Frau Agnes

Assisi ist ein kleines kurzweiliges Städtchen oben am Hang des Subasio. Schon das prachtvolle Lüftchen aus den Abruzzen ist da im Sommer köstlich. So oft ich es nachmittags spürte, mußte ich an den gewaltigen frischen Wind denken, den ein Tuchhändlerssohn aus diesem Weichbild in die schlaffen Segel des 13. Jahrhunderts blies.

Ich speiste und wohnte bei der Padrona Agnese di Serla. Sie besitzt ein gutes Haus mit dicken Mauem, kühlen Kammern und festen Fenstergittern. Schon weil sie einen reinen Bohnenkaffee kocht, ist sie durch ganz Italien eine Sehenswürdigkeit. Aber eine Tasse Kaffee – oder auch mehrere – an ihrem zersprungenen milchweißen Marmortisch trinken dürfen, ist mehr, ist ein Erlebnis. Ein unbekanntes Buch geht einem auf, wenn man ihren Reden zuhört.

Nach ihrer Meinung gibt es keinen größeren Heiligen als den Santo von Assisi. Santissima Vergine, die heiligste Jungfrau, jawohl, da kann man nicht markten. Aber San Giuseppe, des Christbübleins Nährvater, – nein, der reicht nicht an Franz, und Johannes der Täufer auch nicht –, da kann ihr der Canonico Battista, der gelehrte Vetter, alle heiligen zwanzig Bücher über den Kopf schlagen, Franz ist größer. Petrus trägt die Himmelsschlüssel, und Paulus hat das Evangelium durch die Welt gedonnert, das ist wahr. Aber ich frage: hat einer von ihnen die Wundmale des Herrn empfangen? – Ich frage: hat einer den Vögeln gepredigt, daß sie still blieben bis zum letzten Amen und dann in einem Takt Bravissimo pfiffen? Und hat einer von den Aposteln auch wirklich gelächelt? Vielleicht Johannes Evangelista! Nun gut! Der sagte: Kindlein, liebet einander! Aber er macht doch auf allen Bildern ein trauriges Gesicht oder er blickt so nachdenklich und übermenschlich erhaben neben seinem Adler in die Wolken und verliert ganz die Erde aus dem Gesichte. Franz aber, paßt nur auf, Franz bleibt hübsch auf der Erde. Er nascht süße Trauben gern. Spielt mit den Kindern Boccia und kann spaßen. Und es will ihm einfach das Lächeln nicht von den Lippen weg. Dann denkt doch, er hat nichts gehabt und doch gelacht. Ich sage, rein sauber und glatt nichts gehabt! Und doch gelacht! Würde wohl Paulus gelacht haben, wenn man ihm seinen schönen, dicken Bart abgeschnitten hätte? Oder Petrus, wenn man ihm die Schlüssel weggerissen und dem Jakobus zugeworfen hätte? Na, ich danke schön, die hätten nicht mehr gelacht! Aber Franz hätte gelacht. Tante grazie! hätte er gerufen. Viel, viel Dank, daß ihr mir auch dieses Leidwesen mit den Schlüsseln abnehmt. O dieser göttliche Francesco! –

Frau Agnese ist nie aus dem Gesicht von Assisi weggekommen. Im Schatten des heiligen Franz floß ihre Kindheit und fließt ihr Alter dahin. Wenn sie einmal nach Perugia hinüber fährt, im eigenen Wagen und mit dem eigenen Klepper, so peitscht sie das Pferdlein unbarmherzig, um möglichst rasch wieder in Assisi zu sein bei ihrem guten Kaffee, ihren abendlichen Hausgästen und ihren Devotionalien.

Denn meine Padrona ist Krämerin. Sie hat ihre Bude so nahe als möglich der Franziskanerkirche, an der Ecke der Via del Principe di Napoli. Also am eindringlichsten Platz, wo ihre Bildchen und Rosenkränze und Wachskerzlein am ehesten gekauft werden.

Niemand versteht seine Ware so zu preisen. Zu jedem Bildchen weiß sie einen kräftigen Spruch. Das ist der heilige Franzesco, wie er einen Toten erweckt! Einen Toten von zehn Tagen Grab und Verwesung – und augenblicklich erweckt! Seht, wie der Gestorbene um sich guckt und die schwarze Ewigkeit aus den Augen schüttelt und wieder die Sonne anliebelt! – Ach, ist der Mann glücklich! Und wie hat Franz selber am Wunder eine mächtige Freude und klatscht fast gar in die Hände und ruft:»Bravo, bravissimo, lieber, einziger Herrgott – das hast du wieder einmal famos gemacht!«– So erfindet Agnese ganze Gedichte. Fürwahr, sie hat viel Poesie im Leibe. 's ist nicht ordinäres Wasser, was sie heraussprudelt.

»Vossignoria, das ist Franz, wie er mit den Vögeln parliert. Wenn er ihnen gerufen hat: ihr lieben Menschlein im Gefieder, kommt! – so sind sie hergeflogen und haben sich ihm auf Knie und Kopf und Achsel gesetzt und sind in seine Ärmel geschlüpft und in seine Rocksäcke gekrochen und haben sich in ihn hineingenistet wie in einen lieben heimlichen Baum voll Schutz und Frucht. Schwalben kamen und Finken und Amseln und, denkt euch, sogar die vorlauten Spatzen und waren ganz still. Ja, die Grobiane von Krähen und sogar die Elstern mit ihrem schlechten Gewissen und eine Menge Spechte – alle kamen, mitunter sogar ein Falke oder ein Uhu. Ach, sie hatten so lange keine Predigt mehr gehört. Seit dem Paradies keine mehr! Jetzt redet Franz. Ich weiß nicht wie – nicht lateinisch wie mein Vetter Don Battista in San Rufino oder französisch oder unser Italienisch, sondern eine Vogelsprache. Die Vögel verstanden alles, nickten nach einem besonders schönen Satz, machten: Hm!, und: Ja so! – Und: Freilich! Freilich!, und: Wenn wir das nur früher gewußt hätten! – und die Elster versprach feierlich, nie mehr etwas noch so Glitzriges zu stehlen – und der Uhu gelobte, er wolle Tag und Nacht nicht mehr verkehren, sondern wie ein rechtschaffener Christenvogel am Tage arbeiten und nachts ordentlich schlafen. Die Raben wollten nicht mehr Nägel und Hobelspäne verschlucken, und die Drosseln nicht mehr auf die Amsel eifersüchtig sein, und Finken und Meisen gelobten, sich inskünftig nicht mehr die Federn auszurupfen, sondern lieber Vetter zu sagen. Und aus diesem bußfertigen Gezwitscher heraus ging Franz zu den Menschen und machte auch da alles gut und zufrieden.« –

So redet meine Padrona und glaubt, was sie sagt. Auch wenn sie erfindet. Auch wenn sie leise denkt: Franz hat nur zehn Sarazenen bekehrt – und laut sagt: zehntausend sind es gewesen! –, so glaubt sie das. Sie ist begeistert, der Heilige und die große Zahl reißen sie mit. So köstliche, fromme Übertreibungen kommen ihr wie Beten vor. Sie bekommt dabei Tränen in die Augen, ihre ganze Seele zittert vor Freude und vor Glück. Und sie schaut unter ihren schweren, grauen Wimpern über den Platz zum Kloster hinauf, wo Leute aus den Portalen treten, und sagt: »Auch die hat er gesegnet! Auch die! – Er segnet alle! Kommt, gute Herren und Damen, kommt! Hier ist das Beste in Assisi zu kaufen!« – Und sie ergrimmt, wenn viele Fremde zur anderen Bude gehen, an der Ecke der Via San Giacomo.

Ach, klagt sie, es ist nichts mehr mit diesem Handel gegen früher! Die Leute bezweifeln alles. Nichts nehmen sie mehr für wahr. Wurmstichig ist die schöne Gläubigkeit der einstigen Wallfahrer geworden. Einst konnte man Tuchstücklein verkaufen, kleine braune. Das waren Fetzlein von der echten Franziskuskutte. Es gab Fasern aus dem Strick des heiligen Franz, ja, Federchen von den verschiedenen Vögeln, die ihm nachgetrippelt sind und die, während er schlief, in seine hohlen Hände ihre warmen Eier gelegt haben. Solche Federn waren sehr teuer. Man konnte für eine ganz geringe Spatzenfeder vier, fünf Lire kriegen. Eine Nachtigallenfeder aber kostete schon dreimal mehr. Gebänderte vom Uhu konnten überhaupt nur die Inglesi bezahlen. Ahi, da konnte man noch anständig verdienen. Und die ganze Welt trug damals noch etwas vom heiligen Franz an sich. Darum lebte man noch so brav. Aber der Bischof hat nun das mit den Federn und anderes verboten. Gott, warum denn einer armen Frau schaden? Nur Bildchen und Rosenkränze und Figürchen darf ich noch verkaufen. Aber Agnese übertrumpft man nicht. Es sind Gebete auf die Bildchen gedruckt. Und wer die gut betet, dem gibt der Papst oder der Bischof so und so viele Tage Ablaß. Meist steht darauf hundert Tage Ablaß. Aber das ist ein Druckfehler. Nehmt dreihundert! Oder es steht sieben Jahre. Warum nicht gar – so ein Moment! Nein, wer dieses Gebet sehr, sehr fromm verrichtet, die Hände zusammen und kein Auge offen – warum soll er nicht dreißig Jahre und mehr Ablaß haben? Gott und Seine Geschenke lassen sich doch nicht so geizig austeilen. Sicher nicht! Nehmt Gott lieber größer als kleiner, reicher als knapper – Ihr fasset Ihn dann noch immer zu klein und zu knapp. –

So Agnese! Ein seltsames Weib, voll Wahrem und Falschem und dazu mit Augen wie ein schlaues Kind, hellbraune, heitere, vogelschnelle.

Sie hat eine schwere Geschichte hinter sich. Ihr Mann ist ihr fast noch als Jüngling weggestorben. Aber das ist es nicht. Jedoch ihr einziger feiner Sohn Marzo wollte nicht Geistlicher werden. Das war ein großes Leid. Der Canonico erbot sich, ihn Latein zu lehren. Aber der Schlingel warf ihm alle lateinischen Bücher aus dem Fenster in den Domherrenhof. Was sagt Ihr dazu? War das nicht ein kleiner Teufel?

Wir sind von den ältesten Bürgern der Stadt. Ein di Serla hat dem heiligen Franz oft Geld und Tuch und Eßzeug nach San Damaso hinuntergebracht. Mein Marzo würde hier sogleich Domherr, von der ersten Messe an. Wer weiß, er könnte Bischof werden! Nun, was gafft man mich so groß an? Ein Bischof di Serla – klingt das nicht sehr gut? Ich würde ihm den Haushalt führen.«

»Aber der Kramladen, gentilissima Signora di Serla, wie?«

Schmerzlich sieht Agnese auf ihren schweren, bunten Kramtisch. »Ich müßte ihn wohl aufgeben«, seufzte sie. »Vielleicht hat Michaela – doch nein, nein, nein!«

Das war die erprobte Magd zu Hause. Sie besorgte die Wirtschaft vortrefflich und bediente und verhätschelte den jungen di Serla wie einen Königssohn. Als sie sah, er habe für nichts Talent als fürs Markten und Feilschen und Profitchenmachen, da bildete sie ihn in den vier Grundoperationen tüchtig aus. Denn auch sie war eine helle Rechnerin und zählte vier Kaffee, zwei Kirsch, drei Gläschen Chianti und fünf Zigarren in einem Auf- und Niederschlagen ihrer schlauen Augen auf den genauen Centesimo aus.

An einem milden Tag hinten im Januar, wo man gegen die Statione hinunter schon Veilchen findet, Veilchen, wie an einem brummeligen Thüringer Wiesenbach, nur duften sie nicht so heimatlich süß – da sagte der flotte, schöne Bursche Marzo seiner Mutter zum Namenstag als Gratulation das Einmaleins vorwärts und rückwärts ohne Stottern und Zagen auf. Das Multiplizieren ging am schneidigsten. Das Dividieren zwar geschah auch sehr sicher, aber mit einem inneren Widerstreben gegen das Teilen, das Verzetteln, das Armwerden, das in dieser Operation so unheimlich angedeutet ist.

Die Mutter klatschte in ihre zwei breiten Krämerinnenhände. Sie war besiegt. Sie verzichtete auf Birett und Kanonikusmäntelchen und sagte: »Also wirst du in Gottes Namen ein Kaufmann, wie alle di Serla.«

Agnese freute sich an jedem kleinen Blitz von Handelsgenie, das im Geplauder aus Marzo zuckte. Jeden Soldo verehrte sie abgöttisch, von dem Marzo einen abgefeimten Krämerschlich zu erzählen wußte.

Aber dann ging es auf der Industrieschule in Perugia mit dem Buben keinen Schritt mehr vorwärts. Da kamen Zeugnisse mit elenden Noten und dem Vermerk: Talentlos – Schwer von Begriff! – Eignet sich besser zum Grobschmied! – und ähnlichen Professorenwitzen. Auch San Franzesco hatte kein Einsehen, so eifrig sie zu ihm betete. Marzo war und blieb in Perugia ein unwissender Lümmel!

Als er sechzehnjährig geworden, was bei uns im späteren Norden achtzehn bis zwanzig Jahre bedeutet, half er der Mutter an der Bude. Und sieh, da war der schlechte Theoretiker der beste Praktiker. Ein staunenswertes Talent kam zum Vorschein. Wo die Padrona erzählte, dichtete er schon; wo sie schilderte, malte er; wo sie versilberte, vergoldete er. Und er lächelte mit seinen schlauen, süßen, grauen Augen so charmant und zog seine niedrige, aber wachsweiße Stirne so wichtig unter dem kurzen, schwarzblauen dichten Haar zusammen, daß die Pilger bald lieber von ihm als von der Mutter kauften und ein Schatten frommer Eifersucht über die Seele Agnesens fiel. Es gab dann und wann Streit mitten im Profit zwischen den zwei Krämerseelen. Die Mißhelligkeiten wuchsen, die Eifersucht ward immer unfrommer. Zuletzt teilte man den Budentisch. Die Hälfte gegen Perugia nahm Marzo. Da waren die gelben Wachskerzen, wie man sie für Tote, für Buß' und Sünde, im großen Unglück etwa ansteckt. Dann Rosenkränze aus gedrehten Holzkügelchen und Bilder des heiligen Franz ohne die Wundmale. Auf der Tischhälfte gegen den Berg verhandelte Agnese beinerne Rosenkränze, weiße Kerzchen, wie man sie zur Freude für Unschuldige, bei Wundern und Erhörungen entfacht, und endlich Bilder mit dem Santo im mystischen Glanz der fünf Wundmale.

Das Geld floß am Abend in die gleiche Truhe. Aber der Handel selbst, nicht nur der schließliche Tagesprofit, war auch ein Fest für diese zwei Budenherzen. Und gerade dieses Fest verdarben sie einander, weil jedes die höheren Noten dabei singen und das größere Amt dabei verwalten wollte.

Man konnte nun außerordentliche Dinge erleben.

Eines Tages stand ein grober, knochiger Schweizer aus den Urner Bergen vor dem Tisch und wollte einen Rosenkranz kaufen. Er stand so unglücklich in der Mitte, zwischen Perugia und dem Subiaso, zwischen Franz mit und Franz ohne Wundmale, daß Mutter und Sohn den seltenen Gast beanspruchten.

»Hier sind Rosenkränze aus Korallen«, sagte Agnese mit ihrer großen Altstimme,»Korallen aus dem jonischen Meere, von Kreuzfahrern gehoben, von Franzens Brüdern – –«

»Hier ist, edler Signore, ein Rosenkranz aus Zedernholz«, sang die süße, fast noch ungebrochene Stimme Marzos, begleitet von einem bestrickenden Knabenlächeln, »Zedernholz vom Ölberg. Ich meine den Ölberg bei Gerusalemme.«

Auf diesen Trumpf wetterte die Mutter mit erhobener Stimme: »Oder wünschen Eure Herrlichkeit diesen Perlenrosenkranz? Er ist nicht teuer. Natürlich echte Perlen, gefunden im Tal Josaphat. Wie man sagt, versteinerte Tränen des großen Propheten Geremia – als er dort fastete und büßte für das arme gefangene Volk seiner lieben Juden –«

»Ja, ausgezeichneter frommer Pilger, das ist sicher ein wunderbarer Rosenkranz. Aber nun erst der da!« klingelte Marzos melodische Stimme. »Diese Kügelchen sind verbürgtermaßen aus dem Napf geschnitzelt, aus dem die heilige Familie Milch und Mus gegessen hat zu Mittag und zu Nacht.«

Dem Gletschermenschen vom Gotthardgebirge schmolz die harte Seele bei solchen Offenbarungen. Droben bei ihnen redete der Herr mit Lawinen und Felsstürzen. Aber hier ist es noch die alte, goldene Sprache der Wunder. Die Rosenkränze der Hirten daheim sind aus Kieseln oder aus Glasperlen gefertigt. Aber hier haben alle Geheimnisse des Morgenlandes daran mitgearbeitet. – Der Rosenkranz aus dem Näpflein des Christkindes scheint ihm das Großartigste von allem. Was er koste?

Nur acht Lire!

Viel Geld für einen einzigen Rosenkranz! Der Schweizer mit den zugeklobenen Händen zaudert.

»Es ist nicht sicher, daß die Perlen aus der Schüssel der heiligen Familie gedrechselt sind«, mischt sich Agnese ins Geschäft. »Viele meinen, es sei nur der Topf des kleinen Johannes in der Wüste gewesen. Nun, das ist auch wertvoll. – Aber mit diesem Rosenkranz ist ein echter Splitter vom Kreuz auf Golgatha – – seht einmal in die Medaglia! – – eingefaßt, ein echter Span vom blutigen Kreuz unseres lieben Herrn Heilandes, und kostet nur sieben Lire! Una lira di meno!«

»Wenn alle Splitterchen echt wären, liebe Mutter«, spottet Marzo mit aalglatter, giftiger Süßigkeit, »dann hätte unser Herr und Erlöser wohl an zehntausend Kreuzen sterben müssen. Das wäre ein ganzer Olivenwald! Aber von dieser Sorte schwarzer Rosenkränze aus der Christkindleinküche, wie man das heißt, gibt es nur ein Dutzend. Das ist doch ein Beweis, daß sie echt sind. Nicht wahr, Euere Herrlichkeit? Und da Ihr so weit her zu kommen scheint und schon so lange in der Sonne steht, so gebe ich Euch dieses Wunder von einem Rosenkranz für sechs Lire! Una Lira di meno! Aber Euch allein, und sagt es niemand! San Franzesco wird mir den Schaden gut machen.«

Das entschied. Der Schweizer nahm diesen Rosenkranz mit tiefer Andacht, aber doch mit heimlicher und echt eidgenössischer Freude, sogar an einem solchen Heiligtum noch einen Profit erzielt zu haben. Wenn er zu Hause am Abend daran seinen Kindern vorbetet, so denkt er, daß an diesem ehrwürdigen Holz die kleinen, heiligen Hände des Jesuskindes und die schneeweißen der Muttergottes und auch die runzligen Zimmermannsfäuste des heiligen Joseph oft und oft gehaftet haben. Und dieser Gedanke gibt seiner betenden Stimme eine besondere Kraft und Weihe und Segnung. Aber leise, leise klingeln manchmal doch auch silberfein die zwei abgemarkteten Fränklein in die Andacht hinein.

Bald danach trennten sich Mutter und Sohn. Sie blieb am alten Eckplatz der Via Principe di Napoli, er an der anderen Ecke der Via di San Giacomo. Beide hatten ihre besonderen Waren. Aber heimlich legte sich Marzo bald auch beinerne Ketten und Kränzlein und Agnese hinterrücks auch hölzerne Heiligtümer zu. Kam eines zum andern etwa an dem Marktstand vorüber, so deckten sie das verbotene Feilzeug mit einem Wachstuch zu. Noch nach Monaten und Jahren taten sie das, obwohl jedes den Betrug des anderen klar durchschaute.

Tag für Tag hatten beide das Kloster und Grab des Santo vor sich. Aber beide waren gehässig aufeinander und verleumdeten einander bei den Pilgern. Marzos Zedernsächelchen seien nicht echt. Man mache das alles in der Fabrica d'Ormone in Perugia aus ganz gewöhnlichem, stark gefärbtem Pappelholz. Und Agneses angebliche Kreuzlein aus Lava bei Santa Rosalias Eremite seien nichts als einheimischer Tuff und ihre Perlen reines Glas aus Venedig.

So verdarben sie einander den Profit und schütteten doch abends den Erwerb mit geiziger Freude zu einem Haufen. Dann aßen sie rasch mitsammen die Minestra und tranken von einer Flasche den blauroten Nostrano und plauderten mit den Pensionsherren und waren wieder ganz Mutter und Sohn. Jedoch sobald der Morgen graute und die Wallfahrer von der Stazione heraufkamen, und sie wieder ihre Ladentische aufstellten, waren beide auch wieder zwei bitter verfeindete Parteien, haßten einander auf Tod und Leben und machten sich den langen umbrischen Tag mit seiner süßen Sonne sauer.

Aber Marzo stand dem Kloster etwas näher. Wer fromm und zerknirscht von der Gruft des Heiligen in die Stadt zurückkehrte, der kam früher an seiner Bude vorbei. Und da harrte Marzo, der jugendliche Bengel, mit seinem melodischen Gezwitscher und seiner unschuldig weißen Stirne und fragte: »Nicht wahr, ein großer Heiliger? Und wie man beten kann am Grabe! Besser als in San Pietro zu Roma und als in San Carlo zu Milano und selbst als im Sacro Specce zu Subiaco. Nicht wahr, Vossignoria ist jetzt wieder viel leichter zumute? Man sieht es. Lachen Sie doch! Ja, ja, das muß man bei Franzesco wieder lernen, das Lachen. Und Ihr seid erhört worden, lieber Herr, das merkt man gleich. Ihr habt einen Menschen aus dem Unglück herausgebetet. Ist es nicht so? Oder Euerer Frau geistliche Freude nach Hause geschickt. Oder ein schönes Kind von Euern schönen Kindern gesund gemacht. Hab ich's jetzt nicht erraten? Nun, gentilissimo Signore, nehmt da ein Andenken mit an diese Stunde. Es ist eigens für diesen Fall berechnet. Oder wollt Ihr dieses Büchlein, es sind achtundzwanzig Bilder vom Kloster und zweiunddreißig vom heiligen Franz drin. Da könnt Ihr daheim alles zeigen, wo die Stiege in die untere Kirche und in die Felsen hinabgeht und wo Vossignoria gekniet haben und wo Sie dem Heiligen am schönsten begegnet sind. Per Dio, es kostet nur die Kleinigkeit von zwanzig Soldi. Unsereiner muß heutigentags fast umsonst – –«Ein süßes, verzweifeltes Gebrummel über die elenden, gottlosen Zeiten folgt.

Oft umstanden den jungen, hübschen Marzo zehn oder zwanzig Pilger und hörten ihm zu, wie am Dorfmarkt die Kinder und die Bauersleute offenen Mundes an den Lippen des hitzigsten welschen Feilbieters hängen. Marzo hatte das Fabuliertalent seiner Mutter, aber dazu eine wahrhaft bübische Keckheit und eine frische Glockenstimme voraus, vor allem aber einen unverwüstlichen, begnadeten Humor. Wie er Witze riß und gleich darauf in Taubeneinfalt die Blicke senkte und bat: »Verzeiht mir, ich bin ein Kind, meine Mutter da drüben schilt mich immer darob. – Ich weiß nicht, was ich schwatze.«

Aber unten am Stande der Padrona ward es leer und leerer. Sie konnte stundenlang warten, bis ein einziger Pilger ihr ein Votivtäfelchen für sechs Soldi abkaufte. Der Racker von Tedesco, einen Sold hatte er ihr noch abgefeilscht. Mit verzehrendem Neid sah sie ihren Marzo drüben mitten im schönsten Handel, wie er seinen blauschwarzen hübschen Schädel neigte und hob, und sein Glück fraß ihr wie ein Geier am Herzen. Sie ging nach Neuigkeiten aus und fragte die Pilger, was man etwa in Rimini beim San Nicolo oder in Siena bei Sante Caterina oder in den Katakomben für frische heilige Saisonstücke sehe. Aber sie war schon zu alt zu einem Wettlauf mit dem Jungen. Marzo kam ihr überall zuvor. Er legte die Ölfläschchen von Oliveto und die heiligen Blätter vom Baume des Zöllners drei Wochen vor ihr auf. Ja, er erfand eigene, prächtige Sachen, zum Beispiel ein Lorbeerblatt, aus dem Garten seines Oheims, des Canonico, geholt und mit dem kleinen herrlichen Kirchengebet zum Santo bedruckt. Oder ein Nastuch, worauf man Franz gegen die ruchlosen Sarazenen ausziehen sah. Und er verfehlte nie zu sagen, daß man aufpassen und sich nur in die Gruppe der Muhamedaner hinein, keinesfalls in die erlauchte Schar der Bettelmönche schneuze. Als nun ein garstiges Kerlchen von Spoleto extra und aus Quälerei ins verbotene Revier sudelte, da bekam er einen Schnupfen und ein Niesen, daß es ihn hoch in die Lüfte schnellte. Mit drei Fingern könnt' er's beschwören, versicherte Marzo jedesmal.

Bald darauf heiratete der vorbestimmte Canonico und Bischof von Assisi eine brave, tüchtige Giulietta, und nun hörte auch die abendliche Freundschaft der zwei Gegner daheim auf, da das junge Paar ein eigenes Haus bezog. Von nun an kannte Agnese weder Marzo noch Giulietta mehr. – Pensionäre baten die Matrone, doch den Kram aufzugeben und nur noch ihrer Pension zu leben. Sie wäre ja nun wohlhabend genug und brauchte solchen Verdruß an der Bude nicht mehr. Agnese probierte es. Aber schon am ersten Tag war ihr nirgends wohl, als sie die Front von San Francesco und die auf- und absteigenden Pilger nicht mehr sah und das viele Gebimmel in der Luft ringsum nicht mehr hörte und ihre tausend Sächelchen nicht mehr ordnen und auslegen konnte. Am zweiten Tag überwand sie das Heimweh noch. Aber am dritten saß sie wieder an der Ecke und bot Gebetbücher und Rosenkränze feil.

Arme Agnese! Sie hatte nun sehr viel Zeit zur Betrachtung. Um das Ärgernis da drüben minder zu merken, fing sie an, statt mit frommen Pilgern, sich mit ihren Figürchen und Bildern zu unterhalten. Ganze Nachmittage konnte sie eine neue Serie Heiligenbilder studieren. Das hatte sie früher nie getan oder doch nur mit den rohen Augen des Krämertums. Jetzt forschte sie sich eingehend in die Gemälde hinein, las die Büchlein langsam durch und fühlte etwas wie Erleichterung und Festigkeit über sich kommen. Besonders traf sie das eine: wie Franz über allen Plunder der Welt lachte und froh und ledig aller Erde zwischen Stein und Staude ein geistlich Lied sang oder auch pfiff oder trillerte. Das muß doch köstlich gewesen sein. Und dann aber gar das: wie er selber kein Glück am Ladentisch hatte, Seide für Wolle und Wolle für Barchent verkaufte und tapfer betrogen ward und dafür zu guter Letzt vom Vater Prügel bekam und bittere Schelte, er sei kein Kaufmann, sondern ein Taugenichts und Tunichtgut, ein Vagant und Faulenzer. Solche Lesung tat Agnesen wohl. Ihre Ladenwaren und ihr Schicksal gewannen einen heiligen Zusammenhang mit dem ungeschickten Heiligen. Bald redete eine ungewohnte Innerlichkeit und Wärme aus ihr, wenn sie einem Pilger über ihre einzelnen Sachen Auskunft gab. Das Lügen verlor sich ganz von selbst. Es blieb ja doch genug Wunderbares bei allem. Sie drängte und drückte und feilschte nicht mehr, und es nahm sich großartig aus, wie sie ruhig und froh blieb, wenn nach siebenmaligem Betasten ihrer Kreuzlein aus ungedorntem Rosenholz so ein dürrer Engländer zuletzt sagte, es passe ihm nicht, und er zu Marzo hinüberstelzte. Danach fragte sie den Santo, ob sie's recht gemacht habe? Ob er gesehen habe, wie sie lachte, obwohl der Inglese sie zuerst ein wenig wurmte? Ob er also mit ihr zufrieden sei? Und es schien ihr, der Heilige nicke aus allen hundert Bildchen auf dem Tische ihr ein freundliches: »Si, si!« zu und öffne sogar ganz wenig den Mund und sage: »Bravissima, Agnese!« – Dann fing sie an, die ersten Verse seines Sonnenpsalmes zu buchstabieren und auswendig zu lernen, und ihr wurde warm und selig dabei.

Es ging nicht leicht und nicht hurtig, gewiß nicht, aber es ging. Die di Serla sind immer zähe Menschen gewesen. Im Guten und im Bösen. Wo sie sich einmal festgebohrt haben, lassen sie nicht mehr los, bis sie auf den Grund stoßen. Manches war noch lange äußerlich an Agnesens Andacht und Eingezogenheit. Ein Schimmerchen Scheinheiligkeit und Theater spielt mit. Aber dann sah sie wieder das Lächeln des Santo hundertfach vom Tisch aufleuchten: Corraggio, Agnese – avanti, avanti! Und dann studierte sie ihn noch inniger und sagte langsam die Sonnenverse her, soweit sie selbe wußte, und lernte wieder zwei neue dazu und wiederholte alles, mehr singend als sprechend, und fühlte sich dann immer inniger in den sorglosen Jubel der Hymne hineingerissen mit den Vögeln und Sternen und Engeln und lachte zuletzt auf allen Plunder der Erde ein feines, echtes Franziskuslächeln. Das Gesicht der Padrona gewann dabei eine hohe, stille Fröhlichkeit. Und ihre zurückeroberte sichere Ruhe und die klugen und frommen Erklärungen, was für ein Geist in diesen Waren stecke, dazu eine sehr liebliche, frauenhafte Zurückhaltung, die sie auch erst von San Francesco gelernt hatte, weiter das Friedliche: man möge sich doch nur ihre Sächelchen ansehen; darum brauche man doch nichts davon zu kaufen – das alles konnte unmöglich auf Jahr und Tag wirkungslos bleiben. Eine kleine einheimische Gemeinde wuchs um sie und vergrößerte sich täglich, zuerst ein paar Pfarrherren, dann ältliche, fromme Weiblein, dann lustige Kinder, dann das große Volk. In den Gasthöfen, wo die Fremden den Hotelier um Rat fragten, hieß es gern: Marzo habe wohl feine Dinge und sei ein kapitaler Kerl. Aber er schwindle ein bißchen. Agnese jedoch rede kein Wort zu viel, und doch könne sie zu jedem Buch und Bild und zu allein frommen Trödel eine kleine Predigt mitgeben.

Während es bei Marzo höchst geräuschvoll zuging wie auf dem vollen Markt, war um Agnese eine Luft wie Kirchenodem. Der junge Händler kleidete seinen schlanken Leib in bunte Tücher und sah darin wie ein Cavaliere so toll und prächtig aus. Die Padrona dagegen trug seit dem Tode des Canonico nur noch schwarze Röcke und einen feinen, durchsichtig schwarzen Schleier über dem Kopf, worunter ihr weißes Haar wie ein silberner Heiligenschein hervorglomm. Sie war im ganzen Leben nie so schön gewesen wie jetzt. Wie oft haben amerikanische Millionärsöhne und ungarische Gräflein sie sehr höflich gefragt, ob sie von ihr eine Momentaufnahme mit ihrem Kodak machen dürfen. Jeder fühlte, daß er hier fragen mußte. Sie lächelte dann und nickte ohne die kleinste Eitelkeit: »Le piace? – ebbene, eccomi!« Und sie hantierte weiter an ihrem Stand, genau wie vorher in göttlicher Ungezwungenheit, so daß es unvergleichlich liebe und wahre Bildchen von ihr gab. Bald sah man ihr schön verschleiertes Haupt und ihr abgeklärtes, lächelndes Gesicht in allen Papier- und Bücherläden ausgestellt. »La bella Vecchia!« forderte man einfach und bekam die Cartolina um gleiche zwei Soldi wie das Bild des Königs oder des Papstes oder Napoleons oder der reinen, schönen, wunderbaren Santa Chiara.

Eine Krämerin von so vielen Jahren Eckenstehen und Menschenzuspruch bekommt eine gewaltige Einsicht in die Leute. Agnese sah es den Gesichtern an, ob man von Napoli herauf oder aus Piemonte herunter komme, ein Francese oder ein Ollandese sei. Sogar die Inglesi wußte sie von den Americani zu unterscheiden. Nur den Deutschen und den Schweizer konnte sie nicht recht auseinanderhalten. Das heißt, den Prusso schon. Aber den Swaba einfach nicht. Basel, Stuttgart, München, Zürich, Karlsruhe, das schien ihr alles so beisammen zu liegen, wie Spello, Assisi, Perugia und Foligno.

»Die Schweizer reden langsamer«, erklärte ich ihr.

»Tutti? No, no!«entgegnete sie. Sie dachte vielleicht an eine Schar St.-Gallischer Pilger, die selbst vor ihrem frommen Stand noch von der nächsten Bezirksrichterwahl im Rheintal hin und her gestritten hatten.

Ihre Italiener aber kannte sie genau, ob einer ein Ingenieur oder ein Künstler, ein Arzt oder ein Jurist sei, ob er in Gesundheit herkomme und nur aus Neugier, oder mit einer Not oder in Zweifel und Kälte. Es kam vor, daß die gute Serla einem Pilger seinen mageren Acker zu Hause oder seinen schwierigen Martinizins ansah und ihm dann ein Bildchen oder Tonbildchen umsonst anbot. »Solamente un Paternoster per me! – In sotto!« bat sie. Für ein Vaterunser in Franzens Totengruft gab sie oft noch eine Münze zur Ware hinzu. Mit den Priestern im Kloster stand sie so gut wie Santa Chiara zu San Francesco. Die Mönche empfahlen ihren Pilgern immer, falls sie ein Andenken kaufen wollten, es bei der »bella Vecchia« zu holen. Da ruhe Segen auf jedem Fetzlein. Das junge, leichte Geschlecht huldigte wohl immer noch Marzo, weil er so schön und so witzig war. Aber die reiferen hielten sich durchaus an Agnese. Bald konnte man die bessere und zahlungsfähigere Hälfte zur Kundsame der Matrone zählen.

Um diese Zeit kam ich das zweite Mal nach Assisi. Jahre waren seit meinem ersten seligen Hiersein verflossen, und ich wußte nichts von dem Wandel der Dinge an der Prinzen- und Jakobstraße. Mit der alten Freudigkeit trank ich die Lieblichkeit der umbrischen Landschaft vom Stadtgarten aus, zwischen den zwei Ausgängen Porta Nuova und dem Kapuzinertor, in mich hinein. Dann trieb es mich durch die Stadt. Sei mir gegrüßt, alter Dom, ehrwürdiger, grauer Jahrtausendgreis! Und du auch, innige, aber leider viel zu nervös-melancholische Statue des Santo vom feinen Dupré! Was gäbe ich, wenn du innig sein könntest, ohne schwermütig und gefühlvoll, ohne nervös zu scheinen! Da ist schon der Minervatempel, wo jetzt die Madonna das Szepter schwingt. Nun erst noch durch Eidechsen und silberdürres Unkraut zur Rocca hinauf, von wo die Stadt wie ein Bienenwaben aussieht, und dann hinunter nach dem Kloster. Die Padrona grüßen und immerhin doch einen Franz von Dupré, den vielbewunderten Meister, kaufen.

Doch Agnese wies mich nach einem mütterlichen Willkomm zum andern Stand hinüber.

»Dies Figürchen bekommen Sie drüben bei Marzo. Ich schaff's nicht mehr an. Ich versteh's doch nicht recht. 's ist mir zu neue Mode. Gehen Sie nur – gehen Sie doch!« winkte sie, als ich zögerte. »Wir sind gute Freunde!« –

»Was hat es denn gekostet?« fragte sie dann, als ich ihr die kleine, wertlose Kopie vorhielt.

»Dodici soldi!«

»Und er ist und bleibt doch ein Lümmel!« brauste die Witwe auf. »Nehmen Sie diese Medaglia dazu!«

Sie hatte wacker gealtert, das merkte ich, als sie mir am Abend auf der Terrasse ihres alten, bequemen Hauses, das Gesicht mit dem ruhigen Schleier gegen Perugia und das schönste umbrische Abendrot gewandt, mit wenigen Worten sagte, daß sie nun doch das Geschäft aufgeben und feiern wolle. Noch bis zum Kirchenfest bleibe sie. Da kommen so viele alte Kunden, die sie noch einmal sehen und denen sie ein Andenken geben will. Dann möge Marzo einen anderen Konkurrenten haben. Oh, er wird sehen! – Wenn die eigene Mutter nicht mehr an der Via del Principe sitzt –, sondern nur Krämer, nur Krämer! Ahi, er wird Augen machen!

Und sie pfiff leise zwischen ihren großen, gesunden Zähnen. Dann kreuzte sie die Arme über ihre breite, runde Büste und rief schelmisch:

»Marzellino!«

Und da sprang augenblicklich ein kleiner, vielleicht sechs Jahre zählender Marzo vom Geländer zu ihr. Ihr Enkelbüblein! Ein wahrer Prinz, so fein und übermütig. Das ganze, bleiche Gesicht war vom dichten, blauschwarzen Kopfhaar überschattet. Er weilt fast immer bei der Großmutter. Zu Hause ist man sogar gegen das erste Kind schon geizig. Aber reich wird man.

»Kerlchen, sag einmal dem Herrn da, wie du heißest! «

»Marzellino – di Serla!« sagte der Knirps sehr hell und klingend. Es war die Stimme seines hübschen melodischen Vaters an der Bude. So sagt der Vater im gleichen auf und nieder schwebenden singenden Ton: »Una lira – e mezza!«

»So, gut! Und was willst du denn werden?«examinierte Agnese weiter.

Mit früher, köstlicher Schlauheit schlug der Kleine die großen, schwarzen Augen gen Himmel auf und erwiderte:»Prete – allora canonico – allora vescovo!«

Und dann hörte ich:»Una lira – sedici lire – sessanta lire!«

»Bravissimo! – Seht, Signore, das gibt nun einen richtigen Pfarrer!«

»Aber jetzt gib mir etwas«, bettelte der Kleine und griff flink in die Tasche der Matrone. Mit seinen zappeligen, weichen, zum Geldzählen wie geschaffenen Händchen krümelte er in den untersten Zipfel hinunter, und seine Augen lachten vor Vergnügen, als er gleich eine Münze erhaschte. Er zog sie nicht aus dem Sack, sondern hielt sie nur fest und fragte: »Darf ich das behalten, Nonna, was ich in der Hand habe?«

»Ja, wenn du weißt, wieviel es ist! Aber nicht anschauen!«

»Mezza lira«, sagte Marzellino sofort.

Wahrhaft, es war so. Der Halbfränkler ist leicht mit dem Quatrino zu verwechseln. Aber beim ersten Tasten erriet der Junge das Stück.

»Das ist eine Kunst!« sagte Agnese stolz zu mir. »Nun geh zu Bett, Kleiner, und vergiß mir nicht das Gebetlein: O Gott, der du gesagt hast… die Ernte ist zwar groß, aber der Arbeiter sind wenige… sende…!«

»Si, si, si!«lachte Marzellino und trollte sich ins Haus. Und während der Schlingel die Preghiera aus Gewohnheit ohne Sinn herunterschnabelte, drückte er den Halbfränkler wohl zwanzigmal an die Lippen und lispelte andächtig: »Una lira, due lire, cento lire!«

O Padrona Agnese di Serla, laß alle violetten Hoffnungen fahren. Komm und hör' einmal, was dein zukünftiger Bischof für ein seltsames Brevier betet!

