Die Katzen vom Pantheon

Ein ganzes Buch von Pantheonmärchen flüsterte in meinem Ohr, als ich das erstemal aus der Via Giustiniani heraus gegen den steinalten Rundbau mit der himmlischen Bedachung vortrat. Dieses Runde! Es verhexe vor allem die germanische Seele, die so viel mit Ecken und Steifheiten zu fechten habe. Vor dieser aufgelösten Zirkelpracht höre man um Mitternacht die Seufzer des malenden und meißelnden Nordens wie unerlöste Gespenster herumstreichen. Es gebe Kunsthistoriker, die nach dem Genusse dieser runden römischen Hexe alle noch so blutsverwandten Beziehungen zur Frau Gothik abbrechen. Das Quadrat erscheine vor dieser melodischen Vollkommenheit wie eine Pedanterie, das Parallelogramm wie eine Verdrehtheit, das Trapez geradezu als ein Affe und Narr der Kunst. Dieser erstaunliche Tempel habe manchen fröhlichen Könner zu Genietaten, manchen Schwächling zum Selbstmord verleitet und sei sogar am Kubismus und Futurismus nicht ganz unschuldig.

Das sind ärmliche Legenden, die alle beim Anblick des Pantheons in nichts ersterben. So groß ist die Wahrheit des Gebäudes selbst. Und doch, als ich das erstemal vor seine Säulenhalle trat, da sah ich nichts von der weisen Geometrie und nichts von der steinernen Melodie dieses Werkes, ich sah nur wohlgezählte siebzehn magere, graue Katzen der Länge nach über die Fliesen des Vorhofs gestreckt. Sie hatten den langen, dünnen Schwanz zu einer Ellipse geringelt und schienen ein bißchen zu schlafen und ein bißchen auch die trägen, aber lüsternen Tigeraugen aufzuschlitzen und eine arme deutsche Seele anzublinzeln.

Ich liebe die Katzen wie ein Mozart-Allegro, wie ein Correggio-Engelchen, wie – wie – ja, wie eine kleine, geistreiche, graziöse Bosheit von Zeit zu Zeit. Aber so viele Katzen auf einmal!

In unserer nordischen Heimat, dem Vaterland der Vereine, sah ich einmal fünf Katzen beieinander. Das war die größte zisalpine Versammlung. Aber sie fand im Hornung statt.

Doch jetzt im trägen, trockenen Juli, so außer aller Schwarmzeit, am offenen, hellen Tag, mitten in der Großstadt siebzehn Katzen –, man überlege sich das einmal!

Und alle trugen das gleiche wilde, graue Fell, einen etwas zerzausten Schnurrbart, einen geschmeidigen, langen, mageren Leib, und alle lagen in monumentaler Stille da, die einen alle vier von sich streckend, andere ineinander gehaspelt, dritte unter den Bauch verkrochen, vierte wie Philosophen sitzend, mit samtenen Knien und beschaulich vor sich hin auf die Nasenspitze blickend.

Obwohl ich ganz solche Stellungen auch an deutschen Katzen oft bemerkt hatte, so fehlte hier doch etwas. Was war es nur? Ach ja, das Gemütliche und Stubenhafte unseres Hinz und unserer Mieze. Selbst die verkrochenste Katze hatte hier etwas Klassisches und öffentliches. Alle lagen in antikem Stile da. Es waren keine Hauskatzen, sondern römische Panther von jener Sorte, die am goldenen Gespann des schneebleichen, grausamen, satanisch schönen Cäsarbuben Caligula angeschirrt waren, oder Kinder von jenen Tigern, die Sankt Ignatius in der Arena zerrissen haben, oder es waren Schoßkätzchen jener furchtbaren römischen Weiber, der Messalina oder der Poppäa – kurz diese Katzen waren so alt wie das Pantheon. Das fühlte ich.

Und sie waren bis heute Heidinnen geblieben. Alles hatte sich bekehrt. Ganz Rom hatte sich in vier Jahrhunderten taufen lassen. Löwen hatten dem Einsiedler Paulus das Grab gehackt, den Märtyrern die Füße geleckt, Bären trugen dem Prediger Gallus Balken und Scheiter zum Zellenbau, Raben dienten dem Klausner Meinrad, ein Wolf stellte sich gehorsam dem Franz von Assisi und selbst die schwachsinnigen Fische bemühten sich, der Predigt Antons von Padua zu folgen. Das ganze Tierreich ergab sich. Nur diese Forumkatzen behielten ihr zähes Heidenherz.

Zwar anfangs fühlte ich das nicht so deutlich, und in der ersten deutschen Katzenfreude rief ich sie in unserer herzlichen Mundart an mit: Züs! Züs! – oder Büsi, Büsi! – und Mimeli und Minettli!, kurz, ich schmeichelte ihnen mit all den Traulichkeiten, womit man sie in den Rheinlanden, im Schlesischen, drunten im Mecklenburgischen und droben in den Schweizeralpen grüßt. Aber sie zwinkerten kaum mit dem schrägen, gelben Schlitz ihrer Augen. Ein kleines, spöttisches Grinsen lief über ihre blutrote Lippe. – »Der Dummkopf«, dachten sie wohl. »Was sind das für plumpe Gesindenamen? Kann er nicht rufen: Felis Augusta! Felis Caesarea! Felis Capitolina! Felis Regina! Kennt der Barbar kein Latein?«

Ich zog meine Hände zurück, so gern ich diese weichen, sonnensprühenden Felle gestreichelt hätte. Alles Vertrauen in diese Tiere war verschwunden. Schnurrte und spulte ja auch keines von ihnen in träumerischer Gemütlichkeit wie etwa unser Zim-Zim auf dem warmen Fenstergesimse sommers oder auf dem wärmeren Ofenziegel winters.

»Das sind wohl die letzten Hüter des Heidentums«, dachte ich, »verkappte alte Götzen, der kräftige, sehnige Kater dort, der Mars, und die schöne, biegsame Kätzin da mit dem melodischen Kopf, die Venus. Und hier, mit seinem größten Schnurrbart und den dichten Brauen, der hohe Jupiter, und da drüben das kleine, freche Ding, das war wohl der lose Olympierknab Amor. Lagen sie da vor dem Haus aller Götter – Pantheon –, nisteten wenigstens noch an den Portalen, nachdem der bleiche Mann aus Judäa sie aus ihrem Heiligtum vertrieben hatte?«

Diese süßen, kleinen Ungeheuer erfüllten mich ganz mit altrömischen Erinnerungen, machten mich selbst zu einem halben Heiden. Ich vergaß, daß da innen Altäre sind und Lichter vor dein Tabernakel brennen, daß man da zur Messe klingelt und zur Wandlung läutet und das Evangelium vom armen Gott der Krippe und des Kreuzes predigt. Ich glaubte wahrhaft, vor einem Tempel Cäsars zu stehen, und meinte nichts anders, als im nächsten Augenblick träten die Priester heraus und die weißen Vestalinnen und die Vogelschauer und die Haruspices und Cäsar mit seinem genialen Advokatengesicht. Und rechts von ihm geht der mit zwölf Jahren schon so alte, kalte, kleine August mit seinen zwei blauen, großen Rätseln im Antlitz, diesen so gar nicht römischen Augen. Aber links wiegt sich galant Antonius hin und her, der schöne, hohe, weinäugige Mann mit einer Stirne, die immer lacht, und mit Lippen, die immer dürsten. Und mir ist, auch Cicero müsse mit in der Gruppe sein, in den Mundwinkeln zuckend und die Warze im Gesicht reibend, wie immer, wenn er sich ärgert. Denn Cäsar hat das griechisch-lateinische Weihegebet übler als je verrichtet, das Latein mit lauter langweiligen Imperfekten und das Griechische mehrmals mit starkem, statt schwachem Aorist. Schade, der Mann verliert Stil –

Ach was, ich träume. Das ist eine christliche Kirche, und ich bin ordentlicher Christ. Hinein also!

Ich gehe zum Eingang; aber da erhebt Kater Jupiter den bärtigen Kopf und mustert mich drohend.

Aha, ihr seid da, um Verehrer für Euren zerbrochenen Olymp zu keilen. – Verzeih, Vater der schönen Mythen und Märchen, aber du bist wirklich ein Anachronismus. Und nur unsere Gymnasialprofessoren weihräuchern Dir noch, weil sie am Ende selbst auch Anachronismen sind.

Entschlossen betrete ich die Schwelle. Da gähnt Kater Mars gewaltig auf und sperrt mir seinen weißzähnigen Rachen entgegen, als wollte er mich verschlingen.

Es hilft Euch alles nichts, entgötterte Katzen, ich muß hinein! Ich fasse den ledernen Vorhang und sehe schon aus dem Dunkel etwas wie altes, gelbes Altargold blinken.

Da springt vom glatten Marmor die Kätzin Venus auf. Welch ein Sprung ist das! Welch elegantes Muskelspiel! Sie dehnt sich, reckt sich, höckert sich, rund und reich wie ein Lied, und schlängelt mir entgegen, wellenweich, samtig, leis und duftig. Das ist die reinste Zauberei. Römische Verhexung.

Aber ich kann nicht anders, wie das Kätzchen aufs Sims springt, behend und geschmeidig das Köpflein mir entgegenreibt, da lasse ich den Türteppich fallen.

Miau!

Es kommt leis und zischend zwischen den blutroten Lippen und den elfenbeinhellen spitzen Zähnen hervor. Es ist nicht das trauliche vom Kätzchen Spiegel. Nein, es ist ein Ton aus fernen Grüften, aus verschütteten Tempeln herauf. Es ist dazu ein schwacher Ton, die Stimme eines Weibes, einer Sirene, so melodisch, so betörend. Es ist ein Venussang.

Ach, ich liebe die Katzen unbesonnen. Und so greif' ich nach dem schönen Ding, das doch so gar nichts Zahmes an sich hat. Streicheln, streicheln dieses glänzende Fell! – Aber kaum berühr' ich den Samtpelz, so faucht das Tier, spuckt und spritzt und dampft mir entgegen und blendet mich mit seinen zündgelben, bösen Augen.

»Herr, sie beißen und kratzen! Das sind ja wilde Katzen!« – ruft mir ein Zündhölzchenjunge zu. Er lacht über mein entsetztes Zurückfahren und mein Erbleichen. »Ecco, zolfanelli, un soldo soltanta!«

Ich kaufe sie mechanisch und verschwinde rasch hinter dem Türvorhang.

*

Andächtig scheint es mir da drinnen nicht, noch traulich, nicht einmal schön. Eine kühle, reine Genauigkeit und Rundheit der Masse, das ist wahr. Aber ich ziehe die warme, herzliche Ungenauigkeit mit Winkeln und Ecken, tiefen Dielen und Rotunden, verschneckten Gängen und plötzlich wieder hohen Wölbungen vor. Es riecht hier zu scharf nach Geometrie. Die formelle Formlosigkeit der Natur ist mir lieber.

Am Hauptaltar ging ein Küster lärmend und roh auf und ab. Ich weiß nicht, was er ordnen mußte. Die italienischen Mesner sind sonst ein ehrerbietiges, höfliches Völklein. Aber der stand auf dem Altartisch und schnarrte laut mit seinen Rangen.

Das Ewige Licht glomm leise. Es schämte sich vor diesen frechen Dienern. Es wäre am liebsten ganz erloschen.

Auch die Riesenkränze auf dem Grab des ermordeten Umberto ergriffen mich nicht. Und noch weniger die Marmortafel am Grabe des großen Consalvi. Ich fühlte zu deutlich, daß in diese antike Tempelhaftigkeit da nicht wieder ein nachgeahmtes antikes Christentum gehört, sondern etwas Neues, Inniges, Einfältiges und Schlichtes. Kein Thorwaldsen! Aber eine Christkindleinkrippe, ein altes Orgelspiel, ein paar Kinder, die »Jesuskind, mach' mich fromm, daß ich in den Himmel komm'!« beten.

»Ein andermal«, dachte ich, »wenn ich besser bei Andacht bin« – und wollte wieder hinaus. – Nur noch schnell das Grab Raffaels grüßen.

An der Pest gestorben – es ist schon so! –, an einem milden Karfreitag –, ein blühender junger Mann –, mehr als der Papst und der deutsche Kaiser und der König von Paris berühmt –, über Michelangelo und Lionardo, die vor ihm geboren und glanzvoll geworden sind, noch weit hinausstrahlend –, schön, geliebt, angebetet, reich, ohne Hasser, ohne Tadler –, so starb er und ward von lauter Domherren und Grafen in diese Gruft gesenkt.

Ich suche mich in jenen Ostermontag hineinzuleben. Das Gepränge, das Weinen der Schüler, die dunkeln Gesichter der Pestbrüder, Kardinal Bembo ganz erschüttert, Sebastiano del Piombo heimlich froh, aber mit theatralischer Trauer den Bahrenzipfel tragend, der verpichte Sarg, aus dem dennoch der furchtbare Geruch des Todes schwelt, und fast zu hinterst Michelangelo, schon grauhaarig und mit gerümpftem Gesicht, die Brust voll zorniger Anklagen, weil ihm dieser Tote da alles vorweggenommen hat, das Glück und die Liebe, die rasche, heiße Arbeit und die leichte, anmutige, allen verständliche Schönheit, einen kurzen, jungen Rausch des Lebens und nun auch noch das ersehnte, dauerhafte Grab. Überall war ihm dieser leichte Jüngling zuvorgekommen. Michelangelo wollte beten, aber er war zu zornig dazu.

Aber auch ich fand keine richtige Stimmung. Da war einfach nichts zu machen.

Ich wollte nun durchaus gehen. Da trat ein dürftiger Mensch ans Grab, den ich zu erkennen glaubte. Er legte einen sehr schönen und sehr großen Kranz auf den Stein. Zypressen und rote Nelken darin. »Es ist geglückt«, sagte er, halb wie Gebet und halb wie Geplauder, in echt römischer Naivität, »Vielen Dank vom Meister!«

Dabei lächelte er mich an, und ich erkannte, daß er es eigentlich mir hatte sagen wollen.

»Zenone?«fragte ich.

»Eccomi!«

Ja, das war Zenone, der Handlanger seines Bruders, des Flachmalers Daniele Bocchi. Sie hatten das Vestibül unseres Hotels auszumalen gehabt. Das war die erste öffentliche Arbeit Danieles gewesen, des ungebildeten und talentlosen, aber zähen Burschen. So sehr aller Phantasie bar war er, daß er nicht einmal ein eigenes, noch so geringes Ornament hatte erfinden können. Alle Füllung der Wände und Dielen schrieb er aus Dantellis Lehrbuch ab. Abschreiben konnte er wie ein Genie. Aber der Hotelier hatte ihn dennoch gewählt, weil Daniele der Neffe seines tüchtigen, ja unentbehrlichen Kellners war. Dieser Mann hielt mit seinem schönen, raschen Schritt, seiner süßen, sorgenvollen Umfrage nach den weitern Wünschen seiner Gäste, seinem arabischen Kaffee, den er selber an einem Nebentischchen zubereitete und kredenzte, und endlich mit den wunderbar gefalteten Servietten so recht eigentlich das Hotel auf der Höhe des neuen Jahrhunderts. Er war eine unschätzbare Seele. Aus Rücksicht gegen ihn hatte der Hotelier Daniele angestellt. Wie so merkwürdig viele Römer, verstand der Padrone von echter und falscher Kunst keinen Deut. Wenn Daniele nur recht frische, starke Farben nahm und runde Bogen mit Weinlaub und einen blauen Himmel zuwegebrachte!

Das hatte Daniele auch redlich vollbracht. Stundenlang in der mittäglichen Siesta hatte ich dem Jüngling zugeschaut, wie er die Wände als Reblauben darstellte und dem vogelarmen Rom wenigstens hier einen Reichtum von heimischem und exotischem Federvieh schenkte. Brave Tierchen! Mit so wohldressierten Gebärden, wie sie im Dantelli standen, saßen sie neben den dunkelblauen Trauben, und der frechste Spatz pickte keine Beere weg. Das imponierte den römischen Gästen. In den Laubbögen standen Kalabresierinnen mit Krügen und Trinkschalen, und über die Achsel schauten ihnen kußbereite, hübsche Jünglinge aus Neapel zu und drohten mit Zärtlichkeiten. Die Figuren waren famos aus den Zeichnungen der Carracci entlehnt. Daniele hatte doch Farbensinn. Es war plastisch gemalt. Man glaubte, die Leute mischten sich im nächsten Augenblick aus den Reben heraus unter uns lebende Gäste.

Aber man sollte wissen, daß wir in Rom leben. Daher pinselte der Meister aus den Lauben in die Diele auf allen vier Seiten empor die Ruinen des Kolosseums mit den Nischen und Fensteröffnungen des alten Baues. Schummrig silbergrau sah das Gemäuer aus und stach prachtvoll vom Himmel herein. Das war nun etwas langweilig zu sehen. Diese Mauerfenster liefen um den Dielensaum wie ein Fries, und es hätte da außerordentlich gut in jede Nische etwas Lebendes hineingepaßt. Aber was? Umsonst befragte Daniele seinen Dantelli. Nun, bis er den Himmel im Scheitel fertig gemalt und tiefblau genug gestrichen hatte – più azurro! Ancora un po' più azurro! –, mahnten der Padrone und der Kellner Tag für Tag, – bis dahin würde sich schon irgend etwas erstehlen lassen.

Indessen mußte Daniele seine hundertfünfzig Lire Lohn bereits bekommen haben. Von diesem ersten Künstlerlohn hatte er gelobt, dem Raffael im Pantheon einen Kranz zu kaufen. Und sicher, so wie der Kranz aussah, reich, fein und groß, mochte er die Hälfte des ganzen Geldes gekostet haben.

Ein paar Minuten darauf kam er selber und legte den Kranz etwas genauer in die Mitte. Dann kniete er nieder und betete ein Paternoster ums andere. Und wenn er während der ganzen Hotelmalerei nie so recht wie ein Künstler ausgesehen hatte, jetzt flammten seine Augen in einer Art echt künstlerischer Verzückung.

Und in dieser herrlichen Erhebung seiner sonst so nüchternen Seele betete er für Raffael, daß er im Himmel nun zunächst seiner schönsten Madonna throne, ein ziemlich hohes Stück ob Michelangelo und Tiziano. Und daß er von da oben ihm, dem kleineren, aber nicht unwürdigen Daniele, immer ein bißchen heimlich beistehen wolle, zugleich mit dem selig verstorbenen Dantelli. Er sagte auch begeistert, daß ihm das erste Fresko erstaunlich gelungen sei und daß ihm Raffael daher nun immer größere und reichere Aufträge nicht bloß von Hoteliers, sondern auch von Herzögen und Kardinälen erflehen wolle. – Da sei sein Kranz. Achtzig Lire habe er gekostet. Aber ihn reue das nicht. Raffael verdiene noch viel bessere Kränze. Ob er für diesmal aber doch mit diesem da zufrieden sein wolle? Zypressen und Nelken, das sei etwas Gewöhnliches. Aber sobald er im Vatikan oder beim jungen reichen Farnese habe malen dürfen, müsse Raffael einen Kranz von vergoldeten Palmen und echt silbernen Lilien haben. Davvero!

Daniele war in jenen Minuten rührend anzuschauen. Jedes Wort war ihm ernst. Das Genie Raffaels hatte gewiß noch nie eine so ehrliche Huldigung erlebt.

Neben dem Bruder stand Zenone und ließ nicht einen Blick von ihm. Er bewunderte in diesem Augenblick den lebenden Meister mehr als den toten.

Das änderte mit einem Schlag auch meine Stimmung. Ich wurde zufrieden. Die Kirche ward mir heimelig. Auf einmal dünkte mich hier alles bewundernswert und lieb. Der Altar schien mir erhaben wie nur irgendeiner, der Küster wie ein heiliger Levite, so eifrig und wohlbestallt. Consalvis Grab, wo Napoleons einziger unerschrockener und ungebändigter Gegner schläft, nötigte mir eine tiefe Verbeugung ab, und es erschütterte mich, bei Umbertos Grab an jenen schönen Sonntag zu denken, wo in einem Volksfest und in einer starken Lebensfreude der böse Schuß knallte und den Monarchen zu den Toten legte, mitten in der hellsten lombardischen Sonne. Es gingen mir ein paar einfältig fromme Gedanken durch den Kopf, ich murmelte herzlich ein gutes Sprüchlein und ging dann wohlgestimmt und zufrieden hinaus.

*

Da lagen die verdammten Katzen noch immer. Frau Venus schleckte an ihrem blitzenden Fell und gab mir keinen Blick aus ihren gelben Schlitzen. Und Jupiter zückte mit keiner Braue und Mars zog keine Kralle hervor. Sie verachteten mich augenscheinlich. Ich machte Pst, dz! dz! dz! – aber sie rührten sich nicht. Der Zündhölzchenbub aber lief wieder her und sagte: »Vuole una scattolina? – Aber die Katzen müssen Sie schlafen lassen… soltanto un soldo!« –, da sah er einen Engländer. Gleich war er an ihm. »Uollen Sir una scattolina? Soltanto venti centesimi!« – Der Halunke!

»Ein schöner Kranz, nicht wahr!« sagte mir der Lehrbub. Mit Daniele trat er hinter mir aus dem Tempel. »Aber Sie müssen einmal sehen, wie das Werk gelungen ist! Ahi!«

Daniele Bocchi zog nur den Hut und harrte auf meinen Weihrauch.

»Wem gehören eigentlich diese Katzen?« fragte ich mit unverschämter Rücksichtslosigkeit.

Verwundert sahen mich die Zwei an.

»Das sind doch wilde Katzen, die Forumskatzen. Die gehören niemand. Jedes Kind in Rom weiß das«, plapperte Zenone.

Daniele nickte nur großartig.

»Solche Katzen solltet Ihr in Eure Lünetten malen«, sagte ich zu Daniele ohne großen Ernst. »Ihr habt ja die Laubenfenster noch immer leer. Correggio hat Putten, und die Carracci haben Masken und Tierköpfe in die Zwickel gemalt. Auch Ihr solltet etwas Lebendiges in Euer Kolosseum setzen.«

Daniele horchte aufmerksam zu. Ich wurde lebhafter. War die Idee mit den Katzen etwa so schlecht?

»Euer Raffael hat in der Farnesina jeden Winkel mit göttlichem Spuk erfüllt. Schmuggelt nun Ihr diese Forumskatzen in Euer Gemäuer! Das paßt!«

Der Maler faßte mich am Ärmel, als wollte er noch mehr aus mir drängen.

»Graue Katzen in jeder Nische, mit zitronengelben Schlitzaugen –, ha, das wäre ein neues, originelles Ornament!«

Daniele nickte. Katzenmuster gab es zu hunderten im Dantelli. Sein Ehrgeiz schwoll, Correggio, Annibale Carracci, Rafaele und nun er, Daniele Bocchi!

»Wolltet Ihr nicht noch gestern die Wappen der römischen Adelsleute in die Öffnungen setzen? Nun, da habt Ihr das echte Wappen des alten Kolosseums von Rom! Und wie könnt Ihr das Tier modulieren! Bei allen Göttern dieses Hauses, gibt es ein Geschöpf, das so viele Gesten und Gebärden reißen kann!«

»O Ihr habt recht, Signore –, gleich, gleich an die Arbeit!«

»Nicht aus dem Buche, Maestro«, bat ich und faßte Daniele am dunkelbraunen Samtwams, womit er prunkte. »Ihr zeichnet ja so trefflich ab. Hier habt Ihr die besten Modelle.« –

Daniele riß ein Blatt aus dem Skizzenheft, setzte sich auf die Brüstung des Mäuerchens und entwarf Katze um Katze. Indessen erzählte mir Zenone, was er von diesen herrenlosen Tieren wußte. Ab und zu klatschten wir in die Hände, um die Modelle zu erschrecken und dem Zeichner einen andern Vorwurf zu verschaffen. So bekam er denn liegende und sitzende, geduckte und gestreckte, lange und gekringelte Katzen, eine ganze Galerie von Geschmeidigkeit und Eleganz.

Zenone erzählte und erzählte weiter – oder träumte ich halb? –, wie sich dieses graue Raubtiervölkchen seit den Tagen der Imperatoren hier erhalten habe. Sie betteln in den Nachbarhäusern des Forums und bekommen reichlich. Am Tage schlafen sie am liebsten ums alte Pantheon herum. Das ist ihr heiliges Quartier. Man kennt kein anderes und niemand macht ihnen den Platz dahier streitig. Kein Bube wirft Steine nach ihnen. Und doch gehen gerade die jungen Römer Rangen so unbarmherzig mit den Tieren um. Freilich, diese Katzen lassen sich auch von niemand liebkosen. Sie stammen von alten Etruskermüttern und kompromisseln mit der Neuzeit niemals. Im kühlen Duft des Marmors und in der Harmonie des runden Heidentempels ist ihnen wohl. Da schlafen sie wie die grauen Forumtrümmer, so antik und klassisch ruhig. Aber wenn die Häuserschatten sich von Gasse zu Gasse spinnen, dann werden sie wach und gehen ins alte Rom hinüber. Dort zwischen alten Säulen und Tempelsöllern schleichen sie wie Tiger herum und machen Jagd auf Mäuse, Blindschleichen, Eidechsen. Ein großartiges Jagdrevier. Man denke, vom Kolosseum über den ganzen Palatin, durchs Forum und die Felsen hinauf zum Kapitol. Alles gehört ihnen da. Und es ist abwechslungsreich. Wie köstlich ergeht es sich bei Mondschein nur schon über den Ruinenberg des Kolosseums hinauf, durch seine Gänge und Löcher! Und welche feinen Erinnerungen gibt es da auf Schritt und Tritt an blutdürstige Vorfahren, die da Sklaven und Christen, blonde Germanen und schwarze Mohren zerreißen durften. So großartig lebt sich's heutzutage nicht mehr. Aber die Pirsch ist auch jetzt noch ergiebig. Denn die Fremden essen gern, indem sie diese Ruinen durchwandern, Schinkenbrötchen oder Würstchen oder auch Teiggebackenes und lassen zahllose Reste fallen. Das zieht die Mäuse an. Aber die Katzen fallen über sie her wie einst die römische Wölfin über die umliegenden, kleinen Räuberstämme. Und zu Füßen der alten Götter, beim heiligen Mondlicht, hauchen unter den Tigerkrallen Ratten und Mäuse ihre arme, zappelige Seele aus. Zuerst spielen die Katzen noch mit den Opfern, kratzen sie schwer und lassen sie wieder los. Da hüpft so ein Mäuschen schnell mit dünner Blutspur hinter sich zu einem schönen Gott, kriecht ihm in die Marmorsandalen und will an seinem Stab empor in die wallenden Ärmel klettern. Aber einer rechten Pantheonkatze ist kein Asyl heilig. Wild hackt sie das Tierchen herunter und beißt und krallt und quält, bis die Maus neben Amor oder Apoll oder einem andern grausam lächelnden Gott verendet.

Oh, es spielen sich hier Tragödien ab wie zur Zeit der Cäsaren und der dampfenden Märtyrer-Arena!

Aber eins darf man nicht übersehen, so ward ich belehrt, daß diese Tiere den antiken Boden rein halten. Sie schützen die Denkmäler vor dem Zerbröckeln und Zernagen durch barbarische Feldmäuse. Und kein Hund wagt sich aufs Forum. Er käme übel an. Kein Vogel verunreinigt diese alten Plätze. Die Katzen sind die unbezahlten, treuen, unsterblichen Hüterinnen des alten Rom. Besonders gern streifen sie um die Rostra herum, wo Cicero geredet hat. Er liebte die Katzen. Sie waren noch geschmeidiger als seine Advokatenreden und gingen auf melodischeren Füßen als seine Perioden. Er lernte von ihnen.

Und so ist es: wenn Rom schläft und vielleicht nur noch ein alter Minister in seinem Bureau sich sorgenvoll auf die morgige Debatte auf dem Monte Citorio vorbereitet oder der müde Heilige Vater am bekannten Vatikanfenster sein spätes Brevier über die Stadt betet: »Noctem quietam et finem perfectum da nobis, Domine –«, aber wenn sonst alles schläft, der König und die schöne, hohe Königin, das Kronprinzlein und die Königsmädchen und die Generäle und die Kutscher und die Gasthofwirte, die vielen Mönche und Pfarrer und Touristen und deutschen Professoren und schwäbischen Hochzeitspaare, und wenn selbst der treueste Hund in der ganzen Stadt schläft, der große, graue, glatte Ettore in unseren Albergo –, dann wachen diese Katzen hier mit offenen, gelben Kreiselaugen über Rom, schnurren und mausen und führen unwidersprochenes blutiges Regiment.

»Kommen Sie doch einmal da weg«, sagte der Maler ungeduldig, »ich bin schon lange fertig.«

»Bitte, zeigt mir einmal!«

Gott, welche Katzen waren das! Nein, nach der Natur zeichnete Daniele noch immer sehr schwach. Immer wieder merkte man den Leitfaden Dantelli. Das Beste waren noch Schwanz und Schnurrbart. Im übrigen hätten es auch Murmeltiere oder Seehunde sein können.

»Es ist ganz ordentlich«, sagte ich und hörte Daniele erleichtert aufatmen. »Aber es muß noch nachgebessert werden. Diese Beine und dieser Kopf zum Beispiel – nun, Euer Buch –«

»Natürlich«, frohlockte der Meister, »es sind viele Katzen darin!«

Als hätte er die großartigste Inspiration vom Grabe Raffaels geholt, so sprang der Maler ins Hotel und ließ das Gerüste, das man abzubrechen begann, wieder in den frühern Zustand richten. Der Hotelier war mit unserer Erklärung, daß in die Mauerlöcher des Kolosseums Katzen gemalt werden sollten, statt des reinen blauen Himmels, sehr wohl einverstanden. Daniele zeichnete nun die ganze Nacht Katzen aus dem Dantelli, versuchte danach seine Naturskizzen zu korrigieren und brachte zuletzt ein prachtvoll aus Natur und Theorie gemischtes Katzengeschlecht zustande. Sie verloren dabei von ihrer Wildheit und nahmen etwas Gemächliches und Stubenhaftes an, was der gerühmten Gastlichkeit des Albergo ausgezeichnet entspricht. – Schon nach zwei Tagen war die Malerei vollendet und schauten diese silbergrauen Miezchen und Kater mit ihren gelben Augen und vollen Schnauzen in zwanzigfacher possierlicher Haltung zu den Nischen und Höhlen des Kolosseumgemäuers auf uns kaffeeschlürfende Siestagäste nieder. Sie machten sich gut und bildeten ein munteres Fries rundum. Zwei Zeitungen berichteten von ihnen – und erwähnten insbesondere die hübsche Tatsache, daß alle vierundzwanzig Katzen den Schwanz in Form eines S oder P ringeln. Das war meine Idee gewesen und versinnbildete das antike stolze Lapidarwort: Senatus Populusque Romanus.

Jeder Deutsche, der ins Hotel tritt, freut sich an diesen Vestibülkatzen. Er kennt ja die unheimlichen Originale noch nicht und denkt beim Anblick dieser Geschöpflein da oben an warme Dezemberöfen im Norden, an summende Wasserkrüge, an Schnee auf den Gesimsen und an das urheimliche Schnurren und Spinnen unseres lieben Hinz auf den grünen Kacheln.

Wenn aber ein Engländer fragt: »Uaß sein daß fur Tier?« –, so antworte ich mit feierlicher Geste: »Das sind die berühmten Katzen vom Pantheon!«

»Daß uill ich schauw!«ruft der Angle und rennt gaßein.

»Uo sein die cäts of Pantheon?«fragte er den Zündhölzchen- und Secolojungen.

Und rennt weiter nach den Katzen, nachdem er dem Schlingel sogar trenta centesimi für die Schachtel gezahlt, aber dafür die schöne, abgefeimte Lüge kapiert hat, daß die Engländer einen indischen Paß zum erstenmal überschritten haben, am Korikjalgebirge oder am – ach, diese fremden Namen!

Daniele hat dreimal mehr Aufträge, als er mit Hilfe der neuesten Auflage des Leitfadens von Dantelli bewältigen kann.

Und am Pantheon schlafen die seltsamen, heidnischen Katzen ihren unsterblichen, uralten, klassischen Schlaf weiter.