Irrungen, Wirrungen

Erstes Kapitel.

An dem Schnittpunkte von Kurfürstendamm
und Kurfürstenstraße, schräg gegenüber dem „Zoologischen“, befand sich in der Mitte der 70er Jahre
noch eine große, feldeinwärts sich erstreckende Gärtnerei,
deren kleines, dreifenstriges, in einem Vorgärtchen
um etwa hundert Schritte zurückgelegenes Wohnhaus, trotz aller Kleinheit und Zurückgezogenheit, von
der vorübergehenden Straße her sehr wohl erkannt
werden konnte. Was aber sonst noch zu dem Gesammtgewese der Gärtnerei gehörte, ja die recht
eigentliche Hauptsache derselben ausmachte, war durch
eben dies kleine Wohnhaus wie durch eine Kulisse
versteckt und nur ein roth und grün gestrichenes
Holzthürmchen mit einem halb weggebrochenen Zifferblatt unter der Thurmspitze (von Uhr selbst keine
Rede) ließ vermuthen, daß hinter dieser Kulisse noch
etwas anderes verborgen sein müsse, welche Vermuthung denn auch in einer von Zeit zu Zeit aufsteigenden, das Thürmchen umschwärmenden Taubenschaar und mehr noch in einem gelegentlichen Hundegeblaff ihre Bestätigung fand. Wo dieser Hund
eigentlich steckte, das entzog sich freilich der Wahrnehmung, trotzdem die hart an der linken Ecke gelegene, von früh bis spät aufstehende Hausthür
einen Blick auf ein Stückchen Hofraum gestattete.
Ueberhaupt schien sich nichts mit Absicht verbergen
zu wollen, und doch mußte jeder, der zu Beginn
unserer Erzählung des Weges kam, sich an dem
Anblick des dreifenstrigen Häuschens und einiger
im Vorgarten stehenden Obstbäume genügen lassen.

Es war die Woche nach Pfingsten, die Zeit der
langen Tage, deren blendendes Licht mitunter kein
Ende nehmen wollte. Heut aber stand die Sonne
schon hinter dem Wilmersdorfer Kirchthurm und
statt der Strahlen, die sie den ganzen Tag über
herabgeschickt hatte, lagen bereits abendliche Schatten
in dem Vorgarten, dessen halbmärchenhafte Stille
nur noch von der Stille des von der alten Frau
Nimptsch und ihrer Pflegetochter Lene miethweise
bewohnten Häuschens übertroffen wurde. Frau
Nimptsch selbst aber saß wie gewöhnlich an dem
großen, kaum fußhohen Herd ihres die ganze Hausfront einnehmenden Vorderzimmers und sah, hockend
und vorgebeugt, auf einen rußigen alten Theekessel,
dessen Deckel, trotzdem der Wrasen auch vorn aus
der Tülle quoll, beständig hin und her klapperte.
Dabei hielt die Alte beide Hände gegen die Gluth
und war so versunken in ihre Betrachtungen und
Träumereien, daß sie nicht hörte, wie die nach dem
Flur hinausführende Thür aufging und eine robuste
Frauensperson ziemlich geräuschvoll eintrat. Erst
als diese letztre sich geräuspert und ihre Freundin
und Nachbarin, eben unsre Frau Nimptsch, mit einer
gewissen Herzlichkeit bei Namen genannt hatte,
wandte sich diese nach rückwärts und sagte nun auch
ihrerseits freundlich und mit einem Anfluge von
Schelmerei: „Na, das is recht, liebe Frau Dörr, daß
Sie 'mal wieder 'rüberkommen. Und noch dazu
von's „Schloß“. Denn ein Schloß is es und
bleibt es. Hat ja 'nen Thurm. Un nu setzen Sie
sich . . Ihren lieben Mann hab' ich eben weggehen
sehen. Und muß auch. Is ja heute sein Kegelabend.“

Die so freundlich als Frau Dörr Begrüßte war
nicht blos eine robuste, sondern vor allem auch eine
sehr stattlich aussehende Frau, die, neben dem Eindruck des Gütigen und Zuverlässigen, zugleich den
einer besonderen Beschränktheit machte. Die Nimptsch
indessen nahm sichtlich keinen Anstoß daran und
wiederholte nur: „Ja, sein Kegelabend. Aber, was
ich sagen wollte, liebe Frau Dörr, mit Dörren seinen
Hut, das geht nicht mehr. Der is ja schon fuchsblank und eigentlich schimpfierlich. Sie müssen ihn
ihm wegnehmen und einen andern hinstellen. Vielleicht merkt er es nich . . Und nu rücken Sie 'ran
hier, liebe Frau Dörr, oder lieber da drüben auf
die Hutsche . . Lene, na Sie wissen ja, is ausgeflogen un hat mich mal wieder in Stich gelassen.“

„Er war woll hier?“

„Freilich war er. Und Beide sind nu ein Bischen auf Wilmersdorf zu; den Fußweg 'lang, da
kommt keiner. Aber jeden Augenblick können sie
wieder hier sein.“

„Na, da will ich doch lieber gehn.“

„O nich doch, liebe Frau Dörr. Er bleibt ja
nich. Und wenn er auch bliebe, Sie wissen ja, der
is nicht so.“

„Weiß, weiß. Und wie steht es denn?“

„Ja, wie soll es stehn? Ich glaube, sie denkt
so was, wenn sie's auch nich wahr haben will, und
bildet sich was ein.“

„O Du meine Güte,“ sagte Frau Dörr, während
sie, statt der ihr angebotenen Fußbank, einen etwas
höheren Schemel heranschob: „O Du meine Güte,
denn is es schlimm. Immer wenn das Einbilden
anfängt, fängt auch das Schlimme an. Das is wie
Amen in der Kirche. Sehen Sie, liebe Frau
Nimptsch, mit mir war es ja eigentlich ebenso, man
blos nichts von Einbildung. Und blos darum war
es auch wieder ganz anders.“

Frau Nimptsch verstand augenscheinlich nicht
recht, was die Dörr meinte, weshalb diese fortfuhr:
„Und weil ich mir nie was in'n Kopp setzte, darum
ging es immer ganz glatt und gut und ich habe
nu Dörren. Na, viel is es nich, aber es is doch
'was Anständiges und man kann sich überall sehen
lassen. Und drum bin ich auch in die Kirche mit
ihm gefahren und nich blos Standesamt. Bei
Standesamt reden sie immer noch.“ Die Nimptsch
nickte.

Frau Dörr aber wiederholte: „Ja, in die Kirche,
in die Matthäikirche un bei Büchsel'n. Aber was
ich eigentlich sagen wollte, sehen Sie, liebe Frau
Nimptsch, ich war ja woll eigentlich größer und
anziehlicher als die Lene, un wenn ich auch nicht
hübscher war (denn so was kann man nie recht
wissen un die Geschmäcker sind so verschieden), so
war ich doch so mehr im Vollen un das mögen
manche. Ja, so viel is richtig. Aber wenn ich
auch so zu sagen fester war un mehr im Gewicht
fiel un so was hatte, nu ja, ich hatte so was, so
war ich doch immer man ganz einfach un beinah
simpel un was nu er war, mein Graf, mit seine
fuffzig auf'm Puckel, na, der war auch man ganz
simpel und blos immer kreuzfidel un unanständig.
Und da reichen ja keine hundert Mal, daß ich ihm
gesagt habe: „Ne, ne, Graf, das geht nicht, so was
verbitt' ich mir“ . . . Und immer die Alten sind so.
Und ich sage blos, liebe Frau Nimptsch, Sie können
sich so was gar nich denken. Gräßlich war es.
Und wenn ich mir nu der Lene ihren Baron ansehe, denn schämt es mir immer noch, wenn ich
denke wie meiner war. Und nu gar erst die Lene
selber. Jott, ein Engel is sie woll grade auch nich,
aber propper und fleißig un kann alles und is für
Ordnung un für's Reelle. Und sehen Sie, liebe
Frau Nimptsch, das is grade das Traurige. Was
da so 'rumfliegt, heute hier un morgen da, na, das
kommt nicht um, das fällt wie die Katz' immer
wieder auf die vier Beine, aber so'n gutes Kind,
das alles ernsthaft nimmt und alles aus Liebe thut,
ja, das ist schlimm . . . Oder vielleicht is es auch
nich so schlimm; Sie haben sie ja blos angenommen
un is nich Ihr eigen Fleisch und Blut un vielleicht
is es eine Prinzessin oder so was.“

Frau Nimptsch schüttelte bei dieser Vermuthung
den Kopf und schien antworten zu wollen. Aber
die Dörr war schon aufgestanden und sagte, während
sie den Gartensteig hinunter sah: „Gott, da kommen
sie. Und blos in Zivil, un Rock un Hose ganz
egal. Aber man sieht es doch! Und nu sagt er ihr
was ins Ohr und sie lacht so vor sich hin. Aber
ganz roth is sie geworden . . . Und nu geht er.
Und nu . . . wahrhaftig, ich glaube, er dreht noch
mal um. Nei, nei, er grüßt blos noch mal und
sie wirft ihm Kußfinger zu . . . Ja, das glaub' ich;
so was laß ich mir gefallen . . . Nei, so war meiner
nich.“

Frau Dörr sprach noch weiter, bis Lene kam
und die beiden Frauen begrüßte.

Zweites Kapitel.

Andern Vormittags schien die schon ziemlich
hochstehende Sonne auf den Hof der Dörr'schen
Gärtnerei und beleuchtete hier eine Welt von Baulichkeiten, unter denen auch das „Schloß“ war, von
dem Frau Nimptsch am Abend vorher mit einem
Anfluge von Spott und Schelmerei gesprochen hatte.
Ja, dies „Schloß“ ! In der Dämmerung hätt' es
bei seinen großen Umrissen wirklich für etwas Derartiges gelten können, heut aber, in unerbittlich
heller Beleuchtung daliegend, sah man nur zu deutlich,
daß der ganze bis hoch hinauf mit gothischen Fenstern
bemalte Bau nichts als ein jämmerlicher Holzkasten
war, in dessen beide Giebelwände man ein Stück
Fachwerk mit Stroh- und Lehmfüllung eingesetzt
hatte, welchem vergleichsweise soliden Einsatze zwei
Giebelstuben entsprachen. Alles andere war bloße
Steindiele, von der aus ein Gewirr von Leitern
zunächst auf einen Boden und von diesem höher
hinauf in das als Taubenhaus dienende Thürmchen
führte. Früher, in Vor-Dörr'scher Zeit, hatte der
ganze riesige Holzkasten als bloße Remise zur Aufbewahrung von Bohnenstangen und Gießkannen,
vielleicht auch als Kartoffelkeller gedient, seit aber,
vor so und so viel Jahren, die Gärtnerei von ihrem
gegenwärtigen Besitzer gekauft worden war, war das
eigentliche Wohnhaus an Frau Nimptsch vermiethet
und der gothisch bemalte Kasten, unter Einfügung
der schon erwähnten zwei Giebelstuben, zum Aufenthalt für den damals verwittweten Dörr hergerichtet
worden, eine höchst primitive Herrichtung, an der seine
bald danach erfolgende Wiederverheirathung nichts
geändert hatte. Sommers war diese beinah fensterlose Remise mit ihren Steinfliesen und ihrer Kühle
kein übler Aufenthalt, um die Winterzeit aber hätte
Dörr und Frau, sammt einem aus erster Ehe stammenden zwanzigjährigen, etwas geistesschwachen Sohn,
einfach erfrieren müssen, wenn nicht die beiden großen,
an der andern Seite des Hofes gelegenen Treibhäuser gewesen wären. In diesen verbrachten alle
drei Dörrs die Zeit von November bis März ausschließlich, aber auch in der besseren und sogar in
der heißen Jahreszeit spielte sich das Leben der
Familie, wenn man nicht gerade vor der Sonne
Zuflucht suchte, zu großem Theile vor und in diesen
Treibhäusern ab, weil hier alles am bequemsten lag:
hier standen die Treppchen und Estraden, auf denen
die jeden Morgen aus den Treibhäusern hervorgeholten Blumen ihre frische Luft schöpfen durften,
hier war der Stall mit Kuh und Ziege, hier die
Hütte mit dem Ziehhund und von hier aus erstreckte
sich auch das wohl fünfzig Schritte lange Doppel-Mistbeet, mit einem schmalen Gange dazwischen, bis
an den großen, weiter zurückgelegenen Gemüsegarten.
In diesem sah es nicht sonderlich ordentlich aus,
einmal weil Dörr keinen Sinn für Ordnung, außerdem
aber eine so große Hühnerpassion hatte, daß er diesen
seinen Lieblingen, ohne Rücksicht auf den Schaden,
den sie stifteten, überall umherzupicken gestattete
Groß freilich war dieser Schaden nie, da seiner
Gärtnerei, die Spargelanlagen abgerechnet, alles
Feinere fehlte. Dörr hielt das Gewöhnlichste zugleich für das Vortheilhafteste, zog deshalb Majoran
und andere Wurstkräuter, besonders aber Borré,
hinsichtlich dessen er der Ansicht lebte, daß der richtige
Berliner überhaupt nur drei Dinge brauche: eine
Weiße, einen Gilka und Borré. „Bei Borré,“
schloß er dann regelmäßig, „ist noch keiner zu kurz
gekommen.“ Er war überhaupt ein Original, von
ganz selbstständigen Anschauungen und einer entschiedenen Gleichgiltigkeit gegen das, was über ihn
gesagt wurde. Dem entsprach denn auch seine zweite
Heirath, eine Neigungsheirath, bei der die Vorstellung von einer besondren Schönheit seiner Frau
mitgewirkt und ihr früheres Verhältniß zu dem
Grafen, statt ihr schädlich zu sein, gerad umgekehrt
den Ausschlag zum Guten hin gegeben und einfach
den Vollbeweis ihrer Unwiderstehlichkeit erbracht
hatte. Wenn sich dabei mit gutem Grunde von
Ueberschätzung sprechen ließ, so doch freilich nicht
von Seiten Dörr's in Person, für den die Natur,
so weit Aeußerlichkeiten in Betracht kamen, ganz
ungewöhnlich wenig gethan hatte. Mager, mittelgroß und mit fünf grauen Haarsträhnen über Kopf
und Stirn, wär' er eine vollkommene Trivial-Erscheinung gewesen, wenn ihm nicht eine zwischen
Augenwinkel und linker Schläfe sitzende braune Pocke
'was Apartes gegeben hätte. Weshalb denn auch
seine Frau nicht mit Unrecht und in der ihr eigenen
ungenierten Weise zu sagen pflegte: „Schrumplig
is er man, aber von links her hat er so was Borsdorfriges“

Damit war er gut getroffen und hätte nach
diesem Signalement überall erkannt werden müssen,
wenn er nicht tagaus tagein eine mit einem großen
Schirm ausgestattete Leinwandmütze getragen hätte,
die, tief ins Gesicht gezogen, sowohl das Alltägliche,
wie das Besondere seiner Physiognomie verbarg.

Und so, die Mütze sammt Schirm ins Gesicht
gezogen, stand er auch heute wieder, am Tage nach
dem zwischen Frau Dörr und Frau Nimptsch geführten Zwiegespräche, vor einer an das vordere
Treibhaus sich anlehnenden Blumen-Estrade, verschiedene Goldlack- und Geranium-Töpfe bei Seite
schiebend, die morgen mit auf den Wochenmarkt
sollten. Es waren sämmtlich solche, die nicht im
Topf gezogen, sondern nur eingesetzt waren, und mit
einer besonderen Genugthuung und Freude ließ er
sie vor sich aufmarschiren, schon im Voraus über
die „Madams“ lachend, die morgen kommen, ihre
herkömmlichen fünf Pfennig abhandeln und schließlich doch die Betrogenen sein würden. Es zählte
das zu seinen größten Vergnügungen und war eigentlich das Hauptgeistesleben, das er führte. „Das
bischen Geschimpfe . . . Wenn ich's nur mal mit
anhören könnte.“

So sprach er noch vor sich hin, als er, vom
Garten her, das Gebell eines kleinen Köters und
dazwischen das verzweifelte Krähen eines Hahns
hörte, ja, wenn nicht alles täuschte, seines Hahns,
seines Lieblings mit dem Silbergefieder. Und sein
Auge nach dem Garten hin richtend, sah er in der
That, daß ein Haufen Hühner auseinander gestoben,
der Hahn aber auf einen Birnbaum geflogen war,
von dem aus er gegen den unten kläffenden Hund
unausgesetzt um Hilfe rief.

„Himmeldonnerwetter,“ schrie Dörr in Wuth,
„das is wieder Bollmann seiner . . . Wieder durch
den Zaun . . . I, da soll doch“ . . . Und den Geraniumtopf, den er eben musterte, rasch aus der
Hand setzend, lief er auf die Hundehütte zu, griff
nach dem Kettenzwickel und machte den großen Ziehhund los, der nun sofort auch wie ein Rasender
auf den Garten zuschoß. Eh dieser jedoch den Birnbaum erreichen konnte, gab „Bollmann seiner“ bereits
Fersengeld und verschwand unter dem Zaun weg
ins Freie, — der fuchsgelbe Ziehhund zunächst noch
in großen Sätzen nach. Aber das Zaunloch, das
für den Affenpinscher grad ausgereicht hatte, verweigerte ihm den Durchgang und zwang ihn, von
seiner Verfolgung Abstand zu nehmen.

Nicht besser erging es Dörr selber, der inzwischen
mit einer Harke herangekommen war und mit seinem
Hunde Blicke wechselte. „Ja, Sultan, diesmal war
es nichts.“ Und dabei trottete Sultan wieder auf
seine Hütte zu, langsam und verlegen, wie wenn er
einen kleinen Vorwurf herausgehört hätte. Dörr
selbst aber sah dem draußen in einer Ackerfurche
hinjagenden Affenpinscher nach und sagte nach einer
Weile: „Hol' mich der Deubel, wenn ich mir nich
'ne Windbüchse anschaffe, bei Mehles oder sonst wo.
Un denn pust' ich das Biest so stille weg, und kräht
nich Huhn nich Hahn danach. Nich mal meiner.“

Von dieser ihm von Seiten Dörr's zugemutheten
Ruhe schien der letztere jedoch vorläufig nichts wissen
zu wollen, machte vielmehr von seiner Stimme nach
wie vor den ausgiebigsten Gebrauch. Und dabei
warf er den Silberhals so stolz, als ob er den
Hühnern zeigen wolle, daß seine Flucht in den Birnbaum hinein ein wohlüberlegter Coup oder eine
bloße Laune gewesen sei.

Dörr aber sagte: „Jott, so'n Hahn. Denkt nu
auch Wunder was er is. Un seine Courage is
doch auch man so so.“

Und damit ging er wieder auf seine Blumen-Estrade zu.

Drittes Kapitel.

Der ganze Hergang war auch von Frau Dörr,
die gerade beim Spargelstechen war, beobachtet, aber
nur wenig beachtet worden, weil sich Aehnliches jeden
dritten Tag wiederholte. Sie fuhr denn auch in
ihrer Arbeit fort und gab das Suchen erst auf, als
auch die schärfste Musterung der Beete keine „weißen
Köppe“ mehr ergeben wollte. Nun erst hing sie den
Korb an ihren Arm, legte das Stechmesser hinein
und ging langsam und ein paar verirrte Küken vor
sich her treibend, erst auf den Mittelweg des Gartens
und dann auf den Hof und die Blumen-Estrade zu,
wo Dörr seine Markt-Arbeit wieder aufgenommen
hatte.

„Na, Suselchen,“ empfing er seine bess're Hälfte,
„da bist Du ja. Hast Du woll geseh'n? Bollmann
seiner war wieder da. Höre, der muß dran glauben
un denn brat' ich ihn aus; ein bischen Fett wird er
ja woll haben un Sultan kann denn die Grieben
kriegen . . . Und Hundefett, höre Susel . . .“ und
er wollte sich augenscheinlich in eine seit einiger
Zeit von ihm bevorzugte Gichtbehandlungsmethode
vertiefen. In diesem Augenblick aber des Spargelkorbes am Arme seiner Frau gewahr werdend, unterbrach er sich und sagte: „Na, nu zeige mal her.
Hat's denn gefleckt?“

„I nu,“ sagte Frau Dörr und hielt ihm den
kaum halbgefüllten Korb hin, dessen Inhalt er kopfschüttelnd durch die Finger gleiten ließ. Denn es
waren meist dünne Stangen und viel Bruch dazwischen.

„Höre, Susel, es bleibt dabei, Du hast keine
Spargel-Augen.“

„O, ich habe schon. Man blos hexen kann ich
nich.“

„Na, wir wollen nich streiten, Susel; mehr wird
es doch nich. Aber zum Verhungern is es.“

„I, es denkt nich dran. Laß doch das ewige
Gerede, Dörr; sie stecken ja drin un ob sie nu heute
rauskommen oder morgen, is ja ganz egal. Eine
düchtige Husche, so wie die vor Pfingsten, und Du
sollst mal sehn. Und Regen giebt es. Die Wassertonne riecht schon wieder un die große Kreuzspinn
is in die Ecke gekrochen. Aber Du willst jeden Dag
alles haben; das kannst Du nich verlangen.“

Dörr lachte. „Na, binde man alles gut zusammen. Und den kleinen Murks auch. Und Du
kannst ja denn auch was ablassen.“

„Ach, rede doch nicht so“, unterbrach ihn die
sich über seinen Geiz beständig ärgernde Frau, zog
ihn aber, was er immer als Zärtlichkeit nahm, auch
heute wieder am Ohrzipfel und ging auf das
„Schloß“ zu, wo sie sich's auf dem Steinfliesen-Flur bequem machen und die Spargelbündel binden
wollte. Kaum aber, daß sie den hier immer bereit
stehenden Schemel bis an die Schwelle vorgerückt
hatte, so hörte sie, wie schräg gegenüber in dem
von der Frau Nimptsch bewohnten dreifenstrigen
Häuschen ein Hinterfenster mit einem kräftigen
Ruck aufgestoßen und gleich darauf eingehakt wurde.
Zugleich sah sie Lene, die mit einer weiten, lilagemusterten Jacke über den Friesrock und einem
Häubchen auf dem aschblonden Haar, freundlich zu
ihr hinüber grüßte.

Frau Dörr erwiderte den Gruß mit gleicher
Freundlichkeit und sagte dann: „Immer Fenster
auf; das ist recht, Lenechen. Und fängt auch schon
an heiß zu werden. Es giebt heute noch was.“

„Ja. Und Mutter hat von der Hitze schon ihr
Kopfweh und da will ich doch lieber in der Hinterstube plätten. Is auch hübscher hier; vorne sieht
man ja keinen Menschen.“

„Hast Recht,“ antwortete die Dörr. „Na, da
werd' ich man ein bischen ans Fenster rücken.
Wenn man so spricht, geht einen alles besser von
der Hand.“

„Ach, das is lieb und gut von Ihnen, Frau
Dörr. Aber hier am Fenster is ja grade die pralle
Sonne.“

„Schad't nichts, Lene. Da bring ich meinen
Marchtschirm mit, altes Ding und lauter Flicken.
Aber thut immer noch seine Schuldigkeit.“

Und ehe 5 Minuten um waren, hatte die gute
Frau Dörr ihren Schemel bis an das Fenster geschleppt und saß nun unter ihrer Schirm-Stellage
so behaglich und selbstbewußt, als ob es auf dem
Gensdarmen-Markt gewesen wäre. Drinnen aber
hatte Lene das Plättbrett auf zwei dicht ans
Fenster gerückte Stühle gelegt und stand nun so
nah, daß man sich mit Leichtigkeit die Hand reichen
konnte. Dabei ging das Plätteisen emsig hin und
her. Und auch Frau Dörr war fleißig beim Aussuchen und Zusammenbinden und wenn sie dann
und wann von ihrer Arbeit aus ins Fenster hinein
sah, sah sie, wie nach hinten zu der kleine Plättofen glühte der für neue heiße Bolzen zu sorgen
hatte.

„Du könntest mir mal 'nen Teller geben, Lene,
Teller oder Schüssel.“ Und als Lene gleich danach
brachte, was Frau Dörr gewünscht hatte, that diese
den Bruchspargel hinein, den sie während des Sortierens in ihrer Schürze behalten hatte. „Da,
Lene, das giebt 'ne Spargelsuppe. Un is so gut
wie das andre. Denn daß es immer die Köppe
sein müssen, is ja dummes Zeug. Ebenso wie mit'n
Blumenkohl; immer Blume, Blume, die reine Einbildung. Der Strunk is eigentlich das Beste, da
sitzt die Kraft drin. Und die Kraft is immer die
Hauptsache.“

„Gott, Sie sind immer so gut, Frau Dörr.
Aber was wird nur Ihr Alter sagen?“

„Der? Ach, Leneken, was der sagt, is ganz
egal. Der red't doch. Er will immer, daß ich den
Murks mit einbinde, wie wenn's richtige Stangen
wären; aber solche Bedrügerei mag ich nich, auch
wenn Bruch- und Stückenzeug grade so gut schmeckt
wie's Ganze. Was einer bezahlt, das muß er haben,
un ich ärgre mir blos, daß so'n Mensch, dem es
so zuwächst, so'n alter Geizkragen is. Aber so
sind die Gärtners alle, rapschen und rapschen un
können nie genug kriegen.“

„Ja,“ lachte Lene, „geizig is er und ein bischen
wunderlich. — Aber eigentlich doch ein guter
Mann.“

„Ja, Leneken, er wäre so weit ganz gut un
auch die Geizerei wäre nich so schlimm un is immer
noch besser als die Verbringerei, wenn er man nich
so zärtlich wäre. Du glaubst es nich, immer is er
da. Un nu sieh ihn Dir an. Es is doch eigentlich man ein Jammer mit ihm un dabei richtige 56
un vielleicht is es noch ein Jahr mehr. Denn
lügen thut er auch, wenn's ihm gerade paßt. Un
da hilft auch nichts, gar nichts. Ich erzähl' ihm
immer von Schlag und Schlag und zeig' ihm welche,
die so humpeln und einen schiefen Mund haben,
aber er lacht blos immer und glaubt es nich. Es
kommt aber doch so. Ja, Leneken, ich glaub' es
ganz gewiß, daß es so kommt. Und vielleicht balde.
Na, verschrieben hat er mir alles un so sag' ich
weiter nichts. Wie einer sich legt, so liegt er.
Aber was reden wir von Schlag und Dörr un daß
er blos O-Beine hat. Jott, mein Lenechen, da
giebt es ganz andere Leute, die sind so grade gewachsen wie 'ne Tanne. Nich wahr. Lene?“

Lene wurde hierbei noch röther, als sie schon
war, und sagte: „Der Bolzen ist kalt geworden.“
Und vom Plättbrett zurücktretend, ging sie bis an
den eisernen Ofen und schüttete den Bolzen in die
Kohlen zurück, um einen neuen heraus zu nehmen.
Alles war das Werk eines Augenblicks. Und nun
ließ sie mit einem geschickten Ruck den neuen
glühenden Bolzen vom Feuerhaken in das Plätteisen niedergleiten, klappte das Thürchen wieder ein
und sah nun erst, daß Frau Dörr noch immer auf
Antwort wartete. Sicherheits halber aber stellte
die gute Frau die Frage noch mal und setzte gleich
hinzu: „Kommt er denn heute?“

„Ja. Wenigstens hat er es versprochen.“

„Nu sage mal, Lene.“ fuhr Frau Dörr fort,
„wie kam es denn eigentlich? Mutter Nimptsch sagt
nie was, un wenn sie was sagt, denn is es auch
man immer so so, nich hüh un nich hott. Und
immer blos halb un so confuse. Nu, sage Du
mal. Is es denn wahr, daß es in Stralau war?“

„Ja, Frau Dörr, in Stralau war es, den
zweiten Ostertag, aber schon so warm, als ob
Pfingsten wär', und weil Lina Gansauge gern
Kahn fahren wollte, nahmen wir einen Kahn und
Rudolf, den Sie ja wohl auch kennen, und der ein
Bruder von Lina ist, setzte sich ans Steuer.“

„Jott, Rudolf. Rudolf is ja noch ein Junge.“

„Freilich. Aber er meinte, daß er's verstünde,
und sagte blos immer: „Mächens, ihr müßt still
sitzen; ihr schunkelt so,“ denn er spricht so furchtbar
berlinsch. Aber wir dachten gar nicht dran, weil
wir gleich sahen, daß es mit seiner ganzen Steuerei
nicht weit her sei. Zuletzt aber vergaßen wir's
wieder und ließen uns treiben und neckten uns mit
denen, die vorbei kamen und uns mit Wasser bespritzten. Und in dem einen Boote, das mit unsrem
dieselbe Richtung hatte, saßen ein paar sehr feine
Herren, die beständig grüßten, und in unsrem Uebermuthe grüßten wir wieder und Lina wehte sogar
mit dem Taschentuch und that als ob sie die Herren
kenne, was aber gar nicht der Fall war, und wollte
sich blos zeigen, weil sie noch so sehr jung ist.
Und während wir noch so lachten und scherzten
und mit dem Ruder blos so spielten, sahen wir mit
einem Male, daß von Treptow her das Dampfschiff
auf uns zukam und wie Sie sich denken können,
liebe Frau Dörr, waren wir auf den Tod erschrocken
und riefen in unserer Angst Rudolfen zu, daß er
uns heraussteuern solle. Der Junge war aber aus
Rand und Band und steuerte blos so, daß wir uns
beständig im Kreise drehten. Und nun schrieen wir
und wären sicherlich überfahren worden, wenn nicht
in eben diesem Augenblicke das andre Boot mit den
zwei Herren sich unsrer Noth erbarmt hätte. Mit
ein paar Schlägen war es neben uns und während
der eine mit einem Bootshaken uns fest und scharf
heranzog und an das eigne Boot ankoppelte, ruderte
der andre sich und uns aus dem Strudel heraus
und nur einmal war es noch‚ als ob die große,
vom Dampfschiff her auf uns zukommende Welle
uns umwerfen wolle. Der Capitain drohte denn
auch wirklich mit dem Finger (ich sah es inmitten
all meiner Angst), aber auch das ging vorüber und
eine Minute später waren wir bis an Stralau
heran und die beiden Herren, denen wir unsre
Rettung verdankten, sprangen ans Ufer und reichten
uns die Hand und waren uns als richtige Cavaliere
beim Aussteigen behülflich. Und da standen wir denn
nun auf der Landungsbrücke bei Tübbecke's und
waren sehr verlegen und Lina weinte jämmerlich
vor sich hin und blos Rudolf, der überhaupt ein
störrischer und großmäuliger Bengel is und immer
gegen's Militär, blos Rudolf sah ganz bockig vor
sich hin, als ob er sagen wollte: „Dummes Zeug,
ich hätt' euch auch 'raus gesteuert.“

„Ja, so is er, ein großmäuliger Bengel; ich
kenn' ihn. Aber nu die beiden Herren. Das ist
doch die Hauptsache. . .“

„Nun die bemühten sich erst noch um uns und
blieben dann an dem andren Tisch und sahen immer
zu uns 'rüber. Und als wir so gegen 7, und es
schummerte schon, nach Hause wollten, kam der Eine
und fragte „ob er und sein Kamerad uns ihre Begleitung anbieten dürften?“ Und da lacht' ich übermüthig und sagte, „sie hätten uns ja gerettet und
einem Retter dürfe man nichts abschlagen. Uebrigens
sollten sie sich's noch 'mal überlegen, denn wir
wohnten so gut wie am andern Ende der Welt.
Und sei eigentlich eine Reise.“ Worauf er verbindlich antwortete: „desto besser.“ Und mittlerweile war auch der andre herangekommen. Ach,
liebe Frau Dörr, es mag wohl nicht recht gewesen
sein, gleich so frei weg zu sprechen, aber der Eine
gefiel mir und sich zieren und zimperlich thun, das
hab' ich nie gekonnt Und so gingen wir denn den
weiten Weg, erst an der Spree und dann an dem
Kanal hin.“

„Und Rudolf!“

„Der ging hinterher, als ob er gar nicht zugehöre, sah aber alles und paßte gut auf. Was auch
recht war; denn die Lina is ja erst achtzehn und
noch ein gutes, unschuldiges Kind!“

„Meinst Du?“

„Gewiß, Frau Dörr. Sie brauchen sie ja blos
anzusehn. So was sieht man gleich.“

„Ja, mehrstens. Aber mitunter auch nich.
Und da haben sie euch denn nach Hause gebracht?“

„Ja. Frau Dörr.“

„Und nachher?“

„Ja, nachher. Nun Sie wissen ja, wie's nachher kam. Er kam dann den andern Tag und fragte
nach. Und seitdem ist er oft gekommen und ich
freue mich immer, wenn er kommt. Gott, man
freut sich doch, wenn man mal was erlebt. Es ist
oft so einsam hier draußen. Und Sie wissen ja,
Frau Dörr, Mutter hat nichts dagegen und sagt
immer: Kind, es schadt nichts. Eh man sich's versieht, is man alt.“

„Ja, ja,“ sagte die Dörr, „so was hab' ich die
Nimptschen auch schon sagen hören. Und hat auch
ganz recht. Das heißt, wie man's nehmen will und
nach'm Katechismus is doch eigentlich immer noch
besser und so zu sagen überhaupt das Beste. Das
kannst Du mir schon glauben. Aber ich weiß woll,
es geht nich immer und mancher will auch nich.
Und wenn einer nich will, na, denn will er nich
un denn muß es auch so gehn und geht auch
mehrstens, man blos, daß man ehrlich is un anständig und Wort hält. Un natürlich, was denn
kommt, das muß man aushalten un darf sich nicht
wundern. Un wenn man all so was weiß und sich
immer wieder zu Gemüthe führt, na, denn is es
nich so schlimm. Un schlimm is eigentlich man
blos das Einbilden.“

„Ach, liebe Frau Dörr,“ lachte Lene, „was Sie
nur denken. Einbilden! Ich bilde mir garnichts
ein. Wenn ich einen liebe, dann lieb' ich ihn.
Und das ist mir genug. Und will weiter garnichts
von ihm, nichts, garnichts, und daß mir mein Herze
so schlägt und ich die Stunden zähle bis er kommt,
und nicht abwarten kann, bis er wieder da ist, das
macht mich glücklich, das ist mir genug.“

„Ja,“ schmunzelte die Dörr vor sich hin, „das
is das Richtige, so muß es sein. Aber is es denn
wahr, Lene, daß er Botho heißt? So kann doch
einer eigentlich nich heißen; das is ja gar kein
christlicher Name.“

„Doch, Frau Dörr.“ Und Lene machte Miene,
die Thatsache, daß es solchen Namen gäbe, des
Weiteren zu bestätigen. Aber ehe sie dazu kommen
konnte, schlug Sultan an und im selben Augenblicke hörte man deutlich vom Hausflur her, daß
wer eingetreten sei. Wirklich erschien auch der Briefträger und brachte zwei Bestellkarten für Dörr und
einen Brief für Lene.

„Gott, Hahnke,“ rief die Dörr dem in großen
Schweißperlen vor ihr Stehenden zu, „Sie drippen
ja man so. Is es denn so'ne schwebende Hitze?
Un erst halb zehn. Na so viel seh' ich woll, Briefträger is auch kein Vergnügen.“

Und die gute Frau wollte gehn, um ein Glas
frische Milch zu holen. Aber Hahnke dankte. „Habe
keine Zeit, Frau Dörr. Ein ander Mal.“ Und
damit ging er.

Lene hatte mittlerweile den Brief erbrochen.

„Na, was schreibt er?“

„Er kommt heute nicht, aber morgen. Ach, es
ist so lange bis morgen. Ein Glück, daß ich Arbeit
habe; je mehr Arbeit, desto besser. Und ich werde
heut Nachmittag in Ihren Garten kommen und
graben helfen. — Aber Dörr darf nicht dabei
sein.“ —

„I Gott bewahre.“

Und danach trennte man sich und Lene ging
in das Vorderzimmer, um der Alten das von der
Frau Dörr erhaltene Spargelgericht zu bringen.

Viertes Kapitel.

Und nun war der andre Abend da, zu dem
Baron Botho sich angemeldet hatte. Lene ging im
Vorgarten auf und ab, drinnen aber, in der großen
Vorderstube, saß wie gewöhnlich Frau Nimptsch am
Herd, um den herum sich auch heute wieder die
vollzählig erschienene Familie Dörr gruppirt hatte.
Frau Dörr strickte mit großen Holznadeln an einer
blauen, für ihren Mann bestimmten Wolljacke, die,
vorläufig noch ohne rechte Form, nach Art eines
großen Vließes auf ihrem Schooße lag. Neben ihr,
die Beine bequem übereinander geschlagen, rauchte
Dörr aus einer Thonpfeife, während der Sohn in
einem dicht am Fenster stehenden Großvaterstuhle
saß und seinen Rothkopf an die Stuhlwange lehnte.
Jeden Morgen bei Hahnenschrei aus dem Bett, war
er auch heute wieder vor Müdigkeit eingeschlafen.
Gesprochen wurde wenig, und so hörte man denn
nichts, als das Klappern der Holznadeln und das
Knabbern des Eichhörnchens, das mitunter aus seinem
Schilderhäuschen herauskam und sich neugierig
umsah. Nur das Herdfeuer und der Wiederschein
des Abendroths gaben etwas Licht.

Frau Dörr saß so, daß sie den Gartensteg hinaufsehen und trotz der Dämmerung erkennen konnte,
wer draußen, am Heckenzaun entlang, des Weges kam.

„Ah, da kommt er,“ sagte sie. „Nu, Dörr, laß
mal Deine Pfeife ausgehen. Du bist heute wieder
wie'n Schornstein un rauchst und schmookst den
ganzen Tag. Un son'n Knallerballer wie Deiner,
der is nich für jeden.“

Dörr ließ sich solche Rede wenig anfechten und
ehe seine Frau mehr sagen oder ihre Wahrsprüche
wiederholen konnte, trat der Baron ein. Er war
sichtlich angeheitert, kam er doch von einer Maibowle, die Gegenstand einer Klubwette gewesen war,
und sagte, während er Frau Nimptsch die Hand
reichte: „Guten Tag, Mutterchen. Hoffentlich gut
bei Weg'. Ah, und Frau Dörr; und Herr Dörr,
mein alter Freund und Gönner. Hören Sie, Dörr,
was sagen Sie zu dem Wetter? Eigens für Sie
bestellt und für mich mit. Meine Wiesen zu Hause,
die vier Jahre von fünf immer unter Wasser stehen
und nichts bringen als Ranunkeln, die können solch
Wetter brauchen. Und Lene kann's auch brauchen.
daß sie mehr draußen ist; sie wird mir sonst zu
blaß.“

Lene hatte derweilen einen Holzstuhl neben die
Alte gerückt, weil sie wußte, daß Baron Botho hier
am liebsten saß; Frau Dörr aber, in der eine starke
Vorstellung davon lebte, daß ein Baron auf einem
Ehrenplatz sitzen müsse, war inzwischen aufgestanden
und rief, immer das blaue Vließ nachschleppend,
ihrem Pflegesohn zu: „Will er woll auf! Ne, ich
sage. Wo's nich drin steckt, da kommt es auch nich.“
Der arme Junge fuhr blöd und verschlafen in die
Höh und wollte den Platz räumen, der Baron litt
es aber nicht. „Ums Himmelswillen, liebe Frau
Dörr, lassen Sie doch den Jungen. Ich sitz' am
liebsten auf einem Schemel, wie mein Freund Dörr
hier.“

Und damit schob er den Holzstuhl, den Lene
noch immer in Bereitschaft hatte, neben die Alte
und sagte, während er sich setzte: „Hier neben Frau
Nimptsch; das ist der beste Platz. Ich kenne keinen
Herd, auf den ich so gern sähe; immer Feuer, immer
Wärme. Ja, Mutterchen, es ist so; hier ist es am
besten.“

„Ach, du mein Gott,“ sagte die Alte. „Hier am
besten! Hier bei 'ner alten Wasch- und Plättefrau.“

„Freilich. Und warum nicht? Jeder Stand
hat seine Ehre. Waschfrau auch. Wissen Sie denn,
Mütterchen, daß es hier in Berlin einen berühmten
Dichter gegeben hat, der ein Gedicht auf seine alte
Waschfrau gemacht hat?“

„Is es möglich?“

„Freilich ist es möglich. Es ist sogar gewiß.
Und wissen Sie, was er zum Schluß gesagt hat?
Da hat er gesagt, er möchte so leben und sterben
wie die alte Waschfrau. Ja, das hat er gesagt.“

„Is es möglich?“ simperte die Alte noch einmal
vor sich hin.

„Und wissen Sie, Mutterchen, um auch das nicht
zu vergessen, daß er ganz Recht gehabt hat und
daß ich ganz dasselbe sage? Ja, Sie lachen so vor
sich hin. Aber sehen Sie sich mal um hier, wie
leben Sie? Wie Gott in Frankreich. Erst haben
Sie das Haus und diesen Herd und dann den
Garten und dann Frau Dörr. Und dann haben
Sie die Lene. Nicht wahr? Aber wo steckt sie nur?“

Er wollte noch weiter sprechen, aber im selben
Augenblicke kam Lene mit einem Kaffeebrett zurück,
auf dem eine Karaffe mit Wasser sammt Apfelwein
stand, Apfelwein, für den der Baron, weil er ihm
wunderbare Heilkraft zuschrieb, eine sonst schwer
begreifliche Vorliebe hatte.

„Ach Lene, wie Du mich verwöhnst. Aber Du
darfst es mir nicht so feierlich präsentiren, das ist
ja wie wenn ich im Klub wäre. Du mußt es mir
aus der Hand bringen, da schmeckt es am besten.
Und nun gieb mir Deine Patsche, daß ich sie streicheln
kann. Nein, nein, die Linke, die kommt von Herzen.
Und nun setze Dich da hin, zwischen Herr und
Frau Dörr, dann hab' ich Dich gegenüber und kann
Dich immer ansehn. Ich habe mich den ganzen
Tag auf diese Stunde gefreut.“

Lene lachte.

„Du glaubst es wohl nicht? Ich kann es Dir
aber beweisen, Lene, denn ich habe Dir von der
großen Herren- und Damen-Fête, die wir gestern
hatten, 'was mitgebracht. Und wenn man 'was zum
Mitbringen hat, dann freut man sich auch auf die,
die's kriegen sollen. Nicht wahr, lieber Dörr?“

Dörr schmunzelte, Frau Dörr aber sagte: „Jott,
der. Der un mitbringen. Dörr is blos für
rapschen und sparen. So sind die Gärtners. Aber
neugierig bin ich doch, was der Herr Baron mitgebracht haben.“

„Nun, da will ich nicht lange warten lassen,
sonst denkt meine liebe Frau Dörr am Ende, daß
es ein goldener Pantoffel ist oder sonst was aus
dem Märchen. Es ist aber blos das.“

Und dabei gab er Lenen eine Tüte, daraus,
wenn nicht alles täuschte, das gefranzte Papier
einiger Knallbonbons hervorguckte.

Wirklich, es waren Knallbonbons und die Tüte
ging reihum.

„Aber nun müssen wir auch ziehen, Lene; halt'
fest und Augen zu.“

Frau Dörr war entzückt, als es einen Knall
gab, und noch mehr, als Lene's Zeigefinger blutete.
„Das thut nich weh, Lene, das kenn' ich; das is,
wie wenn sich 'ne Braut in'n Finger sticht. Ich
kannte mal eine, die war so versessen drauf, die stach
sich immer zu un lutschte und lutschte, wie wenn
es Wunder 'was wäre.“

Lene wurde roth. Aber Frau Dörr sah es
nicht und fuhr fort: „Und nu den Vers lesen, Herr
Baron.“

Und dieser las denn auch:

In Liebe selbstvergessen sein,
Freut Gott und die lieben Engelein.

„Jott,“ sagte Frau Dörr und faltete die Hände.
„Das is ja wie aus'n Gesangbuch. Is es denn
immer so fromm?“

„I bewahre,“ sagte Botho. „Nicht immer.
Kommen Sie, liebe Frau Dörr, wir wollen auch
'mal ziehn und sehn, was dabei herauskommt.“

Und nun zog er wieder und las:

Wo Amors Pfeil recht tief getroffen,
Da stehen Himmel und Hölle offen.

„Nun, Frau Dörr, was sagen Sie dazu? das
klingt schon anders; nicht wahr?“

„Ja,“ sagte Frau Dörr, „anders klingt es. Aber
es gefällt mir nicht recht . . . Wenn ich einen Knallbonbon ziehe . . .“

„Nun?“

„Da darf nichts von Hölle vorkommen, da will
ich nich hören, daß es so was giebt.“

„Ich auch nicht,“ lachte Lene. „Frau Dörr hat
ganz Recht; sie hat überhaupt immer Recht. Aber
das ist wahr, wenn man solchen Vers liest, da hat
man immer gleich was zum Anfangen, ich meine
zum Anfangen mit der Unterhaltung, denn anfangen
is immer das Schwerste, gerade wie beim Briefschreiben, und ich kann mir eigentlich keine Vorstellung machen, wie man mit so viel fremden
Damen (und ihr kennt euch doch nicht alle) so
gleich mir nichts Dir nichts ein Gespräch anfangen
kann.“

„Ach, meine liebe Lene,“ sagte Botho, „das ist
nicht so schwer, wie Du denkst. Es ist sogar ganz
leicht. Und wenn Du willst, will ich Dir gleich
eine Tisch-Unterhaltung vormachen.“

Frau Dörr und Frau Nimptsch drückten ihre
Freude darüber aus und auch Lene nickte zustimmend.

„Nun,“ fuhr Baron Botho fort, „denke Dir
also, Du wärst eine kleine Gräfin. Und eben hab'
ich Dich zu Tische geführt und Platz genommen und
nun sind wir beim ersten Löffel Suppe.“

„Gut. Gut. Aber nun?“

„Und nun sag' ich: Irr' ich nicht, meine gnädigste
Komtesse, so sah ich Sie gestern in der Flora, Sie
und Ihre Frau Mama. Nicht zu verwundern. Das
Wetter lockt ja jetzt täglich heraus und man könnte
schon von Reisewetter sprechen. Haben Sie Pläne,
Sommerpläne, meine gnädigste Gräfin? Und nun
antwortest Du, daß leider noch nichts feststünde,
weil der Papa durchaus nach dem Bayrischen wolle,
daß aber die sächsische Schweiz mit dem Königstein
und der Bastei Dein Herzenswunsch wäre.“

„Das ist es auch wirklich,“ lachte Lene.

„Nun sieh, das trifft sich gut. Und so fahr' ich
denn fort: „Ja, gnädigste Komtesse, da begegnen
sich unsere Geschmacksrichtungen. Ich ziehe die sächsische Schweiz ebenfalls jedem anderen Theile der
Welt vor, namentlich auch der eigentlichen Schweiz.
Man kann nicht immer große Natur schwelgen, nicht
immer klettern und außer Athem sein. Aber sächsische Schweiz! Himmlisch, ideal. Da hab' ich
Dresden; in einer Viertel- oder halben Stunde bin
ich da, da seh' ich Bilder, Theater, Großen Garten,
Zwinger, Grünes Gewölbe. Versäumen Sie nicht,
sich die Kanne mit den thörichten Jungfrauen zeigen
zu lassen, und vor allem den Kirschkern, auf dem
das ganze Vaterunser steht. Alles blos durch die
Loupe zu sehen.“

„Und so sprecht Ihr!“

„Ganz so, mein Schatz. Und wenn ich mit
meiner Nachbarin zur Linken, also mit Komtesse
Lene fertig bin, so wend' ich mich zu meiner Nachbarin zur Rechten, also zu Frau Baronin Dörr. . .“

Die Dörr schlug vor Entzücken mit der Hand
aufs Knie, daß es einen lauten Puff gab …

„Zu Frau Baronin Dörr also. Und spreche
nun worüber? Nun, sagen wir über Morcheln.“

„Aber mein Gott, Morcheln. Ueber Morcheln,
Herr Baron, das geht doch nicht.“

„O warum nicht, warum soll es nicht gehen,
liebe Frau Dörr? Das ist ein sehr ernstes und
lehrreiches Gespräch und hat für manche mehr Bedeutung, als Sie glauben. Ich besuchte mal einen
Freund in Polen, Regiments- und Kriegskameraden,
der ein großes Schloß bewohnte, roth und mit zwei
dicken Thürmen, und so furchtbar alt, wie's eigentlich gar nicht mehr vorkommt. Und das letzte Zimmer
war sein Wohnzimmer; denn er war unverheirathet,
weil er ein Weiberfeind war . . .“

„Ist es möglich?“

„Und überall waren morsche, durchgetretene Dielen
und immer, wo ein paar Dielen fehlten, da war
ein Morchelbeet und an all den Morchelbeeten ging
ich vorbei, bis ich zuletzt in sein Zimmer kam.“

„Ist es möglich?“ wiederholte die Dörr und
setzte hinzu: „Morcheln. Aber man kann doch nicht
immer von Morcheln sprechen.“

„Nein, nicht immer. Aber oft oder wenigstens
manchmal und eigentlich ist es ganz gleich, wovon
man spricht. Wenn es nicht Morcheln sind, sind es
Champignons und wenn es nicht das rothe polnische
Schloß ist, dann ist es Schlößchen Tegel oder Saatwinkel, oder Valentinswerder. Oder Italien oder
Paris, oder die Stadtbahn, oder ob die Panke zugeschüttet werden soll. Es ist alles ganz gleich.
Ueber jedes kann man ja was sagen und ob's einem
gefällt oder nicht. Und „ja“ ist gerade so viel wie
„nein“.“

„Aber,“ sagte Lene, „wenn es alles so redensartlich ist, da wundert es mich, daß ihr solche Gesellschaften mitmacht.“

„O man sieht doch schöne Damen und Toiletten
und mitunter auch Blicke, die, wenn man gut aufpaßt, einem eine ganze Geschichte verrathen. Und
jedenfalls dauert es nicht lange, so daß man immer
noch Zeit hat, im Klub alles nachzuholen. Und im
Klub ist es wirklich reizend, da hören die Redensarten auf und die Wirklichkeiten fangen an. Ich
habe gestern Pitt seine Graditzer Rappstute abgenommen.“

„Wer ist Pitt?“

„Ach, das sind so Namen, die wir nebenher
führen, und wir nennen uns so, wenn wir unter
uns sind. Der Kronprinz sagt auch Vicky, wenn
er Victoria meint. Es ist ein wahres Glück, daß
es solche Liebes- und Zärtlichkeitsnamen giebt. Aber
horch, eben fängt drüben das Concert an. Können
wir nicht die Fenster aufmachen, daß wir's besser
hören? Du wippst ja schon mit der Fußspitze hin
und her. Wie wär' es, wenn wir anträten und
einen Contre versuchten oder eine Française? Wir
sind drei Paare: Vater Dörr und meine gute Frau
Nimptsch und dann Frau Dörr und ich (ich bitte
um die Ehre) und dann kommt Lene mit Hans.“

Frau Dörr war sofort einverstanden, Dörr und
Frau Nimptsch aber lehnten ab, diese weil sie zu
alt sei, jener weil er so was Feines nicht kenne.

„Gut, Vater Dörr. Aber dann müssen Sie
den Takt schlagen; Lene gieb ihm das Kaffeebrett
und einen Löffel. Und nun antreten, meine Damen.
Frau Dörr, Ihren Arm. Und nun Hans, aufwachen, flink, flink.“

Und wirklich, beide Paare stellten sich auf und
Frau Dörr wuchs ordentlich noch an Stattlichkeit,
als ihr Partner in einem feierlichen TanzmeisterFranzösisch anhob: „en avant deux, Pas de
basque.“ Der sommersprossige, leider noch immer
verschlafene Gärtnerjunge sah sich maschinenmäßig
und ganz nach Art einer Puppe hin und her geschoben, die drei andern aber tanzten wie Leute,
die's verstehen, und entzückten den alten Dörr derart,
daß er sich von seinem Schemel erhob und statt
mit dem Löffel mit seinem Knöchel an das Kaffeebrett schlug. Auch der alten Frau Nimptsch kam
die Lust früherer Tage wieder und weil sie nichts
Besseres thun konnte, wühlte sie mit dem Feuerhaken so lang in der Kohlengluth umher, bis die
Flamme hoch aufschlug.

So ging es bis die Musik drüben schwieg;
Botho führte Frau Dörr wieder an ihren Platz
und nur Lene stand noch da, weil der ungeschickte
Gärtnerjunge nicht wußte, was er mit ihr machen
sollte. Das aber paßte Botho gerade, der, als die
Musik drüben wieder anhob, mit Lene zu walzen
und ihr zuzuflüstern begann, wie reizend sie sei,
reizender denn je.

Sie waren alle warm geworden, am meisten die
gerade jetzt am offenen Fenster stehende Frau Dörr.
„Jott, mir schuddert so,“ sagte sie mit einem Male,
weshalb Botho verbindlich aufsprang, um die Fenster
zu schließen. Aber Frau Dörr wollte davon nichts
wissen und behauptete: „was die feinen Leute wären,
die wären alle für frische Luft und manche wären
so für's Frische, daß ihnen im Winter das Deckbett
an den Mund fröre. Denn Athem wäre dasselbe
wie Wrasen, grade wie der, der aus der Tülle käm'.
Also die Fenster müßten aufbleiben, davon ließe sie
nicht. Aber wenn Lenechen so für's Innerliche was
hätte, so 'was für Herz und Seele . . .“

„Gewiß, liebe Frau Dörr; alles was Sie wollen.
Ich kann einen Thee machen oder einen Punsch,
oder noch besser, ich habe ja noch das Kirschwasser,
das Sie Mutter Nimptschen und mir letzten Weihnachten zu der großen Mandelstolle geschenkt haben. . .“

Und ehe sich Frau Dörr zwischen Punsch und
Thee entscheiden konnte, war auch die Kirschwasser-Flasche schon da, mit Gläsern, großen und kleinen,
in die sich nun jeder nach Gutdünken hinein that.
Und nun ging Lene, den rußigen Herdkessel in der
Hand, reihum und goß das kochsprudelnde Wasser
ein. „Nicht zu viel, Leneken, nicht zu viel. Immer
auf's Ganze. Wasser nimmt die Kraft.“ Und im
Nu füllte sich der Raum mit dem aufsteigenden
Kirschmandel-Arom.

„Ah, das hast Du gut gemacht,“ sagte Botho,
während er aus dem Glase nippte. „Weiß es Gott,
ich habe gestern nichts gehabt und heute im Klub
erst recht nicht, was mir so geschmeckt hätte. Hoch
Lene! Das eigentliche Verdienst in der Sache hat
aber doch unsere Freundin, Frau Dörr, „weil's ihr
so geschuddert hat“, und so bring' ich denn gleich
noch eine zweite Gesundheit aus: Frau Dörr, sie
lebe hoch.“

„Sie lebe hoch,“ riefen alle durcheinander und
der alte Dörr schlug wieder mit seinem Knöchel ans
Brett.

Alle fanden, daß es ein feines Getränk sei, viel
feiner als Punschextrakt, der im Sommer immer
nach bittrer Zitrone schmecke, weil es meistens alte
Flaschen seien, die schon, von Fastnacht an, im
Ladenfenster in der grellen Sonne gestanden hätten.
Kirschwasser aber, das sei was Gesundes und nie
verdorben und ehe man sich mit dem Bittermandelgift vergifte, da müßte man doch schon was Ordentliches einnehmen, wenigstens eine Flasche.

Diese Bemerkung machte Frau Dörr und der
Alte, der es nicht darauf ankommen lassen wollte,
vielleicht weil er diese hervorragendste Passion seiner
Frau kannte, drang auf Aufbruch: „Morgen sei
auch noch ein Tag.“

Botho und Lene redeten zu, doch noch zu bleiben.
Aber die gute Frau Dörr, die wohl wußte, „daß
man zu Zeiten nachgeben müsse, wenn man die
Herrschaft behalten wolle“, sagte nur: „Laß, Leneken,
ich kenn' ihn; er geht nu mal mit die Hühner zu
Bett,“ „Nun,“ sagte Botho, „wenn es beschlossen
ist, ist es beschlossen. Aber dann begleiten wir die
Familie Dörr bis an ihr Haus.“

Und damit brachen alle auf und ließen nur die
alte Frau Nimptsch zurück, die den Abgehenden
freundlich und kopfnickend nachsah und dann aufstand und sich in den Großvaterstuhl setzte.

Fünftes Kapitel.

Vor dem „Schloß“ mit dem grün und rothgestrichenen Thurme machten Botho und Lene Halt
und baten Dörr in aller Förmlichkeit um Erlaubniß,
noch in den Garten gehn und eine halbe Stunde
darin promeniren zu dürfen. Der Abend sei so
schön. Vater Dörr brummelte, daß er sein Eigenthum in keinem bessren Schutz lassen könne, worauf
das junge Paar unter artigen Verbeugungen Abschied nahm und auf den Garten zuschritt. Alles
war schon zur Ruh und nur Sultan, an dem sie
vorbei mußten, richtete sich hoch auf und winselte
so lange, bis ihn Lene gestreichelt hatte. Dann erst
kroch er wieder in seine Hütte zurück.

Drinnen im Garten war alles Duft und Frische,
denn, den ganzen Hauptweg hinauf, zwischen den
Johannis- und Stachelbeersträuchern, standen Levkojen und Reseda, deren feiner Duft sich mit dem
kräftigeren der Thymianbeete mischte. Nichts regte
sich in den Bäumen, und nur Leuchtkäfer schwirrten
durch die Luft.

Lene hatte sich in Botho's Arm gehängt und
schritt mit ihm auf das Ende des Gartens zu, wo,
zwischen zwei Silberpappeln, eine Bank stand.

„Wollen wir uns setzen?“

„Nein,“ sagte Lene, „nicht jetzt,“ und bog in
einen Seitenweg ein, dessen hochstehende Himbeerbüsche fast über den Gartenzaun hinaus wuchsen.
„Ich gehe so gern an Deinem Arm, Erzähle mir
etwas. Aber etwas recht Hübsches. Oder frage.“

„Gut. Ist es Dir recht, wenn ich mit den
Dörr's anfange?“

„Meinetwegen.“

„Ein sonderbares Paar. Und dabei, glaub' ich,
glücklich. Er muß thun was sie will und ist doch
um vieles klüger.“

„Ja,“ sagte Lene, „klüger ist er, aber auch
geizig und hartherzig und das macht ihn gefügig,
weil er beständig ein schlechtes Gewissen hat. Sie
sieht ihm scharf auf die Finger und leidet es nicht,
wenn er jemand übervortheilen will. Und das ist
es, wovor er Furcht hat und was ihn nachgiebig
macht.“

„Und weiter nichts?“

„Vielleicht auch noch Liebe, so sonderbar es klingt.
Das heißt Liebe von seiner Seite. Denn trotz seiner
56 oder mehr ist er noch wie vernarrt in seine
Frau und blos weil sie so groß ist. Beide haben
mir die wunderlichsten Geständnisse darüber gemacht. Ich bekenne Dir offen, mein Geschmack wäre
sie nicht.“

„Da hast Du aber Unrecht, Lene; sie macht eine
Figur.“

„Ja,“ lachte Lene, „sie macht eine Figur, aber
sie hat keine. Siehst Du denn gar nicht, daß ihr
die Hüften eine Hand breit zu hoch sitzen? Aber
so was seht ihr nicht und „Figur“ und „stattlich“ ist
immer euer drittes Wort, ohne daß sich wer drum
kümmert, wo denn die Stattlichkeit eigentlich herkommt.“

So plaudernd und neckend blieb sie stehn und
bückte sich, um auf einem langen und schmalen Erdbeerbeete, das sich in Front von Zaun und Hecke
hinzog, nach einer Früh-Erdbeere zu suchen. Endlich
hatte sie, was sie wollte, nahm das Stengelchen
eines wahren Prachtexemplares zwischen die Lippen
und trat vor ihn hin und sah ihn an.

Er war auch nicht säumig, pflückte die Beere
von ihrem Munde fort und umarmte sie und
küßte sie.

„Meine süße Lene, das hast Du recht gemacht.
Aber höre nur, wie Sultan blafft; er will bei Dir
sein; soll ich ihn losmachen?“

„Nein, wenn er hier ist, hab' ich Dich nur noch
halb. Und sprichst Du dann gar noch von der
stattlichen Frau Dörr, so hab' ich Dich so gut wie
garnicht mehr.“

„Gut,“ lachte Botho, „Sultan mag bleiben, wo
er ist. Ich bin es zufrieden. Aber von Frau
Dörr muß ich noch weiter sprechen. Ist sie wirklich
so gut?“

„Ja, das ist sie, trotzdem sie sonderbare Dinge
sagt, Dinge, die wie Zweideutigkeiten klingen und
es auch sein mögen. Aber sie weiß nichts davon
und in ihrem Thun und Wandel ist nicht das
Geringste, was an ihre Vergangenheit erinnern
könnte.“

„Hat sie denn eine?“

„Ja. Wenigstens stand sie jahrelang in einem
Verhältniß und „ging mit ihm“ wie sie sich auszudrücken pflegt. Und darüber ist wohl kein Zweifel,
daß über dies Verhältniß und natürlich auch über
die gute Frau Dörr selbst viel, sehr viel geredet
worden ist. Und sie wird auch Anstoß über Anstoß
gegeben haben. Nur sie selber hat sich in ihrer
Einfalt nie Gedanken darüber gemacht und noch
weniger Vorwürfe. Sie spricht davon wie von einem
unbequemen Dienst, den sie getreulich und ehrlich
erfüllt hat, blos aus Pflichtgefühl. Du lachst und
es klingt auch sonderbar genug. Aber es läßt sich
nicht anders sagen. Und nun lassen wir die Frau
Dörr und setzen uns lieber und sehen in die Mondsichel.“

Wirklich, der Mond stand drüben über dem
Elephantenhause, das in dem niederströmenden Silberlichte, noch phantastischer aussah, als gewöhnlich.
Lene wies darauf hin, zog die Mantelkapuze fester
zusammen und barg sich an seine Brust.

So vergingen ihr Minuten, schweigend und
glücklich, und erst als sie sich wie von einem Traume,
der sich doch nicht festhalten ließ, wieder aufrichtete,
sagte sie: „Woran hast Du gedacht? Aber Du
mußt mir die Wahrheit sagen.“

„Woran ich dachte, Lene? Ja, fast schäm' ich
mich, es zu sagen. Ich hatte sentimentale Gedanken
und dachte nach Haus hin an unsren Küchengarten
in Schloß Zehden, der genau so daliegt wie dieser
Dörr'sche, dieselben Salatbeete mit Kirschbäumen dazwischen und ich möchte wetten auch ebenso viele
Meisenkästen. Und auch die Spargelbeete liefen so
hin. Und dazwischen ging ich mit meiner Mutter
und wenn sie guter Laune war, gab sie mir das
Messer und erlaubte, daß ich ihr half. Aber weh
mir, wenn ich ungeschickt war und die Spargelstange
zu lang oder zu kurz abstach. Meine Mutter hatte
eine rasche Hand.“

„Glaub's. Und mir ist immer, als ob ich Furcht
vor ihr haben müßte.“

„Furcht? Wie das? Warum, Lene?“

Lene lachte herzlich und doch war eine Spur
von Gezwungenheit darin. „Du mußt nicht gleich
denken, daß ich vorhabe, mich bei der Gnädigen
melden zu lassen, und darfst es nicht anders nehmen,
als ob ich gesagt hätte, ich fürchte mich vor der
Kaiserin. Würdest Du deshalb denken, daß ich zu
Hofe wollte? Nein, ängstige Dich nicht; ich verklage
Dich nicht.“

„Nein, das thust Du nicht. Dazu bist Du viel
zu stolz und eigentlich eine kleine Demokratin und
ringst Dir jedes freundliche Wort nur so von der
Seele. Hab' ich Recht? Aber wie's auch sei, mache
Dir auf gut Glück hin ein Bild von meiner Mutter.
Wie sieht sie aus?“

„Genau so wie Du: groß und schlank und blauäugig und blond.“

„Arme Lene (und das Lachen war diesmal auf
seiner Seite), da hast Du fehl geschossen. Meine
Mutter ist eine kleine Frau mit lebhaften schwarzen
Augen und einer großen Nase.“

„Glaub' es nicht. Das ist nicht möglich.“

„Und ist doch so. Du mußt nämlich bedenken,
daß ich auch einen Vater habe. Aber das fällt euch
nie ein. Ihr denkt immer, ihr seid die Hauptsache.
Und nun sage mir noch etwas über den Charakter
meiner Mutter. Aber rathe besser.“

„Ich denke mir sie sehr besorgt um das Glück
ihrer Kinder.“

„Getroffen. . .“

„ . . . Und daß all' ihre Kinder reiche, das
heißt sehr reiche Partieen machen. Und ich weiß
auch, wen sie für Dich in Bereitschaft hält.“

„Eine Unglückliche, die Du. . .“

„Wie Du mich verkennst. Glaube mir, daß ich
Dich habe, diese Stunde habe, das ist mein Glück.
Was daraus wird, das kümmert mich nicht. Eines
Tages bist Du weggeflogen. . .“

Er schüttelte den Kopf.

„Schüttle nicht den Kopf; es ist so, wie ich sage.
Du liebst mich und bist mir treu, wenigstens bin
ich in meiner Liebe kindisch und eitel genug, es mir
einzubilden. Aber wegfliegen wirst Du, das seh' ich
klar und gewiß. Du wirst es müssen. Es heißt
immer, die Liebe mache blind, aber sie macht auch
hell und fernsichtig.“

„Ach, Lene, Du weißt gar nicht, wie lieb ich
Dich habe.“

„Doch, ich weiß es. Und weiß auch, daß Du
Deine Lene für 'was Besondres hältst und jeden
Tag denkst, „wenn sie doch eine Gräfin wäre“.
Damit ist es nun aber zu spät, das bring' ich nicht
mehr zu Wege. Du liebst mich und bist schwach.
Daran ist nichts zu ändern. Alle schönen Männer
sind schwach und der Stärkre beherrscht sie. . . Und
der Stärkre. . . ja, wer ist dieser Stärkre? Nun entweder ist's Deine Mutter, oder das Gerede der
Menschen, oder die Verhältnisse. Oder vielleicht alles
drei. . . Aber sieh nur.“

Und sie wies nach dem Zoologischen hinüber,
aus dessen Baum- und Blätterdunkel eben eine Rakete zischend in die Luft fuhr und mit einem Puff
in zahllose Schwärmer zerstob. Eine zweite folgte
der ersten und so ging es weiter, als ob sie sich
jagen und überholen wollten, bis es mit einem Male
vorbei war und die Gebüsche drüben in einem grünen
und rothen Lichte zu glühen anfingen. Ein paar
Vögel in ihren Käfigen kreischten dazwischen und
dann fiel nach einer langen Pause die Musik
wieder ein.

„Weißt Du, Botho, wenn ich Dich nun so nehmen
und mit Dir die Läster-Allee drüben auf- und abschreiten könnte, so sicher wie hier zwischen den
Buchsbaumrabatten und könnte jedem sagen: „ja
wundert euch nur, er ist er und ich bin ich, und er
liebt mich und ich liebe ihn“, — ja Botho, was
glaubst Du wohl, was ich dafür gäbe? Aber rathe
nicht, Du räthst es doch nicht. Ihr kennt ja nur
Euch und euren Klub und euer Leben. Ach, das
arme bischen Leben.“

„Sprich nicht so, Lene.“

„Warum nicht? Man muß allem ehrlich ins
Gesicht sehn und sich nichts weiß machen lassen und
vor allem sich selber nichts weiß machen. Aber es
wird kalt und drüben ist es auch vorbei. Das ist
das Schlußstück, das sie jetzt spielen. Komm, wir
wollen uns drin an den Herd setzen, das Feuer
wird noch nicht aus sein und die Alte ist längst
zu Bett.“

So gingen sie, während sie sich leicht an seine
Schulter lehnte, den Gartensteig wieder hinauf. Im
„Schloß“ brannte kein Licht mehr und nur Sultan,
den Kopf aus seiner Hütte vorstreckend, sah ihnen
nach. Aber er rührte sich nicht und hatte blos mürrische Gedanken.

SechstesKapitel.

Es war die Woche darnach und die Kastanien
hatten bereits abgeblüht; auch in der Bellevuestraße.
Hier hatte Baron Botho v. Rienäcker eine zwischen
einem Front- und einem Gartenbalkon gelegene
Parterre-Wohnung inne: Arbeitszimmer, Eßzimmer,
Schlafzimmer, die sich sämmtlich durch eine geschmackvolle, seine Mittel ziemlich erheblich übersteigende
Einrichtung auszeichneten. In dem Eßzimmer befanden sich zwei Hertel'sche Stillleben und dazwischen
eine Bärenhatz, werthvolle Kopie nach Rubens,
während in dem Arbeitszimmer ein Andreas Achenbach'scher Seesturm, umgeben von einigen kleineren
Bildern desselben Meisters, paradirte. Der Seesturm war ihm bei Gelegenheit einer Verloosung
zugefallen und an diesem schönen und werthvollen
Besitze hatte er sich zum Kunstkenner und speziell
zum Achenbach-Enthusiasten herangebildet. Er scherzte
gern darüber und pflegte zu versichern, „daß ihm
sein Lotterieglück, weil es ihn zu beständig neuen
Ankäufen verführt habe, theuer zu stehn gekommen
sei,“ hinzusetzend, „daß es vielleicht mit jedem Glücke
dasselbe sei.“

Vor dem Sopha, dessen Plüsch mit einem persischen Teppich überdeckt war, stand auf einem Malachit-Tischchen das Kaffeegeschirr, während auf dem Sopha
selbst allerlei politische Zeitungen umher lagen,
unter ihnen auch solche, deren Vorkommen an dieser
Stelle ziemlich verwunderlich war und nur aus dem
Baron Botho'schen Lieblingssatze „Schnack gehe vor
Politik“ erklärt werden konnte. Geschichten, die
den Stempel der Erfindung an der Stirn trugen,
sogenannte „Perlen“, amüsirten ihn am meisten.
Ein Kanarienvogel, dessen Bauer während der Frühstückszeit allemal offen stand, flog auch heute wieder
auf Hand und Schulter seines ihn nur zu sehr
verwöhnenden Herrn, der, anstatt ungeduldig zu
werden, das Blatt jedesmal bei Seite that, um den
kleinen Liebling zu streicheln. Unterließ er es aber,
so drängte sich das Thierchen an Hals und Bart
des Lesenden und piepte so lang und eigensinnig,
bis ihm der Wille gethan war. „Alle Lieblinge
sind gleich,“ sagte Baron Rienäcker, „und fordern
Gehorsam und Unterwerfung.“

In diesem Augenblicke ging die Korridorklingel
und der Diener trat ein, um die draußen abgegebenen
Briefe zu bringen. Der eine, graues Kouvert in
Quadrat, war offen und mit einer Dreipfennigmarke
frankirt. „Hamburger Lotterieloos oder neue
Zigarren,“ sagte Rienäcker und warf Kouvert und
Inhalt, ohne weiter nachzusehen, bei Seite. „Aber
das hier . . . Ah, von Lene. Nun den verspare ich
mir bis zuletzt, wenn ihm dieser dritte, gesiegelte,
nicht den Rang streitig macht. Osten'sches Wappen.
Also von Onkel Kurt Anton; Poststempel „Berlin“,
will sagen: schon da. Was wird er nur wollen?
Zehn gegen eins, ich soll mit ihm frühstücken oder
einen Sattel kaufen oder ihn zu Renz begleiten,
vielleicht auch zu Kroll; am wahrscheinlichsten das
eine thun und das andere nicht lassen.“

Und er schnitt das Kouvert, auf dem er auch
Onkel Osten's Handschrift erkannt hatte, mit einem
auf dem Fensterbrett liegenden Messerchen auf und
nahm den Brief heraus. Der aber lautete:

„Hotel Brandenburg, Nummer 15. Mein
lieber Botho. Vor einer Stunde bin ich hier unter
eurer alten Berliner Devise „vor Taschendieben wird
gewarnt“, auf dem Ostbahnhofe glücklich eingetroffen
und habe mich in Hotel Brandenburg einquartiert,
will sagen an alter Stelle; was ein richtiger Konservativer ist, ist es auch in kleinen Dingen. Ich
bleibe nur zwei Tage, denn eure Luft drückt mich.
Es ist ein stickiges Nest. Alles andre mündlich.
Ich erwarte Dich 1 Uhr bei Hiller. Dann wollen
mir einen Sattel kaufen. Und dann Abends zu
Renz. Sei pünktlich. Dein alter Onkel Kurt
Anton.“

Rienäcker lachte. „Dacht' ich's doch! Und doch
eine Neuerung. Früher war es Borchardt, jetzt
Hiller. Ei, ei, Onkelchen, was ein richtiger Konservativer ist, ist es auch in kleinen Dingen . . Und
nun meine liebe Lene . . . Was Onkel Kurt Anton
wohl sagen würde, wenn er wüßte, in welcher Begleitung sein Brief und seine Befehle hier eingetroffen sind.“

Und während er so sprach, erbrach er Lene's
Billet und las.

„Es sind nun schon volle fünf Tage, daß ich
Dich nicht gesehen habe. Soll es eine volle Woche
werden? Und ich dachte, Du müßtest den andern
Tag wiederkommen, so glücklich war ich den Abend.
Und Du warst so lieb und gut. Mutter neckt mich
schon und sagt: „er kommt nicht wieder.“ Ach, wie
mir das immer einen Stich ins Herz giebt, weil es
ja mal so kommen muß und weil ich fühle, daß es
jeden Tag kommen kann. Daran wurd' ich gestern
wieder erinnert. Denn wenn ich Dir eben schrieb,
ich hätte Dich fünf Tage lang nicht gesehen, so
hab' ich nicht die Wahrheit gesagt, ich habe Dich
gesehn, gestern, aber heimlich, verstohlen, auf dem
Korso. Denke Dir, ich war auch da, natürlich weit
zurück in einer Seiten-Alleh und habe Dich eine
Stunde lang auf- und abreiten sehn. Ach, ich
freute mich über die Maßen, denn Du warst der
stattlichste (beinah so stattlich wie Frau Dörr, die
sich Dir emphehlen läßt) und ich hatte solchen
Stolz Dich zu sehn, daß ich nicht einmal eifersüchtig wurde. Nur einmal kam es. Wer war
denn die schöne Blondine, mit den zwei Schimmeln,
die ganz in einer Blumengirrlande gingen? Und
die Blumen so dicht, ganz ohne Blatt und Stiehl.
So was Schönes hab' ich all mein Lebtag nicht
gesehn. Als Kind hätt' ich gedacht, es müss' eine
Prinzessin sein, aber jetzt weiß ich, daß Prinzessinnen
nicht immer die schönsten sind. Ja, sie war schön
und gefiehl Dir, ich sah es wohl, und Du gefiehlst
ihr auch. Aber die Mutter, die neben der schönen
Blondine saß, der gefiehlst Du noch besser. Und
das ärgerte mich. Einer ganz jungen gönne ich
Dich, wenn's durchaus sein muß. Aber einer alten!
Und nun gar einer Mama? Nein, nein, die hat
ihr Theil. Jedenfalls, mein einziger Botho, siehst
Du, daß Du mich wieder gut machen und beruhigen
mußt. Ich erwarte Dich morgen oder übermorgen.
Und wenn Du nicht Abend kannst, so komme bei
Tag und wenn es nur eine Minute wäre. Ich
habe solche Angst um Dich, das heißt eigentlich um
mich. Du verstheest mich schon. Deine Lene.“

„Deine Lene“, sprach er, die Briefunterschrift
wiederholend, noch einmal vor sich hin und eine
Unruhe bemächtigte sich seiner, weil ihm allerwiderstreitendste Gefühle durch's Herz gingen: Liebe,
Sorge, Furcht. Dann durchlas er den Brief noch
einmal. An zwei, drei Stellen konnt' er sich nicht
versagen, ein Strichelchen mit dem silbernen Crayon
zu machen, aber nicht aus Schulmeisterei, sondern
aus eitel Freude. „Wie gut sie schreibt! Kalligraphisch gewiß und orthographisch beinah … Stiehl
statt Stiel … Ja, warum nicht? Stiehl war
eigentlich ein gefürchteter Schulrath, aber, Gott sei
Dank, ich bin keiner. Und „emphehlen“. Soll ich
wegen f und h mit ihr zürnen? Großer Gott, wer
kann „empfehlen“ richtig schreiben? Die ganz jungen
Comtessen nicht immer und die ganz alten nie.
Also was schadt's! Wahrhaftig, der Brief ist wie
Lene selber, gut, treu, zuverlässig und die Fehler
machen ihn nur noch reizender.“

Er lehnte sich in den Stuhl zurück und legte
die Hand über Stirn und Augen: „Arme Lene,
was soll werden! Es wär' uns beiden besser gewesen, der Ostermontag wäre dies Mal ausgefallen.
Wozu giebt es auch zwei Feiertage? Wozu Treptow und Stralau und Wasserfahrten? Und nun
der Onkel! Entweder kommt er wieder als Abgesandter von meiner Mutter oder er hat Pläne für
mich aus sich selbst, aus eigner Initiative. Nun,
ich werde ja sehen. Eine diplomatsche Verstellungsschule hat er nicht durchgemacht, und wenn er zehn
Eide geschworen hat zu schweigen, es kommt doch
heraus. Ich will's schon erfahren, trotzdem ich in
der Kunst der Intrigue gleich nach ihm selber
komme.“

Dabei zog er ein Fach seines Schreibtisches auf,
darin, von einem rothen Bändchen umwunden, schon
andere Briefe Lenens lagen. Und nun klingelte er
nach dem Diener, der ihm beim Ankleiden behilflich
sein sollte. „So, Johann, das wäre gethan . . .
Und nun vergiß nicht, die Jalousieen herunter zu
lassen. Und wenn wer kommt und nach mir fragt, bis
12 bin ich in der Kaserne, nach 1 bei Hiller und
am Abend bei Renz. Und zieh auch die Jalousieen
zu rechter Zeit wieder auf, daß ich nicht wieder
einen Brütofen vorfinde. Und laß die Lampe vorn
brennen. Aber nicht in meinem Schlafzimmer; die
Mücken sind wie toll in diesem Jahr. Verstanden?“

„Zu Befehl, Herr Baron.“

Und unter diesem Gespräche, das schon halb im
Korridor geführt worden war, trat Rienäcker in
den Hausflur, ziepte draußen im Vorgarten die
13 jährige, sich gerad' über den Wagen ihres kleinen
Bruders beugende Portiertochter von hinten her am
Zopf und empfing einen wüthenden, aber im Erkennungsmoment ebenso rasch in Zärtlichkeit übergehenden Blick als Antwort darauf.

Und nun erst trat er durch die Gitterthür auf
die Straße. Hier sah er, unter der grünen Kastanienlaube hin, abwechselnd auf das Thor und dann
wieder nach dem Thiergarten zu, wo sich, wie auf
einem Camera obscura-Glase, die Menschen und
Fuhrwerke geräuschlos hin und her bewegten. „Wie
schön. Es ist doch wohl eine der besten Welten.“

Siebentes Kapitel.

Um Zwölf war der Dienst in der Kaserne gethan
und Botho v. Rienäcker ging die Linden hinunter
aufs Thor zu, lediglich in der Absicht, die Stunde
bis zum Rendezvous bei Hiller, so gut sich's thun
ließ, auszufüllen. Zwei, drei Bilderläden waren
ihm dabei sehr willkommen. Bei Lepke standen ein
paar Oswald Achenbach's im Schaufenster, darunter
eine palermitanische Straße, schmutzig und sonnig,
und von einer geradezu frappirenden Wahrheit des
Lebens und Kolorits. „Es giebt doch Dinge, worüber
man nie ins Reine kommt. So mit den Achenbach's. Bis vor Kurzem hab' ich auf Andreas geschworen; aber wenn ich so was sehe wie das hier,
so weiß ich nicht, ob ihm der Oswald nicht gleichkommt oder ihn überholt. Jedenfalls ist er bunter
und mannigfacher. All dergleichen aber ist mir blos
zu denken erlaubt; vor den Leuten es aussprechen,
hieße meinen „Seesturm“ ohne Noth auf den halben
Preis herabsetzen.“

Unter solchen Betrachtungen stand er eine Zeitlang vor dem Lepke'schen Schaufenster und ging
dann, über den Pariser Platz hin, auf das Thor
und die schräg links führende Thiergarten-Allee zu,
bis er vor der Wolf'schen Löwengruppe Halt machte.
Hier sah er nach der Uhr. „Halb eins. Also
Zeit.“ Und so wandt' er sich wieder, um auf demselben Wege nach den „Linden“ hin zurückzukehren.
Vor dem Redern'schen Palais sah er Leutnant
v. Wedell von den Garde-Dragonern auf sich zukommen.

„Wohin. Wedell?“

„In den Club. Und Sie?“

„Zu Hiller.“

„Etwas früh.“

„Ja. Aber was hilft's? Ich soll mit einem
alten Onkel von mir frühstücken, neumärkisch Blut
und just in dem Winkel zu Hause, wo Bentsch,
Rentsch, Stentsch liegen, — lauter Reimwörter auf
Mensch, selbstverständlich ohne weitre Konsequenz
oder Verpflichtung. Uebrigens hat er, ich meine
den Onkel, mal in Ihrem Regiment gestanden.
Freilich lange her, erste vierziger Jahre. Baron
Osten.“

„Der Wietzendorfer?“

„Eben der.“

„O den kenn' ich, d. h. dem Namen nach. Etwas
Verwandtschaft. Meine Großmutter war eine Osten.
Ist doch derselbe, der mit Bismarck auf dem Kriegsfuß steht?“

„Derselbe. Wissen Sie was, Wedell, kommen
Sie mit. Der Club läuft Ihnen nicht weg und
Pitt und Serge auch nicht; Sie finden sie um Drei
gerad so gut wie um Eins. Der Alte schwärmt
noch immer für Dragonerblau mit Gold und ist
Neumärker genug, um sich über jeden Wedell zu
freuen.“

„Gut, Rienäcker. Aber auf Ihre Verantwortung.“

„Mit Vergnügen.“

Unter solchem Gespräche waren sie bei Hiller
angelangt, wo der alte Baron bereits an der Glasthür stand und ausschaute, denn es war eine Minute
nach Eins. Er unterließ aber jede Bemerkung und
war augenscheinlich erfreut, als Botho vorstellte:
„Leutnant v. Wedell.“

„Ihr Herr Neffe . . .“

„Nichts von Entschuldigungen, Herr v. Wedell,
Alles, was Wedell heißt, ist mir willkommen und
wenn es diesen Rock trägt, doppelt und dreifach.
Kommen Sie, meine Herren, wir wollen uns aus
diesem Stuhl- und Tisch-Defilé heraus ziehen und
so gut es geht nach rückwärts hin konzentriren.
Sonst nicht Preußensache; hier aber rathsam.“

Und damit ging er, um gute Plätze zu finden,
vorauf und wählte nach Einblick in verschiedene
kleine Kabinets schließlich ein mäßig großes, mit
einem lederfarbnen Stoff austapeziertes Zimmer,
das trotz eines breiten und dreigetheilten Fensters
wenig Licht hatte, weil es auf einen engen und
dunklen Hof sah. Von einem hier zu vier gedeckten
Tisch wurde im Nu das vierte Couvert entfernt und
während die beiden Offiziere Pallasch und Säbel in
die Fensterecke stellten, wandte sich der alte Baron
an den Oberkellner, der in einiger Entfernung gefolgt
war, und befahl einen Hummer und einen weißen
Burgunder. „Aber welchen, Botho?“

„Sagen wir Chablis.“

„Gut, Chablis. Und frisches Wasser. Aber
nicht aus der Leitung; lieber so, daß die Karaffe
beschlägt. Und nun, meine Herren, bitte Platz zu
nehmen: lieber Wedell hier, Botho Du da. Wenn
nur diese Gluth, diese verfrühte Hundstagshitze nicht
wäre. Luft, meine Herren, Luft. Ihr schönes Berlin,
das immer schöner wird (so versichern einen wenigstens alle, die nichts Besseres kennen), Ihr schönes
Berlin hat alles, aber keine Luft.“ Und dabei riß
er die großen Fensterflügel auf und setzte sich so,
daß er die breite Mittelöffnung gerade vor sich hatte.

Der Hummer war noch nicht gekommen, aber
der Chablis stand schon da. Voll Unruhe nahm
der alte Osten eins der Brötchen aus dem Korb und
schnitt es mit ebenso viel Hast wie Virtuosität in
Schrägstücke, blos um etwas zu thun zu haben.
Dann lies; er das Messer wieder fallen und reichte
Wedell die Hand, „Ihnen unendlich verbunden,
Herr v. Wedell, und brillanter Einfall von Botho,
Sie dem Club auf ein paar Stunden abspänstig
gemacht zu haben. Ich nehm' es als eine gute
Vorbedeutung, gleich bei meinem ersten Ausgang in
Berlin einen Wedell begrüßen zu dürfen.“

Und nun begann er einzuschenken, weil er seiner
Unruhe nicht länger Herr bleiben konnte, befahl eine
Cliquot kalt zu stellen und fuhr dann fort: „Eigentlich, lieber Wedell, sind wir verwandt; es giebt keine
Wedell's, mit denen wir nicht verwandt wären, und
wenn's auch blos durch einen Scheffel Erbsen wäre;
neumärkisch Blut ist in allen. Und wenn ich nun
gar mein altes Dragonerblau wiedersehe, da schlägt
mir das Herz bis in den Hals hinein. Ja, Herr
v. Wedell, alte Liebe rostet nicht. Aber da kommt
der Hummer . . . Bitte, hier die große Scheere.
Die Scheeren sind immer das Beste . . . Aber, was
ich sagen wollte, alte Liebe rostet nicht und der
Schneid auch nicht. Und ich setze hinzu, Gott sei
Dank. Damals hatten wir noch den alten Dobeneck.
Himmelwetter, war das ein Mann! Ein Mann
wie ein Kind. Aber wenn es mal schlecht ging
und nicht klappen wollte, wenn er einen dann ansah,
den hätt' ich sehen wollen, der den Blick ausgehalten
hätte. Richtiger alter Ostpreuße noch von Anno 13
und 14 her. Wir fürchteten ihn, aber wir liebten
ihn auch. Denn er war wie ein Vater. Und, wissen
Sie, Herr v. Wedell, wer mein Rittmeister war…?“

In diesem Augenblicke kam auch der Champagner.

„Mein Rittmeister war Manteuffel, derselbe, dem
wir alles verdanken, der uns die Armee gemacht hat
und mit der Armee den Sieg.“

Herr v. Wedell verbeugte sich, während Botho
leicht hin sagte: „Gewiß, man kann es sagen.“

Aber das war nicht klug und weise von Botho,
wie sich gleich herausstellen sollte, denn der ohnehin
an Kongestionen leidende alte Baron wurde roth
über den ganzen kahlen Kopf weg und das bischen
krause Haar an seinen Schläfen schien noch krauser
werden zu wollen. „Ich verstehe Dich nicht, Botho;
was soll dies ,Man kann es sagen', das heißt so
viel wie ,man kann es auch nicht sagen'. Und
ich weiß auch, worauf das alles hinaus will. Es
will andeuten, daß ein gewisser Kürassieroffizier aus
der Reserve, der im Uebrigen mit nichts in Reserve
gehalten hat, am wenigsten mit revolutionären Maßnahmen, es will andeuten, sag' ich, daß ein gewisser
Halberstädter mit schwefelgelbem Kragen eigentlich
auch St. Privat allerpersönlichst gestürmt und um
Sedan herum den großen Zirkel gezogen habe. Botho,
damit darfst Du mir nicht kommen. Er war ein
Referendar und hat auf der Potsdamer Regierung
gearbeitet, sogar unter dem alten Meding, der nie
gut auf ihn zu sprechen war, ich weiß das, und hat
eigentlich nichts gelernt als Depeschen schreiben.
Soviel will ich ihm lassen, das versteht er, oder
mit andern Worten, er ist ein Federfuchser. Aber
nicht die Federfuchser haben Preußen groß gemacht.
War der bei Fehrbellin ein Federfuchser? War der
bei Leuthen ein Federfuchser? War Blücher ein
Federfuchser oder York? Hier sitzt die preußische
Feder. Ich kann diesen Cultus nicht leiden.“

„Aber lieber Onkel . . .“

„Aber, aber, ich dulde kein aber. Glaube mir,
Botho, zu solcher Frage, dazu gehören Jahre; derlei
Dinge versteh' ich besser. Wie steht es denn? Er
stößt die Leiter um, drauf er emporgestiegen, und
verbietet sogar die Kreuzzeitung und rund heraus,
er ruinirt uns; er denkt klein von uns, er sagt uns
Sottisen und wenn ihm der Sinn danach steht,
verklagt er uns auf Diebstahl oder Unterschlagung
und schickt uns auf die Festung. Ach, was sag' ich
auf die Festung. Festung ist für anständige Leute,
nein, ins Landarmenhaus schickt er uns, um Wolle
zu zupfen . . . Aber Luft, meine Herren, Luft. Sie
haben keine Luft hier. Verdammtes Nest.“

Und er erhob sich und riß zu dem bereits offenstehenden Mittelflügel auch noch die beiden Nebenflügel auf, so daß von dem Zuge, der ging, die
Gardinen und das Tischtuch ins Wehen kamen.
Dann sich wieder setzend, nahm er ein Stück Eis
aus dem Champagnerkühler und fuhr sich damit
über die Stirn.

„Ah,“ fuhr er fort, „das Stück Eis hier, das
ist das Beste vom ganzen Frühstück … Und nun
sagen Sie, Herr v. Wedell, hab' ich Recht oder nicht?
Botho, Hand aufs Herz, hab' ich Recht? Ist es
nicht so, daß man sich als ein Märkischer von Adel
aus reiner Edelmannsempörung einen Hochverrathsprozeß auf den Leib reden möchte? Solchen Mann
… aus unsrer … Familie vornehmer als
die Bismarck's und so viele für Thron und Hohenzollernthum gefallen, daß man eine ganze Leibkompagnie daraus formiren könnte, Leibkompagnie
mit Blechmützen und der Boitzenburger kommandirt
sie. Ja, meine Herren. Und solcher Familie solchen
Affront. Und warum? Unterschlagung, Indiskretion,
Bruch von Amtsgeheimniß. Ich bitte Sie, fehlt
nur noch Kindsmord und Vergehen gegen die Sittlichkeit und wahrhaftig es bleibt verwunderlich genug,
daß nicht auch das noch herausgedrückt worden ist.
Aber die Herren schweigen. Ich bitte Sie, sprechen
Sie. Glauben Sie mir, daß ich andre Meinungen
hören und ertragen kann; ich bin nicht wie er;
sprechen Sie, Herr v. Wedell, sprechen Sie.“

Wedell, in immer wachsender Verlegenheit, suchte
nach einem Ausgleichs- und Beruhigungsworte:
„Gewiß, Herr Baron, es ist, wie Sie sagen. Aber,
Pardon, ich habe damals, als die Sache zum Austrag kam, vielfach aussprechen hören, und die Worte
sind mir im Gedächtniß geblieben, daß der Schwächere
darauf verzichten müsse, dem Stärkeren die Wege
kreuzen zu wollen, das verbiete sich in Leben wie
Politik, es sei nun mal so: Macht gehe vor Recht.“

„Und kein Widerspruch dagegen, kein Appell?“

„Doch, Herr Baron. Unter Umständen auch
ein Appell. Und um nichts zu verschweigen, ich
kenne solche Fälle gerechtfertigter Opposition. Was
die Schwäche nicht darf, das darf die Reinheit, die
Reinheit der Ueberzeugung, die Lauterkeit der Gesinnung. Die hat das Recht der Auflehnung, sie hat
sogar die Pflicht dazu. Wer aber hat diese Lauterkeit? Hatte sie . . . Doch ich schweige, weil ich weder
Sie, Herr Baron, noch die Familie, von der wir
sprechen, verletzen möchte. Sie wissen aber, auch
ohne daß ich es sage, daß er, der das Wagniß
wagte, diese Lauterkeit der Gesinnung nicht hatte.
Der blos Schwächere darf nichts, nur der Reine
darf alles.“

„Nur der Reine darf alles,“ wiederholte der
alte Baron mit einem so schlauen Gesicht, daß es
zweifelhaft blieb, ob er mehr von der Wahrheit
oder der Anfechtbarkeit dieser These durchdrungen
sei. Der Reine darf alles. Kapitaler Satz, den
ich mir mit nach Hause nehme. Der wird meinem
Pastor gefallen, der letzten Herbst den Kampf mit
mir aufgenommen und ein Stück von meinem Acker
zurückgefordert hat. Nicht seinetwegen, i Gott bewahre, blos um des Prinzips und seines Nachfolgers willen, dem er nichts vergeben dürfe. Schlauer
Fuchs. Aber der Reine darf alles.“

„Du wirst schon nachgeben in der Pfarrackerfrage,“ sagte Botho. „Kenn' ich doch Schönemann
noch von Sellenthin's her.“

„Ja, da war er noch Hauslehrer und kannte
nichts Besseres, als die Schulstunden abkürzen und
die Spielstunden in die Länge ziehen. Und konnte
Reifen spielen wie ein junger Marquis; wahrhaftig,
es war ein Vergnügen, ihm zuzusehen. Aber nun
ist er sieben Jahre im Amt und Du würdest den
Schönemann, der der gnädigen Frau den Hof machte,
nicht wieder erkennen. Eins aber muß ich ihm
lassen, er hat beide Frölens gut erzogen und am
besten Deine Käthe . . .“

Botho sah den Onkel verlegen an, fast als ob
er ihn um Diskretion bitten wolle. Der alte Baron
aber, überfroh, das heikle Thema so glücklich beim
Schopfe gefaßt zu haben, fuhr in überströmender
und immer wachsender guter Laune fort: „Ach laß
doch, Botho. Diskretion, Unsinn. Wedell ist Landsmann und wird von der Geschichte so gut wissen,
wie jeder andere. Weshalb schweigen über solche
Dinge. Du bist doch so gut wie gebunden. Und
weiß es Gott, Junge, wenn ich so die Frölens Revue
passiren lasse, 'ne bessre findest Du nicht, Zähne
wie Perlen und lacht immer, daß man die ganze
Schnur sieht. Eine Flachsblondine zum Küssen und
wenn ich dreißig Jahre jünger wäre, höre … “

Wedell, der Botho's Verlegenheit bemerkte, wollte
ihm zu Hilfe kommen und sagte: „Die Sellenthin'schen Damen sind alle sehr anmuthig, Mutter wie
Töchter; ich war vorigen Sommer mit ihnen in
Norderney, charmant, aber ich würde der zweiten
den Vorzug geben . . .“

„Desto besser, Wedell. Da kommt ihr euch nicht
in die Quer und wir können gleich eine Doppelhochzeit feiern. Und Schönemann kann trauen,
wenn Kluckhuhn, der wie alle Alten empfindlich ist,
es zugiebt, und ich will ihm nicht nur das Fuhrwerk stellen, ich will ihm auch das Stück Pfarracker ohne Weiteres cediren, wenn ich solche Hochzeit
zwischen heut und einem Jahr erlebe. Sie sind
reich, lieber Wedell, und mit Ihnen pressirt es am
Ende nicht. Aber sehen Sie sich unsern Freund
Botho an. Daß er so wohlgenährt aussieht, das
verdankt er nicht seiner Sandbüchse, die, die paar
Wiesen abgerechnet, eigentlich nichts als eine Kiefernschonung ist, und noch weniger seinem Muränensee.
„Muränensee“, das klingt wundervoll und man
könnte beinah sagen poetisch. Aber das ist auch alles.
Man kann von Muränen nicht leben. Ich weiß,
Du hörst nicht gerne davon, aber da wir mal dabei
sind, so muß es heraus. Wie liegt es denn? Dein
Großvater hat die Haide 'runterschlagen lassen und
Dein Vater selig — ein kapitaler Mann, aber ich
habe keinen Menschen je so schlecht L'hombre spielen
sehn und so hoch dazu — Dein Vater selig, sag'
ich, hat die fünfhundert Morgen Bruchacker an die
Jeseritzer Bauern parzellirt und was von gutem
Boden übrig geblieben ist, ist nicht viel, und die
dreißigtausend Thaler sind auch längst wieder fort.
Wärst Du allein, so möcht' es gehn, aber Du mußt
theilen mit Deinem Bruder und vorläufig hat die
Mama, meine Frau Schwester Liebden, das Ganze
noch in Händen, eine prächtige Frau, klug und gescheidt, aber auch nicht auf die sparsame Seite gefallen. Botho, wozu stehst Du bei den Kaiserkürassieren und wozu hast Du eine reiche Cousine,
die blos darauf wartet, daß Du kommst und in
einem regelrechten Antrage das besiegelst und wahrmachst, was die Eltern schon verabredet haben, als
ihr noch Kinder wart. Wozu noch überlegen? Höre,
wenn ich morgen auf der Rückreise bei Deiner Mama
mit vorfahren und ihr die Nachricht bringen könnte:
„Liebe Josephine, Botho will, alles abgemacht,“
höre Junge, das wäre 'mal was, das einem alten
Onkel, der's gut mit Dir meint, eine Freude machen
könnte. Reden Sie zu, Wedell. Es ist Zeit, daß
er aus der Garçonschaft herauskommt. Er verthut
sonst sein bischen Vermögen oder verplämpert sich
wohl gar mit einer kleinen Bourgeoise. Hab' ich
Recht? Natürlich. Abgemacht. Und darauf müssen
wir noch anstoßen. Aber nicht mit diesem Rest . . .“
Und er drückte auf die Klingel.

„Ein Heidsieck. Beste Marke.“

Achtes Kapitel.

Im Club befanden sich um eben diese Zeit zwei
junge Kavaliere, der eine, von den Gardes du Corps,
schlank, groß und glatt, der andere, von den Pasewalkern abkommandiert, etwas kleiner, mit Vollbart
und nur vorschriftsmäßig freiem Kinn. Der weiße
Damast des Tisches, dran sie gefrühstückt hatten,
war zurückgeschlagen und an der freigewordenen
Hälfte saßen Beide beim Piquet.

„Sechs Blatt mit 'ner Quart.“

„Gut.“

„Und Du?“

„Vierzehn As, drei Könige, drei Damen . . .
Und Du machst keinen Stich.“ Und er legte das
Spiel auf den Tisch und schob im nächsten
Augenblicke die Karten zusammen, während der Andere mischte.

„Weißt Du schon, Ella verheirathet sich.“

„Schade.“

„Warum schade?“

„Sie kann dann nicht mehr durch den Reifen
springen.“

„Unsinn. Je mehr sie sich verheirathen, desto
schlanker werden sie“

„Doch mit Ausnahme. Viele Namen aus der
Zirkus-Aristokratie blühen schon in der dritten und
vierten Generation, was denn doch einigermaßen
auf Wechselzustände von schlank und nicht-schlank,
oder, wenn Du willst, auf Neumond und erstes
Viertel ꝛc. hinweist.“

„Irrthum. Error in calculo. Du vergißt
Adoption. Alle diese Zirkusleute sind heimliche Gichtelianer und vererben nach Plan und Abmachung
ihr Vermögen, ihr Ansehen und ihren Namen. Es
scheinen dieselben und sind doch andere geworden.
Immer frisches Blut. Heb' ab. . Uebrigens hab' ich
noch eine zweite Nachricht. Afzelius kommt in den
Generalstab.“

„Welcher?“

„Der von den Ulanen.“

„Unmöglich.“

„Moltke hält große Stücke auf ihn und er soll
eine vorzügliche Arbeit gemacht haben.“

„Imponirt mir nicht. Alles Bibliotheks- und
Abschreibesache. Wer nur ein Bischen findig ist,
kann Bücher leisten wie Humboldt oder Ranke.“

„Quart. Vierzehn As.“

„Quint vom König.“

Und während die Stiche gemacht wurden, hörte
man in dem Billardzimmer nebenan das Klappen
der Bälle und das Fallen der kleinen Boulekegel.

Nur sechs oder acht Herren waren alles in allem
in den zwei hintern Clubzimmern, die mit ihrer
Schmalseite nach einem sonnigen und ziemlich langweiligen Garten hinaussahen, versammelt, alle schweigsam, alle mehr oder weniger in ihr Whist oder
Domino vertieft, nicht zum wenigsten die zwei piquetspielenden Herren, die sich eben über Ella und Afzelius
unterhalten hatten. Es ging hoch, weshalb beide
von ihrem Spiel erst wieder aufsahen, als sie, durch
eine offne Rundbogen-Nische, von dem nebenher
laufenden Zimmer her eines neuen Ankömmlings
gewahr wurden. Es war Wedell.

„Aber Wedell, wenn Sie nicht eine Welt von
Neuigkeiten mitbringen, so belegen wir Sie mit dem
großen Bann.“

„Pardon, Serge, es war keine bestimmte Verabredung.“

„Aber doch beinah. Uebrigens finden Sie mich
persönlich in nachgiebigster Stimmung. Wie sie sich
mit Pitt auseinander setzen wollen, der eben 150
Points verloren, ist Ihre Sache.“

Dabei schoben beide die Karten bei Seit' und
der von dem herzukommenden Wedell als Serge
Begrüßte zog seine Remontoir-Uhr und sagte: „3 Uhr
15. Also Kaffee. Irgend ein Philosoph, und es
muß einer der größten gewesen sein, hat einmal gesagt, das sei das Beste am Kaffee, daß er in jede
Situation und Tagesstunde hineinpasse. Wahrhaftig,
Wort eines Weisen. Aber wo nehmen wir ihn?
Ich denke wir setzen uns draußen auf die Terrasse,
mitten in die Sonne. Je mehr man das Wetter
brüskirt, desto besser fährt man. Also, Pehlecke,
drei Tassen. Ich kann das Umfallen der Boulekegel nicht mehr mit anhören, es macht mich nervös;
draußen haben wir freilich auch Lärm, aber doch
anders und hören statt des spitzen Klappertons das
Poltern und Donnern unserer unterirdischen Kegelbahn, wobei wir uns einbilden können, am Vesuv
oder Aetna zu sitzen. Und warum auch nicht? Alle
Genüsse sind schließlich Einbildung und wer die beste
Phantasie hat, hat den größten Genuß. Nur das
Unwirkliche macht den Werth und ist eigentlich das
einzig Reale.“

„Serge,“ sagte der andere, der beim Piquetspielen als Pitt angeredet worden war, „wenn Du
mit Deinen berühmten großen Sätzen so fortfährst,
so bestrafst Du Wedell härter als er verdient.
Außerdem hast Du Rücksicht auf mich zu nehmen,
weil ich verloren habe. So, hier wollen wir bleiben,
den lawn im Rücken, diesen Epheu neben uns und
eine kahle Wand en vue. Himmlischer Aufenthalt
für Seiner Majestät Garde! Was wohl der alte
Fürst Pückler zu diesem Klubgarten gesagt haben
würde. Pehlecke . . . so, hier den Tisch her, jetzt
geht's. Und zum Schluß eine Cuba von Ihrem
gelagertsten Lager. Und nun, Wedell, wenn Ihnen
verziehen werden soll, schütteln Sie Ihr Gewand,
bis ein neuer Krieg herausfällt oder irgend eine
andere große Nachricht. Sie sind ja durch Puttkamers mit unserem lieben Herrgott verwandt. Mit
welchem, brauch' ich nicht erst hinzuzusetzen. Was
kocht er wieder?“

„Pitt,“ sagte Wedell, „ich beschwöre Sie, nur
keine Bismarckfragen. Denn erstlich wissen Sie,
daß ich nichts weiß, weil Vettern im 17. Grad nicht
gerade zu den Intimen und Vertrauten des Fürsten
gehören, zum zweiten aber komme ich, statt vom
Fürsten, recte von einem Bolzenschießen her, das
sich mit einigen Treffern und vielen, vielen Nicht-Treffern gegen niemand anders als gegen Seine
Durchlaucht richtete.“

„Und wer war dieser kühne Schütze?“

„Der alte Baron Osten, Rienäcker's Onkel.
Charmanter alter Herr und Bon-Garçon. Aber
freilich auch Pfiffikus.“

„Wie alle Märker.“

„Bin auch einer.“

„Tant mieux. Da wissen Sie's von sich selbst.
Aber heraus mit der Sprache. Was sagte der
Alte?“

„Vielerlei. Das Politische kaum der Rede
werth, aber ein Anderes desto wichtiger: Rienäcker
steht vor einer scharfen Ecke.“

„Und vor welcher?“

„Er soll heirathen.“

„Und das nennen Sie eine scharfe Ecke? Ich
bitte Sie, Wedell, Rienäcker steht vor einer viel
schärferen: er hat 9000 jährlich und giebt 12 000
aus und das ist immer die schärfste aller Ecken,
jedenfalls schärfer als die Heiraths-Ecke. Heirathen
ist für Rienäcker keine Gefahr, sondern die Rettung.
Uebrigens hab' ich es kommen sehen. Und wer ist
es denn?“

„Eine Cousine!“

„Natürlich. Retterin und Cousine sind heutzutage fast identisch. Und ich wette, daß sie Paula
heißt. Alle Cousinen heißen jetzt Paula.“

„Diese nicht.“

„Sondern?“

„Käthe.“

„Käthe? Ah, da weiß ich's. Käthe Sellenthin.
Hm, nicht übel, glänzende Parthie. Der alte Sellenthin, es ist doch der mit dem Pflaster überm Auge,
hat sechs Güter und die Vorwerke mit eingerechnet,
sind es sogar dreizehn. Geht zu gleichen Theilen
und das dreizehnte kriegt Käthe noch als Zuschlag.
Gratulire. . .“

„Sie kennen sie?“

„Gewiß. Wundervolle Flachsblondine mit Vergißmeinnicht-Augen, aber trotzdem nicht sentimental,
weniger Mond als Sonne. Sie war hier bei der
Zülow in Pension und wurde mit 14 schon umkurt
und umworben.“

„In der Pension?“

„Nicht direkt und nicht Alltags, aber doch Sonntags, wenn sie beim alten Osten zu Tische war,
demselben, von dem Sie jetzt herkommen. Käthe,
Käthe Sellenthin . . sie war damals wie 'ne Bachstelze und wir nannten sie so und war der reizendste
Backfisch, den Sie sich denken können. Ich seh' noch
ihren Haar-Dutt, den wir immer den Wocken
nannten. Und den soll Rienäcker nun abspinnen.
Nun warum nicht? Es wird ihm so schwer nicht
werden.“

„Am Ende doch schwerer, als mancher denkt,“
antwortete Wedell. „Und so gewiß er der Aufbesserung seiner Finanzen bedarf, so bin ich doch
nicht sicher, daß er sich für die blonde Spezial-Landsmännin ohne Weiteres entscheiden wird. Rienäcker
ist nämlich seit einiger Zeit in einen andren Farbenton und zwar ins Aschfarbene gefallen und wenn
es wahr ist, was mir Balafré neulich sagte, so hat
er sich's ganz ernsthaft überlegt, ob er nicht seine
Weißzeug-Dame zur weißen Dame erheben soll.
Schloß Avenel oder Schloß Zehden macht ihm keinen
Unterschied, Schloß ist Schloß und Sie wissen,
Rienäcker, der überhaupt in manchem seinen eignen
Weg geht, war immer fürs Natürliche.“

„Ja,“ lachte Pitt. „Das war er. Aber Balafré schneidet auf und erfindet sich interessante
Geschichten. Sie sind nüchtern, Wedell, und
werden doch solch' erfundenes Zeug nicht glauben
wollen.“

„Nein. Erfundenes nicht,“ sagte Wedell. „Aber
ich glaube, was ich weiß. Rienäcker, trotz seiner sechs
Fuß, oder vielleicht auch gerade deßhalb, ist schwach
und bestimmbar und von einer seltenen Weichheit
und Herzensgüte.“

„Das ist er. Aber die Verhältnisse werden ihn
zwingen und er wird sich lösen und frei machen,
schlimmstenfalls wie der Fuchs aus dem Eisen. Es
thut weh und ein Stückchen Leben bleibt dran
hängen. Aber das Hauptstück ist doch wieder
heraus, wieder frei. Vive Käthe. Und Rienäcker!
Wie sagt das Sprichwort: „Mit dem Klugen ist
Gott.“

Neuntes Kapitel.

Botho schrieb denselben Abend noch an Lene,
daß er am andern Tage kommen würde, vielleicht
schon früher als gewöhnlich. Und er hielt Wort
und war eine Stunde vor Sonnenuntergang da.
Natürlich fand er auch Frau Dörr. Es war eine
prächtige Luft, nicht zu warm, und nachdem man
noch eine Weile geplaudert hatte, sagte Botho: „Wir
könnten vielleicht in den Garten gehen.“

„Ja, in den Garten. Oder sonst wohin?“

„Wie meinst Du?“

Lene lachte. „Sei nicht wieder in Sorge, Botho.
Niemand ist in den Hinterhalt gelegt und die Dame
mit dem Schimmelgespann und der Blumenguirlande
wird Dir nicht in den Weg treten.“

„Also wohin, Lene?“

„Blos ins Feld, ins Grüne, wo Du nichts
haben wirst als Gänseblümchen und mich. Und
vielleicht auch Frau Dörr, wenn sie die Güte haben
will, uns zu begleiten.“

„Ob sie will.“ sagte Frau Dörr. „Gewiß will
sie. Große Ehre. Aber man muß sich doch erst
ein bischen zurechtmachen. Ich bin gleich wieder da.“

„Nicht nöthig, Frau Dörr, wir holen Sie ab.“

Und so geschah es, und als das junge Paar
eine Viertelstunde später auf den Garten zuschritt,
stand Frau Dörr schon an der Thür, einen Umhang
überm Arm und einen prachtvollen Hut auf dem
Kopf, ein Geschenk Dörr's, der, wie alle Geizhälse,
mitunter etwas lächerlich Theures kaufte.

Botho sagte der so Herausgeputzten etwas
Schmeichelhaftes und gleich danach gingen alle drei
den Gang hinunter und traten durch ein verstecktes
Seitenpförtchen auf einen Feldweg hinaus, der hier,
wenigstens zunächst noch und eh er weiter abwärts in
das freie Wiesengrün einbog, an dem an seiner
Außenseite hoch in Nesseln stehenden Gartenzaun
hinlief.

„Hier bleiben wir,“ sagte Lene. „Das ist der
hübscheste Weg und der einsamste. Da kommt
niemand.“

Und wirklich, es war der einsamste Weg, um
vieles stiller und menschenleerer als drei, vier andere,
die parallel mit ihm über die Wiese hin auf
Wilmersdorf zuführten und zum Theil ein eigenthümliches Vorstadtsleben zeigten. An dem einen
dieser Wege befanden sich allerlei Schuppen, zwischen
denen reckartige, wie für Turner bestimmte Gerüste standen und Botho's Neugier weckten, aber eh'
er noch erkunden konnte, was es denn eigentlich
sei, gab ihm das Thun drüben auch schon Antwort
auf seine Frage: Decken und Teppiche wurden über
die Gerüste hin ausgebreitet und gleich danach begann ein Klopfen und Schlagen mit großen Rohrstöcken, so daß der Weg drüben alsbald in einer
Staubwolke lag.

Botho wies darauf hin und wollte sich eben
mit Frau Dörr in ein Gespräch über den Werth
oder Unwerth der Teppiche vertiefen, die, bei Lichte
besehen, doch blos Staubfänger seien „und wenn
einer nicht fest auf der Brust sei, so hätt' er die
Schwindsucht weg, er wisse nicht wie.“ Mitten im
Satz aber brach er ab, weil der von ihm eingeschlagene Weg in eben diesem Augenblick an einer
Stelle vorüber führte, wo der Schutt einer Bildhauer-Werkstatt abgeladen sein mußte, denn allerhand Stuck-Ornamente, namentlich Engelsköpfe, lagen
in großer Zahl umher.

„Das ist ein Engelskopf,“ sagte Botho. „Sehen
Sie, Frau Dörr. Und hier ist sogar ein geflügelter.“

„Ja,“ sagte Frau Dörr. „Und ein Pausback
dazu. Aber is es denn ein Engel? Ich denke,
wenn er so klein is und Flügel hat, heißt er
Amor.“

„Amor oder Engel,“ sagte Botho, „das ist
immer dasselbe. Fragen Sie nur Lene, die wird
es bestätigen. Nicht wahr, Lene?“

Lene that empfindlich, aber er nahm ihre Hand
und alles war wieder gut.

Unmittelbar hinter dem Schutthaufen bog der
Pfad nach links hin ab und mündete gleich danach
in einen etwas größeren Feldweg ein, dessen Pappelweiden eben blühten und ihre flockenartigen Kätzchen
über die Wiese hin ausstreuten, auf der sie nun
wie gezupfte Watte dalagen.

„Sieh, Lene,“ sagte Frau Dörr, „weißt Du
denn, daß sie jetzt Betten damit stopfen, ganz wie
mit Federn? Und sie nennen es Waldwolle.“

„Ja, ich weiß, Frau Dörr. Und ich freue mich
immer, wenn die Leute so was ausfinden und sich
zu Nutze machen. Aber für Sie wär' es nichts.“

„Nein, Lene, für mich wär' es nich. Da hast
Du Recht. Ich bin so mehr fürs Feste, für Pferdehaar und Sprungfedern und wenn es denn so
wuppt . . .“

„O ja,“ sagte Lene, der diese Beschreibung etwas
ängstlich zu werden anfing. „Ich fürchte blos, daß
wir Regen kriegen. Hören Sie nur die Frösche,
Frau Dörr.“

„Ja. die Poggen,“ bestätigte diese. „Nachts ist
es mitunter ein Gequake, daß man nicht schlafen
kann. Und woher kommt es? Weil hier alles
Sumpf is und blos so thut, als ob es Wiese wäre.
Sieh doch den Tümpel an, wo der Storch steht
und kuckt gerade hierher. Na, nach mir sieht er
nich. Da könnt' er lange sehn. Und is auch recht
gut so.“

„Wir müssen am Ende doch wohl umkehren,“ sagte
Lene verlegen, und eigentlich nur, um etwas zu
sagen.

„I bewahre,“ lachte Frau Dörr. „Nun erst
recht nich, Lene; Du wirst Dich doch nich graulen
und noch dazu vor so was. Adebaar, Du Guter,
bring mir. . . Oder soll ich lieber singen: Adebaar,
Du Bester?“

So ging es noch eine Weile weiter, denn Frau
Dörr brauchte Zeit, um von einem solchen Lieblingsthema wieder los zu kommen.

Endlich aber war doch eine Pause da, während
welcher man in langsamem Tempo weiter schritt,
bis man zuletzt an einen Höhenrücken kam, der sich hier
plateauartig von der Spree nach der Havel hinüberzieht. An eben dieser Stelle hörten auch die Wiesen
auf und Korn- und Rapsfelder fingen an, die sich
bis an die vorderste Häuserreihe von Wilmersdorf
zogen.

„Nun blos da noch 'rauf,“ sagte Frau Dörr,
„und dann setzen wir uns und pflücken Butterblumen
und flechten uns einen Stengelkranz. Jott, das
macht immer so viel Spaß, wenn man den einen
Stengel in den andern piekt, bis der Kranz fertig
is oder die Kette.“

„Wohl, wohl,“ sagte Lene, der es heute beschieden
war, aus kleinen Verlegenheiten gar nicht heraus
zu kommen. „Wohl, wohl. Aber nun kommen Sie,
Frau Dörr; hier geht der Weg.“

Und so sprechend, stiegen sie den niedrigen Abhang hinauf und setzten sich, oben angekommen, auf
einen hier seit letztem Herbst schon aus Peden und
Nesseln zusammengekarrten Unkrauthaufen Dieser
Pedenhaufen war ein prächtiger Ruheplatz, zugleich
auch ein Aussichtspunkt, von dem aus man über
einen von Werft und Weiden eingefaßten Graben
hin nicht nur die nördliche Häuserreihe von Wilmersdorf überblicken, sondern auch von einer benachbarten
Kegelbahn-Tabagie her das Fallen der Kegel und
vor allem das Zurückrollen der Kugel auf zwei
klapprigen Latten in aller Deutlichkeit hören konnte.
Lene vergnügte sich über die Maßen darüber, nahm
Botho's Hand und sagte: „Sieh, Botho, ich weiß
so gut Bescheid damit (denn als Kind wohnten wir
auch neben einer solchen Tabagie), daß ich, wenn ich
die Kugel blos aufsetzen höre, gleich weiß, wie viel
sie machen wird.“

„Nun,“ sagte Botho, „da können wir ja wetten.“

„Und um was?“

„Das findet sich.“

„Gut. Aber ich brauch' es nur dreimal zu
treffen und wenn ich schweige, so zählt es nicht.“

„Bin es zufrieden.“

Und nun horchten alle drei hinüber und die
mit jedem Moment erregter werdende Frau Dörr
verschwor sich hoch und theuer, ihr puppre das Herz
und ihr sei gerade so, wie wenn sie vor einem
Theatervorhang sitze. „Lene, Lene, Du hast Dir
zuviel zugetraut, Kind, das is ja gar nich möglich.“

So wär' es wohl noch weiter gegangen, wenn
man nicht in eben diesem Augenblicke gehört hätte,
daß eine Kugel aufgesetzt und nach einmaligem
dumpfen Anschlag an die Seitenbande wieder still
wurde. „Sandhase,“ rief Lene. Und richtig, so
war es.

„Das war leicht,“ sagte Botho. „Zu leicht.
Das hätt' ich auch gerathen. Sehen wir also, was
kommt.“

Und siehe da, zwei weitere Würfe folgten, ohne
daß Lene gesprochen oder sich auch nur gerührt
hätte. Nur Frau Dörr's Augen traten immer mehr
aus dem Kopf. Jetzt aber, und Lene hob sich sofort
von ihrem Platz, kam eine kleine, feste Kugel und
in einem eigenthümlichen Mischton von Elastizität
und Härte hörte man sie vibrirend über das Brett
hintanzen. „Alle neun,“ rief Lene. Und im Nu
gab es drüben ein Fallen und der Kegeljunge bestätigte nur, was kaum noch der Bestätigung bedurfte.

„Du sollst gewonnen haben, Lene. Wir essen
heute noch ein Vielliebchen und dann geht alles in
einem. Nicht wahr, Frau Dörr?“

„Versteht sich,“ zwinkerte diese, „alles in einem.“
Und dabei band sie den Hut ab und beschrieb Kreise
damit, wie wenn es ihr Markthut gewesen wäre.

Mittlerweile sank die Sonne hinter den Wilmersdorfer Kirchthurm und Lene schlug vor aufzubrechen
und den Rückweg anzutreten, „es werde so fröstlich;
unterwegs aber wollte man spielen und sich greifen:
sie sei sicher, Botho werde sie nicht fangen.“

„Ei, da wollen wir doch sehn.“

Und nun begann ein Jagen und Haschen, bei
dem Lene wirklich nicht gefangen werden konnte, bis
sie zuletzt vor Lachen und Aufregung so abgeäschert
war, daß sie sich hinter die stattliche Frau Dörr
flüchtete.

„Nun hab' ich meinen Baum,“ lachte sie, „nun
kriegst Du mich erst recht nicht.“ Und dabei hielt sie sich
an Frau Dörr's etwas abstehender Schooßjacke fest
und schob die gute Frau so geschickt nach rechts
und links, daß sie sich eine Zeitlang mit Hilfe
derselben deckte. Plötzlich aber war Botho neben
ihr, hielt sie fest und gab ihr einen Kuß.

„Das ist gegen die Regel; wir haben nichts
ausgemacht.“ Aber trotz solcher Abweisung hing sie
sich doch an seinen Arm und kommandirte, während
sie die Garde-Schnarrstimme nachahmte „Parademarsch … frei weg“ und ergötzte sich an den bewundernden und nicht enden wollenden Ausrufen,
womit die gute Frau Dörr das Spiel begleitete.

„Is es zu glauben?“ sagte diese. „Nein, es
is nich zu glauben. Un immer so un nie anders.
Un wenn ich denn an meinen denke! Nicht zu
glauben, sag' ich. Un war doch auch einer. Unthat auch immer so.“

„Was meint sie nur?“ fragte Botho leise.

„O, sie denkt wieder . . . Aber, Du ja . .
Ich habe Dir ja davon erzählt.“

„Ah, das ist es. Der. Nun, er wird wohl
so schlimm nicht gewesen sein.“

„Wer weiß. Zuletzt ist einer wie der andere.“

„Meinst Du?“

„Nein.“ Und dabei schüttelte sie den Kopf und
in ihrem Auge lag etwas von Weichheit und
Rührung. Aber sie wollte diese Stimmung nicht
aufkommen lassen und sagte deshalb rasch: „Singen
wir, Frau Dörr. Singen wir. Aber was?“

„Morgenroth . . .“

„Nein, das nicht . . . ‚Morgen in das kühle
Grab',“ das ist mir zu traurig. Nein, singen wir
„Uebers Jahr, übers Jahr“ oder noch lieber „Denkst
Du daran.“

„Ja, das is recht, das is schön; das is mein
Leib- und Magenlied.“

Und mit gut eingeübter Stimme sangen alle
drei das Lieblingslied der Frau Dörr und man
war schon bis in die Nähe der Gärtnerei gekommen,
als es noch immer über das Feld hinklang: „Ich
denke dran . . . ich danke Dir mein Leben“ und dann
von der andren Wegseite her, wo die lange Reihe
der Schuppen und Remisen stand, im Echo wiederhallte.

Die Dörr war überglücklich. Aber Lene und
Botho waren ernst geworden.

Zehntes Kapitel.

Es dunkelte schon, als man wieder vor der
Wohnung der Frau Nimptsch war und Botho, der
seine Heiterkeit und gute Laune rasch zurück gewonnen hatte, wollte nur einen Augenblick noch mit
hineinsehn und sich gleich danach verabschieden. Als
ihn Lene jedoch an allerlei Versprechungen und
Frau Dörr mit Betonung und Augenspiel an das
noch ausstehende Vielliebchen erinnerte, gab er nach
und entschloß sich, den Abend über zu bleiben.

„Das is recht,“ sagte die Dörr. „Und ich bleibe
nun auch. Das heißt, wenn ich bleiben darf und
bei dem Vielliebchen nicht störe. Denn man kann
doch nie wissen. Und ich will blos noch den Hut
nach Hause bringen und den Umhang. Und denn
komm ich wieder.“

„Gewiß müssen Sie wieder kommen,“ sagte
Botho, während er ihr die Hand gab. „So jung
kommen wir nicht wieder zusammen.“

„Nein, nein,“ lachte die Dörr, „so jung kommen
wir nich wieder zusammen. Un is auch eigentlich
ganz unmöglich, un wenn wir auch morgen schon
wieder zusammen kämen. Denn ein Tag is doch
immer ein Tag und macht auch schon was aus. Und
deshalb is es ganz richtig, daß wir so jung nich
wieder zusammen kommen. Und muß sich jeder gefallen lassen.“

In dieser Tonart ging es noch eine Weile
weiter und die von niemandem bestrittene Thatsache des täglichen Aelterwerdens gefiel ihr so, daß
sie dieselbe noch einigemale wiederholte. Dann erst
ging sie. Lene begleitete sie bis auf den Flur,
Botho seinerseits aber setzte sich neben Frau Nimptsch
und fragte, während er ihr das von der Schulter
gefallene Umschlagetuch wieder umhing, „ob sie noch
böse sei, daß er ihr die Lene wieder auf ein paar
Stunden entführt habe? Aber es sei so hübsch gewesen und oben auf dem Pedenhaufen, wo sie sich
ausgeruht und geplaudert hätten, hätten sie der Zeit
ganz vergessen.“

„Ja, die Glücklichen vergessen die Zeit,“ sagte
die Alte. „Und die Jugend is glücklich un is auch
gut so un soll so sein. Aber wenn man alt wird,
lieber Herr Baron, da werden einen die Stunden
lang un man wünscht sich die Tage fort un das
Leben auch.“

„Ach, das sagen Sie so, Mutterchen. Alt oder
jung, eigentlich lebt doch jeder gern. Nicht wahr,
Lene, wir leben gern?“

Lene war eben wieder vom Flur her in die
Stube getreten und lief wie getroffen von dem
Wort auf ihn zu und umhalste und küßte ihn und
war überhaupt von einer Leidenschaftlichkeit, die ihr
sonst ganz fremd war.

„Lene, was hast Du nur?“

Aber sie hatte sich schon wieder gesammelt und
wehrte mit rascher Handbewegung seine Theilnahme
ab, wie wenn sie sagen wollte: „Frage nicht.“ Und
nun ging sie, während Botho mit Frau Nimptsch
weiter sprach, auf das Küchenschapp zu, kramte drin
umher und kam gleich danach und völlig heitern
Gesichts mit einem kleinen, in blaues Zuckerpapier
genähten Buche zurück, das ganz das Aussehen
hatte wie die, drin Hausfrauen ihre täglichen Ausgaben aufschreiben. Dazu diente das Büchelchen
denn auch wirklich und zugleich zu Fragen, mit
denen sich Lene, sei's aus Neugier oder gelegentlich
auch aus tieferem Interesse beschäftigte. Sie schlug
es jetzt auf und wies auf die letzte Seite, drauf
Botho's Blick sofort der dick unterstrichenen Ueberschrift begegnete: „Was zu wissen noth thut.“

„Alle Tausend, Lene, das klingt ja wie Traktätchen oder Lustspieltitel.“

„Ist auch so was. Lies nur weiter.“

Und nun las er: „Wer waren die beiden Damen
auf dem Corso? Ist es die ältere oder ist es die
junge? Wer ist Pitt? Wer ist Serge? Wer ist
Gaston?“

Botho lachte. „Wenn ich Dir das alles beantworten soll, Lene, so bleib' ich bis morgen früh.“

Ein Glück, daß Frau Dörr bei dieser Antwort
fehlte, sonst hätt' es eine neue Verlegenheit gegeben.
Aber die sonst so flinke Freundin, flink wenigstens
wenn es sich um den Baron handelte, war noch
nicht wieder zurück, und so sagte denn Lene: „Gut,
so will ich mich handeln lassen. Und meinetwegen
denn von den zwei Damen ein andermal! Aber
was bedeuten die fremden Namen? Ich habe schon
neulich danach gefragt, als Du die Tüte brachtest.
Aber was Du da sagtest, war keine rechte Antwort,
nur so halb. Ist es ein Geheimniß?“

„Nein.“

„Nun denn sage.“

„Gern, Lene. Diese Namen sind blos Necknamen.“

„Ich weiß. Das sagtest Du schon.“

„ . . Also Namen, die wir uns aus Bequemlichkeit beigelegt haben, mit und ohne Beziehung, je
nachdem.“

„Und was heißt Pitt?“

„Pitt war ein englischer Staatsmann.“

„Und ist Dein Freund auch einer?“

„Um Gotteswillen. . .“

„Und Serge?“

„Das ist ein russischer Vorname, den ein Heiliger
und viele russische Großfürsten führen.“

„Die aber nicht Heilige zu sein brauchen, nicht
wahr? . . . Und Gaston?“

„Ist ein französischer Name.“

„Ja, dessen entsinn' ich mich. Ich habe mal als
ein ganz junges Ding, und ich war noch nicht eingesegnet, ein Stück gesehn: „Der Mann mit der
eisernen Maske.“ Und der mit der Maske, der hieß
Gaston. Und ich weinte jämmerlich.“

„Und lachst jetzt, wenn ich Dir sage: Gaston
bin ich.“

„Nein, ich lache nicht. Du hast auch eine
Maske.“

Botho wollte scherz- und ernsthaft das Gegentheil versichern, aber Frau Dörr, die gerade wieder
eintrat, schnitt das Gespräch ab, indem sie sich entschuldigte, daß sie so lange habe warten lassen.
Aber eine Bestellung sei gekommen und sie habe
rasch noch einen Begräbnißkranz flechten müssen.

„Einen großen oder einen kleinen?“ fragte die
Nimptsch, die gern von Begräbnissen sprach und eine
Passion hatte, sich von allem dazu Gehörigen erzählen zu lassen.

„Nu,“ sagte die Dörr, „es war ein mittelscher;
kleine Leute. Epheu mit Azalie.“

„Jott.“ fuhr die Nimptsch fort, „alles is jetzt
für Epheu und Azalie, blos ich nich. Epheu is ganz
gut, wenn er aufs Grab kommt und alles so grün
und dicht einspinnt, daß das Grab seine Ruhe hat
und der drunter liegt auch. Aber Epheu in'n Kranz,
das is nich richtig. Zu meiner Zeit, da nahmen
wir Immortellen, gelbe oder halbgelbe, und wenn
es ganz was Feines sein sollte, denn nahmen wir
rothe oder weiße und machten Kränze draus oder
auch blos einen und hingen ihn ans Kreuz und
da hing er denn den ganzen Winter und wenn der
Frühling kam, da hing er noch. Un manche hingen
noch länger. Aber so mit Epheu oder Azalie, das
is nichts. Un warum nich? Darum nicht, weil
es nich lange dauert. Un ich denke mir immer, je
länger der Kranz oben hängt, desto länger denkt
der Mensch auch an seinen Todten unten. Un mitunter auch 'ne Wittwe, wenn sie nich zu jung is.
Un das is es, warum ich für Immortelle bin, gelbe
oder rothe oder auch weiße, un kann ja jeder einen
andern Kranz zuhängen, wenn er will. Das is
denn so für den Schein. Aber der immortellige,
das is der richtige.“

„Mutter,“ sagte Lene, „Du sprichst wieder so
viel von Grab und Kranz.“

„Ja, Kind, jeder spricht, woran er denkt. Un
denkt einer an Hochzeit, denn redt er von Hochzeit,
un denkt einer an Begräbniß, denn redt er von
Grab. Un ich habe nich mal angefangen von Grab
un Kranz zu reden, Frau Dörr hat angefangen,
was auch ganz recht war. Un ich spreche blos
immer davon, weil ich immer 'ne Angst habe
un immer denke: ja, wer wird Dir mal einen
bringen?“

„Ach, Mutter. .“

„Ja, Lene, Du bist gut, Du bist ein gutes Kind.
Aber der Mensch denkt un Gott lenkt, un heute
roth un morgen todt. Un Du kannst sterben so
gut wie ich, jeden Tag, den Gott werden läßt, wenn
ich es auch nich glaube. Un Frau Dörr kann auch
sterben oder wohnt denn, wenn ich sterbe, vielleicht
wo anders oder ich wohne wo anders un bin vielleicht eben erst eingezogen. Ach, meine liebe Lene,
man hat nichts sicher, gar nichts, auch nich mal
einen Kranz aufs Grab.“

„Doch, doch, Mutter Nimptsch,“ sagte Botho,
„den haben Sie sicher.“

„Na, na, Herr Baron, wenn es man wahr is.“

„Und wenn ich in Petersburg bin oder in
Paris und ich höre, daß meine alte Frau Nimptsch
gestorben ist, dann schick' ich einen Kranz und wenn
ich in Berlin bin oder in der Nähe, dann bring' ich
ihn selber.“

Der Alten Gesicht verklärte sich ordentlich vor
Freude. „Na, das is ein Wort, Herr Baron. Un
da hab' ich doch nu meinen Kranz aufs Grab und
is mir lieb, daß ich ihn habe. Denn ich kann die
kahlen Gräber nich leiden, die so aussehn wie'n
Waisenhaus-Kirchhof oder für die Gefangenen oder
noch schlimmer. Aber nu mach' einen Thee, Lene,
das Wasser kocht un bullert schon un Erdbeeren
und Milch sind auch da. Un auch saure. Jott,
den armen Herrn Baron muß ja schon ganz jämlich sein. Immer ankucken macht hungrig, soviel
weiß ich auch noch. Ja, Frau Dörr, man hat ja
doch auch mal seine Jugend gehabt un wenn es
auch lange her is. Aber die Menschen waren damals so wie heut.“

Frau Nimptsch, die heut ihren Redetag hatte,
philosophirte noch eine Weile weiter, während Lene
das Abendbrod auftrug und Botho seine Neckereien
mit der guten Frau Dörr fortsetzte. Das sei gut,
daß sie den Staats-Hut zu rechter Zeit zu Bette
gebracht habe, der sei für Kroll oder fürs Theater,
aber nicht für den Wilmersdorfer Pedenhaufen.
Wo sie den Hut denn eigentlich her habe? Solchen Hut habe keine Prinzessin. Und er habe so
was Kleidsames überhaupt noch gar nicht gesehn; er
wolle nicht von sich selber reden, aber ein Prinz
hätte sich drin vergaffen können.“

Die gute Frau hörte wohl heraus, daß er sich
einen Spaß mache. Trotzdem sagte sie: „Ja, wenn
Dörr mal anfängt, denn is er so forsch und fein,
daß ich mitunter gar nicht weiß, wo er's herhat.
Alltags is nich viel mit ihm, aber mit eins is er
wie vertauscht un gar nich mehr derselbe un ich
sage denn immer: es is am Ende doch was mit
ihm un er kann es man blos nich so zeigen.“

So plauderte man beim Thee, bis 10 Uhr heran war. Dann brach Botho auf und Lene und
Frau Dörr begleiteten ihn durch den Vorgarten bis
an die Gartenthür. Als sie hier standen, erinnerte
die Dörr daran, daß man das Vielliebchen noch
immer vergessen habe. Botho schien aber die
Mahnung überhören zu wollen und betonte nur
nochmals, wie hübsch der Nachmittag gewesen sei.
„Wir müssen öfter so gehn, Lene, und wenn ich
wiederkomme, dann überlegen wir wohin. O, ich
werde schon etwas finden, etwas Hübsches und Stilles, und recht weit und nicht so blos über Feld.“

„Und dann nehmen wir Frau Dörr wieder
mit,“ sagte Lene, „oder bitten sie darum. Nicht
wahr, Botho?“

„Gewiß, Lene. Frau Dörr muß immer dabei
sein. Ohne Frau Dörr geht es nicht.“

„Ach, Herr Baron, das kann ich ja gar nich
annehmen, das kann ich ja gar nich verlangen.“

„Doch, liebe Frau Dörr,“ lachte Botho. „Sie
können alles verlangen. Eine Frau wie Sie.“

Und damit trennte man sich.

Elftes Kapitel.

Die Landpartie, die man nach dem Wilmersdorfer Spaziergange verabredet oder wenigstens geplant hatte, war nun auf einige Wochen hin das
Lieblingsgespräch und immer, wenn Botho kam,
überlegte man, wohin? Alle möglichen Plätze
wurden erwogen: Erkner und Kranichberge, Schwilow
und Baumgartenbrück, aber alle waren immer noch
zu besucht, und so kam es, daß Botho schließlich
„Hankels Ablage“ nannte, von dessen Schönheit und
Einsamkeit er wahre Wunderdinge gehört habe, Lene
war einverstanden. Ihr lag nur daran, mal hinauszukommen und in Gottes freier Natur, möglichst
fern von dem großstädtischen Getreibe, mit dem geliebten Manne zusammen zu sein. Wo, war gleichgiltig.

Der nächste Freitag wurde zu der Partie bestimmt. „Abgemacht.“ Und nun fuhren sie mit
dem Görlitzer Nachmittagszuge nach Hankels Ablage
hinaus, wo sie Nachtquartier nehmen und den andern
Tag in aller Stille zubringen wollten.

Der Zug hatte nur wenige Wagen, aber auch
diese waren schwach besetzt und so kam es, daß sich
Botho und Lene allein befanden. In dem Kupee
nebenan wurde lebhaft gesprochen, zugleich deutlich
genug, um heraus zu hören, daß es Weiterreisende
waren, keine Mitpassagiere für Hankels Ablage.

Lene war glücklich, reichte Botho die Hand und
sah schweigend in die Wald- und Haidelandschaft
hinaus. Endlich sagte sie: „Was wird aber Frau
Dörr sagen, daß wir sie zu Hause gelassen?“

„Sie darf es gar nicht erfahren.“

„Mutter wird es ihr ausplaudern.“

„Ja, dann steht es schlimm und doch ließ sich's
nicht anders thun. Sieh, auf der Wiese neulich,
da ging es, da waren wir mutterwindallein. Aber
wenn wir in Hankels Ablage auch noch so viel Einsamkeit finden, so finden wir doch immer noch einen
Wirth und eine Wirthin und vielleicht sogar einen
Berliner Kellner. Und solch Kellner, der immer
so still vor sich hinlacht oder wenigstens in sich
hinein, den kann ich nicht aushalten, der verdirbt
mir die Freude. Frau Dörr, wenn sie neben Deiner
Mutter sitzt oder den alten Dörr erzieht, ist unbezahlbar, aber nicht unter Menschen. Unter Menschen ist sie blos komische Figur und eine Verlegenheit.“

Gegen Fünf hielt der Zug an einem Waldrande . . . Wirklich, niemand außer Botho und Lene
stieg aus und beide schlenderten jetzt behaglich und
unter häufigem Verweilen auf ein Gasthaus zu, das,
in etwa zehn Minuten Entfernung von dem kleinen
Stationsgebäude, hart an der Spree seinen Platz
hatte. Dies „Etablissement“, wie sich's auf einem
schiefstehenden Wegweiser nannte, war ursprünglich
ein bloßes Fischerhaus gewesen, das sich erst sehr
allmählich und mehr durch An- als Umbau in ein
Gasthaus verwandelt hatte, der Blick über den Strom
aber hielt für alles, was sonst vielleicht fehlen
mochte, schadlos und ließ das glänzende Renommé,
dessen sich diese Stelle bei allen Eingeweihten erfreute, keinen Augenblick als übertrieben erscheinen.
Auch Lene fühlte sich sofort angeheimelt und nahm
in einer verandaartig vorgebauten Holzhalle Platz,
deren eine Hälfte von dem Gezweig einer alten,
zwischen Haus und Ufer stehenden Ulme verdeckt
wurde.

„Hier bleiben wir,“ sagte sie. „Sieh doch nur
die Kähne, zwei, drei . . . und dort weiter hinauf
kommt eine ganze Flotte. Ja, das war ein glücklicher Gedanke, der uns hierher führte. Sieh doch
nur, wie sie drüben auf dem Kahne hin und herlaufen und sich gegen die Ruder stemmen. Und
dabei alles so still. O, mein einziger Botho, wie
schön das ist und wie gut ich Dir bin.“

Botho freute sich, Lene so glücklich zu sehen.
Etwas Entschlossenes und beinah Herbes, das sonst
in ihrem Charakter lag, war wie von ihr genommen
und einer ihr sonst fremden Gefühlsweichheit gewichen und dieser Wechsel schien ihr selber unendlich
wohl zu thun.

Nach einer Weile kam der sein „Etablissement“
schon von Vater und Großvater her innehabende
Wirth, um nach den Befehlen der Herrschaften zu
fragen, vor allem auch, „ob sie zu Nacht bleiben
würden“, und bat, als diese Frage bejaht worden
war, über ihr Zimmer Beschluß fassen zu wollen.
Es ständen ihnen mehrere zur Verfügung, unter
denen die Giebelstube wohl die beste sein würde.
Sie sei zwar niedrig, aber sonst groß und geräumig
und hätte den Blick über die Spree bis an die
Müggelberge.

Der Wirth ging nun, als sein Vorschlag angenommen war, um die nöthigen Vorbereitungen zu
treffen, und Botho und Lene waren nicht nur wieder
allein mit einander, sondern genossen auch das Glück
dieses Alleinseins in vollen Zügen. Auf einem der
herabhängenden Ulmenzweige wiegte sich ein in einem
niedrigen Nachbargebüsche nistender Fink, Schwalben
fuhren hin und her und zuletzt kam eine schwarze
Henne mit einem langen Gefolge von Entenküken
an der Veranda vorüber und stolzirte gravitätisch
auf einen weit in den Fluß hineingebauten Wassersteg
zu. Mitten auf diesem Steg aber blieb die Henne
stehn, während sich die Küken ins Wasser stürzten
und fortschwammen.

„Lene sah eifrig dem allen zu. „Sieh nur, Botho,
wie der Strom durch die Pfähle schießt.“ Aber
eigentlich war es weder der Steg noch die durchschießende Fluth, was sie fesselte, sondern die zwei
Boote, die vorn angekettet lagen. Sie liebäugelte
damit und erging sich in kleinen Fragen und Anspielungen und erst als Botho taub blieb und durchaus
nichts davon verstehen wollte, rückte sie klarer mit
der Sprache heraus und sagte rundweg, daß sie
gern Wasser fahren möchte.

„Weiber sind doch unverbesserlich. Unverbesserlich
in ihrem Leichtsinn. Denk' an den zweiten Ostertag.
Um ein Haar . . .“

„… Wär' ich ertrunken Gewiß. Aber das
war nur das Eine. Nebenher lief die Bekanntschaft
mit einem stattlichen Herrn, dessen Du Dich vielleicht entsinnst. Er hieß Botho . . . Du wirst doch,
denk' ich, den zweiten Ostertag nicht als einen Unglückstag ansehen wollen? Da bin ich artiger und
galanter.“

„Nun, nun . . . Aber kannst Du denn auch
rudern, Lene?“

„Freilich kann ich. Und kann auch sogar steuern
und ein Segel stellen. Weil ich beinah ertrunken
wäre, denkst Du gering von mir und meiner Kunst.
Aber der Junge war schuld und ertrinken kann am
Ende jeder.“

Und dabei ging sie von der Veranda her den
Steg entlang auf die zwei Boote zu, deren Segel
eingerefft waren, während ihre Wimpel, mit eingesticktem Namen, oben an der Mastspitze flatterten.

„Welches nehmen wir,“ sagte Botho, „die ‚Forelle‛
oder die ,Hoffnung‛?“

„Natürlich die Forelle. Was sollen wir mit der
Hoffnung?“

Botho hörte wohl heraus, daß dies von Lene
mit Absicht und um zu sticheln gesagt wurde, denn
so fein sie fühlte, so verleugnete sie doch nie das
an kleinen Spitzen Gefallen findende Berliner Kind.
Er verzieh ihr aber dies Spitzige, schwieg und war
ihr beim Einsteigen behilflich. Dann sprang er
nach. Als er gleich darauf das Boot losketteln
wollte, kam der Wirth und brachte Jaquet und
Plaid, weil es bei Sonnenuntergang kalt würde.
Beide dankten und in Kürze waren sie mitten auf
dem Strom, der hier, durch Inseln und Landzungen
eingeengt, keine dreihundert Schritte breit sein mochte.
Lene that nur dann und wann einen Schlag mit
dem Ruder, aber auch diese wenigen Schläge reichten
schon aus, sie nach einer kleinen Weile bis an eine
hoch in Gras stehende, zugleich als Schiffswerft
dienende Wiese zu führen, auf der, in einiger Entfernung von ihnen, ein Spreekahn gebaut und alte,
leckgewordene Kähne kalfatert und getheert wurden.

„Dahin müssen wir,“ jubelte Lene, während sie
Botho mit sich fortzog. Aber ehe Beide bis an die
Schiffsbaustelle heran waren, hörte das Hämmern
der Zimmermannsaxt auf und das beginnende Läuten
der Glocke verkündete, daß Feierabend sei. So
bogen sie denn hundert Schritt von der Werft in
einen Pfad ein, der, schräg über die Wiese hin, auf
einen Kiefernwald zuführte. Die rothen Stämme
desselben glühten prächtig im Wiederschein der schon
tief stehenden Sonne, während über den Kronen ein
bläulicher Nebel lag.

„Ich möchte Dir einen recht schönen Strauß
pflücken,“ sagte Botho, während er Lene bei der Hand
nahm. „Aber sieh nur, die reine Wiese, nichts als
Gras und keine Blume. Nicht eine.“

„Doch. Die Hülle und Fülle. Du siehst nur
keine, weil Du zu anspruchsvoll bist.“

„Und wenn ich es wäre, so wär' ich es blos
für Dich.“

„O, keine Ausflüchte. Du wirst sehen, ich finde
welche.“

Und sich niederbückend, suchte sie nach rechts
und links hin und sagte: „Sieh nur, hier . . und
da … und hier wieder. Es stehen hier mehr als
in Dörr's Garten; man muß nur ein Auge dafür
haben.“ Und so pflückte sie behend und emsig,
zugleich allerlei Unkraut und Grashalme mit ausreißend, bis sie, nach ganz kurzer Zeit, eine Menge
Brauchbares und Unbrauchbares in Händen hatte.

Während dem waren sie bis an eine seit Jahr
und Tag leer stehende Fischerhütte gekommen, vor
der, auf einem mit Kienäpfeln überstreuten Sandstreifen (denn der Wald stieg unmittelbar dahinter
an) ein umgestülpter Kahn lag.

„Der kommt uns zu paß,“ sagte Botho, „hier
wollen wir uns setzen. Du mußt ja müde sein.
Und nun laß sehen, was Du gepflückt hast. Ich
glaube, Du weißt es selber nicht und ich werde mich
auf den Botaniker hin ausspielen müssen. Gieb her.
Das ist Ranunkel und das ist Mäuseohr und manche
nennen es auch falsches Vergißmeinnicht. Hörst Du,
falsches. Und hier das mit dem gezackten Blatt,
das ist Taraxacum, unsere gute alte Butterblume,
woraus die Franzosen Salat machen. Nun meinetwegen. Aber Salat und Bouquet ist ein Unterschied.“

„Gieb nur wieder her,“ lachte Lene. „Du hast
kein Auge für diese Dinge, weil Du keine Liebe
dafür hast, und Auge und Liebe gehören immer
zusammen. Erst hast Du der Wiese die Blumen
abgesprochen, und jetzt, wo sie da sind, willst Du
sie nicht als richtige Blumen gelten lassen. Es sind
aber Blumen und noch dazu sehr gute. Was gilt
die Wette, daß ich Dir etwas Hübsches zusammenstelle.“

„Nun da bin ich doch neugierig, was Du wählen
wirst.“

„Nur solche, denen Du selber zustimmst. Und
nun laß uns anfangen. Hier ist Vergißmeinnicht,
aber kein Mäuseohr-Vergißmeinnicht, will sagen kein
falsches, sondern ein ächtes. Zugestanden?“

„Ja“

„Und das hier ist Ehrenpreis, eine feine kleine
Blume. Die wirst Du doch auch wohl gelten lassen?
Da frag' ich gar nicht erst. Und diese große rothbraune das ist Teufels-Abbiß und eigens für Dich gewachsen. Ja, lache nur. Und das hier,“ und sie
bückte sich nach ein paar gelben Blumenköpfchen, die
gerade vor ihr auf der Sandstelle blühten „das sind
Immortellen.“

„Immortellen,“ sagte Botho. „Die sind ja die
Passion der alten Frau Nimptsch. Natürlich, die
nehmen wir, die dürfen nicht fehlen. Und nun
binde nur das Sträußchen zusammen.“

„Gut. Aber womit? Wir wollen es lassen, bis
wir eine Binse finden.“

„Nein, so lange will ich nicht warten. Und ein
Binsenhalm ist mir auch nicht gut genug, ist zu
dick und zu grob. Ich will was Feines. Weißt Du,
Lene, Du hast so schönes langes Haar; reiß ein's
aus und flicht den Strauß damit zusammen.“

„Nein,“ sagte sie bestimmt.

„Nein? warum nicht? warum nein?“

„Weil das Sprüchwort sagt: „Haar bindet.' Und
wenn ich es um den Strauß binde, so bist du mitgebunden.“

„Ach das ist Aberglauben. Das sagt Frau
Dörr.“

„Nein, die alte Frau sagt es. Und was die
mir von Jugend auf gesagt hat, auch wenn es wie
Aberglauben aussah, das war immer richtig.“

„Nun meinetwegen. Ich streite nicht. Aber ich
will kein ander Band um den Strauß, als ein Haar
von Dir. Und Du wirst doch nicht so eigensinnig
sein und mir's abschlagen.“

Sie sah ihn an, zog ein Haar aus ihrem Scheitel
und wand es um den Strauß. Dann sagte sie:
„Du hast es gewollt. Hier, nimm es. Nun bist
Du gebunden.“

Er versuchte zu lachen, aber der Ernst, mit dem
sie das Gespräch geführt und die letzten Worte gesprochen hatte, war doch nicht ohne Eindruck auf ihn
geblieben.

„Es wird kühl,“ sagte er nach einer Weile.
„Der Wirth hatte Recht, Dir Jaquet und Plaid
nachzubringen. Komm, laß uns aufbrechen.“

Und so gingen sie wieder auf die Stelle zu,
wo das Boot lag, und eilten sich, über den Fluß
zu kommen.

Jetzt erst, im Rückfahren, sahen sie, wie malerisch
das Gasthaus dalag, dem sie mit jedem Ruderschlage
näher kamen. Eine hohe groteske Mütze, so saß das
Schilfdach auf dem niedrigen Fachwerkbau, dessen
vier kleine Frontfenster sich eben zu erhellen begannen.
Und im selben Augenblicke wurden auch ein paar Windlichter in die Veranda getragen und durch das Gezweige der alten Ulme, das im Dunkel einem phantastischen Gitterwerke glich, blitzten allerlei Lichtstreifen
über den Strom hin.

Keiner sprach. Jeder aber hing seinem Glück
und der Frage nach, wie lange das Glück noch
dauern werde.

Zwölftes Kapitel.

Es dunkelte schon, als sie landeten.

„Laß uns diesen Tisch nehmen,“ sagte Botho,
während sie wieder unter die Veranda traten: „Hier
trifft Dich kein Wind und ich bestelle Dir einen
Grog oder Glühwein, nicht wahr? Ich sehe ja, Du
hast es kalt.“

Er schlug ihr noch allerlei andres vor, aber Lene
bat, auf ihr Zimmer gehn zu dürfen, wenn er dann
komme, sei sie wieder munter. Sie sei nur angegriffen und brauche nichts und wenn sie nur Ruhe
habe, so werd' es vorübergehen.

Damit verabschiedete sie sich und stieg in die
mittlerweile hergerichtete Giebelstube hinauf, begleitet
von der in durchaus irrigen Vermuthungen befangenen Wirthin, die sofort neugierig fragte, „was es
denn eigentlich sei,“ und, einer Antwort unbedürftig,
im selben Augenblicke fortfuhr: ja, das sei so bei
jungen Frauen, das wisse sie von sich selber, und eh'
ihr Aeltester geboren wurde (jetzt habe sie schon vier
und eigentlich fünf, aber der mittelste sei zu früh
gekommen und gleich todt), da hätte sie's auch gehabt. Es flög' einen so an und sei dann wie zum
sterben. Aber eine Tasse Melissenthee, das heißt
Klostermelisse, da fiele es gleich wieder ab und man
sei mit eins wieder wie'n Fisch im Wasser und
ordentlich aufgekratzt und fidel und ganz zärtlich.
„Ja, ja, gnädge Frau, wenn erst so vier um einen
'rumstehn, ohne daß ich den kleinen Engel mitrechne. . .“

Lene bezwang nur mit Müh' ihre Verlegenheit
und bat, um wenigstens etwas zu sagen, um etwas
Melissenthee, Kloster-Melisse, wovon sie auch schon
gehört habe.

Während oben in der Giebelstube dies Gespräch
geführt wurde, hatte Botho Platz genommen, aber
nicht innerhalb der windgeschützten Veranda, sondern
an einem urwüchsigen Brettertisch, der, in Front
derselben, auf vier Pfählen aufgenagelt war und
einen freien Blick hatte. Hier wollt' er sein Abendbrod einnehmen. Er bestellte sich denn auch ein Fischgericht und als der „Schlei mit Dill“, wofür das
Wirthshaus von alter Zeit her ein Renommee hatte,
aufgetragen wurde, kam der Wirth, um zu fragen,
welchen Wein der Herr Baron, er gab ihm diesen
Titel auf gut Glück hin, beföhle?

„Nun ich denke,“ sagte Botho, „zu dem delikaten
Schlei paßt am besten ein Brauneberger oder
sagen wir lieber ein Rüdesheimer und zum Zeichen,
daß er gut ist, müssen Sie sich zu mir setzen und
bei Ihrem eigenen Weine mein Gast sein.“

Der Wirth verbeugte sich unter Lächeln und kam
bald danach mit einer angestaubten Flasche zurück,
während die Magd, eine hübsche Wendin in Friesrock und schwarzem Kopftuch, auf einem Tablett die
Gläser brachte.

„Nun lassen Sie sehn,“ sagte Botho. „Die
Flasche verspricht alles mögliche Gute. Zu viel
Staub und Spinnweb ist allemal verdächtig, aber
diese hier. . . Ah, superbe. Das ist 70er, nicht
wahr? Und nun lassen Sie uns anstoßen, ja auf
was? Auf das Wohl von Hankels Ablage.“

Der Wirth war augenscheinlich entzückt und
Botho, der wohl sah, welchen guten Eindruck er
machte, fuhr deshalb in dem ihm eigenen leichten
und leutseligen Tone fort: „Ich find' es reizend
hier und nur Eins läßt sich gegen Hankels Ablage
sagen: der Name.“

„Ja,“ bestätigte der Wirth, „der Name, der läßt
viel zu wünschen übrig und ist eigentlich ein Malhör für uns. Und doch hat es seine Richtigkeit
damit, Hankels Ablage war nämlich wirklich eine
Ablage und so heißt es denn auch so.“

„Gut. Aber das bringt uns nicht weiter. Warum
hieß es Ablage? Was ist Ablage?“

„Nun wir könnten auch sagen: Aus- und Einladestelle. Das ganze Stück Land hier herum (und er
wies nach rückwärts) war nämlich immer ein großes
Dominium und hieß unter dem Alten Fritzen und
auch früher schon unter dem Soldatenkönige die
Herrschaft Wusterhausen. Und es gehörten wohl
an die 30 Dörfer dazu, sammt Forst und Haide.
Nun sehen Sie, die 30 Dörfer, die schafften natürlich was und brauchten was, oder was dasselbe
sagen will, sie hatten Ausfuhr und Einfuhr und
für Beides brauchten sie von Anfang an einen
Hafen- oder Stapelplatz und konnte nur noch
zweifelhaft sein, welche Stelle man dafür wählen
würde. Da wählten sie diese hier, diese Bucht
wurde Hafen, Stapelplatz „Ablage“ für alles was
kam und ging und weil der Fischer, der damals hier
wohnte, beiläufig mein Ahnherr, Hankel hieß, so
hatten wir eine „Hankels Ablage“.

„Schade,“ sagte Botho, „daß man's nicht jedem so
rund und nett erklären kann,“ und der Wirth, der sich
hierdurch ermuthigt fühlen mochte, wollte fortfahren.
Eh er aber beginnen konnte, hörte man einen Vogelschrei hoch oben in den Lüften, und als Botho neugierig hinaufsah, sah er, daß zwei mächtige Vögel,
kaum noch erkennbar, im Halbdunkel über der
Wasserfläche hinschwebten.

„Waren das wilde Gänse?“

„Nein, Reiher. Die ganze Forst hier herum ist
Reiher-Forst. Ueberhaupt ein rechter Jagdgrund,
Schwarzwild und Damwild in Massen und in dem Schilf
und Rohr hier, Enten, Schnepfen und Bekassinen.“

„Entzückend,“ sagte Botho, in dem sich der
Jäger regte. „Wissen Sie, daß ich Sie beneide.
Was thut schließlich der Name? Enten, Schnepfen,
Bekassinen. Es überkommt einen eine Lust, daß
man's auch so gut haben möchte. Nur einsam muß
es hier sein, zu einsam.“

Der Wirth lächelte vor sich hin und Botho,
dem es nicht entging, wurde neugierig und sagte:
„Sie lächeln. Aber ist es nicht so? Seit einer
halben Stunde hör' ich nichts als das Wasser, das
unter dem Steg hingluckst, und in diesem Augenblick
oben den Reiherschrei. Das nenn' ich einsam, so
hübsch es ist. Und dann und wann ziehn ein paar
große Spreekähne vorüber, aber alle sind einander
gleich oder sehen sich wenigstens ähnlich. Und
eigentlich ist jeder wie ein Gespensterschiff. Eine
wahre Todtenstille.“

„Gewiß,“ sagte der Wirth. „Aber doch alles
nur so lang es dauert.“

„Wie das?“

„Ja,“ wiederholte der Gefragte, „so lang es
dauert. Sie sprechen von Einsamkeit, Herr Baron,
und tagelang ist es auch wirklich einsam hier. Und
es können auch Wochen werden. Aber kaum, daß
das Eis bricht und das Frühjahr kommt, so kommt
auch schon Besuch und der Berliner ist da.“

„Wann kommt er?“

„Unglaublich früh. Oculi, da kommen sie.
Sehen Sie, Herr Baron, wenn ich, der ich doch
ausgewettert bin, immer noch drin in der Stube
bleibe, weil der Ostwind pustet und die Märzensonne
sticht, setzt sich der Berliner schon ins Freie, legt
seinen Sommer-Ueberzieher über den Stuhl und
bestellt eine Weiße. Denn so wie nur die Sonne
scheint, spricht der Berliner von schönem Wetter.
Ob in jedem Windzug eine Lungenentzündung oder
Diphtheritis sitzt, ist ihm egal. Er spielt dann am
liebsten mit Reifen, einige sind auch für Boccia,
und wenn sie dann abfahren, ganz gedunsen von
der Prallsonne, dann thut mir mitunter das Herz
weh, denn keiner ist darunter, dem nicht wenigstens
am andern Tage die Haut abschülbert.“

Botho lachte. „Ja, die Berliner! Wobei mir
übrigens einfällt, Ihre Spree hier herum muß ja
auch die Gegend sein, wo die Ruderer und Segler
zusammenkommen und ihre Regatten haben.“

„Gewiß,“ sagte der Wirth. „Aber das will
nicht viel sagen. Wenn's viele sind, dann sind es
50 oder vielleicht auch mal hundert. Und dann
ruht es wieder und ist auf Wochen und Monate
hin mit dem ganzen Wassersport vorbei. Nein, die
Klubleute, das ist vergleichsweise bequem, das ist
zum aushalten. Aber wenn dann im Juni die
Dampfschiffe kommen, dann ist es schlimm. Und
dann bleibt es so den ganzen Sommer über oder
doch eine lange, lange Weile.“

„Glaub's,“ sagte Botho.

„ … Dann trifft jeden Abend ein Telegramm
ein. „Morgen früh 9 Uhr Ankunft auf Spreedampfer „Alsen“. Tagespartie. 240 Personen.“
Und dann folgen die Namen derer, die's arrangirt
haben. Einmal geht das. Aber die Länge hat die
Qual. Denn wie verläuft eine solche Partie? Bis
Dunkelwerden sind sie draußen in Wald und Wiese,
dann aber kommt das Abendbrot und dann tanzen
sie bis um 11. Nun werden Sie sagen, „das ist
nichts Großes,“ und wär' auch nichts Großes, wenn
der andre Tag ein Ruhetag wär'. Aber der zweite
Tag ist wie der erste und der dritte ist wie der
zweite. Jeden Abend um 11 dampft ein Dampfer
mit 240 Personen ab und jeden Morgen um 9 ist ein
Dampfer mit ebenso viel Personen wieder da. Und
inzwischen muß doch aufgeräumt und alles wieder
klar gemacht werden. Und so vergeht die Nacht
mit lüften, putzen und scheuern und wenn die letzte
Klinke wieder blank ist, ist auch das nächste Schiff
schon wieder heran. Natürlich hat alles auch sein
Gutes und wenn man um Mitternacht Kasse zählt,
so weiß man, wofür man sich gequält hat. „Von
nichts, kommt nichts,“ sagt das Sprüchwort und
hat auch ganz recht und wenn ich all' die Maibowlen auffüllen sollte, die hier schon getrunken
sind, so müßt' ich mir ein Heidelberger Faß anschaffen. Es bringt was ein, gewiß, und ist alles
schön und gut. Aber dafür, daß man vorwärts
kommt, kommt man doch auch rückwärts und bezahlt
mit dem Besten, was man hat, mit Leben und Gesundheit. Denn was ist Leben ohne Schlaf?“

„Wohl, ich sehe schon,“ sagte Botho, „kein Glück
ist vollkommen. Aber dann kommt der Winter
und dann schlafen Sie wie sieben Dächse.“

„Ja, wenn nicht gerade Sylvester oder Dreikönigstag oder Fastnacht ist. Und die sind öfter
als der Kalender angiebt. Da sollten Sie das
Leben hier sehen, wenn sie, von zehn Dörfern her,
zu Schlitten oder Schlittschuh, in dem großen Saal,
den ich angebaut habe, zusammen kommen. Dann
sieht man kein großstädtisch Gesicht mehr und die
Berliner lassen einen in Ruh, aber der Großknecht
und die Jungemagd, die haben dann ihren Tag.
Da sieht man Otterfellmützen und Manchesterjacken
mit silbernen Buckelknöpfen und allerlei Soldaten,
die grad' auf Urlaub sind, sind mit dabei: Schwedter
Dragoner und Fürstenwalder Ulanen, oder wohl
gar Potsdamer Husaren. Und alles ist eifersüchtig
und streitlustig und man weiß nicht, was ihnen
lieber ist, das Tanzen oder das Krakehlen, und bei
dem kleinsten Anlaß stehen die Dörfer gegen einander und liefern sich ihre Bataillen. Und so toben
und lärmen sie die ganze Nacht durch und ganze
Pfannkuchenberge verschwinden und erst bei Morgengrauen geht es über das Stromeis oder den Schnee
hin wieder nach Hause.“

„Da seh' ich freilich,“ lachte Botho, „daß sich
von Einsamkeit und Todtenstille nicht gut sprechen
läßt. Ein Glück nur, daß ich von dem allen nicht
gewußt habe, sonst hätt' ich gar nicht den Muth
gehabt und wäre fortgeblieben. Und das wäre mir
doch leid gewesen, einen so hübschen Fleck Erde gar
nicht gesehen zu haben . . . Aber Sie sagten vorhin,
„was ist Leben ohne Schlaf,“ und ich fühle, daß
Sie Recht haben. Ich bin müde trotz früher
Stunde; das macht, glaub' ich, die Luft und das
Wasser. Und dann muß ich doch auch sehn . . . Ihre
liebe Frau hat sich so bemüht . . . Gute Nacht, Herr
Wirth. Ich habe mich verplaudert.“

Und damit stand er auf und ging auf das still
gewordene Haus zu.

Lene, die Füße schräg auf dem herangerückten
Stuhl, hatte sich aufs Bett gelegt und eine Tasse
von dem Thee getrunken, den ihr die Wirthin gebracht hatte. Die Ruhe, die Wärme thaten ihr
wohl, der Anfall ging vorüber und sie hätte schon
nach kurzer Zeit wieder in die Veranda hinuntergehn und an dem Gespräche, das Botho mit dem
Wirthe führte, theilnehmen können. Aber ihr war
nicht gesprächig zu Sinn und so stand sie nur auf,
um sich in dem Zimmer umzusehen, für das sie bis
dahin kein Auge gehabt hatte.

Und wohl verlohnte sich's. Die Balkenlagen
und Lehmwände hatte man aus alter Zeit her fortbestehen lassen und die geweißte Decke hing so tief
herab, daß man sie mit dem Finger berühren konnte,
was aber zu bessern gewesen war, das war auch
wirklich gebessert worden. An Stelle der kleinen
Scheiben, die man im Erdgeschoß noch sah, war hier
oben ein großes, bis fast auf die Diele reichendes
Fenster eingesetzt worden, das ganz so, wie der
Wirth es geschildert, einen prächtigen Blick auf die
gesammte Wald- und Wasser-Szenerie gestattete.
Das große Spiegelfenster war aber nicht alles, was
Neuzeit und Komfort hier gethan hatten. Auch
ein paar gute Bilder, muthmaßlich auf einer Auktion
erstanden, hingen an den alten, überall Buckel und
Blasen bildenden Lehmwänden umher, und just da,
wo der vorgebaute Fenstergiebel nach hinten oder
was dasselbe sagen will nach dem eigentlichen Zimmer
zu, die Dachschrägung traf, standen sich ein paar
elegante Toilettentische gegenüber. Alles zeigte, daß
man die Fischer- und Schiffer-Herberge mit Geflissentlichkeit beibehalten, aber sie doch zugleich auch
in ein gefälliges Gasthaus für die reichen Sportsleute vom Segler- und Ruderklub umgewandelt hatte.

Lene fühlte sich angeheimelt von Allem, was sie
sah, und begann zunächst die rechts und links in
breiter Umrahmung über den Bettständen hängenden
Bilder zu betrachten. Es waren Stiche, die sie,
dem Gegenstande nach, lebhaft interessirten, und so
wollte sie gerne wissen, was es mit den Unterschriften auf sich habe. „Washington crossing
the Delaware“ stand unter dem einen, „The last
hour at Trafalgar“ unter dem andern. Aber sie
kam über ein bloßes Silbenentziffern nicht hinaus,
und das gab ihr, so klein die Sache war, einen
Stich ins Herz, weil sie sich der Kluft dabei bewußt
wurde, die sie von Botho trennte. Der spöttelte
freilich über Wissen und Bildung, aber sie war klug
genug, um zu fühlen, was von diesem Spotte zu
halten war.

Dicht neben der Eingangsthür, über einem Rokokotisch, auf dem rothe Gläser und eine Wasserkaraffe
standen, hing noch eine buntfarbige, mit einer dreisprachigen Unterschrift versehene Lithographie: „Si
jeunesse savait“‚ — ein Bild, das sie sich entsann
in der Dörr'schen Wohnung gesehen zu haben. Dörr
liebte dergleichen. Als sie's hier wieder sah, fuhr
sie verstimmt zusammen. Ihre feine Sinnlichkeit
fühlte sich von dem Lüsternen in dem Bilde wie
von einer Verzerrung ihres eignen Gefühls beleidigt
und so ging sie denn, den Eindruck wieder los zu
werden, bis an das Giebelfenster und öffnete beide
Flügel, um die Nachtluft einzulassen. Ach, wie sie
das erquickte! Dabei setzte sie sich auf das Fensterbrett, das nur zwei Handbreit über der Diele war,
schlang ihren linken Arm um das Kreuzholz und
horchte nach der nicht allzu entfernten Veranda
hinüber. Aber sie vernahm nichts. Eine tiefe
Stille herrschte, nur in der alten Ulme ging ein
Wehen und Rauschen und alles, was eben noch von
Verstimmung in ihrer Seele geruht haben mochte,
das schwand jetzt hin, als sie den Blick immer eindringlicher und immer entzückter auf das vor ihr
ausgebreitete Bild richtete. Das Wasser fluthete
leise, der Wald und die Wiese lagen im abendlichen
Dämmer und der Mond, der eben wieder seinen
ersten Sichelstreifen zeigte, warf einen Lichtschein
über den Strom und ließ das Zittern seiner kleinen
Wellen erkennen.

„Wie schön,“ sagte Lene hochaufathmend. „Und
ich bin doch glücklich,“ setzte sie hinzu.

Sie mochte sich nicht trennen von dem Bilde.
Zuletzt aber erhob sie sich, schob einen Stuhl vor
den Spiegel und begann ihr schönes Haar zu lösen
und wieder einzuflechten. Als sie noch damit beschäftigt war, kam Botho.

„Lene, noch auf! Ich dachte, daß ich Dich mit
einem Kusse wecken müßte.“

„Dazu kommst Du zu früh, so spät Du kommst.“

Und sie stand auf und ging ihm entgegen.
„Mein einziger Botho. Wie lange Du bleibst…“

„Und das Fieber? Und der Anfall?“

„Ist vorüber und ich bin wieder munter, seit
einer halben Stunde schon. Und eben so lange
hab' ich Dich erwartet.“ Und sie zog ihn mit sich
fort an das noch offen stehende Fenster: „Sieh nur.
Ein armes Menschenherz, soll ihm keine Sehnsucht
kommen bei solchem Anblick?“

Und sie schmiegte sich an ihn und blickte, während
sie die Augen schloß, mit einem Ausdruck höchsten
Glückes zu ihm auf.

Dreizehntes Kapitel.

Beide waren früh auf und die Sonne kämpfte
noch mit dem Morgennebel, als sie schon die Stiege
herabkamen, um unten ihr Frühstück zu nehmen.
Ein leiser Wind ging, eine Frühbrise, die die Schiffer
nicht gern ungenutzt lassen, und so glitt denn auch,
als unser junges Paar eben ins Freie trat, eine
ganze Flottille von Spreekähnen an ihnen vorüber.

Lene war noch in ihrem Morgenanzuge. Sie
nahm Botho's Arm und schlenderte mit ihm am
Ufer entlang an einer Stelle hin, die hoch in Schilf
und Binsen stand. Er sah sie zärtlich an. „Lene,
Du siehst ja aus, wie ich Dich noch gar nicht gesehen habe. Ja, wie sag' ich nur? Ich finde kein
anderes Wort, Du siehst so glücklich aus.“

Und so war es. Ja, sie war glücklich, ganz
glücklich und sah die Welt in einem rosigen Lichte.
Sie hatte den besten, den liebsten Mann am Arm
und genoß eine kostbare Stunde. War das nicht
genug? Und wenn diese Stunde die letzte war, nun
so war sie die letzte. War es nicht schon ein Vorzug, einen solchen Tag durchleben zu können? Und
wenn auch nur einmal, ein einzig Mal.

So schwanden ihr alle Betrachtungen von Leid
und Sorge, die sonst wohl, ihr selbst zum Trotz,
ihre Seele bedrückten und alles, was sie fühlte, war
Stolz, Freude, Dank. Aber sie sagte nichts, sie
war abergläubisch und wollte das Glück nicht bereden und nur an einem leisen Zittern ihres Arms
gewahrte Botho, wie das Wort „ich glaube, Du
bist glücklich, Lene“ ihr das innerste Herz getroffen
hatte.

Der Wirth kam und erkundigte sich artig, wenn
auch mit einem Anfluge von Verlegenheit, nach ihrer
Nachtruhe.

„Vorzüglich,“ sagte Botho, „Der Melissenthee,
den Ihre liebe Frau verordnet, hat wahre Wunder
gethan und die Mondsichel, die uns gerade ins
Fenster schien, und die Nachtigallen, die leise schlugen,
so leise, daß man sie nur eben noch hören konnte,
ja wer wollte da nicht schlafen wie im Paradiese?
Hoffentlich wird sich kein Spreedampfer mit 240
Gästen für heute Nachmittag angemeldet haben. Das
wäre dann freilich die Vertreibung aus dem Paradiese.
Sie lächeln und denken „wer weiß“ und vielleicht
hab' ich mit meinen Worten den Teufel schon an
die Wand gemalt. Aber noch ist er nicht da, noch
seh' ich keinen Schlot und keine Rauchfahne, noch
ist die Spree rein, und wenn auch ganz Berlin
schon unterwegs wäre, das Frühstück wenigstens
können wir noch in Ruhe nehmen. Nicht wahr?
Aber wo?“

„Die Herrschaften haben zu befehlen.“

„Nun, dann denk' ich unter der Ulme. Die
Halle, so schön sie ist, ist doch nur gut, wenn
draußen die Sonne brennt. Und sie brennt noch
nicht und hat noch drüben am Walde mit dem Nebel
zu thun.“

Der Wirth ging das Frühstück anzuordnen, das
junge Paar aber setzte seinen Spaziergang fort, bis
nach einer diesseitigen Landzunge hin, von der aus
sie die rothen Dächer eines Nachbardorfes und rechts
daneben den spitzen Kirchthurm von Königs-Wusterhausen erkennen konnten. Am Rande der Landzunge lag ein angetriebener Weidenstamm. Auf
diesen setzten sie sich und sahen von ihm aus zwei
Fischersleuten zu, Mann und Frau, die das umstehende Rohr schnitten und die großen Bündel in
ihren Prahm warfen. Es war ein hübsches Bild,
an dem sie sich erfreuten, und als sie nach einer
Weile wieder zurück waren, wurde das Frühstück
eben aufgetragen, mehr ein englisches als ein deutsches:
Kaffee und Thee, sammt Eiern und Fleisch und in
einem silbernen Ständer sogar Schnittchen von geröstetem Weißbrot.

„Ah, schau, Lene. Hier müssen wir öfter unser
Frühstück nehmen. Was meinst Du? Himmlisch.
Und sieh nur da drüben auf der Werft, da kalfatern
sie schon wieder und geht ordentlich im Takt. Wahrhaftig, solch Arbeits-Taktschlag ist doch eigentlich die
schönste Musik.“

Lene nickte, war aber nur halb dabei, denn ihr
Interesse galt auch heute wieder dem Wassersteg,
freilich nicht den angekettelten Booten, die gestern
ihre Passion geweckt hatten, wohl aber einer hübschen
Magd, die mitten auf dem Brettergange neben ihrem
Küchen- und Kupfergeschirr kniete. Mit einer herzlichen Arbeitslust, die sich in jeder Bewegung ihrer
Arme ausdrückte, scheuerte sie die Kannen, Kessel
und Kasserollen, und immer wenn sie fertig war,
ließ sie das plätschernde Wasser das blankgescheuerte
Stück umspülen. Dann hob sie's in die Höh', ließ
es einen Augenblick in der Sonne blitzen und that
es in einen nebenstehenden Korb.

Lene war wie benommen von dem Bild. „Sieh
nur,“ und sie wies auf die hübsche Person, die sich,
so schien es, in ihrer Arbeit gar nicht genug thun
konnte.

„Weißt Du, Botho, das ist kein Zufall, daß
sie da kniet, sie kniet da für mich und ich fühle
deutlich, daß es mir ein Zeichen ist und eine Fügung.“

„Aber was ist Dir nur, Lene? Du veränderst
Dich ja, Du bist ja mit einem Male ganz blaß
geworden.“

„O nichts.“

„Nichts? Und hast doch einen Flimmer im Auge,
wie wenn Dir das Weinen näher wäre als das
Lachen. Du wirst doch schon Kupfergeschirr gesehen
haben und auch eine Köchin, die's blank scheuert.
Es ist ja fast, als ob Du das Mädchen beneidetest,
daß sie da kniet und arbeitet wie für drei.“

Das Erscheinen des Wirths unterbrach hier das
Gespräch und Lene gewann ihre ruhige Haltung
und bald auch ihren Frohmuth wieder. Dann aber
ging sie hinauf, um sich umzukleiden.

Als sie wiederkam, fand sie, daß inzwischen ein
vom Wirth aufgestelltes Programm von Botho bedingungslos angenommen war: ein Segelboot sollte
das junge Paar nach dem nächsten Dorfe, dem reizend
an der wendischen Spree gelegenen Nieder-Löhme
bringen, von welchem Dorf aus sie den Weg bis
Königs-Wusterhausen zu Fuß machen, daselbst Park
und Schloß besuchen und dann auf demselben Wege
zurückkommen wollten. Es war eine Halbtagspartie.
Ueber den Nachmittag ließ sich dann weiter verfügen.

Lene war es zufrieden und schon wurden ein
paar Decken in das rasch in Stand gesetzte Boot
getragen, als man vom Garten her Stimmen und
herzliches Lachen hörte, was auf Besuch zu deuten
und eine Störung ihrer Einsamkeit in Aussicht zu
stellen schien.

„Ah, Segler und Ruderklubleute,“ sagte Botho.
„Gott sei Dank, daß wir ihnen entgehen, Lene. Laß
uns eilen.“

Und beide brachen auf, um so rasch wie möglich
ins Boot zu kommen. Aber ehe sie noch den Wassersteg erreichen konnten, sahen sie sich bereits umstellt
und eingefangen. Es waren Kameraden und noch
dazu die intimsten: Pitt, Serge, Balafré. Alle drei
mit ihren Damen.

„Ah les beaux esprits se rencontrent,“ sagte
Balafré voll übermüthiger Laune, die jedoch rasch
einer gesetzteren Haltung wich, als er wahrnahm,
daß er von der Hausschwelle her, auf der Wirth
und Wirthin standen, beobachtet wurde. „Welche
glückliche Begegnung an dieser Stelle. Gestatten
Sie mir, Gaston, Ihnen unsere Damen vorstellen
zu dürfen: Königin Isabeau, Fräulein Johanna,
Fräulein Margot.“

Botho sah, welche Parole heute galt, und sich
rasch hineinfindend, entgegnete er, nunmehr auch
seinerseits vorstellend, mit leichter Handbewegung
auf Lene: „Mademoiselle Agnes Sorel.“

Alle drei Herren verneigten sich artig, ja dem
Anscheine nach sogar respektvoll, während die beiden
Töchter Thibaut d'Arcs einen überaus kurzen Knix
machten und der um wenigstens 15 Jahre älteren
Königin Isabeau eine freundlichere Begrüßung der
ihnen unbekannten und sichtlich unbequemen Agnes
Sorel überließen.

Das Ganze war eine Störung, vielleicht sogar
eine geplante, je mehr dies aber zutreffen mochte,
desto mehr gebot es sich, gute Miene zum bösen
Spiel zu machen. Und dies gelang Botho vollkommen. Er stellte Fragen über Fragen und erfuhr bei der Gelegenheit, daß man, zu früher Stunde
schon, mit einem der kleineren Spreedampfer bis
Schmöckwitz und von dort aus mit einem Segelboote bis Zeuthen gefahren sei. Von Zeuthen aus
habe man den Weg zu Fuß gemacht, keine zwanzig
Minuten; es sei reizend gewesen: alte Bäume, Wiesen
und rothe Dächer.

Während der gesammte neue Zuzug, besonders
aber die wohlarrondirte Königin Isabeau, die sich
beinah mehr noch durch Sprechfähigkeit als durch
Abrundung auszeichnete, diese Mittheilungen machte,
hatte man, zwanglos promenirend, die Veranda erreicht, wo man an einem der langen Tische Platz
nahm.

„Allerliebst,“ sagte Serge. „Weit, frei und
offen und doch so verschwiegen. Und die Wiese
drüben wie geschaffen für eine Mondscheinpromenade.“

„Ja,“ setzte Balafrê hinzu, „Mondscheinpromenade.
Hübsch, sehr hübsch. Aber wir haben erst zehn Uhr
früh, macht bis zur Mondscheinpromenade runde
zwölf Stunden, die doch untergebracht sein wollen.
Ich proponire Wasserkorso.“

„Nein,“ sagte Isabeau, „Wasserkorso geht nicht,
davon haben wir heute schon über und über gehabt.
Erst Dampfschiff, dann Boot und nun wieder Boot,
das ist zu viel. Ich bin dagegen. Ueberhaupt, ich
begreife nicht, was dies ewige Pätscheln soll; dann
fehlt blos noch, daß wir angeln oder die Ykleis
mit der Hand greifen und uns über die kleinen
Biester freuen. Nein, gepätschelt wird heute nicht
mehr. Darum muß ich sehr bitten.“

Die Herren, an die sich diese Worte richteten,
amüsirten sich ersichtlich über die Dezidirtheit der
Königin-Mutter und machten sofort andre Vorschläge,
deren Schicksal aber dasselbe war. Isabeau verwarf
alles und bat, als man schließlich ihr Gebahren
halb in Scherz und halb in Ernst zu mißbilligen
anfing, einfach um Ruhe. „Meine Herren,“ sagte
sie, „Geduld. Ich bitte, mir wenigstens einen Augenblick das Wort zu gönnen.“ Ironischer Beifall
antwortete, denn nur sie hatte bis dahin gesprochen.
Aber unbekümmert darum fuhr sie fort: „Meine
Herren, ich bitte Sie, lehren Sie mich die Herrens
kennen. Was heißt Landpartie? Landpartie heißt
frühstücken und ein Jeu machen. Hab' ich Recht?“

„Isabeau hat immer Recht,“ lachte Balafré und
gab ihr einen Schlag auf die Schulter. „Wir machen
ein Jeu. Der Platz hier ist kapital; ich glaube
beinah, jeder muß hier gewinnen. Und die Damen
promeniren derweilen oder machen vielleicht ein Vormittagsschläfchen. Das soll das gesundeste sein und
anderthalb Stunden wird ja wohl ausreichen. Und
um 12 Uhr Reunion. Menu nach dem Ermessen
unserer Königin. Ja, Königin, das Leben ist doch
schön. Zwar aus Don Carlos. Aber muß denn
alles aus der Jungfrau sein?“

Das schlug ein und die zwei Jüngeren kicherten,
obwohl sie blos das Stichwort verstanden hatten.
Isabeau dagegen, die bei solcher antippenden und
beständig in kleinen Anzüglichkeiten sich ergehenden
Sprache groß geworden war, blieb vollkommen würdevoll und sagte, während sie sich zu den drei anderen
Damen wandte: „Meine Damen, wenn ich bitten
darf: wir sind jetzt entlassen und haben zwei Stunden
für uns. Uebrigens nicht das Schlimmste.“

Damit erhoben sie sich und gingen auf das Haus
zu, wo die Königin in die Küche trat und unter
freundlichem, aber doch überlegenem Gruße nach dem
Wirthe fragte. Dieser war nicht zugegen, weshalb
die junge Frau versprach, ihn aus dem Garten abrufen zu wollen, Isabeau aber litt es nicht, „sie
werde selber gehn“ und ging auch wirklich, immer
gefolgt von ihrem Drei-Damen-Cortège (Balafré
sprach von Klucke mit Küken), nach dem Garten
hinaus, wo sie den Wirth bei der Anlage neuer
Spargelbeete traf. Unmittelbar daneben lag ein
altmodisches Treibhaus, vorne ganz niedrig, mit
großen schrägliegenden Fenstern, auf dessen etwas
abgebröckeltes Mauerwerk sich Lene sammt den Töchtern
Thibaut d'Arcs setzte, während Isabeau die Verhandlungen leitete.

„Wir kommen, Herr Wirth, um wegen des
Mittagsbrots mit Ihnen zu sprechen. Was können
wir haben?“

„Alles was die Herrschaften befehlen.“

„Alles? das ist viel, beinah zu viel. Nun,
dann bin ich für Aal. Aber nicht so, sondern so,“
Und sie wies, während sie das sagte, von ihrem
Fingerring auf das breite, dicht anliegende Armband.

„Thut mir leid, meine Damen,“ erwiderte der
Wirth. „Aal is nicht. Ueberhaupt Fisch; damit
kann ich nicht dienen, der ist Ausnahme. Gestern
hatten wir Schlei mit Dill, aber der war aus
Berlin. Wenn ich einen Fisch haben will, muß
ich ihn vom Köllnischen Fischmarkt holen.“

„Schade. Da hätten wir einen mitbringn können.
Aber was dann?“

„Einen Rehrücken.“

„Hm, das läßt sich hören. Und vorher etwas
Gemüse. Spargel ist schon eigentlich zu spät, oder
doch beinah. Aber Sie haben da, wie ich sehe, noch
junge Bohnen. Und hier in dem Mistbeet wird
sich ja wohl auch noch etwas finden lassen, ein paar
Gurken oder ein paar Rapunzeln. Und dann eine
süße Speise. So was mit Schlagsahne. Mir persönlich liegt nicht daran, aber die Herren, die beständig so thun, als machten sie sich nichts daraus,
die sind immer fürs Süße. Also drei, vier Gänge,
denk' ich. Und dann Butterbrot und Käse.“

„Und bis wann befehlen die Herrschaften?“

„Nun ich denke bald, oder doch wenigstens so
bald wie möglich. Nicht wahr? Wir sind hungrig
und wenn der Rehrücken eine halbe Stunde Feuer
hat, hat er genug. Also sagen wir um 12. Und
wenn ich bitten darf, eine Bowle: 1 Rheinwein,
3 Mosel, 3 Champagner. Aber gute Marke. Glauben
Sie nicht, daß sich's verthut. Ich kenne das und
schmecke heraus, ob Moet oder Mumm. Aber Sie
werden schon machen; ich darf sagen, Sie flößen
mir ein Vertrauen ein. Apropos, können wir nicht
aus Ihrem Garten gleich in den Wald? Ich hasse
jeden unnützen Schritt. Und vielleicht finden wir
noch Champignons. Das wäre himmlisch. Die
können dann noch an den Rehrücken, Champignons
verderben nie 'was.“

Der Wirth bejahte nicht blos die hinsichtlich des
bequemeren Weges gestellte Frage, sondern begleitete
die Damen auch persönlich bis an die Gartenpforte,
von der aus man bis zur Waldlisière nur ein paar
Schritte hatte. Blos eine chaussirte Straße lief
dazwischen. Als diese passirt war, war man drüben
im Waldesschatten und Isabeau, die stark unter der
immer größer werdenden Hitze litt, pries sich glücklich, den verhältnißmäßig weiten Umweg über ein
baumloses Stück Grasland vermieden zu haben. Sie
machte den eleganten, aber mit einem großen Fettfleck ausstaffirten Sonnenschirm zu, hing ihn an
ihren Gürtel und nahm Lenens Arm, während die
beiden andern Damen folgten. Isabeau war augenscheinlich in bester Stimmung und sagte, sich umwendend, zu Margot und Johanna: „Wir müssen
aber doch ein Ziel haben. So blos Wald und
wieder Wald is eigentlich schrecklich. Was meinen
Sie, Johanna?“

Johanna war die größere von den beiden d'Arcs,
sehr hübsch, etwas blaß und mit raffinirter Einfachheit gekleidet. Serge hielt darauf. Ihre Handschuh
saßen wundervoll und man hätte sie für eine Dame
halten können, wenn sie nicht, während Isabeau mit
dem Wirthe sprach, den einen Handschuhknopf, der
aufgesprungen war, mit den Zähnen wieder zugeknöpft hätte.

„Was meinen Sie, Johanna?“ wiederholte die
Königin ihre Frage.

„Nun dann schlag' ich vor, daß wir nach dem
Dorfe zurück gehn, von dem wir gekommen sind.
Es hieß ja wohl Zeuthen und sah so romantisch
und so melancholisch aus und war ein so hübscher
Weg hierher. Und zurück muß er eigentlich eben
so hübsch sein oder vielleicht noch hübscher. Und
an der rechten, das heißt also von hier aus an der
linken Seite, war ein Kirchhof mit lauter Kreuzer
drauf. Und ein sehr großes von Marmohr.“

„Ja, liebe Johanna, das ist alles ganz gut, aber
was sollen wir damit? Wir haben ja den Weg gesehen. Oder wollen Sie den Kirchhof . . .“

„Freilich will ich. Ich habe da so meine Gefühle, besonders an solchem Tage wie heute. Und
es ist immer gut, sich zu erinnern, daß man sterben
muß. Und wenn dann der Flieder so blüht . . .“

„Aber, Johanna, der Flieder blüht ja gar nicht
mehr, höchstens noch der Goldregen und der hat
eigentlich auch schon Schoten. Du meine Güte,
wenn Sie so partout für Kirchhöfe sind, so können
Sie sich ja den in der Oranienstraße jeden Tag
ansehen. Aber ich weiß schon, mit Ihnen ist nicht
zu reden. Zeuthen und Kirchhof, alles Unsinn.
Da bleiben wir doch lieber hier und sehen gar
nichts. Kommen Sie, Kleine, geben Sie mir Ihren
Arm wieder.“

Die Kleine, die durchaus nicht klein war, war
Lene. Sie gehorchte. Die Königin aber fuhr jetzt,
indem sie wieder voraufging, in vertraulichem Tone
fort: „Ach, diese Johanna, man kann eigentlich nicht
mit ihr umgehn; sie hat keinen guten Ruf und is
eine Gans. Ach, Kind, Sie glauben gar nicht, was
jetzt alles so mitläuft; nu ja, sie hat 'ne hübsche
Figur und hält auf ihre Handschuh. Aber sie sollte
lieber auf 'was andres halten. Und sehen Sie, die,
die so sind, die reden immer von sterben und Kirchhof. Und nun sollen Sie sie nachher sehn! So
lang es so geht, geht es. Aber wenn dann die
Bowle kommt und wieder leer is und wieder kommt,
dann quietscht und johlt sie. Keine Idee von Anstand. Aber wo soll es auch herkommen? Sie war
immer blos bei kleinen Leuten, draußen auf der
Chaussee nach Tegel, wo kein Mensch recht hinkommt
und blos mal Artillerie vorbei fährt. Und Artillerie…
Nu ja . . . Sie glauben gar nich, wie verschieden
das alles ist. Und nun hat sie der Serge da 'rausgenommen und will was aus ihr machen. Ja, Du
meine Güte, so geht das nicht, oder wenigstens nicht
so flink; gut Ding will Weile haben. Aber da sind
ja noch Erdbeeren. Ei, das ist nett. Kommen Sie,
Kleine, wir wollen welche pflücken (wenn nur das
verdammte Bücken nicht wär) und wenn wir eine
recht große finden, dann wollen wir sie mitnehmen.
Die steck' ich ihm dann in den Mund und dann
freut er sich. Denn Sie müssen wissen, er ist ein
Mann wie'n Kind und eigentlich der Beste.“

Lene, die wohl merkte, daß es sich um Balafré
handelte, that ein Paar fragen und frug unter
anderm auch wieder, warum die Herren eigentlich
die sonderbaren Namen hätten? Sie habe schon
früher danach gefragt, aber nie was gehört, was
der Rede werth gewesen wäre.

„Jott,“ sagte die Königin, „es soll so was sein
und soll keiner was merken und is doch alles blos
Ziererei. Denn erstens kümmert sich keiner drum
und wenn sich einer drum kümmert, is es auch noch
so. Und warum auch? Wen soll es denn schaden?
Sie haben sich alle nichts vorzuwerfen und einer
ist wie der andre.“

Lene sah vor sich hin und schwieg.

„Und eigentlich, Kind, und Sie werden das auch
noch sehn, eigentlich is es alles blos langweilig.
Eine Weile geht es und ich will nichts dagegen
sagen und will 's auch nicht abschwören. Aber die
Länge hat die Last. So von fuffzehn an und noch
nich mal eingesegnet. Wahrhaftig, je bälder man
wieder 'raus ist, desto besser. Ich kaufe mir denn
(denn das Geld krieg' ich) 'ne Dest'lation und weiß
auch schon wo und denn heirath' ich mir einen Wittmann und weiß auch schon wen. Und er will auch.
Denn das muß ich Ihnen sagen, ich bin für Ordnung und Anständigkeit und die Kinder orndtlich
erziehn und ob es seine sind oder meine, is janz
egal . . . Und wie is es denn eigentlich mit Ihnen?“

Lene sagte kein Wort.

„Jott, Kind, Sie verfärben sich ja; Sie sind
woll am Ende mit hier dabei (und sie wies aufs
Herz) und thun alles aus Liebe? Ja, Kind, denn
is es schlimm, denn giebt es 'nen Kladderadatsch.“

Johanna folgte mit Margot. Sie blieben absichtlich etwas zurück und brachen sich Birkenreiser
ab, wie wenn sie vorhätten, einen Kranz daraus zu
flechten. „Wie gefällt sie Dir denn?“ sagte Margot.
„Ich meine die von Gaston.“

„Gefallen? gar nich. Das fehlt auch noch, daß
solche mitspielen und in Mode kommen! Sieh doch
nur, wie ihr die Handschuh sitzen. Und mit dem
Hut is auch nicht viel. Er dürfte sie gar nicht so
gehn lassen. Und sie muß auch dumm sein, sie
spricht ja kein Wort.“

„Nein,“ sagte Margot, „dumm ist sie nicht; sie
hat's blos noch nich weg. Und daß sie sich gleich
an die gute Dicke 'ran macht, das is doch auch
klug genug.“

„Ach, die gute Dicke. Geh mir mit der. Die
denkt, sie is es. Aber es is gar nichts mit ihr.
Ich will ihr sonst nichts nachsagen, aber falsch ist
sie, falsch wie Galgenholz.“

„Nein, Johanna, falsch is sie nu grade nich.
Und sie hat Dir auch öfter aus der Patsche geholfen. Du weißt schon, was ich meine.“

„Gott, warum? Weil sie selber mit drin saß
und weil sie sich ewig ziert und wichtig thut. Wer
so dick ist, ist nie gut.“

„Jott, Johanna, was Du nur redt'st. Umgekehrt is es, die Dicken sind immer gut.“

„Na meinetwegen. Aber das kannst Du nicht
bestreiten, daß sie 'ne lächerliche Figur macht. Sieh
doch nur, wie sie dahinwatschelt; wie 'ne Fettente.
Und immer bis oben 'ran zu, blos weil sie sich sonst
vor anständigen Leuten gar nicht sehen lassen kann.
Und, Margot, das laß ich mir nicht nehmen, ein
bischen schlanke Figur ist doch die Hauptsache. Wir
sind doch noch keine Türken. Und warum wollte
sie nicht mit auf den Kirchhof? Weil sie sich jrault?
I bewahre, sie denkt nich dran, blos weil sie sich
wieder eingeknallt hat und es vor Hitze nicht aushalten kann. Und is eigentlich nich 'mal so furchtbar heiß heute.“

So gingen die Gespräche, bis sich die beiden
Paare schließlich wieder vereinigten und auf einen
mit Moos bewachsenen Grabenrand setzten.

Isabeau sah öfter nach der Uhr; der Zeiger
wollte nicht recht vom Fleck.

Als es aber halb zwölf war, sagte sie: „Nun,
meine Damen, ist es Zeit; ich denke wir haben jetzt
gerade genug Natur gehabt und können mit Fug
und Recht zu was Andrem übergehen. Seit heute
früh um 7 eigentlich keinen Bissen. Denn die
Grünauer Schinkenstulle kann ich doch nicht rechnen . . . Aber Gott sei Dank, alles Entsagen, sagt
Balafré, hat seinen Lohn in sich und Hunger ist
der beste Koch. Kommen Sie, meine Damen, der
Rehrücken fängt an wichtiger zu werden, als alles
andre. Nicht wahr, Johanna?“

Diese gefiel sich in einem Achselzucken und suchte
die Zumuthung, als ob Dinge wie Rehrücken und
Bowle je Gewicht für sie haben könnten, entschieden
abzulehnen.

Isabeau aber lachte. „Nun, wir werden ja sehn,
Johanna. Freilich der Zeuthner Kirchhof wäre
besser gewesen. Aber man muß nehmen, was
man hat.“

Und damit brachen allesammt auf, um aus dem
Wald in den Garten und aus diesem, drin sich ein
paar Zitronenvögel eben haschten, bis in die Front
des Hauses wo gegessen werdensollte, zurückzukehren.

Im Vorübergehen an der Gaststube sah Isabeau
den mit dem Umstülpen einer Moselweinflasche beschäftigten Wirth.

„Schade,“ sagte sie, „daß ich grade das sehen
mußte. Das Schicksal hätte mir auch einen besseren
Anblick gönnen können. Warum gerade Mosel?“

Vierzehntes Kapitel.

Eine rechte Heiterkeit hatte nach diesem
Spaziergange trotz aller von Isabeau gemachten Anstrengungen nicht mehr aufkommen wollen, was aber,
wenigstens für Botho und Lene, das Schlimmere
war, war das, daß diese Heiterkeit auch ausblieb,
als sich Beide von den Kameraden und ihren Damen
verabschiedet und ganz allein, in einem nur von
ihnen besetzten Kupee, die Rückfahrt angetreten hatten.
Eine Stunde später waren sie, ziemlich herabgestimmt,
auf dem trübselig erleuchteten Görlitzer Bahnhof
eingetroffen und hier, beim Aussteigen, hatte Lene
sofort und mit einer Art Dringlichkeit gebeten, sie
den Weg durch die Stadt hin allein machen zu
lassen, „sie seien ermüdet und abgespannt und das
thue nicht gut,“ Botho aber war von dem, was er
als schuldige Rücksicht und Kavalierspflicht ansah,
nicht abzubringen gewesen und so hatten sie denn
in einer klapprigen alten Droschke die lange, lange
Fahrt am Kanal hin gemeinschaftlich gemacht, immer
bemüht, ein Gespräch über die Parthie und „wie
hübsch sie gewesen sei“, zu Stande zu bringen —
eine schreckliche Zwangsunterhaltung, bei der Botho
nur zu sehr gefühlt hatte, wie richtig Lenens Empfindung gewesen war, als sie von dieser Begleitung
in beinahe beschwörendem Tone nichts hatte wissen
wollen. Ja, der Ausflug nach „Hankels Ablage“,
von dem man sich so viel versprochen und der auch
wirklich so schön und glücklich begonnen hatte, war
in seinem Ausgange nichts als eine Mischung von
Verstimmung, Müdigkeit und Abspannung gewesen
und nur im letzten Augenblick, wo Botho liebevoll
freundlich und mit einem gewissen Schuldbewußtsein
sein „gute Nacht, Lene“ gesagt hatte, war diese
noch einmal auf ihn zugeeilt und hatte, seine Hand
ergreifend, ihn mit beinah leidenschaftlichem Ungestüm
geküßt: „Ach, Botho, es war heute nicht so, wie's
hätte sein sollen, und doch war Niemand Schuld . .
Auch die andern nicht.“

„Laß es, Lene.“

„Nein, nein. Es war Niemand Schuld, dabei
bleibt es, daran ist nichts zu ändern. Aber daß
es so ist, das ist eben das Schlimme daran. Wenn
wer Schuld hat, dann bittet man um Verzeihung
und dann ist es wieder gut. Aber das nutzt uns
nichts. Und es ist auch nichts zu verzeihn.“

„Lene . . .“

„Du mußt noch einen Augenblick hören. Ach,
mein einziger Botho, Du willst es mir verbergen,
aber es geht zu End'. Und rasch, ich weiß es.“

„Wie Du nur sprichst.“

„Ich hab' es freilich nur geträumt,“ fuhr Lene
fort. „Aber warum hab' ich es geträumt? weil es
mir den ganzen Tag vor der Seele steht. Mein
Traum war nur, was mir mein Herz eingab. Und
was ich Dir noch sagen wollte, Botho, und warum
ich Dir die paar Schritte nachgelaufen bin: es bleibt
doch bei dem, was ich Dir gestern Abend sagte.
Daß ich diesen Sommer leben konnte, war mir ein
Glück und bleibt mir ein Glück, auch wenn ich von
heut ab unglücklich werde.“

„Lene, Lene, sprich nicht so . . .“

„Du fühlst selbst, daß ich Recht habe; Dein
gutes Herz sträubt sich nur, es zuzugestehen und
will es nicht wahr haben. Aber ich weiß es:
gestern, als wir über die Wiese gingen und plauderten und ich Dir den Strauß pflückte, das war
unser letztes Glück und unsere letzte schöne Stunde.“

Mit diesem Gespräche hatte der Tag geschlossen
und nun war der andre Morgen, und die Sommersonne schien hell in Botho's Zimmer. Beide Fenster
standen auf und in den Kastanien draußen quirilierten die Spatzen. Botho selbst, aus einem Meerschaum rauchend, lag zurückgelehnt in seinem Schaukelstuhl und schlug dann und wann mit einem neben
ihm liegenden Taschentuche nach einem großen
Brummer, der, wenn er zu dem einen Fenster
hinaus war, sofort wieder an dem andern erschien,
um Botho hartnäckig und unerbittlich zu umsummen.

„Daß ich diese Bestie doch los wäre. Quälen,
martern möcht' ich sie. Diese Brummer sind allemal Unglücksboten und so hämisch zudringlich, als
freuten sie sich über den Aerger, dessen Herold und
Verkündiger sie sind.“ In diesem Augenblicke schlug
er wieder danach. „Wieder fort. Es hilft nichts.
Also Resignation. Ergebung ist überhaupt das
Beste. Die Türken sind die klügsten Leute.“

Das Zuschlagen der kleinen Gitterthür draußen
ließ ihn während dieses Selbstgesprächs auf den
Vorgarten blicken und dabei des eben eingetretenen
Briefträgers gewahr werden, der ihm gleich danach,
unter leichtem militärischen Gruß und mit einem
„guten Morgen, Herr Baron“ erst eine Zeitung
und dann einen Brief in das nicht allzu hohe
Parterrefenster hineinreichte. Botho warf die Zeitung
bei Seite, zugleich den Brief betrachtend, auf dem
er die kleine, dichtstehende, trotzdem aber sehr deutliche Handschrift seiner Mutter unschwer erkannt
hatte. „Dacht' ich's doch . . Ich weiß schon, eh ich
gelesen. Arme Lene.“

Und nun brach er den Brief auf und las:

„Schloß Zehden. 29. Juni 1875. Mein
lieber Botho. Was ich Dir als Befürchtung in
meinem letzten Briefe mittheilte, das hat sich nun
erfüllt: Rothmüller in Arnswalde hat sein Kapital
zum 1. Oktober gekündigt und nur „aus alter
Freundschaft“ hinzugefügt, daß er bis Neujahr
warten wolle, wenn es mir eine Verlegenheit schaffe.
„Denn er wisse wohl, was er dem Andenken des
seligen Herrn Barons schuldig sei.“ Diese Hinzufügung, so gut sie gemeint sein mag, ist doch doppelt
empfindlich für mich: es mischt sich so viel prätentiöse
Rücksichtnahme mit ein, die niemals angenehm berührt, am wenigsten von solcher Seite her. Du
begreifst vielleicht die Verstimmung und Sorge, die
mir diese Zeilen geschaffen haben. Onkel Kurt
Anton würde helfen, wie schon bei frührer Gelegenheit, er liebt mich und vor Allem Dich, aber seine
Geneigtheit immer wieder in Anspruch zu nehmen,
hat doch etwas Bedrückliches und hat es um so
mehr, als er unsrer ganzen Familie, speziell aber
uns beiden, die Schuld an unsren ewigen Verlegenheiten zuschiebt. Ich bin ihm, trotz meines redlichen
mich Kümmerns um die Wirthschaft, nicht wirthschaftlich und anspruchslos genug, worin er Recht
haben mag, und Du bist ihm nicht praktisch und
lebensklug genug, worin er wohl ebenfalls das
Richtige treffen wird. Ja, Botho, so liegt es.
Mein Bruder ist ein Mann von einem sehr feinen
Rechts- und Billigkeitsgefühl und von einer in
Geldangelegenheiten geradezu hervorragenden Gentilezza, was man nur von wenigen unsrer Edelleute
sagen kann. Denn unsre gute Mark Brandenburg
ist die Sparsamkeits- und wo geholfen werden soll
sogar die Aengstlichkeitsprovinz, aber so gentil er
ist, er hat seine Launen und Eigenwilligkeiten, und
sich in diesen beharrlich gekreuzt zu sehen, hat ihn
seit einiger Zeit aufs ernsthafteste verstimmt. Er
sagte mir, als ich letzthin Veranlassung nahm, der
uns abermals drohenden Kapitalskündigung zu gedenken: „Ich stehe gern zu Diensten, Schwester, wie
Du weißt, aber ich bekenne Dir offen, immer da
helfen zu sollen, wo man sich in jedem Augenblicke
selber helfen könnte, wenn man nur etwas einsichtiger und etwas weniger eigensinnig wäre, das
erhebt starke Zumuthungen an die Seite meines
Charakters, die nie meine hervorragendste war: an
meine Nachgiebigkeit. . .“ Du weißt, Botho, worauf
sich diese seine Worte beziehen, und ich lege sie heute
Dir ans Herz, wie sie damals, von Onkel Kurt
Antons Seite mir ans Herz gelegt wurden. Es
giebt nichts, was Du, Deinen Worten und Briefen
nach zu schließen, mehr perhorreszirst als Sentimentalitäten, und doch fürcht' ich, steckst Du selber
drin und zwar tiefer als Du zugeben willst oder
vielleicht weißt. Ich sage nicht mehr.“

Rienäcker legte den Brief aus der Hand und
schritt im Zimmer auf und ab, während er den
Meerschaum halb mechanisch mit einer Zigarette
vertauschte. Dann nahm er den Brief wieder und
las weiter. „Ja, Botho, Du hast unser Aller Zukunft in der Hand und hast zu bestimmen, ob dies
Gefühl einer beständigen Abhängigkeit fortdauern
oder aufhören soll. Du hast es in der Hand, sag'
ich, aber wie ich freilich hinzufügen muß, nur kurze
Zeit noch, jedenfalls nicht auf lange mehr. Auch
darüber hat Onkel Kurt Anton mit mir gesprochen,
namentlich im Hinblick auf die Sellenthiner Mama,
die sich, bei seiner letzten Anwesenheit in Rothenmoor, in dieser sie lebhaft beschäftigenden Sache
nicht nur mit großer Entschiedenheit, sondern auch
mit einem Anflug von Gereiztheit ausgesprochen
hat. Ob das Haus Rienäcker vielleicht glaube, daß
ein immer kleiner werdender Besitz, nach Art der
sibyllinischen Bücher (wo sie den Vergleich her hat,
weiß ich nicht) immer werthvoller würde? Käthe
werde nun zweiundzwanzig, habe den Ton der
großen Welt und verfüge mit Hilfe der von ihrer
Tante Kielmannsegge herstammenden Erbschaft über
ein Vermögen, dessen Zinsbetrag hinter dem Kapitalsbetrag der Rienäcker'schen Haide sammt Muränen-See nicht sehr erheblich zurückbleiben werde. Solche
junge Dame lasse man überhaupt nicht warten, am
wenigsten aber mit so viel Beharrlichkeit und Seelenruhe. Wenn es Herrn v. Rienäcker beliebe, das,
was früher darüber von Seiten der Familie geplant
und gesprochen sei, fallen zu lassen und stattgehabte
Verabredungen als bloßes Kinderspiel anzusehn, so
habe sie nichts dagegen. Herr v. Rienäcker sei frei
von dem Augenblick an, wo er frei sein wolle.
Wenn er aber umgekehrt vorhabe, von dieser unbedingten Rückzugs-Freiheit nicht Gebrauch machen zu
wollen, so sei es an der Zeit, auch das zu zeigen.
Sie wünsche nicht, daß ihre Tochter in das Gerede
der Leute komme.

Du wirst dem Tone, der hieraus spricht, unschwer entnehmen, daß es durchaus nöthig ist, Entschlüsse zu fassen und zu handeln. Was ich wünsche,
weißt Du. Meine Wünsche sollen aber nicht verbindlich für Dich sein. Handle, wie Dir eigene
Klugheit es eingiebt, entscheide Dich so oder so, nur
handle überhaupt. Ein Rückzug ist ehrenvoller als
fernere Hinausschiebung. Säumst Du länger, so
verlieren wir nicht nur die Braut, sondern das
Sellenthiner Haus überhaupt und, was noch schlimmer, ja das Schlimmste ist, auch die freundlichen
und immer hilfebereiten Gesinnungen des Onkels.
Meine Gedanken begleiten Dich, möchten sie Dich
auch leiten können. Ich wiederhole Dir, es wäre
der Weg zu Deinem und unser Aller Glück. Womit ich verbleibe Deine Dich liebende Mutter Josephine von R.“

Botho, als er gelesen, war in großer Erregung.
Es war so wie der Brief es aussprach und ein
Hinausschieben nicht länger möglich. Es stand nicht
gut mit dem Rienäcker'schen Vermögen und Verlegenheiten waren da, die durch eigne Klugheit und
Energie zu heben, er durchaus nicht die Kraft in
sich fühlte. „Wer bin ich? Durchschnittsmensch
aus der sogenannten Obersphäre der Gesellschaft
Und was kann ich? Ich kann ein Pferd stallmeistern, einen Kapaun tranchiren und ein jeu
machen. Das ist alles und so hab' ich denn die
Wahl zwischen Kunstreiter, Oberkellner und Croupier.
Höchstens kommt noch der Troupier hinzu, wenn ich
in eine Fremdenlegion eintreten will. Und Lene
dann mit mir als Tochter des Regiments. Ich
sehe sie schon in kurzem Rock und Hackenstiefeln
und ein Tönnchen auf dem Rücken.“

In diesem Tone sprach er weiter und gefiel sich
darin, sich bittre Dinge zu sagen. Endlich aber zog
er die Klingel und beorderte sein Pferd, weil er
ausreiten wolle. Und nicht lange, so hielt seine
prächtige Fuchsstute draußen, ein Geschenk des
Onkels, zugleich der Neid der Kameraden. Er hob
sich in den Sattel, gab dem Burschen einige Weisungen
und ritt auf die Moabiter Brücke zu, nach deren
Passirung er in einen breiten, über Fenn und Feld
in die Jungfernhaide hinüberführenden Weg einlenkte.
Hier ließ er sein Pferd aus dem Trab in den
Schritt fallen und nahm sich, während er bis dahin
allerhand unklaren Gedanken nachgehangen hatte,
mit jedem Augenblicke fester und schärfer ins Verhör. „Was ist es denn, was mich hindert, den
Schritt zu thun, den alle Welt erwartet? Will ich
Lene heirathen? Nein. Hab' ich's ihr versprochen?
Nein. Erwartet sie's? Nein. Oder wird uns die
Trennung leichter, wenn ich sie hinausschiebe? Nein.
Immer nein und wieder nein. Und doch säume und
schwanke ich, das Eine zu thun, was durchaus gethan werden muß. Und weshalb säume ich? Woher
diese Schwankungen und Vertagungen? Thörichte
Frage. Weil ich sie liebe.“

Kanonenschüsse, die vom Tegler Schießplatz herüberklangen, unterbrachen hier sein Selbstgespräch
und erst als er das momentan unruhig gewordene
Pferd wieder beruhigt hatte, nahm er den früheren
Gedankengang wieder auf und wiederholte: „Weil
ich sie liebe! Ja. Und warum soll ich mich dieser
Neigung schämen? Das Gefühl ist souverän und
die Thatsache, daß man liebt, ist auch das Recht
dazu, möge die Welt noch so sehr den Kopf darüber
schütteln oder von Räthsel sprechen, Uebrigens ist
es kein Räthsel und wenn doch, so kann ich es lösen.
Jeder Mensch ist seiner Natur nach auf bestimmte,
mitunter sehr, sehr kleine Dinge gestellt. Dinge, die,
trotzdem sie klein sind, für ihn das Leben oder doch
des Lebens Bestes bedeuten. Und dies Beste heißt
mir Einfachheit, Wahrheit, Natürlichkeit. Das alles
hat Lene, damit hat sie mir's angethan, da liegt
der Zauber, aus dem mich zu lösen, mir jetzt so
schwer fällt.“

In diesem Augenblicke stutzte sein Pferd und er
wurde eines aus einem Wiesenstreifen aufgescheuchten
Hasen gewahr, der dicht vor ihm auf die Jungfernhaide zujagte. Neugierig sah er ihm nach und nahm
seine Betrachtungen erst wieder auf, als der Flüchtige zwischen den Stämmen der Haide verschwunden
war. „Und war es denn,“ fuhr er fort, „etwas so
Thörichtes und Unmögliches, was ich wollte? Nein.
Es liegt nicht in mir, die Welt herauszufordern und
ihr und ihren Vorurtheilen öffentlich den Krieg zu
erklären; ich bin durchaus gegen solche Donquixoterien. Alles, was ich wollte, war ein verschwiegenes
Glück, ein Glück, für das ich früher oder später, um
des ihr ersparten Affronts willen, die stille Gutheißung der Gesellschaft erwartete. So war mein
Traum, so gingen meine Hoffnungen und Gedanken.
Und nun soll ich heraus aus diesem Glück und soll
ein andres eintauschen, das mir keins ist. Ich hab'
eine Gleichgiltigkeit gegen den Salon und einen
Widerwillen gegen alles Unwahre, Geschraubte,
Zurechtgemachte. Chic, Tournüre, savoir-faire, —
mir alles ebenso häßliche wie fremde Wörter.“

Hier bog das Pferd, das er schon seit einer
Viertelstunde kaum noch im Zügel hatte, wie von
selbst in einen Seitenweg ein, der zunächst auf ein
Stück Ackerland und gleich dahinter auf einen von
Unterholz und ein paar Eichen eingefaßten Grasplatz
führte. Hier, im Schatten eines der älteren Bäume,
stand ein kurzes, gedrungenes Steinkreuz und als
er näher heranritt, um zu sehen, was es mit diesem
Kreuz eigentlich sei, las er: „Ludwig v. Hinckeldey, gest. 10. März 1856.“ Wie das ihn traf!
Er wußte, daß das Kreuz hier herumstehe, war aber
nie bis an diese Stelle gekommen und sah es nun
als ein Zeichen an, daß das seinem eigenen Willen
überlassene Pferd, ihn gerade hierher geführt hatte.

Hinckeldey! Das war nun an die zwanzig Jahr,
daß der damals Allmächtige zu Tode kam und alles
was bei der Nachricht davon in seinem Elternhause
gesprochen worden war, das stand jetzt wieder lebhaft vor seiner Seele. Vor allem eine Geschichte
kam ihm wieder in Erinnerung. Einer der bürgerlichen, seinem Chef besonders vertrauten Räthe übrigens, hatte gewarnt und abgemahnt und das Duell
überhaupt, und nun gar ein solches und unter
solchen Umständen, als einen Unsinn und ein
Verbrechen bezeichnet. Aber der sich bei dieser
Gelegenheit plötzlich auf den Edelmann hin ausspielende Vorgesetzte, hatte brüsk und hochmüthig
geantwortet: „Nörner, davon verstehen Sie nichts.“
Und eine Stunde später war er in den Tod gegangen. Und warum? Einer Adelsvorstellung,
einer Standesmarotte zu Liebe, die mächtiger war,
als alle Vernunft, auch mächtiger als das Gesetz,
dessen Hüter und Schützer zu sein, er recht eigentlich
die Pflicht hatte. „Lehrreich.“ Und was habe ich
speziell daraus zu lernen? Was predigt dies Denkmal mir? Jedenfalls das Eine, daß das Herkommen
unser Thun bestimmt. Wer ihm gehorcht, kann zu
Grunde gehn, aber er geht besser zu Grunde als der,
der ihm widerspricht.“

Während er noch so sann, warf er sein Pferd
herum und ritt querfeldein auf ein großes Etablissement, ein Walzwerk oder eine Maschinenwerkstatt,
zu, draus, aus zahlreichen Essen, Qualm und Feuersäulen in die Luft stiegen. Es war Mittag und
ein Theil der Arbeiter saß draußen im Schatten,
um die Mahlzeit einzunehmen. Die Frauen, die
das Essen gebracht hatten, standen plaudernd daneben,
einige mit einem Säugling auf dem Arm, und
lachten sich untereinander an, wenn ein schelmisches
oder anzügliches Wort gesprochen wurde. Rienäcker,
der sich den Sinn für das Natürliche mit nur zu
gutem Rechte zugeschrieben, war entzückt von dem
Bilde, das sich ihm bot, und mit einem Anfluge
von Neid sah er auf die Gruppe glücklicher
Menschen. „Arbeit und täglich Brot und Ordnung.
Wenn unsre märkischen Leute sich verheirathen, so
reden sie nicht von Leidenschaft und Liebe, sie sagen
nur: ,ich muß doch meine Ordnung haben.‘ Und
das ist ein schöner Zug im Leben unsres Volks
und nicht einmal prosaisch. Denn Ordnung ist viel
und mitunter alles. Und nun frag' ich mich, war
mein Leben in der ,Ordnung‘? Nein. Ordnung
ist Ehe.“ So sprach er noch eine Weile vor sich
hin und dann sah er wieder Lene vor sich stehn,
aber in ihrem Auge lag nichts von Vorwurf und
Anklage, sondern es war umgekehrt, als ob sie
freundlich zustimme.

„Ja, meine liebe Lene, Du bist auch für Arbeit
und Ordnung und siehst es ein und machst es mir
nicht schwer … aber schwer ist es doch … für Dich
und mich.“

Er setzte sein Pferd wieder in Trab und hielt
sich noch eine Strecke hart an der Spree hin. Dann
aber bog er, an den in Mittagsstille daliegenden
Zelten vorüber, in einen Reitweg ein, der ihn bis an
den Wrangel-Brunnen und gleich danach bis vor
seine Thür führte.

Fünfzehntes Kapitel.

Botho wollte sofort zu Lene hinaus, und als
er fühlte, daß er dazu keine Kraft habe, wollt' er
wenigstens schreiben. Aber auch das ging nicht.
„Ich kann es nicht, heute nicht.“ Und so ließ er
den Tag vergehen und wartete bis zum andern
Morgen. Da schrieb er denn in aller Kürze.

„Liebe Lene. Nun kommt es doch so, wie Du
mir vorgestern gesagt: Abschied. Und Abschied
auf immer. Ich hatte Briefe von Haus, die mich
zwingen; es muß sein und weil es sein muß, so sei
es schnell. . . Ach, ich wollte, diese Tage lägen hinter
uns. Ich sage Dir weiter nichts, auch nicht wie
mir ums Herz ist. . . Es war eine kurze schöne Zeit
und ich werde nichts davon vergessen. Gegen neun
bin ich bei Dir, nicht früher, denn es darf nicht
lange dauern. Auf Wiedersehen, nur noch einmal
auf Wiedersehn. Dein B. v. R.“

Und nun kam er. Lene stand am Gitter und
empfing ihn wie sonst; nicht der kleinste Zug von
Vorwurf oder auch nur von schmerzlicher Entsagung
lag in ihrem Gesicht. Sie nahm seinen Arm und
so gingen sie den Vorgartensteig hinauf.

„Es ist recht, daß Du kommst. . . Ich freue mich,
daß Du da bist. Und Du mußt Dich auch freuen.“

Unter diesen Worten hatten sie das Haus erreicht
und Botho machte Miene, wie gewöhnlich vom Flur her
in das große Vorderzimmer einzutreten. Aber Lene zog
ihn weiter fort und sagte: „Nein, Frau Dörr ist drin …“

„Und ist uns noch bös?“

„Das nicht. Ich habe sie beruhigt. Aber was
sollen wir heut mit ihr? Komm, es ist ein so
schöner Abend und wir wollen allein sein.“

Er war einverstanden, und so gingen sie denn
den Flur hinunter und über den Hof auf den
Garten zu. Sultan regte sich nicht und blinzelte
nur Beiden nach, als sie den großen Mittelsteig
hinauf und dann auf die zwischen den Himbeerbüschen stehende Bank zuschritten.

Als sie hier ankamen, setzten sie sich. Es war
still, nur vom Felde her hörte man ein Gezirp und
der Mond stand über ihnen.

Sie lehnte sich an ihn und sagte ruhig und
herzlich: „Und das ist nun also das letzte Mal, daß
ich Deine Hand in meiner halte?“

„Ja, Lene. Kannst Du mir verzeihn?“

„Wie Du nur immer frägst. Was soll ich Dir
verzeihn?“

„Daß ich Deinem Herzen wehe thue.“

„Ja, weh thut es. Das ist wahr.“

Und nun schwieg sie wieder und sah hinauf auf
die blaß am Himmel heraufziehenden Sterne.

„Woran denkst Du, Lene?“

„Wie schön es wäre, dort oben zu sein.“

„Sprich nicht so. Du darfst Dir das Leben
nicht wegwünschen; von solchem Wunsch ist nur
noch ein Schritt . . .“

Sie lächelte. „Nein, das nicht. Ich bin nicht
wie das Mädchen, das an den Ziehbrunnen lief
und sich hineinstürzte, weil ihr Liebhaber mit einer
andern tanzte. Weißt Du noch, wie Du mir davon
erzähltest?“

„Aber was soll es dann? Du bist doch nicht
so, daß Du so was sagst, blos um etwas zu sagen.“

„Nein, ich hab' es auch ernsthaft gemeint. Und
wirklich (und sie wies hinauf), ich wäre gerne da.
Da hätt' ich Ruh. Aber ich kann es abwarten . . .
Und nun komm und laß uns ins Feld gehn. Ich
habe kein Tuch mit herausgenommen und find' es
kalt hier im Stillsitzen.“

Und so gingen sie denn denselben Feldweg hinauf, der sie damals bis an die vorderste Häuserreihe
von Wilmersdorf geführt hatte. Der Thurm war
deutlich sichtbar unter dem sternklaren Himmel und
nur über den Wiesengrund zog ein dünner Nebelschleier.

„Weißt Du noch,“ sagte Botho, „wie wir mit
Frau Dörr hier gingen?“

Sie nickte. „Deshalb hab' ich Dir's vorgeschlagen, mich fror gar nicht oder doch kaum.
Ach, es war ein so schöner Tag damals und so
heiter und glücklich bin ich nie gewesen, nicht vorher und nicht nachher. Noch in diesem Augenblicke
lacht mir das Herz, wenn ich daran zurückdenke wie
wir gingen und sangen: „Denkst Du daran“. Ja,
Erinnerung ist viel, ist alles. Und die hab' ich
nun und bleibt mir und kann mir nicht mehr genommen werden. Und ich fühle ordentlich, wie mir
dabei leicht zu Muthe wird.“

Er umarmte sie. „Du bist so gut.“

Lene aber fuhr in ihrem ruhigen Tone fort:
„Und daß mir so leicht ums Herz ist, das will ich
nicht vorübergehn lassen und will Dir alles sagen.
Eigentlich ist es das Alte, was ich Dir immer
schon gesagt habe, noch vorgestern, als wir draußen
auf der halb gescheiterten Partie waren und dann
nachher, als wir uns trennten. Ich hab' es so
kommen sehn, von Anfang an, und es geschieht nur,
was muß. Wenn man schön geträumt hat, so muß
man Gott dafür danken und darf nicht klagen, daß
der Traum aufhört und die Wirklichkeit wieder anfängt. Jetzt ist es schwer, aber es vergißt sich alles
oder gewinnt wieder ein freundliches Gesicht. Und
eines Tages bist Du wieder glücklich und vielleicht
ich auch.“

„Glaubst Du's? Und wenn nicht? was dann?“

„Dann lebt man ohne Glück.“

„Ach, Lene, Du sagst das so hin, als ob Glück
nichts wäre. Aber es ist was und das quält mich
eben und ist mir doch, als ob ich Dir ein Unrecht
gethan hätte.“

„Davon sprech' ich Dich frei. Du hast mir kein
Unrecht gethan, hast mich nicht auf Irrwege geführt
und hast mir nichts versprochen. Alles war mein
freier Entschluß. Ich habe Dich von Herzen lieb
gehabt, das war mein Schicksal, und wenn es eine
Schuld war, so war es meine Schuld. Und noch
dazu eine Schuld, deren ich mich, ich muß es Dir
immer wieder sagen, von ganzer Seele freue, denn
sie war mein Glück. Wenn ich nun dafür zahlen
muß, so zahle ich gern. Du hast nicht gekränkt,
nicht verletzt, nicht beleidigt, oder doch höchstens
das, was die Menschen Anstand nennen und gute
Sitte. Soll ich mich darum grämen? Nein. Es
rückt sich alles wieder zurecht, auch das. Und nun
komm und laß uns umkehren. Sieh nur wie die
Nebel steigen; ich denke, Frau Dörr ist nun fort
und wir treffen die gute Alte allein. Sie weiß
von allem und hat den ganzen Tag über immer
nur ein und dasselbe gesagt.“

„Und was?“

„Daß es so gut sei.“

Frau Nimptsch war wirklich allein, als Botho
und Lene bei ihr eintraten. Alles war still und
dämmerig und nur das Herdfeuer warf einen Lichtschein über die breiten Schatten, die sich schräg durch
das Zimmer zogen. Der Stieglitz schlief schon lange
in seinem Bauer und man hörte nichts als dann
und wann das Zischen des überkochenden Wassers.

„Guten Abend, Mutterchen,“ sagte Botho.

Die Alte gab den Gruß zurück und wollte von
ihrer Fußbank aufstehen, um den großen Lehnstuhl
heran zu rücken. Aber Botho litt es nicht und
sagte: „Nein, Mütterchen, ich setze mich auf meinen
alten Platz.“

Und dabei schob er den Schemel ans Feuer.

Eine kleine Pause trat ein; alsbald aber begann
er wieder: „Ich komme heut, um Abschied zu nehmen
und Ihnen für alles Liebe und Gute zu danken,
das ich hier so lange gehabt habe. Ja, Mutterchen,
so recht von Herzen. Ich bin hier so gern gewesen
und so glücklich. Aber nun muß ich fort und alles,
was ich noch sagen kann, ist blos das: es ist doch
wohl das Beste so.“

Die Alte schwieg und nickte zustimmend. „Aber
ich bin nicht aus der Welt,“ fuhr Botho fort, „und
ich werde Sie nicht vergessen, Mutterchen. Und
nun geben Sie mir die Hand. So. Und nun
gute Nacht.“

Hiernach stand er schnell auf und schritt auf
die Thür zu, während Lene sich an ihn hing. So
gingen sie bis an das Gartengitter, ohne daß weiter
ein Wort gesprochen wäre. Dann aber sagte sie:
„Nun kurz, Botho. Meine Kräfte reichen nicht
mehr; es war doch zu viel, diese zwei Tage. Lebe
wohl, mein Einziger, und sei so glücklich, wie Du's
verdienst, und so glücklich, wie Du mich gemacht hast
Dann bist Du glücklich. Und von dem Andern
rede nicht mehr, es ist der Rede nicht werth.
So, so.“

Und sie gab ihm einen Kuß und noch einen
und schloß dann das Gitter.

Als er an der andern Seite der Straße stand,
schien er, als er Lenens ansichtig wurde, noch einmal umkehren und Wort und Kuß mit ihr tauschen
zu wollen. Aber sie wehrte heftig mit der Hand.
Und so ging er denn weiter die Straße hinab,
während sie, den Kopf auf den Arm und den Arm
auf den Gitterpfosten gestützt, ihm mit großem Auge
nachsah.

So stand sie noch lange, bis sein Schritt in der
nächtlichen Stille verhallt war.

Sechzehntes Kapitel.

Mitte September hatte die Verheirathung auf
dem Sellenthin'schen Gute Rothenmoor stattgefunden,
Onkel Osten, sonst kein Redner, hatte das Brautpaar in dem zweifellos längsten Toaste seines Lebens
leben lassen, und am Tage darauf hatte die Kreuzzeitung unter ihren sonstigen Familienanzeigen auch
die folgende gebracht: „Ihre am gestrigen Tage
stattgehabte eheliche Verbindung zeigen hierdurch ergebenst an Botho Freiherr von Rienäcker, Premierlieutenant im Kaiser-Kürassier Regiment, Käthe Freifrau von Rienäcker, geb. von Sellenthin.“ Die
Kreuzzeitung war begreiflicherweise nicht das Blatt,
das in die Dörr'sche Gärtnerwohnung sammt ihren
Dependenzien kam, aber schon am andern Morgen
traf ein an Fräulein Magdalene Nimptsch adressirter
Brief ein, in dem nichts lag als der Zeitungsausschnitt mit der Vermählungsanzeige. Lene fuhr zusammen, sammelte sich aber rascher als der Absender,
aller Wahrscheinlichkeit nach eine neidische Kollegin,
erwartet haben mochte. Daß es von solcher Seite
her kam, war schon aus dem beigefügten „Hochwohlgeboren“ zu schließen. Aber gerade dieser Extraschabernack, der den schmerzhaften Stich verdoppeln
sollte, kam Lenen zu statten und verminderte das
bittere Gefühl, das ihr diese Nachricht sonst wohl
verursacht hätte.

Botho und Käthe von Rienäcker waren noch
am Hochzeitstage selbst nach Dresden hin aufgebrochen, nachdem beide der Verlockung einer neumärkischen Vetternreise glücklich widerstanden hatten.
Und wahrlich, sie hatten nicht Ursache ihre Wahl
zu bereuen, am wenigsten Botho, der sich jeden Tag
nicht nur zu dem Dresdener Aufenthalte, sondern
viel mehr noch zu dem Besitze seiner jungen Frau
beglückwünschte, die Capricen und üble Laune gar
nicht zu kennen schien. Wirklich, sie lachte den
ganzen Tag über und so leuchtend und hellblond
sie war, so war auch ihr Wesen. An allem ergötzte
sie sich und allem gewann sie die heitre Seite ab.
In dem von ihnen bewohnten Hotel war ein Kellner
mit einem Toupet, das einem eben umkippenden
Wellenkamme glich, und dieser Kellner sammt seiner
Frisur war ihre tagtägliche Freude, so sehr, daß sie,
wiewohl sonst ohne besonderen Esprit, sich in
Bildern und Vergleichen gar nicht genug thun
konnte. Botho freute sich mit und lachte herzlich,
bis sich mit einem Male doch etwas von Bedenken
und selbst von Unbehagen in sein Lachen einzumischen
begann. Er nahm nämlich wahr, daß sie, was auch
geschehen oder ihr zu Gesicht kommen mochte, lediglich am Kleinen und Komischen hing, und als Beide
nach etwa vierzehntägigem glücklichen Aufenthalt ihre
Heimreise nach Berlin antraten, ereignete sich's, daß
ein kurzes, gleich zu Beginn der Fahrt geführtes
Gespräch ihm über diese Charakterseite seiner Frau
volle Gewißheit gab. Sie hatten ein Koupee für
sich und als sie, von der Elbbrücke her, noch einmal
zurückblickten, um nach Altstadt-Dresden und der
Kuppel der Frauenkirche hinüber zu grüßen, sagte
Botho, während er ihre Hand nahm: „Und nun
sage mir, Käthe, was war eigentlich das Hübscheste
hier in Dresden?“

„Rathe.“

„Ja, das ist schwer, denn Du hast so Deinen
eignen Geschmack, und mit Kirchengesang und Holbein'scher Madonna darf ich Dir gar nicht kommen …“

„Nein. Da hast Du Recht. Und ich will
meinen gestrengen Herrn auch nicht lange warten
und sich quälen lassen. Es war dreierlei, was mich
entzückte: voran die Konditorei am Altmarkt und
der Scheffelgassen-Ecke mit den wundervollen Pastetchen und dem Likör. Da so zu sitzen …“

„Aber, Käthe, man konnte ja gar nicht sitzen,
man konnte kaum stehn, und war eigentlich, als ob
man sich jeden Bissen erobern müsse.“

„Das war es eben. Eben deshalb, mein Bester.
Alles, was man sich erobern muß…“

Und sie wandte sich ab und spielte neckisch die
Schmollende, bis er ihr einen herzlichen Kuß gab.

„Ich sehe,“ lachte sie. „Du bist schließlich einverstanden und zur Belohnung höre nun auch das
Zweite und Dritte. Mein Zweites war das Sommertheater draußen, wo wir „Monsieur Herkules“ sahn
und Knaak den Tannhäusermarsch auf einem
klapprigen alten Whisttisch trommelte. So was
Komisches hab' ich all mein Lebtag nicht gesehn und
Du wahrscheinlich auch nicht. Es war wirklich zu
komisch … Und das Dritte … Nun das Dritte, das
war „Bacchus auf dem Ziegenbock“ im Grünen
Gewölbe und der sich „kratzende Hund“ von Peter
Vischer.“

„Ich dachte mir so 'was und wenn Onkel Osten
davon hört, dann wird er Dir Recht geben und
Dich noch lieber haben als sonst und mir noch
öfter wiederholen: Ich sage Dir, Botho, die
Käthe …“

„Soll er's nicht?“

„O gewiß soll er.“

Und damit brach auf Minuten hin ihr Gespräch
ab, das in Botho's Seele, so zärtlich und liebevoll
er zu der jungen Frau hinübersah, doch einigermaßen ängstlich nachklang. Die junge Frau selbst
indeß hatte keine Ahnung von dem, was in ihres
Gatten Seele vorging, und sagte nur: „Ich bin
müde, Botho. Die vielen Bilder. Es kommt doch
nach . . . Aber (der Zug hielt eben) was ist denn
das für ein Lärm und Getreibe da draußen?“

„Das ist ein Dresdener Vergnügungsort, ich
glaube Kötschenbroda.“

„Kötschenbroda? Zu komisch.“

Und während der Zug weiter dampfte, streckte
sie sich aus und schloß anscheinend die Augen.
Aber sie schlief nicht und sah zwischen den Wimpern
hin nach dem geliebten Manne hinüber.

In der damals noch einreihigen Landgrafenstraße
hatte Käthe's Mama mittlerweile die Wohnung eingerichtet und als zu Beginn des Oktobers das
junge Paar in Berlin wieder eintraf, war es entzückt von dem Komfort, den es vorfand. In den
beiden Frontzimmern, die jedes einen Kamin hatten,
war geheizt, aber Thür und Fenster standen auf,
denn es war eine milde Herbstluft und das Feuer
brannte nur des Anblicks und des Luftzuges halber.
Das Schönste aber war der große Balkon mit seinem
weit herunter fallenden Zeltdach, unter dem hinweg
man in gerader Richtung ins Freie sah, erst über
das Birkenwäldchen und den Zoologischen Garten
fort und dahinter bis an die Nordspitze des Grunewalds.

Käthe freute sich, unter Händeklatschen, dieser
prächtig freien Aussicht, umarmte die Mama, küßte
Botho und wies dann plötzlich nach links hin, wo
zwischen vereinzelten Pappeln und Weiden ein
Schindelthurm sichtbar wurde. „Sieh, Botho, wie
komisch. Er ist ja wie dreimal eingeknickt. Und
das Dorf daneben. Wie heißt es?

„Ich glaube Wilmersdorf,“ stotterte Botho.

„Nun gut, Wilmersdorf. Aber was heißt das
ich glaube. Du wirst doch wissen, wie die Dörfer
hier herum heißen. Sieh nur, Mama, macht er
nicht ein Gesicht, als ob er uns ein Staatsgeheimniß verrathen hätte? Nichts komischer als
diese Männer.“

Und damit verließ man den Balkon wieder, um
in dem dahinter gelegenen Zimmer das erste Mittagsmahl en famille einzunehmen: nur die Mama,
das junge Paar und Serge, der als einziger Gast
geladen war.

Rienäcker's Wohnung lag keine tausend Schritt
von dem Hause der Frau Nimptsch. Aber Lene
wußte nichts davon und nahm ihren Weg oft durch
die Landgrafenstraße, was sie vermieden haben
würde, wenn sie von dieser Nachbarschaft auch nur
eine Ahnung gehabt hätte.

Doch es konnt' ihr nicht lange ein Geheimniß
bleiben.

Es ging schon in die dritte Oktoberwoche, trotzdem war es noch wie im Sommer und die Sonne
schien so warm, daß man den schärferen Luftton
kaum empfand.

„Ich muß heut in die Stadt, Mutter.“ sagte
Lene. „Goldstein hat mir geschrieben. Er will
mit mir über ein Muster sprechen, das in die
Wäsche der Waldeck'schen Prinzessin eingestickt werden
soll. Und wenn ich erst in der Stadt bin, will ich
auch die Frau Demuth in der Alten Jakobstraße
besuchen. Man kommt sonst ganz von aller Menschheit los. Aber um Mittag bin ich wieder hier.
Ich werd' es Frau Dörr sagen, daß sie nach Dir
sieht.“

„Laß nur, Lene, laß nur. Ich bin am liebsten
allein. Und die Dörr, sie red't so viel un immer
von ihrem Mann. Und ich habe ja mein Feuer.
Und wenn der Stieglitz piept, das is mir genug.
Aber wenn Du mir eine Tüte mitbringst, ich habe
jetzt immer solch Kratzen und Malzbonbon löst so. . .“

„Schön Mutter.“

Und damit hatte Lene die kleine stille Wohnung
verlassen und war erst die Kurfürsten- und dann die
lange Potsdamer Straße hinunter gegangen, auf
den Spittelmarkt zu, wo die Gebrüder Goldstein
ihr Geschäft hatten. Alles verlief nach Wunsch
und es war nahezu Mittag, als sie, heimkehrend,
diesmal anstatt der Kurfürsten- lieber die Lützowstraße passirte. Die Sonne that ihr wohl und das
Treiben auf dem Magdeburger Platze, wo gerade
Wochenmarkt war und alles eben wieder zum Aufbruch rüstete, vergnügte sie so, daß sie stehen blieb
und sich das bunte Durcheinander mit ansah. Sie
war wie benommen davon und wurd' erst aufgerüttelt, als die Feuerwehr mit ungeheurem Lärm
an ihr vorbeirasselte.

Lene horchte, bis das Gebimmel und Geklingel
in der Ferne verhallt war, dann aber sah sie links
hinunter nach der Thurmuhr der Zwölf-Apostelkirche. „Gerade Zwölf,“ sagte sie. „Nun ist es
Zeit, daß ich mich eile; sie wird immer unruhig,
wenn ich später komme als sie denkt.“ Und so ging
sie weiter die Lützowstraße hinunter auf den gleichnamigen Platz zu. Aber mit einem Male hielt sie
und wußte nicht wohin, denn auf ganz kurze Entfernung
erkannte sie Botho, der, mit einer jungen, schönen
Dame am Arm, grad' auf sie zukam, Die junge
Dame sprach lebhaft und anscheinend lauter heitre
Dinge, denn Botho lachte beständig, während er zu
ihr niederblickte. Diesem Umstande verdankte sie's
auch, daß sie nicht schon lange bemerkt worden
war, und rasch entschlossen, eine Begegnung mit ihm
um jeden Preis zu vermeiden, wandte sie sich, vom
Trottoir her, nach rechts hin und trat an das zunächst befindliche große Schaufenster heran, vor dem,
muthmaßlich als Deckel für eine hier befindliche
Kelleröffnung, eine viereckige geriffelte Eisenplatte
lag. Das Schaufenster selbst war das eines gewöhnlichen Materialwaarenladens, mit dem üblichen
Aufbau von Stearinlichten und Mixedpickles-Flaschen,
nichts Besonders, aber Lene starrte drauf hin, als
ob sie dergleichen noch nie gesehen habe. Und wahrlich, Zeit war es, denn in eben diesem Augenblicke
streifte das junge Paar hart an ihr vorüber und
kein Wort entging ihr von dem Gespräche, das
zwischen Beiden geführt wurde.

„Käthe, nicht so laut,“ sagte Botho, „die Leute
sehen uns schon an.“

„Laß sie…“

„Sie denken am Ende, wir zanken uns . . .“

„Unter Lachen? Zanken unter Lachen?“

Und sie lachte wieder.

Lene fühlte das Zittern der dünnen Eisenplatte,
darauf sie stand. Ein wagerecht liegender Messingstab zog sich zum Schutze der großen Glasscheibe
vor dem Schaufenster hin und einen Augenblick war
es ihr, als ob sie, wie zu Beistand und Hilfe, nach
dem Messingstab greifen müsse, sie hielt sich aber
aufrecht und erst als sie sicher sein durfte, daß
Beide weit genug fort waren, wandte sie sich wieder,
um ihren Weg fortzusetzen. Sie tappte sich vorsichtig an den Häusern hin und eine kurze Strecke
ging es. Aber bald war ihr doch, als ob ihr die
Sinne schwänden, und kaum, daß sie die nächste nach
dem Kanal hin abzweigende Querstraße erreicht
hatte, so bog sie hier ein und trat in einen Vorgarten, dessen Gitterthür offen stand. Nur mit
Mühe noch schleppte sie sich bis an eine kleine zu
Veranda und Hochparterre hinauf führende Freitreppe, wenige Stufen, und setzte sich, einer Ohnmacht nah, auf eine derselben.

Als sie wieder erwachte, sah sie, daß ein halbwachsenes Mädchen, ein Grabscheit in der Hand,
mit dem sie kleine Beete gegraben hatte, neben ihr
stand und sie theilnahmvoll anblickte, während, von
der Verandabrüstung aus, eine alte Kindermuhme
sie mit kaum geringerer Neugier musterte. Niemand
war augenscheinlich zu Haus als das Kind und die
Dienerin und Lene dankte beiden und erhob sich
und schritt wieder auf die Pforte zu. Das halbwachsene Mädchen aber sah ihr traurig verwundert
nach und es war fast, wie wenn in dem Kinderherzen eine erste Vorstellung von dem Leid des
Lebens gedämmert hätte.

Lene war inzwischen, den Fahrdamm passirend,
bis an den Kanal gekommen und ging jetzt unten
an der Böschung entlang, wo sie sicher sein durfte,
Niemandem zu begegnen. Von den Kähnen her
blaffte dann und wann ein Spitz und ein dünner
Rauch, weil Mittag war, stieg aus den kleinen
Kajütenschornsteinen auf. Aber sie sah und hörte
nichts oder war wenigstens ohne Bewußtsein dessen,
was um sie her vorging, und erst als jenseits des
Zoologischen die Häuser am Kanal hin aufhörten
und die große Schleuse mit ihrem drüberwegschäumenden Wasser sichtbar wurde, blieb sie stehn und
rang nach Luft. „Ach, wer weinen könnte.“ Und
sie drückte die Hand gegen Brust und Herz.

Zu Hause traf sie die Mutter an ihrem alten
Platz und setzte sich ihr gegenüber, ohne daß ein
Wort oder Blick zwischen ihnen gewechselt worden
wäre. Mit einem Mal aber sah die Alte, deren
Auge bis dahin immer in derselben Richtung gegangen war, von ihrem Herdfeuer auf und erschrak,
als sie der Veränderung in Lenens Gesicht gewahr
wurde.

„Lene, Kind, was hast Du? Lene, wie siehst Du
nur aus?“ Und so schwer beweglich sie sonsten war,
heute machte sie sich im Umsehn von ihrer Fußbank
los und suchte nach dem Krug, um die noch immer
wie halbtodt Dasitzende mit Wasser zu besprengen.
Aber der Krug war leer und so humpelte sie nach
dem Flur und vom Flur nach Hof und Garten
hinaus, um die gute Frau Dörr zu rufen, die gerade
Goldlack und Jelänger-Jelieber abschnitt, um Marktsträuße daraus zu binden. Ihr Alter aber stand
neben ihr und sagte: „Nimm nich wieder zu viel
Strippe.“

Frau Dörr, als sie das jämmerliche Rufen der
alten Frau von fernher hörte, verfärbte sich und
antwortete mit lauter Stimme: „Komme schon,
Mutter Nimptsch, komme schon,“ und alles wegwerfend, was sie von Blumen und Bast in der
Hand hatte, lief sie gleich auf das kleine Vorderhaus zu, weil sie sich sagte, daß da was los sein
müsse.

„Richtig, dacht' ich's doch . . . Leneken.“ Und
dabei rüttelte und schüttelte sie die nach wie vor
leblos Dasitzende, während die Alte langsam nachkam und über den Flur hinschlurrte.

„Wir müssen sie zu Bett bringen,“ rief Frau
Dörr und die Nimptsch wollte selber mit anfassen.
Aber so war das „wir“ der stattlichen Frau Dörr
nicht gemeint gewesen. „Ich mache so was allein,
Mutter Nimptsch,“ und Lenen in ihre Arme nehmend,
trug sie sie nebenan in die Kammer und deckte sie
hier zu.

„So, Mutter Nimptsch. Nu 'ne heiße Stürze.
Das kenn' ich, das kommt von's Blut. Erst 'ne
Stürze un denn'n Ziegelstein an die Fußsohlen;
aber grad untern Spann, da sitzt das Leben . . .
Wovon is es denn eigentlich? Is gewiß 'ne Altration.“

„Weiß nich. Sie hat nichts gesagt. Aber ich
denke mir, daß sie'n vielleicht gesehn hat.“

„Richtig. Das is es. Das kenn' ich . . . Aber
nu die Fenster zu un 'runter mit's Rollo . . .
Manche sind für Kampfer und Hoffmannstropfen,
aber Kampfer schwächt so und is eigentlich blos
für Motten. Nein, liebe Nimptschen, was 'ne Natur
is un noch dazu solche junge, die muß sich immer
selber helfen un darum bin ich für schwitzen. Aber
orntlich. Un wovon kommt es? Von die Männer
kommt es. Un doch hat man sie nöthig un braucht
sie . . Na, sie kriegt ja schon wieder Farbe.“

„Woll'n wir nich lieber nach'n Doktor schicken?“

„J, Jott bewahre. Die kutschiren jetzt 'rum
un eh' einer kommt, is sie schon dreimal dod und
lebendig “

Siebzehntes Kapitel.

Drittehalb Jahre waren seit jener Begegnung
vergangen, während welcher Zeit sich manches in
unserem Bekannten- und Freundeskreise verändert
hatte, nur nicht in dem in der Landgrafenstraße.

Hier herrschte dieselbe gute Laune weiter, der
Frohmuth der Flitterwochen war geblieben, und
Käthe lachte nach wie vor. Was andere junge
Frauen vielleicht betrübt hätte: daß das Paar einfach ein Paar blieb, wurde von Käthe keinen Augenblick schmerzlich empfunden. Sie lebte so gern und
fand an Putz und Plaudern, an Reiten und Fahren
ein so volles Genüge, daß sie vor einer Veränderung
ihrer Häuslichkeit eher erschrak, als sie herbeiwünschte.
Der Sinn für Familie, geschweige die Sehnsucht
danach, war ihr noch nicht aufgegangen und als die
Mama brieflich eine Bemerkung über diese Dinge
machte, schrieb Käthe ziemlich ketzerisch zurück:
„Sorge Dich nicht, Mama. Botho's Bruder hat
sich ja nun ebenfalls verlobt, in einem halben Jahr
ist Hochzeit und ich überlass' es gern meiner zukünftigen Schwägerin, sich die Fortdauer des Hauses
Rienäcker angelegen sein zu lassen.“

Botho sah es anders an, aber auch sein Glück
wurde durch das, was fehlte, nicht sonderlich getrübt,
und wenn ihn trotzdem von Zeit zu Zeit eine Mißstimmung anwandelte, so war es, wie schon damals
auf seiner Dresdener Hochzeitsreise, vorwiegend darüber, daß mit Käthe wohl ein leidlich vernünftiges,
aber durchaus kein ernstes Wort zu reden war. Sie
war unterhaltlich und konnte sich mitunter bis zu
glücklichen Einfällen steigern, aber auch das Beste,
was sie sagte, war oberflächlich und „spielrig“, als
ob sie der Fähigkeit entbehrt hätte, zwischen wichtigen und unwichtigen Dingen zu unterscheiden.
Und was das Schlimmste war, sie betrachtete das
alles als einen Vorzug, wußte sich was damit und
dachte nicht daran, es abzulegen. „Aber, Käthe,
Käthe,“ rief Botho dann wohl und ließ in diesem
Zuruf etwas von Mißbilligung mit durchklingen,
ihr glückliches Naturell aber wußt' ihn immer wieder
zu entwaffnen, ja, so sehr, daß er sich mit dem Anspruch, den er erhob, fast pedantisch vorkam.

Lene mit ihrer Einfachheit, Wahrheit und Unredensartlichkeit stand ihm öfters vor der Seele,
schwand aber ebenso rasch wieder hin und nur wenn
Zufälligkeiten einen ganz bestimmten Vorfall in
aller Lebendigkeit wieder in ihm wachriefen, kam
ihm mit dieser größeren Lebendigkeit des Bildes auch
wohl ein stärkeres Gefühl und mitunter selbst eine
Verlegenheit.

Eine solche Zufälligkeit ereignete sich gleich im
ersten Sommer, als das junge Paar, von einem
Diner bei Graf Alten zurückgekehrt, auf dem
Balkon saß und seinen Thee nahm. Käthe lag
zurückgelehnt in ihrem Stuhl und ließ sich aus der
Zeitung einen mit Zahlenangaben reichgespickten
Artikel über Pfarr- und Stolgebühren vorlesen.
Eigentlich verstand sie wenig davon, um so weniger
als die vielen Zahlen sie störten, aber sie hörte doch
ziemlich aufmerksam zu, weil alle märkischen Frölens
ihre halbe Jugend „bei Predigers“ zubringen und
so den Pfarrhausinteressen ihre Theilnahme bewahren. So war es auch heut. Endlich brach der
Abend herein und im selben Augenblicke wo's dunkelte,
begann drüben im „Zoologischen“ das Konzert und
ein entzückender Strauß'scher Walzer klang herüber.

„Höre nur, Botho,“ sagte Käthe, sich aufrichtend,
während sie voll Uebermuth hinzusetzte: „Komm, laß
uns tanzen.“ Und ohne seine Zustimmung abzuwarten, zog sie ihn aus seinem Stuhl in die Höh'
und walzte mit ihm in das große Balkonzimmer
hinein und in diesem noch ein paar Mal herum.
Dann gab sie ihm einen Kuß und sagte, während
sie sich an ihn schmiegte: „Weißt Du, Botho, so
wundervoll hab' ich noch nie getanzt, auch nicht auf
meinem ersten Ball, den ich noch bei der Zülow
mitmachte, ja, daß ich's nur gestehe, noch eh ich
eingesegnet war. Onkel Osten nahm mich auf seine
Verantwortung mit und die Mama weiß es bis
diesen Tag nicht. Aber selbst da war es nicht so
schön wie heut. Und doch ist verbotene Furcht die
schönste. Nicht wahr? Aber Du sagst ja nichts, Du
bist ja verlegen, Botho. Sieh' so ertapp' ich Dich
'mal wieder.“

Er wollte so gut es ging etwas sagen, aber sie
ließ ihn nicht dazu kommen. „Ich glaube wirklich,
Botho, meine Schwester Ine hat es Dir angethan
und Du darfst mich nicht damit trösten wollen, sie
sei noch ein halber Backfisch oder nicht weit darüber
hinaus. Das sind immer die gefährlichsten. Ist es
nicht so? Nun ich will nichts gesehen haben und ich
gönn' es ihr und Dir. Aber auf alte, ganz alte
Geschichten bin ich eifersüchtig, viel, viel eifersüchtiger
als auf neue.“

„Sonderbar,“ sagte Botho und versuchte zu
lachen.

„Und doch am Ende nicht so sonderbar wie's
aussieht,“ fuhr Käthe fort. „Sieh, neue Geschichten
hat man doch immer halb unter Augen und es muß
schon schlimm kommen und ein wirklicher Meister-Verräther sein, wenn man gar nichts merken und
so reinweg betrogen werden soll. Aber alte Geschichten, da hört alle Kontrolle auf, da kann es
tausend und drei geben und man weiß es kaum.“

„Und was man nicht weiß . . .“

„Kann einen doch heiß machen. Aber lassen
wir's und lies mir lieber weiter aus Deiner Zeitung vor.
Ich habe beständig an unsere Kluckhuhns denken
müssen und die gute Frau versteht es nicht Und
der Aelteste soll jetzt gerade studiren.“

Solche Geschichten ereigneten sich häufiger und
beschworen in Botho's Seele mit den alten Zeiten
auch Lenens Bild herauf, aber sie selbst sah er nicht,
was ihm auffiel, weil er ja wußte, daß sie halbe
Nachbarn waren.

Es fiel ihm auf und wär' ihm doch leicht erklärlich gewesen, wenn er rechtzeitig in Erfahrung
gebracht hätte, daß Frau Nimptsch und Lene gar
nicht mehr an alter Stelle zu finden seien. Und
doch war es so. Von dem Tag an, wo Lene dem
jungen Paar in der Lützowstraße begegnet war,
hatte sie der Alten erklärt, in der Dörr'schen Wohnung nicht mehr bleiben zu können, und als Mutter
Nimptsch, die sonst nie widersprach, den Kopf geschüttelt und geweimert und in einem fort auf den
Herd hingewiesen hatte, hatte Lene gesagt: „Mutter ‚
Du kennst mich doch. Ich werde Dir doch Deinen
Herd und Dein Feuer nicht nehmen; Du sollst alles
wieder haben; ich habe das Geld dazu gespart und
wenn ich's nicht hätte, so wollt' ich arbeiten, bis es
beisammen wär'. Aber hier müssen wir fort. Ich
muß jeden Tag da vorbei, das halt' ich nicht aus,
Mutter. Ich gönn' ihm sein Glück, ja mehr noch,
ich freue mich, daß er's hat. Gott ist mein Zeuge,
denn er war ein guter, lieber Mensch und hat mir
zu Liebe gelebt und kein Hochmuth und keine
Haberei. Und daß ich's rund heraus sage, trotzdem
ich die feinen Herren nicht leiden kann, ein richtiger
Edelmann, so recht einer‚ der das Herz auf dem
rechten Flecke hat. Ja, mein einziger Botho, Du
sollst glücklich sein, so glücklich wie Du's verdienst.
Aber ich kann es nicht sehn, Mutter, ich muß weg
hier, denn so wie ich zehn Schritte gehe, denk' ich,
er steht vor mir. Und da bin ich in einem ewigen
Zittern. Nein, nein, das geht nicht. Aber Deine
Herdstelle sollst Du haben. Das versprech' ich Dir,
ich, Deine Lene.“

Nach diesem Gespräche war seitens der Alten
aller Widerstand aufgegeben worden und auch Frau
Dörr hatte gesagt: „Versteht sich, ihr müßt ausziehen. Und dem alten Geizkragen, dem Dörr, dem
gönn' ich's. Immer hat er mir was vorgebrummt,
daß ihr zu billig einsäß't und daß nich die Steuer
un die Repratur dabei 'raus käme. Nu mag er sich
freuen, wenn ihm alles leer steht. Und so wird's
kommen. Denn wer zieht denn in solchen Puppenkasten, wo jeder Kater ins Fenster kuckt un kein
Gas nich un keine Wasserleitung. I, versteht sich;
ihr habt ja vierteljährliche Kündigung und Ostern
könnt ihr 'raus, da helfen ihm keine Sperenzchen.
Und ich freue mich ordentlich; ja, Lene, so schlecht
bin ich. Aber ich muß auch gleich für meine
Schadenfreude bezahlen. Denn wenn Du weg bist,
Kind, und die gute Frau Nimptsch mit ihrem Feuer
und ihrem Theekessel und immer kochend Wasser, ja,
Lene, was hab' ich denn noch? Doch blos ihn un
Sultan und den dummen Jungen, der immer dummer
wird. Un sonst keinen Menschen nich. Un wenn's
denn kalt wird und Schnee fällt, is es mitunter
zum kattol'sch werden vor lauter Stillsitzen und
Einsamkeit.“

Das waren so die ersten Verhandlungen gewesen,
als der Umzugsplan in Lene feststand, und als
Ostern herankam, war wirklich ein Möbelwagen vorgefahren, um aufzuladen, was an Habseligkeiten da
war. Der alte Dörr hatte sich bis zuletzt überraschend gut benommen und nach erfolgtem feierlichen Abschiede war Frau Nimptsch in eine Droschke
gepackt und mit ihrem Eichkätzchen und Stieglitz bis
an das Luisen-Ufer gefahren worden, wo Lene, drei
Treppen hoch, eine kleine Prachtwohnung gemiethet
und nicht nur ein paar neue Möbeln angeschafft,
sondern, in Erinnerung an ihr Versprechen, vor allem
auch für einen an den großen Vorderzimmer-Ofen
angebauten Kamin gesorgt hatte. Seitens des
Wirths waren anfänglich allerlei Schwierigkeiten
gemacht worden, „weil solch Vorbau den Ofen
ruinire.“ Lene hatte jedoch unter Angabe der
Gründe darauf bestanden, was dem Wirth, einem
alten braven Tischlermeister, dem so was gefiel, einen
großen Eindruck gemacht und ihn zum Nachgeben
bestimmt hatte.

Beide wohnten nun ziemlich ebenso, wie sie vordem im Dörr'schen Gartenhause gewohnt hatten, nur
mit dem Unterschiede, daß sie jetzt 3 Treppen hoch
saßen und statt auf die phantastischen Thürme des
Elephantenhauses auf die hübsche Kuppel der Michaelskirche sahen. Ja, der Blick, dessen sie sich erfreuten,
war entzückend und so schön und frei, daß er selbst
auf die Lebensgewohnheiten der alten Nimptsch einen
Einfluß gewann und sie bestimmte, nicht mehr blos
auf der Fußbank am Feuer, sondern, wenn die
Sonne schien, auch am offenen Fenster zu sitzen,
wo Lene für einen Tritt gesorgt hatte. Das alles
that der alten Frau Nimptsch ungemein wohl und
half ihr auch gesundheitlich auf, so daß sie, seit dem
Wohnungswechsel, weniger an Reißen litt als draußen
in dem Dörr'schen Gartenhause, das, so poetisch es
lag, nicht viel besser als ein Keller gewesen war.

Im Uebrigen verging keine Woche, wo nicht,
trotz des endlos weiten Weges, Frau Dörr vom
„Zoologischen“ her am Luisen-Ufer erschienen wäre,
blos „um zu sehen, wie's stehe.“ Sie sprach dann,
nach Art aller Berliner Ehefrauen, ausschließlich
von ihrem Manne, dabei regelmäßig einen Ton
anschlagend, als ob die Verheirathung mit ihm eine
der schwersten Mesalliancen und eigentlich etwas
halb Unerklärliches gewesen wäre. In Wahrheit
aber stand es so, daß sie sich nicht nur äußerst behaglich und zufrieden fühlte, sondern sich auch freute,
daß Dörr gerade so war wie er war. Denn sie
hatte nur Vortheile davon, einmal den, beständig
reicher zu werden, und nebenher den zweiten, ihr
ebenso wichtigen, ohne jede Gefahr vor Aenderung
und Vermögens-Einbuße sich unausgesetzt über den
alten Geizkragen erheben und ihm Vorhaltungen
über seine niedrige Gesinnung machen zu können.
Ja, Dörr war das Hauptthema bei diesen Gesprächen
und Lene, wenn sie nicht bei Goldstein's oder sonst
wo in der Stadt war, lachte jedesmal herzlich mit
und um so herzlicher, als sie sich, ebenso wie die
Nimptsch, seit dem Umzuge sichtlich erholt hatte.
Das Einrichten, Anschaffen und Instandsetzen hatte
sie, wie sich denken läßt, von Anfang an von ihren
Betrachtungen abgezogen und was noch wichtiger
und für ihre Gesundheit und Erholung erst recht
von Vortheil gewesen war, war das, daß sie nun
keine Furcht mehr vor einer Begegnung mit Botho
zu haben brauchte. Wer kam nach dem Luisen-Ufer?
Botho gewiß nicht. All das vereinigte sich, sie vergleichsweise wieder frisch und munter erscheinen zu
lassen, und nur Eines war geblieben, das auch
äußerlich an zurückliegende Kämpfe gemahnte: mitten
durch ihr Scheitelhaar zog sich eine weiße Strähne.
Mutter Nimptsch hatte kein Auge dafür oder machte
nicht viel davon, die Dörr aber, die nach ihrer
Art mit der Mode ging und vor allem ungemein
stolz auf ihren ächten Zopf war, sah die weiße
Strähne gleich und sagte zu Lene: „Jott, Lene. Un
grade links. Aber natürlich . . . da sitzt ja . . .
links muß es ja sein.“

Es war bald nach dem Umzuge, daß dies Gespräch geführt wurde. Sonst geschah im Allgemeinen
weder Botho's noch der alten Zeiten Erwähnung,
was einfach darin seinen Grund hatte, daß Lene,
wenn die Plauderei speziell diesem Thema sich zuwandte, jedesmal rasch abbrach oder auch wohl aus
dem Zimmer ging. Das hatte sich die Dörr, als
es mal auf mal wiederkehrte, gemerkt und so schwieg
sie denn über Dinge, von denen man ganz ersichtlich
weder reden noch hören wollte. So ging es ein
Jahr lang und als das Jahr um war, war noch
ein anderer Grund da, der es nicht räthlich erscheinen
ließ, auf die alten Geschichten zurück zu kommen.
Nebenan nämlich war, Wand an Wand mit der
Nimptsch, ein Miether eingezogen, der, von Anfang
an auf gute Nachbarschaft haltend, bald noch mehr
als ein guter Nachbar zu werden versprach. Er
kam jeden Abend und plauderte, so daß es mitunter
an die Zeiten erinnerte, wo Dörr auf seinem Schemel
gesessen und seine Pfeife geraucht hatte, nur daß
der neue Nachbar in vielen Stücken doch anders
war: ein ordentlicher und gebildeter Mann, von
nicht gerade feinen, aber sehr anständigen Manieren,
dabei guter Unterhalter, der, wenn Lene mit zugegen war, von allerlei städtischen Angelegenheiten,
von Schulen, Gasanstalten und Kanalisation und
mitunter auch von seinen Reisen zu sprechen wußte.
Traf es sich, daß er mit der Alten allein war, so
verdroß ihn auch das nicht, und er spielte dann Tod
und Leben mit ihr oder Dambrett oder half ihr auch
wohl eine Patience legen, trotzdem er eigentlich alle
Karten verabscheute. Denn er war ein Konventikler und
hatte, nachdem er erst bei den Menoniten und dann
später bei den Irvingianern eine Rolle gespielt hatte,
neuerdings eine selbständige Sekte gestiftet.

Wie sich denken läßt, erregte dies alles die
höchste Neugier der Frau Dörr, die denn auch nicht
müde wurde, Fragen zu stellen und Anspielungen
zu machen, aber immer nur, wenn Lene wirthschaftlich zu thun oder in der Stadt allerlei Besorgungen
hatte. „Sagen Sie, liebe Frau Nimptsch, was is
er denn eigentlich? Ich habe nachgeschlagen, aber er
steht noch nich drin; Dörr hat blos immer den vorjährigen. Franke heißt er?“

„Ja, Franke.“

„Franke. Da war mal einer in der Ohmgasse,
Großböttchermeister, und hatte blos ein Auge; das
heißt, das andre war auch noch da, man blos ganz
weiß und sah eigentlich aus wie 'ne Fischblase, Un
wovon war es? Ein Reifen, als er ihn umlegen
wollte, war abgesprungen und mit der Spitze grad'
ins Auge. Davon war es. Ob er von da herstammt?“

„Nein, Frau Dörr, er is gar nich von hier. Er
is aus Bremen.“

„Ach so. Na denn is es ja ganz natürlich.“

Frau Nimptsch nickte zustimmend, ohne sich über
diese Natürlichkeitsversicherung weiter aufklären zu
lassen, und fuhr ihrerseits fort: „Un von Bremen
bis Amerika dauert blos 14 Tage. Da ging er hin.
Un er war so was wie Klempner oder Schlosser
oder Maschinenarbeiter, aber als er sah, daß es nich
ging, wurd er Doktor und zog ’rum mit lauter
kleine Flaschen und soll auch gepredigt haben. Un
weil er so gut predigte, wurd' er angestellt bei. . .
Ja, nun hab' ich es wieder vergessen. Aber es
sollen lauter sehr fromme Leute sein und auch sehr
anständige.“

„Herr Du meine Güte,“sagte Frau Dörr.„Er
wird doch nich. . . Jott, wie heißen sie doch, die so
viele Frauen haben, immer gleich sechs oder sieben
und manche noch mehre. . . Ich weiß nich was sie
mit so viele machen.“

Es war ein Thema, wie geschaffen für Frau
Dörr. Aber die Nimptsch beruhigte die Freundin
und sagte: „Nein, liebe Dörr, es is doch anders.
Ich hab' erst auch so was gedacht, aber da hat er
gelacht und gesagt: „I bewahre, Frau Nimptsch.
Ich bin Junggesell. Und wenn ich mich verheirathe,
da denk' ich mir, eine ist grade genug.“

„Na, da fällt mir ein Stein vom Herzen,“ sagte
die Dörr. „Und wie kam es denn nachher?“ Ich
meine drüben in Amerika.“

„Nu, nachher kam es ganz gut und dauerte gar
nich lange, so war ihm geholfen. Denn was die
Frommen sind, die helfen sich immer untereinander.
Und hatte wieder Kundschaft gekriegt und auch sein
altes Metier wieder. Und das hat er noch und is
in einer großen Fabrik hier in der Köpnicker Straße,
wo sie kleine Röhren machen und Brenner und
Hähne und alles, was sie für den Gas brauchen.
Und er ist da der Oberste, so wie Zimmer- oder
Mauerpolier un hat wohl hundert unter sich. Un
is ein sehr reputierlicher Mann mit Zylinder un
schwarze Handschuh. Un hat auch ein gutes Gehalt.“

„Un Lene?“

„Nu, Lene, die nähm' ihn schon. Und warum
mich nich? Aber sie kann ja den Mund nich halten
und wenn er kommt und ihr was sagt, dann wird
sie ihm alles erzählen, all die alten Geschichten, erst
die mit Kuhlwein (un is doch nu schon so lang,
als wär's eigentlich gar nich gewesen) und denn die
mit dem Baron. Und Franke, müssen Sie wissen,
ist ein feiner un anständiger Mann, un eigentlich
schon ein Herr.“

„Wir müssen es ihr ausreden. Er braucht ja
nich alles zu wissen; wozu denn? wir wissen ja auch
nich alles.“

„Woll, woll. Aber die Lene . . .“

Achtzehntes Kapitel.

Nun war Juni 78. Frau von Rienäcker
und Frau von Sellenthin waren den Mai über
auf Besuch bei dem jungen Paare gewesen und
Mutter und Schwiegermutter, die sich mit jedem
Tage mehr einredeten, ihre Käthe blasser, blutloser
und matter als sonst vorgefunden zu haben, hatten,
wie sich denken läßt, nicht aufgehört, auf einen
Spezialarzt zu dringen, mit dessen Hilfe, nach beiläufig sehr kostspieligen gynäkologischen Untersuchungen, eine vierwöchentliche Schlangenbader Kur als
vorläufig unerläßlich festgesetzt worden war. Schwalbach könne dann folgen, Käthe hatte gelacht und
nichts davon wissen wollen, am wenigsten von
Schlangenbad, „es sei so 'was Unheimliches in dem
Namen und sie fühle schon die Viper an der Brust,“
aber schließlich hatte sie nachgegeben und in den
nun beginnenden Reisevorbereitungen eine Befriedigung gefunden, die größer war als die, die
sie sich von der Kur versprach. Sie fuhr täglich
in die Stadt, um Einkäufe zu machen, und wurde
nicht müde zu versichern, wie sie jetzt erst das so
hoch in Gunst und Geltung stehende „shopping“
der englischen Damen begreifen lerne: so von Laden
zu Laden zu wandern und immer hübsche Sachen
und höfliche Menschen zu finden, das sei doch
wirklich ein Vergnügen und lehrreich dazu, weil
man so vieles sehe, was man gar nicht kenne, ja,
wovon man bis dahin nicht einmal den Namen
gehört hätte. Botho nahm in der Regel an diesen
Gängen und Ausfahrten Theil und ehe die letzte
Juniwoche heran war, war die halbe Rienäcker'sche
Wohnung in eine kleine Ausstellung von Reiseeffekten umgewandelt: ein Riesenkoffer mit Messingbeschlag, den Botho, nicht ganz mit Unrecht, den
Sarg seines Vermögens nannte, leitete den Reigen
ein, dann kamen zwei kleinere von Juchtenleder,
sammt Taschen, Decken und Kissen, und über das
Sopha hin ausgebreitet lag die Reisegarderobe mit
einem Staubmantel obenan und einem Paar wundervoller dicksohliger Schnürstiefel, als ob es sich
um irgend eine Gletscherpartie gehandelt hätte.

Den 24. Juni, Johannistag, sollte die Reise
beginnen, aber am Tage vorher wollte Käthe den
cercle intime noch einmal um sich versammeln
und so waren denn Wedell und ein junger Osten
und selbstverständlich auch Pitt und Serge zu verhältnißmäßig früher Stunde geladen wurden. Dazu Käthe's besonderer Liebling Balafré, der, bei
Mars la Tour, damals noch als „Halberstädter“,
die große Attacke mitgeritten und wegen eines wahren
Prachthiebes schräg über Stirn und Backe seinen
Beinamen erhalten hatte.

Käthe saß zwischen Wedell und Balafré und
sah nicht aus, als ob sie Schlangenbads oder irgend
einer Badekur der Welt besonders bedürftig sei, sie
hatte Farbe, lachte, that hundert Fragen und begnügte sich, wenn der Gefragte zu sprechen anhob,
mit einem Minimum von Antwort. Eigentlich
führte sie das Wort und keiner nahm Anstoß daran,
weil sie die Kunst des gefälligen Nichtsagens mit
einer wahren Meisterschaft übte. Balafré fragte,
wie sie sich ihr Leben in den Kurtagen denke?
Schlangenbad sei nicht blos wegen seiner Heilwunder, sondern viel viel mehr noch wegen seiner
Langenweile berühmt und vier Wochen Bade-Langeweile seien selbst unter den günstigsten Kurverhältnissen etwas viel.“

„O, lieber Balafré,“ sagte Käthe, „Sie dürfen
mich nicht ängstigen und würden es auch nicht,
wenn Sie wüßten, wie viel Botho für mich gethan
hat. Er hat mir nämlich acht Bände Novellen als
freilich unterste Schicht in den Koffer gelegt und
damit sich meine Phantasie nicht kurwidrig erhitze,
hat er gleich noch ein Buch über künstliche Fischzucht mitzugethan.“

Balafré lachte.

„Ja, Sie lachen, lieber Freund, und wissen doch
erst die kleinere Hälfte, die Haupthälfte (Botho thut
nämlich nichts ohne Grund und Ursache) ist seine
Motivirung. Es war natürlich blos Scherz, was
ich da vorhin von meiner mit Hilfe der Fischzuchtsbroschüre nicht zu schädigenden Phantasie sagte, das
Ernste von der Sache lief darauf hinaus, ich müsse
dergleichen, die Broschüre nämlich, endlich lesen und
zwar aus Lokalpatriotismus, denn die Neumark,
unsere gemeinsame glückliche Heimath, sei seit Jahr
und Tag schon die Brut- und Geburtsstätte der
künstlichen Fischzucht und wenn ich von diesem
national-ökonomisch so wichtigen neuen Ernährungsfaktor nichts wüßte, so dürft' ich mich jenseits der
Oder im Landsberger Kreise gar nicht mehr sehen
lassen, am allerwenigsten aber in Berneuchen, bei
meinem Vetter Borne.“

Botho wollte das Wort nehmen, aber sie schnitt
es ihm ab und fuhr fort: „Ich weiß, was Du
sagen willst und daß es wenigstens mit den acht
Novellen nur so für alle Fälle sei. Gewiß, gewiß,
Du bist immer so schrecklich vorsichtig. Aber ich
denke, „alle Fälle“ sollen gar nicht kommen. Ich
hatte nämlich gestern noch einen Brief von meiner
Schwester Ine, die mir schrieb, Anna Grävenitz sei
seit acht Tagen auch da. Sie kennen Sie ja, Wedell,
eine geborene Rohr, charmante Blondine, mit der
ich bei der alten Zülow in Pension und sogar in
derselben Klasse war. Und ich entsinne mich noch,
wie wir unsern vergötterten Felix Bachmann gemeinschaftlich anschwärmten und sogar Verse machten,
bis die gute alte Zülow sagte, sie verbäte sich solchen
Unsinn. Und Elly Winterfeld, wie mir Ine schreibt,
käme wahrscheinlich auch. Und nun sag' ich mir,
in Gesellschaft von zwei reizenden jungen Frauen
— und ich als Dritte, wenn auch mit den beiden
andern gar nicht zu vergleichen — in so guter Gesellschaft, sag' ich, muß man doch am Ende leben
können. Nicht wahr, lieber Balafré?“

Dieser verneigte sich unter einem grotesken
Mienenspiel, das in allem, nur nicht hinsichtlich
eines von ihr selbst versicherten Zurückstehens gegen
irgend wen sonst in der Welt, seine Zustimmung
ausdrücken sollte, nahm aber nichts desto weniger
sein ursprüngliches Examen wieder auf und sagte:
„Wenn ich Details hören könnte, meine Gnädigste!
Das Einzelne, so zu sagen die Minute bestimmt
unser Glück und Unglück. Und der Tag hat der
Minuten so viele,“

„Nun, ich denk' es mir so. Jeden Morgen
Briefe. Dann Promenaden-Konzert und Spaziergang mit den zwei Damen, am liebsten in einer
verschwiegenen Allee. Da setzen wir uns dann und
lesen uns die Briefe vor, die wir doch hoffentlich
erhalten werden, und lachen, wenn er zärtlich schreibt
und sagen „ja, ja“. Und dann kommt das Bad
und nach dem Bade die Toilette, natürlich mit
Sorglichkeit und Liebe, was doch in Schlangenbad
nicht ununterhaltlicher sein kann als in Berlin.
Eher das Gegentheil. Und dann gehen wir zu
Tisch und haben einen alten General zur Rechten
und einen reichen Industriellen zur Linken und für
Industrielle hab' ich von Jugend an eine Passion
gehabt. Eine Passion, deren ich mich recht schäme.
Denn entweder haben sie neue Panzerplatten erfunden oder unterseeische Telegraphen gelegt oder
einen Tunnel gebohrt oder eine Kletter-Eisenbahn
angelegt. Und dabei, was ich auch nicht verachte,
sind sie reich. Und nach Tische Lesezimmer und
Kaffee bei heruntergelassenen Jalousieen, so daß
einem die Schatten und Lichter immer auf der
Zeitung umhertanzen. Und dann Spaziergang
Und vielleicht, wenn wir Glück haben, haben sich
sogar ein paar Frankfurter oder Mainzer Kavaliere
herüber verirrt und reiten neben dem Wagen her
und das muß ich Ihnen sagen, meine Herren, gegen
Husaren, gleichviel ob roth oder blau, kommen Sie
nicht auf und von meinem militärischen Standpunkt
aus ist und bleibt es ein entschiedener Fehler, daß
man die Garde-Dragoner verdoppelt, aber die
Garde-Husaren so zu sagen einfach gelassen hat.
Und noch unbegreiflicher ist es mir, daß man sie
drüben läßt. So was Apartes gehört in die
Hauptstadt.“

Botho, den das enorme Sprechtalent seiner
Frau zu geniren anfing, suchte durch kleine Schraubereien ihrer Schwatzhaftigkeit Einhalt zu thun.
Aber seine Gäste waren viel unkritischer als er,
ja erheiterten sich mehr denn je über die „reizende
kleine Frau“ und Balafré, der in Käthebewunderung
obenan stand, sagte: „Rienäcker, wenn Sie noch
ein Wort gegen Ihre Frau sagen, so sind Sie des
Todes. Meine Gnädigste, was dieser Oger von
Ehemann nur überhaupt will? was er nur krittelt?
Ich weiß es nicht. Und am Ende muß ich gar
glauben, daß er sich in seiner Schwerenkavallerie-Ehre gekränkt fühlt und Pardon wegen der Wortspielerei lediglich um seines Harnisch willen in
Harnisch geräth. Rienäcker, ich beschwöre Sie!
Wenn ich solche Frau hätte wie Sie, so wäre mir
jede Laune Befehl, und wenn mich die Gnädigste
zum Husaren machen wollte, nun so würd' ich
schlankweg Husar und damit Basta. Soviel aber
weiß ich gewiß und möchte Leben und Ehre darauf
verwetten, wenn Seine Majestät solche beredten
Worte hören könnte, so hätten die Garde-Husaren
drüben keine ruhige Stunde mehr, lägen morgen
schon in Marschquartier in Zehlendorf und rückten
übermorgen durchs Brandenburger Thor hier ein.
O dies Haus Sellenthin, das ich, die Gelegenheit
beim Schopf ergreifend, in diesem ersten Toaste zum
ersten, zum zweiten und zum dritten Male leben
lasse! Warum haben Sie keine Schwester mehr,
meine Gnädigste? Warum hat sich Fräulein Ine
bereits verlobt? Vor der Zeit und jedenfalls mir
zum Tort.“

Käthe war glücklich über derlei kleine Huldigungen und versicherte, daß sie, trotz Ine, die nun
freilich rettungslos für ihn verloren sei, alles thun
wolle, was sich thun lasse, wiewohl sie recht gut
wisse, daß er, als ein unverbesserlicher Junggeselle,
nur blos so rede. Gleich danach aber ließ sie die
Neckerei mit Balafré fallen und nahm das Reisegespräch wieder auf, am eingehendsten das Thema,
wie sie sich die Korrespondenz eigentlich denke. Sie
hoffe, wie sie nur wiederholen könne, jeden Tag
einen Brief zu empfangen, das sei nun mal Pflicht
eines zärtlichen Gatten, werd' es aber ihrerseits an
sich kommen lassen und nur am ersten Tage von
Station zu Station ein Lebenszeichen geben. Dieser
Vorschlag fand Beifall, sogar bei Rienäcker, und
wurde nur schließlich dahin abgeändert, daß sie zwar
auf jeder Hauptstation bis Köln hin, über das sie
trotz des Umwegs ihre Route nahm, eine Karte
schreiben, alle ihre Karten aber, so viel oder so
wenig ihrer sein möchten, in ein gemeinschaftliches
Couvert stecken solle. Das habe dann den Vorzug,
daß sie sich ohne Furcht vor Postexpedienten und
Briefträgern über ihre Reisegenossen in aller Ungenirtheit aussprechen könne.

Nach dem Diner nahm man draußen auf dem
Balkon den Kaffee, bei welcher Gelegenheit sich
Käthe, nachdem sie sich eine Weile gesträubt, in
ihrem Reisecostüm: in Rembrandthut und Staubmantel sammt umgehängter Reisetasche präsentirte.
Sie sah reizend aus. Balafré war entzückter denn
je und bat sie, nicht allzu sehr überrascht sein zu
wollen, wenn sie ihn am andern Morgen, ängstlich
in eine Kupee-Ecke gedrückt, als Reise-Cavalier vorfinden sollte.

„Vorausgesetzt, daß er Urlaub kriegt.“ lachte
Pitt.

„Oder desertirt,“ setzte Serge hinzu, „was den
Huldigungsakt freilich erst vollkommen machen
würde.“

So ging die Plauderei noch eine Weile. Dann
verabschiedete man sich bei den liebenswürdigen
Wirthen und kam überein, bis zur Lützowplatzbrücke
zusammen zu bleiben. Hier aber theilte man sich
in zwei Parteien und während Balafré sammt
Wedell und Osten am Kanal hin weiter schlenderten,
gingen Pitt und Serge, die noch zu Kroll wollten
auf den Thiergarten zu.

„Reizendes Geschöpf, diese Käthe,“ sagte Serge.
„Rienäcker wirkt etwas prosaisch daneben und mitunter sieht er so sauertöpfisch und neunmalweise
drein, als ob er die kleine Frau, die bei Lichte besehn eigentlich klüger ist als er, vor aller Welt
entschuldigen müsse.“

Pitt schwieg.

„Und was sie nur in Schwalbach oder Schlangenbad soll?“ fuhr Serge fort. „Es hilft doch
nichts. Und wenn es hilft, ist es meist eine sehr
sonderbare Hilfe.“

Pitt sah ihn von der Seite her an. „Ich finde,
Serge, Du russifizirst Dich immer mehr oder was
dasselbe sagen will, wächst Dich immer mehr in
Deinen Namen hinein.“

„Immer noch nicht genug. Aber Scherz bei
Seite, Freund, eines ist Ernst in der Sache:
Rienäcker ärgert mich. Was hat er gegen die
reizende kleine Frau. Weißt Du's?“

„Ja.“

„Nun?“

„She is rather a little silly. Oder wenn
Du's deutsch hören willst: sie dalbert ein bischen.
Jedenfalls ihm zu viel.“

Neunzehntes Kapitel.

Käthe zog zwischen Berlin und Potsdam schon
die gelben Vorhänge vor ihr Kupeefenster, um Schutz
gegen die beständig stärker werdende Blendung zu
haben, am Luisenufer aber waren an demselben Tage
keine Vorhänge herabgelassen und die Vormittagssonne schien hell in die Fenster der Frau Nimptsch
und füllte die ganze Stube mit Licht. Nur der
Hintergrund lag im Schatten und hier stand ein
altmodisches Bett mit hoch aufgethürmten und roth- und weißkarrirten Kissen, an die Frau Nimptsch
sich lehnte. Sie saß mehr als sie lag, denn sie
hatte Wasser in der Brust und litt heftig an asthmatischen Beschwerden. Immer wieder wandte sie
den Kopf nach dem einen offenstehenden Fenster,
aber doch noch häufiger nach dem Kaminofen, auf
dessen Herdstelle heute kein Feuer brannte.

Lene saß neben ihr, ihre Hand haltend, und als
sie sah, daß der Blick der Alten immer in derselben
Richtung ging, sagte sie: „Soll ich ein Feuer machen,
Mutter? Ich dachte, weil Du liegst und die Bettwärme hast und weil es so heiß ist. . .“

Die Alte sagte nichts, aber es kam Lenen doch
so vor, als ob sie's wohl gern hätte. So ging sie
denn hin und bückte sich und machte ein Feuer.

Als sie wieder an's Bett kam, lächelte die Alte
zufrieden und sagte: „Ja, Lene, heiß ist es. Aber
Du weißt ja, ich muß es immer sehn. Und wenn
ich es nicht sehe, dann denk' ich, es ist alles aus
und kein Leben und kein Funke mehr. Und man
hat doch so seine Angst hier . . .“

Und dabei wies sie nach Brust und Herz.

„Ach, Mutter, Du denkst immer gleich an Sterben.
Und ist doch so oft schon vorüber gegangen.“

„Ja, Kind, oft is es vorüber gegangen, aber
mal kommt es und mit 70 da kann es jeden Tag
kommen. Weißt Du, mache das andere Fenster auch
noch auf, dann is mehr Luft hier und das Feuer
brennt besser. Sieh doch blos, es will nicht mehr
recht, es raucht so . . .“

„Das macht die Sonne, die grade drauf steht…“

„Und dann gieb mir von den grünen Tropfen,
die mir die Dörr gebracht hat. Ein bischen hilft
es doch immer.“

Lene that wie geheißen und der Kranken, als
sie die Tropfen genommen hatte, schien wirklich etwas
besser und leichter ums Herz zu werden. Sie stemmte
die Hand aufs Bett und schob sich höher hinauf,
und als ihr Lene noch ein Kissen ins Kreuz gestopft
hatte, sagte sie: „War Franke schon hier?“

„Ja; gleich heute früh. Er fragt immer, eh'
er in die Fabrik geht.“

„Is ein sehr guter Mann.“

„Ja, das ist er.“

„Und mit das Conventikelsche . . .“

„. . . Wird es so schlimm nicht sein. Und ich
glaube beinah, daß er seine guten Grundsätze da
her hat. Glaubst Du nicht auch?“

Die Alte lächelte. „Nein, Lene, die kommen vom
lieben Gott. Und der eine hat sie un der andre
hat sie nicht. Ich glaube nich recht ans lernen un
erziehen . . . Und hat er noch nichts gesagt?“

„Ja, gestern Abend.“

„Un was hast Du ihm geantwortet?“

„Ich hab' ihm geantwortet, daß ich ihn nehmen
wolle, weil ich ihn für einen ehrlichen und zuverlässigen Mann hielte, der nicht blos für mich, sondern
auch für Dich sorgen würde …“

Die Alte nickte zustimmend.

„Und,“ fuhr Lene fort „als ich das so gesagt
hatte, nahm er meine Hand und rief in guter Laune:
„Na, Lene, denn also abgemacht!“ Ich aber schüttelte
den Kopf und sagte, daß das so schnell nicht ginge,
denn ich hätt ihm noch was zu bekennen. Und als
er fragte was, erzählt' ich ihm, ich hätte zweimal
ein Verhältniß gehabt: erst . . . na, Du weißt ja,
Mutter . . . und den ersten hätt' ich ganz gern gehabt und den andern hätt' ich sehr geliebt und mein
Herz hinge noch an ihm. Aber er sei jetzt glücklich
verheirathet und ich hätt' ihn nie wiedergesehen,
außer ein einzig Mal, und ich wollt' ihn auch nicht
wiedersehn. Ihm aber, der es so gut mit uns
meine, hätt' ich das alles sagen müssen, weil ich
keinen und am wenigsten ihn hintergehen wolle . . .“

„Jott, Jott,“ weimerte die Alte dazwischen.

„. . . Und gleich danach ist er aufgestanden und
in seine Wohnung 'rüber gegangen. Aber er war
nicht böse, was ich ganz deutlich sehen konnte. Nur
litt er's nicht, als ich ihn, wie sonst, bis an die
Flurthür bringen wollte.“

Frau Nimptsch war ersichtlich in Angst und Unruhe, wobei sich freilich nicht recht erkennen ließ,
ob es um des eben Gehörten willen oder aus Athemnoth war. Es schien aber fast das Letztre, denn
mit einem Male sagte sie: „Lene, Kind, ich liege
nicht hoch genug. Du mußt mir noch das Gesangbuch unterlegen.“

Lene widersprach nicht, ging vielmehr und holte
das Gesangbuch. Als sie's aber brachte, sagte die
Alte: „Nein, nich das, das ist das neue. Das
alte will ich, das dicke mit den zwei Klappen.“ Und
erst als Lene mit dem dicken Gesangbuche wieder
da war, fuhr die Alte fort: „Das hab' ich meiner
Mutter selig auch holen müssen und war noch ein
halbes Kind damals und meine Mutter noch keine
fuffzig und saß ihr auch hier und konnte keine Luft
kriegen und die großen Angstaugen kuckten mich
immer so an. Als ich ihr aber das Porst'sche, das
sie bei der Einsegnung gehabt, unterschob, da wurde
sie ganz still und ist ruhig eingeschlafen. Und das
möcht' ich auch. Ach, Lene. Der Tod ist es nich . . .
Aber das Sterben . . . So, so. Ah, das hilft.”

Lene weinte still vor sich hin und weil sie nun
wohl sah, daß der guten alten Frau letzte Stunde
nahe sei, schickte sie zu Frau Dörr und ließ sagen,
„es stehe schlecht und ob Frau Dörr nicht kommen
wolle“. Die ließ denn auch zurück sagen, „ja, sie
werde kommen . . .“, und um die sechste Stunde kam
sie wirklich mit Lärm und Trara, weil Leisesein,
auch bei Kranken, nicht ihre Sache war. Sie stappste
nur so durch die Stube hin, daß alles schütterte
und klirrte, was auf und neben dem Herde lag,
und dabei verklagte sie Dörr, der immer grad' in
der Stadt sei, wenn er mal zu Hause sein solle,
und immer zu Hause wär', wenn sie ihn zum Kuckuck
wünsche. Dabei hatte sie der Kranken die Hand
gedrückt und Lene gefragt, „ob sie denn auch tüchtig
von den Tropfen eingegeben habe?“

„Ja.“

„Wie viel denn?“

„Fünf . . . fünf alle zwei Stunden.“

Das sei zu wenig, hatte die Dörr darauf
versichert und unter Auskramung ihrer gesammten
medizinischen Kenntniß hinzugesetzt: „sie habe die
Tropfen 14 Tage lang in der Sonne ziehn lassen
und wenn man sie richtig einnehme, so ginge das
Wasser weg wie mit 'ner Plumpe. Der alte Selke
drüben im Zoologischen sei schon wie 'ne Tonne
gewesen und habe schon ein Vierteljahr lang keinen
Bettzippel mehr gesehn, immer aufrecht in'n Stuhl
un alle Fenster weit aufgerissen, als er aber vier
Tage lang die Tropfen genommen, sei's gewesen,
wie wenn man auf eine Schweinsblase drücke: hast
Du nich gesehn, alles 'raus un wieder lapp un
schlapp.“

Unter diesen Worten hatte die robuste Frau der
alten Nimptsch eine doppelte Portion von ihrem
Fingerhut eingezwungen.

Lene, die bei dieser energischen Hilfe von einer
doppelten und nur zu berechtigten Angst befallen
wurde, nahm ihr Tuch und schickte sich an, einen
Arzt zu holen. Und die Dörr, die sonst immer
gegen die Doktors war, hatte diesmal nichts dagegen.

„Geh,“ sagte sie, „sie kann's nicht lange mehr
machen. Kuck' blos mal hier (und sie wies auf die
Nasenflügel), da sitzt der Dod.“

Lene ging; aber sie konnte den Michaelkirchplatz
noch kaum erreicht haben, als die bis dahin in einem
Halbschlummer gelegene Alte sich aufrichtete und
nach ihr rief: „Lene …“

„Lene is nich da.“

„Wer is denn da?“

„Ich, Mutter Nimptsch. Ich, Frau Dörr.“

„Ach, Frau Dörr, das is recht. So, hierher;
hier auf die Hutsche.“

Frau Dörr, gar nicht gewöhnt, sich kommandiren
zu lassen, schüttelte sich ein wenig, war aber doch
zu gutmüthig, um dem Kommando nicht nachzukommen. Und so setzte sie sich denn auf die Fußbank.

Und sieh da, im selben Augenblick begann auch
die alte Frau schon: „Ich will einen gelben Sarg
haben un blauen Beschlag. Aber nich zu viel . . .“

„Gut, Frau Nimptsch.“

„Un ich will auf'n neuen Jakobikirchhof liegen,
hinter'n Rollkrug un ganz weit weg nach Britz zu.“

„Gut, Frau Nimptsch.“

„Und gespart hab' ich alles dazu, schon vordem,
als ich noch sparen konnte. Un es liegt in der
obersten Schublade. Un da liegt auch das Hemd
un das Kamisol und ein Paar weiße Strümpfe mit
N. Und dazwischen liegt es.“

„Gut, Frau Nimptsch. Es soll alles geschehn,
wie Sie gesagt haben. Und is sonst noch was?“

Aber die Alte schien von Frau Dörr's Frage
nichts mehr gehört zu haben und ohne Antwort zu
geben, faltete sie blos die Hände, sah mit einem
frommen und freundlichen Ausdruck zur Decke hinauf und betete: „Lieber Gott im Himmel, nimm sie
in Deinen Schutz und vergilt ihr alles, was sie mir
alten Frau gethan hat.“

„Ah, die Lene,“ sagte Frau Dörr vor sich hin
und setzte dann hinzu: „Das wird der liebe Gott
auch, Frau Nimptsch, den kenn' ich und habe noch
keine verkommen sehn, die so war wie die Lene und
solch' Herz und solche Hand hatte.“

Die Alte nickte und ein freundlich Bild stand
sichtlich vor ihrer Seele.

So vergingen Minuten und als Lene zurückkam
und vom Flur her an die Korridorthür klopfte,
saß Frau Dörr noch immer auf der Fußbank und
hielt die Hand ihrer alten Freundin. Und jetzt erst
wo sie das Klopfen draußen hörte, ließ sie die Hand
los und stand auf und öffnete.

Lene war noch außer Athem. „Er ist gleich
hier… er wird gleich kommen.“

Aber die Dörr sagte nur: „Jott, die Doktors“
und wies auf die Todte.

Zwanzigstes Kapitel.

Käthe's erster Reisebrief war in Köln auf die
Post gegeben und traf, wie versprochen, am andern
Morgen in Berlin ein. Die gleich mitgegebene
Adresse rührte noch von Botho her, der jetzt,
lächelnd und in guter Laune, den sich etwas fest
anfühlenden Brief in Händen hielt. Wirklich,
es waren drei mit blassem Bleistift und auf beiden
Seiten beschriebene Karten in das Kuvert gesteckt
worden, alle schwer lesbar, so daß Rienäcker auf
den Balkon hinaustrat, um das undeutliche Gekritzel
besser entziffern zu können.

„Nun laß sehn, Käthe.“

Und er las:

„Brandenburg a. H., 8 Uhr früh. Der
Zug, mein lieber Botho, hält hier nur 3 Minuten,
aber sie sollen nicht ungenutzt vorüber gehen,
nöthigen Falles schreib' ich unterwegs im Fahren
weiter, so gut oder so schlecht es geht. Ich reise
mit einer jungen, sehr reizenden Banquierfrau,
Madame Salinger, geb. Saling, aus Wien. Als
ich mich über die Namensähnlichkeit wunderte, sagte
sie: „Joa, schaun's, i hoab halt mei Comp'rativ
g'heirath't.“ Sie spricht in einem fort dergleichen
und geht trotz einer zehnjährigen Tochter (blond; die
Mutter brünett) ebenfalls nach Schlangenbad. Und
auch über Köln und auch, wie ich, eines dort
abzustattenden Besuches halber. Das Kind ist gut
geartet, aber nicht gut erzogen und hat mir bei dem
beständigen Umherklettern im Kupee bereits meinen
Sonnenschirm zerbrochen, was die Mutter sehr in
Verlegenheit brachte. Auf dem Bahnhofe, wo wir
eben halten, d. h. in diesem Augenblicke setzt sich der
Zug schon wieder in Bewegung, wimmelt es von
Militär, darunter auch Brandenburger Kürassiere
mit einem quittgelben Namenszug auf der Achselklappe; wahrscheinlich Nicolaus. Es macht sich sehr
gut. Auch Füsiliere waren da, 35er, kleine Leute,
die mir doch kleiner vorkamen als nöthig, obschon
Onkel Osten immer zu sagen pflegte: der beste
Füsilier sei der, der nur mit bewaffnetem Auge
gesehen werden könne. Doch ich schließe. Die
Kleine (leider) rennt nach wie vor von einem
Kupeefenster zum andern und erschwert mir das
Schreiben. Und dabei nascht sie beständig Kuchen,
kleine mit Kirschen und Pistazien belegte Tortenstücke. Schon zwischen Potsdam und Werder fing
sie damit an. Die Mutter ist doch zu schwach.
Ich würde strenger sein.“

Botho legte die Karte bei Seit' und überflog,
so gut es ging, die zweite. Sie lautete:

Hannover, 12 Uhr 30 Minuten. In Magdeburg war Goltz am Bahnhofe und sagte mir, Du
hättest ihm geschrieben, ich käme. Wie gut und lieb
wieder von Dir. Du bist doch immer der Beste,
der Aufmerksamste. Goltz hat jetzt die Vermessungen
am Harz, d. h. am 1. Juli fängt er an. — Der
Aufenthalt hier in Hannover währt eine Viertelstunde, was ich benutzt habe, mir den unmittelbar
am Bahnhofe gelegenen Platz anzusehen: lauter erst
unter unserer Herrschaft entstandene Hotels und Bier-Etablissements, von denen eines ganz im gothischen
Stile gebaut ist. Die Hannoveraner, wie mir ein
Mitreisender erzählte, nennen es die „preußische
Bierkirche“, blos aus welfischem Antagonismus.
Wie schmerzlich dergleichen! Die Zeit wird aber
auch hier vieles mildern. Das walte Gott. —
Die Kleine knabbert in einem fort weiter, was mich
zu beunruhigen anfängt. Wohin soll das führen?
Die Mutter aber ist wirklich reizend und hat mir
schon alles erzählt. Sie war auch in Würzburg,
bei Scanzoni, für den sie schwärmt. Ihr Vertrauen
gegen mich ist beschämend und beinahe peinlich. Im
Uebrigen ist sie, wie ich nur wiederholen kann,
durchaus comme il faut. Um Dir blos eines zu
nennen, welch' Reisenecessaire! Die Wiener sind uns
in solchen Dingen doch sehr überlegen; man merkt
die ältere Kultur.“

„Wundervoll,“ lachte Botho. „Wenn Käthe
kulturhistorische Betrachtungen anstellt, übertrifft sie
sich selbst. Aber aller guten Dinge sind drei. Laß sehn.“

Und dabei nahm er die dritte Karte.

„Köln, 8 Uhr Abends. Kommandantur. Ich
will meine Karten doch lieber noch hier zur Post
geben und nicht bis Schlangenbad warten, wo Frau
Salinger und ich morgen Mittag einzutreffen gedenken. Mir geht es gut. Schroffensteins sehr
liebenswürdig; besonders er. Uebrigens, um nichts
zu vergessen, Frau Salinger wurde durch Oppenheim's
Equipage vom Bahnhofe abgeholt. Unsere Fahrt,
anfangs so reizvoll, gestaltete sich von Hamm aus
einigermaßen beschwerlich und unschön. Die Kleine
litt schwer und leider durch Schuld der Mutter.
„Was möchtest Du noch,“ fragte sie, nachdem unser
Zug eben den Bahnhof Hamm passirt hatte, worauf
das Kind antwortete: „Drops.“ Und erst von
dem Augenblicke an wurd' es so schlimm . . Ach,
lieber Botho, jung oder alt, unsere Wünsche
bedürfen doch beständig einer strengen und gewissenhaften Kontrolle. Dieser Gedanke beschäftigt
mich seitdem unausgesetzt und die Begegnung mit
dieser liebenswürdigen Frau war vielleicht kein
Zufall in meinem Leben. Wie oft habe ich Kluckhuhn in diesem Sinne sprechen hören. Und er hat
Recht. Morgen mehr. Deine Käthe.“

Botho schob die drei Karten wieder ins Kuvert und
sagte: „Ganz Käthe. Welch' Talent für die
Plauderei! Und ich könnte mich eigentlich freuen,
daß sie so schreibt, wie sie schreibt. Aber es fehlt
etwas. Es ist alles so angeflogen, so bloßes
Gesellschaftsecho. Aber sie wird sich ändern, wenn
sie Pflichten hat. Oder doch vielleicht. Jedenfalls
will ich die Hoffnung darauf nicht aufgeben.“

Am Tage danach kam ein kurzer Brief aus
Schlangenbad, in dem viel, viel weniger stand als
auf den drei Karten, und von diesem Tage an
schrieb sie nur alle halbe Woche noch und plauderte
von Anna Grävenitz und der wirklich auch noch
erschienenen Elly Winterfeld, am meisten aber von
Madame Salinger und der reizenden kleinen Sarah.
Es waren immer dieselben Versicherungen und nur
am Schlusse der dritten Woche hieß es einigermaßen
abweichend: „Ich finde jetzt die Kleine reizender
als die Mutter. Diese gefällt sich in einem
Toilettenluxus, den ich kaum passend finden kann
um so weniger, als eigentlich keine Herren hier sind.
Auch seh' ich jetzt, daß sie Farbe auflegt und namentlich die Augenbrauen malt und vielleicht auch
die Lippen, denn sie sind kirschroth. Das Kind
aber ist sehr natürlich. Immer wenn sie mich sieht,
stürzt sie mit Vehemenz auf mich zu und küßt mir
die Hand und entschuldigt sich zum hundertsten
Male wegen der Drops, „aber die Mama sei
Schuld“, worin ich dem Kinde nur zustimmen kann.
Und doch muß andererseits ein geheimnißvoll
naschiger Zug in Sarah's Natur liegen, ich möchte
beinahe sagen, etwas wie Erbsünde (glaubst Du
daran? ich glaube daran, mein lieber Botho), denn
sie kann von den Süßigkeiten nicht lassen und kauft
sich in einem fort Oblaten, nicht Berliner, die wie
Schaumkringel schmecken, sondern Karlsbader mit
eingestreutem Zucker. Aber nichts mehr schriftlich
davon. Wenn ich Dich wiedersehe, was sehr bald
sein kann — denn ich möchte gern mit Anna
Grävenitz zusammen reisen, man ist doch so mehr
unter sich — sprechen wir darüber und über vieles
andere noch. Ach, wie freu' ich mich, Dich wiedersehn und mit Dir auf dem Balkon sitzen zu können.
Es ist doch am schönsten in Berlin, und wenn
dann die Sonne so hinter Charlottenburg und dem
Grunewald steht, und man so träumt und so müde
wird, o, wie herrlich ist das! Nicht wahr! Und
weißt Du wohl, was Frau Salinger gestern zu mir
sagte? „Ich sei noch blonder geworden,“ sagte sie.
Nun, du wirst ja seh'n. Wie immer Deine Käthe.“

Rienäcker nickte mit dem Kopf und lächelte.
„Reizende, kleine Frau. Von ihrer Kur schreibt sie
nichts; ich wette, sie fährt spazieren und hat noch
keine zehn Bäder genommen.“ Und nach diesem
Selbstgespräche gab er dem eben eintretenden
Burschen einige Weisungen und ging, durch Thiergarten und Brandenburger Thor, erst die Linden
hinunter und dann auf die Kaserne zu, wo der
Dienst ihn bis Mittag in Anspruch nahm.

Als er bald nach 12 Uhr wieder zu Hause war
und sich's, nach eingenommenem Imbiß, eben ein
wenig bequem machen wollte, meldete der Bursche,
„daß ein Herr . . ein Mann (er schwankte, in der
Titulatur) draußen sei, der den Herrn Baron zu
sprechen wünsche.“

„Wer?“

„Gideon Franke . . Er sagte so.“

„Franke? Sonderbar. Nie gehört. Laß ihn
eintreten.“

Der Bursche ging wieder, während Botho
wiederholte: „Franke . . . Gideon Franke . . . Nie
gehört. Kenn' ich nicht.“

Einen Augenblick später trat der Angemeldete
ein und verbeugte sich von der Thür her etwas
steif. Er trug einen bis oben hin zugeknöpften
schwarzbraunen Rock, übermäßig blanke Stiefel und
blankes schwarzes Haar, das an beiden Schläfen
dicht anlag. Dazu schwarze Handschuh und hohe
Vatermörder von untadliger Weiße.

Botho ging ihm mit der ihm eigenen chevaleresken Artigkeit entgegen und sagte: „Herr Franke?“

Dieser nickte.

„Womit kann ich dienen? Darf ich Sie bitten,
Platz zu nehmen . . Hier . . Oder vielleicht hier.
Polsterstühle sind immer unbequem.“

Franke lächelte zustimmend und setzte sich auf
einen Rohrstuhl, auf den Rienäcker hingewiesen hatte.

„Womit kann ich dienen?“ wiederholte Rienäcker.

„Ich komme mit einer Frage, Herr Baron.“

„Die mir zu beantworten eine Freude sein
wird, vorausgesetzt, daß ich sie beantworten kann.“

„O, niemand besser als Sie, Herr von Rienäcker.
. . . Ich komme nämlich wegen der Lene Nimptsch.“

Botho fuhr zurück.

„ . . Und möchte,“ fuhr Franke fort „gleich
hinzusetzen dürfen, daß es nichts Genirliches ist,
was mich herführt. Alles, was ich zu sagen oder,
wenn Sie's gestatten, Herr Baron, zu fragen habe,
wird Ihnen und Ihrem Hause keine Verlegenheiten
schaffen. Ich weiß auch von der Abreise der
gnädigen Frau, der Frau Baronin, und habe mit
allem Vorbedacht auf Ihr Alleinsein gewartet, oder
wenn ich so sagen darf, auf Ihre Strohwittwertage.“

Botho hörte mit feinem Ohre heraus, daß der,
der da sprach, trotz seines spießbürgerlichen Aufzuges
ein Mann von Freimuth und untadeliger Gesinnung
sei. Das half ihm rasch aus seiner Verwirrung
heraus und er hatte Haltung und Ruhe ziemlich
wieder gewonnen, als er über den Tisch hin fragte:
„Sie sind ein Anverwandter Lenens? Verzeihung,
Herr Franke, daß ich meine alte Freundin bei
diesem alten mir so lieben Namen nenne.“

Franke verbeugte sich und erwiderte: „Nein,
Herr Baron, kein Verwandter; ich habe nicht diese
Legitimation. Aber meine Legitimation ist vielleicht
keine schlechtere: ich kenne die Lene seit Jahr und
Tag und habe die Absicht, sie zu heirathen. Sie
hat auch zugesagt, aber mir bei der Gelegenheit
auch von ihrem Vorleben erzählt und dabei mit so
großer Liebe von Ihnen gesprochen, daß es mir auf
der Stelle feststand, Sie selbst, Herr Baron, offen
und unumwunden fragen zu wollen, was es mit der
Lene eigentlich sei. Worin Lene selbst, als ich ihr
von meiner Absicht erzählte, mich mit sichtlicher
Freude bestärkte, freilich gleich hinzusetzend: ich solle
es lieber nicht thun, denn Sie würden zu gut von
ihr sprechen.“

Botho sah vor sich hin und hatte Mühe, die
Bewegung seines Herzens zu bezwingen. Endlich
aber war er wieder Herr seiner selbst und sagte:
„Sie sind ein ordentlicher Mann, Herr Franke,
der das Glück der Lene will, so viel hör' und seh'
ich, und das giebt Ihnen ein gutes Recht auf
Antwort. Was ich Ihnen zu sagen habe, darüber
ist mir kein Zweifel, und ich schwanke nur noch
wie. Das Beste wird sein, ich erzähl' Ihnen,
wie's kam und weiter ging und dann abschloß.“

Franke verbeugte sich abermals, zum Zeichen,
daß er auch seinerseits dies für das Beste halte.

„Nun denn,“ hob Rienäcker an, „es geht jetzt
ins dritte Jahr oder ist auch schon ein paar Monate
darüber, daß ich bei Gelegenheit einer Kahnfahrt
um die Treptower Liebesinsel herum in die Lage
kam, zwei jungen Mädchen einen Dienst zu leisten
und sie vor dem Kentern ihres Bootes zu bewahren.
Eins der beiden Mädchen war die Lene und an der
Art, wie sie dankte, sah ich gleich, daß sie anders
war als andere. Von Redensarten keine Spur,
auch später nicht, was ich gleich hier hervorheben
möchte. Denn so heiter und mitunter beinahe
ausgelassen sie sein kann, von Natur ist sie
nachdenklich, ernst und einfach.“

Botho schob mechanisch das noch auf dem Tische
stehende Tablett bei Seite, strich die Decke glatt und
fuhr dann fort: „Ich bat sie, sie nach Hause begleiten zu dürfen, und sie nahm es ohne Weiteres
an, was mich damals einen Augenblick überraschte.
Denn ich kannte sie noch nicht. Aber ich sah sehr
bald, woran es lag; sie hatte sich von Jugend an
daran gewöhnt, nach ihren eigenen Entschlüssen zu
handeln, ohne viel Rücksicht auf die Menschen und
jedenfalls ohne Furcht vor ihrem Urtheil.“

Franke nickte.

„So machten wir denn den weiten Weg und ich
begleitete sie nach Haus und war entzückt von Allem,
was ich da sah, von der alten Frau, von dem Herd,
an dem sie saß, von dem Garten, darin das Haus
lag, und von der Abgeschiedenheit und Stille. Nach
einer Viertelstunde ging ich wieder, und als ich mich
draußen am Gartengitter von der Lene verabschiedete,
frug ich, „ob ich wiederkommen dürfe,“ welche Frage
sie mit einem einfachen „ja“ beantwortete. Nichts
von falscher Scham, aber noch weniger von Unweiblichkeit. Umgekehrt, es lag etwas Rührendes in
ihrem Wesen und ihrer Stimme.“

Rienäcker, als das alles wieder vor seine Seele
trat, stand in sichtlicher Erregung auf und öffnete
beide Flügel der Balkonthür, als ob es ihm in
seinem Zimmer zu heiß werde. Dann, auf und ab
schreitend, fuhr er in einem rascheren Tempo fort
„Ich habe kaum noch etwas hinzuzusetzen. Das war
um Ostern und wir hatten einen Sommer lang
allerglücklichste Tage. Soll ich davon erzählen?
Nein. Und dann kam das Leben mit seinem Ernst
und seinen Ansprüchen. Und das war es, was uns
trennte.“

Botho hatte mittlerweile seinen Platz wieder
eingenommen und der all die Zeit über mit Glattstreichung seines Hutes beschäftigte Franke sagte
ruhig vor sich hin: „Ja, so hat sie mir's auch
erzählt.“

„Was nicht anders sein kann, Herr Franke.
Denn die Lene — und ich freue mich von ganzem
Herzen, auch gerade das noch sagen zu können —
die Lene lügt nicht und bisse sich eher die Zunge
ab, als daß sie flunkerte. Sie hat einen doppelten
Stolz und neben dem, von ihrer Hände Arbeit leben
zu wollen, hat sie noch den andern, alles grad
heraus zu sagen und keine Flausen zu machen und
nichts zu vergrößern und nichts zu verkleinern. „Ich
brauche es nicht und ich will es nicht,“ das hab'
ich sie viele Male sagen hören. Ja, sie hat ihren
eigenen Willen, vielleicht etwas mehr, als recht ist,
und wer sie tadeln will, kann ihr vorwerfen, eigenwillig zu sein. Aber sie will nur, was sie glaubt
verantworten zu können und wohl auch wirklich
verantworten kann, und solch' Wille, mein' ich, ist
doch mehr Charakter als Selbstgerechtigkeit. Sie
nicken und ich sehe daraus, daß wir einerlei Meinung
sind, was mich aufrichtig freut. Und nun noch ein
Schlußwort, Herr Franke. Was zurückliegt, liegt
zurück. Können Sie darüber nicht hin, so muß ich
das respektiren. Aber können Sie's, so sag' ich
Ihnen, Sie kriegen da eine selten gute Frau. Denn
sie hat das Herz auf dem rechten Fleck und ein
starkes Gefühl für Pflicht und Recht und Ordnung.“

„So hab ich Lenen auch immer gefunden und
ich verspreche mir von ihr, ganz so wie der Herr
Baron sagen, eine selten gute Frau. Ja, der Mensch
soll die Gebote halten, alle soll er sie halten, aber
es ist doch ein Unterschied, je nachdem die Gebote
sind, und wer das eine nicht hält, der kann immer
noch was taugen, wer aber das andere nicht hält
und wenn's auch im Katechismus dicht daneben
stünde, der taugt nichts und ist verworfen, von Anfang an und steht außerhalb der Gnade.“

Botho sah ihn verwundert an und wußte sichtlich nicht, was er aus dieser feierlichen Ansprache
machen sollte. Gideon Franke aber, der nun auch
seinerseits im Gange war, hatte kein Auge mehr für
den Eindruck, den seine ganz auf eigenem Boden
gewachsenen Anschauungen hervorbrachten, und fuhr
deshalb in einem immer predigerhafter werdenden
Tone fort: „Und wer in seines Fleisches Schwäche
gegen das sechste verstößt, dem kann verziehen
werden, wenn er in gutem Wandel und in der Reue
steht, wer aber gegen das siebente verstößt, der
steckt nicht blos in des Fleisches Schwäche, der steckt
in der Seele Niedrigkeit und wer lügt und trügt
oder verleumdet und falsch Zeugniß redet, der ist
von Grund aus verdorben und aus der Finsterniß
geboren und ist keine Rettung mehr und gleicht
einem Felde, darinnen die Nesseln so tief liegen,
daß das Unkraut immer wieder aufschießt, so viel
gutes Korn auch gesäet werden mag. Und darauf
leb' ich und sterb' ich und hab' es durch alle Tage
hin erfahren. Ja, Herr Baron, auf die Proppertät
kommt es an und auf die Honnettität kommt es an
und auf die Reellität. Und auch im Ehestande.
Denn ehrlich währt am längsten und Wort und
Verlaß muß sein. Aber was gewesen ist, das ist
gewesen, das gehört vor Gott. Und denk' ich anders
darüber, was ich auch respektire, gerade so wie der
Herr Baron, so muß ich davon bleiben und mit
meiner Neigung und Liebe gar nicht erst anfangen.
Ich war lange drüben in den States und wenn
auch drüben, gerade so wie hier, nicht alles Gold
ist was glänzt, das ist doch wahr, man lernt drüben
anders sehen und nicht immer durch's selbe Glas.
Und lernt auch, daß es viele Heilswege giebt und
viele Glückswege. Ja, Herr Baron, es giebt viele
Wege, die zu Gott führen, und es giebt viele
Wege, die zu Glück führen, dessen bin ich in
meinem Herzen gleicherweise gewiß. Und der eine
Weg ist gut und der andre Weg ist gut. Aber
jeder gute Weg muß ein offner Weg und ein gerader Weg sein und in der Sonne liegen und ohne
Morast und ohne Sumpf und ohne Irrlicht. Auf
die Wahrheit kommt es an und auf die Zuverlässigkeit kommt es an und auf die Ehrlichkeit.“

Franke hatte sich bei diesen Worten erhoben
und Botho, der ihm artig bis an die Thür hin
folgte, gab ihm hier die Hand.

„Und nun, Herr Franke, bitt' ich zum Abschied
noch um das Eine: grüßen Sie mir die Frau Dörr,
wenn Sie sie sehn und der alte Verkehr mit ihr
noch andauert, und vor allem grüßen Sie mir die
gute alte Frau Nimptsch. Hat sie denn noch ihre
Gicht und ihre „Wehdage“, worüber sie sonst beständig klagte?“

„Damit ist es vorbei.“

„Wie das?“ fragte Botho.

„Wir haben sie vor drei Wochen schon begraben,
Herr Baron. Gerade heut vor drei Wochen.“

„Begraben?“ wiederholte Botho. „Und wo?“

„Draußen hinterm Rollkrug, auf dem neuen
Jakobi-Kirchhof . . . Eine gute alte Frau. Und wie
sie an der Lene hing. Ja, Herr Baron, die Mutter
Nimptsch ist todt. Aber Frau Dörr, die lebt noch
(und er lachte), die lebt noch lange. Und wenn
sie kommt, ein weiter Weg ist es, dann werd' ich
sie grüßen. Und ich sehe schon, wie sie sich freut.
Sie kennen sie ja, Herr Baron. Ja, ja, die Frau
Dörr…“

Und Gideon Franke zog noch einmal seinen Hut
und die Thür fiel ins Schloß.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Rienäcker, als er wieder allein war, war von
dieser Begegnung und vor allem von dem, was er
zuletzt gehört, wie benommen. Wenn er sich, in der
zwischenliegenden Zeit, des kleinen Gärtnerhauses
und seiner Insassen erinnert hatte, so hatte sich ihm
selbstverständlich alles so vor die Seele gestellt, wie's
einst gewesen war, und nun war alles anders und
er hatte sich in einer ganz neuen Welt zurechtzufinden: in dem Häuschen wohnten Fremde, wenn es
überhaupt noch bewohnt war, auf dem Herde brannte
kein Feuer mehr, wenigstens nicht tagaus tagein,
und Frau Nimptsch, die das Feuer gehütet hatte,
war todt und lag draußen auf dem Jakobikirchhof.
Alles das ging in ihm um und mit einem Male
stand auch der Tag wieder vor ihm, an dem er der
alten Frau, halb humoristisch, halb feierlich, versprochen hatte, ihr einen Immortellenkranz aufs
Grab zu legen. In der Unruhe, darin er sich bea nd, war es ihm schon eine Freude, daß ihm das
Versprechen wieder einfiel und so beschloß er denn
die damalige Zusage sofort wahr zu machen. „Rollkrug und Mittag und pralle Sonne, — die reine
Reise nach Mittelafrika. Aber die gute Alte soll
ihren Kranz haben.“

Und gleich danach nahm er Degen und Mütze
und machte sich auf den Weg.

An der Ecke war ein Droschkenstand, freilich nur
ein kleiner, und so kam es, daß trotz der Inschrifttafel: „Halteplatz für drei Droschken“ immer nur
der Platz und höchst selten eine Droschke da war.
So war es auch heute wieder, was mit Rücksicht auf die Mittagsstunde (wo die Droschken überall, als ob die Erde sie verschlänge, zu verschwinden
pflegen) an diesem ohnehin nur auf ein Pflichttheil
gesetzten Halteplatz kaum überraschen konnte. Botho
ging also weiter, bis ihm, in Nähe der Van der
Heydt-Brücke, ein ziemlich klappriges Gefährt entgegen kam, hellgrün mit rothem Plüschsitz und einem
Schimmel davor. Der Schimmel schlich nur so hin
und Rienäcker konnte sich angesichts der „Tour“,
die dem armen Thiere bevorstand, eines wehmüthigen
Lächelns nicht erwehren. Aber so weit er auch das
Auge schicken mochte, nichts Besseres war in Sicht
und so trat er denn an den Kutscher heran und
sagte: „Nach dem Rollkrug. Jakobi-Kirchhof.“

„Zu Befehl, Herr Baron.“

„ . . . Aber unterwegs müssen wir halten. Ich
will nämlich noch einen Kranz kaufen.“

„Zu Befehl, Herr Baron.“

Botho war einigermaßen verwundert über die
mit so viel Promptheit wiederkehrende Titulatur
und sagte deshalb: „Kennen Sie mich?“

„Zu Befehl, Herr Baron. Baron Rienäcker
Landgrafenstraße. Dicht bei'n Halteplatz. Hab' Ihnen
schon öfter gefahren.“

Bei diesem Gespräche war Botho eingestiegen
gewillt, sich's in der Plüschecke nach Möglichkeit bequem zu machen, er gab es aber bald wieder auf,
denn die Ecke war heiß wie ein Ofen.

Rienäcker hatte den hübschen und herzerquickenden Zug aller märkischen Edelleute, mit Personen
aus dem Volke gern zu plaudern, lieber als mit
„Gebildeten“, und begann denn auch ohne Weiteres,
während sie im Halbschatten der jungen Kanalbäume dahinfuhren: „Is das eine Hitze! Ihr Schimmel
wird sich auch nicht gefreut haben, wenn er „Rollkrug“ gehört hat.“

„Na, Rollkrug geht noch; Rollkrug geht noch
von wegen der Haide. Wenn er da durchkommt un
die Fichten riecht, freut er sich immer. Er is nämlich von's Land . . . Oder vielleicht is es auch die
Musike. Wenigstens spitzt er immer die Ohren.“

„So, so,“ sagte Botho. „Blos nach tanzen sieht
er mir nicht aus . . . Aber wo werden wir denn den
Kranz kaufen? Ich möchte nicht gern ohne Kranz
auf den Kirchhof kommen.“

„O damit is noch Zeit, Herr Baron. Wenn
erst die Kirchhofsgegend kommt, von's Hallsche Thor
an un die ganze Pionierstraße 'runter.“

„Ja, ja, Sie haben recht; ich entsinne mich . . .“

„Un nachher, bis dicht an den Kirchhof 'ran,
hat's ihrer auch noch.“
Botho lächelte. „Sie sind wohl ein Schlesier?“

„Ja,“ sagte der Kutscher. „Die meisten sind.
Aber ich bin schon lange hier und eigentlich ein
halber Richtiger-Berliner.“

„Und's geht Ihnen gut?“

„Na, von gut is nu woll keine Rede nich. Es
kost't allens zu viel un soll immer von's Beste sein.
Und der Haber is theuer. Aber das ginge noch,
wenn man blos sonst nichts passirte. Passiren thut
aber immer was, heute bricht 'ne Achse un morgen
fällt en Pferd. Ich habe noch einen Fuchs zu
Hause, der bei den Fürstenwalder Ulanen gestanden
hat; propres Pferd, man blos keine Luft nich un
wird es woll nich lange mehr machen. Un mit
eins is er weg . . . Un denn die Fahrpolizei; nie
zufrieden, hier nich un da nich. Immer muß man
frisch anstreichen. Un der rothe Plüsch is auch nich
von umsonst.“

Während sie noch so plauderten, waren sie, den
Kanal entlang, bis an das Hallesche Thor gekommen;
vom Kreuzberg her aber kam gerad' ein Infanterie-Bataillon mit voller Musik, und Botho, der keine
Begegnungen wünschte, trieb deshalb etwas zur Eile.
So ging es denn rasch an der Belle-Alliance-Brücke
vorbei, jenseits derselben aber ließ er halten, weil
er gleich an einem der ersten Häuser gelesen hatte:
„Kunst- und Handelsgärtnerei“. Drei, vier Stufen
führten in einen Laden hinaus, in dessen großem
Schaufenster allerlei Kränze lagen.

Rienäcker stieg aus und die Stufen hinauf. Die
Thür oben aber gab beim Eintreten einen scharfen
Klingelton. „Darf ich Sie bitten, mir einen hübschen Kranz zeigen zu wollen?“

„Begräbniß?“

„Ja.“

Das schwarzgekleidete Fräulein, das, vielleicht
mit Rücksicht auf den Umstand, daß hier meist Grabkränze verkauft wurden, in seiner Gesammthaltung
(selbst die Scheere fehlte nicht) etwas ridikül Parzenhaftes hatte, kam alsbald mit einem Immergrünkranze zurück, in den weiße Rosen eingeflochten
waren. Zugleich entschuldigte sie sich, daß es nur
weiße Rosen seien. Weiße Kamelien stünden höher.
Botho seinerseits war zufrieden, enthielt sich aller
Ausstellungen und fragte nur, ob er zu dem frischen
Kranz auch einen Immortellenkranz haben könne?
Das Fräulein schien über das Altmodische, das
sich in dieser Frage kundgab, einigermaßen verwundert, bejahte jedoch und erschien gleich danach
mit einem Karton, in dem fünf, sechs Immortellenkränze lagen, gelbe, rothe, weiße.

„Zu welcher Farbe rathen Sie mir?“

Das Fräulein lächelte: „Immortellenkränze sind
ganz außer Mode. Höchstens in Winterzeit . . .
Und dann immer nur …“

„Es wird das Beste sein, ich entscheide mich
ohne Weiteres für diesen hier.“ Und damit schob
Botho den ihm zunächst liegenden gelben Kranz
über den Arm, ließ den von Immergrün mit den
weißen Rosen folgen und stieg rasch wieder in seine
Droschke. Beide Kränze waren ziemlich groß und
fielen auf dem rothen Plüschrücksitz, auf dem sie
lagen, hinreichend auf, um in Botho die Frage zu
wecken, ob er sie nicht lieber dem Kutscher hinüber
reichen solle? Rasch aber entschlug er sich dieser
Anwandlung wieder und sagte: „Wenn man der
alten Frau Nimptsch einen Kranz bringen will,
muß man sich auch zu dem Kranz bekennen. Und
wer sich dessen schämt, muß es überhaupt nicht
versprechen.“

So ließ er denn die Kränze liegen, wo sie
lagen, und vergaß ihrer beinah ganz, als sie gleich
danach in einen Straßentheil einbogen, der ihn
durch seine bunte, hier und da groteske Szenerie
von seinen bisherigen Betrachtungen abzog. Rechts,
auf wohl 500 Schritt Entfernung hin, zog sich ein
Plankenzaun, über den hinweg allerlei Buden, Pavillons und Lampenportale ragten, alle mit einer
Welt von Inschriften bedeckt. Die meisten derselben
waren neueren und neusten Datums, einige dagegen,
und gerade die größten und buntesten, griffen weit
zurück und hatten sich, wenn auch in einem regenverwaschenen Zustande, vom letzten Jahr her gerettet. Mitten unter diesen Vergnügungslokalen und
mit ihnen abwechselnd, hatten verschiedene Handwerksmeister ihre Werkstätten aufgerichtet, vorwiegend
Bildhauer und Steinmetze, die hier, mit Rücksicht
auf die zahlreichen Kirchhöfe, meist nur Kreuze,
Säulen und Obelisken ausstellten. All' das konnte
nicht verfehlen, auf jeden hier des Weges Kommenden einen Eindruck zu machen und diesem Eindruck
unterlag auch Rienäcker, der von seiner Droschke
her, unter wachsender Neugier, die nicht enden
wollenden und untereinander im tiefsten Gegensatze
stehenden Anpreisungen las und die dazu gehörigen
Bilder musterte. „Fräulein Rosella das Wundermädchen, lebend zu sehen; Grabkreuze zu billigsten
Preisen; amerikanische Schnellphotographie; russisches
Ballwerfen, sechs Wurf 10 Pfennig; schwedischer
Punsch mit Waffeln; Figaros schönste Gelegenheit
oder erster Frisir-Salon der Welt; Grabkreuze zu
billigsten Preisen; Schweizer Schießhalle:

Schieße gut und schieße schnell,
Schieß und triff wie Wilhelm Tell.“

Und darunter Tell selbst mit Armbrust, Sohn
und Apfel.

Endlich war man am Ende der langen Bretterwand und an eben diesem Endpunkte machte der
Weg eine scharfe Biegung auf die Hasenhaide zu,
von deren Schießständen her man in der mittäglichen Stille das Knattern der Gewehre hörte. Sonst
blieb alles auch in dieser Fortsetzung der Straße
so ziemlich dasselbe: Blondin, nur in Trikot und
Medaillen gekleidet, stand balanzirend auf dem Seil,
überall von Feuerwerk umblitzt, während um und
neben ihm allerlei kleinere Plakate sowohl Ballon-Auffahrten, wie Tanzvergnügungen ankündigten. Eins
lautete: „Sizilianische Nacht. Um 2 Uhr Wiener
Bonbonwalzer.“

Botho, der diese Stelle wohl seit Jahr und Tag
nicht passirt hatte, las alles mit ungeheucheltem
Interesse, bis er nach Passirung der „Haide“, deren
Schatten ihn ein paar Minuten lang erquickt hatte,
jenseits derselben in den Hauptweg einer sehr belebten und in ihrer Verlängerung auf Rixdorf zulaufenden Vorstadt einbog. Wagen, in doppelter
und dreifacher Reihe, bewegten sich vor ihm her,
bis mit einem Male alles stillstand und der Verkehr stockte. „Warum halten wir?“ Aber ehe der
Kutscher antworten konnte, hörte Botho schon das
Fluchen und Schimpfen aus der Front her und
sah, daß alles in einander gefahren war. Sich
vorbeugend und dabei neugierig nach allen Seiten
hin ausspähend, würde ihm, bei der ihm eigenen
Vorliebe für das Volksthümliche, der ganze Zwischenfall sehr wahrscheinlich mehr Vergnügen als Mißstimmung bereitet haben, wenn ihn nicht ein vor
ihm haltender Wagen sowohl durch Ladung wie
Inschrift zu trübseliger Betrachtung angeregt hätte.
„Glasbruch-Ein- und Verkauf von Max Zippel in
Rixdorf“ stand in großen Buchstaben auf einem
wandartigen Hinterbrett und ein ganzer Berg von
Scherben thürmte sich in dem Wagenkasten auf.
„Glück und Glas“ . . . Und mit Widerstreben sah
er hin und dabei war ihm in allen Fingerspitzen
als schnitten ihn die Scherben.

Endlich aber kam die Wagenreihe nicht nur
wieder in Fluß, sondern der Schimmel that auch
sein Bestes, Versäumtes einzuholen, und eine kleine
Weile, so hielt man vor einem lehnan gebauten,
mit hohem Dach und vorspringendem Giebel ausstaffirten Eckhause, dessen Erdgeschoßfenster so niedrig
über der Straße lagen, daß sie mit dieser fast
dasselbe Niveau hatten. Ein eiserner Arm streckte
sich aus dem Giebel vor und trug einen aufrecht
stehenden vergoldeten Schlüssel.

„Was ist das?“ fragte Botho.

„Der Rollkrug.“

„Gut. Dann sind wir bald da. Blos hier noch
bergan. Thut mir leid um den Schimmel, aber es
hilft nichts.“

Der Kutscher gab dem Pferd einen Knips und
gleich darnach fuhren sie die mäßig ansteigende Bergstraße hinauf, an deren einer Seite der alte, wegen
Ueberfüllung schon wieder halb geschlossene Jakobi-Kirchhof lag, während an der dem Kirchhofszaun
gegenüber gelegenen Seite hohe Miethskasernen aufstiegen.

Vor dem letzten Hause standen umherziehende
Spielleute, Horn und Harfe, dem Anscheine nach
Mann und Frau. Die Frau sang auch, aber der
Wind, der hier ziemlich scharf ging, trieb alles
hügelan und erst als Botho zehn Schritt und mehr
an dem armen Musikantenpaare vorüber war, war
er in der Lage, Text und Melodie zu hören. Es
war dasselbe Lied, das sie damals auf dem Wilmersdorfer Spaziergange so heiter und so glücklich gesungen hatten, und er erhob sich und blickte, wie
wenn es ihm nachgerufen würde, nach dem Musikantenpaare zurück. Die standen abgekehrt und sahen
nichts, ein hübsches Dienstmädchen aber, das an der
Giebelseite des Hauses mit Fensterputzen beschäftigt
war und den um- und rückschauhaltenden Blick des
jungen Offiziers sich zuschreiben mochte, schwenkte
lustig von ihrem Fensterbrett her den Lederlappen
und fiel übermüthig mit ein: „Ich denke dran, ich
danke Dir mein Leben, doch Du Soldat, Soldat
denkst Du daran?“

Botho, die Stirn in die Hand drückend, warf
sich in die Droschke zurück und ein Gefühl, unendlich süß und unendlich schmerzlich, ergriff ihn. Aber
freilich das Schmerzliche wog vor und fiel erst ab
von ihm, als die Stadt hinter ihm lag und fern
am Horizont im blauen Mittagsdämmer die Müggelberge sichtbar wurden.

Endlich hielten sie vor dem Neuen Jakobi-Kirchhof.

„Soll ich warten?“

„Ja. Aber nicht hier. Unten beim Rollkrug.
Und wenn Sie die Musikantenleute noch treffen . . .
hier, das ist für die arme Frau.“

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Botho hatte sich der Führung eines gleich am
Kirchhofs-Eingange beschäftigten Alten anvertraut
und das Grab der Frau Nimptsch in guter Pflege
gefunden: Epheuranken waren eingesetzt, ein Geraniumtopf stand dazwischen und an einem Eisenständerchen hing bereits ein Immortellenkranz. „Ah,
Lene,“ sagte Botho vor sich hin. „Immer dieselbe . . .
Ich komme zu spät.“ Und dann wandt' er sich zu
dem neben ihm stehenden Alten und sagte: „War
wohl blos 'ne kleine Leiche?“

„Ja, klein war sie man.“

„Drei oder vier?“

„Justement vier. Und versteht sich unser alter
Supperndent. Er sprach blos 's Gebet und die
große mittelaltsche Frau, die mit dabei war, so 40
oder drum rum, die blieb in einem Weinen. Und
auch 'ne Jungsche war mit dabei. Die kommt jetzt
alle Woche 'mal und den letzten Sonntag hat sie
den Geranium gebracht. Und will auch noch 'n
Stein haben, wie sie jetzt Mode sind: grünpolirt
mit Namen und Datum drauf.“

Und hiernach zog sich der Alte mit der allen
Kirchhofsleuten eigenen Geschäfts-Politesse wieder
zurück, während Botho seinen Immortellenkranz an
den schon vorher von Lene gebrachten anhing, den
aus Immergrün und weißen Rosen aber um den
Geraniumtopf herumlegte. Dann ging er, nachdem
er noch eine Weile das schlichte Grab betrachtet
und der guten Frau Nimptsch liebevoll gedacht
hatte, wieder auf den Kirchhofs-Ausgang zu. Der
Alte, der hier inzwischen seine Spalier-Arbeit wieder
aufgenommen, sah ihm, die Mütze ziehend, nach und
beschäftigte sich mit der Frage, was einen so vornehmen Herrn, über dessen Vornehmheit ihm, seinem
letzten Händedruck nach, kein Zweifel war, wohl an
das Grab der alten Frau geführt haben könne.
„Da muß so was sein. Und hat die Droschke nicht
warten lassen.“ Aber er kam zu keinem Abschluß,
und um sich wenigstens auch seinerseits so dankbar
wie möglich zu zeigen, nahm er eine der in seiner
Nähe stehenden Gießkannen und ging erst auf den
kleinen eisernen Brunnen und dann auf das Grab
der Frau Nimptsch zu, um den im Sonnenbrand
etwas trocken gewordenen Epheu zu bewässern.

Botho war mittlerweile bis an die dicht am
Rollkruge haltende Droschke zurückgegangen, stieg
hier ein und hielt eine Stunde später wieder in der
Landgrafenstraße. Der Kutscher sprang dienstfertig
ab und öffnete den Schlag.

„Da,“ sagte Botho . . . „Und dies extra. War
ja 'ne halbe Landpartie . . .“

„Na, man kann's auch woll vor 'ne ganze
nehmen.“

„Ich verstehe,“ lachte Rienäcker. „Da muß ich
wohl noch zulegen?“

„Schaden wird's nich . . . Danke schön, Herr
Baron.“

„Aber nun futtert mir auch den Schimmel besser
'raus. Is ja ein Jammer.“

Und er grüßte und stieg die Treppe hinauf.

Oben in seiner Wohnung war alles still, selbst
die Dienstboten fort, weil sie wußten, daß er um
diese Zeit immer im Klub war. Wenigstens seit
seinen Strohwittwertagen. „Unzuverlässiges Volk,“
brummte er vor sich hin und schien ärgerlich. Trotzdem war es ihm lieb, allein zu sein. Er wollte
niemand sehn und setzte sich draußen auf den
Balkon, um so vor sich hin zu träumen. Aber es
war stickig unter der herabgelassenen Marquise, dran
zum Ueberfluß auch noch lange blauweiße Franzen
hingen, und so stand er wieder auf, um die große
Leinwand in die Höh zu ziehn. Das half. Die
sich nun einstellende frische Luftströmung that ihm
wohl und aufathmend und bis an die Brüstung
vortretend, sah er über Feld und Wald hin bis auf
die Charlottenburger Schloßkuppel, deren malachitfarbne Kupferbekleidung im Glanz der Nachmittagssonne schimmerte.

„Dahinter liegt Spandau,“ sprach er vor sich
hin. „Und hinter Spandau zieht sich ein Bahndamm und ein Schienengeleise, das bis an den
Rhein läuft. Und auf dem Geleise seh' ich einen
Zug, viele Wagen und in einem der Wagen sitzt
Käthe. Wie sie wohl aussehen mag? O gut; gewiß. Und wovon sie wohl sprechen mag? Nun,
ich denke mir von allerlei: pikante Badegeschichten
und vielleicht auch von Frau Salinger's Toiletten
und daß es in Berlin doch eigentlich am besten sei.
Und muß ich mich nicht freuen, daß sie wiederkommt? Eine so hübsche Frau, so jung, so glücklich, so heiter. Und ich freue mich auch. Aber
heute darf sie nicht kommen. Um Gottes willen
nicht. Und doch ist es ihr zuzutrauen. Sie hat
seit drei Tagen nicht geschrieben und steht noch ganz
auf dem Standpunkt der Ueberraschungen.“

Er hing dem noch eine Weile nach, dann aber
wechselten die Bilder und längst Zurückliegendes
trat statt Käthe's wieder vor seine Seele: der
Dörr'sche Garten, der Gang nach Wilmersdorf, die
Partie nach Hankel's Ablage. Das war der letzte
schöne Tag gewesen, die letzte glückliche Stunde . . .
„Sie sagte damals, daß ein Haar zu fest binde,
darum weigerte sie sich und wollt' es nicht. Und
ich? warum bestand ich darauf? Ja, es giebt solche
räthselhaften Kräfte, solche Sympathieen aus Himmel
oder Hölle und nun bin ich gebunden und kann
nicht los. Ach sie war so lieb und gut an jenem
Nachmittag, als wir noch allein waren und an
Störung nicht dachten, und ich vergesse das Bild
nicht, wie sie da zwischen den Gräsern stand und
nach rechts und links hin die Blumen pflückte. Die
Blumen, — ich habe sie noch. Aber ich will ein
Ende damit machen. Was sollen mir diese todten
Dinge, die mir nur Unruhe stiften und mir mein
bischen Glück und meinen Ehefrieden kosten, wenn
je ein fremdes Auge darauf fällt.“

Und er erhob sich von seinem Balkonplatz und
ging, durch die ganze Wohnung hin, in sein nach
dem Hofe hinaus gelegenes Arbeitszimmer, das des
Morgens in heller Sonne, jetzt aber in tiefem
Schatten lag. Die Kühle that ihm wohl und er
trat an einen eleganten, noch aus seiner Junggesellenzeit herstammenden Schreibtisch heran, dessen
Ebenholzkästchen mit allerlei kleinen Silberguirlanden
ausgelegt waren. In der Mitte dieser Kästchen
aber baute sich ein mit einem Giebelfeld ausgestattetes und zur Aufbewahrung von Werthsachen
dienendes Säulentempelchen auf, dessen nach hintenzu
gelegenes Geheimfach durch eine Feder geschlossen
wurde. Botho drückte jetzt auf die Feder und nahm,
als das Fach aufsprang, ein kleines Briefbündel
heraus, das mit einem rothen Faden umwunden
war, obenauf aber, und wie nachträglich eingeschoben,
lagen die Blumen, von denen er eben gesprochen.
Er wog das Päckchen in Händen und sagte, während
er den Faden ablöste: „Viel Freud, viel Leid.
Irrungen, Wirrungen. Das alte Lied.“

Er war allein und an Ueberraschung nicht zu
denken. In seiner Vorstellung aber immer noch
nicht sicher genug, stand er auf und schloß die Thür.
Und nun erst nahm er den obenauf liegenden Brief
und las. Es waren die den Tag vor dem Wilmersdorfer Spaziergange geschriebenen Zeilen, und mit
Rührung sah er jetzt im Wiederlesen auf alles das,
was er damals mit einem Bleistiftstrichelchen bezeichnet hatte. „Stiehl… Alléh … Wie diese
liebenswürdigen „h's“ mich auch heute wieder anblicken, besser als alle Orthographie der Welt. Und
wie klar die Handschrift. Und wie gut und
schelmisch, was sie da schreibt. Ach, sie hatte die
glücklichste Mischung und war vernünftig und leidenschaftlich zugleich. Alles was sie sagte, hatte Charakter und Tiefe des Gemüths. Arme Bildung, wie
weit bleibst du dahinter zurück.“

Er nahm nun auch den zweiten Brief und
wollte sich überhaupt vom Schluß her bis an den
Anfang der Korrespondenz durchlesen. Aber es that
ihm zu weh. „Wozu? Wozu beleben und auffrischen, was todt ist und todt bleiben muß? Ich
muß aufräumen damit und dabei hoffen, daß mit
diesen Trägern der Erinnerung auch die Erinnerungen
selbst hinschwinden werden.“

Und wirklich, er war es entschlossen und sich
rasch von seinem Schreibtisch erhebend, schob er einen
Kaminschirm bei Seit' und trat an den kleinen
Herd, um die Briefe darauf zu verbrennen. Und
siehe da, langsam, als ob er sich das Gefühl eines
süßen Schmerzes verlängern wolle, ließ er jetzt Blatt
auf Blatt auf die Herdstelle fallen und in Feuer
aufgehen. Das Letzte, was er in Händen hielt,
war das Sträußchen und während er sann und
grübelte, kam ihm eine Anwandlung, als ob er jede
Blume noch einmal einzeln betrachten und zu diesem
Zwecke das Haarfädchen lösen müsse. Plötzlich aber,
wie von abergläubischer Furcht erfaßt, warf er die
Blumen den Briefen nach.

Ein Aufflackern noch und nun war alles vorbei,
verglommen.

„Ob ich nun frei bin?… Will ich's denn? Ich
will es nicht. Alles Asche. Und doch gebunden.“

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Botho sah in die Asche. „Wie wenig und wie
viel.“ Und dann schob er den eleganten Kaminschirm wieder vor, in dessen Mitte sich die Nachbildung einer pompejanischen Wandfigur befand.
Hundertmal war sein Auge darüber hinweg geglitten,
ohne zu beachten, was es eigentlich sei, heute sah
er es und sagte: „Minerva mit Schild und Speer.
Aber Speer bei Fuß. Vielleicht bedeutet es Ruhe . . .
Wär' es so.“ Und dann stand er auf, schloß das
um seinen besten Schatz ärmer gewordene Geheimfach und ging wieder nach vorn.

Unterwegs, auf dem ebenso schmalen wie langen
Korridore, traf er Köchin und Hausmädchen, die
diesen Augenblick erst von einem Thiergartenspaziergange zurückkamen. Als er Beide verlegen und
ängstlich dastehen sah, überkam ihn ein menschlich
Rühren, aber er bezwang sich und rief sich zu, wenn
auch freilich mit einem Anfluge von Ironie, „daß
endlich einmal ein Exempel statuirt werden müsse.“
So begann er denn, so gut er konnte, die Rolle
des donnernden Zeus zu spielen. Wo sie nur gesteckt hätten? Ob das Ordnung und gute Sitte
sei? Er habe nicht Lust, der gnädigen Frau, wenn
sie zurück komme (vielleicht heute schon), einen aus
Rand und Band gegangenen Hausstand zu überliefern. Und der Bursche? „Nun, ich will nichts
wissen, nichts hören, am wenigsten Entschuldigungen.“
Und als dies heraus war, ging er weiter und
lächelte, zumeist über sich selbst. „Wie leicht ist
doch predigen und wie schwer ist danach handeln
und thun. Armer Kanzelheld ich! Bin ich nicht
selbst aus Rand und Band? Bin ich nicht selber
aus Ordnung und guter Sitte? Daß es war, das
möchte gehn, aber daß es noch ist, das ist das
Schlimme.“

Dabei nahm er wieder seinen Platz auf dem
Balkon und klingelte. Jetzt kam auch der Bursche,
fast noch ängstlicher und verlegener als die Mädchen,
aber es hatte keine Noth mehr, das Wetter war
vorüber. „Sage der Köchin, daß ich etwas essen
will. Nun, warum stehst Du noch? Ah, ich sehe
schon (und er lachte), nichts im Hause. Trifft sich
alles vorzüglich . . . — Also Thee; bringe mir
Thee, der wird doch wohl da sein. Und laß ein
paar Schnitten machen; alle Wetter, ich habe Hunger . . . Und sind die Abendzeitungen schon da?“

„Zu Befehl, Herr Rittmeister.“

Nicht lange, so war der Theetisch draußen auf
dem Balkon servirt und selbst ein Imbiß hatte sich
gefunden. Botho saß zurückgelehnt in den Schaukelstuhl und starrte nachdenklich in die kleine blaue
Flamme. Dann nahm er zunächst den Moniteur
seiner kleinen Frau, „das Fremdenblatt“, und erst
in weiterer Folge die „Kreuzzeitung“ zur Hand
und sah auf die letzte Seite. „Gott, wie wird
Käthe sich freuen, diese letzte Seite jeden Tag wieder
frisch an der Quelle studiren zu können, will sagen
zwölf Stunden früher als in Schlangenbad. Und
hat sie nicht Recht? „Unsere heut vollzogene eheliche Verbindung beehren sich anzuzeigen Adalbert
v. Lichterloh, Regierungsreferendar und Lieutenant
der Reserve, Hildegard v. Lichterloh, geb. Holtze.“
Wundervoll. Und wahrhaftig, so zu sehn, wie sich's
weiter lebt und liebt in der Welt ist eigentlich das
Beste. Hochzeit und Kindtaufen! Und ein paar
Todesfälle dazwischen. Nun, die braucht man ja
nicht zu lesen, Käthe thut es nicht und ich thu' es
auch nicht und blos wenn die Vandalen 'mal einen
ihrer „alten Herrn“ verloren haben und ich das
Korpszeichen inmitten der Trauer-Annonce sehe, das
les' ich, das erheitert mich und ist mir immer, als
ob der alte Korps-Kämpe zu Hofbräu nach Walhalla geladen wäre Spatenbräu paßt eigentlich
noch besser.“

Er legte das Blatt wieder bei Seit', weil es
klingelte . . „Sollte wirklich . .“ Nein, es
war nichts, blos eine vom Wirth heraufgeschickte
Suppenliste, drauf erst 50 Pfennig gezeichnet standen.
Aber den ganzen Abend über blieb er trotzdem in
Aufregung, weil ihm beständig die Möglichkeit einer
Ueberraschung vorschwebte, und so oft er eine Droschke
mit einem Koffer vorn und einem Damenreisehute
dahinter in die Landgrafenstraße einbiegen sah, rief
er sich zu: „Das ist sie; sie liebt dergleichen und
ich höre sie schon sagen: ich dacht' es mir so komisch,
Botho.“

Käthe war nicht gekommen, Statt ihrer kam
am anderen Morgen ein Brief, worin sie ihre Rückkehr für den dritten Tag anmeldete. „Sie werde
wieder mit Frau Salinger reisen, die doch, Alles
in Allem, eine sehr nette Frau sei, mit viel guter
Laune, viel chic und viel Reise-Comfort.“

Botho legte den Brief aus der Hand und freute
sich momentan ganz aufrichtig, seine schöne junge
Frau binnen drei Tagen wiederzusehen. „Unser
Herz hat Platz für allerlei Widersprüche. . . Sie
dalbert, nun ja, aber eine dalbrige junge Frau ist
immer noch besser als keine.“

Danach rief er die Leute zusammen und ließ
sie wissen, daß die gnädige Frau in drei Tagen
wieder da sein werde; sie sollten Alles in Stand
setzen und die Schlösser putzen. Und kein Fliegenfleck auf dem großen Spiegel.

Als er so Vorkehrungen getroffen, ging er zum
Dienst in die Kaserne. „Wenn wer fragt, ich bin
von 5 an wieder zu Haus.“

Sein Programm für die zwischenliegende Zeit
ging dahin, daß er bis Mittag auf dem Eskadronhofe bleiben, dann ein paar Stunden reiten und
nach dem Ritt im Klub essen wollte. Wenn er
niemand anders dort traf, so traf er doch Balafré,
was gleichbedeutend war mit Whist en deux und
einer Fülle von Hofgeschichten, wahren und unwahren. Denn Balafré, so zuverlässig er war,
legte doch grundsätzlich eine Stunde des Tags für
Humbug und Aufschneidereien an. Ja, diese Beschäftigung stand ihm, nach Art eines geistigen
Sports, unter seinen Vergnügungen obenan.

Und wie das Programm war, so wurd' es auch
ausgeführt. Die Hofuhr in der Kaserne schlug eben
12, als er sich in den Sattel hob und nach
Passirung erst der „Linden“ und gleich danach der
Luisenstraße, schließlich in einen neben dem Kanal
hinlaufenden Weg einbog, der weiterhin seine Richtung auf Plötzensee zu nahm. Dabei kam ihm der
Tag wieder in Erinnerung, an dem er hier auch
herumgeritten war, um sich Muth für den Abschied
von Lene zu gewinnen, für den Abschied, der ihm
so schwer ward und der doch sein mußte. Das
war nun drei Jahre. Was lag alles dazwischen?
Viel Freude; gewiß. Aber es war doch keine rechte
Freude gewesen. Ein Bonbon, nicht viel mehr.
Und wer kann von Süßigkeiten leben!

Er hing dem noch nach, als er auf einem von
der Jungfernhaide her nach dem Kanal hinüberführenden Reitwege zwei Kameraden herankommen
sah, Ulanen, wie die deutlich erkennbaren Czapkas
schon von fernher verriethen. Aber wer waren sie?
Freilich, die Zweifel auch darüber konnten nicht
lange währen und noch ehe man sich von hüben
und drüben bis auf hundert Schritte genähert hatte,
sah Botho, daß es die Rexins waren, Vettern und
beide vom selben Regiment.

„Ah, Rienäcker,“ sagte der Aeltere. „Wohin?“

„So weit der Himmel blau ist.“

„Das ist mir zu weit.“

„Nun dann bis Saatwinkel.“

„Das läßt sich hören. Da bin ich mit von der
Partie, vorausgesetzt, daß ich nicht störe. . . Kurt
(und hiermit wandt' er sich an seinen jüngeren Begleiter), Pardon! Aber ich habe mit Rienäcker zu
sprechen. Und unter Umständen. . .“

„. . Spricht sich's besser zu Zweien. Ganz
nach Deiner Bequemlichkeit, Bozel,“ und dabei grüßte
Kurt von Rexin und ritt weiter. Der mit Bozel
angeredete Vetter aber warf sein Pferd herum, nahm
die linke Seite neben dem ihm in der Rangliste
weit vorstehenden Rienäcker und sagte: „Nun denn
also Saatwinkel. In die Tegeler Schußlinie werden
wir ja wohl nicht einreiten.“

„Ich werd' es wenigstens zu vermeiden suchen,“
entgegnete Rienäcker, „erstens mir selbst und zweitens
Ihnen zu Liebe. Und drittens und letztens um
Henriettens willen. Was würde die schwarze Henriette sagen, wenn ihr ihr Bogislaw todtgeschossen
würde und noch dazu durch eine befreundete
Granate?“

„Das würd' ihr freilich einen Stich ins Herz
geben“, erwiderte Rexin, „und ihr und mir einen
Strich durch die Rechnung machen.“

„Durch welche Rechnung?“

„Das ist eben der Punkt, Rienäcker, über den
ich mit Ihnen sprechen wollte.“

„Mit mir? Und von welchem Punkte?“

„Sie sollten es eigentlich errathen und ist auch
nicht schwer. Ich spreche natürlich von einem Verhältniß, meinem Verhältniß.“

„Verhältniß!“ lachte Botho. „Nun, ich stehe
zu Diensten, Rexin. Aber offen gestanden, ich weiß
nicht recht, was speziell mir Ihr Vertrauen einträgt.
Ich bin nach keiner Seite hin, am wenigsten aber
nach dieser, eine besondere Weisheitsquelle. Da
haben wir ganz andere Autoritäten. Eine davon
kennen Sie gut. Noch dazu Ihr und Ihres Vetters
besonderer Freund.“

„Balafré?“

„Ja.“

Rexin fühlte was von Nüchternheit und Ablehnung heraus und schwieg einigermaßen verstimmt.
Das aber war mehr, als Botho bezweckt hatte, weshalb er sofort wieder einlenkte. „Verhältnisse.
Pardon, Rexin, es giebt ihrer so viele.“

„Gewiß. Aber so viel ihrer sind, so verschieden
sind sie auch.“

Botho zuckte mit den Achseln und lächelte.
Rexin aber, sichtlich gewillt, sich nicht zum zweiten
Male durch Empfindelei stören zu lassen, wiederholte
nur in gleichmüthigem Tone: „Ja, so viel ihrer,
so verschieden auch. Und ich wundre mich, Rienäcker,
gerade Sie mit den Achseln zucken zu sehn. Ich
dachte mir . . .“

„Nun denn heraus mit der Sprache.“

„Soll geschehn.“

Und nach einer Weile fuhr Rexin fort: „Ich
habe die hohe Schule durchgemacht, bei den Ulanen
und schon vorher (Sie wissen, daß ich erst spät
dazu kam) in Bonn und Göttingen und brauche
keine Lehren und Rathschläge, wenn sich's um das
Uebliche handelt. Aber wenn ich mich ehrlich befrage, so handelt sich's in meinem Falle nicht um
das Uebliche, sondern um einen Ausnahmefall,“

„Glaubt jeder.“

„Kurz und gut, ich fühle mich engagirt, mehr
als das, ich liebe Henrietten, oder um Ihnen so
recht meine Stimmung zu zeigen, ich liebe die
schwarze Jette. Ja, dieser anzügliche Trivialname
mit seinem Anklang an Kantine paßt mir am besten,
weil ich alle feierlichen Allüren in dieser Sache vermeiden möchte. Mir ist ernsthaft genug zu Muth
und weil mir ernsthaft zu Muth ist, kann ich alles,
was wie Feierlichkeit und schöne Redensarten aussieht, nicht brauchen. Das schwächt blos ab.“

Botho nickte zustimmend und entschlug sich mehr
und mehr jedes Anfluges von Spott und Superiorität,
den er bis dahin allerdings gezeigt hatte.

„Jette,“ fuhr Rexin fort, „stammt aus keiner
Ahnenreihe von Engeln und ist selber keiner Aber
wo findet man dergleichen? In unsrer Sphäre?
Lächerlich. Alle diese Unterschiede sind ja gekünstelt
und die gekünsteltsten liegen auf dem Gebiete der
Tugend. Natürlich giebt es Tugend und ähnliche
schöne Sachen, aber Unschuld und Tugend sind wie
Bismarck und Moltke, das heißt rar. Ich habe
mich ganz in Anschauungen wie diese hineingelebt,
halte sie für richtig und habe vor, danach zu handeln so weit es geht. Und nun hören Sie,
Rienäcker. Ritten wir hier statt an diesem langweiligen Kanal, so langweilig und strippengerade
wie die Formen und Formeln unsrer Gesellschaft,
ich sage, ritten wir hier statt an diesem elenden
Graben am Sacramento hin und hätten wir statt
der Tegeler Schießstände die Diggings vor uns, so
würd' ich die Jette freiweg heirathen; ich kann
ohne sie nicht leben, sie hat es mir angethan und
ihre Natürlichkeit, Schlichtheit und wirkliche Liebe
wiegen mir zehn Komtessen auf. Aber es geht nicht.
Ich kann es meinen Eltern nicht anthun und mag
auch nicht mit 27 aus dem Dienst heraus, um in
Texas Cowboy zu werden oder Kellner auf einem
Mississippi-Dampfer. Also Mittelkurs. . .“

„Was verstehen Sie darunter?“

„Einigung ohne Sanktion.“

„Also Ehe ohne Ehe.“

„Wenn Sie wollen, ja. Mir liegt nichts am
Wort, ebenso wenig wie an Legalisirung, Sakramentirung, oder wie sonst noch diese Dinge heißen
mögen; ich bin etwas nihilistisch angeflogen und
habe keinen rechten Glauben an pastorale Heiligsprechung. Aber, um's kurz zu machen, ich bin,
weil ich nicht anders kann, für Monogamie, nicht
aus Gründen der Moral, sondern aus Gründen
meiner mir eingebornen Natur. Mir widerstehen
alle Verhältnisse, wo knüpfen und lösen so zu sagen
in dieselbe Stunde fällt, und wenn ich mich eben
einen Nihilisten nannte, so kann ich mich mit noch
größerem Recht einen Philister nennen. Ich sehne
mich nach einfachen Formen, nach einer stillen, natürlichen Lebensweise, wo Herz zum Herzen spricht
und wo man das Beste hat, was man haben kann,
Ehrlichkeit, Liebe, Freiheit.“

„Freiheit,“ wiederholte Botho.

„Ja, Rienäcker. Aber weil ich wohl weiß, daß
auch Gefahren dahinter lauern und dies Glück der
Freiheit, vielleicht aller Freiheit, ein zweischneidig
Schwert ist, das verletzen kann, man weiß nicht
wie, so hab' ich Sie fragen wollen.“

„Und ich will Ihnen antworten.“ sagte der mit
jedem Augenblick ernster gewordene Rienäcker, dem
bei diesen Konfidenzen das eigne Leben, das zurückliegende, wie das gegenwärtige, wieder vor die Seele
treten mochte. „Ja, Rexin, ich will Ihnen antworten,
so gut ich kann, und ich glaube, daß ich es kann.
Und so beschwör' ich Sie denn, bleiben Sie davon.
Bei dem, was Sie vorhaben, ist immer nur zweierlei
möglich und das eine ist gerade so schlimm wie das
andre. Spielen Sie den Treuen und Ausharrenden
oder was dasselbe sagen will, brechen Sie von Grund
aus mit Stand und Herkommen und Sitte, so
werden Sie, wenn Sie nicht versumpfen, über kurz
oder lang sich selbst ein Gräuel und eine Last sein,
verläuft es aber anders und schließen Sie, wie's
die Regel ist, nach Jahr und Tag Ihren Frieden
mit Gesellschaft und Familie, dann ist der Jammer
da, dann muß gelöst werden, was durch glückliche
Stunden und ach, was mehr bedeutet, durch unglückliche, durch Noth und Aengste verwebt und verwachsen ist. Und das thut weh.“

Rexin schien antworten zu wollen, aber Botho
sah es nicht und fuhr fort: „Lieber Rexin, Sie
haben vorhin in einem wahren Musterstücke dezenter
Ausdrucksweise von Verhältnissen gesprochen, „wo
knüpfen und lösen in dieselbe Stunde fällt“, aber
diese Verhältnisse, die keine sind, sind nicht die
schlimmsten, die schlimmsten sind die, die, um Sie
noch 'mal zu zitiren, den „Mittelkurs“ halten. Ich
warne Sie, hüten Sie sich vor diesem Mittelkurs,
hüten Sie sich vor dem Halben. Was Ihnen Gewinn dünkt, ist Bankrutt und was Ihnen Hafen
scheint, ist Scheiterung. Es führt nie zum Guten,
auch wenn äußerlich alles glatt abläuft und keine
Verwünschung ausgesprochen und kaum ein stiller
Vorwurf erhoben wird. Und es kann auch nicht
anders sein. Denn alles hat seine natürliche Konsequenz, dessen müssen wir eingedenk sein. Es kann
nichts ungeschehen gemacht werden und ein Bild,
das uns in die Seele gegraben wurde, verblaßt nie
ganz wieder, schwindet nie ganz wieder dahin. Erinnerungen bleiben und Vergleiche kommen. Und
so denn noch einmal, Freund, zurück von Ihrem
Vorhaben oder Ihr Leben empfängt eine Trübung
und Sie ringen sich nie mehr zu Klarheit und Helle
durch. Vieles ist erlaubt, nur nicht das, was die
Seele trifft, nur nicht Herzen hineinziehen und wenn's
auch blos das eigne wäre.“

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Am dritten Tage traf ein im Abreisemoment
aufgegebenes Telegramm ein: „Ich komme heut
Abend. K.“

Und wirklich sie kam. Botho war am Anhalter
Bahnhof und wurde der Frau Salinger vorgestellt,
die von Dank für gute Reisekameradschaft nichts
hören wollte, vielmehr immer nur wiederholte, wie
glücklich sie gewesen sei, vor allem aber wie glücklich er sein müsse, solche reizende junge Frau zu
haben. „Schaun's, Herr Baron, wann i das Glück
hätt' und der Herr Gemoahl wär', i würd' mi
kein' drei Tag' von solch ane Frau trenne. Woran
sie dann klagen über die gesammte Männerwelt,
aber im selben Augenblick auch eine dringende Einladung nach Wien knüpfte. „Wir hoab'n a nett's
Häusl kei Stund von Wian und a paar Reitpferd
und a Küch'. In Preußen hoaben's die Schul und
in Wian hoaben wir die Küch'. Und i weiß halt
nit, was i vorzieh.“

„Ich weiß es.“ sagte Käthe „und ich glaube
Botho auch.“

Damit trennte man sich und unser junges Paar
stieg in einen offenen Wagen, nachdem Ordre gegeben
war, das Gepäck nachzuschicken.

Käthe warf sich zurück und stemmte den kleinen
Fuß gegen den Rücksitz, auf dem ein Riesenbouquet,
die letzte Huldigung der von der reizenden Berliner
Dame ganz entzückten Schlangenbader Hauswirthin
lag. Käthe selbst nahm Botho's Arm und schmiegte
sich an ihn, aber auf wenig Augenblicke nur, dann
richtete sie sich wieder auf und sagte, während sie
mit dem Sonnenschirm das immer aufs neue herunterfallende Bouquet festhielt: „Es ist doch eigentlich reizend hier, all die Menschen und die vielen
Spreekähne, die vor Enge nicht ein noch aus wissen.
Und so wenig Staub. Ich find' es doch einen
rechten Segen, daß sie jetzt sprengen und Alles unter
Wasser setzen; freilich lange Kleider darf man dabei
nicht tragen. Und sieh nur den Brodwagen da mit
dem vorgespannten Hund. Es ist doch zu komisch.
Nur der Kanal… Ich weiß nicht, er ist immer
noch so…“

„Ja,“ lachte Botho, „er ist immer noch so.
Vier Wochen Julihitze haben ihn nicht verbessern
können.“

Sie fuhren unter den jungen Bäumen hin,
Käthe riß ein Lindenblatt ab, nahm's in die hohle
Hand und schlug drauf, daß es knallte. „So machten
wir's immer zu Haus. Und in Schlangenbad, wenn
wir nichts Besseres zu thun hatten, haben wir's
auch so gemacht und alle die Spielereien aus der
Kinderzeit wieder aufgenommen. Kannst Du Dir's
denken, ich hänge ganz ernsthaft an solchen Thorheiten
und bin doch eigentlich eine alte Person und habe
abgeschlossen.“

„Aber Käthe …“

„Ja, ja, Matrone, Du wirst es sehn . . . Aber
sieh doch nur, Botho, da ist ja noch der Staketenzaun und das alte Weißbierlokal mit dem komischen
und etwas unanständigen Namen, über den wir in
der Pension immer so schrecklich gelacht haben. Ich
dachte, das Lokal wäre längst eingegangen. Aber so
was lassen sich die Berliner nicht nehmen, so was
hält sich; alles muß nur einen sonderbaren Namen
haben, über den sie sich amüsiren können.“

Botho schwankte zwischen Glücklichsein und Anflug
von Verstimmung. „Ich finde, Du bist ganz unverändert, Käthe.“

„Gewiß bin ich. Und warum sollt' ich auch verändert sein? Ich bin ja nicht nach Schlangenbad
geschickt worden, um mich zu verändern, wenigstens
nicht in meinem Charakter und meiner Unterhaltung.
Und ob ich mich sonst verändert habe? Nun, cher
ami, nous verrons.“

„Matrone?“

Sie hielt ihm den Finger auf den Mund und
schlug den Reiseschleier wieder zurück, der ihr halb
über das Gesicht gefallen war, gleich danach aber
passirten sie den Potsdamer Bahnviadukt, über dessen
Eisengebälk eben ein Courierzug hinbrauste. Das
gab ein Zittern und Donnern zugleich und als sie
die Brücke hinter sich hatten, sagte sie: „Mir ist es
immer unangenehm gerade drunter zu sein.“

„Aber die drüber haben es nicht besser.“

„Vielleicht nicht. Aber es liegt in der Vorstellung.
Vorstellungen sind überhaupt so mächtig. Meinst
Du nicht auch?“ Und sie seufzte, wie wenn sich ihr
plötzlich etwas Schreckliches und tief in ihr Leben
Eingreifendes vor die Seele gestellt hätte. Dann
aber fuhr sie fort: „In England, so sagte mir Mr.
Armstrong, eine Badebekanntschaft, von der ich Dir
noch ausführlicher erzählen muß, übrigens mit einer
Alvensleben verheirathet, in England, sagte er,
würden die Todten 15 Fuß tief begraben. Nun
15 Fuß tief ist nicht schlimmer als 5, aber ich fühlte
ordentlich, während er mir's erzählte, wie sich mir
der clay, das ist nämlich das richtige englische Wort,
centnerschwer auf die Brust legte. Denn in England haben sie schweren Lehmboden.“

„Armstrong sagtest Du… Bei den badischen
Dragonern war ein Armstrong.“

„Ein Vetter von dem. Sie sind alle Vettern,
ganz wie bei uns. Ich freue mich schon, Dir ihn
in all seinen kleinen Eigenheiten schildern zu können.
Ein vollkommener Kavalier mit aufgesetztem Schnurrbart, worin er freilich etwas zu weit ging. Er sah sehr
komisch aus, diese gewribbelte Spitze, dran er immer
noch weiter wribbelte.“

Zehn Minuten später hielt ihr Wagen vor ihrer
Wohnung und Botho, während er ihr den Arm
reichte, führte sie hinauf. Eine Guirlande zog sich
um die große Korridorthür und eine Tafel mit dem
Inschriftsworte „Willkommen“, in dem leider ein „l“
fehlte, hing etwas schief an der Guirlande. Käthe
sah hinauf und las und lachte.

„Willkommen! Aber blos mit einem „I“, will
sagen nur halb. Ei, ei. Und „L“ ist noch dazu
der Liebesbuchstabe. Nun, Du sollst auch Alles nur
halb haben.“

Und so trat sie durch die Thür in den Korridor
ein, wo Köchin und Hausmädchen bereits standen
und ihr die Hand küßten.

„Guten Tag, Bertha; guten Tag, Minette. Ja,
Kinder, da bin ich wieder. Nun, wie findet Ihr
mich? hab' ich mich erholt?“ Und eh' die Mädchen
antworten konnten, worauf auch gar nicht gerechnet
war, fuhr sie fort: „Aber Ihr habt Euch erholt.
Namentlich Du, Minette, Du bist ja ordentlich stark
geworden.“

Minette sah verlegen vor sich hin, weshalb Käthe
gutmüthig hinzusetzte: „Ich meine nur hier so um
Kinn und Hals.“

Indem kam auch der Bursche. „Nun, Orth, ich
war schon in Sorge um Sie. Gott sei Dank, ohne
Noth; ganz unverfallen, blos ein bischen bläßlich.
Aber das macht die Hitze. Und immer noch dieselben Sommersprossen.“

„Ja, gnädige Frau, die sitzen.“

„Nun das ist recht. Immer ächt in der Farbe.“

Unter solchem Gespräche war sie bis in ihr
Schlafzimmer gegangen, wohin Botho und Minette
ihr folgten, während die beiden andern sich in ihre
Küchenregion zurückzogen.

„Nun, Minette, hilf mir. Erst den Mantel.
Und nun nimm den Hut. Aber sei vorsichtig, wir
wissen uns sonst vor Staub nicht zu retten. Und
nun sage Orth, daß er den Tisch deckt vorn auf
dem Balkon, ich habe den ganzen Tag keinen Bissen
genossen, weil ich wollte, daß es mir recht gut bei
Euch schmecken solle. Und nun geh, liebe Seele; geh,
Minette.“

Minette beeilte sich und ging, während Käthe vor
dem hohen Stehspiegel stehen blieb und sich das in
Unordnung gerathene Haar arrangirte. Zugleich sah
sie im Spiegel auf Botho, der neben ihr stand und
die schöne junge Frau musterte.

„Nun, Botho,“ sagte sie schelmisch und kokett und
ohne sich nach ihm umzusehen.

Und ihre liebenswürdige Koketterie war klug
genug berechnet und er umarmte sie, wobei sie sich
seinen Liebkosungen überließ. Und nun umspannte
er ihre Taille und hob sie hoch in die Höh'. „Käthe,
Puppe, liebe Puppe.“

„Puppe, liebe Puppe, das sollt' ich eigentlich
übelnehmen, Botho. Denn mit Puppen spielt man.
Aber ich nehm' es nicht übel, im Gegentheil. Puppen
werden am meisten geliebt und am besten behandelt.
Und darauf kommt es mir an.“

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Es war ein herrlicher Morgen, der Himmel
halb bewölkt und in dem leisen Westwinde, der
ging, saß das junge Paar auf dem Balkon und sah,
während Minette den Kaffeetisch abräumte, nach dem
Zoologischen und seinen Elephantenhäusern hinüber,
deren bunte Kuppeln im Morgendämmer lagen.

„Ich weiß eigentlich noch nichts,“ sagte Botho,
„Du bist ja gleich eingeschlafen und der Schlaf ist
mir heilig. Aber nun will ich auch Alles wissen.
Erzähle.“

„Ja, erzählen; was soll ich erzählen? Ich habe
Dir ja so viele Briefe geschrieben, und Anna
Grävenitz und Frau Salinger mußt Du ja so gut
kennen wie ich oder eigentlich noch besser, denn ich
habe mitunter mehr geschrieben, als ich wußte.“

„Wohl. Aber eben so oft hieß es „davon
mündlich.“ Und dieser Moment ist nun da, sonst
denk' ich, Du willst mir etwas verschweigen. Von
Deinen Ausflügen weiß ich eigentlich gar nichts und
Du warst doch in Wiesbaden. Es heißt zwar, daß
es in Wiesbaden nur Obersten und alte Generale
gäbe, aber es sind doch auch Engländer da. Und
bei Engländern fällt mir wieder Dein Schotte ein,
von dem Du mir erzählen wolltest. Wie hieß er
doch?“

„Armstrong; Mr. Armstrong. Ja, das war ein
entzückender Mann und ich begriff seine Frau nicht
eine Alvensleben, wie ich Dir, glaub' ich, schon
sagte, die beständig in Verlegenheit kam, wenn er
sprach. Und er war doch ein vollkommener Gentleman, der sehr auf sich hielt, auch dann noch, wenn
er sich gehen ließ und eine gewisse Nonchalance
zeigte. Gentlemen bewähren sich in solchen Momenten immer am besten. Meinst du nicht auch?
Er trug einen blauen Schlips und einen gelben
Sommeranzug und sah aus, als ob er darin eingenäht wäre, weshalb Anna Grävenitz immer sagte:
Da kommt das Pennal. Und immer ging er mit
einem großen aufgespannten Sonnenschirm, was er
sich in Indien angewöhnt hatte. Denn er war
Offizier in einem schottischen Regiment, das lange
in Madras oder Bombay gestanden, oder vielleicht
war es auch Delhi. Das ist aber am Ende gleich.
Was der alles erlebt hatte! Seine Konversation
war reizend, wenn man auch mitunter nicht wußte,
wie man's nehmen sollte.“

„Also zudringlich? Insolent?“

„Ich bitte Dich, Botho, wie Du nur sprichst.
Ein Mann wie der; Kavalier comme-il-faut.
Nun, ich will Dir ein Beispiel von seiner Art zu
sprechen geben. Uns gegenüber saß die alte Generalin von Wedell und Anna Grävenitz fragte sie
(ich glaube, es war gerade der Jahrestag von
Königgrätz), ob es wahr sei, daß 33 Wedells im
siebenjährigen Kriege gefallen seien? was die alte
Generalin bejahte, hinzusetzend, es wären eigentlich
noch einige mehr gewesen. Alle, die zunächst saßen,
waren über die große Zahl erstaunt, nur Mr.
Armstrong nicht, und als ich ihn wegen seiner
Gleichgiltigkeit scherzhaft zur Rede stellte, sagte er,
daß er sich über so kleine Zahlen nicht aufregen
könne. „Kleine Zahlen,“ unterbrach ich ihn, aber
er setzte lachend und um mich zu widerlegen, hinzu:
von den Armstrongs seien 133 in den verschiedenen
Kriegsfehden seines Clans umgekommen. Und als
die alte Generalin dies Anfangs nicht glauben
wollte, schließlich aber (als Mr. A. dabei beharrte,)
neugierig frug: ob denn alle 133 auch wirklich „gefallen“ seien? sagte er „Nein, meine Gnädigste,
nicht gerade gefallen, die meisten sind wegen Pferdediebstahl von den Engländern, unseren damaligen
Feinden, gehenkt worden.“ Und als sich alles über
dies unstandesgemäße, ja, man kann wohl sagen,
etwas genirliche Gehenktwerden entsetzte, schwor er,
„wir thäten Unrecht, Anstoß daran zu nehmen, die
Zeiten und Anschauungen änderten sich und was
seine doch zunächst betheiligte Familie betreffe, so
sähe dieselbe mit Stolz auf diese Heldenvorfahren
zurück. Die schottische Kriegsführung habe dreihundert Jahre lang aus Viehraub und Pferdediebstahl bestanden, ländlich sittlich und er könne nicht
finden, daß ein großer Unterschied sei zwischen
Länderraub und Viehraub.“

„Verkappter Welfe,“ sagte Botho. „Aber es hat
manches für sich.“

„Gewiß. Und ich stand immer auf seiner Seite,
wenn er sich in solchen Sätzen erging. Ach, er war
zum Todtlachen. Er sagte, man müsse nichts
feierlich nehmen, es verlohne sich nicht, und nur das
Angeln sei eine ernste Beschäftigung. Er angle
mitunter 14 Tage lang im Loch Neß oder im Loch
Lochy, denke Dir, solche komische Namen giebt es in
Schottland, und schliefe dann im Boot und mit
Sonnenaufgang stünd' er wieder da und wenn dann
die 14 Tage um wären, dann maus're er sich, dann
ginge die ganze schülbrige Haut ab und dann hab'
er eine Haut wie ein Baby. Und er thäte das alles
aus Eitelkeit, denn ein glatter egaler Teint sei doch
eigentlich das Beste, was' man haben könne. Und
dabei sah er mich so an, daß ich nicht gleich eine
Antwort finden konnte. Ach, Ihr Männer! Aber
das ist doch wahr, ich hatte von Anfang an ein
rechtes Attachement für ihn und nahm nicht Anstoß
an seiner Redeweise, die sich mitunter in langen
Ausführungen, aber doch viel, viel lieber noch in
einem beständigen Hin und Her erging. Einer
seiner Lieblingssätze war: „Ich kann es nicht leiden,
wenn ein einziges Gericht eine Stunde lang auf
dem Tische steht; nur nicht immer dasselbe, mir ist
es angenehmer, wenn die Gänge rasch wechseln.“
Und so sprang er immer vom Hundertsten ins
Tausendste.

„Nun, da müßt' ihr euch freilich gefunden
haben.“ lachte Botho.

„Haben wir auch. Und wir wollen uns Briefe
schreiben, ganz in dem Stil, wie wir mit einander
gesprochen; das haben wir beim Abschied gleich
ausgemacht. Unsere Herren, auch Deine Freunde,
sind immer so gründlich. Und Du bist der gründlichste, was mich mitunter recht bedrückt und ungeduldig macht. Und Du mußt mir versprechen, auch
so zu sein, wie Mr. Armstrong und ein bischen
mehr einfach und harmlos plaudern zu wollen und
ein bischen rascher und nicht immer dasselbe Thema.“

Botho versprach Besserung, und als Käthe, die
die Superlative liebte, nach Vorführung eines
phänomenal reichen Amerikaners, eines absolut
kakerlakigen Schweden mit Kaninchenaugen und einer
faszinirend schönen Spanierin — mit einem Nachmittagsausfluge nach Limburg, Oranienstein und
Nassau geschlossen und ihrem Gatten abwechselnd die
Krypt, die Kadettenanstalt und die Wasserheilanstalt
beschrieben hatte, zeigte sie plötzlich auf die Schloßkuppel nach Charlottenburg und sagte: „Weißt Du,
Botho, da müssen wir heute noch hin oder nach
Westend oder nach Halensee. Die Berliner Luft ist
doch etwas stickig und hat nichts von dem Athem
Gottes, der draußen weht und den die Dichter mit
Recht so preisen. Und wenn man aus der Natur
kommt, so wie ich, so hat man das, was ich die
Reinheit und Unschuld nennen möchte, wieder lieb
gewonnen. Ach, Botho, welcher Schatz ist doch ein
unschuldiges Herz. Ich habe mir fest vorgenommen,
mir ein reines Herz zu bewahren. Und Du mußt
mir darin helfen. Ja, das mußt Du, versprich es
mir. Nein, nicht so; Du mußt mir dreimal einen
Kuß auf die Stirn geben, bräutlich, ich will keine
Zärtlichkeit, ich will einen Weihekuß. . . Und wenn
wir uns mit einem Lunch begnügen, natürlich ein
warmes Gericht, so können wir um drei draußen sein.“

Und wirklich, sie fuhren hinaus und wiewohl die
Charlottenburger Luft noch mehr hinter dem „Athem
Gottes“ zurückblieb als die Berliner, so war Käthe
doch fest entschlossen, im Schloßpark zu bleiben und
Halensee fallen zu lassen. Westend sei so langweilig und Halensee sei noch wieder eine halbe
Reise, fast wie nach Schlangenbad, im Schloßpark
aber könne man das Mausoleum sehen, wo die
blaue Beleuchtung einen immer so sonderbar berühre,
ja, sie möchte sagen, wie wenn einem ein Stück
Himmel in die Seele falle. Das stimme dann
andächtig und zu frommer Betrachtung. Und wenn
auch das Mausoleum nicht wäre, so wäre doch die
Karpfenbrücke da, mit der Klingel dran und wenn
dann ein großer Mooskarpfen käme, so wär' es ihr
immer, als käm' ein Krokodil. Und vielleicht wär'
auch eine Frau mit Kringeln und Oblaten da, von
der man etwas kaufen und dadurch im Kleinen ein
gutes Werk thun könne, sie sage mit Absicht ein
„gutes Werk“ und vermeide das Wort christlich,
denn Frau Salinger habe auch immer gegeben.

Und alles verlief programmmäßig und als die
Karpfen gefüttert waren, gingen beide weiter in den
Park hinein, bis sie bis dicht an das Belvedere
kamen mit seinen Rokokofiguren und seinen historischen Erinnerungen. Von diesen Erinnerungen
wußte Käthe nichts und Botho nahm deshalb
Veranlassung, ihr von den Geistern abgeschiedener
Kaiser und Kurfürsten zu erzählen, die der General
von Bischofswerder an eben dieser Stelle habe
erscheinen lassen, um den König Friedrich Wilhelm II.
aus seinen lethargischen Zuständen oder was
dasselbe gewesen, aus den Händen seiner Geliebten
zu befreien und ihn auf den Pfad der Tugend
zurückzuführen.

„Und hat es geholfen?“ fragte Käthe.

„Nein.“

„Schade. Dergleichen berührt mich immer tief
schmerzlich. Und wenn ich mir dann denke, daß der
unglückliche Fürst (denn unglücklich muß er gewesen
sein) der Schwiegervater der Königin Luise war, so
blutet mir das Herz. Wie muß sie gelitten
haben! Ich kann mir immer in unserem Preußen
solche Dinge gar nicht recht denken. Und Bischofswerder, sagtest Du, hieß der General, der die
Geister erscheinen ließ?“

„Ja. Bei Hofe hieß er der Laubfrosch.“

„Weil er das Wetter machte?“

„Nein, weil er einen grünen Rock trug.“

„Ach, das ist zu komisch . . . Der Laubfrosch.“

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Bei Sonnenuntergang waren beide wieder daheim und Käthe, nachdem sie Hut und Mantel an
Minette gegeben und den Thee beordert hatte, folgte
Botho in sein Zimmer, weil es sie nach dem Bewußtsein und der Genugthuung verlangte, den ersten
Tag nach der Reise ganz und gar an seiner Seite
zugebracht zu haben.

Botho war es zufrieden und weil sie fröstelte,
schob er ihr ein Kissen unter die Füße, während
er sie zugleich mit einem Plaid zudeckte. Bald danach aber wurd' er abgerufen, um Dienstliches, das
der Erledigung bedurfte, rasch abzumachen.

Minuten vergingen und da Kissen und Plaid
nicht recht helfen und die gewünschte Wärme nicht
geben wollten, so zog Käthe die Klingel und sagte
dem eintretenden Diener, „daß er ein Paar Stücke
Holz bringen solle; sie friere so.“

Zugleich erhob sie sich, um den Kaminschirm bei
Seite zu schieben, und sah, als dies geschehen war,
das Häuflein Asche, das noch auf der Eisenplatte lag.

Im selben Momente trat Botho wieder ein und
erschrak bei dem Anblick, der sich ihm bot. Aber
er beruhigte sich sogleich wieder, als Käthe mit dem
Zeigefinger auf die Asche wies und in ihrem scherzhaftesten Tone sagte: „Was bedeutet das, Botho?
Sieh', da hab' ich Dich mal wieder ertappt. Nun
bekenne. Liebesbriefe? Ja oder nein?“

„Du wirst doch glauben, was Du willst?“

„Ja oder nein?“

„Gut denn; ja.“

„Das war Recht. Nun kann ich mich beruhigen.
Liebesbriefe, zu komisch. Aber wir wollen sie doch
lieber zweimal verbrennen: erst zu Asche und dann
zu Rauch. Vielleicht glückt es.“

Und sie legte die Holzstücke, die der Diener
mittlerweile gebracht hatte, geschickt zusammen und
versuchte sie mit ein paar Zündhölzchen anzuzünden.
Und es gelang auch. Im Nu brannte das Feuer
hell auf und während sie den Fauteuil an die
Flamme schob und die Füße bequem und, um sie
zu wärmen, bis an die Eisenstäbe vorstreckte, sagte
sie: „Und nun will ich Dir auch die Geschichte
von der Russin auserzählen, die natürlich gar keine
Russin war. Aber eine sehr kluge Person. Sie
hatte Mandelaugen, alle diese Personen haben
Mandelaugen, und gab vor, daß sie zur Kur in
Schlangenbad sei. Nun, das kennt man. Einen
Arzt hatte sie nicht, wenigstens keinen ordentlichen,
aber jeden Tag war sie drüben in Frankfurt oder
in Wiesbaden oder auch in Darmstadt und immer
in Begleitung. Und Einige sagen sogar, es sei nicht
mal derselbe gewesen. Und nun hättest Du sehen
sollen, welche Toilette und welche Suffisance! Kaum,
daß sie grüßte, wenn sie mit ihrer Ehrendame zur
Table d'hote kam. Denn eine Ehrendame hatte sie,
das ist immer das Erste bei solchen Damen. Und
wir nannten sie „die Pompadour“, ich meine die
Russin, und sie wußt' es auch, daß wir sie so
nannten. Und die alte Generalin Wedell, die ganz
auf unsrer Seite stand und sich über die zweifelhafte
Person ärgerte (denn eine Person war es, darüber
war kein Zweifel), die alte Wedell, sag' ich, sagte
ganz laut über den Tisch hin: „Ja, meine Damen,
die Mode wechselt in allem, auch in den Taschen
und Täschchen und sogar in den Beuteln und
Beutelchen. Als ich noch jung war, gab es noch
Pompadours, aber heute giebt es keine Pompadours
mehr. Nicht wahr? Es giebt keine Pompadours
mehr.“ Und dabei lachten wir und sahen alle die
Pompadour an. Aber die schreckliche Person gewann trotzdem einen Sieg über uns und sagte mit
scharfer und lauter Stimme, denn die alte Wedell
hörte schlecht: „Ja, Frau Generalin, es ist so, wie
Sie sagen. Nur sonderbar, als die Pompadours
abgelöst wurden, kamen die Reticules an die Reihe,
die man dann später die Ridicules nannte. Und
solche Ridicules giebt es noch.“ Und dabei sah sie
die gute alte Wedell an, die, weil sie nicht antworten
konnte, vom Tische aufstand und den Saal verließ.
Und nun frag' ich Dich, was sagst Du dazu? Was
sagst Du zu solcher Impertinenz?…, Aber Botho,
Du sprichst ja nicht, Du hörst ja gar nicht…“

„Doch, doch, Käthe…“

Drei Wochen später war eine Trauung in der
Jakobi-Kirche, deren kreuzgangartiger Vorhof auch
heute von einer dichten und neugierigen Menschenmenge, meist Arbeiterfrauen, einige mit ihren Kindern
auf dem Arm, besetzt war. Aber auch Schul- und
Straßenjugend hatte sich eingefunden. Allerlei Kutschen fuhren vor, und gleich aus einer der ersten
stieg ein Paar, das, so lang es im Gesichtskreise
der Anwesenden verblieb, mit Lachen und Getuschel
begleitet wurde.

„Die Taille“, sagte eine der zunächst stehenden
Frauen.

„Taille?“

„Na denn Hüfte.“

„Schon mehr Walfischrippe…“

„Das stimmt.“

Und kein Zweifel, daß sich dies Gespräch noch
fortgesetzt hätte, wenn nicht in eben diesem Augenblicke die Brautkutsche vorgefahren wäre. Der vom
Bock herabspringende Diener eilte den Kutschenschlag zu öffnen, aber der Bräutigam selbst, ein
hagerer Herr mit hohem Hut und spitzen Vatermördern, war ihm bereits zuvorgekommen und reichte
seiner Braut die Hand, einem sehr hübschen Mädchen,
das übrigens, wie gewöhnlich bei Bräuten, weniger
um seines hübschen Aussehens, als um seines weißen
Atlaskleides willen bewundert wurde. Dann stiegen
Beide die mit einem etwas abgetretenen Teppich
belegte, nur wenig Stufen zählende Steintreppe hinauf, um zunächst in den Kreuzgang und gleich danach in das Kirchenportal einzutreten. Aller Blicke
folgten ihnen.

„Un kein Kranz nich?“ sagte dieselbe Frau, vor
deren kritischem Auge kurz vorher die Taille der
Frau Dörr so schlecht bestanden hatte.

„Kranz?. . Kranz?. . Wissen Sie denn . denn
Haben Sie denn nichts munkeln hören?“

„Ach so. Freilich hab' ich. Aber, liebe Kornatzki, wenn es nach's Munkeln ginge, gäb' es gar
keine Kränze mehr un Schmidt in der Friedrichsstraße könnte man gleich zumachen.“

„Ja, ja,“ lachte jetzt die Kornatzki „das könnt'
er. Un am Ende für so 'nen Alten! Fuffzig jute
hat er doch woll auf'n Puckel un sah eigentlich aus,
als ob er seine silberne gleich mitfeiern wollte.“

„Woll. So sah er aus. Un haben Sie denn
seine Vatermörder gesehn? So was lebt nich.“

„Damit kann er sie gleich dod machen, wenn's
wieder munkelt.“

„Ja, das kann er.“

„Und so ging es noch eine Weile weiter, während
aus der Kirche schon das Präludium der Orgel
hörbar wurde.

Den anderen Morgen saßen Rienäcker und Käthe
beim Frühstück, diesmal in Botho's Arbeitszimmer,
dessen beide Fenster, um Luft und Licht einzulassen,
weit offen standen. Rings um den Hof her nistende
Schwalben flogen zwitschernd vorüber und Botho,
der ihnen allmorgendlich einige Krumen hinzustreuen pflegte, griff eben wieder zu gleichem Zweck
nach dem Frühstückskorb, als ihm das ausgelassene
Lachen seiner seit fünf Minuten schon in ihre
Lieblingszeitung vertieften jungen Frau Veranlassung
gab, den Korb wieder hinzustellen.

„Nun, Käthe, was ist? Du scheinst ja was ganz
besonders Nettes gefunden zu haben.“

„Hab' ich auch… Es ist doch zu komisch, was
es für Namen giebt! Und immer gerade bei Heiraths- und Verlobungsanzeigen. Höre doch nur.“

„Ich bin ganz Ohr.“

„ . . . Ihre heute vollzogene eheliche Verbindung
zeigen ergebenst an: Gideon Franke, Fabrikmeister, Magdalene Franke, geb. Nimptsch . .,
Nimptsch. Kannst Du Dir 'was Komischeres denken?
Und dann Gideon!“

Botho nahm das Blatt, aber freilich nur weil
er seine Verlegenheit dahinter verbergen wollte.
Dann gab er es ihr zurück und sagte mit so viel
Leichtigkeit im Ton, als er aufbringen konnte: „Was
hast Du nur gegen Gideon, Käthe? Gideon ist
besser als Botho.“