Agostino und Roberta

Altes Städtchen mit den dreizehn Türmen, getauft nach einem noch viel älteren Heiligen, du einziges Gimignano auf dem geduldigen Hügel, warum muß ich wohl immer wieder an dich denken? Ist doch schon ein Menschenalter verflogen, seit ich von dir Abschied nahm.

Der Nebel drückt an mein nordisches Fenster. Im Ofen krachen die Scheiter. Ich sitze im dämmerigen Zimmer und blättere in einem Album herum, das mir aus dem florentinischen Städtchen zugeschickt wurde. Und da lebt jenes Weihnachten auf, das ich dort so glücklich zugebracht habe. Da ist der Gemüsemarkt; da seh' ich vom Rathaus auf die vier dicksten, im Mondschein bald wie altes Silber, bald wie altes Gold leise aufleuchtenden Türme. Da ist der herrliche Palast Friani, wo Agostino unter dem Spitzbogenfenster aufs Gesimse hinaus kniete und sich siebenmal zur Piazza hinunter vor der Bettlerin Roberta tief verneigte. Da ist zuoberst die zerstörte und verwilderte Burg, wo noch Eidechsen in der Wintersonne herumschlüpfen. In der Tiefe verzieht sich das Elsatal mit seinem meist so kümmerlichen Wässerchen.

Aber da ist vor allem am nördlichen Zipfel die einsame Augustinuskirche mit dem stillen Platz davor und dem alten Ettore Serpi im Lädelchen nebenan. Wie oft führte er mich durch die wunderlich liebe Kirche und plauderte mir vor den Bildern des Benozzo Gozzoli seine Seele aus! Dann saßen wir stundenlang in seinem Laden, wo er alles und nichts verkaufte. Alles: Zigaretten, Zündhölzchen aus Wachs, verblichene Ansichtskarten, alte Bücher, Postpapiere, Sandalen, Nastücher, Mandelnüsse und unmodische, dicke, runde Tassen; nichts: denn es vergingen Tage, bis jemand etwas bei ihm holte. Der Laden und der siebzigjährige Ettore waren beide am Aussterben.

»Ich habe genug zum Leben«, brummte er, »und meine Frau braucht nichts mehr.« Er zeigte mit dem Finger gen Himmel, aber so schief, daß er fast die ferne Apenninkette berührte. »Denn, ich will nicht behaupten, daß sie schon dem Christkind zu Füßen sitzt. Sie hat mich dreißig Jahre geplagt. Dreißig Jahre Fegfeuer sind nicht zu viel.« Aber er lachte dazu und schmückte ihr Grab noch jetzt, nach einem Dutzend Jahren, jeden Sonntag mit Blumen.

»Auch meine Chiara«, er wies aufs Zimmerchen neben dem Laden, »erbt mehr als genug, um es hier auszuhalten. Sie soll nicht ins Asyl. Das Fosselchen sorgt für sie wie für eine Mutter.«

Chiara war die fünfzigjährige Magd. Sie lag meist in Gicht auf einem Sofa und las alte Geschichten. Oft war es wirkliche Gicht, oft nur die Vorstellung davon, was sie quälte. Wochenlang besorgte sie dann wieder das kleine Hauswesen wie eine Gesunde. Nur Wasser holte sie nicht. Dabei sei sie erkrankt. Denn Ettore wollte nur von den Brunnen vor der Stadt trinken, und das ist ein weiter Weg bergab. Man schwitzt, man friert im Gewölbe, und gleich ist die Verkältung da.

Obwohl nun täglich das Fosselchen, so nannte er die zwölfjährige Roberta Fossa, eine Waise, wie eine große Frau in allem half, und man denke: für zwanzig Centesimi, so ging nun doch immer der Alte Wasser schöpfen. Wie oft begleitete ich ihn und half ihm dabei! Dort unten bei den Quellen plauderte er seine Geschichten, die eigene und die fremden, weiter. Er mußte auskramen von dem vielen, was er erlebt oder in Papieren erschnüffelt hatte. Und es rauschte dann lebendig wie aus den Brunnen.

»Die kleine Roberta ist eine Spitzbübin«, sagte er oft. »Sie stammt vom ältesten Adel. Ein Friani, wißt, von jenem Agostino, der sich siebenmal vor der Bettlerin verneigte. Aber arm wie dieser leere Krug. Doch hübsch und schlau wie ein Hexlein. Sie hat zarte Händchen wie das Christkind. Und trotzdem glaub' ich, kommt sie verstohlen da hinab zu den Fonti und füllt die Krüge. Wenn ich frage: ›Habt ihr noch Wasser?‹, schreit das Ding hell auf: ›Kommt Gevatter, und schaut, der Krug ist noch gut halb voll.‹ Und die Magd nickt: ›Ja, halb voll!‹ Sie nickt zu allem, was das Kind sagt. Aber ich trinke doch so viel Wasser und verschütte alle Tage zwei Gläser an den Blumenstock fürs Grab der Frau selig. Das geht ja fast zu wie mit dem Wein bei der Hochzeit zu Kana…«

»Oh, so ein weitbauchiger Krug hält einige Dutzend Gläser«, beschwichtigte ich ihn. Aber ich mußte das Lachen verhalten. Sah ich doch, wie das Hexlein vom gewöhnlichen städtischen Wasser immer wieder zuschüttete. So geschah das Wunder.

Wir waren bei jenem Gespräch gerade mit dem Krug unterwegs zu den Brunnen, aber auf dem hübschen Umweg über das lauschige Kirchlein San Jacopo, wo man unter den damals noch reichlicheren Schattenbäumen einen guten, gelben Chianti bekam. Wir setzten uns an den Steintisch. Es war mild wie bei uns in Bern an einem föhnigen Ostertag. Und doch schrieb man den 24. Dezember.

Kein Schnee, kein Nebel, kein Christbaum, kein süßes Erwarten und Horchen und Stubengeflüster der Heimat. Ich bekam Heimweh; ich mußte Gemütlichkeit haben, und so schmiegte ich mich an den lieben Alten, schenkte ein, stieß an und bat um ein Geschichtlein.

Aber Ettore Serpi stellte das unberührte Glas auf den Tisch. »Bitte, ein Krüglein Wasser! Ich trinke nie Wein.«

»Nicht einmal an diesem schönen Weihnachtstag?«

»Gerade heute am wenigsten.«

»Aber ein Geschichtlein?«

»So viele Ihr wollt.«

»Ihr habt soeben Agostino Friani genannt. Und oft und oft hör' ich Euch diesen Jüngling erwähnen. Ich weiß nichts von ihm als das siebenmalige Verneigen vor einer Bettlerin Roberta. Warum erzählt Ihr mir das nie?«

»Das hab' ich auf heut' oder morgen erspart, Signor Curioso e Svizzero. Jetzt paßt es am besten. 's ist eine Weihnachtsgeschichte. Sitzt mir zur Rechten, so hör' ich mich und Euch besser! Dann wißt Ihr auch, warum ich keinen Wein trinke.«

Von der Stiftskirche in der Stadt erscholl ein zerstreutes Geläute, wie fernes melodisches Herbstblätterfallen, und gerade so kam dem Alten damals und kommt mir Altem heute unser Erzählen vor.

»Die Welt ist immer die gleiche«, begann Ettore, »und die Menschen sind die gleichen, Winter, Sommer, Winter, Sommer, so kommt's und geht's auch heut' noch im Leben. Dieser Agostino Friani lebte vor sechshundert Jahren und war von uraltem Adel. Und meine ich, geringer Schlucker, er gleiche mir ganz merkwürdig. Auch ich war ein toller Bursche und liebte und trank mich voll und trieb allen Holdrio, bis mich ein Weib bekehrte, genau wie den Friani.«

Dieser hübsche Jüngling war früh Waise geworden und hatte bald das halbe Vermögen mit Mädchen und losen Gesellen verpraßt. Aber bei allem Sudel lebte doch etwas Hohes in ihm. Oft, wenn ihn nach ausschweifender Nacht die Kameraden nach Hause begleiteten, setzte er sich auf den Türsöller, fing an wie ein Kind zu weinen und jagte die Bande fort. Als unser großer Dante in die Stadt kam, um ein Bündnis mit Florenz zu vereinbaren, hat dieser Friani ihn am Rathaus mit einem Gedicht und Lorbeer begrüßt. Und der Dichter runzelte die Stirn und sagte: »Was hast du für blaue Ringe ums Auge, Knabe. Bewahr' doch lieber die Bläue in deinen großen, stolzen Augen…« Denn Agostino trug zwar pechschwarzes Haar, aber seine Augen waren blau wie der Himmel über Toskana. Nur wenn der Junge widrig wurde, schienen seine Blicke grün und grausam zu leuchten.

»Habt doch Sorge zu diesem feinen Müsterchen da!« ermahnte Dante die Ratsherren. »Er gehorcht uns nicht!« versetzten sie. Da klopfte der tiefe Menschenkenner dem Bürschchen auf die Brust und sagte hart und ehern wie mit Glockenschlägen: »Agostino, gehorche dir selbst, bevor dich andere zwingen!« –

Der Bub verstand und verstand nicht, wurde dunkel wie Purpur, aber hat dieses Wort nie mehr vergessen, so ausgelassen er weiterlebte.

Unsere Stadt hatte nie rechten Frieden. Es waren zu viele da, die befehlen wollten. Wie heute! Jetzt zanken sie in den Zeitungen; damals trieben sie es ehrlicher mit Schwert und Spieß. Wer konnte, befestigte sein Haus mit einem Turm. Auch die Friani hatten einen solchen, die Torre Pucci, an die Wohnung gebaut. Den Jungen freute der Kampf. Oft fochten zehn, fünfzehn, zwanzig Türme gegeneinander. Kein Mensch wagte sich auf die Gasse. Die Luft toste von Geschossen. Das niedrige Volk mußte sich in alle Winkel drücken.

In einer solchen Fehde war der arme Bürger Pietro Fossa für die Friani gefallen. Diese nahmen nun die Witwe, die in Mutterhoffnung war, als Magd auf und hielten sie wie eine Freundin in Ehren. Das neugeborene Kind, Roberta, wuchs mit Agostino, um zwei Jahre jünger, unter dem gleichen Turmschatten auf und spielte oft mit ihm wie ein Geschwister. Dann aber, mit acht Jahren etwa, behandelte der Herrensohn das Mädchen minder zart. Er merkte, wer er und wer sie war, küßte sie oft und biß sie noch öfter, und es war allen recht, daß die Mutter ihre hübsche, gescheite Roberta einer Tante übergab, um das Kind vor den Übergriffen zu retten, die sich die Mächtigen fast immer über die Schutzlosen erlauben. Die Kinder sahen sich fortan nur noch am Vorabend von Weihnachten, also heute, lieber Freund, bei dem Hirtenumzug. Er ist leider längst aus der Mode gekommen. Aber ich habe noch als fünfjähriger Krippleinträger einmal mitgemacht. War das schön!«

»Wie schade«, bedauerte ich, »daß man so was Köstliches heute nicht erleben kann.«

»Seht, an diesem Abend ward Friede, auch wenn es zwischen den Hauptparteien der Salvucci und Ardinghelli wütete und man sich morgen wieder die Köpfe einschlug! Bei diesem Umzug redeten Leute wieder miteinander ein gutes Wort, die sich ein Jahr lang keinen Blick gegönnt hatten. Ja, auf diesem mit den Fackeln und Hirtenlaternen, dem Christkind und den Engeln, der Madonna und San Giuseppe, sah man sich oft wieder tief ins Auge, fühlte etwas Warmes aufsteigen, die Kehle zusammenschnüren und konnte sich zuletzt Bruder sagen. Und dann kam das zweite Wort Pace, Friede sei mit Dir! So sind die zwei alten Todfeinde Tolomei und Pecori, nachdem sie sich ein Leben lang nichts als Elend zugefügt, in einem solchen Augenblick für immer Freunde geworden. Im Museum kannst du sie Arm in Arm auf einer Marmorplatte sehen.

In diesem Hirtenzug mußte immer die schönste Jungfer, 's war nicht immer auch die sauberste, das Christkind tragen. Damals war es noch ein lebendiges, womöglich das jüngstgeborene Kind der Stadt. Gott, was ging da zum Heiligen oft Unheiliges zu, mit Hurenkindern – aber das waren doch so unschuldige Kinder wie andere – und mit unwürdigen Kindleinträgerinnen. Aber da geschah ja jenes berühmte Wunder, daß die noble Dirne Teresa Salvucci das Knäblein in ihrem Arm immer mit schwereren Augen anblicken mußte und plötzlich schrie: ›Liebe Leute, das ist mein Kind, und dort der Alfonso Ardinghelli ist sein Vater!‹ Und sie zeigte auf den Hirten, der den Esel der Heiligen Familie an der Leine führte. Das war ihr vieljähriger Mitsünder. Und von dieser Sternenmacht und Heiligabendgnade ergriffen, stürzte der Edelmann auf das Kind und küßte es vor der ganzen Stadt und lud alle zur morgigen Hochzeit. In die Chronik hat man das Ereignis geschrieben wie einen Sieg über Siena oder Florenz.«

»Oh!« rief ich begeistert, »ich glaube es ohne Dokumente. Aber weiter, weiter, was geschah mit Agostino?«

Vor Neugier vergaß ich meinen gelben Wein. Der Alte aber trank wieder ein halbes Gläschen Wasser, ehe er weiterspann:

»Nun, der schöne, lose Schlingel wollte immer der König Herodes hoch auf dem Rappen sein. Schlank im engen schwarzen Samt, einen goldenen Reif in den Locken, ritt er hinter dem Christkind und seiner Mutter und lächelte bald wie ein Engel und blitzte bald wie ein Teufel aus seinen blauen Riesenaugen über die Menge. O wie viele Zöpfe vernarrten sich an diesem Abend in den gleichen unerreichbaren Jüngling!

Aber bevor der freche Friani Herodes wurde, ging er als Hirtenknabe mit dem Schaffell im Zuge. Roberta Fossa hingegen war ein Engelchen mit angenähten Schwanenflügeln, einem weißen Kleid und einer Lilie in der Hand. Sie war ein so lichtbrauner, fröhlicher Engel, mit solcher himmlischer Überlegenheit auf der Stirne, daß alles sie anstaunte und sich zuflüsterte: »Die wird bald einmal das Christkind tragen, ob sie auch noch so bettelarm ist.«

»Ihr meint wohl, ich male zu stark. Aber vorhin, unter dem Conservatorio, standet Ihr plötzlich still und packtet mich am Arm, daß es mir weh tat. ›Wer ist das‹, fragtet Ihr, ›das Jüngferchen dort neben der Mauer? Ist das noch ein Mensch?‹ spaßtet Ihr. – Nun, das ist das Bäschen meiner Roberta daheim, eine Fossa. Alle sind unfehlbar schön, haben Haar wie ein Kornfeld, so gelb und reich, Augen wie altes Silber und sind weiß und schnell wie Tauben, alle! Aber alle heute noch bettelarm!«

»Ja, ja!« bat ich ungeduldig.

»In dieser Christnacht sahen sich die zwei Kinder für eine kurze, zauberische Stunde, dann das ganze Jahr nicht mehr. Denn je gefährlicher der Junker wurde, um so sorglicher ward Roberta gehütet. War sie arm, gut, aber ärmer sollte sie nicht werden. Es kam dazu, daß die Angehörigen der Tante zur Partei der Salvucci hielten, die Friani aber auf Tod und Leben mit den Ardinghelli verbrüdert waren. Damals glühte dieser Haß am feurigsten, und jeder Parteigänger suchte dein Gegner mit allen Mitteln zu schaden, auch gern genug so, daß er die Ehre seiner Frauen und Töchter besudelte.

Was waren das dann ungewohnte, prächtig-heilige Stunden am Christabend. Alle wurden gut. Säbel und Dolch blieben daheim. Die stolzen Lippen schienen nur noch Gebete und Friedensküsse tauschen zu können. Die zähen, grauen Alten wurden sozusagen wieder Kinder der blondesten Unschuld.

Man sah, wie der dunkle Hirte Agostino sich zum hellen Engel Roberta drängte. Sie lachten und schwatzten zusammen, und das Schaffell verwickelte sich mit dem Schwanengefieder, bis man diese Kinder und ehemaligen Gespielen schalt: »Auseinander! Der Hirte darf doch nicht so nah an den Engel kommen.«

Beide freuten sich schon wochenlang auf dieses Wiedersehen. Es dünkte sie, sie gehörten auf irgendeine Art zusammen. Die Kindheit wurde lebendig. Und beide bewunderten einander und wußten nichts und nirgends etwas Schöneres.

Einige Jahre flogen wie Schwalben dahin. Agostino reifte zum jungen Manne. Das geschieht so rasch unter unserer toskanischen Sonne. Er verwüstete, wie ich schon sagte, seine Tage mit Nichtstun oder Gefecht, mit Schlafen oder Becherleeren und wurde gierig nach den hübschen Mädchen unserer Stadt. Keines widerstand ihm lange. Aber es geht die Sage, der Friani habe sie nur genarrt. Sobald es so weit war, daß die Närrchen ihm in die Arme oder vielmehr vor die Knie fielen, habe er genug gehabt und sie voll Ekel von sich gestoßen. Genau, wie er mit dem Luigi Salvucci tat, der ihm hinter den Zwillingen mit dem Dolch in den Rücken fiel. Aber Agostino brachte ihn doch unters Knie, entwand ihm den Dolch, spuckte darauf und ließ den Kerl laufen. So einer ist er. Wenn er nur nie den Orvieterwein geschmeckt hätte! Immer hatte er noch etwas Durst, nach einer Heldentat oder nach einem großen Freund oder nach einer unmöglich schönen und tapferen Braut, kurz, nach etwas, das es nicht gab, und dann löschte er diesen Durst im elenden Wein und verlotterte und verlor die Sinne.

»O ich weiß, ich weiß«, gestand der Alte im Fieber des Erzählens, »was das für ein Durst ist. Ich war kein Edelmann und arm, aber auch ein Krämer kann Durst haben, wisset, Durst über seine Verhältnisse hinaus, Durst nach Höherem als dem gewöhnlichen Tingeltangel, ach, Ihr versteht wohl nicht…«

Verwundert blickte ich auf. Die Lippen des Greises waren trocken und heiß. Er trank ein ganzes Glas Wasser aus.

»Was ist das für ein seltsamer Nachmittag«, sagte ich glückselig in mich hinein. »Diese laue Luft, fast wie Frühling, dieses alte, gemütliche Kirchlein dort, dieser Hof mit den müden und doch nicht hoffnungslosen Bäumen und diese sanften Hügel bergab ins warme, stille Flußtal. Und die Vespersonne so gelb und von der Stadt so ein mildes Stundenschlagen, heut' abend Weihnacht und Himmel und Erde ringsum tun so merkwürdig leise und doch so wachsam, als käme etwas Großes. Nein, nein, nicht nur im schneeigen Schweizerländchen, auch in diesem fremden, klaren, fernen Hügelland geht das Sehnen nach etwas Besserem, als was wir sind und haben, so ein unendliches Wünschen nach Frieden, nach Brüderlichkeit… ach, was umschreib' ich's!… nach einem Christkind, das alles, alles bringt, was gefehlt hat, ich sage, geht diese unmenschliche Weihnachtsstimmung durch jedes Gras, jeden dürren Zweig, jedes Wölklein, jedes Fenster, jedes Herz, selbst durch das aller-unwissendste.«

Ja, der Alte hat recht, Durst, Durst! Wir alle dürsten.

»Ich versteh' Euch gut«, sagte ich, sein Glas mit dem wahrhaft prachtvollen Wasser wieder füllend. Ich aber schlückelte wieder vom goldgelben Chianti.

Wir saßen still unter dem Baum, und kaum wagte ich endlich zu betteln: »Was ist's nun mit Agostino Friani?«

»Ach ja!«rief der Alte, wie erwachend. »Das ist nun leicht zu verstehen und bald erzählt.«

»Macht es nicht kürzer, als es ist, bitte!« bat ich. »Seht, noch steht die Sonne über den Türmen! Ihr erzählt so warm.«

Das Lob mit den grauen Äuglein trinkend, aber mit einer Handbewegung abweisend, erzählte Ettore Serpi weiter:

»Bei seinem niedrigen Leben freute sich der Friani doch auf jede Weihnacht, als käme da seine Erlösung. Aber drei Jahre hintereinander fand er den Engel bei dem Umzug nicht mehr, und alles ward ihm lichtlos.

Oft bestürmte er seine Amme, die Mutter Robertas: ›Wo hast Du den Engel versteckt? Ich brauch' ihn. Er soll mich weiß machen… Oder nein, sag' es lieber nicht, ich könnte ihn am Ende schwarz machen…‹ In bösen Augenblicken schlug er die Frau; einmal sperrte er sie wochenlang in den finsteren Hausturm; ja, er soll sie dort gefoltert haben, weiß ein Schwätzerchronist. Das glaub' ich nicht. Diese demütige Magd, die eine so tapfere Mutter war, imponierte ihm. Und zuletzt befahl er immer: ›Nein, sagt es mir nie, wo Roberta steckt; auch nicht, wenn ich Euch erwürge!‹ – Der Magd sagte er du, der Mutter Robertas respektvoll ihr!

Ach, diese Mutter hatte den jungen Herrn mit sonderbaren Frauen und Fräulein kommen sehen, bankettieren, sie küssen und beschimpfen in der gleichen halben Stunde, ihnen den Schuh zur Türe hinaus nachwerfen und sich dann unter Tisch und Stuhl hinunter betrinken. Alles wollte die Witwe erleiden, nur nicht ein solches Leiden der Tochter. Daher war sie lange Zeit in Empoli in Dienst, und wenn sie in Gimignano bei der Tante weilte, so lag doch das elende Hüttlein außer der Stadt, am stillen Hang zum Elsatal hinunter. Die Mutter konnte ihr Kind nur besuchen, wenn Agostino im Rausche lag. Und immer fragte dann Roberta nach ihm. Und immer flehte die Mutter: ›Frage nicht; ich kann dir nur Wüstes von ihm berichten!‹ Dann schwieg die groß, ernst und tapfer erwachsene Jungfer, aber ihre Seele fragte noch immer.

So kam nun wieder der Christabend mit dem Umzug. Jetzt geschah der erste Streich der Roberta.

Sie ging unter den großen Engeln. Agostino war Herodes. Als er sie sah, schwindelte ihm. Mitten im Zug sprengte er in die Engel hinein und drängte zu Roberta vor.

›Halt!‹ herrschte sie ihn an und wurde bleicher als Schnee. ›Halt! Die Hirten dürfen nicht zu nah' an die Engel kommen!‹

Der Friani stutzte, ward ebenso bleich und stammelte verlegen: ›Aber ich bin König Herodes!‹

›Um so schlimmer!‹ rief Roberta hallend laut über den Platz. ›Und ich bin nur ein bettelarmer Engel!‹ – Dann kehrte sie ihm den Rücken.

Aber daheim fiel sie zu Boden und weinte bis zum Morgen, weil sie sich einen Engel gerühmt und noch mehr, weil sie, die Bettlerin, ihn wie einen noch elendern Bettler behandelt hatte. Ach, wie hatte ihr vor dem trostlosen Dunkelblau seiner Augen geschaudert! Welch ein Mitleid schüttelte sie, als sie an seinen bitter verzogenen Mund dachte. Wie elend, wie gar nicht weihnachtlich hatte sie gehandelt. Um sie von der Prozession abzuschrecken, hatte die Tante ihr endlich alles Wahre und Unwahre erzählt, was das Gerücht über den heimlich und immer Geliebten wußte. Das hatte die Jungfer überwältigt. Doch jetzt, bei der Erinnerung an sein Bleichwerden und an seine Miene voll ehrlicher Bubenangst konnte sie unmöglich all das Böse glauben. Und, o Herrgott, wenn auch alles wahr wäre, sie liebte ihn dennoch und gerade jetzt, wie noch gar nie, liebte ihn zum Herzzerspringen.

Welch ein schweres, trauriges Jahr schlich nun bis zur nächsten Weihnacht hin! Oh, dann wollte sie das Verpaßte einholen und den Fehler gutmachen.

Aber noch viel lastender waren die Tage für Agostino. Wie ein Wahnsinniger war er aus der Prozession davongaloppiert durch die leere Stadt, immer noch in Goldreif und Purpur des Herodes. Und sicher hätte er in der jetzigen Tollheit nicht bloß die unschuldigen Kinder, sondern auch alle Jungfrauen und Männer, groß und klein, von Gimignano niederhauen lassen, wenn er die Macht dazu gehabt hätte.

Eine ungeheure Aufregung hatte die Stadt wegen dieser Störung des Zuges ergriffen. Das haben die Salvucci angestiftet, hieß es. Nicht einmal Weihnachten gibt mehr Frieden. Und man verschanzte sich in die Türme und bewaffnete sich bis ans Kinn.

Nur die Witwe Roberta war wehrlos, als der Junker ins Haus stürzte und mit beiden Fäusten auf sie losdrang. Sie floh rückwärts, bis in den Stubenwinkel. Aber da nahm sie sich zusammen, hob den Kopf und sagte: ›Schlagt nur zu! 's ist ja bloß eine Frau!‹ – Und als er zauderte: ›Mein Mann starb für Euern Herrn Vater. Schlagt zu, aber sagt mir vorher, für wen ich sterben soll!‹

Das traf. Agostino bog sich und küßte der Frau die Hand. Aber nach den Tagen der Reue kamen die Tage der Wildheit und Empörung wie hungrige Wölfe zurück. Was litt die Witwe da! Er schmeichelte ihr wie eine Katze, bellte sie an wie ein Hund und drangsalierte sie wie ein Tyrann seine Sklavin, nur um zu erfahren, wo Roberta sei. Er wollte sie heiraten, er könne nicht leben ohne sie. Sie hätten ja beide die gleiche Milch getrunken. Sonst breche er in die Häuser und suche und verderbe, was er nur könne. Oh, er finde sie schon! Aber dann Gnade ihr Gott! Sie sei ein Engel. Ohne sie werde er immer schlechter.

Wie Gewitter rollten diese Reden mit Blitz und Donner über die Frau hin. ›Nein, nein!‹ schrie sie, und auf jedes Nein traf sie ein Faustschlag. Er strafte sie mit Hunger und Haft im Turm, ließ ihr Tag und Nacht keine Ruhe, umgab sie mit Spionen und gestattete ihr keinen Schritt zum Haus hinaus. Dann ging er mit seinen Helfershelfern tagelang auf die Suche, und das Mutterherz zitterte, bis er leer heimkam. Dann wieder nannte er sie sein Schwiegermütterchen, liebkoste sie, weinte und flehte sie mit den blauesten Augen der Welt an, doch Mitleid mit ihm, mit sich und mit der Tochter zu haben. Das alles und noch mehr der Zweifel, ob sie eigentlich recht tue, ob Roberta wohl den Ruin aufhalten könnte oder mitruiniert würde, und trotz allem eine heimliche, fast mütterliche Liebe zu Agostino und sein sicheres Rennen ins Elend vor Augen, das alles warf sie nieder, um nicht mehr aufzustehen. Sie wurde immer schwächer und konnte doch das Heimweh, ihr Kind noch einmal zu sehen, nicht stillen. Denn der Junker bewachte das Haus wie ein Falke; selbst im Rausch war er hierzu noch nüchtern genug. Eines Nachts aber, als unter ihrer Diele gezecht und gebrüllt wurde und die Witwe sich besonders elend fühlte, übernahm es ihre Kraft, und sie bat die zweite Küchenmagd, um Gottes willen zum Hüttlein des Prati, eine Viertelstunde unter der Porta San Matteo, zu laufen und Roberta zu holen. Die Mutter sterbe.

Jetzt ging alles rasch. Das falsche Mägdlein verriet den Auftrag dem Junker; dieser zog betrunken mit seinen Betrunkenen sofort nach dem Versteck Robertas. Sturm aufs Haus, eine schwer mißhandelte, vor Schreck halbtote Frau, aber keine Roberta. Fluchen, Zertrümmern, in Brand stecken des Hüttleins und im Katzenjammer nach Hause torkeln.

Rechts und links verloren sich die Spießgesellen stumpf und scheu in den Seitengassen. Agostino, zerfahren und zerschlagen, stieg schwierig zur Kranken empor. Da brannte die Totenkerze. Ein müdes, weißes Leichengesicht lag im Kissen, mild, gütig, ohne Klage, die Augen für immer geschlossen. Verzeihung übers ganze Antlitz ergossen, eine Magd und doch so adelig wie kein Friani, noch Ardinghello. Der Junker brach am Bett zusammen.

Eine lange Krankheit, schwere Geldbußen und bittere Vorwürfe des niedrigen, herzlosen Volkes gingen über ihn. Aber die Adeligen beschirmten den Standesgenossen, entschuldigten sein Vergehen, und viele waren sogar stolz auf solche vornehme Bengelhaftigkeit. Von ihm selbst wußte man nur, daß er sehr langsam genese, nur noch Wasser trinke und kaum ein Wort rede. Weihnachten kam, und er hatte noch nie das Haus verlassen, sich nicht einmal am Fenster gezeigt und keiner Menschen vorgelassen. Es ist heilloser Stolz, hörte man sagen. Gebt acht, der Junker bereitet einen unerhörten Streich vor.

O ja, einen Streich, wie man noch nie gehört, aber ganz anders, als ihr Leutchen denkt!

Im Dunkel und Fackelschein der Nacht zog die Prozession langsam vom Dom her durch die Straßen, und sieh da, wer trug das Christkind im blauen Kleid der Madonna: Roberta. Oh, auch sie hatte einen Streich vor, und wahrlich keinen madonnenhaften, daher sie die Hilfe der listigen Salvucci nicht ablehnte. Aber sie wollte für sich und das arme Volk handeln, nicht für die Adeligen, so oder so. Vor dem Friani-Palast wollte sie den Mörder ihres Glückes so lange herausrufen, bis er kommen mußte und sich dann vor dem gesamten Aug' und Ohr der Stadt bis in den Staub demütigen.

Unter Gebet, Sang und Geplauder mit den Umstehenden wallte der Zug dem großen Ereignis entgegen, das nur Roberta kannte. Und auch sie kannte es nur halb. Fest biß sie die Lippen zusammen, je näher man der Entscheidung kam. Sooft sie das Kindlein betrachtete, das trotz Lärm und Feuer ruhig in ihren Armen schlief, wollte jene alte Liebe oder doch ein mit ihr verwandtes Mitleid erwachen. Aber dann dachte sie an das elende, einsame Sterben ihrer Mutter, an den Überfall und Brand des Hauses und an die Geistesgestörtheit ihrer guten Zia und überhaupt, daß sie wegen des nobeln Verbrechers da nie frei und froh wie andere, sondern immer im Schatten und Versteck, fern von der Mutter, die blauesten Jugendtage hatte vertrauern müssen. Nein, nein, jetzt sollte schonungsloser Gerichtstag sein, Gerichtstag nicht bloß für sich, Gerichtstag für das ganze, unter den Herren leidende, so unbeholfene Volk.

An den Fenstern und unter den Türen hielten Mütter ihre Kinder, blickten die Kranken für einen Augenblick wie Gesunde ins Fest, riefen Bettler um Almosen oder schrie ein Schuldner seinen Gläubiger um Gnade an. Selbst aus den vergitterten Lucken des Gefängnisturmes reckten sich dünne Arme. Und dreimal durfte die Madonna nicken, und jedesmal mußte da Gnade für Recht ergehen.

Dreimal nickte sie auch, und jedesmal griff es ihr ans, ach, so menschliche, so weibliche Herz. Sollte sie nicht noch ein viertes Mal?… Nein, nein! Und härter ward ihr schmales Liliengesicht.

Jetzt um's Eck des Clarohauses, da ist die Piazetta, da ist der Friani-Palast mit dem Prachtfenster. O Gott, was ist das?

Am steinernen Mittelpfeiler sich haltend, zitternd, gebückt, kriecht etwas aufs Gesimse hinaus. In grauem Sünderhemd kniet es da, ein mageres, furchtbar weißes Gesicht reckt sich auf, es spannt die Arme, es öffnet den Mund, es neigt sich tief und tiefer bis zum Fensterrand, und die lautlose, wie erstarrte Prozession hört einen schwachen Schrei: ›Misericordia!‹

O Himmel und Hölle, Agostino! flüstert es durchs Volk. Und die Salvucci, die so viel von diesem Abend und von Roberta gegen diesen Häuptling der Ardinghelli gehofft, ahnen, daß hier höhere Politik walte.

Agostino richtet sich auf, sucht mit seinen blauen Augen die Madonna, verneigt sich ein zweites Mal bis zum Gesimse, und wieder schreit es wie aus einem verängstigten Kind heraus: ›Misericordia!‹

Und so siebenmal. Das ist kein Theater. Das ist so ernst wie der Tod.

Roberta steht da wie vereist, sieht, hört, vergißt alles, alles hinter sich, weiß nur noch von diesem Menschen da oben, und langsam, langsam, wie wenn Sonne in den erfrorenen Baum fällt und es süß zu tauen beginnt, tropfen Tränen über ihr Gesicht. Sie wollte fluchen und muß segnen. Sie wollte den Säugling wie eine Schande gegen ihn, den natürlichen Vater erheben; nun küßt sie das fremde Kind, als wär' es ihr eigenes: sie wollte hassen und muß lieben.

Ach, was sind wir Gimignaner für harte und doch wieder so wachsweiche Menschen! Bei der dritten Verneigung des Büßers brauste es im Volke von Mitleid. Beim vierten rief man: Genug, genug, alle verzeihen dir! Beim fünften gab es nichts mehr als Verehrung für Agostino; beim sechsten beneidete ihn auch die, die schwer von ihm gelitten, und beim siebenten Bücken schrie alles: Un Santo! Un Santo!

Aber da überscholl eine Jungfrauenstimme den Lärm: ›Nein, kein Santo, ein großer Sünder, aber einer, der bereut und gutmachen will! Komm' herab, Friani, zu deinem Kind und zu deiner Braut! Wir sind keine heilige Familie, aber wir wollen wenigstens eine brave Familie werden.‹ – Und sie hob ihr vom Purpur der schönen Scham übergossenes, wahrhaft adeliges Madonnengesichtlein und das aufwachende und staunende Kindlein zu ihm empor. Und da sah man auch sein todtrauriges Gesicht leise nicken und lächeln…«

»Was ist noch zu sagen«, schloß Ettore, trank das Glas aus und erhob sich. »Hochzeit, glückliche Ehe, schöne Kinder, weiser Staatsmann, das versteht sich, und immer Wasser trinken, Wasser trinken; denn von seinen Schlingeltagen her hat Agostino, wie ich, einen steten Durst ins gelassene Leben hinüberbekommen. Roberta hat ihn gewiß auch oft unter die Pantoffeln genommen. Aber mit so viel Liebe und Klugheit und Wasser hat sie ihm auch zu manchem Erfolg geholfen. Aber, ich weiß nicht warum, von da an hat man im Christnachtzug keine lebenden, nur noch wächserne Weihnachtskindlein herumgetragen…«

»… Ihr habt es zu kurz gemacht«, klagte ich leise, da Ettore schwieg. »Aber es war doch schön und hat mich so gepackt, daß ich selber auch einen frommen Durst nach dem Brunnenwasser bekam. Die Sonne ist verschwunden. Gehen wir, füllen wir die Krüge, die Krüge des Segens.«

Still lag das Land. Festliche Wolken schwebten am Abendhimmel. Von den Kirchen hob das Geläute an, und in den uralten Straßen schwärmte ein sichtlich sorgloses Volk herum. Eine schöne, südliche Christnacht brach rasch herein. Wie oft in meiner nordischen Winterstube denke ich noch daran!

