Das letzte Dorf

Wir gingen zwischen Steinen und dürren Kräutern in weglosen Windungen bergauf. Hinter uns lagen noch fünf, sechs Hütten und ein Kapellchen, schauten uns noch ein paar Menschen und meckerten uns noch einige Ziegen nach. Dann ward es still. Vor uns steht die große, leblose Einsamkeit dieser ausgedörrten, wasserlosen, steinernen Gebirge. Kein Mensch mehr, kein Dach, kein Tier. Nur noch Steine und steinerne Stille und oben der große, starre Himmel der Abruzzen.

Als wir schon ziemlich hoch oben waren, mein Träger Tieco und ich, setzte ich mich, um es nochmals anzustaunen, dieses allerletzte Dörflein dort unten. Ich sah den dünnen, kalkweißen Weg, der irgendwoher sich zu diesen Häuschen verlor, irgendwoher aus einer großen Menschenstraße bis in diesen Winkel herauf. Und ich sah, wie der helle Faden plötzlich abbrach, als wäre hier das Ende der Welt, als könnte kein Fuß mehr weitergehen, dürfte nicht weitergehen.

In diesem Örtchen Mulizio oder wie es heißt, ich fand es auf keiner Karte, sagten die Leute, weiter gebe es keine Dörfer und Menschen mehr. Ach, wie stolz sie das sagten! Wie einer, der den Rücken frei hat. Es klang fast so, als meinten sie: Da rechts in der Tiefe fängt es mit den Menschen an. Da, links gegen die Höhen, kommt gleich der Herrgott. Es waren sieben Weibsleute, vier oder fünf Männer und ein Haufe Kinder. Mager und hart sahen alle Gesichter aus. Von so viel Stein und von so wenig Halm wird niemand fett. Aber sie hatten keine Runzeln. Sie kannten ja das Staubschlucken und die Sekundenhetze und die Tyrannei der Gesellschaft und Gesellschaftsordnung nicht. Der Himmel ist zu nahe. Gelassene Menschen sind es, ruhige, zufriedene, schweigsame. Sie tragen noch eine alte, bunte Kopftracht und seltsame Busentücher und hosenähnliche Unterkleider, wie vor hundert und hundert Jahren. Und sie reden auch noch so alt. Kein Professor kennt ihre Grammatik. Sie blicken dich an, als kämest du aus einer andern Welt. Die Kinder recken sich an dir auf und betasten dich. Als ich ihnen im guten freundlichen Italienisch sagte: Vi reverisco!, schrien sie zu den Alten unter den Türen: Domm parling, Domm parling! Er kann reden, hört, er kann reden. So wenigstens verstand ich das.

Die kahlen Berge schauen, einer über den andern, auf diesen Winkel nieder. Das drückt und schattet. Daher haben auch diese Leute so dunkelgraue, schwere, schattige Augen. Aber das Weiße darin schimmert rein wie der Himmel. Man erzählte mir: ihre Kinder weinen nicht, wenn sie stürzen, und die Alten sterben ohne Seufzen. Es ist vielleicht nicht wahr. Aber man könnte es glauben, so wenig Wehleidigkeit und Sentimentalität hat hier Platz. Dieses letzte Dorf der Welt kommt einem wie eine wunderbare Dichtung vor, ohne Vers und Reim, urzeitlich, urweltlich, wie ein stiller Berg oder ein einsames ernstes Wasser, von Anfang so und am Ende noch so! Es war schwierig, sich hier verständlich zu machen, sogar für meinen umbrischen Führer. Wir redeten mehr mit den Fingern und Augen. Denn man muß wissen, daß wir hier zu den ohnehin verlassenen sibyllinischen Bergen erst noch an einer völlig unbegangenen Stelle den Aufgang nahmen. Vittorio Emanuele, Pio decimo? – Ja, das verstanden sie. Sie nickten, und ihre Blicke wurden freundlich. Guglielmo secondo? Niente! Tsar Nicolo secondo? Niente! I Giaponesi? Niente! Napoleone?… Sie stutzten. Vielleicht!… Gab es nicht einmal einen schwarzen Engel oder ein Ungeheuer dieses Namens?

Was für eine Politik und Historie haben sie? In ihrem Denken gibt es keinen Cäsar und keinen Bismarck, keinen Russisch-Japanischen Krieg, keine englische Flotte, kein Haager Schiedsgericht, kein Sternenbanner. Sie wissen nichts von Zollkrieg und drahtloser Elektrizität. Sie haben keinen Kinematographen gesehen. Könige sterben, Könige werden, Kaiserthrone modern, Republiken grünen –, sie bleiben hier oben das unveränderliche, letzte Dörflein mit seinen paar Ziegen, seinem magern Gemüse, seinen harten Maiskuchen und seinen kühlen Stuben. Und sie sind zufrieden damit. Man kann also leben ohne Weltgeschichte. Sieh da, Professor Guidone von Perugia, das hast du bei allem Aktenstudium nicht gewußt. Du würdest sterben ohne deine historische Vergangenheit. Die leben ohne sie, und leben gesünder als du.

Die Leute haben zwei Stunden ins nächste armselige Nest, wo man ihre Toten neben einer zerfallenen Kapelle rasch und wenig tief begräbt. Den königlichen Namen Dorf verdient auch dieser Ort noch lange nicht. Immerhin wird hier jeden Sonntag im Sommer eine heilige Messe gelesen. Dann gehen die Mulizianer hinunter und hören alles, was sie brauchen und wovon ihre kargen Seelen leben. Mit einem Duft von Weihrauch und mit dem großen Klang des Evangeliums gehen sie wieder die zwei Stunden bergauf in den Schatten der letzten, höchsten Berge, geradewegs an die Stiege des Himmels, wie sie es nennen. In ihren Ohren schallt und schwingt noch fort das allgewaltige:

»In illo tempore dixit Jesus…«

Zur gleichen Stunde singt es der Archidiakon in der größten Kirche der Welt, verkündet es der deutsche Pfarrer an der Ostsee, ruft es der Hofprediger vor dem Kaiser, rezitiert man es im Westminster zu London und geht es in der Neuen Welt von Kathedrale zu Kathedrale. Aber auch hier oben hört man die gleichen Worte, ohne Sammet und Gold, aber im gleichen lichten Messiasrock. Das Evangelium ist hier oben, wo man nichts vom Zar und von der Schlacht am Yalu und von der Krönung Georgs in Indien weiß, die Weltsprache, das Weltbekenntnis.

In illo tempore dixit Jesus:

Eccolo: vom Sämann und von der Witwe mit dem einzigen Heller, von der klugen Jungfrau und vom Samaritan und vom verirrten hundertsten Schäflein, vom Füßekuß der Magdalena, vom Mundkuß des Judas und vom reinen Kinderkuß des Meisters – und dann von Kreuz und Grab und Gloria – Weltsprache!

In illo tempore dixit Jesus parabolam hanc!

Ach, wie sie horchen, die wenigen Älpler, wenn der Pfarrer, selbst unter lauter Steinen und Bergmenschen ein Älpler geworden, aus dem alten Buch vorzulegen beginnt. Ums Kapellchen rauscht ein kleines Bächlein, huschen die wilden Rebstauden, meckern die Ziegen und schreien die winzigen Barfußkinder. Aber in die kleinen, mit roten Vorhängen halb geschlossenen Chorfenster schauen die grauen Berge herein mit ihren gelassenen ewigen Gesichtern und bestätigen stumm: Es ist so, wahrhaftig, es ist so!

In illo tempore – in jener Zeit nahm Jesus den Petrus und Jakobus und Johannes, seinen Bruder, mit sich auf einen hohen Berg. Und da ward er vor ihnen verklärt. Und sein Antlitz leuchtete wie die Sonne. Und es erschienen Moses und Elias und redeten mit ihm. Da sagte Petrus zu Jesus: »Herr, hier ist gut sein. Wenn du willst, bauen wir hier drei Hütten, dir eine, dem Moses eine und dem Elias eine.«

Wo klingt dieses Evangelium schöner? Da sind sie ja, die Petrus, Jakobus und Johannes, hier oben, fern der trüben Welt, auf dem Tabor! Und sie hören Gott ganz nahe aus den Wolken rufen, wenn es blitzt fast an ihr Haar, wenn es donnert in ihr Gebein. Und sie haben hier drei Hütten gebaut, dem Herrn aber ein besseres Kapellchen. Und wenn sie herunterschreiten vom Berge wie die Apostel, dann heißt es auch: »Saget niemand, was ihr gesehen habt!« Nein, nein, wir verraten es nicht, wie zufrieden, wie allein und wie nahe wir der Ewigkeit sind!

Wer lange Zeit unter diesen Einsamen weilte, würde ihre Sprache allmählich ordentlich verstehen. Und da würde er mit Staunen bemerken, daß diese Leute im ernsten feierlichen Reden die Sprache der Heiligen Schrift wunderlich schön und unbewußt gebrauchen. »Und ich sage dir, so ist es. – Wahrlich, wahrlich, wir müssen sorgen, daß Giovanni, der Hirt, einen Knecht bekommt. – Es ist nicht möglich, daß er allein so viele Schafe hütet. – Gebt dem Knecht, was rechtens ist, und behaltet, was euch gebührt! – Unser Vater, der in den Himmeln ist, schirme dich, Kindlein! Er hat jedes deiner Haare gezählt. – Geh im Frieden, Pilger!« – Glaubt man nicht, im Lande der Patriarchen zu wohnen?

Es ist leider wahr, ich könnte doch nicht hier bleiben mit meiner Unruhe in den Füßen und Fingern. Ich bin verdorben von der Welt. Diese Einsamkeit ist zu gewaltig für einen, dem der Tingeltangel der irdischen Narrengasse alle Nerven zerrüttete. Aber ich beneide euch. Ich möchte sein wie ihr, Menschen zuhinterst und zuoberst auf Erden. Ich möchte mich an diese Einsamkeit gewöhnen, ehe die große Einsamkeit des Todes mich zwingt – gern oder ungern – einsam zu werden.

Nimm den Sack, Tieco! Avanti! Und vorwärts zu den sibyllinischen Gipfeln!

Wo liegt Italien?

Wo liegt Italien? – Die allermeisten wissen es nicht recht. – Von den sibyllinischen Bergen her aus dem Nera- ins Velinertal hinüber und auf Rieti und Aquila zu ist eine Strecke von wenigen kurzen, schönen Tagmärschen. Man läuft eine Straße ab, hart und schneeweiß wie alle Straßen da unten, an den Lehnen prachtvoll gemauert und schwungvoll über Bäche oder Runsen gehoben. Jedoch, sowie wir den weiten Verkehrsweg abkürzen und quer durch Nebentäler gehen wollen, sind es sogleich nur noch Sträßchen. Und übersetzt man nun gar eine Hügelkette – Berge nennt man sie hier –, um gleich ins jenseitige Tal zu gelangen, so hat man bald nur noch Fußtritte von Hirten oder Stapfen von Ziegen und Maultieren und befindet sich nach einer Stunde schon wieder in weglosen Steinhaufen oder an schlüpfrigen, dürren Ränften. Selten geht es höher, als achthundert Meter. Aber das genügt, um einen halben Tag und mehr toteneinsam durch eine gewaltige Stille des Lebens zu gehen. Im Norden haben wir das nicht. Steigt man dann hinab ins neue Tal, so grüßen schon nahe herauf schimmernde Kalkstädtchen, halb Stein, halb Mauerwerk, und noch einige Schleifen tiefer die alten Marmorvillen aus schweren, schwarzen Zypressengärten. Wo ein wenig Wasser die Bergfalte niederträufelt, da breiten sich unverweilt ganze Wälder von Büschen, wildem Obst und zahmen, gütigen Fruchtbäumchen aus. Und immer gelber, dünkt uns, werde die Sonne und immer würziger und dichter die Luft. Fast hört man schon den großen alten Atemzug Roms.

Wer solche Gänge nicht kennt, kennt Italien nicht. Italien präsentiert sich auf dem Markusplatz und prahlt vor Sankt Peter und predigt Geschichte vor dem Palazzo Vecchio und tanzt am Kai von Neapel. Aber das ist alles ein bißchen Bühnenitalien. Man hört den gelehrten Souffleur, der alles gar zu gut auswendig weiß, Historie, Kunst, Poesie, und man hört das Ah und Oh und Händeklatschen des internationalen Publikums vor den Kulissen. Das stört. Aber noch mehr, mitten in der Musik der Orlando di Lasso-Sprache fallen greuliche Mißtöne: englische Heiserkeit, französischer Nasenkatarrh, deutscher Husten. Und schließlich, bei all den Herrlichkeiten fragt man: ja, habt ihr denn nur Säle, liebe welsche Brüder, nur Kirchen und Museen? Besteht Italien aus alter Malerei, altem Marmor, Garibaldistatuen, Priestern, Kutschern, Bettlern und Trinkgeldern? Ist das alles?

Wo liegt Italien?

In der Tat, Neapel und Venedig sind seine schönen Augen, Rom ist seine ernste Stirne und Florenz sein blühender Mund. Bologna ist ein, Genua der andere Goldfinger seiner feinen Hände. Mailand und Turin sind seine rüstig ausholenden Füße. Die Riviera ist sein Lachen, und die Abruzzen sind seine wilden Krausen. Aber wo ist sein Herz, sein innerstes, tiefstes, warmes Herz?

Von Hunderten, die nach Italien gehen, haben vielleicht neunundneunzig das echte Italien nicht gesehen. Sie standen vor dem Gemälde Italien, aber nicht vor dem lebendigen, menschlichen Italien. Sie sahen den Salon, aber nicht die Stüblein und Kammern, nicht die Herzen Italiens.

Ich habe zuerst nicht das Spotten verhalten können, als ich die elenden Geographiekenntnisse der Italiener erfuhr. So viele wußten nicht, wo meine kleine Alpenrepublik liege, und es war schon wunderbar, wenn ein gescheites Mädchen, nachdem ich ihm meine Schweizerstadt genannt hatte, die Achseln fröstelnd zusammenzog und sagte-»Ach, ja, dort, Zurigo, unter finsterem Wald und Schnee und wildem Getier, puh, dort!«

Auch das eigene Land kennen sie nicht zum besten. Sie werfen Parma und Pisa und Padua und Pavia ungeniert untereinander. Selbst am Hauptbahnhof in Rom hat man mich von Schalter zu Schalter geschickt, als ich nach einem gar nicht fernen und gar nicht unbekannten Städtchen Anticoli Corrado über Tivoli und die Verzweigung Subiaco fahren wollte. Niemand wußte mir die Station, wo ich aussteigen mußte, anzugeben.

Aber was soll man sich darüber aufhalten? Wegen einer Stadt oder eines Dorfes? Wenn wir Nordländer mit einem jahrzehntelang abgerackerten Sümmchen Geld Südlandferien machen – nennt man es nicht so? – und Reisebücher kaufen und tischbreite Karten und Stadtpläne ausspannen, und wenn wir dann hinunterfahren ins mittägliche Land und schwitzen und hetzten und studieren und notieren und ein mühseliges italienisches Kauderwelsch dazu reden, – – und dann doch noch immer nicht wissen, wo Italien liegt, sind wir dann hellere Geographen?

Wahrhaft, ich übertreibe nicht. Wer von Basel nach Zürich und Luzern und Genf fährt, in jeder Stadt ein paar Tage hockt, durch Kirchen, Bibliotheken und Zeughäuser läuft und am Ende noch in Altdorf den Wilhelm Tell aufführen sieht, der kennt die Schweiz darum noch lange nicht. Hätte er sich für zehn Tage in ein Entlebucher Dorf eingenistet oder hätte er im Appenzellischen eine Woche unter Hirten und Geißen am Säntis zugebracht, bei Schotten, Käse und dürren Zwetschgen, und hätte er dann einer Alpstubete beigewohnt oder einem Meiringer Hosenlupf: er hätte mehr von der Schweiz gesehen, als aus sieben Münstern und siebzig Turmbesteigungen.

So verhält es sich auch mit Italien. Eine Wanderschaft durch Gebiete, wo keine Eisenbahn fährt und keine Kurorte sich breitmachen, offenbart dir das Herz des italienischen Volkes weit besser als das Straßenleben seiner gekuppelten und getürmten Hauptstädte.

Wo liegt Italien?

Abseits in Umbrien, in den kalabrischen Nestern, in den Dörfern der Marken, im zerstreuten toskanischen Hügelland, in den lombardischen Maisfeldern und den venetischen Fischerstädtlein, aber vor allem in den Abruzzentälern, wo ich jetzt auf und nieder gehe. Da hörst du kein anderes Wort als italienisch, und auch dieses kann nur der Pfarrer buchmäßig sprechen. Was man da ißt und trinkt und womit man sich kleidet, ist vom Eigenen. Was für einen Wein schluckt man da aus Tonkrügen! Es ist ein starker, blauroter, erdschwerer Saft, der wie dickes Blut in den Leib strömt. Und was für Bilder hängen da in den dunkeln Stuben! Die längst entschwundenen Päpste Gregor XIV. und Pius VIII., und Garibaldi als blutjunger Freischärling und ein zopfiger König von Turin. Auch das mutet eigen an, wie man sich nur beim Taufnamen auf der Straße anredet, und wie abends das ganze Dorf in die Gasse hinaushockt oder liegt und laut plaudert und nichts vor den Mitbürgern geheimhält. Die Straße ist die allgemeine Stube, voll Werktagsarbeit und Kindergeschrei schon am Morgen, voll Schnarchen und Träumen nachts. Im Kirchlein betet alles ordnungslos durcheinander, einzelne singen, ein Kätzlein miaut, und Vögel fliegen zwischen den Rippen des Chorgewölbes wie in einem Baumgeäst auf und nieder. Ei, wie führen sich da die Altarbuben um den Opfertisch herum auf! Einmal wie kleine Teufel und einmal wie kleine Cherube. Im ganzen Dorf hat nur der Wirt eine Uhr, aber eine steinschwere, an einem Lederriemen. Die Sekunden weist sie nicht. Der Pfarrer besitzt eine Stockuhr, deren Pendel seit Jahren stillsteht, und am Kirchenturm, den die Buben schon von außen an den vorspringenden Steinen und Haken bis zum Schalloch erklettert haben, sieht man nur eine Sonnenuhr. Die frechsten Kletterer haben sogar ins gemalte Zifferblatt ob dem Glockenfenster ihren Namen und eine spöttische Nase gekritzelt.

Das italienische Singen lernt man nur hier kennen. Es ist schwer, davon richtig zu reden. Tief und düster wie der Dudelsack klingt es zumeist, mit ein paar mehr schrillen als freudigen Pfiffen und Triolen dazwischen und einem flüchtig dreinfallenden Geplätscher und Geschäcker, als spotteten Gassenkinder. Aber der dunkle Strom von Mollakkorden erstickt den lautesten Kerl. Man versteht nur langsame, lange Wörter vom Text. Es ist mehr Naturlaut als satzlicher Vers im Lied, ähnlich dem Jodel der Alpen.

So singt man in den wilden Abruzzen.

Aber in den Tälern von Umbrien, auf Rieti und Rom zu, ist das Singen schon lebhafter, schon ein bißchen Oper. Ein Bursche fängt an mit der Kehlkopfstimme, dann choralen die Bässe drein, dann trillert eine Jungfer mit rotem Kopftuch hochauf wie ein Rotkehlchen, zum Necken oder Tändeln, man weiß es nicht. Tief und schwer antworten die Männer darauf, daß man an den Chor der Alten in der griechischen Tragödie denken muß. Der Vorsänger kann sich an dieses Maß nicht halten. Er ist der eigentlich Handelnde und Held und jubelt und jammert unbändig. Die Jungfer geht ihm mit ihren Soprannoten nach, einmal als suche sie ihn zu verstehen, einmal als äffe sie ihn nach, einmal als schmähe sie ihn mit klingend giftigen Worten. Er verzweifelt, sie lacht. Er droht, sie schmollt. Er wütet, sie duckt sich und schweigt zuletzt. Aber unter allem fließt die dunkle Männerbegleitung wie ein tiefer Fluß. Er und sie sind darauf das lichte und dunkle Schiff, die sich befehden, suchen, trennen und wiederfinden. Nach und nach geht das alte Thema in einen Stegreif über, alles wird Improvisation, der Sänger erfindet neue Strophen und Situationen, und sie sekundiert in ebenso geschickter Eingebung. Die Knaben auf den Knien lauschen mit offenem Mund und gleißenden Raubtierzähnen, und ihre runden Mohrenaugen glühen immer dunkler. Die Mädchen aber stehen auf der Mauer und versuchen leise mitzuspielen. Es wird schattig. Sterne flimmern auf die Köpfe nieder. Von den Bergen die Kühle und von den luftgefächelten Gärten der Pfirsichduft schweben über uns. Der Sang wird dünner. Die zwei Gegenspieler verstummen. Der Chor fließt langsam aus. Da und dort löst sich eine Gestalt vom Haufen, jetzt zwei, jetzt drei mitsammen. Gute Nacht!

Aber dann, wenn alles still ist und selbst die ewigen Zikaden schweigen, sieht man noch ein Knabenauge glühen. Unendliches Wachsein ist in ihm. Oh, Ernesto Bigio wartet aufs Leben, wo das alles wahr wird, was ihm jetzt vom Hassen und Lieben so abenteuerlich singt. Oh, er will mittun, an beiden mittun, daß einst die Dörfer abends auch von ihm singen und allen kommenden Buben die Zähne gleißen vor Durst nach gleicher Lieder- und Lauscherehre.

Das Leben ist von einer großartigen Einfachheit. Immer Reis oder Mais mit Öl und Wein oder wilden Früchten; hartes Brot, Kürbisse in Essig, Ziegenkäse und zuletzt etwas hartes, geräuchertes Fleisch. Du findest keine Zeitungen und keine Bücher hier, keine Brunnen als die Bäche und Zisternen, keine Musik als die Handorgel oder Holzpfeife, keinen Mann, vor dem man sich beugt als den alten Pfarrer, keinen Doktor als den Mesner mit seinen Kräutersalben, keine Laden, noch Handwerker, keine Arbeiter, nur Hirten. Und das geehrteste und ersehnteste Feierkleid ist ein schönes, feines, unbefleckt weißes Ziegenfell.

Man hat hier kein Zahnweh, kein Kopfweh, kurz keine Nerven. Stundenlang kann man im Steinflur des Hauses oder unter der Türe liegen und vom Mittag bis Vesper wie eine Katze schlafen.

Schreiben können in diesen oberen Tälern, von denen ich rede, nicht viele Hände. Nur wer will, geht zum Pfarrer oder Maestro in die Schule. Ein paar Wochen im Jahr. Was lernt man? Zehnmal zehn sind hundert. Die Erde ist eine Kugel. Der Mond ist nur ihr kleiner folgsamer Kamerad. Italien hat einen König und den Papst der ganzen Welt. Aber es ist weit zu ihnen nach Rom. London ist die größte Stadt der Erde. Die Russen sind ein Volk im Schnee. Sie tragen hohe Pelzmützen wie Türme. Aber die Chinesen sind gelb und haben Zöpfe. Jeder Brief fängt mit Herr an und endet mit Diener… Das lernt man und noch einige große Wahrheiten. Das ist genug. Bei dieser Kost behalten sie Nerven wie Seile.

Was ist ihnen Dieselmotor und Aeroplan und Stenographie und Kabinettsorder und Börsenfinessen? Dummheiten. Lieber nicht lesen und schreiben können, aber dafür gesund und stark und wohlauf sein. Das Leben ist ohnehin so kurz, und gar so ein Jahr dreht sich schnell wie ein Wagenrad. Soll man es noch mit Hitze und Hetze kürzer machen? Lieg auf dem Rücken und laß es kommen und gehen!

Was fehlt uns? fragen diese Glücklichen den Fremden. Kann man das Leben besser leben? Und lieben wir etwa nicht auch so tüchtig wie irgendwer und irgendwo? Geh hinunter zur Kirchhofmauer! Dort spazieren sie am Sonntag nach Vesper, Pietro und Maria, und schwören sich bei Sonne, Mond und dem größten Stern der Nacht ewige Liebe. Sie ist wie ein Feuer und er wie ein scharfer Wind. Das gibt eine hohe Glut. Rücken sie dem Pfarrhaus zu, so vergessen sie oft, früh genug umzukehren. Die alte Köchin Marina hat das Paar schon gesehen und schreit ihnen aus der Küche nach: »Schämt ihr euch nicht? He, auseinander!« Denn sie ist eine dürre, alte Pomeranze und sieht es nicht gern, wenn junge Pomeranzen anfangen zu blühen und zu duften. Und weil die zwei sie auslachen, wirft sie ihnen Seife und Bürste vom Gesims hinunter, trifft jedoch nie. Das Paar aber, nicht faul, hebt die Sachen auf und ruft: »Wir danken vielmal. Das ist das erste Hochzeitsgeschenk.« – Siehst du, Herr, was wir für Spaßvögel sind! – Da schreit Marina: »Ich sag's sogleich dem Hochwürdigen.« Und das Paar: »Geh! je bälder, je lieber! Müssen wir ja doch bald die Sponsalien ablegen.« – Da steckt die Alte den Kopf nicht mehr heraus und zerbricht ein paar Tassen vor Ärger. Sieht der Pfarrer die Scherben, so lacht er und sagt: »Ach, ich hab' ja so viel altes Geschirr im Haus!« Merkt ihr den Witz? Pietro und Maria aber spazieren übermütig weiter, und wenn sie wieder auf den Kirchplatz kommen, sind sie rot wie angeblasene Kohlen und lachen dunkel ins Pflaster hinein und reden kein Wort mehr. Ist das nicht schön? Oder sieh dir mal den Wirtssohn Michele an! Er ist vierzehnjährig und groß wie ein Baum. Da ging er zum Pfarrer und sagte: »Du, Priester Don Pol (Don Paolo), schreib' mir die Catarina Saldi auf! Schreib' sie dick in dein Kirchenbuch! Das ist meine Frau!«

»Ebben«, sagt der Pfarrer und gibt dem schlanken Schlingel eine Prise von seinem scharfen Schnupf. Da er ja schon eine Braut hat, wird er wohl auch schnupfen dürfen wie ein Erwachsener.

