Nach Amerika

Auf dem Gang zum zweiten Grab, das vor der Stadt liegt, konnte ich eine Weile nicht recht vorwärtskommen. Es drängten sich Frauen und Männer und Kinder mit Bündeln auf dem Rücken und mit langen Stecken in der Hand die Gasse hinaus, wo eine Menge von Karren, mit Kisten und Körben überlastet, reisefertig standen und von den Buben schon ungeduldig hin und her gestoßen wurden. Die Männer trugen dicke braune Samthosen, und die Weiber hatten feste Wolldecken unter dem Arm. Es galt jedenfalls ein großes Stück Weg.

Die Jüngeren sahen ernst, die Älteren beinahe gleichgültig drein, den Frauen hingen Tränen in den Wimpern. Aber die Kinder lachten, und ihre Köpfe zappelten, und gar die Knie der acht oder neun Knaben zitterten vor Reiselust. Alle Gesichter waren weich und feucht wie nach Küssen und Umarmungen.

»Avanti!« rief ein großer, starker Mann an der Spitze, schwenkte nochmals den breiten Filzhut gegen ein Fenster und schritt voraus.

»Orsu!« – Die Truppe mit Bündeln und Karren setzte sich gegen den Bahnhof in Bewegung.

Da blitzte es. Nein, es war nur ein Schrei: »Maddalena!«

Eine dünne, alte, heftige Stimme schrie das irgendwoher.

»Nicht zurückschauen! Nicht zurückschauen!« murmelten sich die Pilger zu, und man schob eine hübsche, junge Frau in die Mitte zwischen zwei schwerknochige Männer.

Aber da blitzte der Schrei wieder durch die Luft, scharf und blutend: »Maddalena!«

»Corraggio!«brummten die zwei Männer und klemmten die Bedrängte mit den Ellenbogen wie eine Zange. Aber das Weib ward bleich, zitterte und wandte sich mühsam um.

»Fanciullina mia! Fanciullina!« klang es jetzt wie ein Trompetenruf. Das war so hell und dringend, daß die Frau sich losriß, mit ein paar Stößen durch den hinteren Zug rang und die drei plumpen Stufen zum nahen Haustor emporflog in die ausgebreiteten Arme einer alten, kleinen, schwerverrunzelten Mutter.

Man hörte nur Schluchzen und Küssen. Es war ein hartes Trennen.

Der Zug stockte. Die ganze Gesellschaft kehrte sich um und sah unwillig und doch mitleidig zu. Was hatte es gekostet, der Alten Lebewohl zu sagen, schon drinnen in der Stube! Und das dürre Weiblein hatte versprechen müssen, nicht herauszukommen, bis der Zug vorbei sei. So geschehe die Trennung am leichtesten. Dafür bekam sie nochmals drei warme Küsse. Aber als sie nun die Karrenräder rollen und den Schritt der Männer auf dem Holperpflaster hörte, übernahm es ihre alte heiße Seele, und sie stürzte zum Tore hinaus und schrie, wie ein geängstigtes Drosselweibchen dem Jungen nachschreit, das heute flügge ward und eigene Wege sucht. Hinter ihr stand der Vater, ein Blödsinniger, noch älter und runzliger. Aber er nickt, lächelt töricht und sagt immer: »Sta bene, sta bene!« Er will an der lautlosen Umarmung von Mutter und Tochter nicht teilnehmen. Aber er singt mit seiner Greisenstimme dazu ganz zufrieden: »Sta bene!«

»Giorgio!« gebot nun die junge Frau über die Achsel der Mutter in die Gasse hinab.

Auch das noch! Der Schwiegersohn, Maddalenas Gemahl, stößt seinen Buben aus der Reihe. »Geh'«, murrt er anscheinend böse, »und gib der Nonna noch einen Kuß. Aber recht! Nicht wie vorhin! Lauf!«

Der schlanke Junge mit dem schmutziggelben Gesicht, den rabenschwarzen Krausen und mit Zähnen, die wie scharfe, silberne Nägel aus dem hungrigen Maul blitzen, wendet sich zurück in die Schar. Er will nicht. Siebzehn Jahre zählt er. Das ist zu viel, um vor allen Leuten auf der Straße eine uralte Donna zu küssen. Ja, das Kind Benedetta nebenan auf dem Karren, das würde er vor der ganzen Stadt küssen. Er hat glänzende, doch schon etwas trübe Augen, und um seine magern Wangen spielt etwas wie Leidenschaft. Wahrhaftig, der hat schon reichlich geküßt! Aber hier will er nicht. Er verbirgt sich unter den andern Köpfen.

»Giorgio!« befiehlt nun die junge Mutter fast drohend.

»Wohin reisen denn diese vielen Leute?« frage ich einen zuschauenden Mann in blauen Hosen mit roten Schnüren. Es ist der Polizeikapitän del Sere.

»Nach Amerika… Argentinia… Hier haben die jungen Leute nichts zu tun, als zu hungern.«

Ah, nach Amerika! jetzt begreife ich.

»Signore, dort müssen sie schwer arbeiten. Aber sie haben zu essen und bekommen Silber, wahrhaftiges Silber. Nur für uns Alte ist das nichts mehr. Die Alten haben nichts mehr zu suchen! Die Alten müssen zu Hause sterben. – Aber schau, schau, nun geht Giorgio doch hinauf. Wußt' ich's doch!«

Jawohl, der Bub sieht Großmutter nie wieder. Es ist wahr. Also springt er rasch mit einem Schritt die drei Stufen hinauf, rot bis unters Stirnhaar vor Scham. Und die Greisin läßt ihre Tochter los und nimmt dafür ihren angebeteten Enkel an beiden hüpfenden Backen in ihre dürren Hände, schaut ihn mit schwimmenden Augen ganz nahe an und überküßt ihn. «Tu – tu – o tu!« stöhnt sie. Geschaukelt hat sie ihn, gepäpelt und verhätschelt, so bös und stolz er war, und nun entschlüpft er ihr für immer, dieser ewige Quäler und ewige Erquicker ihres Alters! Ach, sonnenlos ist, was noch kommt!

»Addio! Ich werde dir Geld schicken, Nonna!«

»Ach, was ist das, Geld – Aufs Wiedersehen«, sagt sie, »aufs Wiedersehen!«

Das kann er nicht erwidern, nein. Groß ist das Leben, das nun kommt. Großmütter sterben wie Fliegen weg, schon eh' es recht beginnt. Sehen werd' ich dich nie mehr. »Addio, Nonna! Addio! Bald schreib' ich dir!«

»A riverderci!« behauptete die Alte steifsinnig und küßt ihm nochmals die Schläfen mit dem ersten Flaum der Mannbarkeit und, ach!, der Unkindlichkeit.

Aber jetzt ertönt von der Spitze des Zuges gewaltig wie Donner: »Avanti!« Der Führer ruft es und weist die Straße hinab. »Il treno, orsu!«

Flink rennen Maddalena und Giorgio stiegab und versinken im Zug. Tapp, tapp, tapp, marschiert die Kolonne vorwärts. Da sieht Giorgio, noch immer gerötet, nach dem Kind auf dem Karren vorne. Wie Benedetta ihm das Gesicht durchmustert! Sie hat alles gesehen und gehört. Am besten das Küssen. Und jetzt forscht sie mit halb offenem Mäulchen den hübschen Jungen an, warum er wohl so geliebt und geküßt wird. Da reißt der nimmerfaule Bursche seine nassen, heftigen Lippen auf, schlitzt mutwillig die Augen zusammen und beugt sich drohend vor, als wollte er das Dirnlein gleich wie ein Kirschendieb vom Ast beißen und erbarmungslos verschlucken. Der Spitzbub, wie gefährlich er aussieht! Das Mägdlein starrt ihn noch ein willenloses Momentchen an und kehrt sich dann erschreckt um. Aber Giorgio lacht weiter. Diese Kirsche und noch viele Kirschen, bei Gott, er will sie stibitzen!

Von der Hausstiege nickt der kindische Alte noch immer: »Sta bene, sta bene!« Dann schlürft er ins Haus. Aber die Nonna schaut dem Zug nach. mit beiden Händen sich an den Pfosten haltend, und flüstert immer leiser: »A riverderci, a riverderci!« Dann grübelt sie etwas aus der Tasche. Gott, wie närrisch!, einen Pfirsichstein. Vom ersten Pfirsich dieses Jahres: Giorgio hat die samtene Frucht vor ihren Augen gegessen und das letzte rote Fleisch wie ein junges Raubtier vom Stein gekerbt. Wie seine Augen dabei glänzten und ihm der Saft von den Zähnen tropfte! Dann gab er ihr großartig den Stein zum Geschenk. Ecco, Nonna, mußt auch etwas davon haben.

Ei der Tausend, den will sie sogleich in einen Blumentopf stecken!

Und sie sitzt am Topf und wartet, bis ein grüner Schimmer herausblitzt. Das wird in einem Jahr geschehen. Dabei vergeht die Zeit. Und noch drei Jahre wird sie warten, dann blüht das Geschöpflein. Und so vergeht die Zeit. Und in zehn Jahren – oh, sie hätte Geduld für hundert Jahre! –, aber schon in zehn Jahren wächst ein Pfirsich daran. Ganz gewiß. Und das ist Giorgios Pfirsich, fast wie aus seinem Munde gewachsen. Den muß er wieder essen, damit sie den Stein bekommt, O ja, a riverderci, kein Zweifel, so geht es weiter und weiter. Lustig über ihr graues, nasses Runzelgesichtlein hüpft dieser Traum, und behend wendet sich das kleine Frauelein und trippelt ins dunkle Haus hinein, um den schönsten ihrer vielen Blumentöpfe auszulesen.

In der fernen, ungeraden Straße verschwindet die Karawane.

»Sie haben noch viel Zeit«, murmelte der Capitano, »und pressieren so! Kurios, immer pressieren sie so… Das sind elf Familien. Im April vorigen Jahres waren es auch elf.«

»So viele?«

»Und vorletztes Jahr sind vierundsiebzig Menschen hinübergereist…« Er winkte mit dem Käppi über den Monte Velino, wo nach seiner bescheidenen Globuskenntnis Argentinien liegen mußte.

Ich suchte umsonst etwas Nutzloses hervorzuwürgen.

»Ein paarmal schreiben sie, dann wird es still. Nach drei, vier Jahren weiß kein Mensch ihre Adresse mehr.«

»Und die Nonna?«preßte ich bekümmert hervor.

»Bah!« Der Alte schüttelte die Hände wie über eine Zwecklosigkeit.

Schüttelte er sie nur über die verlassene Großmutter hier? Oder galt es der alten Frau Italien, die ihrer Kinder noch nie wahrhaft froh werden konnte?

Niedergedrückt zog ich weiter. O Bernardino von Siena, sei froh, daß du das nicht mehr siehst. Nicht einmal Brot hat deine Mutter für ihre Jungen mehr. Die halbe Welt müssen sie durchfechten um eine Krume zum Sattwerden.

Und das andere Brot, ohne das man bei allen Fleischtöpfen Ägyptens und Argentiniens hungert, ach, Bernardino, wer gibt ihnen dieses andere Brot?

Gebt mir meine Wildnis wieder!

Das ist der alte Eremit Petrus, der im verriegelten Schloß bei Fumone von der Türe zum Fenster lief, hin und her, hin und her, mit der fiebrigen Behendigkeit eines zähen, achtzigjährigen Greises, und um der Barmherzigkeit Gottes willen bat, daß man ihn doch zum Gran Sasso oder zur Majella in seine Waldklause heimkehren lasse. Er rief es und weinte es und betete dann seine Psalmen weiter: Benedicite montes et colles Domino… Benedicite glacies et nives Domino! – Oh, wenn er diese Verse wieder unter den Eichen und Wildkastanien seiner Einsiedelei beten könnte, am Monte Morone, oberhalb Sulmona, gegenüber den grauen und so einsiedlerisch stillen Kämmen der Majella, im Anblick des hellen Januarschnees auf allen Gipfeln! Oh, nur fort aus diesen Marmorsälen und seidenen Kleidern, aus diesen höflichen, glatten Dienerverbeugungen, fort aus dieser herz- und atembeengenden römischen Herrlichkeit in die Gottesfreiheit der wilden Abruzzen!

Der Greis hörte nicht auf zu bitten und zu betteln, und als er es nicht mehr sagen durfte oder konnte, da schrie es seine Seele voll Heimweh weiter. Mit diesem heiligen Schrei nach der Heimat ist der seltsame Mann verschieden.

Der Volksmann Bernardino muß in der Schweigsamkeit des Gebirges sterben, zwei, drei stille Brüder um sich. Und der Eremit Petrus erblaßt in einem päpstlichen Schloß in hohen Ehren und königlicher Haltung. Der eine schreit immer: In die Stadt, in die Stadt, unter die Menschen! Und der andere schreit immer: In die Berge, in die Berge, weit weg von allen Menschen! Wie doch der große Weber der Menschenschicksale dann und wann an seinem Riesenwebbaum das Schifflein so seltsam hin und wider schiebt!

Aber hier, du merkwürdiger Mann, in diesem stillen, großen Kirchenbau vor der Stadt Aquila, so nahe deinen Bergen, deinen Bächen und deinem Schnee, schlummerst du nun zufrieden. Du hast doch wenigstens das Grab wieder da gefunden, wo du deine lebenslange, schöne Heimat besaßest.

Die Geschichte des Petrus Morone, der hier unter den Platten liegt, erschüttert mich immer. Es ist das Trauerspiel zwischen der Härte der Politik und der Weichheit ihres Trägers. Die Härte siegt. Mit dem hochbetagten, himmelvertrauten, aber weltunkundigen Eremiten kommt ein Idyll auf den ersten kirchenpolitischen Posten der Welt, aber wird sogleich vom kalten Zugwind, der auf solchen Spitzen weht, mitleidlos entblättert.

Petrus war in den Naturklausen der Abruzzen um Aquila herum ein hoher Greis geworden, hatte einen Orden gegründet, nicht aus Lust, sondern aus Not, um seinen zahllosen Jüngern Halt und Ziel zu geben. Immer, wenn seine Nacheiferer wieder ein wildes Geklüfte um ihn herum bevölkert hatten, war es ihm zu laut geworden und hatte er sich in ein noch wilderes Gefelse geflüchtet, bis ihn die andrängende heilige Leidenschaft der Jünger zum dritten- und viertenmal in immer strengere Einsamkeiten trieb. Nahe dem achtzigsten Jahr war er so zu einem wahrhaften Heiligen gereift und genoß wegen seines frommen Lebens und seines starken Gebetes einen Ruf weit über die Länder bis Rom und Neapel. Alle Welt wußte davon, nur er wußte es nicht. Dabei war er ein ungelehrter Mann, ohne Erdenkunst und Erdenwissen, ohne die Welt, der er sein Lebtag den Rücken gekehrt hatte, auch nur im gröbsten Fadenschlag zu kennen. Er brauchte das auch nicht, lebte mit Gott, den Vögeln und Sternen und war gleich diesen Geschöpfen so lichtfroh und himmelnahe und seelenzufrieden.

Nun war Papst Nikolaus IV. im Frühling 1292 gestorben. Die Kardinäle versammelten sich zu einer Neuwahl. Aber große und kleine Politik hintertrieb immer wieder die Ernennung eines tüchtigen Mannes. Die französischen Kardinäle wollten einen Franzosen, mindestens einen Freund Karls von Anjou in Neapel, desselben düstern Mannes, der den Staufen Konradin hatte enthaupten lassen. Andere begehrten einen deutschfreundlichen Statthalter Christi. Von einem unabhängigen Kirchenhaupt war keine Rede. Zugleich spaltete sich das Kollegium in eine Orsini- und Colonnapartei, nach den gleichnamigen, zwei sich tödlich hassenden Adelsfamilien Roms. Keine gönnte der anderen die Tiara. So tief war der purpurne Senat gesunken, daß er mehr mit Maklern als mit Gottberatenen verglichen ward. Es kam zu keiner Wahl. Die graue Elster der Politik, nicht die weiße Taube des Heiligen Geistes schwebte über den Häuptern.

Zwei volle Jahre hatte man sich schon beraten. Die katholischen Völker wurden besorgt, der Klerus ärgerte sich, die Regenten sandten Gold und Drohungen, immer wirrer wurde die Sache.

Man änderte den Ort, als ob es damit besser würde. Aber die Intrige folgte den Wählern von einer Stadt in die andere. Endlich, im Hochsommer 1294, versammelte man sich im alten umbrischen Perugia. Und da erinnerte sich wohl mehr als ein Kardinal an den großen Papst, der hier in der Domgruft schlief. Man schämte sich vor dem Toten, man beeilte sich jetzt. Fast ein Säkulum war verflossen, seit Innozenz III. den Hirtenstab der Welt so unvergleichlich stark in die junge Hand genommen hatte. Damals freilich saß den Wählern noch ein heilloser Schrecken vor Barbarossa und mehr noch vor seinem furchtbaren jungen Sohne, Heinrich VI., dem germanischen Cäsar, in allen Knochen. Da erlosch jegliche Intrige. Rasch ward der jüngste, aber gewaltigste Mann des Kollegiums gewählt, auf den weltlichen folgte ein geistlicher Cäsar. Man hörte die Kirche an jenem Tage aufatmen wie zu Konstantins Zeiten.

Wohlan, zur Wahl, o Väter von Perugia! Aber nehmt keinen Innozenz! Jetzt ist ein großer Heinrich oder Friedrich nirgends, wohl aber ein strammer Papst zu fürchten, der in die Wirrnis und Verdorbenheit der Kirche wie ein anderer Elias fahre.

So erkor man einen Heiligen Vater, den die meisten Bischöfe nur dem Namen nach kannten und von dem die lauesten Priester nichts zu fürchten hatten, weil er zwar ein Heiliger, aber ein Tor der Welt war, so ein verwilderter, alter Einsiedler, der viel besser den Amselpfiff von Drosselpfiff als die welsche von der germanischen Politik zu unterscheiden wußte. Man wählte zum Papst den nie gesehenen, aber landberühmten Petrus droben in den apulischen Bergen.

Ist je ein Mensch so erschrocken wie der uralte Petrus Morone, als eines Tages plötzlich durch das Gestrüpp seiner Wildnis samthosige Junker, behelmte Ritter und drei seidenschimmernde Bischöfe brachen, müde und schwitzend von der harten Bergtour, dahinter ein Gezwitscher junger Höflinge und Knappen? Als sie alle die Knie vor dem elend bekutteten, struppigen Klausner bogen, ihn Papa und Pontifex Maximus nannten und ihm dann mit begeisterten Versen die gültige Ernennung zum Herrn der Christenheit anzeigten? Er glaubte es nicht, bis er das Pergament mit dem Siegel des Fischerrings durch seine zitternden Finger gleiten ließ. Nun fiel der Arme zu Boden vor Entsetzen, weinte, wehrte ab, rutschte flehend wie ein Kind von einem Gesandten zum andern, wies auf sein kahles Haupt, seinen verwilderten Bart, seine Hände, braun und knorrig wie Tannenwurzeln. Besonders entblößte er sich in seiner ganzen Unwissenheit an allem, was man unter den Menschen und vor allem auf ihrer obersten Spitze wissen müsse. Er habe ja darum auch die Leitung seiner eigenen Ordensfamilie, so einfacher, roher Waldbrüder, längst niedergelegt und sich ganz still hierher zurückgezogen. Denn er könne kein noch so kleines Gemeinwesen regieren und verwalten, höchstens so eine Klause mit etlichen Waldvögeln, Hasen und seinem eigenen überlästigen, dem Tode verfallenen Menschen. Nein, nein, sie sollen zurückkehren! Es sei ein Irrtum. Er würde dem Heiligen Stuhl Spott und Schaden bereiten. Dies da sei sein Purpur. Er hob seinen halb weißen, halb braunen Habit voll Tannennadeln und Harztropfen über die Fußknöchel. In dem fühle er sich allein wohl.

Je mehr der Eremit in seiner großartigen Schlichtheit sprach, um so wahrhaft erlesener und päpstlicher kam er den Sendlingen vor. Erschüttert hörten sie zu. Eine Ahnung davon, wie tief sie in der Erde steckten und wie viel Himmel so ein Heiliger ihnen bringen könnte, beschlich den weltlichsten Junker und den losesten Pagen. Dennoch vermochten die Bischöfe der hinreißenden, zu Tode geängstigten, auf den Knien flehenden Beredsamkeit dieses außerordentlichen, geistlichen Naturmenschen keine Gegengründe vorzuhalten. Noch tiefer als bei der Begrüßung verneigten sich alle und gingen leise bergab. Sie hatten erwartet, einen neuen Papst zu sehen, und nun eine viel größere und schönere Neuigkeit erlebt: einen wahrhaften Heiligen.

Als die Deputation weggegangen war, glaubte der Alte, aus seiner Jünglingszeit und jener raschen Römerwoche geträumt zu haben, da man ihn zum Priester weihte. So schnell als möglich war er damals aus der heißen Stadt in seine Einöde zurückgekehrt, so daß er nur ein jähes Aufschimmern von Gold und Marmor davon in seiner Erinnerung bewahrt hatte. Flackerte nun dies Anerbieten nochmals vor dem Tod in ihm fast greifbar und heiß wie ein wirkliches Feuer aus der Asche seiner Vergangenheit auf? Seltsam wäre das.

Oder war es eine Versuchung gewesen? So ein schlaues Blendwerk der Hölle, wovon man in den Einsiedler-Legenden so viel liest? Peter Morone lachte wie ein Kind. Dann hat der Widersacher schlecht Theater gespielt. Mit Seide und Gold und hohen Stuhllehnen kann man einen so alten, widerhaarigen Barbaren des Gebirgs wahrhaftig nicht mehr ködern. Das hat der Teufel nun einmal gänzlich dumm angestellt. Geißel und Stachelgürtel und eine noch rauhere und frömmere Aszese hätte er mir im Glorienschein anderer, größerer Eremiten zeigen und damit meinen Neid wecken sollen. Der gehörnte Narr! Nun hat er die gute Gelegenheit für immer verpaßt.

Zufrieden suchte Peter ein paar Schwämme, um sie in seinem Töpflein mit Wasser und Reis aufzukochen, und pfiff ein helles Liedchen aus seinem stillachenden Mund, um den eine weltfremde Seligkeit spielte. So pfeift ein frischer Knabe, wenn er aus einem bösen Traum erwacht, mit festen Füßen in den Tag hineinspringt und merkt, daß das alles nur Spuk und Spinngewebe der Nacht war.

Doch nein, hier war es kein Traum. Petrus war wirklich gewählt. Immer dringendere Deputationen bestiegen den Berg. Die Könige von Neapel und Ungarn kamen höchstselbst herauf und beschworen Peter, sich der papstlosen Welt zu erbarmen. Die Kardinäle drohten, er verschulde den Zorn des Himmels, wenn er sich länger weigere, der Kirche den Frieden zu geben. Wie ein Meer so groß und tief sei das Ärgernis der Christenheit über den seit Jahren verwaisten und widerlich umzankten Hirtenstab Petri geworden. Bald würden ganze Länder an Rom irre und abfallen. Von seinem Ja oder Nein hänge das Schicksal der Welt ab.

So gab der Greis denn verzweifelt nach und ward feierlich nach Aquila hinuntergeführt. Halb Italien lief in die Abruzzen hinauf, um den so wundersam Gekrönten zu sehen. Nun stand wieder einmal ein Heiliger am Steuer der Kirche.

Aber sieh da, der Papst blieb Wochen und Monate in der Bergstadt. Sich von seinen Bergen trennen, war ihm beinahe, wie Leib und Seele voneinander scheiden. Die Römer, die Fürstenboten, die Kardinäle mußten zu ihm hinaufkommen. Hier oben erledigte er die Amtsgeschäfte, wohin man erst unter vielen beschwerlichen Tagreisen gelangte. Man bat ihn stündlich, nun doch nach Rom zu ziehen, wohin jeder Papst so sicher als das Licht am Himmel gehöre. Aber beharrlich weigerte er sich. Er ist der erste Papst, der Rom nie sah, und der einzige, der es nie zu sehen wünschte.

Der alte Mann, der sich sein Lebtag selbst bedient hatte, ward jetzt von einem ganzen Troß von Kämmerlingen umgeben. Edelknaben schenkten ihm kniend den Wein in den schweren Goldbecher. Ach, wieviel lieber hätte er mit der hohlen Hand das Wasser aus einem Bächlein geschöpft!

Ganz ungewohnt kamen ihm die dicken, von Edelsteinen strotzenden Ornate vor. Sein Ohr, das ans Rauschen der Eichenkronen gewohnt war, konnte das gleißende Knistern der Seide nicht ertragen. Nie taten ihm, wenn er über grobe Felsen oder knorrige Stämme emporkletterte, die Hände so weh wie jetzt beim Betasten von so viel weichem, wulstigem Samt. O Eichen, o Felsen, o himmlische Wildnis!

Was wußte er von Akten und Kassen und dem Gekritzel der Kanzleien? Was behelligte ihn das bisher? Nie hatte er mit solchem Wisch zu tun gehabt. Sich als Achtziger daran gewöhnen, war nicht mehr möglich. Die pfiffigen Höflinge merkten das sogleich. Wie die Diener goldenes Geschirr stahlen und verkauften, so vergaben die Beamten seines Hofes, weltliche oder doch verweltlichte Herren, Bistümer und geistliche Privilegien um Geld, täuschten dem greisen Papst je nach ihrem Profit eine Sache weiß oder schwarz vor, ahmten seine gröbliche Unterschrift nach. Die Einfalt dieses Kindes des Lichtes ward von den kniffereichen Weltkindern mißbraucht, und die Kirche Gottes litt mehr unter diesem betrogenen Papst als in allen papstlosen Zeiten.

Endlich brachte der König Karl von Anjou es durch Schmeicheln und Gewalttätigkeit fertig, den Heiligen Vater in seine Residenz Neapel einzuquartieren. Von nun an regierte der Anjou die Kirche. Er las die Kandidaten des Kardinalsenats durchweg aus seinem französischen Klerus aus. Petrus hatte nur ein willenloses Ja zu nicken. Zuletzt wollte sich der König sogar schon einen ihm genehmen, sklaventreuen Papst als Nachfolger dieses Greises sichern. Die paar ernsthaften und unabhängigen Kardinäle sahen mit tiefem Kummer, in welche unziemliche Dienstbarkeit der Heilige Stuhl mehr und mehr verfalle. Da heimsten nun auch sie den Lohn für ihre ungeistliche Furcht vor einem starken Papst ein. Dafür trugen sie jetzt das Joch eines tyrannischen Königs und den Unfug von hundert kleinen, welschen Päpstlein. Diese Einsicht reinigte manches Herz. Immer mehr erlosch der Hader zwischen den italienischen Orsini- und Colonna-Kardinälen, immer mehr auch der Schrecken vor einem päpstlichen Helden und Eiferer. Ja, zuletzt war die Sehnsucht nach einer starken Innozenziusstirne und Innozenziushand in manchem geheimen Prälatenbrief und selbst in offener, tapferer Predigt laut.

Es ist nicht zu sagen, wie unglücklich indessen Papst Cölestin – so hieß er sich wohl im Heimweh nach seinem verlorenen, heiligen Berghimmel – die glänzenden Hoftage von Neapel verbrachte. Jeder neue Morgen sagte ihm mit neuer Klarheit, wie unfähig er zum Regiment der Weltkirche sei. Während er noch eben im Gebirge wie ein Jüngling ausgeschritten war, behend, mit roten Greisenbäcklein, leichtatmig und scharfäugig, siechte er jetzt in den Sälen dahin, welk, müde, kurzsichtig, und vermochte die Tiara nicht ein Viertelstündchen lang auf dem Kopfe zu behalten. Und der sollte den christlichen Erdkreis tragen? Sowie er sich unbelauscht meinte, streifte er den schweren Siegelring und die mächtige Brustkette ab, schlüpfte aus den goldbrokatenen Pantoffeln und lief barfuß und barhaupt ans Fenster, in das – ach, kein Abruzzenlüftchen!, sondern der vulkanische Atem Neapels dick und lavaschwer hereinfloß. Wenn dann der Kämmerer stirnrunzelnd vorstellte: »Aber Heiligkeit, Eure Würde! Das Ärgernis!«, dann schob Cölestin seine erdbraunen Einsiedlerfüße wieder seufzend in die heißen, seidengepolsterten Schuhe und flehte: »Gebt mir um Himmels willen meine Wildnis zurück!«

Trat er zum Palast hinaus auf die schreiende Straße oder ins Gelärm des Hafenplatzes, dann dachte er: »Wie still muß es jetzt droben im Wald von Morone sein!« Die Hitze dieser Sonne und dieser feurigen Menschen machte ihm Heimweh nach der kühlen, menschenlosen Klause am Gran Sasso. O ihr Herren Könige und Bischöfe, gebt mir meine Wildnis zurück!

Zuerst betete er still für sich darum, dann flüsterte er es, dann bat er scheu wie ein Kind, dann rief, dann schrie er es, daß es durch alle Gemächer drang und man ihn beschwor, doch um des Ärgernisses willen zu schweigen und sich zu gedulden. Aber als er nach und nach auf die Schliche seiner Kanzlisten kam, als er gar von einem erlogenen Breve und zwei erschwindelten Bischofshüten sich unwiderleglich überzeugen mußte, da hielt ihn nichts mehr. Sein Gewissen überschrie alle Bedenken. Er verderbe die ganze Welt, und sie verderbe ihn. Alles noch so drohende Zureden des Anjou und alles Pathos der französischen Kardinäle vermochte nichts mehr über ihn.

Am 13. Dezember, nach vierteljähriger Tiara, trat der Greis im vollen Papstornat unter die versammelten Kardinäle und dankte in einer kurzen, ergreifenden Rede ab. Er sei zu alt, zu elend, zu unvermögend. Gezwungen sei er Papst geworden. Aber nicht Eisen noch Feuer hielten ihn ab; nur noch einen Tag Papst zu bleiben. Die Kirche Gottes litte wie zur Zeit der römischen Cäsaren. Der Fluch des Himmels könne jeden Augenblick sich über seinem Haupte entladen, wenn er zögere. Bald müsse er sterben. Da wolle er denn in der Einsamkeit seines Berges und in der Gnade des ausgesöhnten Gottes, aber nicht hier auf falschem Sessel und Posten wie in einer Lüge sterben.

Dann nahm er mit zitternden Händen die Krone ab und legte sie schnell, als brenne sie ihn, aufs Samtkissen des knienden Pagen. Und nun flog zum erstenmal seit drei Monaten wieder ein Lächeln über sein Gesicht. Darauf küßte er das wuchtige, goldene Brustkreuz, legte es samt der Kette aufs nämliche Kissen, und schon wurde sein Lächeln heller und seine Stimme fröhlicher. Jetzt zog er auch die Stola und den Seidenrock ab, löste den Fischerring von der Hand und warf die heißgeliebte Kutte seiner Einsiedlerschaft über sich. Und siehe, da fielen ein paar Tannadeln aus dem Ärmel zu Boden. Rasch, als gälte es seine Seele, bückte sich der Greis, las sie alle auf und betrachtete sie. Die waren ja noch vom Sommer des Jahres, von der seligen Klausnerzeit, vom Gran Sasso. Petrus meinte, seine Wildnis in der Hand zu haben. Seine Stimme klang jetzt wieder frisch wie oben am Morone unter Vögeln und Eichhörnchen, und er lachte laut und hoch wie ein Kind.

In der Kirchengeschichte gibt es manchen genialen Augenblick. Diese Entkleidung vom Papst zum Waldbruder war einer der großartigsten, eine Gnade für die Christenheit, aber auch eine gewaltige Predigt. Die kirchlichen und weltlichen Regenten hatten es bitter nötig, nach so vielen gierigen Händen, die nach den Papstinsignien griffen, auch einmal zwei Hände zu sehen, die diese Kleinodien munter von sich taten. Päpste hatte es genug gegeben, die aus Angst oder Demut sich der petrinischen Schlüsselgewalt durch zeitige Flucht zu entziehen suchten. So sogar noch der große Innozenz. Aber wenn sie dann gewählt und gekrönt waren, hat sie keine Liebe und kein Haß der Welt ihrem Thron abspenstig machen können. Cölestin ist vor- und nachher der einzige geblieben, der die Erhabenheit und Pracht der Tiara zwar gekostet, aber wie eine Last lächelnd von sich geworfen hat. Wie ein Erlöser stand er jetzt da.

Man wählte nun einen welterfahrenen, starken Papst, den unabhängigen Kardinal Benedikt Caëtani, der auch sogleich mit fester Hand sich die Tiara aufsetzte und als Bonifatius VIII. sich in der Historie einen heißumstrittenen Weltruf erwarb.

Cölestin war der erste, der sich vor ihm bog. Dann bat er glückselig um die Erlaubnis, in seine Abruzzenklause zurückkehren zu dürfen. »Meine Kutte hab' ich. Nun noch meine Berge, meine Einöde, meine Einsiedelei!«

Aber das schien dem politischen Kopf Bonifatius' höchst gefährlich. Das Volk, das den Papst Cölestin kaum einmal sehen konnte, aber ihn als einen Heiligen kannte und verehrte, würde ihn nach wie vor als den gültigen Papst ansehen. Es weiß gar nicht, daß einer, der Papst ist, aufhören kann, Papst zu sein. Aber noch stärker war der andere Grund. Wollte Bonifatius wahrhaft Papst und nicht eine Staatspuppe Karls sein, so mußte er sich durchaus von den Franzosen freimachen. Wie leicht konnten die nun den einfältigen Cölestin oben im Gebirge wieder in ihre Klauen nehmen und, ob er wollte oder nicht, als Gegenpapst und italienischen Heiligen gegen Bonifatius ausspielen! War das etwa nicht schon zu dutzend Malen vorgekommen, wo man einen Gegenpapst erst machen mußte? Hier aber hatte man einen Mann, der wahrhaftiger Papst gewesen war. Schon ging ein Gemunkel durch das neapolitanische Land, Bonifatius habe den alten Cölestin gezwungen abzudanken. Ein Schisma konnte entstehen. Die schwer gequälte Kirche ertrug das nicht auch noch zu aller andern Not. Nein, der Eremit Petrus darf nicht wie ein freier Waldvogel heimfliegen. Er muß im Käfig, ich will sagen, am Hofe des neuen Papstes behalten werden, muß mit ihm nach Rom gehen oder wohin der Heilige Vater ziehen wird. Er ist die Geisel zur Sicherheit der Kirche.

Jedoch Peter Morone fleht so herzbeweglich, schüttet so grenzenloses Heimweh aus seinem alten Herzen, und die heilige Unschuld leuchtet so übermächtig aus ihm, daß nur ein Mann so herkulisch und felsig wie Bonifatius widerstehen konnte. Dieser Papst war aus dem Stoffe der Cäsaren gehauen. Doch darf man ihn nicht mit Innozenz vergleichen. Der hätte den Eremiten fröhlich ziehen lassen. Seinen politischen Schwung und seine eiserne Tatkraft besaß Bonifatius, aber nicht sein prachtvolles Genie der Praktik. Und noch etwas Großes fehlte diesem Kraftmenschen, der gleich Innozenz ein Campagner war: die innerliche, tiefe Glut des Herzens. Bonifatius war neben dem Staatsmann nicht auch Poet. Sonst hätte er den Klausner begriffen. Ein Innozenz hätte nicht einen schwachen Eremiten Petrus, sondern einen Karl von Anjou und Philipp den Schönen zeitig genug unschädlich gemacht. Den Vorgänger hätte er der Welt als Heiligen, als konkurrenzlose Größe vorgestellt.

Bonifatius hat geniale Züge, ohne ein eigentliches Genie zu sein. Sein Benehmen gegen Cölestin ist staatsklug und polizeilich mustergültig, aber es läßt das Weitblickende, Hellseherische eines Genies durchaus vermissen. Petrus mußte in seiner Nähe bleiben. Er ward mit Ehrerbietigkeit behandelt als der oberste unter den Kardinälen. Aber der Greis fühlte, daß dies eben doch Gefangenschaft war, und entfloh. Wie dies geschah und wie ein Achtziger von Anagni weg bis in die Abruzzen gelangen mochte, darüber fehlt uns jede Kunde. Aber rührend ist die Naivität dieses Heiligen, sich wieder in den Schlupfwinkel am Monte Morone einzukapseln, wo ihm die Gesandten die Papstwahl mitgeteilt hatten, und wo ihn die Verfolger jedenfalls zuerst aufspüren mochten. Wirklich kamen die Boten des Papstes bald genug den Berg herauf. Allein, trotz ihres strengen Auftrages, den Ehrwürdigen tot oder lebendig nach Anagni zu schaffen, brachten die Gesandten es nicht übers Herz, den Greis, der so rührend um ein ruhiges, letztes Lebensstündlein hier oben bat, aus seiner Zelle zu reißen und in die Haft nach Anagni zurückzuschleifen. Sie kehrten um. Da wurden härtere Mannen mit geschärfter Weisung zur Einsiedelei entsandt. Aber die Klause stand leer. Petrus hatte sich wohlweislich weiter in die Berge geflüchtet. Nun wurde Militärgewalt aufgeboten. Späher und Kriegsleute durchstöberten in langen Zeilen die ungeheure Wildnis. Ein ganzes Heer ward gegen einen greisen Klausner, der nichts als ein friedliches Sterbestündchen wollte, über Berg und Tal in Bewegung gesetzt. Das machte das fromme, von so viel kirchlichen Wirren verwirrte Volk nun erst recht zum Verehrer des Verfolgten. Den Leuten ward es nun völlig gewiß, daß Petrus der wahre Heilige Vater blieb, und daß sein Bedränger ein Afterpapst war, der sich nicht sicher fühlte, solange der echte und heilige Statthalter Christi lebte. Die Mönche in den Abruzzen, die Hirten der Alpweiden, die Leute in den verschlüpftesten Talweilern beherbergten den Eremiten, schirmten ihn, trugen ihn von Wald zu Wald, über die ganze ungeheuerliche Gran-Sasso-Kette ans Adriatische Meer. Und hier, im Begriffe, nach Dalmatien hinüberzusegeln, fing man ihn. Unter großen Beschwerden ward der arme Mann zuerst vor den strengen Papst nach Anagni und dann in das feste Kastell Fumone gebracht, dessen Ruinen heute noch von den Campagnahöhen ins Tyrrhenische Meer hinausschauen. Soldaten mit Schild und Lanze hüteten den Eingang, marschierten im Wachtschritt durch die Gänge oder standen vor den Gemächern bewegungslos aufgepflanzt. Aber drinnen weilten zwei Ordensbrüder bei dem gebrochenen Greis und pflegten seine letzten Tage. In dem schwülen, moderigen Odem dieser Burg lebte Petrus noch ein paar Wochen. Die Sehnsucht nach der Freiheit der Berge verzehrte ihn. Nur waren es nicht mehr der Gran Sasso und die Majella, sondern die Colles aeterni, die ewigen Hügel, wonach sein Heimweh nach so viel Enttäuschung wie eine flinke, makellose Taube flog. Von jenen Höhen wird ihn kein Papst und kein Kaiser mehr holen können. Dort ist die ewige Einsiedlerruhe. Schon im Mai 1296 starb Petrus. Anderthalb Jahre hatte seine welthistorische Rolle gedauert.

Auch hier erzählt die Legende, wie er mit zufrieden gefalteten Händen und mit lächelndem Munde gestorben sei. Ich wiederhole: die Heiligen wissen zu sterben, Bernardino droben am Berg, verzehrt vom Stadtheimweh, Petrus hier im Soldatenkastell, aufgerieben vom Bergheimweh. O ja, die wissen zu sterben! Wenn auch ihr Herz sich müd geschrien hat nach einer Stadt voll Menschen oder nach einem Berg voll Einsamkeit, schließlich, was ist Leben? Was ist Erde? Sie glauben an die Ewigkeit. Und dort, Bernardino, ist die große, ewige, seelengefüllte Stadt! Und dort, Petrus, ist der hohe Berg Tabor mit seiner unendlichen Einsamkeit in Gott!

Aber auch die Heiligen sind Menschen bis zum letzten Atemzug. Ihr Sterbliches wünscht auch sein sterblich Teil Heimat. Obwohl Bonifatius in übertriebener Staatsklugheit den heiligen Greis am Hochaltar zu Ferentino zehn Ellen tief in den Boden legen ließ, immer schien es, als höre man rufen: Gebt mir meine Wildnis wieder! Aus solcher Tiefe heraus! Und immer meinte man, Holzsandalen klappern und einen Pilgerstab klopfen zu hören wie von einem, der aufbricht und ins Gebirge zieht. Selbst so viel schwere Erde schien das unruhige, heimatsüchtige Gebein da unten nicht stillen zu können. Bis nach zwanzig Jahren Papst Klemens V. den Leichnam ausgraben und in Aquila oben, im Schatten der geliebten Einsiedlerberge, bestatten ließ.

So hatte Peter Morone endlich Ruhe, und wahrhaft, er ruht gut. Es ist in dieser Kirche seltsam einsam. Die Schritte des Pilgers tönen, als ginge man durch einen stillen Wald. Die Vorhänge an den Fenstern rauschen wie die Büsche am Monte Morone. Der KIosterbrunnen plaudert wie ein Waldbächlein, es duftet und schattet und kühlt hier wie unter hohen, grünen Buchendolden. Ja, Petrus hat seine Heimat hüben und drüben gefunden, sage ich mir, und fühle selber eine wohlige Heimatlichkeit durch meine Seele gehen.

Ich stand und stand und freute mich; da erreichte mich aus dem Freien, tief herüber, ein schriller Pfiff. Die Eisenbahn! Sie rollt in die Weite, aus den Bergen, aus der Heimat, in die Fremde. Und die Auswanderer mit ihr, diese ruhelosen Giorgio und Maddalena, diese Arbeit, Geld, Brot, Heimat suchenden Menschen der Abruzzen.

Sogleich ist es um mein Heimatgefühl geschehen. Nein, ach nein, Torheiten! Solange man lebt, soll man nicht von Heimat reden. Es gibt kein Bleiben und Sattwerden und Ausruhen allhier. Es ist alles ein stetes Zeltstellen und Zeltbrechen, wie der große Weltreisende Paulus sagt. Nicht wahr, Bernardino und Petrus, ihr heiligen Männer, nicht wahr? Man hat nirgends ein Daheim, bis man das kleinste aller Häuschen für den großhansigen Leib und das größte von allen für sein demütiges Seelchen gefunden hat!

