Mein Geschichtlein

»Da wir in einem Gotteshaus sind, kann ich dir keine weltlichen Abenteuer erzählen. Vielleicht in Perugia einmal! Aber du sollst nicht in Schaden kommen. Ich erzähle dir etwas aus der ersten Christenheit.«

»Ach was!« zürnte Ximenes leise. »Wo ist nun der General oder der Kapitän?«

»Das kommt alles, du Heißsporn. Meinst du etwa, die Türkenkriege und die Taten des Cortez oder eure großartigen Siege über Peru vor wenig Jahren, das begeistere mich nicht auch? Ein Trommelwirbel, eine Feldmusik, wehende Vaterlandsfahnen… und ich würde wahrhaft schon einen Flintenschuß nicht mehr spüren. Was habe ich nicht Hannibal zeitlebens verehrt, und wie begeistert es mich, von einem Genie wie Turenne oder Prinz Eugen zu lesen! Aber all das wird klein vor der Größe der Glaubenshelden.«

Ich meinte, ein ungläubiges Hm! zu hören.

»Schau, lieber Ximenes, wenn ich hier so im Dunkel sitze und hie und da wie von einer Fackel getroffen ein Heiligenbild im Blitz aufleuchtet und wieder in die Nacht versinkt, dann muß ich an die Katakomben denken, wo die ersten Christen auch in einem solchen unbequemen Dunkel ihre Gottesdienste feierten, ihre toten Helden begruben und ihre Jungen begeisterten, in die Weltstadt zu gehen und alle goldenen Götzen umzustoßen. Du warst doch in Rom?«

»O vielmal.«

»Und in den unterirdischen Christenwohnungen?«

»Nein. Ich habe gehört, das sind Rattenlöcher und Rattengänge. Vater und ich lieben die Sonne.«

»Ja, das sagst du gut, Rattengänge. Wenn sie nicht atmen durften in der Sonne, nicht beten, nicht einmal begraben werden im Licht, da mußten sie sich wohl unter den Boden verkriechen. O ja, das waren Ratten, aber merkwürdige, großartige, ein neues Weltfundament grabende Ratten. Alle andern Tiere der Welt, die römische Wölfin, der germanische Bär, der afrikanische Leu, alle wurden von dieser wunderbaren Ratte überwunden. Aber ich mag jenes erste Christentum doch nicht gern mit einer Ratte vergleichen. Es ist vielmehr der im Boden liegende lebendige Heldensame. Er darf noch nicht herausgucken. Der herzlose Winter würde ihn zerstören. Aber ein paar besonders starke und heldenmütige Keime müssen doch von Zeit zu Zeit sich ins Freie wagen, um die Zeit, ihre Gunst und ihr Recht zu studieren und den Brüdern drunten mutige Winke zu geben. Viele werden dabei getötet. Was macht das? Sie düngen die Erde. Andere folgen ihnen immer reger. Bald sind sie nicht mehr umzubringen. Sie brechen Eis und Schnee und Sand und Fels, sie gießen ihr neues Leben auch über eine neue Welt aus, sie machen die Zeit, die Geschichte. Frühling ist es worden.«

»Die Geschichte! Das alles versteh' ich nicht. Die Geschichte vom General!« bat Ximenes und war nahe daran, vor Ärger zu weinen.

»Aber sie haben es verdienen müssen. Mehr als zweihundert Jahre Katakomben, Rattenhöhlen, denke! Und nun höre gut: Da steckte auch so ein Knabe in deinem Alter unten in den Erdgängen. Vater und Mutter waren als Christen enthauptet worden. Den Palast und die großen Güter am Monte Cavo hatte man ihm genommen. Denn auch er glaubte, daß es nicht zweihundert komische goldene Götzen, sondern nur einen einzigen, furchtbar ernsten, aber auch unbegreiflich lieben Gott gebe. So stark, ja wild war er von diesem Glauben ergriffen, daß er beschloß, beim ersten öffentlichen Todesgericht über einen Christen im Augenblick, wo das Beil geschwungen oder der Holzstoß angezündet würde, zum Verurteilten in die gleiche Sterbensmarter zu stürzen und zu rufen: Auch ich kleiner Mann bin ein Christ. Ich heiße Tarcisius. Wer in Zukunft Tarcisius heißt, soll an mich denken und auch ein Christ werden und den Tod auslachen wie ich jetzt. Da, Henker, tötet mich!… So wollte er laut übers Volk schreien. Mußt du nicht sagen, Ximenes, daß er ein ganz heilloser Mutbolz war?«

»Es scheint wirklich so«, sagte zögernd und mit altkluger Stimme der Chilene. »Auf der See oder in einem Landkrieg hätte er wohl auch etwas leisten können.«

»Nun, muß es gerade ein Meersturm oder ein Gefecht sein? O Kleiner, es gibt noch größere Schrecken, wo mancher Cäsar, der sonst nie eine Miene verzog, zittern würde wie ein Kind… Aber ich rede vom feinen römischen Christenknaben Tarcisius. Täglich schlich er in die Gerichtsverhandlungen und traf endlich, worauf er so sehnlich wie auf seinen Geburtstag gewartet hatte: das Verhör und Todesurteil zweier herzhaften Christen, des alten herrschaftlichen Fräuleins Monica Severa und ihres treuergebenen Sklaven Onostopolos. Severa war ein fünfzigjähriges, von der Gicht gerümpftes und halbgelähmtes Jüngferchen mit dem schneeweißen Haar einer Hundertjährigen. Man glaubte, ein Häuflein Asche zu sehen. Aber als sie dem Richter antworten mußte, da schlug aus dieser Ruine ein so gewaltiger tiefer Glockenschlag, daß man eher einen Riesen als ein Weiblein dahinter vermutet hätte. Und aus der welken Haut flammten die sonst fast immer geschlossenen Augen wie Sonnen. Alles staunte. Nun ja, hieß es, sie stammt von Gaius Marius ab. Die haben alle so einen Gewaltsblick. Schafft sie nur rasch weg, sonst verhext sie noch die Lektoren und selbst den Statthalter!… Man hatte sie in einer Sänfte vor den Richter getragen, und der Sklave Onostopolos hatte sie wie ein graues altes Vögelchen herausgehoben und auf den Steinsitz der Zeugen gesetzt. Sie wurde zum Beil verurteilt, während ihr Begleiter als wertloser Sklave ohne Federlesen beim nächsten Spiel den Bestien in die Arena geworfen werden sollte. Diese Ungleichheit allein tat dem Paar weh. Es hatte nicht wie Herrschaft und Knechtschaft, sondern wie Schwester und Bruder die vielen stillen Jahre im Marcianischen Hause gelebt. So baten sie beide denn um die Gunst des gleichen Todes, sei es das Schwert, sei es auch der Zahn eines Tigers. »Gut denn«, gab der Präses spöttisch zu. »Mögen die beiden zu den wilden Tieren spazieren. Ambulent!« sagte er ausdrücklich, als wäre es nur so ein fröhlicher Bummel in die Gärten des Lukull. Aber die Domina Severa nahm das Wort nicht im Spott auf, sondern jubelte mit ihrer gewaltigen Männerbaßstimme: »O ja, da sagst du recht, Meleager« – so hieß der Prätor –, »ich habe nie einen besseren Spaziergang vorgehabt! Du solltest eigentlich mitkommen, Freund, wie du so oft mit Flavius Cura und der guten Priscilla und mir auf den Aventin spaziert bist. In der Kinderzeit! Weißt du noch? Ich lade dich höflich ein!«

Der Präses winkte böse zum Abmarsch. Er bekam ein dunkles Gesicht vor Scham, eine Gespielin… oder mehr als eine Gespielin seiner heißen Jugendzeit… verurteilt und dazu noch verspottet zu haben. Und es tauchten die grünen Tage der Kindheit vor ihm auf mit den laubigen Hügeln Roms und seiner so früh und fromm verstorbenen Schwester Priscilla. Er winkte nochmals hurtiger. Aber siehe, da fehlte die Sänfte. Und ein Spottvogel rief: »Wenn das Fräulein so gern spaziert, macte, macte, nehm' sie frisch den Weg unter die Füße!«

»Und hüpfe sie, saltet virgo«, hänselte ein junger Soldatenhauptmann mit glattrasiertem Kindskopf, »das Jüngferchen springe! Denn unsere Löwen gelüstet nach so einem Schleck!« Im Blick auf das kleine, magere Fräulein, an dem man nur Knochen und dürre Haut sah, lachten die derben Soldaten unbändig, während die meisten Zuschauer, aus angeborenem Takt für weibliche Zartheit, den Lachkitzel verwürgten. Mehr taten auch sie nicht.

»Ich habe gehört«, gab jetzt Monica Severa donnernd zurück, »daß die Löwen an einem starken Knochen mehr Freude haben als am faulen Sitzfleisch unserer Dicklinge.« Dabei zeigte sie mit ihrem groben Finger auf die richterlichen Beistände, von denen die meisten ihren Sitz übermäßig belasteten. »Und daß unsere Knochen stark sind, das, glaub' ich, hat man schon am Gaius Marius erlebt und auch an seinem Schwiegersohn Gaius Cäsar. Sonst hätten euch die Barbaren längst aufgefressen… Aber verzeih' mir Gott, daß ich so ins Prahlen komme!« brach sie plötzlich mit viel heiserer Stimme ab und lächelte wie ein im Übermut ertapptes Kind. Dieses Lächeln war so bescheiden und bittend, als flehte sie, so weit es reichte: Verzeiht mir das, was ich gesagt habe. Es war nicht schlimm gemeint! – Dann machte das Fräulein eine hilflose Gebärde gegen den Diener, weil sie eben doch nicht einen einzigen Schritt allein gehen konnte. Sie errötete jetzt. Denn nun ward es ja offenbar, wie sie vorhin mit den starken Mariusknochen geprahlhanst hatte. Aber der Sklave, ein Greis, dem das Haupthaar und der Bart wie eine Wildnis ums Gesicht zusammenwuchsen, faßte sie sogleich wieder leicht und scheu wie etwas Kostbares in die Hände, hob sie behutsam auf den rechten Arm und trug sie unter einem atemlosen Respekt der ganzen Zuschauerschaft zum Säulenportal hinaus.

»Famos!« lispelte Ximenes und lüftete die Kapuze ein wenig, damit ihm bei der dicken Vermummung doch kein Wort entgehe.

Soweit hatte der Ritterknabe Tarcisius voll Eifer zugeschaut. Es kitzelte und stach ihn, sofort seinen großartigen Trumpf zu spielen und jetzt… jetzt mit einem frechen Schrei sich ins herrliche Theater zu stürzen. Und immer wieder zwang ihn die Neugier, was nun wohl geschehe, noch ein Weilchen und wieder eines zuzuwarten. Als dann die Enkelin des großen Marius, des Teutonen- und Zimberntöters, auf einmal so demütig ward, leiser sprach, nach allen Seiten um Verzeihung lächelte und wie ein Krüppelzwerglein von einem Sklaven sich wegtragen ließ, ohne auch nur eine Silbe für sich zu reden, und besonders, als der herrliche Knecht stattlichen Ganges mit ihr zum Portal den Bestien entgegenschritt, ohne zu eilen, ohne zu zögern, sicher und gelassen, wie er denn auch im ganzen Verhör nichts als ja oder nein gesagt hatte, ob man zu ihm nun von der Straße sprach, wo er wohnte, von seinem früheren Müllerberuf oder von den Löwen, die ihn zermalmen sollten: da blieb dem Bürschlein alle Waghalsigkeit in der Kehle stecken. Nicht, als ob er sich nun vor Leu und Ur gefürchtet hätte. Aber er glaubte, wenn so ein Mann, wie dieser riesenhafte Grieche, schweige, dann dürfe ein Knabe wie er ihm doch gewiß nicht ins heilige Spiel pfuschen oder spektakeln. Aber als dann die Märtyrer verschwunden, die Richter abgezogen und das Volk verlaufen war, da reute es ihn wieder, so heldenlos heim in die finstern Katakomben zu gehen. Er schalt sich einen Tropf. Er fing an, in seiner hübschen Unerfahrenheit sich Vorwürfe der Feigheit zu machen und hatte zuletzt nichts anderes übrig, als was auch letzten Endes den ritterlichsten Knirpsen noch allein bleibt… zu weinen. Dabei dachte er, ob er nicht den Lektoren nachspringen und ihnen: »Christus ist Gott! Christus allein!« zuschleudern oder ob er in die Gerichtsbasilika stürmen und den Apoll, Mars und Jupiter, die dort aufgestellt waren, vom Sockel schütteln wolle. Er lief wie irre hin und wider und hätte gewiß etwas Unsinniges getan, wenn ihn nicht plötzlich eine Faust gepackt und ein geharnischter großer Mann gefragt hätte, was er sich da so toll herumtreibe? Ob er nicht sehe, wie es zunachte? So ein Knabe gehöre doch heim. Er wolle ihn jetzt die Via Appia hinausgeleiten, gehe er doch auch zur Predigt und zum Abendmahl… Das andere verschluckte er aus gewohnter Vorsicht. »Kennst du mich denn?« –»Ei ja, du bist doch der wilde Tarcisius, der unserem Bischof bei der Messe so feurig das Rauchfaß schwingt, daß fast immer Gluten herausspritzen. Und jetzt hast du gar noch dein Leben so übermütig verspritzen wollen. Ich habe dich wohl beachtet. Aber ich konnte nicht mit dir reden. Ich war im Amtskleid der kaiserlichen Garde da und hätte dich und mich nutzlos in Gefahr gebracht. Gott sei gedankt, du hast dich doch nicht toll gehen lassen. Aber dein schwarzes kurzes Kraushaar hat sich gesträubt und deine braunen Augen sind rot geworden, wie wenn sie bluteten, und deine sonnenverbrannte Stirne hat geglänzt von großen Schweißtropfen. Auch die Hände hast du beständig zu Fäusten geballt. Wenn er nur nichts Dummes macht!, dachte ich. Was hätte es jetzt genützt, mit den beiden andern zu sterben? Die sind auch nicht zum Henker gelaufen. Der Henker hat sie holen müssen. Was würde aus uns, wenn alle sterben wollten? Es braucht auch Märtyrer des Lebens, nicht nur des Todes. Das Sterben ist jetzt leicht, aber das Leben ist schwer. Unser großer Christ kann uns jetzt nicht alle drüben in seinen Himmeln haben. Er braucht uns auf Erden. Denn wir sollen groß werden wie Rom, nein, wie das Kaiserreich, wie die Welt. Da haben wir keine Zeit zu sterben. Leben, leben, für das große neue Reich leben müssen wir. Und ihr Knaben voran. Ihr seid am wichtigsten. Ihr habt das größte Leben… Hier warte… oder gehe langsam geradeaus! Ich hole dich schnell ein. Warum ziehst du dein Fell nicht an?«

Es war Sebastian, der Hauptmann der kaiserlichen Palastwache. Er ging durch einen kleinen Garten in seine Villa, um sich umzukleiden. Tarcisius aber nahm den Überwurf vom Arm, der wie roter Purpur, aber doch nicht so rot wie seine Scham leuchtete. Man dachte, es sei ein Mantel, wie ihn die vornehmen Jünglinge abends bei der Kühle über der leichten Tunika trugen. Aber siehe, das war nur die eine zur Täuschung berechnete, sozusagen städtische Seite des Tuches. Die innere Seite war aus Lappen von Schafspelz zusammengestückt. Die kehrte Tarcisius jetzt heraus, so daß man ihn für einen kleinen Schäferbuben der Campagna gehalten hätte. So konnte er unbehindert zum Appischen oder noch eher zum Asinarischen Tor hinaus. Mit diesen Fellen deckte er jetzt alles zu, den Purpur, seinen Adel und seine gewaltige, herzklopfende Zerknirschung. Bald hatte ihn Sebastian wieder erreicht. Er sah aus wie ein dicker Gärtner. Denn er hatte den Rockschurz und Kapuzenmantel seines Gärtners über sich geworfen und trug Samenbeutel und Ackergeräte mit sich. Aber unter diesem gemeinen Überkleid glänzte verstohlen das schönste Soldatenkleid seines hohen Ranges. Vor seinem Christus wollte er sich mindestens so schön und feierlich wie vor seinem Kaiser zeigen.

So gingen sie durch die Porta Asinaria und schwenkten dann westwärts den Hütten des Campus Vaccarum zu, wo ganze Hirtenfamilien gemeindeweis beisammenlebten und die untere Hälfte der Stadt, soweit sie östlich der Via Latina lag, mit Milchwaren versahen. Bei der Pastorie der Klementinen, wo jeder Gehöftebesitzer unweigerlich Klemens heißen mußte, kehrten sie beim zweiten Feldhäuschen ein. Von dort ging eine Erdstiege in die kühle Käsekammer hinunter. Und hier öffnete sich hinter einem Milchtrog eine Falltüre, die noch zehn Stufen tiefer führte und unten bald in einen weiten Katakombengang mündete. Schon sah man eine ferne Helligkeit, hörte ein Gesumme von Stimmen und langte schließlich in einem großen, kreisförmigen Raume an, wo ein Tisch mit weißem Linnen in der Mitte stand, ein edler Mann, Kelch und Brot vor sich, wunderbare Gebete sprach, bald gen Himmel, bald zum ringsum knienden Volke, bald in sein augenverschlossenes, innerstes Wesen hinein. Das war der Bischof von Rom. Er las die heilige Messe, und nachdem er selber vom Opfertisch genossen, wandte er sich gegen das Volk und rief: »Reinigt eure Seelen! Der Allreine kommt!«

Da bekannte das Volk, was ihm das Herz schwer machte. Die schuldigten sich des Geizes, jene des Hochmutes, andere der Menschenfurcht oder des Wortverdrehens oder des unbezähmten südlichen Blutes an. Kinder lispelten ihre Harmlosigkeiten und winzigen Sündlein, ohne ein Lid zu zucken. Aber hier und da stand ein grauer Mann oder ein heißer Jüngling hastig auf, kniete dem Bischof zu Füßen und hauchte ihm mit nassen Augen etwas Schweres ins Ohr. Trat eine Pause ein, so rief der Papst eine neue Gewissensfrage in die Menge. Dann schüttelten viele glücklich die Köpfe, während andere schamhaft nickten und bekannten. In dieser großen, lauten Beichte, wo alles die Barmherzigkeit Gottes anrief, seine herzliche Reue bezeugte und dann im Namen der Dreifaltigkeit vom Bischof an Christi Statt losgesprochen wurde und mit erleichtertem Herzen einen Bußpsalm sang, in dieser Beichte hörte man allein die glockenhelle Stimme des Tarcisius nicht. Er sah sich immer wieder in der Basilika, ward uneins und zornig mit sich, schalt auf Sebastian und ward immer verstörter. Plötzlich hörte er neben sich sagen: »Nimm hin und iß, das ist mein Fleisch… Nimm hin und trink, das ist mein Blut!« Der Levite Felix stand nebenan vor den zwei Schafbuben Ajax und Romulus mit dem Abendmahl in der Schüssel, und der Levite Cyrill folgte mit dem großen Kelch voll Blut. Und die Buben empfingen mit niedergeschlagenen Augen von beidem. – Ich nicht! Ich nicht!, dachte Tarcisius entsetzt und schüttelte ein trauriges Nein mit dem Krauskopf, als das Sakrament des Weines an ihn trat. Harte Tränlein schossen ihm aus den Augen. Aber nein, er konnte, er durfte nicht kommunizieren, und der goldene Kelch schwebte vorbei.

Danach predigte ein Diakon, und ein anderer verkündete, wer die letzten Tage den Martertod erlitten habe. Die Namen wurden langsam und laut gesprochen und dann vom Volke singend wiederholt. Die einen riefen: »Der Herr gebe ihnen seinen Frieden.« Andere beten schon: »Orate pro nobis!«. Nun wurden die Körbe ausgepackt, die rings an den Wänden lagen. Alles setzte sich, der Papst mitten unter seine Kinder, und aß und trank von den Gaben. Für viele war das die einzige Mahlzeit im Tage.

Es war ein irdisch Essen und doch immer noch wie Gottesdienst. In jedem zweiten Satz hörte man »Christus« sagen. Alle Leute sahen aus wie abgehetzt und abgeplagt. Aber dennoch lachten ihre Augen. Sie schienen alle fröhlich irgendwohin in die Ferne und Höhe zu blicken, und sie sahen, obwohl in einem tiefen Erdloch vergraben, auch wirklich viel weiter als der Cäsar vom Kapitol oder der Jupiter von der Zinne seines aventinischen Heiligtums. Viele Witwen waren dabei und viele Waisenkinder. Andere hatten verstümmelte Arme oder einen siechen Leib, weil sie schon einmal auf die Folter gestreckt worden waren. Auch Brandmale trugen viele an der Stirne. Die alle kannte Tarcisius. Sie hatten ihm oft und oft ihre Marter haarklein erzählen müssen, und was sie antworteten im Verhör, und er hatte sie geküßt auf die Narben, und nur da hatte ihm die Geschichte nicht mehr gefallen, wo sie durch eine Gnade des Gerichts oder durch einen Aufschub des Prozesses oder gar durch eine Schlauheit oder listige Flucht dem Feuer und Messer entronnen waren. Dann hatte er sich die Ohren verhalten und geschrien: »Oh, ich wäre nicht aus der Kette gesprungen! Ich hätte gesagt: Gebt mir den Tod, euer Leben will ich nicht…!« Jetzt würde er das nicht mehr sagen. Helden sind es doch. Und der Bischof ist auch einer. Geht er doch in jedes Zirkusspiel immer an den gleichen Platz, wo ihn die armen Christen der Arena sehen und im Entsetzen der Löwen und Tiger noch seinen Segen und sein Absolvo und das lächelnde Nicken seines Apostelhauptes empfangen. Diese himmlische Gebärde: Keine Angst, der Herr Christus ist bei euch! Einen Augenblick nur, und dann seid ihr ewig Selige!… O ja, und Sebastian, der gegen die Barbaren an der Donau gefochten hat und zuerst über das Eis des Stromes gesprengt und in die Barrikaden der Sueven geritten ist, Sebastian, der am Hof, fast unter den Augen des Kaisers ein Dutzend Höflinge zu Täuflingen gemacht hat, Sebastian fürchtet den Tod gewiß auch nicht. Nein, aber tapfer leben ist auch etwas.

Tapfer leben! Ach, wie kann das Tarcisius, hier unten in den Höhlen oder als Vermummter in der Stadt oder, und dies die längste Zeit, bei den Ziegen und Schafen des Pastors Klemens Rufus? Da sitzt er den ewiglangen Tag auf einem Stein neben den Hirtenbuben, die ihn auslachen, weil er nicht melken und keine ungesottene Milch trinken kann…

»… Das kann ich auch nicht!« lispelt es neben mir aus dem Mantel hervor. »Und überhaupt… ja…«

»Was überhaupt?«

»… Sieht mir… ich weiß nicht… dieser Tar . . c . . isius sehr ähnlich«, bröckelte Ximenes langsam hervor.

»Meinst du?«

»Er hat Haare und Augen wie ich, ist von der Sonne auch so verbrannt, und tut geradeso, wie ich auch täte, wenn ich dort in den Rattenlö… nein, in den Katakomben sein müßte. Wie ist es denn nun mit ihm bei den Hirten?… Da sind wir doch stecken geblieben.«

Ja, Tarcisius dachte, wie er morgen und übermorgen wohl wieder dort auf dem Steine sitzen und etwa einen störrischen Bock am Horn schütteln… ach, wäre es doch lieber der Präses oder gar der Imperator ! Und etwa ein blondes Schäfchen vor einem Widder schirmen wird Ach, wäre es doch ein gefangenes Christkind! Aber es sind nur Ziegen und Schafe. Und schläfrig dehnen sich die braungrünen und grauen Campagnastrecken mit den weißen, schnurgeraden Straßen aus. Da und dort starren die Häupter traumseliger Ulmen oder totenstiller Zypressen in den trägen Himmel auf. Den Tiber hört man nirgends. Aber in nördlicher Klarheit schimmert Rom mit seinen marmorbebauten Hügeln, den Tempeln voll goldener Götzen auf den Dächern, den Theatern, Bädern, Triumphbogen, den kaiserlichen Palästen auf dem Palatin und den baumerfüllten Villenhöfen zu ihm herunter. O dieses Rom! Wie es lärmt und funkelt! Jetzt, jetzt ist ein Rennen, jetzt hört er Löwen brüllen, jetzt musiziert man vor Cäsars Haus. Und indessen liegen Hunderte in tiefen Verliesen oder werden auf der Drehbank ausgerenkt oder hängen an Kreuzen oder müssen als Sklaven die Mühlen drehen, den Holzteller um den Hals. Wer weiß, was eben jetzt so ein Christ schreit!… Hilfe, Hilfe!…

»Tarcisius!«

… Oder wie einer sich gegen zehn Schergen verteidigt oder einer vor zehn andern wie vor Bluthunden durch alle Gäßchen des Trastevere jagt! Hilfe ! Hilfe! Und Tarcisius hockt hier bei langweiligen Schafbuben und muß das alles leiden und geschehen lassen und darf nichts tun als beten und das Rauchfaß schwingen. Oh, Sankt Peter und Paul, daß er es doch mit allen Feuerkohlen dieser Tyrannenstadt um den verfluchten Kopf schlagen könnte!

»Tarcisius!«

Wer ruft ihn? Ach, der schöne Gardistenhauptmann! Neben dem stillen, feierlichen Papst sitzt er und ruft schon wieder. Und alles sieht auf ihn. Auch die narbigen Gesichter, auch das blasse und so milde Antlitz des römischen Bischofs, auch die Hirtenbuben, auch die Frauen und Kinder, die ganze unterirdische Gesellschaft blickt voll Erwartung auf ihn.

»Schläfst du denn, kleiner Held?« frägt Sebastian mit geduldiger Stimme. »Du sollst dem Heiligen Vater und allen Brüdern und Schwestern hier erzählen, was du in der Basilica Ämilia gesehen hast. Du warst von Anfang dort… Wie? Du kannst es nicht?… Du schüttelst den Kopf!… Schon weinst du wieder!… Ehrwürdiger Vater, dieser Junge ist ein Flaminier. Du weißt, das sind unverbesserliche Kämpfer. Gar unser Tarcisius ist unglücklich, weil er noch kein Schwert bekommt zum Dreinschlagen oder zum Martertod. Kann man ihn denn nirgends brauchen? Ich wette, er stellte überall seinen ganzen flaminischen Mann.«,

Papst Caius, mit dem Beinamen Mansuetus, blickte in stillem Ergötzen dem Buben ins Gesicht. Siedend heiß und blutdunkel ließ der verschüchterte Knabe den Kopf fast zwischen die Knie sinken. Der Heilige Vater lächelte immer zufriedener. Also, der Junge hat Kühnheit! Aber er hat auch Scham! Das ist die rechte Mischung zum Helden. Oh, Caius kennt das Bürschlein wohl. Er hat längst beachtet, wie es sich in Sehnsucht nach etwas Heldischem verzehrt. Zum drittenmal ist der Bub' heute in die Stadt entlaufen. Und nun weint er gar, weil er nicht in einen Kerker kriechen oder auf ein Schafott steigen durfte. Ja, das sind Flaminier. So war sein Vater Paulus, so sein Ahne Marcian. Da hilft nichts. Das sind Leute entweder zum Schlagen oder Geschlagenwerden. Die Behaglichkeit mittendrin würden sie nicht aushalten. Er wird wieder in die Stadt springen, dieser flinke Knabe. Es ist etwas in ihm, das ihn fortreißt, etwas wie Thomasgeist, etwas, dem kein Mensch und am wenigsten ein Christenmensch widerstreben soll. Denn der Geist weht, wo er will. Jetzt hat er diesen jungen Schopf am Wirbel gefaßt. Es hieße, der Gnade widerstehen, widerstände man dem herrlichen Kinde.

Und sogleich blüht im genialen Kopf des Papstes ein Plan auf, breitet sich aus wie ein raschwüchsiger, mächtiger Baum, greift mit den Ästen über die große Stadt und fingert mit einem Zweiglein in jedes Gäßchen, selbst in die Gefängnisse, ins Amphitheater, in die Gerichtsstuben und wirft einen greifbaren Segen in jeden armen Christenwinkel, während der Wipfel immer höher gen Himmel rauscht…

»Was ist es denn!« stupft mich Ximenes. »Vorwärts! Das wird prachtvoll…« Ich höre deutlich, wie sein Atem leise keucht und schnaubt.

»So sage mir, Tarcisius«, fragte Papst Caius Mansuetus gütig, »kannst du durch die Stadt laufen mit einem wichtigen Brief in der Tasche, ohne rechts und links zu schielen oder in die Läden zu gucken oder dich in eine Komödie beim Forum oder in ein Soldatenspiel vor den Thermen zu vergaffen, immer nur die Hand und das Herz am wichtigen Brief? Kannst du das?«

»O Heiliger Vater…« vermochte der Junge nur zu stammeln. Aber dieses Gestammel kam heißer als tausend Schwüre aus seinem Mund.

»Und ohne stillezustehen, wenn Christen vorbeigeschleppt oder auf einem öffentlichen Platz gemordet werden? Ohne ein Wort zu sagen oder eine Faust zu ballen? Könntest du auch das, wenn du mir etwas Wichtiges besorgen müßtest?«

»Ja… Bischof! ja!« schrie Tarcisius jetzt schon ruhiger.

»Und wenn es gar das heiligste Sakrament wäre? Unser Abendmahlsheiland? Zu einem Kranken, zu einem Verurteilten? Würdest du auch wissen, was Großes du trägst? Demütig und still vor dich hingehen? Du wilder Sohn, wärest du zahm genug?«

Der Knabe erblaßte vor freudigem Erschrecken, rutschte vom Stühlchen auf den Boden, spannte flehend die Arme nach dem Bischof und hielt den Mund weit aufgerissen vor Durst nach dem letzten schönen Worte. Ihm schwindelte vor Glück.

»Begreifst du, was das für ein großes Amt ist?« bat der Papst jetzt furchtbar eindringlich. »Was du jetzt versprichst, mußt du auf Leben und Sterben halten. Bist du geschickt genug?«

Da rief der Kleine mit brennenden Lippen: »Heiligster Vater, war das Eselein am Palmsonntag so geschickt, so bin ich's noch viel mehr. Oh, ich will unsern lieben Christ durch die Henker und durch die Löwen…«

»St! St! Still und demütig, daß niemand auf dich achtet…«, korrigierte Sebastian.

»Ja, daß niemand auf mich achtet«, gelobte das Bürschlein folgsam.

»Und wenn es auch nie zwischen die Löwen und Tiger, vielleicht nur zu den Sklaven und zu den armen Christinnen im Tiberviertel geht!«

»Zu den Sklaven und armen Christinnen…«, wiederholte der Knabe und verbiß herzhaft eine leise Enttäuschung wegen der Löwen und Tiger.

»Es geht uns wie dem alten Samuel«, wandte sich jetzt der Papst erklärend an die ganze Gemeinde ringsum. »Wir müssen die Bundeslade dem Knaben David anvertrauen. Nicht diesem da allein. Ich hoffe, wir haben noch viele Davide hier. Unsere Gesalbten, die Prediger und Täufer und Katecheten, dürfen wir nicht alle auf der Pastoration verlieren. Besonders nicht so, wie den unseligen Porphyrius, diesen gottgeschlagenen Saul!«… Hier erbebte die ruhige Stimme des Bischofs leise, und alle senkten die Stirnen wie in Scham für jenen treulosen Priester, der das Haupt zu hoch gereckt und es nun vor wenigen Tagen als Apostat unter die Füße der Römer Götzen schmählich gebogen hatte. Einer aber knirschte mit den Zähnen. Das war Tarcisius.

»Es ist auf die Hirten abgesehen, und jener Mietling, wenn ihn alle Gnade verlassen hat, ist feig genug, sie wie Judas zu verraten. Da tun uns die Kinder not. Sie sind unverdächtig und können leicht mit Botschaft und Almosen und selbst mit dem heiligen Sakrament in Türen schlüpfen, wo kein Mann zukäme. Und so einen Gang, Tarcisius, halte ich für dich bereit. Du mußt zu Laban gehen, dem Futtermeister, am Zirkus Maximus. Er ist ein Jude, aber liebt uns, weil wir seine Frau und sein Knäblein beim Auflauf gegen die Hebräer gerettet haben.«… Der Papst zeigt auf Sebastian… »Seitdem hilft uns der gute Mann, zu den Zirkusverliesen zu gelangen. Aber seit vorgestern wird leider der Zugang von Gardisten bewacht. Laban hat uns unterrichtet, daß man nur noch in sein Häuschen vor der Bühnenmauer kommen dürfe, und nur noch selten, und keiner der bisherigen, und daß in die Kerker selbst gar niemand mehr ohne Gefahr für sein Haupt gelange.«

Ein tiefes Seufzen stieg da und dort aus der lautlos horchenden Schar.

»Nun ist mir, wie ich den trostlosen Tarcisius sah, ein Licht aufgegangen. Dieser Knabe kann am ehesten ins Haus und vielleicht sogar zu den Eingekerkerten dringen. In jedem Fall wird er zu Laban gelangen und, wenn es nicht anders geht, durch diesen Juden das heilige Abendmahl der Monica Severa und ihrem Diener zukommen lassen. Lege dich schlafen, Tarcisius, daß du morgen zeitig aufbrichst, und vergiß nicht, daß du versprochen hast, demütig und schlicht wie das Palmeselein unsern König in die Stadt zu tragen!«

»Nicht anders, Heiliger Vater!« beschwor Tarcisius und ging so leicht und so selig, als könnte er fliegen, mit den Schafbuben Ajax und Romulus den holperigen und oft von ihm verschimpften Weg zu den klementinischen Hütten, wo er neben den Schafen im Laub sein Lager hatte. Aber er konnte nicht einschlafen.

»Bleibt auch noch ein wenig wach!« bat der Hitzige die zwei ruhig neben ihm liegenden Hirtlein. »Ihr schnarcht ja schon.«

»Laß uns in Ruhe!« bat Ajax. »Ich weiß wohl, warum du nicht schlafen kannst.«

»Nein, das weiß er nicht«, lachte Tarcisius in sich hinein.

»Warum kann er nicht schlafen?« fragte schläfrig Romulus.

»Weil er nicht aus dem Kelch getrunken und nicht vom Abendmahlsleib gegessen hat. Er hat beidemal unsern lieben Heiland vorbeigehen lassen. Ich sah es gut. Und ohne Christus kann man nicht schlafen.«

»O ihr… wenn ihr wüßtet!« rief Tarcisius und umschlang die Bauernsöhne leidenschaftlich und drängte sie rechts und links an sich… »ich war ja so wild, so zornig, so… ach, ich konnte gar nicht mittun… weil ich in der Basilika… nein, nein, das könnt ihr nicht verstehen. Aber morgen trag' ich Christum da, seht, da auf der Brust, unter dem Gewande da, in dieser meiner rechten Hand. Wie der Papst!«

»Aber wir haben seinen Leib genossen und sein Blut getrunken. Tarcis! Wir haben ihn schon im Herzen drin, denke!«

Verblüfft schwieg das römische Junkerlein. »Ja«, sagte er zuletzt demütig, »ihr seid wohl viel besser. O Christkind, mach mich auch so!«

Das hörten die Geißbuben schon nicht mehr. Sie schliefen mit dem Weichselstock und dem Kürbis neben sich, die Füße im Stroh, aber alle Sterne des Himmels im Gesicht und das leibhaftige Kind von Bethlehem im Herzen, tausendmal seliger als ihre ersten Ahnen in der ersten Weihnacht…

*

Ich hielt einen Augenblick in meiner Geschichte vom Knaben Tarcisius inne. Schlief mein Nachbar, daß er so unbeweglich geworden war? Ich hätte ihn jetzt sehen mögen. Es war ein eigentümliches, beklemmendes Erzählen so ganz ins Finstere hinein. Zwischen dem, der spricht, und dem, der horcht, sollte es nicht undurchdringlich dunkel sein. Nein, man muß sich sehen, wenn auch lieber in einem leisen Dämmer als im grellen Licht, aber man muß sich im Gesicht des andern beobachten, stärken, erquicken können. Dann erst lebt die Geschichte, glänzt, fliegt, reißt das Herz mit.

Aber kaum hatte ich zwei, drei Atemzüge lang ausgesetzt, so suchte Ximenes auch schon meine Hand, drückte sie dankbar an sein Herz und bat mit ganz schwacher, aber feiner Stimme: »Was haben Sie? jetzt geht Tar . . c . . isius nach Rom. Nun wird es prächtig. O schnell weiter!… Hören Sie, wie flink mein Puls geht… vor… vor…«

»Laß mich doch nur eine Minute ausruhen«, sagte ich, »und mich auf den Rest ordentlich besinnen. Hast du übrigens das Bild des heiligen Knaben an der Altartafel beachtet?«

»Ja so!« sagte der Chilene erstaunt. »Jetzt erinnere ich mich… Sie sagten Tarcisius… nicht? Das muß ich aber morgen gut anschauen.«

»Man sieht nicht viel. Das Gemälde ist halb verblichen. Aber das Bild wird dich doch freuen.«

Ich wußte nicht einmal sicher, ob die verwüstete Schilderung auch wirklich den heiligen Ministranten Tarcisius darstellen wollte. Denn es waren, wie gesagt, nur ein paar junge, unbärtige Köpfe, einige erregte Hände und Füße, etliche wilde Fetzen Tuch und um den schönsten Bubenscheitel der schwache Schimmer einer Gloriole sichtbar, aber auch das alles mehr oder minder vom Moder verwischt. Jedoch hatte ich deutlich ein seidiges Tüchlein mit der Ähre bestickt unter einem Knabenfuß wahrgenommen, während dem kleinen Heiligen etwas Rundes gen Mund schwebte. Sicherlich die Hostie.

Es fiel mir ein, daß ich vielleicht diese Tarcisiuslegende zu weltlich male. Ich wußte nicht auswendig, in welche Zeit dieses glorreiche Kindesleben fällt. Keine Einzelheit war mir aus den Akten bekannt. Vorweg hatte ich alles Drum und Dran erfunden und fürchtete sehr, daß ich dabei unheilig verfahren sei und vielleicht dem historischen Knaben Tarcisius ein zu gewöhnliches, zu bübisches Gewändlein und Wesen angezogen habe. Aber ich konnte nun nicht mehr zurück. Jetzt ging es ja auch dem prachtvollen und wahrhaft heiligen Schluß der Novelle entgegen. Ich nahm mir vor, nun sicher keinen Abstecher mehr von der geraden Spur der Legende zu machen, einer kurzweiligen Fabel zulieb oder um meinen ungläubigen Zuhörer zu bestechen… damit ich mich morgen vor dem Bilde an der Wand nicht zu schämen hätte.

Draußen hatte der Regen nachgelassen. Aber vor der Schwelle hörte man noch immer das Vorbeifließen und Klatschen der Wasser, die sich über die ganze Wegbreite zu einem wahren Flusse gesammelt hatten und gewiß noch bis morgen von all den kahlen Berghöhen herab reichlich gespeist würden. Auch durch die brüchige Dachdiele tropfte es da und dort. Hinter uns schnaufte schwer der Diener Gonzal. Von Carlos hörte ich keinen Laut. Eine schwache Helligkeit sickerte durch die hohen Rundfensterchen herein. Sie blickten wie blasse Augen ins Dunkel des Kirchleins. War das schon nahender Tag oder hatte das Gewitter den Himmel mit seinen Sternen sauber und blank hervorgefegt? Dieser Schein von oben genügte, um nach und nach einige Formen des Altars, den unteren Chorbogen und die Umrisse meines kleinen Nachbars zu erkennen. Ximenes hatte die Kapuze abgeworfen, und sein ovaler, nach hinten hochgewölbter Kopf war wie ein feingezogener Schatten an der Wand anzusehen.

»Nun, nun!«klang es heftig aus diesem Schatten. Er ward größer. Ich spürte die heiße Luft eines nahen Gesichtes und den Glanz zweier großen Augen. »Nun, nun!« befahl es beinahe.

So begann ich denn:

Als Tarcisius mit seinem nun wieder purpurnen Mäntelchen am nächsten Tag schon recht früh gegen die Stadt zog, schien er ein ganz anderer Mensch geworden zu sein. Sonst hüpfte und pfiff er. Jetzt schritt er gleichmäßig vor sich hin, sah kaum rechts und links, lispelte hie und da ein halblautes Wort in sich hinein, aber konnte nur nicht das Blitzen seiner Augen verbergen, dieses gewaltige Blitzen vor Freude und Würde und königlicher Erwartung. Und so belebt, trotz des stillen Schrittes, war das sonnenbraune Gesicht des Jungen, als steckte er im eifrigsten Gespräch mit einem andern unsichtbaren Begleiter.

Das war denn auch so. Von einem Seidentüchlein umhüllt, trug er das Abendmahl in kleiner Brotsgestalt unter dem Brustlatz und ließ es nicht aus der linken Hand. Die rechte Hand steckte Tarcisius in den Gurt, an die Stelle, wo er, wie alle Patrizierknaben, schon einen Ziersäbel zu tragen pflegte. Aber heute durfte er ihn nicht tragen. Papst Caius hatte gesagt, daß Christus auch ohne Säbel nach Jerusalem zog, und daß er nicht einmal dem Stürmer Petrus oder Thomas ein Schwert gelassen habe. Auch hilft kein Säbel, wenn Jesus nicht hilft. Dennoch, wenn irgendwo aus den schwachen Erhebungen der Äcker eine Gestalt auftaucht oder hinter ihm auf dem Pflaster der Appischen Straße ein Roßhuf ertönt, legt Tarcisius unwillkürlich die Hand an den leeren Gurtschlitz. Er kann nicht anders. Dann redet er leise mit seinem Begleiter weiter.

»O Cäsar der Cäsaren«, betet sein Flaminiermund, »ich habe dem Bischof gesagt, daß ich dich wie das Palmeselein in die Stadt tragen wolle. Aber das war falsch gesprochen. Wußte denn das dumme Tier, wen es trug? Ich aber weiß es. Oh, du regierst den Himmel, wie du auch bald die Erde da unten regieren wirst. Du wirst den Kaiser und die Götzen in den Staub schlagen und unsere Kirche auf s Kapitol bauen und die Heidenpriester verjagen und die Arena zuriegeln oder… Ja, das wäre gut… die Tröpfe, die sich nicht taufen lassen und nicht auf Caius hören und uns widerstreben, einfach den Bestien ins Maul werfen… Aber warum wartest du so lang? Das allein kann ich nicht begreifen. Schon mein Vater und meine Mutter haben es erleben wollen und sind vorher gemordet worden. Und unsere Alten, mit den verbrannten Gesichtern, der einäugige Paternus und Pia Sorta mit den lahmen Füßen, und viele andere warten Tag und Nacht darauf. Ist es denn schön, wenn die Buben in der Gasse unsere Christen anspeien oder, wie dem seligen Curius, das Gesicht verschmieren und schreien: Danket uns! Jetzt gleicht ihr eurem Sudelgott!, und wenn sie spotten: Wann kommt er eigentlich, euer Blitz- und Donnergott? Schläft er? Oder hat er schon ausgeblitzt und ausgedonnert? Wir haben nichts gemerkt… O diese Laffen!… Doch nein, ich darf nicht wütend werden. Still, still!… Aber sag' mir, o Christ, werden wir in den Zirkus gelangen? So viel mußt du schon tun. Sieh, die Monica und ihr Diener werden vielleicht schon heut abend den Bären oder Luchsen gegeben. Und sicher, sie warten auf dich. Dann erst haben sie Mut genug. Das wäre furchtbar, wenn wir nicht zu ihnen gelangten. Da bitt' ich schön, hilf mit! Ich tue auch, was ich vermag. Ich will so herzhaft und schlau die Sache einrichten, wie ich nur kann. Aber was hilft das, wenn du es anders fügst? O heiligster Christ, hilf uns!«

»Für mich habe ich keine Angst. Mich laß nur! Mich soll niemand schonen. Ich schone auch keinen. Bald muß mich Sebastian in die junge Stadttruppe aufnehmen. Dann werde ich Centurion, befehlige hundert Mann, kämpfe am Rhein oben im Schnee oder unten in der Wüste und lasse Christ werden, wer will, und mache nur Christen zu Reitern und siege immer und werde Feldherr. Und wenn ich heimkehre, sage ich dem Kaiser: Ich habe die Mohren besiegt! Ich habe die Barbaren vernichtet. Jetzt, ja oder nein, will ich auch noch dich überwinden. Schnell werde Christ! Da ist Bischof Caius und da ist der Diakon Philippus und da ist Wasser zur Taufe. Eins, zwei, drei… oder mein Herr bricht über dich wie eine Wolke herein und nimmt dir den Thron und das Leben… eins, zwei, drei…«

»Ach nein, so kann man doch niemand zwingen! Papst Caius sagt mit Liebe! Was ist das, mit Liebe?…« Ganz betrübt, daß er immer wieder sich in so harte Phantasien verirrt, furcht er die niedrige braune Stirne. Und es dünkt ihn, er hätte gestern eben auch beichten und kommunizieren sollen, dann würde er frömmer denken und viel besser wissen, wie man mit Liebe, ach mit Liebe Heiden bekehrt.

Er hatte gestern ein bißchen Titus Livius gelesen. Das wollte Papst Caius, daß er fleißig studiere und nach den heiligen Büchern auch die berühmten weltlichen kennenlerne. Die Reden der Feldherren vor der Schlacht am Po hatte er gelesen. All das soldatische Blut seines Geschlechts stieg ihm zu Kopfe. Dieser große Hannibal! Dieser feine Bub des Publius Scipio! Oh, das waren Helden! Aber Caius hatte gesagt: »Nun probier' einmal und lies darauf Johannes Kap. 13 oder Kap. 19.« Es ist wahr, das klang anders. Die Feldherren verschwanden wie Nebel, als Jesus die Füße wusch, das Brot brach, so hoheitsvoll zum Verräter und so ewigschön zu Johannes und Petrus redete. Und erst mit Pilatus im neunzehnten! Und am Kreuz! O Himmel, da überliefen ihm die Augen! Da dachte er nicht mehr an Rom und Sieg und irdisches Geflunker. Da sah er eine andere Welt. Aber er hat einen heillos raschen Kopf. Das hastet nur so her und hin. Er will in Zukunft nicht immer in den Königen und Makkabäern lesen. Nein, im Johannes. Da lernt er das: mit Liebe! Mit Liebe!

Indessen gelangt er ans Appische Tor. Da muß er warten. Es drängt viel Volk herum, und Soldaten sperren die Straße. Tarcisius wundert sich. Aber es steht ihm nicht an zu fragen. Sein Christus weiß ja alles. Jetzt, jetzt!, schreien die vordersten. Richtig, ein geordneter Zug naht unter dem Bogen hervor, Bewaffnete, zwei Liktoren zu Roß, dann… ach, wie schnell kennt man sie!… ein Trüpplein Christen. Sie haben Ketten an den Füßen, aber ihre Arme sind frei. Denn sie tragen Körbe und Säcke auf den Rückhaltern und Stricke und lange Ruder und Schöpfkübel auf der Achsel. Kein Zweifel, die einen sind zu den Galeeren nach Neapel, die andern in die Schwefelgruben um den Ätna verbannt. Aber drei von ihnen tragen nichts und halten die Hände auf den Rücken gebunden. Zwei sind Griechen, ein Vater und ein Sohn, denn sie gleichen sich im Gesicht zu wunderbar. Der Vater ist Hauslehrer. Er trägt noch den weißen Rock und die eingestickten Eulen am Ärmel. Neben ihnen mit kurzen Geißeln, fast wie Viehtreiber, gehen vier Neger. Den Griechen hauen sie selten einmal auf die nackten Beine. Aber dann zucken die feinen zwei Menschen jedesmal wie von einer Flamme gebrannt zusammen, und der Jüngere schreit jedesmal auf. Herr von Kalvaria, und doch sieht es so aus, als ob die da irgendwo zu Tode gegeißelt werden sollten. Jetzt… Tarcisius entfliegt fast der Atem vor Erregung… Jetzt kommt ein Hüne mit schafblondem Haar und ganz hellen kleinen Augen. Ah, das ist so ein langes, breites Germanengesicht mit dicker, kurzer Nase, aber einer goldenen Herrlichkeit vom Kinn zur Brust hinunter. Welch ein Bart! Und wie er ruhig mit den grauen Äuglein über die Menge blickt! Wohin wohl? Ist er vom sagenhaften Rhein oder gar vom Eismeer? Und denkt er an seine Fischerhütte oder an seinen Bogen, ob ihn wohl der kleine Biwolf, sein einziger Bub, schon mit bloßer Hand spannen könne? Und ob man dort schon bis zur Kolonie, schon über den Rhein, schon über die Alpen, ach, ob man dort bald bis nach Rom schießen könne. Einmal sicher!… Aber nein, der Riese lächelt. Er hat die Heimat verloren, aber ist Christ geworden. Das dünkt ihn kein schlimmer Tausch.

Ihn peitschen sie viel und gern. Es spritzt und zischt wie Funken um seinen Kopf. Aber er zittert nur ein wenig, der Koloß, und lächelt wieder und zieht ruhig weiter am offenen Sänftewagen, an den man ihn wie einen Stier gespannt hat. In den roten Polstern des Wägelchens sitzt vergnügt ein Jüngelchen von siebzehn Jahren. Es ist der Älteste des Statthalters Marcus Maximinian, vor dem sich alle Hunde Roms verkriechen, und den die Buben und Mädchen wie den Cerberus fürchten. Man kennt das Wappen an der Sänfte sogleich am großen und kleinen M. Tarcisius hört erzählen, wie sich der Hauslehrer Eurosius und sein Sohn Pylon in die Familie schlichen, den Waffenträger und Fechtmeister des jungen Herrn, eben diesen germanischen Riesen, mit der heillosen Lehre vom gekreuzigten Juden ansteckten und schon ein giftiges Netz von Verräterei durch den großen Palast und Park gesponnen hatten. Der zarte Pylon gefiel dem vornehmen Herrlein. Er konnte hübsche Figuren meißeln und hatte das übermütige Junkergesicht mit den aufgesprungenen Lippen und den rotumränderten und immer so bösartig lachenden Samtaugen, sowie mit der gedrückten eigensinnigen Stirne und dem dicken Haar außerordentlich lebendig in farbigem Ton gekünstelt. Darauf befahl der junge Maximinian, daß ihm Pylon auch einen Mars und eine Venus, zum Opfern, so natürlich und farbig modelliere. Pylon suchte Ausreden, und zuletzt, vom Gebieter auf ja und nein gezwungen, bekannte er, daß solche Götzen zu schaffen ihm sündhaft scheine. Jetzt kam man dem ganzen Christennest auf die Spur. Neben dem Waffenträger, der vom Jüngling hochgeschätzt worden war, gab es noch etwa vierzig verhetzte und verzauberte Sklaven. Sie wurden auf die Galeeren und in die Bergwerke des Statthalters geschickt. Aber die drei Rädelsführer sollten auf dem Wege von der Stadt zu seines Vaters Landhaus Senepia Rosa zu Tode gepeitscht werden. Soweit wollte der junge Herr mitfahren. Wo es ihm gefiele, würde er winken und zuerst den Sohn, und wieder eine Strecke weiter, wo es ihn am lustigsten dünkte, den Vater geißeln lassen. Hei, werden die zarten Graeculi schreien! Der Germane aber muß ihn durch die heiße Campagna bis zur Villa ziehen. Jeden Augenblick pfeift der Junker leise durch die Zähne. Das heißt: haut ihn! Dann prasseln die Zwicke der Riemen auf den Riesen nieder. Und Maximinian beugt sich vor, denn er ist trotz allem Augengefunkel sehr kurzsichtig, und lacht sein rohes, trockenes, helles Lachen und foppt: Proficiat! Wohl bekomm's!… Es ärgert ihn, daß er nicht aufbrüllt, den Sänftewagen vor Qual schüttelt, dieser Stier! Daß er so zufrieden über die Äcker blinzelt und lächelt, als füttere man ihn mit dem besten Grase statt mit Hieben. Ihn will er im großen Garten der Villa dann mit aller Bedachtsamkeit zu Tode quälen, vielleicht im Hechtweiher zappeln lassen, vielleicht mit Pfeilen totschießen. Er hat ihn ja meisterlich Bogenschießen gelehrt… Hart, böse, ganz grausam muß man sein. So ist man Herr und hat ein blutig schönes Leben.

Das alles wird um Tarcisius herum erzählt. Er möchte sich die Ohren stopfen und muß doch zusehen, wie dieser Zug voll Lüsternheit und Entbehrung in langsamen, regelmäßigen Schritten vorbeitrabt und schwer und unerbittlich in der Sonne der Campagna weiterzieht, bis der Teufelssohn Maximin die Peitsche ergreift und kommandiert: »Hier fangen wir mit dem Pylon an! Ich zähle und ihr trefft.«

Tarcisius geht zum Tore ein. »Hast du das auch gesehen, heiliger Christ?« lispelt er wütend. »Und wenn du es gesehen hast, wie konntest du diesen Fratz in der Sänfte hocken lassen! Zum Satan soll er! O Christkind, Christkind, du bist zu geduldig; du wartest zu lange. Wenn das so fortgeht, gibt es keine Christen mehr… Aber da rase ich wieder. Jetzt gib mir auch Geduld von deiner Geduld. Weiß ich doch nicht, was mir in dieser Heidenstadt noch alles begegnet und mich grimmig macht! Oh, um alles nicht darf ich jetzt frech werden. Still! Still! Niemand soll merken, wer bei mir ist. Aber schöner wäre es, dich im Galopp und mit Musik und Adlern da herein und aufs Kapitol zu tragen, als wie ein Dieb mit dir durch die engsten Gäßlein zu schleichen.«

An der Kreuzung der Via Latina mit der Appischen Straße sieht er den Pontifex Maximus mit einigen Senatoren stehen. Ihre Tuniken leuchten in der so saubern vormittäglichen Sonne Roms. Bei jedem Worte des Pontifex verneigen sich die Herren vom Senat. Fast muß Tarcisius lachen. So eine Komödie! Was ist denn ein Pontifex? Eine Null vor Christus. Die Gottheit, die Tarcisius auf der Brust trägt, müßte nur winken, und spurlos weggeblasen wären alle Pontifices der Erde… Am Heiligtum des Pan sieht der Knabe Vogelschauer und Opferpriester sich am Mauerbrünnlein die Hände waschen und lebhaft mit dem Seher Fabius, den ganz Rom am zweizipfligen roten Bart kennt, Worte und Zeichen wechseln. Und wieder muß Tarcisius fast laut lachen. Was wissen die? Wenn der Herr hier in seiner Hand nur ein bißchen wollte, wie Fetzen fiele der Zeremonienschwindel von diesen gespreizten Leuten und sie ständen als nackte Betrüger da… Unweit davon ist das Häuslein, wo Diokletian im Schatten des Kapitols fast den ganzen heißen Tag zubringt. Jedes Kind kann dir das Gesimse dort an der zweiten Säule zeigen, hinter dem der erhabene Imperator zehn Schreibern seine Befehle nach allen Grenzen der Welt diktiert, auch die Kriegspläne mit den Feldherrn ausdenkt und die Skizze zu seinen großen Bauten entwirft. Wer da vorübergeht, atmet leiser und beugt beinahe ein Knie vor solchem Weltkommando. Was seid ihr für Narren! Dieser Kaiser ist doch ein Bettler vor meinem Herrn, den ich jetzt in himmlischer Unsichtbarkeit und doch so fühlbar und wahr bei mir habe. Dieser Diokletian wäre einst froh, wenn er meinem Kaiser nur den Staub von den Sandalen küssen dürfte. Er meint, er regiere die Welt. Keinen Finger könnte er rühren ohne meinen Christ. Mein Herr muß nur sagen: Halt!, und alles das fällt zusammen wie ein Kartenhaus. Man hört es kaum. So hat Papst Caius gesagt.

Vielleicht sollte man geradewegs zum Kaiser! Tarcisius wird glutrot beim Gedanken. Die Soldaten am Portal ließen ihn schon zu. Ich komme vom Kaiser von Asien, würde Tarcisius sagen. Und das wäre nicht gelogen. Dort liegen ja Bethlehem und Jerusalem. Und dann ginge er hinein. Der Kaiser ist ein edler Mann, das weiß man. Es muß ihm einer nur einmal die Wahrheit sagen. Ich, Tarcisius! Ich zeig' ihm das Abendmahl. Ich erzähl ihm das Wunder. Er muß niederknien und mit mir beten… oh, das ist das Rechte! Beim Kaiser muß man anfangen.

Dem Tarcisius schlägt die Begeisterung wie rote Flammen über dem Kopf zusammen. Zum Kaiser! Zum Kaiser! Im Augenblick vergißt er Monica Severa und den alten Diener im Verlies, vergißt den Schließer Laban und die Worte des Bischofs Caius und alle Vorsicht. Er ist nicht mehr das Palmeselein des Herrn. Er will ein Löwe des Herrn sein, ein brüllender Löwe Gottes. Er geht ein paar Schritte dem kleinen Portal entgegen, blind und wild vor heiliger Waghalsigkeit. Dann klingen ihm plötzlich drei schrille Caveas! Gib doch acht! ins Ohr. Nicht von den Wachtsoldaten. Nein, von den fünf oder sechs großen, feinen Buben, die auf den Marmorplatten des Platzes das klassische Belagerungsspiel: Obsessio Carthaginis, ausführen.

»Was trittst du mir auf die Linea?« schreit den Tarcisius jetzt einer an. »Sieh doch, von hier muß ich in die Vorstadt dringen.« Eifrig stößt er mit dem Ellbogen den kleinen Fremdling zurück. Nun erst bemerkt Tarcisius, was er vor der Wichtigkeit seiner eigenen Obliegenheiten völlig übersehen hatte: das mit Kohle über die Platten gezeichnete Spiel: Karthago in der Mitte, ein großer Kreis mit den rundum laufenden kleineren Kreisen der Vorwerke. Dann römische Stationen von allen Seiten furchtbar nahe gerückt, und dazwischen ein quadratisches Netz von Zufahrten und Einbruchsstellen, wo punische und römische Elfenbeinfigürchen in geistreicher Einteilung hin und her postiert sind und sich nach einer fein geregelten Mathematik gegenseitig zu schädigen und dringend auf den Leib zu rücken suchen. Tarcisius kennt das Spiel gut. Es ist seine Liebhaberei. Wie oft hat er Karthago schon eingenommen, sogar von der Meerseite allein und nur mit drei statt mit den üblichen sechs Legionen! Oh, er kann erobern! Er wird dem Kaiser sagen: Ich bin ein Flaminier. Ich will ins Heer. Lasse mich bald Feldherr werden! Du wirst was erleben… Ei, ei… – Tarcisius sieht genauer hin – wie ungeschickt Hasdrubal kommandiert! Da läßt er den Quintus Marcius um den Ostturm marschieren und wirft den Hauptstoß gegen die Seetruppen und merkt nicht, daß Marcius an der dritten Station eine Schwenkung nach rechts vollziehen und mit drei Läufen bequem durchs Hinnaltor in die obere Stadt spazieren kann. Der Dummkopf! So ist das Spiel nicht schön… Laut schreit er: »Du bist ein hübscher Karthager! Dich peitschte Hannibal! Sieh da, die dritte Station!… und Marcius… schnell auf den Campus Ibig!… nein, nein!… nicht mit diesen… da mit der Truppe Hispania!… so… so!… Das ist gut!«

Die Belagerer sehen den Fremdling wütend an. Aber Tarcisius lebt schon ganz im Spiel. An der Seestation gibt es noch eine Schlauheit. Sie verstecken dort das halbe Militär und locken die Hasdrubalisten ans Nordwerk. Daß die Stadt das nicht merkt!… »Hier, gib doch acht!… Man kann es nicht mit ansehen!… Du da, Hasdrubal… sieh doch die Statio marit…!«

»Willst du schweigen, Laffe!« droht jetzt der größte der fünf Buben und stößt dem Warner die Faust vor die Brust. Tarcisius taumelt ein wenig zurück, die linke Hand unbeweglich unter dem Brusttuch, als trüge er den Arm in einer Schlinge, aber schon rettungslos mit Kopf und Herz in die Operation auf den Fließen verrannt.

Indessen hat Karthago an der Nord- und Ostflanke noch zeitig den rettenden Gegenzug getan. Die Stadt ist einstweilen ohne Gefahr. Die Scipionen sehen allen Fleiß und alles Genie einer Stunde verloren. Der Jüngste wirft zornig mit einem Fuß das ganze Lager zusammen und springt wie eine Katze fauchend auf Tarcisius los. Es ist Clodius Piro, ein verwöhntes Jüngelchen des Feldherrn Piro Anxius. Auch die anderen drei Adelsbuben, deren Väter Senatoren sind und wohl beim Kaiser drinnen Rat pflegen, machen sich bösartig an den Knaben. Sie bilden einen drohenden Ring um ihn, fangen an zu knuffen und zu stoßen. Aber der Karthager, dem Tarcisius die Stadt gerettet hat, gibt ihm mit seinem Schnürschuh einen scharfen Tritt und sagt: »Meinst du, ich brauche deine Hilfe? Du Geck! Da! Und da!«… Und blitzschnell schlägt er ihm das Bein ums Knie und stößt ihn hintenüber zu Boden. Doch noch schneller hüpft Tarcisius wieder auf, die Augen voll Empörung, aber den linken Arm steif unterm Rock.

»Warum wehrst du dich nicht?« spottet Clodius. »Was trägst du so versteckt bei dir? Heraus mit der Hand. Kämpfe mit mir, wenn du so ein punischer Prahler bist!«

»Die Hand heraus!« schreien die Buben. »Er hat einen Dolch bei sich! Oder etwas gestohlen! Ein Dieb! Faßt ihn, packt ihn!«

Tarcisius sieht auf einmal mit zu Tode erschrockenen Augen, in was für eine furchtbare Geschichte er sich… nein, nicht sich… seinen heiligen Christ verwickelt hat. »Laßt mich!« bittet er, und alle Kühnheit schmilzt in seinen Augen, »laßt mich! Ich muß ja weiter. Es ist nichts für euch… o lasset mich!«…

»Hab' ich nicht recht? Das Bürschlein hat gestohlen. Zerrt ihm den Arm herfür!… He, Sklaven!« gebietet der schmal- und blaßwangige, hartmäulige, aber vor Freude am Abenteuer jetzt aufglühende Clodius. Und sogleich stürzen einige Mohrenjungen, die ehrerbietig unter den Säulen auf ihre Herrchen aufpassen mußten, über den Platz herzu. Da wollen sie zugreifen. Da wollen sie die Gunst ihrer launischen Regenten erwerben. Sie, die oft Geprügelten und Gemarterten, wie selten können sie's vergelten!

Als Tarcisius diese ungeheure Not sah und nirgends eine Ritze zur Flucht, da schrie er hell auf. »O mein Herr Jesus Christus, was habe ich gemacht!«

»Christus! Ein Christ! Hört ihr?« ging es jetzt jubilierend durcheinander. »Das sind alles Verräter, Diebe, Mörder! Hab' ich's doch gleich gedacht. Haut ihn! Würgt ihn! Den Arm heraus!… Er ist ein Eselanbeter… Man darf ihn töten wie eine Ratte.«

Ein wilder Knäuel entstand. Mit Riesenkraft drückt Tarcisius die Hostien an sich. Mag man ihn töten, wenn sie nur seinen herrlichen Gott nicht antasten können, diese Sudler und Geiferer. O Ewigkeit, aber wie kann er's wehren? »Jesus, verzeih mir! Laßt mich sterben! Aber du entflieg! Fahr auf wie ein Vogel aus meiner Hand. O Christus, rette du dich schnell, schnell!«

Er fühlt nichts von den Fußtritten und Schlägen und merkt es nicht einmal, wie Clodius ihn wie ein Tiger in den linken Arm beißt. Er fühlt nicht, wie ihm unter den Negerfingern am Hals der Atem ausgeht. Er spürt nur, wie alles an seinem Rock zerrt und an seinem Christus sich vergreifen will. Sie klauben ihm schon die Finger auseinander. »Christkind, allerheiliges, ich kann dich nicht mehr schirmen. Sag', wo rett' ich dich? Sag' doch!«

»Zeig', was du hast!« fordert Clodius ins blaue, erstickende Gesicht hinein, »oder wir würgen dich, wie man euch in der Arena erdrosselt, ihr Kindleinfresser!«

Dieses Schimpfwort war wie eine Erleuchtung für Tarcisius. In diesem Augenblick schien es ihm, als sänge Christus an seiner Brust: »Wohin du mich retten sollst? Kannst du fragen? Zu dir! In dein Herz! Jetzt, jetzt empfange mich zum Abendmahl, weil du es gestern nicht konntest.«

»Ich will… euch… zeigen«, röchelt es aus seiner Kehle… »lasset mich… sonst zerdrück… und ihr seht… nichts.«

»Curius! Timon! Sparto!… Lasset ihn los!« befiehlt Clodius, »er will uns zeigen, was er in der Faust hat… Gib her, Schuft! Aber dann in die Kloaken mit ihm!«…

Einen Moment lang ist Tarcisius frei. Er fühlt seine Kräfte schwinden und etwas wie einen Schleier über seine Augen gehen. Blitzschnell muß er die Gnade benutzen. »O Jesus, ich bin nicht würdig«, betet er leise, reißt die Hand mit den zerbrochenen Hostien aus dem zerfetzten Rock, ruft mit schwacher Stimme: »Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt!«… und während die Buben noch vor Staunen stillstehen, schluckt der kleine Held unter seligem, siegreichem Lächeln das heiligste Sakrament rasch hinunter. Wie sie ihn jetzt auch erbost wieder würgen und schütteln und zu Boden stampfen und Clodius ihn schandbar verspeit, er bewegt keinen Finger mehr, hört nicht auf, unter den Negertatzen zu lächeln, und weilt schon lange bei seinem geliebten König Jesus, während die römischen Fratzen noch immer aus seinem entseelten Figürchen das heilige Geheimnis herauszumartern suchen. Er lächelt immer noch. Er ist kein Feldherr geworden und hat kein Kapitol erobert. Aber er hat in seinem Heldenstündlein alle Wildheit seines Lebens gutgemacht und die ewigen Hügel und Throne in einem Siegesstreich genommen.

Auf das furchtbare Gerumpel und Gebrüll vor dem Tor trat der Kaiser aus seinen großen Weltgeschäften unwillig ans Gesimse und rief: »Ruhe!«

Da sah er die Leiche des Knaben und daneben die jungen Mörder. Und Clodius, ein Schwestersohn Diokletians, hatte den Mut zu sagen: »Kaiser, dieser kleine Schuft hat so gelärmt, bis wir ihn stille machten. Es ist ja nur ein Christ!«

Da schickte der Kaiser den Senator Felix Drusus mit zwei Quästoren zum Trüpplein, um die Sache zu untersuchen, und kehrte mit einem nochmaligen und stärkeren Kommando: »Ruhe!«, vom Gesimse zu seinem mit Karten und Schriften beladenen Tische zurück.

Aber eines der schönsten Engelchen im Himmel, dessen goldenes Gefieder nagelneu schimmerte und dessen Heiligenschein ums Haupt besonders mächtig gezackt war und das dem braunen Heldengesicht des ehemaligen Tarcisius bis zum Nasenzipfel glich, so ein Engelchen, das gerade den letzten Staub Erde von den Zehen putzte, hörte das kaiserliche: »Ruhe!«, und mußte unsäglich fein lächeln: »Nein, nein, Kaiser, wir lassen dir keine Ruhe! Schau, was so ein Knirps von Tarcisius dir schon für einen Skandal macht. Nun rechne, wenn unsere großen Mannen kommen! Nein, wir lassen der Welt keine Ruhe. Wir rumpeln und schreien, bis sie christlich geworden ist.«

Dann schlenkerte das hübsche Himmelsgeschöpf noch einmal beide Füße, ob ja nichts Irdisches mehr daran klebe, lächelte nochmals zur alten, törichten Erde und dem dummen Kaiser hinunter und flog dann bolzgerade durch eine rosarote Wolke empor, um vor dem Thron der Dreifaltigkeit seinen schönsten Knix zu machen und dann sogleich dem silbergrauen Apostel Petrus sein Geschichtlein und viele Grüße vom Papste Caius zu erzählen.

*

Zweifelnd, ob ich der Legende und ihrem frohen Märtyrerknaben nicht wehe getan hätte, horchte ich dem etwas spaßigen Echo der letzten Worte nach und erwartete von meinem totenstillen Nachbar in der Bank jetzt ein Wort des Dankes oder der Befriedigung. Aber er regt sich nicht. Dachte er über all das nach, über dieses Neue in der christlichen Welt? Hat es ihm imponiert? Würde er es in Zukunft mit Ehrerbietigkeit betrachten und nie mehr darüber spötteln? Oder schlief er am Ende gar? Ich konnte es nicht herausbringen. Um keinen Preis aber wollte ich ihn jetzt anreden. Möge er sich mit Tarcisius unterhalten! Das wird ihm wohltun.

Ich hüllte mich besser in meine Tücher, schloß die Augen und horchte noch ein Weilchen auf das Tropfen der Dachtraufen. Jeden Augenblick erwartete ich, daß Ximenes die Stille bräche. Endlich war es mir, er sage etwas. Aber es schien doch nicht seine trockene, kindlich heisere Stimme. Es klang lauter. Zugleich zuckte ich unter einer Berührung zusammen. Eine Hand legte sich auf meine Achsel. Aber ich konnte die Augen noch nicht recht öffnen und mich auch nicht vom Platze bewegen. War ich nicht in einem engen unterirdischen Gang, an Händen und Füßen festgekeilt? Jetzt holen sie mich für die Bestien, sicher! Ich hörte meinen Namen wieder aufrufen, ich stemme mich in die Ellbogen, sperre die Füße in den Boden und… erwache. Carlos steht neben mir und lächelt sein kühnes Lächeln. Die Kapelle ist voll süßem, sonnigem Morgen. »Sie schlafen lange!« sagte Carlos. »Jetzt rollen Sie sich erst aus Ihren Wickeln und dann lade ich Sie zum Frühstück ein…« Er zeigte vor die Kapelle, wo ein Feuerchen brannte und Gonzal die wunderbarsten Kaffeedüfte in einem Pfannkessel entwickelte. Rasch rieb ich mir alle Schläfrigkeit von der Stirne, sprang auf und wollte meine steifen Beine in die warme Sonne hinaustragen. Da rief mir eine junge, melodische Stimme: »Guten Morgen, lieber Herr Erzähler!« Ei, ei! Ximenes trug einen Malschurz, stand hoch auf dem Leiterchen und malte an Sankt Tarcisius herum. Schon hatte er die verblaßten Haare und die erloschenen Augen aufgefrischt, die Backen tiefrot getüpfelt und das Gewand, wovon nur noch Fetzen sichtbar waren, glatt und lang zu den nackten Füßen heruntergemalt. Tarcisius war aus den schattenhaften Umrissen wieder zu einem kräftigen, farbenlustigen Dasein erwacht. Nun malte Ximenes eben die letzten Zacken des Heiligenscheines um den gestrubelten Kopf. Gewaltige Zacken, wie lange spitze Sonnenflammen in zitronengelbem Ton zückten da rundum! Es lebte nicht viel Seele in der Schilderung. Auge, Mund und Nase besaßen noch etwas von unbeholfenem, kindlichem Schreibtafelgekritzel. Damit vermischte sich ganz eigentümlich eine gewisse frühe Geschicklichkeit, nach Mustern zu zeichnen. So bekam das Gemälde eine steife und harte Unpersönlichkeit. Trotzdem gefiel mir dieser Tarcisius seltsamerweise. Er besaß etwas Großes, Überweltliches, Unerbittliches, ja, er war der Tarcisius, der den Buben nicht wich, das Sakrament nicht aus der Hand gab, großartig ohne Schrei und Seufzer starb. Er hatte hier gewiß wenig Seele, aber er hatte eine gewaltige Macht der Figur, der Haltung, der Unbewegtheit wie eine Trutz- und Ehrensäule. Von den Schnörkeln meiner Erzählung war da nichts zu spüren, besonders nichts vom himmlischen Schabernack am Schlusse. Ximenes hatte für diese Krausen und Flausen um ein wichtiges Menschenbild wohl kein Auge. Er war gewiß beim letzten Atemzuge des Heiligen gleich eingeschlafen, weil das Porträt für ihn nun fertig und die letzten heiligen Drolligkeiten meiner Schilderung für ihn völlig wertlos waren. Ich schämte mich ein wenig vor diesem ernsthafteren Erzähler an der Tafel, als er vom Leiterchen stieg, mir vorsichtig die farbbeschmierten Finger zum Guttag bot und mit hochgezogenen Wimpern und stolzem Blick auf mein Urteil wartete. Ungeduldig stupfte er mich und sagte schließlich: »Ich ließ Sie nicht wecken, bis ich fertig war. Um fünf Uhr habe ich angefangen… Hab' ich's getroffen? Ist das der Tarcisius?«

»Ja, er ist es!« sagte ich und schüttelte ihm voll Ergriffenheit die harte, schmale Hand. »Und er ist besser als der meinige«, fügte ich ehrlich bei.

*

Nach wenigen Tagen reiste ich meinem lieben Norden zu. Ich besah den bronzefarbenen Knaben nie mehr. Oder doch, im Geiste sehe ich ihn noch immer, den Glorienschein um den jungen, heiligen Römer… oder wie?… wäre es möglich?… jetzt um sein eigenes, wildedles Wesen malen. Fürwahr, ich möchte ihm noch einmal begegnen.

