Der Stechlin

Schloß Stechlin.

Erstes Kapitel.

Im Norden der Grafschaft Ruppin, hart an der
mecklenburgischen Grenze, zieht sich von dem Städtchen
Gransee bis nach Rheinsberg hin (und noch darüber
hinaus) eine mehrere Meilen lange Seeenkette durch
eine menschenarme, nur hie und da mit ein paar alten
Dörfern, sonst aber ausschließlich mit Förstereien, Glas- und Teeröfen besetzte Waldung. Einer der Seeen, die
diese Seeenkette bilden, heißt „der Stechlin“.
Zwischen flachen, nur an einer einzigen Stelle steil und
quaiartig ansteigenden Ufern liegt er da, rundum von
alten Buchen eingefaßt, deren Zweige, von ihrer eignen
Schwere nach unten gezogen, den See mit ihrer Spitze
berühren. Hie und da wächst ein weniges von Schilf
und Binsen auf, aber kein Kahn zieht seine Furchen,
kein Vogel singt, und nur selten, daß ein Habicht
drüber hinfliegt und seinen Schatten auf die Spiegelfläche wirft. Alles still hier. Und doch, von Zeit zu
Zeit wird es an eben dieser Stelle lebendig. Das ist,
wenn es weit draußen in der Welt, sei's auf Island,
sei's auf Java, zu rollen und zu grollen beginnt oder
gar der Aschenregen der hawaiischen Vulkane bis weit
auf die Südsee hinausgetrieben wird. Dann regt sich's
auch hier, und ein Wasserstrahl springt auf und sinkt
wieder in die Tiefe. Das wissen alle, die den Stechlin
umwohnen, und wenn sie davon sprechen, so setzen sie
wohl auch hinzu: „Das mit dem Wasserstrahl, das ist
nur das Kleine, das beinah Alltägliche; wenn's aber
draußen was Großes giebt, wie vor hundert Jahren in
Lissabon, dann brodelt's hier nicht bloß und sprudelt
und strudelt, dann steigt statt des Wasserstrahls ein
roter Hahn auf und kräht laut in die Lande hinein.“

Das ist der Stechlin, der See Stechlin.

Aber nicht nur der See führt diesen Namen, auch
der Wald, der ihn umschließt. Und Stechlin heißt ebenso
das langgestreckte Dorf, das sich, den Windungen des
Sees folgend, um seine Südspitze herumzieht. Etwa
hundert Häuser und Hütten bilden hier eine lange,
schmale Gasse, die sich nur da, wo eine von Kloster
Wutz her heranführende Kastanienallee die Gasse durchschneidet, platzartig erweitert. An eben dieser Stelle
findet sich denn auch die ganze Herrlichkeit von Dorf
Stechlin zusammen; das Pfarrhaus, die Schule, das
Schulzenamt, der Krug, dieser letztere zugleich ein Eck- und Kramladen mit einem kleinen Mohren und einer
Guirlande von Schwefelfäden in seinem Schaufenster.
Dieser Ecke schräg gegenüber, unmittelbar hinter dem
Pfarrhause, steigt der Kirchhof lehnan, auf ihm, so
ziemlich in seiner Mitte, die frühmittelalterliche Feldsteinkirche mit einem aus dem vorigen Jahrhundert
stammenden Dachreiter und einem zur Seite des alten
Rundbogenportals angebrachten Holzarm, dran eine
Glocke hängt. Neben diesem Kirchhof samt Kirche setzt
sich dann die von Kloster Wutz her heranführende
Kastanienallee noch eine kleine Strecke weiter fort, bis
sie vor einer über einen sumpfigen Graben sich hinziehenden und von zwei riesigen Findlingsblöcken
flankierten Bohlenbrücke Halt macht. Diese Brücke ist
sehr primitiv. Jenseits derselben aber steigt das
Herrenhaus auf, ein gelbgetünchter Bau mit hohem
Dach und zwei Blitzableitern.

Auch dieses Herrenhaus heißt Stechlin, Schloß
Stechlin.

Etliche hundert Jahre zurück stand hier ein wirkliches Schloß, ein Backsteinbau mit dicken Rundtürmen,
aus welcher Zeit her auch noch der Graben stammt,
der die von ihm durchschnittene, sich in den See hineinerstreckende Landzunge zu einer kleinen Insel machte.
Das ging so bis in die Tage der Reformation.
Während der Schwedenzeit aber wurde das alte Schloß
niedergelegt, und man schien es seinem gänzlichen Verfall überlassen, auch nichts an seine Stelle setzen zu
wollen, bis kurz nach dem Regierungsantritt Friedrich
Wilhelms I. die ganze Trümmermasse beiseite geschafft
und ein Neubau beliebt wurde. Dieser Neubau war
das Haus, das jetzt noch stand. Es hatte denselben
nüchternen Charakter wie fast alles, was unter dem
Soldatenkönig entstand, und war nichts weiter als ein
einfaches Corps de logis, dessen zwei vorspringende, bis
dicht an den Graben reichende Seitenflügel ein Hufeisen
und innerhalb desselben einen kahlen Vorhof bildeten,
auf dem, als einziges Schmuckstück, eine große blanke
Glaskugel sich präsentierte. Sonst sah man nichts als
eine vor dem Hause sich hinziehende Rampe, von deren
dem Hofe zugekehrter Vorderwand der Kalk schon wieder
abfiel. Gleichzeitig war aber doch ein Bestreben unverkennbar, gerade diese Rampe zu was Besonderem zu
machen, und zwar mit Hilfe mehrerer Kübel mit
exotischen Blattpflanzen, darunter zwei Aloes, von denen
die eine noch gut im Stande, die andre dagegen krank
war. Aber gerade diese kranke war der Liebling des
Schloßherrn, weil sie jeden Sommer in einer ihr
freilich nicht zukommenden Blüte stand. Und das hing
so zusammen. Aus dem sumpfigen Schloßgraben hatte
der Wind vor langer Zeit ein fremdes Samenkorn in
den Kübel der kranken Aloe geweht, und alljährlich
schossen infolge davon aus der Mitte der schon angegelbten Aloeblätter die weiß und roten Dolden des
Wasserliesch oder des Butomus umbellatus auf. Jeder
Fremde der kam, wenn er nicht zufällig ein Kenner
war, nahm diese Dolden für richtige Aloeblüten, und
der Schloßherr hütete sich wohl, diesen Glauben, der
eine Quelle der Erheiterung für ihn war, zu zerstören.

Und wie denn alles hier herum den Namen
Stechlin führte, so natürlich auch der Schloßherr selbst.
Auch er war ein Stechlin.

Dubslav von Stechlin, Major a. D. und schon
ein gut Stück über Sechzig hinaus, war der Typus
eines Märkischen von Adel, aber von der milderen
Observanz, eines jener erquicklichen Originale, bei denen
sich selbst die Schwächen in Vorzüge verwandeln. Er
hatte noch ganz das eigentümlich sympathisch berührende
Selbstgefühl all derer, die „schon vor den Hohenzollern
da waren“, aber er hegte dieses Selbstgefühl nur ganz
im stillen, und wenn es dennoch zum Ausdruck kam,
so kleidete sich's in Humor, auch wohl in Selbstironie,
weil er seinem ganzen Wesen nach überhaupt hinter
alles ein Fragezeichen machte. Sein schönster Zug war
eine tiefe, so recht aus dem Herzen kommende Humanität,
und Dünkel und Überheblichkeit (während er sonst eine
Neigung hatte, fünf gerade sein zu lassen) waren so
ziemlich die einzigen Dinge, die ihn empörten. Er
hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und
extremer, desto besser. Daß sich diese Meinung mit der
seinigen deckte, lag ihm fern zu wünschen. Beinah das
Gegenteil. Paradoxen waren seine Passion. „Ich bin
nicht klug genug, selber welche zu machen, aber ich
freue mich, wenn's andre thun; es ist doch immer was
drin. Unanfechtbare Wahrheiten giebt es überhaupt
nicht, und wenn es welche giebt, so sind sie langweilig.“ Er ließ sich gern was vorplaudern und
plauderte selber gern.

Des alten Schloßherrn Lebensgang war märkisch-herkömmlich gewesen. Von jung an lieber im Sattel
als bei den Büchern, war er erst nach zweimaliger
Scheiterung siegreich durch das Fähnrichsexamen gesteuert
und gleich darnach bei den brandenburgischen Kürassieren
eingetreten, bei denen selbstverständlich auch schon sein
Vater gestanden hatte. Dieser sein Eintritt ins Regiment
fiel so ziemlich mit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. zusammen, und wenn er dessen erwähnte, so
hob er, sich selbst persiflierend, gerne hervor, „daß alles
Große seine Begleiterscheinungen habe.“ Seine Jahre
bei den Kürassieren waren im wesentlichen Friedensjahre
gewesen; nur anno vierundsechzig war er mit in Schleswig,
aber auch hier, ohne „zur Aktion“ zu kommen. „Es
kommt für einen Märkischen nur darauf an, überhaupt
mit dabei gewesen zu sein; das andre steht in Gottes
Hand.“ Und er schmunzelte, wenn er dergleichen sagte,
seine Hörer jedesmal in Zweifel darüber lassend, ob er's
ernsthaft oder scherzhaft gemeint habe. Wenig mehr
als ein Jahr vor Ausbruch des vierundsechziger Kriegs
war ihm ein Sohn geboren worden, und kaum wieder
in seine Garnison Brandenburg eingerückt, nahm er den
Abschied, um sich auf sein seit dem Tode des Vaters
halb verödetes Schloß Stechlin zurückzuziehen. Hier
warteten seiner glückliche Tage, seine glücklichsten, aber
sie waren von kurzer Dauer — schon das Jahr darauf
starb ihm die Frau. Sich eine neue zu nehmen, widerstand ihm, halb aus Ordnungssinn und halb aus ästhetischer Rücksicht. „Wir glauben doch alle mehr oder
weniger an eine Auferstehung“ (das heißt, er persönlich
glaubte eigentlich nicht daran), „und wenn ich dann oben
ankomme mit einer rechts und einer links, so is das
doch immer eine genierliche Sache.“ Diese Worte —
wie denn der Eltern Thun nur allzu häufig der Mißbilligung der Kinder begegnet — richteten sich in Wirklichkeit gegen seinen dreimal verheiratet gewesenen Vater,
an dem er überhaupt allerlei Großes und Kleines auszusetzen hatte, so beispielsweise auch, daß man ihm,
dem Sohne, den pommerschen Namen „Dubslav“ beigelegt hatte. „Gewiß, meine Mutter war eine Pommersche,
noch dazu von der Insel Usedom, und ihr Bruder, nun
ja, der hieß Dubslav. Und so war denn gegen den
Namen schon um des Onkels willen nicht viel einzuwenden, und um so weniger, als er ein Erbonkel war.
(Daß er mich schließlich schändlich im Stich gelassen, ist
eine Sache für sich.) Aber trotzdem bleib' ich dabei,
solche Namensmanscherei verwirrt bloß. Was ein
Märkischer ist, der muß Joachim heißen oder Woldemar.
Bleib im Lande und taufe dich redlich. Wer aus Friesack is, darf nicht Raoul heißen.“

Dubslav von Stechlin blieb also Witwer. Das
ging nun schon an die dreißig Jahre. Anfangs war's
ihm schwer geworden, aber jetzt lag alles hinter ihm,
und er lebte „comme philosophe“ nach dem Wort und
Vorbild des großen Königs, zu dem er jederzeit bewundernd aufblickte. Das war sein Mann, mehr als
irgendwer, der sich seitdem einen Namen gemacht hatte.
Das zeigte sich jedesmal, wenn ihm gesagt wurde, daß
er einen Bismarckkopf habe. „Nun ja, ja, den hab'
ich; ich soll ihm sogar ähnlich sehen. Aber die Leute
sagen es immer so, als ob ich mich dafür bedanken
müßte. Wenn ich nur wüßte, bei wem; vielleicht beim
lieben Gott, oder am Ende gar bei Bismarck selbst.
Die Stechline sind aber auch nicht von schlechten Eltern.
Außerdem, ich für meine Person, ich habe bei den
sechsten Kürassieren gestanden, und Bismarck bloß bei
den siebenten, und die kleinere Zahl ist in Preußen bekanntlich immer die größere; — ich bin ihm also einen
über. Und Friedrichsruh, wo alles jetzt hinpilgert, soll
auch bloß 'ne Kate sein. Darin sind wir uns also
gleich. Und solchen See, wie den „Stechlin“, nu, den
hat er schon ganz gewiß nicht. So was kommt überhaupt bloß selten vor.“

Ja, auf seinen See war Dubslav stolz, aber destoweniger stolz war er auf sein Schloß, weshalb es ihn
auch verdroß, wenn es überhaupt so genannt wurde.
Von den armen Leuten ließ er sich's gefallen: „Für die
ist es ein „Schloß“, aber sonst ist es ein alter Kasten
und weiter nichts.“ Und so sprach er denn lieber von
seinem „Haus“, und wenn er einen Brief schrieb, so
stand darüber „Haus Stechlin“. Er war sich auch bewußt, daß es kein Schloßleben war, das er führte. Vordem, als der alte Backsteinbau noch stand, mit seinen
dicken Türmen und seinem Luginsland, von dem aus
man, über die Kronen der Bäume weg, weit ins Land
hinaussah, ja, damals war hier ein Schloßleben gewesen,
und die derzeitigen alten Stechline hatten teilgenommen
an allen Festlichkeiten, wie sie die Ruppiner Grafen und
die mecklenburgischen Herzöge gaben, und waren mit
den Boitzenburgern und den Bassewitzens verschwägert
gewesen. Aber heute waren die Stechline Leute von
schwachen Mitteln, die sich nur eben noch hielten und
beständig bemüht waren, durch eine „gute Partie“ sich
wieder leidlich in die Höhe zu bringen. Auch Dubslavs
Vater war auf die Weise zu seinen drei Frauen gekommen,
unter denen freilich nur die erste das in sie gesetzte Vertrauen gerechtfertigt hatte. Für den jetzigen Schloßherrn, der von der zweiten Frau stammte, hatte sich
daraus leider kein unmittelbarer Vorteil ergeben, und
Dubslav von Stechlin wäre kleiner und großer Sorgen
und Verlegenheiten nie los und ledig geworden, wenn
er nicht in dem benachbarten Gransee seinen alten Freund
Baruch Hirschfeld gehabt hätte. Dieser Alte, der den
großen Tuchladen am Markt und außerdem die Modesachen und Damenhüte hatte, hinsichtlich deren es immer
hieß, „Gerson schicke ihm alles zuerst“ — dieser alte
Baruch, ohne das „Geschäftliche“ darüber zu vergessen,
hing in der That mit einer Art Zärtlichkeit an dem
Stechliner Schloßherrn, was, wenn es sich mal wieder
um eine neue Schuldverschreibung handelte, regelmäßig
zu heikeln Auseinandersetzungen zwischen Hirschfeld Vater
und Hirschfeld Sohn führte.

„Gott, Isidor, ich weiß, du bist fürs Neue. Aber
was ist das Neue? Das Neue versammelt sich immer
auf unserm Markt, und mal stürmt es uns den Laden
und nimmt uns die Hüte, Stück für Stück, und die
Reiherfedern und die Straußenfedern. Ich bin fürs
Alte und für den guten alten Herrn von Stechlin. Is
doch der Vater von seinem Großvater gefallen in der
großen Schlacht bei Prag und hat gezahlt mit seinem
Leben.“

„Ja, der hat gezahlt; wenigstens hat er gezahlt
mit seinem Leben. Aber der von heute …“

„Der zahlt auch, wenn er kann und wenn er hat.
Und wenn er nicht hat, und ich sage: „Herr von Stechlin, ich werde schreiben siebeneinhalb,“ dann feilscht er
nicht und dann zwackt er nicht. Und wenn er kippt,
nu, da haben wir das Objekt: Mittelboden und Wald
und Jagd und viel Fischfang. Ich seh' es immer so
ganz klein in der Perspektiv', und ich seh' auch schon
den Kirchturm.“

„Aber, Vaterleben, was sollen wir mit'm Kirchturm?“

In dieser Richtung gingen öfters die Gespräche
zwischen Vater und Sohn, und was der Alte vorläufig
noch in der „Perspektive“ sah, das wäre vielleicht schon
Wirklichkeit geworden, wenn nicht des alten Dubslav um
zehn Jahre ältere Schwester mit ihrem von der Mutter her
ererbten Vermögen gewesen wäre: Schwester Adelheid,
Domina zu Kloster Wutz. Die half und sagte gut, wenn
es schlecht stand oder gar zum Äußersten zu kommen
schien. Aber sie half nicht aus Liebe zu dem Bruder
— gegen den sie, ganz im Gegenteil, viel einzuwenden
hatte —, sondern lediglich aus einem allgemeinen Stechlinschen Familiengefühl. Preußen war was und die
Mark Brandenburg auch; aber das Wichtigste waren
doch die Stechlins, und der Gedanke, das alte Schloß
in andern Besitz und nun gar in einen solchen übergehen zu sehen, war ihr unerträglich. Und über all dies
hinaus war ja noch ihr Patenkind da, ihr Neffe Woldemar, für den sie all die Liebe hegte, die sie dem Bruder
versagte.

Ja, die Domina half, aber solcher Hilfen unerachtet
wuchs das Gefühl der Entfremdung zwischen den Geschwistern, und so kam es denn, daß der alte Dubslav,
der die Schwester in Kloster Wutz weder gern besuchte
noch auch ihren Besuch gern empfing, nichts von Umgang besaß als seinen Pastor Lorenzen (den früheren
Erzieher Woldemars) und seinen Küster und Dorfschullehrer Krippenstapel, zu denen sich allenfalls noch Oberförster Katzler gesellte, Katzler, der Feldjäger gewesen
war und ein gut Stück Welt gesehen hatte. Doch auch
diese drei kamen nur, wenn sie gerufen wurden, und so
war eigentlich nur einer da, der in jedem Augenblicke
Red' und Antwort stand. Das war Engelke, sein alter
Diener, der seit beinahe fünfzig Jahren alles mit seinem
Herrn durchlebt hatte, seine glücklichen Leutnantstage,
seine kurze Ehe und seine lange Einsamkeit. Engelke,
noch um ein Jahr älter als sein Herr, war dessen Vertrauter geworden, aber ohne Vertraulichkeit. Dubslav
verstand es, die Scheidewand zu ziehen. Übrigens wär'
es auch ohne diese Kunst gegangen. Denn Engelke war
einer von den guten Menschen, die nicht aus Berechnung
oder Klugheit, sondern von Natur hingebend und demütig sind und in einem treuen Dienen ihr Genüge
finden. Alltags war er, so Winter wie Sommer, in
ein Leinwandhabit gekleidet, und nur wenn es zu Tisch
ging, trug er eine richtige Livree von sandfarbenem Tuch
mit großen Knöpfen dran. Es waren Knöpfe, die noch
die Zeiten des Rheinsberger Prinzen Heinrich gesehen
hatten, weshalb Dubslav, als er mal wieder in Verlegenheit war, zu dem jüngst verstorbenen alten Herrn
von Kortschädel gesagt hatte: „Ja, Kortschädel, wenn
ich so meinen Engelke, wie er da geht und steht, ins
märkische Provinzialmuseum abliefern könnte, so kriegt'
ich ein Jahrgehalt und wäre 'raus.“

Das war im Mai, daß der alte Stechlin diese
Worte zu seinem Freunde Kortschädel gesprochen hatte.
Heute aber war dritter Oktober und ein wundervoller
Herbsttag dazu. Dubslav, sonst empfindlich gegen Zug,
hatte die Thüren aufmachen lassen, und von dem großen
Portal her zog ein erquicklicher Luftstrom bis auf die
mit weiß und schwarzen Fliesen gedeckte Veranda hinaus. Eine große, etwas schadhafte Marquise war hier
herabgelassen und gab Schutz gegen die Sonne, deren
Lichter durch die schadhaften Stellen hindurch schienen
und auf den Fliesen ein Schattenspiel aufführten. Gartenstühle standen umher, vor einer Bank aber, die sich an
die Hauswand lehnte, waren doppelte Strohmatten gelegt. Auf eben dieser Bank, ein Bild des Behagens,
saß der alte Stechlin in Joppe und breitkrempigem
Filzhut und sah, während er aus seinem Meerschaum
allerlei Ringe blies, auf ein Rundell, in dessen Mitte,
von Blumen eingefaßt, eine kleine Fontäne plätscherte.
Rechts daneben lief ein sogenannter Poetensteig, an
dessen Ausgang ein ziemlich hoher, aus allerlei Gebälk
zusammengezimmerter Aussichtsturm aufragte. Ganz
oben eine Plattform mit Fahnenstange, daran die
preußische Flagge wehte, schwarz und weiß, alles schon
ziemlich verschlissen.

Engelke hatte vor kurzem einen roten Streifen annähen wollen, war aber mit seinem Vorschlag nicht
durchgedrungen. „Laß. Ich bin nicht dafür. Das alte
Schwarz und Weiß hält gerade noch; aber wenn du
was rotes dran nähst, dann reißt es gewiß.“

Die Pfeife war ausgegangen, und Dubslav wollte
sich eben von seinem Platz erheben und nach Engelke
rufen, als dieser vom Gartensaal her auf die Veranda
heraustrat.

„Das ist recht, Engelke, daß du kommst …
Aber du hast da ja was wie 'n Telegramm in der
Hand. Ich kann Telegramms nicht leiden. Immer is
einer dod, oder es kommt wer, der besser zu Hause
geblieben wäre.“

Engelke griente. „Der junge Herr kommt.“

„Und das weißt du schon?“

„Ja, Brose hat es mir gesagt.“

„So, so. Dienstgeheimnis. Na, gieb her.“

Und unter diesen Worten brach er das Telegramm
auf und las: „Lieber Papa. Bin sechs Uhr bei dir.
Rex und von Czako begleiten mich. Dein Woldemar.“

Engelke stand und wartete.

„Ja, was da thun, Engelke?“ sagte Dubslav und
drehte das Telegramm hin und her. „Und aus Cremmen
und von heute früh,“ fuhr er fort. „Da müssen sie
also die Nacht über schon in Cremmen gewesen sein. Auch
kein Spaß.“

„Aber Cremmen is doch so weit ganz gut.“

„Nu, gewiß, gewiß. Bloß sie haben da so kurze
Betten … Und wenn man, wie Woldemar, Kavallerist
ist, kann man ja doch auch die acht Meilen von Berlin
bis Stechlin in einer Pace machen. Warum also Nachtquartier? Und Rex und von Czako begleiten mich. Ich
kenne Rex nicht und kenne von Czako nicht. Wahrscheinlich Regimentskameraden. Haben wir denn was?“

„Ich denk doch, gnäd'ger Herr. Und wovor haben
wir denn unsre Mamsell? Die wird schon was finden.“

„Nu gut. Also wir haben was. Aber wen laden
wir dazu ein? So bloß ich, das geht nicht. Ich mag
mich keinem Menschen mehr vorsetzen. Czako, das ginge
vielleicht noch. Aber Rex, wenn ich ihn auch nicht kenne,
zu so was Feinem wie Rex pass' ich nicht mehr; ich bin
zu altmodisch geworden. Was meinst du, ob die Gundermanns wohl können?“

„Ach, die können schon. Er gewiß, und sie kluckt
auch bloß immer so rum.“

„Also Gundermanns. Gut. Und dann vielleicht
Oberförsters. Das älteste Kind hat freilich die Masern,
und die Frau, das heißt die Gemahlin (und Gemahlin
is eigentlich auch noch nicht das rechte Wort) die erwartet
wieder. Man weiß nie recht, wie man mit ihr dran
ist und wie man sie nennen soll, Oberförsterin Katzler
oder Durchlaucht. Aber man kann's am Ende versuchen. Und dann unser Pastor. Der hat doch wenigstens
die Bildung. Gundermann allein ist zu wenig und
eigentlich bloß ein Klutentreter. Und seitdem er die
Siebenmühlen hat, ist er noch weniger geworden.“

Engelke nickte.

„Na, dann schick also Martin. Aber er soll sich
proper machen. Oder vielleicht ist Brose noch da; der
kann ja auf seinem Retourgang bei Gundermanns mit
'rangehn. Und soll ihnen sagen sieben Uhr, aber nicht
früher; sie sitzen sonst so lange rum, und man weiß
nicht, wovon man reden soll. Das heißt mit ihm;
sie red't immerzu … Und gieb Brosen auch 'nen
Kornus und funfzig Pfennig.“

„Ich werd' ihm dreißig geben.“

„Nein, nein, funfzig. Erst hat er ja doch was
gebracht, und nu nimmt er wieder was mit. Das
is ja so gut wie doppelt. Also funfzig. Knaps' ihm
nichts ab.“

Zweites Kapitel.

Ziemlich um dieselbe Zeit, wo der Telegraphenbote bei Gundermanns vorsprach, um die Bestellung
des alten Herrn von Stechlin auszurichten, ritten Woldemar, Rex und Czako, die sich für sechs Uhr angemeldet hatten, in breiter Front von Cremmen ab; Fritz,
Woldemars Reitknecht, folgte den dreien. Der Weg
ging über Wutz. Als sie bis in Nähe von Dorf und
Kloster dieses Namens gekommen waren, bog Woldemar
vorsichtig nach links hin aus, weil er der Möglichkeit
entgehen wollte, seiner Tante Adelheid, der Domina des
Klosters, zu begegnen. Er stand zwar gut mit dieser
und hatte sogar vor, ihr, wie herkömmlich, auf dem
Rückwege nach Berlin seinen Besuch zu machen, aber
in diesem Augenblick paßte ihm solche Begegnung, die
sein pünktliches Eintreffen in Stechlin gehindert haben
würde, herzlich schlecht. So beschrieb er denn einen
weiten Halbkreis und hatte das Kloster schon um eine
Viertelstunde hinter sich, als er sich wieder der Hauptstraße zuwandte. Diese, durch Moor- und Wiesengründe
führend, war ein vorzüglicher Reitweg, der an vielen
Stellen noch eine Grasnarbe trug, weshalb es anderthalb Meilen lang in einem scharfen Trabe vorwärts
ging, bis an eine Avenue heran, die geradlinig auf
Schloß Stechlin zuführte. Hier ließen alle drei die
Zügel fallen und ritten im Schritt weiter. Über ihnen
wölbten sich die schönen alten Kastanienbäume, was
ihrem Anritt etwas Anheimelndes und zugleich etwas
beinah Feierliches gab.

„Das ist ja wie ein Kirchenschiff,“ sagte Rex,
der am linken Flügel ritt. „Finden Sie nicht auch,
Czako?“

„Wenn Sie wollen, ja. Aber Pardon, Rex, ich
finde die Wendung etwas trivial für einen Ministerialassessor.“

„Nun gut, dann sagen Sie was Besseres.“

„Ich werde mich hüten. Wer unter solchen Umständen was Besseres sagen will, sagt immer was
Schlechteres.“

Unter diesem sich noch eine Weile fortsetzenden
Gespräche waren sie bis an einem Punkt gekommen,
von dem aus man das am Ende der Avenue sich aufbauende Bild in aller Klarheit überblicken konnte. Dabei war das Bild nicht bloß klar, sondern auch so
frappierend, daß Rex und Czako unwillkürlich anhielten.

„Alle Wetter, Stechlin, das ist ja reizend,“ wandte
sich Czako zu dem am andern Flügel reitenden Woldemar. „Ich find' es geradezu märchenhaft, Fata Morgana — das heißt, ich habe noch keine gesehn. Die
gelbe Wand, die da noch das letzte Tageslicht auffängt,
das ist wohl Ihr Zauberschloß? Und das Stückchen
Grau da links, das taxier' ich auf eine Kirchenecke.
Bleibt nur noch der Staketzaun an der andern Seite;
— da wohnt natürlich der Schulmeister. Ich verbürge
mich, daß ich's damit getroffen. Aber die zwei schwarzen
Riesen, die da grad' in der Mitte stehn und sich von
der gelben Wand abheben („abheben“ ist übrigens auch
trivial; entschuldigen Sie, Rex), die stehen ja da wie
die Cherubim. Allerdings etwas zu schwarz. Was sind
das für Leute?“

„Das sind Findlinge.“

„Findlinge?“

„Ja, Findlinge,“ wiederholte Woldemar. „Aber
wenn Ihnen das Wort anstößig ist, so können Sie sie
auch Monolithe nennen. Es ist merkwürdig, Czako, wie
hochgradig verwöhnt im Ausdruck Sie sind, wenn Sie
nicht gerade selber das Wort haben … Aber nun, meine
Herren, müssen wir uns wieder in Trab setzen. Ich bin
überzeugt, mein Papa steht schon ungeduldig auf seiner
Rampe, und wenn er uns so im Schritt ankommen sieht,
denkt er, wir bringen eine Trauernachricht oder einen
Verwundeten.“

Wenige Minuten später, und alle drei trabten denn
auch wirklich, von Fritz gefolgt, über die Bohlenbrücke
fort, erst in den Vorhof hinein und dann an der blanken
Glaskugel vorüber. Der Alte stand bereits auf der
Rampe, Engelke hinter ihm und hinter diesem Martin,
der alte Kutscher. Im Nu waren alle drei Reiter aus
dem Sattel, und Martin und Fritz nahmen die Pferde.
So trat man in den Flur. „Erlaube, lieber Papa, dir
zwei liebe Freunde von mir vorzustellen: Assessor von
Rex, Hauptmann von Czako.“

Der alte Stechlin schüttelte jedem die Hand und
sprach ihnen aus, wie glücklich er über ihren Besuch sei.
„Seien Sie mir herzlich willkommen, meine Herren. Sie
haben keine Ahnung, welche Freude Sie mir machen,
mir, einem vergrätzten alten Einsiedler. Man sieht nichts
mehr, man hört nichts mehr. Ich hoffe auf einen ganzen
Sack voll Neuigkeiten.“

„Ach, Herr Major,“ sagte Czako, „wir sind ja schon
vierundzwanzig Stunden fort. Und, ganz abgesehen davon, wer kann heutzutage noch mit den Zeitungen konkurrieren! Ein Glück, daß manche prinzipiell einen Posttag zu spät kommen. Ich meine mit den neuesten Nachrichten. Vielleicht auch sonst noch.“

„Sehr wahr,“ lachte Dubslav. „Der Konservatismus soll übrigens, seinem Wesen nach, eine Bremse
sein; damit muß man vieles entschuldigen. Aber da
kommen Ihre Mantelsäcke, meine Herren. Engelke, führe
die Herren auf ihr Zimmer. Wir haben jetzt sechseinviertel. Um sieben, wenn ich bitten darf.“

Engelke hatte mittlerweile die beiden von Dubslav
etwas altmodisch als „Mantelsäcke“ bezeichneten Plaidrollen in die Hand genommen und ging damit, den
beiden Herren voran, auf die doppelarmige Treppe zu,
die gerade da, wo die beiden Arme derselben sich kreuzten,
einen ziemlich geräumigen Podest mit Säulchengalerie
bildete. Zwischen den Säulchen aber, und zwar mit Blick
auf den Flur, war eine Rokoko-Uhr angebracht, mit
einem Zeitgott darüber, der eine Hippe führte. Czako
wies darauf hin und sagte leise zu Rex: „Ein bißchen
graulich,“ — ein Gefühl, drin er sich bestärkt sah, als
man bis auf den mit ungeheurer Raumverschwendung
angelegten Oberflur gekommen war. Über einer nach
hinten zu gelegenen Saalthür hing eine Holztafel mit der
Inschrift: „Museum“, während hüben und drüben, an
den Flurwänden links und rechts, mächtige Birkenmaser- und Ebenholzschränke standen, wahre Prachtstücke, mit
zwei großen Bildern dazwischen, eines eine Burg mit
dicken Backsteintürmen, das andre ein überlebensgroßer
Ritter, augenscheinlich aus der Frundsbergzeit, wo das
bunt Landsknechtliche schon die Rüstung zu drapieren
begann.

„Is wohl ein Ahn?“ fragte Czako.

„Ja, Herr Hauptmann. Und er ist auch unten in
der Kirche.“

„Auch so wie hier?“

„Nein, bloß Grabstein und schon etwas abgetreten.
Aber man sieht doch noch, daß es derselbe ist.“

Czako nickte. Dabei waren sie bis an ein Eckzimmer gekommen, das mit der einen Seite nach dem
Flur, mit der andern Seite nach einem schmalen Gang
hin lag. Hier war auch die Thür. Engelke, vorangehend, öffnete und hing die beiden Plaidrollen an die
Haken eines hier gleich an der Thür stehenden Kleiderständers. Unmittelbar daneben war ein Klingelzug mit
einer grünen, etwas ausgefransten Puschel daran. Engelke
wies darauf hin und sagte: „Wenn die Herren noch
was wünschen … Und um sieben … Zweimal wird
angeschlagen.“

Und damit ging er, die beiden ihrer Bequemlichkeit überlassend.

Es waren zwei nebeneinander gelegene Zimmer, in
denen man Rex und Czako untergebracht hatte, das vordere
größer und mit etwas mehr Aufwand eingerichtet, mit
Stehspiegel und Toilette, der Spiegel sogar zum Kippen.
Das Bett in diesem vorderen Zimmer hatte einen kleinen
Himmel und daneben eine Etagere, auf deren oberem
Brettchen eine Meißner Figur stand, ihr ohnehin kurzes
Röckchen lüpfend, während auf dem unteren Brett ein
Neues Testament lag, mit Kelch und Kreuz und einem
Palmenzweig auf dem Deckel.

Czako nahm das Meißner Püppchen und sagte:
„Wenn nicht unser Freund Woldemar bei diesem Arrangement seine Hand mit im Spiele gehabt hat, so haben wir hier
in Bezug auf Requisiten ein Ahnungsvermögen, wie's
nicht größer gedacht werden kann. Das Püppchen pour
moi, das Testament pour vous.“

„Czako, wenn Sie doch bloß das Necken lassen
könnten!“

„Ach, sagen Sie doch so was nicht, Rex; Sie lieben
mich ja bloß um meiner Neckereien willen.“

Und nun traten sie, von dem Vorderzimmer her,
in den etwas kleineren Wohnraum, in dem Spiegel und
Toilette fehlten. Dafür aber war ein Rokokosofa da,
mit hellblauem Atlas und weißen Blumen darauf.

„Ja, Rex,“ sagte Czako, „wie teilen wir nun?
Ich denke, Sie nehmen nebenan den Himmel, und ich
nehme das Rokokosofa, noch dazu mit weißen Blumen,
vielleicht Lilien. Ich wette, das kleine Ding von Sofa
hat eine Geschichte.“

„Rokoko hat immer eine Geschichte,“ bestätigte Rex.
„Aber hundert Jahr zurück. Was jetzt hier haust, sieht
mir, Gott sei Dank, nicht danach aus. Ein bißchen
Spuk trau' ich diesem alten Kasten allerdings schon zu;
aber keine Rokokogeschichte. Rokoko ist doch immer unsittlich. Wie gefällt Ihnen übrigens der Alte?“

„Vorzüglich. Ich hätte nicht gedacht, daß unser
Freund Woldemar solchen famosen Alten haben könnte.“

„Das klingt ja beinah,“ sagte Rex, „wie wenn Sie
gegen unsern Stechlin etwas hätten.“

„Was durchaus nicht der Fall ist. Unser Stechlin
ist der beste Kerl von der Welt, und wenn ich das verdammte Wort nicht haßte, würd' ich ihn sogar einen
„perfekten Gentleman“ nennen müssen. Aber …“

„Nun …“

„Aber er paßt doch nicht recht an seine Stelle.“

„An welche?“

„In sein Regiment.“

„Aber, Czako, ich verstehe Sie nicht. Er ist ja
brillant angeschrieben. Liebling bei jedem. Der Oberst
hält große Stücke von ihm, und die Prinzen machen
ihm beinah den Hof …“

„Ja, das ist es ja eben. Die Prinzen, die Prinzen.“

„Was denn, wie denn?“

„Ach, das ist eine lange Geschichte, viel zu lang,
um sie hier vor Tisch noch auszukramen. Denn es ist
bereits halb, und wir müssen uns eilen. Übrigens trifft
es viele, nicht bloß unsern Stechlin.“

„Immer dunkler, immer rätselvoller,“ sagte Rex.

„Nun, vielleicht daß ich Ihnen das Rätsel löse.
Schließlich kann man ja Toilette machen und noch seinen
Diskurs daneben haben. „Die Prinzen machen ihm den
Hof“, so geruhten Sie zu bemerken, und ich antwortete:
„Ja, das ist es eben“. Und diese Worte kann ich Ihnen
nur wiederholen. Die Prinzen — ja, damit hängt es
zusammen und noch mehr damit, daß die feinen Regimenter immer feiner werden. Kucken Sie sich mal die
alten Ranglisten an, das heißt wirklich alte, voriges Jahrhundert und dann so bis Anno sechs. Da finden Sie
bei Regiment Garde du Corps oder bei Regiment Gensdarmes unsere guten alten Namen: Marwitz, Wakenitz,
Kracht, Löschebrand, Bredow, Rochow, höchstens daß
sich mal ein höher betitelter Schlesischer mit hinein verirrt. Natürlich gab es auch Prinzen damals, aber der
Adel gab den Ton an, und die paar Prinzen mußten
noch froh sein, wenn sie nicht störten. Damit ist es nun
aber, seit wir Kaiser und Reich sind, total vorbei. Natürlich sprech' ich nicht von der Provinz, nicht von Litauen
und Masuren, sondern von der Garde, von den Regimentern unter den Augen Seiner Majestät. Und nun
gar erst diese Gardedragoner! Die waren immer piek,
aber seit sie, pour combler le bonheur, auch noch „Königin
von Großbritannien und Irland“ sind, wird es immer
mehr davon, und je pieker sie werden, desto mehr Prinzen
kommen hinein, von denen übrigens auch jetzt schon
mehr da sind, als es so obenhin aussieht, denn manche
sind eigentlich welche und dürfen es bloß nicht sagen.
Und wenn man dann gar noch die alten mitrechnet, die
bloß à la suite stehn, aber doch immer noch mit dabei
sind, wenn irgend was los ist, so haben wir, wenn der
Kreis geschlossen wird, zwar kein Parkett von Königen,
aber doch einen Cirkus von Prinzen. Und da hinein
ist nun unser guter Stechlin gestellt. Natürlich thut er,
was er kann, und macht so gewisse Luxusse mit, Gefühlsluxusse, Gesinnungsluxusse und, wenn es sein muß, auch
Freiheitsluxusse. So 'nen Schimmer von Sozialdemokratie.
Das ist aber auf die Dauer schwierig. Richtige Prinzen
können sich das leisten, die verbebeln nicht leicht. Aber
Stechlin! Stechlin ist ein reizender Kerl, aber er ist doch
bloß ein Mensch.“

„Und das sagen Sie, Czako, gerade Sie, der Sie
das Menschliche stets betonen?“

„Ja, Rex, das thu' ich. Heut wie immer. Aber
eines schickt sich nicht für alle. Der eine darf's, der
andre nicht. Wenn unser Freund Stechlin sich in diese
seine alte Schloßkate zurückzieht, so darf er Mensch sein,
so viel er will, aber als Gardedragoner kommt er damit nicht aus. Vom alten Adam will ich nicht sprechen,
das hat immer noch so 'ne Nebenbedeutung.“

Während Rex und Czako Toilette machten und abwechselnd über den alten und den jungen Stechlin verhandelten, schritten die, die den Gegenstand dieser Unterhaltung bildeten, Vater und Sohn, im Garten auf und
ab und hatten auch ihrerseits ihr Gespräch.

„Ich bin dir dankbar, daß du mir deine Freunde
mitgebracht hast. Hoffentlich kommen sie auf ihre Kosten.
Mein Leben verläuft ein bißchen zu einsam, und es
wird ohnehin gut sein, wenn ich mich wieder an Menschen
gewöhne. Du wirst gelesen haben, daß unser guter
alter Kortschädel gestorben ist, und in etwa vierzehn
Tagen haben wir hier 'ne Neuwahl. Da muß ich dann
'ran und mich populär machen. Die Konservativen
wollen mich haben und keinen andern. Eigentlich mag
ich nicht, aber ich soll, und da paßt es mir denn, daß
du mir Leute bringst, an denen ich mich für die Welt
sozusagen wieder wie einüben kann. Sind sie denn ausgiebig und plauderhaft?“

„O sehr, Papa, vielleicht zu sehr. Wenigstens der
eine.“

„Das is gewiß der Czako. Sonderbar, die von
Alexander reden alle gern. Aber ich bin sehr dafür;
Schweigen kleid't nicht jeden. Und dann sollen wir uns
ja auch durch die Sprache vom Tier unterscheiden. Also
wer am meisten red't, ist der reinste Mensch. Und diesem
Czako, dem hab' ich es gleich angesehn. Aber der Rex.
Du sagst Ministerialassessor. Ist er denn von der
frommen Familie?“

„Nein, Papa. Du machst dieselbe Verwechslung,
die beinah' alle machen. Die fromme Familie, das sind
die Reckes, gräflich und sehr vornehm. Die Rex natürlich auch, aber doch nicht so hoch hinaus und auch nicht
so fromm. Allerdings nimmt mein Freund, der
Ministerialassessor, einen Anlauf dazu, die Reckes womöglich einzuholen.“

„Dann hab' ich also doch recht gesehn. Er hat so
die Figur, die so was vermuten läßt, ein bißchen wenig
Fleisch und so glatt rasiert. Habt ihr denn beim Rasieren in Cremmen gleich einen gefunden?“

„Er hat alles immer bei sich; lauter englische. Von
Solingen oder Suhl will er nichts wissen.“

„Und muß man ihn denn vorsichtig anfassen, wenn
das Gespräch auf kirchliche Dinge kommt? Ich bin ja,
wie du weißt, eigentlich kirchlich, wenigstens kirchlicher
als mein guter Pastor (es wird immer schlimmer mit
ihm), aber ich bin so im Ausdruck mitunter ungenierter,
als man vielleicht sein soll, und bei „niedergefahren zur
Hölle“ kann mir's passieren, daß ich nolens volens ein
bißchen tolles Zeug rede. Wie steht es denn da mit
ihm? Muß ich mich in acht nehmen? Oder macht er
bloß so mit?“

„Das will ich nicht geradezu behaupten. Ich denke
mir, er steht so wie die meisten stehn; das heißt, er
weiß es nicht recht.“

„Ja, ja, den Zustand kenn' ich.“

„Und weil er es nicht recht weiß, hat er sozusagen
die Auswahl und wählt das, was gerade gilt und nach
oben hin empfiehlt. Ich kann das auch so schlimm
nicht finden. Einige nennen ihn einen „Streber“. Aber
wenn er es ist, ist er jedenfalls keiner von den schlimmsten.
Er hat eigentlich einen guten Charakter, und im cercle
intime kann er reizend sein. Er verändert sich dann
nicht in dem, was er sagt, oder doch nur ganz wenig, aber
ich möchte sagen, er verändert sich in der Art, wie er
zuhört. Czako meint, unser Freund Rex halte sich mit
dem Ohr für das schadlos, was er mit dem Munde
versäumt. Czako wird überhaupt am besten mit ihm
fertig; er schraubt ihn beständig, und Rex, was ich
reizend finde, läßt sich diese Schraubereien gefallen. Daran
siehst du schon, daß sich mit ihm leben läßt. Seine
Frömmigkeit ist keine Lüge, bloß Erziehung, Angewohnheit, und so schließlich seine zweite Natur geworden.“

„Ich werde ihn bei Tisch neben Lorenzen setzen;
die mögen dann beide sehn, wie sie miteinander fertig
werden. Vielleicht erleben wir 'ne Bekehrung. Das
heißt Rex den Pastor. Aber da höre ich eine Kutsche
die Dorfstraße 'raufkommen. Das sind natürlich Gundermanns; die kommen immer zu früh. Der arme Kerl
hat mal was von der Höflichkeit der Könige gehört und
macht jetzt einen zu weitgehenden Gebrauch davon.
Autodidakten übertreiben immer. Ich bin selber einer
und kann also mitreden. Nun, wir sprechen morgen
früh weiter; heute wird es nichts mehr. Du wirst dich
auch noch ein bißchen striegeln müssen, und ich will
mir 'nen schwarzen Rock anziehn. Das bin ich der guten
Frau von Gundermann doch schuldig; sie putzt sich
übrigens nach wie vor wie 'n Schlittenpferd und hat
immer noch den merkwürdigen Federbusch in ihrem Zopf
— das heißt, wenn's ihrer ist.“

Drittes Kapitel.

Engelke schlug unten im Flur zweimal an einen
alten, als Tamtam fungierenden Schild, der an einem der
zwei vorspringenden und zugleich die ganze Treppe tragenden
Pfeiler hing. Eben diese zwei Pfeiler bildeten denn
auch mit dem Podest und der in Front desselben angebrachten Rokoko-Uhr einen zum Gartensalon, diesem
Hauptzimmer des Erdgeschosses, führenden, ziemlich pittoresken Portikus, von dem ein auf Besuch anwesender
hauptstädtischer Architekt mal gesagt hatte: sämtliche Bausünden von Schloß Stechlin würden durch diesen verdrehten, aber malerischen Einfall wieder gut gemacht.

Die Uhr mit dem Hippenmann schlug gerade sieben,
als Rex und Czako die Treppe herunter kamen und,
eine Biegung machend, auf den von berufener Seite so
glimpflich beurteilten sonderbaren Vorbau zusteuerten.
Als die Freunde diesen passierten, sahen sie — die
Thürflügel waren schon geöffnet — in aller Bequemlichkeit in den Salon hinein und nahmen hier wahr,
daß etliche, ihnen zu Ehren geladene Gäste bereits erschienen waren. Dubslav, in dunkelm Überrock und die
Bändchenrosette sowohl des preußischen wie des wendischen
Kronenordens im Knopfloch, ging den Eintretenden entgegen, begrüßte sie nochmals mit der ihm eignen Herzlichkeit, und beide Herren gleich danach in den Kreis
der schon Versammelten einführend, sagte er: „Bitte die
Herrschaften miteinander bekannt machen zu dürfen: Herr
und Frau von Gundermann auf Siebenmühlen, Pastor
Lorenzen, Oberförster Katzler,“ und dann, nach links
sich wendend, „Ministerialassessor von Rex, Hauptmann
von Czako vom Regiment Alexander.“ Man verneigte
sich gegenseitig, worauf Dubslav zwischen Rex und Pastor
Lorenzen, Woldemar aber, als Adlatus seines Vaters,
zwischen Czako und Katzler eine Verbindung herzustellen
suchte, was auch ohne weiteres gelang, weil es hüben
und drüben weder an gesellschaftlicher Gewandtheit noch
an gutem Willen gebrach. Nur konnte Rex nicht umhin, die Siebenmühlener etwas eindringlich zu mustern,
trotzdem Herr von Gundermann in Frack und weißer
Binde, Frau von Gundermann aber in geblümtem Atlas,
mit Marabufächer erschienen war, — er augenscheinlich
Parvenu, sie Berlinerin aus einem nordöstlichen Vorstadtgebiet.

Rex sah das alles. Er kam aber nicht in die
Lage, sich lange damit zu beschäftigen, weil Dubslav
eben jetzt den Arm der Frau von Gundermann nahm
und dadurch das Zeichen zum Aufbruch zu der im Nebenzimmer gedeckten Tafel gab. Alle folgten paarweise,
wie sie sich vorher zusammengefunden, kamen aber durch
die von seiten Dubslavs schon vorher festgesetzte Tafelordnung wieder auseinander. Die beiden Stechlins, Vater
und Sohn, plazierten sich an den beiden Schmalseiten
einander gegenüber, während zur Rechten und Linken
von Dubslav Herr und Frau von Gundermann, rechts
und links von Woldemar aber Rex und Lorenzen saßen.
Die Mittelplätze hatten Katzler und Czako inne. Neben
einem großen alten Eichenbüffett, ganz in Nähe der
Thür, standen Engelke und Martin, Engelke in seiner
sandfarbenen Livree mit den großen Knöpfen, Martin,
dem nur oblag, mit der Küche Verbindung zu halten,
einfach in schwarzem Rock und Stulpstiefeln.

Der alte Dubslav war in bester Laune, stieß gleich
nach den ersten Löffeln Suppe mit Frau von Gundermann vertraulich an, dankte für ihr Erscheinen und entschuldigte sich wegen der späten Einladung: „Aber erst
um zwölf kam Woldemars Telegramm. Es ist das
mit dem Telegraphieren solche Sache, manches wird besser,
aber manches wird auch schlechter, und die feinere Sitte
leidet nun schon ganz gewiß. Schon die Form, die
Abfassung. Kürze soll eine Tugend sein, aber sich kurz
fassen, heißt meistens auch sich grob fassen. Jede Spur
von Verbindlichkeit fällt fort, und das Wort ‚Herr‘ ist
beispielsweise gar nicht mehr anzutreffen. Ich hatte
mal einen Freund, der ganz ernsthaft versicherte: ‚Der
häßlichste Mops sei der schönste‘; so läßt sich jetzt beinahe sagen, ‚das gröbste Telegramm ist das feinste‘.
Wenigstens das in seiner Art vollendetste. Jeder, der
wieder eine neue Fünfpfennigersparnis herausdoktert,
ist ein Genie.“

Diese Worte Dubslavs hatten sich anfänglich an
die Frau von Gundermann, sehr bald aber mehr an
Gundermann selbst gerichtet, weshalb dieser letztere denn
auch antwortete: „Ja, Herr von Stechlin, alles Zeichen
der Zeit. Und ganz bezeichnend, daß gerade das Wort
‚Herr‘, wie Sie schon hervorzuheben die Güte hatten,
so gut wie abgeschafft ist. ‚Herr‘ ist Unsinn geworden,
‚Herr‘ paßt den Herren nicht mehr, — ich meine
natürlich die, die jetzt die Welt regieren wollen. Aber
es ist auch danach. Alle diese Neuerungen, an denen
sich leider auch der Staat beteiligt, was sind sie? Begünstigungen der Unbotmäßigkeit, also Wasser auf die
Mühlen der Sozialdemokratie. Weiter nichts. Und niemand da, der Lust und Kraft hätte, dies Wasser abzustellen. Aber trotzdem, Herr von Stechlin, — ich würde
nicht widersprechen, wenn mich das Thatsächliche nicht
dazu zwänge — trotzdem geht es nicht ohne Telegraphie,
gerade hier in unsrer Einsamkeit. Und dabei das beständige Schwanken der Kurse. Namentlich auch in der
Mühlen- und Brettschneidebranche …“

„Versteht sich, lieber Gundermann. Was ich da
gesagt habe … Wenn ich das Gegenteil gesagt hätte,
wäre es ebenso richtig. Der Teufel is nich so schwarz,
wie er gemalt wird, und die Telegraphie auch nicht,
und wir auch nicht. Schließlich ist es doch was Großes,
diese Naturwissenschaften, dieser elektrische Strom, tipp,
tipp, tipp, und wenn uns daran läge (aber uns liegt
nichts daran), so könnten wir den Kaiser von China
wissen lassen, daß wir hier versammelt sind und seiner
gedacht haben. Und dabei diese merkwürdigen Verschiebungen in Zeit und Stunde. Beinahe komisch. Als
Anno siebzig die Pariser Septemberrevolution ausbrach,
wußte man's in Amerika drüben um ein paar Stunden
früher, als die Revolution überhaupt da war. Ich
sagte: Septemberrevolution. Es kann aber auch 'ne
andre gewesen sein; sie haben da so viele, daß man sie
leicht verwechselt. Eine war im Juni, 'ne andre war
im Juli, — wer nich ein Bombengedächtnis hat, muß
da notwendig 'reinfallen … Engelke, präsentiere der
gnäd'gen Frau den Fisch noch mal. Und vielleicht
nimmt auch Herr von Czako …“

„Gewiß, Herr von Stechlin,“ sagte Czako. „Erstlich aus reiner Gourmandise, dann aber auch aus
Forschertrieb oder Fortschrittsbedürfnis. Man will doch
an dem, was gerade gilt oder überhaupt Menschheitsentwickelung bedeutet, auch seinerseits nach Möglichkeit
teilnehmen, und da steht denn Fischnahrung jetzt obenan.
Fische sollen außerdem viel Phosphor enthalten, und
Phosphor, so heißt es, macht ‚helle‘.“

„Gewiß,“ kicherte Frau von Gundermann, die
sich bei dem Wort „helle“ wie persönlich getroffen
fühlte. „Phosphor war ja auch schon, eh' die Schwedischen aufkamen.“

„O, lange vorher,“ bestätigte Czako. „Was mich
aber,“ fuhr er, sich an Dubslav wendend, fort, „an diesen
Karpfen noch ganz besonders fesselt — beiläufig ein
Prachtexemplar — das ist das, daß er doch höchstwahrscheinlich aus Ihrem berühmten See stammt, über den
ich durch Woldemar, Ihren Herrn Sohn, bereits unterrichtet bin. Dieser merkwürdige See, dieser Stechlin!
Und da frag ich mich denn unwillkürlich (denn Karpfen
werden alt; daher beispielsweise die Mooskarpfen), welche
Revolutionen sind an diesem hervorragenden Exemplar
seiner Gattung wohl schon vorüber gegangen? Ich weiß
nicht, ob ich ihn auf hundertfünfzig Jahre taxieren darf,
wenn aber, so würde er als Jüngling die Lissaboner
Aktion und als Urgreis den neuerlichen Ausbruch des
Krakatowa mitgemacht haben. Und all das erwogen,
drängt sich mir die Frage auf …“

Dubslav lächelte zustimmend.

„… Und all das erwogen, drängt sich mir die
Frage auf, wenn's nun in Ihrem Stechlinsee zu brodeln
beginnt oder gar die große Trichterbildung anhebt, aus
der dann und wann, wenn ich recht gehört habe, der krähende
Hahn aufsteigt, wie verhält sich da der Stechlinkarpfen,
dieser doch offenbar Nächstbeteiligte, bei dem Anpochen
derartiger Weltereignisse? Beneidet er den Hahn, dem
es vergönnt ist, in die Ruppiner Lande hineinzukrähen,
oder ist er umgekehrt ein Feigling, der sich in seinem
Moorgrund verkriecht, also ein Bourgeois, der am andern
Morgen fragt: ‚Schießen sie noch?‘“

„Mein lieber Herr von Czako, die Beantwortung
Ihrer Frage hat selbst für einen Anwohner des Stechlin
seine Schwierigkeiten. Ins Innere der Natur dringt
kein erschaffener Geist. Und zu dem innerlichsten und
verschlossensten zählt der Karpfen; er ist nämlich sehr
dumm. Aber nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung wird
er sich beim Eintreten der großen Eruption wohl verkrochen haben. Wir verkriechen uns nämlich alle. Heldentum ist Ausnahmezustand und meist Produkt einer
Zwangslage. Sie brauchen mir übrigens nicht zuzustimmen, denn Sie sind noch im Dienst.“

„Bitte, bitte,“ sagte Czako.

Sehr, sehr anders ging das Gespräch an der entgegengesetzten Seite der Tafel. Rex, der, wenn er dienstlich oder außerdienstlich aufs Land kam, immer eine
Neigung spürte, sozialen Fragen nachzuhängen und beispielsweise jedesmal mit Vorliebe darauf aus war, an
das Zahlenverhältnis der in und außer der Ehe geborenen Kinder alle möglichen, teils dem Gemeinwohl,
teils der Sittlichkeit zu gute kommende Betrachtungen zu
knüpfen, hatte sich auch heute wieder in einem mit Pastor
Lorenzen angeknüpften Zwiegespräch seinem Lieblingsthema zugewandt, war aber, weil Dubslav durch eine
Zwischenfrage den Faden abschnitt, in die Lage gekommen, sich vorübergehend statt mit Lorenzen mit Katzler
beschäftigen zu müssen, von dem er zufällig in Erfahrung gebracht hatte, daß er früher Feldjäger gewesen
sei. Das gab ihm einen guten Gesprächsstoff und ließ
ihn fragen, ob der Herr Oberförster nicht mitunter
schmerzlich den zwischen seiner Vergangenheit und seiner
Gegenwart liegenden Gegensatz empfinde, — sein früherer
Feldjägerberuf, so nehme er an, habe ihn in die weite
Welt hinausgeführt, während er jetzt „stabiliert“ sei.
„Stabilierung“ zählte zu Rex' Lieblingswendungen und
entstammte jenem sorglich ausgewählten Fremdwörterschatz,
den er sich — er hatte diese Dinge dienstlich zu bearbeiten
gehabt — aus den Erlassen König Friedrich Wilhelms I.
angeeignet und mit in sein Aktendeutsch herübergenommen
hatte. Katzler, ein vorzüglicher Herr, aber auf dem Gebiete der Konversation doch nur von einer oft unausreichenden Orientierungsfähigkeit, fand sich in des
Ministerialassessors etwas gedrechseltem Gedankengange
nicht gleich zurecht und war froh, als ihm der hellhörige, mittlerweile wieder frei gewordene Pastor in der
durch Rex aufgeworfenen Frage zu Hilfe kam. „Ich
glaube herauszuhören,“ sagte Lorenzen, „daß Herr von
Rex geneigt ist, dem Leben draußen in der Welt vor
dem in unsrer stillen Grafschaft den Vorzug zu geben.
Ich weiß aber nicht, ob wir ihm darin folgen können,
ich nun schon gewiß nicht; aber auch unser Herr Oberförster wird mutmaßlich froh sein, seine vordem im
Eisenbahncoupé verbrachten Feldjägertage hinter sich zu
haben. Es heißt freilich ‚im engen Kreis verengert sich
der Sinn‘, und in den meisten Fällen mag es zutreffen.
Aber doch nicht immer, und jedenfalls hat das Weltfremde bestimmte große Vorzüge.“

„Sie sprechen mir durchaus aus der Seele, Herr
Pastor Lorenzen,“ sagte Rex. „Wenn es einen Augenblick vielleicht so klang, als ob der ‚Globetrotter‘ mein
Ideal sei, so bin ich sehr geneigt, mit mir handeln zu
lassen. Aber etwas hat es doch mit dem ‚Auch-draußen-zu-Hause-sein‘ auf sich, und wenn Sie trotzdem für
Einsamkeit und Stille plaidieren, so plaidieren Sie wohl in
eigner Sache. Denn wie sich der Herr Oberförster aus der
Welt zurückgezogen hat, so wohl auch Sie. Sie sind
beide darin, ganz individuell, einem Herzenszuge gefolgt,
und vielleicht, daß meine persönliche Neigung dieselben
Wege ginge. Dennoch wird es andre geben, die von
einem solchen Sichzurückziehen aus der Welt nichts
wissen wollen, die vielleicht umgekehrt, statt in einem
sich Hingeben an den Einzelnen, in der Beschäftigung
mit einer Vielheit ihre Bestimmung finden. Ich glaube
durch Freund Stechlin zu wissen, welche Fragen Sie
seit lange beschäftigen, und bitte, Sie dazu beglückwünschen zu dürfen. Sie stehen in der christlich-sozialen
Bewegung. Aber nehmen Sie deren Schöpfer, der Ihnen
persönlich vielleicht nahe steht, er und sein Thun sprechen
doch recht eigentlich für mich; sein Feld ist nicht einzelne
Seelsorge, nicht eine Landgemeinde, sondern eine Weltstadt. Stöckers Auftreten und seine Mission sind eine
Widerlegung davon, daß das Schaffen im Engen und
Umgrenzten notwendig das Segensreichere sein müsse.“

Lorenzen war daran gewöhnt, sei's zu Lob, sei's
zu Tadel, sich mit dem ebenso gefeierten wie befehdeten
Hofprediger in Parallele gestellt zu sehen, und empfand
dies jedesmal als eine Huldigung. Aber nicht minder
empfand er dabei regelmäßig den tiefen Unterschied, der
zwischen dem großen Agitator und seiner stillen Weise
lag. „Ich glaube, Herr von Rex,“ nahm er wieder das
Wort, „daß Sie den ,Vater der Berliner Bewegung‘
sehr richtig geschildert haben, vielleicht sogar zur Zufriedenheit des Geschilderten selbst, was, wie man sagt,
nicht eben leicht sein soll. Er hat viel erreicht und steht
anscheinend in einem Siegeszeichen; hüben und drüben
hat er Wurzel geschlagen und sieht sich geliebt und gehuldigt, nicht nur seitens derer, denen er mildthätig die
Schuhe schneidet, sondern beinah mehr noch im Lager
derer, denen er das Leder zu den Schuhen nimmt. Er
hat schon so viele Beinamen, und der des heiligen
Krispin wäre nicht der schlimmste. Viele wird es geben,
die sein Thun im guten Sinne beneiden. Aber ich
fürchte, der Tag ist nahe, wo der so Ruhige und zugleich so Mutige, der seine Ziele so weit steckte, sich in
die Enge des Daseins zurücksehnen wird. Er besitzt,
wenn ich recht berichtet bin, ein kleines Bauerngut irgendwo in Franken, und wohl möglich, ja, mir persönlich
geradezu wahrscheinlich, daß ihm an jener stillen Stelle
früher oder später ein echteres Glück erblüht, als er es
jetzt hat. Es heißt wohl, ‚Gehet hin und lehret alle
Heiden‘, aber schöner ist es doch, wenn die Welt, uns
suchend, an uns herankommt. Und die Welt kommt
schon, wenn die richtige Persönlichkeit sich ihr aufthut.
Da ist dieser Wörishofener Pfarrer — er sucht nicht
die Menschen, die Menschen suchen ihn. Und wenn sie
kommen, so heilt er sie, heilt sie mit dem Einfachsten
und Natürlichsten. Übertragen Sie das vom Äußern
aufs Innere, so haben Sie mein Ideal. Einen Brunnen
graben just an der Stelle, wo man gerade steht. Innere
Mission in nächster Nähe, sei's mit dem Alten, sei's mit
etwas Neuem.“

„Also mit dem Neuen,“ sagte Woldemar und reichte
seinem alten Lehrer die Hand.

Aber dieser antwortete: „Nicht so ganz unbedingt
mit dem Neuen. Lieber mit dem Alten, soweit es irgend
geht, und mit dem Neuen nur, soweit es muß.“

Das Mahl war inzwischen vorgeschritten und bei
einem Gange angelangt, der eine Spezialität von Schloß
Stechlin war und jedesmal die Bewunderung seiner
Gäste: losgelöste Krammetsvögelbrüste, mit einer dunkeln
Kraftbrühe angerichtet, die, wenn die Herbst- und Ebereschentage da waren, als eine höhere Form von Schwarzsauer auf den Tisch zu kommen pflegten. Engelke präsentierte Burgunder dazu, der schon lange lag, noch aus
alten besseren Tagen her, und als jeder davon genommen,
erhob sich Dubslav, um erst kurz seine lieben Gäste zu
begrüßen, dann aber die Damen leben zu lassen. Er
müsse bei diesem Plural bleiben, trotzdem die Damenwelt nur in einer Einheit vertreten sei; doch er gedenke
dabei neben seiner lieben Freundin und Tischnachbarin
(er küßte dieser huldigend die Hand) zugleich auch der
„Gemahlin“ seines Freundes Katzler, die leider — wenn
auch vom Familienstandpunkt aus in hocherfreulichster
Veranlassung — am Erscheinen in ihrer Mitte verhindert
sei: „Meine Herren, Frau Oberförster Katzler“ — er
machte hier eine kleine Pause, wie wenn er eine höhere
Titulatur ganz ernsthaft in Erwägung gezogen hätte —
„Frau Oberförster Katzler und Frau von Gundermann,
sie leben hoch!“ Rex, Czako, Katzler erhoben sich, um
mit Frau von Gundermann anzustoßen, als aber jeder
von ihnen auf seinen Platz zurückgekehrt war, nahmen
sie die durch den Toast unterbrochenen Privatgespräche
wieder auf, wobei Dubslav als guter Wirt sich darauf
beschränkte, kurze Bemerkungen nach links und rechts
hin einzustreuen. Dies war indessen nicht immer leicht,
am wenigsten leicht bei dem Geplauder, das der Hauptmann und Frau von Gundermann führten, und das so
pausenlos verlief, daß ein Einhaken sich kaum ermöglichte. Czako war ein guter Sprecher, aber er verschwand
neben seiner Partnerin. Ihres Vaters Laufbahn, der
es (ursprünglich Schreib- und Zeichenlehrer) in einer
langen, schon mit Anno 13 beginnenden Dienstzeit bis zum
Hauptmann in der „Plankammer“ gebracht hatte, gab
ihr in ihren Augen eine gewisse militärische Zugehörigkeit, und als sie, nach mehrmaligem Auslugen, endlich
den ihr wohlbekannten Namenszug des Regiments Alexander
auf Czakos Achselklappe erkannt hatte, sagte sie: „Gott
…, Alexander. Nein, ich sage. Mir war aber doch
auch gleich so Münzstraße. Wir wohnten ja Linienstraße,
Ecke der Weinmeister — das heißt, als ich meinen Mann
kennen lernte. Vorher draußen, Schönhauser Allee. Wenn
man so wen aus seiner Gegend wieder sieht! Ich bin
ganz glücklich, Herr Hauptmann. Ach, es ist zu traurig
hier. Und wenn wir nicht den Herrn von Stechlin
hätten, so hätten wir so gut wie gar nichts. Mit
Katzlers,“ aber dies flüsterte sie nur leise, „mit Katzlers
ist es nichts; die sind zu hoch 'raus. Da muß man sich
denn klein machen. Und so toll ist es am Ende doch
auch noch nicht. Jetzt passen sie ja noch leidlich. Aber
abwarten.“

„Sehr wahr, sehr wahr,“ sagte Czako, der, ohne
was Sicheres zu verstehen, nur ein während des
Dubslavschen Toastes schon gehabtes Gefühl bestätigt
sah, daß es mit den Katzlers was Besonderes auf sich
haben müsse. Frau von Gundermann aber, den ihr unbequemen Flüsterton aufgebend, fuhr mit wieder lauter
werdender Stimme fort, „wir haben den Herrn von
Stechlin, und das ist ein Glück, und es ist auch bloß
eine gute halbe Meile. Die meisten andern wohnen viel
zu weit, und wenn sie auch näher wohnten, sie wollen
alle nicht recht; die Leute hier, mit denen wir eigentlich
Umgang haben müßten, sind so difficil und legen alles
auf die Goldwage. Das heißt, vieles legen sie nicht
auf die Goldwage, dazu reicht es bei den meisten nicht
aus; nur immer die Ahnen. Und sechzehn ist das
wenigste. Ja, wer hat gleich sechzehn? Gundermann
ist erst geadelt, und wenn er nicht Glück gehabt hätte,
so wär' es gar nichts. Er hat nämlich klein angefangen,
bloß mit einer Mühle; jetzt haben wir nun freilich
sieben, immer den Rhin entlang, lauter Schneidemühlen,
Bohlen und Bretter, einzöllig, zweizöllig und noch mehr.
Und die Berliner Dielen, die sind fast alle von uns.“

„Aber, meine gnädigste Frau, das muß Ihnen doch
ein Hochgefühl geben. Alle Berliner Dielen! Und dieser
Rhinfluß, von dem Sie sprechen, der vielleicht eine ganze
Seeenkette verbindet, und woran mutmaßlich eine reizende
Villa liegt! Und darin hören Sie Tag und Nacht, wie
nebenan in der Mühle die Säge geht, und die dicht
herumstehenden Bäume bewegen sich leise. Mitunter
natürlich ist auch Sturm. Und Sie haben eine Pony-Equipage für Ihre Kinder. Ich darf doch annehmen,
daß Sie Kinder haben? Wenn man so abgeschieden lebt
und so beständig aufeinander angewiesen ist …“

„Es ist, wie Sie sagen, Herr Hauptmann; ich habe
Kinder, aber schon erwachsen, beinah alle, denn ich habe
mich jung verheiratet. Ja, Herr von Czako, man ist
auch einmal jung gewesen. Und es ist ein Glück, daß
ich die Kinder habe. Sonst ist kein Mensch da, mit
dem man ein gebildetes Gespräch führen kann. Mein
Mann hat seine Politik und möchte sich wählen lassen,
aber es wird nichts, und wenn ich die Journale bringe,
nicht mal die Bilder sieht er sich an. Und die Geschichten,
sagt er, seien bloß dummes Zeug und bloß Wasser auf
die Mühlen der Sozialdemokratie. Seine Mühlen, was
ich übrigens recht und billig finde, sind ihm lieber.“

„Aber Sie müssen doch viele Menschen um sich
herum haben, schon in Ihrer Wirtschaft.“

„Ja die hab' ich, und die Mamsells die man so
kriegt, ja ein paar Wochen geht es; aber dann bändeln
sie gleich an, am liebsten mit 'nem Volontär, wir haben
nämlich auch Volontärs in der Mühlenbranche. Und
die meisten sind aus ganz gutem Hause. Die jungen
Menschen passen aber nicht auf, und da hat man's denn,
und immer gleich Knall und Fall. All das ist doch
traurig, und mitunter ist es auch so, daß man sich
geradezu genieren muß.“

Czako seufzte. „Mir ein Greuel, all dergleichen.
Aber ich weiß vom Manöver her, was alles vorkommt.
Und mit einer Schläue … nichts schlauer, als verliebte
Menschen. Ach, das ist ein Kapitel, womit man nicht
fertig wird. Aber Sie sagten Linienstraße, meine
Gnädigste. Welche Nummer denn? Ich kenne da beinah
jedes Haus, kleine, nette Häuser, immer bloß Bel-Etage,
höchstens mal ein Oeil de Boeuf.“

„Wie? was?“

„Großes rundes Fenster ohne Glas. Aber ich liebe
diese Häuser.“

„Ja, das kann ich auch von mir sagen, und in
gerade solchen Häusern hab' ich meine beste Zeit verbracht,
als ich noch ein Quack war, höchstens vierzehn. Und
so grausam wild. Damals waren nämlich noch die
Rinnsteine, und wenn es dann regnete und alles überschwemmt war und die Bretter anfingen, sich zu heben,
und schon so halb herumschwammen, und die Ratten,
die da drunter steckten, nicht mehr wußten, wo sie hin
sollten, dann sprangen wir auf die Bohlen rauf, und
nun die Biester 'raus, links und rechts, und die Jungens
hinterher, immer aufgekrempelt und ganz nackigt. Und
einmal, weil der eine Junge nicht abließ und mit seinen
Holzpantinen immer drauf losschlug, da wurde das Untier falsch und biß den Jungen so, daß er schrie! Nein,
so hab' ich noch keinen Menschen wieder schreien hören.
Und es war auch fürchterlich.“

„Ja, das ist es. Und da helfen bloß Rattenfänger.“

„Ja, Rattenfänger, davon hab' ich auch gehört
— Rattenfänger von Hameln. Aber die giebt es doch
nicht mehr.“

„Nein, gnädige Frau, die giebt es nicht mehr,
wenigstens nicht mehr solche Hexenmeister mit Zauberspruch und einer Pfeife zum pfeifen. Aber die meine
ich auch gar nicht. Ich meine überhaupt nicht Menschen,
die dergleichen als Metier betreiben und sich in den Zeitungen
anzeigen, unheimliche Gesichter mit einer Pelzkappe. Was
ich meine, sind bloß Pinscher, die nebenher auch noch
‚Rattenfänger‘ heißen und es auch wirklich sind. Und
mit einem solchen Rattenfänger auf die Jagd gehen, das
ist eigentlich das Schönste, was es giebt.“

„Aber mit einem Pinscher kann man doch nicht
auf die Jagd gehen!“

„Doch, doch, meine gnädigste Frau. Als ich in
Paris war (ich war da nämlich mal hinkommandiert),
da bin ich mit 'runtergestiegen in die sogenannten Katakomben, hochgewölbte Kanäle, die sich unter der Erde
hinziehen. Und diese Kanäle sind das wahre Ratteneldorado; da sind sie zu Millionen. Oben drei Millionen
Franzosen, unten drei Millionen Ratten. Und einmal,
wie gesagt, bin ich da mit 'runtergeklettert und in einem
Boote durch diese Unterwelt hingefahren, immer mitten
in die Ratten hinein.“

„Gräßlich, gräßlich. Und sind Sie heil wieder
'raus gekommen?“

„Im ganzen, ja. Denn, meine gnädigste Frau,
eigentlich war es doch ein Vergnügen. In unserm Kahn
hatten wir nämlich zwei solche Rattenfänger, einen vorn
und einen hinten. Und nun hatten Sie sehen sollen,
wie das losging. ‚Schnapp‘, und das Tier um die
Ohren geschlagen, und tot war es. Und so weiter, so
schnell wie Sie nur zählen können, und mitunter noch
schneller. Ich kann es nur vergleichen mit Mr. Carver,
dem bekannten Mr. Carver, von dem Sie gewiß einmal
gelesen haben, der in der Sekunde drei Glaskugeln
wegschoß. Und so immerzu, viele Hundert. Ja, so was
wie diese Rattenjagd da unten, das vergißt man nicht
wieder. Es war aber auch das Beste da. Denn was
sonst noch von Paris geredet wird, das ist alles übertrieben; meist dummes Zeug. Was haben sie denn
Großes? Opern und Cirkus und Museum, und in einem
Saal 'ne Venus, die man sich nicht recht ansieht, weil
sie das Gefühl verletzt, namentlich wenn man mit Damen
da ist. Und das alles haben wir schließlich auch, und
manches haben wir noch besser. So zum Beispiel Niemann und die dell' Era. Aber solche Rattenschlacht,
das muß wahr sein, die haben wir nicht. Und warum
nicht? Weil wir keine Katakomben haben.“

Der alte Dubslav, der das Wort „Katakomben“
gehört hatte, wandte sich jetzt wieder über den Tisch hin
und sagte: „Pardon, Herr von Czako, aber Sie müssen
meiner lieben Frau von Gundermann nicht mit so
furchtbar ernsten Sachen kommen und noch dazu hier
bei Tisch, gleich nach Karpfen und Meerrettich. Katakomben! Ich bitte Sie. Die waren ja doch eigentlich
in Rom und erinnern einen immer an die traurigsten
Zeiten, an den grausamen Kaiser Nero und seine Verfolgungen und seine Fackeln. Und da war dann noch
einer mit einem etwas längeren Namen, der noch viel
grausamer war, und da verkrochen sich diese armen Christen
gerade in eben diese Katakomben, und manche wurden
verraten und gemordet. Nein, Herr von Czako, da
lieber was Heiteres. Nicht wahr, meine liebe Frau von
Gundermann?“

„Ach nein, Herr von Stechlin; es ist doch alles
so sehr gelehrig. Und wenn man so selten Gelegenheit
hat …“

„Na, wie Sie wollen. Ich hab' es gut gemeint.
Stoßen wir an! Ihr Rudolf soll leben; das ist doch
der Liebling, trotzdem er der älteste ist. Wie alt ist er
denn jetzt?“

„Vierundzwanzig.“

„Ein schönes Alter. Und wie ich höre, ein guter
Mensch. Er müßte nur mehr 'raus. Er versauert hier
ein bißchen.“

„Sag' ich ihm auch. Aber er will nicht fort. Er
sagt, zu Hause sei es am besten.“

„Bravo. Da nehm' ich alles zurück. Lassen Sie
ihn. Zu Hause ist es am Ende wirklich am besten.
Und gerade wir hier, die wir den Vorzug haben, in der
Rheinsberger Gegend zu leben. Ja, wo ist so was?
Erst der große König, und dann Prinz Heinrich, der
nie 'ne Schlacht verloren. Und einige sagen, er wäre
noch klüger gewesen als sein Bruder. Aber ich will so
was nicht gesagt haben.“

Viertes Kapitel.

Frau von Gundermann schien auf das ihr als einziger,
also auch ältester Dame zustehende Tafelaufhebungsrecht
verzichten zu wollen und wartete, bis statt ihrer der schon
seit einer Viertelstunde sich nach seiner Meerschaumpfeife
sehnende Dubslav das Zeichen zum Aufbruch gab. Alles
erhob sich jetzt rasch, um vom Eßzimmer aus in den nach
dem Garten hinaussehenden Salon zurückzukehren, dem
es — war es Zufall oder Absicht? — in diesem Augenblick noch an aller Beleuchtung fehlte; nur im Kamin
glühten ein paar Scheite, die während der Essenszeit halb
niedergebrannt waren, und durch die offenstehende hohe
Glasthür fiel von der Veranda her das Licht der über
den Parkbäumen stehenden Mondsichel. Alles gruppierte
sich alsbald um Frau von Gundermann, um dieser die
pflichtschuldigen Honneurs zu machen, während Martin
die Lampen, Engelke den Kaffee brachte. Das ein paar
Minuten lang geführte gemeinschaftliche Gespräch kam,
all die Zeit über, über ein unruhiges Hin und Her nicht
hinaus, bis der Knäuel, in dem man stand, sich wieder
in Gruppen auflöste.

Das erste sich abtrennende Paar waren Rex und
Katzler, beide passionierte Billardspieler, die sich — Katzler
übernahm die Führung — erst in den Eßsaal zurück und
von diesem aus in das daneben gelegene Spielzimmer
begaben. Das hier stehende, ziemlich vernachlässigte Billard
war schon an die fünfzig Jahre alt und stammte noch aus
des Vaters Zeiten her. Dubslav selbst machte sich nicht
viel aus dem Spiel, aus Spiel überhaupt und interessierte
sich, soweit sein Billard in Betracht kam, nur für eine
sehr nachgedunkelte Karoline, von der ein Berliner Besucher mal gesagt hatte: „Alle Wetter, Stechlin, wo haben
Sie die her? Das ist ja die gelbste Karoline, die ich all
mein Lebtag gesehen habe,“ — Worte, die damals solchen
Eindruck auf Dubslav gemacht hatten, daß er seitdem ein
etwas freundlicheres Verhältnis zu seinem Billard unterhielt und nicht ungern von „seiner Karoline“ sprach.

Das zweite Paar, das sich aus der Gemeinschaft abtrennte, waren Woldemar und Gundermann. Gundermann, wie alle an Kongestionen Leidende, fand es überall zu heiß und wies, als er ein paar Worte mit Woldemar gewechselt, auf die offenstehende Thür. „Es ist ein
so schöner Abend, Herr von Stechlin; könnten wir nicht
auf die Veranda hinaustreten?“

„Aber gewiß, Herr von Gundermann. Und wenn
wir uns absentieren, wollen wir auch alles Gute gleich
mitnehmen. Engelke, bring uns die kleine Kiste, du weißt
schon.“

„Ah, kapital. So ein paar Züge, das schlägt nieder,
besser als Sodawasser. Und dann ist es auch wohl schicklicher im Freien. Meine Frau, wenn wir zu Hause sind,
hat sich zwar daran gewöhnen müssen und spricht höchstens
mal von „paffen“ (na, das is nicht anders, dafür is man
eben verheiratet), aber in einem fremden Hause, da fangen
denn doch die Rücksichten an. Unser guter alter Kortschädel sprach auch immer von ‚Dehors‘.“

Unter diesen Worten waren Woldemar und Gundermann vom Salon her auf die Veranda hinausgetreten,
bis dicht an die Treppenstufen heran, und sahen auf den
kleinen Wasserstrahl, der auf dem Rundell aufsprang.

„Immer, wenn ich den Wasserstrahl sehe,“ fuhr
Gundermann fort, „muß ich wieder an unsern guten
alten Kortschädel denken. Is nu auch hinüber. Na, jeder
muß mal, und wenn irgend einer seinen Platz da oben
sicher hat, der hat ihn. Ehrenmann durch und durch,
und loyal bis auf die Knochen. Redner war er nicht,
was eigentlich immer ein Vorzug, und hat mit seiner
Schwätzerei dem Staate kein Geld gekostet; aber er wußte
ganz gut Bescheid, und, unter vier Augen, ich habe Sachen
von ihm gehört, großartig. Und ich sage mir, solchen
kriegen wir nicht wieder …“

„Ach, das ist Schwarzseherei, Herr von Gundermann. Ich glaube, wir haben viele von ähnlicher Gesinnung. Und ich sehe nicht ein, warum nicht ein Mann
wie Sie …“

„Geht nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil Ihr Herr Papa kandidieren will. Und da
muß ich zurückstehen. Ich bin hier ein Neuling. Und die
Stechlins waren hier schon …“

„Nun gut, ich will dies letztere gelten lassen, und
nur was das Kandidieren meines Vaters angeht — ich
denke mir, es ist noch nicht so weit, vieles kann noch dazwischen kommen, und jedenfalls wird er schwanken. Aber
nehmen wir mal an, es sei, wie Sie vermuten. In diesem
Falle träfe doch gerade das zu, was ich mir soeben zu
sagen erlaubt habe. Mein Vater ist in jedem Anbetracht
ein treuer Gesinnungsgenosse Kortschädels, und wenn er
an seine Stelle tritt, was ist da verloren? Die Lage bleibt
dieselbe.“

„Nein, Herr von Stechlin.“

„Nun, was ändert sich?“

„Vieles, alles. Kortschädel war in den großen Fragen
unerbittlich, und Ihr Herr Vater läßt mit sich reden …“

„Ich weiß nicht, ob Sie da recht haben. Aber wenn
es so wäre, so wäre das doch ein Glück …“

„Ein Unglück, Herr von Stechlin. Wer mit sich reden
läßt, ist nicht stramm, und wer nicht stramm ist, ist schwach.
Und Schwäche (die destruktiven Elemente haben dafür eine
feine Fühlung), Schwäche ist immer Wasser auf die Mühlen
der Sozialdemokratie.“

Die vier andern der kleinen Tafelrunde waren im
Gartensalon zurückgeblieben, hatten sich aber auch zu zwei
und zwei zusammengethan. In der einen Fensternische,
so daß sie den Blick auf den mondbeschienenen Vorplatz
und die draußen auf der Veranda auf und ab schreitenden
beiden Herren hatten, saßen Lorenzen und Frau von
Gundermann. Die Gundermann war glücklich über das
Tete-a-tete, denn sie hatte wegen ihres jüngsten Sohnes
allerhand Fragen auf dem Herzen oder bildete sich wenigstens ein, sie zu haben. Denn eigentlich hatte sie für gar
nichts Interesse, sie mußte bloß, richtige Berlinerin, die
sie war, reden können.

„Ich bin so froh, Herr Pastor, daß ich nun doch
einmal Gelegenheit finde. Gott, wer Kinder hat, der hat
auch immer Sorgen. Ich möchte wegen meines Jüngsten
so gerne mal mit Ihnen sprechen, wegen meines Arthur.
Rudolf hat mir keine Sorgen gemacht, aber Arthur. Er
ist nun jetzt eingesegnet, und Sie haben ihm, Herr Prediger,
den schönen Spruch mitgegeben, und der Junge hat auch
gleich den Spruch auf einen großen weißen Bogen geschrieben, alle Buchstaben erst mit zwei Linien nebeneinander und dann dick ausgetuscht. Es sieht aus wie 'n
Plakat. Und diesen großen Bogen hat er sich in die
Waschtoilette geklebt, und da mahnt es ihn immer.“

„Nun, Frau von Gundermann, dagegen ist doch nichts
zu sagen.“

„Nein, das will ich auch nicht. Eher das Gegenteil.
Es hat ja doch was Rührendes, daß es einer so ernst
nimmt. Denn er hat zwei Tage dran gesessen. Aber
wenn solch junger Mensch es so immer liest, so gewöhnt
er sich dran. Und dann ist ja auch gleich wieder die
Verführung da. Gott, daß man gerade immer über solche
Dinge reden muß; noch keine Stunde, daß ich mit dem
Herrn Hauptmann über unsern Volontär Vehmeyer gesprochen habe, netter Mensch, und nun gleich wieder mit
Ihnen, Herr Pastor, auch über so was. Aber es geht
nicht anders. Und dann sind Sie ja doch auch wie verantwortlich für seine Seele.“

Lorenzen lächelte. „Gewiß, liebe Frau von Gundermann. Aber was ist es denn? Um was handelt es sich
denn eigentlich?“

„Ach, es ist an und für sich nicht viel und doch auch
wieder eine recht ärgerliche Sache. Da haben wir ja jetzt
die Jüngste von unserm Schullehrer Brandt ins Haus
genommen, ein hübsches Balg, rotbraun und ganz kraus,
und Brandt wollte, sie solle bei uns angelernt werden.
Nun, wir sind kein großes Haus, gewiß nicht, aber Mäntel
abnehmen und 'rumpräsentieren, und daß sie weiß, ob
links oder rechts, so viel lernt sie am Ende doch.“

„Gewiß. Und die Frida Brandt, o, die kenn ich
ganz gut; die wurde jetzt gerade vorm Jahr eingesegnet.
Und es ist, wie Sie sagen, ein allerliebstes Geschöpf und
klug und aufgekratzt, ein bißchen zu sehr. Sie will zu
Ostern nach Berlin.“

„Wenn sie nur erst da wäre. Mir thut es beinahe
schon leid, daß ich ihr nicht gleich zugeredet. Aber so
geht es einem immer.“

„Ist denn was vorgefallen?“

„Vorgefallen? Das will ich nicht sagen. Er is ja
doch erst sechzehn und eine Dusche dazu, gerade wie sein
Vater; der hat sich auch erst rausgemausert, seit er grau
geworden. Was beiläufig auch nicht gut ist. Und da
komme ich nun gestern vormittag die Treppe 'rauf und
will dem Jungen sagen, daß er in den Dohnenstrich geht
und nachsieht, ob Krammetsvögel da sind, und die Thür

steht halb auf, was noch das beste war, und da seh' ich,
wie sie ihm eine Nase dreht und die Zungenspitze 'raussteckt; so was von spitzer Zunge hab' ich mein Lebtag noch
nicht gesehen. Die reine Eva. Für die Potiphar ist sie
mir noch zu jung. Und als ich nu dazwischentrete, da
kriegt ja nu der arme Junge das Zittern, und weil ich
nicht recht wußte, was ich sagen sollte, ging ich bloß hin
und klappte den Waschtischdeckel auf, wo der Spruch stand,
und sah ihn scharf an. Und da wurde er ganz blaß.
Aber das Balg lachte.“

„Ja, liebe Frau von Gundermann, das ist so; Jugend
hat keine Tugend.“

„Ich weiß doch nicht; ich bin auch einmal jung gewesen …“

„Ja, Damen …“

Während Frau von Gundermann in ihrem Gespräch
in der Fensternische mit derartigen Intimitäten kam und
den guten Pastor Lorenzen abwechselnd in Verlegenheit
und dann auch wieder in stille Heiterkeit versetzte, hatte sich
Dubslav mit Hauptmann von Czako in eine schräg gegenüber gelegene Ecke zurückgezogen, wo eine altmodische
Causeuse stand, mit einem Marmortischchen davor. Auf
dem Tische zwei Kaffeetassen samt aufgeklapptem Liqueurkasten, aus dem Dubslav eine Flasche nach der andern
herausnahm. „Jetzt, wenn man von Tisch kommt, muß
es immer ein Cognac sein. Aber ich bekenne Ihnen,
lieber Hauptmann, ich mache die Mode nicht mit; wir
aus der alten Zeit, wir waren immer ein bißchen fürs
Süße. Creme de Cacao, na, natürlich, das is Damenschnaps, davon kann keine Rede sein; aber Pomeranzen
oder, wie sie jetzt sagen, Curaçao, das ist mein Fall.
Darf ich Ihnen einschenken? Oder vielleicht lieber Danziger Goldwasser? Kann ich übrigens auch empfehlen.“

„Dann bitte ich um Goldwasser. Es ist doch schärfer,
und dann bekenne ich Ihnen offen, Herr Major … Sie
kennen ja unsre Verhältnisse, so 'n bißchen Gold heimelt
einen immer an. Man hat keins und dabei doch zugleich
die Vorstellung, daß man es trinken kann — es hat eigentlich was Großartiges.“

Dubslav nickte, schenkte von dem Goldwasser ein, erst
für Czako, dann für sich selbst und sagte: „Bei Tische
hab' ich die Damen leben lassen und Frau von Gundermann im speziellen. Hören Sie, Hauptmann, Sie verstehen's. Diese Rattengeschichte …“

„Vielleicht war es ein bißchen zu viel.“

„I, keineswegs. Und dann, Sie waren ja ganz unschuldig, die Gnäd'ge fing ja davon an; erinnern Sie sich,
sie verliebte sich ordentlich in die Geschichte von den Rinnsteinbohlen, und wie Sie drauf 'rumgetrampelt, bis die
Ratten rauskamen. Ich glaube sogar, sie sagte ‚Biester‘.
Aber das schadet nicht. Das ist so Berliner Stil. Und
unsre Gnäd'ge hier (beiläufig eine geborene Helfrich) is
eine Vollblutberlinerin.“

„Ein Wort, das mich doch einigermaßen überrascht.“

„Ah,“ drohte Dubslav schelmisch mit dem Finger,
„ich verstehe. Sie sind einer gewissen Unausreichendheit
begegnet und verlangen mindestens mehr Quadrat (von Kubik
will ich nicht sprechen). Aber wir von Adel müssen in diesem
Punkte doch ziemlich milde sein und ein Auge zudrücken,
wenn das das richtige Wort ist. Unser eigenstes Vollblut
bewegt sich auch in Extremen und hat einen linken und
einen rechten Flügel: der linke nähert sich unsrer geborenen
Helfrich. Übrigens unterhaltliche Madam. Und wie beseligt sie war, als sie den Namenszug auf Ihrer Achselklappe glücklich entdeckt und damit den Anmarsch auf die
Münzstraße gewonnen hatte. Was es doch alles für
Lokalpatriotismen giebt!“

„An dem unser Regiment teilnimmt oder ihn mitmacht. Die Welt um den Alexanderplatz herum hat
übrigens so ihren eigenen Zauber, schon um einer gewissen
Unresidenzlichkeit willen. Ich sehe nichts lieber als die
große Markthalle, wenn beispielsweise die Fischtonnen mit
fünfhundert Aalen in die Netze gegossen werden. Etwas
Unglaubliches von Gezappel.“

„Finde mich ganz darin zurecht und bin auch für
Alexanderplatz und Alexanderkaserne samt allem, was dazu
gehört. Und so brech' ich denn auch die Gelegenheit vom
Zaun, um nach einem ihrer früheren Regimentskommandeure zu fragen, dem liebenswürdigen Obersten von Zeuner,
den ich noch persönlich gekannt habe. Hier unsre Stechliner Gegend ist nämlich Zeunergegend. Keine Stunde
von hier liegt Köpernitz, eine reizende Besitzung, drauf die
Zeunersche Familie schon in fridericianischen Tagen ansässig war. Bin oft drüben gewesen (nun freilich schon
zwanzig Jahre zurück) und komme noch einmal mit der
Frage: Haben Sie den Obersten noch gekannt?“

„Nein, Herr Major. Er war schon fort, als ich zum
Regimente kam. Aber ich habe viel von ihm gehört und
auch von Köpernitz, weiß aber freilich nicht mehr, in
welchem Zusammenhange.“

„Schade, daß Sie nur einen Tag für Stechlin festgesetzt haben, sonst müßten Sie das Gut sehen. Alles
ganz eigentümlich und besonders auch ein Grabstein, unter
dem eine uralte Dame von beinah' neunzig Jahren begraben liegt, eine geborne von Zeuner, die sich in früher
Jugend schon mit einem Emigranten am Rheinsberger
Hof, mit dem Grafen La Roche-Aymon, vermählt hatte.
Merkwürdige Frau, von der ich Ihnen erzähle, wenn ich
Sie mal wiedersehe. Nur eins müssen Sie heute schon
mitanhören, denn ich glaube, Sie haben den Gustus dafür.“

„Für alles, was Sie erzählen.“

„Keine Schmeicheleien! Aber die Geschichte will ich
Ihnen doch als Andenken mitgeben. Andre schenken sich
Photographien, was ich, selbst wenn es hübsche Menschen
sind (ein Fall, der übrigens selten zutrifft), immer greulich
finde.“

„Schenke nie welche.“

„Was meine Gefühle für Sie steigert. Aber die
Geschichte: Da war also drüben in Köpernitz diese La Roche-Aymon, und weil sie noch die Prinz Heinrich-Tage gesehen
und während derselben eine Rolle gespielt hatte, so zählte
sie zu den besonderen Lieblingen Friedrich Wilhelms IV.
Und als nun — sagen wir ums Jahr fünfzig — der
Zufall es fügte, daß dem zur Jagd hier erschienenen
König das Köpernitzer Frühstück, ganz besonders aber eine
Blut- und Zungenwurst über die Maßen gut geschmeckt
hatte, so wurde dies Veranlassung für die Gräfin, am
nächsten Heiligabend eine ganze Kiste voll Würste nach
Potsdam hin in die königliche Küche zu liefern. Und das
ging so durch Jahre. Da beschloß zuletzt der gute König,
sich für all die gute Gabe zu revanchieren, und als wieder
Weihnachten war, traf in Köpernitz ein Postpaket ein,
Inhalt: eine zierliche kleine Blutwurst. Und zwar war
es ein wunderschöner, rundlicher Blutkarneol mit Goldspeilerchen an beiden Seiten und die Speilerchen selbst
mit Diamanten besetzt. Und neben diesem Geschenk lag
ein Zettelchen: ‚Wurst wider Wurst‘.“

„Allerliebst!“

„Mehr als das. Ich persönlich ziehe solchen guten
Einfall einer guten Verfassung vor. Der König, glaub'
ich, that es auch. Und es denken auch heute noch viele so.“

„Gewiß, Herr Major. Es denken auch heute noch
viele so, und bei dem Schwankezustand, in dem ich mich
leider befinde, sind meine persönlichen Sympathien gelegentlich nicht weitab davon. Aber ich fürchte doch, daß
wir mit dieser unsrer Anschauung sehr in der Minorität
bleiben.“

„Werden wir. Aber Vernunft ist immer nur bei
wenigen. Es wäre das beste, wenn ein einziger Alter-Fritzen-Verstand die ganze Geschichte regulieren könnte.
Freilich braucht ein solcher oberster Wille auch seine Werkzeuge. Die haben wir aber noch in unserm Adel, in
unsrer Armee und speziell auch in Ihrem Regiment.“

Während der Alte diesen Trumpf ausspielte, kam
Engelke, um ein paar neue Tassen zu präsentieren.

„Nein, nein, Engelke, wir sind schon weiter. Aber
stell nur hin. … In Ihrem Regiment, sag' ich, Herr
von Czako; schon sein Name bedeutet ein Programm, und
dies Programm heißt: Rußland. Heutzutage darf man
freilich kaum noch davon reden. Aber das ist Unsinn.
Ich sage Ihnen, Hauptmann, das waren Preußens beste
Tage, als da bei Potsdam herum die ‚russische Kirche‘
und das ‚russische Haus‘ gebaut wurden, und als es
immer hin und her ging zwischen Berlin und Petersburg.
Ihr Regiment, Gott sei Dank, unterhält noch was von
den alten Beziehungen, und ich freue mich immer, wenn
ich davon lese, vor allem, wenn ein russischer Kaiser kommt
und ein Doppelposten vom Regiment Alexander vor seinem
Palais steht. Und noch mehr freu' ich mich, wenn das
Regiment Deputationen schickt: Georgsfest, Namenstag des
hohen Chefs, oder wenn sich's auch bloß um Uniformabänderungen handelt, beispielsweise Klappkragen statt Stehkragen (diese verdammten Stehkragen) — und wie dann
der Kaiser alle begrüßt und zur Tafel zieht und so bei
sich denkt: ‚Ja, ja, das sind brave Leute; da hab' ich
meinen Halt.‘“

Czako nickte, war aber doch in sichtlicher Verlegenheit,
weil er, trotz seiner vorher versicherten „Sympathien“, ein
ganz moderner, politisch stark angekränkelter Mensch war,
der, bei strammster Dienstlichkeit, zu all dergleichen Überspanntheiten ziemlich kritisch stand. Der alte Dubslav
nahm indessen von alledem nichts wahr und fuhr fort:
„Und sehen Sie, lieber Hauptmann, so hab' ich's persönlich in meinen jungen Jahren auch noch erlebt und
vielleicht noch ein bißchen besser; denn, Pardon, jeder hält
seine Zeit für die beste. Vielleicht sogar, daß Sie mir
zustimmen, wenn ich Ihnen mein Sprüchel erst ganz hergesagt haben werde. Da haben wir ja nun ‚jenseits des
Niemen‘, wie manche Gebildete jetzt sagen, die ‚drei
Alexander‘ gehabt, den ersten, den zweiten und den
dritten, alle drei große Herren und alle drei richtige
Kaiser und fromme Leute, oder doch beinah' fromm, die's
gut mit ihrem Volk und mit der Menschheit meinten, und
dabei selber richtige Menschen; aber in dies Alexandertum,
das so beinah' das ganze Jahrhundert ausfüllt, da schiebt
sich doch noch einer ein, ein Nicht-Alexander, und ohne
Ihnen zu nahe treten zu wollen, der war doch der
Häupter. Und das war unser Nikolaus. Manche dummen
Kerle haben Spottlieder auf ihn gemacht und vom schwarzen
Niklas gesungen, wie man Kinder mit dem schwarzen
Mann graulich macht, aber war das ein Mann! Und
dieser selbige Nikolaus, nun, der hatte hier, ganz wie die
drei Alexander, auch ein Regiment, und das waren die
Nikolaus-Kürassiere, oder sag' ich lieber: das sind die
Nikolaus-Kürassiere, denn wir haben sie, Gott sei Dank,
noch. Und sehen Sie, lieber Czako, das war mein Regiment, dabei hab' ich gestanden, als ich noch ein junger
Dachs war, und habe dann den Abschied genommen; viel zu
früh; Dummheit, hätte lieber dabei bleiben sollen.“

Czako nickte, Dubslav nahm ein neues Glas von
dem Goldwasser. „Unsre Nikolaus-Kürassiere, Gott erhalte
sie, wie sie sind! Ich möchte sagen, in dem Regimente
lebt noch die heilige Alliance fort, die Waffenbrüderschaft
von Anno dreizehn, und dies Anno dreizehn, das wir
mit den Russen zusammen durchgemacht haben, immer
nebeneinander im Biwak, in Glück und Unglück, das war
doch unsre größte Zeit. Größer als die jetzt große.
Große Zeit ist es immer nur, wenn's beinah' schief geht,
wenn man jeden Augenblick fürchten muß: ‚Jetzt ist alles
vorbei‘. Da zeigt sich's. Courage ist gut, aber Ausdauer
ist besser. Ausdauer, das ist die Hauptsache. Nichts im
Leibe, nichts auf dem Leibe, Hundekälte, Regen und
Schnee, so daß man so in der nassen Patsche liegt, und
höchstens 'nen Kornus (Cognac, ja hast du was, den gab
es damals kaum) und so die Nacht durch, da konnte man
Jesum Christum erkennen lernen. Ich sage das, wenn
ich auch nicht mit dabei gewesen. Anno dreizehn, bei
Großgörschen, das war für uns die richtige Waffenbrüderschaft: jetzt haben wir die Waffenbrüderschaft der Orgeldreher und der Mausefallenhändler. Ich bin für Rußland, für Nikolaus und Alexander. Preobrashensk,
Semenow, Kaluga, — da hat man die richtige Anlehnung; alles andre ist revolutionär, und was revolutionär ist, das wackelt.“

Kurz vor elf, der Mond war inzwischen unter, brach
man auf und die Wagen fuhren vor, erst der Katzlersche
Kaleschwagen, dann die Gundermannsche Chaise; Martin
aber, mit einer Stalllaterne, leuchtete dem Pastor über
Vorhof und Bohlenbrücke fort, bis an seine ganz im
Dunkel liegende Pfarre. Gleich darauf zogen sich auch
die drei Freunde zurück und stiegen, unter Vorantritt
Engelkes, die große Treppe hinauf, bis auf den Podest.
Hier trennten sich Rex und Czako von Woldemar, dessen
Zimmer auf der andern Flurseite gelegen war.

Czako, sehr müde, war im Nu bettfertig. „Es bleibt
also dabei, Rex, Sie logieren sich in dem Rokokozimmer
ein — wir wollen es ohne weiteres so nennen — und
ich nehme das Himmelbett hier in Zimmer Nummer eins.
Vielleicht wäre das Umgekehrte richtiger, aber sie haben
es so gewollt.“

Und während er noch so sprach, schob er seine
Stiefel auf den Flur hinaus, schloß ab und legte sich
nieder.

Rex war derweilen mit seiner Plaidrolle beschäftigt,
aus der er allerlei Toilettengegenstände hervorholte.
„Sie müssen mich entschuldigen, Czako, wenn ich mich
noch eine Viertelstunde hier bei Ihnen aufhalte. Habe
nämlich die Angewohnheit mich abends zu rasieren, und
der Toilettentisch mit Spiegel, ohne den es doch nicht
gut geht, der steht nun mal hier an Ihrem, statt an
meinem Fenster. Ich muß also stören.“

„Mir sehr recht, trotz aller Müdigkeit. Nichts besser,
als noch ein bißchen aus dem Bett heraus plaudern
können. Und dabei so warm eingemummelt. Die Betten
auf dem Lande sind überhaupt das beste.“

„Nun, Czako, das freut mich, daß Sie so bereit
sind, mir Quartier zu gönnen. Aber wenn Sie noch eine
Plauderei haben wollen, so müssen Sie sich die Hauptsache selber leisten. Ich schneide mich sonst, was dann
hinterher immer ganz schändlich aussieht. Übrigens muß
ich erst Schaum schlagen, und so lange wenigstens kann
ich Ihnen Red' und Antwort stehen. Ein Glück nebenher, daß hier, außer der kleinen Lampe, noch diese zwei
Leuchter sind. Wenn ich nicht Licht von rechts und links
habe, komme ich nicht von der Stelle; das eine wackelt
zwar (alle diese dünnen Silberleuchter wackeln), aber
,wenn gute Reden sie begleiten …‘ Also strengen Sie
sich an. Wie fanden Sie die Gundermanns? Sonderbare
Leute — haben Sie schon mal den Namen Gundermann
gehört?“

„Ja. Aber das war in ‚Waldmeisters Brautfahrt‘.“

„Richtig; so wirkt er auch. Und nun gar erst die
Frau! Der einzige, der sich sehen lassen konnte, war dieser
Katzler. Ein Karambolespieler ersten Ranges. Übrigens
eisernes Kreuz.“

„Und dann der Pastor.“

„Nun ja, auch der. Eine ganz gescheite Nummer.
Aber doch ein wunderbarer Heiliger, wie die ganze Sippe,
zu der er gehört. Er hält zu Stöcker, sprach es auch
aus, was neuerdings nicht jeder thut; aber der „neue
Luther“, der doch schon gerade bedenklich genug ist —
Majestät hat ganz recht mit seiner Verurteilung —, der
geht ihm gewiß nicht weit genug. Dieser Lorenzen erscheint mir, im Gegensatz zu seinen Jahren, als einer der
allerjüngsten. Und zu verwundern bleibt nur, daß der
Alte so gut mit ihm steht. Freund Woldemar hat mir
davon erzählt. Der Alte liebt ihn und sieht nicht, daß
ihm sein geliebter Pastor den Ast absägt, auf dem er sitzt.
Ja, diese von der neuesten Schule, das sind die allerschlimmsten. Immer Volk und wieder Volk, und mal
auch etwas Christus dazwischen. Aber ich lasse mich so
leicht nicht hinters Licht führen. Es läuft alles darauf
hinaus, daß sie mit uns aufräumen wollen, und mit dem
alten Christentum auch. Sie haben ein neues, und das
überlieferte behandeln sie despektierlich.“

„Kann ich ihnen unter Umständen nicht verdenken.
Seien Sie gut, Rex, und lassen Sie Konventikel und
Partei mal beiseite. Das Überlieferte, was einem da so
vor die Klinge kommt, namentlich wenn Sie sich die
Menschen ansehen, wie sie nun mal sind, ist doch sehr
reparaturbedürftig, und auf solche Reparatur ist ein Mann
wie dieser Lorenzen eben aus. Machen Sie die Probe.
Hie Lorenzen, hie Gundermann. Und Ihren guten Glauben
in Ehren, aber Sie werden diesen Gundermann doch nicht
über den Lorenzen stellen und ihn überhaupt nur ernsthaft nehmen wollen. Und wie dieser Wassermüller aus
der Brettschneidebranche, so sind die meisten. Phrase,
Phrase. Mitunter auch Geschäft oder noch Schlimmeres.“

„Ich kann jetzt nicht antworten, Czako. Was Sie
da sagen, berührt eine große Frage, bei der man doch
aufpassen muß. Und so mit dem Messer in der Hand,
da verbietet sich's. Und das eine wacklige Licht hat ohnehin schon einen Dieb. Erzählen Sie mir lieber was von
der Frau von Gundermann. Debattieren kann ich nicht
mehr, aber wenn Sie plaudern, brauch' ich bloß zuzuhören. Sie haben ihr ja bei Tisch 'nen langen Vortrag
gehalten.“

„Ja. Und noch dazu über Ratten.“

„Nein, Czako, davon dürfen Sie jetzt nicht sprechen;
dann doch noch lieber über alten und neuen Glauben.
Und gerade hier. In solchem alten Kasten ist man nie
sicher vor Spuk und Ratten. Wenn Sie nichts andres
wissen, dann bitt' ich um die Geschichte, bei der wir heute
früh in Cremmen unterbrochen wurden. Es schien mir
was Pikantes.“

„Ach, die Geschichte von der kleinen Stubbe. Ja,
hören Sie, Rex, das regt Sie aber auch auf. Und wenn
man nicht schlafen kann, ist es am Ende gleich, ob wegen
der Ratten oder wegen der Stubbe.“

Fünftes Kapitel.

Rex und Czako waren so müde, daß sie sich, wenn
nötig, über Spuk und Ratten weggeschlafen hätten. Aber
es war nicht nötig, nichts war da, was sie hätte stören
können. Kurz vor acht erschien das alte Faktotum mit
einem silbernen Deckelkrug, aus dem der Wrasen heißen
Wassers aufstieg, einem der wenigen Renommierstücke,
über die Schloß Stechlin verfügte. Dazu bot Engelke den
Herren einen guten Morgen und stattete seinen Wetterbericht ab: Es gebe gewiß einen schönen Tag, und der
junge Herr sei auch schon auf und gehe mit dem alten
um das Rundell herum.

So war es denn auch. Woldemar war schon gleich
nach sieben unten im Salon erschienen, um mit seinem
Vater, von dem er wußte, daß er ein Frühauf war, ein
Familiengespräch über allerhand difficile Dinge zu führen.
Aber er war entschlossen, seinerseits damit nicht anzufangen,
sondern alles von der Neugier und dem guten Herzen
des Vaters zu erwarten. Und darin sah er sich auch nicht
getäuscht.

„Ah, Woldemar, das ist recht, daß du schon da bist.
Nur nicht zu lang im Bett. Die meisten Langschläfer
haben einen Knacks. Es können aber sonst ganz gute
Leute sein. Ich wette, dein Freund Rex schläft bis neun.“

„Nein, Papa, der gerade nicht. Wer wie Rex ist,
kann sich das nicht gönnen. Er hat nämlich einen Verein
gegründet für Frühgottesdienste, abwechselnd in Schönhausen und Finkenkrug. Aber es ist noch nicht perfekt
geworden.“

„Freut mich, daß es noch hapert. Ich mag so was
nicht. Der alte Wilhelm hat zwar seinem Volke die Religion wieder geben wollen, was ein schönes Wort von
ihm war — alles, was er that und sagte, war gut —
aber Religion und Landpartie, dagegen bin ich doch. Ich
bin überhaupt gegen alle falschen Mischungen. Auch bei
den Menschen. Die reine Rasse, das ist das eigentlich
Legitime. Das andre, was sie nebenher noch Legitimität
nennen, das ist schon alles mehr künstlich. Sage, wie
steht es denn eigentlich damit? Du weißt schon, was ich
meine.“

„Ja, Papa …“

„Nein, nicht so; nicht immer bloß ‚ja, Papa‘. So
fängst du jedesmal an, wenn ich auf dies Thema komme.
Da liegt schon ein halber Refus drin, oder ein Hinausschieben, ein Abwartenwollen. Und damit kann ich mich
nicht befreunden. Du bist jetzt zweiunddreißig, oder doch
beinah', da muß der mit der Fackel kommen; aber du
fackelst (verzeih den Kalauer; ich bin eigentlich gegen
Kalauer, die sind so mehr für Handlungsreisende) also du
fackelst, sag' ich, und ist kein Ernst dahinter. Und so viel
kann ich dir außerdem sagen, deine Tante Sanctissima
drüben in Kloster Wutz, die wird auch schon ungeduldig.
Und das sollte dir zu denken geben. Mich hat sie zeitlebens schlecht behandelt; wir stimmten eben nie zusammen
und konnten auch nicht, denn so halb Königin Elisabeth,
halb Kaffeeschwester, das is 'ne Melange, mit der ich mich
nie habe befreunden können. Ihr drittes Wort ist immer
ihr Rentmeister Fix, und wäre sie nicht sechsundsiebzig,
so erfänd' ich mir eine Geschichte dazu.“

„Mach es gnädig, Papa. Sie meint es ja doch gut.
Und mit mir nun schon ganz gewiß.“

„Gnädig machen? Ja, Woldemar, ich will es versuchen. Nur fürcht' ich, es wird nicht viel dabei herauskommen. Da heißt es immer, man solle Familiengefühl
haben, aber es wird einem doch auch zu blutsauer gemacht,
und ich kann umgekehrt der Versuchung nicht widerstehen,
eine richtige Familienkritik zu üben. Adelheid fordert sie
geradezu heraus. Andrerseits freilich, in dich ist sie wie
vernarrt, für dich hat sie Geld und Liebe. Was davon
wichtiger ist, stehe dahin; aber so viel ist gewiß, ohne sie
wär' es überhaupt gar nicht gegangen, ich meine dein
Leben in deinem Regiment. Also wir haben ihr zu
danken, und weil sie das gerade so gut weiß, wie wir,
oder vielleicht noch ein bißchen besser, gerade deshalb
wird sie ungeduldig; sie will Thaten sehen, was vom
Weiberstandpunkt aus allemal so viel heißt wie Verheiratung.
Und wenn man will, kann man es auch so nennen, ich
meine Thaten. Es ist und bleibt ein Heroismus. Wer
Tante Adelheid geheiratet hätte, hätte sich die Tapferkeitsmedaille verdient, und wenn ich schändlich sein wollte, so
sagte ich das Eiserne Kreuz.“

„Ja, Papa …“

„Schon wieder ‚ja, Papa‘. Nun, meinetwegen, ich
will dich schließlich in deiner Lieblingswendung nicht stören.
Aber bekenne mir nebenher — denn das ist doch schließlich das, um was sich's handelt — liegst du mit was im
Anschlag, hast du was auf dem Korn?“

„Papa, diese Wendungen erschrecken mich beinah'.
Aber wenn denn schon so jägermäßig gesprochen werden
soll, ja; meine Wünsche haben ein bestimmtes Ziel, und
ich darf sagen, mich beschäftigen diese Dinge.“

„Mich beschäftigen diese Dinge … Nimm mir's
nicht übel, Woldemar, das ist ja gar nichts. Beschäftigen!
Ich bin nicht fürs Poetische, das ist für Gouvernanten
und arme Lehrer, die nach Görbersdorf müssen (bloß,
daß sie meistens kein Geld dazu haben), aber diese Wendung ‚sich beschäftigen‘, das ist mir denn doch zu prosaisch.
Wenn es sich um solche Dinge wie Liebe handelt (wiewohl
ich über Liebe nicht viel günstiger denke wie über Poesie,
bloß daß Liebe doch noch mehr Unheil anrichtet, weil sie
noch allgemeiner auftritt) — wenn es sich um Dinge wie
Liebe handelt, so darf man nicht sagen, ‚ich habe mich
damit beschäftigt‘. Liebe ist doch schließlich immer was
Forsches, sonst kann sie sich ganz und gar begraben lassen,
und da möcht' ich denn doch etwas von dir hören, was
ein bischen wie Leidenschaft aussieht. Es braucht ja
nicht gleich was Schreckliches zu sein. Aber so ganz ohne
Stimulus, wie man, glaub' ich, jetzt sagt, so ganz ohne
so was geht es nicht; alle Menschheit ist darauf gestellt,
und wo's einschläft, ist so gut wie alles vorbei. Nun
weiß ich zwar recht gut, es geht auch ohne uns, aber
das ist doch alles bloß etwas, was einem von Verstandes
wegen aufgezwungen wird; das egoistische Gefühl, das
immer unrecht, aber auch immer recht hat, will von dem
allem nichts wissen und besteht darauf, daß die Stechline
weiterleben, wenn es sein kann, in aeternum. Ewig
weiterleben; — ich räume ein, es hat ein bischen was
Komisches, aber es giebt wenig ernste Sachen, die nicht
auch eine komische Seite hätten … Also dich ‚beschäftigen‘ diese Dinge. Kannst du Namen nennen? Auf
wem haben Eurer Hoheit Augen zu ruhen geruht?“

„Papa, Namen darf ich noch nicht nennen. Ich bin
meiner Sache noch nicht sicher genug, und das ist auch
der Grund, warum ich Wendungen gebraucht habe, die
dir nüchtern und prosaisch erschienen sind. Ich kann dir
aber sagen, ich hätte mich lieber anders ausgedrückt; nur
darf ich es noch nicht. Und dann weiß ich ja auch, daß
du selber einen abergläubischen Zug hast und ganz aufrichtig davon ausgehst, daß man sich sein Glück verreden
kann, wenn man zu früh oder zu viel davon spricht.“

„Brav, brav. Das gefällt mir. So ist es. Wir
sind immer von neidischen und boshaften Wesen mit
Fuchsschwänzen und Fledermausflügeln umstellt, und wenn
wir renommieren oder sicher thun, dann lachen sie. Und
wenn sie erst lachen, dann sind wir schon so gut wie verloren. Mit unsrer eignen Kraft ist nichts gethan, ich habe
nicht den Grashalm sicher, den ich hier ausreiße. Demut,
Demut … Aber trotzdem komm' ich dir mit der naiven
Frage (denn man widerspricht sich in einem fort), ist es
was Vornehmes, was Pikfeines?“

„Pikfein, Papa, will ich nicht sagen. Aber vornehm
gewiß.“

„Na, das freut mich. Falsche Vornehmheit ist mir
ein Greuel; aber richtige Vornehmheit, — à la bonne
heure. Sage mal, vielleicht was vom Hofe?“

„Nein, Papa.“

„Na, desto besser. Aber da kommen ja die Herren.
Der Rex sieht wirklich verdeubelt gut aus, ganz das, was
wir früher einen Garde-Assessor nannten. Und fromm,
sagst du, — wird also wohl Karriere machen; ‚fromm‘
is wie 'ne untergelegte Hand.“

Während dieser Worte stiegen Rex und Czako die
Stufen zum Garten hinunter und begrüßten den Alten.
Er erkundigte sich nach ihren nächtlichen Schicksalen, freute
sich, daß sie „durchgeschlafen“ hätten, und nahm dann
Czakos Arm, um vom Garten her auf die Veranda, wo
Engelke mittlerweile unter der großen Marquise den
Frühstückstisch hergerichtet hatte, zurückzukehren. „Darf
ich bitten, Herr von Rex.“ Und er wies auf einen
Gartenstuhl, ihm gerade gegenüber, während Woldemar
und Czako links und rechts neben ihm Platz nahmen.
„Ich habe neuerdings den Thee eingeführt, das heißt
nicht obligatorisch; im Gegenteil, ich persönlich, bleibe
lieber bei Kaffee, „schwarz wie der Teufel, süß wie die
Sünde, heiß wie die Hölle“, wie bereits Talleyrand gesagt
haben soll. Aber, Pardon, daß ich Sie mit so was überhaupt noch belästige. Schon mein Vater sagte mal: „Ja,
wir auf dem Lande, wir haben immer noch die alten
Wiener Kongreßwitze.“ Und das ist nun schon wieder
ein Menschenalter her.“

„Ach, diese alten Kongreßwitze“, sagte Rex verbindlich,
„ich möchte mir die Bemerkung erlauben, Herr Major,
daß diese alten Witze besser sind als die neuen. Und
kann auch kaum anders sein. Denn wer waren denn
die Verfasser von damals? Talleyrand, den Sie schon
genannt haben, und Wilhelm von Humboldt und Friedrich
Gentz und ihresgleichen. Ich glaube, daß das Metier seitdem sehr herabgestiegen ist.“

„Ja, herabgestiegen ist alles, und es steigt immer
weiter nach unten. Das ist, was man neue Zeit nennt,
immer weiter runter. Und mein Pastor, den Sie ja
gestern abend kennen gelernt haben, der behauptet sogar,
das sei das Wahre, das sei das, was man Kultur nenne,
daß immer weiter nach unten gestiegen würde. Die aristokratische Welt habe abgewirtschaftet, und nun komme die
demokratische …“

„Sonderbare Worte für einen Geistlichen,“ sagte Rex,
„für einen Mann, der doch die durch Gott gegebenen
Ordnungen kennen sollte.“

Dubslav lachte. „Ja, das bestreitet er Ihnen. Und
ich muß bekennen, es hat manches für sich, trotzdem es
mir nicht recht paßt. Im übrigen, wir werden ihn, ich
meine den Pastor, ja wohl noch beim zweiten Frühstück
sehen, wo Sie dann Gelegenheit nehmen können, sich mit
ihm persönlich darüber auseinanderzusetzen; er liebt solche
Gespräche, wie Sie wohl schon gemerkt haben, und hat
eine kleine Lutherneigung, sich immer auf das jetzt übliche:
‚Hier steh' ich, ich kann nicht anders‘ auszuspielen. Mitunter sieht es wirklich so aus, als ob wieder eine gewisse
Märtyrerlust in die Menschen gefahren wäre, bloß ich trau
dem Frieden noch nicht so recht.“

„Ich auch nicht,“ bemerkte Rex, „meistens Renommisterei.“

„Na, na,“ sagte Czako. „Da hab' ich doch noch diese
letzten Tage von einem armen russischen Lehrer gelesen,
der unter die Soldaten gesteckt wurde (sie haben da jetzt auch
so was wie allgemeine Dienstpflicht), und dieser Mensch,
der Lehrer, hat sich geweigert, eine Flinte loszuschießen,
weil das bloß Vorschule sei zu Mord und Totschlag,
also ganz und gar gegen das fünfte Gebot. Und dieser
Mensch ist sehr gequält worden, und zuletzt ist er gestorben.
Wollen Sie das auch Renommisterei nennen?“

„Gewiß will ich das.“

„Herr von Rex,“ sagte Dubslav, „sollten Sie dabei
nicht zu weit gehen? Wenn sich's ums Sterben handelt,
da hört das Renommieren auf. Aber diese Sache, von
der ich übrigens auch gehört habe, hat einen ganz andern
Schlüssel. Das liegt nicht an der allgemein gewordenen
Renommisterei, das liegt am Lehrertum. Alle Lehrer sind
nämlich verrückt. Ich habe hier auch einen, an dem ich
meine Studien gemacht habe; heißt Krippenstapel, was
allein schon was sagen will. Er ist grad um ein Jahr älter
als ich, also runde siebenundsechzig, und eigentlich ein
Prachtexemplar, jedenfalls ein vorzüglicher Lehrer. Aber
verrückt ist er doch.“

„Das sind alle,“ sagte Rex. „Alle Lehrer sind ein
Schrecknis. Wir im Kultusministerium können ein Lied
davon singen. Diese Abc-Pauker wissen alles, und seitdem
Anno sechsundsechzig der unsinnige Satz in die Mode
kam, ‚der preußische Schulmeister habe die Österreicher
geschlagen‘ — ich meinerseits würde lieber dem Zündnadelgewehr oder dem alten Steinmetz, der alles nur kein
Schulmeister war, den Preis zuerkennen — seitdem ist
es vollends mit diesen Leuten nicht mehr auszuhalten.
Herr von Stechlin hat eben von einem der Humboldts
gesprochen; nun, an Wilhelm von Humboldt trauen sie
sich noch nicht recht heran, aber was Alexander von Humboldt
konnte, das können sie nun schon lange.“

„Da treffen Sie's, Herr von Rex,“ sagte Dubslav.
„Genau so ist meiner auch. Ich kann nur wiederholen,
ein vorzüglicher Mann; aber er hat den Prioritätswahnsinn.
Wenn Koch das Heilserum erfindet oder Edison Ihnen
auf fünfzig Meilen eine Oper vorspielt, mit Getrampel
und Händeklatschen dazwischen, so weist Ihnen mein
Krippenstapel nach, daß er das vor dreißig Jahren auch
schon mit sich rumgetragen habe.“

„Ja, ja, so sind sie alle.“

„Übrigens … Aber darf ich ihnen nicht noch von
diesem gebackenen Schinken vorlegen? … Übrigens mahnt
mich Krippenstapel daran, daß die Feststellung eines Vormittagsprogramms wohl an der Zeit sein dürfte; Krippenstapel ist nämlich der geborene Cicerone dieser Gegenden,
und durch Woldemar weiß ich bereits, daß Sie uns die
Freude machen wollen, sich um Stechlin und Umgegend
ein klein wenig zu kümmern, Dorf, Kirche, Wald, See —
um den See natürlich am meisten, denn der ist unsre
pièce de résistance. Das andere giebt es wo anders
auch, aber der See … Lorenzen erklärt ihn außerdem
noch für einen richtigen Revolutionär, der gleich mitrumort, wenn irgendwo was los ist. Und es ist auch
wirklich so. Mein Pastor aber sollte, beiläufig bemerkt,
so was lieber nicht sagen. Das sind so Geistreichigkeiten,
die leicht übel vermerkt werden. Ich persönlich lass' es
laufen. Es giebt nichts, was mir so verhaßt wäre wie
Polizeimaßregeln, oder einem Menschen, der gern ein freies
Wort spricht, die Kehle zuzuschnüren. Ich rede selber gern,
wie mir der Schnabel gewachsen ist.“

„Und verplauderst dich dabei,“ sagte Woldemar, „und
vergißt zunächst unser Programm. Um spätestens zwei
müssen wir fort; wir haben also nur noch vier Stunden.
Und Globsow, ohne das es nicht gehen wird, ist weit
und kostet uns wenigstens die Hälfte davon.“

„Alles richtig. Also das Menü, meine Herren. Ich
denke mir die Sache so. Erst (da gleich hinter dem Buxbaumgange) Besteigung des Aussichtsturms, — noch eine
Anlage von meinem Vater her, die sich, nach Ansicht der
Leute hier, vordem um vieles schöner ausnahm als jetzt.
Damals waren nämlich noch lauter bunte Scheiben da
oben, und alles, was man sah, sah rot oder blau oder
orangefarben aus. Und alle Welt hier war unglücklich,
als ich diese bunten Gläser wegnehmen ließ. Ich empfand
es aber wie 'ne Naturbeleidigung. Grün ist grün und
Wald ist Wald … Also Nummer eins der Aussichtsturm; Nummer zwei Krippenstapel und die Schule; Nummer
drei die Kirche samt Kirchhof. Pfarre schenken wir uns.
Dann Wald und See. Und dann Globsow, wo sich eine
Glasindustrie befindet. Und dann wieder zurück und zum
Abschluß ein zweites Frühstück, eine altmodische Bezeichnung, die mir aber trotzdem immer besser klingt als Lunch.
‚Zweites Frühstück‘ hat etwas ausgesprochen Behagliches
und giebt zu verstehen, daß man ein erstes schon hinter
sich hat … Woldemar, dies ist mein Programm, das
ich dir, als einem Eingeweihten, hiermit unterbreite. Ja
oder nein?“

„Natürlich ja, Papa. Du triffst dergleichen immer
am besten. Ich meinerseits mache aber nur die erste
Hälfte mit. Wenn wir in der Kirche fertig sind, muß ich
zu Lorenzen. Krippenstapel kann mich ja mehr als ersetzen, und in Globsow weiß er all und jedes. Er spricht,
als ob er Glasbläser gewesen wäre.“

„Darf dich nicht wundern. Dafür ist er Lehrer im
allgemeinen und Krippenstapel im besonderen.“

So war denn also das Programm festgestellt, und
nachdem Dubslav mit Engelkes Hilfe seinen noch ziemlich
neuen weißen Filzhut, den er sehr schonte, mit einem
motanartigen schwarzen Filzhut vertauscht und einen
schweren Eichenstock in die Hand genommen hatte, brach
man auf, um zunächst auf den als erste Sehenswürdigkeit
festgesetzten Aussichtsturm hinaufzusteigen. Der Weg dahin, keine hundert Schritte, führte durch einen sogenannten
‚Poetensteig‘. „Ich weiß nicht,“ sagte Dubslav, „warum
meine Mutter diesen etwas anspruchsvollen Namen hier
einführte. Soviel mir bekannt, hat sich hier niemals
etwas betreffen lassen, was zu dieser Rangerhöhung einer
ehemaligen Taxushecke hätte Veranlassung geben können.
Und ist auch recht gut so.“

„Warum gut, Papa?“

„Nun, nimm es nicht übel,“ lachte Dubslav. „Du
sprichst ja, wie wenn du selber einer wärst. Im übrigen
räum' ich dir ein, daß ich kein rechtes Urteil über derlei
Dinge habe. Bei den Kürassieren war keiner, und ich
habe überhaupt nur einmal einen gesehen, mit einem kleinen
Verdruß und einer Goldbrille, die er beständig abnahm und
putzte. Natürlich bloß ein Männchen, klein und eitel.
Aber sehr elegant.“

„Elegant?“ fragte Czako. „Dann stimmt es nicht;
dann haben Sie so gut wie keinen gesehen.“

Unter diesem Gespräche waren sie bis an den Turm
gekommen, der in mehreren Etagen und zuletzt auf bloßen
Leitern anstieg. Man mußte schwindelfrei sein, um gut
hinaufzukommen. Oben aber war es wieder gefahrlos
weil eine feste Wandung das Podium umgab. Rex und
Cazko hielten Umschau. Nach Süden hin lag das Land
frei, nach den drei andern Seiten hin aber war alles mit
Waldmassen besetzt, zwischen denen gelegentlich die sich
hier auf weite Meilen hinziehende Seeenkette sichtbar
wurde. Der nächste See war der Stechlin.

„Wo ist nun die Stelle?“ fragte Czako. „Natürlich
die, wo's sprudelt und strudelt.“

„Sehen Sie die kleine Buchtung da, mit der weißen
Steinbank?“

„Jawohl; ganz deutlich.“

„Nun, von der Steinbank aus keine zwei Bootslängen in den See hinein, da haben Sie die Stelle, die,
wenn's sein muß, mit Java telephoniert.“

„Ich gäbe was drum,“ sagte Czako, „wenn jetzt der
Hahn zu krähen anfinge.“

„Diese kleine Aufmerksamkeit muß ich Ihnen leider
schuldig bleiben und hab' überhaupt da nach rechts hin
nichts andres mehr für Sie als die roten Ziegeldächer,
die sich zwischen dem Waldrand und dem See wie auf
einem Bollwerk hinziehen. Das ist Kolonie Globsow.
Da wohnen die Glasbläser. Und dahinter liegt die Glashütte. Sie ist noch unter dem alten Fritzen entstanden
und heißt die ‚grüne Glashütte‘.“

„Die grüne? Das klingt ja beinah' wie aus 'nem
Märchen.“

„Ist aber eher das Gegenteil davon. Sie heißt
nämlich so, weil man da grünes Glas macht, allergewöhnlichstes Flaschenglas. An Rubinglas mit Goldrand
dürfen Sie hier nicht denken. Das ist nichts für unsre
Gegend.“

Und damit kletterten sie wieder hinunter und traten,
nach Passierung des Schloßvorhofs, auf den quadratischen
Dorfplatz hinaus, an dessen einer Ecke die Schule gelegen
war. Es mußte die Schule sein, das sah man an den
offenstehenden Fenstern und den Malven davor, und als
die Herren bis an den grünen Staketenzaun heran waren,
hörten sie auch schon den prompten Schulgang da drinnen,
erst die scharfe, kurze Frage des Lehrers und dann die
sofortige Massenantwort. Im nächsten Augenblick, unter
Vorantritt Dubslavs, betraten alle den Flur, und weil
ein kleiner weißer Kläffer sofort furchtbar zu bellen anfing,
erschien Krippenstapel um zu sehen, was los sei.

„Guten Morgen, Krippenstapel,“ sagte Dubslav.
„Ich bring' Ihnen Besuch.“

„Sehr schmeichelhaft, Herr Baron.“

„Ja, das sagen Sie; wenn's nur wahr ist. Aber
unter allen Umständen lassen Sie den Baron aus dem
Spiel … Sehen Sie, meine Herren, mein Freund
Krippenstapel is ein ganz eignes Haus. Alltags nennt
er mich Herr von Stechlin (den Major unterschlägt er),
und wenn er ärgerlich ist, nennt er mich ‚gnäd'ger Herr‘.
Aber sowie ich mit Fremden komme, betitelt er mich Herr
Baron. Er will was für mich thun.“

Krippenstapel, still vor sich hinschmunzelnd, hatte
mittlerweile die Thür zu der seiner Schulklasse gegenüber
gelegenen Wohnstube geöffnet und bat die Herren, eintreten zu wollen. Sie nahmen auch jeder einen Stuhl in
die Hand, aber stützten sich nur auf die Lehne, während
das Gespräch zwischen Dubslav und dem Lehrer seinen
Fortgang nahm. „Sagen Sie, Krippenstapel, wird es
denn überhaupt gehen? Sie sollen uns natürlich alles
zeigen, und die Schule ist noch nicht aus.“

„O, gewiß geht es, Herr von Stechlin.“

„Ja, hören Sie, wenn der Hirt fehlt, rebelliert die
Herde …“

„Nicht zu befürchten, Herr von Stechlin. Da war
mal ein Burgemeister, achtundvierziger Zeit, Namen will
ich lieber nicht nennen, der sagte: ‚Wenn ich meinen
Stiefel ans Fenster stelle, regier' ich die ganze Stadt.‘
Das war mein Mann.“

„Richtig; den hab' ich auch noch gekannt. Ja, der
verstand es. Überhaupt immer in der Furcht des Herrn.
Dann geht alles am besten. Der Hauptregente bleibt
doch der Krückstock.“

„Der Krückstock“, bestätigte Krippenstapel. „Und
dann freilich die Belohnungen.“

„Belohnungen?“ lachte Dubslav. „Aber Krippenstapel, wo nehmen Sie denn die her?“

„O, die hat's schon, Herr von Stechlin. Aber immer
mit Verschiedenheiten. Ist es was Kleines, so kriegt der
Junge bloß 'nen Katzenkopp weniger, ist es aber was
Großes, dann kriegt er 'ne Wabe.“

„'ne Wabe? Richtig. Davon haben wir schon
heute früh beim Frühstück gesprochen, als Ihr Honig
auf den Tisch kam. Ich habe den Herren dabei gesagt, Sie wären der beste Imker in der ganzen Grafschaft.“

„Zu viel Ehre, Herr von Stechlin. Aber das darf
ich sagen, ich versteh' es. Und wenn die Herren mir
folgen wollen, um das Volk bei der Arbeit zu sehen —
es ist jetzt gerade beste Zeit.“

Alle waren einverstanden, und so gingen sie denn
durch den Flur bis in Hof und Garten hinaus und
nahmen hier Stellung vor einem offenen Etageschuppen,
drin die Stöcke standen, nicht altmodische Bienenkörbe,
sondern richtige Bienenhäuser, nach der Dzierzonschen
Methode, wo man alles herausnehmen und jeden Augenblick in das Innere bequem hinein gucken kann. Krippenstapel zeigte denn auch alles, und Rex und Czako waren
ganz aufrichtig interessiert.

„Nun aber, Herr Lehrer Krippenstapel“, sagte Czako,
„nun bitte, geben Sie uns auch einen Kommentar. Wie
is das eigentlich mit den Bienen? Es soll ja was ganz
Besondres damit sein.“

„Ist es auch, Herr Hauptmann. Das Bienenleben
ist eigentlich feiner und vornehmer als das Menschenleben.“

„Feiner, das kann ich mir schon denken; aber auch
vornehmer? Was Vornehmeres als den Menschen giebt
es nicht. Indessen, wie's damit auch sei, ‚ja‘ oder ‚nein‘,
Sie machen einen nur immer neugieriger. Ich habe mal
gehört, die Bienen sollen sich auf das Staatliche so gut
verstehen; beinah' vorbildlich.“

„So ist es auch, Herr Hauptmann. Und eines ist
ja da, worüber sich als Thema vielleicht reden läßt. Da
sind nämlich in jedem Stock drei Gruppen oder Klassen.
In Klasse eins haben wir die Königin, in Klasse zwei
haben wir die Arbeitsbienen (die, was für alles Arbeitsvolk wohl eigentlich immer das beste ist, geschlechtslos
sind), und in Klasse drei haben wir die Drohnen; die
sind männlich, worin zugleich ihr eigentlicher Beruf besteht.
Denn im übrigen thun sie gar nichts.“

„Interessanter Staat. Gefällt mir. Aber immer
noch nicht vorbildlich genug.“

„Und nun bedenken Sie, Herr Hauptmann. Winterlang haben sie so dagesessen und gearbeitet oder auch geschlafen. Und nun kommt der Frühling, und das erwachende neue Leben ergreift auch die Bienen, am
mächtigsten aber die Klasse eins, die Königin. Und sie
beschließt nun, mit ihrem ganzen Volk einen Frühlingsausflug zu machen, der sich für sie persönlich sogar zu
einer Art Hochzeitsreise gestaltet. So muß ich es nennen.
Unter den vielen Drohnen nämlich, die ihr auf der Ferse
sind, wählt sie sich einen Begleiter, man könnte sagen
einen Tänzer, der denn auch berufen ist, alsbald in eine
noch intimere Stellung zu ihr einzurücken. Etwa nach
einer Stunde kehrt die Königin und ihr Hochzeitszug in
die beengenden Schranken ihres Staates zurück. Ihr
Dasein hat sich inzwischen erfüllt. Ein ganzes Geschlecht
von Bienen wird geboren, aber weitere Beziehungen zu
dem bewußten Tänzer sind ein für allemal ausgeschlossen.
Es ist das gerade das, was ich vorhin als fein und
vornehm bezeichnet habe. Bienenköniginnen lieben nur
einmal. Die Bienenkönigin liebt und stirbt.“

„Und was wird aus der bevorzugten Drohne, aus
dem Prinzessinnen-Tänzer, dem Prince-Consort, wenn
dieser Titel ausreicht?“

„Dieser Tänzer wird ermordet.“

„Nein, Herr Lehrer Krippenstapel, das geht nicht.
Unter dieser letzten Mitteilung bricht meine Begeisterung
wieder zusammen. Das ist ja schlimmer als der Heinesche
Asra. Der stirbt doch bloß. Aber hier haben wir Ermordung. Sagen Sie, Rex, wie stehen Sie dazu?“

„Das monogamische Prinzip, woran doch schließlich
unsre ganze Kultur hängt, kann nicht strenger und überzeugender demonstriert werden. Ich finde es großartig.“

Czako hätte gern geantwortet; aber er kam nicht
dazu, weil in diesem Augenblicke Dubslav darauf aufmerksam machte, daß man noch viel vor sich habe. Zunächst die Kirche. „Seine Hochwürden, der wohl eigentlich dabei sein müßte, wird es nicht übelnehmen, wenn
wir auf ihn verzichten. Aber Sie, Krippenstapel, können
Sie?“

Krippenstapel wiederholte, daß er Zeit vollauf habe.
Zudem schlug die Schuluhr, und gleich beim ersten Schlage
hörte man, wie's drinnen in der Klasse lebendig wurde
und die Jungens in ihren Holzpantinen über den Flur
weg auf die Straße stürzten. Draußen aber stellten sie
sich militärisch auf, weil sie mittlerweile gehört hatten,
daß der gnädige Herr gekommen sei.

„Morgen, Jungens“, sagte Dubslav, an einen kleinen
Schwarzhaarigen herantretend. „Bist von Globsow?“

„Nein, gnäd'ger Herr, von Dagow.“

„Na, lernst auch gut?“

Der Junge griente.

„Wann war denn Fehrbellin?“

„Achtzehnte Juni.“

„Und Leipzig?“

„Achtzehnter Oktober. Immer achtzehnter bei uns.“

„Das ist recht, Junge … Da.“

Und dabei griff er in seinen Rock und suchte nach
einem Nickel. „Sehen Sie, Hauptmann, Sie sind ein
bißchen ein Spötter, so viel hab' ich schon gemerkt; aber
so muß es gemacht werden. Der Junge weiß von Fehrbellin und von Leipzig und hat ein kluges Gesicht und
steht Red' und Antwort. Und rote Backen hat er auch.
Sieht er aus, als ob er einen Kummer hätte oder einen
Gram ums Vaterland? Unsinn. Ordnung und immer
feste. Na, so lange ich hier sitze, so lange hält es noch.
Aber freilich, es kommen andre Tage.“

Woldemar lächelte.

„Na“, fuhr der Alte fort, „will mich trösten. Als
der alte Fritz zu sterben kam, dacht' er auch, nu ginge
die Welt unter. Und sie steht immer noch, und wir Deutsche
sind wieder obenauf, ein bißchen zu sehr. Aber immer
besser als zu wenig.“

Inzwischen hatte sich Krippenstapel in seiner Stube
proper gemacht: schwarzer Rock mit dem Inhaberband
des Adlers von Hohenzollern, den ihm sein gütiger Gutsherr verschafft hatte. Statt des Hutes, den er in der
Eile nicht hatte finden können, trug er eine Mütze von
sonderbarer Form. In der Rechten aber hielt er einen
ausgehöhlten Kirchenschlüssel, der wie 'ne rostige Pistole
aussah.

Der Weg bis zur Kirche war ganz nah. Und nun
standen sie dem Portal gegenüber.

Rex, zu dessen Ressort auch Kirchenbauliches gehörte,
setzte sein Pincenez auf und musterte. „Sehr interessant.
Ich setze das Portal in die Zeit von Bischof Luger.
Prämonstratenser-Bau. Wenn mich nicht alles täuscht,
Anlehnung an die Brandenburger Krypte. Also sagen
wir zwölfhundert. Wenn ich fragen darf, Herr von
Stechlin, existieren Urkunden? Und war vielleicht Herr
von Quast schon hier oder Geheimrat Adler, unser bester
Kenner?“

Dubslav geriet in eine kleine Verlegenheit, weil er
sich einer solchen Gründlichkeit nicht gewärtigt hatte.
„Herr von Quast war einmal hier, aber in Wahlangelegenheiten. Und mit den Urkunden ist es gründlich vorbei, seit Wrangel hier alles niederbrannte. Wenn ich
von Wrangel spreche, mein' ich natürlich nicht unsern
‚Vater Wrangel‘, der übrigens auch keinen Spaß verstand, sondern den Schillerschen Wrangel … Und außerdem, Herr von Rex, ist es so schwer für einen Laien.
Aber Sie, Krippenstapel, was meinen Sie?“

Rex, über den plötzlich etwas von Dienstlichkeit gekommen war, zuckte zusammen. Er hatte sich an Herrn
von Stechlin gewandt, wenn nicht als an einen Wissenden,
so doch als an einen Ebenbürtigen, und daß jetzt Krippenstapel aufgefordert wurde, das entscheidende Wort in dieser
Angelegenheit zu sprechen, wollte ihm nicht recht passend
erscheinen. Überhaupt, was wollte diese Figur, die doch
schon stark die Karikatur streifte. Schon der Bericht über
die Bienen und namentlich was er über die Haltung der
Königin und den Prince-Consort gesagt hatte, hatte so
merkwürdig anzüglich geklungen, und nun wurde dies
Schulmeister-Original auch noch aufgefordert, über bauliche
Fragen und aus welchem Jahrhundert die Kirche stamme,
sein Urteil abzugeben. Er hatte wohlweislich nach Quast
und Adler gefragt, und nun kam Krippenstapel! Wenn
man durchaus wollte, konnte man das alles patriarchalisch
finden; aber es mißfiel ihm doch. Und leider war
Krippenstapel — der zu seinen sonstigen Sonderbarkeiten
auch noch den ganzen Trotz des Autodidakten gesellte —
keineswegs angethan, die kleinen Unebenheiten, in die das
Gespräch hineingeraten war, wieder glatt zu machen. Er
nahm vielmehr die Frage ‚Krippenstapel, was meinen Sie‘
ganz ernsthaft auf und sagte:

„Wollen verzeihen, Herr von Rex, wenn ich unter
Anlehnung an eine neuerdings erschienene Broschüre des
Oberlehrers Tucheband in Templin zu widersprechen wage.
Dieser Grafschaftswinkel hier ist von mehr mecklenburgischem
und uckermärkischem als brandenburgischem Charakter, und
wenn wir für unsre Stechliner Kirche nach Vorbildern
forschen wollen, so werden wir sie wahrscheinlich in Kloster
Himmelpfort oder Gransee zu suchen haben, aber nicht in
Dom Brandenburg. Ich möchte hinzusetzen dürfen, daß
Oberlehrer Tuchebands Aufstellungen, so viel ich weiß,
unwidersprochen geblieben sind.“

Czako, der diesem aufflackernden Kampfe zwischen
einem Ministerialassessor und einem Dorfschulmeister mit
größtem Vergnügen folgte, hätte gern noch weitere Scheite
herzugetragen, Woldemar aber empfand, daß es höchste
Zeit sei, zu intervenieren, und bemerkte: nichts sei schwerer
als auf diesem Gebiete Bestimmungen zu treffen — ein
Satz, den übrigens sowohl Rex wie Krippenstapel ablehnen zu wollen schienen — und daß er vorschlagen
möchte, lieber in die Kirche selbst einzutreten, als hier
draußen über die Säulen und Kapitelle weiter zu debattieren.

Man fand sich in diesen Vorschlag, Krippenstapel
öffnete die Kirche mit seinem Riesenschlüssel, und alle
traten ein.

Sechstes Kapitel.

Gleich nach zwölf — Woldemar hatte sich, wie geplant, schon lange vorher, um bei Lorenzen vorzusprechen,
von den andern Herren getrennt — waren Dubslav, Rex
und Czako von dem Globsower Ausfluge zurück, und Rex,
feiner Mann, der er war, war bei Passierung des Vorhofs verbindlich an die mit Zinn ausgelegte blanke Glaskugel herangetreten, um ihr, als einem mutmaßlichen
Produkte der eben besichtigten „grünen Glashütte“, seine
Ministerialaufmerksamkeit zu schenken. Er ging dabei so
weit, von „Industriestaat“ zu sprechen. Czako, der gemeinschaftlich mit Rex in die Glaskugel hineinguckte, war
mit allem einverstanden, nur nicht mit seinem Spiegelbilde. „Wenn man nur bloß etwas besser aussähe …“
Rex versuchte zu widersprechen, aber Czako gab nicht nach
und versicherte: „Ja, Rex, Sie sind ein schöner Mann,
Sie haben eben mehr zuzusetzen. Und da bleibt denn
immer noch was übrig.“

Oben auf der Rampe stand Engelke.

„Nun, Engelke, wie steht's? Woldemar und der
Pastor schon da?“

„Nein, gnäd'ger Herr. Aber ich kann ja die Christel
schicken …“

„Nein, nein, schicke nicht. Das stört bloß. Aber
warten wollen wir auch nicht. Es war doch weiter nach
Globsow, als ich dachte; das heißt, eigentlich war es
nicht weiter, bloß die Beine wollen nicht mehr recht.
Und hat solche Anstrengung bloß das eine Gute, daß man
hungrig und durstig wird. Aber da kommen ja die Herren.“

Und er grüßte von der Rampe her nach der Bohlenbrücke hinüber, über die Woldemar und Lorenzen eben
in den Schloßhof eintraten. Rex ging ihnen entgegen.
Dubslav dagegen nahm Czakos Arm und sagte: „Nun
kommen Sie, Hauptmann, wir wollen derweilen ein
bißchen recherchieren und uns einen guten Platz aussuchen. Mit der ewigen Veranda, das is nichts; unter
der Marquise steht die Luft wie 'ne Mauer, und ich muß
frische Luft haben. Vielleicht erstes Zeichen von Hydropsie.
Kann eigentlich Fremdwörter nicht leiden. Aber mitunter
sind sie doch ein Segen. Wenn ich so zwischen Hydropsie
und Wassersucht die Wahl habe, bin ich immer für
Hydropsie. Wassersucht hat so was kolossal Anschauliches.“

Unter diesen Worten waren sie bis in den Garten
gekommen, an eine Stelle, wo viel Buchsbaum stand,
dem Poetensteige gerad' gegenüber. „Sehen Sie hier,
Hauptmann, das wäre so was. Niedrige Buchsbaumwand. Da haben wir Luft und doch keinen Zug. Denn
vor Zug muß ich mich auch hüten wegen Rheumatismus,
oder vielleicht ist es auch Gicht. Und dabei hören wir
das Plätschern von meiner Sanssouci-Fontäne. Was
meinen Sie?“

„Kapital, Herr Major.“

„Ach, lassen Sie den Major. Major klingt immer
so dienstlich … Also hier, Engelke, hier decke den Tisch
und stell auch ein paar Fuchsien oder was gerade blüht
in die Mitte. Nur nicht Astern. Astern sind ganz gut,
aber doch sozusagen unterm Stand und sehen immer aus
wie 'n Bauerngarten. Und dann mache dich in den
Keller und hol uns was Ordentliches herauf. Du
weißt ja, was ich zum Frühstück am liebsten habe. Vielleicht hat Hauptmann Czako denselben Geschmack.“

„Ich weiß noch nicht, um was es sich handelt, Herr
von Stechlin; aber ich möchte mich für Übereinstimmung
schon jetzt verbürgen.“

Inzwischen waren auch Woldemar, Rex und der
Pastor vom Gartensalon her auf die Veranda hinausgetreten und Dubslav ging ihnen entgegen. „Guten Tag,
Pastor. Nun, das ist recht. Ich dachte schon, Woldemar
würde von Ihnen annektiert werden.“

„Aber, Herr von Stechlin … Ihre Gäste … Und
Woldemars Freunde.“

„Betonen Sie das nicht so, Lorenzen. Es giebt
Umgangsformen und Artigkeitsgesetze. Gewiß. Aber
das alles reicht nicht weit. Was der Mensch am ehesten
durchbricht, das sind gerade solche Formen. Und wer sie
nicht durchbricht, der kann einem auch leid thun. Wie
geht es denn in der Ehe? Haben Sie schon einen
Mann gesehen, der die Formen wahrt, wenn seine Frau
ihn ärgert? Ich nicht. Leidenschaft ist immer siegreich.“

„Ja, Leidenschaft. Aber Woldemar und ich …“

„Sind auch in Leidenschaft, Sie haben die Freundschaftsleidenschaft, Orest und Pylades — so was hat es
immer gegeben. Und dann, was noch viel mehr sagen
will, Sie haben nebenher die Konspirationsleidenschaft …“

„Aber, Herr von Stechlin.“

„Nein, nicht die Konspirationsleidenschaft, ich nehm'
es zurück; aber Sie haben dafür was andres, nämlich die
Weltverbesserungsleidenschaft. Und das ist eine der größten,
die es giebt. Und wenn solche zwei Weltverbesserer zusammen sind, da können Rex und Czako warten, und da
kann selbst ein warmes Frühstück warten. Sagt man
noch Déjeuner á la fourchette?“

„Kaum, Papa. Wie du weißt, es ist jetzt alles
englisch.“

„Natürlich. Die Franzosen sind abgesetzt. Und ist
auch recht gut so, wiewohl unsre Vettern drüben erst recht
nichts taugen. Selbst ist der Mann. Aber ich glaube,
das Frühstück wartet.“

Wirklich, es war so. Während die Herren zu zwei
und zwei an der Buchsbaumwandung auf und ab schritten,
hatte Engelke den Tisch arrangiert, an den jetzt Wirt und
Gäste herantraten.

Es war eine längliche Tafel, deren dem Rundell
zugekehrte Längsseite man frei gelassen hatte, was allen
einen Überblick über das hübsche Gartenbild gestattete.
Dubslav, das Arrangement musternd, nickte Engelke zu,
zum Zeichen, daß er's getroffen habe. Dann aber nahm er
die Mittelschüssel und sagte, während er sie Rex reichte:
„Toujours perdrix.“ Das heißt, es sind eigentlich
Krammetsvögel, wie schon gestern abend. Aber wer weiß,
wie Krammetsvögel auf französisch heißen? Ich wenigstens
weiß es nicht. Und ich glaube, nicht einmal Tucheband
wird uns helfen können.“

Ein allgemeines verlegenes Schweigen bestätigte
Dubslavs Vermutung über französische Vokabelkenntnis.

„Wir kamen übrigens,“ fuhr dieser fort, „dicht vor
Globsow durch einen Dohnenstrich, überall hingen noch
viele Krammetsvögel in den Schleifen, was mir auffiel
und was ich doch, wie so vieles Gute, meinem alten
Krippenstapel zuschreiben muß. Es wäre doch 'ne Kleinigkeit für die Jungens, den Dohnenstrich auszuplündern.
Aber so was kommt nicht vor. Was meinen Sie,
Lorenzen?“

„Ich freue mich, daß es ist, wie es ist, und daß die
Dohnenstriche nicht ausgeplündert werden. Aber ich
glaube, Herr von Stechlin, Sie dürfen es Krippenstapel
nicht anrechnen.“

Dubslav lachte herzlich. „Da haben wir wieder die
alte Geschichte. Jeder Schulmeister schulmeistert an seinem
Pastor herum, und jeder Pastor pastort über seinen Schulmeister. Ewige Rivalität. Der natürliche Zug ist doch,
daß die Jungens nehmen, was sie kriegen können. Der
Mensch stiehlt wie’n Rabe. Und wenn er’s mit einmal
unterläßt, so muß das doch ’nen Grund haben.“

„Den hat es auch, Herr von Stechlin. Bloß einen
andern. Was sollen sie mit ’nem Krammetsvogel machen?
Für uns ist es eine Delikatesse, für einen armen Menschen
ist es gar nichts, knapp so viel wie’n Sperling.“

„Ach, Lorenzen, ich sehe schon, Sie liegen da wieder
mit dem ‚Patrimonium der Enterbten‘ im Anschlag;
Sperling, das klingt ganz so. Aber so viel ist doch richtig,
daß Krippenstapel die Jungens brillant in Ordnung hält;
wie ging das heute Schlag auf Schlag, als ich den kurzgeschornen Schwarzkopp ins Examen nahm und wie
stramm waren die Jungens und wie manierlich, als wir
sie nach ’ner Stunde in Globsow wiedersahen. Wie
sie da so fidel spielten und doch voll Respekt in allem.
‚Frei, aber nicht frech‘, das ist so mein Satz.“

Woldemar und Lorenzen, die nicht mit dabei gewesen
waren, waren neugierig, auf welchen Vorgang sich all
dies Lob des Alten bezöge.

„Was hat denn,“ fragte Woldemar, „die Globsower
Jungens mit einemmal zu so guter Reputation gebracht?“

„O, es war wirklich scharmant,“ sagt Czako „wir
steckten noch unter den Waldbäumen, als wir auch schon
Stimmen wie Kommandorufe hörten, und kaum daß wir
auf einen freien, von Kastanien umstellten Platz hinausgetreten waren (eigentlich war es wohl schon ein großer
Fabrikhof), so sahen wir uns wie mitten in einer Bataille.“

Rex nickte zustimmend, während Czako fortfuhr:
„Auf unserer Seite stand die bis dahin augenscheinlich
siegreiche Partei, deren weiterer Angriff aber wegen der
guten gegnerischen Deckung mit einemmale stoppte. Kaum
zu verwundern. Denn eben diese Deckung bestand aus
wohl tausend, ein großes Karree bildenden Glasballons,
hinter die sich die geschlagene Truppe wie hinter eine
Barrikade zurückgezogen hatte. Da standen sie nun und
nahmen ein mit den massenhaft umherliegenden Kastanien
geführtes Feuergefecht auf. Die meisten ihrer Schüsse
gingen zu kurz und fielen klappernd wie Hagel auf die
Ballons nieder. Ich hätte dem Spiel, ich weiß nicht wie
lange, zusehn können. Als man unserer aber ansichtig
wurde, stob alles unter Hurra und Mützenschwenken auseinander. Überall sind Photographen. Nur wo sie hingehören, da fehlen sie. Genau so wie bei der Polizei.“

Dubslav hatte schmunzelnd der Schilderung zugehört.
„Hören Sie, Hauptmann, Sie verstehn es aber; Sie
können mit 'nem Dukaten den Großen Kurfürsten vergolden.“

„Ja,“ sagte Rex, seinen Partner plötzlich im Stiche
lassend, „das thut unser Freund Czako nicht anders; dreiviertel ist immer Dichtung.“

„Ich gebe mich auch nicht für einen Historiker aus
und am wenigsten für einen korrekten Aktenmenschen.“

„Und dabei, lieber Czako,“ nahm jetzt Dubslav das
Wort, „dabei bleiben Sie nur. Auf Ihr Spezielles! In
so wichtiger Sache müssen Sie mir aber in meiner Lieblingssorte Bescheid thun, nicht in Rotwein, den mein berühmter Miteinsiedler das ‚natürliche Getränk des norddeutschen Menschen‘ genannt hatte. Einer seiner mannigfachen Irrtümer; vielleicht der größte. Das natürliche
Getränk des norddeutschen Menschen ist am Rhein und
Main zu finden. Und am vorzüglichsten da, wo sich,
wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, beide vermählen.
Ungefähr von dieser Vermählungsstelle kommt auch der
hier.“ Und dabei wies er auf eine vor ihm stehende
Bocksbeutelflasche. „Sehen Sie, meine Herren, verhaßt
sind mir alle langen Hälse; das hier aber, das nenn' ich
eine gefällige Form. Heißt es nicht irgendwo: ‚Laßt mich
dicke Leute sehn‘, oder so ähnlich. Da stimm' ich zu;
dicke Flaschen, die sind mein Fall.“ Und dabei stieß er
wiederholt mit Czako an. „Noch einmal, auf Ihr Wohl.
Und auf Ihres, Herr von Rex. Und dann auf das Wohl
meiner Globsower, oder wenigstens meiner Globsower
Jungens, die sich nicht bloß um Fehrbellin kümmern und
um Leipzig, sondern, wie wir gesehen haben, auch selber
ihre Schlachten schlagen. Ich ärgere mich nur immer,
wenn ich diese riesigen Ballons da zwischen meinen Globsowern sehe. Und hinter dem ersten Fabrikhof (ich wollte
Sie nur nicht weiter damit behelligen), da ist noch ein
zweiter Hof, der sieht noch schlimmer aus. Da stehen
nämlich wahre Glasungeheuer, auch Ballons, aber mit
langem Hals dran, und die heißen dann Retorten.“

„Aber Papa,“ sagte Woldemar, „daß du dich über
die paar Retorten und Ballons nie beruhigen kannst. So
lang ich nur denken kann, eiferst du dagegen. Es ist doch
ein wahres Glück, daß so viel davon in die Welt geht
und den armen Fabrikleuten einen guten Lohn sichert.
So was wie Streik kommt hier ja gar nicht vor und in
diesem Punkt ist unsre Stechliner Gegend doch wirklich
noch wie ein Paradies.“

Lorenzen lachte.

„Ja, Lorenzen, Sie lachen,“ warf Dubslav hier ein.
„Aber bei Lichte besehen hat Woldemar doch recht, was,
(und Sie wissen auch warum,) eigentlich nicht oft vorkommt.
Es ist genau so, wie er sagt. Natürlich bleibt uns Eva
und die Schlange; das ist uralte Erbschaft. Aber so viel
noch von guter alter Zeit in dieser Welt zu finden ist, so
viel findet sich hier, hier in unsrer lieben alten Grafschaft. Und in dies Bild richtiger Gliederung, oder meinetwegen auch richtiger Unterordnung (denn ich erschrecke vor
solchem Worte nicht), in dieses Bild des Friedens paßt
mir diese ganze Globsower Retortenbläserei nicht hinein.
Und wenn ich nicht fürchten müßte, für einen Querkopf
gehalten zu werden, so hätt' ich bei hoher Behörde schon
lange meine Vorschläge wegen dieser Retorten und Ballons
eingereicht. Und natürlich gegen beide. Warum müssen
es immer Ballons sein? Und wenn schon, na, dann
lieber solche wie diese. Die lass' ich mir gefallen.“ Und
dabei hob er die Bocksbeutelflasche.

„Wie diese,“ bestätigte Czako.

„Ja, Czako, Sie sind ganz der Mann, meinen Papa
in seiner Idiosynkrasie zu bestärken.“

„Idiosynkrasie,“ wiederholte der Alte. „Wenn ich
so was höre. Ja, Woldemar, da glaubst du nun wieder
wunder was Feines gesagt zu haben. Aber es ist doch
bloß ein Wort. Und was bloß ein Wort ist, ist nie was
Feines, auch wenn es so aussieht. Dunkle Gefühle, die
sind fein. Und so gewiß die Vorstellung, die ich mit
dieser lieben Flasche hier verbinde, für mich persönlich
was Celestes hat … kann man Celestes sagen? …“
Lorenzen nickte zustimmend, „so gewiß hat die Vorstellung,
die sich für mich an diese Globsower Riesenbocksbeutelflaschen knüpft, etwas Infernalisches.“

„Aber Papa.“

„Still, unterbrich mich nicht, Woldemar. Denn ich
komme jetzt eben an eine Berechnung, und bei Berechnungen darf man nicht gestört werden. Über hundert
Jahre besteht nun schon diese Glashütte. Und wenn ich
nun so das jedesmalige Jahresprodukt mit hundert multipliziere, so rechne ich mir alles in allem wenigstens eine
Million heraus. Die schicken sie zunächst in andre Fabriken, und da destillieren sie flott drauf los und zwar
allerhand schreckliches Zeug in diese grünen Ballons
hinein: Salzsäure, Schwefelsäure, rauchende Salpetersäure.
Das ist die schlimmste, die hat immer einen rotgelben
Rauch, der einem gleich die Lunge anfrißt. Aber wenn
einen der Rauch auch zufrieden läßt, jeder Tropfen brennt
ein Loch, in Leinwand oder in Tuch, oder in Leder, überhaupt in alles; alles wird angebrannt und angeätzt. Das
ist das Zeichen unsrer Zeit jetzt, ‚angebrannt und angeätzt‘.
Und wenn ich dann bedenke, daß meine Globsower da
mitthun und ganz gemütlich die Werkzeuge liefern für die
große Generalweltanbrennung, ja, hören Sie, meine Herren,
das giebt mir einen Stich. Und ich muß Ihnen sagen,
ich wollte, jeder kriegte lieber einen halben Morgen Land
von Staats wegen und kaufte sich zu Ostern ein Ferkelchen,
und zu Martini schlachteten sie ein Schwein und hätten
den Winter über zwei Speckseiten, jeden Sonntag eine
ordentliche Scheibe, und alltags Kartoffeln und Grieben.“

„Aber Herr von Stechlin,“ lachte Lorenzen, „das ist
ja die reine Neulandtheorie. Das wollen ja die Sozialdemokraten auch.“

„Ach was, Lorenzen, mit Ihnen ist nicht zu reden …
Übrigens Prosit … wenn Sie's auch eigentlich nicht
verdienen.“

Das Frühstück zog sich lange hin, und das dabei
geführte Gespräch nahm noch ein paarmal einen Anlauf
ins Politische hinein; Lorenzen aber, der kleine Schraubereien
gern vermeiden wollte, wich jedesmal geschickt aus und
kam lieber auf die Stechliner Kirche zu sprechen. Er war
aber auch hier vorsichtig und beschränkte sich, unter Anlehnung an Tucheband, auf Architektonisches und Historisches, bis Dubslav, ziemlich abrupt, ihn fragte: „Wissen
Sie denn, Lorenzen, auf unserm Kirchenboden Bescheid?
Krippenstapel hat mich erst heute wissen lassen, daß wir
da zwei vergoldete Bischöfe mit Krummstab haben. Oder
vielleicht sind es auch bloß Äbte.“ Lorenzen wußte nichts
davon, weshalb ihm Dubslav gutmütig mit dem Finger
drohte.

So ging das Gespräch. Aber kurz vor zwei mußte
dem allem ein Ende gemacht werden. Engelke kam und
meldete, daß die Pferde da und die Mantelsäcke bereits
aufgeschnallt seien. Dubslav ergriff sein Glas, um auf
ein frohes Wiedersehn anzustoßen. Dann erhob man sich.

Rex, bei Passierung der Rampe, trat noch einmal an
die kranke Aloe heran und versicherte, daß solche Blüte
doch etwas eigentümlich Geheimnisvolles habe. Dubslav
hütete sich, zu widersprechen, und freute sich, daß der
Besuch mit etwas für ihn so Erheiterndem abschloß.

Gleich danach ritt man ab. Als sie bei der Glaskugel vorbeikamen, wandten sich alle drei noch einmal
zurück, und jeder lüpfte seine Mütze. Dann ging es,
zwischen den Findlingen hin, auf die Dorfstraße hinaus,
auf der eben eine ziemlich ramponiert aussehende Halbchaise, das lederne Verdeck zurückgeschlagen, an ihnen
vorüberfuhr; die Sitze leer, alles an dem Fuhrwerk ließ
Ordnung und Sauberkeit vermissen; das eine Pferd war
leidlich gut, das andre schlecht, und zu dem neuen Livreerock des Kutschers wollte der alte Hut, der wie ein fuchsiges
Torfstück aussah, nicht recht passen.

„Das war ja Gundermanns Wagen.“

„So, so,“ sagte Czako. „Auf den hätt' ich beinah'
geraten.“

„Ja, dieser Gundermann“, lachte Woldemar. „Mein
Vater wollt' Ihnen gestern gern etwas Grafschaftliches
vorsetzen, aber er vergriff sich. Gundermann auf Siebenmühlen ist so ziemlich unsere schlechteste Nummer. Ich
sehe, er hat Ihnen nicht recht gefallen.“

„Gott, gefallen, Stechlin, — was heißt gefallen?
Eigentlich gefällt mir jeder oder auch keiner. Eine Dame
hat mir mal gesagt, die langweiligen Leute wären schließlich gerade so gut wie die interessanten, und es hat was
für sich. Aber dieser Gundermann! Zu welchem Zwecke
läßt er denn eigentlich seinen leeren Wagen in der Welt
herumkutschieren?“

„Ich bin dessen auch nicht sicher. Wahrscheinlich in
Wahlangelegenheiten. Er persönlich wird irgendwo hängen
geblieben sein, um Stimmen einzufangen. Unser alter
braver Kortschädel nämlich, der allgemein beliebt war, ist
diesen Sommer gestorben, und da will nun Gundermann,
der sich auf den Konservativen hin ausspielt, aber keiner
ist, im Trüben fischen. Er intrigiert. Ich habe das in
einem Gespräch, das ich mit ihm hatte, ziemlich deutlich
herausgehört, und Lorenzen hat es mir bestätigt.“

„Ich kann mir denken,“ sagte Rex, „daß gerade
Lorenzen gegen ihn ist. Aber dieser Gundermann, für
den ich weiter nichts übrig habe, hat doch wenigstens die
richtigen Prinzipien.“

„Ach, Rex, ich bitte Sie,“ sagte Czako, „richtige Prinzipien! Geschmacklosigkeiten hat er und öde Redensarten.
Dreimal hab' ich ihn sagen hören: ‚Das wäre wieder
Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie.‘ So was
sagt kein anständiger Mensch mehr, und jedenfalls setzt
er nicht hinzu: ‚daß er das Wasser abstellen wolle.‘ Das
ist ja eine schreckliche Wendung.“

Unter diesen Worten waren sie bis an den hochüberwölbten Teil der Kastanienallee gekommen.

Engelke, der gleich frühmorgens ein allerschönstes
Wetter in Aussicht gestellt hatte, hatte recht behalten; es
war ein richtiger Oktobertag, klar und frisch und milde
zugleich. Die Sonne fiel hie und da durch das noch
ziemlich dichte Laub, und die Reiter freuten sich des
Spieles der Schatten und Lichter. Aber noch anmutiger
gestaltete sich das Bild, als sie bald danach in einen
Seitenweg einmündeten, der sich durch eine flache, nur
hie und da von Wasserlachen durchzogene Wiesenlandschaft
hinschlängelte. Die großen Heiden und Forsten, die das
eigentlich Charakteristische dieses nordöstlichen Grafschaftswinkels bilden, traten an dieser Stelle weit zurück, und
nur ein paar einzelne, wie vorgeschobene Koulissen wirkende
Waldstreifen wurden sichtbar.

Alle drei hielten an, um das Bild auf sich wirken
zu lassen; aber sie kamen nicht recht dazu, weil sie, während sie sich umschauten, eines alten Mannes ansichtig
wurden, der, nur durch einen flachen Graben von ihnen
getrennt, auf einem Stück Wiese stand und das hochstehende Gras mähte. Jetzt erst sah auch er von seiner
Arbeit auf und zog seine Mütze. Die Herren thaten ein
Gleiches und schwankten, ob sie näher heranreiten und
eine Ansprache mit ihm haben sollten. Aber er schien
das weder zu wünschen noch zu erwarten, und so ritten
sie denn weiter.

„Mein Gott,“ sagte Rex, „das war ja Krippenstapel.
Und hier draußen, so weit ab von seiner Schule. Wenn
er nicht die Seehundsfellmütze gehabt hätte, die wie aus
einer konfiszierten Schulmappe geschnitten aussah, hätt'
ich ihn nicht wieder erkannt.“

„Ja, er war es, und das mit der Schulmappe wird
wohl auch zutreffen,“ sagte Woldemar. „Krippenstapel
kann eben alles — der reine Robinson.“

„Ja, Stechlin,“ warf Czako hier ein, „Sie sagen das
so hin, als ob Sie's bespötteln wollten. Eigentlich ist
es doch aber was Großes, sich immer selber helfen zu
können. Er wird wohl 'nen Sparren haben, zugegeben,
aber Ihrem gepriesenen Lorenzen ist er denn doch um ein
gut Stück überlegen. Schon weil er ein Original ist und
ein Eulengesicht hat. Eulengesichtsmenschen sind anderen
Menschen fast immer überlegen.

„Aber Czako, ich bitte Sie, das ist ja doch alles
Unsinn. Und Sie wissen es auch. Sie möchten nur,
ganz wie Rex, wenn auch aus einem andern Motiv, dem
armen Lorenzen was am Zeug flicken, bloß weil Sie herausfühlen: „das ist eine lautere Persönlichkeit“.“

„Da thun Sie mir unrecht, Stechlin. Ganz und gar.
Ich bin auch fürs Lautere, wenn ich nur persönlich nicht
in Anspruch genommen werde.“

„Nun, davor sind Sie sicher, — vom Brombeerstrauch keine Trauben. Im übrigen muß ich hier abbrechen und Sie bitten, mich auf ein Weilchen entschuldigen
zu wollen. Ich muß da nämlich nach dem Forsthause
hinüber, da drüben neben der Waldecke.“

„Aber Stechlin, was wollen Sie denn bei 'nem
Förster?“

„Kein Förster. Es ist ein Oberförster, zu dem ich
will, und zwar derselbe, den Sie gestern abend bei meinem
Papa gesehn haben. Oberförster Katzler, bürgerlich, aber
doch beinah' schon historischer Name.“

„So, so; jedenfalls nach dem, was mir Rex erzählt,
ein brillanter Billardspieler. Und doch, wenn Sie nicht
ganz intim mit ihm sind, find' ich diesen Abstecher übertrieben artig.“

„Sie hätten recht, Czako, wenn es sich lediglich um
Katzler handelte. Das ist aber nicht der Fall. Es handelt
sich nicht um ihn, sondern um seine junge Frau.“

„A la bonne heure.“

„Ja, da sind Sie nun auch wieder auf einer falschen
Fährte. So was kann nicht vorkommen, ganz abgesehen
davon, daß mit Oberförstern immer schlecht Kirschen
pflücken ist; die blasen einen weg, man weiß nicht wie.
… Es handelt sich hier einfach um einen Teilnahmebesuch, um etwas, wenn Sie wollen, schön Menschliches.
Frau Katzler erwartet nämlich.“

„Aber mein Gott, Stechlin, Ihre Worte werden
immer rätselhafter. Sie können doch nicht bei jeder
Oberförstersfrau, die ‚erwartet‘, eine Visite machen wollen.
Das wäre denn doch eine Riesenaufgabe, selbst wenn Sie
sich auf ihre Grafschaft hier beschränken wollten.“

„Es liegt alles ganz exceptionell. Übrigens macht
ich es kurz mit meinem Besuch, und wenn Sie Schrit'
reiten, worum ich bitte, so hol' ich Sie bei Genshagen
noch wieder ein. Von da bis Wutz haben wir kaum
noch eine Stunde, und wenn wir’s forcieren wollen, keine
halbe.“

Und während er noch so sprach, bog er rechts ein
und ritt auf das Forsthaus zu.

Woldemar hatte die Mitte zwischen Rex und Czako
gehabt; jetzt ritten diese beiden nebeneinander. Czako war
neugierig und hätte gern Fritz herangerufen, um dies und
das über Katzler und Frau zu hören. Aber er sah ein,
daß das nicht ginge. So blieb ihm nichts als ein
Meinungsaustausch mit Rex.

„Sehn Sie,“ hob er an, „unser Freund Woldemar,
trabt er da nicht hin, wie wenn er dem Glücke nachjagte? Glauben Sie mir, da steckt ’ne Geschichte dahinter.
Er hat die Frau geliebt oder liebt sie noch. Und dies
merkwürdige Interesse für den in Sicht stehenden Erdenbürger. Übrigens vielleicht ein Mädchen. Was meinen
Sie dazu, Rex?“

„Ach Czako, Sie wollen ja doch nur hören, was
Ihrer eignen frivolen Natur entspricht. Sie haben keinen
Glauben an reine Verhältnisse. Sehr mit Unrecht. Ich
kann ihnen versichern, es giebt dergleichen.“

„Nun ja, Sie, Rex. Sie, der sich Frühgottesdienste
leistet. Aber Stechlin …“

„Stechlin ist auch eine sittliche Natur. Sittlichkeit
ist ihm angeboren, und was er von Natur mitbrachte,
das hat sein Regiment weiter in ihm ausgebildet.“

Czako lachte. „Nun hören Sie, Rex, Regimenter
kenn’ ich doch auch. Es giebt ihrer von allen Arten,
aber Sittlichkeitsregimenter kenn’ ich noch nicht.“

„Es giebt’s ihrer aber. Zum mindesten hat’s ihrer
immer gegeben, sogar solche mit Askese.“

„Nun ja,Cromwell und die Puritaner. Aber, long, long
ago‘. Verzeihen Sie die abgedudelte Phrase. Aber wenn
sich’s um so feine Dinge wie Askese handelt, muß man
notwendig einen englischen Brocken einschalten. In Wirklichkeit bleibt alles beim alten. Sie sind ein schlechter
Menschenkenner, Rex, wie alle Konventikler. Die glauben
immer, was sie wünschen. Und auch an unserm Stechlin
werden Sie mutmaßlich erfahren, wie falsch Sie gerechnet
haben. Im übrigen kommt da gerade zu rechter Zeit
ein Wegweiser. Lassen Sie uns nachsehen, wo wir eigentlich sind. Wir reiten so immer drauf los und wissen
nicht mehr, ob links oder rechts.“

Rex, der von dem Wegweiser nichts wissen wollte,
war einfach für Weiterreiten, und das war auch das
richtige. Denn keine halbe Stunde mehr, so holte Stechlin
sie wieder ein. „Ich wußte, daß ich Sie noch vor Genshagen treffen würde. Die Frau Oberförsterin läßt sich
übrigens den Herren empfehlen. Er war nicht da, was
recht gut war.“

„Kann ich mir denken,“ sagte Czako.

„Und was noch besser war, sie sah brillant aus.
Eigentlich ist sie nicht hübsch, Blondine mit großen Vergißmeinnichtaugen und etwas lymphatisch; auch wohl nicht
ganz gesund. Aber sonderbar, solche Damen, wenn was
in Sicht steht, sehen immer besser aus als in natürlicher
Verfassung, ein Zustand, der allerdings bei der Katzler
kaum vorkommt. Sie ist noch nicht volle sechs Jahre
verheiratet und erwartet mit nächstem das Siebente.“

„Das ist aber doch unerhört. Ich glaube, so was
ist Scheidungsgrund.“

„Mir nicht bekannt und auch, offen gestanden, nicht
sehr wahrscheinlich. Jedenfalls wird es die Prinzessin
nicht als Scheidungsgrund nehmen.“

„Die Prinzessin?“ fuhren Rex und Czako a tempo
heraus.

„Ja, die Prinzessin,“ wiederholte Woldemar. „Ich
war all die Zeit über gespannt, was das wohl für einen
Eindruck auf Sie machen würde, weshalb ich mich auch
gehütet habe, vorher mit Andeutungen zu kommen. Und
es traf sich gut, daß mein Vater gestern abend nur so
ganz leicht drüber hinging, ich möchte beinah' sagen diskret,
was sonst nicht seine Sache ist.“

„Prinzessin,“ wiederholte Rex, dem die Sache beinah'
den Atem nahm. „Und aus einem regierenden Hause?“

„Ja, was heißt aus einem regierenden Hause? Regiert
haben sie alle mal. Und soviel ich weiß, wird ihnen
dies ‚mal regiert haben‘ auch immer noch angerechnet,
wenigstens sowie sich's um Eheschließungen handelt. Um
so großartiger, wenn einzelne der hier in Betracht
kommenden Damen auf alle diese Vorrechte verzichten und
ohne Rücksicht auf Ebenbürtigkeit sich aus reiner Liebe
vermählen. Ich sage ‚vermählen‘, weil ‚sich verheiraten‘
etwas plebeje klingt. Frau Katzler ist eine Ippe-Büchsenstein.“

„Eine Ippe!“ sagte Rex. „Nicht zu glauben. Und
erwartet wieder. Ich bekenne, daß mich das am meisten
chokiert. Diese Ausgiebigkeit, ich finde kein andres Wort,
oder richtiger, ich will kein andres finden, ist doch eigentlich das Bürgerlichste, was es giebt.“

„Zugegeben. Und so hat es die Prinzessin auch
wohl selber aufgefaßt. Aber das ist gerade das Große
an der Sache; ja, so sonderbar es klingt, das Ideale.“

„Stechlin, Sie können nicht verlangen, daß man das
so ohne weiteres versteht. Ein halb Dutzend Bälge, wo
steckt da das Ideale?“

„Doch, Rex, doch. Die Prinzessin selbst, und das
ist das Rührendste, hat sich darüber ganz unumwunden
ausgesprochen. Und zwar zu meinem Alten. Sie sieht
ihn öfter und möcht' ihn, glaub' ich, bekehren, — sie ist
nämlich von der strengen Richtung und hält sich auch zu
Superintendent Koseleger, unserm Papst hier. Und kurz
und gut, sie macht meinem Papa beinah' den Hof und
erklärt ihn für einen perfekten Kavalier, wobei Katzler
immer ein etwas süßsaures Gesicht macht, aber natürlich
nicht widerspricht.“

„Und wie kam sie nur dazu, Ihrem Papa gerade
Konfessions in einer so delikaten Sache zu machen?“

„Das war voriges Jahr, genau um diese Zeit, als
sie auch mal wieder erwartete. Da war mein Vater
drüben und sprach, als das durch die Situation gegebene
Thema berührt wurde, halb diplomatisch, halb humoristisch
von der Königin Luise, hinsichtlich deren der alte Doktor
Heim, als der Königin das ‚Sechste oder Siebente‘
geboren werden sollte, ziemlich freiweg von der Notwendigkeit der ‚Brache‘ gesprochen hatte.“

„Bißchen stark“, sagte Rex. „Ganz im alten Heim-Stil. Aber freilich, Königinnen lassen sich viel gefallen.
Und wie nahm es die Prinzessin auf?“

„O, sie war reizend, lachte, war weder verlegen noch
verstimmt, sondern nahm meines Vaters Hand so zutraulich, wie wenn sie seine Tochter gewesen wäre. ‚Ja,
lieber Herr von Stechlin,‘ sagte sie, ,wer A sagt, der muß
auch B sagen. Wenn ich diesen Segen durchaus nicht
wollte, dann mußt' ich einen Durchschnittsprinzen heiraten,
— da hätt' ich vielleicht das gehabt, was der alte Heim
empfehlen zu müssen glaubte. Statt dessen nahm ich aber
meinen guten Katzler. Herrlicher Mann. Sie kennen ihn
und wissen, er hat die schöne Einfachheit aller stattlichen
Männer, und seine Fähigkeiten, soweit sich überhaupt davon sprechen läßt, haben etwas Einseitiges. Als ich ihn
heiratete, war ich deshalb ganz von dem einen Gedanken
erfüllt, alles Prinzeßliche von mir abzustreifen und nichts
bestehen zu lassen, woraus Übelwollende hätten herleiten
können: „Ah, sie will immer noch eine Prinzessin sein.“
Ich entschloß mich also für das Bürgerliche, und zwar „voll
und ganz“, wie man jetzt, glaub' ich, sagt. Und was
dann kam, nun, das war einfach die natürliche Konsequenz.‘“

„Großartig,“ sagte Rex. „Ich entschlage mich nach
solchen Mitteilungen jeder weiteren Opposition. Welch
ein Maß von Entsagung! Denn auch im Nichtentsagen
kann ein Entsagen liegen. Andauernde Opferung eines
Innersten und Höchsten.“

„Unglaublich!“ lachte Czako. „Rex, Rex. Ich hab'
Ihnen da schon vorhin alle Menschenkenntnis abgesprochen.
Aber hier übertrumpfen Sie sich selbst. Wer Konventikel
leitet, der sollte doch wenigstens die Weiber kennen.
Erinnern Sie sich, Stechlin sagte, sie sei lymphatisch und
habe Vergißmeinnichtaugen. Und nun sehen Sie sich
den Katzler an. Beinah' sechs Fuß und rotblond und
das Eiserne Kreuz.“

„Czako, Sie sind mal wieder frivol. Aber man darf
es mit Ihnen so genau nicht nehmen. Das ist das
Slavische, was in Ihnen nachspukt; latente Sinnlichkeit.“

„Ja, sehr latent; durchaus vergrabner Schatz. Und
ich wollte wohl, daß ich in die Lage käme, besser damit
wuchern zu können. Aber …“

So ging das Gespräch noch eine gute Weile.

Die große Chaussee, darauf ihr Weg inzwischen wieder
eingemündet, stieg allmählich an, und als man den Höhepunkt dieser Steigung erreicht hatte, lag das Kloster samt
seinem gleichnamigen Städtchen in verhältnismäßiger Nähe
vor ihnen. Auf ihrem Hinritte hatten Rex und Czako so
wenig davon zu Gesicht bekommen, daß ein gewisses Betroffensein über die Schönheit des sich ihnen jetzt darbietenden Landschafts- und Architekturbildes kaum ausbleiben konnte. Czako besonders war ganz aus dem
Häuschen, aber auch Rex stimmte mit ein. „Die große
Feldsteingiebelwand,“ sagte er, „so gewagt im allgemeinen
bestimmte Zeitangaben auf diesem Gebiete sind, möcht' ich
in das Jahr 1375, also Landbuch Kaiser Karls IV.,
setzen dürfen.“

„Wohl möglich,“ lachte Woldemar. „Es giebt nämlich Zahlen, die nicht gut widerlegt werden können, und
‚Landbuch Kaiser Karls IV.‘ paßt beinah immer.“

Rex hörte drüber hin, weil er in seinem Geiste mal
wieder einer allgemeineren und zugleich höheren Auffassung
der Dinge zustrebte. „Ja, meine Herren,“ hob er an,
„das geschmähte Mittelalter. Da verstand man's. Ich
wage den Ausspruch, den ich übrigens nicht einem Kunsthandbuch entnehme, sondern der langsam in mir herangereift ist: „Die Platzfrage geht über die Stilfrage.“ Jetzt
wählt man immer die häßlichste Stelle. Das Mittelalter
hatte noch keine Brillen, aber man sah besser.“

„Gewiß,“ sagte Czako. „Aber dieser Angriff auf die
Brillen, Rex, ist nichts für Sie. Wer mit seinem
Pincenez oder Monocle so viel operiert …“

Das Gespräch kam nicht weiter, weil in eben diesem
Augenblicke mächtige Turmuhrschläge vom Städtchen Wutz
her herüberklangen. Man hielt an, und jeder zählte.
„Vier.“ Kaum aber hatte die Uhr ausgeschlagen, so
begann eine zweite und that auch ihre vier Schläge.

„Das ist die Klosteruhr,“ sagte Czako.

„Warum?“

„Weil sie nachschlägt; alle Klosteruhren gehen nach.
Natürlich. Aber wie dem auch sei, Freund Woldemar
hat uns, glaub' ich, für vier Uhr angemeldet, und so
werden wir uns eilen müssen.“

Kloster Wutz.

Siebentes Kapitel.

Alle setzten sich denn auch wieder in Trab, mit ihnen
Fritz, der dabei näher an die voraufreitenden Herren
herankam. Das Gespräch schwieg ganz, weil jeder in
Erwartung der kommenden Dinge war.

Die Chaussee lief hier, auf eine gute Strecke, zwischen
Pappeln hin, als man aber bis in unmittelbare Nähe
von Kloster Wutz gekommen war, hörten diese Pappeln
auf, und der sich mehr und mehr verschmälernde Weg
wurde zu beiden Seiten von Feldsteinmauern eingefaßt,
über die man alsbald in die verschiedensten Gartenanlagen
mit allerhand Küchen- und Blumenbeeten und mit vielen
Obstbäumen dazwischen hineinsah. Alle drei ließen jetzt
die Pferde wieder in Schritt fallen.

„Der Garten hier links,“ sagte Woldemar, „ist der
Garten der Domina, meiner Tante Adelheid; etwas primitiv, aber wundervolles Obst. Und hier gleich rechts,
da bauen die Stiftsdamen ihren Dill und ihren Meiran.
Es sind aber nur ihrer vier, und wenn welche gestorben
sind — aber sie sterben selten — so sind es noch weniger.“

Unter diesen orientierenden Mitteilungen des hier
aus seinen Knabenjahren her Weg und Steg kennenden
Woldemar waren alle durch eine Maueröffnung in einen
großen Wirtschaftshof eingeritten, der baulich so ziemlich
jegliches enthielt, was hier, bis in die Tage des Dreißigjährigen Krieges hinein, der dann freilich alles zerstörte,
mal Kloster Wutz gewesen war. Vom Sattel aus ließ sich
alles bequem überblicken. Das meiste, was sie sahen,
waren wirr durcheinander geworfene, von Baum und
Strauch überwachsene Trümmermassen.

„Es erinnert mich an den Palatin,“ sagte Rex,
„nur ins christlich Gotische transponiert.“

„Gewiß,“ bestätigte Czako lachend. „So weit ich
urteilen kann, sehr ähnlich. Schade, daß Krippenstapel
nicht da ist. Oder Tucheband.“

Damit brach das Gespräch wieder ab.

In der That, wohin man sah, lagen Mauerreste, in die, seltsamlich genug, die Wohnungen der
Klosterfrauen eingebaut waren, zunächst die größere der
Domina, daneben die kleineren der vier Stiftsdamen,
alles an der vorderen Langseite hin. Dieser gegenüber
aber zog sich eine zweite, parallel laufende Trümmerlinie, darin die Stallgebäude, die Remisen und die Rollkammern untergebracht waren. Verblieben nur noch die
zwei Schmalseiten, von denen die eine nichts als eine
von Holunderbüschen übergrünte Mauer, die andere dagegen eine hochaufragende mächtige Giebelwand war,
dieselbe, die man schon beim Anritt aus einiger Entfernung gesehen hatte. Sie stand da, wie bereit, alles
unter ihrem beständig drohenden Niedersturz zu begraben,
und nur das eine konnte wieder beruhigen, daß sich auf
höchster Spitze der Wand ein Storchenpaar eingenistet
hatte. Störche, deren feines Vorgefühl immer weiß, ob
etwas hält oder fällt.

Von der Maueröffnung, durch die man eingeritten,
bis an die in die Feldsteintrümmer eingebauten Wohngebäude waren nur wenige Schritte, und als man davor hielt, erschien alsbald die Domina selbst, um ihren
Neffen und seine beiden Freunde zu begrüßen. Fritz,
der, wie überall, so auch hier Bescheid wußte, nahm die
Pferde, um sie nach einem an der andern Seite gelegenen
Stallgebäude hinüberzuführen, während Rex und Czako
nach kurzer Vorstellung in den von Schränken umstellten
Flur eintraten.

„Ich habe dein Telegramm,“ sagte die Domina,
„erst um ein Uhr erhalten. Es geht über Gransee, und
der Bote muß weit laufen. Aber sie wollen ihm ein
Rad anschaffen, solches wie jetzt überall Mode ist. Ich
sage Rad, weil ich das fremde Wort, das so verschieden
ausgesprochen wird, nicht leiden kann. Manche sagen
‚ci‘, und manche sagen ‚schi‘. Bildungsprätensionen sind
mir fremd, aber man will sich doch auch nicht bloßstellen.“

Eine Treppe führte bis in den ersten Stock hinauf, eigentlich war es nur eine Stiege. Die Domina,
nachdem sie die Herren bis an die unterste Stufe begleitet hatte, verabschiedete sich hier auf eine Weile. „Du
wirst so gut sein, Woldemar, alles in deine Hand zu
nehmen. Führe die Herren hinauf. Ich habe unser
bescheidenes Klostermahl auf fünf Uhr angeordnet; also
noch eine gute halbe Stunde. Bis dahin, meine Herren.“

Oben war eine große Plättkammer zur Fremdenstube hergerichtet worden. Ein Waschtisch mit Finkennäpfchen und Krügen in Kleinformat war aufgestellt
worden, was in Erwägung der beinah liliputanischen
Raumverhältnisse durchaus passend gewesen wäre, wenn
nicht sechs an eben so vielen Thürhaken hängende Riesenhandtücher das Ensemble wieder gestört hätten. Rex,
der sich — ihn drückten die Stiefel — auf kurze zehn
Minuten nach einer kleinen Erleichterung sehnte, bediente
sich eines eisernen Stiefelknechts, während Czako sein
Gesicht in einer der kleinen Waschschüsseln begrub und
beim Abreiben das feste Gewebe der Handtücher lobte.

„Sicherlich Eigengespinst. Überhaupt, Stechlin, das
muß wahr sein, Ihre Tante hat so was; man merkt
doch, daß sie das Regiment führt. Und wohl schon seit
lange. Wenn ich recht gehört, ist sie älter als Ihr Papa.“

„O, viel; beinahe um zehn Jahre. Sie wird sechsundsiebzig.“

„Ein respektables Alter. Und ich muß sagen, wohl
konserviert.“

„Ja, man kann es beinahe sagen. Das ist eben
der Vorzug solcher, die man ‚schlank‘ nennt. Beiläufig
ein Euphemismus. Wo nichts ist, hat der Kaiser sein
Recht verloren und die Zeit natürlich auch; sie kann
nichts nehmen, wo sie nichts mehr findet. Aber ich denke
— Rex thut mir übrigens leid, weil er wieder in seine
Stiefel muß — wir begeben uns jetzt nach unten und
machen uns möglichst liebenswürdig bei der Tante. Sie
wird uns wohl schon erwarten, um uns ihren Liebling
vorzustellen.“

„Wer ist das?“

„Nun, das wechselt. Aber da es bloß vier sein
können, so kommt jeder bald wieder an die Reihe.
Während ich das letzte Mal hier war, war es ein Fräulein von Schmargendorf. Und es ist leicht möglich,
daß sie jetzt gerade wieder dran ist.“

„Eine nette Dame?“

„O ja. Ein Pummel.“

Und wie vorgeschlagen, nach kurzem „Sichadjustieren“
in der improvisierten Fremdenstube, kehrten alle drei
Herren in Tante Adelheids Salon zurück, der niedrig
und verblakt und etwas altmodisch war. Die Möbel,
lauter Erbschaftsstücke, wirkten in dem niedrigen Raume
beinahe grotesk, und die schwere Tischdecke, mit einer
mächtigen, ziemlich modernen Astrallampe darauf, paßte
schlecht zu dem Zeisigbauer am Fenster und noch schlechter
zu dem über einem kleinen Klavier hängenden Schlachtenbilde: „König Wilhelm auf der Höhe von Lipa“. Trotzdem hatte dies stillose Durcheinander etwas Anheimelndes.
In dem primitiven Kamin — nur eine Steinplatte mit
Rauchfang — war ein Holzfeuer angezündet; beide
Fenster standen auf, waren aber durch schwere Gardinen
so gut wie wieder geschlossen, und aus dem etwas schief
über dem Sofa hängenden Quadratspiegel wuchsen drei
Pfauenfedern heraus.

Tante Adelheid hatte sich in Staat geworfen und
ihre Karlsbader Granatbrosche vorgesteckt, die der alte
Dubslav wegen der sieben mittelgroßen Steine, die einen
größeren und buckelartig vorspringenden umstanden, die
„Sieben-Kurfürsten-Brosche“ nannte. Der hohe hagere
Hals ließ die Domina noch größer und herrischer erscheinen, als sie war, und rechtfertigte durchaus die
brüderliche Malice: „Wickelkinder, wenn sie sie sehen,
werden unruhig, und wenn sie zärtlich wird, fangen sie
an zu schreien.“ Man sah ihr an, daß sie nur immer
vorübergehend in einer höheren Gesellschaftssphäre gelebt
hatte, sich trotzdem aber zeitlebens der angeborenen Zugehörigkeit zu eben diesen Kreisen bewußt gewesen war.
Daß man sie zur Domina gemacht hatte, war nur zu
billigen. Sie wußte zu rechnen und anzuordnen und
war nicht bloß von sehr gutem natürlichen Verstand,
sondern unter Umständen auch voller Interesse für ganz
bestimmte Personen und Dinge. Was aber, trotz solcher
Vorzüge, den Verkehr mit ihr so schwer machte, das
war die tiefe Prosa ihrer Natur, das märkisch Enge,
das Mißtrauen gegen alles, was die Welt der Schönheit oder gar der Freiheit auch nur streifte.

Sie erhob sich, als die drei Herren eintraten, und
war gegen Rex und Czako aufs neue von verbindlichstem
Entgegenkommen. „Ich muß Ihnen noch einmal aussprechen, meine Herren, wie sehr ich bedaure, Sie nur
so kurze Zeit unter meinem Dache sehen zu dürfen.“

„Du vergißt mich, liebe Tante,“ sagte Woldemar.
„Ich bleibe dir noch eine gute Weile. Mein Zug geht,
glaub' ich, erst um neun. Und bis dahin erzähl' ich
dir eine Welt und — beichte.“

„Nein, nein, Woldemar, nicht das, nicht das. Erzählen sollst du mir recht, recht viel. Und ich habe sogar Fragen auf dem Herzen. Du weißt wohl schon,
welche. Aber nur nicht beichten. Schon das Wort macht
mir jedesmal ein Unbehagen. Es hat solch ausgesprochen
katholischen Beigeschmack. Unser Rentmeister Fix hat
recht, wenn er sagt: ‚Beichte sei nichts, weil immer unaufrichtig, und es habe in Berlin — aber das sei nun
freilich schon sehr, sehr lange her — einen Geistlichen
gegeben, der habe den Beichtstuhl einen Satansstuhl
genannt. Das find' ich nun offenbar übertrieben und
habe mich auch in diesem Sinne zu Fix geäußert. Aber
andrerseits freue ich mich doch immer aufrichtig, einem
so mutig protestantischen Worte zu begegnen. Mut ist,
was uns not thut. Ein fester Protestant, selbst wenn
er schroff auftritt, ist mir jedesmal eine Herzstärkung,
und ich darf ein gleiches Empfinden auch wohl bei Ihnen,
Herr von Rex, voraussetzen.“

Rex verbeugte sich. Woldemar aber sagte zu Czako:
„Ja, Czako, da sehen Sie's. Sie sind nicht einmal
genannt worden. Eine Domina — verzeih, Tante —
bildet eben ein feines Unterscheidungsvermögen aus.“

Die Tante lächelte gnädig und sagte: „Herr von
Czako ist Offizier. Es giebt viele Wohnungen in meines
Vaters Hause. Das aber muß ich aussprechen, der Unglaube wächst und das Katholische wächst auch. Und
das Katholische, das ist das Schlimmere. Götzendienst
ist schlimmer als Unglaube.“

„Gehst du darin nicht zu weit, liebe Tante?“

„Nein, Woldemar. Sieh, der Unglaube, der ein
Nichts ist, kann den lieben Gott nicht beleidigen; aber
Götzendienst beleidigt ihn. Du sollst keine andern
Götter haben neben mir. Da steht es. Und nun gar
der Papst in Rom, der ein Obergott sein will und unfehlbar.“

Czako, während Rex schwieg und nur seine Verbeugung wiederholte, kam auf die verwegene Idee, für
Papst und Papsttum eine Lanze brechen zu wollen,
entschlug sich dieses Vorhabens aber, als er wahrnahm,
daß die alte Dame ihr Dominagesicht aufsetzte. Das
war indessen nur eine rasch vorüberziehende Wolke.
Dann fuhr Tante Adelheid, das Thema wechselnd, in
schnell wiedergewonnener guter Laune fort: „Ich habe
die Fenster öffnen lassen. Aber auch jetzt noch, meine
Herren, ist es ein wenig stickig. Das macht die niedrige
Decke. Darf ich Sie vielleicht auffordern, noch eine
Promenade durch unsern Garten zu machen? Unser
Klostergarten ist eigentlich das Beste, was wir hier
haben. Nur der unsers Rentmeisters ist noch gepflegter
und größer und liegt auch am See. Rentmeister Fix,
der hier alles zusammenhält, ist uns, wie in wirtschaftlichen Dingen, so auch namentlich in seinen Gartenanlagen, ein Vorbild; überhaupt ein charaktervoller
Mann, und dabei treu wie Gold, trotzdem sein Gehalt
unbedeutend ist und seine Nebeneinnahmen ganz unsicher
in der Luft schweben. Ich hatte Fix denn auch bitten
lassen, mit uns bei Tisch zu sein; er versteht so gut zu
plaudern, gut und leicht, ja beinahe freimütig und doch
immer durchaus diskret. Aber er ist dienstlich verhindert.
Die Herren müssen sich also mit mir begnügen und mit
einer unsrer Konventualinnen, einem mir lieben Fräulein,
das immer munter und ausgelassen, aber doch zugleich
bekenntnisstreng ist, ganz von jener schönen Heiterkeit,
die man bloß bei denen findet, deren Glaube feste
Wurzeln getrieben hat. Ein gut Gewissen ist das beste
Ruhekissen. Damit hängt es wohl zusammen.“

Rex, an den sich diese Worte vorzugsweise gerichtet
hatten, drückte wiederholt seine Zustimmung aus, während Czako beklagte, daß Fix verhindert sei. „Solche
Männer sprechen zu hören, die mit dem Volke Fühlung
haben und genau wissen, wie’s einerseits in den Schlössern,
andererseits in den Hütten der Armut aussieht, das ist
immer in hohem Maße fördernd und lehrreich und ein
Etwas, auf das ich jederzeit ungern verzichte.“

Gleich danach erhob man sich und ging ins Freie.

Der Garten war von sehr ländlicher Art. Durch
seine ganze Länge hin zog sich ein von Buchsbaumrabatten eingefaßter Gang, neben dem links und rechts,
in wohlgepflegten Beeten, Rittersporn und Studentenblumen blühten. Gerade in seiner Mitte weitete sich
der sonst schmale Gang zu einem runden Platz aus,
darauf eine große Glaskugel stand, ganz an die Stechliner erinnernd, nur mit dem Unterschied, daß hier das
eingelegte blanke Zinn fehlte. Beide Kugeln stammten
natürlich aus der Globsower „grünen Hütte“. Weiterhin, ganz am Ausgange des Gartens, wurde man eines
etwas schiefen Bretterzaunes ansichtig, mit einem Pflaumenbaum dahinter, dessen einer Hauptzweig aus dem Nachbargarten her in den der Domina herüberreichte.

Rex führte die Tante. Dann folgte Woldemar
mit Hauptmann Czako, weit genug ab von dem voraufgehenden Paar, um ungeniert miteinander sprechen
zu können.

„Nun, Czako,“ sagte Woldemar, „bleiben wir,
wenn’s sein kann, noch ein bißchen weiter zurück. Ich
kann Ihnen gar nicht sagen, wie gern ich in diesem
Garten bin. Allen Ernstes. Ich habe hier nämlich
als Junge hundertmal gespielt und in den Birnbäumen
gesessen; damals standen hier noch etliche, hier links,
wo jetzt die Mohrrübenbeete stehen. Ich mache mir
nichts aus Mohrrüben, woraus ich übrigens schließe,
daß wir heute welche zu Tisch kriegen. Wie gefällt
Ihnen der Garten?“

„Ausgezeichnet. Es ist ja eigentlich ein Bauerngarten, aber doch mit viel Rittersporn drin. Und zu
jedem Rittersporn gehört eine Stiftsdame.“

„Nein, Czako, nicht so. Sagen Sie mir ganz
ernsthaft, ob sie solche Gärten leiden können.“

„Ich kann solche Gärten eigentlich nur leiden,
wenn sie eine Kegelbahn haben. Und dieser hier ist
wie geschaffen dazu, lang und schmal. Alle unsre modernen Kegelbahnen sind zu kurz, wie früher alle Betten
zu kurz waren. Wenn die Kugel aufsetzt, ist sie auch
schon da, und der Bengel unten schreit einen an mit
seinem ‚acht um den König‘. Für mich fängt das Vergnügen erst an, wenn das Brett lang ist und man der
Kugel anmerkt, sie möchte links oder rechts abirren,
aber die eingeborene Gewalt zwingt sie zum Ausharren,
zum Bleiben auf der rechten Bahn. Es hat was
Symbolisches oder Pädagogisches, oder meinetwegen
auch Politisches.“

Unter diesem Gespräche waren sie, ganz nach unten
hin, bis an die Stelle gekommen, wo der nachbarliche
Pflaumenbaum seinen Zweig über den Zaun wegstreckte.
Neben dem Zaun aber, in gleicher Linie mit ihm, stand
eine grüngestrichene Bank, auf der, von dem Gezweig
überdacht, eine Dame saß, mit einem kleinen runden
Hut und einer Adlerfeder. Als sich die Herrschaften ihr
näherten, erhob sie sich und schritt auf die Domina zu,
dieser die Hand zu küssen; zugleich verneigte sie sich
gegen die drei Herren.

„Erlauben Sie mir,“ sagte Adelheid, „Sie mit
meiner lieben Freundin, Fräulein von Schmargendorf,
bekannt zu machen. Hauptmann von Czako, Ministerialassessor von Rex … Meinen Neffen, liebe Schmargendorf, kennen Sie ja.“

Adelheid, als sie so vorgestellt hatte, zog ihre kleine
Uhr aus dem Gürtel hervor und sagte: Wir haben noch
zehn Minuten. Wenn es Ihnen recht ist, bleiben wir
noch in Gottes freier Natur. Woldemar, führe meine
liebe Freundin, oder lieber Sie, Herr Hauptmann, —
Fräulein von Schmargendorf wird ohnehin Ihre Tischdame sein.“

Das Fräulein von Schmargendorf war klein und
rundlich, einige vierzig Jahre alt, von kurzem Hals
und wenig Taille. Von den sieben Schönheiten, über
die jede Evastochter Verfügung haben soll, hatte sie,
soweit sich ihr „Kredit“ feststellen ließ, nur die Büste.
Sie war sich dessen denn auch bewußt und trug immer
dunkle Tuchkleider, mit einem Sammetbesatz oberhalb der
Taille. Dieser Besatz bestand aus drei Dreiecken, deren
Spitze nach unten lief. Sie war immer fidel, zunächst
aus glücklicher Naturanlage, dann aber auch, weil sie
mal gehört hatte: Fidelität erhalte jung. Ihr lag daran, jung zu sein, obwohl sie keinen rechten Nutzen
mehr daraus ziehen konnte. Benachbarte Adlige gab
es nicht, der Pastor war natürlich verheiratet und Fix
auch. Und weiter nach unten ging es nicht.

Adelheid und Rex waren meist weit voraus, so
daß man sich immer erst an der Glaskugel traf, wenn
das voranschreitende Paar schon wieder auf dem Rückwege war. Czako grüßte dann jedesmal militärisch zur
Domina hinüber.

Diese selbst war in einem Gespräch mit Rex fest
engagiert und verhandelte mit ihm über ein bedrohliches Wachsen des Sektiererwesens. Rex fühlte sich davon getroffen, da er selbst auf dem Punkte stand,
Irvingianer zu werden; er war aber Lebemann genug,
um sich schnell zurecht zu finden und vor allem auf jede
nachhaltige Bekämpfung der von Adelheid geäußerten
Ansichten zu verzichten. Er lenkte geschickt in das Gebiet des allgemeinen Unglaubens ein, dabei sofort einer
vollen Zustimmung begegnend. Ja, die Domina ging
weiter, und sich abwechselnd auf die Apokalypse und
dann wieder auf Fix berufend, betonte sie, daß wir am
Anfang vom Ende stünden. Fix gehe freilich wohl
etwas zu weit, wenn er eigentlich keinem Tage mehr so
recht traue. Das seien nutzlose Beunruhigungen, weshalb sie denn auch in ihn gedrungen sei, von solchen
Berechnungen Abstand zu nehmen oder wenigstens alles
nochmals zu prüfen. „Kein Zweifel,“ so schloß sie,
„Fix ist für Rechnungssachen entschieden talentiert, aber
ich habe ihm trotzdem sagen müssen, daß zwischen Rechnungen und Rechnungen doch immer noch ein Unterschied sei.“

Czako hatte dem Fräulein von Schmargendorf den
Arm gereicht; Woldemar, weil der Mittelgang zu schmal
war, folgte wenige Schritte hinter den beiden und trat
nur immer da, wo der Weg sich erweiterte, vorübergehend an ihre Seite.

„Wie glücklich ich bin, Herr Hauptmann,“ sagte
die Schmargendorf, „Ihre Partnerin zu sein, jetzt schon
hier und dann später bei Tisch.“

Czako verneigte sich.

„Und merkwürdig,“ fuhr sie fort, „daß gerade das
Regiment Alexander immer so vergnügte Herren hat;
einen Namensvetter von Ihnen, oder vielleicht war es
auch Ihr älterer Herr Bruder, den hab' ich noch von
einer Einquartierung in der Priegnitz her ganz deutlich
in Erinnerung, trotzdem es schon an die zwanzig Jahre
ist oder mehr. Denn ich war damals noch blutjung
und tanzte mit Ihrem Herrn Vetter einen richtigen
Radowa, der um jene Zeit noch in Mode war, aber
schon nicht mehr so recht. Und ich hab' auch noch den
Namenszug und einen kleinen Vers von ihm in meinem
Album: ‚Jegor von Baczko, Sekondelieutenant im Regiment Alexander.‘ Ja, Herr von Baczko, so kommt
man wieder zusammen. Oder doch wenigstens mit einem
Herren gleichen Namens.“

Czako schwieg und nickte nur, weil er Richtigstellungen überhaupt nicht liebte; Woldemar aber, der
jedes Wort gehört und in Bezug auf solche Dinge kleinlicher als sein Freund, der Hauptmann, dachte, wollte
durchaus Remedur schaffen und bat, das Fräulein darauf
aufmerksam machen zu dürfen, daß der Herr, der den
Vorzug habe, sie zu führen, nicht ein Herr von Baczko,
sondern ein Herr von Czako sei.

Die kleine Rundliche geriet in eine momentane Verlegenheit, Czako selbst aber kam ihr mit großer Courtoisie zu Hilfe.

„Lieber Stechlin,“ begann er, „ich beschwöre Sie
um sechsundsechzig Schock sächsische Schuhzwecken, kommen
Sie doch nicht mit solchen Kleinigkeiten, die man jetzt,
glaub' ich, Velleitäten nennt. Wenigstens habe ich das
Wort immer so übersetzt. Czako, Baczko, Baczko, Czako,
— wie kann man davon so viel Aufhebens machen.
Name, wie Sie wissen, ist Schall und Rauch, siehe
Goethe, und Sie werden sich doch nicht in Widerspruch
mit dem bringen wollen. Dazu reicht es denn doch am
Ende nicht aus.“

„Hihi.“

„Außerdem, ein Mann wie Sie, der es trotz seines
Liberalismus fertig bringt, immer seinen Adel bis
wenigstens dritten Kreuzzug zurückzuführen, ein Mann
wie Sie sollte mir doch diese kleine Verwechslung ehrlich gönnen. Denn dieser mir in den Schoß gefallene
‚Baczko‘ … Gott sei Dank, daß auch unsereinem noch
was in den Schoß fallen kann …“

„Hihi.“

„Denn dieser mir in den Schoß gefallene Baczko
ist doch einfach eine Rang- und Standeserhöhung, ein
richtiges Avancement. Die Baczkos reichen mindestens
bis Huß oder Ziska, und wenn es vielleicht Ungarn
sind, bis auf die Hunyadis zurück, während der erste
wirkliche Czako noch keine zweihundert Jahre alt ist.
Und von diesem ersten wirklichen Czako stammen wir
doch natürlich ab. Erwägen Sie, bevor es nicht einen
wirklichen Czako gab, also einen steifen grauen Filzhut mit Leder oder Blech beschlagen, eher kann es auch
keinen ‚von Czako‘ gegeben haben; der Adel schreibt
sich immer von solchen Dingen seiner Umgebung oder
seines Metiers oder seiner Beschäftigung her. Wenn ich
wirklich noch mal Lust verspüren sollte, mich standesgemäß zu verheiraten, so scheitre ich vielleicht an der
Jugendlichkeit meines Adels und werde mich dann dieser
Stunde wehmütig freundlich erinnern, die mich, wenn
auch nur durch eine Namensverwechslung, auf einen
kurzen Augenblick zu erhöhen trachtete.“

Woldemar, seiner Philisterei sich bewußt werdend,
zog sich wieder zurück, während die Schmargendorf treuherzig sagte: „Sie glauben also wirklich, Herr von …
Herr Hauptmann … daß Sie von einem Czako herstammen?“

„So weit solch merkwürdiges Spiel der Natur überhaupt möglich ist, bin ich fest davon durchdrungen.“

In diesem Moment, nach abermaliger Passierung
des Platzes mit der Glaskugel, erreichte das Paar die
Bank unter dem Pflaumenbaumzweige. Die Schmargendorf hatte schon lange vorher nach zwei großen, dicht
zusammensitzenden Pflaumen hinübergeblickt und sagte,
während sie jetzt ihre Hand danach ausstreckte: „Nun
wollen wir aber ein Vielliebchen essen, Herr Hauptmann;
wo, wie hier, zwei zusammensitzen, da ist immer ein
Vielliebchen.“

„Eine Definition, der ich mich durchaus anschließe.
Aber, mein gnädigstes Fräulein, wenn ich vorschlagen
dürfte, mit dieser herrlichen Gabe Gottes doch lieber bis
zum Dessert zu warten. Das ist ja doch auch die eigentliche Zeit für Vielliebchen.“

„Nun, wie Sie wollen, Herr Hauptmann. Und ich
werde diese zwei bis dahin für uns aufheben. Aber
diese dritte hier, die nicht mehr so ganz dazu gehört,
die werd' ich essen. Ich esse so gern Pflaumen. Und Sie
werden sie mir auch gönnen.“

„Alles, alles. Eine Welt.“

Es schien fast, als ob sich Czako noch weiter über
dies Pflaumenthema, namentlich auch über die sich darin bergenden Wagnisse verbreiten wollte, kam aber nicht
dazu, weil eben jetzt ein Diener in weißen Baumwollhandschuhen, augenscheinlich eine Gelegenheitsschöpfung,
in der Hofthür sichtbar wurde. Dies war das mit der
Domina verabredete Zeichen, daß der Tisch gedeckt sei.
Die Schmargendorf, ebenfalls eingeweiht in diese zu
raschen Entschlüssen drängende Zeichensprache, bückte sich
deshalb, um von einem der Gemüsebeete rasch noch ein
großes Kohlblatt abzubrechen, auf das sie sorglich die
beiden rotgetüpfelten Pflaumen legte. Gleich danach aber
aufs neue des Hauptmanns Arm nehmend, schritt sie,
unter Vorantritt der Domina, auf Hof und Flur und
ganz zuletzt auf den Salon zu, der sich inzwischen in
manchem Stücke verändert hatte, vor allem darin, daß
neben dem Kamin eine zweite Konventualin stand, in
dunkler Seide, mit Kopfschleifen und tiefliegenden, starren
Kakadu-Augen, die in das Wesen aller Dinge einzudringen
schienen.

„Ah, meine Liebste,“ sagte die Domina, auf diese
zweite Konventualin zuschreitend, „es freut mich herzlich,
daß Sie sich, trotz Migräne, noch herausgemacht haben;
wir wären sonst ohne dritte Tischdame geblieben. Erlauben Sie mir vorzustellen: Herr von Rex, Herr von
Czako … Fräulein von Triglaff aus dem Hause Triglaff.“

Rex und Czako verbeugten sich, während Woldemar, dem sie keine Fremde war, an die Konventualin
herantrat, um ein Wort der Begrüßung an sie zu richten.
Czako, die Triglaff unwillkürlich musternd, war sofort
von einer ihn frappierenden Ähnlichkeit betroffen und
flüsterte gleich danach dem sein Monocle wiederholentlich
in Angriff nehmenden Rex leise zu: „Krippenstapel,
weibliche Linie.“

Rex nickte.

Während dieser Vorstellung hatte der im Hintergrunde stehende Diener den oberen und unteren Thürriegel mit einer gewissen Ostentation zurückgezogen; einen
Augenblick noch und beide Flügel zu dem neben dem
Salon gelegenen Eßzimmer thaten sich mit einer stillen
Feierlichkeit auf.

„Herr von Rex,“ sagte die Domina, „darf ich um
Ihren Arm bitten.“

Im Nu war Rex an ihrer Seite und gleich danach
traten alle drei Paare in den Nebenraum ein, auf dessen
gastlicher und nicht ohne Geschick hergerichteter Tafel zwei
Blumenvasen und zwei silberne Doppelleuchter standen.
Auch der Diener war schon in Aktion; er hatte sich inzwischen am Büffett in Front einer Meißner Suppenterrine aufgestellt, und indem er den Deckel (mit einem
abgestoßenen Engel obenauf) abnahm, stieg der Wrasen
wie Opferrauch in die Höhe.

Achtes Kapitel.

Tante Adelheid, wenn sich nichts geradezu Verstimmliches ereignete, war, von alten Zeiten her, eine gute
Wirtin und besaß neben anderm auch jene Direktoralaugen, die bei Tische so viel bedeuten; aber eine Gabe
besaß sie nicht, die, das Gespräch, wie's in einem engsten
Zirkel doch sein sollte, zusammenzufassen. So zerfiel
denn die kleine Tafelrunde von Anfang an in drei
Gruppen, von denen eine, wiewohl nicht absolut schweigsam, doch vorwiegend als Tafelornament wirkte. Dies
war die Gruppe Woldemar-Triglaff. Und das konnte
nicht wohl anders sein. Die Triglaff, wie sich das bei
Kakadugesichtern so häufig findet, verband in sich den
Ausdruck höchster Tiefsinnigkeit mit ganz ungewöhnlicher
Umnachtung, und ein letzter Rest von Helle, der ihr
vielleicht geblieben sein mochte, war ihr durch eine
stupende Triglaffvorstellung schließlich doch auch noch
abhanden gekommen. Eine direkte Descendenz von dem
gleichnamigen Wendengotte, etwa wie Czako von Czako,
war freilich nicht nachzuweisen, aber doch auch nicht ausgeschlossen, und wenn dergleichen überhaupt vorkommen
oder nach stiller Übereinkunft auch nur allgemein angenommen werden konnte, so war nicht abzusehen, warum
gerade sie leer ausgehen oder auf solche Möglichkeit
verzichten sollte. Dieser hochgespannten, ganz im Speziellen sich bewegenden Adelsvorstellung entsprach denn
auch das gereizte Gefühl, das sie gegen den Zweig des
Hauses Thadden unterhielt, der sich, nach seinem pommerschen Gute Triglaff, Thadden-Triglaff nannte, — eine
Zubenennung, die ihr, der einzig wirklichen Triglaff,
einfach als ein Übergriff oder doch mindestens als eine
Beeinträchtigung erschien. Woldemar, der dies alles
kannte, war dagegen gefeit und wußte seinerseits seit
lange, wie zu verfahren sei, wenn ihm die Triglaff als
Tischnachbarin zufiel. Er hatte sich für diesen Fall, der
übrigens öfter eintrat als ihm lieb war, die Namen
aller Konventualinnen auswendig gelernt, die während
seiner Kinderzeit im Kloster Wutz gelebt hatten und von
denen er recht gut wußte, daß sie seit lange tot waren.
Er begann aber trotzdem regelmäßig seine Fragen so zu
stellen, als ob das Dasein dieser längst Abgeschiedenen
immer noch einer Möglichkeit unterläge.

„Da war ja hier früher, mein gnädigstes Fräulein, eine Drachenhausen, Aurelie von Drachenhausen,
und übersiedelte dann, wenn ich nicht irre, nach Kloster
Zehdenick. Es würde mich lebhaft interessieren, in Erfahrung zu bringen, ob sie noch lebt oder ob sie vielleicht schon tot ist.“

Die Triglaff nickte.

Czako, dieses Nicken beobachtend, sprach sich später
gegen Rex dahin aus, daß das alles mit der Abstammung
der Triglaff ganz natürlich zusammenhänge. „Götzen
nicken bloß.“

Um vieles lebendiger waren Rede und Gegenrede
zwischen Tante Adelheid und dem Ministerialassessor,
und das Gespräch beider, das nur sittliche Hebungsfragen berührte, hätte durchaus den Charakter einer gemütlichen, aber doch durch Ernst geweihten Synodalplauderei gehabt, wenn sich nicht die Gestalt des Rentmeisters Fix beständig eingedrängt hätte, dieses Dominaprotegés, von dem Rex, unter Zurückhaltung seiner
wahren Meinung, immer aufs neue versicherte, „daß in
diesem klösterlichen Beamten eine seltene Verquickung
von Prinzipienstrenge mit Geschäftsgenie vorzuliegen
scheine.“

Das waren die zwei Paare, die den linken Flügel,
beziehungsweise die Mitte des Tisches bildeten. Die
beiden Hauptfiguren waren aber doch Czako und die
Schmargendorf, die ganz nach rechts hin saßen, in Nähe
der dicken Fenstergardinen aus Wollstoff, in deren Falten
denn auch vieles glücklicherweise verklang. An die Suppe
hatte sich ein Fisch und an diesen ein Linsenpüree mit
gebackenem Schinken gereiht, und nun wurden gespickte
Rebhuhnflügel in einer pikanten Sauce, die zugleich
Küchengeheimnis der Domina war, herumgereicht. Czako,
trotzdem er schon dem gebackenen Schinken erheblich zugesprochen hatte, nahm ein zweites Mal auch noch von
dem Rebhuhngericht und fühlte das Bedürfnis, dies zu
motivieren.

„Eine gesegnete Gegend, Ihre Grafschaft hier,“
begann er. „Aber freilich heuer auch eine gesegnete
Jahreszeit. Gestern abend bei Dubslav von Stechlin
Krammetsvögelbrüste, heute bei Adelheid von Stechlin
Rebhuhnflügel.“

„Und was ziehen Sie vor?“ fragte die Schmargendorf.

„Im allgemeinen, mein gnädigstes Fräulein, ist
die Frage wohl zu Gunsten ersterer entschieden. Aber
hier und speziell für mich ist doch wohl der Ausnahmefall gegeben.“

„Warum ein Ausnahmefall?“

„Sie haben recht, eine solche Frage zu stellen.
Und ich antworte, so gut ich kann. Nun denn, in
Brust und Flügel …“

„Hihi.“

„In Brust und Flügel schlummert, wie mir scheinen
will, ein großartiger Gegensatz von hüben und drüben;
es giebt nichts Diesseitigeres als Brust, und es giebt
nichts Jenseitigeres als Flügel. Der Flügel trägt uns,
erhebt uns. Und deshalb, trotz aller nach der andern
Seite hin liegenden Verlockung, möchte ich alles, was
Flügel heißt, doch höher stellen.“

Er hatte dies in einem möglichst gedämpften Tone
gesprochen. Aber es war nicht nötig, weil einerseits
die links ihm zunächst sitzende Triglaff aus purem Hochgefühl ihr Ohr gegen alles, was gesprochen wurde,
verschloß, während andrerseits die Domina, nachdem
der Diener allerlei kleine Spitzgläser herumgereicht hatte,
ganz ersichtlich mit einer Ansprache beschäftigt war.

„Lassen Sie mich Ihnen noch einmal aussprechen,“
sagte sie, während sie sich halb erhob, „wie glücklich es
mich macht, Sie in meinem Kloster begrüßen zu können.
Herr von Rex, Herr von Czako, Ihr Wohl.“

Man stieß an. Rex dankte unmittelbar und sprach,
als man sich wieder gesetzt hatte, seine Bewunderung
über den schönen Wein aus. „Ich vermute Montefiascone.“

„Vornehmer, Herr von Rex,“ sagte Adelheid in
guter Stimmung, „eine Rangstufe höher. Nicht Montefiascone, den wir allerdings unter meiner Amtsvorgängerin auch hier im Keller hatten, sondern Lacrimae
Christi. Mein Bruder, der alles bemängelt, meinte
freilich, als ich ihm vor einiger Zeit davon vorsetzte,
das passe nicht, das sei Begräbniswein, höchstens Wein
für Einsegnungen, aber nicht für heitere Zusammenkünfte.“

„Ein Wort von eigenartiger Bedeutung, darin ich
Ihren Herrn Bruder durchaus wiedererkenne.“

„Gewiß, Herr von Rex. Und ich bin mir bewußt,
daß uns der Name gerade dieses Weines allerlei Rücksichten auferlegt. Aber wenn Sie sich vergegenwärtigen
wollen, daß wir in einem Stift, einem Kloster sind …
und so meine ich denn, der Ort, an dem wir leben,
giebt uns doch auch ein Recht und eine Weihe.“

„Kein Zweifel. Und ich muß nachträglich die Bedenken Ihres Herrn Bruders als irrtümlich anerkennen.
Aber wenn ich mich so ausdrücken darf, ein kleidsamer
Irrtum … Auf das Wohl Ihres Herrn Bruders!“

Damit schloß das etwas difficile Zwiegespräch, dem
alle mit einiger Verlegenheit gefolgt waren. Nur nicht
die Schmargendorf. „Ach,“ sagte diese, während sie sich
halb in den Vorhängen versteckte, „wenn wir von dem
Wein trinken, dann hören wir auch immer dieselbe Geschichte. Die Domina muß sich damals sehr über den
alten Herrn von Stechlin geärgert haben. Und doch
hat er eigentlich recht; schon der bloße Name stimmt
ernst und feierlich und es liegt was drin, das einem
Christenmenschen denn doch zu denken giebt. Und
gerade wenn man so recht vergnügt ist.“

„Darauf wollen wir anstoßen,“ sagte Czako, völlig
im Dunkeln lassend, ob er mehr den Christenmenschen
oder den Ernst oder das Vergnügtsein meinte.

„Und überhaupt,“ fuhr die Schmargendorf fort,
„die Weine müßten eigentlich alle anders heißen, oder
wenigstens sehr sehr viele.“

„Ganz meine Meinung, meine Gnädigste,“ sagte
Czako. „Da sind wirklich so manche … Man darf
aber andrerseits das Zartgefühl nicht überspannen. Will
man das, so bringen wir uns einfach um die reichsten
Quellen wahrer Poesie. Da haben wie beispielsweise,
so ganz allgemein und bloß als Gattungsbegriff, die
‚Milch der Greise‘, — zunächst ein durchaus unbeanstandenswertes Wort. Aber alsbald (denn unsre Sprache
liebt solche Spiele) treten mannigfache Fort- und Weiterbildungen, selbst Geschlechtsüberspringungen an uns
heran, und ehe wir's uns versehen, hat sich
die ‚Milch der Greise‘ in eine ‚Liebfrauenmilch‘ verwandelt.“

„Hihi … Ja, Liebfrauenmilch, die trinken wir
auch. Aber nur selten. Und es ist auch nicht der Name,
woran ich eigentlich dachte.“

„Sicherlich nicht, meine Gnädigste. Denn wir haben
eben noch andre, decidiertere, denen gegenüber uns dann
nur noch das Refugium der französischen Aussprache bleibt.“

„Hihi … Ja, französisch, da geht es. Aber doch
auch nicht immer, und jedesmal, wenn Rentmeister Fix
unser Gast ist und die Triglaff die Flasche hin und her
dreht (und ich habe gesehen, daß sie sie dreimal herumdrehte), dann lacht Fix … Übrigens sieht es so aus,
als ob die Domina noch was auf dem Herzen hätte;
sie macht ein so feierliches Gesicht. Oder vielleicht will
sie auch bloß die Tafel aufheben.“

Und wirklich, es war so, wie die Schmargendorf
vermutete. „Meine Herren,“ sagte die Domina, „da
Sie zu meinem Leidwesen so früh fort wollen (wir
haben nur noch wenig über eine Viertelstunde), so
geb' ich anheim, ob wir den Kaffee lieber in meinem
Zimmer nehmen wollen oder draußen unter dem Holunderbaum.“

Eine Gesamtantwort wurde nicht laut, aber während
man sich unmittelbar danach erhob, küßte Czako der
Schmargendorf die Hand und sagte mit einem gewissen
Empressement: „Unter dem Holunderbaum also.“

Die Schmargendorf verstand nicht im entferntesten,
auf was es sich bezog. Aber das war Czako gleich.
Ihm lag lediglich daran, sich ganz privatim, ganz für
sich selbst, die Schmargendorf auf einen kurzen aber
großen Augenblick als „Käthchen“ vorstellen zu können.

Im übrigen zeigte sich's, daß nicht bloß Czako,
sondern auch Rex und Woldemar für den Holunderbaum waren, und so näherte man sich denn diesem.

Es war derselbe Baum, den die Herren schon beim
Einreiten in den Klosterhof gesehen, aber in jenem
Augenblick wenig beachtet hatten. Jetzt erst bemerkten
sie, was es mit ihm auf sich habe. Der Baum, der
uralt sein mochte, stand außerhalb des Gehöftes, war
aber, ähnlich wie der Pflaumenbaum im Garten, mit
seinem Gezweig über das zerbröckelte Gemäuer fortgewachsen. Er war an und für sich schon eine Pracht.
Was ihm aber noch eine besondere Schönheit lieh, das
war, daß sein Laubendach von ein paar dahinter
stehenden Ebereschenbäumen wie durchwachsen war, so
daß man überall, neben den schwarzen Fruchtdolden des
Holunders die leuchtenden roten Ebereschenbüschel sah.
Auch das verschiedene Laub schattierte sich. Rex und
Czako waren aufrichtig entzückt, beinahe mehr als zulässig. Denn so reizend die Laube selbst war, so
zweifelhaft war das unmittelbar vor ihnen in großer Unordnung und durchaus ermangelnder Sauberkeit ausgebreitete Hofbild. Aber pittoresk blieb es doch. Zusammengemörtelte Feldsteinklumpen lagen in hohem
Grase, dazwischen Karren und Düngerwagen, Enten- und Hühnerkörbe, während ein kollernder Truthahn
von Zeit zu Zeit bis dicht an die Laube herankam,
sei's aus Neugier oder um sich mit der Triglaff zu
messen.

Als sechs Uhr heran war, erschien Fritz und führte
die Pferde vor. Czako wies darauf hin. Bevor er
aber noch an die Domina herantreten und ihr einige
Dankesworte sagen konnte, kam die Schmargendorf, die
kurz vorher ihren Platz verlassen, mit dem großen Kohlblatt zurück, auf dem die beiden zusammengewachsenen
Pflaumen lagen. „Sie wollten mir entgehen, Herr von
Czako. Das hilft Ihnen aber nichts. Ich will mein
Vielliebchen gewinnen. Und Sie sollen sehen, ich siege.“

„Sie siegen immer, meine Gnädigste.“

Neuntes Kapitel.

Rex und Czako ritten ab; Fritz führte Woldemars
Pferd am Zügel. Aber weder die Schmargendorf noch
die Triglaff erwiesen sich, als die beiden Herren fort
und die drei Damen samt Woldemar in die Wohnräume zurückgekehrt waren, irgendwie beflissen, das Feld
zu räumen, was die Domina, die wegen zu verhandelnder
difficiler Dinge mit ihrem Neffen allein sein wollte, stark
verstimmte. Sie zeigte das auch, war steif und schweigsam und belebte sich erst wieder, als die Schmargendorf
mit einemmale glückstrahlend versicherte: jetzt wisse sie's;
sie habe noch eine Photographie, die wolle sie gleich an
Herrn von Czako schicken, und wenn er dann morgen
mittag von Cremmen her in Berlin einträfe, dann werd'
er Brief und Bild schon vorfinden und auf der Rückseite des Bildes ein „Guten morgen, Vielliebchen.“
Die Domina fand alles so lächerlich und unpassend wie
nur möglich, weil ihr aber daran lag, die Schmargendorf los zu werden, so hielt sie mit ihrer wahren
Meinung zurück und sagte: „Ja, liebe Schmargendorf,
wenn Sie so was vorhaben, dann ist es allerdings
die höchste Zeit. Der Postbote kann gleich kommen.“
Und wirklich, die Schmargendorf ging, nur die Triglaff
zurücklassend, deren Auge sich jetzt von der Domina zu
Woldemar hinüber und dann wieder von Woldemar
zur Domina zurückbewegte. Sie war bei dem allem
ganz unbefangen. Ein Verlangen, etwas zu belauschen
oder von ungefähr in Familienangelegenheiten eingeweiht zu werden, lag ihr völlig fern, und alles, was
sie trotzdem zum Ausharren bestimmte, war lediglich
der Wunsch, solchem historischen Beisammensein eine
durch ihre Triglaffgegenwart gesteigerte Weihe zu
geben. Indessen schließlich ging auch sie. Man
hatte sich wenig um sie gekümmert, und Tante und
Neffe ließen sich, als sie jetzt allein waren, in zwei
braune Plüschfauteuils (Erbstücke noch vom Schloß
Stechlin her) nieder, Woldemar allerdings mit äußerster
Vorsicht, weil die Sprungfedern bereits jenen Altersgrad erreicht hatten, wo sie nicht nur einen dumpfen
Ton von sich zu geben, sondern auch zu stechen anfangen.

Die Tante bemerkte nichts davon, war vielmehr
froh, ihren Neffen endlich allein zu haben und sagte
mit rasch wiedergewonnenem Behagen: „Ich hätte dir
schon bei Tische gern was Bessres an die Seite gegeben;
aber wir haben hier, wie du weißt, nur unsre vier Konventualinnen, und von diesen vieren sind die Schmargendorf und die Triglaff immer noch die besten. Unsre
gute Schimonski, die morgen einundachtzig wird, ist
eigentlich ein Schatz, aber leider stocktaub, und die
Teschendorf, die mal Gouvernante bei den Esterhazys
war und auch noch den Fürsten Schwarzenberg, dessen
Frau in Paris verbrannte, gekannt hat, ja, die hätt'
ich natürlich solchem feinen Herrn wie dem Herrn von
Rex, gerne vorgesetzt, aber es ist ein Unglück, die arme
Person, die Teschendorf, ist so zittrig und kann den
Löffel nicht recht mehr halten. Da hab' ich denn doch
lieber die Triglaff genommen; sie ist sehr dumm, aber
doch wenigstens manierlich, so viel muß man ihr lassen.
Und die Schmargendorf …“

Woldemar lachte.

„Ja, du lachst, Woldemar, und ich will dir auch
nicht bestreiten, daß man über die gute Seele lachen
kann. Aber sie hat doch auch was Gehaltvolles in ihrer
Natur, was sich erst neulich wieder in einem intimen
Gespräch mit unserm Fix zeigte, der trotz aller Bekenntnisstrenge (die selbst Koseleger ihm zugesteht) an unserm
letzten Whistabend Äußerungen that, die wir alle tief
bedauern mußten, wir, die wir die Whistpartie machten,
nun schon ganz gewiß, aber auch die gute, taube Schimonski, der wir, weil sie uns so aufgeregt sah, alles
auf einen Zettel schreiben mußten.“

„Und was war es denn?“

„Ach, es handelte sich um das, was uns allen,
wie du dir denken kannst, jetzt das Teuerste bedeutet, um
den ,Wortlaut‘. Und denke dir, unser Fix war dagegen.
Er mußte wohl denselben Tag was gelesen haben, was
ihn abtrünnig gemacht hatte. Personen wie Fix sind
sehr bestimmbar. Und kurz und gut, er sagte: das mit
dem ,Wortlaut‘, das ginge nicht länger mehr, die ‚Werte‘
wären jetzt anders, und weil die Werte nicht mehr dieselben wären, müßten auch die Worte sich danach richten
und müßten gemodelt werden. Er sagte ,gemodelt‘. Aber
was er am meisten immer wieder betonte, das waren
die ,Werte‘ und die Notwendigkeit der ,Umwertung‘.“

„Und was sagte die Schmargendorf dazu?“

„Du hast ganz recht, mich dabei wieder auf die
Schmargendorf zu bringen. Nun, die war außer sich
und hat die darauf folgende Nacht nicht schlafen können.
Erst gegen Morgen kam ihr ein tiefer Schlaf, und da
sah sie, so wenigstens hat sie's mir und dem Superintendenten versichert, einen Engel, der mit seinem Flammenfinger immer auf ein Buch wies und in dem Buch auf
eine und dieselbe Stelle.“

„Welche Stelle?“

„Ja, darüber war ein Streit; die Schmargendorf
hatte sie genau gelesen und wollte sie hersagen. Aber
sie sagte sie falsch, weil sie Sonntags in der Kirche nie
recht aufpaßt. Und wir sagten ihr das auch. Und denke
dir, sie widersprach nicht und blieb überhaupt ganz ruhig
dabei. ‚Ja‘, sagte sie, „sie wisse recht gut, daß sie die
Stelle falsch hergesagt hätte, sie habe nie was richtig
hersagen können; aber das wisse sie ganz genau, die
Stelle mit dem Flammenfinger, das sei der ‚Wortlaut‘
gewesen.“

„Und das hast du wirklich alles geglaubt, liebe
Tante? Diese gute Schmargendorf! Ich will ihr ja
gerne folgen; aber was ihren Traum angeht, da kann
ich beim besten Willen nicht mit. Es wird ihr ein Amtmann erschienen sein oder ein Pastor. Dreißig Jahre
früher wär' es ein Student gewesen.“

„Ach, Woldemar, sprich doch nicht so. Das ist ja
die neue Façon, in der die Berliner sprechen, und in
dem Punkt ist einer wie der andre. Dein Freund Czako
spricht auch so. Du mokierst dich jetzt über die gute
Schmargendorf, und dein Freund, der Hauptmann, so
viel hab ich ganz deutlich gesehen, that es auch und
hat sie bei Tische geuzt.“

„Geuzt?“

„Du wunderst dich über das Wort, und ich wundre
mich selber darüber. Aber daran ist auch unser guter
Fix schuld. Der ist alle Monat mal nach Berlin 'rüber
und wenn er dann wiederkommt, dann bringt er so was
mit, und wiewohl ich's unpassend finde, nehm' ich's doch
an und die Schmargendorf auch. Bloß die Triglaff
nicht und natürlich die gute Schimonski auch nicht, wegen
der Taubheit. Ja, Woldemar, ich sage ‚geuzt‘, und dein
Freund Czako hätt' es lieber unterlassen sollen. Aber
das muß wahr sein, er ist amüsant, wenn auch ein
bißchen auf der Wippe. Siehst du ihn oft?“

„Nein, liebe Tante. Nicht oft. Bedenke die weiten
Entfernungen. Von unsrer Kaserne bis zu seiner, oder
auch umgekehrt, das ist eine kleine Reise. Dazu kommt
noch, daß wir vor unserm Hallischen Thor eigentlich gar
nichts haben, bloß die Kirchhöfe, das Tempelhofer Feld
und das Rotherstift.“

„Aber ihr habt doch die Pferdebahn, wenn ihr
irgendwo hin wollt. Beinah' muß ich sagen leider.
Denn es giebt mir immer einen Stich, wenn ich mal
in Berlin bin, so die Offiziere zu sehen, wie sie da
hinten stehen und Platz machen, wenn eine Madamm
aufsteigt, manchmal mit 'nem Korb und manchmal auch
mit 'ner Spreewaldsamme. Mir immer ein Horreur.“

„Ja, die Pferdebahn, liebe Tante, die haben wir
freilich, und man kann mit ihr in einer halben Stunde
bis in Czakos Kaserne. Der weite Weg ist es auch
eigentlich nicht, wenigstens nicht allein, weshalb ich Czako
so selten sehe. Der Hauptgrund ist doch wohl der, er paßt
nicht so ganz zu uns und eigentlich auch kaum zu seinem
Regiment. Er ist ein guter Kerl, aber ein Äquivokenmensch und erzählt immer Nachmitternachtsgeschichten.
Wenn man ihn allein hat, geht es. Aber hat er ein
Publikum, dann kribbelt es ihn ordentlich, und je feiner
das Publikum ist, desto mehr. Er hat mich schon oft
in Verlegenheit gebracht. Ich muß sagen, ich hab' ihn
sehr gern, aber gesellschaftlich ist ihm Rex doch sehr
überlegen.“

„Ja, Rex; natürlich. Das hab' ich auch gleich
bemerkt, ohne mir weiter Rechenschaft darüber zu geben.
Du wirst es aber wissen, wodurch er ihm überlegen ist.“

„Durch vieles. Erstens, wenn man die Familien
abwägt. Rex ist mehr als Czako. Und dann ist Rex
Kavallerist.“

„Aber ich denke, er ist Ministerialassessor.“

„Ja, das ist er auch. Aber nebenher, oder vielleicht noch darüber hinaus, ist er Offizier, und sogar in
unsrer Dragonerbrigade.“

„Das freut mich; da ist er ja so gut wie ein
Spezialkamerad von dir.“

„Ich kann das zugeben und doch auch wieder nicht.
Denn erstens ist er in der Reserve, und zweitens steht
er bei den zweiten Dragonern.“

„Macht das 'nen Unterschied?“

„Gott, Tante, wie man's nehmen will. Ja und
nein. Bei Mars la Tour haben wir dieselbe Attacke
geritten.“

„Und doch …“

„Und doch ist da ein gewisses je ne sais quoi.“

„Sage nichts Französisches. Das verdrießt mich
immer. Manche sagen jetzt auch Englisches, was mir
noch weniger gefällt. Aber lassen wir das; ich finde
nur, es wäre doch schrecklich, wenn es so bloß nach der
Zahl ginge. Was sollte denn da das Regiment anfangen, bei dem ein Bruder unsrer guten Schmargendorf steht? Es ist, glaube ich, das hundertfünfundvierzigste.“

„Ja, wenn es so hoch kommt, dann verthut es sich
wieder. Aber so bei der Garde …“

Die Domina schüttelte den Kopf. „Darin, mein
lieber Woldemar, kann ich dir doch kaum folgen. Unser
Fix sagt mitunter, ich sei zu exklusiv, aber so exklusiv
bin ich doch noch lange nicht. Und solch Verstandesmensch, wie du bist, so ruhig und dabei so ,abgeklärt‘,
wie manche jetzt sagen, und Gott verzeih mir die Sünde,
auch so liberal, worüber selbst dein Vater klagt. Und
nun kommst du mir mit solchem Vorurteil, ja, verzeih
mir das Wort, mit solchen Überheblichkeiten. Ich erkenne dich darin gar nicht wieder. Und wenn ich nun
das erste Garderegiment nehme, das ist ja doch auch
ein erstes. Ist es denn mehr als das zweite? Man
kann ja sagen, so viel will ich zugeben, sie haben die
Blechmützen und sehen aus, als ob sie lauter Holländerinnen heiraten wollten … Was ihnen schon gefallen sollte.“

„Den Holländerinnen?“

„Nun, denen auch,“ lachte die Tante. „Aber ich
meinte jetzt unsre Leute. Mißverstehe mich übrigens
nicht. Ich weiß recht gut, was es mit den großen
Grenadieren auf sich hat; aber die andern sind doch
ebensogut, und Potsdam ist doch schließlich bloß Potsdam.

„Ja, Tante, das ist es ja eben. Daß sie noch
immer in Potsdam sind, das macht es. Deshalb ist
es nach wie vor die „Potsdamer Wachtparade“. Und
dann das Wort „erstes“ spielt allerdings auch mit. Ein
alter Römer, mit dessen Namen ich dich nicht behelligen will,
der wollte in seinem Potsdam lieber der Erste, als in
seinem Berlin der Zweite sein. Wer der Erste ist, nun, der
ist eben der Erste, und als die andern aufstanden, da
hatte dieser „Erste“ schon seinen Morgenspaziergang gemacht und mitunter was für einen! Sieh, als das
zweite Garderegiment geboren wurde, da hatten die mit
den Blechmützen schon den ganzen Siebenjährigen Krieg
hinter sich. Es ist damit, wie mit dem ältesten Sohn. Der
älteste Sohn kann unter Umständen dümmer und schlechter
sein als sein Bruder, aber er ist der älteste, das kann
ihm keiner nehmen, und das giebt ihm einen gewissen
Vorrang, auch wenn er sonst gar keinen Vorzug hat.
Alles ist göttliches Geschenk. Warum ist der eine hübsch
und der andere häßlich? Und nun gar erst die Damen.
In das eine Fräulein verliebt sich alles, und das
andre spielt bloß Mauerblümchen. Es wird jedem seine
Stelle gegeben. Und so ist es auch mit unserm Regiment.
Wir mögen nicht besser sein als die andern, aber wir
sind die ersten, wir haben die Nummer eins.“

„Ich kann da beim besten Willen nicht recht mit,
Woldemar. Was in unsrer Armee den Ausschlag giebt,
ist doch immer die Schneidigkeit.“

„Liebe Tante, sprich, wovon du willst, nur nicht
davon. Das ist ein Wort für kleine Garnisonen. Wir
wissen, was wir zu thun haben. Dienst ist alles, und
Schneidigkeit ist bloß Renommisterei. Und das ist das,
was bei uns am niedrigsten steht.“

„Gut, Woldemar; was du da zuletzt gesagt hast,
das gefällt mir. Und in diesem Punkte muß ich auch
deinen Vater loben. Er hat vieles, was mir nicht zusagt, aber darin ist er doch ein echter Stechlin. Und
du bist auch so. Und das hab ich immer gefunden,
alle die so sind, die schießen zuletzt doch den Vogel ab,
ganz besonders auch bei den Damen.

Dies „bei den Damen“ war nicht ohne Absicht
gesprochen und schien auf das bis dahin vorsichtig vermiedene Hauptthema hinüberführen zu sollen. Aber ehe
die Tante noch eine direkte Frage stellen konnte, wurde
der Rentmeister gemeldet, der ihr in diesem Augenblicke sehr ungelegen kam. Die Domina wandte sich
denn auch in sichtlicher Verstimmung an Woldemar und
sagte: „Soll ich ihn fortschicken?“

„Es wird kaum gehen, liebe Tante.“

„Nun denn.“

Und gleich darnach trat Fix ein.

Zehntes Kapitel.

Während Woldemar und die Domina miteinander
plauderten, erst im Tete-a-Tete, dann in Gegenwart
von Rentmeister Fix, ritten Rex und Czako (Fritz mit
dem Leinpferd folgend) auf Cremmen zu. Das war noch
eine tüchtige Strecke, gute drei Meilen. Aber trotzdem
waren beide Reiter übereingekommen, nichts zu übereilen und sich's nach Möglichkeit bequem zu machen.
„Es ist am Ende gleichgültig, ob wir um acht oder um
neun über den Cremmer Damm reiten. Das bißchen
Abendrot, das da drüben noch hinter dem Kirchturm
steht … Fritz, wie heißt er? Welcher Kirchturm ist
es? …“ — „Das ist der Wulkowsche, Herr Hauptmann!“ — „… Also, das bißchen Abendrot, das da
noch hinter dem Wulkowschen steht, wird ohnehin nicht
lange mehr vorhalten. Dunkel wird's also doch, und
von dem Hohenlohedenkmal, das ich mir übrigens gern
einmal näher angesehen hätte (man muß so was immer
auf dem Hinwege mitnehmen), kommt uns bei Tageslicht nichts mehr vor die Klinge. Das Denkmal liegt
etwas ab vom Wege.“

„Schade,“ sagte Rex.

„Ja, man kann es beinah' sagen. Ich für meine
Person komme schließlich drüber hin, aber ein Mann
wie Sie, Rex, sollte dergleichen mehr wallfahrtartig
auffassen.“

„Ach Czako, Sie reden wieder tolles Zeug, diesmal mit einem kleinen Abstecher ins Lästerliche. Was
soll ‚Wallfahrt‘ hier überhaupt? Und dann, was haben
Sie gegen Wallfahrten? Und was haben Sie gegen
die Hohenlohes?“

„Gott, Rex, wie Sie sich wieder irren. Ich habe
nichts gegen die einen, und ich habe nichts gegen die
andern. Alles, was ich von Wallfahrten gelesen habe,
hat mich immer nur wünschen lassen, mal mit dabei
zu sein. Und ad vocem der Hohenlohes, so kann ich
Ihnen nur sagen, für die hab' ich sogar was übrig
in meinem Herzen, viel, viel mehr als für unser eigentliches Landesgewächs. Oder wenn Sie wollen, für unsre
Autochthonen.“

„Und das meinen Sie ganz ernsthaft?“

„Ganz ernsthaft. Und wir wollen mal fünf
Minuten wie vernünftige Leute darüber reden. Wenn
ich sage ‚wir‘, so meine ich natürlich mich. Denn Sie
sprechen immer vernünftig. Vielleicht ein bißchen
zu sehr.“

Rex lächelte. „Nun gut; ich will's Ihnen glauben.“

„Also die Hohenlohes,“ fuhr Czako fort. „Ja,
wie steht es damit? Wie liegt da die Sache? Da
kommt hier so Anno Domini ein Burggraf ins Land,
und das Land will ihn nicht, und er muß sich alles
erst erobern, die Städte beinah und die Schlösser
gewiß. Und die Herzen natürlich erst recht. Und der
Kaiser sitzt mal wieder weitab und kann ihm nicht helfen.
Und da hat nun dieser Nürnberger Burggraf, wenn's
hoch kommt, ein halbes Dutzend Menschen um sich,
schwäbische Leute, die mit ihm in diese Mördergrube hinabsteigen. Denn ein bißchen so was war es. Und geht
auch gleich los, und die Quitzows und die, die's sein
wollen, rufen die Pommern ins Land, und hier auf
diesem alten Cremmer Damm stoßen sie zusammen, und
die paar, die da fallen, das sind eben die Schwaben,
die's gewagt hatten und mit in den Kahn gestiegen
waren. Allen vorauf aber ein Graf, so ein Herr in mittleren
Jahren. Der fiel zuerst und versank in den Sumpf,
und da liegt er. Das heißt, sie haben ihn rausgeholt,
und nun liegt er in der Klosterkirche. Und dieser eine,
der da voran fiel, der hieß Hohenlohe.“

„Ja, Czako, das weiß ich ja alles. Das steht ja
schon im Brandenburgischen Kinderfreund. Sie denken
aber immer, Sie haben so was allein gepachtet.“

„Immer vorsichtig, Rex; im Kinderfreund steht es.
Gewiß. Aber was steht nicht alles, — von Kinderfreund garnicht zu reden — in Bibel und Katechismus
und die Leute wissen es doch nicht. Ich zum Beispiel.
Und ob es nun drin steht oder nicht drin steht, ich sage
nur: so hat es angefangen, und so läuft der Hase noch.
Oder glauben Sie, daß der alte Fürst, der jetzt dran
ist, daß der zu seinem Spezialvergnügen in unser sogenanntes Reichskanzlerpalais gezogen ist, drin die Bismarckschen Nachfolger, die sich wahrhaftig nicht darnach
drängten, ihre Tage vertrauern? Ein Opfer ist es,
nicht mehr und nicht weniger, und ein Opfer bringt
auch der alte Fürst, gerade wie der, der damals am
Cremmer Damm als erster fiel. Und ich sage Ihnen,
Rex, das ist das, was mir imponiert; immer da sein,
wenn Not an Mann ist. Die Kleinen von hier, trotz
der ‚Loyalität bis auf die Knochen‘, die mucken immer
bloß auf, aber die wirklich Vornehmen, die gehorchen,
nicht einem Machthaber, sondern dem Gefühl ihrer
Pflicht.“

Rex war einverstanden und wiederholte nur: „Schade,
daß wir so spät an dem Denkmal vorbeikommen.“

„Ja, schade,“ sagte Czako. „Wir müssen es uns
aber schenken. Im übrigen, denk' ich, lassen wir in
dem, was wir uns noch weiter zu sagen haben, die
Hohenlohes aus dem Spiel. Andres liegt uns heute
näher. Wie hat Ihnen denn eigentlich die Schmargendorf gefallen?“

„Ich werde mich hüten, Czako, Ihnen darauf zu
antworten. Außerdem haben Sie sie durch den Garten
geführt, nicht ich, und mir war immer, als ob ich Faust
und Gretchen sähe.“

Czako lachte. „Natürlich schwebt Ihnen das andre
Paar vor, und ich bin nicht böse darüber. Die Rolle,
die mir dabei zufällt — der mit der Hahnenfeder ist
doch am Ende 'ne andre Nummer wie der sentimentale
‚Habe-nun-ach-Mann‘ — diese Mephistorolle, sag' ich,
gefällt mir besser, und was die Schmargendorf angeht,
so kann ich nur sagen: Von meiner Martha lass' ich nicht.“

„Czako, Sie münden wieder ins Frivole.“

„Gut, gut, Rex, Sie werden unwirsch, und Sie
sollen recht haben. Lassen wir also die Schmargendorf
so gut wie die Hohenlohes. Aber über die Domina
ließe sich vielleicht sprechen, und sind wir erst bei der
Tante, so sind wir auch bald bei dem Neffen. Ich fürchte,
unser Freund Woldemar befindet sich in diesem Augenblick in einer scharfen Zwickmühle. Die Domina liegt
ihm seit Jahr und Tag (er hat mir selber Andeutungen
darüber gemacht) mit Heiratsplänen in den Ohren, mutmaßlich weil ihr die Vorstellung einer Stechlinlosen Welt
einfach ein Schrecknis ist. Solche alten Jungfern mit
einer Granatbrosche haben immer eine merkwürdig hohe
Meinung von ihrer Familie. Freilich auch andre, die
klüger sein sollten. Unsre Leute gefallen sich nun 'mal
in der Idee, sie hingen mit dem Fortbestande der göttlichen Weltordnung aufs engste zusammen. In Wahrheit liegt es so, daß wir sämtlich abkommen können.
Ohne die Czakos geht es nun schon gewiß, wofür sozusagen historisch-symbolisch der Beweis erbracht ist.“

„Und die Rex?“

„Vor diesem Namen mach' ich Halt.“

„Wer's Ihnen glaubt. Aber lassen wir die Rex
und lassen wir die Czakos, und bleiben wir bei den
Stechlins, will sagen bei unserm Freunde Woldemar.
Die Tante will ihn verheiraten, darin haben Sie recht.“

„Und ich habe wohl auch recht, wenn ich das eine
heikle Lage nenne. Denn ich glaube, daß er sich seine
Freiheit wahren will und mit Bewußtsein auf den Célibataire lossteuert.“

„Ein Glauben, in dem Sie sich, lieber Czako, wie
jedesmal, wenn Sie zu glauben anfangen, in einem
großen Irrtum befinden.“

„Das kann nicht sein.“

„Es kann nicht bloß sein, es ist. Und ich wundre
mich nur, daß gerade Sie, der Sie doch sonst das Gras
wachsen hören und allen Gesellschaftsklatsch kennen wie
kaum ein zweiter, daß gerade Sie von dem allen kein
Sterbenswörtchen vernommen haben sollen. Sie verkehren doch auch bei den Xylanders, ja, ich glaube, Sie
da, letzten Winter, mal kämpfend am Büffett gesehen zu
haben.“

„Gewiß.“

„Und da waren an jenem Abend auch die Berchtesgadens, Baron und Frau, und in lebhaftestem Gespräche
mit diesem bayerischen Baron ein distinguierter alter Herr
und zwei Damen. Und diese drei, das waren die Barbys.“

„Die Barbys,“ wiederholte Czako, „Botschaftsrat
oder dergleichen. Ja, gewiß, ich habe davon gehört;
aber ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, ihn und die
Damen gesehen zu haben. Und sicherlich nicht an jenem
Abend, wo ja von Vorstellen keine Rede war, die reine
Völkerschlacht. Aber Sie wollten mir, glaube ich, von
eben diesen Barbys erzählen.“

„Ja, das wollt' ich. Ich wollte Sie nämlich wissen
lassen, daß Ihr Célibataire seit Ausgang vorigen Winters
in eben diesem Hause regelmäßig verkehrt.“

„Er wird wohl in vielen Häusern verkehren.“

„Möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich, da das
eine Haus ihn ganz in Anspruch nimmt.“

„Nun gut, so lassen wir ihn bei den Barbys. Aber
was bedeutet das.“

„Das bedeutet, daß in einem solchen Hause verkehren und sich mit einer Tochter verloben so ziemlich
ein und dasselbe ist. Bloß eine Frage der Zeit. Und
die Tante wird sich damit aussöhnen müssen, auch wenn
sie, wie beinah gewiß, über ihr Herzblatt bereits anders
verfügt haben sollte. Solche Dinge begleichen sich indessen fast immer. Unser Woldemar wird sich aber mittlerweile vor ganz andre Schwierigkeiten gestellt sehen.“

„Und die wären? Ist er nicht vornehm genug?
Oder mankiert vielleicht Gegenliebe?“

„Nein, Czako, von ‚mankierender Gegenliebe‘, wie
Sie sich auszudrücken belieben, kann keine Rede sein.
Die Schwierigkeiten liegen in was anderm. Es sind
da nämlich, wie ich mir schon anzudeuten erlaubte, zwei
Comtessen im Hause. Nun, die jüngere wird es wohl
werden, schon weil sie eben die jüngere ist. Aber so
ganz sicher ist es doch keineswegs. Denn auch die ältere,
wiewohl schon über dreißig, ist sehr reizend und zum
Überfluß auch noch Witwe — das heißt eigentlich nicht
Witwe, sondern richtiger eine gleich nach der Ehe geschiedene
Frau. Sie war nur ein halbes Jahr verheiratet, oder
vielleicht auch nicht verheiratet.“

„Verheiratet, oder vielleicht auch nicht verheiratet,“
wiederholte Czako, während er unwillkürlich sein Pferd
anhielt. „Aber Rex, das ist ja hoch pikant. Und daß
ich erst heute davon höre und noch dazu durch Sie, der
Sie sich von solchen Dingen doch zunächst entsetzt abwenden müßten. Aber so seid ihr Konventikler. Schließlich ist all dergleichen doch eigentlich euer Lieblingsfeld.
Und nun erzählen Sie weiter, ich bin neugierig wie ein
Backfisch. Wer war denn der unglücklich Glückliche?“

„Sie meinen, wenn ich Sie recht verstehe, wer es
war, der diese ältere Comtesse heiratete. Nun, dieser
glücklich Unglückliche — oder vielleicht auch umgekehrt —
war auch Graf, sogar ein italienischer (vorausgesetzt, daß
Sie dies als eine Steigerung ansehn), und hatte natürlich einen echt italienischen Namen: Conte Ghiberti, derselbe Name wie der des florentinischen Bildhauers, von
dem die berühmten Thüren herrühren.“

„Welche Thüren?“

„Nun, die berühmten Baptisteriumthüren in Florenz,
von denen Michelangelo gesagt haben soll, ‚sie wären
wert, den Eingang zum Paradiese zu bilden‘. Und diese
Thüren heißen denn auch, ihrem großen Künstler zu
Ehren, die Ghibertischen Thüren. Übrigens eine Sache,
von der ein Mann wie Sie was wissen müßte.“

„Ja, Rex, Sie haben gut reden von ‚wissen müssen‘.
Sie sind aus einem großen Hause, haben mutmaßlich
einen frommen Kandidaten als Lehrer gehabt und sind
dann auf Reisen gegangen, wo man so feine Dinge
wegkriegt. Aber ich! Ich bin aus Ostrowo.“

„Das ändert nichts.“

„Doch, doch, Rex. Italienische Kunst! Ich bitte
Sie, wo soll dergleichen bei mir herkommen? Was
Hänschen nicht lernt, — dabei bleibt es nun mal. Ich
erinnere mich noch ganz deutlich einer Auktion in Ostrowo,
bei der (es war in einem kommerzienrätlichen Hause)
schließlich ein roter Kasten zur Versteigerung kam, ein
Kasten mit Doppelbildern und einem Opernkucker dazu,
der aber keiner war. Und all das kaufte sich meine
Mutter. Und an diesem Stereoskopenkasten, ein Wort,
das ich damals noch nicht kannte, habe ich meine
italienische Kunst gelernt. Die ,Thüren‘ waren aber
nicht dabei. Was können Sie da groß verlangen? Ich
habe, wenn sie das Wort gelten lassen wollen, 'ne
Panoptikumbildung.“

Rex lachte. „Nun, gleichviel. Also der Graf, der
die ältere Comtesse Barby heiratete, hieß Ghiberti.
Seiner Ehe fehlten indes durchaus die Himmelsthüren,
— soviel läßt sich mit aller Bestimmtheit sagen. Und
deshalb kam es zur Scheidung. Ja, mehr, die scharmante Frau (‚scharmant‘ ist übrigens ein viel zu plebejes
und minderwertiges Wort) hat in ihrer Empörung den
Namen Ghiberti wieder abgethan, und alle Welt nennt
sie jetzt nur noch bei ihrem Vornamen.“

„Und der ist?“

„Melusine.“

„Melusine? Hören Sie, Rex, das läßt aber tief
blicken.“

Unter diesem Gespräch waren sie bis an den
Cremmer Damm herangekommen. Es dunkelte schon
stark, und ein Gewölk, das am Himmel hinzog, verbarg die Mondsichel. Ein paarmal indessen trat sie
hervor, und dann sahen sie bei halber Beleuchtung das
Hohenlohedenkmal, das unten im Luche schimmerte.
Hinunterzureiten, was noch einmal flüchtig in Erwägung
gezogen wurde, verbot sich, und so setzten sie sich in
einen munteren Trab und hielten erst wieder in Cremmen
vor dem Gasthause zum „Markgrafen Otto“. Es schlug
eben neun von der Nikolaikirche.

Drinnen war man bald in einem lebhaften Gespräch, in dem sich Rex über die in der Stadt herrschende Gesinnung und Kirchlichkeit zu unterrichten suchte.
Der Wirt stellte der einen wie der andern ein gleich
gutes Zeugnis aus und hatte die Genugthuung, daß
ihm Rex freundlich zunickte. Czako aber sagte: „Sagen
Sie, Herr Wirt, Sie haben da ein so schönes Billard:
ich habe mir jüngst erst sagen lassen, wenn 's wirklich
flott gehe, so könne man's im Jahr bis auf dreitausend
Mark bringen. Natürlich bei zwölfstündigem Arbeitstag.
Wie steht es damit? Für möglich halt' ich es.“

Nach dem „Eierhäuschen“.

Elftes Kapitel.

Die Barbys, der alte Graf und seine zwei Töchter,
lebten seit einer Reihe von Jahren in Berlin und zwar
am Kronprinzenufer, zwischen Alsen- und Moltkebrücke.
Das Haus, dessen erste Etage sie bewohnten, unterschied
sich, ohne sonst irgendwie hervorragend zu sein (Berlin
ist nicht reich an Privathäusern, die Schönheit und
Eigenart in sich vereinigen), immerhin vorteilhaft von
seinen Nachbarhäusern, von denen es durch zwei Terrainstreifen getrennt wurde; der eine davon ein kleiner
Baumgarten, mit allerlei Buschwerk dazwischen, der
andre ein Hofraum mit einem zierlichen malerisch wirkenden Stallgebäude, dessen obere Fenster, hinter denen
sich die Kutscherwohnung befand, von wildem Wein umwachsen waren. Schon diese Lage des Hauses hätte demselben ein bestimmtes Maß von Aufmerksamkeit gesichert,
aber auch seine Fassade mit ihren zwei Loggien links
und rechts ließ die des Weges Kommenden unwillkürlich
ihr Auge darauf richten. Hier, in eben diesen Loggien,
verbrachte die Familie mit Vorliebe die Früh- und
Nachmittagsstunden und bevorzugte dabei, je nach der
Jahreszeit, mal den zum Zimmer des alten Grafen gehörigen, in pompejischem Rot gehaltenen Einbau, mal
die gleichartige Loggia, die zum Zimmer der beiden
jungen Damen gehörte. Dazwischen lag ein dritter großer
Raum, der als Repräsentations- und zugleich als Eßzimmer diente. Das war, mit Ausnahme der Schlaf- und Wirtschaftsräume, das Ganze, worüber man Verfügung hatte; man wohnte mithin ziemlich beschränkt,
hing aber sehr an dem Hause, so daß ein Wohnungswechsel oder auch nur der Gedanke daran, so gut wie
ausgeschlossen war. Einmal hatte die liebenswürdige,
besonders mit Gräfin Melusine befreundete Baronin
Berchtesgaden einen solchen Wohnungswechsel in Vorschlag gebracht, aber nur um sofort einem lebhaften
Widerspruche zu begegnen. „Ich sehe schon, Baronin,
Sie führen den ganzen Lennéstraßenstolz gegen uns
ins Gefecht. Ihre Lennéstraße! Nun ja, wenn's sein
muß. Aber was haben Sie da groß? Sie haben den
Lessing ganz und den Goethe halb. Und um beides
will ich Sie beneiden und Ihnen auch die Spreewaldsammen in Rechnung stellen. Aber die Lennéstraßenwelt
ist geschlossen, ist zu, sie hat keinen Blick ins Weite,
kein Wasser, das fließt, keinen Verkehr, der flutet. Wenn
ich in unsrer Nische sitze, die lange Reihe der herankommenden Stadtbahnwaggons vor mir, nicht zu nah
und nicht zu weit, und sehe dabei, wie das Abendrot
den Lokomotivenrauch durchglüht und in dem Filigranwerk der Ausstellungsparktürmchen schimmert, was will
Ihre grüne Tiergartenwand dagegen?“ Und dabei wies
die Gräfin auf einen gerade vorüberdampfenden Zug,
und die Baronin gab sich zufrieden.

Ein solcher Abend war auch heute; die Balkonthür
stand auf, und ein kleines Feuer im Kamin warf seine
Lichter auf den schweren Teppich, der durch das ganze
Zimmer hin lag. Es mochte die sechste Stunde sein
und die Fenster drüben an den Häusern der andern
Seite standen wie in roter Glut. Ganz in der Nähe
des Kamins saß Armgard, die jüngere Tochter, in ihren
Stuhl zurückgelehnt, die linke Fußspitze leicht auf den
Ständer gestemmt. Die Stickerei, daran sie bis dahin
gearbeitet, hatte sie, seit es zu dunkeln begann, aus der
Hand gelegt und spielte statt dessen mit einem Ballbecher, zu dem sie regelmäßig griff, wenn es galt, leere
Minuten auszufüllen. Sie spielte das Spiel sehr geschickt,
und es gab immer einen kleinen hellen Schlag, wenn der
Ball in den Becher fiel. Melusine stand draußen auf
dem Balkon, die Hand an die Stirn gelegt, um
sich gegen die Blendung der untergehenden Sonne zu
schützen.

„Armgard,“ rief sie in das Zimmer hinein, „komm;
die Sonne geht eben unter!“

„Laß. Ich sehe hier lieber in den Kamin. Und
ich habe auch schon zwölfmal gefangen.“

„Wen?“

„Nun natürlich den Ball.“

„Ich glaube, du fingst lieber wen anders. Und
wenn ich dich so dasitzen sehe, so kommt es mir fast
vor, als dächtest du selber auch so was. Du sitzt so
märchenhaft da.“

„Ach, du denkst immer nur an Märchen und
glaubst, weil du Melusine heißt, du hast so was wie
eine Verpflichtung dazu.“

„Kann sein. Aber vor allem glaub' ich, daß ich
es getroffen habe. Weißt du, was?“

„Nun?“

„Ich kann es so leicht nicht sagen. Du sitzt zu
weit ab.“

„Dann komm und sag es mir ins Ohr.“

„Das ist zu viel verlangt. Denn erstens bin ich
die ältere, und zweitens bist du's, die was von mir
will. Aber ich will es so genau nicht nehmen.“

Und dabei ging Melusine vom Balkon her auf
die Schwester zu, nahm ihr das Fangspiel fort und
sagte, während sie ihr die Hand auf die Stirn legte:
„Du bist verliebt.“

„Aber Melusine, was das nun wieder soll! Und
wenn man so klug ist wie du … Verliebt. Das ist
ja gar nichts; etwas verliebt ist man immer.“

„Gewiß. Aber in wen? Da beginnen die Fragen
und die Finessen.“

In diesem Augenblicke ging die Klingel draußen,
und Armgard horchte.

„Wie du dich verrätst,“ lachte Melusine. „Du
horchst und willst wissen, wer kommt.“

Melusine wollte noch weiter sprechen, aber die
Thür ging bereits auf und Lizzi, die Kammerjungfer
der beiden Schwestern, trat ein, unmittelbar hinter ihr
ein Gersonscher Livreediener mit einem in einen Riemen
geschnallten Karton. „Er bringt die Hüte,“ sagte die
Kammerjungfer.

„Ah, die Hüte. Ja, Armgard da müssen wir
freilich unsre Frage vertagen. Was doch wohl auch
deine Meinung ist. Bitte, stellen Sie hin. Aber Lizzi,
du, du bleibst und mußt uns helfen; du hast einen
guten Geschmack. Übrigens ist kein Stehspiegel da?“

„Soll ich ihn holen?“

„Nein, nein, laß. Unsre Köpfe, worauf es doch
bloß ankommt, können wir schließlich auch in diesem
Spiegel sehen … Ich denke, Armgard, du läßt mir
die Vorhand; dieser hier mit dem Heliotrop und den
Stiefmütterchen, der ist natürlich für mich; er hat den
richtigen Frauencharakter, fast schon Witwe.“

Unter diesen Worten setzte sie sich den Hut auf und
trat an den Spiegel. „Nun, Lizzi, sprich.“

„Ich weiß nicht recht, Frau Gräfin, er scheint mir
nicht modern genug. Der, den Comtesse Armgard eben aufsetzt, der würde wohl auch für Frau Gräfin besser passen;
— die hohen Straußfedern, wie ein Ritterhelm, und
auch die Hutform selbst. Hier ist noch einer, fast ebenso
und beinah noch hübscher.“

Beide Damen stellten sich jetzt vor den Spiegel; Armgard, hinter der Schwester stehend und größer als diese,
sah über deren linke Schulter fort. Beide gefielen sich
ungemein und schließlich lachten sie, weil jede der andern
ansah, wie hübsch sie sich fand.

„Ich möchte doch beinah glauben …“ sagte
Melusine, kam aber nicht weiter, denn in eben diesem
Augenblicke trat ein in schwarzen Frack und Escarpins
gekleideter alter Diener ein und meldete: „Rittmeister
von Stechlin.“

Unmittelbar darauf erschien denn auch Woldemar selbst
und verbeugte sich gegen die Damen. „Ich fürchte,
daß ich zu sehr ungelegener Stunde komme.“

„Ganz im Gegenteil, lieber Stechlin. Um wessentwillen quälen wir uns denn überhaupt mit solchen
Sachen? Doch bloß um unsrer Gebieter willen, die
man ja (vielleicht leider) auch noch hat, wenn man sie
nicht mehr hat.“

„Immer die liebenswürdige Frau.“

„Keine Schmeicheleien. Und dann, diese Hüte sind
wichtig. Ich nehm es als eine Fügung, daß Sie da
gerade hinzukommen; Sie sollen entscheiden. Wir haben
freilich schon Lizzis Meinung angerufen, aber Lizzi ist
zu diplomatisch; Sie sind Soldat und müssen mehr
Mut haben; Armgard sprich auch; du bist nicht mehr
jung genug, um noch ewig die Verlegene zu spielen.
Ich bin sonst gegen alle Gutachten, namentlich in Prozeßsachen (ich weiß ein Lied davon zu singen), aber ein
Gutachten von Ihnen, da laß ich all meine Bedenken
fallen. Außerdem bin ich für Autoritäten, und wenn
es überhaupt Autoritäten in Sachen von Geschmack und
Mode giebt, wo wären sie besser zu finden als im
Regiment Ihrer Kaiserlich Königlichen Majestät von
Großbritannien und Indien? Irland laß ich absichtlich
fallen und nehme lieber Indien, woher aller gute Geschmack kommt, alle alte Kultur, alle Shawls und
Teppiche, Buddha und die weißen Elefanten. Also antreten, Armgard; du natürlich an den rechten Flügel,
denn du bist größer. Und nun, lieber Stechlin, wie
finden Sie uns?“

„Aber meine Damen . . .“

„Keine Feigheiten. Wie finden Sie uns?“

„Unendlich nett.“

„Nett? Verzeihen Sie, Stechlin, nett ist kein Wort.
Wenigstens kein nettes Wort. Oder wenigstens ungenügend.“

„Also schlankweg entzückend.“

„Das ist gut. Und zur Belohnung die Frage:
wer ist entzückender?“

„Aber Frau Gräfin, das ist ja die reine Geschichte
mit dem seligen Paris. Bloß, er hatte es viel leichter,
weil es drei waren. Aber zwei. Und noch dazu
Schwestern.“

„Wer? Wer?“

„Nun, wenn es denn durchaus sein muß, Sie,
gnädigste Frau.“

„Schändlicher Lügner. Aber wir behalten diese
zwei Hüte. Lizzi, gieb all das andre zurück. Und
Jeserich soll die Lampen bringen; draußen ein Streifen
Abendrot und hier drinnen ein verglimmendes Feuer,
— das ist denn doch zu wenig oder, wenn man will,
zu gemütlich.“

Die Lampen hatten draußen schon gebrannt, so
daß sie gleich da waren.

„Und nun schließen Sie die Balkonthür, Jeserich,
und sagen Sie's Papa, daß der Herr Rittmeister gekommen. Papa ist nicht gut bei Wege, wieder die neuralgischen Schmerzen; aber wenn er hört, daß Sie da
sind, so thut er ein übriges. Sie wissen, Sie sind sein
Verzug. Man weiß immer, wenn man Verzug ist. Ich
wenigstens hab' es immer gewußt.“

„Das glaub' ich.“

„Das glaub' ich! Wie wollen Sie das erklären?“

„Einfach genug, gnädigste Gräfin. Jede Sache
will gelernt sein. Alles ist schließlich Erfahrung. Und
ich glaube, daß Ihnen reichlich Gelegenheit gegeben
wurde, der Frage ‚Verzug oder Nichtverzug‘ praktisch
näherzutreten.“

„Gut herausgeredet. Aber nun, Armgard, sage
dem Herrn von Stechlin (ich persönlich getraue mich's
nicht), daß wir in einer halben Stunde fort müssen,
Opernhaus, ‚Tristan und Isolde‘. Was sagen Sie dazu? Nicht zu Tristan und Isolde, nein zu der heikleren
Frage, daß wir eben gehen, im selben Augenblick, wo
Sie kommen. Denn ich seh' es Ihnen an, Sie kamen
nicht so bloß um ‚five o'clock tea's‘ willen, Sie hatten
es besser mit uns vor. Sie wollten bleiben …“

„Ich bekenne …“

„Also getroffen. Und zum Zeichen, daß Sie großmütig sind und Verzeihung üben, versprechen Sie, daß
wir Sie bald wiedersehen, recht, recht bald. Ihr Wort
darauf. Und dem Papa, der Sie vielleicht erwartet,
wenn es Jeserich für gut befunden hat, die Meldung
auszurichten, — dem Papa werd' ich sagen, Sie hätten
nicht bleiben können, eine Verabredung, Klub oder
sonst was.“

Während Woldemar nach diesem abschließenden
Gespräch mit Melusine die Treppe hinabstieg und auf
den nächsten Droschkenstand zuschritt, saß der alte Graf
in seinem Zimmer und sah, den rechten Fuß auf einen
Stuhl gelehnt, durch das Balkonfenster auf den AbendHimmel. Er liebte diese Dämmerstunde, drin er sich
nicht gerne stören ließ (am wenigsten gern durch vorzeitig gebrachtes Licht), und als Jeserich, der das alles
wußte, jetzt eintrat, war es nicht, um dem alten Grafen
die Lampe zu bringen, sondern nur um ein paar Kohlen
aufzuschütten.

„Wer war denn da, Jeserich?“

„Der Herr Rittmeister.“

„So, so. Schade, daß er nicht geblieben ist. Aber
freilich, was soll er mit mir? Und der Fuß und die
Schmerzen, dadurch wird man auch nicht interessanter.
Armgard und nun gar erst Melusine, ja, da geht es,
da redet sich's schon besser, und das wird der Rittmeister wohl auch finden. Aber so viel ist richtig, ich
spreche gern mit ihm; er hat so was Ruhiges und
Gesetztes und immer schlicht und natürlich. Meinst du
nicht auch?“

Jeserich nickte.

„Und glaubst du nicht auch (denn warum käme
er sonst so oft), daß er was vorhat?“

„Glaub' ich auch, Herr Graf.“

„Na, was glaubst du?“

„Gott, Herr Graf …“

„Ja, Jeserich, du willst nicht 'raus mit der
Sprache. Das hilft dir aber nichts. Wie denkst du
dir die Sache?“

Jeserich schmunzelte, schwieg aber weiter, weshalb
dem alten Grafen nichts übrig blieb, als seinerseits
fortzufahren. „Natürlich paßt Armgard besser, weil sie
jung ist; es ist so mehr das richtige Verhältnis, und
überhaupt, Armgard ist sozusagen dran. Aber, weiß
der Teufel, Melusine …“

„Freilich, Herr Graf.“

„Also du hast doch auch so was gesehen. Alles
dreht sich immer um die. Wie denkst du dir nun
den Rittmeister? Und wie denkst du dir die Damen?
Und wie steht es überhaupt? Ist es die oder ist es die?

„Ja, Herr Graf, wie soll ich darüber denken? Mit
Damen weiß man ja nie — vornehm und nicht vornehm, klein und groß, arm und reich, das is all eins.
Mit unsrer Lizzi is es gerad' ebenso wie mit Gräfin
Melusine. Wenn man denkt, es is so, denn is es so,
und wenn man denkt, es is so, denn is es wieder so.
Wie meine Frau noch lebte, Gott habe sie selig, die
sagte auch immer: ‚Ja, Jeserich, was du dir bloß
denkst; wir sind eben ein Rätsel.‘ Ach Gott, sie war
ja man einfach, aber das können Sie mir glauben,
Herr Graf, so sind sie alle.“

„Hast ganz recht, Jeserich. Und deshalb können
wir auch nicht gegen an. Und ich freue mich, daß du
das auch so scharf aufgefaßt hast. Du bist überhaupt
ein Menschenkenner. Wo du's bloß her hast? Du hast
so was von 'nem Philosophen. Hast du schon mal
einen gesehen?“

„Nein, Herr Graf. Wenn man so viel zu thun
hat und immer Silber putzen muß.“

„Ja, Jeserich, das hilft doch nu nich, davon kann
ich dich nicht frei machen …“

„Nein, so mein' ich es ja auch nich, Herr Graf,
und bin ja auch fürs Alte. Gute Herrschaft und
immer denken, „man gehört so halb wie mit dazu“,
— dafür bin ich. Und manche sollen ja auch halb
mit dazu gehören … Aber ein bißchen anstrengend
is es doch mitunter, und man is doch am Ende auch
ein Mensch …“

„Na höre, Jeserich, das hab' ich dir doch noch
nicht abgesprochen.“

„Nein, nein, Herr Graf. Gott, man sagt so was
bloß. Aber ein bißchen is es doch damit …“

Zwölftes Kapitel.

Woldemar — wie Rex seinem Freunde Czako, als
beide über den Cremmer Damm ritten, ganz richtig mitgeteilt hatte — verkehrte seit Ausgang des Winters im
Barbyschen Hause, das er sehr bald vor andern Häusern
seiner Bekanntschaft bevorzugte. Vieles war es, was
ihn da fesselte, voran die beiden Damen; aber auch der
alte Graf. Er fand Ähnlichkeiten, selbst in der äußern
Erscheinung, zwischen dem Grafen und seinem Papa,
und in seinem Tagebuche, das er, trotz sonstiger Modernität, in altmodischer Weise von jung an führte, hatte er
sich gleich am ersten Abend über eine gewisse Verwandtschaft zwischen den beiden geäußert. Es hieß da unterm
achtzehnten April: „Ich kann Wedel nicht dankbar genug
sein, mich bei den Barbys eingeführt zu haben; alles,
was er von dem Hause gesagt, fand ich bestätigt. Diese
Gräfin, wie scharmant, und die Schwester ebenso, trotzdem größere Gegensätze kaum denkbar sind. An der
einen alles Temperament und Anmut, an der andern
alles Charakter oder, wenn das zu viel gesagt sein sollte,
Schlichtheit, Festigkeit. Es bleibt mit den Namen doch
eine eigne Sache; die Gräfin ist ganz Melusine und die
Comtesse ganz Armgard. Ich habe bis jetzt freilich nur
eine dieses Namens kennen gelernt, noch dazu bloß als
Bühnenfigur, und ich mußte beständig an diese denken,
wie sie da (ich glaube, es war Fräulein Stolberg, die
ja auch das Maß hat) dem Landvogt so mutig in den
Zügel fällt. Ganz so wirkt Comtesse Armgard! Ich
möchte beinah' sagen, es läßt sich an ihr wahrnehmen,
daß ihre Mutter eine richtige Schweizerin war. Und
dazu der alte Graf! Wie ein Zwillingsbruder von
Papa; derselbe Bismarckkopf, dasselbe humane Wesen,
dieselbe Freundlichkeit, dieselbe gute Laune. Papa ist
aber ausgiebiger und auch wohl origineller. Vielleicht
hat der verschiedene Lebensgang diese Verschiedenheiten
erst geschaffen. Papa sitzt nun seit richtigen dreißig
Jahren in seinem Ruppiner Winkel fest, der Graf war
ebensolange draußen! Ein Botschaftsrat ist eben was
andres als ein Ritterschaftsrat, und an der Themse
wächst man sich anders aus als am ‚Stechlin‘ — unsern
Stechlin dabei natürlich in Ehren. Trotzdem die Verwandtschaft bleibt. Und der alte Diener, den sie Jeserich
nennen, der ist nun schon ganz und gar unser Engelke
vom Kopf bis zur Zeh'. Aber was am verwandtesten
ist, das ist doch die gesamte Hausatmosphäre, das Liberale.
Papa selbst würde zwar darüber lachen, — er lacht über
nichts so sehr wie über Liberalismus — und doch kenne
ich keinen Menschen, der innerlich so frei wäre, wie gerade
mein guter Alter. Zugeben wird er's freilich nie und
wird in dem Glauben sterben: ‚Morgen tragen sie einen
echten alten Junker zu Grabe‘. Das ist er auch, aber
doch auch wieder das volle Gegenteil davon. Er hat
keine Spur von Selbstsucht. Und diesen schönen Zug
(ach, so selten), den hat auch der alte Graf. Nebenher
freilich ist er Weltmann, und das giebt dann den Unterschied und das Übergewicht. Er weiß — was sie hierzulande nicht wissen oder nicht wissen wollen — daß
hinterm Berge auch noch Leute wohnen. Und mitunter
noch ganz andre.“

Das waren die Worte, die Woldemar in sein Tagebuch eintrug. Von allem, was er gesehen, war er angenehm berührt worden, auch von Haus und Wohnung.
Und dazu war guter Grund da, mehr als er nach
seinem ersten Besuche wissen konnte. Das von der gräflichen Familie bewohnte Haus mit seinen Loggien und
seinem diminutiven Hof und Garten teilte sich in zwei
Hälften, von denen jede noch wieder ihre besondern
Annexe hatte. Zu der Beletage gehörte das zur Seite
gelegene pittoreske Hof- und Stallgebäude, drin der
gräfliche Kutscher, Herr Imme, residierte, während zu
dem die zweite Hälfte des Hauses bildenden Hochparterre
ziemlich selbstverständlich noch das kleine niedrige Souterrain gerechnet wurde, drin, außer Portier Hartwig
selbst, dessen Frau, sein Sohn Rudolf und seine Nichte
Hedwig wohnten. Letztere freilich nur zeitweilig, und
zwar immer nur dann, wenn sie, was allerdings ziemlich
häufig vorkam, mal wieder ohne Stellung war. Die
Wirtin des Hauses, Frau Hagelversicherungssekretär Schickedanz, hätte diesen gelegentlichen Aufenthalt der Nichte
Hartwigs eigentlich beanstanden müssen, ließ es aber
gehen, weil Hedwig ein heiteres, quickes und sehr anstelliges Ding war und manches besaß, was die Schickedanz mit der Ungehörigkeit des ewigen Dienstwechsels
wieder aussöhnte.

Die Schickedanz, eine Frau von sechzig, war schon
verwitwet, als im Herbst fünfundachtzig die Barbys einzogen, Comtesse Armgard damals erst zehnjährig. Frau
Schickedanz selbst war um jene Zeit noch in Trauer,
weil ihr Gatte, der Versicherungssekretär, erst im Dezember des voraufgegangenen Jahres gestorben war,
„drei Tage vor Weihnachten“, ein Umstand, auf den der
Hilfsprediger, ein junger Kandidat, in seiner Leichenrede
beständig hingewiesen und die gewollte Wirkung auch
richtig erzielt hatte. Allerdings nur bei der Schickedanz
selbst und einigermaßen auch bei der Frau Hartwig, die
während der ganzen Rede beständig mit dem Kopf genickt
und nachträglich ihrem Manne bemerkt hatte: „Ja,
Hartwig, da liegt doch was drin.“ Hartwig selber indes,
der, im Gegensatz zu den meisten seines Standes, humoristisch angeflogen war, hatte für die merkwürdige Fügung
von „drei Tage vor Weihnachten“ nicht das geringste
Verständnis gezeigt, vielmehr nur die Bemerkung dafür
gehabt: „Ich weiß nicht, Mutter, was du dir eigentlich
dabei denkst? Ein Tag ist wie der andre; mal muß man
'ran,“ — worauf die Frau jedoch geantwortet hatte:
„Ja, Hartwig, das sagst du so immer; aber wenn du
dran bist, dann red'st du anders.“

Der verstorbene Schickedanz hatte, wie der Tod ihn
ankam, ein Leben hinter sich, das sich in zwei sehr verschiedene Hälften, in eine ganz kleine unbedeutende und
in eine ganz große teilte. Die unbedeutende Hälfte hatte
lange gedauert, die große nur ganz kurz. Er war ein
Ziegelstreichersohn aus dem bei Potsdam gelegenen Dorfe
Kaputt, was er, als er aus dem diesem Dorfnamen
entsprechenden Zustande heraus war, in Gesellschaft guter
Freunde gern hervorhob. Es war so ziemlich der einzige Witz seines Lebens, an dem er aber zäh festhielt,
weil er sah, daß er immer wieder wirkte. Manche gingen
so weit, ihm den Witz auch noch moralisch gutzuschreiben
und behaupteten: Schickedanz sei nicht bloß ein Charakter, sondern auch eine bescheidene Natur.

Ob dies zutraf, wer will es sagen! Aber das war
sicher, daß er sich von Anfang an als ein aufgeweckter
Junge gezeigt hatte. Schon mit sechzehn war er als
Hilfsschreiber in die deutsch-englische Hagelversicherungsgesellschaft Pluvius eingetreten und hatte mit sechsundsechzig sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum in eben dieser
Gesellschaft gefeiert. Das war aus bestimmten Gründen
ein großer Tag gewesen. Denn als Schickedanz ihn
erlebte, hieß er nur noch so ganz obenhin „Herr Versicherungssekretär“, war aber in Wahrheit über diesen
seinen Titel weit hinausgewachsen und besaß bereits das
schöne Haus am Kronprinzenufer. Er hatte sich das
leisten können, weil er im Laufe der letzten fünf Jahre
zweimal hintereinander ein Viertel vom großen Lose
gewonnen hatte. Dies sah er sich allerseits als persönliches Verdienst angerechnet und auch wohl mit Recht.
Denn arbeiten kann jeder, das große Los gewinnen kann
nicht jeder. Und so blieb er denn bei der Versicherungsgesellschaft lediglich nur noch als verhätscheltes Zierstück,
weil es damals wie jetzt einen guten Eindruck machte,
Personen der Art im Dienst oder gar als Teilnehmer
zu haben. An der Spitze muß immer ein Fürst stehen.
Und Schickedanz war jetzt Fürst. Alles drängte sich nicht
bloß an ihn, sondern seine Stammtischfreunde, die zu
seiner zweimal bewährten Glückshand ein unbedingtes
Vertrauen hatten, drangen sogar eine Zeitlang in ihn,
die Lotterielose für sie zu ziehen. Aber keiner gewann,
was schließlich einen Umschlag schuf und einzelne von
„bösem Blick“ und sogar ganz unsinnigerweise von
Mogelei sprechen ließ. Die meisten indessen hielten es
für klug, ihr Übelwollen zurückzuhalten; war er doch
immerhin ein Mann, der jedem, wenn er wollte, Deckung
und Stütze geben konnte. Ja, Schickedanz' Glück und
Ansehen waren groß, am größten natürlich an seinem
Jubiläumstage. Nicht zu glauben, wer da alles kam.
Nur ein Orden kam nicht, was denn auch von einigen
Schickedanzfanatikern sehr mißliebig bemerkt wurde.
Besonders schmerzlich empfand es die Frau. „Gott,
er hat doch immer so treu gewählt,“ sagte sie. Sie
kam aber nicht in die Lage, sich in diesen Schmerz einzuleben, da schon die nächsten Zeiten bestimmt waren,
ihr Schwereres zu bringen. Am 21. September war
das Jubiläum gewesen, am 21. Oktober erkrankte er,
am 21. Dezember starb er. Auf dem Notizenzettel, den
man damals dem Kandidaten zugestellt hatte, hatte dieser
dreimal wiederkehrende „einundzwanzigste“ gefehlt, was
alles in allem wohl als ein Glück angesehen werden
konnte, weil, entgegengesetztenfalls, die „drei Tage vor
Weihnachten“ entweder gar nicht zu stande gekommen
oder aber durch eine geteilte Herrschaft in ihrer Wirkung
abgeschwächt worden wären.

Schickedanz war bei voller Besinnung gestorben.
Er rief, kurz vor seinem Ende, seine Frau an sein Bett
und sagte: „Riekchen, sei ruhig. Jeder muß. Ein Testament hab' ich nicht gemacht. Es giebt doch bloß immer
Zank und Streit. Auf meinem Schreibtisch liegt ein
Briefbogen, drauf hab' ich alles Nötige geschrieben.
Viel wichtiger ist mir das mit dem Haus. Du mußt
es behalten, damit die Leute sagen können: ‚Da wohnt
Frau Schickedanz‘. Hausname, Straßenname, das ist
überhaupt das Beste. Straßenname dauert noch länger
als Denkmal.“

„Gott, Schickedanz, sprich nicht so viel; es strengt
dich an. Ich will es ja alles heilig halten, schon aus
Liebe …“

„Das ist recht, Riekchen. Ja, du warst immer eine
gute Frau, wenn wir auch keine Nachfolge gehabt haben.
Aber darum bitte ich dich, vergiß nie, daß es meine
Puppe war. Du darfst bloß vornehme Leute nehmen;
reiche Leute, die bloß reich sind, nimm nicht; die quängeln
bloß und schlagen große Haken in die Thürfüllung und
hängen eine Schaukel dran. Überhaupt, wenn es sein
kann, keine Kinder. Hartwigen unten mußt du behalten;
er ist eigentlich ein Klugschmus, aber die Frau ist gut.
Und der kleine Rudolf, mein Patenkind, wenn er ein
Jahr alt wird, soll er hundert Thaler kriegen. Thaler,
nicht Mark. Und der Schullehrer in Kaputt soll auch
hundert Thaler kriegen. Der wird sich wundern. Aber
darauf freu' ich mich schon. Und auf dem Invalidenkirchhof will ich begraben sein, wenn es irgend geht.
Invalide ist ja doch eigentlich jeder. Und Anno siebzig
war ich doch auch mit Liebesgaben bis dicht an den
Feind, trotzdem Luchterhand immer sagte: ‚Nicht so nah
'ran‘. Sei freundlich gegen die Leute und nicht zu sparsam (du bist ein bißchen zu sparsam) und bewahre mir
einen Platz in deinem Herzen. Denn treu warst du,
das sagt mir eine innere Stimme.“

Diesem allem hatte Riekchen seitdem gelebt. Die
Beletage, die leer stand, als Schickedanz starb, blieb noch
drei Vierteljahre unbewohnt, trotzdem sich viele Herrschaften
meldeten. Aber sie deckten sich nicht mit der Forderung,
die Schickedanz vor seinem Hinscheiden gestellt hatte. Herbst
fünfundachtzig kamen dann die Barbys. Die kleine Frau
sah gleich „ja, das sind die, die mein Seliger gemeint
hat.“ Und sie hatte wirklich richtig gewählt. In den
fast zehn Jahren, die seitdem verflossen waren, war es
auch nicht ein einziges Mal zu Konflikten gekommen, mit
der gräflichen Familie schon gewiß nicht, aber auch kaum
mit den Dienerschaften. Ein persönlicher Verkehr zwischen
Erdgeschoß und Beletage konnte natürlich nicht stattfinden,
— Hartwig war einfach der alter ego, der mit Jeserich
alles Nötige durchzusprechen hatte. Kam es aber ausnahmsweise zwischen Wirtin und Mieter zu irgend einer
Begegnung, so bewahrte dabei die kleine winzige Frau
(die nie „viel“ war und seit ihres Mannes Tode noch
immer weniger geworden war) eine merkwürdig gemessene
Haltung, die jedem mit dem Berliner Wesen Unvertrauten
eine Verwunderung abgenötigt haben würde. Riekchen
empfand sich nämlich in solchem Augenblicke durchaus als
„Macht gegen Macht“. Wie beinah jedem hierlandes
Geborenen, war auch ihr die Gabe wirklichen Vergleichenkönnens völlig versagt, weil jeder echte, mit Spreewasser
getaufte Berliner, männlich oder weiblich, seinen Zustand
nur an seiner eignen kleinen Vergangenheit, nie aber an
der Welt draußen mißt, von der er, wenn er ganz echt
ist, weder eine Vorstellung hat noch überhaupt haben will.
Der autochthone „Kellerwurm“, wenn er fünfzig Jahre
später in eine Steglitzer Villa zieht, bildet — auch wenn
er seiner Natur nach eigentlich der bescheidenste Mensch
ist — eine gewisse naive Krösusvorstellung in sich aus
und glaubt ganz ernsthaft, jenen Gold- und Silberkönigen
zuzugehören, die die Welt regieren. So war auch die
Schickedanz. Hinter einem Dachfenster in der Georgenkirchstraße geboren, an welchem Dachfenster sie später für
ein Weißzeuggeschäft genäht hatte, kam ihr ihr Leben,
wenn sie rückblickte, wie ein Märchen vor, drin sie die
Rolle der Prinzessin spielte. Dementsprechend durchdrang
sie sich, still aber stark, mit einem Hochgefühl, das sowohl Geld- wie Geburtsgrößen gegenüber auf Ebenbürtigkeit lossteuerte. Sie rangierte sich ein und wies
sich, soweit ihre historische Kenntnis das zuließ, einen
ganz bestimmten Platz an: Fürst Dolgorucki, Herzog von
Devonshire, Schickedanz.

Die Treue, die der Verstorbene noch in seinen letzten
Augenblicken ihr nachgerühmt hatte, steigerte sich mehr und
mehr zum Kult. Die Vormittagsstunden jedes Tages
gehörten dem hohen Palisanderschrank an, drin die Jubiläumsgeschenke wohlgeordnet standen: ein großer Silberpokal mit einem drachentötenden Sankt Georg auf dem
Deckel, ein Album mit photographischen Aufnahmen aller
Sehenswürdigkeiten von Kaputt, eine große Huldigungsadresse mit Aquarellarabesken, mehrere Lieder in Prachtdruck (darunter ein Kegelklublied mit dem Refrain „alle
Neune“), Riesensträuße von Sonnenblumen, ein Dreiller
mit dem eisernen Kreuz und einem aufgehefteten Gedicht,
von einem Damenkomitee herrührend, in dessen Auftrag
er, Schickedanz, die Liebesgaben bis vor Paris gebracht
hatte. Neben dem Schrank, auf einer Ebenholzsäule,
stand eine Gipsbüste, Geschenk eines dem Stammtisch angehörigen Bildhauers, der darauf hin einen leider ausgebliebenen Auftrag in Marmor erwartet hatte. Fauteuils
und Stühle steckten in großblumigen Überzügen, desgleichen der Kronleuchter in einem Gazemantel, und an
den Frontfenstern standen, den ganzen Winter über, Maiblumen. Riekchen trug auch Maiblumen auf jeder ihrer
Hauben, war überhaupt, seit das Trauerjahr um war,
immer hell gekleidet, wodurch ihre Gestalt noch unkörperlicher wirkte. Jeden ersten Montag im Monat war
allgemeines Reinmachen, auch bei Wind und Kälte. Dies
war immer ein Tag größter Aufregung, weil jedesmal
etwas zerbrochen oder umgestoßen wurde. Das blieb
auch so durch Jahre hin, bis das Auftreten von Hedwig,
die sich einer sehr geschickten Hand erfreute, Wandel in
diesem Punkte schaffte. Die Nippsachen zerbrachen nun
nicht mehr, und Riekchen war um so glücklicher darüber,
als Hartwigs hübsche Nichte, wenn sie mal wieder den
Dienst gekündigt hatte, regelmäßig allerlei davon zu erzählen und mit immer neuen und oft sehr intrikaten Geschichten ins Feld zu rücken wußte.

Die Barbys hatten alle Ursache, mit dem Schickedanzschen Hause zufrieden zu sein. Nur eines störte, das
war, daß jeden Mittwoch und Sonnabend die Teppiche
geklopft wurden, immer gerade zu der Stunde, wo der
alte Graf seine Nachmittagsruhe halten wollte. Das verdroß ihn eine Weile, bis er schließlich zu dem Ergebnis
kam: „Eigentlich bin ich doch selber schuld daran. Warum
setz' ich mich immer wieder in die Hinterstube, statt einfach
vorn an mein Fenster? Immer hasardier' ich wieder und
denke: heute bleibt es vielleicht ruhig; willst es doch noch
mal versuchen.“

Ja, der alte Graf war nicht bloß froh, die Wohnung
zu haben, er hielt auch beinah abergläubisch an ihr fest.
So lange er darin wohnte, war es ihm gut ergangen,
nicht glänzender als früher, aber sorgenloser. Und das
sagte er sich jeden neuen Tag.

Sein Leben, so bunt es gewesen, war trotzdem in
gewissem Sinne durchschnittsmäßig verlaufen, ganz so wie
das Leben eines preußischen „Magnaten“ (worunter man
in der Regel Schlesier versteht; aber es giebt doch auch
andre) zu verlaufen pflegt.

Im Juli dreißig, gerade als die Franzosen Algier
bombardierten und nebenher das Haus Bourbon endgültig beseitigten, war der Graf auf einem der an der
mittleren Elbe gelegenen Barbyschen Güter geboren worden.
Auf eben diesem Gute, — das landwirtschaftlich einer
von fremder Hand geführten Administration unterstand,
— vergingen ihm die Kinderjahre; mit zwölf kam er
dann auf die Ritterakademie, mit achtzehn in das Regiment Gardeducorps, drin die Barbys standen, solang es
ein Regiment Gardeducorps gab. Mit dreißig war er
Rittmeister und führte eine Schwadron. Aber nicht lange
mehr. Auf einem in der Nähe von Potsdam veranstalteten Kavalleriemanöver stürzte er unglücklich und brach
den Oberschenkel, unmittelbar unter der Hüfte. Leidlich
genesen, ging er nach Ragaz, um dort völlige Wiederherstellung zu suchen, und machte hier die Bekanntschaft
eines alten Freiherrn von Planta, der ihn alsbald auf
seine Besitzungen einlud. Weil diese ganz in der Nähe
lagen, nahm er die Einladung nach Schloß Schuder an.
Hier blieb er länger als erwartet, und als er das schön
gelegene Bergschloß wieder verließ, war er mit der Tochter
und Erbin des Hauses verlobt. Es war eine große
Neigung, was sie zusammenführte. Die junge Freiin
drang alsbald in ihn, den Dienst zu quittieren, und er
entsprach dem um so lieber, als er seiner völligen Wiederherstellung nicht ganz sicher war. Er nahm also den
Abschied und trat aus dem militärischen in den diplomatischen Dienst über, wozu seine Bildung, sein Vermögen, seine gesellschaftliche Stellung ihn gleichmäßig
geeignet erscheinen ließen. Noch im selben Jahre ging
er nach London, erst als Attaché, wurde dann Botschaftsrat und blieb in dieser Stellung zunächst bis in die Tage
der Aufrichtung des Deutschen Reichs. Seine Beziehungen
sowohl zu der heimisch-englischen wie zu der außerenglischen Aristokratie waren jederzeit die besten, und sein
Freundschaftsverhältnis zu Baron und Baronin Berchtesgaden entstammte jener Zeit. Er hing sehr an London.
Das englische Leben, an dem er manches, vor allem die
geschraubte Kirchlichkeit, beanstandete, war ihm trotzdem
außerordentlich sympathisch, und er hatte sich daran gewöhnt, sich als verwachsen damit anzusehen. Auch seine
Familie, die Frau und die zwei Töchter — beide, wenn
auch in großem Abstande, während der Londoner Tage
geboren — teilten des Vaters Vorliebe für England und
englisches Leben. Aber ein harter Schlag warf alles um,
was der Graf geplant: die Frau starb plötzlich, und der
Aufenthalt an der ihm so lieb gewordenen Stätte war
ihm vergällt. Er nahm in der ersten Hälfte der 80er
Jahre seine Demission, ging zunächst auf die Plantaschen
Güter nach Graubünden und dann weiter nach Süden,
um sich in Florenz seßhaft zu machen. Die Luft, die
Kunst, die Heiterkeit der Menschen, alles that ihm hier
wohl, und er fühlte, daß er genaß soweit er wieder genesen konnte. Glückliche Tage brachen für ihn an, und
sein Glück schien sich noch steigern zu sollen, als sich die
ältere Tochter mit dem italienischen Grafen Ghiberti verlobte. Die Hochzeit folgte beinah unmittelbar. Aber die
Fortdauer dieser Ehe stellte sich bald als eine Unmöglichkeit heraus, und ehe ein Jahr um war, war die Scheidung
ausgesprochen. Kurze Zeit danach kehrte der Graf nach
Deutschland zurück, das er, seit einem Vierteljahrhundert,
immer nur flüchtig und besuchsweise wiedergesehen hatte.
Sich auf das eine oder andre seiner Elbgüter zu begeben,
widerstand ihm auch jetzt noch, und so kam es, daß er
sich für Berlin entschied. Er nahm Wohnung am Kronprinzenufer und lebte hier ganz sich, seinem Hause, seinen
Töchtern. Von dem Verkehr mit der großen Welt hielt
er sich so weit wie möglich fern, und nur ein kleiner
Kreis von Freunden, darunter auch die durch einen glücklichen Zufall ebenfalls von London nach Berlin verschlagenen
Berchtesgadens waren, versammelte sich um ihn. Außer
diesen alten Freunden waren es vorzugsweise Hofprediger
Frommel, Dr. Wrschowitz und seit letztem Frühjahr auch
Rittmeister von Stechlin, die den Barbyschen Kreis bildeten.
An Woldemar hatte man sich rasch attachiert, und die
freundlichen Gefühle, denen er bei dem alten Grafen sowohl wie bei den Töchtern begegnete, wurden von allen
Hausbewohnern geteilt. Selbst die Hartwigs interessierten
sich für den Rittmeister, und wenn er abends an der Portierloge vorüberkam, guckte Hedwig neugierig durch das Fensterchen und sagte: „So einen, — ja, das lass' ich mir gefallen.“

Dreizehntes Kapitel.

Woldemar, als er sich von den jungen Damen im
Barbyschen Hause verabschiedet hatte, hatte versprechen
müssen, seinen Besuch recht bald zu wiederholen.

Aber was war „recht bald“? Er rechnete hin und
her und fand, daß der dritte Tag dem etwa entsprechen
würde; das war „recht bald“ und doch auch wieder nicht
zu früh. Und so ging er denn, als der Abend dieses
dritten Tages da war, auf die Hallische Brücke zu, wartete
hier die Ringbahn ab und fuhr, am Potsdamer- und
Brandenburgerthor vorüber, bis an jene sonderbare Reichstagsuferstelle, wo, von mächtiger Giebelwand herab, ein
wohl zwanzig Fuß hohes, riesiges Kaffeemädchen mit einem
ganz kleinen Häubchen auf dem Kopf freundlich auf die
Welt der Vorübereilenden herniederblickt, um ihnen ein
Paket Kneippschen Malzkaffee zu präsentieren. An dieser
echt berlinisch-pittoresken Ecke stieg Woldemar ab, um die
von hier aus nur noch kurze Strecke bis an das Kronprinzenufer zu Fuß zurückzulegen.

Es war gegen acht, als er in dem Barbyschen Hause
die mit Teppich überdeckte Marmortreppe hinauf stieg und
die Klingel zog. Im selben Augenblick, wo Jeserich
öffnete, sah Woldemar an des Alten verlegenem Gesicht,
daß die Damen aller Wahrscheinlichkeit nach wieder nicht
zu Hause waren. Aber eine Verstimmung darüber durfte
nicht aufkommen, und so ließ er es geschehen, daß Jeserich
ihn bei dem alten Grafen meldete.

„Der Herr Graf lassen bitten.“

Und nun trat Woldemar in das Zimmer des wieder
mal von Neuralgie Geplagten ein, der ihm, auf einen
dicken Stock gestützt, unter freundlichem Gruß entgegenkam.

„Aber Herr Graf,“ sagte Woldemar und nahm des
alten Herrn linken Arm, um ihn bis an seinen Lehnstuhl
und eine für den kranken Fuß zurechtgemachte Stellage
zurückzuführen. „Ich fürchte, daß ich störe.“

„Ganz im Gegenteil, lieber Stechlin. Mir hoch willkommen. Außerdem hab' ich strikten Befehl, Sie, coûte
que coûte, festzuhalten; Sie wissen, Damen sind groß in
Ahnungen, und bei Melusine hat es schon geradezu was
Prophetisches.“

Woldemar lächelte.

„Sie lächeln, lieber Stechlin, und haben recht. Denn
daß sie nun schließlich doch gegangen ist (natürlich zu den
Berchtesgadens), ist ein Beweis, daß sie sich und ihrer
Prophetie doch auch wieder einigermaßen mißtraute. Aber
man ist immer nur klug und weise für andre. Die
Doktors machen es ebenso; wenn sie sich selber behandeln
sollen, wälzen sie die Verantwortung von sich ab und
sterben lieber durch fremde Hand. Aber was sprech' ich
nur immer von Melusine. Freilich, wer in unserm Hause
so gut Bescheid weiß wie Sie, wird nichts Überraschliches
darin finden. Und zugleich wissen Sie, wie's gemeint ist.
Armgard ist übrigens in Sicht; keine zehn Minuten mehr,
so werden wir sie hier haben.“

„Ist sie mit bei der Baronin?“

„Nein, Sie dürfen sie nicht so weit suchen. Armgard
ist in ihrem Zimmer, und Doktor Wrschowitz ist bei ihr.
Es kann aber nicht lange mehr dauern.“

„Aber ich bitte Sie, Herr Graf, ist die Comtesse krank?“

„Gott sei Dank, nein. Und Wrschowitz ist auch kein
Medizindoktor, sondern ein Musikdoktor. Sie haben von
ihm rein zufällig noch nicht gehört, weil erst vorige Woche,
nach einer langen, langen Pause, die Musikstunden wieder
aufgenommen wurden. Er ist aber schon seit Jahr und
Tag Armgards Lehrer.“

„Musikdoktor? Giebt es denn die?“

„Lieber Stechlin, es giebt alles. Also natürlich auch
das. Und so sehr ich im ganzen gegen die Doktorhascherei
bin, so liegt es hier doch so, daß ich dem armen Wrschowitz seinen Musikdoktor gönnen oder doch mindestens verzeihen muß. Er hat den Titel auch noch nicht lange.“

„Das klingt ja fast wie 'ne Geschichte.“

„Trifft auch zu. Können Sie sich denken, daß Wrschowitz aus einer Art Verzweiflung Doktor geworden ist?“

„Kaum. Und wenn kein Geheimnis …“

„Durchaus nicht; nur ein Kuriosum. Wrschowitz hieß
nämlich bis vor zwei Jahren, wo er als Klavierlehrer,
aber als ein höherer (denn er hat auch eine Oper komponiert), in unser Haus kam, einfach Niels Wrschowitz,
und er ist bloß Doktor geworden, um den Niels auf seiner
Visitenkarte los zu werden.“

„Und das ist ihm auch geglückt?“

„Ich glaube ja, wiewohl es immer noch vorkommt,
daß ihn einzelne ganz wie früher Niels nennen, entweder
aus Zufall oder auch wohl aus Schändlichkeit. In
letzterem Falle sind es immer Kollegen. Denn die Musiker
sind die boshaftesten Menschen. Meist denkt man, die
Prediger und die Schauspieler seien die schlimmsten. Aber
weit gefehlt. Die Musiker sind ihnen über. Und ganz
besonders schlimm sind die, die die sogenannte heilige
Musik machen.“

„Ich habe dergleichen auch schon gehört,“ sagte Woldemar. „Aber was ist das nur mit Niels? Niels ist
doch an und für sich ein hübscher und ganz harmloser
Name. Nichts Anzügliches drin.“

„Gewiß nicht. Aber Wrschowitz und Niels! Er litt,
glaub’ ich, unter diesem Gegensatz.“

Woldemar lachte. „Das kenn’ ich. Das kenn’ ich
von meinem Vater her, der Dubslav heißt, was ihm auch
immer höchst unbequem war. Und da reichen wohl nicht
hundertmal, daß ich ihn wegen dieses Namens seinen
Vater habe verklagen hören.“

„Genau so hier,“ fuhr der Graf in seiner Erzählung
fort. „Wrschowitz’ Vater, ein kleiner Kapellmeister an der
tschechisch-polnischen Grenze, war ein Niels Gade-Schwärmer,
woraufhin er seinen Jungen einfach Niels taufte. Das
war nun wegen des Kontrastes schon gerade bedenklich
genug. Aber das eigentlich Bedenkliche kam doch erst, als
der allmählich ein scharfer Wagnerianer werdende Wrschowitz sich zum direkten Niels Gade-Verächter ausbildete.
Niels Gade war ihm der Inbegriff alles Trivialen und
Unbedeutenden, und dazu kam noch, wie Amen in der
Kirche, daß unser junger Freund, wenn er als ‚Niels
Wrschowitz‘ vorgestellt wurde, mit einer Art Sicherheit
der Phrase begegnete: ‚Niels? Ah, Niels. Ein schöner
Name innerhalb unsrer musikalischen Welt. Und hoch erfreulich, ihn hier zum zweitenmale vertreten zu sehen.‘
All das konnte der arme Kerl auf die Dauer nicht aushalten, und so kam er auf den Gedanken, den Vornamen
auf seiner Karte durch einen Doktortitel weg zu eskamotieren.“

Woldemar nickte.

„Jedenfalls, lieber Stechlin, ersehen Sie daraus zur
Genüge, daß unser Wrschowitz, als richtiger Künstler, in
die Gruppe gens irrtabilis gehört, und wenn Armgard
ihn vielleicht aufgefordert haben sollte, zum Thee zu bleiben,
so bitt' ich Sie herzlich, dieser Reizbarkeit eingedenk zu
sein. Wenn irgend möglich, vermeiden Sie Beziehungen
auf die ganze skandinavische Welt, besonders aber auf
Dänemark direkt. Er wittert überall Verrat. Übrigens,
wenn man auf seiner Hut ist, ist er ein feiner und gebildeter
Mann. Ich hab' ihn eigentlich gern, weil er anders ist
wie andre.“

Der alte Graf behielt recht mit seiner Vermutung:
Armgard hatte den Doktor Wrschowitz aufgefordert zu
bleiben, und als bald danach Jeserich eintrat, um den
Grafen und Woldemar zum Thee zu bitten, fanden diese
beim Eintritt in das Mittelzimmer nicht nur Armgard,
sondern auch Wrschowitz vor, der, die Finger ineinander
gefaltet, mitten in dem Salon stand und die an der
Büffettwand hängenden Bilder mit jenem eigentümlichen
Mischausdruck von aufrichtigem Gelangweiltsein und erkünsteltem Interesse musterte. Der Rittmeister hatte dem
Grafen wieder seinen Arm geboten; Armgard ging auf
Woldemar zu und sprach ihm ihre Freude aus, daß er
gekommen; auch Melusine werde gewiß bald da sein; sie
habe noch zuletzt gesagt: „Du sollst sehen, heute kommt
Stechlin.“ Danach wandte sich die junge Comtesse wieder
Wrschowitz zu, der sich eben in das von Hubert Herkomer
gemalte Bild der verstorbenen Gräfin vertieft zu haben
schien, und sagte, gegenseitig vorstellend: „Doktor Wrschowitz, Rittmeister von Stechlin.“ Woldemar, seiner Instruktion eingedenk, verbeugte sich sehr artig, während
Wrschowitz, ziemlich ablehnend, seinem Gesicht den stolzen
Doppelausdruck von Künstler und Hussiten gab.

Der alte Graf hatte mittlerweile Platz genommen,
entschuldigte sich, mit der unglücklichen Stellage beschwerlich fallen zu müssen, und bat die beiden Herren, sich
neben ihm niederzulassen, während Armgard, dem Vater
gegenüber, an der andern Schmalseite des Tisches saß.
Der alte Graf nahm seine Tasse Thee, schob den Cognac,
„des Thees bessren Teil,“ mit einem humoristischen Seufzer
beiseit und sagte, während er sich links zu Wrschowitz
wandte: „Wenn ich recht gehört habe, — so ein bißchen
von musikalischem Ohr ist mir geblieben —, so war es
Chopin, was Armgard zu Beginn der Stunde spielte …“

Wrschowitz verneigte sich.

„Chopin, für den ich eine Vorliebe habe, wie für alle
Polen, vorausgesetzt, daß sie Musikanten oder Dichter oder
auch Wissenschaftsmenschen sind. Als Politiker kann ich
mich mit ihnen nicht befreunden. Aber vielleicht nur deshalb nicht, weil ich Deutscher und sogar Preuße bin.“

„Sehr warr, sehr warr,“ sagte Wrschowitz, mehr
gesinnungstüchtig als artig.

„Ich darf sagen, daß ich für polnische Musiker, von
meinen frühesten Leutnantstagen an, eine schwärmerische
Vorliebe gehabt habe. Da gab es unter anderm eine
Polonaise von Oginski, die damals so regelmäßig und
mit so viel Passion gespielt wurde, wie später der Erlkönig oder die Glocken von Speier. Es war auch die Zeit
vom ‚Alten Feldherrn‘ und von ‚Denkst du daran, mein
tapferer Lagienka‘.“

„Jawohl, Herr Graff, eine schlechte Zeit. Und warr
mir immerdarr eine besondere Lust zu sehen, wie das
Sentimentalle wieder fällt. Immer merr, immer merr.
Ich hasse das Sentimentalle de tout mon cœur.“

„Worin ich,“ sagte Woldemar, „Herrn Doktor Wrschowitz durchaus zustimme. Wir haben in der Poesie genau
dasselbe. Da gab es auch dergleichen, und ich bekenne,
daß ich als Knabe für solche Sentimentalitäten geschwärmt
habe. Meine besondere Schwärmerei war ‚König Renés
Tochter‘ von Henrik Hertz, einem jungen Kopenhagener,
wenn ich nicht irre …“

Wrschowitz verfärbte sich, was Woldemar, als er es
wahrnahm, zu sofortigem raschen Einlenken bestimmte.
„… König Renés Tochter, ein lyrisches Drama. Aber
schon seit lange wieder vergessen. Wir stehen jetzt im
Zeichen von Tolstoj und der Kreuzersonate.“

„Sehr warr, sehr warr,“ sagte der rasch wieder beruhigte Wrschowitz und nahm nur noch Veranlassung,
energisch gegen die Mischung von Kunst und Sektierertum zu protestieren.

Woldemar, großer Tolstojschwärmer, wollte für den
russischen Grafen eine Lanze brechen, aber Armgard, die,
wenn derartige Themata berührt wurden, der Salonfähigkeit ihres Freundes Wrschowitz arg mißtraute, war
sofort aufrichtig bemüht, das Gespräch auf harmlosere
Gebiete hinüberzuspielen. Als ein solches friedeverheißendes
Gebiet erschien ihr in diesem Augenblicke ganz eminent
die Grafschaft Ruppin, aus deren abgelegenster Nordostecke Woldemar eben wieder eingetroffen war, und so sprach
sie denn gegen diesen den Wunsch aus, ihn über seinen
jüngsten Ausflug einen kurzen Bericht erstatten zu sehen.
„Ich weiß wohl, daß ich meiner Schwester Melusine (die
voll Neugier und Verlangen ist, auch davon zu hören)
einen schlechten Dienst damit leiste; Herr von Stechlin
wird es aber nicht verschmähen, wenn meine Schwester
erst wieder da ist, darauf zurückzukommen. Es braucht ja,
wenn man plaudert, nicht alles absolut neu zu sein. Man
darf sich wiederholen. Papa hat auch einzelnes, das er
öfter erzählt.

„Einzelnes?“ lachte der alte Graf, „meine Tochter
Armgard meint ‚vieles‘.“

„Nein, Papa, ich meine einzelnes. Da giebt es denn
doch ganz andre, zum Beispiel unser guter Baron. Und
die Baronin sieht auch immer weg, wenn er anfängt.
Aber lassen wir den Baron und seine Geschichten, und
hören wir lieber von Herrn von Stechlins Ausfluge. Doktor
Wrschowitz teilt gewiß meinen Geschmack.“

„Teile vollkommen.“

„Also, Herr von Stechlin,“ fuhr Armgard fort.
„Sie haben nach diesen Erklärungen unsers Freundes
Wrschowitz einen freundlichen Zuhörer mehr, vielleicht
sogar einen begeisterten. Auch für Papa möcht ich mich
verbürgen. Wir sind ja eigentlich selber märkisch oder
doch beinah' und wissen trotzdem so wenig davon, weil
wir immer draußen waren. Ich kenne wohl Saatwinkel
und den Grunewald, aber das eigentliche brandenburgische
Land, das ist doch noch etwas andres. Es soll alles so
romantisch sein und so melancholisch, Sand und Sumpf
und im Wasser ein paar Binsen oder eine Birke, dran
das Laub zittert. Ist Ihre Ruppiner Gegend auch so?“

„Nein, Comtesse, wir haben viel Wald und See, die
sogenannte mecklenburgische Seenplatte.“

„Nun das ist auch gut. Mecklenburg, wie mir die
Berchtesgadens erst neulich versichert haben, hat auch seine
Romantik.“

„Sehr warr. Habe gelesen Stromtid und habe
gelesen Franzosentid …“

„Und dann glaub ich auch zu wissen,“ fuhr Armgard
fort, „daß Sie Rheinsberg ganz in der Nähe haben.
Ist es richtig. Und kennen Sie's? Es soll so viel
Interessantes bieten. Ich erinnere mich seiner aus meinen
Kindertagen her, trotzdem wir damals in London lebten.
Oder vielleicht auch gerade deshalb. Denn es war die
Zeit, wo das Carlylesche Buch über Friedrich den Großen
immer noch in Mode war, und wo's zum Guten Ton
g[…]ehörte, sich nicht bloß um die Terrasse von Sanssouci
zu kümmern, sondern auch um Rheinsberg und den Orden
de la générosité. Lebt das alles noch da? Spricht das
Volk noch davon?“

„Nein, Comtesse, das ist alles fort. Und überhaupt,
von dem großen König spricht im Rheinsbergischen niemand
mehr, was auch kaum anders sein kann. Der große
König war als Kronprinz nur kurze Zeit da, sein Bruder
Heinrich aber fünfzig Jahre. Und so hat die Prinz-Heinrichzeit beklagenswerterweise die Kronprinzenzeit ganz
erdrückt. Aber beklagenswert doch nicht in allem. Denn
Prinz Heinrich war auch bedeutend und vor allem sehr
kritisch. Was doch immer ein Vorzug ist.“

„Sehr warr, sehr warr,“ unterbrach hier Wrschowitz.“

„Er war sehr kritisch,“ wiederholte Woldemar.
„Namentlich auch gegen seinen Bruder, den König.
Und die Malcontenten, deren es auch damals schon die
Hülle und Fülle gab, waren beständig um ihn herum.
Und dabei kommt immer was heraus.“

„Sehr warr, sehr warr …“

„Denn zufriedene Hofleute sind allemal öd und langweilig, aber die Frondeurs, wenn die den Mund aufthun, da kann man was hören, da thut sich einem
was auf.“

„Gewiß,“ sagte Armgard. Aber trotzdem, Herr von
Stechlin, ich kann das Frondieren nicht leiden. Frondeur
ist doch immer nur der gewohnheitsmäßig Unzufriedene,
und wer immer unzufrieden ist, der taugt nichts. Immer
Unzufriedene sind dünkelhaft und oft boshaft dazu, und
während sie sich über andre lustig machen, lassen sie
selber viel zu wünschen übrig.“

„Sehr warr, sehr warr, gnädigste Comtesse,“ verbeugte sich Wrschowitz. „Aber, wollen verzeihn, Comtesse,
wenn ich trotzdem bin für Frondeur. Frondeur ist
Krittikk, und wo Guttes sein will, muß sein Krittikk.
Deutsche Kunst viel Krittikk. Erst muß sein Kunst, gewiß,
gewiß, aber gleich danach muß sein Krittikk. Krittikk ist
wie große Revolution. Kopf ab aus Prinzipp. Kunst
muß haben ein Prinzipp. Und wo Prinzipp is, is
Kopf ab.“

Alles schwieg, so daß dem Grafen nichts übrig blieb,
als etwas verspätet seine halbe Zustimmung auszudrücken.
Armgard ihrerseits beeilte sich, auf Rheinsberg zurückzukommen, das ihr trotz des fatalen Zwischenfalls mit
„Kopf ab“, im Vergleich zu vielleicht wiederkehrenden Musikgesprächen, immer noch als wenigstens ein Nothafen erschien.

„Ich glaube,“ sagte sie, „neben manchem andern auch
mal von der Frauenfeindschaft des Prinzen gehört zu
habe. Er soll — irre ich mich, so werden Sie mich
korrigieren — ein sogenannter Misogyne gewesen sein.
Etwas durchaus Krankhaftes in meinen Augen oder doch
mindestens etwas sehr Sonderbares.“

„Sehr sonderbarr,“ sagte Wrschowitz, während sich,
unter huldigendem Hinblick auf Armgard, sein Gesicht wie
verklärte.

„Wie gut, lieber Wrschowitz,“ fuhr Armgard fort,
„daß Sie, mein Wort bestätigend, für uns arme Frauen
und Mädchen eintreten. Es giebt immer noch Ritter, und
wir sind ihrer so sehr benötigt. Denn wie mir Melusine
erzählt hat, sind die Weiberfeinde sogar stolz darauf,
Weiberfeinde zu sein, und behandeln ihr Denken und
Thun als eine höhere Lebensform. Kennen Sie solche
Leute, Herr von Stechlin? Und wenn Sie solche Leute
kennen, wie denken Sie darüber?“

„Ich betrachte sie zunächst als Unglückliche.“

„Das ist recht.“

„Und zum zweiten als Kranke. Der Prinz, wie
Comtesse schon ganz richtig ausgesprochen haben, war auch
ein solcher Kranker.“

„Und wie äußerte sich das? Oder ist es überhaupt
nicht möglich, über das Thema zu sprechen?“

„Nicht ganz leicht, Comtesse. Doch in Gegenwart
des Herrn Grafen und nicht zu vergessen auch in Gegenwart von Doktor Wrschowitz, der so schön und ritterlich
gegen die Misogynität Partei genommen, unter solchem
Beistande will ich es doch wagen.“

„Nun, das freut mich. Denn ich brenne vor
Neugier.“

„Und will auch nicht länger ängstlich um die Sache
herumgehen. Unser Rheinsberger Prinz war ein richtiger
Prinz aus dem vorigen Jahrhundert. Die jetzigen sind
Menschen; die damaligen waren nur Prinzen. Eine der
Passionen unsers Rheinsberger Prinzen — wenn man
will, in einer Art Gegensatz von dem, was schon
gesagt wurde — war eine geheimnisvolle Vorliebe für
jungfräuliche Tote, besonders Bräute. Wenn eine Braut
im Rheinsbergischen, am liebsten auf dem Lande, gestorben
war, so lud er sich zu dem Begräbnis zu Gast. Und eh'
der Geistliche noch da sein konnte (den vermied er), erschien er und stellte sich an das Fußende des Sarges und
starrte die Tote an. Aber sie mußte geschminkt sein und
aussehen wie das Leben.“

„Aber das ist ja schrecklich,“ brach es beinahe leidenschaftlich aus Armgard hervor. „Ich mag diesen Prinzen
nicht und seine ganze Fronde nicht. Denn die müssen
ebenso gewesen sein. Das ist ja Blasphemie, das ist ja
Gräberschändung, — ich muß das Wort aussprechen,
weil ich so empört bin und nicht anders kann.“

Der alte Graf sah die Tochter an, und ein Freudenstrahl umleuchtete sein gutes altes Gesicht. Auch Wrschowitz empfand so was von unbedingter Huldigung, bezwang
sich aber und sah, statt auf Armgard, auf das Bild der
Gräfin-Mutter, das von der Wand niederblickte.

Nur Woldemar blieb ruhig und sagte: „Comtesse,
Sie gehen vielleicht zu weit. Wissen Sie, was in der
Seele des Prinzen vorgegangen ist? Es kann etwas Infernales gewesen sein, aber auch etwas ganz andres. Wir
wissen es nicht. Und weil er nebenher unbedingt große
Züge hatte, so bin ich dafür, ihm das in Rechnung zu
stellen.“

„Bravo, Stechlin,“ sagte der alte Graf. „Ich war
erst Armgards Meinung. Aber Sie haben recht, wir
wissen es nicht. Und so viel weiß ich noch von der Juristerei her, in der ich, wohl oder übel, eine Gastrolle
gab, daß man in zweifelhaften Fällen in favorem entscheiden muß. Übrigens geht eben die Klingel. An bester
Stelle wird ein Gespräch immer unterbrochen. Es wird
Melusine sein. Und so sehr ich gewünscht hätte, sie wäre
von Anfang an mit dabei gewesen, wenn sie jetzt so mit
einem Male dazwischen fährt, ist selbst Melusine eine
Störung.“

Es war wirklich Melusine. Sie trat, ohne draußen
abgelegt zu haben, ins Zimmer, warf das schottische Cape,
das sie trug, in eine Sofa-Ecke und schritt, während sie
noch den Hut aus dem Haare nestelte, bis an den Tisch,
um hier zunächst den Vater, dann aber die beiden andern
Herren zu begrüßen. „Ich seh' euch so verlegen, woraus
ich schließe, daß eben etwas Gefährliches gesagt worden
ist. Also etwas über mich.“

„Aber, Melusine, wie eitel.“

„Nun, dann also nicht über mich. Aber über wen?
Das wenigstens will ich wissen. Von wem war die Rede?“

„Vom Prinzen Heinrich. Aber von dem ganz alten,
der schon fast hundert Jahre tot ist.“

„Da konntet Ihr auch was Besseres thun.“

„Wenn du wüßtest, was uns Stechlin von ihm erzählt hat, und daß er — nicht Stechlin, aber der Prinz
— ein Misogyne war, so würdest du vielleicht anders
sprechen.“

„Misogyne. Das freilich ändert die Sache. Ja,
lieber Stechlin, da kann ich Ihnen nicht helfen, davon
muß ich auch noch hören. Und wenn Sie mir's abschlagen,
so wenigstens was Gleichwertiges.“

„Gräfin Melusine, was Gleichwertiges giebt es nicht.“

„Das ist gut, sehr gut, weil es so wahr ist. Aber
dann bitt' ich um etwas zweiten Ranges. Ich sehe, daß
Sie von Ihrem Ausfluge erzählt haben, von Ihrem
Papa, von Schloß Stechlin selbst oder von Ihrem Dorf
und Ihrer Gegend. Und davon möcht' ich auch hören,
wenn es auch freilich nicht an das andre heranreicht.“

„Ach, Gräfin, Sie wissen nicht, wie bescheiden es mit
unserm Stechliner Erdenwinkel bestellt ist. Wir haben da,
von einem Pastor abgesehen, der beinah' Sozialdemokrat
ist, und des weiteren von einem Oberförster abgesehen,
der eine Prinzessin, eine Ippe-Büchsenstein, geheiratet
hat …“

„Aber das ist ja alles großartig …“

„Wir haben da, von diesen zwei Sehenswürdigkeiten
abgesehen, eigentlich nur noch den ‚Stechlin‘. Der ginge
vielleicht, über den ließe sich vielleicht etwas sagen.“

„Den Stechlin? Was ist das? Ich bin so glücklich, zu wissen“ (und sie machte verbindlich eine Handbewegung auf Woldemar zu) „ich bin so glücklich, zu wissen,
daß es Stechline giebt. Aber der Stechlin! Was ist der
Stechlin?“

„Das ist ein See.“

„Ein See. Das besagt nicht viel. Seen, wenn es
nicht grade der Vierwaldstätter ist, werden immer erst interessant durch ihre Fische, durch Sterlet oder Felchen.
Ich will nicht weiter aufzählen. Aber was hat der Stechlin?
Ich vermute, Steckerlinge.“

„Nein, Gräfin, die hat er nun gerade nicht. Er hat
genau das, was Sie geneigt sind am wenigsten zu vermuten. Er hat Weltbeziehungen, vornehme, geheimnisvolle Beziehungen, und nur alles Gewöhnliche, wie beispielsweise Steckerlinge, hat er nicht. Steckerlinge fehlen
ihm.“

„Aber, Stechlin, Sie werden doch nicht den Empfindlichen spielen. Rittmeister in der Garde!“

„Nein, Gräfin. Und außerdem, den wollt' ich sehen,
der das Ihnen gegenüber zuwege brächte.“

„Nun dann also, was ist es? Worin bestehen seine
vornehmen Beziehungen?“

„Er steht mit den höchsten und allerhöchsten Herrschaften, deren genealogischer Kalender noch über den
Gothaischen hinauswächst, auf du und du. Und wenn es
in Java oder auf Island rumort oder der Geiser mal in
Doppelhöhe dampft und springt, dann springt auch in
unserm Stechlin ein Wasserstrahl auf, und einige (wenn
es auch noch niemand gesehen hat), einige behaupten sogar, in ganz schweren Fällen erscheine zwischen den
Strudeln ein roter Hahn und krähe hell und weckend in
die Ruppiner Grafschaft hinein. Ich nenne das vornehme
Beziehungen.“

„Ich auch,“ sagte Melusine.

Wrschowitz aber, dessen Augen immer größer geworden
waren, murmelte vor sich hin: „Sehr warr, sehr warr.“

Vierzehntes Kapitel.

Es war zu Beginn der Woche, daß Woldemar seinen
Besuch im Barbyschen Hause gemacht hatte. Schon am
Mittwoch früh empfing er ein Billet von Melusine.

„Lieber Freund. Lassen Sie mich Ihnen noch nachträglich mein Bedauern aussprechen, daß ich vorgestern
nur gerade noch die letzte Scene des letzten Aktes (Geschichte vom Stechlin) mit erleben konnte. Mich verlangt
es aber lebhaft, mehr davon zu wissen. In unsrer sogenannten großen Welt giebt es so wenig, was sich zu
sehen und zu hören verlohnt; das meiste hat sich in die
stillen Winkel der Erde zurückgezogen. Allen vorauf, wie
mir scheint, in Ihre Stechliner Gegend. Ich wette, Sie
haben uns noch über vieles zu berichten, und ich kann
nur wiederholen, ich möchte davon hören. Unsre gute
Baronin, der ich davon erzählt habe, denkt ebenso; sie
hat den Zug aller naiven und liebenswürdigen Frauen,
neugierig zu sein. Ich, ohne die genannten Vorbedingungen
zu erfüllen, bin ihr trotzdem an Neugier gleich. Und so
haben wir denn eine Nachmittagspartie verabredet, bei
der Sie der große Erzähler sein sollen. In der Regel
freilich verläuft es anders wie gedacht, und man hört
nicht das, was man hören wollte. Das darf uns aber
in unserm guten Vorhaben nicht hindern. Die Baronin
hat mir etwas vorgeschwärmt von einer Gegend, die sie
‚Oberspree‘ nannte (die vielleicht auch wirklich so heißt),
und wo's so schön sein soll, daß sich die Havelherrlichkeiten daneben verstecken müssen. Ich will es ihr glauben,
und jedenfalls werd' ich es ihr nachträglich versichern,
auch wenn ich es nicht gefunden haben sollte. Das Ziel
unsrer Fahrt — ein Punkt, den übrigens die Berchtesgadens noch nicht kennen; sie waren bisher immer erheblich weiter flußaufwärts — das Ziel unsrer Reise hat
einen ziemlich sonderbaren Namen und heißt das ‚Eierhäuschen‘. Ich werde seitdem die Vorstellung von etwas
Ovalem nicht los und werde wohl erst geheilt sein, wenn
sich mir die so sonderbar benamste Spreeschönheit persönlich vorgestellt haben wird. Also morgen, Donnerstag:
Eierhäuschen. Ein ‚Nein‘ giebt es natürlich nicht. Abfahrt vier Uhr, Jannowitzbrücke. Papa begleitet uns; es
geht ihm seit heut um vieles besser, so daß er sich's zutraut. Vielleicht ist vier etwas spät; aber wir haben dabei, wie mir Lizzi sagt, den Vorteil, auf der Rückfahrt
die Lichter im Wasser sich spiegeln zu sehen. Und vielleicht ist auch irgendwo Feuerwerk, und wir sehen dann
die Raketen steigen. Armgard ist in Aufregung, fast auch
ich. Au revoir. Eines Herrn Rittmeisters wohlaffektionierte

Melusine.“

Nun war der andre Nachmittag da, und kurz vor
vier Uhr fuhren erst die Berchtesgadens und gleich danach
auch die Barbys bei der Jannowitzbrücke vor. Woldemar
wartete schon. Alle waren in jener heitern Stimmung,
in der man geneigt ist, alles schön und reizend zu finden.
Und diese Stimmung kam denn auch gleich der Dampfschiffahrtsstation zu statten. Unter lachender Bewunderung
der sich hier darbietenden Holzarchitektur stieg man ein
Gewirr von Stiegen und Treppen hinab und schritt, unten
angekommen, an den um diese Stunde noch leeren Tischen
eines hier etablierten „Lokals“ vorüber, unmittelbar auf
das Schiff zu, dessen Glocke schon zum erstenmal geläutet
hatte. Das Wetter war prachtvoll, flußaufwärts alles
klar und sonnig, während über der Stadt ein dünner
Nebel lag. Zu beiden Seiten des Hinterdecks nahm man
auf Stühlen und Bänken Platz und sah von hier aus auf
das verschleierte Stadtbild zurück.

„Da heißt es nun immer,“ sagte Melusine, „Berlin
sei so kirchenarm; aber wir werden bald Köln und Mainz
aus dem Felde geschlagen haben. Ich sehe die Nikolaikirche, die Petrikirche, die Waisenkirche, die Schloßkuppel,
und das Dach da, mit einer Art von chinesischer Deckelmütze, das ist, glaub' ich, der Rathausturm. Aber freilich,
ich weiß nicht, ob ich den mitrechnen darf.“

„Turm ist Turm,“ sagte die Baronin. „Das fehlte
so gerade noch, daß man dem armen alten Berlin auch
seinen Rathausturm als Turm abstritte. Man eifersüchtelt
schon genug.“

Und nun schlug es vier. Von der Parochialkirche
her klang das Glockenspiel, die Schiffsglocke läutete
dazwischen, und als diese wieder schwieg, wurde das
Brett aufgeklappt, und unter einem schrillen Pfiff setzte
sich der Dampfer auf das mittlere Brückenjoch zu in Bewegung.

Oben, in Nähe der Jannowitzbrücke, hielten immer
noch die beiden herrschaftlichen Wagen, die's für angemessen erachten mochten, ehe sie selber aufbrachen, zuvor
den Aufbruch des Schiffes abzuwarten, und erst als
dieses unter der Brücke verschwunden war, fuhr der
gräflich Barbysche Kutscher neben den freiherrlich Berchtesgadenschen, um mit diesem einen Gruß auszutauschen.
Beide kannten sich seit lange, schon von London her, wo
sie bei denselben Herrschaften in Dienst gestanden hatten.
In diesem Punkte waren sie sich gleich, sonst aber so verschieden wie nur möglich, auch schon in ihrer äußeren
Erscheinung. Imme, der Barbysche Kutscher, ein ebenso
martialisch wie gutmütig dreinschauender Mecklenburger,
hätte mit seinem angegrauten Sappeurbart ohne weiteres
vor eine Gardetruppe treten und den Zug als Tambourmajor eröffnen können, während der Berchtesgadensche,
der seine Jugend als Trainer und halber Sportsmann
zugebracht hatte, nicht bloß einen englischen Namen führte,
sondern auch ein typischer Engländer war, hager, sehnig,
kurz geschoren und glatt rasiert. Seine Glotzaugen hatten
etwas Stupides; er war aber trotzdem klug genug und
wußte, wenn's galt, seinem Vorteil nachzugehen. Das
Deutsche machte ihm noch immer Schwierigkeiten, trotzdem
er sich aufrichtige Mühe damit gab und sogar das bequeme Zuhilfenehmen englischer Wörter vermied, am
meisten dann, wenn er sich die Berlinerinnen seiner Bekanntschaft abquälen sah, ihm mit „well, well, Mr. Robinson“ oder gar mit einem geheimnisvollen „indeed“
zu Hilfe zu kommen. Nur mit dem einen war er einverstanden, daß man ihn „Mr. Robinson“ nannte. Das
ließ er sich gefallen.

„Now, Mr. Robinson,“ sagte Imme, als sie Bock
an Bock nebeneinander hielten, „how are you? I hope
quite well.“

„Danke, Mr. Imme, danke! Was macht die Frau?“

„Ja, Robinson, da müssen Sie, denk' ich, selber nachsehen, und zwar gleich heute, wo die Herrschaften fort
sind und erst spät wiederkommen. Noch dazu mit der
Stadtbahn. Wenigstens von hier aus, Jannowitzbrücke.
Sagen wir also neun; eher sind sie nicht zurück. Und
bis dahin haben wir einen guten Skat. Hartwig als
dritter wird schon kommen; Portiers können immer. Die
Frau zieht ebenso gut die Thür auf wie er, und weiter
is es ja nichts. Also Klocker fünf: ein ‚Nein‘ gilt nicht;
where there is a will, there is a way. Ein bißchen
is doch noch hängen geblieben von dear old England.“

„Danke, Mr. Imme,“ sagte Robinson, „danke! Ja,
Skat ist das Beste von all Germany. Komme gern.
Skat ist noch besser als Bayrisch.“

„Hören Sie, Robinson, ich weiß doch nicht, ob das
stimmt. Ich denke mir, so beides zusammen, das ist das
Wahre. That's it.“

Robinson war einverstanden, und da beide weiter
nichts auf dem Herzen hatten, so brach man hier ab und
schickte sich an, die Rückfahrt in einem mäßig raschen
Trab anzutreten, wobei der Berchtesgadensche Kutscher
den Weg über Molkenmarkt und Schloßplatz, der Barbysche
den auf die Neue Friedrichstraße nahm. Jenseits der
Friedrichsbrücke hielt sich dieser dann dicht am Wasser
hin und kam so am bequemsten bis an sein Kronprinzenufer.

Der Dampfer, gleich nachdem er das Brückenjoch
passiert hatte, setzte sich in ein rascheres Tempo, dabei die
linke Flußseite haltend, so daß immer nur eine geringe
Entfernung zwischen dem Schiff und den sich dicht am
Ufer hinziehenden Stadtbahnbögen war. Jeder Bogen
schuf den Rahmen für ein dahinter gelegenes Bild, das
natürlich die Form einer Lunette hatte. Mauerwerk jeglicher
Art, Schuppen, Zäune zogen in buntem Wechsel vorüber,
aber in Front aller dieser der Alltäglichkeit und der
Arbeit dienenden Dinge zeigte sich immer wieder ein
Stück Gartenland, darin ein paar verspätete Malven oder
Sonnenblumen blühten. Erst als man die zweitfolgende
Brücke passiert hatte, traten die Stadtbahnbögen so weit
zurück, daß von einer Ufereinfassung nicht mehr die Rede
sein konnte; statt ihrer aber wurden jetzt Wiesen und
pappelbesetzte Wege sichtbar, und wo das Ufer quaiartig
abfiel, lagen mit Sand beladene Kähne, große Zillen,
aus deren Innerem eine baggerartige Vorrichtung die
Kies- und Sandmassen in die dicht am Ufer hin etablierten
Kalkgruben schüttete. Es waren dies die Berliner Mörtelwerke, die hier die Herrschaft behaupteten und das Uferbild bestimmten.

Unsre Reisenden sprachen wenig, weil unter dem
raschen Wechsel der Bilder eine Frage die andre zurückdrängte. Nur als der Dampfer an Treptow vorüber
zwischen den kleinen Inseln hinfuhr, die hier mannigfach
aus dem Fluß aufwachsen, wandte sich Melusine an
Woldemar und sagte: „Lizzi hat mir erzählt, hier zwischen
Treptow und Stralau sei auch die ‚Liebesinsel‘; da stürben
immer die Liebespaare, meist mit einem Zettel in der
Hand, drauf alles stünde. Trifft das zu?“

„Ja, Gräfin, soviel ich weiß, trifft es zu. Solche
Liebesinseln giebt es übrigens vielfach in unsrer Gegend
und kann als Beweis gelten, wie weitverbreitet der Zustand ist, dem abgeholfen werden soll, und wenn's auch
durch Sterben wäre.“

„Das nehm' ich Ihnen übel, daß Sie darüber spotten.
Und Armgard wird es noch mehr thun, weil sie gefühlvoller ist als ich. Zudem sollten sie wissen, daß sich so
was rächt.“

„Ich weiß es. Aber Sie lesen auch durchaus falsch
in meiner Seele. Sicher haben Sie mal gehört, daß der,
der Furcht hat, zu singen anfängt, und wer nicht singen
kann, nun, der witzelt eben. Übrigens, so schön ‚Liebesinsel‘ klingt, der Zauber davon geht wieder verloren,
wenn Sie sich den Namen des Ganzen vergegenwärtigen.
Die sich so mächtig hier verbreiternde Spreefläche heißt
nämlich der ‚Rummelsburger‘ See.“

„Freilich nicht hübsch; das kann ich zugeben. Aber
die Stelle selbst ist schön, und Namen bedeuten nichts.“

„Wer Melusine heißt, sollte wissen, was Namen bedeuten.“

„Ich weiß es leider. Denn es giebt Leute, die sich
vor ‚Melusine‘ fürchten.“

„Was immer eine Dummheit, aber doch viel mehr
noch eine Huldigung ist.“

Unter diesem Gespräche waren sie bis über die
Breitung der Spree hinaus gekommen und fuhren wieder
in das schmaler werdende Flußbett ein. An beiden Ufern
hörten die Häuserreihen auf, sich in dünnen Zeilen hinzuziehen, Baumgruppen traten in nächster Nähe dafür
ein, und weiter landeinwärts wurden aufgeschüttete Bahndämme sichtbar, über die hinweg die Telegraphenstangen
ragten und ihre Drähte von Pfahl zu Pfahl spannten.
Hie und da, bis ziemlich weit in den Fluß hinein, stand
ein Schilfgürtel, aus dessen Dickicht vereinzelte Krickenten
aufflogen.

„Es ist doch weiter, als ich dachte,“ sagte Melusine.
„Wir sind ja schon wie in halber Einsamkeit. Und dabei wird es frisch. Ein Glück, daß wir Decken mitgenommen. Denn wir bleiben doch wohl im Freien? Oder
giebt es auch Zimmer da? Freilich kann ich mir kaum
denken, daß wir zu sechs in einem Eierhäuschen Platz
haben.“

„Ach, Frau Gräfin, ich sehe, Sie rechnen auf etwas extrem
Idyllisches und erwarten, wenn wir angelangt sein werden,
einen Mischling von Kiosk und Hütte. Da harrt Ihrer
aber eine grausame Enttäuschung. Das Eierhäuschen ist
ein sogenanntes ‚Lokal‘, und wenn uns die Lust anwandelt,
so können wir da tanzen oder eine Volksversammlung
abhalten. Raum genug ist da. Sehen Sie, das Schiff
wendet sich schon, und der rote Bau da, der zwischen
den Pappelweiden mit Turm und Erker sichtbar wird,
das ist das Eierhäuschen.“

„O weh! Ein Palazzo,“ sagte die Baronin und war
auf dem Punkt, ihrer Mißstimmung einen Ausdruck zu
geben. Aber ehe sie dazu kam, schob sich das Schiff schon
an den vorgebauten Anlegesteg, über den hinweg man,
einen Uferweg einschlagend, auf das Eierhäuschen zuschritt. Dieser Uferweg setzte sich, als man das Gartenlokal endlich erreicht hatte, jenseits desselben noch eine
gute Strecke fort, und weil die wundervolle Frische dazu
einlud, beschloß man, ehe man sich im „Eierhäuschen“
selber niederließ, zuvor noch einen gemeinschaftlichen
Spaziergang am Ufer hin zu machen. Immer weiter flußaufwärts.

Der Enge des Weges halber ging man zu zweien,
vorauf Woldemar mit Melusine, dann die Baronin mit
Armgard. Erheblich zurück erst folgten die beiden älteren
Herren, die schon auf dem Dampfschiff ein politisches
Gespräch angeschnitten hatten. Beide waren liberal, aber
der Umstand, daß der Baron ein Bayer und unter katholischen Anschauungen aufgewachsen war, ließ doch beständig
Unterschiede hervortreten.

„Ich kann Ihnen nicht zustimmen, lieber Graf. Alle
Trümpfe heut, und zwar mehr denn je, sind in des
Papstes Hand. Rom ist ewig und Italien nicht so fest
aufgebaut, als es die Welt glauben machen möchte. Der
Quirinal zieht wieder aus, und der Vatikan zieht wieder
ein. Und was dann?“

„Nichts, lieber Baron. Auch dann nicht, wenn es
wirklich dazu kommen sollte, was, glaub' ich, ausgeschlossen ist.“

„Sie sagen das so ruhig, und ruhig ist man nur,
wenn man sicher ist. Sind Sie's? Und wenn Sie's sind,
dürfen Sie's sein? Ich wiederhole, die letzten Entscheidungen
liegen immer bei dieser Papst- und Rom-Frage.“

„Lagen einmal. Aber damit ist es gründlich vorbei,
auch in Italien selbst. Die letzten Entscheidungen, von
denen Sie sprechen, liegen heutzutage ganz wo anders,
und es sind bloß ein paar Ihrer Zeitungen, die nicht
müde werden, der Welt das Gegenteil zu versichern. Alles
bloße Nachklänge. Das moderne Leben räumt erbarmungslos mit all dem Überkommenen auf. Ob es glückt, ein
Nilreich aufzurichten, ob Japan ein England im Stillen
Ozean wird, ob China mit seinen vierhundert Millionen
aus dem Schlaf aufwacht und, seine Hand erhebend, uns
und der Welt zuruft: „Hier bin ich“, allem vorauf aber,
ob sich der vierte Stand etabliert und stabiliert (denn
darauf läuft doch in ihrem vernünftigen Kern die ganze
Sache hinaus) — das alles fällt ganz anders ins Gewicht
als die Frage „Quirinal oder Vatikan“. Es hat sich überlebt. Und anstaunenswert ist nur das eine, daß es überhaupt noch so weiter geht. Das ist der Wunder größtes.“

„Und das sagen Sie, der Sie zeitweilig den Dingen
so nahe gestanden?“

„Weil ich ihnen so nahe gestanden.“

Auch die beiden voranschreitenden Paare waren in
lebhaftem Gespräch.

An dem schon in Dämmerung liegenden östlichen
Horizont stiegen die Fabrikschornsteine von Spindlersfelde
vor ihnen auf, und die Rauchfahnen zogen in langsamem
Zuge durch die Luft.

„Was ist das?“ fragte die Baronin, sich an Woldemar wendend.

„Das ist Spindlersfelde.“

„Kenn ich nicht.“

„Doch vielleicht, gnädigste Frau, wenn Sie hören,
daß in eben diesem Spindlersfelde der für die weibliche
Welt so wichtige Spindler seine geheimnisvollen Künste
treibt. Besser noch seine verschwiegenen. Denn unsre
Damen bekennen sich nicht gern dazu.“

„So, der! Ja, dieser unser Wohlthäter, den wir —
Sie haben ganz recht — in unserm Undank so gern unterschlagen. Aber dies Unterschlagen hat doch auch wieder
sein Verzeihliches. Wir thun jetzt (leider) so vieles, was
wir, nach einer alten Anschauung, eigentlich nicht thun
sollten. Es ist, mein' ich, nicht passend, auf einem Pferdebahnperron zu stehen, zwischen einem Schaffner und einer
Kiepenfrau, und es ist noch weniger passend, in einem
Fünfzigpfennigbazar allerhand Einkäufe zu machen und
an der sich dabei aufdrängenden Frage: ‚Wodurch ermöglichen sich diese Preise?‘ still vorbeizugehen. Unser Freund
in Spindlersfelde da drüben degradiert uns vielleicht
auch durch das, was er so hilfreich für uns thut.
Armgard, wie denken Sie darüber?“

„Ganz wie Sie, Baronin.“

„Und Melusine?“

Diese gab kopfschüttelnd die Frage weiter und drang
darauf, daß die beiden älteren Herren, die mittlerweile
herangekommen waren, den Ausschlag geben sollten. Aber
der alte Graf wollte davon nichts wissen. „Das sind
Doktorfragen. Auf derlei Dinge lass' ich mich nicht ein.
Ich schlage vor, wir machen lieber Kehrt und suchen uns
im ‚Eierhäuschen‘ einen hübschen Platz, von dem aus wir
das Leben auf dem Fluß beobachten und hoffentlich auch
den Sonnenuntergang gut sehen können.“

Ziemlich um dieselbe Stunde, wo die Barbyschen und
Berchtesgadenschen Herrschaften ihren Spaziergang auf
Spindlersfelde zu machten, erschien unser Freund Mr.
Robinson, von seinem Stallgebäude her, in Front der
Lennéstraße, sah erst gewohnheitsmäßig nach dem Wetter
und ging dann quer durch den Tiergarten auf das Kronprinzenufer zu, wo die Immes ihn bereits erwarteten.

Frau Imme, die, wie die meisten kinderlosen Frauen
(und Frauen mit Sappeurbartmännern sind fast immer
kinderlos), einen großen Wirtschafts- und Sauberkeitssinn
hatte, hatte zu Mr. Robinsons Empfang alles in die
schönste Ordnung gebracht, um so mehr, als sie wußte,
daß ihr Gast, als ein verwöhnter Engländer, immer der
Neigung nachgab, alles Deutsche, wenn auch nur andeutungsweise, zu bemängeln. Es lag ihr daran, ihn
fühlen zu lassen, daß man's hier auch verstehe. So war
denn von ihr nicht bloß eine wundervolle Kaffeeserviette,
sondern auch eine silberne Zuckerdose mit Streußelkuchentellern links und rechts aufgestellt worden. Frau Imme
konnte das alles und noch mehr infolge der bevorzugten
Stellung, die sie von langer Zeit her bei den Barbys einnahm, zu denen sie schon als fünfzehnjähriges junges
Ding gekommen und in deren Dienst sie bis zu ihrer
Verheiratung geblieben war. Auch jetzt noch hingen beide
Damen an ihr, und mit Hilfe Lizzis, die, so diskret sie
war, doch gerne plauderte, war Frau Imme jederzeit
über alles unterrichtet, was im Vorderhause vorging.
Daß der Rittmeister sich für die Damen interessierte, wußte
sie natürlich wie jeder andre, nur nicht — auch darin wie
jeder andre —, für welche.

Ja, für welche?

Das war die große Frage, selbst für Mr. Robinson,
der regelmäßig, wenn er die Immes sah, sich danach erkundigte. Dazu kam es denn auch heute wieder und
zwar sehr bald nach seinem Eintreffen.

Eine große Familientasse mit einem in Front eines
Tempels den Bogen spannenden Amor war vor ihn
hingestellt worden, und als er dem Streußelkuchen (für
den er eine so große Vorliebe hatte, daß er regelmäßig
erklärte, sowas gäb' es in den vereinigten drei Königreichen nicht) — als er dem Streußel liebevoll und doch
auch wieder maßvoll zugesprochen hatte, betrachtete er das
Bild auf der großen Tasse, zeigte, was bei seiner Augenbeschaffenheit etwas Komisches hatte, schelmisch lächelnd
auf den bogenspannenden Amor und sagte: „Hier hinten
ein Tempel und hier vorn ein Lorbeerbusch. Und hier
this little fellow with his arrow. Ich möchte mir die
Frage gestatten — Sie sind eine so kluge Frau, Frau
Imme —: wird er den Pfeil fliegen lassen oder nicht,
und wenn er den Pfeil fliegen läßt, ist es die Priesterin,
die hier neben dem Lorbeer steht, oder ist es eine
andre?“

„Ja, Mr. Robinson,“ sagte Frau Imme, „darauf
ist schwer zu antworten. Denn erstens wissen wir nicht,
was er überhaupt vorhat, und dann wissen wir auch
nicht: wer ist die Priesterin? Ist die Comtesse die Priesterin,
oder ist die Gräfin die Priesterin? Ich glaube, wer
schon verheiratet war, kann wohl eigentlich nicht Priesterin
sein.“

„Ach,“ sagte Imme, in dem sich der naturwüchsige
Mecklenburger regte, „sein kann alles. Über so was
wächst Gras. Ich glaube, es is die Gräfin.“

Robinson nickte. „Glaub' ich auch. And what's the
reason, dear Mrs. Imme? Weil Witib vor Jungfrau
geht. Ich weiß wohl, es ist immer viel die Rede von
virginity, aber widow ist mehr als virgin.“

Frau Imme, die nur halb verstanden hatte, verstand
doch genug, um zu kichern, was sie übrigens sittsam mit
der Bemerkung begleitete, sie habe so was von Mr.
Robinson nicht geglaubt.

Robinson nahm es als Huldigung und trat, nachdem
er sich mit Erlaubnis der „Lady“ ein kurzes Pfeifchen
mit türkischem Tabak angesteckt hatte, an ein Fensterchen,
in dessen mit einer kleinen Laubsäge gemachten Blumenkasten rote Verbenen blühten, und sagte, während er auf
den Hof mit seinen drei Akazienbäumen herunterblickte:
„Wer ist denn der hübsche Junge da, der da mit seinem
hoop spielt? Hier sagen sie Reifen.“

„Das is ja Hartwigs Rudolf,“ sagte Frau Imme.
„Ja, der Junge hat viel Chic. Und wie er da mit dem
Reifen spielt und die Hedwig immer hinter ihm her, wiewohl sie doch beinahe seine Mutter sein könnte. Na, ich
freue mich immer, wenn ich ausgelassene Menschen sehe,
und wenn Hartwig kommt — ich wundere mich bloß,
daß er noch nicht da ist —, da können Sie ihm ja
sagen, wie hübsch Sie die verwöhnte kleine Range finden.
Das wird ihn freuen; er ist furchtbar eitel. Alle Portiersleute sind eitel. Aber das muß wahr sein, es ist ein
reizender Junge.“

Während sie noch so sprachen, erschien Hartwig, auf
den Imme, skatdurstig, schon seit einer Viertelstunde gewartet hatte, und keine drei Minuten mehr, so war auch
Hedwig da, die sich bis kurz vorher mit ihrem kleinen
Cousin Rudolf in dem Hof unten abgeäschert hatte. Beide
wurden mit gleicher Herzlichkeit empfangen, Hartwig, weil
nach seinem Erscheinen die Skatpartie beginnen konnte,
Hedwig, weil Frau Imme nun gute Gesellschaft hatte.
Denn Hedwig konnte wundervoll erzählen und brachte
jedesmal Neuigkeiten mit. Sie mochte vierundzwanzig
sein, war immer sehr sauber gekleidet und von heiterübermütigem Gesichtsausdruck. Dazu krauses, kastanienbraunes Haar. Es traf sich, daß sie mal wieder außer
Dienst war.

„Nun, das ist recht, Hedwig, daß du kommst,“ sagte
Frau Imme. „Rudolfen hab' ich eben erst gefragt, wo
du geblieben wärst, denn ich habe dich ja mit ihm spielen
sehen; aber solch Junge weiß nie was; der denkt bloß
immer an sich, und ob er sein Stück Kuchen kriegt. Na,
wenn er kommt, er soll's haben; Robinson ißt immer so
wenig, wiewohl er den Streußel ungeheuer gern mag.
Aber so sind die Engländer, sie sind nicht so zugreifsch,
und dann geniert sich mein Imme auch, und die Hälfte
bleibt übrig. Na, jedenfalls is es nett, daß du wieder
da bist. Ich habe dich ja seit deinem letzten Dienst noch
gar nicht ordentlich gesehen. Es war ja wohl 'ne Hofrätin? Na, Hofrätinnen, die kenn' ich. Aber es giebt
auch gute. Wie war er denn?

„Na, mit ihm ging es.“

„Deine krausen Haare werden wohl wieder schuld
sein. Die können manche nicht vertragen. Und wenn
dann die Frau was merkt, dann is es vorbei.“

„Nein, so war es nicht. Er war ein sehr anständiger
Mann. Beinahe zu sehr.“

„Aber, Kind, wie kannst du nur so was sagen? Wie
kann einer zu anständig sein?“

„Ja, Frau Imme. Wenn einen einer gar nicht ansieht, das is einem auch nicht recht.“

„Ach, Hedwig, was du da bloß so red'st! Und wenn
ich nich wüßte, daß du gar nich so bist … Aber was
war es denn?“

„Ja, Frau Imme, was soll ich sagen, was es war;
es is ja immer wieder dasselbe. Die Herrschaften können
einen nich richtig unterbringen. Oder wollen auch nich.
Immer wieder die Schlafstelle oder, wie manche hier
sagen, die Schlafgelegenheit.“

„Aber, Kind, wie denn? Du mußt doch 'ne Gelegenheit zum Schlafen haben.“

„Gewiß, Frau Imme. Und 'ne Gelegenheit, so
denkt mancher, is 'ne Gelegenheit. Aber gerade die, die
hat man nich. Man ist müde zum Umfallen und kann
doch nicht schlafen.“

„Versteh' ich nich.“

„Ja, Frau Imme, das macht, weil Sie von Kindesbeinen an immer bei so gute Herrschaften waren, und
mit Lizzi is es jetzt wieder ebenso. Die hat es auch
gut un is, wie wenn sie mit dazu gehörte. Meine
Tante Hartwig erzählt mir immer davon. Und einmal
hab' ich es auch so gut getroffen. Aber bloß das eine
Mal. Sonst fehlt eben immer die Schlafgelegenheit.“

Frau Imme lachte.

„Sie lachen darüber, Frau Imme. Das is aber
nich recht, daß Sie lachen. Glauben Sie mir, es is
eigentlich zum Weinen. Und mitunter hab' ich auch schon
geweint. Als ich nach Berlin kam, da gab es ja noch
die Hängeböden.“

„Kenn' ich, kenn' ich; das heißt, ich habe davon
gehört.“

„Ja, wenn man davon gehört hat, das is nich viel.
Man muß sie richtig kennen lernen. Immer sind sie in
der Küche, mitunter dicht am Herd oder auch gerade
gegenüber. Und nun steigt man auf eine Leiter, und
wenn man müde is, kann man auch 'runter fallen. Aber
meistens geht es. Und nun macht man die Thür auf
und schiebt sich in das Loch hinein, ganz so wie in einen
Backofen. Das is, was sie 'ne Schlafgelegenheit nennen.
Und ich kann Ihnen bloß sagen: auf einem Heuboden is
es besser, auch wenn Mäuse da sind. Und am schlimmsten
is es im Sommer. Draußen sind dreißig Grad, und
auf dem Herd war den ganzen Tag Feuer; da is es
denn, als ob man auf den Rost gelegt würde. So war
es, als ich nach Berlin kam. Aber ich glaube, sie dürfen
jetzt so was nich mehr bauen. Polizeiverbot. Ach, Frau
Imme, die Polizei is doch ein rechter Segen. Wenn wir
die Polizei nich hätten (und sie sind auch immer so artig
gegen einen), so hätten wir gar nichts. Mein Onkel
Hartwig, wenn ich ihm so erzähle, daß man nicht schlafen
kann, der sagt auch immer: ‚Kenn' ich, kenn' ich; der
Bourgeois thut nichts für die Menschheit. Und wer
nichts für die Menschheit thut, der muß abgeschafft
werden.‘“

„Ja, dein Onkel spricht so. Und war es denn bei
deinem Hofrat, wo du nu zuletzt warst, auch so?“

„Nein, bei Hofrats war es nicht so. Die wohnten
ja auch in einem ganz neuen Hause. Hofrats waren
Trockenwohner. Und in dem, was jetzt die neuen Häuser
sind, da kommen, glaub' ich, die Hängeböden gar nicht
mehr vor; da haben sie bloß noch die Badestuben.“

„Nu, das is aber doch ein Fortschritt.“

„Ja, das kann man sagen; Badestube als Badestube
ist ein Fortschritt oder, wie Onkel Hartwig immer sagt,
ein Kulturfortschritt. Er hat meistens solche Wörter.
Aber Badestube als Schlafgelegenheit is kein Fortschritt.“

„Gott, Kind, sie werden dich aber doch nich in eine
Badewanne gepackt haben?“

„I bewahre. Das thun sie schon der Badewanne
wegen nich. Da werden sie sich hüten. Aber … Ach,
Frau Imme, ich kann nur immer wieder sagen, Sie
wissen nich Bescheid; Sie hatten es gut, wie Sie noch
unverheiratet waren, und nu haben Sie's erst recht gut.
Sie wohnen hier wie in einer kleinen Sommerwohnung,
un daß es ein bißchen nach Pferde riecht, das schadet
nich; das Pferd is ein feines und reinliches Tier, und
all seine Verrichtungen sind so edel. Man sagt ja auch:
das edle Pferd. Und außerdem soll es so gesund sein,
fast so gut wie Kuhstall, womit sie ja die Schwindsucht
kurieren. Und dazu haben Sie hier den Blick auf die
Kugelakazien und drüben auf das Marinepanorama, wo
man sehen kann, wie alles is, und dahinter haben Sie
den Blick auf die Kunstausstellung, wo es so furchtbar
zieht, bloß damit man immer frische Luft hat. Aber bei
Hofrats … Nein, diese Badestube!“

„Gott, Hedwig,“ sagte Frau Imme, „du thust ja, wie
wenn es eine Mördergrube oder ein Verbrecherkeller gewesen wäre.“

„Verbrecherkeller? Ach, Frau Imme, das is ja garnichts. Ich habe Verbrecherkeller gesehen, natürlich bloß
zufällig. Da trinken sie Weißbier und spielen Sechsundsechzig. Und in einer Ecke wird was ausbaldowert, aber
davon merkt man nichts.“

„Und die Badestube … warum is sie dir denn so
furchtbar, daß du dich ordentlich schudderst? Der Mensch
muß doch am Ende baden können.“

„Ach was, baden! natürlich. Aber 'ne Badestube is
nie 'ne Badestube. Wenigstens hier nicht. Eine Badestube is 'ne Rumpelkammer, wo man alles unterbringt,
alles, wofür man sonst keinen Platz hat. Und dazu gehört auch ein Dienstmädchen. Meine eiserne Bettstelle,
die abends aufgeklappt wurde, stand immer neben der
Badewanne, drin alle alten Bier- und Weinflaschen lagen.
Und nun drippten die Neigen aus. Und in der Ecke
stand ein Bettsack, drin die Fräuleins ihre Wäsche hinein
stopften, und in der andern Ecke war eine kleine Thür.
Aber davon will ich zu Ihnen nicht sprechen, weil ich
einen Widerwillen gegen Unanständigkeiten habe, weshalb
schon meine Mutter immer sagte: ‚Hedwig, du wirst noch
Jesum Christum erkennen lernen.‘ Und ich muß sagen,
das hat sich bei Hofrats denn auch erfüllt. Aber fromm
waren sie weiter nich.“

Während Hedwig noch so weiter klagte, hörte man,
daß draußen die Klingel ging, und als Frau Imme
öffnete, stand Rudolf auf dem kleinen Flur und sagte,
daß er Vatern holen solle und Hedwigen auch; Mutter
müsse weg.

„Na,“ sagte Frau Imme, „dann komm nur, Rudolf,
un iß erst ein Stück Streußel und bestell es nachher bei
deinem Vater.“

Bald danach nahm sie denn auch den Jungen bei
der Hand und führte ihn in das Nebenzimmer, wo die
drei Männer vergnügt an ihrem Skattisch saßen. Ein
großes Spiel war eben gemacht; alles noch in Aufregung.

Robinson, als er Rudolfen sah, nickte ihm zu und
sagte zu Imme: „Das is ja der hübsche Junge, den ich
vorhin auf dem Hof gesehen habe mit seinem hoop; —
nice boy.“

„Ja,“ sagte Imme, „das is unsrem Freund Hartwig
seiner.“ Hartwig selber aber rief seinen Jungen heran
und sagte: „Na, Rudolf, was giebt's? Du willst mich
holen. Du sollst aber auch noch 'ne Freude haben. Kuck
dir mal den Herrn da an, der dich so freundlich ansieht.
Das is Robinson.“

„Haha.“

„Ja, Junge, warum lachst du? Glaubst du's nich,
wenn ich dir sage, das is Robinson?“

„I bewahre, Vater. Robinson, den kenn' ich. Robinson hat 'nen Sonnenschirm und ein Lama. Un der
is auch schon lange dod.“

Fünfzehntes Kapitel.

Unsere Landpartieler waren im Angesicht von Spindlersfelde nach dem Eierhäuschen zurückgekehrt und hatten sich
hier an zwei dicht am Ufer zusammengerückten Tischen
niedergelassen, eine Laube von Baumkronen über sich.
Sperlinge hüpften umher und warteten auf ihre Zeit.
Gleich danach erschien auch ein Kellner, um die Bestellungen entgegen zu nehmen. Es entstand dabei die
herkömmliche Verlegenheitspause; niemand wußte was zu
sagen, bis die Baronin auf den Stamm einer ihr gegenüberstehenden Ulme wies, drauf „Wiener Würstel“ und
daneben in noch dickeren Buchstaben das gefällige Wort
„Löwenbräu“ stand. In kürzester Frist erschien denn auch
der Kellner wieder, und die Baronin hob ihr Seidel und
ließ das Eierhäuschen und die Spree leben, zugleich versichernd, „daß man ein echtes Münchener überhaupt nur
noch in Berlin tränke.“ Der alte Berchtesgaden wollte
jedoch nichts davon wissen und drang in seine Frau, lieber
mehr nach links zu rücken, um den Sonnenuntergang
besser beobachten zu können; „der sei freilich in Berlin
ebenso gut wie wo anders.“ Die Baronin hielt aber
aus und rührte sich nicht. „Was Sonnenuntergang! den
seh' ich jeden Abend. Ich sitze hier sehr gut und freue
mich schon auf die Lichter.“

Und nicht lange mehr, so waren diese Lichter auch
wirklich da. Nicht nur das ganze Lokal erhellte sich,
sondern auch auf dem drüben am andern Ufer sich hinziehenden Eisenbahndamme zeigten sich allmählich die verschiedenfarbigen Signale, während mitten auf der Spree,
wo Schleppdampfer die Kähne zogen, ein verblaktes Rot
aus den Kajütenfenstern hervorglühte. Dabei wurde es
kühl, und die Damen wickelten sich in ihre Plaids und
Mäntel.

Auch die Herren fröstelten ein wenig, und so trat
denn der ersichtlich etwas planende Woldemar nach kurzem
Aufundabschreiten an das in der Nähe befindliche Büffett
heran, um da zur Herstellung einer besseren Innentemperatur das Nötige zu veranlassen. Und siehe da, nicht lange
mehr, so stand auch schon ein großes Tablett mit Gläsern
und Flaschen vor ihnen und dazwischen ein Deckelkrug,
aus dem, als man den Deckel aufklappte, der heiße
Wrasen emporschlug. Die Baronin, in solchen Dingen
die Scharfblickendste, war sofort orientiert und sagte:
„Lieber Stechlin, ich beglückwünsche Sie. Das war eine
große Idee.“

„Ja, meine Damen, ich glaubte, daß etwas geschehen
müsse, sonst haben wir morgen samt und sonders einen
akuten Rheumatismus. Und zurück müssen wir doch auch.
Auf dem Schiffe, wo solche Hilfsmittel, glaub' ich, fehlen,
sind wir allen Unbilden der Elemente preisgegeben.“

„Und sie konnten wirklich nicht besser wählen,“ unterbrach Melusine. „Schwedischer Punsch, für den ich ein
liking habe. Wie für Schweden überhaupt. Da Doktor
Wrschowitz nicht da ist, können wir uns ungestraft einem
gewissen Maß von Skandinavismus überlassen.“

„Am liebsten ohne alles Maß,“ sagte Woldemar,
„so skandinavisch bin ich. Ich ziehe die Skandinaven den
sonst ‚Meistbegünstigten‘ unter den Nationen immer noch
vor. Alle Länder erweitern übrigens ihre Spezialgebiete.
Früher hatte Schweden nur zweierlei: Mut und Eisen,
von denen man sagen muß, daß sie gut zusammen passen.
Dann kamen die ‚Säkerhets Tändstickors‘, und nun haben
wir den schwedischen Punsch, den ich in diesem Augenblick unbedingt am höchsten stelle. Ihr Wohl, meine
Damen.“

„Und das Ihre,“ sagte Melusine, „denn Sie sind
doch der Schöpfer dieses glücklichen Moments. Aber
wissen Sie, lieber Stechlin, daß ich in Ihrer Aufzählung
schwedischer Herrlichkeiten etwas vermißt habe. Die Schweden
haben noch eins — oder hatten es wenigstens. Und das
war die schwedische Nachtigall.“

„Ja, die hab' ich vergessen. Es fällt vor meine Zeit.“

„Ich müßte,“ lachte die Gräfin, „vielleicht auch sagen:
es fällt vor meine Zeit. Aber ich darf doch andrerseits nicht verschweigen, die Lind noch leibhaftig gekannt
zu haben. Freilich nicht mehr so eigentlich als schwedische
Nachtigall. Und überhaupt unter anderm Namen.“

„Ja, ich erinnere mich,“ sagte Woldemar, „sie hatte
sich verheiratet. Wie hieß sie doch?“

„Goldschmidt, — ein Name, den man schon um ‚Goldschmidts Töchterlein‘ willen gelten lassen kann. Aber an
Jenny Lind reicht er allerdings nicht heran.“

„Gewiß nicht. Und sie sagten, Frau Gräfin, Sie
hätten sie noch persönlich gekannt?“

„Ja, gekannt und auch gehört. Sie sang damals,
wenn auch nicht mehr öffentlich, so doch immer noch in
ihrem häuslichen Salon. Diese Bekanntschaft zählt zu
meinen liebsten und stolzesten Erinnerungen. Ich war
noch ein halbes Kind, aber trotzdem doch mit eingeladen,
was mir allein schon etwas bedeutete. Dazu die Fahrt
von Hyde-Park bis in die Villa hinaus. Ich weiß noch
deutlich, ich trug ein weißes Kleid und einen hellblauen
Kaschmirumhang und das Haar ganz aufgelöst. Die Lind
beobachtete mich, und ich sah, daß ich ihr gefiel. Wenn
man Eindruck macht, das behält man. Und nun gar
mit vierzehn!“

„Die Lind,“ warf die Baronin etwas prosaisch ein,
„soll ihrerseits als Kind sehr häßlich gewesen sein.“

„Ich hätte das Gegenteil vermutet,“ bemerkte Woldemar.

„Und auf welche Veranlassung hin, lieber Stechlin?“

„Weil ich ein Bild von ihr kenne. Wir haben es,
wie bekannt, seit einiger Zeit von einem unsrer besten Maler
auf unsrer Nationalgalerie. Aber lange bevor ich es da
sah, kannt' ich es schon en miniature, und zwar aus einer
im Besitz meines Freundes Lorenzen befindlichen Aquarelle.
Diese Kopie hängt über seinem Sofa, dicht unter einer
Rubensschen Kreuzabnahme. Wenn man will, eine
etwas sonderbare Zusammenstellung.“

„Und das alles in Ihrer Stechliner Pfarre!“ sagte
Melusine. „Wissen Sie, Rittmeister, daß ich die Thatsache, daß so was überhaupt in einem kleinen Dorfe vorkommen kann, Ihrem berühmten See beinah' gleichstelle?
Unsre schwedische Nachtigall in Ihrem „Ruppiner Winkel“,
wie Sie selbst beständig sich auszudrücken lieben. Die Lind!
Und wie kam Ihr Pastor dazu?“

„Die Lind war, glaub' ich, seine erste Liebe. Sehr
wahrscheinlich auch seine letzte. Lorenzen saß damals
noch auf der Schulbank und schlug sich mit Stundengeben
durch. Aber er hörte die Diva trotzdem jeden Abend und
wußte sich auch, trotz bescheidenster Mittel, das Bildchen
zu verschaffen. Fast grenzt es ans Wunderbare. Freilich
verlaufen die Dinge meist so. Wär' er reich gewesen, so
hätt' er sein Geld anderweitig verthan und die Lind vielleicht nie gehört und gesehen. Nur die Armen bringen
die Mittel auf für das, was jenseits des Gewöhnlichen
liegt; aus Begeisterung und Liebe fließt alles. Und es
ist etwas sehr Schönes, daß es so ist in unserm Leben.
Vielleicht das Schönste.“

„Das will ich meinen,“ sagte die Gräfin. „Und ich
dank' es Ihnen, lieber Stechlin, daß Sie das gesagt haben.
Das war ein gutes Wort, das ich Ihnen nicht vergessen
will. Und dieser Lorenzen war Ihr Lehrer und Erzieher?“

„Ja, mein Lehrer und Erzieher. Zugleich mein
Freund und Berater. Der, den ich über alles liebe.“

„Gehen Sie darin nicht zu weit?“ lachte Melusine.

„Vielleicht, Gräfin, oder sag' ich lieber: gewiß. Und
ich hätte dessen eingedenk sein sollen, gerade heut und
gerade hier. Aber so viel bleibt: ich liebe ihn sehr, weil
ich ihm alles verdanke, was ich bin, und weil er reinen
Herzens ist.“

„Reinen Herzens,“ sagte Melusine. „Das ist viel.
Und Sie sind dessen sicher?“

„Ganz sicher.“

„Und von diesem Unikum erzählen Sie uns erst
heute! Da waren Sie neulich mit dem guten Wrschowitz
bei uns und haben uns allerhand Schreckliches von Ihrem
misogynen Prinzen wissen lassen. Und während Sie den
in den Vordergrund stellen, halten Sie diesen Pastor
Lorenzen ganz gemütlich in Reserve. Wie kann man so
grausam sein und mit seinen Berichten und Redekünsten
so launenhaft operieren! Aber holen Sie wenigstens nach,
was Sie versäumt haben. Die Fragen drängen sich ordentlich. Wie kam Ihr Vater auf den Einfall, Ihnen einen
solchen Erzieher zu geben? Und wie kam ein Mann wie
dieser Lorenzen in diese Gegenden? Und wie kam er
überhaupt in diese Welt? Es ist so selten, so selten.“

Armgard und die Baronin nickten.

„Ich bekenne, mich quält die Neugier, mehr von ihm
zu hören,“ fuhr Melusine fort. „Und er ist unverheiratet?
Schon das allein ist immer ein gutes Zeichen. Durchschnittsmenschen glauben sich so schnell wie möglich verewigen zu müssen, damit die Herrlichkeit nicht ausstirbt.
Ihr Lorenzen ist eben in allem, wie mir scheint, ein Ausnahmemensch. Also beginnen.“

„Ich bin dazu besten Willens, Frau Gräfin. Aber
es ist zu spät dazu, denn das helle Licht, das Sie da
sehen, das ist bereits unser Dampfer. Wir haben keine
Wahl mehr, wir müssen abbrechen, wenn wir nicht im
Eierhäuschen ein Nachtquartier nehmen wollen. Unterwegs ist übrigens Lorenzen ein wundervolles Thema,
vorausgesetzt, daß uns der Anblick der Liebesinsel nicht
wieder auf andre Dinge bringt. Aber hören Sie …
der Dampfer läutet schon … wir müssen eilen. Bis
an die Anlegestelle sind noch mindestens drei Minuten!“

Und nun war man glücklich auf dem Schiff, auf dem
Woldemar und die Damen ihre schon auf der Hinfahrt
innegehabten Plätze sofort wieder einnahmen. Nur die
beiden in ihre Plaids gewickelten alten Herren schritten
auf Deck auf und ab und sahen, wenn sie vorn am Bugspriet eine kurze Rast machten, auf die vielen hundert
Lichter, die sich von beiden Ufern her im Fluß spiegelten.
Unten im Maschinenraum hörte man das Klappern und
Stampfen, während die Schiffsschraube das Wasser nach
hinten schleuderte, daß es in einem weißen Schaumstreifen
dem Schiffe folgte. Sonst war alles still, so still, daß
die Damen ihr Gespräch unterbrachen. „Armgard, du
bist so schweigsam,“ sagte Melusine, „finden Sie nicht
auch, lieber Stechlin? Meine Schwester hat noch keine
zehn Worte gesprochen.“

„Ich glaube, Gräfin, wir lassen die Comtesse. Manchem
kleidet es zu sprechen, und manchem kleidet es zu schweigen.
Jedes Beisammensein braucht einen Schweiger.“

„Ich werde Nutzen aus dieser Lehre ziehen.“

„Ich glaub' es nicht, Gräfin, und vor allem wünsch'
ich es nicht. Wer könnt' es wünschen?“

Sie drohte ihm mit dem Finger. Dann schwieg man
wieder und sah auf die Landschaft, die da, wo der am
Ufer hinlaufende Straßenzug breite Lücken aufwies, in
tiefem Dunkel lag. Urplötzlich aber stieg gerad aus dem
Dunkel heraus ein Lichtstreifen hoch in den Himmel und
zerstob da, wobei rote und blaue Leuchtkugeln langsam
zur Erde niederfielen.

„Wie schön,“ sagte Melusine. „Das ist mehr, als
wir erwarten durften; Ende gut, alles gut, — nun haben
wir auch noch ein Feuerwerk. Wo mag es sein? Welche
Dörfer liegen da hinüber? Sie sind ja so gut wie ein
Generalstäbler, lieber Stechlin, Sie müssen es wissen. Ich
vermute Friedrichsfelde. Reizendes Dorf und reizendes
Schloß. Ich war einmal da; die Dame des Hauses ist
eine Schwester der Frau von Hülsen. Ist es Friedrichsfelde?“

„Vielleicht, gnädigste Gräfin. Aber doch nicht wahrscheinlich, Friedrichsfelde gehört nicht in die Reihe der
Vororte, wo Feuerwerke sozusagen auf dem Programm
stehen. Ich denke, wir lassen es im Ungewissen und
freuen uns der Sache selbst. Sehen Sie, jetzt beginnt
es erst recht eigentlich. Die Rakete, die wir da vorhin
gesehen haben, das war nur Vorspiel. Jetzt haben wir
erst das Stück. Es ist zu weit ab, sonst würden wir
das Knattern hören und die Kanonenschläge. Wahrscheinlich ist es Sedan oder Düppel oder der Übergang
nach Alsen. Übrigens ist die Pyrotechnik eine profunde
Wissenschaft geworden.“

„Und es soll auch Personen geben, die ganz dafür
leben und ihr Vermögen hinopfern wie früher die Holländer für die Tulpen. Tulpen wäre nun freilich nicht
mein Geschmack. Aber Feuerwerk!“

„Ja, unbedingt. Und nur schade, daß alle die, die
damit zu thun haben, über kurz oder lang in die Luft
fliegen.“

„Das ist fatal. Aber es steigert andrerseits doch auch
wieder den Reiz. Sonderbar, gefahrlose Berufe, solche,
die sozusagen eine Zipfelmütze tragen, sind mir von jeher
ein Greuel gewesen. Interesse hat doch immer nur das
va banque: Torpedoboote, Tunnel unter dem Meere,
Luftballons. Ich denke mir, das Nächste was wir erleben, sind Luftschifferschlachten. Wenn dann so eine
Gondel die andre entert. Ich kann mich in solche Vorstellungen geradezu verlieben.“

„Ja, liebe Melusine, das seh' ich,“ unterbrach hier
die Baronin. „Sie verlieben sich in solche Vorstellungen
und vergessen darüber die Wirklichkeiten und sogar unser
Programm. Ich muß angesichts dieser doch erst kommenden
Luftschifferschlachten ganz ergebenst daran erinnern, daß
für heute noch wer anders in der Luft schwebt und
zwar Pastor Lorenzen. Von dem sollte die Rede sein.
Freilich, der ist kein Pyrotechniker.“

„Nein,“ lachte Woldemar, „das ist er nicht. Aber
als einen Aëronauten kann ich ihn Ihnen beinahe vorstellen. Er ist so recht ein Excelsior-, ein Aufsteigemensch,
einer aus der wirklichen Obersphäre, genau von daher, wo
alles Hohe zu Haus ist, die Hoffnung und sogar die Liebe.“

„Ja,“ lachte die Baronin, „die Hoffnung und sogar
die Liebe! Wo bleibt aber das Dritte? Da müssen's zu
uns kommen. Wir haben noch das Dritte; das heißt
also wir wissen auch, was wir glauben sollen.“

„Ja, sollen.“

„Sollen, gewiß. Sollen, das ist die Hauptsache. Wenn
man weiß, was man soll, so find't sich's schon. Aber wo das
Sollen fehlt, da fehlt auch das Wollen. Es ist halt a
Glück, daß wir Rom haben und den heiligen Vater.“

„Ach,“ sagte Melusine, „wer's Ihnen glaubt, Baronin!
Aber lassen wir so heikle Fragen und hören wir lieber
von dem, den ich — ich bin beschämt darüber — in so
wenig verbindlicher Weise vergessen konnte, von unserm
Wundermann mit der Studentenliebe, von dem Säulenheiligen, der reinen Herzens ist, und vor allem von dem
Schöpfer und geistigen Nährvater unsers Freundes Stechlin.
Eh bien, was ist es mit ihm? ‚An ihren Früchten sollt
ihr sie erkennen,‘ — das könnt' uns beinahe genügen.
Aber ich bin doch für ein Weiteres. Und so denn attention au jeu. Unser Freund Stechlin hat das Wort.“

„Ja, unser Freund Stechlin hat das Wort,“ wiederholte Woldemar, „so sagen Sie gütigst, Frau Gräfin.
Aber dem nachkommen ist nicht so leicht. Vorhin, da war
ich im Zuge. Jetzt wieder damit anfangen, das hat seine
Schwierigkeiten. Und dann erwarten die Damen immer
eine Liebesgeschichte, selbst wenn es sich um einen Mann
handelt, den ich, was diese Dinge betrifft, so wenig versprechend eingeführt habe. Sie gehen also, wie heute
schon mehrfach (ich erinnere nur an das Eierhäuschen),
einer grausamen Enttäuschung entgegen.“

„Keine Ausflüchte!“

„Nun, so sei's denn. Ich muß es aber auf einem
Umwege versuchen und Ihnen bei der Gelegenheit als
Nächstes schildern, wie meine letzte Begegnung mit Lorenzen
verlief. Er war, als ich bei ihm eintrat, in ersichtlich großer Erregung und zwar über ein Büchelchen, das
er in Händen hielt.“

„Und ich will raten, was es war,“ unterbrach Melusine.

„Nun?“

„Ein Buch von Tolstoj. Etwas mit viel Opfer und
Entsagung. Anpreisung von Ascese.“

„Sie sind auf dem richtigen Wege, Gräfin, nur nicht
geographisch. Es handelt sich nämlich nicht östlich um
einen Russen, sondern westlich um einen Portugiesen.“

„Um einen Portugiesen,“ lachte die Baronin. „O,
ich kenne welche. Sie sind alle so klein und gelblich.
Und einer fand einen Seeweg. Freilich schon lange her.
Ist es nicht so?“

„Gewiß, Frau Baronin, es ist so. Nur der, um den
es sich hier handelt, das ist keiner mit einem Seeweg,
sondern bloß ein Dichter.“

„Ach, dessen erinnere ich mich auch, ja ich habe sogar seinen Namen auf der Zunge. Mit einem großen C
fängt er an. Aber Calderon ist es nicht.“

„Nein, Calderon ist es nicht; es deckt sich da manches,
auch schon rein landkartlich, nicht mit dem, um den sich's
hier handelt. Und ist überhaupt kein alter Dichter,
sondern ein neuer. Und heißt Joao de Deus.“

„Joao de Deus,“ wiederholte die Gräfin. „Schon
der Name. Sonderbar. Und was war es mit dem?“

„Ja, was war es mit dem? Dieselbe Frage that
ich auch, und ich habe nicht vergessen, was Lorenzen mir
antwortete: ‚Dieser Joao de Deus,‘ so etwa waren seine
Worte, ‚war genau das, was ich wohl sein möchte, wonach ich suche, seit ich zu leben, wirklich zu leben angefangen, und wovon es beständig draußen in der Welt
heißt, es gäbe dergleichen nicht mehr. Aber es giebt dergleichen noch, es muß dergleichen geben oder doch wieder
geben. Unsre ganze Gesellschaft (und nun gar erst das,
was sich im besonderen so nennt) ist aufgebaut auf dem
Ich. Das ist ihr Fluch, und daran muß sie zu Grunde
gehen. Die zehn Gebote, das war der Alte Bund; der
neue Bund aber hat ein andres, ein einziges Gebot, und
das klingt aus in: „Und du hättest der Liebe nicht …“.

„Ja, so sprach Lorenzen“, fuhr Woldemar nach
einer Pause fort „und sprach auch noch andres, bis
ich ihn unterbrach und ihm zurief: ‚Aber, Lorenzen, das
sind ja bloß Allgemeinheiten. Sie wollten mir Persönliches von Joao de Deus erzählen. Was ist es mit dem?
Wer war er? Lebt er? Oder ist er tot?‘

„‚Er ist tot, aber seit kurzem erst, und von seinem
Tode spricht das kleine Heft hier. Höre.“ Und nun begann
er zu lesen. Das aber was er las, das lautete etwa
so: „ … Und als er nun tot war, der Joao
de Deus, da gab es eine Landestrauer, und
alle Schulen in der Hauptstadt waren geschlossen, und die
Minister und die Leute vom Hof und die Gelehrten und
die Handwerker, alles folgte dem Sarge dicht gedrängt,
und die Fabrikarbeiterinnen hoben schluchzend ihre Kinder
in die Höh' und zeigten auf den Toten und sagten: Un
Santo, un Santo. Und sie thaten so und sagten so, weil
er für die Armen gelebt hatte und nicht für sich.‘““

„Das ist schön,“ sagte Melusine.

„Ja, das ist schön,“ wiederholte Woldemar, „und ich
darf hinzusetzen, in dieser Geschichte haben Sie nicht bloß
den Joao de Deus, sondern auch meinen Freund Lorenzen.
Er ist vielleicht nicht ganz wie sein Ideal. Aber Liebe
giebt Ebenbürtigkeit.“

„Und so schlag' ich denn vor,“ sagte die Baronin,
„daß wir den mit dem C, dessen Name mir übrigens
noch einfallen wird, vorläufig absetzen und statt seiner
den neuen mit dem D leben lassen. Und natürlich unsern
Lorenzen dazu.“

„Ja, leben lassen,“ lachte Woldemar. „Aber womit?
worin? Les jours de fête …“ und er wies auf das
Eierhäuschen zurück.

„In dieser Notlage wollen wir uns helfen, so gut
es geht, und uns statt andrer Beschwörung einfach die
Hände reichen, selbstverständlich über Kreuz; hier: erst
Stechlin und Armgard und dann Melusine und ich.“

Und wirklich, sie reichten sich in heiterer Feierlichkeit
die Hände.

Gleich danach aber traten die beiden alten Herren
an die Gruppe heran, und der Baron sagte: „Das ist ja
wie Rütli.“

„Mehr, mehr. Bah, Freiheit! Was ist Freiheit
gegen Liebe!“

„So, hat's denn eine Verlobung gegeben?“

„Nein … noch nicht,“ lachte Melusine.

Wahl in Rheinsberg-Wutz.

Sechzehntes Kapitel.

Der andre Morgen rief Woldemar zeitig zum Dienst.
Als er um neun Uhr auf sein Zimmer zurückkehrte, fand
er auf dem Frühstückstisch Zeitungen und Briefe. Darunter war einer mit einem ziemlich großen Siegel, der
Lack schlecht und der Brief überhaupt von sehr unmodischer
Erscheinung, ein bloß zusammengelegter Quartbogen. Woldemar, nach Poststempel und Handschrift sehr wohl wissend,
woher und von wem der Brief kam, schob ihn, während
Fritz den Thee brachte, beiseite, und erst als er eine Tasse
genommen und länger als nötig dabei verweilt hatte,
griff er wieder nach dem Brief und drehte ihn zwischen
Daumen und Zeigefinger. „Ich hätte mir, nach dem
gestrigen Abend, heute früh was andres gewünscht, als
gerade diesen Brief.“ Und während er das so vor sich
hin sprach, standen ihm, er mochte wollen oder nicht, die
letzten Wutzer Augenblicke wieder vor der Seele. Die
Tante hatte, kurz bevor er das Kloster verließ, noch einmal vertraulich seine Hand genommen und ihm bei der
Gelegenheit ausgesprochen, was sie seit lange bedrückte.

„Das Junggesellenleben, Woldemar, taugt nichts.
Dein Vater war auch schon zu alt, als er sich verheiratete. Ich will nicht in deine Geheimnisse eindringen, aber ich möchte doch fragen dürfen: wie stehst
du dazu?“

„Nun, ein Anfang ist gemacht. Aber doch erst obenhin.“

„Berlinerin?“

„Ja und nein. Die junge Dame lebt seit einer Reihe
von Jahren in Berlin und liebt unsre Stadt über Erwarten. Insoweit ist sie Berlinerin. Aber eigentlich ist
sie doch keine; sie wurde drüben in London geboren, und
ihre Mutter war eine Schweizerin.“

„Um Gottes willen!“

„Ich glaube, liebe Tante, du machst dir falsche Vorstellungen von einer Schweizerin. Du denkst sie dir auf
einer Alm und mit einem Milchkübel.“

„Ich denke sie mir gar nicht, Woldemar. Ich weiß
nur, daß es ein mildes Land ist.“

„Ein freies Land, liebe Tante.“

„Ja, das kennt man. Und wenn du das Spiel
noch einigermaßen in der Hand hast, so beschwör' ich
dich …“

An dieser Stelle war, wie schon vorher durch Fix,
abermals (weil eine Störung kam,) das Gespräch mit der
Tante auf andre Dinge hingeleitet worden, und nun hielt
er ihren Brief in Händen und zögerte, das Siegel zu
brechen. „Ich weiß, was drin steht, und ängstige mich
doch beinahe. Wenn es nicht Kämpfe giebt, so giebt es
wenigstens Verstimmungen. Und die sind mir womöglich
noch fataler … Aber was hilft es!“

Und nun brach er den Brief auf und las:

„Ich nehme an, mein lieber Woldemar, daß du
meine letzten Worte noch in Erinnerung hast. Sie liefen
auf den Rat und die Bitte hinaus: gieb auch in dieser
Frage die Heimat nicht auf, halte dich, wenn es sein
kann, an das Nächste. Schon unsre Provinzen sind so
sehr verschieden. Ich sehe dich über solche Worte lächeln,
aber ich bleibe doch dabei. Was ich Adel nenne, das
giebt es nur noch in unsrer Mark und in unsrer alten
Nachbar- und Schwesterprovinz, ja, da vielleicht noch
reiner als bei uns. Ich will nicht ausführen, wie's bei
schärferem Zusehen auf dem adligen Gesamtgebiete steht,
aber doch wenigstens ein paar Andeutungen will ich
machen. Ich habe sie von allen Arten gesehen. Da sind
zum Beispiel die rheinischen jungen Damen, also die von
Köln und Aachen; nun ja, die mögen ganz gut sein,
aber sie sind katholisch, und wenn sie nicht katholisch sind,
dann sind sie was andres, wo der Vater erst geadelt
wurde. Neben den rheinischen haben wir dann die westfälischen. Über die ließe sich reden. Aber Schlesien. Die
schlesischen Herrschaften, die sich mitunter auch Magnaten
nennen, sind alle so gut wie polnisch und leben von Jeu
und haben die hübschesten Erzieherinnen; immer ganz
jung, da macht es sich am leichtesten. Und dann sind da
noch weiterhin die preußischen, das heißt die ostpreußischen,
wo schon alles aufhört. Nun, die kenn' ich, die sind
ganz wie ihre Litauer Füllen und schlagen aus und beknabbern alles. Und je reicher sie sind, desto schlimmer.
Und nun wirst du fragen, warum ich gegen andre so
streng und so sehr für unsre Mark bin, ja speziell für
unsre Mittelmark. Deshalb, mein lieber Woldemar,
weil wir in unsrer Mittelmark nicht so bloß äußerlich
in der Mitte liegen, sondern weil wir auch in allem die
rechte Mitte haben und halten. Ich habe mal gehört,
unser märkisches Land sei das Land, drin es nie Heilige
gegeben, drin man aber auch keine Ketzer verbrannt habe.
Sieh, das ist das, worauf es ankommt, Mittelzustand,
— darauf baut sich das Glück auf. Und dann haben
wir hier noch zweierlei: in unserer Bevölkerung die reine
Lehre und in unserm Adel das reine Blut. Die, wo
das nicht zutrifft, die kennt man. Einige meinen freilich,
das, was sie das ‚Geistige‘ nennen, das litte darunter.
Das ist aber alles Thorheit. Und wenn es litte (es
leidet aber nicht), so schadet das gar nichts. Wenn das
Herz gesund ist, ist der Kopf nie ganz schlecht. Auf
diesen Satz kannst du dich verlassen. Und so bleibe denn,
wenn du suchst, in unsrer Mark und vergiß nie, daß wir
das sind, was man so ‚brandenburgische Geschichte‘ nennt.
Am eindringlichsten aber laß dir unsre Rheinsberger
Gegend empfohlen sein, von der mir selbst Koseleger —
trotzdem seine Feinde behaupten, er betrachte sich hier
bloß wie in Verbannung und sehne sich fort nach einer
Berliner Domstelle — von der mir selbst Koseleger sagte:
‚Wenn man sich die preußische Geschichte genau ansieht,
so findet man immer, daß sich alles auf unsre alte, liebe
Grafschaft zurückführen läßt; da liegen die Wurzeln
unsrer Kraft.‘ Und so schließe ich denn mit der Bitte:
heirate heimisch und heirate lutherisch. Und nicht nach
Geld (Geld erniedrigt) und halte dich dabei versichert der
Liebe deiner dich herzlich liebenden Tante und Patin
Adelheid von St.“

Woldemar lachte. „Heirate heimisch und heirate
lutherisch — das hör' ich nun schon seit Jahren. Und
auch das dritte höre ich immer wieder: ‚Geld erniedrigt‘.
Aber das kenn' ich. Wenn's nur recht viel ist, kann es
schließlich auch eine Chinesin sein. In der Mark ist alles
Geldfrage. Geld — weil keins da ist — spricht Person
und Sache heilig und, was noch mehr sagen will, beschwichtigt zuletzt auch den Eigensinn einer alten Tante.“

Während er lachend so vor sich hin sprach, überflog
er noch einmal den Brief und sah jetzt, daß eine Nachschrift an den Rand der vierten Seite gekritzelt war.
„Eben war Katzler hier, der mir von der am Sonnabend in unserm Kreise stattfindenden Nachwahl erzählte.
Dein Vater ist aufgestellt worden und hat auch angenommen. Er bleibt doch immer der Alte. Gewiß wird
er sich einbilden, ein Opfer zu bringen, — er litt von
Jugend auf an solchen Einbildungen. Aber was ihm
ein Opfer bedünkte, waren, bei Lichte besehen, immer
bloß Eitelkeiten. Deine A. von St.“

Siebzehntes Kapitel.

Es war so, wie die Tante geschrieben: Dubslav
hatte sich als konservativen Kandidaten aufstellen lassen,
und wenn für Woldemar noch Zweifel darüber gewesen
wären, so hätten einige am Tage darauf von Lorenzen
eintreffende Zeilen diese Zweifel beseitigt. Es hieß in
Lorenzens Brief:

„Seit deinem letzten Besuch hat sich hier allerlei
Großes zugetragen. Noch am selben Abend erschienen
Gundermann und Koseleger und drangen in deinen Vater,
zu kandidieren. Er lehnte zunächst natürlich ab; er sei
weltfremd und verstehe nichts davon. Aber damit kam
er nicht weit. Koseleger, der — was ihm auch später
noch von Nutzen sein wird — immer ein paar Anekdoten
auf der Pfanne hat, erzählte ihm sofort, daß vor
Jahren schon, als ein von Bismarck zum Finanzminister Ausersehener sich in gleicher Weise mit einem
,Ich verstehe nichts davon‘, aus der Affaire ziehen
wollte, der bismarckisch-prompten Antwort begegnet sei:
,Darum wähle ich Sie ja gerade, mein Lieber,‘ — eine
Geschichte, der dein Vater natürlich nicht widerstehen
konnte. Kurzum, er hat eingewilligt. Von Herumreisen
ist selbstverständlich Abstand genommen worden, ebenso
vom Redenhalten. Schon nächsten Sonnabend haben wir
Wahl. In Rheinsberg, wie immer, fallen die Würfel.
Ich glaube, daß er siegt. Nur die Fortschrittler können
in Betracht kommen und allenfalls die Sozialdemokraten,
wenn vom Fortschritt (was leicht möglich ist) einiges abbröckelt. Unter allen Umständen schreibe deinem Papa,
daß du dich seines Entschlusses freutest. Du kannst es
mit gutem Gewissen. Bringen wir ihn durch, so weiß
ich, daß kein Besserer im Reichstag sitzt, und daß wir
uns alle zu seiner Wahl gratulieren können. Er sich
persönlich allerdings auch. Denn sein Leben hier ist zu
einsam, so sehr, daß er, was doch sonst nicht seine Sache
ist, mitunter darüber klagt. Das war das, was ich dich
wissen lassen mußte. ‚Sonst nichts neues vor Paris.‘
Krippenstapel geht in großer Aufregung einher; ich
glaube, wegen unsrer auf Donnerstag in Stechlin selbst
angesetzten Vorversammlung, wo er mutmaßlich seine
herkömmliche Rede über den Bienenstaat halten wird.
Empfiehl mich deinen zwei liebenswürdigen Freunden,
besonders Czako. Wie immer, dein alter Freund Lorenzen.“

Woldemar, als er gelesen, wußte nicht recht, wie er
sich dazu stellen sollte. Was Lorenzen da schrieb, „daß
kein Besserer im Hause sitzen würde“, war richtig; aber
er hatte trotzdem Bedenken und Sorge. Der Alte war
durchaus kein Politiker, er konnte sich also stark in die
Nesseln setzen, ja vielleicht zur komischen Figur werden.
Und dieser Gedanke war ihm, dem Sohne, der den Vater
schwärmerisch liebte, sehr schmerzlich. Außerdem blieb doch
auch immer noch die Möglichkeit, daß er in dem Wahlkampf unterlag.

Diese Bedenken Woldemars waren nur allzu berechtigt. Es stand durchaus nicht fest, daß der alte
Dubslav, so beliebt er selbst bei den Gegnern war, als
Sieger aus der Wahlschlacht hervorgehen müsse. Die
Konservativen hatten sich freilich daran gewöhnt, Rheinsberg-Wutz als eine „Hochburg“ anzusehen, die der staatserhaltenden Partei nicht verloren gehen könne, diese Vorstellung aber war ein Irrtum, und die bisherige Reverenz
gegen den alten Kortschädel wurzelte lediglich in etwas
Persönlichem. Nun war ihm Dubslav an Ansehen und
Beliebtheit freilich ebenbürtig, aber das mit der ewigen
persönlichen Rücksichtnahme mußte doch mal ein Ende
nehmen, und das Anrecht, das sich der alte Kortschädel
ersessen hatte, mit diesem mußt' es vorbei sein, eben weil
sich's endlich um einen Neuen handelte. Kein Zweifel, die
gegnerischen Parteien regten sich, und es lag genau so,
wie Lorenzen an Woldemar geschrieben, „daß ein Fortschrittler, aber auch ein Sozialdemokrat gewählt werden
könne.“

Wie die Stimmung im Kreise wirklich war, das hätte
der am besten erfahren, der im Vorübergehen an der
Comptoirthür des alten Baruch Hirschfeld gehorcht hätte.

„Laß dir sagen, Isidor, du wirst also wählen den
guten alten Herrn von Stechlin.“

„Nein, Vater. Ich werde nicht wählen den guten
alten Herrn von Stechlin.“

„Warum nicht? Ist er doch ein lieber Herr und
hat das richtige Herz.“

„Das hat er; aber er hat das falsche Prinzip.“

„Isidor, sprich mir nicht von Prinzip. Ich habe
dich gesehn, als du hast charmiert mit dem Mariechen von
nebenan und hast ihr aufgebunden das Schürzenband, und
sie hat dir gegeben einen Klaps. Du hast gebuhlt um das
christliche Mädchen. Und du buhlst jetzt, wo die Wahl
kommt, um die öffentliche Meinung. Und das mit dem
Mädchen, das hab' ich dir verziehen. Aber die öffentliche
Meinung verzeih' ich dir nicht.“

„Wirst du, Vaterleben; haben wir doch die neue
Zeit. Und wenn ich wähle, wähl' ich für die Menschheit.“

„Geh mir, Isidor, die kenn' ich. Die Menschheit,
die will haben, aber nicht geben. Und jetzt wollen sie
auch noch teilen.“

„Laß sie teilen, Vater.“

„Gott der Gerechte, was meinst du, was du kriegst?
Nicht den zehnten Teil.“

Und ähnlich ging es in den andern Ortschaften. In
Wutz sprach Fix für das Kloster und die Konservativen
im allgemeinen, ohne dabei Dubslav in Vorschlag zu
bringen, weil er wußte, wie die Domina zu ihrem Bruder
stand. Ein Linkskandidat aus Cremmen schien denn auch
in der Wutzer Gegend die Oberhand gewinnen zu sollen.
Noch gefährlicher für die ganze Grafschaft war aber ein
Wanderapostel aus Berlin, der von Dorf zu Dorf zog
und die kleinen Leute dahin belehrte, daß es ein Unsinn
sei, von Adel und Kirche was zu erwarten. Die vertrösteten immer bloß auf den Himmel. Achtstündiger
Arbeitstag und Lohnerhöhung und Sonntagspartie nach
Finkenkrug, — das sei das Wahre.

So zersplitterte sich's allerorten. Aber wenigstens
um den Stechlin herum hoffte man der Sache noch Herr
werden und alle Stimmen auf Dubslav vereinigen zu
können. Im Dorfkruge wollte man zu diesem Zwecke beraten, und Donnerstag sieben Uhr war dazu festgesetzt.

Der Stechliner Krug lag an dem Platze, der durch
die Kreuzung der von Wutz her heranführenden Kastanienallee mit der eigentlichen Dorfstraße gebildet wurde, und
war unter den vier hier gelegenen Eckhäusern das stattlichste. Vor seiner Front standen ein paar uralte Linden,
und drei, vier Stehkrippen waren bis dicht an die Hauswand heran geschoben, aber alle ganz nach links hin, wo
sich Eckladen und Gaststube befanden, während nach der
rechten Seite hin der große Saal lag, in dem heute
Dubslaw, wenn nicht für die Welt, so doch für Rheinsberg-Wutz, und wenn nicht für Rheinsberg-Wutz, so doch
für Stechlin und Umgegend proklamiert werden sollte.
Dieser große Saal war ein fünffenstriger Längsraum,
der schon manchen Schottischen erlebt, was er in seiner
Erscheinung auch heute nicht zu verleugnen trachtete.
Denn nicht nur waren ihm alle seine blanken Wandleuchter
verblieben, auch die mächtige Baßgeige, die jedesmal wegzuschaffen viel zu mühsam gewesen wäre, guckte, schräg
gestellt, mit ihrem langen Halse von der Musikempore her
über die Brüstung fort.

Unter dieser Empore, quer durch den Saal hin, stand
ein für das Komitee bestimmter länglicher Tisch mit Tischdecke, während auf den links und rechts sich hinziehenden
Bänken einige zwanzig Vertrauensmänner saßen, denen
es hinterher oblag, im Sinne der Komiteebeschlüsse weiter
zu wirken. Die Vertrauensmänner waren meist wohlhabende Stechliner Bauern, untermischt mit offiziellen und
halboffiziellen Leuten aus der Nachbarschaft: Förster und
Waldhüter und Vormänner von den verschiedenen Glas- und Teeröfen. Zu diesen gesellte sich noch ein Torfinspektor, ein Vermessungsbeamter, ein Steueroffiziant und
schließlich ein gescheiterter Kaufmann, der jetzt Agent war
und die Post besorgte. Natürlich war auch Landbriefträger Brose da samt der gesamten Sicherheitsbehörde:
Fußgendarm Uncke und Wachtmeister Pyterke von der
reitenden Gensdarmerie. Pyterke gehörte nur halb mit
zum Revier (es war das immer ein streitiger Punkt), erschien aber trotzdem mit Vorliebe bei Versammlungen
derart. Es gab nämlich für ihn nichts Vergnüglicheres,
als seinen Kameraden und Amtsgenossen Uncke bei solcher
Gelegenheit zu beobachten und sich dabei seiner ungeheuren, übrigens durchaus berechtigten Überlegenheit als
schöner Mann und ehemaliger Gardekürassier bewußt zu
werden. Uncke war ihm der Inbegriff des Komischen, und
wenn ihn schon das rote, verkupferte Gesicht an und für
sich amüsierte, so doch viel, viel mehr noch der gefärbte
Schuhbürstenbackenbart, vor allem aber das Augenspiel,
mit dem er den Verhandlungen zu folgen pflegte.
Pyterke hatte recht; Uncke war wirklich eine komische
Figur. Seine Miene sagte beständig: „An mir hängt
es.“ Dabei war er ein höchst gutmütiger Mann, der nie
mehr als nötig aufschrieb und auch nur selten auflöste.

Der Saal hatte nach dem Flur hin drei Thüren.
An der Mittelthür standen die beiden Gensdarmen und
rückten sich zurecht, als sich der Vorsitzende des Komitees
mit dem Glockenschlag sieben von seinem Platz erhob und
die Sitzung für eröffnet erklärte. Dieser Vorsitzende war
natürlich Oberförster Katzler, der heute, statt des bloßen
schwarz-weißen Bandes, sein bei St. Marie aux Chênes
erworbenes eisernes Kreuz in Substanz eingeknöpft hatte.
Neben ihm saßen Superintendent Koseleger und Pastor
Lorenzen, an der linken Schmalseite Krippenstapel, an der
rechten Schulze Kluckhuhn, letzterer auch dekoriert, und
zwar mit der Düppelmedaille, trotzdem er bei Düppel in
der Reserve gestanden. Er scherzte gern darüber und
sagte, während er seine beneidenswerten Zähne zeigte:
„Ja, Kinder, so geht es. Bei Alsen war ich, aber bei
Düppel war ich nich, und dafür hab' ich nu die Düppelmedaille.“

Schulze Kluckhuhn war überhaupt eine humoristisch
angeflogene Persönlichkeit, Liebling des alten Dubslav,
und trat immer, wenn sich die alten Kriegerbundleute von
sechsundsechzig und siebzig aufs hohe Pferd setzen wollten,
für die von vierundsechzig ein. „Ja, vierundsechzig, Kinder,
da fing es an. Und aller Anfang ist schwer. Anfangen
ist immer die Hauptsache; das andre kommt dann schon
wie von selbst.“ Ein alter Globsower, der bei Spichern
mitgestürmt und sich durch besondere Tapferkeit hervorgethan
hatte, war denn auch, bloß weil er einer von Anno siebzig
war, ein Gegenstand seiner besonderen Bemängelungen.
„Ich will ja nich sagen, Tübbecke, daß es bei Spichern
gar nichts war; aber gegen Düppel (wenn ich auch nicht
mit dabei gewesen) gegen Düppel war es gar nichts. Wie
war es denn bei Spichern, wovon du so viel red'st, als
ob sich vierundsechzig daneben verstecken müßte? Bei
Spichern, da waren Menschen oben, aber bei Düppel, da
waren Schanzen oben. Und ich sage dir, Schanzen mit'm
Turm drin. Da pfeift es ganz anders. Das heißt, von
Pfeifen war schon eigentlich gar keine Rede mehr.“ Eine
Folge dieser Anschauung war es denn auch, daß in den
Augen Kluckhuhns der Pionier Klinke, der bei Düppel
unter Opferung seines Lebens den Pallisadenpfahl von
Schanze drei weggesprengt hatte, der eigentliche Held aller
drei Kriege war und alles in allem nur einen Rivalen
hatte. Dieser eine Rivale stand aber drüben auf Seite
der Dänen und war überhaupt kein Mensch, sondern ein
Schiff und hieß Rolf Krake. „Ja, Kinder, wie wir nu
da so 'rüber gondelten, da lag das schwarze Biest immer
dicht neben uns und sah aus wie 'n Sarg. Und wenn
es gewollt hätte, so wär' es auch alle mit uns gewesen
und bloß noch plumps in den Alsensund. Und weil wir
das wußten, schossen wir immer drauf los, denn wenn
einem so zu Mute ist, dann schießt der Mensch immer zu.“

Ja, Rolf Krake war eine fatale Sache für Kluckhuhn
gewesen. Aber dasselbe schwarze Schiff, das ihm damals
so viel Furcht und Sorge gemacht hatte, war doch auch
wieder ein Segen für ihn geworden, und man durfte
sagen, sein Leben stand seitdem im Zeichen von Rolf Krake.
Wie Gundermann immer der Sozialdemokratie das „Wasser
abstellen“ wollte, so verglich Kluckhuhn alles zur Sozialdemokratie Gehörige mit dem schwarzen Ungetüm im
Alsensund. „Ich sag' euch, was sie jetzt die soziale Revolution nennen, das liegt neben uns wie damals Rolf
Krake; Bebel wartet bloß, und mit eins fegt er dazwischen.“

Schulze Kluckhuhn war in der ganzen Stechliner
Gegend sehr angesehen, und als er jetzt mit seiner Medaille so dasaß, dicht neben Koseleger, war er sich dessen
auch wohl bewußt. Aber gegen Krippenstapel, den er als
Schulpauker und Bienenvater eigentlich nicht für voll ansah, kam er bei dieser Gelegenheit doch nicht an; Krippenstapel hatte heute ganz seinen großen Tag, so sehr, daß
selbst Kluckhuhn seinen Ton herabstimmen mußte.

Katzler, ein entschiedener Nichtredner, begann, als er
sich mit seinem Notizenzettel, auf dem verschiedene Satzanfänge standen, erhoben hatte, mit der Versicherung, daß
er den so zahlreich Anwesenden, unter denen vielleicht
auch einige Andersdenkende seien, für ihr Erscheinen danke.
Sie wüßten alle, zu welchem Zweck sie hier seien. Der
alte Kortschädel sei tot, „er ist in Ehren hingegangen,“
und es handle sich heute darum, dem alten Herrn von
Kortschädel im Reichstag einen Nachfolger zu geben. Die
Grafschaft habe immer konservativ gewählt; es sei Ehrensache, wieder konservativ zu wählen. „Und ob die Welt
voll Teufel wär'.“ Es liege der Grafschaft ob, dieser
Welt des Abfalls zu zeigen, daß es noch „Stätten“ gebe.
Und hier sei eine solche Stätte. „Wir haben, glaub' ich,“
so schloß er, „niemand an diesem Tisch, der das Parlamentarische voll beherrscht, weshalb ich bemüht gewesen
bin, das, was uns hier zusammengeführt hat, schriftlich
niederzulegen. Es ist ein schwacher Versuch. Jeder thut,
soviel er kann, und der Brombeerstrauch hat eben nur
seine Beeren. Aber auch sie können den durstigen Wanderer erfrischen. Und so bitte ich denn unsern politischen
Freund, dem wir außerdem für die Erforschung dieser
Gegenden so viel verdanken, ich bitte Herrn Lehrer Krippenstapel, uns das von mir Aufgesetzte vorlesen zu wollen.
Ein pro memoria. Man kann es vielleicht so nennen.“

Katzler, unter Verneigung, setzte sich wieder, während
sich Krippenstapel erhob. Er blätterte wie ein Rechtsanwalt in einer Anzahl von Papieren und sagte dann:
„Ich folge der Aufforderung des Herrn Vorsitzenden und
freue mich, berufen zu sein, ein Schriftstück zur Verlesung
zu bringen, das unser aller Gefühlen — ich bin dessen
sicher und glaube von den Einschränkungen, die unser Herr
Vorsitzender gemacht hat, absehen zu dürfen — zu kräftigstem Ausdruck verhilft.“

Und nun setzte Krippenstapel seine Hornbrille auf
und las. Es war ein ganz kurzes Schriftstück und enthielt eigentlich dasselbe, was Katzler schon gesagt hatte.
Die Betonungen Krippenstapels sorgten aber dafür, daß
der Beifall reichlicher war, und daß die Schlußwendung
„und so vereinigen wir uns denn in dem Satze: was
um den Stechlin herum wohnt, das ist für Stechlin,“
einen ungeheuren Beifall fand. Pyterke hob seinen Helm
und stieß mit dem Pallasch auf, während Uncke sich umsah, ob doch vielleicht ein einzelner Übelwollender zu
notieren sei. Nicht um ihn direkt anzuzeigen, aber doch
zur Kenntnisnahme. Brose, der (wohl eine Folge seines
Berufs) unter dem ungewohnten langen Stillstehen gelitten hatte, nahm im Vorflur, wie zur Niederkämpfung
seiner Beinnervosität, eine Art Probegeschwindschritt rasch
wieder auf, während Kluckhuhn sich von seinem Stuhl
erhob, um Katzler erst militärisch und dann unter gewöhnlicher Verbeugung zu begrüßen, wobei seine Düppelmedaille
dem Katzlerschen Eisernen Kreuz entgegenpendelte. Nur
Koseleger und Lorenzen blieben ruhig. Um des Superintendenten Mund war ein leiser ironischer Zug.

Dann erklärte der Vorsitzende die Sitzung für geschlossen; alles brach auf, und nur Uncke sagte zu Brose:
„Wir bleiben noch, Brose; morgen wird es Lauferei genug
geben.“

„Denk' ich auch. Aber lieber laufen als hier so stille stehen.“

Achtzehntes Kapitel.

Draußen, unter dem Gezweig der alten Linden,
standen mehrere Kaleschwagen, aber der des Superintendenten fehlte noch, weil Koseleger eine viel längere
Sitzung erwartet und darauf hin seinen Wagen erst zu
zehn Uhr bestellt hatte. Bis dahin war noch eine hübsche
Zeit; der Superintendent indessen schien nicht unzufrieden
darüber und seines Amtsbruders Arm nehmend, sagte
er: „Lieber Lorenzen, ich muß mich, wie Sie sehen, bei
Ihnen zu Gaste laden. Als Unverheirateter werden Sie,
so hoffe ich, über die Störung leicht hinwegkommen.
Die Ehe bedeutet in der Regel Segen, wenigstens an
Kindern, aber die Nichtehe hat auch ihre Segnungen.
Unsre guten Frauen entschlagen sich dieser Einsicht und
dieser unbedingte Glauben an sich und ihre Wichtigkeit
hat oft was Rührendes.“

Lorenzen, der sich — bei voller Würdigung der
Gaben seines ihm vorgesetzten und zugleich gern einen
spöttischen Ton anschlagenden Amtsbruders — im allgemeinen nicht viel aus ihm machte, war diesmal mit
allem einverstanden und nickte, während sie, schräg über
den Platz fort, auf die Pfarre zuschritten.

„Ja, diese Einbildungen!“ fuhr Koseleger fort, zu
dessen Lieblingsgesprächen dieses Thema gehörte. „Gewiß ist es richtig, daß wir samt und sonders von Einbildungen leben, aber für die Frauen ist es das tägliche Brot. Sie maltraitieren ihren Mann und sprechen
dabei von Liebe, sie werden maltraitiert und sprechen
erst recht von Liebe; sie sehen alles so, wie sie's sehen
wollen und vor allem haben sie ein Talent, sich mit
Tugenden auszurüsten (erlassen Sie mir, diese Tugenden
aufzuzählen), die sie durchaus nicht besitzen. Unter diesen
meist nur in der Vorstellung existierenden Tugenden befindet sich auch die der Gastlichkeit, wenigstens hierlandes.
Und nun gar unsre Pfarrmütter! Eine jede hält sich
für die heilige Elisabeth mit den bekannten Broten im
Korb. Haben Sie übrigens das Bild auf der Wartburg gesehen? Unter allen Schwindschen Sachen steht
es mir so ziemlich obenan. Und in Wahrheit, um auf
unsere Pfarrmütter zurückzukommen, liegt es doch so,
daß ich mich bei pastorlichen Junggesellen immer am
besten aufgehoben gefühlt habe.“

Lorenzen lachte: „Wenn Sie nur heute nicht widerlegt werden, Herr Superintendent.“

„Ganz undenkbar, lieber Lorenzen. Ich bin noch
nicht lang in dieser Gegend, in meinem guten Quaden-Hennersdorf da drüben, aber wenn auch nicht lange,
so doch lange genug, um zu wissen, wie's hier herum
aussieht. Und Ihr Renommee … Sie sollen so was
von einem Feinschmecker an sich haben. Kann ich mir
übrigens denken. Sie sind Ästhetikus, und das ist man
nicht ungestraft, am wenigsten in Bezug auf die Zunge.
Ja, das Ästhetische. Für manchen ist es ein Unglück. Ich
weiß davon. Das Haus hier vor uns ist wohl Ihr
Schulhaus? Weißgestrichen und kein Fetzchen Gardine,
das ist immer 'ne preußische Schule. So wird bei uns die
Volksseele für das, was schön ist, groß gezogen. Aber
es kommt auch was dabei heraus! Mitunter wundert's
mich nur, daß sie die Bauten aus der Zeit Friedrich
Wilhelms I. nicht besser konservieren. Eigentlich war
das doch das Ideal. Graue Wand, hundert Löcher drin
und unten großes Hauptloch. Und natürlich ein Schilderhaus daneben. Letzteres das Wichtigste. Schade, daß
so was verloren geht. Übrigens rettet hier der grüne
Staketenzaun das Ganze … Wie heißt doch der Lehrer?“

„Krippenstapel.“

„Richtig, Krippenstapel. Katzler nannte ihn ja
während der Sitzung mit einer Art Aplomb. Ich erinnere mich noch, wie mir der Name wohlthat, als ich
ihn das erste Mal hörte. So heißt nicht jeder. Wie
kommen Sie mit dem Manne aus?“

„Sehr gut, Herr Superintendent.“

„Freut mich aufrichtig. Aber es muß ein Kunststück sein. Er hat ein Gesicht wie 'ne Eule. Dabei so
was Steifleinenes und zugleich Selbstbewußtes. Der
richtige Lehrer. Meiner in Quaden-Hennersdorf war
ebenso. Aber er läßt nun schon ein bißchen nach.“

Unter diesen Worten waren sie bis an die Pfarre
gekommen, in der man, ohne daß ein Bote vorausgeschickt worden wäre, doch schon wußte, daß der Herr
Superintendent mit erscheinen würde. Nun war er da.
Nur wenige Minuten waren seit dem Aufbruch vom Krug her
vergangen, die trotz Kürze für Frau Kulicke (eine Lehrerswitwe, die Lorenzen die Wirtschaft führte) ausgereicht
hatten, alles in Schick und Ordnung zu bringen. Auf
dem länglichen Hausflur, an dessen äußerstem Ende man
gleich beim Eintreten die blinkblanke Küche sah, brannten
ein paar helle Paraffinkerzen, während rechts daneben,
in der offenstehenden Studierstube, eine große Lampe
mit grünem Bilderschirm ein gedämpftes Licht gab.
Lorenzen schob den Sofatisch, darauf Zeitungen hoch
aufgeschichtet lagen, ein wenig zurück und bat Koseleger,
Platz zu nehmen. Aber dieser, eben jetzt das große
Bild bemerkend, das in beinahe reicher Umrahmung über
dem Sofa hing, nahm den ihm angebotenen Platz nicht
gleich ein, sondern sagte, sich über den Tisch vorbeugend:
„Ah, gratuliere, Lorenzen. Kreuzabnahme; Rubens.
Das ist ja ein wunderschöner Stich. Oder eigentlich
Aquatinta. Dergleichen wird hier wohl im siebenmeiligen
Umkreis nicht oft betroffen werden, nicht einmal in dem
etwas heraufgepufften Rheinsberg; in Rheinsberg war
man für Watteausche Reifrockdamen auf einer Schaukel,
aber nicht für Kreuzabnahmen und dergleichen. Und
stammt auch sicher nicht aus dem sogenannten Schloß
Ihres liebenswürdigen alten Herrn drüben, Riesenkathe
mit Glaskugel davor. Ach, wenn ich diese Glaskugeln
sehe. Und daneben das hier! Wissen Sie, Lorenzen,
das Bild hier ruft mir eine schöne Stunde meines Lebens
zurück, einen Reisetag, wo ich mit Großfürstin Wera
vom Haag aus in Antwerpen war. Da sah ich das
Bild in der Kathedrale. Waren Sie da?“

Lorenzen verneinte.

„Das wäre was für Sie. Dieser Rubens im Original,
in seiner Farbenallgewalt. Es heißt immer, daß er nur
Flamänderinnen hätte malen können. Nun, das wäre
wohl auch noch nicht das Schlimmste gewesen. Aber
er konnte mehr. Sehen Sie den Christus. Wohl jedem,
der draußen war, und zu dem die Welt mal in andern
Zungen redete! Hier blüht der Bilderbogen, Türke links,
Russe rechts. Ach, Lorenzen, es ist traurig, hier versauern zu müssen.“

Als er so gesprochen, ließ er sich, vor sich hinstarrend, in die Sofa-Ecke nieder, ganz wie in andre
Zeiten verloren, und sah erst wieder auf, als ein junges
Ding ins Zimmer trat, groß und schlank und blond,
und dem Pastor verlegen und errötend etwas zuflüsterte.

„Meine gute Frau Kulicke,“ sagte Lorenzen, „läßt
eben fragen, ob wir unsern Imbiß im Nebenzimmer
nehmen wollen? Ich möchte beinahe glauben, es ist
das beste, wir bleiben hier. Es heißt zwar, ein Eßzimmer müsse kalt sein. Nun, das hätten wir nebenan.
Ich persönlich finde jedoch das Temperierte besser. Aber
ich bitte, bestimmen zu wollen, Herr Superintendent.“

„Temperiert. Mir aus der Seele gesprochen. Also
wir bleiben, wo wir sind … Aber sagen Sie mir,
Lorenzen, wer war das entzückende Geschöpf? Wie ein
Bild von Knaus. Halb Prinzeß, halb Rotkäppchen.
Wie alt ist sie denn?“

„Siebzehn. Eine Nichte meiner guten Frau Kulicke.“

„Siebzehn. Ach, Lorenzen, wie Sie zu beneiden
sind. Immer solche Menschenblüte zu sehn. Und siebzehn, sagen Sie. Ja, das ist das Eigentliche. Sechzehn hat
noch ein bißchen von der Eierschale, noch ein bißchen den
Einsegnungscharakter, und achtzehn ist schon wieder alltäglich. Achtzehn kann jeder sein. Aber siebzehn. Ein
wunderbarer Mittelzustand. Und wie heißt sie?“

„Elfriede.“

„Auch das noch.“

Lorenzen wiegte den Kopf und lächelte.

„Ja, Sie lächeln, Lorenzen, und wissen nicht, wie
gut Sie's haben in dieser Ihrer Waldpfarre. Was ich
hier sehe, heimelt mich an, das ganze Dorf, alles.
Wenn ich mir da beispielsweise den Tisch wieder vergegenwärtige, dran wir, drüben im Krug, vor einer
halben Stunde gesessen haben, an der linken Seite dieser
Krippenstapel (er sei wie er sei) und an der rechten
Seite dieser Rolf Krake. Das sind ja doch lauter Größen.
Denn das Groteske hat eben auch seine Größen und
nicht die Schlechtesten. Und dazu dieser Katzler mit
seiner Ermyntrud. All das haben Sie dicht um sich
her und dazu dies Kind, diese Elfriede, die hoffentlich
nicht Kulicke heißt. — sonst bricht freilich mein ganzes
Begeisterungsgebäude wieder zusammen. Und nun
nehmen Sie mich, Ihren Superintendenten, das große
Kirchenlicht dieser Gegenden! Alles nackte Prosa, widerhaarige Kollegen und Amtsbrüder, die mir nicht verzeihen können, daß ich im Haag war und mit einer
Großfürstin über Land fahren konnte. Glauben Sie
mir, Großfürstinnen, selbst wenn sie Mängel haben (und
sie haben Mängel), sind mir immer noch lieber als das
Landesgewächs von Quaden-Hennersdorf, und mitunter ist
mir zu Mut, als gäbe es keine Weltordnung mehr.“

„Aber Herr Superintendent …“

„Ja, Lorenzen, Sie setzen ein überraschtes Gesicht
auf und wundern sich, daß einer, für den die hohe
Klerisei so viel gethan und ihn zum Superintendenten
in der gesegneten Mittelmark und der noch gesegneteren
Grafschaft Ruppin gemacht hat, — Sie wundern sich,
daß solch zehnmal Glücklicher solchen Hochverrat redet.
Aber bin ich ein Glücklicher? Ich bin ein Unglücklicher …“

„Aber Herr Superintendent …“

„… Und möchte, daß ich eine hundertundfünfzig-Seelen-Gemeinde hätte, sagen wir auf dem ‚toten
Mann‘ oder in der Tuchler Heide. Sehen Sie, dann
wär' es vorbei, dann müßt' ich bestimmt: ‚du bist in
den Skat gelegt‘. Und das kann unter Umständen ein
Trost sein. Die Leute, die Schiffbruch gelitten und nun
in einer Isolierzelle sitzen und Tüten kleben oder Wolle
zupfen, das sind nicht die Unglücklichsten. Unglücklich
sind immer bloß die Halben. Und als einen solchen
habe ich die Ehre mich Ihnen vorzustellen. Ich bin ein
Halber, vielleicht sogar in dem, worauf es ankommt;
aber lassen wir das, ich will hier nur vom allgemein
Menschlichen sprechen. Und daß ich auch in diesem
Menschlichen ein Halber bin, das quält mich. Über
das andre käm' ich vielleicht weg.“

Lorenzens Augen wurden immer größer.

„Sehen Sie, da war ich also — verzeihen Sie,
daß ich immer wieder darauf zurückkomme — da war
ich also mit siebenundzwanzig im Haag und kam in die
vornehme Welt, die da zu Hause ist. Und da war ich
denn heut in Amsterdam und morgen in Scheveningen
und den dritten Tag in Gent oder in Brügge. Brügge,
Reliquienschrein, Hans Memling — so was müßten
Sie sehn. Was sollen uns diese ewigen Markgrafen oder
gar die faule Grete? Mancher, ich weiß wohl, ist für's
härene Gewand oder zum Eremiten geboren. Ich nicht.
Ich bin von der andern Seite; meine Seele hängt an Leben
und Schönheit. Und nun spricht da draußen all dergleichen
zu einem, und man tränkt sich damit und hat einen Ehrgeiz, nicht einen kindischen, sondern einen echten, der
höher hinauf will, weil man da wirken und schaffen
kann, für sich gewiß, aber auch für andre. Danach
dürstet einen. Und nun kommt der Becher, der diesen
Durst stillen soll. Und dieser Becher heißt Quaden-Hennersdorf. Das Dorf, das mich umgiebt, ist ein
großes Bauerndorf, aufgesteifte Leute, geschwollen und
hartherzig, und natürlich so trocken und trivial, wie die
Leute hier alle sind. Und noch stolz darauf. Ach,
Lorenzen, immer wieder, wie beneide ich Sie!“

Während Koseleger noch so sprach, erschien Frau
Kulicke. Sie schob die Zeitungen zurück, um zwei
Couverts legen zu können, und nun brachte sie den
Rotwein und ein Cabaret mit Brötchen. In dünngeschliffene große Gläser schenkte Lorenzen ein, und die
beiden Amtsbrüder stießen an „auf bessere Zeiten.“
Aber sie dachten sich sehr Verschiedenes dabei, weil
sich der eine nur mit sich, der andre nur mit andern
beschäftigte.

„Wir könnten, glaub' ich,“ sagte Lorenzen, „neben
den „besseren Zeiten“ noch dies und das leben lassen.
Zunächst Ihr Wohl, Herr Superintendent. Und zum
zweiten auf das Wohl unsers guten alten Stechlin, der
uns doch heute zusammengeführt. Ob wir ihn durchbringen? Katzler that so sicher und Kluckhuhn und
Krippenstapel nun schon ganz gewiß. Aber ich habe
trotzdem Zweifel. Die Konservativen — ich kann kaum
sagen ‚unsre Parteigenossen‘, oder doch nur in sehr bedingtem Sinne — die Konservativen sind in sich gespalten. Es giebt ihrer viele, denen unser alter Stechlin
um ein gut Teil zu flau ist. ‚Fortiter in re, suaviter
in modo‘, hat neulich einer, der sich auf Bildung ausspielt, von dem Alten gesagt, und von ‚suaviter‘, wenn
auch nur ‚in modo‘, wollen alle diese Herren nichts
wissen. Unter diesen Ultras ist natürlich auch Gundermann auf Siebenmühlen, der Ihnen vielleicht bekannt
geworden ist …“

„Versteht sich. War neulich bei mir. Ein Mann
von drei Redensarten, von denen die zwei besten aus
der Wassermüllersphäre genommen sind.“

„Nun, dieser Gundermann, wie immer die Dummen,
ist zugleich Intrigant, und während er vorgiebt, für
unsern guten alten Stechlin zu werben, tropft er den
Leuten Gift ins Ohr und erzählt ihnen, daß der Alte
senil sei und keinen Schneid habe. Der alte Stechlin
hat aber mehr Schneid als sieben Gundermanns. Gundermann ist ein Bourgeois und ein Parvenu, also so ziemlich das Schlechteste, was einer sein kann. Ich bin
schon zufrieden, wenn dieser Jämmerling unterliegt.
Aber um den Alten bin ich besorgt. Ich kann nur
wiederholen: es liegt nicht so günstig für ihn, wie die
Gegend hier sich einbildet. Denn auf das arme Volk
ist kein Verlaß. Ein Versprechen und ein Kornus, und
alles schnappt ab.“

„Ich werde das meine thun,“ sagte Koseleger mit
einer Mischung von Pathos und Wohlwollen. Aber
Lorenzen hatte dabei den Eindruck, daß sein Quaden-Hennersdorfer Superintendent bereits ganz andern Bildern
nachhing. Und so war es auch. Was war für Koseleger diese traurige Gegenwart? Ihn beschäftigte nur
die Zukunft, und wenn er in die hineinsah, so sah er
einen langen, langen Korridor mit Oberlicht und am
Ausgang ein Klingelschild mit der Aufschrift: „Dr. Koseleger, Generalsuperintendent.“

So ziemlich um dieselbe Stunde, wo die beiden
Amtsbrüder „auf bessere Zeiten“ anstießen, hielt Katzlers
Pürschwagen — die Sterne blinkten schon — vor seiner
Oberförsterei. Das Blaffen der Hunde, das, solange
der Wagen noch weit ab war, unausgesetzt über die
Waldwiese hingeklungen war, verkehrte sich mit einem
Mal in winseliges Geheul und wunderliche Freudentöne. Katzler sprang aus dem Wagen, hing den Hut
an einen im Flur stehenden Ständer (von den ewigen
„Geweihen“ wollte er als feiner Mann nichts wissen)
und trat gleich danach in das an der linken Flurseite
gelegene, matt erleuchtete Wohnzimmer seiner Frau. Das
gedämpfte Licht ließ sie noch blasser erscheinen, als sie
war. Sie hatte sich, als der Wagen hielt, von ihrem
Sofaplatz erhoben und kam ihrem Manne, wie sie regelmäßig zu thun pflegte, wenn er aus dem Walde zurückkam, zu freundlicher Begrüßung entgegen. Ein als
Weihnachtsgeschenk für eine jüngere Schwester bestimmtes
Batisttuch, in das sie eben die letzte Zacke der Ippe-Büchsensteinschen Krone hineinstickte, hatte sie, bevor sie
sich vom Sofa erhob, aus der Hand gelegt. Sie war
nicht schön, dazu von einem lymphatisch-sentimentalen
Ausdruck, aber ihre stattliche Haltung und mehr noch
die Art, wie sie sich kleidete, ließen sie doch als etwas
durchaus Apartes und beinahe Fremdländisches erscheinen.
Sie trug, nach Art eines Morgenrockes, ein glatt herabhängendes, leis gelbgetöntes Wollkleid und als Eigentümlichstes einen aus demselben gelblichen Wollstoff hergestellten Kopfputz, von dem es unsicher blieb, ob er
einen Turban oder eine Krone darstellen sollte. Das
Ganze hatte etwas Gewolltes, war aber neben dem
Auffälligen doch auch wieder kleidsam. Es sprach sich
ein Talent darin aus, etwas aus sich zu machen.

„Wie glücklich bin ich, daß du wieder da bist,“
sagte Ermyntrud. „Ich habe mich recht gebangt, diesmal nicht um dich, sondern um mich. Ich muß dies
egoistischerweise gestehen. Es waren recht schwere Stunden
für mich, die ganze Zeit, daß du fort warst.“

Er küßte ihr die Hand und führte sie wieder auf
ihren Platz zurück. „Du darfst nicht stehen, Ermyntrud. Und nun bist du auch wieder bei der Stickerei.
Das strengt dich an und hat, wie du weißt, auf
alles Einfluß. Der gute Doktor sagte noch gestern,
alles sei im Zusammenhang. Ich seh' auch, wie blaß
du bist.“

„O, das macht der Schirm.“

„Du willst es nicht wahr haben und mir nichts
sagen, was vielleicht wie Vorwurf klingen könnte. Ich
mache mir aber den Vorwurf selbst. Ich mußte hier
bleiben und nicht hin zu dieser Stechliner Wahlversammlung.“

„Du mußtest hin, Wladimir.“

„Ich rechne es dir hoch an, Ermyntrud, daß du
so sprichst. Aber es wäre schließlich auch ohne mich
gegangen. Koseleger war da, der konnte das Präsidium
nehmen so gut wie ich. Und wenn der nicht wollte,
so konnte Torfinspektor Etzelius einspringen. Oder vielleicht auch Krippenstapel. Krippenstapel ist doch zuletzt
der, der alles macht. Jedenfalls liegt es so, wenn es
der eine nicht ist, ist es der andre.“

„Ich kann das zugeben. Wie könnte sonst die
Welt bestehen? Es giebt nichts, was uns so Demut
predigte wie die Wahrnehmung von der Entbehrlichkeit des einzelnen. Aber darauf kommt es nicht an.
Worauf es ankommt, das ist Erfüllung unsrer Pflicht.“

Katzler, als er dies Wort hörte, sah sich nach
einem Etwas um, das ihn in den Stand gesetzt hätte,
dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Aber,
wie stets in solchen Momenten, das, was retten konnte,
war nicht zu finden, und so sah er denn wohl, daß er
einem Vortrage der Prinzessin über ihr Lieblingsthema
„von der Pflicht“ verfallen sei. Dabei war er eigentlich hungrig.

Ermyntrud wies auf ein Taburet, das sie mittlerweile neben ihren Sofaplatz geschoben, und sagte: „Daß
ich immer wieder davon sprechen muß, Wladimir. Wir
leben eben nicht in der Welt um unsert-, sondern um
andrer willen. Ich will nicht sagen um der Menschheit
willen, was eitel klingt, wiewohl es eigentlich wohl so
sein sollte. Was uns obliegt, ist nicht die Lust des
Lebens, auch nicht einmal die Liebe, die wirkliche, sondern
lediglich die Pflicht …“

„Gewiß, Ermyntrud. Wir sind einig darüber. Es
ist dies außerdem auch etwas speziell Preußisches. Wir
sind dadurch vor andern Nationen ausgezeichnet, und
selbst bei denen, die uns nicht begreifen oder übelwollen,
dämmert die Vorstellung von unsrer daraus entspringenden Überlegenheit. Aber es giebt doch Unterschiede,
Grade. Wenn ich statt zu der Stechliner Wählerversammlung lieber zu Doktor Sponholz oder zur alten
Stinten in Kloster Wutz (die ja schon früher einmal
dabei war) gefahren wäre, so wäre das doch vielleicht
das Bessere gewesen. Es ist ein Glück, daß es noch
mal so vorübergegangen. Aber darauf darf man nicht
in jedem Falle rechnen.“

„Nein, darauf darf man nicht in jedem Falle
rechnen. Aber man darf darauf rechnen, daß, wenn
man das Pflichtgemäße thut, man zugleich auch das
Rechte thut. Es hängt so viel an der Wahl unsers
alten trefflichen Stechlin. Er steht außerdem sittlich
höher als Kortschädel, dem man, trotz seiner siebzig,
allerhand nachsagen durfte. Stechlin ist ganz intakt.
Etwas sehr Seltenes. Und einem sittlichen Prinzip
zum Siege zu verhelfen, dafür leben wir doch recht
eigentlich. Dafür lebe wenigstens ich.“

„Gewiß, Ermyntrud, gewiß.“

„In jedem Augenblicke seiner Obliegenheiten eingedenk sein, ohne erst bei Neigung oder Stimmung anzufragen, das hab' ich mir in feierlicher Stunde gelobt, du weißt, in welcher, und du wirst mir das
Zeugnis ausstellen, daß ich diesem Gelöbnis nachgekommen …“

„Gewiß, Ermyntrud, gewiß. Es war unser Fundament …“

„Und wenn es sich um eine sittliche Pflicht handelt,
wie doch heute ganz offenbar, wie hätt' ich da sagen
wollen: bleibe. Ich wäre mir klein vorgekommen, klein
und untreu.“

„Nicht untreu, Ermyntrud.“

„Doch, doch. Es giebt viele Formen der Untreue.
Das Persönliche hat sich der Familie zu bequemen und
unterzuordnen und die Familie wieder der Gesellschaft.
In diesem Sinne bin ich erzogen, und in diesem Sinne
that ich den Schritt. Verlange nicht, daß ich in irgend
etwas diesen Schritt zurückthue.“

„Nie.“

Das kleine Dienstmädchen, eine Heideläufertochter,
deren storres Haar, von keiner Bürste gezähmt, immer
weit abstand, erschien in diesem Augenblicke, meldend,
daß sie das Theezeug gebracht habe.

Katzler nahm seiner Frau Arm, um sie bis in das
zweite, nach dem Hof hinaus gelegene Zimmer zu führen.
Als er aber wahrnahm, wie schwer ihr das Gehen
wurde, sagte er. „Ich freue mich, dich so sprechen zu
hören. Immer du selbst. Ich bin aber doch in Unruhe und will morgen früh zur Frau schicken.“

Sie nickte zustimmend, während ein halb zärtlicher Blick den guten Katzler streifte, der, solange das
ihm nur zu wohlbekannte Gespräch über Pflicht gedauert hatte, von Minute zu Minute verlegener geworden war.

Neunzehntes Kapitel.

Und nun war Wahltagmorgen. Kurz vor acht erschien Lorenzen auf dem Schloß, um in Dubslavs schon
auf der Rampe haltenden Kaleschewagen einzusteigen und
mit nach Rheinsberg zu fahren. Der Alte, bereits gestiefelt und gespornt, empfing ihn mit gewohnter Herzlichkeit und guter Laune. „Das ist recht, Lorenzen.
Und nun wollen wir auch gleich aufsteigen. Aber warum
haben Sie mich nicht an Ihrem Pfarrgarten erwartet?
Muß ja doch dran vorüber“ — und dabei schob er
ihm voll Sorglichkeit eine Decke zu, während die Pferde
schon anrückten. „Übrigens freut es mich trotzdem (man
widerspricht sich immer), daß Sie nicht so praktisch gewesen und doch lieber gekommen sind. Es is 'ne Politesse.
Und die Menschen sind jetzt so schrecklich unpoliert und
geradezu unmanierlich … Aber lassen wir's; ich kann
es nicht ändern, und es grämt mich auch nicht.“

„Weil Sie gütig sind und jene Heiterkeit haben,
die, menschlich angesehn, so ziemlich unser Bestes ist.“

Dubslav lachte. „Ja, so viel ist richtig; Kopfhängerei war nie meine Sache, und wäre das verdammte
Geld nicht … Hören Sie, Lorenzen, das mit dem
Mammon und dem goldnen Kalb, das sind doch eigentlich alles sehr feine Sachen.“

„Gewiß, Herr von Stechlin.“

„… Und wäre das verdammte Geld nicht, so
hätt' ich den Kopf noch weniger hängen lassen, als ich
gethan. Aber das Geld. Da war, noch unter Friedrich
Wilhelm III., der alte General von der Marwitz auf
Friedersdorf, von dem Sie gewiß mal gehört haben,
der hat in seinen Memoiren irgendwo gesagt: ‚er
hätte sich aus dem Dienst gern schon früher zurückgezogen und sei bloß geblieben um des Schlechtesten
willen, was es überhaupt gäbe, um des Geldes willen‘
— und das hat damals, als ich es las, einen großen
Eindruck auf mich gemacht. Denn es gehört was dazu,
das so ruhig auszusprechen. Die Menschen sind in allen
Stücken so verlogen und unehrlich, auch in Geldsachen,
fast noch mehr als in Tugend. Und das will was
sagen. Ja, Lorenzen, so ist es … Na, lassen wir's,
Sie wissen ja auch Bescheid. Und dann sind das schließlich auch keine Betrachtungen für heute, wo ich gewählt
werden und den Triumphator spielen soll. Übrigens
geh' ich einem totalen Kladderadatsch entgegen. Ich
werde nicht gewählt.“

Lorenzen wurde verlegen, denn was Dubslav da
zuletzt sagte, das stimmte nur zu sehr mit seiner eignen
Meinung. Aber er mußte wohl oder übel, so schwer es
ihm wurde, das Gegenteil versichern. „Ihre Wahl, Herr
von Stechlin, steht, glaub' ich, fest; in unsrer Gegend
wenigstens. Die Globsower und Dagower gehen mit
gutem Beispiel voran. Lauter gute Leute.“

„Vielleicht. Aber schlechte Musikanten. Alle Menschen
sind Wetterfahnen, ein bißchen mehr, ein bißchen weniger.
Und wir selber machen's auch so. Schwapp, sind wir
auf der andern Seite.“

„Ja, schwach ist jeder, und ich mag mich auch nicht
für all und jeden verbürgen. Aber in diesem speziellen
Falle … Selbst Koseleger schien mir voll Zuversicht
und Vertrauen, als er am Donnerstag noch mit mir
plauderte.“

„Koseleger voll Vertrauen! Na, dann geht es gewiß
in die Brüche. Wo Koseleger Amen sagt, das ist schon
so gut wie letzte Ölung. Er hat keine glückliche Hand,
dieser Ihr Amtsbruder und Vorgesetzter.“

„Ich teile leider einigermaßen Ihre Bedenken gegen
ihn. Aber was vielleicht mit ihm versöhnen kann, er
hat angenehme Formen und durchaus etwas Verbindliches.“

„Das hat er. Und doch, so sehr ich sonst für
Formen und Verbindlichkeiten bin, nicht für seine. Man
soll einem Menschen nicht seinen Namen vorhalten. Aber
Koseleger! Ich weiß immer nicht, ob er mehr Kose oder
mehr Leger ist; vielleicht beides gleich. Er ist wie 'ne
Baisertorte, süß, aber ungesund. Nein, Lorenzen, da
bin ich doch mehr für Sie. Sie taugen auch nicht viel,
aber Sie sind doch wenigstens ehrlich.“

„Vielleicht,“ sagte Lorenzen. „Übrigens hat Koseleger inmitten seiner Verbindlichkeiten und schönen Worte
doch auch wieder was Freies, beinah' Gewagtes und
ist mir da neulich mit Bekenntnissen gekommen, fast wie
ein Charakter.“

Dubslav lachte hell auf. „Charakter. Aber Lorenzen.
Wie können Sie sich so hinters Licht führen lassen. Ich
verwette mich, er hat Ihnen irgend was über Ihre
‚Gaben‘ gesagt; das ist jetzt so Lieblingswort, das die
Pastoren immer gegenseitig brauchen. Es soll bescheiden
und unpersönlich klingen und sozusagen alles auf Inspiration zurückführen, für die man ja, wie für alles,
was von oben kommt, am Ende nicht kann. Es ist
aber gerade dadurch das Hochmütigste … War es so
was? Hat er meinen klugen Lorenzen, eh' er sich als
‚Charakter‘ ausspielte, durch solche Schmeicheleien eingefangen?“

„Es war nicht so, Herr von Stechlin. Sie thun
ihm hier ausnahmsweise unrecht. Er sprach überhaupt
nicht über mich, sondern über sich und machte mir dabei
seine Konfessions. Er gestand mir beispielsweise, daß
er sich unglücklich fühle.“

„Warum?“

„Weil er in Quaden-Hennersdorf deplaciert sei.“

„Deplaciert. Das ist auch solch Wort; das kenn'
ich. Wenn man durchaus will, ist jeder deplaciert, ich,
Sie, Krippenstapel, Engelke. Ich müßte Präses von einem
Stammtisch oder vielleicht auch ein Badedirektor sein,
Sie Missionar am Kongo, Krippenstapel Kustos an einem
märkischen Museum, und Engelke, nun der müßte gleich
selbst hinein, Nummer hundertdreizehn. Deplaciert! Alles
bloß Eitelkeit und Größenwahn. Und dieser Koseleger
mit dem Konsistorialratskinn! Er war Galopin bei 'ner
Großfürstin; das kann er nicht vergessen, damit will
er's nun zwingen, und in seinem Ärger und Unmut
spielt er sich auf den Charakter aus und versteigt sich,
wie Sie sagen, bis zu Konfessions und Gewagtheiten.
Und wenn er nun reüssierte (Gott verhüt' es), so haben
Sie den Scheiterhaufenmann comme il faut. Und der
erste, der 'rauf muß, das sind Sie. Denn er wird sofort das Bedürfnis spüren, seine Gewagtheiten von heute
durch irgend ein Brandopfer wieder wett zu machen.“

Unter diesem Gespräche waren sie schließlich aus
dem Walde heraus und näherten sich einem beinah'
meilenlangen und bis an den Horizont sich ausdehnenden
Stück Bruchland, über das mehrere mit Kropfweiden
und Silberpappeln besetzte Wege strahlenförmig auf
Rheinsberg zuliefen. Alle diese Wege waren belebt,
meist mit Fußgängern, aber auch mit Fuhrwerken. Eins
davon, aus gelblichem Holz, das hell in der Sonne
blinkte, war leicht zu erkennen.

„Da fährt ja Katzler,“ sagte Dubslav. „Überrascht mich beinah'. Es ist nämlich, was Sie vielleicht
noch nicht wissen werden, wieder was einpassiert; er
schickte mir heute früh einen Boten mit der Nachricht
davon, und daraus schloß ich, er würde nicht zur Wahl
kommen. Aber Ermyntrud mit ihrer grandiosen Pflichtvorstellung wird ihn wohl wieder fortgeschickt haben.“

„Ist es wieder ein Mädchen?“ fragte Lorenzen.

„Natürlich, und zwar das siebente. Bei sieben
(freilich müssen es Jungens sein) darf man. glaub ich,
den Kaiser zu Gevatter laden. Übrigens sind mehrere bereits
tot, und alles in allem ist es wohl möglich, daß sich
Ermyntrud über das beständige ‚bloß Mädchen‘ allerlei
Sorgen und Gedanken macht.“

Lorenzen nickte. „Kann mir's denken, daß die
Prinzessin etwas wie eine zu leistende Sühne darin sieht,
Sühne wegen des von ihr gethanen Schrittes. Alles
an ihr ist ein wenig überspannt. Und doch ist es eine
sehr liebenswürdige Dame.“

„Wovon niemand überzeugter ist als ich,“ sagte
Dubslav. „Freilich bin ich bestochen, denn sie sagt mir
immer das Schmeichelhafteste. Sie plaudre so gern mit
mir, was auch am Ende wohl zutrifft. Und dabei wird
sie dann jedesmal ganz ausgelassen, trotzdem sie eigentlich
hochgradig sentimental ist. Sentimental, was nicht überraschen darf; denn aus Sentimentalität ist doch schließlich
die ganze Katzlerei hervorgegangen. Bin übrigens ernstlich
in Sorge, wo Hoheit den richtigen Taufnamen für das
Jüngstgeborene hernehmen wird. In diesem Stücke,
vielleicht dem einzigen, ist sie nämlich noch ganz und
gar Prinzessin geblieben. Und Sie, lieber Lorenzeu, werden
dabei sicherlich mit zu Rate gezogen werden.“

„Was ich mir nicht schwierig denken kann.“

„Sagen Sie das nicht. Es giebt in diesem Falle viel
weniger Brauchbares, als Sie sich vorzustellen scheinen.
Prinzessinnen-Namen an und für sich, ohne weitere Zuthat, ja, die giebt es genug. Aber damit ist Ermyntrud nicht zufrieden; sie verlangt ihrer Natur nach zu
dem Dynastisch-Genealogischen auch noch etwas poetisch
Märchenhaftes. Und das kompliziert die Sache ganz
erheblich. Sie können das sehen, wenn Sie die Katzlersche Kinderstube durchmustern oder sich die Namen der
bisher Getauften ins Gedächtnis zurückrufen. Die Katzlersche Kronprinzeß heißt natürlich auch Ermyntrud, Und
dann kommen ebenso selbstverständlich Dagmar und
Thyra. Und danach begegnen wir einer Inez und einer
Maud und zuletzt einer Arabella. Aber bei Arabella
können Sie schon deutlich eine gewisse Verlegenheit wahrnehmen. Ich würde ihr, wenn sie sich wegen des Jüngstgeborenen an mich wendete, was Altjüdisches vorschlagen;
das ist schließlich immer das beste. Was meinen Sie
zu Rebekka?“

Lorenzen kam nicht mehr dazu. Dubslav diese Frage
zu beantworten, denn eben jetzt waren sie durch das
Stück Bruchland hindurch und rasselten bereits über
einen ein weiteres Gespräch unmöglich machenden Steindamm weg, scharf auf Rheinsberg zu.

Dubslav war in ausgezeichneter Laune. Das
prachtvolle Herbstwetter, dazu das bunte Leben, alles
hatte seine Stimmung gehoben, am meisten aber, daß
er unterwegs und beim Passieren der Hauptstraße bereits
Gelegenheit gehabt hatte, verschiedene gute Freunde zu
begrüßen. Von der Kirche her schlug es zehn, als er
vor dem als Wahllokal etablierten Gasthause „Zum
Prinzregenten“ hielt, in dessen Front denn auch bereits
etliche mehr oder weniger verwogen aussehende Wahlmänner standen, alle bemüht, ihre Zettel an mutmaßliche Parteigenossen auszuteilen.

Drinnen im Saal war der Wahlakt schon im
Gange. Hinter der Urne präsidierte der alte Herr von
Zühlen, ein guter Siebziger, der die groteskesten Feudalansichten mit ebenso grotesker Bonhomie zu verbinden
wußte, was ihm, auch bei seinen politischen Gegnern,
eine große Beliebtheit sicherte. Neben ihm, links und
rechts, saßen Herr von Storbeck und Herr van dem
Peerenboom, letzterer ein Holländer aus der Gegend von
Delft, der vor wenig Jahren erst ein großes Gut im
Ruppiner Kreise gekauft und sich seitdem zum Preußen
und, was noch mehr sagen wollte, zum ‚Grafschaftler‘
herangebildet hatte. Man sah ihn aus allen möglichen
Gründen — auch schon um seines ‚van‘ willen — nicht
ganz für voll an, ließ aber nichts davon merken, weil
er der, bei den meisten Grafschaftlern stark ins Gewicht
fallenden Haupteigenschaft eines vor so und so viel
Jahren in Batavia geborenen holländisch-javanischen
Kaffeehändlers nicht entbehrte. Seines Nachbarn von
Storbeck Lebensgeschichte war durchschnittsmäßiger. Unter
denen, die sonst noch am Komiteetisch saßen, befand sich
auch Katzler, den Ermyntrud (wie Dubslav ganz richtig
vermutet) mit der Bemerkung, „daß im modernen bürgerlichen Staate Wählen so gut wie Kämpfen sei“, von
ihrem Wochenbette fortgeschickt hatte. „Das Kind wird
inzwischen mein Engel sein, und das Gefühl erfüllter
Pflicht soll mich bei Kraft erhalten.“ Auch Gundermann, der immer mit dabei sein mußte, saß am Komiteetisch. Sein Benehmen hatte was Aufgeregtes, weil
er — wie Lorenzen bereits angedeutet — wirklich im
geheimen gegen Dubslav intrigiert hatte. Daß er selber
unterliegen würde, war klar und beschäftigte ihn kaum noch,
aber ihn erfüllte die Sorge, daß sein voraufgegangenes
doppeltes Spiel vielleicht an den Tag kommen könne.

Dubslav wollte die Sache gern hinter sich haben.
Er trat deshalb, nachdem er sich draußen mit einigen
Bekannten begrüßt und an jeden einzelnen ein paar
Worte gerichtet hatte, vom Vorplatz her in das Wahllokal ein, um da so rasch wie möglich seinen Zettel in
die Urne zu thun. Es traf ihn bei dieser Prozedur
der Blick des alten Zühlen, der ihm in einer Mischung
von Feierlichkeit und Ulk sagen zu wollen schien: „Ja,
Stechlin, das hilft nu mal nicht; man muß die Komödie
mit durchmachen.“ Dubslav kam übrigens kaum dazu,
von diesem Blicke Notiz zu nehmen, weil er Katzlers
gewahr wurde, dem er sofort entgegentrat, um ihm durch
einen Händedruck zu dem siebenten Töchterchen zu gratulieren. An Gundermann ging der Alte ohne Notiznahme vorüber. Dies war aber nur Zufall; er wußte
nichts von den Zweideutigkeiten des Siebenmühlners,
und nur dieser selbst, weil er ein schlechtes Gewissen
hatte, wurde verlegen und empfand des Alten Haltung
wie eine Absage.

Als Dubslav wieder draußen war, war natürlich
die große Frage: „Ja, was jetzt thun?“ Es ging erst
auf elf, und vor sechs war die Geschichte nicht vorbei,
wenn sich's nicht noch länger hinzog. Er sprach dies
auch einer Anzahl von Herren aus, die sich auf einer
vor dem Gasthause stehenden Bank niedergelassen und
hier dem Liquerkasten des „Prinzregenten“, der sonst
immer erst nach dem Diner auftauchte, vorgreifend zugesprochen hatten.

Es waren ihrer fünf, lauter Kreis- und Parteigenossen, aber nicht eigentlich Freunde, denn der alte
Dubslav war nicht sehr für Freundschaften. Er sah
zu sehr, was jedem einzelnen fehlte. Die da saßen
und aus purer Langerweile sich über die Vorzüge von
Allasch und Chartreuse stritten, waren die Herren von
Molchow, von Krangen und von Gnewkow, dazu Baron
Beetz und ein Freiherr von der Nonne, den die Natur
mit besonderer Rücksicht auf seinen Namen geformt zu
haben schien. Er trug eine hohe schwarze Krawatte,
drauf ein kleiner vermickerter Kopf saß, und wenn er
sprach, war es, wie wenn Mäuse pfeifen. Er war die
komische Figur des Kreises und wurde gehänselt, nahm
es aber nicht übel, weil seine Mutter eine schlesische
Gräfin auf „inski“ war, was ihm in seinen Augen
ein solches Übergewicht sicherte, daß er, wie Friedrich
der Große, jeden Augenblick bereit war, „die sich etwa
einstellenden Pasquille niedriger hängen zu lassen.“

„Ich denke, meine Herren,“ sagte Dubslav, „wir
gehen in den Park. Da hat man doch immer was.
An der einen Stelle ruht das Herz des Prinzen, und
an der andern Stelle ruht er selbst und hat sogar eine
Pyramide zu Häupten, wie wenn er Sesostris gewesen
wäre. Ich würde gern einen andern nennen, aber ich
kenne bloß den.“

„Natürlich gehen wir in den Park,“ sagte von
Gnewkow. „Und es ist schließlich immer noch ein
Glück, daß man so was hat …“

„Und auch ein Glück,“ ergänzte von Molchow,
„daß man solchen Wahltag wie heute hat, der einen
ordentlich zwingt, sich mal um Historisches und Bildungsmäßiges zu kümmern. Bismarcken is es auch mal so gegangen, noch dazu mit 'ner reichen Amerikanerin, und
hat auch gleich (das heißt eigentlich lange nachher) das
rechte Wort dafür gefunden.“

„Der hat immer das rechte Wort gefunden.“

„Immer. Aber weiter, Molchow.“

„… Und als nun also die reiche Amerikanerin
so runde vierzig Jahr später ihn wiedersah und sich bei
ihm bedanken wollte von wegen des Bildermuseums, in
das er sie halb aus Verlegenheit und halb aus Ritterlichkeit begleitet und ihr mutmaßlich alle Bilder falsch
erklärt hatte, da hat er all diesen Dank abgewiesen und
ihr — ich seh' und hör' ihn ordentlich — in aller
Fidelität gesagt, sie habe nicht ihm, sondern er habe ihr
zu danken, denn wenn jener Tag nicht gewesen wäre,
so hätt' er das ganze Bildermuseum höchst wahrscheinlich nie zu sehen gekriegt. Ja, Glück hat er immer
gehabt. Im großen und im kleinen. Es fehlt bloß
noch, daß er hinterher auch noch Generaldirektor der
königlichen Museen geworden wäre, was er schließlich
doch auch noch gekonnt hätte. Denn eigentlich konnt' er
alles und ist auch beinah' alles gewesen.“

„Ja,“ nahm Gnewkow, der aus Langerweile viel
gereist war, seinen Urgedanken, daß solcher Park eigentlich ein Glück sei, wieder auf. „Ich finde, was Molchow
da gesagt hat, ganz richtig; es kommt drauf an, daß
man 'reingezwungen wird, sonst weiß man überhaupt
gar nichts. Wenn ich so bloß an Italien zurückdenke.
Sehen Sie, da läuft man nu so 'rum, was einen doch
am Ende strapziert, und dabei dieser ewige pralle
Sonnenschein. Ein paar Stunden geht es; aber wenn man
nu schon zweimal Kaffee getrunken und Granito gegessen
hat, und es ist noch nicht mal Mittag, ja, ich bitte Sie,
was hat man da? Was fängt man da an? Gradezu
schrecklich. Und da kann ich Ihnen bloß sagen, da bin
ich ein kirchlicher Mensch geworden. Und wenn man
dann so von der Seite her still eintritt und hat mit
einem Male die Kühle um sich 'rum, ja, da will man
gar nicht wieder 'raus und sieht sich so seine funfzig
Bilder an, man weiß nicht, wie. Is doch immer noch
besser als draußen. Und die Zeit vergeht, und die
Stunde, wo man was Reguläres kriegt, läppert sich so
heran.“

„Ich glaube doch,“ sagte der für kirchliche Kunst
schwärmende Baron Beetz, „unser Freund Gnewkow unterschätzt die Wirkung, die, vielleicht gegen seinen Willen,
die Quattrocentisten auf ihn gemacht haben. Er hat
ihre Macht an sich selbst empfunden, aber er will es
nicht wahr haben, daß die Frische von ihnen ausgegangen
sei. Jeder, der was davon versteht …“

„Ja, Baron, das is es eben. Wer was davon
versteht! Aber wer versteht was davon? Ich jedenfalls nicht.“

Unter diesen Worten war man, vom „Prinzregenten“
aus, die Hauptstraße hinuntergeschritten und über eine
kleine Brücke fort erst in den Schloßhof und dann in
den Park eingetreten. Der See plätscherte leis. Kähne
lagen da, mehrere an einem Steg, der von dem Kiesufer her in den See hineinlief. Ein paar der Herren,
unter ihnen auch Dubslav, schritten die ziemlich wacklige
Bretterlage hinunter und blickten, als sie bis ans Ende
gekommen waren, wieder auf die beiden Schloßflügel
und ihre kurzabgestumpften Türme zurück. Der Turm
rechts war der, wo Kronprinz Fritz sein Arbeitszimmer
gehabt hatte.

„Dort hat er gewohnt,“ sagte von der Nonne.
„Wie begrenzt ist doch unser Können. Mir weckt der
Anblick solcher Fridericianischen Stätten immer ein Schmerzgefühl über das Unzulängliche des Menschlichen überhaupt, freilich auch wieder ein Hochgefühl, daß wir
dieser Unzulänglichkeit und Schwäche Herr werden können.
Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?
Dieser König. Er war ein großer Geist, gewiß; aber
doch auch ein verirrter Geist. Und je patriotischer wir
fühlen, je schmerzlicher berührt uns die Frage nach dem
Heil seiner Seele. Die Seelenmessen — das empfind'
ich in solchem Augenblicke — sind doch eine wirklich
trostspendende Seite des Katholizismus, und daß es
(selbstverständlich unter Gewähr eines höchsten Willens)
in die Macht Überlebender gelegt ist, eine Seele frei zu
beten, das ist und bleibt eine große Sache.“

„Nonne,“ sagte Molchow, „machen Sie sich nicht
komisch. Was haben Sie für 'ne Vorstellung vom lieben
Gott? Wenn Sie kommen und den alten Fritzen frei
beten wollen, werden Sie 'rausgeschmissen.“

Baron Beetz — auch ein Anzweifler des Philosophen
von Sanssouci — wollte seinem Freunde Nonne zu
Hilfe kommen und erwog einen Augenblick ernstlich, ob
er nicht seinen in der ganzen Grafschaft längst bekannten
Vortrag über die „schiefe Ebene“ oder „c'est le premier
pas qui coute“ noch einmal zum besten geben solle.
Klugerweise jedoch ließ er es wieder fallen und war einverstanden, als Dubslav sagte: „Meine Herren, ich
meinerseits schlage vor, daß mir unsern Auslug von dem
Wackelstege, drauf mir hier stehen (jeden Augenblick kann
einer von uns ins Wasser fallen), endlich aufgeben und
uns lieber in einem der hier herum liegenden Kähne
über den See setzen lassen. Unterwegs, wenn noch welche
da sind, können wir Teichrosen pflücken und drüben am
andern Ufer den großen Prinz Heinrich-Obelisken mit
seinen französischen Inschriften durchstudieren. Solche
Rekapitulation stärkt einen immer historisch und patriotisch, und unser Etappenfranzösisch kommt auch wieder
zu Kräften.“

Alle waren einverstanden, selbst Nonne.

Gegen vier war man von dem Ausfluge zurück und
hielt wieder vor dem „Prinzregenten“, auf einem mit
alten Bäumen besetzten Platz, der wegen seiner Dreiecksform schon von alter Zeit her den Namen „Triangelplatz“ führte. Die Wahlresultate lagen noch keineswegs
sicher vor; es ließ sich aber schon ziemlich deutlich erkennen, daß viele Fortschrittlerstimmen auf den sozialdemokratischen Kandidaten, Feilenhauer Torgelow, übergehen würden, der, trotzdem er nicht persönlich zugegen
war, die kleinen Leute hinter sich hatte. Hunderte seiner
Parteigenossen standen in Gruppen auf dem Triangelplatz umher und unterhielten sich lachend über die Wahlreden, die während der letzten Tage teils in Rheinsberg
und Wutz, teils auf dem platten Lande von Rednern
der gegnerischen Parteien gehalten worden waren. Einer
der mit unter den Bäumen Stehenden, ein Intimus
Torgelows, war der Drechslergeselle Söderkopp, der sich
schon lediglich in seiner Eigenschaft als Drechslergeselle
eines großen Ansehns erfreute. Jeder dachte: der kann
auch noch mal Bebel werden. „Warum nicht? Bebel
is alt, und dann haben wir den.“ Aber Söderkopp
verstand es auch wirklich, die Leute zu packen. Am
schärfsten ging er gegen Gundermann vor. „Ja, dieser
Gundermann, den kenn' ich. Brettschneider und Börsenfilou; jeder Groschen is zusammengejobbert. Sieben
Mühlen hat er, aber bloß zwei Redensarten, und der
Fortschritt ist abwechselnd die ‚Vorfrucht‘ und dann wieder
der ‚Vater‘ der Sozialdemokratie. Vielleicht stammen
wir auch noch von Gundermann ab. So einer bringt
alles fertig.“

Uncke, während Söderkopp so sprach, war von Baum
zu Baum immer näher gerückt und machte seine Notizen.
In weiterer Entfernung stand Pyterke, schmunzelnd und
sichtlich verwundert, was Uncke wieder alles aufzuschreiben
habe.

Pyterkes Verwunderung über das „Aufschreiben“
war nur zu berechtigt, aber sie wär' es um ein gut Teil
weniger gewesen, wenn sich Unckes aufhorchender Diensteifer statt dem Sozialdemokraten Söderkopp lieber dem
Gespräch einer nebenstehenden Gruppe zugewandt hätte.
Hier plauderten nämlich mehrere „Staatserhaltende“
von dem mutmaßlichen Ausgange der Wahl und daß
es mit dem Siege des alten Stechlin von Minute
zu Minute schlechter stünde. Besonders die Rheinsberger schienen den Ausschlag zu seinen Ungunsten geben
zu sollen.

„Hole der Teufel das ganze Rheinsberg!“ verschwor
sich ein alter Herr von Kraatz, dessen roter Kopf, während
er so sprach, immer röter wurde. „Dies elende Nest!
Wir bringen ihn wahr und wahrhaftig nicht durch,
unsern guten alten Stechlin. Und was das sagen will,
das wissen wir. Wer gegen uns stimmt, stimmt auch
gegen den König. Das ist all eins. Das ist das, was
man jetzt solidarisch nennt.“

„Ja, Kraatz,“ nahm Molchow, an den sich diese
Rede vorzugsweise gerichtet hatte, das Wort, „nennen
Sie's, wie Sie wollen, solidarisch oder nicht; das eine
sagt nichts, und das andre sagt auch nichts. Aber mit
Ihrem Wort über Rheinsberg, da haben Sie's freilich
getroffen. Aufmuckung war hier immer zu Hause, von
Anfang an. Erst frondierte Fritz gegen seinen Vater,
dann frondierte Heinrich gegen seinen Bruder, und zuletzt
frondierte August, unser alter forscher Prinz August, den
manche von uns ja noch gut gekannt haben, ich sage:
frondierte unser alter August gegen die Moral. Und
das war natürlich das Schlimmste. (Zustimmung und
Heiterkeit.) Und bestraft sich zuletzt auch immer. Denn
wissen Sie denn, meine Herren, wie's mit Augusten
schließlich ging, als er durchaus in den Himmel
wollte?“

„Nein. Wie war es denn, Molchow?“

„Ja, er mußte da wohl 'ne halbe Stunde warten,
und als er nu mit 'nem Anschnauzer gegen Petrus 'rausfahren wollte, da sagte ihm der Fels der Kirche: ‚Königliche Hoheit, halten zu Gnaden, aber es ging nicht
anders‛. Und warum nicht? Er hatte die elftausend
Jungfrauen erst in Sicherheit bringen müssen.“

„Stimmt, stimmt,“ sagte Kraatz. „So war der
Alte. Der reine Deubelskerl. Aber schneidig. Und ein
richtiger Prinz. Und dann, meine Herren, — ja, du
mein Gott, wenn man nu mal Prinz is, irgend was
muß man doch von der Sache haben … Und so viel
weiß ich, wenn ich Prinz wäre …“

Zwanzigstes Kapitel.

Um sechs stand das Wahlresultat so gut wie fest;
einige Meldungen fehlten noch, aber das war aus Ortschaften, die mit ihren paar Stimmen nichts mehr ändern
konnten. Es lag zu Tage, daß die Sozialdemokraten
einen beinahe glänzenden Sieg davon getragen hatten;
der alte Stechlin stand weit zurück, Fortschrittler Katzenstein aus Gransee noch weiter. Im ganzen aber ließen
beide besiegte Parteien dies ruhig über sich ergehen;
bei den Freisinnigen war wenig, bei den Konservativen
gar nichts von Verstimmung zu merken. Dubslav nahm
es ganz von der heiteren Seite, seine Parteigenossen
noch mehr, von denen eigentlich ein jeder dachte: „Siegen
ist gut, aber zu Tische gehen ist noch besser.“ Und in
der That, gegessen mußte werden. Alles sehnte sich
danach, bei Forellen und einem guten Chablis die
langweilige Prozedur zu vergessen. Und war man
erst mit den Forellen fertig, und dämmerte der Rehrücken am Horizont herauf, so war auch der Sekt in
Sicht. Im „Prinz-Regenten“ hielt man auf eine gute
Marke.

Durch den oberen Saal hin zog sich die Tafel:
der Mehrzahl nach Rittergutsbesitzer und Domänenpächter, aber auch Gerichtsräte, die so glücklich waren,
den „Hauptmann in der Reserve“ mit auf ihre Karte
setzen zu können. Zu diesem Gros d'Armee gesellten
sich Forst- und Steuerbeamte, Rentmeister, Prediger
und Gymnasiallehrer. An der Spitze dieser stand Rektor
Thormeyer aus Rheinsberg, der große, vorstehende
Augen, ein mächtiges Doppelkinn, noch mächtiger als
Koseleger, und außerdem ein Renommee wegen seiner
Geschichten hatte. Daß er nebenher auch ein in der
Wolle gefärbter Konservativer war, versteht sich von
selbst. Er hatte, was aber schon Jahrzehnte zurücklag,
den großartigen Gedanken gefaßt und verwirklicht: die
ostelbischen Provinzen, da, wo sie strauchelten, durch
Gustav Kühnsche Bilderbogen auf den richtigen Pfad
zurückzuführen, und war dafür dekoriert worden. Es
hieß denn auch von ihm, „er gälte was nach oben hin“,
was aber nicht recht zutraf. Man kannte ihn „oben“
ganz gut.

Um halb sieben (Lichter und Kronleuchter brannten
bereits) war man unter den Klängen des Tannhäusermarsches die hie und da schon ausgelaufene Treppe
hinaufgestiegen. Unmittelbar vorher hatte noch ein
Schwanken wegen des Präsidiums bei Tafel stattgefunden. Einige waren für Dubslav gewesen, weil man
sich von ihm etwas Anregendes versprach, auch speziell
mit Rücksicht auf die Situation. Aber die Majorität
hatte doch schließlich Dubslavs Vorsitz als ganz undenkbar abgelehnt, da der Edle Herr von Alten-Friesack,
trotz seiner hohen Jahre, mit zur Wahl gekommen war;
der Edle Herr von Alten-Friesack, so hieß es, sei doch
nun mal — und von einem gewissen Standpunkt aus
auch mit Fug und Recht — der Stolz der Grafschaft,
überhaupt ein Unikum, und ob er nun sprechen könne
oder nicht, das sei, wo sich's um eine Prinzipienfrage
handle, durchaus gleichgültig. Überhaupt, die ganze
Geschichte mit dem „Sprechen-können“ sei ein moderner
Unsinn. Die einfache Thatsache, daß der Alte von
Alten-Friesack da säße, sei viel, viel wichtiger als eine
Rede, und sein großes Präbendenkreuz ziere nicht bloß
ihn, sondern den ganzen Tisch. Einige sprächen freilich
immer von seinem Götzengesicht und seiner Häßlichkeit,
aber auch das schade nichts. Heutzutage, wo die meisten
Menschen einen Friseurkopf hätten, sei es eine ordentliche Erquickung, einem Gesicht zu begegnen, das in
seiner Eigenart eigentlich gar nicht unterzubringen sei.
Dieser von dem alten Zühlen, trotz seiner Vorliebe für
Dubslav, eindringlich gehaltenen Rede war allgemein
zugestimmt worden, und Baron Beetz hatte den götzenhaften Alten-Friesacker an seinen Ehrenplatz geführt.
Natürlich gab es auch Schandmäuler. An ihrer Spitze
stand Molchow, der dem neben ihm sitzenden Katzler
zuflüsterte: „Wahres Glück, Katzler, daß der Alte drüben
die große Blumenvase vor sich hat; sonst, so bei veau
en tortue, — vorausgesetzt, daß so was Feines überhaupt in Sicht steht — würd' ich der Sache nicht gewachsen sein.“

Und nun schwieg der von einem Thormeyerschen
Unterlehrer gespielte Tannhäusermarsch, und als eine
bestimmte Zeit danach der Moment für den ersten Toast
da war, erhob sich Baron Beetz und sagte: „Meine
Herren. Unser Edler Herr von Alten-Friesack ist von
der Pflicht und dem Wunsch erfüllt, den Toast auf
Seine Majestät den Kaiser und König auszubringen.“
Und während der Alte, das Gesagte bestätigend, mit
seinem Glase grüßte, setzte der in seiner alter ego-Rolle verbleibende Baron Beetz hinzu: „Seine Majestät
der Kaiser und König lebe hoch!“ Der Alten-Friesacker
gab auch hierzu durch Nicken seine Zustimmung, und
während der junge Lehrer abermals auf den auf einer
Rheinsberger Schloßauktion erstandenen alten Flügel
zueilte, stimmte man an der ganzen Tafel hin das
„Heil dir im Siegerkranz“ an, dessen erster Vers stehend
gesungen wurde.

Das Offizielle war hierdurch erledigt, und eine
gewisse Fidelitas, an der es übrigens von Anfang an
nicht gefehlt hatte, konnte jetzt nachhaltiger in ihr Recht
treten. Allerdings war noch immer ein wichtiger und
zugleich schwieriger Toast in Sicht, der, der sich mit
Dubslav und dem unglücklichen Wahlausgange zu beschäftigen hatte. Wer sollte den ausbringen? Man hing
dieser Frage mit einiger Sorge nach und war eigentlich
froh, als es mit einemmale hieß, Gundermann werde
sprechen. Zwar wußte jeder, daß der Siebenmühlener
nicht ernsthaft zu nehmen sei, ja, daß Sonderbarkeiten
und vielleicht sogar Scheiterungen in Sicht stünden, aber
man tröstete sich, je mehr er scheitere, desto besser. Die
meisten waren bereits in erheblicher Aufregung, also
sehr unkritisch. Eine kleine Weile verging noch. Dann
bat Baron Beetz, dem die Rolle des Festordners zugefallen war, für Herrn von Gundermann auf Siebenmühlen ums Wort. Einige sprachen ungeniert weiter,
„Ruhe, Ruhe!“ riefen andre dazwischen, und als Baron
Beetz noch einmal an das Glas geklopft und nun,
auch seinerseits um Ruhe bittend, eine leidliche Stille
hergestellt hatte, trat Gundermann hinter seinen Stuhl
und begann, während er mit affektierter Nonchalance
seine Linke in die Hosentasche steckte.

„Meine Herren. Als ich vor so und so viel Jahren
in Berlin studierte“ („na nu“), „als ich vor Jahren in
Berlin studierte, war da mal 'ne Hinrichtung …“

„Alle Wetter, der setzt gut ein.“

„… war da mal 'ne Hinrichtung, weil eine
dicke Klempnermadamm, nachdem sie sich in ihren Lehrburschen verliebt, ihren Mann, einen würdigen Klempnermeister, vergiftet hatte. Und der Bengel war erst siebzehn. Ja, meine Herren, so viel muß ich sagen, es
kamen damals auch schon dolle Geschichten vor. Und
ich, weil ich den Gefängnisdirektor kannte, ich hatte
Zutritt zu der Hinrichtung, und um mich 'rum standen
lauter Assessoren und Referendare, ganz junge Herren,
die meisten mit 'nem Kneifer. Kneifer gab es damals
auch schon. Und nun kam die Witwe, wenn man sie
so nennen darf, und sah so weit ganz behäbig und
beinahe füllig aus, weil sie, was damals viel besprochen
wurde, 'nen Kropf hatte, weshalb auch der Block ganz
besonders hatte hergerichtet werden müssen. Sozusagen
mit 'nem Ausschnitt.“

„Mit 'nem Ausschnitt …; gut, Gundermann.“

„Und als sie nun, ich meine die Delinquentin,
all die jungen Referendare sah, wobei ihr wohl ihr
Lehrling einfallen mochte …“

„Keine Verspottung unsrer Referendare …“

„… Wobei ihr vielleicht ihr Lehrling einfallen
mochte, da trat sie ganz nahe an den Schaffotrand heran
und nickte uns zu (ich sage ‚uns‘, weil sie mich auch
ansah) und sagte: ‚Ja, ja, meine jungen Herrens, dat
kommt davon …‘ Und sehen Sie, meine Herren,
dieses Wort, wenn auch von einer Delinquentin herrührend, bin ich seitdem nicht wieder losgeworden, und
wenn ich so was erlebe wie heute, dann muß einem
solch Wort auch immer wieder in Erinnerung kommen,
und ich sage dann auch, ganz wie die Alte damals
sagte: ‚Ja, meine Herren, dat kommt davon.‘ Und
wovon kommt es? Von den Sozialdemokraten. Und
wovon kommen die Sozialdemokraten?“

„Vom Fortschritt. Alte Geschichte, kennen wir.
Was Neues!“

„Es giebt da nichts Neues. Ich kann nur bestätigen, vom Fortschritt kommt es. Und wovon kommt
der?“ Davon, daß wir die Abstimmungsmaschine haben
und das große Haus mit den vier Ecktürmen. Und
wenn es meinetwegen ohne das große Haus nicht geht,
weil das Geld für den Staat am Ende bewilligt werden
muß — und ohne Geld, meine Herren, geht es nicht“
(Zustimmung: „ohne Geld hört die Gemütlichkeit auf“)
— „nun denn, wenn es also sein muß, was ich zugebe,
was sollen wir, auch unter derlei gern gemachten Zugeständnissen, anfangen mit einem Wahlrecht, wo Herr
von Stechlin gewählt werden soll, und wo sein Kutscher
Martin, der ihn zur Wahl gefahren, thatsächlich gewählt
wird oder wenigstens gewählt werden kann. Und der
Kutscher Martin unsers Herrn von Stechlin ist mir immer
noch lieber als dieser Torgelow. Und all das nennt
sich Freiheit. Ich nenn' es Unsinn und viele thun desgleichen. Ich denke mir aber, gerade diese Wahl, in
einem Kreise, drin das alte Preußen noch lebt, gerade
diese Wahl wird dazu beitragen, die Augen oben helle
zu machen. Ich sage nicht, welche Augen.“

„Schluß, Schluß!“

„Ich komme zum Schluß. Es hieß anno siebzig,
daß sich die Franzosen als die ‚glorreich Besiegten‘ bezeichnet hätten. Ein stolzes und nachahmenswertes
Wort. Auch für uns, meine Herren. Und wie wir,
ohne uns was zu vergeben, diesen Sekt aus Frankreich
nehmen, so dürfen wir, glaub' ich, auch das eben citierte
stolze Klagewort aus Frankreich herübernehmen. Wir
sind besiegt, aber wir sind glorreich Besiegte. Wir haben
eine Revanche. Die nehmen wir. Und bis dahin in
alle Wege: Herr von Stechlin auf Schloß Stechlin, er
lebe hoch!“

Alles erhob sich und stieß mit Dubslav an. Einige
freilich lachten, und von Molchow, als er einen neuen
Weinkübel heranbestellte, sagte zu dem neben ihm sitzenden
Katzler: „Weiß der Himmel, dieser Gundermann ist und
bleibt ein Esel. Was sollen wir mit solchen Leuten?
Erst beschreibt er uns die Frau mit 'nem Kropf, und
dann will er das große Haus abschaffen. Ungeheure
Dämelei. Wenn wir das große Haus nicht mehr haben,
haben wir gar nichts; das ist noch unsre Rettung, und
die beinah' einzige Stelle, wo mir den Mund (ich sage
Mund) einigermaßen aufthun und was durchsetzen können.
Wir müssen mit dem Zentrum paktieren. Dann sind
wir egal 'raus. Und nun kommt dieser Gundermann
und will uns auch das noch nehmen. Es ist doch 'ne
Wahrheit, daß sich die Parteien und die Stände jedesmal selbst ruinieren. Das heißt, von ‚Ständen‘ kann
hier eigentlich nicht die Rede sein; denn dieser Gundermann gehört nicht mit dazu. Seine Mutter war 'ne
Hebamme in Wrietzen. Drum drängt er sich auch
immer vor.“

Bald nach Gundermanns Rede, die schon eine Art
Nachspiel gewesen war, flüsterte Baron Beetz dem Alten-Friesacker zu, daß es Zeit sei, die Tafel aufzuheben.
Der Alte wollte jedoch noch nicht recht, denn wenn er mal
saß, saß er; aber als gleich danach mehrere Stühle gerückt
wurden, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich anzuschließen, und unter den Klängen des „Hohenfriedbergers“ — der „Prager“, darin es heißt, „Schwerin
fällt“, wäre mit Rücksicht auf die Gesamtsituation vielleicht paßlicher gewesen — kehrte man in die Parterreräume zurück, wo die Majorität dem Kaffee zusprechen
wollte, während eine kleine Gruppe von Allertapfersten
in die Straße hinaustrat, um da, unter den Bäumen
des „Triangelplatzes“, sich bei Sekt und Cognac des
weiteren bene zu thun. Obenan saß von Molchow,
neben ihm von Kraatz und van Peerenboom; Molchow
gegenüber Direktor Thormeyer und der bis dahin mit
der Festmusik betraute Lehrer, der bei solchen Gelegenheiten überhaupt Thormeyers Adlatus war. Sonderbarerweise hatte sich auch Katzler hier niedergelassen (er
sehnte sich wohl nach Eindrücken, die jenseits aller
„Pflicht“ lagen), und neben ihm, was beinahe noch mehr
überraschen konnte, saß von der Nonne. Molchow und
Thormeyer führten das Wort. Von Wahl und Politik
— nur über Gundermann fiel gelegentlich eine spöttische
Bemerkung — war längst keine Rede mehr, statt dessen
befleißigte man sich, die neuesten Klatschgeschichten aus
der Grafschaft heranzuziehen. „Ist es denn wahr,“
sagte Kraatz, „daß die schöne Lilli nun doch ihren
Vetter heiraten wird, oder richtiger, der Vetter die schöne
Lilli?“

„Vetter?“ fragte Peerenboom.

„Ach, Peerenboom, Sie wissen auch gar nichts;
Sie sitzen immer noch zwischen Ihren Delfter Kacheln
und waren doch schon 'ne ganze Weile hier, als die
Lilli-Geschichte spielte.“

Peerenboom ließ sich's gesagt sein und begrub jede
weitere Frage, was er, ohne sich zu schädigen, auch ganz
gut konnte, da kein Zweifel war, daß der, der das
Lilli-Thema heraufbeschworen, über kurz oder lang ohnehin alles klarlegen würde. Das geschah denn auch.

„Ja, diese verdammten Kerle,“ fuhr v. Kraatz fort,
„diese Lehrer! Entschuldigen Sie, Luckhardt, aber Sie
sind ja beim Gymnasium, da liegt alles anders, und
der, der hier 'ne Rolle spielt, war ja natürlich bloß
ein Hauslehrer, Hauslehrer bei Lillis jüngstem Bruder.
Und eines Tages waren beide weg, der Kandidat und
Lilli. Selbstverständlich nach England. Es kann einer
noch so dumm sein, aber von Gretna Green hat er doch
mal gehört oder gelesen. Und da wollten sie denn auch
beide hin. Und sind auch. Aber ich glaube, der Gretna
Greensche darf nicht mehr trauen. Und so nahmen sie
denn Lodgings in London, ganz ohne Trauung. Und
es ging auch so, bis ihnen das kleine Geld ausging.“

„Ja, das kennt man.“

„Und da kamen sie denn also wieder. Das heißt,
Lilli kam wieder. Und sie war auch schon vorher mit
dem Vetter so gut wie verlobt gewesen.“

„Und der sprang nu ab?“

„Nicht so ganz. Oder eigentlich gar nicht. Denn
Lilli ist sehr hübsch und nebenher auch noch sehr reich.
Und da soll denn der Vetter gesagt haben, er liebe sie
so sehr, und wo man liebe, da verzeihe man auch.
Und er halte auch eine Entsühnung für durchaus möglich. Ja, er soll dabei von Purgatorium gesprochen
haben.“

„Mißfällt mir, klingt schlecht,“ sagte Molchow.
„Aber was er vorher gesagt, ‚Entsühnung‘, das ist ein
schönes Wort und eine schöne Sache. Nur das ‚Wie‘,
— ach, man weiß immer so wenig von diesen Dingen, —
will mir nicht recht einleuchten. Als Christ weiß ich
natürlich (so schlimm steht es am Ende auch nicht mit
einem), als Christ weiß ich, daß es eine Sühne giebt.
Aber in solchem Falle? Thormeyer, was meinen Sie,
was sagen Sie dazu? Sie sind ein Mann von Fach
und haben alle Kirchenväter gelesen und noch ein paar
mehr.“

Thormeyer verklärte sich. Das war so recht ein
Thema nach seinem Geschmack; seine Augen wurden
größer und sein glattes Gesicht noch glatter.

„Ja,“ sagte er, während er sich über den Tisch zu
Molchow vorbeugte, „so was giebt es. Und es ist ein
Glück, daß es so was giebt. Denn die arme Menschheit braucht es. Das Wort Purgatorium will ich vermeiden, einmal, weil sich mein protestantisches Gewissen
dagegen sträubt, und dann auch wegen des Anklangs;
aber es giebt eine Purifikation. Und das ist doch eigentlich das, worauf es ankommt: Reinheitswiederherstellung.
Ein etwas schwerfälliges Wort. Indessen die Sache, drum
sich's hier handelt, giebt es doch gut wieder. Sie begegnen diesem Hange nach Restitution überall, und
namentlich im Orient, — aus dem doch unsre ganze Kultur
stammt, — finden Sie diese Lehre, dieses Dogma, diese
Thatsache.“

„Ja, ist es eine Thatsache?“

„Schwer zu sagen. Aber es wird als Thatsache
genommen. Und das ist ebensogut. Blut sühnt.“

„Blut sühnt,“ wiederholte Molchow. „Gewiß. Daher
haben wir ja auch unsere Duellinstitution. Aber wo wollen
Sie hier die Blutsühne hernehmen? In diesem Spezialfalle ganz undurchführbar. Der Hauslehrer ist drüben
in England geblieben, wenn er nicht gar nach Amerika
gegangen ist. Und wenn er auch wiederkäme, er ist nicht
satisfaktionsfähig. Wär' er Reserve-Offizier, so hätt'
ich das längst erfahren …“

„Ja, Herr von Molchow, das ist die hiesige Anschauung. Etwas primitiv, naturwüchsig, das sogenannte
Blutracheprinzip. Aber es braucht nicht immer das
Blut des Übelthäters selbst zu sein. Bei den Orientalen …“

„Ach, Orientalen … dolle Gesellschaft …“

„Nun denn meinetwegen, bei fast allen Völkern
des Ostens sühnt Blut überhaupt. Ja mehr, nach
orientalischer Anschauung — ich kann das Wort nicht
vermeiden, Herr von Molchow; ich muß immer wieder
darauf zurückkommen — nach orientalischer Anschauung
stellt Blut die Unschuld als solche wieder her.“

„Na, hören Sie, Rektor.“

„Ja, es ist so, meine Herren. Und ich darf sagen,
es zählt das zu dem Feinsten und Tiefsinnigsten, was
es giebt. Und ich habe da auch neulich erst eine Geschichte gelesen, die das alles nicht bloß so obenhin
bestätigt, sondern beinahe großartig bestätigt. Und noch
dazu aus Siam.“

„Aus Siam?“

„Ja, aus Siam. Und ich würde Sie damit behelligen, wenn die Sache nicht ein bißchen zu lang wäre.
Die Herren vom Lande werden so leicht ungeduldig,
und ich wundere mich oft, daß sie die Predigt bis zu
Ende mitanhören. Daneben ist freilich meine Geschichte
aus Siam …“

„Erzählen, Direktorchen, erzählen.“

„Nun denn, auf Ihre Gefahr. Freilich auch auf
meine … Da war also, und es ist noch gar nicht
lange her, ein König von Siam. Die Siamesen haben
nämlich auch Könige.“

„Nu, natürlich. So tief stehen sie doch nicht.“

„Also da war ein König von Siam, und dieser
König hatte eine Tochter.“

„Klingt ja wie aus 'm Märchen.“

„Ist auch, meine Herren. Eine Tochter, eine richtige
Prinzessin, und ein Nachbarfürst (aber von geringerem
Stande, so daß man doch auch hier wieder an den
Kandidaten erinnert wird) — dieser Nachbarfürst raubte
die Prinzessin und nahm sie mit in seine Heimat und
seinen Harem, trotz alles Sträubens.“

„Na, na.“

„So wenigstens wird berichtet. Aber der König
von Siam war nicht der Mann, so was ruhig einzustecken. Er unternahm vielmehr einen heiligen Krieg
gegen den Nachbarfürsten, schlug ihn und führte die
Prinzessin im Triumphe wieder zurück. Und alles Volk
war wie von Sieg und Glück berauscht. Aber die Prinzessin selbst war schwermütig.“

„Kann ich mir denken. Wollte wieder weg.“

„Nein, ihr Herren. Wollte nicht zurück. Denn es
war eine sehr feine Dame, die gelitten hatte …“

„Ja. Aber wie …“

„Die gelitten hatte und fortan nur dem einen Gedanken der Entsühnung lebte, dem Gedanken, wie das
Unheilige, das Berührtsein, wieder von ihr genommen
werden könne.“

„Geht nicht. Berührt is berührt.“

„Mit nichten, Herr von Molchow. Die hohe Priesterschaft wurde herangezogen und hielt, wie man hier vielleicht sagen würde, einen Synod, in dem man sich mit
der Frage der Entsühnung oder, was dasselbe sagen
will, mit der Frage der Wiederherstellung der Virginität
beschäftigte. Man kam überein (oder fand es auch vielleicht in alten Büchern), daß sie in Blut gebadet werden
müsse.“

„Brrr.“

„Und zu diesem Behufe wurde sie bald danach in
eine Tempelhalle geführt, drin zwei mächtige Wannen
standen, eine von rotem Porphyr und eine von weißem
Marmor, und zwischen diesen Wannen, auf einer Art
Treppe, stand die Prinzessin selbst. Und nun wurden
drei weiße Büffel in die Tempelhalle gebracht, und der
hohe Priester trennte mit einem Schnitt jedem der drei
das Haupt vom Rumpf und ließ das Blut in die daneben stehende Porphyrwanne fließen. Und jetzt war
das Bad bereitet, und die Prinzessin, nachdem siamesische
Jungfrauen sie entkleidet hatten, stieg in das Büffelblut
hinab, und der Hohepriester nahm ein heiliges Gefäß
und schöpfte damit und goß es aus über die Prinzessin.“

„Eine starke Geschichte; bei Tisch hätt' ich mehrere
Gänge passieren lassen. Ich find' es doch entschieden
zu viel.“

„Ich nicht,“ sagte der alte Zühlen, der sich inzwischen eingefunden und seit ein paar Minuten mit zugehört hatte. „Was heißt zu viel oder zu stark? Stark
ist es, so viel geb' ich zu; aber nicht zu stark. Daß es
stark ist, das ist ja eben der Witz von der Sache. Wenn
die Prinzessin bloß einen Leberfleck gehabt hätte, so fänd'
ich es ohne weiteres zu stark; es muß immer ein richtiges
Verhältnis da sein zwischen Mittel und Zweck. Ein
Leberfleck ist gar nichts. Aber bedenken Sie, 'ne richtige
Prinzessin als Sklavin in einem Harem; da muß denn
doch ganz anders vorgegangen werden. Wir reden jetzt
so viel von ‚großen Mitteln‘. Ja, meine Herren, auch
hier war nur mit großen Mitteln was auszurichten.“

„Igni et ferro,“ bestätigte der Rektor.

„Und,“ fuhr der alte Zühlen fort, „so viel wird
jedem einleuchten, um den Teufel auszutreiben (als den
ich diesen Nachbarfürsten und seine That durchaus ansehe), dazu mußte was Besonderes geschehn, etwas Beelzebubartiges. Und das war eben das Blut dieser drei
Büffel. Ich find' es nicht zu viel.“

Thormeyer hob sein Glas, um mit dem alten Zühlen
anzustoßen. „Es ist genau so, wie Herr von Zühlen
sagt. Und zuletzt geschah denn auch glücklicherweise das,
was unsre mehr auf Schönheit gerichteten Wünsche —
denn wir leben nun mal in einer Welt der Schönheit —
zufrieden stellen konnte. Direkt aus der Porphyrwanne
stieg die Prinzessin in die Marmorwanne, drin alle
Wohlgerüche Arabiens ihre Heimstätte hatten, und alle
Priester traten mit ihren Schöpfkellen aufs neue heran,
und in Kaskaden ergoß es sich über die Prinzessin, und
man sah ordentlich, wie die Schwermut von ihr abfiel
und wie all das wieder aufblühte, was ihr der räuberische
Nachbarfürst genommen. Und zuletzt schlugen die
Dienerinnen ihre Herrin in schneeweiße Gewänder und
führten sie bis an ein Lager und fächelten sie hier mit
Pfauenwedeln, bis sie den Kopf still neigte und entschlief. Und ist nichts zurückgeblieben, und ist später die
Gattin des Königs von Annam geworden. Er soll allerdings sehr aufgeklärt gewesen sein, weil Frankreich schon
seit einiger Zeit in seinem Lande herrschte.“

„Hoffen wir, daß Lillis Vetter auch ein Einsehen hat.“

„Er wird, er wird.“

Darauf stieß man an und alles brach auf. Die
Wagen waren bereits vorgefahren und standen in langer
Reihe zwischen dem „Prinz-Regenten“ und dem Triangelplatz.

Auch der Stechliner Wagen hielt schon, und Martin,
um sich die Zeit zu vertreiben, knipste mit der Peitsche.
Dubslav suchte nach seinem Pastor und begann schon ungeduldig zu werden, als Lorenzen endlich an ihn herantrat und um Entschuldigung bat, daß er habe warten
lassen. Aber der Oberförster sei schuld; der habe ihn
in ein Gespräch verwickelt, das auch noch nicht beendet
sei, weshalb er vorhabe, die Rückfahrt mit Katzler gemeinschaftlich zu machen.

Dubslav lachte. „Na, dann mit Gott. Aber lassen
Sie sich nicht zu viel erzählen. Ermyntrud wird wohl
die Hauptrolle spielen oder noch wahrscheinlicher der neuzufindende Name. Werde wohl recht behalten … Und
nun vorwärts, Martin.“

Damit ging es über das holperige Pflaster fort.

In der Stadt war schon alles still; aber draußen
auf der Landstraße kam man an großen und kleinen
Trupps von Häuslern, Teerschwelern und Glashüttenleuten vorüber, die sich einen guten Tag gemacht hatten
und nun singend und johlend nach Hause zogen. Auch
Frauensvolk war dazwischen und gab allem einen Beigeschmack.

So trabte Dubslav auf den als halber Weg geltenden Nehmitzsee zu. Nicht weit davon befand sich ein
Kohlenmeiler, Dietrichs-Ofen, und als Martin jetzt um
die nach Süden vorgeschobene Seespitze herumbiegen
wollte, sah er, daß wer am Wege lag, den Oberkörper
unter Gras und Binsen versteckt, aber die Füße quer über
das Fahrgeleise.

Martin hielt an. „Gnädiger Herr, da liegt wer.
Ich glaub', es ist der alte Tuxen.“

„Tuxen, der alte Süffel von Dietrichs-Ofen?“

„Ja, gnädiger Herr. Ich will mal sehen, was es
mit ihm is.“

Und dabei gab er die Leinen an Dubslav und
stieg ab und rüttelte und schüttelte den am Wege
Liegenden. „Awer Tuxen, wat moakst du denn hier?
Wenn keen Moonschien wiehr, wiehrst du nu all kaput.“

„Joa, joa,“ sagte der Alte. Aber man sah, daß
er ohne rechte Besinnung war.

Und nun stieg Dubslav auch ab, um den ganz
Unbehilflichen mit Martin gemeinschaftlich auf den
Rücksitz zu legen. Und bei dieser Prozedur kam der
Trunkene einigermaßen wieder zu sich und sagte: „Nei,
nei, Martin, nich doa; pack mi lewer vörn upp'n Bock.“

Und wirklich, sie hoben ihn da hinauf, und da
saß er nun auch ganz still und sagte nichts. Denn er
schämte sich vor dem gnädigen Herrn.

Endlich aber nahm dieser wieder das Wort und
sagte: „Nu sage mal, Tuxen, kannst du denn von dem
Branntwein nich lassen? Legst dich da hin; is ja schon
Nachtfrost. Noch 'ne Stunde, dann warst du dod.
Waren sie denn alle so?

„Mehrschtendeels.“

„Und da habt ihr denn für den Katzenstein gestimmt.“

„Nei, gnäd'ger Herr, vör Katzenstein nich.“

Und nun schwieg er wieder, während er vorn auf
dem Bock unsicher hin und her schwankte.

„Na, man 'raus mit der Sprache. Du weißt ja,
ich reiß' keinem den Kopp ab. Is auch alles egal.
Also für Katzenstein nich. Na, für wen denn?“

„Vör Torgelow'n.“

Dubslav lachte. „Für Torgelow, den euch die
Berliner hergeschickt haben. Hat er denn schon was
für euch gethan?“

„Nei, noch nich.“

„Na, warum denn?“

„Joa, se seggen joa, he will wat för uns duhn
un is so sihr för de armen Lüd. Un denn kriegen wi
joa'n Stück Tüffelland. Un se seggen ook, he is klöger,
as de annern sinn.“

„Wird wohl. Aber er is doch noch lange nich
so klug, wie ihr dumm seid. Habt ihr denn schon gehungert?“

„Nei, dat grad nich.“

„Na, das kann auch noch kommen.“

„Ach, gnäd'ger Herr, dat wihrd joa woll nich.“

„Na, wer weiß, Tuxen. Aber hier is Dietrichs-Ofen. Nu steigt ab und seht Euch vor, daß Ihr nicht
fallt, wenn die Pferde anrucken. Und hier habt Ihr
was. Aber nich mehr für heut. Für heut habt Ihr
genug. Und nu macht, daß Ihr zu Bett kommt und
träumt von ,Tüffelland‘.“

In Mission nach England.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Woldemar erfuhr am andern Morgen aus Zeitungstelegrammen, daß der sozialdemokratische Kandidat, Feilenhauer Torgelow, im Wahlkreise Rheinsberg-Wutz gesiegt
habe. Bald darauf traf auch ein Brief von Lorenzen
ein, der zunächst die Telegramme bestätigte und am
Schlusse hinzusetzte, daß Dubslav eigentlich herzlich froh
über den Ausgang sei. Woldemar war es auch. Er
ging davon aus, daß sein Vater wohl das Zeug habe,
bei Dressel oder Borchardt mit viel gutem Menschenverstand und noch mehr Eulenspiegelei seine Meinung
über allerhand politische Dinge zum besten zu geben;
aber im Reichstage fach- und sachgemäß sprechen, das
konnt' er nicht und wollt' er auch nicht. Woldemar war
so durchdrungen davon, daß er über die Vorstellung
einer Niederlage, dran er als Sohn des Alten immerhin wie beteiligt war, verhältnismäßig rasch hinwegkam,
pries es aber doch, um eben diese Zeit mit einem Kommando nach Ostpreußen hin betraut zu werden, das ihn
auf ein paar Wochen von Berlin fernhielt. Kam er
dann zurück, so waren Anfragen in dieser Wahlangelegenheit nicht mehr zu befürchten, am wenigsten innerhalb
seines Regiments, in dem man sich, von ein paar Intimsten abgesehen, eigentlich schon jetzt über den unliebsamen Zwischenfall ausschwieg.

Und in Schweigen hüllte man sich auch am Kronprinzen-Ufer, als Woldemar hier am Abend vor seiner
Abreise noch einmal vorsprach, um sich bei der gräflichen
Familie zu verabschieden. Es wurde nur ganz obenhin
von einem abermaligen Siege der Sozialdemokratie gesprochen, ein absichtlich flüchtiges Berühren, das nicht
auffiel, weil sich das Gespräch sehr bald um Rex und
Czako zu drehen begann, die, seit lange dazu aufgefordert,
gerade den Tag vorher ihren ersten Besuch im Barbyschen Hause gemacht und besonders bei dem alten Grafen
viel Entgegenkommen gefunden hatten. Auch Melusine
hatte sich durch den Besuch der Freunde durchaus zufriedengestellt gesehen, trotzdem ihr nicht entgangen war,
was, nach freilich entgegengesetzten Seiten hin, die
Schwäche beider ausmachte.

„Wovon der eine zu wenig hat,“ sagte sie, „davon
hat der andre zu viel.“

„Und wie zeigte sich das, gnädigste Gräfin?“

„O, ganz unverkennbar. Es traf sich, daß im selben
Augenblicke, wo die Herren Platz nahmen, drüben die
Glocken der Gnadenkirche geläutet wurden, was denn
— man ist bei solchen ersten Besuchen immer dankbar,
an irgend was anknüpfen zu können — unser Gespräch
sofort aufs Kirchliche hinüberlenkte. Da legitimierten
sich dann beide. Hauptmann Czako, weil er ahnen
mochte, was sein Freund in nächster Minute sagen würde,
gab vorweg deutliche Zeichen von Ungeduld, während
Herr von Rex in der That nicht nur von dem ‚Ernst
der Zeiten‘ zu sprechen anfing, sondern auch von dem
Bau neuer Kirchen einen allgemeinen, uns nahe bevorstehenden Umschwung erwartete. Was mich natürlich
erheiterte.“

Woldemars Kommando nach Ostpreußen war bis
auf Anfang November berechnet, und mehr als einmal
sprachen im Verlaufe dieser Zeit Rex und Czako bei
den Barbys vor. Freilich immer nur einzeln. Verabredungen zu gemeinschaftlichem Besuche waren zwar mehrfach eingeleitet worden, aber jedesmal erfolglos, und
erst zwei Tage vor Woldemars Rückkehr fügte es sich,
daß sich die beiden Freunde bei den Barbys trafen. Es
war ein ganz besonders gelungener Abend, da neben
der Baronin Berchtesgaden und Dr. Wrschowitz auch ein
alter Malerprofessor (eine neue Bekanntschaft des Hauses)
zugegen war, was eine sehr belebte Konversation herbeiführte. Besonders der neben seinen andern Apartheiten
auch durch langes weißes Haar und große Leuchte-Augen
ausgezeichnete Professor, hatte, — gestützt auf einen unentwegten Peter Cornelius-Enthusiasmus, — alles hinzureißen gewußt. „Ich bin glücklich, noch die Tage dieses
großen und einzig dastehenden Künstlers gesehen zu haben.
Sie kennen seine Kartons, die mir das Bedeutendste
scheinen, was wir überhaupt hier haben. Auf dem einen
Karton steht im Vordergrund ein Tubabläser und setzt
das Horn an den Mund, um zu Gericht zu rufen. Diese
eine Gestalt balanciert fünf Kunstausstellungen, will also
sagen netto 15000 Bilder. Und eben diese Kartons,
samt dem Bläser zum Gericht, die wollen sie jetzt fortschaffen und sagen dabei in naiver Effronterie, solch
schwarzes Zeug mit Kohlenstrichen dürfe überhaupt nicht
so viel Raum einnehmen. Ich aber sage Ihnen, meine
Herrschaften, ein Kohlenstrich von Cornelius ist mehr
wert als alle modernen Paletten zusammengenommen,
und die Tuba, die dieser Tubabläser da an den Mund
setzt — verzeihen Sie mir altem Jüngling diesen Kalauer —, diese Tuba wiegt alle Tuben auf, aus denen
sie jetzt ihre Farben herausdrücken. Beiläufig auch eine
miserable Neuerung. Zu meiner Zeit gab es noch Beutel,
und diese Beutel aus Schweinsblase waren viel besser.
Ein wahres Glück, daß König Friedrich Wilhelm IV.
diese jetzt etablierte Niedergangsepoche nicht mehr erlebt
hat, diese Zeit des Abfalls, so recht eigentlich eine Zeit
der apokalyptischen Reiter. Bloß zu den dreien, die der
große Meister uns da geschaffen hat, ist heutzutage noch
ein vierter Reiter gekommen, ein Mischling von Neid
und Ungeschmack. Und dieser vierte sichelt am stärksten.“

Alles nickte, selbst die, die nicht ganz so dachten,
denn der Alte mit seinem Apostelkopfe hatte ganz wie
ein Prophet gesprochen. Nur Melusine blieb in einer
stillen Opposition und flüsterte der Baronin zu: „Tubabläser. Mir persönlich ist die Böcklinsche Meerfrau mit
dem Fischleib lieber. Ich bin freilich Partei.“

Die Abende bei den Barbys schlossen immer zu
früher Stunde. So war es auch heute wieder. Es
schlug eben erst zehn, als Rex und Czako auf die Straße
hinaustraten und drüben an dem langgestreckten Ufer
Tausende von Lichtern vor sich hatten, von denen die
vordersten sich im Wasser spiegelten.

„Ich möchte wohl noch einen Spaziergang machen,“
sagte Czako. „Was meinen Sie, Rex? Sind Sie mit
dabei? Wir gehen hier am Ufer entlang, an den Zelten
vorüber bis Bellevue, und da steigen wir in die Stadtbahn und fahren zurück, Sie bis an die Friedrichsstraße,
ich bis an den Alexanderplatz. Da ist jeder von uns
in drei Minuten zu Haus.“

Rex war einverstanden. „Ein wahres Glück,“ sagte
er, „daß wir uns endlich mal getroffen haben. Seit
fast drei Wochen kennen wir nun das Haus und haben
noch keine Aussprache darüber gehabt. Und das ist doch
immer die Hauptsache. Für Sie gewiß.“

„Ja, Rex, das ‚für Sie gewiß‘, das sagen Sie
so spöttisch und überheblich, weil Sie glauben, Klatschen
sei was Inferiores und für mich gerade gut genug.
Aber da machen Sie meiner Meinung nach einen doppelten
Fehler. Denn erstlich ist Klatschen überhaupt nicht
inferior, und zweitens klatschen Sie gerade so gern wie
ich und vielleicht noch ein bißchen lieber. Sie bleiben
nur immer etwas steifer dabei, lehnen meine Frivolitäten
zunächst ab, warten aber eigentlich darauf. Im übrigen
denk' ich, wir lassen all das auf sich beruhn und sprechen
lieber von der Hauptsache. Ich finde, wir können unserm
Freunde Stechlin nicht dankbar genug dafür sein, uns
mit einem so liebenswürdigen Hause bekannt gemacht
zu haben. Den Wrschowitz und den alten Malerprofessor,
der von dem Engel des Gerichts nicht loskonnte, —
nun die beiden schenk' ich Ihnen (ich denke mir, der
Maler wird wohl nach Ihrem Geschmacke sein), aber die
andern, die man da trifft, wie reizend alle, wie natürlich. Obenan dieser Frommel, dieser Hofprediger, der
mir am Theetisch fast noch besser gefällt als auf der
Kanzel. Und dann diese bayrische Baronin. Es ist
doch merkwürdig, daß die Süddeutschen uns im Gesellschaftlichen immer um einen guten Schritt vorauf sind,
nicht von Bildungs, aber von glücklicher Natur wegen.
Und diese glückliche Natur, das ist doch die wahre
Bildung.“

„Ach Czako, Sie überschätzen das. Es ist ja richtig,
wenn Sie da so die Würstel aus dem großen Kessel
herausholen und irgend eine Loni oder Toni mit dem
Maßkrug kommt, so sieht das nach was aus, und wir
kommen uns wie verhungerte Schulmeister daneben vor.
Aber eigentlich ist das, was wir haben, doch das Höhere.“

„Gott bewahre. Alles, was mit Grammatik und
Examen zusammenhängt, ist nie das Höhere. Waren
die Patriarchen examiniert, oder Moses oder Christus?
Die Pharisäer waren examiniert. Und da sehen Sie,
was dabei herauskommt. Aber, um mehr in der Nähe
zu bleiben, nehmen Sie den alten Grafen. Er war
freilich Botschaftsrat, und das klingt ein bißchen nach
was; aber eigentlich ist er doch auch bloß ein unexaminierter Naturmensch, und das gerade giebt ihm
seinen Charme. Beiläufig, finden Sie nicht auch, daß
er dem alten Stechlin ähnlich sieht?“

„Ja, äußerlich.“

„Auch innerlich. Natürlich 'ne andre Nummer,
aber doch derselbe Zwirn, — Pardon für den etwas
abgehaspelten Berolinismus. Und wenn Sie vielleicht
an Politik gedacht haben, auch da ist wenig Unterschied.
Der alte Graf ist lange nicht so liberal und der alte
Dubslav lange nicht so junkerlich, wie's aussieht. Dieser
Barby, dessen Familie, glaub' ich, vordem zu den
Reichsunmittelbaren gehörte, dem steckt noch so was von
‚Gottesgnadenschaft‘ in den Knochen, und das giebt dann
die bekannte Sorte von Vornehmheit, die sich den
Liberalismus glaubt gönnen zu können. Und der alte
Dubslav, nun, der hat dafür das im Leibe, was die
richtigen Junker alle haben: ein Stück Sozialdemokratie.
Wenn sie gereizt werden, bekennen sie sich selber dazu.“

„Sie verkennen das, Czako. Das alles ist ja bloß
Spielerei.“

„Ja, was heißt Spielerei? Spielen. Wir haben
schöne alte Fibelverse, die vor der Gefährlichkeit des
Mit-dem-Feuerspielens warnen. Aber lassen wir Dubslav
und den alten Barby. Wichtiger sind doch zuletzt immer
die Damen, die Gräfin und die Comtesse. Welche wird
es? Ich glaube, wir haben schon mal darüber gesprochen, damals, als wir von Kloster Wutz her über
den Kremmerdamm ritten. Viel Vertrauen zu Freund
Woldemars richtigem Frauenverständnis hab' ich eigentlich nicht, aber ich sage trotzdem: Melusine.“

„Und ich sage: Armgard. Und Sie sagen es im
Stillen auch.“

Es war zwei Tage vor Woldemars Rückkehr aus
Ostpreußen, daß Rex und Czako dies Tiergartengespräch
führten. Eine halbe Stunde später fuhren sie, wie verabredet, vom Bellevuebahnhof aus wieder in die Stadt
zurück. Überall war noch ein reges Leben und Treiben,
und Leben war denn auch in dem aus bloß drei Zimmern
verschiedener Größe sich zusammensetzenden Kasino der
Gardedragoner. In dem zunächst am Flur gelegenen
großen Speisesaale, von dessen Wänden die früheren
Kommandeure des Regiments, Prinzen und Nichtprinzen,
herniederblickten, sah man nur wenig Gäste. Daneben
aber lag ein Eckzimmer, das mehr Insassen und mehr
flotte Bewegung hatte. Hier, über dem schräg gestellten
Kamin, drin ein kleines Feuer flackerte, hing seit kurzem
das Bildnis des „hohen Chefs“ des Regiments, der
Königin von England, und in der Nähe eben dieses
Bildes ein ruhmreiches Erinnerungsstück aus dem sechsundsechziger und siebziger Kriege: die Trompete, darauf
derselbe Mann, Stabstrompeter Wollhaupt, erst am
3. Juli auf der Höhe von Lipa und dann am 16. August
bei Mars la Tour das Regiment zur Attacke gerufen
hatte, bis er an der Seite seines Obersten fiel; der
Oberst mit ihm.

Dies Eckzimmer war, wie gewöhnlich, auch heute
der bevorzugte kleine Raum, drin sich jüngere und ältere
Offiziere zu Spiel und Plauderei zusammengefunden
hatten, unser ihnen die Herren von Wolfshagen, von
Herbstfelde, von Wohlgemuth, von Grumbach, von Raspe.

„Weiß der Himmel,“ sagte Raspe, „wir kommen
aus den Abordnungen auch gar nicht mehr heraus.
Wir haben freilich drei Sendens im Regiment, aber es
sind der Sendbotschaften doch fast zu viel. Und diesmal nun auch unser Stechlin dabei. Was wird er
sagen, wenn er oben in Ostpreußen von der ihm zugedachten Ehre hört. Er wird vielleicht sehr gemischte
Gefühle haben. Übermorgen ist er von Trakehnen wieder
da, mutmaßlich bei dem scheußlichen Wetter schlecht ajustiert,
und dann Hals über Kopf und in großem Trara nach
London. Und London ginge noch. Aber auch nach
Windsor. Alles, wenn es sich um chic handelt, will
doch seine Zeit haben, und gerade die Vettern drüben
sehen einem sehr auf die Finger.“

„Laß sie sehn,“ sagte Herbstfelde. „Wir sehen auch.
Und Stechlin ist nicht der Mann, sich über derlei Dinge
graue Haare wachsen zu lassen. Ich glaube, daß ihn
was ganz andres geniert. Es ist doch immerhin was,
daß er da mit nach England hinüber soll, und einer
solchen Auszeichnung entspricht selbstverständlich eine Nichtauszeichnung andrer. Das paßt nicht jedem, und nach
dem Bilde, das ich mir von unserm Stechlin mache,
gehört er zu diesen. Er ficht nicht gern unter der Devise
‚nur über Leichen‘, hat vielmehr umgekehrt den Zug,
sich in die zweite Linie zu stellen. Und nun sieht es
aus, als wär' er ein Streber.“

„Stimmt nicht,“ sagte Raspe. „Für so verrannt
kann ich keinen von uns halten. Stechlin sitzt da oben
in Ostpreußen und kann doch unmöglich in seinen Mußestunden hierher intrigiert und einen etwaigen Rivalen
aus dem Sattel geworfen haben. Und unser Oberst!
Der ist doch auch nicht der Mann dazu, sich irgend wen
aufreden zu lassen. Der kennt seine Pappenheimer.
Und wenn er sich den Stechlin aussucht, dann weiß er,
warum. Übrigens, Dienst ist Dienst; man geht nicht,
weil man will, sondern weil man muß. Spricht er
denn englisch?“

„Ich glaube nicht,“ sagte von Grumbach. „Soviel
ich weiß, hat er vor kurzem damit angefangen, aber
natürlich nicht wegen dieser Mission, die ja wie vom
blauen Himmel auf ihn niederfällt, sondern der Barbys
wegen, die beinah zwanzig Jahre in England waren
und halb englisch sind. Im übrigen hab ich mir sagen
lassen, es geht drüben auch ohne die Sprache. Herbstfelde, Sie waren ja voriges Jahr da. Mit gutem
Deutsch und schlechtem Französisch kommt man überall
durch.“

„Ja,“ sagte Herbstfelde. „Bloß ein bißchen Landessprache muß doch noch dazu kommen. Indessen, es giebt
ja kleine Vademekums, und da muß man dann eben
nachschlagen, bis man's hat. Sonst sind hundert Vokabeln
genug. Als ich noch zu Hause war, hatten wir da
ganz in unsrer Nachbarschaft einen verdrehten alten
Herrn, der — eh' ihn die Gicht unterkriegte — sich so
ziemlich in der ganzen Welt herumgetrieben hatte.
Pro neues Land immer neue hundert Vokabeln. Unter
anderm war er auch mal in Südrußland gewesen, von
welcher Zeit ab — und zwar nach vorgängiger, vor
einem großen Liqueurkasten stattgehabten Anfreundung
mit einem uralten Popen — er das Amendement zu
stellen pflegte: ,Hundert Vokabeln; aber bei 'nem Popen
bloß fünfzig?‘ Und das muß ich sagen, ich habe das mit
den hundert in England durchaus bestätigt gefunden.
‚Mary, please, a jug of hot water,‘ so viel muß man
weghaben, sonst sitzt man da. Denn der Naturengländer
weiß gar nichts.“

„Wie lange waren Sie denn eigentlich drüben,
Herbstfelde?“

„Drei Wochen. Aber die Reisetage mitgerechnet.“

„Und sind Sie so ziemlich auf Ihre Kosten gekommen? Einblick ins Volksleben, Parlament, Oxford,
Cambridge, Gladstone?“

Herbstfelde nickte.

„Und wenn Sie nun so alles zusammennehmen,
was hat da so den meisten Eindruck auf Sie gemacht?
Architektur, Kunst, Leben, die Schiffe, die großen
Brücken? Die Straßenjungens, wenn man in einem
Cab vorüberfährt, sollen ja immer Rad neben einem her
schlagen, und die Dienstmädchen, was noch wichtiger
ist, sollen sehr hübsch sein, kleine Hauben und Tändelschürze.“

„Ja, Raspe, da treffen Sie's. Und ist eigentlich
auch das Interessanteste. Denn sogenannte Meisterwerke
giebt es ja jetzt überall, von Kirchen und dergleichen gar
nicht zu reden. Und Schiffe haben wir ja jetzt auch
und auch ein Parlament. Und manche sagen, unsres
sei noch besser. Aber das Volk. Sehen Sie, da steckt
es. Das Volk ist alles.“

„Na, natürlich Volk. Oberschicht überall ein und
dasselbe. Was da los ist, das wissen wir.“

„Und eigentlich hab' ich die ganzen drei Wochen
auf 'nem Omnibus gesessen und bin abends in die Matrosenkneipen an der Themse gegangen. Ein bißchen
gefährlich; man hat da seinen Messerstich weg, man
weiß nicht wie, ganz wie in Italien. Bloß in Italien
giebt es vorher doch immer noch ein Liebesverhältnis,
was in Old-Wapping — so heißt nämlich der Stadtteil an der Themse — nicht mal nötig ist. Und dann,
wenn ich zu Hause war, sprach ich natürlich mit Mary.
Viel war es nicht. Denn die hundert Vokabeln, die
dazu nötig sind, die hatte ich damals noch nicht voll.“

„Na, 's ging aber doch?“

„So leidlich. Und dabei hatt' ich mal 'ne Scene,
die war eigentlich das Hübscheste. Meine Wohnung
befand sich nämlich eine Treppe hoch in einer kleinen stillen
Querstraße von Oxford-Street. Und Mary war gerade
bei mir. Und in dem Augenblicke, wo ich mich mit
dem hübschen Kinde zu verständigen suche …“

„Worüber?“

„In demselben Augenblicke sieht ein Chinese grinsend
in mein Fenster hinein, so daß er eigentlich eine Ohrfeige verdient hätte.“

„Wie war denn das aber möglich?“

„Ja, das ist ja eben das, was ich das Londoner
Volksleben nenne. Alles mögliche, wovon wir hier gar
keine Vorstellung haben, vollzieht sich da mitten auf
dem Straßendamm. Und so waren denn auch an jenem
Tage zwei Chinesen, ihres Zeichens Akrobaten, in die
Querstraße von Oxford-Street gekommen, und der eine,
ein dicker starker Kerl, hatte einen Gurt um den Leib,
und in der Öse dieses Gurtes steckte 'ne Stange, auf
die der zweite Chinese hinaufkletterte. Und wie er da
oben war, war er gerade in Höhe meiner Beletage und
sah hinein, als ich mich eben bemühte, mich Mary klar
zu machen.“

„Ja, Herbstfelde, das war nu freilich ein Pech,
und wenn Sie wieder drüben sind, müssen Sie nach
hinten hinaus wohnen oder höher hinauf. Aber interessant ist es doch. Und ich bezweifle nur, daß Stechlin
in eine gleiche Lage kommen wird.“

„Gewiß nicht. Daran hindern ihn seine Moralitäten.“

„Und noch mehr die Barbys.“

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Woldemar, von der ihm bevorstehenden Auszeichnung unterrichtet, kürzte seinen Aufenthalt in Ostpreußen um vierundzwanzig Stunden ab, hatte trotzdem
aber, nach seinem Wiedereintreffen in Berlin, nur noch
zwei Tage zur Verfügung. Das war wenig. Denn
außer allerlei zu treffenden Reisevorbereitungen lag ihm
doch auch noch ob, verschiedene Besuche zu machen, so bei
den Barbys, bei denen er sich für den letzten Abend
schon brieflich angemeldet hatte.

Dieser Abend war nun da. Die Koffer standen
gepackt um ihn her, er selber aber lehnte sich, ziemlich
abgespannt, in seinen Schaukelstuhl zurück, nochmals
überschlagend, ob auch nichts vergessen sei. Zuletzt
sagte er sich: „Was nun noch fehlt, fehlt; ich kann
nicht mehr.“ Und dabei sah er nach der Uhr. Bis
zu seinem am Kronprinzenufer angesagten Besuche war
noch fast eine Stunde. Die wollt' er ausnutzen und
sich vorher nach Möglichkeit ruhn. Aber er kam nicht
dazu. Sein Bursche trat ein und meldete: „Hauptmann
von Czako.“

„Ah, sehr willkommen.“

Und Woldemar, so wenig gelegen ihm Czako
auch kam, sprang doch auf und reichte dem Freunde die
Hand. „Sie kommen, um mir zu meiner englischen
Reise zu gratulieren. Und wiewohl es so so damit
steht, Ihnen, glaub' ich's, daß Sie's ehrlich meinen.
Sie gehören zu den paar Menschen, die keinen Neid
kennen.“

„Na, lassen wir das Thema lieber. Ich bin dessen
nicht so ganz sicher; mancher sieht besser aus, als er
ist. Aber natürlich komm' ich, um Ihnen wohl oder
übel meine Glückwünsche zu bringen und meinen Reisesegen dazu. Donnerwetter, Stechlin, wo will das noch
mit Ihnen hinaus! Sie werden natürlich Londoner
Militärattaché, sagen wir in einem halben Jahr, und
in ebensoviel Zeit haben Sie sich drüben sportlich eingelebt und etablieren sich als Sieger in einem Steeple
Chase, vorausgesetzt, daß es so was noch giebt (ich
glaube nämlich, man nennt es jetzt alles ganz anders).
Und vierzehn Tage nach Ihrem ersten großen Sportsiege verloben Sie sich mit Ruth Russel oder mit
Geraldine Cavendish, haben den Bedforder- oder den
Devonshire-Herzog als Rückendeckung und gehen als
Generalgouverneur nach Mittelafrika, links die Zwerge,
rechts die Menschenfresser. Emin soll ja doch eigentlich
aufgefressen sein.“

„Czako, Sie machen sich's zu nutze, daß die
Mittagsstunde glücklich vorüber ist, sonst könnten Sie's
kaum verantworten. Aber rücken Sie sich einen Sessel
'ran, und hier sind Zigaretten. Oder lieber Zigarre?“

„Nein, Zigaretten … Ja, sehen Sie, Stechlin,
solche Mission oder wenn auch nur ein Bruchteil davon …“

„Sagen wir Anhängsel.“

„ … Solche Mission ist gerade das, was ich mir
all mein Lebtag gewünscht habe. Bloß ‚Erhörung kam
nicht geschritten‘. Und doch ist gerad' in unserm Regiment immer was los. Immer ist wer auf dem Wege
nach Petersburg. Aber weiß der Teufel, trotz der vielen
Schickerei, meine Wenigkeit ist noch nicht 'ran gekommen.
Ich denke mir, es liegt an meinem Namen. Hier hat
„Czako“ ja auch schon einen Beigeschmack, einen Stich ins
Komische, aber das Slavische drin giebt ihm in Berlin
etwas Apartes, während es in Petersburg wahrscheinlich
heißen würde: ‚Czako, was soll das? Was soll Czako?
Dergleichen haben wir hier echter und besser.‘ Ja, ich
gehe noch weiter und bin nicht einmal sicher, ob man da
drüben nicht Lust bezeugen könnte, in der Wahl von ‚Czako‘
einen Witz oder versteckten Affront zu wittern. Aber wie
dem auch sei, Winterpalais und Kreml sind mir verschlossen. Und nun gehen Sie nach London und sogar
nach Windsor. Und Windsor ist doch nun mal das
denkbar Feinste. Rußland, wenn Sie mir solche Frühstücksvergleiche gestatten wollen, hat immer was von
Astrachan, England immer was von Colchester. Und
ich glaube, Colchester steht höher. In meinen Augen
gewiß. Ach, Stechlin, Sie sind ein Glückspilz, ein
Wort, das Sie meiner erregten Stimmung zu gute
halten müssen. Ich werde wohl an der Majorsecke
scheitern, wegen verschiedener Mankos. Aber sehn Sie,
daß ich das einsehe, das könnte das Schicksal doch auch
wieder mit mir versöhnen.“

„Czako, Sie sind der beste Kerl von der Welt.
Es ist eigentlich schade, daß wir solche Leute wie Sie
nicht bei unserm Regiment haben. Oder wenigstens
nicht genug. ‚Fein‘ ist ja ganz gut, aber es muß doch
auch mal ein Donnerwetter dazwischen fahren, ein
Cynismus, eine Bosheit; sie braucht ja nicht gleich
einen Giftzahn zu haben. Übrigens, was die Patentheit
angeht, so fühl' ich deutlich, daß ich auch nur so gerade
noch passiere. Nehmen Sie beispielsweise bloß das
Sprachliche. Wer heutzutage nicht drei Sprachen spricht,
gehört in die Ecke …“

„Sag' ich mir auch. Und ich habe deshalb auch
mit dem Russischen angefangen. Und wenn ich dann
so dabei bin und über meine Fortschritte beinah’ erstaune,
dann berapple ich mich momentan wieder und sage
mir: ‚Courage gewonnen, alles gewonnen‘. Und dabei
lass' ich dann zu meinem weitern Trost all unsre preußischen
Helden zu Fuß und zu Pferde an mir vorüber
ziehen, immer mit dem Gefühl einer gewissen wissenschaftlichen und mitunter auch moralischen Überlegenheit.
Da ist zuerst der Derfflinger. Nun, der soll ein Schneider
gewesen sein. Dann kam Blücher, — der war einfach
ein ‚Jeu‘er. Und dann kam Wrangel und trieb sein
verwegenes Spiel mit ‚mir und mich‘.“

„Bravo, Czako. Das ist die Sprache, die Sie
sprechen müssen. Und Sie werden auch nicht an der
Majorsecke scheitern. Eigentlich läuft doch alles bloß
darauf hinaus, wie hoch man sich selber einschätzt. Das
ist freilich eine Kunst, die nicht jeder versteht. Das Wort
vom alten Fritz: ‚Denk’ Er nur immer, daß Er hunderttausend Mann hinter sich hat,‘ dies Trostwort ist manchem
von uns ein bißchen verloren gegangen, trotz unsrer
Siege. Oder vielleicht auch eben deshalb. Siege produzieren unter Umständen auch Bescheidenheit.“

„Jedenfalls haben Sie, lieber Stechlin, zu viel
davon. Aber wenn Sie erst Ihre Ruth haben …“

„Ach, Czako, kommen Sie mir nicht immer mit
‚Ruth‘. Oder eigentlich, seien Sie doch bedankt dafür.
Denn dieser weibliche Name mahnt mich, daß ich mich
für heut' Abend am Kronprinzenufer angemeldet habe,
bei den Barbys, wo's, wie Sie wissen, freilich keine
Ruth giebt, aber dafür eine ‚Melusine‘, was fast noch
mehr ist.“

„Versteht sich, Melusine is mehr. Alles, was aus
dem Wasser kommt, ist mehr. Venus kam aus dem
Wasser, ebenso Hero … Nein, nein, entschuldigen Sie,
es war Leander.“

„Egal. Lassen Sie's, wie's ist. Solche verwechselte
Schillerstelle thut einem immer wohl. Übrigens können
Sie mich in meinem Coupé begleiten; vom Kronprinzenufer aus haben Sie knapp noch halben Weg bis in
Ihre Kaserne.“

Das Coupé that seine Schuldigkeit, und es schlug
eben erst acht, als Woldemar vor dem Barbyschen Hause
hielt und, sich von Czako verabschiedend, die Treppe
hinauf stieg. Er fand nur die Familie vor, was ihm
sehr lieb war, weil er kein allgemeines Gespräch führen,
sondern sich lediglich für seine Reise Rats erholen wollte.
Der alte Graf kannte London besser als Berlin, und
auch Melusine war schon über siebzehn, als man, bald
nach dem Tode der Mutter, England verlassen und sich
auf die Graubündner Güter zurückgezogen hatte. Darüber
waren nun wieder nah' an anderthalb Jahrzehnte vergangen, aber Vater und Töchter hingen nach wie vor
an Hydepark und dem schönen Hause, das sie da bewohnt
hatten, und gedachten dankbar der in London verlebten
Tage. Selbst Armgard sprach gern von dem Wenigen,
dessen sie sich noch aus ihrer frühen Kindheit her erinnerte.

„Wie glücklich bin ich,“ sagte Woldemar, „Sie allein
zu finden! Das klingt freilich sehr selbstisch, aber ich
bin doch vielleicht entschuldigt. Wenn Besuch da wäre,
nehmen wir beispielsweise Wrschowitz, und ich ließe mich
hinreißen, von der Prinzessin von Wales und in natürlicher Konsequenz von ihren zwei Schwestern Dagmar
und Thyra zu sprechen, so hätt' ich vielleicht wegen
Dänenfreundlichkeit heut' Abend noch ein Duell auszufechten. Was mir doch unbequem wäre. Besser ist besser.“

Der alte Barby nickte vergnüglich.

„Ja, Herr Graf,“ fuhr Woldemar fort, „ich komme,
mich von Ihnen und den Damen zu verabschieden, aber
ich komme vor allem auch, um mich in zwölfter Stunde
noch nach Möglichkeit zu informieren. In dem Augenblick, wo der gänzlich ignorante Kandidatus in seinen
Frack fährt, guckt er — so was soll vorkommen — noch
einmal ins Corpus juris und liest, sagen wir zehn
Zeilen, und gerad' über diese wird er nachher gefragt
und sieht sich gerettet. Dergleichen könnte mir doch auch
vorbehalten sein. Sie waren lange drüben und die
Damen ebenso. Auf was muß ich achten, was vermeiden, was thun? Vor allem, was muß ich sehn und
was nicht sehn? Das letztere vielleicht das Wichtigste
von allem.“

„Gewiß, lieber Stechlin. Aber ehe wir anfangen,
rücken Sie hier ein und gönnen Sie sich eine Tasse Thee.
Freilich, daß Sie den Thee würdigen werden, ist so gut
wie ausgeschlossen; dazu sind Sie viel zu aufgeregt.
Sie sind ja wie ein Wasserfall; ich erkenne Sie kaum
wieder.“

Woldemar wollte sich entschuldigen.

„Nur keine Entschuldigungen. Und am wenigsten
über das. Alles ist heutzutage so nüchtern, daß ich
immer froh bin, mal einer Aufregung zu begegnen;
Aufregung kleidet besser als Indifferenz und jedenfalls
ist sie interessanter. Was meinst du dazu, Melusine?“

„Papa schraubt mich. Ich werde mich aber hüten,
zu antworten.“

„Und so denn wieder zur Sache. Ja, lieber Stechlin, was thun, was sehn? Oder wie Sie ganz richtig
bemerken, was nicht sehn? Überall etwas sehr schwieriges.
In Italien vertrödelt man die Zeit mit Bildern, in
England mit Hinrichtungsblöcken. Sie haben drüben
ganze Kollektionen davon. Also möglichst wenig Historisches. Und dann natürlich keine Kirchen, immer mit
Ausnahme von Westminster. Ich glaube, was man so
mit billiger Wendung „Land und Leute“ nennt, das ist
und bleibt das Beste. Die Themse hinauf und hinunter,
Richmond-Hill (auch jetzt noch, trotzdem wir schon November haben) und Werbekneipen und Dudelsackspfeifer.
Und wenn Sie bei Passierung eines stillen Squares einem
sogenannten ‚Straßen-Raffael‘ begegnen, dann stehen
bleiben und zusehen, was das sonderbare Genie mit
seiner linken und oft verkrüppelten Hand auf die breiten
Straßensteine hinmalt. Denn diese Straßen-Raffaels
haben immer nur eine linke Hand.“

„Und was malt er?“

„Was? Das wechselt. Er ist im stande und zaubert
Ihnen in zehn Minuten eine richtige Sixtina aufs
Trottoir. Aber in der Regel ist er mehr Ruysdael oder
Hobbema. Landschaften sind seine Force; dazu Seestücke. Die Klippe von Dover hab' ich wohl zwanzigmal gesehn und über das Meer hin den zitternden
Mondstrahl. Da haben Sie schon was zur Auswahl.
Und nun fragen Sie Melusine. Die hat von London
und Umgegend viel mehr gesehn als ich und weiß, glaub'
ich, in Hampton-Court und Waltham-Abbey besser
Bescheid als an der Oberspree, natürlich das Eierhäuschen
ausgenommen. Und wenn Melusine versagen sollte, nun,
so haben wir ja noch unsere Tochter Cordelia. Cordelia
war damals freilich erst sechs oder doch nicht viel mehr.
Aber Kindermund thut Wahrheit kund. Armgard, wie
wär' es, wenn du dich unsers Freundes annähmest.“

„Ich weiß nicht, Papa, ob Herr von Stechlin damit einverstanden ist oder auch nur sein kann. Vielleicht ging' es, wenn du nur nicht von meinen sechs
Jahren gesprochen hättest. Aber so. Mit sechs Jahren
hat man eben nichts erlebt, was, in den Augen andrer,
des Erzählens wert wäre.“

„Comtesse, gestatten Sie mir … die Dinge an
sich sind gleichgültig. Alles Erlebte wird erst was durch
den, der es erlebt.“

„Ei,“ sagte Melusine. „So bin ich zum Erzählen
noch mein Lebtag nicht aufgefordert worden. Nun wirst
du sprechen müssen, Armgard.“

„Und ich will auch, selbst auf die Gefahr hin
einer Niederlage.“

„Keine Vorreden, Armgard. Am wenigsten, wenn
sie wie Selbstlob klingen.“

„Also wir hatten damals eine alte Person im
Hause, die schon bei Melusine Kindermuhme gewesen
war, und hieß Susan. Ich liebte sie sehr, denn sie
hatte wie die meisten Irischen etwas ungemein Heiteres
und Gütiges. Ich ging viel mit ihr im Hydepark
spazieren, wohnten wir doch in der an seiner Nordseite
sich hinziehenden großen Straße. Hydepark erschien mir
immer sehr schön. Aber weil es tagaus tagein dasselbe
war, wollt' ich doch gern einmal was andres sehen,
worauf Susan auch gleich einging, trotzdem es ihr
eigentlich verboten war. ‚Ei freilich, Comtesse,‘ sagte sie,
‚da wollen wir nach Martins le Grand.‘ ‚Was ist das?‘
fragte ich; aber statt aller Antwort gab sie mir nur ein
kleines Mäntelchen um, denn es war schon Spätherbst,
so etwa wie jetzt, und dunkelte auch schon. Aus dem,
was dann kam, muß ich annehmen, daß es um die
fünfte Stunde war. Und so brachen wir denn auf,
unsre Straße hinunter, und weil an dem Parkgitter entlang lauter große Röhren gelegt waren, um hier neu
zu kanalisieren, so sprang ich auf die Röhren hinauf,
und Susan hielt mich an meinem linken Zeigefinger.
So gingen wir, ich immer auf den Röhren oben, bis
wir an eine Stelle kamen, wo der Park aufhörte. Hier
war gerad' ein Droschkenstand, und Hafer und Häcksel
lagen umher und zahllose Sperlinge dazwischen. In
der Mitte von dem allem aber stand ein eiserner Brunnen.
Auf den wies Susan hin und sagte: ‚Look at it, dear
Armgard. There stood Tyburn-Gallows.‘ Und wer
so viel gestohlen hatte, wie gerad' ein Strick kostete,
der wurde da gehängt.“

„Eine merkwürdige Kindermuhme,“ sagte Stechlin.
„Und erschraken Sie nicht, Comtesse?“

„Nein, von Erschrecken, so lange Susan bei mir
war, war keine Rede. Sie hätte mich gegen eine Welt
verteidigt.“

„Das söhnt wieder aus.“

„Und kurz und gut, wir blieben auf unserm Weg
und stiegen alsbald in ein zweirädriges Cab, aus dem
heraus wir sehr gut sehen konnten, und jagten die Oxfordstraße hinunter in die City hinein, in ein immer
dichter werdendes Straßengewirr, drin ich nie vorher
gekommen war und auch nachher nicht wieder gekommen
bin. Bloß vor zwei Jahren, als wir auf Besuch drüben
waren und ich den alten Plätzen wieder nachging.“

„Ich glaube,“ sagte Melusine, „daß du bei diesem
zweiten Besuch eine gute Anleihe machst. Denn von
dem mit Susan Gesehenen wirst du zur Zeit nicht mehr
viel zur Verfügung haben.“

„Doch, doch. Und nun hielt unser Hansom-Cab
vor einem großen Hause, das halb wie ein Palast und
halb wie ein griechischer Tempel aussah, und unter dessen
Säulengang hinweg wir in eine große, mit vielen hundert
Menschen erfüllte Halle traten. Über ihren Köpfen aber
lag es wie ein Strom von Licht, und ganz nach hinten
zu, wo die Lichtmasse sich zu verdichten schien, standen
auf einem Podium zwei in rote Röcke gekleidete Bedienstete mit ein paar großen Behältern links und rechts
neben sich, die wie Futterkisten mit weit aufgeklapptem
Deckel aussahen.“

„Und nun laß Stechlin raten, was es war.“

„Er braucht es nicht zu raten,“ fuhr Armgard
fort, „er weiß es natürlich schon. Aber er muß trotzdem aushalten. Denn er hat es selber so gewollt.
Also Podium und Rotröcke samt aufgeklappter Kiste
links und rechts. Und die hell erleuchtete Uhr darüber
zeigte, daß es nur noch eine Minute bis sechs war. An
ein sich Herandrängen war nicht zu denken, und so flogen
denn die Brief- und Zeitungspakete, die noch mit den
letzten Postzügen fort sollten, in weitem Bogen über die
Köpfe der in Front Stehenden weg, was aber dabei
statt in die Behälter bloß auf das Podium fiel, das
wurde von den Rotröcken mit einer geschickten Fußbewegung in die Futterkisten wie hineingeharkt. Und nun
setzte der Uhrzeiger ein, und das Fliegen der Pakete
steigerte sich, bis genau mit dem sechsten Schlag auch
der Deckel jeder der beiden Kisten zuschlug.“

„Reizend, Comtesse. Natürlich seh' ich mir das an,
und wenn ich ein Rendezvous mit der Königin darüber
versäumen müßte.“

„Nichts Antimonarchisches,“ lachte der alte Graf.
„Und so kommen Susans Unthaten schließlich noch ans
Licht.“

„Und meine eignen dazu. Glücklicherweise durch
mich selbst.“

Das Gespräch setzte sich noch eine Weile fort, und
allerlei Schilderungen aus dem Klein- und Alltagsleben
behielten dabei die Oberhand. Ein paarmal, weil er
wohl sah, daß Woldemar gern auch andres zu hören
wünschte, versuchte der alte Graf das Thema zu wechseln,
aber beide Damen blieben bei „shopping“ und „five
o'clock tea“, bis Melusine, der Woldemars Ungeduld
ebenfalls nicht entgangen war, mit einemmale fragte:
„Haben Sie denn je von Traitors-Gate gehört?“

„Nein,“ sagte Woldemar. „Ich kann es mir aber
übersetzen und meine Schlüsse daraus ziehn.“

„Das reicht aus. Also natürlich Tower. Nun
sehen Sie, Traitors-Gate, das war meine Domäne, wenn
Besuch aus Deutschland kam und ich wohl oder übel
den Führer machen mußte. Vieles im Tower langweilte mich, aber Traitors-Gate nie, vielleicht deshalb
nicht, weil es ziemlich zu Anfang liegt, so daß ich, wenn
wir’s erreichten, immer noch bei Frische war, nicht abgestumpft durch all die Schrecklichkeiten, die dann weiterhin folgen.“

„Also Traitors-Gate muß ich sehn?“

„Unbedingt. Freilich, wenn ich dann wieder erwäge, daß an dieser berühmten Stelle nichts unmittelbar Wirkungsvolles zu sehn ist, so muß ich mich bei
meinen Ratschlägen auf Ihre Phantasie verlassen können.
Und ob das geht, weiß ich nicht. Wer aus der Mark
ist, hat meist keine Phantasie.“

Der alte Graf und Armgard schwiegen, und auch
Melusine sah wohl, daß sie mit ihrer Bemerkung etwas
zu weit gegangen war. Irgend eine Reparierung schien
also geboten. „Ich will’s aber doch mit Ihnen wagen,“
nahm sie das Gespräch wieder auf und lachte. „Traitors-Gatte. Nun sehen Sie, Sie kommen da vom Eingange her einen schmalen Gang entlang, und mit einem
Male haben Sie statt der grauen Steinwand ein eisenbeschlagenes Holzthor neben sich. Hinter diesem Thor
aber befindet sich ein kleiner, ganz unten in der Tiefe
gelegener Wasserhof, von dem aus eine mehrstufige
Treppe heraufführt und an eben der Stelle mündet, an
der Sie stehn. Und nun rechnen Sie dreihundert Jahre
zurück. Wem sich die Pforte damals aufthat, um sich
hinter ihm wieder zu schließen, der hatte vom Leben
Abschied genommen … Es sind da, verzeihen Sie das
Wort, lauter glibbrige Stufen und wer alles stieg diese
Stufen hinauf: Essex, Sir Walter Raleigh, Thomas Morus
und zuletzt noch jene Clanhäuptlinge, die für Prince Charlie
gefochten hatten und deren Köpfe, wenige Tage
später, von Temple-Bar herab, auf die City niedersahen.“

„Liegt, Gott sei Dank, weit zurück.“

„Ja, weit zurück. Aber es kann wiederkommen.
Und gerade das war es, was immer, wenn ich da
so stand, den größten Eindruck auf mich machte. Diese
Möglichkeit, daß es wiederkehre. Denn ich erinnere
mich noch sehr wohl — ja, du warst es selbst, Papa, der
es mir erzählte — daß Lord Palmerston einmal, unwirsch über die koburgische Nebenpolitik (ich glaube während
der Krimkriegtage) sich dahin geäußert hätte: „Dieser Prince-Consort, er thäte gut, sich unser Traitors-Gate bei Gelegenheit anzusehn. Es ist zwar schon lange, daß Könige
da die glibbrige Treppe hinaufgestiegen sind, aber es
ist doch noch nicht so lange, daß wir uns dessen nicht
mehr entsinnen könnten. Und ein Prince-Consort ist
noch lange nicht ein König.“

Woldemar, als Melusine dies mit überlegener Miene
gesagt hatte, lächelte vor sich hin, was die Gräfin derartig verdroß, daß sie mit einer gewissen Gereiztheit hinzusetzte: „Sie lächeln. Da seh' ich doch,
wie sehr ich im Rechte war, Ihnen die Phantasie abzusprechen.“

„Verzeihen Sie mir …“

„Und nun werden Sie auch noch pathetisch. Das
ist die richtige Ergänzung. Im übrigen, wie könnt' ich
mit Ihnen ernsthaft zürnen! Ein berühmter deutscher
Professor soll einmal irgendwo gesagt haben: ‚niemand
sei verpflichtet, ein großer Mann zu sein.‘ Und ebensowenig wird er ‚große Phantasie‘ als etwas Pflichtmäßiges gefordert haben.“

Woldemar küßte ihr die Hand. „Wissen Sie,
Gräfin, daß Sie doch eigentlich recht hochmütig sind?“

„Vielleicht. Aber mancher entwaffnet mich wieder.
Und zu diesen gehören Sie.“

„Das ist nun auch wieder aus dem Ton.“

„Ich weiß es nicht. Aber lassen wir's. Und versprechen Sie mir lieber, mir von Windsor oder London
aus eine Karte zu schreiben … nein, eine Karte, das
geht nicht … also einen Brief, darin Sie mir ein
Wort über die Engländerinnen sagen, und ob Sie jede
taillenlose Rotblondine drüben auch so schön gefunden
haben werden, wie's von den Kontinentalen, wenn
sie dies Thema berühren, fast immer versichert wird.“

„Es wird davon abhängen, an wen ich gerade denke.“

„Nach dieser Bemerkung ist ihnen alles verziehn.“

Woldemar blieb bis neun. Er hatte gleich in den
Zeilen, in denen er sich anmeldete, die Damen wissen
lassen, daß er seinen Besuch auf eine kurze Stunde beschränken müsse. So war er denn bei guter Zeit wieder
daheim. Auf seinem Tische fand er ein Briefchen vor
und erkannte Rex' Handschrift. „Lieber Stechlin,“ so
schrieb dieser, „ich höre eben, daß Sie nach London
gehn. In der Zeitung, wo's schon gestanden haben
soll, hab' ich es übersehn. Ich beglückwünsche Sie von
Herzen zu dieser Auszeichnung und lege ihnen eine
Karte bei, die Sie (wenn's Ihnen paßt) bei meinem
Freunde Ralph Waddington einführen soll. Er ist
Advokat und einer der angesehensten Führer unter den
Irvingianern. Fürchten Sie übrigens keine Bekehrungsversuche. Waddington ist ein durchaus feiner Mann,
also zurückhaltend. Er kann ihnen aber mannigfach
behilflich sein, wenn Ihnen daran gelegen sein sollte,
sich um das Wesen der englischen Dissenter, ihre Chapels
und Tabernakels zu kümmern. Er ist ein Wissenschaftler
auf diesem Gebiet. Und ich kenne ja Ihre Vorliebe
für derlei Fragen.“

Stechlin legte den Brief unter den Briefbeschwerer
und sagte: „Der gute Rex! Er überschätzt mich. Dissenterstudien. Es genügt mir, wenn ich einen einzigen Quäker
sehe.“

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Was Rex da schrieb, hatte doch ein Gutes gehabt:
Woldemar, erheitert bei dem Gedanken, sich durch Ralph
Waddington in ein Tabernakel eingeführt zu sehn, sah
sich mit einemmale einer gewissen Abspannung entrissen
und war froh darüber, denn er brauchte durchaus
Stimmung, um noch einige Briefe zu schreiben. Das
ging ihm nun leichter von der Hand, und als elf Uhr
kaum heran war, war alles erledigt.

Der andre Morgen sah ihn selbstverständlich früh
auf. Fritz war um ihn her und half, wo noch zu
helfen war. „Und nun, Fritz,“ so waren Woldemars
letzte Worte, „sieh nach dem Rechten. Schicke mir nichts
nach; Zeitungen wirf weg. Und die drei Briefe hier,
wenn ich fort bin, die thue sofort in den Kasten …
Ist die Droschke schon da?“

„Zu Befehl, Herr Rittmeister.“

„Na, dann mit Gott. Und jeden Tag lüften.
Und paß auf die Pferde.“

Damit verabschiedete sich Woldemar.

Von den drei Briefen war einer nach Stechlin
hin adressiert. Er traf, weil er noch mit dem ersten
Zuge fortkonnte, gleich nach Tisch bei dem Alten ein
und lautete:

„Mein lieber Papa. Wenn du diese Zeilen erhältst, sind wir schon auf dem Wege. ‚Wir‘ das will
sagen: unser Oberst, unser zweitältester Stabsoffizier,
ich und zwei jüngere Offiziere. Aus deinen eignen
Soldatentagen her kennst du den Charakter solcher Abordnungen. Nachdem wir ‚Regiment Königin von Großbritannien und Irland‘ geworden sind, war dies ‚uns
drüben vorstellen‘ nur noch eine Frage der Zeit. Dieser
Mission beigesellt zu sein, ist selbstverständlich eine große
Ehre für mich, doppelt, wenn ich die Namen, über die
wir in unserm Regiment Verfügung haben, in Erwägung ziehe. Die Zeiten, wo man das Wort ‚historische
Familie‘ betonte, sind vorüber. Auch an Tante Adelheid hab' ich in dieser Sache geschrieben. Was mir
persönlich an Glücksgefühl vielleicht noch fehlen mag,
wird sie leicht aufbringen. Und ich freue mich dessen,
weil ich ihr, alles in allem, doch so viel verdanke.
Daß ich mich von Berlin gerade jetzt nicht gerne
trenne, sei nur angedeutet; du wirst den Grund davon
unschwer erraten. Mit besten Wünschen für dein Wohl,
unter herzlichen Grüßen an Lorenzen, wie immer dein
Woldemar.“

Dubslav saß am Kamin, als ihm Engelke den
Brief brachte. Nun war der Alte mit dem Lesen durch
und sagte: „Woldemar geht nach England. Was sagst
du dazu, Engelke?“

„So was hab' ich mir all immer gedacht.“

„Na, dann bist du klüger gewesen als ich. Ich
habe mir gar nichts gedacht. Und nu noch drei Tage,
so stellt er sich mit seinem Oberst und seinem Major
vor die Königin von England hin und sagt: „Hier
bin ich.“

„Ja, gnäd'ger Herr, warum soll er nich?“

„Is auch 'n Standpunkt. Und vielleicht sogar
der richtige. Volksstimme, Gottesstimme. Na, nu geh
mal zu Pastor Lorenzen und sag ihm, ich ließ ihn
bitten. Aber sage nichts von dem Brief; ich will ihn
überraschen. Du bist mitunter 'ne alte Plappertasche.“

Schon nach einer halben Stunde war Lorenzen da.

„Haben befohlen …“

„Haben befohlen. Ja, das ist gerade so das
Richtige; sieht mir ähnlich … Nun, Lorenzen, schieben
Sie sich mal 'nen Stuhl 'ran, und wenn Engelke nicht
geplaudert hat (denn er hält nicht immer dicht), so hab'
ich eine richtige Neuigkeit für Sie. Woldemar ist nach
England …“

„Ah, mit der Abordnung.“

„Also wissen Sie schon davon?“

„Nein, ausgenommen das eine, daß eine Deputation oder Gesandtschaft beabsichtigt sei. Das las ich
und dabei hab' ich dann freilich auch an Woldemar
gedacht.“

Dubslav lachte. „Sonderbar. Engelke hat sich
so was gedacht, Lorenzen hat sich auch so was gedacht.
Nur der eigne Vater hat an gar nichts gedacht.“

„Ach, Herr von Stechlin, das ist immer so. Väter
sind Väter und können nie vergessen, daß die Kinder
Kinder waren. Und doch hört es mal auf damit.
Napoleon war mit zwanzig ein armer Leutnant und an
Ansehn noch lange kein Stechlin. Und als er so alt
war, wie jetzt unser Woldemar, ja, da stand er schon
zwischen Marengo und Austerlitz.“

„Hören Sie, Lorenzen, Sie greifen aber hoch.
Meine Schwester Adelheid wird sich Ihnen übrigens
wohl anschließen und von heut' ab eine neue Zeitrechnung datieren. Ich nehm' es ruhiger, trotzdem ich
einsehe, daß es nach großer Auszeichnung schmeckt. Und
ist er wieder zurück, dann wird er auch allerlei Gutes
davon haben. Aber so lang er drüben ist! Ich trau'
der Sache nicht. Von Behagen jedenfalls keine Rede.
Die Vettern sind nun mal nicht zufrieden zu stellen;
vielleicht ärgern sie sich, daß es draußen in der Welt
auch noch ein ‚Regiment Königin von Großbritannien
und Irland‘ giebt. Das besorgen sie sich lieber selbst
und nehmen so was, wenn andre damit kommen, wie
'ne Prätension. Wie stehen denn Sie dazu. Sie haben
die Beefeaters vielleicht in Ihr Herz geschlossen wegen
der vielen Dissenter. Ein Kardinal, der freilich auch
noch Gourmand war, soll mal gesagt haben: ‚Schreckliches Volk; hundert Sekten und bloß eine Sauce.‘“

„Ja,“ lachte Lorenzen, „da bin ich freilich für die
‚Beefeaters‘, wie Sie sagen, und gegen den Kardinal.
Das mit den hundert Sekten lass' ich auf sich beruhn,
(mein Geschmack, beiläufig, ist es nicht) aber unter allen
Umständen bin ich für höchstens eine Sauce. Das ist
das einzig Richtige, weil Gesunde. Die Dinge müssen
in sich etwas sein, und wenn das zutrifft, so ist eigentlich
jede ‚Sauce‘, und nun gar erst die Sauce im Plural, von
vornherein schon gerichtet. Aber lassen wir den Kardinal
und seine Gewagtheiten und nehmen wir den Gegenstand
seiner Abneigung: England. Es hat für mich eine Zeit
gegeben, wo ich bedingungslos dafür schwärmte. Nicht
zu verwundern. Hieß es doch damals in dem ganzen
Kreise, drin ich lebte: „Ja, wenn wir England nicht
mehr lieben sollen, was sollen wir dann überhaupt noch
lieben?“ Diese halbe Vergötterung hab' ich noch ehrlich
mit durchgemacht. Aber das ist nun eine hübsche Weile
her. Sie sind drüben schrecklich 'runtergekommen, weil
der Kult vor dem goldenen Kalbe beständig wächst;
lauter Jobber und die vornehme Welt obenan. Und
dabei so heuchlerisch; sie sagen „Christus“ und meinen
Kattun.“

„Is leider so, wenigstens nach dem bißchen, was
ich davon weiß. Und alles in allem, und neuerdings
erst recht, bin ich deshalb immer für Rußland gewesen.
Wenn ich da so an unsern Kaiser Nikolaus zurückdenke
und an die Zeit, wo seine Uniform als Geschenk bei
uns eintraf und dann als Kirchenstück in die Garnisonskirche kam. Natürlich in Potsdam. Wir haben zwar
die Reliquien abgeschafft, aber wir haben sie doch auf
unsre Art, und ganz ohne so was geht es nu mal
nicht. Mit dem alten Fritzen fing es natürlich an.
Wir haben seinen Krückstock und den Dreimaster und
das Taschentuch (na, das hätten sie vielleicht weglassen
können), und zu den drei Stücken haben wir nu jetzt
auch noch die Nikolaus-Uniform.“

Lorenzen sah verlegen vor sich hin; etwas dagegen
sagen, ging nicht, und zustimmen noch weniger.

Dubslav aber fuhr fort: „Und dann sind sie da
forscher in Petersburg und geht alles mehr aus dem
Vollen, auch wenn die besten Steine mitunter schon
'rausgebrochen sind. So was kommt vor; is eben noch
ein Naturvolk. Ich kann das ‚Schenken‘ eigentlich nicht
leiden, es hat so was von Bestechung und sieht aus
wie 'n Trinkgeld. Und Trinkgeld ist noch schlimmer als
Bestechung und paßt mir eigentlich ganz und gar nicht.
Aber es hat doch auch wieder was Angenehmes, solche
Tabatiere. Wenn es einem gut geht, ist es ein Familienstück, und wenn es einem schlecht geht, ist es 'ne letzte
Zuflucht. Natürlich, ein ganz reinliches Gefühl hat man
nicht dabei.“

Lorenzen blieb eine volle Stunde. Der Alte war
immer froh, wenn sich ihm Gelegenheit bot, sich mal
ausplaudern zu können, und heute standen ja die denkbar besten Themata zur Verfügung: Woldemar, England, Kaiser Nikolaus und dazwischen Tante Adelheid,
über die zwar immer nur kurze Worte fielen, aber doch
so, daß sie, weil spöttisch, die gute Laune des Alten
wesentlich steigerten.

Und in dieser guten Laune war er auch noch, als
er, um die fünfte Stunde seinen Eichenstock und seinen
eingeknautschten Filzhut vom Riegel nahm, um am See
hin, in der Richtung auf Globsow zu, seinen gewöhnlichen Spaziergang zu machen. Unmittelbar am Südufer, da wo die Wand steil abfiel, befand sich eine von
Buchenzweigen überdachte Steinbank. Das war sein
Lieblingsplatz. Die Sonne stand schon unterm Horizont,
und nur das Abendrot glühte noch durch die Bäume.
Da saß er nun und überdachte sein Leben, Altes und
Neues, seine Kindheits- und seine Leutnantstage, die
Tage kurz vor seiner Verheiratung, wo das junge blasse
Fräulein, das seine Frau werden sollte, noch Lieblingshofdame bei der alten Prinzeß Karl war. All das zog
jetzt wieder an ihm vorüber, und dazwischen seine
Schwester Adelheid, in jenen Tagen noch leidlich gut bei
Weg, aber auch schon hart und herbe wie heute, so daß
sie den reizenden Kerl, den Baron Krech, bloß weil er
über ein schon halbabgestorbenes ‚Verhältnis‘ und eine
freilich noch fortlebende Spielschuld verfügte, durch
ihre Tugend weggegrault hatte. Das waren die alten
Geschichten. Und dann wurde Woldemar geboren, und
die junge Frau starb, und der Junge wuchs heran und
lernte bei Lorenzen all das dumme Zeug, das Neue
(dran vielleicht doch was war), und nun fuhr er nach
England 'rüber und war vielleicht schon in Köln und
in ein paar Stunden in Ostende.

Dabei sah er vor sich hin und malte mit seinem
Stock Figuren in den Sand. Der Wald war ganz still;
auf dem See schwanden die letzten roten Lichter, und
aus einiger Entfernung klangen Schläge herüber, wie
wenn Leute Holz fällen. Er hörte mit halbem Ohr
hin und sah eben auf die von Globsow her heraufführende schmale Straße, als er einer alten Frau von
wohl siebzig gewahr wurde, die, mit einer mit
Reisig bepackten Kiepe, den leis ansteigenden Weg heraufkam, etliche Schritte vor ihr ein Kind mit ein paar
Enzianstauden in der Hand. Das Kind, ein Mädchen,
mochte zehn Jahr sein, und das Licht fiel so, daß das
blonde wirre Haar wie leuchtend um des Kindes Kopf
stand. Als die Kleine bis fast an die Bank heran war,
blieb sie stehn und erwartete da das Näherkommen der
alten Frau. Diese, die wohl sah, daß das Kind in
Furcht oder doch in Verlegenheit war, sagte: „Geih man
vorupp, Agnes; he deiht di nix.“

Das Kind, sich bezwingend, ging nun auch wirklich, und während es an der Bank vorüberkam, sah es
den alten Herrn mit großen klugen Augen an.

Inzwischen war auch die Alte herangekommen.

„Na, Buschen,“ sagte Dubslav, „habt Ihr denn
auch bloß Bruchholz in Eurer Kiepe? Sonst packt Euch
der Förster.“

Die Alte griente. „Jott, jnädiger Herr, wenn Se
doabi sinn, denn wird he joa woll nich.“

„Na, ich denk' auch; is immer nich so schlimm.
Und wer is denn das Kind da?“

„Dat is joa Karlinens.“

„So, so, Karlinens. Is sie denn noch in Berlin?
Und wird er sie denn heiraten? Ich meine den Rentsch
in Globsow.“

„Ne, he will joa nich.“

„Is aber doch von ihm?“

„Joa, se seggt so. Awers he seggt, he wihr et nich.“

Der alte Dubslav lachte. „Na, hört, Buschen, ich
kann's ihm eigentlich nich verdenken. Der Rentsch is
ja doch ein ganz schwarzer Kerl. Un nu seht Euch mal
das Kind an.“

„Dat hebb ick ehr ook all seggt. Un Karline weet
et ook nich so recht un lacht man ümmer. Un se brukt
em ook nich.“

„Geht es ihr denn so gut?“

„Joa; man kann et binah seggen. Se plätt't
ümmer. Alle so'ne plätten ümmer. Ick wihr oak dissen
Summer mit Agnessen (se heet Agnes) in Berlin, un
doa wihr'n wi joa tosamen in'n Cirkus. Un Karline
wihr ganz fidel.“

„Na, das freut mich. Und Agnes, sagt Ihr, heißt
sie. Is ein hübsches Kind.“

„Joa, det is se. Un is ook en gaudes Kind; se
weent gliks un is immer so patschlich mit ehre lütten
Hänn'. Sünne sinn immer so.“

„Ja, das is richtig. Aber Ihr müßt aufpassen,
sonst habt Ihr 'nen Urenkel, Ihr wißt nicht wie. Na,
gu'n Abend, Buschen.“

„'n Abend, jnäd'ger Herr.“

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Der Baron Berchtesgadensche Wagen fuhr am Kronprinzen-Ufer vor und die Baronin, als sie gehört hatte,
daß die Herrschaften oben zu Hause seien, stieg langsam
die Treppe hinauf, denn sie war nicht gut zu Fuß und
ein wenig asthmatisch. Armgard und Melusine begrüßten
sie mit großer Freude. „Wie gut, wie hübsch, Baronin,“
sagte Melusine, „daß wir Sie sehn. Und wir erwarten
auch noch Besuch. Wenigstens ich. Ich habe solch
Kribbeln in meinem kleinen Finger, und dann kommt
immer wer. Wrschowitz gewiß (denn er war drei Tage
lang nicht hier) und vielleicht auch Professor Cujacius.
Und wenn nicht der, so Dr. Pusch, den Sie noch nicht
kennen, trotzdem Sie ihn eigentlich kennen müßten, —
noch alte Bekanntschaft aus Londoner Tagen her. Möglicherweise kommt auch Frommel. Aber vor allem,
Baronin, was bringen Sie für Wetter mit? Lizzi sagte
mir eben, es neble so stark, man könne die Hand vor
Augen nicht sehn.“

„Lizzi hat Ihnen ganz recht berichtet, der richtige
London Fog, wobei mir natürlich Ihr Freund Stechlin
einfällt. Aber über den sprechen wir nachher. Jetzt
sind wir noch beim Nebel. Es war draußen wirklich
so, daß ich immer dachte, wir würden zusammenfahren;
und am Brandenburgerthor, mit den großen Kandelabern dazwischen, sah es beinah' aus wie ein Bild
von Skarbina. Kennen Sie Skarbina?“

„Gewiß,“ sagte Melusine, „den kenn' ich sehr gut.
Aber allerdings erst von der letzten Ausstellung her.
Und was, außer den Gaslaternen im Nebel, mir so
eigentlich von ihm vorschwebt, das ist ein kleines Bild:
langer Hotelkorridor, Thür an Thür, und vor einer der
vielen Thüren ein paar Damenstiefelchen. Reizend.
Aber die Hauptsache war doch die Beleuchtung. Von
irgend woher fiel ein Licht ein und vergoldete das
Ganze, den Flur und die Stiefelchen.“

„Richtig,“ sagte die Baronin. „Das war von ihm.
Und gerade das hat Ihnen so sehr gefallen?“

„Ja. Was auch natürlich ist. In meinen italienischen Tagen — wenn ich von ‚italienischen Tagen‘
spreche, so meine ich übrigens nie meine Verheiratungstage; während meiner Verheiratungstage hab' ich Gott
sei Dank so gut wie garnichts gesehn, kaum meinen
Mann, aber freilich immer noch zu viel — also während
meiner italienischen Tage hab' ich vor so vielen Himmelfahrten gestanden, daß ich jetzt für Stiefeletten im
Sonnenschein bin.“

„Ganz mein Fall, liebe Melusine. Freilich bin
ich jetzt nebenher auch noch fürs Japanische: Wasser und
drei Binsen und ein Storch daneben. In meinen Jahren
darf ich ja von Storch sprechen. Früher hätt' ich vielleicht Kranich gesagt.“

„Nein, Baronin, das glaub' ich Ihnen nicht. Sie
waren immer für das, was Sie jetzt Realismus nennen,
was meistens mehr Ton und Farbe hat, und dazu gehört auch der Storch. Deshalb lieb' ich Sie ja gerade
so sehr. Ach, daß doch das Natürliche wieder obenauf
käme.“

„Kommt, liebe Melusine.“

Melusinens kribbelnder kleiner Finger behielt recht.
Es kam wirklich Besuch, erst Wrschowitz, dann aber —
statt der drei, die sie noch nebenher gemutmaßt hatte —
nur Czako.

Der Empfang des einen wie des andern der beiden
Herren hatte vorn im Damenzimmer stattgefunden, ohne
Gegenwart des alten Grafen. Dieser erschien erst, als
man zum Thee ging; er hieß seine Gäste herzlich willkommen, weil er jederzeit das Bedürfnis hatte, von dem,
was draußen in der Welt vorging, etwas zu hören. Dafür sorgte denn auch jeder auf seine Weise: die Baronin
durch Mitteilungen aus der oberen Gesellschaftssphäre,
Czako durch Avancements und Demissionen und Wrschowitz durch „Krittikk“. Alles, was zur Sprache kam, hatte
für den alten Grafen so ziemlich den gleichen Wert, aber
das Liebste waren ihm doch die Hofnachrichten, die die
Baronin mit glücklicher Ungeniertheit zum besten gab.
Wendungen wie „ich darf mich wohl Ihrer Diskretion
versichert halten“ waren ihr gänzlich fremd. Sie hatte
nicht bloß ganz allgemein den Mut ihrer Meinung, sondern diesen Mut auch in betreff ihrer jedesmaligen Spezialgeschichte, von der man in der Regel freilich sagen durfte,
daß sie desselben auch dringend bedürftig war.

„Sagen Sie, liebe Freundin,“ begann der alte Graf,
„was wird das jetzt so eigentlich mit den Briefen bei
Hofe?“

„Mit den Briefen? O, das wird immer schöner.“

„Immer schöner?“

„Nun, immer schöner,“ lachte hier die Baronin, „ist
vielleicht nicht gerade das rechte Wort. Aber es wird
immer geheimnisvoller. Und das Geheimnisvolle hat nun
mal das, worauf es ankommt, will sagen den Charme.
Schon die beliebte Wendung „rätselhafte Frau“ spricht
dafür; eine Frau, die nicht rätselhaft ist, ist eigentlich gar
keine, womit ich mir persönlich freilich eine Art Todesurteil ausspreche. Denn ich bin alles, nur kein Rätsel.
Aber am Ende, man ist, wie man ist, und so muß ich
dies Manko zu verwinden suchen … Es heißt immer
‚üble Nachrede, drin man sich mehr oder weniger mit
Vorliebe gefalle, sei was Sündhaftes‘, Aber was heißt hier
‚üble Nachrede‘? Vielleicht ist das, was uns so bruchstückweise zu Gehör kommt, nur ein schwaches Echo vom
Eigentlichen, und bedeutet eher ein zu wenig als ein zu
viel. Im übrigen, wie's damit auch sei, mein Sinn ist nun
mal auf das Sensationelle gerichtet. Unser Leben verläuft,
offen gestanden, etwas durchschnittsmäßig, also langweilig,
und weil dem so ist, setz' ich getrost hinzu: ‚Gott sei Dank,
daß es Skandale giebt‘. Freilich für Armgard ist so was
nicht gesagt. Die darf es nicht hören.“

„Sie hört es aber doch,“ lachte die Comtesse, „und
denkt dabei: was es doch für sonderbare Neigungen und
Glücke giebt. Ich habe für dergleichen gar kein Organ.
Unsre teure Baronin findet unser Leben langweilig und
solche Chronik interessant. Ich, umgekehrt, finde solche
Chronik langweilig und unser alltägliches Leben interessant. Wenn ich den Rudolf unsers Portier Hartwig
unten mit seinem Hoop und seinen dünnen langen Berliner
Beinen über die Straße laufen sehe, so find' ich das
interessanter als diese sogenannte Pikanterie.“

Melusine stand auf und gab Armgard einen Kuß.
„Du bist doch deiner Schwester Schwester, oder mein Erziehungsprodukt, und zum erstenmal in meinem Leben
muß ich meine teure Baronin ganz im Stiche lassen. Es
ist nichts mit diesem Klatsch; es kommt nichts dabei
heraus.“

„Ach, liebe Melusine, das ist durchaus nicht richtig.
Es kommt umgekehrt sehr viel dabei heraus. Ihr Barbys
seid alle so schrecklich diskret und ideal, aber ich für mein
Teil ich bin anders und nehme die Welt, wie sie ist; ein
Bier und ein Schnaderhüpfl und mal ein Haberfeldtreiben, damit kommt man am weitesten. Was wir da
jetzt hier erleben, das ist auch solch Haberfeldtreiben, ein
Stück Fehme.“

„Nur keine heilige.“

„Nein,“ sagte die Baronin, „keine heilige. Die Fehme
war aber auch nicht immer heilig. Habe mir da neulich
erst den Götz wieder angesehn, bloß wegen dieser Scene. Die
Poppe beiläufig vorzüglich. Und der schwarze Mann von
der Fehme soll im Urtext noch viel schlimmer gewesen
sein, so daß man es (Goethe war damals noch sehr jung)
eigentlich kaum lesen kann. Ich würde mir's aber doch
getrauen. Und nun wend' ich mich an unsre Herren, die
dies difficile Kampffeld, ich weiß nicht ritterlicher- oder
unritterlicherweise, mir ganz allein überlassen haben. Dr.
Wrschowitz, wie denken Sie darüber?“

„Ich denke darüber ganz wie gnädige Frau. Was
wir da lesen wie Runenschrift … nein, nicht wie
Runenschrift … (Wrschowitz unterbrach sich hier mißmutig
über sein eignes Hineingeraten in's Skandinavische) — was
wir da lesen in Briefen vom Hofe, das ist Krittikk. Und
weil es Krittikk ist, ist es gutt. Mag es auch sein Mißbrauch von Krittikk. Alles hat Mißbrauch. Gerechtigkeit
hat Mißbrauch, Kirche hat Mißbrauch, Krittikk hat Mißbrauch. Aber trotzdem. Auf die Fehme kommt es an,
und das große Messer muß wieder stecken im Baum.“

„Brrr,“ sagte Czako, was ihm einen ernsten Augenaufschlag von Wrschowitz eintrug. —

Als man sich nach einer halben Stunde von Tisch
erhoben hatte, wechselte man den Raum und begab sich
in das Damenzimmer zurück, weil der alte Graf etwas
Musik hören und sich von Armgards Fortschritten überzeugen wollte. „Dr. Wrschowitz hat vielleicht die Güte,
dich zu begleiten.“

So folgte denn ein Quatremains und als man damit aufhörte, nahm der alte Barby Veranlassung, seiner
Vorliebe für solch vierhändiges Spiel Ausdruck zu geben,
was Wrschowitz, dessen Künstlerüberheblichkeit keine Grenzen
kannte, zu der ruhig lächelnden Gegenbemerkung veranlaßte, daß man dieser Auffassung bei Dilettanten sehr
häufig begegne. Der alte Graf, wenig befriedigt von
dieser „Krittikk“, war doch andrerseits viel zu vertraut
mit Künstlerallüren im allgemeinen und mit den Wrschowitzschen im besonderen, um sich ernstlich über solche Worte
zu verwundern. Er begnügte sich vielmehr mit einer gemessenen Verbeugung gegen den Musikdoktor und zog, auf
einer nebenstehenden Causeuse Platz nehmend, die gute
Frau von Berchtesgaden ins Gespräch, von der er wußte,
daß ihre Munterkeiten nie den Charakter „goldener Rücksichtslosigkeiten“ annahmen.

Wrschowitz seinerseits war an dem aufgeklappten
Flügel stehen geblieben, ohne jede Spur von Verlegenheit, so daß ein Sichkümmern um ihn eigentlich nicht nötig
gewesen wäre. Trotzdem hielt es Czako für angezeigt, sich
seiner anzunehmen und dabei die herkömmliche Frage zu
thun „ob er, der Herr Dr. Wrschowitz, sich schon in Berlin
eingelebt habe?“

„Hab' ich,“ sagte Wrschowitz kurz.

„Und beklagen es nicht, Ihr Zelt unter uns aufgeschlagen zu haben?“

„Au contraire. Berlin eine schöne Stadt, eine serr
gutte Stadt. Eine serr gutte Stadt pour moi en particulier et pour les étrangers en général. Eine serr
gutte Stadt, weil es hat Musikk und weil es hat Krittikk.“

„Ich bin beglückt, Dr. Wrschowitz, speziell aus Ihrem
Munde so viel Gutes über unsre Stadt zu hören. Im
allgemeinen ist die slavische, besonders die tschechische
Welt …“

„O, die tschechische Welt. Vanitas vanitatum.“

„Es ist sehr selten, in nationalen Fragen einem so
freien Drüberstehn zu begegnen … Aber wenn es Ihnen
recht ist, Dr. Wrschowitz, wir stehen hier wie zwei Schildhalter neben diesem aufgeklappten Klavier, — vielleicht
daß wir uns setzen könnten. Gräfin Melusine lugt ohnehin schon nach uns aus.“ Und als Wrschowitz seine Zustimmung zu diesem Vorschlage Czakos ausgedrückt hatte,
schritten beide Herren vom Klavier her auf den Kamin
zu, vor dem sich die Gräfin auf einem Fauteuil niedergelassen hatte. Neben ihr stand ein Marmortischchen, drauf
sie den linken Arm stützte.

„Nun endlich, Herr von Czako. Vor allem aber
rücken Sie Stühle heran. Ich sah die beiden Herren in
einem anscheinend intimen Gespräche. Wenn es sich um
etwas handelte, dran ich teilnehmen darf, so gönnen Sie
mir diesen Vorzug. Papa hat sich, wie Sie sehn, mit der
Baronin engagiert, ich denke mir über berechtigte bajuvarische
Eigentümlichkeiten, und Armgard denkt über ihr Spiel
nach und all die falschen Griffe. Was müssen Sie gelitten
haben, Wrschowitz. Und nun noch einmal, Hauptmann
Czako, worüber plauderten Sie?“

„Berlin.“

„Ein unerschöpfliches Thema für die Medisance.“

„Worauf Dr. Wrschowitz zu meinem Staunen verzichtete. Denken Sie sich, gnädigste Gräfin, er schien alles
loben zu wollen. Allerdings waren wir erst bei Musik
und Kritik. Über die Menschen noch kein Wort.“

„O, Wrschowitz, das müssen Sie nachholen. Ein
Fremder sieht mehr als ein Einheimischer. Also frei weg
und ohne Scheu. Wie sind die Vornehmen? Wie sind
die kleinen Leute?“

Wrschowitz wiegte den Kopf hin und her, als ob er
überlege, wie weit er in seiner Antwort gehen könne.
Dann mit einem Male schien er einen Entschluß gefaßt
zu haben und sagte: „Oberklasse gutt, Unterklasse serr gutt;
Mittelklasse nicht serr gutt.“

„Kann ich zustimmen,“ lachte Melusine. „Fehlen nur
noch ein paar Details. Wie wär' es damit?“

„Mittelklassberliner findet gutt, was er sagt, aber
findet nicht gutt, was sagt ein andrer.“

Czako, trotzdem er sich getroffen fühlte, nickte.

„Mittelklassberliner, wenn spricht andrer, fällt in
Krampf. In versteckten Krampf oder auch in nicht versteckten Krampf. In verstecktem Krampf ist er ein Bild des
Jammers, in nicht verstecktem Krampf ist er ein Affront.“

„Brav, Wrschowitz. Aber mehr. Ich bitte.“

„Berliner, immer an der Tete. So wenigstens
glaubt er. Berliner immer Held. Berliner weiß alles,
findet alles, entdeckt alles. Erst Borsig, dann Stephenson,
erst Rudolf Hertzog, dann Herzog Rudolf, erst Pfefferküchler Hildebrand, dann Papst Hildebrand.“

„Nicht geschmeichelt, aber ähnlich. Und nun, Wrschowitz, noch eins, dann sind Sie wieder frei … Wie sind
die Damen?“

„Ach, gnädigste Gräfin …“

„Nichts, nichts. Die Damen.“

„Die Damen. O, die Damen serr gutt. Aber nicht
speziffisch. Speziffisch in Berlin bloß die Madamm.“

„Da bin ich aber doch neugierig.“

„Speziffisch bloß die Madamm. Ich war, gnädigste
Gräfin, in Pettersburg und ich war in Moscoù. Und
war in Budapest. Und war auch in Saloniki. Ah, Saloniki!
Schöne Damen von Helikon und schöne Damen von Libanon,
hoch und schlank wie die Ceder. Aber keine Madamm.
Madamm nirgendwo; Madamm bloß in Berlin.“

„Aber Wrschowitz, es müssen doch schließlich Ähnlichkeiten da sein. Eine Madamm ist doch immerhin auch
eine Dame, wenigstens eine Art Dame. Schon das Wort
spricht es aus.“

„Nein, gnäddigste Gräfin; rien du tout. Dame!
Dame denkt an Galan, Dame denkt an Putz; oder vielleicht
auch an Divorçons. Aber Madamm denkt bloß an Rike
draußen und mitunter auch an Paul. Und wenn sie
zu Paul spricht, der ihr Jüngster ist, so sagt sie:
‚Jott, dein Vater.‘ Oh, die Madamm! Einige sagen,
sie stürbe aus, andre sagen, sie stürbe nie.“

„Wrschowitz,“ sagte Melusine „wie schade, daß die
Baronin und Papa nicht zugehört haben, und daß unser
Freund Stechlin, der solche Themata liebt, nicht hier ist.
Übrigens hatten wir heut ein Telegramm von ihm. Haben
Sie vielleicht auch Nachricht, Herr Hauptmann?“

„Heute, gnädigste Gräfin. Und auch ein Telegramm.
Ich hab' es mitgebracht, weil ich an die Möglichkeit dachte …“

„Bitte, lesen.“

Und Czako las: „London, Charing Croß-Hotel. Alles
über Erwarten groß. Sieben unvergeßliche Tage. Richmond schön. Windsor schöner. Und die Nelsonsäule vor
mir. Ihr v. St.“

Melusine lachte. „Das hat er uns auch telegraphiert.“

„Ich fand es wenig,“ stotterte Czako verlegen und
als Doublette find' ich es noch weniger. Und ein Mann
wie Stechlin, ein Mann in Mission! Und jetzt sogar unter
den Augen Ihrer Majestät von Großbritannien und
Indien.“

Alles stimmte dem, „daß es wenig sei“, zu. Nur der
alte Graf wollte davon nichts wissen.

„Was verlangt Ihr? Es ist umgekehrt ein sehr
gutes Telegramm, weil ein richtiges Telegramm; Richmond
Windsor, Nelsonsäule. Soll er etwa telegraphieren, daß
er sich sehnt, uns wieder zu sehn? Und das wird er nicht
einmal können, so riesig verwöhnt er jetzt ist. Ihr werdet
Euch alle sehr zusammennehmen müssen. Auch du, Melusine.“

„Natürlich, ich am meisten.“

Verlobung.
Weihnachtsreise nach Stechlin.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Drei Tage später war Woldemar zurück und meldete
sich für den nächsten Abend am Kronprinzenufer an. Er
traf nur die beiden Damen, die, Melusine voran, kein
Hehl aus ihrer Freude machten. „Papa läßt Ihnen sein
Bedauern aussprechen, Sie nicht gleich heute mitbegrüßen
zu können. Er ist bei den Berchtesgadens zur Spielpartie, bei der er natürlich nicht fehlen durfte. Das ist
„Dienst“, weit strenger als der Ihrige. Wir haben Sie
nun ganz allein, und das ist auch etwas Gutes. An
Besuch ist kaum zu denken; Rex war erst gestern auf eine
kurze Visite hier, etwas steif und formell wie gewöhnlich,
und mit Ihrem Freunde Czako haben wir letzten Sonnabend eine Stunde verplaudern können. Wrschowitz war
an demselben Abend auch da; beide treffen sich jetzt öfter
und vertragen sich besser als ich bei Beginn der Bekanntschaft dachte. Wer also sollte noch kommen? … Und
nun setzen Sie sich, um Ihr Reisefüllhorn über uns
auszuschütten; — die Füllhörner, die jetzt Mode sind,
sind meist Bonbontüten, und genau so was erwart' ich
auch von Ihnen. Sie sollten mir in einem Briefe von
den Engländerinnen schreiben. Aber wer darüber nicht
schrieb, das waren Sie, wenn wir uns auch entschließen
wollen, Ihr Telegramm für voll anzusehn.“ Und dabei
lachte Melusine. „Vielleicht haben Sie uns in unsrer
Eitelkeit nicht kränken wollen. Aber offen Spiel ist immer
das beste. Wovon Sie nicht geschrieben, davon müssen
Sie jetzt sprechen. Wie war es drüben? Ich meine mit
der Schönheit.“

„Ich habe nichts einzelnes gesehn, was mich frappiert
oder gar hingerissen hätte.“

„Nichts Einzelnes. Soll das heißen, daß Sie dafür
das Ganze beinah' bewundert haben, will also sagen, die
weibliche Totalität?“

„Fast könnt' ich dem zustimmen. Ich erinnere mich,
daß mir vor Jahr und Tag schon ein Freund einmal
sagte, „in der ganzen Welt fände man, Gott sei Dank,
schöne Frauen, aber nur in England seien die Frauen
überhaupt schön“.“

„Und das haben Sie geglaubt?“

„Es liegt eigentlich schlimmer, gnädigste Gräfin.
Ich hab' es nicht geglaubt; aber ich hab' es, meinem
Nichtglauben zum Trotz, nachträglich bestätigt gefunden.“

„Und Sie schaudern nicht vor solcher Übertreibung?“

„Ich kann es nicht, so sehr ich gerade hier eine Verpflichtung dazu fühle …“

„Keine Bestechungen.“

„Ich soll schaudern vor einer Übertreibung,“ fuhr
Woldemar fort. „Aber Sie werden mir, Frau Gräfin,
dies Schaudern vielleicht erlassen, wenn ich Erklärungen
abgegeben haben werde. Der Englandschwärmer, den ich
da vorhin citierte, war ein Freund von zugespitzten Sätzen,
und zugespitzte Sätze darf man nie wörtlich nehmen. Und
am wenigsten auf diesem difficilen Gebiete. Nirgends in
der Welt blühen Schönheiten wie die gelben Butterblumen
übers Feld hin; wirkliche Schönheiten sind schließlich
immer Seltenheiten. Wären sie nicht selten, so wären sie
nicht schön, oder wir fänden es nicht, weil wir einen
andern Maßstab hätten. All das steht fest. Aber es
giebt doch Durchschnittsvorzüge, die den Typus des
Ganzen bestimmen, und diesem Maße nicht geradezu
frappierender, aber doch immerhin noch sehr gefälliger
Durchschnittsschönheit, dem bin ich drüben begegnet.“

„Ich lass' es mit dieser Einschränkung gelten, und
Sie werden in Papa, mit dem wir oft darüber streiten,
einen Anwalt für ihre Meinung finden. Durchschnittsvorzüge. Zugegeben. Aber was sich darin ausspricht,
das beinah' Unpersönliche, das Typische …“

Melusine schrak in diesem Augenblick leise zusammen,
weil sie draußen die Klingel gehört zu haben glaubte.
Wirklich, Jeserich trat ein und meldete: Professor Cujacius.
„Um Gottes willen,“ entfuhr es der Gräfin, und die kleine
Pause benutzend, die ihr noch blieb, flüsterte sie Woldemar zu: „Cujacius … Malerprofessor. Er wird über
Kunst sprechen; bitte, widersprechen Sie ihm nicht, er
gerät dabei so leicht in Feuer oder in mehr als das.“
Und kaum, daß Melusine so weit gekommen war, erschien
auch schon Cujacius und schritt unter rascher Verbeugung
gegen Armgard auf die Gräfin zu, dieser die Hand zu
küssen. Sie hatte sich inzwischen gesammelt und stellte
vor: „Professor Cujacius, … Rittmeister von Stechlin.“
Beide verneigten sich gegeneinander, Woldemar ruhig,
Cujacius mit dem ihm eignen superioren Apostelausdruck,
der, wenn auch ungewollt, immer was Provozierendes
hatte. „Bin,“ so ließ er sich mit einer gewissen Kondescenz vernehmen, „durch Gräfin Melusine ganz auf dem
Laufenden. Abordnung, England, Windsor. Ich habe
Sie beneidet, Herr Rittmeister. Eine so schöne Reise.“

„Ja, das war sie, nur leider zu kurz, so daß ich
intimeren Dingen, beispielsweise der englischen Kunst,
nicht das richtige Maß von Aufmerksamkeit widmen konnte.“

„Worüber Sie sich getrösten dürfen. Was ich persönlich an solcher Reise jedem beneiden möchte, das sind
ausschließlich die großen Gesamteindrücke, der Hof und
die Lords, die die Geschichte des Landes bedeuten.“

„All das war auch mir die Hauptsache, mußt' es
sein. Aber ich hätte mich dem ohnerachtet auch gern um
Künstlerisches gekümmert, speziell um Malerisches. So
zum Beispiel um die Schule der Präraffaeliten.“

„Ein überwundener Standpunkt. Einige waren da,
deren Auftreten auch von uns (ich spreche von den Künstlern meiner Richtung) mit Aufmerksamkeit und selbst mit
Achtung verfolgt wurde. So beispielsweise Millais …“

„Ah, der. Sehr wahr. Ich erinnere mich seines
bedeutendsten Bildes, das leider nach Amerika hin verkauft wurde. Wenn ich nicht irre, zu einem enormen
Preise.“

Cujacias nickte. „Mutmaßlich das vielgefeierte
‚Angelusbild‘, was Ihnen vorschwebt, Herr Rittmeister,
eine von Händlern heraufgepuffte Marktware, für die
Sie glücklicherweise den englischen Millais, will also
sagen, den ‚a, i, s‘ = Millais nicht verantwortlich machen
dürfen. Der Millet, der für eine, wie Sie schon bemerkten, lächerlich hohe Summe nach Amerika hin verkauft wurde, war ein ‚e, t‘ = Millet, Vollblutpariser oder
wenigstens Franzose.“

Woldemar geriet über diese Verwechslung in eine
kleine Verlegenheit, die Damen mit ihm, alles sehr zur
Erbauung des Professors, dessen rasch wachsendes Überlegenheitsgefühl unter dem Eindruck dieses Fauxpas immer
neue Blüten übermütiger Laune trieb. „Im übrigen sei
mir's verziehen,“ fuhr er, immer leuchtender werdend,
fort, „wenn ich mein Urteil über beide kurz dahin zusammenfasse: ‚sie sind einander wert‘ und die zwei großen westlichen Kulturvölker mögen sich darüber streiten, wer von
ihnen am meisten genasführt wurde. Der französische
Millet ist eine Null, ein Zwerg, neben dem der englische vergleichsweise zum Riesen anwächst, wohlverstanden vergleichsweise. Trotzdem, wie mir gestattet sein mag zu
wiederholen, war er zu Beginn seiner Laufbahn ein Gegenstand unsrer hiesigen Aufmerksamkeit. Und mit Recht.
Denn das Präraffaelitentum, als dessen Begründer und
Vertreter ich ihn ansehe, trug damals einen Zukunftskeim
in sich; eine große Revolution schien sich anbahnen zu
wollen, jene große Revolution, die Rückkehr heißt. Oder
wenn Sie wollen „Reaktion“. Man hat vor solchen Wörtern
nicht zu erschrecken. Wörter sind Kinderklappern.“

„Und dieser englische Millais, — den mit dem französischen verwechselt zu haben ich aufrichtig bedaure, —
dieser ‚a, i, s‘ = Millais, dieser große Reformer, ist, wenn
ich Sie recht verstehe, sich selber untreu geworden.“

„Man wird dies sagen dürfen. Er und seine Schule
verfielen in Excentricitäten. Die Zucht ging verloren und
das straft sich auf jedem Gebiet. Was da neuerdings in
der Welt zusammengekleckst wird, zumal in der schottischen
und amerikanischen Schule, die sich jetzt auch bei uns breit
zu machen sucht, das ist der Überschwang einer an sich
beachtenswerten Richtung. Der Zug, der unter Mitteldampf gut und erfreulich fuhr, unter Doppeldampf (und
das reicht noch nicht einmal aus) ist er entgleist; er liegt
jetzt neben den Schienen und pustet und keucht. Und ein
Jammer nur, daß seine Heizer nicht mit auf dem Platze
geblieben sind. Das ist der Fluch der bösen That …
ich verzichte darauf, in Gegenwart der Damen das Citat
zu Ende zu führen.“

Eine kleine Pause trat ein, bis Woldemar, der einsah,
daß irgend was gesagt werden müsse, sich zu der Bemerkung aufraffte: „Von Neueren hab' ich eigentlich
nur Seestücke kennen gelernt; dazu die Phantastika des
Malers William Turner, leider nur flüchtig. Er hat die
„drei Männer im feurigen Ofen“ gemalt. Stupend. Etwas
Großartiges schien mir aus seinen Schöpfungen zu sprechen,
wenigstens in allem, was das Kolorit angeht.“

„Eine gewisse Großartigkeit,“ nahm Cujacius mit
lächelnd überlegener Miene wieder das Wort, „ist ihm
nicht abzusprechen. Aber aller Wahnsinn wächst sich leicht
ins Großartige hinein und düpiert dann regelmäßig die
Menge. Mundus vult decipi. Allem vorauf in England. Es giebt nur ein Heil: Umkehr, Rückkehr zur
keuschen Linie. Die Koloristen sind das Unglück in der
Kunst. Einige wenige waren hervorragend, aber nicht
parceque, sondern quoique. Noch heute wird es mir
obliegen, in unserm Verein über eben dieses Thema zu
sprechen. Gewiß unter Widerspruch, vielleicht auch unter
Lärm und Gepolter; denn mit den richtigen Linien in der
Kunst sind auch die richtigen Formen in der Gesellschaft
verloren gegangen. Aber viel Feind', viel Ehr', und jede
Stelle verlangt heutzutage ihren Mann von Worms, ihren
Luther. ‚Hier stehe ich‘. Am elendesten aber sind die
paktierenwollenden Halben. Zwischen schön und häßlich
ist nicht zu paktieren.“

„Und schön und häßlich,“ unterbrach hier Melusine,
(froh, überhaupt unterbrechen zu können,) „war auch die
große Frage, die wir, als wir Sie begrüßen durften, eben
unter Diskussion stellten. Herr von Stechlin sollte beichten
über die Schönheit der Engländerinnen. Und nun frag'
ich Sie, Herr Professor, finden auch Sie sie so schön, wie
einem hierlandes immer versichert wird?“

„Ich spreche nicht gern über Engländerinnen,“ fuhr
Cujacius fort. „Etwas von Idiosynkrasie beherrscht mich
da. Diese Töchter Albions, sie singen so viel und musizieren
so viel und malen so viel. Und haben eigentlich kein
Talent.“

„Vielleicht. Aber davon dürfen Sie jetzt nicht sprechen.
Bloß das eine: schön oder nicht schön?“

„Schön? Nun denn ‚nein‘. Alles wirkt wie tot.
Und was wie tot wirkt, wenn es nicht der Tod selbst ist,
ist nicht schön. Im übrigen, ich sehe, daß ich nur noch
zehn Minuten habe. Wie gerne wär' ich an einer Stelle
geblieben, wo man so vielem Verständnis und Entgegenkommen begegnet. Herr von Stechlin, ich erlaube mir,
Ihnen morgen eine Radierung nach einem Bilde des richtigen englischen Millais zu schicken. Dragonerkaserne,
Hallesches Thor, — ich weiß. Übermorgen lass' ich die
Mappe wieder abholen. Name des Bildes: ‚Sir Isumbras‘.
Merkwürdige Schöpfung. Schade, daß er, der Vater des
Präraffaelitentums, dabei nicht aushielt. Aber nicht zu
verwundern. Nichts hält jetzt aus, und mit nächstem
werden wir die Berühmtheiten nach Tagen zählen. Tizian
entzückte noch mit hundert Jahren; wer jetzt fünf Jahre
gemalt hat, ist altes Eisen. Gnädigste Gräfin, Comtesse
Armgard … Darf ich bitten, mich meinem Gönner,
Ihrem Herrn Vater, dem Grafen, angelegentlichst empfehlen
zu wollen.“

Woldemar, die Honneurs des Hauses machend, was
er bei seiner intimen Stellung durfte, hatte den Professor
bis auf den Korridor geleitet und ihm hier den Künstlermantel umgegeben, den er, in unverändertem Schnitt, seit
seinen Romtagen trug. Es war ein Radmantel. Dazu
ein Kalabreser von Seidenfilz.

„Er ist doch auf seine Weise nicht übel,“ sagte Woldemar, als er bei den Damen wieder eintrat. „An einem
starken Selbstbewußtsein, dran er wohl leidet, darf man
heutzutage nicht Anstoß nehmen, vorausgesetzt, daß die
Thatsachen es einigermaßen rechtfertigen.“

„Ein starkes Selbstbewußtsein ist nie gerechtfertigt,“
sagte Armgard, „Bismarck vielleicht ausgenommen. Das
heißt also in jedem Jahrhundert einer.“

„Wonach Cujacius günstigstenfalls der zweite wäre,„
lachte Woldemar. „Wie steht es eigentlich mit ihm? Ich
habe nie von ihm gehört, was aber nicht viel besagen
will, namentlich nachdem ich Millais und Millet glücklich
verwechselt habe. Nun geht alles so in einem hin. Ist
er ein Mann, den ich eigentlich kennen müßte?“

„Das hängt ganz davon ab,“ sagte Melusine, „wie
Sie sich einschätzen. Haben Sie den Ehrgeiz, nicht bloß
den eigentlichen alten Giotto von Florenz zu kennen,
sondern auch all die Giottinos, die neuerdings in Ostelbien von Rittergut zu Rittergut ziehn, um für Kunst und
Christentum ein übriges zu leisten, so müssen Sie Cujacius
freilich kennen. Er hat da die große Lieferung; ist übrigens
lange nicht der Schlimmste. Selbst seine Gegner, und er
hat deren ein gerüttelt und geschüttelt Maß, gestehen ihm
ein hübsches Talent zu, nur verdirbt er alles durch seinen
Dünkel. Und so hat er denn keine Freunde, trotzdem er
beständig von Richtungsgenossen spricht und auch heute
wieder sprach. Gerade diese Richtungsgenossen aber hat
er aufs entschiedenste gegen sich, was übrigens nicht bloß
an ihm, sondern auch an den Genossen liegt. Gerade die,
die dasselbe Ziel verfolgen, bekämpfen sich immer am
heftigsten untereinander, vor allem auf christlichem Gebiet,
auch wenn es sich nicht um christliche Dogmen, sondern
bloß um christliche Kunst handelt. Zu des Professors
Lieblingswendungen zählt die, daß er ‚in der Tradition
stehe‘, was ihm indessen nur Spott und Achselzucken
einträgt. Einer seiner Richtungsgenossen, — als ob er
mich persönlich dafür hätte verantwortlich machen wollen,
— fragte mich erst neulich voll ironischer Teilnahme:
‚Steht denn Ihr Cujacius immer noch in der Tradition?‘
Und als ich ihm antwortete: ‚Sie spötteln darüber, hat
er denn aber keine?‘ bemerkte dieser Spezialkollege: ‚Gewiß hat er eine Tradition, und das ist seine eigne. Seit
fünfundvierzig Jahren malt er immer denselben Christus
und bereist als Kunst-, aber fast auch schon als Kirchen-Fanatiker, die ihm unterstellten Provinzen, so daß man
betreffs seiner beinah' sagen kann: ‚Es predigt sein Christus
allerorten, ist aber drum nicht schöner geworden‘.“

„Melusine, du darfst so nicht weiter sprechen,“ unterbrach hier Armgard. „Sie wissen übrigens, Herr von Stechlin,
wie's hier steht, und daß ich meine ältere Schwester, die
mich erzogen hat, (hoffentlich gut,) jetzt nachträglich mitunter meinerseits erziehen muß.“ Dabei reichte sie Melusine
die Hand. „Eben erst ist er fort, der arme Professor,
und jetzt schon so schlechte Nachrede. Welchen Trost soll
sich unser Freund Stechlin daraus schöpfen? Er wird
denken: heute dir, morgen mir.“

„Du sollst in allem recht haben, Armgard, nur nicht
in diesem letzten. Schließlich weiß doch jeder, was er
gilt, ob er geliebt wird oder nicht, vorausgesetzt, daß er
ein Gentleman und nicht ein Gigerl ist. Aber Gentleman.
Da hab' ich wieder die Einhake-Öse für England. Das
Schönheitskapitel ist erledigt, war ohnehin nur Caprice.
Von all dem andern aber, das schließlich doch wichtiger
ist, wissen wir noch immer so gut wie gar nichts. Wie
war es in Tower? Und hab' ich recht behalten mit
Traitors Gate?“

„Nur in einem Punkt, Gräfin, in Ihrem Mißtrauen
gegen meine Phantasie. Die versagte da total, wenn es
nicht doch vielleicht an der Sache selbst, also an Traitors
Gate, gelegen hat. Denn an einer anderen Stelle konnt'
ich mich meiner Phantasie beinah' berühmen und am
meisten da, wo, (wie mir übrigens nur zu begreiflich,) auch
Sie persönlich mit so viel Vorliebe verweilt haben.“

„Und welche Stelle war das?“

„Waltham-Abbey.“

„Waltham-Abbey? Aber davon weiß ich ja gar
nichts. Waltham-Abbey kenn' ich nicht, kaum dem Namen
nach.“

„Und doch weiß ich bestimmt, daß mir Ihr Herr
Papa gerade am Abend vor meiner Abreise sagte: „das
muß Melusine wissen; die weiß ja dort überall Bescheid
und kennt, glaub' ich, Waltham-Abbey besser, als Treptow
oder Stralau.“

„So bilden sich Renommees,“ lachte Melusine. „Der
Papa hat das auf gut Glück hin gesagt, hat bloß ein
beliebiges Beispiel herausgegriffen. Und nun diese Tragweite! Lassen wir das aber und sagen Sie mir lieber:
was ist Waltham-Abbey? Und wo liegt es?“

„Es liegt ganz in der Nähe von London und ist
eine Nachmittagsfahrt, etwa wie wenn man das Mausoleum
in Charlottenburg besucht oder das in der Potsdamer
Friedenskirche.“

„Hat es denn etwas von einem Mausoleum?“

„Ja und nein. Der Denkstein fehlt, aber die ganze
Kirche kann als ein Denkmal gelten.“

„Als ein Denkmal für wen?“

„Für König Harald.“

„Für den, den Editha Schwanenhals auf dem Schlachtfelde von Hastings suchte?“

„Für denselben.“

„Ich habe während meiner Londoner Tage das
Bild von Horace Vernet gesehn, das den Moment darstellt, wo die schöne Col de Cygne zwischen den Toten
umherirrt. Und ich erinnre mich auch, daß zwei Mönche
neben ihr herschritten. Aber weiter weiß ich nichts. Und
am wenigsten weiß ich, was daraus wurde.“

„Was daraus wurde, — das ist eben der Schlußakt
des Dramas. Und dieser Schlußakt heißt Waltham-Abbey.
Die Mönche, deren Sie sich erinnern, und die da neben
Editha herschritten, das waren Waltham-Abbeymönche,
und als sie schließlich gefunden hatten, was sie suchten,
legten sie den König auf dichtes Baumgezweig und trugen
ihn den weiten Weg bis nach Waltham-Abbey zurück.
Und da begruben sie ihn.“

„Und die Stätte, wo sie ihn begruben, die haben
Sie besucht?“

„Nein, nicht sein Grab; das existiert nicht. Man
weiß nur, daß man ihn dort überhaupt begrub. Und als
ich da, die Sonne ging eben unter, in einem uralten
Lindengange stand, zwischen Grabsteinen links und rechts
und das Abendläuten von der Kirche her begann, da war
es mir, als käme wieder der Zug mit den Mönchen den
Lindengang herauf, und ich sah Editha und sah auch
den König, trotzdem ihn die Zweige halb verdeckten. Und
dabei (wenn auch eigentlich der Papa schuld ist und nicht
Sie, Gräfin) gedacht ich Ihrer in alter und neuer
Dankbarkeit.“

„Und daß Sie mich besiegt haben. Aber das sage
nur ich. Sie sagen es natürlich nicht, denn Sie sind nicht
der Mann, sich eines Sieges zu rühmen, noch dazu über
eine Frau. Waltham-Abbey kenn' ich nun, und an Ihre
Phantasie glaub' ich von heut an, trotzdem Sie mich mit
Traitors Gate im Stiche gelassen. Daß sie nebenher noch,
und zwar Armgard zu Ehren, in Martins le Grand
waren, dessen bin ich sicher und ebenso, daß Sie Papas
einzige Forderung erfüllt und der Kapelle Heinrichs des
Siebenten Ihren Besuch gemacht haben, diesem Wunderwerk der Tudors. Welchen Eindruck hatten Sie von der
Kapelle?

„Den denkbar großartigsten. Ich weiß, daß man die
herabhängenden Trichter, die sie ‚Tromben‘ nennen, unschön
gefunden hat, aber ästhetische Vorschriften existieren für
mich nicht. Was auf mich wirkt, wirkt. Ich konnte mich
nicht satt sehen daran. Trotzdem, das Eigentlichste war
doch noch wieder ein andres und kam erst, als ich da
zwischen den Sarkophagen der beiden feindlichen Königinnen stand. Ich wüßte nicht, daß etwas je so beweglich und eindringlich zu mir gepredigt hätte, wie gerade
diese Stelle.“

„Und was war es, was Sie da so bewegte?“

„Das Gefühl: ‚zwischen diesen beiden Gegensätzen
pendelt die Weltgeschichte.‘ Zunächst freilich scheinen wir
da nur den Gegensatz zwischen Katholizismus und Protestantismus zu haben, aber weit darüber hinaus (weil
nicht an Ort und Zeit gebunden) haben wir bei tiefergehender
Betrachtung den Gegensatz von Leidenschaft und Berechnung
von Schönheit und Klugheit. Und das ist der Grund,
warum das Interesse daran nicht ausstirbt. Es sind große
Typen, diese feindlichen Königinnen.“

Beide Schwestern schwiegen. Dann sagte Melusine,
der daran lag, wieder ins Heitere hinüber zu lenken:
„Und nun, Armgard, sage, für welche von den beiden
Königinnen bist du?“

„Nicht für die eine und nicht für die andre. Nicht
einmal für beide. Gewiß sind es Typen. Aber es giebt
andre, die mir mehr bedeuten, und, um es kurz zu sagen,
Elisabeth von Thüringen ist mir lieber als Elisabeth von
England. Andern leben und der Armut das Brot geben
— darin allein ruht das Glück. Ich möchte, daß ich mir
das erringen könnte. Aber man erringt sich nichts.
Alles ist Gnade.“

„Du bist ein Kind,“ sagte Melusine, während sie sich
mühte, ihrer Bewegung Herr zu werden. „Du wirst noch
Unter den Linden für Geld gezeigt werden. Auf der
einen Seite ‚die Mädchen von Dahomey‘, auf der
andern du.“

Stechlin ging. Armgard gab ihm das Geleit bis
auf den Korridor. Es war eine Verlegenheit zwischen
beiden, und Woldemar fühlte, daß er etwas sagen müsse.
„Welche liebenswürdige Schwester Sie haben.“

Armgard errötete. „Sie werden mich eifersüchtig
machen.“

„Wirklich, Comtesse?“

„Vielleicht … Gute Nacht.“

Eine halbe Stunde später saß Melusine neben dem
Bett der Schwester und beide plauderten noch. Aber
Armgard war einsylbig, und Melusine bemerkte wohl,
daß die Schwester etwas auf dem Herzen habe.

„Was hast du, Armgard? Du bist so zerstreut, so
wie abwesend.“

„Ich weiß es nicht. Aber ich glaube fast …“

„Nun was?“

„Ich glaube fast, ich bin verlobt.“

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Und was die jüngere Schwester der älteren zugeflüstert
hatte, das wurde wahr und schon wenige Tage nach
diesem ersten Wiedersehn waren Armgard und Woldemar
Verlobte. Der alte Graf sah einen Wunsch erfüllt, den
er seit lange gehegt und Melusine küßte die Schwester
mit einer Herzlichkeit, als ob sie selber die Glückliche
wäre.“

„Du gönnst ihn mir doch?“

„Ach, meine liebe Armgard,“ sagte Melusine, „wenn
du wüßtest! Ich habe nur die Freude, du hast auch
die Last.“

An demselben Abende noch, wo die Verlobung stattgefunden hatte, schrieb Woldemar nach Stechlin und nach
Wutz; der eine Brief war so wichtig, wie der andre, denn
die Tante-Domina, deren Mißstimmung so gut wie gewiß
war, mußte nach Möglichkeit versöhnlich gestimmt werden.
Freilich blieb es fraglich, ob es glücken würde.

Zwei Tage später waren die Antwortbriefe da, von
denen diesmal der Wutzer Brief über den Stechliner siegte,
was einfach daran lag, daß Woldemar von Wutz her nur
Ausstellungen, von Stechlin her nur Entzücken erwartet
hatte. Das traf aber nun Beides nicht zu. Was die
Tante schrieb, war durchaus nicht so schlimm (sie beschränkte sich auf Wiederholung der schon mündlich von
ihr ausgesprochenen Bedenken), und was der Alte schrieb,
war nicht so gut oder doch wenigstens nicht so der
Situation angepaßt, wie's Woldemar gewärtigte. Natürlich war es eine Beglückwünschung, aber doch mehr
noch ein politischer Exkurs. Dubslav litt als Briefschreiber daran, gern bei Nebensächlichkeiten zu verweilen
und gelegentlich über die Hauptsache wegzusehn. Er
schrieb:

„Mein lieber Woldemar. Die Würfel sind nun also
gefallen (früher hieß es alea jacta est, aber so altmodisch
bin ich denn doch nicht mehr), und da zwei Sechsen obenauf liegen, kann ich nur sagen: ich gratuliere. Nach dem
Gespräch übrigens, das ich am dritten Oktober morgens
mit Dir führte, während wir um unsern Stechliner
Springbrunnen herumgingen (seit drei Tagen springt er
nicht mehr; wahrscheinlich werden die Mäuse das Röhrenwerk angeknabbert haben) — seit jenem Oktobermorgen
hab' ich so was erwartet, nicht mehr, aber auch nicht
weniger. Du wirst nun also Carriere machen, glücklicherweise zunächst durch Dich selbst und dann allerdings auch
durch Deine Braut und deren Familie. Graf Barby —
mit Rübenboden im Magdeburgischen und mit Mineralquellen im Graubündischen — höher hinauf geht es kaum,
Du müßtest Dich denn bis ins Katzlersche verirren. Armgard ist auch schon viel, aber Ermytrud doch mehr und
für den armen Katzler jedenfalls zu viel. Ja, mein lieber
Woldemar, Du kommst nun also zu Vermögen und Einfluß und kannst die Stechlins wieder 'raufbringen (gestern
war Baruch Hirschfeld hier und in allem willfährig; die
Juden sind nicht so schlimm wie manche meinen), und
wenn Du dann hier einziehst und statt der alten Kathe
so was in Chateaustil bauen läßt und vielleicht sogar
eine Fasanenzucht anlegst, so daß erst der Post-Stephan
und dann der Kaiser selbst bei Dir zu Besuch kommen
kann, ja, da kannst Du möglicherweise selbst das erreichen,
was Dein alter Vater, weil Feilenhauer Torgelow mächtiger war als er, nicht erreichen konnte: den Einzug ins
Reichshaus mit dem freien Blick auf Kroll. Mehr kann
ich in diesem Augenblick nicht sagen, auch meine Freude
nicht höher spannen, und in diesem relativen Ruhigbleiben
empfind' ich zum erstenmal eine gewisse Familienähnlichkeit mit meiner Schwester Adelheid, deren Glaubensbekenntnis im letzten darauf hinausläuft: Kleinadel über
Hochadel, Junker über Graf. Ja, ich fühle, Deinen Gräflichkeiten gegenüber, wie sich der Junker ein bißchen in
mir regt. Die reichen und vornehmen Herren sind doch
immer ganz eigene Leute, die wohl Fühlung mit uns
haben, unter Umständen auch suchen, aber das Fühlunghalten nach oben ist ihnen schließlich doch viel, viel wichtiger.
Es heißt wohl immer „wir Kleinen, wir machten alles
und könnten alles,“ aber bei Lichte besehn, ist es bloß
das alte: „Du glaubst zu schieben und Du wirst geschoben.“
Glaube mir, Woldemar, wir werden geschoben und sind
bloß Sturmbock. Immer dieselbe Geschichte, wie mit
Protz und Proletarier. Die Proletarier — wie sie noch
echt waren, jetzt mag es wohl anders damit sein — waren
auch bloß immer dazu da, die Kastanien aus dem Feuer
zu holen; aber ging es dann schief, dann wanderte Bruder
Habenichts nach Spandau und Bruder Protz legte sich zu
Bett. Und mit Hochadel und Kleinadel ist es beinah'
ebenso. Natürlich heiratet eine Ermyntrud mal einen
Katzler, aber eigentlich äugt sie doch mehr nach einem
Stuart oder Wasa, wenn es deren noch giebt. Wird aber
wohl nich. Entschuldige diesen Herzenserguß, dem Du
nicht mehr Gewicht beilegen mußt, als ihm zukommt.
Es kam mir das alles so von ungefähr in die Feder,
weil ich grade heute wieder gelesen habe, wie man einen
von uns, der durch Eintreten eines Ippe-Büchsenstein hätte gerettet werden können, schändlich im Stich gelassen hat. Ippe-Büchsenstein ist natürlich nur Begriff. Alles in allem:
ich habe zu Dir das Vertrauen, daß Du richtig gewählt
hast, und daß man Dich nicht im Stiche lassen wird.
Außerdem, ein richtiger Märker hat Augen im Kopf und
is beinah' so helle wie 'n Sachse.

Wie immer Dein alter Vater Dubslav von Stechlin.“

Es war Ende November, als Woldemar diesen Brief
erhielt. Er überwand ihn rasch, und am dritten Tag
las er alles schon mit einer gewissen Freudigkeit. Ganz
der Alte; jede Zeile voll Liebe, voll Güte, voll Schnurrigkeiten. Und eben diese Schnurren, trafen sie nicht eigentlich auch den Nagel auf den Kopf? Sicherlich. Was aber
das beste war, so sehr das alles im allgemeinen passen
mochte, auf die Barbys paßte so gut wie nichts davon; die
waren doch anders, die suchten nicht Fühlung nach oben
und nicht nach unten, die marchandierten nicht mit links
und nicht mit rechts, die waren nur Menschen, und daß
sie nur das sein wollten, das war ihr Glück und zugleich
ihr Hochgefühl. Woldemar sagte sich denn auch, daß der
Alte, wenn er sie nur erst kennen gelernt haben würde,
mit fliegenden Fahnen ins Barbysche Lager übergehen
würde. Der alte Graf, Armgard und vor allem Melusine. Die war genau das, was der Alte brauchte, wobei
ihm das Herz aufging.

Den Weihnachtsabend verbrachte Woldemar am Kronprinzenufer. Auch Wrschowitz und Cujacius — von denen
jener natülich unverheiratet, dieser wegen beständiger
Streiterei von seiner Frau geschieden war — waren zugegen. Cujacius hatte gebeten, ein Krippentransparent
malen zu dürfen, was denn auch, als es erschien, auf
einen Nebentisch gestellt und allseitig bewundert wurde.
Die drei Könige waren Porträts: der alte Graf, Cujacius
selbst und Wrschowitz (als Mohrenkönig); letzterer, trotz
Wollhaar und aufgeworfener Lippe, von frappanter Ähnlichkeit. Auch in der Maria suchte man nach Anlehnungen
und fand sie zuletzt; es war Lizzi, die, wie so viele Berliner Kammerjungfern, einen sittig verschämten Ausdruck
hatte. Nach dem Thee wurde musiziert, und Wrschowitz
spielte, — weil er dem alten Grafen eine Aufmerksamkeit zu
erweisen wünschte, — die Polonaise von Oginski, bei deren
erster, nunmehr um siebzig Jahre zurückliegenden Aufführung, einem alten on dit zufolge, der polnisch gräfliche
Komponist im Schlußmomente sich erschossen haben sollte.
Natürlich aus Liebe. „Brav, brav,“ sagte der alte Graf
und war, während er sich beinah' überschwenglich bedankte, so sehr aus dem Häuschen, daß Wrschowitz
schließlich schelmisch bemerkte: „Den Piffpaffschluß muß
ich mir versagen, Herr Graff, trotzdem meine Vererrung
(Blick auf Armgard) serr groß ist, fast so groß wie die
Vererrung des Herrn Graffen vor Graff Oginski.“

So verlief der Heiligabend.

Schon vorher war man übereingekommen, am zweiten
Feiertage zu dritt einen Ausflug nach Stechlin zu machen,
um dort die künftige Schwiegertochter dem Schwiegervater
vorzustellen. Noch am Christabend selbst, trotzdem Mitternacht schon vorüber, schrieb denn auch Woldemar einige
Zeilen nach Stechlin hin, in denen er sich samt Braut
und Schwägerin für den zweiten Feiertag abend anmeldete.

Rechtzeitig trafen Woldemars Zeilen in Stechlin ein.
„Lieber Papa. Wir haben vor, am zweiten Feiertage
mit dem Spätnachmittagszuge von hier aufzubrechen.
Wir sind dann um sieben auf dem Granseer Bahnhof
und um neun oder nicht viel später bei dir. Armgard
ist glücklich, dich endlich kennen zu lernen, den kennen
zu lernen, den sie seit lange verehrt. Dafür, mein lieber
Papa, hab' ich Sorge getragen. Graf Barby, der nicht
gut bei Wege ist, was ihn hindert mitzukommen, will
dir angelegentlich empfohlen sein. Desgleichen Gräfin
Ghiberti, die uns als Dame d'honneur begleiten wird.
Armgard ist in Furcht und Aufregung wie vor einem
Examen. Sehr ohne Not. Kenn' ich doch meinen Papa,
der die Güte und Liebe selbst ist. Wie immer dein
Woldemar.“

Engelke stand neben seines Herrn Stuhl, als dieser
die Zeilen halblaut, aber doch in aller Deutlichkeit vorlas.
„Nun, Engelke, was sagst du dazu?“

„Ja, gnäd'ger Herr, was soll ich dazu sagen. Es
is ja doch, was man so 'ne ‚gute Nachricht‘ nennt.“

„Natürlich is es 'ne gute Nachricht. Aber hast du
noch nicht erlebt, daß einen gute Nachrichten auch genieren
können?“

„Jott, gnäd'ger Herr, ich kriege keine.“

„Na, denn sei froh; dann weißt du nicht, was ‚gemischte Gefühle‘ sind. Sieh, ich habe jetzt gemischte Gefühle. Da kommt nun mein Woldemar. Das is gut
Und da bringt er seine Braut mit, das is wieder gut.
Und da bringt er seine Schwägerin mit, und das
is wahrscheinlich auch gut. Aber die Schwägerin ist
eine Gräfin mit einem italienischen Namen, und die
Braut heißt Armgard, was doch auch schon sonderbar
ist. Und beide sind in England geboren, und ihre
Mutter war aus der Schweiz, von einer Stelle her, von
der man nicht recht weiß, wozu sie gehört, weil da alles
schon durcheinander geht. Und überall haben sie Besitzungen,
und Stechlin ist doch blos 'ne Kathe. Sieh, Engelke, das
is genierlich und giebt das, was ich ‚gemischte Gefühle‘
nenne.“

„Nu ja, nu ja.“

„Und dann müssen wir doch auch repräsentieren. Ich
muß ihnen doch irgend einen Menschen vorsetzen. Ja,
wen soll ich ihnen vorsetzen? Viel is hier nich. Da
hab' ich Adelheiden. Natürlich, die muß ich einladen,
und sie wird auch kommen, trotzdem Schnee gefallen ist;
aber sie kann ja 'nen Schlitten nehmen. Vielleicht ist ihr
Schlitten besser als ihr Wagen. Gott, wenn ich an das
Verdeck denke mit der großen Lederflicke, da wird mir auch
nicht besser. Und dabei denkt sie, ‚sie is was‘, was am
Ende auch wieder gut is, denn wenn der Mensch erst
denkt, ‚es is gar nichts mit ihm‘, dann is es auch
nichts.“

„Und dann, gnäd'ger Herr, sie is ja doch 'ne Domina
und hat 'nen Rang. Und ich hab' auch mal gelesen, sie
sei eigentlich mehr als ein Major.“

„Na, jedenfalls ist sie mehr als ihr Bruder; so 'n
vergessener Major is ein Jammer. Aber Adelheid selbst,
so auf 'n ersten Anhieb, is auch bloß so so. Wir müssen
jedenfalls noch wen dazu haben. Schlage was vor.
Baron Beetz und der alte Zühlen, die die besten sind, die
wohnen zu weit ab, und ich weiß nicht, seit wir die Eisenbahnen haben, laufen die Pferde schlechter. Oder es
kommt einem auch bloß so vor. Also die guten Nummern
fallen aus. Und da sind wir denn wieder bei Gundermann.“

„Ach, gnäd'ger Herr, den nich. Un er soll ja auch
so zweideutig sein. Uncke hat es mir gesagt; Uncke hat
freilich immer das Wort ‚zweideutig‘. Aber es wird wohl
stimmen. Un dann die Frau Gundermann. Das is 'ne
richtige Berlinsche. Verlaß is auf ihm nich und auf ihr nich.“

„Ja, Engelke, du sollst mir helfen und machst es bloß
noch schlimmer. Wir könnten es mit Katzler versuchen,
aber da ist das Kind krank, und vielleicht stirbt es. Und
dann haben wir natürlich noch unsern Pastor; nu der
ginge, bloß daß er immer so still dasitzt, wie wenn er
auf den heiligen Geist wartet. Und mitunter kommt er;
aber noch öfter kommt er nicht. Und solche Herrschaften,
die dran gewöhnt sind, daß einer in einem fort was
Feines sagt, ja, was sollen die mit unserm Lorenzen?
Er ist ein Schweiger.“

„Aber er schweigt doch immer noch besser, als die
Gundermannsche red't.“

„Das is richtig. Also Lorenzen, und vielleicht, wenn
das Kind sich wieder erholt, auch Katzler. Ein Schelm
giebt mehr, als er hat. Und dann, Engelke, solche Damen,
die überall 'rum in der Welt waren, da weiß man nie,
wie der Hase läuft. Es ist möglich, daß sie sich für
Krippenstapel interessieren. Oder höre, da fällt mir noch
was ein. Was meinst du zu Koseleger?“

„Den hatten wir ja noch nie.“

„Nein, aber Not lehrt beten. Ich mache mir eigentlich nicht viel aus ihm, indessen is und bleibt er doch
immer ein Superintendent, und das klingt nach was.
Und dann war er ja mit 'ner russischen Großfürstin auf
Reisen, und solche Großfürstin is eigentlich noch mehr als
'ne Prinzessin. Also sprich mal mit Kluckhuhn, der soll
'nen Boten schicken. Ich schreibe gleich 'ne Karte.“

Katzler sagte ab oder ließ es doch unbestimmt, ob er
kommen könne, Koseleger dagegen, was ein Glück war,
nahm an, und auch Schwester Adelheid antwortete durch
den Boten, den Dubslav geschickt hatte: „daß sie den
zweiten Feiertag in Stechlin eintreffen und so weit wie
dienlich und schicklich nach dem Rechten sehn würde.“ Adelheid war in ihrer Art eine gute Wirtin und stammte
noch aus den alten Zeiten, wo die Damen bis zum
„Schlachten“ und „Aal-abziehen“ herunter alles lernten
und alles konnten. Also nach dieser Seite hin entschlug
sich Dubslav jeder Befürchtung. Aber wenn er sich dann
mit einem Male vergegenwärtigte, daß es seiner Schwester
vielleicht in den Sinn kommen könne, sich auf ihren Uradel oder auf die Vorzüge sechshundertjähriger märkischer
„Eingesessenheit“ zu besinnen, so fiel alles, was er sich
in dem mit Engelke geführten Gespräch an Trost zugesprochen hatte, doch wieder von ihm ab. Ihm bangte
vor der Möglichkeit einer seitens seiner Schwester „aufgesetzten hohen Miene“ wie vor einem Gespenst, und desgleichen vor der Kostümfrage. Wohl war er sich, ob er
nun seine rote Landstandsuniform oder seinen hochkragigen
schwarzen Frack anlegte, seiner eignen altmodischen Erscheinung voll bewußt, aber nebenher, was seine Person
anging, doch auch wieder einer gewissen Patriarchalität.
Einen gleichen Trost konnt' er dem äußern Menschen seiner
Schwester Adelheid nicht entnehmen. Er wußte genau,
wie sie kommen würde: schwarzes Seidenkleid, Rüsche mit
kleinen Knöpfelchen oben und die Siebenkurfürstenbrosche.
Was ihn aber am meisten ängstigte, war der Moment
nach Tisch, wo sie, wenn sie sich einigermaßen behaglich
zu fühlen anfing, ihre Wutzer Gesamtchaussure auf das
Kamingitter zu stellen und die Wärme von unten her einzusaugen pflegte.

Gleich nach sieben trafen Woldemar und die Barbyschen Damen auf dem Granseer Bahnhof ein und fanden
Martin und den Stechlinschen Schlitten vor, letzterer insoweit ein Prachtstück, als er ein richtiges Bärenfell hatte,
während andrerseits Geläut und Schneedecken und fast
auch die Pferde mehr oder weniger zu wünschen übrig
ließen. Aber Melusine sah nichts davon und Armgard
noch weniger. Es war eine reizende Fahrt; die Luft
stand, und am stahlblauen Himmel oben blinkten die
Sterne. So ging es zwischen den eingeschneiten Feldern
hin, und wenn ihre Kappen und Hüte hier und dort die
herniederhängenden Zweige streiften, fielen die Flocken in
ihren Schlitten. In den Dörfern war überall noch
Leben, und das Anschlagen der Hunde, das vom nächsten
Dorf her beantwortet wurde, klang übers Feld. Alle
drei Schlitteninsassen waren glücklich, und ohne daß sie
viel gesprochen hätten, bogen sie zuletzt, eine weite Kurve
machend, in die Kastanienallee ein, die sie nun rasch,
über Dorfplatz und Brücke fort, bis auf die Rampe von
Schloß Stechlin führte. Dubslav und Engelke standen
hier schon im Portal und waren den Damen beim Aussteigen behilflich. Beim Eintritt in den großen Flur war
für diese das erste, was sie sahen, ein mächtiger, von der
Decke herabhängender Mistelbusch; zugleich schlug die
Treppenuhr, deren Hippenmann wie verwundert und
beinah' verdrießlich auf die fremden Gäste herniedersah.
Viele Lichter brannten, aber es wirkte trotzdem alles wie
dunkel. Woldemar war ein wenig befangen, Dubslav
auch. Und nun wollte Armgard dem Alten die Hand
küssen. Aber das gab diesem seinen Ton und seine gute
Laune wieder. „Umgekehrt wird ein Schuh draus.“

„Und zuletzt ein Pantoffel,“ lachte Melusine.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

„Das ist eine Dame und ein Frauenzimmer dazu,“
sagte sich Dubslav still in seinem alten Herzen, als er
jetzt Melusine den Arm bot, um sie vom Flur her in den
Salon zu führen. „So müssen Weiber sein.“

Auch Adelheid mühte sich, Entgegenkommen zu zeigen,
aber sie war wie gelähmt. Das Leichte, das Heitre, das
Sprunghafte, das die junge Gräfin in jedem Wort zeigte,
das alles war ihr eine fremde Welt, und daß ihr eine
innere Stimme dabei beständig zuraunte: „Ja, dies Leichte,
das du nicht hast, das ist das Leben, und das Schwere,
das du hast, das ist eben das Gegenteil davon,“ — das
verdroß sie. Denn trotzdem sie beständig Demut predigte,
hatte sie doch nicht gelernt, sich in Demut zu überwinden.
So war denn alles, was über ihre Lippen kam, mehr
oder weniger verzerrt, ein Versuch zu Freundlichkeiten,
die schließlich in Herbigkeiten ausliefen. Lorenzen, der
erschienen war, half nach Möglichkeit aus, aber er war
kein Damenmann, noch weniger ein Causeur, und so kam
es denn, daß Dubslav mit einer Art Sehnsucht nach dem
Oberförster ausblickte, trotzdem er doch seit Mittag wußte,
daß er nicht kommen würde. Das jüngste Töchterchen
war nämlich gestorben und sollte den andern Tag schon
auf einem kleinen, von Weihnachtsbäumen umstellten
Privatfriedhofe, den sich Katzler zwischen Garten und
Wald angelegt hatte, begraben werden. Es war das
vierte Töchterchen in der Reihe; jede lag in einer Art
Gartenbeet und hatte, wie ein Samenkorn, dessen Aufgehen man erwartet, ein Holztäfelchen neben sich, drauf
der Name stand. Als Dubslavs Einladung eingetroffen
war, war Ermyntrud, wie gewöhnlich, in Katzler gedrungen, der Einladung zu folgen. „Ich wünsche nicht,
daß du dich deinen gesellschaftlichen Pflichten entziehst,
auch heute nicht, trotz des Ernstes der Stunde. Gesellschaftlichkeiten sind auch Pflichten. Und die Barbyschen
Damen — ich erinnere mich der Familie — werden gerade wegen der Trauer, in der wir stehn, in deinem Erscheinen eine besondre Freundlichkeit sehn. Und das ist
genau das, was ich wünsche. Denn die Comtesse wird
über kurz oder lang unsre nächste Nachbarin sein.“ Aber
Katzler war fest geblieben und hatte betont, daß es
Höheres gäbe als Gesellschaftlichkeiten, und daß er durchaus wünsche, daß dies gezeigt werde. Der Prinzessin
Auge hatte während dieser Worte hoheitsvoll auf Katzler
geruht, mit einem Ausdruck, der sagen zu wollen schien:
„Ich weiß, daß ich meine Hand keinem Unwürdigen gereicht habe.“

Katzler also fehlte. Doch auch Koseleger, trotz seiner
Zusage, war noch nicht da, so daß Dubslav in die sonderbare Lage kam, sich den Quaden-Hennersdorfer, aus dem
er sich eigentlich nichts machte, herbeizuwünschen. Endlich
aber fuhr Koseleger vor, sein etwas verspätetes Kommen
mit Dienstlichkeiten entschuldigend. Unmittelbar danach
ging man zu Tisch, und ein Gespräch leitete sich ein.
Zunächst wurde von der Nordbahn gesprochen, die, seit
der neuen Kopenhagener Linie, den ihr von früher her
anhaftenden Schreckensnamen siegreich überwunden habe.
Jetzt heiße sie die „Apfelsinenbahn“, was doch kaum
noch übertroffen werden könne. Dann lenkte man auf
den alten Grafen und seine Besitzungen im Graubündischen über, endlich aber auf den langen Aufenthalt
der Familie drüben in England, wo beide Töchter geboren seien.

Dies Gespräch war noch lange nicht erledigt, als
man sich von Tisch erhob, und so kam es, daß sich das
Plaudern über eben dasselbe Thema beim Kaffee, der im
Gartensalon und zwar in einem Halbzirkel um den Kamin
herum eingenommen wurde, fortsetzte. Dubslav sprach
sein Bedauern aus, daß ihn in seiner Jugend der Dienst
und später die Verhältnisse daran gehindert hätten, England kennen zu lernen; es sei nun doch mal das vorbildliche Land, eigentlich für alle Parteien, auch für die
Konservativen, die dort ihr Ideal mindestens ebenso gut
verwirklicht fänden wie die Liberalen. Lorenzen stimmte
lebhaft zu, während andrerseits die Domina ziemlich
deutliche Zeichen von Ungeduld gab. England war ihr
kein erfreuliches Gesprächsthema, was selbstverständlich
ihren Bruder nicht hinderte, dabei zu verharren.

„Ich möchte mich,“ fuhr Dubslav fort, „in dieser
Angelegenheit an unsern Herrn Superintendenten wenden
dürfen. Waren Sie drüben?“

„Leider nein, Herr von Stechlin, ich war nicht drüben,
sehr zu meinem Bedauern. Und ich hätt' es so leicht
haben können. Aber es ist immer wieder die alte Geschichte: was man in ein paar Stunden und mitunter in
ein paar Minuten erreichen kann, das verschiebt man,
eben weil es so nah' ist, und mit einemmal ist es zu
spät. Ich war Jahr und Tag im Haag, und von da
nach Dover hinüber war nicht viel mehr als nach Potsdam.
Trotzdem unterblieb es, oder richtiger gerade deshalb.
Daß ich den Tunnel oder den Tower nicht gesehn, das
könnt' ich mir verzeihn. Aber das Leben drüben! Wenn
irgendwo das vielcitierte Wort von dem ‚in einem Tage
mehr gewinnen, als in des Jahres Einerlei‘ hinpaßt, so
da drüben. Alles modern und zugleich alles alt, eingewurzelt, stabilisiert. Es steht einzig da; mehr als irgend
ein andres Land ist es ein Produkt der Zivilisation, so
sehr, daß die Neigungen der Menschen kaum noch dem
Gesetze der Natur folgen, sondern nur noch dem einer
verfeinerten Sitte.“

Die Domina fühlte sich von dem allem mehr und
mehr unangenehm berührt, besonders als sie sah, daß
Melusine, zu dem was Koseleger ausführte, beständig
zustimmend nickte. Schließlich wurd' es ihr zuviel.
„Alles, was ich da so höre,“ sagte sie, „kann mich für
dieses Volk nicht einnehmen, und weil sie rundum
von Wasser umgeben sind, ist alles so kalt und feucht,
und die Frauen, bis in die höchsten Stände hinauf, sind
beinah' immer in einem Zustand, den ich hier nicht bei
Namen nennen mag. So wenigstens hat man mir erzählt. Und wenn es dann neblig ist, dann kriegen sie
das, was sie den Spleen nennen, und fallen zu Hunderten
ins Wasser, und keiner weiß, wo sie geblieben sind. Denn,
wie mir unser Rentmeister Fix, der drüben war, aufs
Wort versichert hat, sie stehen in keinem Buch und haben
auch nicht einmal das, was wir Einwohner-Meldeamt
nennen, so daß man beinah' sagen kann, sie sind so gut
wie gar nicht da. Und wie sie kochen und braten! Alles
fast noch blutig, besonders das, was wir hier ‚englische
Beefsteaks‘ nennen. Und kann auch nicht anders sein,
weil sie so viel mit Wilden umgehn und gar keine
Gelegenheit haben, sich einer feineren Gesittung anzuschließen.“

Koseleger und Melusine wechselten verständnisvoll Blicke.
Die Domina aber sah nichts davon und fuhr unentwegt
fort: „Fix ist ein guter Beobachter, auch von Sittenzuständen,
und einer ihrer Könige, worüber ich auch schon als Mädchen
einen Aufsatz machen mußte, hat fünf Frauen gehabt,
meist Hofdamen. Und eine hat er köpfen lassen und eine
hat er wieder nach Hause geschickt. Und war noch dazu
eine Deutsche. Und sie sollen auch keinen eigentlichen Adel
mehr haben, weil mal ein Krieg war, drin sie sich umschichtig enthaupteten, und als alle weg waren, haben sie
gewöhnliche Leute 'rangezogen und ihnen die alten Namen
gegeben, und wenn man denkt, es ist ein Graf, so ist es
ein Bäcker oder höchstens ein Bierbrauer. Aber viel Geld
sollen sie haben und ihre Schiffe sollen gut sein und dauerhaft und auch sehr sauber, fast schon wie holländisch;
aber in ihrem Glauben sind sie zersplittert und fangen
auch schon wieder an katholisch zu werden.“

Der alte Dubslav, als die Schwester mit ihrem Vortrag über England einsetzte, hatte sich mit einem ‚Schicksal, nimm deinen Lauf‘ sofort resigniert. Woldemar aber
war immer wieder und wieder bemüht gewesen, einen
Themawechsel eintreten zu lassen, worin er vielleicht
auch reüssiert hätte, wenn nicht Koseleger gewesen wäre.
Dieser — entweder weil er als ästhetischer Feinschmecker
an Adelheids Auslassungen ein aufrichtiges Gefallen fand
oder aber weil er die von ihm selbst angeregte Frage hinsichtlich „Natur und Sitte“ (die sein Steckenpferd war)
gern weiter spinnen wollte — hielt an England fest und
sagte: „Die Frau Domina scheint mir davon auszugehn,
daß gerade der mitunter schon an den Wilden grenzende
Naturmensch drüben in vollster Blüte steht. Und
ich will das auch nicht in jedem Punkte bestreiten. Aber
daneben begegnen wir einem Lebens- und Gesellschafts-Raffinement, das ich, trotz manchem Anfechtbaren, als
einen höchsten Kulturausdruck bezeichnen muß. Ich erinnere mich unter anderm eines gerade damals geführten
Prozesses, über den ich, als ich im Haag lebte, meiner
kaiserlichen Hoheit täglich Bericht erstatten mußte (High
life-Prozesse gingen ihr über alles), und der Gegenstand,
um den sich's dabei handelte, war so recht der Ausdruck
eines verfeinerten oder meinetwegen auch überfeinerten
Kulturlebens. So recht das Gegenteil von bloßem Naturburschentum. Es ist freilich eine ziemlich lange Geschichte …“

„Schade,“ sagte Dubslav. „Aber trotzdem, — wenn
überhaupt erzählbar …“

„O, gewiß, gewiß; das denkbar Harmloseste …“

„Nun denn, lieber Superintendent, wenn wirklich
so harmlos, so mach' ich mich ohne weiteres zum Anwalt
unsrer gewiß neugierigen Damen, meine Schwester, die
Domina, mit eingeschlossen. Wie war es? Wie verlief
die Geschichte, für die sich eine kaiserliche Hoheit so lebhaft
interessieren konnte?“

„Nun wenn es denn sein soll,“ nahm Koseleger langsam und wie bloß einer Pression nachgebend, das Wort,
„es lebte da zu jener Zeit eine schöne Herzogin in London, die's nicht ertragen konnte, daß die Jahre nicht spurlos an ihr vorübergehen wollten; Fältchen und Krähenfüße zeigten sich. In dieser Bedrängnis hörte sie von
ungefähr von einer ‚plastischen Künstlerin‘, die durch Auftrag einer Wachspaste die Jugend wieder herzustellen wisse.
Diese Künstlerin wurde gerufen, und die Wiederherstellung
gelang auch. Aber nun traf eines Tages die Rechnung
ein, ‚die Bill‘, wie sie da drüben sagen. Es war eine
Summe, vor der selbst eine Herzogin erschrecken durfte.
Und da die Künstlerin auf ihrer Forderung beharrte, so
kam es zu dem angedeuteten Prozeß, der sich alsbald zu
einer cause célèbre gestaltete.“

„Sehr begreiflich,“ versicherte Dubslav, und Melusine
stimmte zu.

Zahlreiche Personen traten in der Verhandlung auf,
und als Sachverständige wurden zuletzt auch Konkurrentinnen auf diesem Spezialgebiete der ‚plastischen Kunst‘
vernommen. Alle fanden die Forderung erheblich zu hoch
und der Sieg schien sich rasch der Herzogin zuneigen zu
wollen. Aber in eben diesem Augenblicke trat die sich arg
bedrängt sehende Künstlerin an den Vorsitzenden des Gerichtshofes heran und bat ihn, an die erschienenen Fachgenossinnen einfach die Frage nach der Dauer der durch
ihre Kunst wiederhergestellten Jugend und Schönheit richten
zu wollen, eine Bitte, der der Oberrichter auch sofort nachkam. Was darauf geantwortet wurde, lautete hinsichtlich
der Dauer sehr verschieden. Als aber, trotz der Verschiedenheit dieser Angaben, keine der Konkurrentinnen mehr
als ein Vierteljahr zu garantieren wagte, wandte sich die
Verklagte ruhig an den hohen Gerichtshof und sagte nicht
ohne Würde: ‚Meine Herren Richter, meine Mitkünstlerinnen,
wie Sie soeben vernommen, helfen auf Zeit; was ich
leiste, ist ‚beautifying for ever‘. Alles war von
diesem Worte hingerissen, der hohe Gerichtshof mit, und
die Herzogin hatte die Riesensumme zu zahlen.“

„Und wäre dergleichen hierlandes möglich?“ fragte
Melusine.

„Ganz unmöglich,“ entgegnete der für alles Fremde
schwärmende Koseleger. „Es kann hier einfach deshalb
nicht vorkommen, weil uns der dazu nötige höhere Kulturzustand und die dem entsprechende Anschauung fehlt. In
unserm guten Preußen, und nun gar erst in unser Mark,
sieht man in einem derartigen Hergange nur das Karrikierte, günstigsten Falls das Groteske, nicht aber jenes Hochmaß gesellschaftlicher Verfeinerung, aus dem allein sich solche
Dinge, die man im übrigen um ihres Raffinements willen
belächeln oder verurteilen mag, entwickeln können.“

Die meisten waren einverstanden, allen voraus Dubslav,
dem dergleichen immer einleuchtete, während die Domina
von „Horreur“ sprach und sichtlich unmutig den Kopf hin
und her bewegte. Woldemar erneute natürlich seine Versuche, die der Tante so mißfällige Konversation auf andres
überzulenken, bei welcher Gelegenheit er nach dem Berühren
verschiedenster Themata zuletzt auch auf den Coventgardenmarkt und den englischen Gemüsebau zu sprechen kam.
Das paßte der Domina.

„Ja, Gemüsebau,“ sagte sie, „das ist eine wunderbare
Sache, daran hat man eine wirkliche Freude. Kloster
Wutz ist eigentlich eine Gartengegend; unser Spargel ist
denn auch weit und breit der beste, und meine gute
Schmargendorff hat Artischocken gezogen so groß wie 'ne
Sonnenblume. Freilich, es will sie keiner so recht, und
alle sagen immer: ‚es dauert so lange, wenn man so jedes
Blatt nehmen muß, und eigentlich hat man nichts davon,
auch wenn die Sauce noch so dick ist.‘ Viel mehr Glück
hat unsre alte Schimonski mit ihren großen Erdbeeren
— ich meine natürlich nicht die Schimonski selber; sie selber
kann gar nichts, aber sie hat eine sehr geschickte Person —
und ein Berliner Händler kauft ihr alles ab, bloß daß
die Schnecken oft die Hälfte jeder Erdbeere wegfressen.
Man sollte nicht glauben, daß solche Tiere solchen feinen
Geschmack haben. Aber wenn es wegen der Schnecken
auch unsicher ist, Dubslav, du solltest solche Zucht doch
auch versuchen. Wenn es einschlägt, ist es sehr vorteilhaft. Die Schimonski wenigstens hat mehr davon als
von ihren Hühnern, trotzdem sie gut legen. Denn mal
sind sie billig, die Eier, und dann wieder verderben sie,
und die schlechten werden einem berechnet und abgezogen,
und die Streiterei nimmt kein Ende.“

Kurz vor elf brach das Gespräch ab, und man zog
sich zurück. Der alte Dubslav ließ es sich nicht nehmen,
die Damen persönlich treppauf bis an ihre Zimmer zu
führen und sich da unter Handkuß von ihnen zu verabschieden. Es waren dieselben zwei Räume, die vor gerad'
einem Vierteljahr Rex und Czako bewohnt hatten, das
größere Zimmer jetzt für Melusine, das kleinere für
Armgard bestimmt. Aber als nun beide vor ihren Reisetaschen standen und sich oberflächlich daran zu thun
machten, sagte Melusine: „Dies Himmelbett ist also für
mich. Wenn es dir gleich ist, beziehe du lieber dies
Ehrenlager und lasse mir das kleine Schlafzimmer. Zusammen sind wir ja doch; die Thür steht auf.“

„Ja Melusine, wenn du's durchaus wünscht, dann
natürlich. Aber ich verstehe dich nicht recht. Man will
dich auszeichnen, und wenn du das ablehnst, so kann es
auffallen. Man muß doch in einem Hause, wo man noch
halb fremd ist, alles so thun, wie's gewünscht wird.“

Melusine ging auf die Schwester zu, sah sie halb
verlegen, halb schelmisch an und sagte: „Natürlich hast
du recht. Aber ich bitte dich trotzdem darum. Und es
braucht es ja auch keiner zu merken. Direkte Kontrolle
wird ja wohl ausgeschlossen sein, und ich mache keine
tiefere Kute wie du.“

„Gut, gut,“ lachte Armgard. „Aber sage, was soll
das alles? Du bist doch sonst so leichtlebig. Und wenn
es dir hier in dem ersten Zimmer, weil es so nah' an
der scharfen Flurecke liegt, wirklich etwas ängstlich zu
Mute sein sollte, nun so können wir ja zuriegeln.“

„Das hilft nichts, Armgard. In solchen alten
Schlössern giebt es immer Tapetenthüren. Und was das
hier angeht,“ und sie wies dabei auf das Bett, „alle
Spukgeschichten sind immer gerad' in Himmelbetten
passiert; ich habe noch nie gehört, daß Gespenster an eine
Birkenmaserbettstelle herangetreten wären. Und hast du
nicht unten den mistle-toe gesehn? Mistelbusch ist auch
noch so Überbleibsel aus heidnischer Zeit her, bei den alten
Deutschen gewiß und bei den Wenden wohl auch, für den
Fall, daß die Stechlins wirkliche Wenden sind. Wenn
ich Tante Adelheid ansehe, glaub' ich es beinah'. Und
wie sie von den Hühnern sprach und den Eiern. Alles
so wendisch. Ich glaube ja nicht eigentlich an Gespenster,
wiewohl ich auch nicht ganz dagegen bin, aber wie dem
auch sein möge, wenn ich mir denke, Tante Adelheid erschiene mir hier und brächte mir eine Erdbeere, die die
Schnecken schon angeknabbert haben, so wäre das mein
Tod.“

Armgard lachte.

„Ja, du lachst, aber hast du denn die Augen von
ihr gesehn? Und hast du ihre Stimme gehört? Und
die Stimme, wie du doch weißt, ist die Seele.“

„Gewiß. Aber, Seele oder nicht, sie kann dir doch
nichts thun mit ihrer Stimme und dir auch nicht erscheinen. Und wenn sie trotzdem kommt, nun so rufst
du mich.“

„Am liebsten wär' es mir, du bliebst gleich bei mir.“

„Aber Melusine …“

„Nun gut, nun gut. Ich sehe wohl ein, daß das
nicht gut geht. Aber was anders! Ich habe da vorhin
eine Bibel oder vielleicht auch bloß ein Gesangbuch liegen
sehn, da auf dem Brettchen, wo die kleine Puppe steht.
Beiläufig auch was Sonderbares, diese Puppe. Bitte,
nimm die Bibel von der Etagere fort und lege sie mir
hier auf den Nachttisch. Und das Licht laß brennen.
Und wenn du im Bett liegst, sprich immer zu, bis ich
einschlafe.“

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Am andern Morgen traf man sich beim Frühstück.
Es war ziemlich spät geworden, ohne daß Dubslav, wie
das sonst wohl auf dem Lande Gewohnheit ist, ungeduldig geworden wäre. Nicht dasselbe ließ sich von Tante
Adelheid sagen. „Ich finde das lange Wartenlassen nicht
gerade passend, am wenigsten Personen gegenüber, denen
man Respekt bezeigen will. Oder geh' ich vielleicht zu
weit, wenn ich hier von Respektbezeigung spreche?“ So
hatte sich Adelheid zu Dubslav geäußert. Als nun aber
die Barbyschen Damen wirklich erschienen, bezwang sich
die Domina und stellte all die Fragen, die man an solchem
Begrüßungsmorgen zu stellen pflegt. In aller Unbefangenheit antworteten die Schwestern, am unbefangensten Melusine, die bei der Gelegenheit dem alten Dubslav erzählte,
daß sie nicht umhin gekonnt hätte, sich die Bibel an ihr
Bett zu legen.“

„Und mit der Absicht, drin zu lesen?“

„Beinah'. Aber es wurde nichts daraus. Armgard
plauderte so viel, freilich auf meinen Wunsch. Ich hörte
von der Treppe her immer die Uhr schlagen und las dabei beständig das Wort ‚Museum‘. Aber das war
natürlich schon im Traum. Ich schlief schon ganz fest.
Und heute früh bin ich wie der Fisch im Wasser.“

Dubslav hätte dies gern bestätigt, dabei nach einem
Spezialfisch suchend, der so recht zum Vergleich für Melusine gepaßt hätte. Die Blicke seiner Schwester aber, die
zu fragen schienen „hast du gehört?“ ließen ihn wieder
davon abstehn, und nachdem noch einiges über den großen
Oberflur und seine Bilder und Schränke gesprochen worden
war, wurde, genau wie vor einem Vierteljahr, wo Rex
und Czako zu Besuch da waren, ein Programm verabredet, das dem damaligen sehr ähnlich sah: Aussichtsturm, See, Globsow; dann auf dem Rückwege die Kirche,
vielleicht auch Krippenstapel. Und zuletzt das „Museum.“
Aber manches davon war unsicher und hing vom Wetter
ab. Nur den See wollte man unter allen Umständen
sehn. Engelke wurde beauftragt, mit Plaids und Decken
vorauszugehn und ein paar Leute zum Wegschaufeln des
Schnees mitzunehmen, lediglich für den Fall, daß die
Damen vielleicht Lust bezeigen sollten, die Sprudel- und
Trichterstelle genauer zu studieren. „Und wenn wir auf
unserm Hofe keine Leute haben, so geh' ins Schulzenamt
und bitte Rolf Krake, daß er aushilft.“

Melusine, die dieser Befehlserteilung zugehört hatte,
war überrascht, in einem märkischen Dorfe dem Namen
„Rolf Krake“ zu begegnen, und erfuhr denn auch alsbald
den Zusammenhang der Dinge. Sie war ganz enchantiert davon und sagte: „Das ist hübsch. Aller aufgesteifter Patriotismus ist mir ein Greuel, aber wenn er
diese Formen annimmt und sich in Humor und selbst in
Ironie kleidet, dann ist er das beste was man haben
kann. Ein Mann, der solchen Beinamen hat, der lebt,
der ist in sich eine Geschichte.“ Dubslav küßte ihr die
Hand, Adelheid aber wandte sich demonstrativ ab; sie
wollte nicht Zeuge dieser ewigen Huldigungen sein. „Wenn
man ein alter Major ist, ist man eben ein alter Major
und nicht ein junger Leutnant. Dubslav ist zwanzig,
aber zwanzig Jahr a. D.“

Es war gegen zehn, als man aufbrach, um zunächst
auf den Aussichtsturm zu steigen, und nachdem man von
der obersten Etage her die Waldlandschaft, die sich auch
in ihrem Schneeschmuck wundervoll ausnahm, gebührend
bewundert und dann den Abstieg glücklich bewerkstelligt
hatte, passierte man den Schloßhof mit der Glaskugel,
um über den Dorfplatz fort in die nach dem See hinunterführende große Straße einzubiegen. Auf dem Dorfplatze war alles winterlich still, nur vor dem Kruge standen
drei Menschen: Engelke, der die Schneeschipper vorausgeschickt hatte, mit seinen Plaids über den Arm, neben
ihm Schulze Kluckhuhn und neben diesem Gendarm Uncke,
das Karabinergewehr über die Schulter gehängt.

„Da treffen wir ja die ganze hohe Obrigkeit,“ sagte
Dubslav. „Engelke kann ich auch mitrechnen, der regiert
mich, is also eigentlich die Feudalitätsspitze.“

Während dieser Worte waren die Herrschaften an die
Gruppe herangetreten.

„Freut mich, daß ich Sie treffe, Kluckhuhn. Ich
denke Sie begleiten uns … Frau Gräfin, darf ich Ihnen
hier unsern Dorfherrscher vorstellen? Schulze Kluckhuhn,
alter Vierundsechziger.“

Und nun ordnete sich der Zug. Dubslav und Uncke
schlossen ab, Woldemar, Armgard und Tante Adelheid
hielten die Mitte; Melusine schritt voran, Rolf Krake
neben ihr.

„Ich bin froh,“ sagte Melusine, „Sie bei dieser
Partie mit dabei zu sehn. Der alte Herr von Stechlin
hat mir schon von Ihnen erzählt und daß Sie vierundsechzig mit dabei gewesen. Und ich weiß auch Ihren
Namen; das heißt den zweiten. Und ich darf sagen,
ich freue mich immer, wenn ich so was Hübsches
höre.“

„Ach, Rolf Krake,“ lachte Kluckhuhn. „Ja, Frau
Gräfin, wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht
sorgen. Das heißt, von ‚Schaden‘ darf ich eigentlich nicht
reden, den hab' ich nicht so recht davon gehabt; ich bin
nicht mal angeschossen worden. Und doch is so was
billig, wenn's erst losgeht.“

„Ja, Schulze Kluckhuhn, unsereinem ist so was leider
immer verschlossen oder, wie die Leute hier sagen, verpurrt.
Und doch ist das das eigentliche Leben. So immer bloß
einsitzen und ein bißchen Charpie zupfen, das ist gar nichts.
Mit dabei sein, das macht glücklich. Es war aber trotzdem wohl ein eigenes Gefühl, als Sie da so von Düppel
nach Alsen 'rüberfuhren und das unheimliche Schiff, der
Rolf Krake, so dicht daneben lag.“

„Ja, das war es, Frau Gräfin, ein ganz eigenes
Gefühl. Und mitunter erscheint mir der Rolf Krake noch
im Traum. Un is auch nicht zu verwundern. Denn
Rolf Krake war wie ein richtiges Gespenst. Und wenn
solch Gespenst einen packt, ja, da ist man weg. …
Und dabei bleib' ich, Frau Gräfin, sechsundsechzig war
nicht viel und siebzig war auch nicht viel.“

„Aber die großen Verluste …“

„Ja, die Verluste waren groß, das ist richtig. Aber
Verluste, Frau Gräfin, das is eigentlich gar nichts. Natürlich wen es trifft, für den is es was. Aber ich meine
jetzt das, was man dabei so das Moralische nennt; und
darauf kommt es an, nicht auf die Verluste, nicht auf viel
oder wenig. Wenn einer eine Böschung 'rauf klettert und
nu steht er oben und schleicht sich 'ran, immer mit 'nem
Pulversack und 'nem Zünder in der Hand und nu legt
er an und nu fliegt alles in die Luft und er mit. Und
nu ist die Festung oder die Schanze offen. Ja, Frau
Gräfin, das ist was. Und das hat unser Pionier Klinke
gethan. Der war moralisch. Ich weiß nicht, ob Frau
Gräfin mal von ihm gehört haben, aber dafür leb' ich
und sterb' ich: immer bloß das Kleine, da zeigt sich's, was
einer kann. Wenn ein Bataillon 'ran muß un ich stecke
mitten drin, ja, was will ich da machen? Da muß ich
mit. Und baff, da lieg' ich. Und nu bin ich ein Held.
Aber eigentlich bin ich keiner. Es ist alles bloß „Muß“
und solche Mußhelden giebt es viele. Das is, was ich
die großen Kriege nenne. Klinke mit seinem Pulversack,
ja, der war bloß was Kleines, aber er war doch groß.
Und ebenso (wenn er auch unser Feind war) dieser Rolf
Krake.“

So ging historisch-retrospektiv das Gespräch an der
Tete, während Dubslav und Uncke, die den Zug abschlossen,
mit ihrem Thema mehr in der Gegenwart standen.

„Is mir lieb, Uncke, Sie mal wieder zu treffen.
Seit Rheinsberg hab' ich Sie nicht mehr gesehn. Ich
denke mir, Torgelow is nu wohl schon im besten Gange.
So wie Bebel. Ich kriege natürlich jeden Tag meine
Zeitung, aber es is mir immer zu viel und das große
Format und das dünne Papier. Da kuck' ich denn nich
immer ganz genau zu. Hat er denn schon gesprochen?“

„Ja, Herr Major, gesprochen hat er schon. Aber
nich viel. Un war auch kein rechter Beifall. Auch nich
mal bei seinen eignen Leuten.“

Er wird wohl die Sache noch nicht recht weg haben.
Ich meine das, was sie jetzt das Parlamentarische nennen.
Das schad't aber nichts und ist eigentlich egal. Wichtiger
is, wie sie hier in unserm Ruppiner Winkel, in unserm
Rheinsberg-Wutz über ihn denken. Sind sie denn da mit
ihm zufrieden?“

„Auch nicht, Herr Major. Sie sagen, er sei zweideutig.“

„Ja, Uncke, so heißt es überall. Das is nu mal
so, das is nicht zu ändern. In Frankreich heißt es immer
gleich „Verrat“ und hier sagen sie „zweideutig“. Da war
auch einer von uns, den ich nicht nennen will, von dem
hieß es auch so …“

„Von dem hieß es auch so. Ja, Herr Major. Und
Pyterke, der immer gut Bescheid weiß, der sagte mir schon
damals in Rheinsberg: ‚Uncke, glauben Sie mir, da hat
sich der Herr Major eine Schlange an seinem Busen groß
gezogen.‘“

„Kann ich mir denken; klingt ganz nach Pyterke.
Der spricht immer so gebildet. Aber is es auch richtig?“

„Is schon richtig, Herr Major. Herr Major denken
immer das Gute von 'nem Menschen, weil Sie so viel
zu Hause sitzen und selber so sind. Aber wer so 'rum
kommt wie ich. Alle lügen sie. Was sie meinen, das
sagen sie nich und was sie sagen, das meinen sie nich.
Is kein Verlaß mehr; alles zweideutig.“

„Ja, so rund 'raus, Uncke, das war früher, aber
das geht jetzt nicht mehr. Man darf keinem so alles auf
die Nase binden. Das is eben, was sie jetzt ‚politisches
Leben‘ nennen.“

„Ach, Herr Major, das mein' ich ja gar nicht. Das
Politische … Jott, wenn einer sich ins Politische zweideutig macht, na, dann muß ich ihn anzeigen, das is
Dienst. Darum gräm' ich mich aber nich. Aber was
nich Dienst is, was man so bloß noch nebenbei sieht, das
kann einen mitunter leid thun. So bloß als Mensch.“

„Aber, lieber Uncke, was is denn eigentlich los?
Wenn man Sie so hört, da sollte man ja wahrhaftig
glauben, es ginge zu Ende … Nu ja, in der Welt
draußen da klappt nich immer alles. Aber so im Schoß
der Familie …“

„Jott, Herr Major, das is es ja eben. In diesem
Schoß der Familie, da is es ja gerad' am schlimmsten.
Und sogar in dem jüdischen Schoß, der doch immer noch
der beste war.“

„Beispiele, Uncke, Beispiele.“

„Da haben wir nu hier, um bloß ein Beispiel zu
geben, unsern guten alten Baruch Hirschfeld in Gransee.
Frommer alter Jude …“

„Kenn' ich. Kenn' ich ganz gut, beinah' zu gut.
Nu, der hat 'nen Sohn und mit dem is er mitunter verschiedner Meinung. Aber dagegen is doch nicht viel zu
sagen; das is in der ganzen Welt so. Der Alte hängt
noch am Alten und der Junge, nu, der is eben ein Jungscher und bramarbasiert ein bißchen. Ich weiß nicht recht,
zu welcher Partei er sich hält, er wird aber wohl für
Torgelow gestimmt haben. Nu, mein Gott, warum nicht?
Das thun jetzt viele. Daran muß man sich gewöhnen.
Das is eben das Politische.“

„Nein, Herr Major. Herr Major wollen verzeihn,
aber bei diesem Isidor is es nicht das Politische. Komme
ja jeden dritten Tag hin und seh' den Alten in seinem
Laden und höre, was er da redt und redt. Und der
Junge redt auch und redt immer ‚von's Prinzip‘. Das
Prinzip is ihm aber egal. Er will bloß mogeln und
den Alten an die Wand drücken. Und das ist das, was
ich das Zweideutige nenne.“

Armgard, Woldemar und Tante Adelheid hatten die
Mitte genommen. Als sie bis in die Nähe der Seespitze
gekommen waren, immer unter einem verschneiten Buchen- und Eichengange hin, wurden sie durch ein Geräusch wie
von brechenden kleinen Ästen aufmerksam gemacht, und ihr
Auge nach oben richtend, gewahrten sie, wie zwei Eichhörnchen über ihnen spielten und in beständigem Sichhaschen von Baum zu Baum sprangen. Die Zweige
knickten, und der Schnee stäubte hernieder. Armgard
mochte sich von dem Schauspiel nicht trennen, lachte, wenn
die momentan verschwundenen Tierchen mit einem Male
wieder zum Vorschein kamen und gab ihre Beobachtung
erst auf, als die Domina, nicht direkt unfreundlich, aber
doch ziemlich ungeduldig und jedenfalls wie gelangweilt,
zu ihr bemerkte: „Ja, Comtesse, die springen; es sind eben
Eichhörnchen.“ Einige Minuten später hatten alle die
Bank erreicht, von der aus man den besten Blick auf den
zugefrorenen See hatte. Das Eis zeigte sich hoch mit
Schnee bedeckt, aber in seiner Mitte war doch schon eine
gefegte Stelle, zu der vom Ufer her eine schmale, gleichfalls freigeschaufelte Straße hinüberführte. Engelke legte
die Decken über die Bank, und die Damen, die von dem
halbstündigen und zuletzt etwas ansteigenden Wege müde
geworden waren, nahmen alle drei Platz, während sich
Rolf Krake und Uncke wie Schildhalter zu beiden Seiten
der Bank aufstellten. Dubslav dagegen plazierte sich in
Front und machte, während er einen landläufigen Führerton anschlug, den Cicerone. „Hab' die Ehr', Ihnen hier
die große Sehenswürdigkeit von Dorf und Schloß Stechlin
zu präsentieren, unsern See, meinen See, wenn Sie mir
das Wort gestatten wollen. Alle möglichen berühmten
Naturforscher waren hier und haben sich höchst schmeichelhaft über den See geäußert. Immer hieß es: ‚es stehe
wissenschaftlich fest‘. Und das ist jetzt das Höchste. Früher
sagte man: ‚es steht in den Akten‘. Ich lasse dabei dahingestellt sein, wovor man sich tiefer verbeugen muß.“

„Ja,“ sagte Melusine, „das ist nun also der große
Moment. Orientiert bin ich. Aber wie das mit allem
Großen geht, ich empfinde doch auch etwas von Enttäuschung.“

„Das ist, weil wir Winter haben, gnädigste Gräfin.
Wenn Sie die offene Seefläche vor sich hätten und in der
Vorstellung stünden: ‚jetzt bildet sich der Trichter und jetzt
steigt es herauf‘, so würden Sie mutmaßlich nichts von
Enttäuschung empfinden. Aber jetzt! Das Eis macht
still und duckt das Revolutionäre. Da kann selbst unser
Uncke nichts notieren. Nicht wahr, Uncke?“

Uncke schmunzelte.

„Im übrigen seh' ich zu meiner Freude — und das
verdanken wir wieder unserm guten Kluckhuhn, der an
alles denkt und alles vorsieht — daß die Schneeschipper
auch ein paar ihrer Pickäxte mitgebracht haben. Ich taxiere
das Eis auf nicht dicker als zwei Fuß, und wenn sich die
Leute dran machen, so haben wir in zehn Minuten eine
große Lune, und der Hahn, wenn er nur sonst Lust hat,
kommt aus seiner Tiefe herauf. Befehlen Frau Gräfin?“

„Um Gottes willen, nein. Ich bin sehr für solche
Geschichten und bin glücklich, daß die Familie Stechlin
diesen See hat. Aber ich bin zugleich auch abergläubisch
und mag kein Eingreifen ins Elementare. Die Natur
hat jetzt den See überdeckt; da werd' ich mich also hüten,
irgend was ändern zu wollen. Ich würde glauben, eine
Hand führe heraus und packte mich.“

Adelheid war bei diesen Worten immer gerader und
länger geworden und rückte mit Ostentation von Melusine
weg, mehr der Banklehne zu, wo, halb wie das gute
Gewissen, halb wie die göttliche Weltordnung, Uncke stand
und durch seine bloße Gegenwart den Gemütszustand
der Domina wieder beschwichtigte. Nur von Zeit zu Zeit
sah sie fragend, forschend und vorwurfsvoll auf ihren
Bruder.

Dieser wußte genau, was in seiner Schwester Seele
vorging. Es erheiterte ihn ungemein, aber es beunruhigte
ihn doch auch. Wenn diese Gefühle wuchsen, wohin sollte
das führen? Die Möglichkeit einer schrecklichen Scene, die
sein Haus mit einer nicht zu tilgenden Blame behaftet
hätte, trat dabei vor seine Seele.

Der Himmel hatte aber ein Einsehn. Schon seit
einer Viertelstunde lag ein grauer Ton über der Landschaft und plötzlich fielen Flocken, erst vereinzelte, dann
dicht und reichlich. Den Weg bis Globsow fortzusetzen,
daran war unter diesen Umständen gar nicht mehr zu
denken, und so brach man denn auf, um ins Schloß
zurückzukehren. Auch auf einen Besuch in der Kirche, weil
es da zu kalt sei, wurde verzichtet.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Der Heimweg war gemeinschaftlich angetreten worden,
aber doch nur bis an die Dorfstraße. Hier teilte man
sich in drei Gruppen, eine jede mit verschiedenem Ziel:
Dubslav, Tante Adelheid und Armgard gingen auf das
Herrenhaus, Uncke und Rolf Krake auf das Schulzenamt,
Woldemar und Melusine dagegen auf die Pfarre zu.
Woldemar freilich nur bis an den Vorgarten, wo er sich
von Melusine verabschiedete.

Lorenzen, so lang er Woldemar und Melusine sich
seiner Pfarre nähern sah, hatte verlegen am Fenster
gestanden, kam aber, als das Paar sich draußen trennte,
so ziemlich wieder zu sich. Er war nun schon so lange
jeder Damenunterhaltung entwöhnt, daß ihm ein Besuch
wie der der Gräfin zunächst nur Verlegenheit schaffen
konnte, wenn's denn aber durchaus sein mußte, so war
ihm ein Tete-a-Tete mit ihr immer noch lieber, als eine
Plauderei zu dritt. Er ging ihr denn auch bis in den
Flur entgegen, war ihr hier beim Ablegen behilflich
und sprach ihr — weil er jede Scheu rasch von sich abfallen fühlte — ganz aufrichtig seine Freude aus, sie in seiner
Pfarre begrüßen zu dürfen. „Und nun bitt' ich Sie,
Frau Gräfin, sich's unter meinen Büchern hier nach
Möglichkeit bequem machen zu wollen. Ich bin zwar
auch Inhaber einer Putzstube, mit einem dezenten Teppich
und einem kalten Ofen; aber ich könnte das gesundheitlich
nicht verantworten. Hier haben wir wenigstens eine gute
Temperatur.“

„Die immer die Hauptsache bleibt. Ach, eine gute
Temperatur! Gesellschaftlich ist sie beinah' alles und
dabei leider doch so selten. Ich kenne Häuser, wo, wenn
Sie den Widersinn verzeihen wollen, der kalte Ofen gar
nicht ausgeht. Aber erlassen Sie mir gütigst den Sofaplatz hier; ich fühle mich dazu noch nicht ‚alte Dame‘
genug und möcht' auch gern en vue der beiden Bilder
bleiben, trotzdem ich das eine davon schon so gut wie
kenne.“

„Die Kreuzabnahme?“

„Nein! das andre.“

„Die Lind also?“

„Ja.“

„So haben Sie das schöne Bild in der Nationalgalerie gesehn?“

„Auch das. Aber doch freilich erst seit ganz kurzem,
während ich von Ihrer Aquarellkopie schon seit ein paar
Monaten weiß. Das war auf einer Dampfschiffahrt, die
wir nach dem sogenannten ‚Eierhäuschen‘ machten und
der Ausplauderer über das Bild da vor mir, war niemand
anders als Ihr Zögling Woldemar, auf den Sie stolz
sein können. Er freilich würde den Satz umkehren, oder
sage ich lieber, er that es. Denn er sprach mit solcher
Liebe von Ihnen, daß ich Sie von jenem Tag an auch
herzlich liebe, was Sie sich schon gefallen lassen müssen. Ein
Glück nur, daß er sich draußen verabschiedet hat und
nicht hören kann, was ich hier sage …“

Lorenzen lächelte.

„Sonst hätten sich diese Bekenntnisse verboten. Aber
da sie nun mal gemacht sind und man nie weiß, wann
und wie man wieder zusammenkommt, so lassen Sie mich
darin fortfahren. Woldemar erzählte mir — Pardon für
meine Indiskretion — von Ihrer Schwärmerei für die
Lind. Und da horchten wir denn auf und beneideten
Sie fast. Nichts beneidenswerter als eine Seele, die
schwärmen kann. Schwärmen ist fliegen, eine himmlische
Bewegung nach oben.“

Lorenzen stutzte. Das war doch mehr, als eine bloß
liebenswürdige Dame aus der Gesellschaft.

„Und um es kurz zu machen,“ fuhr Melusine fort,
„Woldemar sprach bei dieser Gelegenheit wie von Ihrer
ersten Liebe“ (und dabei wies sie lächelnd auf das
Bildchen der Lind) „so auch von Ihrer letzten, — nein,
nein, nicht von Ihrer letzten; Sie werden immer eine
neue finden — sprach also von Ihrer Begeisterung für
den herrlichen Mann da weit unten am Tajo, von Ihrer
Begeisterung für den Joao de Deus. Und als er ausgesprochen hatte, da haben wir uns alle, die wir zugegen waren, um den „Un Santo“ geschart und einen
geheimen Bund geschlossen. Erst um den „Un Santo“
und zum zweiten um Sie selbst. Und nun frag' ich Sie,
wollen Sie mitthun in diesem unserm Bunde, der ohne
Sie gar nicht existierte. Mir ist manches verquer gegangen. Aber ich bin, denk' ich, dem Tage nahe, der
mich ahnen läßt, daß unsre Prüfungen auch unsre Segnungen
sind und daß mir alles Leid nur kam, um den Stab,
der trägt und stützt, fester zu umklammern. Ich darf
leider nicht hinzusetzen, daß dieser Stab (möglich, daß er
sich einst dazu auswächst) das Kreuz sei. Meiner ganzen
Natur nach bin ich ungläubig. Aber ich hoffe, sagen zu
dürfen: ich bin wenigstens demütig.“

„Wenigstens demütig,“ wiederholte Lorenzen langsam, zugleich halb verlegen vor sich hinblickend, und
Melusine, die Zweifel, die sich in der Wiederholung
dieser Worte ziemlich deutlich aussprachen, mit scharfem
Ohre heraushörend, fuhr in plötzlich verändertem und beinah' heiterem Tone fort: „Wie grausam Sie sind. Aber
Sie haben recht. Demütig. Und daß ich mich dessen
auch noch berühme. Wer ist demütig? Wir alle sind im
letzten doch eigentlich das Gegenteil davon. Aber das
darf ich sagen, ich habe den Willen dazu.“

„Und schon der gilt, Frau Gräfin. Nur freilich ist
Demut nicht genug; sie schafft nicht, sie fördert nicht nach
außen, sie belebt kaum.“

„Und ist doch mindestens der Anfang zum Bessern,
weil sie mit dem Egoismus aufräumt. Wer die Staffel
hinauf will, muß eben von unten an dienen. Und soviel
bleibt, es birgt sich in ihr die Lösung jeder Frage, die
jetzt die Welt bewegt. Demütig sein heißt christlich sein,
christlich in meinem, vielleicht darf ich sagen in unsrem
Sinne. Demut erschrickt vor dem zweierlei Maß. Wer
demütig ist, der ist duldsam, weil er weiß, wie sehr er
selbst der Duldsamkeit bedarf; wer demütig ist, der sieht
die Scheidewände fallen und erblickt den Menschen im
Menschen.“

„Ich kann Ihnen zustimmen,“ lächelte Lorenzen.
„Aber wenn ich, Frau Gräfin, in Ihren Mienen richtig
lese, so sind diese Bekenntnisse doch nur Einleitung zu
was andrem. Sie halten noch das Eigentliche zurück und
verbinden mit Ihrer Aussprache, so sonderbar es klingen
mag, etwas Spezielles und beinah' Praktisches.“

„Und ich freue mich, daß Sie das herausgefühlt
haben. Es ist so. Wir kommen da eben von Ihrem
Stechlin her, von Ihrem See, dem Besten, was sie hier
haben. Ich habe mich dagegen gewehrt, als das Eis
aufgeschlagen werden sollte, denn alles Eingreifen oder
auch nur Einblicken in das, was sich verbirgt, erschreckt
mich. Ich respektiere das Gegebene. Daneben aber freilich
auch das Werdende, denn eben dies Werdende wird über
kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein. Alles Alte,
so weit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber
für das Neue sollen wir recht eigentlich leben. Und vor
allem sollen wir, wie der Stechlin uns lehrt, den großen
Zusammenhang der Dinge nie vergessen. Sich abschließen,
heißt sich einmauern, und sich einmauern ist Tod. Es
kommt darauf an, daß wir gerade das beständig gegenwärtig haben. Mein Vertrauen zu meinem Schwager ist
unbegrenzt. Er hat einen edeln Charakter, aber ich weiß
nicht, ob er auch einen festen Charakter hat. Er ist feinen
Sinnes, und wer fein ist, ist oft bestimmbar. Er ist auch
nicht geistig bedeutend genug, um sich gegen abweichende
Meinungen, gegen Irrtümer und Standesvorurteile wehren
zu können. Er bedarf der Stütze. Diese Stütze sind Sie
meinem Schwager Woldemar von Jugend auf gewesen.
Und um was ich jetzt bitte, das heißt: ‚Seien Sie's
ferner‘.“

„Daß ich Ihnen sagen könnte, wie freudig ich in
Ihren Dienst trete, gnädigste Gräfin. Und ich kann es
um so leichter, als Ihre Ideale, wie Sie wissen, auch die
meinigen sind. Ich lebe darin und empfind' es als eine
Gnade, da, wo das Alte versagt, ganz in einem Neuen
aufzugehn. Um ein solches ‚Neues‘ handelt es sich. Ob
ein solches ‚Neues‘ sein soll (weil es sein muß) oder ob
es nicht sein soll, um diese Frage dreht sich alles. Es
giebt hier um uns her eine große Zahl vorzüglicher Leute,
die ganz ernsthaft glauben, das uns Überlieferte — das
Kirchliche voran (leider nicht das Christliche) — müsse
verteidigt werden, wie der salomonische Tempel. In
unserer Obersphäre herrscht außerdem eine naive Neigung,
alles ‚Preußische‘ für eine höhere Kulturform zu halten.“

„Genau wie Sie sagen. Aber ich möchte doch, um
der Gerechtigkeit willen, die Frage stellen dürfen, ob dieser
naive Glaube nicht eine gewisse Berechtigung hat?“

„Er hatte sie mal. Aber das liegt zurück. Und kann
nicht anders sein. Der Hauptgegensatz alles Modernen
gegen das Alte besteht darin, daß die Menschen nicht
mehr durch ihre Geburt auf den von ihnen einzunehmenden
Platz gestellt werden. Sie haben jetzt die Freiheit, ihre
Fähigkeiten nach allen Seiten hin und auf jedem Gebiete
zu bethätigen. Früher war man dreihundert Jahre lang
ein Schloßherr oder ein Leinenweber; jetzt kann jeder
Leinenweber eines Tages ein Schloßherr sein.“

„Und beinah' auch umgekehrt,“ lachte Melusine. „Doch
lassen wir dies heikle Thema. Viel, viel lieber hör' ich
ein Wort von Ihnen über den Wert unsrer Lebens- und
Gesellschaftsformen, über unsre Gesamtanschauungsweise,
deren besondere Zulässigkeit Sie, wie mir scheint, so nachdrücklich anzweifeln.“

„Nicht absolut. Wenn ich zweifle, so gelten diese
Zweifel nicht so sehr den Dingen selbst, als dem Hochmaß des Glaubens daran. Daß man all diese Mittelmaßdinge für etwas Besonderes und Überlegenes und
deshalb, wenn's sein kann, für etwas ewig zu Konservierendes ansieht, das ist das Schlimme. Was mal galt,
soll weiter gelten, was mal gut war, soll weiter ein Gutes
oder wohl gar ein Bestes sein. Das ist aber unmöglich,
auch wenn alles, was keineswegs der Fall ist, einer gewissen Herrlichkeitsvorstellung entspräche … Wir haben,
wenn wir rückblicken, drei große Epochen gehabt. Dessen
sollen wir eingedenk sein. Die vielleicht größte, zugleich
die erste, war die unter dem Soldatenkönig. Das war
ein nicht genug zu preisender Mann, seiner Zeit wunderbar angepaßt und ihr zugleich voraus. Er hat nicht bloß
das Königtum stabiliert, er hat auch, was viel wichtiger,
die Fundamente für eine neue Zeit geschaffen und an die
Stelle von Zerfahrenheit, selbstischer Vielherrschaft und
Willkür Ordnung und Gerechtigkeit gesetzt. Gerechtigkeit,
das war sein bester ‚rocher de bronce‘.“

„Und dann?“

„Und dann kam Epoche zwei. Die ließ, nach jener
ersten, nicht lange mehr auf sich warten und das seiner
Natur und seiner Geschichte nach gleich ungeniale Land
sah sich mit einem Male von Genie durchblitzt.“

„Muß das ein Staunen gewesen sein.“

„Ja. Aber doch mehr draußen in der Welt als
daheim. Anstaunen ist auch eine Kunst. Es gehört etwas
dazu, Großes als groß zu begreifen … Und dann kam die
dritte Zeit. Nicht groß und doch auch wieder ganz groß.
Da war das arme, elende, halb dem Untergange verfallene
Land nicht von Genie, wohl aber von Begeisterung durchleuchtet, von dem Glauben an die höhere Macht des
Geistigen, des Wissens und der Freiheit.“

„Gut, Lorenzen. Aber weiter.“

„Und all das, was ich da so hergezählt, umfaßte
zeitlich ein Jahrhundert. Da waren mir den andern voraus, mitunter geistig und moralisch gewiß. Aber der
‚Non soli cedo-Adler‘ mit seinem Blitzbündel in den
Fängen, er blitzt nicht mehr, und die Begeisterung ist tot.
Eine rückläufige Bewegung ist da, längst Abgestorbenes,
ich muß es wiederholen, soll neu erblühn. Es thut es
nicht. In gewissem Sinne freilich kehrt alles einmal
wieder, aber bei dieser Wiederkehr werden Jahrtausende
übersprungen; wir können die römischen Kaiserzeiten, Gutes
und Schlechtes, wieder haben, aber nicht das spanische
Rohr aus dem Tabakskollegium und nicht einmal den
Krückstock von Sanssouci. Damit ist es vorbei. Und gut,
daß es so ist. Was einmal Fortschritt war, ist längst
Rückschritt geworden. Aus der modernen Geschichte, der
eigentlichen, der lesenswerten, verschwinden die Bataillen
und die Bataillone (trotzdem sie sich beständig vermehren)
und wenn sie nicht selbst verschwinden, so schwindet doch
das Interesse daran. Und mit dem Interesse das Prestige.
An ihre Stelle treten Erfinder und Entdecker, und James
Watt und Siemens bedeuten uns mehr als du Guesclin
und Bayard. Das Heldische hat nicht direkt abgewirtschaftet und wird noch lange nicht abgewirtschaftet haben,
aber sein Kurs hat nun mal seine besondere Höhe verloren, und anstatt sich in diese Thatsache zu finden, versucht es unser Regime, dem Niedersteigenden eine künstliche Hausse zu geben.“

„Es ist, wie Sie sagen. Aber gegen wen richtet
sich's? Sie sprachen von ‚Regime‘. Wer ist dies Regime?
Mensch oder Ding? Ist es die von alter Zeit her übernommene Maschine, deren Räderwerk tot weiterklappert,
oder ist es Der, der an der Maschine steht? Oder endlich ist es eine bestimmte abgegrenzte Vielheit, die die Hand
des Mannes an der Maschine zu bestimmen, zu richten
trachtet? In allem, was Sie sagen, klingt eine sich auflehnende Stimme. Sind Sie gegen den Adel? Stehen
Sie gegen die ‚alten Familien‘?“

„Zunächst: nein. Ich liebe, hab' auch Ursach' dazu,
die alten Familien und möchte beinah' glauben, jeder
liebt sie. Die alten Familien sind immer noch populär,
auch heute noch. Aber sie verthun und verschütten diese
Sympathien, die doch jeder braucht, jeder Mensch und
jeder Stand. Unsre alten Familien kranken durchgängig
an der Vorstellung, ‚daß es ohne sie nicht gehe‘, was
aber weit gefehlt ist, denn es geht sicher auch ohne sie;
— sie sind nicht mehr die Säule, die das Ganze trägt, sie
sind das alte Stein- und Moosdach, das wohl noch lastet
und drückt, aber gegen Unwetter nicht mehr schützen kann.
Wohl möglich, daß aristokratische Tage mal wiederkehren,
vorläufig, wohin wir sehen, stehen wir im Zeichen
einer demokratischen Weltanschauung. Eine neue Zeit
bricht an. Ich glaube, eine bessere und eine glücklichere.
Aber wenn auch nicht eine glücklichere, so doch mindestens
eine Zeit mit mehr Sauerstoff in der Luft, eine Zeit, in
der wir besser atmen können. Und je freier man atmet,
je mehr lebt man. Was aber Woldemar angeht, meiner
sind Sie sicher, Frau Gräfin. Bleibt freilich, als Hauptfaktor, noch die Comtesse. Für die müssen Sie die Bürgschaft übernehmen. Die Frauen bestimmen schließlich doch
alles.“

„So heißt es immer. Und wir sind eitel genug, es
zu glauben. Aber das führt uns auf ganz neue Gebiete.
Vorläufig Ihre Hand zur Besieglung. Und nun erlauben
Sie mir, nach diesem unserm revolutionären Diskurse, zu
den Hütten friedlicher Menschen zurückzukehren. Ich habe
mich bei dem alten Herrn nur auf eine halbe Stunde
beurlaubt und rechne darauf, daß Sie mich, wenn nicht
bis ins ‚Museum‘ selbst (das dem Programm nach besucht
werden sollte), so doch wenigstens bis auf die Schloßrampe begleiten.“

Dreißigstes Kapitel.

Lorenzen that, wie gewünscht, und auf dem Wege
zum Schloß plauderten beide weiter, wenn auch über sehr
andere Dinge.

„Was ist es eigentlich mit diesem ‚Museum‘?“ fragte
Melusine; „kann ich mir doch kaum was Rechtes darunter
vorstellen. Eine alte Papptafel mit Inschrift hängt da
schräg über der Saalthür, alles dicht neben meinem
Schlafzimmer und ich habe mich etwas davor geängstigt.“

„Sehr mit Unrecht, gnädigste Gräfin. Die primitive
Papptafel, die freilich verwunderlich genug aussieht, sollte
wohl nur andeuten, daß es sich bei der ganzen Sache
mehr um einen Scherz als um etwas Ernsthaftes handelt.
Etwa wie bei Sammlung von Meerschaumpfeifen und
Tabaksdosen. Und Sie werden auch vorwiegend solchen
Seltsamkeiten begegnen. Anderseits aber ist es auch wieder
ein richtiges historisches Museum, trotzdem es nur halb
das geworden ist, worauf Herr von Stechlin anfänglich
aus war.“

„Und das war?“

„Das war mehr etwas Groteskes. Es mögen nun
wohl schon zwanzig Jahre sein, da las er eines Tages
in der Zeitung von einem Engländer, der historische
Thüren sammle und neuerdings sogar für eine enorme
Summe, ich glaube es waren tausend Pfund, die Gefängnißthür erstanden habe, durch die Ludwig XVI. und dann
später Danton und Robespierre zur Guillotinierung abgeführt worden seien. Und diese Notiz machte solchen
Eindruck auf unsern liebenswürdigen Stechliner Schloßherrn, daß er auch solche historische Thürensammlung anzulegen beschloß. Er ist aber nicht weit damit gekommen
und hat sich mit dem Küstriner Schloßfenster begnügen
müssen, an dem Kronprinz Friedrich stand, als Katte zur
Enthauptung vorüber geführt wurde. Doch auch das ist
unsicher, ja, die meisten wollen nichts davon wissen. Nur
Krippenstapel hält noch daran fest.“

„Krippenstapel?“

„Ja. Der Name frappiert Sie. Das ist nämlich
unser Lehrer hier, Liebling des alten Herrn und sein Berater in derlei Dingen. Der hat ihm denn auch das
gegenwärtige ‚Museum‘, das man als Abschlagszahlung
auf die ‚historischen Thüren‘ ansehen kann, zusammengestellt. Außer dem angezweifelten Fenster werden Frau
Gräfin noch ein paar phantastische Regentraufen finden
und vor allem viele Wetterhähne, die von alten märkischen
Kirchtürmen herabgenommen wurden. Einige sollen ganz
interessant sein. Ich habe keinen Sinn dafür. Aber
Krippenstapel hat einen Katalog angefertigt.“

Unter diesen Worten waren beide bis an die Rampe
gekommen, auf der Engelke schon stand und auf die Gräfin
wartete. Lorenzen empfahl sich. Aber auch Melusine
wollte nicht gleich in’s Museum hinauf, zog es vielmehr
vor, erst unten in das große Gesellschaftszimmer einzutreten und sich da zu wärmen.

Engelke machte sich auch sofort am Kamin zu schaffen,
was der Gräfin gut paßte, weil sie noch manches fragen
wollte.

„Das ist recht, Engelke, daß Sie Kohlen aufschütten
und auch Kienäpfel. Ich freue mich immer, wenn es so
lustig brennt. Und oben im ‚Museum‘ wird es wohl
noch kalt sein.“

„Ja, kalt ist es, Frau Gräfin. Aber mit der Kälte,
na, das ging' am Ende noch, und der viele Staub, der
oben liegt, das ginge vielleicht auch noch; Staub wärmt.
Und die Dachtraufen und Wetterhähne thun auch keinem
Menschen was …“

„Aber was ist denn sonst noch?“

„Ach, ich meine bloß die verdammten Dinger, die
Spinnen …“

„Um Gottes willen, Spinnen?“ erschrak Melusine.

„Ja, Spinnen, Frau Gräfin. Aber so ganz schlimme
sind nich dabei. Solche mit 'm Kreuz oben hab' ich bei
uns noch nicht gesehn. Bloß solche, die Schneider heißen.“

„Ach, das sind die, die die langen Beine haben.“

„Ja, lange Beine haben sie. Aber sie thun einem
nichts. Und eigentlich sind es sehr ängstliche Tiere und
verkriechen sich, wenn sie hören, daß aufgeschlossen wird,
und bloß wenn Krippenstapel kommt, dann kommen sie
alle 'raus un kucken sich um. Krippenstapeln, den kennen
sie ganz gut, und ich hab' auch mal gesehn, daß er ihnen
Fliegen mitbringt, und machen sich dann gleich drüber her.“

„Aber das ist ja grausam. Ist es denn ein guter
Mensch?“

„O, sehr gut, Frau Gräfin. Und als ich ihm mal
so was sagte, sagte er: ‚Ja, Engelke, das is nu mal so;
einer frißt den andern auf'.“

Das Gespräch setzte sich noch eine Weile fort; dann
sagte Melusine: „Nun, Engelke, ist es aber wohl die höchste
Zeit für das Museum, sonst komm' ich zu spät und seh'
und höre gar nichts mehr. Ich bin nun auch wieder
warm geworden.“ Dabei erhob sie sich und stieg die
Doppeltreppe hinauf und klopfte. Sie wollte nicht gleich
eintreten.

Auf ihr Klopfen wurde sehr bald von innen her geöffnet, und Krippenstapel, mit der Hornbrille, stand vor
ihr. Er verbeugte sich und trat zurück, um den Platz
freizugeben. Aber Melusine, deren Angst vor ihm wiederkehrte, zauderte, was eine momentane Verlegenheit schuf.
Inzwischen war aber auch Dubslav herangekommen. „Ich
fürchtete schon, daß Lorenzen Sie nicht herausgeben würde.
Seine Gelegenheiten, hier in Stechlin ein Gespräch zu
führen, sind nicht groß und nun gar ein Gespräch mit
Gräfin Melusine! Nun, er hat es gnädig gemacht. Jetzt
aber, Gräfin, halten Sie gefälligst Umschau; vielleicht daß
Lorenzen schon geplaudert hat oder gar Engelke.“

„So ganz im Dunkeln bin ich nicht mehr; ein
Küstriner Schloßfenster, ein paar Kirchendachreliquien und
dazu Wetterhähne, — lauter Gegenstände (denn ich bin
auch ein bißchen fürs Aparte), zu deren Auswahl ich
Ihnen gratuliere.“

„Wofür ich der Frau Gräfin dankbar bin, ohne
sonderlich überrascht zu sein. Ich wußte, Damen wie
Gräfin Ghiberti haben Sinn für derlei Dinge. Darf ich
Ihnen übrigens zunächst hier diesen Lebuser Bischof zeigen
und hier weiter einen Heiligen oder vielleicht Anachoreten?
Beide, Bischof und Anachoret, sind sehr unähnlich untereinander, schon in Bezug auf Leibesumfang, — der richtige
Gegensatz von Refektorium und Wüste. Wenn ich den
Heiligen hier so sehe, taxier' ich ihn höchstens auf eine
Dattel täglich. Und nun denk' ich, wir fahren in unsrer
Besichtigung fort, Krippenstapel war nämlich eben dabei,
der Comtesse Armgard unsern Derfflingerschen Dragoner
mit der kleinen Standarte und der Jahreszahl 1675 zu
zeigen. Bitte, Gräfin Melusine, bemerken Sie hier die
Zahl, dicht unter dem brandenburgischen Adler. Es wirkt,
wie wenn er die Nachricht vom Siege bei Fehrbellin überbringen wolle. Daß es ein Dragoner ist, ist klar; der
Filzhut mit der breiten Krempe hebt jeden Zweifel, und
ich hab' es für mein gutes Recht gehalten, ihn auch
speziell als Derfflingerschen Dragoner festzusetzen. Aber
mein Freund Krippenstapel will davon nichts wissen, und
wir liegen darüber seit Jahr und Tag in einer ernsten
Fehde. Glücklicherweise unsre einzige. Nicht wahr Krippenstapel?“

Dieser lächelte und verbeugte sich.

„Die beiden Damen,“ fuhr Dubslav fort, „mögen
aber nicht etwa glauben, daß ich mich für berechtigt halte,
die freie Wissenschaft hier in meinem Museum in Banden
zu schlagen. Grad' umgekehrt. Ich kann also nur wiederholen: ‚Krippenstapel, Sie haben das Wort‘. Und nun, bitte,
setzen Sie den Damen Ihrerseits auseinander, warum es
nach ganz bestimmten Begleiterscheinungen ein Derfflingerscher nicht sein kann. Bilderbücher aus der Zeit
her hat man nicht, und die großen Gobelins lassen einen
im Stich und beweisen gar nichts.“

Unter diesen Worten hatte Krippenstapel die den
Gegenstand des Streits bildende Wetterfahne wieder in die
Hand genommen, und als er sah, daß die Gräfin, — die,
wie das in ihrer Natur lag, den vor zehn Minuten noch
so gefürchteten ‚Fliegentöter‘ längst in ihr Herz geschlossen
hatte — ihm freundlich zunickte, ließ er auf Geltendmachung seines Standpunkts auch nicht lange mehr warten
und sagte: „Ja, Frau Gräfin, der Streit schwebt nun
schon so lange, wie wir den Dragoner überhaupt haben,
und Herr von Stechlin wäre wohl schon längst in das
gegnerische Lager, in dem ich und Oberlehrer Tucheband
stehn, übergegangen, wenn er nicht an meiner wissenschaftlichen Ereiferung seine beständige Freude hätte. Tucheband, einer unsrer Besten und ein Mann, der nicht leicht
vorbei schießt, hat auch in dieser Frage gleich das Richtige
getroffen. Er hat nämlich den Ort in Erwägung gezogen,
von wo diese Wetterfahne stammt. Sie stammt aus dem
wenigstens damals noch der alten Familie von Mörner
zugehörigen Dorfe Zellin in der Neumark. Das Regiment
aber, das sich bei Fehrbellin vor allen andern auszeichnete,
war das Dragoner-Regiment Mörner. Es ist also kein
Derfflingerscher, sondern ein Mörnerscher Dragoner, der,
in fliegender Eile, die Nachricht von dem erfochtenen Siege
nach Zellin bringt.“

„Bravo,“ sagte Melusine. „Wenn ich je eine richtige
Schlußfolgerung gehört habe (die meisten sind Blender),
so haben wir sie hier. Herr von Stechlin, ich kann Ihnen
nicht helfen, Sie sind besiegt.“

Dubslav war einverstanden und küßte Melusine die
Hand, ohne sich um die mißbilligenden Blicke seiner
Schwester zu kümmern, die jetzt ihrerseits auf endliche
Vorführung der ‚beiden Mühlen‘ drang, ihrer zwei Lieblingsstücke. Diese beiden Mühlen, so versicherte sie, seien
das einzige, was hier überhaupt einen Anspruch auf
‚Museum‘ erheben dürfe. Beinah' war es wirklich so,
wie selbst Krippenstapel zugab, trotzdem sich, bis wenigstens
ganz vor kurzem, nichts von historischer Kontroverse (die
doch schließlich immer die Hauptsache bleibt) daran geknüpft
hatte. Neuerdings freilich hatte sich das geändert. Zwei
Berliner Herren vom Gewerbemuseum waren über die
Mühlen in Streit geraten, speziell über ihren Ursprungsort. Zwar hatte man sich vorläufig dahin geeinigt, daß
die Wassermühle holländisch, die Windmühle dagegen (eine
richtige alte Bockmühle) eine Nürnberger Arbeit sei;
Krippenstapel aber hatte bei diesem Friedensschlusse nur
gelächelt. Er war viel zu sehr ernster Wissenschaftsmensch, als daß er nicht hätte herausfühlen sollen, wie
diese sogenannte ‚Beilegung‘ nichts als eine Verkleisterung
war. Der Ausbruch neuer Streitigkeiten stand nahe
bevor.

Die waren aber zunächst wenigstens ausgeschlossen, da
beide Schwestern, Armgard wie Melusine, wie Kinder vor
einem Lieblingsspielzeug, in einem ganz ausbündigen Vergnügen aufgingen. Die Windmühle klapperte, daß es eine
Lust war, und das Rad der Wassermühle, wenn es grad' in
der Sonne blitzte, gab einen solchen Silberschein, daß es
aussah, als fiele das blinkende Wasser wirklich über die
Schaufelbretter. All das wurde gesehn und bewundert,
und was nicht gesehn wurde, nahm man auf Treu' und
Glauben mit in den Kauf. Von den Spinnen kam keine
zum Vorschein; nur hier und da hingen lange graue Gewebe, was jedoch nur feierlich aussah, und als Mittag
heran war, verließ man das „Museum“, um sich erst eine
Stunde zu ruhn und dann bei Tische wiederzusehn. Die
Gräfin aber, ehe sie den großen, wüsten Raum verließ,
trat noch einmal an Krippenstapel heran, um ihn, unter
gewinnendstem Lächeln, zu bitten, ihr, sobald ein ernsterer
Streit über die beiden Mühlen entbrennen sollte, die betreffenden Schriftstücke nicht vorzuenthalten.

Krippenstapel versprach alles.

Auf drei war das Mittagsmahl angesetzt. Schon
eine Viertelstunde vorher erschien Lorenzen und traf den
alten Dubslav in einer gewissen stattlichen Herrichtung an
oder, wie er sich selbst zu Engelke geäußert hatte, „ganz
feudal“.

„Ach, daß ist gut, Lorenzen, daß Sie schon kommen.
Ich habe noch allerhand auf dem Herzen. Es muß doch
was geschehn, eine richtige Begrüßung (denn das gestern
abend war zu wenig) oder aber ein solennes Abschiedswort, kurzum irgend was, das in das Gebiet der Toaste
gehört. Und da müssen Sie helfen. Sie sind ein Mann
von Fach, und wer jeden Sonntag predigen kann, kann
doch schließlich auch 'ne Tischrede halten.“

„Ja, das sagen Sie so, Herr von Stechlin. Mitunter ist eine Tischrede leicht und eine Predigt schwer,
aber es kann auch umgekehrt liegen. Außerdem, wenn
Sie sich nur erst mit dem Gedanken vertraut gemacht
haben, daß es so sein muß, dann geht es auch. Sie
werden sehn, das Herz, wie immer, macht den Redner.
Und dazu diese Damen, beide von so seltener Liebenswürdigkeit. Was die Gräfin angeht …“

„Ja,“ lachte der Alte, „was die Gräfin angeht …
Sie machen sich's bequem, Pastor. Die Gräfin, — wenn
sich's um die handelte, da könnt' ich's vielleicht auch.
Aber die Comtesse, die hat so was Ernstes. Und dann
ist sie zum Übrigen auch noch meine Schwiegertochter
oder soll es wenigstens werden, und da muß ich doch
sprechen wie 'ne Respektsperson. Und das ist schwer, vielleicht, weil sich in meiner Vorstellung die Gräfin immer
vor die Comtesse schiebt.“

Dubslav sprach noch so weiter. Aber es half ihm
nichts; Lorenzen war in seinem Widerstande nicht zu besiegen, und so kam denn die Tisch- und endlich auch die
gefürchtete Redezeit heran. Der Alte hatte sich schließlich
drin gefunden. „Meine lieben Gäste,“ hob er an, „geliebte Braut, hochverehrte Brautschwester! Ein andres
Wort, um meine Beziehungen zu Gräfin Melusine zu bezeichnen, hat vorläufig die deutsche Sprache nicht, was
ich bedaure. Denn das Wort sagt mir lange nicht genug.
Wenige Stunden erst ist es, daß ich Sie, meine Damen,
an dieser Stelle begrüßen durfte, noch kein voller Tag,
und schon ist der Abschied da. Währenddem hab ich kein
‚Du‘ beantragt, aber es liegt doch in der Luft, mehr noch
auf meiner Lippe … Teuerste Armgard! dies alte Haus
Stechlin also soll Ihre dereinstige Heimstätte werden; Sie
werden sie zu neuem Leben erheben. Unter meinem Regime
war es nicht viel damit. Auch heute nicht. Ich habe
nur das gute Gewissen, Ihnen während dieser kurzen
Spanne Zeit alles gezeigt zu haben, was gezeigt werden
konnte: mein Museum und meinen See. Die Sprudelstelle (die Winterhand lag darauf) hat geschwiegen, aber
mein Derfflingerscher Dragoner — in Krippenstapels Abwesenheit darf ich ihn ja wieder so nennen — hat dafür um
so deutlicher zu Ihnen gesprochen. Er hat die Zahl 1675
in seiner Standarte und trägt die Siegesnachricht von
Fehrbellin ins märkische Land. Erleb' ich's noch und
giebt Krippenstapel seine Zustimmung, so stell' ich, kurz
oder lang, auch meinerseits einen Dragoner auf meinen
Dachreiter (einen Turm hab' ich nicht) und zwar einen
Dragoner vom Regiment Königin von Großbritannien
und Irland, und auch er trägt eine Siegesbotschaft ins
Land. Nicht die von Königgrätz und nicht die von Marsla-Tour, aber die von einem gleich gewichtigen Siege.
Das Haus Barby lebe hoch und meine liebe Schwiegertochter Armgard!“

Alle waren bewegt. Am meisten Lorenzen. Als er
an den Alten heran trat, flüsterte er ihm zu: „Sehn Sie.
Ich wußt' es.“ Armgard küßte dem Alten die Hand,
Melusine strahlte. „Ja, die alte Garde!“ sagte sie. Nur
Schwester Adelheid konnte sich in dieser allgemeinen Freude
nicht gut zurechtfinden. Alle Feierungen mußten eben
das Maß halten, das sie vorschrieb. Sie hatte den
landesüblichen Zug: „Nur nicht zuviel von irgend was,
am wenigsten aber von Huldigungen oder gar von Hingebung.“

Als man wieder saß, sagte Melusine: „Krippenstapel
wird übrigens verstimmt sein, wenn er von Ihrem Trinkspruche hört. Es war doch eigentlich eine erneute feierliche Proklamierung des Derfflingerschen. Und was bei
solcher Gelegenheit gesagt wird, das gilt … Interessiert
sich übrigens irgendwer für dies Ihr Museum?“

„Dann und wann ein Mann von Fach. Sonst
niemand.“

„Was sie verdrießt.“

„Nein, gnädigste Gräfin. Nicht im geringsten. Ich
nehme nicht vieles ernsthaft, und am wenigsten ernsthaft
nehm' ich mein Museum. Es ist freilich von mir ausgegangen und interessierte mich auch eine Weile, hinterher
aber hat sich eigentlich alles ohne mich gemacht. Das
ist so die Regel. Ist überhaupt erst ein Anfang da, so
laufen die Dinge von selber weiter, und die Leute lassen
einen nicht wieder los, halten einen fest, man mag wollen
oder nicht. Ich hätte vielleicht alles schon längst wieder
aufgegeben, man will's aber nicht. Einigen gereicht es zur
Befriedigung, mich für einen Querkopf halten zu können
und andre sprechen wenigstens von Originalitätshascherei.
Man muß eben allerhand über sich ergehen lassen.“

Einunddreißigstes Kapitel.

Um fünf Uhr brachen Woldemar und die Barbyschen
Damen auf, um den Zug, der um sieben Uhr Gransee
passierte, nicht zu versäumen. Es dunkelte schon, aber
der Schnee sorgte für einen Lichtschimmer; so ging es
über die Bohlenbrücke fort in die Kastanienallee mit
ihrem kahlen und übereisten Gezweige hinein.

Lorenzen war noch im Schlosse zurückgeblieben und
setzte sich, um wieder warm zu werden, — auf der Rampe
war's kalt und zugig gewesen — in die Nähe des Kamins,
dem alten Dubslav gegenüber. Dieser hatte seinen Meerschaum angezündet und sah behaglich in die Flamme,
blieb aber ganz gegen seine Gewohnheit schweigsam, weil
eben noch eine dritte Person da war, die von den liebenswürdigen Damen, über die sich auszulassen es ihn in seiner
Seele drängte, ganz augenscheinlich nichts hören wollte.
Diese dritte Person war natürlich Tante Adelheid. Die
wollte nicht sprechen. Andrerseits mußte durchaus der
Versuch einer Konversation gemacht werden, und so griff
denn Dubslav zu den Gundermanns hinüber, um in ein
paar Worten sein Bedauern darüber auszudrücken, daß er die
Siebenmühlner nicht habe mit heranziehn können. „Engelke
sei so sehr dagegen gewesen.“ All dies Bedauern, —
wie's der ganzen Sachlage nach nicht anders sein konnte, —
kam flau genug heraus, aber die Domina war so hochgradig
verstimmt, daß ihr selbst so nüchterne, das Verbindliche
nur ganz leise, nur ganz obenhin streifende Worte schon
zuwider waren. „Ach, laß doch diese geborne Helfrich,“
sagte sie, „diese Tochter von dem alten Hauptmann, der die
Schlacht bei Leipzig gewonnen haben soll. So wenigstens
erzählt sie beständig. Eine schreckliche Frau, die
gar nicht in unsre Gesellschaft paßt. Und dabei so laut.
Ich kann es nicht leiden, wenn wir so mit Gewalt nach
oben blicken sollen, aber diese Helfrich, das muß ich
sagen, ist denn doch auch nicht mein Geschmack. Ich halte
das Unter-sich-bleiben für das einzig Richtige. Bescheidene
Verhältnisse, aber bestimmt gezogene Grenzen.“

Lorenzen hütete sich zu widersprechen, versuchte vielmehr umgekehrt durch ein halbes Eingehn auf Adelheid
und ihren Ton, eine bessere Laune wieder herzustellen.
Als er aber sah, daß er damit scheiterte, brach er auf.

Und nun waren die beiden alten Geschwister allein.

Dubslav ging im Zimmer unruhig auf und ab und
trat nur dann und wann an den Tisch heran, auf dem
noch vom Kaffee her die Liquerflaschen standen. Er wollte
was sagen, traute sich's aber nicht recht, und erst als er
zu zwei Curaçaos auch noch einen Benediktiner hinzugefügt hatte, wandte er sich an die Schwester, die, schweigsam wie er selbst, ihre kleine goldene Kette hin und
her zog.

„Ja,“ sagte er „jetzt sind sie nun wohl schon in
Woltersdorf.“

„Ich vermute drüber 'raus, Woldemar wird die
Pferde natürlich ausholen lassen. Es sind, glaub' ich,
Damen, die nicht gerne langsam fahren.“

„Du sagst das so, Adelheid, als ob du's tadeln
wolltest, überhaupt als ob dir die Damen nicht sonderlich
gefallen hätten. Das sollte mir leid thun. Ich bin sehr
glücklich über die Partie. Gewiß, sowohl die Gräfin wie
die Comtesse sind verwöhnt; das merkt man. Aber ich
möchte sagen, je verwöhnter sie sind …“

„Desto besser gefallen sie dir. Das sieht dir ähnlich. Ich liebe mehr unsre Leute. Beide sind doch beinah'
wie Fremde.“

„Nun, das ist nicht schlimm.“

„Doch. Mir widersteht das Fremde. Laß dir erzählen. Da war ich vorigen Sommer mit der Schmargendorff in Berlin und ging zu Josty, weil die Schmargendorff, die so was liebt, gern eine Tasse Schokolade trinken
wollte.“

„Du hoffentlich auch.“

„Allerdings. Ich auch. Aber ich kam nicht recht
dazu, nippte bloß, weil ich mich über die Maßen ärgern
mußte. Denn an dem Tische neben mir saß ein Herr
und eine Dame, wenn es überhaupt eine Dame war.
Aber Engländer waren es. Er steckte ganz in Flanell
und hatte die Beinkleider umgekrempelt, und die Dame
trug einen Rock und eine Bluse und einen Matrosenhut.
Und der Herr hatte ein Windspiel, das immer zitterte,
trotzdem fünfundzwanzig Grad Wärme waren.“

„Ja, warum nicht?“

„Und zwischen ihnen stand eine Tablette mit Wasser
und Cognac, und die Dame hielt außerdem noch eine
Zigarette zwischen den Fingern und sah in die Ringelwölkchen hinein, die sie blies.“

„Scharmant. Das muß ja reizend ausgesehn haben.“

„Und ich verwette mich, diese Melusine raucht auch.“

„Ja, warum soll sie nicht? Du schlachtest Gänse.
Warum soll Melusine nicht rauchen?“

„Weil Rauchen männlich ist.“

„Und schlachten weiblich … Ach, Adelheid, wir
können uns über so was nicht einigen. Ich gelte schon
für leidlich altmodisch, aber du, du bist ja geradezu
petrefakt.“

„Ich verstehe das Wort nicht und wünsche nur, daß
es etwas ist, dessen du dich nicht zu schämen hast. Es
klingt sonderbar genug. Aber ich weiß, du liebst dergleichen und liebst gewiß auch (und hast so deine Vorstellungen dabei) den Namen Melusine.“

„Kann ich beinah' sagen.“

„Ich dacht' es mir.“

„Ja, Schwester, du hast gut reden. So sicher wie
du wohnt eben nicht jeder. Adelheid! das ist ein Name,
der paßt immer. Und im Kirchenbuche, wie mir Lorenzen
erst neulich gezeigt hat, steht sogar Adelheide. Das Schluß-‚e‘
ist bei der schlechten Wirtschaft in unserm Hause so mit
drauf gegangen. Die Stechline haben immer alles verurscht.“

„Ich bitte dich, wähle doch andere Worte.“

„Warum? Verurscht ist ein ganz gutes Wort. Und
außerdem, schon der alte Kortschädel sagte mir mal, man
müsse gegen Wörter nicht so streng sein und gegen Namen
erst recht nicht, da sitze manch einer in einem Glashause.
Hältst du Rentmeister Fix für einen schönen Namen?
Und als ich noch bei den Kürassieren in Brandenburg
war, in meinem letzten Dienstjahr, da hatten wir dicht
bei uns einen kleinen Mann von der Feuerversicherung,
der hieß Briefbeschwerer. Ja, Adelheid, wenn ich dem
gegenüber so verfahren wäre, wie du jetzt mit Gräfin
Melusine, so hätt' ich mir den Mann als eine halbe
Bombe vorstellen müssen oder als einen Kugelmann.
Denn damals, es war Anno vierundsechzig, waren alle
‚Briefbeschwerer‘ bloß ‚Kugelmänner‘: 'ne Flintenkugel oben
und zwei Flintenkugeln unten. Und natürlich 'ne Kartätschenkugel als Bauch in der Mitte. Das Feuerversicherungsmännchen aber, das zufällig so sonderbar hieß, das war
so dünn wie 'n Strich.“

„Ja, Dubslav, was soll das nun alles wieder? Du
giebst da deinem Zeisig mal wieder ein gut Stück Zucker.
Ich sage Zeisig, weil ich nicht verletzlich werden will.“

„Küss' die Hand …“

„Und was ich dir zur Sache darauf zu sagen habe,
das ist das. Ich habe nichts dagegen, daß jemand Briefbeschwerer heißt, und überlass' es ihm, ob er ein Strich
oder ein Kugelmann sein will. Aber ich habe sehr viel
gegen Melusine. Briefbeschwerer, nu, das ist bloß ein
Zufall, Melusine aber ist kein Zufall, und ich kann dir
bloß sagen, diese Melusine ist eben eine richtige Melusine.
Alles an dieser Person …“

„Ich bitte dich, Adelheid …“

„Alles an dieser Dame, wenn sie durchaus so etwas
sein soll, ist verführerisch. Ich habe so was von Koketterie
noch nie gesehn. Und wenn ich mir dann unsern armen
Woldemar daneben denke! Der is ja solcher Eva gegenüber von Anfang an verloren. Eh' er noch weiß, was
los ist, ist er schon umstrickt, trotzdem er doch bloß ihr
Schwager ist. Oder vielleicht auch grade deshalb. Und
dazu das ewige Sich-biegen und -wiegen in den Hüften.
Alles wie zum Beweise, daß es mit der Schlange denn
doch etwas auf sich hat. Und wie sie nun gar erst mit
dem Lorenzen umsprang. Aber freilich, der ist wo möglich
noch leichter zu fangen, als Woldemar. Er sah sie immer
an wie 'ne Offenbarung. Und sie ist auch so was. Darüber is kein Zweifel. Aber wovon?“

Hochzeit.

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Zu guter Zeit waren die Reisenden wieder in Berlin
zurück. Woldemar hatte Braut und Schwägerin bis an
das Kronprinzen-Ufer begleitet, mußte jedoch auf Verbleib im Barbyschen Hause verzichten, weil im Kasino
eine kleine Festlichkeit stattfand, der er beiwohnen wollte.

Der alte Graf ging, als unten die Droschke hielt,
mühsamlich auf seinem Zimmerteppich auf und ab, weil
ihn sein Fuß, wie stets wenn das Wetter umschlug, mal
wieder mit einer ziemlich heftigen Neuralgie quälte.

„Nun, da seid ihr ja wieder. Der Zug muß Verspätung gehabt haben. Und wo ist Woldemar?“

Man gab ihm Auskunft und daß Woldemar wegen
seines Nichterscheinens um Entschuldigung bäte. „Gut, gut.
Und nun setzt euch und erzählt. Mit dem Conte, das ließ
damals allerlei zu wünschen übrig … verzeih, Melusine.
Da möcht' ich denn begreiflicherweise, daß es uns diesmal besser ginge. Woldemar macht mir natürlich kein
Kopfzerbrechen, aber die Familie, der alte Stechlin.
Armgard braucht selbstverständlich auf eine so delikate
Frage nicht zu antworten, wenn sie nicht will, wiewohl
erfahrungsmäßig ein Unterschied ist zwischen Schwiegermüttern und Schwiegervätern. Diese sind mitunter verbindlicher als der Sohn.“

Armgard lachte. „Mir Papa, passiert so was
Nettes nicht. Aber mit Melusine war es wieder das
Herkömmliche. Der alte Stechlin fing an und der Pastor
folgte. Wenigstens schien es mir so.“

„Dann bin ich beruhigt, vorausgesetzt, daß Melusine über den neuen Schwiegervater ihren richtigen alten
Vater nicht vergißt.“

Sie ging auf ihn zu und küßte ihm die Hand.

„Dann bin ich beruhigt,“ wiederholte der Alte.
„Melusine gefällt fast immer. Aber manchem gefällt sie
freilich auch nicht. Es giebt so viele Menschen, die
haben einen natürlichen Haß gegen alles, was liebenswürdig ist, weil sie selber unliebenswürdig sind. Alle
beschränkten und aufgesteiften Individuen, alle, die eine
bornierte Vorstellung vom Christentum haben — das
richtige sieht ganz anders aus — alle Pharisäer und
Gernegroß, alle Selbstgerechten und Eiteln fühlen sich
durch Personen wie Melusine gekränkt und verletzt, und
wenn sich der alte Stechlin in Melusine verliebt hat,
dann lieb' ich ihn schon darum, denn er ist dann eben
ein guter Mensch. Mehr brauch' ich von ihm gar nicht
zu wissen. Übrigens konnt' es kaum anders sein. Der
Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Aber auch umgekehrt: wenn ich den Apfel kenne, kenn' ich auch den
Stamm … Und wer war denn noch da? Ich meine,
von Verwandtschaft?“

„Nur noch Tante Adelheid von Kloster Wutz,“
sagte Armgard.

„Das ist die Schwester des Alten?“

„Ja, Papa. Ältere Schwester. Wohl um zehn
Jahr älter und auch nur Halbschwester. Und eine
Domina.“

„Sehr fromm?“

„Das wohl eigentlich nicht.“

„Du bist so einsilbig, Sie scheint dir nicht recht
gefallen zu haben.“

Armgard schwieg.

„Nun, Melusine, dann sprich du. Nicht fromm
also; das ist gut. Aber vielleicht hautaine?“

„Fast könnte man's sagen,“ antwortete Melusine.
„Doch paßt es auch wieder nicht recht, schon deshalb
nicht, weil es ein französisches Wort ist. Tante Adelheid ist eminent unfranzösisch.“

„Ah, ich versteh'. Also komische Figur.“

„Auch das nicht so recht, Papa. Sagen wir einfach, zurückgeblieben, vorweltlich.“

Der alte Graf lachte. „Ja, das ist in allen alten
Familien so, vor allem bei reichen und vornehmen
Juden. Kenne das noch von Wien her, wo man überhaupt solche Fragen studieren kann. Ich verkehrte da
viel in einem großen Banquierhause, drin alles nicht
bloß voll Glanz, sondern auch voll Orden und Uniformen
war. Fast zuviel davon. Aber mit einem Male traf
ich in einer Ecke, ganz einsam und doch beinah' vergnüglich, einen merkwürdigen Urgreis, der wie der alte
Gobbo — der in dem Stück von Shakespeare vorkommt
— aussah und als ich mich später bei einem Tischnachbar erkundigte, ‚wer denn das sei‘, da hieß es: ‚Ach,
das ist ja Onkel Manasse‘. Solche Onkel Manasses
giebt es überall, und sie können unter Umständen auch
‚Tante Adelheid‘ heißen.“

Daß der alte Graf das so leicht nahm, erfreute
die Töchter sichtlich, und als Jeserich bald danach das
Theezeug brachte, wurd' auch Armgard mitteilsamer und
erzählte zunächst von Superintendent Koseleger und Pastor
Lorenzen, danach vom Stechlinsee (der ganz überfroren
gewesen sei, so daß sie die berühmte Stelle nicht hätten
sehen können) und zuletzt von dem Museum und den
Wetterfahnen.

Diese waren das, was den alten Grafen am meisten
interessierte. „Wetterfahnen, ja, die müssen gesammelt
werden, nicht bloß alte Dragoner in Blech geschnitten,
sondern auch allermodernste Silhouetten, sagen wir aus
der Diplomatenloge. Da kommt dann schon eine ganz hübsche
Galerie zusammen. Und wißt ihr, Kinder, das mit dem
Museum giebt mir erst eine richtige Vorstellung von dem
Alten und eine volle Befriedigung, beinah' mehr noch,
als daß ihm Melusine gefallen hat. Ich bin sonst nicht
für Sammler. Aber wer Wetterfahnen sammelt, das will
doch was sagen, das ist nicht bloß eine gute Seele,
sondern auch eine kluge Seele, denn es is da so was
drin, wie ein Fingerknips gegen die Gesellschaft. Und
wer den machen kann, das ist mein Mann, mit dem kann
ich leben.“

Man blieb nicht lange mehr beisammen; beide
Schwestern, ziemlich ermüdet von der Tagesanstrengung,
zogen sich früh zurück, aber ihr Gespräch über Schloß
Stechlin und die beiden Geistlichen und vor allem über
die Domina (gegen die Melusine heftig eiferte) setzte sich
noch in ihrem Schlafzimmer fort.

„Ich glaube,“ sagte Armgard, „du legst zu viel Gewicht auf das, was du das Ästhetische nennst. Und
Woldemar thut es leider auch. Er läßt auf seine Mark
Brandenburg sonst nichts kommen, aber in diesem Punkte
spricht er beinah' so wie du. Wohin er blickt, überall
vermißt er das Schönheitliche. Das Wenige, was danach aussieht, so klagt er beständig, sei bloß Nachahmung.
Aus eignem Trieb heraus würde hier nichts derart geboren.“

„Und daß er so klagt, das ist das, was ich so ziemlich am meisten an ihm schätze. Du meinst, daß ich, wenn
ich von der Domina spreche, zu viel Gewicht auf diese
doch bloß äußerlichen Dinge lege. Glaube mir, diese
Dinge sind nicht bloß äußerlich. Wer kein feines Gefühl
hat, sei's in Kunst, sei's im Leben, der existiert für mich
überhaupt nicht und für meine Freundschaft und Liebe nun
schon ganz gewiß nicht. Da hast du mein Programm. Unser
ganzer Gesellschaftszustand, der sich wunder wie hoch
dünkt, ist mehr oder weniger Barbarei; Lorenzen, von dem
du doch so viel hältst, hat sich ganz in diesem Sinne gegen
mich ausgesprochen. Ach, wie weit voraus war uns doch die
Heidenzeit, die wir jetzt so verständnislos bemängeln! Und
selbst unser ‚dunkles Mittelalter‘ — schönheitlich stand es
höher als wir, und seine Scheiterhaufen, wenn man nicht
gleich selbst an die Reihe kam, waren gar nicht so schlimm.“

„Ich erlebe noch,“ lachte Armgard, „daß du 'nen
neuen Kreuzzug oder ähnliches predigst. Aber wir sind
von unserm eigentlichen Thema ganz abgekommen, von
der Domina. Du sagtest, ihre Gefühle widersprächen sich
untereinander. Welche Gefühle?“

„Darauf ist leicht Antwort geben. Erst beglückwünscht sie sich zu sich selbst, und hinterher ärgert sie sich
über sich selbst. Und daß sie das muß, daran sind wir
schuld, und das kann sie uns nicht verzeihn.“

„Ich würde vielleicht zustimmen, wenn das, was du
da sagst, nicht so sehr eitel klänge … Sie hat übrigens
einen guten Verstand.“

„Den hat sie, gewiß, den haben sie alle hier oder doch
die meisten. Aber ein guter Verstand, so viel er ist, ist
auch wieder recht wenig und schließlich — ich muß leider
zu diesem Berolinismus greifen — ist diese gute Domina doch nichts weiter als eine Stakete, lang und spitz.
Und nicht mal grüngestrichen.“

„Und der Alte? Der wenigstens wird doch vor deiner
Kritik bestehn.“

„O, der; der ist hors concours und geht noch über
Woldemar hinaus. Was meinst du, wenn ich den Alten
heiratete?“

„Sprich nicht so, Melusine. Ich weiß ja recht gut,
wie das alles von dir gemeint ist, Übermut und wieder
Übermut. Aber er ist doch am Ende noch nicht so steinalt. Und du, so lieb ich dich habe, du bist schließlich
imstande, dich in solche Kompliziertheiten von Schwiegervater und Schwager, alles in einem, und wo möglich
noch allerhand dazu, zu verlieben.“

„Jedenfalls mehr als in den, der diese Kompliziertheiten darstellt oder gar erst schaffen soll … Also, sei
ruhig, freundlich Element.“

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Das war in den letzten Dezembertagen; auf Ende
Februar hatte man die Hochzeit des jungen Paares festgesetzt. In der Zwischenzeit war seitens des alten Grafen
erwogen worden, ob die Trauung nicht doch vielleicht auf einem
der Barbyschen Elbgüter stattfinden solle, die Braut selbst
aber war dagegen gewesen und hatte mit einer ihr sonst
nicht eignen Lebhaftigkeit versichert: sie hänge an der
Armee, weshalb sie — ganz abgesehn von ihrem teuren
Frommel — die Berliner Garnisonkirche weit vorziehe.
Daß diese, nach Ansicht vieler, bloß ein großer Schuppen
sei, habe für sie gar keine Bedeutung; was ihr an der
Garnisonkirche so viel gelte, das seien die großen Erinnerungen und ein Gotteshaus, drin die Schwerins und die
Zietens ständen (und wenn sie nicht drin ständen, so doch
andre, die kaum schlechter wären) — eine historisch so bevorzugte Stelle wäre ihr an ihrem Trautage viel lieber als
ihre Familienkirche, trotz der Särge so vieler Barbys
unterm Altar. Woldemar war sehr glücklich darüber,
seine Braut so preußisch-militärisch zu finden, die denn
auch, als einmal die Zukunft und mit ihr die Frage nach
‚Verbleib oder Nichtverbleib‘ in der Armee durchgesprochen
wurde, lachend erwidert hatte: „Nein Woldemar, nicht
jetzt schon Abschied; ich bin sehr für Freiheit, aber doch
beinah’ mehr noch für Major.“

Auf drei Uhr war die Trauung festgesetzt. Schon
eine halbe Stunde vorher erschien der Brautwagen und
hielt vor dem Schickedanzschen Hause, dessen Flur auszuschmücken, sich die Frau Versicherungssekretärin nicht hatte
nehmen lassen. Von der Treppe bis auf das Trottoir
hinaus waren zu beiden Seiten Blumenestraden aufgestellt,
auf denen die Lieblinge der Frau Schickedanz in einer
Schönheit und Fülle standen, als ob es sich um eine Maiblumenausstellung gehandelt hätte. Hinter den verschiedenen
Estraden aber hatten alle Hausbewohner Aufstellung genommen, Lizzi, Frau Imme und sämtliche Hartwichs und
natürlich auch Hedwig, die, nach ganz kurzem Dienst im
Kommerzienrat Seligmannschen Hause, vor etwa acht
Tagen ihre Stelle wieder aufgegeben hatte.

„Gott, Hedwig, war es denn wieder so was?“

„Nein, Frau Imme, diesmal war es mehr.“

Frommel traute. Die Kirche war dicht besetzt, auch
von bloß Neugierigen, die sich, ehe die große Orgel
einsetzte, die merkwürdigsten Dinge mitzuteilen hatten.
Die Barbys seien eigentlich Italiener aus der Gegend
von Neapel, und der alte Graf, was man ihm auch
noch ansehe, sei in seinen jungen Jahren unter den
Carbonaris gewesen; aber mit einem Male hab' er geschwenkt und sei zum Verräter an seiner heiligen Sache
geworden. Und weil in solchem Falle jedesmal einer zur
Vollstreckung der Gerechtigkeit ausgelost würde (was der
Graf auch recht gut gewußt habe), hab' er vorsichtigerweise seine schöne Heimat verlassen und sei nach Berlin
gekommen und sogar an den Hof. Und Friedrich Wilhelm IV., der ihn sehr gern gemocht, hab' auch immer
italienisch mit ihm gesprochen.

Das Hochzeitsmahl fand im Barbyschen Hause
statt, notgedrungen en petit comité, da das große
Mittelzimmer, auch bei geschicktester Anordnung, immer
nur etwa zwanzig Personen aufnehmen konnte. Der
weitaus größte Teil der Gesellschaft setzte sich aus uns
schon bekannten Personen zusammen, obenan natürlich
der alte Stechlin. Er war gern gekommen, trotzdem
ihm die Weltabgewandtheit, in der er lebte, den Entschluß anfänglich erschwert hatte. Tante Adelheid fehlte.
„Trösten wir uns,“ sagte Melusine mit einer ihr kleidenden Überheblichkeit. Selbstverständlich waren die Berchtesgadens da, desgleichen Rex und Czako, sowie Cujacius
und Wrschowitz. Außerdem ein, behufs Abschluß seiner
landwirtschaftlichen Studien, erst seit kurzem in Berlin
lebender junger Baron von Planta, Neffe der verstorbenen
Gräfin, zu dem sich zunächst ein Premierlieutenant von
Szilagy (Freund und früherer Regimentskamerad von
Woldemar) und des weiteren ein Dr. Pusch gesellte, den die
Barbys noch von ihren Londoner Tagen her gut kannten.
Dem Brautpaare gegenüber saßen die beiden Väter, beziehungsweise Schwiegerväter. Da weder der eine noch
der andre zu den Rednern zählte, so ließ Frommel das
Brautpaar in einem Toaste leben, drin Ernst und Scherz,
Christlichkeit und Humor in glücklichster Weise verteilt
waren. Alles war entzückt, der alte Stechlin, Frommels
Tischnachbar, am meisten. Beide Herren hatten sich schon
vorher angefreundet, und als nach Erledigung des offiziellen Toastes das Tischgespräch ganz allgemein wieder
in Konversation mit dem Nachbar überging, sahen sich
Frommel und der alte Stechlin in Anknüpfung einer
intimeren Privatunterhaltung nicht weiter behindert.

„Ihr Herr Sohn,“ sagte Frommel, „wovon ich
mich persönlich überzeugen konnte, wohnt sehr hübsch.
Darf ich daraus schließen, daß Sie sich bei ihm einlogiert haben?“

„Nein, Herr Hofprediger. So bei Kindern wohnen
ist immer mißlich. Und mein Sohn weiß das auch;
er kennt den Geschmack oder meinetwegen auch bloß
die Schrullenhaftigkeit seines Vaters, und so hat er
mich, was immer das beste bleibt, in einem Hotel
untergebracht.“

„Und Sie sind da zufrieden?“

„Im höchsten Maße, wiewohl es ein bißchen über
mich hinausgeht. Ich bin noch aus der Zeit von Hotel
de Brandebourg, an dem mich immer nur die Französierung
ärgerte, — sonst alles vorzüglich. Aber solche Gasthäuser
sind eben, seit wir Kaiser und Reich sind, mehr oder
weniger altmodisch geworden, und so bin ich denn durch
meinen Sohn im Hotel Bristol untergebracht worden.
Alles ersten Ranges, kein Zweifel, wozu noch kommt,
daß mich der bloße Name schon erheitert, der neuerdings jeden Mitbewerb so gut wie ausschließt. Als ich
noch Lieutenant war, freilich lange her, mußten alle
Witze von Glasbrenner oder von Beckmann sein. Beckmann war erster Komiker, und wenn man in Gesellschaft sagte: ‚da hat ja wieder der Beckmann …‘ so
war man mit seiner Geschichte so gut wie 'raus. Und
wie damals mit den Witzen, so heute mit den Hotels.
Alle müssen ‚Bristol‘ heißen. Ich zerbreche mir den Kopf
darüber, wie gerade Bristol dazu kommt. Bristol ist
doch am Ende nur ein Ort zweiten Ranges, aber Hotel
Bristol ist immer prima. Ob es hier wohl Menschen
giebt, die Bristol je gesehn haben? Viele gewiß nicht,
denn Schiffskapitäne, die zwischen Bristol und New-York fahren, sind in unserm guten Berlin immer noch
Raritäten. Übrigens darf ich bei allem Respekt vor
meinem berühmten Hotel sagen, unberühmte sind meist
interessanter. So zum Beispiel bayrische Wirtshäuser
im Gebirge, wo man eine dicke Wirtin hat, von der
es heißt, sie sei mal schön gewesen, und ein Kaiser oder
König habe ihr den Hof gemacht. Und dazu dann
Forellen und ein Landjäger, der eben einen Wilderer
oder Haberfeldtreiber über den stillen See bringt. An
solchen Stellen ist es am schönsten. Und ist der See
aufgeregt, so ist es noch schöner. Das alles würde
mir unser Baron Berchtesgaden, der da drüben sitzt,
gewiß gern bestätigen und Sie, Herr Hofprediger, bestätigen es mir schließlich auch. Denn mir fällt eben
ein, Sie waren ja mit unserm guten Kaiser Wilhelm,
dem letzten Menschen, der noch ein wirklicher Mensch
war, immer in Gastein zusammen und viel an seiner
Seite. Jetzt hat man statt des wirklichen Menschen den
sogenannten Übermenschen etabliert; eigentlich giebt es
aber bloß noch Untermenschen, und mitunter sind es
gerade die, die man durchaus zu einem „Über“ machen
will. Ich habe von solchen Leuten gelesen und auch
welche gesehn. Ein Glück, daß es, nach meiner Wahrnehmung, immer entschieden komische Figuren sind,
sonst könnte man verzweifeln. Und daneben unser alter
Wilhelm! Wie war er denn so, wenn er so still seine
Sommertage verbrachte? Können Sie mir was von
ihm erzählen? So was, woran man ihn so recht
eigentlich erkennt.“

„Ich darf sagen ‚ja‘, Herr von Stechlin. Habe
so was mit ihm erlebt. Eine ganz kleine Geschichte;
aber das sind gerade die besten. Da hatten wir mal
einen schweren Regentag in Gastein, so daß der alte
Herr nicht ins Freie kam, und statt draußen in den
Bergen, in seinem großen Wohnzimmer seinen gewohnten
Spaziergang machen mußte, so gut es eben ging. Unter
ihm aber (was er wußte) lag ein Schwerkranker. Und
nun denken Sie sich, als ich bei dem guten alten Kaiser
eintrete, seh' ich ihn, wie er da lange Läufer und
Teppiche zusammenschleppt und übereinander packt, und
als er mein Erstaunen sieht, sagt er mit einem unbeschreiblichen und mir unvergeßlichen Lächeln: ‚Ja, lieber
Frommel, da unter mir liegt ein Kranker; ich mag nicht,
daß er die Empfindung hat, ich trample ihm da so
über den Kopf hin …‘ Sehn Sie, Herr von Stechlin,
da haben Sie den alten Kaiser.“

Dubslav schwieg und nickte. „Wie beneid' ich Sie,
so was erlebt zu haben,“ hob er nach einer Weile an.
„Ich kannt' ihn auch ganz gut, das heißt in Tagen,
wo er noch Prinz Wilhelm war, und dann oberflächlich
auch später noch. Aber seine eigentliche Zeit ist doch
seine Kaiserzeit.“

„Gewiß, Herr von Stechlin. Es wächst der Mensch
mit seinen größern Zwecken.“

„Richtig, richtig,“ sagte Dubslav, „das schwebte
mir auch vor; ich konnt' es bloß nicht gleich finden.
Ja, so war er, und so einen kriegen wir nicht wieder.
Übrigens sag' ich das in aller Reverenz. Denn ich bin
kein Frondeur. Fronde mir gräßlich und paßt nicht für
uns. Bloß mitunter, da paßt sie doch vielleicht.“

Inzwischen war die siebente Stunde herangekommen
und um halb acht ging der Zug, mit dem das junge
Paar noch bis Dresden wollte, dieser herkömmlich ersten
Etappe für jede Hochzeitsreise nach dem Süden. Man
erhob sich von der Tafel, und während die Gäste,
bunte Reihe machend, untereinander zu plaudern begannen, zogen sich Woldemar und Armgard unbemerkt
zurück. Ihr Reisegepäck war seit einer Stunde schon
voraus, und nun hielt auch der viersitzige Wagen vor
dem Barbyschen Hause. Die Baronin und Melusine
hatten sich zur Begleitung des jungen Paares miteinander verabredet und nahmen jetzt, ohne daß Woldemar und Armgard es hindern konnten, die beiden
Rücksitze des Wagens ein. Das ergab aber, besonders
zwischen den zwei Schwestern, eine vollkommene Rang- und Höflichkeitsstreiterei. „Ja, wenn es jetzt in die
Kirche ginge,“ sagte Armgard, „so hättest du recht.
Aber unser Wagen ist ja schon wieder ein ganz einfacher
Landauer geworden, und Woldemar und ich sind, vier
Stunden nach der Trauung, schon wider wie zwei gewöhnliche Menschen. Und sich dessen bewußt zu werden,
damit kann man nicht früh genug anfangen.“

„Armgard, du wirst mir zu gescheit,“ sagte Melusine.

Man einigte sich zuletzt, und als der Wagen am
Anhalter Bahnhof eintraf, waren Rex und Czako bereits
da, — beide mit Riesensträußen, — zogen sich aber unmittelbar nach Überreichung ihrer Bouquets wieder zurück.
Nur die Baronin und Melusine blieben noch auf dem
Bahnsteig und warteten unter lebhafter Plauderei bis
zum Abgange des Zuges. In dem von dem jungen
Paare gewählten Coupé befanden sich noch zwei Reisende;
der eine, blond und artig und mit goldener Brille,
konnte nur ein Sachse sein, der andre dagegen, mit
Pelz und Juchtenkoffer, war augenscheinlich ein „Internationaler“ aus dem Osten oder selbst aus dem Südosten Europas.

Nun aber hörte man das Signal, und der Zug
setzte sich in Bewegung.

Die Baronin und Melusine grüßten noch mit ihren
Tüchern. Dann bestiegen sie wieder den draußen haltenden
Wagen. Es war ein herrliches Wetter, einer jener Vorfrühlingstage, wie sie sich gelegentlich schon im Februar
einstellen.

„Es ist so schön,“ sagte Melusine. „Benutzen
wir's. Ich denke, liebe Baronin, wir fahren hier zunächst am Kanal hin in den Tiergarten hinein und dann
an den Zelten vorbei bis in Ihre Wohnung.“

Eine Weile schwiegen beide Damen; im Augenblick
aber, wo sie von dem holprigen Pflaster in den stillen
Asphaltweg einbogen, sagte die Baronin: „Ich begreife
Stechlin nicht, daß er nicht ein Coupé apart genommen.“

Melusine wiegte den Kopf.

„Den mit der goldenen Brille,“ fuhr die Baronin
fort, „den nehm' ich nicht schwer. Ein Sachse thut
keinem was und ist auch kaum eine Störung. Aber
der andre mit dem Juchtenkoffer. Er schien ein Russe,
wenn nicht gar ein Rumäne. Die arme Armgard.
Nun hat sie ihren Woldemar und hat ihn auch wieder
nicht.“

„Wohl ihr.“

„Aber Gräfin …“

„Sie sind verwundert, liebe Baronin, mich das
sagen zu hören. Und doch hat's damit nur zu sehr
seine Richtigkeit: gebranntes Kind scheut das Feuer.“

„Aber Gräfin …“

„Ich verheiratete mich, wie Sie wissen, in Florenz
und fuhr an demselben Abende noch bis Venedig.
Venedig ist in einem Punkte ganz wie Dresden: nämlich erste Station bei Vermählungen. Auch Ghiberti
— ich sage immer noch lieber ‚Ghiberti‘ als ‚mein
Mann‘; ‚mein Mann‘ ist überhaupt ein furchtbares
Wort — auch Ghiberti also hatte sich für Venedig entschieden. Und so hatten wir denn den großen Apennintunnel zu passieren.“

„Weiß, weiß. Endlos.“

„Ja, endlos. Ach, liebe Baronin, wäre doch da
wer mit uns gewesen, ein Sachse, ja selbst ein Rumäne.
Wir waren aber allein. Und als ich aus dem Tunnel
heraus war, mußt' ich, welchem Elend ich entgegenlebte.“

„Liebste Melusine, wie beklag' ich Sie; wirklich,
teuerste Freundin, und ganz aufrichtig. Aber so gleich
ein Tunnel. Es ist doch auch wie ein Schicksal.“

Rex und Czako hatten sich unmittelbar nach Überreichung ihrer Bouquets vom Bahnhof her in die
Königgrätzerstraße zurückgezogen, und hier angekommen,
sagte Czako: „Wenn es Ihnen recht ist, Rex, so gehen
wir bis in das Restaurant Bellevue.“

„Tasse Kaffee?“

„Nein; ich möchte gern was ordentliches essen.
Drei Löffel Suppe, 'ne Forelle en miniature und ein
Poulardenflügel, — das ist zu wenig für meine Verhältnisse. Rund heraus, ich habe Hunger.“

„Sie werden sich zu gut unterhalten haben.“

„Nein, auch das nicht. Unterhaltung sättigt außerdem,
wenigstens Menschen, die wie ich, wenn Sie auch drüber
lachen, aufs Geistige gestellt sind. Ein bißchen mag
ich übrigens an meinem elenden Zustande selbst schuld
sein. Ich habe nämlich immer nur die Gräfin angesehn und begreife nach wie vor unsren Stechlin nicht.
Nimmt da die Schwester! Er hatte doch am Ende die
Wahl. Der kleine Finger der Gräfin (und ihr kleiner Zeh'
nun schon ganz gewiß) ist mir lieber als die ganze Comtesse.“

„Czako, Sie werden wieder frivol.“

Vierunddreißigstes Kapitel.

Unter den Hochzeitsgästen hatte sich, wie schon kurz
erwähnt, auch ein Dr. Pusch befunden, ein gewandter
und durchaus weltmännisch wirkender Herr mit gepflegtem,
aber schon angegrautem Backenbart. Er war vor etwa
fünfundzwanzig Jahren an der Assessorecke gescheitert und
hatte damals nicht Lust gehabt, sich ein zweites Mal
in die Zwickmühle nehmen zu lassen. „Das Studium
der Juristerei ist langweilig und die Carriere hinterher
miserabel“ — so war er denn als Korrespondent für
eine große rheinische Zeitung nach England gegangen
und hatte sich dort auf der deutschen Botschaft einzuführen gewußt. Das ging so durch Jahre. Ziemlich
um dieselbe Zeit aber, wo der alte Graf seine Londoner
Stellung aufgab, war auch Dr. Pusch wieder flügge geworden und hatte sich nach Amerika hinüber begeben.
Er fand indessen das Freie dort freier, als ihm lieb war,
und kehrte sehr bald, nachdem er es erst in New-York, dann
in Chicago versucht hatte, nach Europa zurück. Und
zwar nach Deutschland. „Wo soll man am Ende leben?“
Unter dieser Betrachtung nahm er schließlich in Berlin
wieder seinen Wohnsitz. Er war ungeniert von Natur
und ein klein wenig überheblich. Als wichtigstes Ereignis seiner letzten sieben Jahre galt ihm sein Übertritt
vom Pilsener zum Weihenstephan. „Sehen Sie, meine
Herren, vom Weihenstephan zum Pilsener, das kann
jeder; aber das Umgekehrte, das ist was. Chinesen
werden christlich, gut. Aber wenn ein Christ ein Chinese
wird, das ist doch immer noch eine Sache von Belang.“

Pusch, als er sich in Berlin niederließ, hatte sich
auch bei den Barbys wieder eingeführt; Melusine entsann sich seiner noch, und der alte Graf war froh, die
zurückliegenden Zeiten wieder durchsprechen und von
Sandrigham und Hatfieldhouse, von Chatsworth und
Pembroke-Lodge plaudern zu können. Eigentlich paßte
der etwas weitgehende Ungeniertheitston, in dem der
Doktor seiner Natur wie seiner New-Yorker Schulung
nach zu sprechen liebte, nicht sonderlich zu den Gepflogenheiten des alten Grafen; aber es lag doch auch wieder
ein gewisser Reiz darin, ein Reiz, der sich noch verdoppelte durch das, was Pusch aus aller Welt Enden
mitzuteilen wußte. Brillanter Korrespondent, der er war,
unterhielt er Beziehungen zu den Ministerien und, was
fast noch schwerer ins Gewicht fiel, auch zu den Gesandtschaften. Er hörte das Gras wachsen. Auf Titulaturen ließ er sich nicht ein; die vielen Telegramme
hatten einen gewissen allgemeinen Telegrammstil in ihm
gezeitigt, dessen er sich nur entschlug, wenn er ins Ausmalen kam. Es war im Zusammenhang damit, daß er
gegen Worte wie: „Wirklicher Geheimer Ober-Regierungsrat“ einen förmlichen Haß unterhielt. Herzog von Ujest
oder Herzog von Ratibor waren ihm, trotz ihrer Kürze,
immer noch zu lang, und so warf er denn statt ihrer
einfach mit ‚Hohenlohes‘ um sich. In der That, er
hatte mancherlei Schwächen. Aber diese waren doch
auch wieder von eben so vielen Tugenden begleitet. So
beispielsweise sah er über alles, was sich an Liebesgeschichten ereignete, mit einer beinah’ vornehmen Gleichgültigkeit hinweg, was manchem sehr zu patz kam. Ob
dies Drüberhinsehn bloß Geschäftsmaxime war, oder ob
er all dergleichen einfach alltäglich und deshalb mehr
oder weniger langweilig fand, war nicht recht festzustellen;
er kultivierte dafür mit Vorliebe das Finanzielle, vielleicht davon ausgehend, daß, wer die Finanzen hat,
auch selbstverständlich alles andere hat, besonders die
Liebe.

Das war Dr. Pusch. Er schloß sich, als man aufbrach, einer Gruppe von Personen an, die den „angerissenen Abend“ noch in einem Lokal verbringen wollten.

„Ja, wo?“

„Natürlich Siechen.“

„Ach, Siechen. Siechen ist für Philister.“

„Nun denn also, beim ,schweren Wagner‘.“

„Noch philiströser. Ich bin für Weihenstephan.“

„Und ich für Pilsener.“

Man einigte sich schließlich auf ein Lokal in der
Friedrichstraße, wo man beides haben könne.

Die Herren, die dahin aufbrachen, waren außer
Pusch noch der junge Baron Planta, dann Cujacius
und Wrschowitz und abschließend Premierleutnant von
Szilagy, der, wie schon angedeutet, früher bei den Gardedragonern gestanden, aber wegen einer großen Generalbegeisterung für die Künste, das Malen und Dichten
obenan, schon vor etlichen Jahren seinen Abschied genommen hatte. Mit seinen Genrebildern war er nicht
recht von der Stelle gekommen, weshalb er sich neuerdings der Novellestik zugewandt und einen Sammelband
unter dem bescheidenen Titel „Bellis perennis“ veröffentlicht hatte. Lauter kleine Liebesgeschichten.

Alle fünf Herren, mit alleiniger Ausnahme des jungen
Graubündner Barons, erwiesen sich von Anfang an als
ziemlich aufgeregt und jeder ihnen Zuhörende hätte sofort
das Gefühl haben müssen, daß hier viel Explosionsstoff
aufgehäuft sei. Trotzdem ging es zunächst gut; Wrschowitz hielt sich in Grenzen, und selbst Cujacius, der nicht
gern andern das Wort ließ, freute sich über Puschs
Schwadronage, vielleicht weil er nur das heraushörte,
was ihm gerade paßte.

Leutnant von Szilagy — man kam vom Hundertsten aufs Tausendste — wurde bei den Fragen, die
hin und her gingen, von ungefähr auch nach seinem
Novellenbande gefragt und ob er Freude daran gehabt habe.

„Nein, meine Herren,“ sagte Szilagy, „das kann
ich leider nicht sagen. Ich habe Bellis perennis auf
eigne Kosten herstellen lassen und hundertzehn Rezensionsexemplare verschickt, unter Beilegung eines Zettels; der
ist denn auch von einigen Zeitungen abgedruckt worden,
aber nur von ganz wenigen. Im übrigen schweigt die Kritik.“

„O, Krittikk,“ sagte Wrschowitz. „Ich liebe Krittikk.
Aber gutte Krittikk schweigt.“

„Und doch,“ fuhr Szilagy fort, der sich in dem
etwas delphischen Ausspruch des guten Wrschowitz nicht
gleich zurecht finden konnte, „doch sind diese schmerzlichen
Gefühle nichts gegen das, was voraufgegangen. Ich
unterhielt nämlich vor Erscheinen des Buches selbst die
Hoffnung in mir, einige dieser kleinen Arbeiten in einem
Parteiblatt und, als dies mißlang, in einem Familienjournal unterbringen zu können. Aber ich scheiterte …“

„Ja, natürlich scheiterten Sie,“ sagte Pusch, „das
spricht für Sie. Lassen Sie sich sagen und raten, denn
ich weiß in diesen Dingen einigermaßen Bescheid. War
nämlich drüben, ja ich darf beinah' sagen, ich war
doppelt drüben, erst drüben in England und dann drüben
in Amerika. Da versteht man's. Ja, du lieber Himmel,
dies bedruckte Löschpapier! Man lebt davon und es
regiert eigentlich die Welt. Aber, aber … Und dabei,
wenn ich recht gehört habe, sprachen Sie von Parteiblatt, — furchtbar. Und dann sprachen Sie von Familienjournal, — zweimal furchtbar!“

„Haben Sie selbst Erfahrungen gemacht auf diesem
schwierigen Gebiete?“

„Nein, Herr von Szilagy, so tief ließ mich die
Gnade nicht sinken. Aber ich treibe mein Wesen über
dem Strich, und wenn man so Wand an Wand wohnt,
da weiß man doch einigermaßen, wie's bei dem Nachbar
aussieht. Ach, und außerdem, wie so mancher hat mir sein
Herz ausgeschüttet und mir dabei seine liebe Not geklagt!
Wer's nicht leicht nimmt, der ist verloren. Roman,
Erzählung, Kriminalgeschichte. Jeder, der der großen
Masse genügen will, muß ein Loch zurückstecken. Und
wenn er das redlich gethan hat, dann immer noch eins.
Es giebt eine Normalnovelle. Etwa so: tiefverschuldeter
adeliger Assessor und ‚Sommerleutnant‘ liebt Gouvernante von stupender Tugend, so stupende, daß sie, wenn
geprüft, selbst auf diesem schwierigsten Gebiete bestehen
würde. Plötzlich aber ist ein alter Onkel da, der den
halb entgleisten Neffen an eine reiche Cousine standesgemäß zu verheiraten wünscht. Höhe der Situation!
Drohendster Konflikt. Aber in diesem bedrängten Moment
entsagt die Cousine nicht nur, sondern vermacht ihrer
Rivalin auch ihr Gesamtvermögen. Und wenn sie nicht
gestorben sind, so leben sie heute noch … Ja, Herr von
Szilagy, wollen Sie damit konkurrieren?“

Alles stimmte zu; nur Baron Planta meinte:
„Dr. Pusch, pardon, aber ich glaube beinah', Sie übertreiben. Und Sie wissen es auch.“

Pusch lachte: „Wenn man etwas derart sagt, übertreibt man immer. Wer ängstlich abwägt, sagt gar
nichts. Nur die scharfe Zeichnung, die schon die Karrikatur streift, macht eine Wirkung. Glauben Sie, daß
Peter von Amiens den ersten Kreuzzug zusammen getrommelt hätte, wenn er so etwa beim Erdbeerpflücken
einem Freunde mitgeteilt hätte, das Grab Christi sei
vernachlässigt, und es müsse für ein Gitter gesorgt
werden?!“

„Sehr gutt, sehr gutt.“

„Und so auch, meine Herren, wenn ich von
moderner Litteratur spreche. Herr von Szilagy, den
wir so glücklich sind, unter uns zu sehn, soll aufgerichtet,
seine Seele soll mit neuem Vertrauen erfüllt werden.
Oder aber mit Heiterkeit, was noch besser ist. Er soll
wieder lachen können. Und wenn man solche Wirkung erzielen will, ja, dann muß man eben deutlich und zugleich
etwas phantastisch sprechen. Indessen auch ernsthaft angesehen, wie steht es denn mit der Herstellung (ich vermeide mit Vorbedacht das Wort ‚Schöpfung‘) oder
gar mit dem Verschleiß der meisten dieser Dinge!
Lassen Sie mich in einem Bilde sprechen. Da haben
wir jetzt in unsern Blumenläden allerlei Kränze, voran
den aus Eichenlaub und Lorbeer bestehenden und meist
noch behufs besserer Dauerbarkeit auf eine herzhafte
Weidenrute geflochtenen Urkranz. Und nun treten Sie,
je nach der Situation, an die sich Inhen mit betrübter
oder auch mit lächelnder Miene nähernde Kranzbinderin
heran, um zu Begräbnis oder Trauung Ihre Bestellung
zu machen, zu drei Mark oder zu fünf oder zu zehn.
Und genau dieser Bestellung entsprechend, werden in den
vorgeschilderten Urkranz etliche Georginen oder Teichrosen
eingebunden und bei stattgehabter Höchstbewilligung sogar
eine Orchidee von ganz unglaublicher Form und Farbe.“

„Kenne die Orchidee,“ rief Wrschowitz in höchster
Ekstase „lila mit gelb.“

Pusch nickte, zugleich in steigendem Übermut fortfahrend: „Und genau so mit der Urnovelle. Die liegt
fertig da wie der Urkranz; nichts fehlt, als der Aufputz, der nunmehr freundschaftlich verabredet wird. Bei
Höchstbewilligung wird ein Verstoß gegen die Sittlichkeit eingeflochten. Das ist dann die große Orchidee,
lila mit gelb, wie Freund Wrschowitz sehr richtig hervorgehoben hat.“

„Unter diesen Umständen,“ bemerkte hier Baron
Planta, „will es mir als ein wahres Glück erscheinen,
daß Herr von Szilagy, wie ich höre, mehrere Eisen im
Feuer hat. Was ihm die Novellistik schuldig bleibt,
muß ihm die Malerei bringen.“

„Was sie leider bisher nicht that und mutmaßlich auch nie thuen wird,“ lachte Szilagy halb wehmütig,
„trotzdem ich vom Genrebild aus, mit dem ich anfing,
eine Schwenkung gemacht und mich unter Anleitung
meines Freundes Salzmann neuerdings der Marinemalerei
zugewandt habe. Mitunter auch Bataillen. Und was die
blauen Töne betrifft, so darf ich vielleicht behaupten, hinter
keinem zurückgeblieben zu sein. Habe mich außerdem in
Gudin und William Turner vergafft. Aber trotzdem …“

„Aber trotzdem ohne rechten Erfolg,“ unterbrach
hier Cujacius, „was mich nicht Wunder nimmt. Was
wollen Sie mit Gudin oder gar mit Turner? Wer
das Meer malen will, muß nach Holland gehn und die
alten Niederländer studieren. Und unter den Modernen
vor allem die Skandinaven: die Norweger, die Dänen.“

Wrschowitz zuckte zusammen.

„Wir haben da beispielsweise den Melby, Däne
pur sang, der sehr gut und beinah' bedeutend ist.“

„O nein, nein,“ platzte jetzt Wrschowitz mit immer
mehr erzitternder Stimme heraus. „Nicht serr gutt,
nicht bedeutend, auch nicht einmal beinah bedeutend.“

„Der sehr bedeutend ist,“ wiederholte Cujacius.
„Grade darin bedeutend, daß er nicht bedeutend sein
will. Er erhebt keine falschen Prätensionen; er ist
schlicht, ohne Phantastereien, aber stimmungsvoll; und
wenn ich Bilder von ihm sehe, besonders solche wo das
graublaue Meer an einer Klippe brandet, so berührt
mich das jedesmal spezifisch skandinavisch, etwa wie der
ossianische Meereszauber in den Kompositionen unsers
trefflichen Niels Gade.“

„Niels Gade? Von Niels Gade spricht man
nicht.“

„Ich spreche von Niels Gade. Seine Kompositionen reichen bis an Mendelssohn heran.“

„Was ihn nicht größer macht.“

„Doch, mein Herr Doktor. Wirkliche Kunstgrößen
zu stürzen, dazu reichen Überheblichkeiten nicht aus.“

„Was Sie nicht abhielt, mein Herr Professor, den
großen Gudin culbütieren zu wollen.“

„Über Malerei zu sprechen, steht mir zu.“

„Über Musik zu sprechen, steht mir zu.“

„Sonderbar. Immer Personen aus unkontrolierbaren Grenzbezirken führen bei uns das große Wort.“

„Ich bin Tscheche. Weiß aber, daß es ein deutsches Sprichwort giebt: „Der Deutsche lüggt, wenn er
höfflich wird“.“

„Weshalb ich unter Umständen darauf verzichte.“

„En quoi vous réussissez à merveille.“

„Aber meine Herren,“ warf Pusch hier ein, den
die ganze Streiterei natürlich entzückte, „könnten wir
nicht das Kriegsbeil begraben? Proponiere: Begegnung
auf halbem Wege; shaking hands. Nehmen Sie zurück,
hüben und drüben.“

„Nie,“ donnerte Cujacius.

„Jamais,“ sagte Wrschowitz.

Und damit erhoben sich alle. Cujacius und Pusch
hatten die Tete, Wrschowitz und Baron Planta folgten
in einiger Entfernung. Szilagy war vorsichtigerweise
abgeschwenkt.

Wrschowitz, immer noch in großer Erregung, mühte
sich dem jungen Graubündner auseinander zu setzen,
daß Cujacius ganz allgemein den Ruf eines Krakehlers
habe. „Je vous assure, Monsieur le Baron, il est
un fou et plus que ça — un blagueur.“

Baron Planta schwieg und schien seinen Begleiter
im Stich lassen zu wollen. Aber er bekehrte sich, als
er einen Augenblick danach von der Front her die mit
immer steigender Heftigkeit ausgestoßenen Worte hörte:
Kaschube, Wende, Böhmake.

Fünfunddreißigstes Kapitel.

Um dieselbe Stunde, wo sich die fünf Herren von
der Barbyschen Hochzeitstafel entfernt hatten, waren
auch Baron Berchtesgaden und Hofprediger Frommel
aufgebrochen, so daß sich, außer dem Brautvater, nur
noch der alte Stechlin im Hochzeitshause befand. Dieser
hatte sich — Melusine war vom Bahnhofe noch nicht
wieder da — vom Eßsaal her zunächst in das verwaiste
Damenzimmer und von diesem aus auf die Loggia
zurückgezogen, um da die Lichter im Strom sich spiegeln
zu sehn und einen Zug frische Luft zu thun. An dieser
Stelle fand ihn denn auch schließlich der alte Graf und
sagte, nachdem er seinem Staunen über den gesundheitlich
etwas gewagten Aufenthalt Ausdruck gegeben hatte:
„Nun aber, mein lieber Stechlin, wollen wir endlich
einen kleinen Schwatz haben und uns näher mit einander bekannt machen. Ihr Zug geht erst zehn ein halb;
wir haben also noch beinah’ anderthalb Stunden.“

Und dabei nahm er Dubslavs Arm, um ihn in
sein Wohnzimmer, das bis dahin als Estaminet gedient
hatte, hinüberzuführen.

„Erlauben Sie mir,“ fuhr er hier fort, „daß ich
zunächst mein halb eingewickeltes und halb eingeschientes
Elefantenbein auf einen Stuhl strecke; es hat mich all
die Zeit über ganz gehörig gezwickt, und namentlich das
Stehen vor dem Altar ist mir blutsauer geworden.
Bitte, rücken Sie heran. Es ging während unsers kleinen
Diners alles so rasch, und ich wette, Sie sind bei dem
Kaffee ganz erheblich zu kurz gekommen. Der Moment,
wo das Bier herumgereicht wird, ist in den Augen des
modernen Menschen immer das wichtigste; da wird dann
der Kaffeezeit manches abgeknapst.“

Und dabei drückte er auf den Knopf der Klingel.

„Jeserich, noch eine Tasse für Herrn von Stechlin
und natürlich einen Cognac oder Curaçao oder lieber
die ganze ‚Benedektinerabtei‘, — Witz von Cujacius,
für den Sie mich also nicht verantwortlich machen
dürfen … Leider werde ich Ihnen diesem ‚zweiten
Kaffee‘ nicht Gesellschaft leisten können; ich habe mich
schon bei Tische mit einer lügnerisch und bloß anstandshalber in einen Champagnerkübel gestellten Apollinarisflasche begnügen müssen. Aber was hilft es, man will
doch nicht auffallen mit all seinen Gebresten.“

Dubslav war der Aufforderung des alten Grafen
nachgekommen und saß, eine Lampe mit grünem Schirm
zwischen sich und ihm, seinem Wirte gerade gegenüber.
Jeserich kam mit der Tablette.

„Den Cognac,“ fuhr der alte Barby fort, „kann
ich Ihnen empfehlen; noch Beziehungen aus Zeiten her,
wo man mit einem Franzosen ungeniert sprechen und
nach einer guten Firma fragen konnte. Waren Sie siebzig noch mit dabei?“

„Ja, so halb. Eigentlich auch das kaum. Aus
meinem Regiment war ich lange heraus. Nur als
Johanniter.“

„Ganz wie ich selber.“

„Eine wundervolle Zeit dieser Winter siebzig,“ fuhr
Dubslav fort, „auch rein persönlich angesehn. Ich hatte
damals das, was mir zeitlebens, wenn auch nicht absolut,
so doch mehr als wünschenswert gefehlt hatte: Fühlung
mit der großen Welt. Es heißt immer, der Adel gehöre auf seine Scholle, und je mehr er mit der verwachse, desto besser sei es. Das ist auch richtig. Aber
etwas ganz Richtiges giebt es nicht. Und so muß ich
denn sagen, es war doch 'was Erquickliches, den alten
Wilhelm so jeden Tag vor Augen zu haben. Hab'
ihn freilich immer nur flüchtig gesehn, aber auch das
war schon eine Herzensfreude. Sie nennen ihn jetzt
den ‚Großen‘ und stellen ihn neben Fridericus Rex.
Nun, so einer war er sicherlich nicht, an den reicht er
nicht 'ran. Aber als Mensch war er ihm über, und das
giebt, mein' ich, in gewissem Sinne den Ausschlag,
wenn auch zur ‚Größe‘ noch was anders gehört. Ja,
der alte Fritz! Man kann ihn nicht hoch genug stellen;
nur in einem Punkte find' ich trotzdem, daß wir eine
falsche Position ihm gegenüber einnehmen, gerade wir
vom Adel. Er war nicht so sehr für uns, wie wir
immer glauben oder wenigstens nach außen hin versichern. Er war für sich und für das Land oder, wie
er zu sagen liebte, ‚für den Staat‘. Aber daß wir
als Stand und Kaste so recht was von ihm gehabt
hätten, das ist eine Einbildung.“

„Überrascht mich, aus Ihrem Munde zu hören.“

„Ist aber doch wohl richtig. Wie lag es denn
eigentlich? Wir hatten die Ehre, für König und Vaterland hungern und dursten und sterben zu dürfen, sind
aber nie gefragt worden, ob uns das auch passe. Nur
dann und wann erfuhren wir, daß wir ,Edelleute‘ seien
und als solche mehr ,Ehre‘ hätten. Aber damit war
es auch gethan. In seiner innersten Seele rief er uns
eigentlich genau dasselbe zu, wie den Grenadieren bei
Torgau. Wir waren Rohmaterial und wurden von ihm
mit meist sehr kritischem Auge betrachtet. Alles in allem,
lieber Graf, find' ich unser Jahr dreizehn eigentlich um
ein Erhebliches größer, weil alles, was geschah, weniger
den Befehlscharakter trug und mehr Freiheit und Selbstentschließung hatte. Ich bin nicht für die patentierte
Freiheit der Parteiliberalen, aber ich bin doch für ein
bestimmtes Maß von Freiheit überhaupt. Und wenn
mich nicht alles täuscht, so wird auch in unsern Reihen
allmählich der Glaube lebendig, daß wir uns dabei, —
besonders auch rein praktisch-egoistisch, — am besten stehn.“

Der alte Barby freute sich sichtlich dieser Worte.
Dubslav aber fuhr fort: „Übrigens, das muß ich sagen
dürfen, lieber Graf, Sie wohnen hier brillant an Ihrem
Kronprinzenufer; ein entzückender Blick, und Fremde
würden vielleicht kaum glauben, daß an unsrer alten
Spree so was hübsches zu finden sei. Die Niederlassungs- und speziell die Wohnungsfrage spielt doch,
wo sich's um Glück und Behagen handelt, immer stark
mit, und gerade Sie, der Sie so lange draußen
waren, werden, ehe Sie hier dies Vis-a-vis von unsrer
Jungfernheide wählten, nicht ohne Bedenken gewesen
sein. In Bezug auf die Landschaft gewiß und in Bezug
auf die Menschen vielleicht.“

„Sagen wir, auch da gewiß. Ich hatte wirklich
solche Bedenken. Aber sie sind niedergekämpft. Vieles
gefiel mir durchaus nicht, als ich, nach langen, langen
Jahren, aus der Fremde wieder nach hier zurückkam,
und vieles gefällt mir auch noch nicht. Überall ein zu
langsames Tempo. Wir haben in jedem Sinne zu viel
Sand um uns und in uns, und wo viel Sand ist, da
will nichts recht vorwärts, immer bloß hüh und hott.
Aber dieser Sandboden ist doch auch wieder tragfähig, nicht
glänzend, aber sicher. Er muß nur, und vor allem der
moralische, die richtige Witterung haben, also zu rechter
Zeit Regen und Sonnenschein. Und ich glaube, Kaiser
Friedrich hätt' ihm diese Witterung gebracht.“

„Ich glaub' es nicht,“ sagte Dubslav.

„Meinen Sie, daß es ihm schließlich doch nicht ein
rechter Ernst mit der Sache war?“

„O nein, nein. Es war ihm Ernst, ganz und gar.
Aber es würd' ihm zu schwer gemacht worden sein.
Rund heraus, er wäre gescheitert.“

„Woran?“

„An seinen Freunden vielleicht, an seinen Feinden
gewiß. Und das waren die Junker. Es heißt immer,
das Junkertum sei keine Macht mehr, die Junker fräßen
den Hohenzollern aus der Hand und die Dynastie züchte
sie bloß, um sie für alle Fälle parat zu haben. Und
das ist eine Zeit lang vielleicht auch richtig gewesen.
Aber heut ist es nicht mehr richtig, es ist heute grundfalsch. Das Junkertum (trotzdem es vorgiebt, seine
Strohdächer zu flicken, und sie gelegentlich vielleicht auch
wirklich flickt) dies Junkertum — und ich bin inmitten
aller Loyalität und Devotion doch stolz, dies sagen zu
können — hat in dem Kampf dieser Jahre kolossal an
Macht gewonnen, mehr als irgend eine andre Partei,
die Sozialdemokratie kaum ausgeschlossen, und mitunter
ist mir's, als stiegen die seligen Quitzows wieder aus
dem Grabe herauf. Und wenn das geschieht, wenn
unsre Leute sich auf das besinnen, worauf sie sich seit
über vierhundert Jahren nicht mehr besonnen haben,
so können wir was erleben. Es heißt immer: ‚unmöglich‘. Ah bah, was ist unmöglich? Nichts ist unmöglich. Wer hätte vor dem 18. März den ‚18. März‘
für möglich gehalten, für möglich in diesem echten und
rechten Philisternest Berlin! Es kommt eben alles mal
an die Reihe; das darf nicht vergessen werden. Und
die Armee! Nun ja. Wer wird etwas gegen die Armee
sagen? Aber jeder glückliche General ist immer eine
Gefahr! Und unter Umständen auch noch andre. Sehen
Sie sich den alten Sachsenwalder an, unsren Zivil-Wallenstein. Aus dem hätte schließlich doch Gott weiß
was werden können.“

„Und Sie glauben,“ warf der Graf hier ein, „an
dieser scharfen Quitzow-Ecke wäre Kaiser Friedrich gescheitert?“

„Ich glaub' es.“

„Hm, es läßt sich hören. Und wenn so, so wär'
es schließlich ein Glück, daß es nach den 99 Tagen
anders kam und wir nicht vor diese Frage gestellt wurden.“

„Ich habe mit meinem Woldemar, der einen stark
liberalen Zug hat (ich kann es nicht loben und mag's
nicht tadeln) oft über diese Sache gesprochen. Er war
natürlich für Neuzeit, also für Experimente … Nun
hat er inzwischen das bessere Teil erwählt, und während
wir hier sprechen, ist er schon über Trebbin hinaus.
Sonderbar, ich bin nicht allzu viel gereist, aber immer,
wenn ich an diesem märkischen Neste vorbei kam, hatt'
ich das Gefühl: ‚jetzt wird es besser, jetzt bist du frei‘.
Ich kann sagen, ich liebe die ganze Sandbüchse da herum,
schon bloß aus diesem Grunde.“

Der alte Graf lachte behaglich. „Und Trebbin
wird sich von dieser Ihrer Schwärmerei nichts träumen
lassen. Übrigens haben Sie recht. Jeder lebt zu Hause
mehr oder weniger wie in einem Gefängnis und will
weg. Und doch bin ich eigentlich gegen das Reisen
überhaupt und speziell gegen die Hochzeitsreiserei. Wenn
ich so Personen in ein Coupé nach Italien einsteigen
sehe, kommt mir immer ein Dankgefühl, dieses ‚höchste
Glück auf Erden‘ nicht mehr mitmachen zu müssen. Es
ist doch eigentlich eine Qual, und die Welt wird auch
wieder davon zurückkommen; über kurz oder lang wird
man nur noch reisen, wie man in den Krieg zieht oder
in einen Luftballon steigt, bloß von Berufs wegen.
Aber nicht um des Vergnügens willen. Und wozu denn
auch? Es hat keinen rechten Zweck mehr. In alten Zeiten
ging der Prophet zum Berge, jetzt vollzieht sich das
Wunder und der Berg kommt zu uns. Das Beste vom
Parthenon sieht man in London und das Beste von Pergamum in Berlin, und wäre man nicht so nachsichtig mit
den lieben, nie zahlenden Griechen verfahren, so könnte
man sich, (am Kupfergraben,) im Laufe des Vormittags
in Mykenä und nachmittags in Olympia ergehn.“

„Ganz Ihrer Meinung, teuerster Graf. Aber doch
zugleich auch ein wenig betrübt, Sie so dezidiert gegen
alle Reiserei zu finden. Ich stand nämlich auf dem
Punkte, Sie nach Stechlin hin einzuladen, in meine
alte Kathe, die meine guten Globsower unentwegt ein
‚Schloß‘ nennen.“

„Ja, lieber Stechlin, Ihre ‚Kathe‘, das ist was
andres. Und um Ihnen ganz die Wahrheit zu sagen,
wenn Sie mich nicht eingeladen hätten (eigentlich ist
es ja noch nicht geschehn, aber ich greife bereits vor),
so hätt' ich mich bei Ihnen angemeldet. Das war
schon lange mein Plan.“

In diesem Augenblicke ging draußen die Klingel.
Es war Melusine.

„Bringe den Vätern, respektive Schwiegervätern
allerschönste Grüße. Die Kinder sind jetzt mutmaßlich
schon über Wittenberg, die große Luther- beziehungsweise Apfelkuchenstation hinaus und in weniger als zwei
Stunden fahren sie in den Dresdener Bahnhof ein.
O diese Glücklichen! Und dabei verwett' ich mich,
Armgard hat bereits Sehnsucht nach Berlin zurück.
Vielleicht sogar nach mir.“

„Kein Zweifel,“ sagte Dubslav. Die Gräfin selbst
aber fuhr fort: „Ehe man nämlich ganz Abschied von dem
alten Leben nimmt, sehnt man sich noch einmal gründlich danach zurück. Freilich, Schwester Armgard wird
weniger davon empfinden als andere. Sie hat eben
den liebenswürdigsten und besten Mann und ich könnt'
ihn ihr beinah' beneiden, trotzdem ich noch im Abschiedsmoment einen wahren Schreck kriegte, als ich ihn sagen
hörte, daß er morgen vormittag mit ihr vor die Sixtinische
Madonna treten wolle. Worte, bei denen er noch dazu
wie verklärt aussah. Und das find' ich einfach unerhört.
Warum, werden Sie mich vielleicht fragen. Nun denn, weil
es erstens eine Beleidigung ist, sich auf eine Madonna
so extrem zu freuen, wenn man eine Braut oder gar
eine junge Frau zur Seite hat, und zweitens, weil
dieser geplante Galeriebesuch einen Mangel an Disposition und Ökonomie bedeutet, der mich für Woldemars
ganze Zukunft besorgt machen kann. Diese Zukunft
liegt doch am Ende nach der agrarischen Seite hin und
richtige „Dispositionen“ bedeuten in der Landwirtschaft
so gut wie alles.“

Der alte Graf wollte widersprechen, aber Melusine ließ es nicht dazu kommen und fuhr ihrerseits fort:
„Jedenfalls, — das ist nicht wegzudisputieren, — fährt
unser Woldemar jetzt in das Land der Madonnen hinein
und will da mutmaßlich mit leidlich frischen Kräften
antreten; wenn er sich aber schon in Deutschland
etappenweise verthut, so wird er, wenn er in Rom ist,
wohl sein Programm ändern und im Café Cavour eine
Berliner Zeitung lesen müssen, statt nebenan im Palazzo
Borghese Kunst zu schwelgen. Ich sage mit Vorbedacht:
eine Berliner Zeitung, denn wir werden jetzt Weltstadt und wachsen mit unserer Presse schon über Charlottenburg hinaus … Übrigens läßt, wie das junge
Paar, so auch die Baronin bestens grüßen. Eine reizende
Frau, Herr von Stechlin, die grad Ihnen ganz besonders
gefallen würde. Glaubt eigentlich gar nichts und geriert
sich dabei streng katholisch. Das klingt widersinnig und
ist doch richtig und reizend zugleich. All die Süddeutschen
sind überhaupt viel netter als wir, und die nettesten,
weil die natürlichsten, sind die Bayern.“

Sonnenuntergang.

Sechsunddreißigstes Kapitel.

Der alte Dubslav, als er bald nach elf auf
seinem Granseer Bahnhof eintraf, fand da Martin und
seinen Schlitten bereits vor. Engelke hatte zum Glück
für warme Sachen gesorgt, denn es war inzwischen
recht kalt geworden. Im ersten Augenblicke that dem
Alten, in dessen Coupé die herkömmliche Stickluft gebrütet
hatte, der draußen wehende Ostwind überaus wohl,
sehr bald aber stellte sich ein Frösteln ein. Schon tags
zuvor, bei Beginn seiner Reise, war ihm nicht so recht zu
Mute gewesen, Kopfweh, Druck auf die Schläfe; jetzt
war derselbe Zustand wieder da. Trotzdem nahm er's
leicht damit und sah in das Sterngeflimmer über ihm.
Die wie Riesenbesen aufragenden Pappeln warfen
dunkle, groteske Schatten über den Weg, während er
die nach links und rechts hin liegenden toten Schneefelder mit den wechselnden Bildern alles dessen, was ihm
der zurückliegende Tag gebracht hatte, belebte. Da
sah er wieder die mit rotem Teppich belegte Hotel-Marmortreppe mit dem Oberkellner in Gesandtschaftsattachéhaltung, und im nächsten Augenblicke den Garnisonkirchenküster, den er anfänglich für einen zur
Feier eingeladenen Konsistorialrat gehalten hatte. Daneben aber stand die blasse, schöne Braut und die
reizende, bieg- und schmiegsame Melusine. „Ja, der
alte Barby, wenn er auf die sieht, der hat's gut, der
kann es aushalten. Immer einen guten und klugen
Menschen um sich haben, immer was hören und sehen,
was einen anlacht und erquickt, das ist was. Aber ich!
Ich für meinen Teil, gleichviel ob mit oder ohne Schuld,
ich war immer nur auf ein Pflichtteil gesetzt, — als
Kind, weil ich faul war, und als Leutnant, weil
ich nicht recht was hatte. Dann kam ein Lichtblick.
Aber gleich darnach starb sie, die mir Stab und Stütze
hätte sein können, und durch all die dreißig Jahre,
die seitdem kamen und gingen, blieb mir nichts, als
Engelke (der noch das beste war) und meine Schwester
Adelheid. Gott verzeih mir's, aber ein Trost war die
nicht; immer bloß herbe wie 'n Holzapfel.“

Unter solchen Betrachtungen fuhr er in das Dorf
ein und hielt gleich darnach vor der Thür seines alten
Hauses. Engelke war schon da, half ihm und that
sein Bestes, ihn aus der schweren Wolfsschur herauszuwickeln. Der immer noch Fröstelnde stapfte dabei
mit den Füßen, warf seinen Staatshut — den er
unterwegs, weil er ihn drückte, wohl hundertmal verwünscht hatte — mit ersichtlicher Befriedigung beiseite
und sagte gleich danach beim Eintreten in sein Zimmer:
„Ach, das is recht, Engelke. Du hast ein Feuer gemacht; du weißt, was einem alten Menschen gut thut.
Aber es reicht noch nicht aus. Ob wohl unten noch
heißes Wasser ist? So 'n fester Grog, der sollte mir
jetzt passen; ich friere Stein und Bein.“

„Heiß Wasser is nicht mehr, gnädiger Herr. Aber
ich kann ja 'ne Kasseroll' aufstellen. Oder noch besser,
ich hole den Petroleumkocher.“

„Nein, nein, Engelke, nicht so viel Umstände. Das
mag ich nicht. Und den Petroleumkocher, den erst recht
nich; da kriegt man bloß Kopfweh, und ich habe schon
genug davon. Aber bringe mir den Cognac und kaltes
Wasser. Und wenn man dann so halb und halb
nimmt, dann is es so gut, als wär' es ganz heiß gewesen.“

Engelke brachte, was gefordert, und eine Viertelstunde danach ging Dubslav zu Bett.

Er schlief auch gleich ein. Aber bald war er
wieder wach und druste nur noch so hin. So kam
endlich der Morgen heran.

Als Engelke zu gewohnter Stunde das Frühstück
brachte, schleppte sich Dubslav mühsamlich von seinem
Schlafzimmer bis an den Frühstückstisch. Aber es
schmeckte ihm nicht. „Engelke, mir ist schlecht; der
Fuß ist geschwollen, und das mit dem Cognac gestern
abend war auch nicht richtig. Sage Martin, daß er
nach Gransee fährt und Doktor Sponholz mitbringt.
Und wenn Sponholz nicht da ist — der arme Kerl
kutschiert in einem fort rum; ohne Landpraxis geht es
nicht — dann soll er warten, bis er kommt.“

Es traf sich so, wie Dubslav vermutet hatte;
Sponholz war wirklich auf Landpraxis und kam erst
nachmittags zurück. Er aß einen Bissen und stieg dann
auf den Stechliner Wagen.

„Na, Martin, was macht denn der gnäd'ge Herr?“

„Joa, Herr Doktor, ick möt doch seggen, he seiht
en beten verännert ut; em wihr schon nich so recht
letzten Sünndag un doa müßt' he joa nu grad nach
Berlin. Un ick weet schon, wenn ihrst een' nach Berlin
muß, denn is ok ümmer wat los. Ick weet nich, wat
se doa mit 'n ollen Minschen moaken.“

„Ja, Martin, das ist die große Stadt. Da übernehmen sie sich denn. Und dann war ja auch Hochzeit. Da werden sie wohl ein bißchen gepichelt haben.
Und vorher die kalte Kirche. Und dazu so viele feine
Damen. Daran ist der gnäd'ge Herr nicht mehr gewöhnt, und dann will er sich berappeln und strengt sich
an, und da hat man denn gleich was weg.“

Es dämmerte schon, als der kleine Jagdwagen auf
der Rampe vorfuhr. Sponholz stieg aus und Engelke nahm
ihm den grauen Mantel mit Doppelkragen ab und auch
die hohe Lammfellmütze, darin er — freilich das einzige
an ihm, das diese Wirkung ausübte — wie ein Perser
aussah.

So trat er denn bei Dubslav ein. Der alte Herr
saß an seinem Kamin und sah in die Flamme.

„Nun, Herr von Stechlin, da bin ich. War über
Land. Es geht jetzt scharf. Jeder dritte hustet und
hat Kopfweh. Natürlich Influenza. Ganz verdeubelte
Krankheit.“

„Na, die wenigstens hab' ich nicht.“

„Kann man nicht wissen. Ein bißchen fliegt jedem
leicht an. Nun, wo sitzt es?“

Dubslav wies auf sein rechtes Bein und sagte:
„Stark geschwollen. Und das andre fängt auch an.“

„Hm. Na, wollen mal sehen. Darf ich bitten?“

Dubslav zog sein Beinkleid herauf, den Strumpf
herunter und sagte: „Da is die Bescherung. Gicht
ist es nicht. Ich habe keine Schmerzen … Also was
andres.“

Sponholz tippte mit dem Finger auf dem geschwollenen Fuß herum und sagte dann: „Nichts von
Belang, Herr von Stechlin. Einhalten, Diät, wenig
trinken, auch wenig Wasser. Das verdammte Wasser
drückt gleich nach oben, und dann haben sie Atemnot.
Und von Medizin bloß ein paar Tropfen. Bitte, bleiben
Sie sitzen; ich weiß ja Bescheid hier.“ Und dabei ging
er an Dubslavs Schreibtisch heran, schnitt sich ein Stück
Papier ab und schrieb ein Rezept. „Ihr Kutscher, das
wird das beste sein, kann bei der Apotheke gleich mit
vorfahren.

Im Vorflur, nach Verabschiedung von Dubslav,
fuhr Sponholz alsbald wieder in seinen Mantel. Engelke
half ihm und sagte dabei: „Na, Herr Doktor?“

„Nichts, nichts, Engelke!“

Martin mit seinem Jagdwagen hielt noch wartend
auf der Rampe draußen und so ging es denn in rascher
Fahrt wieder nach der Stadt zurück, von wo der alte
Kutscher die Tropfen gleich mitbringen sollte.

Der Winterabend dämmerte schon, als Martin zurück
war und die Medizin an Engelke abgab. Der brachte
sie seinem Herrn.

„Sieh mal,“ sagte dieser, als er das rundliche
Fläschchen in Händen hielt, „die Granseer werden jetzt
auch fein. Alles in rosa Seidenpapier gewickelt.“ Auf
einem angebundenen Zettel aber stand: „Herrn Major
von Stechlin. Dreimal täglich zehn Tropfen.“ Dubslav
hielt die kleine Flasche gegen das Licht und tröpfelte
die vorgeschriebene Zahl in einen Löffel Wasser. Als er
sie genommen hatte, bewegte er die Lippen hin und
her, etwa wie wenn ein Kenner eine neue Weinsorte
probt. Dann nickte er und sagte: „Ja, Engelke, nu
geht es los. Fingerhut.“

Der alte Dubslav nahm durch mehrere Tage hin
seine Tropfen ganz gewissenhaft und fand auch, daß
sich's etwas bessere. Die Geschwulst ging um ein Geringes zurück. Aber die Tropfen nahmen ihm den
Appetit, so daß er noch weniger aß, als ihm gestattet war.

Es war ein schöner Frühmärzentag, die Mittagszeit schon vorüber. Dubslav saß an der weit offenstehenden Glasthür seines Gartensalons und las die
Zeitung. Es schien indes, daß ihm das, was er las,
nicht sonderlich gefiel. „Ach, Engelke, die Zeitung ist
ja so weit ganz gut; nur so für den ganzen Tag ist sie
doch zu wenig. Du könntest mir lieber ein Buch bringen.“

„Was für eines?“

„Is egal.“

„Da liegt ja noch das kleine gelbe Buch: „Keine
Lupine mehr!“

„Nein, nein; nicht so was. Lupine, davon hab'
ich schon so viel gelesen; das wechselt in einem fort
und eins ist so dumm wie das andre. Die Landwirtschaft kommt doch nicht wieder obenauf oder wenigstens
nicht durch so was. Bringe mir lieber einen Roman;
früher in meiner Jugend sagte man Schmöker. Ja,
damals waren alle Wörter viel besser als jetzt. Weißt
du noch, wie ich mir in dem Jahre, wo ich Zivil wurde,
den ersten Schniepel machen ließ? Schniepel is auch solch
Wort und doch wahrhaftig besser als Frack. Schniepel
hat so was Fideles: Einsegnung, Hochzeit, Kindtaufe.“

„Gott, gnädiger Herr, immer is es doch auch
nicht so. Die meisten Schniepel sind doch, wenn einer
begraben wird.“

„Richtig, Engelke. Wenn einer begraben wird.
Das war ein guter Einfall von dir. Früher würd'
ich gesagt haben ‚zeitgemäß‘; jetzt sagt man ‚opportun‘.
Hast du schon mal davon gehört?“

„Ja, gnädiger Herr, gehört hab' ich schon mal
davon.“

„Aber nich verstanden. Na, ich eigentlich auch
nich. Wenigstens nicht so recht. Und du, du warst
ja nich mal auf Schulen.“

„Nein, gnädiger Herr.“

„Alles in allem, sei froh drüber … Aber
Engelke, wenn du mir nu ein Buch gebracht hast, dann
will ich mich mit meinem Stuhl doch lieber gleich auf die
Veranda 'rausrücken. Es ist wie Frühling heut. Solche
guten Tage muß man mitnehmen. Und bringe mir
auch 'ne Decke. Früher war ich nich so für's Pimplige;
jetzt aber heißt es: besser bewahrt als beklagt.“

In dem ganzen Dreieck zwischen Rheinsberg, Kloster
Wutz und Gransee hatte sich die Nachricht von des alten
Dubslav ernster Erkrankung mehr und mehr herumgesprochen, und es war wohl im Zusammenhange damit,
daß ungefähr um dieselbe Stunde, wo Dubslav und
Engelke sich über „Schniepel“ und „opportun“ unterhielten, ein Einspänner auf die Stechliner Rampe fuhr,
ein etwas sonderbares Gefährt, dem der alte Baruch
Hirschfeld langsam und vorsichtig entstieg. Engelke war
ihm dabei behilflich und meldete gleich danach, daß der
Alte da sei.

„Der alte Baruch! Um Gottes willen, Engelke,
was will denn der? Es ist ja doch glücklicherweise nichts
los. Und so ganz aus freien Stücken. Na, laß ihn
kommen.“

Und Baruch Hirschfeld trat gleich darauf ein.

Dubslav, in seine Decke gewickelt, begrüßte den
Alten. „Aber, Baruch, um alles in der Welt, was
giebt es? Was bringen Sie? Gleichviel übrigens, ich freue
mich, Sie zu sehn. Machen Sie sich’s so bequem, wie’s
auf den drei Latten eines Gartenstuhls überhaupt möglich
ist. Und dann noch einmal: Was giebt es? Was
bringen Sie?“

„Herr Major wollen entschuldigen, es giebt nichts,
und ich bringe auch nichts. Ich kam da bloß so vorbei, Geschäfte mit Herrn von Gundermann, und da
wollt’ ich mir doch die Freiheit genommen haben, mal
nach der Gesundheit zu fragen. Habe gehört, der Herr
Major seien nicht ganz gut bei Wege.“

„Nein, Baruch, nicht ganz gut bei Wege, beinahe
schon schlecht genug. Aber lassen wir das schlimme
Neue; das Alte war doch eigentlich besser (das heißt
dann und wann), und manchmal denk' ich so an alles
zurück, was mir so gemeinschaftlich miteinander durchgemacht haben.“

„Und immer glatt, Herr Major, immer glatt, ohne
Schwierigkeiten.“

„Ja,“ lachte Dubslav, „gemacht hab' ich keine
Schwierigkeiten, aber gehabt hab' ich genug. Und
das weiß keiner besser als mein Freund Baruch. Und
nun sagen Sie mir vor allem, was macht Ihr Isidor,
der große Volksfreund? Ist er mit Torgelow noch zufrieden? Oder sieht er, daß sie da auch mit Wasser
kochen? Ich wundere mich bloß, daß ein Sohn von
Baruch Hirschfeld, Sohn und Firmateilhaber, so sehr
für den Umsturz ist.“

„Nicht für den Umsturz, Herr Major. Isidor,
wenn ich so sagen darf, ist für die alte Valuta. Aber
nebenher hat er ein Herz für die Menschheit.“

„Hat er? Na, das ist recht.“

„Und das Herz für die Menschheit, das haben wir
alle, Herr Major. Und kommt uns dabei was heraus,
so haben wir, wenn ich so sagen darf, die Dividende.
Gott der Gerechte, wir brauchen's. Und weil ich rede
von Dividende, will ich auch reden von Hypothek.
Wir haben da seit letzten Freitag 'n Kapital, Granseer
Bürger, und will's hergeben zu dreiundeinhalb.“

„Nu, Baruch, das ist hübsch. Aber im Augenblick
bin ich's nicht benötigt. Vielleicht später mal mein Woldemar. Der hat, wie Sie wissen, 'ne reiche Partie gemacht, und wer viel erheiratet, der braucht auch viel.
Man denkt immer, ‚dann hört es auf‘, aber das ist
falsch, dann fängt es erst recht an. Unter allen Umständen seien Sie bedankt, daß Sie mal haben sehen
wollen, wie's mit mir steht. Ich kann leider nur wiederholen, schlecht genug. Aber eine Weile dauert es wohl
noch. Und wenn auch nicht, mit meinem Sohne wird
sich, denk' ich, gerade so wie zwischen uns zwei beiden,
alles glatt abwickeln, glatter noch, und vielleicht können
sie gemeinschaftlich mal was Nettes herauswirtschaften,
was Ordentliches, was Großes, was sich sehen lassen kann.
Das heißt dann neue Zeit. Und nun, Baruch, müssen Sie
noch ein Glas Sherry nehmen. In unserm Alter ist
das immer das beste. Das heißt für Sie, der Sie
noch gut im Gange sind. Ich darf bloß noch mit anstoßen.“

Eine Viertelstunde später fuhr Baruch auf seinem
Wägelchen wieder in den Stechliner Wald hinein und
dachte wenig befriedigt über alles nach, was er da
drinnen gehört hatte. Die geträumten Schloß Stechlin-Tage schienen mit einemmale für immer vorüber. Alles,
was der alte Herr da so nebenher von „gemeinschaftlich
herauswirtschaften“ gesagt hatte, war doch bloß ein
Stich, eine Pike gewesen.

Ja, Baruch fühlte was wie Verstimmung. Aber
Dubslav auch. Es war ihm zu Sinn, als hätt' er
seinen alten Granseer Geld- und Geschäftsfreund (trotzdem er dessen letzte Pläne nicht einmal ahnte), zum
erstenmal auf etwas Heimlichem und Verstecktem ertappt,
und als Engelke kam, um die Sherryflasche wieder
wegzuräumen, sagte er: „Engelke, mit Baruch is es
auch nichts. Ich dachte wunder, was das für ein
Heiliger wär', und nun is der Pferdefuß doch schließlich
'rausgekommen. Wollte mir da Geld auf Hypothek
beinah' aufzwingen, als ob ich nicht schon genug davon hätte … Sonderbar, Uncke, mit seinem ewigen ‚zweideutig‘, wird am Ende doch recht behalten. Überhaupt
solche Polizeimenschen mit 'nem Karabiner über die
Schulter, das sind, bei Lichte besehn immer die feinsten
Menschenkenner. Ich ärgere mich, daß ich's nicht eher
gemerkt habe. So dumm zu sein! Aber das mit der
‚Krankheit‘ heute, das war mir doch zu viel. Wenn
sich die Menschen erst nach Krankheit erkundigen, dann
ist es immer schlimm. Eigentlich is es jedem gleich,
wie's einem geht. Und ich habe sogar welche gekannt,
die sahen sich, wenn sie so fragten, immer schon die Möbel
und Bilder an und dachten an nichts wie an Auktion.“

Siebenunddreißigstes Kapitel.

Auch die nächsten Tage waren beinahe sommerlich,
thaten dem Alten wohl und erleichterten ihm das Atmen.
Er begann wieder zu hoffen, sprach mit Wirtschaftsinspektor und Förster und war nicht bloß voll wiedererwachten Interesses, sondern überhaupt guter Dinge.

So kam Mitte März heran. Der Himmel war
blau, Dubslav saß auf seiner Veranda, den kleinen
Springbrunnen vor sich, und sah dabei das leichte weiße
Gewölk ziehen. Vom Park her vernahm er den ersten
Finkenschlag. Er mochte wohl schon eine Stunde so
gesessen haben, als Engelke kam und den Doktor meldete.

„Das ist recht, Sponholz, daß Sie kommen. Nicht
um mir zu helfen (das ist immer schlimm, wenn einem
erst geholfen werden soll), nein, um zu sehen, daß Sie
mir schon geholfen haben. Diese Tropfen. Es ist doch
was damit. Wenn sie nur nicht so schlecht schmeckten;
ich muß mir immer einen Ruck geben. Und daß sie so
grün sind. Grün ist Gift, heißt es bei den Leuten.
Eigentlich eine ganz dumme Vorstellung. Wald und
Wiese sind auch grün und doch so ziemlich unser Bestes.“

„Ja, es ist ein Spezifikum. Und ich bin froh,
daß die Digitalis hier bei Ihnen mal wieder zeigt,
was sie kann. Und bin doppelt froh, weil ich mich
auf sechs Wochen von Ihnen verabschieden muß.“

„Auf sechs Wochen. Aber, Doktor, das is ja 'ne
halbe Ewigkeit. Haben Sie Schulden gemacht und sollen
in Prison?“

„Man könnte beinahe so was denken. Denn so
lange Gransee historisch beglaubigt dasteht, ist noch kein
Doktor auf sechs Wochen weg gewesen, noch dazu ein
Kreisphysikus. Eine Doktorexistenz gestattet solchen Luxus
nicht. Wie lebt man denn hier? Und wie hat man
gelebt? Immer Furunkel aufgeschnitten, immer Karbolwatte, immer in den Wagen gestiegen, immer einem
alten Erdenbürger seinen Entlassungsschein ausgestellt
oder einen neuen Erdenbürger geholt. Und nun sechs
Wochen weg. Wie ich meinen Kreis wiederfinden werde …
nu, vielleicht hat Gott ein Einsehen.“

„Er ist doch wohl eigentlich der beste Assistenzarzt.“

„Und vor allem der billigste. Der andre, den ich
mir aus Berlin habe verschreiben müssen (ach, und so
viel Schreiberei), der ist teurer. Und meine Reise kommt
mir ohnedies schon teuer genug.“

„Aber wohin denn, Doktor?“

„Nach Pfäffers.“

„Pfäffers. Kenn' ich nicht. Und was wollen Sie
da? Warum? Wozu?“

„Meine Frau laboriert an einem Rheumatismus,
hochgradig, schon nicht mehr schön. Und da ist denn
Pfäffers der letzte Trumpf. Schweizerbad mit allen
Schikanen und wahrscheinlich auch mit allen Kosten.
Ein Granseer, der allerdings für Geld gezeigt werden
kann, war mal an diesem merkwürdigen Ort und hat
mir denn auch 'ne Beschreibung davon gemacht. Habe
natürlich auch noch im Bädeker nachgeschlagen und unter
anderm einen Fluß da verzeichnet gefunden, der Tamina
heißt. Erinnert ein bißchen an Zauberflöte und klingt
soweit ganz gut. Aber trotzdem eine tolle Geschichte,
dies Pfäffers. Soweit es nämlich als Bad in Betracht
kommt, ist es nichts als ein Felsenloch, ein großer Backofen, in den man hineingeschoben wird. Und da hockt
man denn, wie die Indianer hocken, und die Dämpfe
steigen siedeheiß von unten herauf. Wer da nicht wieder
zustande kommt, der kann überhaupt einpacken. Übrigens
will ich für meine Person gleich mit hineinkriechen. Denn
das darf ich wohl sagen, wer so fünfunddreißig Jahre
lang durch Kreis Gransee hin und her kutschiert ist, mitunter bei Ostwind, der hat sich sein Gliederreißen ehrlich
verdient. Sonderbar, daß der Hauptteil davon auf meine
Frau gefallen ist.“

„Ja, Sponholz, in einer christlichen Ehe …“

„Freilich, Herr Major, freilich. Wiewohl das mit
‚christlicher Ehe‘ auch immer bloß so so ist. Da hatten wir,
als ich noch Militär war, einen Compagniechirurgus,
richtige alte Schule, der sagte, wenn er von so was
hörte: ‚Ja, christliche Ehe, ganz gut, kenn' ich. Is wie
Schinken in Burgunder. Das eine is immer da, aber das
andere fehlt.‘“

„Ja,“ sagte Dubslav, „diese richtigen alten Compagniechirurgusse, die hab' ich auch noch gekannt. Blutige
Cyniker, jetzt leider ausgestorben … Und in solchem
Pfäfferschen Backofen wollen Sie sechs Wochen zubringen?“

„Nein, Herr von Stechlin, nicht so lange. Bloß
vier, höchstens vier. Denn es strengt sehr an. Aber
wenn man nu doch mal da ist, ich meine in der Schweiz
und da herum, wo sie stellenweise schon italienisch
sprechen, da will man doch schließlich auch gern in das
gelobte Land Italia hineinkucken. Und da haben wir
denn also, meine Frau und ich, vor, von diesem Pfäffers
aus erst noch durch die Viamala zu fahren, den Splügen
hinauf oder auf irgend einen andern Paß. Und wenn wir
dann einen Blick in all die Herrlichkeit drüben hinein gethan haben, dann kehren wir wieder um, und ich für meine
Person ziehe mir wieder meinen grauen Mantel an (denn
für die Reise hab' ich mir einen neuen Paletot bauen
lassen) und kutschiere wieder durch Kreis Gransee.“

„Na, Sponholz, das freut mich aber wirklich, daß
Sie mal 'rauskommen. Und bloß wenn Sie durch die
Viamala fahren, da müssen Sie sich in acht nehmen.“

„Waren Sie denn mal da, Herr Major?“

„Bewahre. Meine Weltfahrten, mit ganz schwachen
Ausnahmen, lagen immer nur zwischen Berlin und
Stechlin. Höchstens mal Dresden und ein bißchen ins
Bayrische. Wenn man so gar nicht mehr weiß, wo man
hin soll, fährt man natürlich nach Dresden. Also
Viamala nie gesehen. Aber ein Bild davon. Im allgemeinen ist Bilderankucken auch nicht gerade mein Fall,
und wenn die Museums von mir leben sollten, dann
thäten sie mir leid. Indessen wie so der Zufall spielt,
mal sieht man doch so was, und war da auf dem
Viamala-Bilde 'ne Felsenschlucht mit Figuren von einem
sehr berühmten Malermenschen, der, glaub' ich, Böcking
oder Böckling hieß.“

„Ah so. Einer, wenn mir recht ist, heißt Böcklin.“

„Wohl möglich, daß es der gewesen ist. Ja, sogar
sehr wahrscheinlich. Nun sehen Sie, Doktor, da war denn
also auf diesem Bilde diese Viamala, mit einem kleinen
Fluß unten, und über den Fluß weg lief ein Brückenbogen, und ein Zug von Menschen (es können aber auch
Ritter gewesen sein) kam grade die Straße lang.
Und alle wollten über die Brücke.“

„Sehr interessant.“

„Und nun denken Sie sich, was geschieht da?
Grade neben dem Brückenbogen, dicht an der rechten
Seite, thut sich mit einem Male der Felsen auf, etwa
wie wenn morgens ein richtiger Spießbürger seine Laden
aufmacht und nachsehen will, wie's Wetter ist. Der
aber, der an dieser Brücke da von ungefähr 'rauskuckte,
hören Sie, Sponholz, das war kein Spießbürger, sondern
ein richtger Lindwurm oder so was ähnliches aus der
sogenannten Zeit der Saurier, also so weit zurück, daß
selbst der älteste Adel, (die Stechline mit eingeschlossen,)
nicht dagegen ankann, und dies Biest, als der herankommende Zug eben den Fluß passieren wollte, war mit
seinem aufgesperrten Rachen bis dicht an die Menschen
und die Brücke heran, und ich kann Ihnen bloß sagen,
Sponholz, mir stand, als ich das sah, der Atem still,
weil ich deutlich fühlte, nu noch einen Augenblick, dann
schnappt er zu und die ganze Bescherung is weg.“

„Ja, Herr von Stechlin, da hat man bloß den
Trost, daß die Saurier, so viel ich weiß, seitdem ausgestorben sind. Aber meiner Frau will ich diese Geschichte doch lieber nicht erzählen; die kriegt nämlich
mitunter Ohnmachten. In Doktorhäusern ist immer
was los.“

Dubslav nickte.

„Und nur das eine möcht' ich Ihnen noch sagen,
Herr von Stechlin, mit der Digitalis immer ruhig so
weiter, und wenn der Appetit nicht wieder kommt, lieber
nur zweimal täglich. Und nie mehr als zehn Tropfen.
Und wenn Sie sich unpaß fühlen, mein Stellvertreter
ist von allem unterrichtet. Er wird Ihnen gefallen.
Neue Schule, moderner Mensch; aber doch nicht zu viel
davon (so wenigstens hoff' ich) und jedenfalls sehr gescheit. An seinem Namen, — er heißt nämlich Moscheles,
— dürfen Sie nicht Anstoß nehmen. Er ist aus Brünn
gebürtig und da heißen die meisten so.“

Der Alte drückte mit allem seine Zustimmung aus,
auch mit dem Namen, trotzdem dieser ihm quälende Erinnerungen weckte. Schon vor etlichen fünfzig Jahren
habe er Musikstücke spielen müssen, die alle auf den
Namen „Moscheles“ liefen. Aber das wolle er den
Insichtstehenden nicht weiter entgelten lassen.

Und nach diesen beruhigenden Versicherungen empfahl sich Sponholz und fuhr zu weiteren Abschiedsbesuchen in die Grafschaft hinein.

Am zweitfolgenden Tage brachen die Sponholzschen
Eheleute von Gransee nach Pfäffers hin auf; die Frau,
sehr leidend, war schweigsam, er aber befand sich in
einem hochgradigen Reisefieber, was sich, als sie draußen
auf dem Bahnhof angelangt waren, in immer wachsender Gesprächigkeit äußerte.

Mehrere Freunde (meist Logenbrüder) hatten ihn
bis hinaus begleitet. Sponholz kam hier sofort vom
Hundertsten aufs Tausendste. „Ja, unser guter Stechlin, mit dem steht es so so … Baruch hat ihn auch
gesehn und ihn einigermaßen verändert gefunden …
Und Sie, Kirstein, Sie schreiben mir natürlich, wenn
der junge Burmeister eintritt; ich weiß, er will nicht
recht (bloß der Vater will) und soll sogar von ‚Hokuspokus‘ gesprochen haben. Aber dergleichen muß man
leicht nehmen. Unwissenheit, Verkennungen, über so
was sind wir weg; viel Feind', viel Ehr' … Nur,
es noch einmal zu sagen, der Alte drüben in Stechlin
macht mir Sorge. Man muß aber hoffen; bei Gott kein
Ding unmöglich ist. Und zu Moscheles hab' ich Vertrauen; ihn auskultieren zu sehn, ist ein wahres Vergnügen für 'nen Fachmann.“

So klang, was Sponholz noch in letzter Minute
vom Coupéfenster aus zum besten gab. Alles, am
meisten aber das über den alten Stechlin Gesagte, wurde
weitergetragen und drang bis auf die Dörfer hinaus,
so namentlich auch bis nach Quaden-Hennersdorf zu
Superintendent Koseleger, der seit kurzem mit Ermyntrud einen lebhaften Verkehr unterhielt und, angeregt
durch die mit jedem Tage kirchlicher werdende Prinzessin,
einen energischen Vorstoß gegen den Unglauben und die
in der Grafschaft überhandnehmende Laxheit plante.
Koseleger sowohl wie die Prinzessin wollten zu diesem
Zwecke beim alten Dubslav als ‚nächstem Objekt‘
einsetzen, und hielten sein Asthma für den geeignetsten Zeitpunkt. In einem Briefe der Prinzessin
an Koseleger hieß es dementsprechend: „Ich will die
gute Gesinnung des alten Herrn in nichts anzweifeln;
außerdem hat er etwas ungemein Affables. Ich bin
ihm menschlich durchaus zugethan. Aber sein Prinzip,
das nichts Höheres kennt, als ‚leben und leben lassen‘,
hat in unsrer Gegend alle möglichen Irrtümer und Sonderbarkeiten ins Kraut schießen lassen. Nehmen Sie beispielsweise diesen Krippenstapel. Und nun den Lorenzen
selbst! Katzler, mit dem ich gestern über unsern Plan
sprach, hat mich gebeten, mit Rücksicht auf die Krankheit des alten Herrn wenigstens vorläufig von allem
Abstand zu nehmen, aber ich hab' ihm widersprechen
müssen. Krankheit (so viel ist richtig) macht schroff und
eigensinnig, aber in bedrängten Momenten auch wiederum
ebenso gefügig, und es sind wohl auch hier wieder
gerade die Auferlegungen und Bitternisse, daraus ein
Segen für den Kranken, und jedenfalls für die Gesamtheit unsres Kreises entspringen wird. Unter allen
Umständen aber muß uns das Bewußtsein trösten, unsre
Pflicht erfüllt zu haben.“

Es war eine Woche nach Sponholz' Abreise, daß
Ermyntrud diese Zeilen schrieb, und schon am andern
Vormittage fuhr Koseleger, der mit der Prinzessin im
wesentlichen derselben Meinung war, auf die Stechliner
Rampe. Gleich danach trat Engelke bei Dubslav ein
und meldete den Herrn Superintendenten.

„Superintendent? Koseleger?“

„Ja, gnäd'ger Herr. Superintendent Koseleger. Er
sieht sehr wohl aus, und ganz blank.“

„Was es doch für merkwürdige Tage giebt. Heute,
(du sollst sehn), ist wieder so einer. Mit Moscheles
fing's an. Sage dem Herrn Superintendenten, ich ließe
bitten.“

„Ich komme hoffentlich zu guter Stunde, Herr von
Stechlin.“

„Zur allerbesten, Herr Superintendent. Eben war
der neue Doktor hier. Und eine Viertelstunde, wenn's
mit dem „praesente medico“ nur ein ganz klein wenig
auf sich hat, muß solche Doktorgegenwart doch wohl noch
nachwirken.“

„Sicher, sicher. Und dieser Moscheles soll sehr gescheit sein. Die Wiener und Prager verstehn es; namentlich alles, was nach der Seite hin liegt.“

„Ja,“ sagte Dubslav, „nach der Seite hin,“ und
wies auf Brust und Herz. „Aber, offen gestanden, nach
mancher andern Seite hin ist mir dieser Moscheles nicht
sehr sympathisch. Er faßt seinen Stock so sonderbar
an und schlenkert auch so.“

„Ja, so was muß man unter Umständen mit in
den Kauf nehmen. Und dann heißt es ja auch, der
Major von Stechlin habe mehr oder weniger einen philosemitischen Zug.“

„Den hat der Major von Stechlin auch wirklich, weil
er Unchristlichkeiten nicht leiden kann und Prinzipienreitereien erst recht nicht. Ich gehöre zu denen, die
sich immer den Einzelfall ansehn. Aber freilich, mancher
Einzelfall gefällt mir nicht. So zum Beispiel der hier
mit dem neuen Doktor. Und auch mein alter Baruch
Hirschfeld, den der Herr Superintendent mutmaßlich kennen
werden, auch der gefällt mir nicht mehr so recht. Ich
hielt große Stücke von ihm, aber — vielleicht daß sein
Sohn Isidor schuld ist — mit einem Mal ist der Pferdefuß 'rausgekommen.“

„Ja,“ lachte Koseleger, „der kommt immer mal
'raus. Und nicht bloß bei Baruch. Ich muß aber sagen,
das alles hat mit der Rasse viel, viel weniger zu schaffen,
als mit dem jeweiligen Beruf. Da war ich eben bei
der Frau von Gundermann …“

„Und da war auch so was?“

„In gewissem Sinne, ja. Natürlich ein bißchen
anders, weil es sich um etwas Weibliches handelte.
‚Stütze der Hausfrau‘. Und da bändelt sich denn leicht
was an. Eben diese ‚Stütze der Hausfrau‘ war bis
vor kurzem noch Erzieherin, und mit Erzieherinnen, alten
und jungen, hat's immer einen Haken, wie mit den
Lehrern überhaupt. Es liegt im Beruf. Und der Seminarist steht oben an.“

„Ich kann mich nicht erinnern,“ sagte Dubslav,
„in unserer Gegend irgend was gröblich Verletzliches
erlebt zu haben.“

„O, ich bin mißverstanden,“ beschwichtigte Koseleger
und rieb sich mit einem gewissen Behagen seine wohlgepflegten Hände. „Nichts von Vergehungen auf erotischem Gebiet, wiewohl es bei den Gundermanns, (die
gerad' in diesem Punkte viel heimgesucht werden,) auch
diesmal wieder, ich möchte sagen diese kleine Nebenform
angenommen hatte. Nein, der große Seminaristenpferdefuß,
an den ich bei meiner ersten Bemerkung dachte, trägt ganz
andere Signaturen: Unbotmäßigkeit, Überschätzung und
infolge davon ein eigentümliches Bestreben, sich von den
Heilsgütern loszulösen, und die Befriedigung des inneren
Menschen in einer falschen Wissenschaftlichkeit zu suchen.“

„Ich will das nicht loben; aber auch solche ‚falsche
Wissenschaftlichkeit‘ zählt, dächt ich, in unserer alten Grafschaft zu den allerseltensten Ausnahmen.“

„Nicht so sehr als Sie vermuten, Herr Major,
und aus Ihrer eigenen Stechliner Schule sind mir Klagen
kirchlich gerichteter Eltern über solche Dinge zugegangen.
Allerdings Altlutheraner aus der Globsower Gegend.
Indessen so lästig diese Leute zu Zeiten sind, so haben
sie doch andrerseits den Ernst des Glaubens und finden,
wie sie sich in einem Skriptum an mich ausgedrückt
haben, in der Krippenstapelschen Lehrmethode diesen
Ernst des Glaubens arg vernachlässigt.“

Dubslav wiegte den Kopf hin und her, und hätte
trotz allen Respekts vor dem Vertreter einer kirchlichen Behörde wahrscheinlich ziemlich scharf und spitz geantwortet,
wenn ihm nicht alles, was er da hörte, gleichzeitig in einem
heiteren Licht erschienen wäre. Krippenstapel, sein Krippenstapel, er, der den alten Fritzen so gut wie den Katechismus, aber den Katechismus auch reichlich so gut
wie den alten Fritzen kannte, — Krippenstapel, sein
großartiger Bienenvater, sein korrespondierendes Mitglied märkisch-historischer Vereine, die Seele seines ‚Museums‘, sein guter Freund, dieser Krippenstapel sollte
den ‚Ernst des Glaubens‘ verkannt haben, bei ihm sollte
der Seminaristenhochmut zu gemeingefährlichem Ausbruch gekommen sein. Wohl entsann er sich, in eigenster
Person (was ihn in diesem Augenblick ein wenig verstimmte) gelegentlich sehr ähnliches gesagt zu haben. Aber
doch immer nur scherzhaft. Und wenn zwei dasselbe thun,
so ist es nicht mehr dasselbe. Traf dieser Satz je zu,
so hier. Er erhob sich also mit einiger Anstrengung
von seinem Platz, ging auf Koseleger zu, schüttelte ihm
die Hand und sagte: „Herr Superintendent, so wie
Sie's da sagen, so kann es nicht sein. Von richtigen
Altlutheranern giebt es hier überhaupt nichts, und am
wenigsten in Globsow; die glauben sozusagen gar nichts.
Ich wittere da was von Intrigue. Da stecken andere
dahinter. Bei meinem alten Baruch ist der Pferdefuß
'rausgekommen, aber bei meinem alten Krippenstapel
ist er nicht 'rausgekommen und wird auch nicht 'rauskommen, weil er überhaupt nicht da ist. Meinen alten
Krippenstapel, den kenn' ich.“

Koseleger, Weltmann, wie er war, lenkte rasch ein,
sprach von Konventiklerbeschränktheit und gab die Möglichkeit einer Intrigue zu.

„Natürlich wird es einem schwer, in diesem Erdenwinkel an derlei Dinge zu glauben, denn ‚Intrigue‘
zählt ganz eminent zu den höheren Kulturformen. Intrigue hat hier in unserer alten Grafschaft, glaub' ich,
noch keinen Boden. Aber andrerseits ist es doch freilich
wahr, daß heutzutage die Verwerflichkeiten, ja selbst die
Verbrechen und Laster, nicht bloß im Gefolge der Kultur
auftreten, sondern umgekehrt ihr voranschreiten, als beklagenswerte Herolde falscher Gesittung! Bedenken Sie,
was wir neuerdings in unsern Äquatorialprovinzen erlebt
haben. Die Zivilisation ist noch nicht da und schon
haben wir ihre Gräuel. Man erschauert, wenn man
davon liest und freut sich der kleinen und alltäglichen
Verhältnisse, drin der Wille Gottes uns gnädig stellte.“

Nach diesen Worten, die was von einem guten
Abgang hatten, erhob sich Koseleger und der Alte,
seinerseits seinen Arm in den des Superintendenten
einhakend, „um sich“, wie er sagte, „auf die Kirche
zu stützen“, begleitete seinen Besuch bis wieder auf die
Rampe hinaus und grüßte noch mit der Hand, als der
Wagen schon über die Bohlenbrücke fuhr. Dann wandte
er sich rasch an Engelke, der neben ihm stand, und
sagte:

„Engelke, schade, daß ich mit dir nicht wetten
kann. Lust hätt' ich. Heute kommt noch wer, du wirst
es sehn. Eine Woche lang läßt sich keine Katze blicken,
aber wenn unser Schicksal erst mal 'nen Entschluß gefaßt hat, dann kann es sich auch wieder nicht genug
thun. Man gewinnt dreimal das große Los oder man
stößt sich dreimal den Kopp. Und immer an derselben
Stelle.“

Es schlug zwölf, als Dubslav vom Portal her
wieder den Flur passierte. Dabei sah er nach dem
Hippenmann hinauf und zählte die Schläge. „Zwölf“,
sagte er „und um zwölf ist alles aus und dann fängt
der neue Tag an. Es giebt freilich zwei Zwölfen, und
die Zwölf, die da oben jetzt schlägt, das is die Mittagszwölf. Aber Mittag! … Wo bist du Sonne geblieben!“ All dem weiter nachhängend, wie er jetzt öfter
that, kam er an seinen Kaminplatz und nahm eine
Zeitung in die Hand. Er sah jedoch kaum drauf hin
und beschäftigte sich, während er zu lesen schien, eigentlich nur mit der Frage, „wer wohl heute noch kommen
könne“, und dabei neben andren Personen aus seiner
Umgebung auch an Lorenzen denkend, kam er zu dem
Schlußresultat, daß ihm Lorenzen „mit all seinem neuen
Unsinn“ doch am Ende lieber sei als Koseleger mit seinen
Heilsgütern, von denen er wohl zwei-, dreimal gesprochen
hatte. „Ja, die Heilsgüter, die sind ganz gut. Versteht
sich. Ich werde mich nicht so versündigen. Die Kirche kann
was, is was, und der alte Luther, nu der war schon
ganz gewiß was, weil er ehrlich war und für seine Sache
sterben wollte. Nahe dran war er. Eigentlich kommt's
doch immer bloß darauf an, daß einer sagt, ‚dafür
sterb' ich‘. Und es dann aber auch thut. Für was,
is beinah' gleich. Daß man überhaupt so was kann,
wie sich opfern, das ist das Große. Kirchlich mag es
ja falsch sein, was ich da so sage; aber was sie jetzt
‚sittlich‘ nennen (und manche sagen auch ‚schönheitlich‘,
aber das is ein zu dolles Wort), also was sie jetzt sittlich
nennen, so bloß auf das hin angesehn, da is das
persönliche sich einsetzen und für was sterben können
und wollen doch das Höchste. Mehr kann der Mensch
nich. Aber Koseleger. Der will leben.“

Und während er noch so vor sich hin seinen
Faden spann, war sein gutes altes Faktotum eingetreten, an das er denn auch ohne weiteres und bloß
zu eignem Ergötzen die Frage richtete: „Nich wahr,
Engelke?“

Der aber hörte gar nichts mehr, so sehr war er
in Verwirrung, und stotterte nur aus sich heraus: „Ach
Gott, gnäd'ger Herr, nu is es doch so gekommen.“

„Wie? Was?“

„Die Frau Gemahlin von unserm Herrn Oberförster …“

„Was? Die Prinzessin?“

„Ja, die Frau Katzler, Durchlaucht.“

„Alle Wetter, Engelke … Da haben wir's. Aber
ich hab' es ja gesagt, ich wußt' es. Wie so 'n Tag
anfängt, so bleibt er, so geht es weiter … Und wie
das hier durcheinander liegt, alles wie Kraut und
Rüben. Nimm die Zudecke weg, ach was Zudecke, die
reine Pferdedecke; wir müssen eine andre haben. Und
nimm auch die grünen Tropfen weg, daß es nicht gleich
aussieht wie 'ne Krankenstube … Die Prinzessin …
Aber rasch, Engelke, flink … Ich lasse bitten, ich lasse
die Frau Oberförsterin bitten.“

Dubslav rückte sich, so gut es ging, zurecht; im
übrigen aber hielt er's in seinem desolaten Zustande
doch für besser, in seinem Rollstuhl zu bleiben, als der
Prinzessin entgegen zu gehn oder sie durch ein Sicherheben
von seinem Sitz mehr oder weniger feierlich zu begrüßen.
Ermyntrud paßte sich seinen Intentionen denn auch an
und gab durch eine gemessene Handbewegung zu verstehen, daß sie nicht zu stören wünsche. Gleich danach
legte sie den rechten Arm auf die Lehne eines nebenstehenden Stuhles und sagte: „Ich komme, Herr von
Stechlin, um nach Ihrem Befinden zu fragen; Katzler
(sie nannte ihn, unter geflissentlichster Vermeidung des
allerdings plebejen „mein Mann“, immer nur bei seinem
Familiennamen) hat mir von Ihrem Unwohlsein erzählt und
mir Empfehlungen aufgetragen. Ich hoffe, es geht besser.“

Dubslav dankte für so viel Freundlichkeit und bat,
das um ihn her herrschende Übermaß von Unordnung
entschuldigen zu wollen. „Wo die weibliche Hand fehlt,
fehlt alles.“ Er fuhr so noch eine Weile fort, in allerlei
Worten und Wendungen, wie sie ihm von alter Zeit
her geläufig waren; eigentlich aber war er wenig bei
dem, was er sagte, sondern hing ausschließlich an
dem halb Nonnen-, halb Heiligenbildartigen ihrer Erscheinung, das durch einen großen, aus mattweißen
Kugeln bestehenden Halsschmuck samt Elfenbeinkreuz,
noch gesteigert wurde. Sie mußte jedem, auch dem
Kritischsten, auffallen, und Dubslav, der — so sehr er
dagegen ankämpfte — ganz unter der Vorstellung ihrer
Prinzessinnenschaft stand, vergaß auf Augenblicke Krankheit und Alter und fühlte sich nur noch als Ritter
seiner Dame. Daß sie stehen blieb, war ihm im ersten
Augenblicke störend, bald aber war es ihm recht, weil
ihm einleuchtete, daß ihr „Bild“ erst dadurch zu voller
Wirkung kam. Ermyntrud selbst war sich dessen auch
voll bewußt und Frau genug, auf diese Vorzüge nicht
ohne Not zu verzichten.

„Ich höre, daß Doktor Sponholz, den ich als
Arzt sehr schätzen gelernt habe, seine Kranken, während
er in Pfäffers ist, einem jungen Stellvertreter anvertraut hat. Junge Ärzte sind meist klüger als die alten,
aber doch weniger Ärzte. Man bringt außerdem dem
Alter mehr Vertrauen entgegen. Alte Doktoren sind
wie Beichtiger, vor denen man sich gern offenbart.
Freilich können sie den geistlichen Zuspruch nicht voll
ersetzen, der in jeder ernstlichen Krankheit doch das
eigentlich Heilsame bleibt. Ärzte selbst — ich hab'
einen Teil meiner Jugend in einem Diakonissenhause
verbracht — Ärzte selbst, wenn sie ihren Beruf recht
verstehn, urteilen in diesem Sinne. Sogenannte Medikamente sind und bleiben ein armer Notbehelf; alle
wahre Hilfe fließt aus dem Wort. Aber freilich, das
richtige Wort wird nicht überall gesprochen.“

Dubslav sah etwas unruhig um sich her. Es
war ganz klar, daß die Prinzessin gekommen war, seine
Seele zu retten. Aber woher kam ihr die Wissenschaft,
daß seine Seele dessen bedürftig sei? Das verlohnte sich
doch in Erfahrung zu bringen, und so bezwang er sich
denn und sagte: „Gewiß, Durchlaucht, das Wort ist
die Hauptsache. Das Wort ist das Wunder; es läßt
uns lachen und weinen, es erhebt uns und demütigt
uns, es macht uns krank und macht uns gesund. Ja
es giebt uns erst das wahre Leben hier und dort. Und
dies letzte höchste Wort, das haben wir in der Bibel.
Daher nehm' ich's. Und wenn ich manches Wort nicht
verstehe, wie wir die Sterne nicht verstehn, so haben
wir dafür die Deuter.“

„Gewiß. Aber es giebt der Deuter so viele.“

„Ja,“ lachte Dubslav, „und wer die Wahl hat,
hat die Qual. Aber ich persönlich, ich habe keine Wahl.
Denn genau so wie mit dem Körper, so steht es für
mich auch mit der Seele. Man behilft sich mit dem,
was man hat. Nehm' ich da zunächst meinen armen,
elenden Leib. Da sitzt es mir hier und steigt und drückt
und quält mich, und ängstigt mich, und wenn die Angst
groß ist, dann nehm' ich die grünen Tropfen. Und
wenn es mich immer mehr quält, dann schick' ich nach
Gransee hinein, und dann kommt Sponholz. Das
heißt, wenn er gerade da ist. Ja, dieser Sponholz ist
auch ein Wissender und ein ‚Deuter‘. Sehr wahrscheinlich, daß es klügere und bessere giebt; aber in Ermangelung dieser besseren muß er für mich ausreichen.“

Ermyntrud nickte freundlich und schien ihre Zustimmung ausdrücken zu wollen.

„Und,“ fuhr Dublav fort, „ich muß es wiederholen, genau so wie mit dem Leib, so auch mit der
Seele. Wenn sich meine arme Seele ängstigt, dann
nehm' ich mir Trost und Hilfe, so gut ich sie gerade
finden kann. Und dabei denk' ich dann, der nächste
Trost ist der beste. Den hat man am schnellsten, und
wer schnell giebt, der giebt doppelt. Eigentlich muß
man es lateinisch sagen. Ich rufe mir Sponholz, weil
ich ihn, wenn benötigt, in ziemlicher Nähe habe; den
andern aber, den Arzt für die Seele, den hab' ich
glücklicherweise noch näher und brauche nicht mal nach
Gransee hineinzuschicken. Alle Worte, die von Herzen
kommen, sind gute Worte, und wenn sie mir helfen
(und sie helfen mir), so frag' ich nicht viel danach, ob
es sogenannte ,richtige‘ Worte sind oder nicht.“

Ermyntrud richtete sich höher auf; ihr bis dahin
verbindliches Lächeln war sichtlich in raschem Hinschwinden.

„Überdies,“ so schloß Dubslav seine Bekenntnisrede, „was sind die richtigen Worte? Wo sind sie?“

„Sie haben Sie, Herr von Stechlin, wenn Sie sie
haben wollen. Und Sie haben sie nah, wenn auch
nicht in Ihrer unmittelbarsten Nähe. Mich persönlich
haben diese Worte während schwerer Tage gestützt und
aufgerichtet. Ich weiß, er hat Feinde, voran im eignen
Lager. Und diese Feinde sprechen von ‚schönen Worten‘.
Aber soll ich mich einem Heilswort verschließen, weil es
sich in Schönheit kleidet? Soll ich eine mich segnende
Hand zurückweisen, weil es eine weiche Hand ist? Sie
haben Sponholz genannt. Unser Superintendent liegt
wohl weit über diesen hinaus und wenn es nicht eitel
und vermessen wäre, würd' ich eine gnäd'ge Fügung darin
zu sehn glauben, daß er an diese sterile Küste verschlagen
werden mußte, gerade mir eine Hilfe zu sein. Aber,
was er an mir that, kann er auch an andern thun.
Er hat eben das, was zum Siege führt; wer die
Seele hat, hat auch den Leib.“

Unter diesen Worten war Ermyntrud von ihrem
Stuhl an Dubslav herangetreten und neigte sich über
ihn, um ihm, halb wie segnend, die Stirn zu küssen.
Das Elfenbeinkreuz berührte dabei seine Brust. Sie
ließ es eine Weile da ruhen. Dann aber trat sie wieder
zurück, und sich zweimal unter hoheitsvollem Gruß verneigend, verließ sie das Zimmer. Engelke, der draußen
im Flur stand, eilte vorauf, ihr beim Einsteigen in den
kleinen Katzlerschen Jagdwagen behilflich zu sein.

Als Dubslav wieder allein war, nahm er das
Schüreisen, das grad' vor ihm auf dem Kaminstein lag,
und fuhr in die halb niedergebrannten Scheite. Die
Flamme schlug auf und etliche Funken stoben. „Arme
Durchlaucht. Es ist doch nicht gut, wenn Prinzessinnen
in Oberförsterhäuser einziehn. Sie sind dann aus ihrem
Fahrwasser heraus und greifen nach allem möglichen,
um in der selbstgeschaffenen Alltäglichkeit nicht unterzugehn. Einen bessern Trostspender als Koseleger konnte
sie freilich nicht finden; er gab ihr den Trost, dessen
er selber bedürftig ist. Im übrigen mag sie sich aufrichten
lassen, von wem sie will. Der Alte auf Sanssouci,
mit seinem ‚nach der eignen Façon selig werden‘, hat's
auch darin getroffen. Gewiß. Aber wenn ich euch eure
Façon lasse, so laßt mir auch die meine. Wollt nicht alles
besser wissen, kommt mir nicht mit Anzettelungen, erst
gegen meinen guten Krippenstapel, der kein Wässerchen
trübt, und nun gar gegen meinen klugen Lorenzen, der
euch alle in die Tasche steckt. An ihn persönlich wagen
sie sich nicht 'ran, und da kommen sie nun zu mir und
wollen mich umstimmen und denken, weil ich krank bin,
muß ich auch schwach sein. Aber da kennen sie den
alten Stechlin schlecht, und er wird nun wohl seinen
märkischen Dickkopf aufsetzen. Auch sogar gegen Ippe-Büchsenstein und die Elfenbeinkugeln, die ja schon der
reine Rosenkranz sind. Und es wird auch noch so was.
Eigentlich bin ich übrigens selber schuld. Ich habe
mir durch den prinzeßlichen Augenaufschlag und die vier
Kindergräber im Garten zu sehr imponieren lassen.
Aber es fällt doch allmählich wieder ab, und ein Glück,
daß ich meinen Engelke habe.“

Vor Erregung war er aus seinem Rollstuhl aufgestanden und drückte auf den Klingelknopf. „Engelke,
geh zu Lorenzen und sag ihm, ich ließ ihn bitten. Der
soll dann aber heut auch der letzte sein … Denke
dir, Engelke, sie wollen mich bekehren!“

„Aber, gnäd'ger Herr, das is ja doch das beste.“

„Gott, nu fängt der auch noch an.“

Achtunddreißigstes Kapitel.

Lorenzen kam nicht; er war nach Rheinsberg, wo
die Geistlichen aus dem östlichen Teil der Grafschaft
eine Konferenz hatten. Aber statt Lorenzen kam Doktor
Moscheles und sprach von allem möglichen, erst ganz
kurz von Dubslavs Zustand, den er nicht gut und nicht
schlecht fand, dann von Koseleger, von Katzler, auch
von Sponholz (von dem ein Brief eingetroffen war),
am ausführlichsten aber von Rechtsanwalt Katzenstein
und von Torgelow. „Ja, dieser Torgelow,“ sagte
Moscheles. „Es war ein Mißgriff, ihn zu wählen.
Und wenn es noch nötig gewesen wäre, wenn die Partei
keinen Besseren gehabt hätte! Aber da haben sie denn
doch noch ganz andre Leute.“ Dubslav war davon
wenig angenehm berührt, weil er aus der persönlichen
Niedrigstellung Torgelows die Hochstellung der Torgelowschen Partei heraushörte.

Der Besuch hatte wohl eine halbe Stunde gedauert.
Als Moscheles wieder fort war, sagte Dubslav: „Engelke,
wenn er wiederkommt, so sag' ihm, ich sei nicht da.
Das wird er natürlich nicht glauben; weiß er doch am
besten, daß ich an mein Zimmer und meinen Rollstuhl
gebunden bin. Aber trotzdem; ich mag ihn nicht. Es
war eine Dummheit von Sponholz, sich grade diesen
auszusuchen, solchen Allerneuesten, der nach Sozialdemokratie schmeckt und dabei seinen Stock so sonderbar
anfaßt, immer grad’ in der Mitte. Und dazu auch noch
’nen roten Schlips.“

„Es sind aber schwarze Käfer drin.“

„Ja, die sind drin, aber ganz kleine. Das machen
sie so, damit es nicht jeder gleich merkt, wes Geistes
Kind so einer ist, und wohin er eigentlich gehört. Aber
ich merk’ es doch, auch wenn er an Kaiser Wilhelms
Geburtstag mit ’ner papiernen Kornblume kommt. Also
du sagst ihm, ich sei nicht da.“

Engelke widersprach nicht, hatte jedoch so seine
Gedanken dabei. „Der alte Doktor ist weg und den
neuen will er nicht. Un den aus Wutz will er auch
nich, weil der so viel mit der Domina zusammenhockt.
Un dabei kommt er doch immer mehr ’runter. Er denkt:
‚Es is noch nich so schlimm.‘ Aber es is schlimm.
Is genau so wie mit Bäcker Knaack. Un Kluckhuhn
sagte mir schon vorige Woche: ‚Engelke, glaube mir, es
wird nichts; ich weiß Bescheid.‘“

Das war am Montag. Am Freitag fuhr Moscheles
wieder vor und verfärbte sich, als Engelke sagte, ‚der
gnäd’ge Herr sei nicht da‘.

„So, so. Nicht da.“

Das war doch etwas stark. Moscheles stieg also
wieder auf seinen Wagen und bestärkte sich, während
er nach Gransee zurückfuhr, in seinen durchaus ablehnenden Anschauungen über den derzeitigen Gesellschaftszustand. „Einer ist wie der andre. Was wir
brauchen, is ein Generalkladderadatsch, Krach, tabula
rasa.“ Zugleich war er entschlossen, von einem erneuten Krankenbesuch abzustehen. „Der gnäd’ge Herr
auf, von und zu Stechlin kann mich ja rufen lassen,
wenn er mich braucht. Hoffentlich unterläßt er’s.“

Dieser Wunsch erfüllte sich denn auch. Dubslav
ließ ihn nicht rufen, wiewohl guter Grund dazu gewesen
wäre, denn die Beschwerden wuchsen plötzlich wieder,
und wenn sie zeitweilig nachließen, waren die geschwollenen
Füße sofort wieder da. Engelke sah das alles mit
Sorge. Was blieb ihm noch vom Leben, wenn er seinen
gnäd'gen Herrn nicht mehr hatte? Jeder im Haus
mißbilligte des Alten Eigensinn, und Martin, als er
eines Tages vom Stall her in die nebenan gelegene
niedrige Stube trat, wo seine Frau Kartoffeln schälte,
sagte zu dieser: „Ick weet nich, Mutter, worüm he den
jungschen Dokter rutgrulen däd. De Jungsche is doch
klöger, as de olle Sponholz is. Doa möt man blot
de Globsower über Sponholzen hüren. ‚Joa, oll Sponholz‘, so seggen se, ‚de is joa so wiet ganz good, awers
he seggt man ümmer: Kinnings, krank is he egentlich
nich, he brukt man blot 'ne Supp' mit en beten wat
in!‘ Joa, Sponholz, de kann so wat seggen, de hett
wat dato. Awers de Globsower! Wo salln de 'ne
Supp' herkregen mit en beten wat in?“

So verging Tag um Tag, und Dubslav, dem
herzlich schlecht war, sah nun selber, daß er sich in jedem
Punkt übereilt hatte. Moscheles war doch immerhin ein
richtiger Stellvertreter gewesen, und wenn er jetzt einen
andern nahm, so traf das Sponholzen auch mit. Und
das mocht' er nicht. In dieser Notlage sann er hin
und her, und eines Tages, als er mal wieder in rechter
Bedrängnis und Atemnot war, rief er Engelke und sagte:
„Engelke, mir is schlecht. Aber rede mir nich von dem
Doktor. Ich mag unrecht haben, aber ich will ihn nicht.
Sage, wie steht das eigentlich mit der Buschen? Die
soll ja doch letzten Herbst uns' Kossät Rohrbeckens Frau
wieder auf die Beine gebracht haben.“

„Ja, die Buschen …“

„Na, was meinst du?“

„Ja, die Buschen, die weiß Bescheid. Versteht sich.
Man bloß, daß sie 'ne richtige alte Hexe is, und um
Walpurgis weiß keiner, wo sie is. Und die Mächens
gehen Sonnabends auch immer hin, wenn's schummert,
und Uncke hat auch schon welche notiert und beim Landrath Anzeige gemacht. Aber sie streiten alle Stein und Bein;
und ein paar haben auch schon geschworen, sie wüßten
von gar nichts.“

„Kann ich mir denken und vielleicht war's auch
nich so schlimm. Und dann, Engelke, wenn du meinst,
daß sie so gut Bescheid weiß, da wär's am Ende das
beste, du gingst mal hin oder schicktest wen. Denn deine
alten Beine wollen auch nich mehr so recht, und außerdem is Schlackerwetter. Und wenn du mir auch noch
krank wirst, so hab' ich ja keine Katze mehr, die sich
um mich kümmert. Woldemar is weit weg. Und wenn
er auch in Berlin wäre, da hat er ja doch seinen Dienst
und seine Schwadron und kann nich den ganzen Tag
bei seinem alten Vater sitzen. Und außerdem, Krankenpflegen ist überhaupt was Schweres; darum haben die
Katholiken auch 'nen eignen Segen dafür. Ja, die verstehn es. So was verstehn sie besser als wir.“

„Nei, gnäd'ger Herr, besser doch wohl nich.“

„Na, lassen wir's. So was is immer schwer festzustellen, und weil heutzutage so vieles schwer festzustellen ist, haben sich ja die Menschen auch das angeschafft,
was sie 'ne ‚Enquete‘ nennen. Keiner kann sich freilich
so recht was dabei denken. Ich gewiß nicht. Weißt du,
was es ist?“

„Nei, gnäd'ger Herr.“

„Siehst du! Du bist eben ein vernünftiger Mensch,
das merkt man gleich, und hast auch ein Einsehn davon,
daß es eigentlich am besten wäre, wenn ich zu der
Buschen schicke. Was die Leute von ihr reden, geht
mich nichts an. Und dann bin ich auch kein Mächen.
Und Uncke wird mich ja wohl nicht aufschreiben.“

Engelke lächelte: „Na, gnäd'ger Herr, dann werd'
ich man unten mit unse' Mamsell Pritzbur sprechen;
die kann denn die lütte Marie 'rausschicken. Marieken
is letzten Michaelis erst eingesegnet, aber sie war auch
schon da.“

Noch an demselben Nachmittag erschien die Buschen
im Herrenhause. Sie hatte sich für den Besuch etwas
zurecht gemacht und trug ihre besten Kleider, auch ein
neues schwarzes Kopftuch. Aber man konnte nicht sagen,
daß sie dadurch gewonnen hätte. Fast im Gegenteil.
Wenn sie so mit 'nem Sack über die Schulter oder mit
'ner Kiepe voll Reisig aus dem Walde kam, sah man
nichts als ein altes, armes Weib; jetzt aber, wo sie bei
dem alten Herrn eintrat und nicht recht wußte, warum
man sie gerufen, sah man ihr die Verschlagenheit an,
und daß sie für all und jedes zu haben sei.

Sie blieb an der Thür stehen.

„Na, Buschen, kommt man 'ran oder stellt Euch da
ans Fenster, daß ich Euch besser sehn kann. Es ist ja
schon ganz schummrig.“

Sie nickte.

„Ja, mit mir is nich mehr viel los, Buschen.
Und nu is auch noch Sponholz weg. Und den neuen
Berlinschen, den mag ich nicht. Ihr sollt ja Kossät
Rohrbeckens Frau damals wieder auf die Beine gebracht haben. Mit mir is es auch so was. Habt Ihr
Courage, mich in die Kur zu nehmen? Ich zeig' Euch
nicht an. Wenn einem einer hilft, is das andre alles
gleich. Also nichts davon. Und es soll Euer Schaden
nicht sein.“

„Ick weet joa, jnäd'ger Herr … Se wihren joa
nich. Un denn de Lüd', de denken ümmer, ick kann
hexen un all so wat. Ick kann awer joar nix un hebb
man blot en beten Liebstöckel un Wacholder un Allermannsharnisch. Un alles blot, wie't sinn muß. Un
de Gerichten können mi nix dohn.“

„Is mir lieb. Und geht mich übrigens auch nichts
an. Mit so was komm' ich Euch nich. Kann ‚Gerichte‘
selber nich gut leiden. Und nu sagt mir, Buschen, wollt'
Ihr den Fuß sehn? Einer is genug. Der andre sieht
ebenso aus. Oder doch beinah'.“

„Nei, jnäd'ger Herr. Loaten's man. Ick weet joa,
wi dat is. Ihrst sitt et hier up de Bost, un denn sackt
et sich, un denn sitt et hier unnen. Un is all een un
dat sülwige. Dat möt allens 'rut, un wenn et 'rut is,
denn drückt et nich mihr, un denn künnen Se wedder
gapsen.“

„Gut. Leuchtet mir ein. ‚Et muß 'rut‘, sagt Ihr.
Und das sag' ich auch. Aber womit wollt Ihr's ‚'rut‘bringen? Das is die Sache. Welche Mittel, welche
Wege?“

„Joa, de Mittel hebb ick. Un hebben wi ihrst de
Mittel, denn sinnen sich ook de Weg'. Ick schick' hüt
noch Agnessen mit twee Tüten; Agnes, dat is Karlinen
ehr lütt Deern.“

„Ich weiß, ich weiß.“

„Un Agnes, de fall denn unnen in de Küch' goahn,
to Mamsell Pritzbur, un de Pritzburn de sall denn den
Thee moaken för'n jnäd'gen Herrn. Morgens ut de
witte Tüt', un abens ut de blue Tüt'. Un ümmer
man 'nen gestrichnen Eßlöffel vull un nich to veel
Woater; awers bullern möt et. Und wenn de Tüten
all sinn, denn is et 'rut. Dat Woater nimmt dat Woater
weg.“

„Na gut, Buschen. Wir wollen das alles so machen.
Und ich bin nicht bloß ein geduldiger Kranker, ich bin
auch ein gehorsamer Kranker. Nun will ich aber bloß
noch wissen, was Ihr mir da in Euern Tüten schicken
wollt, in der weißen und in der blauen. Is doch kein
Geheimnis?“

„Nei, jnäd'ger Herr.“

„Na also.“

„In de witte Tüt' is Bärlapp un in de blue Tüt'
is, wat de Lüd' hier Katzenpoot nennen.“

„Versteh', Versteh',“ lächelte Dubslav, und dann
sprach er wie zu sich selbst: „Nu ja, nu ja, das kann
schon helfen. Dazwischen liegt eigentlich die ganze
Weltgeschichte. Mit Bärlapp zum Einstreuen fängt die
süße Gewohnheit des Daseins an und mit Katzenpfötchen
hört es auf. So verläuft es. Katzenpfötchen … die
gelben Blumen, draus sie die letzten Kränze machen …
Na, wir wollen sehn.“

An demselben Abend kam Agnes und brachte die
beiden Tüten, und es geschah, was beinah' über alles
Erwarten hinaus lag: es wurde wirklich besser. Die
Geschwulst schwand, und Dubslav atmete leichter. „Dat
Woater nimmt dat Woater“, an diesem Hexenspruch,
— den er, wenn er mit Engelke plauderte, gern citierte,
— richteten sich seine Hoffnungen und seine Lebensgeister
wieder auf. Er war auch wieder für Bewegung und
ließ, wenn es das Wetter irgendwie gestattete, seinen
Rollstuhl nicht bloß auf die Veranda hinausschieben,
sondern fuhr auch um das Rundell herum und sah dem
kleinen Springbrunnen zu, der wieder sprang. Ja, es
kam ihm vor, als ob er höher spränge. „Findest du
nich auch, Engelke? Vor vier Wochen wollt' er nich.
Aber es geht jetzt wieder. Alles geht wieder, und es
ist eigentlich dumm, ohne Hoffnung zu leben; wozu hat
man sie denn?“

Engelke nickte bloß und legte die Zeitungen, die
gekommen waren, auf einen neben dem Frühstückstisch
stehenden Gartenstuhl, zu unterst die „Kreuzzeitung“ als
Fundament, auf diese dann die „Post“ und zuletzt die
Briefe. Die meisten waren offen, Anzeigen und Anpreisungen, nur einer war geschlossen, ja sogar gesiegelt. Poststempel: Berlin. „Gieb mir mal das Papiermesser, daß ich ihn manierlich aufschneiden kann. Er
sieht nach was aus, und die Handschrift is wie von
'ner Dame, bloß ein bißchen zu dicke Grundstriche.“

„Is am Ende von der Gräfin.“

„Engelke,“ sagte Dubslav, „du wirst mir zu
klug. Natürlich is er von der Gräfin. Hier is ja die
Krone.“

Wirklich es war ein Brief von Melusine, samt
einer Einlage. Melusinens Zeilen aber lauteten am
Schluß: „Und nun bitt' ich, Ihnen einen Brief beilegen zu dürfen, den unsre liebe Baronin Berchtesgaden gestern aus Rom erhalten hat und zwar von
Armgard, deren volles Glück ich aus diesem Brief und
allerhand kleinen, ihrem Charakter eigentlich fernliegenden
Übermütigkeiten erst so recht ersehn habe.“

Dubslav nickte. Dann nahm er die Einlage
und las:

„Rom, im März.

Teuerste Baronin!

An wen könnt' ich von hier aus lieber schreiben
als an Sie? Vatikan und Lateran und Grabmal
Pio Nonos, und wenn ich Glück habe, bin ich
auch noch mit dabei, wenn am Gründonnerstage der
große Segen gespendet wird. Man muß eben alles
mitnehmen. Von Rom zu schwärmen ist geschmacklos
und überflüssig dazu, weil man an die Schwärmerei seiner
Vorgänger doch nie heranreicht. Aber von unserer
Reise will ich Ihnen statt dessen erzählen. Wir nahmen
den Weg über den Brenner und waren am selben Abend
noch in Verona. ‚Torre di Londra‘. Was mich andern
Tags in der Capuletti- und Montecchi-Stadt am
meisten interessierte, war ein großer Parkgarten, der
‚Giardino Giusti‘, mit über zweihundert Cypressen,
alle fünfhundert Jahre alt und viele beinah' so hoch
wie das Berliner Schloß. Ich ging mit Woldemar
auf und ab, und dabei berechneten wir uns, ob wohl
die schöne Julia hier auch schon auf und ab gegangen
sei? Nur eins störte uns. Zu solcher Prachtavenue
von Trauerbäumen gehört als Abschluß notwendig
ein Mausoleum. Das fehlt aber. Im ‚Giardino
Giusti‘ trafen wir Hauptmann von Gaza vom ersten
Garderegiment, der, von Neapel kommend, bereits alle
Schönheit Italiens gesehen hatte. Wir fragten ihn,
ob Verona, wie einem beständig versichert wird, wirklich die ‚italienischste der italienischen Städt‘ sei? Hauptmann von Gaza lachte. ‚Von Potsdam‘, so meinte er,
‚könne man vielleicht sagen, daß es die preußischste
Stadt sei. Aber Verona die italienischste? Nie und
nimmer.‘

„Über das vielgefeierte Venedig an dieser Stelle
nur das eine. Unser Hotel lag in Nähe einer mit Barok
überladenen Kirche: San Mosé. Daß es einen Sankt
Moses giebt, war mir fremd und verwunderlich zugleich. Aber gleich danach dacht ich an unsere Gendarmentürme und war beruhigt. Moses geht doch
immer noch vor Gendarm.“

„Florenz überspring' ich und erzähle Ihnen dafür
lieber vom Trasimenischen See, den mir auf unserer
Eisenbahnfahrt passierten. Woldemar, ein ganz klein
wenig „Taschen-Moltke“, mochte nicht darauf verzichten, den großen Hannibal auf Herz und Nieren
zu prüfen, und so stiegen wir denn in Nähe des
Sees aus, an einer kleinen Station, die, glaub' ich,
Borghetto-Tuoro heißt. Es war auch für einen Laien
über Erwarten interessant, und selbst ich, die ich sonst
gar keinen Sinn für derlei Dinge habe, verstand alles,
und fand mich leicht in jeglichem zurecht. Ja, ich
hatte das Gefühl, daß ich in diesem hochgelegenen
Engpaß ebenfalls über die Römer gesiegt haben würde.
Der See hat viele Zu- und Abflüsse. Einer dieser Abflüsse (mehr Kanal als Fluß) nennt sich der ‚Emissarius‘,
was mich sehr erheiterte. Noch interessanter aber
erschien mir ein anderer Flußlauf, der, weil er am
Schlachttage von Blut sich rötete, der ‚Sanguinetto‘
heißt. Das Diminutiv steigert hier ganz entschieden
die Wirkung. Der See ist übrigens sehr groß, zehn
Meilen Umfang, und dabei flach, weshalb der erste
Napoleon ihn auspumpen lassen wollte. Da hätte sich
dann ein neues Herzogtum gründen lassen …“

„Schau, Schau,“ sagte der alte Dubslav, „wer der
blassen Comtesse das zugetraut hätte! Ja, reisen und
in den Krieg ziehen, da lernt man, da wird man
anders.“

Und er legte den Brief beiseite.

Zugleich aber war ein stilles Behagen über ihn
gekommen und er überdachte, wie manche Freude das
Leben doch immer noch habe. Vor ihm, in den Parkbäumen, schlugen die Vögel, und ein Buchfink kam bis
auf den Tisch und sah ihn an, ganz ohne Scheu. Das
that ihm ungemein wohl. „Etwas ganz besonders Schönes
im Leben ist doch das Vertrauen, und wenn's auch
bloß ein Piepvogel is, der's einem entgegenbringt.
Einige haben eine schwarze Milz und sagen: alles sei
von Anfang an auf Mord und Totschlag gestellt. Ich
kann es aber nicht finden.“

Engelke kam, um abzuräumen. „Is ein schöner
Tag heut,“ sagte Dubslav, „und die Krokusse kommen
auch schon 'raus. Eigentlich hab' ich nich geglaubt,
daß ich so was Hübsches noch mal sehn würde. Und
wenn ich dann denke, daß ich das alles der Buschen
verdanke! Merkwürdige Welt! Sponholz hatte bloß
immer seine grünen Tropfen, und Moscheles hatte nichts
als seinen ewigen Torgelow, und nu kommt die Buschen
und mit einem Mal is es besser. Ja, wirklich merkwürdig. Und nu krieg' ich auch noch, wenn auch bloß
leihweise, solchen hübschen Brief von einer hübschen
jungen Frau. Noch dazu Schwiegertochter. Ja, Engelke,
so geht's; nich zu glauben. Und da hättest du vorhin
den Buchfinken sehen sollen, wie mich der ansah. Bloß
als du kamst, da flog er weg; er muß sich vor dir gegrault haben.

„Ach, gnäd'ger Herr, vor mir grault sich keine
Kreatur.“

„Will dir's glauben. Und du sollst sehn, heute
haben wir 'nen guten Tag, und es kommt auch noch
wer, an dem man sich freuen kann. Wie mir schlecht
war, da kam Koseleger und die Prinzessin. Aber heute
kam ein Buchfink. Und ich bin ganz sicher, der hat noch
ein Gefolge.“

Dubslavs Ahnungen behielten recht; und als der
Nachmittag da war, kam Lorenzen, der sich, seitdem der
Alte seinen Katzenpfötchenthee trank, nur selten und
immer bloß flüchtig hatte sehen lassen. Aber das war
rein zufällig und sollte nicht eine Mißbilligung darüber
ausdrücken, daß sich der Alte bei der Buschen in die Kur
gegeben.

„Nun endlich,“ empfing ihn Dubslav, als Lorenzen
eintrat. „Wo bleiben Sie? Da heißt es immer, wir
Junker wären kleine Könige. Ja, wer's glaubt! Alle
kleinen Könige haben ein Cortege, das sich in Huldigungen
und Purzelbäumen überschlägt. Aber von solchem Gefolge habe ich noch nicht viel gesehen. Baruch ist freilich
hier gewesen und dann Koseleger und dann die Prinzessin, aber der, der so halb ex officio kommen sollte,
der kommt nicht und schickt höchstens mal die Kulicke
oder die Elfriede mit 'ner Anfrage. Sterben und verderben kann man. Und das heißt dann Seelsorge.“

Lorenzen lächelte. „Herr von Stechlin, Ihre Seele
macht mir, trotz dieser meiner Vernachlässigung keine Sorge,
denn sie zählt zu denen, die jeder Spezialempfehlung
entbehren können. Lassen Sie mich sehr menschlich, ja
für einen Pfarrer beinah lästerlich sprechen. Aber ich
muß es. Ich lebe nämlich der Überzeugung, der liebe
Gott, wenn es mal so weit ist, freut sich, Sie wiederzusehen. Ich sage, wenn es so weit ist. Aber es ist
noch nicht so weit.“

„Ich weiß nicht, Lorenzen, ob Sie recht haben.
Jedenfalls aber befind' ich mich in meinem derzeitig
erträglichen Zustande nur mit Hilfe der Buschen, und
ob mich das nach obenhin besonders empfehlen kann,
ist mir zweifelhaft. Aber lassen wir die heikle Frage.
Erzählen Sie mir lieber etwas recht Hübsches und
Heiteres, auch wenn es nebenher etwas ganz Altes ist,
etwa das, was man früher Miscellen nannte. Das ist
mir immer das liebste gewesen und ist es noch. Was
ich da so in den Zeitungen lese, voran das Politische,
das weiß ich schon immer alles, und was ich von
Engelke höre, das weiß ich auch. Beiläufig — natürlich nur
vom alleregoistischsten Zeitungsleserstandpunkt aus —
ein wahres Glück, daß es Unglücksfälle giebt, sonst hätte man
von der Zeitungslektüre so gut wie gar nichts. Aber Sie,
Sie lesen auch sonst noch allerlei, mitunter sogar Gutes
(freilich nur selten), und haben ein wundervolles Gedächtnis für Räubergeschichten und Anekdoten aus allen
fünf Weltteilen. Außerdem sind Sie Friederikus-RexMann, was ich Ihnen eigentlich am höchsten anrechne,
denn die Friederikus-Rex-Leute, die haben alle Herz und
Verstand auf dem rechten Fleck. Also suchen Sie nach
irgend was der Art, nach einer alten Zieten- oder
Blücheranekdote, kann meinetwegen auch Wrangel sein —
ich bin dankbar für alles. Je schlechter es einem geht
je schöner kommt einem so was kavalleristisch Frisches
und Übermütiges vor. Ich spiele mich persönlich nicht
auf Heldentum aus, Renommieren ist ein elendes Handwerk; aber das darf ich sagen: ich liebe das Heldische.
Und Gott sei Dank kommt dergleichen immer noch vor.“

„Gewiß kommt so was immer noch vor. Aber, Herr
von Stechlin, all dies Heldische …“

„Nun aber Lorenzen, Sie werden doch nicht
gegen das Heldische sein? So weit sind Sie doch noch
nicht! Und wenn es wäre, da würd' ich ernstlich böse.“

„Das läßt Ihre Güte nicht zu.“

„Sie wollen mich einfangen. Aber diesmal glückt
es nicht. Was haben Sie gegen das Heldische?“

„Nichts, Herr von Stechlin, gar nichts. Im Gegenteil. Heldentum ist gut und groß. Und unter Umständen ist es das allergrößte. Lasse mir also den
Heroenkultus durchaus gefallen, das heißt, den echten
und rechten. Aber was sie da von mir hören wollen,
das ist, Verzeihung für das Wort, ein Heldentum zweiter
Güte. Mein Heldentum — soll heißen, was ich für
Heldentum halte — das ist nicht auf dem Schlachtfelde
zu Hause, das hat keine Zeugen oder doch immer nur
solche, die mit zu Grunde gehn. Alles vollzieht sich stumm,
einsam, weltabgewandt. Wenigstens als Regel. Aber
freilich, wenn die Welt dann ausnahmsweise davon
hört, dann horch' ich mit auf, und mit gespitzterem Ohr,
wie ein Kavalleriepferd, das die Trompete hört.“

„Gut. Meinetwegen. Aber Beispiele.“

„Kann ich geben. Da sind zunächst die fanatischen
Erfinder, die nicht ablassen von ihrem Ziel, unbekümmert
darum, ob ein Blitz sie niederschlägt oder eine Explosion
sie in die Luft schleudert; da sind des weiteren die großen
Kletterer und Steiger, sei's in die Höh', sei's in die
Tiefe, da sind zum dritten, die, die den Meeresgrund
absuchen wie 'ne Wiese, und da sind endlich die Weltteildurchquerer und die Nordpolfahrer.“

„Ach, der ewige Nansen. Nansen, der, weil er die
diesseits verlorene Hose jenseits in Grönland wiederfand,
auf den Gedanken kam: ‚Was die Hose kann, kann ich auch.‘
Und daraufhin fuhr er über den Pol. Oder wollte wenigstens.“

Lorenzen nickte.

„Nun ja, das war klug gedacht. Und daß dieser
Nansen sich an die Sache 'ran machte, das respektier' ich,
auch wenn schließlich nichts draus wurde. Bleibt immer
noch ein Bravourstück. Gewiß, da sitzt nu so wer im
Eise, sieht nichts, hört nichts, und wenn wer kommt,
ist es höchstens ein Eisbär. Indessen, er freut sich doch,
weil es wenigstens was Lebendiges ist. Ich darf sagen,
ich hab' einen Sinn für dergleichen. Aber trotzdem,
Lorenzen, die Garde bei St. Privat ist doch mehr.“

„Ich weiß nicht, Herr von Stechlin. Echtes Heldentum, oder um's noch einmal einzuschränken, ein solches,
das mich persönlich hinreißen soll, steht immer im Dienst
einer Eigenidee, eines allereigensten Entschlusses. Auch
dann noch (ja mitunter dann erst recht), wenn dieser
Entschluß schon das Verbrechen streift. Oder, was fast
noch schlimmer, das Häßliche. Kennen Sie den Cooperschen
‚Spy‘? Da haben Sie den Spion als Helden. Mit
andern Worten, ein Niedrigstes als Höchstes. Die Gesinnung entscheidet. Das steht mir fest. Aber es giebt
der Beispiele noch andere, noch bessere!“

„Da bin ich neugierig,“ sagte Dubslav. „Also
wenn's sein kann: Name.“

„Name: Greeley, Leutnant Greeley; Yankee pur
sang. Und im übrigen auch einer aus der Nordpolfahrergruppe.“

„Will also sagen: Nansen der Zweite.“

„Nein, nicht der Zweite. Was er that, war viele
Jahre vor Nansen.“

„Und er kam höher hinauf? Weiter nach dem Pol
zu. Oder waren seine Eisbär-Rencontres von noch ernsthafterer Natur?“

„All das würde mir nicht viel besagen. Das herkömmlich Heldische fehlt in seiner Geschichte völlig. Was
an seine Stelle tritt, ist ein ganz andres. Aber dies
andre, das gerade macht es.“

„Und das war?“

„Nun denn, — ich erzähle nach dem Gedächtnis
und im Einzelnen und Nebensächlichen irr' ich vielleicht …
Aber in der Hauptsache stimmt es … Also zuletzt, nach
langer Irrfahrt, waren's noch ihrer fünf: Greeley selbst
und vier seiner Leute. Das Schiff hatten sie verlassen,
und so zogen sie hin über Eis und Schnee. Sie wußten
den Weg, soweit sich da von Weg sprechen läßt, und
die Sorge war nur, ob das bißchen Proviant, das sie
mit sich führten, Schiffszwieback und gesalzenes Fleisch,
bis an die nächste menschenbewohnte Stelle reichen würde.
Jedem war ein höchstes und doch zugleich auch wieder
geringstes Maß als tägliche Provision zubewilligt, und
wenn man dies Maß einhielt und kein Zwischenfall kam,
so mußt' es reichen. Und einer, der noch am meisten bei
Kräften war, schleppte den gesamten Proviant. Das
ging so durch Tage. Da nahm Leutnant Greeley wahr,
daß der Proviant schneller hinschmolz als berechnet, und
nahm auch wahr, daß der Proviantträger selbst, wenn
er sich nicht beobachtet glaubte, von den Rationen
nahm. Das war eine schreckliche Wahrnehmung. Denn
ging es so fort, so waren sie samt und sonders verloren. Da nahm Greeley die drei andern beiseit und
beriet mit ihnen. Eine Möglichkeit gewöhnlicher Bestrafung gab es nicht, und auf einen Kampf sich einzulassen, ging auch nicht. Sie hatten dazu die Kräfte
nicht mehr. Und so hieß es denn zuletzt, und es war
Greeley der es sagte: ‚Wir müssen ihn hinterrücks erschießen.‘ Und als sie bald nach dieser Kriegsgerichtsscene
wieder aufbrachen, der heimlich Verurtheilte vorn an der
Tete, trat Greeley von hintenher an ihn heran und schoß ihn
nieder. Und die That war nicht umsonst gethan; ihre
Rationen reichten aus, und an dem Tage, wo sie den
letzten Bissen verzehrten, kamen sie bis an eine Station.“

„Und was wurde weiter?“

„Ich weiß nicht mehr, ob Greeley selbst bei seiner
Rückkehr nach New-York als Ankläger gegen sich auftrat; aber das weiß ich, daß es zu einer großen Verhandlung kam.“

„Und in dieser …“

„… In dieser wurd' er freigesprochen und im
Triumph nach Hause getragen.“

„Und Sie sind einverstanden damit?“

„Mehr; ich bin voll Bewunderung. Greeley, statt zu
thun, was er that, hätte zu den Gefährten sagen können:
‚Unser Exempel wird falsch, und wir gehen an des einen
Schuld zu Grunde; töten mag ich ihn nicht, — sterben
wir also alle.‘ Für seine Person hätt' er so sprechen
und handeln können. Aber es handelte sich nicht bloß
um ihn; er hatte die Führer- und die Befehlshaberrolle,
zugleich die Richter-Pflicht und hatte die Majorität von
drei gegen eine Minorität von einem zu schützen. Was
dieser eine gethan, an und für sich ein Nichts, war
unter den Umständen, unter denen es geschah, ein fluchwürdiges Verbrechen. Und so nahm er denn gegen die
geschehene schwere That die schwere Gegenthat auf sich.
In solchem Augenblicke richtig fühlen und in der Überzeugung des Richtigen fest und unbeirrt ein furchtbares
Etwas thun, ein Etwas, das, aus seinem Zusammenhange gerissen, allem göttlichen Gebot, allem Gesetz und
aller Ehre widerspricht, das imponiert mir ganz ungeheuer und ist in meinen Augen der wirkliche, der
wahre Mut. Schmach und Schimpf, oder doch der Vorwurf des Schimpflichen, haben sich von jeher an alles
Höchste geknüpft. Der Bataillonsmut, der Mut in der
Masse (bei allem Respekt davor), ist nur ein Herdenmut.“

Dubslav sah vor sich hin. Er war augenscheinlich
in einem Schwankezustand. Dann aber nahm er die Hand
Lorenzens und sagte: „Sie sollen recht haben.“

Neununddreißigstes Kapitel.

Dubslav hatte nach Lorenzens Besuch eine gute
Nacht. „Wenn man mal so was andres hört, wird einem
gleich besser.“ Aber auch der Katzenpfötchenthee fuhr
fort, seine Wirkung zu thun, und was dem Kranken
am meisten half, war, daß er die grünen Tropfen
fortließ.

„Hör, Engelke, am Ende wird es noch mal was.
Wie gefallen dir meine Beine? Wenn ich drücke, keine
Kute mehr.“

„Gewiß, gnäd'ger Herr, es wird nu wieder, un
das macht alles der Thee. Ja, die Buschen versteht es,
das hab' ich immer gesagt. Und gestern abend, als
Lorenzen hier war, war auch lütt Agnes hier un hat
unten in der Küche gefragt, ,wie's denn eigentlich mit
dem gnädigen Herrn stünn‘? Und die Mamsell hat ihr
gesagt, ,es stünde gut‘.“

„Na, das is recht, daß die Alte, wie 'n richtiger
Doktor, sich um einen kümmert und von allem wissen
will. Und daß sie nicht selber kommt, ist noch besser.
So 'n bißchen schlecht Gewissen hat sie doch woll. Ich
glaube, daß sie viel auf 'm Kerbholz hat, und daß die
Karline so is, wie sie is, daran is doch auch bloß die
Alte schuld. Und das Kind wird vielleicht auch noch
so; sie dreht sich schon wie 'ne Puppe, und dazu das
lange blonde Zoddelhaar. Ich muß dabei immer an
Bellchen denken, — weißt du noch, als die gnäd'ge
Frau noch lebte. Bellchen hatte auch solche Haare. Und
war auch der Liebling. Solche sind immer Liebling.
Krippenstapel, hör' ich, soll sie auch in der Schule verwöhnen. Wenn die andern ihn noch anglotzen, dann
schießt sie schon los. Es ist ein kluges Ding.“

„Engelke bestätigte, was Dubslav sagte, und ging
dann nach unten, um dem gnäd'gen Herrn sein zweites
Frühstück zu holen: ein weiches Ei und eine Tasse
Fleischbrühe. Als er aber aus dem Gartenzimmer auf
den großen Hausflur hinaustrat, sah er, daß ein Wagen
vorgefahren war, und statt in die Küche zu gehen, ging
er doch lieber gleich zu seinem Herrn zurück, um mit
verlegenem Gesicht zu melden, daß das gnäd'ge Fräulein da sei.

„Wie? Meine Schwester?“

„Ja, das gnäd'ge Frölen.“

„I, da soll doch gleich 'ne alte Wand wackeln,“
sagte Dubslav, der einen ehrlichen Schreck gekriegt hatte,
weil er sicher war, daß es jetzt mit Ruh' und Frieden
auf Tage, vielleicht auf Wochen, vorbei sei. Denn Adelheid mit ihren sechsundsiebzig setzte sich nicht gern auf
eine Kleinigkeit hin in Bewegung, und wenn sie die
beinahe vier Meilen von Kloster Wutz her herüberkam,
so war das kein Nachmittagsbesuch, sondern Einquartierung. Er fühlte, daß sich sein ganzer Zustand mit
einem Male wieder verschlechterte, und daß eine halbe
Atemnot im Nu wieder da war.

Er hatte aber nicht lange Zeit, sich damit zu beschäftigen, denn Engelke öffnete bereits die Thür, und
Adelheid kam auf ihn zu. „Tag, Dubslav. Ich muß
doch mal sehn. Unser Rentmeister Fix ist vorgestern
hier in Stechlin gewesen und hat dabei von deinem
letzten Unwohlsein gehört. Und daher weiß ich es. Eh'
du persönlich deine Schwester so was wissen läßt oder
einen Boten schickst …“

„Da muß ich schon tot sein,“ ergänzte der alte
Stechlin und lachte. „Nun, laß es gut sein, Adelheid,
mach dir's bequem und rücke den Stuhl da heran.“

„Den Stuhl da? Aber, Dubslav, was du dir
nur denkst! Das ist ja ein Großvaterstuhl oder doch
beinah'.“ Und dabei nahm sie statt dessen einen kleinen,
leichten Rohrsessel und ließ sich drauf nieder. „Ich
komme doch nicht zu dir, um mich hier in einen großen
Polsterstuhl mit Backen zu setzen. Ich will meinen lieben
Kranken pflegen, aber ich will nicht selber eine Kranke
sein. Wenn es so mit mir stünde, wär' ich zu Hause
geblieben. Du rechnest immer, daß ich zehn Jahre älter
bin als du. Nun ja, ich bin zehn Jahre älter. Aber
was sind die Jahre? Die Wutzer Luft ist gesund, und
wenn ich die Grabsteine bei uns lese, unter achtzig ist
da beinah' keine von uns abgegangen. Du wirst erst
siebenundsechzig. Aber ich glaube, du hast dein Leben
nicht richtig angelegt, ich meine deine Jugend, als du
noch in Brandenburg warst. Und von Brandenburg
immer 'rüber nach Berlin. Na, das kennt man. Ich
habe neulich was Statistisches gelesen.“

„Damen dürfen nie Statistisches lesen,“ sagte Dubslav, „es ist entweder zu langweilig oder zu interessant,
— und das ist dann noch schlimmer. Aber nun klingle
(verzeih, mir wird das Aufstehn so schwer), daß uns
Engelke das Frühstück bringt; du kommst à la fortune
du pot und mußt fürlieb nehmen. Mein Trost ist, daß
du drei Stunden unterwegs gewesen. Hunger ist der
beste Koch.“

Beim Frühstück, das bald danach aufgetragen wurde
— die Jahreszeit gestattete, daß auch eine Schale mit
Kiebitzeiern aufgesetzt werden konnte — verbesserte sich
die Stimmung ein wenig; Dubslav ergab sich in sein
Schicksal, und Adelheid wurde weniger herbe.

„Wo hast du nur die Kiebitzeier her?“ sagte sie.
„Das ist was Neues. Als ich noch hier lebte, hatten
wir keine.“

„Ja, die Kiebitze haben sich seit kurzem hier eingefunden, an unserm Stechlin, da, wo die Binsen stehn;
aber bloß auf der Globsower Seite. Nach der andern
Seite hin wollen sie nicht. Ich habe mir gedacht, es
sei vielleicht ein Fingerzeig, daß ich nun auch welche
nach Friedrichsruh schicken soll. Aber das geht nicht;
dann gelt' ich am Ende gleich für eingeschworen, und
Uncke notiert mich. Wer dreimal Kiebitzeier schickt, kommt
ins schwarze Buch. Und das kann ich schon Woldemars
wegen nicht.“

„Is auch recht gut so. Was zu viel ist, ist zu
viel. Er soll sich ja mit der Lucca zusammen haben
photographieren lassen. Und während sie da oben in
der Regierung und mitunter auch bei Hofe so was thun,
fordern sie Tugend und Sitte. Das geht nicht. Bei
sich selber muß man anfangen. Und dann ist er doch
auch schließlich bloß ein Mensch, und alle Menschenanbetung ist Götzendienst. Menschenanbetung ist noch
schlimmer als das goldene Kalb. Aber ich weiß wohl,
Götzendienst kommt jetzt wieder auf, und Hexendienst
auch, und du sollst ja auch — so wenigstens hat mir
Fix erzählt — nach der Buschen geschickt haben.“

„Ja, es ging mir schlecht.“

„Gerade, wenn's einem schlecht geht, dann soll
man Gott und Jesum Christum erkennen lernen, aber
nicht die Buschen. Und sie soll dir Katzenpfötchenthee
gebracht haben und soll auch gesagt haben: ‚Wasser
treibt das Wasser.‘ Das mußt du doch heraushören,
daß das ein unchristlicher Spruch ist. Das ist, was sie
‚besprechen‘ nennen oder auch ‚böten‘. Und wo das
alles herstammt, … … Dubslav, Warum
bist du nicht bei den grünen Tropfen geblieben und
bei Sponholz? Seine Frau war eine Pfarrerstochter
aus Kuhdorf.“

„Hat ihr auch nichts geholfen. Und nu sitzt sie
mit ihm in Pfäffers, einem Schweizerbadeort, und
da schmoren sie gemeinschaftlich in einem Backofen.
Er hat es mir selbst erzählt, daß es ein Backofen is.“

Der erste Tag war immerhin ganz leidlich verlaufen. Adelheid erzählte von Fix, von der Schmargendorff und der Schimonski und zuletzt auch von
Maurermeister Lebenius in Berlin, der in Wutz eine
Ferienkolonie gründen wolle. „Gott, wir kriegen dann
so viel armes Volk in unsern Ort und noch dazu lauter
Berliner Bälge mit Plieraugen. Aber die grünen Wiesen
sollen ja gut dafür sein und unser See soll Jod haben,
freilich wenig, aber doch so, daß man's noch gerade
finden kann.“ Adelheid sprach in einem fort, derart,
daß Dubslav kaum zu Wort kommen konnte. Gelang es
ihm aber, so fuhr sie rasch dazwischen, trotzdem sie beständig versicherte, daß sie gekommen sei, ihn zu pflegen,
und nur, wenn er auf Woldemar das Gespräch brachte,
hörte sie mit einiger Aufmerksamkeit zu. Freilich, die
italienischen Reisemitteilungen als solche waren ihr langweilig, und nur bei Nennung bestimmter Namen, unter
denen „Tintoretto“ und „Santa Maria Novella“ obenan standen, erheiterte sie sich sichtlich. Ja, sie kicherte
dabei fast so vergnügt wie die Schmargendorff. Ein
wirkliches, nicht ganz flüchtiges Interesse (wenn auch
freilich kein freundliches) zeigte sie nur, wenn Dubslav
von der jungen Frau sprach und hinzusetzte: „Sie hat
so was Unberührtes.“

„Nu ja, nu ja. Das liegt aber doch zurück.“

„Wer keusch ist, bleibt keusch.“

„Meinst du das ernsthaft?“

„Natürlich mein' ich es ernsthaft. Über solche
Dinge spaß' ich überhaupt nicht.“

Und nun lachte Adelheid herzlich und sagte:
„Dubslav, was hast du nur wieder für Bücher gelesen? Denn aus dir selbst kannst du doch so was
nicht haben. Und von deinem Pastor Lorenzen auch
nicht. Der wird ja wohl nächstens 'ne ‚freie Gemeinde‘
gründen.“

So war der erste Tag dahingegangen. Alles in
allem, trotz kleiner Ärgerlichkeiten, unterhaltlich genug
für den Alten, der, unter seiner Einsamkeit leidend,
meist froh war, irgend einen Plauderer zu finden, auch
wenn dieser im übrigen nicht gerade der richtige war.
Aber das alles dauerte nicht lange. Die Schwester
wurde von Tag zu Tag rechthaberischer und herrischer
und griff unter der Vorgabe, „daß ihr Bruder anders
verpflegt werden müsse“, in alles ein, auch in Dinge,
die mit der Verpflegung gar nichts zu thun hatten.
Vor allem wollte sie ihm den Katzenpfötchenthee wegdisputieren, und wenn abends die kleine Meißener Kanne
kam, gab es jedesmal einen erregten Disput über die
Buschen und ihre Hexenkünste.

So waren denn noch keine acht Tage um, als es
für Dubslav feststand, daß Adelheid wieder fort müsse.
Zugleich sann er nach, wie das wohl am besten zu
machen sei. Das war aber keine ganz leichte Sache,
da die „Kündigung“ notwendig von ihr ausgehen mußte.
So wenig er sich aus ihr machte, so war er doch zu
sehr Mann der Form und einer feineren Gastlichkeit,
als daß er's zuwege gebracht hätte, seinerseits auf Abreise zu dringen.

Es war um die vierte Stunde, das Wetter schön,
aber auch frisch. Adelheid hing sich ihren Pelzkragen um,
ein altes Familienerbstück, und ging zu Krippenstapel,
um sich seine Bienenstöcke zeigen zu lassen. Sie hoffte
bei der Gelegenheit auch was über den Pastor zu hören,
weil sie davon ausging, daß ein Lehrer immer über
den Prediger und der Prediger immer über den Lehrer
zu klagen hat. Jedes Landfräulein denkt so. Die
Bienen nahm sie so mit in den Kauf.

Es begann zu dunkeln, und als die Domina
schließlich aus dem Herrenhause fort war, war das eine
freie Stunde für Dubslav, der nun nicht länger säumen
mochte, seine Mine zu legen.

„Engelke,“ sagte er, „du könntest in die Küche
gehn und die Marie zur Buschen schicken. Die Marie
weiß ja Bescheid da. Und da kann sie denn der alten
Hexe sagen, lütt Agnes solle heut abend mit heraufkommen und hier schlafen und immer da sein, wenn ich
was brauche.“

Engelke stand verlegen da.

„Nu, was hast du? Bist du dagegen?“

„Nein, gnäd'ger Herr, dagegen bin ich wohl eigentlich nich. Aber ich schlafe doch auch nebenan, und dann
is es ja, wie wenn ich für gar nichts mehr da wär'
und fast so gut wie schon abgesetzt. Und das Kind
kann doch auch nich all das, was nötig is; Agnes is
ja doch noch 'ne lütte Krabb'.“

„Ja, das is sie. Und du sollst auch in der andern
Stube bleiben und alles thun wie vorher. Aber trotzdem, die Agnes soll kommen. Ich brauche das Kind.
Und du wirst auch bald sehn, warum.“

Und so kam denn auch Agnes, aber erst sehr spät,
als sich Adelheid schon zurückgezogen hatte, dabei nicht
ahnend, welche Ränke mittlerweile gegen sie gesponnen
waren. Auf diese Verheimlichung kam es aber gerade an.
Dubslav hatte sich nämlich wie Franz Moor — an
den er sonst wenig erinnerte — herausgeklügelt, daß
Überraschung und Schreck bei seinem Plan mitwirken
müßten.

Agnes schlief in einer nebenan aufgestellten eisernen
Bettstelle. Dubslav, gerade so wie seine Schwester,
hatte das etwas auffällig herausgeputzte Kind bei seinem
Erscheinen im Herrenhause gar nicht mehr gesehen; es
trug ein langes, himmelblaues Wollkleid ohne Taille,
dazu Knöpfstiefel und lange rote Strümpfe, — lauter
Dinge, die Karline schon zu letzten Weihnachten geschenkt
hatte. Gleich damals, am ersten Feiertag, hatte das
Kind den Staat denn auch wirklich angezogen, aber bloß
so still für sich, weil sie sich genierte, sich im Dorfe
damit zu zeigen; jetzt dagegen, wo sie bei dem gnäd'gen
Herrn in Krankenpflege gehen sollte, jetzt war die richtige
Zeit dafür da.

Die Nacht verging still; niemand war gestört worden.
Um sieben erst kam Engelke und sagte: „Nu, lütt Deern,
steih upp, is all seben.“ Agnes war auch wirklich wie
der Wind aus dem Bett, fuhr mit einem mitgebrachten
Hornkamm, dem ein paar Zähne fehlten, durch ihr etwas
gekraustes langes Blondhaar, putzte sich wie ein Kätzchen,
und zog dann den himmelblauen Hänger, die roten
Strümpfe und zuletzt auch die Knöpfstiefel an. Gleich
danach brachte ihr Engelke einen Topf mit Milchkaffee,
und als sie damit fertig war, nahm sie ihr Strickzeug
und ging in das große Zimmer nebenan, wo Dubslav
bereits in seinem Lehnstuhl saß und auf seine Schwester
wartete. Denn um acht nahmen sie das erste Frühstück
gemeinschaftlich.

„So, Agnes, das is recht, daß du da bist. Hast
du denn schon deinen Kaffee gehabt?“

Agnes knickste.

„Nu setz dich da mal ans Fenster, daß du bei
deiner Arbeit besser sehn kannst; du hast ja schon dein
Strickzeug in der Hand. Solch junges Ding wie du
muß immer was zu thun haben, sonst kommt sie auf
dumme Gedanken. Nicht wahr?“

Agnes knickste wieder, und da sie sah, daß ihr der
Alte weiter nichts zu sagen hatte, ging sie bis an das
ihr bezeichnete Fenster, dran ein länglicher Eichentisch
stand, und fing an zu stricken. Es war ein sehr langer
Strumpf, brandrot und, nach seiner Schmalheit zu
schließen, für sie selbst bestimmt.

Sie war noch nicht lange bei der Arbeit, als Adelheid eintrat und auf ihren im Lehnstuhl sitzenden Bruder
zuschritt. Bei der geringen Helle, die herrschte, traf
sich's, daß sie von dem Gast am Fenster nicht recht was
wahrnahm. Erst als Engelke mit dem Frühstück kam
und die plötzlich geöffnete Thür mehr Licht einfallen
ließ, bemerkte sie das Kind und sagte: „Da sitzt ja wer.
Wer ist denn das?“

„Das ist Agnes, das Enkelkind von der Buschen.“

Adelheid bewahrte mit Mühe Haltung. Als sie sich
wieder zurechtgefunden, sagte sie: „So, Agnes. Das
Kind von der Karline?“

Dubslav nickte.

„Das ist mir ja 'ne Überraschung. Und wo hast
du sie denn, seit ich hier bin, versteckt gehalten? Ich
habe sie ja die ganze Woche über noch nicht gesehn.“

„Konntest du auch nicht, Adelheid; sie ist erst seit
gestern Abend hier. Mit Engelke ging das nicht mehr,
wenigstens nicht auf die Dauer. Er ist ja so alt wie
ich. Und immer 'raus in der Nacht und 'rauf und
'runter und mich umdrehn und heben. Das konnt' ich
nich mehr mit ansehn.“

„Und da hast du dir die Agnes kommen lassen?
Die soll dich nun 'rumdrehn und heben? Das Kind,
das Wurm. Haha. Was du dir doch alles für Geschichten machst.“

„Agnes,“ sagte hier Dubslav, „du könntest mal
zu Mamsell Pritzbur in die Küche gehn und ihr sagen,
ich möchte heute Mittag 'ne gefüllte Taube haben.
Aber nich so mager und auch nich so wenig Füllung,
und daß es nich nach alter Semmel schmeckt. Und dann
kannst du gleich bei der Mamsell unten bleiben und
dir 'ne Geschichte von ihr erzählen lassen, vom ‚Schäfer
und der Prinzessin‘ oder vom ‚Fischer un sine Fru‘;
Rotkäppchen wirst du wohl schon kennen.“

Agnes stand auf, trat unbefangen an den Tisch,
wo Bruder und Schwester saßen, und machte wiederholt ihren Knicks. Dabei hielt sie das Strickzeug und
den langen Strumpf in der Hand.

„Für wen strickst du denn den?“ fragte die Domina.

„Für mich.“

Dubslav lachte. Adelheid auch. Aber es war ein
Unterschied in ihrem Lachen. Agnes nahm übrigens
nichts von diesem Unterschied wahr, sah vielmehr ohne
Furcht um sich und ging aus dem Zimmer, um unten
in der Küche die Bestellung auszurichten.

Als sie hinaus war, wiederholte sich Adelheids
krampfhaftes Lachen. Dann aber sagte sie: „Dubslav,
ich weiß nicht, warum du dir, so lang ich hier bin,
gerade diese Hilfskraft angenommen hast. Ich bin deine
Schwester und eine Märkische von Adel. Und bin auch
die Domina von Kloster Wutz. Und meine Mutter war
eine Radegast. Und die Stechline, die drüben in der
Gruft unterm Altar stehn, die haben, soviel ich weiß,
auf ihren Namen gehalten und sich untereinander die
Ehre gegeben, die jeder beanspruchen durfte. Du nimmst
hier das Kind der Karline in dein Zimmer und setzt es
ans Fenster, fast als ob's da jeder so recht sehn sollte.
Wie kommst du zu dem Kind? Da kann sich Woldemar freuen und seine Frau auch, die so was ‚Unberührtes‘ hat. Und Gräfin Melusine! Na, die wird
sich wohl auch freun. Und die darf auch. Aber ich
wiederhole meine Frage, wie kommst du zu dem Kind?“

„Ich hab' es kommen lassen.“

„Haha. Sehr gut; ‚kommen lassen‘. Der Klapperstorch hat es dir wohl von der grünen Wiese gebracht
und natürlich auch gleich für die roten Beine gesorgt.
Aber ich kenne dich besser. Die Leute hier thun immer
so, wie wenn du dem alten Kortschädel sittlich überlegen
gewesen wärst. Ich für meine Person kann's nicht finden
und sagte dir gern meine Meinung darüber. Aber ich
nehme häßliche Worte nicht gern in den Mund.“

„Adelheid, du regst dich auf. Und ich frage mich,
warum? Du bist ein bißchen gegen die Buschen, —
nun gut, gegen die Buschen kann man sein; und du
bist ein bißchen gegen die Karline, — nun gut, gegen
die Karline kann man auch sein. Aber ich sehe dir's
an, das eigentliche, was dich aufregt, das ist nicht die
Buschen und ist auch nicht die Karline, das sind bloß
die roten Strümpfe. Warum bist du so sehr gegen die
roten Strümpfe?“

„Weil sie ein Zeichen sind.“

„Das sagt gar nichts, Adelheid. Ein Zeichen ist
alles. Wovon sind sie ein Zeichen? Darauf kommt
es an.“

„Sie sind ein Zeichen von Ungehörigkeit und Verkehrtheit. Und ob du nun lachen magst oder nicht,
— denn an einem Strohhalm sieht man eben am besten,
woher der Wind weht — sie sind ein Zeichen davon,
daß alle Vernunft aus der Welt ist und alle gesellschaftliche Scheidung immer mehr aufhört. Und das alles
unterstützt du. Du denkst wunder, wie fest du bist; aber
du bist nicht fest und kannst es auch nicht sein, denn
du steckst in allerlei Schrullen und Eitelkeiten. Und
wenn sie dir um den Bart gehn oder dich bei deinen
Liebhabereien fassen, dann läßt du das, worauf es ankommt, ohne weiteres im Stich. Es soll jetzt viele
solche geben, denen ihr Humor und ihre Rechthaberei
viel wichtiger ist als Gläubigkeit und Apostolikum.
Denn sie sind sich selber ihr Glaubensbekenntnis. Aber,
glaube mir, dahinter steckt der Versucher, und wohin
der am Ende führt, das weißt du, — so viel wird dir
ja wohl noch geblieben sein.“

„Ich hoffe,“ sagte Dubslav.

„Und weil du bist wie du bist, freust du dich, daß
diese Zierpuppe (schon ganz wie die Karline) rote Strümpfe
trägt und sich neue dazu strickt. Ich aber wiederhole
dir, diese roten Strümpfe, die sind ein Zeichen, eine hochgehaltene Fahne.“

„Strümpfe werden nicht hochgehalten.“

„Noch nicht, aber das kann auch noch kommen.
Und das ist dann die richtige Revolution, die Revolution
in der Sitte, — das, was sie jetzt das „Letzte“ nennen.
Und ich begreife dich nicht, daß du davon kein Einsehn
hast, du, ein Mann von Familie, von Zugehörigkeit
zu Thron und Reich. Oder der sich's wenigstens einbildet.“

„Nun gut, nun gut.“

„Und da reist du herum, wenn sie den Torgelow
oder den Katzenstein wählen wollen, und hältst deine
Reden, wiewohl du eigentlich nicht reden kannst …“

„Das is richtig. Aber ich hab' auch keine gehalten …“

„Und hältst deine Reden für König und Vaterland
und für die alten Güter und sprichst gegen die Freiheit.
Ich versteh' dich nicht mit deinem ewigen „gegen die
Freiheit“. Laß sie doch mit ihrer ganzen dummen Freiheit machen, was sie wollen. Was heißt Freiheit?
Freiheit ist gar nichts; Freiheit ist, wenn sie sich versammeln und Bier trinken und ein Blatt gründen. Du
hast bei den Kürassieren gestanden und mußt doch wissen,
daß Torgelow und Katzenstein (was keinen Unterschied
macht) uns nicht erschüttern werden, uns nicht und
unsern Glauben nicht und Stechlin nicht und Wutz nicht.
Die Globsower, so lange sie bloß Globsower sind, können
gar nichts erschüttern. Aber wenn erst der Buschen ihre
Enkelkinder, denn die Karline wird doch wohl schon
mehrere haben, ihre Knöpfstiefel und ihre roten Strümpfe
tragen, als müßt es nur so sein, ja, Dubslav, dann ist
es vorbei. Mit der Freiheit, laß mich das wiederholen, hat
es nicht viel auf sich; aber die roten Strümpfe, das
ist was. Und dir trau ich ganz und gar nicht, und
der Karline natürlich erst recht nicht, wenn es auch
vielleicht schon eine Weile her ist.“

„Sagen wir ‚vielleicht‘.“

„O, ich kenne das. Du willst das wegwitzeln, das
ist so deine Art. Aber unser Kloster ist nicht so aus
der Welt, daß mir nicht auch Bescheid wüßten.“

„Wozu hättet ihr sonst euern Fix?“

„Kein Wort gegen den.“

Und in großer Erregung brach das Gespräch ab.
Noch am selben Nachmittag aber verabschiedete sich
Adelheid von ihrem Bruder und fuhr nach Wutz zurück.

Verweile doch.
Tod. Begräbnis.
Neue Tage.

Vierzigstes Kapitel.

Agnes, während oben die gereizte Scene zwischen
Bruder und Schwester spielte, war unten in der Küche
bei Mamsell Pritzbur und erzählte von Berlin, wo sie
vorigen Sommer bei ihrer Mutter auf Besuch gewesen
war. „Eins war da,“ sagte sie, „das hieß das
Aquarium. Da lag eine Schlange, die war so dick
wie 'n Bein.“

„Aber hast du denn schon Beine gesehn?“ fragte
die Pritzbur.

„Aber, Mamsell Pritzbur, ich werde doch wohl
schon Beine gesehn haben … Und dann, an einem
andern Tag, da waren wir in einem ‚Tiergarten‘, aber
in einem richtigen, mit allerlei Tieren drin. Und den
nennen sie den ‚Zoologischen‘.“

„Ja, davon hab' ich auch schon gehört.“

„Und in dem ‚Zoologischen‘, da war ein ganz
kleiner See, noch viel kleiner als unser Stechlin, und
in dem See standen allerlei Vögel. Und einer, ganz
wie 'n Storch, stand auf einem Bein.“

Als die Mädchen das Wort „Storch“ hörten,
kamen sie näher heran.

„Aber die Beine von dem Vogel, oder es waren
wohl mehrere Vögel, die waren viel größer als Storchenbeine und auch viel dicker und viel röter.“

„Und thaten sie dir nichts?“

„Nein, sie thaten mir nichts. Bloß, wenn sie so
'ne Weile gestanden hatten, dann stellten sie sich auf
das andre Bein. Und ich sagte zu Mutter: ‚Mutter,
komm; der eine sieht mich immer so an.‘ Und da
gingen wir an eine andere Stelle, wo der Bär war.“

Das Kind erzählte noch allerlei. Die Mädchen
und auch die Mamsell freuten sich über Agnes, und sie
trug ihnen ein paar Lieder vor, die ihre Mutter, die
Karline, immer sang, wenn sie plättete, und sie tanzte
auch, während sie sang, wobei sie das himmelblaue
Kleid zierlich in die Höhe nahm, ganz so, wie sie's in
der Hasenhaide gesehen hatte.

So kam der Nachmittag heran, und als es schon
dunkelte, sagte Engelke: „Ja, gnäd'ger Herr, wie is
das nu mit Agnessen? Sie is immer noch bei Mamsell
Pritzbur unten, un die Mächens, wenn sie so singt und
tanzt, kucken ihr zu. Sie wird woll auch so was wie
die Karline. Soll sie wieder nach Haus, oder soll sie
hier bleiben?“

„Natürlich soll sie hier bleiben. Ich freue mich,
wenn ich das Kind sehe. Du hast ja ein gutes Gesicht,
Engelke, aber ich will doch auch mal was andres sehn
als dich. Wie das lütte Balg da so saß, so steif wie
'ne Prinzeß, hab' ich immer hingekuckt und ihr wohl
'ne Viertelstunde zugesehn, wie da die Stricknadeln
immer so hin und her gingen und der rote Strumpf
neben ihr baumelte. So was Hübsches hab' ich nicht
mehr gesehn, seit zu Weihnachten die Grafschen hier
waren, die blasse Comtesse und die Gräfin. Hat sie
dir auch gefallen?“

Engelke griente.

„Na, ich sehe schon. Also Agnes bleibt. Und sie
kann ja auch nachts mal aufstehn und mir eine Tasse
von dem Thee bringen, oder was ich sonst grade
brauche, und du alte Seele kannst ausschlafen. Ach,
Engelke, das Leben is doch eigentlich schwer. Das
heißt, wenn's auf die Neige geht; vorher is es so weit
ganz gut. Weißt du noch, wenn wir von Brandenburg
nach Berlin ritten? In Brandenburg war nich viel los;
aber in Berlin, da ging es.“

„Ja, gnäd'ger Herr. Aber nu kommt es.“

„Ja, nu kommt es. Nu is Katzenpfötchen dran.
So was gab es damals noch gar nicht. Aber ich will
nichts sagen, sonst wird die Buschen ärgerlich, und mit
alten Weibern muß man gut stehn; das is noch wichtiger als mit jungen. Und, wie gesagt, die Agnes
bleibt. Ich sehe so gern was Zierliches. Es is ein
reizendes Kind.“

„Ja, das is sie. Aber …“

„Ach, laß die ‚abers‘. Du sagst, sie wird wie
die Karline. Möglich is es. Aber vielleicht wird sie
auch 'ne Nonne. Man kann nie wissen.“

Agnes blieb also bei Dubslav. Sie saß am Fenster
und strickte. Mal in der Nacht, als ihm recht schlecht war,
hatte er nach dem Kinde rufen wollen. Aber er stand
wieder davon ab. „Das arme Kind, was soll ich ihm
den Schlaf stören? Und helfen kann es mir doch nicht.“

So verging eine Woche. Da sagte der alte
Dubslav: „Engelke, das mit der Agnes, das kann ich
nich mehr mit ansehn. Sie sitzt da jeden Morgen und
strickt. Das arme Wurm muß ja hier umkommen.
Und alles bloß, weil ich alter Sünder ein freundliches
Gesicht sehn will. Das geht so nich mehr weiter. Wir
müssen sehn, daß wir was für das Kind thun können.
Haben wir denn nicht ein Buch mit Bildern drin oder
so was?“

„Ja, gnäd'ger Herr, da sind ja noch die vier
Bände, die wir letzte Weihnachten bei Buchbinder Zippel
in Gransee haben einbinden lassen. Eigentlich war es
bloß 'ne ‚Landwirtschaftliche Zeitung‘, und alle, die mal
'nen Preis gewonnen haben, die waren drin. Und
Bismarck war auch drin un Kaiser Wilhelm auch.“

„Ja, ja, das is gut; das gieb ihr. Und brauchst
ihr auch nich zu sagen, daß sie keine Eselsohren machen
soll; die macht keine.“

Wirklich, die „Landwirtschaftliche Zeitung“ lag am
andern Morgen da, und Agnes war sehr glücklich, mal
was andres zu haben als ihr Strickzeug und die schönen
Bilder ansehn zu können. Denn es waren auch Schlösser
drin und kleine Teiche, drauf Schwäne fuhren, und auf
einem Bilde, das eine Beilage war, waren sogar Husaren.
Engelke brachte jeden Morgen einen neuen Band, und
mal erschien auch Elfriede, die Lorenzen, um nach
Dubslavs Befinden fragen zu lassen, von der Pfarre
herübergeschickt hatte. „Die kann sich ja die Bilder
mit ansehen,“ sagte Dubslav; „am Ende macht es ihr
selber auch Spaß, und vielleicht kann sie dem kleinen
Ding, der Agnes, alles so nebenher erklären, und dann
is es so gut wie 'ne Schulstunde.“

Elfriede war gleich dazu bereit. Und nun standen
die beiden Kinder nebeneinander und blätterten in dem
Buch, und die Kleine sog jedes Wort ein, was die
Große sagte. Dubslav aber hörte zu und wußte nicht,
wem von beiden er ein größeres Interesse zuwenden
sollte. Zuletzt aber war es doch wohl Elfriede, weil
sie den wehmütigen Zauber all derer hatte, die früh
abberufen werden. Ihr zarter, beinahe körperloser Leib
schien zu sagen: „Ich sterbe.“ Aber ihre Seele wußte
nichts davon; die leuchtete und sagte: „ich lebe.“

Das mit den Bilderbüchern dauerte mehrere Tage.
Dann sagte Dubslav: „Engelke, das Kind fängt heute
schon wieder von vorn an; es ist mit allen vier Bänden,
so dick sie sind, schon zweimal durch; ich sehe, wir
müssen uns was Neues ausbaldowern. Das is nämlich
ein Wort aus der Diebssprache; so weit sind wir nu
schon. Übrigens ist mir was Gutes eingefallen: hol
ihr eine von unsern Wetterfahnen herunter. Die stehn
ja da bloß so 'rum, un wenn ich tot bin und alles
abgeschätzt wird — was sie ‚ordnen‘ nennen —, dann
kommt Kupperschmied Reuter aus Gransee und taxiert
es auf fünfundsiebzig Pfennig.“

„Aber, gnäd'ger Herr, uns' Woldemar …“

„Nu ja, Woldemar. Woldemar ist gut, natürlich,
und die Comtesse, seine junge Frau, is auch gut. Alles
is gut, und ich hab' es auch nicht so schlimm gemeint;
man red't bloß so. Nur so viel is richtig: meine
Sammlung oben is für Spinnweb und weiter nichts. Alles
Sammeln ist überhaupt verrückt, und wenn Woldemar
sich nich mehr drum kümmert, so is es eigentlich bloß
Wiederherstellung von Sinn und Verstand. Jeder hat
seinen Sparren, und ich habe meinen gehabt. Bring
aber nich gleich alles 'runter. Nur die Mühle bring
und den Dragoner.“

Engelke gehorchte.

Den ersten Tag, wie sich denken läßt, war Agnes
ganz für den Dragoner, der, als man ihn vor Jahr
und Tag von seinem Zelliner Kirchturm heruntergeholt
hatte, frisch aufgepinselt worden war: schwarzer Hut,
blauer Rock, gelbe Hosen. Aber sehr bald hatte sich
das Kind an der Buntheit des Dragoners sattgesehen,
und nun kam statt seiner die Mühle an die Reihe.
Die hielt länger vor. Meistens, — wenn sie nur überhaupt erst im Gange war, — brauchte das Kind bloß
zu pusten, um die Mühlflügel in ziemlich rascher Bewegung zu halten, und der schnarrende Ton der etwas
eingerosteten Drehvorrichtung war dann jedesmal eine
Lust und ein Entzücken. Es waren glückliche Tage für
Agnes. Aber fast noch glücklichere für den Alten.

Ja, der alte Dubslav freute sich des Kindes. Aber
so wohlthuend ihm seine Gegenwart war, so war es
auf die Dauer doch nicht viel was andres, als ob ein
Goldlack am Fenster gestanden oder ein Zeisig gezwitschert hätte. Sein Auge richtete sich gerne darauf,
als aber eine Woche und dann eine zweite vorüber
war, wurd' ihm eine gewisse Verarmung fühlbar, und
das so stark, daß er fast mit Sehnsucht an die Tage
zurückdachte, wo Schwester Adelheid sich ihm bedrücklich
gemacht hatte. Das war sehr unbequem gewesen, aber
sie besaß doch nebenher einen guten Verstand, und in
allem, was sie sagte, war etwas, worüber sich streiten
und ein Feuerwerk von Anzüglichkeiten und kleinen
Witzen abbrennen ließ. Etwas, was ihm immer eine
Hauptsache war. Dubslav zählte zu den Friedliebendsten
von der Welt, aber er liebte doch andrerseits auch
Friktionen, und selbst ärgerliche Vorkommnisse waren
ihm immer noch lieber als gar keine.

Kein Zweifel, der alte Schloßherr auf Stechlin
sehnte sich nach Menschen, und da waren es denn wahre
Festtage, wenn Besucher aus Näh' oder Ferne sich einstellten.

Eines Tages — es schummerte schon — erschien
Krippenstapel. Er hatte seinen besten Rock angezogen
und hielt ein übermaltes Gefäß, mit einem Deckel darauf,
in seinem linken Arm.

„Nun, das ist recht, Krippenstapel. Ich freue mich,
daß Sie mal nachsehn, ob unser Museum oben noch
seinen ‚Chef’ hat. Ich sage ‚Chef‘. Der Direktor sind
Sie ja selber. Und nun kommen Sie auch gleich noch
mit 'ner Urne. Hat gewiß ihr Freund Tucheband irgendwo ausgegraben. Oder is es bloß 'ne Terrine? Himmelwetter, Krippenstapel, Sie werden mir doch nich 'ne
Krankensuppe gekocht haben?“

„Nein, Herr Major, keine Krankensuppe. Gewiß
nicht. Und doch is es einigermaßen so was. Es ist
nämlich 'ne Wabe. Habe da heute mittag einen von
meinen Stöcken ausgenommen und wollte mir erlaubt
haben, Ihnen die beste Wabe zu bringen. Es ist beinah' so was wie der mittelalterliche Zehnte. Der Zehnte,
wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, war eigentlich was Feineres als Geld.“

„Find' ich auch. Aber die heutige Menschheit hat
für so was Feines gar keinen Sinn mehr. Immer
alles bar und nochmal bar. O, das gemeine Geld!
Das heißt, wenn man keins hat; wenn man's hat, ist
es so weit ganz gut. Und daß Sie gleich an Ihren
alten Patron — ein Wort, das übrigens vielleicht zu
hoch gegriffen ist, und unser Verhältnis nicht recht ausdrückt, — gedacht haben! Lorenzen wird es hoffentlich nicht übel nehmen, daß ich Sie, wenn ich mich
Ihren „Patron“ nenne, so gleichsam avancieren lasse.
Ja, das mit der Wabe. Freut mich aufrichtig. Aber
ich werde mich wohl nicht drüber her machen dürfen.
Immer heißt es: ‚das nicht‘. Erst hat mir Sponholz
alles verboten und nu die Buschen, und so leb' ich
eigentlich bloß noch von Bärlapp und Katzenpfötchen.“

„Am Ende geht es doch,“ sagte Krippenstapel. „Ich
weiß wohl, in eine richtige Kur darf der Laie nicht eingreifen. Aber der Honig macht vielleicht 'ne Ausnahme.
Richtiger Honig ist wie gute Medizin und hat die ganze
Heilkraft der Natur.“

„Is denn aber nicht auch was drin, was besser
fehlte?“

„Nein, Herr Major. Ich sehe die Bienen oft
schwärmen und sammeln, und seh’ auch, wie sie sammeln
und wo sie sammeln. Da sind voran die Linden und
Akazien und das Heidekraut. Nu, die sind die reine
Unschuld; davon red’ ich gar nicht erst. Aber nun
sollten Sie die Biene sehn, wenn sie sich auf eine giftige
Blume, sagen wir zum Beispiel auf den Venuswagen
niederläßt. Und in jedem Venuswagen, besonders in
dem roten (aber doch auch in dem blauen), sitzt viel
Gift.“

„Venuswagen; kann ich mir denken. Und wie
sammelt da die Biene?“

„Sie nimmt nie das Gift, sie nimmt immer bloß
die Heilkraft.“

„Na, Sie müssen es wissen, Krippenstapel. Und
auf Ihre Verantwortung hin will ich mir den Honig
auch schmecken lassen, und die Buschen muß sich drin
finden und sich wohl oder übel zufrieden geben. Übrigens
fällt mir bei der Alten natürlich auch das Kind ein. Da
sitzt es am Fenster. Na, komm mal her, Agnes, und
sage, daß du hier auch was lernst. Ich hab’ ihr nämlich Bücher gegeben, mit allerlei Bildern drin, und seit
vorgestern auch eine Götterlehre, das heißt aber noch
eine aus guter, anständiger Zeit und jeder Gott ordentlich angezogen. Und da lernt sie, glaub’ ich, ganz gut.
Nicht wahr, Agnes?“

Agnes knickste und ging wieder auf ihren Platz.

„Und dann hab' ich dem Kind auch unsern Dragoner und die Mühle gegeben. Also unsre besten Stücke,
so viel ist richtig. Ich denke mir aber, mein Museumsdirektor wird über diesen Eingriff nicht böse sein. Eigentlich is es doch besser, das Kind hat was davon als
die Spinnen. Und was macht denn Ihr Oberlehrer in
Templin? Hat er wieder was gefunden?“

„Ja, Herr Major. Münzenfund.“

„Na, das is immer das beste. Vermutlich Georgsthaler oder so was; Dreißigjähriger Krieg. Es war ja
'ne gräßliche Zeit. Aber daß sie damals aus Angst und
Not so viel verbuddelt haben, das is doch auch wieder
ein Segen. Is es denn viel?“

„Wie man's nehmen will, Herr Major; praktisch
und profan angesehen ist es nicht viel, aber wissenschaftlich angesehen ist es allerdings viel. Nämlich drei
römische Münzen, zwei von Diokletian und eine von
Caracalla.“

„Na, die passen wenigstens. Diokletian war ja
wohl der mit der Christenverfolgung. Aber ich glaube,
es war am Ende nicht so schlimm. Verfolgt wird immer.
Und mitunter sind die Verfolgten obenauf.“

Dabei lachte der Alte. Dann rief er Engelke, daß
er den Honig herausnehme. Krippenstapel aber verabschiedete sich, seine leere Terrine vorsichtig im Arm.

Einundvierzigstes Kapitel.

Dubslav hatte sich über Krippenstapels Besuch und
sein Geschenk aufrichtig gefreut, weil es ja das Beste
war, was ihm die alte treue Seele bringen konnte.
Er bestand denn auch darauf (trotzdem Engelke, der ein
Vorurteil gegen alles Süße hatte, dagegen war), daß
ihm die Wabe jeden Morgen auf den Frühstückstisch
gestellt werde.

„Siehst du, Engelke,“ sagte er nach einer Woche,
„daß ich mich wieder wohler fühle, das macht die Wabe.
Denn man muß jedes Fisselchen mitessen, Wachs und
alles, das hat er mir eigens gesagt. Das is grad' so
wie beim Apfel die Schale; das hat die Natur so gewollt und is ein Fingerzeig und muß respektiert werden.“

„Ich bin aber doch für abschälen,“ sagte Engelke.
„Wenn man so sieht, was mitunter alles dran ist …“

„Ja, Engelke, ich weiß nicht, du bist jetzt so fein
geworden. Aber ich bin noch ganz altmodisch. Und
dann glaub' ich nebenher wirklich, daß in dem Wachs
die richtige ‚gesamte Heilkraft der Natur‘ steckt, fast noch
mehr als in dem Honig. Krippenstapel übrigens is jetzt
auch so furchtbar gebildet und hat so viele feine Wendungen,
wie zum Beispiel die mit der ‚gesamten Heilkraft‘. Aber
so fein wie du is er doch noch lange nicht, darauf will
ich mich verschwören. Und auch darauf, daß er sich keine
Birne schält.“

In dieser guten Laune verblieb Dubslav eine ganze
Weile, sich mehr und mehr zurechtlegend, daß er sich die
Quälerei mit all dem andern Zeug eigentlich hätte sparen
können; „denn wenn alles drin ist, so ist doch auch
Bärlapp und Katzenpfötchen drin und natürlich auch
Fingerhut oder wie Sponholz sagt: ‚Die Digitalis‘.“
Engelke freilich wollte von diesen Sophistereien nichts
wissen, sein Herr aber ließ sich durch solche Zweifel nicht
stören und fuhr vielmehr fort: „Und dann, Engelke,
macht es doch auch einen Unterschied, von wem eine
Sache kommt. Die Katzenpfötchen kommen von der
Buschen, und die Wabe kommt von Krippenstapel. Das
heißt also, hinter der Wabe steht ein guter Geist, und hinter
den Katzenpfötchen steht ein böser Geist. Und das
kannst du mir glauben, an solchen Rätselhaftigkeiten
liegt sehr viel im Leben, und wenn mir Lorenzen seine
Patsche giebt, so ist das ganz was anders, wie wenn
mir Koseleger seine Hand giebt. Koseleger hat solche
weichen Finger und auf dem vierten einen großen Ring.“

„Aber er is doch ein Superintendent.“

„Ja, Superintendent is er. Und er kommt auch noch
höher. Und wenn es nach der Prinzessin geht, wird er
Papst. Und dann wollen wir uns Ablaß bei ihm holen;
aber viel geb' ich nicht.“

Als Dubslav und Engelke dies Gespräch führten,
saß Agnes wie gewöhnlich am Fenster, mit halbem Ohre
hinhörend, und so wenig sie davon verstand, so verstand
sie doch gerade genug. Krippenstapel war ein guter
Geist und ihre Großmutter war ein böser Geist. Aber
das alles war ihr nicht mehr, als ob ihr ein Märchen
erzählt würde. Sie hatte schon so vieles in ihrem
Leben gehört und war wohl dazu bestimmt, noch viel,
viel andres zu hören. Ihr Gesichtsausdruck blieb denn
auch derselbe. Sie träumte bloß so hin, und daß sie
dies Wesen hatte, das war es recht eigentlich, was den
alten Herrn so an sie fesselte. Das Auge, womit sie die
Menschen ansah, war anders als das der andern.

Engelke hatte sich in die nebenan gelegene Dienststube zurückgezogen; ein heller Schein fiel von der
Veranda her durch die Balkonthür und gab dem etwas
dunklen Zimmer mehr Licht, als es für gewöhnlich zu
haben pflegte. Dubslav hielt die Kreuzzeitung in Händen und schlug nach einem Brummer, der ihn immer
und immer wieder umsummte. „Verdammte Bestie,“
und er holte von neuem aus. Aber ehe er zuschlagen
konnte, kam Engelke und fragte, ob Uncke den gnädigen
Herrn sprechen dürfe.

„Uncke, unser alter Unke?“

„Ja, gnäd'ger Herr.“

„Na, natürlich. Kriegt man doch mal wieder 'nen
vernünftigen Menschen zu sehn. Was er nur bringen
mag? Vielleicht Verhaftung irgendwo: Demokratennest
ausgenommen.“

Agnes horchte. Verhaftung! Demokratennest ausgenommen! Das war doch noch besser als ein Märchen
„vom guten und bösen Geist.“

Inzwischen war Uncke eingetreten, Backenbart und
Schnurrbart, wie gewöhnlich, fest angeklebt. In der
Nähe der Thür blieb er stehen und grüßte militärisch.
Dubslaw aber rief ihm zu: „Nein, Uncke, nicht da.
So weit reicht mein Ohr nicht und meine Stimme
erst recht nicht. Und ich denke doch, Sie bringen
was. Was Reguläres. Also 'ran hier. Und wenn
es nicht was ganz Dienstliches is, so nehmen Sie den
Stuhl da.“

Uncke trat auch näher, nahm aber keinen Stuhl
und sagte: „Herr Major wollen entschuldigen. Ich komme
so bloß … Der alte Baruch Hirschfeld hat mir erzählt,
und die alte Buschen hat mir erzählt …“

„Ach so, von wegen meiner Füße.“

„Zu Befehl, Herr Major.“

„Ja, Uncke, wollte Gott es stünde besser. Immer
denk' ich, wenn wieder ein Neuer kommt, ‚nu wird es‘.
Aber es will nicht mehr; es hilft immer bloß drei Tage.
Die Buschen hilft nicht mehr, und Krippenstapel hilft
nicht mehr, und Sponholz hilft schon lange nicht mehr;
der kutschiert so in der Welt 'rum. Bleibt also bloß
noch der liebe Gott.“

Uncke begleitete dies Wort mit einer Kopfbewegung,
die seine respektvolle Stellung (aber doch auch nicht
mehr) zum lieben Gott ausdrücken sollte. Dubslav sah
es und erheiterte sich. Dann fuhr er in rasch wachsender
guter Laune fort: „Ja, Uncke, mir haben so manchen
Tag miteinander gelebt. Denke gern daran zurück —
sind noch einer von den alten. Und der Pyterke auch.
Was macht er denn?“

„Ah, Herr Major, immer noch tüchtig da; schneidig,“
und dabei rückte er sich selbst zurecht, wie wenn er die
überlegene Stattlichkeit seines Kollegen wenigstens andeuten wolle.

Dubslav verstand es auch so und sagte: „Ja, der
Pyterke; natürlich immer hoch zu Roß. Und Sie, Uncke
ja, Sie müssen laufen wie 'n Landbriefträger. Es hat
aber auch sein Gutes; zu Fuß macht geschmeidig, zu
Pferde macht steif. Und macht auch faul. Und überhaupt, Gebrüder Beeneke is schon immer das Beste. Da
kann man nicht zu Fall kommen. Aber jeder will
heutzutage hoch 'raus. Das is, was sie jetzt die ‚Signatur der Zeit‘ nennen. Haben Sie den Ausdruck schon
gehört, Uncke?“

„Zu Befehl, Herr Major.“

„Und die Sozialdemokratie will auch hoch 'raus
und so zu Pferde sitzen wie Pyterke, bloß noch viel
höher. Aber das geht nicht gleich so. Gut Ding will
Weile haben. Und Torgelow, wenn er auch vielleicht
reden kann, reiten kann er noch lange nicht. Sagen
Sie, was macht er denn eigentlich? Ich meine Torgelow. Sind denn unsre kleinen Leute jetzt mehr zufrieden
mit ihm?“

„Nein, Herr Major, sie sind immer noch nicht
zufrieden mit ihm. Er wollte da neulich in Berlin
reden und hat auch wirklich was zu Graf Posadowsky gesagt. Und das is so dumm gewesen, daß
es die andern geniert hat. Und da haben sie ihn bedeutet: ‚Torgelow, nu bist du still; so geht das hier
nich'.“

„Ja,“ lachte Dubslav, „und wo der nu steht, da
sollte ich eigentlich stehen. Aber es is doch besser so.
Nu kann Torgelow zeigen, daß er nichts kann. Und
die andern auch. Und wenn sie's alle gezeigt haben,
na, dann sind wir vielleicht wieder dran und kommen
noch mal oben auf, und jeder kriegt Zulage. Sie auch,
Uncke, und Pyterke natürlich auch.“

Uncke schmunzelte und legte seine zwei Dienstfinger
an die Schläfe.

„… Vorläufig aber müssen wir abwarten und
den sogenannten ‚Ausbruch‘ verhüten und dafür sorgen,
daß unsere Globsower zufrieden sind. Und wenn wir
klug sind, glückt es vielleicht auch. Glauben Sie nicht
auch, Uncke, daß es kleine Mittel giebt?“

„Zu Befehl, Herr Major, kleine Mittel giebt es.
Es hat's schon.“

„Und welche meinen Sie?“

„Musik, Herr Major, und verlängerte Polizeistunde.“

„Ja,“ lachte Dubslav, „so was hilft. Musik und
'nen Schottschen, dann sind die Mädchen zufrieden.“

„Und,“ bestätigte Uncke, „wenn die Mädchens zufrieden sind, Herr Major, dann sind alle zufrieden.“

Uncke hatte zusagen müssen, mal wieder vorzusprechen,
aber es kam nicht dazu, weil Dubslavs Zustand sich
rasch verschlimmerte. Von Besuchern wurde keiner mehr
angenommen, und nur Lorenzen hatte Zutritt. Aber er
kam meist nur, wenn er gerufen wurde.

„Sonderbar,“ sagte der Alte, während er in den
Frühlingstag hinausblickte, „dieser Lorenzen is eigentlich gar kein richtiger Pastor. Er spricht nicht von Erlösung und auch nicht von Unsterblichkeit, und is beinah',
als ob ihm so was für alltags wie zu schade sei.
Vielleicht is es aber auch noch was andres, und er
weiß am Ende selber nicht viel davon. Anfangs hab'
ich mich darüber gewundert, weil ich mir immer sagte:
Ja, solch Talar- und Bäffchenmann, der muß es doch
schließlich wissen; er hat so seine drei Jahre studiert
und eine Probepredigt gehalten, und ein Konsistorialrat
oder wohl gar ein Generalsuperintendent hat ihn eingesegnet
und ihm und noch ein paar andern gesagt: „Nun gehet
hin und lehret alle Heiden“. Und wenn man das so
hört, ja, da verlangt man denn auch, daß einer weiß,
wie's mit einem steht. Is gerade wie mit den Doktors.
Aber zuletzt begiebt man sich und hat die Doktors am
liebsten, die einem ehrlich sagen: ‚Hören Sie, wir wissen
es auch nicht, wir müssen es abwarten.‘ Der gute
Sponholz, der nun wohl schon an der Brücke mit dem
Ichthyosaurus vorbei ist, war beinah' so einer, und
Lorenzen is nu schon ganz gewiß so. Seit beinah'
zwanzig Jahren kenn' ich ihn, und noch hat er mich
nicht ein einziges Mal bemogelt. Und daß man das
von einem sagen kann, das ist eigentlich die Hauptsache.
Das andre … ja, du lieber Himmel, wo soll es am
Ende herkommen? Auf dem Sinai hat nun schon lange
keiner mehr gestanden, und wenn auch, was der liebe
Gott da oben gesagt hat, das schließt eigentlich auch
keine großen Rätsel auf. Es ist alles sehr diesseitig
geblieben; du sollst, du sollst, und noch öfter ‚du sollst
nicht‘. Und klingt eigentlich alles, wie wenn ein Nürnberger Schultheiß gesprochen hätte.“

Gleich danach kam Engelke und brachte die Mittagspost. „Engelke, du könntest mal wieder die Marie zu
Lorenzen 'rüberschicken — ich ließ' ihn bitten.“

Lorenzen kam denn auch und rückte seinen Stuhl
an des Alten Seite.

„Das ist recht, Pastor, daß Sie gleich gekommen
sind, und ich sehe wieder, wie sich alles Gute schon
gleich hier unten belohnt. Sie müssen nämlich wissen,
daß ich mich heute schon ganz eingehend mit Ihnen
beschäftigt und Ihr Charakterbild, das ja auch schwankt
wie so manch andres, nach Möglichkeit festgestellt habe.
Würde mir das Sprechen wegen meines Asthmas nicht
einigermaßen schwer, ich wär' imstande, gegen mich selber
in eine Art Indiskretion zu verfallen und Ihnen auszuplaudern, was ich über Sie gedacht habe. Habe ja,
wie Sie wissen, 'ne natürliche Neigung zum Ausplaudern,
zum Plaudern überhaupt, und Kortschädel, der sich im
übrigen durch französische Vokabeln nicht auszeichnete,
hat mich sogar einmal einen ‚Causeur‘ genannt. Aber
freilich schon lange her, und jetzt ist es damit total
vorbei. Zuletzt stirbt selbst die alte Kindermuhme in
einem aus.“

„Glaub' ich nicht. Wenigstens Sie, Herr von
Stechlin, sorgen für den Ausnahmefall.“

„Ich will es gelten lassen und mich auch gleich
legitimieren. Haben Sie denn in Ihrer Zeitung gelesen,
wie sie da neulich wieder dem armen Bennigsen zugesetzt
haben? Mir mißfällt es, wiewohl Bennigsen nicht gerade
mein Mann ist.“

„Auch meiner nicht. Aber, er sei, wie er sei, er
ist doch ein Excelsior-Mann. Und wer hierlandes für
ein freudiges ‚excelsior’ ist, der ist bei den Ostelbiern
(Pardon, Sie gehören ja selbst mit dazu) von vornherein
verdächtig und ein Gegenstand tiefen Mißtrauens. Jedes
höher gesteckte Ziel, jedes Wollen, das über den Kartoffelsack hinausgeht, findet kein Verständnis, sicherlich keinen
Glauben. Und bringt einer irgend ein Opfer, so heißt
es bloß, daß er die Wurst nach der Speckseite werfe.“

Dubslav lachte. „Lorenzen, Sie sitzen wieder auf
Ihrem Steckenpferd. Aber ich selber bin freilich schuld.
Warum kam ich auf Bennigsen! Da war das Thema
gegeben, und Ihr Ritt ins Bebelsche (denn weitab davon
sind Sie nicht) konnte beginnen. Aber daß Sie's wissen,
ich hab' auch mein Steckenpferd und das heißt: König
und Kronprinz oder alte Zeit und neue Zeit. Und
darüber hab' ich seit lange mit Ihnen sprechen wollen,
nicht akademisch, sondern märkisch-praktisch, so recht mit
Rücksicht auf meine nächste Zukunft. Denn es heißt
nachgrade bei mir: ‚Was du thun willst, thue bald.‘“

Lorenzen nahm des Alten Hand und sagte: „Gewiß
kommen andre Zeiten. Aber man muß mit der Frage,
was kommt und was wird, nicht zu früh anfangen.
Ich seh' nicht ein, warum unser alter König von Thule
hier nicht noch lange regieren sollte. Seinen letzten
Trunk zu thun und den Becher dann in den Stechlin
zu werfen, damit hat es noch gute Wege.“

„Nein, Lorenzen, es dauert nicht mehr lange; die
Zeichen sind da, mehr als zu viel. Und damit alles
klappt und paßt, geh' ich nun auch gerad' ins Siebenundsechzigste, und wenn ein richtiger Stechlin ins Siebenundsechzigste geht, dann geht er auch in Tod und Grab.
Das is so Familientradition. Ich wollte, wir hätten
eine andre. Denn der Mensch is nun mal feige und
will dies schändliche Leben gern weiterleben.“

„Schändliches Leben! Herr von Stechlin, Sie
haben ein sehr gutes Leben gehabt.“

„Na, wenn es nur wahr ist! Ich weiß nicht, ob
alle Globsower ebenso denken. Und die bringen mich
wieder auf mein Hauptthema.“

„Und das lautet?“

„Das lautet: ‚Teuerster Pastor, sorgen Sie dafür,
daß die Globsower nicht zu sehr obenauf kommen.‘“

„Aber, Herr von Stechlin, die armen Leute …“

„Sagen Sie das nicht. Die armen Leute! Das
war mal richtig; heutzutage aber paßt es nicht mehr.
Und solch unsichere Passagiere wie mein Woldemar und
wie mein lieber Lorenzen (von dem der Junge, Pardon, all den Unsinn hat), solche unsichere Passagiere,
statt den Riegel vorzuschieben, kommen den Torgelowschen auf halbem Wege entgegen und sagen: ‚Ja, ja,
Töffel, du hast auch eigentlich ganz recht,‘ oder, was
noch schlimmer ist: ,Ja, ja, Jochem, wir wollen mal
nachschlagen.‘“

„Aber, Herr von Stechlin.“

„Ja, Lorenzen, wenn Sie auch noch solch gutes
Gesicht machen, es ist doch so. Die ganze Geschichte
wird auf einen andern Leisten gebracht, und wenn dann
wieder eine Wahl ist, dann fährt der Woldemar 'rum
und erzählt überall, ‚Katzenstein sei der rechte Mann‘.
Oder irgend ein andrer. Aber das ist Mus wie Mine;
— verzeihen Sie den etwas fortgeschrittenen Ausdruck.
Und wenn dann die junge gnädige Frau Besuch kriegt
oder wohl gar einen Ball giebt, da will ich Ihnen
ganz genau sagen, wer dann hier in diesem alten
Kasten, der dann aber renoviert sein wird, antritt. Da
ist in erster Reihe der Minister von Ritzenberg geladen,
der, wegen Kaltstellung unter Bismarck, von langer
Hand her eine wahre Wut auf den alten Sachsenwalder hat, und eröffnet die Polonaise mit Armgard.
Und dann ist da ein Professor, Kathedersozialist, von
dem kein Mensch weiß, ob er die Gesellschaft einrenken
oder aus den Fugen bringen will, und führt eine Adelige,
mit kurzgeschnittenem Haar (die natürlich schriftstellert)
zur Quadrille. Und dann bewegen sich da noch ein Afrikareisender, ein Architekt und ein Portraitmaler, und wenn
sie nach den ersten Tänzen eine Pause machen, dann
stellen sie ein lebendes Bild, wo ein Wilddieb von
einem Edelmann erschossen wird, oder sie führen ein
französisches Stück auf, das die Dame mit dem kurzgeschnittenen Haar übersetzt hat, ein sogenanntes Ehebruchsdrama, drin eine Advokatenfrau gefeiert wird, weil
sie ihren Mann mit einem Taschenrevolver über den
Haufen geschossen hat. Und dann giebt es Musikstücke,
bei denen der Klavierspieler mit seiner langen Mähne
über die Tasten hinfegt, und in einer Nebenstube sitzen
andere und blättern in einem Album mit lauter Berühmtheiten, obenan natürlich der alte Wilhelm und
Kaiser Friedrich und Bismarck und Moltke, und ganz
gemütlich dazwischen Mazzini und Garibaldi, und
Marx und Lassalle, die aber wenigstens tot sind, und
daneben Bebel und Liebknecht. Und dann sagt Woldemar: ‚Sehen Sie da den Bebel. Mein politischer
Gegner, aber ein Mann von Gesinnung und Intelligenz.‘
Und wenn dann ein Adeliger aus der Residenz an ihn
herantritt und ihm sagt: ‚Ich bin überrascht, Herr von
Stechlin, — ich glaubte den Grafen Schwerin hier zu
finden,‘ dann sagt Woldemar: ‚Ich habe die Fühlung
mit diesem Herrn verloren.‘“

Der Pastor lachte. „Und Sie wollen sterben. Wer
so lange sprechen kann, der lebt noch zehn Jahr.“

„Nichts, nichts. Ich halte Sie fest. Kommt es so,
oder kommt es nicht so?“

„Nun, es kommt sicherlich nicht so.“

„Sind Sie dessen sicher?“

„Ganz sicher.“

„Dann sagen Sie mir, wie es kommt, aber ehrlich.“

„Nun, das kann ich leicht, und sie haben mir
selber den Weg gewiesen, als Sie gleich anfangs von
‚König und Kronprinz‘ sprachen. Dieser Gegensatz
existiert natürlich überall und in allen Lebensverhältnissen. Es kommen eben immer Tage, wo die Leute
nach irgend einem ‚Kronprinzen‘ aussehn. Aber so
gewiß das richtig ist, noch richtiger ist das andre: der
Kronprinz, nach dem ausgeschaut wurde, hält nie das,
was man von ihm erwartete. Manchmal kippt er gleich
um und erklärt in plötzlich erwachter Pietät, im Sinne
des Hochseligen weiterregieren zu wollen; in der Regel
aber macht er einen leidlich ehrlichen Versuch, als Neugestalter aufzutreten und holt ein Volksbeglückungsprogramm auch wirklich aus der Tasche. Nur nicht auf
lange. ‚Leicht bei einander wohnen die Gedanken, doch
eng im Raume stoßen sich die Sachen‘. Und nach einem
halben Jahre lenkt der Neuerer wieder in alte Bahnen
und Geleise ein.“

„Und so wird es Woldemar auch machen?“

„So wird es Woldemar auch machen. Wenigstens
wird ihn die Lust sehr bald anwandeln, so halb und
halb ins Alte wieder einzulenken.“

„Und diese Lust werden Sie natürlich bekämpfen.
Sie haben ihm in den Kopf gesetzt, daß etwas durchaus Neues kommen müsse. Sogar ein neues Christentum.“

„Ich weiß nicht, ob ich so gesprochen habe; aber
wenn ich so sprach, dies neue Christentum ist gerade
das alte.“

„Glauben Sie das?“

„Ich glaub' es. Und was besser ist: ich fühl' es.“

„Nun gut, das mit dem neuen Christentum ist
Ihre Sache; da will ich Ihnen nicht hineinreden. Aber
das andre, da müssen Sie mir was versprechen. Besinnt er sich, und kommt er zu der Ansicht, daß das
alte Preußen mit König und Armee, trotz all seiner
Gebresten und altmodischen Geschichten, doch immer noch
besser ist als das vom neuesten Datum, und daß wir
Alten vom Cremmer-Damm und von Fehrbellin her, auch
wenn es uns selber schlecht geht, immer noch mehr Herz
für die Torgelowschen im Leibe haben als alle Torgelows zusammengenommen, kommt es zu solcher Rückbekehrung, dann, Lorenzen, stören Sie diesen Prozeß
nicht. Sonst erschein' ich Ihnen. Pastoren glauben
zwar nicht an Gespenster, aber wenn welche kommen,
graulen sie sich auch.“

Lorenzen legte seine Hand auf die Hand Dubslavs und streichelte sie, wie wenn er des Alten Sohn
gewesen wäre. „Das alles, Herr von Stechlin, kann
ich Ihnen gern versprechen. Ich habe Woldemar erzogen, als es mir oblag, und Sie haben in Ihrer
Klugheit und Güte mich gewähren lassen. Jetzt ist Ihr
Sohn ein vornehmer Herr und hat die Jahre. Sprechen
hat seine Zeit, und Schweigen hat seine Zeit. Aber
wenn Sie ihn und mich von oben her unter Kontrolle
nehmen und eventuell mir erscheinen wollen, so schieben
Sie mir dabei nicht zu, was mir nicht zukommt. Nicht
ich werde ihn führen. Dafür ist gesorgt. Die Zeit
wird sprechen, und neben der Zeit das neue Haus, die
blasse junge Frau und vielleicht auch die schöne Melusine.“

Der Alte lächelte. „Ja, ja.“

Zweiundvierzigstes Kapitel.

So ging das Gespräch. Und als Lorenzen aufbrach, fühlte sich der Alte wie belebt und versprach sich
eine gute Nacht mit viel Schlaf und wenig Beängstigung.

Aber es kam anders; die Nacht verlief schlecht, und
als der Morgen da war und Engelke das Frühstück
brachte, sagte Dubslav: „Engelke, schaff die Wabe weg;
ich kann das süße Zeug nicht mehr sehn. Krippenstapel
hat es gut gemeint. Aber es is nichts damit und überhaupt nichts mit der ganzen Heilkraft der Natur.“

„Ich glaube doch, gnäd'ger Herr. Bloß gegen die
Gegenkraft kann die Wabe nich an.“

„Du meinst also: ‚für 'n Tod kein Kraut gewachsen ist‘. Ja, das wird es wohl sein; das mein'
ich auch.“

Engelke schwieg.

Eine Stunde später kam ein Brief, der, trotzdem
er aus nächster Nähe stammte, doch durch die Post befördert worden war. Er war von Ermyntrud, behandelte
die durch Koseleger und sie selbst geplante Gründung
eines Rettungshauses für verwahrloste Kinder und äußerte
sich am Schlusse dahin, daß, „wenn sich — hoffentlich
binnen kurzem — ihre Wünsche für Dubslavs fortschreitende Gesundheit erfüllt haben würden,“ Agnes, das
Enkelkind der alten Buschen, als erste, wie sie vertraue, sittlich zu Heilende in das Asyl aufgenommen werden möchte.

Dubslav drehte den Brief hin und her, las noch
einmal und sagte dann: „O, diese Komödie … ‚wenn
sich meine Wünsche für Ihre fortschreitende Gesundheit
erfüllt haben werden‘ … das heißt doch einfach, ‚wenn
Sie sich demnächst den Rasen von unten ansehn‘. Alle
Menschen sind Egoisten, Prinzessinnen auch, und sind sie
fromm, so haben sie noch einen ganz besonderen Jargon. Es mag so bleiben, es war immer so. Wenn
sie nur ein bißchen mehr Vertrauen zu dem gesunden
Menschenverstand andrer hätten.“

Er steckte, während er so sprach, den Brief wieder
in das Couvert und rief Agnes.

Das Kind kam auch.

„Agnes, gefällt es dir hier?“

„Ja, gnäd'ger Herr, es gefällt mir hier.“

„Und ist dir auch nicht zu still?“

„Nein, gnäd'ger Herr, es ist mir auch nicht zu still.
Ich möchte immer hier sein.“

„Na, du sollst auch bleiben, Agnes, so lang es geht.
Und nachher. Ja, nachher …“

Das Kind kniete vor ihm nieder und küßte ihm die
Hände.

Dubslavs Zustand verschlechterte sich schnell. Engelke
trat an ihn heran und sagte: „Gnäd'ger Herr, soll ich
nicht in die Stadt schicken?“

„Nein.“

„Oder zu der Buschen?“

„Ja, das thu'. So 'ne alte Hexe kann es immer
noch am besten.“

In Engelkens Augen traten Thränen.

Dubslav, als er es sah, schlug rasch einen andern
Ton an. „Nein, Engelke, graule dich nicht vor deinem
alten Herrn. Ich habe es bloß so hingesagt. Die
Buschen soll nich kommen. Es würde mir wohl auch
nicht viel schaden, aber wenn man schon so in sein Grab
sieht, dann muß man doch anders sprechen, sonst hat
man schlechte Nachrede bei den Leuten. Und das möcht'
ich nich, um meinetwegen nich und um Woldemars wegen
nich … Und dabei fällt mir auch noch Adelheid ein …
Die käme mir am Ende gleich nach, um mich zu retten.
Nein, Engelke nich die Buschen. Aber gieb mir noch
mal von den Tropfen. Ein bißchen besser als der Thee
sind sie doch.“

Engelke ging, und Dubslav war wieder allein.
Er fühlte, daß es zu Ende gehe. „Das „Ich“ ist nichts,
— damit muß man sich durchdringen. Ein ewig Gesetzliches vollzieht sich, weiter nichts, und dieser Vollzug,
auch wenn er „Tod“ heißt, darf uns nicht schrecken. In
das Gesetzliche sich ruhig schicken, das macht den sittlichen Menschen und hebt ihn.“

Er hing dem noch so nach und freute sich, alle
Furcht überwunden zu haben. Aber dann kamen doch
wieder Anfälle von Angst, und er seufzte: „Das Leben
ist kurz, aber die Stunde ist lang.“

Es war eine schlimme Nacht. Alles blieb auf.
Engelke lief hin und her, und Agnes saß in ihrem Bett
und sah mit großen Augen durch die halbgeöffnete
Thür in das Zimmer des Kranken. Erst als schon der
Tag graute, wurde durch das ganze Haus hin alles
ruhiger; der Kranke nickte matt vor sich hin, und auch
Agnes schlief ein.

Es war wohl schon sieben, — die Parkbäume hinter
dem Vorgarten lagen bereits in einem hellen Schein —
als Engelke zu dem Kinde herantrat und es weckte.
„Steih upp, Agnes.“

„Is he dod?“

„Nei. He slöppt en beten. Un ick glöw, et sitt
em nich mihr so upp de Bost.“

„Ick grul' mi so.“

„Dat brukst du nich. Un kann ook sinn, he slöppt
sich wedder gesunn . . . Un nu, steih upp un bind di
ook en Doog um ’n Kopp. Et is noch en beten küll
drut. Un denn geih in 'n Goaren un plück em (wenn
du wat finnst) en beten Krokus oder wat et sünsten is.“

Die Kleine trat auch leise durch die Balkonthür auf
die Veranda hinaus und ging auf das Rundell zu, um
nach ein paar Blumen zu suchen. Sie fand auch allerlei;
das beste waren Schneeglöckchen. Und nun ging sie,
mit den Blumen in der Hand, noch ein paar mal auf
und ab und sah, wie die Sonne drüben aufstieg. Sie
fröstelte. Zugleich aber kam ihr ein Gefühl des Lebens.
Dann trat sie wieder in das Zimmer und ging auf den
Stuhl zu, wo Dubslav saß. Engelke, die Hände gefaltet, stand neben seinem Herrn.

Das Kind trat heran und legte die Blumen dem
Alten auf den Schoß.

„Dat sinn de ihrsten,“ sagte Engelke, „un wihren
ook woll de besten sinn.“

Dreiundvierzigstes Kapitel.

Es war Mittwoch früh, daß Dubslav, still und
schmerzlos, das Zeitliche gesegnet hatte. Lorenzen wurde
gerufen; auch Kluckhuhn kam, und eine Stunde später
war ein Gemeindediener unterwegs, der die Nachricht
von des Alten Tode den im Kreise Zunächstwohnenden
überbringen sollte, voran der Domina, dann Koseleger,
dann Katzlers und zuletzt den beiden Gundermanns.

Den Tag drauf trafen zwei Briefe bei den Barbys
ein, der eine von Adelheid, der andre von Armgard.
Adelheid machte dem gräflichen Hause kurz und förmlich
die Anzeige von dem Ableben ihres Bruders, unter
gleichzeitiger Mitteilung, „daß das Begräbnis am Sonnabend mittag stattfinden werde.“ Der Brief Armgards
aber lautete: „Liebe Melusine! Wir bleiben noch bis
morgen hier, — noch einmal das Forum, noch einmal den Palatin. Ich werde heute noch aus der
Fontana Trevi trinken, dann kommt man wieder, und
das ist für jeden, der Rom verläßt, bekanntlich der
größte Trost. Wir gehen nun nach Capri, aber in
Etappen, und bleiben unter anderm einen halben Tag
in Monte Cassino, wo (verzeih meine Weisheit) das
ganze Ordenswesen entstanden sein soll. Ich liebe
Klöster, wenn auch nicht für mich persönlich. Neapel
berühren wir nur kurz und gehen gleich bis Amalfi,
wenn wir nicht das höher gelegene Ravello bevorzugen.
Dann erst über Sorrent nach Capri, dem eigentlichen
Ziel unsrer Reise. Wir werden nicht bei Pagano
wohnen, wo, bei allem Respekt vor der Kunst, zu viel
Künstler sind, sondern weiter abwärts, etwa auf halber
Höhe. Wir haben von hier aus eine Empfehlung. In
acht Tagen sind wir sicher da. Sorge, daß wir dann
einen Brief von dir vorfinden. Vorher sind wir so
gut wie unerreichbar, ein Zustand, den ich mir als
Kind immer gewünscht und mir als etwas ganz besonders Poetisches vorgestellt habe. Küsse meinen alten
Papa. Nach Stechlin hin tausend Grüße, vor allem
aber bleibe, was du jederzeit warst: die Schwester, die
Mutter (nur nicht die Tante) deiner glücklichen, dich
immer und immer wieder zärtlich liebenden Armgard.“

Armgards Brief kam kaum zu seinem Recht, weil
sowohl der alte Graf wie Melusine ganz der Erwägung
lebten, ob es nicht, trotz Armgards gegenteiliger Vorwegversicherung, vielleicht doch noch möglich sein würde, das
junge Paar irgendwo telegraphisch zu erreichen; aber es
ging nicht, man mußt es aufgeben und sich begnügen,
allerpersönlichst Vorbereitungen für die Fahrt nach
Stechlin hin zu treffen. Des alten Grafen Befinden
war nicht das beste, so daß seitens des Hausarztes sein
Fernbleiben von dem Begräbnis dringend gewünscht
wurde. Daran aber war gar nicht zu denken. Und
so brachen denn Vater und Tochter am Sonnabend früh
nach Stechlin hin auf. Jeserich wurde mitgenommen,
um für alle Fälle zur Hand zu sein. Es war Prachtwetter, aber scharfe Luft, so daß man trotz Sonnenschein fröstelte.

In dem alten Herrenhause zu Stechlin sah es am
Begräbnistage sehr verändert aus; sonst so still und
abgeschieden, war heute alles Andrang und Bewegung.
Zahllose Kutschen erschienen und stellten sich auf dem
Dorfplatz auf, die meisten ganz in Nähe der Kirche.
Diese lag in prallem Sonnenschein da, so daß man
deutlich die hohen, in die Feldsteinwand eingemauerten
Grabsteine sah, die früher, vor der Restaurierung, im
Kirchenschiff gelegen hatten. Epheu fehlte; nur Holunderbüsche, die zu grünen anfingen, und dazwischen Ebereschensträucher wuchsen um den Chor herum.

Der Tote war auf dem durch Palmen und Lorbeer
in eine grüne Halle umgewandelten Hausflur aufgebahrt.
Adelheid machte die Honneurs, und ihre hohen Jahre,
noch mehr aber ihr Selbstbewußtsein, ließen sie die ihr
zuständige Rolle mit einer gewissen Würde durchführen.
Außer den Barbys, Vater und Tochter, waren, von
Berlin her, noch Baron und Baronin Berchtesgaden
gekommen, ebenso Rex und Hauptmann von Czako.
Rex sah aus, als ob er am Grabe sprechen wolle,
während sich Czako darauf beschränkte, das gesellschaftliche Durchschnittstrauermaß zu zeigen.

Aber diese Berliner Gäste verschwanden natürlich
in dem Kontingent, das die Grafschaft gestellt hatte.
Dieselben Herren, die sich — kaum ein halbes Jahr
zurück — am Rheinsberger Wahltage zusammengefunden
und sich damals, von ein paar Ausnahmen abgesehen,
über Torgelows Sieg eigentlich mehr erheitert als geärgert hatten, waren auch heute wieder da: Baron Beetz,
Herr von Krangen, Jongherr van dem Peerenbom, von
Gnewkow, von Blechernhahn, von Storbeck, von Molchow,
von der Nonne, die meisten, wie herkömmlich, mit sehr
kritischen Gesichtern. Auch Direktor Thormeyer war
gekommen, in pontificalibus, angethan mit so vielen
Orden und Medaillen, daß er damit weit über den
Landadel hinauswuchs. Einige stießen sich denn auch
an, und Molchow sagte mit halblauter Stimme zu von
der Nonne: „Sehn Sie, Nonne, das ist die ‚Schmetterlingsschlacht‘, von der man jetzt jeden Tag in den
Zeitungen liest.“ Aber trotz dieser spöttischen Bemerkung,
wäre Thormeyer doch Hauptgegenstand aller Aufmerksamkeit geblieben, wenn nicht der jeden Ordensschmuck
verschmähende, nur mit einem hochkragigen und uralten
Frack angethane Edle Herr von Alten-Frisack ihm siegreiche Konkurrenz gemacht hätte. Das wendisch Götzenbildartige, das sein Kopf zeigte, gab auch heute wieder
den Ausschlag zu seinen Gunsten. Er nickte nur pagodenhaft hin und her und schien selbst an die vom ältesten
Adel die Frage zu richten: „Was wollt ihr hier?“ Er
hielt sich nämlich (worin er einer ererbten Geschlechtsanschauung folgte) für den einzig wirklich berechtigten
Bewohner und Vertreter der ganzen Grafschaft.

Das waren so die Hauptanwesenden. Alles stand
dichtgedrängt, und von Blechernhahn, der in Bezug auf
„Schneid“ beinah' an von Molchow heranreichte, sagte:
„Bin neugierig, was der Lorenzen heute loslassen wird.
Er gehört ja zur Richtung Göhre.“

„Ja, Göhre,“ sagte von Molchow. „Merkwürdig,
wie der Zufall spielt. Das Leben macht doch immer
die besten Witze.“

Weiter kam es mit dieser ziemlich ungeniert geführten Unterhaltung nicht, weil sich, als Molchow eben
seinen Pfeil abgeschossen hatte, die Gesamtaufmerksamkeit auf jene Flurstelle richtete, wo der aufgebahrte
Sarg stand. Hier war nämlich und zwar in einem
brillant sitzenden und mit Atlasaufschlägen ausstaffierten
Frack in eben diesem Augenblicke der Rechtanwalt Katzenstein erschienen und schritt, nachdem er einen Granseeschen Riesenkranz am Fußende des Sarges niedergelegt
hatte, mit jener Ruhe, wie sie nur das gute Gewissen
giebt, auf Adelheid zu, vor der er sich respektvollst verneigte. Diese bewahrte gute Haltung und dankte. Von
verschiedenen Seiten her aber hörte man leise das Wort
„Affront“, während ein in unmittelbarer Nähe des
Edlen Herrn von Alten-Frisack stehender, erst seit kurzem
zu Christentum und Konservatismus übergetretener
Katzensteinscher Kollege lächelnd vor sich hin murmelte:
„Schlauberger!“

Und nun war es Zeit.

Der Zug ordnete sich, Militärmusik aus der nächsten
Garnison schritt vorauf; dann traten die Stechliner
Bauern heran, die darum gebeten hatten, den Sarg
tragen zu dürfen. Diener und Mädchen aus dem Hause
nahmen die Kränze. Dann kam Adelheid mit Pastor
Lorenzen, an die sich die Trauerversammlung (viele
von ihnen in Landstandsuniform) unmittelbar anschloß.
Draußen sah man, daß eine große Zahl kleiner Leute
Spalier gebildet hatte. Das waren die von Globsow.
Sie hatten bei der Rheinsberger Wahl alle für Torgelow
oder doch wenigstens für Katzenstein gestimmt; jetzt aber,
wo der Alte tot war, waren sie doch vorwiegend der
Meinung: „He wihr so wiet janz good.“

Die Musik klang wundervoll; kleine Mädchen streuten
Blumen, und so ging es den etwas ansteigenden Kirchhof hinauf, zwischen den Gräbern hindurch und zuletzt
auf das uralte, niedrige Kirchenportal zu. Vor dem
Altar stellten sie den Sarg auf einen mit einer Versenkungsvorrichtung versehenen Stein, unter dem sich
die Gruft der Stechline befand. Schiff und Emporen
waren überfüllt; bis auf den Kirchhof hinaus stand
alles Kopf an Kopf. Und nun trat Lorenzen an den
Sarg heran, um über den, den er trotz aller Verschiedenheit der Meinungen so sehr geliebt und verehrt,
ein paar Worte zu sagen.

,„Wer seinen Weg richtig wandelt, kommt zu seiner
Ruhe in der Kammer.‘ Diesen Weg zu wandeln, war
das Bestreben dessen, an dessen Sarge wir hier stehn.
Ich gebe kein Bild seines Lebens, denn wie dies Leben
war, es wissen's alle, die hier erschienen sind. Sein
Leben lag aufgeschlagen da, nichts verbarg sich, weil
sich nichts zu verbergen brauchte. Sah man ihn, so
schien er ein Alter, auch in dem, wie er Zeit und Leben
ansah; aber für die, die sein wahres Wesen kannten,
war er kein Alter, freilich auch kein Neuer. Er hatte
vielmehr das, was über alles Zeitliche hinaus liegt,
was immer gilt und immer gelten wird: ein Herz.
Er war kein Programmedelmann, kein Edelmann nach
der Schablone, wohl aber ein Edelmann nach jenem
alles Beste umschließenden Etwas, das Gesinnung heißt.
Er war recht eigentlich frei. Wußt' es auch, wenn er's
auch oft bestritt. Das goldene Kalb anbeten, war nicht
seine Sache. Daher kam es auch, daß er vor dem,
was das Leben so vieler andrer verdirbt und unglücklich macht, bewahrt blieb, vor Neid und bösem Leumund.
Er hatte keine Feinde, weil er selber keines Menschen
Feind war. Er war die Güte selbst, die Verkörperung
des alten Weisheitssatzes: ‚Was du nicht willst, daß man
dir thu‘.

„Und das leitet mich denn auch hinüber auf die
Frage nach seinem Bekenntnis. Er hatte davon weniger
das Wort, als das Thun. Er hielt es mit den guten
Werken und war recht eigentlich das, was wir überhaupt einen Christen nennen sollten. Denn er hatte
die Liebe. Nichts Menschliches war ihm fremd, weil er
sich selbst als Mensch empfand und sich eigner menschlicher Schwäche jederzeit bewußt war. Alles, was einst
unser Herr und Heiland gepredigt und gerühmt, und
an das er die Segensverheißung geknüpft hat, — all
das war sein: Friedfertigkeit, Barmherzigkeit und die
Lauterkeit des Herzens. Er war das Beste, was wir
sein können, ein Mann und ein Kind. Er ist nun eingegangen in seines Vaters Wohnungen und wird da
die Himmelsruhe haben, die der Segen aller Segen ist.“

Einige der Anwesenden sahen sich bei dieser Schlußwendung an. Am meisten bemerkt wurde Gundermann,
dessen der Rede halb zustimmende, halb ablehnende Haltung bei den versammelten „Alten und Echten“ (die wohl
sich, aber nicht ihm ein Recht der Kritik zuschrieben),
auch hier wieder ein Lächeln hervorrief. Dann folgte
mit erhobener Stimme Gebet und Einsegnung, und als
die Orgel intonierte, senkte sich der auf dem Versenkungsstein stehende Sarg langsam in die Gruft. Einen Augenblick später, als der wiederaufsteigende Stein die Gruftöffnung mit einem eigentümlichen Klappton schloß, hörte
man von der Kirchenthür her erst ein krampfhaftes
Schluchzen und dann die Worte: „Nu is allens ut; nu
möt ick ook weg.“ Es war Agnes. Man nahm das
Kind von dem Schemel herunter, auf dem es stand, um
es unter Zuspruch der Nächststehenden, auf den Kirchhof hinauszuführen. Da schlich es noch eine Weile
weinend zwischen den Gräbern hin und her und ging
dann die Straße hinunter auf den Wald zu.

Die alte Buschen selbst hatte nicht gewagt, mit dabei zu sein.

Unter denen, die draußen auf dem Kirchhof standen,
waren auch von Molchow und von der Nonne. Jeder
von ihnen wartete auf seine Kutsche, die, weil der Andrang so groß war, nicht gleich vorfahren konnte. Beide
froren bitterlich bei der scharfen Luft, die vom See herwehte.

„Ich weiß nicht,“ sagte von der Nonne, „warum
sie die Feier nicht im Hause, wo sie doch heizen konnten,
abgehalten haben; es war ja da drin gar keine menschliche Temperatur mehr. Und nun erst hier draußen.“

„Is leider so,“ sagte Molchow, „und ich werde
wohl auch mit 'ner Kopfkolik abschließen. Und mitunter
stirbt man dran. Aber wenn man in Berlin is (und
ich habe da neulich auch so was mitgemacht), is es doch
noch schlimmer. Da haben sie was, was sie 'ne Leichenhalle nennen, 'ne Art Kapelle mit Bibelspruch und Lorbeerbäumen, und dahinter verstecken sich ein paar Gesangsmenschen. Wenn man sie nachher aber sieht, sehen
sie sehr gefrühstückt aus.“

„Kenn' ich, kenn' ich,“ sagte Nonne.

„Nu, der Gesang,“ fuhr Molchow fort, „das ginge
noch, den kann man schließlich aushalten. Aber der
Fußboden und der Zug durch die offenstehende Thür.
Und wenn man noch bloß den kriegte. Wer aber Pech
hat, der kommt, wenn's Winter is, dicht neben einen
Kanonenofen zu stehn, und wenn ich sage, „der pustet“,
so sag' ich noch wenig. Und der Geistliche kann einem
auch leid thun. Er spricht so zu sagen für niemanden.
Wer kann denn bei solchem Zug und solchem Ofenpusten
ordentlich zuhören? Und bloß das weiß ich, daß ich
immer an die drei Männer im feurigen Ofen gedacht
habe. So halb Eisklumpen, halb Bratapfel is nich
mein Fall.“

„Ja, die Berliner,“ sagte Nonne … „Nich zu
glauben.“

„Nich zu glauben. Und dabei bilden sie sich ein,
sie hätten eigentlich alles am besten. Und mancher
von ihnen glaubt es auch wirklich. Aber die Hölle lacht.“

„Ich bitte Sie, Molchow, menagieren Sie sich!
Das über Berlin, na, das ginge vielleicht noch. Aber
so gleich hier von Hölle, hier mitten auf 'nem christlichen
Kirchhof …“

Bald danach hatte sich der Kirchhof geleert, und
alles, was in der Grafschaft wohnte, war auf dem
Heimwege. Nur die von Berlin her erschienenen Gäste,
die den nächsten, an Gransee vorüberkommenden Rostocker
Zug abzuwarten hatten, waren in das Herrenhaus zurückgekehrt, wo mittlerweile für einen Imbiß Sorge getragen war. Rex und Czako, desgleichen auch die Berchtesgadens, nahmen erst ein Glas Wein und dann eine
Tasse Kaffee. Zwischen dem alten Grafen und Adelheid
knüpfte sich ein mäßig belebtes Gespräch an, wobei der
Graf der Vorzüge des Verstorbenen gedachte. Da
Schwester Adelheid jedoch, wie so viele Schwestern,
allerlei Zweifel und Bedenken hinsichtlich des Thuns
und Treibens ihres Bruders hegte, so ging man bald
zu den Kindern über und beklagte, daß sie bei einer so
schönen Feier nicht hätten zugegen sein können. Dazwischen wurde dann freilich das fast entgegengesetzt
klingende Bedauern laut, daß das junge Paar seinen
Aufenthalt im Süden wohl werde abbrechen müssen.
Der alte Graf in seiner Güte fand alles, was Adelheid
sagte, sehr verständig, während sich Adelheids Gefühle
mit der Anerkennung begnügten, daß sie sich den Alten
eigentlich schlimmer gedacht habe.

Vierundvierzigstes Kapitel.

Melusine war aus der Kirche mit in das Herrenhaus zurückgekehrt und widmete sich hier auf eine kurze
Weile zunächst ihren Freunden, den Berchtesgadens, dann
Rex und Czako. Danach ging sie in die Pfarre hinüber, um Lorenzen zu danken und noch ein kurzes Gespräch mit ihm über Woldemar und Armgard zu haben,
im wesentlichen eine Wiederholung alles dessen, was sie
schon während ihres Weihnachtsbesuches mit ihm durchgesprochen hatte. Sie verplauderte sich dabei wider
Wunsch und Willen, und als sie schließlich nach dem
Herrenhause zurückkehrte, begegnete sie bereits jener Aufbruchsunruhe, die kein ernstes Eingehen auf irgend ein
Thema mehr zuläßt. Sie beschränkte sich deshalb auf
ein paar Worte mit Tante Adelheid. Daß man sich
gegenseitig nicht mochte, war der einen so gewiß wie
der andern. Sie waren eben Antipoden: Stiftsdame
und Weltdame, Wutz und Windsor, vor allem enge und
weite Seele.

„Welch ein Mann, Ihr Pastor Lorenzen,“ sagte
Melusine. „Und zum Glück auch noch unverheiratet.“

„Ich möchte das nicht so betonen und noch weniger
es beloben. Es widerspricht dem Beispiele, das unser
Gottesmann gegeben, und widerspricht auch wohl der
Natur.“

„Ja, der Durchschnittsnatur. Es giebt aber, Gott
sei Dank, Ausnahmen. Und das sind die eigentlich
Berufenen. Eine Frau nehmen, ist alltäglich …“

„Und keine Frau nehmen, ist ein Wagnis. Und
die Nachrede der Leute hat man noch obenein.“

„Diese Nachrede hat man immer. Es ist das
erste, wogegen man gleichgültig werden muß. Nicht in
Stolz, aber in Liebe.“

„Das will ich gelten lassen. Aber die Liebe des
natürlichen Menschen bezeigt sich am besten in der
Familie.“

„Ja, die des natürlichen Menschen …“

„Was ja so klingt, Frau Gräfin, als ob Sie dem
Unnatürlichen das Wort reden wollten.“

„In gewissem Sinne ‚ja‘ Frau Domina. Was
entscheidet, ist, ob man dabei nach oben oder nach unten
rechnet.“

„Das Leben rechnet nach unten.“

„Oder nach oben; je nachdem.“

Es klang alles ziemlich gereizt. Denn so leichtlebig und heiter Melusine war, einen Ton konnte sie
nicht ertragen, den sittlicher Überheblichkeit. Und so
war eine Gefahr da, sich die Schraubereien fortsetzen
zu sehen. Aber die Meldung, daß die Wagen vorgefahren seien, machte dieser Gefahr ein Ende. Melusine
brach ab und teilte nur noch in Kürze mit, daß sie
vorhabe, morgen mit dem frühesten von Berlin aus
einen Brief zu schreiben, der mutmaßlich gleichzeitig
mit dem jungen Paar in Capri eintreffen werde. Adelheid war damit einverstanden, und Melusine nahm
Baron Berchtesgadens Arm, während der alte Graf die
Baronin führte.

Das Verdeck des vor dem Portal haltenden Wagens
war zurückgeschlagen, und alsbald hatten die Baronin
und Melusine im Fond, die beiden Herren aber auf
dem Rücksitz Platz genommen. So ging es eine schon
in Kätzchen stehende Weidenallee hinunter, die beinahe
geradlinig auf Gransee zuführte. Das Wetter war
wunderschön; von der Kälte, die noch am Vormittag
geherrscht hatte, zeigte sich nichts mehr; der Himmel
war gleichmäßig grau, nur hier und da eine blaue
Stelle. Der Rauch stand in der stillen Luft, die Spatzen
quirilierten auf den Telegraphendrähten und aus dem
Saatengrün stiegen die Lerchen auf. „Wie schön,“
sagte Baron Berchtesgaden, „und dabei spricht man
immer von der Dürftigkeit und Prosa dieser Gegenden.“
Alles stimmte zu, zumeist der alte Graf, der die Frühlingsluft einsog und immer wieder aussprach, wie
glücklich ihn diese Stunde mache. Sein Bewegtsein
fiel auf.

„Ich dachte, lieber Barby,“ sagte der Baron, „in
meinen Huldigungen gegen Ihre märkische Frühlingslandschaft ein Äußerstes gethan zu haben. Aber ich sehe,
ich bleibe doch weit zurück; Sie schlagen mich aus dem
Felde.“

„Ja,“ sagte der alte Graf, „und mir kommt es wohl
auch zu. Denn ich bin der erste dran, davon Abschied
nehmen zu müssen.“

Rex und Czako folgten in einem leichten Jagdwagen. Die beiden Schecken, kleine Shetländer, warfen
ihre Mähnen. Daß man von einem Begräbnis kam,
war dem Gefährt nicht recht anzusehen.

„Rex,“ sagte Czako, „Sie könnten nun wieder
ein ander Gesicht aufsetzen. Oder wollen Sie mich
glauben machen, daß Sie wirklich betrübten Herzens
sind?“

„Nein, Czako, so gröblich inscenier' ich mich nicht.
Und käme mir so was in den Sinn, so jedenfalls nicht
vor einem Publikum, das Czako heißt. Übrigens wollen
Sie bloß etwas von sich auf mich abwälzen. Sie sind
betrübt und wenn ich mir alles überlege, so steht es
so, daß Sie bei dem Chateau Lafitte nicht auf Ihre
Rechnung gekommen sind. Er wirkte — denn des
Alten ‚Bocksbeutel‘ hab' ich von unserem Oktoberbesuch
her noch in dankbarer Erinnerung — wie wenn ihn
Tante Adelheid aus ihrem Kloster mitgebracht hätte.“

„Rex, Sie sind ja wie vertauscht und reden beinah'
in meinem Stil. Es ist doch merkwürdig, sowie die
Menschen dies Nest, dies Berlin, erst hinter sich haben,
fängt Vernunft wieder an zu sprechen.“

„Sehr verbunden. Aber eskamotieren Sie nicht
die Hauptsache. Meine Frage bleibt, ‚warum so belegt, Czako?‘ Denn daß Sie das sind, ist außer
Zweifel. Wenn's also nicht von dem Lafitte stammt,
so kann es nur Melusine sein.“

Czako seufzte.

„Da haben wir's. Thatsache festgestellt, obwohl
ich Ihren Seufzer nicht recht verstehe. Sie haben
nämlich nicht den geringsten Grund dazu. Gesamtsituation umgekehrt überaus günstig.“

„Sie vergessen, Rex, die Gräfin ist sehr reich.“

„Das erschwert nicht, das erleichtert bloß.“

„Und außerdem ist sie grundgescheit.“

„Das sind Sie beinah' auch, wenigstens mitunter.“

„Und dann ist die Gräfin eine Gräfin, ja, sogar
eine Doppelgräfin, erst durch Geburt und dann durch
Heirat noch mal. Und dazu diese verteufelt vornehmen
Namen: Barby, Ghiberti. Was soll da Czako? Teuerster
Rex, man muß den Mut haben, den Thatsachen ins
Auge zu sehn. Ich mache mir kein Hehl draus, Czako
hat was merkwürdig Kommißmäßiges, etwa wie Landwehrmann Schultze. Kennen Sie das reizende Ballett
‚Uckermärker und Picarde‘? Da haben Sie die ganze
Geschichte. Melusine ist die reine Picarde.“

„Zugegeben. Aber was schadet das? Italienisieren
Sie sich und schreiben Sie sich von morgen ab Ciacco.
Dann sind Sie dem Ghiberti trotz seiner Grafenschaft
dicht auf den Hacken.“

„Sapristi, Rex, c'est une idée.“

Fünfundvierzigstes Kapitel.

Das junge Paar war, nach geplantem kurzen
Aufenthalt erst in Amalfi und dann in Sorrent, in
Capri angekommen. Woldemar fragt nach Briefen, erfuhr aber, daß nichts eingegangen.

Armgard schien verstimmt. „Melusine läßt sonst
nie warten.“

„Das hat dich verwöhnt. Sie verwöhnt dich
überhaupt.“

„Vielleicht. Aber, so dir's recht ist, darüber erst
später einmal, nicht heute; für solche Geständnisse sind
wir doch eigentlich noch nicht lange genug verheiratet.
Wir sind ja noch in den Flitterwochen.“

Woldemar beschwichtigte. „Morgen wird ein Brief
da sein. Schließen wir also Frieden, und steigen wir,
wenn dir's paßt, nach Anacapri hinauf. Oder wenn
du nicht steigen magst, bleiben wir, wo wir sind, und
suchen uns hier eine gute Aussichtsstelle.“

Es war auf dem Frontbalkon ihres am mittleren
Abhang gelegenen Albergo, daß sie dies Gespräch führten,
und weil die Mühen und Anstrengungen der letzten
Tage ziemlich groß gewesen waren, war Armgard
willens, für heute wenigstens auf Anacapri zu verzichten. Sie begnügte sich also, mit Woldemar auf das
Flachdach hinaufzusteigen, und verlebte da, angesichts
der vor ihnen ausgebreiteten Schönheit, eine glückliche
Stunde. Von Sorrent kamen Fischerboote herüber, die
Fischer sangen, und der Himmel war klar und blau;
nur drüben aus dem Kegel des Vesuv stieg ein dünner
Rauch auf und von Zeit zu Zeit war es, als vernähme
man ein dumpfes Rollen und Grollen.

„Hörst du's?“ fragte Armgard.

„Gewiß. Und ich weiß auch, daß man einen
Ausbruch erwartet. Vielleicht erleben wir's noch.“

„Das wäre herrlich.“

„Und dabei“, fuhr Woldemar fort, „komm' ich
von der eiteln Vorstellung nicht los, daß, wenn's da
drüben ernstlich anfängt, unser Stechlin mitthut, wenn
auch bescheiden. Es ist doch eine vornehme Verwandtschaft.“

Armgard nickte, und von der Uferstelle her, wo
die Sorrentiner Fischer eben anlegten, klang es herauf:

Tre giorni son che Nina, che Nina,
In letto ne se sta …

Am andern Tage, wie vorausgesagt, kam ein Brief
von Melusine, diesmal aber nicht an die Schwester,
sondern an Woldemar adressiert.

„Was ist?“ fragte Armgard, der die Bewegung
nicht entging, die Woldemar, während er las, zu bekämpfen suchte.

„Lies selbst.“

Und dabei gab er ihr den Brief mit der Todesanzeige des Alten.

An ein Eintreffen in Stechlin, um noch der Beisetzung beiwohnen zu können, war längst nicht mehr zu
denken; der Begräbnistag lag zurück. So kam man
denn überein, die Rückreise langsam, in Etappen über
Rom, Mailand und München machen, aber an jedem
Orte (denn beide sehnten sich heim) nicht länger als
einen Tag verweilen zu wollen. Von Capri nahm
Woldemar ein einziges Andenken mit, einen Kranz von
Lorbeer und Oliven. „Den hat er sich verdient.“ —

Die letzte Station war Dresden, und von hier aus
war es denn auch, daß Woldemar ein paar kurze Zeilen
an Lorenzen richtete.

Lieber Lorenzen.

Seit einer halben Stunde sind wir in Dresden,
und ich schreibe diese Zeilen angesichts des immer
wieder schönen Bildes von der Terrasse aus, das auch
auf den Verwöhntesten noch wirkt. Wir wollen morgen
in aller Frühe von hier fort, sind um zehn in Berlin
und um zwölf in Gransee. Denn ich will zunächst
unser altes Stechlin wiedersehen und einen Kranz am
Sarge niederlegen. Bitte, sorgen Sie, daß mich ein
Wagen auf der Station erwartet. Wenn ich auch Sie
persönlich träfe, so wäre mir das das Erwünschteste.
Es plaudert sich unterwegs so gut. Und von wem
könnt' ich mehr und zugleich Zuverlässigeres erfahren,
als von Ihnen, der Sie die letzten Tage mit durchlebt haben werden. Meine Frau grüßt herzlichst.
Wie immer Ihr alter, treu und dankbar ergebenster

Woldemar v. St.

Um zwölf hielt der Zug auf Bahnhof Gransee.
Woldemar sah schon vom Coupé aus den Wagen; aber
statt Lorenzen war Krippenstapel da. Das war ihm
zunächst nicht angenehm, aber er nahm es bald von
der guten Seite. „Krippenstapel ist am Ende noch besser,
weil er unbefangener ist und mit manchem weniger zurückhält. Lorenzen, wenn er dies Wort auch belächeln
würde, hat einen diplomatischen Zug.“

In diesem Augenblick erfolgte die Begrüßung mit
dem inzwischen herangetretenen „Bienenvater“, und alle
drei bestiegen den Wagen, dessen Verdeck zurückgeschlagen
war. Krippenstapel entschuldigte Lorenzen, „der wegen
einer Trauung behindert sei“, und so wäre denn alles
in bester Ordnung gewesen, wenn unser trefflicher alter
Museumsdirektor nur vor Antritt seiner Fahrt nach
Gransee von einer Herausbesserung seines äußeren
Menschen Abstand genommen hätte. Das war ihm aber
unzulässig erschienen, und so saß er denn jetzt dem jungen
Paare gegenüber, angethan mit einem Schlipsstreifen
und einem großen Chemisettevorbau. Der Schlips war
so schmal, daß nicht bloß der zur Befestigung der Vatermörder dienende Hemdkragenrand in halber Höhe sichtbar wurde, sondern leider auch der aus einem keilartigen
Ausschnitt hervorlugende Adamsapfel, der sich nun, wie
ein Ding für sich, beständig hin und her bewegte. Die
Verlegenheit Armgards, deren Auge sich — natürlich ganz
gegen ihren Willen — unausgesetzt auf dies Naturspiel
richten mußte, wäre denn auch von Moment zu Moment
immer größer geworden, wenn nicht Krippenstapels unbefangene Haltung schließlich über alles wieder hinweg
geholfen hätte.

Dazu kam noch, daß seiner Unbefangenheit seine
Mitteilsamkeit entsprach. Er erzählte von dem Begräbnis und wer vom Grafschaftsadel alles dagewesen sei.
Dann kam Thormeyer an die Reihe, dann Katzenstein
und die Domina und zuletzt auch „lütt Agnes“.

„Des Kindes müssen wir uns annehmen,“ sagte
Armgard.

„Wenn du darauf dringst, gewiß. Aber es liegt
schwieriger damit, als du denkst. Solche Kinder, ganz
im Gegensatz zur Pädagogenschablone, muß man sich
selbst überlassen. Der gefährlichere Weg, wenn überhaupt was Gutes in ihnen steckt, ist jedesmal der
bessere. Dann bekehren sie sich aus sich selbst heraus.
Wenn aber irgend ein Zwang diese Bekehrung
schaffen will, so wird meist nichts draus. Da werden
nur Heuchelei und Ziererei geboren. Eigner freier Entschluß wiegt hundert Erziehungsmaximen auf.“

Armgard stimmte zu. Krippenstapel aber fuhr in
seinem Berichte fort und erzählte von Kluckhuhn, von
Uncke, von Elfriede; Sponholz werde in der nächsten
Woche zurückerwartet, und Koseleger und die Prinzessin
seien ein Herz und eine Seele, ganz besonders — und das
sei das allerneueste — seit man für ein Rettungshaus
sammle. Seitens des Adels werde fleißig dazu beigesteuert; nur Molchow habe sich geweigert: „so was
schaffe bloß Konfusion“.

Um zwei traf man in Schloß Stechlin ein. Woldemar durchschritt die verödeten Räume, verweilte kurze
Zeit in dem Sterbezimmer und ging dann in die Kirchengruft, um da den Kranz an des Vaters Sarge niederzulegen.

Am späten Nachmittag erschien auch Lorenzen und
sprach zunächst sein Bedauern aus, daß er einer Amtshandlung halber (Kossäth Zschocke habe sich wieder
verheiratet) nicht habe kommen können. Er blieb dann
noch den Abend über und erzählte vielerlei, zuletzt auch
von dem, was er dem Alten feierlich habe versprechen
müssen.

Woldemar lächelte dabei. „Die Zukunft liegt also
bei dir.“

Und unter diesen Worten reichte er Armgard die
Hand.

Sechsundvierzigstes Kapitel.

Armgard hatte sich von der im Stechliner Hause
herrschenden Weltabgewandtheit angeheimelt gefühlt. Aber
der Gedanke, hier ihre Tage zu verbringen, lag ihr
doch vorderhand noch fern, und so kehrte sie denn, kurz
nach Ablauf einer Woche, nach Berlin zurück, wo mittlerweile Melusine für alles gesorgt und eine ganz in der
Nähe von Woldemars Kaserne gelegene Wohnung gemietet und eingerichtet hatte.

Das war am Belle-Allianceplatz. Als das junge
Paar diese Wohnung bezog, ging die Saison bereits
auf die Neige. Die Frühjahrsparaden nahmen ihren
Anfang und gleich danach auch die Wettrennen, an denen
Armgard voller Interesse teilnahm. Aber ihre Freude
daran war doch geringer als sie geglaubt hatte. Weder
das Großstädtische noch das Militärische, weder Sport
noch Kunst behaupteten dauernd den Reiz, den sie sich
anfänglich davon versprochen, und ehe der Hochsommer
heran war, sagte sie: „Laß mich's dir gestehn, Woldemar, ich sehne mich einigermaßen nach Schloß Stechlin.“

Er hätte nichts Lieberes hören können. Was Armgard da sagte, war ihm aus der eignen Seele gesprochen.
Liebenswürdig und bescheiden wie er war, stand ihm
längst fest, daß er nicht berufen sei, jemals eine Generalstabsgröße zu werden, während das alte märkische
Junkertum, von dem frei zu sein er sich eingebildet
hatte, sich allmälig in ihm zu regen begann. Jeder
neue Tag rief ihm zu: „Die Scholle daheim, die
dir Freiheit giebt, ist doch das beste.“ So reichte er
denn seine Demission ein. Man sah ihn ungern scheiden,
denn er war nicht bloß wohlgelitten an der Stelle, wo
er stand, sondern überhaupt beliebt. Man gab ihm,
als sein Scheiden unmittelbar bevorstand, ein Abschiedsfest, und der ihm besonders wohlwollende Kommandeur
des Regiments sprach in seiner Rede von den „schönen,
gemeinschaftlich durchlebten Tagen in London und Windsor“. —

All die Zeit über waren natürlich auch die von
einer Übersiedlung auf's Land unzertrennlichen kleinen
Mühen und Sorgen an das junge Paar herangetreten.
Unter diesen Sorgen — Lizzi hatte abgelehnt, weil sie
die große Stadt und die „Bildung“ nicht missen mochte —
war in erster Reihe das Ausfindigmachen einer geeigneten
Kammerjungfer gewesen. Es traf sich aber so glücklich,
daß Portier Hartwigs hübsche Nichte mal wieder außer
Stellung war, und so wurde diese denn engagiert.
Melusine leitete die Verhandlungen mit ihr. „Ich weiß
freilich nicht, Hedwig, ob es Ihnen da draußen gefallen
wird. Ich hoff' es aber. Und Sie werden jedenfalls
zweierlei nicht haben: keinen Hängeboden und keinen
‚Ankratz‛, wie die Leute hier sagen. Oder wenigstens nicht
mehr davon, als Ihnen schließlich doch vielleicht lieb ist.“

„Ach, das ist nicht viel,“ versicherte Hedwig halb
scham-, halb schalkhaft. —

Am 21. September wollte das junge Paar in Stechlin einziehen und alle Vorbereitungen dazu waren getroffen: Schulze Kluckhuhn trommelte sämtliche Kriegervereine zusammen (die Düppelstürmer natürlich am rechten
Flügel), während Krippenstapel sich mit Tucheband über
ein Begrüßungsgedicht einigte, das von Rolf Krakes
ältester Tochter gesprochen werden sollte. Die Globsower
gingen noch einen Schritt weiter und bereiteten eine
Rede vor, darin der neue junge Herr als einer der
„ihrigen“ begrüßt werden sollte.

Das alles galt dem Einundzwanzigsten.

Am Tage vorher aber traf ein Brief Melusinens
bei Lorenzen ein, an dessen Schluß es hieß:

„Und nun, lieber Pastor, noch einmal das eine.
Morgen früh zieht das junge Paar in das alte Herrenhaus ein, meine Schwester und mein Schwager. Erinnern Sie sich bei der Gelegenheit unsres in den Weihnachtstagen geschlossenen Paktes: es ist nicht nötig, daß
die Stechline weiterleben, aber es lebe
der Stechlin.“