Bittersüß

Frauenliebe.

Es lag noch Schnee auf den schwerer zugänglichen
Plätzen, in den Winkeln, welche die Sperrketten
und Prellsteine vor den Seiten der Kirchen und der
Museen bilden, aber der Schnee war staubig und
mürb, und auf den Sperrketten saßen die kleinen
Mädchen und hatten beim Schaukeln die Winterjacken
ausgezogen. In der Mitte der Straße floß das
Schneewasser wie ein Bächlein bergab und rauschte
ordentlich, und um die leeren Baumkronen lag ein
verheißungsvoller Schein, wie der Schatten künftiger
Belaubung.

Ein junger Mann, ein schlanker, hübscher Mensch
mit einer Mappe unter dem Arm, schlenderte die
Straße hinab, mit jener wohligen Lässigkeit, die uns
so gern im Frühling überfüllt, und streifte mit
träumerischen Augen die sonnenbeschienenen Häuser
mit den halboffenen Fenstern, dann wieder die Amseln auf den Bäumen, die es mit Hüpfen und Flöten
höchst eifrig hatten, endlich die schaukelnden Mädchen
auf den Sperrketten, die nicht minder als jene kicherten und lärmten.

Endlich wandte er sein ganz in Freude getauchtes Gesicht zu einer der Kleinen nieder und
fragte nach einem Hause und einem Namen, die
er hier in der Adalbertstraße zu suchen gekommen.
Die kleine Münchnerin verstand nicht sogleich, denn
er kam aus dem Norden, war erst am vorigen Abend
in der schönen Isarstadt angekommen, und das Kind
lachte verlegen, statt zu antworten. Ein größeres
Mädchen trat dienstfertig herzu und gab ihm die gewünschte Auskunft.

„Die Frau Brückner wohnt da, aber 's wird
Alles besetzt sein; sie hat sieben Zimmerherren, lauter
Maler und Studenten.“

„Du weißt ja gut Bescheid,“ sagte er lächelnd,
„ist sonst kein Zimmer in der Nähe zu vermiethen?“

„Es gibt schon, wenn der Herr mitgehen will,“
sagte die Kleine geschmeichelt.

Sie führte ihn in ein Haus, das bescheiden und
schmucklos mit seinen kleinen karrirten Scheiben
zwischen den neuen hohen erkerreichen Gebäuden stand.
Unten war eine geringe Wirthschaft.

„Ueber eine Stiege, da wohnt meine Bas', die
hat Platz.“

Eine muntere Bürgersfrau begrüßte die Ankömmlinge, aus der Küche tretend, die wie eine appetitlich
duftende Nebelhöhle aussah. Sie riß sich die nasse
Schürze ab und schleuderte sie hinter sich; dann ging
sie mit einladendem Rückwärtsblicken den etwas dunklen Gang hinab und öffnete die letzte Thür. Mit
einem gewissen Stolz wies sie ihm das hochgethürmte
Bett mit dem bunten Zitzüberwurf, den breiten blau
und weißen Kachelofen, das Haartuchsopha neben dem
Fenster und den verhängten Rahmen in der Ecke, der
statt eines Kleiderschranks diente.

„Und a Stiefelknecht kommt au no doher;
schaug'ns, 's is a Fräulen dogewesen, die hat koa
braucht, — und a Kerzen; und dös Waschschüsserl,
was do herein g'hört, is in der Kuchel; 's Fräulen
hat a eigenes gehabt, wissens; Emerenz, bring' doch
g'schwind 'm seligen Herrn Panther sein Waschschüsserl her, daß der Herre siecht, daß alles in der
Ordnung is.“

Der junge Mann war aus Fenster getreten und
hatte eine der Scheiben geöffnet, die bei jedem Schritt
auf dem schwächlichen Fußboden und bei jedem Wagengerassel draußen surrend erzitterten. Ein voller Strahl
der Märzsonne kam herein und dem Fremden in die
Augen, daß er sie blinzelnd wegdrehen mußte.

Dieser warme Gruß überzeugte ihn vollends,
daß er's hier sehr gut getroffen habe, und über der
Waschschüssel, die Emerenz wie ein Opfergefäß zwischen
sie beide hielt, ward er mit der Wirthin einig. Er
gab ihr seine Karte, von der sie ihm seinen Namen
„Alfred Heuvels, Bildhauer,“ stotternd vorlas, und
die dienstfertige Emerenz schickte ihm ihren Bruder,
den Buben heraus, daß er für seinen Handkoffer doch
keinen Fiaker zu nehmen brauche.

Sonderbar angeheimelt, obgleich ihm doch hier
Alles fremd war, und berauscht von dem immerwährenden Bewußtsein: das ist nun München, nach
dem ich mich so gesehnt habe, sah sich Alfred bald
wieder in der prächtigen Bahnhofshalle und las mit
lächelnden Blicken die Aufschriften an den großen Tafeln: „Nach Starnberg;“ „nach Salzburg;“ „nach
Innsbruck,“ — Da geh ich überall hin, sagte er sich
heimlich, und es schien ihm, als lache Italien ganz
nahe zu ihm herüber, und er dürfe nur die Hand
ausstrecken und sich hineinschwingen. Freilich einstweilen noch nicht, — erst wollte er hierbleiben, genießen, sehen, lernen, arbeiten. Aber er fühlte, daß
er das Sehen am Nöthigsten habe.

Vielleicht öffnete ihm ein bedeutender Künstler
sein Atelier. Ihm klopfte das Herz vor Freude und
Bangen, wenn er an seine eigenen geringen Entwürfe
und an die überschwängliche Fülle des Schönen dachte,
die ihn hier erwartete. Eine dankbare Regung überkam ihn gegen den unfreundlichen, geizigen Onkel,
der ihm nun doch in seinem Testament dreitausend
Thaler vermacht hatte. Solch einen Schatz in der
Tasche, und dazu fünfundzwanzig Jahre, Gesundheit,
leichtes Herz und Augen, die nach Schönheit dürsteten
und weit offen waren für die Lieblichkeit der Welt
— er genoß sein Glück mit gerührter Seele. Uebermuth war ihm fremd.

Er war hart auferzogen worden, hatte früh ums
Brot arbeiten müssen, seinem Vater, der Steinmetz
und schwach auf der Brust war, früh beispringen
müssen. Und wenn der Vater ein Grabkreuz zu meißeln
bekam, da war allemal Jemand gestorben, den der
kleine Alfred auch gekannt hatte, und zugleich mit der
Freude über den Auftrag kam eine weinende Nachbarin in die Thür, und der Kleine sah lieber frohe
Gesichter. So ging ihm der Ernst des Lebens frühzeitig auf. — Nun lebten die Eltern wohlversorgt
bei seiner älteren Schwester, die einen vermögenden
Holzhändler geheirathet hatte, und ihm war durch
das Vermächtniß des Onkels der heißeste Lebenswunsch erfüllt. Was hatte er denn bis jetzt gelernt?
Er war der beste Schüler gewesen in der Gewerbeschule, zu der er zwei Stunden weit täglich hatte
marschiren müssen. Pah, eine Gewerbeschule, die 's
ja schon durch ihren Namen ansagt, daß sie nichts
mit der Kunst zu schaffen habe. Danach freilich hatte
er bei einem tüchtigen Bildhauer in Hamburg arbeiten dürfen, fünf Jahre lang. Aber hatte nicht
auch dieser wackre Lehrer ihm vertraut, er sei „dort
oben“ wie im Exil und könnte gar nimmer fortmachen, wenn er nicht so oft als thunlich im künstlerischen Süden neue Anregung und Erfrischung hole?
Und wie hatte ihm die theilnehmende Freude vom
Gesicht geleuchtet, als ihm Alfred den Glückszufall
mit der Erbschaft erzählt.

„Gut, gut, da machen Sie geschwind, daß Sie
fortkommen, es ist hohe Zeit für Sie. Dreitausend
Thaler? Das muß für acht, für zehn Jahre reichen,
wenn Sie solid bleiben. Und nur nicht gleich heirathen! dann ist's verspielt,“ hatte er seufzend hinzugefügt. Und als der Schüler kopfschüttelnd gelacht:
„Ja, jetzt hat's Lachen keinen Werth, lachen Sie,
wann Sie verliebt sind! Eh glaub' ich's nicht. Ein
Hitzkopf sind Sie auch.“ Und dann noch einmal
beim Abschied: „Also Briefe, Berichte willkommen,
aber — Verlobungsanzeig verbitt ich, vor Ihrem
fünfzigsten Geburtstag.“

Warum kamen ihm diese ganz überflüssigen
Worte jetzt wieder in den Sinn, während er sie beim
Anhören nicht groß beachtet hatte? War es nicht
vielleicht schon ein Gefühl der Einsamkeit in all dem
neuen Glück, die Empfindung: hätt' ich nur Jemand,
dem ich's sagen dürfte, wie schön das alles hier ist?
Er ertappte sich darauf, daß er einem jungen, eifrig
plaudernden Paare mit langem Halse nachsah und
erröthete, denn er hatte an die Stelle des jungen
Mannes, der so lebhaft auf das Mädchen an seinem
Arm einredete, sich selbst gesetzt In der Beschämung
darüber machte er auf einmal so weite Schritte wie
um sich selbst zu entlaufen, daß der kleine Kofferträger kläglich zu schnaufen begann und sein Gepäck
zuletzt rathlos und zornig auf den Boden stellte.
Nun kam ihm der Gutmüthige schnell zu Hülfe. Er
griff selbst nach dem schwersten Stück, ja drückte dem
Buben gar die schmierige Mütze, die ihm entfallen
war, wieder auf die schwarzen Haare und scherzte so
freundlich mit ihm, daß der breite Mund sich noch
breiter zog, und die schiefen gelben Zähne hervorbleckten wie bei einem Teckel, den man streichelt. Es war
ein garstiger Junge, aber heut' sollte keiner ein klägliches oder böses Gesicht machen seinetwegen. Er gab
ihm ein so reiches Geldgeschenk, daß der kleine Träger
ohne Dank davonrannte und gleich mit einer Hand
„voll Münz“ zurückkam; er hatte wechseln lassen, weil
er nicht geglaubt, das Alles sei für ihn. Als er es
zuletzt begriff, schoß ein warmer dankbarer Hundeblick aus seinen kleinen Augen; der war von Stund
an dem Fremden zugethan, das fühlten sie alle Beide.

Sobald er sich's etwas behaglich gemacht, schloß
Alfred seinen Koffer auf, um an die Eltern zu
schreiben.

Vielleicht war das ein Weg, sich die Brust zu
erleichtern. Doch hatte er kaum die Feder angesetzt,
als ihm einfiel, weder Vater noch Mutter würden
recht begreifen, was er eigentlich meine, und so schrieb
er nur eine flüchtige Karte, die meldete, daß er wohl
angekommen sei. Er begann einen Brief an die
Schwester; wie er sich aber vorstellte, daß grade sie
am wenigsten Verständniß für seine Lust hinaus gehabt, wie sie ihm eifrig zugeredet, des Vaters
„schönes Geschäft“ zu übernehmen und die Schwester
ihres Mannes zu heirathen, die wohlhabend und
kaum zwei Jahre älter war als er, kamen ihm seine
eignen Zeilen lächerlich vor, und er zerriß den Bogen
mit einem drückenden Gefühl der Fremdheit gegen
die erste Freundin und Gespielin seiner Kinderjahre.
Nein, er wollte seinem Lehrer schreiben, dem guten
Bildhauer, dem er Alles verdankte! Schreiben! Doch
was? Hatte er denn schon etwas gesehen? Alles,
was er sagen gewollt, zerfloß in Nebel, wenn er des
humoristischen Graukopfs gedachte, wenn er sich des
fatalen Lippenzuckens erinnerte, mit dem der solch'
einen „blauen Dunst“ von seinem ältesten Schüler
aufnehmen würde. Nicht doch, dem schrieb man ernste
Briefe, inhaltreiche Briefe über Studium und Arbeit.

Alfred legte sein Schreibgeräth in die Schieblade zurück in eigenthümlicher Enttäuschung. Daß er
hier fremd sein mußte, war natürlich, aber daß er
in der Heimath im Grunde ebenso allein stand, war
ihm nie so zum Bewußtsein gekommen. Aus dem
Nebenzimmer drang der kratzende Ton einer Feder,
die eilig und unermüdlich übers Papier glitt. Durch
die breite Spalte der Thür sah er im Vorübergehen
einen gesenkten dunklen Kopf und heiße Wangen.
„Der schreibt gewiß an seinen Schatz,“ flog es ihm
durch den Sinn.

Er nahm Rock und Hut und ging ins Gärtnertheater. Man gab ein oberbayrisches Volksstück,
rührselig und derb komisch, aber er nahm es ohne
Kritik hin und erfreute sich an dem echten Spiel, an
Gestalten und Trachten und an der Mundart, obwohl
er sie nur halb verstand. „Da geh ich auch überall
hin,“ wiederholte er sich, wie am Mittag.

Er hätte auch gern geplaudert in den Zwischenakten, wie die Leute rechts und links um ihn.
Seine Nachbarin war ein blühendes Mädchen mit
muntern Augen, aber sie blickte immer nach der
andern Seite. Da entfiel ihr der Theaterzettel. Alfred war hinterdrein, als sei es ein Kleinod, und erfaßte ihn im Fluge. Aber sie nahm ihn garnicht,
dankte nur obenhin: „Ich brauch' ihn nimmer,“ und
sprach wieder mit ihrem Begleiter. Wenn man ihm
bei seiner Abreise in Hamburg gesagt hätte: „Du
meinst wohl, in München stehe schon Alles auf den
Zehen und warte, bis Du kommst?“ so wäre er
sicherlich beleidigt gewesen, daß man ihn für einen
solchen Hans Narren halte, und doch war er ein bischen enttäuscht, jetzt, daß man ihn so garnicht nöthig
hatte und er die Andern, ach, so sehr.

Als er nach dem frühzeitigen Schluß des Spiels
fröstelnd durch die rauhe Nacht heimging, zauderte er
mehr als einmal vor einem hellen Fenster. Kann
ich nicht hinein gehen zu denen, die da vertraut beisammen sitzen? Bitten, gönnt mir euer Wort, euer
Licht und eure Herdflamme; ich bin auch ein Mensch
und komme weit her und freue mich so, daß ich da
bin? — Kopfschüttelnd schritt er weiter, solche Einfälle führt man nicht aus. Er hätte vielleicht in
einem der zahlreichen Cafés oder Bierkeller noch gute
Gesellschaft gefunden, aber war nicht gewohnt, ins
Wirthshaus zu gehen. Das hatte in Hamburg wenig
Verlockendes, außer, wenn man hungrig war, — von
dem andern Lebenszuschnitt hier wußte er noch nicht
recht.

In seinem Zimmer flackerte ein bescheidenes Feuerchen, der große weißblaue Ofen fühlte sich noch kühl
an. Er entzündete das Licht, löschte es aber bald
wieder, denn das dünne trübselige Flämmchen reichte
nur eben hin, den warmen Ofenschein zu verjagen,
nicht aber das Gemach zu erhellen. Wie er noch so
brütend dasaß, drang aus der Nähe irgendwo, aber
doch wie gedämpft durch die Nacht, eine reiche volle
Stimme herein, die ein sanftes einfaches Lied sang.
Er horchte, verstand aber nur hie und da eine Zeile
von Rosenzeit und Herzeleid und dann am Schluß
ein langes, sehnsüchtiges „vergessen, vergessen“. Was
aber kümmerten ihn die Worte. Ein bestrickender
Wohllaut lag in der Stimme, und der zarte seelenvolle Ausdruck griff ihm ans Herz. Ein Nixengesang,
aber keiner, der unselig macht, einer der fromm macht
und weich, aber auch das Heimweh weckt nach
einer schöneren Welt, wo die Thüren aufgethan
sind und die Herzen keine Mauern kennen, wo die
Menschen Brüder sind und mit den Sternen und
den Blumen und allen Creaturen um die Wette
die Herrlichkeit des Daseins preisen. Der junge
Träumer sah die Sängerin sitzen; sie trug einen
Schilfkranz in den langen nassen Locken und eine
Harfe im Arm, wie die Lorelei in der Hamburger
Kunsthalle. Der Arme hatte sonst noch keine Nixe
gesehen. Aber er meinte doch, etwas runder sei sie
vorzustellen, als jenes Bildwerk, und gar die „Taille“
würde er nimmermehr so schmächtig formen wie bei
der Lorelei. Nun klang es wieder, aber wie anders,
wie voll herzlichem Weinen: „Draußen vor der
Pforte steht ein Leiermann,“ und gar weiter das:
„Wunderlicher Alter, laß mich mit Dir gehen“, daß
ein Schmerzensschauer den einsamen Hörer überrieselte, als blicke er in alles stumme Leid und Elend
der Menschheit. Nun war es keine Nixe mehr, die
sang, nun trug sie Flügel und die Schale der Erquickung in den Händen; und sie war schön wie —
nein, ihr glich keine der griechischen Göttinnen an
trostverheißender Milde, an sinnender Güte! Auf
ihrem Sockel stand — er sah es deutlich — „Ich bin
das Mitleid.“ Ach, wenn er das bilden, das hinstellen könnte, wie er es sah! Sie stand ihm ja so
klar, so greifbar nah vor Augen. Er wünschte nur,
daß es erst morgen sei, um gleich anzufangen. Alle
Einsamkeit war verschwunden, war belebt von bildreichen Träumen, über denen sich seine Wangen
rötheten, sein Herz hoffnungsvoll klopfte.

Da verstummte die Sängerin. Ihm war, als
werde seiner Gestaltenwelt plötzlich das Licht entzogen.
Es leuchtete wohl noch hie und da eine fließende
Falte, ein schön gebogener Arm, aber das Ganze
war seinen Blicken verhüllt. Eine unbeschreibliche
Sehnsucht nach den verklungenen Tönen überkam ihn.
Er lauschte mit angehaltenem Athem. Aber nun
waltete über dem Hause nächtliche Stille, oder —
was man so nennt — das Zusammenhallen all der
leisen Geräusche, die der Tag übertäubt.

Ohne das Licht zu entzünden, legte er sich in
das hochgethürmte Bett und träumte mit geschlossenen
Augen weiter, bis an den hellen Morgen.

Er hörte, wie sein Zimmernachbar sich herumwarf und brummte, der da habe ihn aufgeweckt.
Das beschämte ihn, denn er war voll Rücksicht, und
ganz geräuschlos kleidete er sich an, um nicht noch
weiter zu stören. Während er für den Tag Pläne
entwarf, miaute es draußen zart und leise, auch ein
bescheidenes Kratzen ließ sich vernehmen. Er öffnete,
und herein spazierte ein graues Kätzchen von zierlichem Körperbau, sah sich mit einiger Verwunderung,
wie es schien, im Zimmer um, und sprang dann auf
das Bett, wo es sich behaglich in die noch warmen
Kissen duckte. Alfred hatte seine Freude an dem
niedlichen Gast, der hier so ganz wie zu Hause that,
sich willig streicheln ließ und gleich zu schnurren begann unter solchen Liebkosungen. „Woher kommst
Du?“ fragte er munter, „und was willst Du bei
mir?“ Aber das Kätzchen antwortete nur mit einem
vielsagenden Zwinkern, legte sich auf den Rücken und
reckte die Pfötchen mit den rosenrothen Fußballen,
als wolle es sagen: Da gefällt mir's. Er hatte in
seinem freundlichen Gemüthe schon beschlossen, das
Waisenkind zu adoptiren, als die Wirthin mit dem
Kaffeebrett hereintrat und sogleich ausrief: „Nein,
Du bist amol a Naseweis! In dem Herrn sein Bett
drin! Gelt, da ist's gut warm? Da möcht ich auch
lieber liegen, als in aller Herrgottsfrüh an' Brunnen
springen, weil die Wasserleitung wieder amol zugefroren is über Nacht. 's nimmt koa End' mit dem
Winter, ich sag's ja.“

Sie setzte das Frühstück nieder und hielt dem
Kätzchen den Arm hin.

„Da hupf 'nauf, daß Dein Fräulein koa Angst
kriegt; die Emerenz trägt Dich 'nüber.“

„Ach, das Thierchen hat schon einen Herrn?“
sagte Alfred.

„A guts, guts Fräulein; und singt so gar arg
schön! Sie werden's auch noch hören. Sie hot ja
in dem Stüberl do g'wohnt und wär' noch heut' do,
aber schaug'ns, do is die Wirthschaft do herein,
drunten, do hat's ihr nimmer paßt. Jetzt das Peterl,
das Lumperl verlauft sich als, weil's noch den Geschmack von der Wohnung in sein' Nos hot.“

Nun hätte Alfred das Kätzchen doppelt gern geliebkost, aber die Frau hatte es mitgenommen. Er
sah sich in dem bescheidenen Raum um, — früher
also war die herrliche Stimme hier erklungen. War
es nicht süß, nun da nach ihr zu hausen? Hätte er
doch nur die Frau ein bischen ausgefragt! Aber es
war ihm fast lieber so. Was hätte ihm die erzählen
können? Ein gutes, gutes Fräulein, hatte sie gesagt?
Ja, das war sie gewiß! Was brauchte er eigentlich
noch von ihr zu wissen? Wußte er doch, daß ihm
ihre Stimme wunderbar gefiel, und daß ihre ganze
Person ihm wunderbar gefallen werde, wenn er sie
einst erblicke. Sein Herz begann zu schlagen bei dem
Gedanken an diesen künftigen Augenblick. Dann aber
fragte er sich als der gewissenhafte Junge, der er
war, ob er nicht seinem Lehrer Wort halten und solch
eine verführerische Bekanntschaft von vornherein meiden solle; und er erkundigte sich nicht weiter, obwohl
er beim Hinausgehen noch einen „Ständerling“ mit
der Wirthin hatte über allerlei nothwendige und unverfängliche Dinge.

Mit dem gehobenen Bewußtsein, das der kleinste
über sich selbst errungene Sieg verleiht, begab er sich
auf seine erste Studienfahrt in die Glyptothek.

Wie aber ward dem Neuling hier! Wie ging
seine Freude in bloßes Staunen, sein Staunen in
Schrecken, sein Erschrecken in völlige Zerschmetterung
über. Hier, ach, hier hatte erst recht Niemand auf
ihn gewartet, — war nicht längst Alles versammelt
und tausendmal schöner, als er es auch nur geträumt?
Er stand wie betäubt vor dem barbarinischen Faun,
in Grauen und Entzückung vor der Medusa Rondanini. Wenn das hier Menschen gebildet hatten,
Künstler, was war dann er? Er riß seine Karte aus
der Tasche und zog einen dicken Bleistiftstrich durch
das Wort „Bildhauer“ unter seinem Namen, während
es ihm heiß und stechend in die Augen stieg. —
Seine Schwester hatte Recht gehabt: seines Vaters
„schönes Geschäft“, die Grabkreuze und abgebrochenen
Säulen alle nach demselben Muster, das war das
Richtige für ihn. Er mußte sich Gewalt anthun, um
nicht zu schluchzen wie ein Knabe: „Alle gegen Einen!
Wenn Alle so gegen Einen anstürmen!“

Gern wäre er fortgelaufen, aber doch hielt es
ihn wieder wie mit Zangen. Die Erfahrung von
gestern, daß man ihn so garnicht nöthig habe und er
die Andern so sehr, so sehr, kam wieder, aber heut
mit einer qualvollen Schärfe, die ihn ganz durchbeizte.
So kam er nach Hause. Alles Verlangen nach Speise
und Trank war von ihm gewichen. Er schleppte sich
die Treppe hinauf und warf sich todtmüde aufs
Sopha. So tief war er getroffen, daß er wie ein
körperlich Verwundeter vor Ermattung einschlief und
fest und traumlos schlummerte stundenlang.

Mit der unklaren Empfindung eines großen Glücks,
einer um ihn verbreiteten Wonne kam ihm die Besinnung zurück. Sie sang wieder. Heut schien es noch
ferner als in der Nacht, es legte sich so vieles Tagesgeräusch dazwischen. Doch selbst aus solcher Weite klang
es wunderbar beruhigend, wie der Ausdruck der tiefen
Uebereinstimmung unter der scheinbar so verschiedenen,
so widerstrebenden Wesenwelt. Es war kein deutsches
Lied, irgend ein alter italienischer Hymnus. Ein
leidenschaftliches Flehen und Werben um Gnade, ein
stammelndes Geloben der Hingebung, ein sich Auflösen und Zerfließen in der Gottheit. Ach, wie sie
schön war! Er sah sie wieder, sie trug die Züge der
Gestalt, die sich das Mitleid nannte, aber sie stand
nicht mehr aufrecht, sie hatte sich auf die Kniee geworfen, drückte mit beiden Händen ein Schwert gegen
ihre Brust und flehte mit verzücktem Antlitz: „Gieb
mir die Schmerzen der Welt, aber laß mich in allen
Schmerzen Dein sein, o Gott.“

Mit einem langen, befreienden Athemzuge stand
er auf. Was in seiner Vernichtung Neid und Mißgunst gewesen, fiel von ihm ab. Eine heiße Dankbarkeit wallte in ihm empor. O, die theure, die
fromme, die Engelsstimme! — Ja, er war nur ein
Nichts, verglichen mit Jenen, die der Menschheit
ewige Schätze geschenkt hatten. Aber hatte es nicht
auch eine Zeit gegeben, wo sie noch nicht waren?
Ein redliches Versuchen, ein unermüdetes Ringen war
noch keine Anmaßung. Es war nur eine Frage an
seine eigne Natur, und die mußte doch erlaubt sein.
Er fühlte sich so erhoben, als habe er schon gefragt
und die Antwort laute: ja. Mit der ganzen Spannkraft seiner fünfundzwanzig Jahre schwang er sich den
Hut auf den Kopf und stürmte hinaus. Er wollte
— ja, vor allen Dingen wollte er zu Mittag essen,
denn was er noch von Unbehaglichkeit spürte, würde
wohl Hunger sein. Er vertiefte sich mit einer Gründlichkeit in seinen Suppenteller, über die er selbst gelacht hätte, wäre ihm nicht trotz der wiedergekehrten
Frische höchst feierlich zu Muthe gewesen. Seine heiligen Entschlüsse und sein gesunder Durst wirkten zusammen, so daß er heut mehr trank, als er gewohnt
war. Voll Muth redete er einen älteren Herrn an,
der ihm einen künstlerischen Anstrich zu haben schien,
fragte ihn, wann die Glyptothek geöffnet sei, obgleich
er's gut wußte, gerieth in ein erträgliches Gespräch
mit ihm über die Frage: Büste oder ganze Figur bei
Denkmälern für Dichter und Gelehrte? und kam mit
der unklaren aber beseligenden Empfindung, daß es
ihm sehr gut gehe, nach Hause. Aus dem Fenster
gegenüber hörte er Klavierspiel; da wohnte sie gewiß.
Wie, wenn er hinaufging, ihr dankte für Alles, was
sie unwissentlich schon an ihm gethan hatte? Ein
toller Gedanke! So keck war er doch sonst nicht!
Um aber die Tollheit nicht auszuführen, wie es ihn
mächtig lockte, lief er geschwind in seine eigene Hausthür und die Treppe hinauf.

Wieder wie gestern der einsame Feuerschein aus
dem Kachelofen, das Licht auf dem Betttischchen.
Aber halt, war das nicht ein sanftes Miauen? Er
leuchtete umher. Richtig, auf dem Kopfkissen seines
Bettes saß es schon wieder, grau und klein und reckte
die Pfötchen wie zum Willkommen. Das war zu
viel für seine Standhaftigkeit. Er konnte doch das
arme Fräulein nicht in der Unruhe lassen! Sie
mußte es ja vermissen und hätte gewiß die Nacht
nicht geschlafen, ohne den Liebling in Sicherheit zu
wissen. Er riß das weiche Klümpchen von der Bettdecke, auf der es sich zierlich angehäkelt hatte, in seinen schützenden Arm und rannte ohne Besinnen den
heute früh so gewissenhaft verschworenen Weg entlang
quer über die Straße. Ueber den hellen Hausflur,
die Treppe hinauf und noch eine Treppe leitete ihn
die Stimme, Ach, warum sang sie auch gerade ein
neckendes Liebeslied! Es klang:

An blühender Hecke im rothen Kleid,
Habe Gott zum Gruß, Du zierliche Maid!
Du schaust so schelmisch und lächelst süß,
Wie heißt Du?
Sprach sie: Bittersüß,
Herr, Bittersüß.
Ei, rief ich lachend, die Bitterkeit,
Von solchen Lippen schafft wenig Leid.
Komm, grüße wieder, wie ich Dich grüß:
Möchte wohl!
Sprach Bittersüß,
Schön Bittersüß.

Nun stand er an der obersten Treppenstufe und
suchte mit den Augen die Thür, aus der die Töne
quollen. Das Kätzchen murrte leise, so drückte er es
an sich. Horch, weiter:

Und dreimal hab ich sie heiß geküßt,
Und sie, sie hat es leiden gemüßt,
Roth war ihr Mieder, und weiß die Füß'. —
Wohl bekomm's!
Sprach Bittersüß,
Schön Bittersüß.

Eine heimliche Drohung, verführerischer als eine
Zusage, lockte aus der Stimme der Singenden, daß
es ihn überlief.

Doch wie ich weiter gewandert bin,
Da ward mir bange und krank zu Sinn;
„Wer weiß auch, ob ich Dich wieder grüß?“
Nimmermehr!
Sprach Bittersüß,
Ach Bittersüß.
O arge Maid! o täuschender Nam'!
O weh mir. daß ich des Weges kam!
Nun wird mir bitter, was erst so süß.
Wie es kommt!
Sprach Bittersüß,
Ach Bittersüß.

Das war wieder Nixengesang! Spottend hallte
es hinter dem Verlockten drein:

Dein Unglück trage nur fein gemach.
Die Bitterkeit kommt zuvor oder nach.
Ein süßes Bitter, ein bittres Süß
Ist die Lieb!
Sprach Bittersüß,
Ach Bittersüß.

Das Lied verhallte so, mit einem Seufzer, und
Alfred stand noch immer an derselben Stelle. „Ja
— ja —“ murmelte er vor sich hin, „aber nun hilft
es doch nicht, nun muß ich doch hineingehen. Ich
glaube, ich bin im Schlaf, ich glaube, mir träumt
das nur so hier, — ich glaube, ich muß anklopfen,
sonst werde ich verrückt, oder ich erwache, oder —

Er ging langsam die drei fehlenden Schritte und
klopfte mit zitternden Fingern. „Herein!“ sagte die
volle weiche Alt-Stimme. Er griff nach seinem Hut,
um ihn abzuziehen, aber er fand ihn nicht, er hatte
ihn in der Hast vergessen. Wie er sich besann, ob er
denn nicht lieber erst zurücklaufen, den Hut holen
solle, ward das „Herein“ wiederholt. Halb gegen
seinen Willen öffnete er nun die Thür, seine Blicke
flogen ihm voraus, doch ward er geblendet, weil er
so lang im Halbdunkeln gestanden hatte, und sagte
mit unsicherer Stimme in das Gemach hinein: „Ich
bitte um Verzeihung, ich glaube, dieses Kätzchen —“

„Ach Peterl, Peterl, Du machst mir argen Kummer!“ sagte die Dame, die da auf ihn zutrat und
die Hände nach dem Thierchen ausstreckte. Es sprang
auch gleich auf ihre Schulter und drückte sich zärtlich
an ihren Kopf, das ungetreue Geschöpfchen. Alfreds
Augen hatten sich inzwischen erholt und flogen
suchend über die Stühle, die um den runden Tisch
her standen. Sie waren aber leer, und ebenso alle
Ecken, in die das Licht der über dem Tisch hängenden Lampe fiel. Leer war auch der Platz am Clavier;
es war Niemand im Zimmer als die Dame, die jetzt
freundlich sagte:

„Wollen Sie nicht sitzen? Daher?“

Das ist doch nun gewiß ein Traum, dachte er
bei sich und erwiderte mit einem gewissen prüfenden
Ton:

„Ich hörte hier Gesang und wollte nicht stören — “

„Ich habe gesungen wie immer am Abend und
bin froh, wenn ich nicht Andere störe,“ war die einfache Antwort.

„Sie sind die Sängerin?“ stotterte er und blickte
mit der peinvollen Gewißheit, daß dies Alles ein
böser Traum sei, der ihn aber doch herzlich quäle, in
das grotesk-häßliche Gesicht vor ihm, über das unter
seinem erschrockenen Anstarren ein leises wehmüthiges
Zucken ging. Sie wandte sich nun ab: „Haben Sie
das Singen gern?“

„Ja — das heißt — nein,“ stammelte er wieder und sah angstvoll auf die große reizlose Gestalt,
die knochigen Hände und das stumpfe chinesische Profil. Dabei dachte er fortwährend: Ich muß dem hier
doch ein Ende machen, ich muß doch das Wort sagen,
daß aus der häßlichen Haut die Nixe hervorspringt,
die Huldin, die Göttin.

„So dank' ich Ihnen eben recht, daß Sie mir
mein Peterl wiedergebracht haben und bitt' um Entschuldigung wegen der Belästigung,“ sagte die Sängerin ruhig, „und wenn die Musik Sie Abends genirt, so kann ich zu andrer Zeit singen —“

„O nein — nicht doch — es war ja nur —
weil — sein Sie mir nicht böse —“

„Weil Ihnen mein Gesicht nicht gefällt?“ sagte
sie leise, — „da sein Sie nur ruhig, mir gefällt's
auch nicht; nein, ich bin nicht böse, es sind schon
mehr an mir verschrocken. — Nicht dorthin, bitte, da
geht's hinaus. Warten Sie, die Treppen möchten
schon dunkel sein.“

Sie nahm einen Leuchter vom Clavier und begleitete ihn hinaus. „Sie haben keinen Hut, Sie
wohnen im Haus hier?“ fragte sie. Als sie hörte,
er habe ihn vergessen, bat sie ihn, mit umzukehren.
„Es möcht' kalt sein, so über die Straß'; 's ist noch
ein Hut da vom verstorbenen Bruder, warten Sie.“

Er saß in Beklemmung und wagte kaum, sich in
dem bücherreichen, behaglichen Zimmer umzusehen.
Ach, diese schlichte, unbefangene Freundlichkeit überzeugte ihn, daß er leider nicht geträumt habe. Die
süße Märchenstimme war körperlos, und die Bilder
alle, die er geschaut, waren trügende Luftspiegelungen
gewesen, die er nimmermehr würde festhalten können.
Eine Art Erbitterung gegen die Sängerin ergriff ihn.
Verlocken und dann enttäuschen!

So enttäuschen! Und diese philisterhafte Erkältungsfurcht! Warum sollte er nicht ohne Hut nach
Hause gehen? Er war schon im Begriff, fortzulaufen,
als sie mit einem großen grauen Filzhut in der Hand
eintrat.

„Nun kommen Sie, mein Mädchen ist schlafen
gegangen, und die Hausthür wird geschlossen sein.“

Als sie die Treppen zusammen hinabgingen,
schlug es halb zwölf; ein Zugwind blies das Licht
aus. Ihr Kleid rauschte neben ihm auf der Stufe,
und er fühlte ihre warme Nähe. Wieder ergriff es
ihn wunderlich. Vielleicht war sie Nachts wieder,
was sie eigentlich war, flog es ihm durch den Kopf.
Er tastete leise nach ihr, umfing sie plötzlich und
küßte die Ahnungslose auf die Lippen. „Für all' die
süßen Lieder,“ hauchte er, „leide es nur! Muß ich
nicht auch all die Träume leiden?“

Sie hatte ihn schnell zurückgedrängt und das
Licht wieder entzündet.

„Gehen Sie,“ sagte sie traurig, ohne die Augen
zu erheben, „das war nicht recht, wir werden uns
nicht wiedersehen.“ — Sie betonte die letzten Worte,
so daß sie einem Befehl gleichkamen, reichte ihm auch
nicht mehr die Hand, wie verlangend er die seine
ausstreckte, sondern schloß hastig die Thür hinter ihm.
Dann aber stand sie noch eine Weile, auf den Schritt
horchend, der drüben verklang. Als sie hinaufging,
fiel eine große Thräne mitten in die Kerzenflamme
hinein, daß sie ausknisterte und fast verlöscht wäre.
Peterl stand an der halboffenen Stubenthür. Sie
nahm es und preßte das runde Köpfchen an ihre
nasse Wange, die langsam erröthete.

„Du gutes dummes Thier, was hast auch angestellt,“ seufzte sie, „kannst denn garnicht bei mir
bleiben?“ Sie wiederholte die Frage noch ein paarmal, während sie Bücher und Noten zusammenlegte
und sich zum Schlafengehen anschickte. Draußen tobte
der Frühlingssturm und riß an den Fenstern. —

Der Schlaf nimmt nicht immer das Bewußtsein;
oft bleibt uns nach heftiger Gemüthsbewegung die
frohe oder trübe Empfindung alle Nachtstunden hindurch, und am Morgen bedarf es keines Besinnens
— noch eh' die Augen offen sind, wissen wir, was
uns freut oder fehlt, was gewonnen oder verloren ist.
Alfred erwachte mit dem Gefühl, daß sein Tag öde,
sein Leben von heut ab trübe und schwer sei, und er
war so ungeübt in dieser Empfindung, daß sie ihn
auch körperlich niederhielt. „Wenn es so hergeht,
wenn nichts ist, was es scheint,“ seufzte er, „dann
ist ja alle Freude Trug! Solch eine Stimme und
— solch ein Gesicht! O, es muß ein Teufel dahinter
stecken, daß man die Augen weiter aufthut, als nöthig
ist, und nachher ist Alles hin.“

Auch sein Betragen fiel ihm schwer aufs Herz.
Sie war so gütig geblieben, wie eine Erwachsene, die
einen wilden Knaben vor sich sieht. Sein unverhohlenes Erschrecken im Anfang, seine unzusammenhängenden Entschuldigungen, seine besinnungslose
Keckheit, — sie hatte Alles mit lächelnder Nachsicht
hingenommen. Nein, das Letzte doch nicht, da hatte
sie gesagt: „Das war nicht recht.“ Warum auch
hatte er sie geküßt! Es war ja schon nach der Entzauberung. Und doch war er sich bewußt, auch darin
ganz seinem Gefühl gefolgt zu sein. Es war nicht
recht, aber falsch war es auch nicht. Sein Herz war
übergeströmt gegen sie in Liebe und Haß, ja auch
Haß, daß sie dem Bilde nicht glich, welches er sich
von ihr gemacht. Und in dieser gemischten Empfindung hatte er sich hinreißen lassen. Und es war doch
ein Kuß gewesen, als sei sie schön. Er fühlte es
noch weich und duftig an seinen Lippen. Freilich,
als sie dann wieder das Licht entzündet —

Er war wie in einem Ring gefangen und stieß
sich darin müde und matt. Zuletzt überredete er sich,
das sei die Strafe für seine Widerstandslosigkeit.
„Im ersten Gefecht schon besiegt,“ würde sein Lehrer
spotten, wenn er es wüßte. Was hatte er nach den
Frauen zu gaffen. „Und gar nach häßlichen!“ würde
sein Lehrer sagen. Der hatte eine Kellnerin geheirathet, freilich eine schöne; sein bestes und beständiges
Modell, wie er selbst bekannte.

Voll Unlust ging er endlich auf die Straße, weil
er es so allein mit sich nicht aushalten konnte. Vor
der Hausthür gegenüber stand ein Wagen, der Kutscher
legte eben einen Reisekoffer zurecht; seine Wirthin
stand mit der Emerenz, die einen Reisesack in der
Hand hielt.

„Das Fräulein verreist auch wieder,“ sagte sie
zu ihm im Vorbeigehen, „da wird's Peterl nimmer
zu Ihnen kommen, 's geht mit. Da schaug'ns.“

Emerenz öffnete den Reisesack ein bischen, da
war nichts weiter drin, als das wohlbekannte Kätzchen.

„Verreist?“ fragte er betreten, „die Sängerin?“

„Sie ist keine Sängerin, aber sie singt arg
schön,“ erwiderte die Frau. „Sie geht zu ihrer
Schwägerin, die ist krank. A guts, guts Fräulein,
wenn Eins krank ist, gelt Du, Emerenz?“

Das Kind nickte eifrig und schaute in das Haus
zurück. Da kam sie die Treppen herunter. Er wandte
schnell die Augen ab und stürmte um die Ecke, er
wußte selbst nicht warum. —

Nun muß es anders mit mir werden, nun muß
das abgethan sein, dachte er. Er ging in die Antikensammlung und vertiefte sich ganz ins Anschauen.
Auch entschloß er sich, ein Empfehlungsschreiben des
Bildhauers in Hamburg an einen Kunstgenossen abzugeben. Der nahm ihn freundlich auf, über Erwarten; einen Gehülfen brauche er zwar im Augenblick nicht, aber er solle nur ins Atelier komme, so
oft es ihm beliebe. Leider war dieses Meisters Können nicht nach Alfreds Geschmack. Diese handhohen
Rokokofigürchen mit den Blumenkörbchen und schiefen
Hütchen, diese tragikomischen Katzengruppen, so geschickt sie gemacht waren, erschienen ihm wie Zuckerbäckerkunststücke, und er staunte innerlich über den
Eifer und Stolz, womit der Mann, der sich Bildhauer nannte, diese Zierlichkeilen verfertigte. Seine
Entwürfe gingen immer ins Große. Aber der behäbige Meister meinte ganz trocken, seine Püppchen
seien weit einträglicher, die könne ein Jeder brauchen,
auf Schreibtisch oder Kommodenkasten. Zur Bekräftigung dieser Wahrheit führte er ihn eines Sonntagsnachmittags vor sein hübsches Gartenhaus, das
ihm seine Miniatur-Kunst eingebracht hatte. Es trug
denn auch dasselbe zuckerige Gepräge, wie Alles, was
er machte, war mit Säulchen, Thürmchen, Amorettenfresken und Figuren in Nischen überreich verziert, und
an einem Springbrünnchen im Garten saß, wie eine
lebendig gewordene Puppe ihres Papas, die Tochter
des Bildhauers in einem kurzen hochgebauschten Röckchen, das unvermeidliche Blumentellerchen auf dem
kurzen Lockenwerk. Sie hieß Fräulein Appolonia
oder „Loni“, wie sie sich selbst vorstellte, war siebzehn
Jahre alt, wie sie hinzufügte, und hatte ein pikantes
Gesichtchen mit hochgeschwungenen Augenbrauen und
tiefrothem Mündchen, wie Jeder sehen konnte. Sie
begrüßte den jungen Hamburger so unbefangen, als
kenne sie ihn seit Jahren, ließ sich aber nicht stören
in ihrer Beschäftigung, eine Hand voll blauer und
gelber Krokus, die sie eben gepflückt hatte, zu einem
Sträußchen zusammenzubinden und an ihr rothes Atlasmieder zu stecken. Kaum aber saß es dort, so
nahm sie es wieder herunter und sagte kopfschüttelnd:
„Es paßt nicht, ich werf's fort, oder wollen Sie es
haben?“ Dabei legte sie ihm die kaum aufgeblühten,
aber schon halbwelken Krokus in die offene Hand.
Alfred hatte Blumen sehr gern, die zarten Frühlingskinder am liebsten.

„Nicht, nicht!“ bat er die kleine Zerstörerin, die
sich schon wieder zu dem Beet gebückt hatte, „sehen
Sie, wie sie sich an der Sonne freuen, wie sie alle
Kelche weit geöffnet haben.“

Das Mädchen sah ihn erstaunt an:

„Morgen gibt's wieder neue, die machen noch
lang' fort; ich nehm' jetzt nur die gelben, weil's
Violett nicht zu dem Roth da geht.“

An den Stachelbeerhecken schimmerten die grünen
jungen Blättchen, hin und wieder war schon eine der
bescheidenen bräunlichen Blüthen ausgeschlüpft. Vor
Alfreds Seele stand plötzlich der kleine Garten seiner
Kindheit, der Fliederbusch, der wilde Wein an der
Laube und sein Kinderentzücken über die ersten grünen
Stachelbeerblättchen. Dort war es schön gewesen.
War es das? Hatte er sich nicht Jahr für Jahr
weggesehnt von dort? Und nun schien er sich so
fremd in der Welt, „so allein wie ein Stein“, wie
ein altes Lied sagt.

„Aha, da kommen sie ja! Der Muckerl und
der Storch, und der Kanonenjockel, guten Tag, Jockerl
— und der Herr Baron und der Bub', gieb e
Patsch, Bub', au! nit so derb! Ja, wo ist denn der
Papa?“

Die Ausrufe kamen von Fräulein Loni, die inmitten eines Kreises von fünf jungen Männern stand,
die eben hereingetreten waren. Alfred suchte mit den
Augen nach dem „Buben“, doch konnte er keinen
erblicken, auf den die Bezeichnung gepaßt hätte.

„Da ist noch Einer,“ hörte er jetzt Loni sagen
und dann „schau'ns, da steht er; ach bitt' schön, Herr,
wie heißen Sie doch gleich? ich möcht' die Herrschaften mit einander bekannt machen.“

Alfred trat etwas verwundert näher und hörte
nun fünf Namen, die aber von seinem Trommelfell
vorläufig gleich wieder abprallten.

Es war weder ein Herr Storch noch ein Baron
darunter, doch schloß er bald, daß der Ueberschlanke,
der ihr zur Rechten stand, von dem Fräulein mit
dem Vogelnamen ausgezeichnet worden. Der, den sie
jetzt wieder „Bub“ nannte, hatte einen stattlichen
Schnurrbart, den er beständig zauste. Sie hatte das
Busensträußchen eben wieder abgenommen und vertheilte die Blumen, wozu sie allerlei muthwillige
Sprüche sagte, die zwar meistens gar keine Beziehung
zu ihr oder diesen Männern hatten, aber doch laut
belacht wurden. Zuletzt hielt sie nur noch ein leeres
Zweiglein, das als Stiel gedient hatte, in der Hand.
Sie reichte es mit einer graziösen Verbeugung Alfred
hin und summte dazu: „Wer nicht liebt Wein, Weib
und Gesang“ —

„Fräulein, Fräulein, das hat ja der Luther gesagt,“ unterbrach sie ein kleiner Schwarzhaariger mit
scherzhaftem Fingerdrohen.

„Der Luther?“ fragte sie zweifelhaft, „warum
nicht?“

„Der Luther war doch ein Ketzer!“ ermahnte der
Schwarze unter dem Lachen der Uebrigen.

„Ach geh, Muckerl,“ rief das Fräulein, den Kopf
zurückwerfend, „das haben unsere katholischen Herren
lang' gewußt, eh sie's der Luther gelehrt hat.“

Wieder lachte Alles.

„Aber hat denn der Luther Euch Katholiken
gelehrt?“ fragte der Schwarze in scheinbarer Verwunderung.

Die Kleine gerieth in die Enge.

„Geschwätz!“ sagte sie, mit dem Fuß auf den
Kiesboden stampfend. „Wer hat wen was gelehrt?
Ich nicht, mich nicht. Mich hat Niemand nix gelehrt. Muckerl will wieder anbinden. Ich laß ihn
stehn.“

Sie bückte sich zu dem Springbrunnen, als wolle
sie eine Hand voll Wasser schöpfen. Der, den sie
Muckerl genannt hatte, wich in komischer Eile zurück.

„Wein! von Wein war die Rede, Wasser liebt
Niemand!“ betheuerte er.

„Und Ihr kriegt doch nur ein Bier!“ sagte
Fräulein Loni mit tiefschmollender Miene. „Ist gut
genug für Euch.“

Sie huschte die breite Treppe zu dem Gartenhause hinauf und machte noch droben eine kleine Faust
nach rückwärts.

Die jungen Männer lachten noch immer, nur
„Muckerl“ sah Alfred mit einem sonderbar gemischten
Blick an und sagte plötzlich, vor ihm stehen bleibend:

„Nicht wahr?“

Und Alfred verstand merkwürdiger Weise, was
das heißen sollte, und nickte mit einem Seitenblick
nach dem Hause zu.

Der Schwarzhaarige trat ihm noch näher, zog
die Mundwinkel tief herab und sagte gedämpft:

„Keine Mutter gehabt.“

Alfred nickte wieder und sah mit Antheil in das
jetzt tief bekümmerte Gesicht des Andern. Es war
scharf und fein, mit einem Zug des Leidens; der
volle Bart, schwarz wie das Haupthaar, ließ die
Züge noch bleicher erscheinen. In den grauen Augen
aber schien ein Schalk verborgen, der manchmal hell
hervorblitzte.

„Ein schönes Mädchen,“ sagte Alfred, mehr um
ihm einen Gefallen zu thun, als aus Ueberzeugung.

„Sehr! sehr!“ seufzte der Andere. „Sie sind
wohl auch hergekommen, ihr das zu sagen, wie all'
die andern Sommerwesten da?“

Alfred mußte über den betrübten Ton lächeln.
„Wo Blumen blühn, da stiegen Schmetterlinge.“

„Thun Sie's nicht!“ bat Jener mit einem dringenden Blick in seine Augen, „so ein Blümchen hat
nur einen Kopf, und der ist bald verdreht!“

„Soll ich Ihnen ein Versprechen geben?“ lächelte
Alfred, „soll ich Ihnen sagen, daß sie mir nicht gefährlich werden kann?“

Der Andre wehrte mit bedenklichem Gesicht.
„Zuviel! nichts verschwören, das ruft die Rache der
kleinen Teufel wach. Sie kennen sie noch nicht, haben
sie noch nicht gesehen in stillen Augenblicken, ohne
diesen Hofstaat, — wie ich.“

„Ich will's trotzdem versprechen,“ sagte Alfred in
so ehrlicher Bereitwilligkeit, daß nun der Andre lachte

„Gut, gut, ich danke Ihnen; erlauben Sie, daß
ich mich Ihnen vorstelle: Max Wolff aus Würzburg;
ich heiße nicht Muckerl natürlich,“ — er erröthete
leicht, „die Kleine hat diesen Namen für mich ausgedacht, weil ich ihr manchmal den Text lese; ich bin
der einzige Protestant, den sie kennt, und obgleich sie
keine rechte Idee von dem Unterschiede hat, nennt sie
mich doch auch manchmal „Ketzerl“. Er erröthete
wieder. „Sie ist nicht wie Andre, es ist keine Bosheit dabei, Sie dürfen das glauben,“ sagte er eifrig,
„ich könnte Ihnen Züge erzählen, Züge von Güte
— o nicht gegen mich, — nein, darauf gründe ich
meine einzige Hoffnung, sie kann mich nicht ausstehen
— das ist doch immerhin eine Auszeichnung.“

Alfred streifte ihn mit einem verwunderten Seitenblick. O diese Liebe! Ein ernsthafter Mann mit
einem großen Bart, gewiß zehn Jahre älter als er,
und ganz erfüllt von diesem kleinen Mädchen! Es
ist doch etwas Unheimliches, dachte er. Und zugleich
sehnte er sich, diesen unheimlichen Zwang auch einmal im vollen Umfang an sich zu erleben. Der Kuß
auf der Treppe fiel ihm wieder ein. Es schoß ihm
heiß durch die Glieder. Das hier war doch Alles nur
Spielerei.

Das Fräulein trat wieder aus dem Haus, hinter
ihr das Mädchen mit einem Brett voll Bierkrügen.
Zuletzt erschien der Vater auf der Treppe und rief in
den Garten hinab: „Bier! Bier!“

Ein zustimmender Ruf antwortete, und die jungen Leute stiegen zu der Veranda hinauf, wo auf
dem Steintisch auch Brot und frische rothe Radieschen aufgestellt waren. Im Nu saß Jeder hinter seinem Bierkrug. Alfred sah das Fräulein schärfer an,
sie war doch sehr anziehend mit dem warmen Puppengesichtchen. Freilich saß sie mit gekreuzten Füßen,
die Arme übereinandergeschlagen und schien unabsichtlich oder absichtlich Alles nachzuahmen, was die jungen Männer thaten. Sie gab sich auch den Anstrich,
ebenso durstig zu sein, setzte ihren Krug prahlerisch
an den Mund, trank aber doch nur ein paar Tropfen
jedesmal. Es kam die Rede auf einen bekannten Offizier. Sofort fing sie an, seine Sprechweise nachzuahmen, schleifte das R, wie ein Lieutenant, sprach
durch die Nase und klemmte das Auge zu, als säße
ein Monocle darin. Das Lachen der Zuhörer erhöhte
ihre Ausgelassenheit.

Sie stülpte dem „Buben“, mit dem sie am
dreistesten umging, ihr Blumenhütchen auf den Kopf,
schlang ihm ein buntseidenes Tuch um die Schultern
und begann nun, eine schmachtende Liebesrede an ihn
zu richten, immer in karrikirtem Lieutenantsdeutsch.

Ihr Vater hielt sich die Seiten vor Lachen.

„So ein Sonntagnachmittag auf dem Lande
stellt mich allemal wieder her,“ sagte er behaglich zu
dem neben ihm sitzenden Alfred.

„Alle lachen, nur der Muckerl nicht,“ bemerkte
Fräulein Appolonia herausfordernd.

„Daher der Name,“ erwiderte Wolff lakonisch.

„Ein wüster Name,“ sagte sie achselzuckend.

„Den Sie mir gegeben haben,“ parirte er mit
einer Verbeugung.

„Paßt er nicht?“ fragte sie unschuldig.

„So gut wie Ihnen die Uniform paßt er schon.“

Sie sah zweifelnd ihren Vater an.

„Papa, ich glaub', Muckerl will wieder anbinden, wir zwei haben immer Händel,“ sagte sie in
weinerlichem Ton.

„Da sitzt das Karnickel,“ entgegnete ihr Vater
phlegmatisch und legte die Hand auf ihr krauses
Köpfchen. „Laß doch Jeden 'n Gesicht hinmachen,
wie er will.“

Wolff zuckte ein wenig: „Fräulein sieht mein
Gesicht nicht gern,“ sagte er resignirt; dazu machte er
eine Bewegung, als wolle er aufstehen.

Das Mädchen blickte schnell auf.

„Meinetwegen sollen Sie nicht gehen, ich geh'
schon selbst,“ rief sie halb weinend, schob ihren Stuhl
zurück und eilte in das Haus.

„Was war das nun wieder!“ sagte der Vater
kopfschüttelnd. „So 'n Mädel bleibt doch ewig 'n
Mädel.“

Eine Unbehaglichkeit fing an, sich zu verbreiten.
Man sprach wohl noch, aber dazwischen horchte man
doch auf den leichten Schritt, der wiederkommen sollte.
und nicht kam. Alle athmeten auf, als plötzlich ein
wüthender Walzer aus den oberen offenen Fenstern
erklang.

Der Alte schoß einen Triumphblick zu Wolff hinüber, der unruhig auf seinem Sitz hin und her gerutscht war. Nun stand er auf, ging die Stufen
hinan, so daß er von oben gesehen werden konnte,
und fing ein lautes Händeklatschen und Bravorufen
an, in das die noch Sitzenden bald einstimmten. Das
Klavierspiel verstummte, das Fräulein streckte neugierig das Hälschen zum Fenster heraus, zog es aber
gleich wieder zurück.

„Wiederkommen! Artig sein!“ rief Wolff hinauf.

„Wer soll artig sein?“ fragte sie noch ein bischen gereizt.

„Ich natürlich! Will's gewiß nicht wieder thun,“
antwortete er in komischer Zerknirschung.

Das Spiel oben begann von neuem, sie schien
noch nicht zur Versöhnung geneigt. Wolff und Alfred schlenderten in den schmalen Steigen umher, ohne
zu sprechen; auf dem Gesicht des Aelteren lag eine
gewisse Unruhe.

Er warf plötzlich die Cigarre fort und sagte:

„Und darauf hat man sich nun die ganze Woche
gefreut!“

Von der Veranda her kam lautes Gelächter; sie
sahen sich um und erblickten Fräulein Loni, die mit
einer großen Stange in der Luft herumfocht.

„Was hat das tolle Ding jetzt wieder?“ fragte
Wolff, während er, wie von einem Faden gezogen,
auf das Haus zuging.

„'s ist nur mein Bergstock,“ meinte sie gelassen
und stützte sich darauf, „ich geh' auf den Berg da,
zu den Veilchen, man muß doch was in die Hand zu
nehmen haben.“

Der „Berg“ war eine kleine Anhöhe hinten im
Garten, es stand auch eine Bank dort.

Die jungen Leute sahen sich einen Augenblick
kopfschüttelnd an, dann rief der „Bub“: „Ich darf
doch mitgehen in die Berg'?“ Und als sie gnädig
nickte: „Und den Stock da gebens mir und stützen
sich auf mich!“

„Da wär' mir der Storch lieber, der ist dünner,“
erwiderte sie gemächlich.

Der Schlanke trat eilig vor und hielt ihr den
zierlich gekrümmten Arm hin.

„Nein, nein, ich könnt' Ihnen was zerbrechen,“
lachte der Wildfang, stieß den Bergstock unten in den
Boden und flog mit weitem Schwung hinterdrein,
„ich hab' schon manche Bergtour allein gemacht, bleibt
nur alle da.“ Dies galt als Aufforderung, zu
folgen, nur ihr Vater blieb mit einem sehr wohlgenährten Jüngling am Tisch sitzen, es war der frisirte Lockenkopf, den sie Jockerl geheißen hatte.

Wolff nahm seinen Hut und flüsterte Alfred zu:
„Jetzt kann ich nicht mehr, und Sie scheinen auch
genug zu haben, kommen Sie mit?“

Beide verabschiedeten sich von dem Alten.

„Und dem Fräulein sagen wir nicht Adieu?“
fragte Alfred befremdet, als Wolff ihn schnell der
Gitterthür zudrängte.

„Nachher, — das heißt. Sie — Sie haben ja
kein Interesse daran“ — stotterte Wolff, — „ich aber
komme zurück zum Gutenachtsagen, ich mache das
immer so — leider! Ich hoffe immer, sie soll mich
vermissen,“ fuhr er sarkastisch fort, „aber dann bin
ich solch' ein Tropf, sehen Sie, dann lauf' ich nach
zwei Stunden wieder her und will sehen, wie sie's
aufgenommen hat, und dann, so wie sie mich sieht,
natürlich, sagt sie: „Ach Muckerl, sind Sie noch da?“
oder so etwas, daß ich aus der Haut fahren möchte,
's ist grad' so, wie ich als kleiner Bub gethan hab',
da ich meine Erbsen und Bohnen jeden Tag aus dem
Boden genommen hab', um zu sehen, ob sie schon
wachsen. Aelter wird man schon, klüger wird man
nicht. Ich gäb' Gott weiß was drum, wenn ich jetzt
aus meiner Haut da herausfahren könnt'!“

Die Zutraulichkeit dieser Klagen machte den
Zuhörer kühn.

„Sie sollten sich aber doch nicht so gehen lassen,
Sie sollten Ihren Stolz zu Hülfe rufen, — ein
Mann —“

„Ach Du lieber Gott,“ stöhnte Wolff, „lassen's
mich aus mit dem Gered' da. Was Stolz gegen so ein
kleines armes Kind, — denn das ist sie ja! Geht's
ihr nicht elend genug? Hat sie denn nur einen
Menschen auf der Welt? Ist das ein Vater? Ist
das ein Umgang? Buben, die ihr den Kopf verdrehn
und ihre Hanswurstenstreiche auf allen Gassen herumtragen! Fragen Sie mal bei den jungen Malern
herum, wer die Loni Spitzer nicht kennt! Alle kennen sie, die meisten freilich vom Hörensagen, und das
ist das Schlimmste.“ Er ergriff plötzlich Alfreds
Hand. „Sie werden nit einstimmen! Sie werden
ihr nichts anhängen!“ sagte er mit halberstickter
Stimme.

Alfred drückte herzlich die ihm gebotenen Finger.
Auch ihm war die Rührung bis in den Hals gestiegen. Das war nicht mehr der unheimliche Zauber,
der diesen Mann gefangen hielt, das war eine herzenverbindende Kraft.

Sie waren einige Straßen weit miteinander gegangen, nun ward es Abend. Die schmale Mondsichel tauchte aus dem Sonnenuntergangsnebel und
schimmerte durch die Ulmenkronen mit ihrem braunen
Blüthengekräusel. Ein frischer Wind streute die grünen Ahorndolden auf den Boden, ihr Honigduft kam
in Wellen angetrieben; in dem noch winterschwarzen
Epheu an den Hauswänden lärmten die Spatzen.
Wolff blieb stehen und zog die Uhr. Dann sagten
Beide mit dem gleichen lebhaften Ton und Aufblick:
„Wann sehen wir uns wieder?“ Und schnell beschlossen sie, daß es schon morgen sein solle, in Wolff's
Atelier. Mit festem Händedruck schieden sie; der Verliebte kehrte auf seinem Wege um — und zu dem
Spitzer'schen Hause zurück, nicht ohne viel ironisches
Kopfschütteln über sich selbst und den Rath an den
neuen Freund, seine Freiheit festzuhalten; Alfred
schlenderte noch ziellos weiter. Der sanfte Abend
hatte es ihm angethan; dazu all' dies Liebesgesäusel.
Der Gedanke an seinen kahlen Käfig schreckte ihn mehr
als je — ach, es drang keine holde Stimme mehr
herein, es kamen keine Götterbilder mehr zu Besuch.
Eine stille Sehnsucht nach den Abenden, da er ihr
zugehört, ergriff ihn, als habe er nur damals wirklich gelebt — die Erinnerung an die ihm widerfahrene Enttäuschung drängte er gewaltsam zurück,
sobald sie wieder aufsteigen wollte. Er gerieth zuletzt in eine solche Verträumung hinein, daß es ihm
deutlich war, als sage Jemand ihm ins Ohr: „Geh
nach Hause, sie ist wieder da.“ Er stürmte nun heim
und trat klopfenden Herzens in sein Zimmerchen; es
war von außen verschlossen, das kam ihm garnicht
zum Bewußtsein. Als er ein leises Rascheln hörte,
fuhr er zusammen und tastete noch im Dunkeln auf
seiner Bettdecke umher, ob nicht etwa das Kätzchen
wieder dasitze. Er fand natürlich nichts, nur auf dem
Fußboden lag ein Brief, den der Postbote durch die
Thürritze geschoben haben mochte. Bei der unruhig
flackernden Kerze las er die Adresse; es war seines
Meisters Handschrift; er legte den Brief ungelesen bei
Seit'. Doch war mit den bekannten markigen Zügen
soviel Tageslicht in seine Dämmerung gefallen, daß
er sich wieder einmal wie einen Dritten, der ihn nicht
viel anging, betrachten konnte. Also weil man das
Höchste nicht erreichen kann, zum Faullenzer werden,
der überhaupt nicht mehr den Finger rührt; weil
man auf eine schöne Stimme gehorcht, die leider einem
häßlichen Körper gehört, sich einreden, man sei verliebt, natürlich hoffnungslos, unglücklich! So also
hat das Leben bei meinem ersten Ausflug auf mich
gewirkt; so schwach findet es mich. Bin ich aber
schwach, so tauge ich nichts und thäte gut, mich selber zu begraben. Hab' ich dazu Lust? Ach nein,
auch das nicht! Was will ich denn? Nun, etwas
leisten und glücklich sein! Gut, so fange an lieber
zu arbeiten, gleich morgen schon! Und verliebe Dich
nicht wieder in eine Stimme ohne Körper. Die Stimme
ist Dir aus dem Weg gegangen, Du hast's ja
leicht; nun geh Du auch aus dem Wege, und Du
bist wieder frei.

Er seufzte, nickte ernsthaft vor sich hin und griff
dann nach dem Brief, der ihm jetzt, in dieser gesammelteren Stimmung, viel Beherzigenswerthes und Zustimmendes sagte. — Er ging endlich schlafen und
träumte. Es kam singend die dunkle Treppe herunter
und fiel ihm weich und warm in die Arme. Plötzlich ward Licht, und er erkannte Fräulein Loni, die
ihn anlachte, und so erschrak er über ihr niedliches
Gesicht, daß er zusammenfuhr und die lange, lange
Treppe hinuntersauste wie ein Sturmwind.

Der andere Morgen traf unsern Freund in jener
unternehmenden gespannten Gemüthsverfassung, die
neue Entschlüsse hervorzurufen pflegen. Der Besuch bei Wolff machte ihm fast bange; er wollte
sich durchaus zur Thätigkeit aufraffen und fürchtete,
ein Gespräch mit dem verliebten Genremaler könne
seinen guten Vorsätzen vielleicht hinderlich sein. Doch
sehnte er sich bald wieder nach einem freundlichen
Ohr und ging deshalb zu früher Stunde in das
Atelier mit der Absicht, ihn dort zu erwarten. Zu
seiner Verwunderung fand er den Maler schon in
voller Arbeit; wie dieser ihm mittheilte schon seit
Stunden. Ein Modell zu einem Dorfschmied, den er
eben malte, war gerade im Begriff, seine rußige
Jacke abzuziehen und sich in einen Jäger zu verwandeln, als welcher er im anstoßenden Atelier eine
Sitzung zu leisten hatte. Der Maler erwartete, wie
er sagte, jeden Augenblick die Kindermodelle, die auf
seinem Bilde, an der Thür der Schmiede stehend, erst
flüchtig mit Kohle entworfen waren. Alfred freute
sich an der schon vielversprechenden Gruppe; besonders
ein derber Bube, die Hände auf dem Rücken gekreuzt,
ganz als dunkle Silhouette gegen den Feuerschein
drinnen sich abhebend, erregte seinen Beifall durch die
Wahrheit und Absichtslosigkeit, die in der ganzen kleinen Gestalt sich aussprach. Wolff malte auch jetzt
unverdrossen weiter am Hintergrunde und sprach nur
hie und da ein Wort, während Alfred die Rahmen
an den Wänden umdrehte, um die Bilder zu beschauen. Es that ihm wohl, den neuen Freund so
im Eifer zu finden, und es war ganz ohne Empfindlichkeit, als er ihn endlich fragte, ob er nicht besser
thue, wieder zu gehen.

„Nein, bleiben Sie noch,“ sagte der Andre bittend; „ich möchte, daß Sie die kleine Babett sähen,
das wäre auch etwas für Sie. Sie müssen gleich
kommen.“

Alfred setzte sich in einen wurmstichigen schöngeschnitzten Armstuhl und wartete. Allmälig aber
fing die Vertieftheit des Malers ihn zu kitzeln an.

„Haben Sie Ihren Gutenachtgruß gestern noch
angebracht?“ warf er hin.

Wolff hob die Hand mit dem Pinsel und drohte
ihm lächelnd. „Heute ist Montag,“ sagte er bedeutsam; und als ihn Alfred fragend ansah:

„Sonntags die Liebe, und Wochentags die Arbeit, sonst kommt man auf den Hund,“ erklärte der
Maler — schon wieder mit den Augen auf der Leinwand.

„Sie haben Recht,“ rief Alfred etwas betroffen,
„ich möchte mir ein kleines Atelier miethen, anfangen zu arbeiten. Ich weiß zwar noch nicht, was —

Der Maler legte die Palette hin und kam mit
ernstem theilnehmenden Gesicht auf ihn zu. „Ich bitte
Sie, sehen Sie sich die Babett an, die könnte Sie auf
Gedanken bringen. Wenn ich das Ding sehe, fallen
mir alle Kindermärchen ein; so ein Rothkäppchen
oder Schneewittchen, Sie werden schon wissen, wofür
Sie sich entscheiden. Ein Atelier im Nachbarhause
ist frei, im Hintergebäude, hell und still, wie Sie's
brauchen. Miethen Sie's, wenn es Ihnen zusagt,
und dann kommen Sie wieder und sehen sich das
Kind an.“

Der Maler hatte mit dem Arbeitskittel einen
ganz andern Menschen angezogen. Alfred gehorchte
voll Freude. Nun erst wünschte er sich von Herzen
zu der Bekanntschaft Glück.

Das Atelier, von dem Wolff gesprochen, lag zu
ebener Erde und hauchte eine feuchte Kellerluft aus,
da es den Winter über leer gestanden hatte; dennoch
freute sich der junge Bildhauer auf seinen ersten Arbeitstag in diesem kahlen weißgetünchten Raum, wie
auf die erste Zusammenkunft mit der Geliebten.
Kaum war er mit dem Vermiether einig geworden,
so eilte er zu dem Maler zurück, um ihm zu danken
und nun womöglich gleich sein Modell zu bestellen.
Er hörte schon Kinderstimmen sprechen, bevor er die
Thür öffnete, und als er es that, kam das Urbild
des netten Kerlchens mit den gespreizten Beinen und
nackten Schultern neugierig gelaufen und meldete sein
Kommen.

Mit Wolff war jetzt noch weniger zu reden, er
nickte nur und wies dann mit dem Pinsel auf eins
der Kinder, das, vorläufig noch nicht im Feuer, auf
einem Schemelchen am Fenster kauerte und, die Arme
auf die Kniee gestützt, das Kinn in die Handflächen
gelegt, gradaus guckte. Alfred sah bald, daß der
Maler Recht gehabt. Es war ein Gesichtchen, auf
dem noch der volle Kinderschlaf lag, nichts von Bewußtsein ihrer selbst. Alfred rief sie heran und sah
mit Entzücken die wohlgeformten nackten Füße, die
schlanken Beinchen unter dem kurzen Rock und wunderte sich über die Anmuth, mit der sich die Kleine
bewegte. Babett war sieben Jahre alt, wie er mühsam herausbrachte, und hatte keine Eltern mehr; der
derbe Bub, der Karle war ihr Bruder. Sie trug ein
schlechtes graues Miederchen, an den Nähten zerplatzt
und von den Schultern tief herabhängend, die Schönheit des Kindes stand fast unbekleidet vor ihm.
Nein, das war kein Rothkäppchen, kein schelmisches,
von der Großmutter verhätscheltes, von der Mutter
gut gehaltenes Dirnlein. Auch kein Schneewittchen,
kein schwarzhaariges, trauriges Königskind; — das
war die Schönheit im Bettelkleid, die noch reich ist,
weil sie ihre blauen Augen hat und den blauen
Himmel über sich. „Hast Du kein Tuch, Babett?“
sagte der junge Bildhauer mitleidig. Das Kind
schüttelte die vollen blonden Locken.

„Hab ich Dir nicht Freitag eins gegeben?“ rief
der Maler sich umdrehend.

Die Kleine zeigte auf ein anderes Mädchen, das
sich plötzlich ängstlich zusammenduckte, als erwarte es
etwas Schlimmes.

„Die Luis' hat's. Sie hat kalt gehabt.“

„Und Dich friert's nicht, Babett?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Sternthaler,“ sagte Alfred für sich, „das ist es,
freilich! könnt ich nur gleich anfangen.“

Er nahm ein Blatt Papier und fing an zu zeichnen, um nur seine Ungeduld gleich etwas zu beschwichtigen. Dann lief er wieder in den neuerworbenen Raum und besichtigte den Ofen, bestellte eine
Menge Feuerung und heizte endlich selbst, damit der
Ort bald bewohnbar werde. Mit einer großen Erleichterung erfuhr er, daß Wolff die Babett jetzt nicht
zu malen gedenke; er hatte das Kind erst zu spät gesehen, das paßte nun nicht in die fertig geplante
Gruppe; zudem war seine Lieblichkeit dort zwecklos,
wie der Maler sagte, er sparte sie sich für später.

So konnte denn Alfred wirklich am folgenden
Tage beginnen und that es mit einem Fieber, das
dem älteren Freund „rührend dilettantisch“ vorkam.

Aber Alfred stutzte nicht ob des bösen Wortes.

„Warten Sie nur,“ sagte er gutmüthig, „ich
weiß schon, wir Norddeutschen kommen Euch ein bischen dumm vor mit unserer „unkritischen Begeisterung,“ wie Ihr sagt, und Ihr traut ihr nicht. Aber
wie kritisch Ihr Euch immer anstellen mögt, 's ist
auch nur äußerlich, und ich weiß doch, wie warm es
auch bei Euch drinnen aussieht.“

Und als der Maler immer noch lächelte, rief er
fast ärgerlich:

„Sie wollen mir doch nicht einreden, daß Sie
dabei nichts empfunden haben?“ Er deutete so heftig auf das Bild auf der Staffelei, daß Wolff unwillkürlich wie zum Schutz die Hand erhob. Dann
klopfte er Alfred auf die Schulter. „Sie sind ein
guter Kerl; machen Sie nur das Babettle recht, so
will ich mich auch dafür begeistern und Ihre Gesundheit trinken.“

Machen Sie's recht. Ja, das war freilich leicht
gesagt! Es schien von Tag zu Tag schwerer zu werden. Alfred theilte seine Zeit zwischen Arbeit und
Studium in den Sammlungen. Jeden Morgen begann er mit leiser Hoffnung, daß ihm heut etwas
Gutes gelingen müsse, und die Hoffnung ward zur
beglückenden Ueberzeugung, wie die Stunden verrannen. Mit heißen Wangen, mit gehobenem Selbstgefühl beendete er die Arbeitszeit. Dann kam der
Nachmittag und mit ihm der Umschwung. Vor den
fertigen Meisterwerken schwand sein eignes Beginnen
in ein lächerliches Nichts zusammen; die Zerschmetterung jenes ersten Besuchstages wiederholte sich, wenn
auch nicht so ganz vernichtend, weil sie nicht mehr so
neu war. Sein Lehrer in Hamburg hatte an ihm
eine gewisse unbefangene Keckheit gelobt, ja zuweilen
bewundert. Die kam ihm hier ganz abhanden.

Alles ward Vorsicht, Absicht. Statt des flotten
Zugreifens ein ängstliches Tasten, eine qualvolle Unsicherheit, die bald nicht mehr aus noch ein wußte.
Er blieb aus dem Atelier des Malers fort, beschränkte
sich ganz auf sich, wollte erzwingen, was sich nur
mühsam Schritt für Schritt erarbeiten läßt, und
quälte die geduldige Kleine mit endlosen Sitzungen,
daß sie darüber blaß und schläfrig wurde.

Als er es acht Tage so getrieben hatte, trat
eines Nachmittags Wolff in die von allen heiteren
Geistern verlassene Arbeitsstätte. Alfred warf mit unruhigem Erröthen ein Tuch über sein Thonmodell und
bemühte sich, den Maler auf die andere Seite zu
locken. Doch Jener ging ruhig auf das verhüllte
Werk zu und betrachtete es eine Weile schweigend,
während der junge Bildhauer hastig auf und ab lief.
Wolff hatte schon an der Begrüßung empfunden, wie
es hier stehe, und daß ermuthigender Zuspruch eine
Lebensfrage bedeute. Er fing an, dies und jenes zu
loben, rieth ihm aber dann, die Arbeit, an der er sich
offenbar müde gesehen, eine Weile ruhen zu lassen
und irgend eine andere Aufgabe zu wählen.

Alfred athmete auf; er drückte dem Freunde
lebhaft die Hand. Dann erzählte er ihm von seinen
täglichen Leiden; der Maler nickte wie zu etwas
Längstbekanntem.

„Sie sind noch nicht weit genug, um den freien
Genuß und Nutzen davon zu haben. Machen Sie
jetzt etwas, und gehen Sie inzwischen nicht in die
„Theken“, es wird besser sein. Und wenn Sie jetzt
Zeit haben, kommen Sie mit auf einen Spaziergang,
ich möcht' mit Ihnen reden.“

Alfred entließ Babett, die, müde sich dehnend,
in einer Ecke stand. Sie gingen hinaus und quer
durch die Stadt, den Isarauen zu. Die jungen
Uferweiden schimmerten in hellem Grün; doch war es
kühl und menschenleer auf den kiesbestreuten Wegen.

„Ich muß reisen,“ sagte der Maler, „gleich morgen früh; ich hab' eine schwindsüchtige Schwester daheim, die wird wohl in, dem Frühjahr draufgehen, schreibt
mir die Mutter. Man weiß nicht, wie lang es anstehen kann, — ich möcht sie noch sehen. Vielleicht
mal' ich sie für die Mutter, sie hat immer danach
verlangt, ihr zartes Gesicht zu haben.“

Er schwieg; der Leidenszug trat heute deutlich
hervor, sein gelassener Ton kontrastirte seltsam damit.

„Ach, wie das traurig ist,“ sagte Alfred herzlich.

„Ja, aber es hilft nicht, es ist nun schon so;
wir haben's seit drei Jahren kommen sehen, daß es
so geht, aber hin will ich noch.“ Er sah den Bildhauer mit zuckendem Munde an, als wolle er noch
etwas sagen.

„Kann ich irgend etwas thun?“ — rief der, seine
warmen kindlichen Augen halbschließend, damit der
Andre nicht sehe, daß eine Thräne darin stand,

„Gehen Sie manchmal zum Spitzer, und geben
Sie Acht auf die Loni,“ erwiderte Wolff, „nicht
wahr, Sie sind nicht angebrannt?“

„Seien Sie meiner ganz sicher,“ sagte Alfred
ehrlich betheuernd.

„Nun also; sehen Sie dort nach dem Rechten,
Sie wissen ja, wie's hergeht, haben's ja selbst geseh'n. Ich möcht's nicht erleben, daß sie sich etwa
mit dem „Buben“ oder dem „Storch“ in eine Liebesgeschicht' einlaßt, aus der ich sie nachher wieder herausschälen müßt.“

Alfred sah ihn etwas verwundert an.

„Ich hab' die heimliche Ueberzeugung, daß sie
mir zuletzt zufallen muß,“ sagte der Maler nachdenklich, „denn die Buben alle geh'n nur des Lachens
wegen hin. Freilich, der Alte ist nicht unbemittelt,
wer weiß — und die Loni könnt 'nen dummen Streich
machen und sich aus Langerweil anbinden. Das
muß verhütet werden.“

„Aber wär' es nicht besser, Sie sprächen mit
dem Fräulein vor ihrer Abreise?“

Ueber Wolffs Gesicht flog ein leises Roth.

„Nein,“ sagte er abwehrend, „so weit sind wir
noch nicht. Sie ist so gar jung, was würd' sie zu
solch' einem Gesicht sagen; und kann doch im Augenblick kein anderes hinmachen, selbst ihretwegen nicht;
ich geh nicht mal zum Abschiednehmen hin. Ich hoffe,
sie soll mich vermissen!“

Alfred war verstummt; er fühlte sich wie zusammengepreßt, wie eingeschnürt.

„Ach,“ rief er endlich, „und so schlägt man sich,
drängt man sich, quält man sich von einem Tag auf
den andern.“

„Ja, so lebt man,“ war die leise Antwort.

„Leben? Das ist das Leben?“ fragte er in
schmerzlicher Verwunderung.

„Haben Sie Andres erwartet?“ sagte Wolff mitleidig lächelnd. „Aber fügen Sie noch hinzu: „Und
so gewinnt man Freunde, da klingt's doch gleich a
bissel besser.“

Alfred drückte ihm mit einer Art Schwärmerei
die Hand.

„Werd' ich von Ihnen hören?“

„Ich schick' Ihnen den Trauerbrief, wenn's soweit ist,“ murmelte der Maler.

Wieder gingen sie eine Weile schweigend neben
einander her.

„Ich soll Fräulein Loni Ihre Abschiedsgrüße
bringen?“ fing Alfred wieder an.

„Wenn sie nach mir fragt, eher nicht; verhindern Sie nur, daß sie sich verliebt, verlobt u. s. w.;
und reden Sie Gutes von mir. — Sie selbst, nicht
wahr — —“

Er sah Alfred mit einem langen, prüfenden
Blick in die Augen, die ihn sicher und freudig erwiderten.

„Gut Freund,“ wiederholte der junge Bildhauer
ernst, „Sie dürfen mir vertrauen.“

Mit einem festen Händedruck sagten sie sich Lebewohl. — — —

Alfred Heuvels war seit jenem Sonntag nicht
in der Villa Spitzer gewesen und hatte nur den
Alten einmal in seinem Atelier unter den Rokokodämchen besucht. Jetzt war er verpflichtet, sich nach
dem närrischen Fräulein umzusehen. Es war im
Grunde ein recht sonderbarer Auftrag, den ihm der
Freund da hinterlassen, und Alfred ging mit nicht
sehr behaglichen Empfindungen hinaus. War er doch
ein ganz Fremder dort im Hause und hatte sich in
jenen Stunden keineswegs wohl gefühlt. Wie sollte
er sich dem verzogenen Kinde nähern, ohne falsche
Voraussetzungen zu erwecken? Sie nahm es so selbstverständlich hin, daß ihr Jeder seine Huldigungen
brachte.

Und wenn er sich's recht überlegte, schien ihm
das auch die beste Umgangsform mit ihr zu sein.
Er aber sollte vernünftig mit ihr reden und sie beaufsichtigen! Eben das hatte ja auch der Wolff versucht, und es war ihm so elend mißlungen. Mit
heimlichem Widerstreben dachte Alfred daran, daß sie
nun auch ihm irgend einen Spottnamen anhängen
und ihn so hitzig behandeln werde wie das „Muckerl“.
Es war ihm garnicht recht geheuer, als er jetzt die
Glocke an der Gartenpforte zog; und als endlich das
Mädchen mit einer kleinen Laterne herauskam und
ihm meldete, der Herr sei noch nicht daheim, und das
Fräulein sei in einer italienischen Stund', zog er ganz
erleichtert seine Karte heraus und empfahl sich eilig.
Er hatte diese späte Stunde gewählt, um nicht zuviel
Arbeitszeit zu verlieren. Denn er hatte das Reliefporträt eines charakteristischen alten Männerkopfs
begonnen und war in seinem gewohnten Anfangsfieber. Um sich in der Stimmung zu erhalten, hatte
er diesmal Wolffs Rath befolgt, nichts andres inzwischen zu sehen, und war bis zum Dunkelwerden
an seinem Werk geblieben.

Als die Straße zu Ende war und er in die
nächste einbiegen wollte, rannte er fast mit einer
Dame zusammen, die eilig daherkam. Wie sie aneinander vorbei wollten, erkannten sie sich.

„Ah, Fräulein Spitzer, ich komme grade von
Ihnen.“

„Von mir? ach, das ist geschickt, da geh'ns mit
mir z'rück, 's ist so arg dunkel,“ rief sie erfreut, „der
Papa wollt mich abholen, ist aber net kommen,“ fügte
sie hinzu.

Alfred verbeugte sich und kehrte mit um, doch
hielt er es nicht für loyal, ihr den Arm anzubieten,
so freundlich ihn die schwarzen Augen unter dem
Kraushaar anlachten.

„Sie machen sich rar,“ sagte sie, zu ihm hinaufsehend, „es hat Ihnen, scheint's, nicht bei uns gefallen.“

„O, wie können Sie denken —“ fing er an.

„Es schad't nix,“ begütigte sie, „Sie dürfen
meinethalb' nicht lügen. Es thut halt Jeder, was
er mag.“

Der Ton war sehr harmlos, aber er reizte doch
zum Widerspruch, zum Complimentemachen.

„Es kommen mehr Leut', als ich mag,“ sagte
sie nun auch schon, da er nicht geantworet hatte.

„Wen sehen Sie denn am liebsten?“ fragte Alfred scherzend, — er hoffte auf Wolff zu kommen.

„Ja, darüber hab' ich mir noch nie den Kopf
zerbrochen!“ lachte sie, ihn mit einem erwartungsvollen Seitenblick streifend.

„Ich aber weiß Jemand, der für sein Leben gern
jetzt an meiner Statt hier ginge,“ sagte Alfred mit
plötzlichem Entschluß.

„Das heißt. Sie thun's nit so gern,“ erwiderte
sie etwas gereizt; „da schaun's, ich bin gleich z'Haus,“
sie wies mit ihrem Sonnenschirmchen vorwärts.

„Sie werden mich doch nicht am Gartenthor
entlassen?“ rief Alfred wärmer, als es ihm ums
Herz war.

Sie nickte nachlässig mit dem Kopf:

„Der Papa ist noch nicht daheim, und ich bin
arg müd', ich muß schlafen gehn.“

Der Bildhauer biß sich auf die Lippen.

„Sie sind heut sehr ungnädig,“ sagte er lebhaft.

„Und Sie könnten ein bissel galanter sein,“ gab
sie zurück.

„Liegt Ihnen so viel daran?“ entfuhr es ihm
fast wider Willen.

Sie legte den Kopf zurück, drückte die Augen zusammen und sagte spöttisch: „Sie wollen wohl auch
mit mir anbinden? Sie gehen wohl beim Muckerl
in die Schul'?“

„Wenn Sie von meinem Freunde reden —“ rief
der Bildhauer fast heftig.

„So, Sie sind Freunde miteinander, Ihr seid
ein Paar!“ sagte sie wegwerfend.

Der Zorn stieg ihm zu Kopf.

„Ich bitte Sie, seien Sie einmal vernünftig,“
rief er, „Sie sind noch jung, Sie kennen die Menschen noch nicht, aber daß Wolff ein edler, ein seltner
Mensch ist, das sollten auch Ihre Kinderaugen schon
erkannt haben, falls sie überhaupt die Fähigkeit
haben, das Gute und Rechte wahrzunehmen.“

Das Fräulein hatte die nach der Glocke ausgestreckte Hand sinken lassen und ihn eine Weile in
sprachloser Verwunderung angestarrt. Sie that einen
tiefen Athemzug. Dann sagte sie langsam:

„Das ist brav von Ihnen, daß Sie ihn in
Schutz nehmen; das muß wohl auch ein Freund
thun,“ Sie zog die Klingel und fuhr in demselben
gezähmten Tone fort: „Wenn Sie Sonntag kommen
wollen, — es wird Ihnen arg langweilig sein, —
aber mir machen Sie eine Freud' damit. Auf Wiedersehn!“ Sie stockte, erröthete und reichte ihm das
Händchen im seidnen Handschuh. Er fühlte ihren
heftigen Pulsschlag, wie er es einen Augenblick festhielt. Dann eilte sie, ohne ihn anzusehen, an dem
Dienstmädchen vorüber und durch den dunklen Garten; ihr leichter Fuß klang hörbar auf den Marmorstufen, dann war sie im Hause verschwunden. Mit
langsamen Schritten entfernte sich Alfred. Er hatte
wohl etwas erreicht, aber er war doch nicht zufrieden
mit sich, nein, er war nicht zufrieden!

Kaum zu Hause angelangt, schrieb er einen Brief
an Wolff, bat ihn, den Auftrag von ihm zu nehmen; er sei ungern bei den Spitzers und nicht die
geeignete Person, Fräulein Loni zu beeinflussen.
Danach schlief er ruhig und zerriß folgenden Morgens den Brief, aus Rücksicht für den Freund. Der
hatte Sorge und Schmerz genug, der sollte nicht um
eines übertriebenen Skrupels willen beunruhigt werden. Als er erst bei der Arbeit war, fand er seinen
Halt wieder und vergaß zuletzt Alles in der Welt,
außer dem Gesicht da vor sich und dem Thonklumpen
in seinen Händen. In der Frühstückspause kam das
alte Modell geschlichen und besah sich, was da wurde.
Sein verständnißvolles Schmunzeln und Nicken dünkten
den jungen Künstler werthvoller als alle gelehrte
Kritik. Der „Schufterl“, wie er in den Ateliers genannt ward, hatte sein Gesicht so oft auf der Leinwand und in allerlei anderem Material gesehen, daß
er schon ein Urtheil besaß. —

So gingen die Tage bis zum Wochenschluß wie
im Traum dahin, und hin und wieder nur kam eine
einsame Abendstunde, in der Alfred, von unbestimmter
sehnsüchtiger Unruhe getrieben, das Fenster aufriß
und hinaushorchte, und wenn Alles still blieb, nach
dem Hute griff und ins Freie rannte, um sich müde zu
machen und seine Gedanken und sein warmes junges
Blut zu kühlen. Dabei war es ihm eine Annehmlichkeit, daß sein Zimmernachbar ausgezogen war und
der leere Raum ganz anspruchslos dastand; die Wirthin
hatte sogar die Verbindungsthür zwischen jenem und
dem seinigen geöffnet, so lange es unbenutzt sei, und
Alfred freute sich, für seine langen Beine etwas mehr
Spielraum zu haben. Was ihm die Frau gewonnen
hatte, war die Freigebigkeit des jungen Hamburgers
und seine Dienstbereitschaft für alles Weibliche im
Haus, sei es das alte Mütterchen im dritten Stock,
der er den entfallenen Arbeitsbeutel hinauftrug, sei
es das Wäschermädchen, dem er den schweren Korb
auf den Kopf setzen half. Es lag ihm eben in der
Natur, daß sein angenehmes Gesicht noch freundlicher
wurde, wenn es ein langes Haar und einen faltigen
Rock zu sehen bekam.

Am Sonntag fühlte er sich wieder unbehaglich
und aufgeregt, doch kam ihm garnicht der Gedanke,
daß er ja vielleicht aus dem Spitzer'schen Hause wegbleiben dürfe. Noch hatte er das Fräulein nicht gesprochen, kein Wort über Wolffs Abreise mit ihr getauscht. Er aß hastig zu Mittag und mußte dann,
weil es noch viel zu früh war, zwei Stunden mit
dem Lesen öder Zeitungen verbringen; er hielt dabei
zuletzt die Uhr in der Hand und bekam aus reiner
Langerweile Herzklopfen.

Endlich schlug es drei Uhr, in einer halben
Stunde war er draußen. Er hatte sich vorgenommen,
mit Ernst und Bestimmtheit der gefährlichen Kleinen
entgegenzutreten und es zu keiner Neckerei kommen zu
lassen. Er kam daher etwas aus der Fassung, als
ihn Fräulein Loni mit einem ausgelassenen Gelächter
begrüßte, in das der Vater und die jungen Burschen,
die schon allesammt unter einem großen blühenden
Apfelbaum saßen, fast beleidigend einstimmten.

„Kommen Sie, Herr Niemand, für Niemand ist
noch Platz!“ rief sie, und zog einen Gartenstuhl an
ihre Seite, auf dem Alfred indessen nicht Platz nahm.

„Darf ich nicht wissen, warum Sie so lustig
sind?“ fragte er, noch außerhalb des Kreises stehend,
die Augen von Einem zum Andern wandern lassend.

„Da sehn Sie!“ zwitscherte das Mädchen und
hielt ihm eine Karte vor die Augen; „die Kart haben
Sie unserm Mädel 'geben, — warum haben's sich
denn vor ausgestrichen, wann's sich nun doch wieder
einstellen?“

Ach, seine Visitkarte, auf der er damals in der
Glyptothek seinen Beruf, und wie er nun sah, in
dem schmerzlichen Eifer jener Stunde, unabsichtlich
auch seinen Namen durchstrichen hatte! Der Zufallskobold hatte ihm auch gerade diese in die Hand
spielen müssen, und er hatte garnicht hingesehen, als er
sie abgab.

„Was heißt denn das? Was bedeutet das?“
fragte man von allen Seiten. Alfred ward es immer
unbehaglicher; mit der ganzen Wahrheit, die ihn so
nahe anging, mochte er nicht vor diesen Neugierigen
herausrücken. Dennoch mußte er etwas sagen. Er
stotterte eine Entschuldigung wegen des Mißgriffs;
aber Loni sah ihn kopfschüttelnd und forschend von
der Seite an und fuhr fort, ihn „Herr Niemand“
zu nennen, was sie in allerlei dreisten Scherzen ausbeutete.

„Niemand darf aus meinem Glase trinken, gelt
Papa?“ sagte sie, ihm ihr Glas kredenzend, und es
ebenso schnell zurückziehend und eifrig leerend. „Aber
Niemand findet mehr einen Tropfen drin,“ rief sie
und stieß es ausgelassen auf den Tisch nieder. Der
Alte lachte über die „Wetterhex“, und Alfred saß
dabei mit süßsaurer Miene und wäre gern weit fort
gewesen. In einer Pause sah sie sich nach allen
Seiten um, guckte auch unter den Tisch und rief dann
mit geheuchelter Ueberraschung:

„Jessas, der Muckerl ist nicht da!“

„Da bin ich froh dran,“ fiel der Alte ein, „er
hat was Zuwideres.“

„Wolff ist ein wackrer Künstler und ein edler
Mensch!“ sagte Alfred, während es ihm roth ins Gesicht stieg und seine Stirn sich unmuthig zusammenzog.

„Kann sein, aber ich mag ihn net,“ erwiderte
Spitzer und klopfte behaglich seine kurze Pfeife aus.

Armer Freund! Alfred sah Loni scharf an,
aber sie klapperte mit ihrem Armband und bat dann
den „Buben“, sie einen Salamander reiben zu lehren,
sie könne es nimmer recht. Der absichtlich laute unbekümmerte Ton schien dem Bildhauer eine neue Herausforderung. Doch bekämpfte er seinen Aerger und
rief nun selbst: „Exercitium salamandri!“ daß das
Mädchen die Augen aufriß und auch der Alte sich
mit Schmunzeln nach ihm umwandte und ihm mit
einem väterlichen: „Ich hab's gern, wenn junge Leut'
lustig sind,“ auf die Schulter klopfte.

Wider Willen sah sich Alfred in die geräuschvolle seichte Heiterkeit hineingezogen. „Blindekuh!
Wir spielen Blindekuh!“ rief das Fräulein, riß ihr
Tüchlein hervor und verband ihm die Augen. Dann
lief sie so neckend an ihm vorbei, daß die Andern
wohl merkten, es sei eigentlich nur ein Spiel zwischen
diesen Beiden, und sich bedeutsame Blicke zuwarfen.
Nicht lange dauerte es, da hatte er sie erhascht und
hielt ihre warmen weichen Hände fest in den seinen.
Er schüttelte mit einer Bewegung das Tuch so weit
herunter, daß er sehen konnte, sie waren zwischen
zwei Bäumen und fern von den Uebrigen.

„Nicht eher geb' ich Sie los, als bis Sie eine
Frage thun,“ rief er in halbem Zorn.

„Welche Frage?“ Sie suchte ihre Hände zu befreien und war purpurroth.

„Rathen Sie! Rathen Sie!“ drängte er und
sah sie mit dem Gefühl an, daß sie es doch nicht
rathen werde, und daß sie ihm überlegen sei und ihn
um den Finger wickle.

Plötzlich war sie frei, stellte sich gerade vor ihn
hin und sagte mit einem bittenden Kleinmädchenblick
in seine blauen Augen:

„Es wäre schon besser, Sie sagten mir's, ich bin
halt gar zu dumm!“

„Mein Freund Wolff,“ — fing er an, aber es
klang ihm selbst wie eine Formel, und das Fräulein
hatte sich schnell abgewandt und war ein bischen zusammengezuckt.

„Wolff ist fort,“ sagte er mit einer neuen Kraftanstrengung, „ich soll Sie grüßen.“

Nun schien sie doch zu erstaunen.

„Fort? Ganz fort?“ fragte sie und sagte dann
nach einer Weile: „Da kann er mir nimmer die Leviten lesen, aber daß er so schnell gangen ist — —“

„Seine Schwester ist im Sterben“, fuhr er in
bebendem Ton fort, „er ist sehr beklagenswerth.“

Sie maß ihn betroffen. „Muckerl?“ fragte sie
leise, als habe sie den noch niemals in diesem Lichte
erblickt.

Wie sie so nachdenkend stand, das lachende
Mündchen ernsthaft geschlossen, die zierliche Gestalt
vom Abendsonnenschein umstrahlt, war es Alfred auf
einmal, als sei er blind gewesen. Sie ist ja reizend!
dachte er, und im gleichen Augenblick traf ihn ihr
Blick so voll Wohlgefallen, daß sein Herz hoch aufschlug.

„Sie sind brav,“ sagte sie langsam und ohne
den Blick von ihm zu wenden, „wer Ihr Freund ist,
hat es gut.“

Nun fing er mit einer wahren Ueberstürzung an,
von diesem Freund zu reden; er rühmte seine Güte,
seinen Fleiß, seine Begabung und demüthigte sich zuletzt so tief vor ihm, daß Loni abwehrend den Kopf
schüttelte. „Nein, jetzt, das ist zuviel, das würd' er
nicht annehmen.“

Etwas verwirrt kehrten sie zu den Uebrigen zurück, die ihnen zuriefen, man habe schon überall nach
ihnen gesucht. Fräulein Loni schlug den Schlanken,
den sie „Storch“ nannte, geringschätzig auf die Finger, die er ihr entgegenstreckte.

„Da hätt' ich viel zu thun, wenn ich all' Euer
Geschwätz glauben wollt',“ sagte sie achselzuckend,
„Ihr habt derweil Bier trunken; ich kenn' Euren
Sonntagsnachmittagsdurst.“

Der „Bub“ sah Alfred mit frechem Lächeln an:
„Haben Sie sich fangen lassen, mein Bester?“
fragte er.

„Nein, er hat mich gefangen!“ rief das tolle
Kind, „er war ja Blindekuh;“ plötzlich aber lief ein
Erröthen über ihr feines Gesichtchen, der „Bub“
hatte so beleidigend aufgelacht.

„Das is amal a dicker Spatz,“ stotterte sie mechanisch und zeigte geradeaus auf den Rasenfleck unter
dem Birnbaum.

„Aber Fräulein, das ist ja der Jockerl!“ näselte
der „Storch“ mit komischem Mißverstehen.

Loni lief zu ihrem Vater und setzte sich neben
ihn. „Ich bin müde,“ flüsterte sie, „schick sie weg,
Papa.“ Sie stützte den Kopf auf die Hand und
ließ die Lippe hängen.

„Wenn Du müd' bist, geh schlafen,“ sagte der
Vater mürrisch, „man braucht Dich net.“

Die Kleine machte ein hülfloses Gesicht. „Niemand, ich weiß nicht, wie er eigentlich heißt“ —
sie lachte schon wieder — „also Niemand kann hierbleiben, aber, bitte, Papa, schick die Andern weg.“

„Du bist nicht gescheut,“ war die Antwort,
„Herrgott, hat man eine Noth mit so Mädelen.“ Er
goß ärgerlich sein Glas hinunter. Jockerl, der ihm
gegenüber saß und etwas von der halblauten Unterredung gehört hatte, grunzte beistimmend und trank
ebenfalls.

Sie ist doch elend dran! dachte Alfred, Wolff
hat ganz Recht. Sie könnte eine Andre werden. Ob
aber durch ihn?

„Guten Abend, Fräulein Loni,“ sagte er, hinter
ihren Stuhl tretend, „ich möchte mich verabschieden.“

„Ich auch!“ erwiderte sie mit traurigem Nicken,
„ich thu's auch bald!“ Sie stand auf, obgleich Alle
sie ansahen.

„Ich begleite Niemand!“ rief sie mit dem gewohnten spitzbübischen Lachen, „ja, macht nur lange
Hälse, ist mir auch eins.“

„Ich wollt, die Andern gingen und Sie blieben
da,“ sagte sie, als sie zwischen den Blumenbeeten
standen, „nun fangen sie bald an Skat zu spielen,
und da bringt man sie vor Mitternacht net weg.
Spielen Sie auch Skat?“

„Nein,“ lächelte Alfred.

Sie seufzte tief. „Grad so ungebildet wie ich,
denn wer nicht Skat spielt, sei ungebildet, sagt
Jockerl. Ich glaub's aber net.“

„Wolff rührt keine Karte an,“ betheuerte der
Bildhauer mit einer heldenmüthigen Anstrengung.

Sie erwiderte nichts; nach einiger Zeit bückte
sie sich zu einem Quittenstrauch, dessen kaum erschlossene granatrothe Blüthen durch das spärliche
Grün leuchteten.

Sie reichte ihm ein Zweiglein und steckte sich
selbst eins an. Er haschte nach der niedlichen Hand
und küßte sie schnell.

„Ihnen kann man schon etwas zu Liebe thun,“
sagte sie, während ihr wieder das Blut ins Gesicht
stieg, sich dann aber der Ausdruck plötzlich ins Schalkhafte veränderte: „Sie sind ja doch — Sie sind ja
doch Niemand!“

Damit wollte sie fortlaufen; er aber hielt sie
fest und warf einen schnellen Blick rückwärts; der
Tisch war nicht zu sehen, die Büsche traten davor.

„Niemand?“ sagte er mit drohendem Flüstern,
„ist es wahr, Loni, bin ich Ihnen wirklich Niemand?“ Er wußte selbst kaum, was er sprach, nur
daß sie sehr lieblich war, und daß ihre kleine Hand
wie ein warmes zuckendes gefangenes Mäuschen in
der seinen lag.

„Ich will — ich will auf ihrer Kart' nachschaun,
wie Sie heißen,“ flüsterte sie.

„Alfred!“ hauchte er.

„Alfred,“ wiederholte sie wie ein leises Echo;
und dann noch leiser: „Gute Nacht, Alfred.“

„Gute Nacht, Loni!“ er beugte sich auf ihr gesenktes Köpfchen und drückte seine Lippen auf das
weiche dunkle Gelock, sein Herz schlug ängstlich
und hart.

Da ging ein Mann an der Gartenpforte vorüber, nah' bei ihnen; Alfred sah nicht viel mehr, als
den grauen Schlapphut, aber es fuhr ihm wie ein
Stich durch die Brust. Trug nicht Wolff solch einen
Hut? Wolff und er — o!

„Gute Nacht!“ stammelte er mit einem hastigen
kurzen Händedruck und war, ohne sich umzusehen, mit
einem Sprung aus dem Garten.

Er ging nicht der Richtung nach, die jener Spaziergänger genommen, der den Schlafwandler aufgeweckt. O nein! Er eilte nach der entgegengesetzten
Seite, obgleich sie ihn weiter hinausführte. Wenn
der Mann wirklich sein Freund gewesen wäre, er
hätte nicht erschrockener vor ihm fliehen können. Und
doch lief er eigentlich vor sich selbst und zwar mit
dem erdrückenden Bewußtsein, daß das nutzlos sei
und daß er sich nicht entlaufen könne. Was hatte er
gethan! Weh, was hatte er gethan! Für sich genommen, was er dem Freund bewahren sollte! Es
verdiente die schwärzesten Namen. Wie er sich anklagte, wie er sich haßte. Solch ein Mensch, solch
ein Freund! Solch ein Vertrauen! Und dazwischen
erboste er sich wieder für seine bisherige Unschuld,
kämpfte mit sich selbst für sie. — „Für mich genommen?“ sagte er sich, „nicht doch — in den Schoß
gefallen. Wie wenig hab ich dazu gethan!“ Und
wider Willen kam ihm ihre Gestalt zurück und ihr
unverhohlenes Wohlgefallen und wie allein sie sei mit
dem Vater und unter jenen plumpen, läppischen Gesellen. Ihn sah sie gern, war es nicht Pflicht vielleicht, ihr die Freude zu gönnen? Sie war ja ganz
gleichgültig geblieben bei seinem Bericht über Wolff!
Nicht ein gutes, freundliches Wort für den Abwesenden hatte er herausgehört, und von Vermissen war
auch nichts zu bemerken gewesen. Armer Wolff, es
schien ganz hoffnungslos. Der Vater war ihm auch
abgeneigt, nun also! — Sehe ich aus wie Einer, der
einen Freund betrügt? Habe ich nicht den besten
Willen gehabt, für ihn zu werben? Aber wer kann
denn Liebe erzwingen und noch gar Liebe für einen
Andern?

So zuckte seine Seele hin und her; er war zu
klar, zu sehr Pflichtmensch, um sich dauernd vor sich
selbst entschuldigen zu können, und er war zu warm
und zu verliebt, um sein Unrecht ohne Umschweif zu
bereuen. Er hatte sich ja nur treiben lassen, wie der
Strom ihn zog. Ihm schien vor Allem unbegreiflich
seine frühere Verblendung, strafbar seine Sicherheit,
sein unbesonnenes Versprechen. Aber hatte nicht auch
Wolff gefehlt, der doch so viel älter war und wissen
mußte, daß es Stimmungen gibt und Impulse, die
Niemand vorausahnt? — Eine Viertelstunde lang
dünkte es Alfred, als könne er allen Zorn auf den
Freund wälzen. Nicht wie ein Freund, wie ein Versucher hat er an mir gehandelt! — aber das unklare
Wehgefühl, das nicht weichen wollte, belehrte ihn eines
Besseren. Ach, er war unglücklich, er war tief bedauernswerth, er liebte die Geliebte seines Freundes
und hatte es ihr nicht gesagt, aber doch deutlich gezeigt. Ihm wurden die Augen naß vor Mitleid mit
sich selbst, mit ihr, die er ohne Zweifel durch sein
plötzliches Davoneilen gekränkt, und mit ihm, der sich
in trüber Leidenszeit durch den Gedanken an sie
Beide aufrecht hielt und so schmählich betrogen war.
Wie ein Irrgarten lag die Zukunft vor ihm. Welchen Weg einschlagen? Und der Lockvogel, der ihm
unaufhörlich ins Ohr sang: Sie liebt dich, und du
liebst sie auch; wer liebt, hat Recht, geh wieder hin!
Du hast nur ihre Locken geküßt, küß ihre Lippen: sie
warten auf dich, sie rufen dich. Er nahm die rothen
Blüthen aus dem Knopfloch und küßte sie, bis nicht
ein Blättchen daran blieb, aber sie waren kühl und
küßten nicht wieder!

Der andere Morgen fand ihn matt und mit
schmerzendem Kopf auf seinem Lager. Doch stand er
hastig auf, sowie er munter geworden, er scheute sich
vor dem Grübeln und Besinnen. Werd' ich sie heute
sehen? Darf ich sie sehen? war Alles, was er dachte.
Erst auf dem Wege zu seinem Atelier fiel ihm ein,
daß heut eigentlich ein großer Tag für ihn sei: der
Marmor, den er für die Mädchenfigur „Sternthaler“
bestimmt hatte, sollte heut ausgewählt werden. Marmor! Er hatte sich so danach gesehnt, das edle Gestein unter seinen Fingern zu fühlen. Es war ein
großer Luxus, und Wolff hatte ihm abgerathen, und
nun erst Spitzer: „Sie stecken da viel Geld hinein,
das Sie nie herausbekommen! Stellen Sie doch
Ihren Gips aus, wie andre Leute. Das ist fast
protzig gethan, sag' ich Ihnen.“ Aber Alfred hatte
in guter Laune erwidert, er habe sich's einmal in den
Kopf gesetzt, für die Babett sei nur Marmor gut genug. Er bekomme ihn billig aus dem Nachlaß eines
verstorbenen Künstlers, es werde auch nichts allzu
Rares sein.

Sein Modell wartete schon auf ihn, das kam
sonst nicht vor. Auch nicht, daß er so ohne Gruß
an ihm vorbei ging und mit so zerstreuter Unlust zu
arbeiten begann. Er sah bald selber ein, heut fördere er nichts, heut verderbe er nur; er schickte den
Schufterl nach zwei Stunden fort und begab sich in
den Schuppen neben dem Atelier des Todten, wo
drei noch rohe Blöcke lagerten. Er verstand sich nicht
ganz schlecht auf das Gestein. Sein Meister in Hamburg hatte mancherlei unter den Händen gehabt und
ihm, als dem vertrautesten Schüler, jede Belehrung
zukommen lassen, die ihm nützlich werden konnte.
Ein reicher Kaufmann hatte einen Saal mit rundum
laufenden Friesen und mit Statuen am Kamin
schmücken lassen, zu denen der Marmor von dem Bildhauer selbst in den Brüchen von Seraveza ausgewählt
worden, damit man ein fehlerloses Material erhalte.
Dabei hatte Alfred viel gelernt.

Der junge Mann hatte Hammer und Meißel zu
sich gesteckt, denn er hatte an den Erben, den Bruder
des Verstorbenen, das Ansuchen gestellt, nicht bloß
mit den Augen prüfen zu dürfen. Der Verkäufer
war nicht selbst zugegen, doch hatte er einen Arbeiter
geschickt, welcher ihm etwa behülflich sein dürfe und
jetzt wartend auf einem Dreibein im sonnigen Hofe
saß. Der Bildhauer winkte ihm, ruhig sitzen zu
bleiben, bis er ihn nöthig habe, und ging allein in
den Schuppen, froh genug, daß er ganz ungestört
wählen könne. Er überzeugte sich bald, daß der eine
Block seiner Größe wegen ganz außer Betracht komme,
der zweite Risse zeige, von denen sich nicht bestimmen
ließ, wie tief sie seien, und daß der dritte wahrscheinlich der beste für ihn sei, auch dem Korn nach.

Der Arbeiter hörte ihn hämmern und klopfen,
zog, da er nicht gerufen ward, ein Brot hervor, und
that einige herzhafte Züge aus seiner Flasche. Dann
stützte er den Kopf auf die Arme und nickte in der
warmen Mittagssonne in seiner unbequemen Stellung
ein; er merkte es nicht einmal, daß ihm die Mütze
herabfiel. Der Mann erwachte davon, daß er seitwärts von dem Bock herunterrutschte und sich plötzlich auf dem Boden sitzen fand. Es war still, die
Sonne schon aus dem Hof heraus. „Der hat sich
so hehlings davon gemacht, man könnt' grad meinen,
er hab' was mitgenommen,“ brummte der Arbeiter,
trat in den Schuppen und warf einen Blick rundum.
Er fuhr mit einem Schreckensruf zurück: Dort zwischen
den zwei kleineren Blöcken lag der Fremde auf dem
Boden, ganz mit Staub und Splittern überschüttet,
den Meißel noch fest in der Hand, ohne Hut, mit
blutbeflecktem Gesicht. Eine frische weiße Bruchfläche
an dem einen Marmor gab die Erklärung, dicht
neben der Schläfe lag ein faustgroßes abgesprungenes
Stück.

„Herr, Herr!“ rief der Arbeiter und faßte ihn
an der Schulter, um ihn aufzurichten. Er schien in
Ohnmacht zu liegen, er antwortete nicht, doch athmete
er deutlich, und die Hand war warm. Der Mann
sprang an den Brunnen, holte seine Mütze voll Wasser
und goß sie dem Liegenden über den Kopf. Das
hatte geholfen, er reckte die Arme, als wolle er
aufstehen.

„Herr! Herr!“ rief der Arbeiter wieder, diesmal dicht an seinem Ohr, „Sie sind, scheint's, blessirt,
wo gehören's zu Haus, daß ich an Einspänner besorgen kann?“

„Meine Augen!“ sagte der Verwundete matt,
während er sich mit Hülfe des Andern halb aufrichtete, „voll Staub! mehr Wasser.“

Als der Arbeiter vom Brunnen zurückkam, fand
er ihn angelehnt auf dem Boden sitzen, er fuhr immer
mit den Händen über die Augen hin.

„Ist schon Abend?“ fragte er ängstlich, als er
den Schritt hörte, „wird es schon dunkel?“

„Es ist zwei Stunden nach Mittag, da trinken
Sie,“ sagte der Arbeiter, ihm die Flasche an den
Mund haltend.

Er trank begierig, dann riß er die Augenlider
gewaltsam auf und fuhr wieder mit den Händen
danach, hielt sie mit zitternden Fingern offen. Und
plötzlich stieß er einen heftigen Schrei aus: „Dämmerung! Nacht! Meine Augen!“ und sank zum zweiten Mal ohnmächtig hintenüber.

Es gab ein mitleidiges Zusammenlaufen auf der
Straße, als die Droschke mit dem Verunglückten vor
dem Hause der Frau Huber hielt und der Arzt und
der Arbeiter, der ihm beigestanden hatte, den jungen
Bildhauer langsam mit verbundener Stirn die Treppe
hinaufführten. Er hatte hierher verlangt.

Die Wirthin hatte nach Emerenz gerufen, und
die immer hülfbereite Kleine war um Eis zur nächsten
Brauerei gesprungen und hatte auch das Rezept nach
der Apotheke getragen.

„Ja, was ist denn? Was hat er denn?“ fragten die Leute und drängten sich um das Kind, das
mit der Schürze vor den Augen auf der Haustreppe
saß, weil der Arzt es oben fortgeschickt hatte.

„So bleich ist er und kann net sehn und hat a
rothen Fleck in jedem Aug', so grausig! Und da hat
er ein großes Loch:“ sie zeigte auf die Schläfe, „aber
er sagt, das macht nix, und der Doktor sagt's auch,“
jammerte Emerenz mit der Wichtigkeit einer Eingeweihten.

„Ha, da thät ich heulen!“ rief ein kleiner Kerl
und stieß einen Kameraden, den häßlichen Bruder der
Emerenz an, „gelt, Du thätst auch heulen, wann Du
da a Loch hättst?“

Der aber schüttelte mit stoischer Miene den dicken
Kopf: „Ha nein! Ich bin schon die Stiegen herunterrumpelt, hab' ich da a Loch kriegt,“ er wies auf
seinen Ellbogen; „es hat heidenmäßig brennt, aber
heult hab i net.“

„Das Loch macht nex,“ sagte Emerenz eifrig,
„aber er gesieht nimmer nex! Gelt, da thätst doch
heulen, wenn's Dir so gehn thät, gelt Leo?“

„Ha, da braucht ich net in Schul', da thät ich
net heulen,“ beharrte der Junge.

„Bist a dummer Bub!“ rief Emerenz empört,
„wenn's nur auch das Fräulein Marianne wissen
thät!“ fuhr sie altklug und nachdenkend fort.

„Fräulein Marianne ist net daheim,“ sagte eine
Stimme.

„Doch, sie ist gestern Abend heimkommen, ich hab
a Bretzel von ihr kriegt,“ erwiderte eine andre.

„Da geh ich auch hin! Vielleicht krieg' ich auch
eins,“ rief ein kleiner Bub und kaute schon im Voraus mit leeren Backen.

„Da bleibst!“ rief Emerenz, die eine Art Mutterstellung bei den Kindern hier in der Straße besaß,
„ich geh' selbst hinauf und sag' ihr's von dem Herrn
Heuwels.“

„Ich will auch a Bretzel,“ sagte eins der Kleinsten und wollte sich an ihr Kleid hängen. Aber sie
streifte sie flink von sich und eilte über die Straße
und in das gegenüberliegende Haus; die Kinder
folgten ihr bis zur Hausthür und blieben dort mit
verlangenden Blicken stehen.

Als Emerenz wiederkam, drängten sich Alle um
sie, denn ihr Schurz schien wohlgefüllt. „Mir auch
a Weck', mir auch eins!“ riefen sie ihr entgegen.

Aber das Mädchen hielt die Falten fest zusammen und winkte mit der andern Hand. „Fräulein
Marianne hat gesagt, da besser unten soll ich's Euch
geben!“ flüsterte sie, „wann Ihr fein ruhig seid.“

Sie führte die Kinder bis zum Ende der Straße,
dort blieb sie stehen, öffnete die Schürze und vertheilte die Milchbrötchen mütterlich gerecht, für die
Kleinsten ward je eins durchgebrochen.

„Ihr sollt jetzt da spielen, hat's Fräulein Marianne gesagt,“ ermahnte sie dabei, „wer droben spielt,
kriegt nie nex mehr.“

Eine Frau war hinzugetreten, um ihr Kind heimzuholen.

„Nu, Emerenz, bist droben gewesen, beim guten
Fräulein Marianne? was hat sie geschwätzt?“ fragte
die Frau mit einem Blick auf die essenden Kinder.

„Gar nex hat sie geschwätzt, wie ich ihr's verzählt hab von dem Herrn Heuwels; ich glaub', sie ist
auch arg verschrocken gewesen. Sie hat mich bloß anguckt und gesagt: „In die Augen?“ und hat mich 'nausgeschickt zur Magd, s'ist a neue, ich weiß net, wie sie
heißt, und nachher ist sie selbst herauskommen und hat
mir noch a paar Semmel dazu geben und gesagt, die
Kinder sollten besser unten spielen. Weiter nex.“

„Da folgt auch recht!“ ermahnte die Frau und
ging von dem Kinderhaufen weg, ihr eignes hinter
sich herziehend.

Der Verunglückte erwachte aus einem Halbschlaf
an einem laut geführten Gespräch zwischen einer
männlichen und einer weiblichen Stimme, doch mußten die Sprechenden draußen sein. Die Binde um
Kopf und Augen, hinderte ihn, um sich zu sehen, aber
er hörte gut.

„Ich hab das Logis an einen Gesunden vermiethet,“ sagte die Frau kläglich, „und die Last könnt
ich mir doch net aufladen; bedenken Sie, ich bin
allein zu alle die Herren, da müßt' ich mich schier zu
Tod laufen.“

„Wenn ich Ihnen aber sage, daß die Wärterin,
die ich schicke, Alles gut besorgen kann? Nehmen's
doch Vernunft an, Frau Huber —“

„Ja, und die Wärterin, wer soll die versorgen?“

„Es handelt sich ja bloß um ein paar Tage!
Es thut kein gut, den Patienten wegzuführen, wo's
Wundfieber im Anzug ist. Möglich auch, daß nicht
einmal eins kommt! Die Kopfwunde ist oberflächlich,
Sie hören's ja!“

„Ich bin nicht taub!“ jammerte die Frau, „aber
ich muß mich wehren. Ich bin ein armes Weib!
Das Stüberl' neben seinem ist doch auch leer, —
wie kann ich das vermiethen neben so einem Kranken.“

„So werfen Sie ihn ins Teufels Namen aus
dem Haus,“ prustete der Arzt, „aber Ihre Schuld
ist's, wenn er im Wundfieber drauf geht.“ —

Danach folgte das weinerliche Geschrei:

„Ich bin a armes Weib, ich muß mi halt
wehren!“ und ein Getrappel treppabwärts mit schweren Sohlen. Dann ward es wieder still.

„Wär' ich doch fort von hier!“ stöhnte der
Kranke, „warum bin ich nicht ins Spital gebracht
worden? Ach so, ich habe selbst den Arzt gebeten,
mich in meine Wohnung schaffen zu lassen. Gleichviel, wo ich sterbe!“

Seine Wunde brannte trotz des Eisumschlags,
in seinen Augen stach und bohrte es. Er lag ganz
unbeweglich, wie ihm der Arzt geboten hatte, und
fühlte kalte Schauer über sich rinnen. Nun sterb'
ich bald, dachte er, besser sterben, als leben und
blind sein. Er tastete mit der Hand an der nassen
schweren Binde herum, die seine Augen bedeckte.

Ob ich garnichts sähe, wenn ich sie abrisse?
durchzuckte es ihn. Doch graute ihm vor dem Versuch; mit einem tiefen Seufzer ließ er die Hand
wieder auf die Bettdecke sinken. Als ihn der Arzt
hergebracht, war Alles um ihn her röthliche Dämmerung gewesen, ha, fürchterlich. Eh' er das noch
einmal empfinden sollte, — „wenn ich nun gesund
werde!“ stöhnte er qualvoll, während tödtliche Angst
ihm die Brust zusammendrückte. In seinem Koffer
war ein scharfes Messer, er hatte daheim auch in
Holz geschnitzt. Im schlimmsten Fall — das war
doch gut bei sich zu haben, das war ein Trost. Er
fühlte eine plötzliche Sehnsucht, die blanke scharfe
Schneide mit dem Finger zu berühren. Doch war
der Schlüssel zum Koffer in seinen Kleidern, die sie
ihm ausgezogen hatten. Wo mochten die sein? Er
versuchte, aufzustehen, doch war ihm der Kopf wirr,
sobald er ihn vom Kissen erhob; Alles drehte sich um
ihn, daß er hülflos zurücksank. Der Tod war wohl
schon nah? Er war ja sonst so stark, er war ja niemals krank gewesen. Seine Gedanken flogen an
Allen vorüber, die er kannte; ob sie sein Sterben betrüben wird? Die Eltern, ja, die werden traurig sein.
Aber sie sind ja bei der Schwester. Er sah seine
Mutter im schwarzen Kleid mit dem Gesangbuch in
den Händen zur Kirche gehen. Sie weinte von Zeit
zu Zeit in ihr Taschentuch und sagte: „Wäre er doch
hier geblieben!“ Er sah seinen Vater, tiefgebückt,
den Krückstock zwischen den runzeligen Händen, vor
des Pastors Denkstein auf dem Ottenser Kirchhof
stehen und zu dem jungen Pastor sagen: „Das hat
noch mein Sohn gemacht, kurz vor seiner Abreise
nach München; er hätte es vielleicht noch zu was gebracht, aber“ — — Er sah seinen eigenen Grabstein
und darauf die Inschrift: „Gestorben, ehe er etwas
hat leisten können —“ und dann fiel ihm ein, daß
ihm selbst dieser Grabstein nie zu Theil werden dürfe.
Er war ja in der Fremde; er kam gewiß noch heute
ins Spital; dem dort Gestorbenen — wer sollte ihm
einen Stein setzen? Gleichgültig wanderten seine Gedanken von dem einen zum anderen Bekannten.
Spitzer? Was kümmerte sich der um ihn, er hatte
ja nicht mal Skat mit ihm gespielt! Loni? Ihr
reizendes Bild war plötzlich verblaßt und verschwommen! Hatte er sie wirklich erst gestern zu lieben geglaubt? War sie es, die ihn nicht hatte schlafen
lassen? Es schien fast unbegreiflich. Er sah auch sie
zwischen den Blumenbeeten sitzen und sagen: „Jetzt
kann er nimmer den Muckerl herausstreichen, aber daß
es so schnell gehn würd', hätt' ich mir net denkt, gelt
Papa?“ Und sie setzte dem Jockerl nachdenklich einen
Kranz von Gänseblumen auf seinen dicken rothen
Kopf. Einer war da, einer war sein Freund, hätte
es werden können, wenn er sich bewährt hätte.
Wolff! Wolff! Verrathener Freund! Wirst Du's
je erfahren, daß ich untreu gewesen? Wird das
kleine Mädchen Dir Alles sagen? Ach, es war vielleicht Alles eine Strafe für mein Vergehen!

Wieder lag er regungslos, die Hände gefaltet,
in Trauer und Zerknirschung. Dann hörte er von
Neuem Schritte auf der Treppe; sie werden mich fortschaffen wollen, dachte er, nicht ohne Bitterkeit, denn
es war ihm ein Wohlgefühl, so still liegen zu dürfen.
Jetzt glaubte er die Stimme der Wirthin zu vernehmen. „Frau Huber,“ rief er laut, „beruhigen
Sie sich, ich will selbst ins Krankenhaus;“ — und
als keine Antwort kam, tastete er nach dem Tischchen
neben dem Bette, ergriff den darauf stehenden Porzellanleuchter und schleuderte ihn kräftig auf den
Boden, daß es klapperte und krachte. Eine Thür
ging auf.

„Frau Wirthin!“ rief er schwach.

„Ja,“ kam es zurück, doch so, daß der Kranke
aufhorchend antwortete:

„Sie sind es nicht. Sie sind die Wärterin?“

„Ja, ich werde Sie pflegen,“ sagte eine tiefe
Stimme, die ihm wunderbar ins Herz ging.

„Sprechen Sie noch einmal,“ flüsterte er in tiefer Bewegung.

„Ich bin es,“ hörte er nun dicht an seinem
Bette.

„O Sie! o die liebe Stimme! Schlaf ich denn
nicht?“ flüsterte er leise.

„Sie sind wach und werden bald gesund sein,“
erwiderte sie.

„Nicht ins Krankenhaus?“ stammelte er.

„Nicht; Sie bleiben hier, der Arzt will es so;
ich habe Beiden gesagt, daß ich nach Ihnen sehen
will, so oft es nöthig ist; bleiben Sie ruhig.“

„Ich träume doch gewiß,“ sagte er bedenklich,
„sie ist ja eine Fremde, warum sollte sie kommen.“

„Wenn ich Ihnen unangenehm bin, so geh ich
wieder,“ erwiderte sie in etwas unterdrücktem Ton.

„O bleibe! bleibe!“ schrie er auf, „ich bin so
allein, und es ist so dunkel.“

„Das hab' ich gedacht,“ murmelte sie.

Er fühlte, daß sie sich neben seinem Lager auf
einen Stuhl setzte, obwohl es sehr leise geschah.
Nun lag er ganz still, als habe er viel mit sich auszumachen. Das dumpfe Entsetzen, das ihm auf dem
Herzen lag, sprach nur hie und da aus einem schweren Seufzer. Einmal fing er an:

„Ich sehe nichts, nicht wahr?“

„Das ist die Binde,“ sagte sie tröstend, „aber
sie kühlt und beruhigt, weil Sie einen argen Stoß
erlitten haben, und wenn sie abgenommen wird —“

„Dann bin ich blind!“ stöhnte er.

„Hoffnung,“ flüsterte sie, „und ein bissel Geduld.“ Ihre Stimme zitterte wie von Thränen.

„Ich möchte an meinen Koffer, der Schlüssel
steckt in meinem Rock, ich weiß nicht, wo sie den hingethan haben, vielleicht —“

„Der Rock hängt an der Thür, und hier — ein
Schlüssel, ist das der rechte? Wollen Sie mir nicht
sagen, was ich Ihnen herauslangen soll?“

„Ja — das heißt — nun wissen Sie, ganz auf
dem Grunde — ein längliches Lederfutteral, wenn
Sie mir das reichen wollten,“ die Worte klangen, als
hänge sein Leben daran.

Er hörte, wie sie aufschloß und streckte mit
fieberhafter Ungeduld die Hände nach ihr aus. Eben
trat sie heran.

„Glauben Sie, daß Sie dieses Ding jetzt gebrauchen?“ fragte sie ernst.

„Durchaus!“ rief er, „o bitte, geben Sie schnell,“

„Lassen Sie mirs noch einen Tag,“ bat sie mit
Innigkeit, „ich will Ihnen das Brot und Fleisch
zerschneiden, bis Sie es selbst wieder können,“ fügte
sie mit zitterndem Mitleid hinzu.

„Das Messer! Mein Messer!“ schrie er verzweiflungsvoll — „zwei Augen hatt ich! Meine
Kunst war meine Welt! Seien Sie nicht hart wie
der Stein, der mich blind gemacht hat.“

Ein leises Weinen antwortete ihm.

„Da, nehmen Sie Ihr Eigenthum,“ hauchte sie
ihm mit unsäglicher Traurigkeit zu, „thun Sie, was
Sie glauben thun zu müssen,“ sie drückte ihm die
Scheide in die Hand und entfernte sich.

Aber seine Finger ließen den ersehnten Helfer
schnell los.

„Sie gehen?“ stammelte er.

„Ich fühle wohl, ich kann Ihnen nicht helfen,
ich bin zur Last.“ war die leise, schmerzliche Erwiderung; „ich könnt's auch nicht mit ansehen.“

„Weh! weh! was soll ich thun,“ ächzte der
Kranke, und da sich ihr Schritt zu entfernen schien,
stieß er plötzlich heraus: „Wenn Du gehst, so thu'
ich's gleich!“ Er erhob das Messer, das er aus der
Lederscheide gezogen hatte.

„Ich bleibe!“ rief es da dicht neben ihm und
dann schmeichelnd: „Geben Sie mir das Messer, bis
— bis der Arzt dagewesen ist!“

Eine warme Thräne fiel auf seine Hand.

„Weinst Du um mich?“ sagte er ganz leise,
„ach wie gut bist Du! wie gut! wie gut.“

Und vor seinem innern Auge stieg die schönste,
die rührendste Gestalt auf, in der er sie gesehen, die
tröstende Gottheit mit der Erquickungsschale.

„Ach, wie wohl!“ seufzte er; „nun möcht' ich
schlafen! Aber — bleibst Du auch da?“

„Ich bleibe da.“

„Wirst Du auch nicht weg sein, wenn ich aufwache?“

„Gewiß nicht.“

Ein tiefer Seufzer der Erleichterung belohnte sie.
Dann schien wirklich der Schlaf zu kommen. Doch
blieb der Schmerzenszug um den Mund stehen und
machte das Gesicht älter und reifer für die Augen
der Beschauerin, die sich im tiefen Weh darauf hefteten. Als er sich nicht rührte, ging sie durch das
verdunkelte Zimmer bis zur offenen Thür des Nachbarraums, aus dem das Tageslicht drang, und setzte
sich auf einen Stuhl dort an der Schwelle. Ein
Haufen dichten dunkelgrünen Stoffs lag auf einem
Tischchen daneben; sie nahm Fingerhut und Faden
und ließ hastig die Nadel durch die Falten gleiten.
Sie hatte ein leises Gespräch mit dem Arzt, der bald
darauf erschien und den Kranken nicht geweckt wissen
wollte, sondern nur Anordnungen für die Nacht traf.
Die kam und brachte das Wundfieber, Irrreden, heftiges Auffahren, Umherwerfen in den Kissen. Er
riß sich die nasse Binde von den Augen und wollte
sich nicht halten lassen.

Doch schien auch noch in dieser Betäubung sein
Ohr empfänglich für die sanfte Stimme, die ihn beschwichtigte wie ein krankes Kind, denn er flüsterte
mehrmals: Musik! Musik! und saß wie horchend im
Bette aufrecht. Mit einem Blick der Dankbarkeit,
der Erleichterung begrüßte die treue Pflegerin den
ersten Morgenstrahl, es war eine saure Nacht gewesen. Nun lag der Patient in tiefer Ermattung,
und der Besuch des Arztes ging für ihn fast ungemerkt vorüber. Für Marianne war es eine Beruhigung, ihn auf Stunden der angstvollen Sorge
um sein Augenlicht enthoben zu wissen. Im Uebrigen
hatte die flüchtige Untersuchung wenig Trost gebracht.
Der Arzt hatte die verschwollenen Lider des Kranken
geöffnet und der beklommen Zusehenden einen rothen
Fleck im Weißen beider Augen gezeigt. Draußen vor
der Thür gab er dann eine Aufklärung. „Es sind
zwei Möglichkeiten,“ bemerkte er belehrend, „ein
bessere und eine schlimmere. Entweder diese Flecke
sind Alles, dann bekommen wir einen sogenannten
Verletzungsstaar, der innerhalb eines gewissen Zeitraums reift und operirt wird, worauf die volle
Sehkraft zurückkehrt; oder — es besteht neben dieser
Verletzung noch eine innere, welche die Netzhaut zerrissen hat und dann — gibt es nichts mehr.“

Das Gesicht der Zuhörerin war sehr blaß.

„Und wann, — wann —“ begann sie hastig.

„Unmöglich zu bestimmen,“ sagte der Arzt achselzuckend, — „langwierig in jedem Fall, wie Sie sehen.“

„Ist die letztere, die schlimmste Möglichkeit wahrscheinlich?“ Ihre Stimme bebte.

„Wir wissen nichts,“ wehrte der Doktor ab,
„wir kennen nicht die Gewalt des Stoßes, den er erlitten hat, — da er aus geringer Entfernung kam,
wird er vielleicht nicht stark gewesen sein, — nein,
ich neige eigentlich zu der günstigeren Annahme,“
fuhr er sich durch den Bart streichend fort, — „wir
haben freilich auch dann Zeit vor uns! Zeit in
Menge! Sorgen Sie nur für Geduld.“

Langsamen Schritts kehrte sie an das Krankenbett zurück. Alfred murmelte im Halbschlummer, sie
legte ihre kühlen Hände auf seine brennenden. Plötzlich schien er aufmerksam zu werden; er betastete die
Finger, die Handflächen, umspannte das Gelenk.

„Schade! schade!“ sagte er träumend, „sie sollte
schön sein, Alles wie die Stimme, schade!“ —

Ueber ihre Wangen flog eine tiefe Röthe. Sie
zog langsam ihre Hände fort, legte sie vor ihr Gesicht und saß lange so. Als sie sie endlich in den
Schoß sinken ließ, schimmerte es feucht in den Augen,
aber ein Lächeln lag um den Mund.

„Wo bist Du?“ rief furchtsam der Kranke, „ich
bin so durstig.“

Das Lächeln verschwand, die Thränen liefen ihr
übers Gesicht.

„Wo bist Du?“ rief er wieder, da sie nicht
gleich hatte antworten können, „wo bist Du — Marianne?“

„Hier, hier, trinke, erquicke Dich; Du weißt
meinen Namen?“

„Ich weiß nicht woher, aber ich kannte Dich
gleich, — weißt Du, singe mir etwas.“

„Wenn Du gesund bist,“ sagte sie.

„Ich werde nie gesund,“ stöhnte er, „ich bitte
Dich, Marianne!“

„Was wird der Arzt sagen!“

„Ach Marianne, Deine Stimme! Noch einmal,
eh' ich sterbe!“

„Nichts da von Sterben, ich will's ja thun, was
soll ich singen?“

„Du weißt es besser.“

Sie ging ins Nebenzimmer und sang ein paar
Volkslieder, einfach und lieblich.

„Du hast die blaue Stimme, die Märchenstimme,“
flüsterte Alfred, „laß mich Deine Hand küssen.“

„Nein,“ sagte sie leise, „die Hand hat nichts
damit zu thun, schlafe nun.“

„Du machst mich gesund,“ rief er, „kannst Du
mich auch wieder sehend machen?“ — Es klang kaum
wie eine Frage.

„Willst Geduld haben zu warten, Alfred?“ Es
war das erste Mal, daß sie ihn Alfred nannte.

„Bleib bei mir, und ich will, Du Gute, Beste,
Einzige,“ brach er aus, und es stieg ihm heiß in die
Wangen.

Sie trat rasch heran, um ihm den Eis-Umschlag
zu erneuern. „Kein Wort mehr reden sollst!
schlafen sollst!“ flüsterte sie ihm zu, „weißt ja, daß
ich Dich nicht verlasse,“ es gelang ihm nicht wieder,
ihre Hand zu erhaschen.

Für die Nacht hatte Marianne sich eine Wärterin senden lassen, weil ihr vor der Rückkehr des
Fiebers bangte. Doch ging sie leidlich gut vorüber,
und am nächsten Tage sprach der Arzt davon, daß
der Kranke das Bett verlassen dürfe, wenn er so
fortmache. Der Bruder der Emerenz ward von dem
Fräulein zu einem kleinen vorläufigen Kammerdiener
erhöht, und eine Woche grade nach dem Unfall saß
der Kranke zum erstenmal in einem Stuhl aufrecht,
den noch verbundenen Kopf kaum angelehnt und ein
feines Noth auf den schmäler gewordenen Wangen.
Er klagte nur, ihm sei noch immer, als kämpfe er
mit dem Traum. „Könnt' ich aufwachen,“ seufzte er.

Nun kommt eine schwere Zeit! sagte sich Marianne, und ihr ward so verzagt ums Herz, daß sie
seinen Seufzer erwiderte.

„Es ist Alles so unbegreiflich,“ fuhr er grübelnd
fort, „immer im Dunkeln und Du immer bei mir
und doch auch nur mit Deiner holden Stimme! Ich
kann Dich nicht fassen, nicht finden und fühle Dich
doch überall, — ich bin kein Mensch mehr — ich lebe
nicht mehr in Luft und Licht — nicht mehr in Tag
und Nacht — meine Atmosphäre bist Du, mein
Morgen und mein Abend bist Du, Du mein Mondschein und Du mein Sonnenlicht.“ — — —

„Armer Alfred,“ schluchzte sie, „aber gewiß, es
bleibt nicht lang' so! Der böse Alb fällt ab, wenn
Du nur Geduld hast, der Arzt sagt's ja, und Du
wirst wach, und Alles ist wie vorher.“

Er schwieg lange.

„Wir müssen hinaus,“ sagte sie wie zu sich selbst,
„daß Du wieder eine Lust fühlst und einen großen
Athem. Der Doktor erlaubt's bald. Und für den
Augenblick — da weiß ich auch was — — ich bin
gleich wieder da.“

Er hörte sie hinausgehen und draußen reden.
Bald trat sie wieder ein und rief mit Befriedigung:

„Da bring' ich Dir das Dummerl, das Peterl,
es hat ja schon lang zu Dir gewollt in das Zimmer da.“

Sie setzte ihm das weiche Kätzchen zwischen die
tastenden Hände; es reckte sich sogleich, auf dem
Rücken liegend und äußerte die wohlbekannten Schnurrlaute. Ein Lächeln spielte um den Mund des
Kranken.

„Glaubst Du wohl, daß ich mich manchmal nach
ihm gesehnt habe, wenn ich spät nach Hause kam?
Immer wünschte ich, es aus irgend einem Winkel
hervor miauen zu hören.“

„Das glaub' ich schon; meinst, ich möcht' so ganz
ohne Thierle leben? Das wär' mir ein langweiliges
Dasein.“

„So mein' ich's nicht, — aber es war ja das
Deine.“

„'s ist noch arg jung und dumm.“

„Warst Du mir nicht böse, als ich's Dir hinübertrug? Ich selbst hab' mich nachher meiner Zudringlichkeit geschämt.“

„Ich hab's für eine Freundlichkeit genommen
gegen das Peterl; wenn's aber als Zudringlichkeit
gegen mich gelten sollt', so hab' ich's nicht begriffen.“
Ihr Ton klang zum ersten Mal verletzt.

„O verzeih' mir!“ rief er lebhaft, „ich war von
Deinem Gesange wie berauscht, aber die so singen
konnte, erschien mir hoch und herrlich, und Dir ist
nie ein unbescheidener Gedanke zu nah getreten.“

„So schien mir Dein Gesicht,“ murmelte sie,
„mir ist aber doch leid, daß Du nicht eigentlich wegen
der Katz' kommen bist.“

Sie war aufgestanden und ins Nebenzimmer gegangen. Unruhig rief er nach einer Weile:

„Du gehst doch nicht fort, Marianne?“

„Ich hole meine Arbeit,“ klang es mit verschleierter Stimme.

„Arbeit?“ wiederholte er fragend.

„Die grünen Vorhänge, die der Arzt bestellt hat,
die weißen taugen Dir nicht.“

„Für mich!“ Alfred erhob sich plötzlich von
seinem Stuhl und versuchte auf die offene Thür zuzugehen. Sie aber hatte sich auf das Geräusch hin
erschrocken umgedreht und eilte ihm entgegen, um ihn
zu führen.

„Wohin?“ fragte sie, indem sie seine Hand faßte
und ihn aufhielt.

„Zu Dir!“ rief er heftig. „Sehen will ich, ob
Du wirklich ein Mensch bist oder ein Engel des
Mitleids, wie ich Dich lange erblickt.“

„Ei was!“ erwiderte sie mit lachendem Unwillen.
„Ich hab' Dir das Dummerl gegeben, daß Du ein
bissel aus den Wolken herunterkommst! Ihr Männer
seid auch immer über oder unter der Erde, — warum
könnt Ihr denn nicht darauf marschiren? 's wäre
doch das Einfachste!“

Schwindelnd von der ungewohnten Anstrengung
war Alfred auf seinen Platz zurückgesunken. Sie
legte ihm den Verband frisch um, lehnte seinen Kopf
gegen ein Kissen und flüsterte mit ihrer liebevollen
Stimme gute Worte.

„Da ruh' Dich aus, und ich sitz' neben Dir und
säume den Vorhang voll fertig, und wenn Dir's besser
ist, da erzählst mir von Mutter und Vater und von
zu Haus und was Du hier getrieben hast, und —
gelt Du — die Deinigen müssen doch auch Nachricht
von Dir haben, — so eine Mutter, die ängstigt sich
ja zu Tod, wann sie nichts hört; — wann schreiben
wir denn und was, daß sie sich nicht Alles noch
schlimmer vorstellt?“

So ward geplaudert und der nothwendige Brief
geschrieben, den Marianne entwarf, Alfred in Form
brachte, und diktirte und abermals Marianne in seinem Namen niederschrieb. Der gefürchtete erste Tag
des klareren Bewußtseins ging sanft vorüber und
zeichnete gleichsam die folgenden vor. Es kamen
Stunden des Vorlesens, reich an gemeinsamem Genuß, denn Marianne las Verse mit feinstem Verständniß auch für die Form; es kam die erste Ausfahrt
mit Leo als Kammerdiener auf dem Bock neben dem
Kutscher. Der Wagen war offen, und voll fiel der
Sonnenschein durch das seidne gleißende Buchengrün
auf die emporgewendeten Gesichter. „Nun leih' mir
Deine Augen und laß mich Alles sehen, was Du
siehst,“ bat der arme Geblendete. Und Marianne
verstand ihn so gut, und die Erinnerung an vergangene helle Tage kam zu Hülfe, so daß er trotz aller
Entbehrung genoß. „Und Manches empfinde ich verstärkt, — hat denn das junge Laub auch früher so
geduftet? Hat die Luft so weiche Finger über meine
Backen gleiten lassen? Ich bin wie ein Blatt, das
wohl auch nicht sieht und doch sich spreitet in Wonne
und Wohlgefühl, ich trinke den Sonnenschein.“

Er saß da mit geöffneten Lippen und athmete
tief. „Und Du bist neben mir; ich richte immer das
Gesicht nach der Stelle, woher Deine Stimme dringt,
und es ist immer wieder ein Schrecken, daß ich so
ins Schwarze starre, — aber nun bist Du nah“ —

„Da ist das Siegesthor,“ sagte Marianne, ihre
Hand, die er zu fassen suchte, wegziehend. Ein
Schatten flog über sein Gesicht.

„Marianne,“ bat er, „ich möchte ein bestimmtes
Haus sehen, es muß bald kommen, rechter Hand, mit
den vielen Thürmchen“ —

„Du bist bekannt dort, in der Villa Spitzer?“
fragte sie. „Da seh ich's schon, weiß und zuckrig, wie
vom Conditor.“

„Was siehst Du? Ist der Garten leer?“ fragte
er mit gewisser Aufregung.

„Ich seh' Niemand, doch ja, dort unterm Flieder
sitzt ein junges Mädchen, bunt gekleidet, dunkle
Locken.“ —

„Das ist sie!“ flüsterte Alfred. „Allein?“

„Ja, mir scheint so, sie schreibt oder zeichnet,
willst Du hinein? Soll der Wagen halten?“

Ein helles Lachen ertönte. „Sie lacht ja, sie ist
wohl doch nicht allein?“

Alfred hatte sich halb aufgerichtet und horchte
mit unwilligem Gesicht.

„Ach so, — sie spricht mit einem Nachbarn,
scheint's, über den Zaun, ich seh' so ein Paar Bartkoteletten und einen breiten Strohhut; da lachen sie
alle Beide.“

„Vorwärts, Kutscher!“ schrie Alfred und sank
auf den Sitz zurück. Er hatte die Zähne in die Unterlippe gebissen und die Stirn tief gesenkt. Sie
fuhren schweigend vorüber. Nach einer Weile aber
fühlte er seinen Arm berührt.

„Wenn sie Dir werth war, hast darum keinen
Grund zu dummen Gedanken,“ sagte sie ermahnend.

„Ach, Marianne, es brennt mir schon lange auf
der Zunge, Dir Alles zu sagen,“ rief er nun, „Du
hältst mich für einen redlichen Menschen, aber ich bin
falsch gewesen, — es ist vielleicht eine Strafe, daß
ich am Tag darauf das Unglück haben mußte.“

„An solche Strafen glaub' ich nicht, aber erzähl',“ sagte sie ernsthaft.

Er beichtete nun, es ging wie ein Strom; er
konnte kaum ein Ende finden mit Selbstanklagen und
malte sich schwarz und schwärzer bis zu jenem Kuß
an der Gartenpforte.

„Und dann?“ fragte sie.

„Dann kam die Krankheit und bewahrte mich
vor weiterem Wortbruch,“ seufzte er.

„War kein guter Entschluß vorangegangen?“

„Ich schwankte zwischen Reue und Verliebtheit!
Armer Freund! Armes Mädchen!“

Ein leises Lachen unterbrach ihn, es klang wie
Spott.

„Marianne?“ rief er verwundert.

„Alfred?“

„Nun? Du lachst?“

„Ihr seid närrische Leut'!“ erwiderte sie. „Ein
Mädchen mit so glänzendem Haar! Glaub' mir, dem
ist Dein Kuß wer weiß wie lang' wieder aus den
Locken gefallen! Wer dahinein eine Rose steckt, der
soll sie fein fest stecken, sonst haftet sie nicht lang.
Liebst Du sie denn?“

„Nein!“ betheuerte er hastig.

„O über Euch leichtsinniges Mannsvolk!“ rief
das Mädchen. „Das sprüht Küsse umher wie der
Springbrunnen Tropfen und säh's nicht einmal ungern, wenn jeder Kuß für Ernst genommen würd',
und jede arme Empfängerin ihn nun wie eine Reliquie einbalsamirte! Die armen Kinder sind auch
gescheut, und wenn nach so einem Luftkuß nichts
weiter erfolgt, da bleibt's eben Luft auch für sie.“

„Du hältst mich gewiß für einen Gecken,“ fiel
er kleinlaut ein.

„Nein, nicht, — aber ein Gernegroß bist; ist's
nicht im Guten, so sei's denn in Sünden, nicht wahr?
Warum bist denn so zornig worden, wie das arm'
Dingerl da übern Zaun geschwätzt und gelacht hat?“

„Schilt noch ein bischen,“ rief Alfred mit
wiedergewonnener Sicherheit, „ich schäme mich zwar
sehr, denn Du hast leider recht, — aber doch ist mir
so wohl dabei — ich möchte dazu schnurren wie
Dein kleiner Kater, wenn Du ihn liebkosest.“

„Geh', geh', so war's nicht gemeint! Aber
heut' noch schreibst an den Wolff, das heißt, ich
schreib' für Dich, daß wir Nachricht kriegen über die
kranke Schwester, arm's Wesen, und er von Dir weiß
und Deiner Verhinderung. Aber von dem einfältigen
Kuß wirst nichts berichten, oder — —“

„Nein, nein! sie hat ihn ja auch längst vergessen,
ihn und mich,“ sagte Alfred schnell.

„So ein schönes junges Mädchen kann auch nicht
einem Mann nachfragen in der Stadt,“ meinte sie.

„Wie seltsam, daß Du“ — fing er an.

„Ja, ja,“ unterbrach sie ihn, „die Häßlichen
sind doch für etwas gut, gelt? —“

„Du bist schön,“ sagte er träumend, „ich sehe
Dich immer so wie Deine Stimme ist, so klar und
rein und schön, und als ich Dich geküßt“ —

„Still! sonst ist's aus,“ flüsterte sie.

„Ich bin ja gefangen, Du hast nichts zu fürchten,“ sagte er und ließ den Kopf sinken.

Da hielt der Wagen. Leo half ihm beim Aussteigen, führte ihn auch bis ans Treppengeländer.
Marianne sah mit thränenverdunkelten Augen das
mühselige Tasten beim Hinaufsteigen; doch bot sie
ihm nicht die Hand, und der Bub geleitete ihn ins
Zimmer und auf sein Sopha.

Marianne sprach mit der Wirthin draußen.
Sie hatte bis jetzt das Zimmer neben dem des
Kranken bewohnt, — nun war die gefährlichste Zeit
vorbei, der Bub sollte von jetzt ab dort einquartiert
werden, um immer zur Hand zu sein, doch sollte die
Wirthin sich nicht sorgen, sie wolle trotzdem die Pflege
behalten und tagsüber wie sonst um den Blinden sein.
Dann kam sie herein und beantwortete Alfreds sehnsüchtigen Gruß mit freundlicher Ruhe. Sie schickte
den Buben fort, das Nachtessen zu holen und erzählte,
auf und abgehend, von der kranken Schustersfrau
droben, die sie morgen besuchen müsse, und daß die
Schwägerin so lange nicht geschrieben, und daß die
neue Magd sich schier zu Tod fürchte, weil sie immer
so allein sei, und noch mehr so Dinge.

„Liebe Marianne!“ rief Alfred mit bebender
Stimme.

„Was ist?“ fragte sie aus irgend einer fernen
Ecke des Zimmers hervor.

„Du bist es müd', nicht wahr? Du willst fort?“

Ein Seufzer antwortete.

„Sag's nur,“ rief er rauh, — „aber gieb mir
auch mein Messer wieder, eh' Du gehst.“

„Was ich versprochen, halt' ich!“ erwiderte sie,
schnell hervortretend, — „aber Du, mach's mir nicht
gar zu schwer!“

„Alles, was Du willst, Geliebte!“ rief er, das
schöne Gesicht mit den lichtlosen Augen flehend zu ihr
gewandt.

Da überwallte es sie; sie nahm seinen blonden
Kopf in die Hände und preßte ihre Lippen heiß und
lange auf die seinen. „Nur einmal, liebes Kind,“
flüsterte sie, „weil Du mir der liebste Mensch auf der
Welt bist und weil — ich von Dir muß, wenn Dein
Tag wieder anbricht.“

„Mein! mein!“ stammelte er, sie an sich drückend,
„nie getrennt, Marianne! nie leben ohne Dich.“

Er fühlte, wie sie sich in seinen Armen schüttelte.
Nun machte sie sich vollends los, streifte auch seine
Hände ab.

„Bedenk', es war nur dies eine Mal, wird nie
wieder sein.“

„Ist das Liebe?“ grollte er, die Arme ins Leere
ausgestreckt, „thut so die Liebe?“

„Sie trachtet nicht nach Schaden,“ sagte sie mit
der gewohnten klaren Stimme. „Horch, der Bub
kommt mit dem Nachtessen, da halt ich mit, wie sonst,
und schreib' dann an den Wolff, wenn Dir's recht ist.“

„Ach,“ klagte er, „Deine Empfindung für mich ist
doch nur Theilnahme, Mitleid, und ich — ich liebe Dich!“

„Theilnahme, Mitleid, Freundschaft, Liebe, warum
müßt Ihr nur den Menschen in soviel Stücke zerlegen!“
erwiderte sie eifrig, „ist ja doch Alles ein Gefühl!“

„Aber Liebe will doch auch haben, will nicht
bloß geben,“ murmelte er.

„Das ist ein Märchen,“ sagte sie zuversichtlich,
„glaub' mir, Alfred, damit ist's nichts. Ein Kniff,
eine niedrige Sach' mit einem hohen Namen zu verdecken.“ Sie brach ab, athmete heftig, lachte kurz
auf und sagte befangen: „Du meinst, weil ich Dich
vorhin geküßt hab', könntest so mit mir sprechen?
Weißt, ich hab' einen lieben einzigen Bruder gehabt,
mit dem bin ich aufgewachsen und nach der Eltern
Tod zusammen blieben; da haben sie ihn vor drei
Jahren bei Champigny erschossen. Er hat eine Ladung Schrot ins Gesicht bekommen, aus irgend einem
Mordwinkel, da er schon durch die Brust geschossen
auf dem Krankenwagen lag. Ist so in Blindheit gestorben. Ich war nicht da. Nun ist mir's oft“ —

Sie hatte die Augen tief gesenkt, während sie
sprach, — so merkte sie nicht, daß er sich erhoben
und zu ihrem Stuhl gefunden hatte. Sie fühlte sich
plötzlich umschlungen und an ein hochschlagendes Herz
gedrückt.

„Marianne,“ flüsterte er an ihrem Ohr, „liebst
Du mich nur wie Deinen Bruder? Sag' —“

Ihre Antwort erstickte in seinen Küssen, die sie
erwiderte, rückhaltlos, hingegeben, während ihr heiße
Thränen entstürzten, die Beider Wangen netzten. Einmal versuchte sie, sich los zu reißen. „Aber bedenk,“
— flüsterte sie. „Nichts, als daß Du mein, meine,
meine Marianne!“ Mit einem tiefen Seufzer ließ
sie sich wieder zurückfallen, und die Stunden verrannen ihnen im wortlosen Ineinanderströmen. — Es
war dunkel geworden, tiefe Nacht. — Nun kam ein
schmaler Mondstrahl irgendwo durch eine Spalte der
Vorhänge herein und flog wie ein Silberblitz über
Alfreds Antlitz. Wie schön er war in seiner Leidenschaft! Marianne bebte zurück, erblaßte plötzlich,
schlaff sanken ihre Arme von ihm ab. Es ergriff sie
so, schüttelte sie, daß sie aufschrie vor Qual. „Wie
lieb' ich Dich!“ stammelte Alfred.

„Nein, nein,“ schrie sie verzweiflungsvoll, —
„Du lebst von der Schönheit, Du bist ein Künstler,
— Schönheit soll die Speise Deiner Augen sein!“
Damit floh sie hinweg, weinend, die Hände ringend
und fortwährend murmelnd: „Nie wieder, nie nie nie
wieder!“

Alfred verstand sie nicht. „Ist denn schon Morgen? Kannst Du mich jetzt, jetzt allein lassen? O,
Du bist nicht mitleidig, Du bist grausam und ich —
gefangen!“

Unterdessen lag sie vor ihrem Bette auf dem
Boden und weinte, weinte. Neben ihr schnurrte das
Kätzchen. Durch alle Stufen des Schmerzes begleitete
sie der behagliche, gedämpfte Ton und lullte sie allmälig in Ergebung. Ja, so geht es, dachte sie;
über uns ist das Schicksal und schlägt uns mit Blindheit und Leid, und rundum geht Alles weiter wie
gewöhnlich, und das gute dumme Thierchen spinnt
wie sonst. —

Es war doch keine Befangenheit in ihrem Wiederbegegnen am nächsten Tag, die Freude nahm sie gleich
weg, wie die Sonne den Reif. Es blieb ihnen erspart, sich anzusehen, so konnten sie brüderlich schwesterlich liebevoll sich gute Worte sagen und den Tag berathen. Der Arzt hatte jetzt nichts dagegen, daß sich
der Kranke dem Tageslicht aussetze; ein breitkrämpiger
Hut schützte vor den blendenden Strahlen. Die
rothen Flecke in den Augen hatten sich in weißliche
verwandelt, die, immer undurchsichtiger werdend, das
dunkle Blau der Iris und der Pupille verdeckten.
Das war der Staar, den der Arzt vorausgesagt
hatte. Je mehr er reifte, desto schwächer ward die
Dämmerung, die noch hindurch fiel und dem Verletzten die Hoffnung erhielt, daß es drinnen noch gesund sei. Sie versuchten, Spaziergänge zu machen;
doch erwies sich der Bub als ein kaum geschickter
Führer, und sobald ein Straßenübergang nöthig ward,
gerieth Marianne in Angst, vor rasch daherfahrenden
Wagen.

„Sie sollten hinausziehen, es wird ohnedies bald
heiß werden,“ rieth ihm der Doktor.

„Marianne?“ fragte Alfred statt aller Antwort.

„Ich hab's mir auch schon gedacht,“ versetzte sie
bereitwillig, „ich geh sogleich zur Huber und kündige
das Logis auf.“

„Aber allein können Sie's nicht unternehmen,“
sagte der Arzt und blickte das Fräulein fragend an.

„Ich weiß, ich bleibe bei ihm,“ — es war ihr
aber doch ein leichtes Roth ins Gesicht gestiegen. Sie
verließ schnell das Zimmer.

„Sie dürfen dankbar sein,“ meinte der Doktor
zu Alfred.

Auch dem schoß es roth über die Wangen. „O,
sie ist einzig,“ flüsterte er.

„Als ich sie da das erste Mal sah,“ fuhr der
Andere redselig fort, „dacht' ich: so ein wüstes Gesicht hast noch gar nimmer gesehen, und als ich mit
ihr geredet hatte und wegging, dacht' ich: so ein angenehmes Frauenzimmer hast Du gewiß nimmer
gesehen.“

Alfred war erbleicht.

„Ist sie so häßlich?“ fragte er tonlos.

„Ich sag's ja, nein! ich seh's durchaus nicht
mehr; sowie sie redet, ist Alles Seele, und dazu diese
angenehme Stimm'! das gäb' eine exemplarische
Frau.“

„Ja,“ sagte Alfred mechanisch.

Während der Arzt fortfuhr, ihre Wärterdienste
zu rühmen, sprang der Blinde plötzlich mit einer
Frage ein.

„Werde ich mein Augenlicht wiederbekommen,
Doktor?“

„Ich hoffe so, — aber — in diesem Fall lassen
Sie sich vorher trauen,“ er betonte das vorher
und lachte dazu, wie eben so ein Mann lacht, den es
nichts angeht.

„Sie irren sich,“ rief Alfred aus seiner widrigen
Empfindung heraus, „es ist nichts zwischen uns
Beiden.“

Er konnte den erstaunten Blick nicht sehen, den
der Doktor auf ihn warf, doch hörte er den unterdrückten Ausruf: „Nicht? Schade dafür! Schade
für Sie Beide,“ und blieb still und beschämt sitzen.

Die Empfindung, daß er zum zweiten Mal einen
Treubruch begangen, drückte ihn fast zu Boden. Aber
dieses Mal wollte er es gut machen, ohne Besinnen,
an der feige Verleugneten selbst, wollte, sowie sie eintrete, fragen — da kam sie schon.

„Marianne, einzig Geliebte,“ rief er ihr entgegen, „sag' mir in diesem Augenblick, daß Du mein
Weib werden willst!“

Er konnte nicht sehen, wie sie sich am Thürpfosten festhielt und mit weitaufgerissenen Augen
in seinem heißen, sonderbar bewegten Gesicht forschte.
Doch mußte sie etwas darin nicht gefunden haben,
denn sie kam langsam näher, legte ihre kühle
Hand auf die rothe Schläfennarbe, unter der es
zuckte und hämmerte, und sagte ruhig: „Wenn Du
nicht gesund bist, so können wir nicht nach Schliersee und müssen noch warten.“

Einen Augenblick schwieg er betroffen, dann
schrie er in herzzerreißendem Ton: „Ich will nicht
länger blind sein! ich will Dein Gesicht sehen! ich
will meine Augen wieder haben, meine Augen!
meine Augen!“

Die ihren quollen über von Mitleid und Entsetzen.

„Komm!“ rief sie, den Arm um ihn schlingend
und sein armes Haupt an ihrer Schulter bettend,
„komm, mein Geliebter, mein armer Bruder, Deine
Schwester ist bei Dir, die Dir hilft, die Dich trägt,
die Dich lieb hat, die Dir nur Gutes wünscht, nur
Gutes! Sieh, Herz, Du bist nun da in einem wilden tiefen Strom, kannst jetzt nicht kämpfen, mußt
still daliegen und Dich treiben lassen; und ich, ich
treibe so neben Dir, und Du weißt doch, ich bin da,
und Du nicht allein in der großen Wüste. Ist das
nicht schon etwas? Und wenn Du nicht siehst, wohin
wir treiben, ich geb' schon Acht.“

„Ich hab' Dich verleugnet!“ schluchzte er.

„Still! still! nicht weinen, denk' an Deine
Augen, und gräm' Dich nicht, — wer wird's denn
auch den Fremden sagen? — das kann ja kein Fremdes verstehen! Der Doktor hat Dich ausfragen wollen,
gelt? er hat mich auch letzthin gefragt, ob ich nicht
Lust hätte, seine Frau Doktorin zu werden — er
wußte wohl, daß ich nicht ja sagen würd' — aber er
hätte mir's gern vom Mund abgepflückt, warum
nicht.“

„Das war unwürdig! Das hätte er nicht thun
sollen,“ brauste er auf.

Marianne ließ ihn sanft aus den Armen.

„Willst mir nun Eins versprechen? Du weißt
was?“

„Warum?“ bat er dringend.

„Weil ein Krankes zuvor gesund werden soll, eh'
es, Entschüsse faßt! Versprich!“

Er legte zögernd seine Hand in die ihre; sie
drückte sie kurz und fest.

„Und nun horch, was mir vorhaben, liebes
Kind; das Schliers kenn' ich gut, bin schon zweimal
zur Sommerfrische dort gewesen; und, gelt, wir gehen ins Ort, nicht auf den Freudenberg; es ist zwar
sehr schön droben, aber es kommen da so Pensionsgäste hin, mit Schleppen und Strickstrümpfen, allerlei
Familienbrei, da setzen wir uns nicht drunter. Und
der Leo muß mit, daß man Eins um die Hand hat,
und das Dummerl geht auch mit in 'm Körble, es
hat dort so herrliche Holzställe und Scheuern, wo's
herumstreunen kann.“

Wie anders hatte sich der junge Bildhauer
seinen ersten Reiseausflug ins Gebirge vorgestellt!
Nicht im verräucherten Eisenbahnwagen, im rüstigen
Wanderschritt, mit leichtem Gepäck hatte er gehofft,
die schöne Welt zu sehen. Nun war das Gewicht,
das er mit sich herumtrug, so schwer, daß er darüber
der schönen Welt vergaß und mühselig und stumpf
wie die blinde Schnecke dahin kroch. Die Treue der
geliebten Gefährtin machte ihn wohl auf Stunden
sein Leid vergessen, doch liebte er auch sie mit Angst;
die schöne Sicherheit der Jugend war ihm erschüttert;
seit er das Augenlicht verloren, schien ihm aller Besitz vergänglich. — Sobald er Mariannens Stimme
nicht hörte, überfiel ihn der Schrecken: sie ist fort;
so oft er in der Nacht erwachte, rief er angstvoll
ihren Namen, daß sie oft zitternd aus dem Schlafe
fuhr und horchte, und wenn er zu rufen nicht aufhörte, an seine Kammer schlich und ihn beruhigte,
wie ein fieberndes Kind.

Sie hatte eine bescheidene Wohnung gefunden;
der See war nah, und schön waren die Stunden
am Wasser. Alfred lag auf dem Boden ausgestreckt
in der würzig duftenden Minze; Marianne saß auf
einem Feldstühlchen neben ihm, vorlesend oder plaudernd und Alfred mit ihren Augen sehen lassend, wie
sie es nannten. Er sah dadurch die Form der waldigen Ufer, den spitzen Kirchthurm des Dorfes, die
Farbe des Wassers auf den perlmutterglänzenden
Steinen, das Funkengeblinzel auf der Oberfläche,
wenn die Sonne hoch stand, die gelben Schwertlilien
im windgeschwungenen Schilf, die munteren Wasserstaare im weißen Wämschen, braunen Röckchen, die
nicht nur mit den Schwalben um die Wette über die
Wellen streiften, nein, auch tief hineintauchten und
auf dem Grunde dahinliefen; endlich das sonnverbrannte blonde Rudermädchen, Hoffischers Magd mit
dem weißen Kopftuch und dem braunen grüngebänderten Strohhut darüber.

Was ihn neben allem Uebrigen drückte, war die
gezwungene Unthätigkeit. Er hatte wieder zu schnitzeln
angefangen, doch freute es ihn nicht, da er kein Zutrauen hatte, es werde ihm gelingen. Marianne
schnitt ihm dünne Binsen zurecht und lehrte ihn
Blumenkörbchen flechten; er brachte sie zwar zu
Stand, spottete aber dabei über sich selbst und seine
Spitälerbeschäftigung, die er denn auch wieder liegen
ließ. Sein Dasein hatte so vollständig durch das
Auge Licht empfangen, daß ihm mit diesem Verlust
Alles versagte. Endlich lernte er von einem jungen
Burschen Zither schlagen und brachte es darin zu
einiger Gewandtheit. Es gelang ihm, Mariannens
Gesang hie und da zu begleiten, wo es sich um
leichte Volksmelodien handelte, und daraus entsprang
Freude und Genuß für Beide, die, seit sie so verbunden waren, eigentlich nur noch im Andern leben
und sich freuen konnten.

Einmal fuhr die rothwangige Hoffischers Magd
eine muntere Gesellschaft nach Freudenberg hinüber.
Sie stiegen nicht weit von Alfreds gewohntem Platz
in das Boot, und die zwei Einsamen hörten ihr
lautes Gespräch und ausgelassenes Gelächter. Der
Blinde horchte auf.

„Das könnte Fräulein Spitzer sein, die da
spazieren fährt, sieh doch hin, Marianne.“

„Warum haben Sie denn den Schurz umgethan?“
hörten sie fragen. Und gleich kam die unvermuthete
Antwort: „Weil's doch a bissel häuslicher aussieht.“

„Sie wird es wohl sein,“ sagte Marianne, „ein
hübsches dunkles Mädchen mit einem rothen Schürzchen und wahrhaftig — sie trägt auch einen Alpenstock!“

Ueber Alfreds Gesicht flog ein gemischter Zug,
halb Lachen, halb Bitterkeit.

„Ja, das ist die Loni.“

„Der Vater ist auch dabei und eine ältere Frau,
dann noch so junge Männer.“

„Wüßt ich nur etwas von Wolff! Er hat doch
wohl unsern Brief nicht bekommen. So, die da
singen!“

Ein lustiges Lied, ganz Tanzmelodie, schwebte
durch den frischen Morgen verständlich und hell
herüber:

In grünen Laubeshallen,
Da steht ein lustig Haus,
Und Saiten hör ich schallen,
Und Lieder klingen heraus.
Aus all den offnen Thüren
Dringt frischer Bogenklang,
Die Vögel accompagniren
Mit schmetterndem Gesang.
O Tanzsaal ohne Gleichen,
In kühler Schattennacht!
Von Birken und rauschenden Eichen
Umwölbt und überdacht.
Was zauderst Du, Geselle?
Wer zögert, der versäumt!
Die Stunden wandern schnelle, —
Getanzt! und nicht geträumt!
Die Sonne hüpft über die Matten,
Die Fischlein schnellen im Strom,
Die weißen Wolkenschatten
Wirbeln am Himmelsdom.
Doch fröhlicher als sie alle
Das klopfende Herz in der Brust —
Versink! Versink im Schwalle
Brausender Lebenslust!

„Nein! nein!“ bat Marianne und hob ihm den
Kopf in die Höhe, den er schluchzend in die Arme
vergraben hatte. „Oder — sag' mir die Wahrheit,
Alfred, ist Dir's noch immer weh um sie?“

Er schüttelte den Kopf: „Weißt Du, es ist nur,
da fährt nun die Jugend und die Lebenslust und
fährt an uns vorbei,“ sagte er mühsam.

„Und Du sehnst Dich mitten hinein! Es ist so
natürlich,“ flüsterte das Mädchen mit zuckendem
Munde.

„Ach,“ rief er plötzlich, die Arme ausgebreitet,
„was für ein elender undankbarer Neiding ich bin!
Hab ich nicht Dich! Hab ich nicht das höchste Gut
der Welt? Komm, komm, laß mich wissen, daß Du
mir bleibst, daß Du nicht froh sein könntest ohne
mich, sag', daß Du mich liebst, Du Gute, Einzige!“

„Ich brauch' Dir nichts zu sagen,“ erwiderte sie
sanft, doch bebte ein Krampf in ihren Zügen, und sie
wich seinen Armen aus. „Es wird Zeit für uns
Beide,“ murmelte sie in sich hinein. Er war schon
wieder in seinen Grübeleien.

„Daß auch Wolff sich nicht nach mir umsieht!
Verstehst Du das? Ich hielt ihn für meinen Freund!
Vielleicht ist er bei Spitzers gewesen, und Loni hat
ihm gesagt, was mich stets beschämen wird in der
Erinnerung.“

Er zerbrach einen dürren Ast knackend unter
seinen Fingern.

„Was für ein Freundesrecht hab' ich danach auf
ihn? Aber er war so gut und so gescheut, er hätte
mir von seinen Arbeiten gesprochen, da ich selbst
müßig liegen muß.“

„Er wird schon kommen!“

Mariannens Ton war traurig, das fühlte er
bis ins Herz.

„Das Unglück macht die Menschen schlecht, unsicher, bitter,“ sagte er wie zu sich selbst, „ich erfahre
es an mir; jeden Tag nehm' ich mir vor, geduldig
und gleichmüthig zu sein, aber immer geht's anders,
und ich betrübe Dich, die ich beglücken möchte.“

„Zu Ende nächster Woche kommt der Arzt, lieber
Alfred.“

„Ach, was bringt der! Denke Dir, Marianne,
wenn ich jetzt sehen könnte! Den Kopf voller Gedanken, die Hände voll Arbeit, und das Herz voll
von Dir! Was für ein Leben! Nicht wahr, Du
sängest dann auch heitere Lieder? Warum nicht?
wir wären ja so glücklich! Und tanzen würden mir
auch! Ich möchte für mein Leben gern mit Dir
tanzen, Marianne!“

Sie antwortete nichts, doch er fuhr lebhaft fort:
„Und wenn mir nun einmal etwas gelänge! Ein
Kunstwerk! Denk' Dir, Marianne! Und Du die
Erste, die es sieht. Denn ich hab' Dir's vielleicht im
Werden verborgen, um es Dir ganz fertig zu zeigen!
Erfolg mit Dir theilen dürfen, mit dem treuesten,
liebevollsten Wesen der Erde! Was meinst Du, wär'
es nicht das Paradies? Gieb mir wenigstens Deine
Hand, und laß mich fühlen, das Du's auch so
meinst!“

Es war ein heißer, stummer Händedruck, mit
dem sie antwortete.

„Sieh,“ fuhr er bewegt fort, „und wenn ich
nun solch eine selige Möglichkeit vor mir sehe und
mir's dann plötzlich eiskalt auf die Hoffnungen fällt:
blind! blind! unnütz! elend verurtheilt! dann könnt
ich rasen, wie am ersten Tage, oder mich in das
Wasser stürzen, wenn Du nicht wärst!“

„Ich glaub's schon,“ sagte sie. „Wir wären
freilich nie zusammen kommen, ohne Dein Unglück.“

„So will ich es doch segnen!“ rief er hastig.

„Was redest Du!“ flüsterte sie verwirrt.

„Segnen!“ rief er, „segnen!“ riß ihre Hand an
sich und biß heftig hinein, daß sie mit Mühe einen
Schrei unterdrückte. „Es thut mir weh, so lieb hab
ich Dich! Du kennst mich noch nicht!“ sprudelte er.

Marianne hatte die Lippen auf die blutende
Wunde gepreßt, aber wenn er ihre leuchtenden Augen
hätte sehen können, er hätte sie wohl noch nicht losgelassen.

„Du Wilder!“ lächelte sie, „es blutet ordentlich!
Ich bin nur froh, daß die Loni es nicht gesehen hat.“

Ein Schein von Uebermuth flog über sein Gesicht.

„Manchmal kannst Du auch eine rechte Schelmerei sagen, ganz wie andere Mädchen!“ rief er bewundernd. „Die Loni macht sich nichts aus mir,
und ich mir nichts aus der Loni! Du aber —“
seine Stimme schmolz, wie immer, wenn sie ihm erlaubte, von ihr zu reden. Er hatte jenes zugleich
Weiche und Sprühende des Wesens, das eigentlich
den Zauber der Jugend ausmacht und nur den Auserwählten über Reifezeit und Alter verbleibt. „Du
aber — Marianne — meine Marianne —“

„Komm!“ sagte sie mit einer gewissen Machtlosigkeit im Ton, „es ist Mittagszeit; die Sonne
sticht, — unsere Wirthin wartet, und es kommt ein
Gewitter; wir müssen heim —“

Und mit fürsorglicher Hand leitete sie ihn zurück
durch die gewundenen Gäßchen bis zur Fischerliesel,
wo schon die Nudelsuppe auf dem Tische dampfte.
Hinter der Suppe saß aber bereits ein Gast mit
einem vollen Teller vor sich. Doch schien er keinen
Hunger zu verspüren, sondern rührte bedenklich in
dem Fadenknäuel und sprang in voller Eile auf, als
die Beiden in das Gastzimmer traten.

„Alfred!“ rief er mit halberstickter Stimme.

Und „Max, bist Du — ?“ klang es nicht weniger bewegt zurück.

Der Maler drückte ihn kurz und schnell an die
Brust. „Da bin ich! und da bist Du!“ er athmete
hoch auf, „und das ist Fräulein Marianne Einsele,
die mir Alles geschrieben hat.“

„Ja, das ist die liebste Marianne. Ach, Max,
daß ich Dich nicht sehen kann!“

„Gar nichts?“ rief der Maler betroffen, „ich
dachte doch — aber der Arzt gibt doch Hoffnung?“

„Wer darf darauf bauen?“

Marianne sah die stumme Erschütterung in dem
dunklen schmalen Gesicht des Freundes. Sie tauschte
einen schnellen Blick mit ihm und sagte: „Doch!
doch! wir dürfen hoffen.“

Die ersten Worte von dieser vollen tiefen Stimme
machten Wolff aufschauen.

„Sie haben ihm das Leben gerettet,“ sagte er
halb für sich, „ich kann es begreifen.“

Ein schönes helles Roth färbte ihr Gesicht.
„Nun sind wir froh, gelt Alfred?“ fragte sie, sich
abwendend.

„Erzähle,“ bat dieser.

„Nein, weißt, zum Besten ist mir's auch nicht
gangen, — meine arme Schwester — ist nun erlöst, aber —“

Ein ernstes Schweigen folgte.

„Du hast sie gemalt?“ fragte Alfred zuletzt.

„Hab' sie noch gemalt, ja, — und nachher war
die Mutter, die alt' Frau so arg einsam, — ich bin
schwer wegkommen und dann —“

„Hast Du Spitzers gesehen?“

„Ich glaub' schon! Das Fräulein ist mit dem
Baron verlobt!“ — Wolff lachte kurz auf.

„Nein!“ riefen die Freunde gleichzeitig.

„Ich hab's ihr heut Morgen gesagt: „Wie
können Sie den Menschen nehmen?“ Da zuckt sie die
Achseln und sagt: „Ich weiß auch nicht.“

Der Maler sprang von dem Platz hinter dem
kaum berührten Teller auf: „Sie weiß, daß ich's
nicht leiden werde! Ich hätte nicht davonlaufen
dürfen heut; sie sind Alle hier, ich war zu Anfang
dabei — nachher — Du weißt ja, wie's zu gehen
pflegt — der „Bräutigam“ war unausstehlich, der
Alte zankt mit ihm, wird stark erhitzt. Ich red' ihm
ab, in dem Zustand selbst nach Fischhausen zu rudern;
es ist ja gewitterschwül; da sagt er mir Grobheiten,
wie so ein blaurother, blutüberfüllter Kopf sie eben
bereit hat. Das Fräulein tritt — zum ersten Mal
— auf meine Seite! Der Bräutigam höhnt; und
als sie ihn so abfällig durch die Finger gleiten läßt,
wie einen falschen Kreuzer, macht er eine höhnische
Bemerkung über sie und mich und sagt, er danke
fürs Vergnügen und kehrt um. Da hätte der Alte
sie fast mit dem Ruder geschlagen! Sie winkt mir,
weggehen sollt' ich, o, ich hätt's nicht thun sollen!
Aber ich wollte Dich aufsuchen, Alfred, darum gehorcht' ich.“

„So mußt Du bald wieder fort?“ fragte Alfred enttäuscht.

„Nur sehen, was da geworden ist, — dann
komm' ich zurück, wenn Fräulein Marianne es erlaubt.“

Wolff und Marianne hatten sich merkwürdig
schnell verstanden, und ein gegenseitiges warmes Interesse belebte ihr Gespräch.

Der Maler schied, doch warteten die Freunde
vergebens auf seine Rückkehr.

Dagegen verbreitete sich Abends das Gerücht,
daß drüben in Fischhausen Einer vom Schlag gerührt
worden sei, ein Fremder von einer Gesellschaft. Bald
wurden auch Einzelheiten erzählt. Die Leute hatten
im Wald, nicht weit vom See, Karten gespielt; dabei
muß der Eine stark hitzig geworden sein, des Wirths
kleiner Junge hatte gesehen, wie er auffuhr und dem
Andern mit der Faust drohte. Auf einmal aber sei
er zurückgefallen und habe die Arme weit von sich
gestreckt. Nun hab's große Verwirrung gegeben, und
die Meisten seien davongesprungen, nur ein junges
Fräulein hab' ihn aufgerichtet und jämmerlich geschrieen. Zuletzt sei noch Einer gelaufen kommen, der
zuvor nicht dabei gewesen, schwarze Haar hab' er gehabt und so ein bleiches Gesicht. Aber eine Bärenstärke, daß er hab' den schweren Mann in die Arm'
nehmen und fortschleifen können; auch sei er bös
hineingefahren in den Jungen, daß er da steh und
gaffe, statt Hülfe zu holen. —

Die Beiden, die diesen Bericht anhörten, hegten
keinen Zweifel, wer der Betroffene sein möge und
warteten gespannt auf die weitere Entwickelung.

Andern Tags hörten sie, der Fremde sei gestorben, und gegen Mittag trat der Freund auf einen
Augenblick herein, überwacht und ernst, aber ruhig
und entschlossen wie immer. Er war auf dem Wege
nach München, — es war ja so natürlich, daß er
all' die traurigen Geschäfte für die arme Hinterlassene
übernahm.

„Und der Bräutigum?“ fragte Alfred.

Der Maler richtete sich straff auf: „Wir werden
ihm die Wege weisen, — das gehört auch zu meinen
Geschäften, — er hat sich übrigens bis jetzt noch nicht
gemeldet —“

„Glück auf den Weg!“ riefen ihm die Freunde
nach, er wandte ihnen noch einmal das Gesicht zu;
es war tiefernst und doch sah es aus, als breche dort
schon das Glück aus allen Linien hervor.

Am nächsten Abend, als der Mond aufgegangen
war, führte der Kahn der Schifferin einen Sarg
herüber. Die ganze Dorfbewohnerschaft hielt sich still
am Strande. Marianne stand unter den Leuten und
sah mit Wohlgefallen, wie sich alle Häupter entblößten, als der schwarze Kasten herausgehoben ward,
und wie sich viele Hände nach der verschleierten kleinen Dame ausstreckten, um ihr ans Land zu helfen.
Sie trug über ihrem bunten Kleide einen großen
dunklen Mantel, den ihr die Wirthin geborgt haben
mochte, denn er schlotterte um ihre feinen Glieder.
— Ohne Besinnen trat eine Anzahl Männer heran,
schulterte den Sarg und trug ihn schweigend nach
dem Bahnhof. Es folgte Niemand als der blasse
schwarzhaarige Maler und das verschleierte Fräulein,
das er an der Hand führte.

Als sie an Marianne vorüber kamen, grüßte
Wolff mit stummer Gebärde und deutete mit mitleidfordernden Augen auf die zarte wankende Gestalt
neben sich.

Marianne blickte ihnen nach, so lange sie konnte.
Dann ging sie zu Alfred, der im Zimmer geblieben
war, und sagte, seine Hände fassend:

„Nun sind sie beisammen, nun darfst Du ruhig
sein.“ Dann erzählte sie. Alfred horchte gespannt,
endlich sagte er:

„Sie sind glücklich, aber es ist doch auch auf
einen schwarzen Grund gebaut.“

„Die Erde, die wir treten, ist Moder,“ erwiderte
sie langsam, — „es blühen aber doch Blumen darauf.“

„Du hast einen seltsamen Gleichmuth, Marianne,“
rief er aus, „wie kannst Du all die Gegensätze so ertragen?“

„Ich denk' halt, ich werd' nicht ewig leben,“
sagte sie gelassen, doch war ihr Gesicht nicht ganz so
ruhig, wie ihre Worte. —

Am andern Tage stand die erneute ärztliche
Untersuchung bevor; der Arzt, der seine Schwestern
zur Sommerfrische in Freudenberg hatte, benutzte die
Gelegenheit zu einem freien Sonntag Nachmittage.
Als er nach eingehender Beobachtung des Kranken
ging, ließ er die Beiden in Bewegung zurück: in zwei
Monaten etwa könne man zur Operation schreiten,
hatte er erklärt. Das wäre schon an sich eine aufregende Mittheilung gewesen, ward es noch viel mehr
durch das dunkle Räthsel, das dahinter stand: wird
die gute oder schlimme Möglichkeit jetzt eintreten.
Hätte er doch lieber noch geschwiegen! Alfred konnte
kaum mehr schlafen, — war in ewiger Unruhe und
erschreckte seine Gefährtin durch die schnellsten Uebergänge der Stimmung. Er sah es nicht, wie bleich
sie ward in diesen Tagen, wie ihre Hände zitterten
und wie oft ihre Augen mit einem seltsamen, bohrenden Blick in seinem Antlitz zu forschen schienen. Sie
hatte ihre Stimme ganz in der Gewalt und blieb
immer dieselbe tröstende, lindernde Freundin. Nie
hatte ihr Gesang herzbewegender geklungen, als in
dieser langen Zeit.

Ein Besuch unterbrach die Stille.

An einem feuchten grauen Morgen, wie sie im
August an diesen Seen schon vorkommen, erschien
ohne Anmeldung ein Paar in der „Fischerliesel,“
das nach den jungen Herrschaften fragte und von dem
stiefelwichsenden Jungen in den Wald geführt ward,
zu dem Blinden und seiner Marianne.

Alfred lag in einer Hängematte, Marianne saß
mit einem Buch auf einem Baumstumpf daneben.
Ein freundlicher Zuruf schon von Weitem meldete
den Besuch. Alfred sprang aus dem Netz, Marianne
reichte den Freunden die Hand. Wolff legte den
Arm um den Maler. Es war ein gegenseitiges stilles
Mustern, stummes Grüßen.

Loni Spitzer in Trauerkleidern, etwas schmal
und bleich, aber lebhaft wie immer, begann zuerst
das Gespräch.

„Ja, was hätt' ich wohl anfangen sollen ohne den
Muckerl! Das heißt, ich darf ihn eigentlich nicht
mehr so nennen, und Max klingt auch viel flotter,
gelt? Aber es war doch eine schöne Zeit, da er
noch der Muckerl war und der Papa noch lebte!“

Sie fing plötzlich heftig an zu weinen, hob dann
aber ihr nasses Gesicht aus dem Taschentuch und sagte
mit glänzenden Augen:

„Und der Maxl nimmt mich ganz ohne Mitgift,
gelt, das ist schön von ihm. Es war kein Geld im
Haus, um das Begräbniß zu bezahlen; der arm'
Papa hat garnicht gedacht, daß er sterben könnt, natürlich!“

„Und der „Baron“?“ fragte Marianne schelmisch.
Loni schlug die Augen nieder.

„Ui, der Lackl! Ich bin nur froh, daß ich den
nicht kriegt hab'! Wissens, was er g'sagt hat, als
ihm der Maxl zu verstehn geben, daß ich keine Mitgift hätt? 's wär ihm leid, hat er g'meint, aber er
könnt mich so nimmer nehmen, ich hätt mich zu arg
kompromittirt, daß ich in Fischhausen bei der Leich'
blieben wär', und der Maxl sei auch dablieben!“

Eine flammende Röthe zog über ihr Gesichtchen,
sie lachte voll Zorn und Verachtung und stampfte mit
dem Fuß.

Wolff wollte sie an sich ziehen.

„Nein, laß,“ sagte sie sanft abwehrend, „ich
muß mich noch beim Herrn Heuvels bedanken; er
hat den Muckerl immer herausgestrichen; so ist's
kommen, daß ich a recht's Zutrauen zu ihm kriegt
hab'.“ Sie drückte Alfreds Hand.

„Unsre Villa ist verkauft, und morgen ist Hochzeit, aber ganz still, und dann fahren wir nach
Italien, in so ein kleines Nest, sagt der Maxl, und
suchen uns da 'n paar Stuben. — Es wird schon
recht komisch sein, wenn der Maxl immer so da ist,
— ich war ja sonst immer allein. In Italien dürft'
ich so toll sein, wie ich nur immer wollt', sagt der
Maxl, und das ist gut; ich mein', seit der Papa
lodt ist, könnt ich nimmer recht lachen.“ Sie lachte,
und die Thränen liefen ihr wie Regen über die
Wangen.

Der Maler ließ sie immer allein reden und sah
nur von Zeit zu Zeit Marianne mit leuchtenden
Blicken an, als wolle er sagen: „Und die ist nun
meine!“

Mit kindlicher Neugier guckte Loni in Alfreds
getrübte Augen.

„Sehen Sie denn gar nix? Auch mich nicht?
Das ist aber doch arg!“

Sie blickte entsetzt und fragend ihren Verlobten an.
Wolff legte den Finger auf den Mund. Da nickte
sie schnell und fuhr in heiterem Ton fort: „Wenn Sie
wieder sehen können und Ihr Zwei verheirathet seid,
besucht Ihr uns in Italien, gelt?“

„Ja!“ murmelte Alfred.

Marianne hatte kaum merklich den Kopf geschüttelt. Nun, da Wolff sie ansah, legte auch sie
den Finger auf den Mund. Dann machte sie ihm
ein Zeichen, und als Loni ihr Geplauder mit Alfred
wieder begonnen hatte, traten die zwei Andern beiseite, und Marianne flüsterte leise und eifrig mit dem
Maler. Mit tiefbewegten Gesichtern, Marianne mit
nassen Augen, der Mann nachdenklich und trübe,
wendeten sie sich dann um, gerade als Alfred rief:
„Marianne! bist Du da?“

Die Blicke der Beiden flogen auf diesen Ruf
einander noch einmal zu, Wolff schien mit stummer,
vorwurfsvoller Bitte zu ermahnen. Marianne kehrte
mit gesenktem Haupt zu Alfred zurück.

„Da bin ich; Du hast mich gerufen.“

Man blieb bis zum Abend beisammen. Marianne begleitete sie durch den Garten hinaus. Als
man schon Abschied genommen, hörte sie, wie Loni
mit ihrer unbekümmerten Lebhaftigkeit sagte:

„Weißt, Maxl, ich mein', sie sei garnicht so
wüst, wie Du's gemacht hast! Ich war auf ein
noch weit ärgeres Meerwunder gefaßt. Und dazu,
wenn der Alfred blind ist, wär's fast schad' um 'ne
Schöne, gelt?“

Das Rauschen in den Bäumen übertönte die
Antwort. —

In Mariannens Zimmer brannte das Licht die
halbe Nacht durch, und der Wächter sah sie ruhelos
auf und ab wandern und hörte, daß da drinnen laut
aufgeschluchzt ward. Neugierig trat er an das helle
Fenster, — da erlosch das Licht, aber immer, wenn
er wieder vorbei kam, scholl es wie unterdrücktes
Weinen.

Die Zeit verging doch, so lang sie ward. Man
kehrte nach München zurück, zurück sogar in das alte
Quartier zur Wittwe Huber, deren Zimmer über
Sommer wenig Annehmlichkeit boten und mithin auch
wenig Liebhaber fanden.

Emerenz, noch dünner und brauner, aber behend
und langzopfig wie sonst, lief ihnen mit einem
Freudenschrei entgegen und machte fast Anstalt, ihren
Bruder Leo zu umarmen, ward aber noch rechtzeitig
durch die unnahbare Miene des Burschen und seine
auf dem Rücken gefaltenen Hände an den Schicklichkeitsbegriff erinnert. „Und wo ist denn das Dummerl?“
Ja, das zierliche Kätzchen war ein Riesenkater geworden und wild obendrein, und es war aus dem Eisenbahnwagen wieder hinaus und in die Holzställe und
Scheunen zurück gesprungen, drin es sich so lange
getummelt hatte. „Dem hat's in Schliers zu gut gefallen, das kommt nimmer.“

Emerenz sah das Fräulein ganz verwundert an,
das klang arg gleichgültig.

Die Nachbarkinder schoben einander vorwärts,
dem Fräulein Marianne zu. Sie faßte auch all die
kleinen, nicht durchweg reinen Pfötchen, die sich ihr
entgegenstreckten, aber sonst hatte sie dabei ein freundliches Wort für sie gehabt, ein Streicheln übers
Haar, eine Frage nach den Eltern; heute sah sie die
Kleinen zerstreut an, und das Häuflein starrte ihr
enttäuscht nach — es war nichts von Bretzeln oder
Zwetschen vorgekommen.

Sie stieg mit ihrem Schützling in seine alte
Wohnung und machte es ihm dort behaglich, ehe sie
sich in ihr eignes Quartier im Hause gegenüber begab. Mit einem gewissen Wohlgefühl setzte sich Alfred wieder auf das kleine steife Sopha, — hier
hatte er glückliche, hoffnungsvolle Stunden verbracht,
hier hatte er Marianne zum ersten Mal singen hören.
Wie war doch sein Leben so zu einem Traum zerronnen! —

Der Arzt erschien, stellte eine neue Untersuchung
an und verkündigte ihm, die Operation könne morgen, übermorgen vorgenommen werden. Jawohl, in
diesem Zimmer, wenn er's wünsche. Und er setzte
sich zu ihm und erzählte ihm und Mariannen, daß es
eine leichte Sache sei, diese Ablösung der Trübung
von der verletzten Hornhaut, und daß die Nachbehandlung im verdunkelten Zimmer durch Aetzmittel
die letzten Flocken zerstören werde.

„Und nachher?“ fragte Alfred furchtsam.

„Und nachher sehen Sie wieder,“ fuhr der Arzt
zuversichtlich fort. „Sie bestätigen mir ja selbst, bis
vor einigen Monaten noch hie und da Lichtempfindungen verspürt zu haben, — wäre die Netzhaut zerrissen, so hätte das nicht sein können.“

Alfred sprang auf. „Marianne! Marianne!“
Er suchte nach ihrer Hand.

„Still!“ flüsterte sie ihm zu. „Wir werden noch
alle Kräfte nöthig haben.“

„Du wirst dabei sein?“

„Ich verlasse Dich nicht.“

„Sie dürfen sogar dem Patienten die Hand
halten,“ fiel der Arzt gutmüthig ein, „es ist mir sogar willkommen.“

Und so geschah es. Als der junge Bildhauer
auf dem Bette lag, der Arzt und sein Beistand die
feinen Messerchen in Bereitschaft setzten und endlich
die entscheidenden Stiche geschahen, da lag Alfreds
Hand fest in der warmen treuen Hand Mariannens,
und wie ein elektrischer Schlag sprang jede Bewegung
von dem seinen in ihren Körper hinüber. Auf einmal flog es wie ein Blitzstrahl durch ihn hin:

„Licht! Tag! Ich sehe!“

„Schön so! recht so!“ rief der Arzt, selber in
lebhafter Bewegung und verdeckte das operirte Auge,
„nun das Andere.“

Und abermals schrie er nach standhaft ertragenen
Schmerzen: „Marianne! Marianne! ich kann sehen!
Das Fenster, den Sonnenstrahl, warum nicht Dich?“

Der Arzt hielt ihn fest. „Keine Bewegung zur
Seite, es ist gewonnen, danken Sie Gott und —
dieser Dame!“

„Und Ihnen!“ rief er feurig.

Hochaufschluchzend ließ Marianne seine Hand
fahren, um sie gleich wieder zu ergreifen und an ihre
nassen Augen zu drücken. Zum ersten Mal versagte
ihr die Stimme, die im großen Leid so klar und fest
geblieben war.

„Ach, warum schon wieder verdecken?“ klagte der
Kranke, „muß es denn sein?“

„Geduld, in einigen Tagen! Es ist ja Alles
gut. Aber still müssen Sie sich halten, kein Glied
rühren heute, Sie wissen ja, wir haben das zuvor
besprochen.“ —

Die folgenden Tage vergingen in einer Art Taumel
für Alfred. Sehen! sehen dürfen! denn am Können
fehlt es ja nicht mehr! Er dachte kaum etwas anderes, obwohl er doch auch von anderen Dingen
sprach. Auch Marianne war still und tief in Gedanken. Nun, da es eingetreten, schien Beiden, als
sei es das sicher Erwartete, als hätte es garnicht anders kommen können. Der Arzt sprach jetzt zweimal
des Tages vor. — Die Stunde kam, wo er sagen
konnte: „Morgen stehen Sie auf, und die Binde wird
abgenommen, und dann wird es von Tag zu Tag
etwas heller um Sie, bis Sie das volle Licht ertragen können.“

In der Nacht vor Ablauf dieser letzten Zeit hatte
Alfred einen seltsamen Traum. Eine Gestalt kam
unhörbar herein, stand plötzlich neben seinem Bette
und küßte ihn leise auf Mund und Augen. Er griff
danach, doch zerfloß sie ihm unter den Händen.
Mit heftigem Herzklopfen sagte er die Worte: „Ist
dies ein Abschied?“

„Ja,“ antwortete eine gebrochene Stimme.

Er schrie auf und erwachte in unbeschreiblicher
Beängstigung; er setzte sich aufrecht, heiß und zitternd
und starrte im Zimmer umher. „Marianne!“ rief
er zuletzt; dann sich besinnend, daß sie ja nicht im
gleichen Hause wohne: „Leo!“

Schlaftrunken, im Hemde, stolperte der Junge
nach einer Weile herein, Alfred sah in dem schwachen
Dämmerlicht den großaufgerissenen Mund.

„War Jemand hier? Hast Du Jemand gesehen, Leo?“

„Na!“ sagte der Junge kopfschüttelnd und gähnte
laut und nachdrücklich.

„So leg' Dich wieder hin,“ befahl Alfred,
„schlaf nur.“

Der Junge nickte bereitwillig mit dem Kopf;
kaum war er fort, so tönte schon wieder sein Schnarchen aus dem Nebenzimmer.

Alfred lag wach bis an den Morgen, dann fiel
er noch einmal in tiefen Schlaf.

Er erwachte davon, daß er seine Schulter berührt fand.

„Heute also haben wir den großen Tag,“ sagte
die Stimme des Arztes. „Ich wundere mich ganz,
Sie noch so vertieft zu finden.“

„Heute also,“ erwiderte Alfred mit einem tiefen
Aufathmen, das fast einem Seufzer glich. „Haben
Sie das Fräulein schon gesprochen?“ —

„Ich komme erst eben, wir bedürfen übrigens
ihres Beistandes nicht. Wissen Sie was? Sie kleiden sich geschwind an, und ich führe Sie hinüber —
Fräulein Einsele wohnt doch drüben? — Das wird
eine Ueberraschung sein, was? Aber eilen müssen
Sie! Um 9 Uhr fängt meine Sprechstunde an.“

Der Patient gehorchte; mit Leo's Hülfe war er
bald fertig; der kleine Kammerdiener hatte sich an
das Dämmerlicht so gut gewöhnt wie Marianne.
Als der Arzt den vor Aufregung Sprachlosen in das
helle Nebenzimmer geleitete und Alfred beim Anblick
der so lang entbehrten Sonne in heiße Thränen ausbrach, flog es auch dem jungen Doktor roth um die
Augen.

„Wir bringen es im Ganzen recht selten dazu,“
sagte er, Alfreds Hand drückend, „und auch bei
Ihnen — was hätten wir machen können, wenn die
Netzhaut zerrissen gewesen, wie man anfangs befürchten mußte? Dann säßen Sie noch jetzt rettungslos
im Dunkeln.“

„Marianne!“ murmelte Alfred unruhig — „sonderbar ist es doch —“

Der Arzt faßte seinen Arm, denn er ging schwankend und unsicher. Als sie auf die Straße kamen,
blieb der Bildhauer stehen, warf staunende Blicke
ringsum und erhob dann plötzlich die Arme, als wolle
er den sonnigen blauen Himmel, die herbstrothen Bäume,
die auf ihn zukamen, an seine Brust schließen.

Ein kleines Mädchen kam daher gelaufen, sah
ihn eine Weile schüchtern fragend an und streckte ihm
dann das Händchen entgegen.

„Babettle!“ rief Alfred, „das Babettle, — und
ich kann es wieder sehen.“

Die Kleine ließ seine Hand nicht los, und er
schaute wieder in das schöne volle Gesichtchen des in
Gesundheit blühenden Kindes. Es war noch nicht
ein bischen aufgewacht, die großen blauen Augen
noch ebenso still und ziellos wie früher.

„Ich darf wieder arbeiten?“ fragte Alfred den
Begleiter, und in seine Züge schien alle Begeisterung,
alle Freude des Lebens wieder einzukehren.

„Mit Maßen im Anfang; ist das Kind ein Modell von Ihnen?“

„Mein Sternthalermädchen, für das ich damals
den Marmor aussuchte; — ich bin aber bescheidener
geworden; wenn es mir zum hundertsten Theil gelingt, die Märchenstille hier“ — er legte dem Kinde
die Hand aufs Haupt.

„Ist es hier?“ fragte der Arzt, denn sie hatten
die Treppe erstiegen.

„Dort, die Thür, die offene; ja warum denn
offen? Ich bin nur einmal hier gewesen, ich irre
mich doch wohl“ — Alfred war hastig bis zur Thür
geschritten, hatte auch das Zimmer betreten und hinter
sich offen gelassen. Neugierig folgte der Arzt. Er
sah den Bildhauer in einer Ecke stehen, das Gesicht
zur Wand gekehrt und in den Händen vergraben.

Das Zimmer war leer, völlig ausgeräumt, ebenso
das nächste, dessen Thür gleichfalls offen stand.

Der Arzt spitzte die Lippen, als ob er pfeifen
wolle, besann sich aber, trat an den Bildhauer heran
und sagte, ihm die Hand auf die Schulter legend:

„Wollen wir nicht die Wirthsleute fragen?“

Das Gesicht, das ihn ansah, erschreckte ihn:
„Sie ist fort,“ sagte er mit Verzweiflung in Ton
und Blicken.

Der Doktor stand rathlos. „Sie sagen das so
bestimmt — wollen wir denn nicht die Wirthin fragen?“ — Er zog die Uhr. „Dazu sehe ich mit Bedauern, daß meine Zeit abgelaufen ist! Was machen
wir denn jetzt? Sie müssen doch mit herunterkommen?“

Alfred reichte ihm mit abgewendetem Gesicht eine
kalte bebende Hand.

„Ich danke Ihnen, bitte, gehen Sie fort.“

„Verrücktes Weibervolk!“ brummte der Doktor
im Abgehen.

Dann war der Verlassene allein; das Kind stand
draußen auf dem Flur und hörte seine Seufzer und
erstickten Ausrufe.

Er mochte lange so mit seinem Schmerz gerungen haben, da kamen Schritte auf die Thür zu. Er
raffte sich zusammen und floh wie ein Verfolgter hinaus, die Treppe hinab und über die Straße in seine
Wohnung. Als er eintreten wollte, sah er, daß ihm
die Kleine nachgelaufen war. Er sah sie von der
Seite an, dann ließ er sie mit hereinschlüpfen wie
ein Hündchen oder Kätzchen, das ein Recht hat auf
den Eintritt.

Leo kam ihm entgegen, es schien, daß er eine
Frage in seinem dicken Kopf bewege.

„Fräulein Marianne?“ sagte er erwartungsvoll.

„Sie war nicht hier?“ rief Alfred, von einer
blassen Hoffnung erfaßt.

Der Junge schüttelte den Kopf. „Es hat mich
selbst gewundert.“

Alfred schlug die Thür hinter ihm zu und warf
sich in einen Stuhl. Doch war kaum eine Minute
vergangen, so ward die Thür wieder geöffnet, und
der Junge guckte herein:

„Die Emerenz hat gesagt, das Fräulein sei fort.“

„Wo ist die Emerenz?“ rief Alfred aufspringend.

„Sie ist schon wieder weg, und die Hausfrau
hat mir den Brief da geben.“

Alfred nahm ihn kopfnickend, wie etwas Erwartetes. Als er ihn aber entfaltete und las, all die
Liebe und Zärtlichkeit, die ein blutendes Herz in
diese Blätter gelegt, da brach er ganz zusammen und
rief mit tausend Schmerzen nach der Geliebten und
Verlorenen. Warum verloren? Ach, da stand es
nur zu klar:

„Ich bin nicht schwach, geliebter Freund, aber
doch auch nicht stark genug, um noch einmal Dein
Zurückschaudern zu ertragen, wenn Du mich erblicktest. So hab' ich Dir und mir das Herzeleid anthun
und grade den schönsten Tag Deines Lebens durch
den Abschied trüben müssen.“

Zuletzt kam eine Bitte, sie nicht aufzusuchen.
„Ich gehe fort, unter verändertem Namen. Von Dir
aber werde ich hören. Hab' Dank für alles Glück.
War's auch in Deinen Augen wenig, so war's doch
mehr, als ich je beanspruchen durfte. Und nicht sorgen
um einander, Geliebter. Dir hilft die Kunst und das
neugewonnene Tageslicht; ich — hab' es schwerer —
aber ich habe ja auch gelebt vorher, werd's schon
wieder lernen.“

Als Alfred nach Stunden aus seinem schmerzlichen Brüten erwachte, sah er die Kleine noch im
Zimmer stehen.

„Was willst Du noch?“ fuhr er sie an.

Babettle's große Augen trübten sich; kläglich
brachte sie's heraus: „Das gute Fräulein hat gesagt,
ich soll gleich hergehen und dableiben, bis Sie mich
wegschicken.“

Da nahm er die Kleine in den Arm und küßte
ihre nassen Lider, während ihm selbst die Tropfen
herunterliefen.

„Komm morgen wieder, — ins Atelier, Du
weißt ja,“ flüsterte er, „wir müssen thun, was das
gute Fräulein gesagt hat.“

Es war sechs Jahre später. Da kamen an
einem Septembernachmittage zwei Fremde in Stuttgart an, ein Herr und eine Dame. Daß sie fremd
hier waren, hörte man an den entzückten Ausrufen
der jungen Frau im grauen Reiseschleier, als sie am
Königsbau standen und ihre Augen über die Palmen
und Bananen des Schloßplatzes hinweg zu der lieblichen Hügelkette dahinter wandern ließen. Die grünen Weinberge dort, der rothe Erdboden, die hellgetünchten Häuschen unter den Obstbäumen, all' das
strahlte und glühte in reinen satten Farben, erhöht
und doch wieder gemildert durch den sonnigen Staub,
der die ganze Luft erfüllte.

„Das ist ja wie bei uns unten in Italien,“
sagte die Dame, „jetzt freut mich's erst, daß sie hier
wohnt, gelt, Maxl? Ob wohl die Forststraß' da
droben ist, wo die netten gelben Häuserln stehen?“

Nein, die Forststraße lag hinter ihnen, wie man
sie belehrte, und sie hatten durch allerlei Gassen zu
gehen, das Grün hinter sich zu lassen, zwischen
Mauern dahinzuschreiten, die Gluthhitze von sich
spieen, auf weiß blendendem Boden, der heiß war.

Loni, die ein wenig stark geworden, stützte sich
schwer auf ihren Mann.

Endlich standen sie vor einem größeren Gebäude,
das den Eindruck machte, ein öffentliches zu sein.
Ein Vorgärtchen mit bestaubten Sträuchern schied es
von der Straße. Unter den Büschen auf niederen
Bänken saßen einige Knaben, mit Strohflechten beschäftigt; sie hoben die Köpfe beim Geräusch der
Schritte, standen aber nicht auf. Die Hausthür war
nur angelehnt. Drinnen war es angenehm kühl und
sonnenlos. Wolff zog die Glocke. Sogleich sprang
die zweite innere Thür auf, und nun standen sie auf
einem großen Flur, in den eine Reihe von Sälen
mündete, Alles nüchtern, schmucklos, viereckig. Es
war still hier; die beklemmende Atmosphäre, die größeren Anstalten eigen ist, fiel bei der Hitze doppelt
auf. Loni schüttelte den Kopf: „Hier sind wir nicht
recht; sie hat doch geschrieben, es gehe ihr so gut.“

Ein Mädchen trat aus einem der Säle, einige
Teller in der Hand.

Wolff ging auf sie zu und fragte nach dem
Fräulein Marianne. Nein, Fräulein Marianne war
nicht daheim, das gute Fräulein war mit einigen der
Zöglinge ausgegangen. „Sie heißt auch hier das
gute Fräulein,“ flüsterte Wolff seiner Frau zu, „frag'
doch, wann wir sie sicher treffen.“ Das Mädchen
gab für den nächsten Tag eine bestimmte Zeit an;
sie trugen ihr Gruße auf; dann wandten sie sich
mit schwer enttäuschten Gesichtern zum Weggehen.
Loni wagte kaum, die Kinder anzusehen, die mit vorsichtigen, tastenden Bewegungen über den Flur gingen, und deren blicklose Augen beredt genug sprachen.

Als sie draußen waren, schüttelte die kleine
Dame sich zum zweiten Mal: „Nein, das kann ich
nicht begreifen!“ rief sie ungeduldig.

„Es ist sehr trübe,“ erwiderte der Maler gepreßt, — „komm, wollen sehen, daß wir aus den
dumpfigen Straßen hinaus kommen.“

Sie fanden sich über einige schattenlose breite
Staffeln hinauf, die ins Grüne führten, und standen
aufathmend an einem schönen, von großen, höherliegenden Gärten begrenzten Wege mit villenartigen
Häusern, weitverstreut zwischen dem üppigen Grün.
Ein frischeres Lüftchen kam den langsam ansteigenden
Weg herabgefahren und flog ihnen kühlend und mit
tausend Blumendüften gemischt um die erhitzten Gesichter. Der Weg ward reizender, je weiter sie hinaufgingen; keine Häuser mehr, nur noch Baumgüter,
in denen die Aepfel roth aus dem Laube hervorschimmerten, wo die Kinder mit den Amseln
um die Wette beim Auflesen der Früchte lärmten.
Der Weg ward zum Hohlweg, immer höher stieg er
an, rechts und links, bis zu einer Eisenbahnbrücke,
die sich hoch über der gekrümmten Straße wölbte
und das anmuthige Landschaftsbild, die Weinberge
mit dem darüber aufsteigenden Fichtenwald, wie in
einen schwungvollen Rahmen faßte. Dicht hinter dem
Bogen, abseits vom Wege, lag ein großer Rasenplatz
mit einem einzigen jungen Bäumchen und einer Bank
darunter. Sie hörten dort lachen und singen; eine
frohe Kinderschar drängte sich um die Bank, Andere
lagen, Blumen und Halme zusammenbindend, im
Gras. An der Bank ward zu trinken geschenkt. Ein
schlankes, halb ländlich gekleidetes Mädchen füllte die
Gläser aus einem großen Eimer; das Fräulein auf
der Bank reichte sie umher, eben hielt sie einem
Kinde den Trank an die Lippen. Sie hob dabei ein
wenig das Gesicht, das ein großer dunkler Strohhut
beschattete. Wolff drückte Loni's Arm:

„Da ist sie ja! Da ist sie!“

Und nun sah sie die Beiden und stellte das
Glas auf die Bank, um den Freunden die freien,
ausgestreckten Hände zu reichen. Es lag etwas so
Frisches und Freudiges in ihrer Gebärde, der Gruß
der tiefen weichen Stimme klang so vertraut, so unverändert, so aus der Seele, daß es dem Manne
warm emporquoll, und daß Loni die Wiedergefundene
ohne Umstände mit beiden Armen umschlang und
küßte.

Marianne ließ sich geduldig so halten, sie ruhte
einen Augenblick still in Freundesarmen und sah ganz
aus der Nähe prüfend und lächelnd in das feine
scharfe bräunliche Gesichtchen; es war nicht ganz das
frühere, hier schien etwas aufgewacht zu sein, von
dem Loni Spitzer wohl selber kaum geträumt hatte.

„Bring doch geschwind noch zwei Gläser, Nanele,
— es ist eine gute Milch, frisch gemolken, da müßt
Ihr mithalten,“ sagte Marianne eifrig und machte
dem Paare Platz auf der Bank.

„Und hier bist Du!“ sagte Loni, noch immer
verwundert.

„Hier bin ich.“

Ein kleines Kind kam heran und legte ihr ein
Sträußchen in den Schoß. Ein anderes umklammerte, hinter der Bank stehend, ihren Hals. Marianne legte ihre Hand auf die zwei verschlungenen
Kinderhändchen und sah den Freunden ruhig in die
Augen.

„Sie sind wohl recht brav und haben Dich lieb,
gelt?“ meinte Loni.

„'s passirt,“ erwiderte Marianne lächelnd und
den kleinen Kopf streichelnd, der sich von hinten jetzt
auf ihre Schulter legte. „Sie können auch singen.“

Das Wort schien ein Lockruf zu sein. Mehr
Kinder kamen heran und stellten sich um die Bank
auf. Einige tasteten sich mühsam vorwärts, aber
immer war ein Schwesterärmchen da, das zu rechter
Zeit half und stützte. Die älteren Zöglinge bewegten
sich mit ziemlicher Sicherheit.

Marianne gab den Ton an, dann begannen sie,
hell und rein wie Vögel und ebenso froh; die noch
am Boden gekauert hatten, richteten sich nacheinander
auf und fielen ein: „Gang i ans Brünnele, trink
aber net,“ und das vom Schätzle Alles treuherzig
mit, daß die Zwei lachten. „In der Anstalt müssen
wir viele Choräle singen,“ sagte Marianne entschuldigend; „da heraußen ziehen wir die Volkslieder vor.“

Ein kleiner alter Weingärtner mit einem verhutzelten braunen Mausgesicht und blanken Ohrringen
trottete daher, hielt an, that seinen Butten herunter
und hörte zu, bis das Lied zu Ende war. Seine
kleinen Augen glänzten. Dann kam er heran, griff
an die Mütze, nahm von dem Butten sorgfältig eine
große weiße Lilie ab, die obenauf lag, dann ein paar
Hände voll Zwetschen, die er den Kindern reichte.
Zuletzt gab er die Blume an Marianne: „Jetzt hat's
keine meh, sell isch d'letzt gwe drobe imme Weinberg.“

„Vergelt's Gott! Vergelt's Gott!“ riefen die
Kinder.

Marianne hatte dem Alten die Hand geboten,
die er nicht wieder freiließ.

„'s hätt mi arg gehei't, wann i's heut net troffe
hätt, Fräulein Maariann',“ sagte er im Weggehen.

„Meine Kinder werden oft beschenkt, und da
fällt dann auch für mich etwas ab.“ Marianne
hielt ihr Gesicht über die Lilie und sog den starken
Duft der weißen wehrlosen Blume ein; dann rief sie
die Kinder zum Aufbruch. Nun sahen die Freunde
wohl, daß das Gehen nicht so leicht war. Das
Reihehalten wäre nicht möglich gewesen ohne den
langen Stab, den je vier Kinder mit den Händen
gefaßt hielten beim Marschiren. Es waren vier
Reihen, Marianne ging zuletzt. Ein kleiner Junge
war übrig, den ließ sie vor sich treten und führte ihn,
indem sie ihre Hände auf seine Schultern legte. Die
Blume hatte sie ihm zu tragen gegeben, und so schritt
er nun wie ein kleiner Fahnenträger hinter der Gefährtenschar.

„Sie sind Alle unheilbar blind?“ flüsterte Wolff
bekümmert.

Marianne nickte. „Aber die Meisten haben es
nie anders gekannt und sind lustig wie andere Kinder
und — sicherer vor Enttäuschung,“ fügte sie trübe
lächelnd hinzu.

Einige Tage später suchten Max und Loni im
Kristallpalast in München nach dem ersten ausgestellten
Werk des Freundes. Loni wollte in den Katalog
schauen. „Nein,“ sagte ihr Mann, „möchte sehen,
ob wir's nicht so finden, das ist hübscher.“

Auf einmal deutete er lebhaft geradeaus, „das
muß es sein.“ Sie traten näher: „Er hat uns nicht
geschrieben, was es darstellt, aber es ist eine alte
Idee von ihm —“

„Ich bin das Mitleid,“ las die junge Frau, die
sich zu dem Sockel niedergebeugt hatte, und nun mit
fragendem Blick in die Höhe fuhr.

Max stand lange wortlos vor der herrlichen
Statue, deren fast übermenschliche Größe und ruhige
Schönheit in diesem bunten Gewühl wie ein Zauber
wirkten.

„Nun sehen Sie, das ist diese antikisirende Richtung,“ näselte es hinter ihnen, „Künstler? Heuvels
in Rom, ah, Rom, dacht' ich mir — die sitzen da so
drin bis an den Hals — das Zeitgemäße, das Aktuelle ist für diese Sorte nicht vorhanden, übrigens
garnicht ohne Talent gemacht, — wenn der jetzt in
Berlin —“

Max wandte zornig den Kopf. Loni zupfte ihn
am Rock und kniff die Augen zu: „Gelt, Max, der
ist dumm!“ sagte sie mit Ueberzeugung. Der Maler
sah seine kleine Frau überrascht und strahlend an;
die zwei Kritiker waren weggegangen.

„Da schau nur, Schatz,“ flüsterte Loni, „wie sich
das schöne Thier, ein Reh wird's sein, an sie heranschneckelt! o weh, es hat was am Haxen —“

„Diese unvergleichliche Neigung der ganzen Gestalt,“ hörten sie hinter sich sagen. Ein feines ältliches Frauenantlitz blickte bewundernd auf die Statue, ihre Worte galten dem halbwüchsigen Knaben an
ihrer Seite.

„Aber wem reicht sie die Schale hin, Mutter?
Es ist ja Niemand da,“ sagte der Knabe.

„Sie reicht sie Allen, die leiden; siehst Du, die
Schale fließt über, als trüge sie in sich die Seele der
Gestalt,“ erklärte die Mutter leise.

„Jetzt wollen wir weiter gehen,“ meinte das
Kind. — —

Die Freunde aber konnten noch immer nicht die
Blicke wegwenden.

„Der hat sich herausgemacht!“ sagte Loni, „ja,
in Italien da gibt's so Gestalten. Weißt noch,
Maxl, auf dem Bahnhof in Vittorio das stolze, finstere Geschöpf? Du sagtest, sie sei nicht zu gering
für eine Medea, obwohl sie ihre Schuhe in der Hand
trug.“

Max sah sie zerstreut an: „Ja, aber die hat er
nicht aus Italien, Loni, das ist ja die Marianne.“

„Die Marianne?“ Ein starrer, verständnißloser
Blick irrte über die Gestalt des Mitleids. Plötzlich
fuhr es wie ein Blitz der Erkenntniß über ihre lebhaften Züge. Sie hob den Kopf ihrem Manne entgegen, zwei große Thränen sammelten sich in den
dunklen Wimpern und rannen hell und leuchtend über
ihre Wangen.

Monika.

Zweimal war er schon an dem staatsmäßig hohen
und großen Hause vorübergegangen und hatte
sich nicht hineingetraut. Wie ein Schloß lag es da,
hinter dem reichen Eisengitter, halb verdeckt von dem
hochansteigenden Garten mit den unregelmäßigen, von
blühenden Schlingpflanzen und Farn überwucherten
Staffeln, mit der breiten Freitreppe, die zwischen den
dichtbeblätterten Aesten des mächtigen Birnbaums hervorschimmerte, mit den spiegelblanken Küchenfenstern,
die zu den Seiten der Freitreppe wie zwei dunkle,
lockende Augen herüberglänzten.

Er war noch nie weiter, als bis zur Hausthür
gekommen, wo er jetzt stand und Betrachtungen anstellte. Oder vielmehr nicht gerade an dem Hausthor,
sondern ein Stückchen weiter hinauf, unterhalb des
eisernen Gitters, in dem tiefen, trockenen, grünen
Graben voller Brombeergestrüpp, der sich die ganze
gartenreiche Straße entlang zog.

Hätte er nur gewußt, ob die Monika daheim
sei und in ihrer Küche hinter den blitzenden Scheiben!
Es war doch zu dumm, jetzt hinzutreten, am verschlossenen Thor zu schellen, den Sultan und den Jack
aus ihrem Sommernachmittagsschlaf zu stören — er
sah sie schon mit Amtsübereifer, zungenreckend und
bellend zum Todtenaufwecken aus ihren schöngeschnitzten
Hütten hervor und die Staffeln herunterspringen.
Und die Herrschaften saßen vielleicht in der Veranda
über der Freitreppe, wo die großen Yuccas ihre
stacheligen Blätter spreizten, — es war ja Kaffeezeit,
— und wie, wenn der Herr General auf den Lärm
hin die Glasthür oben in höchsteigener Person aufrisse und mit seiner hochmüthigen Polterstimme herunterriefe, was er denn wolle? und er müsse sagen,
es sei halt — ja, es sei nur um die Monika, die er
nothwendig sprechen müsse. Nein! es ging nicht, es
war „zu fad,“ wie die Monika in ihrem Bayrisch zu
sagen pflegte. Er hatte das Wort von ihr angenommen, und es paßte ihm oft recht gut, — wie ihm
das ganze Mädchen paßte, — in dem einen ausgenommen, daß sie sich's vorgesetzt, in so ein vergittertes, verbarrikadirtes Herrschaftshaus einzustehen als
Zimmermädchen, daß man seine Last hatte, wenn
man ihr einmal ein Wort sagen wollte.

Kopfschüttelnd stieg er aus dem Graben heraus,
putzte den Staub des Gitters, an das er sich gelehnt,
von dem Aermel seiner Unteroffiziersuniform und
schritt langsam in der Hitze die Straße hinauf, bis
zum Querweg, der in weitem Bogen an der Hinterseite der Baumgärten entlang führte, die zu diesen
Häusern gehörten. Die Querstraße war noch im
Bau, — eine Menge Arbeiter, schwitzend und keuchend und in der nothdürftigsten Bekleidung, wühlten
im rothen Lehmboden, um den Weg zu reguliren
und tiefer zu legen, der bis jetzt noch dem allgemeinen Verkehr gesperrt war. Mitten auf einem hochaufgeschütteten Erdhaufen hatten sich die Arbeiter eine
Bretterhütte gebaut, in der jetzt bald der eine, bald
der andere verschwand, — denn die Arbeitsstätte war
ohne jeden Schatten, und der dick und lose liegende
Staub dörrte die Kehlen. Geschafft wurde wenig,
alles dehnte sich, gähnte, hockte, von der Hitze geschlagen, stumpfsinnig am Boden, oder ruhte an der
Hüttenwand mit vorgestrecktem, in die Erde gestemmtem Spaten. Einer hatte sich, unbekümmert um die
Gefahr des Hitzschlags, gerade auf den Rücken hingelegt und schlief wie todt, das Gesicht von der fettigen
Mütze bedeckt. Hinter einer neu aufgeführten Gartenmauer, die gelb und fleckenlos rein zwischen den verwitterten grauen hervorstach, welche den neuen Weg
begrenzten, bewegte sich ein großer, rother Sonnenschirm, und die Dame, die ihn hielt, guckte einen
Augenblick über die Mauer, die freie Hand leicht
aufgestützt, neben einem großen Kübel voll brennend
rother Geranien. Ihr weißes Kleid und ihr jugendliches Gesicht erschien so von rothem Schimmer umhüllt, als sitze sie inmitten einer purpurfarbenen
Glaslaterne. Der Unteroffizier, der, von Stelle zu
Stelle springend, eben vorüberkam und mit erwartungsvollen Augen die Gärten abspähte, hörte, wie
einer der Arbeiter, ein junger Bursch mit krausem
Haar und frechen, glänzenden Augen hinaufstarrend
lachte und ironisch rief: „Weischt, Mädle, Du mit'em
Sonnedächle, gang in d' Stub promenire, — aber
dei Sonnedach, des muescht do lasse, i brauch's nothwendig!“ Unter dem Lachen der übrigen reichte er
mit einem spöttischen Kratzfuß seinen Spaten hinauf,
obgleich der rothe Sonnenschirm schon bei dem ersten
Anruf entschwebt war. Der Unteroffizier runzelte
zornig die Stirn, — die Dame war ja, wenn er sich
nicht irrte, das gnädige Fräulein von seiner Monika
gewesen! Eben wollte er den Arbeiter anfahren, da
erblickte er ein Bild, das ihn alles andere vergessen
ließ. In dem umgitterten Gartenzwickel, jenseits der
schreiend neuen Mauer, stand zwischen den Beeten
ein prächtiges, schlank und fest gewachsenes Mädchen
in dunkelblauem Kleid, das von einem breiten, weißen
Schurz halb verdeckt wurde. Ihr Gesicht war nicht
zu sehen vor dem breitrandigen, braunen, an den
Ohren niedergebogenen Schattenhut; sie hatte die
Aermel aufgestreift, und die gebräunten Hände regierten den Spaten, daß die Erdschollen flogen.

„Monika!“ rief der Unteroffizier halblaut, indem
er sich auf einen der Steinblöcke schwang, die das
Gitter trugen. Das Mädchen schien aber nicht gehört zu haben, obschon sie ziemlich nahe stand. Laut
zu rufen getraute er sich nicht, er fürchtete den Spott
der Wegarbeiter. So stand er und schaute. Ein
hellgrüner Zwergwald von Salatstauden zum Versetzen bedeckte eins der Beete; über die anderen mit
ihrer schwarzen, krümeligen, aufgelockerten Erde waren
pünktlich in Reihen Fäden gespannt, damit die jungen Setzlinge in regelmäßigen Abständen ihre neuen
Plätze fänden, wo sie Haupt und Wurzel dehnen und
strecken konnten. Junge Pfirsichstämme mit grünen,
flaumigen, nußgroßen Früchtchen zwischen dem blanken
Laub standen in den Gemüsebeeten; doch war der
Raum nicht bloß dem Nutzen unterthänig; um den
Rabattenrand zogen sich blüthenschwere Rosenstöcke,
nicht eben die edelsten, aber dafür die dankbarsten
Sorten, — besonders das Bäumchen, neben dem sich
jetzt das Mädchen mit ihrem Setzling bückte, breitete
sich weit wie eine Laube über den Weg mit seinen
zahllosen, vollen, kleinen, weißen Rosen und den kugeligen, rothen Knospen. Der Unteroffizier war auch
ein Gartenfreund, und der Anblick der sorgsam gepflegten Stelle mit der schönen Pflegerin inmitten
that ihm so wohl, daß er eine ganze Weile stand
und zuschaute, ehe er wieder rief. Wie die Monika
ihre Sache verstand! Kein gelernter Gärtner hätte
es besser vermocht, und wie eifrig sie schaffte in der
lähmenden Nachmittagshitze, und — für andere, für
die Herrschaft! Wie wird sie erst im eignen Garten
und Haus sich rühren. Freilich — fleißiger könnt'
sie gar nicht sein, aber sie wird doch dann einmal
den Kopf heben und ihm zulachen unter dem braunen
Schattenhut, — denn der eigne Garten, in dem sie
pflanzen wird, das wird ja auch der seinige, draußen
im Heimathdorf, in Metzingen, sein, wo sie mit ihm
einziehen soll in nicht zu langer Zeit, nein, recht bald
sogar, nämlich wenn seine Dienstzeit zu Ende ist, im
Oktober, — als seine Frau Schultheißin! Heut' ist
der Brief gekommen, vom alten Vaterbruder, daß sie
ihn in Metzingen zum Schultheiß wollen, obgleich er
noch so jung ist. Ja, und die Neuigkeit muß doch
die Monika erfahren, und nun steht sie da, als gäb's
nichts als Salathäupter auf der Welt und schaut
nicht einmal um, und ihr Fleiß, der ihn eben noch
so gefreut hat, fängt an, ihn zu ärgern.

„Hör' auch Du, Monika!“

Jetzt endlich hebt sie den Kopf, und wie sie ihn
ansieht mit ihren großen, klaren, lachenden Augen,
ohne Ueberraschung oder gar Erschrecken, merkt er
wohl, der Schelm hab ihn schon längst gesehen.

„Grüß Di Gott, Michel,“ nickte sie leichthin,
„kommst wegen meiner daher?“

„Ha, nei',“ sagte der Angeredete und zog ein
wenig beleidigt die Brauen zusammen, „i han mer
d' nui Straß a'sehe wölle, wo do g'macht wird.“
Dabei guckte er blinzelnd in das hübsche, stolze Gesicht des Mädchens, als wolle er jeden Augenblick in
Lachen ausbrechen, sobald sie's ihm nur etwas leichter
mache.

Aber sie that es nicht; gleichmüthig stand sie da,
nur, daß die fleißige Hand jetzt ruhte.

„'s ischt e arge Hitz,“ sagte er und rüttelte an
den Gitterstäben.

„Mir macht's nix, — Hitz oder Kält, mir
ist's gleich,“ erwiderte sie, sich leicht über die Stirn
fahrend.

„Do herin wär' Schatte,“ er wies auf ein
dichtes Tannengebüsch, das den Gemüsegarten vom
Baumgut trennte.

Lachend schüttelte sie den Kopf. „Da gibt's
nix! die Pforten is zug'sperrt, und der Herr General
hat den Schlüssel in der Taschen, herein kommst nit!“

Der Michel sah aus, als möcht' er wohl über
den Zaun springen, wenn er ein Bub jetzt wäre, —
plötzlich aber schien er sich seiner Würde und Jahre
bewußt zu werden.

„Moni, geh' her, laß Dei G'schäft en Augeblick,“
bat er ernsthaft, „i möcht Dir was verzähle.“

Neugierig aufhorchend kam nun das Mädchen an
die Hecke: „Ja, was gibt's denn?“ fragte sie und
sah durch das verstaubte Gezweig ihm gerade ins Gesicht, denn sie waren gleich groß und standen nun
ganz dicht voreinander, nur durch das Gitter getrennt.

„'s gibt, daß — aber Moni, i moi' fascht, D'
seist no saubrer worde“ — unterbrach er sich und
reckte sich unwillkürlich, als müsse er ihre blühenden
Lippen erreichen.

Das Mädchen lachte, aber ein bißchen ärgerlich. „Weiter weißt nix?“ fragte sie verwundert,
wegwerfend.

„Moni, d'r Ohm hot mer en Brief g'schickt, daß
i Schultheiß werde soll, wann i heimkomm vom Militär.“ flüsterte er mit strahlendem Gesicht, — „jetzt
könntescht mer eigetlich e Busserl gebe, gelt?“

Monika wurde roth; ihre Augen, die zwischen
blau und braun die Mitte hielten, schienen dunkel
vor Aerger: „Du willst mi buksiren, i merk's schon,“
sagte sie heftig, „Du wartst mir wohl, — bis Nacht
ist, gelt? Schultheiß oder nit, und übrigens, was
hab' ich da davon?“

„Du werscht ebe Frau Schultheiße,“ lachte er,
„geh, sei net so wüescht, was willscht au mit em Genettel — D' weischt, daß i 's ehrlich mit Dir im
Sinn han.“

Sie sah ihn mit einem kurzen, scharfen Blick an.
„Hast mi gern?“ murmelte sie mit plötzlich niedergeschlagenen Augen.

Er streckte seine Hand durch die Stäbe und
drückte die ihre, — sie war hartgearbeitet, aber der
Druck war so herzhaft, fast hätte sie aufgeschrieen.
„Kommscht net e bisle uf d' Straß heut Obed? Du
steckscht fascht wie im e Gefängniß,“ bat er.

„Daß sie mi recht ausricht'n in der ganzen
Nachbarschaft? Nein, ein junges Madel muß vorsichtig sein.“ Dabei sah sie ihn sehnsüchtig an und
seufzte, daß ihm ganz heiß wurde. Sie verstand sich
auf allerlei Augenspiel, und ihre Augen waren so
schön. Michel wollte es ihr eben sagen, als es laut
durch den Garten daherscholl:

„Monika! Monika!“

Sie verfärbte sich etwas, „'s gnä' Fräulein ruft,“
sagte sie schnell, „man hat keinen Augenblick Ruh,
— b'hüt Gott, Michel.“

Da tauchte der rothe Sonnenschirm schon ganz
nah aus dem Fichtendickicht hervor, das gnädige
Fräulein kam selbst, offenbar in einiger Erregung,
auf die Gemüsebeete zugeschritten, das Mädchen mit
diensteifriger Eile ihr entgegen.

Michel schob sich etwas ins Gebüsch zur Seite;
er hoffte, sein Mädchen werde sogleich zurückkehren,
— es dünkte ihn noch gar nicht an der Zeit, ihr
Liebesgeplauder abzubrechen. Er dachte nicht daran,
jetzt zu horchen, aber die helle Stimme des Fräuleins
drang ohne Mühe durch die klare Sonnenluft an
sein Ohr.

„Sehen Sie, Monika, da schickt der Schmied
noch einmal seine Rechnung, — warum haben Sie
mir die Quittung nicht gebracht, nachdem Sie bezahlt
haben?“

Monika sprach leise, die verstand er nicht, wohl
aber die Antwort des Fräuleins: „So, Sie haben
die Quittung in der Tasche? Nun, da geben Sie
nur, da kann die Köchin gleich vorgehen, — es ist
aber eine Nachlässigkeit, Monika. Sie müssen so
etwas gleich abgeben, damit es ordentlich aufgehoben
wird.“ Damit schien die Dame sich zu entfernen;
Monika blickte ihr eine Sekunde lang nach; dann
kam sie wieder auf ihre Salatbeete zugegangen und
griff mit einer fast wüthenden Eile nach dem Spaten.
Michel sah deutlich die Spuren des Verdrusses in
ihrem Gesicht, und das that ihm leid. „Aber sie ist
auch gar empfindlich,“ murmelte er, „das Fräulein
hat sie net emol ordentlich verschimpft, und e bisle
nachlässig ischt se doch g'wese.“ Kaum getraute er
sich, sie anzureden. Als er's zuletzt doch that, blickte
sie mit zusammengezogenen Brauen ungeduldig herüber. „Bist noch immer da?“

„I geh scho, — b'hüt Gott, Moni, — aber
was i no sage will, — descht scheint's e dumme
G'schicht mit dem Schmied?“

„Hast's gehört?“ fuhr sie auf und starrte unangenehm betroffen in sein neugieriges Gesicht.

„Ja, — Du hascht em, scheint's, sei Guthabe
hintrage solle? Wieviel ischt no des g'wese, so beiläufig?“

„Siebenundzwanzig Mark,“ sagte sie trocken.

„Siebenundzwanzig Mark!“ wiederholte Michel
mit einer gewissen Achtung vor der genannten Summe,
„descht Haufe g'nueg, wemmers zwoimal zahle soll!
Guet, daß Du d' Quittung bei der Hand g'hett hascht,
mit Geldsache no soll mer vorsichtig sei.“ Sein Ton
war der einer pedantischen Ehrlichkeit; das Mädchen
sah ihn nicht an, sondern schaffte verdrossen weiter.
Da wollt' er ihr doch noch ein gutes Wort sagen.

„I sieh's wohl, es bizelt Di no; jez, was kenne
se Dir a'hänge? Dei Quittung hascht, domit ischt
alles g'sagt; 's wird scho' recht werde.“

Und als ein freundliches Lächeln über ihr Gesicht huschte, fuhr er ermuthigt fort: „Was moinscht,
Moni, willscht am nächschte Sonntag zur Kommunio'
gehe? I geh als au“ —

Das Mädchen stützte sich auf den Spaten und
sagte: „Ja, warum nit? Sonntag hab i mein' Ausgang, und wenn's in die Kirch' geht, wird mir's der
gnädig Herr gern e Stund bälder erlauben.“ Sie
lächelte schelmisch. „Er ist a christlicher Herr, der
Herr General, der hätt' sollen geistlich werd'n; aber
denn gleich a kathol'scher, so wie 's bei mir z'Haus
gibt.“ Ein vielsagendes Blinzeln gab ihr bei diesen
Worten einen ganz veränderten, alten und welterfahrenen Ausdruck.

Michel sah sie unbehaglich, mit offenem Munde
an, er verstand nicht recht, und das war seiner hohen
Meinung von sich zuwider. Und dann — sein Pfarrer war die gefürchtete Respektsperson im Dorf, —
was gab es jetzt zu lachen?

Denn Monika lachte laut und ausgelassen; als
sie aber seine Verdutztheit sah, hielt sie inne und
sagte: „Gelt, Du weißt nit, warum ich so lachen
muß? Ich hab' nämlich an den geistlichen Herrn
denken müssen in meinem Heimathsdorf. Was der
meine Kam'rädinnen gefragt hat in der Beicht, — 's
ist nicht zum sagen.“ Sie lachte in sich hinein und
fuhr fort: „Er hat's, scheint's, gethan, daß mir was
z' lachen haben. In der ersten Beicht' hat er jede
g'fragt, ob sie schon mal 'n Mannsbild im Dunkeln
verküßt hab'!“ Sie warf ihren Spaten hin, deckte
die Hände vors Gesicht und lachte, aber nicht eben
laut, mehr als ob sie sich schäme.

„Jetzt, wenn das nit für den gnä' Herrn gepaßt
hätt'“ — —

Michel schüttelte verwundert den Kopf; sein langsamer Geist war noch bei der sonderbaren Frage des
Beichtigers. „'s ischt mer scho liab, daß Du net
katholisch bischt,“ sagte er nachdrücklich.

„Ha, i denk', fürs Lieben wär's eins,“ warf sie
leichtsinnig hin.

„Aber fürs Heirathen net,“ meinte er.

Eine hohe Röthe überfluthete ihr bräunliches
Gesicht. Sie blickte ihn mit funkelnden, sehnsüchtigen
Augen an. „Ob Du's ehrlich meinst?“ murmelte sie.

„Für was wär' i no daherkomme?“ rief er, sich
in die Brust werfend.

„Ha, Du wärst der Erste nit, der en armes
Mädel zum Besten halten thät,“ sagte sie trotzig.

„I moins wie — n — i sag!“ brauste er auf,
„no, warum bischt so harb und u'guet mit mer?
Oder,“ ein schneller Gedanke flog ihm durch den
Sinn, „bischt eppe scho emol so a'komme?“

„I wär' eingangen?“ Empört starrte sie ihn
an, „meinst, i wär' dumm? Frag, wen Du willst, ob
ich nit brav bin, wie nur eine!“ Dann schüttelte
sie lachend den Hut in den Nacken.

„Was stehst da und guckst mich an, so unschuldig, als wärst nit auch e Mannsbild?“

Und als Michel noch stand und nicht wußte,
was er eigentlich sagen solle, denn er konnte ihr nicht
folgen in all die Gedankensprünge, warf sie plötzlich
mit zorniger Miene den Spaten hin: „Jessas, da
rufen's scho wieder, nit en Augenblick hat man Ruh
in dem Haus!“ Ehe sich's Michel versah, ging sie
schon mit gesenktem Kopf weit hinten zwischen den
Büschen, und er hätte so gern eine Zusage auf den
Abend mitgenommen. Er guckte, so lang er noch
einen Schimmer von dem weißen Schurz erhaschen
konnte, — dies herbe Geschöpf, das ihm nie ein
freundliches Wort gönnte, und ihm doch feurige
Blicke zuwarf, hatte es ihm angethan, saß ihm im
Blut, daß er's nicht mehr losmachen konnte.

Es war schon recht, sie hatte etwas Fremdes;
ein Kamerad hatte einmal gemeint, etwas Welsches.
Aber nicht schwächlich wie die, nein, großgewachsen
und kräftig zur Arbeit, trotz ihrer dunkeln Haut und
der starken Brauen über den großen Augen. Und
wie sie die zusammenziehen konnte, wenn ihr etwas
nicht gefiel! Und wie sie reden konnte! Nicht wie
ein Mädel von achtzehn Jahren, nein, wie ein Altes,
so erfahren und geschickt. Und weder dummscheu wie
die Bauermädchen daheim, die gleich kichern und sich
zusammendrängen, wie die Schafe; noch frech wie die
Mädchen, die in der Fabrik arbeiten und den Soldaten schon von fern zulachen und winken. Und wie
nett in ihrer Kleidung, Alltags wie Sonntags; ja
Sonntags hatte er sie oft verwundert angeschaut, wie
geputzt sie sei, und dann hatte sie ihm lachend erzählt, nichts Besonderes trage sie an sich, als eine
neue Masche, die hab' ihr das gnädige Fräulein geschenkt. Ob sie's wohl thut und künftigen Sonntag
zur Kommunion mit mir geht, dachte er, während er
langsam in die Stadt schlenderte. Da muß sie doch
allein kommen! Das war der Punkt, über den es
schon allerlei Händel zwischen ihnen gegeben hatte.
Immer, wenn er sie ausführte, bestand sie darauf,
eine Kamerädin mitzubringen. „Sonst wird man
gleich ausgerichtet,“ sagte sie entschieden, „o die Leut'
sind so schlimm! Und ich hab' auch meinen Stolz,
es wird einem gleich was angehängt. Besonders die
Köchin, dös ist e Ratschen!“

Da hatte er ihr, wiewohl ungern, nachgeben
müssen, und jetzt war's ihm fast lieber so, denn im
Beisein der anderen ließ sie sich weit freier gehen, ja
sie war oft recht ausgelassen. Er mußte noch lachen,
wie er daran dachte, daß sie das letztemal der Köchin
ihren Most zugeschoben und ihr gar noch einen Wein
gezahlt hatte, damit sie doch auch einmal „recht
lustig“ werde, und wie die alte, dicke Person, die den
Mittag ein Essen für zwanzig Gäste hatte bereiten
müssen, gar nicht lustig, sondern sehr schläfrig geworden und endlich im Garten des Bärenwirths in
Gaisburg völlig eingeschlafen war. Wie die Monika
damals gekichert und mit der Schlafenden ihren
Scherz getrieben, und wie sie zuletzt ganz stille neben ihm
gesessen und seine Hand gedrückt hatte, immer heißer,
immer fester, daß es war, als wüchsen ihre Hände ineinander. Und dazu hatte sie kein Wort mehr geredet,
ihn nur angesehen von Zeit zu Zeit mit ihren
feurigen, großen Augen. Und er selbst hatte auch
nichts schwätzen können, die Kehle war ihm wie zugeschnürt gewesen, und so sehr es ihn verlangt, den
Arm um des Mädchens Nacken zu legen, auch das
war unmöglich gewesen, so hatten ihre Augen ihn
in derselben Stellung festgehalten. In diesen Stunden war es ihm zum erstenmal zur Gewißheit geworden, daß er sie heirathen müsse, obwohl sie ein
ganz armes Mädchen sei. Er war ja zum guten
Glück sein eigner Herr und konnte heirathen, wen er
wollte. Vater und Mutter waren früh weggestorben;
ihm lebten nur der Ohm, der ihn erzogen, und die
alte Base, die jetzt daheim mit gemietheten Leuten
der Bäckerei vorstand, die ihm von den Eltern her
gehörte; und die war gewißlich froh, die Last auf
junge Schultern abzuwälzen. Im übrigen, wenn sie
dreinschwätzen wollte, er fürchtete sie nicht, — sie war
ihm immer so arg gut gewesen, nachsichtiger als eine
Mutter. Das schöne Baumgut zu Haus stand ihm
vor den Augen, wie er, auf seinem langsamen
Schlendergange nach der Stadt, in den Gärten die
rothen Aepfel zwischen dem Laube schimmern sah.
Die Luiken trugen heuer überreich, das mußte dort
eine Pracht sein. Er sah die Moni, schlank und
sauber, auf der hohen Leiter stehen und Aepfel
brechen, er sah sie im schneeweißen Schurz als seine
junge Frau Bäckerin, den Kunden die Wecken zuzählen, er sah sie als seine Frau Schultheißin im feinen,
schwarzen Kleide am Sonntag in die Kirche gehen,
und Männer und Weiber die Hälse nach ihr recken.
Noch zwei Monate, dann konnt' es vor sich gehen!
Ihr Mißtrauen schmeichelte ihm mehr, als daß es
ihn gekränkt hätte, — sah er doch daraus, daß sie's
für etwas rechnete, seine Frau zu werden. Freilich,
hätt' er ein schlechtes Gewissen gehabt, er hätte sich
nicht mehr unter ihre Augen getraut, so drohend
konnte sie ihn anblicken. –– —

Ei, wie heiß es noch war! Schon sieben
Uhr, aber eine Sonnengluth, eine erstickende, staubige Schwüle, wie wenn's Mittag wäre. Das
Pflaster glühte durch die Stiefelsohlen, die Häusermauern strahlten die eingesogene Hitze von sich,
daß man ihnen nicht nah kommen mochte. Der
Unteroffizier Michel Scheitlin fühlte zudem seine Kehle
trocken von dem vielen ungewohnten Reden; er war
sonst ein Mann von wenig Worten. So ging er
denn in eine Weinwirthschaft, setzte sich hinter einem
Schoppen Fellbacher nieder und vertiefte sich mehr und
mehr in sein behagliches Brüten. Ein lautes Stimmengeräusch weckte ihn daraus. Nein, hier in dem
kleinen, schon halb dämmrigen Zimmer war es nicht,
es war im Hinterhaus, in der Schmiede, deren Feuer
rothe Lichter über den engen dazwischenliegenden Hof
mit seinem schwarzen Eisengerümpel warf. Neugierig
bog er sich zum offenen Fenster hinaus, da erkannte
er in einer dichten, dunkeln Gruppe, unweit der Thür,
zwei Frauenzimmer, ein untersetztes, dickes, auf dessen
rothes Gesicht der volle Lichtschein fiel, und ein
schlankes, dessen weißer Schurz zwischen den schwarzen
Schmiedegesellen hell vorleuchtete.

„Ha, da ischt ja d' Monika!“ entschlüpfte es
ihm ganz laut in der Ueberraschung. Es war aber
niemand da, ihn zu hören, die Wirthin stand schon
horchend auf dem Hof, Gäste gab es keine. Er faßte
nach der Klinke der Hinterthür, sie gab gleich nach,
und nun stand er neben der Wirthin und fragte im
Vorübergehen: „Ja, was gibt's denn do?“ Und
ohne ihre Antwort abzuwarten, trat er mit beklommenem Gefühl näher und stellte sich hinter der Gruppe
auf. 'S ist wegen der Rechnung, fällt ihm ein, ja,
ist denn die dumme Geschichte noch nicht erledigt,
wenn sie doch die Quittung in Händen hat? Sie
schreien so durcheinander, daß man kein Wort recht
hört, und was für bitterböse Gesichter die Kerle hinmachen! Ballt da nicht gar einer die Faust in die
Luft? Michel wird glühroth vor Zorn. Was haben
sie mit dem Mädchen zu schaffen, daß sie's so anstieren und gar bedrohen? Es ist ihm arg leid um
die Monika. Wenn er ihr doch nur helfen könnt!
Freilich steht sie so ruhig da, so fest und schön, —
sie müssen's ja sehen, daß nur das gute Gewissen
sie hält.

„Scht!“ schreit der Meister, ein kleiner, magerer
Mann mit nackten Armen und einem blassen, jähzornigen Gesicht, und als ein bißchen Ruhe ward:
„Also, i ben's emol net gewese, — Sie müsse doch
wisse, wer Ihne 's Geld abg'nomme hat?“

Monika hebt den Kopf. „Ich kenn' doch Ihnen
Ihre Leut nit bei Namen!“ sagt sie in gekränktem Ton.

„Aber vielleicht kenne Sie's G'sicht wieder?“
meint der Schmied.

Da schlägt sie lächelnd die Augen nieder. „Ich
schau doch die Mannsbilder nit so an!“

Die kann dir antworten! Michel hätte fast
Bravo! geschrieen.

Nun fängt wieder der Lärm an: „Ben i 's
gwe? Oder i? Oder i?“ schreien die Gesellen und
drängen sich heran, als wollten sie sich auf Monika
stürzen. Michel springt einen Schritt vor, aber es
ist unnöthig, sie hat keine Angst, ihr Gesicht ist so
rein, wie ihr weißer Schurz; ruhig schüttelt sie den
Kopf. „Nein, ich seh ihn hier nit, er ist gar nicht
hier, scheint's; ein junger Herr war's, — der hat
mir's Geld abgenommen und mir die Quittung gebracht.“

Der Meister guckt in das Papier, es zittert in
seinen Händen. „Aber, um Gotteswille, wer hat
denn das unterschriebe?“ ruft er, unschlüssig im
Kreise umblickend. Die Gesellen sehen über seine
Schultern weg mit in das Blatt.

„Descht e Mädeleshandschrift!“ ruft plötzlich einer.

Voller Verwunderung blickt ihn Monika an:
„'s ist aber doch a junger Mann gewesen!“

Die Köchin, die ihre großen Ohren horchend
offen hält und mit ängstlichen weitaufgerissenen Augen
von einem zum anderen blickt, will doch auch etwas
sagen.

„Vielleicht ischt einer weggange von Ihre Leut?“
meint sie.

„In de' letzte zwei Monet net.“

Die Gesellen stecken mit finstern Mienen die
Köpfe zusammen. Wenn die Monika nicht ein so
tapferes Geschöpf wär — —

„Vor kaum vierzehn Tagen hab' ich's da bezahlt,
da herein, in der Werkstatt,“ erzählt sie nun mit
ihrer tiefen, weichen Stimme; „daher,“ sie zeigt auf
eine Hinterthür, „ist er kommen, der junge Herr, hat
mich erst g'fragt, was ich krieg, hat mir die Rechnung aus der Hand genommen und ist damit dort
hinein; nachher hab' ich ihm 's Geld in seine Hand
bezahlt und die Quittung empfangen. So gewiß ich
hier steh.“

Der Meister schüttelt den Kopf; da geht die
Hinterthür auf, und zwei weitere Gesellen treten herein, eilig und verwundert, und schwarze Schweißtropfen von ihren Stirnen wischend. Der Schmied
kümmert sich nicht um ihre Verdutztheit, er schiebt sie
an der Schulter vor das Mädchen: „So, weiter hab'
i keine Leut! Sind's eppe die g'wese?“ Und dabei
wirft er einen furchtbaren Blick auf Monika, daß es
Michel kalt überläuft. Unter all' diesen zornigen
Männern ist sie die einzige, die ihre Ruhe bewahrt,
und gerade sie hätte doch am allermeisten Ursache,
zornig zu werden. Sie mustert langsam die vor ihr
Stehenden, Michel klopft das Herz, ach, wenn's doch
einer von denen wäre! Aber da schüttelt sie wieder
den Kopf: „Nein, die sind's auch nit gewesen, ich
kenn' mich schon aus; derjenige war größer.“

Der Meister grinst sie sonderbar an, Michel
kann's kaum mehr ertragen. Da steht nun das arme
Mädle in der größten Verlegenheit, wird bald roth,
bald blaß, und niemand kann ihm helfen. Es muß
da eine Verwechselung vorgekommen sein, anders
kann's ja nicht zugehen. Eben will der Meister etwas
Arges sagen, er fährt so zu, und die Zornader auf
seiner blassen, knochigen Stirn zittert förmlich, so geschwellt ist sie. Da vergißt Michel Scheitlin, daß er
gar kein Recht habe, hier mitzureden, hier zu sein,
er springt vor, indem er die anderen zurückschiebt und
schreit in angstvollem Tone: „Sag, Mädle, bischt net
eppe in e u'rechte Werkstatt komme? 's ischt no e
Schmied do in der Gaß', besser dronte!“

Das Mädchen war zusammengefahren, als sie
seine Stimme hörte, — ohne zu antworten, starrte
sie ihn an, als wär' er ein Gespenst und nicht der
Unteroffizier Michel Scheitlin, zukünftiger Schultheiß
in Metzingen und ihr Bräutigam.

Aber der plötzliche Schrecken war schnell überwunden, sie zuckte die Achseln und sagte gedehnt:

„Ich mein' doch, hier drin wär' ich gewesen, es
ist mir da alles so bekannt,“ — sie ließ ihre Augen
bescheiden herumgehen, „und wenn ich mich recht auf
sein G'sicht b'sinne thät“ — —

„Ho, ho! Mädle!“ schrieen die Gesellen und
rückten drohend auf sie zu.

Einen Augenblick noch herrschte das Schweigen
der Rathlosigkeit, dann sagte plötzlich der Meister mit
rauher, entschiedener Stimme:

„Jetzt, wisset Se was? Se send e Lügnerin!
Descht Ihre eigne Handschrift!“

„'s ischt wohr! 's ischt e Mädeleshandschrift!“
wiederholte der Chor der schwarzen Gesellen.

Ganz versteinert stand das Mädchen; große
Thränen quollen aus ihren dunkeln Augen und rollten,
ohne daß sich das Gesicht verzog, über die bräunlichen
Wangen. Ueber Michels Augen legte sich's wie ein
Schleier, er faßte nach seinem Seitengewehr.

„Das hat mir noch kein Mensch gesagt,“
schluchzte das Mädchen, ihr weißes Tüchlein an die
Augen drückend, „das kann ich mir nicht gefallen
lassen! Meine Ehr' angreifen? Was hab' ich denn
weiter als meine Ehr'?“ Und trostlos mit strömenden Augen blickte sie den Beschuldiger an.

„Aber 's ischt doch aso!“ schrie der Meister
mit einem Schlag in die Luft.

Im selben Augenblick aber schlug ihn einer über
die Schulter, daß er zusammenknickte, und ein zornglühendes Gesicht schnaubte ihn an:

„Wirscht Dei' Maul halte? So eppes sagt mer
net, wemmers net beweise ka'!“

Und während der Schmied sich, verdutzt über
den Angriff, besann, auf wen er zuerst losgehen solle,
richtete sich Monika auf und rief mit leidenschaftlicher
Betheuerung:

„Ich will hier nicht gesund vor Ihnen stehen,
der Blitz soll mich hier vor Ihren Augen erschlagen,
wenn das wahr ist! Ich will gleich todt hinfallen!
Gleich auf der Stelle!“ Sie faltete die Hände und
betete in sinnloser Aufregung mit zuckenden Lippen:
„Ach, daß doch der Blitz herunterkäm' und die Wahrheit an den Tag brächte! Ach, hilf mir doch, lieber
Gott!“

Die Köchin zupfte sie am Aermel: „Komm, mer
gehe heim, Monika, mer soge 's emol em gnädige
Herrn, 's ischt mer u'begreiflich.“

Sie endigte mit einem Schrei, denn der Meister
hatte, unbekümmert um die letzten Worte, den Unteroffizier angestarrt und versetzte ihm nun plötzlich einen
tückischen Faustschlag unter die Nase. Im Augenblick
hatte Michel ihn gepackt und bearbeitete ihn mit dem
Seitengewehr, die Gesellen suchten ihn von hinten zurückzuzerren, einer schrie ihm ins Ohr: „'s ischt e
Mädeleshandschrift!“ ein anderer höhnte: „Mein
Kompliment zu dem Schatz!“ Er rang wie ein Besessener, wie ein Rasender mit allen Angreifern zugleich, plötzlich fühlte er seine Arme schlaff werden,
er riß die Lider auf, aber er sah nichts mehr, in
seinen Ohren war ein dumpfes Brausen, er hörte noch
wie aus weiter Ferne die Worte. „Der hat g'nueg,“
dann nichts weiter. Eine schwere, leblose Masse sank
er zu Boden. —

Als er wieder zu sich kam, fand er sich mit Verwunderung auf einem Sopha liegen, in Hemdärmeln,
einen nassen Lappen auf der Stirn. Er blickte um
sich, da war es ein kleines halbdunkles Zimmer, in
dem er lag, und wie er sich aufrichtete, sagte jemand
in zufriedenem Ton: „No, jetzt, descht g'scheid, daß
Se wieder zu sich komme send!“ Und eine Frau in
mittleren Jahren erhob sich mit ihrer Näharbeit und
kam auf ihn zu: „'s ischt, scheint's, e bissele mild
drübe zugange, i ben nämlich d' Frau vom Herrn
Scheckg, — junge Leut send scho' e bissele hitzig, u
raufe thue se älle gern. No ischt Ihne schlecht worde,
u mei Mann, der Schmied u zwei G'selle hänt Se
bei Kopf u Füß do herei' g'schleift, jo, daß doch kei
Schutzma' dazwische' nei'kommt, jo, u e kloiner Riß
ischt in d' Uniform 'nei'komme, no näh i 's Ihne
g'schwind zu, jo!“

Michel setzte sich auf und hielt den Kopf mit
beiden Händen. Das Besinnen ward ihm noch schwer,
sonst fühlte er sich wohl genug, um heimzugehen.
Die Rücksicht, die seine Gegner auf ihn genommen,
war zwar nicht ganz uneigennützig, aber sie erfüllte
ihn dennoch mit Dankbarkeit. Er trat auf die langsam plaudernde Frau zu und sah sie langsam den
Faden durch den Stoff ziehen; der „kleine Riß“ war
leider sehr beträchtlich, und dumpfe Beschämung und
drückende Sorge überfielen ihn. Was hatte er im
Jähzorn alles aufs Spiel gesetzt! Er war ja schwerer Strafe verfallen, wenn es irgendwie bekannt
wurde, daß er von seiner Waffe Gebrauch gemacht.

Er fragte, was aus dem Mädchen und ihrer
Begleiterin geworden, aber die Frau wußte davon
nichts; als sie ihn herübertrugen, war jedenfalls kein
Mädchen mehr dagewesen. „’s ischt e kreuzbraves
Mädele,“ sagte er zutraulich zu der Frau, während
er, die Hände auf dem Rücken verschränkt, neben ihr
stand und Stich um Stich verfolgte, „und e arg netts
G’sicht, i ben miter b'kannt,“ er stockte und wurde
roth, „da muß ebe e Mißverständniß stecke?“

„'s wird Ihne Ihr Schätzle sei',“ sagte die Frau
und blinzelte ihm pfiffig zu, „aber mer lobt keine',
außer er brauch es, jo!“

Michel verzog zornig das Gesicht.

„D' Wahrheit wird scho a’ Tag komme,“
brummte er. „Wieviel Uhr ischt no?“ Und als er
hörte, daß es kaum halb neun geschlagen habe, hellte
sich seine Miene auf. So war noch nichts versäumt,
und er konnte Monika noch heute sprechen. Er besah
die nicht eben glänzend geheilte Wunde seines Uniformrockes, — zum Glück war da ein Soldat, ein gelernter Schneider, der die Sache säuberlich wieder auftrennen und ohne alles Aufsehen regelrecht flicken
würde.

Seine Waffe war unbeschädigt, er athmete erleichtert auf, als er sich davon überzeugte, und der
dumpfe Kopfschmerz, der ihm von der Ohnmacht zurückgeblieben, sollte wohl vergehen. Er dankte der
Frau, die einigermaßen bedauerte, daß ihr Mann,
„der Herr Scheckg,“ nicht von ihm Abschied nehmen
könne, da er „nämlich bereits in sei' Kneip' gange
sei, jo,“ und wanderte verstörten Gemüthes durch den
schwülen Abenddunst wieder nach der Villenstraße
hinauf. Die rothen und grünen Lichter der Bahnhöfe tanzten ihm vor den Augen, als er von oben
auf die Stadt hinabsah; er mußte sich die Stirn
wischen, und das Athmen ward ihm schwer. Was
mochte inzwischen mit Monika geschehen sein? Er
war entschlossen, heut' am Vorderthor zu klingeln,
wenn die Hinterpforte verschlossen war, — er mußte
sie noch sehen, sprechen, ihr vielleicht beistehen, wenn
etwa die Herrschaft sie auch beschuldigen sollte. Aber
noch ehe er das Gitterthor erreichte, hörte er ihre
Stimme im Garten, sie sprach mit der Köchin, so
schien es, und die Freude darüber, daß sie also frei
und unbehelligt hier umherging, ließ ihn doppeltlange
Schritte machen. Eine einzige Laterne, an dem
Bretterhäuschen der Arbeiter hängend, schimmerte inmitten der nun menschenleeren, unfertigen Straße;
es war schwer, in dem Zwielicht auf dem holprigen
Boden nicht fehl zu treten. Als er vor dem Gitter
stand, brauchte er nicht zu rufen, sie hatte ihn auch
kommen sehen und drängte ihre ganze kräftige Gestalt
gegen die Stäbe, so daß er ihren weißen Schurz hätte
erfassen können. „Michel, bist da? Bist gesund?“
rief sie hastig, „ach, hab' ich Angst ausg'standen!“
Und sie streckte die Hand durchs Gitter und drückte
seine freie Rechte, wie sie's nie gethan.

„Moni gelt. Du kommscht heraus, oder laßt mi
ei'?“ bat Michel.

Das Mädchen riß einen Schlüssel aus der Tasche
der Schürze und flüsterte zärtlich: „Jetzt, wo Du mir
so brav beig'standen bist, kann ich Dir nie nix mehr
abschlagen! Der gnä' Herr hat seine Hosen zum
Ausklopfen hergethan, da ist der Schlüssel herausg'fallen, g'rad' seh ich ihn liegen.“

Sie steckte ihn Michel durch die Stäbe zu:
„Schließ' auf und komm' herein, da ist jetzt noch
besserer Schatten als am Nachmittag, gelt?“

Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Er lehnte
seine Waffe an einen dicken Baumstamm, dann ließ
er sich von Monika an der Hand zu einer Bank
führen, die verborgen von den hängenden Aesten einer
Schierlingstanne im Gebüsch stand. Nur ein Mondstrahl fiel dazwischen und streifte Monikas schönes,
glühendes Gesicht, — sie hatte offenbar bitter geweint, aber nun lag alle Noth und Sorge hinter ihr.

„No, was ischt mit em Schmied?“ flüsterte
Michel voll Spannung, während er sie in seine
Arme zog.

Das Mädchen schmiegte sich an ihn, zog seinen
Kopf herunter und küßte ihn: „'s ist alles in Ordnung,“ sagte sie mit einem tiefen Athemzug, „weil
der gnä' Herr nichts auf mich kommen läßt!“ Sie
kicherte ein bißchen verschämt, dann hing sie sich
wieder an ihn und küßte ihn, daß er kaum athmen
konnte. So war sie noch nie gewesen.

Michel erwiderte ihre Liebkosung, aber dazwischen
fragte er doch, was der Herr General mit der Sache
zu schaffen habe.

„O,“ sagte Monika mit andächtig aufgeschlagenen
Augen, „der gnä' Herr ist so brav, es gibt nichts
Bräveres! Er hat g'sagt, so ein blitzsaubres Madel
könn' nit lügen, da thät er lieber das Geld noch einmal herlegen, als daß en armer Dienstbot' ins Unglück käm!“

Sie lachte in sich hinein und legte wieder die
Arme um seinen Hals.

„Descht arg christlich von em,“ sagte Michel voll
Freude.

Das Mädchen öffnete ihren Schurz, den sie mit
Nadeln oben am Gürtel festgesteckt hatte, daß er einen
Sack bildete. „Da schau her,“ lächelte sie, „grad'
war ich dabei, dem gnä' Herrn Rosen zu schneiden!
Die stell ich ihm heut Abend in sein Schlafzimmer,
daß er mein dankbares Herz sieht.“

Michel hob eine der Rosen auf und hielt sie an
die Nase: „Ja, die schmeckt fei', aber Moni, der
Schmied hat Dei' ehrliche' Nam' a'tastet, des därfscht
net uf Dir sitze lasse.“

Monika zog finster und nachdenklich die Stirn
zusammen. „Ich muß mal hinter den gnä' Herrn
gehen,“ sagte sie zuletzt. Dann aber legte sie den
Kopf an seine Schulter: „Jetzt weiß ich's, daß Du
mich gern hast, Michel, — und die Herrschaft ist zu
einer Visit' gangen, 's ist keiner z'Haus als die
Köchin.“ Aber sonderbar, Michel hatte gar keine
Ruhe heut'. Er preßte zwar die Moni an sich, aber
er mußte immer wieder an den Nachmittag denken,
und diese sang- und klanglose Rechtfertigung nach soviel öffentlicher Schande schien ihm gar nichts Rechtes.

„Jetzt, 's ischt doch merkwürdig, wo des Geld
bliebe ischt,“ sagte er vor sich hin.

Monika lachte auf, er wußte nicht warum.
„Moni, das Geld?“ stotterte er angstvoll, wie von
einem furchtbaren Gedanken durchzuckt, „warum
lachscht au, Moni?“

„Ho,“ kicherte sie, den Kopf von seiner Brust
hebend, „Dir kann ich's schon sagen, gelt? Du verrath'st mich nit?“

Und wie er athemlos sie anstarrte, flüsterte sie,
ihm mit der Hand übers Gesicht streichend: „Ja,
was kuckst mich denn an, wie verdonnert? Für sie
sind's nur en paar Markeln, en paar lumpige, für
mich ist's viel Geld! Und ich muß doch an meine
Zukunft denken! Und's is alles so theuer — und
sauber möcht' ich doch auch geh'n.“ Und wie er vor
Schrecken gar keine Antwort fand, fuhr sie in halb
ängstlichem Ton fort: „Schau, Du sprichst vom Heirathen, — thust, als ob Du mich gern hätt'st, aber nachher würd'st schauen, wenn ich nit emal etwas Weißzeug
mitbringen thät!“ Sie streckte schmeichelnd den Arm
aus; als sie aber sah, daß er zurückschrak, wurde ihre
Stimme hart und kalt.

„Oder vielleicht hast nur so geschwätzt vom Gernhaben, weil Du was von mir möcht'st?“ fragte sie
spöttisch. „O, Ihr Mannsbilder seid überein, alle
miteinander! Meinst, ich kennt' Euch nit? Wie ich
sieben Jahr g'wesen bin, hab' ich schon alles g'wißt,
— nichts sucht Ihr bei uns, als Euer Vergnügen;
Ihr geht davon, wie die Katz' vom Taubenschlag, und
für uns bleiben die Schmerzen und die Schande.“

„Du hascht Urkundefälschung b'gange, weißt,
was des heißt? des heißt“ — Michel brach ab und
schluchzte.

Nun fing auch das Mädchen herzbrechend zu
schluchzen an: „O, ich bin ja die allerärmste Kreatur
auf der Welt!“ jammerte sie, „wen hab' ich denn,
wenn i mich nit selbst e bisserl um mich annehm? I
wär' ja schon als Kind verhungert, bei den Zieheltern,
die mich um Gottes Barmherzigkeit willen behalten
haben. I weiß nit, wer mein Vater ist, die Ziehmutter sagt, en Fremder sei's g'wesen, en italienischer
Arbeiter, der hab' meine Mutter aufm Feld überfallen,
wie sie ein Madel mit sechzehn Jahr ist gewesen.
Sie mag mich nit, sie hat mich nie a'g'schaut; bei
der Ziehmutter ist sie niederkommen, dann ist sie weg
und hat mich dort vergessen, hat mich liegen lassen,
wie en zerrissenen Schuh. Die Ziehmutter hat selbst
nix g'habt, um jeden Bissen hab ich raufen müssen,
weil ich denken kann. Sie hat 'en Buben g'habt,
— nicht das Kleinste hat er mir gönnt! Er ist mit
zehn Jahr g'storben, wie hab' ich mich da gefreut!
Er ist drei Jahr älter als ich g'wesen, hat mich
g'schlagen und malträtirt den ganzen Tag! Aber wie
er todt dag'legen ist, da hab' ich ihn g'hauen, noch
im Sarg drin! und er hat sich nit wehren können!“
Die Leidenschaft blitzte ihr aus den Augen, Michel
überlief ein Grauen.

„Du bischt bös',“ stieß er halblaut hervor und
sah sie scheu an.

Da ließ sie den Kopf sinken und sagte in dem
früheren Klageton: „Nachher ist meine Mutter wieder
ins gleiche Dorf kommen, hat geheirath, jetzt hat sie
vier Kinder, aber i g'hör nit dazu! Und ein Leben
hat sie! Der Mann wirft's ihr den ganzen Tag vor,
daß er sie ohn' Vermögen g'nommen hab; er hat
auch noch so zwei Bub'n zu versorgen, die ihn angehen, von früher her. Sie hat oft kein Brot im
Haus! Könnt sie mich nit emal anschauen? Ich hab'
auch nix!“ Ihre Schultern zitterten vom Weinen,
Michel seufzte schwer.

„Und so arg ka'scht lüge,“ sagte er trostlos.

Da fuhr sie wieder auf mit ausgestrecktem Zeigefinger, „Sie lügen alle! Der gnä' Herr, der mir
schön thut, wenn ich allein bin und mich anfährt,
wenn die gnä' Frau dabei ist, — die gnä' Frau,
wenn sie den Preis vom neuen Hut sagen soll, und
auf der Rechnung, die ich gesehen hab', zufällig, steht
zweimal soviel, — unser gnä' Fräulein, für die ich
alle Tag Brief wegtragen muß, postlagernd,“ sie
lachte bedeutsam, „und wie meinst, daß mir's gangen
wär in dem Fürstenschloß, wo sie mich mit acht Jahr
zur Hilf aufg'nommen haben? Es war e große
Wohlthat! Wenn's schaffen angangen ist, da heißt's:
„sie hat Kräfte, wie ein Erwachsenes.“ Sagt die
Köchin: „Mir mußt helfen, das G'schirrputzen versteh'st besser als en Altes,“ das Zimmermädel schreit:
„Zu mir daher, Du hast en jungen Rücken, Dir
macht's Bücken nichts, aber ich hab' derweil mit'm
Johann zu reden.“ Das Reden ist stundenlang fortgangen, sie haben scharmirt, ordentlich g'schmatzt
haben's, und ich hab' für sie g'schafft. Wenn's aber
zu Tisch gangen ist, da bin ich wieder „a kloans
Madel“ g'wesen, das essen kann, was die Hund'
übrig lassen! Meinst, daß die Dienstleut' einander
was gunnen? Glaubst, ich wär' stark und groß worden, wenn ich mir nit g'nommen hätt', was ich
braucht hab'? O, Du bist leicht durch d' Welt kommen, Michel, aber ich! Nur kein uneh'lich's Kind
sein! En herrenloses Katzerl hat's besser! Da lernt
man's erkennen, wie schlecht die Menschen sind, und
's wird einem alles gleichgültig!“ Sie sah ihn
furchtlos an. „Sogar unterrichten hat sie mich lassen,
die gnä' Frau Fürstin, zwei ganze Jahr, weil nämlich die gnä' Prinzeß nit hat lernen wollen! O, sie
hat können recht lieb sein, hat mir auch manches
herg'schenkt von abg'legten Kleidern. Da ist aber
emal einer kommen, ein Verwandter, auch so e nobliger Herr, der hat g'meint, die gnä' Prinzeß wär'
ich, weil ich bin sauber und groß g'wesen und sie nur
en elendes, schieches Ding! Das hat emal en Bumper geben. Da ist sie nimmer lieb g'wesen! Gleich
hab' ich die Kleider herunterthun müssen, und mit
den Lehrstunden bei der Fräulein Erzieherin ist's aus
g'wesen. Ja, wo der Steg niedrig ist, darüber steigt
man gern! Die Prinzeß ist aber drum nit schöner
worden!“ Sie lachte höhnisch. „Warum sollt' ich
nicht lügen? Ich glaub' ja auch keinem was!
Meinst, ich thät' Dir glauben, daß D' mich heirathen
willst? Wenn du mich kriegen könnt'st, ohne das,
gelt, Dir wär's noch lieber?“

Sie bückte sich, um in seine Augen zu sehen.

„O, Moni, Du weißt net, was gut und bös'
ischt!“ rief Michel.

Sie lachte leichtfertig.

„Bös' ist, wenn man nichts zu essen hat, und
gut ist, wenn man sich lieben thut,“ scherzte sie und
wollte ihn umarmen.

Aber er schob sie weg.

„'s gaht nemme! 's gaht nemme!“ murmelte
er und griff sich an die Stirn.

Da warf sie schmollend die Lippe auf: „Hab'
ich Dir's nicht g'sagt? Weil ich en arm's Madel bin
— o, so eins hat kein Glück! Jetzt hab' ich denkt',
der ist treu, dem kannst emal Dein Herz ausschütten —“ und wieder begann sie qualvoll zu
weinen.

„Wenn i net mei' Ehr ei'g'setzt hätt',“ sagte
Michel zu sich selbst; „wenn i net meines Königs
Rock b'schmutzt und zerrisse hätt', wenn i net — —“

Das Mädchen unterbrach die jammervolle Klage:
„Jetzt, Michel, gib Ruh; ich hab' Dich tausendmal
lieber, als vorher, das sag' ich Dir gleich, und wenn's
keiner weiß — —“

„Einer weiß scho,“ sagte Michel dumpf.

„Ha, Du verrathst mich nit, und der droben,
wenn Du den meinst, den gibt's nicht,“ rief das
Mädchen zuversichtlich. „Schau, wenn er da wär',
hätt' er mir wohl helfen können manch liebes Mal;
wann er aber nicht helfen will, soll er auch nicht
strafen! 's ist kein Blitz kommen heut Nachmittag!“
fuhr sie fort und warf einen erwartungsvollen Blick
nach dem Himmel.

Da schlug plötzlich die Kirchenuhr, klar und nah,
Michel horchte auf, zählte laut. Er war aufgesprungen. Als aber das Schlagen gar kein Ende nahm
und er nun „elf“ zählte, schrie er Monika an: „Mädele, ischt des wahr? No ischt jo o' Zeit verpaßt,
no komm' i net mehr in d' Kasern!“

Das Mädchen drängte ihn zurück auf die Bank.
„So bleibst hier,“ flüsterte sie, „die Herrschaft kommt
erst gegen Morgen nach Haus.“

Michel schüttelte sie ab: „No krieg i de erschte
Arrest in meiner ganze Dienschtzeit, — und mit em
Schultheiß isch erst nex, — i ka' ja tei Schultheiß
mehr sei, — i halt's ja mit'er Diebin!“ Er stützte
den Kopf in die Hände und weinte bitterlich.

Eine Weile hörte das Mädchen ihm zu, mit
verwundertem Warten, wann er sich wohl beruhigen
werde. Dann begann sie zu schelten:

„Du bist e Lapp! Mit Dir muß man anfangen! Ach, Du mein Heiland, hätt' ich nur nichts
g'sagt! Gelt, wirst mich noch verrathen gar?“ Und
sie versuchte, ihm die Hände vom Gesicht zu nehmen.

Als er aber nicht nachgab, nur vor sich hin
stöhnte und ächzte, wurde sie kleinlaut. „Michel,
schlecht bin i net, g'wiß nit schlecht,“ betheuerte sie,
„lieber Michel, gelt, nimmst mich doch? Schau, wen
ich einmal mag, der hat's gut bei mir, und Dich mag
ich einmal, weiß selbst nit, warum!“

Aber er schüttelte ihre schmeichelnde Hand ab
und blickte nicht auf. Da stand sie zögernd noch eine
Weile und machte sich mit den Rosen zu schaffen.
„Da Michel, schau her, sie sind alle verwelkt, hast
mich so an Dich 'drückt, jetzt muß ich neue schneiden.“
Und sie fing auch an, um die Büsche herumzugehen;
aber die Schere lag auf dem marmornen Gartentischchen, etwas weiter im Gebüsch, die mußte sie
holen. Nein, dort auf dem Tischchen war sie nicht
mehr, richtig, die Köchin hatte sie mit ins Haus getragen. Monika warf noch einen Blick rückwärts auf
den versunken Dasitzenden, dann eilte sie dem Hause
zu, — „wenn ich zurückkomme, wird er sich schon
beruhigt haben,“ dachte sie und hielt sich absichtlich
etwas länger auf mit der Köchin, die schlaftrunken
neben einem Glase Most ihren dicken Kopf auf den
Küchentisch gelegt hatte.

Als sie dann wieder in den ganz in Mondschein
getauchten Garten hinaustrat, schlugen vorn die
Hunde an, aber mit dem eigenthümlich jauchzenden
Laut, daß sie erkannte: die Familie kommt schon nach
Haus. Mit leisen, schnellen Schritten durchmaß sie
nun den Hintergarten, um Michel zu sagen, daß er
gehen müsse. Aber sie fand ihn nicht mehr. Die
Thür war verschlossen und der Schlüssel an der Innenseite ins Schloß gesteckt, daran hatt' er also gedacht, ans Abschiednehmen nicht. „Der wartet mir
wohl, wenn er's nächste Mal daherkommt,“ brummte
sie ärgerlich, aber es war ihr dennoch beklommen zu
Muth, und die Köchin, die mit ihr das Zimmer
theilte, hörte, wie sie sich im Schlaf stöhnend herumwarf.

Als Monika früh um sechs Uhr andern Morgens an die Hinterpforte ging, um die Milch hereinzuholen, die dort abgeliefert wurde, sah sie von weitem schon, daß die Straßenarbeiter in einem dichten
Haufen beisammen und um die kleine Bretterhütte
her standen. Sie stieg auf einen der Quadersteine,
hielt sich am Gitter fest und schaute neugierig hinab.
Da starrte sie von der Hüttenwand ein todtenblasses
Antlitz an; dort angelehnt stand ein Todter, die gebrochenen Augen gerade auf sie gerichtet. Er hatte
sich ins Herz geschossen. An die sonnenbeschienene
braune Wand neben seinem Kopf war mit Kreide
geschrieben:

Lebwohl mein Schatz, du Teufelskind,
Bereue Deine Sünden,
Ich geh' und klopf' an d' Himmelsthür
Und will den Heiland bitten.

Mit einem gräßlichen Schrei brach das Mädchen
am Gitter zusammen.

Klärchen's Frühlingsfahrt.

Klärchen Esmarch an die Geschwister in
München.

Kufstein, 25. März 89.
2 Uhr Mittags.

Liebe Große! O wie gut, daß Du mir noch
die Correspondenzkarten in mein Umhängtäschchen gesteckt hast, liebe Irene, jetzt kann ich Euch gleich eine
schreiben. Ich habe schon so viel gesehen, obgleich
wir erst 2½ Stunden von München fort sind, daß
mein Kopf ganz wirbelt vor Freude. Gleich, als
wir in die Nähe von Rosenheim kamen, merkte ich,
daß hier eine andere Welt anfing, nämlich die Berge.
O wie weiß sie alle noch sind, man kann nicht darauf hinsehen, weil es blendet, und der Himmel ganz
dunkelblau — ich bin nur so furchtbar traurig, daß
Ihr nicht mit seid. Mama auch. Wenn wir nicht
den Trost hätten mit der Hochzeitsreise, könnt' ich es
gar nicht ertragen.

Dieselbe an Dieselben.

Ich schreibe gleich noch eine. Aber Rudi, mein
armer, süßer Bruder, Du bist ja noch nicht verlobt,
wie sollst Du es denn machen? Ach richtig, ich vergesse schon wieder die Hauptsache: Kinder, Putzi ist
über alle Beschreibung! Im Wartesaal war er ja
noch ein bischen zu gesprächig, wißt Ihr, so daß ich
doch heimlich Angst hatte, aber jetzt, im Wagen, das
süßeste stillste Zuckerthier. Wie er in seinem Körbchen sitzt und durch die Löcher guckt mit seinen großen
treuen Augen und keinen Laut von sich gibt, so lange
ich die Hand auf dem Korbdeckel halte und ihn ansehe! Er läßt sich auch durch den Gitterdeckel füttern wie ein Tiger! Sein kleines schwarzes Schnäuzchen reckt er immer so hoch wie möglich, das arme
Würmchen. Papa fängt schon an, sich damit auszusöhnen, daß er mit ist. Aber er hat so wenig davon. Wie gern hätt' ich ihm das Kaisergebirge gezeigt, das wir eben gesehen haben, ganz violett, grau
und weiß, gewiß muß es das schönste von allen Gebirgen sein. Nun geht es weiter, Papa hat seinen
Braten auf, und jetzt kommt die Gepäckrevision. Ich
muß Putzi auf den Arm nehmen — unterm Reisemantel ist es ja leicht — damit sein Körbchen die
Marke: „Zollfrei“ kriegt. Ich zittere, bis wir glücklich damit durch sind. Verzeiht das Geschmiere.

Eure Kläre.

Dieselbe an Dieselben.

Bozen, 26. März 89.
Hôtel Greif, 7 Uhr Morgens.

Liebe Evy, liebe Irene und mein armer,
süßer Rudi!

Papa und Mama schlafen noch, aber ich habe
die ganze Nacht gewacht, glaub' ich — ich bin zu
glücklich, daß ich mitgekommen bin. Denkt Euch,
hier ist schon ganz Frühling! Alle Obstbäume blühen, rosenroth und weiß und grün ist Alles. O, und
was hab' ich unterwegs Alles gesehen. Zuerst 'mal
Innsbruck. Aber Ihr könnt es Euch nicht denken,
weil Ihr es nicht gesehen habt, und beschreiben kann
ich es Euch nicht, aber es ist großartig und liegt umgeben von einem Kranz der wundervollsten Berge.
Wir stiegen dort aus und aßen zu Mittag. Ich aß
in Gedanken drei Brötchen zur Suppe, so daß Mama
über mich lachte, aber Papa sagte, das sei immer so,
Freude mache Appetit. Es war mir aber doch zu
schade um die Zeit, die man da in dem Bahnhofsrestaurant versitzt — ich nahm den armen Putzi, der
schon ganz steif und wirr sein mußte vom langen
Sitzen und Schütteln, aus dem Körbchen und ließ
ihn ein bißchen auf dem Perron laufen. Wie dankbar er mich ansah, wie er seinen kleinen schwarzen
Zottelpelz schüttelte, es war rührend! Ich glaube,
er hat unterwegs viel Kopfweh gehabt, sein Köpfchen
war immer heiß, wenn ich es anfühlte — ein paar
Mal, wenn ich die Hand vom Korb nahm, hat er
heftig geniest, um mich an meine Pflicht zu erinnern,
sonst war er musterhaft. Und doch haben mir seinetwegen ein schreckliches Abenteuer ausgestanden, es war
zwischen Innsbruck und Matrei, ich werde es nie vergessen. Als wir nämlich in Innsbruck wieder einstiegen, guckte ich noch einen Augenblick aus dem
Fenster, denn Papa hatte mir die Martinswand gezeigt. Ihr wißt ja: „Willkommen Tirolerherzen, die
Ihr so bieder schlagt!“ und mein Auge hing ganz
verzaubert an dem hochgethürmten sagenhaften Felsen
— es war mir, als müsse ich die Gestalt des kühnen
Kaisersohnes in Alpenjägertracht dort oben zu entdecken suchen! Da wir ganz allein im Coupé waren,
hatte ich mich Putzi's wegen in Sorglosigkeit gewiegt.
Plötzlich aber höre ich ihn winseln, scharf und langgezogen, durch die Nase, wie er immer thut, wenn
er einen großen Kummer hat. Entsetzt sehe ich mich
nach ihm um, da hebt sich der Korbdeckel, und das
runde, schwarze Lockenköpfchen kommt zum Vorschein;
im selben Augenblick aber, o Schrecken! öffnet sich die
Coupéthür, und der Schaffner blickt herein und schreit:
„Jemand eingestiegen?“ Ich warf mich über das
Körbchen, um Putzi mit meinem Leibe zu decken, aber
der Schaffner hatte ihn doch schon gesehen. Und nun
denkt Euch diese freundlichen Oesterreicher! Er lachte
und fragte mich: „Ist das Ihr Hunderl, gnä Fräulein?“ Und als ich schuldbewußt nickte: „O, 's
macht nix, der darf schon heraußen bleiben aus sei'm
Gefängniß, der darf mitfahren, weil er so schön ist!“
Ich hätte ihn umarmen mögen, Papa gab ihm auch
gleich ein paar Cigarren, und Mama athmete erleichtert auf und drückte mir die Hand. O, wie schön
hätte es nun werden können! Putzi auf meinem
Schoß, zwei Pfötchen auf das Fensterrähmchen gestützt, sah mit seligen Blicken auf die wundervolle
Natur hier, die ihm ja auch ganz fremd war; da —
es hatte schon zum zweiten Mal geläutet, rasen zwei
Herren daher, daß die Rockschöße fliegen, reißen unsere Wagenthür auf, und der Eine plumpst über
Papa's Beine mitten in den Wagen hinein — Putzi
erschreckt sich furchtbar und springt bellend von meinem Schoß herunter! Hätte ich ihn nicht noch gepackt,
er wäre dem alten Herrn, dem Papa und Mama aufhalfen, ins Gesicht geschnellt. Der Herr bedankte sich
mit einem Knurren und setzte sich dann mir schräg
gegenüber, sein rothes Gesicht sah mich zornig an.
Der zweite Reisende, ein junger Mann, so groß wie
Papa und sehr ernsthaft, nahm den vierten Fensterplatz auf derselben Seite mit mir ein, ihm gegenüber
saß Papa, Mama mir gegenüber. Der Zug setzte
sich in Bewegung, die Lampe war angezündet worden,
und mir kamen sogleich in einen entsetzlich langen
Tunnel. Ich redete Putzi zu, sich nicht zu fürchten,
denn er hatte solch' Herzklopfen, daß sein ganzer
Körper zitterte. Der alte Herr schien immer böser
zu werden, er schoß mir einen zornigen Blick zu und
sagte auf einmal: „Thiere gehören übrigens in 'n
Viehwagen, wissen Sie das, mein Fräulein?“ Denkt
Euch! Gewiß hatte das Hinfallen ihn so geärgert,
und nun mußte er an dem unschuldigen Putzelchen
seinen Zorn auslassen. „Setz ihn in den Korb, mein
Kind,“ flüsterte Mama ängstlich, und ich selbst hatte
auch schon die Absicht gehabt. Aber nun nahm der
geliebte Papa ganz meine Partei. „Es ist meiner
Tochter extra erlaubt worden, dies Schoßhündchen,
das Niemanden belästigt, offen mitzunehmen,“ sagte
er. „Niemanden belästigt?“ sagte der alte böse
Mann, „hätt' mich wohl gern gebissen, wenn das
Fräulein ihn nicht festgekriegt hätte.“ — „Er beißt
wirklich nie,“ sagte ich zitternd; „aber wenn er Sie
genirt, will ich ihn wieder einsperren.“ Und ich that
es. Aber er war noch nicht zufrieden. „So Viehzeug hat immer Mitbewohner,“ rief er, „und ich krieg
da immer gleich was ab. Auf der nächsten Station
muß ich mich umziehen, es juckt mich schon überall.“
Diese Böswilligkeit brachte mir fast Thränen in die
Augen. „Putzi ist wirtlich so sauber“ — sagte ich
— da konnte ich nicht mehr! Ein kurzes helles
Lachen kam aus der Ecke, wo der junge Mann saß,
der dieses unschickliche Gespräch mit angehört hatte.
Was mußte er von mir denken! Ich verstummte
ganz, wendete kaum die Augen vom Korbe und steckte,
als wir aus dem schrecklichen Tunnel heraus waren,
zwei Finger durch das Flechtwerk in Putzi's Mund,
damit er daran knabbere. Der Alte aber murrte in
einem fort: „Wenn ich das bei uns in Neustadt-Eberswalde erzähle, daß ich mit einem Hundeköter
in einem Wagen habe fahren müssen — es glaubt
mir kein Mensch! Man reist krankheitshalber in dies
gräßliche Land, wo es aussieht, als wollten Einem
die alten Berge übern Kopf fallen, und denn noch so
was! Aber ich will mich doch 'mal beim Stationschef erkundigen, ob sich ein preußischer Landrath hier
im Kreuzerlande so was gefallen zu lassen braucht!“
Ich sah immer von Mama auf Papa, aber denkt
Euch, der geliebte Papa nickte mir freundlich zu, und
kein Vorwurf kam über seine Lippen! Nur, als wir
in die Nähe von Matrei kamen, fing er an, unsere
Handkoffer und Plaidriemen herunterzunehmen; „wir
müssen ein anderes Coupé suchen,“ sagte er halblaut
zu uns. „Schade, es war so bequem hier,“ erwiderte Mama, und ich warf einen betrübten Blick in
den kleinen engen Raum, wo ich so wunderschöne
Stunden verlebt hatte. Der Zug hielt, und der
junge Herr sprang zuerst hinaus, Papa folgte, auch
der böse Landrath krabbelte, auf Papa gestützt, die
steilen Stufen hinab, sein ganzes Gepäck, eine Ledertasche, in der Hand. Wir sahen, wie der junge
Mann auf ihn zutrat, lebhaft mit ihm redete und
dann mit ihm ein anderes Coupé bestieg. „Kinder,
wir sind sie beide los, bleibt nur drinnen!“ rief
Papa seelenvergnügt und reichte all' unsere Sachen
wieder herein. „Sonderbar, daß der junge Mensch
mit dem unangenehmen Alten zusammen geblieben
ist!“ meinte Mama. Ich sagte nichts, aber ich glaube
fest, er hat sich für uns geopfert — er sah gar nicht
danach aus! — Von nun an blieben wir allein bis
zum Brenner! O, meine Geliebten, wie soll ich Euch
mein Entzücken über all' das Schöne schildern. Irene
sagt gewiß wieder: „Na, da haben wir die Confusionsräthin,“ aber es ist kein Wunder, es ist auch
zu viel auf mich eingestürmt in diesen letzten Tagen!
Mama sagt auch, wenn auf sie so viel eingestürmt
wäre, als sie sechzehn Jahre war, solch' eine Reise
nach Italien im Frühling, sie wäre ebenso confus
gewesen. O die Berge, die weißen Kuppen, die
fürchterlichen Schlünde und Abgründe, und an den
Felsen herunter ziehen sich in schimmernden Streifen
die Gießbäche und kleinen Wasserfälle, und unten,
denkt Euch, ganz dicht neben den Schienen, im hellgrünen Moos und Gras, unter den sprossenden Zweigen der Birken und Buchen steht es blau, so dunkelblau wie der Gebirgshimmel über mir! Wißt Ihr,
was das ist? Ich wußt' es erst auch nicht, aber
Papa hat es mir gesagt: Enzian! Frühlingsenzian,
und dann der große, stengellose, der die Lieblingsblume des unglücklichen Königs Ludwig gewesen ist.
Hier habt Ihr sie alle beide im Brief, und dazu noch
das Rosenrothe, das ist die Steinnelke, die ähnlich
wie Syringen aussieht und duftet, nur viel stärker.
Und das bläulich Rosa ist die Mehlprimel, Primula
farinosa; es ist merkwürdig, daß Papa Alles kennt.
Ich meinte immer, außer den Kelten und ihren
Gräberfunden und den Pfahlbauten interessirte ihn
nichts; und nun hat er alle Bergblumen bei Namen
gewußt und sagt, die meisten hab' er schon als Student gesammelt. — Auf dem Brenner, auf den ich
mich ganz besonders gefreut hatte, sieht man aber
nichts, weil man nämlich über ihn wegfährt, wißt
Ihr; während sonst die Berge immer höher sind
rundum, ist es hier im Gegentheil flach, wie bei uns
in München, aber prachtvoller Schnee lag überall,
ganz bis an die Bahnlinie, und als ich ausstieg, um
mich umzusehen, war es so kalt, daß ich einen gräßlichen Katarrh bekam, der aber nur bis Brixen
dauerte.

Der Weg herunter war so entzückend — die
ganze Nacht hat mir von den Felsen, den Gletschern
und grünen Thälern, den Zacken und brausenden
Bächen geträumt. Um Brixen sahen wir schon blühende Kirschbäume und hellgrüne Buchen, und als
wir hierher kamen und die Sonne gerade im Untergehen auf den Rosengarten schien und die ganze laue
Luft von Düften und Vogelgesang voll war, haben
Papa und Mama und ich uns im Coupé alle drei
umarmt und abgeküßt und immer geschrieen: „Ach,
wenn doch die Kinder hier wären.“ Heut' Abend
mehr! Mama ruft mich zum Kaffee auf den Balkon! Putzi springt an mir in die Höhe und sagt,
daß ich Euch Allen von ihm drei Küsse schicken soll,
den dicksten dem armen Rudi, weil der noch keine
Hochzeitsreise in Aussicht hat!

Eure glückliche Kläre.

Bozen. Hôtel Greif.
26. März, Abends 9 Uhr.

Meine Geliebten! Nur noch ein Doppelkärtchen,
ehe wir zu Bett gehen. Wir sind heut' den ganzen
Tag herumgestreift und haben wieder so viele Abenteuer gehabt! Es ist wirklich, wie ich vermuthete,
er hat sich für uns geopfert! Wir sind ihm nämlich
wieder begegnet, an der Talferbrücke! Putzi wollte
trinken, obgleich das Wasser so merkwürdig roth aussah, gar nicht appetitlich; aber gerade an der steilsten
Stelle guckte er sehnsüchtig hinunter und schwänzelte.
Was sollte ich machen? Papa erklärte Mama eben
die Gebirge, er war ganz bei den Formationen, und
ich mochte ihn nicht stören. Also nehm' ich den
Putzi auf und will mit ihm den Abhang hinabklettern. Plötzlich sagt eine Stimme neben mir: „Ihr
Hunderl hat Durst, gelt, gnädiges Fräulein? Bleiben Sie nur, ich hab' meinen Trinkbecher da.“ Und
denkt Euch, er klettert hinunter und schöpft Wasser
— es sah so gefährlich aus, fast hätt' ich geschrieen.
Putzi war ganz verdurstet, der Herr hielt ihm den
Becher hin, strich ihm übern Kopf und sagte zweimal: „Ein netter Kerl!“ Ich bedankte mich, aber
weil ich an die „Mitbewohner“ denken mußte, wurde
ich sehr verlegen und ging schnell den Eltern nach.
Und in Gries war es wundervoll, lauter schmale
Wege zwischen hohen Mauern! Wie warm es da
war, und wie die Aprikosenbäume darüber guckten
mit ihren röthlichen Blüthen! Wir sahen auch noch
einige Mandelbäume in Blüthe, und hie und da singen schon die Glycinen an, ihre reizenden helllila
Trauben zu entfalten. In Gries ließen wir uns
einen Tisch mit einer roth und blau gewürfelten
Decke vor die Thür des Wirthshauses tragen und
tranken Kaffee im warmen Sonnenschein. Die Kellner
im „Café Vogelweide“ sind sehr freundlich gegen
Putzi; einer, ein Italiener, bringt ihm immer ein
Stückchen Zucker und trägt ihm seine Tasse Milch
überall hin nach. Ich bedanke mich auch immer herzlich dafür, da ja Putzi doch nicht sprechen kann.
Papa sagt, im Sommer, wenn viele Reisende kommen, sind die Kellner nicht mehr so nett, sie sind
dann zu abgehetzt. Unsere Wirthin hat mir heut'
Morgen zum Kaffee ein Sträußchen Bergblumen gebracht; es sind Orchideen dabei, ich lege Euch ein
paar davon ein. Ist es nicht reizend? Wie merkwürdig, daß alle Menschen so gut sind gegen Eure,
Euch innig liebende Kläre.

P. S. Der greuliche Landrath ist in Gries an
uns vorübergegangen und hat Putzi durchbohrend
angeguckt!

Klärchen an Eveline.

Bozen, 27. März.
1 Uhr Mittags. Hôtel Greif.

O, meine geliebte Evy! tausend, tausend Glückwünsche und Küsse! So ist nun also Dein Edmund
ordentlicher Professor! Wie glücklich wir sind über
die Nachricht, das sagen keine Worte! Papa und
Mama sitzen auch und schreiben Dir, um halb zwei
wird gespeist. Schreib Edmund, daß ich schrecklich
stolz auf meinen Schwager sei, und besuchen darf ich
Euch doch oft, nicht? Würzburg! Wie himmlisch!
Mama fürchtete immer, es würde Berlin werden oder
gar Königsberg. Nach dem Essen wollen wir auf
den Runkelstein, die Freudenbotschaft von Dir hat
gleich Mamas Kopfweh vertrieben, das sich heute
Morgen beim Spazierengehen in der Sonne eingestellt
hatte. Mir thut die Sonne nichts. Ich werde so
frisch davon wie eine Eidechse! Die Menschen hier
sind reizend! Als ich eben nach Hause kam, ein bischen hinter den Eltern wie gewöhnlich, sah ich in
einem verwahrlosten Garten, in dem ein Haus gebaut wird, einen blühenden Pfirsichbaum stehen. Der
arme Baum war ganz kalkbespritzt und verstaubt und
blühte doch wie ein schönes Wunder. Ich weiß nicht,
ob ich ihn begehrlich angeguckt habe, — genug, auf
einmal trat ein kleiner Arbeiter von der Kalkgrube
weg auf den Baum zu, brach einen blüthenvollen
Zweig ab und reichte ihn mir freundlich lächelnd
über den zerbrochenen Zaun. Ich gab ihm die Hand,
um mich zu bedanken, und er schüttelte sie ganz vergnügt und griff noch an die Mütze. Mama war
auch nicht wenig erstaunt, als ich mit dem Zweige
ankam! Meine Evy, wenn Ihr Eure Hochzeitsreise
nicht hierher macht, bin ich Euch ewig böse.

Tausend Küsse!
Eure Kläre.

Klärchen an die Geschwister.

Bozen, 28. März.
7 Uhr Morgens.

Kinder, ich bin schon wieder bei Euch in Gedanken, weil ich all' dies Schöne allein nicht ertragen
kann. Papa und Mama halten sehr zusammen, und
wenn Papa seine prachtvollen Erklärungen gibt, und
Mama Alles so genau und schnell begreift, stehe ich
immer ganz verdutzt daneben und merke nun erst
recht, wie dumm ich bin. Ihr drei Aelteren seid
sonst so die Mittelglieder zwischen den Eltern und
mir, und nun fehlt Ihr mir sehr! Ich tröste mich
dann mit Putzi, der auch so wenig weiß, ja fast noch
weniger als ich, und dem man es doch nicht übel
nehmen kann. Gestern waren wir also auf dem herrlichen Schloß Runkelstein, wo die Geschichte von
Tristan und Isolde auf die Wände gemalt ist. Und
seht 'mal, das Alles mit der Restaurirung wußte
Papa ganz genau, ich aber bin gar nicht recht klug
daraus geworden! Isolde erinnerte mich ganz an
Dich, meine süße Irene, eben so schlank und dünn
war sie wie Du und trug auch solchen großen Hut,
wie wir alle drei gern tragen. Aber die Jagd konnte
ich gar nicht verstehen, und die Hunde hatten mit
Putzi nicht die geringste Aehnlichkeit! Aber man
konnte sich doch ganz in die alte Zeit versetzen, wo
sich Tristan und Isolde liebten! Es muß sehr schön
gewesen sein, nur das mag ich nicht, daß sie den
alten König Marke betrogen! Warum hätten sie ihm
nicht offen die Wahrheit sagen können? er hätte
ihnen gewiß verziehen, denn es war ja ein Liebestrank, und sie konnten nichts dafür. Denke Dir,
Irene, wenn Du nun in solch eine schreckliche Lage
kämest, würdest Du nicht sofort Deinem Albert Alles
erzählen? Wenn ich einmal mit solch einem bösen
Gewissen herumlaufen müßte, wie die Isolde, ich hätte
an nichts mehr Freude. Aber das wird wohl auch
nur im Alterthum und allenfalls noch im Mittelalter
vorgekommen sein. Und denkt Euch, als wir nachher um das Schloß herumgingen, wer da unten saß
an einem sehr malerischen Thorbogen, überhangen
von einem blühenden Apfelbaum? Der junge Herr,
unser Retter, und er hatte ein Skizzenbuch auf den
Knieen und zeichnete so eifrig, daß er gar nicht aufblickte. Sein Gesicht ist sehr hübsch, braun und etwas mager, mit einem lockigen Vollbart, und neulich
habe ich auch schon bemerkt, daß er reizende Augen
hat, ähnlich wie Putzi's, groß und dunkelbraun.
Aber sehr ernsthaft sieht er aus, ja traurig, mit einer
tiefen Falte zwischen den Augenbrauen. Ob der
greuliche Landrath mit ihm verwandt ist und ihm die
Reise verdirbt? Mama glaubt, daß er Maler ist,
und ich denke mir, daß er sehr schöne, aber traurige
Bilder malt. So etwas bemerkt man auf den ersten
Blick; Madonnen und Grablegung Christi, wie die
Meister in der alten Pinakothek, und in neuerer Zeit
Fugel u. A. m. wißt Ihr. Ich hatte mich so in
Acht genommen, ihn zu stören, aber Putzi, der ja
sonst der wohlerzogenste Hund der Welt ist, verstand
meinen Wink nicht, sondern sprang plötzlich mit freudigem Gebell an ihm in die Höhe, so daß der Maler
zusammenfuhr. Papa und Mama waren schon wieder
voraus, und ich stand nun da, ganz roth vor
Schrecken und entschuldigte Putzi, so gut ich konnte.
Der Maler sah mich aber gar nicht an, sondern sagte
nur zu Putzi: „Also jetzt bist du auch auf'm Runkelstein gewesen? Wirst du aber ein gelehrtes Hunderl!“
Ob das Spott sein sollte? Nachher fiel mir Allerlei
ein, was ich hätte antworten können, jetzt aber wußte
ich gar nichts zu sagen und ging schnell weiter. Wie
gern hätte ich einen Blick in sein Skizzenbuch geworfen, aber er sollte nicht glauben, daß ich eben so undelikat sei, wie Putzi; der hatte ihn durch sein unzeitiges Bellen gewiß aus einer Weihestimmung gerissen !

Ein sehr komisches, nettes Ehepaar aus Pommern haben wir kennen gelernt, ebenfalls durch Putzi,
der die dicke kleine Frau ansprang. Sie schrie erst
auf, als sie aber Putzi's Engelsköpfchen erblickte, rief
sie: „O, du süßes Thier, willst du mir bange
machen?“ und da hob ich ihn auf und zeigte ihn ihr
in der Nähe. Nachher beim Abendessen saß sie neben
mir und sagte mir, Mama sei die schönste Frau, die
ihr begegnet sei, und so etwas ganz Apartes habe sie
in der glatten Haartracht und der ganzen Erscheinung.
Sie fragte, ob Papa Professor sei, und als ich sagte:
„nein, Privatgelehrter“, wußte sie gar nicht recht,
was das ist. Ich erzählte ihr auch von Euch, und
sie erzählte mir von einem reizenden Lamm, das sie
als junges Mädchen gehabt hatte, und das immer
mit einem Blumenkranz um den Hals geschmückt und
an einem rosa Bande durchs Haus geführt wurde,
wenn Sonntag war. Aber einmal, als Alle aus
waren, stieg es in die Haferkiste und aß sich so dick
und rund, daß es nicht wieder heraus konnte. Der
Thierarzt mußte kommen und verschrieb dem Lamm
für 50 Pfg. Ricinusöl, da war es wieder gesund.

Ach, und noch ein Abenteuer! Denkt Euch,
gestern Abend liest Papa uns das schöne Gedicht aus
dem Scheffel vor: „Noch heute freut mich's, o Runglstein“ — das ja nun für uns besonders interessant
war. Er kam ganz in Feuer und sprach eben in
dumpfem Ton die Zeile: „Betrüblich sehr steht König
Marke, der alte“, da klopft es donnernd an die
Thür, und ohne „Herein“ abzuwarten, erscheint —
der Landrath. Er trug einen Schlafrock, zwei lange
rothe Troddeln schleiften hinter ihm her. „Wollt'
mir nur erlauben, zu fragen, was hier los ist? Ob
die Herrschaften noch nicht bald zu Bett gehen? wollen doch nicht die Nacht durch Theater spielen?
Kranker Zimmernachbar hat Anspruch auf Rücksicht!“
Bums, Thür zu! Wir sahen uns ganz versteinert
an. „Kinder, es ist wirklich über elf,“ sagte Papa,
„lest den Rest für Euch, es thut mir leid, daß dieser
Rüpel mir eine Lection in der Lebensart hat geben
müssen.“ Mama wollte Einspruch erheben, aber Papa
sagte kopfschüttelnd: „Hôtel bleibt Hôtel, da soll man
nicht thun, als ob man zu Hause wäre; man vergißt
das nur, wenn man lang' nicht gereist ist!“ Aber
daß der Landrath auch hier wohnt!

Heut Nachmittag geht es weiter nach Trient!
Leider regnet es ein bischen, aber ganz lau, nicht
kalt wie in München oder gar in unserer geliebten
Kinderheimath Eisenach. Die Pfarrkirche mit dem
grünen Ziegeldach bimmelt fortwährend, sogar Nachts.
Schreibt uns nach Riva.

Eure Kläre.

P. S. Der Maler steht nicht hier im Fremdenbuch, ich habe nachgesehen; der Landrath Nietzsche ja,
— ich athme auf, sie sind gewiß nicht verwandt.

Eugen Schmidthammel an Toni Emmer
in München.

Trient, 29. März 89.

Lieber Junge! Deine Hartnäckigkeit im Fragen
hat mich erst erbost, schließlich gerührt, — es fehlt
nur, daß ich Thränen vergieße, wie ein frierendes
Krokodil! Nun ja, es geht mir leidlich; das alte
Trento ist so schön, wie damals, als wir vor drei
Jahren im September zusammen hier waren. Wollte
nur, ich wär' derselbe, — aber so was schüttelt man
nicht ab, wie der Pudel die Prügel! Wie geht's
ihr denn? Siehst Du, hörst Du etwas von ihr?
Ich will mal ganz offen gegen Dich sein und Dir
sagen, — wenn mich die Frage nach ihr nicht immer
noch in Unruh' erhielte, — vielleicht hätt' ich Dir
auch heut' noch nicht geschrieben. Zudem ist heut'
ein Regentag! — gelt, ich bin eine ehrliche Haut?
Gemacht hab' ich so gut, wie nichts, — eine
Illustration zu einem grauslichen Ritterpoem für die
„Fliegenden“, das ist wahrhaftig Alles! Jetzt hab'
ich 'n Moralischen zu dem andern, dem Unmoralischen,
Du weißt ja! Sag' mir nur, wie sie's trägt, wie sie
sich d'rein findet! Sieht man sie wieder zusammen mit
—Ihm? Ist sie bleich? leidend? Schreib' mir's! schreib'
mir's! Gleich auf der Stelle möcht' ich die Antwort
haben! — Mich verdrießt's bis ins Mark, wie ich
vor ihm dagestanden bin! Wie ein Schulbub'. Nach
dieser Eröffnung! Und das perfide Wort: „Du bist
der Erste nicht!“ und dazu dies Hohnlächeln auf
seinem blassen Gesicht. Und die Frau, die mir eben
gestanden hat, sie liebe mich, was thut sie? Wie
nimmt sie die tödtliche Beleidigung auf? Sie ruft
mir zu: „Gehen Sie, mein Freund, ich werde meinen
Gatten zu versöhnen suchen!“ Und ein Gesicht dazu,
wie eine Nonne, die eingemauert werden soll! —
Pfui und dreimal pfui! das ist eine schandbare Erinnerung! Und wenn man nun Geschöpfe umherwandeln sieht, unbekümmert, heiter, gut, — 's wird
Einem schwer ums Herz, daß man sich nicht dazu
rechnen darf! Ich habe so eine Familie unterwegs
getroffen, ein paarmal. Blühende, freundliche Menschen, riesengroß, mit einem Ausdruck in den Gesichtern, als wär' alles Schöne in der Welt extra geschaffen, um sie zu erfreuen, — sie haben einen Hund
mit, einen Affenpinscher, der fortwährend kläfft,
schwarz mit braunen Pfoten, unten weiß und gelb.
Er kennt mich schon von weitem, merkt, daß ich einmal närrisch auf die Hunde bin. Da schick' ich Dir
seine Photographie, 's ist aber Caricatur, weißt ja,
daß ich sonst nichts machen kann. Hier in Trento
sind sie auch eben aufgetaucht, — ich geh' aber aus'm
Weg. Es ist nämlich eine Tochter dabei, — und ich
hab' übergenug von der Liebe! Sonst freilich —
hätt' ich nicht mit theuren Eiden mir selbst geschworen,
— — Eine Gestalt, wie ein Ritterfräulein, ein Gesicht, wie eine Frühlingsblume, blond, blauäugig,
dazu eine zarte Flötenstimme, wie ein kleines Kind
oder eine Amsel. — Ach, ich habe gar kein Recht, in
so ein unschuldiges Gesicht zu sehen! Und wer weiß,
was schließlich dahinter ist! Gebrannte Kinder, — —
weißt Du! — Lebwohl, mein Junge, schreib' mir,
wie's mit — Selma steht, — ich kann den Namen
noch nicht ohne Herzweh schreiben. Verschweig' mir
nichts. Ich will nicht geschont sein.

Dein alter Eugen.

Klärchen an die Geschwister.

Riva, 30. März.
12 Uhr Mittags.

So lange hab' ich Euch nicht geschrieben, meine
armen Verlassenen, und jetzt wird es auch nur ein
Kärtchen! Eben sind wir angekommen nach der
schönsten Fahrt, die ich in meinem ganzen Leben gemacht. O, der erste Blick auf den Gardasee durch
das Thor, und die Olivenbäume und Limonengärten!
Jetzt sind wir in Italien, obwohl dies Paradies noch
zu Tirol gehört, sagt Papa. Ich natürlich wußt' es
nicht, ich weiß gar nichts! Wir lernten die letzten
Jahre immer nur amerikanische und afrikanische
Geographie. Der junge Maler ist auch mitgekommen
in einem Wagen, der immer hinter unserm herfuhr,
mit den zwei Pommeranzen, — so nenne ich das
pommersche Ehepaar — die süße Pommeranze ist die
Frau, — die bittere der Mann, er läßt die arme
kleine Dicke immer alle Mäntel, Plaids und Reisetaschen allein tragen!

Eure selige Kläre.

Dieselbe an Dieselben.

Riva, Hôtel du Lac, 30. März.
11 Uhr Abends.

Der Balkon ist ganz in Mondschein gebadet, ich
habe mich hierher gesetzt, Putzi ist auf meinem Schoß,
ich schreibe dies ohne Licht, und die Nachtigallen singen in allen Büschen des Gartens. Ach, liebe, süße
Schwestern, wäret Ihr hier! Ueber die Bäume weg
schimmert der See, und es ist Alles ein Duft, denn
Syringen und Goldregen blühen. Wie schön! wie
schön! Ist es nicht traurig, daß es Menschen gibt,
die das nicht fühlen können? Der Maler hat noch
immer seine düstere Falte zwischen den Augenbrauen,
und der Landrath — Aber das will ich Euch morgen
erzählen, ich will den schönen Abend nicht mit dem
Bericht entweihen! Was für eine Wohlthat müßte
es sein, wenn man hier Verse machen könnte! Mama
sagt, ich werde sentimental, aber ich bin ja nur so
außer mir vor Freude!

Eure Kläre.

Dieselbe an Dieselben.

Riva, Hôtel du Lac, 31. März.
7 Uhr Morgens auf dem Balkon.

Meine süßen Kinder! Eigentlich war es urkomisch, wie ich mich gestern Abend an den Table
d'hôte-Tisch setze und plötzlich in meinem Nachbarn
zur Rechten, — links saß Mama, — den Feind, den
Landrath erkenne! Mein erster Gedanke war: Gott
sei Dank, Putzi ist geborgen in meinem Zimmer auf
dem Sopha. Da fing der schreckliche Mensch mit
vollem Munde an zu sprechen, ganz als ob wir immer
die besten Freunde gewesen wären! „Na, wie geht's
Ihnen, Fräulein? Haben Sie das Reisen noch nicht
bald dick? Mir ist die Geschichte jetzt schon bis übern
Hals! — Thür zu!“ brüllte er den Kellner an, „es
ist so schon 'ne Hundekälte hier!“ Ich blickte ihn erstaunt an, aber er fuhr ganz zornig fort: „Na ja,
die Sonne kriecht ja schon um vier Nachmittags hinter die Berge, wie soll es da nicht kalt sein?“ —
„O, es ist im Garten himmlisch,“ wagte ich zu
sagen, „die Nachtigallen singen jetzt die ganze Nacht!“
Da legte er Messer und Gabel hin und stotterte erschrocken: „Was? Wer? Die Nachtigallen singen
hier Nachts? Das können sie ja den ganzen Tag
thun! Das fehlte mir noch! Ich kann so wie so
nicht schlafen, und die wollen noch dazu singen? Ich
dreh' ihnen den Hals um!“ Mein Herz klopfte vor
Entrüstung, aber ich gab mir Mühe, ganz ruhig zu
antworten: „Sie werden sich wohl nicht fangen
lassen!“ Zum Glück hörte er es gar nicht, sondern
fuhr fort: „Man hat ja schon genug Störungen auszuhalten, der Nachtruhe, mein' ich, in den Hôtels;
fehlt nur noch, daß Sie das Piano bearbeiten, mein
kleines Fräulein, wie die Person in Bozen, die mich
aus dem „Schwarzen Adler“ vertrieben hat.“ Ich
beruhigte ihn über mein Clavierspiel, das ich ja
selbst nicht hören mag, aber er war nicht zu besänftigen. „Ach, es war doch so schön in Bozen,“
sagte ich. — „Schön? Wo denn?“ rief er wüthend,
„in den alten, schmalen Gängen zwischen den Mauern?“
— „Auf der Talferbrücke —“ warf ich ein. Er
legte wieder Messer und Gabel hin. „Ja, Sie sind
doch nicht über das wackelige Ding gegangen? Fällt
ja ein, wenn man darauf tritt! Was? auf dem
schmalen Steig an der Talfer, wo man immer so
einen Fuß vor den andern setzen muß? Hab' mich
wohl gehütet, da zu gehen! Bis jetzt hab' ich noch
meine gesunden Knochen, das Spierken Rheumatismus
zählt doch nicht!“ Ich fragte ihn, ob er die reizenden grünen und braunen Eidechsen gesehen habe, die
jetzt hier überall an den Mauern herumschnellen. Da
stöhnte er so entsetzlich auf, daß es mir fast ängstlich
wurde, obgleich ich nachher lachen mußte. „Das Ungeziefer nennen Sie auch noch reizend?“ rief er verzweifelt, „na, da hört aber doch Alles auf! Solch'
Viehzeug gibt es Gottlob in Neustadt-Eberswalde
nicht, und da mag es auch Niemand leiden und
nennt es reizend!“ Er schob seinen Teller weg.
„Und der alte Kalbsbraten ist auch ganz ohne Sauce,
solchen hab' ich nu schon jeden Tag gekriegt, dieses
Elend mit dem bischen Essen, und nu verderben Sie
mir noch ganz den Appetit mit Ihren Eidechsen!“
Er sah aus, als wollte er weinen, ich fragte ihn, ob
ihn die Füße sehr schmerzten. Da antwortete er
wieder nichts, blickte aber einer Dame nach, die gerade vom Tisch aufstand und flüsterte ganz vergnügt:
„Ist das 'ne Italienerin? Ist sie verheirathet? Ist
sie schon lange hier? Einen Ring trägt sie nicht,
was? Haben Sie's nicht bemerkt?“ Und plötzlich
zog er einen Kneifer heraus und guckte der Dame
dadurch nach, ganz neugierig und lustig, und als sie
hinausging, ging er auch hinaus, kam aber bald
wieder herein, und sagte ganz laut zu mir: „Sie
trägt keinen Ring!“ wobei er mich strafend anblickte. Ist das nicht ein sonderbarer Mensch?
Mama sagt, er sehnt sich gewiß so sehr nach seiner
Familie, darum ist er so brummig, jetzt hat er ja
Niemanden, der ihn pflegt. Wie schade, daß nicht
seine Frau oder seine Tochter mit ihm gegangen ist! —

Jetzt lauf' ich in den Garten, der so schön ist,
wie die Gärten in den Märchenbüchern! Er reicht
bis an den blauen See, und gegenüber ist der Monte
Baldo; ich wandle hier unter Lorbeern und Cypressen,
und sie kommen mir gar nicht fremd vor, es ist Alles,
wie ich es mir gedacht habe, nur noch viel, viel
schöner. Am Berge gegenüber ist eine ganz schmale
Straße am Abhang eingesprengt, die Ponalstraße
heißt, dorthin gehen wir heut' Nachmittag!

Mit tausend Grüßen
Kläre.

Eugen Schmidthammer an Toni Emmer.

Riva, 2. April 89.

Mein lieber Junge! Hab' Dank für Deine
schnelle Antwort. Du hast mich nicht geschont, Du
wußtest eben doch nicht, wie nah' mir die Geschichte
noch geht. Dein Bericht über das Frühlingsfest der
Künstler, wo Selma als Maifee erschien, — nach den
Erlebnissen der letzten Monate! und der — Gatte als
Maikäfer hat mir ein bitt'res Lächeln auf die Lippen
gebracht! So schnell vergessen zu werden, das hatt'
ich nicht — gehofft! Ich habe doch die Nacht nicht
geschlafen und hatte heut' miserables Kopfweh. Wen
führt sie denn jetzt am Bändel? Das vergaßest Du
mir mitzutheilen! Ich werd' ihn nicht beneiden.
Seiner wartet ein „Unmoralischer“, den kein Hering
und kein Sodawasser vertreibt. Uebrigens — Maifee?
Mit ihrer Ueppigkeit? Ihrem schwarzen Kraushaar?
Was hat sie denn angehabt? Brillant genug mag sie
ausgesehen haben! Hat sie ihre Schultern sehr freigebig gezeigt? Sie that das nie, so lange sie mit
mir — Aber nun, wo sie beschäftigt ist, ihren „Gatten
zu versöhnen“! Ist Dir das Wort „Gatte“ auch so
zuwider? Ich möchte um die Welt nicht so genannt
werden!

Ach, Du, — Maifee! Jetzt muß ich doch lachen!
Nein, nein, dafür paßte sie nicht! Das hätte sie
nicht gewählt, so lang' ich ihr Rathgeber in Costümfragen war. Königin der Nacht, Nachtschatten, Belladonna, aber Maifee? Da weiß ich eine Andre, die
für die Rolle paßt. Und sie hat nicht 'mal ein besonderes Costüm dafür nöthig! In ihrem flatternden, hellbraunen Mantel, in ihrem Reisehut und
grauen Schleier, — sie ist immer dieselbe Frühlingsblume. Du kannst Dir denken, daß ich von meiner
Reisebekanntschaft spreche, — ach, richtig, Du gibst
mir ja sogar den guten Rath, mich in sie zu verlieben! Hör' auf, Toni, sonst hör' ich auf! Nein,
ernsthaft, es ist mir unangenehm, daß Du mich zu
dem ahnungslosen kleinen Engel in solche Beziehung
bringst. Gestern traf ich sie allein, nur Putzi, ihr
Pinscherchen war mit, auf der Ponalstraße. Ich saß
grade auf einem Bauernwägelchen, neben einer alten
Italienerin, die mit ihrem Eselchen vom Ledrothal
heraufkam und mich eingeladen hatte, mitzufahren.
Ein Bub' saß hinten auf und sang zur Ziehharmonika, die alte madre aus voller Kehle mit. Da
kam ihr Putzi daher und kläffte den Esel an. Ihr
Erschrecken, ihre Freundlichkeit gegen die armen
Bauersleute, und wie sie sogar die Prise Schnupftabak nahm, die die Alte ihr anbot, und dann nießen
mußte, daß ihr die Thränen aus den Augen liefen,
all' das war allerliebst. Freilich, sie ist ein Kind,
ein Backfisch, aber der Gestalt nach völlig erwachsen
und mit einem lieblichen Ernst. Wenn ich nicht
Alles abgeschworen hätte — — Aber necke mich nicht
mit ihr, mein Junge, es kommt mir hinterlistig vor
gegen das Mädchen. Beneidenswerth, wer so eine
frische Jugend als erste Liebe auf seinem Weg findet! Ich wünsch' ihr einen, der keine Selma geliebt
hat und von ihr geliebt worden ist. Manchmal krieg'
ich einen ganzen Widerwillen gegen mich selbst. —
Die Familie kommt aus München, — ich wohne jetzt
im gleichen Hôtel wie sie, — wenn ich irgendwie
merke, daß sie von der Geschichte gehört haben, dann
verschwinde ich aus ihrer Reiseroute. Unmöglich
wär's nicht, unser gutes München ist halt ein arges
Klatschnest!

Dein Freund Eugen.

Klärchen an die Geschwister.

Riva, 3. April.
Im Garten 3 Uhr Nachm.

Wie haben wir uns über Eure lieben, langen
Briefe gefreut, meine süßen Kleinen! Ach, ich kann
mir denken, wie unangenehm es Euch war, in der
Suppe ein Haar zu finden! Nicht allein des Haares
wegen, als weil Ihr es Kathl habt sagen müssen!
Es ist so peinlich, einen Menschen zu beschämen, nicht
wahr? Das habe ich vorgestern auch recht empfunden, als mir der junge Maler, — er heißt Herr
Eugen Schmidthammer — auf der Ponalstraße, die,
in der Nähe besehen, sehr breit ist, entgegengefahren
kam. Er saß nämlich auf einem Eselfuhrwerk, auf
einem großen Haufen Gras und Futter, und so geschmückt war das Eselchen mit rothen Troddeln und
Bändern, daß es wunderhübsch aussah. Mit Gesang
kamen sie daher, und ich wurde so lustig, ich hätte
gerne mitgesungen, wenn es nicht italienisch gewesen
wäre. Als aber der Maler mich erblickte, wurde er
ganz roth und sprang herunter und sagte: „Putzi
scheint zu glauben, daß dies hier meine gewöhnliche
Beschäftigung ist, und Sie am Ende auch, mein Fräulein?“ Denkt Euch! Ich lachte natürlich und sagte,
ich wisse wohl, daß er Maler sei, aber ich wurde doch
ganz verlegen mit und vergaß, auf Putzi zu achten,
und plötzlich läuft der Maler hin und reißt ihn von
dem steilen Absturz der Straße zurück! Das war ein
Schrecken! Putzi, der sich doch sonst von keinem
Fremden anrühren läßt, hatte nicht gemuckt, saß ganz
ruhig einen Augenblick auf seinem Arm und ließ sich
streicheln. Die alte Italienerin hat mir dann eine
Prise angeboten, und ich nahm sie ganz ahnungslos
und mußte fürchterlich nießen, worüber sie und ihr
Junge, der eine Harmonika hatte, jauchzten und in
die Hände klatschten. Hätte ich gewußt, wie es kribbelt, ich hätte nicht so viel genommen. Dann fuhr
der Wagen weiter, aber der Maler stieg nicht wieder
auf, und das freute mich, der arme Esel hatte so
schon genug zu ziehen. Ich ging weiter, immer höher
hinauf; links unten ist der See, blauer fast, als der
Himmel, rechts die Felswand, voller Blumen. O,
wie Einem die Augen hier groß und weit werden!
Nachher geht es immer um Zacken und durch ein
paar halbdunkle Tunnels, wenige Leute begegneten
mir; zuletzt steht da an der Bergwand, in einem
prachtvollen Tunnel, der ein Fenster hat, eine Inschrift über den Erbauer dieser großartigen Straße.
Dort kehrte ich um, weil es mir einsam wurde, —
Papa und Mama machten nämlich ihren Nachmittagsschlaf, und ich war allein weggelaufen. An einem
Wegwärterhäuschen, das ganz verloren neben einem
tiefen Schlunde liegt, in den sich ein Wasserfall ergießt, sah ich wieder Herrn Sch. sitzen und zeichnen.
Er stand aber auf, als ich heran kam, weil er fertig
war, wie er mir erzählte. Da faßte ich mir ein
Herz und bat ihn, mir zu zeigen, was er gemacht
habe. O, meine Evy, welche Enttäuschung stand mir
bevor! Ich wußte nicht, ob ich lachen oder weinen
sollte! Lauter schreckliche Fratzen waren in seinem
Skizzenbuch, Ritter mit ganz dünnen Beinen und
furchtbar großen Füßen nach einwärts, und eine dicke,
runde Frau, die ein bischen aussah, wie die süße
Pommeranze, nur sehr übertrieben, und wen führte
sie am Band? Putzi! Aber nicht meinen kleinen
schönen Putzi, sondern ein dickes Ungeheuer mit vier
Schwefelhölzchen statt der Beine und einem geringelten Schwanz, wie eine Wurst! Es kam mir Alles
vor, als ob es aus den „Fliegenden Blättern“ abgezeichnet wäre, und als er mich fragte, was ich dazu
meinte, sagte ich ihm das, was gewiß sehr unartig
war. Er lachte hell auf und sagte, ich hätte ganz
Recht, nur mit dem Unterschied, daß die „Fliegenden
Blätter“ diese Sachen von ihm abzeichneten! Nun
seht, wie ich mich blamirt habe. Also traurige Bilder malt er nicht, — ich habe ihn danach gefragt,
und er hat nein gesagt. Er wunderte sich, daß ich
die „Fliegenden“ nicht wundervoll fände; ich sagte,
ich möchte sie sehr gern, aber wenn sie so ganz verdreht und verschroben wären, möchte ich sie nicht, ich
möchte überhaupt lieber etwas Schönes, als etwas
Lustiges sehen. Dann fragte er plötzlich, wie alt ich
wäre. Ich sagte „Sechzehn“; da rieth er mir, nicht
so allein herumzulaufen, ganz in dem Ton, wie Du
manchmal, mein alter Rudi, und begleitete mich, bis
das Hôtel in Sicht war. Ich sehe gar nicht ein,
warum; aber ich werde wohl folgen müssen, Papa
und Mama hatten sich auch schon geängstigt. Ach,
wäret Ihr doch hier!

Eure Kläre.

Eugen Schmidthammer an Toni Emmer.

Riva, 3. April.

Mein lieber Toni! Was redest Du von verliebt? Weiß ich denn nicht, wie das thut? Ich bin
nicht verliebt, ich schwöre es Dir. Nichts von dem
dumpfen Drang, der stachelnden Unruhe, dem Fieber
im Blut, dem Schwanken zwischen Begier und Widerwillen, wie ichs in den selig-unseligen Monaten mit
Selma empfunden. Alles ganz anders! Mein Blut
ist ruhig, meine Nerven zucken nicht krampfig, wie
abgeschnittene Glieder, wenn ich die kleine Kläre daherkommen sehe. Ebensogut könntest Du behaupten,
ich sei verliebt in die Frühlingssonne, oder in den
Gardasee, oder in die Nachtigall vor meinem Fenster!
Sie hat ja auch von allen diesen etwas, aber sie ist
dazu noch allerlei Andres. Hat nicht Goethe irgendwo gesagt: „Als Kinder sind wir Alle moralische Rigoristen?“ Diese Kläre, glaub' ich, wird's bleiben
ihr Leben lang. Eine süße, kleine Person, die aber
einmal von ihrem Manne viel verlangen wird! In
aller Unschuld, weißt Du. Ich habe ihr meine unsterblichen Illustrationen gezeigt. Meinst Du, daß sie
auch nur ein Wort der Bewunderung dafür gehabt
hätte? Du weißt, ich bin nicht eitel, aber sie ist sonst
so bereit, zu bewundern! Ich könnte mich ja damit
trösten, daß ich sie einfältig fände, aber nein, — einfältig ist sie nicht. Ich habe ihr offenbar nicht imponirt mit meinem Können, und so dumm es klingt,
— mich ärgert's! Jetzt schwatz' ich so viel davon,
jetzt wirst Du erst gar glauben, es sei was an der
Geschicht'!

Also, noch kein Ersatzmann in Sicht? Arme
Selma! Was thut sie nun inzwischen mit dem unausgefüllten Herzen? Oder ist vielleicht der — Gatte
Zwischenbewohner? Mein lieber Junge, sie hat ein
paar Briefe von mir, tolles Zeug, drei oder vier
nur, — wenn Du sie zurückerbitten und vernichten
könntest! Die ihrigen hab' ich ihr stets sofort zurückgeben müssen. Sie hieß mich sie küssen und verbrannte sie dann an der bunten Schreibtischkerze in
ihrem Boudoir, immer ihr Auge in meines getaucht,
immer mich bändigend, der ich ihr in den Arm fallen
wollte! Ach, die Komödie! Willst Du mir das
thun? Es ist ein arger Freundschaftsdienst, aber als
ihr quasi Verwandter? —

Dein Freund Eugen.

Klärchen an die Geschwister.

Riva, 5. April.
Im Garten Nachmittags.

Ihr Lieben alle! Der verwahrloste Theil des
Gartens ist der schönste, — da stehen die Bäume so
dicht, und Wurzeln, wie klammernde Arme, spannen
sich über die Wege. Hier sitz' ich am liebsten, an
einem vertrockneten, moosüberwucherten Brunnen und
schreibe Euch. Ach, leider zum letzten Mal heut',
denn morgen früh geht es weiter, den See hinab,
nach Desenzano! Ich bin so gerne hier gewesen, es
ist mir ganz wie ein Abschied. Das bunte Städtchen
mit der kleinen Piazza, nach der Seeseite offen, die
Kastanienallee, die von uns aus dorthin führt, die
Wein- und Oelpflanzungen am Berg hinauf, ja, selbst
der Friedhof mit den hohen Cypressen, die wie dunkle
Säulen zu beiden Seiten der Pforte stehen, — Alles
ist mir vertraut und wird es bleiben, so lang' ich
lebe. Die beiden Pommeranzen sind gestern abgereist,
die Table d'hôte war heut' mit den zwei leeren
Stühlen noch schrecklicher, als gewöhnlich. Man sitzt
und ißt anderthalb Stunden, und einige Leute starren
Einen so an, daß man sich gar nicht getraut, etwas
in den Mund zu stecken. Ich schüttele mich immer,
wenn wir damit durch sind. Papa und Mama geht
es ebenso, sie sagen, das Table d'hôte-Essen sei —
der, die oder das? — einzige draw-back auf Reisen.
Der Maler ißt nie mit, er macht Ausflüge und ißt,
wo er etwas findet. Das denke ich mir herrlich. —
Der Landrath aber sitzt fast täglich neben mir und
erzählt mir lauter Sachen, die weder interessant noch
hübsch sind, aber ganz freundlich ist er jetzt mit mir,
und er will sogar Putzi füttern mit großen Fettstücken
und Käserinden, daß ich immer eine Todesangst ausstehe! Glücklicherweise ist das süße Thier so klug,
mir die Brocken immer erst vorzuzeigen, so daß ich sie
ihm unbemerkt wegnehmen kann. Ich habe immer
ein Extra-Taschentuch und eine Papiertüte dazu bei
mir. Gestern, als ich im Garten spazieren ging,
wehte plötzlich vom Balkon ein Briefblatt herunter.
Ich hob es auf, darauf stand: „Liebe Toni!“ Ich
dachte, eine Dame habe es vielleicht herunterflattern
lassen, als ich es aber auf den Balkon zurücktrug,
saß oben der Maler und schrieb. Ich fragte ihn, ob
Toni seine Schwester sei, er sagte: „So gut, wie
Schwester.“ „So ist sie wohl Ihre Braut?“ fragte
ich. Da lachte er und sagte: „Soll ich Ihnen Toni's
Bild zeigen?“ Ich nickte, denn ich dachte sie mir
sehr hübsch, nach ihm zu urtheilen; da zeigte er mir
die Photographie eines jungen Mannes in Tiroler
Tracht! „Wer ist das?“ fragte ich. „Toni, mein
Freund Toni,“ lachte er. Ich stand recht dumm
da. „Bei uns ist Toni ein Mädchenname,“ sagte ich,
und dann sprachen wir von Euch, und ich erzählte
ihm, daß ich Euch Alles, Alles schreibe, was mir begegnet. „Haben Sie auch von mir geschrieben?“
fragte er. Ich hatte große Lust, nein zu sagen, aber
ich konnte doch nicht lügen! Ich sagte also ja, aber
nun wollte er auch noch wissen, ob es Gutes oder
Schlimmes gewesen sei. Ich sagte ihm, nun natürlich Gutes, daß er immer so nett gegen Putzi gewesen
sei und so weiter. Nun kamen wir in ein ganzes
Hundegespräch, er hatte nämlich auch einen Hund gehabt, einen Teckel, ein sehr merkwürdiges Thier, sehr
liebenswürdig, aber treulos, ein richtiger Don Juan,
der allen Hunden die Köpfe verdrehte und sich dann
nicht weiter um sie bekümmerte. Die Hündin seines
Onkels, eine sehr zänkische, bissige, alte Jungfer verliebte sich sterblich in den Don Juan und starb an
gebrochenem Herzen. Der Teckel wurde schließlich von
einer Dogge todtgebissen, und sein Herr wollte nun
keinen Hund wieder haben. Es war Alles sehr spaßhaft, wie er es erzählte, aber ich konnte doch nicht
so recht darüber lachen. Ich sagte ihm, ich möchte
lieber treue Hunde, wie Putzi, die andern verdienten
gar nicht den edlen Hundenamen; Putzi würde gewiß
sterben, wenn ich stürbe, und er solle sich nur ruhig
wieder einen Hund anschaffen, einen wie Putzi. Aber
er sagte, solchen fände er doch nicht. Nachher kamen
Papa und Mama auch aus ihren Zimmern auf den
Balkon heraus, und wir plauderten alle vier ganz
gemüthlich. Ich habe meistens zugehört, Papa sprach
mit dem Maler über italienische Kunst und das interessirte mich sehr. Herr Schmidthammer kennt die
meisten Maler und Zeichner in München und erzählte
uns viel Lustiges aus dem Künstlerleben, — er war
ganz verwundert, daß mir noch so wenig davon gesehen
haben, obwohl wir schon bald ein Jahr dort leben.
Er hat Papa um Erlaubniß gebeten, uns in München besuchen zu dürfen, und so werdet Ihr ihn ja
nun auch bald kennen lernen. Er ist noch etwas
größer als Rudi, sieht ihm überhaupt gar nicht ähnlich, und doch fühle ich mich so zu ihm hingezogen,
als ob ich ihn schon lange kennte. Und Putzi läßt
sich von ihm freiwillig auf den Arm nehmen! Das
ist doch viel, nicht? — Ich muß Abschied nehmen von
den Tauben im Hof, von den zwei Katzen, einer
grauen und einer dreifarbigen, — Putzi hat sie so
oft erschreckt, wenn sie behaglich blinzelnd im Sonnenschein lagen, das muß ich ihnen vergüten. Und von
den herrlichen Bäumen und allen Plätzen im Garten,
und vom berankten Balkon und heute Abend von den
Nachtigallen. So früh wie dieses Jahr fingen sie
sonst auch hier nicht, sagt der Wirth. Die Orangenblüthen, die ich Euch einlege, hat er mir heut' im
Gewächshaus geschnitten, dazu auch noch zwei weiße
Camelien, aber die sind zu dick. Wie glücklich bin ich
hier gewesen! Wie viel hab' ich schon erlebt, seit wir
fort sind! Ich komme mir ganz erwachsen vor, und
Papa sagte heute auch: „Du wirst auf dieser Reise
Deine Kinderschuhe austreten, Kleine.“ Da nahm
Mama mich in die Arme und sagte: „Mein armes
Kind! nein, nein, noch nicht!“ Was kann sie damit
gemeint haben? Ich fragte sie, aber sie sah mich
nur an und küßte mich.

Eure halb frohe, halb traurige Kläre.

Eugen Schmidthammel an Toni Emmer.

Verona, 6. April.

Lieber Toni! Dein Brief hierher befestigt mich
in meinem Entschluß. Sie gibt die Briefe nicht heraus, und so lange ich die Unglücksblätter in ihrem
Besitz weiß, fühle ich mich nicht als freier Mensch!
Der Gebrauch meiner Glieder ist mir beengt, gehemmt — als ein Halbgefangener kann ich vor dem
süßen Geschöpf nicht umhergehen. Ich muß verschwinden, jetzt, nachdem ich in einem schwachen Augenblick, hingerissen von ihrer Lieblichkeit, den Vater um
Zutritt in die Familie gebeten habe! In welches
Licht werd' ich kommen! Was wird das arglose
Kind, das nicht einmal untreue Hunde ausstehen mag,
von mir denken! Es ist freilich nicht die Briefangelegenheit allein, die mich vertreibt. Auf dem
Dampfer nach Desenzano — wir machten die Fahrt
zusammen — und ich hatte ein Gefühl, als machte
ich meine Hochzeitsreise mit Klärchen, wenn ich ihr
allerlei kleine Dienste leisten, den weggeflogenen Hut
ihr wiederholen, den Putzi warten durfte, während sie
sich den Mantel zuknöpfte — auf dem Dampfer alfo
tauchte in Gargnano plötzlich das unheilverkündende
Gesicht der Baronin Hechingen unter den Ankommenden auf. Die schlimmste Zunge unserer theueren
Kunstmetropole, die natürlich meine und Selma's Geschichte bis ins Detail kennt und in selbst zubereiteter
pikanter Sauce Bekannten und Unbekannten auftischt.
Ich saß wie auf Kohlen, denn ich sah das grinsende
Gesicht der Alten noch süßlicher werden, als sie mich
erblickte, und wie sie mich von Weitem anrief, wurde
mir aufrichtig seekrank. „Sieh' da, Herr Schmidthammer,“ sagte sie, „warum haben Sie denn unser
Künstlerfest versäumt? Die Maifee hat sich nach
Ihnen ihre schönen Augen ausgeweint!“ Klärchen
war zum Glück an den Frühstückstisch getreten und
hörte nichts, und der Papa ist zu harmlos, war auch
zu sehr in Betrachtung der Ufer vertieft, um die giftigen Worte zu hören. Die Mutter aber warf mir
einen fragenden Blick zu und flüsterte dann: „Ist das
nicht die Hechingen? Ich kenne sie aus einem Wohlthätigkeitsconcert — leider — wenn sie mich nur
nicht sieht!“ „Ich will sie unschädlich machen,“ rief
ich, stürzte mich auf die Granate, die jeden Augenblick platzen konnte und wich nicht mehr von ihrer
Seite, bis wir in Desenzano waren. Ein Jammer
um die schöne Fahrt! Sie ist leider gleichfalls nach
Verona gekommen, und ich habe, während ich sie
überwachte, meine Familie aus den Augen verloren.
In Desenzano auf der Station ging der Doktor an
mir vorüber, beladen mit warmen Koteletts und Brötchen, er sah mich nicht und ich — herabgesunken zum
Ritter der Hechingen, der ich eben zwei Apfelsinen
hielt, während sie die andern in ihre Reisetasche
stopfte, wagte kein Lebenszeichen zu geben. — Ich
fürchte, es ist Alles aus! Zum Unglück hab' ich seit
gestern Abend auch die Hechingen nicht mehr gesehen.
Mir ist zu Muth, als sei eine Brillenschlange entkommen und wolle sich auf mein Lamm stürzen.
Dazu Dein Brief! Der Hohn, ich selbst solle die
Briefe zurückholen! Aber sie weiß doch, daß ich auf
der Reise bin! Versuch' es noch einmal, Toni, mein
Freund, mein Bruder. Ich bin sehr unglücklich!

Dein Eugen.

Klärchen an die Geschwister.

Verona, Albergo Lorenzo, 6. April.

Meine Lieben! Mama bittet mich, Euch auch
noch ein Wörtchen zu schreiben; ich habe zwar einen
dummen Kopf, aber einen herzlichen Gruß sollt Ihr
doch haben. Unsere Seefahrt war wunderschön, ich
war ganz aufgelöst vor Freude. Aber in der zweiten
Hälfte der Reise verschwand plötzlich der Maler, Herr
Schmidthammer, und hat sich seitdem gar nicht wieder sehen lassen. Es thut mir sehr, sehr leid! Ob
wir ihn beleidigt haben, oder ob er uns nicht mehr
mochte, als er uns genauer kennen lernte, weiß ich
nicht. Ich habe schon Kopfweh vom vielen Grübeln.
Nun, morgen bin ich wieder heiter.

Eure Euch zärtlich liebende
Kläre.

Eugen Schmidthammer an Toni Emmer.

Verona, 7. April.

Lieber Sohn! Es ist mir doch leid, daß ich gar
kein Malzeug mit habe, das ewige Karikiren hol' der
Teufel. Gelegenheit gäb's ja hier genug, und ich
bin nicht müßig drin, 's ist ja auch Brotarbeit.
Aber mir juckt's in den Fingern, auch wieder e bissel
zu landschaftern. Gelt, thu mir die Lieb' und schick
mir meinen Studienkasten, wie er steht und geht,
nach Venedig in den Sandwirth. Das heißt, Du
thust einen Blick hinein, ob er nicht ganz leer ist und
räumst e bissel ein, was man so braucht! Skizzenleinwand krieg' ich hier — ich könnt' ja auch das
Uebrige hier besorgen, aber es wär' doppelte Ausgabe!
In vier, fünf Tagen bin ich in Venedig. Gestern in
der Arena ist mir die Hechingen begegnet, da gehört
sie auch hin zu den andern Schuhus. Aber froh war
ich doch an der Begegnung, sie reist nämlich ab, heut
schon, nach Vicenza, — das arme Vicenza, ich beneid's nicht um den Besuch! Nun Bog s nej! wie
Freund Alexej sagt! Wenn sie mir nur mein Lamm
nicht würgt! Ich hab's nicht wieder gefunden, das
weiße Lämmchen und hätte ja allen Grund, in miserabler Laune zu sein, aber — ich weiß nicht, es geht
nicht; ich glaube, das Kind hat mich mit seiner Freudigkeit angesteckt. Wenn ich nur erst einen Brief von
Dir hätte — Nachricht, daß sie mich endgültig
freigibt.

Dein Freund Eugen.

Weißt, Landschaft mit Staffage, denk fein dran,
wenn Du mir die Tuben zusammensuchst!

Klärchen an die Geschwister.

Verona, Albergo San Lorenzo,
9. April Nachmittags.

Meine Geliebten! Seid nicht böse, daß ich Euch
jetzt seltener und kürzer schreibe, wir sind sehr viel
unterwegs und haben soviel zu besehen, daß ich es
nicht recht bewältigen kann. So schön wie Riva ist
Verona nicht, finde ich, obgleich Papa sagt, gerade
Verona trage echt italienischen Charakter. So furchtbare blutige Erinnerungen gibt es hier! Wir waren
z. B. in der Arena. Erst war es wie ein Traum,
dieses riesige Theater, in das die heiße Mittagssonne
herunterglühte, daß die Steinsitze ganz warm waren.
Ich dachte mir die schönen Gestalten in antiken Gewändern dazu, und mein Herz zitterte ordentlich vor
Freude, solch' eine denkwürdige Stätte zu betreten.
Da zeigte Papa uns die dunkeln Gelasse unter den
Galerien, wo die wilden Thiere und wohl auch die
Verurtheilten, die mit ihnen kämpfen mußten, gefangen lagen bis zum Beginn des Kampfspiels, und
dann wies er uns in der Mitte der Arena im Steinfußboden die Löcher, durch die das Blut abfloß, und
da kriegte ich ein Grauen vor den Menschen, die
solch' Schauspiel hatten ansehen mögen, und mit aller
Freude war es vorbei. Sogar die Leute auf der
Piazza d'Erbe, die alle so lebhaft durcheinander riefen und sprachen und so bunt gekleidet waren, kamen
mir nachher unheimlich vor, weil sie doch die Nachkommen jener grausamen Alten sind. Und am anderen Tage, als wir in der Stadt spazieren fuhren,
führte uns der Kutscher, der ein alter Soldat war,
aus der Festung hinaus und zeigte uns die Schlachtfelder von Custozza und S. Lucia und sagte immer:
„Hier war ein erbitterter Kampf um eine österreichische Batterie, bis hierher lagen die Gefallenen,
dort an dem weißen Kreuz so hoch übereinander,
dieser Bach floß roth von Blut.“ Nun war noch das
Aergste, daß zwischen der Saat, auf die er zeigte,
viele Adonisröschen blühten, die wie frische Blutstropfen in der Sonne glänzten — ach, ich sehnte mich
zurück in das liebe friedliche Riva, in den Garten
mit den Lorbeerbäumen und an den himmlischen See.
Es thut mir so leid, daß ich so undankbar bin, ich
gebe mir auch alle Mühe, es vor Papa und Mama
zu verbergen.

Eure dumme Kläre.

P. S. Ach, und denkt Euch, mein armes Putzelchen hat eine muserola, einen Maulkorb! Das ist
hier Vorschrift, und wir haben ihm einen kaufen
müssen! Wie er damit aussieht, was für Anstrengungen er macht, um ihn loszuwerden, und welch'
flehende Blicke er mir zuwirft, das ist nicht zu beschreiben! Es war der kleinste Maulkorb, den sie im
Laden hatten, und sogar der ist ihm noch zu groß!

Eugen Schmidthammer an Toni Emmer.

Vicenza, 10. April.

Lieber Junge! Wir sind in eine Correspondenz
hineingerathen, die wahrhaftig mehr ins vorige Jahrhundert gehört, als in unser Depeschenzeitalter. Aber
ich muß mir's von der Seele schreiben, besonders das
dumme, das mir jeden Tag passirt. Heut hab' ich
etwas Extras angestellt — ich möchte mich prügeln,
nur „wenn es noch einmal vor Dir stünde. Du thätst
es noch einmal, mein Herz.“ Also Dir ahnt's wohl
schon! Hab' die kleine Kläre wiedergesehen, endlich,
und wo? — am „Grabe der Julia!“ Da bleib ein
Anderer vernünftig. Weiß wohl, was die Gelehrten
über den „Sarkophag“ für eine Ansicht haben, aber
für sie war dieser antike Schweinetrog so echt, so bewundernswerth, so unantastbare Wirklichkeit! Und
ich frage Dich übrigens, warum könnt's nicht wahr
sein? Wie ich da in die kleine Kapelle trat, durch
das Spitzbogenfenster die Sonne schien auf den alten
Mosaikboden und den alten Steintrog, und die Rankrosen draußen ihre zitternden Schatten warfen auf
das schlanke Ritterfräulein mit der tiefen Andacht in
den kindlichen Zügen, da erschien mir alle Romantik
glaubwürdig und als das Wirkliche, Echte im Leben,
für das nur unsere Augen stumpf geworden sind!
Und als ich gar bemerkte, daß sie sich freute — kurz
und gut, ich benahm mich unverantwortlich, und nun
sitz' ich da und hab' noch immer keine Nachricht von
Dir! Aber, was ist das auch für eine Wirthschaft,
daß in unserem verderbten neunzehnten Jahrhundert
so reizende Geschöpfe unbewacht umherlaufen, um
Einem das bischen Verstand vollends zu verwirren!
So etwas sollte verboten werden. Freilich, solche
Mustermenschen, wie dieses Elternpaar, urtheilt nach
sich, und das Mädchen ist ja auch von einer himmlischen Einfalt! Lebewohl, schilt mich, wie ich's
verdiene.

Dein Eugen.

P. S. Hab's aber nachher wenigstens eingesehen
und bin sofort hierher abgedampft. Oder war das
nun am Ende wieder verkehrt?

Klärchen an die Geschwister.

Verona, 10. April.

O, meine süßen Kinder, ist es nicht merkwürdig? gerade jetzt, wo wir morgen nach Venedig fahren, fängt Verona an, mir lieb zu werden! Ich hatte
eben das Schönste hier noch nicht gesehen, und das
ist das Grab der Julia. Heut war ich dort, allein,
denn Papa und Mama haben es früher schon gesehen, und da Papa etwas Kopfweh hatte, wollte
Mama lieber bei ihm bleiben. Sogar Putzi blieb zu
Haus, denn die alte Muserola ist ihm eine Qual.
— Eine ganze Weile war ich schon dort in dem
poetischen Kapellchen — andere Leute kamen nicht,
und der Aufseher ging draußen pfeifend umher. Ich
konnte mich ganz vertiefen und vergaß, wo ich war.
Zuletzt kamen Schritte, der Aufseher brachte mir eine
Rosenknospe und einen Myrthenzweig aus dem Gebüsch draußen, als „Ricordo della tombal di Giulietta.“ Hinter ihm trat Jemand hervor, da war es
plötzlich der Maler, Herr Schmidthammer! Ich freute
mich sehr, sehr! Seit Gargnano hatten wir ihn
nicht mehr gesehen. Fragen mocht' ich ihn nicht, er
war auch ganz wie sonst, fast noch bekannter. Er begleitete mich bis an unser Hôtel, wir sprachen soviel
zusammen, ich weiß nicht recht was, aber es war
Alles interessant. Er fragte mich, ob ich die Baronin
Hechingen kenne — ich war ganz verwundert, daß er
sie kennt, denn Ihr wißt ja, wie sie Mama unsympathisch ist. Und mir erst! Er sagte, er kenne sie
nur sehr oberflächlich, also ganz wie wir. Ich habe
ihm die Rosenknospe geschenkt, er sieht so unbeschreiblich freundlich aus, wenn er bittet. Ich wollte ihm
auch den Myrthenzweig geben, aber er sagte, den
solle ich behalten. Nun haben wir Beide ein „Ricordo“! Aber das Grab der Julia würde ich ohnehin nicht vergessen, mir scheint es das Schönste von
ganz Verona zu sein! Nächster Brief aus Venedig!

Tausend Grüße
von Eurer Kläre.

Eugen Schmidthammer an Toni Emmer.

Venedig, 12. April.

Jetzt sind wir wieder 'mal Alle beisammen, die
Familie, die Hechingen und ich! Es ist zum Platzen!
Hielt's nicht aus in Vicenza, sonst meine Lieblingsstadt, auf die ich mich gefreut hatte wie auf eine geliebte lebendige Seele. Palladio's Rathhaus war
göttlich wie ehedem, aber das Gefrorene in dem Café
gegenüber erinnerte mich an die Hechingen, es zog
mir den Mund zusammen. Und im römischen Theater
trat sie aus einer der Seitencoulissen, und der ganze
Chor der Eumeniden schien mir in ihr verkörpert, als
sie zu krächzen anfing: „Sie, Schmidthammer, wo
haben's denn den Doktor Esmarch und seine liebe
Frau gelassen, die so kurzsichtig ist, daß sie die Leut'
nimmer wieder erkennt, und das scharmante Klärchen,
das so einen langen Hals hinter Ihnen drein machte,
als Sie mit mir gingen in Desenzano? Sie sind erkannt, Schwerenöther, Sie! Und ich sollt' Ihnen
Grüße bringen von einer gewissen schönen Frau, die
ein treueres Gemüth hat als Sie, Schmetterling!
Was, eine trauernde Wittwe, so zu sagen, in München und nun schon wieder — —“ Ich ließ das römische Theater im Stich und rannte davon, was ich
laufen konnte. In die Rotonda habe ich mich nicht
einmal gewagt, ich wußte ja, Klärchen ist nicht da!
Und wie hätte gerade sie dorthin gepaßt mit ihrer
schlanken Anmuth und ihrer instinktiven Liebe zum
Großartigen! — Jetzt liegen die Sachen so: die
Hechingen wohnt in der Aurora, ich im Sandwirth,
und die Esmarchs, wie ich aus der Fremdenliste ersehe, bei Bauer-Grünwald. Also sämmtlich hingesäet
am Canale grande! Sie, meine Verfolgerin, muß
täglich an meinem Haus vorbei, wenn sie stadtein
geht — ich, der arme Netzumstellte, bin verurtheilt,
Klärchen zu verleugnen und die Hechingen zu chaperonniren, sobald es der einfällt! Das Frauenzimmer wird mich noch zu einer Verzweiflungsthat
treiben. Du sollst es erleben. Könntest Du ihr nicht
eine Depesche schicken, die sie sofort nach München
zurückberuft? Anonym natürlich! Schreib ihr, ihr
Haus sei abgebrannt, ihr Sohn sei im Duell gefallen,
ihre verheirathete Tochter sei mit einem Anderen
durchgegangen, etwas Drastisches muß es schon sein,
sonst wirkt es bei ihr nicht. Ach, ich fürchte, Deine
angeborene Weichherzigkeit läßt Dich vor jedem Gewaltmittel zurückbeben. Du hast keinen Muth, Toni!
Ihr Tyroler seid einmal zu gemüthvoll! Aber freilich, Du hast den Jammer nicht auszustehen! Die
Briefe von — Selma hast Du mir auch noch nicht
geschickt, überhaupt keinen Brief! Den Studienkasten
auch nicht! Na, Du bist ein netter Kerl! Und ich
erst!

Dein Eugen.

Derselbe an Denselben.

Venedig, 13. April.

Gottlob, daß ich arbeiten kann! Hast Alles
brav gemacht, alter Junge! So werd' ich die Gewitterstimmung am ehesten beschwören. Die Kleine
wag' ich nicht wiederzusehen. Nein, nein! Ich halt's
zwar nur für einen ihrer — — Selma's — gewohnten Theatercoups, daß sie Dir sagt, sie bewahre
die Briefe zum Hochzeitsgeschenk für meine zukünftige
Frau. Dessen ist sie nicht fähig. Sie ist haltlos,
charakterlos, aber nicht schlecht. Mir selbst wird sie
sie nicht verweigern, es ist mir nur wie der Tod, daß
ich noch einmal zu ihr soll. Ach, das bischen Leben,
wieviel Angst und Qual hat man davon. Und ich
glaubte diese Frau zu lieben.

Dein Freund Eugen.

Klärchen an ihre Geschwister.

Venedig, Bauer-Grünwald,
13. April Nachmittags.

Meine geliebten Kleinen! Ganz träg bin ich geworden im Briefschreiben, nicht wahr? Es muß der
Scirocco sein, der seit unserer Ankunft hier weht und
uns fast täglich ein Gewitter bringt. Im Anfang
war ich wie betäubt von all' den Wundern hier;
kann es noch etwas Schöneres, Märchenhafteres geben,
als diese Wasserstadt? Jetzt aber macht die Luft mir
Kopfweh, und Mama geht es ebenso. Wir sitzen
meistens wie matte Fliegen unter den Prokuratien
oder essen Granita und füttern die Tauben. Das
Fahren in den engen Kanälen ist jetzt bei der
Schwüle gar nicht angenehm, die unzähligen Taschenkrebse an den Hausmauern sind greulich! ganz wie
dicke Riesenspinnen. Wir bleiben nicht lang mehr
hier. Von Murano fuhren mir gestern im vollen Gewitter in offener Gondel herüber, nicht eine einzige
bedeckte war da. Gestern kam plötzlich die Baronin
Hechingen zu uns, als wir im Hôtelgarten zu Abend
aßen. Sie setzte sich an unseren Tisch, obwohl wir
sie gar nicht dazu eingeladen hatten, und nun fing
sie an zu klatschen. Soviele häßliche Geschichten, daß
mir schlecht wurde. Zum Glück sagte Mama, es sei
ihr kalt, ich möchte ihr Tuch herunterholen. Ich verstand den Wink, gab das Tuch einem Kellner zum
Besorgen und blieb auf meinem Zimmer oben. Die
Eltern kamen auch bald herauf; nachher gingen wir
noch Alle ins Café Quadri auf dem Marcusplatz, um —
wie Papa sagte — den Abend nicht mit einem Mißton zu schließen. Es war Concert und sehr belebt,
aber wir sahen keine Bekannten. Niemanden als den
Landrath, der mit einem Kellner schimpfte. Er hatte
sich nämlich an einen Tisch gesetzt, wo es nur Bier
gab und verlangte dort Grog. Ich machte mich
ganz klein hinter einem Pfeiler, und er sah mich
wirklich nicht. Nachher aber, denkt Euch, ging er
mit unter den Promenirenden und zwar in eifrigem
Gespräch mit der Baronin Hechingen. Papa wies mit
der Spitze seines Reiseschirms auf die Beiden und
flüsterte uns zu: „Da haben sich ein paar edle Seelen
gefunden.“ Das war komisch, nicht? Aber sonst
kein bekanntes Gesicht! Seid innig gegrüßt

von Eurer Klara.

P. S. Was müssen das für himmlische Menschen gewesen sein, die diese Stadt gebaut haben!

Eugen Schmidthammer an Toni Emmer.

Venedig, 14. April.

O, mein Freund, mein Freund! Es hat eingeschlagen, und ich bin ganz zerschmettert. Wir trafen uns gestern auf dem Dampfer nach dem Lido,
zum erstenmal in Venedig. Als ich sie erblickte, ein
bischen blaß und ernst und mit suchenden Augen, war
wieder alle Ueberlegung dahin, und ich stürmte zu
ihnen hinüber. Mir fiel auf, daß der treffliche Doktor mich fixirte und mir langsam, als koste es ihn
Ueberwindung, die Hand bot. Die Frau war verlegen und sprach schnell und bunt durcheinander,
Klärchen einzig war wie sonst, nur nicht heiter.
Putzi, dessen Schnäuzchen in einem Maulkorb steckte,
sah grämlich und mit zuckenden Lippen vom Schoß
seiner Herrin herüber. Mein sternschnuppenartiges
Auftauchen und Verschwinden war ihnen unverständlich, das sah ich wohl. Ich mag auch nicht zum
Besten ausgesehen haben, denn als wir später am
Strande auf- und abgingen — ich war mühsam,
durch häufiges Stehenbleiben und Muschelsammeln
an Klärchen's Seite gelangt, fragte sie mich, was
mir fehle? Da fuhr es mir wie ein Blitz durch den
Kopf: Sag' es ihr, sie ist ja kein Kind mehr, besser
noch, sie erfährt es durch dich selbst, als durch Andere. Aber so direct wagte ich's doch nicht, ich
sagte, das Schicksal eines Freundes gehe mir sehr zu
Herzen. „Ist es Ihr Freund Toni?“ Verzeih mir,
mein Alter, daß ich ja sagte, es war ein so bequemer
Ausweg! „Kann ich's wissen, was ihm fehlt?“
fragte sie, voll Mitgefühl in Ton und Gebärde. Da
sagte ich blinder Thor ihr: „Er hat das Unglück gehabt, sich in eine verheirathete Frau zu verlieben!“
Sie riß die Augen auf: „Wie Tristan und Isolde!“
rief sie verwundert. Ich wußte den Augenblick nicht
'mal den genauen Zusammenhang der Geschichte, sagte
aber mechanisch ja. „Also sie kannten sich, eh' Isolde
den alten König Marke heirathete?“ fragte sie zuversichtlich. „Nein, das nicht, sie lernten sich erst lange
nach ihrer Verheirathung kennen.“ Ihr Gesicht
wurde unruhig. „O, aber dann ist es ja ganz anders! Wurde der Alte denn auch betrogen?“ Das
mußte ich leider zugeben, aber ich suchte den Tristan
dadurch zu vertheidigen, daß er noch keine rechte
Frau kennen gelernt hatte und deshalb dazu kam,
sich in diese zu verlieben, die er für gut hielt, weil
sie schön war. Aber ich sagte Dir's ja schon, diese
Kleine sieht durch drei eiserne Thüren. „Wie konnte
er sie für gut halten, wenn er doch wußte, daß sie
ihren Mann betrog?“ fragte sie mit tiefem Erröthen.
„Und weiter?“ — „Und nun hat mein Freund die
Richtige gefunden und fühlt sich nicht mehr werth,
sich ihr zu nähern, weil“ — „O,“ flüsterte sie plötzlich mit abgewandtem Gesicht, „die Geschichte hat
uns gestern die Baronin Hechingen von Ihnen erzählt, und ich — habe kein Wort davon geglaubt!“
Sie brach in Thränen aus, drehte sich um und ging
der Badeanstalt zu, ohne sich weiter umzusehen. Ich
wünschte, ich wär' ein Taschenkrebs gewesen und hätte
mich in den Sand eingraben können. Jetzt kehrten
auch die Eltern um; ich beschleunigte meinen Schritt
in derselben Richtung, an der Brücke der Badeanstalt
erreichte ich Klärchen. „Nun hab' ich auch noch meinen Freund verleumdet,“ sagte ich, — ich glaubte,
Dir das schuldig zu sein, da sah sie mich mit thränenvollen Augen an und flüsterte: „Ich möchte, es wäre
doch lieber er gewesen.“ Ach, mein Junge, wirst Du
mir's verzeihen, daß ich von Herzensgrund denselben
Wunsch hege? Sie hat dann weiter kein Wort gesprochen, und ich habe den Alten eine stumme Verbeugung gemacht und mich gedrückt. Kein Zweifel,
ich habe sie verloren! Sie ist zu jung, zu weltunkundig, um nicht durch diese Enttäuschung für immer
den Geschmack an mir zu verlieren. Ich sagte Dir's
ja, diese reinen Wesen verlangen viel! Eine dumpfe
Trauer hat sich meiner bemächtigt; von dem Besten,
was einem Manne werden kann, von der reinen unenttäuschten Liebe eines jungen Herzens wie dieses
bin ich ausgeschlossen. Was für andere Frauen vielleicht sogar ein pikanter Reiz wäre, für dieses Kind
trägt es den Namen Sünde. Ach, und ich geb' ihr
Recht!

Dein Eugen.

Klärchen an die Geschwister.

Venedig, 16. April.

Meine Lieben! Mama hat Euch einen so herrlichen Brief geschrieben (sie hat ihn mir eben vorgelesen) und Euch diese ganze einzige Stadt so schön
darin geschildert, daß ich wirklich gar nichts übrig
behalten habe. Vorgestern Abend hatten wir ein
großartiges Gewitter, es hielt uns auf dem Lido fest
bis in die Nacht hinein, es sah aus, als ob Himmel
und Erde vergehen wollten; so schnell und ununterbrochen wie sich kreuzende Schwerter zuckten die Blitze.
Mir war ganz ruhig dabei, während Papa und
Mama sich um mich und das Nachhausekommen sorgten. Seitdem nun ist der Scirocco verschwunden, es
weht eine reine Luft, aber es ist kalt; die Berge in
der Ferne sind alle mit Neuschnee bedeckt, und wir
haben unsre wärmsten Kleider angezogen. Es ist, als
wollte es Herbst werden und war doch eben erst
Frühling. Ich habe Sehnsucht nach Euch, trotz all'
dem Schönen, das uns hier umgibt. Habt Ihr mich
noch so lieb wie als ich wegging? Schreibt Edmund
Dir schon viel über Eure Einrichtung, meine Evy?
Ich will recht bei der Aussteuer helfen, wenn wir
zurück sind, schade, daß ich so wenig Handarbeit verstehe. Von Albert's Buch haben wir längere Zeit
nichts gehört, schick' uns doch die Anzeigen, liebe
Irene. Wir freuten uns so, als wir die Broschüre
in Bozen in einem Schaufenster liegen sahen!
Historisches aus Tyrol muß ja auch die Tyroler interessiren. Wir gehen heute wieder zu Assunta von
Tizian. Das ist doch das allerschönste Bild. Ich
denke mich ganz hinein, und manchmal kommt es mir
vor, als sei es der Maria schmerzlich, in den Himmel aufzusteigen, wenn sich doch so viele Hände von
der Erde ihr nachstrecken. Ich lege Euch eine unaufgezogene Photographie des Bildes ein, sie ist aber
sehr schlecht. Wenn Ihr Eure Hochzeitsreise hierher
macht, müßt Ihr zuerst zur Assunta gehen.

Mit vielen Grüßen
Eure Schwester Klara.

Eugen Schmidthammer an Toni Emmer.

Venedig, 16. April.

Ich kann Dir nicht sagen, was für eine Offenbarung dies Kind für mich ist! Es wäre zwar verzweifelt unbequem, wenn alle Frauen wären wie sie,
aber besser für uns Männer wär's gewiß. Ich schäme
mich jedes unreinen Gedankens, seit ich sie kenne; ich
denke mit Grauen an die dumpfe Leidenschaft zu
Selma, wie an eine schwere Krankheit, die hinter
mir liegt, — ich bin überzeugt, sie könnte alles Gute
in mir wecken, alles Gemeine allmälig von mir abstreifen, — aber — was hilft es mir — sie will
mich ja nicht! Nein, Toni, sie will mich nicht!
Sie grüßte mich gestern, als wir uns vor der
Assunta trafen, mit einem müden Lächeln, und als
ich auf sie zutreten wollte, senkte sie den Kopf, daß
ihr großer Hut das Gesicht verdeckte und trat bei
Seite. Sie mag mich nicht mehr. Denn daß sie
mich früher gemocht hat, erkenn' ich nun wohl, wenn
ich an frühere Begegnungen denke. Wie da ihre
Augen „Willkommen!“ riefen, und die liebe Hand
sich mir entgegenstreckte, schon von Weitem. Nun
quält mich die Frage: Hätt' ich besser gethan, ihr
die Geschichte zu verschweigen? Aber sie hängt mir
doch einmal an, und wenn Selma mich geliebt hätte,
statt mit mir zu spielen, so wäre vielleicht, nein, gewiß — die Scheidung im Gange, und ich wäre in
absehbarer Zeit Selma's Mann! Die Thatsache läßt
sich doch nicht aus der Welt räumen, so qualvoll sie
mir jetzt auch ist. Wie glücklich, daß nicht alle
Wünsche in Erfüllung gehen! Denk' Dir, ich hätte
Selma geheirathet, und mir wäre dann Klärchen begegnet! Ich bin freilich auch so unselig.

Dein Eugen.

P. S. Ich male, daß es nur so spritzt. Die
Hechingen grüß' ich höflich, da ich sie ja doch nicht
vergiften kann, was ich lieber thäte.

FrauDr. Esmarch an ihre Kinder.

Venedig, 16. April.

Meine geliebten Kinder! Klärchen weiß nicht,
daß ich Euch dies schreibe, — es ist aber nothwendig,
weil ich Euch bitten möchte, in Euren Briefen nicht
nach dem Herrn Nietzsche zu fragen. Er ist uns ja
erst als ein grober, unschädlicher Polterer erschienen
und war gewissermaßen die komische Person auf unsrer
Reise. Jetzt aber hat er versucht, sich unserm arglosen Klärchen auf eine unbeschreiblich unzarte Art zu
nähern, und das arme Kind ist ganz außer sich.
Leider wohnt er wieder in demselben Hôtel wie wir,
und als er gestern Abend Klärchen allein im Lesezimmer traf, hat er es unbegreiflicher Weise gewagt,
einen Kuß von ihr zu verlangen. Ihr könnt Euch
den Schrecken des armen Kindes denken! Sie hat
zuerst gesagt: „Aber Sie sind doch nicht mein Großpapa!“ Da ist er zornig aufgesprungen und hat gesagt: „O, ich bin noch nicht so alt, ich kann noch,
was mancher Jüngere nicht kann! Meine Kinder sind
alle verheirathet, und mit einer jungen Frau lebt
man erst recht wieder auf, Sie sind noch ein bischen
kindisch, aber das wollt' ich Ihnen bald abgewöhnen.
Die Männer, die heirathen wollen, sind heutzutage
rar, und 'ne alte Jungfer wollen Sie doch nicht werden?“ Klärchen war ganz in eine Ecke verbarricadirt
hinter einem Lehnstuhl und mußte die plumpen Reden
anhören, bis zum Glück Leute hereinkamen, und sie,
zitternd vor Aufregung und Beschämung, in unser
Zimmer stürzte. Und trotzdem dieser Mann nun doch
gesehen hatte, wie erschrocken das Kind war, hat er
Papa im Garten abgefangen und ihm einen förmlichen Heirathsantrag gemacht. Dies nun weiß
Klärchen nicht, und ich bitte Euch, es auch nicht zu
erwähnen! Wie ist es möglich, daß der älteste unangenehmste Mann sich noch immer gut genug hält
für das jüngste und liebste Mädchen! Papa war so
zornig, wie ich ihn in den letzten Jahren gar nicht
gesehen habe. Und denkt Euch, der unverschämte
Mann hat Eure Schwester sogar noch beleidigt, hat
gesagt, sie habe ihn aufgemuntert und ihm verliebte
Augen zugemacht! Ihr wißt doch, wie Klärchen ist,
wie sie der ganzen Welt zulächelt und für Jeden ein
freundliches Wort hat, aber daß es so schändlich mißdeutet werden könnte, wäre mir nie in den Sinn gekommen. So lehrt der Verkehr mit Menschen uns
eine Vorsicht, die uns zwar beschützt, aber doch auch
entstellt. Ihr, meine Aeltesten, die Ihr das Glück
habt, mit guten, feinfühlenden Männern verlobt zu
sein, werdet meine Bekümmerniß um das arme Klärchen verstehen, und Du, mein lieber Sohn, mein guter
Rudi, Dich bitt' ich innig, wo Dich das Leben mit
Frauen zusammenführt, sei zart, sei achtsam, wir
sind so leicht verletzlich! Denke nicht, jedes freundliche Mädchen, das Dir zulächelt, weil der liebe Gott
es zum Lächeln geschaffen hat, sei schon bereit, sich in
Dich zu verlieben.

Wir reisen morgen früh direct nach Gossensaß,
wo wir uns noch einige Zeit aufzuhalten gedenken.
Die herbe Gebirgsluft bekommt Klärchen am Besten
und ist auch für Papa so anregend, obgleich gerade
er Venedig sehr ungern schon verläßt. Ihr wißt ja,
ihm ist diese „Pfahlbauerstadt von der höchsten künstlerischen Vollendung,“ wie er sie immer nennt, schon
dieser Eigenthümlichkeit wegen ans Herz gewachsen;
„das uralte Bauprincip der Seebewohner hat nur
diese einzige dauerhafte Blüthe gezeitigt,“ sagte er,
„alle übrigen Ansiedlungen sind auf ganz niedrer
Kulturstufe stehen geblieben.“ Die Frage, ob denn
gar keine Zwischenglieder existirt haben, beschäftigt
ihn sehr; wenn wir zurück sind, wird er wohl etwas
darüber schreiben. — Liebe Kinder, auch den jungen
Maler erwähnt lieber nicht. Ihr wißt, den Herrn
Schmidthammer, der sich uns eine Zeit lang angeschlossen und durch sein sympathisches Wesen und
seine Zuthunlichkeit sehr für sich eingenommen hatte.
Wir haben Allerlei über ihn gehört, was uns sehr
mißfällt, und wenn auch die Quelle unrein ist, — es
ist die Hechingen — so wird immerhin etwas Wahres
daran sein. Ich habe Klärchen gewarnt, aber sie
hält sich schon selbst zurück. Lebt wohl, meine geliebten Kinder. Ich küsse Euch zärtlich.

Eure Ma.

Eugen Schmidthammer an Toni Emmer.

Venedig, 18. April.

Du meinst, ich hätt' ihr noch sagen sollen, daß
zwischen mir und Selma Alles aus ist? Aber ich
bitte Dich, das versteht sich für sie doch ganz von
selbst! Nein, ich habe sie verloren, jetzt weiß ich's
sicher. Sie wird roth und blaß, wenn wir in Galerien und Kirchen zusammentreffen, was doch hie und
da geschieht. Und immer sind die Eltern dicht bei
ihr und sehen mich fremd und kühl an, als wollten
sie mich mit den Blicken in angemessener Entfernung
halten, und ich kann's kaum glauben, daß dies dieselben Menschen sind, die so unbefangen und freundlich waren und mich in ihr Haus einluden. Ich bin
in den Bann gethan! Frag' doch mal beiläufig
Selma, wenn Du sie siehst, ob sie mich verflucht hat.
Ich möchte wissen, ob ihre Flüche wirken. Was sie
übrigens dazu veranlaßt haben könnte, wüßt ich auch
gern. Daß ich Klarheit verlangte, ihr ein Entweder
— Oder stellte, wer kann mir's verdenken? Daß sie
trotz ihrer Liebe zu mir, ihrer sogenannten großen
Leidenschaft, es auch mit dem — Gatten nicht ganz
verderben wollte, daß sie ihr stattliches Haus, den
Luxus, der sie umgab, nicht aufzugeben gedachte, um
einem jungen Liebhaber zu folgen, der nicht viel
mehr hat als sein Talent, — ist das ihre Schuld
oder die meine? —

Ich füttere meine hungrige Seele, um sie über
die dürre Gegenwart zu täuschen, mit süßen Brocken
aus der Vergangenheit. Auf dem Dampfer von
Riva nach Gargnano hab' ich eigentlich am ungestörtesten in ihr liebes Gesicht schauen dürfen. Und dies
beglückte Plaudern! Eine Musikbande war auf dem
Schiff, spielte einen Walzer. Klärchen begann mit
den Füßen den Tact zu schlagen. Ich fragte sie, ob
sie gern tanze? „O ja,“ sagte sie, „sonst nicht so
gern, aber mit Ihnen möcht' ich es wohl 'mal probiren.“ — „Warum mit mir?“ frug ich wie ein
eitler Geck. — „Weil Sie meine Größe haben; auf
den zwei Bällen, die ich mitgemacht, war es entsetzlich! alle Herren, die mit mir tanzen wollten, kleiner
als ich! einige gingen mir geradezu unterm Arm
durch!“ Ihre klägliche Miene war zum Küssen.

Und heute früh sind sie abgereist! Ich sah sie
in einer Gepäckgondel den großen Canal hinein zum
Bahnhof fahren, ich schwenkte meinen Hut, aber sie
sahen mich nicht. Vielleicht auch wollten sie mich
nicht sehen.

Dein Eugen.

P. S. Hab's nicht lassen können, bin hinein zu
Bauer-Grünwald und hab' nach den Herrschaften Esmarch gefragt. „Soeben abgereist.“ Ich bedauerte
aufrichtig, Du weißt, wie aufrichtig! „Wissen Sie
zufällig, wohin die Herrschaften gehen?“ frug ich.
Der Oberkellner brachte das Fremdenbuch. Da
stand's: Gossensaß! Fremdenbücher sind doch eine
ausgezeichnete Erfindung, ich habe das nie genug eingesehen. So sag' denn auch ich der schönen Venezia
Lebewohl und fahre meinem Sterne nach! Wohin er
mich wohl schließlich führt? Ich bin begierig! Ob
nach München? Oder nach Bethlehem? D. O.

Baronin Hechingen an Frau Selma Corrodi.

Gossensaß, 22. April.

Ja, was sagen Sie nur, liebste schönste Frau
Selma, daß zu Ihrer Visit statt der dicken Hechingen
in Person nur e Brieferl von ihr kommt! Gelt, Sie
werden mich schön ausrichten! Die alte Ratschen,
werden Sie sagen, wann man's emal braucht, um so
e leidige Kaffeevisit e bisserl aufzumuntern, da kommt
sie nit! Ja, wenn die Ax' nit brochen wär', gestern
Abend an unserm Zug hier bei Gossensaß, so wär'
die Hechingen schon kommen, aber 's ist ihr halt
nicht geheuer gewesen, nachher in dem reparirten
Wagen, wissen's, und so bin ich dablieben. Ach, was
hab' ich erlebt; was hab' ich erlebt! Mein Herz hat
geschlagen, mehr als das Ihrige, Frau Selma, bei
Ihrem ersten Rendez-vous! Es ist zwar schon lang'
her, aber vielleicht gedenkt's Ihnen doch noch! Also
ich bin vom Regen in die Traufen hereinkommen.
Wissen's, ich hab' die Reise hierher gemacht mit einer
scharmanten Bekanntschaft von mir, Nize heißt er
oder so was und ist ein Landrath, ein grober Kerl,
aber man muß lachen. Im Wartesaal in Bozen saß
ein junges sauberes Bauermadel, drei geistliche Herren
rundum und schneiden ihr die Cour. Ich stoß den
Nize an und zeig ihm die Gruppe, da sagt er den
biblischen Spruch her von den Adlern, die sich sammeln, wo — na, fein war's nit, aber gar nit übel,
ich sag's ja, die Preußen haben Salz. — Also der
Landrath und ich, wir geh'n mitsammen ins Hôtel,
was man hier so heißt, mir geben sie ein erbärmliches Zimmer, dem Nitz eines daneben, nach dem
Nachtessen geh ich bald schlafen. Auf einmal ist ein
Gelauf und Getöbse draußen auf der Dorfgasse, daß
ich auffahre, und es donnert an die Wand: „Baronin, es brennt! Feuer!“ Der Nitz hat's also
früher gemerkt als ich! Durch den Vorhang gibt's
schon einen rothen Schein, ich war mehr todt als lebendig. „Na, dies ist 'ne Zucht!“ schreit der Nitz
immer durch die Wand, „der Wind steht hier herüber, nu man alle Mann aus der Bude hier raus!“
Ich sah's nit für so schlimm an, will mich grad noch
e bisserl pudern gegen die Nachtluft, da fährt die
Wirthin herein und schreit: „Bitt schön, hier sind Sie
nicht sicher, 's Haus ist schon 'mal abgebrannt.“
Gelt, die Leut, die gewissenlosen? Quartiren Gäst'
in ein Haus ein, das schon einmal abgebrannt ist!
Eh ich meinen Zorn an dem Weib auslassen konnt',
war sie schon draußen, und ich steh da und schrei um
Hülfe, denn wie sollt ich den Koffer wegschaffen?
Wenigstens wird doch der Nitzsch so viel Cavalier
sein, daß er mir den Koffer nausschafft, denk ich.
Aber nein, Frau Selma, in unserm Alter da ist
Spiel und Tanz vorbei! Sie werden's auch schon erfahren haben, arme Seel'. Ich allein mit meinen
schwachen Kräften mußt' den schweren Handkoffer
hinauszerren, und wie ich, — kaum noch konnt' ich
schnaufen, — über dem Gang auf der Haustreppe
stehe, seh ich den Landrath mit 'em Perspectiv in
der Hand auf den Stufen auf seinem eignen Koffer
sitzen, und wie ich ihm zurufe, schreit er: „Na, wir
können froh sein, daß wir hier trocken sitzen; da geht
es bös' her, die alten hölzernen Baracken brennen,
als wenn's Kartenhäuser wären.“ Ich setzte mich
also neben ihn und kriegte auch mein Perspectiv vor,
denn auf der Steintreppe war's nit gefährlich.
Sieben Häuser brannten auf einmal, lichterloh, und
es war ein Geschrei, daß man sein eigen Wort kaum
versteh'n konnt'. Auch im Bräuhaus und in der
Post saßen die Gäste mit ihrem Gepäck auf der
Treppe, die meisten aber stellten sich in Reih und
Glied auf, vom Bach bis zur Brandstätte, und ließen
die Feuereimer durch die Hände geh'n, denn eine
Feuerspritz schien hier ganz unbekannt zu sein. Die
paar Tropferln machten natürlich nicht viel aus, und
es brannte immer ärger. Alles kam mit dem bisserl
Hausrath auf die Straße heraus, das Vieh brüllte,
die Weiber schrien, 's war wie auf dem Theater.
Und wissen's, wer der Hauptmann bei der Feuerwehr
war, ich meine, bei der improvisirten? Ich wollt'
meinen Augen nicht trauen, ein guter Bekannter von
Ihnen, Frau Selma, kein Andrer als der Maler
Schmidthammer, der mich, scheint's, nit gut leiden
kann, weil ich ihn, wann sich's schickt, an Sie erinnere! Der Bub muß immer mit dem Feuer spielen!
Ich weiß schon, Sie hören's nit gern, Liebste, wann
ich von ihm rede, — 's ist halt immer kränkend,
wann man einen jungen Anbeter einbüßt. Aber interessiren wird Sie's doch, daß er hier so romantisch
mit 'em Wassereimer umenandergesprungen ist, gelt?
Und das Schönste kommt noch! Auf einmal nämlich
wird ein Mordsgeschrei: „Das achte Haus hat Feuer
gefangen!“ und zwei, drei Weiber stürzen daher und
wollen die Schweine wegtreiben, die über die Gasse
zotteln, grad auf das Feuer los. Eine jammert, daß
es mir grad einen Stich durchs Herz gibt, denn das
Schweinsvieh ist ihr entkommen und lauft gradaus.
Da springt auf einmal eine hinter ihm drein, packt's
um den schmutzigen Leib und will's zurückziehen!
„Jessas,“ ruf' ich den Nitsch an, „ist das nicht die
junge Person, die das Hunderl hat? das Klärchen
Esmarch?“ Und sie ist's, und grad seh' ich sie neben
dem brennenden Haus hineinlaufen, dem Schweindel
nach! Und hast Du nicht geseh'n, der Schmidthammer mit dem Feuereimer thut einen Sprung und
hinter ihr drein, und hinter dem der Vater, der Esmarch, und hinter dem wieder die Mutter, alle in
den brennenden Stall! Jetzt seh'n Sie, Liebste, so
was Dummes kann nur e ganz junges Madel anstellen, denken Sie sich, mir zwei, daß wir auf ein
Schweindel Jagd machten, — 's wär' nicht schlecht
für die „Fliegenden.“ So einem blutjungen Ding aber
steht Alles, und darum halt ich's auch mit der Jugend. — Ich bin Ihnen aber auch gut, das wissen's
doch? Kurz, als sie wieder zum Vorschein kamen,
das Märchen, wie sich's gehört, in den Armen von
dem jungen Menschen, und der Esmarch mit dem
Schweindel, und die Frau Esmarch bald das Klärchen streichelte und bald das Schweindel, da hätt'
ich was d'rum gegeben, wenn ich hätt' an dem Klärchen ihrer Stell' sein dürfen! Und Sie auch, gelt,
Liebste? Jetzt bin ich begierig, wie sich die Geschicht'
weiter machen wird. Ich denk', ich kann Ihnen bald
eine fröhliche Verlobung melden, und deswegen bin
ich heut' noch hier blieben. Eine Feuerspritz' von
Sterzing ist kommen, gleich nach dem Knalleffekt und
hat das Feuer ausgelöscht. Wir haben dann noch
einen Kaffee machen lassen und schlafen wollen, aber
es ging nicht, das ganze Wirthshaus war voll von
Bauerbuben, die freie Zeche verlangten, weil sie das
Dorf gerettet haben. Sie hätten's aber fein abbrennen lassen, ohne die Fremden, sie hatten ganz den
Kopf verloren. Ich hab' mich schon befragt nach den
Esmarch's, die im Bräuhaus wohnen, aber sie nehmen noch keinen Besuch an, sie haben alle drei leichte
Brandwunden erlitten, und nur der Schmidthammer
hat nichts. Das heißt, er wird halt ein brennendes
Herz haben! — Jetzt bitt' ich schön, daß Sie den
Brief, den langmächtigen, in Ihrer Visit heute vorlesen, daß die Hechingen doch dabei gewesen ist. 's
ist odios, wenn man alt wird! Das junge Volk freit
und läßt sich freien, und wir sitzen daneben. Jetzt
sorgen Sie nur, daß Sie Ihre Zeit ausnützen, ein
paar Jährle haben Sie immer noch vor sich, allerschönste Maifee! Immer

Ihre treue dicke Hechingen.

Klärchen an die Geschwister.

Gossensatz, 22. April, Nachmittags.

Meine süßen Schwestern und mein Herzensbruder! Wir fürchten, daß Ihr etwas über die
Brandnacht von gestern in den Zeitungen findet, ehe
Ihr wißt, daß es uns ganz gut geht, und deshalb
will ich Euch schnell beruhigen! Natürlich haben wir
uns bei dem großen Unglück helfend betheiligen wollen; es fehlte namentlich an Wasser, denn der Bach
ist seicht, und der Eisak nicht so nah', — es war ein
unbeschreiblicher Jammer. Drei arme Familien, die
Alles eingebüßt haben, da sie nicht versichert waren,
sitzen in Thränen und Verzweiflung in der Küche
unsres Wirthshauses. Papa hat unter den Fremden
hier eine Collecte gemacht, die ziemlich viel eingebracht
hat, und wir sind übereingekommen, unsre Rückreise
zu beschleunigen, um das Scherflein zu vergrößern.
Ein Glück ist es nur, daß kein Mensch verunglückt,
auch außer einigen armen Hühnern kein Vieh verbrannt ist. Wir drei sind, glaub' ich, die Einzigen,
die einige Brandwunden haben. Aber meine sind
ganz unbedeutend, nur an der linken Hand, und
Papa's und Mama's sind noch geringer, wie sie
sagen. Liebe, süße Kinder, ich muß es Euch doch
sagen, vielleicht wäre es schlimm mit mir geworden,
wenn mich Herr Schmidthammer nicht hinausgetragen
hätte! Ich war vom Rauch ohnmächtig geworden,
und er fand mich und trug mich ins Freie. Ich hab'
ihn noch nicht wieder gesehen, aber ich muß immer
an ihn denken. Wenn er nicht bald kommt, geh' ich
hinüber, wo er wohnt, und erkundige mich, ob er auch
ganz unverletzt ist, — oder ich bitte Papa, daß er
geht. Ich habe nämlich ein böses Gewissen ihm gegenüber; ich bin ziemlich unfreundlich gegen ihn gewesen. Und nun hat er mein Leben gerettet! Ich
bin noch ganz betäubt, kann nicht klar denken. Bald
mehr, Ihr Geliebten

von Eurer Klara.

Eugen Schmidthammer an Toni Emmer.

Gossensaß, 23. April.

O, mein Freund, dies Klärchen! Hast Du von
der Feuersbrunst gehört, die heut' Nacht hier sieben
Häuser in Asche gelegt hat? Denke Dir, die Kleine
lief einem Schweinchen nach in einen brennenden
Stall, das unbesonnene, hochherzige Kind, — ich war
in der Nähe, und hab' sie herausholen dürfen! Mir
ist's wie ein Traum, daß ich sie auf den Armen hielt.
Aber nun? was soll ich jetzt thun? Mir ihre Dankbarkeit zu Nutze machen? Das wäre nicht mein Geschmack! Soll ich —

(Drei Stunden später.) Toni, mein alter Junge,
wenn ich je wieder vom geraden Wege weiche, dann
heiß' mich einen Schuft, einen Verlorenen, Alles, was
Du willst! Denke Dir, sie sind hier gewesen, hier
bei mir, alle drei, Vater, Mutter und Kind, um zu
sehen, ob ich auch heil und gesund sei! Und nachher hat der Vater mich bei Seite geführt und mir
gesagt, er möchte reinen Wein haben über die häßliche Geschichte, die ihnen die Hechingen erzählt. Da
hab' ich denn mein Herz erleichtert, Mann dem
Manne, und der treffliche Doktor hat zwar stark mit
dem grauen Kopf geschüttelt, ist auch, die Hände auf
dem Rücken, lange mit mir auf- und abgegangen,
endlich aber hat er doch gemeint, er wolle den Umgang mit mir wieder aufnehmen, nur bitt' er sich
aus, daß ich dem Klärchen keine Grillen in den Kopf
setze. Da hab' ich mich nicht halten können und hab'
ihm auch über das Klärchen Alles gesagt, was ich zu
sagen hatte. Da hat er mir geantwortet, wenn ich
mein Herz ein Jahr lang prüfen und schweigen wolle,
dann werde er nicht dazwischen treten. Darauf hat
er seine Frau gerufen und ihr unser Abkommen mitgetheilt, und so bin ich nun also der geduldete Bewerber um das reizendste Geschöpf dieser Erde! Ich
werde ihr sagen: „Liebes Herz, von mir weißt Du's
nun wenigstens, daß ich nicht immer viel getaugt
habe, und auch wieso nicht, — wenn ein Andrer
käme und verschwiege sein Vorleben, und gäbe Dir
nicht, wie ich, das Versprechen, gut zu sein, — Du
könntest noch weit ärger enttäuscht werden.“ Soll ich
das sagen? Oder sie daran erinnern, daß ich acht
Jahre älter bin als sie, und deshalb mehr Gelegenheit gehabt habe, zu sündigen? Ach, sie wird mir
ewig etwas zu vergeben haben! Was thäten wir
ohne die Nachsicht der Frauen!

Dein glücklicher Eugen.

Klärchen an die Geschwister.

Gossensaß, 24. April.

Meine süßen Drei! Morgen sind wir bei Euch,
alle drei, alle vier! Wer der Vierte ist? Ich sag's
nicht, vielleicht könnt Ihr es rathen! Putzi liebt ihn
unbeschreiblich, und es ist eine gegenseitige Liebe.
Wir haben heut' einen wonnevollen Tag gehabt, Alle
zusammen. Mit verbundenen Händen zwar, — Papa's
Wunde ist schon fast wieder gut — aber dennoch
haben wir Frühlingssträuße gepflückt; am Eisakufer
und unter dem Berge, der Hühnerspiel heißt, steht
Alles voll der schönsten Alpenblumen. Und ein Himmel, so hoch und weit, und der Feuersteingletscher in
der Sonne blendend wie weißes Feuer! Schon wird
der Schutt der verbrannten Wohnungen weggeräumt,
und es heißt jetzt, der Schaden sei weniger groß, als
man anfangs vermuthete. Herr Schmidthammer hat
in Venedig sehr schöne Farbenskizzen gemacht, ich hab'
ihm ganz Unrecht gethan mit meinem vorschnellen
Urtheil über sein Skizzenbuch. Mama sagt, man
glaubt einen Menschen zu kennen und kennt ihn noch
lange nicht ganz. O, wie wahr das ist. Er ist der
beste, liebste, tapferste Mensch, den man sich denken
kann. Und so aufrichtig! Ich bin so glücklich

Eure kleine Kläre.

Eugen Schmidthammer an Toni Emmer.

Gossensaß, 24. April.

O Freund, sie liebt mich wirklich, Klärchen liebt
mich! Als ich die schrecklichen Briefe bekam, die Du
mir endlich geschickt hast, — Du mußt mir noch erzählen, wie Du sie ihr entwunden, Freund, — als
die Blätter an die Frau, die mein Herz in ihren
Händen gehalten, mir zwischen den Fingern brannten,
dacht' ich plötzlich: Wie, wenn ich sie Klärchen übergebe, damit sie sieht, daß ich kein Geheimniß vor ihr
habe! Es war eine Gewaltprobe, ich wußt' es wohl,
denn wenn sie diese tollen Dinge las, wenn ihre
Neugier größer war als ihr Vertrauen, dann mußte
ich auf das Schlimmste gefaßt sein, dann stand ihre
junge Neigung sicher auf dem Spiel. Aber ich war
so unruhig, ich wollte Gewißheit haben. So sucht'
ich Klärchen auf und gab ihr die Briefe. Und was
that sie? O Freund, sie gab sie mir zurück und
sagte mit einem himmlischen Lächeln: „Es ist ja
vorbei! verbrennen Sie sie; nicht wahr, Sie wollen
es niemals wieder thun?“ Wie mich die Kinderworte durchzuckten: ich wäre ihr fast zu Füßen gefallen! — Toni, Toni, was wirst Du sagen, wenn
Du sie siehst! Aber brav muß ich sein, furchtbar
brav, mein Lebelang, sonst geht es mir schlimm.
Morgen sehen wir uns! Ich rücke Dir gleich auf
die Bude und erzähle Dir von ihr, bis Du Dir die
Ohren zuhältst! Uebers Jahr Bräutigam.

Dein Eugen.