Wie das Abc entstand

»Auf den Höhen, wo die Menschen zuerst lebten, kam es keinem in den Sinn, daß man anders als von Lippe zu Lippe reden könne. Nur, wo ein Stummer aufwuchs, sprach er mit den Augen und Händen. Man verstand ihn. Es blieb doch noch immer eine Art Sprache.

Aber hier oben muß man arbeiten, wenn man leben will. Jede Arbeit ist hier ein Kampf. Mit dem Wasser, mit dem Feuer, mit dem Stein, mit Luft und wildem Tier, mit allein müssen wir kämpfen. Sonst überwältigt uns eines ums andere. Und dieses Kämpfen ist schön und lustig, und man hat es keine Stunde langweilig.«

Alles nickte um Marcote herum. Haargenau so ist das Leben hier oben.

»Aber die meisten Menschen wurden faul und neugierig und dumm und stiegen darum tief und tiefer bis ins flache Land und vermehrten sich unten, wo sie nicht zu arbeiten, noch zu kämpfen, nur um Essen und Trinken zu spielen brauchten, ich sag' euch, vermehrten sich wie Kaninchen. Und nun kam ein Übel nach dem andern. Die Luft ward schlecht, die Hitze groß, die Fliegenstiche entsetzlich und das Menschenleben viel kürzer. Dabei ward es langweilig zum Sterben. Wir leben nicht halb so lang, klagte man, wie einst auf den Bergen. Aber doch dünkt uns das Dasein zweimal länger. Wir müssen etwas erfinden, um das Leben auszuhalten. Wir müssen eine Kurzweil ersinnen, um darüber die ewiglange, gleichmäßige Schnur der Zeit zu vergessen.

Zuerst saßen sie zusammen wie wir hier, und wollten sich die alten Lieder vorsingen. Aber siehe da, sie hatten keine schönen Stimmen mehr. Wenn sie hoch singen wollten wie du, schöne Jungfer Rosetta Galdi, dann war die Luft zu dick, und sie erstickten an der Note. Und wenn sie tief singen wollten wie du, mein lieber dicker Padrone Sakristan, der du mir immer das Glas nur halb voll schenkst…«

»Hier, hier, hier, Marcote! Nein, nimm mein Glas!«tönte es von allen Seiten.

»Danke, danke, gute Leute! Er ist übrigens besser, dieser Rote, als der beim Giuseppe Nati in Orvieto… Also, wenn sie tief in den Baß brummen wollten, dann war der Atem zu dünn. Der schönste Baß zerrann wie ein Sandhaufen.

Eccola, jetzt wollten sie sich Geschichten erzählen. Und ihr bestes Maul fing an, mit dem schönsten Märchen, das es gibt, wisset, das von der alten Glockenfrau Sagnia, ihrem Töchterlein Bia und den sieben süßen Prinzen, vor allem dem Prinzen der großen Glocke, Mansueto.«

»O si, si, splendida favola!« zittert und ruft und staunt es im Chor.

»Also eine Geschichte, die man sehr leicht erzählen kann. Ich will sie euch vorsagen, daß ihr alle zuerst weint und dann wieder lacht. Ja, das will ich!«…

Der Hausierer schnalzte großartig mit Daumen und Zeigefinger.

»Das kannst du, wir wissen es. Fahr' nur fort, Carussim!« sagt man ringsum.

»Aber ich würde nicht weinen!« schreit eine kecke Knabenstimme. Es ist Tito Amente, der lahmen Frau Sibilla jüngster, tollster Bub.

»Schweig, kleiner Affe!« überschreit man ihn. »Natürlich würdest du weinen. Zu allererst! Weiter, Marcote, weiter, hör nicht auf den Knirps da!«

»Weinen würde der Schuft wie ein schmelzender Bach, sag' ich. Übrigens, wenn ihr zweifelt und vielleicht…«

»Jawohl, ich glaub' auch«, lenkte der kluge, bildschöne Sohn des Taddeo Amente ein. »Nicht wie ein Bach, aber so wie das Brünnlein hinter dir, lieber Zio, würd' ich wohl weinen.«

Weiß Gott, ob Marcote weiter erzählte, wenn das bleiche Bürschchen nicht so verschmitzt nachgegeben hätte. Aber der Sohn der Amente hat gelogen. Er würde in keinem Fall weinen. Er weinte nicht, als der gute Großvater im Zwilchsack festgeschnürt und ins Grab versenkt wurde. Trocken und kalt und bleich blieb er. Und er weinte auch nicht, als ihm der Mesner fast die Ohren ausriß, weil er zur Unzeit die Glocke geläutet hatte. Er gleicht dem Vater. Er weint nie.

»Also«, hebt Marcote wieder an, »dieser Erzähler fing an, die graue Sagnia und den Prinzen Mansueto zu schildern. Aber da habt ihr's: es kamen keine Farben und Lichter in seine Geschichte, wo doch schon die Prinzenlocken leuchten wie gekräuselte Sonnenstrahlen. Und es gab kein Lachen und Singen und Weinen in seinem Satz. Ihr könnt euch wohl denken, wo es keine Bäche und Felsen und Bergwinde hat und auch keine Aussicht weit über Himmel und Erde wie hier oben, wie will man da Geschichten erzählen? Etwa aus einer Schachtel heraus? Ich bedanke mich. Nein, es ward alles langweilig, garstig, grau, was jener Mann hervorbrachte. Man schlief ein, zuerst die Ältesten, dann die Jüngsten, dann die Frauen, dann die Männer. Zuletzt der Erzähler selber mitten in einem Satz. Wahrhaft, so ist's.«

»Nur ein kleiner Naseweis, namens Tito Amente«, fuhr der Hausierer mit einem boshaften Blinzeln und Lächeln fort, »ein Fürwitz erster Klasse, schlief nicht ein. Er war viel zu trocken und so vernagelt, daß er es nie aus dem eigenen Hören herausmerkte, ob ein Geschichtlein fein oder blöd sei. Auch dünkte es ihn lustig, daß so viele Menschen da nebeneinander in Stühlen und an Tischen schliefen und ein ganzes Donnerwetter zusammenschnarchten. Und der magere Schlingel ging herum und fing Fliegen und warf sie ihnen ins Maul. Na, das war das Gescheiteste, was der Lümmel bisher getrieben hatte.«

Alles lachte und zeigte mit gütiger Schadenfreude auf den wirklichen Tito Amente, der dunkeläugig am Boden lag, keine Miene verzog, aber leise studierte, wie er den Hieb recht bitter zurückgeben könnte.

»… So geht es eben auch nicht, sagten die Menschen, als sie erwachten und die Fliegen ausgespuckt hatten. Wir müssen etwas anderes erfinden.«

Und sie erfanden die Eisenbahnen und die Tretmaschinen und das Papier und das Zeichnen und Malen und die Brillen und die Photographie und das Klavier und so weiter, Tirli… birli… mirli… chirli…

Aber darum blieb es doch langweilig. Auf und ab, auf und ab, Gähnen, Schlafen, Gähnen, Schlafen, so ging's tagaus, tagein. Und in diesem Einerlei und in der schweren, schlechten Luft und im steten Herumstudieren wurde man nach und nach schrecklich vergeßlich. Niemand wußte mehr recht, wann man von den Bergen gestiegen, niemand, wie alt man war. Man vergaß, ob es Samstag oder Montag sei, man vergaß seinen eigenen Namen, glaubt mir, man vergaß mitunter zu schnaufen, und so starben viele aus lauter Vergeßlichkeit.

Da fingen sie an, in den Gurt oder Schürzenzipfel einen Knopf zu machen, wenn sie etwas durchaus im Sinn behalten wollten. Aber dann wußten sie am Abend nicht mehr, warum sie den Knopf gemacht hatten, und knoteten einen zweiten Knopf mit dem Sinne: er müßte den ersten Knopf erklären. Und für den zweiten Knopf brauchten sie einen dritten und so fort, bis die Schärpe oder Schürze nur noch aus Knöpfen bestand. Das war für einen Augenblick kurzweilig anzuschauen. Aber nachher ward man doppelt niedergeschlagen.

Es ist schade um Gurt und Schürze, sagt man. Können wir uns denn nicht auf eine andere Art merken, was wir sonst einfach vergessen?…

Ein Giovanni Battista Dongio wollte am nächsten Morgen eine Ziege schlachten. Da kritzte er auf ein Papier zwei Hörner und mitten drin ein Messer. Benone, nun weiß ich's!

Am Morgen sah er nun das Papier und wußte sofort, daß er etwas Zweihörniges töten müsse. Nur erinnerte er sich nicht mehr, ob es eine Ziege oder ein Schaf sei. Er hatte, wißt, nur so im allgemeinen zwei Hörner gezeichnet. Das war schade. Er schlachtete nun den Stier seines verhaßten Vetters Enzo. Dafür wurde er an einen Baum gehenkt. Denn damals machte man nicht viel Federlesens. So hatte sich Battista denn leider geirrt, ich gebe es zu. Aber er hatte doch etwas Zweihörniges getötet: das ist die Hauptsache.

Und dann wollte Bartolomeo Gerunde sich das Haar schneiden lassen und zeichnete etwas wie eine Mähne oder einen Besen aufs Papier. Er war stolz auf die Zeichnung. Als er jedoch am Morgen das Bild besah, blieb ihm nur noch ein Schimmer von der Idee, und er ging und rupfte dem Hahn die Federn aus. Dafür hat ihm sein Weib drei Maulschellen gegeben. Das war schon linder als Erhenken. Als er nun merkte, daß seine Zeichnung eher Haar als Federn betreffe, ging er zum Barbier und zeigte ihm das Blatt. Der hieb ihm den Bart nieder. Lacht nicht! Das war doch schon nahezu das Richtige. Am dritten Tag merkte Bartolomeo dann wie von selbst, daß eigentlich sein Haupthaar gemeint war.

Und da sagte, nachdem noch viel auf diese Weise verschnitzelt worden war, ein besonders heller Kerl: Leute, warum Bilder machen? Das gibt zu viel Arbeit. Und es wird nie genau. Können wir nicht bequem Zeichen erfinden für die Bilder? Barba… capilli… das ist nicht das gleiche. Wir sagen ihm doch auch ganz anders. So, wie wir's sagen, müssen wir's aufs Papier schreiben. B . . a . . r . . b . . a . . , für jeden andern Ton ein anderes Zeichen. Ich höre da drei Töne –

Nun ging es los. Jetzt hatten die Menschen wieder etwas zu tun. Man studierte Jahre und Jahrhunderte hindurch. Zuletzt gab es a und b und c, vierzig oder hundert eigene Zeichen. Aus denen sind die Worte gemacht. Ecco, das Alphabet und das Schreiben!

Von nun an, was die Menschen dachten, redeten, tun wollten, alles ward zuerst aufgeschrieben. Um es ja nicht zu vergessen, haben sie es sogar zwei- und dreimal notiert und auswendig gelernt. Wenn sich zwei Nachbarn begegnen und begrüßt haben, nehmen beide sogleich zweitausend Papierchen aus den Taschen und sehen nach, ob nichts drinnen steht, was sie einander sagen sollten. Ahi, das Alphabet ist etwas Köstliches! Bis sie die viertausend Zettel untersucht haben, vergeht eine Woche!

Sie schreiben einander auch Briefe, Zeitungen, Bücher. Sie schreiben einander nicht nur, was sie sagen möchten, sie schrieben einander auch von dem, was sie einander schreiben sollten und vom Geschriebenen und…, o Gott, mir wird schwindelig, es nur zu sagen. Sie gehen nicht mehr aus. Sie stecken im Tischwinkel und schreiben. Statt zu essen und zu trinken und zu schlafen, schreiben sie. Statt zu leben, schreiben sie. Ihr Leben ist Papier… Ecco, das Alphabet!

Auch sie selber sind weiß geworden und ohne Blutfärblein wie Papier. Und wenn ihr sie an den Händen nehmt, knistert es wie Papier. Wolltest du, heilloser Tito und Mädchenplager, ein Jüngferchen mit deinem Gurtmesser ein wenig am Hals ritzen, es käme schwarzes Blut, es käme Tinte heraus. Ecco, das Alphabet!

Ich sag' euch, kauft keine Bücher und keine Zeitungen. Es stinkt von allem Papier schon bis hinauf in unsere schönen Berge. Kauft lieber meine roten und blauen Schärpen, dodici Soldi das Stück, und die violette Seife, Soltanto sei Soldi! Und da, die Schlinge, aih, aih, blutrot, wie sie Garibaldi in Sicilia trug, und des Königs Bub sie heut' trägt. Zwei zusammen nur cinquanta Centesimi! Kauft kein Papier! Aber kauft meine Kettlein! Wenn ihr springt darin, o Jungfern, ist es, als ob die Glocken von Sant' Andrea am Sonntag läuten. Das ist ein Abc… per Dio…, da kann man leben.«

Während Marcote das sagt, hat er sein Ränzlein aufgetan und den Rest des Verkaufstages über seine ausgebreiteten Arme gehängt. Man erkennt keine Farben. Alles ist blau oder grün im Mondlicht. Aber zauberisch glitzert der Flitter. Und da und dort reißt man ihm einen Kram vom Gelenk und wirft eine Münze auf sein Knie, bis der Krämer allen Trödel los ist.

Aber ei, ei, was geschieht? Hinter seinem Rücken stöbert der rachsüchtige Tito Amente im Tornister. Denn er weiß etwas Schlimmes, hat aber geschwiegen bis jetzt. Und nun streckt er beide Hände in die Höhe, beladen mit kleinen, fliegenden, am Titelblatt greulich bemalten Indianerheftchen. Er schleudert sie über den atemlosen Volkshaufen und schreit übermütig: »Jetzt seht einmal den Lügner! Da verkauft er selber Papier, pfui!« Und frech schürzt der bleiche Schlingel die Lippen und spuckt dem Hausierer vor die Füße. Der Mond versilbert dem hübschen kalten Teufel das Gesicht. Aber aus seinem wilden, blonden Haar dampft es wie feines Goldgewölk.

»Was sagst du jetzt, alter Marcote! He, gib Bescheid!« fordert er und steht kühn vor dem Alten.

»Was ich sage«, beginnt der Händler, nachdem er blitzschnell die Wut verbissen und den Schalk hervorgekehrt hat, »das ist kurz: muß ich nicht auch drunten im Land hausieren! Hätt' ich genug zu beißen vom Geld, das ich von euch in den Bergen kriege? Es langte nicht einmal zum Vespern. Und ich hab' Frau und sechs Kinder daheim. Da muß ich mich sputen, wenn keines verhungern soll. Verhungert wären sie alle und ich dazu, wenn mir jeder nur so viel abkaufte wie der Lümmel da. Er hat mir das Gurtmesser abgemarktet, hat mir drei Soldi zu wenig und einen falschen Quattrino gegeben. Nur schwindeln kann er und alte, ehrwürdige Leute anspucken!«

Böse schauen die Leute auf den mondumflossenen Burschen. Man murrt ihn an. Aber da fliegt ein blanker Quattrino und noch einer dem Alten vor die Füße. Im gleichen, hochmütigen Bogen, wie er vorher ausspie, schmeißt Tito sein ganzes Geld hin. Und da ist alles, der Krämer zuerst, entwaffnet.

»Aber du bist ein Amente, ich wußte es schon«, ändert Marcote den Ton. »Stolz, hart, ein Plaggeist für alt und jung, aber Ehre habt ihr alle, Diavolo, Ehre wie ein König im Leib. Ich danke, ich danke, lustiger Tito. Grüße mir die Mutter Sibilla und den Vater Sindaco! Aber jetzt hilf mir die Hefte zusammenlegen. Ah, da sind sie schon.«

Nein, Tito bewegte keinen Finger nach dem Kram. Das soll der Gauner selbst zusammenpacken. Aber als die übrigen ringsum rasch den ganzen Stoß beisammen hatten und dem Manne auf den Schoß legten, sagte Tito mit seiner kältesten Knabenstimme: »Darum hast du eben doch gelogen, Filipe Marcote. Du verkaufst stinkiges Papier!«

»Hab' ich denn gesagt, ich verkaufe nicht? Euch hab' ich gebeten, nicht zu kaufen, um Gottes willen nicht. Es ist mein Schaden. Aber ihr seid zu gut für Papier. Euch geb' ich Messer und Mützen und Gürtel und Ledertaschen. Aber nicht alle sind wie ihr. Im Land unten wollen sie Papier, wollen sie lesen, würden sie mich in Stücke reißen, wenn ich ihnen kein Papier brächte. Was ist da zu machen? Tito, hitziger Narr, weißt du mir wohl einen Ausweg?«

»Ja so… dann, freilich… diesen Affen da unten…« Der Knabe spuckte jetzt weit über alle Köpfe gegen Süden aus, wo die Berge zur unsichtbaren, fernen Ebene abfielen.

Und alle Buben dachten: Wie der spucken kann, großartig, wie ein alter Raucher. Daß wir's doch auch könnten!

»Aber meint ihr, ich verkaufe den Abc-Menschen so gewöhnliches dummes Zeug zum Lesen? Weit gefehlt! Seht einmal diese Heftlein an! Kann einer von euch lesen?«

Marcote blickte fragend ringsum. In der Tat, verschiedene Zuhörer konnten buchstabieren, schwierig, ungern, aber von Zeit zu Zeit, wenn es galt, einen Anschlag an der Kirchenmauer zu erklären oder der Base den Brief ihres Geliebten in der römischen Kaserne zu entziffern, prahlten sie gewaltig damit. Jetzt hingegen wollte niemand lesen können. Sie schämten sich, diese vier Leser unter dreißig Nichtlesern, ihrer unsaubern, verdammungswürdigen Kunst.

»Also niemand kann lesen?«wiederholte Marcote befriedigt. »Ich wünsche euch Glück dazu. Nun, es wäre auch zu dunkel. Aber die Bilder seht ihr noch, diese roten und schwarzen Teufel und diese braven weißen Krieger. Sieh mal hier, Tito! So wisset, das sind die Abessinier, die Mohren des Menelik, mit denen wir Italiener in Krieg geraten sind, immer einer gegen zwanzig solcher Rußteufel! Seht, wie wir uns wehren, wie wir dreinsäbeln und niederknallen, und wie wir noch im Sterben rufen: Italia, Patria!«

»Italia, Patria!«summt es ergriffen im Chor. Auch Tito ist ganz feierlich geworden, hält beide Knie des Alten und schluckt gierig die Worte des Patriotismus ein.

»Davon ist im Heft ein langes und breites geschrieben. Es ist das Beste, was man lesen kann. Die langweiligen armen Menschen in der Ebene vergessen das Gähnen dabei. Sie werden mutig. Sie schnallen den Säbel an und schultern das Gewehr und marschieren auf den Feind. Kurz, sie werden Italiener wie ihr. Wollt ihr so ein Heft? Ihr braucht ja nur die Bilder anzuschauen. Dann versteht ihr genug. Dann wird euch heiß ums Herz, dann kämpfet ihr mit, dann musiziert es aus eurer Hirtenseele: O Italia, o Patria!… Wer will so ein Heft? Zwei Soldi das Stück. Fünfzig Bildchen sind drin!«

Alles will von den Heften. Tito kauft gleich drei, eines für die Mutter, eines für sich und eines… Ja nun, eines für Bruna Baldi, mit der er auf der gleichen Weide hütet und gemeinsam aus einem Napf die Milch löffelt. Am Sonntag bringen die zwei dem Pfarrer ein Kesselchen voll Heidelbeeren. Dafür muß er ihnen lesen, was so dick unter jedem Bild gedruckt steht. –

Mit zufriedenen Seelen gehen die Leute auseinander. In fünf Minuten liegt schon alles auf dem Stroh. Die verlogenen Indianergeschichten unter dem Laubkissen, aber eine helle vaterländische Begeisterung im Kopf.

Sie schlafen im Nu, diese Analphabeten. Denn ihre Herzen sind rein. Kein Tintenklecks, kein Schreibfehler besudelt ihr Gewissen… Gute Nacht!

Glückliche Faulenzer!

Einen Tag hatte ich im Dörfchen Prio zugebracht, wo niemand lesen und schreiben konnte, aber wo man reichlich von seinen Weiden, dem Vieh und dem Obst zu leben hat, und wo die stärksten und flinksten Jünglinge und die muntersten Töchter leben, wo man jahrelang keinen Arzt sieht, in der Regel von nichts als vom zu hohen, atemdünnen Alter stirbt, und wo eine Achtzigerin noch Haselnüsse mit ihren weißen Zähnen aufbeißt. Am Abend sitzen sie beisammen über Stiegen und Straßen, und die Hirten erzählten alte Sagen, oder der Hausierer Marcote berichtet irgend etwas Fabelhaftes aus dem tiefen, fernen Menschenlande… »Dorther!« sagt er, und zeigt mit dem braunen Arm in den unendlichen Dunstring, der zwischen Himmel und Erde gen Sonnenuntergang liegt. –»Dorther!« wiederholen die Berglerinnen mitleidig, »aus solcher Tiefe und Elendigkeit! Die armen Sandwürmer!«

Als ich Prio am nächsten Morgen verließ und durch einen glitzerig grünen Kastanienwald ins Land der lesenden und schreibenden Menschen hinunterstieg, da war es mir, als hätte ich das Paradies einen Augenblick bewohnt und sei nun leider wieder auf jener gottverfluchten Erde angelangt, wo man auf dem Bauch kriecht, in saurer Miene schwitzt und Dornen und Disteln ißt: mit einem Wort, wo man wieder Zeitungen, Hefte und Bücher schreibt.

Ich bin in jener ersten bittern Verstimmung etwas zu weit gegangen, als ich sagte: Möchte doch die Menschheit eines Morgens erwachen ohne Schulmeister und Schulbuch! Mögen alle Zeitungen in hübsche Nastüchlein für saubere Menschen und alle Tintenhäfen in Blumentöpfe verwandelt sein! Ich ging zu weit. Nein, nein, das Tintengeschirr ist heute leider so notwendig wie die Milchtasse, und die Zeitungen sind beinahe so nützlich wie Nastücher. Das sehe ich wohl ein.

Aber ich sehe nicht ein, warum man diese Italiener ewig als Faulenzer und Nichtswisser beschimpft. Wenn man das Unwägbare wägen und die wahre Arbeit und das wahre Wissen zahlenmäßig feststellen könnte, du mein Gott, wie hoch würde doch die Schale eines sogenannten süßen Nichtstuers emporschnellen!

Vor allem: Muß denn ein jegliches geschrieben sein, was man denkt? Gibt es nicht sehr große Dichter, die keine einzige Zeile schreiben? Und ich glaube, unter diesen Hirten und Nomaden sind viele solche Poeten. Oder ist denn das erst ein Gedicht, was man in ein Buch schreibt, daß man es bewundere, und daß arme, geplagte Schulkinder es auswendig lernen können? Ist das etwa nicht auch ein feines und großes Gedicht, was so ein Nichtstuer auf dem Rücken sich austräumt, wenn er in den blauen Himmel guckt und den Ernst und die Lustigkeit der Wolken betrachtet und sich daraus eine Tragödie oder eine famose Posse erdichtet? Oder wenn er das Ohr auf die Erde legt und dieser altersgrauen Mutter das Herz aushorcht? Und ist nur das Musik, was einer in Noten setzt und von einem Trüpplein gerechter Geiger sich vorspielen läßt, und worüber dann die Kritik ihre wohllautenden Orakelsprüche abgibt? Ist vielleicht nicht auch das Musik, was so ein Analphabet alles hört, wenn er immer die gleiche, über ein Brett gespannte Schnur zupft? Er hört vielleicht eine Musik, wie Mozart im Rausch seiner Phantasien auf dem Spinett, wie Beethoven beim Sterben und Hinüberschauen in die Ewigkeit. Es singt vielleicht und orgelt so wunderbar durch seine Seele, wie man es mit dem elenden Behelf von Noten und Takten nicht aussprechen kann. Und doch zupft er nur immer an einer Schnur! Genug, daß er hört! Und so kann mancher Junge kein A und kein B zeichnen, aber er sieht Bilder im Nebel, im Baumgeschwirr, im Sandhaufen, daß ein Tizian und ein Phidias ihn darum beneiden müßten. Jawohl, viele von diesen Analphabeten sind Künstler, Dichter, Musiker, aber für sich, in ihrer Seele, ohne Bühne, Szene und Händeklatschen. Und oft habe ich mich gewundert, wie solche Analphabeten klar reden, scharf und schnell erwägen und sicher entscheiden. Die Schule mit ihrer unabweisbaren Schablone von Klasse zu Klasse, mit ihrem Einerlei durch die ganze Bank hin, mit ihrer Tretmühle des Gedächtnisses und ihren zwei Drohmännchen: Examen und Zeugnis, die Schule mit ihrer Abschaffung der Eigenheiten, der Persönlichkeiten, des Naturgenies der Zöglinge, ihrem Zwang und Drill und Nümmerchengeist, diese Schule hat die Analphabeten nicht bilden, aber auch nicht verbilden können. Sie sind noch naiv, die Abruzzenkinder, noch frisch und eigenartig. Sie denken noch ohne Lineal und Winkelmaß. Jedes redet anders, lacht, schimpft, gebärdet sich anders, ist etwas Eigenes und kommt mit dem eigenen Schiff dereinst an sein Gestade. Jedes ist mit einem Wort ein eigener Mensch.

Es gibt bunte Arten von Faulheit. Die eine ist ein Laster, die andere eine Krankheit, die dritte eine Philisterhaftigkeit. Von diesen dreien weiß die Abruzzenseele nichts. Ihre Faulheit, wenn man sie so nennen mag, ist die Faulheit der Natur, der Berge, der Bäume, des Meeres, der Tiere, besser gesagt, ist die Beharrlichkeit des Stoffes. Dabei ist der Abruzzer dennoch rege und frisch. Im Augenblick springt er gemsenschnell auf, und im Augenblicke schlendert er, streckt alle Viere von sich und schlummert. Aber er faulenzt nicht. Er hört und merkt alles. Das Lüftchen vom Gebüsch her, das Aufbellen der Hunde, die tausendfältigen Menschentritte auf der Straße, das Klingeln einer Kupfermünze irgendwo, der Stundenschlag, alles. Durch seinen Kopf wandern stete, rasche, bunte Pilgerzüge von Gedanken. Er lacht, flucht, hofft, macht Pläne, studiert, grübelt voraus und rechnet in Früheres zurück. Er redet mit sich. Tut er nur wenig das Auge auf, so fährt er den Linien von Himmel und Erde nach und zeichnet sie weiter, rundet, verlängert, schattiert, vollendet. So ist er. In dieser scheinbaren Faulenzerei hat er sich mit den köstlichsten Dingen beschäftigt und unendliche Kurzweil genossen. Der Deutsche, der Engländer, der Franzose verstudiert, verplaudert, verrechnet die Natur. Aber der Italiener liegt auf seinem schönen runden Römerschädel im Gras oder auf einem Mäuerchen, den Hut auf der Stirne, die Hände im Sack und rechnet nicht und schreibt nicht und redet nicht… sondern sieht, hört, erlebt, genießt. Das ist mehr. Erst das ist nämlich genug.

Millionen Kinder müssen vom Morgen bis Abend in den Schulen, Millionen Jüngferchen und Jünglinge in höheren Studien oder in Arbeitskasernen ihre frische junge Seele ermüden. O wieviel schöner haben es meine Jungen von Pratimonte, von Lieghino, von Sassalpe und Montifiero… Viele hunderttausend Leutchen ihres Alters müssen das schönste Drittel des ohnehin knappen Lebens in den Studierbänken verbringen. Wenn sie herauskommen, sind sie keine Analphabeten mehr, sie sind vielleicht Doktores und Professores. Aber gar oft sind sie über einen Leist geschlagen, glatt gehämmert ist ihre einstige gehörnte, geniale Eigenheit, in der Ursprünglichkeit und natürlichen Schwungkraft sind sie fast alle geknickt. Sie fliegen nicht mehr wild und frei und hoch. Sie kennen ja jetzt das zahme Abc und leben auch danach in einerlei Geschrei und Trab und Mode.

Die Analphabeten der Welt… ich nehme jetzt das Wort weiter und nenne jeden so, der nicht auf die Kultur des Papiers, der Tinte und des Schulbakels schwört, die Analphabeten sind allein noch die sonnigen, kurzweiligen Originale der Menschheit und des Lebens, die andern sind fast nur noch Kopien oder gar Kopien der Kopie. Jene schwingen noch etwa die Fackel des Genies durchs vielzimmrige Welthaus. Diese tragen die Stubenlampe des Talents mit vorsichtigen Pantoffelschritten über ihren abgezirkelten Weg. Diese kennen das Tote, jene das Lebendige besser, diese schreiben und lesen und dozieren prachtvoll, jene leben noch prächtiger. Wer beides könnte, wäre der rechte Mensch.

