten mehr sind. Die drei deutschen Jünglinge in ihren weißen Strohhüten und breit ausgelegten weißen Hemdkragen und langen Haaren unterhielten sich von diesem und jenem, vom krummen und geraden Lauf in der Welt, vom vielen Gelde was die Hamburger Kaufherren haben, und von dem wenigen, was die Künstler haben, vom Sultan in Konstantinopel und vom Herrn Amtmann in Balingen im Schwarzwald. Da tobte es plötzlich aus der Seitengasse heraus, wie wenn das wilde Heer des Hans von Rodenstein im Odenwald daher käme, mit Pfeifen und Heulen und Schreien, und zwischen drin hörte man nur die flehende, wimmernde Stimme eines alten Mannes. Es war ein Haufe palermitaner Männer, Weiber und Kinder, die auf der Hetzjagd begriffen waren. Das Wild aber, das sie hetzten, war ein alter Jude mit langem eisgrauen: Bart, in schwarzgelbem Kaftan, mit einem weißen Turban auf dem Kopf. Des alten Mannes ehrwürdige Züge waren von Angst und Schrecken verzogen, er zitterte am ganzen Leibe, denn sie stießen ihn vor sich her und verspeiten ihn. Er hatte nämlich sein Quartier verlassen und war auf der Rückkehr verspätet, und so den Leuten in die Hände gefallen, die ihn ins Judenviertel zurückjagen wollten. Denn die Juden hatten wie in der heiligen Stadt Rom ihr besonderes Viertel, aus dem sie nicht, außer in den bestimmten Stunden, herausdurften. So jagte denn der Troß mit dem alten zitternden Mann in der Mitte am Kaffeehause vorbei. Die drei Deutschen schauten hin und hatten bald erkannt, um was sich's handle. Ohne Kommando sprangen sie alle blitzschnell von ihrem Sitz auf. Der Vierschrötige schüttelte seine Locken wie ein Löwe seine Mähne, schwang seinen geladenen Ziegenhainer und sprang mitten in den Knäuel hinein und fing an, die Köpfe und Rücken der Palermitaner so gründlich zu bearbeiten, als sei er, ein Haarkräusler oder ein Gerber. Die zwei andern waren durch die Gasse nachgebrochen und hieben nun auch unter den verdutzten Knäuel ein, schimpften auf deutsch und italienisch auf das rohe Volk, und während der erste in seiner Arbeit fortfuhr, nahmen die beiden andern den Juden unter dem Arm und zogen ihn aus dem Getümmel heraus. Das feige Volk hatte sich bald verlaufen und der Vierschröter kam schweißtriefend nach. »Das war einmal was für unsereinen,« rief er lachend, »so was passiert einem nicht alle Tage auf diesem Stern. – Nun, Alter,« sagte er zum Juden, »vergeßt, was Euch das Volk gethan, und sagt uns Eure Wohnung, wir werden Euch eskortieren.« – Der Jude wußte sich nicht zu helfen vor Verbeugungen und Dankesworten, und fragte dann schüchtern, ob die Herren auch Juden wären, dieweil sie so an ihm gehandelt. Da schlugen die drei in ein helles Lachen auf. »Nein, Sohn Abrahams, Juden sind wir nicht, aber Christen und Menschen, und darum soll Euch kein Leid geschehen.« Der Jude schaute sie verwundert an, noch mehr aber die vor ihren Häusern kauernden Leute im schmutzigen Judenviertel, als sie den Alten inmitten der drei blühenden deutschen Jünglinge sahen. »Sie haben mich gerettet von den Gojims,« rief der Alte unaufhörlich, »und sind selber Gojims!« Endlich waren sie am Hause. Schwarzäugige, schmutzige Kinder sprangen heraus und an dem Alten hinauf, küßten ihn und zupften ihm den Bart, es waren seine Enkel. Aber angstvoll kam das alte Judenweib heraus mit ihren großen Kindern. Sie hatten den Alten schon verloren gegeben, als er über die Zeit ausblieb. In Kürze erzählte er, was ihm begegnet war, während sich die Maler das Treiben anschauten. Sie sahen, wie das dunkle Auge des großen Sohnes flammte wie das des Judas Makkabäus, als sein Volk geplagt ward – aber als der Alte dann auf die drei deutete (denn sie verstanden kein Wort von dem allem), da drängten sie sich herzu und küßten die Hände der Fremdlinge unaufhörlich, bis endlich dem Vierschrötigen die Geduld riß und er auf deutsch rief: »Laßt doch die Dummheiten bleiben,« was die dankbare Familie freilich eben so wenig verstand, als wenn er gesagt hätte: »Behüt euch Gott, auf Wiedersehen, ein andermal wieder, recht gern, wenn's not thut!« –

Die Drei gingen ihrer Wege, froh und leichten Herzens, wie ein Mensch, wenn er seine Pflicht und Schuldigkeit 'gethan hat, und noch lange hallten ihnen die Segenswünsche aus dem Judenviertel nach. – Die Geschichte hatten sie bereits vergessen, wie man das allerwege thun und sich nichts einbilden soll. Nur in das Kaffeehaus waren sie bei Abend nicht mehr gegangen von wegen den Stockprügeln, die sie ausgeteilt. Es schien ihnen nicht gerade geheuer, weil der Italiener, wo er mit dem ehrlichen Stock nicht vorankommt, es mit dem hinterlistigen Dolch versucht. Sie sahen sich Palermo mit seinen Herrlichkeiten des weiteren an, und kamen erst nach vierzehn Tagen wieder in das Kaffeehaus. Es dauerte nicht lange, da sahen sie in Begleitung dreier hochgewachsener junger Leute einen Greis im Turban und Kaftan auf sie zukommen. Es war der Alte, den sie herausgehauen hatten. »Gelobt sei der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs,« rief der Alte, »daß ich euch finde. Seit vierzehn Tagen bin ich jeden Tag hieher gekommen, euch zu suchen und zu danken. Aber ich fand euch nicht und konnte nur beten beim Leuchter, daß Adonai segnen möge den Fremdling, der Gutes gethan an Israel, und selber nicht aus Israel ist. Ich habe nicht viel euch zu geben, aber ich habe gehört, daß Tedesco (der Deutsche) raucht wie der Muselmann über dem Wasser. Aus der Heimat – und sie ist schön und die Fremde ist bitter – habe ich noch drei Pfeifen, sie sind echt, ihr könnt es glauben, nehmt sie. Mehr habe ich nicht, was euch freuen kann. So oft ihr rauchet, gedenket daran, daß Israel nicht vergißt, was man ihm Gutes thut.« Dann hob er noch einmal segnend die Hände über die drei und ging, ohne den Dank abzuwarten, von dem Tische weg. Die drei schauten dem Alten nach, dann auf die Pfeifen und jeder auf den andern und keiner sagte ein Wörtlein. Was aus den Pfeifen der beiden andern geworden, weiß ich nicht. Meines Vaters Pfeife aber lag im Pulte verschlossen. Nun kam sie mir doppelt ehrwürdig vor, und ich begehrte nicht mehr sie zu rauchen. Aber von jener Zeit hieß sie bei uns: die Toleranzpfeife. Und die kann jedes, auch die geneigte Leserin, rauchen, sogar ohne Türkenkopf und Wasserschlauch.

Drittes Kapitel.

Meines Vaters Geschwisterkinds Großvater mütterlicherseits und der Schinderhannes

Der geneigte Leser muß diesmal den Mund voll nehmen, sich auf einen großen Sprung gefaßt halten, und sich zugleich hüten, daß ihn das Gruseln nicht ankommt. Das erste von wegen des langen Titels, das zweite, weil der Leser von Palermo bis auf den Hunsrücken muß, und das dritte, weil vom Schinderhannes die Rede ist.

Der geneigte Leser thut am besten, wenn er ein Bleistift nimmt und sich mit Strichlein vergegenwärtigt, daß der selige Pfarrer in Weil zwei Söhne hatte, von denen jeder wieder einen Sohn hatte; die letzteren waren also leibliche Geschwisterkinder, denn sie hatten einen und denselben Großvater väterlicherseits, aber darum noch nicht mütterlicherseits, denn meines Vaters Großvater mütterlicherseits war ein Gutsbesitzer, und der seines Geschwisterkinds war der Pfarrer Cossäus auf dem Hunsrücken. Und somit wäre das erste erklärt. Zum andern aber ist's von Palermo auf den Hunsrücken akkurat so weit, als vom Hunsrücken nach Upsala in Schweden; oder nach Belgrad im Türkenland, wenn's der Leser nachrechnen will; und muß einer schon gut marschieren und nicht viel umsehen und noch alle Schöpplein unterwegs probieren, wenn er die Tour in etlichen Wochen zurücklegen will. Zum dritten aber gab's eine Zeit, wo nicht bloß in Italien der berühmte Rinaldo Rinaldini oder der Fra Diavolo, sondern auch in Deutschland, unter den Augen der ehrsamen Polizei, der berühmte Schinderhannes sein Unwesen trieb. Alte Leute wissen noch davon zu erzählen, daß man die deutschen Kindlein geschreckt hat mit dem Schinderhannes, wie vorzeiten die römischen Mütter die ihren, wenn sie riefen: »Der Hannibal ist vor den Thoren.« Da ist's denn kein Wunder, wenn's Gruseln einen ankommt. Doch zur Sache.

In den neunziger Jahren wohnte auf dem Hunsrücken in … der Pfarrer Cossäus, auch einer von den badischen Beamten, wie mein Großvater. Sein Pfarrsprengel ging weit über sein Dorf hinaus, denn es gehörten noch Bauernhöfe und zwei andere Ortschaften dazu. Darum sich auch der Herr Pfarrer ein Rößlein hielt, und zwar einen schönen Apfelschimmel. Wenn er gepredigt hatte, bestieg er denselben und ritt allsonntäglich hinüber ins Filial, und seine Predigt ward durchs Reiten nicht schlechter, aber auch nicht besser. Denn so fest er in seinem Sattel saß, so fest saß er auch in seinem Konzept. Wenn seine Frau aber das Rößlein am Waldsaum herumbiegen sah, so stand auch die Suppe auf dem Tisch. Und das ging einmal wie's andremal, denn jedesmal wenn's Rößlein kam, kam auch der Herr Pfarrer mit, bis auf das einemal, wo das Rößlein ohne den Herrn Pfarrer kam, wie wir späterhin berichten werden.

Eines schönen Tags lag einmal der Herr Pfarrer am Fenster auf dem Polster und rauchte seine lange Pfeife in die freie Luft hinaus und dachte so an allerhand und schaute über das Hunsrücker Land hin. Da kam ein Bernerwägelein des Wegs daher gefahren, drauf saßen etliche grüne Landjäger mit Flinten und Säbeln bewaffnet, und hatten in der Mitte einen Malefikanten sitzen, dem die Füße und Hände in Ketten geschlossen waren, doch so, daß er dabei seine Pfeife rauchen konnte. War er so schnell aus dem Neste geholt worden, daß er die Landjäger nicht mehr bitten konnte: »ihr Herren, ich bin noch nicht ganz reisefertig, noch ein wenig Geduld,« oder sonst wie – kurz, der Tabak war ihm ausgegangen und er rauchte noch so kalt weiter. Als sie eben langsam am Pfarrhaus vorüberkamen, und er den alten Herrn sein Pfeiflein so gemütlich rauchen sah, lief ihm das Wasser im Mund zusammen und er schaute sehnsüchtig hinauf und rief: »Nichts für ungut, Herr Pfarrer – hättet Ihr nicht eine Pfeife Tabak für mich, mich g'lüstet's so arg. Ihr wißt ja gewiß selber wie's thut.« Und der Pfarrer rief den Herren Landjägern zu, sie möchten ein wenig halten, es verschlage ja doch nichts, ob der Malefikant ein Viertelstündlein früher oder später hinter die Eisengitter käme – und ging hin und langte ein ganzes Päcklein und gab's dem Malefikanten und noch etliche nützliche Lehren dazu, und wünschte ihm gute Reise und gute Besserung dazu.

Als des Pfarrers Frau das hörte, meinte sie, eine Pfeife voll hätt' es auch gethan, und so ein Kerl, der brauche nicht auch noch rauchen, und dergleichen Reden mehr. Aber der Pfarrer lachte und sagte, den dankbaren Blick des Malefikanten werde er so leicht nicht vergessen. Aber es gab deswegen noch keine Ehehändel, wiewohl schon manchmal um einer Pfeife Tabak willen oder um noch was Geringeres der Streit losgegangen ist, – notabene – wenn beide hart waren, Denn nur, wenn Stahl und Feuerstein zu einander kommen, giebt's Funken, sonst nicht. Darüber verflossen viele Jahre. Da ward an einem Abend spät noch der Pfarrer ins Filial gerufen, einem kranken Mann das heilige Abendmahl zu bringen. Und er säumte nicht lange, und hieß den Knecht den Schimmel satteln, um hinüber zu reiten. Da wollte sich die Pfarrfrau aber doch noch ins Mittel legen und sagte: »Lieber Mann, du solltest lieber da bleiben, es geht durch den Wald und die Sonne ist am Sinken und du weißt, daß es nicht geheuer ist, denn der Schinderhannes treibt sein Unwesen in der Gegend und mochte dir ein Leids thun.« Aber der Pfarrer sagte: »Frau, gieb dich zufrieden, ich geh auf Gottes Wegen. Der Mann liegt im Sterben, unser Herrgott wird mich bewahren.« Und so steckte er denn Kelch und Patene zu sich, zog das seidene Mäntelein an und seinen Dreispitz über den Kopf und setzte sich auf seinen Apfelschimmel. Er ging durch einen Hohlweg, dann durch den Wald bergab und bergauf bis zu dem kranken Mann, der sich herzlich freute auf die Erquickung. Denn es war ihm zu Mut wie dem Propheten Elia, da er unterm Wachholderbeerbaum lag und sprach: »Es ist genug.« Und der Herr Pfarrer erschien ihm als der Engel, der ihm zuredete: »Stehe auf, nimm und iß, du hast einen großen Weg vor dir, aber kraft dieser Speise sollst du gehen bis daß du kommst an den Berg Gottes.« Und die zwei redeten und beteten noch mit einander, und der Pfarrer ward so lebendig im Geiste, daß ihm alle Sorge und Angst gänzlich abhanden gekommen war und mit keinem Gedanken mehr des Schinderhannes gedachte. Als er Abschied nehmen wollte, denn es war schon stark am Dunkeln, trat der Sohn des Hauses vor und sagte: »Herr Pfarrer, der Vater hat noch was auf dem Herzen, hat er's Euch gesagt?« Der Pfarrer schaute den alten Niklas scharf an und sagte langsam: »So – das hättet Ihr mir früher und vor dem heiligen Nachtmahl sagen sollen,« – »Um Vergebung,« sagte der Sohn, »'s wird dem Vater gar schwer und er möchte auch Euer Hochwürden nicht betrüben.« »Nun, sagt's nur und erleichtert mir und Euch das Herz,« antwortete der Pfarrer. Da schaute ihn der alte sterbende Mann an und sprach: »Herr Pfarrer, Ihr wißt, daß ich noch einen Sohn habe, den Ihr eingesegnet habt. Ihr wißt, daß er nie hat gut thun wollen und lieber ins Wirtshaus als ins Gotteshaus gegangen ist. Nun hat er sein Mütterliches zu Geld gemacht und ist seit Jahren schon auf und davon in die weite Welt. Das thut mir und Euch auch weh, und darum hab ich's nicht sagen wollen. Nun geht's aber zum Sterben und ich seh das Kind nicht wieder. Wenn er einmal wieder heimkommt, sagt ihm, daß er seinem Vater 's Sterben schwer gemacht hat, aber daß ich ihm alles vergebe, und daß er machen soll, daß wir uns im Himmel wieder sehen. Wollt Ihr ihm das sagen?« Dem Pfarrer standen die Thränen in den Augen und er versprach's ihm in die Hand hinein und wollte davon reiten. Der Sohn aber sagte: »Herr Pfarrer, 's ist spät, ich will Euch ein Stück weit begleiten, Ihr reitet lieber den Fußweg durchs Gebirg als die Chaussee und habt auch näher.« Dem Pfarrer war's auch recht, und so zogen die zwei zusammen, und der Sohn erzählte, wie oft der Vater im Fieber nach dem Jüngsten gerufen hätte und wie's ihm jetzt leichter sein werde, weil er alles gesagt hätte. Als sie auf der Höhe ankamen, wo man schon den Kirchturm sehen konnte über die Thalschlucht hin, sagte der Pfarrer: »So, Jörg, jetzt kehrt um zum Vater, ich bin bald daheim und der Vater braucht Euch.« Der Sohn wollte zwar durchaus noch mit, aber der alte Herr litt's nicht. Sie schüttelten sich die Hände und schieden. Langsam und vorsichtig ritt der Pfarrer den Weg hinunter. Der Mond schaute schon durch die Buchenwipfel und der Weg war nicht gerade am besten. Er mochte eben mitten in der Schlucht sein, als plötzlich aus den Büschen ein lautes Halt donnerte. Der Pfarrer, auf seinen Schimmel trauend, setzte ihm die Fersen in die Weichen und fing an, einen schnellen Galopp anzuschlagen, aber gleich darauf fiel ein Schuß und die Kugel pfiff hart über dem Dreispitz des würdigen Herrn in die Buchenwipfel hinein. Der brave Schimmel entsetzte sich aber über diese Frevelthat so sehr, daß er einen kräftigen Satz nach links machte, dabei seinen Herrn abwarf und aus Leibeskräften der Heimat zulief. Der Pfarrer war glücklicherweise in die Büsche gefallen und die beiden Raubritter hatten leichte Mühe ihn herauszuziehen. Mit geschwärzten Gesichtern und bis an die Zähne bewaffnet fielen sie über den sich herausarbeitenden Pfarrer her, und beraubten ihn sogleich seiner Uhr, seines Geldes und der Abendmahlsgefässe. Der Pfarrer hielt es fürs geratenste, den Widerstand aufzugeben, war doch sein Schimmel gerettet und er selbst heil vom Pferde gekommen, das war ja dankenswert, denn was nützt einem Geld und Uhr, wenn man die Hüfte oder gar den Hals bricht. Nur als sie ihm die Abendmahlsgefässe nahmen, konnte er sich nicht enthalten zu sagen: »Nehmt euch in acht, das bringt euch vollends den Fluch!« Schon an den Gefässen und besonders an diesem Wort hatten sie einen Pfarrer erkannt, und beratschlagten in der Spitzbubensprache, was sie nun mit ihm thun wollten, ob laufen lassen oder mitnehmen. Endlich kamen sie überein, ihn mitzunehmen zum Hauptmann, um Fanggeld von den Bauern und der Familie zu erpressen. So nahmen sie ihn denn zwischen sich und banden ihm mit einem Strick die Hände und schweigend ging's immer tiefer in den Wald hinein. Der Pfarrer überlegte sich sein Schicksal, dachte an sein Weib und seine Kinder und die Angst, die sie daheim hätten, wenn der Schimmel ohne ihn zurückkam, und an den guten Rat seiner Frau – aber immer kam's wieder herauf: du bist doch auf Gottes Wegen, und dem alten Niklas hat's doch wohl gethan, daß er noch getröstet worden ist. Mit seinen Gefährten sprach er nichts, sondern suchte seine Seele in Gott zu fassen, und bat um einen guten Kernschuß aus Gottes Wort auf das Herz des Hauptmanns. Als sie eine gute Weile gegangen, banden die beiden Strauchdiebe dem Pfarrer, der ohnehin wenig sah, die Augen zu, denn sie mußten nahe am Ziele sein. Sie faßten ihn an der Hand und führten ihn dann etliche holperichte Treppen hinunter, dann nahmen sie ihm die Binde ab und er befand sich in einer dunklen Höhle. Die beiden pfiffen und die Fallthür öffnete sich. In einem weiten Raum saßen ihrer dreißig Gesellen im Kreise herum, und in der Mitte auf einer umgestürzten Tonne der Hauptmann. Der Rauch des Kienspans suchte sich mühsam den Ausweg durch ein Loch.

Die beiden Ankömmlinge wurden mit Hurrah empfangen.

»Was habt ihr denn da für einen Vogel mitgebracht,« rief einer, »hat einen Dreispitz und ein schwarz Mäntelein an. – Hu, das ist ein Pfarrer, der soll uns predigen.«

Die Rotte lachte laut auf, nur der Hauptmann nicht, der befahl den Gefangenen herzubringen.

»Einen Pfarrer habt ihr gefangen, das hättet ihr können bleiben lassen, ich will nichts mit der Geistlichkeit zu thun haben, es hat mir schon einmal einer so hart zugesetzt, daß ich's nicht vergessen kann,« sagte der Hauptmann.

»Hauptmann, du bist toll!« rief einer von denen, die den Pfarrer gefangen hatten, »wir wollen Fanggeld von den Bauern haben; so einen fangt man nicht alle Tage.«

»Schweig,« donnerte der Hauptmann, »oder ich schlage dir alle Zähne in deinen Hals hinunter.« Er leuchtete mit dem Span dem Pfarrer ins Gesicht und frug: »Wo seid Ihr Pfarrer, wie heißt der Ort?«

Der Pfarrer antwortete fest mit seiner tiefen Stimme: »Ich bin der Pfarrer … von …"

»Von … ?« frug der Hauptmann verwundert. »Ich meine, ich kenne Euch und Ihr mich.«

»Habe nicht die Ehre,« sagte der Pfarrer trocken.

»Aber ich kenne Euch und das soll Euch nicht unvergolten bleiben,« sagte der Hauptmann weiter. »Besinnt Euch einmal.»

Nun ward's dem Pfarrherrn doch heiß und kalt. Er besann sich, ob er nicht einen von den Spitzbuben schon ans Amt berichtet hatte; es konnte ja sein, daß sie jetzt Rache an ihm übten.

»Mein Leben steht in Gottes Hand,« sagte er dann, »macht was Euch gut dünkt, der jüngste Tag bringt's doch ans Licht!«

»Hab' ich's nicht gesagt,« flüsterte der erste wieder, »der hält uns eine Predigt und macht uns die Hölle heiß.«

Der Hauptmann aber sagte: »Nein, beileibe nicht, so ist's nicht gemeint, Herr Pfarrer. Erinnert Ihr Euch noch, daß Ihr einem Gefangenen auf seinem Weg ins Loch ein Päcklein Tabak selber heruntergebracht habt?«

»Ja, das erinnere ich mich noch,« antwortete der Pfarrer.

»Kennt Ihr den noch?«

»Nein.«

»Ich bin's, schaut mich 'mal an; das hab' ich Euch nicht vergessen, und jetzt sag' ich Euch: Ihr seid frei und könnt heimgehen. Habt ihr ihm was abgenommen,« rief er zu den beiden Strauchdieben, »so gebt's heraus, wenn euch euer Leben lieb ist.«

Mit Widerwillen gaben die zwei das Geld und die Uhr und den Nachtmahlskelch heraus. Als der Hauptmann den Kelch sah, frug er: »Warum habt Ihr denn den Kelch bei Euch, Herr Pfarrer?«

»Weil ich dem alten Niklas von … das Nachtmahl noch gegeben habe. Der liegt im Sterben und drum bin ich in der Nacht noch hinübergegangen. Ich wollte, Herr Hauptmann, Ihr könntet mit Euren Leuten auch einmal so ruhig sterben wie der Niklas; dem hat nichts mehr weh gethan, außer etwas, was Ihr nicht, zu wissen braucht.«

»Herr Pfarrer,« sagte der Hauptmann, »macht uns das Herz nicht schwer. Wir sind doch dem Galgen oder dem Rad verfallen, und eines ist uns so lieb wie's andere. Wir haben auch noch nie einen Armen beraubt, und nur die großen Leuteschinder, die kein Mensch und keine Polizei straft, machen wir leichter.«

»Das ist aber ein schlecht Geschäft, Herr Hauptmann, unserm Herrgott eigenmächtig helfen wollen. Da könntet Ihr Euch doch die Finger und die Seele dabei verbrennen. Wenn's aber an Galgen oder Rad mit Euch geht, so denket daran, daß es auch für blutrote Sünden noch ein Wasser giebt.«

»Schmeißt die Pfaffenkappe hinaus,« brüllten etliche im Hintergrund. »Wir haben's schon lang gesagt, der hält uns noch eine Predigt und der Hauptmann ist schon angesteckt.«

Über dem Tumult, der sich erhob, redete einer von den Räubern leise mit dem Hauptmann. Der Hauptmann nickte und gab dem Pfarrer die Hand und sagte laut: »Herr Pfarrer, 's war Schuldigkeit, daß ich Euch gehen ließ, sagt Eurem Weib einen schönen Gruß vom Schinderhannes.« Da gruselte es dem Pfarrer doch. Denn der Schinderhannes hatte mehr als einen Mord auf der Seele und hatte manche Mühle in Brand gesteckt, und manchen Kaufmann, der nach Frankfurt zur Messe wollte, bis aufs Hemd ausgezogen. Der Pfarrer schritt mit seinem Begleiter durch die Reihen zur Höhle hinaus. Es mochte schon der Mitternacht zugehen, denn der Mond stand schon hoch am Himmel. Schweigend gingen die zwei neben einander. Endlich brach der Räuber das Schweigen und sagte:

»Herr Pfarrer, lebt der Niklas in… noch?«

»Ja, er lebt noch, aber er treibt's nimmer lang. Kennt Ihr ihn?«

»O ja, ich sollte ihn wohl kennen,«»sagte stockend der Begleiter. Der Mond brach eben voll durch die Wolken und der Wald war lichter, und der Pfarrer schaute seinen geschwärzten Begleiter durchdringend an.

»Du bist der Andres,« sagte der Pfarrer und blieb stehen.

»Ja, ich bin's leider Gottes,« antwortete er. Der Pfarrer seufzte tief auf und erzählte ihm nun, was dem Niklas noch das Sterben schwer gemacht und was er ihm noch aufgetragen. Da brach dem Räuber das Herz und er weinte wie ein Kind. »Ach, Herr Pfarrer, wenn nur ein Loskommen wäre, aber ich muß zurück, sonst schlagen sie mich tot.«

»Da kann ich dir helfen, wenn du von deinem Sündenleben fort willst. Ich sage dir, du bist jetzt mein Arrestant und giebst mir deine Pistolen und dein Messer her.«

Der Räuber und ehemalige Konfirmand war so verdutzt, daß er mechanisch folgte. Der Pfarrer steckte den Säbel in eine hohle Buche und die Pistolen verschwanden in seinem großen Sack. Als sie eben am Ausgang des Waldes waren, sahen sie eine Menge Fackeln und Laternen vom Dorf heraufkommen. Als nämlich der Schimmel leer in den Pfarrhof kam, schloß die Pfarrfrau, daß hier ein Unglück passiert sei. Zudem war, was sich jetzt erst herausstellte, der Müller im Ort geplündert worden, als er vom Fruchtmarkt kam. Die resolute Pfarrerin ließ drum den Ortsschulzen bitten, gleich Sturm zu läuten, um auf ihren Eheherrn zu fahnden. Und nun zog ein Teil der Bauernschaft aus mit Dreschflegeln und Hacken, und teilten sich in Rotten, den Wald zu durchsuchen. Da kamen ihnen die beiden entgegen. Der Pfarrer dankte den Leuten und verbot weiter zu fragen über den sonderbaren Gesellen, der mit ihm kam. Was die Frau Pfarrerin alles gesagt von ihrer Angst, und wie ihr Mund von guten Lehren und Weisheit strömte, so daß der Pfarrer gar nicht zu Worte kam, will ich nicht beschreiben. Dem Andres aber half er mit eigener Hand beim Waschen, und spedierte ihn ins Bett. Als er seiner Frau erzählte, was ihm begegnet und wen sie unter dem Dache hätten, da gruselte es ihr auch. Aber als sie an den jetzt vielleicht geretteten Sohn dachte, und wie's gerade so und nicht anders habe kommen müssen, gab sie ihrem Eheherrn recht und sagte: »Du bist doch auf Gottes Wegen gewesen, lieber Mann.«

Dem Niklas ließ der Pfarrer früh am Morgen sagen, daß sein Sohn gefunden sei. Acht Stunden darnach schlief er ruhig ein. Der Andres bekam zwar seine Strafe, aber da er keine Blutschuld begangen, und weil er sich selbst gestellt, ist glimpflich mit ihm verfahren worden. Der Schinderhannes aber und seine Gesellen sind bald darnach eingefangen worden. Denn daß sie den Pfarrer gefangen, war ruchbar geworden und hatte großen Rumor und dem Amtmann Beine gemacht, der sich fürchtete, bei solch einer Gelegenheit schlechter wegzukommen als der Herr Pfarrer. –

Auf diese Art ist unsere Familie mit dem berüchtigten Schinderhannes in Berührung gekommen und braucht sich des nicht zu schämen.

Viertes Kapitel.

Was in böser Zeit einmal mein Großonkel väterlicherseits gethan hat, und wie ihm solches bekommen ist.

I.

Es muß der liebe Leser mit mir einen Krebsgang machen, 76 Jahre hinterwärts, wenn er meine Geschichte recht verstehen will, und wissen was das heißt »böse Zeit im deutschen Reich.« Ob der Leser ferner einen Großvater noch hat, der auch mit dabei war und ihm davon erzählt hat, weiß ich auch nicht. Denn das Geschlecht, das über die Schmach noch mitgeweint und gegen sie gekämpft, ist im Aussterben. Wie die alten verwitterten Eichen unterm jungen Buchenwald und dem zitterigen Espenlaub, stehen auch die Veteranen, die den Napoleon und den Vater Blücher noch von Angesicht gesehen, unter dem heurigen Geschlecht. Vor kurzem habe ich noch einen alten Wachtmeister begraben, 88 Jahre alt war er. Der ist seiner Zeit im russischen Schnee herum gelaufen, hat nach der Schlacht an der Beresina die Fahne von der Stange geschnitten und um den Leib gewickelt und hat sie mit herausgebracht ins Karlsruher Schloß. Der sagte mir einmal, als ich ihn fragte, wie er sich unter dem jetzigen Geschlecht vorkomme: Er habe einmal den Mund voll der schönsten Zähne gehabt, alle schneeweiß, aber er habe sie drinnen lassen müssen in Rußland und vor Danzig; nur so ein paar alte Storren habe er noch im Mund, – so sei's gerade auch mit seinem weißen badischen Regiment gegangen. Die meisten lägen draußen auf dem Schlachtfeld, und nur er und ein paar alte Storren seien noch allein übrig, und die selbst seien allgemach hohl und wacklig.

Er hat recht gehabt, der alte Wachtmeister, es sind nur noch wenige, die's sagen können, wie's gewesen ist. Es war nahe daran, daß das junge Geschlecht es ganz vergessen hätte, unter welchem Druck selbigmal unser deutsches Vaterland geschmachtet hat. Denn es hat leider an allerhand deutschen Buben nicht gefehlt, die jene große Zeit, als unser Volk aufstand, um das Joch abzuwerfen, gesucht haben lächerlich zu machen, und den alten Arndt und den Blücher »Franzosenfresser« gescholten haben. Es ist besser geworden, und der Krieg von anno 70 hat's dem Napoleon gezeigt, daß man seinen Herrn Onkel in Deutschland noch nicht vergessen hatte; so etwas hatte er sich nicht erwartet, als seine Augen sahen, was das deutsche Volk machte, als er seine Adler über Deutschland steigen ließ.

Es war anno 12 und 13, als der Krieg gegen Rußland geführt wurde. Der Kaiser Napoleon, der alte, stand auf dem Gipfel seines Glücks. Er war der gefürchtetste Mann in Europa. Preußen war gedemütigt worden und sein König aus Berlin vertrieben, und Östreich hatte dem Napoleon eine Prinzessin geben müssen aus dem Kaiserhaus, ihm, der sich vom Artillerielieutenant zum Kaiser emporgeschwungen hatte. Außer England und Rußland kam alle Welt, um gutes Wetter bei ihm zu bitten, wie die Bürgermeister beim neuen gestrengen Amtmann; und die kleineren Staaten mußten fein ganz stille sein, sonst machte er ihnen mit einem Strich den Garaus. Zu all seinem Glück kam ihm noch ein Segen vom lieben Gott ins Haus. Er bekam einen Sohn anno 11. Da habe ich erzählen hören, daß ihm, den sonst kein Jammergeschrei der Verwundeten und Sterbenden erbarmt und kein noch so großer Sieg erfreut hat, wie er das neugeborne Kind in den Armen gehalten, eine große Thräne über die Wangen geflossen sei. Ja, da lief Wasser aus dem Felsenherzen, als der Herr mit dem Stabe »Sanft« daran geschlagen hat. Es ist seitdem noch manchem Stadtherrn und Bauersmann auch dasselbe passiert, daß sie Römer am zweiten hätten verstehen lernen können, daß die Güte Gottes den Sünder zur Buße leiten solle. Da hätte man nun denken sollen, der alte Napoleon wäre in sich gegangen und hätte dran gedacht, daß andern Leuten ihre Kinder auch so lieb und wert seien, als ihm seines, und daß es was Trauriges sei ums Kriegführen, wo so mancher Vater und junges Blut sein Leben auf dem Schlachtfeld lassen muß und eingescharrt wird in ein großes Loch, und keiner mehr nur noch den letzten Gruß kann heimsagen lassen. Aber daran hätte nur der Schreiber dieses gedacht, aber der Kaiser Napoleon nicht.

Der wollte noch über den Gipfel hinaus. Wenn man aber über einen Berggipfel noch hinaus will, dann kann man nur wieder auf der andern Seite hinunter; das Wort ist eben ewig wahr, daß »Gott den Hoffärtigen widersteht.«

Auf den Kaiser von Rußland hatte er es abgesehen und ein Heer gesammelt von fast einer halben Million Menschen, darunter viele gezwungene deutsche Brüder. Als er davon hörte, daß der Kaiser von Rußland beim Herannahen dieses ungeheuren Menschentrosses befohlen hätte, in allen Kirchen gegen den Feind zu beten, sagte er lachend und trotzig: Er wolle mit seinen 500 000 Bajonetten die Gebete des russischen Kaisers zu Schanden machen. Aber dem Russenkaiser seine Gebete haben weiter geschossen, als dem Franzosenkaiser seine Flinten. In einer Nacht sprach Gott: »Bis hierher und nicht weiter.« Das war, als Moskau zusammenbrannte. Die Russen selbst hatten es angesteckt, damit Napoleon kein Obdach hatte. Und darnach kam der russische Winter herangezogen, der ein bekanntlich noch ein gut Teil grimmigerer und kernfesterer Mann ist, als der deutsche und gar der französische, – und fing an mit dem Franzosen zu streiten und legte ganze Regimenter ohne Schuß und Schwertstreich hin, und deckte sie noch mitleidig mit einem weißen Totentuch, mit Schnee und Eis zu. Dort schlafen auch viele badische Grenadiere und Husaren dem großen Auferstehungstag entgegen. In vielen Schlachten geschlagen, kam aber das französische Heer zurück, um über den Rhein zu gehen. Es war immer noch ein großes Heer, wenn gleich es geschlagen war; aber zügellos und verwildert dabei durch den langen Krieg. So wurde denn auf dem Heimweg auch gebrandschatzt und mitgenommen, was nicht nagelfest oder kein glühendes Eisen war. Und leider fanden sich unter den Deutschen Helfershelfer genug, die ihnen zur Seite standen und auch ihren Profit dabei machten. Da gab's Spione, die es mit den Franzosen insgeheim hielten und ihnen die »guten Patrioten,« das heißt die guten Vaterlandsfreunde anzeigten, die sich über die Niederlage der Franzosen gefreut hatten; sie wurden aufs grausamste behandelt. Kaum drei Männer konnten damals sich zusammenthun, um sich gegenseitig auszusprechen, ohne Gefahr zu laufen, verraten zu werden. Wem das Herz blutete über die Schmach des Vaterlands, der mußte die Hand gut auf die Wunde halten, damit man es nicht merkte. Andere hatten Lieferungen für das französische Heer übernommen und saugten ganze deutsche Ortschaften aus und trieben das Vieh von der Weide weg. In jene Zeit hinein fällt auch meine Geschichte, – das war die böse Zeit, von der ich zuerst sagte.

II.

Nun muß ich auch sagen, was der Großonkel Registrator drin gethan hat.

In einer Amtsstadt im badischen Mittelrheinkreis lebte damals der Registrator mit seiner Familie. Er war ein starker großer Mann, von dem man denken konnte, er könne besser den Säbel als die Feder führen. Das lange wallende Haar stand ihm gut an: nur wenn er heftig wurde, da war es anzuschauen wie die Mähne eines gereizten Löwen. Er war aber sonst ein stiller ernster Mann; die schweren Zeiten hatten ihm auf der Stirne gepflügt, daß es tiefe Furchen gegeben hatte, und sein Blick, so freundlich er sonst war, hatte doch etwas Schwermütiges. Man sah es ihm an, den Mann drückte etwas, und doch durfte er nicht sagen was. Wo ihn zunächst der Schuh drückte, das konnte man merken, wenn man die Thür aufmachte, die aus seiner Amtsstube führte. Da war seine Frau und seine fünf unerzogenen Kinder, und wie die Orgelpfeifen einander folgend, der älteste ein Knabe von zwölf Jahren. Ja das machte ihm Sorge, wenn er auf sie und ihre Zukunft sah. Schon jetzt gab's schmale Bissen; denn die Besoldung war klein, und die beiden letzten Quartale waren gar nicht ausbezahlt worden um der Kriegszeiten willen. Es war noch ein Glück für ihn, daß zum Teil seine Besoldung in Holz, Frucht und Wein bestand, denn sonst hatte er gar nicht gewußt, woher nehmen, um die vielen Mäuler zu stopfen. Aber wie sollte das noch werden, wenn der Krieg weiter fortging? Das hatte ihm schon manchmal den Kopf warm gemacht. Und doch war's nicht das, was ihn zumeist drückte, denn wenn er seine Schreiber entlassen hatte und seinen Schlafrock anzog, war's ihm doch eine Wonne, bei dem jungen Volk zu sein. Da nahm er einen nach dem andern und verküßte ihn, daß die Jungen schrieen, oder er nahm sie auf seinen Schoß und ließ den Jüngsten reiten und sang ihnen deutsche Kriegslieder, – daß die Mutter oftmals besorgt herein kam und zu ihm sagte: »Bscht! Alter! nicht so laut, die Speichellecker könnten's hören.« Da wurde er dann jedesmal ernst, und die milden Augen fingen an zu rollen, und das lange Haar sträubte sich, und aus der Brust kam ein tiefer Seufzer. Ja da war der Fleck, wo ihn der Schuh drückte. In dem Amtsstädtchen war mehr denn ein Franzosenfreund, zum Teil auch bestochene Leute, die am liebsten ganz französisch geworden wären. Sie führten ein scharfes Register über alle ihnen verdächtigen Personen in der ganzen Umgegend, und suchten sich einen roten Rock oder wenigstens einen roten Bändel ins Knopfloch zu verdienen durch ihre Angeberei. Und gerade der nächste Vorgesetzte des Registrators, der Amtmann, war solch ein Mensch. Ihm war der Registrator in der innersten Seele zuwider, denn der war eine ehrliche deutsche Seele und der Schmerz und der Gram um sein Vaterland brachte ihn fast um. Oftmals hatte ihm der Amtmann gedroht, er werde ihn noch um Amt und Brot bringen, wenn er sich nicht in alles fügen wolle und zu allem schweigen, was er sähe. Denn er hatte oftmals Einsprache gethan, wenn einzelne gutgesinnte Patrioten mit schwerer Einquartierung oder mit Lieferungen belegt wurden, und Speichellecker und Achselträger ganz frei ausgingen. Er hatte ihm schon Summen geboten, wenn er sich zu dem oder jenem Dienst hergebe, aber der Registrator hatte sein langes Haar geschüttelt und stand in seiner ganzen Länge mit einem durchbohrenden Blick vor dem Amtmann, und hatte ihm schon mehrmals gesagt, er solle sich schämen und sich hüten, solch ein Wort noch einmal vor ihm auszusprechen, sonst sei er seiner nimmer mächtig. Scheu war der Amtmann zurückgewichen, denn er fürchtete sich vor der Körperstärke des Mannes. Hatte er doch einmal vom Fenster aus gesehen, wie der Registrator einen schwer beladenen Wagen, der im Graben lag, den zwei Pferde nicht im stande waren von der Stelle zu rücken, mit seinen zwei Armen auf einen Ruck herausgezogen hatte. Um so mehr suchte die Frau an ihm zu beruhigen und sagte ihm mehr denn einmal: »Denk an Weib und Kinder und harre auf Gott, der wird's ändern.« Und er ließ sich auch zurechtweisen; aber manchmal brach eben auch sein natürliches Rechtsgefühl hervor, und in der ausharrenden Geduld war er just kein Held. Und um die Geduld ist's allerwege, und auch heuer noch, was Köstliches; und die Schrift hat recht, wenn sie sagt: »Wer seines Mutes Herr wird, der ist mehr, denn der Städte gewinnt.« So weit es sein deutsches Herz erlaube, hat er manchmal gesagt, wolle er in Gottes Namen schweigen; aber das werde sie doch sagen, es müsse selbst unsern Herrgott im Himmel erbarmen, wie man mit seinem deutschen Volk umginge. »Seine liebsten Kinder schlägt er auch, wenn sie's brauchen,« hatte sie ihm schon öfters darauf entgegnet.

Da kamen die Nachrichten von Moskau und Leipzig: je unruhiger der Amtmann wurde, desto ruhiger ward sein Registrator. Aber als die französischen Truppen ins Land kamen, war jener bei Nacht und Nebel fortgegangen, um sich für die spätere Zeit wieder möglich zu machen. Da niemand Rat wußte, so wurde dem Registrator auf seinen Bericht erwidert, er solle einstweilen den Amtmann machen, man werde später sehen, was zu thun sei.

So hatte er denn sein schweres Amt angetreten. Bereits kamen die französischen Quartiermeister, um die Anweisungen für die Lieferungen zu holen. Dem Registratur ward's immer schwüler; bald war kein Ort mehr im Amtsbezirk, der nicht schon gebrandschatzt gewesen wäre. Denn wenn auch die Lieferungen bezahlt werden sollten, weil das Großherzogtum nicht als Feindesland angesehen wurde, so waren die Bezahlungen so gering, daß die Leute um einen Spottpreis ihre Habe hergeben mußten. Seinem ehrenfesten Charakter ging das gegen den Sinn und er hörte im Geiste den Jammer der Leute. »Jetzt kann ich nicht mehr,« sagte er zu seiner Frau, als der letzte Quartiermeister gekommen und der letzte Ort mit Lieferungen belegt war. Eben wollte er seine Amtsstube schließen, da es schon spät am Abend war, als es plötzlich die Stiege herauf rasselte und ein französischer Quartiermeister in Husarenuniform stürmisch Einlaß begehrte. »Ah, ist das die Register« – sagte er höhnisch zu ihm in gebrochenem Deutsch, »die gute Patriot. Parlez-vous français?« sagte er weiter. »Nichts französisch hier, wir sind auf deutschem Boden. Was wollen Sie?« fragte der Registrator.

»Fourage für 200 Pferd, und Brot und Fleisch und Wein für mein' Leut!« sagte der Quartiermeister. »Das ist unmöglich, das geht nicht, wir haben alles vergeben,« sagte der Registrator. – »Ah, unmöglick – impossible, das soll Sie nicht mehr sagen. Ich werde Sie lassen einsperren in die cachot."

»Herr, das probieren Sie einmal,« sagte der Registrator und richtete sich hoch auf. »Was, Sie will mick umbring hier?« schrie der Quartiermeister und wollte zur Thüre hinaus. Aber der Registrator sagte: »Nur hier geblieben und mich angehört. Ich sage Ihnen, es geht nicht. Schon sechs von Ihren Leuten sind da gewesen und wir haben alles verteilt. Die armen Leute können das nicht leisten.«

»Was, die deutsche Hund will nix geben vor die Franzos? Sie muß geben. Ich werd' das sagen an französisch Général!« schrie der Franzose.

»Das mögen Sie thun; aber wenn Sie noch einmal sagen von deutschen Hunden, so werde ich Ihnen etwas anderes zeigen.«

»Aber ich werde sagen noch einmal von die deutsche cochon, wenn Sie nir geb'!«

»Herr, reizen Sie mich nicht, ich könnte mich sonst an Ihnen vergreifen,« und damit hielt ihm der Registrator drohend die Faust unter die Augen.

Der Quartiermeister mochte merken, daß hier nichts zu machen sei, er änderte plötzlich den Ton und sagte freundlich: »Nun, sei Sie nick bös, Herr Registre, das ist die Krieg! Aber wir wollen machen ein Geschäft ensemble (zusammen), versteht Sie!« und damit schnallte er eine schwere Gurte los und legte sie auf den Tisch – der Registrator verstand ihn nicht gleich. – »Ah, Sie verstehen nicht,« sagte der Quartiermeister, »ick geb Sie 1000 Franken in Gold und Sie schreib mir 3000 Frank Quittung, dann hat Sie 1000 Frank und ick zweitausig. Versteht Sie!« »Was sagen Sie!« rief der Registrator, »Sie wollen mich bestechen?« – und mit einem Sprung hatte er den dünnleibigen Quartiermeister gefaßt, seinen kräftigen Arm um seinen Leib geschlungen, die Thür mit der andern Hand aufgemacht, und mit großer Gewalt den Franzosen die Treppe hinuntergeworfen, daß der Säbel aus der Scheide fuhr und die Sporen ihm abbrachen. – Der Registrator schlug die Thür zu und sagte laut: »So, mein Alter, da drunten kannst du über deine Schlechtigkeit nachdenken.«

»Um Gotteswillen, Vater, was ist das!« rief die Mutter, die hereinsprang, »was hast du gemacht, du hast den Menschen doch nicht die Treppe hinuntergeworfen! Du bist verloren.«

»Sei nur ruhig, der erholt sich wieder,« sagte der Registrator, »ich hab' mich schelten lassen, und hab' nichts dazu gesagt, aber dem hab' ich nur auf deutsch expliziert, was Ehrlichkeit ist, das soll ihm, denk wohl, sein Lebtag gedenken.« Er schloß die Thür ab und ging zu seinen Kindern.

Eine Stunde darnach wurde Generalmarsch geschlagen, in Eile sah man die Franzosen aus dem Städtlein ziehen, da eine Ordre eingetroffen war zum schnellsten Aufbruch. Das Haus wurde geschlossen, von dem Quartiermeister war keine Spur mehr da, nur seine zerbrochenen Sporen lagen auf der Treppe und die Lehne war stark beschädigt.

Nach dem Nachtessen ging der Registratur noch einmal ins Amtszimmer. Im Städtlein war alles still und ruhig, und eben wollte man Lichter anzünden. Auch der Registrator machte Feuer, stieß aber dabei auf einen schweren Sack. Als er Licht gemacht, sah er die Geldgurte des Franzosen vor sich liegen. Über dem Hinuntergeworfenwerden und dem schnellen Aufbruch mußte sie der Quartiermeister vergessen haben. Die Gurte war schwer, wohl von lauter Gold gefüllt. Der Registratur schaute mit einem prüfenden Blick hin, – seine Frau und seine Kinder traten ihm vor den Sinn – aber nur einen Augenblick, und er warf den Sack hin, petschierte ihn mit dem Amtssiegel und schellte seinem Knecht.

»Andres, auf der Stelle ein Pferd gesattelt und dich fertig gemacht, und reitst dem Franzosen nach, der zuletzt da war.«

»Dem, wo Ihr die Treppe hinuntergeworfen habt?« sagte schauernd der Knecht.

»Versteht sich, gerade dem. Da hast du den Passierschein, die Geldgurt und den Brief, und sagst, ich ließ dem Herrn gute Besserung wünschen, das sei vom Registrator; ich lasse um die Quittung bitten.«

Der Andres schüttelte den Kopf, er war ein ehrlicher, treuherziger Mensch, aber das ging ihm doch über den Verstand. Er war aber gewohnt, pünktlich und schnell zu folgen. Eine Viertelstunde nachher saß er schon auf dem Rappen und ritt dem Franzosen nach.

Spät in der Nacht kam der Andres zurück. Der Registrator war noch auf und kam ihm entgegen. »Nun, hast du ihn erwischt, was hat er gemacht?«

»Da habt Ihr die Quittung, Herr,« sagte der Andres, »und wenn Ihr's wissen wollt, was er gemacht hat: geheult hat er vor Freud, der Tropf, und herumgetanzt und mich verküßt, und einen Napoleon gegeben. Den müßt Ihr aber nehmen.«

»Bleib mir weg mit dem Geld, Andres, du kannst dir ein paar Reithosen dafür kaufen, wenn's gegen Paris geht.«

Mit einem stillen, friedlichen Herzen legte sich der Registrator zu Bett. Aber nachts sagte seine Frau zu ihm: »Alter, mein' als, hältst doch dem Franzos ein bissel arg weh gethan, denk' die ganze Lehne ist kaput an der Stiege.«

»Laß gut sein, Mutter,« sagte er; »ich hab' ihm ein Pflaster drauf gelegt.« Aber was das Pflaster war, das hat sie erst spät, nach langen Jahren erfahren.

III.

Nun aber bin ich noch schuldig, dem geneigten Leser zu berichten, wie dem Registratur solches bekommen ist. Wenn er etwa denken sollte, der Registrator hätte an einem schönen Tag einen Brief bekommen, worin der Franzose von Dank und so weiter geschrieben, oder gar ein Paketlein geschickt mit allerhand Pariser Sachen, so hat er sich getäuscht. Er mag wohl gedacht haben, er sei quitt mit dem Registrator, denn so die Treppe sich hinunterwerfen zu lassen, sei auch aller Ehren und einen halben Sack Napoleon wert. Ebensowenig hat er sonst eine Anerkennung bekommen. Der Amtmann kam wieder, nachdem Paris erobert war, und that, als ob gar nichts vorgefallen wäre, und als ob er von je die ehrlichste deutsche Haut von der Welt wäre. Er führte jetzt das große Wort vom deutschen Vaterland und half die alten Franzosenfreunde verfolgen. Dem Registrator aber konnte er nicht offen ins Angesicht sehen, und wäre ihm am liebsten gewesen, der wäre weit versetzt worden. Ein böses Gewissen ist eben wie ein Ofen, der immer raucht. Der Registrator aber trieb's nach wie vor, nur war's ihm jetzt leichter ums Herz, denn er durfte frisch von der Leber herausreden und mit seinen Buben nach Herzenslust singen von Blücher und Scharnhorst und Gneisenau. Da fiel ihm einmal ein kleines Erbteil unverhofft zu. Schon lange hatte er sich gewünscht, einmal aus seinen Aktenkästen hinauszukommen und die Welt zu sehen. Dazu kam noch ein reiselustiger Neffe gezogen, der dem Onkel keine Ruhe ließ, er solle mit ihm nach Paris gehen. Zuerst wollte er nicht recht dran, weil's gerade Paris war, aber dann dünkte es ihm doch so schön, dahin zu gehen, um die Stadt zu sehen, die die Deutschen eingenommen hätten. Nachdem er sich so auf einen patriotischen Standpunkt gestellt hatte, schnallte er seinen großen Mantelsack, und nahm Abschied von Weib und Kind auf etliche Zeit.

In Frankreich war's Ruhe geworden; Napoleon war auf der Insel Helena gestorben in großer Einsamkeit, wo er auch die andere Seite des Spruchs hat verstehen lernen können, daß Gott den Demütigen Gnade giebt, wenn sie wollen demütig sein. So war für den Registrator keine Gefahr mehr da. Die beiden Reisenden zogen über Straßburg nach Nancy, über Chalons nach Paris, wo sie nach acht Tagen ankamen, denn dazumal gab's noch keine Eisenbahn. Da war denn allerlei zu sehen, denn so hatte sich der Registrator Paris doch nicht gedacht; und mehr denn einmal mußte er sein deutsches Herz wappnen, damit er sich nicht von allzu großer Bewunderung hinreißen ließ. Des Abends aber waren die beiden müde vom vielen Sehen; denn man wird endlich auch vom Schönsten müde, zumal wenn der Magen dabei knurrt und brummt und auch was haben will. So traten sie schon am zweiten Tage nach ihrer Ankunft in ein Kaffeehaus des Abends, um sich ein wenig zu stärken. Sie setzten sich still in eine Ecke hinein und schauten sich das französische Wesen an. In einem geöffneten Nebenzimmer saß eine Gesellschaft Herren, meistens ausgediente Militärs und Angestellte, die lebhaft mit einander diskurierten. Sie sprachen gerade von den Deutschen und ihren Fehlern. Da wußte denn einer mehr als der andere. Der eine schalt sie dumm, der andere grob, der dritte unmanierlich und so ging's fort. Im Registrator regte sich wieder ein bekanntes Etwas von anno 13, und es griebelte ihm durch die Arme, wieder einmal seine Kraft los zu lassen. Der Neffe aber sagte ihm höchst klug: »Herr Onkel, bedenken Sie, daß wir in Frankreich sind, das könnte blutige Köpfe geben und wir müßten am Ende noch zum Städtlein hinaus.« Und er ließ sich beschwichtigen. Noch mehr aber beschwichtigte ihn, was er jetzt hörte.

»Ja, ihr Herren,« sagte ein kurzer dicker Herr in nobler Kleidung und mit dem Ehrenlegionskreuz auf der Brust, – »das mag wahrhaftig richtig sein, daß die Deutschen grob sind. Wenn ich nur daran denke, so thun mir noch alle Glieder weh. Aber das muß ich sagen, ehrlich sind sie, Respekt davor. Da komme ich anno 13 durch ein klein Städtchen und will Fourage haben, und bin aufgetreten wie ein Menschenfresser und hab' raisonniert, als der Mann, ein großer, ellenlanger, deutscher Kerl nicht dran gewollt hat. Und ich will so ein klein Manöver mit ihm machen mit ein paar Franks, um den Brummbär still zu machen, der aber nimmt mich wie die Katze eine Maus unter den Arm und wirft mich die Treppe hinunter, daß ich nicht gewußt habe, ob ich fliegen gelernt oder noch gehen muß. Alle Knochen thaten mir weh. Da wird Alarm geschlagen und wir müssen schnell fort. Ich war schon drei Stunden weit weg, da fällt mir ein, daß ich mein Geld bei dem groben Mann habe liegen lassen. Denken Sie sechzigtausend Franken von der Armee. Ich war ganz desperat, denn der General sagte, er werde mich erschießen lassen, wenn ich das Geld nicht hätte. Da kommt eine Ordonnanz und sagt, ein Bursche sei da, der mich begehrt. Ich komme heraus, da steht der Bursche da von dem groben Deutschen und ach! (ich muß weinen, wenn ich daran denke) hat das ganze Geld, kein Sous hat gefehlt, und einen Gruß von ihm, der mich fragt, ob mir meine Knochen noch weh thäten.«

»Das ist sehr schön,« riefen sie aus einem Mund, denn die Franzosen haben einen feinen Sinn für Edelmut – »das ist ein braver Mann!«

»Ja, es ist sehr schade,« sagte der Franzose wieder, »daß ich seinen Namen nicht weiß. Ich habe ihm schon schreiben wollen, denn er hat mir mein Leben gerettet!«

Der Leser mag sich's denken, wie's dem Registrator geworden ist, bald warm, bald kalt, – ja, wahrhaftig, das war der Quartiermeister, dem er auf deutsch expliziert hatte, was Ehrlichkeit sei.

Der Registratur stand auf, dem Neffen, der nichts von der Sache wußte, ward's bang, als er ihn aufstehen sah – aber der Onkel sagte ihm: »Nur zufrieden, du wirst gleich was sehen.« Und damit trat er hinein und stellte sich dem Quartiermeister gegenüber und faßte ihn ins Auge, und sagte laut und ernst: »Herr Quartiermeister, kennen Sie mich noch?« Die ganze Gesellschaft schaute hin, – der Quartiermeister aber schaute nur einen Augenblick ihn an und rief: »Mein Gott, er ist's! er ist's!« und stand auf und sprang an dem großen, stämmigen Mann hinauf und küßte ihn, daß der Registrator vor Verlegenheit gar nicht wußte, wo er nur hinschauen sollte. »Er hat mir das Leben gerettet, meine Freunde!« Endlich machte sich der Registrator los und sagte: »Das war nur meine Pflicht. Aber, um Vergebung, spüren Sie noch etwas an Ihrem Körper?« – »Nein, nein,« sagte der Franzose, »aber ich habe die gute Lehre nicht vergessen, Gott sei Dank, und bin jetzt ein ehrlicher Mann geworden.«

Aber nun drang er in ihn, bei ihm zu bleiben in seinem Hause. Am selben Abend wurde noch sein Koffer zu dem Quartiermeister geschafft, der sich's nicht nehmen ließ, ihn überall hinzuführen. Abends brachte er ihn seiner Frau und seinen Kindern, und sagte: »Küßt dem Herrn die Hand, das ist mein Retter!« Arm in Arm ging der kurze, dicke Quartiermeister mit dem stämmigen Registrator durch die Straßen von Paris, und die zwei radebrechten ein Deutsch und Französisch mit einander, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Er hielt ihn ganz frei die drei Wochen durch seines Aufenthaltes und nahm einen rührenden Abschied von ihm, als er heimkehrte.

Nach seiner Rückkehr war ein großes Familienfest zu Ehren des Onkels, der Paris gesehen hatte. Da konnte er es doch nicht verhalten, was ihm geschehen war; denn alles verwunderte sich, daß er so wenig Geld gebraucht hatte. Am Ende stießen sie noch auf den Quartiermeister an.

Die Geschichte ist zu Ende. Das Item wird sich der Leser finden; sollte er es aber nicht finden, so will ich's hersetzen.

Erstens: Wer ein Deutscher ist, muß sich auch als ein guter Deutscher aufführen.

Zweitens: Zum guten Deutschen gehört nicht ein großes Maul, sondern vor allem Gottesfurcht, dann bleibt die Menschenfurcht von selber weg.

Drittens: Es ist manchem schon gut gewesen, daß er die Treppe hinuntergeworfen worden ist und manchem ist schon sein Fall zum Aufstehen geworden.

Viertens: Es giebt immer noch dankbare Leute in der Welt, auch unter dem Franzosenvolk.

Fünftes Kapitel

Mein Großvater mütterlicherseits und der Graf von Narbonne

Ein Stück aus der Schreckenszeit und der undankbaren Welt

Von meinem seligen Großvater habe ich viel in meiner Jugend gehört, des Mannes mit der hohen Stirn und dem langen, zurückgekämmten Haar. Das eine Auge hatte er durch die Blattern verloren und trug ein gläsernes dafür; aber es war, als ob alle Kraft des verlornen Auges in das gesunde Auge gegangen, denn es hatte einen wunderbaren Glanz und eine durchdringende Kraft. Groß von Person war er just nicht, aber es giebt Leute, die sind klein, und es ist einem doch, als müßte man an ihnen hinaufschauen, und das kommt von dem Geist her, den ein Mensch ausstrahlt: damit kann so ein kleiner Mensch recht über einen herthronen. Und solch einen Geist hatte mein seliger Großvater. In den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war er nach Paris gekommen und dort deutscher und französischer Prediger an der schwedischen Gesandtschaftskapelle geworden. Die Revolution sah er langsam kommen. Denn ehe der Sturm losbricht, kommen die Wetterwolken und die unheimliche Stille und die seltsamen Windzüge. Der Abfall vom lebendigen Gott, der sich in den Schriften des Spötters Voltaire und seiner Genossen aussprach, die Sittenlosigkeit in den höheren Ständen, die Armut und Unzufriedenheit in dem Volke und dazu die Schwachheit des gutmütigen Königs – das waren die Vorboten des Verderbens. Mein Großvater selbst war Republikaner mit Leib und Seele; er hielt diese Staatsform für Frankreich für die beste, wie so manche edle und fromme deutsche Männer, wie Klopstock, und hat sich freilich schwer darin geirrt; aber eben deshalb, weil er es mit voller Seele war, war er allem gesetzlosen Treiben und allem Blutvergießen bis ins Innerste gram. Die Schreckensjahre kamen, die Gefängnisse füllten sich mit den vornehmsten Adeligen, denen der Prozeß gemacht wurde. Was fliehen konnte, entfloh; auch der schwedische Gesandte war abgerufen worden und übertrug dem Großvater die Gesandtschaftsgeschäfte. So war er denn in dem großen Palaste allein. Da läutet es spät in der Nacht an der Glocke; vorsichtig öffneten die Bedienten. Ein Bedienter meldete den »Grafen von Narbonne« und fragte, ob man ihn hereinlassen solle. Mein Großvater hatte ihn öfters in der Gesellschaft des schwedischen Gesandten gesehen und kannte ihn als einen steifen, altadeligen und hochmütigen Kavalier, der unter den Kammerherren des gefangenen Königs war; er ahnte, warum er kam, denn sein Name stand auf der Ächtungsliste derer, die als »Feinde des Vaterlands« bezeichnet waren. Wer aber einen Feind des Vaterlandes aufnahm, sollte mit dem Tode bestraft werden. Einen Augenblick schwankte mein Großvater, dann befahl er dem Bedienten: »Lasset ihn herein.« Schnell war er aufgestanden, hatte sein Amtskleid angezogen und trat in das Vorzimmer, in welchem der Graf totenblaß, vornehm angezogen, aber schlotternd vor Angst, vor ihm stand.

»Was willst du, Bürger Narbonne,« redete ihn mein Großvater ernst an.

»Um Gottes und der heiligen Jungfrau willen, retten Sie mich, Herr Pfarrer. Mein Haus wird eben nach mir durchsucht. Ich bin des Todes, wenn Sie mich nicht retten!« sagte der Graf.

Durchdringend ließ mein Großvater sein dunkles Auge auf ihm haften und sprach mit lauter Stimme:

»Bürger Narbonne, du weißt, daß du in den Händen eines Republikaners und eines Protestanten bist. Als Republikaner muß ich dich hassen als einen Feind des Vaterlandes, der mitschuldig ist an dem jetzigen Elend. Aber du hast dich auf Gott berufen, der befiehlt mir als Christ, meinen Feind zu lieben. Du sollst dich nicht umsonst berufen haben. Folge mir!« Mein Großvater nahm einen schweren Bund Schlüssel, einen dichten, wollenen Teppich und eine Kerze und ging mit dem Todeskandidaten durch mehrere lange Gänge. Zuletzt stiegen sie eine enge Wendeltreppe hinab, und mein Großvater öffnete die Thüre. Sie standen in einer Kirche, es war die Gesandtschaftskapelle. Er ging vor an den Altar, nahm die Decke ab, öffnete die Rückseite desselben und nahm die Abendmahlsgefässe heraus und legte die Decke hinein.

»Hier wirst du bleiben, Bürger Narbonne, ich werde dir morgen ein kleines Luftloch machen und für heute den einen Thorflügel offen lassen. Ich wünsche dir gute Nacht.«

Mein Großvater deckte den Teppich samt Decke über den Altar, schloß die Thüre und ging.

Des Morgens früh nahm die Großmutter die Schlüssel und warmen Kaffee, um ihn dem Gefangenen zu bringen.

»Du hast schlecht geschlafen, Bürger Narbonne,« sagte sie zu ihm, der ihr die Hand entgegenstreckte und die ihre herzlich drückte, während ihm große Thränen über die blassen Wangen rollten. Nachdem sie ihn gespeist und mit seiner Hilfe ein kleines Luftloch aus der Rückseite des Altars gesägt hatte, verließ sie ihn wieder.

Zwei Tage darauf klopfte es in der Nacht gewaltig an der Hausthüre. Es wurde geöffnet und zwei Kommissäre des Konvents mit acht Soldaten traten ein.

»Wo ist der Bürger Pfarrer – ruft ihn!« Mein Großvater war noch auf und kam herab.

»Bürger Pfarrer,« so hob der eine Kommissär an, »du bist angeklagt, Korrespondenz mit Schweden zu führen und den Grafen Narbonne aufgenommen zu haben, man will ihn gesehen haben zu dir fliehen. Im Namen der einen, unteilbaren Republik verlangen wir die Haussuchung.«

Mein Großvater hatte wirklich mit dem König von Schweden korrespondiert, aber nichts anderes geschrieben, als den Gang der Ereignisse gemeldet. Er hatte eben einen großen Bericht unter seinen Papieren liegen. Mit männlichem Mut sagte er: »Wohlan, Bürger Kommissär, du weißt, daß ich Republikaner bin, suche, ob du etwas findest.« Er selber leuchtete hinauf. Sie durchsuchten alle Zimmer und kamen endlich in sein Studierzimmer. Meine Großmutter stand dabei, als sie durchsuchten. Eben kamen sie an das verhängnisvolle Fach, wo der Bericht lag, da sah sie, wie mein Großvater sich hoch aufrichtete, und wie seine Haare sich langsam in die Höhe stellten. Sie öffneten und brachen plötzlich in ein Hurrah aus. Oben in dem Fache lagen zwei republikanische Lieder, die in diesen Tagen dem Großvater zugeschickt worden waren und die er, was er selbst nicht mehr wußte, oben in das Fach gelegt hatte. Kaum hatten sie die Lieder gesehen, als der Kommissär ausrief: »Er ist ein guter Bürger, lasset ihn in Ruhe,« reichte ihm die Hand und zog, ohne weiter zu untersuchen, mit seiner Schar ab. Auf den Knieen dankte er Gott für seine Bewahrung. Es verging Woche um Woche; täglich stieg die Großmutter hinab, den Gefangenen zu speisen. Es waren gegen zwanzig Bediente in dem Palast, jeder wußte vom Grafen, aber so groß war ihre Liebe zu dem Großvater, daß keiner ihn verriet. Er selbst war stets darauf bedacht, dem Grafen aus dem Altar zur Freiheit zu verhelfen. Endlich kam ein Tag, an dem ein großes Volksfest zu Paris sein sollte, es strömte eine Menge Menschen aus allen Ortschaften der Umgegend zu den Thoren herein. Der Großvater war in der vorhergehenden Nacht hinabgestiegen und hatte den Grafen herausgeholt. Verwildert genug sah er aus; um ihn aber völlig unkenntlich zu machen, wurde ihm das Gesicht geschwärzt. Ein vollständiger Fuhrmannsanzug lag bereit, den der Graf anzog. Im Hofe stand ein großes Wasserfaß mit zwei Pferden bespannt, samt einem Bedienten in Fuhrmannskleidern. Der Großvater händigte dem Grafen einen schwedischen Paß und Geld ein, reichte ihm die Hand, verbat sich den Dank und sprach: »Um Gottes willen hast du gebeten, um Gottes willen hab' ich's gethan. Geh mit Gott, Bürger Narbonne, und lerne etwas in der Fremde.«

Die zwei zogen fort, der Bediente auf dem Pferde, der Graf auf dem Wagen. Ein Stück vor dem Thore fing der Bediente an zum Schein den Grafen als einen Taugenichts zu schelten und schlug ihn, als sie am Thorwart vorbeizogen, mit der Peitsche zweimal über den Rücken. »Fauler Schlingel,« rief er, »halte das Faß besser. Thorwart, Ihr glaubt nicht, was das für ein Schlingel ist, dem steckt das Fest im Kopf und will nicht zu Paris hinaus.« Der Thorwart lachte und ließ sie hinaus. So aber hatte es der Großvater mit dem Bedienten einstudiert. Der Graf entkam und der Bediente fuhr zum andern Thor wieder zur Stadt hinein.

Jahre gingen drüber hin. Napoleon hatte Ordnung gestiftet in Frankreich und gezeigt, was er unter Republik verstehe, und den Franzosen war's auch recht. Von dem Grafen Narbonne hatte aber mein Großvater nichts mehr gehört.

Da war eines Abends bei der berühmten Frau von Staël große Gesellschaft. Mein Großvater, den sie hochschätzte und dem sie auch in ihren Briefen ein Denkmal setzte, war auch eingeladen. Sie wollte ihm und sich eine besondere Freude bereiten. Mitten im Abend rief sie ihn und führte an der Hand einen vornehmen Herrn.

»Graf Narbonne, hier ist der Pfarrer Gambs, der Ihnen das Leben gerettet,« sagte sie.

»Ah so,« sagte der Graf vornehm, machte eine Verbeugung und ging wieder unter das Gewühl der Gesellschaft.

»Ist das sein Dank gewesen, Herr Pfarrer? Sie haben mit der Gefahr Ihres Lebens einen Elenden gerettet!« rief Frau von Staël.

»Ich würde es noch einmal thun,« sagte ernst und feierlich mein Großvater.

Sechstes Kapitel

Wie dieser mein Großvater mütterlicherseits von Paris nach Bremen kam und Pfarrer an St. Ansgari wurde

Es ist seit Anfang dieses Jahrhunderts mancher von Paris nach Bremen gereist, ist aber deswegen doch nicht Pfarrer an St. Ansgari geworden. Meinen Großvater dahin zu bringen, haben drei große Potentaten mitgewirkt, über deren Zusammenstellung der Leser nicht erschrecken möge: nämlich der Teufel, der alte Napoleon, und unser treuer Herrgott. Das Schlimmste will ich zuerst erörtern und das Beste zuletzt geben.

Die Schreckenszeit in Frankreich in den 90er Jahren hatte nicht bloß manchen hohen Menschen um einen Kopf kürzer, aus Adeligen und Herzogen lauter »Bürger,« aus den Kirchen Tempel der Vernunft und aus Menschen Tiger und Hyänen gemacht, sondern auch sonst über die kleinen Leute viel Elend gebracht. Und als der Krieg gegen Deutschland ausbrach, stockten die Geschäfte noch mehr. Da galt's denn auch in der Kirche trösten aus Gottes Wort und vermahnen, sich von der Guillotine und den Freiheitsbäumen weg zum lebendigen Gott zu bekehren, denn es war auch ein Baalsdienst, den sie mit der Freiheit trieben, mit grausen Menschenopfern, und die Jesebel fehlte auch nicht, noch die Baalspfaffen in der roten Jakobinermütze. Da that denn auch der Großvater, was seines Amtes war und predigte deutsch und französisch vom lebendigen Gott. Denn man kann's auch auf französisch thun, wiewohl mancher ehrliche Deutsche es nicht recht glauben will. Und er predigte gewaltig, das haben alle bekennen müssen, die ihn gehört haben. Hat's ihm auch, wie in jener aufgeklärten und doch finstern Zeit so vielen, an der helleren und lichteren Erkenntnis Christi gefehlt, so hatte er das, was er von Gottes Wort hatte, nicht bloß im Kopf, sondern auch im Herzen, und was noch mehr ist: im Gewissen. Denn es haben viele viel Wissen, aber wenig Gewissen.

So predigte er denn in der schwedischen Gesandtschaftskapelle bald auf französisch, bald auf deutsch, wie es den Sonntag gerade traf. – Wenn deutsch gepredigt wurde, klang auch der deutsche Choral in die fremde Stadt hinein. Da kam denn auch einmal wieder ein deutscher Sonntag und das Lied Paul Gerhards: »Befiehl du deine Wege« (das der Leser hoffentlich auswendig, und was noch besser ist: »inwendig« kann) klang durch die Kapelle hin. Unter dem Liede trat ein bleicher, hagerer Mann herein, setzte sich still in die letzte Bank und stützte seinen Kopf auf den Arm und sah dein Nachbar über die Schulter ins Buch hinein. Er sang nicht mit; wie aber der Großvater auf die Kanzel trat, schlug er die Augen auf, als wollte er ihn durchbohren. Die Predigt handelte über den Spruch des Liedes – den Psalm wird der Leser wohl wissen. – Und die Predigt redete von dunklen und schweren Wegen, wie sie doch ins Licht gehen, und wie's nur an uns liege, sie dem Herrn statt uns selbst zu befehlen, und wie das »Wohlmachen« nicht ausbleiben werde. Das sprach der Großvater mit großer Zuversicht, wie ein Kind und Mann zugleich und betete dann aus Herzensgrund für alle Betrübten und Angefochtenen in dieser schweren Zeit. Der Gottesdienst war zu Ende, der letzte Vers verklungen, da sprang der bleiche Mann vom Sitze auf, lief durch die Kirche bis zur Sakristei und trat hastig auf den Großvater zu und rief ihm entgegen: »Herr Pfarrer, Sie haben mir das Leben gerettet.« Der Großvater trat einen Schritt zurück, richtete sich hoch auf, und sagte in feierlichem Tone: »Wie meinen Sie das, mein Herr?«

Der Fremde erzählte dann in kurzen Zügen, wie er nach Paris aus Deutschland gekommen, dort sich verheiratet und sechs Kinder und ein gutes Geschäft gehabt habe. Infolge des Kriegs aber sei er ein ruinierter Mann, was noch zu Geld zu machen gewesen, das sei verkauft und seit zwei Tagen seien die Kinder mit samt der Frau ohne Brot. Er wolle es für sich noch aushalten, aber das Weinen der Kinder und ihre Not sei nicht zum Ansehen gewesen, und so habe er den Entschluß gefaßt, sich das Leben zu nehmen; vielleicht daß es dann der Familie besser gehe, wenn das Haupt nicht mehr da sei, und die Leute erführen, daß er um ihretwillen sich das Leben genommen. So habe ihn der Weg nach dem Seinefluß gerade vorübergeführt an der Kirche und drinnen habe er das Lied singen hören aus einer bessern Zeit seines Lebens, und mit Macht habe es ihn hineingezogen, noch einmal zu hören, ob ihn was zu trösten im stande wäre. Und jetzt sei er getröstet und wolle es noch einmal versuchen, ob Gott ihm nicht helfe. – So war der Teufel, der ihm den schwarzen. Gedanken eingegeben hatte, überwunden und Gott hatte ihn an seiner Hand durch die Gasse geführt, wo die Kirche stand. – Der Großvater schaute den Mann scharf noch einmal an, und fing nicht an zu trösten, sondern erst gewaltig zu strafen und hieß ihn einen Feigling, der seinen Posten verlasse, ehe er gerufen sei, und nachdem er ihm gründlich die Wahrheit gesagt, reichte er ihm die Hand und ließ sich's von ihm versprechen, daß er mannhaft kämpfen und nicht von einem Elend in ein viel größeres hineinspringen wolle, und versprach ihm zugleich, für ihn zu sorgen. Er verschaffte ihm eine Stelle, die ihn und die Seinen nährte, und seit jener Zeit hielt er sich auch mit ihnen treulich zur Kirche. – Die Ereignisse aber drängten immer mehr, die Schreckensherrschaft stieg aufs höchste und brach in sich zusammen; der Artillerielieutenant Bonaparte war Konsul geworden und zuletzt Kaiser. Über alledem war dem Großvater jener Zuhörer entschwunden, den er einst in der Kirche gehabt, abgesehen davon, daß man in einer Stadt wie Paris einander nicht alle Tage sieht. Mit dem kaiserlichen Hof aber stand der schwedische Hof schlecht, dessen Gesandtschaftsprediger der Großvater war, und noch schlechter stand die Frau des Gesandten mit dem Kaiser, die berühmte Frau von Staël, die den Kaiser haßte und gegen ihn schrieb. So kam denn bald auch ein Befehl an die Gesandtschaft, binnen dreimal vierundzwanzig Stunden die Stadt zu verlassen und das galt auch dem Großvater. So ging er denn in die Verbannung, nahm Abschied von Weib und Kind und wollte nach Schweden, wo ihm eine Stelle angeboten war, dort Quartier zu machen und die Familie nachkommen zu lassen. Es wurde dem Großvater schwer, sein schönes Frankreich zu verlassen und in das fremde nordische Land zu gehen, aber er wußte, wer mit ihm ging und hatte noch einen andern Stecken und Stab als den Wanderstab. Er befahl seinen Weg auch dem getreuen Gott, wie er's andern gepredigt hatte.

Frankreich lag hinter ihm und daran war der Kaiser Napoleon schuld, und er eilte auf Bremen zu, um sich dort nach Schweden einzuschiffen. Eines Abends spät traf er in Bremen ein. Nach dem Essen reichte ihm der Gastwirt das Fremdenbuch, um seinen Namen einzuzeichnen. Eine Viertelstunde nachher trat ein feiner, vornehm gekleideter Herr auf ihn zu, redete ihn an mit den Worten:

»Sie sind der Pfarrer G… aus Paris?«

»Zu dienen, mein Herr,« antwortete der Großvater, »und Sie?«

»Wie, Sie kennen mich nicht?« rief der Fremde.

»Nein, mein Herr.«

»Ich bin ja …, dem Sie das Leben gerettet.«

»Sie irren, mein Herr.«

»Nein, ich irre nicht,« fuhr der Fremde fort und erinnerte den Großvater an die längst vergessene Geschichte.

Nun wachte auch das Gedächtnis des Großvaters auf. Der Fremde erzählte nun, wie es ihm ergangen seit jener Zeit. Er hatte sich wieder erholt und gute Geschäfte gemacht. Als er ein beträchtliches Vermögen in kurzer Zeit gesammelt hatte, verließ er Paris. Er hatte den Großvater aufgesucht, um Abschied zu nehmen, der war aber gerade in jener Zeit auf Reisen. So war er dann mit seiner Familie weg und nach Bremen gezogen, wo sein Reichtum gestiegen und er bald einen ehrenvollen Platz in der Kaufmannswelt einnahm. Seine Kinder waren schon längst versorgt und Gottes Segen waltete sichtlich über dem Hause. Als ihm nun der Großvater dagegen erzählte, wie er jetzt in der Verbannung sei und nach Schweden wolle, da leuchteten des Mannes Augen auf und mit freudig erregter Stimme rief er: »Nein, Herr Pfarrer, Sie dürfen nicht fort aus Deutschland, dafür ist gesorgt. Unser Pfarrer an St. Ansgari ist heimgegangen und die Stelle vakant. Mein nächster treuster Freund ist Bauherr der Kirche, und er wird Sie zur Predigt auffordern und die Wahl ist gesichert.«

In eigentümlicher Bewegung seines Herzens legte sich der Großvater schlafen. Des Morgens ließ er sein Gepäck, das schon auf dem Schiffe nach Schweden war, holen, und ließ dem Kapitän sagen, er möge eine Weile einmal voranfahren, vielleicht komme er noch nach. Großvater predigte – und wurde einstimmig gewählt zum Pfarrer an St. Ansgari. Nun war das Singen des Lieds am Großvater, denn er wurde dort gut und weich gebettet, und hätte ihn nicht das Heimweh nach Frankreich ergriffen, so wäre er wohl in Bremen geblieben und gestorben. Da hätte aber wohl mein Vater meine Mutter nicht kennen gelernt, und wenn das nicht der Fall gewesen, hätte ich nicht die Geschichte meines Großvaters schreiben können. Darum hat auch beim Verfasser, der eine so liebe Mutter gehabt, wie beim Großvater und dem Bremer Herrn der HErr alles wohlgemacht!

Siebentes Kapitel.

Vom Urgroßvater väterlicherseits.

Vom Markgräfler Land hat schon mancher gehört, wenn er auch nicht dort gewesen ist. Denn der Markgräfler Wein ist ein weitgereister Mann mit guten Empfehlungen und Reverenzen, und mancher saure Wein hat sich schon erlaubt, unter seiner Firma zu reisen und ist aufgenommen worden. Aber der echte erfreut des Menschen Herz, wenn man nicht zu viel davon trinkt, sondern es beim steinernen Krüglein bewenden läßt. Dort im Markgräfler Land wohnte der Urgroßvater und war Pfarrer daselbst im vorigen Jahrhundert. Er war ein vermöglicher Mann, denn wenn er auch nicht viel blankes Geld einnahm, so hatte er doch wie die Kinder Levi den Zehnten von allem, was die Leute hatten, und sie gaben ihn gerne, und wenn auch manches Unangenehme drum und dran war, so gings doch besser als heuer mit dem Geld. Denn wenn ein teures Jahr kam und wenig gewachsen war, so gab's auch wenig Zehnten, und der Markgraf mit samt dem Pfarrherrn teilten die Not. Denn wo nichts ist, da hat nicht nur der Kaiser, sondern auch der Pfarrherr das Recht verloren, während man jetzt die blanken Gulden zahlen muß, wenn es den Sommer über mit Kübeln geregnet oder der Hagel alles verschlagen oder die Feldmäuse alles abgefressen haben. Aber was mehr wert als Frucht und Geld war, das war der fromme und zufriedene Sinn, der im Herzen des Pfarrherrn wohnte. Er konnte sich schicken in die Zeit, auch wenn's böse Zeit war. In guten und bösen Tagen sang er zu seiner Violine, die er meisterhaft spielte, und that nach Jakobi Wort: »Leidet jemand, der bete; ist jemand guten Muts, der singe Psalmen.« Das ist ja ein vortrefflich Ding, wenn jemand in seinem Herzen einen König David sitzen hat, der das Jubilate spielen, oder wenn der finstere Geist Sauls über einen kommen will, ihn wegsingen kann. Zudem hielt's der Pfarrherr mit jenem seiner Herren Kollegen, dessen Regel war: »Wenn Gott nicht will wie ich will, so will ich wie Er will, und wir bleiben im Frieden.« – So stand einmal im Sommer das Feld und die Weinberge ganz herrlich und prächtig, und die Sonne schien so heiß herunter und jedermann prophezeite ein gutes Jahr und eine gute Ernte. Aber die Gewitter und den Hagelschlag hatte der Kalendermann aus Versehen nicht mit in die »mutmaßliche Witterung« gesetzt, sonst würde er auf den Heumonat am so und sovielsten gesetzt haben: »Schwere Gewitter und grausamer Hagelschlag,« denn an jenem Tag gegen Abend zogen schwarze Wolken auf und mitten drin hellgraue und rotgelbe, und es wurde so eigen still draußen, die Vögel flogen scheu umher, und endlich zuckte es auch am Himmel, und ein Hagel entlud sich, wie sich die ältesten Leute im Ort keinen erinnerten. In zehn Minuten war alles vorbei, aber mit der Ernte und dem Wein war's auch vorbei, und draußen lagen Eisballen von Schloßen, und es sah aus, wie wenn's eben geschneit hätte. Da lief die Pfarrfrau hinein und wischte sich mit der Schürze die Thränen aus den Augen und rief: »Ach Vater! unsere Ernte ist hin!« Er aber war schon ans Fenster getreten and hatte dem Jammer mit Thränen im Auge zugesehen; aber nun griff er nach seiner Violine und fing mit einer tiefen Baßstimme an zu singen:

Wer nur den lieben Gott läßt walten
Und hoffet auf ihn allezeit
Den wird Er wunderbar erhalten
In aller Not und Traurigkeit!

Da wurde auch die Pfarrfrau ruhig, als sie ihren Eheherrn so gelassen sah, und sie kamen auch durch's Jahr und wußten selbst nicht wie, mitsamt ihren Kindern. – Denn wie sich ein Mensch zu seinem Gott stellt, so stellt Er sich auch wieder zu ihm, und wer mit ihm wie ein liebes Kind mit seinem lieben Vater redet, zu dem antwortet Er gerade auch wieder so. Ja der darf, wie manches Kind in seiner Jugend, so auch im Alter wunderbare Bewahrungen erfahren, denn »der Herr behütet die Einfältigen.«

So ging's dem lieben Urgroßvater, der damals schon ein alter Herr im weißen Haar war, auch einmal.

Nach Basel war's nur ein paar Stündlein weit, und da ging der alte rüstige Herr noch zu Fuße hin, und ließ sich dann im Bernerwägelein abends abholen. Denn in Basel ist's schön, und sind daselbst nicht bloß der Rhein und das Münster, sondern auch manch liebe Menschenkinder zu sehen. Dann gab's auch noch einzukaufen, der Pfarrfrau ein Kleid, und der Magd einen Schurz, und den Buben Stiefeln – und wenn's den Pfarrherrn zog, ließ er die Stiefel salben und ging auf Schusters Rappen nach der Stadt Basel. Ob selbigesmal noch der »Lellenkönig« am Thore fungierte, der von Rechtswegen allen Fremdlingen die Zunge zum Trotz heraussteckte, weiß ich nicht. Wenn's aber gewesen wäre, so hätte sich der Pfarrer doch nicht daran gestoßen, denn er war ja kein Fremdling mehr. Seitdem haben ihn die Basler abgeschafft und ich denke, es ist auch sonst nichts mehr vom Lellenkönig übrig geblieben. Denn wenn man einen Fremdling verachtet, so hat man einen Lellenkönig doch noch bei sich. Kurz, eines Tages ging der Urgroßvater die Straße Basel zu. Es war gerade wie an einem andern Tag; die Vögel sangen wie sonst auch, frei ohne Noten, und die Fuhrleute gingen neben ihren Pferden her und rauchten ihre kurzen Pfeifen dabei, und die Berge drüben im Elsaß waren an derselben Stelle, wie früher auch, und dem Pfarrherrn schwante nichts Absonderliches. Warum hätte er auch an dem schönen Tag zu Hause bleiben sollen? War nicht Messe in Basel und hatten seine Buben nicht gebettelt um allerhand Kram? So brachte er den Tag zu in Basel und des Abends kam sein Wägelein und er bestieg es mit seinen Siebensachen und begab sich auf den Heimweg. Er mochte wohl eine Stunde weit gefahren sein, da lief auf der Landstraße ein Mensch in einem windigen Röcklein und kurzen Hosen. Seine Stiefel hatten schon lange keinen Schuster mehr gesehen und sperrten vorne den Rachen auf wie ein Haifisch, und sein Hut war auch nicht direkt von Paris bezogen. Da dauerte den Pfarrherrn das Männlein und er winkte ihm zum Aufsitzen. Unterwegs gab sich die Rede von vielem und von allerhand, von guten und bösen Zeiten und vom Weltlauf. Und das Männlein in dem windigen Röcklein gab guten Bescheid und blieb keine Antwort schuldig. Nur als der Pfarrer fragte, woher er käme und wohin er wolle, ging seine Zunge nicht recht weiter und verlor sich mit seinen Reden ins Blaue hinein und nannte noch ein Örtlein, das drei Stunden weiter lag. Das erbarmte den Pfarrherrn und als sie am Pfarrhaus angekommen waren, lud er ihn ein, dazubleiben und vorlieb zu nehmen. So setzte er sich mit an den Tisch und aß, was kam, und bekam auch sein Krüglein Wein hingestellt wie die andern. Nach dem Nachtessen nahm der Pfarrherr die Bibel und las und betete dann kindlich zu seinem treuen Gott um Bewahrung vor Feuer und Wassersnot, vor bösen Menschen und schloß dann mit dem alten Luthergebet: »Dein heiliger Engel bewahre uns, daß der böse Feind keine Macht an uns finde.« Und der Mann im windigen Röcklein kniete auch mit nieder, und der Pfarrherr nahm ein Licht und leuchtete ihm ins Schlafstüblein. Des Morgens, als sie Kaffee getrunken und gebetet hatten, wollte der Fremdling Abschied nehmen. Aber zuvor räusperte er sich noch, wie einer wenn er eine Rede halten will und sagte zu dem nicht wenig erstaunten Pfarrherrn: »Herr Pfarrer, nichts für ungut, aber eine Liebe ist der andern wert. Ihr habt diese Nacht einen absonderlichen Spitzbuben unterm Dach gehabt, der nicht weit zum Hanfreiter hat. Es hat Euch wohl nicht geschwant, daß es heute nacht auf Euch und Eure goldene Uhr und Eure fetten Schinken abgesehen war. Denn im Weilerer Pfarrhause geht's nicht hungrig her. So war's denn mit meinen Herren Kollegen abgemacht, Euch heute nacht einen Besuch zu machen. Dieweil Ihr mich aber auf Euer Bernerwägele habt sitzen lassen und an Euren Tisch und ins Beten genommen und mir ein Bett aufgeschlagen habt, habe ich's nicht übers Herz bringen können und mich der Sünde gefürchtet, Euch ein Leids zu thun. Und wie nachts um zwölf Uhr die Herren Kollegen gekommen sind mit Diebslaternen, bin ich aus dem Fenster gesprungen und hab ihnen gesagt, es sei heute leider nichts zu machen, denn Ihr wäret wach und hättet ein paar handfeste Kerle bei Euch und müßtet wohl Wind bekommen haben. Darauf haben sie sich gehörig aus dem Staub gemacht. Jetzt aber Adjes! und nichts für ungut. Bezahlen kann ich nichts. Aber dem Weilerer Pfarrer soll kein Leids geschehen, auf Ehr.« Und wie er das gesagt, war er mit einem Satz zur Hausthür draußen und überließ dem Pfarrherrn das weitere Nachdenken. Über was der Pfarrherr aber nachgedacht, kann sich der geneigte Leser selber denken.

Achtes Kapitel.

Mein Vater und Signor Daniele.

Wenn einer eine Reise thut,
So kann er was erzählen –

so singt Ehren-Claudius. Und er hat recht, wenn nämlich einer das Reisen versteht, sonst aber nicht. Aber es verstehen's nicht alle, und reisen wie ihr Koffer, der auch überall war und dem so viel Eisenbahnzettel und die Hotels aufgeklebt sind, daß man von ihm selber nichts mehr sieht, und kommen gerade so gescheit an wie er. Denn zum Reisen gehört mehr als ein Sack voll Geld mit samt dem roten Bädeker und einem Koffer samt englischem Teppich. Ein offenes Herz und offenes Auge für Natur und Menschen und ein feines Aufmerken für das Gute in der Fremde und das Gute in der Heimat, und ebenso fürs Böse in beiden: das bringt Gewinn, und wenn man heim kommt, dann gefällt's einem erst recht zu Hause. Denn die Leute, die draußen alles besser finden als daheim und dann brummen und unzufrieden sind, haben auf der Reise das Beste verloren, nämlich sich selber. – Am köstlichsten ist's aber, wenn man auf Reisen nicht bloß Land und Wasser, Elefanten und feuerspeiende Berge, unwegsame Gegenden und hohe Kunststraßen sieht – sondern neben der großen Welt auch in die kleine Welt des Menschenherzens blicken darf, und man auf den Weltwegen auch etwas von den Gotteswegen mit den Menschenkindern sieht. Solche Erfahrungen machen den Koffer reich und doch nicht schwer, und werden nicht von Zoll- und Paßjägern angehalten, So ist mein seliger Vater gereist und hat neben den Skizzenbüchern, Mappen und Bildern noch einen Schatz von Erfahrungen und Erlebnissen mitgebracht, die ihm geblieben sind, als die Skizzenbücher längst zerrissen oder verloren waren. Aus diesem geistigen Notizbuch will ich zu Nutz und Frommen der Reisenden und vielleicht auch zu Nutz manches Mutter- und Kinderherzens ein Stücklein erzählen. –

Da mein Vater seine Lehrzeit um hatte, die ihn das Wörtlein verstehen lehrte: »Es ist einem Mann ein köstlich Ding, daß er sein Joch trage in der Jugend« und er sein Diplom als Kupferstecher vom Meister feierlich bekommen, zog's ihn gewaltig hinaus in die Ferne. Zuvor aber mußte der Beutel mit Goldvögelein gefüllt sein, sonst ist's doch auch ums Reisen ein mühselig Ding, trotzdem daß es das Geld allein nicht macht. So galt's denn, Arbeiten und Sparen, denn beides gehört zusammen, wie Mann und Frau. Und Gelegenheit findet sich für einen fleißigen Mann schon. Denn es kam bald eine Bestellung nach Paris zu reisen, und dort zu kopieren, was ein schön Stück Geld abwarf, und als die Zeichnungen ausgestellt wurden, kam ein Stipendium von etlichen hundert Gulden für drei Jahre, zahlbar in blanker Münze, So dauerte es noch ein Jährlein; derweilen waren mit dem Flaum am Mund auch die Künstlersflügel gewachsen und nun sollte es fortgehen in die Ferne, ins Land Italien. Denn ums Land Italien ist's eben was Besonderes. Die deutschen Kaiser hat's hinübergezogen mit unwiderstehlicher Gewalt und vielen hat's das Leben dazu gekostet und doch sind die andern nicht weggeblieben. So geht's den Künstlern auch, und auch mancher von ihnen hat drüben sein frühes Grab gefunden. Aber es gehört einmal dazu. So ward denn alles bereit und gepackt, der Kreditbrief ausgefertigt und die Goldfüchse für den laufenden Bedarf in die Knöpfe am Rock eingesperrt, die dann im verschlossenen Zimmer bei Ansicht der Rechnung abgeschnitten und wieder angenäht wurden. An Farben, Bleistift und Pinseln fehlte es nicht, noch an dem Strauß am Strohhut. Der Abschied vom Vaterhause war zwar nicht leicht, denn man merkt eben erst, wie fest das Herz dort sitzt, wenn man scheiden soll: wie man erst merkt, wie fest ein Zahn sitzt, wenn ihn der Feldscher mit der Zange herausreißt. Beim Fortgehen ward's aber dem Künstler noch aufs Gewissen gebunden, die Verwandtschaft unterwegs zu besuchen und keinen Onkel zu vergessen, denn sie möchten's auf die Ehre nehmen und Feindschaft für lange daraus kommen. Und wiewohl sonst die jungen Leute sich gemeiniglich aus einem alten Onkel oder Tante nicht viel machen, und vermeinen Manns genug zu sein, um auch ohne den Onkel und die Base durch die Welt zu kommen, so hing doch der Künstler an seinen Verwandten und wußte, daß der Stammbaum etwas Heiligeres und Besseres sei als ein Eichbaum oder ein Buchenbaum. Darum versprach er's feierlich, keinen übergehen und von jedem noch einen Segen mit auf die Reise nehmen zu wollen. So zog er rheinaufwärts immer längs der Blutsverwandtschaft nach, und wo er einkehrte, war Freude. Denn damaliger Zeit sah man nur dann und wann einmal einen Verwandten und kannte die meisten nur vom Hörensagen. Die letzte Station von Basel war oben auf dem Schwarzwald bei dem Onkel, einem geistlichen Herrn. Als er die Klingel zog und die Magd den fremd aussehenden Jüngling mit dem Strohhut und der Ledertasche sah, wollte sie ihm ein Stück Brot auf die Wanderschaft geben, denn sie glaubte einen »Stromer« vor sich zu haben. Der Künstler nahm das Stück Brot und bat aber dann, ihn zum Herrn Pfarrer zu führen, denn er habe noch ein besonderes Anliegen, das pressieren thäte. So führte ihn die Magd hinauf und verwunderte sich über die Maßen, als der Herr Pfarrer mit offenen Armen dem Jüngling entgegenkam und ihn wie einen Sohn herzte. Es wurde gleich die Mutter gerufen samt den Kindern, um den angekommenen Vetter zu sehen. Nachdem getreulich Auskunft über die ganze Familie gegeben war, über Gesundheitszustand und Wohlergehen, den Kinderstand und ob der und jener noch an einen dächte, mahnte der Pfarrer nun mit Fragen einzuhalten und dafür das Essen fertig zu machen. Was er noch an der Thüre der Frau ins Ohr sagte, verstand zwar niemand, aber es zeigte sich als auf den Tisch duftende Äpfelpfannkuchen kamen und vom alten Markgräfler dazu, daß der Pfarrer etwas Bedeutsames verhandelt hatte. Die Knaben aber sprangen zutraulich um den Vetter herum und spazierten mit seinem großen Malerspieß in der Stube auf und ab und hätten nicht übel Lust gehabt, etwas vom trojanischen Krieg aufzuführen, wenn ihnen nicht gewehrt worden wäre. Das Essen war bereit und der Künstler ließ sich nicht zweimal bitten bei den Pfannkuchen, denn er dachte: »Es sind die letzten in Deutschland und hast sie noch dazu umsonst.« Nach dem Essen wurde noch vieles auch über das neue Land geredet, dahin der Neffe zog. Denn der Onkel, der Pfarrer, hatte auch einmal einen gekannt, der dort gewesen, und erzählte Wunderdinge davon, und der Künstler bestätigte alles zum voraus, denn er hatte es in Büchern so studiert, und die Jungen des Pfarrers rissen die Augen und den Mund auf und die Spinnräder der Dienstleute, die am Ofen spannen, gingen manchmal in ganz langsamem Tempo, damit man ja kein Wörtlein verliere. Beim Zubettgehen waren alle vergnügt über den schönen Abend, denn jedes hatte mitgesprochen und miterzählt, und die Leute unterhalten sich immer dann am besten, wenn sie selber das meiste oder wenigstens ein gut Teil geredet haben. Des Morgens aber wollte der Vetter abreisen und noch die Stadt Basel erreichen, und stand schon früh fix und fertig im Reisekleid. Nach dem Frühstück nahm ihn aber der Onkel noch auf die Seite und sagte: »Karl, noch auf ein Wort.« In der Studierstube vermahnte er treulich den jungen Künstler auf Gottes Wegen zu bleiben und Tobiä Sprüchlein zu bedenken. Denn die Künstler haben's vielleicht doppelt not, sich in acht zu nehmen, daß ihnen das Herz nicht gestohlen wird, denn sie haben's etwas los unterm Brusttuch sitzen und können gar leicht sich selber auch was vormalen, von dem sie doch nicht leben können. Und der Künstler hörte andächtig und ehrerbietig zu, wie's die Jungen allezeit thun sollen, wenn die Alten reden, und sich so verhalten, wie wenn einem Gold zugewogen wird. Als der Onkel aber geendet, sagte er: »Und nun noch eins, lieber Neffe. Du hast drunten in der Unterstube beim Essen wohl die alte Frau gesehen, die am Ofen saß. Das ist die Witwe des Schneiders Brunner, die wir seit Jahren ins Haus aufgenommen haben. Du hast wohl nicht gemerkt, daß sie während der ganzen Zeit, daß wir von Italien sprachen, stille geweint hat. Diese Frau hat einen einzigen Sohn gehabt, der in den Jugendjahren fortgelaufen und bis dato nicht wieder gekommen ist. Durch einen Handwerksburschen hat sie einmal Nachricht bekommen, der hatte ihn, wie er sagte, in Italien gesehen, wußte aber nicht mehr wo, und seitdem läßt sie sich's nicht nehmen, daß ihr Daniel (so heißt er) in Italien ist. Da meint sie denn, als sie dich gestern von Italien erzählen hörte, du könntest ihn dort wohl finden. Da hat sie denn in der Nacht noch einen Brief an ihren Daniel geschrieben, den du abgeben sollst, und einen alten Kronenthaler noch beigelegt, ein altes Erbstück, das du ihm mitbringen sollst.«

»Ja,« sagte der Maler, »ist alles recht, aber wie soll ich den Daniel Brunner finden? Italien ist groß, und die Zeit ist kurz.«

»Nun sieh,« sagte der Onkel, »deswegen geb ich dir hier noch einen Kronenthaler mit auf die Reise. Kommst du in eine Stadt, und läßt deinen Paß visieren, so thust du mir die Liebe und läßt dir das Einwohnerbuch aufschlagen und siehst zu, ob du keinen des Namens findest. Thu's der alten Mutter zu lieb und denk an den Segen, den sie auf dich herabbetet. Du kannst den Segen der alten Frau mitnehmen, der ist Gold wert.«

Der Maler steckte den Brief und den Kronenthaler ohne Widerrede ein und versprach sein bestmögliches zu thun, um den Sohn zu finden. Er nahm Abschied und ging noch besonders zur alten Mutter und versprach's ihr in die Hand hinein, ihren Sohn aufzusuchen und dann Antwort zu geben. Er packte den Brief und das Geld zusammen in den großen Mantelsack, schwenkte den Hut und stieg hinunter vom Schwarzwald auf die Rheinebene, Basel zu.

Von dort ging's über die Alpen hinunter an den Comer See mit seinen grünen Wassern an dem schönen Bellagio vorbei nach Venedig. Auf dem Markusplatz war's herrlich. Abends und bis spät in die Nacht hinein wogt das Volk hin und her, draußen sitzen die Leute auf offenem Platz, und die Lichter der Häuser ringsum und die hellen Lichter am Himmel geben die Beleuchtung, und Sänger mit Mandolinen und schwarzhaarige Armenier mit gelben Gesichtern und Türken mit langen Pfeifen und breite Deutsche mit einem guten Ziegenhainer in der Hand geben die Unterhaltung ab. Da saß denn der Maler, ließ die Leute an sich vorübergehen und betrachtete sie; ein paar Künstler und Landsleute hatten sich bald gefunden und so saß man dann am Tisch und redete vom Zeit- und Weltlauf. Da mitten im Gespräch zupfte es plötzlich den Maler, und es fiel ihm siedend heiß ein, was der Onkel noch gesagt und die Alte ihm aufgetragen. Er brach drum das Gespräch ab und sagte: »Apropos! Wie ist's, habt ihr nicht einmal was von einem Daniel Brunner gehört?«

»Daniel Brunner,« riefen sie alle nach einander, der eine schnell, der andere bedächtig. – »Wüßte nicht,« sagte der erstere; »Mir nicht bekannt,« der zweite. »Ich mein als,« murmelte der dritte – aber die Summa war, daß keiner was wußte. Jetzt schaute der Maler sich erst recht die Leute an, ob nicht einer so aussehen könnte, wie der Daniel Brunner, den er doch selber nicht gesehen hatte. Als er seinen Paß visieren ließ (oder »frisieren,« wie jener Schlossersgesell es schöner ausdrückte) frug er auch nach dem Daniel. Aber die Herren hatten in ihren Büchern ganz andere Namen stehen, die lauteten alle auf ini und etti, aber nicht auf Brunner und sagten zum Schluß: »Thut uns leid, aber wir können nicht dienen. Er muß wohl abgereist sein, wenn er da war.« Der Maler bezahlte, was es kostete, aber den Kronenthaler gab er nicht her. Von Venedig ging's nach Florenz, und wenn Venedig schön ist, so ist's Florenz noch mehr und man kann doch zu Fuß gehen, was man in dem nassen Venedig mit den Wasserstraßen nicht kann. Dort gab's viel zu sehen, was der Maler noch nicht gesehen und ein übers anderemal schrieb er nach Hause: »Ja, Florenz ist halt Florenz und geht nichts drüber für einen Maler.« Und auch in Florenz wurde gefragt nach dem Daniel, aber da lauteten die Namen noch viel italienischer als in Venedig, und wußte kein Mensch was von ihm. Nach Monaten ging's nach Rom, und Rom ist doch die Hauptstadt in Italien und ein rechtes Künstlernest. Und der junge Maler mit dem vollen Herzen kam da eben recht; denn es war ein frisches, thatenlustiges Leben unter den deutschen Künstlern damaliger Zeit, die eine neue Zeit heraufführten. Da galt's nun erst recht, die Augen aufmachen und den Mund und die Ohren dazu, denn in Rom kann sich einer ordentlich die Füße ablaufen, bis er alles gesehen hat, und mancher war jahrelang da und hat doch nicht alles gesehen. Wenn der geneigte Leser sich nun denkt, daß dem Maler gleich der Daniel Brunner eingefallen wäre, und er sich gleich nach der Ankunft auf dem Bureau erkundigt, ob er vielleicht in Rom logiere, so irrt er. Denn vor lauter Raphael und Michelangelo, Giulio Romano und Carlo Dolce und wie sie alle heißen, war dem Maler der Daniel Brunner gründlich abhanden gekommen, und wie der Brief mit dem Kronenthaler auf dem Boden des Koffers lag, so lag auch der Daniel in dem Gedächtniskasten des Malers in der untersten, hintersten Schublade. Er hatte ohnedem schon den Mut verloren, was sollte er es weiter noch probieren! So fragte er wohl einmal nach ihm, aber als ihm niemand Auskunft geben konnte, legte er die Sache ganz ad acta, wickelte Brief und Kronenthaler noch einmal ein fürs Heimschreiben bei Gelegenheit, und schrieb dem Onkel: er habe sein Möglichstes gethan, aber es sei nichts zu machen. Der Handwerksbursche hätte vielleicht falsch gehört, und ohnehin könne man den Handwerksburschen nicht aufs Wort trauen. So war die Sache also eingeschlafen. – Der Maler verließ Rom und zog nach Neapel und dann nach Sicilien, denn er dachte: Wenn du einmal da bist, so nimmst du's lieber jetzt gleich mit, denn du kommst vielleicht dein Lebtag nimmer hin. Und da hat er recht gehabt, denn was man gleich thun kann, soll man auf keine andere Zeit versparen. Dort aber frug er nicht mehr, denn er konnte sich's denken, daß er da nicht hingekommen, wo kaum die Künstler hinkamen, in abgelegene Dörfer und Klöster.

Nach einem Jahr kam der Maler wieder zurück nach Rom, denn die Goldfüchse waren alle aus dem Gefängnis entlassen, und es mußte von neuem wieder gearbeitet werden, um deren etliche einzufangen. Der Kronenthaler, der noch unten in dem Koffer lag und nachgerade schwarz geworden war, lief manchmal Gefahr in die Hand genommen und ausgewechselt zu werden; denn bei Künstlern geht wie bei andern Leuten auch Null von Null auf und hexen können sie auch nicht. Derweil hatte die Welt ein ander Gesicht gekriegt. Napoleon war mit einem großen Heer nach Rußland gezogen und hatte dort seinen Schlagbaum gefunden, und nachdem er von Gott geschlagen war, ward er zu Leipzig auch noch von den Menschen geschlagen und ihm in Elba Logis angewiesen. Und als er von dort noch einmal ausbrach, kam die Schlacht bei Waterloo, und nun gab's auf St. Helena ein ander Gefängnis, wo das Fortspringen schwer war. Da war denn Jubel im deutschen Vaterland, daß mit dem Dränger ein Ende war; wie zu Haus die Feuer loderten, so loderte auch in den Herzen der deutschen Maler in Rom die Liebe zum Vaterland; denn sie hatten unter den Lorbeerhainen und Myrtenhecken den deutschen Wald mit seinen Eichen und Buchen nicht vergessen. Denn um den deutschen Wald ist's doch was besonderes. Als nun die Nachrichten immer sieghafter lauteten und der alte Blücher zum zweitenmal nach Paris gekommen war, beschlossen die deutschen Künstler auch in Rom ein Freudenfest zu feiern. Der Fürst Borghese, einer der reichsten Fürsten, gab seine prächtige Villa mit ihrem herrlichen Garten dazu her. Die Künstler aber wetteiferten im Malen von Bildern und Transparenten; der eine dichtete, der andere studierte eine Rede, der dritte mußte fürs Essen und ein vierter fürs Trinken sorgen. Dann wurde männiglich dazu eingeladen in Zeitungen und großen Plakaten; jeder aufrichtige Deutsche solle kommen, sei er wer er wolle. Des Nachmittags schon strömte es zum Thor hinaus; handfeste Handwerker und magere Litteraten, Künstler mit langen Haaren, Mönche in Kutten, die das Schurzfell mit der Kutte vertauscht hatten; etliche Rothaarige und Blauäugige darunter (wie sie die alten Römer einst zu ihrem Schrecken gesehen hatten), auch viele Italiener dabei, die man gerne aufnahm. Der Abend kam heran, immer näher schlug die Stunde des Festes. Die Leute sammelten sich aus dem Garten in die Villa. Sie war herrlich illuminiert, und aus den dunkeln Lorbeergängen konnte man in der Ferne die Lichter flimmern sehen. Der große Springbrunnen warf das Wasser in bunten Farben, und die alten steinernen Meergötter schauten verwundert in das Spiel. In der Villa tönte ein ernster vierstimmiger Männerchor; das waren die Lieder vom Arndt, Körner und Schenkendorf. Im Saale war Deutschland als riesige Jungfrau im Schmuck der Eichenkrone gemalt, Reichsschwert und Reichsapfel in den Händen haltend; der riesige Doppeladler des heiligen römischen Reichs war am Ende des Saals angebracht. An den langen Tischen saßen die Festgäste bunt durcheinander und auch unser Maler mit besonders fröhlichem Gesicht. Und nun fingen die Reden und Trinksprüche an aufs Vaterland, auf die Fürsten, auf die Heerführer, und jeder mußte noch einen zu finden, der noch nicht bedankt und begrüßt war. Denn mit dem Toast und den Reden am Feste ist's wie mit dem Feuer: man weiß wohl wo es anfangt, aber nicht wo es aufhört. Neben dem Maler saß ein breitschultriger Mann, der ausgangs der Fünfziger stehen mochte; er trug einen hechtgrauen Rock und Hosen, eine geblümte Weste und einen sauberen hohen Hemdkragen. Sein Gesicht hatte Sommersprossen, und die Zeit mußte ihm mit mancherlei Sorgen wie mit der Pflugschar übers Gesicht gefahren sein, denn es sah verwittert aus. In sich gekehrt, halb zerstreut war der Mann den Abend durch da gesessen und hatte nur spärlich Antwort gegeben rechts und links. Jetzt aber rutschte er unruhig auf seinem Stuhle her, als er die Reden und Toaste hörte, und sagte ziemlich laut zu seinem Nachbar, dem Maler: »Nun, wenn sie alle leben lassen, sollen sie auch mei'n Markgraf leben lassen.«

»So,« sagte der Maler, »wer ist denn Euer Markgraf?«

»Ha,« antwortete der Hechtgraue, »der Markgraf von Baden.«

»Ja der ist kein Markgraf mehr, der ist Großherzog geworden, und der alte lebt auch nicht mehr.«

»So, seid Ihr bekannt dort?« frug der Hechtgraue.

»Versteht sich,« sagte lachend der Maler, »ein wenig. Wo sind Sie denn her, um Vergebung?«

»Ich bin aus dem Badischen daheim.«

»Wohl aus dem Oberland der Sprache nach?«

»Aus dem Altbadischen; ich weiß selber nimmer recht, denn 's ist schon lang, daß ich fort bin.«

»Nun,« sagte der Maler, »da will ich einmal Eure Rede übernehmen,« und brachte dann auf das badische Heer einen Toast aus, das gezwungen mitgemußt hatte, und freute sich, daß die Zeit des Elends vorüber sei, wo Brüder gegen Brüder hatten fechten müssen. Dem Hechtgrauen liefen die hellen Thränen über die Backen. Nach der Rede stand er auf und wollte sich still zum Saal hinausdrücken. Draußen aber faßte ihn ein Arm. Das war der junge Maler.

»Nun, deutscher Landsmann,«sagte der Maler, »das Fest gefällt Euch doch wohl, denn in der Fremde denkt man stärker als sonst an die Heimat.«

»Da mögt Ihr Recht haben,« sagte der Hechtgraue. »Ich hätt' nichts davon erfahren, wenn ich nicht heute per Zufall in einen Laden gekommen wäre. Da sagt der Krämer: »»Nun, Signor – geht Ihr heute abend nicht auch hin in Villa Borghes, wo die Tedeschi alle hinkommen zum Fest? Ihr seid auch eingeladen.«« Da hab' ich gedacht, willst doch auch hingehen, wo du einmal wieder deutsch reden hörst; es heimelt eben einen doch an.« – »Da habt Ihr wieder recht, Landsmann,« entgegnete der Maler, »aber es ist mir gewesen, als seid Ihr traurig an unserm Fest, drum hab' ich gedacht, wir wollen miteinander heraus. Ein paar Flaschen Wein hab' ich mitgenommen. Laßt uns dorthin gehen.« Und sie gingen durch die Lorbeergänge mitten durchs gaffende Volk, bis sie in einen stillen Teil des Gartens kamen, wo man nur das Plätschern des Wassers hörte und in der Ferne die Musik. Es war ein Hain von dunkeln Cypressen, in dessen Mitte ein steinerner runder Tisch stand. Der Maler setzte die Flaschen darauf. Niemand sah auf die beiden als der große lichte Vollmond.

Da fing der Hechtgraue wieder an und sagte: »Ja, mir ist's nicht wohl ums Herz gewesen und 's hat mir fast die Brust versprengen wollen, wie die Leute so schön deutsch gesungen haben.«

»Wie lang sind Sie denn schon fort, Landsmann?« – »O lange Jahr', seit dem vorigen Jahrhundert schon.«

»So,« sagte langsam und bedächtig der Maler, dem in diesem Augenblick ein Gedanke wie ein Blitz durch den Kopf fuhr. Er hielt die Augen starr auf den Hechtgrauen geheftet und es war ihm, als sähe er hinter ihm etwas, was ihn anheimelte. Zerstreut goß er den perlenden Wein in die Gläser, richtete das Auge noch einmal durchdringend auf den Hechtgrauen und sagte dann mit lauter, fester Stimme, indem er sein Glas ergriff: »Nun, Daniel Brunner! auf gute Landsmannschaft!« –

So schnell der Hechtgraue das Glas ergriffen hatte, so schnell stellte er es wieder hin und setzte sich wie ein vom Blitz getroffener, todmüder Mann auf die steinerne Bank. Totenblaß sah er mit starren Augen den Maler an, als wollte er ihn durchbohren, und mit hohler Stimme brachte er nur die Worte heraus: »Herr Maler, woher wissen Sie, daß ich der Daniel Brunner bin?« –

»O ja, Ihr seid der Daniel Brunner, von – – – im Schwarzwald, der fortgelaufen ist, anno so und so viel. Geniert Euch nicht, mir sind allein und sagt, wie es Euch ums Herz ist.« Aber der Mann blieb starr, und brachte nach langer Pause mit hohler gebrochener Stimme heraus: »Kein Mensch kennt mich in Rom, denn ich hab einen ganz andern Namen angenommen. Ihr seid der erste, der mich nach zwanzig Jahren bei meinem rechten Namen nennt. Ach, allmächtiger Gott!«

»Nun, Daniel Brunner, faßt Euch,« sagte der Maler, »ich will Euch nicht mehr mit Eurem Namen nennen, wenn's Euch nicht lieb ist. – Habt Ihr denn niemand mehr in der Heimat. Besinnt Euch einmal?«

»Ach,« sagte der Hechtgraue, »Vater und Mutter sind wohl schon lange tot und werden mit Jammer um ihr Kind in die Grube gefahren sein, das ihnen davon gelaufen ist. Wer denkt noch an mich!«

»Wie wär's aber, Landsmann,« warf der Maler ein, »wenn doch noch jemand an Euch dächte? jemand, an den Ihr wohl als an einen Toten denkt, der aber noch lebt und dem Ihr bei Tag und Nacht nicht aus dem Sinn kommt und der mir einen Brief samt einem Kronenthaler mitgegeben hat, um Euch zu suchen?«

»O barmherziger Gott, des isch mi Mueter,« rief er in seiner Oberländer Sprache.

»Ja,« sagte der Maler, »da habt Ihr's getroffen und morgen sollt Ihr den Brief von ihr haben.«

Da brach der starke Mann vollends zusammen, er stützte den Kopf auf die Hand an dem steinkalten Tisch und weinte wie ein Kind. Der Maler schlich sich sachte auf die Seite und ließ dem Menschenkinde dort freien Lauf, seinem Herzen Luft zu machen. Denn in diesen Zeiten muß man einen Menschen allein lassen für eine Weile. Darnach aber kam er wieder, setzte sich zutraulich zu dem Daniel und sagte: »Nun, Landsmann, jetzt macht Euch das Herz leicht und erzählt mir einmal, wie Ihr daher gekommen seid. Gott hat Eurer Mutter Gebet erhört und Ihr habt am heutigen Abend das Beste vom Feste abgekriegt, denn Ihr habt Eure Mutter wiedergefunden. Es war freilich schwer Unrecht von Euch, daß Ihr sie verlassen habt, aber sie hat Euch vergeben; und was Ihr jetzt noch nachholen könnt, das holt Ihr nach.«

Da schaute der Daniel freundlich an dem Maler hinauf und sagte: »Ihr habt recht; jetzt weiß ich, daß unser Gott noch lebt und einen überall zu fassen weiß und ihm keiner desertiert.« Und nun fing er an unter dem Cypressenbaum seine Lebensgeschichte zu erzählen. Der Vater war Schneider und ein harter Mann. Der Junge hatte aber zu allem andern mehr Lust, als zum Schneiderwerden, denn auch dazu muß einer Liebe haben. Der Vater wollte ihm aber die Liebe einprügeln, und das geht eben nicht. Fehlte etwas in der Arbeit, gab's Schimpfreden, und zuletzt mit der vierkantigen Elle Schläge auf die Finger und auf den Rücken, oft wegen Kleinigkeiten. Und der Junge schluckte das alles hinunter und ließ sich nichts anmerken, wiewohl es manchmal in ihm kochte wie in einem siedenden Topf. Aber als an einem Tag der Vater es wieder zu arg gemacht, trotz des Flehens der Mutter, da beschloß er fortzugehen, und als morgens um fünf Uhr der Vater den Jungen erwartete, kam er nicht, und als die Mutter bat, ihn wecken zu dürfen, wollte er selber mit der Elle hinauf. Aber droben war die Kammer leer und das Fenster offen und das Kind war fort. Und kein Suchen half mehr. Und der Mann machte sich Vorwürfe, die halfen auch nicht, und die Mutter betete, das half mehr. So weit hatte es der Maler auch vom Pfarrer erfahren. Nun aber, erzählte der Daniel weiter, sei er unter die Franzosen gekommen. Die schickten ihn auf ein Schiff, das von den Engländern genommen wurde, und so kam er unter die Rotröcke. Mit denen kam er nach Spanien und machte die Schlacht bei Viktoria mit, in welcher er verwundet wurde. Die Verwundeten wurden nach Lissabon geschafft und der Daniel dort von einem reichen Portugiesen aufgenommen, der ihn freundlich pflegte. Als er auf der Besserung war, half er dem Portugiesen im Geschäft, das in Lieferungen für die Armee bestand. Aber der Portugiese hielt's mit den Franzosen insgeheim, und der Daniel ließ sich mit hineinziehen und wurde ein waghalsiger Parteigänger. Und Lügen haben kurze Beine. Als sie eben am besten dran waren und dem Daniel schon die Hand einer Portugiesin versprochen war, der Tochter seines Prinzipals, bekamen die Engländer Wind und man schob die Sache auf den Fremden. Darum händigte in einer Nacht der Portugiese dem Daniel einen falschen Paß ein mit fremdem Namen, gab ihm Geld genug, daß er schwiege, und begleitete ihn hinunter an den Hafen auf ein Schiff nach Italien. Und den falschen Namen hatte er beibehalten auch in Italien und sich mit dem Gelde angekauft. An die Mutter hatte er in der Krankheit schreiben wollen, aber es nicht gethan, und später durfte er nicht mehr, um sich nicht zu verraten – das alles hatte er dem Maler in gebrochenen Worten erzählt, während sein Herz arbeitete wie ein Mühlwerk.

Nachdem er bis hierher erzählt, unterbrach ihn der Maler und sagte: »Nun, Brunner – ich sehe, 's wird Euch schwer und Ihr erzählt mir's ein andermal weiter, denn ich laß nun nicht mehr von Euch.« Beim Weggehen aber sagte Brunner: »Herr Maler, glaubt mir's, ich bin in vielen Schlachten gewesen und hat mich kein Pulver und kein Donner erschreckt – aber Euer Wort, wie Ihr meinen Namen und meine Mutter genannt habt, das ist mir wie eine Kugel ins Herz geflogen. Und die soll nimmer herauskommen, so Gott will. Gott segne Euch, junger Mann, und Eure Eltern, wenn Ihr sie noch habt.« Er nannte ihm noch Namen und Wohnort und versprach am Morgen zu kommen.

Der Maler stand auf und nahm Abschied und sah dein Hechtgrauen noch lange nach, und ging dann zurück in den hell erleuchteten Saal. Sein blasses Gesicht und sein stillgewordener Mund verrieten wohl, daß ihm etwas passiert sein müsse. Ihm war, er sähe die betende alte Mutter von … und ihren Daniel unter dem Zypressenbaum in Rom.

Am folgenden Tag hielt schon in der Frühe ein leichtes Zweigespann vor dem Hause des Malers an der Piazza d'Espagna. Der alte Domeniko, der Diener im Hause, half dem Herrn aus dem Wagen. »Ich will zu Signor Carlo, einem Maler, wohnt er hier?« – »Gewiß,« sagte der alte Diener, »einen fleißigeren giebt's nicht, als den Deutschen.« Bald trat der Daniel Brunner herein und legte ein schweres Paket mit Geld auf den Tisch. »Das ist für die Mutter, Signor Carlo – wenn Ihr so gut sein wollt, es ihr zu schicken.« Dagegen empfing er mit zitternden Händen den Brief mit samt dem schwarzen Kronenthaler der Mutter. Die beiden sahen sich noch oft und der Hechtgraue konnte nicht genug seinen Dank beweisen. Oft kamen sie im Gespräch an den steinernen Tisch in der Villa Borghese und wie wunderbar Gott sie dort zusammengeführt. Der Maler hatte nach Hause geschrieben und das Geld gesandt, auch Antwort bekommen durch den Onkel, daß die Alte sich nun gerne zur letzten Reise schicken wolle, seit sie wisse, daß ihr Sohn lebe. Der Maler war im Sommer auf ein paar Monate ins Gebirg gezogen, und als er wiederkam, war Daniel Brunners Haus geschlossen. Die Nachbarleute sagten: er sei fort nach Deutschland zu seiner Mutter. Das Jahr darnach kehrte auch der Maler heim, nachdem er sich unterwegs noch lange aufgehalten. Den alten Onkel traf er nicht mehr am Leben. Auch die Alte war gestorben. Die Pfarrerin erzählte aber, wie einst ein großer sonnenverbrannter Mann gekommen sei und nach dem Pfarrer und der Ursula Brunner gefragt habe. Sie sei schon ein halbes Jahr vorher heimgegangen, triumphierend, daß sie recht gehabt, daß ihr Daniel in Italien sei und noch lebe und gefunden sei. An ihrem Grab sei der Fremde lange gestanden und habe ihr einen Denkstein setzen lassen, den Armen Geld vermacht und sei wieder fort, weil alles ausgestorben war von seiner Familie. – Das hat mir mein Vater (denn das ist der Maler gewesen) oft mit Rührung erzählt und hinten dran den schönen Vers von Hebel, der auch im Oberland zu Haus ist, citiert:

O 's isch en Engel ußem Paradies
Mit sanften Augen und mit zartem Herz,
Vom reine Himmel abe hät en Gott
Den Chindlene zum Trost un Sege gschickt.
Er hüetet sie am Bettli Tag und Nacht,
Er deckt sie mittem weichen Fegge zue
Und weiht er sie mit reinem Odem a,
Wirds Äugli hell un's Bäckli rund un rot.
Er treit sie uf de Hände in der G'fohr,
Gönnt Blüemli für sie uf der grüenen Fluer
Un lächelt still un het sei süeße Freud'
Un Mutterliebi heißt si schöne Name!

Neuntes Kapitel

Was meinem Herrn Oheim und Paten in Paris begegnet ist

Der geneigte Leser wird sich noch des Herrn Registrators erinnern, der jenem französischen Quartiermeister das siebente Gebot ausgelegt hat. Derselbe hatte mehrere Söhne, von welchen der eine mein Herr Pate ist. Und sein Patenamt hat er treulich versehen, und mehr an mir gethan, als an der Taufe einen silbernen Löffel geschenkt, und dann und wann einen Gulden in die Sparbüchse, und an der Konfirmation eine Uhr oder ein Buch und dergleichen, wie's bei vielen Paten ist. Denn zum Paten soll man nicht den ersten besten nehmen, noch umschauen, wo irgend noch ein reicher Onkel steckt, den man bitten kann, und der es dann ehren- oder schandenhalber thut; sondern jemand, der für das Kindlein betet und es vermahnt, und wenn's not thut, Vaterstelle vertritt. Denn nicht umsonst nennt man den Paten auch den »Herrn Gevatter.« So war mein Herr Pate auch, und wenn ich zu ihm durfte, war's ein Festtag, wenn das Ränzlein geschnürt wurde und es in die Retourchaise ging, hinten mit dem Täfelein drauf mit Kreide geschrieben: Retour nach… Mein seliger Vater und mein Herr Pate waren nicht bloß Geschwisterkinder, sondern auch Freunde, was nicht immer zu sein pflegt. Schon als Knaben waren sie in den Ferien zusammengekommen, und beide erinnerten sich noch im Alter wehmütig des Tages, wo sie beide mit ihren Brüdern in der Murg an einem heißen Sommertag badeten, und der eine von den Brüdern den Krampf bekam und untersank und nicht mehr zum Vorschein kam. Der Jammer blieb ihnen unvergeßlich. Die zwei Knaben aber wuchsen heran, und der eine ging in den Kunsttempel und der andere in den Weisheitstempel. Und beide wetteiferten mit einander in Liebe und ohne Neid. Derweil der eine eine lange griechische Rede hielt an der feierlichen Prüfung, von der nur die Lehrer etwas, aber die Damen nichts verstanden, die zuhörten, – so daß derselbe wie im ähnlichen Fall ein anderer Onkel, beim Steckenbleiben seine Rede getrost von vorne noch einmal hätte anfangen können, ohne daß die Damen gerufen hätten: »das ist ja dasselbe« – derweil also der eine sich aufs Griechische legte und das Griechische auf ihn – zeichnete und stach der andere den griechischen Helden Achilles in Kupfer, wie er von dem Centauren im Bogenschießen geübt wird. Als später das Alter zum Reisen kam, und der Künstler schon seine Flügel ausgebreitet hatte und nach Paris geflogen war, zog er den Vetter nach sich und schrieb ihm von all den Herrlichleiten, die dort zu sehen, so daß dem Vetter das Wasser im Mund zusammenlief und er seine Silbergulden in Goldfüchse verwandelte und eines Tages bei dem Vetter in Paris ankam. Hier war viel zu erzählen und zu fragen, und dann aber ging's an die Arbeit, der Künstler ging in die Gemäldegalerie und der Weltweise in die große Bibliothek. Hier war Futter genug für den Hunger nach Weisheit, wiewohl die vielen Bücher den Menschen noch lange nicht gescheit machen. Der Herr Pate aber fühlte sich doch nicht glücklich trotz der vielen Säle voll Bücher. Denn gerade das Buch, das er am liebsten gehabt hätte, wurde nicht hergegeben, und dazu durfte nur sechs Stunden lang in der Bibliothek gearbeitet werden, dann wurde geschellt und jeder mußte seinen Pult schließen und die Bücher da stehen lassen, wo sie standen. Das war dem fleißigen Manne höchst traurig, denn er hatte einen tüchtigen deutschen Rücken, der schon einen ordentlichen Pack tragen konnte, und hätte gern die großen Folianten trotz dem Schweinslederband mit heimgenommen. Denn das Schweinsleder ist den Gelehrten gerade ein so angenehmer und lieblicher Geruch, als einem Bauer sein Kuhstall und dem Schuster sein Pech und der Stadtmadame das Eau de mille fleurs oder das Pomadehäfelein. – Aber, wie gesagt, die Trauben hingen zu hoch. Denn es war vom Kaiser Napoleon das Verbot ausgegangen, daß niemand ohne besondere Erlaubnis ein Buch mitnehmen, oder überhaupt von den wertvollen Büchern etwas zu sehen bekommen sollte. Und wenn der Kaiser Napoleon einmal etwas gesagt hatte, blieb's dabei und biß keine Maus einen Faden davon ab. Denn es hatte vor kurzem einer ein schönes Buch mit nach Hause bekommen mit schönen gemalten Bildern und Buchstaben, und hatte sich dann die Freiheit herausgenommen, aus lauter Liebe zur Wissenschaft so ein paar Seiten herauszuschneiden und von sich selber ein paar neue hineinzuthun, was aber bald ans Licht kam. Das wißbegierige Männlein oder auch Dieb – wurde gepackt und bekam Zeit zu Privatstudien über Ehrlichkeit hinter den Eisengittern; aber der Unschuldige mußte mit dem Schuldigen leiden, denn daher kam das Verbot. Und darunter mußte auch der Herr Pate leiden und war doch so unschuldig daran, wie der Mond, daß er ein so schiefes Gesicht hat. Da kam er denn allemal mit Klagen nach Hause und jammerte bei dem Künstler über das schöne Stück Geld, das zum Fenster hinausgeworfen sei – denn diese Bücher, die er jetzt habe, könne er auch in Deutschland so gut haben wie in Paris, und war nahe daran, den Bündel zu schnüren und aus dem Städtlein sich landeinwärts zu schlagen, der Heimat zu. Der Künstler sprach ihm aber Mut zu, es werde sich am Ende doch noch was finden, er solle nur einmal treulich an dem fortstudieren, was er gerade habe. Und so gings eine Weile mit Klagen und Trösten fort bei den Zweien. Da, eines Abends kommt der Weltweise mit einem ganzen Pack voll Bücher in Folio und richtigem Schweinsleder unter dem Arm jubelnd und strahlend und rief: »Viktoria, Vetter! Nun ist's gewonnen! Da schau her!« Der Vetter Künstler schaute hin und wiewohl weder sein Auge noch seine Nase sonderlich von den Büchern erbaut waren, so freute es ihn doch für den Vetter von Herzen, daß er nun sein vielersehntes griechisches ›Griebesgrabesbuch‹ hätte.

»Wie bist du denn dazu gekommen, sag' doch einmal! Du bist ja ganz toll vor Freude,« rief der Vetter.

»Das will ich dir sagen, das ist dir ein Hauptspaß,« antwortete der weltweise Vetter. »Denk' einmal, gestern – 's mag so um die Eins nachmittags herumgesprungen sein – kommt ein kleines Herrlein in die Bibliothek, mit einem feinen Gesicht und einem roten Bündchen im Knopfloch, und fragt nach einem Buch, das die Kaiserin gleich haben will. Und die Herren klettern die Leitern auf und ab wie die Katzen, von einem Schaft und Schrank zum andern, und finden's nicht. Da wird das Herrlein immer böser und ungeduldiger und stampft mit dem Fuß, und fängt an mörderisch über Unordnung und Schlamperei zu schimpfen, und die Beamten machten fatale Gesichter und standen wie die Butter an der Sonne, und probierten wieder von neuem im Suchen und machten sich möglichst weit von dem zornigen Herrlein weg. Als sie aber alle wieder kopfschüttelnd zurückkamen und nichts gefunden hatten, drohte das Herrlein mit dem roten Band im Knopfloch mit allerhand Strafe. Ich hatte dem Ding eine Weile zugehört von meinem Pult aus und mich dauerten die Herren, und ich glaubte so was von dem Buch schon gehört zu haben, nahm mir endlich den Mut und sagte zu einem von den Herren im besten Französisch, das ich kann: »Um Vergebung, was für ein Buch suchen Sie? Vielleicht kann ich doch dienen.« Der Herr schaute mich von oben bis unten mitleidig an, als wollte er sagen: »Du wirst's natürlich besser wissen als wir.« Endlich nannte er das Buch. Es war eine Grammatik. Aber der Titel, den er nannte, war falsch. Da sagte ich ihm wieder auf gut französisch: »Nix für ungut, Herr Bibliothekar, aber das Buch heißt nicht so, sondern so – und ist von dem und dem, und da und da herausgekommen und anno so und so viel.« Da glotzte mich der Herr erst recht an und das kleine Herrlein auch, und nun schlugen sie den Katalog auf. Richtig, da stand's akkurat so drin, und auch der Kasten, wo es stand, – kurz, in ein paar Minuten war das Buch da, und die Bibliothekare hoben die Brust empor, wie ein Mensch thut, dessen Recht an den Tag kommt, und das Herrlein warf die Sache auf die Kaiserin. Aber er trat auf mich zu und fragte mich, woher ich das wisse, ob ich das Buch schon gelesen? »Nein,« sagte ich; »aber als ich noch ein Schulerbüblein war, gab's in Rastatt alle Freitag bei dem alten Juden Bücherversteigerung. Der las alle Titel säuberlich ab, mit Name und Datum, und ich habe leider so ein weiches Gehirn, daß sich alles wie in Wachs abdrückt, und mein Kopf eine Menge solches Zeug mit sich herumschleppt.« Da machte das Herrlein eine tiefe Verbeugung und gratulierte mir zu meinem weichen Kopf.

»Heute aber, wie ich wieder kam, war auch das Herrlein da und nahm eine feierliche Miene an und sagte im besten Französisch: »Mein Herr, Sie haben mir einen rechten Dienst geleistet, für den ich Ihnen einen Dank schuldig bin. Wir sind so frei gewesen, von dem Rechte, das uns zusteht, Gebrauch zu machen und Ihren Pult zu öffnen, und haben uns überzeugt, daß Sie ein Mann von Geist und Talent sind. Ich mache Ihnen im Namen des Kaisers den Vorschlag, hier zu bleiben und Ihre Carriere ist gemacht.« Du kannst dir denken, Vetter, daß mir das Herz dabei gehörig geklopft hat. Da habe ich denn gesagt: »Mit Verlaub, von wegen dem Dableiben will ich noch einmal darüber schlafen, aber wenn Sie mir eine Liebe thun wollen, so geben Sie mir den und den alten Schmöcker mit nach Hause, der dort hinten im verbotenen Schränklein steht. Es soll ihm kein Leids geschehen, so wahr ich ein ehrlicher Deutscher bin.« Da lachte das kleine Herrlein, und sagte zu dem Beamten: »Geben Sie dem Deutschen alles, was er verlangt.« Da habe ich ein gehöriges Kompliment gemacht und das Herrlein sagte: »Adjes, auf Wiedersehen.« Da hast du die Geschichte. Ist das nicht klassisch? Ich habe dem alten Schamsel Levi in Rastatt schon einen ganzen Haufen Geld und Leben und Gesundheit gewünscht dafür, daß er die Büchertitel mit so viel Eloquenz vorgetragen hat."

»Du bist ein Glückskind, Vetter,« sagte der Künstler, »und nun sei kein Esel und bleibe hier in Paris, da bringst du's weiter als daheim, wo du dich mit bösen Buben herum zu plagen hast.«

Aber mein Herr Pate widerstand der Versuchung, und als er das Schweinsleder eifrig ausstudiert hatte, zog er nach Hause und plagte sich als Prorektor mit den bösen Buben, von denen aber mancher seiner Zeit was Tüchtiges durch ihn geworden ist. Und akkurat so ist's dem Vetter Künstler gegangen. Der zog nach Italien und blieb lange Zeit da, und konnte italienisch bald besser als deutsch. Und die Freunde rieten ihm alle, im schönen Süden zu bleiben; aber als die Zeit kam, da zupfte und rupfte es links unter dem Brusttuch, und er kam wieder heim nach Deutschland und plagte sich mit seinen Künstlersbuben, die gerade so schlimm waren wie dem Vetter seine Lateiner. Item: es ist um die Ehre eine schöne Sache, aber um die Heimat ist's auch was Absonderliches, und das Heimweh kuriert einem Deutschen kein Doktor. Zehntes Kapitel Wie des Geschwisterkinds Großvater seinen Einzug hielt

Der geneigte Leser muß sich's nicht verdrießen lassen, daß er aus Paris wieder heraus muß, wenn er kaum dort gewesen ist. Thut auch nichts. Denn einem deutschen Herzen wird's doch in der großen, weiten Stadt auf die Dauer eng ums Herz, wenn es nichts hört als die welsche Sprache, und den Menschentrubel an sich vorbeijagen sieht, die Reichen in ihren Equipagen, wo die Herren den langen Weg darin liegen und die Hungergesichter der Armen mit bösen Blicken hineinschauen. Abgesehen davon, daß ein ehrlicher deutscher Magen, der sein Süpplein schlag zwölf Uhr zu essen gewohnt ist mit dem Rindfleisch samt Beilage, allen Kompaß und Richtung verliert, wenn er erst um fünf oder sechs Uhr etwas zu essen kriegt. Zudem verstehen's die Franzosen meisterlich, den Katzenbraten in einen Hasenbraten zu verwandeln, und aus Eulen Rebhühner zu machen. Darum ist man ordentlich froh, wenn man aus dem Getös wieder heimkommt und einem kein Sacktuch und kein Strumpf vom Dutzend fehlt, damit die Hausfrau nicht brummt. Denn die Leute haben dort nicht bloß lange Schnurrbärte, sondern auch lange Finger, und könnten den Mond vom Himmel herunterstipitzen, wenn ihn nicht der liebe Gott so hoch hinaufgehängt hätte. Darum thut der Leser gut, wenn er wieder dahin zurückkehrt, von wo er ausgegangen ist, nämlich auf den Hunsrücken.

Neben jenem andern Großvater von Geschwisterkinds-Seite, der mit dem Schinderhannes Bekanntschaft machte, lebte noch ein anderer da, nämlich der väterlicherseits vom Geschwisterkind. Der war auch ein badischer Pfarrherr, da droben in einer armen, windigen Gegend mit viel Steinen und wenig Geld, so daß man von ihm sagen konnte: »Der Pfarrer von … ist steinreich.« Zu allem Überflusse waren noch die Franzosen gekommen und hatten Nachlese gehalten, und mitgehen heißen, was nicht nagelfest war, wie bei meinem Großvater selig. Da bat denn der Pfarrherr bei seiner Behörde um geneigte Versetzung wieder vom Hunsrücken herunter ins Altbadische hinein. Freilich ging das dazumal nicht so schnell, denn die Briefe brauchten Zeit und mußten mehr denn einmal unterwegs übernachten im Postfelleisen. Dazu aber gab's nicht gleich eine Stelle und mußte erst hin und her deliberiert werden, und man legte die Sache einstweilen ad acta, bis auf gelegenere Zeit. Freilich wußten die Herren in der Stadt nicht, wie das thut, wenn einer draußen auf dem Lande sitzt und wartet von Tag zu Tag auf den Briefboten, wie Noah auf die Tauben, und es geht so Woche um Woche herum und kommt nichts, oder höchstens ein Kanzleitrost, der weder Fisch noch Fleisch ist. Und so dauerte es auch bei dem Pfarrherrn noch über zwei Jahre, und er ward einstweilen in die große Schule geschickt, wo die Lektion »Geduld« heißt, die man auswendig und inwendig lernen muß. Da man das nicht auf der Universität beim Herrn Professor lernt, so sorgt der liebe Gott dafür, daß fleißig nachexerziert wird im Leben, was man dort nicht gelernt. Denn das Leben mit seinen Leiden ist die rechte Hochschule fürs Reich Gottes. Darin studierte jetzt der Hunsrücker Pfarrherr fleißig. Und da er seine Lektion gekonnt, wurde er herausgelassen. Denn dann, wenn man die Thüre nicht selbst mit Stemmeisen aufbrechen will, macht Gott wie bei Noah die Thüre selber auf zur rechten Zeit, keine Stunde zu früh und keine Stunde zu spät. Da kam also ein großer Brief mit herrschaftlichem Siegel, worin stand, daß der Hunsrücker Pfarrherr in Anbetracht seiner Umstände herunter versetzt sei auf die Pfarrei F… Die Pfarrei war auch eine der geringsten, und so kam der Pfarrherr aus einer Armut in die andere. Er zog herunter mit seiner Familie und hatte seine Siebensachen auf einem großen Leiterwagen, mit Segeltuch darüber gespannt, und vorne saß er mit Frau und Kindern. In Heidelberg ließ er seine Familie und machte sich allein auf den Weg, um das Pfarrhaus zu inspicieren, ob etwa noch ein Schrank oder Ofen vonnöten. Abends spät kam er in der Pfarrei an und ging in seinem schlichten Reisehabit, unter dem man keinen Pfarrer vermutete, ins nächste Wirtshaus und setzte sich ermüdet auf die Ofenbank zu den Gästen, und aß mit ihnen ein Käsebrot und trank seinen Schoppen Sechser wie die andern. Bald kam das Gespräch auch auf den neuen Pfarrer, den sie kriegen sollten; da ging ihnen der Mund auf. Der eine meinte dies, der andere jenes. Da sagte einer:

»Wißt ihr auch, daß er blutarm ist? Mir hat's einer von den Herren drinnen in Karlsruh gesagt, der die Sachen aus dem Fundament versteht.«

»Der wird bei uns reich werden wollen,« warf ein anderer ein; »da ist er an die Rechten gekommen.«

»Dem können wir noch Frau und Kinder verhalten,« meinte ein dritter. »Uns sollten sie einen schicken, der was hat und der Gemeinde was zu verdienen giebt, aber keinen armen Schlucker.«

In diesem Stile ging es weiter, und was der eine nicht wußte, das wußte der andere um so besser. Und der Pfarrer saß dabei und hörte zu und sprach kein Wörtlein. Das hatte er in der berühmten Schule gelernt, von der vorhin erzählt worden ist. Er gedachte an das Wort: »Ein Geduldiger ist besser denn ein Starker, und wer seines Mutes Herr wird, ist mehr denn der Städte gewinnt.« Da ergriff aber ein anderer das Wort, der die ganze Zeit geschwiegen hatte. Es war ein großer alter Mann, mit in der Mitte gescheiteltem, silberweißem Haar, der sich erhob und mit tiefer Stimme zu reden begann:

»Ich denke,« sagte er, »ihr seid jetzt fertig, laßt mich auch was sagen. Dreißig Jahre nach einander bin ich im Kirchenrat gewesen und kann darum auch ein Wörtlein mitreden. Ein reicher Pfarrer, das wäre unser Schaden, aber kein armer. Denn die reichen Leute verstehen den armen Mann nicht, und der Arme versteht den Reichen nicht. Gleich und gleich gesellt sich gern. Akkurat darum paßt er für uns. Ist unser neuer Herr Pfarrer arm, da weiß er auch, wie's armen Leuten thut, und kann sich mit uns unsers Herrgotts getrösten. Drum laßt das Schelten bleiben. Die Hauptsache ist, daß unser Pfarrer uns Gottes Wort predigt, das ist besser, als wenn er mit Gulden um sich schmeißt.« Damit setzte er sich wieder.

Unter dieser Rede waren aber dem Pfarrer die Augen naß geworden, und nun konnte er's nicht länger verhalten, sondern stand auf und sagte: »Ich danke Euch, Altvater, für diese Rede; Ihr habt mir das Herz erquickt. Denn ich bin euer neuer Pfarrer, und will nichts anderes sein, als der armen Leute Pfarrer. Will's Gott, daß ich euch ein rechter Pfarrer werde.« Damit schüttelte er dem Alten treuherzig die Hand. Als die andern aber verlegen dasaßen und sich ihrer Reden schämten, und ein Gesicht machten, als wollten sie sagen: »Das war auch wieder einmal daneben gehauen, und Schweigen wäre Gold gewesen und das Maul halten eine Tugend« – da tröstete sie der Pfarrer und sagte: »Ich nehm's euch nicht übel, liebe Freunde, denn ihr habt geredet, wie ihr's verstanden habt, aber wir wollen uns schon mit einander vertragen, und werden beide satt werden; denn unser Herrgott nährt die Raben und die Sperlinge unterm Himmel.« Und reichte auch ihnen die Hand und tröstete sie mit freundlichen Worten, als sie sagten, sie hätten's nicht so böse gemeint.

Und als er dann seine Familie holte und auf dem Leiterwagen einzog, ging ihm die Gemeinde ein Stück Wegs entgegen, und vorne dran die, die am Abend allerhand Thorheit geredet. Und im Pfarrhaus war alles bekränzt, und im Keller war alles gefüllt mit Kartoffeln und Kraut, und im Stall war ein fettes Schwein, und auf dem Hof liefen die Hühner und gackerten, als sie den neuen Herrn Pfarrer sahen. Das hatten die armen Leute ihrem armen Pfarrer gethan. Und der Pfarrherr mit samt seiner Frau dankten Gott, daß er sie zu armen Leuten geführt. – Also hielt meines Geschwisterkinds Großvater seinen Einzug.

Zum Schluß noch etwas »vom Grüßen«

So ist der Verfasser denn fürs erste fertig mit der Hauschronik. Denn mehr konnte er nicht sagen, weil das Papier nicht ausgereicht hat. Die Geschichten, so da stehen, sind wahr, denn sonst könnte man sie nicht mit gutem Gewissen erzählen. Das Büchlein will, wie gesagt, aber ein Anklopfer an den Häusern sein und Einlaß begehren und die Leute bitten, auch was zu schreiben. Es giebt so viel erlogene Geschichten, wobei sich die Leute viel Mühe geben müssen, um ein paar Bogen voll zu lügen; es giebt aber so viel wahre Wunderwege, daß man sie nicht erst zu ersinnen braucht. Und so wünsche ich, daß das Büchlein, das alle Leute grüßen will, mir den Gruß zurückbringt, wie es einmal mit einem andern Gruß gegangen ist, von dem ich noch erzählen will. Meines Schwagers Jungfer Base hat sie erlebt. Nicht weit von Basel wohnte sie in einem stattlichen Wirtshaus, wo sie das ebenso stattliche Wirtstöchterlein war. Und es kamen und gingen viele Reisende auf dem Weg nach Basel durchs Wirtshaus, und mit allen verkehrte sie liebreich und freundlich. Da kam einst einmal auch ein reicher holländischer Kaufmann krank auf dem Heimweg von Basel aus an. Der Kutscher mußte sachte fahren, denn der Herr im Wagen drinnen hatte verdächtige Röslein auf der Wange, die meist darauf schließen lassen, daß man im Frühjahr die Vögel nicht mehr pfeifen hört. Und auch er wurde mit aller Liebe aufgenommen, und das Wirtstöchterlein pflegte ihn und stellte ihm des Morgens einen frischen Strauß von Herbstblumen hin, damit sich das Auge des Kranken dran freue. Und das that's auch, und der dankbare Blick des Mannes, dessen Sprache sie nicht verstehen konnte, sprach auch etwas aus. Als er sich ein wenig erholt hatte, dachte er an die Abreise und ließ ihr seine schöne Tasse und mehrere feine Hyacinthen- und Tulpenzwiebeln zurück, mit denen er handelte, und gab ihr auf einem Zettel seinen Namen und sagte dabei, daß wenn sie des Wegs einmal nach Amsterdam in Holland käme, solle sie nur frisch zu ihm kommen, er wolle ihr dann alle Herrlichkeiten zeigen und ihr die Liebe gedenken, die sie ihm erwiesen. Sie aber dachte: da wird noch viel Wasser den Rhein hinunterfließen, bis das geschieht. Und der kranke, blasse Holländer nahm Abschied und winkte noch lange aus dem Wagen zu. – Jahre kamen und gingen, unter der Tasse lag der vergilbte Zettel mit der Adresse, die Zwiebeln hatten geblüht und verblüht – wie's eben die Blumen thun, und des Ochsenwirts Töchterlein war auch mit den Tulipanen verblüht und hatte den Holländer vergessen und der Holländer das Ochsenwirtstöchterlein. Da begab sich's, daß eine Schweizerfamilie des Abends in einem Wägelein, mit Leinwand überspannt, dahergezogen kam und im Ochsen einkehrte. Es war ein rüstiger Mann, der eine blasse junge Frau mit ein paar Kindern aus dem Wagen hob. Die Leute setzten sich an den Tisch, die Kinder mit dem Vater ließen sich's gut schmecken, nur die junge Frau aß nicht und trocknete verstohlen ihre Thränen mit der Schürze. Da machte sich des Ochsenwirts Töchterlein dazu und rief die junge Frau weg vom Tisch. Und in der Ecke bat sie die Frau, ihr zu sagen, was ihr fehle. Und sie erzählte, wie sie 's Heimweh hätte nach den Bergen. Ihr Mann sei ein Steinschleifer, aber leider unruhigen Gemüts, und habe einen Posten in Amsterdam angenommen bei den Brillantschleifern, der ihm viel Geld eintrage; aber sie wolle lieber mit wenigem daheim bleiben. Da vermahnte sie das Töchterlein, ihrem Mann still zu folgen und zu denken, es sei jetzt Gottes Weg so. In der Nacht aber fiel ihr die Tasse ein mit dem Zettel darunter, und als die Leute morgens Abschied nahmen, drückte sie der blassen Frau noch ein Geldstück in die Hand, gab ihr den vergilbten Zettel mit und sagte: »Vielleicht lebt er noch und dann richtet ihm einen schönen Gruß aus von dem Ochsenwirtstöchterlein.« Die blasse Frau dankte und zog still ihren Weg. – Jahre gingen wieder hin und her, und nicht bloß der Holländer, auch die blasse junge Frau war vergessen, und das Ochsenwirtstöchterlein war schon zur Base und, dieweil sie ledig blieb, zur Familienbase geworden, die überall mit Rat und That beispringen mußte. Da hielt – es mochten zwanzig Jahre drüber hingegangen sein – des Abends eine schöne Kutsche am Ochsen und eine Frau im schwarzen Kleid mit ein paar saubern Mädchen stieg heraus. Sie fragte, ob die Tochter im Haus noch lebe, und als man's bejahte, trat sie auf sie zu und küßte sie. Die Base wußte nicht, wo sie das hinschreiben sollte, denn das war ihr noch nicht von einer fremden Frau passiert. Da erzählte denn die schwarze Frau, die schier wie eine Dame aussah: »Euch habe ich nächst Gott das Leben und mein Glück zu danken. Euer Rat war gut, still zu halten. Denn ich bin die Steinschleifersfrau, wenn Ihr Euch noch erinnern könnt, der Ihr den Gruß mitgegeben habt nach Amsterdam. Gott lohne es Euch.« Die Base staunte. Aber die Frau fuhr fort: »Zuerst ging's uns gut in dem fremden Land und wir hatten's vollauf. Aber dann ward mein Mann an den Augen krank von dem scharfen Sehen und Arbeiten, und der Verdienst hörte auf. Wir haben gedoktert und zugesetzt, ein Stück Möbel nach dem andern. Zuletzt sind wir in einen elenden Keller gezogen. Da ging erst die rechte Not an. Zuletzt hatten wir nichts mehr zu essen, und der Jammer der Kinder war nicht mehr zum Anhören. Da hab ich mich einmal am Koffer niedergekniet und in der höchsten Not zu Gott um Hilfe geschrien, und da kommt mir der Zettel mitten im Gebet in den Sinn. Ich habe gezittert an den Händen, als ich suchte, denn ich meinte, er wäre verloren in den langen Jahren. Aber er fand sich noch. – Da bin ich denn hin, der Herr – ein alter Herr – lebte noch. Die Bedienten wollten mich mit einer Gabe abfertigen, aber ich bat und bettelte, bis sie mich hereinließen. Und der alte Herr nahm den Zettel und las lange dran und verglich ein anderes Buch; dann gab er mir einen Stuhl und fragte mich, was ich wolle. Da ist mir das Herz bald gebrochen vor Weinen, so daß er mich erst einmal ausweinen lassen mußte. Da hab ich ihm denn alle Not von Anfang an erzählt, und dann hat er mich gehen lassen und gesagt, er werde mir helfen. Am folgenden Tag stand seine Equipage vor dem Keller und er nahm meinen kranken Mann mit und brachte ihn ins Krankenhaus, uns in ein schönes Hinterhaus nahe bei ihm. Meinen erblindeten Mann hat er verpflegen lassen bis ans Ende, für unsern ältesten Sohn gesorgt; und wie mein Mann tot war, der im Leiden ein anderer Mensch geworden ist, hat er mir's wohl angesehen, wie's mich nach der Heimat gezogen hat, und seiner Güte danke ich's, daß ich mit meinen Töchtern in die Heimat komme und noch ein kleines Kapital finde zum Anfang. Wie viel mich Euer Gruß genützt, das kann ich Euch nicht sagen, drum nehmt Ihr's nicht übel, daß ich Euch geküßt habe, aber 's ging nicht anders. Hätte ich ihn früher ausgerichtet, war's uns vielleicht nicht so schlecht gegangen. Drum hab' ich nicht heim wollen, ohne Euch zu danken. Gott vergelt's Euch tausendmal!« Nun staunte die Base erst recht über den Wunderweg Gottes, der durch viel oder wenig helfen kann. – – So wünsche ich denn, daß mein Büchlein auch den Gruß ausrichte und einen Gruß mit zurückbringe, wie die Steinschleifersfrau ihn der Vase zurückgebracht hat. –

Aus vergangenen Tagen

Erstes Kapitel

Von vier Tanten, die doch keine waren

Es giebt in jeder Familie Erbstücke, die sich von Geschlecht zu Geschlecht vererben. Neben Schmuck und Goldsachen, Ehrenmedaillen und Orden, Haarkreuzen und Waffen … auch etliche lebendige: alte Freunde der Familie, Tanten und Onkel genannt, wiewohl nachweislich kein Tröpflein Familienblut in ihren Adern rollt. Man kann nicht immer sagen, daß man sich gerade die ausgesucht, wenn man's zu thun gehabt hätte, aber weil sie geerbt sind, muß man sie nehmen wie sie sind. Denn sie haben oft etwas Apartes an sich, was just nicht zum Liebenswürdigsten gehört, und wenn sie zum Besuch kommen, dann gilt's unter das »ohne Murmeln« bei dem »Seid gastfrei« des Apostels einen absonderlich dicken Strich zu machen. Daneben aber vererbt sich oft auch ein geheimer, stiller Segen mit solch einer Antiquität. Aus dem alten Munde kommt goldener Rat und Trost, und wenn der Gast wieder fortzieht, ist's, wie wenn allen im Hause etwas fehlte, und keiner weiß eigentlich was.

Darum ist's gut, man macht nicht so viel Unterschied unter den Gästen, und sieht nicht so viel auf das Habit und was drum und dran ist; »denn viele,« sagt die Schrift, »haben schon unwissend Engel beherbergt.« Auch unsere Familie war mit solchen Erbstücken gesegnet, von denen etliche alle Jahre, andere wieder dann und wann plötzlich erschienen. Das gab dann bei uns Kindern im Hause ein Köpfezusammenstrecken, wenn es hieß: die oder jene Tante oder jener Onkel kommt! Bei etlichen überschlich uns eine geheime Angst vor allerhand Kommissionen und Nachtragen von Hutschachteln und Päcken, was uns entsetzlich gegen die Ehre ging. Denn in solchem schachteltragenden Zustande von einem Schulkameraden erblickt zu werden, das war um vor Scham in den Boden zu sinken. Bei den meisten schlug aber die Freude und die Hoffnung auf Bonbonnièren vor, auf kommendes Dessert und längeres Aufbleibendürfen am Abend.

Ich hebe aus der Menge dieser Erbstücke vier hervor, die mir noch deutlich im Gedächtnis geblieben sind. Sie stammten alle aus des Pariser Großvaters Hinterlassenschaft. Sie sind alle entschlafen und geschieht weder ihnen noch sonst einem Menschen ein Leid, wenn ich von ihnen erzähle.

Die erste war, was uns Kindern zunächst einen tiefen Respekt einflößte, eine leibhaftige Gräfin, von Stand und Geblüt, eine Bekanntschaft des Großvaters aus der Zeit von der großen Revolution her, wo er sie manchmal am Hofe Ludwigs XVI. gesehen hatte. Sie war durch ihren Mann mit dem Herzog von Montmorency verwandt, der bekanntlich seinen Stammbaum bis vor die Thore des Paradieses führen kann. In der Normandie lagen die Güter des Grafen, der ebenso schön war, als seine Frau häßlich. Ihr Gesicht war von den Blattern heimgesucht worden, die nicht gerade zur Verschönerung des menschlichen Antlitzes beitragen; denn es sah aus, wie wenn der Setzer in der Druckerei es unter den Fingern gehabt und Kreuz und Quer ein Gedicht auf die Schönheit darauf gedruckt hätte, oder eine wohlgemeinte Warnung nicht zu kratzen, wenn man die Blattern hat. Dazu war das Gesicht quittengelb und die falschen dunkelbraunen Locken saßen schlecht zu den grauen Haaren. Überdies war sie klein und unansehnlich. Wir hatten uns vorgestellt, daß eine Gräfin was Hohes und Herrliches sei, und es war darum kein Wunder, wenn unser Bruder, als er sie sah, im ersten Schrecken herausfuhr: »Aber Mutter, sehen denn alle Gräfinnen so aus?« worauf, damit er nicht auf einem Bein mit seinem ersten Schrecken stünde, der zweite in Gestalt einer saftigen Feige, frisch aus Italien bezogen, nachfolgte. Sie zog immer hin und her und hatte nirgends Ruhe. Alle Jahre aber kam sie zu den drei Töchtern des Großvaters, meiner sel. Mutter und den Tanten, auf vier Wochen zu Besuch. Da schüttete sie dann ihr Herz aus. Ihr Mann war gestorben, und seitdem litt sie an einer Art Lindwurm, der ihr an der Leber saß, wie einst der Geier dem Prometheus, und sie entsetzlich plagte. Kein Doktor oder Apotheker konnte ihr helfen – denn der Lindwurm hieß: »Einbildung.« Sie bildete sich nämlich ein, daß man sie verfolge und ihr ihr Hab und Gut nehmen wolle. Drum wollte sie ihre großen Güter verkaufen und das Geld anders anlegen, so daß kein Mensch davon wüßte. Und um des armen Mammons willen wurde sie immer hin und her gejagt. Einmal gab's einen großen Prozeß, wobei sie das Sprüchlein nicht bedachte, daß ein magerer Vergleich besser ist, denn ein fetter Prozeß und verlor die Geschichte und muß noch an Sporteln und Gebühren 20 000 Fr. bezahlen, und für den Spott brauchte sie nicht zu sorgen. Sie fragte dann jedermann um Rat, aber wenn sie den Rat gehört hatte, dann that sie wie weiland der Pfarrer Raßmann, von dem man sagt: daß er immer gethan habe wie er gewollt. Der natürliche Mensch hat eben oft ein Hirschgeweih auf, so groß wie ein Sechzehnender, und da dauert's lang, bis das abgelaufen ist, und manchmal wächst dann sogar wieder ein neues. Da packte sie von Paris auf und zog mit ihren Töchtern in eine deutsche Residenzstadt und meinte, da ging's besser. Aber es war wie bei einem Kranken, der immer glaubt, die Schuld läge nur an dem schlechten Bett, und wenn das besser wäre, so ging's auch anders. Aber am Bett liegt's nicht, sondern am Menschen. Ein gesunder und zufriedener Mensch liegt überall gut, und wenn er auf dem Stein liegen müßte, wie der Erzvater Jakob. – So war sie allezeit am Dividieren und Multiplizieren und doch immer in Geldnot; bald verlor sie da, bald dort. Und doch hatte sie nichts davon, sie verschwendete nichts, sondern lebte sehr spärlich, aber das Geld lief ihr unter den Händen weg. Das Gut in der Normandie wurde verkauft für eine halbe Million Franken – wo aber das Geld alles hingekommen, das wußte sie selber nicht. Ihre Töchter sollten heiraten, aber jedesmal, wenn's eben so weit war, dann litt sie es nicht, aus Furcht, sie müßte herauszahlen. Endlich aber kam's doch dazu; jede bekam noch einen Rest und zog damit von dannen, – und sie hatte noch ein weniges zum Verlaborieren. Dazu halfen ihr noch schlechte Mägde, und wenn sie anfing von ihrem Magdkreuz zu erzählen, da wollte es fast kein Ende nehmen. Da war eine Musterkarte von allen Lastern bei einander. – Wenn der Leser aber meint, die arme Gräfin hätte auf Erden nichts besseres gewußt als das, so ist er auf falscher Fährte. Sie kannte den lieben Gott im Himmel recht wohl und sein Wort, sie ging fleißig zur Kirche und konnte stundenlang reden von allem, was sie gehört. Aber es lag zusammen bei ihr wie Kraut und Rüben neben einander. Wenn der Mensch keine Ordnung in seinem äußeren Leben hat, so sieht's auch meistens inwendig so aus, und Gott ist ein Gott der Ordnung und nicht der Unordnung und kann da auch keinen Segen hineingeben. Wenn man in einen Topf, in welchem noch ein Tropfen Essig ist, eine ganze Maß süße Milch schüttet, so wird der Essig nicht durch die Milch kuriert, sondern die süße Milch wird sauer. – Da galt's denn, wenn die Gräfin kam, sich erst gehörig mit dem Kräutlein der edeln Geduld zu versehen und einmal die Liebe beweisen, die zunächst darin liegt, daß man dem andern sein Jammern anhört. Denn das ist oft schon ein Trost, wenn nur einmal einer sein Ohr hergiebt und es sich volljammern läßt. Wir Kinder hatten freilich nichts davon zu leiden; uns brachte sie nur in ihrem großen Ridikül Zuckersachen mit, und dann gab's allerhand Kommissionen nach allen Winden hin zu machen – aber die Mutter und die Tanten hatten die Hauptlast und jede trug sie, wenn auch nicht immer mit gleicher Geduld. Denn wem nicht zu raten ist, dem ist auch nicht zu helfen. Nur wenn wir die Gräfin oft bitterlich weinen sahen und das alte gelbe Gesicht sich in schmerzliche Falten zog, da dachten wir, es müsse doch ums Gräfinsein nicht gerade so was absonderliches sein, und hätten gar zu gern gewußt, was ihr denn eigentlich fehle, aber über der Mutter Lippen kam kein Laut. Endlich starb sie, verlassen und vergessen schier; zu Tode gepflegt aber noch in Liebe von der Tante – so arm, daß nicht einmal Weißzeug da war, sie ordentlich in den Sarg zu betten. Das war die erste Tante.

Die zweite Tante, die doch keine war, kam wie ein Zugvogel geflogen. Plötzlich ohne Brief und Anmeldung stand sie mit Koffern und Schachteln vor der Thür und rief: »Da bin ich wieder.« Sie war schon ziemlich bei Jahren, trug aber Phantasiekleider, wie ein junges Mädchen. Kein Kragen noch Band saß in der richtigen Ordnung, nach allen vier Winden strebte alles von ihr. Das kam daher, daß sie eine Dichterin war. Auch sie stammte aus alter Bekanntschaft mit den Großeltern her. Wenn sie kam, war's wie wenn der wilde Jäger, Hans von Rodenstein, aus dem Odenwald daher käme. Das ganze Haus kam in Aufregung, denn sie campierte in allen Zimmern und ließ überall die Spuren ihres Daseins zurück. Aber erzählen konnte sie prächtig: sie erfand die schönsten Märchen im Nu und konnte so natürlich alles schildern, daß wir Kinder mit offenem Mund vor ihr standen, und alles treuherzig geglaubt hätten, wenn nicht unser Bruder Karl uns des Abends beim Bettgehen allerhand Zweifel und Bedenken beigebracht hätte. Denn der fragte sie oft und zwar so gründlich nach allen Nebenumständen bei der Geschichte, daß die Tante ordentlich verlegen wurde und immer wieder eine neue Unwahrscheinlichkeit erfinden mußte, um die erste zu decken, wie einer, der ein Loch gräbt, um ein anderes zuzuschütten. »Junge, du bringst mich zur Verzweiflung,« konnte sie ihm oft sagen, »du bist ein Kritikaster von der ersten Sorte, schäme dich doch.« Aber der ließ sich nicht irre machen; denn er selbst konnte allerhand unwahrscheinliche Geschichten erfinden und ließ sich nicht gern ins Handwerk pfuschen, daher kam sein Zweifel; denn es sucht keiner den andern hinter dem Ofen, der nicht selbst dahinter gesessen ist. Um so andächtiger waren wir dabei. Daher passierte unserem Ältesten, (den ich hiemit weit über Berg und Thal innig grüße) ein fatales Unglück, welches ihm bei feierlichen Gelegenheiten als absonderlich warnendes Beispiel des »Ungeschickten von Frankfurt« – vorgehalten wurde. Zu Ehren der Tante, die ungemein gern Gesellschaften hatte, in denen sie völlig das Gespräch an sich riß, wurde ein Abend gegeben, zu welchem sie sich etliche Personen, von deren hoher Verehrung gegen die Dichterin sie überzeugt war, eingeladen hatte. Da saß denn auch eine junge Dame im grasgrünen, schillernden Kleide, und hörte, kein Unheil ahnend, eben einer spannenden Erzählung der Tante zu, als unser Ältester mit dem Brette voll dampfender Punschgläser eintrat, um denselben zu servieren. Die Tante war eben an einen höchst gefühlvollen Abschnitt der Geschichte gekommen, so daß der servierende Sohn des Hauses mit starren Blicken nicht auf die Punschgläser, sondern auf die Tante sah. Die Bewegung seines Herzens, das sich mehr zu der Tante und ihrer Erzählung hingezogen fühlte, teilte sich dem Punschbrett mit – ein Schritt noch voran – und die zwanzig dampfenden Punschgläser lagen in dem grasgrünen, seidenen Schoß des Fräuleins. Sie schrie auf, die Gläser rollten auf den Boden, überall hilfreiche Hände. Der verwirrte Serviteur hatte aber die Unruhe und Aufregung benutzt, um sich allen folgenden Unannehmlichkeiten zu entziehen und suchte das Weite, oder vielmehr das Warme, denn er legte sich eiligst zu Bett und war in diesem Zustand nicht mehr sichtbar. Sein Haupttrost bestand aber darin, daß er es so geschickt angefangen und kein einziges Glas gebrochen war. Aber mit dem gebrühten Fräulein und dem schrecklich zugerichteten Kleid war der Abend gründlich verdorben. Die Tante konnte keine Ruhe mehr zu stande bringen für ihre Erzählung und man schied unter allerseitigem herzlichem Bedauern.

Die Tante war ein Nachtschmetterling, der erst nachts recht fliegen konnte; sie schlief bis in den hellen, lichten Tag hinein, des Nachts war sie aber nicht ins Bett zu kriegen. Das ging aber dem Vater entsetzlich gegen den Mann. Denn bei uns galt als Hausordnung, daß der liebe Gott die Nacht für den Schlaf und den Tag zum Wachen und Arbeiten gegeben. Als sie wieder auf einem Streifzug da war und Gesellschaft geladen war, ging's schon stark auf Mitternacht. Ein Gast nach dem andern empfahl sich, die Tante war aber so munter und aufgeregt, daß sie nicht merkte, wie der Kreis immer kleiner wurde. Endlich war der letzte Gast fort. Die Mutter nahm auch das Licht und ging. Nur der Vater blieb, bis ihm endlich die Geduld riß. Er machte ihr begreiflich, daß es jetzt bereits auf zwei Uhr gehe und ein Mensch sich darum mit Fug und Recht zu Bette legen könne. Sie wollte davon aber nichts hören. Dem Vater blieb nichts übrig, als die große Lampe auszudrehen und ihr im Finstern eine »geruhsame Nacht« zu wünschen. – Bald aber nachher durchtönte den Gang ein schreckliches Ächzen; die Tante hatte über der »schrecklichen Behandlung« Krämpfe bekommen und schrie nach Hilfe, Das ganze Haus wurde wach, wir krochen aus den Betten an die Thüre und horchten im Schauergefühl der Nacht auf die bangen Töne. Es wurde Thee gebracht und warme Aufschläge gemacht, bis die Tante wieder bei Vernunft war. Da übernachtete sie denn in dem Staatszimmer auf dem gelben Plüschkanapee, auf das sich von uns Kindern keines am hellen Tage je zu setzen wagte. Nach dieser Nacht kam sie lange nicht mehr, denn sie glaubte es sei nicht geheuer in dem Hause, dieweil ihr in der Mitternacht solches passiert wäre. – Wandelte uns aber eine Lust an, eine Bemerkung über sie zu machen, so war der Blick der Mutter genug uns schweigen zu heißen, und der Bruder hütete sich wohl, sein auf sie fabriziertes Gedicht, das er uns mit einigem Selbstbewußtsein vorgelesen, loszulassen. – Das war die zweite Tante.

Die dritte war ihr aber völlig unähnlich. Sie war die Ordnung selber, aber ebenso unglücklich als sie ordentlich war. Sie war die Urenkelin eines Mannes, der zu einem ungeheuren Vermögen nicht gerade auf die solideste Art gekommen war. Schon der Enkel verarmte völlig, denn ein unrechter Kreuzer frißt tausend gerechte. Ihr Vater war eben am Bankerott, als ihr Onkel, des Vaters Bruder, aus Amerika kam, der sich dort ein großes Vermögen erworben hatte. Da sah er seine Nichte, sie war sechzehn Jahre alt, schön und begabt, er schon nahe an die Fünfzig und hielt um ihre Hand an. Er versprach dem Vater aus der Not zu helfen, den Bankerott nicht ausbrechen zu lassen und auch den Brüdern zu einem selbständigen Geschäft zu helfen – das alles unter der Bedingung, daß sie ihn nähme. Das junge Mädchen sah den Kummer ihres armen Vaters und die Not ihrer Brüder – und brachte das Opfer. Großvater traute sie in der schwedischen Kapelle in Paris, und die Hochzeit wurde mit großem Pompe gefeiert. Das Hochzeitskleid in reichen Spitzen war eigens von Brüssel bestellt; um den Hals trug sie einen prachtvollen indischen Perlenschmuck, und der lange, feine Spitzenschleier wallte nieder. Unsere Großmutter aber, die mit anwesend war und das Paar vor dem Altare sah, sprach noch in ihren alten Tagen davon, daß ihr das Mädchen vorgekommen wäre, wie weiland die griechische Jungfrau Iphigenia, als sie am Altar geopfert werden sollte. Sie wurden getraut, aber nach der Hochzeit war's das erste, daß der neuvermählte Gemahl sein Geld behielt und den Vater bankerott werden ließ. Darnach nahm er seiner jungen Frau den schönen Juwelenschmuck und alle Geschenke, die er ihr gemacht, und verkaufte sie und behielt das Geld. Dazu war er so aufbrausend und heftig, daß, als seine junge Frau mit ihrem Bruder scherzte, er wie ein Tiger auf sie zusprang, ihr vor einer ganzen Gesellschaft in fremdem Hause einen Schlag ins Gesicht gab und den Bruder die Treppe hinunter warf. Da merkte sie denn, welches Los sie getroffen, und statt ihres Perlenschmucks hingen ihr die Thränen in den Augen. Da hätte sie nun freilich, wenn sie etwas von der himmlischen Liebe gewußt, was lernen können von der Liebe, die nicht sich erbittern läßt, und alles trägt und duldet. Aber davon wußte sie nichts. Und so zog sie sich, im tiefsten Herzen gekränkt, in sich zurück und wurde, wie gegen ihren Gott, so auch gegen, die Menschen verbittert und kalt. Sie malte und sang, liebte den Reichtum und suchte damit das arme Herz zu stillen. Aber die Menschenseele kann man damit nicht füttern. Das hat auch der reiche Thor nicht gekonnt, der zu seiner Seele sprach: »Iß und trink, liebe Seele, und sei guten Mutes, denn du hast Vorrat auf viele Jahre.« Das Leben im Hause wurde immer trauriger, schon mehrmals war ihr Gelegenheit zur Flucht geboten worden; als ihr Mann das merkte, zog er weit fort mit ihr, und an einem Abend kam es zu einem so heftigen Ausbruch, daß er einen Dolch zog und schwur, sie solle nur durch seine Hand, aber jetzt umkommen. Glücklicherweise kam jemand die Treppe herauf, er steckte den Dolch zu sich und ging aus. Schnell packte sie ihre Habseligkeiten zusammen und entfloh zu ihrem Vater, der sie liebevoll aufnahm. Sie wurde nun geschieden. Seitdem wohnte sie allein, ihre Tage hinbringend in der Erinnerung an die traurige Vergangenheit, die alten Freunde besuchend, die ihr geblieben.

Sie hatte sich zuletzt in einer größeren Stadt Deutschlands niedergelassen, war aber ganz französisch in ihrer Art und sah auf die Deutschen vom hohen Pferd herab. Gewöhnlich lud sie ein paar Freundinnen ein, mit denen sie den Abend durch Karte spielte. Der Tag aber ging hin im immerwährenden Aufräumen und Putzen. Kamen mir einmal auf Besuch zu ihr, so war's uns immer bang von wegen den spiegelglatten Böden. Die Mutter versäumte nicht, uns gehörig auf das Stiefelabputzen aufmerksam zu machen, und wenn es zum Essen zu der Tante ging, erst mit ein paar Butterbroten zu Hause ein gutes Fundament zu legen, damit wir uns nicht durch allzugroßen Appetit unvorteilhaft auszeichneten und wir in der Ausübung der Bescheidenheit erleichtert würden. Wir waren boshaft genug, uns über den Handschuh zu verlustieren, der am Abend über die messingene Thürfalle gezogen wurde, damit sie von ihrem zarten Glanz nichts verlöre; das wußten wir aber, daß hinter uns her, wenn wir fort waren, die Tante mit dem Abwischtuch und die Magd mit dem Besen kam, um die letzten Spuren unseres Aufenthalts zu tilgen. – Sie selbst bewohnte von ihrem großen Logis nur eine kleine Hinterstube, damit die Vorderstuben blank blieben. Die lagen still und feierlich wie ein Götzentempel, den sie nur mit einer gewissen Feierlichkeit betrat. So wie sie äußerlich untadelhaft war, glaubte sie's auch innerlich zu sein, und meinte, es fehle bei ihr auch nicht das Tüpflein auf dem I; und wenn der liebe Gott einmal abrechnen werde mit dem, was er fordert und was der Mensch soll, dann kriege sie auf jeden Fall bei der Rechnung noch was heraus. Sie hätte vortrefflich zu dem ehrenwerten Herrn gepaßt, der einst dem Verfasser gesagt: »Hören Sie, ich betrage mich so, daß ich alle Tage am Abend den Hut vor mir selber abziehen und sagen kann: ›Wilhelm, das hast, du gut gemacht;‹« worüber freilich dem Verfasser Lucas am siebzehnten eingefallen ist, da der Herr seinen Jüngern ein anderes Abendgebetlein vorschreibt, das hoffentlich der Leser auch betet. Deswegen war's nicht leicht mit ihr zu verkehren, denn wenn man gar so brav ist, »und fast zu gut für diese Welt,« da kommt man mit solch einem im Gespräch nicht weiter und es dreht sich alles so in der Enge herum, daß man ordentlich nach Luft schnappen muß. So hat sie denn ihre Tage hingebracht ohne Last und ohne Lust, hat weder jemanden etwas Leides, noch auch etwas Gutes gethan. Aber als altes Erbstück des Großvaters hielten Mutter und Tanten fest an ihr, und auch bei ihr war die Tante die letzte Person gewesen, die ihr vor dem ungeahnten Sterben noch tröstend beigestanden. Ihr Mann war lange vor ihr gestorben. Erst nach seinem Tode zeigte es sich, daß er sein großes Vermögen durch den Sklavenhandel erworben hatte. Wunderbar! In hohem Alter brach er die Hüfte – und mußte in Brettern und Schindeln liegen, daß er sich nicht regen noch bewegen konnte. Die Hüfte heilte nicht mehr und so starb der reiche Mann in seiner engen Behausung. Gerade so aber hatte er selbst einst die Sklaven unten in den Schiffsräumen zusammengepackt. Gottes Mühlen mahlen langsam – mahlen aber trefflich klein!

Das war die dritte Tante.

Von der vierten galt das Wort, das Schiller bei dem Gedichte von dem Mädchen aus der Fremde singt:

Sie war nicht in dem Thal geboren,
Man wußte nicht, woher sie kam,
Und schnell war ihre Spur verloren,
Sobald das Mägdlein Abschied nahm.

Sie war eine Französin von Geburt und in der Zeit der französischen Eroberungen, als man die Stadt Bremen und Umgegend ins Französische also übersetzte: »Département des bouches du Weser« – dorthin gekommen um Unterricht zu erteilen, weil der Kaiser wollte, daß alle Welt französisch sprechen sollte. Über ihrer Vergangenheit hing ein dichter Schleier, den sie auch selbst nie gelüftet hat. Ihr Leben war ein Wanderleben. Sie zog von Bremen wieder weg und kam erst nach langen Jahren wieder einmal zum Besuch zu Großvater, der mittlerweile auch von Bremen gezogen. Sie war von allen obgenannten Tanten das Gegenteil. Wenn sie kam, war's wie wenn ein stiller Friedensengel käme. Auf ihren Zügen lag ein freundlich milder Ernst, und es wurde einem ganz wohl, wenn sie mit einem redete. Es war etwas anderes, als wenn die zweite Tante erzählte; dort wurde man so lebendig, daß man die halbe Nacht nicht schlafen konnte; aber bei dieser ward's einem so friedlich, wie wenn der Vollmond in der Mainacht aufgeht. Sie war zwar sauber, aber doch sehr schlicht gekleidet, in demselben Shawl und demselben Kleide erschien sie nach sechs Jahren wieder, brachte uns auch nichts mit, wenn sie kam. Aber sie war so still zufrieden, als wollte sie sagen: »Ich bin doch reich und kann beides: hungern und satt sein, Mangel und Überfluß haben.« So still war sie aber geworden, denn früher, noch zur Franzosenzeit, war sie hoch dahergefahren, wie ihr damaliger Kaiser. Aber der liebe Gott mußte sie wohl auch nach Rußland in einen Winter geführt, und ein Moskau haben erleben lassen, wo es hieß: »Bis hierher und nicht weiter, hier sollen sich legen deine stolzen Wellen.« Und das merkt man dann dem Menschen an für sein Lebetage, wenn ihm so etwas passiert ist. Da wird er kurz und klein, und statt allem Hochherfahren wird man ein bescheidener, stiller Fußgänger nach dem Himmel.

Der seligen Mutter war's immer wohl bei ihrem Besuch, und sie freute sich schon wochenlang darauf, wenn die stille Pilgerin kam. Man durfte ihr zu Liebe nichts apartes kochen; sie blieb mehrere Stunden des Tages still auf ihrem Zimmer für sich, damit niemand belästigt sei. Dabei hatte sie etwas Feines in ihrer ganzen Art, so ein Stücklein Hoheit, daß sie uns noch viel vornehmer vorkam, als die Gräfin von Geblüt. Ich weiß nicht, ob der Leserin schon solche Leute vorgekommen sind, von denen ein alter Gottesmann sagt: man meine, man müsse sie mit »Ew. Hoheit« anreden. So kam über alle ein stiller Geist, denn jeder Gast bringt einen Geist und eine Luft mit sich, die die andern auch spüren, wobei es einem entweder wohl oder schlecht wird. –

Sie wurde alt und ihre Besuche wurden seltener, aber die alte Liebe blieb, und es war, wie wenn gar keine Zeit dazwischen gelegen hätte, wenn sie sechs Jahre ausblieb. So muß es ja allemal bei rechten Freunden sein, deren Freundschaft auf Himmelblau geschrieben und ins Unsichtbare hinein sich gründet. Wer sich darauf verbindet mit verklärtem Antlitz sich einmal vor Gottes Angesicht zu treffen, der braucht zum Freundschafthalten nicht immer das irdische Antlitz zu sehen. Der knüpft, hier und dort, ans fröhliche Ende den fröhlichen Anfang dann an.

Sie lebte still zurückgezogen in einer südwestdeutschen Stadt von einem kleinen Jahrgehalt, der wohl zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben war, scheinbar von niemand gekannt, eine Fremde unter Fremden. Da starb sie, und man meinte wohl, sie werde keine andere Leichenbegleitung bekommen als weiland Lazarus, den die Engel aufgepackt und heimgetragen haben. Aber wie war's doch zum Staunen! – Ihr Sarg war mit Blumen reich geschmückt, hinter ihm ging viel Volks, Große und Kleine, Witwen und Waisen, die sie in ihrer Trübsal besucht und getröstet und mit ihren geringen Scherflein unterstützt hatte. Das ist mehr, als wenn man erster Klasse mit dem langen Flor, den weißen Handschuhen und Citronen der Leichenträger begraben wird, wobei der Leichenbitter ein Gesicht macht, das genau der hohen Taxe entspricht, die er für erste Klasse bekommt.

Die Mutter war, als sie die Todesnachricht bekam, einige Tage sehr still. Sie war ärmer geworden in dieser Welt an einer Freundin und reicher im Himmel. Wir haben's erst später verstanden, was solch Verlieren ist für diese Welt. Die mit uns gelebt, mit uns erfahren, ersetzt so leicht keiner, wenn sie Abschied genommen. Sind sie aber im Glauben heimgegangen, dann sind sie die vorangeeilten Quartiermacher für das nachrückende, auf Erden noch kämpfende Heer. Solch eine war unsre vierte Tante.

Zweites Kapitel

Der schwarze Kronenthaler

Man sagt wohl: »Was ein Dörnlein werden will spitzt sich bei Zeiten,« aber nicht alle Dörnlein spitzen sich so früh; und auch nicht alles, was sich spitzt, wird darum schon ein Dörnlein. Der Heiland hat's einst seinen Jüngern verboten, ins Unkraut zu fahren und es auszureißen vor der Zeit, dieweil auch manches als Unkraut aussieht und es doch nicht ist, und manches wie Weizen sich gebärdet und doch als Unkraut sich ausweist. Der Verfasser denkt da an so manches Büblein, das während seiner Schulzeit zumeist sein Brot mit Thränen aß und seinen Cornelius Nepos samt dem Julius Cäsar und anderen Lateinern hinunterwürgte, wie einen Kolben Glaubersalz oder ein Täßlein Baldrianthee, und es kaum begreiflich finden konnte, wie der Herr Professor den Julius Cäsar so über den Schellenkönig loben könne. Da hat's mancher nicht weiter gebracht, als immer nur zum 74 Ersten, oder auch manchmal zum Allerersten, Notabene: von unten. Da hieß es auch oft: »Aus dem wird sein Lebetage nichts und wird einmal ein Zuchthäusler.« Aber item: das Büblein hat sich siebenmal gehäutet und ist ein braver Mann, ein tüchtiger Amtmann, oder geschickter Arzt, oder ein guter Pfarrherr geworden. Damit soll jedoch kein Loblied auf die Faulheit und Dummheit gesungen sein. Aber es wendet sich doch manchmal das Blättlein. Und andere wieder, die oben an saßen, und untadelich waren in Fleiß und Aufführung und so viel Lobstriche bekommen hatten, als Bäume im Schwarzwald sind, und jedes Jahr bei der Prüfung ihr silbernes Prämium mit Hochgefühl heimtrugen, sind später elendiglich verkommen, und als sie ins Staatsexamen kamen, litten sie an einem incurablen Durchfall, den keine Mixtur stillen konnte. So wendet sich's auch manchmal hier – und darum ist's gut, man hofft nicht zu wenig und auch nicht zu viel für die Kindlein, denn wer weiß, was noch kommen kann! So ist's in unserer Familie einem von der Frau Seite bereits schon im vorigen Jahrhundert passiert, und des zum Zeugnis ein Kronenthaler aufgehoben worden, der vor Schamröte und Alter ganz schwarz geworden ist. – Wer einmal ins Murgthal reist, links ab von Rastatt auf der Bahn (die des Verfassers Freund, ein Hamburger Kind, gebaut hat) kommt auch zu dem schönen Städtlein Gernsbach. Hat er dort bei dem Adlerwirt gerastet und ein Schöpplein Eberblut getrunken, vom Schlößlein hinten im Thal, dann kann er schon die hügelige Stadt hinaufsteigen und kommt dann auch oben an die katholische Kirche und das Pfarrhaus. Da sieht er eine hohe Mauer aufgeführt links an der Straße, die den Pfarrgarten stützt, damit er nicht herunterkommt. Und wer die Mauer ansieht, denkt dabei: »da möchtest du auch nicht herunterspringen aufs Pflaster, das könnte einen weidlichen Schaden absetzen.« So dachte wohl auch das Büblein, das später der Urgroßvater meiner lieben Frau geworden ist, aber es half nichts, er mußte doch einmal herunterspringen.

Es gehörte derselbe auch zu denen, die während dem Latein, statt in Rom oder Gallien, sich plötzlich wo ganz anders mit ihren Gedanken befinden: draußen im Wald bei einem Vogelnest, oder im Stall bei den Hasen, oder bei den schönen Äpfeln im Nachbarsgarten, oder bei dem Pfannkuchen, den eben die Tante backt. Wenn solche plötzlich aufgerufen werden, da gilt's mit Siebenmeilenstiefeln springen, um wieder schnell in Rom oder da zu sein, wo just der Julius Cäsar steht, und das geht manchmal auf der Hatze, wie wenn einer zu spät an den Bahnhof kommt zum Zuge. Der kleine Urgroßvater konnte nicht mit Wahrheit das schöne Studentenlied singen:

»Glühend für Wissenschaft« –

sondern es stachen ihm vor allem die schönen Äpfel, die der Herr Pfarrer auf seinem Apfelbaum droben in dem Garten mit der hohen Mauer hatte, so verlockend in die Augen, daß er es kaum erwarten konnte bis die lateinische Schule aus war, wo er mit etlichen Gesinnungsgenossen sich aufmachte, dem Herrn Pfarrer (das heißt seinem Apfelbaum) einen Besuch zu machen. Sie waren glücklich heraufgekommen und waren eben im besten Zug Naturgeschichte zu studieren und einen Apfel nach dem andern in die lebendige Botanisierbüchse zu schaffen, die anderwärts auch Magen heißt, ohne gerade sorgsam zu achten, in welche Klasse nach Linnaeus der Borsdorfer Apfel gehört – als der Herr Pfarrer, der eben vom Mittagsschläflein aufgestanden war, mit kirschrotem Angesicht im Garten erschien. Er hatte gar keine Freude an dieser Art Studium und ging mit Hilfe seines weißen Spitzes und eines gehörigen Bambusrohres den Naturforschern zu Leibe. Jählings stoben die Knaben vom Baume herunter, der eine da, der andere dorthin. Die meisten fanden den richtigen Ausgang, durch den sie gekommen waren, wieder, nur der kleine Urgroßvater wurde betäubt, und bedachte nicht daß die bösen Geister immer da wieder hinaus müssen, wo sie hereingekommen sind. Der Spitz und der Bambus und der kirschrote Herr Pfarrer hatten ihm den Weg verlegt. So blieb ihm nichts übrig, als auf die Mauer hinauf zu springen, um wenigstens mit dem Spitz fertig zu werden, damit er nicht in zu nahe Berührung mit seinen Waden käme, und gedachte mit dem Herrn Pfarrer und seinem Stocke schon ins reine zu kommen. Aber der ließ den gefangenen Pechvogel nicht los, sondern rief dem Pfarrknecht, daß er von der einen Seite der Mauer herkäme, er wolle von der anderen kommen und der Spitz solle unten Wache halten mitsamt der Haushälterin. Als das Büblein die wohldurchdachte Schlachtordnung des Herrn Pfarrers durchschaute, blieb ihm nichts übrig als auf seine Rettung bedacht zu sein. Die war aber nur da, wo die Mauer fünfundzwanzig Fuß hoch war, und es hieß: entweder da hinab – oder der Spitz und Bambus, der Herr Pfarrer und der Pfarrknecht und die Haushälterin kommen über dich! Es galt kein langes hin und her, er mußte sich entschließen, denn die beiden rückten immer näher auf der langen Mauer, ganz ruhig, als ob ihnen der Fang nicht entgehen könnte. Den Knaben schauerte es, da hinunter aufs Pflaster zu springen. Da biegt um die Ecke ein windiges Männlein, der Schneidermeister, der an der Brücke wohnte, den der Kleine sehr wohl kannte. Der ging eben so sachte an der Mauer hin, daß der bedrängte Naturforscher sich ihn ausersah, und als er eben in die richtige Schußlinie kam – da mit einem Sprung herunter auf den Rücken des Schneiderleins, der unter seiner Last zusammenkrachte, und mitsamt seinem Reiter, der sich ihm um den Hals geklammert hatte, auf der Straße kollerte. Als er sich eben von seinem Schrecken erholt hatte und den Kleinen, der sich aus dem Staub machen wollte, sah, rief er: »Wart! Sp… – du schlecht's Büble, aus dir wird dein Lebtag nichts.« Der Herr Pfarrer aber und der Pfarrknecht, denen der Fang entgangen war, respondierten: »Ja, ja. Ihr habt recht, Meister!«

Wie's dann zu Hause abgelaufen, und ob das Schneidermeisterlein auf Schmerzensgeld geklagt und der Herr Pfarrer auf seine Äpfel, das weiß ich nicht, oder ob alle, und sonderlich der Kleine, es fürs Klügste gehalten zu schweigen – kurz, die Geschichte war vergessen und doch nicht ganz. Der Lateiner häutete sich nämlich und wurde ein braver Student, und machte seine Examina mit Glanz, also daß sich alle Konsistorialen über den wohlgelahrten Magister verwunderten. So kam's, daß die Verwandtschaft ganz besonders darauf drang, daß der junge Herr Vetter, der »geistlich« studiert hatte, auch einmal in Gernsbach, seiner Vaterstadt, predigen sollte. Und der junge Magister hatte nichts einzuwenden und predigte fröhlichen Herzens in der Stadtkirche. Die Predigt war vorüber, die Verwandtschaft ließ sich beglückwünschen über dem berühmten Vetter, der es »gar zu schön und sauber« gemacht hätte. Als der junge Prediger in der Sakristei noch etwas zu verhandeln hatte, kam nach der Predigt ein kleines, dürres Männlein herein, das hatte Hände wie eine Nähjungfer und mehr Adern drauf als Fleisch, das gab ihm die Rechte und die Linke griff in die Westentasche und sprach dabei:

»Lieber Herr Magister! Nichts für ungut, aber Ihr habt mir gar wohl gefallen in Eurer Predigt, und ist schier ein Wunder, daß ein so junger Mann solchen Geist hat. Das hätte ich nicht hinter Euch gesucht und vermutet. Wißt Ihr noch, wie Ihr mir einst auf den Buckel gesprungen seid, als Euch der Herr Pfarrer wegen des Äpfelstehlens verfolgte? Da habe ich gesagt: »Aus Euch wird Euer Lebetage nichts.« Und jetzt seid Ihr doch etwas und zwar was Rechtes geworden, trotzdem daß Ihr in Eurer Jugend Euch habt gelüsten lassen und einem ruhigen Bürger auf den Buckel gesprungen seid, daß er leichtlich das Rückgrat hätte brechen können. Drum habe ich Euch Abbitte thun wollen und mich gefreut, daß Ihr Euch also gebessert habt. Und weil Ihr ein Gernsbacher Kind seid, so bin ich ganz stolz darauf, und Ihr müßt hier für Eure Predigt einen funkelnagelneuen Kronenthaler haben zum Andenken an den Schneider und an Eure erste Predigt. Gott befohlen. Adjes, Herr Magister.«

Der junge Magister stand im Kirchenrock und hörte mit niedergeschlagenen Augen die Predigt des Schneiderleins an, die ihm zur besonderen Demütigung diente. Nachdem er demselben gedankt, steckte er den Kronenthaler zu sich, der in der Familie geblieben ist, zum Zeichen, daß auch aus manchem Büblein, dem man's nicht angesehen hat, etwas Tüchtiges werden kann – Notabene aber nur, wenn er sich siebenmal häutet.

Drittes Kapitel

Mein Onkel im Duell

Wer in den Göttinger Jahrbüchern – nicht in den gelehrten, – sondern in denen der, wohl etwas weniger gelehrten, Studentenverbindung der Bremenser circa vom Jahr 1813 – nachschlägt, wird unter den Namen dieser homerischen Helden und bemoosten Häupter auch den meines Herrn Onkels finden, der dazumal Senior, d.h. ein mit Ehren gekrönter und gefürchteter Häuptling dieser Schar war. Nach der unzweifelhaften Versicherung meiner Tante soll er ein exemplarisch schöner Student gewesen sein; schlank, mit blondem, wallendem Haar, großen blauen Augen und edeln Gesichtszügen, ein rechtes Bild eines deutschen Jünglings zur Zeit der Befreiungskriege; im besondern aber ausgezeichnet durch Liebenswürdigkeit und Feinheit der Sitten. Daneben aber gefürchtet unter den verschiedenen Volksstämmen der Universität wegen seiner großen Gewandtheit in der Fechtkunst und seiner Körpergröße. Er studierte die Rechte, und hernach, als der Sturz Napoleons alles änderte, die Philosophie, um sich mit derselben über den Wechsel der Dinge zu trösten. Denn das französische Recht, das er studiert hatte, konnte er nun nicht mehr gebrauchen. Trotzdem, daß ihm seine Laufbahn durchkreuzt worden war, stand in alten Tagen noch jene Zeit lebendig vor seinen Augen. Mit einer gewissen »tiefen Rührung« zeigte er dem Verfasser in einer besonders gehobenen Stunde ein Kästchen, drin lagen dreifarbige Bänder, eine dreifarbige Pfeifentroddel und ein altes geschriebenes Studentenliederbuch – das hatte er aus jener Zeit noch aufbewahrt. Der Verfasser war damals in den Augen des Onkels gerade in den rechten Jahren, um solch ein Heiligtum zu würdigen, es war im letzten Jahre des Gymnasiums, wo schon die Flügel anfangen zu wachsen, um nach der Universität zu fliegen. Der Onkel packte die Sachen wieder sorgsam ein und sprach im jugendlichen Feuer von jener Zeit, daß es dem Verfasser ordentlich heiß dabei wurde.

Bei dieser Gelegenheit hielt es der Onkel aber völlig am Platze, mir ein gehöriges Kollegium über den Unsinn des Duells, d.h. des Zweikampfes auf Waffen um eine Ehrensache auszufechten, zu lesen. Dabei kam ihm seine Philosophie zu Hilfe, und er führte seine Sache meisterhaft durch, und bewies namentlich auch, wie verkehrt es sei, zu meinen, daß das Duell ein Gottesurteil sei, da der liebe Gott den, der schuldig sei, verwundet werden lasse und der recht habende Teil frei ausginge. Denn oftmals bekomme der eine zu seinem »dummen Jungen«, den er ganz unschuldig »aufgebrummt« erhalten, eine gehörige Schmarre noch dazu. Nur einmal sei ihm etwas begegnet, das ihn an ein Gottesurteil gemahnt hätte. Das wolle er mir jetzt erzählen. Der Onkel that das mit einer besonderen Bewegung, die ich freilich erst später völlig verstehen lernte.

In jener Studenten-Verbindung, die eine Landsmannschaft war, befanden sich nicht bloß reiche Kaufherren- und Senatorensöhne aus den Hansestädten, sondern auch ärmere Studiosen, die meist von dem reich dotierten Wechsel der Patriziersöhne lebten. Dafür mußten sie die Kollegien für die Herren absitzen und für sie die Weisheit vom Katheder einschlucken; und dann sauber schwarz auf weiß den Fang heimbringen, auch die Herren, ehe es zum Examen ging, gehörig einexerzieren. Da war denn auch einer darunter, der Sohn armer Handwerksleute, der Theologie studierte; ein schmächtiges, zartes Bürschlein, mit etwas weichem Mädchengesicht, dabei aber ein stiller, frommer Mensch, der keinem etwas zu leide that und redlich für seine hohen Protektoren Kollegien über Krebsschäden und Knochenbrüche und römisches Recht hörte. Dem passierte es an einem schönen Sommertage, als er just über den Markt ging, daß ihm ein himmellanger, bärbeißiger, als gewaltiger Schläger berüchtigter Student aus einem andern Völkerstamm begegnete, der es auf den kleinen Schmächtigen abgesehen hatte, und ihn mit dem Ellbogen vom Bürgersteig herunterstieß. Der Kleine entschuldigte sich, wenn er es vielleicht versehen, aber der Lange hing ihm eine Redensart an, die so ehrenrührig war, daß sie nach dem Urteil etlicher aus der Verbindung des Kleinen, die leider gerade hinzugekommen waren, nur mit Blut ausgewischt werden konnte. – Die Sache kam vor den Konvent, dem der Onkel als Häuptling präsidierte, und die Mehrzahl der Stimmen entschied sich dafür, daß diese Schmach, die der Verbindung angethan sei, gerächt, oder der Kleine aus der Verbindung ausgestoßen werden müsse. Der Onkel mußte dies Urteil, das, wie weiland im Vehmgericht bei geschlossenen Thüren gefällt war, dem Kleinen publizieren. Der erschrak natürlich aufs heftigste, da er sich den Himmellangen vorstellte und sich selbst, der kaum den Schläger zu heben verstand.

Befangen freilich im Vorurteil, daß hier kein anderer Ausweg bliebe, seine ganze Existenz vernichtet sehend, wenn er ausgeschlossen würde, ermutigt durch den Onkel, der ihm beizustehen versprach, willigte er bangen Herzens ein. Der Onkel nahm ihn nun in die Lehre, zeigte ihm die regelrechten Angriffs- und Verteidigungsmaßregeln; der Bärbeißige wurde auf blanke Säbel gefordert und in einer Schenke der Schlachtplatz, Tag und Stunde bestimmt. Der Tag rückte immer näher heran, und der Kleine wurde immer blässer. In der Nacht vor dem bestimmten Tage schrieb er unter heißen Thränen in einem Abschiedsbrief an seine Eltern, wie leid es ihm thue, daß sie so etwas erleben müßten an ihrem Kinde, aber es ginge nicht anders. Wenn er falle und sterbe, möchten sie für ihn beten, wie er es jetzt auch thue, und sich nicht zu sehr über ihn grämen, denn er sterbe unschuldig in dieser Sache. Der folgende Tag kam, der Onkel holte seinen Mann ab. Sie waren in der Schenke. Der Kleine wurde ausgezogen und in große lederne Beinkleider gesteckt, bekam eine hohe Kravatte um den Hals und dicke Fechthandschuhe in die Hand und stand so, nur an der Brust mit einem weißen Hemde bedeckt, in der Hand den schweren Säbel da. Zu seiner Seite der Onkel als Sekundant, um die gefährlichsten Hiebe aufzufangen. Er prägte seinem Schützling noch einmal die Regeln ein und redete ihm Mut zu. Da erschien auch der Lange in vollem Staat, und machte ein Gesicht wie der Philister Goliath, als er den kleinen David sah, so verächtlich und mitleidig. Man stellte sich zurecht, das Kommando erscholl – da mit einem Mal, der Onkel traute seinen Augen und Ohren nicht – erhob der Kleine seine Klinge, schwang sie mit beiden Händen, gegen alle Regel, hoch und sausend in die Luft und rief mit einer Löwenstimme: »Nun hilf, lieber Herr Jesus Christus« und rückte mit einem Sprung dem Großen zu Leibe. Der aber war verschwunden. Als er den Kleinen so flammenden Auges, mit hochgeschwungener Klinge und dem Donnerworte auf sich dringen sah, überkam ihn ein solches Grauen, daß er sich unter den Wirtstisch flüchtete und laut rief: »Helft, helft, das ist ein böser Geist!« Er war nicht zu bewegen, unter seiner Festung hervorzugehen, bis der Kleine ihm die Hand reichte und bat, sie wollten jetzt gute Nachbarschaft halten. – So verlief das Duell. Der Onkel aber ging sinnend und ernst mit seinem tapfern Kleinen nach Hause. Der Kleine hatte ihm ein Loch in seine Philosophie geschlagen; denn in seinen Büchern war leider wenig geschrieben gewesen vom Glauben. Gott hatte diesen kindlich frommen Menschen, trotz seiner verkehrten sonstigen Ansicht bewahrt, und ihm herausgeholfen aus großer Not. Der Onkel hatte ihn nur fechten gelehrt mit denselben Waffen, die auch der Gegner hatte, der Kleine aber hatte sich aus dem oberen Zeughaus noch eine bessere Klinge dazu geholt. Das hat dem Onkel hernachmals ein mehreres zu denken gegeben, und dem Verfasser auch, nämlich: von der Macht des Glaubens gegenüber allem Wissen, und darum erzählte der Onkel die Geschichte mit solch besonderem Nachdruck.

Sollte aber der geneigte Leser oder gar die Leserin in einen ähnlichen Fall kommen und also beleidigt werden und sich auch einmal gegenüber einem mit Weltwaffen geübten Kämpfer auf dem Plan befinden, dann rate ich, zwar ohne Säbel, aber mit einem herzhaften: »Nun hilf, lieber Herr Jesus Christus« dem Gegner zu Leibe zu gehen, und er soll's inne werden, daß der, der seines Mutes Herr wird, besser ist, denn der Städte gewinnt, und die Sanftmütigen den Sieg über den Feind davontragen, wenn er noch so himmellang und bärbeißig und noch so ein guter Fechtkünstler ist.

Viertes Kapitel

Das Geheimnis des Onkels

Wer heutzutage zum edlen Schriftstellerfach gehören will, muß notwendig auch einmal »ein Geheimnis« schreiben. Das ist heutzutage guter Ton; denn alle Welt ist wißbegierig. Solch ein guter Titel ist wie ein leckeres, fettes Würmlein an der Buchhändlerangel und die Fischlein schnappen darnach und der Verleger schnauft mit keinem Wörtlein vom guten Abgang; sondern sagt wohl dem Schriftsteller auf die Frage: »Wie geht denn mein Geheimnis?« »So, so, lala – könnt besser gehen, die Ausstattung ist gar sauber und teuer gewesen und gar arg viel Bogen.« Aber wie gesagt, jeder liest gern ein Geheimnis, zumal wenn's nicht von ihm, sondern von einem andern handelt. – Manche fangen auch lieber von hinten an zu lesen, wie mein lieber Freund im Altenburgischen, um sich alle unnötige, Aufregung zu ersparen und mit aller Gemütsruhe dann von vorne anzufangen, und dem Schriftsteller an den spannendsten und verzweifeltsten Stellen so mit stillem Lächeln ins Ohr zu sagen: »Spann du nur – ich weiß doch schon, wie's kommt.«

Seitdem der Verfasser sich als Büblein auf der Karlsruher Messe auf dem Schloßplatz beim Flecksteinhändler die »Geheimnisse der Höhle Xa-Xa,« auf Reutlinger Zundelpapier gekauft und im Schloßgarten hinter »der Schüssel« im dunkeln Tannenwald mit leisem Schauern gelesen, von welchen ihm freilich nichts mehr in Erinnerung geblieben, als das Zundelpapier und daß man so eine Herrlichkeit für drei Kreuzer samt einem Holzschnitt haben könne, – seitdem hat's auch ihn gelüstet nach Geheimnissen, und will jetzt, dem Zeitgeist zu Gefallen und dem Herrn Steinkopf zu Nutz, damit das Büchlein reißend gehe, auch ein »Geheimnis« schreiben. Der Onkel, von dem in Nr. 3 die Rede war, ist später nach Rußland gekommen. Noch erinnert sich der Verfasser recht gut, wie ihm die Locken apart schön des Nachts in kleine lederne Würstlein gewickelt wurden, damit sie am Morgen ordentlich hielten und der weiße Hemdkragen samt der blauen, mit Goldknüpfen reich besäten Jacke, zurecht gelegt wurde, – alles für den angekommenen russischen Onkel. Der Bruder Karl hatte uns schon allerhand in der Nacht vorher anvertraut vom Onkel, wie der gewiß aus Rußland, von wegen der grimmigen Kälte, eine verfrorene Nase und Bärenfelle mitgebracht habe. Aber nichts von all dem war zu sehen, nur roch alles beim Onkel nach dem feinsten Juchtenleder. Er hatte reiche Geschenke mitgebracht, goldene Löffel mit Türkisen besetzt und Becher in getriebenem Gold, und hatte einen russischen Diener bei sich, mit geschlitzten kleinen Augen, der sich nachts vor des Onkels Thüre legte, wie ein treuer Neufundländer, und trotz der Vermahnung, auf deutschem Boden das fahren zu lassen, lieber russisch leben wollte. – Bald kamen auch die jungen Fürsten, deren Mentor der Onkel war, an, und er, der so menschlich mit Fürsten umging, stieg uns immer höher. Es wurden Gesellschaften zu ihren Ehren gegeben, wobei einmal beim Nachtisch die Mutter einen gewaltigen Schrecken erlebte. Da waren nämlich zwei Gläser mit Johannisbeeren und Apfelgelée aufgestellt, von denen erwartet wurde, daß jeder Gast ein etwas davon auf seinen Teller nehme. Aber zwei der jungen Herren verstanden die Sache auf russisch, und nahmen sich frischweg die beiden ganzen Gläser, und verzehrten sie mit besonderem Behagen, und konnten der betrübten Mutter nicht genug sagen, wie labend und angenehm das sei. »Nur nicht russisch,« hieß es drum später, wenn einer von uns mit einem allzu großen Löffel zugriff.

Der Onkel ging wieder nach Rußland und unsre ganze Bewunderung folgte ihm. Ein Sagenkreis von unermeßlichen Gütern, Fürsten, Wölfen umgab ihn für uns. Er zog später wieder mit gebrochener Gesundheit fort und baute sich bei uns sein Daheim; des Abends ging man zur Theestunde zu ihm, wo er im prächtigen russischen Kaftan im Lehnstuhl saß und erzählte. Wir lauschten dann redlich, ob nicht einmal bei dem Onkel auch etwas von einem Geheimnis zum Vorschein käme, aber er war stumm wie ein Grab. Wohl erzählte er einmal eine Geschichte aus seinen Jagden. Es war eine Wildsaujagd in den Forsten weit hinter Moskau. Eine Wildsau mit acht Jungen war aufgetrieben worden, und wurde von den Jägern verfolgt. Der Onkel schlug sich abseits ins Gebüsch, dem Tier auf die Spur zu kommen, da sah er etwas Merkwürdiges sich zutragen. In kurzer Entfernung machte ein großer Fuchs seine Künste. Er suchte auf einen ziemlich hohen Baumstumpf zu springen, konnte aber nicht hinaufkommen und fiel immer wieder herunter. Endlich gelang's ihm. Darnach nahm er ein Scheit Holz zwischen die Zähne und versuchte mit demselben hinaufzukommen. Das kostete viele Sprünge, bis er's dahin brachte. Als es gelungen war, sprang er noch einmal und es gelang wieder. Der Onkel schaute mit Verwunderung dem zu und dachte: wo das nur hinaus wolle. Der Fuchs legte sich still auf den Baumstumpf zum Sprung bereit. Bald darnach raschelte es durchs Laub und das Wildschwein kam mit seinen Jungen daher, eins hinter dem andern, unten am Baumstumpf vorbei. Kaum war das letzte am Vorübergehen, da sprang der Fuchs herab, kriegte es hinten im Genick und sprang auf den hohen Baumstumpf. Das Kleine schrie, die Wildsau kehrte um, aber der Fuchs war mit dem Jungen auf der Höhe geborgen. Da ließ es die Mutter im Stich, und der Fuchs wollte sich eben dran machen, das Junge zu töten, als der Onkel den klugen Kindsräuber mit einem wohlgezielten Schuß erlegte, und den toten Fuchs und das kleine lebendige Wildschweinchen als Beute heimbrachte. – Die Geschichte machte den gehörigen Eindruck, und die russischen Füchse stiegen in unserer Achtung. Zwar Bruder Karl hatte wieder seine Bedenken gegen den Fuchs, eigentlich aber gegen den Onkel, und erzählte so etwas von einem Hubertusmesser, das die Jäger mit sich führten, mit dem man entsetzlich aufschneiden könne. So habe er wenigstens gehört.

Aber das konnte doch das Geheimnis nicht sein, das war nur so eine Fuchsgeschichte. Da gab sich's aber einmal an einem Abend, daß man bis ziemlich spät zusammen war. Es war Geburtstag in der Familie, alles hatte sich traulich um den runden Tisch gerückt, man erzählte sich von vergangenen Tagen – da kam zuletzt eine dampfende Punschschüssel herein. Eben wollte die Tante in das erste Glas ausschöpfen, aber kaum war der Punsch im Glase, als es mit einem lauten Krach sprang. Die Tante nahm das zweite Glas und es erging ebenso. »Halt,« rief der Onkel, »nun ist's genug.« Man sah sich in der Reihe herum; der eine wurde bedenklich und meinte, das bedeute nichts Gutes, man könne doch nicht missen, was da dahintersei; die Tante schaute aber verstohlen nach der Uhr, auf die Stunde und Minute, wo solches passiert sei. Der dritte prüfte die Glaser sorgsam; aber da war kein Schaden zu entdecken. Da nahm der Onkel das Wort: »Ich will euch ein Geheimnis sagen.« Da paßten wir denn auf und sagten zu einander: »Jetzt kommt's.« »Ich war einst in einer Gesellschaft der Fürstin Karaschinabine. Ein glänzender Zirkel war geladen. Man sprach von dem und jenem, vom tscherkessischen Krieg und dem kühnen Schamyl, von den Gefahren und Mühen des Krieges, und erzählte sich schreckliche Geschichten von den Leiden der russischen Armee. Alle waren lebhaft beteiligt, nur eine junge Dame saß stumm, mit bleichem Antlitz da. Man dachte nicht daran, daß ihr Bräutigam Offizier der Armee am Kaukasus war. Jedes Wort schnitt ihr ins Herz. Da wurde der Punsch serviert, die Schüssel dampfte und der Bediente fing an auszuschöpfen. Aber das erste Glas zersprang, das zweite auch und das dritte. Da wurde es still im Kreise. Die junge Dame stieß einen Schrei aus – »er ist gefallen, das bedeutet seinen Tod,« rief sie. Aber die Dame des Hauses schalt mit lauter Stimme den Bedienten einen Esel und befahl, ihr die Punschschüssel und die Gläser zu geben. Sie nahm einen silbernen Löffel, that ihn ins Glas und goß den siedend heißen Punsch hinein und es – sprang nicht, ebensowenig beim zweiten noch beim dritten. »Der Punsch ist zu heiß, der Bediente ist ein Esel, aber Ihr Bräutigam, Sachinka, lebt,« rief die alte Frau. »Lernt das von mir: Nehmt einen silbernen Löffel, thut ihn ins Glas und ihr könnt siedend Wasser hineingießen, und es springt nicht.« Die junge Dame atmete wieder auf. Alle Gläser blieben heil und man stieß an auf die Gesundheit des tapfern jungen Mannes. »Nun gebt mir die Gläser her,« sagte der Onkel. Er füllte sie und es sprang ihm keines. Das war des Onkels Geheimnis. Item:

1) Es ist ein Geheimnis; denn es wissen's nicht alle Leute, daß ein metallener Löffel (ein goldener thut's auch) solches wirken kann.

2) Ist dies ein Geheimnis, das man getrost jedem erzählen kann, während man andere besser bei behält.

3) Ist manches Geheimnis, beim Licht besehen, eigentlich keines; aber Klimpern gehört mit zum Handwerk, und auch der Aberglaube sitzt dem Menschen gemeinhin tiefer als die Philosophie.

4)Ist's gut, wenn man allezeit jenen berühmten goldenen Löffel bei sich führt, womit man, wenn kochendes Wasser im Herzen und Mund ist, machen kann, daß das Gefäß nicht springt, der in dem Goldladen der Sprüche Salomo's zu finden ist. –

Fünftes Kapitel

Von weißen Elefanten

Seitdem der liebe Brosamenmann vom Ostseestrand (dem man's, beiläufig gesagt, über seinen Brosamen gar nicht anmerkt, daß er ein gestrenger pommerischer Superintendent ist) die schöne Geschichte vom »Dachsberg« zu Nutz und Frommen manches Hauses geschrieben, ist dem Verfasser auch der Mut gekommen, »von weißen Elefanten« etwas zu erzählen. Ob der Leser schon einen gesehen, weiß ich nicht; aber weder im zoologischen Garten zu Köln, noch in dem »Beestetuin« oder »Artis« zu Amsterdam, noch im Londoner Tiergarten und auch nicht im Pariser »Jardin d'acclimatation,« noch auch in dem Karlsruher zoologischen Garten am Ludwigssee – welche Stätten alle der Verfasser fleißig bereist hat, – hat er einen weißen Elefanten auftreiben können, sondern sich zufrieden geben müssen, daß sie hinten in Indien wachsen und gedeihen. Und doch haben sie sich bis in unser Haus gefunden, und unsre Mutter war ihnen von Herzen gram. Wenn der geneigte Leser etwas Geduld hat, so wird er gewiß belohnt, und werden ihm vielleicht die Augen aufgehen, daß er zum Erstaunen merkt, wie auch er vielleicht bisher »weißer Elefantenbesitzer« war, ohne es zu wissen.

Weit hinten in Indien leben indische Radschahs in großen Palästen und ungeheurem Reichtum, wie der geneigte Leser »Aus tausend und eine Nacht« schon sattsam vernommen. Da gilt's denn als ganz besondere Gnade, wenn solch ein Gewaltiger in Indien einem Günstling einen weißen Elefanten beschert, was etwa auf derselben Ehrenstufe steht, als wenn einer in Baiern das Großkreuz des Hubertusordens bekommt. Und die Freunde kommen und gratulieren alle zu der Gnade und zu dem Elefanten. Der ihn kriegt, macht aber, wenn er Erfahrung von der Sache hat, ein bittersüßes Gesicht; denn der weiße Elefant hat sein »Item« und auf dem Frachtbrief, womit er anlangt, steht mit unsichtbarer Schrift: »An den Leser und Empfänger: NB. hier liegen Fußangeln.« Es darf nämlich diese Gnade nicht ausgeschlagen werden, und wäre das die höchste Majestätsbeleidigung, wollte man den weißen Elefanten, selbst franco, wieder zurücksenden. Das ist das erste Item. Das zweite aber lautet: Nun mußt du auch dem Elefanten ein Haus bauen, denn solch ein Tierlein will Luft haben und begnügt sich nicht mit einem Dachlogis. Und das Haus muß im feinsten Stile aufgeführt und mit Teppichen belegt werden, damit das Fürstengeschenk nicht not leide. Das ist das zweite Item. Das dritte aber: Der Elefant ist ein vornehmer Herr und ein Feinschmecker, und speist gerne table d'hote oder à la carte, einerlei wie's kommt; aber immer: lieber viel und gut, als wenig und schlecht. Da gilt's den verwöhnten Herrn gehörig füttern, und das kostet nicht wenig. Zucker, Kaffee, Reis und die feinsten Gemüse sind ihm nicht zu schlecht, und der Magen ist bei ihm etwas größer als eine Schnupftabaksdose. Das ist das dritte Item. – Aber das vierte ist das schlimmste. Wird nämlich der weiße Herr unpäßlich, so kommt der Herr in größte Not. Wenn so ein Schnupfen, oder etwas Zahnweh, oder ein Bauchgrimmen über den Elefanten kommt, geht's dem Herrn nah ans Leben. Denn stirbt der weiße Herr, dann muß sein Inhaber auf seinem Grabe sich auch strangulieren lassen. Warum? Darum: der Elefant ist ein heiliges Tier und nimmt die Seele des Besitzers mit sich fort. Das sind vier Item's, die der geschenkte weiße Elefant an sich hat. Natürlich in Indien, und dem Leser braucht's nicht zu gruseln, denn Indien ist weit und der Radschah hat nach dem Landrecht hier bei uns nichts zu befehlen.

Und doch – ist's geschehen, wenigstens in unserem Hause, daß sich weiße Elefanten gefunden haben, ohne Rüssel und Zähne. Lange ehe wir Kinder von der bedenklichen Lage wußten, in welcher ein mit dem weißen Elefanten behafteter Hinterindier sich befindet, hatte unsre liebe Mutter schon manchen Kampf mit Elefanten bestanden.

Auf der Console im »Staatszimmer« hielten sich nämlich ihrer zwei auf, in Gestalt großer Vasen aus weißem Alabaster, fein ciseliert und äußerst zerbrechlich. Sie waren ein Hochzeitsgeschenk von Verwandten, die damit dieselbe Freude und Gunst erzeigen wollten, wie der Radschah in Indien seinem Günstling. Ihr Haus war eine große Glasglocke, ebenfalls höchst zerbrechlich und schwer zu behandeln. In den Vasen selbst waren Blumensträuße mit gemachten Blumen, die aber beim Sonnenschein nicht sproßten, sondern entsetzlich abschossen und verblaßten und daher mit einem schwarzen Flor umhangen werden mußten, der bei dunkelm Wetter und feierlichen Gelegenheiten entfernt ward. Das war aber jedesmal eine schwierige Prozedur, denn die Glasglocke war groß und bekam leicht das Übergewicht, und der Alabaster war zart, und die Blumen empfindlich. Aber noch empfindlicher die Verwandten, die das alles geschenkt und treulich nachsahen, ob diese beiden Elefanten noch lebten. Jedes neue Stubenmädchen ward vor die beiden geführt und ihm anbefohlen, hier beim Abwischen sich gehörig in acht zu nehmen, denn wenn ein Schaden passiere, so gehe es zu bösen Häusern. Insonderheit wurde vor einem gewissen »Niemand« gewarnt, der sich in manchen Familien aufhält und den der geneigte Leser vielleicht auch aus Erfahrung kennt. Fehlt nämlich an der Tasse das Unterplättchen und an der Kanne der Henkel, und man fragt darnach, wo solches geblieben, und wer zugesehen, wie es abhanden gekommen, da ist's meistens der Herr Niemand gewesen. Sollte je einmal dieser Herr alles das ersetzen müssen, was er verbrochen, verloren und verdorben hat, seit anno Eins in allen Staaten, da könnte er sich auf ein ordentliches Sümmlein gefaßt halten. – Die Sachen hätte die Mutter längst gern im stillen veräußert, um des lästigen Abwischens überhoben zu sein, aber das litt der Radschah – wollte sagen die Verwandtschaft nicht. Denn das hätte bittere Feindschaft gegeben, und also blieben sie stehen. Addiert man nun den Wert der beiden Vasen, und multipliziert ihn mit der Gunst der Verwandten, und subtrahiert dann die Unterhaltungskosten und Mühen, und dividiert die Summe schließlich mit der Angst und dem Ärger, den dieselben bereiteten, so kommt nach Adam Rieß heraus: ein weißer Elefant. Welche Summe aequal ist dem hölzernen Gaul, welchen die Griechen den Trojanern verehrten, den sie so unbedacht hinnahmen, daß seit jener Zeit das Sprichwort gehet: »Timeo Danaos et dona ferentes,« was der lieben Leserin zu lieb, die ihr Lateinisch schon wieder vergessen hat, auf deutsch in freier, dichterischer Übersetzung heißt: »Einem geschenkten Gaul sieht man manchmal nicht ins Maul.«

So erging's auch ein andermal in der Familie, nur war diesmal der Elefant unter anderer Firma hereingekommen. Es gab eine Zeit, da waren die Leute besonders europamüde und wollten alle hinüber nach Amerika, denn sie hörten, wie man dort die Goldklumpen fertig auf der Straße finden könne, und wenn sie nicht ganz apart groß wären, ließe man sie nur so liegen. Da machte sich auch ein Bäuerlein aus der Rheingegend auf und wanderte fort, und versilberte an den Wenigstbietenden sein Äckerlein und sein Haus, denn er dachte: das holst du drüben in ein paar Wochen wieder ein. Da hat's denn unser Herr Vetter erstanden und des Abends zu seiner Frau gesagt: »Horch, Fraule! Das Gütle ist eigentlich rein geschenkt.« Aber das Fraule machte ein Gesicht, als wollte sie sagen: »Lieber Mann, wenn's nur kein weißer Elefant ist.« Er aber sagte noch einmal: »Das sind Mannssachen, Fraule, ich weiß, was so ein Gütle wert ist unter Brüdern.« Und so wurde der Kauf fertig gemacht. Aber der weiße Elefant, das »geschenkte« Gütle fing an zu fressen. Das Haus sah von außen ganz reputabel aus, aber inwendig war es krank, wie ein Schwindsüchtiger, der wohl außen rote Backen hat. Da dachte der Vetter: dem wird bald geholfen sein, das kostet ein paar gesunde Balken und einen neuen Fußboden, dann ist der Schaden kuriert. Aber als man anfing den Fußboden aufzubrechen, da war kein Haltens mehr, denn nun fing erst recht alles an zu reißen. Da floß viel Geld hinein, um die Löcher auszustopfen. Jedesmal wenn er sein »Fraule« ansah, schlug ihm freilich das Herz, und er nahm sich vor, nichts mehr zu verbauen; aber dann sagte er sich wieder: »Jetzt hast du so viel hineingesteckt und es wäre ganz umsonst, wenn du's nicht ganz durchführen willst.« Also durch. Aber dann sollten die »geschenkten« Äckerlein bebaut sein, und da der Vetter weit von da wohnte, und nur alle paar Wochen kommen konnte, so mußten fremde Leute das Feld bestellen, und die waren auch so frei, die Früchte gleich mitzugenießen. Die Äcker verlangten viel Besserung, und die mußte gekauft werden, denn der Vetter hatte selbst kein Vieh, und in das Haus mußte er jemand setzen, um den Elefanten, wollt' sagen das Gütle, zu verwalten, und da der nichts hatte, mußte der Vetter ihm etwas geben, und das »Gütle« wurde immer teurer, und der Vetter fühlte schon die seidene Schnur, womit er stranguliert werden sollte, da hat er's Knall und Fall verkauft, und ist noch mit Hinterlassung etlicher Haare ziemlich leidlich davon gekommen; hat sich aber auch in seinem Leben nie wieder auf »geschenkte Güter« eingelassen, und einen heilsamen Respekt vor weißen Elefanten bekommen.

Der gefährlichste Elefant hat sich aber einmal nur auf eine halbe Stunde bei einem der Unsern, der längst heimgegangen, aufgehalten. Es hatte nämlich ein Herr aus fernen Landen ein wichtig Anliegen und wollte ein gut Geschäft machen, in allen Ehren zwar, kam aber doch auf einen seit Alters her nicht ungewöhnlichen Weg, um zum Ziel zu gelangen. Er wollte nämlich auch mittelst eines weißen Elefanten seiner Sache Nachdruck geben und schickte dem Seligen denselben wohlverpackt in einer großen Kiste, worauf ein Glas gemalt war und »Vorsicht« stand. Man wußte nicht, was die Kiste sollte, sie wurde darum vorsichtiglich aufgemacht; und aus dem Heustalle wanderte der Elefant in Gestalt eines herrlichen, feinen Tafelservices, mit Goldrand und duftigen Blumen, ein Stück schöner als das andere. Da fand sich auch der Begleitbrief, der darauf hinlautete:

»Ich erlaube mir Ihrer Frau Gemahlin eine kleine Aufmerksamkeit zu erweisen, die Sie gütigst annehmen wollen. Indem ich zum Schluß meine Angelegenheit Ihnen dringend empfehle und um gütige Fürsprache bitte, bin ich dero ec.–«.

Kaum war der Brief gelesen, als ein donnerndes: »Halt, auf der Stelle eingepackt,« erscholl. Die Gesichter verzogen sich, denn so manchen, namentlich aus der weiblichen Zuschauerschaft, leuchtete das Auspacken viel mehr ein, als das Einpacken. Die Kiste wurde zugenagelt und mit Glasmalerei versehen, auf dem Deckel, umgeschickt. Der Selige aber, der solches befohlen, sagte: »Seht ihr denn nicht, daß auf der Kiste »Vorsicht« stand, – wo man aber Vorsicht anwendet, da braucht man keine Rücksicht. Darum fort mit dem Elefanten. Ich will seinetwegen mein Gewissen nicht strangulieren. Der würde mich tausendmal mehr kosten, als er wert ist.« Und noch in der nächsten Stunde hat ihn der Verfasser auf dem Schiebkarren gesehen und er ist wieder hingewandert, wo er herkam, auch mit einem Begleitschein, worin stand, daß man bedaure, solches Ungeziefer, wie den weißen Elefanten, nicht übernachten zu können. –

Der geneigte Leser hat nun unter der Zeit schon gehörig gemerkt, wo's hinaus wollte, und soll's darum genug sein; denn der Verfasser könnte noch von einem ganzen Stall voll solcher Tierlein, auch aus seiner Bekanntschaft heraus reden. Ich will aber doch auch für die kleinen und großen Leser nur noch etliche Items anhängen.

1) Laß dir keinen weißen Elefanten schenken und käme er auch von einem Radschah.

2) Kaufe nicht alles, was du siehst, aber besiehe dir alles, was du kaufst.

3) Kaufe nie etwas, weil's »geschenkt« ist, sonst kann's kommen, daß du es erst recht herschenken mußt.

4) Hüte dich aber vor allem vor den weißen Elefanten, die mit ihrem Rüssel dich lecken und mit ihren Zähnen dein Gewissen einstoßen.

Sechstes Kapitel

Etwas von einem Erb-Onkel und noch von einem andern

Erbenwollen steckt den Leuten insgemein sehr tief im Herzen. Denn es ist freilich ein ganz angenehm Ding zu ernten, wo man nicht gesäet hat, und sich so ohne weitere Belästigung ins Volle hinein zu setzen. Bei dieser Gelegenheit kommt aber der alte Mensch oft recht unfrisiert zu Tage. Da lebt z.B. ein alter Großonkel, kinderlos und reich und hat dabei eine ansehnliche Verwandtschaft. Je älter er wird, desto interessanter wird er den Leuten. Kommt sein Geburtstag, dann kommen auch frische Sträuße oder eine Straßburger Gänsleberpastete für ihn an, und am Neujahr kommen sie nach einander, dem Herrn Großonkel »ein glückseliges neues Jahr zu wünschen, und noch viele Jahre Gesundheit und langes Leben.« Alles aus purer, reiner Nächstenliebe. Wird er krank, kommt ihn ein Fieberlein oder Schwindel an, da giebt's bedenkliche Gesichter und man läßt fragen, wie's dem Herrn Großonkel gehe, ob er eine geruhsame Nacht gehabt. Der Herr Medizinalrat wird auf der Straße angehalten und konsultiert, ob's bei dem alten Herrn wohl etwas auf sich habe, oder ob dem Wetter zu trauen sei. Aber der Herr Medizinalrat merkt, wo's hinaus will, und spricht wie das Orakel von Delphi in dunkler Rede: »Wenn's mit dem Herrn so und so geht, dann wird es auch so und so gehen.« Und die Person, die dem Onkel das Haus hält, wird auf die Seite gezogen und ihr der Herr Onkel warm ans Herz gelegt, und dann noch so etwas gesagt wie: »Wenn's aber sein sollte, wir wollen's aber nicht hoffen, daß es je mit dem Herrn Onkel anders geht, dann sind Sie so gut und lassen's uns gleich wissen. Übrigens an Himbeersaft oder einem Gläslein Champagner soll's nicht fehlen, wenn der Herr Onkel dadurch erquickt werden kann.« Und hintennach kommt noch: »Wir werden Sie gewiß nicht vergessen, Kathrine.« – Hat aber der Herr Onkel das Zeitliche gesegnet, so geht's oftmals scharf her, ganz kurz nach dem »harten Fall;« und der Notar oder Amtsrevisor weiß manchmal nicht, wo die Erben in die Schule gegangen sind, ob bei einem Herrn Professor oder bei einem Schweinehirt. Und wo's nicht gerade so schlimm hergeht, geht's doch auf andre Art nicht viel besser. Da ist eine Familie ganz in Ruhe, arbeitet fleißig und betet dabei und ist zufrieden mit dem täglichen Brot und Kleidung. Da kommt des Abends in der Dämmerung eine Base und räuspert sich erst und fängt ihren Sermon dann an, ob denn der Herr Vetter auch schon gehört hätte von dem alten Onkel, der von Urgroßvaters Seite her Nachgeschwisterkind sei. Der Vetter horcht auf, denn er hat früher nichts gewußt von diesem Besitz und bittet fortzufahren. »Ja, der ist vor stark fünfzig Jahren hinüber übers große Wasser nach Surinam, weit dahinten, und ist Euch ein steinreicher Mann geworden.« Und der Vetter horcht noch mehr auf und bittet um geneigte Fortsetzung. »Ja der ist gestorben und hat keine Leibeserben hinterlassen, und der König von Holland läßt jetzt ausschellen: »Alles, was mit dem verstorbenen Christoph Friedrich Müller auf Surinam verwandt ist, soll sich bei mir melden. Wer nicht kommt, der kriegt auch nichts.« Jetzt ruft der Vetter seine Frau, denn die Sache wird ihm doch heiß und zu dick, um sie allein zu verarbeiten. Und die Base muß noch einmal alles haarklein erzählen, und der Vetter sieht auf seine Frau, was sie für ein Gesicht dazu macht. »Vetter,« sagte zuletzt die Base, »Ihr müßt Euch dran halten, drüben im Ried sind sie schon alle auf den Beinen, an denen wußelt und zappelt alles. Ihr habt ebenso gut ein Recht und seid noch näher in der Verwandtschaft.« Und der Vetter denkt: ja, das könntest du auch mitnehmen, für dich und deine Kinder, und wenn's nur ein paar tausend Gulden wären, die thäten dir schon gut. – Und der Base wird aufgewartet, was Gutes im Haus ist. Und nun geht die Unruhe los. Der Vetter macht sich auf übers Gebirg, und will sich Rats erholen und hört, daß die Verwandten schon alle Tauf- und Totenscheine beieinander haben, und ihnen der Ratschreiber einen schönen Brief an den König von Holland aufgesetzt hat, um die Sache »durchzudrücken.« Der Vetter geht auch zu seinem Herrn Pfarrer und bittet um die Tauf- und Totenscheine, und der Herr Pfarrer sagt: »Ei, Michel, wollt Ihr auswandern?« »Nein, Herr Pfarrer,« sagt der Vetter, »aber es handelt sich um was anders.« »Darf man denn fragen, wenn's erlaubt ist, um was?« Und der Vetter besinnt sich noch etwas und sagt dann: »Ha, wissen Sie denn nichts, Herr Pfarrer, von der großen Erbschaft von unsrem Großonkel hinten in Indien?« »So,« sagt der Herr Pfarrer, »da gehört Ihr also auch dazu. Horcht, Michel, laßt Euch nichts weiß machen. Der Spatz in der Hand ist besser, als der auf dem Dach.« Und der Vetter schaut den Herrn Pfarrer, groß an und fragt: »Wo so denn?« »Weil Ihr tapfer zahlen müßt. Meine Taufscheine sind noch's wenigste dabei, aber ich rate Euch: Indien ist weit, und ein Prozeß kostet Geld, und mit dem König von Holland ist bös Kirschen essen. Laßt Euch genügen an dem, was Ihr habt, und verlaßt Euch nicht aufs Erben.« Aber der Vetter denkt zum erstenmal etwas Böses gegen seinen Herrn Pfarrer und meint: der gönnt dir die Erbschaft nicht. Und jetzt muß es erst recht durch. – Die Arbeit bleibt liegen, und beim Morgensegen kommt immer der Onkel von Surinam verstohlen ins Gebet. Tagelang geht's zum Ratschreiber im Ried, und an Sporteln und Gebühren fehlt's nicht. Die Antwort vom König von Holland bleibt lang aus, denn solch ein hoher Herr, meint der Ratschreiber, hat eben mehr zu thun, als nach den Christoph Müllers sel. Erben zu fragen. Aber was lang währt wird gut, das ist auch ein goldenes Sprüchlein. Seit der Zeit ist's auch mit dem Frieden nichts mehr beim Vetter, denn er ist mißmutig und hat dreimal mehr Tage im Jahr, wo er mit dem linken Fuß aufgestanden als mit dem rechten, denn sonst.

Und die Frau hat's auch nicht mehr so gut, und erlebt manches, was sie an ihrem Michel sonst nie erlebt. Und mit einemmal geht nach Jahren die Sache aus, wie's Hornberger Schießen, denn der König von Holland schreibt, daß der Onkel schon zu lang verstorben sei, und er sich nicht mehr aufs Teilen einlassen könne; und die Sache sei verjährt. Es thue ihm leid, aber er könne nichts dafür. Wenn sie aber sonst etwas wollten, herzlich gern. – So ist's einem gegangen, den der Verfasser auch noch von weither gekannt hat, und es wäre ihm just nicht schwer, noch etliche andere Exempel beizubringen aus andern Gegenden, denn der Mensch ist sich so ziemlich gleich im Württembergischen wie im Bairischen und wie im Preußischen, wenn's auf diese Dinge angeht, und wenn's nur auf die Verkehrtheit ankäme, dann wäre Nord- und Süddeutschland bald einig. Denn die Leute über dem Main sind grad so habsüchtig, als die hüben, und jeder will die »Mein-Linie« so weit als möglich vorrücken. Notabene nicht erst seit 1866.

Nun aber zu meinem Erb-Onkel.

Damit wir aber von vorneherein allen Geschmack an solchen Erbgeschichten verlieren sollten, unterließ es die Mutter nicht, bei betreffenden Gesprächen, die so etwas vom Erbenwollen verlauten ließen, mit bedeutungsvollem Blick nur einzuschalten: »Denkt an den Kolmarer Onkel!« Es brauchte freilich nur dieser Mann zitiert zu werden, um plötzlich alle Täuschungen in Wasser zerfließen zu lassen. In der alten Stadt Kolmar im Elsaß lebten nämlich von großmütterlicher Seite, mütterlicherseits her, zwei steinalte Leutlein, und ebenso steinreich. Sie hatten keine Kinder gehabt, und alle nächsten Verwandten waren von ihnen überlebt, so daß nur noch zwei Erben vorhanden waren, einer von der Seite der alten Frau, und eine von seiten des alten Herrn, welches unsere Großmutter war. Jener war reich mit seiner ganzen Sippschaft, die Großmutter aber mußte sich tapfer mit der täglichen Not herumkämpfen. Die beiden steinalten Leutlein aber hatten einen Kontrakt mit einander gemacht, der lautete: »Stirbt der Mann zuerst, so erbt die Frau und der Frau Sippschaft das Vermögen, stirbt aber die Frau zuerst, so erbt der Mann und des Mannes Sippschaft. Also geschehen Kolmar am so und so vielsten 1700 so und so viel.« – Da dachten die Sippschaften aber jede: Wenn's doch sein müßte, daß die zwei Leutlein stürben, so möchte doch lieber immer der andere Teil zuerst sterben, und der liebe Gott solches geraten lassen. Aber die Leutlein lebten noch immer fort, und es ging ihnen, wie einem uralten Mütterlein, das dem Verfasser einst klagte, der liebe Gott habe es wohl vergessen, daß sie noch auf der Welt sei, denn es kamen lauter Junge an die Reihe zum Sterben, und sie bleibe noch immer da, und sie gehe doch alle Tage auf den Kirchhof, um den lieben Gott daran zu erinnern, daß sie noch auf der Erde herumlaufe. –

Endlich aber wurden die beiden Leutlein krank; sie hatten bisher alles mit einander erlebt, so teilten sie sich auch in die Krankheit, und man wußte nicht, wer von beiden den größern Teil gekriegt. Sie lagen nebeneinander in den Betten, in den weißen Schlafmützen, die Hände über der Brust gefaltet, der Odem ging bei beiden gleich hart und der Puls so langsam, wie die alte Stockuhr, aber bei beiden gleich. Es war, wie wenn zwei Lichtstümplein auf ein »Hauserle« gesteckt wären und so langsam herunterbrennten, bald flammte das eine mehr, bald wieder das andere. Und von beiden Seiten waren die Verwandten da, und der Herr Doktor fehlte auch nicht, und weder die Verwandten noch der Doktor konnte sagen, zu welcher Sippe das Zünglein neigte. Da schaute plötzlich das alte Herrlein so starr darein, als wollte er durch das Fenster hinein in den Himmel schauen – noch ein Seufzer und er hatte Abschied genommen. Und der Herr Doktor legte das Ohr ans Herz und ließ ihn noch reiben mit warmen Tüchlein und Essenzen, aber das Herrlein war tot. Über den starken Essenzen aber bekam das alte Mütterlein einen Hustenanfall und wiewohl man sie in die Höhe hob, so konnte sie doch nicht mehr an den Atem kommen und verschied. – Das war zwanzig Minuten später als das Herrlein. Daher erbte sie den Mann laut dem Kontrakt und ihre Sippschaft konnte nicht genug sagen, wie leid es ihr sei, daß der »Zufall« es also gewollt, daß die Frau Großtante den Mann noch überlebe; sie hätten immer die gegenteilige Ansicht gehabt und gehofft, daß es auch so käme. – Die Großmutter aber küßte die beiden alten toten Leutlein und gönnte die reiche Erbschaft von 200,000 Franken den andern, denn sie wußte, wer der Herr über Leben und Tod ist, und von wem Geld und Gut kommt, und wanderte wieder heim so arm sie gekommen und auch so fröhlichen Herzens.

Aber die Lehre war auch 200,000 Franken wert, die sie allen Kindern und Kindeskindern hinterlassen: »Ihr lieben Kinder, vertraut auf den Herrn, und verlasset euch nicht auf Erbschaften, und rührt eure Hände tapfer in der Welt, und schämt euch keiner Arbeit, und gedenket an ein Erbe, das nicht auf einem zweifelhaften Kontrakt steht: »das euch behalten ist im Himmel.« Daher wird der geneigte Leser auch an den Kolmarer Onkel denken, und wiewohl er eigentlich mir gehört, will ich mich doch, wenn er bei Gelegenheit ihn braucht, mich in ihn teilen.

Hätte diese erste Geschichte nicht ausgereicht, um uns zu überzeugen, daß es mit dem Erbenwollen so einen Haken habe, so war noch eine zweite im Vorrat, von der weiteren Verwandtschaft her. Denn wenn's auch glückt, daß man richtig dran kommt, und die Erbschaft einmal auf die »rechte« Seite kommt, so fragt sich's ja immer noch, ob's denn ein großes Glück ist. Hat doch mancher schon ein Katzenhärlein darin gefunden, das ihm bös aus dem Halse gegangen ist.

So war's bei einem »weitläufigen« Großonkel einstens der Fall. Gab's einen Mann, der, wie unsere Tante zu sagen pflegt, »durchhinein gut« war, wie ein Kallwyl-Apfel, der innerlich keinen Untadel hat, – so war's dieser Onkel gewesen, gegen seine Kinder nicht bloß, sondern gegen alles, was ihm nahe kam. Wiewohl er kein reicher Mann war, sondern das Einmaleins gehörig bei seiner Besoldung in Anwendung bringen mußte, um am Ende des Jahres nicht mit einem Minus aufzuhören, so war doch Schenken und Freudemachen seine Lust. Kam er in die Stadt, so hatte er die Taschen voll von allerhand ländlichen Erzeugnissen, und an der Kirchweih wurde für die ganze Verwandtschaft gebacken, denn so gute Käs-, Zwiebel-, Äpfel- und Streußel-Kuchen konnte niemand backen als die Tante. Bald steckte er dem oder jenem seiner Patenkinder oder Neffen einen Kronenthaler in die Sparbüchse, und gar manchmal mußten die Verwandten wehren und sagen: »Herr Onkel, Ihr thut Euch weh und schenkt Euch noch blutarm, denkt doch, daß Ihr auch Kinder habt.« Aber der Onkel lachte und dachte: »Wer was zu schenken hat, der hat also etwas, und wer etwas hat, ist nicht arm; wer aber nichts schenkt, der hat nichts, und wer nichts hat, der ist arm.« – Da geschah's, daß er unversehens an einem Tag an eine reiche Erbschaft kam, aus einer alten, längst verschollenen Sache her, die sein Vater schon geführt hatte, und die unterdes in Zinseszins aufgelaufen war, so daß die Summe, die ihn traf, bare 40,000 Gulden betrug. Da war er denn auf einmal ein reicher Mann, und alles, was er verschenkt, ihm reich ersetzt. »Nun diesmal ist's einmal an den rechten Mann gekommen!« so ging's in der ganzen Verwandtschaft und namentlich bei denen, deren er sich immer so freundlich angenommen, und alle gratulierten ihm, und zwar aufrichtig, denn jeder gönnte es ihm von Herzen. »Jetzt kann er Gutes thun nach Herzenslust, dachte wohl der eine, »denn jetzt hat er das Geld dazu.« Aber man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, und es kann ein Schifflein noch im Hafen scheitern. – Der Großonkel war seit jener Stunde, daß er den Brief mit dem großen Siegel bekommen hatte, nicht mehr zum Kennen. Allerhand dunkle Gerüchte kamen an das Ohr der Verwandten, aber keines wollte sie glauben. Das erste Mal aber, als er wieder in die Stadt kam, merkte man wie viel Uhr es geschlagen. Er brachte nichts mit, und war so steif, als hätte er einen Ladstock im Nacken sitzen. Aber die Steifigkeit saß nicht im Nacken, sondern im Herzen, denn sein Herz war ihm in den Geldbeutel gefallen, wie denn der Herzbeutel und der Geldbeutel in naher Blutsverwandtschaft stehen. Das viele unverhoffte Geld ward in einen eisernen Geldschrank gesperrt und konnte nicht wieder heraus, denn er hatte das Wörtlein verloren, auf das der Geldschrank allein aufzuschließen war und das kurzweg »Liebe« heißt. Da steht denn so ein kalter eiserner Schrank wie ein Götze da, spricht nicht und hört nicht, geht nicht auf und ist akkurat wie sein Herr. Wo aber die Liebe fehlt, da schrumpft und schnurrt das Herz zusammen, wie ein Renettenapfel in der kalten Kammer. So ging's dem Großonkel. Er teilte unter seine Kinder sein Hab und Gut; hat ihnen aber wenig Segen gebracht. Er selbst wurde immer mürrischer und unleidiger. Das Geld aber der Kinder zerrann unter ihren Händen, und bei einem Bankerott ging die Hauptsache verloren. Es ist eben gar selten, daß man, wenn man so viel Geld erbt, nicht auch noch obendrein unversehens einen großen Kieselstein miterbt, der sich dort festsetzt, wo andere Leute das Herz haben.

Item: Mit dem Erben ist's so eine Sache und kann sich jeder dabei in Acht nehmen, daß ihm sein Herz keinen bösen Streich spielt. Darum verlaß dich nicht aufs Erben auf Erden, und fällt dir ein Erbe zu, so hänge das Herz nicht daran und denke an die beiden Onkels. Die haben dem Verfasser schon manchmal gute Dienste gethan.

Siebentes Kapitel

Die rote Jakobinermütze

Je älter der Verfasser wird, desto mehr kommt bei ihm ein altes Familienerbstück, zu seinem lebhaften Bedauern, in Vorschein, das zwar auch in andern Familien mit dem Alter sich findet, doch in besondrem Maß bei uns gepachtet zu sein scheint. Das ist die liebe »Vergeßlichkeit,« die mit der Zerstreutheit Geschwisterkind ist, und bei etlichen davon herkommt, daß sie keine Gedanken, und bei etlichen, daß sie ihrer zu viel haben. Hat doch des Vaters Geschwisterkind sich einmal fix und fertig gemacht, ein Kindlein zu taufen, und schritt schon mit dem Sammtbarett, den Bäffchen und der Agende ein gut Stück in der Straße daher, als die Leute verwundert stehen blieben und ihn so merkwürdig grüßten, bis es ihm selber auffiel und er sich prüfte, ob er denn etwas an sich habe, das nicht ganz kanonisch sei. Plötzlich jagt seine liebe Frau besorgt hinter ihrem Eheherrn her und ruft: »Wilhelm, Wilhelm! ums Himmels willen, du hast ja deinen roten Schlafrock an.« Worüber er freilich über die Maßen erschrak, denn er war der festen Zuversicht gewesen, den schwarzen Chorrock anzuziehen, als er in den roten Schlafrock fuhr. Und noch peinlicher ist's dem Onkel in Baiern gegangen, der am Schluß einer Dekanatsvisitation; als Visitator fungierend, seinen Namen unterzeichnen sollte. Aber so viel er sich besann, er konnte nicht auf seinen eigenen Namen kommen, und mußte zuletzt sich entschließen, die bittere Frage an seinen Nachbar zu thun: »Um Vergebung, Herr Bruder – 's ist mir entsetzlich leid, aber es ist mir total abhanden gekommen, sagen Sie mir doch schnell ins Ohr, wie ich heiße.« Worauf der Herr Bruder freilich ein sehr verwundert Gesicht gemacht und gesagt: »Sie sind ja der Herr Dekan so und so in so und so.« – »Richtig,« sagte der Onkel, »zu Gegendienst sehr verbunden.« Ob der »Herr Bruder« des Abends bei seiner Frau geschwiegen hat von dem, was dem Herrn Dekan passierte, oder mit ihr ausgemacht, daß es bei ihm im Oberstüblein nicht ganz richtig sei, weiß ich nicht. Ebenso ist's des Verfassers seligem Vater ergangen, der zur Audienz ins Schloß befohlen war, und im Frack und weißer Weste ruhig dahin wanderte. Aber in der Audienz wandelte ihn das Nießen an, und er griff in die Fracktasche nach dem Schnupftüchlein, und zog's schnell heraus – da war's aber sein Farbenlumpen, an dem er alle seine Pinsel ausgeputzt hatte, der nun in mehr als in den Regenbogenfarben strahlte. Den hatte er für sein seidenes Sacktuch angesehen; und nun erfüllte zu seinem Schrecken der Duft des Öls und Terpentins das fürstliche Zimmer. Der freundliche Fürst aber lachte und sagte: »Ei, lieber Direktor, was haben Sie für ein neumodisch parfümiertes Taschentuch!« Was Wunder, wenn auch an den Verfasser jetzt dies Erbstück kommt. Aber dafür, daß er vergißt, was gestern war, fällt ihm um so mehr ein, was vor zwanzig bis dreißig Jahren sich zugetragen, und kommen ihm Dinge in den Sinn, die er längst nicht mehr wußte. So geht denn seine erste Erinnerung nach der lieben »wunderschönen« Stadt Straßburg im Elsaß, allwo seine Großmutter mütterlicherseits in der Elisabethengasse wohnte, und in der alten Dauphinsgasse seine Tante und Onkel mit ihrer Herde Buben und der einen teuren Schwester, die wie die Lilie unter diesen Dörnlein war. Darum habe ich die Stadt von Herzen lieb, und nun um so mehr, als keine Rothosen mehr darin herumlaufen und ein deutsches Herz erröten machen, und so oft ich dort bin, fällt mir ein neues Stück der alten Zeit wieder ein. Die große Glocke im Münster, die das Abendläuten besorgt, ist gerade noch so tief und voll, wie anno 1832, wo sie dem Büblein so traurig ins Ohr läutete, weil die Großmutter sagte, das sei die Nachtglocke, da müsse jedermann nach Hause gehen, sonst würden die Thore zugemacht. Aber es läutete aus und die Mutter war noch nicht da, sondern noch drüben in Kehl, und das Büblein wollte sich nicht trösten lassen und meinte die Mutter sein Lebetage nicht mehr sehen zu dürfen.

Das Haus aber in der Dauphinsgasse, das alte – jetzt neu gebaut, und Nr. 16 in der Austerlitzergasse, – war so ein rechtes Haus für das Kindervolk. Zwar etwas eng und hoch in die Luft gebaut, und winkelig, aber Versteckens konnte man da drin spielen und »Räuberles,« daß es eine Art hatte. Da gingen allerhand geheime Hintertreppen herauf und herunter, da gab's so düstre Gänglein und kleine Erker – und unten im Hof Sirupfässer, die man mit einem Nagelbohrer anzapfen konnte, und große Säcke mit Mandeln, die ein »zufälliges« Loch hatten, da man hineingreifen konnte; denn der Onkel war Kaufmann – kurz, wenn man sich eine Herrlichkeit träumen konnte, so war's das alte Haus und die vielen Buben drin. Zwar die alten Ahnherrn der Familie, die auf den Gängen in Bildern hingen, schauten mit ihren Perücken und scharlachroten Röcken sehr ernst und warnend drein, wenn wir so durchrasten, als wollten sie sagen: »Ach, wo ist die gute alte Zeit hin.« Nur hinauf in den vierten Stock getraute sich keiner, weil dort die Tante Grethel wohnte, die einen höchst bösartigen Mops und eine scharfe Zunge hatte. Beim Spiel aber wurde nicht wählerisch mit den Kästen des Onkels und der Tante umgegangen; jeder bat und suchte sich ein Kostüm aus, das ihm eben paßte und ihm ein recht grimmiges Aussehen gab. Da gab's noch einen alten großblumigten Hochzeitsrock von der Großtante, und einen Spitzdegen vom Großonkel, der seiner Zeit im großen Rat saß; einmal aber kamen wir hinter eine Reliquie bei solchen antiquarischen Forschungen, die uns eine gehörige Vorlesung zuzog.

Es sollte wieder ein Aufzug stattfinden auf dem großen obersten Speicher; das großblumigte Kleid der Tante, die Allongeperücke und der Stoßdegen des Onkels figurierten wieder bei dieser Gelegenheit, da kam auch einer in einer blutroten Mütze, die oben am Zipfel eingebogen war, herein gesprungen. Wir waren mitten im Spiel und guter Dinge, plötzlich erschien der Onkel und erblickte auch den Rotmützigen unter uns. Hatte er bisher gelacht, so wurde er jetzt doch ernst und sagte: »Halt, Kinder, das geht doch über den Spaß.« Wir stellten uns um ihn, der Rotmützige mußte die Mütze hergeben und der Onkel begann: »Ihr lieben Kinder, ihr spielt hier mit einem ernsten Spielzeug und wißt nicht, was es ist. Ihr müßt gut gesucht haben, um sie zu finden. Denkt, im vorigen Jahrhundert anno 93, da noch keins von euch auf der Welt war, war's schlimme Zeit in Frankreich. Dem König hatten sie den Prozeß gemacht, und der Königin auch, und sie wurden beide enthauptet in Paris, und nach ihnen viele Tausende vom Adel und der Geistlichkeit, und keiner war sicher, wie lang ihm der Kopf noch zwischen den Schultern saß. Denn wenn man angezeigt wurde als ein Königsfreund, dann war's um einen geschehen. Und das war nicht bloß in Paris so, sondern auch hier in Straßburg. Denkt euch, da kam ein Mann, mit Namen Eulogius Schneider, der früher Hofprediger des Herzogs von Württemberg war, und später Bürgermeister in Hagenau, der hatte Befehl, im Elsaß alles umzubringen, was verdächtig schien und nicht mit der neuen Freiheit halten wollte. Und der zog mit der Guillotine (das ist so eine Maschine, mit der man den Leuten schnell den Kopf heruntermacht) von Ort zu Ort, und schonte weder Männer noch Frauen, und nicht Alter noch Jugend. Alles floh vor ihm vor Entsetzen, und so kam er auch mit seiner Maschine nach Straßburg. Und wo meint ihr, daß er gewohnt hat, dieser Tiger? Meint ihr etwa im Mordbrennergässel? oder im Tannenzapfengässel? oder im Finkwiller? Nein, hier in der Dauphinsgasse – gerade deswegen, weil sie Dauphinsgasse heißt – hier in unserem Haus, bei dem Großvater, hat er sich einlogiert, weil ihm das Haus gefallen hat, und der Großvater mußte ihn einziehen lassen, und war Tag und Nacht seines Lebens nicht sicher. Den ganzen Tag ging's mit Blutbriefen aus und ein, und die Leute verklagten einander, und der Eulogius ließ den Großvater scharf bewachen, und des Nachts sein Zimmer umstellen, weil er Angst hatte, von ihm umgebracht zu werden. Alle Freiheitsmänner haben solche rote Mützen getragen, und wer keine trug, war auch kein rechter Freiheitsmann. Aber der Eulogius war so hochmütig geworden, daß er sich von Paris nichts mehr sagen ließ. Das ließen sich aber die Herren dort nicht gefallen und so kamen im Dezember 1793, nachts, eine Menge Soldaten ins Haus, die griffen und banden ihn, und schleppten ihn mir nichts, dir nichts nach Paris und machten ihm dort ohne weiteres den Kopf herunter. Und seht diese Mütze, das ist die des schrecklichen Eulogius Schneider, die hat er aufgehabt, wenn er den armen Leuten den Kopf heruntermachen ließ, und die fand sich noch, als er so Hals über Kopf aus dem Hause mußte, als Andenken an die schrecklichen Tage, und seitdem ist sie immer gut verwahrt worden, zum Gedächtnis daß der liebe Gott den Großvater behütet hat. Darum weiß ich nicht, wie ihr dahinter gekommen seid, und muß sie wieder aufheben und einschließen.«

Wir hatten schon lange mit Grausen zugehört auf dem Speicher, und hätten die rote Mütze um keinen Preis mehr angegriffen, denn es gruselte uns davor und jeder meinte, es seien Blutflecken dran. – In spätern Jahren hat der Verfasser die rote Mütze noch oft gesehen, und hatte derweilen Geschichte studiert, und verstand darum jetzt erst recht die geheimnisvolle Rede des Onkels. So spielt oft das Kind mit Dingen, deren Schrecken es nicht ahnt, und erfährt oft erst hintennach, welch gefährlich Spielzeug es in der Hand gehabt, wie jenes Kind in Indien, das am heißen Nachmittage spielte, und den Besuch eines Tigers erhielt. Das Tier spielte mit dem Kinde und entfernte sich, als es Geräusch hörte. Die Mutter kam herein. »Aber Mutter, eben war einmal eine schöne, große Katze da,« rief das Kind. Die Mutter sah aber den Tiger noch zum Garten hinausschleichen. Des lieben Gottes Schutzleute leben ja noch.

Wir hatten auch nicht gewußt, daß wir mit einem Tigerzeug gespielt hatten!

Achtes Kapitel

Aus des Vaters Skizzenbuch

Von der edeln Musika ist wohl bekannt, daß sie nicht bloß die Menschenkinder entzückt und mild gemacht hat, sondern auch die Tiere bezwungen. Hat doch weiland Arion so schön gesungen, daß die Delphine ihm nachgeschwommen, und dem Orpheus sogar die Blumen und Bäume gefolgt sind, so ist's auch kein Wunder, wenn, laut Emanuel Geibel, jener Musikant am Nilstrand sich durch seine Geige von dem grausen Krokodil losgegeigt hat, das eben daran war, ihn zum Frühstück zu verschlingen. Wie gesagt, das begreift sich, denn es ist so ein eigen Ding um die Musika, und die geneigte Leserin hat's vielleicht auch schon erfahren, daß die sanften Töne einen Löwen bezwingen können. Denn es sitzt oft sogar im Herzen eines gebildeten Fräuleins, das alle hohen Schulen besucht hat und zwei Jahre in Pension war, und vielleicht noch ein halbes drüber, damit alles gut genäht sei – ich sage, selbst in solch einem Herzen findet sich noch zuweilen ein Wüstenkönig, der mit seinem Gebrüll das ganze Haus füllt, und unter deutschen Brüdern »ira vulgaris« oder »Zorn« heißt. Da ist's auch schon geschehen, daß ein solcher ist zum Schweigen gebracht worden durch die Musika. Aber daß auch die Zeichenkunst solche Gewalt ausüben kann auf wilde Menschen, das ist doch ein seltenes Ding. Dem seligen Vater ist aber solches passiert, und in seinem Skizzenbuch findet sich noch eine kleine Andeutung davon; wenn auch gleich das Beste in den Klauen der wilden Leute geblieben ist. – In dem schönen Land Italia, wo die Apfelsinen und Zitronen wild wachsen, und jeder sich, auch ohne Verdienste, einen dicken Lorbeerkranz umsonst um die Stirne winden kann, ist's von jeher nicht ganz geheuer gewesen. Denn hinter manchem Lorbeerbaum sitzt ein Männlein mit spitzigem Hut und bunten Bändern und einer roten Hahnenfeder, die nichts Gutes bedeutet. Kommt einer des Wegs daher und brummt so vor sich hin: »Kennst du das Land, wo die Zitronen blühen« – da springt einmal das Männlein vor und hält die Pistole in der einen Hand und in der andern ein geschliffenes Messer und läßt einem die Wahl zwischen beidem, oder es gilt die Barschaft und vielleicht noch mehr. Denn mit der Polizei ist's nicht gerade am besten bestellt. Ob sich's unter dem »König Ehrenmann« gebessert hat, das will der Verfasser hoffen, aber solch ein Herr kann auch nicht alles thun; aber die schlimmsten Kinder hatte doch der »heilige Vater« in Rom, die ihm viel Kreuz machten. Denn die haben nicht bloß dem Verfasser in Santa Maria Maggiore seiner Zeit seine schöne Zigarrentasche und ein seidenes Schnupftuch, und seinem Freunde die Uhr und die Hälfte seines schönen künstlichen Gebisses gestohlen, sondern hätten beinahe einmal selbst den Papst gefangen, um ihn gegen ein großes Lösegeld der Christenheit wieder frei zu lassen. Sie beten zur Madonna um einen guten Fang, wie die Fischer den heil. Antonius bitten, und finden das ganz in der Ordnung, wenn ihnen dann ein hochbepackter, englischer Reisewagen mit einem reichen Lord und einer durchsichtigen Lördin und ein paar boy's und baby's drinnen, so ungefähr in Sicht kommt. Dabei sind sie aber galant und schneiden nicht gleich die Kehle ab, sondern bieten den Damen den Arm beim Aussteigen und bitten nur still zu halten und nicht zu zucken, bis die Diebsoperation glücklich beendigt ist, und helfen wieder in den Wagen und wünschen glückliche Reise. Das kann einem auch nebenbei passieren in Italien. Drum ist's am besten, man geht bescheidentlich einher und hängt nicht viel um sich und an sich, was die Augen locken könnte und rappelt nicht viel im Sack mit seinem Geld.

Es war in den Jahren 1813-16, wo's besonders schlimm aussah, weil noch viel Kriegsgesindel sich herum trieb, daß der selige Vater, von dem in der Familienchronik schon erzählt worden ist, als Maler nach Land Italia ging. Damals ist man noch nicht mit dem Eilzug durch die Welt gefahren, wobei man nichts sieht als Stationsvorsteher und Kondukteure und ein paar Türme von der Stadt, sondern es ging meist mit dem Vetturino oder zu Fuß. Hoch droben in Taormina, im Sizilianischen, hatten drei Maler sich bei den Patres in einem Kloster einlogiert, von denen der eine der selige Vater war. Jeder von den dreien ging seinen Weg, denn keiner wollte dem andern die Natur vor der Nase wegstehlen, daher kam's auch, daß der Vater allein einmal einen Waldweg, zwei Stunden weit vom Kloster weg, einschlug. Die Partie wurde immer wilder und anziehender, und wenn er dachte, hier willst du jetzt den Spieß feststecken und den Feldstuhl aufschlagen, so fand sich wieder eine Partie gleich ein paar Schritte weiter, die noch schöner war. So kam's, daß er unwillkürlich immer tiefer in den Wald hineingezogen ward. Endlich hatte er einen Platz gefunden, von dem er glaubte, hier ließe sich was Schönes aufs Papier bringen. Er stellte seinen Malerschirm zurecht samt seinem Feldstuhl und fing fleißig an zu zeichnen, denn die Sonne stand schon ziemlich hoch. Er mochte etwa zwei Stunden gezeichnet haben, als des Wegs ein hochgewachsener Mann in schwarzem Bart und langem Haar mit spitzem Hut daher kam. Er stellte sich vor den jungen Maler hin, als wollte er ihm den Schirm ersetzen. »Ach Freund,« rief der Maler, »Ihr seid nicht durchsichtig, wollt Ihr nicht etwas aus dem Lichte gehen.« Der junge Mann trat zur Seite und strich sich wohlgefällig seinen Bart und sagte dabei: »che bella testa,« das heißt auf deutsch: »Bin ich nicht ein Prachtexemplar von einem Kerl und habe einen Kopf wie weiland Apollo?« Lächelnd schaute ihn der Maler an und fand ihn wirklich nicht so übel. »Nun, so setzt Euch einmal dahin auf den Rasen, ich kann Euch gut brauchen in mein Bild, und nehmt Euch noch einen Schluck aus meiner Flasche. Die Sonne ist heiß und wenn Euer Hals so trocken ist als der meine, so haben wir einander nichts vorzuwerfen.« Der schwarze Mann ließ sich mit einer gewissen Grandezza auf dem Rasen nieder und trank mit feinen Gebärden den guten Wein des Malers, der ihm um so besser schmeckte, als er geschenkt war. Er gab seinem Kopf dann eine kühne, trotzige Haltung; der Maler fing an zu zeichnen, und wiewohl er Landschafts- und kein Porträtmaler war, gelang es ihm bald, den Mann richtig aufzufassen. Unter dem Zeichnen wurde viel gesprochen und erzählt, und der Italiener wurde ziemlich zutraulich. Nach einer Stunde stand er auf, das Bild war fertig und mit einem gewissen Behagen schaute der schwarzhaarige Apollo sein wohlgelungenes Conterfei.

»Das habt Ihr gut gemacht, Maler, so bin ich. Stolz und kühn, und wenn Ihr wollt, voll Rache gegen die Menschheit!«

»Nun denn, ich danke Euch,« antwortete etwas befangen der Maler, »Ihr seid ein interessanter Kopf. Wißt Ihr mir denn aber kein Wirtshaus hier in der Nähe? Ihr habt Euch meinen Wein schmecken lassen, wie ich sehe, aber ich bin durstig geworden.«

»O ja – geht nur noch eine Viertelstunde tiefer in den Wald, da kommt Ihr an einen Kreuzweg, wo ein Madonnenbild am Baume hängt, dann habt Ihr noch fünf Minuten und Ihr seid an einer grünen Osteria, da wird Euch der Wein schmecken.«

Nachdem der Maler sein Bild fertig hatte, dachte, er dran, sich um seines Fleißes willen zu belohnen, und schlug den Weg nach der grünen Osteria, d.h. der Schenke ein. Die Madonna am Baum war bald gefunden, das Öllämplein brannte darunter; mitten im Walde eine kleine Kapelle, von Menschenhänden gepflegt. Bald darauf fand sich auch die Osteria. Ein nackter, kleiner Knabe saß zu den Füßen einer alten, zitrongelben Frau, die mütterlich auf den Kleinen herunterschaute, indem auf dem harten Lehmboden die Spindel tanzte.

»Ein Fremder,« rief der Junge plötzlich. Die Alte schaute auf, und schnell zog sie aus dem Überschlagtuch ein Pfeifchen, sie pfiff, und ein gellender Ton ging durch den Wald hin. Der Maler stutzte.

»Nun ich thue Euch kein Leid, Ihr braucht nicht Hilfe zu rufen, Mutter,« rief der Maler. »Habt Ihr Wein, so bringt eine Fogliette vom Besten, und wenn Ihr nichts Bessres habt, so gebt einen Ziegenkäs.«

»Wir sind kein Wirtshaus hier,« murmelte die Alte. »Doch wenn Ihr Geld habt, so könnt Ihr immer noch einen Schluck Orvieto kriegen.«

»Gebt nur her, was Ihr habt. Einem Durstigen schmeckt alles gut, und wenn's auch nur Wasser wäre.«

Die Alte ging durch die Kammer, während des der Maler mit dem Knaben zu spielen anfing.

»Peppo und Angelo und Domenico sind auch hier,« sagte der Kleine, »die kommen gleich, weil Großmutter gepfiffen hat.«

»So,« sagte der Maler, »wo sind die?«

»Weißt du das nicht? Die sind weiter unten in der Erde. Die haben Messer und Säbel und Flinten.«

Eben kam die Alte aus der Nebenkammer mit einer Strohflasche Wein, und hinter ihr streckte sich der Kopf eines hageren, etwas verwilderten Menschen hervor.

»Sieh, das ist Peppo, der hat ein langes Messer,« rief wieder der Kleine. Die Alte fuhr ihm schnell über den Mund. Aber der Kleine sprach gleich weiter: »Er bringt dich aber nicht um, wenn du Geld hast.«

Dem Maler wird's allmählich nicht ganz heimlich bei der Rede; die Alte nahm den Kleinen und warf ihn ziemlich unsanft vor die Hütte hinaus. Der Maler labte sich derweilen, der Hagere setzte sich zu ihm, und nachdem er mit ihm getrunken, sagte er: »Wollt Ihr nicht einmal, Signore, unsere Hütte sehen, die wird Euch gefallen.»

Das Wort war in einem so scharfen, bestimmten Ton gesprochen, daß nicht gut an ein Nein-sagen zu denken war. Der Maler folgte. Er ging durch ein paar Treppen hinunter, wieder ein leiser Pfiff und sie standen in einem ziemlich geräumigen Saal. Der Maler sah bald an den Wänden, in welcher Gesellschaft er sich befand. Flinten und Pistolen und Säbel hingen in ziemlicher Zahl da, und an einem runden, steinernen Tische saßen etwa sechs starke Männer. –

»Ein Besuch,« riefen sie aus einem Munde, »ein blutjunges Bürschchen, wo hast du den gefunden –?«

»Er ist oben bei Mutter Angelika gewesen, er muß sich im Walde verirrt haben.«

»Kommt, setzt Euch und sagt einmal, wer Ihr seid und woher Ihr kommt.« Der Maler erzählte denn so gut es ging in aller Unbefangenheit, daß er ein deutscher Maler sei, und jetzt droben im Kloster wohne, und hier im Walde gezeichnet habe, von wo er gekommen, sich den Durst zu löschen, sie möchten ihn nicht weiter aufhalten, denn die Sonne sei bald am Scheiden und er müsse heim, sonst zanke der Guardian.«

»Ihr wohnt im Kloster also,« frug einer der Leute, »warum setzt Ihr Euch denn so hoch da hinauf, »habt Ihr denn kein Geld, daß Ihr in der Stadt leben könnt?«

»Wenn ich so viel Scudi romani in meinem Beutel hätte, als Farben in meiner Schachtel, da wäre ich ein reicher Mann.«

»Ihr seid also kein Engländer,« replizierte ein anderer, »kein Muttersöhnchen, nichts von alledem?«

»Nein, das bin ich nicht, aber das brauch ich auch nicht zu sein. Die Zwiebelsuppe bei den Patribus ist zwar etwas dünn, und der Fasttage sind auch viel, und dem Guardian sein Orvieto ist auch keiner vom feinsten – aber das ist alles genug, wenn man zufrieden ist und sein Handwerk versteht.«

»Benissime,« sagte einer, »aber Geld haben ist noch besser. Zeigt einmal euren Beutel her.«

Der Maler zog ihn hervor. Er sah allerdings aus, wie wenn er stark an der Schwindsucht litte. Die Leute befühlten ihn fachmäßig und legten ihn einstweilen weg.

»Ihr versteht Euer Handwerk, habt Ihr gesagt, zeigt einmal her, was Ihr in Eurem Buche habt. Auch ich bin ein Maler,« sagte der erste lachend.

Der Maler wollte schon ärgerlich werden über den Witz und sich zum Aufbrechen fertig machen, als die Leute alle aufsprangen und ihn umringten.

»Nein, nicht so schnell, Signore, Ihr habt nichts zu pressieren. Gefällt es Euch denn nicht bei uns? Ist unser Orvieto nicht besser als der vom Guardian? Wo glaubt Ihr denn, daß Ihr seid?«

»Nun, in der Osteria am Kreuzweg, denke ich.«

Jetzt merkte der Maler völlig wo's hinaus wollte. Er gab sich willig drein, sich in der Räubergesellschaft zu befinden, und, da er nichts von Wert auf sich hatte, entweder durch ein hohes Lösegeld von seiten der Freunde losgekauft oder totgeschossen zu werden. Denn vor kurzem war das einem Bekannten begegnet, der in eine ähnliche Mördergrube gefallen war. »Schreibt an Eure Freunde: 10000 Scudi sind nicht zu viel für mich und kauft mich los, sonst werde ich in acht Tagen des Morgens in der Frühe erschossen,« so hatte ihm der Hauptmann in die Feder diktiert, und alle Tage seinen spitzen Hut vor sich hingelegt mit dem Madonnabilde drauf und knieend die Madonna gebeten, sie möge doch die Freunde bewegen, 10000 Scudi romani zu schaffen, damit er nicht in die Lage käme, den armen, unschuldigen Menschen totschießen zu müssen. »Madonna kann alles,« sagte er zu dem Fremden, »betet Ihr auch, daß sie Euch hilft, es thut mir so leid Euch totschießen zu müssen.« So war er täglich um sein Opfer herumgegangen, bis endlich eine Abschlagssumme erschien, die von dem Hauptmann acceptiert wurde. Diese Geschichte war unserem Maler noch in frischem Gedächtnis, und er zweifelte gar nicht, daß es ihm nicht um ein Haar besser gehen würde. – Sein Skizzenbuch wurde indes herbeigeholt; neugierig schauten die kunstverständigen Rinaldinis hinein und bewunderten pflichtschuldigst die Bäume, das Kloster und was alles drin aufgenommen war. Endlich kam das letzte Blatt. Da fuhr aus allen Kehlen ein Schrei! »Ecco! Ecco! Bartolo!« Was zu deutsch heißt: »Das ist der leibhaftige Bartolo, ganz wie er leibt und lebt.«

»Habt Ihr unsern Bartolo gesehen?« frugen sie.

»Ja, wenn das Euer Bartolo ist, dann habe ich ihn gesehen.«

»Und er hat Euch kein Leids gethan, Euch Euer Geld nicht genommen?«

»Gewiß nicht, Bartolo ist der beste Mensch gewesen mit mir im Walde. Er hat mir gesessen und er hat aus meiner Flasche getrunken und mich hierher rekommandiert.«

»Wenn Bartolo dir kein Leids gethan, dann soll dir auch nichts geschehen. Bartolo ist unser Hauptmann. Er schneidet niemand die Kehle ab, außer wenn es ganz not ist. Du hast ihn gut getroffen, und das Bild behalten wir.«

»Angelica,« riefen sie, »Herzensmütterchen! komm und siehe deinen Bartolo!« Sie holten die Alte und auch der kleine Knabe kam wieder hergekrochen und erkannte Bartolo sogleich.

»Nein, einen solchen Maler darf man nicht umbringen, das wäre schade für die Kunst. Wißt Ihr was, Signore – wir wollen Bartolo eine Freude machen. Hier setzen wir uns her, und Ihr zeichnet uns alle, wie wir sind, so gut wie Bartolo, um kein Haar besser und um keines schlechter, und dann seid Ihr frei.«

Da seufzte doch der Maler im stillen zu seinem Gott im Himmel, er solle jetzt aus ihm, dem Landschaftsmaler, einen Porträtmaler machen. Er nahm eine frische Seite, die Kerle kauerten sich alle in der malerischsten, kühnsten Lage um ihn herum, und er fing an sie nach der Reihe zu porträtieren. Sie schielten ihm viel übers Papier hinein, ob's auch richtig würde, aber die Hauptsache war ihnen der spitze Hut und die Bänder dran und der Bart recht natürlich und der Säbel, wie's einem Rekruten in der Garnison geht, wenn er nach ein paar Wochen »für seine lieben Angehörigen« sich photographieren läßt, wo die Hauptsache ist, daß die Husarenmütze und der Dolman, die Tasche und der Säbel alles richtig, rot und blau und gelb auf das Papier kommt, und noch vielleicht hinzusetzt »das Gesicht braucht nicht gerade so arg gut getroffen zu sein.«

So war's da auch, und als noch die Farben drauf kamen und alles so rot und schwarz, grün und blau durch einander ging, da waren sie's völlig zufrieden. Dem Maler standen freilich die Tropfen auf der Stirne über seinem Werk. Er schnitt ihnen die Seite heraus und die Leute tanzten vor Vergnügen in dem unterirdischen Keller herum. Der eine holte das kleine Beutelchen, das sie ihm genommen, und gab's ihm zurück, der andere holte noch eine Flasche Orvieto und zuletzt begleiteten sie ihn bis vor den Wald hinaus, von wo er nicht mehr so weit zum Kloster hatte.

Der Mond stieg schon voll über den Gebirgen herauf, als der Maler am Pförtlein läutete und der Guardian ihn einließ. Des Abends aber, als man zusammensaß im Refektorium und die magere Zwiebelsuppe serviert wurde mit ein paar Brotrinden, erzählte der Maler, was ihm begegnet. Die Mönche hörten entsetzt zu.

»Habt Ihr, Signor Carlo, das Bild des Bartolo nicht mehr?« fragte der Prior.

»Nein, das haben sie mir genommen.« »Könnt Ihr nicht aus dem Gedächtnis ihn zeichnen?« »Ich will's versuchen, wenn Ihr Geduld habt.« Es dauerte nicht lange, da war die leichte Skizze fertig. Das Bild des Mannes war dem Maler tief in der Erinnerung geblieben.

Die Mönche schauten drein, als aber das Bild fertig war und in die Hand des Priors kam, da wandte er sich weg und weinte laut. Der Maler wußte nicht wie ihm geschah und fragte, was ihn so bewege.

»Ich werde es dir später sagen, mein Sohn,« seufzte der Prior. »Laßt mich zur Kirche gehen und für seine Seele beten. Madonna hat dich und ihn behütet.«

Der Maler schaute staunend den Prior an; unter den Brüdern und Künstlern ward's still im Refektorium, als ihr Prior langsamen Schrittes hinausging. Der Maler wußte, wem er seine Rettung zu danken hatte, aber um den Prior that's ihm leid, denn sein Gesicht war so schmerzlich und wehmütig. So hatte er ihn noch nicht gesehen.

Im Skizzenbuch findet sich aber noch die »bella testa« des Bartolo, mit leichten Farben. –

Neuntes Kapitel

Eine Geschichte vom sel. Graßherzog Leopold von Baden, einem Künstler, einem Waisenkind und meinem Vater

»Fern vom Jupiter, ist weit vom Blitz,« das ist ein alt lateinisch Sprichwort, und will dasselbe sagen, was ein König einst, der von der Sache zu reden wußte, auf hebräisch gesagt hat: »Dränge dich nicht in der Könige Häuser.« Denn die so hoch steigen, können auch tief fallen, und der Boden dort ist nicht allein deswegen so glatt, weil die Wichse von der besten Qualität ist.

Aber es ist nicht ein Hof wie der andere; und auch nicht ein Fürst wie der andere, und zudem: wer Amt und Beruf hat an Hof zu gehen, soll's nur wagen und gedenken, daß ein Daniel auch seiner Zeit Page beim Könige Nebukadnezar war und sich samt seinen Freunden untadelich dort gehalten hat. Der Verfasser hat's auch schon erfahren, daß die Leute, je höher hinauf, desto freundlicher werden, und hat's lieber mit dem Fürsten selbst zu thun, als mit seinen Herren Troßbuben im fürstlichen Stalle. Gab's aber einen Fürsten, bei dem's einem wohl ward ob seiner Menschenfreundlichkeit und Güte, so war's der sel. Großherzog Leopold von Baden, und ist dem Verfasser heute noch eine Freude, daß ihn der sel. Herr einmal als Kind auf dem Arm getragen hat, (wiewohl die Sache jetzt schon seit beinahe vierzig Jahren im Prozesse liegt, da der jüngere Bruder steif und fest meint, ihm sei diese Ehre widerfahren). Des Vaters Amt und Beruf führte ihn oft mit dem sel. Herrn zusammen, wenn es galt Bilder zu kaufen, Künstler zu unterstützen und den Kunstsinn des Volkes zu heben. Denn die schöne Kunsthalle zu Karlsruhe, die sich sehen lassen darf neben den besten dieser Art, ist des sel. Großherzogs Werk, wobei ihm der Vater hilfreichen Dienst that.

Da kam denn einst an einem Tag ein großes, schönes Bild an, von einem tüchtigen Meister. Der Großherzog war davon benachrichtigt und wollte sich's ansehen. Er kam und das Bild gefiel ihm über die Maßen und auch der ziemlich hohe Preis war ihm nicht zu hoch, es sollte für die Sammlung angekauft und mit dem Künstler unterhandelt werden, ehe der Kauf abgeschlossen würde. Der Vater schrieb voller Freude über das schöne Bild an den Künstler und wie er glaube, daß wohl nicht viel fehle, daß es angekauft würde, denn dem gnädigsten Herrn habe es sehr wohl gefallen. Da – nach etwa vier Tagen kommt ein Befehl vom Großherzog: »Schicken Sie das Bild an den Meister zurück, ich kann es jetzt nicht brauchen, will aber später an den Maler denken. – Schreiben Sie ihm in Ihrem Namen freundlich, es thue mir leid es ihm abzuschlagen.« Das war ein Schlag für beide, für den Direktor wie für den Maler; und der Brief, den der Vater schrieb, konnte trotz aller Verzuckerung, doch die bittre Pille nicht ganz überzuckern. Und der Maler wurde böse, nicht auf den Großherzog, sondern auf andere Leute, die ganz unschuldig waren, zu denen unter anderen der Vater gehörte. Denn der wußte selbst nicht wie das so gekommen, da kein Grund angegeben war, ließ aber die Sache ruhig auf sich sitzen, und dachte: du thust es ja gerne um deines Fürsten willen, der hat ohnehin genug zu tragen. Der Vater hatte sich aber Kopie genommen von seinem Brief und auch von dem seines Herrn, um bei späterer Zeit wieder an den Maler zu erinnern.

Jahre gingen drüber hin, ohne daß je wieder von dem Bilde die Rede gewesen und ohne daß der Vater erfahren, woher die plötzliche Absage gekommen. Da kam er einmal ins Kloster Lichtenthal, wo im Klosterhof jenes Waisenhaus steht, das der wohlthätige Stulz, der als armer Schneider von Lahr nach England gewandert und als Millionär gestorben ist, gestiftet hat. Er besuchte dort den Waisenvater und ließ sich auch die Kinder zeigen, die just am Essen waren. Da saßen auch zwei Kinder zusammen, Brüderlein und Schwesterlein, die Vater und Mutter verloren, die hielten sich umschlungen. Der Vater sagte: »die haben einander wohl recht lieb,« Der Verwalter lächelte und sagte: »ja, das ist wahr. Die Kleine da hat ihren Bruder losgebettelt.«

»Wie so?« frug der Vater.

»Ja,« sagte der Hausvater, »das ist eine eigene Geschichte, da kann man sehen, was die Liebe thut. Da, dies Mädchen ist, als die Eltern starben, hier im Waisenhaus in die letzte Freistelle aufgenommen worden. Aber für den Bruder hat's nicht mehr gelangt, und so ist er von Gemeindswegen untergebracht worden in seiner Heimat, im Schwarzwald. Aber das Mädchen konnte von dem Bruder nicht lassen und weinte immer und fiel uns ganz vom Fleisch und von der Kraft. Da ist vor ein paar Jahren einmal der Großherzog Leopold vom Ebersteiner Schlößlein herunter gefahren gekommen, und hat auch das Waisenhaus besucht, und wie er in den Saal kommt, wo das kleine, siebenjährige Ding war, und so freundlich mit den Kindern spricht, da kriegt das kleine Ding plötzlich einen Mut und rückt auf den gnädigen Herrn zu und greift ihn an der Hand und sagt: »Ach, wenn du nur machen thätst, daß mein Bruder auch daher kommt!« Der Großherzog fragt, wie sich denn das verhalte und ich sagte ihm, es sei eben kein Geld mehr dagewesen für den Bruder, Raum sei wohl noch da, aber das Geld sei die Hauptsache. Dem gnädigsten Herrn ist's aber zu Herzen gegangen, wie er das Kind so weinen sah und er frug mich, wie viel es denn kostete! »Ja,« sagte ich, »gnädigster Herr, sag ich, das ist halt teuer, das kostet so und so viel.« Der Großherzog sagt: »Ja das ist freilich viel, denn das geht über die Tausend,« und reibt sich dann an der Stirn und dreht sich nach einer Weile um zu dem kleinen Ding und sagt: »mußt nicht weinen, dein Bruder kommt zu dir,« und zu mir sagte er: »Verwalter, schreiben Sie, daß der Bruder kommt, ich werde die Stelle bezahlen.« Und seit der Zeit haben wir die Zwei. Sehen Sie, so ist's gegangen, das ist gar ein guter Herr, der hat's dem Kind nicht abschlagen können.«

Der Vater hatte schon beim letzten Satz nicht mehr recht zugehört, sondern sich erstaunt an die Stirne gegriffen, als er die Zahl hörte; es war ihm, als habe er die schon einmal gehört und that drum wie der Königische bei seinen Knechten über seinem Kinde, und forschte von dem Verwalter Jahr und Tag, an dem der Brief fortgegangen war. Das fand sich auch bald in dem täglichen Hausbuch. Der Vater notierte sich's. Und als er wieder von der Reise kam, verglich er's mit jenem Absagebrief, da stimmte das auf Jahr und Datum und kam der Brief von Eberstein damals herunter, was jetzt dem Vater völlig begreiflich war. Nun wußte er warum das Bild wieder zurück sollte; akkurat so viel kostete die Aufnahme des armen Waisenkindes, und der sel. Großherzog dachte wohl: die zwei Waisengeschwister, wenn die einander wiedersehen und bei einander sitzen, das ist doch ein Bild, wie's kein Maler hinbringt!

Jener Maler aber war doch nicht zu kurz gekommen, denn nach nicht zu langer Zeit wurde ihm ein anderes Bild vom Großherzog abgekauft. Als aber der Vater den Zusammenhang erfuhr, schrieb er dem Maler, und als der das hörte, schrieb er zurück: Nun freue er sich erst recht, daß ihm das erste Bild nicht abgekauft sei, und hinten nach kam auch so was von einer Abbitte von wegen falschem Verdacht. Denn wessen Wege Gott gefallen, mit dem macht er auch seine Feinde zufrieden, und wer ein wenig warten kann in dieser Welt und nicht immer sich selbst verteidigt, den rechtfertigt zuletzt der liebe Gott selber. Und wenn der das thut, giebt's immer ein Stück.

Dem Vater aber war die Geschichte teuer wert, denn er hatte da in seines Fürsten Herz einen Blick gethan, den andere nicht gesehen, und hat's lange bei sich behalten, wie ein liebes Vermächtnis von seinem Großherzog, dem er lange nachgetrauert hat. Kurz aber vor seinem eigenen Tode hat er's dem Verfasser noch erzählt, und der hat's neun Jahre liegen lassen und niemand was davon gesagt, darf's aber jetzt sagen, wo die beiden droben in der Ewigkeit sind, zum Exempel, wie man die linke Hand nicht wissen lassen solle, was die rechte thut, und daß es auch noch Fürsten giebt, die keinen Blitz in der Hand haben in der Höhe, auf der sie stehen, sondern wie die milde Sonne sind, die von der Höhe herunter auch auf ein kleines und verwaistes Blümlein wärmend und tröstend schaut.

Zehntes Kapitel

Des Vaters Rosenkranz

Derweilen der geneigte Leser die Geschichte des sel. Großherzogs gelesen, ist aber der Prior aus seiner Kapelle wieder herausgetreten in den großen weiten Klostergarten und hat sich die Thränen getrocknet, die ihm das Bild in des Malers Skizzenbuch ausgepreßt. Warum er wohl geweint und ihn das flüchtige Bild so tief bewegt hat? Das hat der Maler auch erfahren, und des zum Zeugnis einen Rosenkranz mit nach Hause gebracht, den der Verfasser jetzt noch gut verwahrt, wenn er ihn auch nicht betet.

Der Maler hatte sich auf längere Zeit mit seinen Gefährten im Kloster einlogiert, weil dort die wundervollste Aussicht war. Der rauchende Ätna in der Ferne, das Meer zu den Füßen, und die Schluchten unten am Fuße des hochgebauten Klosters, die Stille da droben unter den schweigenden Brüdern, das alles war verlockend nebst dem, daß die Brüder nur um weniges die Maler beherbergten. Die Hitze war groß, und oft blieb nichts übrig, als den Brüdern nachzuahmen, die sich bloß mit der Kutte bekleidet, unten auf die kalten, steinernen Treppenstufen legten und wenn diese gewännt waren, wieder auf die zweite rutschten und so bis oben hinauf. Je länger aber die Maler blieben, desto mehr entspann sich ein Freundschaftsverhältnis zwischen ihnen und den Mönchen. Am Abend nach dem Bade im tiefen Bassin des Klostergartens zogen die Maler ins Refektorium zu den Brüdern, ihnen erzählend und zur Mandoline singend, worin der Vater gerade ein Meister war. Noch besitzt der Verfasser ein Bild, da der Vater unter den Mönchen in der Halle sitzt beim Mondenschein in der Fenstervertiefung: drunten erglänzt das Meer weit hinaus, an den Wänden auf den steinernen Bänken sitzen andächtig die Brüder und lauschen dem Klang der Mandoline. Der Vater war der jüngste unter den Malern, hatte ein zartes jungfräuliches Gesicht, so daß sie ihn oft scherzhaft, da er »Karl« hieß, nach dem berühmten Maler »Carlo dolce« nannten. Er war aller Liebling. Besonders hatte ihn aber der Prior ins Herz geschlossen, ein hoher Mann, in den kräftigsten Jahren, jünger als viele der Mönche, ein Mann mit ausdrucksvollem, aber unendlich schwermütigem Angesicht, dabei mit feinem und ritterlichem Wesen. Viel hatten die beiden in den Monaten ihres Zusammenseins verhandelt, und der Prior hatte sich wie an einen jüngeren Bruder an den Vater angeschlossen. Seit jenem Abend war der Prior noch schwermütiger geworden. Die Tage und Monde verliefen, der November kam und die Künstler mußten Skizzenbuch und Palette zusammenpacken, um noch vor den Stürmen hinüber nach Rom zu kommen.

Der Abschied kam. Die Künstler gaben den Mönchen ein Fest zum Danke für die erfahrene Liebe. Unten in dem Dörflein Spiagio, am Fuße des Klosters wurde für die Dorfgäste gekocht und gebacken, die Mönche aber zogen mit den Künstlern zu einer alten Kapelle, die an dem ausgetrockneten Bette eines im Winter reißenden Baches liegt. Hohe Gebüsche blütenüberfüllter Oleander umschatteten den weichen, reinen Silbersand. Nach alter Sitte hatten die Maler einen Hammel gekauft, der unter einer Oleanderlaube geschlachtet und am Spieß gebraten, und dessen Vließ unter den Anwesenden verlost ward. Rings umher brannten die Feuer unter den großen Kesseln mit Reis; dort waren Körbe mit Kuchen und Obst und runden Ziegenkäsen aufgehäuft. Die Gäste aus dem Dorfe waren allmählich auch herangekommen zur Mahlzeit. Aber ehe sie begann, zog die ganze Schar zur alten Kapelle. Die Männer hatten in ihren Bündeln ein schneeweißes, langes Hemd mitgebracht mit rotem Gürtel, die Frauen trugen weiße Schleier, in die sie vom Haupt bis zu den Füßen gehüllt waren. – Ein einfacher, melancholischer Wechselgesang ertönte von drinnen und draußen in der Kapelle, der Prior trat an die Pforte und sprach kurze, erhebende Worte und mahnte zum Dank gegen Gott und zur Liebe gegen die Menschen, zur Zucht in der Freude und gab den Leuten den Segen. Die Männer legten die weißen Hemden, die Frauen die Schleier ab, und bald hatte sich alles im Grase gelagert, allenthalben Freude über dem Hammel und dem Reis. Denn das italienische Volk bedarf nicht viel um fröhlich zu sein.

– Der Mond stieg schon herauf, als die Mönche mit den Künstlern nach dem Kloster aufbrachen. Der Abend und die Nacht wurde noch auf der Terrasse des Klosters zugebracht. Den Brüdern war's allen weh ums Herz: denn solche Freude wie in den letzten Monaten sei noch nie in ihre Zellen eingekehrt und werde auch nicht wieder kommen, meinten sie. Über dem Reden aber der andern winkte der Prior dem Vater, ihm zu folgen. Sie schlugen sich tief hinein in den Garten, wo die hohen Cypressen standen und nicht weit davon der Kirchhof der Brüder war.

»Mein Bruder,« sagte der Prior in bewegtem Tone zu dem Maler, »es ist die letzte Nacht, die du unter meinem Dache bist. Du ziehst morgen weg und ich werde dein Angesicht nicht wieder sehen. Ich danke dir für deine Liebe, du hast mein trauriges Herz erfreut. Nun geht wieder ein Stück Lebenssonne unter, bis ich dort bei den Brüdern ruhe. Ich heiße wohl Padre Felice – aber ich bin es nicht; mein Leben ist gebrochen und mein Herz dazu. Ich will dir's zeichnen, wie du in deinem Buche jenen Kopf gezeichnet. Ich stamme aus einem reichen Grafengeschlecht und bin der Erstgeborne, der die Güter übernehmen sollte. Ich war verlobt mit der Perle ihres Geschlechtes. Da kam die unglückliche Zeit der Revolution des vorigen Jahrhunderts. Mein Vater, der sein Vaterland heiß liebte, wurde in eine Verschwörung hereingezogen, die verraten ward. Wir mußten Zeugen sein, wie er im Hofe unseres Palastes erschossen ward. Seine Güter wurden confisciert und wir sind Bettler geworden. Das brach meiner Braut das Herz, sie siechte dahin, denn ihr stolzer Vater würde sie nie einem Bettler gegeben haben. Dort hinter dem Ätna liegt ihr Grab. Meine Brüder nahmen Dienste in fremden Heeren unter fremdem Namen, kochend vor Rache. Ich aber ging hierher, um in der Stille das trotzige Herz zu bekämpfen. Für meinen armen Vater habe ich zu Fuß eine Wallfahrt nach Jerusalem angetreten, für seine Seele am Grab, des Erlösers zu beten. – Aber der jüngste der Brüder – weißt du wer es ist? Ahnst du nun, warum ich weinte bei deinem Bilde? Er ist's, den du gemalt. Er hat sich, so hörte ich früher schon durch ein dunkles Gerücht, zum Haupt einer Räuberbande aufgeworfen, die der Schrecken aller Reichen ist. Er will der göttlichen Gerechtigkeit aufhelfen, der arme verblendete Thor! Der unglückliche Bruder! Er weiß es, daß ich hier bin, und wohl deshalb ist er dir gesessen, daß ich sein Angesicht noch einmal sehe. Bitte, mein Bruder, gieb mir das Bild, du kannst mit deinem treuen Gedächtnis dir ein anderes fertigen! – Ich habe leider nichts dir zu schenken, denn ich bin arm. Aber Eines habe ich, das nimm von mir, es ist mein liebstes Andenken aus dem Morgenland – hier mein Rosenkranz, nimm ihn. Ich glaube zwar, du bist Protestant, und wenn du auch mit uns betetest, so sah ich's dir doch an, daß du kein römischer Christ bist. Aber du bist ein Christ, mein Bruder, ich habe dich lesen sehen in der Nachfolge Christi des sel. Thomas a Kempis, das ist auch mein Lieblingsbuch – du hast viel Liebe für uns gehabt. Nimm den Rosenkranz; die Olivenkerne und das Kreuz sind aus dem Ölgarten, wo auch dein Erlöser gekämpft hat. Denke dabei an deinen Bruder in Taormina und bete für ihn, daß der Heiland ihn stärke. Nun laß uns zurück gehen. Der Morgen kommt über den Ätna herüber. Fahr wohl, mein Bruder." – Der Prior küßte den Maler und verschwand hinter dem Kreuzgang.

Die Brüder begleiteten die Maler noch herunter – oben aus seiner Zelle schaute der Prior nach, ihnen winkend. Die Zeichnung hatte der Vater noch schnell kopiert, und dem Prior an den bestimmten Ort seiner Zelle gelegt. Aber den Rosenkranz brachte der Vater zu Hause, und manchmal habe ich gesehen, wie er ihn mit solch einem eigenen Blick in die Hand nahm; später erzählte er uns davon. In seiner Lebensgeschichte steht das Fest und etwas von der Geschichte. Das fanden wir nach seinem Tode. Den Rosenkranz habe ich aber geerbt, und denke beim Anschauen an den Herrn im Garten der Ölbäume – und an so manchen Kelch, den die Seinen trinken müssen auf Erden.

Elftes Kapitel

Wie der Großvater mütterlicherseits eine alte Schuld einkassiert hat

Schuldenmachen ist ein gefährlich, und Schuldeneintreiben ein beschwerlich Ding. Das erste ist leicht, und wenn man sie nicht in Geld macht, so macht man sie in andern Artikeln, wie in Besuchen oder in Briefen, aber wenn sie gemacht sind, müssen sie bezahlt werden. Und bezahlen ist auch nicht jedermanns Sache, und kommt das selbst bei ziemlich »gebildeten« Menschen vor, und der ihnen Geld bringt, ist ihnen am kleinen Finger lieber, als der's von ihnen fordert, und mancher, der sonst im Leben wenig Selbstverleugnung übt, läßt sich doch selbst verleugnen, wenn er einen Gläubiger unten an der Thürschelle klingeln hört. Es giebt aber auch Schulden anderer Art, die nicht schwarz auf weiß stehen, ohne Handschrift und ohne Hypothek frei ausgestellt sind, in unbestimmter Zeit mit unbestimmten Summen zu zahlen au porteur. Das sind die Dankschulden für erwiesene Hilfe und guten Rat. Auch da giebt's Leute mit kurzem Gedächtnis. Einmal bei denen, die sie zu fordern haben. Die streichen lieber gleich den Posten aus und sind zufrieden mit der guten That selbst und suchen keinen Lohn bei Menschen. Sie haben's meist aus Erfahrung gelernt, daß man sich in der Welt nicht über den Undank, sondern über den Dank wundern soll, und denken wie mein lieber bergischer Freund so oft gemahnt: »Wer von Menschen nichts begehrt, den können Menschen auch nicht betrüben.« Sodann aber vergißt auch der Schuldner solche auf sich ausgestellte Wechsel, und weiß sich fast gar nicht mehr zu erinnern, wann, und woso – oder thut wenigstens dergleichen. Item: Auch unser Herrgott grüßt manchen, der ihm nicht dankt und bei manchen muß man an den Wolf denken, dem der Kranich den Knochen aus dem Hals gezogen, der seinem Retter auf die Frage nach der Belohnung antwortete: »Bist du nicht zufrieden, daß ich dir nicht den Kopf abgebissen habe, als du ihn mir zwischen die Zähne strecktest." Kurz, den Menschenkindern wäre zu wünschen, sie hätten etwas mehr Vergeßlichkeit für das, was sie Gutes gethan, und etwas weniger für das, was sie Gutes empfangen haben, dann würde es insgemein besser bestellt sein. Unser lieber Großvater, von dem in der Familienchronik geschrieben steht, der in Paris Gesandtschaftsprediger war, hat nicht allein jenem undankbaren Grafen von Narbonne das Leben in der Schreckenszeit gerettet, sondern auch noch manchen anderen, die unschuldiger Weise vor den Konvent geführt wurden, und denen der Kopf heruntergemacht werden sollte. So war ein junger Mann aus der deutschen Gemeinde, die der Großvater mit zu versorgen hatte, wegen einer unbesonnenen Äußerung gegen die Revolutionsmänner gefaßt, in Untersuchung gezogen worden, und sollte nach kurzem Urteil den folgenden Tag gerichtet werden. Da kam seine Mutter, eine Witwe, und bat den Großvater, ob er nicht noch ein Wort für ihn zur Rettung einlegen wollte. Der Großvater, der als protestantischer Prediger bekannt und geachtet war, fand den Weg zum Tribunal und hielt an die Richter eine erschütternde Rede, in welcher er die Not der Witwe, die Jugend des Mannes vorstellte, so daß die Blutrichter beschlossen: »Nun denn, nehmen Sie ihn mit.« Der Großvater ging mit dem Freischein in das berüchtigte Gefängnis und holte seinen Schützling unter den Hunderten, die auf den Tod warteten, heraus. Der junge Mann fiel dem Großvater zu Füßen, der ihn aber gleich aufhob und zu der Mutter führte. Dort ergoß er sich in Dankbarkeit und wollte den Tag segnen, da er dem Großvater die Liebe vergelten könnte. »Mein Sohn, du hast zunächst einen Gegenstand deiner Liebe – hier deine Mutter! sei ihr eine Stütze, das soll mein bester Dank sein,« sagte der Großvater. Der junge Mann hielt Wort, und so lange Großvater noch in Paris war, besuchte er ihn regelmäßig. Die Zeiten änderten sich, der Großvater ging in die Verbannung und kam nach Bremen an Sankt Ansgarikirche und hätte seinen Schützling längst vergessen, wenn bei dem Heerzug Napoleons, der einen Teil der Armee unter dem Marschall Davoust nach Bremen und Hamburg schickte, nicht an einem Tag ein schmucker Offizier sich bei ihm gemeldet hätte, ihn zu grüßen. Es war sein Schützling von ehemals, der jetzt Major und Adjutant des Marschalls war. Nachdrücklich erkundigte er sich, ob's dem Großvater gut ginge, und versprach ihm alle Erleichterung bei der Kriegslast, so viel in seinen Kräften stehe und empfahl sich auch für spätere Tage. – »Nun, das ist doch ein Dankbarer,« sagte der Großvater, »der für viel andere entschädigt.« Er dankte für die Bereitwilligkeit der Hilfe, die er jetzt nicht in Anspruch zu nehmen brauche. Der Mann zog mit seinem Marschall weiter nach Hamburg; und Großvater dachte nicht weiter an die Schuld. –

Der Krieg ging derweil voran und das Elend auch. Napoleon legte eine große Sperrkette ans Meer, um die Engländer davon zu verdrängen und verhungern zu lassen, und ließ kein Schiff hinüber noch herüber. – Das hieß man die Kontinentalsperre, und jedes Schiff, das doch durch die Kette wollte und englische Ware bringen, sollte genommen, und die Leute mit Galeere oder mit dem Tode bestraft werden, das letztere dann, wenn sie mit den Waffen in der Hand getroffen wurden. So lautete der Befehl des Kaisers, und dem Napoleon kam es bekanntlich nicht drauf an, ob etliche Tausend Menschen mehr oder weniger auf der Welt waren, und sein Kopf war ihm lieber als alle Köpfe in der Welt. Darum wurde gerade dies Gesetz aufs strengste durchgeführt, denn das stolze England sollte gründlich gedemütigt werden, darnach sollte noch Rußland dran kommen, und dann war so ziemlich alles gedemütigt, was in der Welt zu demütigen war, bis denn der Herr sprach: »So, nun kommst du an die Reihe.« Und er wurde dann auf St. Helena auch vom Kontinent abgesperrt, und das war die Kontinentalsperre, die die Engländer nun über ihn verhängten. –

Während jener gesperrten Zeit war Großvater mit den Seinen auf ein paar Wochen draußen auf dem Land, ein paar Meilen von Bremen, auf dem Gute eines Bremer Kaufherrn, dem sein Pfarrer keine Last war, sondern der sich freute ihm etwas Gutes thun zu können. Da kommt spät in der Nacht, mit wunden Füßen eine junge Frau, die nach dem Großvater frägt. Sie tritt herein und sinkt auf den Stuhl vor Erschöpfung und ruft aus: »Erbarmen! und Rettung!« Großvater beruhigt sie und fragt nach ihrem Leid. Und sie erzählt, wie ihr Vater und ihr Mann, die beide Schiffskapitäne seien, und zur Ansgarigemeinde gehörten, gegen die Kontinentalsperre gefehlt und mit einem Schiff eingelaufen und von den französischen Douaniers aufgegriffen seien: sie hätten sich zur Wehre gesetzt, seien aber durch die Mehrzahl zu Boden geworfen worden. Das Urteil sei schnell gesprochen worden und der Befehl gekommen, daß sie in vier Tagen erschossen werden sollten. »Ach, wissen Sie keinen Weg, meinen armen Mann zu retten, teurer Seelsorger! seien sie der hilflosen Frau und Kinder Vater und Beistand.«

Der Großvater rieb sich die Stirne und sann, wie zu helfen wäre. Da fiel ihm plötzlich die Schuld ein. »Halt, nun kannst du die Schuld einkassieren. Du hast ihm das Leben gerettet, er soll das Leben der zwei retten, das ist gerade der Zins und Zinseszins seit anno 93.« – Schnell setzte er sich hin, schrieb an den Adjutanten des schrecklichen Davoust und legte ihm die Sache ans Herz und mahnte ihn, nun die Schuld abzutragen. Er befahl der Frau, ihre drei Kinder mitzunehmen, wovon das jüngste drei Monate alt war. – Am frühen Morgen that die Frau also und eilte mit ihren Kindern nach Hamburg. Der Adjutant nahm sie freundlich auf, und versprach alles zu thun, gab ihr aber wenig Hoffnung. Sie ruhte sich aus mit ihren Kindern und wartete auf die Rückkehr des Adjutanten, der ihr Gelegenheit verschaffen wollte, den Marschall zu sprechen. Nach einer Stunde kam er wieder und sagte ihr:

»Madame, merken Sie auf, was ich sage. Ich werde Sie in das Vorzimmer führen lassen, durch welches der Marschall nach dem Essen sich zurückzieht. Dort werden Sie mit ihren drei Kindern sein und sich ihm zu Füßen werfen. Sie sprechen nichts von Entschuldigung, nichts von Recht, sondern nur von Gnade, und reden von dem Kaiser nur Gutes. Davoust ist ein zärtlicher Vater – vielleicht, vielleicht, daß das Eindruck macht.«

Die junge Frau macht sich auf und thut wie ihr geheißen war. Davoust sieht die blasse, schöne Frau mit ihren weinenden Kindern erstaunt an. Er ist bewegt, zuckt die Achseln und sagt: »Es thut mir leid – aber ich habe keine Vollmacht zu begnadigen.«

Die junge Frau aber richtet ihr Auge fest auf ihn und spricht: »Marschall, der große Kaiser, der Ihnen das Recht zu strafen gegeben, wird Ihnen auch das Recht der Gnade verleihen.«

Der Marschall besann sich einen Augenblick. »Zwanzig Jahre Galeeren – dahin will ich's mildern, aber weiter kann ich nicht.«

»Nein, Marschall,« rief die Frau mit durchdringender Stimme, »dann lieber tot. Lieber meinen Vater und den Vater dieser Kinder im Himmel wissen, als lebendig tot. Dann unterschreiben Sie das Todesurteil.« –

Davoust war erstaunt; nach kurzem Besinnen faßte er die Frau an der Hand, hob sie auf, küßte die Kinder und sagte: »Ich handle gegen meine Pflicht – der Kaiser mag mir verzeihen.« Er trat in sein Zimmer und schrieb den Befehl zur Befreiung, und gab ihn der Frau mit, damit sie selbst ihren Mann und ihren Vater aus dem Gefängnisse holte. Am dritten Tage abends war sie zurück. Mit ihrem Vater und ihrem Mann und den Kindern kam sie zum Großvater. Den Seeleuten liefen die Thränen über die Wangen, als sie sich bedankten.«

»Ich habe nichts gethan, als eine alte Schuld einkassiert und sie euch vermacht. Ich rettete dem Adjutanten einst das Leben, er hat euer beider Leben nun gerettet. Das ist der Zins der Schuld gewesen. Nun aber vermache ich euch die Schuld weiter. Wo Gott euch Gelegenheit giebt für Menschen etwas zu wagen, da thut's. Und wenn jeder von euch an vier Menschen das thut, so hat mein Kapital guten Zins getragen. Und nun: Rechtsum! kehrt euch! ich will keinen Dank haben.«

So hat der Großvater Schulden einkassiert, und das war nicht die einzige. Das darf ich sagen, wiewohl ich sein Enkel bin.

Zwölftes Kapitel

Etwas von Ahnungen, vom letzten Stündlein und von seliger Heimfahrt

Das Büchlein geht dem Ende zu – und nicht nur das Büchlein, sondern wir alle; denn in jeder Lebensgeschichte kommt ein letztes Kapitel vor, wenn gleich hinter dem Punktum noch ein: »Fortsetzung folgt« steht. Denn bei dem reichen Manne hört die Geschichte nicht auf mit dem: »Es begab sich aber, daß der Reiche starb und ward begraben.«

So steht denn auch in mancher Familienchronik etwas von diesem letzten Kapitel verzeichnet, und in besonderen Stunden wird's nachgeschlagen und gelesen, man stärkt sich daran und nimmt den Bündel wieder von neuem auf, wenn man weiß, daß es dem Ziel zugeht. Denn das Schauen aufs Ziel hat noch keinen matt gemacht, sondern nur gestärkt; darum verstehen nur die etwas vom Leben, die auch vom Tode etwas verstehen und das Gebet im Herzen tragen: »«Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.« Wiewohl nun freilich das Beste dabei nicht vor aller Leute Ohren gehört, sondern verschwiegen bleiben muß, – denn jedes merkt's ja wohl, daß das ein Stücklein vom Heiligen ist – so darf man doch das erzählen, was auch vor anderer Leute Ohren kund geworden ist.

Da geschieht's wohl, daß man, wie der Verfasser, zu erzählen weiß von Ahnungen, die die Lieben gehabt vom baldigen Scheiden, und von Grüßen, die sie noch im Scheiden gesandt. Vor mir liegt ein vergilbtes Papier; drauf stehen viele Verse, mit unsicherer Hand freilich, geschrieben. Sie stammen vom seligen Onkel, der bei der Blockade von Straßburg mit dem Pferde gestürzt und seit jener Zeit ein schweres Leiden davon getragen. Oft stieg er nachts zu Pferde, ritt stundenlang im Walde, kam nach Hause und führte das Pferd zum Stalle und wußte am Morgen nicht, daß er draußen gewesen. So stand er oft vom Bette auf, trat an seinen Pult und schrieb Briefe und Gedichte, legte sich wieder und fand sie zu seiner Überraschung des Morgens da liegen. So schrieb er einst in der Nacht ein Gedicht, worin er sein Begräbnis schilderte mit Jahr und Tag und allem, bis auf die silbernen Handgriffe, die die Freunde in den Sarg schrauben würden, um ihn davon zu tragen. – Wehmütig las er den Seinen das Gedicht vor. Sie redeten es ihm aus, daß hier sein Tod gemeint sei, denn er werde ja nicht bürgerlich, sondern als Offizier militärisch begraben, und da sei's Sitte, daß man auf den Schultern der Unteroffiziere getragen werde, und keine Handgriffe wie bei den bürgerlichen Leichen eingeschraubt würden. Der Onkel gab sich zufrieden – aber sein Stündlein kam an dem besagten Tage, und als das Begräbnis bestellt war, konnten die Kameraden von Rastatt nicht herüber nach Baden kommen, denn es war große Parade und Großherzogs Geburtstag, und so kamen seine bürgerlichen Freunde und schraubten die silbernen Griffe ein, und trugen ihn auf den Kirchhof, der an der Seufzerallee in Baden liegt. Dort am Fuße des schönen Kreuzes ruht er aus von aller Mühe und Kampf.

Und war's nicht ähnlich so bei der teuren Großmutter von der Frau Seite? – Ihr träumte und träumte doch nicht des Nachts; denn sie saß halb wachend im Bette und es war als neige sich eine ganz nasse Gestalt über sie her, also daß sie bis ins Innerste zusammenschrak und eiskalt wurde – und war's ihr nicht, als hörte sie rufen: »Mutter! Mutter!« –? Aber zwei Tage darauf kam die Nachricht, daß ihr innig geliebter Sohn, der wieder gen Tübingen zur Universität wollte, in der wütenden Enz bei Pforzheim ertrunken war. Er war mit seinem Pferd noch glücklich an das Ufer gekommen, da hörte er auf der Brücke, die am Einstürzen war, jämmerlich rufen und reitet heran, und rettet auch zwei Personen, aber er selbst versinkt beim letztenmal mit der Brücke in den Fluten, will sich retten, aber gerät in die Weidenbüsche und verstrickt sich drinnen und ertrinkt. – Und die Großmutter ahnte, und rief den ganzen Tag: »Ach, es wird dem Wilhelm doch nichts zugestoßen sein!« So war's sein letzter Gruß an die Mutter gewesen. –

Mich däucht, es wäre doch eine Art Freundlichkeit Gottes darinnen, wenn er das Leid vorher ahnen, das Herz sich auf etwas Schweres gefaßt werden, und das Totenglöcklein schon von ferne läuten läßt, ehe man den Leichenzug siehet. Und wenn's uns selber so einmal wunderbar aufsteigt, als könnt's bald ein Ende nehmen, so ist das doch nur wie ein Erst-Läuten bei der Eisenbahn zum Zuge, und wer fertig ist und Billet und Koffer in Bereitschaft hat, erschrickt nicht, sondern denkt: »Nun kommt der Zug bald.«

Wenn der Verfasser seine Lieben, die vorangegangen sind, überschaut und deren Ende, wird's ihm friedlich zu Mute, nicht deshalb, weil's die Seinen sind; denn für die Seinen hofft man freilich, und setzt hinter jeden gern: »selig in dem Herrn entschlafen;« er läßt auch andere gern in den Himmel und hat sich schon oft gefreut, daß die Menschen nicht über die Seligkeit zu verfügen haben. Nur das ist ihm bei den Seinen in ihrem Heimgang so tröstlich gewesen, daß es so gnädig hergegangen ist; bei jedem gerade so, wie's für ihn paßte: bei dem einen schnell, bei dem andern langsam, bei dem einen still, bei dem andern mit Loben. Da denkt er der lieben Tante, die eben den Traum erzählt, den sie in der Nacht gehabt, wo sie ihren längst entschlafenen Sohn auf dem Klavier herrlich phantasieren gehört. Eben erzählt sie, – da ist ihr, als höre sie nochmal die Musik, – sie sinkt zusammen, wird aufs Bett getragen und schläft ohne aufzuwachen ruhig und stille ein zur ewigen Ruhe. Sie hat den Tod nicht geschmeckt noch gesehen. Und war's nicht so beim seligen Vater? Der sang noch am Abend so laut vor Schlafengehen das: »O Lamm Gottes, unschuldig,« mit der siebzigjährigen, aber doch so hellen Stimme, legt sich zu Bette und der Schlag trifft ihn. »Das ist der Tod,« sagt er, und faltet die Hände und spricht über die am Bette knieende Mutter und den Bruder leise das Wort Simeons: »Im Frieden,« mehr kann er nicht. Aber darnach mit lauter heller Stimme: »Herr Jesu, nimm meinen Geist auf!« sank ins Kissen zurück und war daheim bei seinem Herrn. – An diesen Kreuzen wird's einem wohl, trotz allem Weh.

So war's ja auch ein Eilen und Heimgeholtwerden vor dem Wetter, (wie der Landmann thut, der, wenn das Gewitter am Himmel steht, mit dem reichen Erntewagen heimeilt, ihn unterzubringen), als der teure Onkel im Oberland von seinem Herrn so schnell gerufen ward. Es war im 1849ger Jahr. Das war ein böser Jahrgang und hat viel Leid und Thränen, sonderlich über das schöne Land Baden gebracht. Angst und Schrecken war Monate lang das tägliche Brot, Zucht und Ordnung gewichen, und man hat merken können, was es heißt, wenn statt eines Fürsten tausend Tyrannen regieren. Der Onkel war Pfarrer und die hatten's damals schwer, wenn sie treu ihrem Eide blieben. Und er blieb treu, dafür ward ihm Rache geschworen, sonderlich von einem, der ihn auf den Tod haßte. Die Revolution brach los – der Mann eilte mit geladenem Gewehr das Gebirg herunter, den »Pfaffenknecht« totzuschießen. So kommt er ins Ort und aufs Pfarrhaus zu. Da drin ist's aber still, und er stürmt herein und schreit: »Wo ist der Pfarrer?« Die Thüre geht auf, und die Pfarrfrau tritt ruhig dem wütenden Menschen entgegen und sagt: »Hier ist er.« Sie öffnet die Stubenthür – da lag er still und friedlich in seinem Chorrock im Sarge. Die Blattern waren ins Ort gekommen, der Onkel hatte treulich seine Kranken besucht – und bei einem Besuch sie geerbt und war in wenig Tagen von Frau und Kindern heimgenommen worden. Der Mörder aber stierte ihn an und sagte kein Wort und stürzte zum Haus hinaus. Wenige Wochen darnach ist er standrechtlich erschossen worden. – Aber über den sel. Onkel hatte der Herr die schützende Hand gehalten. Er sollte in seinem Sarge noch einmal predigen mit seinem geschlossenen Mund in seinem Chorrock, predigen vom Frieden Derer, die errettet werden von dem Unglück. Das war auch ein seliger Schluß.

Zum Schluß

Etliches von Familienfesten.

Die gehören ja auch mit hinein in eine Familienchronik. Es sind Tage, die der HErr gemacht hat; Sterne am Familienhimmel. Freilich giebt's auch Tage, die der HErr gemacht; da blutet das Herz und thränt das Auge. Es kommen zusammen aus weiter Ferne, die sich lang nicht mehr gesehen, das Leid hat sie gerufen und geeint. Und in der Mitte ist ein offenes Grab, und viel Liebe, die jeder in seiner Art empfangen, wird da hinein gelegt. Man ist wieder ärmer geworden im Leben. Aber man zählt die Häupter der Lieben, die noch geblieben, und wenn die Kronen herausgebrochen sind, fassen sich die Zweige um so inniger zusammen. Ist aber das liebe Haupt im Frieden entschlafen und können die Umstehenden singen:

Man reicht sich wohl die Hände,
Als sollt's geschieden sein,
Und bleibt doch ohne Ende
Im seligsten Verein.

Man sieht sich wohl als sähe
Man sich zum letzten Mal,
Und bleibt in trauter Nähe
Im HErrn doch überall!

so hat's auch bei dem Scheiden keine Not. Im HErrn leben alle Toten, und man grämt sich nicht, wenn sie auch nicht bei einander liegen und der eine in Italien, der andre in Frankreich oder hin und her im lieben deutschen Vaterland schläft. Im Gedächtnis der Liebe sind sie doch alle nahe zu einander gebettet. Die Erde ist allenthalben des HErrn und sein Auferstehungswort wird überall klingen. So geht man denn nicht mit Todes-, sondern mit Lebensgedanken wieder hinab in sein Haus, faßt sich in neuer Liebe an, »als die sich freuen, als freuten sie sich nicht, und als die da weinen, als weinten sie nicht.« Wir schlossen den Toten die Augen als letzten Liebesdienst, und sie haben ihn erwidert und uns die Augen geöffnet über uns selbst; man hat das Leben im Licht des Todes und den Tod im Licht des Lebens verstanden. So führt eine Familienchronik an Kreuzen und Gräbern vorüber und jeder hat so seine eigenen Gedanken dabei.

Aber es giebt auch Tage aus der milden Hand des HErrrn, darin es gilt: »fröhlich zu sein.« Solche Tage gleichen dem Tag von Elim, wie ihn Israels Volk feierte. Mitten in der brennenden Wüste dehnt sich ein schattiger Platz, wo siebzig Palmen rauschten und zwölf Wasserbrunnen sprudelten; da vergaß das Pilgervolk des heißen Sandes, durch den es gewandert, und der stechenden Sonne von oben. Weithin blickte es zum Lichtstreifen des roten Meeres, dem großen Grabe, dem es entronnen, und grüßt alte Freunde aus andern Stämmen, und rüstete sich zur Weiterreise. Es war ein Ausruhen, ein stiller, wolkenloser Tag mitten in der Wanderung. Solche Tage sind die rechten Familienfeste. Kein Mensch kann sie machen, sie werden geschenkt und wachsen am Familienbaum.

Schon der Sonntag war uns ein solch lichter Tag. War die Mohrenwäsche am Samstag Abend unter mancherlei Hindernissen richtig verlaufen, dann lag der frische Sonntagsstaat schon auf dem Stuhl für den kommenden Tag. Es war so feierlich still in der Gemäldegalerie, die in Wochentagen viel besucht und jetzt geschlossen war. Uns war's aber am heimlichsten oben auf dem Speicher, der einen großen Spielraum bot. Zwischen das Gebälk konnte man sich Hütten à la Robinson Crusoe bauen und das schönste war: durch die aufgehobenen Ziegel hinunter schauen in die stille, festtägliche Stadt. Was ist's doch, alles sehen zu können und selbst nicht gesehen zu werden! Die Eltern hatten dafür gesorgt, daß am Sonntag nicht gearbeitet wurde, und auch von den Lehrern der damaligen »guten Zeit« wurde nicht der Grundsatz aufgestellt, wie manchmal heutzutage: »Einem den Sonntag zu versalzen.« Mit dem Schulsack wurde am Samstag Nachmittag gründlich abgerechnet und er lag stille in der Ecke den Sonntag über und konnte sich auch erholen von all den Hieben, die in der Woche auf seinen schweinsledernen Rücken gefallen waren. Als wir älter waren, ging's in die Kirche; wir Kinder voran, die Eltern hinterdrein. Gab's manchmal auch kalte Füße und rote Nasen dort – es half doch nichts. Wir verstanden freilich wenig von der Predigt, die damals zum großen Teil zu hoch für uns war, und oftmals geriet ich in die Versuchung, eine Parallelpredigt zu der des Herrn Pfarrers zu machen, worin ich meinen eigenen Gedanken nachging. Die Haupterbauung war mir der Gesang und das Bild meines seligen Vaters, wie er in seinem Pelzrock und schwarzen Sammtkäppchen in dem reservierten Sitze für »höhere Staatsdiener« saß, die ein Hofbedienter in roter, silbergestickter Livrée öffnete, so andachtsvoll dasaß und so hell mitsang. Denn seine Stimme und sein leises Räuspern hätte ich unter tausenden herauserkannt und gehört. Es war eben doch nicht ganzer, voller Sonntag, wenn wir nicht zur Kirche gewesen; aber es galt mehr bei uns die Regel: du darfst zur Kirche, als du mußt zur Kirche. – Des Nachmittags kamen entweder die Freunde oder wir gingen zu ihnen: oder was uns fast das liebste war: wir blieben zu Hause. Denn mir waren unsrer genug, um uns zu unterhalten – kurz, wir kauften den Sonntag aus nach allen Seiten, wenn gleich es nur den stereotypen Reis und den gewärmten Braten gab. Denn Mutter hielt darauf, daß die Dienstleute ihren Sonntag so gut wie wir halten.

Unter den Festtagen war Weihnacht freilich das uns allen – und welchem Kinde nicht – liebste Fest. Drüben der botanische Garten hatte ohnehin in der Winterszeit für uns etwas so Poetisches. Die weißen Flächen, die die Blumenbeete deckten, und die Treibhäuser, auf deren Scheiben sich der Mond spiegelte – und dann das Laternlichtlein des Gehilfen, mit dem er durch die Schneelandschaft wandelte, um nachzusehen, ob die Heizung ordentlich besorgt sei, das alles gab schon einen stillen Reiz. Und nun erst die geheimnisvollen, abendlichen Gänge von Vater und Mutter, von denen sie in den letzten Wochen immer unter dem Mantel etwas mitbrachten! Wir wurden immer sehr reich beschert; aber eines konnten doch die Eltern nicht bescheren: den Schnee zu dem prachtvollen Schlitten, auf welchem vorne ein Schwan als Hals war und auf dessen Rücken man zu Vieren sitzen konnte. Drei Jahre hintereinander kein Schnee, der liegen blieb, das war schlimm! Am Weihnachtsabend aber wurde die ganze Familie, die in der Stadt war, geladen und bekam beschert. Dafür zogen wir wiederum zu jedem der Verwandten, drei Tage nacheinander! Wir konnten vor Freude Tage lang nichts essen, wir waren ganz satt. 'S ist mit der Trauer auch so.

Besonders trat aber der Geburtstag vom Vater hervor. Da derselbe zugleich mit dem Todestag der Großmutter in Straßburg zusammenfiel, so wurde er auf den Namenstag, den Carolustag, verlegt, den 28. Januar. Wir alle wetteiferten ihn schön zu feiern. Meist waren's große Charaden, die wir aufführten. Ich war damals acht Jahre, und erinnere mich lebhaft, daß ich als Meßbube im hochroten Kleide mit Spitzen besetzt bei der »Krönung Karls des Großen in Rom« mitfungierte und das Rauchfaß schwang. Für einige Tage war ich völlig ungenießbar für alle Schulmeister. Ich sah nur Karl den Großen im himmelblauen Gewand vor dem Papste knieen und mich das Rauchfaß schwingen. Ach, heraus aus solchen Abenden hinein in die bittere Wirklichkeit mit ihrem Arrest und Däbslein auf die Finger! – In spätern Jahren mußte immer selbst etwas fabriziert werden, sei's eine Poesie oder ein Bild oder ein kleines Festspiel. Vater liebte sehr ein fröhliches Festfeiern, ihm ward's im Gewühl der Menschen ganz wohlig zu Mute, während der Mutter schwarz vor den Augen wurde bei so vielen Menschen. Darum sollte an ihrem Geburtstage alles fein in der Stille gehen. Wir waren schon versprengt in alle Winde, der eine in Schlesien, der andere in Düsseldorf, der Verfasser auf dem Lande in Baden – aber am Carolustag – wenn's nur irgend ging, da kam man zusammen. Noch existiert in der Familienchronik der Eltern ein Gedicht mit Federzeichnungen illustriert zum Carolustag, und ein anderes großes Poem aus dem dreißigjährigen Kriege. Einmal brachten wir eine ganze Galerie von allen »Karlen« der Weltgeschichte in Porträts. Ein fingierter Bilderhändler brachte sie mit entsprechender Erklärung. Ein Goldrahmen mit feinem Gas übersponnen, hinter demselben eine brillante Lampenbeleuchtung, und im Rahmen selbst im Kostüme der Zeit die lebenden Bilder der Karle – Karl der Große, Karl der V., Karl XII. ec. – sie erschienen wie die schönsten niederländischen Porträts. Zuletzt schoben mir den guten Vater selbst in die Rahme. Kurz – Gelegenheit macht Diebe und auch Dichter, und die Liebe ist erfinderisch. Das hatten mir aber, laut unterstem Stockwerk, der Mutter zu danken, die's nicht ausstehen konnte, wenn einer sich nur amüsieren wollte, ohne selbst etwas dabei zu thun.

Mit welch bewegtem Herzen feierten wir aber des Vaters siebzigsten Geburtstag! Da wird jeder Geburtstag ein doppeltes Geschenk!

Das größte Familienfest, das wir erleben durften, war der Eltern silberne Hochzeit. Sie fiel ins Jahr 1851. S' ist was Eigenes doch um solch eine silberne Hochzeit. Erst ist es einem in den ersten Jahren der Ehe, als käme man gar nie dahin, sie liegt in grauer Ferne und man denkt sich da schon als steinaltes Männlein ohne Zähne und Haare. Aber allmählich rückt sie heran und die Jahre eilen dahin, und – man kommt sich mit einem Male noch gar nicht so alt vor. Es ist dem Herzen wie Jakob zu Mute, dem die sieben Jahre, da er um Rahel freite, wie sieben Tage vorkamen. Die rechte Liebe kennt ja kein Altern, sie sieht die Geliebte und den Geliebten immer noch im Brautschmuck stehen und legt in die alternden Züge das Bild der jungen Liebe. – So kam auch der Eltern silberne Hochzeit. Soll nur still unter uns oder im Kreise aller Freunde gefeiert werden? das war eine Frage, die hin und her überlegt wurde. Aber zuletzt schlug's doch durch: mit allen wollen wir feiern. Solch ein Tag soll nicht unter den Scheffel gestellt werden, der Herr hat ihn ja gemacht und gegeben, warum ihn verbergen? 'S ist doch ein Tag, da es gilt: Ich will mein Gelübde bezahlen vor allem Volk! Deswegen kann man's doch auch noch im Kämmerlein thun. Ist man doch bei seinem ersten Hochzeitstag nicht in den Winkel geschlichen, als ob man sich der Sache zu schämen hätte – warum es denn nach fünfundzwanzig Jahren so vieler Güte und Treue thun? 'S ist auch andern ein Trost; wenn ein Glied wird herrlich gehalten, so freuen sich alle Glieder mit. Man läßt doch die Leute auch am Leid teilnehmen, warum nicht auch an der Freude?« Den »Neid der Götter« braucht kein Christenherz zu fürchten. Es giebt ja seinem Gott die Ehre.

So dachten richtig und ohne falsche Sentimentalität unsere lieben Eltern auch. Nun fragte es sich weiter, ob in Lichtenthal, in der Eltern Sommersitz, oder in Karlsruhe? Wo ist das Haus und sein eigentlicher Sitz? Da gab's Konfusion. Denn die beiden, Vater und Mutter, waren just das eine in Lichtenthal und das andere in Karlsruhe und bei jedem ein paar beratende Kinder. »In Lichtenthal muß die Hochzeit sein,« riefen die Karlsruher und packten Servis und alles mögliche ein und fuhren damit nach Lichtenthal. Eine Stunde später trafen die Lichtenthaler in Karlsruhe ein mit den dortigen Utensilien. Sie hatten geschrieben »in Karlsruhe soll die Feier sein;« aber der Brief kam erst einen Tag später an. Da standen sie denn in Karlsruhe, aber die Mutter war eben fort mit dem einen Sohne. Als der Vater das hörte, kehrte er sofort mit seinen beiden nach Lichtenthal um, traf aber glücklicherweise in Oos die Mutter im Zuge, die wieder gen Karlsruhe fuhr. Denn da sie niemand in Lichtenthal traf, kehrte sie um. Da zogen denn die zwei zusammen nach Karlsruhe und es gab ein homerisches Gelächter über all dem Hin- und Herfahren und den Mißverständnissen, die laut Claudius »gewöhnlich daher kommen, daß man einander nicht versteht.«

So wurden denn die Einladungen erlassen. Am Morgen des Tages weckten wir die Eltern mit einem vielstimmigen Choralgesang und führten sie in das festlich geschmückte Zimmer. Die Gaben der Liebe, die Grüße der Freunde lagen auf dem großen Tische. Um elf Uhr sammelte sich die ganze Familie. Alle Verwandten, auch die einzig noch lebende Brautjungfer, die die Mutter zum Altare geführt – um einen kleinen Hausaltar, der im frischen Blumenschmuck stand. Der Freund der Eltern, Pfarrer Härter aus Straßburg, hielt die Rede und segnete die Eltern zum weiteren Gang durchs Leben. Wir sangen vierstimmig die Choräle und eine eigens dazu komponierte Motette. Es war so feierlich die Eltern zu sehen im Silberschmuck der Kränze und der Haare! Was lag nicht alles in den fünfundzwanzig Jahren! Da ist's denn wohl recht, einen solchen Tag nicht ohne Lob und Dank gegen den treuen Herrn zu begehen und sich das wogende Herz stillen zu lassen durch das Wort Gottes. Es ist ja nur ein Ausruhen zum Weitergehen, und dazu braucht man den Herrn auch. Die aber an solch einem Tage fertig werden ohne ihren Gott, ohne stille Einkehr ins Herz, die müssen eben sehen, wie sie's hinbringen. Wer weiß denn, was hinter einer solchen silbernen Hochzeit liegt und kommt? Ob dann nicht vielleicht eiserne Tage herziehen, vielleicht schwerer als sie je vorher dagewesen sind? So manche haben fünfundzwanzig Jahre ein Leben gehabt, in welchem kaum ein Sturm sich erhob und darnach kam er mit Macht übers Haus und das Elend ließ nicht nach. Darum ist's wohl gut, an der Hand gehen, die nicht erkaltet, und von dem Auge behütet sein, das nicht bricht, noch im Tode entschlummert, wenn so viel liebe Hände uns loslassen und so viel treue Augen brechen. – Solch eine stille Stunde im Heiligtum giebt dem Tag auch eine eigene Weihe, es geht dann ein Festodem hindurch, der alle anweht.

Das Festmahl, das darauf folgte, war reich an Grüßen und Toasten. Erst erhob sich der Vater und brachte nach guter alter Sitte den ersten Toast auf seinen Landesfürsten, unter dessen Schutz und Schirm er die Jahre hindurch ein stilles und geruhiges Leben führen durfte, dessen Brot er gegessen. Darnach kamen die Grüße der Freunde, die Gedichte der Kinder. Der Verfasser würde sie mitteilen, aber die Hauspoeten würden's am Ende übel nehmen, wenn man ihre Poesie auch in den Setzkasten brächte. Das beste waren nicht die Verse, sondern die gute Meinung dabei. Von Silber und Gold glänzten freilich alle Lieder. Der eine verglich den Familienbaum dem Orangenbaum – da grüne Blätter, silberne Blüte und goldene Frucht zugleich blüht und reift; der andere verglich das Silber mit dem Reden und das Schweigen mit dem Gold, und dichtete von der Silberzeit der Jugendkraft, da es viel zu reden gab, und von der goldenen Zeit des Schweigens im Alter

Vom Schweigen in der Fröhlichkeit,
Vom Schweigen in dem Leid;
Vom Schweigen wie das Meer es thut,
Wenn sich's nach Sturm gebeugt,
Vom Schweigen, wenn der Bergsee ruht
Und klar den Himmel zeigt.
Solch Schweigen durch den Pilger zieht,
Nenn er dem Ziele nah –,

Der dritte sprach von drei Tönen, die durchs Fest ziehen: Vorwärts! – Einwärts! – Aufwärts! ein anderer von der Gotteskirche im Herzen mit ihren drei Glocken, die heute läuten: die eherne, die silberne, die goldene, die dann droben zusammenläuten. Zwischen drein tönten fröhliche Quartette und am Schluß ging der gefüllte Hauspokal herum, den jeder mit einem Stegreifverse leeren mußte. – Die Jugend zog paarweise hinab zum Garten zum fröhlichen Spiel und Gespräch. Da wandelte so mancher harmlos Arm in Arm mit seiner Gefährtin und ahnte nicht, daß etliche Jahre drauf die Glocken ihm rufen sollten mit eben der Gefährtin zum Brautaltar. So war's damals, und etliche Leute nahmen sich's tief zu Herzen, daß es nicht gut sei, daß der Mensch allein sei und verloren ihr Herz und suchten's und fanden's plötzlich bei einer andern. So ging's dem Einen, der einsam hoch oben herunter vom Fenster, den traulich wandelnden Paaren zusah. Ihm galt so recht eines der Hochzeitlieder, das der Bruder der Mutter gedichtet hatte, worin der Vers sich fand:

– Wer einsam, ohne Zuversicht
Und lieblos pilgert durch das lange Leben:
Die Welt ist leer, der Tag ist ohne Licht,
Was soll der Öd' empfangen oder geben?
Er trägt allein die Freude wie den Schmerz,
Und schwer und drückend müssen beide wiegen;
Denn teilen muß die Lust ein frohes Herz,
Und ungeteiltem Grame bald erliegen!

Er wurde seit diesem Tag »der Öd« genannt. Das nahm er sich also zu Herzen, daß er etliche Monate darauf ein Bräutlein heimführte. Ich grüß' ihn heute, den Teuren, der selbst so nah am Silbertag, den Totenkranz dem geliebten Weibe auf das Haupt setzen mußte – nun wieder öd im Hause, aber nicht im Herzen ist, das der treuen Liebe gedenkt.

Am Abend kamen die fernen Freunde des Hauses aus der Stadt. Eine Cantate – des Hauses Weihe – ward aufgeführt, vom Bruder Max gedichtet und komponiert. Ein Paar, das sich am Altare über einer Opferflamme die Hand reicht, war das erste Bild. Eine Familie im Kreise der Kinder den sauren Werktag sich versüßend – der malende Vater, die spinnende Mutter und die spielenden und arbeitenden Kinder bildeten das zweite; und zuletzt ein Abend vor dem Hause – (es war unser Haus in Lichtenthal riesengroß gemalt, als Hintergrund) ein Silberpaar sich die Hände reichend im Schein der Abendsonne – das war das dritte Bild. Alles war trefflich gemalt und kostümiert und einstudiert. Auch da noch am Abend Gruß und Improvisation, Musik der Freunde. Kurz es war ein reicher Tag mit bleibenden Eindrücken, den der mächtige Choral: »Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren« schloß. Sein Festklang tönte bei uns fort. So soll's ja sein, wenn's Fest nicht arm gewesen und mit der flüchtigen Stunde verrauscht.

Wohl gedenkt man der Wunden, die das Leben in den fünfundzwanzig Jahren geschlagen. Aber man verbindet sie im Kämmerlein, wie jener blutende Fähnrich, den Wellington mit der Fahne nach der Schlacht von Waterloo hinüber sandte nach London, den Sieg zu verkünden – und schwenkt wie er, die Fahne des Sieges und Dankes vor Allen!

Wir haben noch manche silberne Hochzeit zu verzeichnen in unserer Hauschronik, aber keine goldene, dagegen so manche treue Seele im Witwenschleier. Solche Witwen in einer Familie, sie können eine Last, sie können aber ein reicher Segen sein in einem Hause – eine Last, wenn sie sich verbittern und der anderen frohes Gesicht nicht sehen können, ohne gleich murrend an das zu denken, was ihnen genommen ist. Aber ein Segen, wenn sie einsam sind und ihre Hoffnung auf Gott stellen; wenn man zu ihnen in stiller Abendstunde kommen, sie trösten und ihnen Gutes thun kann, und aus ihrem Leid und Dank ein Segen auf die Verschonten zurückfließt. Darum soll in jeder Hauschronik neben den silbernen Hochzeiten auch der Witwenhäuslein gedacht werden und ein rechtes Familienkind beides mit den Seinen können: »Weinen mit den Weinenden und sich freuen mit den Fröhlichen.« So hält's der Verfasser und ist bis Dato gut damit gefahren und wünscht allen Lesern und Leserinnen solche Feste, wie wir sie gehabt und freut sich vor allem auf den Geburtstag ins ewige Leben, auf den großen Weihnachtsbaum droben, und das selige Hochzeitmahl im Himmel, wo er mit allen seinen Lieben, die vor ihm waren und nach ihm kommen, ein ewiges Familienfest feiern möchte in unsres Vaters Hause. Das walte Gott durch Jesum Christum unsern Herrn! Amen.