Effi Briest

Erstes Kapitel.

In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein
auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der
Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter
Seitenflügel einen breiten Schatten erst auf einen
weiß und grün quadrierten Fliesengang und dann
über diesen hinaus auf ein großes in seiner Mitte
mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit
Canna indica und Rhabarberstauden besetztes Rondell
warf. Einige zwanzig Schritte weiter, in Richtung
und Lage genau dem Seitenflügel entsprechend, lief
eine, ganz in kleinblättrigem Epheu stehende, nur an
einer Stelle von einer kleinen weiß gestrichenen Eisenthür unterbrochene Kirchhofsmauer, hinter der der
Hohen-Cremmener Schindelturm mit seinem blitzenden,
weil neuerdings erst wieder vergoldeten Wetterhahn
aufragte. Fronthaus, Seitenflügel und Kirchhofsmauer
bildeten ein einen kleinen Ziergarten umschließendes
Hufeisen, an dessen offener Seite man eines Teiches
mit Wassersteg und angeketteltem Boot und dicht
daneben einer Schaukel gewahr wurde, deren horizontal gelegtes Brett zu Häupten und Füßen an je zwei
Stricken hing — die Pfosten der Balkenlage schon
etwas schief stehend. Zwischen Teich und Rondell
aber und die Schaukel halb versteckend standen ein
paar mächtige alte Platanen.

Auch die Front des Herrenhauses — eine mit
Aloekübeln und ein paar Gartenstühlen besetzte Rampe
— gewährte bei bewölktem Himmel einen angenehmen
und zugleich allerlei Zerstreuung bietenden Aufenthalt; an Tagen aber, wo die Sonne niederbrannte,
wurde die Gartenseite ganz entschieden bevorzugt,
besonders von Frau und Tochter des Hauses, die
denn auch heute wieder auf dem im vollen Schatten
liegenden Fliesengange saßen, in ihrem Rücken ein
paar offene, von wildem Wein umrankte Fenster,
neben sich eine vorspringende kleine Treppe, deren
vier Steinstufen vom Garten aus in das Hochparterre
des Seitenflügels hinaufführten. Beide, Mutter und
Tochter, waren fleißig bei der Arbeit, die der Herstellung eines aus Einzelquadraten zusammenzusetzenden Altarteppichs galt; ungezählte Wollsträhnen und
Seidendocken lagen auf einem großen, runden Tisch
bunt durcheinander, dazwischen, noch vom Lunch her,
ein paar Dessertteller und eine mit großen, schönen
Stachelbeeren gefüllte Majolikaschale. Rasch und
sicher ging die Wollnadel der Damen hin und her,
aber während die Mutter kein Auge von der Arbeit
ließ, legte die Tochter, die den Rufnamen Effi führte,
von Zeit zu Zeit die Nadel nieder und erhob sich,
um unter allerlei kunstgerechten Beugungen und
Streckungen den ganzen Kursus der Heil- und Zimmergymnastik durchzumachen. Es war ersichtlich, daß
sie sich diesen absichtlich ein wenig ins Komische gezogenen Übungen mit ganz besonderer Liebe hingab,
und wenn sie dann so dastand und langsam die
Arme hebend, die Handflächen hoch über dem Kopf
zusammenlegte, so sah auch wohl die Mama von
ihrer Handarbeit auf, aber immer nur flüchtig und
verstohlen, weil sie nicht zeigen wollte, wie entzückend
sie ihr eigenes Kind finde, zu welcher Regung mütterlichen Stolzes sie vollberechtigt war. Effi trug ein
blau und weiß gestreiftes, halb kittelartiges Leinwandkleid, dem erst ein fest zusammengezogener,
bronzefarbener Ledergürtel die Taille gab; der Hals
war frei, und über Schulter und Nacken fiel ein
breiter Matrosenkragen. In allem, was sie that,
paarte sich Übermut und Grazie, während ihre
lachenden braunen Augen eine große, natürliche Klugheit und viel Lebenslust und Herzensgüte verrieten.
Man nannte sie die „Kleine“, was sie sich nur gefallen lassen mußte, weil die schöne, schlanke Mama
noch um eine Hand breit höher war.

Eben hatte sich Effi wieder erhoben, um abwechselnd nach links und rechts ihre turnerischen
Drehungen zu machen, als die von ihrer Stickerei
gerade wieder aufblickende Mama ihr zurief: „Effi,
eigentlich hättest Du doch wohl Kunstreiterin werden
müssen. Immer am Trapez, immer Tochter der Luft.
Ich glaube beinah, daß Du so was möchtest.“

„Vielleicht, Mama. Aber wenn es so wäre,
wer wäre schuld? Von wem hab' ich es? Doch
nur von Dir. Oder meinst Du von Papa? Da
mußt Du nun selber lachen. Und dann, warum
steckst Du mich in diesen Hänger, in diesen Jungenskittel? Mitunter denk' ich, ich komme noch wieder
in kurze Kleider. Und wenn ich die erst wieder
habe, dann knix' ich auch wieder wie ein Backfisch,
und wenn dann die Rathenower herüber kommen,
setze ich mich auf Oberst Goetze's Schoß und reite
hopp, hopp. Warum auch nicht? Dreiviertel ist er
Onkel und nur ein Viertel Kourmacher. Du bist schuld.
Warum kriege ich keine Staatskleider? Warum
machst Du keine Dame aus mir?“

„Möchtest Du's?“

„Nein.“ Und dabei lief sie auf die Mama zu
und umarmte sie stürmisch und küßte sie.

„Nicht so wild, Effi, nicht so leidenschaftlich.
Ich beunruhige mich immer, wenn ich Dich so sehe . . .“
Und die Mama schien ernstlich willens, in Äußerung
ihrer Sorgen und Ängste fortzufahren. Aber sie
kam nicht weit damit, weil in eben diesem Augenblicke drei junge Mädchen aus der kleinen, in der
Kirchhofsmauer angebrachten Eisenthür in den Garten
eintraten und einen Kiesweg entlang auf das Rondell
und die Sonnenuhr zuschritten. Alle drei grüßten
mit ihren Sonnenschirmen zu Effi herüber und eilten
dann auf Frau von Briest zu, um dieser die Hand
zu küssen. Diese that rasch ein paar Fragen und
lud dann die Mädchen ein, ihnen oder doch wenigstens
Effi auf eine halbe Stunde Gesellschaft zu leisten,
„ich habe ohnehin noch zu thun, und junges Volk
ist am liebsten unter sich. Gehabt Euch wohl.“ Und
dabei stieg sie die vom Garten in den Seitenflügel
führende Steintreppe hinauf.

Und da war nun die Jugend wirklich allein.

Zwei der jungen Mädchen — kleine, rundliche
Persönchen, zu deren krausem, rotblondem Haar ihre
Sommersprossen und ihre gute Laune ganz vorzüglich
paßten — waren Töchter des auf Hansa, Skandinavien
und Fritz Reuter eingeschworenen Kantors Jahnke,
der denn auch, unter Anlehnung an seinen mecklenburgischen Landsmann und Lieblingsdichter und nach
dem Vorbilde von Mining und Lining, seinen eigenen
Zwillingen die Namen Bertha und Hertha gegeben
hatte. Die dritte junge Dame war Hulda Niemeyer,
Pastor Niemeyer's einziges Kind; sie war damenhafter als die beiden anderen, dafür aber langweilig
und eingebildet, eine lymphatische Blondine, mit etwas
vorspringenden, blöden Augen, die trotzdem beständig
nach 'was zu suchen schienen, weshalb denn auch Klitzing
von den Husaren gesagt hatte: „Sieht sie nicht aus,
als erwarte sie jeden Augenblick den Engel Gabriel?“
Effi fand, daß der etwas kritische Klitzing nur zu
sehr recht habe, vermied es aber trotzdem, einen
Unterschied zwischen den drei Freundinnen zu machen.
Am wenigsten war ihr in diesem Augenblicke danach
zu Sinn, und während sie die Arme auf den Tisch
stemmte, sagte sie: „Diese langweilige Stickerei. Gott
sei Dank, daß Ihr da seid.“

„Aber Deine Mama haben wir vertrieben,“
sagte Hulda.

„Nicht doch. Wie sie Euch schon sagte, sie
wäre doch gegangen; sie erwartet nämlich Besuch,
einen alten Freund aus ihren Mädchentagen her, von
dem ich Euch nachher erzählen muß, eine Liebesgeschichte mit Held und Heldin, und zuletzt mit Entsagung. Ihr werdet Augen machen und Euch wundern.
Übrigens habe ich Mamas alten Freund schon drüben
in Schwantikow gesehen; er ist Landrat, gute Figur
und sehr männlich.“

„Das ist die Hauptsache,“ sagte Hertha.

„Freilich ist das die Hauptsache, ‚Weiber weiblich, Männer männlich‘ — das ist, wie ihr wißt,
einer von Papas Lieblingssätzen. Und nun helft
mir erst Ordnung schaffen auf dem Tisch hier, sonst
gibt es wieder eine Strafpredigt.“

Im Nu waren die Docken in den Korb gepackt,
und als alle wieder saßen, sagte Hulda: „Nun aber
Effi, nun ist es Zeit, nun die Liebesgeschichte mit
Entsagung. Oder ist es nicht so schlimm?“

„Eine Geschichte mit Entsagung ist nie schlimm.
Aber ehe Hertha nicht von den Stachelbeeren genommen, eh' kann ich nicht anfangen — sie läßt ja
kein Auge davon. Übrigens nimm so viel Du willst,
wir können ja hinterher neue pflücken; nur wirf die
Schalen weit weg oder noch besser, lege sie hier auf
die Zeitungsbeilage, wir machen dann eine Tüte
daraus und schaffen alles bei Seite. Mama kann
es nicht leiden, wenn die Schlusen so überall umher
liegen, und sagt immer, man könne dabei ausgleiten
und ein Bein brechen.“

„Glaub' ich nicht.“ sagte Hertha, während sie
den Stachelbeeren fleißig zusprach.

„Ich auch nicht,“ bestätigte Effi. „Denkt doch
'mal nach, ich falle jeden Tag wenigstens zwei-,
dreimal, und noch ist mir nichts gebrochen. Was
ein richtiges Bein ist, das bricht nicht so leicht,
meines gewiß nicht und Deines auch nicht, Hertha.
Was meinst Du, Hulda?“

„Man soll sein Schicksal nicht versuchen; Hochmut kommt vor dem Fall.“

„Immer Gouvernante; Du bist doch die geborne
alte Jungfer.“

„Und hoffe mich doch noch zu verheiraten.
Und vielleicht eher als Du.“

„Meinetwegen. Denkst Du, daß ich darauf
warte? Das fehlte noch. Übrigens, ich kriege schon
einen, und vielleicht bald. Da ist mir nicht bange.
Neulich erst hat mir der kleine Ventivegni von drüben
gesagt: Fräulein Effi, was gilt die Wette, wir sind
hier noch in diesem Jahre zu Polterabend und
Hochzeit.“

„Und was sagtest Du da?“

„Wohl möglich,“ sagt' ich, „wohl möglich; Hulda
ist die älteste und kann sich jeden Tag verheiraten.“

Aber er wollte davon nichts wissen und sagte: „Nein,
bei einer anderen jungen Dame, die gerade so brünett
ist, wie Fräulein Hulda blond ist.“ Und dabei sah
er mich ganz ernsthaft an . . . „Aber ich komme
vom Hundertsten aufs Tausendste und vergesse die
Geschichte.“

„Ja, Du brichst immer wieder ab; am Ende
willst Du nicht.“

„O, ich will schon, aber freilich, ich breche
immer wieder ab, weil es alles ein bißchen sonderbar
ist, ja, beinah' romantisch.“

„Aber Du sagtest doch, er sei Landrat.“

„Allerdings Landrat. Und er heißt Geert von
Innstetten, Baron von Innstetten.“

Alle drei lachten.

„Warum lacht Ihr?“ sagte Effi pikiert. „Was
soll das heißen?“

„Ach, Effi, wir wollen Dich ja nicht beleidigen,
und auch den Baron nicht. Innstetten sagtest Du?
Und Geert? So heißt doch hier kein Mensch.
Freilich, die adeligen Namen haben oft so 'was
Komisches.“

„Ja, meine Liebe, das haben sie. Dafür sind
es eben Adelige. Die dürfen sich das gönnen, und
je weiter zurück, ich meine der Zeit nach, desto mehr
dürfen sie sich's gönnen. Aber davon versteht Ihr
nichts, was Ihr mir nicht übel nehmen dürft.
Wir bleiben doch gute Freunde. Geert von Innstetten
also und Baron. Er ist gerade so alt wie Mama,
auf den Tag.“

„Und wie alt ist denn eigentlich Deine Mama?“

„Achtunddreißig.“

„Ein schönes Alter.“

„Ist es auch, namentlich wenn man noch so
aussieht wie die Mama. Sie ist doch eigentlich eine
schöne Frau, findet Ihr nicht auch? Und wie sie
alles so weg hat, immer so sicher und dabei so fein
und nie unpassend wie Papa. Wenn ich ein junger
Leutnant wäre, so würd' ich mich in die Mama
verlieben.“

„Aber Effi, wie kannst Du nur so 'was sagen,“
sagte Hulda. „Das ist ja gegen das vierte Gebot.“

„Unsinn. Wie kann das gegen das vierte Gebot sein? Ich glaube, Mama würde sich freuen,
wenn sie wüßte, daß ich so was gesagt habe.“

„Kann schon sein,“ unterbrach hierauf Hertha.
„Aber nun endlich die Geschichte.“

„Nun, gieb Dich zufrieden, ich fange schon
an . . . Also Baron Innstetten! Als er noch keine
Zwanzig war, stand er drüben bei den Rathenowern
und verkehrte viel auf den Gütern hier herum, und
am liebsten war er in Schwantikow drüben bei
meinem Großvater Belling. Natürlich war es nicht
des Großvaters wegen, daß er so oft drüben war,
und wenn die Mama davon erzählt, so kann jeder
leicht sehen, um wen es eigentlich war. Und ich
glaube, es war auch gegenseitig.“

„Und wie kam es nachher?“

„Nun, es kam, wie's kommen mußte, wie's
immer kommt. Er war ja noch viel zu jung, und als
mein Papa sich einfand, der schon Ritterschaftsrat
war und Hohen-Cremmen hatte, da war kein langes
Besinnen mehr, und sie nahm ihn und wurde Frau
von Briest . . . Und das andere, was sonst noch kam,
nun, das wißt Ihr . . . das andere bin ich.“

„Ja, das andere bist Du, Effi,“ sagte Bertha.
„Gott sei Dank; wir hätten Dich nicht, wenn es
anders gekommen wäre. Und nun sage, was that
Innstetten, was wurde aus ihm? Das Leben hat
er sich nicht genommen, sonst könntet Ihr ihn heute
nicht erwarten.“

„Nein, das Leben hat er sich nicht genommen.
Aber ein bißchen war es doch so 'was.“

„Hat er einen Versuch gemacht?“

„Auch das nicht. Aber er mochte doch nicht
länger hier in der Nähe bleiben, und das ganze
Soldatenleben überhaupt muß ihm damals wie verleidet gewesen sein. Es war ja auch Friedenszeit.
Kurz und gut, er nahm den Abschied und fing an,
Juristerei zu studieren, wie Papa sagt, mit einem
„wahren Biereifer“; nur als der siebziger Krieg
kam, trat er wieder ein, aber bei den Perlebergern
statt bei seinem alten Regiment, und hat auch das
Kreuz. Natürlich, denn er ist sehr schneidig. Und
gleich nach dem Kriege saß er wieder bei seinen
Akten, und es heißt, Bismarck halte große Stücke
von ihm und auch der Kaiser, und so kam es denn,
daß er Landrat wurde, Landrat im Kessiner Kreise.“

„Was ist Kessin? Ich kenne hier kein Kessin.“

„Nein, hier in unserer Gegend liegt es nicht;
es liegt eine hübsche Strecke von hier fort, in Pommern,
in Hinterpommern sogar, was aber nichts sagen will,
weil es ein Badeort ist (alles da herum ist Badeort) und die Ferienreise, die Baron Innstetten jetzt
macht, ist eigentlich eine Vetternreise, oder doch etwas
Ähnliches. Er will hier alte Freundschaft und
Verwandtschaft wiedersehn.“

„Hat er denn hier Verwandte?“

„Ja und nein, wie man's nehmen will. Innstetten's giebt es hier nicht, giebt es, glaub' ich, überhaupt nicht mehr. Aber er hat hier entfernte Vettern
von der Mutter Seite her, und vor allem hat er wohl
Schwantikow und das Belling'sche Haus wiedersehen
wollen, an das ihn so viel Erinnerungen knüpfen.
Da war er denn vorgestern drüben, und heute will
er hier in Hohen-Cremmen sein.“

„Und was sagt Dein Vater dazu?“

„Gar nichts. Der ist nicht so. Und dann
kennt er ja doch die Mama. Er neckt sie bloß.“

In diesem Augenblick schlug es Mittag, und ehe es
noch ausgeschlagen, erschien Wilke, das alte Briest'sche
Haus- und Familienfaktotum, um an Fräulein Effi
zu bestellen: „Die gnädige Frau ließe bitten, daß
das gnädige Fräulein zu rechter Zeit auch Toilette
mache; gleich nach Eins würde der Herr Baron
wohl vorfahren.“ Und während Wilke dies noch
vermeldete, begann er auch schon auf dem Arbeitstisch der Damen abzuräumen und griff dabei zunächst nach dem Zeitungsblatt, auf dem die Stachelbeerschalen lagen.

„Nein, Wilke, nicht so; das mit den Schlusen,
das ist unsere Sache . . . Hertha, Du mußt nun die
Tüte machen und einen Stein hinein thun, daß
alles besser versinken kann. Und dann wollen wir in
einem langen Trauerzug aufbrechen und die Tüte
auf offener See begraben.“

Wilke schmunzelte. „Is doch ein Daus, unser
Fräulein,“ so etwa gingen seine Gedanken; Effi aber,
während sie die Tüte mitten auf die rasch zusammengeraffte Tischdecke legte, sagte: „Nun fassen wir alle
vier an, jeder an einem Zipfel und singen was
Trauriges.“

„Ja, das sagst Du wohl, Effi. Aber was
sollen wir denn singen?“

„Irgend 'was; es ist ganz gleich, es muß nur
einen Reim auf ‚u‘ haben; ‚u‘ ist immer Trauervokal. Also singen wir:
Flut, Flut
Mach' alles wieder gut . . .“
und während Effi diese Litanei feierlich anstimmte,
setzten sich alle vier auf den Steg hin in Bewegung,
stiegen in das dort angekettelte Boot und ließen von
diesem aus die mit einem Kiesel beschwerte Tüte
langsam in den Teich niedergleiten.

„Hertha, nun ist Deine Schuld versenkt,“ sagte
Effi, „wobei mir übrigens einfällt, so vom Boot
aus sollen früher auch arme unglückliche Frauen versenkt worden sein, natürlich wegen Untreue.“

„Aber doch nicht hier.“

„Nein, nicht hier,“ lachte Effi, „hier kommt so
'was nicht vor. Aber in Konstantinopel, und Du
mußt ja, wie mir eben einfällt, auch davon wissen,
so gut wie ich, Du bist ja mit dabei gewesen, als
uns Kandidat Holzapfel in der Geographiestunde
davon erzählte.“

„Ja,“ sagte Hulda, „der erzählte immer so was.
Aber so 'was vergißt man doch wieder.“

„Ich nicht. Ich behalte so 'was.“

Zweites Kapitel.

Sie sprachen noch eine Weile so weiter, wobei
sie sich ihrer gemeinschaftlichen Schulstunden und
einer ganzen Reihe Holzapfel'scher Unpassendheiten
mit Empörung und Behagen erinnerten. Ja, man
konnte sich nicht genug thun damit, bis Hulda mit
einemmale sagte: „Nun aber ist es höchste Zeit,
Effi; Du siehst ja aus, ja, wie sag' ich nur, Du
siehst ja aus, wie wenn Du vom Kirschenpflücken
kämst, alles zerknittert und zerknautscht; das Leinenzeug macht immer so viele Falten, und der große,
weiße Klappkragen . . . ja, wahrhaftig, jetzt hab' ich
es, Du siehst aus wie ein Schiffsjunge.“

„Midshipman, wenn ich bitten darf. Etwas
muß ich doch von meinem Adel haben. Übrigens
Midshipman oder Schiffsjunge, Papa hat mir erst
neulich wieder einen Mastbaum versprochen, hier dicht
neben der Schaukel, mit Raaen und einer Strickleiter.
Wahrhaftig, das sollte mir gefallen, und den Wimpel
oben selbst anzumachen, das ließ' ich mir nicht nehmen.
Und Du, Hulda, Du kämst dann von der anderen
Seite her herauf, und oben in der Luft wollten wir
Hurra rufen und uns einen Kuß geben. Alle
Wetter, das sollte schmecken.“

„ ‚Alle Wetter . . .‘ wie das nun wieder klingt . . .
Du sprichst wirklich wie ein Midshipman. Ich
werde mich aber hüten, Dir nachzuklettern, ich bin
nicht so waghalsig. Jahnke hat ganz recht, wenn er
immer sagt, Du hättest zu viel von dem Bellingschen
in Dir, von Deiner Mama her. Ich bin bloß ein
Pastorskind.“

„Ach, geh' mir. Stille Wasser sind tief. Weißt
Du noch, wie Du damals, als Vetter Briest als
Kadett hier war, aber doch schon groß genug, wie
Du damals auf dem Scheunendach entlang rutschtest.
Und warum? Nun, ich will es nicht verraten.
Aber kommt, wir wollen uns schaukeln, auf jeder
Seite zwei; reißen wird es ja wohl nicht, oder wenn
Ihr nicht Lust habt, denn Ihr macht wieder lange
Gesichter, dann wollen wir Anschlag spielen. Eine
Viertelstunde hab' ich noch. Ich mag noch nicht
hinein gehen, und alles bloß, um einem Landrat
guten Tag zu sagen, noch dazu einem Landrat aus
Hinterpommern. Ältlich ist er auch, er könnte ja
beinah' mein Vater sein, und wenn er wirklich in
einer Seestadt wohnt, Kessin soll ja so 'was sein,
nun, da muß ich ihm in diesem Matrosenkostüm
eigentlich am besten gefallen und muß ihm beinah'
wie eine große Aufmerksamkeit vorkommen. Fürsten,
wenn sie wen empfangen, so viel weiß ich von meinem
Papa her, legen auch immer die Uniform aus der
Gegend des anderen an. Also nur nicht ängstlich
. . . rasch, rasch, ich fliege aus und neben der Bank
hier ist frei.“

Hulda wollte noch ein paar Einschränkungen
machen, aber Effi war schon den nächsten Kiesweg
hinauf, links hin, rechts hin, bis sie mit einemmale
verschwunden war. „Effi, das gilt nicht; wo bist
Du? Wir spielen nicht Versteck, wir spielen Anschlag,“ unter diesen und ähnlichen Vorwürfen eilten
die Freundinnen ihr nach, weit über das Rondell
und die beiden seitwärts stehenden Platanen hinaus,
bis die Verschwundene mit einemmale aus ihrem
Verstecke hervorbrach und mühelos, weil sie schon im
Rücken ihrer Verfolger war, mit „eins, zwei, drei“
den Freiplatz neben der Bank erreichte.

„Wo warst Du?“

„Hinter den Rhabarberstauden; die haben so
große Blätter, noch größer als ein Feigenblatt . . .“

„Pfui . . .“

„Nein, Pfui für Euch, weil Ihr verspielt habt.
Hulda, mit ihren großen Augen, sah wieder nichts,
immer ungeschickt.“ Und dabei flog Effi von neuem
über das Rondell hin, auf den Teich zu, vielleicht
weil sie vor hatte, sich erst hinter einer dort aufwachsenden dichten Haselnußhecke zu verstecken, um
dann, von dieser aus, mit einem weiten Umweg um
Kirchhof und Fronthaus, wieder bis an den Seitenflügel und seinen Freiplatz zu kommen. Alles war
gut berechnet; aber freilich, ehe sie noch halb um
den Teich herum war, hörte sie schon vom Hause
her ihren Namen rufen, und sah, während sie sich
umwandte, die Mama, die, von der Steintreppe her,
mit ihrem Taschentuche winkte. Noch einen Augenblick, und Effi stand vor ihr.

„Nun bist Du doch noch in Deinem Kittel, und
der Besuch ist da. Nie hältst Du Zeit.“

„Ich halte schon Zeit, aber der Besuch hat
nicht Zeit gehalten. Es ist noch nicht Eins; noch
lange nicht,“ und sich nach den Zwillingen hin umwendend (Hulda war noch weiter zurück) rief sie
diesen zu: „Spielt nur weiter; ich bin gleich
wieder da.“

Schon im nächsten Augenblicke trat Effi mit der
Mama in den großen Gartensaal, der fast den
ganzen Raum des Seitenflügels füllte.

„Mama, Du darfst mich nicht schelten. Es ist
wirklich erst halb. Warum kommt er so früh?
Kavaliere kommen nicht zu spät, aber noch weniger
zu früh.“

Frau von Briest war in sichtlicher Verlegenheit;
Effi aber schmiegte sich liebkosend an sie und sagte:
„Verzeih', ich will mich nun eilen; Du weißt,
ich kann auch rasch sein, und in fünf Minuten ist
Aschenpuddel in eine Prinzessin verwandelt. So
lange kann er warten oder mit dem Papa plaudern.“

Und der Mama zunickend, wollte sie leichten
Fußes eine kleine eiserne Stiege hinauf, die aus dem
Saal in den Oberstock hinauf führte. Frau von
Briest aber, die unter Umständen auch unkonventionell
sein konnte, hielt plötzlich die schon forteilende Effi
zurück, warf einen Blick auf das jugendlich reizende
Geschöpf, das, noch erhitzt von der Aufregung des
Spiels, wie ein Bild frischesten Lebens vor ihr stand,
und sagte beinahe vertraulich: „Es ist am Ende das
Beste, Du bleibst wie Du bist. Ja, bleibe so. Du
siehst gerade sehr gut aus. Und wenn es auch nicht
wäre, Du siehst so unvorbereitet aus, so gar nicht
zurecht gemacht, und darauf kommt es in diesem
Augenblicke an. Ich muß Dir nämlich sagen, meine
süße Effi . . .“ und sie nahm ihres Kindes beide
Hände . . . „ich muß Dir nämlich sagen . . .“

„Aber Mama, was hast Du nur? Mir wird
ja ganz angst und bange.“

„. . . Ich muß dir nämlich sagen, Effi, daß
Baron Innstetten eben um Deine Hand angehalten hat.“

„Um meine Hand angehalten? Und im Ernst?“

„Es ist keine Sache, um einen Scherz daraus
zu machen. Du hast ihn vorgestern gesehen, und ich
glaube, er hat Dir auch gut gefallen. Er ist freilich
älter als Du, was alles in allem ein Glück ist,
dazu ein Mann von Charakter, von Stellung und
guten Sitten, und wenn Du nicht ,Nein‘ sagst, was
ich mir von meiner klugen Effi kaum denken kann,
so stehst Du mit zwanzig Jahren da, wo andere mit
vierzig stehen. Du wirst Deine Mama weit überholen.“

Effi schwieg und suchte nach einer Antwort.
Aber ehe sie diese finden konnte, hörte sie schon des
Vaters Stimme von dem angrenzenden, noch im
Fronthause gelegenen Hinterzimmer her, und gleich
danach überschritt Ritterschaftsrat von Briest, ein wohl
konservierter Fünfziger von ausgesprochener Bonhommie, die Gartensalonschwelle — mit ihm Baron
Innstetten, schlank, brünett und von militärischer
Haltung.

Effi, als sie seiner ansichtig wurde, kam in ein
nervöses Zittern; aber nicht auf lange, denn im
selben Augenblicke fast, wo sich Innstetten unter
freundlicher Verneigung ihr näherte, wurden an dem
mittleren der weit offen stehenden und von wildem
Wein halb überwachsenen Fenster die rotblonden
Köpfe der Zwillinge sichtbar, und Hertha, die Ausgelassenste, rief in den Saal hinein: „Effi, komm.“

Dann duckte sie sich, und beide Schwestern
sprangen von der Banklehne, darauf sie gestanden,
wieder in den Garten hinab, und man hörte nur
noch ihr leises Kichern und Lachen.

Drittes Kapitel.

Noch an demselben Tage hatte sich Baron
Innstetten mit Effi Briest verlobt. Der joviale
Brautvater, der sich nicht leicht in seiner Feierlichkeitsrolle zurecht fand, hatte bei dem Verlobungsmahl, das folgte, das junge Paar leben lassen, was
auf Frau von Briest, die dabei der nun um kaum
achtzehn Jahre zurückliegenden Zeit gedenken mochte,
nicht ohne herzbeweglichen Eindruck geblieben war.
Aber nicht auf lange; sie hatte es nicht sein können,
nun war es statt ihrer die Tochter — alles in
allem ebenso gut oder vielleicht noch besser. Denn
mit Briest ließ sich leben, trotzdem er ein wenig
prosaisch war und dann und wann einen kleinen
frivolen Zug hatte. Gegen Ende der Tafel, das
Eis wurde schon herumgereicht, nahm der alte Ritterschaftsrat noch einmal das Wort, um in einer zweiten
Ansprache das allgemeine Familien-Du zu proponieren. Er umarmte dabei Innstetten und gab
ihm einen Kuß auf die linke Backe. Hiermit war
aber die Sache für ihn noch nicht abgeschlossen, vielmehr fuhr er fort, außer dem „Du“ zugleich intimere
Namen und Titel für den Hausverkehr zu empfehlen,
eine Art Gemütlichkeitsrangliste aufzustellen, natürlich
unter Wahrung berechtigter, weil wohlerworbener
Eigentümlichkeiten. Für seine Frau, so hieß es,
würde der Fortbestand von „Mama“ (denn es gäbe
auch junge Mamas) wohl das Beste sein, während
er für seine Person, unter Verzicht auf den Ehrentitel „Papa“, das einfache Briest entschieden bevorzugen müsse, schon weil es so hübsch kurz sei. Und
was nun die Kinder angehe — bei welchem Wort
er sich, Aug' in Auge mit dem nur etwa um ein
Dutzend Jahre jüngeren Innstetten, einen Ruck geben
mußte — nun, so sei Effi eben Effi und Geert
Geert. Geert, wenn er nicht irre, habe die Bedeutung von einem schlank aufgeschossenen Stamm, und
Effi sei dann also der Epheu, der sich darum zu
ranken habe. Das Brautpaar sah sich bei diesen
Worten etwas verlegen an, Effi zugleich mit einem
Ausdruck kindlicher Heiterkeit, Frau von Briest aber
sagte: „Briest, sprich was Du willst und formuliere
Deine Toaste nach Gefallen, nur poetische Bilder,
wenn ich Dich bitten darf, laß bei Seite, das liegt
jenseits Deiner Sphäre.“ Zurechtweisende Worte,
die bei Briest mehr Zustimmung als Ablehnung gefunden hatten. „Es ist möglich, daß Du recht hast,
Luise.“

Gleich nach Aufhebung der Tafel beurlaubte
sich Effi, um einen Besuch drüben bei Pastors zu
machen. Unterwegs sagte sie sich: „Ich glaube,
Hulda wird sich ärgern. Nun bin ich ihr doch zuvorgekommen — sie war immer zu eitel und eingebildet.“ Aber Effi traf es mit ihrer Erwartung
nicht ganz; Hulda, durchaus Haltung bewahrend,
benahm sich sehr gut und überließ die Bezeugung
von Unmut und Ärger ihrer Mutter, der Frau
Pastorin, die denn auch sehr sonderbare Bemerkungen
machte. „Ja, ja, so geht es. Natürlich. Wenn's
die Mutter nicht sein konnte, muß es die Tochter
sein. Das kennt man. Alte Familien halten immer
zusammen, und wo 'was is, kommt 'was dazu.“
Der alte Niemeyer kam in arge Verlegenheit über
diese fortgesetzten spitzen Redensarten ohne Bildung
und Anstand und beklagte 'mal wieder, eine Wirtschafterin geheiratet zu haben.

Von Pastors ging Effi natürlich auch zu Kantor
Jahnkes; die Zwillinge hatten schon nach ihr ausgeschaut und empfingen sie im Vorgarten.

„Nun, Effi,“ sagte Hertha, während alle drei
zwischen den rechts und links blühenden Studentenblumen auf- und abschritten, „nun, Effi, wie ist Dir
eigentlich.“

„Wie mir ist? O, ganz gut. Wir nennen
uns auch schon Du und bei Vornamen. Er heißt
nämlich Geert, was ich Euch, wie mir einfällt, auch
schon gesagt habe.“

„Ja, das hast Du. Mir ist aber doch so bange
dabei. Ist es denn auch der Richtige?“

„Gewiß ist es der Richtige. Das verstehst Du
nicht, Hertha. Jeder ist der Richtige. Natürlich
muß er von Adel sein und eine Stellung haben und
gut aussehen.“

„Gott, Effi, wie Du nur sprichst. Sonst sprachst
Du doch ganz anders.“

„Ja, sonst.“

„Und bist auch schon ganz glücklich?“

„Wenn man zwei Stunden verlobt ist, ist man
immer ganz glücklich. Wenigstens denk' ich es mir so.“

„Und ist es Dir denn gar nicht, ja, wie sag'
ich nur, ein bißchen genant?“

„Ja, ein bißchen genant ist es mir, aber doch
nicht sehr. Und ich denke, ich werde darüber weg
kommen.“

Nach diesem, im Pfarr- und Kantorhause gemachten Besuche, der keine halbe Stunde gedauert
hatte, war Effi wieder nach drüben zurückgekehrt, wo
man auf der Gartenveranda eben den Kaffee nehmen
wollte. Schwiegervater und Schwiegersohn gingen
auf dem Kieswege zwischen den zwei Platanen auf
und ab. Briest sprach von dem Schwierigen einer
landrätlichen Stellung; sie sei ihm verschiedentlich
angetragen worden, aber er habe jedesmal gedankt.
„So nach meinem eigenen Willen schalten und walten
zu können, ist mir immer das Liebste gewesen, jedenfalls
lieber — Pardon, Innstetten — als so die Blicke beständig nach oben richten zu müssen. Man hat dann
bloß immer Sinn und Merk für hohe und höchste
Vorgesetzte. Das ist nichts für mich. Hier leb' ich so
frei weg und freue mich über jedes grüne Blatt und
über den wilden Wein, der da drüben in die Fenster
wächst.“

Er sprach noch mehr dergleichen, allerhand Antibeamtliches, und entschuldigte sich von Zeit zu Zeit
mit einem kurzen, verschiedentlich wiederkehrenden
„Pardon, Innstetten.“ Dieser nickte mechanisch zustimmend, war aber eigentlich wenig bei der Sache,
sah vielmehr, wie gebannt, immer aufs neue nach
dem drüben am Fenster rankenden wilden Wein hinüber, von dem Briest eben gesprochen, und während
er dem nachhing, war es ihm, als säh' er wieder die
rotblonden Mädchenköpfe zwischen den Weinranken und
höre dabei den übermütigen Zuruf: „Effi, komm'.“

Er glaubte nicht an Zeichen und Ähnliches, im
Gegenteil, wies alles Abergläubische weit zurück.
Aber er konnte trotzdem von den zwei Worten nicht
los, und während Briest immer weiter perorierte,
war es ihm beständig, als wäre der kleine Hergang
doch mehr als ein bloßer Zufall gewesen.

Innstetten, der nur einen kurzen Urlaub genommen, war schon am folgenden Tage wieder abgereist, nachdem er versprochen hatte, jeden Tag
schreiben zu wollen. „Ja, das mußt Du,“ hatte
Effi gesagt, ein Wort, das ihr von Herzen kam, da
sie seit Jahren nichts Schöneres kannte, als beispielsweise den Empfang vieler Geburtstagsbriefe. Jeder
mußte ihr zu diesem Tage schreiben. In den Brief
eingestreute Wendungen, etwa wie „Gertrud und
Klara senden Dir mit mir ihre herzlichsten Glückwünsche“, waren verpönt; Gertrud und Klara, wenn
sie Freundinnen sein wollten, hatten dafür zu sorgen,
daß ein Brief mit selbständiger Marke daläge, womöglich — denn ihr Geburtstag fiel noch in die
Reisezeit — mit einer fremden, aus der Schweiz
oder Karlsbad.

Innstetten, wie versprochen, schrieb wirklich jeden
Tag; was aber den Empfang seiner Briefe ganz
besonders angenehm machte, war der Umstand, daß
er allwöchentlich nur einmal einen ganz kleinen Antwortbrief erwartete. Den erhielt er denn auch, voll
reizend nichtigen und ihn jedesmal entzückenden Inhalts. Was es von ernsteren Dingen zu besprechen
gab, das verhandelte Frau von Briest mit ihrem
Schwiegersohne: Festsetzungen wegen der Hochzeit,
Ausstattungs- und Wirtschafts-Einrichtungsfragen.
Innstetten, schon an die drei Jahre im Amt, war
in seinem Kessiner Hause nicht glänzend, aber doch
sehr standesgemäß eingerichtet, und es empfahl sich,
in der Korrespondenz mit ihm, ein Bild von allem,
was da war, zu gewinnen, um nichts Unnützes anzuschaffen. Schließlich, als Frau von Briest über
all diese Dinge genugsam unterrichtet war, wurde
seitens Mutter und Tochter eine Reise nach Berlin
beschlossen, um, wie Briest sich ausdrückte, den
„trousseau“ für Prinzessin Effi zusammenzukaufen.
Effi freute sich sehr auf den Aufenthalt in Berlin,
um so mehr, als der Vater darein gewilligt hatte,
im Hotel du Nord Wohnung zu nehmen. „Was
es koste, könne ja von der Ausstattung abgezogen
werden; Innstetten habe ohnehin alles.“ Effi —
ganz im Gegensatze zu der solche „Mesquinerien“ ein
für allemal sich verbittenden Mama — hatte dem
Vater, ohne jede Sorge darum, ob er's scherz- oder
ernsthaft gemeint hatte, freudig zugestimmt und beschäftigte sich in ihren Gedanken viel, viel mehr mit
dem Eindruck, den sie beide, Mutter und Tochter,
bei ihrem Erscheinen an der Table d'hôte machen
würden, als mit Spinn und Mencke, Goschenhofer
und ähnlichen Firmen, die vorläufig notiert worden
waren. Und diesen ihren heiteren Phantasien entsprach denn auch ihre Haltung, als die große Berliner Woche nun wirklich da war. Vetter Briest
vom Alexander-Regiment, ein ungemein ausgelassener,
junger Leutnant, der die „Fliegenden Blätter“ hielt
und über die besten Witze Buch führte, stellte sich
den Damen für jede dienstfreie Stunde zur Verfügung, und so saßen sie denn mit ihm bei Kranzler
am Eckfenster oder zu statthafter Zeit auch wohl im
Café Bauer und fuhren nachmittags in den Zoologischen Garten, um da die Giraffen zu sehen, von
denen Vetter Briest, der übrigens Dagobert hieß,
mit Vorliebe behauptete: „sie sähen aus wie adlige
alte Jungfern.“ Jeder Tag verlief programmmäßig,
und am dritten oder vierten Tage gingen sie, wie
vorgeschrieben, in die Nationalgalerie, weil Vetter
Dagobert seiner Kousine die „Insel der Seligen“
zeigen wollte. „Fräulein Kousine stehe zwar auf
dem Punkte, sich zu verheiraten, es sei aber doch
vielleicht gut, die ‚Insel der Seligen‘ schon vorher
kennen gelernt zu haben.“ Die Tante gab ihm einen
Schlag mit dem Fächer, begleitete diesen Schlag aber
mit einem so gnädigen Blick, daß er keine Veranlassung hatte, den Ton zu ändern. Es waren himmlische Tage für alle drei, nicht zum wenigsten für
den Vetter, der so wundervoll zu chaperonnieren
und kleine Differenzen immer rasch auszugleichen
verstand. An solchen Meinungsverschiedenheiten
zwischen Mutter und Tochter war nun, wie das so
geht, all die Zeit über kein Mangel, aber sie traten
glücklicherweise nie bei den zu machenden Einkäufen
hervor. Ob man von einer Sache sechs oder drei
Dutzend erstand, Effi war mit allem gleichmäßig
einverstanden, und wenn dann auf dem Heimwege
von dem Preise der eben eingekauften Gegenstände
gesprochen wurde, so verwechselte sie regelmäßig die
Zahlen. Frau von Briest, sonst so kritisch, auch
ihrem eigenen geliebten Kinde gegenüber, nahm dies
anscheinend mangelnde Interesse nicht nur von der
leichten Seite, sondern erkannte sogar einen Vorzug
darin. „Alle diese Dinge,“ so sagte sie sich, „bedeuten Effi nicht viel. Effi ist anspruchslos; sie
lebt in ihren Vorstellungen und Träumen, und wenn
die Prinzessin Friedrich Karl vorüberfährt und sie
von ihrem Wagen aus freundlich grüßt, so gilt ihr
das mehr als eine ganze Truhe voll Weißzeug.“

Das alles war auch richtig, aber doch nur halb.
An dem Besitze mehr oder weniger alltäglicher Dinge
lag Effi nicht viel, aber wenn sie mit der Mama
die Linden hinauf- und hinunterging und nach
Musterung der schönsten Schaufenster in den Demuth'schen Laden eintrat, um für die gleich nach
der Hochzeit geplante italienische Reise allerlei Einkäufe zu machen, so zeigte sich ihr wahrer Charakter.
Nur das Eleganteste gefiel ihr, und wenn sie das
Beste nicht haben konnte, so verzichtete sie auf das
Zweitbeste, weil ihr dies Zweite nun nichts mehr
bedeutete. Ja, sie konnte verzichten, darin hatte die
Mama recht, und in diesem Verzichtenkönnen lag
etwas von Anspruchslosigkeit; wenn es aber ausnahmsweise 'mal wirklich etwas zu besitzen galt, so
mußte dies immer 'was ganz Apartes sein. Und
darin war sie anspruchsvoll.

Viertes Kapitel.

Vetter Dagobert war am Bahnhof, als die
Damen ihre Rückreise nach Hohen-Cremmen antraten. Es waren glückliche Tage gewesen, vor
allem auch darin, daß man nicht unter unbequemer
und beinahe unstandesgemäßer Verwandtschaft gelitten
hatte. „Für Tante Therese,“ so hatte Effi gleich
nach der Ankunft gesagt, „müssen wir diesmal inkognito bleiben. Es geht nicht, daß sie hier ins
Hotel kommt. Entweder Hotel du Nord oder Tante
Therese; beides zusammen paßt nicht“. Die Mama
hatte sich schließlich einverstanden damit erklärt, ja
dem Lieblinge zur Besiegelung des Einverständnisses
einen Kuß auf die Stirn gegeben.

Mit Vetter Dagobert war das natürlich etwas
ganz anderes gewesen, der hatte nicht bloß den
Gardepli, der hatte vor allem auch mit Hülfe jener
eigentümlich guten Laune, wie sie bei den Alexanderoffizieren beinahe traditionell geworden, sowohl Mutter
wie Tochter von Anfang an anzuregen und aufzuheitern gewußt, und diese gute Stimmung dauerte
bis zuletzt. „Dagobert,“ so hieß es noch beim Abschied, „Du kommst also zu meinem Polterabend,
und natürlich mit Cortege. Denn nach den Aufführungen (aber kommt mir nicht mit Dienstmann
oder Mausefallenhändler) ist Ball. Und Du mußt
bedenken, mein erster großer Ball ist vielleicht auch
mein letzter. Unter sechs Kameraden — natürlich
beste Tänzer — wird gar nicht angenommen. Und
mit dem Frühzug könnt Ihr wieder zurück.“ Der
Vetter versprach alles, und so trennte man sich.

Gegen Mittag trafen beide Damen an ihrer
havelländischen Bahnstation ein, mitten im Luch, und
fuhren in einer halben Stunde nach Hohen-Cremmen
hinüber. Briest war sehr froh, Frau und Tochter
wieder zu Hause zu haben, und stellte Fragen über
Fragen, deren Beantwortung er meist nicht abwartete.
Statt dessen erging er sich in Mitteilung dessen,
was er inzwischen erlebt. „Ihr habt mir da vorhin
von der Nationalgalerie gesprochen und von der
,Insel der Seligen‘ — nun, wir haben hier, während
Ihr fort wart, auch so 'was gehabt: unser Inspektor
Pink und die Gärtnersfrau. Natürlich habe ich
Pink entlassen müssen, übrigens ungern. Es ist sehr
fatal, daß solche Geschichten fast immer in die Erntezeit fallen. Und Pink war sonst ein ungewöhnlich
tüchtiger Mann, hier leider am unrechten Fleck.
Aber lassen wir das; Wilke wird schon unruhig.“

Bei Tische hörte Briest besser zu; das gute
Einvernehmen mit dem Vetter, von dem ihm viel
erzählt wurde, hatte seinen Beifall, weniger das
Verhalten gegen Tante Therese. Man sah aber
deutlich, daß er inmitten seiner Mißbilligung sich
eigentlich darüber freute; denn ein kleiner Schabernack entsprach ganz seinem Geschmack, und Tante
Therese war wirklich eine lächerliche Figur. Er hob
sein Glas und stieß mit Frau und Tochter an.
Auch als nach Tisch einzelne der hübschesten Einkäufe
vor ihm ausgepackt und seiner Beurteilung unterbreitet wurden, verriet er viel Interesse, das selbst
noch anhielt, oder wenigstens nicht ganz hinstarb,
als er die Rechnung überflog. „Etwas teuer, oder
sagen wir lieber sehr teuer; indessen es thut nichts.
Es hat alles so viel chic, ich möchte sagen so viel
Animierendes, daß ich deutlich fühle, wenn Du mir
solchen Koffer und solche Reisedecke zu Weihnachten
schenkst, so sind wir zu Ostern auch in Rom und
machen nach achtzehn Jahren unsere Hochzeitsreise.
Was meinst Du, Luise? Wollen wir nachexerzieren?
Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt.“

Frau von Briest machte eine Handbewegung,
wie wenn sie sagen wollte: „unverbesserlich,“ und
überließ ihn im übrigen seiner eigenen Beschämung,
die aber nicht groß war.

Ende August war da, der Hochzeitstag (3. Oktober) rückte näher, und sowohl im Herrenhause wie
in der Pfarre und Schule war man unausgesetzt
bei den Vorbereitungen zum Polterabend. Jahnke,
getreu seiner Fritz Reuter-Passion, hatte sich's als
etwas besonders „Sinniges“ ausgedacht, Bertha und
Hertha als Lining und Mining auftreten zu lassen,
natürlich plattdeutsch, während Hulda das Käthchen
von Heilbronn in der Hollunderbaumszene darstellen
sollte, Leutnant Engelbrecht von den Husaren als
Wetter vom Strahl. Niemeyer, der sich den Vater
der Idee nennen durfte, hatte keinen Augenblick
gesäumt, auch die verschämte Nutzanwendung auf
Innstetten und Effi hinzuzudichten. Er selbst war
mit seiner Arbeit zufrieden und hörte, gleich nach
der Leseprobe, von allen Beteiligten viel Freundliches darüber, freilich mit Ausnahme seines Patronatsherrn und alten Freundes Briest, der, als er die
Mischung von Kleist und Niemeyer mit angehört
hatte, lebhaft protestierte, wenn auch keineswegs aus
litterarischen Gründen. „Hoher Herr und immer
wieder Hoher Herr — was soll das? Das leitet
in die Irre, das verschiebt alles. Innstetten, unbestritten, ist ein famoses Menschenexemplar, Mann
von Charakter und Schneid', aber die Briest's —
verzeih' den Berolinismus, Luise — die Briest's
sind schließlich auch nicht von schlechten Eltern. Wir
sind doch nun 'mal eine historische Familie, laß mich
hinzufügen Gott sei Dank, und die Innstetten's sind
es nicht; die Innstetten's sind bloß alt, meinetwegen Uradel, aber was heißt Uradel? Ich will
nicht, daß eine Briest oder doch mindestens eine
Polterabendfigur, in der jeder das Widerspiel
unserer Effi erkennen muß — ich will nicht, daß
eine Briest mittelbar oder unmittelbar in einem fort
von „Hoher Herr“ spricht. Da müßte denn doch
Innstetten wenigstens ein verkappter Hohenzoller sein,
es giebt ja dergleichen. Das ist er aber nicht, und
so kann ich nur wiederholen, es verschiebt die
Situation.“

Und wirklich, Briest hielt mit besonderer Zähigkeit eine ganze Zeit lang an dieser Anschauung fest.
Erst nach der zweiten Probe, wo das „Käthchen“,
schon halb im Kostüm, ein sehr eng anliegendes
Sammetmieder trug, ließ er sich — der es auch sonst
nicht an Huldigungen gegen Hulda fehlen ließ —
zu der Bemerkung hinreißen, „das Käthchen liege
sehr gut da,“ welche Wendung einer Waffenstreckung
ziemlich gleich kam oder doch zu solcher hinüber
leitete. Daß alle diese Dinge vor Effi geheim gehalten wurden, braucht nicht erst gesagt zu werden.
Bei mehr Neugier auf Seiten dieser Letzteren wäre
das nun freilich ganz unmöglich gewesen, aber Effi
hatte so wenig Verlangen, in die Vorbereitungen und geplanten Überraschungen einzudringen, daß sie der Mama
mit allem Nachdruck erklärte, „sie könne es abwarten“,
und wenn diese dann zweifelte, so schloß Effi mit
der wiederholten Versicherung: es wäre wirklich so;
die Mama könne es glauben. Und warum auch
nicht? Es sei ja doch alles nur Theateraufführung
und hübscher und poetischer als „Aschenbrödel“, das
sie noch am letzten Abend in Berlin gesehen hätte,
hübscher und poetischer könne es ja doch nicht sein.
Da hätte sie wirklich selber mitspielen mögen, wenn
auch nur, um dem lächerlichen Pensionslehrer einen
Kreidestrich auf den Rücken zu machen. „Und wie
reizend im letzten Akt ,Aschenbrödel's Erwachen als
Prinzessin‘ oder doch wenigstens als Gräfin; wirklich,
es war ganz wie ein Märchen.“ In dieser Weise
sprach sie oft, war meist ausgelassener als vordem
und ärgerte sich blos über das beständige Tuscheln
und Geheimthun der Freundinnen. „Ich wollte,
sie hätten sich weniger wichtig und wären mehr für
mich da. Nachher bleiben sie doch blos stecken, und
ich muß mich um sie ängstigen und mich schämen,
daß es meine Freundinnen sind.“

So gingen Effi's Spottreden, und es war
ganz unverkennbar, daß sie sich um Polterabend und
Hochzeit nicht allzu sehr kümmerte. Frau von Briest
hatte so ihre Gedanken darüber, aber zu Sorgen kam
es nicht, weil sich Effi, was doch ein gutes Zeichen
war, ziemlich viel mit ihrer Zukunft beschäftigte
und sich, phantasiereich wie sie war, Viertelstunden
lang in Schilderungen ihres Kessiner Lebens erging,
Schilderungen, in denen sich nebenher und sehr zur
Erheiterung der Mama, eine merkwürdige Vorstellung
von Hinterpommern aussprach oder vielleicht auch,
mit kluger Berechnung, aussprechen sollte. Sie
gefiel sich nämlich darin, Kessin als einen halb
sibirischen Ort aufzufassen, wo Eis und Schnee nie
recht aufhörten.

„Heute hat Goschenhofer das Letzte geschickt,“
sagte Frau von Briest, als sie wie gewöhnlich in
Front des Seitenflügels mit Effi am Arbeitstische
saß, auf dem die Leinen- und Wäschevorräte beständig wuchsen, während der Zeitungen, die blos
Platz wegnahmen, immer weniger wurden. „Ich
hoffe, Du hast nun alles, Effi. Wenn Du aber
noch kleine Wünsche hegst, so mußt Du sie jetzt aussprechen, womöglich in dieser Stunde noch. Papa
hat den Raps vorteilhaft verkauft und ist ungewöhnlich
guter Laune.“

„Ungewöhnlich? Er ist immer in guter Laune.“

„In ungewöhnlich guter Laune,“ wiederholte
die Mama. „Und die muß benutzt werden. Sprich
also. Mehrmals, als wir noch in Berlin waren,
war es mir, als ob Du doch nach dem einen oder
anderen noch ein ganz besonderes Verlangen gehabt
hättest.“

„Ja, liebe Mama, was soll ich da sagen. Eigentlich habe ich ja alles, was man braucht, ich meine,
was man hier braucht. Aber da mir's nun 'mal
bestimmt ist, so hoch nördlich zu kommen . . . ich
bemerke, daß ich nichts dagegen habe, im Gegenteil,
ich freue mich darauf, auf die Nordlichter und auf
den helleren Glanz der Sterne . . . da mir's nun
'mal so bestimmt ist, so hätte ich wohl gern einen
Pelz gehabt.“

„Aber Effi, Kind, das ist doch alles bloß leere
Thorheit. Du kommst ja nicht nach Petersburg oder
nach Archangel.“

„Nein; aber ich bin doch auf dem Wege
dahin . . .“

„Gewiß, Kind. Auf dem Wege dahin bist Du;
aber was heißt das? Wenn Du von hier nach
Nauen fährst, bist Du auch auf dem Wege nach
Rußland. Im übrigen, wenn Du's wünschst, so
sollst Du einen Pelz haben. Nur das laß mich im
voraus sagen, ich rate Dir davon ab. Ein Pelz
ist für ältere Personen, selbst Deine alte Mama ist
noch zu jung dafür, und wenn Du mit Deinen
siebzehn Jahren in Nerz oder Marder auftrittst, so
glauben die Kessiner, es sei eine Maskerade.“

Das war am 2. September, daß sie so sprachen,
ein Gespräch, das sich wohl fortgesetzt hätte, wenn
nicht gerade Sedantag gewesen wäre. So aber
wurden sie durch Trommel- und Pfeifenklang unterbrochen, und Effi, die schon vorher von dem beabsichtigten Aufzuge gehört, aber es wieder vergessen
hatte, stürzte mit einemmale von dem gemeinschaftlichen Arbeitstische fort und an Rondell und
Teich vorüber auf einen kleinen, an die Kirchhofsmauer angebauten Balkon zu, zu dem sechs Stufen,
nicht viel breiter als Leitersprossen, hinaufführten.
Im Nu war sie oben, und richtig, da kam auch schon
die ganze Schuljugend heran, Jahnke gravitätisch
am rechten Flügel, während ein kleiner Tambourmajor, weit voran, an der Spitze des Zuges marschierte, mit einem Gesichtsausdruck, als ob ihm obläge, die Schlacht bei Sedan noch einmal zu schlagen.
Effi winkte mit dem Taschentuch, und der Begrüßte
versäumte nicht, mit seinem blanken Kugelstock zu
salutieren.

Eine Woche später saßen Mutter und Tochter
wieder am alten Fleck, auch wieder mit ihrer Arbeit
beschäftigt. Es war ein wunderschöner Tag; der in
einem zierlichen Beet um die Sonnenuhr herumstehende Heliotrop blühte noch, und die leise Brise,
die ging, trug den Duft davon zu ihnen herüber.

„Ach, wie wohl ich mich fühle,“ sagte Effi,
„so wohl und so glücklich; ich kann mir den Himmel
nicht schöner denken. Und am Ende, wer weiß, ob
sie im Himmel so wundervollen Heliotrop haben.“

„Aber Effi, so darfst Du nicht sprechen; das
hast Du von Deinem Vater, dem nichts heilig ist, und
der neulich sogar sagte: Niemeyer sähe aus wie Lot.
Unerhört. Und was soll es nur heißen? Erstlich
weiß er nicht, wie Lot ausgesehen hat, und zweitens
ist es eine grenzenlose Rücksichtslosigkeit gegen Hulda.
Ein Glück, daß Niemeyer nur die einzige Tochter
hat, dadurch fällt es eigentlich in sich zusammen.
In einem freilich hat er nur zu sehr recht gehabt,
in all' und jedem, was er über „Lots Frau“, unsere
gute Frau Pastorin, sagte, die uns denn auch wirklich wieder mit ihrer Thorheit und Anmaßung den
ganzen Sedantag ruinierte. Wobei mir übrigens
einfällt, daß wir, als Jahnke mit der Schule vorbei
kam, in unserem Gespräche unterbrochen wurden —
wenigstens kann ich mir nicht denken, daß der Pelz,
von dem Du damals sprachst, Dein einziger Wunsch
gewesen sein sollte. Laß mich also wissen, Schatz,
was Du noch weiter auf dem Herzen hast?“

„Nichts, Mama.“

„Wirklich nichts?“

„Nein, wirklich nichts; ganz im Ernste . . .
Wenn es aber doch am Ende was sein sollte . . .“

„Nun . . .“

„. . . So müßt' es ein japanischer Bettschirm
sein, schwarz und goldene Vögel darauf, alle mit
einem langen Kranichschnabel . . . Und dann vielleicht auch noch eine Ampel für unser Schlafzimmer,
mit rotem Schein.“

Frau von Briest schwieg.

„Nun siehst Du, Mama, Du schweigst und
siehst aus, als ob ich etwas besonders Unpassendes
gesagt hätte.“

„Nein, Effi, nichts Unpassendes. Und vor
Deiner Mutter nun schon gewiß nicht. Denn ich
kenne Dich ja. Du bist eine phantastische kleine
Person, malst Dir mit Vorliebe Zukunftsbilder aus,
und je farbenreicher sie sind, desto schöner und begehrlicher erscheinen sie Dir. Ich sah das so recht, als
wir die Reisesachen kauften. Und nun denkst Du
Dir's ganz wundervoll, einen Bettschirm mit allerhand fabelhaftem Getier zu haben, alles im Halblicht einer roten Ampel. Es kommt Dir vor wie
ein Märchen, und Du möchtest eine Prinzessin sein.“

Effi nahm die Hand der Mama und küßte sie.
„Ja, Mama, so bin ich.“

„Ja, so bist Du. Ich weiß es wohl. Aber
meine liebe Effi, wir müssen vorsichtig im Leben sein,
und zumal wir Frauen. Und wenn Du nun nach
Kessin kommst, einem kleinen Ort, wo nachts kaum
eine Laterne brennt, so lacht man über dergleichen.
Und wenn man bloß lachte. Die, die Dir ungewogen sind, und solche giebt es immer, sprechen von
schlechter Erziehung, und manche sagen auch wohl
noch Schlimmeres.“

„Also nichts Japanisches und auch keine Ampel.
Aber ich bekenne Dir, ich hatte es mir so schön und
poetisch gedacht, alles in einem roten Schimmer zu sehen.“

Frau von Briest war bewegt. Sie stand auf
und küßte Effi. „Du bist ein Kind. Schön und
poetisch. Das sind so Vorstellungen. Die Wirklichkeit ist anders, und oft ist es gut, daß es statt Licht
und Schimmer ein Dunkel giebt.“

Effi schien antworten zu wollen, aber in diesem
Augenblicke kam Wilke und brachte Briefe. Der eine
war aus Kessin von Innstetten. „Ach, von Geert,“
sagte Effi, und während sie den Brief bei Seite
steckte, fuhr sie in ruhigem Tone fort: „Aber das
wirst Du doch gestatten, daß ich den Flügel schräg
in die Stube stelle. Daran liegt mir mehr als an
einem Kamin, den mir Geert versprochen hat. Und
das Bild von Dir, das stell' ich dann auf eine
Staffelei; ganz ohne Dich kann ich nicht sein. Ach,
wie werd' ich mich nach Euch sehnen, vielleicht auf
der Reise schon und dann in Kessin ganz gewiß.
Es soll ja keine Garnison haben, nicht einmal einen
Stabsarzt, und ein Glück, daß es wenigstens ein
Badeort ist. Vetter Briest, und daran will ich mich
aufrichten, dessen Mutter und Schwester immer nach
Warnemünde gehen — nun, ich sehe doch wirklich
nicht ein, warum der die lieben Verwandten nicht
auch einmal nach Kessin hin dirigieren sollte. Dirigieren,
das klingt ohnehin so nach Generalstab, worauf er,
glaub' ich, ambiert. Und dann kommt er natürlich
mit und wohnt bei uns. Übrigens haben die Kessiner, wie mir neulich erst wer erzählt hat, ein ziemlich großes Dampfschiff, das zweimal die Woche nach
Schweden hinüberfährt. Und auf dem Schiffe ist
dann Ball (sie haben da natürlich auch Musik) und
er tanzt sehr gut . . .“

„Wer?“

„Nun, Dagobert.“

„Ich dachte, Du meintest Innstetten. Aber
jedenfalls ist es an der Zeit, endlich zu wissen, was
er schreibt . . . Du hast ja den Brief noch in der
Tasche.“

„Richtig. Den hätt' ich fast vergessen.“ Und
sie öffnete den Brief und überflog ihn.

„Nun, Effi, kein Wort? Du strahlst nicht und
lachst nicht einmal. Und er schreibt doch immer so
heiter und unterhaltlich und gar nicht väterlich weise.“

„Das würd' ich mir auch verbitten. Er hat
sein Alter, und ich habe meine Jugend. Und ich
würde ihm mit den Fingern drohen und ihm sagen:
,Geert, überlege, was besser ist‘.“

„Und dann würde er Dir antworten: ,Was
Du hast, Effi, das ist das Bessere'. Denn er ist
nicht nur ein Mann der feinsten Formen, er ist auch
gerecht und verständig und weiß recht gut, was
Jugend bedeutet. Er sagt sich das immer und stimmt
sich auf das Jugendliche hin, und wenn er in der
Ehe so bleibt, so werdet ihr eine Musterehe führen.“

„Ja, das glaube ich auch, Mama. Aber kannst
Du Dir vorstellen, und ich schäme mich fast, es zu
sagen, ich bin nicht so sehr für das, was man eine
Musterehe nennt.“

„Das sieht Dir ähnlich. Und nun sage mir,
wofür bist Du denn eigentlich?“

„Ich bin . . . nun, ich bin für gleich und
gleich und natürlich auch für Zärtlichkeit und Liebe. Und
wenn es Zärtlichkeit und Liebe nicht sein können,
weil Liebe, wie Papa sagt, doch nur ein Papperlapapp ist (was ich aber nicht glaube), nun, dann bin
ich für Reichtum und ein vornehmes Haus, ein
ganz vornehmes, wo Prinz Friedrich Karl zur Jagd
kommt, auf Elchwild oder Auerhahn, oder wo der
alte Kaiser vorfährt, und für jede Dame, auch für
die jungen, ein gnädiges Wort hat. Und wenn wir
dann in Berlin sind, dann bin ich für Hofball und
und Galaoper, immer dicht neben der großen Mittelloge.“

„Sagst Du das so bloß aus Übermut und
Laune?“

„Nein, Mama, das ist mein völliger Ernst.
Liebe kommt zuerst, aber gleich hinterher kommt Glanz
und Ehre. und dann kommt Zerstreuung — ja, Zerstreuung, immer 'was neues, immer 'was, daß ich
lachen oder weinen muß. Was ich nicht aushalten
kann, ist Langeweile.“

„Wie bist Du da nur mit uns fertig geworden?“

„Ach, Mama, wie Du nur so 'was sagen kannst.
Freilich, wenn im Winter die liebe Verwandtschaft
vorgefahren kommt und sechs Stunden bleibt oder
wohl auch noch länger, und Tante Gundel und Tante
Olga mich mustern und mich naseweis finden —
und Tante Gundel hat es mir auch 'mal gesagt —
ja, da macht sich's mitunter nicht sehr hübsch, das
muß ich zugeben. Aber sonst bin ich hier immer
glücklich gewesen, so glücklich . . .“

Und während sie das sagte, warf sie sich heftig
weinend vor der Mama auf die Knie und küßte ihre
beiden Hände!

„Steh auf, Effi. Das sind so Stimmungen,
die über einen kommen, wenn man so jung ist wie
Du und vor der Hochzeit steht und vor dem Ungewissen. Aber nun lies mir den Brief vor, wenn
er nicht 'was ganz Besonderes enthält oder vielleicht
Geheimnisse.“

„Geheimnisse,“ lachte Effi und sprang in plötzlich
veränderter Stimmung wieder auf. „Geheimnisse!
Ja, er nimmt immer einen Anlauf, aber das meiste
könnt' ich auf dem Schulzenamt anschlagen lassen,
da, wo immer die landrätlichen Verordnungen stehen.
Nun, Geert ist ja auch Landrat.“

„Lies, lies.“

„Liebe Effi . . .“ So fängt es nämlich immer
an, und manchmal nennt er mich auch seine ,kleine Eva‘.“

„Lies, lies . . . Du sollst ja lesen.“

„Also: Liebe Effi! Je näher wir unsrem
Hochzeitstage kommen, je sparsamer werden Deine
Briefe. Wenn die Post kommt, suche ich immer zuerst nach Deiner Handschrift, aber wie Du weißt
(und ich hab' es ja auch nicht anders gewollt) in
der Regel vergeblich. Im Hause sind jetzt die Handwerker, die die Zimmer, freilich nur wenige, für
Dein Kommen herrichten sollen. Das beste wird
wohl erst geschehen, wenn wir auf der Reise sind.
Tapezierer Madelung, der alles liefert, ist ein Original,
von dem ich Dir mit nächstem erzähle, vor allem
aber, wie glücklich ich bin über Dich, über meine
süße, kleine Effi. Mir brennt hier der Boden unter
den Füßen, und dabei wird es in unserer guten
Stadt immer stiller und einsamer. Der letzte Badegast ist gestern abgereist; er badete zuletzt bei 9 Grad
und die Badewärter waren immer froh, wenn er
wieder heil heraus war. Denn sie fürchteten einen
Schlaganfall, was dann das Bad in Mißkredit bringt,
als ob die Wellen hier schlimmer wären als wo
anders. Ich juble, wenn ich denke, daß ich in vier
Wochen schon mit Dir von der Piazzetta aus nach
dem Lido fahre oder nach Murano hin, wo sie Glasperlen machen und schönen Schmuck. Und der
schönste sei für Dich. Viele Grüße den Eltern und
den zärtlichsten Kuß Dir von Deinem Geert.“

Effi faltete den Brief wieder zusammen, um
ihn in das Kouvert zu stecken.

„Das ist ein sehr hübscher Brief,“ sagte Frau
von Briest, „und daß er in allem das richtige Maß
hält, das ist ein Vorzug mehr.“

„Ja, das rechte Maß, das hält er.“

„Meine liebe Effi, laß mich eine Frage thun;
wünschtest Du, daß der Brief nicht das richtige
Maß hielte, wünschtest Du, daß er zärtlicher wäre,
vielleicht überschwenglich zärtlich?“

„Nein, nein, Mama. Wahr und wahrhaftig
nicht, das wünsche ich nicht. Da ist es doch besser so.“

„Da ist es doch besser so. Wie das nun wieder
klingt. Du bist so sonderbar. Und daß Du vorhin
weintest. Hast Du was auf Deinem Herzen? Noch
ist es Zeit. Liebst Du Geert nicht?“

„Warum soll ich ihn nicht lieben? Ich liebe
Hulda, und ich liebe Bertha, und ich liebe Hertha.
Und ich liebe auch den alten Niemeyer. Und daß
ich Euch liebe, davon spreche ich gar nicht erst. Ich
liebe alle, die's gut mit mir meinen und gütig gegen
mich sind und mich verwöhnen. Und Geert wird
mich auch wohl verwöhnen. Natürlich auf seine Art.
Er will mir ja schon Schmuck schenken in Venedig.
Er hat keine Ahnung davon, daß ich mir nichts aus
Schmuck mache. Ich klettre lieber und ich schaukle
mich lieber, und am liebsten immer in der Furcht,
daß es irgendwo reißen oder brechen und ich niederstürzen könnte. Den Kopf wird es ja nicht gleich
kosten.“

„Und liebst Du vielleicht auch deinen Vetter
Briest?“

„Ja, sehr. Der erheitert mich immer.“

„Und hättest Du Vetter Briest heiraten mögen?“

„Heiraten? Um Gottes Willen nicht. Er ist
ja noch ein halber Junge. Geert ist ein Mann, ein
schöner Mann, ein Mann, mit dem ich Staat machen
kann und aus dem was wird in der Welt. Wo
denkst Du hin, Mama.“

„Nun, das ist recht, Effi, das freut mich. Aber
Du hast noch was auf der Seele.“

„Vielleicht.“

„Nun, sprich.“

„Sieh', Mama, daß er älter ist als ich, das
schadet nichts, das ist vielleicht recht gut: er ist ja
doch nicht alt und ist gesund und frisch und so
soldatisch und so schneidig. Und ich könnte beinah'
sagen, ich wäre ganz und gar für ihn, wenn er
nur . . . ja, wenn er nur ein bißchen anders wäre.“

„Wie denn, Effi?“

„Ja, wie. Nun, du darfst mich nicht auslachen.
Es ist etwas, was ich erst ganz vor kurzem aufgehorcht habe, drüben im Pastorhause. Wir sprachen
da von Innstetten, und mit einemmale zog der
alte Niemeyer seine Stirn in Falten, aber in Respekts- und Bewunderungsfalten, und sagte: ,Ja,
der Baron! Das ist ein Mann von Charakter, ein
Mann von Prinzipien‘.“

„Das ist er auch, Effi.“

„Gewiß. Und ich glaube, Niemeyer sagte nachher sogar, er sei auch ein Mann von Grundsätzen.
Und das ist, glaub' ich, noch etwas mehr. Ach, und
ich . . . ich habe keine. Sieh', Mama, da liegt etwas,
was mich quält und ängstigt. Er ist so lieb und
gut gegen mich und so nachsichtig, aber . . . ich
fürchte mich vor ihm.“

Fünftes Kapitel.

Die Hohen-Cremmer Festtage lagen zurück;
alles war abgereist, auch das junge Paar, noch am
Abend des Hochzeitstages.

Der Polterabend hatte jeden zufrieden gestellt,
besonders die Mitspielenden, und Hulda war dabei
das Entzücken aller jungen Offiziere gewesen, sowohl
der Rathenower Husaren wie der etwas kritischer
gestimmten Kameraden vom Alexander-Regiment. Ja,
alles war gut und glatt verlaufen, fast über Erwarten.
Nur Bertha und Hertha hatten so heftig geschluchzt,
daß Jahnke's plattdeutsche Verse so gut wie verloren
gegangen waren. Aber auch das hatte wenig geschadet. Einige feine Kenner waren sogar der Meinung
gewesen, „das sei das Wahre; Steckenbleiben und
Schluchzen und Unverständlichkeit — in diesem
Zeichen (und nun gar, wenn es so hübsche rotblonde
Krausköpfe wären) werde immer am entschiedensten
gesiegt.“ Eines ganz besonderen Triumphes hatte
sich Vetter Briest in seiner selbstgedichteten Rolle
rühmen dürfen. Er war als Demuth'scher Kommis
erschienen, der in Erfahrung gebracht, die junge
Braut habe vor, gleich nach der Hochzeit nach Italien
zu reisen, weshalb er einen Reisekoffer abliefern
wolle. Dieser Koffer entpuppte sich natürlich als
eine Riesenbonbonniere von Hövel. Bis um drei
Uhr war getanzt worden, bei welcher Gelegenheit
der sich mehr und mehr in eine höchste Champagnerstimmung hineinredende alte Briest allerlei Bemerkungen über den an manchen Höfen immer noch
üblichen Fackeltanz und die merkwürdige Sitte des
Strumpfband-Austanzens gemacht hatte, Bemerkungen,
die nicht abschließen wollten und sich immer mehr
steigernd, am Ende so weit gingen, daß ihnen durchaus ein Riegel vorgeschoben werden mußte. „Nimm
Dich zusammen, Briest,“ war ihm in ziemlich ernstem
Tone von seiner Frau zugeflüstert worden; „Du
stehst hier nicht, um Zweideutigkeiten zu sagen, sondern
um die Honneurs des Hauses zu machen. Wir
haben eben eine Hochzeit und nicht eine Jagdpartie.“
Worauf Briest geantwortet, „er sähe darin keinen so
großen Unterschied; übrigens sei er glücklich.“

Auch der Hochzeitstag selbst war gut verlaufen.
Niemeyer hatte vorzüglich gesprochen, und einer der
alten Berliner Herren, der halb und halb zur Hofgesellschaft gehörte, hatte sich auf dem Rückwege von
der Kirche zum Hochzeitshause dahin geäußert, es
sei doch merkwürdig, wie reich gesät in einem Staate,
wie der unsrige, die Talente seien. „Ich sehe darin
einen Triumph unserer Schulen und vielleicht mehr
noch unserer Philosophie. Wenn ich bedenke, dieser
Niemeyer, ein alter Dorfpastor, der anfangs aussah
wie ein Hospitalit . . . ja, Freund, sagen Sie selbst
hat er nicht gesprochen wie ein Hofprediger. Dieser
Takt und diese Kunst der Antithese, ganz wie Kögel
und an Gefühl ihm noch über. Kögel ist zu kalt.
Freilich ein Mann in seiner Stellung muß kalt sein.
Woran scheitert man denn im Leben überhaupt?
Immer nur an der Wärme.“ Der noch unverheiratete,
aber wohl eben deshalb zum viertenmale in einem
„Verhältnis“ stehende Würdenträger, an den sich
diese Worte gerichtet hatten, stimmte selbstverständlich
zu. „Nur zu wahr, lieber Freund,“ sagte er. „Zu
viel Wärme! . . . ganz vorzüglich . . . Übrigens
muß ich Ihnen nachher eine Geschichte erzählen.“

Der Tag nach der Hochzeit war ein heller
Oktobertag. Die Morgensonne blinkte; trotzdem war
es schon herbstlich frisch, und Briest, der eben gemeinschaftlich mit seiner Frau das Frühstück genommen, erhob sich von seinem Platz und stellte
sich, beide Hände auf dem Rücken, gegen das mehr
und mehr verglimmende Kaminfeuer. Frau von
Briest, eine Handarbeit in Händen, rückte gleichfalls
näher an den Kamin und sagte zu Wilke, der gerade
eintrat, um den Frühstückstisch abzuräumen: „Und
nun, Wilke, wenn Sie drin im Saal, aber das geht
vor, alles in Ordnung haben, dann sorgen Sie, daß
die Torten nach drüben kommen, die Nußtorte zu
Pastors und die Schüssel mit kleinen Kuchen zu
Jahnke's. Und nehmen Sie sich mit den Gläsern
in acht. Ich meine die dünn geschliffenen.“

Briest war schon bei der dritten Zigarette, sah
sehr wohl aus und erklärte, „nichts bekomme einem
so gut wie eine Hochzeit, natürlich die eigene ausgenommen.“

„Ich weiß nicht, Briest, wie Du zu solcher
Bemerkung kommst. Mir war ganz neu, daß Du
darunter gelitten haben willst. Ich wüßte auch
nicht warum.“

„Luise, Du bist eine Spielverderberin. Aber
ich nehme nichts übel, auch nicht einmal so 'was.
Im übrigen, was wollen wir von uns sprechen, die
wir nicht einmal eine Hochzeitsreise gemacht haben.
Dein Vater war dagegen. Aber Effi macht nun
eine Hochzeitsreise. Beneidenswert. Mit dem ZehnUhr-Zug ab. Sie müssen jetzt schon bei Regensburg
sein, und ich nehme an, daß er ihr — selbstverständlich ohne auszusteigen — die Hauptkunstschätze der
Walhalla herzählt. Innstetten ist ein vorzüglicher
Kerl, aber er hat so 'was von einem Kunstfex, und
Effi, Gott, unsere arme Effi, ist ein Naturkind. Ich
fürchte, daß er sie mit seinem Kunstenthusiasmus
etwas quälen wird.“

„Jeder quält seine Frau. Und Kunstenthusiasmus ist noch lange nicht das Schlimmste.“

„Nein, gewiß nicht; jedenfalls wollen wir darüber
nicht streiten; es ist ein weites Feld. Und dann
sind auch die Menschen so verschieden. Du, nun ja,
Du hättest dazu getaugt. Überhaupt hättest Du
besser zu Innstetten gepaßt als Effi. Schade, nun
ist es zu spät.“

„Überaus galant, abgesehen davon, daß es nicht
paßt. Unter allen Umständen aber, was gewesen ist,
ist gewesen. Jetzt ist er mein Schwiegersohn, und
es kann zu nichts führen, immer auf Jugendlichkeiten
zurückzuweisen.“

„Ich habe Dich nur in eine animierte Stimmung
bringen wollen.“

„Sehr gütig. Übrigens nicht nötig. Ich bin
in animierter Stimmung.“

„Und auch in guter?“

„Ich kann es fast sagen. Aber Du darfst sie
nicht verderben. Nun, was hast Du noch? Ich
sehe, daß Du 'was auf dem Herzen hast.“

„Gefiel Dir Effi? Gefiel Dir die ganze Geschichte ? Sie war so sonderbar, halb wie ein Kind,
und dann wieder sehr selbstbewußt und durchaus
nicht so bescheiden, wie sie's solchem Manne gegenüber sein müßte. Das kann doch nur so zusammenhängen, daß sie noch nicht recht weiß, was sie an
ihm hat. Oder ist es einfach, daß sie ihn nicht recht
liebt? Das wäre schlimm. Denn bei all' seinen
Vorzügen, er ist nicht der Mann, sich diese Liebe
mit leichter Manier zu gewinnen.“

Frau von Briest schwieg und zählte die Stiche
auf dem Kanevas. Endlich sagte sie: „Was Du da
sagst, Briest, ist das gescheiteste, was ich seit drei
Tagen von Dir gehört habe, Deine Rede bei Tisch
mit eingerechnet. Ich habe auch so meine Bedenken
gehabt. Aber ich glaube, wir können uns beruhigen.“

„Hat sie Dir ihr Herz ausgeschüttet?“

„So möcht' ich es nicht nennen. Sie hat wohl
das Bedürfnis zu sprechen, aber sie hat nicht das
Bedürfnis, sich so recht von Herzen auszusprechen,
und macht vieles in sich selber ab; sie ist mitteilsam
und verschlossen zugleich, beinah' versteckt; überhaupt
ein ganz eigenes Gemisch.“

„Ich bin ganz Deiner Meinung. Aber wenn
sie Dir nichts gesagt hat, woher weißt Du's?“

„Ich sagte nur, sie habe mir nicht ihr Herz
ausgeschüttet. Solche Generalbeichte, so alles von
der Seele herunter, das liegt nicht in ihr. Es fuhr
alles so bloß ruckweis und plötzlich aus ihr heraus,
und dann war es wieder vorüber. Aber gerade weil
es so ungewollt und wie von ungefähr aus ihrer
Seele kam, deshalb war es mir so wichtig.“

„Und wann war es denn und bei welcher Gelegenheit?“

„Es werden jetzt gerade drei Wochen sein, und
wir saßen im Garten, mit allerhand Ausstattungsdingen, großen und kleinen, beschäftigt, als Wilke
einen Brief von Innstetten brachte. Sie steckte ihn
zu sich, und ich mußte sie eine Viertelstunde später
erst erinnern, daß sie ja einen Brief habe. Dann
las sie ihn, aber verzog kaum eine Miene. Ich bekenne Dir, daß mir bang' ums Herz dabei wurde,
so bang', daß ich gern eine Gewißheit haben wollte,
so viel, wie man in diesen Dingen haben kann.“

„Sehr wahr, sehr wahr.“

„Was meinst Du damit?“

„Nun, ich meine nur . . . Aber das ist ja
ganz gleich. Sprich nur weiter; ich bin ganz Ohr.“

„Ich fragte also rund heraus, wie's stünde,
und weil ich bei ihrem eigenen Charakter einen
feierlichen Ton vermeiden und alles so leicht wie
möglich, ja beinah' scherzhaft nehmen wollte, so warf
ich die Frage hin, ob sie vielleicht den Vetter Briest,
der ihr in Berlin sehr stark den Hof gemacht hatte,
ob sie den vielleicht lieber heiraten würde . . .“

„Und?“

„Da hättest Du sie sehen sollen. Ihre nächste
Antwort war ein schnippisches Lachen. Der Vetter
sei doch eigentlich nur ein großer Kadett in Leutnantsuniform. Und einen Kadetten könne sie nicht einmal
lieben, geschweige heiraten. Und dann sprach sie
von Innstetten, der ihr mit einemmale der Träger
aller männlichen Tugenden war.“

„Und wie erklärst Du Dir das?“

„Ganz einfach. So geweckt und temperamentvoll und beinahe leidenschaftlich sie ist, oder vielleicht auch weil sie es ist, sie gehört nicht zu
denen, die so recht eigentlich auf Liebe gestellt
sind, wenigstens nicht auf das, was den Namen
ehrlich verdient. Sie redet zwar davon, sogar mit
Nachdruck und einem gewissen Überzeugungston, aber
doch nur, weil sie irgendwo gelesen hat, Liebe sei
nun 'mal das Höchste, das Schönste, das Herrlichste.
Vielleicht hat sie's auch bloß von der sentimentalen
Person, der Hulda, gehört und spricht es ihr nach.
Aber sie empfindet nicht viel dabei. Wohl möglich,
daß es alles 'mal kommt, Gott verhüte es, aber noch
ist es nicht da.“

„Und was ist da? Was hat sie?“

„Sie hat nach meinem und auch nach ihrem
eigenen Zeugnis zweierlei: Vergnügungssucht und
Ehrgeiz.“

„Nun, das kann passieren. Da bin ich beruhigt.“

„Ich nicht. Innstetten ist ein Carrieremacher
— vom Streber will ich nicht sprechen, das ist er
auch nicht, dazu ist er zu wirklich vornehm — also
Carrieremacher, und das wird Effi's Ehrgeiz befriedigen.“

„Nun also. Das ist doch gut.“

„Ja, das ist gut! Aber es ist erst die Hälfte.
Ihr Ehrgeiz wird befriedigt werden, aber ob auch
ihr Hang nach Spiel und Abenteuer? Ich bezweifle. Für die stündliche kleine Zerstreuung und
Anregung, für alles, was die Langeweile bekämpft,
diese Todfeindin einer geistreichen kleinen Person,
dafür wird Innstetten sehr schlecht sorgen. Er wird
sie nicht in einer geistigen Öde lassen, dazu ist er
zu klug und zu weltmännisch, aber er wird sie auch
nicht sonderlich amüsieren. Und was das Schlimmste
ist, er wird sich nicht einmal recht mit der Frage
beschäftigen, wie das wohl anzufangen sei. Das
wird eine Weile so gehen, ohne viel Schaden anzurichten, aber zuletzt wird sie's merken, und dann
wird es sie beleidigen. Und dann weiß ich nicht,
was geschieht. Denn so weich und nachgiebig sie
ist, sie hat auch 'was Rabiates und läßt es auf alles
ankommen.“

In diesem Augenblicke trat Wilke vom Saal her
ein und meldete, daß er alles nachgezählt und alles
vollzählig gefunden habe; nur von den feinen Weingläsern sei eins zerbrochen, aber schon gestern, als
das Hoch ausgebracht wurde — Fräulein Hulda
habe mit Leutnant Nienkerken zu scharf angestoßen.

„Versteht sich, von alter Zeit her immer im
Schlaf, und unterm Holunderbaum ist es natürlich
nicht besser geworden. Eine alberne Person, und ich
begreife Nienkerken nicht.“

„Ich begreife ihn vollkommen.“

„Er kann sie doch nicht heiraten.“

„Nein.“

„Also zu was?“

„Ein weites Feld, Luise.“

Dies war am Tage nach der Hochzeit. Drei
Tage später kam eine kleine gekritzelte Karte aus
München, die Namen alle nur mit zwei Buchstaben
angedeutet. „Liebe Mama! Heute Vormittag die
Pinakothek besucht. Geert wollte auch noch nach dem
andern hinüber, das ich hier nicht nenne, weil ich
wegen der Rechtschreibung in Zweifel bin, und fragen
mag ich ihn nicht. Er ist übrigens engelsgut gegen
mich und erklärt mir alles. Überhaupt alles sehr
schön, aber anstrengend. In Italien wird es wohl
nachlassen und besser werden. Wir wohnen in den
,Vier Jahreszeiten‘, was Geert veranlaßte, mir zu
sagen, ‚draußen sei Herbst, aber er habe in mir den
Frühling.‘ Ich finde es sehr sinnig. Er ist überhaupt sehr aufmerksam. Freilich ich muß es auch
sein, namentlich wenn er 'was sagt oder erklärt. Er
weiß übrigens alles so gut, daß er nicht einmal
nachzuschlagen braucht. Mit Entzücken spricht er von
Euch, namentlich von Mama. Hulda findet er etwas
zierig; aber der alte Niemeyer hat es ihm ganz angethan. Tausend Grüße von Eurer ganz berauschten,
aber auch etwas müden Effi.“

Solche Karten trafen nun täglich ein, aus Innsbruck, aus Verona, aus Vicenza, aus Padua, eine
jede fing an: „Wir haben heute Vormittag die
hiesige berühmte Galerie besucht,“ oder, wenn es nicht
die Galerie war, so war es eine Arena oder irgend eine
Kirche „Santa Maria“ mit einem Zunamen. Aus
Padua kam, zugleich mit der Karte, noch ein wirklicher
Brief. „Gestern waren wir in Vicenza. Vicenza
muß man sehn wegen des Palladio; Geert sagte
mir, daß in ihm alles Moderne wurzele. Natürlich
nur in Bezug auf Baukunst. Hier in Padua (wo
wir heute früh ankamen) sprach er im Hotelwagen
etliche Male vor sich hin: ,Er liegt in Padua begraben‘, und war überrascht, als er von mir vernahm, daß ich diese Worte noch nie gehört hätte.
Schließlich aber sagte er, es sei eigentlich ganz gut
und ein Vorzug, daß ich nichts davon wüßte. Er
ist überhaupt sehr gerecht. Und vor allem ist er
engelsgut gegen mich und gar nicht überheblich und
auch gar nicht alt. Ich habe noch immer das Ziehen
in den Füßen, und das Nachschlagen und das lange
Stehen vor den Bildern strengt mich an. Aber es
muß ja sein. Ich freue mich sehr auf Venedig. Da
bleiben wir fünf Tage, ja, vielleicht eine ganze Woche.
Geert hat mir schon von den Tauben auf dem Markusplatze vorgeschwärmt, und daß man sich da Tüten
mit Erbsen kauft und dann die schönen Tiere damit
füttert. Es soll Bilder geben, die das darstellen,
schöne blonde Mädchen, ,ein Typus wie Hulda,‘
sagte er. Wobei mir denn auch die Jahnke'schen
Mädchen einfallen. Ach, ich gäbe 'was drum, wenn
ich mit ihnen auf unserm Hof auf einer Wagendeichsel sitzen und unsere Tauben füttern könnte.
Die Pfauentaube mit dem starken Kropf dürft ihr
aber nicht schlachten, die will ich noch wiedersehen.
Ach, es ist so schön hier. Es soll ja auch das
Schönste sein. Eure glückliche, aber etwas müde Effi.“

Frau von Briest, als sie den Brief vorgelesen
hatte, sagte: „Das arme Kind. Sie hat Sehnsucht.“

„Ja,“ sagte Briest, „sie hat Sehnsucht. Diese
verwünschte Reiserei . . .“

„Warum sagst Du das jetzt? Du hättest es ja
hindern können. Aber das ist so Deine Art, hinterher den Weisen zu spielen. Wenn das Kind in den
Brunnen gefallen ist, decken die Ratsherren den
Brunnen zu.“

„Ach, Luise, komme mir doch nicht mit solchen
Geschichten. Effi ist unser Kind, aber seit dem
3. Oktober ist sie Baronin Innstetten. Und wenn
ihr Mann, unser Herr Schwiegersohn, eine Hochzeitsreise machen und bei der Gelegenheit jede Galerie
neu katalogisieren will, so kann ich ihn daran nicht
hindern. Das ist eben das, was man sich verheiraten nennt.“

„Also jetzt giebst Du das zu. Mir gegenüber
hast Du's immer bestritten, immer bestritten, daß
die Frau in einer Zwangslage sei.“

„Ja, Luise, das hab' ich. Aber wozu das
jetzt. Das ist wirklich ein zu weites Feld.“

Sechstes Kapitel.

Mitte November — sie waren bis Capri und
Sorrent gekommen — lief Innstettens Urlaub ab,
und es entsprach seinem Charakter und seinen Gewohnheiten, genau Zeit und Stunde zu halten. Am
14. früh traf er denn auch mit dem Kurierzuge in
Berlin ein, wo Vetter Briest ihn und die Kousine
begrüßte und vorschlug, die zwei bis zum Abgange
des Stettiner Zuges noch zur Verfügung bleibenden
Stunden zum Besuche des St. Privat-Panoramas zu
benutzen und diesem Panoramabesuch ein kleines
Gabelfrühstück folgen zu lassen. Beides wurde dankbar acceptiert. Um Mittag war man wieder auf dem
Bahnhof und nahm hier, nachdem, wie herkömmlich,
die glücklicherweise nie ernst gemeinte Aufforderung
„doch auch 'mal herüberzukommen,“ ebenso von
Effi wie von Innstetten ausgesprochen worden war,
unter herzlichem Händeschütteln Abschied von einander. Noch als der Zug sich schon in Bewegung
setzte, grüßte Effi vom Koupee aus. Dann machte
sie sich's bequem und schloß die Augen; nur von
Zeit zu Zeit richtete sie sich wieder auf und reichte
Innstetten die Hand.

Es war eine angenehme Fahrt, und pünktlich
erreichte der Zug den Bahnhof Klein-Tantow, von
dem aus eine Chaussee nach dem noch zwei Meilen
entfernten Kessin hinüberführte. Bei Sommerzeit,
namentlich während der Bademonate, benutzte man
statt der Chaussee lieber den Wasserweg und fuhr,
auf einem alten Raddampfer, das Flüßchen Kessine,
dem Kessin selbst seinen Namen verdankte, hinunter;
am 1. Oktober aber stellte der „Phönix“, von dem
seit lange vergeblich gewünscht wurde, daß er in einer
passagierfreien Stunde sich seines Namens entsinnen
und verbrennen möge, regelmäßig seine Fahrten ein,
weshalb denn auch Innstetten bereits von Stettin
aus an seinen Kutscher Kruse telegraphiert hatte:
„Fünf Uhr, Bahnhof Klein-Tantow. Bei gutem
Wetter offener Wagen.“

Und nun war gutes Wetter, und Kruse hielt
in offenem Gefährt am Bahnhof und begrüßte die
Ankommenden mit dem vorschriftsmäßigen Anstand
eines herrschaftlichen Kutschers.

„Nun, Kruse, alles in Ordnung?

„Zu Befehl, Herr Landrat.“

„Dann, Effi, bitte, steig' ein.“ Und während
Effi dem nachkam, und einer von den Bahnhofsleuten
einen kleinen Handkoffer vorn beim Kutscher unterbrachte, gab Innstetten Weisung, den Rest des Gepäcks
mit dem Omnibus nachzuschicken. Gleich danach
nahm auch er seinen Platz, bat, sich populär machend,
einen der Umstehenden um Feuer und rief Kruse zu:
„Nun vorwärts, Kruse.“ Und über die Schienen
weg, die vielgleisig an der Übergangsstelle lagen,
ging es in Schräglinie den Bahndamm hinunter und
gleich danach an einem schon an der Chaussee gelegenen
Gasthause vorüber, das den Namen „Zum Fürsten
Bismarck“ führte. Denn an eben dieser Stelle gabelte
der Weg und zweigte, wie rechts nach Kessin, so links
nach Varzin hin ab. Vor dem Gasthofe stand ein mittelgroßer breitschultriger Mann in Pelz und Pelzmütze,
welch letztere er, als der Herr Landrat vorüberfuhr,
mit vieler Würde vom Haupte nahm. „Wer war
denn das?“ sagte Effi, die durch alles, was sie sah,
aufs höchste interessiert und schon deshalb bei bester
Laune war. „Er sah ja aus wie ein Starost, wobei ich freilich bekennen muß, nie einen Starosten
gesehen zu haben.“

„Was auch nicht schadet, Effi. Du hast es
trotzdem sehr gut getroffen. Er sieht wirklich aus
wie ein Starost und ist auch so 'was. Er ist nämlich ein halber Pole, heißt Golchowski, und wenn
wir hier Wahl haben oder eine Jagd, dann ist er
oben auf. Eigentlich ein ganz unsicherer Passagier,
dem ich nicht über den Weg traue, und der wohl
viel auf dem Gewissen hat. Er spielt sich aber auf
den Loyalen hin aus und wenn die Varziner Herrschaften hier vorüberkommen, möcht' er sich am liebsten
vor den Wagen werfen. Ich weiß, daß er dem
Fürsten auch widerlich ist. Aber was hilft's? Wir
dürfen es nicht mit ihm verderben, weil wir ihn
brauchen. Er hat hier die ganze Gegend in der
Tasche und versteht die Wahlmache wie kein anderer,
gilt auch für wohlhabend. Dabei leiht er auf
Wucher, was sonst die Polen nicht thun; in der
Regel das Gegenteil.“

„Er sah aber gut aus.“

„Ja, gut aussehen thut er. Gut aussehen thun
die meisten hier. Ein hübscher Schlag Menschen.
Aber das ist auch das Beste, was man von ihnen
sagen kann Eure märkischen Leute sehen unscheinbarer aus und verdrießlicher, und in ihrer Haltung
sind sie weniger respektvoll, eigentlich gar nicht, aber
ihr Ja ist Ja und Nein ist Nein, und man kann
sich auf sie verlassen. Hier ist alles unsicher.“

„Warum sagst Du mir das? Ich muß nun
doch hier mit ihnen leben.“

„Du nicht, Du wirst nicht viel von ihnen hören
und sehen. Denn Stadt und Land hier sind sehr
verschieden, und Du wirst nur unsere Städter kennen
lernen, unsere guten Kessiner.“

„Unsere guten Kessiner. Ist es Spott, oder
sind sie wirklich so gut?“

„Daß sie wirklich gut sind, will ich nicht gerade
behaupten, aber sie sind doch anders als die andern;
ja, sie haben gar keine Ähnlichkeit mit der Landbevölkerung hier.“

„Und wie kommt das?“

„Weil es eben ganz andere Menschen sind, ihrer
Abstammung nach und ihren Beziehungen nach. Was
Du hier landeinwärts findest, das sind sogenannte
Kaschuben, von denen Du vielleicht gehört hast,
slavische Leute, die hier schon tausend Jahre sitzen
und wahrscheinlich noch viel länger. Alles aber, was
hier an der Küste hin in den kleinen See- und
Handelsstädten wohnt, das sind von weither Eingewanderte, die sich um das kaschubische Hinterland
wenig kümmern, weil sie wenig davon haben und
auf etwas ganz anderes angewiesen sind. Worauf
sie angewiesen sind, das sind die Gegenden, mit
denen sie Handel treiben und da sie das mit aller
Welt thun und mit aller Welt in Verbindung stehen,
so findest Du zwischen ihnen auch Menschen aus aller
Welt Ecken und Enden. Auch in unserem guten Kessin,
trotzdem es eigentlich nur ein Nest ist.“

„Aber das ist ja entzückend, Geert. Du sprichst
immer von Nest, und nun finde ich, wenn Du nicht
übertrieben hast, eine ganz neue Welt hier. Allerlei
Exotisches. Nicht wahr, so was Ähnliches meintest
Du doch?“

Er nickte.

„Eine ganz neue Welt, sag' ich, vielleicht einen
Neger oder einen Türken, oder vielleicht sogar einen
Chinesen.“

„Auch einen Chinesen. Wie gut Du raten
kannst. Es ist möglich, daß wir wirklich noch einen
haben, aber jedenfalls haben wir einen gehabt; jetzt
ist er tot und auf einem kleinen eingegitterten Stück
Erde begraben, dicht neben dem Kirchhof. Wenn
Du nicht furchtsam bist, will ich Dir bei Gelegenheit
'mal sein Grab zeigen; es liegt zwischen den Dünen,
bloß Strandhafer drum 'rum und dann und wann
ein paar Immortellen, und immer hört man das
Meer. Es ist sehr schön und sehr schauerlich.“

„Ja, schauerlich, und ich möchte wohl mehr
davon wissen. Aber doch lieber nicht, ich habe dann
immer gleich Visionen und Träume und möchte doch
nicht, wenn ich diese Nacht hoffentlich gut schlafe,
gleich einen Chinesen an mein Bett treten sehen.“

„Das wird er auch nicht.“

„Das wird er auch nicht. Höre, das klingt ja
sonderbar, als ob es doch möglich wäre. Du willst
mir Kessin interessant machen, aber Du gehst darin
ein bißchen weit. Und solche fremde Leute habt Ihr
viele in Kessin?“

„Sehr viele. Die ganze Stadt besteht aus
solchen Fremden, aus Menschen, deren Eltern oder
Großeltern noch ganz wo anders saßen.“

„Höchst merkwürdig. Bitte, sage mir mehr
davon. Aber nicht wieder was Gruseliges. Ein
Chinese, find' ich, hat immer was Gruseliges.“

„Ja, das hat er,“ lachte Geert. „Aber der
Rest ist, Gott sei Dank, von ganz anderer Art,
lauter manierliche Leute, vielleicht ein bißchen zu sehr
Kaufmann, ein bißchen zu sehr auf ihren Vorteil
bedacht, und mit Wechseln von zweifelhaftem Wert
immer bei der Hand. Ja, man muß sich vorsehen
mit ihnen. Aber sonst ganz gemütlich. Und damit
Du siehst, daß ich Dir nichts vorgemacht habe, will
ich Dir nur so eine kleine Probe geben, so eine Art
Register oder Personenverzeichnis.“

„Ja, Geert, das thu'.“

„Da haben wir beispielsweise keine fünfzig
Schritt von uns, und unsere Gärten stoßen sogar
zusammen, den Maschinen- und Baggermeister
Macpherson, einen richtigen Schotten und Hochländer.“

„Und trägt sich auch noch so?“

„Nein, Gott sei Dank nicht, denn es ist ein
verhutzeltes Männchen, auf das weder sein Clan noch
Walter Scott besonders stolz sein würden. Und
dann haben wir in demselben Hause, wo dieser
Macpherson wohnt, auch noch einen alten Wundarzt,
Beza mit Namen, eigentlich bloß Barbier; der stammt
aus Lissabon, gerade daher, wo auch der berühmte
General de Meza herstammt, — Meza, Beza, Du
hörst die Landesverwandtschaft heraus. Und dann
haben wir flußaufwärts am Bollwerk, — das ist
nämlich der Quai, wo die Schiffe liegen — einen
Goldschmied namens Stedingk, der aus einer alten
schwedischen Familie stammt; ja, ich glaube, es giebt
sogar Reichsgrafen, die so heißen, und des weiteren,
und damit will ich dann vorläufig abschließen, haben
wir den guten alten Doktor Hannemann, der natürlich ein Däne ist und lange in Island war und
sogar ein kleines Buch geschrieben hat über den
letzten Ausbruch des Hekla oder Krabla.“

„Das ist ja aber großartig, Geert. Das ist
ja wie sechs Romane, damit kann man ja gar nicht
fertig werden. Es klingt erst spießbürgerlich und ist
doch hinterher ganz apart. Und dann müßt ihr ja
doch auch Menschen haben, schon weil es eine Seestadt ist, die nicht bloß Chirurgen oder Barbiere
sind oder sonst dergleichen. Ihr müßt doch auch
Kapitäne haben, irgend einen fliegenden Holländer
oder . . .“

„Da hast Du ganz recht. Wir haben sogar
einen Kapitän, der war Seeräuber unter den Schwarzflaggen.

„Kenn' ich nicht. Was sind Schwarzflaggen?“

„Das sind Leute weit dahinten in Tonkin und
an der Südsee . . . Seit er aber wieder unter
Menschen ist, hat er auch wieder die besten Formen
und ist ganz unterhaltlich.“

„Ich würde mich aber doch vor ihm fürchten.“

„Was Du nicht nötig hast, zu keiner Zeit und
auch dann nicht, wenn ich über Land bin oder zum
Thee beim Fürsten, denn zu allem andern, was wir
haben, haben wir ja Gott sei Dank auch Rollo . . .“

„Rollo?“

„Ja, Rollo. Du denkst dabei, vorausgesetzt,
daß Du bei Niemeyer oder Jahnke von dergleichen
gehört hast, an den Normannenherzog, und unserer
hat auch so 'was. Es ist aber bloß ein Neufundländer, ein wunderschönes Tier, das mich liebt und
Dich auch lieben wird. Denn Rollo ist ein Kenner.
Und so lange Du den um Dich hast, so lange bist
Du sicher und kann nichts an Dich heran, kein
Lebendiger und kein Toter. Aber sieh' mal den
Mond da drüben. Ist es nicht schön?“

Effi, die, still in sich versunken, jedes Wort
halb ängstlich, halb begierig eingesogen hatte, richtete
sich jetzt auf und sah nach rechts hinüber, wo der
Mond, unter weißem, aber rasch hinschwindendem
Gewölk, eben aufgegangen war. Kupferfarben stand
die große Scheibe hinter einem Erlengehölz und warf
ihr Licht auf eine breite Wasserfläche, die die Kessine
hier bildete. Oder vielleicht war es auch schon ein
Haff, an dem das Meer draußen seinen Anteil hatte.

Effi war wie benommen. „Ja, Du hast recht,
Geert, wie schön; aber es hat zugleich so 'was Unheimliches. In Italien habe ich nie solchen Eindruck
gehabt, auch nicht als wir von Mestre nach Venedig
hinüberfuhren. Da war auch Wasser und Sumpf
und Mondschein, und ich dachte, die Brücke würde
brechen; aber es war nicht so gespenstig. Woran
liegt es nur? Ist es doch das Nördliche?“

Innstetten lachte. „Wir sind hier fünfzehn
Meilen nördlicher als in Hohen-Cremmen und eh'
der erste Eisbär kommt, mußt Du noch eine Weile
warten. Ich glaube, Du bist nervös von der langen
Reise und dazu das St. Privat-Panorama und die
Geschichte von dem Chinesen.“

„Du hast mir ja gar keine erzählt.“

„Nein, ich hab' ihn nur eben genannt. Aber
ein Chinese ist schon an und für sich eine Geschichte . . .“

„Ja.“ lachte sie.

„Und jedenfalls hast Du's bald überstanden.
Siehst Du da vor Dir das kleine Haus mit dem
Licht? Es ist eine Schmiede. Da biegt der Weg.
Und wenn wir die Biegung gemacht haben, dann
siehst Du schon den Turm von Kessin oder richtiger
beide . . .“

„Hat es denn zwei?“

„Ja, Kessin nimmt sich auf. Es hat jetzt auch
eine katholische Kirche.“

Eine halbe Stunde später hielt der Wagen an
der ganz am entgegengesetzten Ende der Stadt gelegenen landrätlichen Wohnung, einem einfachen,
etwas altmodischen Fachwerkhause, das mit seiner
Front auf die nach den Seebädern hinausführende
Hauptstraße, mit seinem Giebel aber auf ein zwischen
der Stadt und den Dünen liegendes Wäldchen, das
die „Plantage“ hieß, hernieder blickte. Dies altmodische Fachwerkhaus war übrigens nur Innstettens
Privatwohnung, nicht das eigentliche Landratsamt,
welches letztere, schräg gegenüber, an der anderen
Seite der Straße lag.

Kruse hatte nicht nötig, durch einen dreimaligen
Peitschenknips die Ankunft zu vermelden; längst hatte
man von Thür und Fenstern aus nach den Herrschaften ausgeschaut, und ehe noch der Wagen heran
war, waren bereits alle Hausinsassen auf dem die
ganze Breite des Bürgersteiges einnehmenden Schwellstein versammelt, vorauf Rollo, der im selben Augenblicke, wo der Wagen hielt, diesen zu umkreisen
begann. Innstetten war zunächst seiner jungen Frau
beim Aussteigen behilflich und ging dann, dieser den
Arm reichend, unter freundlichem Gruß an der
Dienerschaft vorüber, die nun dem jungen Paare in
den mit prächtigen alten Wandschränken umstandenen
Hausflur folgte. Das Hausmädchen, eine hübsche,
nicht mehr ganz jugendliche Person, der ihre stattliche
Fülle fast ebenso gut kleidete, wie das zierliche
Mützchen auf dem blonden Haar, war der gnädigen
Frau beim Ablegen von Muff und Mantel behilflich
und bückte sich eben, um ihr auch die mit Pelz gefütterten Gummistiefel auszuziehen. Aber ehe sie
noch dazu kommen konnte, sagte Instetten: „Es wird
das beste sein, ich stelle Dir gleich hier unsere gesamte Hausgenossenschaft vor, mit Ausnahme der
Frau Kruse, die sich — ich vermute sie wieder bei
ihrem unvermeidlichen schwarzen Huhn — nicht gerne
sehen läßt.“ Alles lächelte. „Aber lassen wir Frau
Kruse . . . Dies hier ist mein alter Friedrich, der
schon mit mir auf der Universität war . . . Nicht
wahr, Friedrich, gute Zeiten damals . . . und dies
hier ist Johanna, märkische Landsmännin von Dir,
wenn Du, was aus Pasewalker Gegend stammt, noch
für voll gelten lassen willst, und dies ist Christel,
der wir mittags und abends unser leibliches Wohl
anvertrauen, und die zu kochen versteht, das kann ich
Dir versichern. Und dies hier ist Rollo. Nun, Rollo,
wie geht's?“

Rollo schien nur auf diese spezielle Ansprache
gewartet zu haben, denn im selben Augenblicke, wo
er seinen Namen hörte, gab er einen Freudenblaff,
richtete sich auf und legte die Pfoten auf seines
Herrn Schulter.

„Schon gut, Rollo, schon gut. Aber sieh da,
das ist die Frau; ich hab' ihr von dir erzählt und
ihr gesagt, daß du ein schönes Tier seiest und sie
schützen würdest,“ Und nun ließ Rollo ab und setzte
sich vor Innstetten nieder, zugleich neugierig zu der
jungen Frau aufblickend. Und als diese ihm die
Hand hinhielt, umschmeichelte er sie.

Effi hatte während dieser Vorstellungsszene Zeit
gefunden, sich umzuschauen. Sie war wie gebannt
von allem, was sie sah und dabei geblendet von der
Fülle von Licht. In der vorderen Flurhälfte brannten
vier, fünf Wandleuchter, die Leuchter selbst sehr
primitiv, von bloßem Weißblech, was aber den Glanz
und die Helle nur noch steigerte. Zwei mit roten
Schleiern bedeckte Astrallampen, Hochzeitsgeschenk von
Niemeyer, standen auf einem zwischen zwei Eichenschränken angebrachten Klapptisch, in Front davon
das Theezeug, dessen Lämpchen unter dem Kessel
schon angezündet war. Aber noch viel, viel anderes
und zum Teil sehr Sonderbares kam zu dem allen
hinzu. Quer über den Flur fort liefen drei, die
Flurdecke in ebenso viele Felder teilende Balken;
an dem vordersten hing ein Schiff mit vollen Segeln,
hohem Hinterdeck und Kanonenluken, während weiterhin ein riesiger Fisch in der Luft zu schwimmen
schien. Effi nahm ihren Schirm, den sie noch in
Händen hielt, und stieß leis an das Ungetüm an,
so daß es sich in eine langsam schaukelnde Bewegung setzte.

„Was ist das, Geert?“ fragte sie.

„Das ist ein Haifisch.“

„Und ganz dahinten das, was aussieht wie eine
große Zigarre vor einem Tabaksladen?“

„Das ist ein junges Krokodil. Aber das kannst
Du Dir alles morgen viel besser und genauer ansehen; jetzt komm und laß uns eine Tasse Thee
nehmen. Denn trotz aller Plaids und Decken wirst
Du gefroren haben. Es war zuletzt empfindlich
kalt.“

Er bot nun Effi den Arm, und während sich
die beiden Mädchen zurückzogen und nur Friedrich
und Rollo folgten, trat man, nach links hin, in des
Hausherrn Wohn- und Arbeitszimmer ein. Effi war
hier ähnlich überrascht wie draußen im Flur; aber
ehe sie sich darüber äußern konnte, schlug Innstetten
eine Portiere zurück, hinter der ein zweites, etwas
größeres Zimmer, mit Blick auf Hof und Garten
gelegen war. „Das, Effi, ist nun also Dein. Friedrich und Johanna haben es, so gut es ging, nach
meinen Anordnungen herrichten müssen. Ich finde
es ganz erträglich und würde mich freuen, wenn es
Dir auch gefiele.“

Sie nahm ihren Arm aus dem seinigen und
hob sich auf die Fußspitzen, um ihm einen herzlichen
Kuß zu geben.

„Ich armes kleines Ding, wie Du mich verwöhnst. Dieser Flügel und dieser Teppich, ich glaube
gar, es ist ein türkischer, und das Bassin mit den
Fischchen und dazu der Blumentisch. Verwöhnung,
wohin ich sehe.“

„Ja, meine liebe Effi, das mußt Du Dir nun
schon gefallen lassen, dafür ist man jung und hübsch
und liebenswürdig, was die Kessiner wohl auch schon
erfahren haben werden, Gott weiß woher. Denn
an dem Blumentisch wenigstens bin ich unschuldig.
Friedrich, wo kommt der Blumentisch her?“

„Apotheker Gieshübler . . . Es liegt auch eine
Karte bei.“

„Ah, Gieshübler, Alonzo Gieshübler,“ sagte
Innstetten und reichte lachend und in beinahe ausgelassener Laune die Karte mit dem etwas fremdartig
klingenden Vornamen zu Effi hinüber. „Gieshübler,
von dem hab' ich Dir zu erzählen vergessen — beiläufig, er führt auch den Doktortitel, hat's aber nicht
gern, wenn man ihn dabei nennt, das ärgere, so
meint er, die richtigen Doktors bloß, und darin wird
er wohl recht haben. Nun, ich denke, Du wirst ihn
kennen lernen und zwar bald; er ist unsere beste
Nummer hier, Schöngeist und Original und vor
allem Seele von Mensch, was doch immer die Hauptsache bleibt. Aber lassen wir das alles und setzen
uns und nehmen unsern Thee. Wo soll es sein?
Hier bei Dir oder drin bei mir? Denn eine weitere
Wahl giebt es nicht. Eng und klein ist meine
Hütte.“

Sie setzte sich ohne Besinnen auf ein kleines
Ecksofa. „Heute bleiben wir hier, heute bist Du
bei mir zu Gast. Oder lieber so: den Thee regelmäßig bei mir, das Frühstück bei Dir; dann kommt
jeder zu seinem Recht, und ich bin neugierig, wo
mir's am besten gefallen wird.“

„Das ist eine Morgen- und Abendfrage.“

„Gewiß. Aber wie sie sich stellt, oder richtiger,
wie wir uns dazu stellen, das ist es eben.“

Und sie lachte und schmiegte sich an ihn und
wollte ihm die Hand küssen.

„Nein, Effi, um Himmels willen nicht, nicht so.
Mir liegt nicht daran, die Respektsperson zu sein,
das bin ich für die Kessiner. Für Dich bin ich . . .“

„Nun was?“

„Ach laß. Ich werde mich hüten, es zu sagen.“

Siebentes Kapitel.

Es war schon heller Tag, als Effi am andern
Morgen erwachte. Sie hatte Mühe, sich zurechtzufinden. Wo war sie? Richtig, in Kessin, im
Hause des Landrats von Innstetten, und sie war
seine Frau, Baronin Innstetten. Und sich aufrichtend,
sah sie sich neugierig um; am Abend vorher war
sie zu müde gewesen, um alles, was sie da halb
fremdartig, halb altmodisch umgab, genauer in Augenschein zu nehmen. Zwei Säulen stützten den Deckenbalken, und grüne Vorhänge schlossen den alkovenartigen Schlafraum, in welchem die Betten standen,
von dem Rest des Zimmers ab; nur in der Mitte
fehlte der Vorhang oder war zurückgeschlagen, was
ihr von ihrem Bette aus eine bequeme Orientierung
gestattete. Da, zwischen den zwei Fenstern, stand
der schmale, bis hoch hinauf reichende Trumeau,
während rechts daneben, und schon an der Flurwand
hin, der große schwarze Kachelofen aufragte, der noch
(so viel hatte sie schon am Abend vorher bemerkt)
nach alter Sitte von außen her geheizt wurde. Sie
fühlte jetzt, wie seine Wärme herüberströmte. Wie
schön es doch war, im eigenen Hause zu sein; so
viel Behagen hatte sie während der ganzen Reise
nicht empfunden, nicht einmal in Sorrent.

Aber wo war Innstetten? Alles still um sie
her, niemand da. Sie hörte nur den Ticktackschlag
einer kleinen Pendule und dann und wann einen
dumpfen Ton im Ofen, woraus sie schloß, daß vom
Flur her ein paar neue Scheite nachgeschoben würden.
Allmählich entsann sie sich auch, daß Geert, am
Abend vorher, von einer elektrischen Klingel gesprochen
hatte, nach der sie denn auch nicht lange mehr zu
suchen brauchte; dicht neben ihrem Kissen war der
kleine weiße Elfenbeinknopf, auf den sie nun leise
drückte.

Gleich danach erschien Johanna. „Gnädige
Frau haben befohlen.“

„Ach, Johanna, ich glaube, ich habe mich verschlafen. Es muß schon spät sein.“

„Eben neun.“

„Und der Herr . . .“ es wollt' ihr nicht glücken,
so ohne weiteres von ihrem „Manne“ zu sprechen . . .
„der Herr, er muß sehr leise gemacht haben; ich
habe nichts gehört.“

„Das hat er gewiß. Und gnäd'ge Frau werden
fest geschlafen haben. Nach der langen Reise . . .“

„Ja, das hab' ich. Und der Herr, ist er immer
so früh auf?“

„Immer, gnäd'ge Frau. Darin ist er streng;
er kann das lange Schlafen nicht leiden, und wenn
er drüben in sein Zimmer tritt, da muß der Ofen
warm sein, und der Kaffee darf auch nicht auf sich
warten lassen.“

„Da hat er also schon gefrühstückt?“

„O nicht doch, gnäd'ge Frau . . . der gnäd'ge
Herr . . .“

Effi fühlte, daß sie die Frage nicht hätte thun
und die Vermutung, Innstetten könne nicht auf sie
gewartet haben, lieber nicht hätte aussprechen sollen.
Es lag ihr denn auch daran, diesen ihren Fehler
so gut es ging wieder auszugleichen, und als sie
sich erhoben und vor dem Trumeau Platz genommen
hatte, nahm sie das Gespräch wieder auf und sagte:
„Der Herr hat übrigens ganz recht. Immer früh
auf, das war auch Regel in meiner Eltern Hause.
Wo die Leute den Morgen verschlafen, da giebt es
den ganzen Tag keine Ordnung mehr. Aber der
Herr wird es so streng mit mir nicht nehmen; eine
ganze Weile hab' ich diese Nacht nicht schlafen können
und habe mich sogar ein wenig geängstigt.“

„Was ich hören muß, gnäd'ge Frau! Was
war es denn?“

„Es war über mir ein ganz sonderbarer Ton,
nicht laut, aber doch sehr eindringlich. Erst klang
es, wie wenn lange Schleppenkleider über die Diele
hinschleiften, und in meiner Erregung war es mir
ein paarmal, als ob ich kleine weiße Atlasschuhe sähe.
Es war, als tanze man oben, aber ganz leise.“

Johanna, während das Gespräch so ging, sah
über die Schulter der jungen Frau fort in den
hohen schmalen Spiegel hinein, um die Mienen Effis
besser beobachten zu können. Dann sagte sie: „Ja,
das ist oben im Saal. Früher hörten wir es in
der Küche auch. Aber jetzt hören wir es nicht mehr;
wir haben uns daran gewöhnt.“

„Ist es denn etwas Besonderes damit?“

„O Gott bewahre, nicht im geringsten. Eine
Weile wußte man nicht recht, woher es käme, und
der Herr Prediger machte ein verlegenes Gesicht,
trotzdem Doktor Gieshübler immer nur darüber lachte.
Nun aber wissen wir, daß es die Gardinen sind.
Der Saal ist etwas multrig und stockig und deshalb
stehen immer die Fenster auf, wenn nicht gerade
Sturm ist. Und da ist denn fast immer ein starker
Zug oben und fegt die alten, weißen Gardinen, die
außerdem viel zu lang sind, über die Dielen hin
und her. Das klingt dann so wie seid'ne Kleider,
oder auch wie Atlasschuhe, wie die gnäd'ge Frau
eben bemerkten.“

„Natürlich ist es das. Aber ich begreife nur
nicht, warum dann die Gardinen nicht abgenommen
werden. Oder man könnte sie ja kürzer machen.
Es ist ein so sonderbares Geräusch, das einem auf
die Nerven fällt. Und nun, Johanna, bitte, geben
Sie mir noch das kleine Tuch und tupfen Sie mir
die Stirn. Oder nehmen Sie lieber den Rafraichisseur
aus meiner Reisetasche . . . Ach, das ist schön und
erfrischt mich. Nun werde ich hinübergehen. Er
ist doch noch da, oder war er schon aus?“

„Der gnäd'ge Herr war schon aus, ich glaube
drüben auf dem Amt. Aber seit einer Viertelstunde
ist er zurück. Ich werde Friedrich sagen, daß er
das Frühstück bringt.“

Und damit verließ Johanna das Zimmer,
während Effi noch einen Blick in den Spiegel that
und dann über den Flur fort, der bei der Tagesbeleuchtung viel von seinem Zauber vom Abend vorher eingebüßt hatte, bei Geert eintrat.

Dieser saß an seinem Schreibtisch, einem etwas
schwerfälligen Cylinderbureau, das er aber, als Erbstück aus dem elterlichen Hause, nicht missen mochte.
Effi stand hinter ihm und umarmte und küßte ihn,
noch eh' er sich von seinem Platz erheben konnte.

„Schon?“

„Schon, sagst Du. Natürlich um mich zu verspotten.“

Innstetten schüttelte den Kopf. „Wie werd'
ich das?“ Effi fand aber ein Gefallen daran, sich
anzuklagen, und wollte von den Versicherungen ihres
Mannes, daß sein „schon“ ganz aufrichtig gemeint
gewesen sei, nichts hören. „Du mußt noch von der
Reise her wissen, daß ich morgens nie habe warten
lassen. Im Laufe des Tages, nun ja, da ist es
etwas anderes. Es ist wahr, ich bin nicht sehr
pünktlich, aber ich bin keine Langschläferin. Darin,
denk' ich, haben mich die Eltern gut erzogen.“

„Darin? In allem, meine süße Effi.“

„Das sagst Du so, weil wir noch in den Flitterwochen sind, . . . aber nein, wir sind ja schon heraus.
Ums Himmels willen, Geert, daran habe ich noch
gar nicht gedacht, wir sind ja schon über sechs Wochen
verheiratet, sechs Wochen und einen Tag. Ja, das
ist etwas anderes; da nehme ich es nicht mehr als
Schmeichelei, da nehme ich es als Wahrheit.“

In diesem Augenblicke trat Friedrich ein und
brachte den Kaffee. Der Frühstückstisch stand in
Schräglinie vor einem kleinen rechtwinkligen Sofa,
das gerade die eine Ecke des Wohnzimmers ausfüllte.
Hier setzten sich beide.

„Der Kaffee ist ja vorzüglich,“ sagte Effi,
während sie zugleich das Zimmer und seine Einrichtung musterte. „Das ist noch Hotel-Kaffee oder
wie der bei Bottegone, . . . erinnerst Du Dich noch,
in Florenz, mit dem Blick auf den Dom. Davon
muß ich der Mama schreiben, solchen Kaffee haben
wir in Hohen-Cremmen nicht. Überhaupt, Geert,
ich sehe nun erst, wie vornehm ich mich verheiratet
habe. Bei uns konnte alles nur so gerade passieren.“

„Thorheit, Effi, ich habe nie eine bessere Hausführung gesehen als bei Euch.“

„Und dann, wie Du wohnst. Als Papa sich
den neuen Gewehrschrank angeschafft und über seinem
Schreibtisch einen Büffelkopf und dicht darunter den
alten Wrangel angebracht hatte (er war nämlich 'mal
Adjutant bei dem Alten), da dacht' er Wunder, was
er gethan; aber wenn ich mich hier umsehe, daneben
ist unsere ganze Hohen-Cremmener Herrlichkeit ja
bloß dürftig und alltäglich. Ich weiß gar nicht,
womit ich das alles vergleichen soll; schon gestern
abend, als ich nur so flüchtig darüber hinsah, kamen
mir allerhand Gedanken.“

„Und welche, wenn ich fragen darf?“

„Ja, welche. Du darfst aber nicht d'rüber lachen.
Ich habe 'mal ein Bilderbuch gehabt, wo ein persischer oder indischer Fürst (denn er trug einen
Turban) mit untergeschlagenen Beinen auf einem
roten Seidenkissen saß, und in seinem Rücken war
außerdem noch eine große rote Seidenrolle, die links
und rechts ganz bauschig zum Vorschein kam, und
die Wand hinter dem indischen Fürsten starrte von
Schwertern und Dolchen und Parderfellen und
Schilden und langen türkischen Flinten. Und sieh,
ganz so sieht es hier bei Dir aus, und wenn Du
noch die Beine unterschlägst, ist die Ähnlichkeit vollkommen.“

„Effi, Du bist ein entzückendes, liebes Geschöpf.
Du weißt gar nicht, wie sehr ich's finde und wie
gern ich Dir in jedem Augenblicke zeigen möchte,
daß ich's finde.“

„Nun, dazu ist ja noch vollauf Zeit; ich bin
ja erst siebzehn und habe noch nicht vor, zu sterben.“

„Wenigstens nicht vor mir. Freilich, wenn ich
dann stürbe, nähme ich Dich am liebsten mit. Ich will
Dich keinem andern lassen; was meinst Du dazu?“

„Das muß ich mir doch noch überlegen. Oder
lieber, lassen wir's überhaupt. Ich spreche nicht
gern von Tod, ich bin für Leben. Und nun sage
mir, wie leben wir hier? Du hast mir unterwegs
allerlei Sonderbares von Stadt und Land erzählt,
aber wie wir selber hier leben werden, davon kein
Wort. Daß hier alles anders ist, als in Hohen-Cremmen und Schwantikow, das seh' ich wohl, aber
wir müssen doch in dem „guten Kessin“, wie Du's
immer nennst, auch etwas wie Umgang und Gesellschaft haben können. Habt Ihr denn Leute von
Familie in der Stadt?“

„Nein, meine liebe Effi; nach dieser Seite hin
gehst Du großen Enttäuschungen entgegen. In der
Nähe haben wir ein paar Adlige, die Du kennen
lernen wirst, aber hier in der Stadt ist gar nichts.“

„Gar nichts? das kann ich nicht glauben. Ihr
seid doch bis zu dreitausend Menschen, und unter
dreitausend Menschen muß es doch außer so kleinen
Leuten wie Barbier Beza (so hieß er ja wohl) doch
auch noch eine Elite geben, Honoratioren oder dergleichen.“

Innstetten lachte. „Ja, Honoratioren, die giebt
es. Aber bei Lichte besehen, ist es nicht viel damit.
Natürlich haben wir einen Prediger und einen Amtsrichter und einen Rektor und einen Lootsenkommandeur,
und von solchen beamteten Leuten findet sich schließlich
wohl ein ganzes Dutzend zusammen, aber die meisten
davon: gute Menschen und schlechte Musikanten. Und
was dann noch bleibt, das sind bloß Konsuln.“

„Bloß Konsuln. Ich bitte Dich, Geert, wie
kannst Du nur sagen „bloß Konsuln“. Das ist doch
etwas sehr Hohes und Großes, und ich möchte beinah' sagen Furchtbares. Konsuln, das sind doch die
mit dem Rutenbündel, draus, glaub' ich, ein Beil
heraussah.“

„Nicht ganz, Effi. Die heißen Liktoren.“

„Richtig, die heißen Liktoren. Aber Konsuln
ist doch auch etwas sehr Vornehmes und Hochgesetzliches. Brutus war doch ein Konsul.“

„Ja, Brutus war ein Konsul. Aber unsere
sind ihm nicht sehr ähnlich und begnügen sich damit,
mit Zucker und Kaffee zu handeln oder eine Kiste
mit Apfelsinen aufzubrechen und verkaufen Dir dann
das Stück pro zehn Pfennige.“

„Nicht möglich.“

„Sogar gewiß. Es sind kleine, pfiffige Kaufleute, die, wenn fremdländische Schiffe hier einlaufen
und in irgend einer Geschäftsfrage nicht recht aus
noch ein wissen, die dann mit ihrem Rate zur Hand
sind, und wenn sie diesen Rat gegeben und irgend
einem holländischen oder portugiesischen Schiff einen
Dienst geleistet haben, so werden sie zuletzt zu beglaubigten Vertretern solcher fremder Staaten, und
gerade so viele Botschafter und Gesandte, wie wir in
Berlin haben, so viele Konsuln haben wir auch in
Kessin, und wenn irgend ein Festtag ist, und es
giebt hier viel Festtage, dann werden alle Wimpel
gehißt, und haben wir gerad' eine grelle Morgensonne, so siehst Du an solchem Tage ganz Europa
von unsern Dächern flaggen und das Sternenbanner
und den chinesischen Drachen dazu.“

„Du bist in einer spöttischen Laune, Geert, und
magst auch wohl recht haben. Aber ich, für meine
kleine Person, muß Dir gestehen, daß ich dies alles
entzückend finde, und daß unsere havelländischen Städte
daneben verschwinden. Wenn sie da Kaisers Geburtstag feiern, so flaggt es immer bloß schwarz
und weiß und allenfalls ein bißchen rot dazwischen,
aber das kann sich doch nicht vergleichen mit der
Welt von Flaggen, von der Du sprichst. Überhaupt,
wie ich Dir schon sagte, ich finde immer wieder und
wieder, es hat alles so was Fremdländisches hier,
und ich habe noch nichts gehört und gesehen, was
mich nicht in eine gewisse Verwunderung gesetzt hätte,
gleich gestern abend das merkwürdige Schiff draußen
im Flur und dahinter der Haifisch und das Krokodil
und hier Dein eigenes Zimmer. Alles so orientalisch, und ich muß es wiederholen, alles wie bei
einem indischen Fürsten . . .“

„Meinetwegen. Ich gratuliere, Fürstin . . .“

„Und dann oben der Saal mit seinen langen
Gardinen, die über die Diele hinfegen.“

„Aber was weißt Du denn von dem Saal,
Effi?“

„Nichts, als was ich Dir eben gesagt habe.
Wohl eine Stunde lang, als ich in der Nacht aufwachte, war es mir, als ob ich Schuhe auf der Erde
schleifen hörte, und als würde getanzt und fast auch
wie Musik. Aber alles ganz leise. Und das hab'
ich dann heute früh an Johanna erzählt, bloß um
mich zu entschuldigen, daß ich hinterher so lange
geschlafen. Und da sagte sie mir, das sei von den
langen Gardinen oben im Saal. Ich denke, wir
machen kurzen Prozeß damit und schneiden die Gardinen etwas ab oder schließen wenigstens die Fenster;
es wird ohnehin bald stürmisch genug werden. Mitte
November ist ja die Zeit.“

Innstetten sah in einer kleinen Verlegenheit vor
sich hin und schien schwankend, ob er auf all das
antworten solle. Schließlich entschied er sich für
Schweigen. „Du hast ganz recht, Effi, wir wollen
die langen Gardinen oben kürzer machen. Aber es
eilt nicht damit, um so weniger, als es nicht sicher
ist, ob es hilft. Es kann auch was anderes sein,
im Rauchfang, oder der Wurm im Holz oder ein
Iltis. Wir haben nämlich hier Iltisse. Jedenfalls
aber eh' wir Änderungen vornehmen, mußt Du Dich
in unserem Hauswesen erst umsehen, natürlich unter
meiner Führung; in einer Viertelstunde zwingen
wir's. Und dann machst Du Toilette, nur ein ganz
klein wenig, denn eigentlich bist Du so am reizendsten,
— Toilette für unseren Freund Gieshübler; es ist
jetzt zehn vorüber, und ich müßte mich sehr in ihm
irren, wenn er nicht um elf oder doch spätestens um
die Mittagsstunde hier antreten und Dir seinen
Respekt devotest zu Füßen legen sollte. Das ist
nämlich die Sprache, d'rin er sich ergeht. Übrigens,
wie ich Dir schon sagte, ein kapitaler Mann, der
Dein Freund werden wird, wenn ich ihn und Dich
recht kenne.“

Achtes Kapitel.

Elf war es längst vorüber; aber Gieshübler
hatte sich noch immer nicht sehen lassen. „Ich kann
nicht länger warten,“ hatte Geert gesagt, den der
Dienst abrief. „Wenn Gieshübler noch erscheint, so
sei möglichst entgegenkommend, dann wird es vorzüglich gehen; er darf nicht verlegen werden; ist er
befangen, so kann er kein Wort finden oder sagt die
sonderbarsten Dinge; weißt Du ihn aber in Zutrauen
und gute Laune zu bringen, dann redet er wie ein
Buch. Nun, Du wirst es schon machen. Erwarte
mich nicht vor drei; es giebt drüben allerlei zu thun.
Und das mit dem Saal oben wollen wir noch überlegen ; es wird aber wohl am besten sein, wir lassen
es beim Alten.“

Damit ging Innstetten und ließ seine junge Frau
allein. Diese saß, etwas zurückgelehnt, in einem
lauschigen Winkel am Fenster und stützte sich, während
sie hinaussah, mit ihrem linken Arm auf ein kleines
Seitenbrett, das aus dem Cylinderbureau herausgezogen war. Die Straße war die Hauptverkehrsstraße nach dem Strande hin, weshalb denn auch
in Sommerzeit ein reges Leben hier herrschte, jetzt
aber, um Mitte November, war alles leer und still,
und nur ein paar arme Kinder, deren Eltern in
etlichen ganz am äußersten Rande der „Plantage“
gelegenen Strohdachhäusern wohnten, klappten in
ihren Holzpantinen an dem Innstetten'schen Hause
vorüber. Effi empfand aber nichts von dieser Einsamkeit, denn ihre Phantasie war noch immer bei den
wunderlichen Dingen, die sie, kurz vorher, während
ihrer Umschau haltenden Musterung im Hause gesehen hatte. Diese Musterung hatte mit der Küche
begonnen, deren Herd eine moderne Konstruktion
aufwies, während an der Decke hin, und zwar bis
in die Mädchenstube hinein, ein elektrischer Draht
lief, — beides vor kurzem erst hergerichtet. Effi
war erfreut gewesen, als ihr Innstetten davon erzählt
hatte, dann aber waren sie von der Küche wieder in
den Flur zurück- und von diesem in den Hof hinausgetreten, der in seiner ersten Hälfte nicht viel mehr
als ein, zwischen zwei Seitenflügeln hinlaufender
ziemlich schmaler Gang war. In diesen Flügeln
war alles untergebracht, was sonst noch zu Haushalt
und Wirtschaftsführung gehörte, rechts Mädchenstube,
Bedientenstube, Rollkammer, links eine zwischen Pferdestall und Wagenremise gelegene, von der Familie
Kruse bewohnte Kutscherwohnung. Über dieser, in
einem Verschlage, waren die Hühner einlogiert und
eine Dachklappe über dem Pferdestall bildete den Aus- und Einschlupf für die Tauben. All dies hatte sich
Effi mit vielem Interesse angesehen, aber dies Interesse
sah sich doch weit überholt, als sie, nach ihrer Rückkehr vom Hof ins Vorderhaus, unter Innstettens
Führung die nach oben führende Treppe hinaufgestiegen war. Diese war schief, baufällig, dunkel;
der Flur dagegen, auf den sie mündete, wirkte beinah'
heiter, weil er viel Licht und einen guten landschaftlichen Ausblick hatte: nach der einen Seite hin,
über die Dächer des Stadtrandes und die „Plantage“
fort, auf eine hoch auf einer Düne stehende holländische Windmühle, nach der anderen Seite hin auf
die Kessine, die hier, unmittelbar vor ihrer Einmündung, ziemlich breit war und einen stattlichen
Eindruck machte. Diesem Eindruck konnte man sich
unmöglich entziehen, und Effi hatte denn auch nicht
gesäumt, ihrer Freude lebhaften Ausdruck zu geben.
„Ja, sehr schön, sehr malerisch,“ hatte Innstetten,
ohne weiter darauf einzugehen, geantwortet, und
dann eine mit ihren Flügeln etwas schief hängende
Doppelthür geöffnet, die nach rechts hin in den sogenannten Saal führte. Dieser lief durch die ganze
Etage; Vorder- und Hinterfenster standen auf, und
die mehr erwähnten langen Gardinen bewegten sich
in dem starken Luftzuge hin und her. In der Mitte
der einen Längswand sprang ein Kamin vor mit
einer großen Steinplatte, während an der Wand
gegenüber ein paar blecherne Leuchter hingen, jeder
mit zwei Lichtöffnungen, ganz so wie unten im Flur,
aber alles stumpf und ungepflegt. Effi war einigermaßen enttäuscht, sprach es auch aus und erklärte,
statt des öden und ärmlichen Saals, doch lieber die
Zimmer an der gegenübergelegenen Flurseite sehen
zu wollen. „Da ist nun eigentlich vollends nichts,“
hatte Innstetten geantwortet, aber doch die Thüren
geöffnet. Es befanden sich hier vier einfenstrige
Zimmer, alle gelb getüncht, gerade wie der Saal,
und ebenfalls ganz leer. Nur in einem standen drei
Binsenstühle, die durchgesessen waren, und an die
Lehne des einen war ein kleines, nur einen halben
Finger langes Bildchen geklebt, das einen Chinesen
darstellte, blauer Rock mit gelben Pluderhosen und
einen flachen Hut auf dem Kopf. Effi sah es und
sagte: „Was soll der Chinese?“ Innstetten selber
schien von dem Bildchen überrascht und versicherte,
daß er es nicht wisse. „Das hat Christel angeklebt
oder Johanna. Spielerei. Du kannst sehen, es ist
aus einer Fibel herausgeschnitten.“ Effi fand es
auch und war nur verwundert, daß Innstetten alles
so ernsthaft nahm, als ob es doch etwas sei. Dann
hatte sie noch einmal einen Blick in den Saal gethan
und sich dabei dahin geäußert, wie es doch eigentlich
schade sei, daß das alles leer stehe. „Wir haben
unten ja nur drei Zimmer, und wenn uns wer
besucht, so wissen wir nicht aus, noch ein. Meinst
Du nicht, daß man aus dem Saal zwei hübsche
Fremdenzimmer machen könnte. Das wäre so was
für die Mama; nach hinten heraus könnte sie schlafen
und hätte den Blick auf den Fluß und die beiden
Moolen, und vorn hätte sie die Stadt und die holländische Windmühle. In Hohen-Cremmen haben
wir noch immer bloß eine Bockmühle. Nun sage,
was meinst Du dazu? Nächsten Mai wird doch
die Mama wohl kommen.“

Innstetten war mit allem einverstanden gewesen
und hatte nur zum Schlusse gesagt: „Alles ganz
gut. Aber es ist doch am Ende besser, wir logieren die
Mama drüben ein, auf dem Landratsamt; die ganze
erste Etage steht da leer, gerade so wie hier, und sie
ist da noch mehr für sich.“

Das war so das Resultat des ersten Umgangs
im Hause gewesen; dann hatte Effi drüben ihre Toilette
gemacht, nicht ganz so schnell wie Innstetten angenommen, und nun saß sie in ihres Gatten Zimmer
und beschäftigte sich in ihren Gedanken abwechselnd
mit dem kleinen Chinesen oben und mit Gieshübler,
der noch immer nicht kam. Vor einer Viertelstunde
war freilich ein kleiner, schiefschultriger und fast schon
so gut wie verwachsener Herr in einem kurzen eleganten
Pelzrock und einem hohen sehr glatt gebürsteten Cylinder
an der andern Seite der Straße vorbeigegangen und
hatte nach ihrem Fenster hinübergesehen. Aber das
konnte Gieshübler wohl nicht gewesen sein! Nein,
dieser schiefschultrige Herr, der zugleich etwas so Distinguiertes hatte, das mußte der Herr Gerichtspräsident
gewesen sein, und sie entsann sich auch wirklich, in
einer Gesellschaft bei Tante Therese, mal einen solchen
gesehen zu haben, bis ihr mit einemmale einfiel,
daß Kessin bloß einen Amtsrichter habe.

Während sie diesen Betrachtungen noch nachhing,
wurde der Gegenstand derselben, der augenscheinlich
erst eine Morgen- oder vielleicht auch eine Ermutigungspromenade um die Plantage herum gemacht
hatte, wieder sichtbar, und eine Minute später erschien
Friedrich, um Apotheker Gieshübler anzumelden.

„Ich lasse sehr bitten.“

Der armen jungen Frau schlug das Herz, weil
es das erste Mal war, daß sie sich als Hausfrau
und noch dazu als erste Frau der Stadt zu zeigen
hatte.

Friedrich half Gieshübler den Pelzrock ablegen
und öffnete dann wieder die Thür.

Effi reichte dem verlegen Eintretenden die Hand,
die dieser mit einem gewissen Ungestüm küßte. Die
junge Frau schien sofort einen großen Eindruck auf
ihn gemacht zu haben.

„Mein Mann hat mir bereits gesagt . . . Aber
ich empfange Sie hier in meines Mannes Zimmer,
. . . er ist drüben auf dem Amt und kann jeden
Augenblick zurück sein . . . Darf ich Sie bitten, bei
mir eintreten zu wollen?“

Gieshübler folgte der voranschreitenden Effi ins
Nebenzimmer, wo diese auf einen der Fauteuils wies,
während sie sich selbst ins Sofa setzte. „Daß ich
Ihnen sagen könnte, welche Freude Sie mir gestern
durch die schönen Blumen und Ihre Karte gemacht
haben. Ich hörte sofort auf, mich hier als eine
Fremde zu fühlen, und als ich dies Innstetten aussprach, sagte er mir, wir würden überhaupt gute
Freunde sein.“

„Sagte er so? Der gute Herr Landrat. Ja
der Herr Landrat und Sie, meine gnädigste Frau,
da sind, das bitte ich sagen zu dürfen, zwei liebe
Menschen zu einander gekommen. Denn wie Ihr
Herr Gemahl ist, das weiß ich, und wie Sie sind,
meine gnädigste Frau, das sehe ich.“

„Wenn Sie nur nicht mit zu freundlichen
Augen sehen. Ich bin so sehr jung. Und Jugend . . .“

„Ach, meine gnädigste Frau, sagen Sie nichts
gegen die Jugend. Die Jugend, auch in ihren
Fehlern ist sie noch schön und liebenswürdig, und
das Alter, auch in seinen Tugenden taugt es nicht
viel. Persönlich kann ich in dieser Frage freilich
nicht mitsprechen, vom Alter wohl, aber von der
Jugend nicht, denn ich bin eigentlich nie jung gewesen. Personen meines Schlages sind nie jung.
Ich darf wohl sagen, das ist das traurigste von der
Sache. Man hat keinen rechten Mut, man hat kein
Vertrauen zu sich selbst, man wagt kaum, eine Dame
zum Tanz aufzufordern, weil man ihr eine Verlegenheit ersparen will, und so gehen die Jahre hin, und
man wird alt, und das Leben war arm und leer.“

Effi gab ihm die Hand. „Ach, Sie dürfen so
was nicht sagen. Wir Frauen sind gar nicht so
schlecht.“

„O, nein, gewiß nicht . . .“

„Und wenn ich mir so zurückrufe,“ fuhr Effi
fort, „was ich alles erlebt habe . . . viel ist es nicht,
denn ich bin wenig herausgekommen und habe fast
immer auf dem Lande gelebt . . . aber wenn ich es
mir zurückrufe, so finde ich doch, daß wir immer das
lieben, was liebenswert ist. Und dann sehe ich doch
auch gleich, daß Sie anders sind als andere, dafür
haben wir Frauen ein scharfes Auge. Vielleicht ist
es auch der Name, der in Ihrem Falle mit wirkt.
Das war immer eine Lieblingsbehauptung unseres
alten Pastors Niemeyer; der Name, so liebte er zu
sagen, besonders der Taufname, habe was geheimnisvoll Bestimmendes, und Alonzo Gieshübler, so mein'
ich, schließt eine ganz neue Welt vor einem auf, ja,
fast möcht' ich sagen dürfen, Alonzo ist ein romantischer Name, ein Preziosa-Name.“

Gieshübler lächelte mit einem ganz ungemeinen
Behagen und fand den Mut, seinen für seine Verhältnisse viel zu hohen Cylinder, den er bis dahin
in der Hand gedreht hatte, bei Seite zu stellen. „Ja,
meine gnädigste Frau, da treffen Sie's.“

„O, ich verstehe. Ich habe von den Konsuln
gehört, deren Kessin so viele haben soll, und in dem
Hause des spanischen Konsuls hat Ihr Herr Vater
mutmaßlich die Tochter eines seemännischen Capitanos
kennen gelernt, wie ich annehme irgend eine schöne
Andalusierin. Andalusierinnen sind immer schön.“

„Ganz wie Sie vermuten, meine Gnädigste.
Und meine Mutter war wirklich eine schöne Frau,
so schlecht es mir persönlich zusteht, die Beweisführung
zu übernehmen. Aber als Ihr Herr Gemahl vor
drei Jahren hierher kam, lebte sie noch und hatte
noch ganz die Feueraugen. Er wird es mir bestätigen. Ich persönlich bin mehr ins Gieshübler'sche
geschlagen, Leute von wenig Exterieur, aber sonst
leidlich im Stande. Wir sitzen hier schon in der
vierten Generation, volle hundert Jahre, und wenn
es einen Apothekeradel gäbe . . .“

„So würden Sie ihn beanspruchen dürfen.
Und ich meinerseits nehme ihn für bewiesen an und
sogar für bewiesen ohne jede Einschränkung. Uns,
aus den alten Familien, wird das am leichtesten,
weil wir, so wenigstens bin ich von meinem Vater
und auch von meiner Mutter her erzogen, jede gute
Gesinnung, sie komme woher sie wolle, mit Freudigkeit gelten lassen. Ich bin eine geborene Briest und
stamme von dem Briest ab, der, am Tage vor der
Fehrbelliner Schlacht, den Überfall von Rathenow
ausführte, wovon Sie vielleicht einmal gehört
haben . . .“

„O, gewiß, meine Gnädigste, das ist ja meine
Spezialität.“

„Eine Briest also. Und mein Vater, da reichen
keine hundertmale, daß er zu mir gesagt hat: Effi
(so heiße ich nämlich) Effi, hier sitzt es, bloß hier,
und als Froben das Pferd tauschte, da war er von
Adel, und als Luther sagte ,hier stehe ich,‘ da war
er erst recht von Adel. Und ich denke, Herr Gieshübler, Innstetten hatte ganz recht, als er mir versicherte, wir würden gute Freundschaft halten.“

Gieshübler hätte nun am liebsten gleich eine
Liebeserklärung gemacht und gebeten, daß er als Cid
oder irgend sonst ein Campeador für sie kämpfen und
sterben könne. Da dies alles aber nicht ging und
sein Herz es nicht mehr aushalten konnte, so stand
er auf, suchte nach seinem Hut, den er auch glücklicherweise gleich fand, und zog sich, nach wiederholtem
Handkuß, rasch zurück, ohne weiter ein Wort gesagt
zu haben.

Neuntes Kapitel.

So war Effi's erster Tag in Kessin gewesen.
Innstetten gab ihr noch eine halbe Woche Zeit, sich
einzurichten und die verschiedensten Briefe nach Hohen-Cremmen zu schreiben, an die Mama, an Hulda und
die Zwillinge; dann aber hatten die Stadtbesuche
begonnen, die zum Teil (es regnete gerade so, daß
man sich diese Ungewöhnlichkeit schon gestatten konnte),
in einer geschlossenen Kutsche gemacht wurden. Als
man damit fertig war, kam der Landadel an die
Reihe. Das dauerte länger, da sich, bei den meist
großen Entfernungen, an jedem Tage nur eine Visite
machen ließ. Zuerst war man bei den Borcke's in
Rothenmoor, dann ging es nach Morgnitz, Dabergotz
und Kroschentin, wo man bei den Ahlemann's, den
Jatzkow's und den Grasenabb's den pflichtschuldigen
Besuch abstattete. Noch ein paar andere folgten,
unter denen auch der alte Baron v. Güldenklee auf
Papenhagen war. Der Eindruck, den Effi empfing,
war überall derselbe: mittelmäßige Menschen, von
meist zweifelhafter Liebenswürdigkeit, die, während sie
vorgaben, über Bismarck und die Kronprinzessin zu
sprechen, eigentlich nur Effi's Toilette musterten, die
von einigen als zu prätentiös für eine so jugendliche
Dame, von andern als zu wenig decent für eine Dame
von gesellschaftlicher Stellung befunden wurde. Man
merke doch an allem die Berliner Schule: Sinn für
Äußerliches und eine merkwürdige Verlegenheit und
Unsicherheit bei Berührung großer Fragen. In
Rothenmoor bei den Borcke's und dann auch bei den
Familien in Morgnitz und Dabergotz war sie für
„rationalistisch angekränkelt“, bei den Grasenabb's in
Kroschentin aber rundweg für eine „Atheistin“ erklärt worden. Allerdings hatte die alte Frau von
Grasenabb, eine Süddeutsche (geborene Stiefel von
Stiefelstein), einen schwachen Versuch gemacht, Effi
wenigstens für den Deismus zu retten; Sidonie v.
Grasenabb aber, eine dreiundvierzigjährige alte Jungfer,
war barsch dazwischengefahren: „Ich sage Dir, Mutter,
einfach Atheistin, kein Zoll breit weniger, und dabei
bleibt es,“ worauf die Alte, die sich vor ihrer eigenen
Tochter fürchtete, klüglich geschwiegen hatte.

Die ganze Tournee hatte so ziemlich zwei Wochen
gedauert, und es war am 2. Dezember, als man, zu
schon später Stunde, von dem letzten dieser Besuche
nach Kessin zurückkehrte. Dieser letzte Besuch hatte
den Güldenklee’s auf Papenhagen gegolten, bei welcher
Gelegenheit Innstetten dem Schicksal nicht entgangen
war, mit dem alten Güldenklee politisieren zu müssen.
„Ja, teuerster Landrat, wenn ich so den Wechsel der
Zeiten bedenke! Heute vor einem Menschenalter
oder ungefähr so lange, ja, da war auch ein zweiter
Dezember und der gute Louis und Napoleons-Neffe
— wenn er so 'was war und nicht eigentlich ganz
wo anders herstammte, — der kartätschte damals auf
die Pariser Kanaille. Na, das mag ihm verziehen
sein, für so 'was war er der rechte Mann, und ich
halte zu dem Satze: ,Jeder hat es geradeso gut und
so schlecht, wie er's verdient.‘ Aber daß er nachher
alle Schätzung verlor und anno 70 so mir nichts dir
nichts auch mit uns anbinden wollte, sehen Sie, Baron,
das war, ja wie sag' ich, das war eine Insolenz. Es
ist ihm aber auch heimgezahlt worden. Unser Alter
da oben läßt sich nicht spotten, der steht zu uns.“

„Ja,“ sagte Innstetten, der klug genug war,
auf solche Philistereien anscheinend ernsthaft einzugehen: „der Held und Eroberer von Saarbrücken
wußte nicht, was er that. Aber Sie dürfen nicht
zu streng mit ihm persönlich abrechnen. Wer ist am
Ende Herr in seinem Hause? Niemand. Ich richte
mich auch schon darauf ein, die Zügel der Regierung
in andere Hände zu legen, und Louis Napoleon,
nun, der war vollends ein Stück Wachs in den
Händen seiner katholischen Frau, oder sagen wir
lieber, seiner jesuitischen Frau.“

„Wachs in den Händen seiner Frau, die ihm
dann eine Nase drehte. Natürlich, Innstetten, das
war er. Aber damit wollen Sie diese Puppe doch
nicht etwa retten? Er ist und bleibt gerichtet. An
und für sich ist es übrigens noch gar nicht 'mal
erwiesen,“ und sein Blick suchte bei diesen Worten
etwas ängstlich nach dem Auge seiner Ehehälfte, „ob
nicht Frauenherrschaft eigentlich als ein Vorzug gelten
kann; nur freilich, die Frau muß danach sein. Aber
wer war diese Frau? Sie war überhaupt keine
Frau, im günstigsten Falle war sie eine Dame, das
sagt alles; „Dame“ hat beinah immer einen Beigeschmack. Diese Eugenie — über deren Verhältnis
zu dem jüdischen Bankier ich hier gern hingehe, denn
ich hasse Tugendhochmut — hatte 'was vom Café
chantant, und wenn die Stadt, in der sie lebte,
das Babel war, so war sie das Weib von Babel,
Ich mag mich nicht deutlicher ausdrücken, denn ich
weiß,“ und er verneigte sich gegen Effi, „was ich
deutschen Frauen schuldig bin. Um Vergebung, meine
Gnädigste, daß ich diese Dinge vor Ihren Ohren
überhaupt berührt habe.“

So war die Unterhaltung gegangen, nachdem
man vorher von Wahl, Nobiling und Raps gesprochen
hatte, und nun saßen Innstetten und Effi wieder
daheim und plauderten noch eine halbe Stunde. Die
beiden Mädchen im Hause waren schon zu Bett,
denn es war nah' an Mitternacht.

Innstetten, in kurzem Hausrock und Saffianschuhen, ging auf und ab; Effi war noch in ihrer
Gesellschaftstoilette; Fächer und Handschuhe lagen
neben ihr.

„Ja,“ sagte Innstetten, während er sein Auf- und Abschreiten im Zimmer unterbrach, „diesen Tag
müßten wir nun wohl eigentlich feiern, und ich weiß
nur noch nicht womit. Soll ich Dir einen Siegesmarsch vorspielen oder den Haifisch draußen in Bewegung setzen oder Dich im Triumph über den Flur
tragen? Etwas muß doch geschehen, denn Du mußt
wissen, das war nun heute die letzte Visite.“

„Gott sei Dank, war sie's,“ sagte Effi. „Aber
das Gefühl, daß wir nun Ruhe haben, ist, denk' ich,
gerade Feier genug. Nur einen Kuß könntest Du
mir geben. Aber daran denkst Du nicht. Auf dem
ganzen weiten Wege nicht gerührt, frostig wie ein
Schneemann. Und immer nur die Zigarre.“

„Laß, ich werde mich schon bessern und will
vorläufig nur wissen, wie stehst Du zu dieser ganzen
Umgangs- und Verkehrsfrage? Fühlst Du Dich
zu dem einen oder andern hingezogen? Haben die
Borcke's die Grasenabb's geschlagen, oder umgekehrt,
oder hältst Du's mit dem alten Güldenklee? Was
er da über die Eugenie sagte, machte doch einen sehr
edlen und reinen Eindruck.“

„Ei, sieh, Herr von Innstetten, auch medisant!
Ich lerne Sie von einer ganz neuen Seite kennen.“

„Und wenn's unser Adel nicht thut,“ fuhr
Innstetten fort, ohne sich stören zu lassen „wie stehst
Du zu den Kessiner Stadthonoratioren? wie stehst
Du zur Ressource? Daran hängt doch am Ende
Leben und Sterben. Ich habe Dich da neulich mit
unserem reserveleutnantlichen Amtsrichter sprechen
sehen, einem zierlichen Männchen, mit dem sich vielleicht durchkommen ließe, wenn er nur endlich von
der Vorstellung los könnte, die Wiedereroberung von
Le Bourget durch sein Erscheinen in der Flanke zu
stande gebracht zu haben. Und seine Frau! sie gilt
als die beste Bostonspielerin und hat auch die
hübschesten Anlegemarken. Also nochmals, Effi, wie
wird es werden in Kessin? Wirst Du Dich einleben? Wirst Du populär werden und mir die
Majorität sichern, wenn ich in den Reichstag will?
Oder bist Du für Einsiedlertum, für Abschluß von
der Kessiner Menschheit, so Stadt wie Land?“

„Ich werde mich wohl für Einsiedlertum entschließen, wenn mich die Mohrenapotheke nicht herausreißt. Bei Sidonie werd' ich dadurch freilich
noch etwas tiefer sinken, aber darauf muß ich es
ankommen lassen; dieser Kampf muß eben gekämpft
werden. Ich steh' und falle mit Gieshübler. Es
klingt etwas komisch, aber er ist wirklich der einzige
mit dem sich ein Wort reden läßt, der einzige richtige
Mensch hier.“

„Das ist er,“ sagte Innstetten. „Wie gut Du
zu wählen verstehst.“

„Hätte ich sonst Dich?“ sagte Effi und hing
sich an seinen Arm.

Das war am 2. Dezember. Eine Woche später
war Bismarck in Varzin, und nun wußte Innstetten,
daß, bis Weihnachten und vielleicht noch drüber hinaus, an ruhige Tage für ihn gar nicht mehr zu
denken sei. Der Fürst hatte noch von Versailles
her eine Vorliebe für ihn und lud ihn, wenn Besuch da
war, häufig zu Tisch, aber auch allein, denn der jugendliche, durch Haltung und Klugheit gleich ausgezeichnete
Landrat stand ebenso in Gunst bei der Fürstin.

Zum 14. erfolgte die erste Einladung. Es lag
Schnee, weshalb Innstetten die fast zweistündige Fahrt
bis an den Bahnhof, von wo noch eine Stunde
Eisenbahn war, im Schlitten zu machen vorhatte.
„Warte nicht auf mich, Effi. Vor Mitternacht kann
ich nicht zurück sein; wahrscheinlich wird es zwei
oder noch später. Ich störe Dich aber nicht. Gehab
Dich wohl und auf Wiedersehen morgen früh.“
Und damit stieg er ein, und die beiden isabellfarbenen
Graditzer jagten im Fluge durch die Stadt hin und
dann landeinwärts auf den Bahnhof zu.

Das war die erste lange Trennung, fast auf
zwölf Stunden. Arme Effi. Wie sollte sie den
Abend verbringen? Früh zu Bett, das war gefährlich,
dann wachte sie auf und konnte nicht wieder einschlafen und horchte auf alles. Nein, erst recht müde
werden und dann ein fester Schlaf, das war das
Beste. Sie schrieb einen Brief an die Mama und
ging dann zu der Frau Kruse, deren gemütskranker
Zustand — sie hatte das schwarze Huhn oft bis in
die Nacht hinein auf ihrem Schoß — ihr Teilnahme
einflößte. Die Freundlichkeit indessen, die sich darin
aussprach, wurde von der in ihrer überheizten Stube
sitzenden und nur still und stumm vor sich hinbrütenden Frau keinen Augenblick erwidert, weshalb Effi,
als sie wahrnahm, daß ihr Besuch mehr als Störung
wie als Freude empfunden wurde, wieder ging und
nur noch fragte, ob die Kranke etwas haben wolle.
Diese lehnte aber alles ab.

Inzwischen war es Abend geworden, und die
Lampe brannte schon. Effi stellte sich ans Fenster
ihres Zimmers und sah auf das Wäldchen hinaus,
auf dessen Zweigen der glitzernde Schnee lag. Sie
war von dem Bilde ganz in Anspruch genommen
und kümmerte sich nicht um das, was hinter ihr in
dem Zimmer vorging. Als sie sich wieder umsah, bemerkte sie, daß Friedrich still und geräuschlos ein Kouvert gelegt und ein Kabarett auf den Sofatisch gestellt
hatte. „Ja so, Abendbrot . . . Da werd' ich mich
nun wohl setzen müssen.“ Aber es wollte nicht
schmecken, und so stand sie wieder auf und las den
an die Mama geschriebenen Brief noch einmal durch.
Hatte sie schon vorher ein Gefühl der Einsamkeit
gehabt, so jetzt doppelt. Was hätte sie darum gegeben,
wenn die beiden Jahnke'schen Rotköpfe jetzt eingetreten
wären oder selbst Hulda. Die war freilich immer
so sentimental und beschäftigte sich meist nur mit
ihren Triumphen, aber so zweifelhaft und anfechtbar
diese Triumphe waren, sie hätte sich in diesem Augenblicke doch gern davon erzählen lassen. Schließlich
klappte sie den Flügel auf, um zu spielen; aber es
ging nicht. „Nein, dabei werd' ich vollends melancholisch; lieber lesen.“ Und so suchte sie nach einem
Buche. Das erste, was ihr zu Händen kam, war
ein dickes, rotes Reisehandbuch, alter Jahrgang, vielleicht schon aus Innstettens Leutnantstagen her.
„Ja, darin will ich lesen; es giebt nichts Beruhigenderes als solche Bücher. Das Gefährliche sind bloß
immer die Karten; aber vor diesem Augenpulver,
das ich hasse, werd' ich mich schon hüten.“ Und
so schlug sie denn auf gut Glück auf, Seite 153.
Nebenan hörte sie das Ticktack der Uhr und draußen
Rollo, der, seit es dunkel war, seinen Platz in der
Remise aufgegeben und sich, wie jeden Abend, so
auch heute wieder, auf die große geflochtene Matte,
die vor dem Schlafzimmer lag, ausgestreckt hatte.
Das Bewußtsein seiner Nähe minderte das Gefühl
ihrer Verlassenheit, ja, sie kam fast in Stimmung,
und so begann sie denn auch unverzüglich zu lesen.
Auf der gerade vor ihr aufgeschlagenen Seite war
von der „Eremitage“, dem bekannten markgräflichen
Luftschloß in der Nähe von Bayreuth, die Rede;
das lockte sie, Bayreuth, Richard Wagner, und so
las sie denn: „Unter den Bildern in der Eremitage
nennen wir noch eins, das nicht durch seine Schönheit, wohl aber durch sein Alter und durch die Person,
die es darstellt, ein Interesse beansprucht. Es ist
dies ein stark nachgedunkeltes Frauenporträt, kleiner
Kopf, mit herben, etwas unheimlichen Gesichtszügen
und einer Halskrause, die den Kopf zu tragen scheint.
Einige meinen, es sei eine alte Markgräfin aus dem
Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, andere sind der
Ansicht, es sei die Gräfin von Orlamünde; darin
aber sind beide einig, daß es das Bildnis der Dame
sei, die seither in der Geschichte der Hohenzollern
unter dem Namen der ,weißen Frau‘ eine gewisse
Berühmtheit erlangt hat.“

„Das hab' ich gut getroffen,“ sagte Effi, während
sie das Buch bei Seite schob; „ich will mir die
Nerven beruhigen, und das Erste, was ich lese, ist
die Geschichte von der weißen Frau, vor der ich mich
gefürchtet habe, so lang' ich denken kann. Aber da nun
das Gruseln 'mal da ist, will ich doch auch zu Ende lesen.“

Und sie schlug wieder auf und las weiter:
„. . . Eben dies alte Porträt (dessen Original in der
Hohenzollernschen Familiengeschichte solche Rolle spielt)
spielt als Bild auch eine Rolle in der Spezialgeschichte des Schlosses Eremitage, was wohl damit
zusammenhängt, daß es an einer dem Fremden
unsichtbaren Tapetentür hängt, hinter der sich eine
vom Souterrain her hinaufführende Treppe befindet.
Es heißt, daß, als Napoleon hier übernachtete, die
,weiße Frau' aus dem Rahmen herausgetreten und
auf sein Bett zugeschritten sei. Der Kaiser, entsetzt
auffahrend, habe nach seinem Adjutanten gerufen
und bis an sein Lebensende mit Entrüstung von
diesem „maudit château“ gesprochen.“

„Ich muß es aufgeben, mich durch Lektüre beruhigen zu wollen,“ sagte Effi. Lese ich weiter, so
komm ich gewiß noch nach einem Kellergewölbe, wo
der Teufel auf einem Weinfaß davongeritten ist.
Es giebt, glaub' ich, in Deutschland viel dergleichen,
und in einem Reisehandbuch muß es sich natürlich
alles zusammenfinden. Ich will also lieber wieder die
Augen schließen und mir, so gut es geht, meinen Polterabend vorstellen: die Zwillinge, wie sie vor Thränen
nicht weiterkonnten, und dazu den Vetter Briest,
der, als sich alles verlegen anblickte, mit erstaunlicher
Würde behauptete, solche Thränen öffneten einem das
Paradies. Er war wirklich charmant und immer
so übermütig . . . Und nun ich! Und gerade hier.
Ach, ich tauge doch gar nicht für eine große Dame.
Die Mama, ja, die hätte hierher gepaßt, die hätte,
wie's einer Landrätin zukommt, den Ton angegeben,
und Sidonie Grasenabb wäre ganz Huldigung gegen
sie gewesen und hätte sich über ihren Glauben oder
Unglauben nicht groß beunruhigt. Aber ich …
Ich bin ein Kind und werd' es auch wohl bleiben.
Einmal hab' ich gehört, das sei ein Glück. Aber ich
weiß doch nicht, ob das wahr ist. Man muß doch
immer dahin passen, wohin man nun 'mal gestellt ist.“

In diesem Augenblicke kam Friedrich, um den
Tisch abzuräumen.

„Wie spät ist es, Friedrich?“

„Es geht auf neun, gnäd'ge Frau.“

„Nun, das läßt sich hören. Schicken Sie mir
Johanna.“

„Gnäd'ge Frau haben befohlen.“

„Ja, Johanna. Ich will zu Bett gehen. Es
ist eigentlich noch früh. Aber ich bin so allein.
Bitte, thun Sie den Brief erst ein, und wenn Sie
wieder da sind, nun, dann wird es wohl Zeit sein.
Und wenn auch nicht.“

Effi nahm die Lampe und ging in ihr Schlafzimmer hinüber. Richtig, auf der Binsenmatte lag
Rollo. Als er Effi kommen sah, erhob er sich, um
den Platz frei zu geben, und strich mit seinem Behang an ihrer Hand hin. Dann legte er sich wieder
nieder.

Johanna war inzwischen nach dem Landratsamt
hinübergegangen, um da den Brief einzustecken. Sie
hatte sich drüben nicht sonderlich beeilt, vielmehr vorgezogen, mit der Frau Paaschen, des Amtsdieners
Frau, ein Gespräch zu führen. Natürlich über die
junge Frau.

„Wie ist sie denn?“ fragte die Paaschen.

„Sehr jung ist sie.“

„Nun, das ist kein Unglück, eher umgekehrt.
Die Jungen, und das ist eben das Gute, stehen
immer bloß vorm Spiegel und zupfen und stecken
sich 'was vor und sehen nicht viel und hören nicht
viel und sind noch nicht so, daß sie draußen immer
die Lichtstümpfe zählen und einem nicht gönnen,
daß man einen Kuß kriegt, bloß weil sie selber
keinen mehr kriegen.“

„Ja,“ sagte Johanna, „so war meine vorige
Madam und ganz ohne Not. Aber davon hat unsere
Gnäd'ge nichts.“

„Ist er denn sehr zärtlich?“

„O sehr. Das können Sie doch wohl denken.“

„Aber daß er sie so allein läßt . . .“

„Ja, liebe Paaschen, Sie dürfen nicht vergessen
. . . der Fürst. Und dann, er ist ja doch am Ende
Landrat. Und vielleicht will er auch noch höher.“

„Gewiß, will er. Und er wird auch noch.
Er hat so 'was. Paaschen sagt es auch immer, und
der kennt seine Leute.“

Während dieses Ganges drüben nach dem Amt
hinüber war wohl eine Viertelstunde vergangen, und
als Johanna wieder zurück war, saß Effi schon vor
dem Trumeau und wartete.

„Sie sind lange geblieben, Johanna.“

„Ja, gnäd'ge Frau . . . Gnäd'ge Frau wollen
entschuldigen . . . Ich traf drüben die Frau Paaschen,
und da hab' ich mich ein wenig verweilt. Es ist
so still hier. Man ist immer froh, wenn man einen
Menschen trifft, mit dem man ein Wort sprechen
kann. Christel ist eine sehr gute Person, aber sie
spricht nicht, und Friedrich ist so dusig und auch so
vorsichtig und will mit der Sprache nie recht heraus.
Gewiß, man muß auch schweigen können, und die
Paaschen, die so neugierig und so ganz gewöhnlich
ist, ist eigentlich gar nicht nach meinem Geschmack;
aber man hat es doch gern, wenn man 'mal 'was
hört und sieht.“

Effi seufzte. „Ja, Johanna, das ist auch das
Beste . . .“

„Gnäd'ge Frau haben so schönes Haar, so lang
und so seidenweich.“

„Ja, es ist sehr weich. Aber das ist nicht gut,
Johanna. Wie das Haar ist, ist der Charakter.“

„Gewiß, gnäd'ge Frau. Und ein weicher
Charakter ist doch besser als ein harter. Ich habe
auch weiches Haar.“

„Ja, Johanna. Und Sie haben auch blondes.
Das haben die Männer am liebsten.“

„Ach, das ist doch sehr verschieden, gnäd'ge Frau.
Manche sind doch auch für das schwarze.“

„Freilich,“ lachte Effi, „das habe ich auch schon
gefunden. Es wird wohl an 'was ganz anderem
liegen. Aber die, die blond sind, die haben auch
immer einen weißen Teint, Sie auch, Johanna, und
ich möchte mich wohl verwetten, daß Sie viel Nachstellung haben. Ich bin noch sehr jung, aber das
weiß ich doch auch. Und dann habe ich eine Freundin,
die war auch so blond, ganz flachsblond, noch blonder als Sie, und war eine Predigerstochter . . .“

„Ja, denn . . .“

„Aber ich bitte Sie, Johanna, was meinen Sie
mit „ja denn.“ Das klingt ja ganz anzüglich und
sonderbar, und Sie werden doch nichts gegen Predigerstöchter haben . . . Es war ein sehr hübsches
Mädchen, was selbst unsere Offiziere — wir hatten
nämlich Offiziere, noch dazu rote Husaren — auch
immer fanden, und verstand sich dabei sehr gut auf
Toilette, schwarzes Sammetmieder und eine Blume,
Rose oder auch Heliotrop, und wenn sie nicht so
vorstehende große Augen gehabt hätte . . . ach, die
hätten Sie sehen sollen, Johanna, wenigstens so groß
(und Effi zog unter Lachen an ihrem rechten Augenlid), so wäre sie geradezu eine Schönheit gewesen.
Sie hieß Hulda, Hulda Niemeyer, und wir waren
nicht einmal so ganz intim; aber wenn ich sie jetzt
hier hätte, und sie da säße, da in der kleinen Sofaecke, so wollte ich bis Mitternacht mit ihr plaudern
oder noch länger. Ich habe solche Sehnsucht und . . .“
und dabei zog sie Johanna's Kopf dicht an sich
heran . . . „ich habe solche Angst.“

„Ach, das giebt sich, gnäd'ge Frau, die hatten
wir alle.“

„Die hattet ihr alle? Was soll das heißen,
Johanna?“

„. . . Und wenn die gnäd'ge Frau wirklich
solche Angst haben, so kann ich mir ja ein Lager
hier machen. Ich nehme die Strohmatte und kehre
einen Stuhl um, daß ich eine Kopflehne habe, und
dann schlafe ich hier bis morgen früh oder bis der
gnäd'ge Herr wieder da ist.“

„Er will mich nicht stören. Das hat er mir
eigens versprochen.“

„Oder ich setze mich bloß in die Sofaecke.“

„Ja, das ginge vielleicht. Aber nein, es geht
auch nicht. Der Herr darf nicht wissen, daß ich
mich ängstige, das liebt er nicht. Er will immer,
daß ich tapfer und entschlossen bin, so wie er. Und
das kann ich nicht; ich war immer etwas anfällig . . .
Aber freilich, ich sehe wohl ein, ich muß mich bezwingen und ihm in solchen Stücken und überhaupt
zu Willen sein . . . Und dann habe ich ja auch
Rollo. Der liegt ja vor der Thürschwelle.“

Johanna nickte zu jedem Wort und zündete
dann das Licht an, das auf Effi's Nachttisch stand.
Dann nahm sie die Lampe. „Befehlen gnäd'ge Frau
noch etwas?“

„Nein, Johanna. Die Läden sind doch festgeschlossen?“

„Bloß angelegt, gnäd'ge Frau. Es ist sonst so
dunkel und so stickig.“

„Gut. gut.“

Und nun entfernte sich Johanna; Effi aber
ging auf ihr Bett zu und wickelte sich in ihre
Decken.

Sie ließ das Licht brennen, weil sie gewillt
war, nicht gleich einzuschlafen, vielmehr vorhatte,
wie vorhin ihren Polterabend, so jetzt ihre Hochzeitsreise zu rekapitulieren und alles an sich vorüberziehen zu lassen. Aber es kam anders, wie sie gedacht, und als sie bis Verona war und nach dem
Hause der Julia Capulet suchte, fielen ihr schon die
Augen zu. Das Stümpfchen Licht in dem kleinen
Silberleuchter brannte allmählich nieder, und nun
flackerte es noch einmal auf und erlosch.

Effi schlief eine Weile ganz fest. Aber mit
einemmale fuhr sie mit einem lauten Schrei aus
ihrem Schlafe auf, ja, sie hörte selber noch den
Aufschrei und auch wie Rollo draußen anschlug; —
„wau, wau“ klang es den Flur entlang, dumpf und
selber beinah ängstlich. Ihr war, als ob ihr das
Herz stillstände; sie konnte nicht rufen, und in diesem
Augenblicke huschte 'was an ihr vorbei, und die nach
dem Flur hinausführende Thür sprang auf. Aber
eben dieser Moment höchster Angst war auch der
ihrer Befreiung, denn, statt etwas Schrecklichem, kam
jetzt Rollo auf sie zu, suchte mit seinem Kopf nach
ihrer Hand und legte sich, als er diese gefunden,
auf den vor ihrem Bett ausgebreiteten Teppich nieder.
Effi selber aber hatte mit der andern Hand dreimal
auf den Knopf der Klingel gedrückt, und keine halbe
Minute, so war Johanna da, barfüßig, den Rock
über dem Arm und ein großes karriertes Tuch über
Kopf und Schulter geschlagen.

„Gott sei Dank, Johanna, daß Sie da sind.“

„Was war denn, gnäd'ge Frau? Gnäd'ge
Frau haben geträumt.“

„Ja, geträumt. Es muß so 'was gewesen sein . . .
aber es war doch auch noch 'was anderes.“

„Was denn, gnäd'ge Frau?“

„Ich schlief ganz fest, und mit einemmale fuhr
ich auf und schrie . . . vielleicht, daß es ein Albdruck
war . . . Albdruck ist in unserer Familie, mein Papa
hat es auch und ängstigt uns damit, und nur die
Mama sagt immer, er solle sich nicht so gehen lassen;
aber das ist leicht gesagt . . . ich fuhr also auf aus
dem Schlaf und schrie, und als ich mich umsah, so
gut es eben ging in dem Dunkel, da strich 'was an
meinem Bett vorbei, gerade da, wo Sie jetzt stehen,
Johanna, und dann war es weg. Und wenn ich
mich recht frage, was es war . . .“

„Nun was denn, gnäd'ge Frau?“

„Und wenn ich mich recht frage . . . ich mag
es nicht sagen, Johanna . . . aber ich glaube der
Chinese.“

„Der von oben?“ und Johanna versuchte zu
lachen, „unser kleiner Chinese, den wir an die Stuhllehne geklebt haben, Christel und ich. Ach, gnäd'ge
Frau haben geträumt, und wenn Sie schon wach
waren, so war es doch alles noch aus dem Traum.“

„Ich würd' es glauben. Aber es war genau
derselbe Augenblick, wo Rollo draußen anschlug, der
muß es also auch gesehen haben, und dann flog die
Thür auf, und das gute, treue Tier sprang auf mich
los, als ob es mich zu retten käme. Ach, meine
liebe Johanna, es war entsetzlich. Und ich so allein,
und so jung. Ach, wenn ich doch wen hier hätte,
bei dem ich weinen könnte. Aber so weit von
Hause . . . Ach, von Hause . . .“

„Der Herr kann jede Stunde kommen.“

„Nein, er soll nicht kommen; er soll mich so
nicht sehen. Er würde mich vielleicht auslachen, und
das könnt' ich ihm nie verzeihen. Denn es war so
furchtbar, Johanna . . . Sie müssen nun bleiben . . .
Aber lassen Sie Christel schlafen und Friedrich auch.
Es soll es keiner wissen.“

„Oder vielleicht kann ich auch die Frau Kruse
holen; die schläft doch nicht, die sitzt die ganze
Nacht da.“

„Nein, nein, die ist selber so 'was. Das mit
dem schwarzen Huhn, das ist auch so 'was; die darf
nicht kommen. Nein, Johanna, Sie bleiben allein
hier. Und wie gut, daß Sie die Läden nur angelegt. Stoßen Sie sie auf, recht laut, daß ich einen
Ton höre, einen menschlichen Ton, . . . ich muß es
so nennen, wenn es auch sonderbar klingt . . . und
dann machen Sie das Fenster ein wenig auf, daß
ich Luft und Licht habe.“

Johanna that, wie ihr geheißen, und Effi fiel
in ihre Kissen zurück und bald danach in einen
lethargischen Schlaf.

Zehntes Kapitel.

Innstetten war erst sechs Uhr früh von Varzin
zurückgekommen und hatte sich, Rollos Liebkosungen
abwehrend, so leise wie möglich in sein Zimmer
zurückgezogen. Er machte sich's hier bequem und
duldete nur, daß ihn Friedrich mit einer Reisedecke
zudeckte. „Wecke mich um neun.“ Und um diese
Stunde war er denn auch geweckt worden. Er stand
rasch auf und sagte: „Bringe das Frühstück.“

„Die gnädige Frau schläft noch.“

„Aber es ist ja schon spät. Ist etwas passiert?“

„Ich weiß es nicht; ich weiß nur, Johanna
hat die Nacht über im Zimmer der gnädigen Frau
schlafen müssen.“

„Nun, dann schicke Johanna.“

Diese kam denn auch. Sie hatte denselben
rosigen Teint wie immer, schien sich also die Vorgänge
der Nacht nicht sonderlich zu Gemüte genommen zu
haben.

„Was ist das mit der gnäd'gen Frau? Friedrich
sagt mir, es sei 'was passiert und Sie hätten drüben
geschlafen.“

„Ja, Herr Baron. Gnäd'ge Frau klingelte dreimal ganz rasch hinter einander, daß ich gleich dachte,
es bedeutet 'was. Und so war es auch. Sie hat
wohl geträumt oder vielleicht war es auch das
andere.“

„Welches andere?“

„Ach, der gnäd'ge Herr wissen ja.“

„Ich weiß nichts. Jedenfalls muß ein Ende damit
gemacht werden. Und wie fanden Sie die Frau?“

„Sie war wie außer sich und hielt das Halsband
von Rollo, der neben dem Bett der gnäd'gen Frau
stand, fest umklammert. Und das Tier ängstigte
sich auch.“

„Und was hatte sie geträumt oder, meinetwegen
auch, was hatte sie gehört oder gesehen? Was
sagte sie?

„Es sei so hingeschlichen, dicht an ihr vorbei.“

„Was? Wer?“

„Der von oben. Der aus dem Saal oder aus
der kleinen Kammer.“

„Unsinn, sag' ich. Immer wieder das alberne
Zeug; ich mag davon nicht mehr hören. Und dann
blieben Sie bei der Frau?“

„Ja, gnäd'ger Herr. Ich machte mir ein Lager
an der Erde dicht neben ihr. Und ich mußte ihre
Hand halten, und dann schlief sie ein.“

„Und sie schläft noch?“

„Ganz fest.“

„Das ist mir ängstlich, Johanna. Man kann
sich gesund schlafen, aber auch krank. Wir müssen
sie wecken, natürlich vorsichtig, daß sie nicht wieder
erschrickt. Und Friedrich soll das Frühstück nicht
bringen; ich will warten, bis die gnäd'ge Frau da
ist. Und machen Sie's geschickt.“

Eine halbe Stunde später kam Effi. Sie sah
reizend aus, ganz blaß, und stützte sich auf Johanna.
Als sie aber Innstetten's ansichtig wurde, stürzte sie
auf ihn zu und umarmte und küßte ihn. Und dabei
liefen ihr die Thränen übers Gesicht. „Ach, Geert,
Gott sei Dank, daß Du da bist. Nun ist alles wieder
gut. Du darfst nicht wieder fort, Du darfst mich
nicht wieder allein lassen.“

„Meine liebe Effi . . . stellen Sie hin, Friedrich,
ich werde schon alles zurecht machen . . . meine liebe
Effi, ich lasse Dich ja nicht allein aus Rücksichtslosigkeit oder Laune, sondern weil es so sein muß;
ich habe keine Wahl, ich bin ein Mann im Dienst,
ich kann zum Fürsten oder auch zur Fürstin nicht
sagen: Durchlaucht, ich kann nicht kommen, meine
Frau ist so allein, oder meine Frau fürchtet sich.
Wenn ich das sagte, würden wir in einem ziemlich
komischen Lichte dastehen, ich gewiß, und Du auch.
Aber nimm erst eine Tasse Kaffee.“

Effi trank, was sie sichtlich belebte. Dann ergriff
sie wieder ihres Mannes Hand und sagte: „Du
sollst recht haben; ich sehe ein, das geht nicht. Und
dann wollen wir ja auch höher hinauf. Ich sage
wir, denn ich bin eigentlich begieriger danach als
Du . . .“

„So sind alle Frauen,“ lachte Innstetten.

„Also abgemacht; Du nimmst die Einladungen
an nach wie vor, und ich bleibe hier und warte auf
meinen ,hohen Herrn‘, wobei mir Hulda unterm
Holunderbaum einfällt. Wie's ihr wohl gehen
mag?“

„Damen, wie Hulda, geht es immer gut. Aber
was wolltest Du noch sagen?“

„Ich wollte sagen, ich bleibe hier und auch
allein, wenn es sein muß. Aber nicht in diesem
Hause. Laß uns die Wohnung wechseln. Es giebt
so hübsche Häuser am Bollwerk, eins zwischen Konsul
Martens und Konsul Grützmacher und eins am
Markt, gerade gegenüber von Gieshübler; warum
können wir da nicht wohnen? Warum gerade hier?
Ich habe, wenn wir Freunde und Verwandte zum
Besuch hatten, oft gehört, daß in Berlin Familien
ausziehen wegen Klavierspiel oder wegen Schwaben
oder wegen einer unfreundlichen Portiersfrau; wenn
das um solcher Kleinigkeit willen geschieht . . .“

„Kleinigkeiten? das sage nicht . . .“

„Wenn das um solcher Dinge willen möglich
ist, so muß es doch auch hier möglich sein, wo Du
Landrat bist und die Leute Dir zu Willen sind und
viele selbst zu Dank verpflichtet. Gieshübler würde
uns gewiß dabei behülflich sein, wenn auch nur um
meinetwegen, denn er wird Mitleid mit mir haben.
Und nun sage, Geert, wollen wir dies verwunschene
Haus aufgeben, dies Haus mit dem . . .“

„. . . Chinesen willst Du sagen. Du siehst,
Effi, man kann das furchtbare Wort aussprechen,
ohne daß er erscheint. Was Du da gesehen hast
oder was da, wie Du meinst, an Deinem Bette
vorüberschlich, das war der kleine Chinese, den die
Mädchen oben an die Stuhllehne geklebt haben; ich
wette, daß er einen blauen Rock an hatte und einen
ganz flachen Deckelhut mit einem blanken Knopf
oben.“

Sie nickte.

„Nun siehst Du, Traum, Sinnestäuschung.
Und dann wird Dir Johanna wohl gestern Abend
'was erzählt haben, von der Hochzeit hier oben . . .“

„Nein.“

„Desto besser.“

„Kein Wort hat sie mir erzählt. Aber ich sehe
doch aus dem allen, daß es hier etwas Sonderbares
giebt. Und dann das Krokodil; es ist alles so unheimlich hier.“

„Den ersten Abend, als Du das Krokodil sahst,
fandest Du's märchenhaft . . .“

„Ja, damals . . .“

„ . . . Und dann, Effi, kann ich hier nicht gut
fort, auch wenn es möglich wäre, das Haus zu verkaufen oder einen Tausch zu machen. Es ist damit
ganz wie mit einer Absage nach Varzin hin. Ich
kann hier in der Stadt die Leute nicht sagen lassen,
Landrat Innstetten verkauft sein Haus, weil seine
Frau den aufgeklebten kleinen Chinesen als Spuk an
ihrem Bette gesehen hat. Dann bin ich verloren,
Effi. Von solcher Lächerlichkeit kann man sich nie
wieder erholen.“

„Ja, Geert, bist Du denn so sicher, daß es so
'was nicht giebt?“

„Will ich nicht behaupten. Es ist eine Sache,
die man glauben und noch besser nicht glauben kann.
Aber angenommen, es gäbe dergleichen, was schadet
es? Daß in der Luft Bacillen herumfliegen, von
denen Du gehört haben wirst, ist viel schlimmer und
gefährlicher als diese ganze Geistertummellage. Vorausgesetzt, daß sie sich tummeln, daß so 'was wirklich existiert. Und dann bin ich überrascht, solcher
Furcht und Abneigung gerade bei Dir zu begegnen,
bei einer Briest. Das ist ja, wie wenn Du aus
einem kleinen Bürgerhause stammtest. Spuk ist ein
Vorzug, wie Stammbaum und dergleichen, und ich
kenne Familien, die sich ebenso gern ihr Wappen
nehmen ließen als ihre ,weiße Frau‘, die natürlich
auch eine schwarze sein kann.“

Effi schwieg.

„Nun, Effi. Keine Antwort?“

„Was soll ich antworten? Ich habe Dir nachgegeben und mich willig gezeigt, aber ich finde doch,
daß Du Deinerseits teilnahmsvoller sein könntest.
Wenn Du wüßtest, wie mir gerade danach verlangt.
Ich habe sehr gelitten, wirklich sehr, und als ich
Dich sah, da dacht' ich, nun würd' ich frei werden
von meiner Angst. Aber Du sagst mir bloß, daß
Du nicht Lust hättest, Dich lächerlich zu machen,
nicht vor dem Fürsten und auch nicht vor der Stadt.
Das ist ein geringer Trost. Ich finde es wenig und
um so weniger, als Du Dir schließlich auch noch
widersprichst, und nicht bloß persönlich an diese Dinge
zu glauben scheinst, sondern auch noch einen adligen
Spukstolz von mir forderst. Nun, den hab' ich nicht.
Und wenn Du von Familien sprichst, denen ihr
Spuk so viel wert sei wie ihr Wappen, so ist das
Geschmackssache; mir gilt mein Wappen mehr. Gott
sei Dank haben wir Briest's keinen Spuk. Die
Briest's waren immer sehr gute Leute, und damit
hängt es wohl zusammen.“

Der Streit hätte wohl noch angedauert und
vielleicht zu einer ersten ernstlichen Verstimmung geführt, wenn Friedrich nicht eingetreten wäre, um der
gnädigen Frau einen Brief zu überreichen. „Von
Herrn Gieshübler. Der Bote wartet auf Antwort.“

Aller Unmut auf Effi's Antlitz war sofort verschwunden ; schon bloß Gieshübler's Namen zu hören,
that Effi wohl, und ihr Wohlgefühl steigerte sich,
als sie jetzt den Brief musterte. Zunächst war es
gar kein Brief, sondern ein Billet, die Adresse „Frau
Baronin von Innstetten, geb. von Briest“ in wundervoller Kanzleihandschrift, und statt des Siegels ein
aufgeklebtes rundes Bildchen, eine Lyra, darin ein
Stab steckte. Dieser Stab konnte aber auch ein
Pfeil sein. Sie reichte das Billet ihrem Manne,
der es ebenfalls bewunderte.

„Nun lies aber.“

Und nun löste Effi die Oblate und las: „Hochverehrteste Frau, gnädigste Frau Baronin! Gestatten
Sie mir, meinem respektvollsten Vormittagsgruß eine
ganz gehorsamste Bitte hinzufügen zu dürfen. Mit
dem Mittagszuge wird eine vieljährige liebe Freundin
von mir, eine Tochter unserer guten Stadt Kessin,
Fräulein Marietta Trippelli, hier eintreffen und bis
morgen früh unter uns weilen. Am 17. will sie
in Petersburg sein, um daselbst bis Mitte Januar
zu konzertieren. Fürst Kotschukoff öffnet ihr auch diesmal wieder sein gastliches Haus. In ihrer immer gleichen
Güte gegen mich hat die Trippelli mir zugesagt, den
heutigen Abend bei mir zubringen und einige Lieder
ganz nach meiner Wahl (denn sie kennt keine
Schwierigkeiten) vortragen zu wollen. Könnten sich
Frau Baronin dazu verstehen, diesem Musikabende
beizuwohnen? sieben Uhr. Ihr Herr Gemahl, auf
dessen Erscheinen ich mit Sicherheit rechne, wird
meine gehorsamste Bitte unterstützen. Anwesend nur
Pastor Lindequist (der begleitet) und natürlich die
verwitwete Frau Pastorin Trippel. In vorzüglicher
Ergebenheit A. Gieshübler.“

„Nun —“ sagte Innstetten, „ja oder nein?“

„Natürlich ja. Das wird mich herausreißen.
Und dann kann ich doch meinem lieben Gieshübler
nicht gleich bei seiner ersten Einladung einen Korb
geben.“

„Einverstanden. Also Friedrich, sagen Sie
Mirambo, der doch wohl das Billet gebracht haben
wird, wir würden die Ehre haben.“

Friedrich ging. Als er fort war, fragte Effi:
„Wer ist Mirambo?“

„Der echte Mirambo ist Räuberhauptmann in
Afrika . . . Tanganika-See, wenn Deine Geographie
so weit reicht . . . unserer aber ist bloß Gieshübler's
Kohlenprovisor und Faktotum und wird heute abend
in Frack und baumwollenen Handschuhen sehr wahrscheinlich aufwarten.“

Es war ganz ersichtlich, daß der kleine Zwischenfall auf Effi günstig eingewirkt und ihr ein gut
Teil ihrer Leichtlebigkeit zurückgegeben hatte, Innstetten aber wollte das Seine thun, diese Rekonvaleszenz zu steigern. „Ich freue mich, daß Du ja gesagt hast und so rasch und ohne Besinnen, und nun
möcht' ich Dir noch einen Vorschlag machen, um
Dich ganz wieder in Ordnung zu bringen. Ich sehe
wohl, es schleicht Dir noch von der Nacht her etwas
nach, das zu meiner Effi nicht paßt, das durchaus
wieder fort muß, und dazu giebt es nichts besseres
als frische Luft. Das Wetter ist prachtvoll, frisch
und milde zugleich, kaum daß ein Lüftchen geht;
was meinst Du, wenn wir eine Spazierfahrt machten,
aber eine lange, nicht bloß so durch die Plantage hin,
und natürlich im Schlitten und das Geläut auf und
die weißen Schneedecken, und wenn wir dann um
vier zurück sind, dann ruhst Du Dich aus, und um
sieben sind wir bei Gieshübler und hören die
Trippelli.“

Effi nahm seine Hand. „Wie gut Du bist,
Geert, und wie nachsichtig. Denn ich muß Dir ja
kindisch oder doch wenigstens sehr kindlich vorgekommen
sein; erst das mit meiner Angst und dann hinterher,
daß ich Dir einen Hausverkauf, und was noch
schlimmer ist, das mit dem Fürsten ansinne. Du
sollst ihm den Stuhl vor die Thür setzen — es ist
zum Lachen. Denn schließlich ist er doch der Mann,
der über uns entscheidet. Auch über mich. Du glaubst
gar nicht, wie ehrgeizig ich bin. Ich habe Dich
eigentlich bloß aus Ehrgeiz geheiratet. Aber Du
mußt nicht solch ernstes Gesicht dabei machen. Ich
liebe Dich ja . . . wie heißt es doch, wenn man
einen Zweig abbricht und die Blätter abreißt? Von
Herzen, mit Schmerzen, über alle Maßen.“

Und sie lachte hell auf. „Und nun sage mir,“
fuhr sie fort, als Innstetten noch immer schwieg,
„wo soll es hingehen?“

„Ich habe mir gedacht, nach der Bahnstation,
aber auf einem Umwege, und dann auf der Chaussee
zurück. Und auf der Station essen wir oder noch
besser bei Golchowski, in dem Gasthofe „Zum Fürsten
Bismarck“, dran wir, wenn Du Dich vielleicht erinnerst, am Tage unserer Ankunft vorüber kamen.
Solch Vorsprechen wirkt immer gut, und ich habe
dann mit dem Starosten von Effi's Gnaden ein
Wahlgespräch, und wenn er auch persönlich nicht viel
taugt, seine Wirtschaft hält er in Ordnung und seine
Küche noch besser. Auf Essen und Trinken verstehen
sich die Leute hier.“

Es war gegen elf, daß sie dies Gespräch führten.
Um zwölf hielt Kruse mit dem Schlitten vor der
Thür, und Effi stieg ein. Johanna wollte Fußsack
und Pelze bringen, aber Effi hatte nach allem, was
noch auf ihr lag, so sehr das Bedürfnis nach frischer
Luft, daß sie alles zurückwies und nur eine doppelte
Decke nahm. Innstetten aber sagte zu Kruse: „Kruse,
wir wollen nun also nach dem Bahnhof, wo wir
zwei beide heute früh schon 'mal waren. Die Leute
werden sich wundern, aber es schadet nichts. Ich
denke, wir fahren hier an der Plantage lang und
dann links auf den Kroschentiner Kirchturm zu.
Lassen Sie die Pferde laufen. Um eins müssen wir
am Bahnhof sein.“

Und so ging die Fahrt. Über den weißen
Dächern der Stadt stand der Rauch, denn die Luftbewegung war gering. Auch Utpatel's Mühle drehte
sich nur langsam, und im Fluge fuhren sie daran
vorüber, dicht am Kirchhofe hin, dessen Berberitzensträucher über das Gitter hinauswuchsen und mit
ihren Spitzen Effi streiften, so daß der Schnee auf
ihre Reisedecke fiel. An der anderen Seite des Wegs
war ein eingefriedeter Platz, nicht viel größer als ein
Gartenbeet, und innerhalb nichts sichtbar als eine
junge Kiefer, die mitten daraus hervorragte.

„Liegt da auch wer begraben?“ fragte Effi.

„Ja. Der Chinese.“

Effi fuhr zusammen; es war ihr wie ein Stich.
Aber sie hatte doch Kraft genug, sich zu beherrschen
und fragte mit anscheinender Ruhe: „Unserer?“

„Ja, unserer. Auf dem Gemeindekirchhof war
er natürlich nicht unterzubringen, und da hat denn
Kapitän Thomsen, der so 'was wie sein Freund war,
diese Stelle gekauft und ihn hier begraben lassen.
Es ist auch ein Stein da mit Inschrift. Alles
natürlich vor meiner Zeit. Aber es wird noch immer
davon gesprochen.“

„Also es ist doch 'was damit. Eine Geschichte.
Du sagtest schon heute früh so 'was. Und es wird
am Ende das beste sein, ich höre, was es ist. So
lang' ich es nicht weiß, bin ich, trotz aller guten
Vorsätze, doch immer ein Opfer meiner Vorstellungen.
Erzähle mir das Wirkliche. Die Wirklichkeit kann
mich nicht so quälen wie meine Phantasie.“

„Bravo, Effi. Ich wollte nicht davon sprechen.
Aber nun macht es sich so von selbst, und das ist
gut. Übrigens ist es eigentlich gar nichts.“

„Mir gleich; gar nichts oder viel oder wenig.
Fange nur an.“

„Ja, das ist leicht gesagt. Der Anfang ist
immer das schwerste, auch bei Geschichten. Nun, ich
denke, ich beginne mit Kapitän Thomsen.“

„Gut, gut.“

„Also Thomsen, den ich Dir schon genannt habe,
war viele Jahre lang ein sogenannter Chinafahrer,
immer mit Reisfracht zwischen Shanghai und Singapore und mochte wohl schon sechzig sein, als er hier
ankam. Ich weiß nicht, ob er hier geboren war
oder ob er andere Beziehungen hier hatte. Kurz
und gut, er war nun da und verkaufte sein Schiff,
einen alten Kasten, draus er nicht viel heraus schlug
und kaufte sich ein Haus, dasselbe, drin wir jetzt
wohnen. Denn er war draußen in der Welt ein
vermögender Mann geworden. Und von daher
schreibt sich auch das Krokodil und der Haifisch und
natürlich auch das Schiff . . . Also Thomsen war
nun da, ein sehr adretter Mann (so wenigstens hat
man mir gesagt) und wohl gelitten. Auch beim
Bürgermeister Kirstein, und vor allem bei dem damaligen Pastor in Kessin, einem Berliner, der kurz
vor Thomsen auch hierher gekommen war und viel
Anfeindung hatte.“

„Glaub' ich. Ich merke das auch; sie sind hier
so streng und selbstgerecht. Ich glaube, das ist
pommersch.“

„Ja und nein, je nachdem. Es giebt auch
Gegenden, wo sie gar nicht streng sind und wo's
drunter und drüber geht . . . Aber sieh' nur, Effi,
da haben wir gerade den Kroschentiner Kirchturm
dicht vor uns. Wollen wir nicht den Bahnhof aufgeben und lieber bei der alten Frau von Grasenabb
vorfahren? Sidonie, wenn ich recht berichtet
bin, ist nicht zu Hause. Wir könnten es also
wagen . . .“

„Ich bitte Dich, Geert, wo denkst Du hin?
Es ist ja himmlisch, so hinzufliegen, und ich fühle
ordentlich, wie mir so frei wird und wie alle Angst
von mir abfällt. Und nun soll ich das alles aufgeben, bloß um den alten Leuten eine Stippvisite zu
machen und ihnen sehr wahrscheinlich eine Verlegenheit zu schaffen. Um Gotteswillen nicht. Und dann
will ich vor allem auch die Geschichte hören. Also
wir waren bei Kapitän Thomsen, den ich mir als
einen Dänen oder Engländer denke, sehr sauber, mit
weißen Vatermördern und ganz weißer Wäsche . . .“

„Ganz richtig. So soll er gewesen sein. Und
mit ihm war eine junge Person von etwa zwanzig,
von der einige sagen, sie sei seine Nichte gewesen,
aber die meisten sagen seine Enkelin, was übrigens
den Jahren nach kaum möglich. Und außer der
Enkelin oder der Nichte war da auch noch ein Chinese,
derselbe, der da zwischen den Dünen liegt und an
dessen Grab wir eben vorüber gekommen sind.“

„Gut, gut.“

„Also dieser Chinese war Diener bei Thomsen,
und Thomsen hielt so große Stücke auf ihn, daß
er eigentlich mehr Freund als Diener war. Und
das ging so Jahr und Tag. Da mit einemmal
hieß es, Thomsens Enkelin, die, glaub' ich, Nina hieß,
solle sich, nach des Alten Wunsche, verheiraten, auch
mit einem Kapitän. Und richtig, so war es auch. Es
gab eine große Hochzeit im Hause, der Berliner Pastor
that sie zusammen, und Müller Utpatel, der ein
Konventikler war, und Gieshübler, dem man in der
Stadt in kirchlichen Dingen auch nicht recht traute,
waren geladen, und vor allem viele Kapitäne mit
ihren Frauen und Töchtern. Und wie man sich
denken kann, es ging hoch her. Am Abend aber war
Tanz, und die Braut tanzte mit jedem und zuletzt
auch mit dem Chinesen. Da mit einemmal hieß
es, sie sei fort, die Braut nämlich. Und sie war
auch wirklich fort, irgend wohin, und niemand weiß,
was da vorgefallen. Und nach vierzehn Tagen starb
der Chinese; Thomsen kaufte die Stelle, die ich Dir
gezeigt habe, und da wurd' er begraben. Der Berliner
Pastor aber soll gesagt haben: Man hätte ihn auch
ruhig auf dem christlichen Kirchhof begraben können,
denn der Chinese sei ein sehr guter Mensch gewesen
und gerade so gut wie die anderen. Wen er mit
den ‚anderen‘ eigentlich gemeint hat, sagte mir Gieshübler, das wisse man nicht recht.“

„Aber ich bin in dieser Sache doch ganz und gar
gegen den Pastor; so 'was darf man nicht aussprechen,
weil es gewagt und unpassend ist. Das würde selbst
Niemeyer nicht gesagt haben.“

„Und ist auch dem armen Pastor, der übrigens
Trippel hieß, sehr verdacht worden, so daß es eigentlich
ein Glück war, daß er drüber hin starb, sonst hätte
er seine Stelle verloren. Denn die Stadt, trotzdem
sie ihn gewählt, war doch auch gegen ihn, gerade
so wie Du, und das Konsistorium natürlich erst
recht.“

„Trippel sagst Du? Dann hängt er am Ende
mit der Frau Pastor Trippel zusammen, die wir
heute abend sehen sollen?“

„Natürlich hängt er mit der zusammen. Er
war ihr Mann und ist der Vater von der Trippelli.“

Effi lachte. „Von der Trippelli! Nun sehe ich
erst klar in allem. Daß sie in Kessin geboren, schrieb
ja schon Gieshübler; aber ich dachte, sie sei die
Tochter von einem italienischen Konsul. Wir haben
ja so viele fremdländische Namen hier. Und nun
ist sie gut deutsch und stammt von Trippel. Ist sie
denn so vorzüglich, daß sie wagen konnte, sich so zu
italienisieren?“

„Dem Mutigen gehört die Welt. Übrigens ist
sie ganz tüchtig. Sie war ein paar Jahr lang in
Paris bei der berühmten Viardot, wo sie auch den
russischen Fürsten kennen lernte, denn die russischen
Fürsten sind sehr aufgeklärt, über kleine Standesvorurteile weg, und Kotschukoff und Gieshübler —
den sie übrigens ‚Onkel‘ nennt, und man kann fast
von ihm sagen, er sei der geborne Onkel — diese
beiden sind es recht eigentlich, die die kleine Marie
Trippel zu dem gemacht haben, was sie jetzt ist.
Gieshübler war es, durch den sie nach Paris kam,
und Kotschukoff hat sie dann Trippelli transponiert.“

„Ach, Geert, wie reizend ist das alles und
welch Alltagsleben habe ich doch in Hohen-Cremmen
geführt! Nie was Apartes.“

Innstetten nahm ihre Hand und sagte: „So
darfst Du nicht sprechen, Effi. Spuk, dazu kann man
sich stellen wie man will. Aber hüte Dich vor dem
Aparten oder was man so das Aparte nennt. Was
Dir so verlockend erscheint — und ich rechne auch
ein Leben dahin, wie's die Trippelli führt — das
bezahlt man in der Regel mit seinem Glück. Ich
weiß wohl, wie sehr Du Dein Hohen-Cremmen liebst
und daran hängst, aber Du spottest doch auch oft
darüber und hast keine Ahnung davon, was stille
Tage, wie die Hohen-Cremmner, bedeuten.“

„Doch, doch,“ sagte sie. „Ich weiß es wohl.
Ich höre nur gern einmal von etwas anderem, und
dann wandelt mich die Lust an, mit dabei zu sein.
Aber Du hast ganz recht. Und eigentlich hab' ich
doch eine Sehnsucht nach Ruh' und Frieden.“

Innstetten drohte ihr mit dem Finger. „Meine
einzig liebe Effi, das denkst Du Dir nun auch wieder
so aus. Immer Phantasien, 'mal so, 'mal so.“

Elftes Kapitel.

Die Fahrt verlief ganz wie geplant. Um ein
Uhr hielt der Schlitten unten am Bahndamm vor
dem Gasthause „Zum Fürsten Bismarck“, und
Golchowski, glücklich, den Landrat bei sich zu sehen,
war beflissen, ein vorzügliches Dejeuner herzurichten.
Als zuletzt das Dessert und der Ungarwein aufgetragen wurden, rief Innstetten den von Zeit zu Zeit
erscheinenden und nach der Ordnung sehenden Wirt
heran und bat ihn, sich mit an den Tisch zu setzen
und ihnen 'was zu erzählen. Dazu war Golchowski
denn auch der rechte Mann; auf zwei Meilen in
der Runde wurde kein Ei gelegt, von dem er nicht
wußte. Das zeigte sich auch heute wieder. Sidonie
Grasenabb, Innstetten hatte recht vermutet, war, wie
vorige Weihnachten, so auch diesmal wieder auf vier
Wochen zu „Hofpredigers“ gereist; Frau von Palleske,
so hieß es weiter, habe ihre Jungfer wegen einer
fatalen Geschichte Knall und Fall entlassen müssen,
und mit dem alten Fraude steh' es schlecht — es
werde zwar in Kurs gesetzt, er sei bloß ausgeglitten,
aber es sei ein Schlaganfall gewesen, und der Sohn,
der in Lissa bei den Husaren stehe, werde jede Stunde
erwartet. Nach diesem Geplänkel war man dann,
zu Ernsthafterem übergehend, auf Varzin gekommen.
„Ja,“ sagte Golchowski, „wenn man sich den Fürsten
so als Papiermüller denkt! Es ist doch alles sehr
merkwürdig; eigentlich kann er die Schreiberei nicht
leiden, und das bedruckte Papier erst recht nicht,
und nun legt er doch selber eine Papiermühle an.“

„Schon recht, lieber Golchowski,“ sagte Innstetten,
„aber aus solchen Widersprüchen kommt man im Leben
nicht heraus. Und da hilft auch kein Fürst und keine
Größe.“

„Nein, nein, da hilft keine Größe.“

Wahrscheinlich, daß sich dies Gespräch über den
Fürsten noch fortgesetzt hätte, wenn nicht in eben
diesem Augenblicke die von der Bahn her herüberklingende Signalglocke einen bald eintreffenden Zug
angemeldet hätte. Innstetten sah nach der Uhr.

„Welcher Zug ist das, Golchowski?“

„Das ist der Danziger Schnellzug; er hält
hier nicht, aber ich gehe doch immer hinauf und
zähle die Wagen, und mitunter steht auch einer am
Fenster, den ich kenne. Hier gleich hinter meinem
Hofe führt eine Treppe den Damm hinauf, Wärterhaus 417 . . .“

„O, das wollen wir uns zu Nutze machen,“
sagte Effi. „Ich sehe so gern Züge . . .“

„Dann ist es die höchste Zeit, gnäd'ge Frau.“

Und so machten sich denn alle drei auf den
Weg und stellten sich, als sie oben waren, in einem
neben dem Wärterhause gelegenen Gartenstreifen auf,
der jetzt freilich unter Schnee lag, aber doch eine
frei geschaufelte Stelle hatte. Der Bahnwärter stand
schon da, die Fahne in der Hand. Und jetzt jagte
der Zug über das Bahnhofsgeleise hin und im
nächsten Augenblick an dem Häuschen und an dem
Gartenstreifen vorüber. Effi war so erregt, daß sie
nichts sah und nur dem letzten Wagen, auf dessen
Höhe ein Bremser saß, ganz wie benommen nachblickte.

„Sechs Uhr fünfzig ist er in Berlin,“ sagte
Innstetten, „und noch eine Stunde später, so können
ihn die Hohen-Cremmner, wenn der Wind so steht,
in der Ferne vorbeiklappern hören. Möchtest Du
mit, Effi?“

Sie sagte nichts. Als er aber zu ihr hinüberblickte, sah er, daß eine Thräne in ihrem Auge
stand.

Effi war, als der Zug vorbeijagte, von einer
herzlichen Sehnsucht erfaßt worden. So gut es ihr
ging, sie fühlte sich trotzdem wie in einer fremden
Welt. Wenn sie sich eben noch an dem einen oder
andern entzückt hatte, so kam ihr doch gleich nachher
zum Bewußtsein, was ihr fehlte. Da drüben lag
Varzin, und da nach der anderen Seite hin blitzte der
Kroschentiner Kirchturm auf, und weithin der Morgenitzer, und da saßen die Grasenabb's und die Borcke's,
nicht die Belling's und nicht die Briest's. „Ja,
die!“ Innstetten hatte ganz recht gehabt mit dem
raschen Wechsel ihrer Stimmung, und sie sah jetzt
wieder alles, was zurücklag, wie in einer Verklärung.
Aber so gewiß sie voll Sehnsucht dem Zuge nachgesehen, sie war doch andererseits viel zu beweglichen
Gemüts, um lange dabei zu verweilen und schon
auf der Heimfahrt, als der rote Ball der niedergehenden Sonne seinen Schimmer über den Schnee
ausgoß, fühlte sie sich wieder freier; alles erschien
ihr schön und frisch, und als sie, nach Kessin zurückgekehrt, fast mit dem Glockenschlage sieben in den
Gieshüblerschen Flur eintrat, war ihr nicht bloß
behaglich, sondern beinah übermütig zu Sinn, wozu
die das Haus durchziehende Baldrian- und Veilchenwurzel-Luft das ihrige beitragen mochte.

Pünktlich waren Innstetten und Frau erschienen,
aber trotz dieser Pünktlichkeit immer noch hinter den
anderen Geladenen zurückgeblieben; Pastor Lindequist,
die alte Frau Trippel und die Trippelli selbst waren
schon da. Gieshübler — im blauen Frack mit mattgoldenen Knöpfen, dazu Pincenez an einem breiten
schwarzen Bande, das wie ein Ordensband auf der
blendendweißen Piquéweste lag — Gieshübler konnte
seiner Erregung nur mit Mühe Herr werden. „Darf
ich die Herrschaften mit einander bekannt machen;
Baron und Baronin Innstetten, Frau Pastor Trippel,
Fräulein Marietta Trippelli.“ Pastor Lindequist,
den alle kannten, stand lächelnd bei Seite.

Die Trippelli, Anfang der Dreißig, stark männlich
und von ausgesprochen humoristischem Typus, hatte
bis zu dem Momente der Vorstellung den Sofa-Ehrenplatz inne gehabt. Nach der Vorstellung aber
sagte sie, während sie auf einen in der Nähe stehenden
Stuhl mit hoher Lehne zuschritt: „Ich bitte Sie
nunmehro, gnäd'ge Frau, die Bürden und Fährlichkeiten Ihres Amtes auf sich nehmen zu wollen.
Denn von ,Fährlichkeiten‘ — und sie wies auf das
Sofa — wird sich in diesem Falle wohl sprechen
lassen. Ich habe Gieshübler schon vor Jahr und
Tag darauf aufmerksam gemacht, aber leider vergeblich; so gut er ist, so eigensinnig ist er auch.“

„Aber Marietta . . .“

„Dies Sofa nämlich, dessen Geburt um wenigstens fünfzig Jahre zurückliegt, ist noch nach einem
altmodischen Versenkungsprinzip gebaut, und wer sich
ihm anvertraut, ohne vorher einen Kissenturm untergeschoben zu haben, sinkt ins Bodenlose, jedenfalls
aber gerade tief genug, um die Kniee wie ein Monument aufragen zu lassen.“ All dies wurde seitens
der Trippelli mit eben so viel Bonhommie wie
Sicherheit hingesprochen, in einem Tone, der ausdrücken sollte: ,Du bist die Baronin Innstetten, ich
bin die Trippelli.‘

Gieshübler liebte seine Künstlerfreundin enthusiastisch und dachte hoch von ihren Talenten; aber
all seine Begeisterung konnte ihn doch nicht blind
gegen die Thatsache machen, daß ihr von gesellschaftlicher Feinheit nur ein bescheidenes Maß zu
teil geworden war. Und diese Feinheit war gerade
das, was er persönlich kultivierte. „Liebe Marietta,“
nahm er das Wort, „Sie haben eine so reizend
heitere Behandlung solcher Fragen; aber was mein
Sofa betrifft, so haben Sie wirklich unrecht, und
jeder Sachverständige mag zwischen uns entscheiden.
Selbst ein Mann wie Fürst Kotschukoff . . .“

„Ach, ich bitte Sie, Gieshübler, lassen Sie doch
den. Immer Kotschukoff. Sie werden mich bei
der gnäd'gen Frau hier noch in den Verdacht bringen,
als ob ich bei diesem Fürsten — der übrigens nur
zu den Kleineren zählt und nicht mehr als tausend
Seelen hat, das heißt hatte (früher wo die Rechnung noch nach Seelen ging) — als ob ich stolz
wäre, seine tausend und einste Seele zu sein. Nein,
es liegt wirklich anders; „immer frei weg“, Sie
kennen meine Devise, Gieshübler. Kotschukoff ist ein
guter Kamerad und mein Freund, aber von Kunst
und ähnlichen Sachen versteht er gar nichts, von
Musik gewiß nicht, wiewohl er Messen und Oratorien
komponiert — die meisten russischen Fürsten, wenn
sie Kunst treiben, fallen ein bißchen nach der geistlichen oder orthodoxen Seite hin —, und zu den
vielen Dingen, von denen er nichts versteht, gehören
auch unbedingt Einrichtungs- und Tapezierfragen.
Er ist gerade vornehm genug, um sich alles als
schön aufreden zu lassen, was bunt aussieht und viel
Geld kostet.“

Innstetten amüsierte sich, und Pastor Lindequist
war in einem allersichtlichsten Behagen. Die gute
alte Trippel aber geriet über den ungenierten Ton
ihrer Tochter aus einer Verlegenheit in die andere,
während Gieshübler es für angezeigt hielt, eine so
schwierig werdende Unterhaltung zu coupieren. Dazu
waren etliche Gesangspiecen das beste. Daß Marietta
Lieder von anfechtbarem Inhalt wählen würde, war
nicht anzunehmen, und selbst wenn dies sein sollte,
so war ihre Vortragskunst so groß, daß der Inhalt
dadurch geadelt wurde. „Liebe Marietta,“ nahm er
also das Wort, „ich habe unser kleines Mahl zu
acht Uhr bestellt. Wir hätten also noch dreiviertel
Stunden, wenn Sie nicht vielleicht vorziehen, während
Tisch ein heitres Lied zu singen oder vielleicht erst,
wenn wir von Tisch aufgestanden sind . . .“

„Ich bitte Sie, Gieshübler! Sie, der Mann
der Ästhetik. Es giebt nichts Unästhetischeres, als
einen Gesangsvortrag mit vollem Magen. Außerdem — und ich weiß, Sie sind ein Mann der ausgesuchten Küche, ja, Gourmand — außerdem schmeckt
es besser, wenn man die Sache hinter sich hat. Erst
Kunst und dann Nußeis, das ist die richtige Reihenfolge.“

„Also ich darf Ihnen die Noten bringen,
Marietta?“

„Noten bringen. Ja, was heißt das, Gieshübler? Wie ich Sie kenne, werden Sie ganze
Schränke voll Noten haben, und ich kann Ihnen
doch nicht den ganzen Bock und Bote vorspielen.
Noten! Was für Noten, Gieshübler, darauf kommt
es an. Und dann das es richtig liegt, Altstimme . . .“

„Nun ich werde schon bringen.“

Und er machte sich an einem Schranke zu
schaffen, ein Fach nach dem andern herausziehend,
während die Trippelli ihren Stuhl weiter links um
den Tisch herum schob, so daß sie nun dicht neben
Effi saß.

„Ich bin neugierig, was er bringen wird,“
sagte sie. Effi geriet dabei in eine kleine Verlegenheit.

„Ich möchte annehmen,“ antwortete sie befangen, „etwas von Gluck, etwas ausgesprochen
Dramatisches . . . Überhaupt, mein gnädigstes Fräulein, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, ich
bin überrascht, zu hören, daß Sie lediglich Konzertsängerin sind. Ich dächte, daß Sie, wie wenige, für
die Bühne berufen sein müßten. Ihre Erscheinung,
Ihre Kraft, Ihr Organ . . . ich habe noch so wenig
derart kennen gelernt, immer nur auf kurzen Besuchen in Berlin . . . und dann war ich noch ein
halbes Kind. Aber ich dächte Orpheus oder Chrimhild oder die Vestalin.“

Die Trippelli wiegte den Kopf und sah in Abgründe, kam aber zu keiner Entgegnung, weil eben
jetzt Gieshübler wieder erschien und ein halbes
Dutzend Notenhefte vorlegte, die seine Freundin in
rascher Reihenfolge durch die Hand gleiten ließ.
,Erlkönig‘ . . . ah, bah; ‚Bächlein laß' dein Rauschen
sein . . .‘ Aber Gieshübler, ich bitte Sie, Sie sind
ein Murmeltier, Sie haben sieben Jahre lang geschlafen . . . Und hier Löwe'sche Balladen; auch
nicht gerade das Neueste. ‚Glocken von Speier‘ . . .
Ach dies ewige Bim Bam, das beinah' einer Kulissenreißerei gleich kommt, ist geschmacklos und abgestanden. Aber hier ‚Ritter Olaf‘ . . . nun das geht.“

Und sie stand auf, und während der Pastor
begleitete, sang sie den Olaf mit großer Sicherheit
und Bravour und erntete allgemeinen Beifall.

Es wurde dann noch ähnlich Romantisches gefunden, einiges aus dem fliegenden Holländer und
aus Zampa, dann der Heideknabe, lauter Sachen,
die sie mit eben so viel Virtuosität wie Seelenruhe
vortrug, während Effi von Text und Komposition
wie benommen war.

Als die Trippelli mit dem Heideknaben fertig war,
sagte sie: „Nun ist es genug,“ eine Erklärung, die so
bestimmt von ihr abgegeben wurde, daß weder Gieshübler noch ein anderer den Mut hatte, mit weiteren
Bitten in sie zu dringen. Am wenigsten Effi. Diese
sagte nur, als Gieshübler's Freundin wieder neben
ihr saß: „Daß ich Ihnen doch sagen könnte, mein
gnädigstes Fräulein, wie dankbar ich Ihnen bin!
Alles so schön, so sicher, so gewandt. Aber eines,
wenn Sie mir verzeihen, bewundere ich fast noch
mehr, das ist die Ruhe, womit Sie diese Sachen
vorzutragen wissen. Ich bin so leicht Eindrücken
hingegeben, und wenn ich die kleinste Gespenstergeschichte höre, so zittere ich und kann mich kaum
wieder zurecht finden. Und Sie tragen das so
mächtig und erschütternd vor und sind selbst ganz
heiter und guter Dinge.“

„Ja, meine gnädigste Frau, das ist in der Kunst
nicht anders. Und nun gar erst auf dem Theater,
vor dem ich übrigens glücklicher Weise bewahrt geblieben bin. Denn so gewiß ich mich persönlich
gegen seine Versuchungen gefeit fühle — es verdirbt
den Ruf, also das beste, was man hat. Im übrigen
stumpft man ab, wie mir Kolleginnen hundertfach
versichert haben. Da wird vergiftet und erstochen,
und der toten Julia flüstert Romeo einen Kalauer
ins Ohr oder wohl auch eine Malice, oder er drückt
ihr einen kleinen Liebesbrief in die Hand.“

„Es ist mir unbegreiflich. Und um bei dem
stehen zu bleiben, was ich Ihnen diesen Abend verdanke, beispielsweise bei dem Gespenstischen im Olaf,
ich versichere Ihnen, wenn ich einen ängstlichen Traum
habe, oder wenn ich glaube, über mir hörte ich ein
leises Tanzen oder Musizieren, während doch niemand
da ist, oder es schleicht wer an meinem Bette vorbei,
so bin ich außer mir und kann es Tage lang nicht
vergessen.“

„Ja, meine gnädigste Frau, was Sie da schildern
und beschreiben, das ist auch etwas anderes, das ist
ja wirklich oder kann wenigstens etwas Wirkliches
sein. Ein Gespenst, das durch die Ballade geht, da
graule ich mich gar nicht, aber ein Gespenst, das
durch meine Stube geht, ist mir, gerade so wie
andern, sehr unangenehm. Darin empfinden wir
also ganz gleich.“

„Haben Sie denn dergleichen auch einmal erlebt?“

„Gewiß. Und noch dazu bei Kotschukoff. Und
ich habe mir auch ausbedungen, daß ich diesmal
anders schlafe, vielleicht mit der englischen Gouvernante zusammen. Das ist nämlich eine Quäkerin,
und da ist man sicher.“

„Und Sie halten dergleichen für möglich?“

„Meine gnädigste Frau, wenn man so alt ist
wie ich und viel 'rumgestoßen wurde und in Rußland war und sogar auch ein halbes Jahr in Rumänien, da hält man alles für möglich. Es giebt
so viel schlechte Menschen, und das andere findet
sich dann auch, das gehört dann so zu sagen mit
dazu.“

Effi horchte auf.

„Ich bin,“ fuhr die Trippelli fort, „aus einer
sehr aufgeklärten Familie (bloß mit Mutter war es
immer nicht so recht), und doch sagte mir mein
Vater, als das mit dem Psychographen aufkam:
„Höre Marie, das ist 'was.“ Und er hat recht
gehabt, es ist auch 'was damit. Überhaupt, man ist
links und rechts umlauert, hinten und vorn. Sie
werden das noch kennen lernen.“

In diesem Augenblicke trat Gieshübler heran
und bot Effi den Arm, Innstetten führte Marietta,
dann folgte Pastor Lindequist und die verwitwete
Trippel. So ging man zu Tisch.

Zwölftes Kapitel.

Es war spät, als man aufbrach. Schon bald
nach Zehn hatte Effi zu Gieshübler gesagt: „es sei
nun wohl Zeit; Fräulein Trippelli, die den Zug
nicht versäumen dürfe, müsse ja schon um sechs von
Kessin aufbrechen,“ die daneben stehende Trippelli
aber, die diese Worte gehört, hatte mit der ihr
eigenen ungenierten Beredsamkeit gegen solche zarte
Rücksichtsnahme protestiert. „Ach, meine gnädigste
Frau, Sie glauben, daß unsereins einen regelmäßigen
Schlaf braucht, das trifft aber nicht zu; was wir
regelmäßig brauchen, heißt Beifall und hohe Preise.
Ja, lachen Sie nur. Außerdem, (so 'was lernt man,)
kann ich auch im Coupé schlafen, in jeder Situation
und sogar auf der linken Seite und brauche nicht
einmal das Kleid aufzumachen. Freilich bin ich auch
nie eingepreßt; Brust und Lunge müssen immer frei
sein, und vor allem das Herz. „Ja, meine gnädigste
Frau, das ist die Hauptsache. Und dann das Kapitel
Schlaf überhaupt, — die Menge thut es nicht, was
entscheidet, ist die Qualität; ein guter Nicker von
fünf Minuten ist besser als fünf Stunden unruhige
'Rumdreherei, 'mal links, 'mal rechts. Übrigens
schläft man in Rußland wundervoll, trotz des starken
Thees. Es muß die Luft machen oder das späte
Diner oder weil man so verwöhnt wird. Sorgen
giebt es in Rußland nicht; darin — im Geldpunkt
sind beide gleich — ist Rußland noch besser als
Amerika.“

Nach dieser Erklärung der Trippelli hatte Effi
von allen Mahnungen zum Aufbruch Abstand genommen, und so war Mitternacht herangekommen.
Man trennte sich heiter und herzlich und mit einer
gewissen Vertraulichkeit.

Der Weg von der Mohrenapotheke bis zur
landrätlichen Wohnung war ziemlich weit; er kürzte
sich aber dadurch, daß Pastor Lindequist bat, Innstetten und Frau eine Strecke begleiten zu dürfen;
ein Spaziergang unterm Sternenhimmel sei das
beste, um über Gieshübler's Rheinwein hinwegzukommen. Unterwegs wurde man natürlich nicht
müde, die verschiedensten Trippelliana heranzuziehen;
Effi begann mit dem, was ihr in Erinnerung geblieben, und gleich nach ihr kam der Pastor an die
Reihe. Dieser, ein Ironikus, hatte die Trippelli,
wie nach vielem sehr Weltlichen, so schließlich auch
nach ihrer kirchlichen Richtung gefragt und dabei
von ihr in Erfahrung gebracht, daß sie nur eine
Richtung kenne, die orthodoxe. Ihr Vater sei freilich ein Rationalist gewesen, fast schon ein Freigeist,
weshalb er auch den Chinesen am liebsten auf dem
Gemeindekirchhof gehabt hätte; sie ihrerseits sei aber
ganz entgegengesetzter Ansicht, trotzdem sie persönlich
des großen Vorzugs genieße, gar nichts zu glauben.
Aber sie sei sich in ihrem entschiedenen Nichtglauben
doch auch jeden Augenblick bewußt, daß das ein
Spezialluxus sei, den man sich nur als Privatperson
gestatten könne. Staatlich höre der Spaß auf, und
wenn ihr das Kultusministerium oder gar ein Konsistorialregiment unterstünde, so würde sie mit unnachsichtiger Strenge vorgehen. „Ich fühle so 'was
von einem Torquemada in mir.“

Innstetten war sehr erheitert und erzählte seinerseits, daß er etwas so Heikles, wie das Dogmatische,
geflissentlich vermieden, aber dafür das Moralische
desto mehr in den Vordergrund gestellt habe. Hauptthema sei das Verführerische gewesen, das beständige
Gefährdetsein, das in allem öffentlichen Auftreten
liege, worauf die Trippelli leichthin und nur mit
Betonung der zweiten Satzhälfte geantwortet habe:
„Ja, beständig gefährdet; am meisten die Stimme.“

Unter solchem Geplauder war, ehe man sich
trennte, der Trippelli-Abend noch einmal an ihnen
vorübergezogen und erst drei Tage später hatte sich
Gieshübler's Freundin durch ein von Petersburg aus
an Effi gerichtetes Telegramm noch einmal in Erinnerung gebracht. Es lautete: Madame la Baronne d'Innstetten, née de Briest. Bien arrivée.
Prince K. à la gare. Plus épris de moi que
jamais. Mille fois merci de votre bon accueil.
Compliments empressés à Monsieur le Baron.
Marietta Trippelli.

Innstetten war entzückt und gab diesem Entzücken lebhafteren Ausdruck als Effi begreifen konnte.

„Ich verstehe Dich nicht, Geert.“

„Weil Du die Trippelli nicht verstehst. Mich
entzückt die Echtheit; alles da, bis auf das Pünktchen
überm i.“

„Du nimmst also alles als eine Komödie.“

„Aber als was sonst? Alles berechnet für dort
und für hier, für Kotschukoff und für Gieshübler.
Gieshübler wird wohl eine Stiftung machen, vielleicht auch bloß ein Legat für die Trippelli.“

Die musikalische Soiree bei Gieshübler hatte
Mitte Dezember stattgefunden, gleich danach begannen
die Vorbereitungen für Weihnachten, und Effi, die
sonst schwer über diese Tage hingekommen wäre,
segnete es, daß sie selber einen Hausstand hatte,
dessen Ansprüche befriedigt werden mußten. Es galt
nachsinnen, fragen, anschaffen, und das alles ließ
trübe Gedanken nicht aufkommen. Am Tage vor
Heiligabend trafen Geschenke von den Eltern aus
Hohen-Cremmen ein, und mit in die Kiste waren
allerhand Kleinigkeiten aus dem Kantorhause gepackt:
wunderschöne Reinetten von einem Baum, den Effi
und Jahnke vor mehreren Jahren gemeinschaftlich
okuliert hatten, und dazu braune Puls- und Kniewärmer von Bertha und Hertha. Hulda schrieb
nur wenige Zeilen, weil sie, wie sie sich entschuldigte,
für X. noch eine Reisedecke zu stricken habe. „Was
einfach nicht wahr ist,“ sagte Effi. „Ich wette, X.
existiert gar nicht. Daß sie nicht davon lassen kann,
sich mit Anbetern zu umgeben, die nicht da sind!“

Und so kam Heiligabend heran.

Innstetten selbst baute auf für seine junge Frau,
der Baum brannte und ein kleiner Engel schwebte
oben in Lüften. Auch eine Krippe war da mit
hübschen Transparenten und Inschriften, deren eine
sich, in leiser Andeutung, auf ein dem Innstetten'schen Hause für nächstes Jahr bevorstehendes Ereignis bezog. Effi las es und errötete. Dann ging
sie auf Innstetten zu, um ihm zu danken, aber eh'
sie dies konnte, flog, nach altpommerschem Weihnachtsbrauch, ein Julklapp in den Hausflur: eine große
Kiste, drin eine Welt von Dingen steckte. Zuletzt
fand man die Hauptsache, ein zierliches, mit allerlei
japanischen Bildchen überklebtes Morsellenkästchen,
dessen eigentlichem Inhalt auch noch ein Zettelchen
beigegeben war. Es hieß da:

Drei Könige kamen zum Heiligenchrist,
Mohrenkönig einer gewesen ist; —
Ein Mohrenapothekerlein
Erscheinet heute mit Spezerein,
Doch statt Weihrauch und Myrrhen, die nicht zur Stelle,
Bringt er Pistazien- und Mandel-Morselle.

Effi las es zwei-, dreimal und freute sich darüber. „Die Huldigungen eines guten Menschen haben
doch etwas besonders Wohlthuendes. Meinst Du
nicht auch, Geert?“

„Gewiß meine ich das. Es ist eigentlich das
einzige, was einem Freude macht oder wenigstens
Freude machen sollte. Denn jeder steckt noch so
nebenher in allerhand dummem Zeuge drinn. Ich
auch. Aber freilich, man ist wie man ist.“

Der erste Feiertag war Kirchtag, am zweiten
war man bei Borcke's draußen, alles zugegen, mit
Ausnahme von Grasenabb's, die nicht kommen wollten,
„weil Sidonie nicht da sei“, was man als Entschuldigung allseitig ziemlich sonderbar fand. Einige
tuschelten sogar: „Umgekehrt; gerade deshalb hätten
sie kommen sollen.“ Am Sylvester war Ressourcenball, auf dem Effi nicht fehlen durfte und auch nicht
wollte, denn der Ball gab ihr Gelegenheit, endlich
einmal die ganze Stadtflora beisammen zu sehen.
Johanna hatte mit den Vorbereitungen zum Ballstaate für ihre Gnäd'ge vollauf zu thun, Gieshübler,
der, wie alles, so auch ein Treibhaus hatte, schickte
Kamelien, und Innstetten, so knapp bemessen die
Zeit für ihn war, fuhr am Nachmittage noch über
Land nach Papenhagen, wo drei Scheunen abgebrannt
waren.

Es war ganz still im Hause. Christel, beschäftigungslos, hatte sich schläfrig eine Fußbank an
den Herd gerückt, und Effi zog sich in ihr Schlafzimmer zurück, wo sie sich, zwischen Spiegel und
Sofa, an einen kleinen, eigens zu diesem Zweck zurecht gemachten Schreibtisch setzte, um von hier aus
an die Mama zu schreiben, der sie für Weihnachtsbrief und Weihnachtsgeschenke bis dahin bloß in einer
Karte gedankt, sonst aber seit Wochen keine Nachricht
gegeben hatte.

„Kessin, 31. Dezember. Meine liebe Mama!
Das wird nun wohl ein langer Schreibebrief werden,
denn ich habe — die Karte rechnet nicht — lange
nichts von mir hören lassen. Als ich das letztemal
schrieb, steckte ich noch in den Weihnachtsvorbereitungen,
jetzt liegen die Weihnachtstage schon zurück. Innstetten und mein guter Freund Gieshübler hatten
alles aufgeboten, mir den heiligen Abend so angenehm
wie möglich zu machen, aber ich fühlte mich doch ein
wenig einsam und bangte mich nach Euch. Überhaupt, so viel Ursache ich habe, zu danken und froh
und glücklich zu sein, ich kann ein Gefühl des Alleinseins nicht ganz los werden, und wenn ich mich
früher, vielleicht mehr als nötig, über Hulda's ewige
Gefühlsthräne moquiert habe, so werde ich jetzt dafür bestraft und habe selber mit dieser Thräne zu
kämpfen. Denn Innstetten darf es nicht sehen. Ich
bin aber sicher, daß das alles besser werden wird,
wenn unser Hausstand sich mehr belebt, und das
wird der Fall sein, meine liebe Mama. Was ich
neulich andeutete, das ist nun Gewißheit, und Innstetten bezeugt mir täglich seine Freude darüber.
Wie glücklich ich selber im Hinblick darauf bin, brauche
ich nicht erst zu versichern, schon weil ich dann Leben
und Zerstreuung um mich her haben werde oder,
wie Geert sich ausdrückt, „ein liebes Spielzeug“.
Mit diesem Worte wird er wohl recht haben, aber
er sollte es lieber nicht gebrauchen, weil es mir
immer einen kleinen Stich giebt und mich daran erinnert, wie jung ich bin, und daß ich noch halb in
die Kinderstube gehöre. Diese Vorstellung verläßt
mich nicht (Geert meint, es sei krankhaft), und bringt
es zu Wege, daß das, was mein höchstes Glück sein
sollte, doch fast noch mehr eine beständige Verlegenheit für mich ist. Ja, meine liebe Mama, als die
guten Flemming'schen Damen sich neulich nach allem
Möglichen erkundigten, war mir zu Mut, als stünd'
ich schlecht vorbereitet in einem Examen, und ich
glaube auch, daß ich recht dumm geantwortet habe.
Verdrießlich war ich auch. Denn manches, was wie
Teilnahme aussieht, ist doch bloß Neugier und wirkt
um so zudringlicher, als ich ja noch lange, bis in
den Sommer hinein, auf das frohe Ereignis zu
warten habe. Ich denke, die ersten Julitage. Dann
mußt Du kommen oder noch besser, sobald ich
einigermaßen wieder bei Wege bin, komme ich,
nehme hier Urlaub und mache mich auf nach Hohen-Cremmen. Ach, wie ich mich darauf freue und auf
die havelländische Luft — hier ist es fast immer
rauh und kalt — und dann jeden Tag eine Fahrt
ins Luch, alles rot und gelb, und ich sehe schon,
wie das Kind die Hände danach streckt, denn es wird
doch wohl fühlen, daß es eigentlich da zu Hause ist.
Aber das schreibe ich nur Dir. Innstetten darf
nicht davon wissen, und auch Dir gegenüber muß
ich mich wie entschuldigen, daß ich mit dem Kinde
nach Hohen-Cremmen will und mich heute schon
anmelde, statt Dich, meine liebe Mama, dringend und
herzlich nach Kessin hin einzuladen, das ja doch
jeden Sommer fünfzehnhundert Badegäste hat und
Schiffe mit allen möglichen Flaggen und sogar ein
Dünenhotel. Aber daß ich so wenig Gastlichkeit
zeige, das macht nicht, daß ich ungastlich wäre, so
sehr bin ich nicht aus der Art geschlagen, das
macht einfach unser landrätliches Haus, das, so viel
Hübsches und Apartes es hat, doch eigentlich gar
kein richtiges Haus ist, sondern nur eine Wohnung
für zwei Menschen, und auch das kaum, denn wir
haben nicht einmal ein Eßzimmer, was doch genant
ist, wenn ein paar Personen zu Besuch sich einstellen. Wir haben freilich noch Räumlichkeiten im
ersten Stock, einen großen Saal und vier kleine
Zimmer, aber sie haben alle etwas wenig Einladendes,
und ich würde sie Rumpelkammern nennen, wenn
sich etwas Gerümpel darin vorfände; sie sind aber
ganz leer, ein paar Binsenstühle abgerechnet, und
machen, das Mindeste zu sagen, einen sehr sonderbaren Eindruck. Nun wirst Du wohl meinen, das
alles sei ja leicht zu ändern. Aber es ist nicht zu
ändern; denn das Haus, das wir bewohnen, ist . . .
ist ein Spukhaus; da ist es heraus. Ich beschwöre
Dich übrigens, mir auf diese meine Mitteilung nicht
zu antworten, denn ich zeige Innstetten immer Eure
Briefe, und er wäre außer sich, wenn er erführe, daß
ich Dir das geschrieben. Ich hätte es auch nicht
gethan und zwar um so weniger, als ich seit vielen
Wochen in Ruhe geblieben bin und aufgehört habe,
mich zu ängstigen; aber Johanna sagt mir, es käme
immer 'mal wieder, namentlich wenn wer Neues im
Hause erschiene. Und ich kann Dich doch einer solchen
Gefahr oder, wenn das zu viel gesagt ist, einer
solchen eigentümlichen und unbequemen Störung nicht
aussetzen! Mit der Sache selber will ich Dich heute
nicht behelligen, jedenfalls nicht ausführlich. Es ist
eine Geschichte von einem alten Kapitän, einem sogenannten Chinafahrer, und seiner Enkelin, die mit
einem hiesigen jungen Kapitän eine kurze Zeit verlobt
war und an ihrem Hochzeitstage plötzlich verschwand.
Das möchte hingeh'n. Aber was wichtiger ist, ein
junger Chinese, den ihr Vater aus China mit
zurückgebracht hatte und der erst der Diener und
dann der Freund des Alten war, der starb kurze Zeit
danach und ist an einer einsamen Stelle neben dem
Kirchhof begraben worden. Ich bin neulich da vorüber gefahren, wandte mich aber rasch ab und sah
nach der andern Seite, weil ich glaube, ich hätte ihn
sonst auf dem Grabe sitzen sehen. Denn ach, meine
liebe Mama, ich habe ihn einmal wirklich gesehen,
oder es ist mir wenigstens so vorgekommen, als ich
fest schlief und Innstetten auf Besuch beim Fürsten
war. Es war schrecklich; ich möchte so 'was nicht
wieder erleben. Und in ein solches Haus, so hübsch
es sonst ist (es ist sonderbarer Weise gemütlich und
unheimlich zugleich), kann ich Dich doch nicht gut
einladen. Und Innstetten, trotzdem ich ihm schließlich
in vielen Stücken zustimmte, hat sich dabei, so viel
möcht' ich sagen dürfen, auch nicht ganz richtig benommen. Er verlangte von mir, ich solle das alles
als alten Weiberunsinn ansehen und darüber lachen,
aber mit einemmal schien er doch auch wieder
selber daran zu glauben, und stellte mir zugleich
die sonderbare Zumutung, einen solchen Hausspuk
als etwas Vornehmes und Altadliges anzusehen. Das
kann ich aber nicht und will es auch nicht. Er
ist in diesem Punkte, so gütig er sonst ist, nicht gütig
und nachsichtig genug gegen mich. Denn daß es etwas
damit ist, das weiß ich von Johanna und weiß es
auch von unserer Frau Kruse. Das ist nämlich
unsere Kutscherfrau, die mit einem schwarzen Huhn
beständig in einer überheizten Stube sitzt. Dies
allein schon ist ängstlich genug. Und nun weißt
Du, warum ich kommen will, wenn es erst so weit
ist. Ach, wäre es nur erst so weit. Es sind so viele
Gründe, warum ich es wünsche. Heute abend haben
wir Sylvesterball, und Gieshübler — der einzig
nette Mensch hier, trotzdem er eine hohe Schulter
hat, oder eigentlich schon etwas mehr — Gieshübler
hat mir Kamelien geschickt. Ich werde doch vielleicht
tanzen. Unser Arzt sagt, es würde mir nichts
schaden, im Gegenteil. Und Innstetten, was mich
fast überraschte, hat auch eingewilligt. Und nun
grüße und küsse Papa und all' die andern Lieben.
Glückauf zum neuen Jahr. Deine Effi.“

Dreizehntes Kapitel.

Der Sylvesterball hatte bis an den frühen
Morgen gedauert, und Effi war ausgiebig bewundert
worden, freilich nicht ganz so anstandslos wie das
Kamelienboukett, von dem man wußte, daß es aus
dem Gieshübler'schen Treibhause kam. Im übrigen
blieb auch nach dem Sylvesterball alles beim alten,
kaum daß Versuche gesellschaftlicher Annäherung gemacht worden wären, und so kam es denn, daß der
Winter als recht lange dauernd empfunden wurde.
Besuche seitens der benachbarten Adelsfamilien fanden
nur selten statt, und dem pflichtschuldigen Gegenbesuche ging in einem halben Trauertone jedesmal
die Bemerkung voraus: „Ja, Geert, wenn es durchaus sein muß, aber ich vergehe vor Langerweile.“
Worte, denen Innstetten nur immer zustimmte.
Was an solchen Besuchsnachmittagen über Familie,
Kinder, auch Landwirtschaft gesagt wurde, mochte
gehen; wenn dann aber die kirchlichen Fragen an
die Reihe kamen und die mitanwesenden Pastoren
wie kleine Päpste behandelt wurden, oder sich auch
wohl selbst als solche ansahen, dann riß Effi der Faden
der Geduld, und sie dachte mit Wehmut an Niemeyer, der immer zurückhaltend und anspruchslos
war, trotzdem es bei jeder größeren Feierlichkeit
hieß, er habe das Zeug, an den „Dom“ berufen zu
werden. Mit den Borcke's, den Flemming's, den
Grasenabb's, so freundlich die Familien, von Sidonie
Grasenabb abgesehen, gesinnt waren — es wollte
mit allen nicht so recht gehen, und es hätte mit
Freude, Zerstreuung und auch nur leidlichem sich
behaglich-fühlen manchmal recht schlimm gestanden,
wenn Gieshübler nicht gewesen wäre. Der sorgte
für Effi, wie eine kleine Vorsehung, und sie wußte
es ihm auch Dank. Natürlich war er, neben allem
anderen, auch ein eifriger und aufmerksamer Zeitungsleser, ganz zu geschweigen, daß er an der Spitze
des Journalzirkels stand, und so verging denn fast
kein Tag, wo nicht Mirambo ein großes, weißes
Kouvert gebracht hätte, mit allerhand Blättern und
Zeitungen, in denen die betreffenden Stellen angestrichen waren, meist eine kleine, feine Bleistiftlinie,
mitunter aber auch dick mit Blaustift und ein Ausrufungs- oder Fragezeichen daneben. Und dabei
ließ er es nicht bewenden; er schickte auch Feigen
und Datteln, Chokoladentafeln in Satineepapier und
ein rotes Bändchen drum, und wenn etwas besonders Schönes in seinem Treibhaus blühte, so
brachte er es selbst und hatte dann eine glückliche
Plauderstunde mit der ihm so sympathischen jungen
Frau, für die er alle schönen Liebesgefühle durch- und nebeneinander hatte, die des Vaters und Onkels,
des Lehrers und Verehrers. Effi war gerührt von
dem allen und schrieb öfters darüber nach Hohen-Cremmen, so daß die Mama sie mit ihrer „Liebe
zum Alchymisten“ zu necken begann; aber diese wohlgemeinten Neckereien verfehlten ihren Zweck, ja berührten sie beinahe schmerzlich, weil ihr, wenn auch unklar, dabei zum Bewußtsein kam, was ihr in ihrer
Ehe eigentlich fehlte: Huldigungen, Anregungen, kleine
Aufmerksamkeiten. Innstetten war lieb und gut,
aber ein Liebhaber war er nicht. Er hatte das Gefühl, Effi zu lieben, und das gute Gewissen, daß es
so sei, ließ ihn von besonderen Anstrengungen absehen.
Es war fast zur Regel geworden, daß er sich, wenn
Friedrich die Lampe brachte, aus seiner Frau Zimmer
in sein eigenes zurückzog. „Ich habe da noch eine
verzwickte Geschichte zu erledigen.“ Und damit ging
er. Die Portiere blieb freilich zurückgeschlagen, so
daß Effi das Blättern in dem Aktenstück oder das
Kritzeln seiner Feder hören konnte, aber das war auch
alles. Rollo kam dann wohl und legte sich vor sie
hin auf den Kaminteppich, als ob er sagen wolle:
„Muß nur 'mal wieder nach Dir sehen; ein anderer
thut's doch nicht.“ Und dann beugte sie sich nieder
und sagte leise: „Ja, Rollo, wir sind allein.“ Um
neun erschien dann Innstetten wieder zum Thee,
meist die Zeitung in der Hand, sprach vom Fürsten,
der wieder viel Ärger habe, zumal über diesen Eugen
Richter, dessen Haltung und Sprache ganz unqualifizierbar seien, und ging dann die Ernennungen
und Ordensverleihungen durch, von denen er die
meisten beanstandete. Zuletzt sprach er von den
Wahlen, und daß es ein Glück sei, einem Kreise
vorzustehen, in dem es noch Respekt gäbe. War er
damit durch, so bat er Effi, daß sie 'was spiele, aus
Lohengrin oder aus der Walküre, denn er war ein
Wagner-Schwärmer. Was ihn zu diesem hinübergeführt hatte, war ungewiß; einige sagten seine Nerven,
denn so nüchtern er schien, eigentlich war er nervös;
andere schoben es auf Wagner's Stellung zur Judenfrage. Wahrscheinlich hatten beide recht. Um zehn
war Innstetten dann abgespannt und erging sich in
ein paar wohlgemeinten, aber etwas müden Zärtlichkeiten, die sich Effi gefallen ließ, ohne sie recht zu
erwidern.

So verging der Winter, der April kam, und in
dem Garten hinter dem Hofe begann es zu grünen,
worüber sich Effi freute; sie konnte gar nicht abwarten, daß der Sommer komme mit seinen Spaziergängen am Strand und seinen Badegästen. Wenn
sie so zurückblickte, der Trippelli- Abend bei Gieshübler und dann der Sylvesterball, ja, das ging,
das war etwas Hübsches gewesen; aber die Monate,
die dann gefolgt waren, die hatten doch viel zu
wünschen übrig gelassen, und vor allem waren sie so
monoton gewesen, daß sie sogar 'mal an die Mama
geschrieben hatte: „Kannst Du Dir denken, Mama,
daß ich mich mit unsrem Spuk beinah' ausgesöhnt
habe? Natürlich die schreckliche Nacht, wo Geert
drüben beim Fürsten war, die möcht' ich nicht noch
einmal durchmachen, nein, gewiß nicht; aber immer
das Alleinsein und so gar nichts erleben, das hat
doch auch sein Schweres, und wenn ich dann in der
Nacht aufwache, dann horche ich mitunter hinauf,
ob ich nicht die Schuhe schleifen höre, und wenn
alles still bleibt, so bin ich fast wie enttäuscht und
sage mir: wenn es doch nur wiederkäme, nur nicht
zu arg und nicht zu nah.“

Das war im Februar, daß Effi so schrieb, und
nun war beinahe Mai. Drüben in der Plantage
belebte sich's schon wieder, und man hörte die Finken
schlagen. Und in derselben Woche war es auch,
daß die Störche kamen, und einer schwebte langsam
über ihr Haus hin und ließ sich dann auf einer
Scheune nieder, die neben Utpatel's Mühle stand.
Das war seine alte Raststätte. Auch über dies Ereignis berichtete Effi, die jetzt überhaupt häufiger nach
Hohen-Cremmen schrieb, und es war in demselben
Briefe, daß es am Schlusse hieß: „Etwas, meine liebe
Mama, hätte ich beinah' vergessen: den neuen Landwehrbezirkskommandeur, den wir nun schon beinah'
vier Wochen hier haben. Ja, haben wir ihn wirklich?
Das ist die Frage, und eine Frage von Wichtigkeit
dazu, so sehr Du darüber lachen wirst und auch
lachen mußt, weil Du den gesellschaftlichen Notstand
nicht kennst, in dem wir uns nach wie vor befinden.
Oder wenigstens ich, die ich mich mit dem Adel hier
nicht gut zurecht finden kann. Vielleicht meine Schuld.
Aber das ist gleich. Thatsache bleibt: Notstand, und
deshalb sah ich, durch all' diese Winterwochen hin,
dem neuen Bezirkskommandeur wie einem Trost- und
Rettungsbringer entgegen. Sein Vorgänger war ein
Greuel, von schlechten Manieren und noch schlechteren
Sitten, und zum Überfluß auch noch immer schlecht
bei Kasse. Wir haben all' die Zeit über unter ihm
gelitten, Innstetten noch mehr als ich, und als wir
Anfang April hörten, Major von Crampas sei da,
das ist nämlich der Name des neuen, da fielen wir
uns in die Arme, als könne uns nun nichts Schlimmes
mehr in diesem lieben Kessin passieren. Aber, wie
schon kurz erwähnt, es scheint, trotzdem er da ist,
wieder nichts werden zu wollen. Crampas ist verheiratet, zwei Kinder von zehn und acht Jahren,
die Frau ein Jahr älter als er, also sagen wir
fünfundvierzig. Das würde nun an und für sich
nicht viel schaden, warum soll ich mich nicht mit
einer mütterlichen Freundin wundervoll unterhalten
können? Die Trippelli war auch nahe an Dreißig,
und es ging ganz gut. Aber mit der Frau von
Crampas, übrigens keine Geborne, kann es nichts
werden. Sie ist immer verstimmt, beinahe melancholisch (ähnlich wie unsere Frau Kruse, an die sie
mich überhaupt erinnert) und das alles aus Eifersucht. Er, Crampas, soll nämlich ein Mann vieler
Verhältnisse sein, ein Damenmann, etwas was mir
immer lächerlich ist und mir auch in diesem Falle
lächerlich sein würde, wenn er nicht, um eben solcher
Dinge willen, ein Duell mit einem Kameraden gehabt hätte. Der linke Arm wurde ihm dicht unter
der Schulter zerschmettert, und man sieht es sofort,
trotzdem die Operation, wie mir Innstetten erzählt
(ich glaube, sie nennen es Resektion, damals noch
von Wilms ausgeführt), als ein Meisterstück der
Kunst gerühmt wurde. Beide, Herr und Frau von
Crampas, waren vor vierzehn Tagen bei uns, um
uns ihren Besuch zu machen; es war eine sehr
peinliche Situation, denn Frau von Crampas beobachtete ihren Mann so, daß er in eine halbe und
ich in eine ganze Verlegenheit kam. Daß er selbst
sehr anders sein kann, ausgelassen und übermütig,
davon überzeugte ich mich, als er vor drei Tagen
mit Innstetten allein war, und ich, von meinem
Zimmer her, dem Gang ihrer Unterhaltung folgen
konnte. Nachher sprach auch ich ihn. Vollkommener
Kavalier, ungewöhnlich gewandt. Innstetten war
während des Krieges in derselben Brigade mit ihm,
und sie haben sich im Norden von Paris bei Graf
Gröben öfter gesehen. Ja, meine liebe Mama, das
wäre nun also etwas gewesen, um in Kessin neues
Leben beginnen zu können; er, der Major, hat auch
nicht die pommerschen Vorurteile, trotzdem er in
Schwedisch-Pommern zu Hause sein soll. Aber die
Frau! Ohne sie geht es natürlich nicht, und mit
ihr erst recht nicht.“

Effi hatte ganz recht gehabt, und es kam wirklich zu
keiner weiteren Annäherung mit dem Crampas'schen
Paare. Man sah sich 'mal bei der Borcke'schen Familie
draußen, ein andermal ganz flüchtig auf dem Bahnhof und wenige Tage später auf einer Boot- und
Vergnügungsfahrt, die nach einem am Breitling
gelegenen großen Buchen- und Eichenwalde, der „der
Schnatermann“ hieß, gemacht wurde; es kam aber
über kurze Begrüßungen nicht hinaus, und Effi war
froh, als Anfang Juni die Saison sich ankündigte.
Freilich fehlte es noch an Badegästen, die vor Johanni
überhaupt nur in Einzelexemplaren einzutreffen
pflegten, aber schon die Vorbereitungen waren eine
Zerstreuung. In der Plantage wurden Karussell und
Scheibenstände hergerichtet, die Schiffersleute kalfaterten und strichen ihre Boote, jede kleine Wohnung
erhielt neue Gardinen, und die Zimmer, die feucht
lagen, also den Schwamm unter der Diele hatten,
wurden ausgeschwefelt und dann gelüftet.

Auch in Effi's eigener Wohnung, freilich um
eines anderen Ankömmlings als der Badegäste willen,
war alles in einer gewissen Erregung; selbst Frau
Kruse wollte mitthun, so gut es ging. Aber davor erschrak Effi lebhaft und sagte: „Geert, daß nur die Frau
Kruse nichts anfaßt; da kann nichts werden, und ich
ängstige mich schon gerade genug.“ Innstetten versprach auch alles, Kristel und Johanna hätten ja
Zeit genug, und um seiner jungen Frau Gedanken
überhaupt in eine andere Richtung zu bringen, ließ
er das Thema der Vorbereitungen ganz fallen und
fragte statt dessen, ob sie denn schon bemerkt habe,
daß drüben ein Badegast eingezogen sei, nicht gerade
der erste, aber doch einer der ersten.

„Ein Herr?“

„Nein, eine Dame, die schon früher hier war,
jedesmal in derselben Wohnung. Und sie kommt
immer so früh, weil sie's nicht leiden kann, wenn
alles schon so voll ist.“

„Das kann ich ihr nicht verdenken. Und wer
ist es denn?

„Die verwitwete Registrator Rode.“

„Sonderbar. Ich habe mir Registratorwitwen
immer arm gedacht.“

„Ja,“ lachte Innstetten, „das ist die Regel.
Aber hier hast Du eine Ausnahme. Jedenfalls hat
sie mehr als ihre Witwenpension. Sie kommt
immer mit viel Gepäck, unendlich viel mehr als sie
gebraucht, und scheint überhaupt eine ganz eigene
Frau, wunderlich, kränklich und namentlich schwach
auf den Füßen. Sie mißtraut sich deshalb auch
und hat immer eine ältliche Dienerin um sich, die
kräftig genug ist, sie zu schützen oder sie zu tragen,
wenn ihr 'was passiert. Diesmal hat sie eine neue.
Aber doch auch wieder eine ganz ramassierte Person,
ähnlich wie die Trippelli, nur noch stärker.“

„O, die hab' ich schon gesehen. Gute braune
Augen, die einen treu und zuversichtlich ansehen.
Aber ein klein bißchen dumm.“

„Richtig, das ist sie.“

Das war Mitte Juni, daß Innstetten und Effi
dies Gespräch hatten. Von da ab brachte jeder Tag
Zuzug, und nach dem Bollwerk hin spazieren gehen,
um daselbst die Ankunft des Dampfschiffes abzuwarten,
wurde, wie immer um diese Zeit, eine Art Tagesbeschäftigung für die Kessiner. Effi freilich, weil
Innstetten sie nicht begleiten konnte, mußte darauf verzichten, aber sie hatte doch wenigsten die Freude, die
nach dem Strand und dem Strandhotel hinausführende, sonst so menschenleere Straße sich beleben
zu sehen, und war denn auch, um immer wieder
Zeuge davon zu sein, viel mehr als sonst in ihrem
Schlafzimmer, von dessen Fenstern aus sich alles am
besten beobachten ließ. Johanna stand dann neben
ihr und gab Antwort auf ziemlich alles, was sie
wissen wollte; denn da die meisten alljährlich wiederkehrende Gäste waren, so konnte das Mädchen nicht
bloß die Namen nennen, sondern mitunter auch eine
Geschichte dazu geben.

Das alles war unterhaltlich und erheiternd für
Effi. Grade am Johannistage aber traf es sich,
daß kurz vor elf Uhr Vormittags, wo sonst der Verkehr vom Dampfschiff her am buntesten vorüberflutete, statt der mit Ehepaaren, Kindern und Reisekoffern besetzten Droschken, aus der Mitte der Stadt
her ein schwarz verhangener Wagen (dem sich zwei
Trauerkutschen anschlossen) die zur Plantage führende
Straße herunter kam und vor dem der landrätlichen
Wohnung gegenüber gelegenen Hause hielt. Die
verwitwete Frau Registratur Rode war nämlich drei
Tage vorher gestorben, und nach Eintreffen der in
aller Kürze benachrichtigten Berliner Verwandten,
war seitens eben dieser beschlossen worden, die Tote
nicht nach Berlin hin überführen, sondern auf dem
Kessiner Dünenkirchhof begraben zu wollen. Effi
stand am Fenster und sah neugierig auf die sonderbar feierliche Szene, die sich drüben abspielte. Die
zum Begräbnis von Berlin her Eingetroffenen waren
zwei Neffen mit ihren Frauen, alle gegen Vierzig,
etwas mehr oder weniger, und von beneidenswert
gesunder Gesichtsfarbe. Die Neffen, in gut sitzenden
Fracks, konnten passieren, und die nüchterne Geschäftsmäßigkeit, die sich in ihrem gesamten Thun ausdrückte, war im Grunde mehr kleidsam als störend.
Aber die beiden Frauen! Sie waren ganz ersichtlich
bemüht, den Kessinern zu zeigen, was eigentlich
Trauer sei, und trugen denn auch lange, bis an die
Erde reichende schwarze Kreppschleier, die zugleich
ihr Gesicht verhüllten. Und nun wurde der Sarg,
auf dem einige Kränze und sogar ein Palmenwedel
lagen, auf den Wagen gestellt, und die beiden Ehepaare
setzten sich in die Kutschen. In die erste — gemeinschaftlich mit dem einen der beiden leidtragenden
Paare — stieg auch Lindequist, hinter der zweiten
Kutsche aber ging die Hauswirtin, und neben dieser
die stattliche Person, die die Verstorbene zur Aushülfe mit nach Kessin gebracht hatte. Letztere war
sehr aufgeregt und schien durchaus ehrlich darin,
wenn dies Aufgeregtsein auch vielleicht nicht gerade
Trauer war; der sehr heftig schluchzenden Hauswirtin
aber, einer Witwe, sah man dagegen fast allzu
deutlich an, daß sie sich beständig die Möglichkeit
eines Extrageschenkes berechnete, trotzdem sie in der
bevorzugten und von anderen Wirtinnen auch sehr
beneideten Lage war, die für den ganzen Sommer
vermietete Wohnung noch einmal vermieten zu können.

Effi, als der Zug sich in Bewegung setzte, ging
in ihren hinter dem Hofe gelegenen Garten, um
hier, zwischen den Buchsbaumbeeten, den Eindruck des
Lieb- und Leblosen, den die ganze Scene drüben auf
sie gemacht hatte, wieder los zu werden. Als dies
aber nicht glücken wollte, kam ihr die Lust, statt
ihrer eintönigen Gartenpromenade lieber einen weiteren
Spaziergang zu machen, und zwar um so mehr,
als ihr der Arzt gesagt hatte, viel Bewegung im
Freien sei das beste, was sie, bei dem, was ihr
bevorstände, thun könne. Johanna, die mit im
Garten war, brachte ihr denn auch Umhang, Hut und
Entoutcas, und mit einem freundlichen „Guten Tag“
trat Effi aus dem Hause heraus und ging auf das
Wäldchen zu, neben dessen breitem chaussierten
Mittelweg ein schmalerer Fußsteig auf die Dünen
und das am Strand gelegene Hotel zulief. Unterwegs standen Bänke, von denen sie jede benutzte,
denn das Gehen griff sie an, und um so mehr, als
inzwischen die heiße Mittagsstunde herangekommen
war. Aber wenn sie saß und von ihrem bequemen
Platz aus die Wagen und die Damen in Toilette
beobachtete, die da hinausfuhren, so belebte sie sich
wieder. Denn Heiteres sehen, war ihr wie Lebensluft. Als das Wäldchen aufhörte, kam freilich noch
eine allerschlimmste Wegstelle, Sand und wieder
Sand und nirgends eine Spur von Schatten; aber
glücklicherweise waren hier Bohlen und Bretter gelegt, und so kam sie, wenn auch erhitzt und müde,
doch in guter Laune bei dem Strandhotel an.
Drinnen im Saal wurde schon gegessen, aber hier
draußen um sie her war alles still und leer, was
ihr in diesem Augenblicke denn auch das liebste war.
Sie ließ sich ein Glas Sherry und eine Flasche
Biliner Wasser bringen und sah auf das Meer hinaus, das im hellen Sonnenlichte schimmerte, während
es am Ufer in kleinen Wellen brandete. „Da drüben
liegt Bornholm und dahinter Wisby, wovon mir
Jahnke vor Zeiten immer Wunderdinge vorschwärmte.
Wisby ging ihm fast noch über Lübeck und Wullenweber. Und hinter Wisby kommt Stockholm, wo
das Stockholmer Blutbad war, und dann kommen
die großen Ströme und dann das Nordkap, und
dann die Mitternachtssonne.“ Und im Augenblick
erfaßte sie eine Sehnsucht, das alles zu sehen. Aber
dann gedachte sie wieder dessen, was ihr so nahe
bevorstand, und sie erschrak fast. „Es ist eine Sünde,
daß ich so leichtsinnig bin und solche Gedanken habe
und mich wegträume, während ich doch an das nächste
denken müßte. Vielleicht bestraft es sich auch noch,
und alles stirbt hin, das Kind und ich. Und der
Wagen und die zwei Kutschen, die halten dann nicht
drüben vor dem Hause, die halten dann bei uns . . .
Nein, nein, ich mag hier nicht sterben, ich will hier
nicht begraben sein, ich will nach Hohen-Cremmen.
Und Lindequist, so gut er ist — aber Niemeyer ist
mir lieber; er hat mich getauft und eingesegnet und
getraut, und Niemeyer soll mich auch begraben.“
Und dabei fiel eine Thräne auf ihre Hand. Dann
aber lachte sie wieder. „Ich lebe ja noch und bin
erst siebzehn, und Niemeyer ist siebenundfünfzig.“

In dem Eßsaal hörte sie das Geklapper des
Geschirrs. Aber mit einemmale war es ihr, als ob
die Stühle geschoben würden; vielleicht stand man
schon auf, und sie wollte jede Begegnung vermeiden.
So erhob sie sich auch ihrerseits rasch wieder von
ihrem Platz, um auf einem Umweg nach der Stadt
zurückzukehren. Dieser Umweg führte sie dicht an
dem Dünenkirchhof vorüber, und weil der Thorweg
des Kirchhofs gerade offen stand, trat sie ein. Alles
blühte hier, Schmetterlinge flogen über die Gräber
hin, und hoch in den Lüften standen ein paar Möven.
Es war so still und schön, und sie hätte hier gleich
bei den ersten Gräbern verweilen mögen; aber weil
die Sonne mit jedem Augenblick heißer niederbrannte,
ging sie höher hinauf, auf einen schattigen Gang
zu, den Hängeweiden und etliche an den Gräbern
stehende Trauereschen bildeten. Als sie bis an das
Ende dieses Ganges gekommen, sah sie zur Rechten
einen frisch aufgeworfenen Sandhügel, mit vier, fünf
Kränzen darauf, und dicht daneben eine schon außerhalb der Baumreihe stehende Bank, darauf die gute,
robuste Person saß, die, an der Seite der Hauswirtin, dem Sarge der verwitweten Registratorin als
letzte Leidtragende gefolgt war. Effi erkannte sie
sofort wieder und war in ihrem Herzen bewegt, die
gute, treue Person, denn dafür mußte sie sie halten‚
in sengender Sonnenhitze hier vorzufinden. Seit
dem Begräbnis waren wohl an zwei Stunden vergangen.

„Es ist eine heiße Stelle, die Sie sich da ausgesucht haben,“ sagte Effi, „viel zu heiß. Und wenn
ein Unglück kommen soll, dann haben Sie den
Sonnenstich.“

„Das wär' auch das beste.“

„Wie das?“

„Dann wär' ich aus der Welt.“

„Ich meine, das darf man nicht sagen, auch
wenn man unglücklich ist oder wenn einem wer gestorben ist, den man lieb hatte. Sie hatten sie wohl
sehr lieb?“

„Ich? Die? I, Gott bewahre.“

„Sie sind aber doch sehr traurig. Das muß
doch einen Grund haben.“

„Den hat es auch, gnädigste Frau.“

„Kennen Sie mich?“

„Ja. Sie sind die Frau Landrätin von drüben.
Und ich habe mit der Alten immer von Ihnen gesprochen. Zuletzt konnte sie nicht mehr, weil sie
keine rechte Luft mehr hatte, denn es saß ihr hier
und wird wohl Wasser gewesen sein; aber so lange
sie noch reden konnte, redete sie immerzu. Es war
'ne richtige Berlin'sche . . .“

„Gute Frau?“

„Nein; wenn ich das sagen wollte, müßt' ich
lügen. Da liegt sie nun, und man soll von einem
Toten nichts Schlimmes sagen, und erst recht nicht,
wenn er so kaum seine Ruhe hat. Na, die wird sie
ja wohl haben! Aber sie taugte nichts und war
zänkisch und geizig, und für mich hat sie auch nicht
gesorgt. Und die Verwandtschaft, die da gestern von
Berlin gekommen . . . gezankt haben sie sich bis in
die sinkende Nacht . . . na, die taugt auch nichts,
die taugt erst recht nichts. Lauter schlechtes Volk,
happig und gierig und hartherzig, und haben mir
barsch und unfreundlich und mit allerlei Redensarten meinen Lohn ausgezahlt, bloß weil sie mußten
und weil es bloß noch sechs Tage sind bis zum
Vierteljahrsersten. Sonst hätte ich nichts gekriegt,
oder bloß halb oder bloß ein Viertel. Nichts aus
freien Stücken. Und einen eingerissenen Fünfmarkschein haben sie mir gegeben, daß ich nach Berlin
zurückreisen kann; na, es reicht so gerade für die
vierte Klasse, und ich werde wohl auf meinem Koffer
sitzen müssen. Aber ich will auch gar nicht; ich will
hier sitzen bleiben und warten, bis ich sterbe . . .
Gott, ich dachte nun 'mal Ruhe zu haben und hätte
auch ausgehalten bei der Alten. Und nun ist es
wieder nichts und soll mich wieder 'rumstoßen lassen.
Und kattolsch bin ich auch noch. Ach, ich hab' es
satt und läg' am liebsten, wo die Alte liegt, und sie
könnte meinetwegen weiter leben . . . Sie hätte gerne
noch weiter gelebt; solche Menschenschikanierer, die
nich 'mal Luft haben, die leben immer am liebsten.“

Rollo, der Effi begleitet hatte, hatte sich mittlerweile vor die Person hingesetzt, die Zunge weit heraus,
und sah sie an. Als sie jetzt schwieg, erhob er sich, ging
einen Schritt vor und legte seinen Kopf auf ihre Kniee.

Mit einemmale war die Person wie verwandelt.
„Gott, das bedeutet mir 'was. Da is ja 'ne Kreatur,
die mich leiden kann, die mich freundlich ansieht und
ihren Kopf auf meine Kniee legt. Gott, das ist
lange her, daß ich so 'was gehabt habe. Nu, mein
Alterchen, wie heißt du denn? Du bist ja ein
Prachtkerl.“

„Rollo,“ sagte Effi.

„Rollo; das ist sonderbar. Aber der Name
thut nichts. Ich habe auch einen sonderbaren Namen,
das heißt Vornamen. Und einen andern hat unsereins ja nicht.“

„Wie heißen Sie denn?“

„Ich heiße Roswitha.“

„Ja, das ist selten, das ist ja . . .“

„Ja, ganz recht, gnädige Frau, das ist ein
kattolscher Name. Und das kommt auch noch dazu,
daß ich eine Kattolsche bin. Aus'n Eichsfeld. Und
das Kattolsche, das macht es einem immer noch
schwerer und saurer. Viele wollen keine Kattolsche,
weil sie so viel in die Kirche rennen. ,Immer in
die Beichte; und die Hauptsache sagen sie doch nich'
— Gott, wie oft hab' ich das hören müssen, erst
als ich in Giebichenstein im Dienst war und dann
in Berlin. Ich bin aber eine schlechte Katholikin
und bin ganz davon abgekommen, und vielleicht geht
es mir deshalb so schlecht; ja, man darf nich von
seinem Glauben lassen und muß alles ordentlich
mitmachen.“

„Roswitha,“ wiederholte Effi den Namen und
setzte sich zu ihr auf die Bank. „Was haben Sie
nun vor?“

„Ach, gnäd'ge Frau, was soll ich vor haben.
Ich habe gar nichts vor. Wahr und wahrhaftig,
ich möchte hier sitzen bleiben und warten, bis ich tot
umfalle. Das wär' mir das liebste. Und dann
würden die Leute noch denken, ich hätte die Alte so
geliebt wie ein treuer Hund, und hätte von ihrem
Grabe nicht weg gewollt und wäre da gestorben.
Aber das ist falsch, für solche Alte stirbt man nicht;
ich will bloß sterben, weil ich nicht leben kann.“

„Ich will Sie 'was fragen, Roswitha. Sind
Sie, was man so ,kinderlieb‘ nennt? Waren Sie
schon 'mal bei kleinen Kindern?“

„Gewiß, war ich. Das ist ja mein bestes und
schönstes. Solche alte Berlin'sche — Gott verzeih'
mir die Sünde, denn sie ist nun tot und steht vor
Gottes Thron und kann mich da verklagen — solche
Alte, wie die da, ja, das ist schrecklich, was man da
alles thun muß, und steht einem hier vor Brust
und Magen, aber solch' kleines, liebes Ding, solch'
Dingelchen wie 'ne Puppe, das einen mit seinen
Guckäugelchen ansieht, ja, das ist 'was, da geht einem
das Herz auf. Als ich in Halle war, da war ich
Amme bei der Frau Salzdirektorin, und in Giebichenstein, wo ich nachher hinkam, da hab' ich Zwillinge
mit der Flasche groß gezogen; ja, gnäd'ge Frau, das
versteh' ich, da drin bin ich wie zu Hause.“

„Nun, wissen Sie was, Roswitha, Sie sind
eine gute, treue Person, das seh' ich Ihnen an, ein
bißchen gradezu, aber das schadet nichts, das sind
mitunter die besten, und ich habe gleich ein Zutrauen zu Ihnen gefaßt. Wollen Sie mit zu mir
kommen? Mir ist, als hätte Gott Sie mir geschickt.
Ich erwarte nun bald ein Kleines, Gott gebe mir
seine Hülfe dazu, und wenn das Kind da ist, dann
muß es gepflegt und abgewartet werden und vielleicht
auch gepäppelt. Man kann das ja nicht wissen, wiewohl ich es anders wünsche. Was meinen Sie,
wollen Sie mit zu mir kommen? Ich kann mir
nicht denken, daß ich mich in Ihnen irre.“

Roswitha war aufgesprungen und hatte die
Hand der jungen Frau ergriffen und küßte sie mit
Ungestüm. „Ach, es ist doch ein Gott im Himmel,
und wenn die Not am größten ist, ist die Hülfe am
nächsten. Sie sollen sehn, gnäd'ge Frau, es geht;
ich bin eine ordentliche Person und habe gute Zeugnisse.
Das können Sie sehn, wenn ich Ihnen mein Buch
bringe. Gleich den ersten Tag, als ich die gnäd'ge
Frau sah, da dacht' ich: ‚ja, wenn Du 'mal solchen
Dienst hättest.‘ Und nun soll ich ihn haben. O Du
lieber Gott, o Du heil'ge Jungfrau Maria, wer mir
das gesagt hätte, wie wir die Alte hier unter der
Erde hatten, und die Verwandten machten, daß sie
wieder fortkamen und mich hier sitzen ließen.“

„Ja, unverhofft kommt oft, Roswitha, und
mitunter auch im Guten. Und nun wollen wir
gehen. Rollo wird schon ungeduldig und läuft immer
auf das Thor zu.“

Roswitha war gleich bereit, trat aber noch einmal
an das Grab, brummelte 'was vor sich hin und machte
ein Kreuz. Und dann gingen sie den schattigen Gang
hinunter und wieder auf das Kirchhofsthor zu.

Drüben lag die eingegitterte Stelle, deren weißer
Stein in der Nachmittagssonne blinkte und blitzte.
Effi konnte jetzt ruhiger hinsehen. Eine Weile noch
führte der Weg zwischen Dünen hin, bis sie, dicht
vor Utpatel's Mühle, den Außenrand des Wäldchens
erreichte. Da bog sie links ein, und unter Benutzung einer schräg laufenden Allee, die die „Reeperbahn“ hieß, ging sie mit Roswitha auf die landrätliche Wohnung zu.

Vierzehntes Kapitel.

Keine Viertelstunde, so war die Wohnung erreicht. Als beide hier in den kühlen Flur traten,
war Roswitha beim Anblick all des Sonderbaren,
das da umher hing, wie befangen; Effi aber ließ
sie nicht zu weiteren Betrachtungen kommen und
sagte: „Roswitha, nun gehen Sie da hinein. Das
ist das Zimmer, wo wir schlafen. Ich will erst zu
meinem Manne nach dem Landratsamt hinüber —
das große Haus da neben dem kleinen, in dem Sie
gewohnt haben — und will ihm sagen, daß ich Sie
zur Pflege haben möchte bei dem Kinde. Er wird
wohl mit allem einverstanden sein, aber ich muß doch
erst seine Zustimmung haben. Und wenn ich die
habe, dann müssen wir ihn ausquartieren, und Sie
schlafen mit mir in dem Alkoven. Ich denke, wir
werden uns schon vertragen.“

Innstetten, als er erfuhr, um was sich's handle,
sagte rasch und in guter Laune: „Das hast Du recht
gemacht, Effi, und wenn ihr Gesindebuch nicht zu
schlimme Sachen sagt, so nehmen wir sie auf ihr
gutes Gesicht hin. Es ist doch, Gott sei Dank,
selten, daß einen das täuscht.“

Effi war sehr glücklich, so wenig Schwierigkeiten
zu begegnen, und sagte: „Nun wird es gehen. Ich
fürchte mich jetzt nicht mehr.“

„Um was, Effi?“

„Ach, Du weißt ja . . . Aber Einbildungen
sind das schlimmste, mitunter schlimmer als alles.“

Roswitha zog in selbiger Stunde noch mit
ihren paar Habseligkeiten in das landrätliche Haus
hinüber und richtete sich in dem kleinen Alkoven ein.
Als der Tag um war, ging sie früh zu Bett und
schlief, ermüdet wie sie war, gleich ein.

Am andern Morgen erkundigte sich Effi — die
seit einiger Zeit (denn es war gerade Vollmond) wieder
in Ängsten lebte — wie Roswitha geschlafen und
ob sie nichts gehört habe?

„Was?“ fragte diese.

„O, nichts. Ich meine nur so; so 'was wie
wenn ein Besen fegt oder wie wenn einer über die
Diele schlittert.“

Roswitha lachte, was auf ihre junge Herrin
einen besonders guten Eindruck machte. Effi war
fest protestantisch erzogen und würde sehr erschrocken
gewesen sein, wenn man an und in ihr 'was Katholisches entdeckt hätte; trotzdem glaubte sie, daß der
Katholizismus uns gegen solche Dinge „wie da oben“
besser schütze; ja, diese Betrachtung hatte bei dem
Plane, Roswitha ins Haus zu nehmen, ganz erheblich mitgewirkt.

Man lebte sich schnell ein, denn Effi hatte ganz
den liebenswürdigen Zug der meisten märkischen
Landfräulein, sich gern allerlei kleine Geschichten erzählen zu lassen, und die verstorbene Frau Registratorin und ihr Geiz und ihre Neffen und deren
Frauen boten einen unerschöpflichen Stoff. Auch
Johanna hörte dabei gerne zu.

Diese, wenn Effi bei den drastischen Stellen
oft laut lachte, lächelte freilich und verwunderte sich
im stillen, daß die gnädige Frau an all dem dummen
Zeuge so viel Gefallen finde; diese Verwunderung
aber, die mit einem starken Überlegenheitsgefühle
Hand in Hand ging, war doch auch wieder ein Glück
und sorgte dafür, daß keine Rangstreitigkeiten aufkommen konnten. Roswitha war einfach die komische
Figur, und Neid gegen sie zu hegen, wäre für
Johanna nichts anderes gewesen, wie wenn sie Rollo
um seine Freundschaftsstellung beneidet hätte.

So verging eine Woche, plauderhaft und beinahe
gemütlich, weil Effi dem, was ihr persönlich bevorstand, ungeängstigter als früher entgegen sah. Auch
glaubte sie nicht, daß es so nahe sei. Den neunten
Tag aber war es mit dem Plaudern und den Gemütlichkeiten vorbei; da gab es ein Laufen und Rennen,
Innstetten selbst kam ganz aus seiner gewohnten
Reserve heraus, und am Morgen des 3. Juli stand
neben Effi's Bett eine Wiege. Doktor Hannemann
patschelte der jungen Frau die Hand und sagte:
„Wir haben heute den Tag von Königgrätz; schade,
daß es ein Mädchen ist. Aber das andere kann ja
nachkommen, und die Preußen haben viele Siegestage.“ Roswitha mochte wohl Ähnliches denken,
freute sich indessen vorläufig ganz uneingeschränkt
über das, was da war, und nannte das Kind ohne
weiteres „Lütt-Annie“, was der jungen Mutter als
ein Zeichen galt. „Es müsse doch wohl eine Eingebung gewesen sein, daß Roswitha gerade auf diesen
Namen gekommen sei.“ Selbst Innstetten wußte
nichts dagegen zu sagen, und so wurde schon von
Klein-Annie gesprochen, lange bevor der Tauftag da
war. Effi, die von Mitte August an bei den Eltern in
Hohen-Cremmen sein wollte, hätte die Taufe gern bis
dahin verschoben. Aber es ließ sich nicht thun; Innstetten konnte nicht Urlaub nehmen, und so wurde
denn der 15. August, trotzdem es der Napoleonstag
war (was denn auch von seiten einiger Familien
beanstandet wurde), für diesen Taufakt festgesetzt,
natürlich in der Kirche. Das sich anschließende Festmahl, weil das landrätliche Haus keinen Saal hatte,
fand in dem großen Ressourcen-Hotel am Bollwerk
statt, und der gesamte Nachbaradel war geladen und
auch erschienen. Pastor Lindequist ließ Mutter und
Kind in einem liebenswürdigen und allseitig bewunderten Toaste leben, bei welcher Gelegenheit
Sidonie v. Grasenabb zu ihrem Nachbar, einem
adligen Assessor von der strengen Richtung, bemerkte:
„Ja, seine Kasualreden, das geht. Aber seine Predigten kann er vor Gott und Menschen nicht verantworten; er ist ein Halber, einer von denen, die
verworfen sind, weil sie lau sind. Ich mag das
Bibelwort hier nicht wörtlich zitieren.“ Gleich danach
nahm auch der alte Herr v. Borcke das Wort, um
Innstetten leben zu lassen. „Meine Herrschaften,
es sind schwere Zeiten, in denen wir leben, Auflehnung, Trotz, Indisziplin, wohin wir blicken.
Aber so lange wir noch Männer haben, und ich
darf hinzusetzen, Frauen und Mütter (und hierbei
verbeugte er sich mit einer eleganten Handbewegung
gegen Effi) . . . so lange wir noch Männer haben
wie Baron Innstetten, den ich stolz bin meinen
Freund nennen zu dürfen, so lange geht es noch,
so lange hält unser altes Preußen noch. Ja, meine
Freunde, Pommern und Brandenburg, damit zwingen
wir's und zertreten dem Drachen der Revolution das
giftige Haupt. Fest und treu, so siegen wir. Die
Katholiken, unsere Brüder, die wir, auch wenn wir
sie bekämpfen, achten müssen, haben den Felsen Petri,
wir aber haben den Rocher de Bronze. Baron Innstetten, er lebe hoch!“ Innstetten dankte ganz kurz,
Effi sagte zu dem neben ihr sitzenden Major v.
Crampas: Das mit dem ‚Felsen Petri‘ sei wahrscheinlich eine Huldigung gegen Roswitha gewesen;
sie werde nachher an den alten Justizrat Gadebusch
herantreten und ihn fragen, ob er nicht ihrer Meinung
sei. Crampas nahm, diese Bemerkung unerklärlicherweise für Ernst und riet von einer Anfrage bei
dem Justizrat ab, was Effi ungemein erheiterte.
„Ich habe Sie doch für einen besseren Seelenleser
gehalten.“

„Ach, meine Gnädigste, bei schönen, jungen
Frauen, die noch nicht achtzehn sind, scheitert alle
Lesekunst.“

„Sie verderben sich vollends, Major. Sie
können mich eine Großmutter nennen, aber Anspielungen darauf, daß ich noch nicht achtzehn bin,
das kann Ihnen nie verziehen werden.“

Als man von Tisch aufgestanden war, kam der
Spätnachmittags-Dampfer die Kessine herunter und
legte an der Landungsbrücke, gegenüber dem Hotel,
an. Effi saß mit Crampas und Gieshübler beim
Kaffee, alle Fenster auf, und sah dem Schauspiel
drüben zu. „Morgen früh um neun führt mich dasselbe Schiff den Fluß hinauf, und zu Mittag bin
ich in Berlin, und am Abend bin ich in Hohen-Cremmen, und Roswitha geht neben mir und hält
das Kind auf dem Arme. Hoffentlich schreit es nicht.
Ach, wie mir schon heute zu Mute ist! Lieber Gieshübler, sind Sie auch 'mal so froh gewesen, Ihr
elterliches Haus wiederzusehen?“

„Ja, ich kenne das auch, gnädigste Frau. Nur
bloß ich brachte kein Anniechen mit, weil ich keins
hatte.“

„Kommt noch,“ sagte Crampas. „Stoßen Sie
an, Gieshübler; Sie sind der einzige vernünftige
Mensch hier.“

„Aber, Herr Major, wir haben ja bloß noch den
Cognac.“

„Desto besser.“

Fünfzehntes Kapitel.

Mitte August war Effi abgereist, Ende September war sie wieder in Kessin. Manchmal in den
zwischenliegenden sechs Wochen hatte sie's zurückverlangt; als sie aber wieder da war und in den
dunklen Flur eintrat, auf den nur von der Treppenstiege her ein etwas fahles Licht fiel, wurde ihr mit
einemmal wieder bang, und sie sagte leise: „Solch
fahles, gelbes Licht giebt es in Hohen-Cremmen
gar nicht.“

Ja, ein paarmal, während ihrer Hohen-Cremmer
Tage, hatte sie Sehnsucht nach dem „verwunschenen
Hause“ gehabt, alles in allem aber war ihr doch
das Leben daheim voller Glück und Zufriedenheit
gewesen. Mit Hulda freilich, die's nicht verwinden
konnte, noch immer auf Mann oder Bräutigam
warten zu müssen, hatte sie sich nicht recht stellen
können, desto besser dagegen mit den Zwillingen,
und mehr als einmal, wenn sie mit ihnen Ball
oder Krocket gespielt hatte, war ihr's ganz aus dem
Sinn gekommen, überhaupt verheiratet zu sein. Das
waren dann glückliche Viertelstunden gewesen. Am
liebsten aber hatte sie wie früher auf dem durch die
Luft fliegenden Schaukelbrett gestanden, und in dem
Gefühle: ,jetzt stürz' ich', etwas eigentümlich prickelndes, einen Schauer süßer Gefahr empfunden. Sprang
sie dann schließlich von der Schaukel ab, so begleitete sie die beiden Mädchen bis an die Bank vor
dem Schulhause und erzählte, wenn sie da saßen,
dem alsbald hinzukommenden alten Jahnke von ihrem
Leben in Kessin, das halb hanseatisch und halb
skandinavisch und jedenfalls sehr anders als in
Schwantikow und Hohen-Cremmen sei.

Das waren so die täglichen kleinen Zerstreuungen,
an die sich gelegentlich auch Fahrten in das sommerliche Luch schlossen, meist im Jagdwagen; allem
voran aber standen für Effi doch die Plaudereien,
die sie beinahe jeden Morgen mit der Mama hatte.
Sie saßen dann oben in der luftigen, großen Stube,
Roswitha wiegte das Kind und sang in einem
thüringischen Platt allerlei Wiegenlieder, die niemand
recht verstand, vielleicht sie selber nicht; Effi und
Frau von Briest aber rückten ans offene Fenster
und sahen, während sie sprachen, auf den Park hinunter, auf die Sonnenuhr oder auf die Libellen, die
beinahe regungslos über dem Teich standen, oder
auch auf den Fliesengang, wo Herr von Briest neben
dem Treppenvorbau saß und die Zeitungen las.
Immer wenn er umschlug, nahm er zuvor den
Kneifer ab und grüßte zu Frau und Tochter hinauf.
Kam dann das letzte Blatt an die Reihe, das in
der Regel der „Anzeiger für's Havelland“ war, so
ging Effi hinunter, um sich entweder zu ihm zu
setzen oder um mit ihm durch Garten und Park zu
schlendern. Einmal, bei solcher Gelegenheit, traten
sie, von dem Kieswege her, an ein kleines, zur Seite
stehendes Denkmal heran, das schon Briest's Großvater zur Erinnerung an die Schlacht von Waterloo
hatte aufrichten lassen, eine verrostete Pyramide mit
einem gegossenen Blücher in Front und einem dito
Wellington auf der Rückseite.

„Hast Du nun solche Spaziergänge auch in
Kessin,“ sagte Briest, „und begleitet Dich Innstetten
auch und erzählt Dir allerlei?“

„Nein, Papa, solche Spaziergänge habe ich nicht.
Das ist ausgeschlossen, denn wir haben bloß einen
kleinen Garten hinter dem Hause, der eigentlich kaum
ein Garten ist, bloß ein paar Buchsbaumrabatten
und Gemüsebeete mit drei, vier Obstbäumen drin.
Innstetten hat keinen Sinn dafür und denkt wohl
auch nicht sehr lange mehr in Kessin zu bleiben.“

„Aber Kind, Du mußt doch Bewegung haben
und frische Luft, daran bist Du doch gewöhnt.“

„Hab' ich auch. Unser Haus liegt an einem
Wäldchen, das sie die Plantage nennen. Und da
geh' ich denn viel spazieren und Rollo mit mir.“

„Immer Rollo,“ lachte Briest. „Wenn man's
nicht anders wüßte, so sollte man beinah' glauben,
Rollo sei Dir mehr ans Herz gewachsen als Mann
und Kind.“

„Ach, Papa, das wäre ja schrecklich, wenn's auch
freilich — so viel muß ich zugeben — eine Zeit
gegeben hat, wo's ohne Rollo gar nicht gegangen
wäre. Das war damals . . . nun, Du weißt schon . . .
Da hat er mich so gut wie gerettet oder ich habe
mir's wenigstens eingebildet, und seitdem ist er mein
guter Freund und mein ganz besonderer Verlaß.
Aber er ist doch bloß ein Hund. Und erst kommen
doch natürlich die Menschen.“

„Ja, das sagt man immer, aber ich habe da
doch so meine Zweifel. Das mit der Kreatur, damit hat's doch seine eigene Bewandtnis, und was da
das Richtige ist, darüber sind die Akten noch nicht
geschlossen. Glaube mir, Effi, das ist auch ein weites
Feld. Wenn ich mir so denke, da verunglückt einer
auf dem Wasser oder gar auf dem schülbrigen Eis,
und solch ein Hund, sagen wir so einer wie Dein
Rollo, ist dabei, ja, der ruht nicht eher, als bis er
den Verunglückten wieder an Land hat. Und wenn
der Verunglückte schon tot ist, dann legt er sich
neben den Toten hin und blafft und winselt so
lange, bis wer kommt, und wenn keiner kommt, dann
bleibt er bei dem Toten liegen bis er selber tot
ist. Und das thut solch' Tier immer. Und nun
nimm dagegen die Menschheit! Gott, vergieb mir
die Sünde, aber mitunter ist mir's doch, als ob
die Kreatur besser wäre als der Mensch.“

„Aber, Papa, wenn ich das Innstetten wieder
erzählte . . .“

„Nein, das thu' lieber nicht. Effi . . .“

„Rollo würde mich ja natürlich retten, aber
Innstetten würde mich auch retten. Er ist ja ein
Mann von Ehre.“

„Das ist er.“

„Und liebt mich.“

„Versteht sich, versteht sich. Und wo Liebe ist,
da ist auch Gegenliebe. Das ist nun 'mal so. Mich
wundert nur, daß er nicht 'mal Urlaub genommen
hat und 'rübergeflitzt ist. Wenn man eine so junge
Frau hat . . .“

Effi errötete, weil sie gerade so dachte. Sie
mochte es aber nicht einräumen. Innstetten ist so
gewissenhaft und will, glaub' ich, gut angeschrieben
sein, und hat so seine Pläne für die Zukunft; Kessin
ist doch bloß eine Station. Und dann am Ende,
ich lauf' ihm ja nicht fort. Er hat mich ja. Wenn
man zu zärtlich ist . . . und dazu der Unterschied der
Jahre . . . da lächeln die Leute bloß.“

„Ja, daß thun sie, Effi. Aber darauf muß
man's ankommen lassen. Übrigens sage nichts darüber, auch nicht zu Mama. Es ist so schwer,
was man thun und lassen soll. Das ist auch ein
weites Feld.“

Gespräche, wie diese, waren während Effi's Besuch im elterlichen Hause mehr als einmal geführt
worden, hatten aber glücklicherweise nicht lange nachgewirkt, und ebenso war auch der etwas melancholische
Eindruck rasch verflogen, den das erste Wiederbetreten
ihres Kessiner Hauses auf Effi gemacht hatte. Innstetten zeigte sich voll kleiner Aufmerksamkeiten, und
als der Thee genommen und alle Stadt- und Liebesgeschichten in heiterster Stimmung durchgesprochen
waren, hing sich Effi zärtlich an seinen Arm, um
drüben ihre Plaudereien mit ihm fortzusetzen und noch
einige Anekdoten von der Trippelli zu hören, die
neuerdings wieder mit Gieshübler in einer lebhaften
Korrespondenz gestanden hatte, was immer gleichbedeutend mit einer neuen Belastung ihres nie ausgeglichenen Kontos war. Effi war bei diesem Gespräch sehr ausgelassen, fühlte sich ganz als junge
Frau und war froh, die nach der Gesindestube hin
ausquartierte Roswitha auf unbestimmte Zeit los
zu sein.

Am anderen Morgen sagte sie: „Das Wetter
ist schön und mild und ich hoffe, die Veranda nach
der Plantage hinaus ist noch in gutem Stande, und
wir können uns ins Freie setzen und da das Frühstück nehmen. In unsere Zimmer kommen wir ohnehin noch früh genug, und der Kessiner Winter ist
wirklich um vier Wochen zu lang.“

Innstetten war sehr einverstanden. Die Veranda,
von der Effi gesprochen, und die vielleicht richtiger
ein Zelt genannt worden wäre, war schon im Sommer
hergerichtet worden, drei, vier Wochen vor Effi's
Abreise nach Hohen-Cremmen, und bestand aus einem
großen gedielten Podium, vorn offen, mit einer
mächtigen Marquise zu Häupten, während links und
rechts breite Leinwandvorhänge waren, die sich mit
Hülfe von Ringen an einer Eisenstange hin und her
schieben ließen. Es war ein reizender Platz, den
ganzen Sommer über von allen Badegästen, die hier
vorüber mußten, bewundert.

Effi hatte sich in einen Schaukelstuhl gelehnt
und sagte, während sie das Kaffeebrett von der Seite
her ihrem Manne zuschob: „Geert, Du könntest
heute den liebenswürdigen Wirt machen; ich für mein
Teil find' es so schön in diesem Schaukelstuhl, daß
ich nicht aufstehen mag. Also strenge Dich an, und
wenn Du Dich recht freust, mich wieder hier zu
haben, so werd' ich mich auch zu revanchieren wissen.“
Und dabei zupfte sie die weiße Damastdecke zurecht
und legte ihre Hand darauf, die Innstetten nahm
und küßte.

„Wie bist Du nur eigentlich ohne mich fertig
geworden?“

„Schlecht genug, Effi.“

„Das sagst Du so hin und machst ein betrübtes
Gesicht, und ist doch eigentlich alles nicht wahr.“

„Aber Effi . . .“

„Was ich Dir beweisen will. Denn wenn Du
ein bißchen Sehnsucht nach Deinem Kinde gehabt
hättest — von mir selber will ich nicht sprechen,
was ist man am Ende solchem hohen Herrn, der so
lange Jahre Junggeselle war und es nicht eilig
hatte . . .“

„Nun?“

„Ja, Geert, wenn Du nur ein bißchen Sehnsucht gehabt hättest, so hättest Du mich nicht sechs
Wochen mutterwindallein in Hohen-Cremmen sitzen
lassen wie eine Witwe, und nichts da als Niemeyer
und Jahnke und 'mal die Schwantikower. Und von
den Rathenowern ist niemand gekommen, als ob sie
sich vor mir gefürchtet hätten oder als ob ich zu alt
geworden sei.“

„Ach, Effi, wie Du nur sprichst. Weißt Du,
daß Du eine kleine Kokette bist?“

„Gott sei Dank, daß Du das sagst. Das ist
für Euch das beste, was man sein kann. Und Du
bist nichts anderes als die anderen, wenn Du auch
so feierlich und ehrsam thust. Ich weiß es recht gut,
Geert . . . Eigentlich bist Du . . .“

„Nun, was?“

„Nun, ich will es lieber nicht sagen. Aber ich
kenne Dich recht gut; Du bist eigentlich, wie der
Schwantikower Onkel 'mal sagte, ein Zärtlichkeitsmensch und unterm Liebesstern geboren, und Onkel
Belling hatte ganz recht, als er das sagte. Du willst
es bloß nicht zeigen und denkst, es schickt sich nicht
und verdirbt einem die Karriere. Hab' ich's getroffen?“

Innstetten lachte. „Ein bißchen getroffen hast
Du's. Weißt Du was, Effi, Du kommst mir ganz
anders vor. Bis Anniechen da war, warst Du ein
Kind. Aber mit einemmal . . .“

„Nun?“

Mit einemmal bist Du wie vertauscht. Aber
es steht Dir, Du gefällst mir sehr, Effi. Weißt
Du was?“

„Nun?“

„Du hast 'was Verführerisches.“

„Ach, mein einziger Geert, das ist ja herrlich,
was Du da sagst; nun wird mir erst recht wohl
ums Herz . . . Gieb mir noch eine halbe Tasse . . .
Weißt Du denn, daß ich mir das immer gewünscht
habe. Wir müssen verführerisch sein, sonst sind wir
gar nichts . . .“

„Hast Du das aus Dir?“

„Ich könnt' es wohl auch aus mir haben. Aber
ich hab' es von Niemeyer . . .“

„Von Niemeyer! O du himmlischer Vater, ist
das ein Pastor. Nein, solche giebt es hier nicht.
Aber wie kam denn der dazu? Das ist ja, als ob
es irgend ein Don Juan oder Herzensbrecher gesprochen hätte.“

„Ja, wer weiß,“ lachte Effi . . . „Aber kommt
da nicht Crampas? Und vom Strand her. Er
wird doch nicht gebadet haben? Am 27. September . . .“

„Er macht öfter solche Sachen. Reine Renommisterei.“

Derweilen war Crampas bis in nächste Nähe
gekommen und grüßte.

„Guten Morgen,“ rief Innstetten ihm zu. „Nur
näher, nur näher.“

Crampas trat heran. Er war in Zivil und
küßte der in ihrem Schaukelstuhl sich weiter wiegenden
Effi die Hand. „Entschuldigen Sie mich, Major,
daß ich so schlecht die Honneurs des Hauses mache;
aber die Veranda ist kein Haus und zehn Uhr früh
ist eigentlich gar keine Zeit. Da wird man formlos,
oder wenn Sie wollen intim. Und nun setzen Sie
sich und geben Sie Rechenschaft von Ihrem Thun.
Denn an Ihrem Haar, ich wünschte Ihnen, daß es
mehr wäre, sieht man deutlich, daß Sie gebadet
haben.“

Er nickte.

„Unverantwortlich,“ sagte Innstetten, halb ernst-,
halb scherzhaft. „Da haben Sie nun selber vor vier
Wochen die Geschichte mit dem Bankier Heinersdorf
erlebt, der auch dachte, das Meer und der grandiose
Wellenschlag würden ihn um seiner Million willen
respektieren. Aber die Götter sind eifersüchtig untereinander, und Neptun stellte sich ohne weiteres gegen
Pluto oder doch wenigstens gegen Heinersdorf.“

Crampas lachte. „Ja, eine Million Mark!
Lieber Innstetten, wenn ich die hätte, da hätt' ich es
am Ende nicht gewagt; denn so schön das Wetter
ist, das Wasser hatte nur neun Grad. Aber unsereins
mit seiner Million Unterbilanz, gestatten Sie mir
diese kleine Renommage, unsereins kann sich so 'was
ohne Furcht vor der Götter Eifersucht erlauben.
Und dann muß einen das Sprichwort trösten: ,Wer
für den Strick geboren ist, kann im Wasser nicht
umkommen‘.“

„Aber, Major, Sie werden sich doch nicht etwas
so Urprosaisches, ich möchte beinah' sagen an den
Hals reden wollen. Allerdings glauben manche,
daß . . . ich meine das, wovon Sie eben gesprochen
haben . . . daß ihn jeder mehr oder weniger verdiene.
Trotzdem, Major . . . für einen Major . . .“

„. . . Ist es keine herkömmliche Todesart. Zugegeben, meine Gnädigste. Nicht herkömmlich und
in meinem Falle auch nicht einmal sehr wahrscheinlich — also alles bloß Citat oder noch richtiger
façon de parler. Und doch steckt etwas Aufrichtiggemeintes dahinter, wenn ich da eben sagte, die See
werde mir nichts anhaben. Es steht mir nämlich
fest, daß ich einen richtigen und hoffentlich ehrlichen
Soldatentod sterben werde. Zunächst bloß Zigeunerprophezeiung, aber mit Resonanz im eigenen Gewissen.“

Innstetten lachte. „Das wird seine Schwierigkeiten haben, Crampas, wenn Sie nicht vorhaben,
beim Großtürken oder unterm chinesischen Drachen
Dienste zu nehmen. Da schlägt man sich jetzt herum.
Hier ist die Geschichte, glauben Sie mir, auf dreißig
Jahre vorbei, und wer seinen Soldatentod sterben
will . . .“

„. . . Der muß sich erst bei Bismarck einen
Krieg bestellen. Weiß ich alles, Innstetten. Aber
das ist doch für Sie eine Kleinigkeit. Jetzt haben
wir Ende September; in zehn Wochen spätestens ist
der Fürst wieder in Varzin, und da er ein liking
für Sie hat — mit der volkstümlicheren Wendung
will ich zurückhalten, um nicht direkt vor Ihren
Pistolenlauf zu kommen — so werden Sie einem
alten Kameraden von Vionville her doch wohl ein
bißchen Krieg besorgen können. Der Fürst ist auch
nur ein Mensch, und Zureden hilft.“

Effi hatte während dieses Gesprächs einige
Brotkügelchen gedreht, würfelte damit und legte sie
zu Figuren zusammen, um so anzuzeigen, daß ihr
ein Wechsel des Themas wünschenswert wäre. Trotzdem schien Innstetten auf Crampas scherzhafte Bemerkungen antworten zu wollen, was denn Effi
bestimmte, lieber direkt einzugreifen. „Ich sehe nicht
ein, Major, warum wir uns mit Ihrer Todesart
beschäftigen sollen; das Leben ist uns näher und
zunächst auch eine viel ernstere Sache.“

Crampas nickte.

„Das ist recht, daß Sie mir recht geben. Wie
soll man hier leben? Das ist vorläufig die Frage,
das ist wichtiger als alles andere. Gieshübler hat
mir darüber geschrieben, und wenn es nicht indiskret
und eitel wäre, denn es steht noch allerlei nebenher
darin, so zeigte ich Ihnen den Brief . . . Innstetten
braucht ihn nicht zu lesen, der hat keinen Sinn für
dergleichen . . . beiläufig eine Handschrift wie gestochen und Ausdrucksformen, als wäre unser Freund
statt am Kessiner Alten-Markt an einem altfranzösischen Hofe erzogen. Und daß er verwachsen ist
und weiße Jabots trägt wie kein anderer Mensch
mehr — ich weiß nur nicht, wo er die Plätterin
hernimmt — das paßt alles so vorzüglich. Nun,
also Gieshübler hat mir von Plänen für die Ressourcenabende geschrieben und von einem Entrepreneur,
Namens Crampas. Sehen Sie, Major, das gefällt
mir besser als der Soldatentod oder gar der andere.“

„Mir persönlich nicht minder. Und es muß
ein Prachtwinter werden, wenn wir uns der Unterstützung der gnädigen Frau versichert halten dürfen.
Die Trippelli kommt . . .“

„Die Trippelli? Dann bin ich überflüssig.“

„Mit nichten, gnädigste Frau. Die Trippelli
kann nicht von Sonntag bis wieder Sonntag singen,
es wäre zu viel für sie und für uns; Abwechslung
ist des Lebens Reiz, eine Wahrheit, die freilich jede
glückliche Ehe zu widerlegen scheint.“

„Wenn es glückliche Ehen giebt, die meinige
ausgenommen . . .“ und sie reichte Innstetten die Hand.

„Abwechslung also,“ fuhr Crampas fort. „Und
diese für uns und unsere Ressource zu gewinnen,
deren Vizevorstand zu sein ich zur Zeit die Ehre
habe, dazu braucht es aller bewährten Kräfte. Wenn
wir uns zusammenthun, so müssen wir das ganze
Nest auf den Kopf stellen. Die Theaterstücke sind
schon ausgesucht: Krieg im Frieden, Monsieur Herkules, Jugendliebe von Wilbrandt, vielleicht auch
Euphrosine von Gensichen. Sie die Euphrosine, ich
der alte Goethe. Sie sollen staunen, wie gut ich den
Dichterfürsten tragiere . . . wenn ‚tragieren‘ das
richtige Wort ist.“

„Kein Zweifel. Hab' ich doch inzwischen aus
dem Briefe meines alchymistischen Geheimkorrespondenten erfahren, daß Sie, neben vielem anderen, gelegentlich auch Dichter sind. Anfangs habe ich mich
gewundert . . .“

„Denn Sie haben es mir nicht angesehen.“

„Nein. Aber seit ich weiß, daß Sie bei neun
Grad baden, bin ich anderen Sinnes geworden . . .
neun Grad Ostsee, das geht über den kastalischen
Quell . . .“

„Dessen Temperatur unbekannt ist.“

„Nicht für mich; wenigstens wird mich niemand
widerlegen. Aber nun muß ich aufstehen. Da kommt
ja Roswitha mit Lütt-Annie.“

Und sie erhob sich rasch und ging auf Roswitha
zu, nahm ihr das Kind aus dem Arm und hielt es
stolz und glücklich in die Höhe.

Sechzehntes Kapitel.

Die Tage waren schön und blieben es bis in
den Oktober hinein. Eine Folge davon war, daß
die halb zeltartige Veranda draußen zu ihrem Rechte
kam, so sehr, daß sich wenigstens die Vormittagsstunden regelmäßig darin abspielten. Gegen elf kam
dann wohl der Major, um sich zunächst nach dem
Befinden der gnädigen Frau zu erkundigen und mit
ihr ein wenig zu medisieren, was er wundervoll verstand, danach aber mit Innstetten einen Ausritt zu
verabreden, oft landeinwärts, die Kessine hinauf bis
an den Breitling, noch häufiger auf die Molen zu.
Effi, wenn die Herren fort waren, spielte mit dem
Kind oder durchblätterte die von Gieshübler nach
wie vor ihr zugeschickten Zeitungen und Journale,
schrieb auch wohl einen Brief an die Mama oder
sagte: „Roswitha, wir wollen mit Annie spazieren
fahren,“ und dann spannte sich Roswitha vor den
Korbwagen und fuhr, während Effi hinterherging, ein
paar hundert Schritt in das Wäldchen hinein, auf
eine Stelle zu, wo Kastanien ausgestreut lagen, die
man nun auflas, um sie dem Kinde als Spielzeug
zu geben. In die Stadt kam Effi wenig; es war
niemand recht da, mit dem sie hätte plaudern können,
nachdem ein Versuch, mit der Frau von Crampas
auf einen Umgangsfuß zu kommen, aufs neue
gescheitert war. Die Majorin war und blieb
menschenscheu.

Das ging so wochenlang, bis Effi plötzlich den
Wunsch äußerte, mit ausreiten zu dürfen; sie habe
nun 'mal die Passion und es sei doch zu viel verlangt, bloß um des Geredes der Kessiner willen, auf
etwas zu verzichten, das einem so viel wert sei. Der
Major fand die Sache kapital und Innstetten, dem
es augenscheinlich weniger paßte — so wenig, daß
er immer wieder hervorhob, es werde sich kein Damenpferd finden lassen — Innstetten mußte nachgeben,
als Crampas versicherte, „das solle seine Sorge sein“.
Und richtig, was man wünschte, fand sich auch, und
Effi war selig, am Strande hinjagen zu können,
jetzt wo „Damenbad“ und „Herrenbad“ keine scheidenden Schreckensworte mehr waren. Meist war auch
Rollo mit von der Partie, und weil es sich ein
paarmal ereignet hatte, daß man am Strande zu
rasten oder auch eine Strecke Wegs zu Fuß zu
machen wünschte, so kam man überein, sich von
entsprechender Dienerschaft begleiten zu lassen, zu
welchem Behufe des Majors Bursche, ein alter Treptower Ulan, der Knut hieß, und Innstetten's Kutscher
Kruse zu Reitknechten umgewandelt wurden, allerdings ziemlich unvollkommen, indem sie, zu Effi's
Leidwesen, in eine Phantasie-Livree gesteckt wurden,
darin der eigentliche Beruf beider noch nachspukte.

Mitte Oktober war schon heran, als man, so
herausstaffiert, zum erstenmal in voller Kavalkade
aufbrach, in Front Innstetten und Crampas, Effi
zwischen ihnen, dann Kruse und Knut und zuletzt
Rollo, der aber bald, weil ihm das Nachtrotten mißfiel, allen vorauf war. Als man das jetzt öde
Strandhotel passiert und bald danach, sich rechts
haltend, auf dem von einer mäßigen Brandung überschäumten Strandwege den diesseitigen Molendamm
erreicht hatte, verspürte man Lust, abzusteigen und
einen Spaziergang bis an den Kopf der Mole zu
machen. Effi war die erste aus dem Sattel. Zwischen
den beiden Steindämmen floß die Kessine breit und
ruhig dem Meere zu, das wie eine sonnenbeschienene
Fläche, darauf nur hier und da eine leichte Welle
träufelte, vor ihnen lag.

Effi war noch nie hier draußen gewesen, denn
als sie vorigen November in Kessin eintraf, war
schon Sturmzeit, und als der Sommer kam, war sie
nicht mehr im stande, weite Gänge zu machen. Sie
war jetzt entzückt, fand alles groß und herrlich, erging sich in kränkenden Vergleichen zwischen dem
Luch und dem Meer und ergriff, so oft die Gelegenheit dazu sich bot, ein Stück angeschwemmtes Holz,
um es nach links hin in die See oder nach rechts
hin in die Kessine zu werfen. Rollo war immer
glücklich, im Dienste seiner Herrin sich nachstürzen
zu können; mit einemmal aber wurde seine Aufmerksamkeit nach einer ganz anderen Seite hin abgezogen, und sich vorsichtig, ja beinahe ängstlich vorwärts schleichend, sprang er plötzlich auf einen in
Front sichtbar werdenden Gegenstand zu, freilich vergeblich, denn im selben Augenblicke glitt von einem
sonnenbeschienenen und mit grünem Tang überwachsenen
Stein eine Robbe glatt und geräuschlos in das nur
etwa fünf Schritt entfernte Meer hinunter. Eine
kurze Weile noch sah man den Kopf, dann tauchte
auch dieser unter.

Alle waren erregt, und Crampas phantasierte
von Robbenjagd und daß man das nächste Mal die
Büchse mitnehmen müsse, „denn die Dinger haben
ein festes Fell.“

„Geht nicht,“ sagte Innstetten; „Hafenpolizei.“

„Wenn ich so 'was höre,“ lachte der Major.
„Hafenpolizei! Die drei Behörden, die wir hier
haben, werden doch wohl untereinander die Augen
zudrücken können. Muß denn alles so furchtbar
gesetzlich sein? Alle Gesetzlichkeiten sind langweilig.“

Effi klatschte in die Hände.

„Ja, Crampas, Sie kleidet das, und Effi, wie
Sie sehen, klatscht Ihnen Beifall. Natürlich; die
Weiber schreien sofort nach einem Schutzmann, aber
von Gesetz wollen sie nichts wissen.“

„Das ist so Frauenrecht von alter Zeit her,
und wir werden's nicht ändern, Innstetten.“

„Nein,“ lachte dieser, „und ich will es auch nicht.
Auf Mohrenwäsche lasse ich mich nicht ein. Aber einer
wie Sie, Crampas, der unter der Fahne der Disziplin
groß geworden ist und recht gut weiß, daß es ohne
Zucht und Ordnung nicht geht, ein Mann wie Sie,
der sollte doch eigentlich so 'was nicht reden, auch
nicht einmal im Spaß. Indessen, ich weiß schon,
Sie haben einen himmlischen Kehrmichnichtdran und
denken, der Himmel wird nicht gleich einstürzen.
Nein, gleich nicht. Aber 'mal kommt es.“

Crampas wurde einen Augenblick verlegen, weil
er glaubte, das alles sei mit einer gewissen Absicht
gesprochen, was aber nicht der Fall war. Innstetten
hielt nur einen seiner kleinen moralischen Vorträge,
zu denen er überhaupt hinneigte. „Da lob' ich mir
Gieshübler,“ sagte er einlenkend, „immer Kavalier
und dabei doch Grundsätze.“

Der Major hatte sich mittlerweile wieder zurechtgefunden und sagte in seinem alten Ton: „Ja, Gieshübler;
der beste Kerl von der Welt und, wenn möglich, noch
bessere Grundsätze. Aber am Ende woher? warum?
Weil er einen „Verdruß“ hat. Wer gerade gewachsen
ist, ist für Leichtsinn. Überhaupt ohne Leichtsinn
ist das ganze Leben keinen Schuß Pulver wert.“

„Nun hören Sie, Crampas, gerade soviel kommt
mitunter dabei heraus.“ Und dabei sah er auf des
Majors linken, etwas verkürzten Arm.

Effi hatte von diesem Gespräche wenig gehört.
Sie war dicht an die Stelle getreten, wo die Robbe
gelegen, und Rollo stand neben ihr. Dann sahen
beide, von dem Stein weg, auf das Meer und warteten,
ob die ‚Seejungfrau‘ noch einmal sichtbar werden würde.

Ende Oktober begann die Wahlkampagne, was
Innstetten hinderte, sich ferner an den Ausflügen
zu beteiligen, und auch Crampas und Effi hätten
jetzt um der lieben Kessiner willen wohl verzichten
müssen, wenn nicht Knut und Kruse als eine Art
Ehrengarde gewesen wären. So kam es, daß sich
die Spazierritte bis in den November hinein fortsetzten.

Ein Wetterumschlag war freilich eingetreten, ein
andauernder Nordwest trieb Wolkenmassen heran,
und das Meer schäumte mächtig, aber Regen und
Kälte fehlten noch, und so waren diese Ausflüge bei
grauem Himmel und lärmender Brandung fast noch
schöner, als sie vorher bei Sonnenschein und stiller
See gewesen waren. Rollo jagte vorauf, dann und
wann von dem Gischt überspritzt, und der Schleier
von Effi's Reithut flatterte im Winde. Dabei zu
sprechen, war fast unmöglich; wenn man dann aber,
vom Meere fort, in die schutzgebenden Dünen oder
noch besser in den weiter zurückgelegenen Kiefernwald
einlenkte, so wurd' es still, Effi's Schleier flatterte
nicht mehr, und die Enge des Wegs zwang die beiden
Reiter dicht nebeneinander. Das war dann die Zeit,
wo man — schon um der Knorren und Wurzeln
willen im Schritt reitend — die Gespräche, die der
Brandungslärm unterbrochen hatte, wieder aufnehmen
konnte. Crampas, ein guter Causeur, erzählte dann
Kriegs- und Regimentsgeschichten, auch Anekdoten
und kleine Charakterzüge von Innstetten, der mit
seinem Ernst und seiner Zugeknöpftheit in den übermütigen Kreis der Kameraden nie recht hineingepaßt
habe, so daß er eigentlich immer mehr respektiert als
geliebt worden sei.“

„Das kann ich mir denken,“ sagte Effi, „ein
Glück nur, daß der Respekt die Hauptsache ist.“

„Ja, zu seiner Zeit. Aber er paßt doch nicht
immer. Und zu dem allen kam noch seine mystische
Richtung, die mitunter Anstoß gab, einmal weil
Soldaten überhaupt nicht sehr für derlei Dinge sind,
und dann weil wir die Vorstellung unterhielten, vielleicht mit Unrecht, daß er doch nicht ganz so dazu
stände, wie er's uns einreden wollte.“

„Mystische Richtung?“ sagte Effi. „Ja, Major,
was verstehen Sie darunter? Er kann doch keine
Konventikel abgehalten und den Propheten gespielt
haben. Auch nicht einmal den aus der Oper . . . ich
habe seinen Namen vergessen.“

„Nein, so weit ging er nicht. Aber es ist vielleicht besser, davon abzubrechen. Ich möchte nicht
hinter seinem Rücken etwas sagen, was falsch ausgelegt werden könnte. Zudem sind es Dinge, die
sich sehr gut auch in seiner Gegenwart verhandeln
lassen, Dinge, die nur, man mag wollen oder nicht,
zu 'was Sonderbarem aufgebauscht werden, wenn er
nicht dabei ist und nicht jeden Augenblick eingreifen
und uns widerlegen oder meinetwegen auch auslachen
kann.“

„Aber das ist ja grausam, Major. Wie können
Sie meine Neugier so auf die Folter spannen. Erst
ist es 'was und dann ist es wieder nichts. Und
Mystik! Ist er denn ein Geisterseher?“

„Ein Geisterseher! Das will ich nicht gerade
sagen. Aber er hatte eine Vorliebe, uns Spukgeschichten
zu erzählen. Und wenn er uns dann in große Aufregung versetzt und manchen auch wohl geängstigt
hatte, dann war es mit einemmale wieder, als habe
er sich über alle die Leichtgläubigen bloß moquieren
wollen. Und kurz und gut, einmal kam es, daß ich
ihm auf den Kopf zusagte: ,Ach was, Innstetten,
das ist ja alles bloß Komödie. Mich täuschen Sie
nicht. Sie treiben Ihr Spiel mit uns. Eigentlich
glauben Sie's grad so wenig wie wir, aber Sie
wollen sich interessant machen und haben eine Vorstellung davon, daß Ungewöhnlichkeiten nach oben hin
besser empfehlen. In höheren Karrieren will man
keine Alltagsmenschen. Und da Sie so 'was vorhaben,
so haben Sie sich 'was Apartes ausgesucht und sind
bei der Gelegenheit auf den Spuk gefallen.‘“

Effi sagte kein Wort, was dem Major zuletzt bedrücklich wurde. „Sie schweigen, gnädigste
Frau.“

„Ja.“

„Darf ich fragen warum? Hab' ich Anstoß
gegeben? Oder finden Sie's unritterlich, einen abwesenden Freund, ich muß das trotz aller Verwahrungen einräumen, ein klein wenig zu hecheln?
Aber da thun Sie mir trotz alledem Unrecht. Das
alles soll ganz ungeniert seine Fortsetzung vor seinen
Ohren haben, und ich will ihm dabei jedes Wort
wiederholen, was ich jetzt eben gesagt habe.“

„Glaub' es.“ Und nun brach Effi ihr Schweigen
und erzählte, was sie alles in ihrem Hause erlebt
und wie sonderbar sich Innstetten damals dazu gestellt
habe. „Er sagte nicht ja und nicht nein, und ich
bin nicht klug aus ihm geworden.“

„Also ganz der Alte,“ lachte Crampas. „So
war er damals auch schon, als wir in Liancourt
und dann später in Beauvais mit ihm in Quartier
lagen. Er wohnte da in einem alten bischöflichen
Palast — beiläufig, was Sie vielleicht interessieren
wird, war es ein Bischof von Beauvais, glücklicherweise „Cochon“ mit Namen, der die Jungfrau von
Orleans zum Feuertod verurteilte — und da verging
denn kein Tag, das heißt keine Nacht, wo Innstetten
nicht Unglaubliches erlebt hatte. Freilich immer nur
so halb. Es konnte auch nichts sein. Und nach
diesem Prinzip arbeitet er noch, wie ich sehe.“

„Gut, gut. Und nun ein ernstes Wort, Crampas,
auf das ich mir eine ernste Antwort erbitte: wie erklären Sie sich dies alles?“

„Ja, meine gnädigste Frau . . .“

„Keine Ausweichungen, Major. Dies alles ist
sehr wichtig für mich. Er ist Ihr Freund und ich
bin Ihre Freundin. Ich will wissen, wie hängt
dies zusammen? Was denkt er sich dabei?“

„Ja, meine gnädigste Frau, Gott sieht ins Herz,
aber ein Major vom Landwehrbezirks-Kommando,
der sieht in gar nichts. Wie soll ich solche psychologischen Rätsel lösen? Ich bin ein einfacher Mann.“

„Ach, Crampas, reden Sie nicht so thöricht.
Ich bin zu jung, um eine große Menschenkennerin
zu sein; aber ich müßte noch vor der Einsegnung
und beinah' vor der Taufe stehen, um Sie für einen
einfachen Mann zu halten. Sie sind das Gegenteil davon, Sie sind gefährlich . . .“

„Das Schmeichelhafteste, was einem guten Vierziger, mit einem a. D. auf der Karte, gesagt werden
kann. Und nun also, was sich Innstetten dabei
denkt . . .“

Effi nickte.

„Ja, wenn ich durchaus sprechen soll, er denkt
sich dabei, daß ein Mann, wie Landrat Baron Innstetten, der jeden Tag Ministerial-Direktor oder dergleichen werden kann (denn glauben Sie mir, er ist
hoch hinaus), daß ein Mann wie Baron Innstetten
nicht in einem gewöhnlichen Hause wohnen kann,
nicht in einer solchen Kate, wie die landrätliche
Wohnung, ich bitte um Vergebung, gnädigste Frau,
doch eigentlich ist. Da hilft er denn nach. Ein
Spukhaus ist nie 'was Gewöhnliches . . . Das ist
das Eine.“

„Das Eine? mein Gott, haben Sie noch
etwas?“

„Ja.“

„Nun denn, ich bin ganz Ohr. Aber wenn es
sein kann, lassen Sie's 'was Gutes sein.“

„Dessen bin ich nicht ganz sicher. Es ist etwas
Heikles, beinah Gewagtes, und ganz besonders vor
Ihren Ohren, gnädigste Frau.“

„Das macht mich nur um so neugieriger.“

„Gut denn. Also Innstetten, meine gnädigste
Frau, hat außer seinem brennenden Verlangen, es
koste was es wolle, ja, wenn es sein muß unter
Heranziehung eines Spuks, seine Karriere zu machen,
noch eine zweite Passion: er operiert nämlich immer
erzieherisch, ist der geborene Pädagog, und hätte,
links Basedow und rechts Pestalozzi (aber doch kirchlicher als beide) eigentlich nach Schnepfenthal oder
Bunzlau hingepaßt.“

„Und will er mich auch erziehen? Erziehen
durch Spuk?“

„Erziehen ist vielleicht nicht das richtige Wort.
Aber doch erziehen auf einem Umweg.“

„Ich verstehe Sie nicht.“

„Eine junge Frau ist eine junge Frau, und ein
Landrat ist ein Landrat. Er kutschiert oft im Kreise
umher, und dann ist das Haus allein und unbewohnt.
Aber solch Spuk ist wie ein Cherub mit dem
Schwert . . .“

„Ah, da sind wir wieder aus dem Walde heraus,“
sagte Effi. „Und da ist Utpatel's Mühle. Wir
müssen nur noch an dem Kirchhof vorüber.“

Gleich danach passierten sie den Hohlweg zwischen
dem Kirchhof und der eingegitterten Stelle, und Effi
sah nach dem Stein und der Tanne hinüber, wo
der Chinese lag.

Siebzehntes Kapitel.

Es schlug zwei Uhr, als man zurück war.
Crampas verabschiedete sich und ritt in die Stadt
hinein, bis er vor seiner am Marktplatz gelegenen
Wohnung hielt. Effi ihrerseits kleidete sich um und
versuchte zu schlafen; es wollte aber nicht glücken,
denn ihre Verstimmung war noch größer als ihre
Müdigkeit. Daß Innstetten sich seinen Spuk parat
hielt, um ein nicht ganz gewöhnliches Haus zu bewohnen, das mochte hingehen, das stimmte zu seinem
Hange, sich von der großen Menge zu unterscheiden;
aber das andere, daß er den Spuk als Erziehungsmittel brauchte, das war doch arg und beinahe beleidigend. Und „Erziehungsmittel“, darüber war sie
sich klar, sagte nur die kleinere Hälfte; was Crampas
gemeint hatte, war viel, viel mehr, war eine Art
Angstapparat aus Kalkül. Es fehlte jede Herzensgüte darin und grenzte schon fast an Grausamkeit.
Das Blut stieg ihr zu Kopf, und sie ballte ihre
kleine Hand und wollte Pläne schmieden; aber mit
einemmale mußte sie wieder lachen. „Ich Kindskopf!
Wer bürgt mir denn dafür, daß Crampas recht hat!
Crampas ist unterhaltlich, weil er medisant ist, aber
er ist unzuverlässig und ein bloßer Haselant, der
schließlich Innstetten nicht das Wasser reicht.“

In diesem Augenblick fuhr Innstetten vor, der
heute früher zurück kam, als gewöhnlich. Effi sprang
auf, um ihn schon im Flur zu begrüßen, und war
um so zärtlicher, je mehr sie das Gefühl hatte, etwas
gut machen zu müssen. Aber ganz konnte sie das,
was Crampas gesagt hatte, doch nicht verwinden,
und inmitten ihrer Zärtlichkeiten, und während sie
mit anscheinendem Interesse zuhörte, klang es in ihr
immer wieder: „also Spuk aus Berechnung, Spuk,
um dich in Ordnung zu halten.“

Zuletzt indessen vergaß sie's und ließ sich unbefangen von ihm erzählen.

Inzwischen war Mitte November herangekommen,
und der bis zum Sturm sich steigernde Nordwester
stand anderthalb Tag lang so hart auf die Molen,
daß die mehr und mehr zurückgestaute Kessine das
Bollwerk überstieg und in die Straßen trat. Aber
nachdem sich's ausgetobt, legte sich das Unwetter,
und es kamen noch ein paar sonnige Spätherbsttage.
„Wer weiß, wie lange sie dauern,“ sagte Effi zu
Crampas, und so beschloß man, am nächsten Vormittage noch einmal auszureiten; auch Innstetten,
der einen freien Tag hatte, wollte mit. Es sollte
zunächst wieder bis an die Mole gehen; da wollte
man dann absteigen, ein wenig am Strande promenieren und schließlich im Schutze der Dünen, wo's
windstill war, ein Frühstück nehmen.

Um die festgesetzte Stunde ritt Crampas vor
dem landrätlichen Hause vor; Kruse hielt schon das
Pferd der gnädigen Frau, die sich rasch in den Sattel
hob und noch im Aufsteigen Innstetten entschuldigte,
der nun doch verhindert sei: letzte Nacht wieder
großes Feuer in Morgenitz — das dritte seit drei
Wochen, also angelegt — da habe er hingemußt,
sehr zu seinem Leidwesen, denn er habe sich auf
diesen Ausritt, der wohl der letzte in diesem Herbste
sein werde, wirklich gefreut.

Crampas sprach sein Bedauern aus, vielleicht
nur um 'was zu sagen, vielleicht aber auch aufrichtig,
denn so rücksichtslos er im Punkte chevaleresker
Liebesabenteuer war, so sehr war er auch wieder
guter Kamerad. Natürlich, alles ganz oberflächlich.
Einem Freunde helfen und fünf Minuten später ihn
betrügen, waren Dinge, die sich mit seinem Ehrbegriffe
sehr wohl vertrugen. Er that das eine und das
andere mit unglaublicher Bonhommie.

Der Ritt ging wie gewöhnlich durch die Plantage hin. Rollo war wieder vorauf, dann kamen
Crampas und Effi, dann Kruse. Knut fehlte.

„Wo haben Sie Knut gelassen?“

„Er hat einen Ziegenpeter.“

„Merkwürdig,“ lachte Effi. „Eigentlich sah er
schon immer so aus.“

„Sehr richtig. Aber Sie sollten ihn jetzt sehen!
Oder doch lieber nicht. Denn Ziegenpeter ist ansteckend, schon bloß durch Anblick.“

„Glaub' ich nicht.“

„Junge Frauen glauben vieles nicht.“

„Und dann glauben sie wieder vieles, was sie
besser nicht glaubten.“

„An meine Adresse?“

„Nein.“

„Schade.“

„Wie dies „Schade“ Sie kleidet. Ich glaube wirklich, Major, Sie hielten es für ganz in der Ordnung,
wenn ich Ihnen eine Liebeserklärung machte.“

„So weit will ich nicht gehen. Aber ich möchte
den sehen, der sich dergleichen nicht wünschte. Gedanken und Wünsche sind zollfrei.“

„Das fragt sich. Und dann ist doch immer
noch ein Unterschied zwischen Gedanken und Wünschen.
Gedanken sind in der Regel etwas, das noch im
Hintergrunde liegt, Wünsche aber liegen meist schon
auf der Lippe.“

„Nur nicht gerade diesen Vergleich!“

„Ach, Crampas, Sie sind . . . Sie sind . . .“

„Ein Narr.“

„Nein. Auch darin übertreiben Sie wieder.
Aber Sie sind etwas anderes. In Hohen-Cremmen
sagten wir immer, und ich mit, das Eitelste, was es
gäbe, das sei ein Husarenfähnrich von achtzehn . . .“

„Und jetzt?“

„Und jetzt sag' ich, das Eitelste, was es giebt,
ist ein Landwehr-Bezirksmajor von zweiundvierzig.“

„ . . . Wobei die zwei Jahre, die Sie mir
gnädigst erlassen, alles wieder gut machen, — küss'
die Hand.“

„Ja, küss' die Hand. Das ist so recht das
Wort, das für Sie paßt. Das ist wienerisch. Und
die Wiener, die hab' ich kennen gelernt, in Karlsbad,
vor vier Jahren, wo sie mir vierzehnjährigem Dinge
den Hof machten. Was ich da alles gehört habe!“

„Gewiß nicht mehr als recht war.“

„Wenn das zuträfe, wäre das, was mir schmeicheln
soll, ziemlich ungezogen . . . Aber sehen Sie da die
Bojen, wie die schwimmen und tanzen. Die kleinen
roten Fahnen sind eingezogen. Immer, wenn ich
diesen Sommer, die paarmal wo ich mich bis an den
Strand hinauswagte, die roten Fahnen sah, sagt' ich
mir: da liegt Vineta, da muß es liegen, das sind
die Turmspitzen . . .“

„Das macht, weil Sie das Heine'sche Gedicht
kennen.“

„Welches?“

„Nun, das von Vineta.“

„Nein, das kenne ich nicht; ich kenne überhaupt
nur wenig. Leider.“

„Und haben doch Gieshübler und den Journalzirkel! Übrigens hat Heine dem Gedicht einen anderen
Namen gegeben, ich glaube „Seegespenst“ oder so
ähnlich. Aber Vineta hat er gemeint. Und er selber
— verzeihen Sie, wenn ich Ihnen so ohne weiteres den
Inhalt hier wiedergebe — der Dichter also, während
er die Stelle passiert, liegt auf einem Schiffsdeck
und sieht hinunter, und sieht da schmale, mittelalterliche Straßen und trippelnde Frauen in Kapothüten,
und alle haben ein Gesangbuch in Händen und
wollen zur Kirche, und alle Glocken läuten. Und
als er das hört, da faßt ihn eine Sehnsucht, auch
mit in die Kirche zu gehen, wenn auch bloß um der
Kapothüte willen, und vor Verlangen schreit er auf
und will sich hinunterstürzen. Aber im selben Augenblicke packt ihn der Kapitän am Bein und ruft ihm
zu: Doktor, sind Sie des Teufels?“

„Das ist ja allerliebst. Das möcht' ich lesen.
Ist es lang.“

„Nein, es ist eigentlich kurz, etwas länger als
,Du hast Diamanten und Perlen‘ oder ,Deine weichen
Lilienfinger‘ . . .“ und er berührte leise ihre Hand.
„Aber lang oder kurz, welche Schilderungskraft,
welche Anschaulichkeit! Er ist mein Lieblingsdichter,
und ich kann ihn auswendig, so wenig ich mir sonst,
trotz gelegentlich eigener Versündigungen, aus der
Dichterei mache. Bei Heine liegt es aber anders:
Alles ist Leben, und vor allem versteht er sich auf
die Liebe, die doch die Hauptsache bleibt. Er ist
übrigens nicht einseitig darin . . . “

„Wie meinen Sie das?“

„Ich meine, er ist nicht bloß für die Liebe . . .“

„Nun, wenn er diese Einseitigkeit auch hätte, das
wäre am Ende noch nicht das schlimmste. Wofür
ist er denn sonst noch?“

„Er ist auch sehr für das Romantische, was
freilich gleich nach der Liebe kommt und nach Meinung
einiger sogar damit zusammenfällt. Was ich aber
nicht glaube. Denn in seinen späteren Gedichten, die
man denn auch die „romantischen“ genannt hat, oder
eigentlich hat er es selber gethan, in diesen romantischen
Dichtungen wird in einem fort hingerichtet, allerdings
vielfach aus Liebe. Aber doch meist aus anderen
gröberen Motiven, wohin ich in erster Reihe die
Politik, die fast immer gröblich ist, rechne. Karl Stuart
zum Beispiel trägt in einer dieser Romanzen seinen
Kopf unterm Arm, und noch fataler ist die Geschichte
vom Vitzliputzli . . .“

„Von wem?“

„Vom Vitzliputzli. Vitzliputzli ist nämlich ein
mexikanischer Gott, und als die Mexikaner zwanzig
oder dreißig Spanier gefangen genommen hatten,
mußten diese zwanzig oder dreißig dem Vitzliputzli
geopfert werden. Das war da nicht anders, Landessitte,
Kultus, und ging auch alles im Handumdrehen,
Bauch auf, Herz 'raus . . .“

„Nein, Crampas, so dürfen Sie nicht weiter
sprechen. Das ist indecent und degoutant zugleich.
Und das alles so ziemlich in demselben Augenblicke,
wo wir frühstücken wollen.“

„Ich für meine Person sehe mich dadurch unbeeinflußt und stelle meinen Appetit überhaupt nur
in Abhängigkeit vom Menu.“

Während dieser Worte waren sie, ganz wie's
das Programm wollte, vom Strand her bis an eine
schon halb im Schutze der Dünen aufgeschlagene
Bank, mit einem äußerst primitiven Tisch davor, gekommen, zwei Pfosten mit einem Brett darüber.
Kruse, der vorauf geritten, hatte hier bereits serviert;
Theebrötchen und Aufschnitt von kaltem Braten,
dazu Rotwein und neben der Flasche zwei hübsche
zierliche Trinkgläser, klein und mit Goldrand, wie
man sie in Badeörtern kauft oder von Glashütten
als Erinnerung mitbringt.

Und nun stieg man ab. Kruse, der die Zügel
seines eigenen Pferdes um eine Krüppelkiefer geschlungen hatte, ging mit den beiden anderen Pferden
auf und ab, während sich Crampas und Effi, die
durch eine schmale Dünenöffnung einen freien Blick
auf Strand und Mole hatten, vor dem gedeckten
Tische niederließen.

Über das von den Sturmtagen her noch bewegte Meer goß die schon halb winterliche Novembersonne ihr fahles Licht aus, und die Brandung ging
hoch. Dann und wann kam ein Windzug und trieb
den Schaum bis dicht an sie heran. Strandhafer
stand umher, und das helle Gelb der Immortellen
hob sich, trotz der Farbenverwandtschaft, von dem
gelben Sande, darauf sie wuchsen, scharf ab. Effi
machte die Wirtin. „Es thut mir leid, Major,
Ihnen diese Brötchen in einem Korbdeckel präsentieren zu müssen . . .“

„Ein Korbdeckel ist kein Korb . . .“

„ . . . Indessen Kruse hat es so gewollt. Und
da bist Du ja auch, Rollo. Auf Dich ist unser
Vorrat aber nicht eingerichtet. Was machen wir
mit Rollo?“

„Ich denke, wir geben ihm alles; ich meinerseits schon aus Dankbarkeit. Denn sehen Sie, teuerste
Effi . . .“

Effi sah ihn an.

„ . . . Denn sehen Sie, gnädigste Frau, Rollo
erinnert mich wieder an das, was ich Ihnen noch
als Fortsetzung oder Seitenstück zum Vitzliputzli erzählen wollte, — nur viel pikanter, weil Liebesgeschichte. Haben Sie 'mal von einem gewissen Pedro
dem Grausamen gehört?“

„So dunkel.“

„ . . . Eine Art Blaubartskönig.“

„Das ist gut. Von so einem hört man immer
am liebsten, und ich weiß noch, daß wir von meiner
Freundin Hulda Niemeyer, deren Namen Sie ja
kennen, immer behaupteten: sie wisse nichts von Geschichte, mit Ausnahme der sechs Frauen von Heinrich dem Achten, diesem englischen Blaubart, wenn
das Wort für ihn reicht. Und wirklich, diese sechs
kannte sie auswendig. Und dabei hätten Sie hören
sollen, wie sie die Namen aussprach, namentlich den
von der Mutter der Elisabeth, — so schrecklich verlegen, als wäre sie nun an der Reihe . . . Aber
nun bitte, die Geschichte von Don Pedro . . .“

„Nun also, an Don Pedro's Hofe war ein
schöner, schwarzer spanischer Ritter, der das Kreuz
von Kalatrava — was ungefähr so viel bedeutet,
wie schwarzer Adler und pour le mérite zusammen
genommen — auf seiner Brust trug. Dies Kreuz
gehörte mit dazu, das mußten sie immer tragen, und
dieser Kalatrava-Ritter, den die Königin natürlich
heimlich liebte . . .“

„Warum natürlich?“

„Weil wir in Spanien sind.“

„Ach so.“

„Und dieser Kalatrava-Ritter, sag' ich, hatte
einen wunderschönen Hund, einen Neufundländer,
wiewohl es die noch gar nicht gab, denn es war
grade hundert Jahre vor der Entdeckung von Amerika.
Einen wunderschönen Hund also, sagen wir wie
Rollo . . .“

Rollo schlug an, als er seinen Namen hörte,
und wedelte mit dem Schweif.

„Das ging so manchen Tag. Aber das mit
der heimlichen Liebe, die wohl nicht ganz heimlich
blieb, das wurde dem Könige doch zu viel, und weil
er den schönen Kalatrava-Ritter überhaupt nicht
recht leiden mochte, — denn er war nicht bloß grausam, er war auch ein Neidhammel, oder wenn das
Wort für einen König und noch mehr für meine
liebenswürdige Zuhörerin, Frau Effi, nicht recht
passen sollte, wenigstens ein Neidling — so beschloß
er, den Kalatrava-Ritter für die heimliche Liebe
heimlich hinrichten zu lassen.“

„Kann ich ihm nicht verdenken.“

„Ich weiß doch nicht, meine Gnädigste. Hören
Sie nur weiter. Etwas geht schon, aber es war zu
viel, der König, find' ich, ging um ein Erkleckliches
zu weit. Er heuchelte nämlich, daß er dem Ritter
wegen seiner Kriegs- und Heldenthaten ein Fest veranstalten wolle, und da gab es denn eine lange,
lange Tafel, und alle Granden des Reichs saßen an
dieser Tafel, und in der Mitte saß der König, und
ihm gegenüber war der Platz für den, dem dies
alles galt, also für den Kalatrava-Ritter, für den
an diesem Tage zu Feiernden. Und weil Der, trotzdem man schon eine ganze Weile seiner gewartet
hatte, noch immer nicht kommen wollte, so mußte
schließlich die Festlichkeit ohne ihn begonnen werden,
und es blieb ein leerer Platz — ein leerer Platz
gerade gegenüber dem König.“

„Und nun?“

„Und nun denken Sie, meine gnädigste Frau,
wie der König, dieser Pedro, sich eben erheben will,
um gleißnerisch sein Bedauern auszusprechen, daß
sein ‚lieber Gast‘ noch immer fehle, da hört man
auf der Treppe draußen einen Aufschrei der entsetzten
Dienerschaften, und ehe noch irgend wer weiß, was
geschehen ist, jagt etwas an der langen Festestafel
entlang, und nun springt es auf den Stuhl und
setzt ein abgeschlagenes Haupt auf den leergebliebenen
Platz, und über eben dieses Haupt hinweg starrt
Rollo auf sein Gegenüber, den König. Rollo hatte
seinen Herrn auf seinem letzten Gange begleitet und
im selben Augenblicke, wo das Beil fiel, hatte das
treue Tier das fallende Haupt gepackt, und da war
er nun, unser Freund Rollo, an der langen Festestafel und verklagte den königlichen Mörder.“

Effi war ganz still geworden. Endlich sagte
sie: „Crampas, das ist in seiner Art sehr schön, und
weil es sehr schön ist, will ich es Ihnen verzeihen.
Aber Sie könnten doch Bess'res und zugleich mir
Lieberes thun, wenn Sie mir andere Geschichten erzählten. Auch von Heine. Heine wird doch nicht
bloß von Vitzliputzli und Don Pedro und Ihrem
Rollo — denn meiner hätte so 'was nicht gethan
— gedichtet haben. Komm, Rollo! Armes Tier, ich
kann dich gar nicht mehr ansehen, ohne an den
Kalatrava-Ritter zu denken, den die Königin heimlich liebte . . . Rufen Sie, bitte, Kruse, daß er die
Sachen hier wieder in die Halfter steckt, und wenn
wir zurückreiten, müssen Sie mir 'was anderes erzählen, ganz 'was anderes.“

Kruse kam. Als er aber die Gläser nehmen
wollte, sagte Crampas: „Kruse, das eine Glas, das
da, das lassen Sie stehen. Das werde ich selber
nehmen.“

„Zu Befehl, Herr Major.“

Effi, die dies mit angehört hatte, schüttelte den
Kopf. Dann lachte sie. „Crampas, was fällt Ihnen
nur eigentlich ein? Kruse ist dumm genug, über
die Sache nicht weiter nachzudenken, und wenn er
darüber nachdenkt, so findet er glücklicherweise nichts.
Aber das berechtigt Sie doch nicht, dies Glas . . .
dies Dreißigpfennig-Glas aus der Josefinenhütte . . .“

„Daß Sie so spöttisch den Preis nennen, läßt
mich seinen Wert um so tiefer empfinden.“

„Immer derselbe. Sie haben so viel von einem
Humoristen, aber doch von ganz sonderbarer Art.
Wenn ich Sie recht verstehe, so haben Sie vor —
es ist zum Lachen, und ich geniere mich fast, es auszusprechen — so haben Sie vor, sich vor der Zeit
auf den König von Thule hin auszuspielen.“

Er nickte mit einem Anfluge von Schelmerei.

„Nun denn, meinetwegen. Jeder trägt seine
Kappe; Sie wissen, welche. Nur das muß ich Ihnen
doch sagen dürfen, die Rolle, die Sie mir dabei zudiktieren, ist mir zu wenig schmeichelhaft. Ich mag
nicht als Reimwort auf Ihren König von Thule
herumlaufen. Behalten Sie das Glas, aber bitte,
ziehen Sie nicht Schlüsse daraus, die mich kompromittieren. Ich werde Innstetten davon erzählen.“

„Das werden Sie nicht thun, meine gnädigste
Frau.“

„Warum nicht?“

„Innstetten ist nicht der Mann, solche Dinge so
zu sehen, wie sie gesehen sein wollen.“

Sie sah ihn einen Augenblick scharf an. Dann
aber schlug sie verwirrt und fast verlegen die Augen
nieder.

Achtzehntes Kapitel.

Effi war unzufrieden mit sich und freute sich,
daß es nunmehr feststand, diese gemeinschaftlichen
Ausflüge für die ganze Winterdauer auf sich beruhen zu lassen. Überlegte sie, was während all'
dieser Wochen und Tage gesprochen, berührt und
angedeutet war, so fand sie nichts, um dessentwillen
sie sich direkte Vorwürfe zu machen gehabt hätte.
Crampas war ein kluger Mann, welterfahren, humoristisch, frei, frei auch im guten, und es wäre kleinlich und kümmerlich gewesen, wenn sie sich ihm
gegenüber aufgesteift und jeden Augenblick die Regeln
strengen Anstandes befolgt hätte. Nein, sie konnte
sich nicht tadeln, auf seinen Ton eingegangen zu
sein, und doch hatte sie ganz leise das Gefühl einer
überstandenen Gefahr und beglückwünschte sich, daß
das alles nun mutmaßlich hinter ihr läge. Denn
an ein häufigeres Sichsehen en famille war nicht
wohl zu denken, das war durch die Crampas'schen
Hauszustände so gut wie ausgeschlossen, und Begegnungen bei den benachbarten adligen Familien,
die freilich für den Winter in Sicht standen, konnten
immer nur sehr vereinzelt und sehr flüchtige sein.
Effi rechnete sich dies alles mit wachsender Befriedigung heraus und fand schließlich, daß ihr der
Verzicht auf das, was sie dem Verkehr mit dem
Major verdankte, nicht allzu schwer ankommen würde.
Dazu kam noch, daß Innstetten ihr mitteilte, seine
Fahrten nach Varzin würden in diesem Jahre fortfallen: der Fürst gehe nach Friedrichsruh, das ihm
immer lieber zu werden scheine; nach der einen Seite
hin bedauere er das, nach der anderen sei es ihm
lieb — er könne sich nun ganz seinem Hause widmen,
und wenn es ihr recht wäre, so wollten sie die
italienische Reise, an der Hand seiner Aufzeichnungen,
noch einmal durchmachen. Eine solche Rekapitulation
sei eigentlich die Hauptsache, dadurch mache man sich
alles erst dauernd zu eigen, und selbst Dinge, die
man nur flüchtig gesehen und von denen man kaum
wisse, daß man sie in seiner Seele beherberge, kämen
einem durch solche nachträglichen Studien erst voll
zu Bewußtsein und Besitz. Er führte das noch
weiter aus und fügte hinzu, daß ihn Gieshübler,
der den ganzen „italienischen Stiefel“ bis Palermo
kenne, gebeten habe, mit dabei sein zu dürfen. Effi,
der ein ganz gewöhnlicher Plauderabend ohne den
„italienischen Stiefel“ (es sollten sogar Photographien
herumgereicht werden) viel, viel lieber gewesen wäre,
antwortete mit einer gewissen Gezwungenheit; Innstetten indessen, ganz erfüllt von seinem Plane, merkte
nichts und fuhr fort: „Natürlich ist nicht bloß Gieshübler zugegen, auch Roswitha und Annie müssen
dabei sein, und wenn ich mir dann denke, daß wir
den Canal grande hinauf fahren und hören dabei
ganz in der Ferne die Gondoliere singen, während
drei Schritte von uns Roswitha sich über Annie
beugt und „Buhküken von Halberstadt“ oder so 'was
Ähnliches zum besten giebt, so können das schöne
Winterabende werden, und Du sitzest dabei und strickst
mir eine große Winterkappe. Was meinst Du dazu,
Effi?“

Solche Abende wurden nicht bloß geplant, sie
nahmen auch ihren Anfang, und sie würden sich,
aller Wahrscheinlichkeit nach, über viele Wochen hin
ausgedehnt haben, wenn nicht der unschuldige harmlose Gieshübler, trotz größter Abgeneigtheit gegen
zweideutiges Handeln, dennoch im Dienste zweier
Herren gestanden hätte. Der eine, dem er diente,
war Innstetten, der andere war Crampas, und wenn
er der Innstetten'schen Aufforderung zu den italienischen Abenden, schon um Effi's willen, auch mit aufrichtigster Freude Folge leistete, so war die Freude,
mit der er Crampas gehorchte, doch noch eine größere.
Nach einem Crampas'schen Plane nämlich sollte noch
vor Weihnachten „Ein Schritt vom Wege“ aufgeführt werden, und als man vor dem dritten
italienischen Abend stand, nahm Gieshübler die Gelegenheit wahr, mit Effi, die die Rolle der Ella
spielen sollte, darüber zu sprechen.

Effi war wie elektrisiert; was wollten Padua,
Vicenza daneben bedeuten! Effi war nicht für Aufgewärmtheiten; Frisches war es, wonach sie sich
sehnte, Wechsel der Dinge. Aber als ob eine Stimme
ihr zugerufen hätte: „sieh' Dich vor!“ so fragte sie
doch, inmitten ihrer freudigen Erregung: „Ist es
der Major, der den Plan aufgebracht hat?“

„Ja. Sie wissen, gnädigste Frau, daß er einstimmig in das Vergnügungskomitee gewählt wurde.
Wir dürfen uns endlich einen hübschen Winter in
der Ressource versprechen. Er ist ja wie geschaffen
dazu.“

„Und wird er auch mitspielen?“

„Nein, das hat er abgelehnt. Ich muß sagen,
leider. Denn er kann ja alles und würde den Arthur
von Schmettwitz ganz vorzüglich geben. Er hat nur
die Regie übernommen.“

„Desto schlimmer.“

„Desto schlimmer?“ wiederholte Gieshübler.

„O, Sie dürfen das nicht so feierlich nehmen;
das ist nur so eine Redensart, die eigentlich das
Gegenteil bedeutet. Auf der anderen Seite freilich,
der Major hat so 'was Gewaltsames, er nimmt einem
die Dinge gern über den Kopf fort. Und man muß
dann spielen, wie er will, und nicht, wie man selber will.“

Sie sprach noch so weiter und verwickelte sich
immer mehr in Widersprüche.

Der „Schritt vom Wege“ kam wirklich zu stande,
und gerade weil man nur noch gute vierzehn Tage
hatte (die letzte Woche vor Weihnachten war ausgeschlossen), so strengte sich alles an, und es ging
vorzüglich; dir Mitspielenden, vor allem Effi, ernteten
reichen Beifall. Crampas hatte sich wirklich mit
der Regie begnügt, und so streng er gegen alle
anderen war, so wenig hatte er auf den Proben in
Effi's Spiel hineingeredet. Entweder waren ihm von
seiten Gieshübler's Mitteilungen über das mit Effi
gehabte Gespräch gemacht worden, oder er hatte es
auch aus sich selber bemerkt, daß Effi beflissen war,
sich von ihm zurückzuziehen. Und er war klug und
Frauenkenner genug, um den natürlichen Entwicklungsgang, den er nach seinen Erfahrungen nur zu gut
kannte, nicht zu stören.

Am Theaterabend in der Ressource trennte man
sich spät, und Mitternacht war vorüber, als Innstetten und Effi wieder zu Hause bei sich eintrafen.
Johanna war noch auf, um behülflich zu sein, und
Innstetten, der auf seine junge Frau nicht wenig
eitel war, erzählte Johanna, wie reizend die gnädige
Frau ausgesehen und wie gut sie gespielt habe.
Schade, daß er nicht vorher daran gedacht, Kristel
und sie selber und auch die alte Unke, die Kruse,
hätten von der Musikgalerie her sehr gut zusehen
können; es seien viele da gewesen. Dann ging
Johanna, und Effi, die müde war, legte sich nieder.
Innstetten aber, der noch plaudern wollte, schob einen
Stuhl heran und setzte sich an das Bett seiner Frau,
diese freundlich ansehend und ihre Hand in der seinen
haltend.

„Ja, Effi, das war ein hübscher Abend. Ich
habe mich amüsiert über das hübsche Stück. Und
denke Dir, der Dichter ist ein Kammergerichtsrat,
eigentlich kaum zu glauben. Und noch dazu aus
Königsberg. Aber worüber ich mich am meisten gefreut, das war doch meine entzückende kleine Frau,
die allen die Köpfe verdreht hat.“

„Ach, Geert, sprich nicht so. Ich bin schon
gerade eitel genug.“

„Eitel genug, das wird wohl richtig sein. Aber
doch lange nicht so eitel wie die anderen. Und das
ist zu Deinen sieben Schönheiten . . .“

„Sieben Schönheiten haben alle.“

„. . . Ich habe mich auch bloß versprochen;
Du kannst die Zahl gut mit sich selbst multiplizieren.“

„Wie galant Du bist, Geert. Wenn ich Dich
nicht kennte, könnt' ich mich fürchten. Oder lauert
wirklich 'was dahinter?“

„Hast Du ein schlechtes Gewissen? Selber hinter
der Thür gestanden?“

„Ach, Geert, ich ängstige mich wirklich.“ Und
sie richtete sich im Bett in die Höh' und sah ihn
starr an. „Soll ich noch nach Johanna klingeln,
daß sie uns Thee bringt? Du hast es so gern vor
dem Schlafengehen.“

Er küßte ihr die Hand. „Nein, Effi. Nach
Mitternacht kann auch der Kaiser keine Tasse Thee
mehr verlangen, und Du weißt, ich mag die Leute
nicht mehr in Anspruch nehmen, als nötig. Nein,
ich will nichts als Dich ansehen und mich freuen,
daß ich Dich habe. So manchmal empfindet man's
doch stärker, welchen Schatz man hat. Du könntest
ja auch so sein wie die arme Frau Crampas; das
ist eine schreckliche Frau, gegen keinen freundlich,
und Dich hätte sie vom Erdboden vertilgen mögen.“

„Ach, ich bitte Dich, Geert, das bildest Du Dir
wieder ein. Die arme Frau! Mir ist nichts aufgefallen.“

„Weil Du für derlei keine Augen hast. Aber
es war so wie ich Dir sage, und der arme Crampas
war wie befangen dadurch und mied Dich immer
und sah Dich kaum an. Was doch ganz unnatürlich
ist; denn erstens ist er überhaupt ein Damenmann,
und nun gar Damen wie Du, das ist seine besondere
Passion. Und ich wette auch, daß es keiner besser
weiß, als meine kleine Frau selber. Wenn ich daran
denke, wie, Pardon, das Geschnatter hin und her
ging, wenn er morgens in die Veranda kam oder
wenn wir am Strande ritten oder auf der Mole
spazieren gingen. Es ist, wie ich Dir sage, er traute
sich heute nicht, er fürchtete sich vor seiner Frau.
Und ich kann es ihm nicht verdenken. Die Majorin
ist so etwas wie unsere Frau Kruse, und wenn ich
zwischen beiden wählen müßte, ich wüßte nicht wen.“

„Ich wüßt' es schon; es ist doch ein Unterschied
zwischen den beiden. Die arme Majorin ist unglücklich, die Kruse ist unheimlich.“

„Und da bist Du doch mehr für das Unglückliche?“

„Ganz entschieden.“

„Nun höre, das ist Geschmacksache. Man merkt,
daß Du noch nicht unglücklich warst. Übrigens hat
Crampas ein Talent, die arme Frau zu eskamotieren. Er erfindet immer etwas, sie zu Hause zu
lassen.“

„Aber heute war sie doch da.“

„Ja, heute. Da ging es nicht anders. Aber
ich habe mit ihm eine Partie zu Oberförster Ring
verabredet, er, Gieshübler und der Pastor, auf den
dritten Feiertag, und da hättest Du sehen sollen, mit
welcher Geschicklichkeit er bewies, daß sie, die Frau,
zu Hause bleiben müsse.“

„Sind es denn nur Herren?“

„O bewahre. Da würd' ich mich auch bedanken.
Du bist mit dabei und noch zwei, drei andere
Damen, die von den Gütern ungerechnet.“

„Aber dann ist es doch auch häßlich von ihm,
ich meine von Crampas, und so 'was bestraft sich
immer.“

„Ja, 'mal kommt es. Aber ich glaube, unser
Freund hält zu denen, die sich über das, was kommt,
keine grauen Haare wachsen lassen.“

„Hältst Du ihn für schlecht?“

„Nein, für schlecht nicht. Beinah' im Gegenteil, jedenfalls hat er gute Seiten. Aber er ist so'n
halber Pole, kein rechter Verlaß, eigentlich in nichts,
am wenigsten mit Frauen. Eine Spielernatur. Er
spielt nicht am Spieltisch, aber er hazardiert im
Leben in einem fort, und man muß ihm auf die
Finger sehen.“

„Es ist mir doch lieb, daß Du mir das sagst.
Ich werde mich vorsehen mit ihm.“

„Das thu'. Aber nicht zu sehr; dann hilft es
nichts. Unbefangenheit ist immer das beste, und
natürlich das allerbeste ist Charakter und Festigkeit
und, wenn ich solch' steifleinenes Wort brauchen
darf, eine reine Seele.“

Sie sah ihn groß an. Dann sagte sie: „Ja,
gewiß. Aber nun sprich nicht mehr, und noch dazu
lauter Dinge, die mich nicht recht froh machen können.
Weißt Du, mir ist, als hörte ich oben das Tanzen.
Sonderbar, daß es immer wieder kommt. Ich dachte,
Du hättest mit dem allen nur so gespaßt.“

„Das will ich doch nicht sagen, Effi. Aber so
oder so, man muß nur in Ordnung sein und sich
nicht zu fürchten brauchen.“

Effi nickte und dachte mit einemmale wieder
an die Worte, die ihr Crampas über ihren Mann
als „Erzieher“ gesagt hatte.

Der heilige Abend kam und verging ähnlich
wie das Jahr vorher; aus Hohen-Cremmen kamen
Geschenke und Briefe; Gieshübler war wieder mit
einem Huldigungsvers zur Stelle, und Vetter Briest
sandte eine Karte: Schneelandschaft mit Telegraphenstangen, auf deren Draht geduckt ein Vögelchen saß.
Auch für Annie war aufgebaut: ein Baum mit
Lichtern, und das Kind griff mit seinen Händchen
danach. Innstetten, unbefangen und heiter, schien
sich seines häuslichen Glücks zu freuen und beschäftigte
sich viel mit dem Kinde. Roswitha war erstaunt,
den gnädigen Herrn so zärtlich und zugleich so aufgeräumt zu sehen. Auch Effi sprach viel und lachte
viel, es kam ihr aber nicht aus innerster Seele. Sie
fühlte sich bedrückt und wußte nur nicht, wen sie
dafür verantwortlich machen sollte, Innstetten oder
sich selber. Von Crampas war kein Weihnachtsgruß
eingetroffen; eigentlich war es ihr lieb, aber auch
wieder nicht, seine Huldigungen erfüllten sie mit
einem gewissen Bangen, und seine Gleichgültigkeiten
verstimmten sie; sie sah ein, es war nicht alles so,
wie's sein sollte.

„Du bist so unruhig,“ sagte Innstetten nach
einer Weile.

„Ja. Alle Welt hat es so gut mit mir gemeint,
am meisten Du; das bedrückt mich, weil ich fühle,
daß ich es nicht verdiene.“

„Damit darf man sich nicht quälen, Effi. Zuletzt
ist es doch so: was man empfängt, das hat man auch
verdient.“

Effi hörte scharf hin, und ihr schlechtes Gewissen
ließ sie sich selber fragen, ob er das absichtlich in so
zweideutiger Form gesagt habe.

Spät gegen Abend kam Pastor Lindequist, um
zu gratulieren und noch wegen der Partie nach der
Oberförsterrei Uvagla hin anzufragen, die natürlich
eine Schlittenpartie werden müsse. Crampas habe
ihm einen Platz in seinem Schlitten angeboten, aber
weder der Major noch sein Bursche, der wie alles,
auch das Kutschieren übernehmen solle, kenne den
Weg, und so würde es sich vielleicht empfehlen, die
Fahrt gemeinschaftlich zu machen, wobei dann der
landrätliche Schlitten die Tête zu nehmen und der
Crampas'sche zu folgen hätte. Wahrscheinlich auch
der Gieshübler'sche. Denn mit der Wegkenntnis
Mirambo's, dem sich unerklärlicherweise Freund
Alonzo, der doch sonst so vorsichtig, anvertrauen
wolle, stehe es wahrscheinlich noch schlechter als mit
der des sommersprossigen Treptower Ulanen. Innstetten, den diese kleinen Verlegenheiten erheiterten,
war mit Lindequist's Vorschlage durchaus einverstanden
und ordnete die Sache dahin, daß er pünktlich um zwei
Uhr über den Marktplatz fahren und ohne alles Säumen
die Führung des Zuges in die Hand nehmen werde.

Nach diesem Übereinkommen wurde denn auch
verfahren, und als Innstetten punkt zwei Uhr den
Marktplatz passierte, grüßte Crampas zunächst von
seinem Schlitten aus zu Effi hinüber und schloß sich
dann dem Innstetten'schen an. Der Pastor saß neben
ihm. Gieshübler's Schlitten, mit Gieshübler selbst
und Doktor Hannemann, folgte, jener in einem eleganten Büffelrock mit Marderbesatz, dieser in einem Bärenpelz, dem man ansah, daß er wenigstens dreißig
Dienstjahre zählte. Hannemann war nämlich in seiner
Jugend Schiffschirurgus auf einem Grönlandfahrer
gewesen. Mirambo saß vorn, etwas aufgeregt wegen
Unkenntnis im Kutschieren, ganz wie Lindequist vermutet hatte.

Schon nach zwei Minuten war man an Utpatel's
Mühle vorbei.

Zwischen Kessin und Uvagla (wo, der Sage
nach, ein Wendentempel gestanden) lag ein nur etwa
tausend Schritt breiter, aber wohl anderthalb Meilen
langer Waldstreifen, der an seiner rechten Längsseite
das Meer, an seiner linken, bis weit an den Horizont
hin, ein großes, überaus fruchtbares und gut angebautes Stück Land hatte. Hier, an der Binnenseite, flogen jetzt die drei Schlitten hin, in einiger
Entfernung ein paar alte Kutschwagen vor sich, in
denen, aller Wahrscheinlichkeit nach, andere nach der
Oberförsterei hin eingeladene Gäste saßen. Einer
dieser Wagen war an seinen altmodisch hohen Rädern
deutlich zu erkennen, es war der Papenhagen'sche.
Natürlich. Güldenklee galt als der beste Redner des
Kreises (noch besser als Borcke, ja selbst besser als
Grasenabb) und durfte bei Festlichkeiten nicht leicht
fehlen.

Die Fahrt ging rasch — auch die herrschaftlichen Kutscher strengten sich an und wollten sich
nicht überholen lassen — so daß man schon um
drei vor der Oberförsterei hielt. Ring, ein stattlicher, militärisch dreinschauender Herr von Mitte
fünfzig, der den ersten Feldzug in Schleswig noch
unter Wrangel und Bonin mitgemacht und sich bei
Erstürmung des Danewerks ausgezeichnet hatte, stand
in der Thür und empfing seine Gäste, die, nachdem
sie abgelegt und die Frau des Hauses begrüßt hatten,
zunächst vor einem langgedeckten Kaffeetische Platz
nahmen, auf dem kunstvoll aufgeschichtete Kuchenpyramiden standen. Die Oberförsterin, eine von Natur
sehr ängstliche, zum mindesten aber sehr befangene
Frau, zeigte sich auch als Wirtin so, was den
überaus eitlen Oberförster, der für Sicherheit und
Schneidigkeit war, ganz augenscheinlich verdroß. Zum
Glück kam sein Unmut zu keinem Ausbruch, denn
von dem, was seine Frau vermissen ließ, hatten seine
Töchter desto mehr, bildhübsche Backfische von vierzehn und dreizehn, die ganz nach dem Vater schlugen.
Besonders die ältere, Cora, kokettierte sofort mit Innstetten und Crampas, und beide gingen auch darauf
ein. Effi ärgerte sich darüber und schämte sich dann
wieder, daß sie sich geärgert habe. Sie saß neben
Sidonie von Grasenabb und sagte: „Sonderbar, so
bin ich auch gewesen, als ich vierzehn war.“

Effi rechnete darauf, daß Sidonie dies bestreiten
oder doch wenigstens Einschränkungen machen würde.
Statt dessen sagte diese: „Das kann ich mir denken.“

„Und wie der Vater sie verzieht,“ fuhr Effi
halb verlegen, und nur, um doch 'was zu sagen, fort.

Sidonie nickte. „Da liegt es. Keine Zucht. Das
ist die Signatur unserer Zeit.“

Effi brach nun ab.

Der Kaffee war bald genommen, und man
stand auf, um noch einen halbstündigen Spaziergang
in den umliegenden Wald zu machen, zunächst auf
ein Gehege zu, drin Wild eingezäunt war. Cora
öffnete das Gatter, und kaum, daß sie eingetreten,
so kamen auch schon die Rehe auf sie zu. Es war
eigentlich reizend, ganz wie ein Märchen. Aber die
Eitelkeit des jungen Dinges, das sich bewußt war,
ein lebendes Bild zu stellen, ließ doch einen reinen
Eindruck nicht aufkommen, am wenigsten bei Effi.
„Nein,“ sagte sie zu sich selber, „so bin ich doch
nicht gewesen. Vielleicht hat es mir auch an Zucht
gefehlt, wie diese furchtbare Sidonie mir eben andeutete, vielleicht auch anderes noch. Man war zu
Haus zu gütig gegen mich, man liebte mich zu sehr.
Aber das darf ich doch wohl sagen, ich habe mich
nie geziert. Das war immer Hulda's Sache. Darum
gefiel sie mir auch nicht, als ich diesen Sommer sie
wieder sah.“

Auf dem Rückwege vom Walde nach der Oberförstern begann es zu schneien. Crampas gesellte
sich zu Effi und sprach ihr sein Bedauern aus, daß
er noch nicht Gelegenheit gehabt habe, sie zu begrüßen. Zugleich wies er auf die großen, schweren
Schneeflocken, die fielen, und sagte: „Wenn das so
weiter geht, so schneien wir hier ein.“

„Das wäre nicht das Schlimmste. Mit dem
Eingeschneitwerden verbinde ich von langer Zeit her
eine freundliche Vorstellung, eine Vorstellung von
Schutz und Beistand.“

„Das ist mir neu, meine gnädigste Frau.“

„Ja,“ fuhr Effi fort und versuchte zu lachen,
„mit den Vorstellungen ist es ein eigen Ding, man
macht sie sich nicht bloß nach dem, was man persönlich
erfahren hat, auch nach dem, was man irgendwo
gehört oder ganz zufällig weiß. Sie sind so belesen,
Major, aber mit einem Gedichte — freilich keinem
Heine'schen, keinem ‚Seegespenst‘ und keinem ,Vitzliputzli‘ — bin ich Ihnen, wie mir scheint, doch voraus.
Dies Gedicht heißt die ‚Gottesmauer‘, und ich hab'
es bei unserm Hohen-Cremmner Pastor vor vielen,
vielen Jahren, als ich noch ganz klein war, auswendig gelernt.“

„Gottesmauer,“ wiederholte Crampas. „Ein
hübscher Titel, und wie verhält es sich damit?“

„Eine kleine Geschichte, nur ganz kurz. Da war
irgendwo Krieg, ein Winterfeldzug, und eine alte
Witwe, die sich vor dem Feinde mächtig fürchtete,
betete zu Gott, er möge doch ,eine Mauer um sie
bauen‘, um sie vor dem Landesfeinde zu schützen.
Und da ließ Gott das Haus einschneien, und der
Feind zog daran vorüber.“

Crampas war sichtlich betroffen und wechselte
das Gespräch.

Als es dunkelte, waren alle wieder in der Oberförsterei zurück.

Neunzehntes Kapitel.

Gleich nach sieben ging man zu Tisch, und
alles freute sich, daß der Weihnachtsbaum, eine mit
zahllosen Silberkugeln bedeckte Tanne, noch einmal
angesteckt wurde. Crampas, der das Ring'sche Haus
noch nicht kannte, war helle Bewunderung. Der
Damast, die Weinkühler, das reiche Silbergeschirr,
alles wirkte herrschaftlich, weit über oberförsterliche
Durchschnittsverhältnisse hinaus, was darin seinen
Grund hatte, daß Ring's Frau, so scheu und verlegen sie war, aus einem reichen Danziger Kornhändlerhause stammte. Von da her rührten auch
die meisten der rings umher hängenden Bilder: der
Kornhändler und seine Frau, der Marienburger
Remter und eine gute Kopie nach dem berühmten
Memling'schen Altarbilde in der Danziger Marienkirche. Kloster Oliva war zweimal da, einmal in
Öl und einmal in Kork geschnitzt. Außerdem befand
sich über dem Büffet ein sehr nachgedunkeltes Porträt
des alten Nettelbeck, das noch aus dem bescheidenen
Mobiliar des erst vor anderthalb Jahren verstorbenen
Ring'schen Amtsvorgängers herrührte. Niemand
hatte damals, bei der wie gewöhnlich stattfindenden
Auktion, das Bild des Alten haben wollen, bis Innstetten, der sich über diese Mißachtung ärgerte, darauf geboten hatte. Da hatte sich denn auch Ring
patriotisch besonnen, und der alte Colbergverteidiger
war der Oberförsterei verblieben.

Das Nettelbeck-Bild ließ ziemlich viel zu wünschen
übrig; sonst aber verriet alles, wie schon angedeutet,
eine beinahe an Glanz streifende Wohlhabenheit,
und dem entsprach denn auch das Mahl, das aufgetragen wurde. Jeder hatte mehr oder weniger
seine Freude daran, mit Ausnahme Sidoniens. Diese
saß zwischen Innstetten und Lindequist und sagte,
als sie Cora's ansichtig wurde: „Da ist ja wieder
dies unausstehliche Balg, diese Cora. Sehen Sie
nur, Innstetten, wie sie die kleinen Weingläser präsentiert, ein wahres Kunststück, sie könnte jeden
Augenblick Kellnerin werden. Ganz unerträglich.
Und dazu die Blicke von Ihrem Freunde Crampas!
Das ist so die rechte Saat! Ich frage Sie, was
soll dabei herauskommen?“

Innstetten, der ihr eigentlich zustimmte, fand
trotzdem den Ton, in dem das alles gesagt wurde,
so verletzend herbe, daß er spöttisch bemerkte: „Ja,
meine Gnädigste, was dabei herauskommen soll?
Ich weiß es auch nicht“ — worauf sich Sidonie
von ihm ab- und ihrem Nachbar zur Linken zuwandte : „Sagen Sie, Pastor, ist diese vierzehnjährige
Kokette schon im Unterricht bei Ihnen?“

„Ja, mein gnädigstes Fräulein.“

„Dann müssen Sie mir die Bemerkung verzeihen, daß Sie sie nicht in die richtige Schule genommen haben. Ich weiß wohl, es hält das heutzutage
sehr schwer, aber ich weiß auch, daß die, denen die
Fürsorge für junge Seelen obliegt, es vielfach an
dem rechten Ernste fehlen lassen. Es bleibt dabei,
die Hauptschuld tragen die Eltern und Erzieher.“

Lindequist, denselben Ton anschlagend wie Innstetten, antwortete, daß das alles sehr richtig, der
Geist der Zeit aber zu mächtig sei.

„Geist der Zeit!“ sagte Sidonie. „Kommen
Sie mir nicht damit. Das kann ich nicht hören,
das ist der Ausdruck höchster Schwäche, Bankrutterklärung. Ich kenne das; nie scharf zufassen wollen,
immer dem Unbequemen aus dem Wege gehen. Denn
Pflicht ist unbequem. Und so wird nur allzu leicht
vergessen, daß das uns anvertraute Gut auch 'mal von
uns zurückgefordert wird. Eingreifen, lieber Pastor,
Zucht. Das Fleisch ist schwach, gewiß; aber . . .“

In diesem Augenblicke kam ein englisches Roastbeef, von dem Sidonie ziemlich ausgiebig nahm, ohne
Lindequist's Lächeln dabei zu bemerken. Und weil
sie's nicht bemerkte, so durfte es auch nicht Wunder
nehmen, daß sie mit vieler Unbefangenheit fortfuhr:
„Es kann übrigens alles, was Sie hier sehen, nicht
wohl anders sein; alles ist schief und verfahren von
Anfang an. Ring, Ring — wenn ich nicht irre,
hat es drüben in Schweden oder da herum 'mal
einen Sagenkönig dieses Namens gegeben. Nun
sehen Sie, benimmt er sich nicht, als ob er von dem
abstamme, und seine Mutter, die ich noch gekannt
habe, war eine Plättfrau in Cöslin.“

„Ich kann darin nichts schlimmes finden.“

„Schlimmes finden? Ich auch nicht. Und
jedenfalls giebt es schlimmeres. Aber so viel muß
ich doch von Ihnen, als einem geweihten Diener der
Kirche, gewärtigen dürfen, daß Sie die gesellschaftlichen Ordnungen gelten lassen. Ein Oberförster ist
ein bißchen mehr als ein Förster, und ein Förster
hat nicht solche Weinkühler und solch' Silberzeug;
das alles ist ungehörig und zieht dann solche Kinder
groß, wie dies Fräulein Cora.“

Sidonie, jedesmal bereit, irgend 'was Schreckliches zu prophezeien, wenn sie, vom Geist überkommen, die Schalen ihres Zornes ausschüttete, würde
sich auch heute bis zum Kassandrablick in die Zukunft
gesteigert haben, wenn nicht in eben diesem Augenblicke die dampfende Punschbowle — womit die
Weihnachtsréunions bei Ring immer abschlossen —
auf der Tafel erschienen wäre, dazu Krausgebackenes,
das, geschickt über einander getürmt, noch weit über
die vor einigen Stunden aufgetragene Kaffeekuchenpyramide hinauswuchs. Und nun trat auch Ring
selbst, der sich bis dahin etwas zurückgehalten hatte,
mit einer gewissen strahlenden Feierlichkeit in Aktion
und begann die vor ihm stehenden Gläser, große
geschliffene Römer, in virtuosem Bogensturz zu füllen,
ein Einschenkekunststück, das die stets schlagfertige
Frau von Padden, die heute leider fehlte, 'mal als
,Ring'sche Füllung en cascade‘ bezeichnet hatte.
Rotgolden wölbte sich dabei der Strahl, und kein
Tropfen durfte verloren gehen. So war es auch
heute wieder. Zuletzt aber, als jeder, was ihm zukam, in Händen hielt — auch Cora, die sich mittlerweile mit ihrem rotblonden Wellenhaar auf „Onkel
Crampas'“ Schoß gesetzt hatte — erhob sich der alte
Papenhagner, um, wie herkömmlich bei Festlichkeiten
derart, einen Toast auf seinen lieben Oberförster
auszubringen. Es gäbe viele Ringe, so etwa begann
er, Jahresringe, Gardinenringe, Trauringe, und was
nun gar — denn auch davon dürfe sich am Ende
wohl sprechen lassen — die Verlobungsringe angehe,
so sei glücklicherweise die Gewähr gegeben, daß einer
davon in kürzester Frist in diesem Hause sichtbar
werden und den Ringfinger (und zwar hier in einem
doppelten Sinne den Ringfinger) eines kleinen
hübschen Pätschelchens zieren werde . . .“

„Unerhört,“ raunte Sidonie dem Pastor zu.

„Ja, meine Freunde,“ fuhr Güldenklee mit gehobener Stimme fort, „viele Ringe giebt es, und es
giebt sogar eine Geschichte, die wir alle kennen,
die die Geschichte von den ,drei Ringen‘ heißt, eine
Judengeschichte, die, wie der ganze liberale Krimskrams, nichts wie Verwirrung und Unheil gestiftet
hat und noch stiftet. Gott bessere es. Und nun
lassen Sie mich schließen, um Ihre Geduld und
Nachsicht nicht über Gebühr in Anspruch zu nehmen.
Ich bin nicht für diese drei Ringe, meine Lieben,
ich bin vielmehr für einen Ring, für einen Ring,
der so recht ein Ring ist wie er sein soll, ein Ring,
der alles Gute, was wir in unsrem altpommerschen
Kessiner Kreise haben, alles, was noch mit Gott für
König und Vaterland einsteht — und es sind ihrer
noch einige (lauter Jubel) — an diesem seinem gastlichen Tisch vereinigt sieht. Für diesen Ring bin
ich. Er lebe hoch!“

Alles stimmte ein und umdrängte Ring, der,
so lange das dauerte, das Amt des ‚Einschenkens
en cascade‘ an den ihm gegenüber sitzenden Crampas
abtreten mußte; der Hauslehrer aber stürzte von
seinem Platz am unteren Ende der Tafel an das
Klavier und schlug die ersten Takte des Preußenliedes
an, worauf alles stehend und feierlich einfiel: „Ich
bin ein Preuße . . . will ein Preuße sein.“

„Es ist doch etwas Schönes,“ sagte gleich nach
der ersten Strophe der alte Borcke zu Innstetten,
„so 'was hat man in anderen Ländern nicht.“

„Nein,“ antwortete Innstetten, der von solchem
Patriotismus nicht viel hielt, „in anderen Ländern
hat man 'was anderes.“

Man sang alle Strophen durch, dann hieß es,
die Wagen seien vorgefahren, und gleich darnach
erhob sich alles, um die Pferde nicht warten zu
lassen. Denn diese Rücksicht „auf die Pferde“ ging
auch im Kreise Kessin allem anderen vor. Im Hausflur standen zwei hübsche Mägde, Ring hielt auf
dergleichen, um den Herrschaften beim Anziehen ihrer
Pelze behülflich zu sein. Alles war heiter angeregt,
einige mehr als das, und das Einsteigen in die verschiedenen Gefährte schien sich schnell und ohne Störung
vollziehen zu sollen, als es mit einemmal hieß, der
Gieshübler'sche Schlitten sei nicht da. Gieshübler
selbst war viel zu artig, um gleich Unruhe zu zeigen
oder gar Lärm zu machen; endlich aber, weil doch
wer das Wort nehmen mußte, fragte Crampas, „was
es denn eigentlich sei?“

„Mirambo kann nicht fahren,“ sagte der Hofeknecht; „das linke Pferd hat ihn beim Anspannen
vor das Schienbein geschlagen. Er liegt im Stall
und schreit.“

Nun wurde natürlich nach Dr. Hannemann
gerufen, der denn auch hinausging und nach fünf
Minuten mit echter Chirurgenruhe versicherte: „Ja,
Mirambo müsse zurückbleiben; es sei vorläufig in der
Sache nichts zu machen, als still liegen und kühlen.
Übrigens von Bedenklichem keine Rede.“ Das war
nun einigermaßen ein Trost, aber schaffte doch die
Verlegenheit, wie der Gieshübler'sche Schlitten zurückzufahren sei, nicht aus der Welt, bis Innstetten erklärte, daß er für Mirambo einzutreten und das
Zwiegestirn von Doktor und Apotheker persönlich
glücklich heimzusteuern gedenke. Lachend und unter
ziemlich angeheiterten Scherzen gegen den verbindlichsten aller Landräte, der sich, um hülfreich zu sein,
sogar von seiner jungen Frau trennen wolle, wurde
dem Vorschlage zugestimmt, und Innstetten, mit
Gieshübler und dem Doktor im Fond, nahm jetzt
wieder die Tête. Crampas und Lindequist folgten
unmittelbar. Und als gleich danach auch Kruse mit
dem landrätlichen Schlitten vorfuhr, trat Sidonie
lächelnd an Effi heran und bat diese, da ja nun
ein Platz frei sei, mit ihr fahren zu dürfen. „In
unserer Kutsche ist es immer so stickig; mein Vater liebt
das. Und außerdem, ich möchte so gerne mit Ihnen
plaudern. Aber nur bis Quappendorf. Wo der
Morgnitzer Weg abzweigt, steig' ich aus und muß
dann wieder in unsern unbequemen Kasten. Und
Papa raucht auch noch.“

Effi war wenig erfreut über diese Begleitung
und hätte die Fahrt lieber allein gemacht; aber ihr
blieb keine Wahl, und so stieg denn das Fräulein
ein, und kaum daß beide Damen ihre Plätze genommen
hatten, so gab Kruse den Pferden auch schon einen
Peitschenknips und von der oberförsterlichen Rampe
her, von der man einen prächtigen Ausblick auf das
Meer hatte, ging es, die ziemlich steile Düne hinunter,
auf den Strandweg zu, der, eine Meile lang, in
beinahe gerader Linie bis an das Kessiner Strandhotel, und von dort aus, rechts einbiegend, durch die
Plantage hin, in die Stadt führte. Der Schneefall
hatte schon seit ein paar Stunden aufgehört, die Luft
war frisch, und auf das weite dunkelnde Meer fiel
der matte Schein der Mondsichel. Kruse fuhr hart
am Wasser hin, mitunter den Schaum der Brandung
durchschneidend, und Effi, die etwas fröstelte, wickelte
sich fester in ihren Mantel und schwieg noch immer
und mit Absicht. Sie wußte recht gut, daß das mit
der „stickigen Kutsche“ bloß Vorwand gewesen und
daß sich Sidonie nur zu ihr gesetzt hatte, um ihr
etwas Unangenehmes zu sagen. Und das kam immer
noch früh genug. Zudem war sie wirklich müde,
vielleicht von dem Spaziergang im Walde, vielleicht
auch von dem oberförsterlichen Punsch, dem sie, auf
Zureden der neben ihr sitzenden Frau v. Flemming,
tapfer zugesprochen hatte. Sie that denn auch, als
ob sie schliefe, schloß die Augen und neigte den Kopf
immer mehr nach links.

„Sie sollten sich nicht so sehr nach links beugen,
meine gnädigste Frau. Fährt der Schlitten auf
einen Stein, so fliegen Sie hinaus. Ihr Schlitten
hat ohnehin kein Schutzleder und, wie ich sehe, auch
nicht einmal die Haken dazu.“

„Ich kann die Schutzleder nicht leiden; sie haben
so 'was Prosaisches. Und dann, wenn ich hinaus
flöge, mir wär' es recht, am liebsten gleich in die
Brandung. Freilich ein etwas kaltes Bad, aber was
thut's . . . Übrigens hören Sie nichts?“

„Nein.“

„Hören Sie nicht etwas wie Musik?“

„Orgel?“

„Nein, nicht Orgel. Da würd' ich denken, es sei
das Meer. Aber es ist etwas anderes, ein unendlich
feiner Ton, fast wie menschliche Stimme . . .“

„Das sind Sinnestäuschungen,“ sagte Sidonie,
die jetzt den richtigen Einsetzemoment gekommen glaubte.
„Sie sind nervenkrank. Sie hören Stimmen. Gebe
Gott, daß Sie auch die richtige Stimme hören.“

„Ich höre . . . nun, gewiß, es ist Thorheit, ich
weiß, sonst würd' ich mir einbilden, ich hätte die
Meerfrauen singen hören . . . Aber, ich bitte Sie,
was ist das? Es blitzt ja bis hoch in den Himmel
hinauf. Das muß ein Nordlicht sein.“

„Ja,“ sagte Sidonie. „Gnädigste Frau thun
ja, als ob es ein Weltwunder wäre. Das ist es
nicht. Und wenn es dergleichen wäre, wir haben
uns vor Naturkultus zu hüten. Übrigens ein wahres
Glück, daß wir außer Gefahr sind, unsern Freund
Oberförster, diesen eitelsten aller Sterblichen, über
dies Nordlicht sprechen zu hören. Ich wette, daß
er sich einbilden würde, das thue ihm der Himmel
zu Gefallen, um sein Fest noch festlicher zu machen.
Er ist ein Narr. Güldenklee konnte besseres thun,
als ihn feiern. Und dabei spielt er sich auf den
Kirchlichen aus und hat auch neulich eine Altardecke
geschenkt. Vielleicht, daß Cora daran mitgestickt hat.
Diese Unechten sind schuld an allem, denn ihre
Weltlichkeit liegt immer oben auf und wird Denen
mit angerechnet, die's ernst mit dem Heil ihrer Seele
meinen.“

„Es ist so schwer, ins Herz zu sehen!“

„Ja. Das ist es. Aber bei manchem ist es
auch ganz leicht.“ Und dabei sah sie die junge Frau
mit beinahe ungezogener Eindringlichkeit an.

Effi schwieg und wandte sich ungeduldig zur
Seite.

„Bei manchem, sag' ich, ist es ganz leicht,“
wiederholte Sidonie, die ihren Zweck erreicht hatte
und deshalb ruhig lächelnd fortfuhr: „und zu diesen
leichten Rätseln gehört unser Oberförster. Wer seine
Kinder so erzieht, den beklag' ich, aber das eine
gute hat es, es liegt bei ihm alles klar da. Und wie
bei ihm selbst, so bei den Töchtern. Cora geht nach
Amerika und wird Millionärin oder Methodistenpredigerin; in jedem Fall ist sie verloren. Ich habe
noch keine Vierzehnjährige gesehen . . .“

In diesem Augenblicke hielt der Schlitten, und
als sich beide Damen umsahen, um in Erfahrung
zu bringen, was es denn eigentlich sei, bemerkten sie,
daß rechts von ihnen, in etwa dreißig Schritt Abstand, auch die beiden anderen Schlitten hielten —
am weitesten nach rechts der von Innstetten geführte,
näher heran der Crampas'sche.

„Was ist?“ fragte Effi.

Kruse wandte sich halb herum und sagte: „Der
Schloon, gnäd'ge Frau.“

„Der Schloon? Was ist das? Ich sehe nichts.“

Kruse wiegte den Kopf hin und her, wie wenn
er ausdrücken wollte, daß die Frage leichter gestellt
als beantwortet sei. Worin er auch recht hatte.
Denn was der Schloon sei, das war nicht so mit
drei Worten zu sagen. Kruse fand aber in seiner
Verlegenheit alsbald Hülfe bei dem gnädigen Fräulein,
das hier mit allem Bescheid wußte und natürlich
auch mit dem Schloon.

„Ja, meine gnädigste Frau,“ sagte Sidonie,
„da steht es schlimm. Für mich hat es nicht viel
auf sich, ich komme bequem durch; denn wenn erst
die Wagen heran sind, die haben hohe Räder, und
unsere Pferde sind außerdem daran gewöhnt. Aber
mit solchem Schlitten ist es 'was anderes; die versinken im Schloon, und Sie werden wohl oder übel
einen Umweg machen müssen.“

„Versinken! Ich bitte Sie, mein gnädigstes
Fräulein, ich sehe noch immer nicht klar. Ist denn
der Schloon ein Abgrund oder irgend 'was, drin
man mit Mann und Maus zu Grunde gehen muß?
Ich kann mir so 'was hier zu Lande gar nicht
denken.“

„Und doch ist es so 'was, nur freilich im kleinen;
dieser Schloon ist eigentlich bloß ein kümmerliches
Rinnsal, das hier rechts vom Gothener See her
herunter kommt und sich durch die Dünen schleicht.
Und im Sommer trocknet es mitunter ganz aus, und
Sie fahren dann ruhig drüber hin und wissen es
nicht einmal.“

„Und im Winter?“

„Ja, im Winter, da ist es 'was anderes; nicht
immer, aber doch oft. Da wird es dann eine Soog.“

„Mein Gott, was sind das nur alles für Namen
und Wörter!

„. . . Da wird es ein Soog, und am stärksten
immer dann, wenn der Wind nach dem Lande hin
steht. Dann drückt der Wind das Meerwasser in
das kleine Rinnsal hinein, aber nicht so, daß man
es sehen kann. Und das ist das schlimmste von der
Sache, darin steckt die eigentliche Gefahr. Alles geht
nämlich unterirdisch vor sich, und der ganze Strandsand ist dann bis tief hinunter mit Wasser durchsetzt
und gefüllt. Und wenn man dann über solche Sandstelle weg will, die keine mehr ist, dann sinkt man
ein, als ob es ein Sumpf oder ein Moor wäre.“

„Das kenn' ich,“ sagte Effi lebhaft. „Das ist
wie in unsrem Luch,“ und inmitten all' ihrer Ängstlichkeit wurde ihr mit einemmale ganz wehmütigfreudig zu Sinn.

Während das Gespräch noch so ging und sich
fortsetzte, war Crampas aus seinem Schlitten ausgestiegen und auf den am äußersten Flügel haltenden
Gieshübler'schen zugeschritten, um hier mit Innstetten
zu verabreden, was nun wohl eigentlich zu thun sei.
Knut, so vermeldete er, wolle die Durchfahrt riskieren,
aber Knut sei dumm und verstehe nichts von der
Sache; nur solche, die hier zu Hause seien, müßten
die Entscheidung treffen. Innstetten — sehr zu
Crampas' Überraschung — war auch fürs „Riskieren“,
es müsse durchaus noch 'mal versucht werden . . . er
wisse schon, die Geschichte wiederhole sich jedesmal:
die Leute hier hätten einen Aberglauben und vorweg
eine Furcht, während es doch eigentlich wenig zu
bedeuten habe. Nicht Knut, der wisse nicht Bescheid,
wohl aber Kruse solle noch einmal einen Anlauf
nehmen und Crampas derweilen bei den Damen einsteigen (ein kleiner Rücksitz sei ja noch da), um bei der
Hand zu sein, wenn der Schlitten umkippe. Das
sei doch schließlich das schlimmste, was geschehen könne.

Mit dieser Innstetten'schen Botschaft erschien
jetzt Crampas bei den beiden Damen und nahm,
als er lachend seinen Auftrag ausgeführt hatte, ganz
nach empfangener Ordre den kleinen Sitzplatz ein,
der eigentlich nichts als eine mit Tuch überzogene
Leiste war, und rief Kruse zu: „Nun, vorwärts, Kruse.“

Dieser hatte denn auch die Pferde bereits um
hundert Schritte zurück gezoppt und hoffte, scharf
anfahrend, den Schlitten glücklich durchbringen zu
können; im selben Augenblick aber, wo die Pferde
den Schloon auch nur berührten, sanken sie bis über
die Knöchel in den Sand ein, so daß sie nur mit
Mühe nach rückwärts wieder heraus konnten.

„Es geht nicht,“ sagte Crampas, und Kruse
nickte.

Während sich dies abspielte, waren endlich auch
die Kutschen heran gekommen, die Grasenabb'sche
vorauf, und als Sidonie, nach kurzem Dank gegen
Effi, sich verabschiedet und dem seine türkische Pfeife
rauchenden Vater gegenüber ihren Rückplatz eingenommen hatte, ging es mit dem Wagen ohne
weiteres auf den Schloon zu; die Pferde sanken tief
ein, aber die Räder ließen alle Gefahr leicht überwinden,
und ehe eine halbe Minute vorüber war, trabten auch
schon die Grasenabb's drüben weiter. Die andern
Kutschen folgten. Effi sah ihnen nicht ohne Neid
nach. Indessen nicht lange, denn auch für die Schlittenfahrer war in der zwischenliegenden Zeit Rat geschafft
worden, und zwar einfach dadurch, daß sich Innstetten
entschlossen hatte, statt aller weiteren Forcierung, das
friedlichere Mittel eines Umwegs zu wählen. Also
genau das, was Sidonie gleich anfangs in Sicht
gestellt hatte. Vom rechten Flügel her klang des
Landrats bestimmte Weisung herüber, vorläufig diesseits zu bleiben und ihm durch die Dünen hin bis
an eine weiter hinauf gelegene Bohlenbrücke zu folgen.
Als beide Kutscher, Knut und Kruse, so verständigt
waren, trat der Major, der, um Sidonie zu helfen,
gleichzeitig mit dieser ausgestiegen war, wieder an Effi
heran und sagte: „Ich kann Sie nicht allein lassen,
gnäd'ge Frau.“

Effi war einen Augenblick unschlüssig, rückte
dann aber rasch von der einen Seite nach der anderen
hinüber, und Crampas nahm links neben ihr Platz.

All' dies hätte vielleicht mißdeutet werden können,
Crampas selbst aber war zu sehr Frauenkenner, um
es sich bloß in Eitelkeit zurechtzulegen. Er sah deutlich, daß Effi nur that, was, nach Lage der Sache,
das einzig Richtige war. Es war unmöglich für sie,
sich seine Gegenwart zu verbitten. Und so ging es
denn im Fluge den beiden anderen Schlitten nach,
immer dicht an dem Wasserlaufe hin, an dessen
anderem Ufer dunkle Waldmassen aufragten. Effi
sah hinüber und nahm an, daß schließlich an dem
landeinwärts gelegenen Außenrande des Waldes hin
die Weiterfahrt gehen würde, genau also den Weg
entlang, auf dem man in früher Nachmittagsstunde
gekommen war. Innstetten aber hatte sich inzwischen
einen andern Plan gemacht, und im selben Augenblicke, wo sein Schlitten die Bohlenbrücke passierte,
bog er, statt den Außenweg zu wählen, in einen
schmaleren Weg ein, der mitten durch die dichte
Waldmasse hindurch führte. Effi schrak zusammen.
Bis dahin waren Luft und Licht um sie her gewesen,
aber jetzt war es damit vorbei, und die dunklen
Kronen wölbten sich über ihr. Ein Zittern überkam
sie, und sie schob die Finger fest in einander, um sich
einen Halt zu geben. Gedanken und Bilder jagten
sich und eines dieser Bilder war das Mütterchen in
dem Gedichte, das die „Gottesmauer“ hieß, und wie
das Mütterchen, so betete auch sie jetzt, daß Gott
eine Mauer um sie her bauen möge. Zwei, drei
Male kam es auch über ihre Lippen, aber mit einemmal fühlte sie, daß es tote Worte waren. Sie
fürchtete sich und war doch zugleich wie in einem
Zauberbann und wollte auch nicht heraus.

„Effi,“ klang es jetzt leis an ihr Ohr, und sie
hörte, daß seine Stimme zitterte. Dann nahm er
ihre Hand und löste die Finger, die sie noch immer
geschlossen hielt, und überdeckte sie mit heißen Küssen.
Es war ihr, als wandle sie eine Ohnmacht an.

Als sie die Augen wieder öffnete, war man
aus dem Walde heraus, und in geringer Entfernung
vor sich hörte sie das Geläut der vorauf eilenden
Schlitten. Immer vernehmlicher klang es, und als
man, dicht vor Utpatel's Mühle, von den Dünen
her in die Stadt einbog, lagen rechts die kleinen
Häuser mit ihren Schneedächern neben ihnen.

Effi blickte sich um, und im nächsten Augenblicke
hielt der Schlitten vor dem landrätlichen Hause.

Zwanzigstes Kapitel.

Innstetten, der Effi, als er sie aus dem Schlitten
hob, scharf beobachtet, aber doch ein Sprechen über
die sonderbare Fahrt zu zweien vermieden hatte,
war am anderen Morgen früh auf und suchte seiner
Verstimmung, die noch nachwirkte, so gut es ging
Herr zu werden.

„Du hast gut geschlafen?“ sagte er, als Effi
zum Frühstück kam.

„Ja.“

„Wohl Dir. Ich kann dasselbe von mir nicht
sagen. Ich träumte, daß Du mit dem Schlitten im
Schloon verunglückt seist, und Crampas mühte sich,
Dich zu retten; ich muß es so nennen, aber er versank mit Dir.“

„Du sprichst das alles so sonderbar, Geert. Es
verbirgt sich ein Vorwurf dahinter, und ich ahne
weshalb.“

„Sehr merkwürdig.“

„Du bist nicht einverstanden damit, daß Crampas
kam und uns seine Hülfe anbot.“

„Uns?“

„Ja, uns. Sidonien und mir. Du mußt durchaus vergessen haben, daß der Major in Deinem Auftrage kam. Und als er mir erst gegenüber saß, beiläufig jämmerlich genug auf der elenden schmalen Leiste,
sollte ich ihn da ausweisen, als die Grasenabb's kamen
und mit einemmale die Fahrt weiter ging? Ich hätte
mich lächerlich gemacht, und dagegen bist Du doch so
empfindlich. Erinnere Dich, daß wir unter Deiner Zustimmung viele Male gemeinschaftlich spazieren geritten
sind, und nun sollte ich nicht gemeinschaftlich mit ihm
fahren? Es ist falsch, so hieß es bei uns zu Haus,
einem Edelmanne Mißtrauen zu zeigen.“

„Einem Edelmanne,“ sagte Innstetten mit Betonung.

„Ist er keiner? Du hast ihn selbst einen Kavalier
genannt, sogar einen perfekten Kavalier.“

„Ja,“ fuhr Innstetten fort, und seine Stimme
wurde freundlicher, trotzdem ein leiser Spott noch
darin nachklang. „Kavalier, das ist er, und ein
perfekter Kavalier, das ist er nun schon ganz gewiß.
Aber Edelmann! Meine liebe Effi, ein Edelmann
sieht anders aus. Hast Du schon etwas Edles an
ihm bemerkt? Ich nicht.“

Effi sah vor sich hin und schwieg.

„Es scheint, wir sind gleicher Meinung. Im
übrigen, wie Du schon sagtest, ich bin selber schuld;
von einem faux pas mag ich nicht sprechen, das
ist in diesem Zusammenhange kein gutes Wort. Also
selber schuld, und es soll nicht wieder vorkommen,
so weit ich's hindern kann. Aber auch Du, wenn
ich Dir raten darf, sei auf Deiner Hut. Er ist ein
Mann der Rücksichtslosigkeiten und hat so seine Ansichten über junge Frauen. Ich kenne ihn von früher.“

„Ich werde mir Deine Worte gesagt sein lassen.
Nur so viel, ich glaube, Du verkennst ihn.“

„Ich verkenne ihn nicht.“

„Oder mich,“ sagte sie mit einer Kraftanstrengung
und versuchte seinem Blicke zu begegnen.

„Auch Dich nicht, meine liebe Effi. Du bist
eine reizende kleine Frau, aber Festigkeit ist nicht
eben Deine Spezialität.“

Er erhob sich, um zu gehen. Als er bis an
die Thür gegangen war, trat Friedrich ein, um ein
Gieshübler'sches Billet abzugeben, das natürlich an
die gnädige Frau gerichtet war.

Effi nahm es. „Eine Geheimkorrespondenz mit
Gieshübler,“ sagte sie; „Stoff zu neuer Eifersucht
für meinen gestrengen Herrn. Oder nicht?“

„Nein, nicht ganz, meine liebe Effi. Ich begehe die Thorheit, zwischen Crampas und Gieshübler
einen Unterschied zu machen. Sie sind so zu sagen
nicht von gleichem Karat; nach Karat berechnet man
nämlich den reinen Goldeswert, unter Umständen
auch der Menschen. Mir persönlich, um auch das
noch zu sagen, ist Gieshübler's weißes Jabot, trotzdem kein Mensch mehr Jabots trägt, erheblich lieber
als Crampas' rotblonder Sappeurbart. Aber ich
bezweifle, daß dies weiblicher Geschmack ist.“

„Du hältst uns für schwächer, als wir sind.“

„Eine Tröstung von praktisch außerordentlicher
Geringfügigkeit. Aber lassen wir das. Lies lieber.“

Und Effi las: „Darf ich mich nach der gnäd'gen
Frau Befinden erkundigen? Ich weiß nur, daß Sie
dem Schloon glücklich entronnen sind: aber es blieb
auch durch den Wald hin immer noch Fährlichkeit
genug. Eben kommt Dr. Hannemann von Uvagla
zurück und beruhigt mich über Mirambo; gestern
habe er die Sache für bedenklicher angesehen, als
er uns habe sagen wollen, heute nicht mehr. Es
war eine reizende Fahrt. — In drei Tagen feiern
wir Sylvester. Auf eine Festlichkeit, wie die vorjährige, müssen wir verzichten; aber einen Ball haben
wir natürlich, und Sie erscheinen zu sehen, würde
die Tanzwelt beglücken und nicht am wenigsten Ihren
respektvollst ergebenen Alonzo G.“

Effi lachte. „Nun, was sagst Du?“

„Nach wie vor nur das eine, daß ich Dich
lieber mit Gieshübler als mit Crampas sehe.“

„Weil Du den Crampas zu schwer und den
Gieshübler zu leicht nimmst.“

Innstetten drohte ihr scherzhaft mit dem Finger.

Drei Tage später war Sylvester. Effi erschien
in einer reizenden Balltoilette, einem Geschenk, das
ihr der Weihnachtstisch gebracht hatte; sie tanzte
aber nicht, sondern nahm ihren Platz bei den alten
Damen, für die, ganz in der Nähe der Musikempore,
die Fauteuils gestellt waren. Von den adligen Familien,
mit denen Innstetten's vorzugsweise verkehrten, war
niemand da, weil kurz vorher ein kleines Zerwürfnis
mit dem städtischen Ressourcenvorstand, der, namentlich seitens des alten Güldenklee, 'mal wieder „destruktiver Tendenzen“ beschuldigt worden war, stattgefunden hatte; drei, vier andere adlige Familien
aber, die nicht Mitglieder der Ressource, sondern
immer nur geladene Gäste waren und deren Güter
an der anderen Seite der Kessine lagen, waren aus
zum Teil weiter Entfernung über das Flußeis gekommen und freuten sich, an dem Feste teilnehmen
zu können. Effi saß zwischen der alten Ritterschaftsrätin von Padden und einer etwas jüngeren Frau
von Titzewitz. Die Ritterschaftsrätin, eine vorzügliche
alte Dame, war in allen Stücken ein Original und
suchte das, was die Natur, besonders durch starke
Backenknochenbildung, nach der wendisch-heidnischen
Seite hin für sie gethan hatte, durch christlich-germanische Glaubensstrenge wieder in Ausgleich zu
bringen. In dieser Strenge ging sie so weit, daß
selbst Sidonie von Grasenabb eine Art esprit fort
neben ihr war, wogegen sie freilich — vielleicht weil
sich die Radegaster und die Swantowiter Linie des
Hauses in ihr vereinigten — über jenen alten Paddenhumor verfügte, der, von langer Zeit her, wie ein
Segen auf der Familie ruhte, und jeden, der mit
derselben in Berührung kam, auch wenn es Gegner
in Politik und Kirche waren, herzlich erfreute.

„Nun, Kind,“ sagte die Ritterschaftsrätin, „wie
geht es Ihnen denn eigentlich?“

„Gut, gnädigste Frau; ich habe einen sehr ausgezeichneten Mann.“

„Weiß ich. Aber das hilft nicht immer. Ich
hatte auch einen ausgezeichneten Mann. Wie steht
es hier? Keine Anfechtungen?“

Effi erschrak und war zugleich wie gerührt.
Es lag etwas ungemein Erquickliches in dem freien
und natürlichen Ton, in dem die alte Dame sprach,
und daß es eine so fromme Frau war, das machte
die Sache nur noch erquicklicher.

„Ach, gnädigste Frau . . .“

„Da kommt es schon. Ich kenne das. Immer
dasselbe. Darin ändern die Zeiten nichts. Und
vielleicht ist es auch recht gut so. Denn worauf es
ankommt, meine liebe junge Frau, das ist das Kämpfen.
Man muß immer ringen mit dem natürlichen Menschen.
Und wenn man sich dann so unter hat und beinah'
schreien möchte, weil's weh thut, dann jubeln die
lieben Engel!“

„Ach, gnädigste Frau. Es ist oft recht schwer.“

„Freilich ist es schwer. Aber je schwerer, desto
besser. Darüber müssen Sie sich freuen. Das mit
dem Fleisch, das bleibt, und ich habe Enkel und
Enkelinnen, da seh' ich es jeden Tag. Aber im
Glauben sich unterkriegen, meine liebe Frau, darauf
kommt es an, das ist das Wahre. Das hat uns
unser alter Martin Luther zur Erkenntnis gebracht,
der Gottesmann. Kennen Sie seine Tischreden?“

„Nein, gnädigste Frau.“

„Die werde ich Ihnen schicken.“

In diesem Augenblicke trat Major Crampas an
Effi heran und bat, sich nach ihrem Befinden erkundigen zu dürfen. Effi war wie mit Blut übergossen, aber ehe sie noch antworten konnte, sagte
Crampas: „Darf ich Sie bitten gnädigste Frau, mich
den Damen vorstellen zu wollen?“

Effi nannte nun Crampas' Namen, der seinerseits schon vorher vollkommen orientiert war und
in leichtem Geplauder alle Paddens und Titzewitze,
von denen er je gehört hatte, Revue passieren ließ.
Zugleich entschuldigte er sich, den Herrschaften jenseits
der Kessine noch immer nicht seinen Besuch gemacht
und seine Frau vorgestellt zu haben; aber es sei
sonderbar, welche trennende Macht das Wasser habe.
Es sei dasselbe wie mit dem Canal La Manche . . .“

„Wie?“ fragte die alte Titzewitz.

Crampas seinerseits hielt es für unangebracht,
Aufklärungen zu geben, die doch zu nichts geführt
haben würden, und fuhr fort: „Auf zwanzig Deutsche,
die nach Frankreich gehen, kommt noch nicht einer,
der nach England geht. Das macht das Wasser;
ich wiederhole, das Wasser hat eine scheidende Kraft.“

Frau von Padden, die darin mit feinem Instinkt
etwas Anzügliches witterte, wollte für das Wasser
eintreten, Crampas aber sprach mit immer wachsendem
Redefluß weiter und lenkte die Aufmerksamkeit der
Damen auf ein schönes Fräulein von Stojentin, „das
ohne Zweifel die Ballkönigin“ sei, wobei sein Blick
übrigens Effi bewundernd streifte. Dann empfahl er
sich rasch unter Verbeugung gegen alle drei.

„Schöner Mann,“ sagte die Padden. „Verkehrt
er in Ihrem Hause?“

„Flüchtig.“

„Wirklich,“ wiederholte die Padden, „ein schöner
Mann. Ein bißchen zu sicher. Und Hochmut kommt
vor dem Fall . . . Aber sehen Sie nur, da tritt er
wirklich mit der Grete Stojentin an. Eigentlich ist
er doch zu alt; wenigstens Mitte vierzig.“

„Er wird vierundvierzig.“

„Ei, ei, Sie scheinen ihn ja gut zu kennen.“

Es kam Effi sehr zu paß, daß das neue Jahr,
gleich in seinem Anfang, allerlei Aufregungen brachte.
Seit Sylvesternacht ging ein scharfer Nordost, der
sich in den nächsten Tagen fast bis zum Sturm
steigerte, und am dritten Januar nachmittags hieß
es, daß ein Schiff draußen mit der Einfahrt nicht
zustande gekommen und hundert Schritt vor der Mole
gescheitert sei; es sei ein englisches, von Sunderland
her, und so weit sich erkennen lasse, sieben Mann
an Bord; die Lotsen könnten beim Ausfahren, trotz
aller Anstrengung, nicht um die Mole herum, und
vom Strande aus ein Boot abzulassen, daran sei
nun vollends nicht zu denken, die Brandung sei viel
zu stark. Das klang traurig genug. Aber Johanna,
die die Nachricht brachte, hatte doch auch Trost bei
der Hand: Konsul Eschrich, mit dem Rettungsapparat
und der Raketenbatterie, sei schon unterwegs, und es
würde gewiß glücken; die Entfernung sei nicht voll
so weit wie Anno 75, wo's doch auch gegangen,
und sie hätten damals sogar den Pudel mit gerettet,
und es wäre ordentlich rührend gewesen, wie sich
das Tier gefreut und die Kapitänsfrau und das liebe,
kleine Kind, nicht viel größer als Anniechen, immer
wieder mit seiner roten Zunge geleckt habe.

„Geert, da muß ich mit hinaus, das muß ich
sehen,“ hatte Effi sofort erklärt, und beide waren
aufgebrochen, um nicht zu spät zu kommen, und
hatten denn auch den rechten Moment abgepaßt;
denn im Augenblick, als sie, von der Plantage her,
den Strand erreichten, fiel der erste Schuß, und sie
sahen ganz deutlich, wie die Rakete mit dem Fangseil
unter dem Sturmgewölk hinflog und über das Schiff
weg jenseits niederfiel. Alle Hände regten sich sofort
an Bord, und nun holten sie, mit Hülfe der kleinen
Leine, das dickere Tau samt dem Korb heran, und
nicht lange, so kam der Korb in einer Art Kreislauf
wieder zurück, und einer der Matrosen, ein schlanker,
bildhübscher Mensch mit einer wachsleinenen Kappe,
war geborgen an Land und wurde neugierig ausgefragt, während der Korb aufs neue seinen Weg
machte, zunächst den Zweiten und dann den Dritten
heranzuholen und so fort. Alle wurden gerettet,
und Effi hätte sich, als sie nach einer halben Stunde
mit ihrem Manne wieder heim ging, in die Dünen
werfen und sich ausweinen mögen. Ein schönes
Gefühl hatte wieder Platz in ihrem Herzen gefunden,
und es beglückte sie unendlich, daß es so war.

Das war am dritten gewesen. Schon am
fünften kam ihr eine neue Aufregung, freilich ganz
anderer Art. Innstetten hatte Gieshübler, der
natürlich auch Stadtrat und Magistratsmitglied war,
beim Herauskommen aus dem Rathause getroffen
und im Gespräche mit ihm erfahren, daß seitens des
Kriegsministeriums angefragt worden sei, wie sich
die Stadtbehörden eventuell zur Garnisonsfrage zu
stellen gedächten? Bei nötigem Entgegenkommen,
also bei Bereitwilligkeit zu Stall- und Kasernenbauten, könnten ihnen zwei Schwadronen Husaren
zugesagt werden. „Nun, Effi, was sagst Du dazu?“
— Effi war wie benommen. All' das unschuldige
Glück ihrer Kinderjahre stand mit einemmal wieder
vor ihrer Seele, und im Augenblick war es ihr, als
ob rote Husaren — denn es waren auch rote wie
daheim in Hohen-Cremmen — so recht eigentlich
die Hüter von Paradies und Unschuld seien. Und
dabei schwieg sie noch immer.

„Du sagst ja nichts, Effi.“

„Ja, sonderbar, Geert. Aber es beglückt mich
so, daß ich vor Freude nichts sagen kann. Wird es
denn auch sein? Werden sie denn auch kommen?“

„Damit hat's freilich noch gute Wege, ja, Gieshübler meinte sogar, die Väter der Stadt, seine
Kollegen, verdienten es gar nicht. Statt einfach über
die Ehre, und wenn nicht über die Ehre, so doch
wenigstens über den Vorteil einig und glücklich zu
sein, wären sie mit allerlei ‚Wenns‘ und ,Abers‘
gekommen und hätten geknausert wegen der neuen
Bauten; ja, Pfefferküchler Michelsen habe sogar
gesagt, es verderbe die Sitten der Stadt, und wer
eine Tochter habe, der möge sich vorsehen und Gitterfenster anschaffen.“

„Es ist nicht zu glauben. Ich habe nie
manierlichere Leute gesehen als unsere Husaren;
wirklich, Geert. Nun, Du weißt es ja selbst. Und
nun will dieser Michelsen alles vergittern. Hat er
denn Töchter?“

„Gewiß; sogar drei. Aber sie sind sämtlich
hors concours.“

Effi lachte so herzlich, wie sie seit lange nicht
mehr gelacht hatte. Doch es war von keiner Dauer,
und als Innstetten ging und sie allein ließ, setzte
sie sich an die Wiege des Kindes, und ihre Thränen
fielen auf die Kissen. Es brach wieder über sie
herein, und sie fühlte, daß sie wie eine Gefangene
sei und nicht mehr heraus könne.

Sie litt schwer darunter und wollte sich befreien.
Aber wiewohl sie starker Empfindungen fähig war,
so war sie doch keine starke Natur; ihr fehlte die
Nachhaltigkeit, und alle guten Anwandlungen gingen
wieder vorüber. So trieb sie denn weiter, heute,
weil sie's nicht ändern konnte, morgen, weil sie's
nicht ändern wollte. Das Verbotene, das Geheimnisvolle hatte seine Macht über sie.

So kam es, daß sie sich, von Natur frei und
offen, in ein verstecktes Komödienspiel mehr und mehr
hinein lebte. Mitunter erschrack sie, wie leicht es
ihr wurde. Nur in einem blieb sie sich gleich: sie
sah alles klar und beschönigte nichts. Einmal trat
sie spät abends vor den Spiegel in ihrer Schlafstube;
die Lichter und Schatten flogen hin und her, und Rollo
schlug draußen an, und im selben Augenblicke war es
ihr, als sähe ihr wer über die Schulter. Aber sie
besann sich rasch. „Ich weiß schon, was es ist; es
war nicht der,“ und sie wies mit dem Finger nach
dem Spukzimmer oben. „Es war 'was anderes . . .
mein Gewissen . . . Effi, Du bist verloren.“

Es ging aber doch weiter so, die Kugel war
im Rollen, und was an einem Tage geschah, machte
das Thun des andern zur Notwendigkeit.

Um die Mitte des Monats kamen Einladungen
aufs Land. Über die dabei inne zu haltende Reihenfolge hatten sich die vier Familien, mit denen Innstettens vorzugsweise verkehrten, geeinigt: die Borcke's
sollten beginnen, die Flemming's und Grasenabb's
folgten, die Güldenklee's schlossen ab. Immer eine
Woche dazwischen. Alle vier Einladungen kamen am
selben Tage; sie sollten ersichtlich den Eindruck des
Ordentlichen und Wohlerwogenen machen, auch wohl
den einer besonderen freundschaftlichen Zusammengehörigkeit.

„Ich werde nicht dabei sein, Geert, und Du
mußt mich der Kur halber, in der ich nun seit
Wochen stehe, von vornherein entschuldigen.“

Innstetten lachte. „Kur. Ich soll es auf die
Kur schieben. Das ist das Vorgebliche; das Eigentliche heißt: Du willst nicht.“

„Nein, es ist doch mehr Ehrlichkeit dabei als
Du zugeben willst. Du hast selbst gewollt, daß ich
den Doktor zu Rate ziehe. Das hab' ich gethan,
und nun muß ich doch seinem Rate folgen. Der
gute Doktor, er hält mich für bleichsüchtig, sonderbar
genug, und Du weißt, daß ich jeden Tag von dem
Eisenwasser trinke. Wenn Du Dir ein Borcke'sches
Diner dazu vorstellst, vielleicht mit Preßkopf und
Aal in Aspic, so mußt Du den Eindruck haben, es
wäre mein Tod. Und so wirst Du Dich doch zu
Deiner Effi nicht stellen wollen. Freilich mitunter
ist es mir . . .“

„Ich bitte Dich, Effi . . .“

„. . . Übrigens freu' ich mich, und das ist das
einzige Gute dabei, Dich jedesmal, wenn Du fährst,
eine Strecke Wegs begleiten zu können, bis an die
Mühle gewiß oder bis an den Kirchhof oder auch
bis an die Waldecke, da, wo der Morgnitzer Querweg einmündet. Und dann steig' ich ab und schlendere
wieder zurück. In den Dünen ist es immer am
schönsten.“

Innstetten war einverstanden, und als drei Tage
später der Wagen vorfuhr, stieg Effi mit auf und
gab ihrem Manne das Geleit bis an die Waldecke.
„Hier laß halten, Geert. Du fährst nun links
weiter, ich gehe rechts bis an den Strand und durch
die Plantage zurück. Es ist etwas weit, aber doch
nicht zu weit. Doktor Hannemann sagt mir jeden
Tag, Bewegung sei alles, Bewegung und frische Luft.
Und ich glaube beinah', daß er recht hat. Empfiehl
mich all' den Herrschaften; nur bei Sidonie kannst
Du schweigen.“

Die Fahrten, auf denen Effi ihren Gatten bis
an die Waldecke begleitete, wiederholten sich allwöchentlich; aber auch in der zwischenliegenden Zeit
hielt Effi darauf, daß sie der ärztlichen Verordnung
streng nachkam. Es verging kein Tag, wo sie nicht
ihren vorgeschriebenen Spaziergang gemacht hätte,
meist nachmittags, wenn sich Innstetten in seine
Zeitungen zu vertiefen begann. Das Wetter war
schön, eine milde, frische Luft, der Himmel bedeckt.
Sie ging in der Regel allein und sagte zu Roswitha:
„Roswitha, ich gehe nun also die Chaussee hinunter
und dann rechts an den Platz mit dem Karussell;
da will ich auf Dich warten, da hole mich ab. Und
dann gehen wir durch die Birkenallee oder durch die
Reeperbahn wieder zurück. Aber komme nur, wenn
Annie schläft. Und wenn sie nicht schläft, so schicke
Johanna. Oder laß es lieber ganz; es ist nicht
nötig, ich finde mich schon zurecht.“

Den ersten Tag, als es so verabredet war,
trafen sie sich auch wirklich. Effi saß auf einer an
einem langen Holzschuppen sich hinziehenden Bank
und sah nach einem niedrigen Fachwerkhause hinüber,
gelb mit schwarz gestrichenen Balken, einer Wirtschaft
für kleine Bürger, die hier ihr Glas Bier tranken
oder Solo spielten. Es dunkelte noch kaum, die
Fenster aber waren schon hell, und ihr Lichtschimmer
fiel auf die Schneemassen und etliche zur Seite
stehende Bäume. „Sieh', Roswitha, wie schön das
aussieht.“

Ein paar Tage wiederholte sich das. Meist
aber, wenn Roswitha bei dem Karussell und dem
Holzschuppen ankam, war niemand da, und wenn sie
dann zurückkam und in den Hausflur eintrat, kam
ihr Effi schon entgegen und sagte: „Wo Du nur
bleibst, Roswitha, ich bin schon lange wieder
hier.“

In dieser Art ging es durch Wochen hin. Das
mit den Husaren hatte sich wegen der Schwierigkeiten,
die die Bürgerschaft machte, so gut wie zerschlagen;
aber da die Verhandlungen noch nicht geradezu abgeschlossen waren und neuerdings durch eine andere
Behörde, das Generalkommando, gingen, so war
Crampas nach Stettin berufen worden, wo man
seine Meinung in dieser Angelegenheit hören wollte.
Von dort schrieb er den zweiten Tag an Innstetten:
„Pardon, Innstetten, daß ich mich auf französisch
empfohlen. Es kam alles so schnell. Ich werde
übrigens die Sache hinauszuspinnen suchen, denn
man ist froh, einmal draußen zu sein. Empfehlen
Sie mich der gnädigen Frau, meiner liebenswürdigen
Gönnerin.“

Er las es Effi vor. Diese blieb ruhig. Endlich
sagte sie: „Es ist recht gut so.“

„Wie meinst Du das?“

„Daß er fort ist. Er sagt eigentlich immer
dasselbe. Wenn er wieder da ist, wird er wenigstens
vorübergehend 'was Neues zu sagen haben.“

Innstetten's Blick flog scharf über sie hin. Aber
er sah nichts, und sein Verdacht beruhigte sich wieder.
„Ich will auch fort,“ sagte er nach einer Weile, „sogar
nach Berlin; vielleicht kann ich dann, wie Crampas,
auch mal 'was Neues mitbringen. Meine liebe Effi
will immer gern 'was Neues hören; sie langweilt
sich in unserm guten Kessin. Ich werde gegen acht
Tage fort sein, vielleicht noch einen Tag länger.
Und ängstige Dich nicht . . . es wird ja wohl nicht
wiederkommen . . . Du weißt schon, das da oben . . .
Und wenn doch, Du hast ja Rollo und Roswitha.“

Effi lächelte vor sich hin, und es mischte sich
etwas von Wehmut mit ein. Sie mußte des Tages
gedenken, wo Crampas ihr zum erstenmal gesagt
hatte, daß er mit dem Spuk und ihrer Furcht eine
Komödie spiele. Der große Erzieher! Aber hatte
er nicht recht? War die Komödie nicht am Platz?
Und allerhand Widerstreitendes, Gutes und Böses,
ging ihr durch den Kopf.

Den dritten Tag reiste Innstetten ab.

Über das, was er in Berlin vorhabe, hatte er
nichts gesagt.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Innstetten war erst vier Tage fort, als Crampas
von Stettin wieder eintraf und die Nachricht brachte,
man hätte höheren Orts die Absicht, zwei Schwadronen
nach Kessin zu legen, endgültig fallen lassen; es gäbe
so viele kleine Städte, die sich um eine Kavallerie-Garnison, und nun gar um Blücher'sche Husaren,
bewürben, daß man gewohnt sei, bei solchem Anerbieten einem herzlichen Entgegenkommen, aber nicht
einem zögernden zu begegnen. Als Crampas dies
mitteilte, machte der Magistrat ein ziemlich verlegenes
Gesicht; nur Gieshübler, weil er der Philisterei seiner
Kollegen eine Niederlage gönnte, triumphierte. Seitens
der kleinen Leute griff, beim Bekanntwerden der Nachricht, eine gewisse Verstimmung Platz, ja selbst einige
Konsuls mit Töchtern waren momentan unzufrieden;
im Ganzen aber kam man rasch über die Sache hin,
vielleicht weil die nebenherlaufende Frage, „was Innstetten in Berlin vorhabe,“ die Kessiner Bevölkerung
oder doch wenigstens die Honoratiorenschaft der Stadt
mehr interessierte. Diese wollte den überaus wohlgelittenen Landrat nicht gern verlieren, und doch
gingen darüber ganz ausschweifende Gerüchte, die
von Gieshübler, wenn er nicht ihr Erfinder war,
wenigstens genährt und weiter verbreitet wurden.
Unter anderem hieß es, Innstetten würde als Führer
einer Gesandtschaft nach Marokko gehn und zwar
mit Geschenken, unter denen nicht bloß die herkömmliche Vase mit Sanssouci und dem neuen Palais,
sondern vor allem auch eine große Eismaschine sei.
Das letztere erschien, mit Rücksicht auf die marokkanischen Temperaturverhältnisse, so wahrscheinlich, daß
das Ganze geglaubt wurde.

Effi hörte auch davon. Die Tage, wo sie sich
darüber erheitert hätte, lagen noch nicht allzu weit
zurück; aber in der Seelenstimmung, in der sie sich
seit Schluß des Jahres befand, war sie nicht mehr
fähig, unbefangen und ausgelassen über derlei Dinge
zu lachen. Ihre Gesichtszüge hatten einen ganz
anderen Ausdruck angenommen und das halb rührend,
halb schelmisch Kindliche, was sie noch als Frau
gehabt hatte, war hin. Die Spaziergänge nach dem
Strand und der Plantage, die sie, während Crampas
in Stettin war, aufgegeben hatte, nahm sie nach seiner
Rückkehr wieder auf und ließ sich auch durch ungünstige Witterung nicht davon abhalten. Es wurde
wie früher bestimmt, daß ihr Roswitha bis an den
Ausgang der Reeperbahn oder bis in die Nähe des
Kirchhofs entgegenkommen solle, sie verfehlten sich
aber noch häufiger als früher. „Ich könnte Dich
schelten, Roswitha, daß Du mich nie findest. Aber
es hat nichts auf sich; ich ängstige mich nicht mehr,
auch nicht einmal am Kirchhof, und im Walde bin
ich noch keiner Menschenseele begegnet.“

Es war am Tage vor Innstetten's Rückkehr von
Berlin, daß Effi das sagte. Roswitha machte nicht
viel davon und beschäftigte sich lieber damit, Guirlanden über den Thüren anzubringen; auch der
Haifisch bekam einen Fichtenzweig und sah noch
merkwürdiger aus als gewöhnlich. Effi sagte: „Das
ist recht, Roswitha; er wird sich freuen über all'
das Grün, wenn er morgen wieder da ist. Ob ich
heute wohl noch gehe? Doktor Hannemann besteht
darauf und meint in einem fort, ich nähme es nicht
ernst genug, sonst müßte ich besser ausseh'n; ich habe
aber keine rechte Lust heut, es nieselt und der Himmel
ist so grau.“

„Ich werde der gnäd'gen Frau den Regenmantel bringen.“

„Das thu'! Aber komme heute nicht nach, wir
treffen uns ja doch nicht,“ und sie lachte. „Wirklich,
Du bist gar nicht findig, Roswitha. Und ich mag
nicht, daß Du Dich erkältest und alles um nichts.“

Roswitha blieb denn auch zu Haus, und weil
Annie schlief, ging sie zu Kruse's, um mit der Frau
zu plaudern. „Liebe Frau Kruse,“ sagte sie, „Sie
wollten mir ja das mit dem Chinesen noch erzählen.
Gestern kam die Johanna dazwischen, die thut immer
so vornehm, für die ist so 'was nicht. Ich glaube
aber doch, daß es 'was gewesen ist, ich meine mit
dem Chinesen und mit Thomsen's Nichte, wenn es
nicht seine Enkelin war.“

Die Kruse nickte.

„Entweder,“ fuhr Roswitha fort, „war es eine
unglückliche Liebe (die Kruse nickte wieder), oder es
kann auch eine glückliche gewesen sein und der Chinese
konnte es bloß nicht aushalten, daß es alles mit
einemmal so wieder vorbei sein sollte. Denn die
Chinesen sind doch auch Menschen, und es wird
wohl alles ebenso mit ihnen sein, wie mit uns.“

„Alles,“ versicherte die Kruse und wollte dies
eben durch ihre Geschichte bestätigen, als ihr Mann
eintrat und sagte: „Mutter, Du könntest mir die
Flasche mit dem Lederlack geben; ich muß doch das
Sielenzeug blank haben, wenn der Herr morgen
wieder da ist; der sieht alles und wenn er auch
nichts sagt, so merkt man doch, daß er's gesehn hat.“

„Ich bring' es Ihnen 'raus, Kruse,“ sagte Roswitha. „Ihre Frau will mir bloß noch 'was erzählen; aber es is gleich aus, und dann komm' ich
und bring' es.“

Roswitha, die Flasche mit dem Lack in der
Hand, kam denn auch ein paar Minuten danach auf
den Hof hinaus und stellte sich neben das Sielenzeug, das Kruse eben über den Gartenzaun gelegt
hatte. „Gott,“ sagte er, während er ihr die Flasche
aus der Hand nahm, „viel hilft es ja nicht, es
nieselt in einem weg, und die Blänke vergeht doch
wieder. Aber ich denke, alles muß seine Ordnung
haben.“

„Das muß es. Und dann, Kruse, es ist ja
doch auch ein richtiger Lack, das kann ich gleich sehn,
und was ein richtiger Lack ist, der klebt nicht lange,
der muß gleich trocknen. Und wenn es dann morgen
nebelt oder naß fällt, dann schadet es nich' mehr.
Aber das muß ich doch sagen, das mit dem Chinesen
is eine merkwürdige Geschichte.“

Kruse lachte. „Unsinn is es, Roswitha. Und
meine Frau, statt aufs Richtige zu sehen, erzählt
immer so 'was, un' wenn ich ein reines Hemd anziehen will, fehlt ein Knopp. Un' so is es nu' schon
so lange wir hier sind. Sie hat immer bloß solche
Geschichten in ihrem Kopp und dazu das schwarze
Huhn. Un' das schwarze Huhn legt nich' 'mal Eier.
Un' am Ende wovon soll es auch Eier legen? Es
kommt ja nich' 'raus und von's bloße Kikeriki kann
doch so 'was nich' kommen. Das is von keinem
Huhn nich' zu verlangen.“

„Hören Sie, Kruse, das werde ich Ihrer Frau
wieder erzählen. Ich habe Sie immer für einen
anständigen Menschen gehalten, und nun sagen Sie
so 'was wie das da von Kikeriki. Die Mannsleute
sind doch immer noch schlimmer als man denkt. Un'
eigentlich müßt' ich nu' gleich den Pinsel hier nehmen
und Ihnen einen schwarzen Schnurrbart anmalen.“

„Nu' von Ihnen, Roswitha, kann man sich
das schon gefallen lassen,“ und Kruse, der meist den
Würdigen spielte, schien in einen mehr und mehr
schäkrigen Ton übergehen zu wollen, als er plötzlich
der gnädigen Frau ansichtig wurde, die heute von der
anderen Seite der Plantage herkam und in eben
diesem Augenblicke den Gartenzaun passierte.

„Guten Tag, Roswitha, Du bist ja so ausgelassen. Was macht denn Annie?“

„Sie schläft, gnäd'ge Frau.“

Aber Roswitha, als sie das sagte, war doch rot
geworden und ging, rasch abbrechend, auf das Haus
zu, um der gnädigen Frau beim Umkleiden behülflich
zu sein. Denn ob Johanna da war, das war die
Frage. Die steckte jetzt viel auf dem ‚Amt‘ drüben,
weil es zu Haus weniger zu thun gab und Friedrich
und Christel waren ihr zu langweilig und wußten
nie 'was.

Annie schlief noch. Effi beugte sich über die
Wiege, ließ sich dann Hut und Regenmantel abnehmen und setzte sich auf das kleine Sofa in ihrer
Schlafstube. Das feuchte Haar strich sie langsam
zurück, legte die Füße auf einen niedrigen Stuhl,
den Roswitha heran geschoben, und sagte, während
sie sichtlich das Ruhebehagen nach einem ziemlich
langen Spaziergange genoß: „Ich muß Dich darauf
aufmerksam machen, Roswitha, daß Kruse verheiratet ist.“

„Ich weiß, gnäd'ge Frau.“

„Ja, was weiß man nicht alles und handelt
doch, als ob man es nicht wüßte. Das kann nie
'was werden.“

„Es soll ja auch nichts werden, gnäd'ge Frau . . .“

„Denn wenn Du denkst, sie sei krank, da machst
Du die Rechnung ohne den Wirt. Die Kranken
leben am längsten. Und dann hat sie das schwarze
Huhn. Vor dem hüte Dich, das weiß alles und
plaudert alles aus. Ich weiß nicht, ich habe einen
Schauder davor. Und ich wette, daß das alles da
oben mit dem Huhn zusammenhängt.“

„Ach, das glaub' ich nicht. Aber schrecklich ist
es doch. Und Kruse, der immer gegen seine Frau
ist, kann es mir nicht ausreden.“

„Was sagte der?“

„Er sagte, es seien bloß Mäuse.“

„Nun, Mäuse, das ist auch gerade schlimm
genug. Ich kann keine Mäuse leiden. Aber ich sah
ja deutlich, wie Du mit dem Kruse schwatztest und
vertraulich thatest, und ich glaube sogar, Du wolltest
ihm einen Schnurrbart anmalen. Das ist doch schon
sehr viel. Und nachher sitzest Du da. Du bist ja
noch eine schmucke Person und hast so 'was. Aber
sieh' Dich vor, so viel kann ich Dir bloß sagen. Wie
war es denn eigentlich das erste Mal mit Dir? Ist
es so, daß Du mir's erzählen kannst?“

„Ach, ich kann schon. Aber schrecklich war es.
Und weil es so schrecklich war, d'rum können gnäd'ge
Frau auch ganz ruhig sein, von wegen dem Kruse.
Wem es so gegangen ist wie mir, der hat genug
davon und paßt auf. Mitunter träume ich noch
davon, und dann bin ich den andern Tag wie zerschlagen. Solche grausame Angst . . .“

Effi hatte sich aufgerichtet und stützte den Kopf
auf ihren Arm. „Nun erzähle. Wie kann es denn
gewesen sein? Es ist ja mit Euch, das weiß ich
noch von Hause her, immer dieselbe Geschichte . . .“

„Ja, zuerst is es wohl immer dasselbe, und ich
will mir auch nicht einbilden, daß es mit mir 'was
Besonderes war, ganz und gar nicht. Aber wie sie's
mir dann auf den Kopf zusagten und ich mit einemmale sagen mußte: ‚ja, es ist so,' ja, das war
schrecklich. Die Mutter, na, das ging noch, aber
der Vater, der die Dorfschmiede hatte, der war streng
und wütend, und als er's hörte, da kam er mit
einer Stange auf mich los, die er eben aus dem
Feuer genommen hatte, und wollte mich umbringen.
Und ich schrie laut auf und lief auf den Boden und
versteckte mich, und da lag ich und zitterte und kam
erst wieder nach unten, als sie mich riefen und sagten,
ich solle nur kommen. Und dann hatte ich noch
eine jüngere Schwester, die wies immer auf mich hin
und sagte ,Pfui‘. Und dann, wie das Kind kommen
sollte, ging ich in eine Scheune nebenan, weil ich
mir's bei uns nicht getraute. Da fanden mich fremde
Leute halb tot und trugen mich ins Haus und in
mein Bett. Und den dritten Tag nahmen sie mir
das Kind fort, und als ich nachher fragte, wo es sei,
da hieß es, es sei gut aufgehoben. Ach, gnädigste
Frau, die heil'ge Mutter Gottes bewahre Sie vor
solchem Elend.“

Effi fuhr auf und sah Roswitha mit großen
Augen an. Aber sie war doch mehr erschrocken als
empört. „Was Du nur sprichst! Ich bin ja doch
eine verheiratete Frau. So 'was darfst Du nicht
sagen, das ist ungehörig, das paßt sich nicht.“

„Ach, gnädigste Frau . . .“

„Erzähle mir lieber, was aus Dir wurde. Das
Kind hatten sie Dir genommen. So weit warst Du . . .“

„Und dann, nach ein paar Tagen, da kam wer
aus Erfurt, der fuhr bei dem Schulzen vor und
fragte, ,ob da nicht eine Amme sei‘. Da sagte der
Schulze ,ja.‘ Gott lohne es ihm, und der fremde
Herr nahm mich gleich mit, und von da an hab' ich
bess're Tage gehabt; selbst bei der Registratorin war
es doch immer noch zum Aushalten, und zuletzt bin ich
zu Ihnen gekommen, gnädige Frau. Und das war das
beste, das allerbeste.“ Und als sie das sagte, trat
sie an das Sofa heran und küßte Effi die Hand.

„Roswitha, Du mußt mir nicht immer die Hand
küssen, ich mag das nicht. Und nimm Dich nur in
acht mit dem Kruse. Du bist doch sonst eine so
gute und verständige Person . . . Mit einem Ehemanne . . . das thut nie gut.“

„Ach, gnäd'ge Frau, Gott und seine Heiligen
führen uns wunderbar, und das Unglück, das uns
trifft, das hat doch auch sein Glück. Und wen es
nicht bessert, dem is nich' zu helfen . . . Ich kann
eigentlich die Mannsleute gut leiden . . .“

„Siehst Du, Roswitha, siehst Du.“

„Aber wenn es 'mal wieder so über mich käme,
mit dem Kruse, das is ja nichts, und ich könnte
nicht mehr anders, da lief ich gleich ins Wasser.
Es war zu schrecklich. Alles. Und was nur aus
dem armen Wurm geworden is? Ich glaube nicht,
daß es noch lebt; sie haben es umkommen lassen,
aber ich bin doch schuld.“ Und sie warf sich vor
Annie's Wiege nieder und wiegte das Kind hin und
her und sang in einem fort ihr ,Buhküken von
Halberstadt'.

„Laß,“ sagte Effi. „Singe nicht mehr; ich habe
Kopfweh. Aber bringe mir die Zeitungen. Oder
hat Gieshübler vielleicht die Journale geschickt?“

„Das hat er. Und die Modezeitung lag oben
auf. Da haben wir drin geblättert, ich und Johanna
eh' sie 'rüber ging. Johanna ärgert sich immer,
daß sie so 'was nicht haben kann. Soll ich die
Modezeitung bringen?“

„Ja, die bringe und bring' auch die Lampe.“

Roswitha ging, und Effi, als sie allein war,
sagte: „Womit man sich nicht alles hilft? Eine
hübsche Dame mit einem Muff und eine mit einem
Halbschleier; Modepuppen. Aber es ist das beste,
mich auf andre Gedanken zu bringen.“

Im Laufe des andern Vormittags kam ein
Telegramm von Innstetten, worin er mitteilte, daß
er erst mit dem zweiten Zuge kommen, also nicht
vor Abend in Kessin eintreffen werde. Der Tag
verging in ewiger Unruhe; glücklicherweise kam Gieshübler im Laufe des Nachmittags und half über
eine Stunde weg. Endlich um sieben Uhr fuhr
der Wagen vor, Effi trat hinaus, und man begrüßte
sich. Innstetten war in einer ihm sonst fremden
Erregung, und so kam es, daß er die Verlegenheit
nicht sah, die sich in Effi's Herzlichkeit mischte.
Drinnen im Flur brannten die Lampen und Lichter
und das Theezeug, das Friedrich schon auf einen
der zwischen den Schränken stehenden Tische gestellt
hatte, reflektierte den Lichterglanz.

„Das sieht ja ganz so aus wie damals, als
wir hier ankamen. Weißt Du noch, Effi?“

Sie nickte.

„Nur der Haifisch mit seinem Fichtenzweig verhält sich heute ruhiger, und auch Rollo spielt den
Zurückhaltenden und legt mir nicht mehr die Pfoten
auf die Schulter. Was ist das mit Dir, Rollo?“

Rollo strich an seinem Herrn vorbei und wedelte.

„Der ist nicht recht zufrieden, entweder mit mir
nicht oder mit andern. Nun, ich will annehmen,
mit mir. Jedenfalls laß uns eintreten.“ Und er
trat in sein Zimmer und bat Effi, während er sich
aufs Sofa niederließ, neben ihm Platz zu nehmen.
„Es war so hübsch in Berlin, über Erwarten; aber
in all' meiner Freude habe ich mich immer zurückgesehnt. Und wie gut Du aussiehst! Ein bißchen blaß
und auch ein bißchen verändert, aber es kleidet Dich.“

Effi wurde rot.

„Und nun wirst Du auch noch rot. Aber es
ist, wie ich Dir sage. Du hattest so 'was von einem
verwöhnten Kind, mit einemmal siehst Du aus wie
eine Frau.“

„Das hör' ich gern, Geert, aber ich glaube,
Du sagst es nur so.“

„Nein, nein, Du kannst es Dir gut schreiben,
wenn es etwas Gutes ist . . .“

„Ich dächte doch.“

„Und nun rate, von wem ich Dir Grüße bringe.“

„Das ist nicht schwer, Geert. Außerdem, wir
Frauen, zu denen ich mich, seitdem Du wieder da
bist, ja rechnen darf (und sie reichte ihm die Hand
und lachte), wir Frauen wir raten leicht. Wir sind
nicht so schwerfällig wie Ihr.“

„Nun von wem?“

„Nun natürlich von Vetter Briest. Er ist ja
der Einzige, den ich in Berlin kenne, die Tanten
abgerechnet, die Du nicht aufgesucht haben wirst und
die viel zu neidisch sind, um mich grüßen zu lassen.
Hast Du nicht auch gefunden, alle alten Tanten sind
neidisch.“

„Ja, Effi, das ist wahr. Und daß Du das sagst,
das ist ganz meine alte Effi wieder. Denn Du
mußt wissen, die alte Effi, die noch aussah, wie ein
Kind, nun, die war auch nach meinem Geschmack.
Grad' so wie die jetzige gnäd'ge Frau.“

„Meinst Du? Und wenn Du Dich zwischen
beiden entscheiden solltest . . .“

„Das ist eine Doktorfrage, darauf lasse ich mich
nicht ein. Aber da bringt Friedrich den Thee. Wie
hat's mich nach dieser Stunde verlangt! Und hab'
es auch ausgesprochen, sogar zu Deinem Vetter Briest,
als wir bei Dressel saßen und in Champagner Dein
Wohl tranken . . . Die Ohren müssen Dir geklungen
haben . . . Und weißt Du, was Dein Vetter dabei sagte?“

„Gewiß etwas Albernes. Darin ist er groß“

„Das ist der schwärzeste Undank, den ich all'
mein Lebtag erlebt habe. ,Lassen wir Effi leben,‘
sagte er, ,meine schöne Cousine . . . Wissen Sie,
Innstetten, daß ich Sie am liebsten fordern und totschießen möchte? Denn Effi ist ein Engel, und Sie
haben mich um diesen Engel gebracht'. Und dabei
sah er so ernst und wehmütig aus, daß man's beinah hätte glauben können.“

„O, diese Stimmung kenn' ich an ihm. Bei der
wievielten wart Ihr?“

„Ich hab' es nicht mehr gegenwärtig, und vielleicht hätte ich es auch damals nicht mehr sagen
können. Aber das glaub' ich, daß es ihm ganz ernst
war. Und vielleicht wäre es auch das Richtige
gewesen. Glaubst Du nicht, daß Du mit ihm hättest
leben können?“

„Leben können? Das ist wenig, Geert. Aber
beinah möchte ich sagen, ich hätte auch nicht einmal
mit ihm leben können.“

„Warum nicht? Er ist wirklich ein liebenswürdiger und netter Mensch und auch ganz gescheidt.“

„Ja, das ist er . . .“

„Aber . . .“

„Aber er ist dalbrig. Und das ist keine Eigenschaft, die wir Frauen lieben, auch nicht einmal dann,
wenn wir noch halbe Kinder sind, wohin Du mich
immer gerechnet hast und vielleicht, trotz meiner
Fortschritte, auch jetzt noch rechnest. Das Dalbrige,
das ist nicht unsre Sache. Männer müssen Männer
sein.“

„Gut, daß Du das sagst. Alle Teufel, da muß
man sich ja zusammennehmen. Und ich kann von
Glück sagen, daß ich von so 'was, das wie Zusammennehmen aussieht, oder wenigstens ein Zusammennehmen in Zukunft fordert, so gut wie direkt herkomme . . . Sage, wie denkst Du Dir ein Ministerium?“

„Ein Ministerium? Nun, das kann zweierlei
sein. Es können Menschen sein, kluge, vornehme
Herren, die den Staat regieren, und es kann auch
bloß ein Haus sein, ein Palazzo, ein Palazzo Strozzi
oder Pitti oder, wenn die nicht passen, irgend ein
andrer. Du siehst, ich habe meine italienische Reise
nicht umsonst gemacht.“

„Und könntest Du Dich entschließen, in solchem
Palazzo zu wohnen? Ich meine in solchem Ministerium?“

„Um Gotteswillen, Geert, sie haben Dich doch
nicht zum Minister gemacht? Gieshübler sagte so
'was. Und der Fürst kann alles. Gott, der hat es
am Ende durchgesetzt, und ich bin erst achtzehn.“

Innstetten lachte. „Nein, Effi, nicht Minister,
so weit sind wir noch nicht. Aber vielleicht kommen
noch allerhand Gaben in mir heraus, und dann ist
es nicht unmöglich.“

„Also jetzt noch nicht, noch nicht Minister?“

„Nein. Und wir werden, die Wahrheit zu sagen,
auch nicht einmal in einem Ministerium wohnen, aber
ich werde täglich ins Ministerium gehen, wie ich jetzt
in unser Landratsamt gehe, und werde dem Minister
Vortrag halten und mit ihm reisen, wenn er die
Provinzialbehörden inspiziert. Und Du wirst eine
Ministerialrätin sein und in Berlin leben, und in
einem halben Jahre wirst Du kaum noch wissen,
daß Du hier in Kessin gewesen bist und nichts
gehabt hast, als Gieshübler und die Dünen und die
Plantage.“

Effi sagte kein Wort, und nur ihre Augen
wurden immer größer; um ihre Mundwinkel war
ein nervöses Zucken, und ihr ganzer zarter Körper
zitterte. Mit einemmale aber glitt sie von ihrem
Sitze vor Innstetten nieder, umklammerte seine Knie
und sagte in einem Tone, wie wenn sie betete: „Gott
sei Dank!“

Innstetten verfärbte sich. Was war das? Etwas,
was seit Wochen flüchtig, aber doch immer sich
erneuernd über ihn kam, war wieder da und sprach so
deutlich aus seinem Auge, daß Effi davor erschrak.
Sie hatte sich durch ein schönes Gefühl, das nicht viel
'was andres als ein Bekenntnis ihrer Schuld war, hinreißen lassen und dabei mehr gesagt, als sie sagen
durfte. Sie mußte das wieder ausgleichen, mußte 'was
finden, irgend einen Ausweg, es koste, was es wolle.

„Steh' auf, Effi. Was hast Du?“

Effi erhob sich rasch. Aber sie nahm ihren
Platz auf dem Sofa nicht wieder ein, sondern schob
einen Stuhl mit hoher Lehne heran, augenscheinlich,
weil sie nicht Kraft genug fühlte, sich ohne Stütze
zu halten.

„Was hast Du?“ wiederholte Innstetten. „Ich
dachte, Du hättest hier glückliche Tage verlebt. Und
nun rufst Du „Gott sei Dank“, als ob Dir hier
alles nur ein Schrecknis gewesen wäre. War ich der
ein Schrecknis? Oder war es 'was andres? Sprich.“

„Daß Du noch fragen kannst, Geert,“ sagte sie,
während sie mit einer äußersten Anstrengung das
Zittern ihrer Stimme zu bezwingen suchte. „Glückliche Tage! Ja, gewiß, glückliche Tage, aber doch auch
andre. Nie bin ich die Angst hier ganz los geworden, nie. Noch keine vierzehn Tage, daß es mir
wieder über die Schulter sah, dasselbe Gesicht, derselbe fahle Teint. Und diese letzten Nächte, wo Du
fort warst, war es auch wieder da, nicht das Gesicht, aber es schlurrte wieder, und Rollo schlug
wieder an, und Roswitha, die's auch gehört, kam an
mein Bett und setzte sich zu mir, und erst, als es
schon dämmerte, schliefen wir wieder ein. Es ist ein
Spukhaus, und ich hab' es auch glauben sollen, das
mit dem Spuk, — denn Du bist ein Erzieher.
Ja, Geert, das bist Du. Aber laß es sein, wie's
will, so viel weiß ich, ich habe mich ein ganzes
Jahr lang und länger in diesem Hause gefürchtet,
und wenn ich von hier fortkomme, so wird es,
denk' ich, von mir abfallen, und ich werde wieder
frei sein.“

Innstetten hatte kein Auge von ihr gelassen
und war jedem Worte gefolgt. Was sollte das
heißen: „Du bist ein Erzieher?“ und dann das
andre, was vorausging: „und ich hab' es auch glauben
sollen, das mit dem Spuk.“ Was war das alles?
Wo kam das her? Und er fühlte seinen leisen
Argwohn sich wieder regen und fester einnisten.
Aber er hatte lange genug gelebt, um zu wissen, daß
alle Zeichen trügen und daß wir in unsrer Eifersucht, trotz ihrer hundert Augen, oft noch mehr in
die Irre gehen, als in der Blindheit unsres Vertrauens. Es konnte ja so sein, wie sie sagte. Und
wenn es so war, warum sollte sie nicht ausrufen:
„Gott sei Dank!“

Und so, rasch alle Möglichkeiten ins Auge
fassend, wurde er seines Argwohns wieder Herr und
reichte ihr die Hand über den Tisch hin: „Verzeih'
mir, Effi, aber ich war so sehr überrascht von dem
allen. Freilich wohl meine Schuld. Ich bin immer
zu sehr mit mir beschäftigt gewesen. Wir Männer
sind alle Egoisten. Aber das soll nun anders werden.
Ein Gutes hat Berlin gewiß: Spukhäuser giebt es
da nicht. Wo sollen die auch herkommen? Und
nun laß uns hinüber gehen, daß ich Annie sehe;
Roswitha verklagt mich sonst als einen unzärtlichen
Vater.“

Effi war unter diesen Worten allmählich ruhiger
geworden und das Gefühl, aus einer selbstgeschaffenen
Gefahr sich glücklich befreit zu haben, gab ihr ihre
Spannkraft und gute Haltung wieder zurück.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Am andern Morgen nahmen beide gemeinschaftlich ihr etwas verspätetes Frühstück. Innstetten
hatte seine Mißstimmung und Schlimmeres überwunden, und Effi lebte so ganz dem Gefühl ihrer
Befreiung, daß sie nicht bloß die Fähigkeit einer gewissen erkünstelten guten Laune, sondern fast auch
ihre frühere Unbefangenheit wieder gewonnen hatte.
Sie war noch in Kessin, und doch war ihr schon
zu Mute, als läge es weit hinter ihr.

„Ich habe mir's überlegt, Effi,“ sagte Innstetten, „Du hast nicht so ganz unrecht mit allem,
was Du gegen unser Haus hier gesagt hast. Für
Kapitän Thomsen war es gerade gut genug, aber
nicht für eine junge verwöhnte Frau; alles altmodisch, kein Platz. Da sollst Du's in Berlin besser
haben, auch einen Saal, aber einen andern als hier,
und auf Flur und Treppe hohe bunte Glasfenster,
Kaiser Wilhelm mit Szepter und Krone oder auch
was Kirchliches, heilige Elisabeth oder Jungfrau
Maria. Sagen wir Jungfrau Maria, das sind wir
Roswitha schuldig.“

Effi lachte. „So soll es sein. Aber wer sucht
uns eine Wohnung? Ich kann doch nicht Vetter
Briest auf die Suche schicken. Oder gar die Tanten!
Die finden alles gut genug.“

„Ja, das Wohnungsuchen. Das macht einem
keiner zu Dank. Ich denke, da mußt Du selber hin.“

„Und wann meinst Du?“

„Mitte März.“

„O, das ist viel zu spät, Geert, dann ist ja
alles fort. Die guten Wohnungen werden schwerlich
auf uns warten!“

„Ist schon recht. Aber ich bin erst seit gestern
wieder hier und kann doch nicht sagen ,reise morgen‘.
Das würde mich schlecht kleiden und paßte mir auch
wenig; ich bin froh, daß ich Dich wieder habe.“

„Nein,“ sagte sie, während sie das Kaffeegeschirr,
um eine aufsteigende Verlegenheit zu verbergen, ziemlich geräuschvoll zusammenrückte, „nein, so soll's auch
nicht sein, nicht heut und nicht morgen, aber doch
in den nächsten Tagen. Und wenn ich etwas finde,
so bin ich rasch wieder zurück. Aber noch eins, Roswitha und Annie müssen mit. Am schönsten wär'
es, Du auch. Aber ich sehe ein, das geht nicht
Und ich denke, die Trennung soll nicht lange dauern.
Ich weiß auch schon, wo ich miete . . .“

„Nun?“

„Das bleibt mein Geheimnis. Ich will auch
ein Geheimnis haben. Damit will ich Dich dann
überraschen.“

In diesem Augenblick trat Friedrich ein, um
die Postsachen abzugeben. Das meiste war Dienstliches und Zeitungen. „Ah, da ist auch ein Brief
für Dich,“ sagte Innstetten. „Und wenn ich nicht
irre, die Handschrift der Mama.“

Effi nahm den Brief. „Ja, von der Mama.
Aber das ist ja nicht der Friesacker Poststempel;
sieh nur, das heißt ja deutlich Berlin.“

„Freilich,“ lachte Innstetten „Du thust, als
ob es ein Wunder wäre. Die Mama wird in
Berlin sein und hat ihrem Liebling von ihrem Hotel
aus einen Brief geschrieben.“

„Ja,“ sagte Effi, „so wird es sein. Aber ich
ängstige mich doch beinah und kann keinen rechten
Trost darin finden, daß Hulda Niemeyer immer
sagte: wenn man sich ängstigt, ist es besser, als wenn
man hofft. Was meinst Du dazu?“

„Für eine Pastorstochter nicht ganz auf der
Höhe. Aber nun lies den Brief. Hier ist ein
Papiermesser.“

Effi schnitt das Kouvert auf und las: Meine
liebe Effi. Seit 24 Stunden bin ich hier in Berlin;
Konsultationen bei Schweigger. Als er mich sieht,
beglückwünscht er mich, und als ich erstaunt ihn
frage, wozu, erfahr' ich, daß Ministerialdirektor
Wüllersdorf eben bei ihm gewesen und ihm erzählt
habe: Innstetten sei ins Ministerium berufen. Ich
bin ein wenig ärgerlich, daß man dergleichen von
einem Dritten erfahren muß. Aber in meinem Stolz
und meiner Freude sei Euch verziehen. Ich habe
es übrigens immer gewußt (schon als I. noch bei
den Rathenowern war), daß etwas aus ihm werden
würde. Nun kommt es Dir zu gute. Natürlich
müßt Ihr eine Wohnung haben und eine andere
Einrichtung. Wenn Du, meine liebe Effi, glaubst,
meines Rates dabei bedürfen zu können, so komme,
so rasch es Dir Deine Zeit erlaubt. Ich bleibe
acht Tage hier in Kur, und wenn es nicht anschlägt,
vielleicht noch etwas länger; Schweigger drückt sich
unbestimmt darüber aus. Ich habe eine Privatwohnung in der Schadowstraße genommen; neben
dem meinigen sind noch Zimmer frei. Was es mit
meinem Auge ist, darüber mündlich; vorläufig beschäftigt mich nur Eure Zukunft. Briest wird unendlich glücklich sein, er thut immer so gleichgültig
gegen dergleichen, eigentlich hängt er aber mehr
daran als ich. Grüße Innstetten, küsse Annie, die
Du vielleicht mitbringst. Wie immer Deine Dich
zärtlich liebende Mutter Luise von B.

Effi legte den Brief aus der Hand und sagte
nichts. Was sie zu thun habe, das stand bei ihr
fest; aber sie wollte es nicht selber aussprechen, Innstetten sollte damit kommen, und dann wollte sie
zögernd ja sagen.

Innstetten ging auch wirklich in die Falle. „Nun,
Effi, Du bleibst so ruhig.“

„Ach, Geert, es hat alles so seine zwei Seiten.
Auf der einen Seite beglückt es mich, die Mama
wiederzusehen und vielleicht sogar schon in wenig
Tagen. Aber es spricht auch so vieles dagegen.“

„Was?“

„Die Mama, wie Du weißt, ist sehr bestimmt
und kennt nur ihren eignen Willen. Dem Papa
gegenüber hat sie alles durchsetzen können. Aber
ich möchte gern eine Wohnung haben, die nach
meinem Geschmack ist, und eine neue Einrichtung,
die mir gefällt.“

Innstetten lachte. „Und das ist alles?“

„Nun, es wäre grade genug. Aber es ist nicht
alles.“ Und nun nahm sie sich zusammen und sah
ihn an und sagte: „Und dann, Geert, ich möchte
nicht gleich wieder von Dir fort.“

„Schelm, das sagst Du so, weil Du meine
Schwäche kennst. Aber wir sind alle so eitel, und
ich will es glauben. Ich will es glauben und doch
zugleich auch den Heroischen spielen, den Entsagenden.
Reise, sobald Du's für nötig hältst und vor Deinem
Herzen verantworten kannst.“

„So darfst Du nicht sprechen, Geert. Was heißt
das ,vor meinem Herzen verantworten‘. Damit schiebst
Du mir, halb gewaltsam, eine Zärtlichkeitsrolle zu, und
ich muß Dir dann aus reiner Koketterie sagen: ,Ach,
Geert, dann reise ich nie.‘ Oder doch so etwas Ähnliches.“

Innstetten drohte ihr mit dem Finger. „Effi,
Du bist mir zu fein. Ich dachte immer, Du wärst
ein Kind, und sehe nun, daß Du das Maß hast
wie alle andern. Aber lassen wir das, oder wie
Dein Papa immer sagte: ,das ist ein zu weites
Feld‘. Sage lieber, wann willst Du fort?“

„Heute haben wir Dienstag. Sagen wir also
Freitag Mittag mit dem Schiff. Dann bin ich am
Abend in Berlin.“

„Abgemacht. Und wann zurück?“

„Nun‚ sagen wir Montag Abend. Das sind
dann drei Tage.“

„Geht nicht. Das ist zu früh. In drei Tagen
kannst Du's nicht zwingen. Und so rasch läßt Dich
die Mama auch nicht fort.“

„Also auf Diskretion.“

„Gut.“

Und damit erhob sich Innstetten, um nach dem
Landratsamte hinüber zu gehen.

Die Tage bis zur Abreise vergingen wie im
Fluge. Roswitha war sehr glücklich. „Ach, gnädigste
Frau, Kessin, nun ja . . ., aber Berlin ist es nicht.
Und die Pferdebahn. Und wenn es dann so klingelt
und man nicht weiß, ob man links oder rechts soll,
und mitunter ist mir schon gewesen, als ginge alles
grad über mich weg. Nein, so was ist hier nicht.
Ich glaube, manchen Tag sehen wir keine sechs
Menschen. Und immer bloß die Dünen und draußen
die See. Und das rauscht und rauscht, aber weiter
ist es auch nichts.“

„Ja, Roswitha, Du hast recht. Es rauscht und
rauscht immer, aber es ist kein richtiges Leben. Und
dann kommen einem allerhand dumme Gedanken.
Das kannst Du doch nicht bestreiten, das mit dem
Kruse war nicht in der Richtigkeit.“

„Ach, gnädigste Frau . . .“

„Nun, ich will nicht weiter nachforschen. Du
wirst es natürlich nicht zugeben. Und nimm nur
nicht zu wenig Sachen mit. Deine Sachen kannst
Du eigentlich ganz mitnehmen und Annie's auch.“

„Ich denke, wir kommen noch 'mal wieder.“

„Ja, ich. Der Herr wünscht es. Aber Ihr
könnt vielleicht da bleiben, bei meiner Mutter. Sorge
nur, daß sie Anniechen nicht zu sehr verwöhnt.
Gegen mich war sie mitunter streng, aber ein Enkelkind . . .“

„Und dann ist Anniechen ja auch so zum Anbeißen. Da muß ja jeder zärtlich sein.“

Das war am Donnerstag, am Tage vor der
Abreise. Innstetten war über Land gefahren und
wurde erst gegen Abend zurückerwartet. Am Nachmittag ging Effi in die Stadt, bis auf den Marktplatz, und trat hier in die Apotheke und bat um
eine Flasche Sal volatile. „Man weiß nie, mit
wem man reist,“ sagte sie zu dem alten Gehülfen,
mit dem sie auf dem Plauderfuße stand und der sie
anschwärmte wie Gieshübler selbst.

„Ist der Herr Doktor zu Hause?“ fragte sie
weiter, als sie das Fläschchen eingesteckt hatte.

„Gewiß, gnädigste Frau; er ist hier nebenan
und liest die Zeitungen.“

„Ich werde ihn doch nicht stören?“

„O, nie.“

Und Effi trat ein. Es war eine kleine, hohe
Stube, mit Regalen rings herum, auf denen allerlei
Kolben und Retorten standen; nur an der einen
Wand befanden sich alphabetisch geordnete, vorn mit
einem Eisenringe versehene Kästen, in denen die
Rezepte lagen.

Gieshübler war beglückt und verlegen. „Welche
Ehre. Hier unter meinen Retorten. Darf ich die
gnädige Frau auffordern, einen Augenblick Platz zu
nehmen?“

„Gewiß, lieber Gieshübler. Aber auch wirklich
nur einen Augenblick. Ich will Ihnen Adieu sagen.“

„Aber meine gnädigste Frau, Sie kommen ja
doch wieder. Ich habe gehört, nur auf drei, vier
Tage . . .“

„Ja, lieber Freund, ich soll wiederkommen, und
es ist sogar verabredet, daß ich spätestens in einer
Woche wieder in Kessin bin. Aber ich könnte doch
auch nicht wiederkommen. Muß ich Ihnen sagen,
welche tausend Möglichkeiten es giebt . . . Ich sehe,
Sie wollen mir sagen, daß ich noch zu jung sei . . .,
auch Junge können sterben. Und dann so vieles
andere noch. Und da will ich doch lieber Abschied
nehmen von Ihnen, als wär' es für immer.“

„Aber meine gnädigste Frau . . .“

„Als wär' es für immer. Und ich will Ihnen
danken, lieber Gieshübler. Denn Sie waren das
beste hier; natürlich, weil Sie der Beste waren.
Und wenn ich hundert Jahr alt würde, so werde
ich Sie nicht vergessen. Ich habe mich hier mitunter einsam gefühlt, und mitunter war mir so
schwer ums Herz, schwerer als Sie wissen können;
ich habe es nicht immer richtig eingerichtet; aber wenn
ich Sie gesehen habe, vom ersten Tage an, dann
habe ich mich immer wohler gefühlt und auch besser.“

„Aber meine gnädigste Frau.“

„Und dafür wollte ich Ihnen danken. Ich habe
mir eben ein Fläschchen mit Sal volatile gekauft;
im Coupé sind mitunter so merkwürdige Menschen
und wollen einem nicht 'mal erlauben, daß man ein
Fenster aufmacht; und wenn mir dann vielleicht —
denn es steigt einem ja ordentlich zu Kopf, ich meine
das Salz — die Augen übergehen, dann will ich
an Sie denken. Adieu, lieber Freund, und grüßen
Sie Ihre Freundin, die Trippelli. Ich habe in den
letzten Wochen öfter an sie gedacht und an Fürst
Kotschukoff. Ein eigentümliches Verhältnis bleibt es
doch. Aber ich kann mich hineinfinden . . . Und
lassen Sie einmal von sich hören. Oder ich werde
schreiben.“

Damit ging Effi. Gieshübler begleitete sie bis
auf den Platz hinaus. Er war wie benommen, so
sehr, daß er über manches Rätselhafte, was sie gesprochen, ganz hinwegsah.

Effi ging wieder nach Haus. „Bringen Sie
mir die Lampe, Johanna,“ sagte sie, „aber in mein
Schlafzimmer. Und dann eine Tasse Thee. Ich
hab' es so kalt und kann nicht warten, bis der Herr
wieder da ist.“

Beides kam. Effi saß schon an ihrem kleinen
Schreibtisch, einen Briefbogen vor sich, die Feder in
der Hand. „Bitte, Johanna, den Thee auf den
Tisch da.“

Als Johanna das Zimmer wieder verlassen
hatte, schloß Effi sich ein, sah einen Augenblick in
den Spiegel und setzte sich dann wieder. Und nun
schrieb sie: „Ich reise morgen mit dem Schiff, und
dies sind Abschiedszeilen. Innstetten erwartet mich
in wenig Tagen zurück, aber ich komme nicht
wieder . . . Warum ich nicht wiederkomme, Sie
wissen es . . . Es wäre das beste gewesen, ich hätte
dies Stück Erde nie gesehen. Ich beschwöre Sie,
dies nicht als einen Vorwurf zu fassen; alle Schuld
ist bei mir. Blick' ich auf Ihr Haus . . ., Ihr
Thun mag entschuldbar sein, nicht das meine. Meine
Schuld ist sehr schwer. Aber vielleicht kann ich noch
heraus. Daß wir hier abberufen wurden, ist mir
wie ein Zeichen, daß ich noch zu Gnaden angenommen
werden kann. Vergessen Sie das Geschehene, vergessen Sie mich. Ihre Effi.“

Sie überflog die Zeilen noch einmal, am
fremdesten war ihr das „Sie“; aber auch das
mußte sein; es sollte ausdrücken, daß keine Brücke
mehr da sei. Und nun schob sie die Zeilen in ein
Kouvert und ging auf ein Haus zu, zwischen dem
Kirchhof und der Waldecke. Ein dünner Rauch stieg
aus dem halb eingefallenen Schornstein. Da gab
sie die Zeilen ab.

Als sie wieder zurück war, war Innstetten schon
da, und sie setzte sich zu ihm und erzählte ihm von
Gieshübler und dem Sal volatile.

Innstetten lachte. „Wo hast Du nur Dein
Latein her, Effi?“

Das Schiff, ein leichtes Segelschiff (die Dampfboote gingen nur Sommers), fuhr um zwölf. Schon
eine Viertelstunde vorher waren Effi und Innstetten
an Bord; auch Roswitha und Annie.

Das Gepäck war größer, als es für einen, auf
so wenig Tage geplanten Ausflug geboten erschien.
Innstetten sprach mit dem Kapitän; Effi, in einem
Regenmantel und hellgrauen Reisehut, stand auf dem
Hinterdeck, nahe am Steuer, und musterte von hier
aus das Bollwerk und die hübsche Häuserreihe, die
dem Zuge des Bollwerks folgte. Gerade der Landungsbrücke gegenüber lag Hoppensack's Hotel, ein drei
Stock hohes Gebäude, von dessen Giebeldach eine
gelbe Flagge, mit Kreuz und Krone darin, schlaff
in der stillen, etwas nebeligen Luft hernieder hing.
Effi sah eine Weile nach der Flagge hinauf, ließ
dann aber ihr Auge wieder abwärts gleiten und
verweilte zuletzt auf einer Anzahl von Personen, die
neugierig am Bollwerk umher standen. In diesem
Augenblicke wurde geläutet. Effi war ganz eigen zu
Mut, das Schiff setzte sich langsam in Bewegung,
und als sie die Landungsbrücke noch einmal musterte,
sah sie, daß Crampas in vorderster Reihe stand. Sie
erschrak bei seinem Anblick und freute sich doch auch.
Er seinerseits, in seiner ganzen Haltung verändert,
war sichtlich bewegt und grüßte ernst zu ihr hinüber,
ein Gruß, den sie ebenso, aber doch zugleich in
großer Freundlichkeit, erwiderte; dabei lag etwas
Bittendes in ihrem Auge. Dann ging sie rasch auf
die Kajüte zu, wo sich Roswitha mit Annie schon
eingerichtet hatte. Hier, in dem etwas stickigen Raume
blieb sie, bis man aus dem Fluß in die weite
Bucht des Breitling eingefahren war; da kam Innstetten und rief sie nach oben, daß sie sich an dem
herrlichen Anblick erfreue, den die Landschaft gerade
an dieser Stelle bot. Sie ging dann auch hinauf.
Über dem Wasserspiegel hingen graue Wolken, und
nur dann und wann schoß ein halb umschleierter
Sonnenblick aus dem Gewölk hervor. Effi gedachte
des Tages, wo sie, vor jetzt gerade Fünfvierteljahren,
im offenen Wagen am Ufer eben dieses Breitlings
hin entlang gefahren war. Eine kurze Spanne Zeit,
und das Leben oft so still und einsam. Und doch,
was war alles seitdem geschehen!

So fuhr man die Wasserstraße hinauf und war
um zwei an der Station oder doch ganz in Nähe
derselben. Als man gleich danach das Gasthaus des
‚Fürsten Bismarck‘ passierte, stand auch Golchowski
wieder in der Thür und versäumte nicht, den Herrn
Landrat und die gnädige Frau bis an die Stufen
der Böschung zu geleiten. Oben war der Zug noch
nicht angemeldet, und Effi und Innstetten schritten
auf dem Bahnsteig auf und ab. Ihr Gespräch drehte
sich um die Wohnungsfrage; man war einig über
den Stadtteil, und daß es zwischen dem Tiergarten
und dem Zoologischen Garten sein müsse. „Ich
will den Finkenschlag hören und die Papageien auch,“
sagte Innstetten, und Effi stimmte ihm zu.

Nun aber hörte man das Signal und der Zug
lief ein; der Bahnhofsinspektor war voller Entgegenkommen, und Effi erhielt ein Coupé für sich.

Noch ein Händedruck, ein Wehen mit dem Tuch,
und der Zug setzte sich wieder in Bewegung.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Auf dem Friedrichstraßen-Bahnhofe war ein
Gedränge; aber trotzdem, Effi hatte schon vom Coupé
aus die Mama erkannt und neben ihr den Vetter
Briest. Die Freude des Wiedersehens war groß, das
Warten in der Gepäckhalle stellte die Geduld auf
keine allzu harte Probe, und nach wenig mehr als
fünf Minuten rollte die Droschke neben dem Pferdebahngeleise hin, in die Dorotheenstraße hinein und
auf die Schadowstraße zu, an deren nächstgelegener
Ecke sich die ‚Pension‘ befand. Roswitha war entzückt und freute sich über Annie, die die Händchen
nach den Lichtern ausstreckte.

Nun war man da. Effi erhielt ihre zwei
Zimmer, die nicht, wie erwartet, neben denen der
Frau von Briest, aber doch auf demselben Korridor
lagen, und als alles seinen Platz und Stand hatte,
und Annie in einem Bettchen mit Gitter glücklich
untergebracht war, erschien Effi wieder im Zimmer
der Mama, einem kleinen Salon mit Kamin, drin
ein schwaches Feuer brannte; denn es war mildes, beinah warmes Wetter. Auf dem runden Tische mit
grüner Schirmlampe waren drei Kouverts gelegt,
und auf einem Nebentischchen stand das Theezeug.

„Du wohnst ja reizend, Mama,“ sagte Effi,
während sie dem Sofa gegenüber Platz nahm, aber
nur um sich gleich danach an dem Theetisch zu
schaffen zu machen. „Darf ich wieder die Rolle des
Theefräuleins übernehmen?“

„Gewiß, meine liebe Effi. Aber nur für Dagobert und Dich selbst. Ich meinerseits muß verzichten,
was mir beinah schwer fällt.“

„Ich versteh', Deiner Augen halber. Aber nun
sage mir, Mama, was ist es damit? In der
Droschke, die noch dazu so klapperte, haben wir immer
nur von Innstetten und unserer großen Karriere
gesprochen, viel zu viel, und das geht nicht so weiter;
glaube mir, Deine Augen sind mir wichtiger, und
in einem finde ich sie, Gott sei Dank, ganz unverändert, Du siehst mich immer noch so freundlich an
wie früher.“ Und sie eilte auf die Mama zu und
küßte ihr die Hand.

„Effi, Du bist so stürmisch. Ganz die alte.“

„Ach nein, Mama. Nicht die alte. Ich wollte,
es wäre so. Man ändert sich in der Ehe.“

Vetter Briest lachte. „Cousine, ich merke nicht
viel davon; Du bist noch hübscher geworden, das ist
alles. Und mit dem Stürmischen wird es wohl auch
noch nicht vorbei sein.“

„Ganz der Vetter,“ versicherte die Mama; Effi
selbst aber wollte davon nichts hören und sagte:
„Dagobert, Du bist alles, nur kein Menschenkenner.
Es ist sonderbar. Ihr Offiziere seid keine guten
Menschenkenner, die jungen gewiß nicht. Ihr guckt
Euch immer nur selber an oder Eure Rekruten, und
die von der Kavallerie haben auch noch ihre Pferde.
Die wissen nun vollends nichts.“

„Aber Cousine, wo hast Du denn diese ganze
Weisheit her? Du kennst ja keine Offiziere. Kessin,
so habe ich gelesen, hat ja auf die ihm zugedachten
Husaren verzichtet, ein Fall, der übrigens einzig in
der Weltgeschichte dasteht. Und willst Du von alten
Zeiten sprechen? Du warst ja noch ein halbes Kind,
als die Rathenower zu Euch herüberkamen.“

„Ich könnte Dir erwidern, daß Kinder am besten
beobachten. Aber ich mag nicht, das sind ja alles
bloß Allotria. Ich will wissen, wie's mit Mama's
Augen steht.“

Frau von Briest erzählte nun, daß es der
Augenarzt für Blutandrang nach dem Gehirn ausgegeben habe. Daher käme das Flimmern. Es
müsse mit Diät gezwungen werden; Bier, Kaffee,
Thee — alles gestrichen und gelegentlich eine lokale
Blutentziehung, dann würde es bald besser werden.
„Er sprach so von vierzehn Tagen. Aber ich kenne
die Doktorangaben; vierzehn Tage heißt sechs Wochen,
und ich werde noch hier sein, wenn Innstetten kommt
und Ihr in Eure neue Wohnung einzieht. Ich will
auch nicht leugnen, daß das das beste von der Sache
ist und mich über die mutmaßlich lange Kurdauer
schon vorweg tröstet. Sucht Euch nur recht 'was
Hübsches. Ich habe mir Landgrafen- oder Keithstraße gedacht, elegant und doch nicht allzu teuer.
Denn Ihr werdet Euch einschränken müssen. Innstetten's Stellung ist sehr ehrenvoll, aber sie wirft
nicht allzuviel ab. Und Briest klagt auch. Die
Preise gehen herunter, und er erzählt mir jeden Tag,
wenn nicht Schutzzölle kämen, so müss' er mit einem
Bettelsack von Hohen-Cremmen abziehen. Du weißt,
er übertreibt gern. Aber nun lange zu, Dagobert,
und wenn es sein kann, erzähle uns 'was Hübsches.
Krankheitsberichte sind immer langweilig, und die
liebsten Menschen hören bloß zu, weil es nicht anders
geht. Effi wird wohl auch gern eine Geschichte
hören, etwas aus den Fliegenden Blättern oder aus
dem Kladderadatsch. Er soll aber nicht mehr so
gut sein.“

„O, er ist noch ebenso gut wie früher. Sie
haben immer noch Strudelwitz und Prudelwitz, und
da macht es sich von selber.“

„Mein Liebling ist Karlchen Mießnick und
Wippchen von Bernau.“

„Ja, das sind die besten. Aber Wippchen, der
übrigens — Pardon, schöne Cousine — keine
Kladderadatschfigur ist, Wippchen hat gegenwärtig
nichts zu thun, es ist ja kein Krieg mehr. Leider.
Unsereins möchte doch auch 'mal an die Reihe kommen
und hier diese schreckliche Leere,“ und er strich vom
Knopfloch nach der Achsel hinüber, „endlich los werden.“

„Ach, das sind ja bloß Eitelkeiten. Erzähle lieber.
Was ist denn jetzt dran?“

„Ja, Cousine, das ist ein eigen Ding. Das ist nicht
für jedermann. Jetzt haben wir nämlich die Bibelwitze.“

„Die Bibelwitze? Was soll das heißen? . . .
Bibel und Witze gehören nicht zusammen.“

„Eben deshalb sagte ich, es sei nicht für jedermann. Aber ob zulässig oder nicht, sie stehen jetzt
hoch im Preise. Modesache, wie Kibitzeier.“

„Nun, wenn es nicht zu toll ist, so gieb uns
eine Probe. Geht es?“

„Gewiß geht es. Und ich möchte sogar hinzusetzen dürfen, Du triffst es besonders gut. Was
jetzt nämlich kursiert, ist etwas hervorragend Feines,
weil es als Kombination auftritt und in die einfache
Bibelstelle noch das dativisch Wrangel'sche mit einmischt. Die Fragestellung — alle diese Witze treten
nämlich in Frageform auf — ist übrigens in vorliegendem Falle von großer Simplizität und lautet:
,Wer war der erste Kutscher?‘ Und nun rate.“

„Nun vielleicht Apollo.“

„Sehr gut. Du bist doch ein Daus, Effi. Ich
wäre nicht darauf gekommen. Aber trotzdem, Du
triffst damit nicht ins Schwarze.“

„Nun, wer war es denn?“

„Der erste Kutscher war ,Leid‘. Denn schon
im Buche Hiob heißt es: ,Leid soll mir nicht widerfahren,‘ oder auch ,wieder fahren‘ in zwei Wörtern
und mit einem e.“

Effi wiederholte kopfschüttelnd den Satz, auch
die Zubemerkung, konnte sich aber trotz aller Mühe
nicht d'rin zurechtfinden; sie gehörte ganz ausgesprochen zu den Bevorzugten, die für derlei Dinge
durchaus kein Organ haben, und so kam denn Vetter
Briest in die nicht beneidenswerte Situation, immer
erneut erst auf den Gleichklang und dann auch wieder
auf den Unterschied von ‚widerfahren‘ und ‚wieder
fahren‘ hinweisen zu müssen.

„Ach, nun versteh' ich. Und Du mußt mir verzeihen,
daß es so lange gedauert. Aber es ist wirklich zu dumm.“

„Ja, dumm ist es,“ sagte Dagobert kleinlaut.

„Dumm und unpassend und kann einem Berlin
ordentlich verleiden. Da geht man nun aus Kessin
fort, um wieder unter Menschen zu sein, und das
Erste, was man hört, ist ein Bibelwitz. Auch Mama
schweigt, und das sagt genug. Ich will Dir aber
doch den Rückzug erleichtern . . .“

„Das thu', Cousine.“

„ . . . den Rückzug erleichtern und es ganz
ernsthaft als ein gutes Zeichen nehmen, daß mir,
als erstes hier, von meinem Vetter Dagobert gesagt
wurde: ,Leid soll mir nicht widerfahren‘. Sonderbar,
Vetter, so schwach die Sache als Witz ist, ich bin
Dir doch dankbar dafür.“

Dagobert, kaum aus der Schlinge heraus, versuchte über Effi's Feierlichkeit zu spötteln, ließ aber
ab davon, als er sah, daß es sie verdroß.

Bald nach zehn Uhr brach er auf und versprach
am anderen Tage wiederzukommen, um nach den
Befehlen zu fragen.

Und gleich, nachdem er gegangen, zog sich auch
Effi in ihre Zimmer zurück.

Am andern Tage war das schönste Wetter,
und Mutter und Tochter brachen früh auf, zunächst
nach der Augenklinik, wo Effi im Vorzimmer verblieb
und sich mit dem Durchblättern eines Albums beschäftigte. Dann ging es nach dem Tiergarten und
bis in die Nähe des ‚Zoologischen‘, um dort herum
nach einer Wohnung zu suchen. Es traf sich auch
wirklich so, daß man in der Keithstraße, worauf
sich ihre Wünsche von Anfang an gerichtet hatten,
etwas durchaus Passendes ausfindig machte, nur daß
es ein Neubau war, feucht und noch unfertig. „Es
wird nicht gehen, liebe Effi,“ sagte Frau von Briest,
„schon einfach Gesundheitsrücksichten werden es verbieten. Und dann ein Geheimrat ist kein Trockenwohner.“

Effi, so sehr ihr die Wohnung gefiel, war umso
einverstandener mit diesem Bedenken, als ihr an einer
raschen Erledigung überhaupt nicht lag, ganz im
Gegenteil: ,Zeit gewonnen, alles gewonnen‘, und so
war ihr denn ein Hinausschieben der ganzen Angelegenheit eigentlich das liebste, was ihr begegnen
konnte. „Wir wollen diese Wohnung aber doch im
Auge behalten, Mama, sie liegt so schön und ist im
Wesentlichen das, was ich mir gewünscht habe.“ Dann
fuhren beide Damen in die Stadt zurück, aßen im
Restaurant, das man ihnen empfohlen, und waren
am Abend in der Oper, wozu der Arzt unter der
Bedingung, daß Frau von Briest mehr hören als
sehen wolle, die Erlaubnis gegeben hatte.

Die nächsten Tage nahmen einen ähnlichen Verlauf; man war aufrichtig erfreut, sich wieder zu
haben und nach so langer Zeit wieder ausgiebig
mit einander plaudern zu können. Effi, die sich
nicht bloß auf Zuhören und Erzählen, sondern, wenn
ihr am wohlsten war, auch auf Medisieren ganz vorzüglich verstand, geriet mehr als einmal in ihren
alten Übermut, und die Mama schrieb nach Hause,
wie glücklich sie sei, das ‚Kind‘ wieder so heiter und
lachlustig zu finden; es wiederhole sich ihnen allen
die schöne Zeit von vor fast zwei Jahren, wo man
die Ausstattung besorgt habe. Auch Vetter Briest sei
ganz der Alte. Das war nun auch wirklich der
Fall, nur mit dem Unterschiede, daß er sich seltener
sehen ließ, als vordem, und auf die Frage nach dem
‚Warum‘ anscheinend ernsthaft versicherte: „Du bist
mir zu gefährlich, Cousine.“ Das gab dann jedesmal ein Lachen bei Mutter und Tochter, und Effi
sagte: „Dagobert, Du bist freilich noch sehr jung, aber
zu solcher Form des Courmachens doch nicht mehr
jung genug.“

So waren schon beinah vierzehn Tage vergangen.
Innstetten schrieb immer dringlicher und wurde ziemlich spitz, fast auch gegen die Schwiegermama, so daß
Effi einsah, ein weiteres Hinausschieben sei nicht mehr
gut möglich, und es müsse nun wirklich gemietet
werden. Aber was dann? Bis zum Umzuge nach
Berlin waren immer noch drei Wochen, und Innstetten drang auf rasche Rückkehr. Es gab also nur
ein Mittel: sie mußte wieder eine Komödie spielen,
mußte krank werden.

Das kam ihr aus mehr als einem Grunde nicht
leicht an; aber es mußte sein, und als ihr das feststand, stand ihr auch fest, wie die Rolle, bis in die
kleinsten Einzelheiten hinein, gespielt werden müsse.

„Mama, Innstetten, wie Du siehst, wird über
mein Ausbleiben empfindlich. Ich denke, wir geben
also nach und mieten heute noch. Und morgen
reise ich. Ach, es wird mir so schwer, mich von Dir
zu trennen.“

Frau von Briest war einverstanden. „Und
welche Wohnung wirst Du wählen?“

„Natürlich die erste, die in der Keithstraße, die
mir von Anfang an so gut gefiel und Dir auch.
Sie wird wohl noch nicht ganz ausgetrocknet sein,
aber es ist ja das Sommerhalbjahr, was einigermaßen ein Trost ist. Und wird es mit der Feuchtigkeit zu arg und kommt ein bißchen Rheumatismus,
so hab' ich ja schließlich immer noch Hohen-Cremmen.“

„Kind, beruf' es nicht; ein Rheumatismus ist
mitunter da, man weiß nicht wie.“

Diese Worte der Mama kamen Effi sehr zu paß.
Sie mietete denselben Vormittag noch und schrieb
eine Karte an Innstetten, daß sie den nächsten Tag
zurückwolle. Gleich danach wurden auch wirklich
die Koffer gepackt und alle Vorbereitungen getroffen.
Als dann aber der andere Morgen da war, ließ
Effi die Mama an ihr Bett rufen und sagte: „Mama,
ich kann nicht reisen. Ich habe ein solches Reißen
und Ziehen, es schmerzt mich über den ganzen Rücken
hin, und ich glaube beinah, es ist ein Rheumatismus.
Ich hätte nicht gedacht, daß das so schmerzhaft sei.“

„Siehst Du, was ich Dir gesagt habe; man
soll den Teufel nicht an die Wand malen. Gestern
hast Du noch leichtsinnig darüber gesprochen, und
heute ist es schon da. Wenn ich Schweigger sehe,
werde ich ihn fragen, was Du thun sollst.“

„Nein, nicht Schweigger. Der ist ja ein Spezialist.
Das geht nicht und er könnt' es am Ende übelnehmen,
in so was anderem zu Rate gezogen zu werden.
Ich denke, das beste ist, wir warten es ab. Es kann
ja auch vorübergehen. Ich werde den ganzen Tag
über von Thee und Sodawasser leben, und wenn
ich dann transpiriere, komm' ich vielleicht d'rüber hin.“

Frau von Briest drückte ihre Zustimmung aus,
bestand aber darauf, daß sie sich gut verpflege. Daß
man nichts genießen müsse, wie das früher Mode
war, das sei ganz falsch und schwäche bloß; in diesem
Punkte stehe sie ganz zu der jungen Schule: tüchtig
essen.

Effi sog sich nicht wenig Trost aus diesen Anschauungen, schrieb ein Telegramm an Innstetten,
worin sie von dem „leidigen Zwischenfall“ und einer
ärgerlichen, aber doch nur momentanen Behinderung
sprach, und sagte dann zu Roswitha: „Roswitha,
Du mußt mir nun auch Bücher besorgen; es wird
nicht schwer halten, ich will alte, ganz alte.“

„Gewiß, gnäd'ge Frau. Die Leihbibliothek ist
ja gleich hier nebenan. Was soll ich besorgen?“

„Ich will es aufschreiben, allerlei zur Auswahl,
denn mitunter haben sie nicht das eine, was man
grade haben will.“ Roswitha brachte Bleistift und
Papier, und Effi schrieb auf: Walter Scott, Ivanhoe
oder Quentin Durward; Cooper, Der Spion; Dickens,
David Copperfield; Willibald Alexis, Die Hosen des
Herrn von Bredow.

Roswitha las den Zettel durch und schnitt in
der anderen Stube die letzte Zeile fort; sie genierte
sich ihret- und ihrer Frau wegen, den Zettel in
seiner ursprünglichen Gestalt abzugeben.

Ohne besondere Vorkommnisse verging der Tag.
Am andern Morgen war es nicht besser und am
dritten auch nicht.

„Effi, das geht so nicht länger. Wenn so 'was
einreißt, dann wird man's nicht wieder los; wovor
die Doktoren am meisten warnen und mit Recht,
das sind solche Verschleppungen.“

Effi seufzte. „Ja, Mama, aber wen sollen wir
nehmen? Nur keinen jungen; ich weiß nicht, aber
es würde mich genieren.“

„Ein junger Doktor ist immer genant, und
wenn er es nicht ist, desto schlimmer. Aber Du
kannst Dich beruhigen; ich komme mit einem ganz
alten, der mich schon behandelt hat, als ich noch in
der Hecker'schen Pension war, also vor etlichen zwanzig
Jahren. Und damals war er nah an Fünfzig und
hatte schönes graues Haar, ganz kraus. Er war
ein Damenmann, aber in den richtigen Grenzen.
Ärzte, die das vergessen, gehen unter, und es kann
auch nicht anders sein; unsere Frauen, wenigstens
die aus der Gesellschaft, haben immer noch einen
guten Fond.“

„Meinst Du? ich freue mich immer, so 'was
Gutes zu hören. Denn mitunter hört man doch
auch andres. Und schwer mag es wohl oft sein.
Und wie heißt denn der alte Geheimrat? Ich nehme
an, daß es ein Geheimrat ist.“

„Geheimrat Rummschüttel.“

Effi lachte herzlich. „Rummschüttel! Und als
Arzt für jemanden, der sich nicht rühren kann.“

„Effi, Du sprichst so sonderbar. Große Schmerzen
kannst Du nicht haben.“

„Nein, in diesem Augenblicke nicht; es wechselt
beständig.“

Am andern Morgen erschien Geheimrat Rummschüttel. Frau von Briest empfing ihn, und als er
Effi sah, war sein erstes Wort: „Ganz die Mama.“

Diese wollte den Vergleich ablehnen und meinte,
zwanzig Jahre und drüber seien doch eine lange
Zeit; Rummschüttel blieb aber bei seiner Behauptung,
zugleich versichernd: nicht jeder Kopf präge sich ihm
ein, aber wenn er überhaupt erst einen Eindruck
empfangen habe, so bleibe der auch für immer. „Und
nun, meine gnädigste Frau von Innstetten, wo fehlt
es, wo sollen wir helfen?“

„Ach, Herr Geheimrat, ich komme in Verlegenheit, Ihnen auszudrücken, was es ist. Es wechselt
beständig. In diesem Augenblick ist es wie weggeflogen. Anfangs habe ich an Rheumatisches gedacht, aber ich möchte beinah glauben, es sei eine
Neuralgie, Schmerzen den Rücken entlang, und dann
kann ich mich nicht aufrichten. Mein Papa leidet
an Neuralgie, da hab' ich es früher beobachten
können. Vielleicht ein Erbstück von ihm.“

„Sehr wahrscheinlich,“ sagte Rummschüttel, der
den Puls gefühlt und die Patientin leicht, aber doch
scharf beobachtet hatte. „Sehr wahrscheinlich, meine
gnädigste Frau.“ Was er aber still zu sich selber
sagte, das lautete: „Schulkrank und mit Virtuosität
gespielt; Evastochter comme il faut.“ Er ließ jedoch
nichts davon merken, sondern sagte mit allem wünschenswerten Ernst: „Ruhe und Wärme sind das beste,
was ich anraten kann. Eine Medizin, übrigens
nichts Schlimmes, wird das weitere thun.“

Und er erhob sich, um das Rezept aufzuschreiben:
Aqua Amygdalarum amararum eine halbe Unze,
Syrupus florum Aurantii zwei Unzen. „Hiervon,
meine gnädigste Frau, bitte ich Sie, alle zwei Stunden
einen halben Theelöffel voll nehmen zu wollen. Es
wird Ihre Nerven beruhigen. Und worauf ich noch
dringen möchte: keine geistigen Anstrengungen, keine
Besuche, keine Lektüre.“ Dabei wies er auf das
neben ihr liegende Buch.

„Es ist Scott.“

„O, dagegen ist nichts einzuwenden. Das beste
sind Reisebeschreibungen. Ich spreche morgen wieder
vor.“

Effi hatte sich wundervoll gehalten, ihre Rolle
gut durchgespielt. Als sie wieder allein war —
die Mama begleitete den Geheimrat —, schoß ihr
trotzdem das Blut zu Kopf; sie hatte recht gut bemerkt, daß er ihrer Komödie mit einer Komödie begegnet war. Er war offenbar ein überaus lebensgewandter Herr, der alles recht gut sah, aber nicht
alles sehen wollte, vielleicht weil er wußte, daß dergleichen auch 'mal zu respektieren sein könne. Denn
gab es nicht zu respektierende Komödien, war nicht
die, die sie selber spielte, eine solche?

Bald danach kam die Mama zurück, und Mutter
und Tochter ergingen sich in Lobeserhebungen über
den feinen alten Herrn, der trotz seiner beinah Siebzig
noch etwas Jugendliches habe. „Schicke nur gleich
Roswitha nach der Apotheke . . . Du sollst aber
nur alle drei Stunden nehmen, hat er mir draußen
noch eigens gesagt. So war er schon damals, er
verschrieb nicht oft und nicht viel; aber immer
Energisches, und es half auch gleich.“

Rummschüttel kam den zweiten Tag und dann
jeden dritten, weil er sah, welche Verlegenheit sein
Kommen der jungen Frau bereitete. Dies nahm ihn
für sie ein, und sein Urteil stand ihm nach dem
dritten Besuche fest: „Hier liegt etwas vor, was
die Frau zwingt, so zu handeln, wie sie handelt.“
Über solche Dinge den Empfindlichen zu spielen, lag
längst hinter ihm.

Als Rummschüttel seinen vierten Besuch machte,
fand er Effi auf, in einem Schaukelstuhl sitzend, ein
Buch in der Hand, Annie neben ihr.

„Ah, meine gnädigste Frau! Hocherfreut. Ich
schiebe es nicht auf die Arznei; das schöne Wetter,
die hellen, frischen Märztage, da fällt die Krankheit
ab. Ich beglückwünsche Sie. Und die Frau Mama?“

„Sie ist ausgegangen, Herr Geheimrat, in die
Keithstraße, wo wir gemietet haben. Ich erwarte nun
innerhalb weniger Tage meinen Mann, den ich mich,
wenn in unserer Wohnung erst alles in Ordnung
sein wird, herzlich freue, Ihnen vorstellen zu können.
Denn ich darf doch wohl hoffen, daß Sie auch in
Zukunft sich meiner annehmen werden.“

Er verbeugte sich.

„Die neue Wohnung,“ fuhr sie fort, „ein Neubau, macht mir freilich Sorge. Glauben Sie, Herr
Geheimrat, daß die feuchten Wände . . .“

„Nicht im geringsten, meine gnädigste Frau.
Lassen Sie drei, vier Tage lang tüchtig heizen und
immer Thüren und Fenster auf, da können Sie's
wagen, auf meine Verantwortung. Und mit Ihrer
Neuralgie, das war nicht von solcher Bedeutung.
Aber ich freue mich Ihrer Vorsicht, die mir Gelegenheit gegeben hat, eine alte Bekanntschaft zu erneuern
und eine neue zu machen.“

Er wiederholte seine Verbeugung, sah noch Annie
freundlich in die Augen und verabschiedete sich unter
Empfehlungen an die Mama.

Kaum daß er fort war, so setzte sich Effi an
den Schreibtisch und schrieb: „Lieber Innstetten!
Eben war Rummschüttel hier und hat mich aus der
Kur entlassen. Ich könnte nun reisen, morgen etwa;
aber heut' ist schon der 24., und am 28. willst Du
hier eintreffen. Angegriffen bin ich ohnehin noch.
Ich denke, Du wirst einverstanden sein, wenn ich
die Reise ganz aufgebe. Die Sachen sind ja ohnehin
schon unterwegs, und wir würden, wenn ich käme,
in Hoppensack's Hotel wie Fremde leben müssen.
Auch der Kostenpunkt ist in Betracht zu ziehen, die
Ausgaben werden sich ohnehin häufen; unter anderem
ist Rummschüttel zu honorieren, wenn er uns auch
als Arzt verbleibt. Übrigens ein sehr liebenswürdiger
alter Herr. Er gilt ärztlich nicht für ersten Ranges,
‚Damendoktor‘ sagen seine Gegner und Neider. Aber
dies Wort umschließt doch auch ein Lob; es kann
eben nicht jeder mit uns umgehen. Daß ich von
den Kessinern nicht persönlich Abschied nehme, hat
nicht viel auf sich. Bei Gieshübler war ich. Die
Frau Majorin hat sich immer ablehnend gegen mich
verhalten, ablehnend bis zur Unart; bleibt nur noch
der Pastor und Dr. Hannemann und Crampas.
Empfiehl mich letzterem. An die Familien auf dem
Lande schicke ich Karten; Güldenklee's, wie Du mir
schreibst, sind in Italien (was sie da wollen, weiß
ich nicht), und so bleiben nur die drei andern.
Entschuldige mich, so gut es geht. Du bist ja der
Mann der Formen und weißt das richtige Wort zu
treffen. An Frau von Padden, die mir am Sylvesterabend so außerordentlich gut gefiel, schreibe ich vielleicht selber noch und spreche ihr mein Bedauern
aus. Laß mich in einem Telegramm wissen, ob Du
mit allem einverstanden bist. Wie immer Deine Effi.“

Effi brachte selber den Brief zur Post, als ob
sie dadurch die Antwort beschleunigen könne, und
am nächsten Vormittage traf denn auch das erbetene
Telegramm von Innstetten ein: „Einverstanden mit
allem.“ Ihr Herz jubelte, sie eilte hinunter und auf
den nächsten Droschkenstand zu. „Keithstraße 1 c.“
Und erst die Linden und dann die Tiergartenstraße
hinunter flog die Droschke, und nun hielt sie vor
der neuen Wohnung.

Oben standen die den Tag vorher eingetroffenen
Sachen noch bunt durcheinander, aber es störte sie
nicht, und als sie auf den breiten aufgemauerten
Balkon hinaustrat, lag jenseits der Kanalbrücke der
Tiergarten vor ihr, dessen Bäume schon überall einen
grünen Schimmer zeigten. Darüber aber ein klarer
blauer Himmel und eine lachende Sonne.

Sie zitterte vor Erregung und atmete hoch
auf. Dann trat sie, vom Balkon her, wieder über
die Thürschwelle zurück, erhob den Blick und faltete
die Hände.

„Nun, mit Gott, ein neues Leben! Es soll
anders werden.“

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Drei Tage danach, ziemlich spät, um die
neunte Stunde, traf Innstetten in Berlin ein.
Alles war am Bahnhof, Effi, die Mama, der
Vetter; der Empfang war herzlich, am herzlichsten
von seiten Effi's, und man hatte bereits eine Welt
von Dingen durchgesprochen, als der Wagen, den
man genommen, vor der neuen Wohnung in der
Keithstraße hielt. „Ach, da hast Du gut gewählt,
Effi,“ sagte Innstetten, als er in das Vestibul eintrat,
„kein Haifisch, kein Krokodil und hoffentlich auch kein
Spuk.“

„Nein, Geert, damit ist es nun vorbei. Nun
bricht eine andere Zeit an, und ich fürchte mich nicht
mehr und will auch besser sein als früher und Dir
mehr zu Willen leben.“ Alles das flüsterte sie ihm
zu, während sie die teppichbedeckte Treppe bis in den
zweiten Stock hinanstiegen. Der Vetter führte die
Mama.

Oben fehlte noch manches, aber für einen wohnlichen Eindruck war doch gesorgt, und Innstetten
sprach seine Freude darüber aus. „Effi, Du bist doch
ein kleines Genie,“ aber diese lehnte das Lob ab und
zeigte auf die Mama, die habe das eigentliche Verdienst. „Hier muß es stehen,“ so hab' es unerbittlich
geheißen, und immer habe sie's getroffen, wodurch
natürlich viel Zeit gespart und die gute Laune nie
gestört worden sei. Zuletzt kam auch Roswitha, um
den Herrn zu begrüßen, bei welcher Gelegenheit sie
sagte: „Fräulein Annie ließe sich für heute entschuldigen“ — ein kleiner Witz, auf den sie stolz war
und mit dem sie auch ihren Zweck vollkommen erreichte.

Und nun nahmen sie Platz um den schon gedeckten Tisch, und als Innstetten sich ein Glas Wein
eingeschenkt und „auf glückliche Tage“ mit allen angestoßen hatte, nahm er Effi's Hand und sagte:
„Aber Effi, nun erzähle mir, was war das mit
Deiner Krankheit?“

„Ach, lassen wir doch das, nicht der Rede wert;
ein bißchen schmerzhaft und eine rechte Störung,
weil es einen Strich durch unsere Pläne machte.
Aber mehr war es nicht, und nun ist es vorbei.
Rummschüttel hat sich bewährt, ein feiner, liebenswürdiger, alter Herr, wie ich Dir, glaub' ich, schon
schrieb. In seiner Wissenschaft soll er nicht gerade
glänzen, aber Mama sagt, das sei ein Vorzug. Und
sie wird wohl recht haben wie in allen Stücken.
Unser guter Dr. Hannemann war auch kein Licht
und traf es doch immer. Und nun sage, was macht
Gieshübler und die anderen alle?“

„Ja, wer sind die anderen alle? Crampas
läßt sich der gnäd'gen Frau empfehlen . . .“‛

„Ah, sehr artig.“

„Und der Pastor will Dir desgleichen empfohlen
sein; nur die Herrschaften auf dem Lande waren
ziemlich nüchtern und schienen auch mich für Deinen
Abschied ohne Abschied verantwortlich machen zu
wollen. Unsere Freundin Sidonie war sogar spitz,
und nur die gute Frau von Padden, zu der ich eigens
vorgestern noch hinüberfuhr, freute sich aufrichtig über
Deinen Gruß und Deine Liebeserklärung an sie. ‚Du
seist eine reizende Frau,‘ sagte sie, ‚aber ich sollte Dich gut
hüten.‘ Und als ich ihr erwiderte: ‚Du fändest schon, daß
ich mehr ein ‚Erzieher‘ als ein Ehemann sei,‘ sagte sie
halblaut und beinahe wie abwesend: ‚Ein junges
Lämmchen weiß wie Schnee.‘ Und dann brach sie ab.“

Vetter Briest lachte. „‚Ein junges Lämmchen
weiß wie Schnee . . .‘ Da hörst Du's, Cousine.“
Und er wollte sie zu necken fortfahren, gab es aber
auf, als er sah, daß sie sich verfärbte.

Das Gespräch, das meist zurückliegende Verhältnisse berührte, spann sich noch eine Weile weiter,
und Effi erfuhr zuletzt aus diesem und jenem, was
Innstetten mitteilte, daß sich von dem ganzen Kessiner
Hausstande nur Johanna bereit erklärt habe, die
Übersiedelung nach Berlin mitzumachen. Sie sei
natürlich noch zurückgeblieben, werde aber in zwei,
drei Tagen mit dem Rest der Sachen eintreffen; er
sei froh über ihren Entschluß, denn sie sei immer die
brauchbarste gewesen und von einem ausgesprochenen
großstädtischen Chic. Vielleicht ein bißchen zu sehr.
Kristel und Friedrich hätten sich beide für zu alt
erklärt, und mit Kruse zu verhandeln, habe sich von
vorn herein verboten. „Was soll uns ein Kutscher
hier?“ schloß Innstetten, „Pferd und Wagen, das
sind tempi passati, mit diesem Luxus ist es in
Berlin vorbei. Nicht einmal das schwarze Huhn
hätten wir unterbringen können. Oder unterschätz'
ich die Wohnung?“

Effi schüttelte den Kopf, und als eine kleine
Pause eintrat, erhob sich die Mama; es sei bald elf,
und sie habe noch einen weiten Weg, übrigens solle
sie niemand begleiten, der Droschkenstand sei ja nah
— ein Ansinnen, das Vetter Briest natürlich ablehnte. Bald darauf trennte man sich, nachdem noch
Rendez-vous für den andern Vormittag verabredet war.

Effi war ziemlich früh auf und hatte — die
Luft war beinahe sommerlich warm — den Kaffeetisch bis nahe an die geöffnete Balkonthür rücken
lassen, und als Innstetten nun auch erschien, trat
sie mit ihm auf den Balkon hinaus und sagte: „Nun,
was sagst Du? Du wolltest den Finkenschlag aus
dem Tiergarten hören und die Papageien aus dem
Zoologischen. Ich weiß nicht, ob beide Dir den Gefallen thun werden, aber möglich ist es. Hörst Du
wohl? Das kam von drüben, drüben aus dem
kleinen Park. Es ist nicht der eigentliche Tiergarten,
aber doch beinah'.“

Innstetten war entzückt und von einer Dankbarkeit, als ob Effi ihm das alles persönlich herangezaubert habe. Dann setzten sie sich, und nun kam
auch Annie. Roswitha verlangte, daß Innstetten eine
große Veränderung an dem Kinde finden solle, was
er denn auch schließlich that. Und dann plauderten
sie weiter, abwechselnd über die Kessiner und die in
Berlin zu machenden Visiten, und ganz zuletzt auch
über eine Sommerreise. Mitten im Gespräch aber
mußten sie abbrechen, um rechtzeitig beim Rendez-vous
erscheinen zu können.

Man traf sich, wie verabredet, bei Helms,
gegenüber dem roten Schloß, besuchte verschiedene
Läden, aß bei Hiller und war bei guter Zeit wieder
zu Haus. Es war ein gelungenes Beisammensein
gewesen, Innstetten herzlich froh, das großstädtische
Leben wieder mitmachen und auf sich wirken lassen
zu können. Tags darauf, am 1. April, begab er
sich in das Kanzlerpalais, um sich einzuschreiben (eine
persönliche Gratulation unterließ er aus Rücksicht),
und ging dann aufs Ministerium, um sich da zu
melden. Er wurde auch angenommen, trotzdem es
ein geschäftlich und gesellschaftlich sehr unruhiger Tag
war, ja, sah sich seitens seines Chefs durch besonders entgegenkommende Liebenswürdigkeit ausgezeichnet. „Er wisse, was er an ihm habe und sei
sicher, ihr Einvernehmen nie gestört zu sehen.“

Auch im Hause gestaltete sich alles zum guten.
Ein aufrichtiges Bedauern war es für Effi, die
Mama, nachdem diese, wie gleich anfänglich vermutet,
fast sechs Wochen lang in Kur gewesen, nach Hohen-Cremmen zurückkehren zu sehen, ein Bedauern, das
nur dadurch einigermaßen gemildert wurde, daß sich
Johanna denselben Tag noch in Berlin einstellte.
Das war immerhin 'was, und wenn die hübsche
Blondine dem Herzen Effi's auch nicht ganz so nahe
stand wie die ganz selbstsuchtslose und unendlich gutmütige Roswitha, so war sie doch gleichmäßig angesehen, ebenso bei Innstetten wie bei ihrer jungen
Herrin, weil sie sehr geschickt und brauchbar und
der Männerwelt gegenüber von einer ausgesprochenen
und selbstbewußten Reserviertheit war. Einem Kessiner
on dit zufolge ließen sich die Wurzeln ihrer Existenz
auf eine längst pensionierte Größe der Garnison
Pasewalk zurückführen, woraus man sich auch ihre
vornehme Gesinnung, ihr schönes blondes Haar und
die besondere Plastik ihrer Gesamterscheinung erklären
wollte. Johanna selbst teilte die Freude, die man
allerseits über ihr Eintreffen empfand, und war
durchaus einverstanden damit, als Hausmädchen und
Jungfer, ganz wie früher, den Dienst bei Effi zu
übernehmen, während Roswitha, die der Kristel in
beinahe Jahresfrist ihre Kochkünste so ziemlich abgelernt hatte, dem Küchendepartement vorstehen sollte.
Annie's Abwartung und Pflege fiel Effi selber zu,
worüber Roswitha freilich lachte. Denn sie kannte
die jungen Frauen.

Innstetten lebte ganz seinem Dienst und seinem
Haus. Er war glücklicher als vordem in Kessin,
weil ihm nicht entging, daß Effi sich unbefangener
und heiterer gab. Und das konnte sie, weil sie sich
freier fühlte. Wohl blickte das Vergangene noch in
ihr Leben hinein, aber es ängstigte sie nicht mehr,
oder doch um vieles seltener und vorübergehender,
und alles, was davon noch in ihr nachzitterte, gab
ihrer Haltung einen eigenen Reiz. In jeglichem,
was sie that, lag etwas Wehmütiges wie eine Abbitte,
und es hätte sie glücklich gemacht, dies alles noch
deutlicher zeigen zu können. Aber das verbot sich
freilich.

Das gesellschaftliche Leben der großen Stadt
war, als sie während der ersten Aprilwochen ihre
Besuche machten, noch nicht vorüber, wohl aber im
Erlöschen, und so kam es für sie zu keiner rechten Teilnahme mehr daran. In der zweiten Hälfte des Mai
starb es dann ganz hin, und mehr noch als vorher war
man glücklich, sich in der Mittagsstunde, wenn Innstetten von seinem Ministerium kam, im Tiergarten
treffen oder nachmittags einen Spaziergang nach dem
Charlottenburger Schloßgarten machen zu können.
Effi sah sich, wenn sie die lange Front zwischen dem
Schloß und den Orangeriebäumen auf und ab schritt,
immer wieder die massenhaft dortstehenden römischen
Kaiser an, fand eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen
Nero und Titus, sammelte Tannenäpfel, die von den
Trauertannen gefallen waren, und ging dann, Arm
in Arm mit ihrem Manne, bis auf das nach der
Spree hin einsam gelegene „Belvedere“ zu.

„Da drin soll es auch einmal gespukt haben,“
sagte sie.

„Nein, bloß Geistererscheinungen.“

„Das ist dasselbe.“

„Ja, zuweilen,“ sagte Innstetten. „Aber eigentlich
ist doch ein Unterschied. Geistererscheinungen werden
immer gemacht — wenigstens soll es hier in dem
‚Belvedere‘ so gewesen sein, wie mir Vetter Briest
erst gestern noch erzählte — Spuk aber wird nie
gemacht, Spuk ist natürlich.“

„Also glaubst Du doch dran?“

„Gewiß glaub' ich dran. Es giebt so 'was.
Nur an das, was wir in Kessin davon hatten, glaub'
ich nicht recht. Hat Dir denn Johanna schon ihren
Chinesen gezeigt?“

„Welchen?“

„Nun, unsern. Sie hat ihn, eh' sie unser altes
Haus verließ, oben von der Stuhllehne abgelöst und
ihn ins Portemonnaie gelegt. Als ich mir neulich
ein Markstück bei ihr wechselte, hab' ich ihn gesehen.
Und sie hat es mir auch verlegen bestätigt.“

„Ach, Geert, das hättest Du mir nicht sagen
sollen. Nun ist doch wieder so 'was in unserm
Hause.“

„Sag' ihr, daß sie ihn verbrennt.“

„Nein, das mag ich auch nicht, und das hilft
auch nichts. Aber ich will Roswitha bitten . . .“

„Um was? Ah, ich verstehe schon, ich ahne,
was Du vorhast. Die soll ein Heiligenbild kaufen
und es dann auch ins Portemonnaie thun. Ist es
so 'was?“

Effi nickte.

„Nun, thu' was Du willst. Aber sag' es
niemandem.“

Effi meinte dann schließlich, es lieber doch lassen
zu wollen, und unter allerhand kleinem Geplauder, in
welchem die Reisepläne für den Sommer mehr und
mehr Platz gewannen, fuhren sie bis an den großen
Stern zurück und gingen dann durch die Korso-Allee
und die breite Friedrich-Wilhelmsstraße auf ihre
Wohnung zu.

Sie hatten vor, schon Ende Juli Urlaub zu
nehmen und ins bayerische Gebirge zu gehen, wo
gerade in diesem Jahre wieder die Oberammergauer
Spiele stattfanden. Es ließ sich aber nicht thun;
Geheimrat von Wüllersdorf, den Innstetten schon
von früher her kannte und der jetzt sein Spezialkollege
war, erkrankte plötzlich, und Innstetten mußte bleiben
und ihn vertreten. Erst Mitte August war alles
wieder beglichen und damit die Reisemöglichkeit gegeben; es war aber nun zu spät geworden, um noch
nach Oberammergau zu gehen, und so entschied man
sich für einen Aufenthalt auf Rügen. „Zunächst
natürlich Stralsund, mit Schill, den Du kennst, und
mit Scheele, den Du nicht kennst und der den Sauerstoff entdeckte, was man aber nicht zu wissen braucht.
Und dann von Stralsund nach Bergen und dem
Rugard, von wo man, wie mir Wüllersdorf sagte,
die ganze Insel übersehen kann, und dann zwischen
dem Großen und Kleinen Jasmunder Bodden hin,
bis nach Saßnitz. Denn nach Rügen reisen heißt
nach Saßnitz reisen. Binz ginge vielleicht auch noch,
aber da sind — ich muß Wüllersdorf noch einmal
zitieren — so viele kleine Steinchen und Muschelschalen am Strande, und wir wollen doch baden.“

Effi war einverstanden mit allem, was von
seiten Innstetten's geplant wurde, vor allem auch
damit, daß der ganze Hausstand auf vier Wochen
aufgelöst werden und Roswitha mit Annie nach
Hohen-Cremmen, Johanna aber zu ihrem etwas
jüngeren Halbbruder reisen sollte, der bei Pasewalk
eine Schneidemühle hatte. So war alles gut untergebracht. Mit Beginn der nächsten Woche brach
man denn auch wirklich auf, und am selben Abende
noch war man in Saßnitz. Über dem Gasthause
stand „Hotel Fahrenheit“. „Die Preise hoffentlich
nach Réaumur,“ setzte Innstetten, als er den Namen
las, hinzu, und in bester Laune machten beide noch
einen Abendspaziergang an dem Klippenstrande hin
und sahen von einem Felsenvorsprung aus auf die
stille, vom Mondschein überzitterte Bucht. Effi war
entzückt. „Ach, Geert, das ist ja Capri, das ist ja
Sorrent. Ja, hier bleiben wir. Aber natürlich nicht
im Hotel; die Kellner sind mir zu vornehm, und
man geniert sich, um eine Flasche Sodawasser zu
bitten . . .“

„Ja, lauter Attachés. Es wird sich aber wohl
eine Privatwohnung finden lassen.“

„Denk' ich auch. Und wir wollen gleich morgen
danach aussehen.“

Schön wie der Abend war der Morgen, und
man nahm das Frühstück im Freien. Innstetten
empfing etliche Briefe, die schnell erledigt werden
mußten, und so beschloß Effi, die für sie frei gewordene Stunde sofort zur Wohnungssuche zu benutzen. Sie ging erst an einer eingepferchten Wiese,
dann an Häusergruppen und Haferfeldern vorüber
und bog zuletzt in einen Weg ein, der schluchtartig
auf das Meer zulief. Da, wo dieser Schluchtenweg
den Strand traf, stand ein von hohen Buchen überschattetes Gasthaus, nicht so vornehm wie das Fahrenheit'sche, mehr ein bloßes Restaurant, in dem, der
frühen Stunde halber, noch alles leer war. Effi
nahm an einem Aussichtspunkte Platz, und kaum daß
sie von dem Sherry, den sie bestellt, genippt hatte,
so trat auch schon der Wirt an sie heran, um halb
aus Neugier und halb aus Artigkeit ein Gespräch
mit ihr anzuknüpfen.

„Es gefällt uns sehr gut hier,“ sagte sie, „meinem
Manne und mir; welch' prächtiger Blick über die
Bucht, und wir sind nur in Sorge wegen einer
Wohnung.“

„Ja, gnädigste Frau, das wird schwer halten . . .“

„Es ist aber schon spät im Jahr . . .“

„Trotzdem. Hier in Saßnitz ist sicherlich nichts
zu finden, dafür möcht' ich mich verbürgen; aber
weiterhin am Strand, wo das nächste Dorf anfängt,
Sie können die Dächer von hier aus blinken sehen,
da möcht' es vielleicht sein.“

„Und wie heißt das Dorf?“

„Crampas.“

Effi glaubte, nicht recht gehört zu haben.
„Crampas,“ wiederholte sie mit Anstrengung. „Ich
habe den Namen als Ortsnamen nie gehört . . .
Und sonst nichts in der Nähe?“

„Nein, gnädigste Frau. Hier herum nichts.
Aber höher hinauf, nach Norden zu, da kommen
noch wieder Dörfer, und in dem Gasthause, das dicht
neben Stubbenkammer liegt, wird man Ihnen gewiß
Auskunft geben können. Es werden dort von solchen,
die gerne noch vermieten wollen, immer Adressen
abgegeben.“

Effi war froh, das Gespräch allein geführt zu
haben, und als sie bald danach ihrem Manne Bericht
erstattet und nur den Namen des an Saßnitz angrenzenden Dorfes verschwiegen hatte, sagte dieser:
„Nun, wenn es hier herum nichts giebt, so wird
es das beste sein, wir nehmen einen Wagen (wodurch
man sich beiläufig einem Hotel immer empfiehlt)
und übersiedeln ohne weiteres da höher hinauf, nach
Stubbenkammer hin. Irgend 'was Idyllisches mit
einer Geisblattlaube wird sich da wohl finden lassen,
und finden wir nichts, so bleibt uns immer noch
das Hotel selbst. Eins ist schließlich wie das andere.“

Effi war einverstanden, und gegen Mittag schon
erreichten sie das neben Stubbenkammer gelegene
Gasthaus, von dem Innstetten eben gesprochen, und
bestellten daselbst einen Imbiß. „Aber erst nach
einer halben Stunde; wir haben vor, zunächst noch
einen Spaziergang zu machen und uns den Herthasee anzusehen. Ein Führer ist doch wohl da?“

Dies wurde bejaht, und ein Mann von mittleren
Jahren trat alsbald an unsere Reisenden heran.
Er sah so wichtig und feierlich aus, als ob er mindestens ein Adjunkt bei dem alten Herthadienst gewesen wäre.

Der von hohen Bäumen umstandene See lag
ganz in der Nähe, Binsen säumten ihn ein, und
auf der stillen, schwarzen Wasserfläche schwammen
zahlreiche Mummeln.

„Es sieht wirklich nach so 'was aus.“ sagte Effi.
„nach Herthadienst“.

„Ja, gnäd'ge Frau . . . Dessen sind auch noch
die Steine Zeugen.“

„Welche Steine?“

„Die Opfersteine.“

Und während sich das Gespräch in dieser Weise
fortsetzte, traten alle drei vom See her an eine senkrecht
abgestochene Kies- und Lehmwand heran, an die sich
etliche glatt polierte Steine lehnten, alle mit einer flachen
Höhlung und etlichen nach unten laufenden Rinnen.

„Und was bezwecken die?“

„Daß es besser abliefe, gnäd'ge Frau.“

„Laß uns gehen,“ sagte Effi, und den Arm
ihres Mannes nehmend, ging sie mit ihm wieder
auf das Gasthaus zurück, wo nun, an einer Stelle
mit weitem Ausblick auf das Meer, das vorher bestellte Frühstück aufgetragen wurde. Die Bucht lag
im Sonnenlichte vor ihnen, einzelne Segelboote glitten
darüber hin, und um die benachbarten Klippen
haschten sich die Möven. Es war sehr schön, auch
Effi fand es, aber wenn sie dann über die
glitzernde Fläche hinwegsah, bemerkte sie, nach Süden
zu, wieder die hell aufleuchtenden Dächer des langgestreckten Dorfes, dessen Name sie heute früh so
sehr erschreckt hatte.

Innstetten, wenn auch ohne Wissen und Ahnung
dessen, was in ihr vorging, sah doch deutlich, daß es
ihr an aller Lust und Freude gebrach. „Es thut mir
leid, Effi, daß Du der Sache hier nicht recht froh
wirst. Du kannst den Herthasee nicht vergessen und
noch weniger die Steine.“

Sie nickte. „Es ist so wie Du sagst. Und
ich muß Dir bekennen, ich habe nichts in meinem
Leben gesehen, was mich so traurig gestimmt hätte.
Wir wollen das Wohnungssuchen ganz aufgeben;
ich kann hier nicht bleiben.“

„Und gestern war es Dir noch der Golf von
Neapel und alles mögliche Schöne.“

„Ja, gestern.“

„Und heute? Heute keine Spur mehr von Sorrent?“

„Eine Spur noch, aber auch nur eine Spur;
es ist Sorrent, als ob es sterben wollte.“

„Gut dann, Effi,“ sagte Innstetten und reichte
ihr die Hand. „Ich will Dich mit Rügen nicht
quälen, und so geben wir's denn auf. Abgemacht.
Es ist nicht nötig, daß wir uns an Stubbenkammer
anklammern oder an Saßnitz oder da weiter hinunter.
Aber wohin?“

„Ich denke, wir bleiben noch einen Tag und
warten das Dampfschiff ab, das, wenn ich nicht irre,
morgen von Stettin kommt und nach Kopenhagen
hinüberfährt. Da soll es ja so vergnüglich sein, und
ich kann Dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich nach
etwas Vergnüglichem sehne. Hier ist mir, als ob
ich in meinem ganzen Leben nicht mehr lachen könnte
und überhaupt nie gelacht hätte, und Du weißt
doch, wie gern ich lache.“

Innstetten zeigte sich voll Teilnahme mit ihrem
Zustand, und das um so lieber, als er ihr in vielem
recht gab. Es war wirklich alles schwermütig, so
schön es war.

Und so warteten sie denn das Stettiner Schiff
ab und trafen am dritten Tage in aller Frühe in
Kopenhagen ein, wo sie auf Kongens Nytorv Wohnung
nahmen. Zwei Stunden später waren sie schon im
Thorwaldsen-Museum, und Effi sagte: „Ja, Geert,
das ist schön, und ich bin glücklich, daß wir uns
hierher auf den Weg gemacht haben.“ Bald danach
gingen sie zu Tisch und machten an der Table
d'hote die Bekanntschaft einer ihnen gegenüber
sitzenden jütländischen Familie, deren bildschöne
Tochter, Thora von Penz, ebenso Innstetten's, wie
Effi's beinah bewundernde Aufmerksamkeit sofort in
Anspruch nahm. Effi konnte sich nicht satt sehen
an den großen, blauen Augen und dem flachsblonden
Haar, und als man sich nach anderthalb Stunden
von Tisch erhob, wurde seitens der Penz'schen Familie
— die leider, denselben Tag noch, Kopenhagen
wieder verlassen mußte — die Hoffnung ausgesprochen,
das junge preußische Paar mit nächstem in Schloß
Aggerhuus (eine halbe Meile vom Limfjord) begrüßen
zu dürfen, eine Einladung, die von den Innstetten's
auch ohne langes Zögern angenommen wurde. So
vergingen die Stunden im Hotel. Aber damit war
es nicht genug des Guten an diesem denkwürdigen
Tage, von dem Effi denn auch versicherte, daß er im
Kalender rot angestrichen werden müsse. Der Abend
brachte, das Maß des Glücks voll zu machen, eine
Vorstellung im Tivoli-Theater: eine italienische Pantomime, Arlequin und Colombine. Effi war wie berauscht von den kleinen Schelmereien, und als sie
spät am Abend nach ihrem Hotel zurückkehrten, sagte
sie: „Weißt Du, Geert, nun fühl' ich doch, daß ich
allmählich wieder zu mir komme. Von der schönen
Thora will ich gar nicht erst sprechen; aber wenn
ich bedenke, heute Vormittag Thorwaldsen und heute
Abend diese Colombine . . .“

„. . . Die Dir im Grunde doch noch lieber war
als Thorwaldsen . . .“

„Offen gestanden, ja. Ich habe nun 'mal den
Sinn für dergleichen. Unser gutes Kessin war ein
Unglück für mich. Alles fiel mir da auf die Nerven.
Rügen beinah auch. Ich denke, wir bleiben noch
ein paar Tage hier in Kopenhagen, natürlich mit
Ausflug nach Fredericksborg und Helsingör, und dann
nach Jütland hinüber; ich freue mich aufrichtig, die
schöne Thora wiederzusehen, und wenn ich ein Mann
wäre, so verliebte ich mich in sie.“

Innstetten lachte. „Du weißt noch nicht, was
ich thue.“

„Wär' mir schon recht. Dann giebt es einen
Wettstreit, und Du sollst sehen, dann hab' ich auch
noch meine Kräfte.“

„Das brauchst Du mir nicht erst zu versichern.“

So verlief denn auch die Reise. Drüben in
Jütland fuhren sie den Limfjord hinauf, bis Schloß
Aggerhuus, wo sie drei Tage bei der Penz'schen
Familie verblieben, und kehrten dann mit vielen
Stationen und kürzeren und längeren Aufenthalten
in Viborg, Flensburg, Kiel, über Hamburg (das
ihnen ungemein gefiel) in die Heimat zurück — nicht
direkt nach Berlin in die Keithstraße, wohl aber vorher
nach Hohen-Cremmen, wo man sich nun einer wohlverdienten Ruhe hingeben wollte. Für Innstetten
bedeutete das nur wenige Tage, da sein Urlaub abgelaufen war, Effi blieb aber noch eine Woche länger
und sprach es aus, erst zum dritten Oktober, ihrem
Hochzeitstage, wieder zu Haus eintreffen zu wollen.

Annie war in der Landluft prächtig gediehen,
und was Roswitha geplant hatte, daß sie der Mama
in Stiefelchen entgegen laufen sollte, das gelang auch
vollkommen. Briest gab sich als zärtlicher Großvater, warnte vor zu viel Liebe, noch mehr vor zu
viel Strenge, und war in allem der alte. Eigentlich aber galt all' seine Zärtlichkeit doch nur Effi,
mit der er sich in seinem Gemüt immer beschäftigte,
zumeist auch, wenn er mit seiner Frau allein war.

„Wie findest Du Effi?“

„Lieb und gut wie immer. Wir können Gott
nicht genug danken, eine so liebenswürdige Tochter
zu haben. Und wie dankbar sie für alles ist und
immer so glücklich, wieder unter unserm Dach zu sein.“

„Ja,“ sagte Briest, „sie hat von dieser Tugend
mehr als mir lieb ist. Eigentlich ist es, als wäre
dies hier immer noch ihre Heimstätte. Sie hat doch
den Mann und das Kind, und der Mann ist ein
Juwel und das Kind ist ein Engel, aber dabei thut
sie als wäre Hohen-Cremmen immer noch die
Hauptsache für sie, und Mann und Kind kämen
gegen uns beide nicht an. Sie ist eine prächtige
Tochter, aber sie ist es mir zu sehr. Es ängstigt
mich ein bißchen. Und ist auch ungerecht gegen
Innstetten. Wie steht es denn eigentlich damit?“

„Ja, Briest, was meinst Du?“

„Nun, ich meine, was ich meine, und Du weißt
auch was. Ist sie glücklich? Oder ist da doch irgend
'was im Wege? Von Anfang an war mir's so,
als ob sie ihn mehr schätze als liebe. Und das ist
in meinen Augen ein schlimm Ding. Liebe hält auch
nicht immer vor, aber Schätzung gewiß nicht. Eigentlich ärgern sich die Weiber, wenn sie wen schätzen
müssen; erst ärgern sie sich, und dann langweilen
sie sich, und zuletzt lachen sie.“

„Hast Du so 'was an Dir selber erfahren?“

„Das will ich nicht sagen. Dazu stand ich
nicht hoch genug in der Schätzung. Aber schrauben
wir uns nicht weiter, Luise. Sage, wie steht es?“

„Ja, Briest, Du kommst immer auf diese Dinge
zurück. Da reicht ja kein dutzendmal, daß wir darüber gesprochen und unsere Meinungen ausgetauscht
haben, und immer bist Du wieder da mit Deinem
Alles-wissen-wollen und fragst dabei so schrecklich naiv,
als ob ich in alle Tiefen sähe. Was hast Du nur
für Vorstellungen von einer jungen Frau und ganz
speziell von Deiner Tochter? Glaubst Du, daß das
alles so plan da liegt? Oder daß ich ein Orakel bin
(ich kann mich nicht gleich auf den Namen der Person
besinnen) oder daß ich die Wahrheit sofort klipp und
klar in den Händen halte, wenn mir Effi ihr Herz ausgeschüttet hat? Oder was man wenigstens so nennt.
Denn was heißt ausschütten? Das Eigentliche bleibt
doch zurück. Sie wird sich hüten, mich in ihre
Geheimnisse einzuweihen. Außerdem, ich weiß nicht,
von wem sie's hat, sie ist . . . ja, sie ist eine sehr
schlaue kleine Person, und diese Schlauheit an
ihr ist um so gefährlicher, weil sie so sehr liebenswürdig ist.“

„Also das giebst Du doch zu . . . liebenswürdig.
Und auch gut?“

„Auch gut. Das heißt voll Herzensgüte. Wie's
sonst steht, da bin ich mir doch nicht sicher; ich glaube,
sie hat einen Zug, den lieben Gott einen guten
Mann sein zu lassen und sich zu trösten, er werde
wohl nicht allzu streng mit ihr sein.“

„Meinst Du?“

„Ja, das mein' ich. Übrigens glaube ich, daß
sich vieles gebessert hat. Ihr Charakter ist wie er
ist, aber die Verhältnisse liegen seit ihrer Übersiedlung
um vieles günstiger, und sie leben sich mehr und
mehr in einander ein. Sie hat mir so 'was gesagt,
und was mir wichtiger ist, ich hab' es auch bestätigt
gefunden, mit Augen gesehen.“

„Nun, was sagte sie?“

„Sie sagte: Mama, es geht jetzt besser. Innstetten war immer ein vortrefflicher Mann, so einer,
wie's nicht viele giebt, aber ich konnte nicht recht an
ihn heran, er hatte so 'was Fremdes. Und fremd
war er auch in seiner Zärtlichkeit. Ja, dann am
meisten; es hat Zeiten gegeben, wo ich mich davor
fürchtete.“

„Kenn' ich, kenn' ich.“

„Was soll das heißen, Briest? Soll ich mich
gefürchtet haben oder willst Du Dich gefürchtet haben?
Ich finde beides gleich lächerlich . . .“

„Du wolltest von Effi erzählen.“

„Nun also, sie gestand mir, daß dies Gefühl
des Fremden sie verlassen habe, was sie sehr glücklich
mache. Kessin sei nicht der rechte Platz für sie
gewesen, das spukige Haus und die Menschen da,
die einen zu fromm, die andern zu platt, aber seit
ihrer Übersiedlung nach Berlin fühle sie sich ganz
an ihrem Platz. Er sei der beste Mensch, etwas zu
alt für sie und zu gut für sie, aber sie sei nun über
den Berg. Sie brauchte diesen Ausdruck, der mir
allerdings auffiel.“

„Wie so? Er ist nicht ganz auf der Höhe,
ich meine der Ausdruck. Aber . . .“

„Es steckt etwas dahinter. Und sie hat mir
das auch andeuten wollen.“

„Meinst Du?“

„Ja, Briest; Du glaubst immer, sie könne kein
Wasser trüben. Aber darin irrst Du. Sie läßt sich
gern treiben, und wenn die Welle gut ist, dann ist
sie auch selber gut. Kampf und Widerstand sind
nicht ihre Sache.“

Roswitha kam mit Annie, und so brach das
Gespräch ab.

Dies Gespräch führten Briest und Frau an demselben Tage, wo Innstetten von Hohen-Cremmen nach
Berlin hin abgereist war, Effi auf wenigstens noch
eine Woche zurücklassend. Er wußte, daß es nichts
Schöneres für sie gab, als so sorglos in einer
weichen Stimmung hinträumen zu können, immer
freundliche Worte zu hören und die Versicherung,
wie liebenswürdig sie sei. Ja, das war das, was
ihr vor allem wohl that, und sie genoß es auch
diesmal wieder in vollen Zügen und aufs dankbarste,
trotzdem jede Zerstreuung fehlte; Besuch kam selten,
weil es seit ihrer Verheiratung, wenigstens für die
junge Welt, an dem rechten Anziehungspunkte gebrach,
und selbst die Pfarre und die Schule waren nicht
mehr das, was sie noch vor Jahr und Tag gewesen
waren. Zumal im Schulhause stand alles halb leer.
Die Zwillinge hatten sich im Frühjahr an zwei
Lehrer in der Nähe von Genthin verheiratet, große
Doppelhochzeit mit Festbericht im „Anzeiger fürs
Havelland“, und Hulda war in Friesack zur Pflege
einer alten Erbtante, die sich übrigens, wie gewöhnlich
in solchen Fällen, um sehr viel langlebiger erwies,
als Niemeyers angenommen hatten. Hulda schrieb
aber trotzdem immer zufriedene Briefe, nicht weil sie
wirklich zufrieden war (im Gegenteil), sondern weil
sie den Verdacht nicht aufkommen lassen wollte, daß
es einem so ausgezeichneten Wesen anders als sehr
gut ergehen könne. Niemeyer, ein schwacher Vater,
zeigte die Briefe mit Stolz und Freude, während
der ebenfalls ganz in seinen Töchtern lebende Jahnke
sich herausgerechnet hatte, daß beide junge Frauen
am selben Tage, und zwar am Weihnachtsheiligabend,
ihre Niederkunft halten würden. Effi lachte herzlich
und drückte dem Großvater in spe zunächst den
Wunsch aus, bei beiden Enkeln zu Gevatter geladen
zu werden, ließ dann aber die Familienthemata fallen
und erzählte von „Kjöbenhavn“ und Helsingör, vom
Limfjord und Schloß Aggerhuus, und vor allem von
Thora von Penz, die, wie sie nur sagen könne, „typisch
skandinavisch“ gewesen sei, blauäugig, flachsen und
immer in einer roten Plüschtaille, wobei sich Jahnke
verklärte und einmal über das andere sagte: „Ja, so
sind sie; rein germanisch, viel deutscher als die Deutschen.“

An ihrem Hochzeitstage, dem dritten Oktober,
wollte Effi wieder in Berlin sein. Nun war es der
Abend vorher, und unter dem Vorgeben, daß sie
packen und alles zur Rückreise vorbereiten wolle,
hatte sie sich schon verhältnismäßig früh auf ihr Zimmer
zurückgezogen. Eigentlich lag ihr aber nur daran,
allein zu sein; so gern sie plauderte, so hatte sie doch
auch Stunden, wo sie sich nach Ruhe sehnte.

Die von ihr im Oberstock bewohnten Zimmer
lagen nach dem Garten hinaus; in dem kleineren
schlief Roswitha und Annie, die Thür nur angelehnt,
in dem größeren, das sie selber inne hatte, ging sie
auf und ab; die unteren Fensterflügel waren geöffnet,
und die kleinen weißen Gardinen bauschten sich in
dem Zuge, der ging, und fielen dann langsam über
die Stuhllehne, bis ein neuer Zugwind kam und sie
wieder frei machte. Dabei war es so hell, daß
man die Unterschriften unter den über dem Sofa
hängenden und in schmale Goldleisten eingerahmten
Bildern deutlich lesen konnte: „Der Sturm auf
Düppel, Schanze V“, und daneben: „König Wilhelm
und Graf Bismarck auf der Höhe von Lipa“. Effi
schüttelte den Kopf und lächelte. „Wenn ich wieder
hier bin, bitt' ich mir andere Bilder aus; ich kann
so 'was Kriegerisches nicht leiden.“ Und nun schloß
sie das eine Fenster und setzte sich an das andere,
dessen Flügel sie offen ließ. Wie that ihr das alles
so wohl. Neben dem Kirchturm stand der Mond
und warf sein Licht auch auf den Rasenplatz mit
der Sonnenuhr und den Heliotropbeeten. Alles
schimmerte silbern, und neben den Schattenstreifen
lagen weiße Lichtstreifen, so weiß, als läge Leinwand
auf der Bleiche. Weiterhin aber standen die hohen
Rhabarberstauden wieder, die Blätter herbstlich gelb,
und sie mußte des Tages gedenken, nun erst wenig
über zwei Jahre, wo sie hier mit Hulda und den
Jahnke'schen Mädchen gespielt hatte. Und dann war
sie, als der Besuch kam, die kleine Steintreppe neben
der Bank hinaufgestiegen, und eine Stunde später
war sie Braut.

Sie erhob sich und ging auf die Thür zu und
horchte; Roswitha schlief schon und Annie auch.

Und mit einemmale, während sie das Kind so
vor sich hatte, traten ungerufen allerlei Bilder aus
den Kessiner Tagen wieder vor ihre Seele: das landrätliche Haus mit seinem Giebel und die Veranda
mit dem Blick auf die Plantage, und sie saß im
Schaukelstuhl und wiegte sich; und nun trat Crampas
an sie heran, um sie zu begrüßen, und dann kam
Roswitha mit dem Kinde, und sie nahm es und hob
es hoch in die Höhe und küßte es.

„Das war der erste Tag; da fing es an.“ Und
während sie dem nachhing, verließ sie das Zimmer,
drin die beiden schliefen, und setzte sich wieder an
das offene Fenster und sah in die stille Nacht hinaus.

„Ich kann es nicht los werden,“ sagte sie. „Und
was das schlimmste ist und mich ganz irre macht
an mir selbst . . .“

In diesem Augenblicke setzte die Turmuhr drüben
ein, und Effi zählte die Schläge.

„Zehn . . . Und morgen um diese Stunde bin
ich in Berlin. Und wir sprechen davon, daß unser
Hochzeitstag sei, und er sagt mir Liebes und Freundliches und vielleicht Zärtliches. Und ich sitze dabei
und höre es und habe die Schuld auf meiner Seele.“

Und sie stützte den Kopf auf ihre Hand und
starrte vor sich hin und schwieg.

„Und habe die Schuld auf meiner Seele,“
wiederholte sie. „Ja, da hab' ich sie. Aber
lastet sie auch auf meiner Seele? Nein. Und
das ist es, warum ich vor mir selbst erschrecke. Was
da lastet, das ist etwas ganz anderes — Angst, Todesangst und die ewige Furcht: es kommt doch am
Ende noch an den Tag. Und dann außer der Angst . . .
Scham. Ich schäme mich. Aber wie ich nicht die rechte
Reue habe, so hab' ich auch nicht die rechte Scham.
Ich schäme mich bloß von wegen dem ewigen Lug
und Trug; immer war es mein Stolz, daß ich
nicht lügen könne und auch nicht zu lügen brauche,
lügen ist so gemein, und nun habe ich doch immer
lügen müssen, vor ihm und vor aller Welt, im großen
und im kleinen, und Rummschüttel hat es gemerkt
und hat die Achseln gezuckt, und wer weiß was er
von mir denkt, jedenfalls nicht das beste. Ja, Angst
quält mich und dazu Scham über mein Lügenspiel.
Aber Scham über meine Schuld, die hab' ich nicht
oder doch nicht so recht oder doch nicht genug, und
das bringt mich um, daß ich sie nicht habe. Wenn
alle Weiber so sind, dann ist es schrecklich, und wenn
sie nicht so sind, wie ich hoffe, dann steht es schlecht
um mich, dann ist etwas nicht in Ordnung in meiner
Seele, dann fehlt mir das richtige Gefühl. Und
das hat mir der alte Niemeyer in seinen guten Tagen
noch, als ich noch ein halbes Kind war, 'mal gesagt:
auf ein richtiges Gefühl, darauf käme es an, und
wenn man das habe, dann könne einem das schlimmste
nicht passieren, und wenn man es nicht habe, dann
sei man in einer ewigen Gefahr, und das, was man
den Teufel nenne, das habe dann eine sichere Macht
über uns. Um Gottes Barmherzigkeit willen, steht
es so mit mir.“

Und sie legte den Kopf in ihre Arme und weinte
bitterlich.

Als sie sich wieder aufrichtete, war sie ruhiger
geworden und sah wieder in den Garten hinaus.
Alles war so still, und ein leiser, feiner Ton, wie
wenn es regnete, traf von den Platanen her ihr Ohr.

So verging eine Weile. Herüber von der Dorfstraße klang ein Geplärr: der alte Nachtwächter
Kulicke rief die Stunden ab, und als er zuletzt schwieg,
vernahm sie von fernher, aber immer näher kommend,
das Rasseln des Zuges, der, auf eine halbe Meile
Entfernung, an Hohen-Cremmen vorüber fuhr. Dann
wurde der Lärm wieder schwächer, endlich erstarb er
ganz, und nur der Mondschein lag noch auf dem
Grasplatz, und nur auf die Platanen rauschte es
nach wie vor wie leiser Regen nieder.

Aber es war nur die Nachtluft, die ging.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Am andern Abend war Effi wieder in Berlin,
und Innstetten empfing sie am Bahnhof, mit ihm
Rollo, der, als sie plaudernd durch den Tiergarten
hinfuhren, nebenher trabte.

„Ich dachte schon, Du würdest nicht Wort halten.“

„Aber Geert, ich werde doch Wort halten, das
ist doch das erste.“

„Sage das nicht. Immer Wort halten, ist sehr
viel. Und mitunter kann man auch nicht. Denke
doch zurück. Ich erwartete Dich damals in Kessin,
als Du die Wohnung mietetest, und wer nicht kam,
war Effi.“

„Ja, das war 'was anderes.“

Sie mochte nicht sagen „ich war krank,“ und
Innstetten hörte drüber hin. Er hatte seinen Kopf
auch voll anderer Dinge, die sich auf sein Amt und
seine gesellschaftliche Stellung bezogen. „Eigentlich,
Effi, fängt unser Berliner Leben nun erst an. Als
wir im April hier einzogen, damals ging es mit
der Saison auf die Neige, kaum noch daß wir unsere
Besuche machen konnten, und Wüllersdorf, der einzige,
dem wir näher standen — nun, der ist leider Junggeselle. Von Juni an schläft dann alles ein, und
die heruntergelassenen Rouleaux verkünden einem
schon auf hundert Schritt ,Alles ausgeflogen‘; ob
wahr oder nicht, macht keinen Unterschied . . . Ja,
was blieb da noch? Mal mit Vetter Briest sprechen,
'mal bei Hiller essen, das ist kein richtiges Berliner
Leben. Aber nun soll es anders werden. Ich habe
mir die Namen aller Räte notiert, die noch mobil
genug sind, um ein Haus zu machen. Und wir
wollen es auch, wollen auch ein Haus machen,
und wenn der Winter dann da ist, dann soll es im
ganzen Ministerium heißen: ,Ja, die liebenswürdigste
Frau, die wir jetzt haben, das ist doch die Frau von
Innstetten‘.“

„Ach, Geert, ich kenne Dich ja gar nicht wieder,
Du sprichst ja wie ein Courmacher.“

„Es ist unser Hochzeitstag, und da mußt Du
mir schon 'was zu gute halten.“

Innstetten war ernsthaft gewillt, auf das stille
Leben, das er in seiner landrätlichen Stellung geführt, ein gesellschaftlich angeregteres folgen zu lassen,
um seinet- und noch mehr um Effi's willen; es ließ
sich aber anfangs nur schwach und vereinzelt damit
an, die rechte Zeit war noch nicht gekommen, und das
beste, was man zunächst von dem neuen Leben hatte,
war genau so wie während des zurückliegenden
Halbjahres, ein Leben im Hause. Wüllersdorf kam
oft, auch Vetter Briest, und waren die da, so schickte
man zu Gizicki's hinauf, einem jungen Ehepaare,
das über ihnen wohnte. Gizicki selbst war Landgerichtsrat, seine kluge, aufgeweckte Frau ein Fräulein von Schmettau. Mitunter wurde musiziert,
kurze Zeit sogar ein Whist versucht; man gab es
aber wieder auf, weil man fand, daß eine Plauderei
gemütlicher wäre. Gizicki's hatten bis vor kurzem
in einer kleinen oberschlesischen Stadt gelebt, und
Wüllersdorf war sogar, freilich vor einer Reihe von
Jahren schon, in den verschiedensten kleinen Nestern
der Provinz Posen gewesen, weshalb er denn auch
den bekannten Spottvers:
Schrimm
Ist schlimm,
Rogasen
Zum Rasen,
Aber weh' dir nach Samter
Verdammter —
mit ebenso viel Emphase wie Vorliebe zu zitieren
pflegte. Niemand erheiterte sich dabei mehr als Effi,
was dann meistens Veranlassung wurde, kleinstädtische
Geschichten in Hülle und Fülle folgen zu lassen.
Auch Kessin mit Gieshübler und der Trippelli, mit
Oberförster Ring und Sidonie Grasenabb — kam
dann wohl an die Reihe, wobei sich Innstetten, wenn
er guter Laune war, nicht leicht genug thun konnte.
„Ja,“ so hieß es dann wohl, „unser gutes Kessin!
Das muß ich zugeben, es war eigentlich reich an
Figuren, obenan Crampas, Major Crampas, ganz
Beau und halber Barbarossa, den meine Frau, ich
weiß nicht, soll ich sagen unbegreiflicher oder begreiflicher Weise, stark in Affektion genommen hatte . . .“
— „Sagen wir begreiflicher Weise,“ warf Wüllersdorf ein, „denn ich nehme an, daß er Ressourcenvorstand war und Komödie spielte, Liebhaber oder
Bonvivants. Und vielleicht noch mehr, vielleicht war
er auch ein Tenor.“ Innstetten bestätigte das eine
wie das andere, und Effi suchte lachend darauf einzugehen, aber es gelang ihr nur mit Anstrengung,
und wenn dann die Gäste gingen und Innstetten
sich in sein Zimmer zurückzog, um noch einen Stoß
Akten abzuarbeiten, so fühlte sie sich immer aufs
neue von den alten Vorstellungen gequält, und es
war ihr zu Sinn, als ob ihr ein Schatten nachginge.

Solche Beängstigungen blieben ihr auch. Aber
sie kamen doch seltener und schwächer, was bei der
Art, wie sich ihr Leben gestaltete, nicht Wunder
nehmen konnte. Die Liebe, mit der ihr nicht nur
Innstetten, sondern auch fernerstehende Personen begegneten, und nicht zum wenigsten die beinah zärtliche Freundschaft, die die Ministerin, eine selbst noch
junge Frau, für sie an den Tag legte — all' das
ließ die Sorgen und Ängste zurückliegender Tage
sich wenigstens mindern, und als ein zweites Jahr
ins Land gegangen war und die Kaiserin, bei Gelegenheit einer neuen Stiftung, die „Frau Geheimrätin“ mit ausgewählt und in die Zahl der Ehrendamen eingereiht, der alte Kaiser Wilhelm aber auf
dem Hofball gnädige, huldvolle Worte an die schöne,
junge Frau, „von der er schon gehört habe“, gerichtet
hatte, da fiel es allmählich von ihr ab. Es war
einmal gewesen, aber weit, weit weg, wie auf einem
andern Stern, und alles löste sich wie ein Nebelbild
und wurde Traum.

Die Hohen-Cremmener kamen dann und wann
auf Besuch und freuten sich des Glücks der Kinder,
Annie wuchs heran — „schön wie die Großmutter,“
sagte der alte Briest — und wenn es an dem klaren
Himmel eine Wolke gab, so war es die, daß es, wie
man nun beinahe annehmen mußte, bei Klein-Annie
sein Bewenden haben werde; Haus Innstetten (denn
es gab nicht einmal Namensvettern) stand also
mutmaßlich auf dem Aussterbeetat. Briest, der den
Fortbestand anderer Familien obenhin behandelte,
weil er eigentlich nur an die Briest's glaubte, scherzte
mitunter darüber und sagte: „Ja, Innstetten, wenn
das so weiter geht, so wird Annie seiner Zeit wohl
einen Bankier heiraten (hoffentlich einen christlichen,
wenn's deren dann noch giebt) und mit Rücksicht
auf das alte freiherrliche Geschlecht der Innstetten
wird dann Seine Majestät Annie's Haute finance-Kinder unter dem Namen ,von der Innstetten‘ im
Gothaischen Kalender, oder was weniger wichtig ist,
in der preußischen Geschichte fortleben lassen“ —
Ausführungen, die von Innstetten selbst immer mit
einer kleinen Verlegenheit, von Frau von Briest mit
Achselzucken, von Effi dagegen mit Heiterkeit aufgenommen wurden. Denn so adelsstolz sie war, so
war sie's doch nur für ihre Person, und ein eleganter
und welterfahrener und vor allem sehr, sehr reicher
Bankierschwiegersohn wäre durchaus nicht gegen ihre
Wünsche gewesen.

Ja, Effi nahm die Erbfolgefrage leicht, wie
junge, reizende Frauen das thun; als aber eine
lange, lange Zeit — sie waren schon im siebenten
Jahre in ihrer neuen Stellung — vergangen war,
wurde der alte Rummschüttel, der auf dem Gebiete
der Gynäkologie nicht ganz ohne Ruf war, durch
Frau von Briest doch schließlich zu Rate gezogen.
Er verordnete Schwalbach. Weil aber Effi seit
letztem Winter auch an katarrhalischen Affektionen
litt und ein paarmal sogar auf Lunge hin behorcht
worden war, so hieß es abschließend: „Also zunächst
Schwalbach, meine Gnädigste, sagen wir drei Wochen
und dann ebenso lange Ems. Bei der Emser Kur
kann aber der Geheimrat zugegen sein. Bedeutet
mithin alles in allem drei Wochen Trennung. Mehr
kann ich für Sie nicht thun, lieber Innstetten.“

Damit war man denn auch einverstanden, und
zwar sollte Effi, dahin ging ein weiterer Beschluß, die
Reise mit einer Geheimrätin Zwicker zusammen
machen, wie Briest sagte „zum Schutze dieser letzteren,“
worin er nicht ganz unrecht hatte, da die Zwicker,
trotz guter vierzig, eines Schutzes erheblich bedürftiger war als Effi. Innstetten, der wieder viel
mit Vertretung zu thun hatte, beklagte, daß er, von
Schwalbach gar nicht zu reden, wahrscheinlich auch
auf gemeinschaftliche Tage in Ems werde verzichten
müssen. Im übrigen wurde der 24. Juni (Johannistag) als Abreisetag festgesetzt, und Roswitha half
der gnädigen Frau beim Packen und Aufschreiben
der Wäsche. Effi hatte noch immer die alte Liebe
für sie, war doch Roswitha die einzige, mit der sie
von all' dem Zurückliegenden, von Kessin und
Crampas, von dem Chinesen und Kapitän Thomsen's
Nichte frei und unbefangen reden konnte.

„Sage, Roswitha, Du bist doch eigentlich katholisch. Gehst Du denn nie zur Beichte?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Ich bin früher gegangen. Aber das richtige
hab' ich doch nicht gesagt.“

„Das ist sehr unrecht. Dann freilich kann es
nicht helfen.“

„Ach, gnädigste Frau, bei mir im Dorfe machten
es alle so. Und welche waren, die kicherten bloß.“

„Hast Du denn nie empfunden, daß es ein
Glück ist, wenn man etwas auf der Seele hat, daß
es 'runter kann?“

„Nein, gnädigste Frau. Angst habe ich wohl
gehabt, als mein Vater damals mit dem glühenden
Eisen auf mich los kam; ja, das war eine große
Furcht, aber weiter war es nichts.“

„Nicht vor Gott?“

„Nicht so recht, gnädigste Frau. Wenn man
sich vor seinem Vater so fürchtet, wie ich mich gefürchtet habe, dann fürchtet man sich nicht so sehr
vor Gott. Ich habe bloß immer gedacht, der liebe
Gott sei gut und werde mir armem Wurm schon
helfen.“

Effi lächelte und brach ab und fand es auch
natürlich, daß die arme Roswitha so sprach, wie sie
sprach. Sie sagte aber doch: „Weißt Du, Roswitha,
wenn ich wiederkomme, müssen wir doch noch 'mal
ernstlich drüber reden. Es war doch eigentlich eine
große Sünde.“

„Das mit dem Kinde, und daß es verhungert
ist? Ja, gnädigste Frau, das war es. Aber ich
war es ja nicht, das waren ja die anderen . . .
Und dann ist es auch schon so sehr lange her.“

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Effi war nun schon in die fünfte Woche fort
und schrieb glückliche, beinahe übermütige Briefe,
namentlich seit ihrem Eintreffen in Ems, wo man
doch unter Menschen sei, das heißt unter Männern,
von denen sich in Schwalbach nur ausnahmsweise was
gezeigt habe. Geheimrätin Zwicker, ihre Reisegefährtin,
habe freilich die Frage nach dem Kurgemäßen dieser
Zuthat aufgeworfen und sich aufs entschiedenste dagegen ausgesprochen, alles natürlich mit einem
Gesichtsausdrucke, der so ziemlich das Gegenteil
versichert habe; die Zwicker sei reizend, etwas frei,
wahrscheinlich sogar mit einer Vergangenheit, aber
höchst amüsant, und man könne viel, sehr viel von
ihr lernen; nie habe sie sich, trotz ihrer fünfundzwanzig, so als Kind gefühlt, wie nach der Bekanntschaft mit dieser Dame. Dabei sei sie so belesen,
auch in fremder Litteratur, und als sie, Effi, beispielsweise neulich von Nana gesprochen und dabei gefragt
habe, „ob es denn wirklich so schrecklich sei,“ habe die
Zwicker geantwortet: „Ach, meine liebe Baronin, was
heißt schrecklich? Da giebt es noch ganz anderes?“
„Sie schien mich auch,“ so schloß Effi ihren Brief,
„mit diesem ,anderen‘ bekannt machen zu wollen.
Ich habe es aber abgelehnt, weil ich weiß, daß Du
die Unsitte unserer Zeit aus diesem und ähnlichem
herleitest, und wohl mit Recht. Leicht ist es mir
aber nicht geworden. Dazu kommt noch', daß
Ems in einem Kessel liegt. Wir leiden hier außerordentlich unter der Hitze.“

Innstetten hatte diesen letzten Brief mit geteilten
Empfindungen gelesen, etwas erheitert, aber doch auch
ein wenig mißmutig. Die Zwicker war keine Frau
für Effi, der nun 'mal ein Zug innewohnte, sich nach
links hin treiben zu lassen; er gab es aber auf,
irgend was in diesem Sinne zu schreiben, einmal
weil er sie nicht verstimmen wollte, mehr noch, weil
er sich sagte, daß es doch nichts helfen würde. Dabei
sah er der Rückkehr seiner Frau mit Sehnsucht entgegen und beklagte des Dienstes nicht bloß „immer
gleichgestellte“, sondern jetzt, wo jeder Ministerialrat
fort war oder fort wollte, leider auch auf Doppelstunden gestellte Uhr.

Ja, Innstetten sehnte sich nach Unterbrechung
von Arbeit und Einsamkeit, und verwandte Gefühle
hegte man draußen in der Küche, wo Annie, wenn
die Schulstunden hinter ihr lagen, ihre Zeit am
liebsten verbrachte, was insoweit ganz natürlich war,
als Roswitha und Johanna nicht nur das kleine
Fräulein in gleichem Maße liebten, sondern auch
unter einander nach wie vor auf dem besten Fuße
standen. Diese Freundschaft der beiden Mädchen
war ein Lieblingsgespräch zwischen den verschiedenen
Freunden des Hauses, und Landgerichtsrat Gizicki
sagte dann wohl zu Wüllersdorf: „Ich sehe darin
nur eine neue Bestätigung des alten Weisheitssatzes:
,Laßt fette Leute um mich sein‘; — Cäsar war eben
ein Menschenkenner und wußte, daß Dinge, wie Behaglichkeit und Umgänglichkeit, eigentlich nur beim
Embonpoint sind.“ Von einem solchen ließ sich denn
nun bei beiden Mädchen auch wirklich sprechen, nur
mit dem Unterschiede, daß das in diesem Falle nicht
gut zu umgehende Fremdwort bei Roswitha schon
stark eine Beschönigung, bei Johanna dagegen einfach
die zutreffende Bezeichnung war. Diese letztere durfte
man nämlich nicht eigentlich korpulent nennen, sie
war nur prall und drall und sah jederzeit mit einer
eigenen, ihr übrigens durchaus kleidenden Siegermiene
gradlinig und blauäugig über ihre Normalbüste fort.
Von Haltung und Anstand getragen, lebte sie ganz in
dem Hochgefühl, die Dienerin eines guten Hauses
zu sein, wobei sie das Überlegenheitsbewußtsein über
die halb bäuerisch gebliebene Roswitha in einem so
hohen Maße hatte, daß sie, was gelegentlich vorkam,
die momentan bevorzugte Stellung dieser nur belächelte. Diese Bevorzugung, — nun ja, wenn's
dann 'mal so sein sollte, war eine kleine liebenswürdige Sonderbarkeit der gnädigen Frau, die man
der guten alten Roswitha mit ihrer ewigen Geschichte
„von dem Vater mit der glühenden Eisenstange“ schon
gönnen konnte. „Wenn man sich besser hält, so kann
dergleichen nicht vorkommen.“ Das alles dachte sie,
sprach's aber nicht aus. Es war eben ein freundliches Miteinanderleben. Was aber wohl ganz
besonders für Frieden und gutes Einvernehmen
sorgte, das war der Umstand, daß man sich, nach
einem stillen Übereinkommen, in die Behandlung
und fast auch Erziehung Annie's geteilt hatte.
Roswitha hatte das poetische Departement, die
Märchen- und Geschichtenerzählung, Johanna dagegen das des Anstands, eine Teilung, die hüben
und drüben so fest gewurzelt stand, daß Kompetenzkonflikte kaum vorkamen, wobei der Charakter Annie's,
die eine ganz entschiedene Neigung hatte, das vornehme Fräulein zu betonen, allerdings mithalf, eine
Rolle, bei der sie keine bessere Lehrerin als Johanna
haben konnte.

Noch einmal also: Beide Mädchen waren gleichwertig in Annie's Augen. In diesen Tagen aber,
wo man sich auf die Rückkehr Effi's vorbereitete,
war Roswitha der Rivalin 'mal wieder um einen
Pas voraus, weil ihr, und zwar als etwas ihr Zuständiges, die ganze Begrüßungsangelegenheit zugefallen war. Diese Begrüßung zerfiel in zwei
Hauptteile: Guirlande mit Kranz und dann, abschließend, Gedichtvortrag. Kranz und Guirlande, —
nachdem man über „W.“ oder „E. J.“ eine
zeitlang geschwankt, — hatte zuletzt keine sonderlichen Schwierigkeiten gemacht („W.“, in Vergißmeinnicht geflochten, war bevorzugt worden), aber
desto größere Verlegenheit schien die Gedichtfrage
heraufbeschwören zu sollen und wäre vielleicht
ganz unbeglichen geblieben, wenn Roswitha nicht
den Mut gehabt hätte, den von einer Gerichtssitzung heimkehrenden Landgerichtsrat auf der zweiten
Treppe zu stellen und ihm mit einem auf einen
„Vers“ gerichteten Ansinnen mutig entgegenzutreten. Gizicki, ein sehr gütiger Herr, hatte
sofort alles versprochen, und noch am selben
Spätnachmittage war seitens seiner Köchin der
gewünschte Vers und zwar folgenden Inhalts
abgegeben worden:

Mama, wir erwarten Dich lange schon,
Durch Wochen und Tage und Stunden,
Nun grüßen wir Dich von Flur und Balkon
Und haben Kränze gewunden.
Nun lacht Papa voll Freudigkeit,
Denn die gattin- und mutterlose Zeit
Ist endlich von ihm genommen,
Und Roswitha lacht und Johanna dazu,
Und Annie springt aus ihrem Schuh
Und ruft: willkommen, willkommen.

Es versteht sich von selbst, daß die Strophe
noch an demselben Abend auswendig gelernt, aber
doch nebenher auch auf ihre Schönheit, beziehungsweise
Nicht-Schönheit kritisch geprüft worden war. Das Betonen von Gattin und Mutter, so hatte sich Johanna
geäußert, erscheine zunächst freilich nur in der Ordnung;
aber es läge doch auch etwas darin, was Anstoß
erregen könne, und sie persönlich würde sich als
„Gattin und Mutter“ dadurch verletzt fühlen. Annie,
durch diese Bemerkung einigermaßen geängstigt, versprach, das Gedicht am andern Tage der Klassenlehrerin vorlegen zu wollen und kam mit dem Bemerken
zurück: „Das Fräulein sei mit ,Gattin und Mutter‘
durchaus einverstanden, aber desto mehr gegen ,Roswitha und Johanna‘ gewesen,“ — worauf Roswitha
erklärt hatte: „Das Fräulein sei eine dumme Gans;
das käme davon, wenn man zuviel gelernt habe.“

Es war an einem Mittwoch, daß die Mädchen
und Annie das vorstehende Gespräch geführt und
den Streit um die bemängelte Zeile beigelegt hatten.
Am andern Morgen — ein erwarteter Brief Effi's
hatte noch den mutmaßlich erst in den Schluß der
nächsten Woche fallenden Ankunftstag festzustellen —
ging Innstetten auf das Ministerium. Jetzt war
Mittag heran, die Schule aus, und als Annie, ihre
Mappe auf dem Rücken, eben vom Kanal her auf
die Keithstraße zuschritt, traf sie Roswitha vor ihrer
Wohnung.

„Nun laß sehen,“ sagte Annie, „wer am ehesten
von uns die Treppe heraufkommt.“ Roswitha wollte
von diesem Wettlauf nichts wissen, aber Annie jagte
voran, geriet, oben angekommen, ins Stolpern und
fiel dabei so unglücklich, daß sie mit der Stirn auf
den dicht an der Treppe befindlichen Abkratzer aufschlug
und stark blutete. Roswitha, mühevoll nachkeuchend,
riß jetzt die Klingel, und als Johanna das etwas
verängstigte Kind hineingetragen hatte, beratschlagte
man, was nun wohl zu machen sei. „Wir wollen
nach dem Doktor schicken, . . . wir wollen nach dem
gnädigen Herrn schicken . . . des Portiers Lene muß
ja jetzt auch aus der Schule wieder da sein.“ Es
wurde aber alles wieder verworfen, weil es zu lange
dauere, man müsse gleich 'was thun, und so packte
man denn das Kind aufs Sofa und begann, mit
kaltem Wasser zu kühlen. Alles ging auch gut, so daß
man sich zu beruhigen begann. „Und nun wollen
wir sie verbinden,“ sagte schließlich Roswitha. „Da
muß ja noch die lange Binde sein, die die gnädige
Frau letzten Winter zuschnitt, als sie sich auf dem
Eise den Fuß verknickt hatte . . .“ „Freilich, freilich,“
sagte Johanna, „bloß wo die Binde hernehmen? . . .
Richtig, da fällt mir ein, die liegt im Nähtisch. Er
wird wohl zu sein, aber das Schloß ist Spielerei;
holen Sie nur das Stemmeisen, Roswitha, wir wollen
den Deckel aufbrechen.“ Und nun wuchteten sie auch
wirklich den Deckel ab und begannen, in den Fächern
umherzukramen, oben und unten, die zusammengerollte
Binde jedoch wollte sich nicht finden lassen. „Ich weiß
aber doch, daß ich sie gesehn habe,“ sagte Roswitha,
und während sie halb ärgerlich immer weiter suchte,
flog alles, was ihr dabei zu Händen kam, auf das
breite Fensterbrett: Nähzeug, Nadelkissen, Rollen mit
Zwirn und Seide, kleine vertrocknete Veilchensträußchen,
Karten, Billets, zuletzt ein kleines Konvolut von Briefen,
das unter dem dritten Einsatz gelegen hatte, ganz unten,
mit einem roten Seidenfaden umwickelt. Aber die
Binde hatte man noch immer nicht.

In diesem Augenblicke trat Innstetten ein.

„Gott,“ sagte Roswitha und stellte sich erschreckt
neben das Kind. „Es ist nichts, gnädiger Herr;
Annie ist auf das Kratzeisen gefallen . . . Gott,
was wird die gnädige Frau sagen. Und doch ist
es ein Glück, daß sie nicht mit dabei war.“

Innstetten hatte mittlerweile die vorläufig aufgelegte Kompresse fortgenommen und sah, daß es
ein tiefer Riß, sonst aber ungefährlich war. „Es ist
nicht schlimm,“ sagte er; „trotzdem, Roswitha, wir
müssen sehen, daß Rummschüttel kommt. Lene kann
ja gehen, die wird jetzt Zeit haben. Aber was in
aller Welt ist denn das da mit dem Nähtisch?“

Und nun erzählte Roswitha, wie sie nach der
gerollten Binde gesucht hätten; aber sie woll' es
nun aufgeben und lieber eine neue Leinwand schneiden.

Innstetten war einverstanden und setzte sich, als
bald danach beide Mädchen das Zimmer verlassen
hatten, zu dem Kinde. „Du bist so wild, Annie,
das hast Du von der Mama. Immer wie ein Wirbelwind. Aber dabei kommt nichts heraus oder höchstens
so 'was.“ Und er wies auf die Wunde und gab
ihr einen Kuß. „Du hast aber nicht geweint, das
ist brav, und darum will ich Dir die Wildheit verzeihen . . . . Ich denke, der Doktor wird in einer
Stunde hier sein; thu' nur alles, was er sagt, und
wenn er Dich verbunden hat, so zerre nicht und rücke
und drücke nicht dran, dann heilt es schnell, und
wenn die Mama dann kommt, dann ist alles wieder
in Ordnung oder doch beinah'. Ein Glück ist es
aber doch, daß es noch bis nächste Woche dauert,
Ende nächster Woche, so schreibt sie mir; eben habe
ich einen Brief von ihr bekommen; sie läßt Dich
grüßen und freut sich, Dich wiederzusehen.“

„Du könntest mir den Brief eigentlich vorlesen,
Papa.“

„Das will ich gern.“

Aber eh' er dazu kam, kam Johanna, um zu
sagen, daß das Essen aufgetragen sei. Annie, trotz
ihrer Wunde, stand mit auf, und Vater und Tochter
setzten sich zu Tisch.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Innstetten und Annie saßen sich eine Weile
stumm gegenüber; endlich als ihm die Stille peinlich
wurde, that er ein paar Fragen über die Schulvorsteherin und welche Lehrerin sie eigentlich am
liebsten habe. Annie antwortete auch, aber ohne
rechte Lust, weil sie fühlte, daß Innstetten wenig bei
der Sache war. Es wurde erst besser, als Johanna,
nach dem zweiten Gericht, ihrem Anniechen zuflüsterte,
es gäbe noch 'was. Und wirklich, die gute Roswitha, die dem Liebling an diesem Unglückstage 'was
schuldig zu sein glaubte, hatte noch ein übriges gethan und sich zu einer Omelette mit Apfelschnitten
aufgeschwungen.

Annie wurde bei diesem Anblicke denn auch
etwas redseliger, und ebenso zeigte sich Innstetten's
Stimmung gebessert, als es gleich danach klingelte
und Geheimrat Rummschüttel eintrat. Ganz zufällig.
Er sprach nur vor, ohne jede Ahnung, daß man
nach ihm geschickt und um seinen Besuch gebeten
habe. Mit den aufgelegten Kompressen war er zufrieden. „Lassen Sie noch etwas Bleiwasser holen
und Annie morgen zu Hause bleiben. Überhaupt
Ruhe.“ Dann frug er noch nach der gnädigen Frau
und wie die Nachrichten aus Ems seien; er werde
den andern Tag wieder kommen und nachsehen.

Als man von Tisch aufgestanden und in das
nebenan gelegene Zimmer — dasselbe, wo man mit
so viel Eifer und doch vergebens nach dem Verbandstück gesucht hatte —, eingetreten war, wurde Annie
wieder auf das Sofa gebettet. Johanna kam und
setzte sich zu dem Kinde, während Innstetten die zahllosen Dinge, die bunt durcheinander gewürfelt noch
auf dem Fensterbrett umherlagen, wieder in den
Nähtisch einzuräumen begann. Dann und wann
wußte er sich nicht recht Rat und mußte fragen.

„Wo haben die Briefe gelegen, Johanna?“

„Ganz zu unterst,“ sagte diese „hier in diesem Fach.“

Und während so Frage und Antwort ging, betrachtete Innstetten etwas aufmerksamer als vorher
das kleine, mit einem roten Faden zusammengebundene Paket, das mehr aus einer Anzahl zusammengelegter Zettel, als aus Briefen zu bestehen schien.
Er fuhr, als wäre es ein Spiel Karten, mit dem
Daumen und Zeigefinger an der Seite des Päckchens
hin und einige Zeilen, eigentlich nur vereinzelte Worte,
flogen dabei an seinem Auge vorüber. Von deutlichem Erkennen konnte keine Rede sein, aber es kam
ihm doch so vor, als habe er die Schriftzüge schon
irgendwo gesehen. Ob er nachsehen solle?

„Johanna, Sie könnten uns den Kaffee bringen.
Annie trinkt auch eine halbe Tasse. Der Doktor hat's
nicht verboten, und was nicht verboten ist, ist erlaubt.“

Als er das sagte, wand er den roten Faden ab
und ließ, während Johanna das Zimmer verließ,
den ganzen Inhalt des Päckchens rasch durch die
Finger gleiten. Nur zwei, drei Briefe waren adressiert:
„An Frau Landrat von Innstetten.“ Er erkannte
jetzt auch die Handschrift; es war die des Majors.
Innstetten wußte nichts von einer Korrespondenz
zwischen Crampas und Effi, und in seinem Kopfe
begann sich alles zu drehen. Er steckte das Paket
zu sich und ging in sein Zimmer zurück. Etliche
Minuten später und Johanna, zum Zeichen, daß der
Kaffee da sei, klopfte leis an die Thür. Innstetten
antwortete auch, aber dabei blieb es; sonst alles still.
Erst nach einer Viertelstunde hörte man wieder sein
Auf- und Abschreiten auf dem Teppich. „Was nur
Papa hat?“ sagte Johanna zu Annie. „Der Doktor
hat ihm doch gesagt, es sei nichts.“

Das Auf- und Abschreiten nebenan wollte kein
Ende nehmen. Endlich erschien Innstetten wieder
im Nebenzimmer und sagte: „Johanna, achten Sie
auf Annie und daß sie ruhig auf dem Sofa bleibt.
Ich will eine Stunde gehen oder vielleicht zwei.“

Dann sah er das Kind aufmerksam an und
entfernte sich.

„Hast Du gesehen, Johanna, wie Papa aussah?“

„Ja, Annie. Er muß einen großen Ärger gehabt haben. Er war ganz blaß. So hab ich ihn
noch nie gesehen.“

Es vergingen Stunden. Die Sonne war schon
unter, und nur ein roter Widerschein lag noch über
den Dächern drüben, als Innstetten wieder zurück
kam. Er gab Annie die Hand, fragte wie's ihr
gehe und ordnete dann an, daß ihm Johanna die
Lampe in sein Zimmer bringe. Die Lampe kam auch.
In dem grünen Schirm befanden sich halb durchsichtige Ovale mit Photographieen, allerlei Bildnisse
seiner Frau, die noch in Kessin, damals als man
den Wichert'schen „Schritt vom Wege“ aufgeführt
hatte, für die verschiedenen Mitspielenden angefertigt
waren. Innstetten drehte den Schirm langsam von
links nach rechts und musterte jedes einzelne Bildnis.
Dann ließ er davon ab, öffnete, weil er es schwül
fand, die Balkonthür und nahm schließlich das Briefpaket wieder zur Hand. Es schien, daß er, gleich
beim ersten Durchsehen, ein paar davon ausgewählt
und obenauf gelegt hatte. Diese las er jetzt noch
einmal mit halblauter Stimme.

„Sei heute nachmittag wieder in den Dünen,
hinter der Mühle. Bei der alten Adermann können
wir uns ruhig sprechen, das Haus ist abgelegen genug.
Du mußt Dich nicht um alles so bangen. Wir haben
auch ein Recht. Und wenn Du Dir das eindringlich
sagst, wird, denk ich, alle Furcht von Dir abfallen.
Das Leben wäre nicht des Lebens wert, wenn das
alles gelten sollte, was zufällig gilt. Alles beste
liegt jenseits davon. Lerne Dich daran freuen.“

„. . . Fort, so schreibst Du, Flucht. Unmöglich.
Ich kann meine Frau nicht im Stich lassen, zu allem
andern auch noch in Not. Es geht nicht, und wir
müssen es leicht nehmen, sonst sind wir arm und
verloren. Leichtsinn ist das beste, was wir haben.
Alles ist Schicksal. Es hat so sein sollen. Und
möchtest Du, daß es anders wäre, daß wir uns nie
gesehen hätten?“

Dann kam der dritte Brief.

„. . . Sei heute noch einmal an der alten Stelle.
Wie sollen meine Tage hier verlaufen ohne Dich!
In diesem öden Nest. Ich bin außer mir, und nur
darin hast Du recht: es ist die Rettung, und wir
müssen schließlich doch die Hand segnen, die diese
Trennung über uns verhängt.“

Innstetten hatte die Briefe kaum wieder beiseite
geschoben, als draußen die Klingel ging. Gleich danach
meldete Johanna: „Geheimrat Wüllersdorf.“

Wüllersdorf trat ein und sah auf den ersten
Blick, daß etwas vorgefallen sein müsse.

„Pardon, Wüllersdorf,“ empfing ihn Innstetten,
„daß ich Sie gebeten habe, noch gleich heute bei mir
vorzusprechen. Ich störe niemand gern in seiner
Abendruhe, am wenigsten einen geplagten Ministerialrat. Es ging aber nicht anders. Ich bitte Sie,
machen Sie sich's bequem. Und hier eine Cigarre.“

Wüllersdorf setzte sich. Innstetten ging wieder
auf und ab und wäre bei der ihn verzehrenden Unruhe gern in Bewegung geblieben, sah aber, daß das
nicht gehe. So nahm er denn auch seinerseits eine
Cigarre, setzte sich Wüllersdorf gegenüber und versuchte ruhig zu sein.

„Es ist,“ begann er, „um zweier Dinge willen,
daß ich Sie habe bitten lassen: erst um eine Forderung
zu überbringen und zweitens um hinterher, in der
Sache selbst, mein Sekundant zu sein; das eine ist
nicht angenehm und das andere noch weniger. Und
nun Ihre Antwort.“

„Sie wissen, Innstetten, Sie haben über mich
zu verfügen. Aber eh' ich die Sache kenne, verzeihen
Sie mir die naive Vorfrage: muß es sein? Wir
sind doch über die Jahre weg, Sie, um die Pistole
in die Hand zu nehmen, und ich, um dabei mitzumachen. Indessen mißverstehen Sie mich nicht,
alles dies soll kein „nein“ sein. Wie könnte ich Ihnen
etwas abschlagen. Aber nun sagen Sie, was ist es?“

„Es handelt sich um einen Galan meiner Frau,
der zugleich mein Freund war oder doch beinah.“

Wüllersdorf sah Innstetten an. „Innstetten,
das ist nicht möglich.“

„Es ist mehr als möglich, es ist gewiß. Lesen
Sie.“

Wüllersdorf flog drüber hin. „Die sind an
Ihre Frau gerichtet?“

„Ja. Ich fand sie heut in ihrem Nähtisch.“

„Und wer hat sie geschrieben?“

„Major Crampas.“

„Also Dinge, die sich abgespielt, als Sie noch
in Kessin waren?“

Innstetten nickte.

„Liegt also sechs Jahre zurück oder noch ein
halb Jahr länger.“

„Ja.“

Wüllersdorf schwieg. Nach einer Weile sagte
Innstetten: „Es sieht fast so aus, Wüllersdorf, als
ob die sechs oder sieben Jahre einen Eindruck auf
Sie machten. Es giebt eine Verjährungstheorie,
natürlich, aber ich weiß doch nicht, ob wir hier einen
Fall haben, diese Theorie gelten zu lassen.“

„Ich weiß es auch nicht,“ sagte Wüllersdorf.
„Und ich bekenne Ihnen offen, um diese Frage scheint
sich hier alles zu drehen.“

Innstetten sah ihn groß an. „Sie sagen das
in vollem Ernst?“

„In vollem Ernst. Es ist keine Sache, sich in
jeu d'esprit oder in dialektischen Spitzfindigkeiten
zu versuchen.“

„Ich bin neugierig, wie Sie das meinen. Sagen
Sie mir offen, wie stehen Sie dazu?“

„Innstetten, Ihre Lage ist furchtbar, und Ihr
Lebensglück ist hin. Aber wenn Sie den Liebhaber
totschießen, ist Ihr Lebensglück so zu sagen doppelt
hin, und zu dem Schmerz über empfangenes Leid
kommt noch der Schmerz über gethanes Leid. Alles
dreht sich um die Frage, müssen Sie's durchaus
thun? Fühlen Sie sich so verletzt, beleidigt, empört,
daß einer weg muß, er oder Sie? Steht es so?“

„Ich weiß es nicht.“

„Sie müssen es wissen.“

Innstetten war aufgesprungen, trat ans Fenster
und tippte voll nervöser Erregung an die Scheiben.
Dann wandte er sich rasch wieder, ging auf Wüllersdorf zu und sagte: „Nein, so steht es nicht.“

„Wie steht es dann?“

„Es steht so, daß ich unendlich unglücklich bin;
ich bin gekränkt, schändlich hintergangen, aber trotzdem, ich bin ohne jedes Gefühl von Haß oder gar
von Durst nach Rache. Und wenn ich mich frage,
warum nicht? so kann ich zunächst nichts anderes
finden, als die Jahre. Man spricht immer von unsühnbarer Schuld; vor Gott ist es gewiß falsch, aber
vor den Menschen auch. Ich hatte nie geglaubt, daß
die Zeit, rein als Zeit, so wirken könne. Und
dann als zweites: ich liebe meine Frau, ja, seltsam
zu sagen, ich liebe sie noch, und so furchtbar ich
alles finde, was geschehen, ich bin so sehr im Bann ihrer
Liebenswürdigkeit, eines ihr eignen heiteren Charmes,
daß ich mich, mir selbst zum Trotz, in meinem letzten
Herzenswinkel zum Verzeihen geneigt fühle.“

Wüllersdorf nickte. „Kann ganz folgen, Innstetten, würde mir vielleicht ebenso gehen. Aber wenn
Sie so zu der Sache stehen und mir sagen: ‚Ich
liebe diese Frau so sehr, daß ich ihr alles verzeihen
kann,‘ und wenn wir dann das andere hinzunehmen,
daß alles weit, weit zurückliegt, wie ein Geschehnis
auf einem andern Stern, ja, wenn es so liegt, Innstetten, so frage ich, wozu die ganze Geschichte?“

„Weil es trotzdem sein muß. Ich habe mir's
hin und her überlegt. Man ist nicht bloß ein einzelner Mensch, man gehört einem Ganzen an, und
auf das Ganze haben wir beständig Rücksicht zu
nehmen, wir sind durchaus abhängig von ihm. Ging'
es, in Einsamkeit zu leben, so könnt' ich es gehen
lassen; ich trüge dann die mir aufgepackte Last, das
rechte Glück wäre hin, aber es müssen so viele leben
ohne dies „rechte Glück“, und ich würde es auch
müssen und — auch können. Man braucht nicht
glücklich zu sein, am allerwenigsten hat man einen
Anspruch darauf, und den, der einem das Glück genommen hat, den braucht man nicht notwendig aus
der Welt zu schaffen. Man kann ihn, wenn man
weltabgewandt weiter existieren will, auch laufen
lassen. Aber im Zusammenleben mit den Menschen
hat sich ein Etwas ausgebildet, das nun 'mal da ist
und nach dessen Paragraphen wir uns gewöhnt haben,
alles zu beurteilen, die andern und uns selbst. Und
dagegen zu verstoßen, geht nicht; die Gesellschaft verachtet uns, und zuletzt thun wir es selbst und können
es nicht aushalten und jagen uns die Kugel durch
den Kopf. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen solche
Vorlesung halte, die schließlich doch nur sagt, was
sich jeder selber hundertmal gesagt hat. Aber freilich,
wer kann 'was neues sagen! Also noch einmal,
nichts von Haß oder dergleichen, und um eines
Glückes willen, das mir genommen wurde, mag ich
nicht Blut an den Händen haben; aber jenes, wenn
Sie wollen, uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas,
das fragt nicht nach Charme und nicht nach Liebe
und nicht nach Verjährung. Ich habe keine Wahl.
Ich muß.“

„Ich weiß doch nicht, Innstetten . . .“

Innstetten lächelte. „Sie sollen selbst entscheiden,
Wüllersdorf. Es ist jetzt zehn Uhr. Vor sechs
Stunden, diese Konzession will ich Ihnen vorweg
machen, hatt' ich das Spiel noch in der Hand, konnt'
ich noch das eine und noch das andere, da war noch
ein Ausweg. Jetzt nicht mehr, jetzt stecke ich in einer
Sackgasse. Wenn Sie wollen, so bin ich selber schuld
daran; ich hätte mich besser beherrschen und bewachen,
alles in mir verbergen, alles im eignen Herzen auskämpfen sollen. Aber es kam mir zu plötzlich, zu
stark, und so kann ich mir kaum einen Vorwurf
machen, meine Nerven nicht geschickter in Ordnung
gehalten zu haben. Ich ging zu Ihnen und schrieb
Ihnen einen Zettel, und damit war das Spiel aus
meiner Hand. Von dem Augenblicke an hatte mein
Unglück und, was schwerer wiegt, der Fleck auf
meiner Ehre einen halben Mitwisser, und nach den
ersten Worten, die wir hier gewechselt, hat es einen
ganzen. Und weil dieser Mitwisser da ist, kann ich
nicht mehr zurück.“

„Ich weiß doch nicht,“ wiederholte Wüllersdorf.
„Ich mag nicht gerne zu der alten abgestandenen
Phrase greifen, aber doch läßt sich's nicht besser
sagen: Innstetten, es ruht alles in mir wie in einem
Grabe.“

„Ja, Wüllersdorf, so heißt es immer. Aber es
giebt keine Verschwiegenheit. Und wenn Sie's wahr
machen und gegen andere die Verschwiegenheit selber
sind, so wissen Sie es, und es rettet mich nicht vor
Ihnen, daß Sie mir eben Ihre Zustimmung ausgedrückt und mir sogar gesagt haben: ich kann Ihnen
in allem folgen. Ich bin, und dabei bleibt es, von
diesem Augenblicke an ein Gegenstand Ihrer Teilnahme (schon nicht etwas sehr Angenehmes), und
jedes Wort, das Sie mich mit meiner Frau wechseln
hören, unterliegt Ihrer Kontrolle, Sie mögen wollen
oder nicht, und wenn meine Frau von Treue spricht
oder, wie Frauen thun, über eine andere zu Gericht
sitzt, so weiß ich nicht, wo ich mit meinen Blicken
hin soll. Und ereignet sich's gar, daß ich in irgend
einer ganz alltäglichen Beleidigungssache zum guten
rede, ,weil ja der dolus fehle‘ oder so 'was Ähnliches, so geht ein Lächeln über Ihr Gesicht, oder
es zuckt wenigstens darin, und in Ihrer Seele klingt
es: ,der gute Innstetten, er hat doch eine wahre
Passion, alle Beleidigungen auf ihren Beleidigungsgehalt chemisch zu untersuchen, und das richtige
Quantum Stickstoff findet er nie. Er ist noch nie
an einer Sache erstickt' . . . Habe ich recht, Wüllersdorf, oder nicht?“

Wüllersdorf war aufgestanden. „Ich finde es
furchtbar, daß Sie recht haben, aber Sie haben
recht. Ich quäle Sie nicht länger mit meinem ,muß
es sein‘. Die Welt ist einmal wie sie ist, und die
Dinge verlaufen nicht wie wir wollen, sondern wie
die andern wollen. Das mit dem ,Gottesgericht‘,
wie manche hochtrabend versichern, ist freilich ein
Unsinn, nichts davon, umgekehrt, unser Ehrenkultus
ist ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm unterwerfen, so lange der Götze gilt.“

Innstetten nickte.

Sie blieben noch eine Viertelstunde miteinander,
und es wurde festgestellt, Wüllersdorf solle noch denselben Abend abreisen. Ein Nachtzug ging um zwölf.

Dann trennten sie sich mit einem kurzen: „Auf
Wiedersehen in Kessin.“

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Am andern Abend, wie verabredet, reiste Innstetten. Er benutzte denselben Zug, den am Tage
vorher Wüllersdorf benutzt hatte und war bald nach
fünf Uhr früh auf der Bahnstation, von wo der
Weg nach Kessin links abzweigte. Wie immer, so
lange die Saison dauerte, ging auch heute, gleich
nach Eintreffen des Zuges das mehrerwähnte Dampfschiff, dessen erstes Läuten Innstetten schon hörte,
als er die letzten Stufen der vom Bahndamm hinabführenden Treppe erreicht hatte. Der Weg bis zur
Anlegestelle war keine drei Minuten; er schritt
darauf zu und begrüßte den Kapitän, der etwas
verlegen war, also im Laufe des gestrigen Tages
von der ganzen Sache schon gehört haben mußte,
und nahm dann seinen Platz in der Nähe des
Steuers. Gleich danach löste sich das Schiff vom
Brückensteg los; das Wetter war herrlich, helle
Morgensonne, nur wenig Passagiere an Bord. Innstetten gedachte des Tages, als er, mit Effi von der
Hochzeitsreise zurückkehrend, hier am Ufer der Kessine
hin in offenem Wagen gefahren war, — ein grauer
Novembertag damals, aber er selber froh im Herzen;
nun hatte sich's verkehrt: das Licht lag draußen,
und der Novembertag war in ihm. Viele, viele
Male war er dann des Weges hier gekommen, und
der Frieden, der sich über die Felder breitete, das
Zuchtvieh in den Koppeln, das aufhorchte, wenn
er vorüberfuhr, die Leute bei der Arbeit, die Fruchtbarkeit der Äcker, das alles hatte seinem Sinne
wohlgethan, und jetzt, in hartem Gegensatz dazu,
war er froh, als etwas Gewölk heranzog und den
lachenden blauen Himmel leise zu trüben begann.
So fuhren sie den Fluß hinab, und bald, nachdem
sie die prächtige Wasserfläche des „Breitling“ passiert,
kam der Kessiner Kirchturm in Sicht und gleich danach
auch das Bollwerk und die lange Häuserreihe mit
Schiffen und Booten davor. Und nun waren sie
heran. Innstetten verabschiedete sich von dem Kapitän
und schritt auf den Steg zu, den man, bequemeren
Aussteigens halber, herangerollt hatte. Wüllersdorf
war schon da. Beide begrüßten sich, ohne zunächst
ein Wort zu sprechen, und gingen dann, quer über den
Damm, auf den Hoppensack'schen Gasthof zu, wo sie
unter einem Zeltdach Platz nahmen.

„Ich habe mich gestern früh hier einquartiert,“
sagte Wüllersdorf, der nicht gleich mit den Sachlichkeiten beginnen wollte. „Wenn man bedenkt, daß
Kessin ein Nest ist, ist es erstaunlich, ein so
gutes Hotel hier zu finden. Ich bezweifle nicht,
daß mein Freund, der Oberkellner, drei Sprachen
spricht; seinem Scheitel und seiner ausgeschnittnen
Weste nach können wir dreist auf vier rechnen . . .
Jean, bitte, wollen Sie uns Kaffee und Cognac
bringen.“

Innstetten begriff vollkommen, warum Wüllersdorf diesen Ton anschlug, war auch damit einverstanden,
konnte aber seiner Unruhe nicht ganz Herr werden
und zog unwillkürlich die Uhr.

„Wir haben Zeit,“ sagte Wüllersdorf. „Noch
anderthalb Stunden oder doch beinah. Ich habe den
Wagen auf 8¼ bestellt; wir fahren nicht länger als
zehn Minuten.“

„Und wo?“

„Crampas schlug erst ein Waldeck vor, gleich
hinter dem Kirchhof. Aber dann unterbrach er sich
und sagte: ,Nein, da nicht.‘ Und dann haben wir
uns über eine Stelle zwischen den Dünen geeinigt.
Hart am Strand; die vorderste Düne hat einen
Einschnitt, und man sieht aufs Meer.“

Innstetten lächelte. „Crampas scheint sich einen
Schönheitspunkt ausgesucht zu haben. Er hatte immer
die Allüren dazu. Wie benahm er sich?“

„Wundervoll.“

„Übermütig? frivol?“

„Nicht das eine und nicht das andere. Ich bekenne Ihnen offen, Innstetten, daß es mich erschütterte.
Als ich Ihren Namen nannte, wurde er totenblaß
und rang nach Fassung, und um seine Mundwinkel
sah ich ein Zittern. Aber all' das dauerte nur einen
Augenblick, dann hatte er sich wieder gefaßt, und
von da ab war alles an ihm wehmütige Resignation.
Es ist mir ganz sicher, er hat das Gefühl, aus der
Sache nicht heil herauszukommen, und will auch
nicht. Wenn ich ihn richtig beurteile, er lebt gern
und ist zugleich gleichgültig gegen das Leben. Er
nimmt alles mit und weiß doch, daß es nicht viel
damit ist.“

„Wer wird ihm sekundieren? Oder sag' ich
lieber, wen wird er mitbringen?“

„Das war, als er sich wieder gefunden hatte,
seine Hauptsorge. Er nannte zwei, drei Adlige aus
der Nähe, ließ sie dann aber wieder fallen, sie seien
zu alt und zu fromm, er werde nach Treptow hin
telegraphieren an seinen Freund Buddenbrook. Und
der ist auch gekommen, famoser Mann, schneidig und
doch zugleich wie ein Kind. Er konnte sich nicht
beruhigen und ging in größter Erregung auf und ab.
Aber als ich ihm alles gesagt hatte, sagte er gerade
so wie wir: ‚Sie haben recht, es muß sein!‘“

Der Kaffee kam. Man nahm eine Cigarre, und
Wüllersdorf war wieder darauf aus, das Gespräch
auf mehr gleichgültige Dinge zu lenken.

„Ich wundere mich, daß keiner von den Kessinern
sich einfindet, Sie zu begrüßen. Ich weiß doch, daß
Sie sehr beliebt gewesen sind. Und nun gar Ihr
Freund Gieshübler . . .“

Innstetten lächelte. „Da verkennen Sie die
Leute hier an der Küste; halb sind es Philister und
halb Pfiffici, nicht sehr nach meinem Geschmack; aber
eine Tugend haben sie, sie sind alle sehr manierlich.
Und nun gar mein alter Gieshübler. Natürlich weiß
jeder, um was sich's handelt, aber eben deshalb hütet
man sich, den Neugierigen zu spielen.“

In diesem Augenblicke wurde von links her ein
zurückgeschlagener Chaisewagen sichtbar, der, weil es
noch vor der bestimmten Zeit war, langsam herankam.

„Ist das unser?“ fragte Innstetten.

„Mutmaßlich.“

Und gleich danach hielt der Wagen vor dem
Hotel, und Innstetten und Wüllersdorf erhoben sich.

Wüllersdorf trat an den Kutscher heran und
sagte: „Nach der Mole.“

Die Mole lag nach der entgegengesetzten Strandseite, rechts statt links, und die falsche Weisung wurde
nur gegeben, um etwaigen Zwischenfällen, die doch
immerhin möglich waren, vorzubeugen. Im übrigen,
ob man sich nun weiter draußen nach rechts oder
links zu halten vor hatte, durch die Plantage mußte
man jedenfalls, und so führte denn der Weg unvermeidlich an Innstettens alter Wohnung vorüber.
Das Haus lag noch stiller da als früher; ziemlich
vernachlässigt sah's in den Parterreräumen aus; wie
mocht es erst da oben sein! Und das Gefühl des
Unheimlichen, das Innstetten an Effi so oft bekämpft
oder auch wohl belächelt hatte, jetzt überkam es ihn
selbst, und er war froh, als sie dran vorüber
waren.

„Da hab' ich gewohnt,“ sagte er zu Wüllersdorf.

„Es sieht sonderbar aus, etwas öd' und verlassen.“

„Mag auch wohl. In der Stadt galt es als
ein Spukhaus, und wie's heute da liegt, kann ich
den Leuten nicht unrecht geben.“

„Was war es denn damit?“

„Ach, dummes Zeug: alter Schiffskapitän mit
Enkelin oder Nichte, die eines schönen Tages verschwand, und dann ein Chinese, der vielleicht ein
Liebhaber war, und auf dem Flur ein kleiner Haifisch
und ein Krokodil, beides an Strippen und immer
in Bewegung. Wundervoll zu erzählen, aber nicht
jetzt. Es spukt einem doch allerhand anderes im
Kopf.“

„Sie vergessen, es kann auch alles glatt ablaufen.“

„Darf nicht. Und vorhin, Wüllersdorf, als
Sie von Crampas sprachen, sprachen Sie selber
anders davon.“

Bald danach hatte man die Plantage passiert,
und der Kutscher wollte jetzt rechts einbiegen auf
die Mole zu. „Fahren Sie lieber links. Das mit
der Mole kann nachher kommen.“

Und der Kutscher bog links in eine breite Fahrstraße ein, die hinter dem Herrenbade grad auf den
Wald zulief. Als sie bis auf dreihundert Schritt
an diesen heran waren, ließ Wüllersdorf den Wagen
halten, und beide gingen nun, immer durch mahlenden
Sand hin, eine ziemlich breite Fahrstraße hinunter,
die die hier dreifache Dünenreihe senkrecht durchschnitt.
Überall zur Seite standen dichte Büschel von Strandhafer, um diesen herum aber Immortellen und ein
paar blutrote Nelken. Innstetten bückte sich und
steckte sich eine der Nelken ins Knopfloch. „Die
Immortellen nachher.“

So gingen sie fünf Minuten. Als sie bis an
die ziemlich tiefe Senkung gekommen waren, die
zwischen den beiden vordersten Dünenreihen hinlief,
sahen sie, nach links hin, schon die Gegenpartei:
Crampas und Buddenbrook und mit ihnen den
guten Dr. Hannemann, der seinen Hut in der
Hand hielt, so daß das weiße Haar im Winde
flatterte.

Innstetten und Wüllersdorf gingen die Sandschlucht hinauf, Buddenbrook kam ihnen entgegen.
Man begrüßte sich, worauf beide Sekundanten beiseite traten, um noch ein kurzes sachliches Gespräch
zu führen. Es lief darauf hinaus, daß man a tempo
avancieren und auf zehn Schritt Distance feuern solle.
Dann kehrte Buddenbrook an seinen Platz zurück;
alles erledigte sich rasch; und die Schüsse fielen.
Crampas stürzte.

Innstetten, einige Schritt zurücktretend, wandte
sich ab von der Szene. Wüllersdorf aber war auf
Buddenbrook zugeschritten, und beide warteten jetzt
auf den Ausspruch des Doktors, der die Achseln
zuckte. Zugleich deutete Crampas durch eine Handbewegung an, daß er etwas sagen wollte. Wüllersdorf
beugte sich zu ihm nieder, nickte zustimmend zu
den paar Worten, die kaum hörbar von des
Sterbenden Lippen kamen, und ging dann auf
Innstetten zu.

„Crampas will Sie noch sprechen, Innstetten.
Sie müssen ihm zu Willen sein. Er hat keine drei
Minuten Leben mehr.“

Innstetten trat an Crampas heran.

„Wollen Sie . . .“ das waren seine letzten
Worte.

Noch ein schmerzlicher und doch beinah freundlicher Schimmer in seinem Antlitz, und dann war
es vorbei.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Am Abend desselben Tages traf Innstetten
wieder in Berlin ein. Er war mit dem Wagen, den
er innerhalb der Dünen an dem Querwege zurückgelassen hatte, direkt nach der Bahnstation gefahren,
ohne Kessin noch einmal zu berühren, dabei den
beiden Sekundanten die Meldung an die Behörden
überlassend. Unterwegs (er war allein im Coupé)
hing er, alles noch 'mal überdenkend, dem Geschehenen
nach; es waren dieselben Gedanken wie zwei Tage
zuvor, nur daß sie jetzt den umgekehrten Gang gingen
und mit der Überzeugtheit von seinem Recht und
seiner Pflicht anfingen, um mit Zweifeln daran aufzuhören. „Schuld, wenn sie überhaupt 'was ist, ist
nicht an Ort und Stunde gebunden und kann nicht
hinfällig werden von heute auf morgen. Schuld
verlangt Sühne; das hat einen Sinn. Aber Verjährung ist etwas Halbes, etwas Schwächliches, zum
mindesten 'was Prosaisches.“ Und er richtete sich
an dieser Vorstellung auf und wiederholte sich's, daß
es gekommen sei, wie's habe kommen müssen. Aber
im selben Augenblicke, wo dies für ihn feststand,
warf er's auch wieder um. „Es muß eine Verjährung geben, Verjährung ist das einzig Vernünftige;
ob es nebenher auch noch prosaisch ist, ist gleichgültig;
das Vernünftige ist meist prosaisch. Ich bin jetzt
fünfundvierzig. Wenn ich die Briefe fünfundzwanzig
Jahre später gefunden hätte, so war ich siebzig. Dann
hätte Wüllersdorf gesagt: ,Innstetten, seien Sie kein
Narr.‘ Und wenn es Wüllersdorf nicht gesagt hätte,
so hätt' es Buddenbrook gesagt, und wenn auch der
nicht, so ich selbst. Dies ist mir klar. Treibt man
etwas auf die Spitze, so übertreibt man und hat die
Lächerlichkeit. Kein Zweifel. Aber wo fängt es an?
Wo liegt die Grenze? Zehn Jahre verlangen noch
ein Duell, und da heißt es Ehre, und nach elf Jahren
oder vielleicht schon bei zehnundeinhalb heißt es
Unsinn. Die Grenze, die Grenze. Wo ist sie?
War sie da? War sie schon überschritten? Wenn
ich mir seinen letzten Blick vergegenwärtige, resigniert
und in seinem Elend doch noch ein Lächeln, so hieß
der Blick: ,Innstetten, Prinzipienreiterei . . . Sie
konnten es mir ersparen und sich selber auch.‘ Und
er hatte vielleicht recht. Mir klingt so 'was in der
Seele. Ja, wenn ich voll tödlichem Haß gewesen
wäre, wenn mir hier ein tiefes Rachegefühl gesessen
hätte . . . Rache ist nichts Schönes, aber 'was
Menschliches und hat ein natürlich menschliches Recht.
So aber war alles einer Vorstellung, einem Begriff
zu Liebe, war eine gemachte Geschichte, halbe Komödie.
Und diese Komödie muß ich nun fortsetzen und muß
Effi wegschicken und sie ruinieren, und mich mit . . .
Ich mußte die Briefe verbrennen, und die Welt
durfte nie davon erfahren. Und wenn sie dann kam,
ahnungslos, so mußt' ich ihr sagen: ,Da ist Dein
Platz,‘ und mußte mich innerlich von ihr scheiden.
Nicht vor der Welt. Es giebt so viele Leben, die
keine sind, und so viele Ehen, die keine sind . . .
dann war das Glück hin, aber ich hätte das Auge mit
seinem Frageblicke und mit seiner stummen leisen Anklage nicht vor mir.“

Kurz vor zehn hielt Innstetten vor seiner
Wohnung. Er stieg die Treppen hinauf und zog
die Glocke; Johanna kam und öffnete.

„Wie steht es mit Annie?“

„Gut, gnäd'ger Herr. Sie schläft noch nicht . . .
Wenn der gnäd'ge Herr . . .“

„Nein, nein, das regt sie bloß auf. Ich sehe
sie lieber morgen früh. Bringen Sie mir ein Glas
Thee, Johanna. Wer war hier?“

„Nur der Doktor.“

Und nun war Innstetten wieder allein. Er
ging auf und ab, wie er's zu thun liebte. „Sie
wissen schon alles; Roswitha ist dumm, aber Johanna
ist eine kluge Person. Und wenn sie's nicht mit
Bestimmtheit wissen, so haben sie sich's zurecht
gelegt und wissen es doch. Es ist merkwürdig, was
alles zum Zeichen wird und Geschichten ausplaudert,
als wäre jeder mit dabei gewesen.“

Johanna brachte den Thee. Innstetten trank.
Er war nach der Überanstrengung todmüde und
schlief ein.

Innstetten war zu guter Zeit auf. Er sah
Annie, sprach ein paar Worte mit ihr, lobte sie, daß
sie eine gute Kranke sei und ging dann aufs Ministerium,
um seinem Chef von allem Vorgefallenen Meldung zu
machen. Der Minister war sehr gnädig. „Ja, Innstetten, wohl dem, der aus allem, was das Leben
uns bringen kann, heil heraus kommt; Sie hat's
getroffen.“ Er fand alles, was geschehen, in der
Ordnung und überließ Innstetten das weitere.

Erst spät nachmittags war Innstetten wieder in
seiner Wohnung, in der er ein paar Zeilen von
Wüllersdorf vorfand. „Heute früh wieder eingetroffen.
Eine Welt von Dingen erlebt; Schmerzliches, Rührendes,
Gieshübler an der Spitze. Der liebenswürdigste
Pucklige, den ich je gesehen. Von Ihnen sprach er
nicht allzu viel, aber die Frau, die Frau! Er konnte
sich nicht beruhigen, und zuletzt brach der kleine
Mann in Thränen aus. Was alles vorkommt. Es
wäre zu wünschen, daß es mehr Gieshübler gäbe.
Es giebt aber mehr andere. Und dann die Szene
im Hause des Majors . . . furchtbar. Kein Wort
davon. Man hat wieder 'mal gelernt: aufpassen.
Ich sehe Sie morgen. Ihr W.“

Innstetten war ganz erschüttert, als er gelesen.
Er setzte sich und schrieb seinerseits ein paar Briefe.
Als er damit zu Ende war, klingelte er: „Johanna,
die Briefe in den Kasten.“

Johanna nahm die Briefe und wollte gehen.

„. . . Und dann, Johanna, noch eins: die Frau
kommt nicht wieder. Sie werden von anderen erfahren, warum nicht. Annie darf nichts wissen,
wenigstens jetzt nicht. Das arme Kind. Sie müssen
es ihr allmählich beibringen, daß sie keine Mutter
mehr hat. Ich kann es nicht. Aber machen Sie's
gescheidt. Und daß Roswitha nicht alles verdirbt.“

Johanna stand einen Augenblick ganz wie benommen da. Dann ging sie auf Innstetten zu und
küßte ihm die Hand.

Als sie wieder draußen in der Küche war, war
sie von Stolz und Überlegenheit ganz erfüllt, ja beinahe von Glück. Der gnädige Herr hatte ihr nicht
nur alles gesagt, sondern am Schlusse auch noch
hinzugesetzt „und daß Roswitha nicht alles verdirbt“.
Das war die Hauptsache, und ohne daß es ihr an
gutem Herzen und selbst an Teilnahme mit der Frau
gefehlt hätte, beschäftigte sie doch, über jedes andere
hinaus, der Triumph einer gewissen Intimitätsstellung
zum gnädigen Herrn.

Unter gewöhnlichen Umständen wäre ihr denn
auch die Herauskehrung und Geltendmachung dieses
Triumphes ein Leichtes gewesen, aber heute traf sich's
so wenig günstig für sie, daß ihre Rivalin, ohne
Vertrauensperson gewesen zu sein, sich doch als die
Eingeweihtere zeigen sollte. Der Portier unten hatte
nämlich, so ziemlich um dieselbe Zeit, wo dies spielte,
Roswitha in seine kleine Stube hineingerufen und
ihr gleich beim Eintreten ein Zeitungsblatt zum Lesen
zugeschoben. „Da, Roswitha, das ist 'was für Sie;
Sie können es mir nachher wieder 'runter bringen.
Es ist bloß das Fremdenblatt: aber Lene ist schon
hin und holt das Kleine Journal. Da wird wohl
schon mehr drin stehen; die wissen immer alles.
Hören Sie, Roswitha, wer so 'was gedacht hätte.“

Roswitha, sonst nicht allzu neugierig, hatte sich
doch nach dieser Ansprache so rasch wie möglich die
Hintertreppe hinaufbegeben und war mit dem Lesen
gerade fertig, als Johanna dazu kam.

Diese legte die Briefe, die ihr Innstetten eben
gegeben, auf den Tisch, überflog die Adressen oder
that wenigstens so (denn sie wußte längst, an wen
sie gerichtet waren) und sagte mit gut erkünstelter
Ruhe: „Einer ist nach Hohen-Cremmen.“

„Das kann ich mir denken,“ sagte Roswitha.

Johanna war nicht wenig erstaunt über diese
Bemerkung. „Der Herr schreibt sonst nie nach
Hohen-Cremmen.“

„Ja, sonst. Aber jetzt . . . Denken Sie sich,
das hat mir eben der Portier unten gegeben.“

Johanna nahm das Blatt und las nun halblaut
eine mit einem dicken Tintenstrich markierte Stelle:
„Wie wir kurz vor Redaktionsschluß von gut unterrichteter Seite her vernehmen, hat gestern früh in
dem Badeorte Kessin, in Hinterpommern, ein Duell
zwischen dem Ministerialrat v. J. (Keithstraße) und
dem Major von Crampas stattgefunden. Major
von Crampas fiel. Es heißt, daß Beziehungen
zwischen ihm und der Rätin, einer schönen und noch
sehr jungen Frau, bestanden haben sollen.“

„Was solche Blätter auch alles schreiben,“ sagte
Johanna, die verstimmt war, ihre Neuigkeit überholt
zu sehen. „Ja,“ sagte Roswitha. „Und das lesen
nun die Menschen und verschimpfieren mir meine
liebe, arme Frau. Und der arme Major. Nun ist
er tot.“

„Ja, Roswitha, was denken Sie sich eigentlich.
Soll er nicht tot sein? Oder soll lieber unser
gnädiger Herr tot sein?“

„Nein, Johanna, unser gnäd'ger Herr, der soll
auch leben, alles soll leben. Ich bin nicht für totschießen und kann nicht 'mal das Knallen hören.
Aber bedenken Sie doch, Johanna, das ist ja nun
schon eine halbe Ewigkeit her, und die Briefe, die
mir gleich so sonderbar aussahen, weil sie die rote
Strippe hatten und drei- oder viermal umwickelt und
dann eingeknotet und keine Schleife — die sahen ja
schon ganz gelb aus, so lange ist es her. Wir sind
ja nun schon über sechs Jahre hier, und wie kann
man wegen solcher alten Geschichten . . .“

„Ach, Roswitha, Sie reden, wie Sie's verstehen.
Und bei Lichte besehen, sind Sie schuld. Von den
Briefen kommt es her. Warum kamen Sie mit dem
Stemmeisen und brachen den Nähtisch auf, was man
nie darf; man darf kein Schloß aufbrechen, was ein
anderer zugeschlossen hat.“

„Aber, Johanna, das ist doch wirklich zu schlecht
von Ihnen, mir so 'was auf den Kopf zuzusagen,
und Sie wissen doch, daß Sie schuld sind und daß
Sie wie närrisch in die Küche stürzten und mir
sagten, der Nähtisch müsse aufgemacht werden, da
wäre die Bandage drin, und da bin ich mit dem
Stemmeisen gekommen, und nun soll ich schuld sein.
Nein, ich sage . . .“

„Nun, ich will es nicht gesagt haben, Roswitha.
Nur Sie sollen mir nicht kommen und sagen: der
arme Major. Was heißt der arme Major! Der
ganze arme Major taugte nichts; wer solchen rotblonden Schnurrbart hat und immer wribbelt, der
taugt nie 'was und richtet bloß Schaden an. Und
wenn man immer in vornehmen Häusern gedient
hat . . . aber das haben Sie nicht, Roswitha, das
fehlt Ihnen eben . . . dann weiß man auch, was
sich paßt und schickt und was Ehre ist, und weiß
auch, daß, wenn so 'was vorkommt, dann geht es
nicht anders, und dann kommt das, was man eine
Forderung nennt, und dann wird einer totgeschossen.“

„Ach, das weiß ich auch; ich bin nicht so dumm,
wie Sie mich immer machen wollen. Aber wenn es
so lange her ist . . .“

„Ja, Roswitha, mit Ihrem ewigen ,so lange
her'; daran sieht man ja eben, daß Sie nichts davon
verstehen. Sie erzählen immer die alte Geschichte
von Ihrem Vater mit dem glühenden Eisen und wie
er damit auf Sie losgekommen, und jedesmal, wenn
ich einen glühenden Bolzen einthue, muß ich auch
wirklich immer an Ihren Vater denken, und sehe
immer, wie er Sie wegen des Kindes, das ja nun
tot ist, tot machen will. Ja, Roswitha, davon
sprechen Sie in einem fort, und es fehlt bloß noch,
daß Sie Anniechen auch die Geschichte erzählen, und
wenn Anniechen eingesegnet wird, dann wird sie's
auch gewiß erfahren, und vielleicht denselben Tag
noch; und das ärgert mich, daß Sie das alles erlebt
haben, und Ihr Vater war doch bloß ein Dorfschmied
und hat Pferde beschlagen oder einen Radreifen gelegt,
und nun kommen Sie und verlangen von unserm
gnäd'gen Herrn, daß er sich das alles ruhig gefallen
läßt, bloß weil es so lange her ist. Was heißt lange
her? Sechs Jahre ist nicht lange her. Und unsre
gnäd'ge Frau — die aber nicht wiederkommt, der
gnäd'ge Herr hat es mir eben gesagt — unsre gnäd'ge
Frau wird erst sechsundzwanzig, und im August ist
ihr Geburtstag, und da kommen Sie mir ,mit lange
her'. Und wenn sie sechsunddreißig wäre, ich sage
Ihnen, bei sechsunddreißig muß man erst recht aufpassen, und wenn der gnäd'ge Herr nichts gethan
hätte, dann hätten ihn die vornehmen Leute ,geschnitten‘. Aber das Wort kennen Sie gar nicht,
Roswitha, davon wissen Sie nichts.“

„Nein, davon weiß ich nichts, will auch nicht;
aber das weiß ich, Johanna, daß Sie in den
gnäd'gen Herrn verliebt sind.“

Johanna schlug eine krampfhafte Lache auf.

„Ja, lachen Sie nur. Ich seh' es schon lange.
Sie haben so 'was. Und ein Glück, daß unser
gnäd'ger Herr keine Augen dafür hat . . . Die arme
Frau, die arme Frau.“

Johanna lag daran, Frieden zu schließen.
‚Lassen Sie's gut sein, Roswitha. Sie haben
wieder Ihren Koller; aber ich weiß schon, den
haben alle vom Lande.“

„Kann schon sein.“

„Ich will jetzt nur die Briefe forttragen und
unten sehen, ob der Portier vielleicht schon die andere
Zeitung hat. Ich habe doch recht verstanden, daß
er Lene danach geschickt hat? Und es muß auch mehr
darin stehen; das hier ist ja so gut wie gar nichts.“

Dreißigstes Kapitel.

Effi und die Geheimrätin Zwicker waren seit
fast drei Wochen in Ems und bewohnten daselbst
das Erdgeschoß einer reizenden kleinen Villa. In
ihrem zwischen ihren zwei Wohnzimmern gelegenen
gemeinschaftlichen Salon mit Blick auf den Garten
stand ein Polysanderflügel, auf dem Effi dann und
wann eine Sonate, die Zwicker dann und wann
einen Walzer spielte; sie war ganz unmusikalisch und
beschränkte sich im wesentlichen darauf, für Niemann
als Tannhäuser zu schwärmen.

Es war ein herrlicher Morgen; in dem kleinen
Garten zwitscherten die Vögel, und aus dem angrenzenden Hause, drin sich ein ,Lokal‛ befand, hörte
man, trotz der frühen Stunde, bereits das Zusammenschlagen der Billardbälle. Beide Damen hatten ihr
Frühstück nicht im Salon selbst, sondern auf einem
ein paar Fuß hoch aufgemauerten und mit Kies bestreuten Vorplatz eingenommen, von dem aus drei
Stufen nach dem Garten hinunter führten; die
Marquise, ihnen zu Häupten, war aufgezogen, um
den Genuß der frischen Luft in nichts zu beschränken,
und sowohl Effi wie die Geheimrätin waren ziemlich
emsig bei ihrer Handarbeit. Nur dann und wann
wurden ein paar Worte gewechselt.

„Ich begreife nicht,“ sagte Effi, „daß ich schon
seit vier Tagen keinen Brief habe; er schreibt sonst
täglich. Ob Annie krank ist? Oder er selbst?“

Die Zwicker lächelte: „Sie werden erfahren,
liebe Freundin, daß er gesund ist, ganz gesund.“

Effi fühlte sich durch den Ton, in dem dies
gesagt wurde, wenig angenehm berührt und schien
antworten zu wollen, aber in eben diesem Augenblicke trat das aus der Umgegend von Bonn stammende
Hausmädchen, das sich von Jugend an daran gewöhnt hatte, die mannigfachsten Erscheinungen des
Lebens an Bonner Studenten und Bonner Husaren
zu messen, vom Salon her auf den Vorplatz hinaus,
um hier den Frühstückstisch abzuräumen. Sie hieß
Afra.

„Afra,“ sagte Effi, „es muß doch schon neun
sein; war der Postbote noch nicht da?“

„Nein, noch nicht, gnäd'ge Frau.“

„Woran liegt es?“

„Natürlich an dem Postboten; er ist aus dem
Siegen'schen und hat keinen Schneid. Ich hab's ihm
auch schon gesagt, das sei die ,reine Lodderei‘. Und
wie ihm das Haar sitzt; ich glaube, er weiß gar
nicht, was ein Scheitel ist.“

„Afra, Sie sind 'mal wieder zu streng. Denken
Sie doch: Postbote, und so Tag aus Tag ein bei
der ewigen Hitze . . .“

„Ist schon recht, gnäd'ge Frau. Aber es giebt
doch andere, die zwingen's; wo's drin steckt, da geht
es auch.“ Und während sie noch so sprach, nahm sie
das Tablett geschickt auf ihre fünf Fingerspitzen und
stieg die Stufen hinunter, um durch den Garten hin
den näheren Weg in die Küche zu nehmen.

„Eine hübsche Person,“ sagte die Zwicker. „Und
so quick und kasch, und ich möchte fast sagen von
einer natürlichen Anmut. Wissen Sie, liebe Baronin,
daß mich diese Afra . . . übrigens ein wundervoller
Name, und es soll sogar eine heilige Afra gegeben
haben, aber ich glaube nicht, daß unsere davon abstammt . . .“

„Und nun, liebe Geheimrätin, vertiefen Sie sich
wieder in Ihr Nebenthema, das diesmal Afra heißt,
und vergessen darüber ganz, was Sie eigentlich sagen
wollten . . .“

„Doch nicht, liebe Freundin, oder ich finde mich
wenigstens wieder zurück. Ich wollte sagen, daß
mich diese Afra ganz ungemein an die stattliche Person
erinnert, die ich in Ihrem Hause . . .“

„Ja, Sie haben recht. Es ist eine Ähnlichkeit
da. Nur unser Berliner Hausmädchen ist doch erheblich hübscher und namentlich ihr Haar viel schöner
und voller. Ich habe so schönes flachsenes Haar,
wie unsere Johanna hat, überhaupt noch nicht gesehen. Ein bißchen davon sieht man ja wohl, aber
solche Fülle . . .“

Die Zwicker lächelte. „Das ist wirklich selten,
daß man eine junge Frau mit solcher Begeisterung
von dem flachsenen Haar ihres Hausmädchens sprechen
hört. Und nun auch noch von der Fülle! Wissen
Sie, daß ich das rührend finde. Denn eigentlich ist
man doch bei der Wahl der Mädchen in einer beständigen Verlegenheit. Hübsch sollen sie sein, weil
es jeden Besucher, wenigstens die Männer, stört,
eine lange Stakete mit griesem Teint und schwarzen
Rändern in der Thüröffnung erscheinen zu sehen,
und ein wahres Glück, daß die Korridore meistens
so dunkel sind. Aber nimmt man wieder zu viel
Rücksicht auf solche Hausrepräsentation und den sogenannten ersten Eindruck und schenkt man wohl
gar noch einer solchen hübschen Person eine weiße
Tändelschürze nach der andern, so hat man eigentlich
keine ruhige Stunde mehr und fragt sich, wenn man
nicht zu eitel ist und nicht zu viel Vertrauen zu
sich selber hat, ob da nicht Remedur geschaffen werden
müsse. Remedur war nämlich ein Lieblingswort
von Zwicker, womit er mich oft gelangweilt hat;
aber freilich, alle Geheimräte haben solche Lieblingsworte.“

Effi hörte mit sehr geteilten Empfindungen zu.
Wenn die Geheimrätin nur ein bißchen anders gewesen wäre, so hätte dies alles reizend sein können,
aber da sie nun 'mal war wie sie war, so fühlte
sich Effi wenig angenehm von dem berührt, was sie
sonst vielleicht einfach erheitert hätte.

„Das ist schon recht, liebe Freundin, was Sie
da von den Geheimräten sagen. Innstetten hat sich
auch dergleichen angewöhnt, lacht aber immer, wenn
ich ihn darauf hin ansehe und entschuldigt sich hinterher wegen der Aktenausdrücke. Ihr Herr Gemahl
war freilich schon länger im Dienst und überhaupt
wohl älter . . .“

„Um ein geringes,“ sagte die Geheimrätin spitz
und ablehnend.

„Und alles in allem kann ich mich in Befürchtungen, wie Sie sie aussprechen, nicht recht zurechtfinden. Das, was man gute Sitte nennt, ist
doch immer noch eine Macht . . .“

„Meinen Sie?“

„. . . Und ich kann mir namentlich nicht denken,
daß es gerade Ihnen, liebe Freundin, beschieden gewesen sein sollte, solche Sorgen und Befürchtungen
durchzumachen. Sie haben, Verzeihung, daß ich diesen
Punkt hier so offen berühre, gerade das, was die
Männer einen ‚Charme‘ nennen, Sie sind heiter,
fesselnd, anregend und, wenn es nicht indiskret ist,
so möcht' ich, angesichts dieser Ihrer Vorzüge, wohl
fragen dürfen, stützt sich das, was Sie da sagen,
auf allerlei Schmerzliches, das Sie persönlich erlebt
haben?“

„Schmerzliches?“ sagte die Zwicker. „Ach, meine
liebe, gnädigste Frau, Schmerzliches, das ist ein zu
großes Wort, auch dann noch, wenn man vielleicht
wirklich manches erlebt hat. Schmerzlich ist einfach
zu viel, viel zu viel. Und dann hat man doch
schließlich auch seine Hülfsmittel und Gegenkräfte.
Sie dürfen dergleichen nicht zu tragisch nehmen.“

„Ich kann mir keine rechte Vorstellung von dem
machen, was Sie anzudeuten belieben. Nicht, als
ob ich nicht wüßte, was Sünde sei, das weiß ich
auch; aber es ist doch ein Unterschied, ob man so
hineingerät in allerlei schlechte Gedanken oder ob
einem derlei Dinge zur halben oder auch wohl zur
ganzen Lebensgewohnheit werden. Und nun gar im
eigenen Hause . . .“

„Davon will ich nicht sprechen, das will ich
nicht so direkt gesagt haben, obwohl ich, offen gestanden, auch nach dieser Seite hin voller Mißtrauen
bin, oder, wie ich jetzt sagen muß, war; denn es
liegt ja alles zurück. Aber da giebt es Außengebiete.
Haben Sie von Landpartien gehört?“

„Gewiß. Und ich wollte wohl, Innstetten hätte
mehr Sinn dafür . . .“

„Überlegen Sie sich das, liebe Freundin. Zwicker
saß immer in Saatwinkel. Ich kann Ihnen nur
sagen, wenn ich das Wort höre, giebt es mir noch
jetzt einen Stich ins Herz. Überhaupt diese Vergnügungsörter in der Umgegend unseres lieben, alten
Berlin! Denn ich liebe Berlin trotz alledem. Aber
schon die bloßen Namen der dabei in Frage kommenden Ortschaften umschließen eine Welt von Angst und
Sorge. Sie lächeln. Und doch, sagen Sie selbst,
liebe Freundin, was können Sie von einer großen
Stadt und ihren Sittlichkeitszuständen erwarten, wenn
Sie beinah' unmittelbar vor den Thoren derselben
(denn zwischen Charlottenburg und Berlin ist kein
rechter Unterschied mehr), auf kaum tausend Schritte
zusammengedrängt, einem Pichelsberg, einem Pichelsdorf und einem Pichelswerder begegnen. Dreimal
Pichel ist zu viel. Sie können die ganze Welt absuchen, das finden Sie nicht wieder.“

Effi nickte.

„Und das alles,“ fuhr die Zwicker fort, „geschieht am grünen Holze der Havelseite. Das alles
liegt nach Westen zu, da haben Sie Kultur und
höhere Gesittung. Aber nun gehen Sie, meine
Gnädigste, nach der andern Seite hin, die Spree
hinauf. Ich spreche nicht von Treptow und Stralau,
das sind Bagatellen, Harmlosigkeiten, aber wenn Sie
die Spezialkarte zur Hand nehmen wollen, da begegnen Sie neben mindestens sonderbaren Namen
wie Kiekebusch, wie Wuhlheide . . . Sie hätten hören
sollen, wie Zwicker das Wort aussprach . . . Namen
von geradezu brutalem Charakter, mit denen ich Ihr
Ohr nicht verletzen will. Aber natürlich sind das
gerade die Plätze, die bevorzugt werden. Ich hasse
diese Landpartieen, die sich das Volksgemüt als eine
Kremserpartie mit ‚Ich bin ein Preuße‘ vorstellt, in
Wahrheit aber schlummern hier die Keime einer
sozialen Revolution. Wenn ich sage soziale Revolution,
so meine ich natürlich moralische Revolution, alles
andere ist bereits wieder überholt, und schon Zwicker
sagte mir noch in seinen letzten Tagen: ‚Glaube mir,
Sophie, Saturn frißt seine Kinder.‘ Und Zwicker,
welche Mängel und Gebrechen er haben mochte, das
bin ich ihm schuldig, er war ein philosophischer
Kopf und hatte ein natürliches Gefühl für historische
Entwickelung . . . Aber ich sehe, meine liebe Frau
von Innstetten, so artig sie sonst ist, hört nur noch
mit halbem Ohr zu; natürlich, der Postbote hat sich
drüben blicken lassen, und da fliegt denn das Herz
hinüber und nimmt die Liebesworte vorweg aus dem
Briefe heraus . . . Nun, Böselager, was bringen Sie?“

Der Angeredete war mittlerweile bis an den
Tisch herangetreten und packte aus: mehrere Zeitungen,
zwei Friseuranzeigen und zuletzt auch einen großen
eingeschriebenen Brief an Frau Baronin von Innstetten, geb. von Briest.

Die Empfängerin unterschrieb, und nun ging
der Postbote wieder. Die Zwicker aber überflog die
Friseuranzeigen und lachte über die Preisermäßigung
von Shampooing.

Effi hörte nicht hin; sie drehte den ihrerseits
empfangenen Brief zwischen den Fingern und hatte
eine ihr unerklärliche Scheu, ihn zu öffnen. Eingeschrieben und mit zwei großen Siegeln gesiegelt
und ein dickes Couvert. Was bedeutete das? Poststempel : „Hohen-Cremmen“, und die Adresse von der
Handschrift der Mutter. Von Innstetten, es war
der fünfte Tag, keine Zeile.

Sie nahm eine Stickschere mit Perlmuttergriff
und schnitt die Längsseite des Briefes langsam auf.
Und nun harrte ihrer eine neue Überraschung. Der
Briefbogen, ja das waren eng geschriebene Zeilen
von der Mama, darin eingelegt aber waren Geldscheine mit einem breiten Papierstreifen drum herum,
auf dem mit Rotstift, und zwar von des Vaters
Hand, der Betrag der eingelegten Summe verzeichnet
war. Sie schob das Konvolut zurück und begann
zu lesen, während sie sich in den Schaukelstuhl zurücklehnte. Aber sie kam nicht weit, die Zeilen entfielen
ihr, und aus ihrem Gesicht war alles Blut fort.
Dann bückte sie sich und nahm den Brief wieder auf.

„Was ist Ihnen, liebe Freundin? Schlechte
Nachrichten?“

Effi nickte, gab aber weiter keine Antwort und
bat nur, ihr ein Glas Wasser reichen zu wollen.
Als sie getrunken, sagte sie: „Es wird vorüber gehen,
liebe Geheimrätin, aber ich möchte mich doch einen
Augenblick zurückziehen . . . Wenn Sie mir Afra
schicken könnten.“

Und nun erhob sie sich und trat in den Salon
zurück, wo sie sichtlich froh war, einen Halt gewinnen
und sich an dem Polysanderflügel entlang fühlen zu
können. So kam sie bis an ihr nach rechts hin gelegenes Zimmer, und als sie hier, tappend und suchend,
die Thür geöffnet und das Bett an der Wand gegenüber erreicht hatte, brach sie ohnmächtig zusammen.

Einunddreißigstes Kapitel.

Minuten vergingen. Als Effi sich wieder erholt
hatte, setzte sie sich auf einen am Fenster stehenden
Stuhl und sah auf die stille Straße hinaus. Wenn
da doch Lärm und Streit gewesen wäre; aber nur
der Sonnenschein lag auf dem chaussierten Wege
und dazwischen die Schatten, die das Gitter und
die Bäume warfen. Das Gefühl des Alleinseins in
der Welt überkam sie mit seiner ganzen Schwere.
Vor einer Stunde noch eine glückliche Frau, Liebling
aller, die sie kannten, und nun ausgestoßen. Sie
hatte nur erst den Anfang des Briefes gelesen, aber
genug, um ihre Lage klar vor Augen zu haben.
Wohin? Sie hatte keine Antwort darauf, und doch
war sie voll tiefer Sehnsucht, aus dem herauszukommen,
was sie hier umgab, also fort von dieser Geheimrätin,
der das alles bloß ein „interessanter Fall“ war,
und deren Teilnahme, wenn etwas davon existierte,
sicher an das Maß ihrer Neugier nicht heran reichte.

„Wohin?“

Auf dem Tische vor ihr lag der Brief; aber
ihr fehlte der Mut, weiter zu lesen. Endlich sagte
sie: „Wovor bange ich mich noch? Was kann noch
gesagt werden, das ich mir nicht schon selber sagte?
Der, um den all' dies kam, ist tot, eine Rückkehr in
mein Haus giebt es nicht, in ein paar Wochen wird
die Scheidung ausgesprochen sein, und das Kind
wird man dem Vater lassen. Natürlich. Ich bin
schuldig, und eine Schuldige kann ihr Kind nicht
erziehen. Und wovon auch? Mich selbst werde ich wohl
durchbringen. Ich will sehen, was die Mama darüber
schreibt, wie sie sich mein Leben denkt.“

Und unter diesen Worten nahm sie den Brief
wieder, um auch den Schluß zu lesen.

„. . . Und nun Deine Zukunft, meine liebe
Effi. Du wirst Dich auf Dich selbst stellen müssen,
und darfst dabei, so weit äußere Mittel mitsprechen,
unserer Unterstützung sicher sein. Du wirst am besten
in Berlin leben (in einer großen Stadt verthut sich
dergleichen am besten) und wirst da zu den vielen
gehören, die sich um freie Luft und lichte Sonne
gebracht haben. Du wirst einsam leben, und wenn
Du das nicht willst, wahrscheinlich aus Deiner Sphäre
herabsteigen müssen. Die Welt, in der Du gelebt
hast, wird Dir verschlossen sein. Und was das
Traurigste für uns und für Dich ist (auch für Dich,
wie wir Dich zu kennen vermeinen) — auch das
elterliche Haus wird Dir verschlossen sein; wir können
Dir keinen stillen Platz in Hohen-Cremmen anbieten,
keine Zuflucht in unserem Hause, denn es hieße das,
dies Haus von aller Welt abschließen, und das zu
thun, sind wir entschieden nicht geneigt. Nicht weil
wir zu sehr an der Welt hingen und ein Abschiednehmen von dem, was sich ,Gesellschaft‘ nennt, uns
als etwas unbedingt Unerträgliches erschiene; nein,
nicht deshalb, sondern einfach weil wir Farbe bekennen,
und vor aller Welt, ich kann Dir das Wort nicht
ersparen, unsere Verurteilung Deines Thuns, des
Thuns unseres einzigen und von uns so sehr geliebten
Kindes aussprechen wollen . . .“

Effi konnte nicht weiter lesen; ihre Augen
füllten sich mit Thränen, und nachdem sie vergeblich
dagegen angekämpft hatte, brach sie zuletzt in ein
heftiges Schluchzen und Weinen aus, darin sich ihr
Herz erleichterte.

Nach einer halben Stunde klopfte es, und auf
Effi's „Herein“ erschien die Geheimrätin.

„Darf ich eintreten?“

„Gewiß, liebe Geheimrätin,“ sagte Effi, die
jetzt, leicht zugedeckt und die Hände gefaltet, auf dem
Sofa lag. „Ich bin erschöpft und habe mich hier
eingerichtet, so gut es ging. Darf ich Sie bitten,
sich einen Stuhl zu nehmen.“

Die Geheimrätin setzte sich so, daß der Tisch,
mit einer Blumenschale darauf, zwischen ihr und
Effi war. Effi zeigte keine Spur von Verlegenheit
und änderte nichts in ihrer Haltung, nicht einmal
die gefalteten Hände. Mit einemmale war es ihr
vollkommen gleichgültig, was die Frau dachte; nur
fort wollte sie.

„Sie haben eine traurige Nachricht empfangen,
liebe, gnädigste Frau . . .“

„Mehr als traurig,“ sagte Effi. „Jedenfalls
traurig genug, um unserem Beisammensein ein rasches
Ende zu machen. Ich muß noch heute fort.“

„Ich möchte nicht zudringlich erscheinen, aber
ist es etwas mit Annie?“

„Nein, nicht mit Annie. Die Nachrichten kamen
überhaupt nicht aus Berlin, es waren Zeilen meiner
Mama. Sie hat Sorgen um mich, und es liegt
mir daran, sie zu zerstreuen, oder wenn ich das nicht
kann, wenigstens an Ort und Stelle zu sein.“

„Mir nur zu begreiflich, so sehr ich es beklage,
diese letzten Emser Tage nun ohne Sie verbringen
zu sollen. Darf ich Ihnen meine Dienste zur Verfügung stellen?“

Ehe Effi darauf antworten konnte, trat Afra
ein und meldete, daß man sich eben zum Lunch
versammle. Die Herrschaften seien alle sehr in
Aufregung: der Kaiser käme wahrscheinlich auf drei
Wochen, und am Schluß seien große Manöver, und
die Bonner Husaren kämen auch.

Die Zwicker überschlug sofort, ob es sich verlohnen
würde, bis dahin zu bleiben, kam zu einem entschiedenen
„Ja“ und ging dann, um Effi's Ausbleiben beim
Lunch zu entschuldigen.

Als gleich danach auch Afra gehen wollte, sagte
Effi: „Und dann, Afra, wenn Sie frei sind, kommen
Sie wohl noch eine Viertelstunde zu mir, um mir
beim Packen behülflich zu sein. Ich will heute noch
mit dem Sieben-Uhr-Zuge fort.“

„Heute noch? Ach, gnädigste Frau, das ist
doch aber schade. Nun fangen ja die schönen Tage
erst an.“

Effi lächelte.

Die Zwicker, die noch allerlei zu hören hoffte,
hatte sich nur mit Mühe bestimmen lassen, der „Frau
Baronin“ beim Abschiede nicht das Geleit zu geben.
„Auf einem Bahnhofe,“ so hatte Effi versichert, „sei
man immer so zerstreut und nur mit seinem Platz
und seinem Gepäck beschäftigt; gerade Personen, die
man lieb habe, von denen nähme man gern vorher
Abschied.“ Die Zwicker bestätigte das, trotzdem sie
das Vorgeschützte darin sehr wohl herausfühlte; sie
hatte hinter allen Thüren gestanden und wußte gleich,
was echt und unecht war.

Afra begleitete Effi zum Bahnhof und ließ sich
fest versprechen, daß die Frau Baronin im nächsten
Sommer wiederkommen wolle; wer 'mal in Ems
gewesen, der komme immer wieder. Ems sei das
schönste, außer Bonn.

Die Zwicker hatte sich mittlerweile zum Briefschreiben niedergesetzt, nicht an dem etwas wackligen
Rokokosekretär im Salon, sondern draußen auf der
Veranda, an demselben Tisch, an dem sie kaum zehn
Stunden zuvor mit Effi das Frühstück genommen
hatte.

Sie freute sich auf den Brief, der einer befreundeten, zur Zeit in Reichenhall weilenden Berliner
Dame zu gute kommen sollte. Beider Seelen hatten
sich längst gefunden und gipfelten in einer der ganzen
Männerwelt geltenden starken Skepsis; sie fanden
die Männer durchweg weit zurückbleibend hinter dem,
was billigerweise gefordert werden könne, die sogenannten „forschen“ am meisten. „Die, die vor
Verlegenheit nicht wissen, wo sie hinsehen sollen, sind,
nach einem kurzen Vorstudium, immer noch die besten,
aber die eigentlichen Don Juans erweisen sich jedesmal als eine Enttäuschung. Wo soll es am Ende
auch herkommen.“ Das waren so Weisheitssätze, die
zwischen den zwei Freundinnen ausgetauscht wurden.

Die Zwicker war schon auf dem zweiten Bogen
und fuhr in ihrem mehr als dankbaren Thema, das
natürlich „Effi“ hieß, eben wie folgt fort: „Alles in
allem war sie sehr zu leiden, artig, anscheinend offen,
ohne jeden Adelsdünkel (oder doch groß in der Kunst,
ihn zu verbergen) und immer interessiert, wenn man
ihr etwas Interessantes erzählte, wovon ich, wie ich
Dir nicht zu versichern brauche, den ausgiebigsten
Gebrauch machte. Nochmals also, reizende junge
Frau, fünfundzwanzig oder nicht viel mehr. Und
doch hab' ich dem Frieden nie getraut und traue
ihm auch in diesem Augenblicke noch nicht, ja, jetzt
vielleicht am wenigsten. Die Geschichte heute mit
dem Briefe — da steckt eine wirkliche Geschichte dahinter. Dessen bin ich so gut wie sicher. Es wäre
das erste Mal, daß ich mich in solcher Sache geirrt
hätte. Daß sie mit Vorliebe von den Berliner Modepredigern sprach und das Maß der Gottseligkeit jedes
einzelnen feststellte, das, und der gelegentliche Gretchenblick, der jedesmal versicherte, kein Wässerchen trüben
zu können — alle diese Dinge haben mich in meinem
Glauben . . . Aber da kommt eben unsere Afra, von
der ich Dir, glaub' ich, schon schrieb, eine hübsche
Person, und packt mir ein Zeitungsblatt auf den
Tisch, das ihr, wie sie sagt, unsere Frau Wirtin für
mich gegeben habe; die blau angestrichene Stelle.
Nun verzeih', wenn ich diese Stelle erst lese . . .

Nachschrift. Das Zeitungsblatt war interessant
genug und kam wie gerufen. Ich schneide die blau
angestrichene Stelle heraus und lege sie diesen Zeilen
bei. Du siehst daraus, daß ich mich nicht geirrt
habe. Wer mag nur der Crampas sein? Es ist
unglaublich — erst selber Zettel und Briefe schreiben
und dann auch noch die des anderen aufbewahren!
Wozu giebt es Öfen und Kamine? So lange
wenigstens wie dieser Duellunsinn noch existiert, darf
dergleichen nicht vorkommen; einem kommenden Geschlechte kann diese Briefschreibepassion (weil dann
gefahrlos geworden) vielleicht freigegeben werden.
Aber so weit sind wir noch lange nicht. Übrigens
bin ich voll Mitleid mit der jungen Baronin und
finde, eitel wie man nun 'mal ist, meinen einzigen
Trost darin, mich in der Sache selbst nicht getäuscht
zu haben. Und der Fall lag nicht so ganz gewöhnlich. Ein schwächerer Diagnostiker hätte sich doch
vielleicht hinters Licht führen lassen. Wie immer
Deine Sophie.“

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Drei Jahre waren vergangen, und Effi bewohnte seit fast eben so langer Zeit eine kleine
Wohnung in der Königgrätzerstraße, zwischen Askanischem Platz und Halleschem Thor: ein Vorder- und Hinterzimmer, und hinter diesem die Küche mit
Mädchengelaß, alles so durchschnittsmäßig und alltäglich wie nur möglich. Und doch war es eine
apart hübsche Wohnung, die jedem, der sie sah, angenehm auffiel, am meisten vielleicht dem alten Geheimrat Rummschüttel, der, dann und wann vorsprechend, der armen jungen Frau nicht bloß die nun
weit zurückliegende Rheumatismus- und Neuralgie-Komödie, sondern auch alles, was seitdem sonst noch
vorgekommen war, längst verziehen hatte, wenn es
für ihn der Verzeihung überhaupt bedurfte. Denn
Rummschüttel kannte noch ganz anderes. Er war
jetzt ausgangs siebzig, aber wenn Effi, die seit einiger
Zeit ziemlich viel kränkelte, ihn brieflich um seinen
Besuch bat, so war er am anderen Vormittag auch
da und wollte von Entschuldigungen, daß es so hoch
sei, nichts wissen. „Nur keine Entschuldigungen, meine
liebe, gnädigste Frau; denn erstens ist es mein Metier,
und zweitens bin ich glücklich und beinahe stolz, die
drei Treppen so gut noch steigen zu können. Wenn
ich nicht fürchten müßte, Sie zu belästigen — denn
ich komme doch schließlich als Arzt und nicht als
Naturfreund und Landschaftsschwärmer —, so käme
ich wohl noch öfter, bloß um Sie zu sehen und mich
hier etliche Minuten an Ihr Hinterfenster zu setzen.
Ich glaube, Sie würdigen den Ausblick nicht genug.“

„O doch, doch,“ sagte Effi; Rummschüttel aber ließ
sich nicht stören und fuhr fort: „Bitte, meine gnädigste
Frau, treten Sie hier heran, nur einen Augenblick, oder
erlauben Sie mir, daß ich Sie bis an das Fenster
führe. Wieder ganz herrlich heute. Sehen Sie doch
nur die verschiedenen Bahndämme, drei, nein vier,
und wie es beständig darauf hin und her gleitet . . .
und nun verschwindet der Zug da wieder hinter einer
Baumgruppe. Wirklich herrlich. Und wie die Sonne
den weißen Rauch durchleuchtet! Wäre der Matthäikirchhof nicht unmittelbar dahinter, so wäre es ideal.“

„Ich sehe gern Kirchhöfe.“

„Ja, Sie dürfen das sagen. Aber unserein! Unsereinem kommt unabweislich immer die Frage, könnten
hier nicht vielleicht einige weniger liegen? Im übrigen,
meine gnädigste Frau, bin ich mit Ihnen zufrieden und
beklage nur, daß Sie von Ems nichts wissen wollen;
Ems, bei Ihren katarrhalischen Affektionen, würde
Wunder . . .“

Effi schwieg.

„Ems würde Wunder thun. Aber da Sie's
nicht mögen (und ich finde mich darin zurecht), so
trinken Sie den Brunnen hier. In drei Minuten
sind Sie im Prinz Albrecht'schen Garten, und wenn
auch die Musik und die Toiletten und all' die
Zerstreuungen einer regelrechten Brunnenpromenade
fehlen, der Brunnen selbst ist doch die Hauptsache.“

Effi war einverstanden, und Rummschüttel nahm
Hut und Stock. Aber er trat noch einmal an das
Fenster heran. „Ich höre von einer Terrassierung
des Kreuzbergs sprechen, Gott segne die Stadtverwaltung, und wenn dann erst die kahle Stelle
da hinten mehr in Grün stehen wird . . . Eine
reizende Wohnung. Ich könnte Sie fast beneiden . . .
Und was ich schon längst einmal sagen wollte, meine
gnädige Frau, Sie schreiben mir immer einen so
liebenswürdigen Brief. Nun, wer freute sich dessen
nicht? Aber es ist doch jedesmal eine Mühe . . .
Schicken Sie mir doch einfach Roswitha.“

Effi dankte ihm, und so schieden sie.

„Schicken Sie mir doch einfach Roswitha . . .“
hatte Rummschüttel gesagt. Ja, war denn Roswitha
bei Effi? war sie denn statt in der Keith- in der
Königgrätzerstraße? Gewiß war sie's und zwar sehr
lange schon, gerade so lange, wie Effi selbst in der
Königgrätzerstraße wohnte. Schon drei Tage vor
diesem Einzug hatte sich Roswitha bei ihrer lieben
gnädigen Frau sehen lassen, und das war ein großer
Tag für beide gewesen, so sehr, daß dieses Tages
hier noch nachträglich gedacht werden muß.

Effi hatte damals, als der elterliche Absagebrief
aus Hohen-Cremmen kam und sie mit dem Abendzuge von Ems nach Berlin zurückreiste, nicht gleich
eine selbständige Wohnung genommen, sondern es
mit einem Unterkommen in einem Pensionate versucht. Es war ihr damit auch leidlich geglückt. Die
beiden Damen, die dem Pensionate vorstanden, waren
gebildet und voll Rücksicht und hatten es längst verlernt, neugierig zu sein. Es kam da so vieles zusammen, daß ein Eindringenwollen in die Geheimnisse jedes einzelnen viel zu umständlich gewesen
wäre. Dergleichen hinderte nur den Geschäftsgang.
Effi, die die mit den Augen angestellten Kreuzverhöre
der Zwicker noch in Erinnerung hatte, fühlte sich
denn auch von dieser Zurückhaltung der Pensionsdamen sehr angenehm berührt, als aber vierzehn
Tage vorüber waren, empfand sie doch deutlich, daß
die hier herrschende Gesamtatmosphäre, die physische
wie die moralische, nicht wohl ertragbar für sie sei.
Bei Tisch waren sie zumeist zu sieben, und zwar
außer Effi und der einen Pensionsvorsteherin (die
andere leitete draußen das Wirtschaftliche) zwei die
Hochschule besuchende Engländerinnen, eine adelige
Dame aus Sachsen, eine sehr hübsche galizische Jüdin,
von der niemand wußte, was sie eigentlich vorhatte,
und eine Kantorstochter aus Polzin in Pommern,
die Malerin werden wollte. Das war eine schlimme
Zusammensetzung, und die gegenseitigen Überheblichkeiten, bei denen die Engländerinnen merkwürdigerweise nicht absolut obenan standen, sondern mit der
vom höchsten Malergefühl erfüllten Polzinerin um
die Palme rangen, waren unerquicklich; dennoch wäre
Effi, die sich passiv verhielt, über den Druck, den
diese geistige Atmosphäre übte, hinweggekommen, wenn
nicht, rein physisch und äußerlich, die sich hinzugesellende Pensionsluft gewesen wäre. Woraus sich
diese eigentlich zusammensetzte, war vielleicht überhaupt
unerforschlich, aber daß sie der sehr empfindlichen
Effi den Atem raubte, war nur zu gewiß, und
so sah sie sich, aus diesem äußerlichen Grunde, sehr
bald schon zur Aus- und Umschau nach einer anderen
Wohnung gezwungen, die sie denn auch in verhältnismäßiger Nähe fand. Es war dies die vorgeschilderte
Wohnung in der Königgrätzerstraße. Sie sollte dieselbe zu Beginn des Herbstvierteljahrs beziehen, hatte
das Nötige dazu beschafft und zählte während der
letzten Septembertage die Stunden bis zur Erlösung
aus dem Pensionat.

An einem dieser letzten Tage — sie hatte sich
eine Viertelstunde zuvor aus dem Eßzimmer zurückgezogen und gedachte sich eben auf einem mit einem
großblumigen Wollstoff überzogenen Seegras-Sofa
auszuruhen —, wurde leise an ihre Thür geklopft.

„Herein.“

Das eine Hausmädchen, eine kränklich aussehende
Person von Mitte Dreißig, die, durch beständigen
Aufenthalt auf dem Korridor des Pensionats, den
hier lagernden Dunstkreis überall hin in ihren Falten
mitschleppte, trat ein und sagte: „Die gnädige Frau
möchte entschuldigen, aber es wolle sie jemand
sprechen.“

„Wer?“

„Eine Frau.“

„Und hat sie ihren Namen genannt?“

„Ja. Roswitha.“

Und siehe da, kaum daß Effi diesen Namen gehört hatte, so schüttelte sie den Halbschlaf von sich
ab und sprang auf und lief auf den Korridor hinaus,
um Roswitha bei beiden Händen zu fassen und in
ihr Zimmer zu ziehen.

„Roswitha. Du. Ist das eine Freude. Was
bringst Du? Natürlich 'was Gutes. Ein so gutes
altes Gesicht kann nur 'was Gutes bringen. Ach,
wie glücklich ich bin, ich könnte Dir einen Kuß geben;
ich hätte nicht gedacht, daß ich noch solche Freude
haben könnte. Mein gutes altes Herz, wie geht es
Dir denn? Weißt Du noch, wie's damals war, als
der Chinese spukte? Das waren glückliche Zeiten.
Ich habe damals gedacht, es wären unglückliche,
weil ich das Harte des Lebens noch nicht kannte.
Seitdem habe ich es kennen gelernt. Ach, Spuk ist
lange nicht das schlimmste! Komm, meine gute
Roswitha, komm, setze Dich hier zu mir und erzähle
mir . . . Ach, ich habe solche Sehnsucht. Was macht
Annie?“

Roswitha konnte kaum reden und sah sich in
dem sonderbaren Zimmer um, dessen grau und verstaubt aussehende Wände in schmale Goldleisten gefaßt waren. Endlich aber fand sie sich und sagte,
daß der gnädige Herr nun wieder aus Glatz zurück
sei; der alte Kaiser habe gesagt, „sechs Wochen in
solchem Falle sei gerade genug,“ und auf den Tag,
wo der gnädige Herr wieder da sein würde, darauf
habe sie bloß gewartet, wegen Annie, die doch eine
Aufsicht haben müsse. Denn Johanna sei wohl eine
sehr propre Person, aber sie sei doch noch zu hübsch
und beschäftige sich noch zu viel mit sich selbst und
denke vielleicht Gott weiß was alles. Aber nun, wo
der gnädige Herr wieder aufpassen und in allem
nach dem Rechten sehen könne, da habe sie sich's
doch anthun wollen und 'mal sehen, wie's der gnädigen
Frau gehe . . .

„Das ist recht, Roswitha . . .“

. . Und habe 'mal sehen wollen, ob der gnädigen
Frau was fehle und ob sie sie vielleicht brauche,
dann wolle sie gleich hier bleiben und beispringen
und alles machen und dafür sorgen, daß es der
gnädigen Frau wieder gut ginge.

Effi hatte sich in die Sofaecke zurückgelehnt und
die Augen geschlossen. Aber mit eins richtete sie
sich auf und sagte: „Ja, Roswitha, was Du da
sagst, das ist ein Gedanke; das ist 'was. Denn Du
mußt wissen, ich bleibe hier nicht in dieser Pension,
ich habe da weiterhin eine Wohnung gemietet und
auch Einrichtung besorgt und in drei Tagen will
ich da einziehen. Und wenn ich da mit Dir ankäme
und zu Dir sagen könnte: ,Nein, Roswitha, da
nicht, der Schrank muß dahin und der Spiegel da‘,
ja, das wäre 'was, das sollte mir schon gefallen.
Und wenn wir dann müde von all' der Plackerei
wären, dann sagte ich: ‚Nun, Roswitha, gehe da
hinüber und hole uns eine Karaffe Spatenbräu,
denn wenn man gearbeitet hat, dann will man doch
auch trinken, und wenn Du kannst, so bring' uns
auch etwas Gutes aus dem Habsburger Hof mit,
Du kannst ja das Geschirr nachher wieder herüber
bringen, —' ja, Roswitha, wenn ich mir das denke,
da wird mir ordentlich leichter ums Herz. Aber ich
muß Dich doch fragen, hast Du Dir auch alles
überlegt? Von Annie will ich nicht sprechen, an
der Du doch hängst, sie ist ja fast wie Dein eigen
Kind, — aber trotzdem, für Annie wird schon gesorgt werden, und die Johanna hängt ja auch an
ihr. Also davon nichts. Aber bedenke, wie sich alles
verändert hat, wenn Du wieder zu mir willst. Ich
bin nicht mehr wie damals; ich habe jetzt eine ganz
kleine Wohnung genommen, und der Portier wird
sich wohl nicht sehr um Dich und um mich bemühen.
Und wir werden eine sehr kleine Wirtschaft haben,
immer das, was wir sonst unser Donnerstag-Essen
nannten, weil da rein gemacht wurde. Weißt Du
noch? Und weißt Du noch, wie der gute Gieshübler
'mal dazu kam und sich zu uns setzen mußte, und
wie er dann sagte: ‚So 'was Delikates habe er noch
nie gegessen.' Du wirst Dich noch erinnern, er war
immer so schrecklich artig, denn eigentlich war er
doch der einzige Mensch in der Stadt, der von Essen
'was verstand. Die andern fanden alles schön.“

Roswitha freute sich über jedes Wort und sah
schon alles in bestem Gange, bis Effi wieder sagte:
„Hast Du Dir das alles überlegt? Denn Du bist
doch — ich muß das sagen, wiewohl es meine eigne
Wirtschaft war —, Du bist doch nun durch viele
Jahre hin verwöhnt, und es kam nie darauf an,
wir hatten es nicht nötig, sparsam zu sein; aber
jetzt muß ich sparsam sein, denn ich bin arm und
habe nur, was man mir giebt, Du weißt von
Hohen-Cremmen her. Meine Eltern sind sehr gut
gegen mich, so weit sie's können, aber sie sind nicht
reich. Und nun sage, was meinst Du?“

„Daß ich nächsten Sonnabend mit meinem
Koffer anziehe, nicht am Abend, sondern gleich am
Morgen, und daß ich da bin, wenn das Einrichten
losgeht. Denn ich kann doch ganz anders zufassen,
wie die gnädige Frau.“

„Sage das nicht, Roswitha. Ich kann es auch.
Wenn man muß, kann man alles.“

„Und dann, gnädige Frau, Sie brauchen sich
wegen meiner nicht zu fürchten, als ob ich 'mal
denken könnte: ,für Roswitha ist das nicht gut genug.‘ Für Roswitha ist alles gut, was sie mit der
gnädigen Frau teilen muß, und am liebsten, wenn
es 'was Trauriges ist. Ja, darauf freue ich mich
schon ordentlich. Dann sollen Sie 'mal sehen, das
verstehe ich. Und wenn ich es nicht verstünde, dann
wollte ich es schon lernen. Denn, gnädige Frau, das
hab' ich nicht vergessen, als ich da auf dem Kirchhof
saß, mutterwindallein und bei mir dachte, nun wäre
es doch wohl das beste, ich läge da gleich mit in
der Reihe. Wer kam da? Wer hat mich da bei
Leben erhalten? Ach, ich habe so viel durchzumachen
gehabt. Als mein Vater damals mit der glühenden
Stange auf mich los kam . . .“

„Ich weiß schon, Roswitha . . .“

„Ja, das war schlimm genug. Aber als ich da
auf dem Kirchhof saß, so ganz arm und verlassen,
das war doch noch schlimmer. Und da kam die
gnädige Frau. Und ich will nicht selig werden,
wenn ich das vergesse.“

Und dabei stand sie auf und ging aufs Fenster
zu. „Sehen Sie, gnädige Frau, den müssen Sie
doch auch noch sehen.“

Und nun trat auch Effi heran.

Drüben, auf der anderen Seite der Straße, saß
Rollo und sah nach den Fenstern der Pension hinauf.

Wenige Tage danach bezog Effi, von Roswitha
unterstützt, ihre Wohnung in der Königgrätzerstraße,
darin es ihr von Anfang an gefiel. Umgang fehlte
freilich, aber sie hatte während ihrer Pensionstage
von dem Verkehr mit Menschen so wenig Erfreuliches
gehabt, daß ihr das Alleinsein nicht schwer fiel,
wenigstens anfänglich nicht. Mit Roswitha ließ sich
allerdings kein ästhetisches Gespräch führen, auch
nicht 'mal sprechen über das, was in der Zeitung
stand, aber wenn es einfach menschliche Dinge betraf und Effi mit einem ,ach Roswitha, mich ängstigt
es wieder . . .‘ ihren Satz begann, dann wußte die
treue Seele jedesmal gut zu antworten und hatte
immer Trost und meist auch Rat.

Bis Weihnachten ging es vorzüglich; aber der
Heiligabend verlief schon recht traurig, und als das
neue Jahr herankam, begann Effi ganz schwermütig
zu werden. Es war nicht kalt, nur grau und
regnerisch, und wenn die Tage kurz waren, so waren
die Abende desto länger. Was thun? Sie las, sie
stickte, sie legte Patience, sie spielte Chopin, aber
diese Nocturnes waren auch nicht angethan, viel
Licht in ihr Leben zu tragen, und wenn Roswitha
mit dem Theebrett kam und außer dem Theezeug
auch noch zwei Tellerchen mit einem Ei und einem
in kleine Scheiben geschnittenen Wiener Schnitzel auf
den Tisch setzte, sagte Effi, während sie das Pianino
schloß: „Rücke heran, Roswitha. Leiste mir Gesellschaft.“

Roswitha kam denn auch. „Ich weiß schon,
die gnädige Frau haben wieder zu viel gespielt;
dann sehen Sie immer so aus und haben rote Flecke.
Der Geheimrat hat es doch verboten.“

„Ach, Roswitha, der Geheimrat hat leicht verbieten, und Du hast es auch leicht, all' das nachzusprechen. Aber was soll ich denn machen? Ich
kann doch nicht den ganzen Tag am Fenster sitzen
und nach der Christuskirche hinübersehen. Sonntags,
beim Abendgottesdienst, wenn die Fenster erleuchtet
sind, sehe ich ja immer hinüber; aber es hilft mir
auch nichts, mir wird dann immer noch schwerer
ums Herz.“

„Ja, gnädige Frau, dann sollten Sie 'mal
hineingehen. Einmal waren Sie ja schon drüben.“

„O schon öfters. Aber ich habe nicht viel davon gehabt. Er predigt ganz gut und ist ein sehr
kluger Mann, und ich wäre froh, wenn ich das
Hundertste davon wüßte. Aber es ist doch alles bloß,
wie wenn ich ein Buch lese; und wenn er dann so
laut spricht und herumficht und seine schwarzen Locken
schüttelt, dann bin ich aus meiner Andacht heraus.“

„Heraus?“

Effi lachte. „Du meinst, ich war noch gar nicht
drin. Und es wird wohl so sein. Aber an wem
liegt das? Das liegt doch nicht an mir. Er spricht
immer so viel vom alten Testament. Und wenn es
auch ganz gut ist, es erbaut mich nicht. Überhaupt
all' das Zuhören; es ist nicht das rechte. Sieh',
ich müßte so viel zu thun haben, daß ich nicht ein
noch aus wüßte. Das wäre 'was für mich. Da
giebt es so Vereine, wo junge Mädchen die Wirtschaft lernen oder Nähschulen oder Kindergärtnerinnen.
Hast Du nie davon gehört?“

„Ja, ich habe 'mal davon gehört. Anniechen
sollte 'mal in einen Kindergarten.“

„Nun siehst Du, Du weißt es besser als ich.
Und in solchen Verein, wo man sich nützlich machen
kann, da möchte ich eintreten. Aber daran ist gar
nicht zu denken; die Damen nehmen mich nicht an
und können es auch nicht. Und das ist das schrecklichste, daß einem die Welt so zu ist und daß es sich
einem sogar verbietet, bei Gutem mit dabei zu sein.
Ich kann nicht 'mal armen Kindern eine Nachhülfestunde geben . . .“

„Das wäre auch nichts für Sie, gnädige Frau;
die Kinder haben immer so fettige Stiefel an, und
wenn es nasses Wetter ist, — das ist dann solch'
Dunst und Schmook, das halten die gnädige Frau
gar nicht aus.“

Effi lächelte. „Du wirst wohl recht haben,
Roswitha; aber es ist schlimm, daß Du recht hast,
und ich sehe daran, daß ich noch zu viel von dem
alten Menschen in mir habe und daß es mir noch
zu gut geht.“

Davon wollte aber Roswitha nichts wissen.
„Wer so gut ist, wie gnädige Frau, dem kann es
gar nicht zu gut gehen. Und Sie müssen nur nicht
immer so 'was Trauriges spielen, und mitunter denke
ich mir, es wird alles noch wieder gut und es wird
sich schon 'was finden.“

Und es fand sich auch 'was. Effi, trotz der
Kantorstochter aus Polzin, deren Künstlerdünkel ihr
immer noch als etwas Schreckliches vorschwebte,
wollte Malerin werden, und wiewohl sie selber darüber lachte, weil sie sich bewußt war, über eine
unterste Stufe des Dilettantismus nie hinauskommen
zu können, so griff sie doch mit Passion danach, weil
sie nun eine Beschäftigung hatte, noch dazu eine, die,
weil still und geräuschlos, ganz nach ihrem Herzen
war. Sie meldete sich denn auch bei einem ganz
alten Malerprofessor, der in der märkischen Aristokratie sehr bewandert und zugleich so fromm war,
daß ihm Effi von Anfang an ans Herz gewachsen
erschien. Hier, so gingen wohl seine Gedanken, war
eine Seele zu retten, und so kam er ihr, als ob sie
seine Tochter gewesen wäre, mit einer ganz besonderen
Liebenswürdigkeit entgegen. Effi war sehr glücklich
darüber, und der Tag ihrer ersten Malstunde bezeichnete für sie einen Wendepunkt zum Guten. Ihr
armes Leben war nun nicht so arm mehr, und
Roswitha triumphierte, daß sie recht gehabt und sich
nun doch etwas gefunden habe.

Das ging so Jahr und Tag und darüber hinaus.
Aber daß sie nun wieder eine Berührung mit den
Menschen hatte, wie sie's beglückte, so ließ es auch
wieder den Wunsch in ihr entstehen, daß diese Berührungen sich erneuern und mehren möchten. Sehnsucht nach Hohen-Cremmen erfaßte sie mitunter mit
einer wahren Leidenschaft, und noch leidenschaftlicher
sehnte sie sich danach, Annie wiederzusehen. Es war
doch ihr Kind, und wenn sie dem nachhing und
sich dabei gleichzeitig der Trippelli erinnerte, die 'mal
gesagt hatte: ,die Welt sei so klein und in Mittelafrika könne man sicher sein, plötzlich einem alten
Bekannten zu begegnen,‘ so war sie mit Recht verwundert, Annie noch nie getroffen zu haben. Aber
auch das sollte sich eines Tages ändern. Sie kam
aus der Malstunde, dicht am Zoologischen Garten,
und stieg, nahe dem Halteplatz, in einen die lange
Kurfürstenstraße passierenden Pferdebahnwagen ein.
Es war sehr heiß, und die herabgelassenen Vorhänge,
die bei dem starken Luftzuge, der ging, hin und her
bauschten, thaten ihr wohl. Sie lehnte sich in die
dem Vorderperron zugekehrte Ecke und musterte eben
mehrere in eine Glasscheibe eingebrannte Sofas, blau
mit Quasten und Puscheln daran, als sie — der
Wagen war gerade in einem langsamen Fahren —
drei Schulkinder aufspringen sah, die Mappen auf
dem Rücken, mit kleinen spitzen Hüten, zwei blond
und ausgelassen, die dritte dunkel und ernst. Es
war Annie. Effi fuhr heftig zusammen, und eine
Begegnung mit dem Kinde zu haben, wonach sie sich
doch so lange gesehnt, erfüllte sie jetzt mit einer
wahren Todesangst. Was thun? Rasch entschlossen
öffnete sie die Thür zu dem Vorderperron, auf dem
niemand stand, als der Kutscher, und bat diesen, sie
bei der nächsten Haltestelle vorn absteigen zu lassen.
„Is verboten, Fräulein,“ sagte der Kutscher; sie gab
ihm aber ein Geldstück und sah ihn so bittend an,
daß der gutmütige Mensch anderen Sinnes wurde
und vor sich hin sagte: „Sind soll es eigentlich nich;
aber es wird ja woll 'mal gehn.“ Und als der
Wagen hielt, nahm er das Gitter aus, und Effi
sprang ab.

Noch in großer Erregung kam Effi nach Hause.

„Denke Dir, Roswitha, ich habe Annie gesehen.“
Und nun erzählte sie von der Begegnung in dem
Pferdebahnwagen. Roswitha war unzufrieden, daß
Mutter und Tochter keine Wiedersehensszene gefeiert
hatten und ließ sich nur ungern überzeugen, daß
das, in Gegenwart so vieler Menschen, nicht wohl
angegangen sei. Dann mußte Effi erzählen, wie
Annie ausgesehen habe, und als sie das mit mütterlichem Stolze gethan, sagte Roswitha: „Ja, sie ist
so halb und halb. Das Hübsche und, wenn ich es
sagen darf, das Sonderbare, das hat sie von der
Mama; aber das Ernste, das ist ganz der Papa.
Und wenn ich mir so alles überlege, ist sie doch
wohl mehr wie der gnädige Herr.“

„Gott sei Dank!“ sagte Effi.

„Na, gnäd'ge Frau, das ist nu doch auch noch
die Frage. Und da wird ja wohl mancher sein, der
mehr für die Mama ist.“

„Glaubst Du, Roswitha? Ich glaube es nicht.“

„Na, na, ich lasse mir nichts vormachen, und
ich glaube, die gnädige Frau weiß auch ganz gut,
wie's eigentlich ist und was die Männer am liebsten
haben.“

„Ach, sprich nicht davon, Roswitha.“

Damit brach das Gespräch ab und wurde auch
nicht wieder aufgenommen. Aber Effi, wenn sie's
auch vermied, grade über Annie mit Roswitha zu
sprechen, konnte die Begegnung in ihrem Herzen doch
nicht verwinden und litt unter der Vorstellung, vor
ihrem eigenen Kinde geflohen zu sein. Es quälte
sie bis zur Beschämung, und das Verlangen nach
einer Begegnung mit Annie steigerte sich bis zum
Krankhaften. An Innstetten schreiben und ihn darum
bitten, das war nicht möglich. Ihrer Schuld war
sie sich wohl bewußt, ja, sie nährte das Gefühl
davon mit einer halb leidenschaftlichen Geflissentlichkeit;
aber inmitten ihres Schuldbewußtseins fühlte sie sich
andererseits auch von einer gewissen Auflehnung
gegen Innstetten erfüllt. Sie sagte sich: er hatte
recht und noch einmal und noch einmal, und zuletzt
hatte er doch unrecht. Alles Geschehene lag so weit
zurück, ein neues Leben hatte begonnen, — er hätte
es können verbluten lassen, statt dessen verblutete der
arme Crampas.

Nein, an Innstetten schreiben, das ging nicht;
aber Annie wollte sie sehen und sprechen und an
ihr Herz drücken, und nachdem sie's tagelang überlegt
hatte, stand ihr fest, wie's am besten zu machen sei.

Gleich am andern Vormittage kleidete sie sich
sorgfältig in ein decentes Schwarz und ging auf
die Linden zu, sich hier bei der Ministerin melden
zu lassen. Sie schickte ihre Karte hinein, auf der
nur stand: Effi von Innstetten geb. von Briest.
Alles andere war fortgelassen, auch die Baronin.
„Excellenz lassen bitten,“ und Effi folgte dem Diener
bis in ein Vorzimmer, wo sie sich niederließ und
trotz der Erregung, in der sie sich befand, den Bilderschmuck an den Wänden musterte. Da war zunächst
Guido Reni's Aurora, gegenüber aber hingen englische
Kupferstiche, Stiche nach Benjamin West, in der
bekannten Aquatinta-Manier von viel Licht und
Schatten. Eines der Bilder war König Lear im
Unwetter auf der Heide.

Effi hatte ihre Musterung kaum beendet, als
die Thür des angrenzenden Zimmers sich öffnete
und eine große schlanke Dame von einem sofort für
sie einnehmenden Ausdruck auf die Bittstellerin zutrat
und ihr die Hand reichte. ‚Meine liebe, gnädigste
Frau,“ sagte sie, „welche Freude für mich, Sie wiederzusehen . . .“

Und während sie das sagte, schritt sie auf das
Sofa zu und zog Effi, während sie selber Platz
nahm, zu sich nieder.

Effi war bewegt durch die sich in allem
aussprechende Herzensgüte. Keine Spur von Überheblichkeit oder Vorwurf, nur menschlich schöne Teilnahme. „Womit kann ich Ihnen dienen?“ nahm die
Ministerin noch einmal das Wort.

Um Effi's Mund zuckte es. Endlich sagte sie:
„Was mich herführt, ist eine Bitte, deren Erfüllung
Exzellenz vielleicht möglich machen. Ich habe eine
zehnjährige Tochter, die ich seit drei Jahren nicht
gesehen habe und gern wiedersehen möchte.“

Die Ministerin nahm Effi's Hand und sah sie
freundlich an.

„Wenn ich sage, in drei Jahren nicht gesehen,
so ist das nicht ganz richtig. Vor drei Tagen habe
ich sie wiedergesehen.“ Und nun schilderte Effi mit
großer Lebendigkeit die Begegnung, die sie mit Annie
gehabt hatte. „Vor meinem eigenen Kinde auf der
Flucht. Ich weiß wohl, man liegt, wie man sich
bettet, und ich will nichts ändern in meinem Leben.
Wie es ist, so ist es recht; ich habe es nicht anders
gewollt. Aber das mit dem Kinde, das ist doch zu
hart, und so habe ich denn den Wunsch, es dann
und wann sehen zu dürfen, nicht heimlich und
verstohlen, sondern mit Wissen und Zustimmung
aller Beteiligten.“

„Unter Wissen und Zustimmung aller Beteiligten,“
wiederholte die Ministerin Effi's Worte. „Das heißt
also unter Zustimmung Ihres Herrn Gemahls. Ich
sehe, daß seine Erziehung dahin geht, das Kind von
der Mutter fernzuhalten, ein Verfahren, über das ich
mir kein Urteil erlaube. Vielleicht, daß er recht hat;
verzeihen Sie mir diese Bemerkung, gnädige Frau.“

Effi nickte.

„Sie finden sich selbst in der Haltung Ihres
Herrn Gemahls zurecht und verlangen nur, daß
einem natürlichen Gefühle, wohl dem schönsten unserer
Gefühle (wenigstens wir Frauen werden uns darin
finden), sein Recht werde. Treff' ich es darin?“

„In allem.“

„Und so soll ich denn die Erlaubnis zu gelegentlichen Begegnungen erwirken, in Ihrem Hause,
wo Sie versuchen können, sich das Herz Ihres Kindes
zurückzuerobern.“

Effi drückte noch einmal ihre Zustimmung aus,
während die Ministerin fortfuhr: „Ich werde also
thun, meine gnädigste Frau, was ich thun kann.
Aber wir werden es nicht eben leicht haben. Ihr
Herr Gemahl, verzeihen Sie, daß ich ihn nach wie
vor so nenne, ist ein Mann, der nicht nach Stimmungen und Laune, sondern nach Grundsätzen handelt
und diese fallen zu lassen oder auch nur momentan
aufzugeben, wird ihm hart ankommen. Läg' es
nicht so, so wäre seine Handlungs- und Erziehungsweise längst eine andere gewesen. Das, was hart
für Ihr Herz ist, hält er für richtig.“

„So meinen Exzellenz vielleicht, es wäre besser,
meine Bitte zurückzunehmen?“

„Doch nicht. Ich wollte nur das Thun Ihres
Herrn Gemahls erklären, um nicht zu sagen rechtfertigen, und wollte zugleich die Schwierigkeiten andeuten, auf die wir, aller Wahrscheinlichkeit nach,
stoßen werden. Aber ich denke, wir zwingen es trotzdem. Denn wir Frauen, wenn wir's klug einleiten,
und den Bogen nicht überspannen, wissen mancherlei
durchzusetzen. Zudem gehört Ihr Herr Gemahl zu
meinen besonderen Verehrern, und er wird mir eine
Bitte, die ich an ihn richte, nicht wohl abschlagen.
Wir haben morgen einen kleinen Zirkel, auf dem ich
ihn sehe, und übermorgen früh haben Sie ein paar
Zeilen von mir, die Ihnen sagen werden, ob ich's
klug, das heißt glücklich eingeleitet oder nicht. Ich
denke, wir siegen in der Sache, und Sie werden
Ihr Kind wiedersehen und sich seiner freuen. Es
soll ein sehr schönes Mädchen sein. Nicht zu verwundern.“

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Am zweitfolgenden Tage trafen, wie versprochen,
einige Zeilen ein, und Effi las: „Es freut mich,
liebe gnädige Frau, Ihnen gute Nachricht geben
zu können. Alles ging nach Wunsch; Ihr Herr
Gemahl ist zu sehr Mann von Welt, um einer Dame
eine von ihr vorgetragene Bitte abschlagen zu können;
zugleich aber — auch das darf ich Ihnen nicht
verschweigen, — ich sah deutlich, daß sein „ja“ nicht
dem entsprach, was er für klug und recht hält. Aber
kritteln wir nicht, wo wir uns freuen sollen. Ihre
Annie, so haben wir es verabredet, wird über Mittag
kommen, und ein guter Stern stehe über Ihrem
Wiedersehen.“

Es war mit der zweiten Post, daß Effi diese
Zeilen empfing, und bis zu Annie's Erscheinen waren
mutmaßlich keine zwei Stunden mehr. Eine kurze
Zeit, aber immer noch zu lang, und Effi schritt in
Unruhe durch beide Zimmer und dann wieder in die
Küche, wo sie mit Roswitha von allem Möglichen
sprach, von dem Epheu drüben an der Christuskirche,
nächstes Jahr würden die Fenster wohl ganz zugewachsen sein, von dem Portier, der den Gashahn
wieder so schlecht zugeschraubt habe (sie würden doch
noch nächstens in die Luft fliegen), und daß sie das
Petroleum doch lieber wieder aus der großen Lampenhandlung Unter den Linden als aus der Anhaltstraße
holen solle, — von allem Möglichen sprach sie, nur
von Annie nicht, weil sie die Furcht nicht aufkommen
lassen wollte, die trotz der Zeilen der Ministerin,
oder vielleicht auch um dieser Zeilen willen, in
ihr lebte.

Nun war Mittag. Endlich wurde geklingelt,
schüchtern, und Roswitha ging, um durch das Guckloch zu sehen. Richtig, es war Annie. Roswitha
gab dem Kinde einen Kuß, sprach aber sonst kein
Wort, und ganz leise, wie wenn ein Kranker im
Hause wäre, führte sie das Kind vom Korridor her
erst in die Hinterstube und dann bis an die nach
vorn führende Thür.

„Da geh' hinein, Annie.“ Und unter diesen
Worten, sie wollte nicht stören, ließ sie das Kind
allein und ging wieder auf die Küche zu.

Effi stand am andern Ende des Zimmers, den
Rücken gegen den Spiegelpfeiler, als das Kind eintrat. „Annie!“ Aber Annie blieb an der mir angelehnten Thür stehen, halb verlegen, aber halb auch
mit Vorbedacht, und so eilte denn Effi auf das Kind
zu, hob es in die Höhe und küßte es.

„Annie, mein süßes Kind, wie freue ich mich.
Komm', erzähle mir,“ und dabei nahm sie Annie bei
der Hand und ging auf das Sofa zu, um sich da
zu setzen. Annie stand aufrecht und griff, während
sie die Mutter immer noch scheu ansah, mit der
Linken nach dem Zipfel der herabhängenden Tischdecke. „Weißt Du wohl, Annie, daß ich Dich einmal
gesehen habe.“

„Ja, mir war es auch so.“

„Und nun erzähle mir recht viel. Wie groß
Du geworden bist! Und das ist die Narbe da;
Roswitha hat mir davon erzählt. Du warst immer
so wild und ausgelassen beim Spielen. Das hast
Du von Deiner Mama, die war auch so. Und in
der Schule? ich denke mir, Du bist immer die Erste,
Du siehst mir so aus, als müßtest Du eine Musterschülerin sein und immer die besten Zensuren nach
Hause bringen. Ich habe auch gehört, daß Dich das
Fräulein von Wedelstädt so gelobt haben soll. Das
ist recht; ich war auch so ehrgeizig, aber ich hatte
nicht solche gute Schule. Mythologie war immer
mein bestes. Worin bist Du denn am besten?“

„Ich weiß es nicht.“

„O, Du wirst es schon wissen. Das weiß man.
Worin hast Du denn die beste Zensur?“

„In der Religion.“

„Nun, siehst Du, da weiß ich es doch. Ja, das
ist sehr schön; ich war nicht so gut darin, aber es
wird wohl auch an dem Unterricht gelegen haben.
Wir hatten bloß einen Kandidaten.“

„Wir hatten auch einen Kandidaten.“

„Und der ist fort?“

Annie nickte.

„Warum ist er fort?“

„Ich weiß es nicht. Wir haben nun wieder
den Prediger.“

„Den Ihr alle sehr liebt.“

„Ja; zwei aus der ersten Klasse wollen auch
übertreten.“

„Ah, ich verstehe; das ist schön. Und was
macht Johanna?“

„Johanna hat mich bis vor das Haus begleitet . . .“

„Und warum hast Du sie nicht mit heraufgebracht?“

„Sie sagte, sie wolle lieber unten bleiben und
an der Kirche drüben warten.“

„Und da sollst Du sie wohl abholen?“

„Ja.“

„Nun, sie wird da hoffentlich nicht ungeduldig
werden. Es ist ein kleiner Vorgarten da und die
Fenster sind schon halb von Epheu überwachsen, als
ob es eine alte Kirche wäre.“

„Ich möchte sie aber doch nicht gerne warten
lassen.“

„Ach, ich sehe, Du bist sehr rücksichtsvoll, und
darüber werde ich mich wohl freuen müssen. Man
muß es nur richtig einteilen . . . Und nun sage
mir noch, was macht Rollo?“

„Rollo ist sehr gut. Aber Papa sagt, er würde
so faul; er liegt immer in der Sonne.“

„Das glaub' ich. So war er schon, als Du
noch ganz klein warst . . . Und nun sage mir,
Annie, — denn heute haben wir uns ja bloß so
'mal wiedergesehen, — wirst Du mich öfter besuchen ?“

„O gewiß, wenn ich darf.“

„Wir können dann in dem Prinz Albrecht'schen
Garten spazieren gehen.“

„O gewiß, wenn ich darf.“

„Oder wir gehen zu Schilling und essen Eis,
Ananas- oder Vanilleneis; das aß ich immer am
liebsten.“

„O gewiß, wenn ich darf.“

Und bei diesem dritten „wenn ich darf“ war
das Maß voll; Effi sprang auf, und ein Blick, in
dem es wie Empörung aufflammte, traf das Kind.
„Ich glaube, es ist die höchste Zeit, Annie; Johanna
wird sonst ungeduldig.“ Und sie zog die Klingel.
Roswitha, die schon im Nebenzimmer war, trat gleich
ein. „Roswitha, gieb Annie das Geleit bis drüben
zur Kirche. Johanna wartet da. Hoffentlich hat
sie sich nicht erkältet. Es sollte mir leid thun.
Grüße Johanna.“

Und nun gingen beide.

Kaum aber, daß Roswitha draußen die Thür
ins Schloß gezogen hatte, so riß Effi, weil sie zu
ersticken drohte, ihr Kleid auf und verfiel in ein
krampfhaftes Lachen. „So also sieht ein Wiedersehen
aus,“ und dabei stürzte sie nach vorn, öffnete die
Fensterflügel und suchte nach etwas, das ihr beistehe.
Und sie fand auch 'was in der Not ihres Herzens.
Da neben dem Fenster war ein Bücherbrett, ein paar
Bände von Schiller und Körner darauf, und auf
den Gedichtbüchern, die alle gleiche Höhe hatten, lag
eine Bibel und ein Gesangbuch. Sie griff danach,
weil sie 'was haben mußte, vor dem sie knieen und
beten konnte, und legte Bibel und Gesangbuch auf
den Tischrand, gerade da, wo Annie gestanden hatte,
und mit einem heftigen Ruck warf sie sich davor
nieder und sprach halblaut vor sich hin: „O Du Gott
im Himmel, vergieb mir, was ich gethan; ich war
ein Kind . . . Aber nein, nein, ich war kein Kind,
ich war alt genug, um zu wissen, was ich that. Ich
hab es auch gewußt, und ich will meine Schuld
nicht kleiner machen, . . . aber das ist zuviel. Denn
das hier, mit dem Kind, das bist nicht Du, Gott,
der mich strafen will, das ist er, bloß er! Ich habe
geglaubt, daß er ein edles Herz habe, und habe mich
immer klein neben ihm gefühlt; aber jetzt weiß ich,
daß er es ist, er ist klein. Und weil er klein ist,
ist er grausam. Alles, was klein ist, ist grausam.
Das hat er dem Kinde beigebracht, ein Schulmeister
war er immer, Crampas hat ihn so genannt, spöttisch
damals, aber er hat recht gehabt. ,O gewiß, wenn
ich darf.‛ Du brauchst nicht zu dürfen; ich will
Euch nicht mehr, ich hass' Euch, auch mein eigen Kind.
Was zu viel ist, ist zu viel. Ein Streber war er,
weiter nichts. — Ehre, Ehre, Ehre . . . und dann
hat er den armen Kerl totgeschossen, den ich nicht
einmal liebte und den ich vergessen hatte, weil
ich ihn nicht liebte. Dummheit war alles, und
nun Blut und Mord, Und ich schuld. Und nun
schickt er mir das Kind, weil er einer Ministerin
nichts abschlagen kann, und ehe er das Kind schickt,
richtet er's ab wie einen Papagei und bringt ihm
die Phrase bei ,wenn ich darf'. Mich ekelt, was ich
gethan; aber was mich noch mehr ekelt, das ist Eure
Tugend. Weg mit Euch. Ich muß leben, aber ewig
wird es ja wohl nicht dauern.“

Als Roswitha wiederkam, lag Effi am Boden,
das Gesicht abgewandt, wie leblos.

Vierunddreißigstes Kapitel.

Rummschüttel, als er gerufen wurde, fand Effi's
Zustand nicht unbedenklich. Das Hektische, das er
seit Jahr und Tag an ihr beobachtete, trat ihm ausgesprochener als früher entgegen, und, was schlimmer
war, auch die ersten Zeichen eines Nervenleidens
waren da. Seine ruhig freundliche Weise aber, der
er einen Beisatz von Laune zu geben wußte, that
Effi wohl, und sie war ruhig, so lange Rummschüttel
um sie war. Als er schließlich ging, begleitete Roswitha den alten Herrn bis in den Vorflur und sagte:
„Gott, Herr Geheimrat, mir ist so bange; wenn es nu
'mal wiederkommt, und es kann doch; Gott, — da hab'
ich ja keine ruhige Stunde mehr. Es war aber doch
auch zuviel, das mit dem Kind. Die arme gnädige
Frau. Und noch so jung, wo manche erst anfangen.“

„Lassen Sie nur, Roswitha. Kann noch alles
wieder werden. Aber fort muß sie. Wir wollen
schon sehen. Andere Luft, andere Menschen.“

Den zweiten Tag danach traf ein Brief in
Hohen-Cremmen ein, der lautete: „Gnädigste Frau!
Meine alten freundschaftlichen Beziehungen zu den
Häusern Briest und Belling, und nicht zum wenigsten
die herzliche Liebe, die ich zu Ihrer Frau Tochter
hege, werden diese Zeilen rechtfertigen. Es geht
so nicht weiter. Ihre Frau Tochter, wenn nicht
etwas geschieht, das sie der Einsamkeit und dem
Schmerzlichen ihres nun seit Jahren geführten Lebens
entreißt, wird schnell hinsiechen. Eine Disposition zu
Phtisis war immer da, weshalb ich schon vor Jahren
Ems verordnete; zu diesem alten Übel hat sich nun
ein neues gesellt: ihre Nerven zehren sich auf. Dem
Einhalt zu thun, ist ein Luftwechsel nötig. Aber
wohin? Es würde nicht schwer sein, in den
schlesischen Bädern eine Auswahl zu treffen, Salzbrunn gut, und Reinerz, wegen der Nervenkomplikation,
noch besser. Aber es darf nur Hohen-Cremmen sein.
Denn, meine gnädigste Frau, was Ihrer Frau Tochter
Genesung bringen kann, ist nicht Luft allein; sie
siecht hin, weil sie nichts hat als Roswitha. Dienertreue ist schön, aber Elternliebe ist besser. Verzeihen
Sie einem alten Manne dies Sicheinmischen in Dinge,
die jenseits seines ärztlichen Berufes liegen. Und
doch auch wieder nicht, denn es ist schließlich auch
der Arzt, der hier spricht und seiner Pflicht nach,
verzeihen Sie dies Wort, Forderungen stellt . . .
Ich habe so viel vom Leben gesehen . . . aber nichts
mehr in diesem Sinne. Mit der Bitte, mich Ihrem
Herrn Gemahl empfehlen zu wollen, in vorzüglicher
Ergebenheit Dr. Rummschüttel.“

Frau von Briest hatte den Brief ihrem Manne
vorgelesen; beide saßen auf dem schattigen Steinfliesengange, den Gartensaal im Rücken, das Rondell mit
der Sonnenuhr vor sich. Der um die Fenster sich
rankende wilde Wein bewegte sich leis in dem Luftzuge, der ging, und über dem Wasser standen ein
paar Libellen im hellen Sonnenschein.

Briest schwieg und trommelte mit dem Finger
auf dem Theebrett.

„Bitte, trommle nicht; sprich lieber.“

„Ach, Luise, was soll ich sagen. Daß ich
trommle, sagt gerade genug. Du weißt seit Jahr
und Tag, wie ich darüber denke. Damals als Innstetten's Brief kam, ein Blitz aus heiterem Himmel,
damals war ich Deiner Meinung. Aber das ist
nun schon wieder eine halbe Ewigkeit her; soll ich
hier bis an mein Lebensende den Großinquisitor
spielen? Ich kann Dir sagen, ich hab' es seit lange
satt . . .“

„Mache mir keine Vorwürfe, Briest; ich liebe
sie so wie Du, vielleicht noch mehr; jeder hat seine
Art. Aber man lebt doch nicht bloß in der Welt,
um schwach und zärtlich zu sein und alles mit Nachsicht zu behandeln, was gegen Gesetz und Gebot ist
und was die Menschen verurteilen und, vorläufig
wenigstens, auch noch — mit Recht verurteilen.“

„Ach was. Eins geht vor.“

„Natürlich, eins geht vor; aber was ist das eine?“

„Liebe der Eltern zu ihren Kindern. Und wenn
man gar bloß eines hat . . . “

„Dann ist es vorbei mit Katechismus und
Moral und mit dem Anspruch der ,Gesellschaft‘.“

„Ach, Luise, komme mir mit Katechismus so viel
Du willst; aber komme mir nicht mit ,Gesellschaft'.“

„Es ist sehr schwer, sich ohne Gesellschaft zu
behelfen.“

„Ohne Kind auch. Und dann glaube mir, Luise,
die ,Gesellschaft', wenn sie nur will, kann auch ein
Auge zudrücken. Und ich stehe so zu der Sache:
kommen die Rathenower, so ist es gut, und kommen
sie nicht, so ist es auch gut. Ich werde ganz einfach
telegraphieren: ,Effi komm.‘ Bist Du einverstanden?“

Sie stand auf und gab ihm einen Kuß auf die
Stirn. „Natürlich bin ich's. Du solltest mir nur keinen
Vorwurf machen. Ein leichter Schritt ist es nicht. Und
unser Leben wird von Stund an ein anderes.“

„Ich kann's aushalten. Der Raps steht gut,
und im Herbst kann ich einen Hasen hetzen. Und
der Rotwein schmeckt mir noch. Und wenn ich das
Kind erst wieder im Hause habe, dann schmeckt er
mir noch besser . . . Und nun will ich das Telegramm
schicken.“

Effi war nun schon über ein halbes Jahr in
Hohen-Cremmen; sie bewohnte die beiden Zimmer
im ersten Stock, die sie schon früher, wenn sie zu
Besuch da war, bewohnt hatte; das größere war für
sie persönlich hergerichtet, nebenan schlief Roswitha.
Was Rummschüttel von diesem Aufenthalt und all'
dem andern Guten erwartet hatte, das hatte sich auch
erfüllt, so weit sich's erfüllen konnte. Das Hüsteln
ließ nach, der herbe Zug, der das so gütige Gesicht
um ein gut Teil seines Liebreizes gebracht hatte,
schwand wieder hin, und es kamen Tage, wo sie
wieder lachen konnte. Von Kessin und allem, was
da zurück lag, wurde wenig gesprochen, mit alleiniger
Ausnahme von Frau von Padden und natürlich
von Gieshübler, für den der alte Briest eine lebhafte
Vorliebe hatte. „Dieser Alonzo, dieser Preciosa-Spanier, der einen Mirambo beherbergt und eine
Trippelli großzieht, — ja, das muß ein Genie sein,
das laß ich mir nicht ausreden.“ Und dann mußte
sich Effi bequemen, ihm den ganzen Gieshübler, mit
dem Hut in der Hand und seinen endlosen Artigkeitsverbeugungen vorzuspielen, was sie, bei dem ihr eigenen
Nachahmungstalent, sehr gut konnte, trotzdem aber
ungern that, weil sie's allemal als ein Unrecht gegen
den guten und lieben Menschen empfand. — Von
Innstetten und Annie war nie die Rede, wiewohl
feststand, daß Annie Erbtochter sei, und Hohen-Cremmen ihr zufallen würde.

Ja, Effi lebte wieder auf, und die Mama, die,
nach Frauenart, nicht ganz abgeneigt war, die ganze
Sache, so schmerzlich sie blieb, als einen interessanten
Fall anzusehen, wetteiferte mit ihrem Manne in
Liebes- und Aufmerksamkeitsbezeugungen.

„Solchen guten Winter haben wir lange nicht
gehabt,“ sagte Briest. Und dann erhob sich Effi von
ihrem Platz und streichelte ihm das spärliche Haar
aus der Stirn. Aber so schön das alles war, auf
Effi's Gesundheit hin angesehen, war es doch alles
nur Schein, in Wahrheit ging die Krankheit weiter
und zehrte still das Leben auf. Wenn Effi — die
wieder, wie damals an ihrem Verlobungstage mit
Innstetten, ein blau und weißgestreiftes Kittelkleid
mit einem losen Gürtel trug — rasch und elastisch
auf die Eltern zutrat, um ihnen einen guten Morgen
zu bieten, so sahen sich diese freudig verwundert an,
freudig verwundert, aber doch auch wehmütig, weil
ihnen nicht entgehen konnte, daß es nicht die helle
Jugend, sondern eine Verklärtheit war, was der
schlanken Erscheinung und den leuchtenden Augen
diesen eigentümlichen Ausdruck gab. Alle, die schärfer
zusahen, sahen dies, nur Effi selbst sah es nicht und
lebte ganz dem Glücksgefühle, wieder an dieser für
sie so freundlich friedreichen Stelle zu sein, in Versöhnung mit denen, die sie immer geliebt hatte und
von denen sie immer geliebt worden war, auch in
den Jahren ihres Elends und ihrer Verbannung.

Sie beschäftigte sich mit allerlei Wirtschaftlichem
und sorgte für Ausschmückung und kleine Verbesserungen
im Haushalt. Ihr Sinn für das Schöne ließ sie darin
immer das Richtige treffen. Lesen aber und vor
allem die Beschäftigung mit den Künsten hatte sie
ganz aufgegeben. „Ich habe davon so viel gehabt,
daß ich froh bin, die Hände in den Schoß legen zu
können.“ Es erinnerte sie auch wohl zu sehr an ihre
traurigen Tage. Sie bildete statt dessen die Kunst
aus, still und entzückt auf die Natur zu blicken, und
wenn das Laub von den Platanen fiel, wenn die
Sonnenstrahlen auf dem Eis des kleinen Teiches
blitzten oder die ersten Krokus aus dem noch halb
winterlichen Rondell aufblühten, — das that ihr
wohl, und auf all das konnte sie stundenlang
blicken und dabei vergessen, was ihr das Leben
versagt, oder richtiger wohl, um was sie sich selbst
gebracht hatte.

Besuch blieb nicht ganz aus, nicht alle stellten
sich gegen sie; ihren Hauptverkehr aber hatte sie doch
in Schulhaus und Pfarre.

Daß im Schulhaus die Töchter ausgeflogen
waren, schadete nicht viel, es würde nicht mehr so
recht gegangen sein; aber zu Jahnke selbst — der
nicht bloß ganz Schwedisch-Pommern, sondern auch
die Kessiner Gegend als skandinavisches Vorland
ansah und beständig darauf bezügliche Fragen
stellte —, zu diesem alten Freunde stand sie besser
denn je. „Ja, Jahnke, wir hatten ein Dampfschiff,
und wie ich Ihnen, glaub' ich, schon einmal schrieb
oder vielleicht auch schon 'mal erzählt habe, beinahe
wär' ich wirklich 'rüber nach Wisby gekommen.
Denken Sie sich, beinahe nach Wisby. Es ist komisch,
aber ich kann eigentlich von vielem in meinem Leben
sagen ‚beinah‘.“

„Schade, schade,“ sagte Jahnke.

„Ja, freilich schade. Aber auf Rügen bin ich
wirklich umhergefahren. Und das wäre so 'was für
Sie gewesen, Jahnke. Denken Sie sich, Arkona mit
einem großen Wenden-Lagerplatz, der noch sichtbar
sein soll; denn ich bin nicht hingekommen; aber nicht
allzu weit davon ist der Hertha-See mit weißen und
gelben Mummeln. Ich habe da viel an Ihre Hertha
denken müssen . . .“

„Nun, ja, ja, Hertha . . . Aber Sie wollten
von dem Hertha-See sprechen . . .“

„Ja, das wollt' ich . . . Und denken Sie sich,
Jahnke, dicht an dem See standen zwei große Opfersteine, blank und noch die Rinnen drin, in denen
vordem das Blut ablief. Ich habe von der Zeit an
einen Widerwillen gegen die Wenden.“

„Ach, gnäd'ge Frau verzeihen. Aber das waren
ja keine Wenden. Das mit den Opfersteinen und
mit dem Hertha-See, das war ja schon wieder viel,
viel früher, ganz vor Christum natum; reine
Germanen, von denen wir alle abstammen . . .“

„Versteht sich,“ lachte Effi, „von denen wir alle
abstammen, die Jahnke's gewiß und vielleicht auch
die Briest's.“

Und dann ließ sie Rügen und den Hertha-See
fallen und fragte nach seinen Enkeln und welche ihm
lieber wären die von Bertha oder die von Hertha.

Ja, Effi stand gut zu Jahnke. Aber trotz seiner
intimen Stellung zu Hertha-See, Skandinavien und
Wisby, war er doch nur ein einfacher Mann, und
so konnte es nicht wohl ausbleiben, daß der vereinsamten jungen Frau die Plaudereien mit Niemeyer
um vieles lieber waren. Im Herbst, so lange sich
im Parke promenieren ließ, hatte sie denn auch die
Hülle und Fülle davon; mit dem Eintreten des
Winters aber kam eine mehrmonatliche Unterbrechung,
weil sie das Predigerhaus selbst nicht gern betrat;
Frau Pastor Niemeyer war immer eine sehr unangenehme Frau gewesen und schlug jetzt vollends
hohe Töne an, trotzdem sie, nach Ansicht der Gemeinde, selber nicht ganz einwandsfrei war.

Das ging so den ganzen Winter durch, sehr zu
Effi's Leidwesen. Als dann aber, Anfang April, die
Sträucher einen grünen Rand zeigten und die Parkwege rasch abtrockneten, da wurden auch die Spaziergänge wieder aufgenommen.

Einmal gingen sie auch wieder so. Von fern
her hörte man den Kuckuck, und Effi zählte, wie
vielemale er rief. Sie hatte sich an Niemeyer's Arm
gehängt und sagte: „Ja, da ruft der Kuckuck. Ich
mag ihn nicht befragen. Sagen Sie, Freund, was
halten Sie vom Leben?“

„Ach, liebe Effi, mit solchen Doktorfragen darfst
Du mir nicht kommen. Da mußt Du Dich an einen
Philosophen wenden oder ein Ausschreiben an eine
Fakultät machen. Was ich vom Leben halte? Viel
und wenig. Mitunter ist es recht viel und mitunter
ist es recht wenig.“

„Das ist recht, Freund, das gefällt mir; mehr
brauch' ich nicht zu wissen.“ Und als sie das so
sagte, waren sie bis an die Schaukel gekommen.
Sie sprang hinauf, mit einer Behendigkeit wie in
ihren jüngsten Mädchentagen, und ehe sich noch der
Alte, der ihr zusah, von seinem halben Schreck erholen
konnte, huckte sie schon zwischen den zwei Stricken
nieder und setzte das Schaukelbrett durch ein geschicktes
Auf- und Niederschnellen ihres Körpers in Bewegung.
Ein paar Sekunden noch, und sie flog durch die
Luft, und bloß mit einer Hand sich haltend, riß sie
mit der andern ein kleines Seidentuch von Brust
und Hals und schwenkte es wie in Glück und Übermut. Dann ließ sie die Schaukel wieder langsam gehen
und sprang herab und nahm wieder Niemeyer's Arm.

„Effi, Du bist doch noch immer wie Du früher
warst.“

„Nein. Ich wollte, es wäre so. Aber es liegt
ganz zurück, und ich hab' es nur noch einmal versuchen wollen. Ach, wie schön es war, und wie mir die
Luft wohlthat; mir war, als flög' ich in den Himmel.
Ob ich wohl hineinkomme? Sagen Sie mir's, Freund,
Sie müssen es wissen. Bitte, bitte . . .“

Niemeyer nahm ihren Kopf in seine zwei alten
Hände und gab ihr einen Kuß auf die Stirn und
sagte: „Ja, Effi, Du wirst.“

Fünfunddreißigstes Kapitel.

Effi war den ganzen Tag draußen im Park,
weil sie das Luftbedürfnis hatte: der alte Friesacker
Dr. Wiesike war auch einverstanden damit, gab ihr
aber in diesem Stücke doch zuviel Freiheit, zu thun,
was sie wolle, so daß sie sich während der kalten
Tage im Mai heftig erkältete: sie wurde fiebrig,
hustete viel, und der Doktor, der sonst jeden dritten
Tag herüber kam, kam jetzt täglich und war in Verlegenheit, wie er der Sache beikommen solle, denn die
Schlaf- und Hustenmittel, nach denen Effi verlangte,
konnten ihr des Fiebers halber nicht gegeben werden.

„Doktor,“ sagte der alte Briest, „was wird aus
der Geschichte? Sie kennen sie ja von klein auf,
haben sie geholt. Mir gefällt das alles nicht; sie
nimmt sichtlich ab, und die roten Flecke und der
Glanz in den Augen, wenn sie mich mit einemmale
so fragend ansieht. Was meinen Sie? Was wird?
Muß sie sterben?“

Wiesike wiegte den Kopf langsam hin und her.
„Das will ich nicht sagen, Herr von Briest. Daß sie so
fiebert, gefällt mir nicht. Aber wir werden es schon
wieder 'runter kriegen, dann muß sie nach der Schweiz
oder nach Mentone. Reine Luft und freundliche
Eindrücke, die das Alte vergessen machen . . .“

„Lethe, Lethe.“

„Ja, Lethe,“ lächelte Wiesike. „Schade, daß uns
die alten Schweden, die Griechen, bloß das Wort
hinterlassen haben und nicht zugleich auch die Quelle
selbst . . .“

„Oder wenigstens das Rezept dazu; Wässer
werden ja jetzt nachgemacht. Alle Wetter, Wiesike,
das wär' ein Geschäft, wenn wir hier so ein
Sanatorium anlegen könnten: Friesack als Vergessenheitsquelle. Nun, vorläufig wollen wir's mit
der Riviera versuchen. Mentone ist ja wohl Riviera?
Die Kornpreise sind zwar in diesem Augenblicke wieder
schlecht, aber was sein muß, muß sein. Ich werde
mit meiner Frau darüber sprechen.“

Das that er denn auch und fand sofort seiner
Frau Zustimmung, deren in letzter Zeit — wohl
unter dem Eindruck zurückgezogenen Lebens — stark
erwachte Lust, auch mal den Süden zu sehen, seinem
Vorschlage zu Hülfe kam. Aber Effi selbst wollte
nichts davon wissen. „Wie gut Ihr gegen mich seid.
Und ich bin egoistisch genug, ich würde das Opfer
auch annehmen, wenn ich mir etwas davon verspräche.
Mir steht es aber fest, daß es mir bloß schaden würde.“

„Das redest Du Dir ein, Effi.“

„Nein. Ich bin so reizbar geworden; alles
ärgert mich. Nicht hier bei Euch. Ihr verwöhnt
mich und räumt mir alles aus dem Wege. Aber
auf einer Reise, da geht das nicht, da läßt sich das
Unangenehme nicht so bei Seite thun; mit dem
Schaffner fängt es an, und mit dem Kellner
hört es auf. Wenn ich mir die suffisanten Gesichter
bloß vorstelle, so wird mir schon ganz heiß. Nein,
nein, laßt mich hier. Ich mag nicht mehr weg von
Hohen-Cremmen, hier ist meine Stelle. Der Heliotrop
unten auf dem Rondell, um die Sonnenuhr herum,
ist mir lieber als Mentone.“

Nach diesem Gespräch ließ man den Plan wieder
fallen, und Wiesike, so viel er sich von Italien
versprochen hatte, sagte: „Das müssen wir respektieren,
denn das sind keine Launen; solche Kranken haben
ein sehr feines Gefühl und wissen, mit merkwürdiger
Sicherheit, was ihnen hilft und was nicht. Und
was Frau Effi da gesagt hat von Schaffner und
Kellner, das ist doch auch eigentlich ganz richtig,
und es giebt keine Luft, die so viel Heilkraft hätte,
den Hotelärger (wenn man sich überhaupt darüber
ärgert) zu balanzieren. Also lassen wir sie hier;
wenn es nicht das beste ist, so ist es gewiß nicht
das schlechteste.“

Das bestätigte sich denn auch. Effi erholte sich,
nahm um ein Geringes wieder zu (der alte Briest
gehörte zu den Wiegefanatikern) und verlor ein gut
Teil ihrer Reizbarkeit. Dabei war aber ihr Luftbedürfnis in einem beständigen Wachsen, und zumal
wenn Westwind ging und graues Gewölk am Himmel
zog, verbrachte sie viele Stunden im Freien. An
solchen Tagen ging sie wohl auch auf die Felder
hinaus und ins Luch, oft eine halbe Meile weit,
und setzte sich, wenn sie müde geworden, auf einen
Hürdenzaun und sah, in Träume verloren, auf die
Ranunkeln und roten Ampferstauden, die sich im
Winde bewegten.

„Du gehst immer so allein,“ sagte Frau von
Briest. „Unter unseren Leuten bist Du sicher; aber
es schleicht auch so viel fremdes Gesindel umher.“

Das machte doch einen Eindruck auf Effi, die
an Gefahr nie gedacht hatte, und als sie mit Roswitha
allein war, sagte sie: „Dich kann ich nicht gut
mitnehmen, Roswitha; Du bist zu dick und nicht
mehr fest auf den Füßen.“

„Nu, gnäd'ge Frau, so schlimm ist es doch
noch nicht. Ich könnte ja doch noch heiraten.“

„Natürlich,“ lachte Effi. „Das kann man immer
noch. Aber weißt Du, Roswitha, wenn ich einen
Hund hätte, der mich begleitete. Papas Jagdhund
hat gar kein Attachement für mich, Jagdhunde sind
so dumm, und er rührt sich immer erst, wenn der
Jäger oder der Gärtner die Flinte vom Riegel
nimmt. Ich muß jetzt oft an Rollo denken.“

„Ja,“ sagte Roswitha, „so 'was wie Rollo haben
sie hier gar nicht. Aber damit will ich nichts gegen
‚hier‘ gesagt haben. Hohen-Cremmen ist sehr gut.“

Es war drei, vier Tage nach diesem Gespräche
zwischen Effi und Roswitha, daß Innstetten um eine
Stunde früher in sein Arbeitszimmer trat als gewöhnlich. Die Morgensonne, die sehr hell schien,
hatte ihn geweckt, und weil er fühlen mochte, daß er
nicht wieder einschlafen würde, war er aufgestanden,
um sich an eine Arbeit zu machen, die schon seit geraumer Zeit der Erledigung harrte.

Nun war es eine Viertelstunde nach acht, und
er klingelte. Johanna brachte das Frühstückstablett,
auf dem, neben der Kreuzzeitung und der Norddeutschen Allgemeinen, auch noch zwei Briefe lagen.
Er überflog die Adressen und erkannte an der Handschrift, daß der eine vom Minister war. Aber der
andere? Der Poststempel war nicht deutlich zu
lesen, und das „Sr. Wohlgeboren Herrn Baron von
Innstetten“ bezeugte eine glückliche Unvertrautheit
mit den landesüblichen Titulaturen. Dem entsprachen
auch die Schriftzüge von sehr primitivem Charakter.
Aber die Wohnungsangabe war wieder merkwürdig
genau: W. Keithstraße 1c, zwei Treppen hoch.

Innstetten war Beamter genug, um den Brief
von ‚Exzellenz‘ zuerst zu erbrechen. „Mein lieber
Innstetten! Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu
können, daß Seine Majestät Ihre Ernennung zu
unterzeichnen geruht haben und gratuliere Ihnen aufrichtig dazu.“ Innstetten war erfreut über die liebenswürdigen Zeilen des Ministers, fast mehr als über
die Ernennung selbst. Denn was das Höherhinaufklimmen auf der Leiter anging, so war er seit dem
Morgen in Kessin, wo Crampas mit einem Blick,
den er immer vor Augen hatte, Abschied von ihm
genommen, etwas kritisch gegen derlei Dinge geworden.
Er maß seitdem mit anderem Maße, sah alles anders
an. Auszeichnung, was war es am Ende? Mehr
als einmal hatte er, während der ihm immer freudloser dahin fließenden Tage, einer halb vergessenen
Ministerialanekdote aus den Zeiten des älteren Ladenberg her, gedenken müssen, der, als er nach langem
Warten den roten Adlerorden empfing, ihn wütend
und mit dem Ausrufe beiseite warf: „Da liege, bis
du schwarz wirst.“ Wahrscheinlich war er dann
hinterher auch „schwarz“ geworden, aber um viele
Tage zu spät und sicherlich ohne rechte Befriedigung
für den Empfänger. Alles, was uns Freude machen
soll, ist an Zeit und Umstände gebunden, und was
uns heute noch beglückt, ist morgen wertlos. Innstetten empfand das tief, und so gewiß ihm an
Ehren und Gunstbezeugungen von oberster Stelle
her lag, wenigstens gelegen hatte, so gewiß stand
ihm jetzt fest, es käme bei dem glänzenden Schein
der Dinge nicht viel heraus, und das, was man ‚das
Glück‘ nenne, wenn's überhaupt existiere, sei 'was
anderes als dieser Schein. „Das Glück, wenn mir
recht ist, liegt in zweierlei: darin, daß man ganz da
steht, wo man hin gehört (aber welcher Beamte kann
das von sich sagen), und zum zweiten und besten in
einem behaglichen Abwickeln des ganz Alltäglichen,
also darin, daß man ausgeschlafen hat und daß einen
die neuen Stiefel nicht drücken. Wenn einem die
720 Minuten eines zwölfstündigen Tages ohne besonderen Ärger vergehen, so läßt sich von einem
glücklichen Tage sprechen.“ In einer Stimmung, die
derlei schmerzlichen Betrachtungen nachhing, war
Innstetten auch heute wieder. Er nahm nun den
zweiten Brief. Als er ihn gelesen, fuhr er über
seine Stirn und empfand schmerzlich, daß es ein
Glück gebe, daß er es gehabt, aber daß er es nicht
mehr habe und nicht mehr haben könne.

Johanna trat ein und meldete: „Geheimrat
Wüllersdorf.“

Dieser stand schon auf der Thürschwelle. „Gratuliere, Innstetten.“

„Ihnen glaub' ich's; die anderen werden sich
ärgern. Im übrigen . . .“

„Im übrigen. Sie werden doch in diesem
Augenblicke nicht kritteln wollen.“

„Nein. Die Gnade Seiner Majestät beschämt
mich, und die wohlwollende Gesinnung des Ministers,
dem ich das alles verdanke, fast noch mehr.“

„Aber . . .“

„Aber ich habe mich zu freuen verlernt. Wenn
ich es einem anderen als Ihnen sagte, so würde
solche Rede für redensartlich gelten. Sie aber, Sie
finden sich darin zurecht. Sehen Sie sich hier um;
wie leer und öde ist das alles. Wenn die Johanna
eintritt, ein sogenanntes Juwel, so wird mir angst
und bange. Dieses Sich-in-Szene-setzen (und Innstetten ahmte Johanna's Haltung nach), diese halb
komische Büstenplastik, die wie mit einem Spezialanspruch auftritt, ich weiß nicht, ob an die Menschheit oder an mich — ich finde das alles so trist
und elend, und es wäre zum Totschießen, wenn es
nicht so lächerlich wäre.“

„Lieber Innstetten, in dieser Stimmung wollen
Sie Ministerialdirektor werden?“

„Ah, bah. Kann es anders sein? Lesen Sie;
diese Zeilen habe ich eben bekommen.“

Wüllersdorf nahm den zweiten Brief mit dem
unleserlichen Poststempel, amüsierte sich über das
,Wohlgeboren‘ und trat dann ans Fenster, um bequemer lesen zu können.

„Gnäd'ger Herr! Sie werden sich wohl am
Ende wundern, daß ich Ihnen schreibe, aber es ist
wegen Rollo. Anniechen hat uns schon voriges Jahr
gesagt: Rollo wäre jetzt so faul; aber das thut hier
nichts, er kann hier so faul sein wie er will, je
fauler je besser. Und die gnäd'ge Frau möchte es
doch so gern. Sie sagt immer, wenn sie ins Luch
oder über Feld geht: ,Ich fürchte mich eigentlich,
Roswitha, weil ich da so allein bin; aber wer soll
mich begleiten? Rollo, ja, das ginge; der ist mir
auch nicht gram. Das ist der Vorteil, daß sich die
Tiere nicht so drum kümmern.‘ Das sind die Worte
der gnäd'gen Frau, und weiter will ich nichts sagen,
und den gnäd'gen Herrn bloß noch bitten, mein Anniechen zu grüßen. Und auch die Johanna. Von Ihrer
treu ergebensten Dienerin Roswitha Gellenhagen.“

„Ja,“ sagte Wüllersdorf, als er das Papier
wieder zusammenfaltete, „die ist uns über.“

„Finde ich auch.“

„Und das ist auch der Grund, daß Ihnen alles
andere so fraglich erscheint.“

„Sie treffen's. Es geht mir schon lange durch
den Kopf, und diese schlichten Worte mit ihrer gewollten oder vielleicht auch nicht gewollten Anklage
haben mich wieder vollends aus dem Häuschen gebracht. Es quält mich seit Jahr und Tag schon,
und ich möchte aus dieser ganzen Geschichte heraus;
nichts gefällt mir mehr; je mehr man mich auszeichnet, je mehr fühle ich, daß dies alles nichts ist.
Mein Leben ist verpfuscht, und so hab' ich mir im
Stillen ausgedacht, ich müßte mit all' den Strebungen
und Eitelkeiten überhaupt nichts mehr zu thun
haben, und mein Schulmeistertum, was ja wohl
mein Eigentlichstes ist, als ein höherer Sittendirektor
verwenden können. Es hat ja dergleichen gegeben.
Ich müßte also, wenn's ginge, solche schrecklich berühmte Figur werden, wie beispielsweise der Doktor
Wichern im Rauhen Hause zu Hamburg gewesen ist,
dieser Mirakelmensch, der alle Verbrecher mit seinem
Blick und seiner Frömmigkeit bändigte . . .“

„Hm, dagegen ist nichts zu sagen; das würde
gehen.“

„Nein, es geht auch nicht. Auch das nicht 'mal.
Mir ist eben alles verschlossen. Wie soll ich einen
Totschläger an seiner Seele packen? Dazu muß
man selber intakt sein. Und wenn man's nicht mehr
ist und selber so 'was an den Fingerspitzen hat,
dann muß man wenigstens vor seinen zu bekehrenden
Confratres den wahnsinnigen Büßer spielen und eine
Riesenzerknirschung zum besten geben können.“

Wüllersdorf nickte.

„ . . . Nun sehen Sie, Sie nicken. Aber das
alles kann ich nicht mehr. Den Mann im Büßerhemd bring' ich nicht mehr heraus, und den Derwisch
oder Fakir, der unter Selbstanklagen sich zu Tode
tanzt, erst recht nicht. Und da hab' ich mir denn,
weil das alles nicht geht, als ein bestes herausgeklügelt: weg von hier, weg und hin unter lauter
pechschwarze Kerle, die von Kultur und Ehre nichts
wissen. Diese Glücklichen! Denn gerade das, dieser
ganze Krimskrams ist doch an allem schuld. Aus
Passion, was am Ende gehen möchte, thut man dergleichen nicht. Also bloßen Vorstellungen zuliebe . . .
Vorstellungen! . . . Und da klappt denn einer zusammen, und man klappt selber nach. Bloß noch
schlimmer.“

„Ach was, Innstetten, das sind Launen, Einfälle. Quer durch Afrika, was soll das heißen?
Das ist für 'nen Leutnant, der Schulden hat. Aber
ein Mann wie Sie! Wollen Sie mit einem roten
Fez einem Palawer präsidieren oder mit einem
Schwiegersohn von König Mtesa Blutfreundschaft
schließen? Oder wollen Sie sich in einem Tropenhelm, mit sechs Löchern oben, am Kongo entlang
tasten, bis Sie bei Kamerun oder da herum wieder
heraus kommen? Unmöglich!“

„Unmöglich? Warum? Und wenn unmöglich, was dann?“

„Einfach hier bleiben und Resignation üben.
Wer ist denn unbedrückt? Wer sagte nicht jeden
Tag: ,eigentlich eine sehr fragwürdige Geschichte.‘
Sie wissen, ich habe auch mein Päckchen zu tragen,
nicht gerade das Ihrige, aber nicht viel leichter. Es
ist Thorheit mit dem im Urwald-Umherkriechen oder
in einem Termitenhügel nächtigen; wer's mag, der
mag es, aber für unserein ist es nichts. In der
Bresche stehen und aushalten, bis man fällt, das ist
das beste. Vorher aber im kleinen und kleinsten so
viel herausschlagen wie möglich, und ein Auge dafür
haben, wenn die Veilchen blühen oder das Luisendenkmal in Blumen steht oder die kleinen Mädchen
mit hohen Schnürstiefeln über die Korde springen.
Oder auch wohl nach Potsdam fahren und in die
Friedenskirche gehen, wo Kaiser Friedrich liegt, und
wo sie jetzt eben anfangen, ihm ein Grabhaus zu
bauen. Und wenn Sie da stehen, dann überlegen
Sie sich das Leben von dem, und wenn Sie dann
nicht beruhigt sind, dann ist Ihnen freilich nicht zu
helfen.“

„Gut, gut. Aber das Jahr ist lang, und jeder
einzelne Tag . . . und dann der Abend.“

„Mit dem ist immer noch am ehesten fertig zu
werden. Da haben wir ,Sardanapal‘ oder ,Coppelia‘
mit der del Era, und wenn es damit aus ist, dann
haben wir Siechen. Nicht zu verachten. Drei
Seidel beruhigen jedesmal. Es giebt immer noch
viele, sehr viele, die zu der ganzen Sache nicht anders
stehen wie wir, und einer, dem auch viel verquer
gegangen war, sagte mir 'mal: ‚Glauben Sie mir,
Wüllersdorf, es geht überhaupt nicht ohne ,Hülfskonstruktionen‘.‘ Der das sagte, war ein Baumeister
und mußt' es also wissen. Und er hatte recht mit
seinem Satz. Es vergeht kein Tag, der mich nicht
an die ‚Hülfskonstruktionen‘ gemahnte.“

Wüllersdorf, als er sich so expektoriert, nahm
Hut und Stock. Innstetten aber, der sich bei diesen
Worten seines Freundes seiner eigenen voraufgegangenen Betrachtungen über das ,kleine Glück‘ erinnert haben mochte, nickte halb zustimmend und
lächelte vor sich hin.

„Und wohin gehen Sie nun, Wüllersdorf? Es
ist noch zu früh für das Ministerium.“

„Ich schenk' es mir heute ganz. Erst noch eine
Stunde Spaziergang am Kanal hin bis an die
Charlottenburger Schleuse und dann wieder zurück.
Und dann ein kleines Vorsprechen bei Huth, Potsdamerstraße, die kleine Holztreppe vorsichtig hinauf.
Unten ist ein Blumenladen.“

„Und das freut Sie? Das genügt Ihnen?“

„Das will ich nicht gerade sagen. Aber es
hilft ein bißchen. Ich finde da verschiedene Stammgäste, Frühschoppler, deren Namen ich klüglich verschweige. Der eine erzählt dann vom Herzog von
Ratibor, der andere vom Fürstbischof Kopp und der
dritte wohl gar von Bismarck. Ein bißchen fällt
immer ab. Dreiviertel stimmt nicht, aber wenn es
nur witzig ist, krittelt man nicht lange dran herum
und hört dankbar zu.“

Und damit ging er.

Sechsunddreißigstes Kapitel.

Der Mai war schön, der Juni noch schöner,
und Effi, nachdem ein erstes schmerzliches Gefühl,
das Rollo's Eintreffen in ihr geweckt hatte, glücklich
überwunden war, war voll Freude, das treue Tier
wieder um sich zu haben. Roswitha wurde belobt,
und der alte Briest erging sich, seiner Frau gegenüber, in Worten der Anerkennung für Innstetten,
der ein Kavalier sei, nicht kleinlich, und immer das
Herz auf dem rechten Fleck gehabt habe. „Schade,
daß die dumme Geschichte dazwischen fahren mußte.
Eigentlich war es doch ein Musterpaar.“ Der Einzige, der bei dem Wiedersehen ruhig blieb, war Rollo
selbst, weil er entweder kein Organ für Zeitmaß hatte
oder die Trennung als eine Unordnung ansah, die
nun einfach wieder behoben sei. Daß er alt geworden,
wirkte wohl auch mit dabei. Mit seinen Zärtlichkeiten blieb er sparsam, wie er beim Wiedersehen
sparsam mit seinen Freudenbezeugungen gewesen war,
aber in seiner Treue war er womöglich noch gewachsen. Er wich seiner Herrin nicht von der Seite.
Den Jagdhund behandelte er wohlwollend, aber doch
als ein Wesen auf niederer Stufe. Nachts lag er
vor Effi's Thür auf der Binsenmatte, morgens, wenn
das Frühstück im Freien genommen wurde, neben
der Sonnenuhr, immer ruhig, immer schläfrig, und
nur wenn sich Effi vom Frühstückstisch erhob und
auf den Flur zuschritt und hier erst den Strohhut
und dann den Sonnenschirm vom Ständer nahm,
kam ihm seine Jugend wieder, und ohne sich darum
zu kümmern, ob seine Kraft auf eine große oder kleine
Probe gestellt werden würde, jagte er die Dorfstraße
hinauf und wieder herunter und beruhigte sich erst,
wenn sie zwischen den ersten Feldern waren. Effi,
der freie Luft noch mehr galt, als landschaftliche
Schönheit, vermied die kleinen Waldpartieen und hielt
meist die große, zunächst von uralten Rüstern und
dann, wo die Chaussee begann, von Pappeln besetzte
große Straße, die nach der Bahnhofsstation führte,
wohl eine Stunde Wegs. An allem freute sie sich,
atmete beglückt den Duft ein, der von den Raps- und Kleefeldern herüber kam, oder folgte dem Aufsteigen der Lerchen und zählte die Ziehbrunnen und
Tröge, daran das Vieh zur Tränke ging. Dabei
klang ein leises Läuten zu ihr herüber. Und dann
war ihr zu Sinn, als müsse sie die Augen schließen
und in einem süßen Vergessen hinübergehen. In
Nähe der Station, hart an der Chaussee, lag eine
Chausseewalze. Das war ihr täglicher Rasteplatz,
von dem aus sie das Treiben auf dem Bahndamm
verfolgen konnte; Züge kamen und gingen, und
mitunter sah sie zwei Rauchfahnen, die sich einen
Augenblick wie deckten und dann nach links und
rechts hin wieder auseinandergingen, bis sie hinter
Dorf und Wäldchen verschwanden. Rollo saß dann
neben ihr, an ihrem Frühstück teilnehmend, und wenn
er den letzten Bissen aufgefangen hatte, fuhr er, wohl
um sich dankbar zu bezeigen, irgend eine Ackerfurche
wie ein Rasender hinauf und hielt nur inne, wenn
ein paar beim Brüten gestörte Rebhühner dicht neben
ihm aus einer Nachbarfurche aufflogen.

„Wie schön dieser Sommer! Daß ich noch so
glücklich sein könnte, liebe Mama, vor einem Jahre
hätte ich's nicht gedacht,“ — das sagte Effi jeden
Tag, wenn sie mit der Mama um den Teich schritt
oder einen Frühapfel vom Zweig brach und tapfer
einbiß. Denn sie hatte die schönsten Zähne. Frau
von Briest streichelte ihr dann die Hand und sagte:
„Werde nur erst wieder gesund, Effi, ganz gesund;
das Glück findet sich dann; nicht das alte, aber ein
neues. Es giebt Gott sei Dank viele Arten von
Glück. Und Du sollst sehen, wir werden schon etwas
finden für Dich.“

„Ihr seid so gut. Und eigentlich hab' ich doch
auch Euer Leben geändert und Euch vor der Zeit
zu alten Leuten gemacht.“

„Ach, meine liebe Effi, davon sprich nicht. Als
es kam, da dacht' ich ebenso. Jetzt weiß ich, daß
unsere Stille besser ist als der Lärm und das laute
Getriebe von vordem. Und wenn Du so fortfährst,
können wir noch reisen. Als Wiesike Mentone vorschlug, da warst Du krank und reizbar und hattest,
weil Du krank warst, ganz recht mit dem, was Du
von den Schaffnern und Kellnern sagtest; aber wenn
Du wieder festere Nerven hast, dann geht es, dann
ärgert man sich nicht mehr, dann lacht man über
die großen Allüren und das gekräuselte Haar. Und
dann das blaue Meer und weiße Segel und die
Felsen ganz mit rotem Kaktus überwachsen, — ich
habe es noch nicht gesehen, aber ich denke es mir so.
Und ich möchte es wohl kennen lernen.“

So verging der Sommer, und die Sternschnuppennächte lagen schon zurück. Effi hatte während dieser
Nächte bis über Mitternacht hinaus am Fenster gesessen und sich nicht müde sehen können. „Ich war
immer eine schwache Christin; aber ob wir doch
vielleicht von da oben stammen und, wenn es hier
vorbei ist, in unsere himmlische Heimat zurückkehren,
zu den Sternen oben oder noch drüber hinaus! Ich
weiß es nicht, ich will es auch nicht wissen, ich habe
nur die Sehnsucht.“

Arme Effi, Du hattest zu den Himmelwundern
zu lange hinaufgesehen und darüber nachgedacht, und
das Ende war, daß die Nachtluft und die Nebel,
die vom Teich her aufstiegen, sie wieder aufs Krankenbett warfen, und als Wiesike gerufen wurde und sie
gesehen hatte, nahm er Briest beiseite und sagte:
„Wird nichts mehr; machen Sie sich auf ein baldiges
Ende gefaßt.“

Er hatte nur zu wahr gesprochen, und wenige
Tage danach, es war noch nicht spät und die zehnte
Stunde noch nicht heran, da kam Roswitha nach
unten und sagte zu Frau von Briest: „Gnädigste
Frau, mit der gnädigen Frau oben ist es schlimm;
sie spricht immer so still vor sich hin, und mitunter
ist es, als ob sie bete, sie will es aber nicht wahr
haben, und ich weiß nicht, mir ist, als ob es jede
Stunde vorbei sein könnte.“

„Will sie mich sprechen?“

„Sie hat es nicht gesagt. Aber ich glaube, sie
möchte es. Sie wissen ja, wie sie ist; sie will Sie
nicht stören und ängstlich machen. Aber es wäre
doch wohl gut.“

„Es ist gut, Roswitha,“ sagte Frau von Briest,
„ich werde kommen.“

Und ehe die Uhr noch einsetzte, stieg Frau
von Briest die Treppe hinauf und trat bei Effi ein.
Das Fenster stand auf, und sie lag auf einer
Chaiselongue, die neben dem Fenster stand.

Frau von Briest schob einen kleinen schwarzen
Stuhl mit drei goldenen Stäbchen in der Ebenholzlehne heran, nahm Effi's Hand und sagte:

„Wie geht es Dir, Effi? Roswitha sagt, Du
seiest so fiebrig.“

„Ach, Roswitha nimmt alles so ängstlich. Ich
sah ihr an, sie glaubt, ich sterbe. Nun, ich weiß
nicht. Aber sie denkt, es soll es jeder so ängstlich
nehmen wie sie selbst.“

„Bist Du so ruhig über Sterben, liebe Effi?“

„Ganz ruhig, Mama.“

„Täuschst Du Dich darin nicht? Alles hängt
am Leben und die Jugend erst recht. Und Du bist
noch so jung, liebe Effi.“

Effi schwieg eine Weile. Dann sagte sie: „Du
weißt, ich habe nicht viel gelesen, und Innstetten
wunderte sich oft darüber, und es war ihm nicht recht.“

Es war das erste Mal, daß sie Innstetten's
Namen nannte, was einen großen Eindruck auf die
Mama machte und dieser klar zeigte, daß es zu
Ende sei.

„Aber ich glaube,“ nahm Frau von Briest das
Wort, „Du wolltest mir 'was erzählen.“

„Ja, das wollte ich, weil Du davon sprachst,
ich sei noch so jung. Freilich bin ich noch jung.
Aber das schadet nichts. Es war noch in glücklichen
Tagen, da las mir Innstetten abends vor; er hatte
sehr gute Bücher, und in einem hieß es: es sei wer
von einer fröhlichen Tafel abgerufen worden, und am
anderen Tage habe der Abgerufene gefragt, wie's
denn nachher gewesen sei. Da habe man ihm geantwortet: ,Ach, es war noch allerlei; aber eigentlich
haben Sie nichts versäumt.‘ Sieh', Mama, diese
Worte haben sich mir eingeprägt — es hat nicht
viel zu bedeuten, wenn man von der Tafel etwas
früher abgerufen wird.“

Frau von Briest schwieg. Effi aber schob sich
etwas höher hinauf und sagte dann: „Und da ich
nun 'mal von alten Zeiten und auch von Innstetten
gesprochen habe, muß ich Dir doch noch etwas sagen,
liebe Mama.“

„Du regst Dich auf, Effi.“

„Nein, nein; etwas von der Seele herunter
sprechen, das regt mich nicht auf, das macht still.
Und da wollt' ich Dir denn sagen: ich sterbe mit
Gott und Menschen versöhnt, auch versöhnt mit ihm.“

„Warst Du denn in Deiner Seele in so großer
Bitterkeit mit ihm? Eigentlich, verzeihe mir, meine
liebe Effi, daß ich das jetzt noch sage, eigentlich hast
Du doch Euer Leid heraufbeschworen.“

Effi nickte. „Ja, Mama. Und traurig, daß
es so ist. Aber als dann all' das Schreckliche kam,
und zuletzt das mit Annie, Du weißt schon, da hab'
ich doch, wenn ich das lächerliche Wort gebrauchen
darf, den Spieß umgekehrt und habe mich ganz ernsthaft in den Gedanken hinein gelebt, er sei schuld, weil
er nüchtern und berechnend gewesen sei und zuletzt
auch noch grausam. Und da sind Verwünschungen
gegen ihn über meine Lippen gekommen.“

„Und das bedrückt Dich jetzt?“

„Ja. Und es liegt mir daran, daß er erfährt,
wie mir hier in meinen Krankheitstagen, die doch
fast meine schönsten gewesen sind, wie mir hier klar
geworden, daß er in allem recht gehandelt. In der
Geschichte mit dem armen Crampas — ja, was
sollt' er am Ende anders thun? Und dann, womit
er mich am tiefsten verletzte, daß er mein eigen Kind
in einer Art Abwehr gegen mich erzogen hat, so hart
es mir ankommt und so weh' es mir thut, er hat
auch darin recht gehabt. Laß ihn das wissen, daß
ich in dieser Überzeugung gestorben bin. Es wird
ihn trösten, aufrichten, vielleicht versöhnen. Denn er
hatte viel Gutes in seiner Natur und war so edel,
wie jemand sein kann, der ohne rechte Liebe ist.“

Frau von Briest sah, daß Effi erschöpft war
und zu schlafen schien oder schlafen wollte. Sie
erhob sich leise von ihrem Platz und ging. Indessen
kaum, daß sie fort war, erhob sich auch Effi und
setzte sich an das offene Fenster, um noch einmal die
kühle Nachtluft einzusaugen. Die Sterne flimmerten,
und im Parke regte sich kein Blatt. Aber je länger
sie hinaus horchte, je deutlicher hörte sie wieder, daß
es wie ein feines Rieseln auf die Platanen niederfiel.
Ein Gefühl der Befreiung überkam sie. „Ruhe, Ruhe.“

Es war einen Monat später, und der September
ging auf die Neige. Das Wetter war schön, aber
das Laub im Parke zeigte schon viel Rot und Gelb,
und seit den Äquinoktien, die drei Sturmtage gebracht
hatten, lagen die Blätter überall hin ausgestreut.
Auf dem Rondell hatte sich eine kleine Veränderung
vollzogen, die Sonnenuhr war fort, und an der
Stelle, wo sie gestanden hatte, lag seit gestern eine
weiße Marmorplatte, darauf stand nichts als „Effi
Briest“ und darunter ein Kreuz. Das war Effi's
letzte Bitte gewesen: „Ich möchte auf meinem Stein
meinen alten Namen wieder haben; ich habe dem
andern keine Ehre gemacht.“ Und es war ihr
versprochen worden.

Ja, gestern war die Marmorplatte gekommen
und aufgelegt worden, und angesichts der Stelle
saßen nun wieder Briest und Frau und sahen darauf
hin und auf den Heliotrop, den man geschont, und
der den Stein jetzt einrahmte. Rollo lag daneben,
den Kopf in die Pfoten gesteckt.

Wilke, dessen Gamaschen immer weiter wurden,
brachte das Frühstück, und die Post, und der alte
Briest sagte: „Wilke, bestelle den kleinen Wagen.
Ich will mit der Frau über Land fahren.“

Frau von Briest hatte mittlerweile den Kaffee
eingeschenkt und sah nach dem Rondell und seinem
Blumenbeete. „Sieh', Briest, Rollo liegt wieder vor
dem Stein. Es ist ihm doch noch tiefer gegangen
als uns. Er frißt auch nicht mehr.“

„Ja, Luise, die Kreatur. Das ist ja, was ich
immer sage. Es ist nicht so viel mit uns, wie wir
glauben. Da reden wir immer von Instinkt. Am
Ende ist es doch das beste.“

„Sprich nicht so. Wenn Du so philosophierst . . .
nimm es mir nicht übel, Briest, dazu reicht es
bei Dir nicht aus. Du hast Deinen guten
Verstand, aber Du kannst doch nicht an solche
Fragen . . .“

„Eigentlich nicht.“

„Und wenn denn schon überhaupt Fragen gestellt
werden sollen, da giebt es ganz andere, Briest, und
ich kann Dir sagen, es vergeht kein Tag, seit das
arme Kind da liegt, wo mir solche Fragen nicht
gekommen wären . . .“

„Welche Fragen?“

„Ob wir nicht doch vielleicht schuld sind?“

„Unsinn, Luise. Wie meinst Du das?“

„Ob wir sie nicht anders in Zucht hätten
nehmen müssen. Gerade wir. Denn Niemeyer ist
doch eigentlich eine Null, weil er alles in Zweifel
läßt. Und dann, Briest, so leid es mir thut . . . Deine
beständigen Zweideutigkeiten . . . und zuletzt, womit
ich mich selbst anklage, denn ich will nicht schuldlos
ausgehen in dieser Sache, ob sie nicht doch vielleicht
zu jung war?“

Rollo, der bei diesen Worten aufwachte, schüttelte
den Kopf langsam hin und her, und Briest sagte
ruhig: „Ach, Luise, laß . . . das ist ein zu weites
Feld.“