Schach von Wuthenow

1. Kapitel.
Im Salon der Frau v. Carayon.

In dem Salon der in der Behrenstraße wohnenden Frau v. Carayon und ihrer Tochter
Victoire waren an ihrem gewöhnlichen Empfangsabend einige Freunde versammelt, aber freilich
wenige nur, da die große Hitze des Tages auch die
treuesten Anhänger des Zirkels ins Freie gelockt hatte.
Von den Offizieren des Regiments Gensdarmes, die
selten an einem dieser Abende fehlten, war nur einer
erschienen, ein Herr v. Alvensleben, und hatte neben
der schönen Frau vom Hause Platz genommen unter
gleichzeitigem scherzhaftem Bedauern darüber, daß gerade
der fehle, dem dieser Platz in Wahrheit gebühre.

Beiden gegenüber, an der der Mitte des Zimmers
zugekehrten Tischseite, saßen zwei Herren in Civil, die,
seit wenig Wochen erst heimisch in diesem Kreise, sich
nichtsdestoweniger bereits eine dominierende Stellung
innerhalb desselben errungen hatten. Am entschiedensten der um einige Jahre jüngere von beiden, ein
ehemaliger Stabskapitän, der, nach einem abenteuernden Leben in England und den Unionsstaaten in
die Heimat zurückgekehrt, allgemein als das Haupt
jener militärischen Frondeurs angesehen wurde, die
damals die politische Meinung der Hauptstadt machten,
beziehungsweise terrorisierten. Sein Name war
v. Bülow. Nonchalance gehörte mit zur Genialität,
und so focht er denn, beide Füße weit vorgestreckt
und die linke Hand in der Hosentasche, mit seiner
Rechten in der Luft umher, um durch lebhafte Gestikulationen seinem Kathedervortrage Nachdruck zu geben.
Er konnte, wie seine Freunde sagten, nur sprechen um
Vortrag zu halten, und — er sprach eigentlich immer.
Der starke Herr neben ihm war der Verleger seiner
Schriften, Herr Daniel Sander, im Übrigen aber sein
vollkommener Widerpart, wenigstens in allem was
Erscheinung anging. Ein schwarzer Vollbart umrahmte sein Gesicht, das ebensoviel Behagen wie
Sarkasmus ausdrückte, während ihm der in der Taille
knapp anschließende Rock von niederländischem Tuche
sein Embonpoint zusammenschnürte. Was den Gegensatz vollendete, war die feinste weiße Wäsche, worin
Bülow keineswegs excellierte.

Das Gespräch, das eben geführt wurde, schien
sich um die kurz vorher beendete Haugwitzsche Mission
zu drehen, die, nach Bülows Ansicht, nicht nur ein
wünschenswertes Einvernehmen zwischen Preußen und
Frankreich wieder hergestellt, sondern uns auch den
Besitz von Hannover noch als „Morgengabe“ mit eingetragen habe. Frau v. Carayon aber bemängelte
diese „Morgengabe“, weil man nicht gut geben
oder verschenken könne, was man nicht habe, bei welchem Worte die bis dahin unbemerkt am Theetisch
beschäftigt gewesene Tochter Victoire der Mutter einen
zärtlichen Blick zuwarf, während Alvensleben der
schönen Frau die Hand küßte.

„Ihrer Zustimmung, lieber Alvensleben,“ nahm
Frau v. Carayon das Wort, „war ich sicher. Aber
sehen Sie, wie minos- und rhadamantusartig unser
Freund Bülow dasitzt. Er brütet mal wieder Sturm,
Victoire, reiche Herrn v. Bülow von den Karlsbader
Oblaten. Es ist, glaub' ich, das Einzige, was er
von Öesterreich gelten läßt. Inzwischen unterhält
uns Herr Sander von unseren Fortschritten in der
neuen Provinz. Ich fürchte nur, daß sie nicht groß
sind.“

„Oder sagen wir lieber, gar nicht existieren,“ erwiderte Sander. „Alles was zum welfischen Löwen
oder zum springenden Roß hält, will sich nicht preußisch regieren lassen. Und ich verdenk es Keinem.
Für die Polen reichten wir allenfalls aus. Aber die
Hannoveraner sind feine Leute.“

„Ja, das sind sie,“ bestätigte Frau v. Carayon,
während sie gleich danach hinzufügte: „Vielleicht auch
etwas hochmütig.“

„Etwas!“ lachte Bülow. „O, meine Gnädigste,
wer doch allzeit einer ähnlichen Milde begegnete.
Glauben Sie mir, ich kenne die Hannoveraner seit
lange, hab ihnen in meiner Altmärker-Eigenschaft so
zu sagen von Jugend auf über den Zaun gekuckt, und
darf Ihnen danach versichern, daß alles das, was mir
England so zuwider macht, in diesem welfischen Stammlande doppelt anzutreffen ist. Ich gönn' ihnen deshalb die Zuchtrute, die wir ihnen bringen. Unsere
preußische Wirtschaft ist erbärmlich, und Mirabeau
hatte Recht, den gepriesenen Staat Friedrichs des
Großen mit einer Frucht zu vergleichen, die schon faul
sei, bevor sie noch reif geworden, aber faul oder nicht,
Eines haben wir wenigstens: ein Gefühl davon,
daß die Welt in diesen letzten funfzehn Jahren einen
Schritt vorwärts gemacht hat, und daß sich die großen
Geschicke derselben nicht notwendig zwischen Nuthe und
Notte vollziehen müssen. In Hannover aber glaubt man
immer noch an eine Spezialaufgabe Kalenbergs und
der Lüneburger Haide. Nomen et omen. Es ist
der Sitz der Stagnation, eine Brutstätte der Vorurteile. Wir wissen wenigstens, daß wir nichts taugen, und in dieser Erkenntnis ist die Möglichkeit der
Besserung gegeben. Im Einzelnen bleiben wir hinter
ihnen zurück, zugegeben, aber im Ganzen sind wir
ihnen voraus, und darin steckt ein Anspruch und ein
Recht, die wir geltend machen müssen. Daß wir, trotz
Sander, in Polen eigentlich gescheitert sind, beweist nichts;
der Staat strengte sich nicht an und hielt seine Steuereinnehmer gerade für gut genug, um die Kultur nach
Osten zu tragen. In soweit mit Recht, als selbst ein
Steuereinnehmer die Ordnung vertritt, wenn auch
freilich von der unangenehmen Seite.“

Victoire, die von dem Augenblick an, wo Polen
mit ins Gespräch gezogen worden war, ihren Platz am
Theetisch aufgegeben hatte, drohte jetzt zu dem Sprecher
hinüber und sagte: „Sie müssen wissen, Herr v. Bülow,
daß ich die Polen liebe, sogar de tout mon coeur.“
Und dabei beugte sie sich aus dem Schatten in den
Lichtschein der Lampe vor, in dessen Helle man jetzt
deutlich erkennen konnte, daß ihr feines Profil, das
einst dem der Mutter geglichen haben mochte, durch
zahlreiche Blatternarben aber um seine frühere Schönheit gekommen war.

Jeder mußt' es sehen, und der Einzige, der es
nicht sah, oder, wenn er es sah, als absolut gleichgiltig betrachtete, war Bülow. Er wiederholte nur:
„o ja, die Polen. Es sind die besten Mazurkatänzer,
und darum lieben Sie sie.“

„Nicht doch. Ich liebe sie, weil sie ritterlich und
unglücklich sind.“

„Auch das. Es läßt sich dergleichen sagen. Und
um dies ihr Unglück könnte man sie beinah beneiden,
denn es trägt ihnen die Sympathien aller Damenherzen ein. In Fraueneroberungen haben sie, von
alter Zeit her, die glänzendste Kriegsgeschichte.“

„Und wer rettete . .“

„Sie kennen meine ketzerischen Ansichten über
Rettungen. Und nun gar Wien! Es wurde gerettet.
Allerdings. Aber wozu? Meine Phantasie schwelgt
ordentlich in der Vorstellung, eine Favoritsultanin in
der Krypta der Kapuziner stehen zu sehen. Vielleicht
da, wo jetzt Maria Theresia steht. Etwas vom
Islam ist bei diesen Hahndel- und Fasahndelmännern
immer zu Hause gewesen, und Europa hätt' ein
bischen mehr von Serail- oder Haremwirtschaft ohne
großen Schaden ertragen . .“

Ein eintretender Diener meldete den Rittmeister
v. Schach, und ein Schimmer freudiger Überraschung überflog beide Damen, als der Angemeldete gleich darnach eintrat. Er küßte der Frau
v. Carayon die Hand, verneigte sich gegen Victoire,
und begrüßte dann Alvensleben mit Herzlichkeit, Bülow
und Sander aber mit Zurückhaltung.

„Ich fürchte, Herrn v. Bülow unterbrochen zu
haben . . .“

„Ein allerdings unvermeidlicher Fall,“ antwortete
Sander und rückte seinen Stuhl zur Seite. Man
lachte, Bülow selbst stimmte mit ein, und nur an
Schachs mehr als gewöhnlicher Zurückhaltung ließ
sich erkennen, daß er entweder unter dem Eindruck
eines ihm persönlich unangenehmen Ereignisses oder
aber einer politisch unerfreulichen Nachricht in den
Salon eingetreten sein müsse.

„Was bringen Sie, lieber Schach? Sie sind
präokkupiert. Sind neue Stürme . . .“

„Nicht das, gnädigste Frau, nicht das. Ich
komme von der Gräfin Haugwitz, bei der ich um
so häufiger verweile, je mehr ich mich von dem Grafen
und seiner Politik zurückziehe. Die Gräfin weiß es
und billigt mein Benehmen. Eben begannen wir ein
Gespräch, als sich draußen vor dem Palais eine Volksmasse zu sammeln begann, erst Hunderte, dann Tausende. Dabei wuchs der Lärm und zuletzt ward ein
Stein geworfen und flog an dem Tisch vorbei, daran
wir saßen. Ein Haar breit und die Gräfin wurde
getroffen. Wovon sie aber wirklich getroffen wurde,
das waren die Worte, die Verwünschungen, die heraufklangen. Endlich erschien der Graf selbst. Er
war vollkommen gefaßt und verleugnete keinen Augenblick den Kavalier. Es währte jedoch lang', eh' die
Straße gesäubert werden konnte. Sind wir bereits
dahin gekommen? Emeute, Krawall. Und das im
Lande Preußen, unter den Augen Seiner Majestät.“

„Und speziell uns wird man für diese Geschehnisse verantwortlich machen,“ unterbrach Alvensleben,
„speziell uns von den Gensdarmes. Man weiß, daß
wir diese Liebedienerei gegen Frankreich mißbilligen,
von der wir schließlich nichts haben als gestohlene
Provinzen. Alle Welt weiß, wie wir dazu stehen,
auch bei Hofe weiß mans, und man wird nicht
säumen, uns diese Zusammenrottung in die Schuh zu
schieben.“

„Ein Anblick für Götter,“ sagte Sander. „Das
Regiment Gensdarmes unter Anklage von Hochverrat und Krawall.“

„Und nicht mit Unrecht,“ fuhr Bülow in jetzt
wirklicher Erregung dazwischen. „Nicht mit Unrecht,
sag' ich. Und das witzeln Sie nicht fort, Sander.
Warum führen die Herren, die jeden Tag klüger sein
wollen, als der König und seine Minister, warum
führen sie diese Sprache? Warum politisieren sie?
Ob eine Truppe politisieren darf, stehe dahin, aber
wenn sie politisiert, so politisiere sie wenigstens richtig. Endlich sind wir jetzt auf dem rechten Weg,
endlich stehen wir da, wo wir von Anfang an hätten
stehen sollen, endlich hat Seine Majestät den Vorstellungen der Vernunft Gehör gegeben und was geschieht? Unsere Herren Offiziere, deren drittes Wort
der König und ihre Loyalität ist, und denen doch
immer nur wohl wird, wenn es nach Rußland und
Juchten und recht wenig nach Freiheit riecht, unsere Herren
Offiziere, sag' ich, gefallen sich plötzlich in einer ebenso
naiven wie gefährlichen Oppositionslust, und fordern
durch ihr keckes Thun und ihre noch keckeren Worte
den Zorn des kaum besänftigten Imperators heraus.
Dergleichen verpflanzt sich dann leicht auf die Gasse.
Die Herren vom Regiment Gensdarmes werden freilich den Stein nicht selber heben, der schließlich bis
an den Theetisch der Gräfin fliegt, aber sie sind doch
die moralischen Urheber dieses Krawalles, sie haben
die Stimmung dazu gemacht.“

„Nein, diese Stimmung war da.“

„Gut. Vielleicht war sie da. Aber wenn sie
da war, so galt es, sie zu bekämpfen, nicht aber sie
zu nähren. Nähren wir sie, so beschleunigen wir
unsern Untergang. Der Kaiser wartet nur auf eine
Gelegenheit, wir sind mit vielen Posten in sein Schuldbuch eingetragen, und zählt er erst die Summe, so
sind wir verloren.“

„Glaubs nicht,“ antwortete Schach. „Ich vermag Ihnen nicht zu folgen, Herr v. Bülow.“

„Was ich beklage.“

„Ich desto weniger. Es trifft sich bequem für
Sie, daß Sie mich und meine Kameraden über Landes- und Königstreue belehren und aufklären dürfen,
denn die Grundsätze, zu denen Sie sich bekennen, sind
momentan obenauf. Wir stehen jetzt nach Ihrem Wunsch
und allerhöchstem Willen am Tische Frankreichs und
lesen die Brosamen auf, die von des Kaisers Tische
fallen. Aber auf wie lange? Der Staat Friedrichs
des Großen muß sich wieder auf sich selbst besinnen.“

„So ers nur thäte,“ replizierte Bülow. „Aber
das versäumt er eben. Ist dies Schwanken, dies
immer noch halbe Stehen zu Rußland und Österreich, das uns dem Empereur entfremdet, ist das
Fridericianische Politik? Ich frage Sie?“

„Sie mißverstehen mich.“

„So bitt ich, mich aus dem Mißverständnis zu
reißen.“

„Was ich wenigstens versuchen will . . Übrigens
wollen Sie mich mißverstehen, Herr v. Bülow.
Ich bekämpfe nicht das französische Bündnis, weil es
ein Bündnis ist, auch nicht deshalb, weil es nach
Art aller Bündnisse darauf aus ist, unsere Kraft zu
diesem oder jenem Zweck zu doublieren. O, nein;
wie könnt' ich? Allianzen sind Mittel, deren jede
Politik bedarf; auch der große König hat sich dieser
Mittel bedient und innerhalb dieser Mittel beständig
gewechselt. Aber nicht gewechselt hat er in seinem
Endzweck. Dieser war unverrückt: ein starkes und
selbständiges Preußen. Und nun frag' ich Sie, Herr
v. Bülow, ist das, was uns Graf Haugwitz heimgebracht hat, und was sich Ihrer Zustimmung so
sehr erfreut, ist das ein starkes und selbständiges
Preußen? Sie haben mich gefragt, nun frag ich
Sie.“

2. Kapitel.
„Die Weihe der Kraft.“

Bülow, dessen Züge den Ausdruck einer äußersten Überheblichkeit anzunehmen begannen,
wollte replizieren, aber Frau v. Carayon
unterbrach und sagte: „Lernen wir etwas aus der
Politik unserer Tage: wo nicht Friede sein kann, da
sei wenigstens Waffenstillstand. Auch hier . . Und
nun raten Sie, lieber Alvensleben, wer heute hier
war, uns seinen Besuch zu machen? Eine Berühmtheit. Und von der Rahel Lewin uns zugewiesen.“

„Also der Prinz,“ sagte Alvensleben.

„O nein, berühmter, oder doch wenigstens tagesberühmter. Der Prinz ist eine etablierte Celebrität,
und Celebritäten, die zehn Jahre gedauert haben,
sind keine mehr . . Ich will Ihnen übrigens zu Hilfe
kommen, es geht ins Litterarische hinüber, und so
möcht' ich denn auch annehmen, daß uns Herr Sander
das Rätsel lösen wird.“

„Ich will es wenigstens versuchen, gnädigste Frau,
wobei mir Ihr Zutrauen vielleicht eine gewisse Weihekraft, oder sagen wirs lieber rund heraus, eine gewisse
,Weihe der Kraft' verleihen wird.“

„O vorzüglich. Ja, Zacharias Werner war hier.
Leider waren wir aus, und so sind wir denn um den
uns zugedachten Besuch gekommen. Ich hab es sehr
bedauert.“

„Sie sollten sich umgekehrt beglückwünschen, einer
Enttäuschung entgangen zu sein“ nahm Bülow das Wort.
„Es ist selten, daß die Dichter der Vorstellung entsprechen,
die wir uns von ihnen machen. Wir erwarten einen Olympier, einen Nektar- und Ambrosia- und sehen statt
dessen einen Gourmand einen Putenbraten verzehren;
wir erwarten Mitteilungen aus seiner geheimsten
Zwiesprach mit den Göttern und hören ihn von
seinem letzten Orden erzählen oder wohl gar die allergnädigsten Worte zitieren, die Serenissimus über das
jüngste Kind seiner Muse geäußert hat. Vielleicht
auch Serenissima, was immer das denkbar Albernste
bedeutet“.

„Aber doch schließlich nichts Alberneres, als das
Urteil solcher, die den Vorzug haben, in einem
Stall oder einer Scheune geboren zu sein,“ sagte
Schach spitz.

„Ich muß Ihnen zu meinem Bedauern, mein sehr
verehrter Herr v. Schach, auch auf diesem Gebiete
widersprechen. Der Unterschied, den Sie bezweifeln,
ist wenigstens nach meinen Erfahrungen thatsächlich
vorhanden, und zwar, wie Sie mir zu wiederholen
gestatten wollen, zu Nicht-Gunsten von Serenissimus.
In der Welt der kleinen Leute steht das Urteil an
und für sich nicht höher, aber die verlegene Bescheidenheit, darin sichs kleidet und das stotternde Schlechte-Gewissen, womit es zu Tage tritt, haben allemal
etwas Versöhnendes. Und nun spricht der Fürst!
Er ist der Gesetzgeber seines Landes in all und jedem,
in Großem und Kleinem, also natürlich auch in Ästheticis. Wer über Leben und Tod entscheidet, sollte
der nicht auch über ein Gedichtchen entscheiden können?
Ah, bah! Er mag sprechen was er will, es sind
immer Tafeln direkt vom Sinai. Ich habe solche
zehn Gebote mehr als einmal verkünden hören, und
weiß seitdem was es heißt: regarder dans le Néant.“

„Und doch stimm' ich der Mama bei,“ bemerkte
Victoire, der daran lag das Gespräch auf seinen Anfang, auf das Stück und seinen Dichter also zurückzuführen.
„Es wäre mir wirklich eine Freude gewesen, den
‚tagesberühmten Herrn‘, wie Mama ihn einschränkend
genannt hat, kennen zu lernen. Sie vergessen, Herr
von Bülow, daß wir Frauen sind, und daß wir als
solche ein Recht haben, neugierig zu sein. An einer
Berühmtheit wenig Gefallen zu finden, ist schließlich
immer noch besser, als sie garnicht gesehen zu haben.“

„Und wir werden ihn in der That nicht mehr
sehen, in aller Bestimmtheit nicht,“ fügte Frau v. Carayon hinzu. „Er verläßt Berlin in den nächsten
Tagen schon und war überhaupt nur hier, um den
ersten Proben seines Stückes beizuwohnen.“

„Was also heißt“ warf Alvensleben, ein „daß
an der Aufführung selbst nicht länger mehr zu
zweifeln ist.“

„Ich glaube, nein. Man hat den Hof dafür zu
gewinnen oder wenigstens alle beigebrachten Bedenken
niederzuschlagen gewußt.“

„Was ich unbegreiflich finde,“ fuhr Alvensleben
fort. „Ich habe das Stück gelesen. Er will Luther
verherrlichen, und der Pferdefuß des Jesuitismus guckt
überall unter dem schwarzen Doktormantel hervor.
Am rätselhaftesten aber ist es mir, daß sich Iffland
dafür interessiert, Iffland ein Freimaurer.“

„Woraus ich einfach schließen möchte, daß er die
Hauptrolle hat,“ erwiderte Sander. „Unsere Prinzipien
dauern gerade so lauge, bis sie mit unsern Leidenschaften oder Eitelkeiten in Konflikt geraten und ziehen
dann jedesmal den kürzeren. Er wird den Luther
spielen wollen. Und das entscheidet.“

„Ich bekenne, daß es mir widerstrebt,“ sagte Victoire, „die Gestalt Luthers auf der Bühne zu sehen.
Oder geh' ich darin zu weit?“

Es war Alvensleben, an den sich die Frage gerichtet hatte. „Zu weit? O, meine teuerste Victoire,
gewiß nicht. Sie sprechen mir ganz aus dem Herzen.
Es sind meine frühesten Erinnerungen, daß ich in
unserer Dorfkirche saß, und mein alter Vater neben
mir, der alle Gesangbuchsverse mitsang. Und links
neben dem Altar, da hing unser Martin Luther in
ganzer Figur, die Bibel im Arm, die Rechte darauf
gelegt, ein lebensvolles Bild, und sah zu mir herüber.
Ich darf sagen, daß dies ernste Mannesgesicht an
manchem Sonntage besser und eindringlicher zu mir
gepredigt hat als unser alter Kluckhuhn, der zwar
dieselben hohen Backenknochen und dieselben weißen
Päffchen hatte wie der Reformator, aber auch weiter
nichts. Und diesen Gottesmann, nach dem wir uns
nennen und unterscheiden, und zu dem ich nie anders
als in Ehrfurcht und Andacht aufgeschaut habe, den
will ich nicht aus den Koulissen oder aus einer Hinterthür treten sehen. Auch nicht, wenn Iffland ihn giebt,
den ich übrigens schätze, nicht blos als Künstler, sondern auch als Mann von Grundsätzen und guter
preußischer Gesinnung.“

„Pectus facit oratorem,“ versicherte Sander und
Victoire jubelte. Bülow aber, der nicht gern neue
Götter neben sich duldete, warf sich in seinen Stuhl
zurück und sagte, während er sein Kinn und seinen
Spitzbart strich: „Es wird Sie nicht überraschen, mich
im Dissens zu finden.“

„O, gewiß nicht,“ lachte Sander.

„Nur dagegen möcht' ich mich verwahren, als ob
ich durch einen solchen Dissens irgendwie den Anwalt
dieses pfäffischen Zacharias Werner zu machen gedächte,
der mir in seinen mystisch-romantischen Tendenzen einfach zuwider ist. Ich bin Niemandes Anwalt. . . .“

„Auch nicht Luthers?“ fragte Schach ironisch.

„Auch nicht Luthers!“

„Ein Glück, daß er dessen entbehren kann…“

„Aber auf wie lange?“ fuhr Bülow sich aufrichtend fort. „Glauben Sie mir, Herr v. Schach,
auch er ist in der Decadence, wie so viel anderes mit
ihm, und über ein Kleines wird keine Generalanwaltschaft der Welt ihn halten können.“

„Ich habe Napoleon von einer ,Episode Preußen‘
sprechen hören,“ erwiderte Schach. „Wollen uns die
Herren Neuerer, und Herr v. Bülow an ihrer Spitze,
vielleicht auch mit einer ‚Episode Luther‘ beglücken?“

„Es ist so. Sie treffen es. Übrigens sind nicht
wir es, die dies Episodentum schaffen wollen. Dergleichen schafft nicht der Einzelne, die Geschichte schafft
es. Und dabei wird sich ein wunderbarer Zusammenhang zwischen der Episode Preußen und der Episode
Luther herausstellen. Es heißt auch da wieder:
‚Sage mir, mit wem Du umgehst, und ich will
Dir sagen, wer Du bist.‘ Ich bekenne, daß
ich die Tage Preußens gezählt glaube, und ,wenn
der Mantel fällt, muß der Herzog nach.‘ Ich überlass' es Ihnen, die Rollen dabei zu verteilen. Die
Zusammenhänge zwischen Staat und Kirche werden
nicht genugsam gewürdigt; jeder Staat ist in gewissem Sinne zugleich auch ein Kirchenstaat; er
schließt eine Ehe mit der Kirche, und soll diese Ehe
glücklich sein, so müssen beide zu einander passen. In
Preußen passen sie zu einander. Und warum? Weil
beide gleich dürftig angelegt, gleich eng geraten sind.
Es sind Kleinexistenzen, beide bestimmt in etwas
Größerem auf- oder unterzugehen. Und zwar bald.
Hannibal ante portas.“

„Ich glaubte Sie dahin verstanden zu haben,“
erwiderte Schach, „daß uns Graf Haugwitz nicht den
Untergang, wohl aber die Rettung und den Frieden
gebracht habe.“

„Das hat er. Aber er kann unser Geschick nicht
wenden, wenigstens auf die Dauer nicht. Dies Geschick heißt Einverleibung in das Universelle. Der
nationale wie der konfessionelle Standpunkt sind
hinschwindende Dinge, vor allem aber ist es der
preußische Standpunkt und sein alter ego der lutherische.
Beide sind künstliche Größen. Ich frage, was bedeuten sie? welche Missionen erfüllen sie? Sie ziehen
Wechsel aufeinander, sie sind sich gegenseitig Zweck
und Aufgabe, das ist alles. Und das soll eine Weltrolle sein! Was hat Preußen der Welt geleistet?
Was find' ich, wenn ich nachrechne? Die Großen
Blauen König Friedrich Wilhelms I., den eisernen
Ladestock, den Zopf, und jene wundervolle Moral,
die den Satz erfunden hat, ‚ich hab' ihn an die
Krippe gebunden, warum hat er nicht gefressen?‘“

„Gut, gut. Aber Luther . .“

„Nun wohl denn, es geht eine Sage, daß mit
dem Manne von Wittenberg die Freiheit in die Welt
gekommen sei, und beschränkte Historiker haben es dem
norddeutschen Volke so lange versichert, bis mans
geglaubt hat. Aber was hat er denn in Wahrheit
in die Welt gebracht? Unduldsamkeit und Hexenprozesse, Nüchternheit und Langeweile. Das ist kein
Kitt für Jahrtausende. Jener Weltmonarchie, der
nur noch die letzte Spitze fehlt, wird auch eine Weltkirche folgen, denn wie die kleinen Dinge sich finden
und im Zusammenhange stehen, so die großen noch
viel mehr. Ich werde mir den Bühnen-Luther nicht
ansehen, weil er mir in dieses Herren Zacharias
Werner Verzerrung einfach ein Ding ist, das mich
ärgert; aber ihn nicht ansehen, weil es Anstoß gebe,
weil es Entheiligung sei, das ist mehr als ich
fassen kann.“

„Und wir, lieber Bülow,“ unterbrach Frau
v. Carayon, „wir werden ihn uns ansehen, trotzdem
es uns Anstoß giebt. Victoire hat Recht, und wenn
bei Iffland die Eitelkeit stärker sein darf als das
Prinzip, so bei uns die Neugier. Ich hoffe, Herr
v. Schach und Sie, lieber Alvensleben, werden uns
begleiten. Übrigens sind ein paar der eingelegten
Lieder nicht übel. Wir erhielten sie gestern. Victoire,
Du könntest uns das ein' oder andere davon singen.“

„Ich habe sie kaum durchgespielt.“

„O, dann bitt' ich um so mehr,“ bemerkte Schach.
„Alle Salonvirtuosität ist mir verhaßt. Aber was
ich in der Kunst liebe, das ist ein solches poetisches
Suchen und Tappen.“

Bülow lächelte vor sich hin und schien sagen zu
wollen: „Ein jeder nach seinen Mitteln.“

Schach aber führte Victoiren an das Klavier, und
diese sang, während er begleitete.

Die Blüte, sie schläft so leis und lind
Wohl in der Wiege von Schnee;
Einlullt sie der Winter „Schlaf ein geschwind
Du blühendes Kind“
Und das Kind es weint und verschläft sein Weh
Und hernieder steigen aus duftiger Höh
Die Schwestern und lieben und blühn . .

Eine kleine Pause trat ein, und Frau v. Carayon
fragte: „Nun, Herr Sander, wie besteht es vor Ihrer
Kritik?“ „Es muß sehr schön sein,“ antwortete dieser.
„Ich versteh es nicht. Aber hören wir weiter. Die
Blüte, die vorläufig noch schläft, wird doch wohl mal
erwachen.“

Und kommt der Mai dann wieder so lind,
Dann bricht er die Wiege von Schnee,
Er schüttelt die Blüte „Wach‘ auf geschwind
Du welkendes Kind.“
Und es hebt die Äuglein, es thut ihm weh
Und steigt hinauf in die leuchtende Höh
Wo strahlend die Brüderlein blühn.

Ein lebhafter Beifall blieb nicht aus. Aber er
galt ausschließlich Victoiren und der Komposition, und
als schließlich auch der Text an die Reihe kam, bekannte sich Alles zu Sanders ketzerischen Ansichten.

Nur Bülow schwieg. Er hatte, wie die meisten
mit Staatenuntergang beschäftigten Frondeurs, auch
seine schwachen Seiten, und eine davon war durch
das Lied getroffen worden. An dem halbumwölkten
Himmel draußen funkelten ein paar Sterne, die
Mondsichel stand dazwischen, und er wiederholte,
während er durch die Scheiben der hohen Balkonthür
hinaufblickte: „wo strahlend die Brüderlein blühn.“

Wider Wissen und Willen, war er ein Kind
seiner Zeit, und romantisierte.

Noch ein zweites und drittes Lied wurde gesungen, aber das Urteil blieb dasselbe. Dann trennte
man sich zu nicht allzu später Stunde.

3. Kapitel.
Bei Sala Tarone.

Die Turmuhren auf dem Gensdarmenmarkt
schlugen elf, als die Gäste der Frau
v. Carayon auf die Behrenstraße hinaustraten und nach links einbiegend auf die Linden zuschritten. Der Mond hatte sich verschleiert, und die
Regenfeuchte, die bereits in der Luft lag und auf
Wetterumschlag deutete, that allen wohl. An der Ecke
der Linden empfahl sich Schach, allerhand Dienstliches
vorschützend, während Alvensleben, Bülow und Sander
übereinkamen, noch eine Stunde zu plaudern.

„Aber wo?“ fragte Bülow, der im Ganzen nicht
wählerisch war, aber doch einen Abscheu gegen Lokale
hatte, darin ihm „Aufpasser und Kellner die Kehle
zuschnürten.“

„Aber wo?“ wiederholte Sander. „Sieh, das
Gute liegt so nah,“ und wies dabei auf einen Eckladen, über dem in mäßig großen Buchstaben zu lesen
stand: Italiener-, Wein- und Delikatessen-Handlung
von Sala Tarone. Da schon geschlossen war, klopfte
man an die Hausthür, an deren einer Seite sich ein
Einschnitt mit einer Klappe befand. Und wirklich,
gleich darauf öffnete sichs von innen, ein Kopf erschien am Kuckloch, und als Alvenslebens Uniform
über den Charakter der etwas späten Gäste beruhigt
hatte, drehte sich innen der Schlüssel im Schloß, und
alle drei traten ein. Aber der Luftzug, der ging,
löschte den Blaker aus, den der Küfer in Händen
hielt, und nur eine ganz im Hintergrunde, dicht über
der Hofthür schweelende Laterne, gab gerade noch
Licht genug, um das Gefährliche der Passage kenntlich zu machen.

„Ich bitte Sie, Bülow, was sagen Sie zu diesem Defilé,“ brummte Sander, sich immer dünner
machend, und wirklich hieß es auf der Hut sein, denn
in Front der zu beiden Seiten liegenden Öl- und
Weinfässer, standen Zitronen- und Apfelsinenkisten,
deren Deckel nach vorn hin aufgeklappt waren. „Achtung,“ sagte der Küfer. „Is hier allens voll Pinnen
und Nägel. Habe mir gestern erst einen eingetreten.“

„Also auch spanische Reiter . . O, Bülow! In
solche Lage bringt einen ein militärischer Verlag.“

Dieser Sandersche Schmerzensschrei stellte die
Heiterkeit wieder her, und unter Tappen und Tasten
war man endlich bis in Nähe der Hofthür gekommen,
wo, nach rechts hin, einige der Fässer weniger dicht
nebeneinander lagen. Hier zwängte man sich denn
auch durch, und gelangte mit Hilfe von vier oder
fünf steilen Stufen in eine mäßig große Hinterstube,
die gelb gestrichen und halbverblakt und nach Art
aller „Frühstücksstuben“ um Mitternacht am vollsten
war. Überall, an niedrigen Panelen hin, standen
lange, längst eingesessene Ledersophas, mit kleinen
und großen Tischen davor, und nur eine Stelle war
da, wo dieses Mobiliar fehlte. Hier stand vielmehr
ein mit Kästen und Realen überbautes Pult, vor
welchem einer der Repräsentanten der Firma tagaus
tagein auf einem Drehschemel ritt, und seine Befehle
(gewöhnlich nur ein Wort) in einen unmittelbar neben
dem Pult befindlichen Keller hinunterrief, dessen
Fallthür immer offen stand.

Unsere drei Freunde hatten in einer dem Kellerloch schräg gegenüber gelegenen Ecke Platz genommen,
und Sander, der grad lange genug Verleger war,
um sich auf lukullische Feinheiten zu verstehen, überflog eben die Wein- und Speisekarte. Diese war in
russisch Leder gebunden, roch aber nach Hummer.
Es schien nicht, daß unser Lukull gefunden hatte,
was ihm gefiel; er schob also die Karte wieder fort
und sagte: „Das Geringste, was ich von einem solchen hundstäglichen April erwarten kann, sind Maikräuter, Asperula odorata Linnéi. Denn ich hab
auch Botanisches verlegt. Von dem Vorhandensein
frischer Apfelsinen haben wir uns draußen mit Gefahr unseres Lebens überzeugt, und für den Mosel
bürgt uns die Firma.“

Der Herr am Pult rührte sich nicht, aber man
sah deutlich, daß er mit seinem Rücken zustimmte,
Bülow und Alvensleben thaten desgleichen, und
Sander resolvierte kurz: „Also Maibowle.“

Das Wort war absichtlich laut und mit der Betonung einer Ordre gesprochen worden, und im selben
Augenblicke scholl es auch schon vom Drehstuhl her in
das Kellerloch hinunter „Fritz!“ Ein zunächst nur mit
halber Figur aus der Versenkung auftauchender, dicker
und kurzhalsiger Junge, wurde, wie wenn auf eine
Feder gedrückt worden wäre, sofort sichtbar, übersprang diensteifrig, indem er die Hand aufsetzte, die
letzten zwei, drei Stufen und stand im Nu vor Sander, den er, allem Anscheine nach, am besten kannte.

„Sagen Sie, Fritz, wie verhält sich die Firma
Sala Tarone zur Maibowle?“

„Gut. Sehr gut.“

„Aber wir haben erst April, und so sehr ich im
allgemeinen der Mann der Surrogate bin, so hass'
ich doch eins: die Toncabohne. Die Toncabohne gehört in die Schnupftabaksdose, nicht in die Maibowle. Verstanden?“

„Zu dienen, Herr Sander.“

„Gut denn. Also Maikräuter. Und nicht lange
ziehen lassen. Waldmeister ist nicht Kamillenthee.
Der Mosel, sagen wir ein Zeltlinger oder ein Brauneberger, wird langsam über die Büschel gegossen; das
genügt. Apfelsinenschnitten als bloßes Ornament.
Eine Scheibe zuviel macht Kopfweh. Und nicht zu
süß, und eine Cliquot extra. Extra, sag ich. Besser
ist besser.“

Damit war die Bestellung beendet und ehe 10
Minuten um waren, erschien die Bowle, darauf nicht
mehr als drei oder vier Waldmeisterblättchen schwammen, nur gerade genug, den Beweis der Ächtheit zu
führen.

„Sehen Sie, Fritz, das gefällt mir. Auf mancher
Maibowle schwimmt es wie Entengrütze. Und das
ist schrecklich. Ich denke, wir werden Freunde bleiben.
Und nun grüne Gläser.“

Alvensleben lachte. „Grüne?“

„Ja. Was sich dagegen sagen läßt, lieber Alvensleben, weiß ich und laß es gelten. Es ist in der
That eine Frage, die mich seit länger beschäftigt, und
die, neben anderen, in die Reihe jener Zwiespalte gehört, die sich, wir mögen es anfangen wie wir wollen,
durch unser Leben hinziehen. Die Farbe des Weins
geht verloren, aber die Farbe des Frühlings wird
gewonnen, und mit ihr das festliche Gesamtkolorit.
Und dies erscheint mir als der wichtigere Punkt.
Unser Essen und Trinken, so weit es nicht der gemeinen Lebensnotdurft dient, muß mehr und mehr zur
symbolischen Handlung werden, und ich begreife Zeiten
des späteren Mittelalters, in denen der Tafelaufsatz
und die Fruchtschalen mehr bedeuteten, als das Mahl
selbst.“

„Wie gut Ihnen das kleidet, Sander,“ lachte
Bülow. „Und doch dank ich Gott, Ihre Kapaunenrechnung nicht bezahlen zu müssen.“

„Die Sie schließlich doch bezahlen.“

„Ah, das erste Mal, daß ich einen dankbaren
Verleger in Ihnen entdecke. Stoßen wir an . . Aber
alle Welt, da steigt ja der lange Nostitz aus der Versenkung. Sehen Sie, Sander, er nimmt gar kein
Ende . .“

Wirklich, es war Nostitz, der, unter Benutzung
eines geheimen Eingangs, eben die Kellertreppe hinaufstolperte, Nostitz von den Gensdarmes, der längste
Lieutenant der Armee, der, trotzdem er aus dem Sächsischen stammte, seiner 6 Fuß 3 Zoll halber so ziemlich ohne Widerrede beim Elite-Regiment Gendarmes
eingestellt und mit einem verbliebenen kleinen Reste
von Antagonismus mittlerweile längst fertig geworden war. Ein tollkühner Reiter und ein noch tollkühnerer Kour- und Schuldenmacher, war er seit
lang ein Allerbeliebtester im Regiment, so beliebt,
daß ihn sich der „Prinz“, der kein andrer war als
Prinz Louis, bei Gelegenheit der vorjährigen Mobilisierung, zum Adjutanten erbeten hatte.

Neugierig, woher er komme, stürmte man mit
Fragen auf ihn ein, aber erst als er sich in dem Ledersopha zurecht gerückt hatte, gab er Antwort auf all
das, was man ihn fragte. „Woher ich komme?
Warum ich bei den Carayons geschwänzt habe? Nun,
weil ich in Französisch-Buchholz nachsehen wollte, ob
die Störche schon wieder da sind, ob der Kuckuck
schon wieder schreit, und ob die Schulmeisters Tochter noch so lange flachsblonde Flechten hat, wie voriges Jahr. Ein reizendes Kind. Ich lasse mir immer
die Kirche von ihr zeigen, und wir steigen dann in
den Turm hinauf, weil ich eine Passion für alte
Glockeninschriften habe. Sie glauben gar nicht, was
sich in solchem Turme Alles entziffern läßt. Ich zähle
das zu meinen glücklichsten und lehrreichsten Stunden.“

„Und eine Blondine, sagten Sie. Dann freilich
erklärt sich alles. Denn neben einer Prinzessin Flachshaar kann unser Fräulein Victoire nicht bestehn. Und
nicht einmal die schöne Mama, die schön ist, aber doch
am Ende brünett. Und blond geht immer vor schwarz.“

„Ich möchte das nicht geradezu zum Axiom erheben,“ fuhr Nostitz fort. „Es hängt doch alles noch
von Nebenumständen ab, die hier freilich ebenfalls zu
Gunsten meiner Freundin sprechen. Die schöne Mama,
wie Sie sie nennen, wird 37, bei welcher Addition
ich wahrscheinlich galant genug bin, ihr ihre vier
Ehejahre halb statt doppelt zu rechnen. Aber das ist
Schachs Sache, der über kurz oder lang in der Lage
sein wird, ihren Taufschein um seine Geheimnisse zu
befragen.“

„Wie das?“ fragte Bülow.

„Wie das?“ wiederholte Nostitz. „Was doch die
Gelehrten, und wenn es gelehrte Militärs wären, für
schlechte Beobachter sind. Ist Ihnen denn das Verhältnis zwischen Beiden entgangen? Ein ziemlich vorgeschrittenes, glaub' ich. C'est le premier pas, qui
coûte . . .“

„Sie drücken sich etwas dunkel aus, Nostitz.“

„Sonst nicht gerade mein Fehler.“

„Ich meinerseits glaube Sie zu verstehn,“ unterbrach Alvensleben. „Aber Sie täuschen sich, Nostitz,
wenn Sie daraus auf eine Partie schließen. Schach
ist eine sehr eigenartige Natur, die, was man auch an
ihr aussetzen mag, wenigstens manche psychologische
Probleme stellt. Ich habe beispielsweise keinen Menschen
kennen gelernt, bei dem alles so ganz und gar auf
das Ästhetische zurückzuführen wäre, womit es vielleicht
in einem gewissen Zusammenhange steht, daß er überspannte Vorstellungen von Intaktheit und Ehe hat.
Wenigstens von einer Ehe, wie er sie zu schließen
wünscht. Und so bin ich denn wie von meinem Leben
überzeugt, er wird niemals eine Witwe heiraten, auch
die schönste nicht. Könnt' aber hierüber noch irgend
ein Zweifel sein, so würd' ihn ein Umstand beseitigen,
und dieser eine Umstand heißt: „Victoire.“

„Wie das?“

„Wie schon so mancher Heiratsplan an einer unrepräsentablen Mutter gescheitert ist, so würd er hier
an einer unrepräsentablen Tochter scheitern. Er fühlt
sich durch ihre mangelnde Schönheit geradezu geniert,
und erschrickt vor dem Gedanken, seine Normalität,
wenn ich mich so ausdrücken darf, mit ihrer Unnormalität in irgend welche Verbindung gebracht zu sehen.
Er ist krankhaft abhängig, abhängig bis zur Schwäche,
von dem Urteile der Menschen, speziell seiner Standesgenossen, und würde sich jederzeit außer Stande
fühlen, irgend einer Prinzessin oder auch nur einer
hochgestellten Dame, Victoiren als seine Tochter vorzustellen.“

„Möglich. Aber dergleichen läßt sich vermeiden.“

„Doch schwer. Sie zurückzusetzen, oder ganz einfach als Aschenbrödel zu behandeln, das widerstreitet
seinem feinen Sinn, dazu hat er das Herz zu sehr
auf dem rechten Fleck. Auch würde Frau v. Carayon
das einfach nicht dulden. Denn so gewiß sie Schach
liebt, so gewiß liebt sie Victoire, ja, sie liebt diese
noch um ein gut Teil mehr. Es ist ein absolut
ideales Verhältnis zwischen Mutter und Tochter, und
gerade dies Verhältnis ist es, was mir das Haus so
wert gemacht hat und noch macht.“

„Also begraben wir die Partie,“ sagte Bülow.
„Mir persönlich zu besondrer Genugthuung und Freude,
denn ich schwärme für diese Frau. Sie hat den
ganzen Zauber des Wahren und Natürlichen, und
selbst ihre Schwächen sind reizend und liebenswürdig.
Und daneben dieser Schach! Er mag seine Meriten
haben, meinetwegen, aber mir ist er nichts als ein
Pedant und Wichtigthuer, und zugleich die Verkörperung jener preußischen Beschränktheit, die nur
drei Glaubensartikel hat: erstes Hauptstück „die Welt
ruht nicht sichrer auf den Schultern des Atlas, als
der preußische Staat auf den Schultern der preußischen
Armee“, zweites Hauptstück „der preußische Infanterieangriff ist unwiderstehlich“, und drittens und letztens
„eine Schlacht ist nie verloren, so lange das Regiment
Garde du Corps nicht angegriffen hat“. Oder natürlich auch das Regiment Gensdarmes. Denn sie sind
Geschwister, Zwillingsbrüder. Ich verabscheue solche
Redensarten, und der Tag ist nahe, wo die Welt die
Hohlheit solcher Rodomontaden erkennen wird.“

„Und doch unterschätzen Sie Schach. Er ist
immerhin einer unserer Besten.“

„Um so schlimmer.“

„Einer unsrer Besten, sag ich, und wirklich ein
Guter. Er spielt nicht blos den Ritterlichen, er ist
es auch. Natürlich auf seine Weise. Jedenfalls trägt
er ein ehrliches Gesicht und keine Maske“.

„Alvensleben hat Recht,“ bestätigte Nostitz. „Ich
nicht habeviel für ihn übrig, aber das ist wahr, alles
an ihm ist echt, auch seine steife Vornehmheit, so langweilig und so beleidigend ich sie finde. Und darin
unterscheidet er sich von uns. Er ist immer er selbst,
gleichviel ob er in den Salon tritt, oder vorm Spiegel
steht, oder beim Zubettegehn sich seine saffranfarbenen
Nachthandschuh anzieht. Sander, der ihn nicht liebt
soll entscheiden und das letzte Wort über ihn haben.“

„Es ist keine drei Tage,“ hob dieser an, „daß ich
in der Haude und Spenerschen gelesen, der Kaiser
von Brasilien habe den Heiligen Antonius zum Obristlieutenant befördert und seinen Kriegsminister angewiesen, besagtem Heiligen die Löhnung bis auf
Weiteres gut zu schreiben. Welche Gutschreibung mir
einen noch größeren Eindruck gemacht hat, als die
Beförderung. Aber gleichviel. In Tagen derartiger
Ernennungen und Beförderungen, wird es nicht auffallen, wenn ich die Gefühle dieser Stunde, zugleich
aber den von mir geforderten Entscheid und Richterspruch, in die Worte zusammenfasse: Seine Majestät
der Rittmeister von Schach, er lebe hoch.“

„O, vorzüglich Sander,“ sagte Bülow, „damit
haben Sies getroffen. Die ganze Lächerlichkeit auf
einen Schlag. Der kleine Mann in den großen
Stiefeln! Aber meinetwegen, er lebe!“

„Da haben wir denn zum Überfluß auch noch
die Sprache von „Sr. Majestät getreuster Opposition,“
antwortete Sander, und erhob sich. „Und nun Fritz,
die Rechnung. Erlauben die Herren, daß ich das
Geschäftliche arrangiere.“

„In besten Händen,“ sagte Nostitz.

Und fünf Minuten später traten alle wieder ins
Freie. Der Staub wirbelte vom Thor her die Linden
herauf, augenscheinlich war ein starkes Gewitter im
Anzug, und die ersten großen Tropfen fielen bereits.

„Hâtez-vous.‟

Und Jeder folgte der Weisung und mühte sich,
so rasch wie möglich und auf nächstem Wege seine
Wohnung zu erreichen.

4. Kapitel.
In Tempelhof.

Der nächste Morgen sah Frau von Carayon
und Tochter in demselben Eckzimmer, in
dem sie den Abend vorher ihre Freunde
bei sich empfangen hatten. Beide liebten das
Zimmer, und gaben ihm auf Kosten aller andern
den Vorzug. Es hatte drei hohe Fenster, von
denen die beiden unter einander im rechten Winkel
stehenden auf die Behren- und Charlottenstraße
sahen, während das dritte, thürartige, das ganze,
breit abgestumpfte Eck einnahm, und auf einen
mit einem vergoldeten Rokoko-Gitter eingefaßten Balkon
hinausführte. Sobald es die Jahreszeit erlaubte,
stand diese Balkonthür offen, und gestattete, von beinah
jeder Stelle des Zimmers aus, einen Blick auf das
benachbarte Straßentreiben, das, der aristokratischen
Gegend unerachtet, zu mancher Zeit ein besonders
belebtes war, am meisten um die Zeit der Frühjahrsparaden, wo nicht blos die berühmten alten Infanterieregimenter der Berliner Garnison, sondern, was für
die Carayons wichtiger war, auch die Regimenter
der Garde du Corps und Gensdarmes unter dem
Klang ihrer silbernen Trompeten an dem Hause
vorüberzogen. Bei solcher Gelegenheit (wo sich dann
selbstverständlich die Augen der Herrn Offiziers zu
dem Balkon hinaufrichteten) hatte das Eckzimmer erst
seinen eigentlichen Werth, und hätte gegen kein anderes
vertauscht werden können.

Aber es war auch an stillen Tagen ein reizendes
Zimmer, vornehm und gemütlich zugleich. Hier lag
der türkische Teppich, der noch die glänzenden, fast
ein halbes Menschenalter zurückliegenden Petersburger
Tage des Hauses Carayon gesehen hatte, hier stand
die malachitne Stutzuhr, ein Geschenk der Kaiserin
Katharina, und hier paradierte vor allem auch der
große, reich vergoldete Trumeau, der der schönen Frau
täglich aufs Neue versichern mußte, daß sie noch eine
schöne Frau sei. Victoire ließ zwar keine Gelegenheit
vorübergehn, die Mutter über diesen wichtigen Punkt
zu beruhigen, aber Frau von Carayon war doch klug
genug, es sich jeden Morgen durch ihr von ihr selbst
zu kontrolierendes Spiegelbild neu bestätigen zu lassen.
Ob ihr Blick in solchem Momente zu dem Bilde des
mit einem roten Ordensband in ganzer Figur über
dem Sopha hängenden Herrn v. Carayon hinüberglitt, oder ob sich ihr ein stattlicheres Bild vor die
Seele stellte, war für Niemanden zweifelhaft, der die
häuslichen Verhältnisse nur einigermaßen kannte. Denn
Herr v. Carayon war ein kleiner, schwarzer Koloniefranzose gewesen, der außer einigen in der Nähe von
Bordeaux lebenden vornehmen Carayons und einer
ihn mit Stolz erfüllenden Zugehörigkeit zur Legation,
nichts Erhebliches in die Ehe mitgebracht hatte. Am
wenigsten aber männliche Schönheit.

Es schlug elf, erst draußen, dann in dem Eckzimmer, in welchem beide Damen an einem Tapisserierahmen beschäftigt waren. Die Balkonthür war weit
auf, denn trotz des Regens, der bis an den Morgen
gedauert hatte, stand die Sonne schon wieder hell am
Himmel und erzeugte so ziemlich dieselbe Schwüle,
die schon den Tag vorher geherrscht hatte. Victoire
blickte von ihrer Arbeit auf und erkannte den Schach'schen
kleinen Groom, der mit Stulpenstiefeln und zwei
Farben am Hut, von denen sie zu sagen liebte, daß
es die Schach'schen „Landesfarben“ seien, die Charlottenstraße heraufkam.

„O sieh nur,“ sagte Victoire „da kommt Schachs
kleiner Ned. Und wie wichtig er wieder thut! Aber
er wird auch zu sehr verwöhnt, und immer mehr
eine Puppe. Was er nur bringen mag?“

Ihre Neugier sollte nicht lange unbefriedigt bleiben.
Schon einen Augenblick später hörten beide die Klingel
gehn, und ein alter Diener in Gamaschen, der noch
die vornehmen Petersburger Tage miterlebt hatte, trat
ein, um auf einem silbernen Tellerchen ein Billet zu
überreichen. Victoire nahm es. Es war an Frau
von Carayon adressiert.

„An Dich Mama.“

„Lies nur,“ sagte diese.

„Nein, Du selbst; ich hab eine Scheu vor Geheimnissen.“

„Närrin,“ lachte die Mutter und erbrach das
Billet und las: „Meine gnädigste Frau. Der Regen
der vorigen Nacht hat nicht nur die Wege gebessert,
sondern auch die Luft. Alles in allem ein so schöner
Tag, wie sie der April uns Hyperboreern nur selten
gewährt. Ich werde 4 Uhr mit meinem Wagen vor
Ihrer Wohnung halten, um Sie und Fräulein Victoire
zu einer Spazierfahrt abzuholen. Über das Ziel
erwarte ich Ihre Befehle. Wissen Sie doch wie glücklich
ich bin, Ihnen gehorchen zu können. Bitte Bescheid
durch den Überbringer. Er ist gerade firm genug im
Deutschen, um ein „ja“ oder „nein“ nicht zu verwechseln. Unter Gruß und Empfehlungen an meine
liebe Freundin Victoire (die zu größerer Sicherheit
vielleicht eine Zeile schreibt) Ihr Schach.“

„Nun, Victoire, was lassen wir sagen . . ?“

„Aber Du kannst doch nicht ernsthaft fragen
Mama?“

„Nun denn also ,ja‘.“

Victoire hatte sich mittlerweile bereits an den
Schreibtisch gesetzt, und ihre Feder kritzelte: „Herzlichst
acceptiert, trotzdem die Ziele vorläufig im Dunkeln
bleiben. Aber ist der Entscheidungsmoment erst da,
so wird er uns auch das Richtige wählen lassen.“

Frau von Carayon las über Victoires Schulter
fort. „Es klingt so vieldeutig,“ sagte sie.

„So will ich ein bloßes Ja schreiben, und Du
kontrasignierst.“

„Nein; laß es nur.“

Und Victoire schloß das Blatt, und gab es dem
draußen wartendem Groom.

Als sie vom Flur her in das Zimmer zurückkehrte, fand sie die Mama nachdenklich. „Ich liebe
solche Pikanterien nicht, und am wenigsten solche
Rätselsätze.“

„Du dürftest sie auch nicht schreiben. Aber ich?
Ich darf alles. Und nun höre mich. Es muß etwas
geschehen, Mama. Die Leute reden so viel, auch
schon zu mir, und da Schach immer noch schweigt
und Du nicht sprechen darfst, so muß ich es thun
statt Eurer und Euch verheiraten. Alles in der Welt
kehrt sich einmal um. Sonst verheiraten Mütter ihre
Tochter, hier liegt es anders, und ich verheirate Dich.
Er liebt Dich und Du liebst ihn. In den Jahren
seid ihr gleich, und ihr werdet das schönste Paar sein,
das seit Menschengedenken im fränzösischen Dom oder
in der Dreifaltigkeitskirche getraut wurde. Du siehst,
ich lasse Dir wenigstens hinsichtlich der Prediger und
der Kirche die Wahl; mehr kann ich nicht thun in
dieser Sache. Daß Du mich mit in die Ehe bringst,
ist nicht gut, aber auch nicht schlimm. Wo viel Licht
ist, ist viel Schatten.“

Frau von Carayons Auge wurde feucht. „Ach
meine süße Victoire, Du siehst es anders, als es
liegt. Ich will Dich nicht mit Bekenntnissen überraschen, und in bloßen Andeutungen zu sprechen, wie
Du gelegentlich liebst, widerstreitet mir. Ich mag
auch nicht philosophieren. Aber das laß Dir sagen,
es liegt alles vorgezeichnet in uns, und was Ursach
scheint, ist meist schon wieder Wirkung und Folge.
Glaube mir, Deine kleine Hand wird das Band
nicht knüpfen, das Du knüpfen möchtest. Es geht
nicht, es kann nicht sein. Ich weiß es besser. Und
warum auch? Zuletzt lieb' ich doch eigentlich nur Dich.“

Ihr Gespräch wurde durch das Erscheinen einer
alten Dame, Schwester des verstorbenen Herrn
von Carayon, unterbrochen, die jeden Dienstag ein für
allemal zu Mittag geladen war, und unter „zu Mittag“ pünktlicherweise zwölf Uhr verstand, trotzdem
sie wußte, daß bei den Carayons erst um drei Uhr
gegessen wurde. Tante Marguerite, das war ihr
Name, war noch eine echte Koloniefranzösin, d. h.
eine alte Dame, die das damalige, sich fast ausschließlich im Dativ bewegende Berlinisch mit geprüntem
Munde sprach, das ü dem i vorzog, entweder „Kürschen“ aß, oder in die „Kürche“ ging, und ihre Rede
selbstverständlich mit französischen Einschiebseln und
Anredefloskeln garnierte. Sauber und altmodisch
gekleidet, trug sie Sommer und Winter denselben
kleinen Seidenmantel, und hatte jene halbe Verwachsenheit, die damals bei den alten Koloniedamen so
allgemein war, daß Victoire einmal als Kind gefragt hatte: „Wie kommt es nur, liebe Mama, daß
fast alle Tanten so ,ich weiß nicht wie‘ sind?“ Und
dabei hatte sie eine hohe Schulter gemacht. Zu dem
Seidenmantel Tante Margueritens gehörten auch
noch ein Paar seidene Handschuhe, die sie ganz besonders in Ehren hielt, und immer erst auf dem
obersten Treppenabsatz anzog. Ihre Mitteilungen,
an denen sies nie fehlen ließ, entbehrten all und
jedes Interesses, am meisten aber dann, wenn sie,
was sie sehr liebte, von hohen und höchsten Personen
sprach. Ihre Spezialität waren die kleinen Prinzessinnen der königlichen Familie: la petite princesse
Charlotte, et la petite princesse Alexandrine, die
sie gelegentlich in den Zimmern einer ihr befreundeten
französischen Erzieherin sah, und mit denen sie sich
derartig liiert fühlte, daß, als eines Tages die Brandenburger Thorwache beim Vorüberfahren von la
princesse Alexandrine versäumt hatte, rechtzeitig
ins Gewehr zu treten und die Trommel zu rühren,
sie nicht nur das allgemeine Gefühl der Empörung
teilte, sondern das Ereignis überhaupt ansah, als ob
Berlin ein Erdbeben gehabt habe.

Das war das Tantchen, das eben eintrat.

Frau von Carayon ging ihr entgegen und hieß
sie herzlich willkommen, herzlicher als sonst wohl,
und das einfach deshalb, weil durch ihr Erscheinen
ein Gespräch unterbrochen worden war, das selbst
fallen zu lassen, sie nicht mehr die Kraft gehabt hatte.
Tante Marguerite fühlte sofort heraus, wie günstig
heute die Dinge für sie lagen, und begann denn auch
in demselben Augenblicke, wo sie sich gesetzt und die
Seidenhandschuh in ihren Pompadour gesteckt hatte,
sich dem hohen Adel königlicher Residenzien zuzuwenden, diesmal mit Umgehung der „Allerhöchsten Herrschaften“. Ihre Mitteilungen aus der Adelssphäre waren
ihren Hofanekdoten in der Regel weit vorzuziehn,
und hätten ein für allemal passieren können, wenn
sie nicht die Schwäche gehabt hätte, die doch immerhin wichtige Personalfrage mit einer äußersten Geringschätzung zu behandeln. Mit andern Worten,
sie verwechselte beständig die Namen, und wenn sie
von einer Escapade der Baronin Stieglitz erzählte,
so durfte man sicher sein, daß sie die Gräfin Taube
gemeint hatte. Solche Neuigkeiten eröffneten denn
auch das heutige Gespräch, Neuigkeiten, unter denen
die, „daß der Rittmeister von Schenk vom Regiment
Garde du Corps der Prinzessin von Croy eine Serenade gebracht habe“ die weitaus wichtigste war, ganz
besonders als sich nach einigem Hin- und Herfragen
herausstellte, daß der Rittmeister von Schenk in den
Rittmeister von Schach, das Regiment Garde du Corps
in das Regiment Gensdarmes, und die Prinzessin
von Croy in die Prinzessin von Carolath zu transponieren sei. Solche Richtigstellungen wurden von
Seiten der Tante jedesmal ohne jede Spur von Verlegenheit entgegengenommen, und solche Verlegenheit
kam ihr denn auch heute nicht, als ihr, zum Schluß
ihrer Geschichte, mitgeteilt wurde, daß der Rittmeister
von Schenk alias Schach noch im Laufe dieses Nachmittags erwartet werde, da man eine Fahrt über
Land mit ihm verabredet habe. Vollkommener Kavalier wie er sei, werde er sich sicherlich freuen, eine
liebe Verwandte des Hauses an dieser Ausfahrt mit
teilnehmen zu sehen. Eine Bemerkung, die von Tante
Marguerite sehr wohlwollend aufgenommen und von
einem unwillkürlichen Zupfen an ihrem Taftkleide begleitet wurde.

Um Punkt drei war man zu Tische gegangen und
um Punkt vier — l'exactitude est la politesse des
rois, würde Bülow gesagt haben — erschien eine zurückgeschlagene Halbchaise vor der Thür in der Behrenstraße. Schach, der selbst fuhr, wollte die Zügel dem
Groom geben, beide Carayons aber grüßten schon
reisefertig vom Balkon her, und waren im nächsten
Moment mit einer ganzen Ausstattung von Tüchern,
Sonnen- und Regenschirmen unten am Wagenschlag. Mit
ihnen auch Tante Marguerite, die nunmehr vorgestellt
und von Schach mit einer ihm eigentümlichen Mischung
von Artigkeit und Grandezza begrüßt wurde.

„Und nun das dunkle Ziel, Fräulein Victoire“.

„Nehmen wir Tempelhof,“ sagte diese.

„Gut gewählt. Nur Pardon, es ist das undunkelste
Ziel von der Welt. Namentlich heute. Sonne und
wieder Sonne.“

In raschem Trabe ging es, die Friedrichsstraße
hinunter, erst auf das Rondel und das Hallesche
Thor zu, bis der tiefe Sandweg, der zum Kreuzberg
hinaufführte, zu langsamerem Fahren nötigte. Schach
glaubte sich entschuldigen zu müssen, aber Victoire,
die rückwärts saß und in halber Wendung bequem
mit ihm sprechen konnte, war, als echtes Stadtkind,
aufrichtig entzückt über all und jedes, was sie zu
beiden Seiten des Weges sah, und wurde nicht müde
Fragen zu stellen und ihn durch das Interesse, das
sie zeigte, zu beruhigen. Am meisten amüsierten sie
die seltsam ausgestopften Alt-Weiber-Gestalten, die
zwischen den Sträuchern und Gartenbeeten umher
standen, und entweder eine Strohhutkiepe trugen oder
mit ihren hundert Papilloten im Winde flatterten und
klapperten.

Endlich war man den Abhang hinauf, und über
den festen Lehmweg hin, der zwischen den Pappeln
lief, trabte man jetzt wieder rascher auf Tempelhof
zu. Neben der Straße stiegen Drachen auf, Schwalben
schossen hin und her, und am Horizonte blitzten die
Kirchthürme der nächstgelegenen Dörfer.

Tante Marguerite, die, bei dem Winde der ging,
beständig bemüht war, ihren kleinen Mantelkragen in
Ordnung zu halten, übernahm es nichtsdestoweniger
den Führer zu machen, und setzte dabei beide Carayonsche Damen ebenso sehr durch ihre Namensverwechselungen, wie durch Entdeckung gar nicht vorhandener Ähnlichkeiten in Erstaunen.

„Sieh, liebe Victoire, dieser Wülmersdörfer Kürchthürm! Ähnelt er nicht unsrer Dorotheenstädtschen
Kürche?“

Victoire schwieg.

„Ich meine nicht um seiner Spitze, liebe Victoire,
nein, um seinem Corps de Logis.“

Beide Damen erschraken. Es geschah aber was
gewöhnlich geschieht, das nämlich, daß alles das was
die Näherstehenden in Verlegenheit bringt, von den
Fernerstehenden entweder überhört oder aber mit
Gleichgiltigkeit aufgenommen wird. Und nun gar
Schach! Er hatte viel zu lang in der Welt alter
Prinzessinnen und Hofdamen gelebt, um noch durch
irgend ein Dummheits- oder Nicht-Bildungszeichen in
ein besondres Erstaunen gesetzt werden zu können.
Er lächelte nur, und benutzte das Wort „Dorotheenstädtsche Kirche“, das gefallen war, um Frau v. Carayon zu fragen „ob sie schon von dem Denkmal
Kenntnis genommen habe, das in ebengenannter Kirche,
seitens des hochseligen Königs seinem Sohne dem
Grafen von der Mark errichtet worden sei?“

Mutter und Tochter verneinten. Tante Marguerite
jedoch, die nicht gerne zugestand, etwas nicht zu wissen
oder wohl gar nicht gesehen zu haben, bemerkte ganz
ins allgemeine hin: „Ach, der liebe, kleine Prinz.
Daß er so früh sterben mußte. Wie jämmerlich. Und
ähnelte doch seiner hochseligen Frau Mutter um beiden
Augen.“

Einen Augenblick war es, als ob der in seinem
Legitimitätsgefühle stark verletzte Schach antworten
und den „von seiner hochseligen Mutter“ gebornen
„lieben kleinen Prinzen“ aufs schmählichste dethronisieren wollte, rasch aber übersah er die Lächerlichkeit
solcher Idee, wies also lieber, um doch wenigstens
etwas zu thun, auf das eben sichtbar werdende grüne
Kuppeldach des Charlottenburger Schlosses hin, und
bog im nächsten Augenblick in die große, mit alten
Linden bepflanzte Dorfgasse von Tempelhof ein.

Gleich das zweite Haus war ein Gasthaus. Er
gab dem Groom die Zügel und sprang ab, um den
Damen beim Aussteigen behilflich zu sein. Aber nur
Frau von Carayon und Victoire nahmen die Hilfe
dankbar an, während Tante Marguerite verbindlich
ablehnte „weil sie gefunden habe, daß man sich auf
seinen eigenen Händen immer am besten verlassen
könne“.

Der schöne Tag hatte viele Gäste hinausgelockt,
und der von einem Staketenzaun eingefaßte Vorplatz
war denn auch an allen seinen Tischen besetzt. Das
gab eine kleine Verlegenheit. Als man aber eben
schlüssig geworden war, in dem Hintergarten, unter
einem halboffenen Kegelbahnhäuschen, den Kaffee zu
nehmen, ward einer der Ecktische frei, so daß man
in Front des Hauses, mit dem Blick auf die Dorfstraße, verbleiben konnte. Das geschah denn auch, und
es traf sich, daß es der hübscheste Tisch war. Aus
seiner Mitte wuchs ein Ahorn auf und wenn es auch,
ein paar Spitzen abgerechnet, ihm vorläufig noch an
allem Laubschmucke fehlte, so saßen doch schon die
Vögel in seinen Zweigen und zwitscherten. Und nicht
das blos sah man; Equipagen hielten in der Mitte der
Dorfstraße, die Stadtkutscher plauderten, und Bauern
und Knechte, die mit Pflug und Egge vom Felde herein
kamen, zogen an der Wagenreihe vorüber. Zuletzt
kam eine Heerde, die der Schäferspitz von rechts und
links her zusammenhielt, und dazwischen hörte man
die Betglocke, die läutete. Denn es war eben die
sechste Stunde.

Die Carayons, so verwöhnte Stadtkinder sie
waren, oder vielleicht auch weil fies waren, enthusiasmierten sich über all und jedes, und jubelten, als
Schach einen Abendspaziergang in die Tempelhofer
Kirche zur Sprache brachte. Sonnenuntergang sei
die schönste Stunde. Tante Marguerite freilich, die
sich „vor dem unvernünftigen Viehe“ fürchtete, wäre
lieber am Kaffeetische zurückgeblieben, als ihr aber der
zu weiterer Beruhigung herbeigerufene Wirt aufs
eindringlichste versichert hatte, „daß sie sich um den Bullen
nicht zu fürchten brauche,“ nahm sie Victoirens Arm
und trat mit dieser auf die Dorfstraße hinaus, während Schach und Frau v. Carayon folgten. Alles,
was noch an dem Staketenzaune saß, sah ihnen nach.

„Es ist nichts so fein gesponnen,“ sagte Frau
v. Carayon und lachte.

Schach sah sie fragend an.

„Ja lieber Freund, ich weiß alles. Und niemand
Geringeres als Tante Marguerite hat uns heute
Mittag davon erzählt.“

„Wovon?“

„Von der Serenade. Die Carolath ist eine Dame
von Welt, und vor allem eine Fürstin. Und Sie
wissen doch, was Ihnen nachgesagt wird, ,daß Sie
der garstigsten princesse vor der schönsten bougeoise
den Vorzug geben würden.' Jeder garstigen Prinzeß
sag ich. Aber zum Überfluß ist die Carolath auch
noch schön. Un teint de lys et de rose. Sie werden mich eifersüchtig machen.“

Schach küßte der schönen Frau die Hand. „Tante
Marguerite hat Ihnen richtig berichtet, und Sie sollen
nun alles hören. Auch das Kleinste. Denn, wenn
es mir, wie zugestanden, eine Freude gewährt, einen
solchen Abend unter meinen Erlebnissen zu haben, so
gewährt es mir doch eine noch größere Freude, mit
meiner schönen Freundin darüber plaudern zu können.
Ihre Plaisanterien, die so kritisch und doch zugleich
so voll guten Herzens sind, machen mir erst alles
lieb und wert. Lächeln Sie nicht. Ach, daß ich Ihnen
alles sagen könnte. Theure Josephine, Sie sind mir
das Ideal einer Frau: klug und doch ohne Gelehrsamkeit und Dünkel, espritvoll und doch ohne Mocquanterie. Die Huldigungen, die mein Herz darbringt, gelten nach wie vor nur Ihnen, Ihnen, der
Liebenswürdigsten und Besten. Und das ist Ihr höchster
Reiz, meine teure Freundin, daß Sie nicht einmal
wissen, wie gut Sie sind und welch stille Macht Sie
über mich üben.“

Er hatte fast mit Bewegung gespochen, und das
Auge der schönen Frau leuchtete, während ihre Hand
in der seinen zitterte. Rasch aber nahm sie den
scherzhaften Ton wieder auf und sagte: „Wie gut Sie
zu sprechen verstehen. Wissen Sie wohl, so gut spricht
man nur aus der Verschuldung heraus.“

„Oder aus dem Herzen. Aber lassen wirs bei
der Verschuldung, die nach Sühne verlangt. Und zunächst nach Beichte. Deshalb kam ich gestern. Ich
hatte vergessen, daß Ihr Empfangsabend war, und
erschrak fast, als ich Bülow sah und diesen aufgedunsenen Roturier, den Sander. Wie kommt er nur in
Ihre Gesellschaft?“

„Er ist der Schatten Bülows.“

„Ein sonderbarer Schatten, der dreimal schwerer
wiegt als der Gegenstand, der ihn wirft. Ein wahres
Mammuth. Nur seine Frau soll ihn noch übertreffen,
weshalb ich neulich spöttisch erzählen hörte, ‚Sander,
wenn er seine Brunnenpromenade vorhabe, gehe nur
dreimal um seine Frau herum.‘ Und dieser Mann
Bülows Schatten! Wenn Sie lieber sagten, sein Sancho
Pansa . .“

„So nehmen Sie Bülow selbst als Don Quixote?“

„Ja, meine Gnädigste . . Sie wissen, daß es
mir im allgemeinen widersteht, zu medisieren, aber
dies ist au fond nicht medisieren, ist eher Schmeichelei.
Der gute Ritter von La Mancha war ein ehrlicher
Enthusiast, und nun frag ich Sie, teuerste Freundin,
läßt sich von Bülow dasselbe sagen? Enthusiast! Er
ist ecxentrisch, nichts weiter, und das Feuer, das in
ihm brennt, ist einfach das einer infernalen Eigenliebe.“

„Sie verkennen ihn, lieber Schach. Er ist verbittert, gewiß; aber ich fürchte, daß er ein Recht hat,
es zu sein.“

„Wer an krankhafter Überschätzung leidet, wird
immer tausend Gründe haben, verbittert zu sein. Er
zieht von Gesellschaft zu Gesellschaft, und predigt die
billigste der Weisheiten, die Weisheit post festum.
Lächerlich. An allem, was uns das letzte Jahr an
Demütigungen gebracht hat, ist, wenn man ihn hört,
nicht der Übermut oder die Kraft unserer Feinde
schuld, o nein, dieser Kraft würde man mit einer
größeren Kraft unschwer haben begegnen können, wenn
man sich unsrer Talente, will also sagen, der Talente
Bülows rechtzeitig versichert hätte. Das unterließ die
Welt, und daran geht sie zu Grunde. So geht es
endlos weiter. Darum Ulm und darum Austerlitz.
Alles hätt ein andres Ansehen gewonnen, sich anders
zugetragen, wenn diesem korsischen Thron- und Kronenräuber, diesem Engel der Finsternis, der sich Bonaparte nennt, die Lichtgestalt Bülows auf dem Schlachtfeld entgegengetreten wäre. Mir widerwärtig. Ich
hasse solche Fanfaronaden. Er spricht von Braunschweig und Hohenlohe wie von lächerlichen Größen,
ich aber halte zu dem fridericianischen Satze, daß die
Welt nicht sichrer auf den Schultern des Atlas ruht,
als Preußen auf den Schultern seiner Armee.“

Während dieses Gespräch zwischen Schach und
Frau von Carayon geführt wurde, war das ihnen
voranschreitende Paar bis an eine Wegstelle gekommen,
von der aus ein Fußpfad über ein frisch gepflügtes
Ackerfeld hin sich abzweigte.

„Das ist die Kürche,“ sagte das Tantchen und
zeigte mit ihrem Parasol auf ein neugedecktes Turmdach, dessen Roth aus allerlei Gestrüpp und Gezweig
hervorschimmerte. Victoire bestätigte, was sich ohnehin nicht bestreiten ließ, und wandte sich gleich danach
nach rückwärts, um die Mama durch eine Kopf- und
Handbewegung zu fragen, ob man den hier abzweigenden Fußpfad einschlagen wolle? Frau von Carayon
nickte zustimmend, und Tante und Nichte schritten in
der angedeuteten Richtung weiter. Überall aus dem
braunen Acker stiegen Lerchen auf, die hier, noch ehe
die Saat heraus war, schon ihr Furchennest gebaut
hatten, ganz zuletzt aber kam ein Stück brachliegendes
Feld, das bis an die Kirchhofsmauer lief, und, außer
einer spärlichen Grasnarbe, nichts aufwies, als einen
trichterförmigen Tümpel, in dem ein Unkenpaar musizierte, während der Rand des Tümpels in hohen
Binsen stand.

„Sieh, Victoire, das sind Binsen.“

„Ja, liebe Tante.“

„Kannst Du Dir denken, ma chère, daß, als ich
jung war, die Binsen als kleine Nachtlichter gebraucht
wurden, und auch wirklich ganz ruhig auf einem
Glase schwammen, wenn man krank war oder auch
bloß nicht schlafen konnte. . .“

„Gewiß,“ sagte Victoire. „Jetzt nimmt man
Wachsfädchen, die man zerschneidet, und in ein Kartenstückchen steckt.“

„Ganz recht, mein Engelchen. Aber früher waren
es Binsen, des joncs. Und sie brannten auch. Und
deshalb erzähl' ich es Dir. Denn sie müssen doch
ein natürliches Fett gehabt haben, ich möchte sagen
etwas Kienenes.“

„Es ist wohl möglich,“ antwortete Victoire, die
der Tante nie widersprach, und horchte, während sie
dies sagte, nach dem Tümpel hin, in dem das Musizieren der Unken immer lauter wurde. Gleich danach
aber sah sie, daß ein halberwachsenes Mädchen von der
Kirche her im vollem Lauf auf sie zukam und mit
einem zottigen weißen Spitz sich neckte, der bellend
und beißend an der Kleinen empor sprang. Dabei
warf die Kleine, mitten im Lauf, einen an einem
Strick und einem Klöppel hängenden Kirchenschlüssel
in die Luft, und fing ihn so geschickt wieder auf, daß
weder der Schlüssel noch der Klöppel ihr weh thun
konnte. Zuletzt aber blieb sie stehn und hielt die
linke Hand vor die Augen, weil die niedergehende
Sonne sie blendete.

„Bist Du die Küsterstochter?“ fragte Victoire.

„Ja,“ sagte das Kind.

„Dann bitte, gieb uns den Schlüssel oder komm
mit uns und schließ uns die Kirche wieder auf. Wir
möchten sie gerne sehen, wir und die Herrschaften da.“

„Gerne,“ sagte das Kind und lief wieder vorauf,
überkletterte die Kirchhofsmauer und verschwand alsbald hinter den Haselnuß- und Hagebuttensträuchern,
die hier so reichlich standen, daß sie, trotzdem sie noch
kahl waren, eine dichte Hecke bildeten.

Das Tantchen und Victoire folgten ihr und
stiegen langsam über verfallene Gräber weg, die der
Frühling noch nirgends mit seiner Hand berührt
hatte; nirgends zeigte sich ein Blatt, und nur unmittelbar neben der Kirche war eine schattig-feuchte
Stelle wie mit Veilchen überdeckt. Victoire bückte
sich, um hastig davon zu pflücken, und als Schach
und Frau von Carayon im nächsten Augenblick den
eigentlichen Hauptweg des Kirchhofes heraufkamen,
ging ihnen Victoire entgegen und gab der Mutter die
Veilchen.

Die Kleine hatte mittlerweile schon aufgeschlossen
und saß wartend auf dem Schwellstein; als aber
beide Paare heran waren, erhob sie sich rasch und
trat, allen vorauf, in die Kirche, deren Chorstühle
fast so schräg standen, wie die Grabkreuze draußen.
Alles wirkte kümmerlich und zerfallen, der eben sinkende
Sonnenball aber, der hinter den nach Abend zu
gelegenen Fenstern stand, übergoß die Wände mit einem
rötlichen Schimmer und erneuerte, für Augenblicke
wenigstens, die längst blind gewordene Vergoldung
der alten Altarheiligen, die hier noch, aus der
katholischen Zeit her, ihr Dasein fristeten. Es konnte
nicht ausbleiben, daß das genferisch reformierte Tantchen
aufrichtig erschrak, als sie dieser „Götzen“ ansichtig
wurde, Schach aber, der unter seine Liebhabereien
auch die Genealogie zählte, fragte bei der Kleinen
an, ob nicht vielleicht alte Grabsteine da wären?

„Einer ist da,“ sagte die Kleine. „Dieser hier,“
und wies auf ein abgetretenes aber doch noch deutlich erkennbares Steinbild, das aufrecht in einen
Pfeiler, dicht neben dem Altar, eingemauert war. Es
war ersichtlich ein Reiteroberst.

„Und wer ist es?“ fragte Schach.

„Ein Tempelritter,“ erwiderte das Kind „und
hieß der Ritter von Tempelhof. Und diesen Grabstein ließ er schon bei Lebzeiten machen, weil er wollte,
daß er ihm ähnlich werden sollte.“

Hier nickte das Tantchen zustimmend, weil das
Ahnlichkeitsbedürfniß des angeblichen Ritters von
Tempelhof eine verwandte Saite in ihrem Herzen traf.

„Und er baute diese Kirche,“ fuhr die Kleine
fort „und baute zuletzt auch das Dorf, und nannt es
Tempelhof, weil er selber Tempelhof hieß. Und die
Berliner sagen „Templow“. Aber es ist falsch.“

All das nahmen die Damen in Andacht hin,
und nur Schach, der neugierig geworden war, fragte
weiter „ob sie nicht das ein oder andre noch aus
den Lebzeiten des Ritters wisse?“

„Nein, aus seinen Lebzeiten nicht. Aber nachher.“

Alle horchten auf, am meisten das sofort einen
leisen Grusel verspürende Tantchen, die Kleine hingegen fuhr in ruhigem Tone fort: „Ob es alles
so wahr ist, wie die Leute sagen, das weiß ich nicht.
Aber der alte Kossäthe Maltusch hat es noch mit
erlebt.“

„Aber was denn, Kind?“

„Er lag hier vor dem Altar über hundert Jahre,
bis es ihn ärgerte, daß die Bauern und Einsegnungskinder immer auf ihm herumstanden, und ihm das
Gesicht abschurrten, wenn sie zum Abendmahl gingen.
Und der alte Maltutsch, der jetzt ins 90ste geht, hat
mir und meinem Vater erzählt, er hab es noch mit
seinen eigenen Ohren gehört, daß es mitunter so gepoltert und gerollt hätte, wie wenn es drüben über
Schmargendorf donnert.“

„Wohl möglich.“

„Aber sie verstanden nicht, was das Poltern
und Rollen bedeutete“ fuhr die Kleine fort. „Und
so ging es bis das Jahr, wo der russische General,
dessen Namen ich immer vergesse, hier auf dem Tempelhofer Felde lag. Da kam einen Sonnabend der
vorige Küster und wollte die Singezahlen wegwischen
und neue für den Sonntag anschreiben. Und nahm
auch schon das Kreidestück. Aber da sah er mit einem
Male, daß die Zahlen schon weggewischt und neue
Gesangbuchzahlen und auch die Zahlen von einem
Bibelspruch, Kapitel und Vers, mit angeschrieben
waren. Alles altmodisch und undeutlich, und nur so
grade noch zu lesen. Und als sie nachschlugen, da
fanden sie: ‚Du sollst Deinen Todten in Ehren halten
und ihn nicht schädigen an seinem Antlitz.‘ Und nun
wußten sie, wer die Zahlen geschrieben, und nahmen
den Stein auf, und mauerten ihn in diesen Pfeiler.“

„Ich finde doch,“ sagte Tante Marguerite, die,
je schrecklicher sie sich vor Gespenstern fürchtete, desto
lebhafter ihr Vorhandensein bestritt, „ich finde doch,
die Regierung sollte mehr gegen dem Aberglauben
thun.“ Und dabei wandte sie sich ängstlich von dem
unheimlichen Steinbild ab, und ging mit Frau
von Carayon, die, was Gespensterfurcht anging, mit
dem Tantchen wetteifern konnte, wieder dem Ausgange zu.

Schach folgte mit Victoire, der er den Arm gereicht hatte.

„War es wirklich ein Tempelritter?“ fragte diese.
„Meine Tempelritter-Kenntnis beschränkt sich freilich
nur auf den einen im ‚Nathan,‘ aber wenn unsre
Bühne die Kostümfrage nicht zu willkürlich behandelt
hat, so müssen die Tempelritter durchaus anders ausgesehen haben. Hab ich Recht?“

„Immer Recht, meine liebe Victoire.“ Und der
Ton dieser Worte traf ihr Herz und zitterte darin
nach, ohne daß sich Schach dessen bewußt gewesen
wäre.

„Wohl. Aber wenn kein Templer, was dann?“
fragte sie weiter und sah ihn zutraulich und doch
verlegen an.

„Ein Reiteroberst aus der Zeit des 30jährigen
Krieges. Oder vielleicht auch erst aus den Tagen
von Fehrbellin. Ich las sogar seinen Namen: Achim
v. Haake.“

„So halten Sie die ganze Geschichte für ein
Märchen?“

„Nicht eigentlich das, oder wenigstens nicht in
allem. Es ist erwiesen, daß wir Templer in diesem
Lande hatten, und die Kirche hier mit ihren vorgotischen Formen mag sehr wohl bis in jene Templertage zurückreichen. So viel ist glaubhaft.“

„Ich höre so gern von diesem Orden.“

„Auch ich. Er ist von der strafenden Hand
Gottes am schwersten heimgesucht worden und eben
deshalb auch der poetischste und interessanteste. Sie
wissen, was ihm vorgeworfen wird: Götzendienst,
Verleugnung Christi, Laster aller Art. Und ich fürchte
mit Recht. Aber groß wie seine Schuld, so groß war
auch seine Sühne, ganz dessen zu geschweigen, daß
auch hier wieder der unschuldig Überlebende die
Schuld voraufgegangener Geschlechter zu büßen hatte.
Das Los und Schicksal aller Erscheinungen, die sich,
auch da noch wo sie fehlen und irren, dem Alltäglichen
entziehn. Und so sehen wir denn den schuldbeladenen
Orden, all seiner Unrühmlichkeiten unerachtet, schließlich
in einem wiedergewonnenen Glorienschein zu Grunde
gehen. Es war der Neid, der ihn tötete, der Neid
und der Eigennutz, und schuldig oder nicht, mich überwältigt seine Größe.“

Victoire lächelte. „Wer sie so hörte, lieber
Schach, könnte meinen, einen nachgebornen Templer
in Ihnen zu sehen. Und doch war es ein mönchischer
Orden, und mönchisch war auch sein Gelübde. Hätten
Sies vermocht als Templer zu leben und zu sterben?“

„Ja.“

„Vielleicht verlockt durch das Kleid, das noch
kleidsamer war, als die Supra-Weste der Gensdarmes.“

„Nicht durch das Kleid, Victoire. Sie verkennen
mich. Glauben Sie mir, es lebt etwas in mir, das
mich vor keinem Gelübde zurückschrecken läßt.“

„Um es zu halten?“

Aber eh er noch antworten konnte, fuhr sie rasch
in wieder scherzhafter werdendem Tone fort: „Ich
glaube Philipp le Bel hat den Orden auf dem Gewissen. Sonderbar, daß alle historischen Personen,
die den Beinamen des ‚Schönen‘ führen, mir unsympathisch sind. Und ich hoffe, nicht aus Neid. Aber
die Schönheit, das muß wahr sein, macht selbstisch,
und wer selbstisch ist, ist undankbar und treulos.“

Schach suchte zu widerlegen. Er wußte, daß
sich Victoirens Worte, so sehr sie Piquanterien und
Andeutungen liebte, ganz unmöglich gegen ihn gerichtet haben konnten. Und darin traf ers auch. Es
war alles nur jeu d'esprit, eine Nachgiebigkeit
gegen ihren Hang zu philosophieren. Und doch, alles
was sie gesagt hatte, so gewiß es absichtslos gesagt
worden war, so gewiß war es doch auch aus einer
dunklen Ahnung heraus gesprochen worden.

Als ihr Streit schwieg, hatte man den Dorfeingang erreicht, und Schach hielt, um auf Frau
von Carayon und Tante Marguerite, die sich beide
versäumt hatten, zu warten.

Als sie heran waren, bot er der Frau von Carayon
den Arm, und führte diese bis an das Gasthaus
zurück.

Victoire sah ihnen betroffen nach, und sann nach
über den Tausch, den Schach mit keinem Worte der
Entschuldigung begleitet hatte. „Was war das?“ Und
sie verfärbte sich, als sie sich, aus einem plötzlichen
Argwohn heraus, die selbstgestellte Frage beantwortet hatte.

Von einem Wiederplatznehmen vor dem Gasthause war keine Rede mehr, und man gab es um so
leichter und lieber auf, als es inzwischen kühl geworden und der Wind, der den ganzen Tag über
geweht hatte, nach Nordwesten hin umgesprungen war.

Tante Marguerite bat sich den Rücksitz aus, „um
nicht gegen dem Winde zu fahren.“

Niemand widersprach. So nahm sie denn den
erbetenen Platz, und während jeder in Schweigen
überdachte, was ihm der Nachmittag gebracht hatte,
ging es in immer rascherer Fahrt wieder auf die
Stadt zurück.

Diese lage schon in Dämmer als man bis an
den Abhang der Kreuzberghöhe gekommen war und
nur die beiden Gensdarmentürme ragten noch mit
ihren Kuppeln aus dem graublauen Nebel empor.

5. Kapitel.
Victoire v. Carayon an Lisette
v. Verbandt.

Berlin, den 3. Ma chère Lisette.

Wie froh war ich, endlich von Dir
zu hören, und so Gutes. Nicht als ob
ich es anders erwartet hätte; wenige Männer hab
ich kennen gelernt, die mir so ganz eine Garantie des
Glückes zu bieten scheinen, wie der Deinige. Gesund,
wohlwollend, anspruchslos, und von jenem schönen
Wissens- und Bildungsmaß, das ein gleich gefährliches
Zuviel und Zuwenig vermeidet. Wobei ein „Zuviel“
das vielleicht noch gefährlichere ist. Denn junge Frauen
sind nur zu geneigt, die Forderung zu stellen „Du
sollst keine andren Götter haben neben mir.“ Ich
sehe das beinah täglich bei Rombergs, und Marie
weiß es ihrem klugen und liebenswürdigen Gatten
wenig Dank, daß er über Politik und französische
Zeitungen die Visiten und Toiletten vergißt.

Was mir allein eine Sorge machte, war Deine
neue masurische Heimat, ein Stück Land, das ich mir
immer als einen einzigen großen Wald mit hundert
Seen und Sümpfen vorgestellt habe. Da dacht ich
denn, diese neue Heimat könne Dich leicht in ein
melancholisches Träumen versetzen, das dann immer
der Anfang zu Heimweh oder wohl gar zu Trauer
und Thränen ist. Und davor, so hab ich mir sagen
lassen, erschrecken die Männer. Aber ich sehe zu
meiner herzlichen Freude, daß Du auch dieser Gefahr entgangen bist, und daß die Birken, die Dein
Schloß umstehn, grüne Pfingstmaien und keine
Trauerbirken sind. A propos über das Birkenwasser
mußt Du mir gelegentlich schreiben. Es gehört zu
den Dingen, die mich immer neugierig gemacht haben,
und die kennen zu lernen mir bis diesen Augenblick
versagt geblieben ist.

Und nun soll ich Dir über uns berichten. Du
frägst teilnehmend nach all und jedem, und verlangst
sogar von Tante Margueritens neuester Prinzessin
und neuester Namensverwechslung zu hören. Ich
könnte Dir gerade davon erzählen, denn es sind
keine drei Tage, daß wir (wenigstens von diesen Verwechslungen) ein gerüttelt und geschüttelt Maß gehabt
haben.

Es war auf einer Spazierfahrt, die Herr
von Schach mit uns machte, nach Tempelhof, und zu
der auch das Tantchen aufgefordert werden mußte,
weil es ihr Tag war. Du weißt, daß wir sie jeden
Dienstag als Gast in unsrem Hause sehn. Sie war
denn auch mit uns in der „Kürche“, wo sie, beim
Anblick einiger Heiligenbilder aus der katholischen
Zeit her, nicht nur beständig auf Ausrottung des
Aberglaubens drang, sondern sich mit eben diesem
Anliegen auch regelmäßig an Schach wandte, wie
wenn dieser im Konsistorium säße. Und da leg ich
denn (weil ich nun mal die Tugend oder Untugend
habe, mir alles gleich leibhaftig vorzustellen) während
des Schreibens die Feder hin, um mich erst herzlich
auszulachen. Au fond freilich ist es viel weniger
lächerlich, als es im ersten Augenblick erscheint. Er
hat etwas konsistorialrätlich Feierliches, und wenn
mich nicht alles täuscht, so ist es gerade dies Feierliche, was Bülow so sehr gegen ihn einnimmt. Viel,
viel mehr als der Unterschied der Meinungen.

Und beinah klingt es, als ob ich mich in meiner
Schilderung Bülow anschlösse. Wirklich, wüßtest Dus
nicht besser, Du würdest dieser Charakteristik unsres
Freundes nicht entnehmen können, wie sehr ich ihn
schätze. Ja, mehr denn je, trotzdem es an manchem
Schmerzlichen nicht fehlt. Aber in meiner Lage lernt
man milde sein, sich trösten, verzeihn. Hätt ich es
nicht gelernt, wie könnt ich leben, ich, die ich so
gern lebe! Eine Schwäche, die (wie ich einmal gelesen) alle diejenigen haben sollen, von denen man es
am wenigsten begreift.

Aber ich sprach von manchem Schmerzlichen, und
es drängt mich, Dir davon zu erzählen.

Es war erst gestern auf unsrer Spazierfahrt.
Als wir den Gang aus dem Dorf in die Kirche
machten, führte Schach Mama. Nicht zufällig, es war
arrangiert, und zwar durch mich. Ich ließ beide
zurück, weil ich eine Aussprache (Du weißt welche)
zwischen beiden herbeiführen wollte. Solche stillen
Abende, wo man über Feld schreitet, und nichts hört
als das Anschlagen der Abendglocke, heben uns über
kleine Rücksichten fort und machen uns freier. Und
sind wir erst das, so findet sich auch das rechte
Wort. Was zwischen ihnen gesprochen wurde, weiß
ich nicht, jedenfalls nicht das, was gesprochen werden
sollte. Zuletzt traten wir in die Kirche, die vom
Abendrot wie durchglüht war, alles gewann Leben,
und es war unvergeßlich schön. Auf dem Heimwege
tauschte Schach, und führte mich. Er sprach sehr
anziehend, und in einem Tone, der mir ebenso wohlthat, als er mich überraschte. Jedes Wort ist mir
noch in der Erinnerung geblieben, und giebt mir zu
denken. Aber was geschah? Als wir wieder am
Eingange des Dorfes waren, wurd er schweigsamer,
und wartete auf die Mama. Dann bot er ihr den
Arm, und so gingen sie durch das Dorf nach dem
Gasthause zurück, wo die Wagen hielten und viele
Leute versammelt waren. Es gab mir einen Stich
durchs Herz, denn ich konnte mich des Gedankens
nicht erwehren, daß es ihm peinlich gewesen sei, mit
mir und an meinem Arm unter den Gästen zu erscheinen. In seiner Eitelkeit, von der ich ihn nicht
freisprechen kann, ist es ihm unmöglich, sich über das
Gerede der Leute hinwegzusetzen, und ein spöttisches
Lächeln verstimmt ihn auf eine Woche. So selbstbewußt er ist, so schwach und abhängig ist er in diesem
einen Punkte. Vor niemandem in der Welt, auch
vor der Mama nicht, würd ich ein solches Bekenntnis ablegen, aber Dir gegenüber mußt ich es. Hab
ich Unrecht, so sage mir, daß mein Unglück mich mißtrauisch gemacht habe, so halte mir eine Strafpredigt
in allerstrengsten Worten, und sei versichert, daß ich
sie mit dankbarem Auge lesen werde. Denn all seiner
Eitelkeit unerachtet, schätz ich ihn wie keinen andern.
Es ist ein Satz, daß Männer nicht eitel sein dürfen,
weil Eitelkeit lächerlich mache. Mir scheint dies übertrieben. Ist aber der Satz dennoch richtig, so bedeutet Schach eine Ausnahme. Ich hasse das Wort
„ritterlich“ und habe doch kein anderes für ihn. Eines
ist er vielleicht noch mehr, diskret, imponierend, oder doch
voll natürlichen Ansehns, und sollte sich mir das erfüllen,
was ich um der Mama und auch um meinetwillen
wünsche, so würd es mir nicht schwer werden, mich
in eine Respektsstellung zu ihm hinein zu finden.

Und dazu noch eins. Du hast ihn nie für sehr
gescheidt gehalten, und ich meinerseits habe nur schüchtern
widersprochen. Er hat aber doch die beste Gescheitheit, die mittlere, dazu die des redlichen Mannes. Ich
empfinde dies jedesmal, wenn er seine Fehde mit
Bülow führt. So sehr ihm dieser überlegen ist, so
sehr steht er doch hinter ihm zurück. Dabei fällt mir
mitunter auf, wie der Groll, der sich in unserm
Freunde regt, ihm eine gewisse Schlagfertigkeit, ja,
selbst Esprit verleiht. Gestern hat er Sander, dessen
Persönlichkeit Du kennst, den Bülowschen Sancho
Pansa genannt. Die weiteren Schlußfolgerungen ergeben sich von selbst, und ich find es nicht übel.

Sanders Publikationen machen mehr von sich
reden, denn je; die Zeit unterstützt das Interesse für
eine lediglich polemische Litteratur. Außer von Bülow
sind auch Aufsätze von Massenbach und Phull erschienen, die von den Eingeweihten als etwas Besonderes
und nie Dagewesenes ausgepriesen werden. Alles
richtet sich gegen Österreich, und beweist aufs neue,
daß wer den Schaden hat, für den Spott nicht sorgen
darf. Schach ist empört über dies anmaßliche Besserwissen, wie ers nennt, und wendet sich wieder seinen
alten Liebhabereien zu, Kupferstichen und Rennpferden.
Sein kleiner Groom wird immer kleiner. Was bei
den Chinesinnen die kleinen Füße sind, sind bei den
Grooms die kleinen Proportionen überhaupt. Ich
meinerseits verhalte mich ablehnend gegen beide, ganz
besonders aber gegen die chinesisch eingeschnürten Füßchen,
und bin umgekehrt froh, in einem bequemen Pantoffel
zu stecken. Führen, schwingen werd ich ihn nie; das
überlass ich meiner teuren Lisette. Thu es mit der
Milde, die Dir eigen ist. Empfiehl mich Deinem
teuren Manne, der nur den einen Fehler hat, Dich mir
entführt zu haben. Mama grüßt und küßt ihren
Liebling, ich aber lege Dir den Wunsch ans Herz,
vergiß in der Fülle des Glücks, die Dir zu Teil
wurde, nicht ganz Deine, wie Du weißt auf ein
bloßes Pflichtteil des Glückes gesetzte Victoire.

6. Kapitel.
Bei Prinz Louis.

An demselben Abend, an dem Victoire von Carayon ihren Brief an Lisette von Perbandt
schrieb, empfing Schach in seiner in der
Wilhelmstraße gelegenen Wohnung ein Einladungsbillet von der Hand des Prinzen Louis.

Es lautete:

„Lieber Schach. Ich bin erst seit drei Tagen hier
im Moabiter Land und dürste bereits nach Besuch und
Gespräch. Eine Viertelmeile von der Hauptstadt, hat
man schon die Hauptstadt nicht mehr und verlangt
nach ihr. Darf ich für morgen auf Sie rechnen?
Bülow und sein verlegerischer Anhang haben zugesagt,
auch Massenbach und Phull. Also lauter Opposition,
die mich erquickt, auch wenn ich sie bekämpfe. Von
Ihrem Regiment werden Sie noch Nostitz und
Alvensleben treffen. Im Interimsrock und um 5 Uhr.
Ihr Louis, Prinz v. Pr.“

Um die festgesetzte Stunde fuhr Schach, nachdem
er Alvensleben und Nostitz abgeholt hatte, vor der
prinzlichen Villa vor. Diese lag am rechten Flußufer,
umgeben von Wiesen und Werftweiden, und hatte die
Front, über die Spree fort, auf die Westlisière des
Tiergartens. Anfahrt und Aufgang waren von der
Rückseite her. Eine breite, mit Teppich belegte Treppe
führte bis auf ein Podium und von diesem auf einen
Vorflur, auf dem die Gäste vom Prinzen empfangen
wurden. Bülow und Sander waren bereits da, Massenbach und Phull dagegen hatten sich entschuldigen lassen.
Schach war es zufrieden, fand schon Bülow mehr als
genug, und trug kein Verlangen die Zahl der Genialitätsleute verstärkt zu sehen. Es war heller Tag
noch, aber in dem Speisesaal, in den sie von dem
Vestibul aus eintraten, brannten bereits die Lichter
und waren (übrigens bei offenstehenden Fenstern) die
Jalousien geschlossen. Zu diesem künstlich hergestellten
Licht, in das sich von außen her ein Tagesschimmer
mischte, stimmte das Feuer, in dem in der Mitte des
Saales befindlichen Kamine. Vor eben diesem, ihm
den Rücken zukehrend, saß der Prinz, und sah, zwischen
den offenstehenden Jalousiebrettchen hindurch, auf die
Bäume des Tiergartens.

„Ich bitte fürlieb zu nehmen,“ begann er, als die
Tafelrunde sich arrangiert hatte. „Wir sind hier auf
dem Lande; das muß als Entschuldigung dienen, für
alles was fehlt. ,A la guerre, comme à la guerre.‘
Massenbach, unser Gourmé, muß übrigens etwas derart geahnt, respektive gefürchtet haben. Was mich
auch nicht überraschen würde. Heißt es doch, lieber
Sander, Ihr guter Tisch habe mehr noch als Ihr guter
Verlag die Freundschaft zwischen ihnen besiegelt.“

„Ein Satz, dem ich kaum zu widersprechen wage,
Königliche Hoheit.“

„Und doch müßten Sies eigentlich. Ihr ganzer
Verlag hat keine Spur von jenem ,laisser passer‘,
das das Vorrecht, ja, die Pflicht aller gesättigten
Leute ist. Ihre Genies (Pardon, Bülow) schreiben
alle wie Hungrige. Meinetwegen. Unsre Paradeleute
geb ich Ihnen Preis, aber daß Sie mir auch die
Österreicher so schlecht behandeln, das mißfällt mir.“

„Bin ich es, Königliche Hoheit? Ich, für meine
Person, habe nicht die Prätension höherer Strategie.
Nebenher freilich, möcht ich, so zu sagen aus meinem
Verlage heraus, die Frage stellen dürfen: „war Ulm
etwas Kluges?“

„Ach, mein lieber Sander, was ist klug? Wir
Preußen bilden uns beständig ein, es zu sein; und
wissen Sie, was Napoleon über unsre vorjährige
thüringische Aufstellung gesagt hat? Nostitz, wiederholen Sies!… Er will nicht. Nun, so muß ich es
selber thun. ,Ah, ces Prussiens‘ hieß es, ‚ils sont
encore plus stupides, que les Autrichiens‘. Da
haben Sie Kritik über unsere vielgepriesene Klugheit,
noch dazu Kritik von einer allerberufensten Seite her.
Und hätt ers damit getroffen, so müßten wir uns
schließlich zu dem Frieden noch beglückwünschen, den
uns Haugwitz erschachert hat. Ja, erschachert. Erschachert, indem er für ein Mitbringsel unsre Ehre
preisgab. Was sollen wir mit Hannover? Es ist der
Brocken, an dem der preußische Adler ersticken wird.“

„Ich habe zu der Schluck- und Verdauungskraft
unsres preußischen Adlers ein besseres Vertrauen,“ erwiderte Bülow. „Gerade das kann er und versteht
er von alten Zeiten her. Indessen darüber mag
sich streiten lassen; worüber sich aber nicht streiten
läßt, das ist der Friede, den uns Haugwitz gebracht
hat. Wir brauchen ihn wie das tägliche Brot und
mußten ihn haben, so lieb uns unser Leben ist. Königliche Hoheit haben freilich einen Haß gegen den armen
Haugwitz, der mich insoweit überrascht, als dieser Lombard, der doch die Seele des Ganzen ist, von jeher
Gnade vor Eurer Königl. Hoheit Augen gefunden hat.“

„Ah, Lombard! Den Lombard nehm ich nicht
ernsthaft, und stell ihm außerdem noch in Rechnung,
daß er ein halber Franzose ist. Dazu hat er eine
Form des Witzes, die mich entwaffnet. Sie wissen
doch, sein Vater war Friseur und seiner Frau Vater
ein Barbier. Und nun kommt eben diese Frau,
die nicht nur eitel ist bis zum Närrischwerden, sondern
auch noch schlechte französische Verse macht, und
fragt ihn, was schöner sei: ,L'hirondellefrisela
surface des eaux‘ oder ,l'hirondellerasela surface des eaux?‘ Und was antwortet er? ‚Ich sehe
keinen Unterschied, meine Teure; l'hirondellefrise
huldigt meinem Vater und l'hirondellerase dem
Deinigen.‘ In In diesem Bonmot haben Sie den
ganzen Lombard. Was mich aber persönlich angeht,
so bekenn ich Ihnen offen, daß ich einer so witzigen
Selbstpersiflage nicht widerstehen kann. Er ist ein
Polisson, kein Charakter.“

„Vielleicht, daß sich ein Gleiches auch von Haugwitz sagen ließe, zum Guten wie zum Schlimmen.
Und wirklich, ich geb Eurer K. Hoheit den Mann
preis. Aber nicht seine Politik. Seine Politik ist
gut, denn sie rechnet mit gegebenen Größen. Und
Eure K. Hoheit wissen das besser als ich. Wie steht
es denn in Wahrheit mit unsren Kräften? Wir leben
von der Hand in den Mund und warum? weil der
Staat Friedrichs des Großen nicht ein Land mit einer
Armee, sondern eine Armee mit einem Lande ist. Unser
Land ist nur Standquartier und Verpflegungsmagazin.
In sich selber entbehrt es aller großen Ressourcen.
Siegen wir, so geht es; aber Kriege führen dürfen nur
solche Länder, die Niederlagen ertragen können. Das
können wir nicht. Ist die Armee hin, so ist alles
hin. Und wie schnell eine Armee hin sein kann, das
hat uns Austerlitz gezeigt. Ein Hauch kann uns töten,
gerad auch uns. ,Er blies, und die Armada zerstob
in alle vier Winde.' Afflavit Deus et dissipati
sunt.“

„Herr v. Bülow,“ unterbrach hier Schach, „möge
mir eine Bemerkung verzeihn. Er wird doch, denk
ich, in dem Höllenbrodem, der jetzt über die Welt
weht, nicht den Odem Gottes erkennen wollen, nicht
den, der die Armada zerblies.“

„Doch, Herr v. Schach. Oder glauben Sie
wirklich, daß der Odem Gottes im Spezialdienste des
Protestantismus, oder gar Preußens und seiner Armee
steht?“

„Ich hoffe, ja.“

„Und ich fürchte, nein.“ Wir haben die ,propreste Armee‘, das ist alles. Aber mit der ,Propretät‘ gewinnt man keine Schlachten. Erinnern sich
Königliche Hoheit der Worte des großen Königs, als
General Lehwald ihm seine dreimal geschlagenen Regimenter in Parade vorführte? ,Propre Leute‘ hieß
es. ,Da seh' Er meine. Sehen aus wie die Grasdeibel, aber beißen.‘ Ich fürchte, wir haben jetzt
zu viel Lehwaldsche Regimenter und zu wenig altenfritzige. Der Geist ist heraus, alles ist Dressur und
Spielerei geworden. Giebt es doch Offiziere, die, der
bloßen Prallheit und Drallheit halber, ihren Uniformrock direkt auf dem Leibe tragen. Alles Unnatur.
Selbst das Marschieren-können, diese ganz gewöhnliche
Fähigkeit des Menschen, die Beine zu setzen, ist uns
in dem ewigen Paradeschritt verloren gegangen. Und
Marschieren-können ist jetzt die erste Bedingung des
Erfolges. Alle modernen Schlachten sind mit den
Beinen gewonnen worden.“

„Und mit Gold“ unterbrach hier der Prinz.
„Ihr großer Empereur, lieber Bülow, hat eine Vorliebe für kleine Mittel. Ja, für allerkleinste. Daß
er lügt, ist sicher. Aber er ist auch ein Meister in
der Kunst der Bestechung. Und wer hat uns die
Augen darüber geöffnet? Er selber. Lesen Sie, was
er unmittelbar vor der Austerlitzer Bataille sagte.
,Soldaten‘ hieß es, ‚der Feind wird marschieren und
unsre Flanke zu gewinnen suchen; bei dieser Marschbewegung aber wird er die seinige preisgeben. Wir
werden uns auf diese seine Flanke werfen, und ihn schlagen und vernichten.‘ Und genau so verlief die Schlacht.
Es ist unmöglich, daß er aus der bloßen Aufstellung
der Österreicher auch schon ihren Schlachtplan erraten
haben könnte.“

Man schwieg. Da dies Schweigen aber dem
lebhaften Prinzen um vieles peinlicher war als
Widerspruch, so wandt er sich direkt an Bülow und
sagte: „Widerlegen Sie mich.“

„Königliche Hoheit befehlen und so gehorch ich denn.
Der Kaiser wußte genau was geschehen werde, konnt
es wissen, weil er sich die Frage ,was thut hier die
Mittelmäßigkeit‘ in vorausberechnender Weise
nicht blos gestellt, sondern auch beantwortet hatte.
Die höchste Dummheit, wie zuzugestehen ist, entzieht sich
ebenso der Berechnung wie die höchste Klugheit, —
das ist eine von den großen Seiten der echten und
unverfälschten Stupidität. Aber jene ‚Mittelklugen‘,
die gerade klug genug sind, um von der Lust ‚es auch
einmal mit etwas Geistreichem zu probieren‘, angewandelt zu werden, diese Mittelklugen sind allemal
am leichtesten zu berechnen. Und warum? Weil sie
jederzeit nur die Mode mitmachen und heute kopieren,
was sie gestern sahn. Und das alles wußte der Kaiser.
Hic haeret. Er hat sich nie glänzender bewährt, als
in dieser Austerlitzer Aktion, auch im Nebensächlichen
nicht, auch nicht in jenen Impromptus und witzigen
Einfällen auf dem Gebiete des Grausigen, die so recht
eigentlich das Kennzeichen des Genies sind.“

„Ein Beispiel.“

„Eines für hundert. Als das Centrum schon
durchbrochen war, hatte sich ein Teil der russischen
Garde, vier Bataillone, nach ebenso viel gefrornen
Teichen hin zurückgezogen, und eine französische
Batterie fuhr auf, um mit Kartätschen in die
Bataillone hineinzufeuern. In diesem Augenblick erschien der Empereur. Er überblickte sofort das Besondere der Lage. ‚Wozu hier ein sich Abmühen en
détail?‘ Und er befahl mit Vollkugeln auf das Eis
zu schießen. Eine Minute später und das Eis barst
und brach, und alle vier Bataillone gingen en carré
in die morastige Tiefe. Solche vom Moment eingegebenen Blitze hat nur immer das Genie. Die
Russen werden sich jetzt vornehmen, es bei nächster
Gelegenheit ebenso zu machen, aber wenn Kutusow auf
Eis wartet, wird er plötzlich in Wasser oder Feuer
stecken. Österreichisch-russische Tapferkeit in Ehren, nur
nicht ihr Ingenium. Irgendwo heißt es: ‚In meinem
Wolfstornister, Regt sich des Teufels Küster, Ein
Kobold, heißt ‚Genie‘ — nun, in dem russischösterreichischen Tornister ist dieser ‚Kobold und Teufelsküster‘ nie und nimmer zu Hause gewesen. Und um
dies Manko zu kassieren, bedient man sich der alten,
elenden Trostgründe: Bestechung und Verräterei.
Jedem Besiegten wird es schwer, den Grund seiner
Niederlagen an der einzig richtigen Stelle, nämlich
in sich selbst zu suchen, und auch Kaiser Alexander,
mein ich, verzichtet auf ein solches Nachforschen am
recht eigentlichsten Platz.“

„Und wer wollt ihm darüber zürnen?“ antwortete
Schach. „Er that das seine, ja mehr. Als die Höhe
schon verloren und doch andrerseits die Möglichkeit
einer Wiederherstellung der Schlacht noch nicht geschwunden war, ging er klingenden Spiels an der
Spitze neuer Regimenter vor; sein Pferd ward ihm
unter dem Leibe erschossen, er bestieg ein zweites,
und eine halbe Stunde lang schwankte die Schlacht.
Wahre Wunder der Tapferkeit wurden verrichtet, und
die Franzosen selbst haben es in enthusiastischen Ausdrücken anerkannt.“

Der Prinz, der, bei der vorjährigen Berliner
Anwesenheit des unausgesetzt als deliciae generis
humani gepriesenen Kaisers, keinen allzu günstigen
Eindruck von ihm empfangen hatte, fand es einigermaßen unbequem, den „liebenswürdigsten der Menschen“
auch noch zum „heldischsten“ erhoben zu sehen. Er
lächelte deshalb und sagte: „Seine kaiserliche Majestät
in Ehren, so scheint es mir doch, lieber Schach, als
ob Sie französischen Zeitungsberichten mehr Gewicht
beilegten, als ihnen beizulegen ist. Die Franzosen
sind kluge Leute. Je mehr Rühmens sie von ihrem
Gegner machen, desto größer wird ihr eigner Ruhm,
und dabei schweig ich noch von allen möglichen
politischen Gründen, die jetzt sicherlich mitsprechen.
‚Man soll seinem Feinde goldene Brücken bauen‛,
sagt das Sprichwort, und sagt es mit Recht, denn,
wer heute mein Feind war, kann morgen mein
Verbündeter sein. Und in der That, es spukt schon
dergleichen, ja, wenn ich recht unterrichtet bin, so verhandelt man bereits über eine neue Teilung der Welt,
will sagen über die Wiederherstellung eines morgenländischen und abendländischen Kaisertums. Aber
lassen wir Dinge, die noch in der Luft schweben, und
erklären wir uns das dem Heldenkaiser gespendete
Lob lieber einfach aus dem Rechnungssatze: ‚wenn
der unterlegene russische Mut einen vollen Centner wog,
so wog der siegreich französische natürlich zwei‘“

Schach, der, seit Kaiser Alexanders Besuch in
Berlin, das Andreaskreuz trug, biß sich auf die Lippen
und wollte replizieren. Aber Bülow kam ihm zuvor
und bemerkte: „Gegen ,unter dem Leibe erschossene
Kaiserpferde‘ bin ich überhaupt immer mißtrauisch. Und
nun gar hier. All diese Lobeserhebungen müssen Seine
Majestät sehr in Verlegenheit gebracht haben, denn es
giebt ihrer zu viele, die das Gegenteil bezeugen können.
Er ist der ‚gute Kaiser‘ und damit Basta.“

„Sie sprechen das so spöttisch, Herr v. Bülow,“
antwortete Schach. „Und doch frag ich Sie, giebt
es einen schöneren Titel?“

„O gewiß giebt es den. Ein wirklich großer
Mann wird nicht um seiner Güte willen gefeiert und
noch weniger danach benannt. Er wird umgekehrt
ein Gegenstand beständiger Verleumdungen sein. Denn
das Gemeine, das überall vorherrscht, liebt nur das,
was ihm gleicht. Brenkenhof, der, trotz seiner Paradoxien, mehr gelesen werden sollte, als er gelesen wird,
behauptet geradezu, ‚daß in unserm Zeitalter die
besten Menschen die schlechteste Reputation haben
müßten‘. Der gute Kaiser! Ich bitte Sie. Welche
Augen wohl König Friedrich gemacht haben würde,
wenn man ihn den ‚guten Friedrich‘ genannt hätte.“

„Bravo, Bülow,“ sagte der Prinz, und grüßte
mit dem Glase hinüber. „Das ist mir aus der Seele
gesprochen.“

Aber es hätte dieses Zuspruches nicht bedurft.
„Alle Könige,“ fuhr Bülow in wachsendem Eifer fort,
„die den Beinamen des ‚guten‘ führen, sind solche,
die das ihnen anvertraute Reich zu Grabe getragen
oder doch bis an den Rand der Revolution gebracht
haben. Der letzte König von Polen war auch ein
sogenannter ‚guter‘. In der Regel haben solche
Fürstlichkeiten einen großen Harem und einen kleinen
Verstand. Und geht es in den Krieg, so muß irgend
eine Kleopatra mit ihnen, gleichviel mit oder ohne
Schlange.“

„Sie meinen doch nicht, Herr von Bülow,“ entgegnete Schach, „durch Auslassungen wie diese, den
Kaiser Alexander charakterisiert zu haben.“

„Wenigstens annähernd.“

„Da wär ich doch neugierig.“

„Es ist zu diesem Behufe nur nötig, sich den
letzten Besuch des Kaisers in Berlin und Potsdam
zurückzurufen. Um was handelte sichs? Nun, anerkanntermaßen um nichts Kleines und Alltägliches,
um Abschluß eines Bündnisses auf Leben und Tod,
und wirklich, bei Fackellicht trat man in die Gruft
Friedrichs des Großen, um sich, über dem Sarge
desselben, eine halbmystische Blutsfreundschaft zuzuschwören. Und was geschah unmittelbar danach?
Ehe drei Tage vorüber waren, wußte man, daß
der aus der Gruft Friedrichs des Großen glücklich
wieder ans Tageslicht gestiegene Kaiser, die fünf anerkanntesten beautés des Hofes in eben so viele
Schönheitskategorien gebracht habe: beauté coquette
und beauté triviaile, beauté céleste und beauté du
diable, und endlich fünftens ,beauté, qui inspire
seul du vrai sentiment‘. Wobei wohl jeden die
Neugier angewandelt haben mag, das Allerhöchste
‚vrai sentiment‘ kennen zu lernen.“

7. Kapitel.
Ein neuer Gast.

All diese Sprünge Bülows hatten die Heiterkeit des Prinzen erregt, der denn auch
eben mit einem ihm bequem liegenden
Capriccio über beauté céleste und beauté du diable
beginnen wollte, als er, vom Korridor her, unter dem
halbzurückgeschlagenen Portièrenteppich, einen ihm
wohlbekannten kleinen Herrn von unverkennbaren
Künstlerallüren erscheinen und gleich danach eintreten sah.

„Ah, Dussek, das ist brav,“ begrüßte ihn der
Prinz. „Mieux vaut tard que jamais. Rücken
Sie ein. Hier. Und nun bitt ich alles was an
Süßigkeiten noch da ist, in den Bereich unsres Künstlerfreundes bringen zu wollen. Sie finden noch
tutti quanti, lieber Dussek. Keine Einwendungen.
Aber was trinken Sie? Sie haben die Wahl. Asti,
Montefiascone, Tokayer.“

„Irgend einen Ungar.“

„Herben?“

Dussek lächelte.

„Thörichte Frage,“ korrigierte sich der Prinz
und fuhr in gesteigerter guter Laune fort: „Aber nun,
Dussek, erzählen Sie. Theaterleute haben, die Tugend
selber ausgenommen, allerlei Tugenden, und unter diesen
auch die der Mitteilsamkeit. Sie bleiben einem auf
die Frage ‚was Neues‛ selten eine Antwort schuldig.“

„Und auch heute nicht, Königliche Hoheit,“ antwortete Dussek, der, nachdem er genippt hatte, eben sein
Bärtchen putzte.

„Nun, so lassen Sie hören. Was schwimmt
obenauf?“

„Die ganze Stadt ist in Aufregung. Versteht
sich, wenn ich sage, ‚die ganze Stadt‛, so mein ich
das Theater.“

„Das Theater ist die Stadt. Sie sind also gerechtfertigt. Und nun weiter.“

„Königliche Hoheit befehlen. Nun denn, wir
sind in unsrem Haupt und Führer empfindlich gekränkt worden und haben denn auch aus eben diesem
Grunde nicht viel weniger als eine kleine Theateremeute gehabt.
Das also, hieß es, seien die neuen Zeiten, das sei
das bürgerliche Regiment, das sei der Respekt vor
den preußischen ,belles lettres et beaux arts.‘ Eine
‚Huldigung der Künste‘ lasse man sich gefallen, aber
eine Huldigung gegen die Künste, die sei so fern
wie je.“

„Lieber Dussek,“ unterbrach der Prinz, „Ihre
Reflexionen in Ehren. Aber da Sie gerade von
Kunst sprechen, so muß ich Sie bitten, die Kunst
der Retardierung nicht übertreiben zu wollen. Wenn
es also möglich ist, Thatsachen. Um was handelt
es sich?“

„Iffland ist gescheitert. Er wird den Orden,
von dem die Rede war, nicht erhalten.“

Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostitz
skandierte: „Parturiunt montes nascetur ridiculus

Aber Dussek war in wirklicher Erregung, und
diese wuchs noch unter der Heiterkeit seiner Zuhörer.
Am meisten verdroß ihn Sander. „Sie lachen, Sander. Und doch trifft es in diesem Kreise nur Sie und
mich. Denn gegen wen anders ist die Spitze gerichtet,
als gegen das Bürgertum überhaupt.“

Der Prinz reichte dem Sprecher über den Tisch
hin die Hand. „Recht, lieber Dussek. Ich liebe
solch Eintreten. Erzählen Sie. Wie kam es?“

„Vor allem ganz unerwartet. Wie ein Blitz aus
heitrem Himmel. Königliche Hoheit wissen, daß seit
lange von einer Dekorierung die Rede war, und wir
freuten uns, alles Künstlerneides vergessend, als ob
wir den Orden mitempfangen und mittragen sollten.
In der That, alles ließ sich gut an, und die ,Weihe
der Kraft,‘ für deren Aufführung der Hof sich interessiert, sollte den Anstoß und zugleich die spezielle
Gelegenheit geben. Iffland ist Maçon (auch das
ließ uns hoffen), die Loge nahm es energisch in die
Hand, und die Königin war gewonnen. Und nun
doch gescheitert. Eine kleine Sache, werden Sie sagen;
aber nein, meine Herren, es ist eine große Sache.
Dergleichen ist immer der Strohhalm, an dem man
sieht, woher der Wind weht. Und er weht bei uns
nach wie vor von der alten Seite her. Chi va piano
va sano, sagt das Sprichwort. Aber im Lande
Preußen heißt es ‚pianissimo.‘

„Gescheitert, sagten Sie, Dussek. Aber gescheitert
woran?“

„An dem Einfluß der Hofgeneralität. Ich habe
Rüchels Namen nennen hören. Er hat den Gelehrten
gespielt und darauf hingewiesen, wie niedrig das
Histrionentum immer und ewig in der Welt gestanden
habe, mit alleiniger Ausnahme der neronischen Zeiten.
Und die könnten doch kein Vorbild sein. Das half.
Denn welcher allerchristlichste König will Nero sein
oder auch nur seinen Namen hören. Und so wissen
wir denn, daß die Sache vorläufig ad acta verwiesen
ist. Die Königin ist chagriniert, und an diesem Allerhöchsten Chagrin müssen wir uns vorläufig genügen
lassen. Neue Zeit und alte Vorurteile.“

„Lieber Kapellmeister,“ sagte Bülow, „ich sehe zu
meinem Bedauern, daß Ihre Reflexionen Ihren
Empfindungen weit vorauf sind. Übrigens ist das
das Allgemeine. Sie sprechen von Vorurteilen, in
denen wir stecken, und stecken selber drin. Sie, samt
ihrem ganzen Bürgertum, das keinen neuen freien
Gesellschaftszustand schaffen, sondern sich nur eitel und
eifersüchtig in die bevorzugten alten Klassen einreihen
will. Aber damit schaffen Sies nicht. An die Stelle
der Eifersüchtelei, die jetzt das Herz unsres dritten
Standes verzehrt, muß eine Gleichgiltigkeit gegen alle
diese Kindereien treten, die sich einfach überlebt haben.
Wer Gespenster wirklich ignoriert, für den giebt es
keine mehr, und wer Orden ingnoriert, der arbeitet an
ihrer Ausrottung. Und dadurch an Ausrottung einer
wahren Epidemie . .“

„Wie Herr von Bülow umgekehrt an Errichtung
eines neuen Königreichs Utopien arbeitet,“ unterbrach
Sander. „Ich meinerseits nehme vorläufig an, daß
die Krankheit, von der er spricht, in der Richtung von
Osten nach Westen immer weiter wachsen, aber nicht
umgekehrt in der Richtung von Westen nach Osten
hin absterben wird. Im Geiste seh ich vielmehr
immer neue Multiplikationen, und das Erblühen einer
Ordens-Flora mit 24 Klassen wie das Linnésche
System.“

Alle traten auf die Seite Sanders, am entschiedensten der Prinz. Es müsse durchaus etwas in
der menschlichen Natur stecken, das, wie beispielsweise
der Hang zu Schmuck und Putz, sich auch zu dieser
Form der Quincaillerie hingezogen fühle. „Ja,“ so
fuhr er fort, „es giebt kaum einen Grad der Klugheit,
der davor schützt. Sie werden doch alle Kalkreuth
für einen klugen Mann halten, ja mehr, für einen
Mann, der, wie wenige, von dem ‚Alles ist eitel‘
unsres Thuns und Trachtens durchdrungen sein muß.
Und doch, als er den roten Adler erhielt, während
er den schwarzen erwartet hatte, warf er ihn wütend
ins Schubfach und schrie: ,Da liege, bis du schwarz
wirst.‘ Eine Farbenänderung, die sich denn auch
mittlerweise vollzogen hat.

„Es ist mit Kalkreuth ein eigen Ding,“ erwiderte
Bülow, „und offen gestanden, ein andrer unsrer
Generäle, der gesagt haben soll: ‚ich gäbe den schwarzen
drum, wenn ich den roten wieder los wäre,‘ gefällt
mir noch besser. Übrigens bin ich minder streng, als
es den Anschein hat. Es giebt auch Auszeichnungen,
die nicht als Auszeichnung ansehn zu wollen, einfach
Beschränktheit oder niedrige Gesinnung wäre. Admiral
Sidney Smith, berühmter Verteidiger von St. Jean
d'Acre und Verächter aller Orden, legte doch Wert
auf ein Schaustück, das ihm der Bischof von Acre
mit den Worten überreicht hatte: ‚Wir empfingen
dieses Schaustück aus den Händen König Richards
Coeur de Lion, und geben es, nach sechshundert
Jahren, einem seiner Landsleute zurück, der, heldenmütig wie er, unsre Stadt verteidigt hat.‘ Und
ein Elender und Narr, setz ich hinzu, der sich
einer solchen Auszeichnung nicht zu freuen versteht.“

„Schätze mich glücklich, ein solches Wort aus
Ihrem Munde zu hören,“ erwiderte der Prinz. „Es
bestärkt mich in meinen Gefühlen für Sie, lieber
Bülow, und ist mir, Pardon, ein neuer Beweis, daß
der Teufel nicht halb so schwarz ist, als er gemalt
wird.“

Der Prinz wollte weiter sprechen. Als aber in
eben diesem Augenblick einer der Diener an ihn heran
trat und ihm zuflüsterte, daß der Rauchtisch arrangiert
und der Kaffee serviert sei, hob er die Tafel auf,
und führte seine Gäste, während er Bülows Arm
nahm, auf den an den Eßsaal angebauten Balkon.
Eine große, blau und weiß gestreifte Marquise, deren
Ringe lustig im Winde klapperten, war schon vorher
herabgelassen worden, und unter ihren weit niederhängenden Frangen hinweg, sah man, flußaufwärts,
auf die halb im Nebel liegenden Türme der Stadt,
flußabwärts aber auf die Charlottenburger Parkbäume, hinter deren eben ergrünendem Gezweige die
Sonne niederging. Jeder blickte schweigend in das
anmutige Landschaftsbild hinaus, und erst als die
Dämmrung angebrochen und eine hohe Sinumbralampe
gebracht worden war, nahm man Platz und setzte die
holländischen Pfeifen in Brand, unter denen jeder
nach Gefallen wählte. Dussek allein, weil er die
Musikpassion des Prinzen kannte, war phantasierend
an dem im Eßsaale stehenden Flügel zurückgeblieben,
und sah nur, wenn er den Kopf zur Seite wandte,
die jetzt draußen wieder lebhafter plaudernden Tischgenossen und ebenso die Lichtfunken, die von Zeit zu
Zeit aus ihren Thonpfeifen aufflogen.

Das Gespräch hatte das Ordensthema nicht
wieder aufgenommen, wohl aber sich der ersten Veranlassung desselben, also Iffland und dem in Sicht
stehenden neuen Schauspiele zugewandt, bei welcher
Gelegenheit Alvensleben bemerkte, „daß er einige der
in den Text eingestreuten Gesangsstücke während dieser
letzten Tage kennen gelernt habe. Gemeinschaftlich
mit Schach. Und zwar im Salon der liebenswürdigen Frau v. Carayon und ihrer Tochter Victoire.
Diese habe gesungen und Schach begleitet.“

„Die Carayons,“ nahm der Prinz das Wort.
„Ich höre keinen Namen jetzt öfter als den. Meine
teure Freundin Pauline, hat mir schon früher von beiden
Damen erzählt, und neuerdings auch die Rahel. Alles
vereinigt sich, mich neugierig zu machen und Anknüpfungen zu suchen, die sich, mein ich, unschwer
werden finden lassen. Entsinn ich mich doch des
schönen Fräuleins vom Massowschen Kinderballe her,
der, nach Art aller Kinderbälle, des Vorzugs genoß,
eine ganz besondre Schaustellung erwachsener und
voll erblühter Schönheiten zu sein. Und wenn ich
sage, ,voll erblühter‘, so sag ich noch wenig. In der
That, an keinem Ort und zu keiner Zeit hab ich je so
schöne Dreißigerinnen auftreten sehen, als auf Kinderbällen. Es ist, als ob die Nähe der bewußt oder
unbewußt auf Umsturz sinnenden Jugend, alles, was
heute noch herrscht, doppelt und dreifach anspornte,
sein Übergewicht geltend zu machen, ein Übergewicht,
das vielleicht morgen schon nicht mehr vorhanden ist.
Aber gleichviel, meine Herren, es wird sich ein für
allemal sagen lassen, daß Kinderbälle nur für Erwachsene da sind, und dieser interessanten Erscheinung
in ihren Ursachen nachzugehen, wäre so recht eigentlich ein
Thema für unsren Gentz. Ihr philosophischer Freund
Buchholtz, lieber Sander, ist mir zu solchem Spiele nicht
graziös genug. Übrigens nichts für ungut; er ist
Ihr Freund.“

„Aber doch nicht so,“ lachte Sander, „daß ich
nicht jeden Augenblick bereit wäre, ihn Eurer Königlichen Hoheit zu opfern. Und wie mir bei dieser Gelegenheit gestattet sein mag, hinzuzusetzen, nicht bloß
aus einem allerspeziellsten, sondern auch noch aus
einem ganz allgemeinen Grunde. Denn wenn die
Kinderbälle, nach Ansicht und Erfahrung Euer Königlichen Hoheit, eigentlich am besten ohne Kinder bestehen, so die Freundschaften am besten ohne Freunde.
Die Surrogate bedeuten überhaupt alles im Leben,
und sind recht eigentlich die letzte Weisheitsessenz.“

„Es muß sehr gut mit Ihnen stehn, lieber Sander,“ entgegnete der Prinz, „daß Sie sich zu solchen
Ungeheuerlichkeiten offen bekennen können. Mais
révenons à notre belle Victoire. Sie war unter
den jungen Damen, die durch lebende Bilder das
Fest damals einleiteten, und stellte, wenn mich mein
Gedächtnis nicht trügt, eine Hebe dar, die dem Zeus
eine Schale reichte. Ja, so war es, und indem ich
davon spreche, tritt mir das Bild wieder deutlich vor
die Seele. Sie war kaum fünfzehn, und von jener
Taille, die jeden Augenblick zu zerbrechen scheint.
Aber sie zerbrechen nie. ‚Comme un ange‘, sagte
der alte Graf Neale, der neben mir stand, und mich
durch eine Begeistrung langweilte, die mir einfach als
eine Karrikatur der meinigen erschien. Es wäre mir
eine Freude, die Bekanntschaft der Damen erneuern
zu können.“

„Eure Königliche Hoheit würden das Fräulein
Victoire nicht wieder erkennen,“ sagte Schach, dem der
Ton, in dem der Prinz sprach, wenig angenehm war.
„Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von
den Blattern befallen, und nur wie durch ein Wunder gerettet. Ein gewisser Reiz der Erscheinung ist
ihr freilich geblieben, aber es sind immer nur Momente, wo die seltene Liebenswürdigkeit ihrer Natur
einen Schönheitsschleier über sie wirft, und den
Zauber ihrer früheren Tage wiederherzustellen scheint.“

„Also restitutio in integrum,“ sagte Sander.

Alles lachte.

„Wenn Sie so wollen, ja,“ antwortete Schach
in einem spitzen Tone, während er sich ironisch gegen
Sander verbeugte.

Der Prinz bemerkte die Verstimmung und wollte
sie coupieren. „Es hilft Ihnen nichts, lieber Schach.
Sie sprechen, als ob Sie mich abschrecken wollten.
Aber weit gefehlt. Ich bitte Sie, was ist Schönheit?
Einer der allervaguesten Begriffe. Muß ich Sie an
die fünf Kategorien erinnern, die wir in erster Reihe
Sr. Majestät dem Kaiser Alexander und in zweiter
unsrem Freunde Bülow verdanken? Alles ist schön
und nichts. Ich persönlich würde der beauté du
diable jederzeit den Vorzug geben, will also sagen
einer Erscheinungsform, die sich mit der des ci-devant
schönen Fräuleins von Carayon einigermaßen decken
würde.“

„Königliche Hoheit halten zu Gnaden,“ entgegnete
Nostitz, „aber es bleibt mir doch zweifelhaft, ob K. H.
die Kennzeichen der beauté du diable an Fräulein
Victoire wahrnehmen würden. Das Fräulein hat
einen witzig-elegischen Ton, was auf den ersten Blick
als ein Widerspruch erscheint, und doch keiner ist,
unter allen Umständen aber als ihr charakteristischer
Zug gelten kann. Meinen Sie nicht auch, Alvensleben?“

Alvensleben bestätigte.

Der Prinz indessen, der ein sich Einbohren in
Fragen über die Maaßen liebte, fuhr, indem er sich
dieser Neigung auch heute wieder hingab, immer lebhafter werdend fort: „Elegisch“ sagen Sie, „witzigelegisch; ich wüßte nicht, was einer beauté du diable
besser anstehn könnte. Sie fassen den Begriff offenbar
zu eng, meine Herren. Alles was Ihnen dabei vorschwebt, ist nur eine Spielart der alleralltäglichsten
Schönheitsform, der beauté coquette: das Näschen
ein wenig mehr gestubst, der Teint ein wenig dunkler,
das Temperament ein wenig rascher, die Manieren
ein wenig kühner und rücksichtsloser. Aber damit erschöpfen Sie die höhere Form der beauté du diable
keineswegs. Diese hat etwas Weltumfassendes, das
über eine bloße Teint- und Rassenfrage weit hinausgeht. Ganz wie die Katholische Kirche. Diese wie
jene sind auf ein Innerliches gestellt, und das Innerliche, das in unserer Frage den Ausschlag giebt,
heißt Energie, Feuer, Leidenschaft.“

Nostitz und Sander lächelten und nickten.

„Ja, meine Herren, ich gehe weiter und wiederhole ,was ist Schönheit?‘ Schönheit, bah! Es kann
nicht nur auf die gewöhnlichen Schönheitsformen verzichtet werden ihr Fehlen kann sogar einen allerdirektesten
Vorzug bedeuten. In der That, lieber Schach, ich habe
wunderbare Niederlagen und noch wunderbarere Siege
gesehn. Es ist auch in der Liebe wie bei Morgarten
und Sempach, die schönen Ritter werden geschlagen
und die häßlichen Bauern triumphieren. Glauben Sie
mir, das Herz entscheidet, nur das Herz. Wer liebt,
wer die Kraft der Liebe hat, ist auch liebenswürdig,
und es wäre grausam, wenn es anders wäre. Gehen
Sie die Reihe der eigenen Erfahrungen durch. Was
ist alltäglicher, als eine schöne Frau durch eine nicht
schöne Geliebte verdrängt zu sehn! Und nicht etwa
nach dem Satze toujours perdrix. O nein, es hat
dies viel tiefre Zusammenhänge. Das Langweiligste
von der Welt ist die lymphatisch-phlegmatische beauté,
die beauté par excellence. Sie kränkelt hier, sie
kränkelt da, ich will nicht sagen immer und notwendig,
aber doch in der Mehrzahl der Fälle, während meine
beauté du diable die Trägerin einer allervollkommensten
Gesundheit ist, jener Gesundheit, die zuletzt alles bedeutet und gleichwertig ist mit höchstem Reiz. Und
nun frag ich Sie, meine Herrn, wer hätte mehr davon
als die Natur, die durch die größten und gewaltigsten
Läuterungsprozesse wie durch ein Fegefeuer gegangen
ist. Ein paar Grübchen in der Wange sind das
Reizendste von der Welt, das hat schon bei den Römern
und Griechen gegolten, und ich bin nicht ungalant und
unlogisch genug, um einer Grübchen-Vielheit einen Respekt
und eine Huldigung zu versagen, die der Einheit
oder dem Pärchen von Alters her gebührt. Das
paradoxe ,le laid c'est le beau‘ hat seine vollkommne Berechtigung, und es heißt nichts andres, als
daß sich hinter dem anscheinend Häßlichen eine höhere
Form der Schönheit verbirgt. Wäre meine teure
Pauline hier, wie sies leider nicht ist, sie würde mir
zustimmen, offen und nachdrücklich, ohne durch persönliche Schicksale captiviert zu sein.“

Der Prinz schwieg. Es war ersichtlich, daß er
auf einen allseitigen Ausdruck des Bedauerns wartete,
Frau Pauline, die gelegentlich die Honneurs des
Hauses machte, heute nicht anwesend zu sehn. Als
aber Niemand das Schweigen brach, fuhr er fort:
„Es fehlen uns die Frauen, und damit dem Wein
und unsrem Leben der Schaum. Ich nehme meinen
Wunsch wieder auf und wiederhole, daß es mich
glücklich machen würde, die Carayon'schen Damen in
dem Salon meiner Freundin empfangen zu dürfen.
Ich zähle darauf, daß diejenigen Herren, die dem
Kreise der Frau von Carayon angehören, sich zum Interpreten meiner Wünsche machen. Sie Schach, oder
auch Sie, lieber Alvensleben.“

Beide verneigten sich.

„Alles in allem wird es das Beste sein, meine
Freundin Pauline nimmt es persönlich in die Hand.
Ich denke, sie wird den Carayon'schen Damen einen
ersten Besuch machen, und ich sehe Stunden eines
angeregtesten geistigen Austausches entgegen.“

Die peinliche Stille, womit auch diese Schlußworte hingenommen wurden, würde noch fühlbarer
gewesen sein, wenn nicht Dussek in eben diesem Moment
auf den Balkon hinausgetreten wäre. „Wie schön“,
rief er und wies mit der Hand auf den westlichen,
bis hoch hinauf in einem glühgelben Lichte stehenden
Horizont.

Alle waren mit ihm an die Brüstung des Balkons getreten, und sahen flußabwärts in den Abendhimmel hinein. Vor dem gelben Lichtstreifen standen
schwarz und schweigend die hohen Pappeln und selbst
die Schloßkuppel wirkte nur noch als Schattenriß.

Einen jeden der Gäste berührte diese Schönheit.
Am schönsten aber war der Anblick zahlloser Schwäne,
die, während man in den Abendhimmel sah, vom
Charlottenburger Park her in langer Reihe herankamen. Andre lagen schon in Front. Es war ersichtlich, daß die ganze Flottille durch irgend was
bis in die Nähe der Villa gelockt sein mußte, denn
sobald sie die Höhe derselben erreicht hatte, schwenkten
sie wie militärisch ein und verlängerten die Front
derer, die hier schon still und regungslos und die
Schnäbel unter dem Gefieder verborgen, wie vor
Anker lagen. Nur das Rohr bewegte sich leis in
ihrem Rücken. So verging eine geraume Zeit. Endlich aber erschien einer in unmittelbarer Nähe des
Balkons, und reckte den Hals, als ob er etwas
sagen wollte.

„Wem gilt es?“ fragte Sander. „Dem Prinzen
oder Dussek oder der Sinumbralampe.“

„Natürlich dem Prinzen,“ antwortete Dussek.

„Und warum?“

„Weil er nicht blos Prinz ist, sondern auch Dussek
und ‚sine umbra‘.“

Alles lachte (der Prinz mit), während Sander
allerförmlichst „zum Hofkapellmeister“ gratulierte. „Und
wenn unser Freund,“ so schloß er, „in Zukunft wieder
Strohalme sammelt, um an ihnen zu sehen, „woher
der Wind weht,“ so wird dieser Wind ihm allemal
aus dem Lande geheiligter Traditionen und nicht mehr
aus dem Lande der Vorurteile zu kommen scheinen.“

Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflotille, die wohl durch die Dusseksche Musik herbeigelockt sein mußte, wieder in Bewegung, und segelte
flußabwärts, wie sie bis dahin flußaufwärts gekommen
war. Nur der Schwan, der den Obman gemacht,
erschien noch einmal, als ob er seinen Dank wiederholen und sich in ceremoniellster Weise verabschieden
wolle.

Dann aber nahm auch er die Mitte des Flusses, und
folgte den übrigen, deren Tête schon unter dem Schatten
der Parkbäume verschwunden war.

8. Kapitel.
Schach und Victoire.

Es war kurz nach diesem Diner beim Prinzen, daß in Berlin bekannt wurde, der
König werde noch vor Schluß der Woche
von Potsdam herüberkommen, um auf dem Tempelhofer
Felde eine große Revue zu halten. Die Nachricht
davon weckte diesmal ein mehr als gewöhnliches Interesse, weil die gesamte Bevölkerung nicht nur dem
Frieden mißtraute, den Haugwitz mit heimgebracht
hatte, sondern auch mehr und mehr der Überzeugung
lebte, daß im Letzten immer nur unsre eigene
Kraft auch unsre Sicherheit bez. unsre Rettung sein
werde. Welch andre Kraft aber hatten wir als die
Armee, die Armee, die, was Erscheinung und Schulung anging, immer noch die friedericianische war.

In solcher Stimmung sah man dem Revuetage
der ein Sonnabend war, entgegen.

Das Bild, das die Stadt vom frühen Morgen an
darbot, entsprach der Aufregung, die herrschte. Tausende
strömten hinaus, und bedeckten vom Halleschen Thor
an die bergansteigende Straße, zu deren beiden Seiten
sich die „Knapphänse“, diese bekannten Zivilmarketender, mit ihren Körben und Flaschen etabliert hatten.
Bald danach erschienen auch die Equipagen der vornehmen Welt, unter diesen die Schachs, die für den
heutigen Tag den Carayonschen Damen zur Disposition gestellt worden war. Im selben Wagen mit
ihnen befand sich ein alter Herr v. d. Recke, früher
Offizier, der, als naher Anverwandter Schachs, die
Honneurs und zugleich den militärischen Interpreten
machte. Frau v. Carayon trug ein stahlgraues Seidenkleid und eine Mantille von gleicher Farbe, während
von Victoirens breitrandigem Italienerhut ein blauer
Schleier im Winde flatterte. Neben dem Kutscher
saß der Groom und erfreute sich der Huld beider
Damen, ganz besonders auch der ziemlich willkürlich
accentuierten englischen Worte, die Victoire von Zeit
zu Zeit an ihn richtete.

Für elf Uhr war das Eintreffen des Königs
angemeldet worden, aber lange vorher schon erschienen
die zur Revue befohlenen, altberühmten Infanterieregimenter Alt Larisch, v. Arnim und Möllendorff,
ihre Janitscharenmusik vorauf. Ihnen folgte die
Kavallerie: Garde du Corps, Gensdarmes und Leibhusaren, bis ganz zuletzt in einer immer dicker werdenden
Staubwolke die Sechs- und Zwölfpfünder heranrasselten und klapperten, die zum Teil schon bei Prag
und Leuthen und neuerdings wieder bei Valmy und
Pirmasens gedonnert hatten. Enthusiastischer Jubel
begleitete den Anmarsch, und wahrlich, wer sie so
heranziehen sah, dem mußte das Herz in patriotisch
stolzer Erregung höher schlagen. Auch die Carayons
teilten das allgemeine Gefühl, und nahmen es als
bloße Verstimmung oder Altersängstlichkeit, als der
alte Herr v. d. Recke sich vorbog und mit bewegter
Stimme sagte: „Prägen wir uns diesen Anblick ein,
meine Damen. Denn glauben Sie der Vorahnung
eines alten Mannes, wir werden diese Pracht nicht
wiedersehen. Es ist die Abschiedsrevue der friedericianischen Armee.“

Victoire hatte sich auf dem Tempelhofer Felde
leicht erkältet und blieb in ihrer Wohnung zurück,
als die Mama gegen Abend ins Schauspiel fuhr, ein
Vergnügen, das sie jederzeit geliebt hatte, zu keiner
Zeit aber mehr als damals, wo sich zu der künstlerischen
Anregung auch noch etwas von wohlthuender politischer
Emotion gesellte. Wallenstein, die Jungfrau, Tell,
erschienen gelegentlich, am häufigsten aber Holbergs
„politischer Zinngießer“, der, wie Publikum und
Direktion gemeinschaftlich fühlen mochten, um ein Erhebliches besser als die hohe Schillersche Muse zu
lärmenden Demonstrationen geeignet war.

Victoire war allein. Ihr that die Ruhe wohl,
und in einen türkischen Shawl gehüllt, lag sie träumend
auf dem Sopha, vor ihr ein Brief, den sie kurz vor
ihrer Vormittagsausfahrt empfangen und in jenem
Augenblicke nur flüchtig gelesen hatte. Desto langsamer und aufmerksamer freilich, als sie von der Revue
wieder zurückgekommen war.

Es war ein Brief von Lisette.

Sie nahm ihn auch jetzt wieder zur Hand, und
las eine Stelle, die sie schon vorher mit einem Bleistiftsstrich bezeichnet hatte: „… Du mußt wissen, meine
liebe Victoire, daß ich, Pardon für dies offne Geständnis, mancher Äußerung in Deinem letzten Briefe
keinen vollen Glauben schenke. Du suchst Dich und
mich zu täuschen, wenn Du schreibst, daß Du Dich in
ein Respektsverhältnis zu S. hineindenkst. Er würde
selber lächeln, wenn er davon hörte. Daß Du Dich
plötzlich so verletzt fühlen, ja, verzeihe, so piquiert
werden konntest, als er den Arm Deiner Mama nahm,
verrät Dich, und giebt mir allerlei zu denken, wie
denn auch andres noch, was Du speziell in dieser
Veranlassung schreibst. Ich lerne Dich plötzlich von
einer Seite kennen, von der ich Dich noch nicht kannte,
von der argwöhnischen nähmlich. Und nun, meine
teure Victoire, hab ein freundliches Ohr für das,
was ich Dir in Bezug auf diesen wichtigen Punkt zu
sagen habe. Bin ich doch die ältere. Du darfst Dich
ein für allemal nicht in ein Mißtrauen gegen Personen
hineinleben, die durchaus den entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen. Und zu diesen Personen, mein
ich, gehört Schach. Ich finde, je mehr ich den Fall
überlege, daß Du ganz einfach vor einer Alternative
stehst, und entweder Deine gute Meinung über S.,
oder aber Dein Mißtrauen gegen ihn fallen lassen
mußt. Er sei Kavalier, schreibst Du mir, „ja, das
Ritterliche,“ fügst Du hinzu, „sei so recht eigentlich
seine Natur,“ und im selben Augenblicke, wo Du dies
schreibst, bezichtigt ihn Dein Argwohn einer Handelsweise, die, träfe sie zu, das Unritterlichste von der
Welt sein würde. Solche Widersprüche giebt es nicht.
Man ist entweder ein Mann von Ehre, oder man ist
es nicht. Im Übrigen, meine teure Victoire, sei gutes
Mutes, und halte Dich ein für allemal versichert, Dir
lügt der Spiegel. Es ist nur Eines, um dessentwillen wir Frauen leben, wir leben, um uns ein Herz
zu gewinnen, aber wodurch wir es gewinnen, ist
gleichgiltig.“

Victoire faltete das Blatt wieder zusammen. „Es
rät und tröstet sich leicht aus einem vollen Besitz
heraus; sie hat alles und nun ist sie großmütig.
Arme Worte, die von des Reichen Tische fallen.“

Und sie bedeckte beide Augen mit ihren Händen.

In diesem Augenblick hörte sie die Klingel gehen,
und gleich danach ein zweites Mal, ohne daß jemand
von der Dienerschaft gekommen wäre. Hatten es Beate
und der alte Jannasch überhört? Oder waren sie fort?
Eine Neugier überkam sie. Sie ging also leise bis an
die Thür und sah auf den Vorflur hinaus. Es war
Schach. Einen Augenblick schwankte sie, was zu thun
sei, dann aber öffnete sie die Glasthür und bat ihn
einzutreten.

„Sie klingelten so leise. Beate wird es überhört haben.“

„Ich komme nur, um nach dem Befinden der
Damen zu fragen. Es war ein prächtiges Paradewetter, kühl und sonnig, aber der Wind ging doch
ziemlich scharf. .“

„Und Sie sehen mich unter seinen Opfern. Ich
fiebre, nicht gerade heftig, aber wenigstens so, daß
ich daß Theater aufgeben mußte. Der Shawl (in den
ich bitte, mich wieder einwickeln zu dürfen) und diese
Tisane, von der Beate wahre Wunder erwartet, werden mir wahrscheinlich zuträglicher sein, als Wallensteins Tod. Mama wollte mir anfänglich Gesellschaft
leisten. Aber Sie kennen ihre Passion für alles,
was Schauspiel heißt, und so hab ich sie fortgeschickt.
Freilich auch aus Selbstsucht; denn daß ich es gestehe,
mich verlangte nach Ruhe.“

„Die nun mein Erscheinen doch wiederum stört.
Aber nicht auf lange, nur gerade lange genug, um
mich eines Auftrags zu entledigen, einer Anfrage, mit
der ich übrigens leichtmöglicherweise zu spät komme,
wenn Alvensleben schon gesprochen haben sollte.“

„Was ich nicht glaube, vorausgesetzt, daß es nicht
Dinge sind, die Mama für gut befunden hat, selbst
vor mir als Geheimnis zu behandeln“

„Ein sehr unwahrscheinlicher Fall. Denn es ist
ein Auftrag, der sich an Mutter und Tochter gleichzeitig richtet. Wir hatten ein Diner beim Prinzen,
cercle intime, zuletzt natürlich auch Dussek. Er sprach
vom Theater (von was andrem sollt er) und brachte
sogar Bülow zum Schweigen, was vielleicht eine
That war.“

„Aber Sie medisieren ja, lieber Schach.“

„Ich verkehre lange genug im Salon der Frau
v. Carayon, um wenigstens in den Elementen dieser
Kunst unterrichtet zu sein.“

„Immer schlimmer, immer größere Ketzereien.
Ich werde Sie vor das Großinquisitoriat der Mama
bringen. Und wenigstens der Tortur einer Sittenpredigt sollen Sie nicht entgehen.“

„Ich wüßte keine liebere Strafe.“

„Sie nehmen es zu leicht . . Aber nun der
Prinz . .“

„Er will Sie sehen, beide, Mutter und Tochter.
Frau Pauline, die, wie Sie vielleicht wissen, den
Zirkel des Prinzen macht, soll Ihnen eine Einladung
überbringen.“

„Der zu gehorchen, Mutter und Tochter sich zu
besondrer Ehre rechnen werden.“

„Was mich nicht wenig überrascht. Und Sie
können, meine teure Victoire, dies kaum im Ernste
gesprochen haben. Der Prinz ist mir ein gnädger
Herr, und ich lieb ihn de tout mon coeur. Es bedarf keiner Worte darüber. Aber er ist ein Licht mit
einem reichlichen Schatten, oder, wenn Sie mir den
Vergleich gestatten wollen, ein Licht, das mit einem
Räuber brennt. Alles in allem, er hat den zweifelhaften Vorzug so vieler Fürstlichkeiten, in Kriegs- und
in Liebesabenteuern gleich hervorragend zu sein, oder
es noch runder heraus zu sagen, er ist abwechselnd
ein Helden- und ein Debauchenprinz. Dabei grundsatzlos und rücksichtslos, sogar ohne Rücksicht auf den
Schein. Was vielleicht das Allerschlimmste ist. Sie
kennen seine Beziehungen zu Frau Pauline?“

„Ja.“

„Und . . .“

„Ich billige sie nicht. Aber sie nicht billigen, ist
etwas andres als sie verurteilen. Mama hat mich
gelehrt, mich über derlei Dinge nicht zu kümmern
und zu grämen. Und hat sie nicht Recht? Ich frage
Sie, lieber Schach, was würd aus uns, ganz speziell
aus uns zwei Frauen, wenn wir uns innerhalb
unsrer Umgangs- und Gesellschaftssphäre zu Sittenrichtern aufwerfen und Männlein und Weiblein auf
die Korrektheit ihres Wandels hin prüfen wollten?
Etwa durch eine Wasser- und Feuerprobe. Die Gesellschaft ist souverän. Was sie gelten läßt, gilt, was
sie verwirft, ist verwerflich. Außerdem liegt hier alles
exzeptionell. Der Prinz ist ein Prinz, Frau von
Carayon ist eine Witwe, und ich . . bin ich.“

„Und bei diesem Entscheide soll es bleiben,
Victoire?“

„Ja. Die Götter balancieren. Und wie mir
Lisette Perbandt eben schreibt: ,wem genommen wird,
dem wird auch gegeben‘. In meinem Falle liegt der
Tausch etwas schmerzlich, und ich wünschte wohl, ihn
nicht gemacht zu haben. Aber andrerseits geh ich
nicht blind an dem eingetauschtem Guten vorüber,
und freue mich meiner Freiheit. Wovor andre meines
Alters und Geschlechts erschrecken, das darf ich. An
dem Abende bei Massows, wo man mir zuerst
huldigte, war ich, ohne mir dessen bewußt zu sein,
eine Sklavin. Oder doch abhängig von hundert
Dingen. Jetzt bin ich frei.“

Schach sah verwundert auf die Sprecherin.
Manches, was der Prinz über sie gesagt hatte, ging
ihm durch den Kopf. Waren das Überzeugungen oder
Einfälle? War es Fieber? Ihre Wangen hatten sich
gerötet, und ein aufblitzendes Feuer in ihrem Auge
traf ihn mit dem Ausdruck einer trotzigen Entschlossenheit. Er versuchte jedoch sich in den leichten
Ton, in dem ihr Gespräch begonnen hatte, zurückzufinden, und sagte: „Meine teure Victoire scherzt.
Ich möchte wetten, es ist ein Band Rousseau, was
da vor ihr liegt, und ihre Phantasie geht mit dem
Dichter.“

„Nein, es ist nicht Rousseau. Es ist ein anderer,
der mich mehr interessiert.“

„Undwer, wenn ich neugierig sein darf?“

„Mirabeau.“

„Und warum mehr?“

„Weil er mir näher steht. Und das Allerpersönlichste bestimmt immer unser Urteil. Oder doch fast
immer. Er ist mein Gefährte, mein spezieller Leidensgenoß. Unter Schmeicheleien wuchs er auf. ,Ah,
das schöne Kind,‘ hieß es tagein, tagaus. Und dann
eines Tags war alles hin, hin wie . . wie . .“

„Nein, Victoire, Sie sollen das Wort nicht
aussprechen.“

„Ich will es aber, und würde den Namen
meines Gefährten und Leidensgenossen zu meinem
eigenen machen, wenn ich es könnte. Victoire
Mirabeau de Carayon, oder sagen wir Mirabelle
de Carayon, das klingt schön und ungezwungen, und
wenn ichs recht übersetze, so heißt es Wunderhold.“

Und dabei lachte sie voll Uebermut und Bitterkeit. Aber die Bitterkeit klang vor.

„Sie dürfen so nicht lachen, Victoire, nicht so.
Das kleidet Ihnen nicht, das verhäßlicht Sie. Ja,
werfen Sie nur die Lippen, — verhäßlicht Sie.
Der Prinz hatte doch Recht, als er enthusiastisch von
Ihnen sprach. Armes Gesetz der Form und der Farbe.
Was allein gilt, ist das ewig Eine, daß sich die Seele
den Körper schafft oder ihn durchleuchtet und
verklärt.“

Victoirens Lippen flogen, ihre Sicherheit verließ
sie, und ein Frost schüttelte sie. Sie zog den Shawl
höher hinauf, und Schach nahm ihre Hand, die eiskalt war, denn alles Blut drängte nach ihrem Herzen.

„Victoire, Sie thun sich Unrecht; Sie wüten
nutzlos gegen sich selbst, und sind um nichts besser
als der Schwarzseher, der nach allem Trüben sucht
und an Gottes hellem Sonnenlicht vorüber sieht. Ich
beschwöre Sie, fassen Sie sich und glauben Sie wieder
an Ihr Anrecht auf Leben und Liebe. War ich denn
blind? In dem bittren Wort, in dem Sie sich
demütigen wollten, in eben diesem Worte haben Sies
getroffen, ein für allemal. Alles ist Märchen und
Wunder an Ihnen; ja Mirabelle, ja Wunderhold!“

Ach, das waren die Worte, nach denen ihr Herz
gebangt hatte, während es sich in Trotz zu waffnen suchte.

Und nun hörte sie sie willenlos und schwieg in
einer süßen Betäubung.

Die Zimmeruhr schlug neun und die Turmuhr
draußen antwortete. Victoire, die den Schlägen gefolgt war, strich das Haar zurück, und trat ans
Fenster und sah auf die Straße.

„Was erregt Dich?“

„Ich meinte, daß ich den Wagen gehört hätte.“

„Du hörst zu fein.“

Aber sie schüttelte den Kopf, und im selben
Augenblicke fuhr der Wagen der Frau von Carayon vor.

„Verlassen Sie mich . . Bitte.“

„Bis auf morgen.“

Und ohne zu wissen, ob es ihm glücken werde,
der Begegnung mit Frau von Carayon auszuweichen,
empfahl er sich rasch und huschte durch Vorzimmer
und Korridor.

Alles war still und dunkel unten, und nur von
der Mitte des Hausflurs her, fiel ein Lichtschimmer
bis in Nähe der obersten Stufen. Aber das Glück war
ihm hold. Ein breiter Pfeiler, der bis dicht an die
Treppenbrüstung vorsprang, teilte den schmalen Vorflur in zwei Hälften, und hinter diesen Pfeiler trat
er und wartete.

Victoire stand in der Glasthür und empfing
die Mama.

„Du kommst so früh. Ach, und wie hab ich
Dich erwartet!“

Schach hörte jedes Wort. „Erst die Schuld und
dann die Lüge“, klang es in ihm. „Das alte Lied.“

Aber die Spitze seiner Worte richtete sich gegen
ihn und nicht gegen Victoire.

Dann trat er aus seinem Versteck hervor und
schritt rasch und geräuschlos die Treppe hinunter.

9. Kapitel.
Schach zieht sich zurück.

Bis auf morgen,“ war Schachs Abschiedswort gewesen, aber er kam nicht. Auch
am zweiten und dritten Tage nicht. Victoire suchte sichs zurechtzulegen, und wenn es nicht
glücken wollte, nahm sie Lisettens Brief und las immer
wieder die Stelle, die sie längst auswendig wußte.
„Du darfst Dich, ein für allemal, nicht in ein Mißtrauen gegen Personen hineinleben, die durchaus den
entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen. Und zu
diesen Personen, mein ich, gehört Schach. Ich finde,
je mehr ich den Fall überlege, daß Du ganz einfach
vor einer Alternative stehst, und entweder Deine gute
Meinung über S., oder aber Dein Mißtrauen gegen
ihn fallen lassen mußt.“ Ja, Lisette hatte Recht und
doch blieb ihr eine Furcht im Gemüte. „Wenn doch
alles nur . .“ Und es übergoß sie mit Blut.

Endlich am vierten Tage kam er. Aber es traf
sich, daß sie kurz vorher in die Stadt gegangen war.
Als sie zurückkehrte, hörte sie von seinem Besuch;
er sei sehr liebenswürdig gewesen, habe zwei-, dreimal
nach ihr gefragt, und ein Bouquet für sie zurückgelassen. Es waren Veilchen und Rosen, die das
Zimmer mit ihrem Dufte füllten. Victoire, während
ihr die Mama von dem Besuche vorplauderte, bemühte sich, einen leichten und übermütigen Ton anzuschlagen, aber ihr Herz war zu voll von widerstreitenden Gefühlen, und sie zog sich zurück, um sich in
zugleich glücklichen und bangen Thränen aus zuweinen.

Inzwischen war der Tag herangekommen, wo
die „Weihe der Kraft“ gegeben weiden sollte. Schach
schickte seinen Diener und ließ anfragen, ob die Damen
der Vorstellung beizuwohnen gedächten? Es war eine
bloße Form, denn er wußte, daß es so sein werde.

Im Theater waren alle Plätze besetzt. Schach
saß den Carayons gegenüber und grüßte mit großer
Artigkeit. Aber bei diesem Gruße blieb es, und er
kam nicht in ihre Loge hinüber, eine Zurückhaltung,
über die Frau von Carayon kaum weniger betroffen
war, als Victoire. Der Streit indessen, den das hinsichtlich des Stücks in zwei Lager geteilte Publikum
führte, war so heftig und aufregend, daß beide Damen
ebenfalls mit hingerissen wurden und momentan wenigstens alles Persönliche vergaßen. Erst auf dem Heimwege kehrte die Verwunderung über Schachs Benehmen zurück.

Am andern Vormittage ließ er sich melden.
Frau von Carayon war erfreut, Victoire jedoch, die
schärfer sah, empfand ein tiefes Unbehagen. Er hatte
ganz ersichtlich diesen Tag abgewartet, um einen bequemen Plauderstoff zu haben und mit Hilfe desselben
über die Peinlichkeit eines ersten Wiedersehens mit
ihr leichter hinwegzukommen. Er küßte der Frau
von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen
Victoiren, um dieser sein Bedauern auszusprechen, sie
bei seinem letzten Besuche verfehlt zu haben. Man
entfremde sich fast, anstatt sich fester anzugehören.
Er sprach dies so, daß ihr ein Zweifel blieb, ob er
es mit tieferer Bedeutung oder aus bloßer Verlegenheit gesagt habe. Sie sann darüber nach, aber ehe
sie zum Abschluß kommen konnte, wandte sich das
Gespräch dem Stücke zu.

„Wie finden Sies?“ fragte Frau von Carayon.

„Ich liebe nicht Komödien,“ antwortete Schach,
„die fünf Stunden spielen. Ich wünsche Vergnügen
oder Erholung im Theater, aber keine Strapaze.“

„Zugestanden. Aber dies ist etwas Äußerliches,
und beiläufig ein Mißstand, dem ehestens abgeholfen
sein wird. Iffland selbst ist mit erheblichen Kürzungen einverstanden. Ich will Ihr Urteil über das
Stück.“

„Es hat mich nicht befriedigt.“

„Und warum nicht?“

„Weil es alles auf den Kopf stellt. Solchen
Luther hat es Gott sei Dank nie gegeben, und wenn
ein solcher je käme, so würd er uns einfach dahin
zurückführen, von wo der echte Luther uns seinerzeit
wegführte. Jede Zeile widerstreitet dem Geist und
Jahrhundert der Reformation; alles ist Jesuitismus
oder Mysticismus, und treibt ein unerlaubtes und
beinah kindisches Spiel mit Wahrheit und Geschichte.
Nichts paßt. Ich wurde beständig an das Bild
Albrecht Dürers erinnert, wo Pilatus mit Pistolenhalftern reitet oder an ein ebenso bekanntes Altarblatt
in Soest, wo statt des Osterlamms ein westfälischer
Schinken in der Schüssel liegt. In diesem sein-wollenden Lutherstück aber liegt ein allerpfäffichster Pfaff in
der Schüssel. Es ist ein Anachronismus von Anfang
bis Ende.“

„Gut. Das ist Luther. Aber ich wiederhole,
das Stück?“

„Luther ist das Stück. Das andre bedeutet nichts.
Oder soll ich mich für Katharina von Bora begeistern,
für eine Nonne, die schließlich keine war“.

Victoire senkte den Blick und ihre Hand zitterte.
Schach sah es, und über seinen faux pas erschreckend,
sprach er jetzt hastig und in sich überstürzender Weise
von einer Parodie, die vorbereitet werde, von einem
angekündigten Proteste der lutherischen Geistlichkeit,
vom Hofe, von Iffland, vom Dichter selbst, und
schloß endlich mit einer übertriebenen Lobpreisung der
eingelegten Lieder und Kompositionen. Er hoffe, daß
Fräulein Victoire noch den Abend in Erinnerung habe,
wo er diese Lieder am Klavier begleiten durfte.

All dies wurde sehr freundlich gesprochen, aber
so freundlich es klang, so fremd klang es auch,
und Victoire hörte mit feinem Ohr heraus, daß es
nicht die Sprache war, die sie fordern durfte. Sie
war bemüht ihm unbefangen zu antworten, aber es
blieb ein äußerliches Gespräch bis er ging.

Den Tag nach diesem Besuche kam Tante Marguerite. Sie hatte bei Hofe von dem schönen Stücke
gehört, „das so schön sei, wie noch gar keins,“ und
so wollte sies gerne sehn. Frau von Carayon war ihr
zu Willen, nahm sie mit in die zweite Vorstellung,
und da wirklich sehr gekürzt worden war, blieb auch
noch Zeit daheim eine halbe Stunde zu plaudern.

„Nun Tante Marguerite,“ fragte Victoire, „wie
hat es Dir gefallen?“

„Gut, liebe Victoire. Denn es berührt doch den
Hauptpunkt in unsrer gereinigten Kürche.“

„Welchen meinst Du, liebe Tante.“

„Nun den von der chrüstlichen Ehe.“

Victoire zwang sich ernsthaft zu bleiben und sagte
dann: „Ich dachte, dieser Hauptpunkt in unsrer Kirche
läge doch noch in etwas andrem, also z. B. in der
Lehre vom Abendmahl.“

„O nein, meine liebe Victoire, das weiß ich
ganz genau. Mit oder ohne Wein, das macht keinen so
großen Unterschied; aber ob unsre prédicateurs in
einer sittlich getrauten Ehe leben oder nicht, das,
mein Engelchen, ist von einer würklichen importance.“

„Und ich finde, Tante Marguerite hat ganz Recht,“
sagte Frau von Carayon.

„Und das ist es auch,“ fuhr die gegen alles
Erwarten Belobigte fort, „was das Stück will, und
was man um so deutlicher sieht, als die Bethmann
würklich eine sehr hübsche Frau ist. Oder doch zum
wenigstens viel hübscher, als sie würklich war. Ich meine
die Nonne. Was aber nichts schadet, denn er war auch
kein hübscher Mann, und lange nicht so hübsch als er. Ja
werde nur rot, meine liebe Victoire, so viel weiß ich auch.“

Frau von Carayon lachte herzlich.

„Und das muß wahr sein, unser Herr Rittmeister
von Schach ist würklich ein sehr angenehmer Mann,
und ich denke noch ümmer an Tempelhof und den
aufrechtstehenden Ritter … Und wißt Ihr denn, in
Wülmersdorf soll auch einer sein, und auch ebenso weggeschubbert. Und von wem ich es habe? Nun? Von
la petite Princesse Charlotte.“

10. Kapitel.
„Es muß etwas geschehn.“

Die „Weihe der Kraft“ wurde nach wie vor
gegeben, und Berlin hörte nicht auf
in zwei Lager geteilt zu sein. Alles was
mystisch-romantisch war, war für, alles was freisinnig war, gegen das Stück. Selbst im Hause
Carayon setzte sich diese Fehde fort, und während die
Mama teils um des Hofes, teils um ihrer eignen
„Gefühle“ willen überschwänglich mitschwärmte, fühlte
sich Victoire von diesen Sentimentalitäten abgestoßen.
Sie fand alles unwahr und unecht, und versicherte,
daß Schach in jedem seiner Worte Recht gehabt habe.

Dieser kam jetzt von Zeit zu Zeit, aber doch
immer nur, wenn er sicher sein durfte, Victoiren in
Gesellschaft der Mutter zu treffen. Er bewegte sich
wieder viel in den „großen Häusern“, und legte, wie
Nostitz spottete, den Radziwills und Carolaths zu,
was er den Carayons entzog. Auch Alvensleben
scherzte darüber, und selbst Victoire versuchte, den
gleichen Ton zu treffen. Aber ohne daß es ihr
glücken wollte. Sie träumte so hin, und nur eigentlich traurig war sie nicht. Noch weniger unglücklich.

Unter denen, die sich mit dem Stück, also mit
der Tagesfrage beschäftigten, waren auch die Offiziere
vom Regiment Gensdarmes, obschon ihnen nicht einfiel, sich ernsthaft auf ein Für oder Wider einzulassen. Sie sahen alles ausschließlich auf seine komische
Seite hin an, und fanden in der Auflösung eines Nonnenklosters, in Katharina von Boras „neunjähriger Pflegetochter“ und endlich in dem beständig Flöte spielenden
Luther, einen unerschöpflichen Stoff für ihren Spott
und Übermut.

Ihr Lieblingsversammlungsort in jenen Tagen
war die Wachtstube des Regiments, wo die jüngeren
Kameraden den dienstthuenden Offizier zu besuchen
und sich bis in die Nacht hinein zu divertieren pflegten.
Unter den Gesprächen, die man in Veranlassung der
neuen Komödie hier führte, kamen Spöttereien wie
die vorgenannten kaum noch von der Tagesordnung,
und als einer der Kameraden daran erinnerte, daß
das neuerdings von seiner früheren Höhe herabgestiegene Regiment eine Art patriotische Pflicht habe,
sich mal wieder „als es selbst“ zu zeigen, brach ein
ungeheurer Jubel aus, an dessen Schluß alle einig waren
„daß etwas geschehen müsse.“ Daß es sich dabei
lediglich um eine Travestie der „Weihe der Kraft“,
etwa durch eine Maskerade, handeln könne, stand von
vornherein fest, und nur über das „wie“ gingen die
Meinungen noch auseinander. In Folge davon beschloß man, ein paar Tage später eine neue Zusammenkunft abzuhalten, in der, nach Anhörung einiger
Vorschläge, der eigentliche Plan fixiert werden sollte.

Rasch hatte sichs herumgesprochen, und als Tag und
Stunde da waren, waren einige zwanzig Kameraden in
dem vorerwähnten Lokal erschienen: Itzenplitz, Jürgaß und
Britzke, Billerbeck und Diricke, Graf Haeseler, Graf
Herzberg, v. Rochow, v. Putlitz, ein Kracht, ein
Klitzing, und nicht zum letzten ein schon älterer Lieutenant von Zieten, ein kleines, häßliches und säbelbeiniges
Kerlchen, das durch entfernte Vetterschaft mit dem berühmten General und beinahe mehr noch durch eine
keck in die Welt hineinkrähende Stimme zu balanciren
wußte, was ihm an sonstigen Tugenden abging.
Auch Nostitz und Alvensleben waren erschienen. Schach
fehlte.

„Wer präsidiert?“ fragte Klitzing.

„Nur zwei Möglichkeiten,“ antwortete Diricke. „Der
längste oder der kürzeste. Will also sagen, Nostitz
oder Zieten.“

„Nostitz, Nostitz,“ riefen alle durcheinander, und
der so durch Akklamation Gewählte nahm auf einem
ausgebuchteten Gartenstuhle Platz. Flaschen und
Gläser standen die lange Tafel entlang.

„Rede halten! Assemblée nationale. .“

Nostitz ließ den Lärm eine Weile dauern, und
klopfte dann erst mit dem ihm als Zeichen seiner
Würde zur Seite liegenden Pallasch auf den Tisch.

„Silentium, Silentium.“

„Kameraden vom Regiment Gensdarmes, Erben
eines alten Ruhmes auf dem Felde militärischer und
gesellschaftlicher Ehre (denn wir haben nicht nur der
Schlacht die Richtung, wir haben auch der Gesellschaft
den Ton gegeben), Kameraden, sag ich, wir sind
schlüssig geworden: es muß etwas geschehn!“

„Ja, ja. Es muß etwas geschehn.“

„Und neu geweiht durch die ,Weihe der Kraft‘,
haben wir, dem alten Luther und uns selber zu Liebe,
beschlossen, einen Aufzug zu bewerkstelligen, von dem
die spätesten Geschlechter noch melden sollen. Es muß
etwas Großes werden! Erinnern wir uns, wer nicht
vorschreitet, der schreitet zurück. Ein Aufzug also.
So viel steht fest. Aber Wesen und Charakter dieses
Aufzuges bleibt noch zu fixieren, und zu diesem Behufe haben wir uns hier versammelt. Ich bin bereit,
Ihre Vorschläge der Reihe nach entgegen zu nehmen.
Wer Vorschläge zu machen hat, melde sich.“

Unter denen, die sich meldeten, war auch Lieutenant von Zieten.

„Ich gebe den Lieutenant von Zieten das Wort.“

Dieser erhob sich und sagte, während er sich leicht
auf der Stuhllehne wiegte: „Was ich vorzuschlagen
habe, heißt Schlittenfahrt.“

Alle sahen einander an, Einige lachten.

„Im Juli?“

„Im Juli,“ wiederholte Zieten. „Unter den Linden wird Salz gestreut, und über diesen Schnee hin,
geht unsre Fahrt. Erst ein paar aufgelöste Nonnen;
in dem großen Hauptschlitten aber, der die Mitte des
Zuges bildet, paradieren Luther und sein Famulus, jeder mit einer Flöte, während Katharinchen auf
der Pritsche reitet. Ad libitum mit Fackel oder
Schlittenpeitsche. Vorreiter eröffnen den Zug. Kostüme werden dem Theater entnommen oder angefertigt. Ich habe gesprochen.“

Ein ungeheurer Lärm antwortete, bis der Ruhe
gebietende Nostitz endlich durchdrang. „Ich nehme
diesen Lärm einfach als Zustimmung, und beglückwünsche Kamerad Zieten, mit einem einzigen und ersten
Meisterschuß gleich ins Schwarze getroffen zu haben.
Also Schlittenfahrt. Angenommen?“

„Ja, ja.“

„So bleibt nur noch Rollenverteilung. Wer giebt
den Luther?“

„Schach.“

„Er wird ablehnen.“

„Nicht doch,“ krähte Zieten, der gegen den schönen, ihm bei mehr als einer Gelegenheit vorgezogenen
Schach eine Spezialmalice hegte: „wie kann man Schach
so verkennen! Ich kenn ihn besser. Er wird es freilich eine halbe Stunde lang beklagen, sich hohe Backenknochen auflegen und sein Normal-Oval in eine bäurische
tête carré verwandeln zu müssen. Aber schließlich
wird er Eitelkeit gegen Eitelkeit setzen, und seinen Lohn
darin finden, auf 24 Stunden der Held des Tages
zu sein.“

Ehe Zieten noch ausgesprochen hatte, war von
der Wache her ein Gefreiter eingetreten, um ein an
Nostitz adressiertes Schreiben abzugeben.“

„Ah, lupus in fabula.“

„Von Schach?“

„Ja!“

„Lesen, lesen!“

Und Nostitz erbrach den Brief und las. „Ich
bitte Sie, lieber Nostitz, bei der mutmaßlich in eben
diesem Augenblicke stattfindenden Versammlung unsrer
jungen Offiziere, meinen Vermittler und wenn nötig,
auch meinen Anwalt machen zu wollen. Ich habe
das Zirkular erhalten, und war anfänglich gewillt zu
kommen. Inzwischen aber ist mir mittgeteilt worden,
um was es sich aller Wahrscheinlichkeit nach handeln
wird, und diese Mitteilung hat meinen Entschluß
geändert. Es ist Ihnen kein Geheimnis, daß all
das, was man vorhat, meinem Gefühl widerstreitet,
und so werden Sie sich mit Leichtigkeit herausrechnen
können, wie viel oder wie wenig ich (dem schon
ein Bühnen-Luther contre coeur war) für einen
Mummenschanz-Luther übrig habe. Daß wir diesen
Mummenschanz in eine Zeit verlegen, die nicht einmal
eine Fastnachtsfreiheit in Anspruch nehmen darf, bessert
sicherlich nichts. Jüngeren Kameraden soll aber durch
diese meine Stellung zur Sache kein Zwang auferlegt
werden, und jedenfalls darf man sich meiner Diskretion versichert halten. Ich bin nicht das Gewissen
des Regiments, noch weniger sein Aufpasser. Ihr
Schach.“

„Ich wußt es,“ sagte Nostitz in aller Ruhe, während er das Schachsche Billet an dem ihm zunächst
stehenden Lichte verbrannte. „Kamerad Zieten ist
größer in Vorschlägen und Phantastik, als in Menschenkenntnis. Er will mir antworten, seh ich, aber
ich kann ihm nicht nachgeben, denn in diesem Augenblicke heißt es ausschließlich: wer spielt den Luther? Ich
bringe den Reformator unter den Hammer. Der Meistbietende hat ihn. Zum Ersten, Zweiten und zum . . . .
Dritten. Niemand? So bleibt mir nichts übrig als
Ernennung. Alvensleben, Sie.“

Dieser schüttelte den Kopf. „Ich stehe dazu wie
Schach; machen Sie das Spiel, ich bin kein Spielverderber, aber ich spiele persönlich nicht mit. Kann nicht und
will nicht. Es steckt mir dazu zu viel Katechismus
Lutheri im Leibe.“

Nostitz wollte nicht gleich nachgeben. „Alles zu
seiner Zeit,“ nahm er das Wort „und wenn der Ernst seinen
Tag hat, so hat der Scherz wenigstens seine Stunde.
Sie nehmen alles zu gewissenhaft, zu feierlich, zu pedantisch. Auch darin wie Schach. Keinerlei Ding ist
an sich gut oder bös. Erinnern Sie sich, daß wir
den alten Luther nicht verhöhnen wollen, im Gegenteil,
wir wollen ihn rächen. Was verhöhnt werden soll,
ist das Stück, ist die Lutherkarrikatur, ist der Reformator in falschem Licht und an falscher Stelle. Wir
sind Strafgericht, Instanz aller oberster Sittlichkeit.
Thuen Sies. Sie dürfen uns nicht im Stiche lassen
oder es fällt alles in den Brunnen.“

Andere sprachen in gleichem Sinn. Aber Alvensleben blieb fest, und eine kleine Verstimmung schwand erst,
als sich unerwartet (und eben deshalb von allgemeinstem
Jubel begrüßt) der junge Graf Herzberg erhob, um
sich für die Lutherrolle zu melden.

Alles was danach noch zu ordnen war, ordnete
sich rasch, und ehe zehn Minuten um waren,
waren bereits die Hauptrollen verteilt: Graf Herzberg
den Luther, Diricke den Famulus, Nostitz, wegen seiner kolossalen Größe, die Katharina von Bora. Der
Rest wurd einfach als Nonnenmaterial eingeschrieben,
und nur Zieten, dem man sich besonders verpflichtet
fühlte, rückte zur Äbtissin auf. Er erklärte denn auch
sofort, auf seinem Schlittensitz ein „jeu entrieren“ oder
mit dem Klostervogt eine Partie Mariage spielen zu
wollen. Ein neuer Jubel brach aus, und nachdem noch
in aller Kürze der nächste Montag für die Maskerade
festgesetzt, alles Ausplaudern aber aufs strengste verboten worden war, schloß Nostitz die Sitzung.

In der Thür drehte sich Diricke noch einmal um,
und fragte: „Aber wenns regnet?“

„Es darf nicht regnen.“

„Und was wird aus dem Salz?“

„C'est pour les demostiques.“

„Et pour la canaille,“ schloß der jüngste Cornet.

11. Kapitel.
Die Schlittenfahrt.

Schweigen war gelobt worden, und es blieb
auch wirklich verschwiegen. Ein vielleicht
einzig dastehender Fall. Wohl erzählte man
sich in der Stadt, daß die Gensdarmes „etwas vorhätten“ und mal wieder über einem jener tollen
Streiche brüteten, um derentwillen sie vor andern
Regimentern einen Ruf hatten, aber man erfuhr weder
worauf die Tollheit hinauslaufen werde, noch auch
für welchen Tag sie geplant sei. Selbst die Carayonschen Damen, an deren letztem Empfangsabende weder
Schach noch Alvensleben erschienen waren, waren ohne
Mitteilung geblieben, und so brach denn die berühmte
„Sommer-Schlittenfahrt“ über Näher- und Fernerstehende gleichmäßig überraschend herein.

In einem der in der Nähe der Mittel- und
Dorotheenstraße gelegenen Stallgebäude hatte man
sich bei Dunkelwerden versammelt, und ein Dutzend
prachtvoll gekleideter und von Fakelträgern begleiteter
Vorreiter vorauf, ganz also wie Zieten es proponiert
hatte, schoß man mit dem Glockenschlage neun an dem
Akademiegebäude vorüber auf die Linden zu, jagte
weiter abwärts erst in die Wilhelms-, dann aber umkehrend in die Behren- und Charlottenstraße hinein
und wiederholte diese Fahrt um das ebenbezeichnete
Linden-Quarré herum in einer immer gesteigerten Eile.

Als der Zug das erste Mal an dem Carayonschen
Hause vorüberkam und das Licht der voraufreitenden
Fackeln grell in alle Scheiben der Bel-Etage fiel, eilte
Frau von Carayon, die sich zufällig allein befand,
erschreckt ans Fenster und sah auf die Straße hinaus.
Aber statt des Rufes „Feuer“, den sie zu hören erwartete, hörte sie nur, wie mitten im Winter, ein
Knallen großer Hetz- und Schlittenpeitschen mit Schellengeläut dazwischen, und ehe sie sich zurecht zu finden
im Stande war, war alles schon wieder vorüber und
ließ sie verwirrt und fragend und in einer halben
Betäubung zurück. In solchem Zustande war es, daß
Victoire sie fand.

„Um Gotteswillen, Mama, was ist?“

Aber ehe Frau von Carayon antworten konnte,
war die Spitze der Maskerade zum zweiten Male
heran, und Mutter und Tochter, die jetzt rasch und
zu bessrer Orientierung von ihrem Eckzimmer aus auf
den Balkon hinausgetreten waren, waren von diesem
Augenblick an nicht länger mehr in Zweifel, was
das Ganze bedeute. Verhöhnung, gleichviel auf wen
und was. Erst unzüchtige Nonnen, mit einer Hexe
von Aebtissin an der Spitze, johlend, trinkend und
Karte spielend, und in der Mitte des Zuges ein auf
Rollen laufender und in der Fülle seiner Vergoldung
augenscheinlich als Triumphwagen gedachter Hauptschlitten, in dem Luther samt Famulus und auf der
Pritsche Katharina von Bora saß. An der riesigen
Gestalt erkannten sie Nostitz. Aber wer war der auf
dem Vordersitz? fragte sich Victoire. Wer verbarg
sich hinter dieser Luther-Maske? War er es? Nein,
es war unmöglich. Und doch, auch wenn er es nicht
war, er war doch immer ein Mitschuldiger in diesem
widerlichen Spiele, das er gutgeheißen oder wenigstens
nicht gehindert hatte. Welche verkommne Welt, wie
pietätlos, wie bar aller Schicklichkeit! Wie schaal und
ekel. Ein Gefühl unendlichen Wehs ergriff sie, das
Schöne verzerrt und das Reine durch den Schlamm
gezogen zu sehen. Und warum? Um einen Tag
lang von sich reden zu machen, um einer kleinlichen
Eitelkeit willen. Und das war die Sphäre, darin sie
gedacht und gelacht, und gelebt und gewebt, und darin
sie nach Liebe verlangt, und ach das Schlimmste von
allem an Liebe geglaubt hatte!

„Laß uns gehen,“ sagte sie, während sie den Arm
der Mutter nahm, und wandte sich, um in das
Zimmer zurückzukehren. Aber ehe sies erreichen konnte,
wurde sie wie von einer Ohnmacht überrascht, und
sank auf der Schwelle des Balkons nieder.

Die Mama zog die Klingel, Beate kam, und
beide trugen sie bis an das Sofa, wo sie gleich danach von einem heftigen Brustkrampfe befallen wurde.
Sie schluchzte, richtete sich auf, sank wieder in die
Kissen, und als die Mutter ihr Stirn und Schläfe
mit kölnischem Wasser waschen wollte, stieß sie sie
heftig zurück. Aber im nächsten Augenblick riß sie
der Mama das Flacon aus der Hand und goß es
sich über Hals und Nacken. „Ich bin mir zuwider,
zuwider wie die Welt. In meiner Krankheit damals,
hab ich Gott um mein Leben gebeten . . Aber wir
sollen nicht um unser Leben bitten . . Gott weiß
am besten, was uns frommt. Und wenn er uns zu
sich hinaufziehen will, so sollen wir nicht bitten: laß
uns noch . . O, wie schmerzlich ich das fühle! Nun
leb ich . . Aber wie, wie!“

Frau von Carayon kniete neben dem Sofa nieder und sprach ihr zu. Denselben Augenblick aber
schoß der Schlittenzug zum dritten Mal an dem
Hause vorüber, und wieder war es, als ob sich schwarze
phantastische Gestalten in dem glühroten Scheine jagten
und haschten. „Ist es nicht wie die Hölle?“ sagte
Victoire, während sie nach dem Schattenspiel an der
Decke zeigte.

Frau von Carayon schickte Beaten, um den Arzt
rufen zu lassen. In Wahrheit aber lag ihr weniger
an dem Arzt, als an einem Alleinsein und einer Aussprache mit dem geliebten Kinde.

„Was ist Dir? Und wie Du nur fliegst und
zitterst. Und siehst so starr. Ich erkenne meine
heitre Victoire nicht mehr. Überlege, Kind, was ist
denn geschehen? Ein toller Streich mehr, einer unter
vielen, und ich weiß Zeiten, wo Du diesen Übermut
mehr belacht als beklagt hättest. Es ist etwas andres,
was Dich quält und drückt; ich seh es seit Tagen
schon. Aber Du verschweigst mirs, Du hast ein Geheimnis. Ich beschwöre Dich, Victoire, sprich. Du
darfst es. Es sei, was es sei.“

Victoire schlang ihren Arm um Frau von Carayons
Hals, und ein Strom von Thränen entquoll ihrem
Auge.

„Beste Mutter!“

Und sie zog sie fester an sich, und küßte sie und
beichtete ihr alles.

12. Kapitel.
Schach bei Frau von Garayon.

Am andern Vormittage saß Frau von Carayon
am Bette der Tochter und sagte, während
diese zärtlich und mit einem wiedergewonnenen ruhig-glücklichen Ausdruck zu der Mutter
aufblickte: „Habe Vertrauen, Kind. Ich kenn ihn so
lange Zeit. Er ist schwach und eitel nach Art aller
schönen Männer, aber von einem nicht gewöhnlichen
Rechtsgefühl und einer untadligen Gesinnung.“

In diesem Augenblicke wurde Rittmeister von
Schach gemeldet, und der alte Jannasch setzte hinzu,
„daß er ihn in den Salon geführt habe“.

Frau von Carayon nickte zustimmend.

„Ich wußte, das er kommen würde,“ sagte
Victoire.

„Weil Dus geträumt?“

„Nein, nicht geträumt; ich beobachte nur und
rechne. Seit einiger Zeit weiß ich im voraus, an
welchem Tag und bei welcher Gelegenheit er erscheinen
wird. Er kommt immer, wenn etwas geschehen ist
oder eine Neuigkeit vorliegt, über die sich bequem
sprechen läßt. Er geht einer intimen Unterhaltung
mit mir aus dem Wege. So kam er nach der Aufführung des Stücks, und heute kommt er nach der
Aufführung der Schlittenfahrt. Ich bin doch begierig,
ob er mit dabei war. War ers, so sag ihm, wie
sehr es mich verletzt hat. Oder sag es lieber nicht“.

Frau von Carayon war bewegt. „Ach, meine
süße Victoire, Du bist zu gut, viel zu gut. Er verdient es nicht; keiner.“ Und sie streichelte die Tochter
und ging über den Korridor fort in den Salon, wo
Schach ihrer wartete.

Dieser schien weniger befangen als sonst und
verbeugte sich ihr die Hand zu küssen, was sie freundlich geschehen ließ. Und doch war ihr Benehmen
verändert. Sie wies mit einem Ceremoniell, das ihr
sonst fremd war, auf einen der zur Seite stehenden
japanischen Stühle, schob sich ein Fußkissen heran,
und nahm ihrerseits auf dem Sofa Platz.

„Ich komme, nach dem Befinden der Damen zu
fragen und zugleich in Erfahrung zu bringen, ob die
gestrige Maskerade Gnade vor Ihren Augen gefunden
hat oder nicht.“

„Offen gestanden, nein. Ich, für meine Person,
fand es wenig passend, und Victoire fühlte sich beinah
widerwärtig davon berührt.“

„Ein Gefühl, das ich teile.“

„So waren Sie nicht mit von der Partie?“

„Sicherlich nicht. Und es überrascht mich, es
noch erst versichern zu müssen. Sie kennen ja meine
Stellung zu dieser Frage, meine teure Josephine,
kennen sie seit jenem Abend, wo wir zuerst über das
Stück und seinen Verfasser sprachen. Was ich damals
äußerte, gilt ebenso noch heut. Ernste Dinge fordern
auch eine ernste Behandlung, und es freut mich aufrichtig, Victoiren auf meiner Seite zu sehen. Ist sie
zu Haus?“

„Zu Bett.“

„Ich hoffe nichts Ernstliches.“

„Ja und nein. Die Nachwirkungen eines Brust- und Weinkrampfes, von dem sie gestern Abend befallen
wurde.“

„Mutmaßlich infolge dieser Maskeradentollheit.
Ich beklag es von ganzem Herzen.“

„Und doch bin ich eben dieser Tollheit zu Danke
verpflichtet. In dem Degoût über die Mummerei,
deren Zeuge sie sein mußte, löste sich ihr die Zunge;
sie brach ihr langes Schweigen, und vertraute mir
ein Geheimnis an, ein Geheimnis, das Sie kennen.“

Schach, der sich doppelt schuldig fühlte, war wie
mit Blut übergossen.

„Lieber Schach,“ fuhr Frau von Carayon fort,
während sie jetzt seine Hand nahm und ihn aus ihren
klugen Augen freundlich aber fest ansah: „lieber
Schach, ich bin nicht albern genug, Ihnen eine Szene
zu machen oder gar eine Sittenpredigt zu halten; zu
den Dingen, die mir am meisten verhaßt sind, gehört
auch Tugendschwätzerei. Ich habe von Jugend auf in
der Welt gelebt, kenne die Welt, und habe manches an
meinem eignen Herzen erfahren. Und wär ich heuchlerisch genug, es vor mir und andern verbergen zu
wollen, wie könnt ich es vor Ihnen?“

Sie schwieg einen Augenblick, während sie mit
ihrem Battisttuch ihre Stirn berührte. Dann nahm
sie das Wort wieder auf und setzte hinzu: „Freilich
es giebt ihrer, und nun gar unter uns Frauen, die
den Spruch von der Linken, die nicht wissen soll was
die Rechte thut, dahin deuten, daß das Heute nicht
wissen soll, was das Gestern that. Oder wohl gar
das Vorgestern! Ich aber gehöre nicht zu diesen
Virtuosinnen des Vergessens. Ich leugne nichts,
will es nicht, mag es nicht. Und nun verurteilen Sie
mich, wenn Sie können.“

Er war ersichtlich getroffen, als sie so sprach, und
seine ganze Haltung zeigte, welche Gewalt sie noch
immer über ihn ausübte.

„Lieber Schach,“ fuhr sie fort, „Sie sehen, ich
gebe mich Ihrem Urteil preis. Aber wenn ich mich
auch bedingungslos einer jeden Verteidigung oder Anwaltschaft für Josephine von Carayon enthalte, für
Josephine (Verzeihung, Sie haben eben selbst den
alten Namen wieder heraufbeschworen) so darf ich doch
nicht darauf verzichten, der Anwalt der Frau von
Carayon zu sein, ihres Hauses und ihres Namens.“

Es schien, daß Schach unterbrechen wollte. Sie
ließ es aber nicht zu. „Noch einen Augenblick. Ich
werde gleich gesagt haben, was ich zu sagen habe.
Victoire hat mich gebeten, über alles zu schweigen,
nichts zu verraten, auch Ihnen nicht, und nichts zu
verlangen. Zur Sühne für eine halbe Schuld (und
ich rechne hoch, wenn ich von einer halben Schuld
spreche) will sie die ganze tragen, auch vor der Welt,
und will sich in jenem romantischen Zuge, der ihr
eigen ist, aus ihrem Unglück ein Glück erziehen. Sie
gefällt sich in dem Hochgefühl des Opfers, in einem
süßen Hinsterben für den, den sie liebt, und für das,
was sie lieben wird. Aber so schwach ich in meiner
Liebe zu Victoire bin, so bin ich doch nicht schwach
genug, ihr in dieser Großmutskomödie zu willen zu
sein. Ich gehöre der Gesellschaft an, deren Bedingungen ich erfülle, deren Gesetzen ich mich unterwerfe; daraufhin bin ich erzogen, und ich habe nicht
Lust einer Opfermarotte meiner einzig geliebten Tochter
zur Liebe, meine gesellschaftliche Stellung mit zum
Opfer zu bringen. Mit andern Worten, ich habe
nicht Lust ins Kloster zu gehen oder die dem Irdischen
entrückte Säulenheilige zu spielen, auch nicht um
Victoirens willen. Und so muß ich denn auf Legitimisierung des Geschehenen dringen. Dies, mein Herr
Rittmeister, war es, was ich Ihnen zu sagen hatte.“

Schach, der inzwischen Gelegenheit gefunden hatte
sich wieder zu sammeln, erwiderte, „daß er wohl wisse,
wie jegliches Ding im Leben seine natürliche Konsequenz
habe. Und solcher Konsequenz gedenk er sich nicht
zu entziehen. Wenn ihm das, was er jetzt wisse,
bereits früher bekannt geworden sei, würd er um eben
die Schritte, die Frau von Cayron jetzt fordere,
seinerseits aus freien Stücken gebeten haben. Er habe
den Wunsch gehabt, unverheiratet zu bleiben, und von
einer solchen langgehegten Vorstellung Abschied zu
nehmen, schaffe momentan eine gewisse Verwirrung.
Aber er fühle mit nicht mindrer Gewißheit, daß er
sich zu dem Tage zu beglückwünschen habe, der binnen
kurzem diesen Wechsel in sein Leben bringen werde.
Victoire sei der Mutter Tochter, das sei die beste
Gewähr seiner Zukunft, die Verheißung eines wirklichen
Glücks.“

All dies wurde sehr artig und verbindlich gesprochen, aber doch zugleich auch mit einer bemerkenswerten Kühle.

Dies empfand Frau von Carayon in einer ihr
nicht nur schmerzlichen, sondern sie geradezu verletzenden
Weise; das, was sie gehört hatte, war weder die
Sprache der Liebe noch der Schuld, und als Schach
schwieg, erwiederte sie spitz: „Ich bin Ihnen sehr
dankbar für Ihre Worte, Herr von Schach, ganz besonders auch für das, was sich darin an meine
Person richtete. Daß Ihr ‚ja‘ rückhaltloser und ungesuchter hätte klingen können, empfinden Sie wohl
am eignen Herzen. Aber gleichviel, mir genügt das
‚Ja‘. Denn wonach dürst ich denn am Ende? Nach
einer Trauung im Dom und einer Galahochzeit.
Ich will mich einmal wieder in gelbem Atlas sehn,
der mir kleidet, und haben wir dann erst unsren
Fackeltanz getanzt und Victoirens Strumpfband zerschnitten — denn ein wenig prinzeßlich werden wirs
doch wohl halten müssen, schon um Tante Margueritens
willen — nun so geb ich Ihnen charte blanche,
Sie sind dann wieder frei, frei wie der Vogel in der
Luft, in Thun und Lassen, in Haß und Liebe, denn
es ist dann einfach geschehen, was geschehen mußte.“

Schach schwieg.

„Ich nehme vorläufig ein stilles Verlöbnis an.
Über alles andre werden wir uns leicht verständigen.
Wenn es sein muß, schriftlich. Aber die Kranke
wartet jetzt auf mich, und so verzeihen Sie.“

Frau von Carayon erhob sich und gleich danach
verabschiedete sich Schach in aller Förmlichkeit, ohne
daß weiter ein Wort zwischen ihnen gesprochen
worden wäre.

13. Kapitel.
„Le choix du Schach.“

In beinah offner Gegnerschaft hatte man
sich getrennt. Aber es ging alles besser,
als nach dieser gereizten Unterhaltung erwartet werden konnte, wozu sehr wesentlich ein Brief
beitrug, den Schach andern Tags an Frau von Carayon schrieb. Er bekannte sich darin in allem Freimut schuldig, schützte, wie schon während des Gesprächs selbst, Überraschung und Verwirrung vor, und
traf in all diesen Erklärungen einen wärmeren Ton,
eine herzlichere Sprache. Ja, sein Rechtsgefühl, dem
er ein Genüge thun wollte, ließ ihn vielleicht mehr
sagen, als zu sagen gut und klug war. Er sprach
von seiner Liebe zu Vicioiren und vermied absichtlich
oder zufällig all jene Versicherungen von Respekt und
Wertschätzung, die so bitter wehe thun, wo das einfache Geständnis einer herzlichen Neigung gefordert
wird. Victoire sog jedes Wort ein, und als die
Mama schließlich den Brief aus der Hand legte, sah diese
letztre nicht ohne Bewegung, wie zwei Minuten Glück
ausgereicht hatten, ihrem armen Kinde die Hoffnung,
und mit dieser Hoffnung auch die verlorene Frische
zurückzugeben. Die Kranke strahlte, fühlte sich wie
genesen, und Frau von Carayon sagte: „wie hübsch
Du bist, Victoire.“

Schach empfing am selben Tage noch ein Antwortsbillet, das ihm unumwunden die herzliche Freude
seiner alten Freundin ausdrückte. Manches Bittre,
was sie gesagt habe, mög er vergessen; sie habe sich,
lebhaft wie sie sei, hinreißen lassen. Im Übrigen sei
noch nichts Ernstliches und Erhebliches versäumt, und
wenn, dem Sprichworte nach, aus Freude Leid erblühe, so kehre sichs auch wohl um. Sie sehe wieder
hell in die Zukunft und hoffe wieder. Was sie persönlich zum Opfer bringe, bringe sie gern, wenn dies
Opfer die Bedingung für das Glück ihrer Tochter sei.

Schach, als er das Billet gelesen, wog es hin
und her, und war ersichtlich von einer gemischten
Empfindung. Er hatte sich, als er in seinem Briefe
von Victoire sprach, einem ihr nicht leicht von irgendwem zu versagenden, freundlich-herzlichen Gefühl überlassen, und diesem Gefühle (dessen entsann er sich)
einen besonders lebhaften Ausdruck gegeben. Aber
das, woran ihn das Billet seiner Freundin jetzt aufs
neue gemahnte, das war mehr, das hieß einfach
Hochzeit, Ehe, Worte, deren bloßer Klang ihn von
alter Zeit her erschreckte. Hochzeit! Und Hochzeit
mit wem? Mit einer Schönheit, die, wie der Prinz
sich auszudrücken beliebt hatte, „durch ein Fegefeuer
gegangen war.“ „Aber,“ so fuhr er in seinem Selbstgespräche fort, „ich stehe nicht auf dem Standpunkte
des Prinzen, ich schwärme nicht für ,Läuterungsprozesse‘, hinsichtlich deren nicht feststeht, ob der Verlust
nicht größer ist als der Gewinn, und wenn ich mich
auch persönlich zu diesem Standpunkte bekehren könnte,
so bekehr ich doch nicht die Welt. . . Ich bin rettungslos dem Spott und Witz der Kameraden verfallen,
und das Ridikül einer allerglücklichsten ,Land-Ehe‘, die
wie das Veilchen im Verborgnen blüht, liegt in einem
wahren Musterexemplare vor mir. Ich sehe genau,
wies kommt: ich quittiere den Dienst, übernehme wieder Wuthenow, ackre, melioriere, ziehe Raps oder
Rübsen, und befleißige mich einer allerehelichsten Treue.
Welch Leben, welche Zukunft! An einem Sonntage
Predigt, am andern Evangelium oder Epistel, und
dazwischen Whist en trois, immer mit demselben
Pastor. Und dann kommt einmal ein Prinz in die
nächste Stadt, vielleicht Prinz Louis in Person, und
wechselt die Pferde, während ich erschienen bin um
am Thor oder am Gasthof ihm aufzuwarten. Und
er mustert mich und meinen altmodischen Rock, und
frägt mich: ‚wie mirs gehe?‘ Und dabei drückt jede
seiner Mienen aus: ,O Gott, was doch drei Jahr
aus einem Menschen machen können.‘ Drei Jahr . .
Und vielleicht werden es dreißig.“

Er war in seinem Zimmer auf und abgegangen,
und blieb vor einer Spiegelkonsole stehn, auf der
der Brief lag, den er während des Sprechens beiseite gelegt hatte. Zwei, dreimal hob er ihn auf
und ließ ihn wieder fallen. „Mein Schicksal. Ja,
‚der Moment entscheidet.‘ Ich entsinne mich noch,
so schrieb sie damals. Wußte sie, was kommen würde?
Wollte sies? O pfui, Schach, verunglimpfe nicht
das süße Geschöpf. Alle Schuld liegt bei Dir.
Deine Schuld ist Dein Schicksal. Und ich will sie
tragen.“

Er klingelte, gab dem Diener einige Weisungen,
und ging zu den Carayons.

Es war, als ob er sich durch das Selbstgespräch,
das er geführt, von dem Drucke, der auf ihm lastete,
frei gemacht habe. Seine Sprache der alten Freundin
gegenüber war jetzt natürlich, beinah herzlich, und
ohne daß auch nur eine kleinste Wolke das wiederhergestellte Vertrauen der Frau von Carayon getrübt
hätte, besprachen beide was zu thun sei. Schach zeigte
sich einverstanden mit allem: in einer Woche Verlobung, und nach drei Wochen die Hochzeit. Unmittelbar nach der Hochzeit aber sollte das junge Paar
eine Reise nach Italien antreten, und nicht vor Ablauf eines Jahres in die Heimat zurückkehren, Schach
nach der Hauptstadt, Victoire nach Wuthenow, dem
alten Familiengute, das ihr, von einem früheren Besuche her (als Schachs Mutter noch lebte) in dankbarer und freundlicher Erinnerung war. Und war
auch das Gut inzwischen in Pacht gegeben, so war
doch nach das Schloß da, stand frei zur Verfügung,
und konnte jeden Augenblick bezogen werden.

Nach Festsetzungen wie diese, trennte man sich.
Ein Sonnenschein lag über dem Hause Carayon,
und Victoire vergaß aller Betrübnis die vorausgegangen war.

Auch Schach legte sichs zurecht. Italien wiederzusehen, war ihm seit seinem ersten, erst um wenige
Jahre zurückliegenden Aufenthalte daselbst, ein brennender Wunsch geblieben; der erfüllte sich nun; und
kehrten sie dann zurück, so ließ sich ohne Schwierigkeit
auch aus der geplanten doppelten Wirtschaftsführung
allerlei Nutzen und Vorteil ziehen. Victoire hing an
Landleben und Stille. Von Zeit zu Zeit nahm er
dann Urlaub und fuhr oder ritt hinüber. Und dann
gingen sie durch die Felder und plauderten. O, sie
plauderte ja so gut, und war einfach und espritvoll
zugleich. Und nach abermals einem Jahr, oder einem
zweiten und dritten, je nun, da hatte sichs verblutet,
da war es tot und vergessen. Die Welt vergißt so
leicht, und die Gesellschaft noch leichter. Und dann
hielt man seinen Einzug in das Eckhaus am Wilhelmsplatz und freute sich beiderseits der Rückkehr in Verhältnisse, die doch schließlich nicht blos seine, sondern
auch ihre Heimat bedeuteten. Alles war überstanden
und das Lebensschiff an der Klippe des Lächerlichen
nicht gescheitert.

Armer Schach! Es war anders in den Sternen
geschrieben.

Die Woche, die bis zur Verlobungsanzeige vergehen sollte, war noch nicht um, als ihm ein Brief
mit voller Titelaufschrift und einem großen roten
Siegel ins Haus geschickt wurde. Den ersten Augenblick hielt ers für ein amtliches Schreiben (vielleicht
eine Bestallung) und zögerte mit dem Öffnen, um
die Vorfreude der Erwartung nicht abzukürzen. Aber
woher kam es? von wem? Er prüfte neugierig das
Siegel und erkannte nun leicht, daß es überhaupt
kein Siegel, sondern ein Gemmenabdruck sei. Sonderbar. Und nun erbrach ers und ein Bild fiel ihm
entgegen, eine radierte Skizze mit der Unterschrift:
Le choix du Schach. Er wiederholte sich das Wort.
ohne sich in ihm oder dem Bilde selbst zurecht finden
zu können und empfand nur ganz allgemein und aufs
Unbestimmte hin etwas von Angriff und Gefahr.
Und wirklich, als er sich orientiert hatte, sah er, daß
sein erstes Gefühl ein richtiges gewesen war. Unter
einem Thronhimmel saß der persische Schach, erkennbar an seiner hohen Lammfellmütze, während an
der untersten Thronstufe zwei weibliche Gestalten
standen und des Augenblicks harrten, wo der von
seiner Höhe her kalt und vornehm Dreinschauende
seine Wahl zwischen ihnen getroffen haben würde.
Der persische Schach aber war einfach unser Schach
und zwar in allerfrappantester Porträtähnlichkeit,
während die beiden ihn fragend anblickenden, und um
vieles flüchtiger skizzierten Frauenköpfe, wenigstens
ähnlich genug waren, um Frau von Carayon und
Victoire mit aller Leichtigkeit erkennen zu lassen. Also
nicht mehr und nicht weniger als eine Karrikatur.
Sein Verhältnis zu den Carayons hatte sich in der
Stadt herumgesprochen und einer seiner Neider und
Gegner, deren er nur zu viele hatte, hatte die Gelegenheit ergriffen, seinem boshaften Gelüst ein Genüge
zu thun.

Schach zitterte vor Scham und Zorn, alles Blut
stieg ihm zu Kopf, und es war ihm, als würd er
vom Schlage getroffen.

Einem natürlichen Verlangen nach Luft und Bewegung folgend, oder vielleicht auch von der Ahnung
erfüllt, daß der letzte Pfeil noch nicht abgeschossen sei,
nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu
machen. Begegnungen und Geplauder sollten ihn
zerstreuen, ihm seine Ruhe wiedergeben. Was
war es denn schließlich? Ein kleinlicher Akt der
Rache.

Die Frische draußen that ihm wohl; er atmete
freier und hatte seine gute Laune fast schon wiedergewonnen, als er vom Wilhelmsplatz her in die Linden
einbiegend, auf die schattigere Seite der Straße hinüberging, um hier ein paar Bekannte, die des Wegs kamen,
anzusprechen. Sie vermieden aber ein Gespräch und
wurden sichtlich verlegen. Auch Zieten kam, grüßte
nonchalant und wenn nicht alles täuschte sogar mit
hämischer Miene. Schach sah ihm nach, und sann und
überlegte noch, was die Suffisance des einen und die
verlegenen Gesichter der andern bedeutet haben mochten,
als er, einige Hundert Schritte weiter aufwärts, einer
ungewöhnlich großen Menschenmenge gewahr wurde, die
vor einem kleinen Bilderladen stand. Einige lachten,
andre schwatzten, alle jedoch schienen zu fragen „was
es eigentlich sei?“ Schach ging im Bogen um die
Zuschauermenge herum, warf einen Blick über ihre
Köpfe weg, und wußte genug. An dem Mittelfenster
hing dieselbe Karrikatur, und der absichtlich niedrig
normierte Preis war mit Rotstift groß darunter geschrieben.

Also eine Verschwörung.

Schach hatte nicht die Kraft mehr seinen Spaziergang fortzusetzen, und kehrte in seine Wohnung
zurück.

Um Mittag empfing Sander ein Billet von Bülow:
„Lieber Sander. Eben erhalt ich eine Karrikatur,
die man auf Schach und die Carayonschen Damen
gemacht hat. In Zweifel darüber, ob Sie dieselbe
schon kennen, schließ ich sie diesen Zeilen bei. Bitte,
suchen Sie dem Ursprunge nachzugehn. Sie wissen
ja alles, und hören das Berliner Gras wachsen. Ich
meinseits bin empört. Nicht Schachs halber, der
diesen ‚Schach von Persien‘ einigermaßen verdient
(denn er ist wirklich so was), aber der Carayons
halber. Die liebenswürdige Victoire! So bloßgestellt
zu werden. Alles Schlechte nehmen wir uns von den
Franzosen an, und an ihrem Guten, wohin auch die
Gentilezza gehört, gehen wir vorüber. Ihr B.“

Sander warf nur einen flüchtigen Blick auf das Bild,
das er kannte, setzte sich an sein Pult und antwortete:
„Mon Général! Ich brauche dem Ursprunge nicht
nachzugehen, er ist mir nachgegangen. Vor etwa
vier, fünf Tagen erschien ein Herr in meinem Kontor
und befragte mich, ob ich mich dazu verstehen würde,
den Vertrieb einiger Zeichnungen in die Hand zu
nehmen. Als ich sah, um was es sich handelte, lehnt
ich ab. Es waren drei Blätter, darunter auch le
choix du Schach. Der bei mir erschienene Herr
gerierte sich als ein Fremder, aber er sprach, alles
gekünstelten Radebrechens unerachtet, das Deutsche so
gut, daß ich seine Fremdheit für bloße Maske halten
mußte. Personen aus dem Prinz R.schen Kreise,
nehmen Anstoß an seinem Gelieble mit der Prinzessin,
und stecken vermutlich dahinter. Irr ich aber in
dieser Annahme, so wird mit einer Art von Sicherheit
auf Kameraden seines Regiments zu schließen sein.
Er ist nichts weniger als beliebt. Wer den Aparten
spielt, ist es nie. Die Sache möchte hingehn, wenn
nicht, wie Sie sehr richtig hervorheben, die Carayons
mit hineingezogen wären. Um ihret willen beklag
ich den Streich, dessen Gehässigkeit sich in diesem einem
Bilde schwerlich erschöpft haben wird. Auch die beiden andern, deren ich Eingangs erwähnte, werden
mutmaßlich folgen. Alles in diesem anonymen Angriff ist klug berechnet, und klug berechnet ist auch
der Einfall, das Gift nicht gleich auf einmal zu geben.
Es wird seine Wirkung nicht verfehlen, und nur auf
das ‚wie‘ haben wir zu warten. Tout à vous. S.“

In der That, die Besorgnis, die Sander in diesen Zeilen an Bülow ausgesprochen hatte, sollte sich
nur als zu gerechtfertigt erweisen. Intermittierend wie
das Fieber, erschienen in zweitägigen Pausen auch die
beiden andern Blätter, und wurden, wie das erste,
von jedem Vorübergehenden gekauft oder wenigstens
begafft und besprochen. Die Frage Schach-Carayon
war über Nacht zu einer cause celèbre geworden,
trotzdem das neubegierige Publikum nur die Hälfte
wußte. Schach, so hieß es, habe sich von der schönen
Mutter ab- und der unschönen Tochter zugewandt.
Über das Motiv erging man sich in allerlei Mutmaßungen, ohne dabei das Richtige zu treffen.

Schach empfing auch die beiden andern Blätter
unter Kouvert. Das Siegel blieb dasselbe. Blatt
2 hieß „La gazza ladra“ oder die „diebische Schach-Elster“, und stellte eine Elster dar, die, zwei Ringe
von ungleichem Werte musternd, den unscheinbareren
aus der Schmuckschale nimmt.

Am weitaus verletzendsten aber berührte das den
Salon der Frau von Carayon als Szenerie nehmende
dritte Blatt. Auf dem Tische stand ein Schachbrett,
dessen Figuren, wie nach einem verloren gegangenen
Spiel und wie um die Niederlage zu besiegeln, umgeworfen waren. Daneben saß Victoire, gut getroffen,
und ihr zu Füßen kniete Schach, wieder in der persischen Mütze des ersten Bildes. Aber diesmal bezipfelt und eingedrückt. Und darunter stand: „Schach
— matt.“

Der Zweck dieser wiederholten Angriffe wurde
nur zu gut erreicht. Schach ließ sich krank melden,
sah niemand und bat um Urlaub, der ihm auch umgehend von seinem Chef, dem Obersten von Schwerin,
gewährt wurde.

So kam es, daß er am selben Tag, an dem,
nach gegenseitigem Abkommen, seine Verlobung mit
Victoire veröffentlicht werden sollte, Berlin verließ.
Er ging auf sein Gut, ohne sich von den Carayons
(deren Haus er all die Zeit über nicht betreten hatte)
verabschiedet zu haben.

14. Kapitel.
In Wuthenow am See.

Es schlug Mitternacht, als Schach in Wuthenow eintraf, an dessen entgegengesetzter
Seite das auf einem Hügel erbaute, den
Ruppiner See nach rechts und links hin überblickende
Schloß Wuthenow lag. In den Häusern und Hütten
war alles längst in tiefem Schlaf, und nur aus den
Ställen her hörte man noch das Stampfen eines
Pferds oder das halblaute Brüllen einer Kuh.

Schach passierte das Dorf und bog am Ausgang
in einen schmalen Feldweg ein, der, allmählich ansteigend, auf den Schloßhügel hinauf führte. Rechts
lagen die Bäume des Außenparks, links eine gemähte
Wiese, deren Heugeruch die Luft erfüllte. Das Schloß
selbst aber war nichts als ein alter, weißgetünchter
und von einer schwarzgeteerten Balkenlage durchzogener Fachwerkbau, dem erst Schachs Mutter, die
„verstorbene Gnädige“, durch ein Doppeldach, einen
Blitzableiter und eine prächtige, nach dem Muster von
Sanssouci hergerichtete Terrasse, das Ansehen allernüchternster Tagtäglichkeit genommen hatte. Jetzt
freilich, unter dem Sternenschein, lag alles da wie
das Schloß im Märchen, und Schach hielt öfters
an und sah hinauf, augenscheinlich betroffen von der
Schönheit des Bildes.

Endlich war er oben und ritt auf das Einfahrtsthor zu, das sich in einem flachen Bogen zwischen
dem Giebel des Schlosses und einem danebenstehenden
Gesindehause wölbte. Vom Hof her vernahm er im
selben Augenblick ein Bellen und Knurren und hörte,
wie der Hund wütend aus seiner Hütte fuhr und mit
seiner Kette nach rechts und links hin an der Holzwandung umherschrammte.

„Kusch Dich, Hektor.“ Und das Tier, die
Stimme seines Herrn erkennend, begann jetzt vor
Freude zu heulen und zu winseln, und abwechselnd
auf die Hütte hinauf- und wieder hinunterzuspringen.

Vor dem Gesindehause stand ein Wallnußbaum
mit weitem Gezweige. Schach stieg ab, schlang den
Zügel um den Ast, und klopfte halblaut an einen der
Fensterläden. Aber erst als er das zweite Mal gepocht hatte, wurd es lebendig drinnen, und er hörte
von dem Alkoven her eine halb verschlafene Stimme:
„Wat is?“

„Ich, Krist.“

„Jott, Mutter, dat's joa de junge Herr.“

„Joa, dat is hei. Steih man upp un mach flink.“

Schach hörte jedes Wort und rief gutmütig in
die Stube hinein, während er den nur angelegten
Laden halb öffnete: „Laß Dir Zeit, Alter.“

Aber der Alte war schon aus dem Bette heraus,
und sagte nur immer, während er hin und her suchte:
„Glieks, junge Herr, glieks. Man noch en beten“.

Und wirklich nicht lange, so sah Schach einen
Schwefelfaden brennen, und hörte, daß eine Laternenthür auf- und wieder zugeknipst wurde. Richtig, ein
erster Lichtschein blitzte jetzt durch die Scheiben, und ein
paar Holzpantinen klappten über den Lehmflur hin. Und
nun wurde der Riegel zurückgeschoben, und Krist, der
in aller Eile nichts als ein leinenes Beinkleid übergezogen
hatte, stand vor seinem jungen Herrn. Er hatte, vor
manchem Jahr und Tag, als der alte „Gnädge-Herr“
gestorben war, den durch diesen Todesfall erledigten
Ehren- und Respektstitel auf seinen jungen Herrn
übertragen wollen, aber dieser, der mit Krist das
erste Wasserhuhn geschossen und die erste Bootfahrt
über den See gemacht hatte, hatte von dem neuen
Titel nichts wissen wollen.

„Jott, junge Herr, sunst schrewens doch ümmer
ihrst, o'r schicken uns o'r den kleenen inglischen Kierl. Un nu keen Wort nich. Awers ick
wußt' et joa, as de Poggen hüt Oabend mit ehr
Gequoak nich to Enn' koam' künn'n. ‚Jei, jei, Mutter,‘
seggt ick, ‚dat bedüt' wat‘ Awers as de Fruenslüd'
sinn! Wat seggt se? ‚Wat sall et bedüden?‘ seggt
se, ‚Regen bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns'
Tüffeln bruken't.‘

„Ja, ja,“ sagte Schach, der nur mit halbem Ohr
hingehört hatte, während der Alte die kleine Thür
aufschloß, die von der Giebelseite her ins Schloß führte.
„Ja, ja. Regen ist gut. Aber geh nur vorauf.“

Krist that wie sein junger Herr ihm geheißen,
und beide gingen nun einen mit Fliesen gedeckten
schmalen Korridor entlang. Erst in der Mitte verbreiterte sich dieser und bildete nach links hin eine
geräumige Treppenhalle, während nach rechts hin eine
mit Goldleisten und Rokokoverzierungen reich ausgelegte Doppelthür in einen Gartensalon führte, der
als Wohn- und Empfangszimmer der verstorbenen
Frau Generalin von Schach, einer sehr vornehmen
und sehr stolzen alten Dame gedient hatte. Hierher
richteten sich denn auch die Schritte beider, und als
Krist die halb verquollene Thür nicht ohne Müh und
Anstrengung geöffnet hatte, trat man ein.

Unter dem Vielen, was an Kunst- und Erinnerungsgegenständen in diesem Gartensalon umherstand,
war auch ein bronzener Dopelleuchter, den Schach
selber, vor drei Jahren erst, von seiner italienischen
Reise mit nach Hause gebracht und seiner Mutter
verehrt hatte. Diesen Leuchter nahm jetzt Krist vom
Kamin und zündete die beiden Wachslichter an, die
seit lange schon in den Leuchtertellern steckten, und
ihrerzeit der verstorbenen Gnädigen zum Siegeln ihrer
Briefe gedient hatten. Die Gnädige selbst aber war
erst seit einem Jahre tot, und da Schach, von jener
Zeit an, nicht wieder hier gewesen war, so hatte noch
alles den alten Platz. Ein paar kleine Sofas standen
wie früher an den Schmalseiten einander gegenüber, während zwei größere die Mitte der Längswand
einnahmen und nichts als die vergoldete Rokoko-Doppelthür zwischen sich hatten. Auch der runde Rosenholztisch (ein Stolz der Generalin) und die große Marmorschale, darin alabasterne Weintrauben und Orangen
und ein Pinienapfel lagen, standen unverändert an
ihrem Platz. In dem ganzen Zimmer aber, das seit
lange nicht gelüftet war, war eine stickige Schwüle.

„Mach ein Fenster auf,“ sagte Schach. „Und
dann gieb mir eine Decke. Die da.“

„Wullen's sich denn hier hen leggen, junge
Herr?“

„Ja, Krist. Ich habe schon schlechter gelegen.“

„Ick weet. Jott, wenn de oll jnädge Herr uns
doavunn vertellen deih! Ümmer so platsch in'n
Kalkmodder 'rin. Nei, nei, dat wihr nix för mi.
‚Jott, jnädge Herr‘ seggt ick denn ümmer, ‚ick gloob
de Huut geit em runner‘. Awers denn lachte joa de
oll jnädge Herr ümmer, un seggte: ‚Nei, Krist, uns'
Huut sitt fast.‘

Während der Alte noch so sprach und vergangener Zeiten gedachte, griff er zugleich doch nach einem
breiten, aus Rohr geflochtenen Ausklopfer, der in
einer Kaminecke stand, und versuchte damit das eine
Sofa, das sich Schach als Lagerstätt ausgewählt
hatte, wenigstens aus dem Gröbsten herauszubringen.
Aber der dichte Staub, der aufstieg, zeigte nur das
Vergebliche solcher Bemühungen, und Schach sagte
mit einem Anfluge von guter Laune: „Störe den
Staub nicht in seinem Frieden.“ Und erst als ers
gesprochen hatte, fiel ihm der Doppelsinn darin auf,
und er gedachte der Eltern, die drunten in der Dorfkirche in großen Kupfersärgen und mit einem aufgelöteten Kruzifix darauf, in der alten Gruft der Familie standen.

Aber er hing dem Bilde nicht weiter nach und
warf sich aufs Sofa. „Meinem Schimmel gieb ein
Stück Brod und einen Eimer Wasser; dann hält er
aus bis morgen. Und nun stelle das Licht ans
Fenster und laß es brennen. . . Nein, nicht da, nicht
ans offene; an das daneben. Und nun gute Nacht,
Krist. Und schließe von außen zu, daß sie mich nicht
wegtragen.“

„Ih, se wihren doch nich . .“

Und Schach hörte bald danach die Pantinen, wie
sie den Korridor hinunterklappten. Ehe Krist aber die
Giebelthür noch erreicht, und von außen her zugeschlossen haben konnte, legte sichs schon schwer und
bleiern auf seines Herrn überreiztes Gehirn.

Freilich nicht auf lang. Aller auf ihm lastenden
Schwere zum Trotz, empfand er deutlich, daß etwas
über ihn hinsumme, ihn streife und kitzle, und als
ein sich Drehen und Wenden und selbst ein unwillkürliches und halbverschlafenes Umherschlagen mit
der Hand nichts helfen wolle, riß er sich endlich auf
und zwang sich ins Wachen zurück. Und nun sah
er, was es war. Die beiden eben verschweelenden
Lichter, die mit ihrem Qualme die schon stickige Luft
noch stickiger gemacht hatten, hatten allerlei Getier vom
Garten her in das Zimmer gelockt, und nur über
Art und Beschaffenheit desselben war noch ein Zweifel.
Einen Augenblick dacht er an Fledermäuse; sehr bald
aber mußt er sich überzeugen, daß es einfach riesige
Motten und Nachtschmetterlinge waren, die zu ganzen
Dutzenden in dem Saale hin und her flogen, an die
Scheiben stießen und vergeblich das offne Fenster
wieder zu finden suchten.

Er raffte nun die Decke zusammen und schlug
mehrmals durch die Luft, um die Störenfriede wieder
hinauszujagen. Aber das unter diesem Jagen und
Schlagen immer nur ängstlicher werdende Geziefer,
schien sich zu verdoppeln, und summte nur dichter
und lauter als vorher um ihn herum. An Schlaf
war nicht mehr zu denken, und so trat er denn ans
offne Fenster und sprang hinaus, um, draußen umhergehend, den Morgen abzuwarten.

Er sah nach der Uhr. Halb zwei. Die dicht
vor dem Salon gelegene Gartenanlage bestand aus
einem Rondeel mit Sonnenuhr, um das herum, in
meist dreieckigen und von Buchsbaum eingefaßten
Beeten, allerlei Sommerblumen blühten: Reseda und
Rittersporn, und Lilien und Levkojen. Man sah leicht,
daß eine ordnende Hand hier neuerdings gefehlt hatte,
trotzdem Krist zu seinen vielfachen Ämtern auch das
eines Gärtners zählte; die Zeit indeß, die seit dem
Tode der Gnädigen vergangen war, war andrerseits
eine viel zu kurze noch, um schon zu vollständiger
Verwilderung geführt zu haben. Alles hatte nur
erst den Charakter eines wuchernden Blühens angenommen, und ein schwerer und doch zugleich auch
erquicklicher Levkojenduft lag über den Beeten, den
Schach in immer volleren Zügen einsog.

Er umschritt das Rondeel, einmal, zehnmal, und
balancierte, während er einen Fuß vor den andern
setzte, zwischen den nur handbreiten Stegen hin. Er
wollte dabei seine Geschicklichkeit proben und die Zeit
mit guter Manier hinter sich bringen. Aber diese
Zeit wollte nicht schwinden, und als er wieder nach
der Uhr sah, war erst eine Viertelstunde vergangen.

Er gab nun die Blumen auf und schritt auf
einen der beiden Laubengänge zu, die den großen
Parkgarten flankierten und von der Höhe bis fast an
den Fuß des Schloßhügels herniederstiegen. An
mancher Stelle waren die Gänge nach obenhin überwachsen, an andern aber offen, und es unterhielt ihn
eine Weile den abwechselnd zwischen Dunkel und Licht
liegenden Raum in Schritten auszumessen. Ein paarmal
erweiterte sich der Gang zu Nischen und Tempelrundungen, in denen allerhand Sandsteinfiguren standen:
Götter und Göttinnen, an denen er früher viele hundertmale vorübergegangen war, ohne sich auch nur im geringsten um sie zu kümmern oder ihrer Bedeutung nachzuforschen; heut aber blieb er stehn und freute sich besonders aller derer, denen die Köpfe fehlten, weil sie
die dunkelsten und unverständlichsten waren, und sich
am schwersten erraten ließen. Endlich war er den
Laubengang hinunter, stieg ihn wieder hinauf und
wieder hinunter, und stand nun am Dorfausgang und
hörte daß es zwei schlug. Oder bedeuteten die beiden
Schläge halb? War es halb drei? Nein, es war
erst zwei.

Er gab es auf, das Auf und Nieder seiner
Promenade noch weiter fortzusetzen und beschrieb lieber
einen Halbkreis um den Fuß des Schloßhügels herum,
bis er in Front des Schlosses selber war. Und nun
sah er hinauf, und sah die große Terrasse, die von
Orangeriekübeln und Cypressenpyramiden eingefaßt,
bis dicht an den See hinunterführte. Nur ein schmal
Stück Wiese lag noch dazwischen, und auf eben dieser
Wiese stand eine uralte Eiche, deren Schatten Schach
jetzt umschritt, einmal, vielemal, als würd er in ihrem
Bann gehalten. Es war ersichtlich, daß ihn der Kreis,
in dem er ging, an einen andern Kreis gemahnte,
denn er murmelte vor sich hin: könnt' ich heraus!

Das Wasser, das hier so verhältnismäßig nah an
die Schloßterrasse herantrat, war ein bloßer toter
Arm des Sees, nicht der See selbst. Auf diesen See
hinauszufahren aber, war in seinen Knabenjahren
immer seine höchste Wonne gewesen.

„Ist ein Boot da, so fahr ich.“ Und er schritt
auf den Schilfgürtel zu, der die tief einmündende
Bucht von drei Seilen her einfaßte. Nirgends schien
ein Zugang. Schließlich indeß fand er einen überwachsenen Steg, an dessen Ende das große Sommerboot lag, das seine Mama viele Jahre lang benutzt
hatte, wenn sie nach Karwe hinüberfuhr, um den
Knesebecks einen Besuch zu machen. Auch Ruder und
Stangen fanden sich, während der flache Boden des
Boots, um einen trockenen Fuß zu haben, mit hochaufgeschüttetem Binsenstroh überdeckt war. Schach
sprang hinein, löste die Kette vom Pflock und stieß
ab. Irgend welche Ruderkünste zu zeigen, war ihm
vor der Hand noch unmöglich, denn das Wasser war
so seicht und schmal, daß er bei jedem Schlage das
Schilf getroffen haben würde. Bald aber verbreiterte
sichs und er konnte nun die Ruder einlegen. Eine
tiefe Stille herrschte; der Tag war noch nicht wach,
und Schach hörte nichts als ein leises Wehen und
Rauschen, und den Ton des Wassers, das sich glucksend
an dem Schilfgürtel brach. Endlich aber war er in
dem großen und eigentlichen See, durch den der Rhin
fließt, und die Stelle, wo der Strom ging, ließ sich
an einem Gekräusel der sonst spiegelglatten Fläche
deutlich erkennen. In diese Strömung bog er jetzt
ein, gab dem Boote die rechte Richtung, legte sich und
die Ruder ins Binsenstroh, und fühlte sofort wie das
Treiben und ein leises Schaukeln begann.

Immer blasser wurden die Sterne, der Himmel
rötete sich im Osten und er schlief ein.

Als er erwachte, war das mit dem Strom gehende
Boot schon weit über die Stelle hinaus, wo der tote
Arm des Sees nach Wuthenow hin abbog. Er nahm
also die Ruder wieder in die Hand und legte sich
mit aller Kraft ein, um aus der Strömung heraus und
an die verpaßte Stelle zurückzukommen, und freute
sich der Anstrengung dies ihm kostete.

Der Tag war inzwischen angebrochen. Über dem
First des Wuthenower Herrenhauses hing die Sonne,
während drüben am andern Ufer die Wolken im Wiederschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in
den See warfen. Auf dem See selbst aber begann es
sich zu regen, und ein die Morgenbrise benutzender Torfkahn glitt mit ausgespanntem Segel an Schach vorüber.
Ein Frösteln überlief diesen. Aber dies Frösteln
that ihm wohl, denn er fühlte deutlich, wie der Druck,
der auf ihm lastete, sich dabei minderte. „Nahm er
es nicht zu schwer? Was war es denn am Ende?
Bosheit und Übelwollen. Und wer kann sich dem
entziehn! Es kommt und geht. Eine Woche noch, und
die Bosheit hat sich ausgelebt.“ Aber während er so
sich tröstete, zogen auch wieder andre Bilder herauf,
und er sah sich in einem Kutschwagen bei den prinzlichen Herrschaften vorfahren, um ihnen Victoire von
Carayon als seine Braut vorzustellen. Und er hörte
deutlich, wie die alte Prinzeß Ferdinand ihrer Tochter,
der schönen Radiziwill, zuflüsterte: „Est-elle riche?“
„Sans doute.“ „Ah, je comprends.“

Unter so wechselnden Bildern und Betrachtungen
bog er wieder in die kurz vorher so stille Bucht ein,
in deren Schilf jetzt ein buntes und bewegtes Leben
herrschte. Die darin nistenden Vögel kreischten oder
gurrten, ein paar Kibitze flogen auf, und eine Wildente, die sich neugierig umsah, tauchte nieder, als das
Boot plötzlich in Sicht kam. Eine Minute später,
und Schach hielt wieder am Steg, schlang die Kette
fest um den Pflock, und stieg unter Vermeidung jedes
Umwegs die Terrasse hinauf, auf deren oberstem Absatz er Krists Frau, der alten Mutter Kreepschen
begegnete, die schon auf war, um ihrer Ziege das
erste Grünfutter zu bringen.

„Tag, Mutter Kreepschen.“

Die Alte schrak zusammen, ihren drinnen im Gartensalon vermuteten jungen Herrn (um dessentwillen sie
die Hühner nicht aus dem Stall gelassen hatte, bloß
damit ihr Gackern ihn nicht im Schlafe stören sollte)
jetzt von der Frontseite des Schlosses her auf sich zukommen zu sehn.

„Jott, junge Herr. Wo kümmens denn her?“

„Ich konnte nicht schlafen, Mutter Kreepschen.“

„Wat wihr denn los? Hätt et wedder spökt?“

„Beinah. Mücken und Motten warens. Ich
hatte das Licht brennen lassen. Und der eine Fensterflügel war auf.“

„Awers worümm hebbens denn dat Licht nich
utpuust? Dat weet doch jed-een, wo Licht is, doa
sinn ook ümmer Gnitzen un Motten. Ick weet nich!
Un mien oll Kreepsch, he woahrd ook ümmer dümmscher. Jei, jei. Un nich en Oog to.“

„Doch, Mutter Kreepschen. Ich habe geschlafen,
im Boot, und ganz gut und ganz fest. Aber jetzt
frier ich. Und wenns Feuer brennt, dann bringt Ihr
mir wohl was Warmes. Nicht wahr? 'Ne Suppe
oder 'nen Kaffe.“

„Jott, et brennt joa all lang, junge Herr; Füer
is ümmer dat ihrst. Versteiht sich, versteiht sich, wat
Warm's. Un ick bring et ook glieks; man blot de oll
Zick, de geiht för. Se jloben joar nich, junge Herr,
wie schabernaksch so'n oll' Zick' is. De weet, as ob
se 'ne Uhr in'n Kopp hätt, ob et feif is o'r söss. Un
wenn't söss is, denn wohrd se falsch. Un kumm ick
denn un will ehr melken, joa, wat jloben se woll, wat
se denn deiht? Denn stött se mi. Un ümmer hier in't
Krüz, dicht bi de Hüft'. Un worümm? Wiel se weet,
dat ick doa miene Wehdag' hebben deih. Awers nu
kummen's man ihrst in uns' Stuw, un setten sich en
beten dahl. Mien oll Kreepsch is joa nu groad bie't
Pierd und schütt't em wat in. Awers keen Viertelstunn mihr, junge Herr, denn hebben's ehren Koffe.
Un ook wat dato. De oll Semmelfru von Herzberg
wihr joa all hier.“

Unter diesen Worten war Schach in Kreepschens
gute Stube getreten. Alles darin war sauber und rein,
nur die Luft nicht. Ein eigentümlicher Geruch
herrschte vor, der von einem Pfeffer- und Koriander-Mixtum herrührte, das die Kreepschen als Mottenvertreibungsmittel in die Sophaecken gesteckt hatte.
Schach öffnete deshalb das Fenster, kettelte den Haken
ein, und war nun erst im Stande, sich all der
Kleinigkeiten zu freun, die die „gute Stube“ schmückten.
Über dem Sopha hingen zwei kleine Kalenderbildchen,
Anekdoten aus dem Leben des Großen Königs darstellend, „Du, du“ stand unter dem einen, und „Bon
soir, Messieurs“ unter dem andern. Um die Bilderchen und ihre Goldborte herum hingen zwei dicke
Immortellenkränze mit schwarzen und weißen Schleifen
daran, während auf dem kleinen, niedrigen Ofen eine
Vase mit Zittergras stand. Das Hauptschmuckstück
aber war ein Schilderhäuschen mit rotem Dach, in
dem früher, aller Wahrscheinlichkeit nach, ein Eichkätzchen gehaust und seinen Futterwagen an der Kette
herangezogen hatte. Jetzt war es leer, und der Wagen
hatte stille Tage.

Schach war eben mit seiner Musterung fertig,
als ihm auch schon gemeldet wurde: „daß drüben alles
klar sei“.

Und wirklich, als er in den Gartensalon eintrat,
der ihm ein Nachtlager so beharrlich verweigert hatte,
war er überrascht, was Ordnungssinn und ein paar
freundliche Hände mittlerweile daraus gemacht hatten.
Thür und Fenster standen auf, die Morgensonne füllte
den Raum mit Licht und aller Staub war von Tisch
und Sopha verschwunden. Einen Augenblick später
erschien auch schon Krists Frau mit dem Kaffe, die
Semmeln in einen Korb gelegt, und als Schach eben
den Deckel von der kleinen Meißner Kanne heben
wollte, klangen vom Dorfe her die Kirchenglocken
herauf.

„Was ist denn das?“ fragte Schach. „Es kann
ja kaum sieben sein.“

„Justement sieben, junge Herr.“

„Aber sonst war es doch erst um elf. Und um
zwölfe dann Predigt.“

„Joa, so wihr et. Awers nu nich mihr. Un
ümmer den dritt'n Sünndag is et anners. Twee
Sünndag', wenn de Radenslebensche kümmt, denn is't
um twölwen, wiel he joa ihrst in Radensleben preestern
deiht, awers den dritten Sünndag, wenn de oll Ruppinsche röwer kümmt, denn is et all um achten. Un
ümmer. wenn uns oll Kriwitz von sine Thurmluk' ut
unsen Ollschen von dröwen abstötten seiht, denn treckt
he joa sien Klock. Und dat's ümmer um seb'n.“

„Wie heißt denn jetzt der Ruppinsche?“

„Na, wie sall he heten? He heet ümmer noch
so. Is joa ümmer noch de oll Bienengräber.“

„Bei dem bin ich ja eingesegnet. War immer
ein sehr guter Mann.“

„Joa, dat is he. Man blot, he hett keene Teihn
mihr, ook nich een', un nu brummelt un mummelt he
ümmerto, un keen Minsch versteiht em.“

„Das ist gewiß nicht so schlimm, Mutter Kreepschen.
Aber die Leute haben immer was auszusetzen. Und
nun gar erst die Bauern! Ich will hingehen und mal
wieder nachsehen, was mir der alte Bienengräber zu
sagen hat, mir und den andern. Hat er denn noch
in seiner Stube das große Hufeisen, dran ein Zehnpfundgewicht hing? Das hab ich mir immer angesehn,
wenn ich nicht aufpaßte.“

„Dat woahrd he woll noch hebben. De Jungens
passen joa all nich upp.“

Und nun ging sie, um ihren jungen Herrn nicht
länger zu stören, und versprach ihm ein Gesangbuch
zu bringen.

Schach hatte guten Appetit und ließ sich die Herzberger Semmeln schmecken. Denn seit er Berlin verlassen, war noch kein Bissen über seine Lippen gekommen. Endlich aber stand er auf, um in die Gartenthür zu treten und sah von hier aus über das
Rondeel und die Buchsbaumrabatten und weiter dahinter über die Baumwipfel des Parkes fort, bis sein
Auge schließlich auf einem sonnenbeschienenen Storchenpaar ausruhte, das unten, am Fuße des Hügels, über
eine mit Ampfer und Ranunkel rot und gelb gemusterte
Wiese hinschritt.

Er verfiel im Anblicke dieses Bildes in allerlei
Betrachtungen; aber es läutete gerade zum dritten
Mal, und so ging er denn ins Dorf hinunter, um,
von dem herrschaftlichen Chorstuhl aus zu hören, „was
ihm der alte Bienengräber zu sagen habe.“

Bienengräber sprach gut genug, so recht aus dem
Herzen und der Erfahrung heraus, und als der letzte
Vers gesungen und die Kirche wieder leer war, wollte
Schach auch wirklich in die Sakristei gehen, dem Alten danken für manches gute Wort aus längst vergangener Zeit her, und ihn in seinem Boot über den
See hin zurückbegleiten. Unterwegs aber wollt er
ihm alles sagen, ihm beichten, und seinen Rat erbitten.
Er würde schon Antwort wissen. Das Alter sei allemal weise, und wenn nicht von Weisheits-, so doch
bloß schon von Alters wegen. „Aber,“ unterbrach er
sich mitten in diesem Vorsatze, „was soll mir schließlich seine Antwort? hab ich diese Antwort nicht schon
vorweg? hab ich sie nicht in mir selbst? Kenn ich
nicht die Gebote? Was mir fehlt, ist bloß die Lust,
ihnen zu gehorchen.“

Und während er so vor sich hinredete, ließ er
den Plan eines Zwiegesprächs fallen, und stieg den
Schloßberg wieder hinauf.

Er hatte von dem Gottesdienst in der Kirche
nichts abgehandelt, und doch schlug es erst zehn, als
er wieder oben anlangte.

Hier ging er jetzt durch alle Zimmer, einmal,
zweimal, und sah sich die Bilder aller der Schachs
an, die zerstreut und in Gruppen an den Wänden
umherhingen. Alle waren in hohen Stellungen in
der Armee gewesen, alle trugen sie den Schwarzen
Adler oder den Pour le Merite. Das hier war der
General, der bei Malplaquet die große Redoute nahm,
und das hier war das Bild seines eigenen Großvaters, des Obersten im Regiment Itzenplitz, der den
Hochkirchner Kirchhof mit 400 Mann eine Stunde
lang gehalten hatte. Schließlich fiel er, zerhauen und
zerschossen, wie alle die, die mit ihm waren. Und
dazwischen hingen die Frauen, einige schön, am schönsten
aber seine Mutter.

Als er wieder in dem Gartensalon war, schlug
es zwölf. Er warf sich in die Sopha-Ecke, legte die
Hand über Aug und Stirn und zählte die Schläge.
„Zwölf. Jetzt bin ich zwölf Stunden hier, und mir
ist als wären es zwölf Jahre. . Wie wird es sein?
Alltags die Kreepschen, und Sonntags Bienengräber
oder der Radenslebensche, was keinen Unterschied macht.
Einer wie der andre. Gute Leute, versteht sich, alle
gut . . Und dann geh ich mit Victoire durch den
Garten, und aus dem Park auf die Wiese, dieselbe
Wiese, die wir vom Schloß aus immer und ewig
und ewig und immer sehn, und auf der der Ampfer
und die Ranunkeln blühn. Und dazwischen spazieren
die Störche. Vielleicht sind wir allein; aber vielleicht
läuft auch ein kleiner Dreijähriger neben uns her und
singt in einem fort: ,Adebaar, Du Bester, bring mir
eine Schwester.‘ Und meine Schloßherrin errötet und
wünscht sich das Schwesterchen auch. Und endlich
sind elf Jahre herum, und wir halten an der ,ersten
Station,‘ an der ersten Station, die die ,stroherne
Hochzeit‘ heißt. Ein sonderbares Wort. Und dann ist
auch allmählich die Zeit da, sich malen zu lassen,
malen zu lassen für die Galerie. Denn wir dürfen
doch am Ende nicht fehlen! Und zwischen die Generäle
rück ich dann als Rittmeister ein, und zwischen die
schönen Frauen kommt Victoire. Vorher aber hab
ich eine Konferenz mit dem Maler und sag ihm: ‚Ich
rechne darauf, daß Sie den Ausdruck zu treffen
wissen. Die Seele macht ähnlich.‛ Oder soll ich ihm
geradezu sagen: ‚machen Sies gnädig‘ . . . Nein,
nein!“

15. Kapitel.
Die Schachs und die Carayons.

Was immer geschieht, geschah auch diesmal: die
Carayons erfuhren nichts von dem, was
die halbe Stadt wußte. Dienstag, wie gewöhnlich, erschien Tante Marguerite, fand Victoiren
„um dem Kinn etwas spitz” und warf im Laufe der
Tischunterhaltung hin: „Wißt Ihr denn schon, es sollen
ja Karrikatüren erschienen sein?”

Aber dabei blieb es, da Tante Marguerite jenen
alten Gesellschaftsdamen zuzählte, die nur immer von
allem „gehört haben”, und als Victoire fragte: „was
denn, liebe Tante?” wiederholte sie nur: „Karrikatüren, liebes Kind. Ich weiß es ganz genau.“ Und
damit ließ man den Gesprächsgegenstand fallen.

Es war gewiß ein Glück für Mutter und Tochter,
daß sie von den Spott- und Zerrbildern, deren Gegenstand sie waren, nichts in Erfahrung brachten; aber für
den Drittbeteiligten, für Schach, war es ebenso gewiß
ein Unglück und eine Quelle neuer Zerwürfnisse. Hätte
Frau von Carayon, als deren schönster Herzenszug
ein tiefes Mitgefühl gelten konnte, nur die kleinste
Vorstellung von all dem Leid gehabt, das, die ganze
Zeit über, über ihren Freund ausgeschüttet worden
war, so würde sie von der ihm gestellten Forderung
zwar nicht Abstand genommen, aber ihm doch Aufschub gewährt und Trost und Teilnahme gespendet
haben; ohne jede Kenntnis jedoch von dem, was inzwischen vorgefallen war, aigrierte sie sich gegen Schach
immer mehr und erging sich von dem Augenblick an,
wo sie von seinem Rückzug nach Wuthenow erfuhr,
über seinen „Wort- und Treubruch“ als den sies ansah, in den heftigsten und unschmeichelhaftesten Ausdrücken.

Es war sehr bald, daß sie von diesem Rückzuge
hörte. Denselben Abend noch, an dem Schach seinen
Urlaub angetreten hatte, ließ sich Alvensleben bei den
Carayons melden. Victoire, der jede Gesellschaft
peinlich war, zog sich zurück, Frau von Carayon
aber ließ bitten und empfing ihn mit besondrer Herzlichkeit.

„Daß ich Ihnen sagen könnte, lieber Alvensleben,
wie sehr ich mich freue, Sie nach so vielen Wochen
einmal wieder zu sehen. Eine Welt von Dingen hat
sich seitdem zugetragen. Und ein Glück, daß Sie standhaft blieben, als man Ihnen den Luther aufzwingen
wollte. Das hätte mir Ihr Bild ein für allemal
verdorben.“

„Und doch, meine Gnädigste, schwankt' ich einen
Augenblick, ob ich ablehnen sollte.“

„Und weshalb?“

„Weil unser beiderseitiger Freund unmittelbar
vorher abgelehnt hatte. Nachgerade widersteht es mir,
immer wieder und wieder in seine Fußtapfen zu treten.
Giebt es ihrer doch ohnehin schon genug, die mich
einfach als seinen Abklatsch bezeichnen, an der Spitze
Zieten, der mir erst neulich wieder zurief: ‚Hüten
Sie sich, Alvensleben, daß Sie nicht als Schach II.
in die Rang- und Quartierliste kommen‘.“

„Was nicht zu befürchten steht. Sie sind eben
doch anders.“

„Aber nicht besser.“

„Wer weiß.“

„Ein Zweifel, der mich aus dem Munde meiner
schönen Frau von Carayon einigermaßen überrascht,
und unsrem verwöhnten Freunde, wenn er davon
hörte, seine Wuthenower Tage vielleicht verleiden
würde.“

„Seine Wuthenower Tage?“

„Ja, meine Gnädigste. Mit unbestimmtem Urlaub.
Und Sie wissen nicht davon? Er wird sich doch nicht
ohne vorgängigen Abschied von Ihnen in sein altes
Seeschloß zurückgezogen haben, von dem Nostitz neulich behauptete, daß es halb Wurmfraß und halb
Romantik sei.“

„Und doch ist es geschehen. Er ist launenhaft,
wie Sie wissen.“ Sie wollte mehr sagen, aber es gelang ihr, sich zu bezwingen und das Gespräch über
allerhand Tagesneuigkeiten fortzusetzen, bei welcher
Gelegenheit Alvensleben zu seiner Beruhigung wahrnahm, daß sie von der Haupttagesneuigkeit, von dem
Erscheinen der Bilder, nicht das Geringste wußte.
Wirklich, es war der Frau von Carayon auch in der
zwischenliegenden halben Woche nicht einen Augenblick
in den Sinn gekommen, etwas Näheres über das
von dem Tantchen Angedeutete hören zu wollen.

Endlich empfahl sich Alvensleben, und Frau von
Carayon, alles Zwanges nunmehr los und ledig, eilte,
während Thränen ihren Augen entstürzten, in Victoirens
Zimmer, um ihr die Mitteilung von Schachs Flucht
zu machen. Denn eine Flucht war es.

Victoire folgte jedem Wort. Aber ob es nun ihre
Hoffnung und Zuversicht oder umgekehrt ihre Resignation war, gleichviel, sie blieb ruhig.

„Ich bitte Dich, urteile nicht zu früh. Ein Brief
von ihm wird eintreffen und über alles Aufklärung
geben. Laß es uns abwarten; Du wirst sehn, daß
Du Deinem Verdacht und Deiner Verstimmung gegen
ihn mehr nachgegeben hast, als recht und billig war.“

Aber Frau von Carayon wollte sich nicht umstimmen lassen.

„Ich kannt ihn schon, als Du noch ein Kind
warst. Nur zur gut. Er ist eitel und hochfahrend,
und die prinzlichen Höfe haben ihn vollends überschraubt. Er verfällt mehr und mehr ins Ridiküle.
Glaube mir, er will Einfluß haben und zieht sich im
Stillen irgend einen politischen oder gar staatsmännischen Ehrgeiz groß. Was mich aber am meisten
verdrießt, ist das, er hat sich auch plötzlich auf seinen
Obotritenadel besonnen, und fängt an sein Schachoder Schachentum für etwas ganz Besondres in der
Weltgeschichte zu halten.“

„Und thut damit nicht mehr, als was alle thun…
Und die Schachs sind doch wirklich eine alte Familie.“

„Daran mag er denken und das Pfauenrad
schlagen, wenn er über seinen Wuthnower Hühnerhof
hingeht. Und solche Hühnerhöfe giebt es hier überall.
Aber was soll uns das? Oder zum wenigsten was
soll es Dir? An mir hätt er vorbeistolzieren und
der bürgerlichen Generalpächterstochter, der kleinen
Roturière, den Rücken kehren können. Aber Du
Victoire, Du; Du bist nicht blos meine Tochter, Du
bist auch Deines Vaters Tochter, Du bist eine
Carayon!

Victoire sah die Mama mit einem Anfluge schelmischer Verwunderung an.

„Ja, lache nur, Kind, lache laut, ich verüble Dirs
nicht. Hast Du mich doch selber oft genug über diese
Dinge lachen sehen. Aber, meine süße Victoire, die
Stunden sind nicht gleich, und heute bitt ich Deinem
Vater ab und dank ihm von Herzen, weil er mir in
seinem Adelsstolze, mit dem er mich zur Verzweiflung
gebracht und aus seiner Nähe hinweg gelangweilt hat,
eine willkommene Waffe gegen diesen mir unerträglichen Dünkel in die Hand giebt. Schach, Schach!
Was ist Schach? Ich kenn ihre Geschichte nicht und
will sie nicht kennen, aber ich wette diese meine
Broche gegen eine Stecknadel, daß Du, wenn Du das
ganze Geschlecht auf die Tenne wirfst, da, wo der
Wind am schärfsten geht, daß nichts übrig bleibt, sag
ich, als ein halbes Dutzend Obersten und Rittmeister,
alle devotest erstorben und alle mit einer Pontaknase.
Lehre mich diese Leute kennen!“

„Aber, Mama . .“

„Und nun die Carayons! Es ist wahr, ihre
Wiege hat nicht an der Havel und nicht einmal an
der Spree gestanden, und weder im Brandenburger
noch im Havelberger Dom ist je geläutet worden,
wenn einer von ihnen kam oder ging. Oh, ces
pauvres gens, ces malheureux Carayons! Sie
hatten ihre Schlösser, beiläufig wirkliche Schlösser,
so bloß armselig an der Gironde hin, waren bloß
Girondins und Deines Vaters leibliche Vettern fielen
unter der Guillotine, weil sie treu und frei zugleich
waren und uneingeschüchtert durch das Geschrei des
Berges für das Leben ihres Königs gestimmt hatten.“

Immer verwunderter folgte Victoire.

„Aber,“ fuhr Frau von Carayon fort, „ich will
nicht von Jüngstgeschehenem sprechen, will nicht sprechen
von heute. Denn ich weiß wohl, das von Heutesein
ist immer ein Verbrechen in den Augen derer, die
schon gestern da waren, gleichviel wie. Nein, ich
will von alten Zeiten sprechen, von Zeiten, als der
erste Schach ins Land und an den Ruppiner See
kam, und einen Wall und Graben zog, und eine lateinische Messe hörte, von der er nichts verstand.
Eben damals zogen die Carayons, ces pauvres et
malheureux Carayons, mit vor Jerusalem und
eroberten es und befreiten es. Und als sie heimkamen,
da kamen Sänger an ihren Hof, und sie sangen selbst,
und als Victoire de Carayon (ja sie hieß auch Victoire)
sich dem großen Grafen von Lusignan vermählte,
dessen erlauchter Bruder Großprior des hohen Ordens
vom Spital und endlich König von Cypern war, da
waren wir mit einem Königshause versippt und verschwägert, mit den Lusignans, aus deren großem
Hause die schöne Melusine kam, unglücklichen aber
Gott sei Dank unprosaischen Angedenkens. Und von
uns Carayons, die wir ganz andere Dinge gesehn
haben, will sich dieser Schach abwenden und sich hochmütig zurückziehn? Unsrer will er sich schämen?
Er, Schach. Will er es als Schach, oder will er es
als Grundherr von Wuthenow? Ah, bah! Was ist es
denn mit beiden? Schach ist ein blauer Rock mit einem
roten Kragen, und Wuthenow ist eine Lehmkathe.“

„Mama, glaube mir, Du thust ihm Unrecht. Ich
such es nach einen andern Seite hin. Und da find
ich es auch.“

Frau von Carayon beugte sich zu Victoire nieder
und küßte sie leidenschaftlich. „Ach, wie gut Du bist,
viel viel besser, als Deine Mama. Und nur Eines
ist gut an ihr, daß sie Dich liebt. Er aber sollte
Dich auch lieben! Schon um Deiner Demut willen.“

Victoire lächelte.

„Nein, nicht so. Der Glaube, daß Du verarmt
und ausgeschieden seiest, beherrscht Dich mit der Macht
einer fixen Idee. Du bist nicht so verarmt. Und
auch er. .“

Sie stockte.

„Sieh, Du warst ein schönes Kind, und Alvensleben hat mir erzählt, in welch enthusiastischen Worten
der Prinz erst neulich wieder von Deiner Schönheit
auf dem Massowschen Balle gesprochen habe. Das
ist nicht hin, davon blieb Dir, und jeder muß es
finden, der ihm liebevoll in Deinen Zügen nachzugehen den Sinn und das Herz hat. Und wenn
wer dazu verpflichtet ist, so ist ers! Aber er sträubt
sich, denn so hautain er ist, so konventionell ist er.
Ein kleiner ängstlicher Aufmerker. Er hört auf das,
was die Leute sagen, und wenn das ein Mann thut
(wir müssen's), so heiß ich das Feigheit und lacheté.
Aber er soll mir Rede stehn. Ich habe meinen Plan
jetzt fertig und will ihn demütigen, so gewiß er uns
demütigen wollte.“

Frau von Carayon kehrte nach diesem Zwiegespräch in das Eckzimmer zurück, setzte sich an Victoirens
kleinen Schreibtisch und schrieb.

„Einer Mitteilung Herrn von Alvensleben entnehm ich, daß Sie, mein Herr von Schach, heute,
Sonnabend Abend, Berlin verlassen und sich für einen
Landaufenthalt in Wuthenow entschieden haben. Ich
habe keine Veranlassung Ihnen diesen Landaufenthalt zu mißgönnen oder Ihre Berechtigung dazu
zu bestreiten, muß aber Ihrem Rechte das meiner
Tochter gegenüberstellen. Und so gestatten Sie mir
denn, Ihnen in Erinnerung zu bringen, daß die Veröffentlichung des Verlöbnisses für morgen, Sonntag,
zwischen uns verabredet worden ist. Auf diese Veröffentlichung besteh ich auch heute noch. Ist sie bis
Mittwoch früh nicht erfolgt, erfolgen meinerseits andre,
durchaus selbständige Schritte. So sehr dies meiner
Natur widerspricht (Victoirens ganz zu geschweigen,
die von diesem meinem Schreiben nichts weiß und
nur bemüht sein würde, mich daran zu hindern), so
lassen mir doch die Verhältnisse, die Sie, das Mindeste
zu sagen, nur zu gut kennen, keine Wahl. Also bis
auf Mittwoch! Josephine von Carayon.“

Sie siegelte den Brief und übergab ihn persönlich einem Boten mit der Weisung, sich bei Tagesanbruch nach Wuthenow hin auf den Weg zu machen.

Auf Antwort zu warten, war ihm eigens untersagt worden.

16. Kapitel
Frau von Carayon und der alte
Köckritz.

Der Mittwoch kam und ging, ohne daß ein
Brief Schachs oder gar die geforderte
Verlobungsankündigung erschienen wäre.
Frau von Carayon hatte dies nicht anders erwartet
und ihre Vorbereitungen darauf hin getroffen.

Am Donnerstag früh hielt ein Wagen vor ihrem
Hause, der sie nach Potsdam hinüber führen sollte,
wo sich der König seit einigen Wochen aufhielt. Sie
hatte vor, einen Fußfall zu thun, ihm den ihr widerfahrenen Affront vorzustellen und seinen Beistand anzurufen. Daß es in des Königs Macht stehen werde,
diesen Beistand zu gewähren und einen Ausgleich
herbeizuführen, war ihr außer Zweifel. Auch über
die Mittel und Wege, sich Sr. Majestät zu nähern,
hatte sie nachgedacht, und mit gutem Erfolge. Sie
kannte den Generaladjutanten von Köckritz, der vor
dreißig Jahren und länger, als ein junger Lieutenant
oder Stabskapitän, in ihrem elterlichen Hause verkehrt und der „kleinen Josephine“, dem allgemeinen
Verzuge, manche Bonbonnière geschenkt hatte. Der war
jetzt Liebling des Königs, einflußreichste Person seiner
nächsten Umgebung, und durch ihn, zu dem sie wenigstens in oberflächlichen Beziehungen geblieben war,
hoffte sie sich einer Audienz versichert halten zu
dürfen.

Um die Mittagsstunde war Frau von Carayon
drüben, stieg im „Einsiedler“ ab, ordnete ihre Toilette,
und begab sich sofort ins Schloß. Aber hier mußte
sie von einem zufällig die Freitreppe herabkommenden
Kammerherrn in Erfahrung bringen, daß Seine Majestät Potsdam bereits wieder verlassen und sich zur
Begrüßung Ihrer Majestät der Königin, die Tags
darauf aus Bad Pyrmont zurückzukehren gedenke, nach
Paretz begeben habe, wo man, frei vom Zwange
des Hofes, eine Woche lang in glücklicher Zurückgezogenheit zu verleben gedenke.

Das war nun freilich eine böse Nachricht. Wer
sich zu einem peinlichen Gange (und wenn es der
„hochnotpeinlichste“ wäre) anschickt und mit Sehnsucht
auf das Schreckensende wartet, für den ist nichts
härter als Vertagung. Nur rasch, rasch! Eine kurze
Strecke geht es, aber dann versagen die Nerven.

Schweren Herzens, und geängstigt durch die
Vorstellung, daß ihr dieser Fehlschlag vielleicht einen
Fehlschlag überhaupt bedeute, kehrte Frau von Carayon
in das Gasthaus zurück. An eine Fahrt nach Paretz
hinaus war für heute nicht mehr zu denken, um so
weniger, als zu so später Nachmittagszeit unmöglich
noch eine Audienz erbeten werden konnte. So denn
also warten bis morgen! Sie nahm ein kleines Diner,
setzte sich wenigstens zu Tisch, und schien entschlossen,
die langen langen Stunden in Einsamkeit auf ihrem
Zimmer zu verbringen. Aber die Gedanken und Bilder,
die vor ihr aufstiegen und vor allem die feierlichen
Ansprachen, die sie sich zum hundertsten Male wiederholte, so lange wiederholte, bis sie zuletzt fühlte, sie
werde, wenn der Augenblick da sei, kein einziges Wort
hervorbringen können, — alles das gab ihr zuletzt
den gesunden Entschluß ein, sich gewaltsam aus ihren
Grübeleien herauszureißen und in den Straßen und
Umgebungen der Stadt umherzufahren. Ein Lohndiener erschien denn auch, um ihr seine Dienste zur
Verfügung zu stellen, und um die sechste Stunde hielt
eine mittel-elegante Miethschaise vor dem Gasthause,
da sich das von Berlin her benutzte Gefährt, nach
seiner halbtägigen Anstrengung im Sommersand, als
durchaus ruhebedürftig herausgestellt hatte.

„Wohin befehlen, gnädige Frau?

„Ich überlaß es Ihnen. Nur keine Schlösser,
oder doch so wenig wie möglich; aber Park und Garten,
und Wasser und Wiesen.“

„Ah, je comprends,“ radebrechte der Lohndiener,
der sich daran gewöhnt hatte, seine Fremden ein für
allemal als Halbfranzosen zu nehmen, oder vielleicht
auch dem französischen Namen der Frau von Carayon
einige Berücksichtigung schuldig zu sein glaubte. „Je
comprends.“ Und er gab dem in einem alten
Tressenhut auf dem Bock sitzenden Kutscher Ordre,
zunächst in den „Neuen Garten“ zu fahren.

In dem „Neuen Garten“ war es wie tot, und
eine dunkle, melancholische Cypressenallee schien gar
kein Ende nehmen zu wollen. Endlich lenkte man
nach rechts hin in einen neben einem See hinlaufenden
Weg ein, dessen einreihig gepflanzte Bäume mit ihrem
weit ausgestreckten und niederhängenden Gezweige den
Wasserspiegel berührten. In dem Gitterwerke der
Blätter aber glomm und glitzerte die niedergehende
Sonne. Frau von Carayon vergaß über diese Schönheit all ihr Leid, und fühlte sich dem Zauber derselben
erst wieder entrissen, als der Wagen aus dem Uferweg abermals in den großen Mittelgang einbog, und
gleich danach vor einem aus Backstein aufgeführten,
im Übrigen aber mit Gold und Marmor reich geschmücktem Hause hielt.

„Wem gehört es?“

„Dem König.“

„Und wie heißt es?“

„Das Marmor-Palais.“

„Ah das Marmor-Palais. Das ist also das
Palais . . .“

„Zu dienen, gnädige Frau. Das ist das Palais,
in dem weiland Seine Majestät König Friedrich
Wilhelm der Zweite seiner langen und schmerzlichen
Wassersucht allerhöchst erlag. Und steht auch noch
alles ebenso, wies damals gestanden hat. Ich kenne
das Zimmer ganz genau, wo der gute gnädige Herr
immer ,den Lebensgas‘ trank, den ihm der Geheimrat Hufeland in einem kleinen Ballon ans Bett bringen ließ oder vielleicht auch bloß in einer Kalbsblase.
Wollen die gnädige Frau das Zimmer sehn? Es ist
freilich schon spät. Aber ich kenne den Kammerdiener,
und er thut es, denk ich, auf meinen Empfehl . .
versteht sich . . Und ist auch dasselbe kleine Zimmer,
worin sich eine Figur von der Frau Rietz oder wie
manche sagen von der Mamsell Encken oder der
Gräfin Lichtenau befindet, das heißt, nur eine kleine
Figur, so bloß bis an die Hüften oder noch weniger.“

Frau von Carayon dankte. Sie war bei dem
Gange, der ihr für morgen bevorstand, nicht in der
Laune, das Allerheiligste der Rietz oder auch nur
ihre Porträtbüste kennen lernen zu wollen. Sie sprach
also den Wunsch aus, immer weiter in den Park
hineinzufahren, und ließ erst umkehren, als schon die
Sonne nieder war und ein kühlerer Luftton den
Abend ankündigte. Wirklich, es schlug neun, als man
auf der Rückfahrt an der Garnisonkirche vorüberkam,
und ehe noch das Glockenspiel seinen Choral ausgespielt hatte, hielt der Wagen wieder vor dem „Einsiedler“.

Die Fahrt hatte sie gekräftigt und ihr ihren
Mut zurückgegeben. Dazu kam eine wohlthuende
Müdigkeit, und sie schlief besser als seit lange. Selbst
was sie träumte, war hell und licht.

Am andern Morgen erschien, wie verabredet, ihre
nun wieder ausgeruhte Berliner Equipage vor dem
Hotel; da sie jedoch allen Grund hatte, der Kenntnis
und Umsicht ihres eigenen Kutschers zu mißtrauen,
engagierte sie, wie zur Aushilfe, denselben Lohndiener
wieder, der sich gestern, aller kleinen Eigenheiten seines
Standes unerachtet, so vorzüglich bewährt hatte. Das
gelang ihm denn auch heute wieder. Er wußte
von jedem Dorf und Lustschloß, an dem man vorüber
kam, zu berichten, am meisten von Marquardt, aus
dessen Parke, zu wenigstens vorübergehendem Interesse
der Frau von Carayon, jenes Gartenhäuschen hervorschimmerte, darin unter Zuthun und Anleitung des
Generals von Bischofswerder, dem „dicken Könige“
(wie sich der immer konfidentieller werdende Cicerone
jetzt ohne weiteres ausdrückte) die Geister erschienen
waren.

Eine Viertelmeile hinter Marquardt hatte man
die „Wublitz“, einen von Mummeln überblühten
Havelarm zu passieren, dann folgten Äcker und Wiesengründe, die hoch in Gras und Blumen standen,
und ehe noch die Mittagsstunde heran war, war ein
Brückensteg und alsbald auch ein offenstehendes Gitterthor erreicht, das den Paretzer Parkeingang bildete.

Frau von Carayon, die sich ganz als Bittstellerin
empfand, ließ in dem ihr eigenen, feinen Gefühl an
dieser Stelle halten und stieg aus, um den Rest des
Weges zu Fuß zu machen. Es war nur eine kleine,
sonnenbeschienene Strecke noch, aber gerade das Sonnenlicht war ihr peinlich, und so hielt sie sich denn seitwärts unter den Bäumen hin, um nicht vor der Zeit
gesehen zu werden.

Endlich indes war sie bis an die Sandsteinstufen
des Schlosses heran und schritt sie tapfer hinauf. Die
Nähe der Gefahr hatte ihr einen Teil ihrer natürlichen
Entschlossenheit zurückgegeben.

„Ich wünschte den General von Köckritz zu
sprechen,“ wandte sie sich an einen im Vestibül anwesenden Lakaien, der sich gleich beim Eintritt der
schönen Dame von seinem Sitz erhoben hatte.

„Wen hab ich dem Herrn General zu melden?“

„Frau von Carayon.“

Der Lakai verneigte sich und kam mit der Antwort
zurück: „Der Herr General lasse bitten in das Vorzimmer einzutreten.“

Frau von Carayon hatte nicht lange zu warten.
General von Köckritz, von dem die Sage ging, daß
er außer seiner leidenschaftlichen Liebe zu seinem Könige
keine weitere Passion als eine Pfeife Tabak und einen
Rubber Whist habe, trat ihr von seinem Arbeitszimmer
her entgegen, entsann sich sofort der alten Zeit und
bat sie mit verbindlichster Handbewegung Platz zu
nehmen. Sein ganzes Wesens hatte so sehr den
Ausdruck des Gütigen und Vertrauenerweckenden, daß
die Frage nach seiner Klugheit nur sehr wenig daneben
bedeutete. Namentlich für solche, die wie Frau von
Carayon mit einem Anliegen kamen. Und das sind
bei Hofe die meisten. Er bestätigte durchaus die
Lehre, daß eine wohlwollende Fürstenumgebung
einer geistreichen immer weit vorzuziehen ist. Nur
freilich sollen diese fürstlichen Privatdiener nicht auch
Staatsdiener sein und nicht mitbestimmen und mitregieren wollen.

General von Köckritz hatte sich so gesetzt, daß ihn
Frau von Carayon im Profil hatte. Sein Kopf
steckte halb in einem überaus hohen und steifen
Uniformkragen, aus dem nach vorn hin ein Jabot
quoll, während nach hinten ein kleiner sauber behandelter Zopf fiel. Dieser schien ein eigenes Leben
zu führen, und bewegte sich leicht und mit einer
gewissen Koketterie hin und her, auch wenn an dem
Manne selbst nicht die geringste Bewegung wahrzunehmen war.

Frau von Carayon, ohne den Ernst ihrer Lage
zu vergessen, erheiterte sich doch offenbar an diesem
eigentümlich neckischen Spiel, und erst einmal ins
Heitre gekommen, erschien ihr das, was ihr oblag,
um vieles leichter und bezwingbarer, und befähigte
sie, mit Freimut über all und jedes zu sprechen, auch
über das, was man als den „delikaten Punkt“ in
ihrer oder ihrer Tochter Angelegenheit bezeichnen
konnte.

Der General hatte nicht nur aufmerksam, sondern
auch teilnahmevoll zugehört, und sagte, als Frau
von Carayon schwieg: „Ja, meine gnädigste Frau,
das sind sehr fatale Sachen, Sachen, von denen
S. Majestät nicht zu hören liebt, weshalb ich im
allgemeinen darüber zu schweigen pflege, wohlverstanden so lange nicht Abhilfe zu schaffen und überhaupt nichts zu bessern ist. Hier aber ist zu bessern,
und ich würde meine Pflicht versäumen und Seiner
Majestät einen schlechten Dienst erweisen, wenn ich
ihm einen Fall wie den Ihrigen vorenthalten oder da
Sie selber gekommen sind Ihre Sache vorzutragen,
Sie, meine gnädigste Frau, durch künstlich erfundene
Schwierigkeiten an solchem Vortrage behindern wollte.
Denn solche Schwierigkeiten sind allemalen erfundene
Schwierigkeiten in einem Lande wie das unsre, wo
von alter Zeit her die Fürsten und Könige das Recht
ihres Volkes wollen, und nicht gesonnen sind, der
Forderung eines solchen Rechtes bequem aus dem
Wege zu gehen. Am allerwenigsten aber mein Allergnädigster König und Herr, der ein starkes Gefühl
für das Ebenmäßige des Rechts und eben deshalb
einen wahren Widerwillen und rechten Herzensabscheu
gegen alle diejenigen hat, die sich, wie manche Herren
Offiziers, insonderheit aber die sonst so braven und
tapfren Offiziers von Dero Regiment Gensdarmes,
aus einem schlechten Dünkel allerlei Narretei zu
permittieren geneigt sind, und es für angemessen und
löblich oder doch zum mindesten für nicht unstatthaft
halten, das Glück und den Ruf Andrer ihrem Übermut und ihrer schlechten moralité zu opfern.“

Frau von Carayons Augen füllten sich mit
Thränen. „Que vous êtes bon, mon chèr General.“

„Nicht ich, meine teure Frau. Aber mein Allergnädigster König und Herr, der ist gut. Und ich
denke, Sie sollen den Beweis dieser seiner Herzensgüte bald in Händen halten, trotzdem wir heut einen
schlimmen oder sagen wir lieber einen schwierigen
Tag haben. Denn wie Sie vielleicht schon in Erfahrung gebracht haben, der König erwartet in wenig
Stunden die Königin zurück, und um nicht gestört zu
werden in der Freude des Wiedersehns, deshalb befindet er sich hier, deshalb ist er hierher gegangen
nach Paretz. Und nun läuft ihm in dies Idyll ein
Rechtsfall und eine Streitsache nach. Und eine Streitsache von so delikater Natur. Ja, wirklich ein Schabernack ist es, und ein rechtes Schnippchen, das ihm die
Laune der Frau Fortuna schlägt. Er will sich seines
Liebesglückes freuen (Sie wissen wie sehr er die
Königin liebt) und in demselben Augenblicke fast, der
ihm sein Liebesglück bringen soll, hört er eine Geschichte von unglücklicher Liebe. Das verstimmt ihn.
Aber er ist zu gütig, um dieser Verstimmung nicht
Herr zu werden, und treffen wirs nur einigermaßen
leidlich, so müssen wir uns aus eben diesem Zusammentreffen auch noch einen besonderen Vorteil zu
ziehen wissen. Denn das eigne Glück, das er erwartet,
wird ihn nur noch geneigter machen als sonst, das
getrübte Glück andrer wieder herzustellen. Ich kenn
ihn ganz in seinem Rechtsgefühl und in der Güte
seines Herzens. Und so geh ich denn, meine teure
Frau, Sie bei dem Könige zu melden.“

Er hielt aber plötzlich wie nachdenkend inne,
wandte sich noch einmal wieder und setzte hinzu: „Irr
ich nicht, so hat er sich eben in den Park begeben.
Ich kenne seinen Lieblingsplatz. Lassen Sie mich also
sehen. In wenig Minuten bring ich Ihnen Antwort,
ob er Sie hören will oder nicht. Und nun noch einmal, seien Sie gutes Mutes. Sie dürfen es.“

Und damit nahm er Hut und Stock, und trat
durch eine kleine Seitentür unmittelbar in den Park
hinaus.

In dem Empfangszimmer, in dem Frau von Carayon zurückgeblieben war, hingen allerlei Buntdruckbilder, wie sie damals von England her in der Mode
waren: Engelsköpfe von Josua Reynolds, Landschaften
von Gainsborough, auch ein paar Nachbildungen
italienischer Meisterwerke, darunter eine büßende Magdalena. War es die von Correggio? Das wundervoll tiefblau getönte Tuch, das die Büßende halb
verhüllte, fesselte Frau von Carayons Aufmerksamkeit, und sie trat heran, um sich über den Maler zu
vergewissern. Aber ehe sie noch seinen Namen entziffern konnte, kehrte der alte General zurück, und
bat seinen Schützling ihm zu folgen.

Und so traten sie denn in den Park, drin eine
tiefe Stille herrschte. Zwischen Birken und Edeltannen
hin schlängelte sich der Weg und führte bis an eine
künstliche, von Moos und Epheu überwachsene Felswand, in deren Front (der alte Köckritz war jetzt zurückgeblieben) der König auf einer Steinbank saß.

Er erhob sich, als er die schöne Frau sich nähern
sah, und trat ihr ernst und freundlich entgegen. Frau
von Carayon wollte sich auf ein Knie niederlassen, der
König aber litt es nicht, nahm sie vielmehr aufrichtend
bei der Hand, und sagte: „Frau von Carayon? Mir
sehr wohl bekannt . . Erinnre Kinderball . . schöne
Tochter . . Damals . .“

Er schwieg einen Augenblick, entweder in Verlegenheit über das ihm entschlüpfte letzte Wort, oder
aber aus Mitgefühl mit der tiefen Bewegung der
unglücklichen und beinah zitternd vor ihm stehenden
Mutter, und fuhr dann fort: „Köckeritz mir eben Andeutungen gemacht . . Sehr fatal . . Aber bitte . .
sich setzen, meine Gnädigste . . Mut . . Und nun
sprechen Sie.“

17. Kapitel.
Schach in Charlottenburg.

Eine Woche später hatten König und Königin
Paretz wieder verlassen, und schon am
Tage danach ritt Rittmeister von Schach
in Veranlassung eines ihm in Schloß Wuthenow übergebenen Kabinetsschreibens nach Charlottenburg hinaus, wohin inzwischen der Hof übersiedelt war. Er
nahm seinen Weg durchs Brandenburger Thor und
die große Tiergartenallee, links hinter ihm Ordonnanz
Baarsch, ein mit einem ganzen Linsengericht von
Sommersprossen überdeckter Rotkopf mit übrigens
noch röterem Backenbart, auf welchen roten und etwas
abstehenden Bart hin Zieten zu versichern pflegte,
„daß man auch diesen Baarsch an seinen Flossen
erkennen könne.“ Wuthenower Kind und seines Gutsherrn und Rittmeisters ehemaliger Spielgefährte, war
er diesem und allem, was Schach hieß, selbstverständlich
in unbedingten Treuen ergeben.

Es war vier Uhr Nachmittags und der Verkehr
nicht groß, trotzdem die Sonne schien und ein erquickender Wind wehte. Nur wenige Reiter begegneten
ihnen, unter diesen auch ein paar Offiziere von Schachs
Regiment. Schach erwiderte ihren Gruß, passierte
den Landwehrgraben und ritt bald danach in die
breite Charlottenburger Hauptstraße mit ihren Sommerhäusern und Vorgärten ein.

Am türkischen Zelt, das sonst wohl sein Ziel zu
sein pflegte, wollte sein Pferd einbiegen; er zwang es
aber weiter und hielt erst bei dem Morellischen Kaffeehause, das ihm heute für den Gang, den er vorhatte,
bequemer gelegen war. Er schwang sich aus dem
Sattel, gab der Ordonnanz den Zügel und ging ohne
Versäumnis auf das Schloß zu. Hier trat er nach
Passierung eines öden und von der Julisonne längst
verbrannten Grasvierecks erst in ein geräumiges
Treppenhaus und bald danach in einen schmalen
Korridor ein, an dessen Wänden in anscheinend überlebensgroßen Porträts die glotzäugigen blauen Riesen
König Friedrich Wilhelms I. paradierten. Am Ende
dieses Ganges aber traf er einen Kammerdiener, der
ihn, nach vorgängiger Meldung, in das Arbeitskabinet
des Königs führte.

Dieser stand an einem Pult, auf dem Karten
ausgebreitet lagen, ein paar Pläne der Austerlitzer
Schlacht. Er wandte sich sofort, trat auf Schach zu,
und sagte: „Habe Sie rufen lassen, lieber Schach
. . Die Carayon; fatale Sache. Spiele nicht gern
den Moralisten und Splitterrichter; mir verhaßt; auch
meine Verirrungen. Aber in Verirrungen nicht stecken
bleiben; wieder gut machen. Übrigens nicht recht
begreife. Schöne Frau, die Mutter; mir sehr gefallen;
kluge Frau.“

Schach verneigte sich.

„Und die Tochter! Weiß wohl, weiß; armes
Kind . . Aber enfin, müssen sie doch charmant gefunden
haben. Und was man einmal charmant gefunden, findet
man, wenn man nur will, auch wieder. Aber das ist
Ihre Sache, geht mich nichts an. Was mich angeht,
das ist die honnêteté. Die verlang ich und um dieser
honnêteté willen verlang ich Ihre Heirat mit dem
Fräulein von Carayon. Oder Sie müßten denn
Ihren Abschied nehmen und den Dienst quittieren
wollen.“

Schach schwieg, verriet aber durch Haltung und
Miene, daß ihm dies das Schmerzlichste sein würde.

„Nun denn bleiben also; schöner Mann; liebe
das. Aber Remedur muß geschafft werden, und bald,
und gleich. Übrigens alte Familie, die Carayons,
und wird Ihren Fräulein Töchtern (Pardon, lieber
Schach) die Stiftsanwartschaft auf Marienfließ oder
Heiligengrabe nicht verderben. Abgemacht also. Rechne
darauf, dringe darauf. Und werden wir Meldung
machen.“

„Zu Befehl, Ew. Majestät.“

„Und noch eines; habe mit der Königin darüber
gesprochen; will Sie sehn; Frauenlaune. Werden sie
drüben in der Orangerie treffen. . Dank Ihnen.“

Schach war gnädig entlassen, verbeugte sich und
ging den Korridor hinunter auf das am entgegengesetzten Flügel des Schlosses gelegene große Glas- und Gewächshaus zu, von dem der König gesprochen
hatte.

Die Königin aber war noch nicht da, vielleicht
noch im Park. So trat er denn in diesen hinaus
und schritt auf einem Fliesengange zwischen einer
Menge hier aufgestellter römischer Kaiser auf und ab,
von denen ihn einige faunartig anzulächeln schienen.
Endlich sah er die Königin von der Fährbrücke her
auf sich zukommen, eine Hofdame mit ihr, allem Anscheine nach das jüngere Fräulein von Viereck. Er
ging beiden Damen entgegen, und trat in gemessener
Entfernung bei Seit, um die militärischen Honneurs
zu machen. Das Hoffräulein aber blieb um einige
Schritte zurück.

„Ich freue mich Sie zu sehen, Herr von Schach.
Sie kommen vom Könige.“

„Zu Befehl, Ew. Majestät.“

„Es ist etwas gewagt,“ fuhr die Königin fort,
„daß ich Sie habe bitten lassen. Aber der König, der
anfänglich dagegen war und mich darüber verspottete,
hat es schließlich gestattet. Ich bin eben eine Frau,
und es wäre hart, wenn ich mich meiner Frauenart
entschlagen müßte, nur weil ich eine Königin bin.
Als Frau aber interessiert mich alles, was unser
Geschlecht angeht, und was ging uns näher an als
eine solche question d'amour.“

„Majestät sind so gnädig.“

„Nicht gegen Sie, lieber Schach. Es ist um des
Fräuleins willen . . Der König hat mir alles erzählt, und Köckritz hat von dem Seinen hinzugethan.
Es war denselben Tag, als ich von Pyrmont wieder
in Paretz eintraf, und ich kann Ihnen kaum aussprechen,
wie groß meine Teilnahme mit dem Fräulein war.
Und nun wollen Sie, gerade Sie, dem lieben Kinde
diese Teilnahme versagen und mit dieser Teilnahme
zugleich sein Recht. Das ist unmöglich. Ich kenne
Sie so lange Zeit und habe Sie jederzeit als einen
Kavalier und Mann von Ehre befunden. Und dabei,
denk ich, belassen wirs. Ich habe von den Spottbildern gehört, die publiziert worden sind, und diese
Bilder, so nehm ich an, haben Sie verwirrt und Ihnen
Ihr ruhiges Urteil genommen. Ich begreife das, weiß
ich doch aus allereigenster Erfahrung, wie weh dergleichen thut und wie der giftige Pfeil uns nicht bloß
in unserem Gemüte verwundet, sondern auch verwandelt und nicht verwandelt zum Besseren. Aber
wie dem auch sei, Sie mußten sich auf sich selbst
besinnen, und damit zugleich auch auf das, was Pflicht
und Ehre von Ihnen fordern.“

Schach schwieg.

„Und Sie werden es,“ fuhr die Königin immer
lebhafter werdend fort, „und werden sich als einen
Reuigen und Bußfertigen zeigen. Es kann Ihnen
nicht schwer werden, denn selbst aus der Anklage gegen
Sie, so versicherte mir der König, habe noch immer
ein Ton der Zuneigung gesprochen. Seien Sie dessen
gedenk, wenn Ihr Entschluß je wieder ins Schwanken
kommen sollte, was ich nicht fürchte. Wüßt ich doch
kaum etwas, was mir in diesem Augenblicke so lieb
wäre, wie die Schlichtung dieses Streits und der Bund
zweier Herzen, die mir für einander bestimmt erscheinen.
Auch durch eine recht eigentliche Liebe. Denn Sie
werden doch, hoff ich, nicht in Abrede stellen wollen,
daß es ein geheimnisvoller Zug war, was Sie zu
diesem lieben und einst so schönen Kinde hinführte.
Das Gegenteil anzunehmen, widerstreitet mir. Und
nun eilen Sie heim, und machen Sie glücklich und
werden Sie glücklich. Meine Wünsche begleiten Sie,
Sie Beide. Sie werden sich zurückziehen, so lang
es die Verhältnisse gebieten; unter allen Umständen
aber erwart ich, daß Sie mir Ihre Familienereignisse
melden, und den Namen Ihrer Königin als erste
Taufpatin in Ihr Wuthenower Kirchenbuch eintragen
lassen. Und nun Gott befohlen.“

Ein Gruß und eine freundliche Handbewegung
begleiteten diese Worte; Schach aber, als er sich kurz
vor der Gartenfront noch einmal umsah, sah, wie beide
Damen in einem Seitenweg einbogen und auf eine
schattigere, mehr der Spree zu gelegene Partie des
Parkes zuschritten.

Er selbst saß eine Viertelstunde später wieder im
Sattel; Ordonnanz Baarsch folgte.

Die gnädigen Worte beider Majestäten hatten
eines Eindrucks auf ihn nicht verfehlt; trotzdem war
er nur getroffen, in nichts aber umgestimmt worden.
Er wußte, was er dem König schuldig sei: Gehorsam!
Aber sein Herz widerstritt, und so galt es denn für
ihn, etwas ausfindig zu machen, was Gehorsam und
Ungehorsam in sich vereinigte, was dem Befehle seines
Königs und dem Befehle seiner eigenen Natur gleichmäßig entsprach. Und dafür gab es nur einen Weg.
Ein Gedanke, den er schon in Wuthenow gefaßt hatte,
kam ihm jetzt wieder und reifte rasch zum Entschluß,
und je fester er ihn werden fühlte, desto mehr fand er
sich in seine frühere gute Haltung und Ruhe zurück.
„Leben,“ sprach er vor sich hin. „Was ist leben?
Eine Frage von Minuten, eine Differenz von heut
auf morgen.“ Und er fühlte sich, nach Tagen schweren
Druckes, zum ersten Male wieder leicht und frei.

Als er, heimreitend, bis an die Wegstelle gekommen
war, wo eine alte Kastanienallee nach dem Kurfürstendamm hin abzweigte, bog er in diese Allee ein, winkte
Baarsch an sich heran und sagte, während er den
Zügel fallen ließ und die linke Hand auf die Kruppe
seines Pferdes stemmte: „Sage Baarsch, was hälst
Du eigentlich von heiraten?“

„Jott, Herr Rittmeister, wat soll ich davon halten?
Mein Vater selig sagte man ümmer: heiraten is gut,
aber nich heiraten is noch besser.“

„Ja, das mag er wohl gesagt haben. Aber wenn
ich nun heirate, Baarsch?“

„Ach, Herr Rittmeister werden doch nich!“

„Ja, wer weiß . . Ist es denn ein solches
Malheur?“

„Jott, Herr Rittmeister, vor Ihnen grade nich,
aber vor mir . .“

„Wie das?“

„Weil ich mit Untroffzier Czepanski gewett't hab,
es würd' doch nichts. Un wer verliert, muß die
ganze Corporalschaft freihalten.“

„Aber woher wußtet Ihr denn davon?“

„I Jott, des munkelt ja nu all lang. Un wie
nu vorige Woch ooch noch die Bilders kamen …“

„Ah, so . . Nu sage, Baarsch, wie steht es denn
eigentlich mit der Wette? Hoch?“

„I nu, 's jeht, Herr Rittmeister. 'Ne Cottbusser
un'n Kümmel. Aber vor jed' een.“

„Nu, Baarsch, Du sollst dabei nicht zu Schaden
kommen. Ich werde die Wette bezahlen.“

Und danach schwieg er und murmelte nur noch
vor sich hin „et payer les pots cassés.“

18. Kapitel.
Fata Morgana.

Schach war zu guter Stunde wieder heim,
und noch denselben Abend schrieb er ein
Billet an Frau von Carayon, in dem er
in anscheinend aufrichtigen Worten um seines Benehmens
willen um Entschuldigung bat. Ein Kabinetsschreiben,
das er vorgestern in Wuthenow empfangen habe, hab
ihn heute Nachmittag nach Charlottenburg hinausgeführt, wo König und Königin ihn an das, was seine
Pflicht sei, gemahnt hätten. Er bedaure, solche Mahnung verschuldet zu haben, finde den Schritt, den
Frau von Carayon gethan, gerechtfertigt, und bäte
morgen im Laufe des Vormittags sich beiden Damen
vorstellen zu dürfen, um ihnen sein Bedauern über
diese neuen Versäumnisse persönlich zu wiederholen.
In einer Nachschrift, die länger als der Brief selbst
war, war hinzugefügt, „daß er durch eine Krisis gegangen sei; diese Krisis aber liege jetzt hinter ihm,
und er hoffe sagen zu dürfen, ein Grund an ihm
oder seinem Rechtsgefühle zu zweifeln, werde nicht
wiederkehren. Er lebe nur noch dem einen Wunsch
und Gedanken, alles was geschehen sei, durch Gesetzlichkeit auszugleichen. Über ein Mehr leg er sich vorläufig Schweigen auf.“

Dies Billet, das der kleine Groom überbrachte,
wurde, trotz der schon vorgerückten Stunde, von Frau
von Carayon auf der Stelle beantwortet. Sie freue
sich, in seinen Zeilen einer so versöhnlichen Sprache
zu begegnen. Über alles, was seinem Briefe nach
als ein nunmehr Zurückliegendes anzusehen sei, werd
es am besten sein zu schweigen; auch sie fühle, daß
sie ruhiger und rücksichtsvoller hätte handeln sollen,
sie habe sich hinreißen lassen, und nur das Eine
werd ihr vielleicht zur Entschuldigung dienen dürfen,
daß sie von jenen hämischen Angriffen in Wort und
Bild, die sein Benehmen im Laufe der letzten Woche
bestimmt zu haben schienen, erst seit zwei Tagen Kenntnis habe. Hätte sie diese Kenntnis früher gehabt,
so würde sie vieles milder beurteilt, jedenfalls aber
eine abwartende Haltung ihm und seinem Schweigen
gegenüber eingenommen haben. Sie hoffe jetzt, daß
alles wieder einklingen werde. Victoirens große Liebe
(nur zu groß) und seine eigene Gesinnung, die, wie
sie sich überzeugt halte, wohl schwanken aber nie dauernd erschüttert werden könne, gäben ihr die Gewähr
einer friedlichen und wenn ihre Bitten Erhörung fänden auch einer glücklichen Zukunft.

Am andern Vormittage wurde Schach bei Frau
von Carayon gemeldet. Sie ging ihm entgegen, und
das sich sofort entspinnende Gespräch verriet auf beiden Seiten weniger Verlegenheit, als nach dem Vorgefallenen hätte vorausgesetzt werden sollen. Und
doch erklärte sichs auch wieder. Alles was geschehen
war, so schmerzlich es hüben und drüben berührt
hatte, war doch schließlich von jeder der beiden Parteien verstanden worden, und wo Verständnis ist,
ist auch Verzeihung oder wenigstens die Möglichkeit
einer solchen. Alles hatte sich in natürlicher Konsequenz aus den Verhältnissen heraus entwickelt, und
weder die Flucht, die Schach bewerkstelligt, noch die
Klage, die Frau von Carayon an oberster Stelle geführt hatte, hatten Übelwollen oder Gehässigkeit ausdrücken sollen.

Als das Gespräch einen Augenblick zu stocken
begann, erschien Victoire. Sie sah sehr gut aus,
nicht abgehärmt, vielmehr frischer als sonst. Er trat
ihr entgegen, nicht kalt und ceremoniös, sondern herzlich, und der Ausdruck einer innigen und aufrichtigen
Teilnahme, womit er auf sie sah und ihr die Hand
reichte, besiegelte den Frieden. Es war kein Zweifel,
er war ergriffen, und während Victoire vor Freude
strahlte, füllten Thränen das Auge der Mutter.

Es war der beste Moment, das Eisen zu schmieden. Sie bat also Schach, der sich schon erhoben
hatte, seinen Platz noch einmal auf einen kurzen
Augenblick einnehmen zu wollen, um gemeinschaftlich
mit ihm die nötigsten Festsetzungen zu treffen. Was
sie zu sagen habe, seien nur wenige Worte. So viel
sei gewiß, Zeit sei versäumt worden, und diese Versäumnis wieder einzubringen, empfehle sich wohl zunächst. Ihre langjährige freundschaftliche Beziehung
zum alten Konsistorialrat Bocquet, der sie selber getraut und Victoiren eingesegnet habe, böte dazu die
beste Gelegenheit. Es werde leicht sein, an die Stelle
des herkömmlichen dreimaligen Aufgebots ein einmaliges zu setzen; das müsse nächsten Sonntag geschehen, und am Freitage der nächsten Woche — denn
die Freitage, die gemeinhin für Unglückstage gölten,
hätte sie persönlich von der durchaus entgegengesetzten
Seite kennen gelernt — werde dann die Hochzeit zu
folgen haben. Und zwar in ihrer eignen Wohnung,
da sie Hochzeiten in einem Hotel oder Gasthause von
ganzer Seele hasse. Was dann weiter zu geschehen
habe, das stehe bei dem jungen Paare; sie sei neugierig, ob Venedig über Wuthenow oder Wuthenow
über Venedig den Sieg davon tragen werde. Die
Lagunen hätten sie gemeinsam und die Gondel auch,
und nur um Eines müsse sie bitten, daß der kleine
Brückensteg unterm Schilf, an dem die Gondel liege,
nie zur Seufzerbrücke erhoben werde.

So ging das Geplauder, und so verging der
Besuch.

Am Sonntage, wie verabredet, erfolgte das Aufgebot, und der Freitag, an dem die Hochzeit stattfinden sollte, rückte heran. Alles im Carayonschen
Hause war Aufregung, am aufgeregtesten Tante
Marguerite, die jetzt täglich erschien, und durch ihre
naive Glückseligkeit alles Unbequeme balancierte, das
sonst unzertrennlich von ihrem Erscheinen war.

Abends kam Schach. Er war heitrer und in
seinem Urteile milder als sonst, und vermied nur in
ebenso bemerkenswerter wie zum Glück unbemerkt
bleibender Weise von der Hochzeit und den Vorbereitungen dazu zu sprechen. Wurd er gefragt,
ob er dies oder jenes wünsche, so bat er mit einer
Art von Empressement, „ganz nach eigenem Dafürhalten verfahren zu wollen; er kenne den Takt und
guten Geschmack der Damen und wisse, daß ohne sein
Raten und Zuthun alles am besten entschieden werden
würde; wenn ihm dabei manches dunkel und geheimnisvoll bleibe, so sei dies ein Vorteil mehr für ihn,
hab er doch von Jugend auf eine Neigung gehabt,
sich überraschen zu lassen.“

Unter solchen Ausflüchten entzog er sich jedem
Geplauder, das, wie Tante Marguerite sich ausdrückte,
„den Ehrentag en vue hatte,“ war aber um so plauderhafter, wenn das Gespräch auf die Reisetage nach
der Hochzeit hinüberlenkte. Denn Venedig, aller halben
Widerrede der Frau von Carayon zum Trotz, hatte
doch schließlich über Wuthenow gesiegt, und Schach,
wenn die Rede darauf kam, hing mit einer ihm sonst
völlig fremden Phantastik allen erdenklichen Reiseplänen und Reisebildern nach. Er wollte nach Sizilien hinüber und die Sireneninseln passieren, „ob frei
oder an den Mast gebunden, überlaß er Victoiren
und ihrem Vertrauen.“ Und dann wollten sie nach
Malta. Nicht um Maltas willen, o nein. Aber auf
dem Wege dahin, sei die Stelle, wo der geheimnisvolle schwarze Weltteil in Luftbildern und Spiegelungen
ein allererstes Mal zu dem in Nebel und Schnee gebornen Hyperboreer spräche. Das sei die Stelle, wo
die bilderreiche Fee wohne, die stumme Sirene, die
mit dem Zauber ihrer Farbe fast noch verführerischer
locke als die singende. Beständig wechselnd seien die
Szenen und Gestalten ihrer Laterna magica, und
während eben noch ein ermüdeter Zug über den gelben
Sand ziehe, dehne sichs plötzlich wie grüne Triften
und unter der schattengebenden Palme säße die Schaar
der Männer, die Köpfe gebeugt und alle Pfeifen in
Brand, und schwarz und braune Mädchen, ihre Flechten gelöst und wie zum Tanze geschürzt, erhüben die
Becken und schlügen das Tambourin. Und mitunter
seis, als lach es. Und dann schwieg es und schwänd
es wieder. Und diese Spiegelung aus der geheimnisvollen Ferne, das sei das Ziel!

Und Victoire jubelte, hingerissen von der Lebhaftigkeit seiner Schilderung.

Aber im selben Augenblick überkam es sie bang
und düster, und in ihrer Seele rief eine Stimme:
Fata Morgana.

19. Kapitel.
Die Hochzeit.

Die Trauung hatte stattgefunden und um die
vierte Stunde versammelten sich die zur
Hochzeit Geladenen in dem nach dem Hofe
hinaus gelegenen großen Eßsaale, der für gewöhnlich
als ein bloßes unbequemes Anhängsel der Carayonschen
Wohnung angesehen und seit einer ganzen Reihe von
Jahren heute zum erstenmale wieder in Gebrauch genommen wurde. Dies erschien thunlich, trotzdem die
Zahl der Gäste keine große war. Der alte Konsistorialrat Bocquet hatte sich bewegen lassen, dem
Mahle mit beizuwohnen, und saß, dem Brautpaare
gegenüber, neben der Frau von Carayon; unter den
anderweit Geladenen aber waren, außer dem Tantchen
und einigen alten Freunden aus der Generalfinanzpächterzeit her, in erster Reihe Nostitz, Alvensleben
und Sander zu nennen. Auf letzteren hatte Schach,
aller sonstigen, auch bei Feststellung der Einladungsliste beobachteten Indifferenz unerachtet, mit besonderem Nachdruck bestanden, weil ihm inzwischen das
rücksichtsvolle Benehmen desselben bei Gelegenheit des
Verlagsantrages der drei Bilder bekannt geworden
war, ein Benehmen, das er um so höher anschlug,
als er es von dieser Seite her nicht erwartet hatte.
Bülow, Schachs alter Gegner, war nicht mehr in
Berlin, und hätte wohl auch gefehlt, wenn er noch
dagewesen wäre.

Die Tafelstimmung verharrte bis zum ersten
Trinkspruch in der herkömmlichen Feierlichkeit; als indessen der alte Konsistorialrat gesprochen und in einem
dreigeteilten und als „historischer Rückblick“ zu bezeichnenden Toast, erst des großväterlichen Generalfinanzpächterhauses, dann der Trauung der Frau von
Carayon und drittens (und zwar unter Citierung des
ihr mit auf den Lebensweg gegebenen Bibelspruches)
der Konfirmation Victoirens gedacht, endlich aber
mit einem halb ehrbaren, halb scherzhaften Hinweis
auf den „egyptischen Wundervogel, in dessen verheißungsvolle Nähe man sich begeben wolle“ geschlossen
hatte, war das Zeichen zu einer Wandlung der Stimmung gegeben. Alles gab sich einer ungezwungenen
Heiterkeit hin, an der sogar Victoire teilnahm, und
nicht zum wenigsten, als sich schließlich auch das zu
Ehren des Tages in einem grasgrünen Seidenkleid
und einem hohen Schildpattkamme erschienene Tantchen erhob, um einen zweiten Toast auf das Brautpaar auszubringen. Ihr verschämtes Klopfen mit
dem Dessertmesser an die Wasserkaraffe war eine Zeitlang unbemerkt geblieben, und kam erst zur Geltung,
als Frau von Carayon erklärte: Tante Marguerite
wünsche zu sprechen.

Diese verneigte sich denn auch zum Zeichen der
Zustimmung, und begann ihre Rede mit viel mehr
Selbstbewußtsein, als man nach ihrer anfänglichen
Schüchternheit erwarten durfte. „Der Herr Konsistorialrat hat so schön und so lange gesprochen,
und ich ähnle nur dem Weibe Ruth, das über dem
Felde geht und Ähren sammelt, was auch der Text
war, worüber am letzten Sonntag in der kleinen Melonenkürche gepredigt wurde, die wieder sehr leer war,
ich glaube nicht mehr als ölf oder zwölf. Aber als
Tante der lieben Braut, in welcher Beziehung ich
wohl die älteste bin, erheb ich dieses Glas, um noch
einmal auf dem Wohle des jungen Paares zu trinken.“

Und danach setzte sie sich wieder, um die Huldigungen der Gesellschaft entgegenzunehmen. Schach
versuchte der alten Dame die Hand zu küssen, was
sie jedoch wehrte, wogegen sie Victoirens Umarmung
mit allerlei kleinen Liebkosungen und zugleich mit der
Versicherung erwiderte: „sie hab es alles vorher gewußt, von dem Nachmittag an, wo sie die Fahrt nach
Tempelhof und den Gang nach der Kürche gemacht
hätten. Denn sie hab es wohl gesehen, daß Victoire
neben dem großen für die Mama bestimmten Veilchenstrauß auch noch einen kleinen Strauß in der Hand
gehalten hätte, den habe sie dem lieben Bräutigam,
dem Herrn von Schach, in der Kürchenthüre präsentieren wollen. Aber als er dann gekommen sei, habe
sie das kleine Bouquet wieder weggeworfen, und es
sei dicht neben der Thür auf ein Kindergrab gefallen,
was immer etwas bedeute, und auch diesmal etwas
bedeutet habe. Denn so sehr sie gegen dem Aberglauben sei, so glaube sie doch an Sympathie, natürlich bei abnehmendem Mond. Und der ganze Nachmittag stehe noch so deutlich vor ihr, als wär es
gestern gewesen, und wenn manche so thäten, als
wisse man nichts, so hätte man doch auch seine zwei
gesunden Augen, und wisse recht gut wo die besten
Kürschen hingen.“ In diesen Satz vertiefte sie sich immer
mehr, ohne daß die Bedeutung desselben dadurch klarer
geworden wäre.

Nach Tante Margueritens Toast löste sich die
Tafelreihe; jeder verließ seinen Platz, um abwechselnd
hier oder dort eine Gastrolle geben zu können, und
als bald danach auch die großen Jostyschen Devisenbonbons umhergereicht und allerlei Sprüche wie beispielsweise „Liebe, wunderbare Fee, Selbst dein Wehe
thut nicht weh“, aller kleinen und undeutlichen Schrift
unerachtet, entziffert und verlesen worden waren, erhob man sich von der Tafel. Alvensleben führte
Frau von Carayon, Sander Tante Marguerite, bei
welcher Gelegenheit, und zwar über das Ruth-Thema,
von Seiten Sanders allerlei kleine Neckereien verübt
wurden, Neckereien, die der Tante so sehr gefielen, daß
sie Victoiren, als der Kaffee serviert wurde, zuflüsterte:
„Charmanter Herr. Und so galant. Und so bedeutungsvoll.“

Schach sprach viel mit Sander, erkundigte sich
nach Bülow, „der ihm zwar nie sympathisch, aber
trotz all seiner Schrullen immer ein Gegenstand des
Interesses gewesen sei“ und bat Sander, ihm, bei sich
darbietender Gelegenheit, dies ausdrücken zu wollen.
In allem was er sagte, sprach sich Freundlichkeit und
ein Hang nach Versöhnung aus.

In diesem Hange nach Versöhnung stand er
aber nicht allein da, sondern begegnete sich darin mit
Frau von Carayon. Als ihm diese persönlich eine
zweite Tasse präsentierte, sagte sie, während er den
Zucker aus der Schale nahm: „Auf ein Wort, lieber
Schach. Aber im Nebenzimmer.“

Und sie ging ihm dahin vorauf.

„Lieber Schach,“ begann sie, hier auf einem großgeblümten Kanapee Platz nehmend, von dem aus
beide mit Hilfe der offenstehenden Flügelthür einen
Blick auf das Eckzimmer hin frei hatten, „es sind dies
unsere letzten Minuten, und ich möchte mir, ehe wir
Abschied von einander nehmen, noch manches von der
Seele heruntersprechen. Ich will nicht mit meinem
Alter kokettieren, aber ein Jahr ist eine lange Zeit,
und wer weiß, ob wir uns wiedersehen. Über Victoire kein Wort. Sie wird Ihnen keine trübe Stunde
machen; sie liebt Sie zu sehr, um es zu können oder
zu wollen. Und Sie, lieber Schach, werden sich
dieser Liebe würdig zeigen. Sie werden ihr nicht
wehe thun, diesem süßen Geschöpf, das nur Demut
und Hingebung ist. Es ist unmöglich. Und so verlang ich denn kein Versprechen von Ihnen. Ich weiß
im Voraus, ich hab es.“

Schach sah vor sich hin, als Frau von Carayon
diese Worte sprach, und tröpfelte, während er die
Tasse mit der Linken hielt, den Kaffee langsam aus
dem zierlichen kleinen Löffel.

„Ich habe seit unsrer Versöhnung,“ fuhr sie fort,
„mein Vertrauen wieder. Aber dies Vertrauen, wie
mein Brief Ihnen schon aussprach, war in Tagen,
die nun glücklicherweise hinter uns liegen, um vieles
mehr als ich es für möglich gehalten hätte, von mir
gewichen, und in diesen Tagen hab ich harte Worte
gegen Sie gebraucht, harte Worte, wenn ich mit Victoiren sprach, und noch härtere, wenn ich mit mir
allein war. Ich habe Sie kleinlich und hochmütig,
eitel und bestimmbar gescholten, und habe Sie, was
das Schlimmste war, der Undankbarkeit und der lacheté geziehen. All das beklag ich jetzt, und schäme
mich einer Stimmung, die mich unsre Vergangenheit
so vergessen lassen konnte.“

Sie schwieg einen Augenblick. Aber als Schach
antworten wollte, litt sies nicht und sagte: „Nur ein
Wort noch. Alles was ich in jenen Tagen gesagt
und gedacht habe, bedrückte mich, und verlangte nach
dieser Beichte. Nun erst ist alles wieder klar zwischen
uns, und ich kann Ihnen wieder frei ins Auge sehen.
Aber nun genug. Kommen Sie. Man wird uns
ohnehin schon vermißt haben.“

Und sie nahm seinen Arm und scherzte: „Nicht
wahr? On revient toujours à ses premiers amours.
Und ein Glück, daß ich es Ihnen lachend aussprechen
kann, und in einem Momente reiner und ganzer
Freude.“

Victoire trat Schach und ihrer Mama von
dem Eckzimmer her entgegen, und sagte: „Nun, was
war es?“

„Eine Liebeserklärung.“

„Ich dacht es. Und ein Glück, Schach, daß wir
morgen reisen. Nicht wahr? Ich möchte der Welt um
keinen Preis das Bild einer eifersüchtigen Tochter
geben.“

Und Mutter und Tochter nahmen auf dem Sofa
Platz, wo sich Alvensleben und Nostitz ihnen gesellten.

In diesem Augenblick wurde Schach der Wagen
gemeldet, und es war als ob er sich bei dieser
Meldung verfärbe. Frau von Carayon sah es auch.
Er sammelte sich aber rasch wieder, empfahl sich, und
trat in den Korridor hinaus, wo der kleine Groom
mit Mantel und Hut auf ihn wartete. Victoire war
ihm bis an die Treppe hinaus gefolgt, auf der noch
vom Hof her ein halber Tagesschein flimmerte.

„Bis auf morgen,“ sagte Schach, und trennte sich
rasch und ging.

Aber Victoire beugte sich weit über das Geländer
vor und wiederholte leise: „Bis auf morgen. Hörst
Du? Wo sind wir morgen?“

Und siehe, der süße Klang ihrer Stimme verfehlte seines Eindrucks nicht, auch in diesem Augenblicke nicht. Er sprang die Stufen wieder hinauf,
umarmte sie, wie wenn er Abschied nehmen wolle für
immer, und küßte sie.

„Auf Wiedersehn, Mirabelle.“

Und nachhorchend hörte sie noch seinen Schritt
auf dem Flur. Dann fiel die Hausthür ins Schloß,
und der Wagen rollte die Straße hinunter.

Auf dem Bocke saßen Ordonnanz Baarsch und
der Groom, von denen jener sichs eigens ausbedungen
hatte, seinen Rittmeister und Gutsherrn an diesem seinem
Ehrentage fahren zu dürfen. Was denn auch ohne
weiteres bewilligt worden war. Als der Wagen aus
der Behren- in die Wilhelmsstraße einbog, gab es
einen Ruck oder Schlag, ohne daß ein Stoß von unten
her verspürt worden wäre.

„Damm,“ sagte der Groom. „What's that?“

„Wat et is? Wat soll et sind, Kleener? En
Steen is et; en doter Feldwebel.“

„Oh no, Baarsch. Nich stone. 't was something
. . dear me . . like shooting.“

„Schuting? Na nu.“

„Yes; pistol-shooting . .“

Aber der Satz kam nicht mehr zu Ende, denn
der Wagen hielt vor Schachs Wohnung, und der
Groom sprang in Angst und Eile vom Bock, um
seinem Herrn beim Aussteigen behilflich zu sein. Er
öffnete den Wagenschlag, ein dichter Qualm schlug ihm
entgegen, und Schach saß aufrecht in der Ecke, nur wenig
zurückgelehnt. Auf dem Teppich zu seinen Füßen lag
das Pistol. Entsetzt warf der Kleine den Schlag wieder
ins Schloß und jammerte: „Heavens, he is dead.“

Die Wirtsleute wurden alarmiert, und so trugen
sie den Toten in seine Wohnung hinauf.

Baarsch fluchte und flennte, und schob alles auf
die „Menschheit“, weil ers aufs Heiraten zu schieben
nicht den Mut hatte. Denn er war eine diplomatische
Natur wie alle Bauern.

20. Kapitel.
Bülow an Sander.

Königsberg, 14. Sept. 1806. „. . Sie
schreiben mir, lieber Sander, auch von
Schach. Das rein Thatsächliche wußt ich
schon, die Königsberger Zeitung hatte der Sache
kurz erwähnt, aber erst Ihrem Briefe verdank ich die
Aufklärung, so weit sie gegeben werden kann. Sie
kennen meine Neigung (und dieser folg ich auch heut),
aus dem Einzelnen aufs Ganze zu schließen, aber
freilich auch umgekehrt aus dem Ganzen aufs Einzelne,
was mit dem Generalisieren zusammenhängt. Es mag
das sein Mißliches haben und mich oft zu weit führen.
Indessen wenn jemals eine Berechtigung dazu vorlag,
so hier, und speziell Sie werden es begreiflich finden,
daß mich dieser Schach-Fall, der nur ein Symptom
ist, um eben seiner symptomatischen Bedeutung willen
aufs ernsteste beschäftigt. Er ist durchaus Zeiterscheinung, aber wohlverstanden mit lokaler Begrenzung,
ein in seinen Ursachen ganz abnormer Fall, der sich
in dieser Art und Weise nur in Seiner Königlichen
Majestät von Preußen Haupt- und Residenzstadt,
oder, wenn über diese hinaus, immer nur in den
Reihen unsrer nachgeborenen fridericianischen Armee
zutragen konnte, einer Armee, die statt der Ehre nur
noch den Dünkel, und statt der Seele nur noch ein
Uhrwerk hat — ein Uhrwerk, das bald genug abgelaufen sein wird. Der große König hat diesen schlimmen
Zustand der Dinge vorbereitet, aber daß er so schlimm
werden konnte, dazu mußten sich die großen Königsaugen erst schließen, vor denen bekanntermaßen jeder
mehr erbangte, als vor Schlacht und Tot.

Ich habe lange genug dieser Armee angehört,
um zu wissen, ‚daß Ehre‘ das dritte Wort in ihr
ist; eine Tänzerin ist charmant ‚auf Ehre‘, eine
Schimmelstute magnifique ,auf Ehre‘, ja, mir sind
Wucherer empfohlen und vorgestellt worden, die süperb
,auf Ehre‘ waren. Und dies beständige Sprechen
von Ehre, von einer falschen Ehre, hat die Begriffe
verwirrt und die richtige Ehre tot gemacht.

All das spiegelt sich auch in diesem Schach-Fall,
in Schach selbst, der, all seiner Fehler unerachtet,
immer noch einer der besten war.

Wie lag es denn? Ein Offizier verkehrt in einem
adligen Hause; die Mutter gefällt ihm, und an einem
schönen Maitage gefällt ihm auch die Tochter, vielleicht,
oder sagen wir lieber sehr wahrscheinlich, weil ihm
Prinz Louis eine halbe Woche vorher einen Vortrag
über „beauté du diable“ gehalten hat. Aber gleichviel, sie gefällt ihm, und die Natur zieht ihre Konsequenzen. Was, unter so gegebenen Verhältnissen,
wäre nun wohl einfacher und natürlicher gewesen, als
Ausgleich durch einen Eheschluß, durch eine Verbindung,
die weder gegen den äußeren Vorteil, noch gegen irgend
ein Vorurteil verstoßen hätte. Was aber geschieht?
Er flieht nach Wuthenow, einfach weil das holde
Geschöpf, um das sichs handelt, ein paar Grübchen
mehr in der Wange hat, als gerade modisch oder
herkömmlich ist, und weil diese „paar Grübchen zuviel“ unsren glatten und wie mit Schachtelhalm polierten
Schach auf vier Wochen in eine von seinen Feinden
bewitzelte Stellung hätten bringen können. Er flieht
also, sag ich, löst sich feige von Pflicht und Wort,
und als ihn schließlich, um ihn selber sprechen zu
lassen, „sein „Allergnädigster König und Herr“ an
Pflicht und Wort erinnert und strikten Gehorsam
fordert, da gehorcht er, aber nur, um im Momente
des Gehorchens den Gehorsam in einer allerbrüskesten
Weise zu brechen. Er kann nun mal Zietens spöttischen
Blick nicht ertragen, noch viel weniger einen neuen
Ansturm von Karrikaturen, und in Angst gesetzt durch
einen Schatten, eine Erbsenblase, greift er zu dem alten
Auskunftsmittel der Verzweifelten: un peu de poudre.

Da haben Sie das Wesen der falschen Ehre.
Sie macht uns abhängig von dem Schwankendsten
und Willkürlichsten, was es giebt, von dem auf Triebsand aufgebauten Urteile der Gesellschaft, und veranlaßt uns, die heiligsten Gebote, die schönsten und
natürlichsten Regungen eben diesem Gesellschaftsgötzen
zum Opfer zu bringen. Und diesem Kultus einer
falschen Ehre, die nichts ist als Eitelkeit und Verschrobenheit, ist denn auch Schach erlegen, und Größeres
als er wird folgen. Erinnern Sie sich dieser Worte.
Wir haben wie Vogel Strauß den Kopf in den Sand
gesteckt, um nicht zu hören und nicht zu sehen. Aber
diese Straußenvorsicht hat noch nie gerettet. Als es
mit der Mingdynastie zur Neige ging und die siegreichen Mandschuheere schon in die Palastgärten von
Peking eingedrungen waren, erschienen immer noch
Boten und Abgesandte, die dem Kaiser von Siegen
und wieder Siegen meldeten, weil es gegen ‚den Ton‘
der guten Gesellschaft und des Hofes war, von Niederlagen zu sprechen. O, dieser gute Ton! Eine Stunde
später war ein Reich zertrümmert und ein Thron
gestürzt. Und warum? weil alles Geschraubte zur
Lüge führt und alle Lüge zum Tod.

Entsinnen Sie sich des Abends in Frau von
Carayons Salon, wo bei dem Thema ‚Hannibal
ante portas‘ Ähnliches über meine Lippen kam?
Schach tadelte mich damals als unpatriotisch. Unpatriotisch! Die Warner sind noch immer bei diesem
Namen genannt worden. Und nun! Was ich damals als etwas blos Wahrscheinliches vor Augen
hatte, jetzt ist es thatsächlich da. Der Krieg ist
erklärt. Und was das bedeutet, steht in aller Deutlichkeit vor meiner Seele. Wir werden an derselben
Welt des Scheins zugrunde gehn, an der Schach
zugrunde gegangen ist. Ihr Bülow.

Nachschrift. Dohna (früher bei der Garde du
Corps), mit dem ich eben über die Schachsche Sache
gesprochen habe, hat eine Lesart, die mich an frühere
Nostitzsche Mitteilungen erinnerte. Schach habe die
Mutter geliebt, was ihn, in einer Ehe mit der Tochter,
in seltsam peinliche Herzenskonflikte geführt haben
würde. Schreiben Sie mir doch darüber. Ich
persönlich sind es pikant, aber nicht zutreffend. Schachs
Eitelkeit hat ihn zeitlebens bei voller Herzenskühle
gehalten, und seine Vorstellungen von Ehre (hier ausnahmsweise die richtige) würden ihn außerdem, wenn
er die Ehe mit der Tochter wirklich geschlossen hätte,
vor jedem faux pas gesichert haben. B.

21. Kapitel.
Victoire von Schach an Lisette
von Verbandt.

Rom, 18. August 1807. Ma chère Lisette.
Daß ich Dir sagen könnte, wie gerührt
ich war über so liebe Zeilen! Aus dem
Elend des Krieges, aus Kränkungen und Verlusten
heraus, hast Du mich mit Zeichen alter, unveränderter Freundschaft überschüttet und mir meine Versäumnisse nicht zum Üblen gedeutet.

Mama wollte mehr als einmal schreiben, aber
ich selber bat sie, damit zu warten.

Ach, meine teure Lisette, Du nimmst Teil an
meinem Schicksal, und glaubst der Zeitpunkt sei nun
da, mich gegen Dich auszusprechen. Und Du hast
Recht. Ich will es thun, so gut ichs kann.

„Wie sich das alles erklärt?“ fragst Du und
setzest hinzu: „Du stündest vor einem Rätsel, das
sich Dir nicht lösen wolle.“ Meine liebe Lisette, wie
lösen sich die Rätsel? Nie. Ein Rest von Dunklem
und Unaufgeklärtem bleibt, und in die letzten und
geheimsten Triebfedern andrer oder auch nur unsrer
eignen Handlungsweise hineinzublicken, ist uns versagt. Er sei, so versichern die Leute, der schöne
Schach gewesen, und ich, das Mindeste zu sagen, die
nicht-schöne Victoire, — das habe den Spott herausgefordert, und diesem Spotte Trotz zu bieten, dazu
hab er nicht die Kraft gehabt. Und so sei er denn
aus Furcht vor dem Leben in den Tod gegangen.

So sagt die Welt, und in vielem wird es zutreffen. Schrieb er mir doch ähnliches und verklagte
sich darüber. Aber wie die Welt strenger gewesen ist,
als nötig, so vielleicht auch er selbst. Ich seh es in
einem andern Licht. Er wußte sehr wohl, daß aller
Spott der Welt schließlich erlahmt und erlischt, und
war im Übrigen auch Manns genug, diesen Spott
zu bekämpfen, im Fall er nicht erlahmen und nicht
erlöschen wollte. Nein, er fürchtete sich nicht vor diesem Kampf, oder wenigstens nicht so, wie vermutet wird;
aber eine kluge Stimme, die die Stimme seiner eigensten und innersten Natur war, rief ihm beständig zu,
daß er diesen Kampf umsonst kämpfen, und daß er,
wenn auch siegreich gegen die Welt, nicht siegreich
gegen sich selber sein würde. Das war es. Er gehörte durchaus, und mehr als irgendwer, den ich
kennen gelernt habe, zu den Männern, die nicht für
die Ehe geschaffen sind. Ich erzählte Dir schon, bei
früherer Gelegenheit, von einem Ausfluge nach Tempelhof, der überhaupt in mehr als einer Beziehung
einen Wendepunkt für uns bedeutete. Heimkehrend
aus der Kirche, sprachen wir über Ordensritter und
Ordensregeln, und der ungesucht ernste Ton, mit dem
er, trotz meiner Neckereien, den Gegenstand behandelte, zeigte mir deutlich, welchen Idealen er nachhing. Und unter diesen Idealen — all seiner Liaisons
unerachtet, oder vielleicht auch um dieser Liaisons
willen — war sicherlich nicht die Ehe. Noch jetzt
darf ich Dir versichern, und die Sehnsucht meines
Herzens ändert nichts an dieser Erkenntnis, daß es
mir schwer, ja fast unmöglich ist, ihn mir au sein
de sa famille vorzustellen. Ein Kardinal (ich seh
ihrer hier täglich) läßt sich eben nicht als Ehemann
denken. Und Schach auch nicht.

Da hast Du mein Bekenntnis, und ähnliches
muß er selber gedacht und empfunden haben, wenn
er auch freilich in seinem Abschiedsbriefe darüber schwieg.
Er war seiner ganzen Natur nach auf Repräsentation
und Geltendmachung einer gewissen Grandezza gestellt,
auf mehr äußerliche Dinge, woraus Du sehen magst,
daß ich ihn nicht überschätze. Wirklich, wenn ich ihn
in seinen Fehden mit Bülow immer wieder und wieder unterliegen sah, so fühlt ich nur zu deutlich, daß
er weder ein Mann von hervorragender geistiger Bedeutung, noch von superiorem Charakter sei; zugegeben
das alles; und doch war er andererseits durchaus
befähigt, innerhalb enggezogener Kreise zu glänzen und
zu herrschen. Er war wie dazu bestimmt, der Halbgott eines prinzlichen Hofes zu sein, und würde diese
Bestimmung, Du darfst darüber nicht lachen, nicht
bloß zu seiner persönlichen Freude, sondern auch zum
Glück und Segen andrer, ja vieler anderer, erfüllt
haben. Denn er war ein guter Mensch, und auch
klug genug, um immer das Gute zu wollen. An dieser
Laufbahn als ein prinzlicher Liebling und Plenipotentiaire, hätt ich ihn verhindert, ja, hätt ihn, bei meinen
anspruchslosen Gewohnheiten, aus all und jeder Karriere herausgerissen und ihn nach Wuthenow hingezwungen, um mit mir ein Spargelbeet anzulegen
oder der Kluckhenne die Küchelchen wegzunehmen.
Davor erschrak er. Er sah ein kleines und beschränktes
Leben vor sich, und war, ich will nicht sagen auf ein
großes gestellt, aber doch auf ein solches, das ihm
als groß erschien.

Über meine Nichtschönheit wär er hinweggekommen. Ich hab' ihm, ich zögre fast es niederzuschreiben, nicht eigentlich mißfallen, und vielleicht hat
er mich wirklich geliebt. Befrag ich seine letzten, an
mich gerichteten Zeilen, so wär es in Wahrheit so.
Doch ich mißtraue diesem süßen Wort. Denn er war
voll Weichheit und Mitgefühl, und alles Weh, was er
mir bereitet hat, durch sein Leben und sein Sterben,
er wollt es ausgleichen, so weit es auszugleichen war.

Alles Weh! Ach wie so fremd und strafend mich
dieses Wort ansieht! Nein, meine liebe Lisette, nichts
von Weh. Ich hatte früh resigniert, und vermeinte
kein Anrecht an jenes Schönste zu haben, was das
Leben hat. Und nun hab ich es gehabt. Liebe. Wie
mich das erhebt und durchzittert, und alles Weh in
Wonne verkehrt. Da liegt das Kind und schlägt eben
die blauen Augen auf. Seine Augen. Nein, Lisette,
viel Schweres ist mir auferlegt worden, aber es federt
leicht in die Luft, gewogen neben meinem Glück.

Das Kleine, Dein Pathchen, war krank bis auf
den Tod, und nur durch ein Wunder ist es mir erhalten geblieben.

Und davon muß ich Dir erzählen.

Als der Arzt nicht mehr Hilfe wußte, ging ich
mit unserer Wirtin (einer ächten alten Römerin in
ihrem Stolz und ihrer Herzensgüte) nach der Kirche
Araceli hinauf, einem neben dem Kapitol gelegenen
alten Rundbogenbau, wo sie den ,Bambino,‘ das
Christkind, aufbewahren, eine hölzerne Wickelpuppe
mit großen Glasaugen und einem ganzen Diadem
von Ringen, wie sie dem Christkind, um seiner gespendeten Hilfe willen, von unzähligen Müttern verehrt worden sind. Ich bracht ihm einen Ring mit,
noch eh ich seiner Fürsprache sicher war, und dieses
Zutrauen muß den Bambino gerührt haben. Denn
sieh, er half. Eine Krisis kam unmittelbar, und der
Dottore verkündigte sein ,va bene‘; die Wirtin aber
lächelte, wie wenn sie selber das Wunder verrichtet
hätte.

Und dabei kommt mir die Frage, was wohl
Tante Marguerite, wenn sie davon hörte, zu all dem
‚Aberglauben‘ sagen würde? Sie würde mich vor
der ,alten Kürche‘ warnen, und mit mehr Grund,
als sie weiß.

Denn nicht nur alt ist Araceli, sondern auch
trostreich und labevoll, und kühl und schön.

Sein Schönstes aber ist sein Name, der ,Altar
des Himmels‘ bedeutet. Und auf diesem Altar
steigt tagtäglich das Opfer meines Dankes auf.“