Die Taufe

In den stattlichen Räumen des Schlosses, das Herr v. Brake sich gekauft, war die Hochzeit seiner Tochter gefeiert, bei welcher, wie wir wissen, so viele schöne Geschichten erzählt wurden. Nun waren wieder Vorbereitungen für ein Fest getroffen; man kann sich leicht denken, daß es dieses Mal einer Taufe galt: das junge Paar hatte das erste Kind bekommen, einen prächtigen Knaben.

Wir erinnern uns, daß Herr v. Brake nicht so ganz zufrieden mit seinem Schwiegersohn war. Desto glücklicher war er nun über den kleinen Enkel, denn er dachte sich, daß der nun ihm alle die Erwartungen erfüllen werde, in denen der Schwiegersohn ihn doch enttäuscht hatte.

Zwischen Hochzeit und Taufe aber war viel geschehen: der Weltkrieg war ausgebrochen. Der junge Gatte, der eben eine außerordentliche Professur erlangt, hatte den Offiziersrock anziehen müssen, war in Flandern und Frankreich, in Polen und Serbien gewesen und weilte nun mit einem kurzen Urlaub bei seiner Familie; Herr v. Brake hatte seine Fabrik umgestaltet und verfertigte nicht mehr Regenschirmgestelle, sondern Feldflaschen aus Aluminium mit Filzbezug; der andere Neffe, der sich inzwischen gleichfalls verheiratet, war mit einer leichten Verwundung und dem Eisernen Kreuz zurückgekehrt; einige der fernerstehenden Gäste, welche an der Hochzeit in Frack und Binde teilgenommen hatten, waren zur Taufe in Feldgrau erschienen, und manche fehlten auch; sie waren im Felde; einer war gefallen.

Herr v. Brake hatte nicht ein rauschendes Fest anrichten wollen, denn die Zeit war zu ernst; aber er hatte doch auch die Taufe des Stammhalters nicht mögen ohne jede Feier vorübergehen lassen. Was Familie bedeutet, das wurde ja jetzt allen besonders deutlich; für die Kinder, welche heute geboren werden, wird ja gekämpft, noch ernster als sonst denken wir über die Zukunft unseres Volkes, die hinter den hellen, unbestimmten Augen der Kleinen schlummert. Noch tiefere Freude als sonst mag also der Großvater fühlen, wenn er hofft, seinen Geist und seine Seele im Enkel erneuert zu sehen.

Noch waren nicht alle Gäste versammelt. Der junge Vater, sein Rival vor der Hochzeit, der gleichfalls hoffen durfte, bald ein Kind sein zu nennen, und einige andere jüngere Herren, fast alle in Uniform, hatten sich im Rauchzimmer zusammengefunden. Das Gespräch war auf die Kriegserlebnisse gekommen; der eine hatte diesen Zug erzählt, der andere jenes Erlebnis; man hatte sich an die Novellen der Hochzeit erinnert, und so war denn schnell der Entschluß gefaßt, die Zeit bis zum Beginn der feierlichen Handlung zu verbringen, indem man, wie damals, erzählte. Paul Ernst war bereits unter diesen ersten Gästen, und so wurden denn diese Novellen von ihm gleich mit aufgezeichnet.

Hier folgen nun die ersten Geschichten.

Die Liebesgabe

Ein ganz junger Unterleutnant und ein bereits älterer Oberleutnant, die in demselben Regiment standen, waren nahe miteinander befreundet, in der Art, wie Männer befreundet sein können, wenn der eine Zwanziger und der andere Dreißiger ist: in ihr Verhältnis kam ein leichter Ton aus dem Verhältnis des Erziehers zum Zögling.

Die beiden verkehrten viel in dem Haus des Obersten. Die jüngste Tochter des Vorgesetzten war zur Zeit unserer Geschichte nach der Vollendung ihrer Erziehung eben in das elterliche Haus zurückgekehrt; der Oberleutnant hatte sie vor seinen Augen aufwachsen sehen; noch gar nicht viel Zeit schien ihm verflossen, seit sie ihn im dunkeln Wohnungsgang empfing, an ihm hochsprang, ihn küßte und fragte, ob er ihr etwas mitgebracht habe; nun trat sie ihm schüchtern errötend als schlankes, junges Mädchen entgegen und legte ihre Hand leicht in die seine. Sie hielt die linke Hand hinter dem Rücken; diese kindliche Bewegung traf ihn plötzlich mit merkwürdigem Eindruck, er fühlte, wie in seinem Herzen etwas überwallte, und er mußte sich bezwingen, daß er nicht ihr Köpfchen an sich zog und sie küßte. So geriet auch er gleich in eine Verlegenheit, und erst das unbefangene Gespräch der Eltern schuf wieder eine ruhige Stimmung.

Als er nach Hause ging, bedachte er bei sich, daß er wohl fünfzehn Jahre älter sei wie sie, er machte sich klar, daß sie früher doch ihn als Freund des Vaters empfunden hatte und daß er nicht die ganz andere Empfindung von ihr erwarten konnte, die er wünschte; er dachte an sein stilles, arbeitsames Leben, das einem so jugendlichen Wesen doch nicht angemessen war; und so schüttelte er denn endlich ernst den Kopf, und mit gefaßtem Entschluß ging er mit festen Schritten und straffer Haltung heimwärts.

Bald machte ihn sein junger Freund zum Vertrauten einer keimenden Liebe zu der von ihm selber Geliebten; er erzählte dem Älteren, der sich mühsam festhielt, alle die entzückenden Kleinigkeiten, welche das Glück des Liebesbeginns ausmachen, jenes rein seelische Glück, das nie wiederkehrt in unserem Leben, das nur einmal uns beschieden ist in unserer ersten Liebe, weil wir nur in unserer ersten Liebe gedankenlose Kinder sind. Er sprach von einem verstohlenen Ansehen, das er zufällig bemerkt, von einem Huschen im Wohnungsgange, von einem Zittern des Händchens, einem Erröten, von einem Blick hinter den Fenstervorhängen hervor; dann, wie er gewagt, die Hand leise zu drücken und wie er keinen Widerstand gespürt, nur ein seliges Sichgeben der Hand; ein paar Worte, unbedeutend und gleichgültig an sich, die doch ein geheimes Einverständnis bedeuteten, etwas, von dem niemand wußte außer ihnen beiden, ihrer Freundin, und seinem Freund.

Wer hat nur vom Frühling gesprochen als der Jahreszeit der Liebe! Es waren die schönen Frühsommertage, wo am Morgen noch die Vögel erwachend ihr vielstimmiges Konzert ertönen lassen, wo die Rosen blühen, die Wiesen kurz vor dem Mähen in Duft und heiteren Farben stehen, das Korn eben zu gilben beginnt, und mit einem süßen Schleier alle Formen in der Luft verhängt sind, daß nur undeutlich und märchenhaft uns die Bergzüge grüßen mit ihren dunkeln Wäldern.

Da kam mit einem Male die Unruhe; Befehle von der Heeresleitung folgten sich schnell, die eine gefährliche Lage bewiesen; in den Zeitungen standen Aufsätze und Nachrichten, welche Besorgnis erregten; eine merkwürdige Spannung war in allen Gemütern: jetzt, jetzt kommt der Schlag – nein, heute war er noch nicht – morgen kommt er – nein, übermorgen – aber er kommt, er kommt sicher!

Auf die beiden Liebenden hatte sich mit einem Male der Ernst gelegt. Ohne daß sie sich etwas in Worten mitgeteilt hatten, nur dem Gefühle folgend, gehörten sie plötzlich zueinander wie Menschen, die auch im äußerlichen verbunden sind. Sie hatten nie mit den Eltern gesprochen, dennoch wurden sie von ihnen wie Verlobte behandelt. Die Mutter küßte die Tochter auf die Stirn und sagte: »Du hast eine schwere Zeit, mein Kind«, verwundert sah die sie an und wußte nicht, was die Mutter meinte.

Nun folgten die Befehle der drohenden Kriegsgefahr, der Mobilmachung, die Kriegserklärung. Das Regiment wurde fortgeschickt, mit ihm der Oberst und die beiden Freunde. Es waren Eisenbahnfahrten, Märsche, die ersten Kämpfe, das jubelnde Vordringen in das feindliche Land, die kühnen Angriffe und stolzen ersten Erfolge. Der junge Bräutigam erzählte dem Freunde von der Geliebten, von seinen Hoffnungen und Wünschen, von dem Haus in der Heimat, an das er für künftig dachte, vom Glück in vier Wänden, Heiterkeit und Ruhe; von Kindern, von seinen Eltern, von den Eltern der Braut, von Großelternglück; mit gepreßten Lippen und gütigen Augen hörte der andere zu, nickte still mit dem Kopf. So gingen sie oft auf den langen Märschen neben ihren Mannschaften oder vor ihnen, indessen die Männer ihre Lieder sangen, von der Heimat, den Vöglein im Walde, von Deutschland über alles und der Wacht am Rhein.

Am Ende war die lange Schlacht, in der sich die Reihen wochenlang gegenüber lagen, in die Erde gegraben, unter dem Hagel der Schrapnells und Granaten sich gegenseitig beobachtend und ausspürend, wie zwei Ringer sich in die Augen sehen, ehe sie sich greifen.

Die beiden Freunde lagen nicht weit voneinander entfernt in den Schützengräben, trotzdem vergingen Tage, ohne daß sie sich sahen.

In den Wochen aber, wo die Heere sich so gegenüber lagen, veränderten sich die Männer ganz merkwürdig. Sie bekamen andere Gesichter, wie sie gehabt, sie wurden sonderbar still und ernst. Mancher dachte an Gott, der nie an Gott gedacht hatte. Ein Kamerad hob den Kopf unvorsichtig über die Deckung und rief etwas; eine Kugel traf ihn in den geöffneten Mund; er drehte sich im Kreise und fiel tot hin. Eine Granate schlug in den Graben und zersprang; fünf Mann waren auf der Stelle tot, die anderen wimmerten mit fürchterlichen Verletzungen, einer bat die Freunde, ihm eine barmherzige Kugel zu geben. Vom Himmel rieselte ein feiner Regen, die Zweige des dürren Buschwerks waren gläsern, den glänzenden Grashalmen, die sich bogen, hing ein Tropfen an der Spitze.

Eine Ordonnanz brachte dem Oberleutnant ein Päckchen, eine Liebesgabe. Er besah verwundert die Adresse, es war die Adresse des Freundes. Die Ordonnanz sagte, es seien Selbstfahrer gekommen, die Liebesgaben mitgebracht; man habe ihm das Paketchen gegeben für den Herrn Unterleutnant; er habe ihn bei den Verwundeten aufgesucht, aber der Arzt habe ihm mitgeteilt, daß er seinen Verletzungen erlegen sei. Nun haben ihm die Herren im Selbstfahrer aufgetragen, daß er das Paketchen jemand anderem bringen solle, und weil der Herr Oberleutnant mit dem Toten befreundet gewesen sei, so habe er es ihm gebracht; er habe es schon seit gestern in der Tasche. Nach diesen Worten kroch der Mann gebückt wieder zurück.

Der Oberleutnant hatte nichts von der Verwundung des Freundes erfahren. Nun sah er lange die Adresse an; sie war von der Hand der Braut geschrieben.

Es durchschwirrte ihn: plötzlich wurde ihm bewußt, daß er ein ganz anderer war, wie vorher. »Wie kann das sein?« fragte er sich, »als wenn ich lange Jahre gelebt hätte, und in meiner Jugend wäre das alles geschehen.« Er sah sich um, sah die Gesichter der Leute an. Da war ein Schuhmacher; auf dem Gesicht war nichts mehr zu lesen von der täglichen Arbeit, von den kleinen Gedanken; auch nichts von Kampf und Krieg; es war etwas anderes, etwas Neues in dem Gesicht – wie wenn dieser Mann alles Irdische abgestreift hätte als ein gleichgültiges Gewand und nun still und gesammelt vor Gott treten wollte.

Der Oberleutnant schnitt den dünnen Bindfaden des Päckchens auf und öffnete es. Da waren Zigaretten, auf ihnen lag ein Brief. Er fühlte durch den Brief eine Photographie, riß den Umschlag ab und sah das Bild an. Dann schüttelte er erstaunt den Kopf; das war das kindliche, gute, heitere Gesichtchen, das er so lieb gehabt hatte. Den Brief legte er ungelesen ins Taschenbuch, dazu tat er das Bild.

Der Mann neben ihm sah auf die Zigarettenschachtel; der Oberleutnant nahm sich eine Zigarette, zündete sie an, gab die Schachtel dem Mann und sagte: »Weitergeben, jeder bekommt eine.«

Der Brief

Ein Dichter, welcher bereits auf der Höhe des Lebens stand, einen jungen Freund, der ihn oft in seiner stillen Stube besuchte, um Rat fragend, von seinen Plänen erzählend und sonst allerlei mitteilend, das ihn innerlich bewegte.

In den Julitagen des ersten Kriegsjahres hatte sich der junge Mann auf eine kurze Zeit verabschiedet, um eine Erholungsreise in das Gebirge zu machen. Er war etwa zehn Tage unterwegs, als er einen Brief an den älteren Freund begann. Dieses ist der Brief:

»Ich bin einige Stunden mit der Bahn gefahren in der gewöhnlichen Gesellschaft mehr oder weniger unangenehmer Menschen, bin dann in meinem Ort angekommen, habe mir im Gasthaus ein Zimmer gemietet, und ergehe mich seitdem nun täglich allein und durch nichts gestört in den schönen Wäldern. Wir haben es doch wohl nötig, daß wir zuweilen uns aus unserer Umgebung reißen und ganz nur auf uns gestellt sind; alle Eindrücke, Gefühle, Gedanken, welche uns verwirrt und bunt bestürmen von außen und innen, bilden doch an unserer Seele, ohne daß uns dieser Vorgang so recht klar wird; und so könnte es geschehen, daß wir plötzlich ganz andere Menschen geworden waren wie wir uns vorher kannten, wenn wir nicht von Zeit zu Zeit unsere veränderte Persönlichkeit genau betrachteten.

In diesen Tagen ist mir klar geworden, daß ein Mensch, der seinen Mitmenschen etwas geben will, sein ganzes Leben auf seine Arbeit einrichten muß. Ich habe mir vor meinem geistigen Auge dargestellt, wie bei Ihnen ein Tag verfließt, ein Tag ruhig wie der andere, wie nichts Ihre Seele berührt, das Sie nicht wollen, wie im Seelischen und Körperlichen alles ausgesucht ist, was die Arbeit befördert; und wie nun, in emsigem Handwerkerfleiß, Zeile für Zeile, in beständiger Mühe Ihre Werke entstehen, von denen wir beide denken, daß sie noch nach langen Jahrhunderten Menschen erfreuen werden, daß sie ein ewiger Besitz der Menschheit sein müssen.

Ich stehe jetzt am Scheidewege meines Lebens. Rechts geht die Straße …

Vor acht Tagen habe ich diese Zeilen geschrieben. Ich unterbrach den Brief, weil mir plötzlich die Lust kam, vor dem Essen, das ich gemeinsam mit den übrigen Gästen einnehme, mich noch ein wenig im Walde zu ergehen. Auf der Treppe begegnete mir ein junges Mädchen … Ihnen kann ich das ja schreiben, was ich plötzlich fühlte, Sie verstehen mich, denn Sie sind ein Dichter und nichts Menschliches ist Ihnen fremd. Ich wußte plötzlich, in einem einzigen Augenaufschlag: wir gehören zusammen. Ich muß wohl wunderlich ausgesehen haben – sie hat mir nachher gestanden, daß sie gleichzeitig einen heftigen und süßen Schrecken bekommen hat – ich grüßte, und sie dankte, indem sie tief errötete. Mein Gefühl war: ich müßte jetzt zu ihr sprechen, wie man zu dem Vertrautesten spricht, mit dem man täglich zusammen ist, den man eben erst verlassen hat; und sie würde dann ganz harmlos antworten.

Bei Tisch fand ich sie an meiner Seite. Ich war verlegen über die erste Fremdheit, die dadurch gekommen war, daß ich auf der Treppe nicht gleich ihre Hand ergriffen – nachher hat sie mir gestanden, daß sie dasselbe fühlte – aber dann sprachen wir zusammen; sie hat eine wunderschöne Sprechstimme; etwas Glockenreines ist in dieser Stimme. Ihre Mutter saß an ihrer anderen Seite, eine gütige Frau, zart und ruhig und noch ganz jugendlich in Wesen und Körper … Aber ich kann nicht so weiter schreiben, es ist, als ob es mich drängte, Ihnen das gleich zu sagen: Ich habe mich verlobt, ich bin glücklich, ich bin selig! Ich weiß, Sie lächeln nicht über mein Bekenntnis, Sie Einsamer, der alles seiner Kunst geopfert hat, der für nichts lebt, wie für seine Verse, die er täglich hämmert und schmiedet – Sie lächeln nicht, Sie fühlen ja mit, Sie wissen ja das alles, was in mir vorgeht; das ist ja das große Glück, das Sie jedem bescheiden, der Ihnen nahetreten darf, daß Sie in seine Brust sehen, wie in ein gläsernes Werk.

Welch ein wundervolles Leben habe ich nun vor mir! Ich werde nie allein sein, ich werde einen Menschen haben, der an meiner Seite atmet. Wenn ich schwach bin, so wird mich ein Mensch trösten – nein, trösten ist falsch gesagt; ich werde auch nicht schwach sein; wie wäre denn das möglich! Ich will, ich verspreche es Ihnen, ich will …

Wieder habe ich meinen Brief unterbrochen. Sie wissen, was eingetreten ist: die Kriegserklärung. Ich lese, daß mein letztes Wort war: ›ich will‹. Ach, was ist unser Wollen! Von der Straße herauf drang Rufen und Sprechen vieler Menschen; ich öffnete das Fenster, da erfuhr ich, was geschehen war. Ich muß nun gleich reisen und mich bei meinem Truppenteil stellen. Wie wundervoll, daß ich das erleben darf: wie oft habe ich in dieser elenden Zeit mich gesehnt, daß einmal eine große Aufgabe an uns treten möchte, damit wir nicht ganz versinken in Streben nach Reichtum und Arbeit um äußeren Erfolg, damit unsere Seelen nicht ganz verkümmern, weil sie nicht gebraucht werden in dieser Zeit – nun ist es da, das Große! Denn eine solche Aufgabe, wie wir jetzt haben, hatte noch nie ein Volk, seitdem die Welt steht. Nun wird ja alles, alles anders werden.

Mein Freund – heute zum ersten Male, wo ich plötzlich mich so gereift fühle durch die Ahnung des Kommenden, wage ich den Älteren mit dem vertraulichen Wort anzureden – Mein Freund, wir hatten uns entschlossen, uns vor meinem Eintritt in das Heer zu verheiraten. Noch zwei Paare außer uns wurden vom Standesbeamten zusammengegeben; dann gingen wir sechs Menschen zusammen ernst zur Kirche; der alte Pfarrer hielt uns eine gemeinsame Traurede und vereinigte vor dem Altar unsere Hände. Auf meiner rechten Seite stand ein junger Schuhmacher mit seiner Braut, die bei uns im Gasthaus diente, auf meiner linken Seite ein Bauernsohn mit seiner Verlobten. Uns allen war, als seien wir Freunde seit langer Zeit, oder besser sage ich wohl, als seien wir Brüder. Das Wort ›Kamerad‹ wurde mir plötzlich klar, und ich verstand, daß die Kameraden sich duzen.

Nun bin ich nicht mehr ein Mensch allein, ich bin nun zwei. Lieber Freund, ich habe doch nicht gewußt bis nun, was es heißt: Mensch sein. Ich muß immer an den Scherz des Aristophanes in Platons Gastmahl denken, daß die Menschen ursprünglich doppelt gewesen seien und von Zeus auseinandergeschnitten, und daß nun die Hälften sich suchen. Ich weiß nicht, wie Aristophanes, der Spötter, und Platon, der Ironiker, das gemeint haben: aber wir waren zwei Hälften, nun sind wir ein Ganzes. Eine tiefe Ruhe, eine Sicherheit haben wir, vielleicht etwas, das man Glück nennen kann – oder ob es nicht etwas Höheres ist, als Glück? …«

(Nachschrift von anderer Hand:)

»Mit dem Wort ›Glück‹ hat mein teurer Gatte geendet. Er wollte noch einige Zeilen dem Brief hinzufügen, aber es war nicht Zeit mehr. Verehrter Herr, ich kenne Sie lange aus Ihren Werken und habe immer das Gefühl gehabt, daß ich irgendwie mit Ihnen verbunden sei; nun schreibe ich an Sie, weil Sie der Freund meines teuren Gatten waren … er ist in der ersten Schlacht gefallen.«

Der alternde Dichter hielt den Brief lange in der Hand, er dachte an den jungen Freund, der ihm wie ein Sohn gewesen, denn er war einsam. Langsam erhob er sich von seinem Stuhl, faltete den Brief, schloß den Schrank auf und legte den Brief in ein Schubfach zu anderen Erinnerungen.

Der Freiwillige

Ein jungverheirateter Klavierarbeiter zog in ein Dorf. Er mußte über eine Stunde zu seiner Fabrik gehen; in dem Dorfe wohnten nur zwei große und eine Anzahl kleiner Bauern nebst etwa einem Dutzend Tagelöhnern, so daß er keinerlei Verkehr oder Ansprache fand; dennoch hatte es ihn aus der Stadt getrieben, wo er in einem großen Miethaus gewohnt, denn er war ein etwas wunderlicher und einsiedlerischer Mensch, der viel las und gern im Freien herumging, wo er denn, wie er sich ausdrückte, Gott in der Natur anbetete.

Seine Wohnung, eine leerstehende Tagelöhnerkate, hatte er von dem einen Großbauern gemietet; hinter dem Hause war ein Stall für ein paar Schweine und Ziegen und ein Stück Garten. Da die Frau nicht vom Lande war, so hielt er sich kein Vieh, aber er besorgte fleißig und ordentlich seinen Garten, zog sich Gemüse und pflegte einige Blumenbeete. Die andern Bauern sahen den Zügling nicht gern, denn da er ein vermögensloser Mann war, so fürchteten sie, daß er einmal der Gemeinde zur Last fallen könne, und dachten, daß sie schon genug Armenkosten zu tragen hatten für die Tagelöhner, die seit undenklichen Zeiten in dem Dorf ansässig waren und doch auch bei der Arbeit gebraucht wurden; sie suchten deshalb in der ersten Zeit ihm das Leben zu verleiden, indem sie nächtlich seinen Garten zerstörten, der Frau keine Milch verkauften und Klage über ihn beim Gendarmen führten, daß er ein Sozialdemokrat sei; der Mann aber, der ihm das Haus vermietet hatte, erklärte ihnen, sein Haus habe leer gestanden und keiner von ihnen ersetze ihm den Verlust; seine Überzeugungen könne jeder haben, wenn er nur Steuern und Miete zahle; und die Neuzeit werde auch in ihrem Dorfe ihre Forderungen geltend machen, und wenn sich die Einwohner noch so sehr gegen sie sträubten.

Nach einiger Zeit wurde dem Arbeiter ein Sohn geboren; er ging zum Pfarrer und ließ ihn taufen; die Paten nahm er aus seinen Genossen in der Fabrik.

Indem er nun Jahr für Jahr still und allein mit seiner Frau und dem kleinen Kinde dahinlebte, geschah es, daß die Frau am Typhus erkrankte, weil der Brunnen im Hofe ungesundes Wasser hatte; ein paar Tage darauf befiel die Krankheit ihn selber; bei beiden war der Anfall schwer, und so konnten sie denn nicht gerettet werden. Der Knabe, welcher damals etwa zehn Jahre alt sein mochte, war während der Krankheit zu dem Bauern getan, dem das Haus gehörte; als nach dem Tode der Mutter der Vater merkte, daß es auch bei ihm auf das Letzte ging, ließ er ihn noch einmal zu sich kommen; er stand in seinem Sonntagsanzug mit staubigen Stiefeln vor dem Bett; der Vater weinte, ermahnte ihn, daß er ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft werden solle, und zeigte endlich auf sein kleines Bücherbrett, indem er sagte: »Die Bücher sind mir immer nach dir und deiner Mutter das Liebste auf der Welt gewesen, denn Bildung macht frei. Wenn ich tot bin, so sorge dafür, daß sie nicht verkauft werden, denn da werden sie nur verschleudert; sondern hebe sie auf für später, wenn du Verstand hast, in ihnen zu lesen.« Die Bücher waren aber Zimmermanns Wunder der Urwelt, Bebels Frau, Beckers Weltgeschichte und Schillers und Körners Werke.

Da der Mann lange Jahre in der Gemeinde gewohnt hatte, so hatte er den Unterstützungswohnsitz erworben, und die Gemeinde war verpflichtet, den Knaben zu erziehen. Es hatte sich ein Sparkassenbuch vorgefunden, dessen Betrag gerade für die Kosten der Beerdigung langte. In der Gemeindesitzung wurde beschlossen, die Habseligkeiten zu verkaufen, damit zunächst die Miete des begonnenen Halbjahrs und einige laufende, kleine Schulden bezahlt werden konnten; den Rest des Geldes mußte dann der Gemeindevorsteher verwalten und, soweit es reichte, den Unterhalt des Knaben mit ihm bestreiten; sollte es aufgebraucht werden, ehe der Knabe seinen Unterhalt verdienen konnte, so hatte die Gemeindekasse für ihn zu bezahlen. Man machte dem Bauern, welchem das Haus gehörte, heftige Vorwürfe, daß er der Gemeinde die Last aufgeladen habe, und er konnte nichts erwidern. Es wollte keiner von den anwesenden Männern den Knaben zu sich nehmen, obwohl eine hinreichende Entschädigung ausgesetzt wurde; jeder hatte Mißtrauen, weil die Eltern fremd gewesen waren; nicht, daß man etwas Böses von dem Jungen vermutet hätte; aber man hielt dafür, daß er für ländliche Arbeit nicht geeignet sein könne, und daß man mehr Ärger an ihm haben werde, wie der Verdienst wert sei. So sah sich denn der Hauswirt der Eltern anstandshalber genötigt, zu erklären, daß er selber den Knaben bei sich behalten wolle.

Der Mann ging gleich nach der Sitzung zu dem Haus, wo der Junge nach der Beerdigung der Eltern allein gesessen. Es hatte niemand an ihn gedacht, und so war er denn den ganzen Tag ohne Nahrung geblieben, nur daß er noch einen harten Brotknust im Schapp gefunden, den er gegessen.

Der Mann sagte dem Jungen, daß er zu seinem Vormund bestellt sei und ihn zu sich ins Haus nehmen wolle, und daß der Besitz der Eltern verkauft werden müsse, damit ein Teil der Unkosten, die er der Gemeinde mache, gedeckt werde. Er gehe eigentlich die Gemeinde nichts an, sein Vater habe in der Stadt gearbeitet, und das Recht wäre, daß der Fabrikherr, der den Vorteil von ihm gehabt, nun auch die Kosten trage; aber das Gesetz sei nun einmal so, und es sei nichts dagegen zu tun. Er selber werde ja später auch der Gemeinde mit Undank lohnen und, wenn er so weit sei, daß sie etwas von ihm haben könnte, in der Stadt arbeiten.

Dann sah sich der Mann die Möbel und Gegenstände in Stube, Kammer und Küche an. Die Eltern des Knaben hatten, als sie heirateten, alles mit Liebe von ihrem Ersparten gekauft und es dann immer ordentlich gehalten und geschont. Die Möbel in der Stube waren nußbaumfourniert: das Vertiko, der runde Tisch mit der rotplüschenen Tischdecke und der Visitenkartenschale darauf, das Sofa und die Stühle. An der Seitenwand stand ein viereckiger gestrichener Tisch, auf dem eine rot und weiß gewebte Leinendecke lag, mit drei gestrichenen Stühlen, die untergeschoben waren; der Vater hatte immer gesagt, es sei Unsinn, wenn man seine schönen Sachen nur zum Ansehen habe, er wolle sie auch benutzen; und deshalb hatte die Familie nicht in der Küche gegessen, sondern in der Stube an diesem Tisch, der jedesmal mit einem weißen Tischtuch gedeckt wurde. Der Bauer machte eine mißbilligende Bemerkung über den Leichtsinn der Arbeiter, die nichts haben, aber in polierten Möbeln leben müssen; dann wendete er sich in die Ecke zu dem kleinen Bücherbort und zuckte die Achseln. Der Junge nahm sich ein Herz und bat für die Bücher, weil sein Vater ihm die im Sterben noch anempfohlen; der Mann erwiderte, er solle einmal ein ordentlicher Mensch werden; zum Bücherlesen habe ein Arbeiter keine Zeit.

So wurde denn nun alles verkauft und der Junge kam zu seinem Vormund. In der Schule war er schon immer der Beste gewesen, und das blieb er auch, trotzdem er sich die Zeit für die Schulaufgaben stehlen mußte, denn er wurde zu allerhand Arbeiten in der Wirtschaft verwendet. Der Lehrer war noch ein junger Mensch mit hochgezogenem Schnurrbart; er sagte ihm einmal: »Schade, daß kein Geld da ist, du hast die Gaben, und könntest das Seminar besuchen und Lehrer werden.« Das letzte Schuljahr ging er dem Lehrer schon zur Hand, indem er die Kleinen unterrichtete.

Nach der Konfirmation nahm ihn der Vormund zu sich in die gute Stube, die er vorher noch nie betreten, und sagte zu ihm, daß er und die Gemeinde sich nun Mühe mit ihm gegeben und Kosten von ihm gehabt haben; auf Dank mache niemand Anspruch; er wolle ihn aber weiter bei sich behalten als Jungknecht und ihm auch einen Lohn zahlen, denn er sehe, daß er ordentlich und fleißig sei und immer den Vorteil seines Herrn im Auge habe. Der Junge dachte, daß es doch gut von dem Manne sei, daß er ihn behalten wolle, denn er hatte vor der Konfirmation immer Angst gehabt, daß er nun zu fremden Leuten müsse, und so sagte er mit dankbarem Gemüt: »Abgemacht, Bauer.«

Er bekam zuerst ein Gespann Ochsen; und weil der Bauer sah, daß er ihm vertrauen konnte, so nahm er ihn schon nach einem Jahr zu den Pferden.

Die Gemeinde hatte ihm noch den Konfirmationsanzug, zwei Hemden, zwei Kragen, Strümpfe und Taschentücher gekauft; nun mußte er sich selber seine Kleider beschaffen. In den ersten zwei Jahren ging sein Lohn dafür auf, weil er sich ganz ausstatten mußte; dann aber nahm ihm der Bauer ein Sparkassenbuch und zahlte ihm sein Geld regelmäßig ein. Der junge Mann dachte wohl, wie schön es wäre, wenn er sich jetzt Schillers Werke kaufen könnte, aber dann wagte er es doch nicht, seinem Herrn davon zu sprechen, weil das so hätte aussehen können wie Undankbarkeit. Er überlegte sich auch, daß er ja doch wenig Zeit zum Lesen hatte, denn am Sonntag war er meistens so müde, daß er schlief.

Nun kam plötzlich die Kriegserklärung; alle Reservisten aus dem Dorf fuhren ab; viele der Mütter weinten; einige der jungen Leute waren verlobt, einer war auch schon verheiratet; es ging das Gerücht, daß bald auch ältere Männer eingezogen würden. Viele hatten ein schweres Herz, wenn sie an Wirtschaft und Familie dachten, aber sie sagten: »Es nützt nichts, seine Pflicht muß man tun, und hereinkommen dürfen sie ja nicht.«

Der junge Knecht, der eben siebzehn Jahre alt geworden war, dachte, daß er keine Eltern zurückließ, weder Braut, noch Frau und Kinder, und daß es deshalb besser sei, wenn er mitginge, wie ein anderer. So sprach er denn zu seinem Herrn, daß er sich als Freiwilliger stellen wolle. Dem war das wohl nicht lieb, aber er konnte ihm auch nichts gegen seinen Plan sagen, und so antwortete er ihm nur: »Tu, was du nicht lassen kannst.« So zog er denn seinen guten Anzug an und ging in die Stadt zum Bezirkskommando, und dann erhielt er die Papiere und es wurde ihm angewiesen, wohin er fahren solle.

Unterwegs traf er mit anderen jungen Männern zusammen, Reservisten und Freiwilligen; alle waren fröhlich und stolz, obwohl doch die meisten schweren Herzens fortgegangen sein mochten; es wurden Geschichten erzählt von Freiwilligen, die man nicht hatte nehmen wollen und die sich doch mit eingeschmuggelt; es wurde gesagt, daß es eine schwere Arbeit geben werde, aber daß sie doch geschafft würde; Lieder wurden gesungen; an den Haltestellen warteten junge Mädchen, Frauen und ältere Damen, welche Kaffee, Brote, Blumen verteilten. Er stand schüchtern vor seinem Wagenabteil; da kam ein feines, ganz junges Mädchen und drückte ihm einen Blumenstrauß in die Hand, als wenn er ein feiner, junger Herr wäre. Dann lebte er in einer Kaserne und mußte ausgebildet werden; der Unteroffizier war oft grob, denn manche von den anderen waren auch zu ungeschickt; gegen ihn war er fast immer freundlich; einmal fragte er ihn, ob er weiterdienen wolle, ein tüchtiger Kerl könne jetzt sein Glück machen.

Nach kurzer Zeit kam er mit den anderen aus der Kaserne und fuhr wieder mit der Eisenbahn. Sie fuhren lange, dann erschienen die ersten zerschossenen Dörfer. Als sie ausstiegen, marschierte gerade eine Kompagnie im Schnellschritt vorüber, braungebrannt, schmutzig; sie riefen Hurra, als sie die Leute sahen, und die winkten ihnen freundlich zu. Gleich vom Bahnhof aus wurden sie eilig geführt, erst auf der Landstraße, dann gingen sie einzeln hintereinander im Straßengraben. Schon lange hörten sie das Donnern der Geschütze.

Da, was war das? Er erhielt einen Schlag, daß er hinstürzte. Es wurde geschrien, geschossen, die Kameraden lagen im Graben und schossen über den Straßenrand. Er fühlte sehr viel Nässe auf der Brust, – das war sein Blut. Nun wurden ihm die Zweige der Bäume in der Luft unklar.

»Ich hatte nicht gedacht, daß es so schön ist, ein Vaterland zu haben,« sagte er. Er sagte es laut, obwohl er nicht wußte, ob ihm jemand zuhörte; dann schwanden ihm die Sinne.

Der Bruder

Mein langjähriger Freund, Hauptmann v. H., sitzt mir in meiner stillen Arbeitsstube gegenüber im Sofa, das verwundete Bein ausgestreckt. Sein junger Bruder ist in dem Treffen gefallen, in welchem er selber verwundet wurde. Er hat der Mutter erzählt, wie es war: an der Spitze seiner Leute, nach einem geglückten Sturmangriff auf eine feindliche Batterie, in dem Augenblick, als er, den Degen in der Hand, jubelnd ausrief »Sieg«, in dem schönsten Augenblick, den ein Mann erleben kann, traf ihn eine Kugel eines der Fliehenden. Die Mutter hat geweint, sie hat gesagt: »In dem schönsten Augenblick, den ein Mann erleben kann«; sie hat sein Bild angesehen und gesagt: »So schöne Hände hatte er, so schöne Augen.« Sie weint noch immer, aber sie weiß, daß er einen herrlichen Tod gestorben ist; sie denkt noch immer an die Augen, aber sie weiß, daß der Bruder, der ihn so liebte, sie ihm zugedrückt hat; an die Hände, aber sie weiß, der Bruder, der unzertrennlich von ihm war, hat sie ihm auf der Brust gefaltet, als er in sein Kriegergrab gelegt wurde.

Wir saßen still beieinander, mein Freund und ich. Sein Gesicht war im Schatten des Lampenschirmes.

»In vierzehn Tagen denke ich so weit zu sein, daß ich wieder zur Front zurückgehen kann,« sagte er plötzlich unvermittelt. »Ich halte es nicht aus. Mein Leben hat hier keinen Zweck, die Schwermut verzehrt mich. Vielleicht, wenn dieser Krieg einmal zu Ende ist, wird mein Gefühl anders; jetzt habe ich nur das eine in mir: Gegen den Feind, gegen den Feind.«

Er war immer ein stiller, nachdenklicher Mensch gewesen, der ruhig seinen Dienst tat und viel studierte. Ich hatte ihn nie für eine eigentlich kriegerische Natur gehalten. Er war ein Mensch, der seine Pflicht erfüllte, und ich hatte oft gedacht, er wäre als Gelehrter mehr an seiner Stelle gewesen.

Wir waren in jener Stimmung, in welcher man genau weiß, was der andere fühlt, auch ohne daß Worte gewechselt werden. Nun fing er an zu erzählen, als eine Art Antwort auf mein Erstaunen, daß er sich so sehr nach der Schlacht zurücksehnte; nur als eine Art Antwort; denn was er meinte, das war nicht die Erzählung eines bestimmten Geschehens, sondern ein kurzes Erleuchten einer nächtlichen Landschaft durch einen Blitz. Ich spürte, daß die Landschaft ganz anders geworden war, als ich sie früher kannte – oder war sie immer schon so gewesen, wie ich sie jetzt sah, und hatte ich sie nur falsch gesehen?

Mein Freund erzählte.

»Die Franzosen hatten sich in dem Flecken L. festgesetzt. Unsere Infanterie lag einige hundert Meter entfernt in Deckung; eine Batterie beschoß den Flecken, um uns den Sturm zu ermöglichen. Als das Feuer der Feinde nachließ, stürmten wir vor und nahmen nach kurzem Gefecht den Ort, der sehr übel zugerichtet war.

Ich stand auf der Straße und gab einige Befehle, als zwei Leute meinen Bruder brachten. Eine Flintenkugel hatte ihm beide Knie durchbohrt. Vor uns war ein Haus noch verhältnismäßig gut erhalten; nur die eine Ecke war durch eine Granate fortgerissen. Wir pochten; als niemand aufmachte, stieß ein Mann die Tür mit dem Kolben ein, dann trugen wir meinen Bruder in die Stube; es stand da ein breites Bett, auf das legten wir ihn.

In der Ecke war ein junges Weib schluchzend über ein Kinderbett gebeugt. Ich trat zu ihr, um eine Schüssel mit Wasser zu verlangen; sie richtete sich auf, sah mich mit blitzenden Augen an und deutete auf ein totes Kind in dem Bettchen; es war durch einen Granatsplitter getroffen, der ihm den Kopf gräßlich zerschmettert hatte. Mir schnürte sich das Herz zusammen, als ich die Verzweiflung der Mutter, die fürchterlich entstellte Kindesleiche sah. Ich konnte nicht sprechen, winkte ihr nur ab; inzwischen hatte ein Mann in der Küche eine Schüssel geholt und pumpte sie im Hof voll Wasser. Plötzlich hörten wir wieder Gewehrschüsse. Wir stürzten auf die Straße; ich sah, wie ein Mann fiel, der mitten auf der Straße stand. Der Schuß schien aus den Feldern gekommen zu sein, in denen vielleicht noch einige Feinde versteckt lagen. Wir machten uns daran, sie aufzusuchen.

Nun also, die Einwohner, die noch in dem Flecken versteckt waren, scheinen geglaubt zu haben, daß wir fliehen mußten. Als wir nach etwa einer halben Stunde zurückkehrten, fanden wir die Leiche des Mannes auf der Straße verstümmelt.«

Der Kopf des Erzählers fiel schwer vornüber. »Erlassen Sie mir, Ihnen zu schildern, wie die Verstümmlungen beschaffen waren. Uns stand vor Entsetzen das Herz still. Ich eilte auf das Haus zu, in dem mein Bruder lag; plötzlich sprang das Weib, das in der Stube gewesen, hinter der zertrümmerten Tür vor auf die Straße und eilte auf mich zu, eine große, blutige Hippe schwingend, wie dort die Arbeiter sie haben, wenn sie die Äste von den Bäumen abschlagen. Das ist eine furchtbare Waffe, die gleichzeitig hackt, schneidet und reißt. Ehe sie noch auf mich hacken konnte, war ein Mann vorgesprungen und schlug ihr mit dem Gewehrkolben über den Kopf. Ich hörte das Krachen des Schädels, das Weib fiel mit ausgebreiteten Armen vor uns hin.

Ja, das kann man nicht vergessen, dieses Geräusch des krachenden Schädels.

Ich fand meinen Bruder in der Stube auf der Erde sich wälzen und schreien. Die Hände waren ihm abgeschlagen, wo die Augen gewesen waren, klafften zwei blutige Höhlen. Er erkannte meine Stimme. ›Erbarme dich, erbarme dich,‹ schrie er, ›gib mir eine Kugel.‹ Ich sah mich um, ich war allein in dem Zimmer; rasch nahm ich meinen Browning aus der Tasche, setzte ihn meinem Bruder an die Schläfe und schoß. Er streckte sich und war tot.«

Lange war es still in der Stube, nachdem mein Freund mit bebenden Lippen seine Erzählung beendet hatte. Er fühlte, daß ich nichts sagen konnte, so sprach er denn endlich weiter.

»Ich bin von Natur ein ruhiger Mensch, ich habe meinen Beruf früher immer so aufgefaßt, daß ich meine Leute erziehen müßte. Sie wunderten sich, daß es mich wieder in den Krieg treibt. Ich habe meine Natur nicht verändert: aber ich will wieder in die Schlacht, sobald es geht. Ich weiß nicht, was mich treibt, es ist etwas Jenseitiges.«

Nach einer Pause fuhr er fort: »Es ist nicht Rachegefühl oder Haß. Kann ich denn die Frau hassen, die vor ihrem zerschmetterten Kinde stand, und wild in tierischer Leidenschaft meinen guten Bruder so verstümmelte? Diese Menschen sind eine andere Rasse, eine niedrigere Rasse. Man kann sie nicht hassen. Wenn ich etwas Bestimmtes wollte mit meinem Trieb in den Kampf, dann wäre es nur der Wunsch, daß dieser furchtbare Krieg so bald wie möglich beendigt wird; und es ist ja nicht anders möglich, er muß durch unseren Sieg beendigt werden, obwohl dieser Sieg unserer Seele sehr schaden wird; es muß so sein, denn wenn die anderen siegten, dann würde der beste Teil der Menschheit von heute vernichtet.

Aber es handelt sich nicht darum, daß ich etwas Bestimmtes will. Ich will wieder in den Krieg.«

Es war mir, als spräche ein fremder Mensch aus mir, ich sagte: »Sie wissen, daß Sie fallen werden?«

Er nickte. Dann sagte er: »Nicht weil ich meinen Bruder getötet habe, das denken Sie doch nicht? Der Tod ist uns ja nicht mehr wichtig. Ich kann es nicht anders ausdrücken. Es ist mir Religion, daß ich fallen werde. Es werden ja wieder Menschen geboren, die mögen neu anfangen.«

In der Kirche

Während der Russentage in Ostpreußen wurde ein Dorf von den Russen besetzt. Fast alle Einwohner waren geflohen. Der Offizier, welcher Deutsch sprach, rief die wenigen Zurückgebliebenen auf dem Markt zusammen und sagte ihnen, daß die Russen nur mit den Soldaten kämpfen, nicht mit dem Volk; er ermahnte, freundlich gegen die russischen Soldaten zu sein und wenn ihnen ein Unrecht geschehe, es ihm mitzuteilen. Während er noch redete, ertönten Schüsse von dem Ende der Straße am Ausgang des Dorfes; der Offizier lief nach der Richtung, mit ihm die Soldaten, welche bei ihm waren.

Unter den Zurückgebliebenen befand sich eine arme Familie mit drei Kindern, von denen das älteste, ein Knabe, acht, und das jüngste ein Jahr alt war. Der Mann war teilweise gelähmt, hinkte und machte wunderliche Armbewegungen beim Gehen. Wie die Leute auf dem Marktplatz allein gelassen waren, drängten sie sich verängstigt zusammen; der Hinkende machte sich auf den Weg, um nachzusehen, was geschehen sein konnte.

Das Dorf wurde von Deutschen angegriffen, welche die Russen verjagen wollten. Die Deutschen waren im Feld versteckt und schossen, die Russen hatten Deckung in den Häusern gesucht. Der Hinkende ging allein auf der leeren Straße; ein Russe mochte wohl annehmen, daß er den Deutschen draußen Zeichen gab, denn plötzlich richtete sich aus einem Haus ein Gewehrlauf auf ihn, er erhielt einen Schuß und fiel hin, mit dem Gesicht auf den Boden.

Die Leute auf dem Marktplatz, die alles sehen konnten, schrien auf. Die meisten liefen in ihre Häuser; nur die Frau des Ermordeten, das eine Kind auf dem Arm, das andere an der Hand und das älteste an ihren Rockfalten, starrte die Straße hinunter. Jetzt erschienen deutsche Soldaten und stürzten in die Häuser, Russen liefen auf die Straße; die Frau stand vor der offenen Kirchtür, denn der Pfarrer hatte gerade eine Leiche einsegnen wollen, als der Offizier die Leute zusammenrufen ließ; die Leiche stand noch in der Kirche im offenen Sarg, eine alte Frau, die vor Schrecken gestorben war, denn sie hatte als Kind viel von den napoleonischen Kriegen gehört. Nun zog der Knabe seine Mutter am Rock in die Kirche. Sie folgte ihm besinnungslos, ging an dem Sarg vorbei hinter den Altar und kauerte sich da mit den Kindern nieder. Das Jüngste war erwacht, rieb sich verdrießlich das Näschen und wollte schreien; sie öffnete gedankenlos die Jackenknöpfe und reichte ihm die Brust; es faßte gierig zu, ergriff die Brust mit beiden Händchen und trank. Nun war nur noch eine Schwalbe in der Kirche, die lautlos unter dem Gewölbe hin und her flog oder hörbar an einem Fenster flatterte. Von draußen aber ertönten Schüsse, Schreien, Fluchen und Jammern.

Der russische Offizier trat in die Kirche. Er stützte sich auf ein Gewehr, kam mühsam nach hinten und ließ sich schwer neben der Frau nieder, hinter dem Altar.

Ein Bild, das früher vorn in der Kirche gehangen hatte, hing hier, in dem Gang hinter dem Altar, an der geweißten Wand unter dem Fenster, ein verstaubter bunter Steindruck, der einen segnenden Christus darstellte, mit der Unterschrift: »Frieden auf Erden«. Der Offizier war in großer Erregung und mußte reden. Er zeigte auf das Bild und sagte bitter: »Frieden auf Erden«. Die Frau neben ihm antwortete nicht; die beiden älteren Kinder hingen erschrocken an seinem Gesicht; der Säugling war aufmerksam geworden; er hörte auf zu trinken und wendete ihm den Kopf zu. Der Offizier hatte ein Fernglas um den Hals hängen, das dem Kind durch sein Blitzen in die Augen fiel; es griff ungeschickt mit der Hand nach dem Glas und beugte sich vor.

Der Offizier nahm das Kind aus dem willenlosen Arm der Mutter, hielt es sich vor das Gesicht; das Kind strampelte mit den Beinchen und jauchzte. Dem Mann liefen Tränen in den blonden Bart, er sagte: »Ich habe auch Kinder zu Hause, das Kind ist so arm wie ich.« Die tiefe Stimme erschreckte vielleicht das Kleine; das eben noch strahlende Gesicht verzog sich, es wollte weinen. »Still, still,« sagte der Offizier und drückte es ängstlich an sich; »wenn die Deutschen uns hören, dann erschießen sie uns.«

Das Schießen war verstummt, nun hörte man draußen auf dem Marktplatz, auf der Straße, eiliges Gehen und Rufen von Soldaten. Das Kind hatte sich beruhigt, es spielte mit dem blitzenden Fernglas. Die Mutter und die anderen Kinder sahen ängstlich auf die beiden. Endlich fragte die Frau: »Sind das die Deutschen?« Der Offizier nickte; es war, als ob die beiden ganz vergessen hätten, daß sie ja den feindlichen Völkern angehörten. Der älteste Knabe rief: »Die Deutschen haben gesiegt,« wollte aufstehen und aus der Kirche laufen; aber der Offizier hielt ihn an der Jacke zurück, und er blieb sitzen, indem er den Offizier verwundert anstarrte. »Sind Sie verwundet?« fragte die Frau weiter. Der Offizier nickte wieder.

Da hörte man über den Platz eine laute Stimme eines Mannes, der einem andern zurief; die in der Kirche vernahmen nur die Schlußworte: »… in der Kirche nachsehen«. Ein Mann ging schwer auf die Kirche zu, trat ein.

Der Offizier hatte das Kind schnell der Mutter zurückgegeben, den Revolver vorgezogen und dann sich an das Ende des Altars geschoben, um in die Kirche vorzuspähen. Die Frau hielt die beiden kleinsten Kinder an sich gedrückt. Eben wollte der Offizier auf den Soldaten losschießen, der in die Tür trat und die Hand über die Augen haltend das Innere der Kirche musterte; da warf sich der älteste Junge von hinten auf ihn, der Revolver schlug nieder und entlud sich. Mit ein paar Sprüngen war der Soldat hinter dem Altar; schon hielt er das Gewehr mit dem aufgepflanzten Bajonett hoch und wollte zustechen, der Russe griff mit beiden Händen in das Bajonett; da hatte die Frau den Säugling auf den Boden gelegt und hatte, sich auf den Russen stürzend, sich zwischen die beiden geschoben, soweit das durch das Ringen um die Waffe möglich war. Der Deutsche, ein Mann mit Vollbart und Brille, starrte unschlüssig auf die beiden zu seinen Füßen, dann rief er dem Russen zu: »Willst du dich ergeben?« Der Russe erwiderte nichts; der Deutsche sah den Revolver sich zu Füßen liegen, gab ihm einen Stoß, daß er fortglitt, und fuhr dann fort: »So laß doch los.« Ihm in die Augen starrend ließ der Offizier los, das Blut quoll ihm aus den Händen, er hatte tiefe Schnitte. »Aufstehen!« befahl der Soldat. Der Offizier erhob sich mühsam. »Ich bin verwundet. Beinschuß,« sagte er leise.

Da war es, als ob der Frau erst jetzt mit einem Mal klar wurde, daß ihr Mann erschossen war. »Gustav! Gustav!« schrie sie und stürzte aus der Kirche. Der älteste Knabe schrie mit auf und folgte ihr, der Säugling weinte.

Der deutsche Soldat hob den Säugling auf und nahm ihn auf den Arm; die andere Hand gab er dem älteren Kind, dann winkte er dem Offizier, voraufzugehen; der ergriff das Gewehr, das er vorher an den Altar gelehnt hatte, stützte sich und humpelte nach vorn, und der Deutsche folgte ihm mit den beiden Kindern.

Der Pudel

Bei dem Russeneinfall in Ostpreußen ereignete sich folgender Vorfall.

Ein Bauer, ein älterer Mann, wohnte mit seiner einzigen Tochter, einem Mädchen von achtzehn Jahren, in einem der letzten Häuser seines Dorfes. Er hatte nach dem Tode seiner Frau vor einigen Jahren seine Äcker verpachtet, da er ihrer Bewirtschaftung nicht mehr gewachsen war; nur eine Kuh stand noch im Stall, er mästete ein Paar Schweine, und der Garten wurde ordentlich bestellt; dazu hatte er noch einen Morgen Kartoffelacker und eine Wiese zurückbehalten.

Es liefen einmal Knaben am Garten vorbei, die junge Hunde im Sack trugen, um sie zu ertränken. Die Tochter redete sie an, sie zeigten ihr die Tierchen, sie empfand Mitleid und behielt den einen. Der Vater machte erst einige Bemerkungen, daß sie ihm da einen unnützen Fresser aufgeladen habe, gab sich aber dann bald zufrieden. Sie legte das junge, blinde Geschöpf, das den großen Kopf noch nicht heben konnte, in ein geflochtenes Hühnernest, das sie mit Wolle ausgepolstert, und stellte das unter den Herd; nach kurzer Zeit konnte das Hündchen schon allein seine Milch schlappen, erhob sich auf seine dicken, wackeligen Beine; dann kroch es in der Küche herum und begann zu laufen. Es schloß sich treu seiner Herrin an, begleitete sie in Stube, Küche, Ställe, Garten, spielte mit ihren wehenden Kleiderfalten, kugelte sich vor ihr auf der Erde, bellte mit seinem kleinen Stimmchen; sie lachte, haschte es, es umlief sie bellend und schwanzwedelnd; sie nahm es auf den Arm, wiegte es wie ein Kind, ließ es dann wieder zur Erde gleiten. Schnell wurde das Hündchen größer; es stellte sich heraus, daß es ein Pudel war, der eine besondere Gelehrigkeit zeigte; bald lernte er Schildwache stehen, apportieren, sich tot stellen und ging dann zu den höheren Künsten über, indem er einen Lieblingsbrocken verschmähte, wenn seine Herrin ihm sagte, er sei von einem Juden; schon sollte er lernen, mit dem Korb zum Bäcker zu gehen und die Frühstücksemmeln zu holen. Der alte Mann, der gern in seinem Ohrenstuhl auf dem rings umschlossenen Hof unter dem Fliederbusch in der Sonne saß und aus seiner kurzen Pfeife rauchte, lachte viel über den possierlichen Moritz, denn so hatte das Mädchen den Hund getauft, und sagte oft, daß er sein Brot verdiene, denn er könne eine ganze Familie lustig machen.

Als die Russen kamen, erschien auf dem Hof eine Abteilung Soldaten. Moritz bellte und verkroch sich dann im Kuhstall. Dem Alten wurden die Hände auf dem Rücken gebunden, vielleicht dachten die Männer, er sei eine Amtsperson, weil das Haus sehr sauber gehalten war, mit steif gestärkten Gardinen, Alpenveilchen, Kranichschnabel und Rosmarin in den Fenstern, und schönen alten gewachsten Nußbaummöbeln mit Messingbeschlägen. Ein Soldat stieß ihn mit dem Gewehrkolben in die Seite; er hörte, wie seine Tochter laut jammerte; sie stand auf dem Hof in einem Knäuel von Soldaten; ihr zerfetztes Busentuch flatterte, sie suchte sich loszureißen; er sah noch, wie ein Mensch sie auf die Erde warf, indessen die Umstehenden brüllend lachten. Ein Kerl hatte die Betten im Arm und lief damit aus der Hoftür. Wie der Alte durch den Flur getrieben wurde, sah er, wie ein anderer in der Stube mit einer Axt das Spind zerschlug; die silbernen Löffel gingen von Hand zu Hand und wurden geprüft. »Die Löffel sind von meiner Urgroßmutter, das Spind auch,« sagte er zu dem Mann, der ihn vorwärts stieß; der fletschte grinsend die Zähne. Mit einem Male wurde ihm klar, was mit seiner Tochter geschah, er schrie laut auf und warf sich längshin auf die Erde. Der Soldat trat ihm mit dem Absatz in die Rippen, bis er sich wieder erhob und torkelnd vor ihm her ging.

Noch andere Leute aus dem Dorf waren zusammengetrieben. Es wurde ihnen bedeutet, daß sie marschieren sollten. Die Frauen jammerten und weinten, Kinder hängten sich an ihre Kleider, die Männer bissen sich auf die Lippen und blickten auf die Erde. Der Alte sah sich ängstlich bei ihnen allen um. Sie schlossen sich zu einem Zug, Kosaken ritten an der Seite, einer schlug im Übermut mit seiner Peitsche in den Zug hinein; ein Mann, der Schmied des Dorfes, war über Kopf und Gesicht getroffen; der Striemen schwoll auf, der Mann schwieg, aber seine Halsadern wurden dick.

In den nächsten Tagen wurden manche schwach und blieben am Weg liegen, die meisten aber kamen in dem russischen Ort an, wo sie zunächst bleiben sollten. Sie erfuhren, daß man sie nach Sibirien schicken würde.

Wie es den deutschen Truppen gelungen war, die Russen zu verjagen, wurden später auch die Verschleppten befreit. Die deutschen Soldaten gaben ihnen zu essen, erzählten und ließen sich erzählen, und die Leute, welche nicht zu krank geworden waren, durften sich gleich auf die Bahn setzen und zurückfahren. Der Alte ging mit den Nachbarn vom Bahnhof ins Dorf. Da fanden sie ausgebrannte Mauern, verkohlte Sparren, welche hochragten, zertrümmerte Möbel auf der Straße. Ein Mann schlug sich mit beiden Fäusten an die Brust, wie er vor seinem Haus stand; eine Frau setzte sich in die leere Schwelle ihres Hauses, bewegte die Lippen, aber kein Ton war von ihr zu hören. Der Alte ging schnell weiter, den Kopf gesenkt. Da kam er an sein Haus, die Fenster waren zertrümmert, die Tür lag auf der Straße, aber es war nicht verbrannt. Er trat ein. In der Stube lag Stroh in Schütten, fußhoch, ein unerträglicher Gestank war, trotzdem die Luft durch Fenster und Türen hereinkam; er wich schnell zurück, öffnete die Hintertür und trat in den Hof.

Moritz stand da, ganz dick gefressen, sah ihn mit schuldbewußten Augen an, die Ohren an den Kopf gekniffen, den Schwanz eingeklemmt, und schlich zur Stalltür; wie er über die Schwelle gekommen war, sprang er wie gejagt in das Dunkel. Der Alte schüttelte den Kopf, legte die Hand über die Augen, um zu sehen. In der Hofecke an der Pumpe lag ein unförmiger Ballen Kleider. Er ging hin, um sie aufzuheben.

Es war der Leichnam seiner Tochter, gräßlich verstümmelt. Der in den Hof eingesperrte, hungernde Hund hatte von der entblößten Brust und dem Kopf das Fleisch abgefressen.

Der Alte riß eine Latte vom Zaun los und ging in den Kuhstall. Die Augen des Hundes leuchteten aus der hintersten Ecke. Er stieß die Luke auf; da sah er den Hund, wie er an allen Gliedern zitterte und ihn mit Augen ansah, fürchterlich vor Angst. Der Alte erhob die Latte, da sprang der Hund auf ihn zu, schnappte in die Hand und lief mit einem winselnden Geheul aus der Tür.

Der Hund wurde nie wiedergesehen. Die gebissene Hand schwoll an; die Nachbarn rieten dem Alten, zum Arzt zu gehen, der schüttelte nur den Kopf. Der Biß war durch den Speichel des geängstigten Tieres vergiftet; in der Nacht ging die Vergiftung auf den Arm über; der Pfarrer, welcher auch verschleppt gewesen, hatte zu spät von dem Vorfall gehört, denn in jeder Familie des Dorfes war ja Unglück geschehen; als er kam, lag der Alte schon in der stinkenden Stube auf dem Unrat der Russen, bewußtlos fiebernd. Er starb noch an demselben Tage.

Der Schuß des Toten

Mein jüngerer Bruder hatte promoviert, ich selber hatte das Staatsexamen bestanden; wir waren beide Neuphilologen und unser Vater schenkte uns das Geld für eine Reise nach Frankreich. Wir fuhren über Köln, kamen am Morgen am Nordbahnhof in Paris an, mieteten uns gleich ein gemeinsames Zimmer in einem bescheidenen Studentengasthaus am Bollwerk St. Michel und gingen zu einer Wirtschaft am Bollwerk, wo unter gespanntem Leinendach vor dem Hause Tische und Stühle gestellt waren. Die billigen Wirtschaften in dieser Gegend sind immer sehr besucht, und so gelang es uns nicht, zusammen Platz zu finden, sondern wir mußten an zwei benachbarten Tischen sitzen. Wir nahmen jeder die große Speisekarte vor und suchten unschlüssig, indem wir uns auf deutsch befragten; da erhob sich mein Nachbar, ein junger Student mit einem großen Bart, der kurz vor uns gekommen war, entschuldigte sich höflich, daß er uns unterbreche, und fuhr dann fort, er sehe, daß wir gern zusammensitzen möchten, und erlaube sich, dem anderen Herrn einen Tausch mit seinem Platz vorzuschlagen. Er sprach Deutsch, mit fremdartigem, aber reizendem und liebenswürdigem Ausdruck. Wir sprangen auf, wurden rot vor Verlegenheit, nahmen das Anerbieten dankend an und stellten uns vor; auch er nannte seinen Namen, die Plätze wurden gewechselt, und jeder von uns Dreien vertiefte sich weiter in die Karte.

Die Sonne schien auf das zierliche junge Grün der Bäume, welche die Straße entlang standen, auf die bunten, rasselnden Straßenbahnen, die Häuser mit den Läden und Schildern; wir atmeten in einer heiteren, anregenden Frühlingsluft, fröhliche Menschen gingen an uns vorbei: junge Männer in merkwürdigen Trachten mit Mädchen, die noch merkwürdiger gekleidet waren, eilten schwatzend, lachend und gestikulierend; Zeitungsverkäufer schrien rennend die letzte Nummer aus; ein Mensch bot von Tisch zu Tisch einen tanzenden Frosch aus Blech an; ein gebücktes altes Weib in Lumpen lief, vor sich hin schimpfend, mit einem großen Korb am Arm; niemand schien hier traurig zu sein. Eine Dankbarkeit gegen diese heitere Stimmung überkam mich; ich sah zufällig nach dem jungen Mann, der uns so freundlich seinen Platz gegeben, und traf seinen Blick; er nickte mir vertraulich zu, ich nickte wieder.

Als wir bei dem geschäftigen, streng berufsbewußten Kellner bestellt, sprach mein Bruder von Chrestien de Troyes, über dessen Löwenritter er seine Dissertation geschrieben, und erzählte, er möchte so gern den alten holländischen Roman von Lancelot besitzen, der von Jonckbloet herausgegeben ist, weil in ihm sich der einzige Druck von Chrestiens Romans de la Charretebefindet. Der Nachbar sprach uns wieder an, erzählte, daß er gleichfalls über Chrestien gearbeitet habe, und so stellte sich heraus, daß uns Dreien dieselben Dinge lieb und wichtig waren. Schnell hatte das Gespräch eine große Lebhaftigkeit gewonnen; wir beendeten unser Frühstück, gingen noch eine Strecke zusammen, und bei der Trennung tauschten wir unsere Adressen aus; unser neuer Freund nannte sich Duvay, wir verstanden erst jetzt den Namen, und wohnte ganz in unserer Nähe.

Ich erinnere mich noch, wie wir das breite Bollwerk hinunter zum Seineufer wanderten; die Liebenswürdigkeit Duvays, die Heiterkeit aller Menschen, der Sonnenschein, der Frühling, die glitzernde Luft, das Bewußtsein völliger Freiheit, und ein Gefühl, als ob alle fremden Leute auf der Straße uns freundschaftlich gesinnt seien, alles das wirkte fast berauschend. Wir sagten uns: »Ist es nicht töricht, daß Deutsche und Franzosen sich so lange feindlich waren? Was haben wir für einen Grund, ihnen gegnerisch gesinnt zu sein, weshalb sollten sie uns hassen? Wir können viel von ihnen lernen, denn wir sind zu schwerfällig, zu ungeschickt; und sollten sie nicht auch von uns lernen können, Dinge, die vielleicht wertvoll sind, die sie in ihrer Kindlichkeit noch nie geahnt haben? Ja, die beiden Völker sind auf sich angewiesen. Sie gehören zusammen.«

Wir kamen spät am Abend nach Hause. Der Zimmerdiener öffnete, nahm vom Brett unseren Leuchter, zündete ihn an und reichte ihn uns. Wir gingen die engen Treppen hoch und traten in die Stube. Auf dem Tisch lag ein Buch mit einem Brief, der an meinen Bruder gerichtet war; er las, sah auf das reizend gebundene Buch, reichte mir dann wortlos, freudig erstaunt den Brief. Duvay schrieb, daß er zufällig die Jonckbloetsche Ausgabe des Lancelot besitze und meinen Bruder um die Freundlichkeit bitte, das Buch als Geschenk von ihm anzunehmen zur Erinnerung an das glückliche Zusammentreffen. Mein Bruder wendete das Buch um und betrachtete den Rücken, schlug den Titel auf, besah den Schnitt und fuhr mit der Hand liebkosend über die Deckel; dann sagte er: »Die beiden Bände sind in einen gebunden, sieh nur, wie hübsch ist diese Rückenvergoldung; das ist ein französischer Einband aus den vierziger Jahren; sieh nur, was die Leute hier damals für einen Geschmack hatten.« Dann nahm er wieder den Brief, las ihn, machte mich auf die liebenswürdigen Wendungen aufmerksam.

Am anderen Tage besuchten wir Duvay, und mein Bruder stattete ihm seinen Dank ab mit den schönsten Worten, die er in der Fülle seiner Freude über Geber und Gabe finden konnte. Wir kamen dann noch öfter mit ihm zusammen, wurden immer vertrauter, lernten auch seine Freunde kennen, und es bildete sich zwischen uns eine Art Freundschaft aus. Ein merkwürdiges Erlebnis änderte plötzlich unsere Gefühle.

Schon lange war uns aufgefallen, daß er auf seinem Schreibtisch einen Schädel stehen hatte, dessen Hirnschale zum Abnehmen eingerichtet war und ein Tintenfaß verdeckte. Uns ging es gegen das Gefühl, in dieser Weise die Überreste eines toten Menschen zu verwenden. Natürlich wird man immer für wissenschaftliche Arbeiten und für Lehrzwecke die körperliche Hinterlassenschaft Verstorbener gebrauchen müssen, aber jeder feiner fühlende Mensch wird das doch in dem Bewußtsein tun, daß da ein notwendiger Zweck eine an sich unschöne Handlung erfordert; denn wenn ein Gehirn, das gedacht wie wir, Lippen, die gesprochen und geküßt wie wir, Augen, welche wie wir die schöne Welt mit Bewußtsein in sich aufnahmen, nun in einem abgelebten und untätigen Körper vor uns ruhen, so fühlen wir doch jenen Schauer des Rätselhaften, welches unser eigenes Leben ist, wir möchten, daß der Leichnam bald durch die Erde bedeckt wird; auch wenn wir wissen, daß er nur tote Materie ist, wünschen wir ihm Frieden und uns ein Vergessen des Anblickes, der uns nur fragen läßt und keine Antwort in uns erzeugen kann.

An einem Tage nun fragte mein Bruder unseren Freund, was es doch mit dem wunderlichen Tintenfaß für ein Bewenden habe. Duvay lachte, dann erzählte er, der Schädel habe einem Landsmann von uns gehört. Bei der Belagerung von Paris von 1871 habe ein Oheim von ihm, ein Arzt, der in einem Vorort wohnte und ein eifriger Jäger war, sich in der Nacht mit seinem Gewehr an vereinzelte Vorposten herangeschlichen; zwei Ulanen habe er dergestalt heimlich erschossen, die er dann gleich vergraben, damit seine Tat nicht entdeckt werde; nachdem die Deutschen das Land verlassen, habe er die Leichname wieder ausgescharrt und die beiden Schädel präpariert und als Tintenfässer einrichten lassen, die dann durch Erbschaft an ihn und seinen Bruder, der Offizier war, gekommen seien, als eine beständige Erinnerung an den Einfall der Deutschen in Frankreich und den Raub des Elsaß.

Wir erstarrten vor Staunen und Schrecken über diese Erzählung. Daß unser Freund diesen zwecklosen Meuchelmord nicht für schändlich und gottlos, daß er ihn sogar für ehrenhaft hielt, daß er die Überreste eines redlichen Mannes, der treu in seiner Pflicht durch solchen Mord gefallen war, noch als Anreiz zu weiterer Rache vor seinen Augen dulden mochte – das machte uns ihm gegenüber so befangen, daß wir nur noch ein paar verlegene Worte sprachen und uns dann verabschieden wollten. Er verspürte wohl den Eindruck, den seine Geschichte auf uns gemacht, aber indem er ihn falsch deutete, sagte er, es tue ihm leid, daß er sie erzählt, weil wir Deutsche seien; ich antwortete ihm, Feindschaft zwischen den Völkern und Krieg seien ja wohl etwas Furchtbares; aber es scheine doch, daß sie etwas Notwendiges seien, dem wir uns fügen müßten, und es könne dennoch gegenseitige Achtung der Nationen und auch Liebe und Freundschaft einzelner bestehen. Duvay fühlte wohl, daß ich nicht alles sagte, was ich meinte, und so entließ er uns so kalt, wie wir gingen; ich hätte ihm ja das andere nicht sagen können, denn er hätte es nicht verstanden. Wie durch einen Blitz war meinem Bruder und mir unsere innere Verschiedenheit klar geworden.

Als wir zu Hause angekommen waren, nahm mein Bruder das Buch, welches ihm Duvay geschenkt, wehmütig in die Hand und sagte: »Es ist ein schönes Buch, aber ich kann es nicht mehr mit Freude betrachten.« Ich gab ihm recht, und er schickte das Buch dem Geber zurück mit einem Brief, der ungefähr so abgefaßt war: Er sei von Herzen dankbar für seine freundliche Gesinnung, aber er könne das Buch nicht mehr behalten. Der andere möge die Rückgabe nicht als eine Unfreundlichkeit auffassen, denn sie sei nicht als solche gemeint; es sei ihm klar geworden, daß er ihm doch zu fremd sei, als daß er ein so schönes Geschenk annehmen dürfe.

Es ist wohl selbstverständlich, daß unser Umgang mit Duvay aufhörte. Er wäre für beide Teile peinlich geworden. Wir blieben auch nicht mehr lange in Paris.

Als der Krieg ausbrach, kam mein Bruder als Offizier mit nach dem Westen; er dachte wohl öfter daran, daß Duvay ihm nun als Feind gegenüberstand. In einer Nacht hatten die Gegner einen Angriff gemacht; sie waren früh genug entdeckt, so daß es gar nicht zum Bajonettkampf gekommen war, und bei der Verfolgung hatten die Unsern eine ziemliche Tiefe gewonnen. Am frühen Morgen ging mein Bruder mit einem Kameraden über das Kampffeld, das sich nun hinter unserer Linie befand; es lagen viele tote Franzosen da. Einen Mann sah er zu seinen Füßen auf dem Rücken liegen, die Arme ausgestreckt, das Gewehr noch in der Hand und die verglasten Augen des durchschossenen Kopfes zum leeren Himmel gerichtet. Das Gesicht erinnerte ihn an Duvay, und in einem plötzlichen Gefühl beugte sich mein Bruder, um dem Toten die Hände auf der Brust zu falten; aber wie er ihm das Gewehr aus der Hand nehmen wollte, drückte der Finger des Toten noch zu; die Kugel ging meinem Bruder nahe beim Herzen vorbei und hätte ihn um ein Haar tödlich getroffen.

Der Italiäner

Ich saß mit einem Freunde zusammen und sprach mit ihm über die Art, wie die verschiedenen Völker sich zum Krieg stellen. Wir kamen zu dem Schluß, daß die Deutschen den Krieg am tiefsten erleben, indem sie ihn gleichzeitig am leichtesten ertragen, der Grund ist, daß der Deutsche wahrscheinlich das stärkste Verantwortungsgefühl hat und am wenigsten das Leben liebt.

Mein Freund dachte eine kleine Weile nach; dann strich er die Asche von seiner Zigarre und begann folgende Erzählung; ich bemerke vorher, daß er Arzt ist und den Feldzug in Tirol mitmacht.

»Wie Sie wissen, bin ich lange Zeit jedes Jahr für einige Wochen nach Rom gegangen. Ich hatte dort gute und liebenswürdige Wirtsleute gefunden, bei denen ich mich wohl fühlte. Es machte sich von selber, daß ich in nähere Beziehung zu den Leuten trat und endlich auch die Bekannten und Verwandten der Familie kennen lernte. Die Respektsperson unter den Verwandten war ein Hauptmann der Bersaglieri, der mir denn natürlich auch besonders vorgesetzt wurde.

Sie kennen ja die Italiäner auch. Es hat gar keinen Zweck, mit ihnen ein Gespräch auf unsere Art zu führen, denn sie haben keine Ahnung von uns. Aber das ist auch nicht nötig, denn sie gehen ja leicht genug aus sich heraus und führen das Gespräch auf ihre Art, und so erfährt man denn immer Dinge, die einem merkwürdig sein können, weil man in andere Seelen, einen anders gebauten Verstand und eine uns fremde Willensart Einblick gewinnt. Mein Hauptmann war ein großer Politiker. Schon nach kurzer Zeit setzte er mir auseinander, daß Italien schon zweimal die Welt beherrscht habe: zuerst im Römischen Reich, dann im Papsttum. Nun stehe es vor der dritten Weltherrschaft. Es hätte keinen Zweck gehabt, ihm die Kindlichkeit seines Gedankengangs klar zu machen, und so widersprach ich ihm denn nicht.

In den Wochen, wo die Kriegsbegeisterung in Italien hoch ging, habe ich oft an meinen Hauptmann denken müssen. Wer nicht im italiänischen Volk gelebt hat, der kann es doch nicht verstehen; ich glaube, daß die meisten bei uns es zu ernst genommen haben. Natürlich: ein Volk muß wissen, was es tut; es gibt keine Entschuldigung für die Handlungsweise der Italiäner, wenn man ihre Handlung überhaupt sittlich betrachtet; jedoch diese sittliche Betrachtung ist wohl für uns Deutsche möglich, aber nicht für die Italiäner. Ich habe mir immer gedacht, ob vielleicht ihre Sprache da nicht eine merkwürdige Rolle spielt. Wir haben ja jedenfalls oft den Eindruck, daß da, wo bei uns ein Gefühl oder ein Gedanke vorhanden ist, bei den Italiänern in einer uns unverständlichen Weise ein Wort eine schöpferische Bedeutung bekommen hat. Bei dem Hauptmann kam mir der Einfall, ob sie nicht in Lagen kommen können, wo das Wort versagt; und während wir uns in solchen Lagen durch Gedanken und Gefühle weiterhelfen können, dann gänzlich ratlos und stumpf werden.

Ich traf nämlich den Hauptmann vor einigen Wochen im Lazarett wieder. Er war mit einer schweren Verwundung, die er sich selber beigebracht hatte, von unseren Leuten gefangen genommen.

Der Truppenteil, zu dem er gehörte, war mit bei den Sturmangriffen auf unsere Stellungen – ich darf den Namen nicht nennen – verwendet. Sein Sohn, ein noch ganz junger Mensch, diente als Leutnant unter ihm. Sie haben ja von den fürchterlichen und sinnlosen Angriffen gehört, die nur zu erklären sind aus der Annahme völlig ratloser Verzweiflung der Heeresleitung und der Regierung. Unsere Leute liegen in sicherer Deckung, die für absehbare Zeit auch durch die stärkste Artillerievorbereitung nicht zerstört werden kann; vor ihnen dehnt sich einige hundert Meter tief eine gänzlich deckungslose Ebene, eine Schafweide, die am Rande durch ein Felsengeröll begrenzt wird. Sobald die Angreifer hinter dem äußersten Felsen vorstürzen, werden sie von unseren guten Schützen einzeln aufs Korn genommen, und bis jetzt sind die Italiäner noch nicht über die ersten fünfzig Meter vor diesem Felsengeröll hinausgekommen. Auf diesem Band von fünfzig Metern Breite sind schon Tausende der armen Italiäner gefallen.

Bei einem der Angriffe erhielt der Sohn des Hauptmanns einen Schuß und stürzte vornüber auf das Gesicht. Gleichzeitig fluteten die Angreifer zurück, so schnell wie möglich wieder Deckung hinter den äußersten Steinen suchend. Ein Mann aus der Kompagnie lief gebückt zu dem liegenden Leutnant und zog ihn am Bein hinter sich her, um ihn zu retten; einer von unseren Schützen hatte auf den Mann angelegt, aber dann tat er ihm leid, weil er doch seinem Herrn helfen wollte, und deshalb suchte er sich ein anderes Ziel. So gelang es dem Soldaten, seinen Leutnant in Sicherheit zu bringen. Der Vater umarmte ihn, küßte ihn; Sie wissen ja, wie so die Italiäner sind, ein Mann brachte ein Hoch auf den Retter aus, der Hauptmann weinte vor Rührung, der Mann auch; unsere Leute zerbrachen sich vergeblich den Kopf, was wohl der Grund für die Unruhe bei den Gegnern sein mochte. Gewöhnlich bargen die Italiäner in der Dunkelheit ihre Toten und Verwundeten, und unsere Leute hinderten sie nicht, aus Menschlichkeit; aber diese eigentümliche Unruhe hatte sie mißtrauisch gemacht, und so ließen sie in der Nacht keinen von den Feinden vor, um die Liegenden zu bergen.

Ein neuer Angriff war für den nächsten Morgen angesetzt. Wieder stürmte der Hauptmann mit seinen Leuten vor. Dicht neben ihm lief der Mann, der seinen Sohn gerettet hatte. Plötzlich rief er aus: ›Erbarmen, Herr Hauptmann!‹ Der Geruch der Leichen, welche den ganzen Tag in der glühenden Sonne gelegen hatten, lag über dem Anger. Der Hauptmann sah zur Seite und sah den Mann leichenblaß stehen, mit erhobenen Armen. ›Erbarmen, Herr Hauptmann,‹ schrie er noch einmal. Die anderen Soldaten stutzten. Der Hauptmann schoß den Mann mit seinem Revolver nieder und stürmte weiter, indem er ›Vorwärts‹ rief. Die Leute folgten erschrocken; aber die Unseren schossen, der Leichengeruch wurde immer stärker; entsetzt wendeten sie sich und flohen. Der Hauptmann stand allein; er rief ›Feiglinge‹ und setzte den Revolver auf die eigene Brust.

Die Italiäner sahen wohl den Selbstmord ihres Offiziers, ihre Angst steigerte sich, sie liefen noch weiter zurück. Unsere Leute begannen die verwundeten Feinde zu sich herüber zu holen, ohne gestört zu werden. So kam der Hauptmann in unsere Gefangenschaft und in meine Behandlung, und dadurch erfuhren wir alles, was drüben geschehen war.

Als der Hauptmann seiner Genesung entgegenging, sagte er einmal: ›So habe ich denn den Mann umsonst niedergeschossen,‹ und es schien so, als beschäftige er sich innerlich mit dieser Tat.

Ich dachte mir: wie würde ein Deutscher die Tat empfinden? Ich glaube nicht, daß einer von uns hätte über sie fortkommen können. Der Offizier hat die Pflicht, einen Feigling unschädlich zu machen. Aber offenbar ging die Aufgabe überhaupt über die Fähigkeiten der Menschen, und der Mann war also kein Feigling; der Hauptmann sagte mir selber, er habe gewußt, daß unsere Stellung uneinnehmbar ist. Freilich mußte er gehorchen, wenn er den Befehl zum Angriff erhielt; aber ich, als Deutscher, hätte den Mann nicht niederschießen können.

Einmal erinnerte ich den Hauptmann an das Gespräch in Rom und an seinen Gedanken eines dritten Weltreiches der Italiäner. Er schüttelte den Kopf und sagte, wir seien zu stark.

Ich dachte mir: ein Deutscher würde sich sagen, daß er selber durch seinen törichten Gedanken mit schuld an dem Krieg gehabt habe; denn was die italiänische Regierung tat, das war nichts, als die Ausführung derartiger Gedanken, die im Volke leben. Nun ist das ganze Ergebnis ein grausiges Blutvergießen, Elend, Verarmung, Zerrüttung. Der Hauptmann hat ja gewiß nicht die äußere Verantwortung für die Kriegserklärung, aber er hat seinen Teil an der inneren Verantwortung. Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn ich eine solche Schuld fühlte, wenn durch eine solche Tat, wie das zwecklose Niederschießen des Mannes, der meinen Sohn gerettet hatte, meine geistige Schuld plötzlich fürchterlich sinnlich vor mir stände.«

Wir schwiegen lange. Endlich sagte ich: »Das deutsche Volk würde nie einen Krieg führen, der ihm nicht aufgezwungen ist. Geschähe jemals etwas anderes, dann wären wir feiger, wie je ein Volk war.‹

Mein Freund schloß: »Ich suchte immer in dem Hauptmann nach einem Gefühl. Unzweifelhaft war etwas in ihm, denn er war ganz stumpf geworden. Auf die verschiedenste Weise wollte ich in seine Seele eindringen; aber er sagte nichts, aus dem man etwas entnehmen konnte. Ich brachte das Gespräch auf den erschossenen Mann. ›Oh, er war ja nur ein einfacher Bauer,‹ sagte er, ›er war gänzlich ungebildet.‹

Er hatte ganz ruhige Augen, als er das sagte. Sie kennen ja diese dunkeln, sanften Augen, die man oft bei Italiänern sieht, die so wenig ausdrücken, daß man an die Augen eines guten Tieres denken muß. Aber mochte meine Frage oder mein Ton ihn bewegt haben; ich spürte, wie irgend etwas plötzlich in ihm rang, wie ungeformt etwas in ihm entstand, das einem Schuldgefühl glich. Er sah mich ratlos an. ›Er war ja ein ganz ungebildeter Mensch,‹ wiederholte er.

›Weshalb haben Sie den Selbstmordversuch gemacht,‹ fragte ich unvermittelt. Er erschrak und sah mich wieder an. Dann dachte er nach, und zuletzt schüttelte er den Kopf, indem er zum drittenmal sagte: ›Er war ein ganz ungebildeter Mensch.‹ Das italiänische Wort klingt merkwürdiger: er sagte › ignorante‹.«

R. Z.

Bei einer der großen Schlachten, welche in diesem Kriege sich wochenlang hinziehen, lag ein junger Leutnant mit seiner Truppe in einem Schützengraben. Die Leute hatten sich den Aufenthalt so behaglich wie möglich gemacht; sie hatten sich einen Raum von der Größe einer kleinen Stube im Boden ausgegraben; aus dem nahen Dorf, das längst von den unglücklichen Einwohnern verlassen war, hatten sie Stroh und sogar einige Matratzen geholt; ein Mann besaß eine Ziehharmonika und spielte oft, indessen die anderen, behaglich rauchend, ihm zuhörten, und der Posten mit dem Glas vorsichtig hinter der Deckung vorlugend den Feind beobachtete. In der Luft das Zischen, Sausen, Heulen und Krachen der Granaten und Schrapnells war ihnen längst gewohnt geworden.

Durch eine vorsichtig herankriechende Ordonnanz wurde ein dickes Paket mit Liebesgaben gebracht. Die Leute öffneten es jubelnd: da war ein Kistchen Zigarren, Strümpfe, eine wollene Jacke, eine Schachtel mit Knöpfen, Zwirn und Nadeln, ein Paket gemahlener Kaffee und noch mehr dergleichen, was wohl von liebevoll besorgten und freundlich gesinnten Personen gesammelt und eingepackt wird.

Die Mannschaften wurden mit dem Verteilen bald fertig. Die Zigarren bekam der Leutnant in Verwahrung; sie baten ihn, nach Bedarf von ihnen zu geben. Den Kaffee nahm ein Mann an sich, der eine Geschicklichkeit in der Zubereitung der Speisen bewiesen hatte und deshalb von den anderen zum Hofkoch ernannt war durch ein feierliches Diplom, das ein schriftkundiger Soldat, der zu Hause die Stelle eines Gerichtsschreibers bekleidete, sorgfältig angefertigt hatte. Die Strümpfe und Pulswärmer wurden von den Leuten genommen, welche sich als bedürftig erwiesen. Einige zogen gleich auf der Stelle die Stiefel aus und wechselten die reinen, ganzen und warmen Strümpfe ein.

Der Leutnant saß etwas abseits von den Leuten auf einer Matratze. Er freute sich über die Fröhlichkeit der Leute, über den heiteren und selbstverständlichen Willen, die Mühsale und Schädigungen des Aufenthalts nicht Herr über den frischen Mut werden zu lassen; er fühlte auch, daß er zusammengehörte mit seinen Untergebenen, daß kein Mißtrauen und keine Feindseligkeit bei ihnen gegen ihn war, sondern Zuneigung und kameradschaftliches Gefühl; dennoch spürte er sich ausgeschlossen von der allgemeinen Heiterkeit. Die Achtung vor dem Vorgesetzten lag über den Leuten, und ein lachendes Gesicht änderte sich plötzlich dienstlich, wenn die Augen zufällig nach seiner Richtung fielen. Es war das ja nötig wegen der Disziplin, und es bedeutete nichts Übles; aber der junge Mann hatte doch plötzlich das Gefühl einer grenzenlosen Vereinsamung.

Die Mannschaft hatte leise miteinander gesprochen, dann trat der Unteroffizier auf ihn zu, brachte ihm die gestrickte Jacke und sagte, sie hätten bemerkt, daß der Herr Leutnant nur seidenes Unterzeug habe, das bei der nunmehr einsetzenden Kälte nicht genüge; sie selber seien mit dem Nötigen versehen und bäten ihn, daß er die warme Jacke nehmen möge. Einen Augenblick dachte der Offizier, daß er die Gabe abweisen müsse, dann überkam ihn die Freude über die liebevolle Gesinnung, er nahm das Dargebotene und dankte allen. Wie eine heiße Glückswelle strömte ihm die Freude über das Herz, und die Augen wurden ihm naß. »Ich werde schon nervös,« dachte er.

Wie er nun die Jacke auseinanderlegte, um sie zu betrachten, fühlte er Papier; er schlug sie um und fand inwendig, mit Garn festgeheftet, einen Brief. In dem mit zierlicher Frauenhand geschriebenen Brief stand folgendes zu lesen.

»Dieser Jacke, die ich gestrickt habe unter den herzlichsten Wünschen für den Mann, der sie einmal tragen soll, füge ich einen Brief bei. Ich weiß nicht, in welche Hände beides fällt; aber ich möchte dem Unbekannten einen Gruß senden.

Ich habe keinen anderen Menschen, dem ich einen Gruß senden kann, dem ich Herzliches wünschen darf. Meine Eltern sind tot, Geschwister habe ich nie besessen, meine Eltern waren einsame Leute ohne Verwandtschaft, bei fremden Leuten bin ich erzogen. Jetzt bin ich bei meiner Freundin zu Besuch. Wenn ich sie verlasse, dann kehre ich wieder in meine einsame Wohnung zurück.

Der Mann meiner Freundin steht im Feld. Sie wartet herzklopfend auf jede Post, studiert weinend die Verlustlisten. Ich sehne mich so danach, herzklopfend auf die Post zu warten, ich sehne mich nach Tränen der Besorgnis um einen Menschen, den ich lieben kann.«

Unter diesem Brief standen zwei Buchstaben: R. Z.

»Ich werde nervös,« dachte der junge Offizier, er fühlte, wie ihm die Tränen hochstiegen. Er riß zwei Blätter von seinem Block und schrieb:

»R. Z., Ihren Brief hat ein Mann erhalten, der einsam ist wie Sie. Ich habe meine Eltern nicht gekannt, habe meine ersten Jahre bei meinem Oheim gelebt und wurde dann in das Kadettenkorps gebracht. Wenn meine Kameraden in den Ferien in die Heimat reisten, mußte ich bleiben; ich hatte keine Heimat. Ich bin ärmer wie Sie, ich habe noch nicht einmal einen Freund. Ich sende diesen Brief aufs Geratewohl, wie Sie den Ihren Ihrer Gabe beigefügt hatten.«

Diesen Worten fügte er seinen vollen Namen mit Adresse bei. Dann erkundigte er sich bei den Leuten nach dem Herkunftsort des Pakets. Es war aus Berlin gekommen. Er schrieb auf den Briefumschlag die beiden Buchstaben R. Z. und adressierte ihn postlagernd Berlin.

»Weshalb hatte sie nicht ihren Namen unterschrieben?« dachte er in der Nacht. »Was habe ich für einen Unsinn begangen, einen solchen Brief abzusenden!« dachte er weiter. Er lachte für sich und dachte: »Er wird einige Wochen auf der Post in Berlin liegen, dann wird man ihn mit anderen alten Briefen verbrennen – oder wird man ihn öffnen, um den Absender zu erfahren?« Es war ihm ein unangenehmer Gedanke, daß man den Brief vielleicht öffnete.

Aber der Brief wurde weder verbrannt, noch eröffnet, sondern er wurde von einem wunderhübschen jungen Mädchen abgeholt.

Das kam so.

Am anderen Tage hatte der Leutnant beschlossen, noch etwas Besonderes zu tun, und hatte an eine große Berliner Zeitung eine Anzeige geschickt: »R. Z., Antwort vom Empfänger der Jacke liegt postlagernd Hauptpostamt.« Nach etwa einer Woche erhielt er folgenden Brief:

»Geehrter Herr Leutnant, wir sind fünf Schwestern zu Hause; das ist etwas viel, nicht wahr? Ich bin die mittlere und bin erst achtzehn Jahre alt. Über Ihren Brief haben wir den ganzen Tag geweint. Weil ich allein den Mut gehabt hatte, ihn abzuholen, so darf ich ihn auch allein beantworten, aber die anderen lassen Sie wenigstens grüßen.« Dann folgte der volle Name des Mädchens.

Der junge Offizier sah wohl, daß sein Brief durch irgendeine Verwicklung in ganz andere Hände geraten war, wie er ihn bestimmt hatte; aber er freute sich doch über den zierlichen goldgeränderten Bogen, die mädchenhaften Schriftzüge, und in den langen Stunden der Muße, welche er jetzt hatte, versuchte er sich ein jugendliches Gesicht vorzustellen, das der Briefschreiberin angehören mochte. Er antwortete auch, einen längeren Brief, wie der erste gewesen war, bekam wieder Antwort zurück; und es folgte dann ein heiterer, neckischer Briefwechsel; es war, als hätten sich beide Teile das Wort gegeben, nichts von dem Ernsten und Schweren des Krieges sich merken zu lassen: der Vater und zwei Brüder des jungen Mädchens waren gleichfalls Offiziere und standen im Feld, und der junge Mann lag den feindlichen Kanonen und Gewehren gegenüber, und jeden Augenblick konnte ihn eine der Kugeln treffen.

Und es traf ihn auch eine Kugel. Er hatte mit dem Glas spähend die feindliche Stellung beobachtet und war dabei wohl etwas zu sichtbar geworden; plötzlich fühlte er einen Schlag gegen die linke Schulter. Die Verwundung war nicht sehr schwer; der Arzt bestimmte, daß er eine weitere Reise machen konnte, und so schickte man ihn denn nach Berlin. Aus dem Lazarett schrieb er seinen ersten Brief wieder an die Unbekannte, erzählte alles, und wenn er auch bescheiden nicht ausdrücklich bat, daß sie ihn besuchen möge, so stand doch deutlich zwischen den Zeilen zu lesen, wie sehr er sich über einen Besuch freuen würde.

Zwei Damen wurden ihm gemeldet; seine junge Briefschreiberin kam in Begleitung einer älteren Dame. Beide waren verlegen, der junge Offizier, der noch geschwächt von Blutverlust, Schmerzen und Anstrengungen im Bett lag, hatte einen Augenblick ein Gefühl frohen Glückes, wie er das blühende, heitere Gesicht des jungen Mädchens sah, dann überkam auch ihn die Scheu und das Bewußtsein der eigentümlichen Lage. Aber wie das junge Mädchen das bei ihm spürte, da verwandelte sich ihre Befangenheit; über das leicht gerötete Gesichtchen zuckte es lustig, die blauen Augen sprühten neckisch, und es war, als ob sie plötzlich lachen wollte. Da begann die ältere Dame zu erzählen.

Sie war es, die den ersten Brief geschrieben hatte. Die Mutter ihrer Begleiterin war die Freundin, bei welcher sie in Berlin zu Besuch war. Sie sah mit etwas schwermütigem Lächeln den jungen Mann an und sagte: »Das dachten Sie wohl nicht, als Sie den Brief lasen, daß ihn ein altes Mädchen von fünfzig Jahren geschrieben hatte?« Der Leutnant fühlte, wie er verlegen wurde, und versuchte Beteuerungen; die Dame schnitt seine Rede mit einer Handbewegung ab und fuhr fort: »Ich muß mir immer ins Gedächtnis zurückrufen, wie ich als Zwanzigjährige über Frauen von fünfzig Jahren dachte; wir fühlen ja nicht, daß wir alt sind. Als mein Paket abgegangen war, wurde mir erst bewußt, daß ich ganz falsch geschrieben hatte – und ich schämte mich; ich schämte mich über meinen Brief überhaupt, und dann, daß ich ihn so geschrieben hatte.« Wieder wollte der Leutnant sprechen, aber ein gütiger Blick der Dame ließ ihn wieder schweigen. Sie fuhr fort. »Wir saßen an einem Abend um den runden Tisch zusammen, meine Freundin, die Kinder und ich, jedes mit seiner Arbeit. Hier Mathilde« – sie deutete auf das errötende junge Mädchen – »hatte neues Strickgarn geholt und betrachtete zerstreut das Zeitungsblatt, das als Hülle gedient hatte. Plötzlich rief sie aus: Das sind ja deine Anfangsbuchstaben! und zeigte mir Ihr Inserat. Ich las, und muß wohl mich verraten haben, denn alle riefen mir zu. Nun wäre ich doch in ein falsches lächerliches Licht gekommen, wenn ich länger geschwiegen hätte, deshalb erzählte ich von meinem Brief, und die guten Kinder verstanden auch alles, wie es gemeint war; Mathilde drückte mir die Hand und küßte mich, um mir über die Verlegenheit fortzuhelfen.

Ich wollte den Brief nicht von der Post holen; meine Freundin lächelte, und ich dachte mir: sie denkt, daß ich doch recht altjüngferlich bin. Nun, das ist ja wahr; ich bin doch auch eine alte Jungfer; ich weiß ja, daß die den Leuten immer etwas komisch vorkommen; daran muß man sich eben gewöhnen und darf es die anderen Menschen nicht entgelten lassen; ich denke, wenn man sich Mühe gibt, dann kann man doch den Menschen etwas nützen, nicht wahr?« Sie wendete sich zu Mathilden, die in ihren Schoß blickte und eine Träne im Auge glänzen hatte. Dann fuhr die Dame fort: »Hier, unsere Mathilde stand auf und sagte: Ich will den Brief holen; wer weiß, ob nicht ein armer Mensch im Schützengraben draußen liegt, der sich nach einem Liebeszeichen aus der Heimat sehnt. Meine Freundin nickte lächelnd; mir selber wurde ganz schwer ums Herz, wie ich da sah, was das Weib sein kann: Frau und Mädchen, und ich dachte – nein, ich will nicht bitter werden, ich habe es mir geschworen, daß ich keine häßlichen Gedanken haben will.

Mathilde ging tapfer zur Post, bezwang sich und verlangte den Brief. Sie hat Ihnen die Wahrheit geschrieben, wir haben alle geweint über ihn, und ich habe gedacht: wie unrecht handle ich doch, wenn ich mit meinem Geschick hadere, in meinem wohlbehüteten Leben. Dann antworteten Sie wieder, Mathilde schrieb zurück; alle Ihre Briefe kennen wir, alle Antworten Mathildes kennen wir auch …!«

Hier erhob sich Mathilde und sagte zu der Dame: »Wir müssen gehen, wir sind schon zu lange geblieben.« Sie vermied den Blick des jungen Mannes. So nahmen die beiden denn Abschied.

Die Verwundung heilte glücklich; der junge Offizier bekam noch öfters Besuch von den beiden, von Mathildes Mutter, von den anderen Schwestern; als er das Zimmer verlassen durfte, suchte er die Freunde in ihrer Wohnung auf; und ehe er wieder zur Front zurückging, fand die Verlobung zwischen ihm und Mathilden statt.

Die Scheinehe

Kurz vor dem Kriege war ein Fräulein v. M., welche Kunstgeschichte studiert hatte, nach Spanien gereist, um eine Anzahl Werke des Greco genauer zu untersuchen, über welche sie ihre Doktordissertation schreiben wollte. Sie durchforschte Museen und Sammlungen, Kirchen und Klöster, und mit großem Eifer und bei scharfer Kritik sammelte sie eine große Menge von Aufzeichnungen, die sie nun zu Hause durchzuarbeiten gedachte. Sie wollte von Lissabon aus mit einem deutschen Lloyddampfer zurückfahren, hatte sich rechtzeitig einen Platz erster Kajüte belegt und kam zwei Tage vor der Abfahrt des Schiffes in Lissabon an, denn zwei Tage dachte sie zu verwenden, um Lissabon noch gründlich zu beschauen und so auch bei der Rückkehr so viel Nutzen wie möglich für ihre geistige Ausbildung von dieser Reise zu haben.

Als sie im Gasthof ihre Rechnung bezahlt und jedem Dienstboten das ihm zukommende Trinkgeld gegeben hatte, und eben der Oberkellner einen reich uniformierten Laufjungen schickte, um eine Droschke zu holen, kam die Nachricht von der Kriegserklärung. Erschüttert stieg sie in ihren Wagen, der Oberkellner verbeugte sich tief, schloß den Schlag, schlug die Serviette unter den linken Arm und sah dann unbeteiligt aus; sie prüfte sich im stillen, ob sie immer ihre Pflicht getan habe, beschloß sich gleich zur Pflegerin ausbilden zu lassen, ging im Geist die ihr bekannten Anstalten durch, bei denen das möglich war, und entschied sich für eine; und so war sie schon wieder in einer gefaßten Gemütsstimmung, als sie nun ihr Schiff betrat.

Hier sagte ihr der Kapitän, daß er nicht fahren könne, denn es sei doch ungewiß, ob sich England nicht am Kriege beteiligen werde, und so wolle er sein Schiff lieber erst im sicheren neutralen Hafen behalten. Andere Fahrgäste stellten sich ein; die Lage wurde besprochen, und Fräulein v. M. erfuhr zu ihrem Erstaunen, daß sie selber Gefahren ausgesetzt sei; denn wenn England wirklich an Deutschland den Krieg erkläre und sie dann etwa auf einem neutralen Schiff nach Holland fahren wolle, so könne sie erwarten, daß die Engländer das Schiff durchsuchen und sie selber wie jeden anderen deutschen Reichsangehörigen gefangennehmen und in ihre Konzentrationslager bringen würden, um sie dort vielleicht langsam durch Entbehrungen und Krankheiten sterben zu lassen. Sie sagte, daß sie ein junges Mädchen sei, und daß gesittete Völker, wie die Engländer sind, doch gegen Frauen nicht Krieg führen, daß sie sich wegen wissenschaftlicher Arbeiten in Spanien aufgehalten habe, und daß die Wissenschaft von allen Völkern auch im Kriege geschätzt werde; die Leute zuckten die Achseln, einige lächelten über den Ernst, mit welchem das hübsche junge Mädchen über die Wissenschaft sprach, und ein älterer Herr, ein Schweizer, der viel gereist war, setzte ihr auseinander, wie verschieden die englische Auffassung in diesen Dingen von der deutschen ist. Sie verließ die Gesellschaft, setzte sich in den leeren Speisesaal und begann aus tiefem Herzen zu weinen, und dachte seufzend an ihre Mutter und an ihr sicheres Stübchen zu Hause.

Indessen nun alle auf die weiteren Ereignisse warteten, wurde mancherlei gesprochen, auf welche Weise man sicher in die Heimat gelangen könne, Geschichten wurden erzählt aus früheren Kriegen, Vorschläge wurden gemacht und Einfälle jeder Art tauchten auf. Die englische Kriegserklärung kam, ein brasilianischer Dampfer, der freilich recht verräuchert aussah, wollte Lissabon verlassen und nach Genua fahren; er hatte Kaffee und Häute an Bord und konnte noch einige Fahrgäste mitnehmen. Fräulein v. M. faßte sich ein Herz, bat den alten schweizerischen Herrn um eine geheime Unterredung und stellte ihm vor, daß sie gehört habe, es sei das Sicherste, wenn sie sich einem Herrn aus einem neutralen Staat anschließe, der sie für seine Gattin ausgebe; und nun bitte sie ihn von Herzen um die Gefälligkeit, mit dem Brasilianer zu fahren und sie mitzunehmen; sie werde ihm keinerlei Mühe machen und verspreche ihm auch, sich so mutig zu betragen, daß er nicht in Unannehmlichkeiten geraten solle. Der alte Herr wurde sehr verlegen und erwiderte, sie rede ja nicht schweizerisch und das werde Mißtrauen erzeugen; aber sie sagte, daß ihre Mutter eine Bernerin sei, und daß sie so viel von deren Sprache verstehe, um einen Engländer zu täuschen. Er wischte sich mit dem Taschentuch über das Gesicht und stotterte, daß die Engländer sehr mißtrauisch seien, aber sie merkte nichts und antwortete ihm in ganz geläufigem Bernerdütsch, er möge sich selber überzeugen, ob man Zweifel haben werde. Er erwiderte beflissen und höflich, daß er sich gewiß falsch ausgedrückt habe, er habe nie gezweifelt, daß das gnädige Fräulein vorzüglich spreche, und plötzlich setzte er unvermittelt hinzu: »Sie sind sehr schön, mein gnädiges Fräulein, und Sie sind sehr jung.« Hier wurde Fräulein v. M. nun rot und schwieg; der gute alte Herr aber, welcher sah, daß sie ihn mißverstanden, nahm väterlich ihre beiden Hände, sah ihr ernsthaft ins Gesicht und sagte: »Es gibt so Verhältnisse im menschlichen Leben,« dann faßte er sich Mut, räusperte sich und fuhr fort: »Meine Frau ist nämlich eine ausgezeichnete Frau, sie hat den edelsten Charakter von der Welt,« und indem er wieder verlegen wurde, schloß er: »Nehmen Sie es mir nicht übel, meine Frau ist nämlich eifersüchtig.« Der alte Herr trug eine Perücke und war nur ein kleines Männchen und sah gar nicht so aus, daß eine Frau auf ihn eifersüchtig werden konnte, und so mußte denn Fräulein v. M., so schwer ihr auch zumute war, laut lachen über seine Worte. Er nahm ihr das aber gar nicht übel und sagte: »Nicht wahr, das ist doch lächerlich!« Fräulein v. M. aber, so plötzlich aus ihrem Kummer in Heiterkeit versetzt, und fühlend, wie unschicklich sie sich benahm, konnte des Lachens kein Ende finden, setzte sich auf eine Bank, neben der sie standen, und ging dann so allmählich vom Lachen in Weinen über. Hierdurch wurde der alte Herr wieder derart betroffen, daß er ihr vorschlug, er wolle mit ihr zum schweizerischen Konsul gehen; vielleicht wisse der einen Landsmann, der ihr in der Verlegenheit aushelfen könne. Dieses Anerbieten nahm sie dankend und sich die Tränen trocknend an, und so gingen denn nun die beiden zum schweizerischen Konsul.

Im Vorzimmer des Konsuls trafen sie einen jungen Mann, der eine große Erbitterung auf den Deutschen Kaiser zur Schau trug. Es stellte sich heraus, daß er Kellner war und eine gute Anstellung auf einem großen englischen Dampfer gehabt hatte; er sprach über die Trinkgeldersitten der Engländer und erzählte, er habe es immer verstanden, gute Trinkgelder zu machen; nun habe man ihn entlassen, weil er ein deutscher Schweizer sei, und das habe er eben dem Deutschen Kaiser zu verdanken, weil der die Engländer hasse. Er wollte jetzt nach Hause reisen, denn gegenwärtig sei nirgends in der Welt ein Geschäft zu machen, Handel und Wandel werde lange Zeit darniederliegen, und die Hotelbranche müsse, wie immer, die Zeche zahlen. Mit diesem jungen Mann sprach nun der Herr, stellte ihm die Lage des Fräuleins vor; der junge Mann nickte besonnen; er setzte ihm auseinander, wie er der jungen Dame behilflich sein könne; der junge Mann machte sehr große Augen, wendete schüchtern ein, daß er doch nicht den Stand habe, um solche Ansprüche zu machen, wenn schon er ein gebildeter Mann sei und die Welt kenne; der alte Herr erklärte ihm alles genauer, und der Kellner schnitt ihm endlich das Wort ab, indem er erklärte: »Das ist meine Pflicht, mein Herr.« Fräulein v. M. dankte ihm und reichte ihm die Hand, er verbeugte sich mehrmals und wiederholte: »ganz auf meiner Seite.« Der alte Herr gab ihm in ihrem Auftrag das Geld für die Fahrt erster Klasse, und nun wurde alles verabredet, wie die beiden auf das Schiff kommen sollten, und was sie dem Kapitän sagten, und alles Weitere. Der alte Herr und das Fräulein gingen, und der gute Kellner schaute ihnen aus dem Fenster lange nach, dann nahm er einen kleinen runden Spiegel aus der Westentasche und sah sich besorgt einige Blüten an, die er im Gesicht hatte.

Fräulein v. M. machte auf dem brasilianischen Schiff, nachdem der alte Herr mit erleichtertem Herzen sich von ihr verabschiedet hatte, durch den Kapitän die Bekanntschaft eines anderen jungen schweizerischen Ehepaares; man beschloß, daß die beiden Damen und die beiden Herren je zusammen eine Kajüte bekommen sollten, der Herr stellte sich als Privatdozent für Kunstgeschichte heraus, den Fräulein v. M. schon längst wegen seiner Arbeiten hoch geschätzt hatte; über die Gattin war sie recht enttäuscht, sie schien ihr etwas gewöhnlich. Als alles eingeräumt war, erschien der Scheingatte von Fräulein v. M. – wir müssen jetzt auch seinen Namen nennen, er hieß Meyer –, wurde mit den anderen Herrschaften bekannt gemacht, reichte seiner Gattin mit einer eleganten Verbeugung einen großen Blumenstrauß, den sie tief errötend annahm, und wendete sich dann seinem Gepäck zu, das aus einer sehr eleganten ledernen Handtasche und einem großen Weidenkorb mit wachstuchbezogenem Deckel bestand.

Als Fräulein v. M. die Treppe hinunterging, um ihren Strauß in ihrer Kajüte aufzustellen, sah sie im Vorbeigehen ihren Scheingatten bei seinem Weidenkorb beschäftigt. Ein leichtes Gefühl der Beschämung überkam sie, daß sie seine gutgemeinte Freundlichkeit so steif erwidert hatte, sie trat auf ihn zu und fragte, ob er auch gut untergebracht sei, ob sie etwas für ihn tun könne; sie begann, indem sie ihn mit »Sie« anredete, aber wie andere Fahrgäste durchkamen, fuhr sie verlegen fort, indem sie »Du« zu ihm sagte. Er sah ihr aufmerksam in die Augen mit etwas geneigtem Kopf, wie er sonst wohl Bestellungen in Empfang nehmen mochte, lobte die Einrichtung der Kajüte sehr, denn er war früher immer nur im Zwischendeck gefahren, und sagte, daß die Welt fortschreite. Dann nahm er eine Photographie aus seinem Korb und zeigte sie ihr. Sie stellte ihn selber dar, wie er in Frack und weißer Weste, die Linke in die Hüfte gestemmt und in der Rechten den Zylinder, vor der großen Pyramide stand; er war eine Saison lang in Kairo in Stellung gewesen und hatte einen Ausflug nach den Pyramiden gemacht, weil der Oberkellner ihm gesagt hatte, die müsse man gesehen haben, wenn man in Kairo gewesen sei; und es war auch wirklich ein großartiger Anblick gewesen, wenn man bedachte, was für Unsummen in diesen nutzlosen Gebäuden steckten, die jetzt freilich den Fremdenverkehr anzogen und insofern sich heute ja wohl verzinsen mochten. Fräulein v. M. erzählte, sie habe auch schon lange gewünscht, Ägypten kennen zu lernen, und Meyer erwiderte nachlässig, indem er seine Kellnerschuhe abwischte: »Ja, unsereins sieht die Welt und lernt Menschen kennen.«

Die Gattin des Privatdozenten mißfiel Fräulein v. M. immer mehr. Sie hatte eine Art, breitbeinig zu sitzen und sich auf die Schenkel zu schlagen, daß man denken konnte, man habe eine Köchin vor sich. Ihre Unterhaltung war von vollendeter Trivialität; von Kunst hatte sie keine Ahnung; während ihr Gatte in den Museen gewesen war, hatte sie mit anderen Frauen zusammengesessen und hatte sich etwas erzählt; »immer von den Herrschaften; das habe ich mir nicht träumen lassen, daß ich auch einmal eine Herrschaft werden würde,« fügte sie hinzu. Fräulein v. M. hatte genug gehört; nur den tiefsten Widerwillen konnte sie gegen einen Mann fühlen, der aus gemeiner Sinnlichkeit oder vielleicht auch aus Geldgier eine Lebensgefährtin wählen konnte, die ihm seelisch doch gar nichts zu bieten hatte. Freilich sah man ihm an, daß er sich nicht glücklich fühlte; eine beständige Traurigkeit lag auf seinem Gesicht, das im übrigen edel geschnitten war. Sie versuchte mehrmals, das Gespräch mit ihm auf die Gebiete zu leiten, wo er gearbeitet hatte; er sah sie dann immer sonderbar an und antwortete einsilbig.

Meyer hatte sich vor der Abreise noch eine seine Haarpomade gekauft; er erzählte ihr, sonst habe er für die Schachtel immer nur einen Franken gegeben, diesmal habe er eine für drei Franken genommen. »Das ist auch ein Artikel, an dem verdient wird,« schloß er. Und man roch die teure Pomade. Es ging nicht anders, sie mußte oft mit ihm untergefaßt auf Deck gehen, und da hatte sie dann den Geruch ganz nahe; einmal ging sie so mit Meyer an dem Doktor vorbei, der seine Gattin untergefaßt hatte, und sah, wie er ein Lächeln unterdrückte; er hatte gewiß die Pomade gerochen. Sie biß sich auf die Lippen; nun, schließlich war Meyer ja nicht ihr Mann, was der Doktor freilich nicht wissen konnte, und immerhin war er doch nicht unmöglicher, wie die Gattin des Doktors.

Vor Gibraltar kamen die englischen Offiziere an Bord, welche die Untersuchung führten. Meyer wurde ängstlich und beanspruchte, getröstet zu werden; er stellte sich vor, daß ihn die Engländer zu Gefängnis verurteilen würden, wenn der Betrug herauskomme, und beteuerte ihr, er habe niemals bis nun in seinem Leben eine unreelle Handlung begangen, und habe jetzt doch eigentlich nichts, als daß er erster Kajüte fahre statt Zwischendeck, wo das Essen ja wohl besser sei und auch seine Gesellschaft, aber er nutze doch auch seine guten Anzüge ab. Wenige Schritte entfernt sah sie den Doktor mit einem Engländer unterhandeln, der ein Papier in der Hand hielt und unschlüssig schien; der Doktor runzelte die Stirn und schien etwas Energisches zu sagen, denn der Engländer faltete das Papier und gab es ihm, wie es schien, mit einer Entschuldigung zurück. Fräulein v. M. stampfte mit dem Fuß auf und herrschte Meyer an: »Schämen Sie sich!« Er wurde verdutzt; sie nahm ihm seinen Heimatschein aus der Hand und gab ihn dem Offizier, der grüßend zu ihnen trat, indem sie auf englisch sagte, ihr Mann könne sich nicht englisch verständigen. »Als Kellner?« fragte argwöhnisch der Engländer, indem er sie beide ansah. Der Doktor trat zu ihnen und erwiderte für die Bestürzte, sein Landsmann sei schwerhörig. Meyer in seiner Angst starrte den Offizier sinnlos an, so daß dieser – er war wohl nicht sehr scharfsinnig – trotz der Unwahrscheinlichkeit eines schwerhörigen Kellners glaubte, er habe in der Tat nichts von allem verstanden; er prüfte den Heimatschein, brüllte ihm ins Ohr, es sei gut, und gab den Schein an Fräulein v. M. zurück.

Zum großen Glück wurde das Schiff nicht noch ein zweites Mal angehalten; der Doktor aber suchte seit diesem Vorfall ganz auffällig die Gesellschaft Fräuleins v. M., so daß sogar seine Gattin Bemerkungen darüber machte und ihr endlich lachend sagte: »Mein Mann ist in Sie verschossen.« Man kann sich denken, daß sie zurückhaltender wurde; aber sie hatte einen schweren Stand, denn Meyer schien doch einzusehen, daß er sich nicht recht mutig benommen hatte, schämte sich und hielt sich meistens auf entlegenen Teilen des Schiffes, wo er sich nach allen möglichen Dingen erkundigte bei den Leuten, mit denen er sich verständigen konnte: nach den Preisen von allerhand Waren, nach den fliegenden Fischen, nach dem Unterschied zwischen den Mohammedanern und Heiden und Ähnlichem.

So kam man nach Marseille, wo das Schiff zwei Tage lang blieb. Fräulein v. M. wagte nicht an Land zu gehen; Meyer aber erklärte, er wolle sich bilden, die Schweiz sei ein Land ohne Militarismus, und er habe auch einen Vetter in Marseille wohnen, der dort Hausdiener in einem großen Geschäft sei und viel verdiene, und so ging er denn am frühen Morgen in die Stadt. Er kehrte aber bald zurück; es stellte sich heraus, daß er nur eine Gelegenheit gesucht hatte, um für Fräulein v. M. ein Geschenk einzukaufen; und so kam er denn mit einem kleinen Hund auf dem Arm an, der, wie der Verkäufer behauptet hatte, einmal ein Mops werden würde. Er brachte ihn zu Fräulein v. M. und sagte, er wisse wohl, baß er sich bei der Durchsicht des Schiffes nicht richtig benommen habe, aber er habe so große Angst gehabt; und nun bringe er ihr das Hündchen zum Geschenk und bitte sie, sein Benehmen zu vergessen. Fräulein v. M. dankte ihm für seine freundschaftliche Gesinnung und nahm das Tierchen an.

Nun muß man wissen, daß die Gattin des Privatdozenten schon seit lange die beiden beobachtet und als verständige Person ihre Schlüsse gezogen hatte. Sie war nämlich eigentlich eine Wiener Köchin, die in Lissabon in einem Hotel eine gute Stellung gehabt hatte und von ihrem Herrn entlassen war, weil der sich vor den Engländern fürchtete; der gutmütige Privatdozent hatte sie in derselben Weise mitgenommen, wie der Kellner Fräulein v. M. Die Köchin fand, daß der Kellner ja wohl noch etwas jung war, aber doch den Eindruck eines ordentlichen und fleißigen Mannes machte. Sie hatte sich eine schöne Summe gespart und schon immer den Plan gehabt, wenn sie einen tüchtigen Menschen finde, den zu heiraten und mit ihm am Vierwaldstätter See eine Pension zu eröffnen; sie kannte die Verhältnisse am Vierwaldstätter See genau, denn sie hatte lange Zeit in einer solchen Pension dort gekocht. So begann sie denn nun, den guten jungen Mann darauf aufmerksam zu machen, daß seine Liebe zu Fräulein v. M. nicht erwidert wurde, indem sie mit weiblicher Taktik zuerst sein feines Benehmen und seine Bildung lobte und ihn dann tief beklagte, daß die Dame – sie sagte ihm gleich, daß er sich nur aus Gefälligkeit für ihren Mann ausgebe – vielzuwenig Verstand habe, um überhaupt einsehen zu können, was sie an ihm besitzen würde; aber das sei nun einmal so bei den Männern, und vielleicht sei das ein Glück für sie, daß sie nicht merkten, wenn sie von einer Frau schlecht behandelt wurden; sie aber habe sich nicht enthalten können, zu weinen, wenn sie so etwas sehe. Man kann sich vorstellen, daß dem guten Kellner ganz warm ums Herz wurde bei solchen Reden; und weil die Köchin nicht mehr ganz jung war, so hatte er kein Arg und ging von Herzen auf alle ihre schönen Gespräche ein.

Fräulein v. M. hatte das Hündchen mit recht gemischten Gefühlen angenommen. Eigentlich waren ihr Hunde unangenehm, und sie wußte auch nicht recht, was sie mit dem Tierchen anfangen sollte, das ungeschickt breitbeinig vor ihr stand, irgend etwas erwartete, das dem Verstand eines jungen Hundes entsprechen mochte, und sie mit einem dünnen Stimmchen anbellte. Sie tröstete sich mit dem Gedanken, daß das Schiff ja nun bald in Genua sein werde, wo sie ihren Beschützer verlassen könne; so lange mußte sie aber das Tierchen behalten, denn sie wollte ja doch den guten Menschen nicht kränken.

An einem der letzten Abende stand sie mit dem Doktor oben auf dem Schiff und sah der untergehenden Sonne zu. Ihr Scheingatte, durch die Verehrung der anderen Dame in seinem Selbstbewußtsein gestärkt, trat zu ihnen und begann ein Gespräch, indem er auf die verschiedenen Tinten des Himmels hinwies, auf das Poetische kam und endlich erzählte, daß die Herrschaften sich den Sonnenuntergang immer gern ansehen. Nachdem er eine Weile geredet, merkte er, daß die beiden anderen nichts sagten, und da wollte er denn nicht stören, grüßte und empfahl sich. Fräulein v. M. hatte ein Gefühl, daß sie sich vor dem Doktor entschuldigen mußte. Sie faßte sich ein Herz und sagte ihm, er habe gewiß eine merkwürdige Vorstellung von ihr gefaßt; aber sie müßte ihm anvertrauen, daß der junge Mann gar nicht ihr Gatte sei; sie habe ihn sehr gern, denn er sei ein guter und anständiger Mensch, und es bedrücke sie eigentlich, daß sie sich jetzt seinetwegen entschuldige, denn sie sei ihm doch zum größten Dank verpflichtet; und nun erzählte sie dem Privatdozenten alles, von dem alten Herrn und dem Konsulat und der Scheinehe; dem Leser aber wird jetzt wohl schon klar werden, daß sie dem Doktor nicht ganz kalt gegenüberstand, denn sonst hätte sie zum wenigsten nicht so ausführlich erzählt und hätte nur kurz gesagt, daß der junge Mann sich ihrer wegen der Engländer freundlich angenommen habe. Der Doktor seinerseits sagte, er habe zuerst geglaubt, daß sie die Gattin Meyers sei, und deshalb sei er so zurückhaltend gegen sie gewesen; erst seit dem Abenteuer bei Gibraltar habe er die Vermutung gehabt, daß ihre Ehe eine Täuschung sei. Sie aber erzählte anmutig und heiter, und die Vertraulichkeit zwischen den beiden wurde größer durch ihre Art. So kam sie denn auch endlich auf ihre Untersuchungen über den Greco, denn es hatte ihr schon lange auf der Zunge gebrannt, ihm davon Genaueres zu erzählen, und zuletzt verließ sie ihn, um ihre Aufzeichnungen und Photographien zu holen und ihm im Lesesaal zu zeigen.

Der Privatdozent erwartete sie im Lesesaal; er sagte sich, es sei doch merkwürdig anziehend, wenn man über Dinge, welche man treibt, mit einem schönen Mädchen spricht, denn es erscheint dann plötzlich alles anders. Er stellte auch noch ähnliche andere tiefsinnige Betrachtungen an und wunderte sich endlich, daß das Fräulein so lange ausblieb. So ging er denn zuletzt beunruhigt die Treppe hinunter und in den Gang zwischen den Kajüten. Da sah er sie durch ihre offene Tür verzweifelt auf ihrem Bett sitzen, das weinende Gesicht in den Händen, einen Stoß zerfetzter Papiere auf dem Boden vor sich und auf ihnen den kleinen Hund, welcher mit seinem zarten Stimmchen sie wütend anbellte. Der Hund hatte sich an ihre Aufzeichnungen gemacht und hatte sie zerfetzt.

Die Situation ist günstig für eine Liebesszene: die beiden sind allein unten im Schiff; das Fräulein ist trostbedürftig; die Erklärung, daß auch er nicht verheiratet ist, macht keine Schwierigkeiten, und nur eine gewisse Beschämung wegen des guten Kellners hindert noch, daß sich Fräulein v. M. als Verlobte des Privatdozenten fühlt. Es war ihr ja klar, daß der arme Mann eine Neigung für sie hatte, und nun widerstrebte ihr, ihn so schwer zu enttäuschen, daß sie sich vor seinen Augen einem andern versprach.

Ihre Kajütennachbarin indessen hatte einen sehr guten und praktischen Menschenverstand. Sie merkte gleich, was geschehen war, und, mag es nun Instinkt oder Überlegung sein, beschloß die Gelegenheit zu einem Sturm auf das Herz ihres Geliebten zu ergreifen.

Es war später Abend, die Sterne funkelten, das Schiff glitt leise durch die Wellen, und sie saß mit ihm allein auf einer Rolle Seile. Das Gespräch kam auf den Vierwaldstätter See und die Pensionen, die es in den Ortschaften am See gibt; sie erzählte, daß sie mit dem Doktor nicht verheiratet sei, und der junge Mann hatte das längst gemerkt; man sprach davon, daß die Herrschaften vielleicht dreitausend Franken borgen würden, die man sicherstellen könnte, und die Köchin versicherte, daß das Fräulein sehr reich sei, das habe sie gemerkt; er spürte, daß sie dicht neben ihm saß, und als er, wie zufällig, seine Hand auf ihre legte, fühlte er keinen Widerstand; sie erzählte ihm, daß die beiden Herrschaften sich heiraten wollten, und fand, daß sie gut zueinander paßten; dabei schien es ihm, als dränge sie sich an ihn; er legte den Arm um sie, und so kam es denn, daß er sie küßte, es war ihm nicht so ganz klar, wie ihr Mund mit einemmal vor seinem war. Nun, kurz und gut, sie trennten sich spät, und als die Köchin in der Kajüte war und Fräulein v. M. noch wach fand, da erzählte sie ihr gleich alles, und vergaß auch nicht, eine Andeutung wegen der dreitausend Franken zu machen; das Fräulein war zwar nicht so reich, wie die Köchin meinte, denn sie war eine Offizierstochter, aber sie freute sich doch, daß sie sich dankbar erweisen konnte, und so versprach sie denn das Darlehen; und so endete die Reise, die in Kümmernis und Sorge begonnen war, in Heiterkeit und mit zwei Verlobungen.

Der Tafelaufsatz

Ein Seeoffizier, ein Herr v. M., hatte kurz vor dem Kriege geheiratet. Die jungen Leute besaßen gerade das notwendige Vermögen, und so mußten sie sich denn das Leben recht bescheiden einrichten. Sie mieteten eine Wohnung von drei Zimmern, die vier Treppen hoch lag, statteten sie mit Möbeln aus und fühlten sich sehr glücklich. Die Geldsumme, welche ihnen für die Einrichtung zur Verfügung stand, war recht gering gewesen, aber die junge Frau hatte lange in Antiquitätengeschäften gesucht, hatte bald auch ihren Mann mit ihrer Liebe für gute alte Möbel angesteckt, und sie sagte, wenn man mit Ruhe, Verstand und Liebe suche, dann könne man auch für weniges Geld schöne Dinge kaufen. So hatten sie denn in dem Wohnzimmer einen herrlichen Rokokoschrank aus Eiche und Nußbaum, der weiß angestrichen gewesen war und als rumpeliges Küchenmöbel bei einem kleinen Trödler zum Verkauf gestanden; die Stühle hatte sie ihrer Mutter abgebettelt; sie waren ganz verwahrlost gewesen und hatten seit undenklichen Zeiten auf dem Hausboden geruht; ein schöner Tisch mit geschweiften Beinen und eingelegter Platte war freilich recht teuer gekommen, denn er war von einem großen Händler erstanden; aber sie rechneten eben alles in eins, und da hatten sie gerade den Preis noch zahlen können; dergestalt besaß jedes Stück, bis herunter zum Fußbänkchen, seine besondere Geschichte. Man kann sich denken, daß die Kameraden mit ihren Damen sehr erstaunt über die Einrichtung waren; die junge Frau fand, sie waren begeistert; ein großes Fragen entstand über das Alter der Möbel, die verschiedenen Stile, die Holzarten, die Preise; und so hatten denn die beiden die Vorstellung, daß es gar nicht möglich sei, schöner eingerichtet zu sein, wie sie es waren.

Die Mutter des jungen Mannes hatte sich über das Glück der beiden herzlich gefreut, und indem bald nach der Hochzeit sein Geburtstag war, hatte sie einen schönen Tafelaufsatz aus Silber angebracht und den beiden geschenkt; der Sohn war das einzige Kind, und sie sagte, sie sehe so schlecht, daß sie sich doch nicht über den Aufsatz freuen könne. Ihr verstorbener Gatte war gleichfalls Offizier gewesen und hatte ein Regiment gehabt; als er den Abschied nahm, hatte er den Aufsatz vom Regiment zum Andenken bekommen; auf dem Fuß waren die Namen aller Freunde eingegraben. Der Aufsatz lag in einem großen, lederbezogenen Kasten; in diesem Kasten hatte er immer im Salon gestanden auf dem schön verzierten Vertiko unter dem Kaiserbild.

Als der Befehl kam, daß der junge Ehemann auf sein Schiff mußte, blieben noch einige Stunden Zeit. Die beiden beschlossen, diese Stunden recht zu feiern. Die junge Frau deckte im Eßzimmer die Tafel für sie beide mit dem schönen Silber, das sie von einem unverheirateten reichen Oheim bekommen, mit feinem altem Porzellan, das von der Ausstattung der Urgroßmutter herrührte, und mit den schönen Gläsern und den Kristallschalen. In die Mitte stellte sie den Aufsatz. Sie aßen ein bescheidenes Abendbrot, aber der Mann hatte eine halbe Flasche Champagner aus dem Kasino holen lassen; nun öffnete er die knallend, und sie leerten die Gläser, indem sie alle schweren Gedanken durch bewußte Heiterkeit zum Schweigen brachten.

So war der Mann abgefahren und die Frau war allein zurückgeblieben. Wochenlang erhielt sie oft keinen Brief, dann bekam sie plötzlich ein ganzes Paket Briefe und Karten auf einmal, denn er schrieb täglich, auch wenn er lange auf seinem Schiff in See war. Die Freundinnen kamen; die unverheirateten und die verheirateten; die einen fragten und staunten, die anderen weinten mit ihr und trösteten sie; sie besuchte oft die Mutter ihres Mannes, und hörte die guten Erzählungen, wie es im französischen Krieg gewesen war, wie oft sie damals als Braut gezagt hatte, und er war doch glücklich durch alle Gefahren durchgekommen; die Mutter lächelte ihr immer zu, aber sie wußte wohl, daß sie oft heimlich weinte; sie tat, als ob sie das nicht wisse. Wenn sie einen Briefstoß bekommen hatte, dann las sie ihr alles vor, und die beiden freuten sich gemeinsam über die Scherze und die lustigen Schilderungen der Briefe; die Mutter nahm den grünen Augenschirm ab, strich sich über die verrunzelte Stirn und lachte still in sich hinein, indem sie sagte: »Ich sehe ihn vor mir! So war er immer!« Und dann erzählte sie eine Geschichte von ihm aus seiner Jugendzeit; es war immer dieselbe Geschichte, aber die junge Frau hörte sie immer mit der gleichen Liebe an.

An einem Vormittag nun, wo eigentlich keine Briefe erwartet werden konnten, klingelte der Briefträger; die junge Frau horchte unruhig und gespannt; das Mädchen band sich im Gang die weiße Schürze um, öffnete, wechselte einige Worte mit dem Mann; dann nahm sie den Metallteller, legte den Brief darauf; die Frau erwartete sie begierig; als das Mädchen eintrat, griff sie gleich nach dem Brief.

Er war vom Admiralstab und enthielt die Mitteilung, daß ihr Gatte in Erfüllung seiner Pflicht den Tod gefunden habe, indem sein Boot vom Feinde vernichtet sei; sie werde aber aus Staatsgründen gebeten, niemandem Mitteilung zu machen, bis sie weiteren Bescheid erhalte.

Es war an einem der Tage, wo sie die Mutter ihres Gatten zu besuchen pflegte.

Die beiden hatten oft darüber gesprochen, wie unrecht es sei, wenn die Hinterbliebenen der Gefallenen sich öffentlich in Trauerkleidung zeigen. Sie zog ein helles Kleid an; im Fenster stand ein Nelkenstock, der herrliche rote Blüten hatte; sie hatte ihn sich gekauft, weil sie dachte, daß heute doch die Menschen wenig Blumen kaufen werden, und daß man die armen Geschäftsleute unterstützen müsse, wenn man es könne. Die schönste der roten Blüten schnitt sie mit der Schere ab und steckte sie ins Knopfloch, dann gab sie dem Mädchen noch Anweisungen und ging.

Die alte Frau ergriff sie bei der Hand und zog sie neben sich zum Sitzen; sie hatte viel zu erzählen, vom Kaufmann an der Ecke, von gefallenen Bekannten, von Beförderungen, von den gestiegenen Preisen; die junge Witwe hörte aufmerksam und freundlich zu, den Kopf auf ihren Strumpf geneigt, denn sie strickte fleißig an einem grauen Strumpf. Dann sprach die alte Frau von ihrem Sohn, erzählte die Geschichte aus seiner Jugend, lachte; so vergingen die zwei Stunden, welche die junge Frau bei ihr zu weilen pflegte.

Die Freundinnen kamen und fragten, wie es ihrem Mann ergehe; sie erzählte, daß er immer zufriedene Briefe schreibe; sie fragten Näheres, und sie erzählte Geschichten, die er in seinen früheren Briefen geschrieben; einige Freundinnen sagten, wie glücklich sie sein müsse, wenn der Briefträger klingele; andere kamen und klagten, daß sie lange keine Nachrichten erhalten, und fragten sie, ob sie selber Briefe bekommen habe, und sie erzählte dann wieder dasselbe, das sie den anderen schon erzählt; einige ihrer Freundinnen beneideten sie um ihre Gemütsruhe und sagten, wenn sie sich denken würden, welchen Gefahren der Mann ausgesetzt sei, dann würden sie nicht eine Nacht ruhig schlafen können; aber freilich sei die Gemütsart der Menschen verschieden und das sei ja ein Glück.

Die Schwiegermutter wunderte sich, daß so lange keine Briefe kamen; sie wurde unruhig, sie verlangte zuletzt, daß die junge Frau beim Admiralstab anfrage. Da setzte die sich hin, nahm Briefpapier und schrieb, als schreibe ihr Mann an sie. Sie hatte sich ganz in seinen Stil hineingelebt, sie kannte sein ganzes Leben genau; und so konnte sie denn von seinen täglichen Erlebnissen schreiben; dann stellte sie allgemeine Betrachtungen an, die sie der Zeitung entnahm; dann schrieb sie wieder einige Karten, die nur Grüße enthielten. Mit dem Stoß ging sie zu der alten Frau und las ihr vor. Die freute sich, lachte, rühmte ihren Sohn, sprach von Aufrücken, streichelte ihr die Hand. Endlich konnte die junge Frau nicht mehr an sich halten. Sie sagte, daß sie Kopfschmerzen habe und an die Luft gehen müsse.

Nun ging das eine ganze Weile so, daß sie erzählte und falsche Briefe verfaßte.

An einem Nachmittag sagte sie plötzlich zu dem Mädchen, der Herr komme; sie schickte das Mädchen zum Einkauf aus, ließ wieder eine halbe Flasche Champagner holen, deckte den Tisch mit ihrem Silber, Porzellan und Kristall. Sie lachte beständig bei ihrer Arbeit, und das Mädchen lachte auch, denn sie freute sich mit ihrer Freude. Sie hatte den Tafelaufsatz ohne das Futteral aufgestellt; er stand auf der Anrichte im Eßzimmer; als sie ihn auf den Tisch heben wollte, sah sie, daß er stark angelaufen war; sie zog sich alte Handschuhe an, ging in die Küche und putzte ihn.

Während sie da in der Küche arbeitete, klingelte es; die Mutter kam; sie wunderte sich über die plötzliche Nachricht, freute sich und setzte sich auf den Küchenstuhl zu ihr. Sie wollte immer darüber sprechen, welche Überraschung das nun sei; aber die junge Frau putzte eifrig an dem Aufsatz und sprach nur davon, daß der gar nicht blank werden wolle.

Die Lieder im Schützengraben

Während der Kämpfe in Polen lag einmal eine deutsche Abteilung den Russen so lange gegenüber, daß beide Teile gewisse feste Ordnungen angenommen hatten.

Das Feld war rechtzeitig bestellt gewesen, und nun zog sich eine weite schwankende Ebene goldgelben Roggens hin, in dem Mohnrosen und Kornblumen rot und blau blühten. Die Gräben lagen sich auf einer leichten Anhöhe gegenüber und schnitten dunkle Linien in den Boden; zwischen und hinter ihnen war der Boden verwüstet: inmitten von zertretenen und zerstampften Äckern, Spuren von Rädern und Hufen, aufgeworfenen Schollen, leeren Blechbüchsen und verlorenen Uniformstücken von Toten oder Verwundeten, die hier gelegen, erhob sich vielleicht einmal noch ein Büschel Halme, breit wie eine Hand, hatte sich eine umgeknickte Kornblume wieder nach oben gerichtet und blühte mit halb zerstörter Krone; aber in weiterer Entfernung standen die Felder fast unberührt, nur schmale Gänge liefen in dem Korn, wo ein einzelner Mann gehen konnte, dem dann die Halme gegen die Beine schlugen.

Den ganzen Tag lagen sich die feindlichen Krieger gegenüber; die einen lagen und saßen gebückt in den niedrigen, brettergedeckten Höhlen, indessen die anderen standen und durch sorgfältig verdeckte Löcher in dem Wall der aufgeworfenen Erde nach dem Gegner lugten. Lange war es oft ruhig; dann fiel ein Schuß, andere Schüsse folgten, von der Gegenseite kam Antwort, dann schwächte sich das Feuer wieder ab, und in den Gräben war nur die langsame Stimme eines Erzählers zu hören oder ein schnelleres Gespräch mehrerer; Ausrufe, die beim Spiel geschehen, oder Geräusch einer Arbeit wie Sägen oder Hacken.

Gegen Sonnenuntergang fand meistens ein verstärktes Schießen statt; aber wie nach einer stillschweigenden Verabredung verstummte das, wenn Feierabend war; dann dachten die Leute auf beiden Seiten wohl an ihre Heimat und wie sie mit der Sense auf dem Rücken, durchschwitzt und müde auf dem rasenbewachsenen Wege dorfwärts gingen mit schweren und schleppenden Schritten, indessen der abendliche Rauch aus den Schornsteinen der Häuser zwischen den Obstbäumen zum dunkelnden Himmel stieg. Wenn dann die Stille eingetreten war, die nach dem vorherigen Getöse der Schüsse sehr tief erschien, dann hörte man nach einer Weile fern im Feld das Schrillen einer Grille, eine andere Grille antwortete, eine dritte machte sich bemerkbar; und bald war die Luft erfüllt von dem seltsamen, wie liebestollen Musizieren vieler solcher Tierchen.

Schon seit langer Zeit waren die Deutschen gewohnt, daß dann aus dem russischen Graben die wunderschöne, klagend singende Stimme eines jungen Mannes erklang. Die Stimme sang russische Volkslieder; eine nach der anderen hoben sich die schwermütigen Weisen, tönten über die still lauschenden Deutschen hin, breiteten sich über das weite Kornfeld, wo aus der Entfernung die Grillen eifersüchtig die menschlichen Klänge überschallen wollten. Unterdessen sammelte sich die Dunkelheit in der Ebene und stieg langsam nach oben, wunderlich erschien die Linie des Grabens gegenüber, eine lauwarme Nacht begann sich zu heben nach der sengenden Hitze des Tages, der Boden strömte Wärme aus, und still tauchte am Horizont die goldene Scheibe des Mondes auf. Etwa eine Stunde sang der Sänger, jeden Abend sang er dieselben Lieder, in derselben Reihenfolge; und wenn er geendet, dann suchten die ermüdeten Soldaten, welche nicht auf Posten standen, einen Schlaf bis zum Morgen, wo die ersten Schüsse sie wieder weckten, wenn die Sonne kaum ihre früheste Helligkeit verbreitete.

Bei den Deutschen war ein Leutnant, der zu Hause Volksschullehrer war und sehr schön Geige spielte. Dieser hörte dem Sänger mit besonderer Liebe zu und merkte sich alle seine Melodien. Als er einmal Ablösung hatte, fand er in dem Herrschaftshause, in welchem er mit seinen Leuten lag, eine Geige; er übte die Weisen des unsichtbaren Sängers, und als er wieder in den Graben zurückgehen mußte, nahm er die Geige mit.

An dem Abend aber, wo er ankam, war eine merkwürdige Stimmung in allen; es war wie ein bebendes Erwarten, ein nervöses Sehnen; die Grillen schrillten lauter und hastiger, der Sänger sang sehnsuchtsvoller und trauriger; ein Mann sagte still: »Jetzt bringt meine Frau die Kinder zu Bett, faltet ihre Hände und läßt sie für ihren Vater beten.« Alle fühlten, daß diese Nacht etwas geschehen werde.

Wirklich kam ein Überfall der Russen. Die Angreifer stürzten vor, erst stumm, und als geschossen wurde, mit Geschrei; jeder Mann war auf seine Stelle geeilt, der Leutnant rief: »Ruhig zielen«; Schüsse knallten, plötzlich waren die Russen im Graben, mit dem Gewehrkolben wurde geschlagen, das Bajonett war aufgesetzt, Schreien, Verwünschungen, ein furchtbares Brüllen erscholl; es wußte keiner von sich, Leuchtkugeln streuten Licht von oben, schließlich merkten die Deutschen, daß die Russen wichen; sie folgten ihnen, aber eine Leuchtkugel zeigte ihnen, wie wenige sie waren, so ließen sie sich gleich wieder in ihren Graben zurückgleiten, auf die Leichen und Verwundeten, die da lagen. Sie zitterten alle vor Aufregung; nur das Stöhnen der Verwundeten wurde gehört, sonst war auf beiden Seiten alles still.

Die Nacht verging, die Sonne erschien, und der lange Tag kam. Viele waren gefallen, es hatte keine Ablösung geschickt werden können. Die Toten wurden durch die Gänge fortgetragen, auch Verwundete. Einige Verwundete blieben, denn sie wollten die Kameraden nicht allein lassen.

Endlich senkte sich die Sonne, die durch die Erwartung schmerzenden Nerven wurden wieder unruhiger, das erste Schrillen des Heimchens erscholl. Jedes Ohr war gespannt auf den Sänger, ein Abendgeräusch schien ihn anzukünden, ein anderes; die Grillen erhoben immer höher ihre Stimmen; kein Lied kam aus dem feindlichen Graben.

Der Leutnant hatte eine Kopfwunde bekommen; der Arzt hatte sie ihm verbunden, und er wollte nicht seine Leute verlassen. Im Hintergrunde des Unterstandes lag die Geige. Langsam nahm er sie in die Hand, strich, stimmte sie, stimmte sie weiter. Dann begann er zu geigen.

Er geigte die erste Weise, welche der Russe gesungen, der nun gefallen war und vielleicht unter den Toten in dem verwühlten und unanständigen Raum zwischen den Gräben lag. Es war alles still bei den Leuten, alle hörten schweigend zu, und auch bei den Russen drüben war tiefes Schweigen; nur die Grillen waren lauter wie vorher. Und wie die erste Weise verklungen war, setzte er den Bogen an zu der zweiten Weise; schweigend hörten alle ihm zu, der fortgeigte, indessen die Dunkelheit sich sammelte in der Ebene. So geigte er eine Stunde lang, alle Weisen, welche der tote russische Soldat gesungen.

Wie er geendet, war eine große Pause, in der man nur die Grillen hörte. Da standen bei den Russen die Soldaten auf ihrem Wall; sie hatten ihre Gewehre fortgeworfen und hielten die Hände hoch; so kamen sie zu den Deutschen herüber und ließen sich gefangennehmen; sie weinten alle, die Deutschen gaben ihnen Brot, und sie aßen; und wahrend sie still auf der Erde kauerten und aßen, legte der Leutnant seine Geige wieder an die Wange und geigte, und diesmal sangen die Deutschen mit; es war das Lied »Ich hatt' einen Kameraden«. Alle waren aufgestanden und auch die Russen standen auf, und indem sie das Lied nicht verstehen konnten, entblößten sie ihr Haupt und falteten die Hände; sie hatten sich in der Nacht geschlagen als mutige Männer; aber als nun die Verse »Gloria Viktoria« kamen, wurden sie ängstlich. Da lachten die Deutschen, und als die Russen sie lachen sahen, da lachten sie mit.

Die Vereinten

Der Oberleutnant v. M. galt bei seinen Kameraden für einen Gelehrten und Frauenfeind. Das Regiment hatte einen neuen Obersten bekommen, einen Herrn v. R., einen Witwer mit einer Tochter, die etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein mochte; man erzählte sich, daß der Sohn hatte nach Amerika geschickt werden müssen, und daß die Mutter darüber vor Gram gestorben war.

In einer Gesellschaft wurde Oberleutnant v. M. neben Fräulein v. R. gesetzt. Das übliche Gespräch begann, darüber, wie sich die Herrschaften in der neuen Garnison einleben würden, über den angenehmen Ton im Regiment, über die landschaftlichen Schönheiten der Gegend. Plötzlich sah Fräulein v. R. ihren Herrn an und sagte: »Weshalb sprechen wir eigentlich so? Das ist doch uns beiden alles gleichgültig.« Herr v. M. erwiderte, das gnädige Fräulein habe gewiß vielseitige Bildungsinteressen; es geschehe doch auch immer häufiger, daß Damen aus den Offizierskreisen studierten. Er begann das neue Gespräch ebenso gleichmütig, wie er das frühere geführt hatte; Fräulein v. R. biß sich auf die Lippen und sah auf ihren Teller, dann erwiderte sie, sie habe sich wahrscheinlich unpassend ausgedrückt; die Bestrebungen, von denen er spreche, seien ihr fast gleichgültig; es war deutlich, daß sie sich gekränkt fühlte durch die Art des Oberleutnants, und daß sie schwieg, weil sie fürchtete, mißverstanden zu werden. Es schien ihm einen Augenblick, als seien ihre Augen feucht.

Hier geschah es, daß er plötzlich jenes eigentümliche Gefühl verspürte, das uns mit einem Male einen anderen Menschen so nahe bringt, daß wir keine Schranke mehr empfinden und ganz vertraut mit ihm zu sein glauben. Eine Befangenheit kam über ihn, und er hätte am liebsten geschwiegen, mit jenem Schweigen, welches zwei Menschen vereinigt; aber er sagte sich, daß ein Schweigen unpassend wäre, und indem er sich überwinden mußte, antwortete er, daß er um Entschuldigung bitte, wenn sein Ton nicht angenehm gewesen sei. Sie sah ihm ins Gesicht, er ihr, und in diesem Blick wurde beiden ihre Gemeinsamkeit klar. Sie erröteten beide.

Sie kamen in der Folge bei den verschiedensten Gelegenheiten oft zusammen und hatten immer viel zu besprechen; es war das so, daß der Oberleutnant ihr von seinen Gedanken und Absichten erzählte, und daß sie anmutig schwieg. Er sagte ihr, er sei bereichert durch sie, und sie fragte sich innerlich erstaunt, wie das denn sein könne.

Wir müssen unsere Gefühle immer mit den Worten und Handlungen ausdrücken, die nun einmal vorhanden sind. Die meisten Menschen machen sich nicht klar, daß das eine Gewaltsamkeit ist, denn die Worte und Handlungen sind starr, unsere Gefühle sind fließend; ein jedes Gefühl ist neu, ist noch nie dagewesen in der Welt; Wort und Handlung aber sind alt und tausendmal schon gebraucht; vielleicht besteht nur sehr wenig Gemeinschaft zwischen unserem Gefühl und unseren Worten und Handlungen.

Der Oberleutnant ließ sich in Helm und Schärpe bei seinem Obersten anmelden und hielt um die Hand der Tochter an.

Der Oberst erwiderte ihm: »Wären Sie nicht gekommen, so hätte ich Sie zu mir gebeten. Ich habe wohl gemerkt, daß Sie und meine Tochter eine Neigung füreinander haben, und ich sehe ein, daß ein Schritt getan werden muß. Ich wüßte niemanden, dem ich mein Kind lieber geben würde wie Ihnen, denn ich schätze Sie als Menschen wie als Offizier. Aber ich muß meine Einwilligung versagen. Sie sind ein Mann, der nicht in den unteren Stellen bleiben darf; Sie müssen dem Vaterland einmal auf einem hohen Posten Dienste tun. Ich habe mein Vermögen hergeben müssen, um die Ehre meines Namens zu retten. Wenn Sie meine Tochter heiraten, dann sind Sie durch das Elend eines armen Offiziershaushaltes gefesselt und können nicht die Entwicklung nehmen, die Sie müssen.«

Herr v. M. sagte, das Glück, das er an der Seite der Geliebten erhoffe, werde ihn über kleine Entbehrungen hinwegtragen, und er denke so spannkräftig zu bleiben, daß er die Erwartungen seiner Vorgesetzten erfüllen werde, wenn diese wirklich in seinen Kräften liegen sollten und nicht durch eine besonders gütige Gesinnung des Obersten verursacht seien. Der Oberst runzelte die Stirn und rief seine Tochter aus einem anderen Zimmer herbei. Sie kam still und bedrückt. Er erzählte ihr die Werbung und seine Antwort. Sie legte die Hand aufs Herz und atmete schwer. Er schloß seine Rede, indem er sagte: »Kannst du einen Mann achten, der dir das Opfer seiner Zukunft bringt?« Sie sprach mit bebenden Lippen: »Nein.« »Sie haben die Antwort meiner Tochter gehört,« sagte der Oberst und entließ den Bewerber.

Herr v. M. wurde in eine andere Garnison versetzt, er schrieb an Fräulein v. R. einen Abschiedsbrief, in welchem er sagte: »Ich weiß nicht, ob ich zu Ihnen die stürmische und leidenschaftliche Liebe habe, von der uns erzählt wird; aber ich weiß, daß Sie die einzige Frau sind, die ich kennen gelernt, mit der ich als meiner Gattin hätte leben können; mit jeder anderen, von der ich weiß, wäre ein Leben schändlich. Fassen Sie es so auf, wenn Sie hören, daß ich unvermählt bleibe, und denken Sie nicht an eine sentimentale Romantik. Wenn Sie selber einen Gatten finden, der Sie so liebt, wie man Sie lieben muß, und den auch Sie liebgewinnen, so wäre mir das eine große Freude.«

Einige Jahre vergingen; man hörte, daß der Oberleutnant v. M. eine sehr gute Laufbahn begonnen habe. Dann kam der Krieg; M. hatte das Glück, daß er sich auszeichnen konnte, daß er an eine Stelle kam, wo seine Fähigkeiten gebraucht wurden; so stieg er in kurzer Zeit in einer sonst im Heer unerhörten Weise.

Aus dem Feld schrieb er an Fräulein v. R.: »Wie Sie wissen werden, habe ich nun einen Grad erlangt, bei dem die Befürchtungen Ihres Vaters nicht mehr zutreffen. Haben Sie noch die alten Gesinnungen, so darf ich nun nochmals vor Ihren Vater treten und um Ihre Hand bitten.« Sie weinte, als sie diesen Brief erhielt; dann antwortete sie: »Ich stehe nun im achtundzwanzigsten Jahre; aber wenn Sie wollen, so gehen Sie nochmals zu meinem Vater.«

Herr v. M. war im Divisionsstab und kam beständig mit Herrn v. R. zusammen. Er ging zu ihm, und Herr v. R. umarmte ihn; die Tränen standen dem älteren Mann in den Augen. Dann sagte er: »Du kannst keinen Urlaub erhalten, aber ich lasse sie kommen, Ihr werdet im Felde getraut, und sie fährt wieder zurück.« Herr v. M. erwiderte: »Darum wollte ich bitten; denn ich weiß ja, daß wir so oder so zusammengehören, und wenn ich falle, dann ist sie meine Frau.«

Fräulein v. R. kam in einem Selbstfahrer; ein junger Leutnant begleitete sie. Er hatte ihr die Nachricht an die Bahn gebracht, daß ihr Verlobter schwer verwundet sei und im Feldlazarett liege. Der Leutnant half ihr aus dem Wagen; aus der Tür der Baracke kamen Pfleger, die einen Verwundeten fortschafften; das Lazarett mußte geräumt werden, denn es wurde von den Franzosen beschossen. Der Leutnant fragte, Herr v. M. war noch nicht fortgebracht. Sie fand ihn im Bett liegen; er konnte sich nicht bewegen, aber ein Lächeln verklärte sein Gesicht. Seine Hand lag auf der Decke; sie beugte sich und küßte die schmale, kalte Hand.

Ein feindliches Geschoß heulte heran, krachte. Sie zitterte. Soldaten kamen ins Zimmer, um den Verwundeten fortzutragen. Er fragte leise, ob die anderen schon in Sicherheit gebracht seien. Der große Saal war noch nicht geleert, und er befahl, erst die leichter Verwundeten zu retten. Sie sah ihn fragend an, er lächelte. Die Frage war: »Bist du so schwer verwundet?« Und das Lächeln bedeutete: »Tödlich.«

Sie nahm den Hut ab, legte ihn auf den rohen Tisch, zog die Handschuhe aus und legte sie neben den Hut, und setzte sich dann auf einen Stuhl, nahm seine Hand in ihre Hände und sah ihn an, dessen Augenlider sich leicht schlossen. Eine neue Granate heulte heran. Sie bezwang sich, nicht zu zittern, damit der Entschlummernde nicht ihre Angst spüren sollte.

Die Granate schlug mitten in das Lazarett ein und vernichtete auf der Seite, wo Herr v. M. und seine Braut waren, alles Lebende.

Fortsetzung der Geschichte von der Taufe

Während dieser Erzählungen waren die übrigen Geladenen allmählich eingetroffen. Nun vereinigten sich alle, um in den kleinen Saal zu gehen, der als Taufkapelle hergerichtet war. Die Mutter trug, stolz errötend, in weißem Kissen das Kind; sie wollte es selber bei dieser bedeutenden Handlung in die Hände der Paten legen. Am Taufbecken stand der würdige Pastor, neben ihm die Freunde, die dem Kinde den Namen geben sollten, voran der Großvater. Das Kind sah mit aufmerksamen Augen ringsum, dann heftete es den Blick auf eine der brennenden Kerzen. Der Pastor begann zu sprechen; die Mutter gab das Kind ängstlich dem Großvater; es sah dem alten Mann ins Gesicht, und wie der sich zärtlich überbeugte, griff es ihm mit festem Händchen in den grauen Vollbart; so hatte es ihn eine Weile, indessen der alte Mann, der die heilige Handlung nicht stören mochte, mit verzogenem Gesicht still hielt. Der Pastor wandte sich mit einem Wort zu dem Kind; es sah nun den Pastor an und ließ den Bart des Großvaters los. Dann empfing es der Pastor, benetzte es dreimal mit dem Wasser und sprach die Taufformel; es verzog schon die Miene zum Weinen, es bezwang sich aber, blickte wieder starr dem Pastor ins Gesicht und schwieg.

Wie die Handlung beendet war, nahm die Mutter, besorgt und glücklich, ihr Kind wieder in den Arm; es war die bestimmte Stunde und sie ging fort mit ihm auf ihr Zimmer, um ihm die Brust zu geben.

Die Gäste aber traten nun in den großen Saal, wo die Tafel war, und setzten sich nach der Ordnung.

Der Bursche des jungen Professors, der aus dem Dorfe stammte, in welchem das Gut des Herrn v. Brake lag, hatte gleichzeitig mit seinem Herrn Urlaub bekommen. Es war schon darüber gescherzt, ob nun wohl die Köchin auch nicht die Suppe versalzen werde, denn eine zärtliche Neigung von ihr zu dem stattlichen Feldgrauen war unverkennbar. Der Bursche hatte gebeten, bei der Aufwartung helfen zu dürfen; nun kam er mit betroffener Miene in den Saal, trat hinter den Stuhl des alten Herrn und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Man sah, wie dem eine zornige Röte ins Gesicht stieg; aber der junge Ehemann hatte aus dem verlegenen Gesicht des Burschen vermutet, was geschehen war, und als er nun die ärgerliche Miene des Schwiegervaters sah, da konnte er sich nicht mehr halten und mußte lachen; die Nachbarn fragten, und er rief laut über den Tisch dem Burschen zu: »Die Suppe ist versalzen?« Der Bursche legte die Hand an die Hosennaht, klappte mit den Absätzen zusammen und erwiderte: »Zu Befehl, Herr Leutnant.« Da lachten auch die übrigen Gäste, und zuletzt stimmte der alte Herr ein; der Bursche entfernte sich mit militärischen Schritten.

Indessen in der Küche nun eine neue Suppe schnell bereitet wurde, entwickelte sich ein heiteres Zurufen, Fragen und Schwatzen unter der Tischgesellschaft. Aber, wie das so ist, wenn einmal eine gewisse Richtung gegeben ist, in ganz kurzer Zeit stellte es sich heraus, daß Geschichten erzählt wurden. Paul Ernst schlug an sein Glas und erklärte, es darf immer nur einer erzählen; alle fanden das billig; und so wurde erst dem einen, dann dem anderen für eine Geschichte das Wort gegeben.

Dieses sind nun die Geschichten, welche erzählt wurden, während man in der Küche die neue Suppe bereitete.

Glück

Zur Zeit Ludwigs des Vierzehnten kam ein junger Mann aus einer vornehmen, aber armen Familie nach Paris, um auf irgendeine Weise sein Glück zu machen. Er stieg in einem bescheidenen Gasthof ab, ließ sich ein Zimmer unter dem Dach geben, verzehrte ein Stück Brot, das er sich im letzten Dorf vor der Stadt gekauft hatte, weil auf dem Lande das Brot billiger ist, putzte seine Stiefel, bürstete seine Kleider, setzte seinen Hut auf das linke Ohr und steckte die Hand stolz in den Degengriff, und ging dann in den Tuileriengarten; denn es war gerade die Stunde, daß sich dort die vornehme und reiche Welt versammelte.

In einem einsamen Gang traf er zwei junge Mädchen, eine Dame mit ihrer Dienerin. Die Dame schien ihm hübsch zu sein; er zog seinen Hut, stellte sich ihr vor und begann von seiner Reise zu erzählen. Die Dame lachte, die Dienerin kicherte; er ließ sich nicht stören, geleitete die Dame zu einer Bank, drückte ihr dabei sanft die Hand und sagte, wenn eine Dame lache, so habe man ihr Herz schon zur Hälfte gewonnen. Die Dame sah ihn schräg an, seufzte und blickte zur Erde nieder, indessen der Kavalier erzählte, daß er noch elf Geschwister zu Hause habe. Die Dame erwiderte, sie sei das einzige Kind und müsse gleich nach Hause zurückgehen; er fragte sie nach dem Namen und der Wohnung ihrer Eltern, sie errötete und sagte ihm, was er wissen wollte; es kamen Leute, sie bat ihn, sie zu verlassen, damit kein Aufsehen erregt werde, er zog ihre Hand an die Lippen und verabschiedete sich.

Noch an demselben Abend machte er dem Vater der jungen Dame seinen Besuch. Dieser war einer der Mitpächter der Salzsteuer und also ein sehr reicher Mann; es ist nicht wunderbar, daß er erstaunte, als der Landjunker ihm erzählte, er habe sich in seine Tochter verliebt, und obgleich sie bürgerlich sei, wolle er sie doch heiraten; er antwortete trocken, daß er seine Millionen nicht gesammelt habe, um einem armen Ritter aufs Roß zu helfen. Der Kavalier erhob sich ungestüm und sagte, indem er an sein Schwert schlug, er werde ihm schon zeigen, daß der Adel etwas bedeute, und ging, die Tür hinter sich zuschlagend.

Der Steuerpächter war ein bürgerlicher Mann, der sich nicht gerade durch Mut auszeichnete, denn wozu braucht ein Steuerpächter wohl Mut? Die drohende Miene des Jünglings war ihm recht unangenehm und er konnte sich nicht anders vorstellen, als daß der junge Mann doch irgend etwas gegen ihn beginnen werde; man darf es ihm nicht übelnehmen, daß er sich auf die Psychologie eines jungen Herrn von Stande nicht verstand, der nur seinem Groll Luft machen wollte, denn er selber war früher Bedienter gewesen und hatte sich stets jedes Wort überlegt, das er gesagt.

Der Kavalier ging nach Hause, warf sich unmutig auf sein Bett und schlief die Nacht sehr gut. Am anderen Morgen nahm er sein bescheidenes Frühstück ein, indem er sich vom Milchmann einen Topf Milch kaufte und vom Bäcker nebenan eine Semmel dazu, und dann machte er sich auf den Weg durch die Straßen von Paris, um zu sehen, ob er nicht anderswo sein Glück finden werde. Er war überzeugt, daß es einem nicht in Paris fehlen kann, wenn man von Adel, achtzehn Jahre alt und sechs Fuß zwei Zoll lang ist.

Es begegnete ihm nichts Merkwürdiges, aber nach einigen Stunden begann ein sehr heftiger Regen. Nun hatte er natürlich seinen besten Anzug an, der zugleich sein einziger war, und sein Vater hatte ihm vor der Reise noch eingeschärft: »Schone ihn, ein anständiger Anzug und gute Manieren sind mehr wert wie ein voller Geldbeutel.« So sah er sich denn nach einem Schutz um, und da er ein großes palastähnliches Gebäude erblickte, in das viele Menschen hineingingen, so dachte er, daß er hier den Schauer abwarten könne. Er schloß sich einem Trupp schwarzgekleideter Bürger an, diese stiegen eine Treppe hinauf und traten in einen großen Saal, wo schon andere Schwarzgekleidete sie zu erwarten schienen, denn sie kamen begrüßend auf sie zu; unser junger Kavalier, der ja niemanden kannte, hielt sich allein; und da ihm das Stehen zu langweilig wurde, so ging er mit großen Schritten in der Mitte des Saales auf und ab, indem er an seine Liebschaft dachte und sich über den Vater ärgerte, diesen alten Idioten, wie er ihn nannte.

Der Regen dauerte lange an, und natürlich fiel der vornehme junge Mensch, welcher so allein hartnäckig auf und ab schritt, bald den anderen auf. Es taten sich Gruppen zusammen, welche sich besprachen; ein Gestufter ging bald durch die ganze Gesellschaft; man sah nach ihm hin, der junge Mann wurde durch die Blicke angezogen und schaute nun auch auf die anderen; da erkannte er den Vater seiner Geliebten unter ihnen; als wohlerzogener Edelmann begrüßte er ihn als den Älteren höflich, dann setzte er seinen Spaziergang weiter fort und bekümmerte sich um niemanden mehr.

Die anderen scharten sich um den Begrüßten, fragten, sprachen auf ihn ein, drängten ihn; endlich schritt der auf den jungen Mann zu, entschuldigte sich, daß er ihn so ohne weiteres anredete, und sagte zu ihm. »Mein Herr, es sind zwei Möglichkeiten: Entweder Sie vereinigen sich mit uns und gehen mit zu gleichen Teilen, oder wir zahlen Ihnen eine Abstandssumme. Sind Sie mit tausend Louisdor zufrieden?« Der junge Mann starrte den anderen an, und indem er es nicht für nötig hielt, über die sonderbare Ansprache nachzudenken, erwiderte er ihm grob: »Verschonen Sie mich.« Bestürzt zog sich der Bürger zurück und tuschelte wieder eifrig mit den anderen, indessen der Jüngling weiter auf und ab ging, von Zeit zu Zeit einen ungeduldigen Blick aus dem Fenster auf den Regen werfend.

Nach einer Weile wurde unser Bürger wieder zu ihm geschickt. Er nahm seine Mütze ab, verbeugte sich und entschuldigte sich, daß er ihm vorhin so wenig geboten habe; dann fuhr er fort, seine Freunde seien übereingekommen, daß sie ihm zehntausend Louisdor anbieten könnten. Hier wurde der junge Kavalier wütend, faßte an seinen Degen und schrie: »Herr, wenn Sie schlechte Witze machen wollen, dann suchen Sie sich einen anderen aus.« Der Bürger wurde kreideweiß, drückte sich und lief zu seinen ängstlichen Genossen zurück.

Indessen klärte sich das Wetter auf; die versammelten Männer murmelten: »Jetzt kommt er gleich,« und blickten immer ängstlicher auf unsern jungen Mann, der ihnen den Rücken zuwendete, auf einer Fensterscheibe trommelte und die letzten Sprüher abwartete, um zu gehen. Ein Diener erschien im Saal und rief: »Exzellenz schicken eben einen Boten, Exzellenz sind noch bei Majestät, die Herren sollen morgen um dieselbe Zeit wiederkommen.« Nun brachen alle auf und gingen, und da der Regen inzwischen gänzlich aufgehört hatte, so folgte der junge Mann ihnen; auf der Straße blieben die anderen noch eine Weile beratschlagend stehen, und er schritt seines Weges mit langen Schritten fürbaß, immer daran denkend, wie er nun sein Glück machen werde.

Am Nachmittag wandelte er wieder im Tuileriengarten und suchte eine neue Bekanntschaft. Aber es zog ihn doch gegen seinen Willen zu dem Gang, in welchem er gestern gewesen war, und sieh, da fand er wieder die reizende Dame; aber sie hatte heute rotgeweinte Augen und sah recht niedergeschlagen aus. Mit höflichem Gruß wollte er vorbeigehen, da rief sie ihn an und winkte ihn zu der Bank, und nun erzählten sich die beiden.

Es stellte sich heraus, daß die Pacht der Salzsteuer abgelaufen war, daß die bisherige Pachtgesellschaft ihr Gebot erneuert hatte und am Vormittag zum Finanzminister bestellt war, um die Antwort zu erhalten. Der unbekannte junge Mann hatte bei den Versammelten die Vorstellung erweckt, daß er in derselben Angelegenheit Audienz habe, der Vater der Schönen hatte sich der drohenden Worte von gestern abend erinnert, und nun fürchteten alle, der junge Mann wolle die Salzsteuer gleichfalls pachten und werde wegen seiner adeligen Beziehungen vom Minister ihnen vorgezogen. Der Vater der Schönen war ganz vernichtet nach Hause gekommen.

Errötend schloß die junge Dame ihre Erzählung, der Herr müsse nun den Entschluß fassen, der ihm der richtigste scheine, stand dann schnell auf und entfernte sich.

Am anderen Vormittag wartete die Pachtgesellschaft wieder im Vorzimmer des Ministers; der junge Mann erschien einige Minuten vor dem angesetzten Beginn der Audienz; er ging auf die Versammlung zu und sagte: »Meine Herren, ich verachte die Geldgeschäfte.« Alle verneigten sich. Er meinte mit diesen Worten natürlich: »Ein Edelmann bewirbt sich nicht um die Steuerpacht,« und wenn diese Idioten ihn falsch verstanden, so war das nicht seine Schuld. Dann wendete er sich zu dem Vater seiner Geliebten, faßte ihn am Rockknopf, zog den Schlotternden zum Fenster und sagte ihm ins Ohr, laut genug, daß alle es hören konnten: »Ihre Tochter und die zehntausend Louisdor von gestern als Mitgift, denn ich habe nichts.« Hilfeflehend sah sich der Alte nach seinen Freunden um; der junge Mann zog kaltblütig seine Uhr aus der Tasche und sagte zu ihm: »Bedenken Sie sich, in drei Minuten lassen Exzellenz die Tür öffnen.« Die anderen liefen zu ihnen, alle schrien durcheinander, daß sie die zehntausend Louisdor gemeinschaftlich tragen wollten; der junge Mann zog ein Papier aus der Tasche, Tinte und Feder, und bat die Herren um ihre Unterschrift; der Vater las, unterschrieb mit Tränen in den Augen; die anderen unterschrieben gleichfalls; der junge Mann nahm aus der anderen Tasche einen Sandstreuer und löschte die Unterschriften, faltete das Blatt sorgfältig und steckte es in die Tasche; und indem er sich vor den Herren zum Abschied verbeugte, öffnete der Bediente die Tür zum Kabinett des Ministers und rief: »Exzellenz lassen bitten.«

Das vereitelte Stelldichein

Unter der glorreichen Regierung Friedrichs des Großen lebte in Berlin in der Linienstraße, gleich beim Koppenplatz, ein nicht unbegüterter Fleischermeister mit seiner Frau und seiner bereits heiratsfähigen Tochter, einem frischen, rotbäckigen und braven Kind. Ganz in seiner Nähe, an der Ecke vom Koppenplatz, hatte ein Kolonialwarenhändler seinen Laden, welcher der beste Freund des Fleischers war und auch wohl im gleichen Alter mit ihm stand. Damals waren die Vergnügungen der Bürger noch einfacher wie heute, der Kaufmann besuchte abends regelmäßig seinen Freund, brachte seine Kruke Weißbier unterm Arm mit, hatte den Tabaksbeutel um den Hals gehängt und die lange Pfeife im Mund; dann setzten sich die beiden ins Wohnzimmer vor das Brett und spielten Dame; die Mutter saß auf der anderen Seite des Tisches vor der Öllampe und stopfte Strümpfe, denn die Fleischer, welche ja bei der Arbeit in Holzpantoffeln gehen, haben oft Löcher in den Hacken; neben der Mutter saß die Tochter, indem sie Schürzen säumte, die gleichfalls viel im Geschäft gebraucht wurden; und in der Ecke auf einem niedrigen Schemel schnitzelte der Geselle Wurstspeiler. Wenn die Bürgerstunde schlug, wurde das letzte Spiel unterbrochen, der Kaufmann stand auf, nahm die geleerte Bierkruke unter den Arm und verabschiedete sich.

An einem Abend sah der Kaufmann das junge Mädchen, wir wollen sie Marie nennen, einmal starr an, indessen sein Freund die Steine aufsetzte, tat einen großen Zug aus seiner Pfeife und sprach dann: »Ja, wenn man nun so denkt, daß der Platz früher leer war, wie du noch um sieben zu Bett gebracht wurdest, und wie lange dauert's, dann kommt der Bräutigam, und dann wird der Platz wieder leer.« Hier machte ihn der Fleischer aufmerksam, daß er anziehen müsse: der Kaufmann schob sein Hauskäppchen gedankenvoll schief, betrachtete lange das geordnete Brett und zog dann den ersten Stein.

Wir wollen nicht lange damit hinter dem Berge halten: der Kaufmann hielt bei seinem Freunde um die Hand des Mädchens an, der Vater versprach sie ihm, und wie damals die Väter über ihre Kinder eine unbeschrankte Herrschaft ausübten, erklärte er ihr kurz, daß sie den Kaufmann in einem Vierteljahr, denn so lange dauerte die Herrichtung der Aussteuer, heiraten werde.

Das gute Mädchen fand zwar den Bräutigam schon recht alt, aber sie hätte sich wohl ruhig und zufrieden gefügt, da er ja sein vortreffliches Auskommen hatte, wenn nicht vorher in ihrem unschuldigen kleinen Herzchen eine heftige Liebe entstanden wäre.

Unter allerhand alten Büchern, welche ihr Vater zum Einwickeln der Wurst gekauft, hatte sie den ersten Band eines Romans gefunden, welcher den Titel trug »Die Husarenbraut«. Der Verfasser hatte einen moralischen Zweck beabsichtigt, indem er zeigen wollte, daß der Ungehorsam gegen die Eltern und eine Entführung immer zum Unglück der Mädchen ausschlagen; indessen befand sich in der Ökonomie seiner Dichtung die Darstellung des Unglücks im zweiten Band, der erste aber, den Marie allein besaß, schilderte in den glühendsten Farben die Liebe des Husarenleutnants und eine romantische Entführung auf dem Pferd, welche denn auch auf dem Titelkupfer künstlerisch vollendet abgebildet war. Nun wohnte einige Häuser von Mariens Eltern entfernt bei einem Schuster ein Leutnant; er gehörte freilich zu einem Grenadierregiment, aber das machte schließlich nicht viel aus. Nachdem sie den Roman gelesen, sah sie hinter diesem jungen Manne oft verstohlen her, wenn er vorüberging, mit Stolz beobachtete sie, wie die Soldaten ihn grüßen mußten und wie er ihnen nur ganz leicht und vornehm zuwinkte, sie bewunderte seine engen Hosen, in denen nicht ein Fältchen war; abends holte der Bursche öfters Wurst für ihn, und sie fragte den Mann nach seinem Herrn aus; sehr bald hatte der Leutnant die Verliebtheit des jungen Mädchens bemerkt, und ein kleiner Handel hatte sich bereits angesponnen, als der Vater ihr sagte, daß sie den Kaufmann heiraten solle.

Mariens Lage glich auf das Haar der Lage der Heldin in dem Roman; beide sollten einem ungeliebten Mann zum Opfer gebracht werden. Die Schulbildung war damals nicht so gut, daß die Tochter eines Fleischermeisters hätte aus sich selber einen Brief an einen Leutnant verfassen können; aber sie hatte eine Vorlage in dem Roman; und so schrieb sie denn den Brief der Heldin ab, welcher sie schon beim ersten Lesen gerührt hatte. In diesem Brief bat sie den Geliebten, sie durch eine Entführung von der Tyrannei ihrer Eltern zu befreien. Der Leutnant antwortete entsprechend, und so wurden Ort und Stunde brieflich festgesetzt.

Die Briefe zwischen den beiden Liebenden waren immer durch den Gesellen befördert, von dem Marie annahm, daß er ihr in blinder Anhänglichkeit wie in dem Roman ein Dienstmädchen der Tochter ihrer Herrschaft anhing. Nun muß man aber wissen, daß der Geselle ein verständiger junger Mann war, ein Sohn rechtschaffener Eltern, welcher seine bestimmten Absichten hatte. Deshalb hatte er jeden Brief vorher heimlich geöffnet und gelesen. So las er denn auch diesen Brief; und da ihm nun die Entwicklung weit genug gediehen schien, so ging er mit dem Brief zum Vater.

Man weiß, daß Friedrich der Große ein nüchterner Mann war. Zuerst dachte der Fleischermeister, sich in seinen guten Anzug zu werfen und mit der Angelegenheit zum König zu gehen; aber dann sagte er sich, daß der König ihm wahrscheinlich antworten werde, er solle seine Gans selber hüten. Der Geselle pflichtete ihm bei, daß ein solches Hüten sehr schwer ist, und gab ihm einen anderen Rat. Es komme darauf an, den gefährlichen Leutnant zu entfernen. Er wolle den Brief dem Mädchen abgeben; der Vater solle tun, als wisse er von nichts, an dem Abend der Verabredung aber sie einschließen und etwa seiner, des Gesellen, Bewachung übergeben; dann solle seine Frau die Kleider der Tochter anziehen und zu dem Stelldichein gehen und er selber ihr in einiger Entfernung folgen. Der Leutnant werde die Frau entführen wollen, dann solle er herbeieilen, die Polizei rufen und sich nun beim König beklagen, daß der Offizier seiner Gattin nachgestellt habe. Das sei denn doch eine ernste Sache, und der Liebhaber werde sicher in eine andere Garnison versetzt.

Der Alte schätzte den Gesellen seit lange als einen anschlägigen Menschen, und da er bei ihm keinen anderen Beweggrund vermutete als das Wohl seines Herrn, so führte er den Plan auch aus.

An dem bestimmten Abend klagte die Tochter nach dem Abendessen über Kopfweh und verlangte, in ihre Schlafkammer unterm Dach zu gehen. Der Vater entließ sie, ging hinter ihr her, schloß leise ihre Tür zu und gab den Schlüssel dem Gesellen. Dann kam der Nachbar, erzählte von den Unruhen in der Türkei, entkorkte seine Weißbierkruke und goß sie in den großen Humpen, fragte darauf nach seiner Braut und bemerkte, solche Kopfschmerzen seien häufig, wenn die jungen Mädchen in das Alter kämen, wo sie heiraten müßten; dann setzten sich alle in der gewohnten Weise; die beiden Männer spielten rauchend und trinkend ihr Brettspiel, die Mutter sah die gewaschenen Strümpfe durch, zog sie über die Hand und legte die zerrissenen zur Seite, und der Geselle schnitzte seine Wurstspeiler. Wie der Nachbar sich entfernt hatte, machten sich die Eltern in der verabredeten Weise zurecht; die Mutter trocknete ihre Tränen und bat den Gesellen, das Kind zu trösten, damit es sich nicht ein Leid antue, und dann gingen die beiden gleichfalls.

Nun stieg der Geselle zu dem Mädchen; er fand sie erstaunt und ratlos auf dem Bettrand sitzen, denn sie hatte geglaubt, daß der Riegel aus Versehen von außen zugeschnappt sei.

Hier zeigte der Geselle nun eine sehr große psychologische Erfahrung, indem er sich auf das Vertrauen berief, das sie immer zu ihm gehabt und das er verdienen wolle, koste es auch seine Stellung; dann erzählte, daß Vater und Mutter alles entdeckt haben und gegangen seien, um den Leutnant zu überraschen; dann ihr Flehen anhörte, sie vor der Strafe zu beschützen, die ihr von den Eltern drohte; und endlich zögernd auf ihr Bitten einging, ihr zur Flucht behilflich zu sein. Das Mädchen dachte nur an das Fortlaufen, und er hütete sich, sie auf die Frage zu bringen, wohin sie eigentlich laufen wolle. Das Mädchen mummte sich ein, er zog seinen Sonntagsanzug an, öffnete mit dem zweiten Schlüssel das Haus und schloß es wieder gewissenhaft, und führte dann das Mädchen an einen Ort, den er sich vorher ausgedacht.

Inzwischen traf der Leutnant die Mutter, die, so natürlich es bei einer schon etwas entwickelten Fülle des Körpers gehen wollte, denn sie war ja doch eine Fleischersfrau, die Tochter nachahmte; faßte sie um die Taille und versuchte, sie in eine wartende Droschke zu heben; das war nicht so leicht, da er kaum halb soviel wiegen mochte – denn auch damals hatten die Leutnants schlanke Taillen – wie die vermeintliche Geliebte. Hierüber erschien der Fleischermeister und begann laut zu schreien. Der Leutnant erschrak, ließ die Frau los, und da seine Liebe wohl nicht so heftig war, daß er sich über mögliche Unannehmlichkeiten mit seinem Obersten hinweggesetzt hätte, so erklärte er dem Mann, er habe genug von der Geschichte und wolle nach Hause gehen. Der Fleischermeister beruhigte sich aber nicht; Leute kamen aus den Häusern; dem Leutnant ging es gegen die Ehre, auszureißen, was wohl das Richtigste gewesen wäre, und er legte sich aufs Fluchen; der Kutscher nahm seine Partei und bedrohte den Meister mit dem Peitschenstiel; die Polizei erschien; das Ehepaar war in der Gegend bekannt, der Leutnant mußte seinen Namen angeben, bezahlte den Kutscher, welcher ihn tröstete und sich für weitere Gelegenheiten empfahl, und zog dann beschämt ab; der Fleischermeister erzählte noch irgendeine konfuse Geschichte, daß er mit seiner Frau habe die Abendkühle genießen wollen; da der Geselle sich von diesem Punkt der künftigen Handlung nicht berührt gefühlt, so hatte er ihm vorher keine solche Geschichte gegeben, und so kam diese Erfindung etwas unwahrscheinlich heraus; aber die Umstehenden störte das nicht und die Polizei beschloß, später schon weiter nachzuforschen.

So wanderte nun das Ehepaar, nachdem alles gut gelungen, nach Hause zurück. Sie sahen kein Licht mehr im Hause, und der Meister lobte den sparsamen Sinn des Gesellen, daß er im Dunklen sitze; dann zog er den großen Schlüssel aus der Tasche, schloß die Haustür auf, trat mit seiner Frau ein und schloß wieder zu.

Wir brauchen das Entsetzen der braven Leute nicht zu beschreiben, als sie das Haus leer fanden, und können sie verlassen, wie sie ratlos in der Stube sitzen, die Frau dem Manne Vorwürfe macht und der Mann stumm den Kopf hängen läßt.

Es ist auch nicht nötig, zu schildern, wie der Geselle die merkwürdige Lage benutzte. Wir wissen, daß er ein gescheiter Mensch war und seine Absichten hatte; er war auch ein hübscher Kerl und war jung, und befand sich in der vorteilhaften Stellung des Trostspenders; das Mädchen war auch jung und war trostbedürftig. So konnte er denn mit ruhigem Gemüte das Mädchen am anderen Morgen eine Weile allein in dem Gasthof lassen, in den er mit ihr gegangen war, und zu den Eltern gehen, welche die ganze Nacht schlaflos gesessen hatten. Sie stürzten auf ihn zu, als er eintrat, ergriffen seine Hände, die Tränen rollten ihnen beiden über die Wangen, denn man weiß ja, daß Fleischer, wenn sie nicht roh sind, sehr weichmütige Naturen zu sein pflegen; und fragten ihn nach ihrem Kind.

Der Geselle setzte sich kaltblütig und begann im allgemeinen davon zu sprechen, daß die Meister ihre Töchter immer aus dem Gewerbe herauszugeben pflegten, was ein großes Unrecht gegen die Gesellen sei; dann erzählte er, daß das Mädchen sich habe etwas antun wollen, daß er sie aber behütet habe und daß sie gesund sei; daß er zwar kein Vermögen besitze, aber sein Geschäft gründlich verstehe, wie der Meister wohl wisse, denn er habe zwei Jahre in Braunschweig gearbeitet, und eine Mettwurst, wie er sie mache, solle ihm einmal einer in Berlin zeigen, und alle seine Geheimnisse habe er dem Meister auch nicht verraten, denn wenn der Meister dem Gesellen erst alles abgesehen, dann wird ihm der Stuhl vor die Tür gesetzt. Auch sei es ein Unrecht, ein junges Mädchen an einen alten Mann zu verheiraten, daraus komme nur Unfriede; und so sprach er eine Weile weiter, bis er zu dem Schluß kam, daß das Mädchen nun seine Braut sei, und daß man das Geschäft vergrößern könne, und die Schwiegereltern könnten ganz gut eine Treppe hoch wohnen, und sonst könne alles beim alten bleiben.

Kurz und gut, die Eltern mußten wohl ja sagen, und der verständige Geselle zog befriedigt ab, seine Braut wieder zu ihren Eltern zu führen.

So war nun alles zur Zufriedenheit aller Teile geregelt, denn der Nachbar ergab sich, nachdem er eine Woche lang gegrollt, und erschien wieder zu dem abendlichen Brettspiel; gegen den Gesellen war eigentlich nichts zu sagen und Marie hatte ihn ja auch von Herzen lieb. Nur die Entführung hatte noch ein kleines Nachspiel.

Die Polizei bestellte den braven Meister und verlangte eine nähere Aufklärung des merkwürdigen Vorfalls. Der wußte sich nicht anders zu helfen, als indem er ehrlich alles erzählte, was denn eine große Heiterkeit bei den Beamten erweckte. Darüber aber kam der arme Leutnant in tausend Ängste. Er erschien in seiner besten Uniform plötzlich im Hause des Fleischermeisters; Marie öffnete ihm errötend die Stubentür und lief dann nach oben; der Meister kam vom Wurstmachen, wischte sich die Hände an der Schürze ab, entschuldigte sich vielmals über seinen Aufzug und schob dem Leutnant einen Stuhl hin; dieser stand eine Weile und drückte, dann sagte er: »Ich will mich ja nicht weißbrennen, ich habe einen dummen Streich gemacht. Aber wenn der König die Geschichte hört, dann sagt er: ›Einen Offizier, der ein altes Weib für ein junges Mädchen hält, kann ich nicht brauchen, den kann ich doch keine Patrouille führen lassen.‹ Dann fliege ich.« Dem Meister tat der junge Mann leid, und er sagte, von ihm aus solle die Sache begraben sein. Der Geselle kam und sprach davon, ob der Leutnant nicht ein Wort beim Obersten einlegen könne, wenn die Fleischlieferungen für die Grenadierkaserne wieder vergeben würden; der Leutnant versprach hastig, alles zu tun, was in seiner Macht liege; der Meister aber sagte: »Ich liefere gute Ware, wer meine Ware nicht will, der braucht sie nicht zu nehmen. Was ich gesagt habe, das habe ich gesagt. Ich gehe auf die Polizei, die Beamten kennen mich alle und wissen, daß ich ein ruhiger Bürger bin. Die Geschichte kommt nicht vor den König, das sage ich. Und wenn dem Herrn Leutnant meine Ware gefällt, das ist eine Sache für sich, aber solche Hintertreppen gehe ich nicht.« Der Geselle ging schweigend ab, und der Meister sagte zu dem Leutnant: »Man darf die jungen Leute auch nicht zu hoch kommen lassen. Immer der Herr im Hause bleiben!« Dankbar drückte der Leutnant die fettige Hand des Meisters, errötete, murmelte etwas und eilte aus dem Zimmer.

Die Freier der Witwe

Eine vornehme Witwe lebte mit ihrem einzigen Kinde, einem Sohn von achtzehn Jahren, gegen Mitte des achtzehnten Jahrhunderts in Paris in einem stillen und großen alten Hause des adeligen Viertels. Ihr Gatte war ihr einige Monate nach der Verheiratung, noch vor der Geburt des Knaben, durch ein Duell entrissen, in das ihn ein galantes Abenteuer mit einer verheirateten Frau verwickelt; die junge Frau, welche kaum eben aus den Klostermauern gekommen war und bis dahin nichts von den leichtfertigen Sitten der Zeit wußte, erschrak auf das tiefste vor dem Abgrund von Verworfenheit, in welchen sie bei dem Tode ihres Gatten sah; sie dankte ihre ganze Dienerschaft ab bis auf zwei alte Leute, welche noch aus ihrem elterlichen Hause auf dem Lande stammten, nahm einen gelehrten alten Abbé zu sich für die Erziehung des Kindes, und hielt sich in ihrem großen Hause eingeschlossen, wie in ihrem Kloster, indessen auf der Straße vor dem eisenbeschlagenen schwarzen Tor vergoldete Equipagen vorbeirollten, buntbemalte Sänften getragen wurden, hübsche Mädchen auf dem Trottoir trippelten und bramarbasierende Offiziere ihre Säbel auf dem Pflaster klirrend nachschleppten; denn in dieser vornehmen Gegend gab es damals bereits einige Straßen, welche wenigstens einen gepflasterten Bürgersteig hatten.

So wuchs der junge Vicomte in Ruhe, edler Gesinnung und gründlicher Bildung heran.

Nun hatte die Mutter beschlossen, ihr Bild von einem guten Maler malen zu lassen, damit es, in der Reihe der Vorfahren neben dem jugendlichen Bilde des verstorbenen Gemahls hängend, einstens eine Erinnerung für die Nachkommen sein könne. Der Künstler kam, suchte sich einen geeigneten Saal, spannte die Leinwand auf und machte sich an die Arbeit; er beendete bald die Sitzungen und nahm dann das halb vollendete Bild nach Hause in seine Werkstätte, um es dort ganz fertigzustellen. Der junge Vicomte hatte an dem heitern und gesprächigen Mann viel Vergnügen gefunden, und nach einigem Zögern erlaubte ihm die Mutter, ihn in seiner Werkstätte zu besuchen, um die Arbeit an dem Bilde zu verfolgen.

Dieser Maler hatte eine sehr schöne Frau, welche zuweilen in die Werkstätte kam, besonders wenn vornehme Kunden anwesend waren, denn es geschah oft, daß ein Herr ein Bild kaufte oder bestellte, wenn er sie gesehen und mit ihr gesprochen hatte; um es etwas deutlicher zu sagen, die schöne Frau war nicht allzu spröde, und der Gatte nicht allzu neugierig, und beide standen sich nicht schlecht bei diesen Vorzügen. Sie war selber gleichfalls Malerin, und viele hübsche Miniaturporträts, die man damals gern in Brillanten einrahmte und als zärtliche Andenken verschenkte, kamen von ihrer Hand.

Der junge Vicomte lernte die reizende und zierliche Frau, die kaum älter war wie er selber, bald kennen. Ein heiteres Chanson singend, kam sie das erste Mal tänzelnd in die Werkstatt, um dem Gatten ein neues Kleid zu zeigen, das aus lauter duftigen Spitzenvolants zu bestehen schien; mit zierlichen Schritten drehte und wendete sie sich, sie kreuzte die Arme und ging mit ernsthafter Miene, breitete die Arme zärtlich nach vorn und ihre Augen drückten ein schmachtendes Verlangen aus, floh schalkhaft, als der Gatte sich ihr nähern wollte, versteckte sich hinter dem fassungslosen jungen Vicomte, und lief dann kichernd wieder aus der Tür. Das nächste Mal traf er sie in schlichtem, braunem Kleid, mit sauberen weißen Überärmeln, vor ihrem Maltisch, an einer Miniatur arbeitend, mit dünnen Pinseln aus kleinen Näpfchen die Farbe nehmend und die zierlichen Lippen eifrig spitzend. Er sagte ihr, es sei ihm so merkwürdig, auch wenn ihr ganzes Gesicht ernsthaft sei, so lachten ihre Augen, sie sei gewiß ein Mensch, der nie Böses getan habe. Zu Hause hatte er eine Sparbüchse, in welcher er seit Jahren alle Geschenke von Livres, Talern und Goldstücken aufhob, die er von seiner Mutter bekam, oder wenn einmal eine Tante oder ein Oheim aus der Provinz zu Besuch kam. Die schloß er jetzt auf und überzählte sie, trotzdem er genau wußte, wie viel sie enthielt; dann fragte er den Maler ganz wie zufällig, welchen Preis seine Gattin auf ihre kleinen Kunstwerke gesetzt habe, und als er ihn erfahren und gefunden, daß er ihn sehr gut bezahlen konnte, ohne daß seiner Mutter, welche die Sparbüchse zuweilen nachsah, der Abgang auffallen mochte, da brachte er stotternd dem Gatten sein Anliegen vor: er wolle gern das Bild eines Engels haben, um es zuweilen heimlich anzusehen, und da er nicht viel Geld ausgeben könne, so wolle er, wenn es der Maler erlaube, seine Gattin bitten, ihm ein solches in Miniatur zu malen, und er wünsche, daß niemand etwas davon erfahre; und wie nun der Maler fragte, wie das Bild aussehen solle, da brachte er stockend vor, er habe sich gedacht, es solle ungefähr so aussehen wie seine Gattin. Der Maler nickte zustimmend und sagte, daß der Kopf seiner Gattin ganz gut geeignet sei als Modell, und bei dem kleinen Format könne man natürlich nicht ganze Figur malen; dann rief er seine Gattin; sie kam in einem reizenden weißen Morgenkleid, er erzählte ihr alles, sie knixte vor dem jungen Vicomte, dann lief sie zurück, holte einen Handspiegel und gab ihn dem jungen Mann in die Hand, indem sie ihm bedeutete, wie er ihn halten müsse; darauf setzte sie sich an ihr sauberes Arbeitstischchen, rieb mit flinken Händchen ihre Farben in die Schälchen, prüfte die Pinsel; der Vicomte saß ihr gegenüber, unaufhörlich schwatzte sie zu ihm, von Kleidern, Ausfahrten, Tanzvergnügen, Verwandten, Besuchen, von einem Kanarienvogel, einer komischen alten Tante, den Nachbarsleuten, der Kattunfabrikation und anderem. Wie alles vorbereitet war, da mußte der Vicomte den Spiegel halten, daß sie sich sehen konnte, wenn sie ihr Bildchen malte; unbeweglich saß er und hielt in fester Hand den Spiegel, indessen sie das Köpfchen bald hob und ihr Bild prüfend betrachtete, bald senkte und schnell einen Strich oder mehrere auf ihr Elfenbeinplättchen setzte; wieder spitzte sie bei der Arbeit ernsthaft den Mund, jeder Gedanke, welcher ihr kam, flog ausdrucksvoll über ihr offenes Gesichtchen, und das waren immer nur heitere Gedanken. Ihn überwallte es bald siedend heiß und bald kalt, ein unsagbares Glücksgefühl, wie er es nie verspürt, war in seinem ganzen Körper, er mußte sich zusammennehmen, daß seine Hand nicht zitterte vor Glück, und ihm war, als sei er in einem unendlichen Raum allein mit ihr, indessen er doch hinter sich den Maler hörte, welcher einmal einen Schritt zurücktrat von seinem Bild, dann leichte Striche machte, zuweilen leise vor sich hin pfiff, den Pinsel wechselte, oder andere kleine Geräusche erzeugte. Er sah ihr Gesicht voll von vorn; er sah es vom Scheitel her, er sah die leise bebenden Nasenflügel, die vielen verschiedenen Arten, wie der Mund geschlossen war, und er war sinnend, heiter, wehmütig, lieblich, erwartungsvoll, glücklich, sehnsüchtig geschlossen; er sah die lachenden Augen, wie sie prüften, verglichen, befriedigt leuchteten; ein leichtes Rot überzog einmal das Gesicht bis zum Hals, sich in scharfem Streifen absetzend, und sie warf ihm einen mutwillig ängstlichen Blick zu; er machte sich nicht klar, daß sie da an ihn gedacht hatte, aber er spürte ein Beben im Herzen und seine Hand mit dem Spiegel zitterte einen Augenblick.

In den Tagen, wo dieses vor sich ging, geschah ein großes Unglück; der Maler, welcher ein leidenschaftlicher Spieler war, geriet eines Nachts mit einem Falschspieler in Streit; wie denn beim Spiel die Stände und Klassen sich wunderlich mischen, war der Falschspieler ein vornehmer Mann; der Maler wurde erstochen nach Hause gebracht. Niemand bekümmerte sich weiter um den Mord, und die Witwe blieb allein zurück.

Der junge Vicomte erzählte seiner Mutter den Tod, schilderte dann alle Verhältnisse und schloß, daß er nach dem Trauerjahr um die Hand der Witwe anhalten wolle. In dieser Zeit aber sei es nötig, daß sie Unterstützung und Rückhalt habe; deshalb bitte er sie, daß sie mit ihm zu der Unglücklichen gehe, ihr Trost einspreche und ihre Hilfe anbiete.

Die Vicomtesse war sehr betroffen über diese Rede; sie wendete ein, der Sohn sei zu jung, die Frau sei bürgerlich, die Welt werde spotten; er aber antwortete immer nur, es genüge, wenn seine Handlungsweise ehrenhaft sei; seufzend gab die Mutter dem plötzlich so entschiedenen Sohne nach, ließ die alte Karosse anspannen und fuhr vor das Haus des Malers. Hier hätte ihr nun wohl manches auffallen können, wenn sie etwas welterfahrener gewesen wäre, aber es war nun einmal so, daß sie nicht mehr Weltkunde hatte wie ihr Sohn. So sagte sie denn nach dem Willen des Sohnes der Witwe, daß sie von dem Unglück gehört habe und ihre Hilfe anbieten wolle, und sprach so lange freundlich, bis die beschämte und zögernde Frau weinend einwilligte, zu ihr zu ziehen und in einem einsamen Zimmer des großen Hauses ihrem Kummer über den unersetzlichen Verlust des inniggeliebten Gatten nachzuhängen.

Nun begann für den jungen Vicomte eine glückliche Zeit. Täglich bei allen Mahlzeiten saß er dem geliebten Gesicht gegenüber; die reizende Witwentracht kleidete das hübsche und heitere Geschöpfchen so gut, und sie wußte das auch; selbst die Mutter konnte sich ihrer Anmut nicht verschließen und streichelte ihr freundlich die Hände, indem sie von ihren Seelenschmerzen sprach; am Abend las der Jüngling aus einem ernsten oder frommen Schriftsteller den beiden Frauen vor; die Mutter war gerührt, und auch die schöne junge Witwe vergoß Tränen, indem sie sagte, ihre Bildung sei doch bis jetzt sehr einseitig gewesen, denn von den Predigten Bossuets habe sie vorher noch nie gehört, und von Gedichtbüchern habe sie immer nur die kleinen lustigen Bändchen mit Noten gekannt, nicht solche großen, schönen Bücher, die so traurig seien.

Der alte Diener, welcher in dem Hause lebte, hatte einen Neffen, den er zärtlich liebte. Dieser Neffe war gewissermaßen in dem Hause erzogen, denn da seine Eltern früh gestorben waren, so war er als Junge täglich gekommen und hatte in der Küche mit gegessen, seine Kleidung war aus abgetragenen Sachen der Herrschaft zurechtgeschneidert, und eine Zeitlang hatte er sogar heimlich im Hause geschlafen. Als er heranwuchs, war er Kellner geworden, und durch Fleiß und Verstand und unterstützt durch den Rat, die Verbindungen und die Mittel seines Oheims war er nunmehr bereits Oberkellner. Wie es dem Menschen natürlich ist, weiter zu streben, so war sein Plan, mit seinen und des Oheims Ersparnissen eine elegante Wirtschaft zu eröffnen in der Nähe der Tuilerien, denn die Herren, welche im Schloß zu tun hatten, wollten gern einmal eine Erfrischung zu sich nehmen in einem erstklassigen Geschäft, aber die Wirte, welche dort saßen, hatten weder genügenden Weitblick, noch die geschäftliche Sicherheit und den Anstand, welche für den Verkehr mit vornehmen Herrschaften nötig sind. Er war sich klar, daß er für eine solche Wirtschaft eine geeignete Frau brauchte, die Weltkenntnis, Umgangsformen und Heiterkeit besaß. Er wußte zwar, daß von der jungen Witwe allerhand erzählt wurde, aber er sagte sich als verständiger Mann, daß man auf das Gerede der Leute nichts geben darf und daß er in seinem Hause später schon Ordnung halten werde. Natürlich war ihm und dem Oheim nicht entgangen, daß der junge Vicomte eine Neigung zu ihr hatte; da beide nicht auf den Gedanken kommen konnten, daß der junge Vicomte an eine Heirat dachte, so vermochten sie sich nicht zu erklären, daß die Mutter sie in das Haus genommen und sie als Herrschaft behandeln ließ. Allein der Oheim sagte, das geschehe bei Herrschaften oft, daß sie Dinge täten, die unbegreiflich seien, darauf müsse man nicht viel geben, denn das komme von den Dünsten des vielen guten Essens, die aus dem Magen aufsteigen in das Gehirn, er habe gefunden, daß die Herrschaften immer nach kurzer Zeit wieder vernünftig würden und einem dann Geld gäben.

Man muß aber nicht denken, daß von diesem allem die junge Witwe nichts merkte, vielmehr merkte sie sogar eher etwas, wie die anderen selber von sich wußten. Nur war ihr bei den Gefühlen des jungen Vicomte etwas unheimlich zumute; hätte er eine Liebschaft mit ihr gewollt, so wäre ihr ja alles klar gewesen, nun aber wußte sie nicht, was sie tun solle, und geriet dadurch in große Angst. Der Oberkellner, welcher ihr menschlich näher stand, wurde ihr in dieser Angst ein rechter Seelentrost; es soll aber durchaus nicht behauptet werden, daß sie sich in ihn verliebte, denn der junge Vicomte war doch ein hübscher, stattlicher Mann mit einem zierlichen Schnurrbärtchen, vornehmen Manieren, feiner Wäsche und jenem Etwas, das ein schlichtes Frauenherz über sich selber erheben kann, indessen der Oberkellner ein kurzer, stämmiger, nicht immer sauberer Mensch war, der bereits einen leichten Ansatz zum Bauch zeigte. Jedenfalls aber hatte sie in dem Oberkellner einen Mann, mit dem sie in ihrer Art reden konnte, während sie mit dem Vicomte immer so feine Worte gebrauchen mußte, die sie selber nicht recht verstand.

Während diese Dinge nun so lagen, kam ein Schwager der Frau Vicomtesse zu einem Besuch vorgefahren, der eigentlich mit seiner Schwägerin etwas überworfen war und sich deshalb seit langer Zeit nicht hatte blicken lassen. Er war ein früherer Offizier und braver Mann ohne viel Feinheiten, und so begann er denn nach den gewöhnlichen Begrüßungsfloskeln ungefähr so, daß er längst eingesehen habe, daß seine übergeschnappte Schwägerin den armen Jungen durch ihre Altjungfernerziehung gänzlich verpfusche, aber da er nichts in der Sache zu sagen habe, so habe er sich lieber ferngehalten; nun aber habe er gehört, daß sie eine ganz verrückte Heirat für ihn plane, und da sei es denn doch seine Pflicht als Familienältester, einzuschreiten. Die Mutter saß mit steifem Rücken auf ihrem Stuhl und fragte spitz, was für eine verrückte Heirat er meine. »Na, mit der –« und hier gebrauchte der gute Major einen etwas soldatischen Ausdruck, »die du hier im Hause hast.« Die Witwe war einer Ohnmacht nahe, aber sie faßte sich und fragte den Schwager, wie er eine unglückliche Frau, die Witwe eines bedeutenden Künstlers, eine Frau, die sie in ihren Schutz genommen habe, derartig beschimpfen könne. Der Major schüttelte resigniert den Kopf, dann sah er ihr ins Gesicht, endlich tippte er mit dem Finger mehrmals auf die Stirn. Die Schwägerin wollte entrüstet aufstehen, er bedeutete ihr mit der Hand, daß sie sitzen bleiben solle, und sagte dann: »Mein Bruder ist ja ein Windhund gewesen, das gebe ich zu, aber er war ein anständiger Kerl. Wenn du ihn hättest zu nehmen verstanden, dann wäre es ganz gut gegangen, denn er war damals verschossen in dich. Aber es fehlt eben hier,« und damit tippte er wieder auf die Stirn. Dann erhob er sich, gab ihr zum Abschied die Hand und sagte: »Ich will lieber mit dem Jungen selber sprechen.« Die Schwägerin entließ ihn mit kaltem Gruß.

Was der Major mit dem jungen Vicomte besprach, ist nicht nötig hier mitzuteilen. Er ging mit hochrotem Gesicht die Treppe hinab, setzte sich in seinen Wagen, daß der Sitz krachte, und sagte: »Lieber will ich ja zehn Rekruten lausen, da weiß ich doch wenigstens, was ich tue.« Der junge Vicomte aber ging zu derselben Zeit nach dem Zimmer der Malerin, klopfte bescheiden an, sie öffnete, errötete, als sie ihn sah, und lud ihn ein; er setzte sich ihr gegenüber, ergriff ihre Hand und wollte sprechen, aber in dem Überschwang seiner Gefühle versagte ihm die Sprache; er blickte auf den Tisch, da sah er, wie sie an einem kleinen Bild arbeitete, das war sein Porträt, sie malte es aus dem Gedächtnis; eine tiefe Röte überflog auch sein Gesicht; plötzlich lagen sich die beiden in den Armen, und keiner von ihnen wußte, wie das geschehen war; ihr Mund fand sich, und sie küßten sich zitternd. Mit einem Male aber machte er sich frei und sagte ihr: »Nun habe ich ausgedrückt, wozu ich die Worte nicht fand. Ich bitte dich, daß du mir die Ehre erweisest, meine Gattin zu werden.« Die anmutige Witwe wurde verlegen, ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Es war nicht taktvoll,« fuhr er fort, »dich jetzt, wo noch die Trauer um deinen ersten Gatten mit Recht in deinem Herzen wohnt, mit meiner Bitte zu bestürmen, und wenn du mir zürnst, wie dein Erröten und deine Tränen zeigen, so zürnst du mir mit Recht. Aber ich mußte es tun, um der Welt zu zeigen, wie ich ihre Verleumdungen verachte.« Die Witwe hatte die letzten Worte nicht aufgefaßt in ihrer Erregung, konnte auch wohl nicht gleich wissen, was er mit ihnen meinte, da sie von dem Besuch des Majors nichts wußte; so antwortete sie ihm schüchtern, daß die Verschiedenheit des Standes doch eine Ehe unmöglich mache, daß er, wenn der erste Rausch verflogen sei, unglücklich mit ihr werden würde, daß er sie vergessen müsse, daß sie auch nicht so klug und gebildet sei, wie er denke, daß sie mit den vornehmen Damen nicht verkehren könne und ähnliches. Er hatte wieder ihre Hand ergriffen und indem er mit überstürzten Worten auf sie einredete, stellte er ihr vor, daß sie auf das Land ziehen würden und am Busen der Natur leben, fern von den lästigen Ansprüchen der Gesellschaft, daß sie ihre Kinder erziehen würden nach den Vorschriften der Natur, Vernunft und Sittlichkeit, daß er sich eine Tochter wünsche, die ihr gliche. –

Aber als er so sprach, da sprang sie plötzlich auf, wurde totenbleich, faßte ihr Herz und sprach: »Herr Vicomte, lassen Sie mich, ich habe mich um Geld Männern hingegeben.« Er stand mit offenem Munde und starrte sie an. »Hinaus, hinaus,« rief sie, schob ihn aus dem Zimmer und verriegelte die Tür.

Der junge Vicomte wurde krank und mußte ins Bett gebracht werden. Seine Mutter saß neben ihm, glättete sein Kopfkissen; unter strömenden Tränen, das Gesicht zur Wand gekehrt, erzählte er ihr, was geschehen; in einer Art von halbem Fieber stieß er Verwünschungen gegen seine Geliebte aus, dann flehte er sie um Verzeihung, beteuerte seine Liebe, sagte, daß sie aus Not gehandelt habe, daß die Verführung zu groß gewesen, daß er selber, der niemals auf die Probe gestellt sei, nicht das Recht habe, andere zu richten. Ärzte kamen und untersuchten ihn; man fand ein Herzleiden, das nervöse Zustände erzeugte, Blutarmut, eine schwache Brust und noch mehr Krankheiten und verschrieb viele Arzneien und Kuren. Der Jüngling aber wurde immer schwächer. Endlich raffte sich die Mutter auf, entließ alle Ärzte und ging mit langsamen Schritten zu dem Zimmer der Malerin. Müde setzte sie sich auf einen Stuhl; die andere sah sie erschreckt aus rotgeweinten Augen an, wollte sprechen; aber die Vicomtesse schnitt alles ab mit einer kurzen Handbewegung und sagte: »Ich habe immer ein sittenreines Leben geführt. Kommen Sie zu meinem Sohn.«

Die Frau kam, die Mutter verließ ihren Stuhl neben dem Lager des Sohnes, die Frau setzte sich, strich das Kopfkissen glatt, legte ihre Hand in die weißen Hände des jungen Mannes, bückte sich und küßte ihn auf die glühenden Lippen.

Der Kranke genas in Stunden; bald konnte er das Bett verlassen, am Fenster sitzen, ihr aus seinen Lieblingsbüchern vorlesen, im Zimmer auf und ab gehen, im Korridor, die Treppe hinuntergehen.

An einem Morgen war die Malerin verschwunden. Ein Brief lag auf ihrem Tisch, in welchem sie mit grammatischen Fehlern und unorthographisch schrieb, daß sie nun an eine Versorgung denken müsse und für alle Wohltaten danke, und daß sie um ein freundliches Andenken bitte, und sie habe einen braven Mann geheiratet. Der Diener erzählte, der Mann sei sein Neffe, der Oberkellner.

Als der junge Vicomte das hörte, brach er in ein schallendes Gelächter aus; er ging zu seiner Mutter und erklärte ihr, daß er nun endlich Reitunterricht nehmen wolle, besuchte seinen Oheim; bald war er ein guter Reiter geworden, hatte Kameraden gefunden.

Inmitten seiner Freunde ritt er einmal an der Wirtschaft vorbei, die dem Mann seiner früheren Geliebten gehörte. Zufällig sah er hin, seine Freunde erzählten von der Frau, die so spröde sei wie Lucrezia, er errötete, als er sie erblickte, biß sich auf die Lippen und lachte; die Frau aber ging vom Fenster zurück in den Hintergrund der Stube, aus der Tür, die Treppe hinauf, in ihr Schlafzimmer, kniete vor ihrem Ehebett, legte den Kopf auf das Bett und weinte lange. Ihr Mann rief von unten: »Schatz, es sind Gäste da«; sie antwortete: »Ich komme, ich komme,« eilte zur Waschschüssel, wusch sich mit dem kalten Wasser die verweinten Augen und lief singend die Treppe hinunter.

Der falsche Bräutigam

Herr Meunier betrieb gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Paris ein Friseurgeschäft. Er hatte eine Frau und eine einzige Tochter namens Adelaide; in seinem Geschäft waren zwei Gehilfen angestellt, Herr Duray und Herr Schmitt.

Das Geschäft war gut, Fräulein Adelaide war ein hübsches Mädchen, und so kam es ganz natürlich, daß die beiden Gehilfen sich in die Tochter ihres Herrn verliebten. Duray war ein schlanker Mann mit feurigen Augen und einem leidenschaftlichen, stolzen Temperament; Schmitt war mittelgroß, blond, nicht mager und von friedlicher Gemütsart.

An einem Sonntagnachmittag hatte Duray seinen Ausgang, und Schmitt war mit Herrn Meunier allein im Laden; Herrn Meuniers Gattin saß in dem dunklen Raum hinter dem Laden bei dem Licht einer spärlichen Öllampe und sah die Bücher durch, und die reizende Adelaide war allein im Oberstübchen und versuchte auf dem Spinett ein damals beliebtes Lied zu spielen.

Schmitt und Meunier unterhielten sich über den Einfluß der Philosophen auf die bürgerliche Gesellschaft, daß immer mehr junge Herren keinen Zopf mehr tragen wollten, wodurch der Volkswohlstand gefährdet wurde, indem die Einnahmen der Friseure zurückgingen, dadurch die Ladenmieten, die Gehälter der Gehilfen und die Steuerkraft der Nation. Als dieser Gesprächsstoff erschöpft war, entstand eine Pause; dann räusperte sich Schmitt, schlug sich auf die Brust, erklärte, daß sein Vater es nicht mehr lange machen werde und daß er der einzige Sohn sei, daß er sich bis jetzt noch mit jedem Menschen vertragen habe, was man von Duray nicht sagen könne, den er im übrigen als einen tüchtigen Friseur hochachte, und daß er Herrn Meunier bitte, ihm die Hand der schönen Adelaide zu geben.

Herr Meunier erklärte, er habe bereits mit seiner Gattin gesprochen für den Fall, daß einer von den beiden jungen Männern einen Antrag machen sollte, und er könne ihm wohl sagen, daß sie beide ihn Herrn Duray vorzögen. Die Gattin wurde gerufen; sie steckte die fleischigen Hände in die Ärmel ihrer Jacke, bewegte den Kopf bedächtig nach links und rechts und bemerkte seufzend, daß die Kinder groß würden, ehe man es sich versehe. Es entstand eine Pause, die Töne des Spinetts klangen nach unten, und Schmitt erklärte: »So spielt ein Engel.« Frau Meunier wischte sich eine Träne aus dem Auge und sagte, das sei nun so Elternlos, daß man sein Kind für einen fremden Mann aufziehe; Herr Meunier spuckte vor sich auf den Boden, trat das Gespuckte aus und tröstete, Schmitt sei ja kein Fremder; die Mutter entschuldigte sich, das habe sie auch nicht sagen wollen; Herr Meunier fuhr fort, der Geldpunkt mache ja keine Schwierigkeit; die Frau warf ihm vor, daß er wieder eine Eintragung, welche in die erste Kolumne gehörte, in die zweite gemacht habe, anderthalb Stunden habe sie gebraucht, bis sie auf den Fehler gekommen; Herr Meunier warf ein, daß er so viel in den Kopf nehmen müsse, daß die geistige Arbeit nicht genügend geschätzt werde, und daß das Geld ja in der Kasse sein müsse; Frau Meunier aber erwiderte, alles müsse seine Richtigkeit haben, und neunzehn Sous seien neunzehn Sous; Adelaide war inzwischen über den Knorren weggekommen, der sie in ihrem Spiel immer störte, und ließ die Töne des Liedes nun untadelig unter ihren schönen Fingern hervorquellen; Schmitt dachte, daß die Ehegatten das Gespräch über den Rechenfehler allein beenden könnten, stürmte die Treppe hoch, zwei Stufen auf einmal nehmend, riß die Tür auf, die in das Zimmer der Geliebten führte, und rief: »Adelaide.«

Adelaide war zuerst erschrocken gewesen, hatte die Hände vom Spinett sinken lassen. Schmitt stand vor der Tür, die er hinter sich zugezogen, und richtete flehende Blicke auf sie. »Ich kann nicht ohne Sie leben,« rief er. »Aber die Aussteuer zeichne ich doch noch mit einem M,« entgegnete sie ihm; »wenn ich später etwas anschaffe, das kann ich ja dann mit S zeichnen.«

Er bot ihr graziös den Arm, sie zog ein zierliches Taschentuch heraus und hielt es vor die Augen; dann gingen die beiden die Treppe hinunter in den Laden, wo die Eltern eben wie schon so oft übereingekommen waren, daß Herr Meunier seine Einzeichnungen immer erst mit Bleistift machen sollte. Adelaide fiel ihrer Mutter um den Hals, Schmitt drückte Herrn Meunier stumm und männlich die Hand, Herr Meunier begann sich nun auch die Tränen zu trocknen.

Indem öffnete sich die Tür, hastig stürzte Duray herein, sah alles, sprang auf Schmitt zu und packte den bei der Brust; Schmitt schob ihn mit starker Hand ruhig von sich fort; Adelaide hatte aufgeschrien; »Verräterin!« donnerte Duray sie an; sie sank in die Arme ihrer Mutter zurück; »aber nein,« fuhr Duray fort, »ich allein habe die Schuld. Weshalb habe ich nicht gesprochen, weshalb habe ich nicht die Gelegenheit ergriffen wie dieser, dieser, dieser Herr Schmitt da« – er hätte wohl gern eine Beleidigung gesagt, aber er fürchtete sich vor Schmitt – »leben Sie wohl auf ewig«; er suchte seinen Hut, der ihm entfallen; plötzlich schlug er sich mit der flachen Hand vor die Stirn, stürzte Adelaide zu Füßen und rief aus: »Nein, nicht auf ewig. Ich war Ihrer nicht würdig. Aber ich will Ihrer würdig werden … das heißt« – er wurde verlegen, weil aus der Fülle seines Herzens alles unklar herauskam – »das heißt: ich wollte ein Vermögen erwerben und Ihnen zu Füßen legen, dann wollte ich zu Ihnen sagen: Wählen Sie, Adelaide, Schmitt oder ich?« Er schwieg einen Augenblick, immer auf den Knien liegend. »Welche Leidenschaft!« flüsterte Mutter Meunier der Tochter zu; »wie auf dem Theater.« Duray hatte inzwischen seine Gedanken geordnet. »Ich gehe,« fuhr er fort. »Man hat mir eine Kondition in Petersburg angetragen. Ich werde Pariser Gesittung bei den Barbaren verbreiten, in Eis und Schnee wird mein Herz nur für Sie schlagen, ich werde mir ein Vermögen machen, Sie werden heiraten und glücklich sein, mein Freund Schmitt wird glücklich sein; er ist mein bester Freund, er ist eine Seele von einem Menschen; beruhigt lasse ich Sie in seiner Obhut; Sie werden eine Tochter haben, eine Tochter, die Ihnen gleicht, gleich Ihnen heißt sie Adelaide; nach zwanzig Jahren komme ich zurück, lege ihr mein Vermögen zu Füßen und sage: Adelaide, einst liebte ich Ihre Mutter. Das Schicksal hat uns getrennt. Nun liebe ich Sie. Wollen Sie mir folgen für das Leben?« »Ja, aber wenn es nun ein Junge ist?« fragte zaghaft die schöne Adelaide; Duray hatte während seiner langen Ansprache seinen Hut unter einem Stuhl gesehen; er holte ihn vor, stand auf, stäubte ihn ab, machte gegen Adelaide eine große Handbewegung, drückte Schmitt die Hand, verbeugte sich vor den Eltern und verließ den Laden.

»Er ist ja ein tüchtiger Friseur, das muß man sagen,« erklärte kopfschüttelnd Vater Meunier, »aber diese Liebhaberkomödien, das ist nichts für den Geschäftsmann. Sie verderben die guten Sitten. Der Geschäftsmann muß immer auf seinen Vorteil sehen. Ich habe Flöte geblasen, wie ich jung war. Schmitt angelt. Das sind Vergnügen für einen Geschäftsmann. Aber Duray hatte jeden Abend Probe. Und wenn ich nicht gewesen wäre, dann hätte Adelaide auch mit Komödie gespielt.«

Adelaide hatte mit gerötetem Gesicht, mit schwimmenden Augen dem Entschwundenen nachgesehen; jetzt schlug sie die Augen nieder. »Nun, ich wünsche ihm alles Gute in Petersburg,« endete Herr Meunier, »aber jetzt wollen wir den Laden schließen und wollen essen und die Verlobten hochleben lassen. Das war ein aufregender Tag.«

Schmitt heiratete Adelaide, und zur angemessenen Zeit wurde den beiden ein Mädchen geboren; Schmitt verlangte, daß sie in der Taufe den Namen der Mutter erhalte. Weitere Kinder kamen nicht, denn die ruhigen Zeiten für das Friseurgewerbe hörten auf. Immer mehr Herren verzichteten auf den Zopf; die Bastille wurde gestürmt, der König hingerichtet, viele Aristokraten wanderten aus, viele wurden hingerichtet; die Friseure hatte man durchweg im Verdacht reaktionärer Gesinnung; durch die Soldaten der Republik, welche siegreich aus den Kriegen heimkehrten, kam die Sitte auf, daß man den Bart stehen ließ; auf die Republik folgte das Kaiserreich, aber der Zopf kam nicht wieder, der Bart verschwand nicht; Herr Meunier war gestorben, Frau Meunier war ihm bald gefolgt, sie waren den Erschütterungen nicht mehr gewachsen gewesen; Herr Schmitt als junger Mann hatte sich besser anzupassen verstanden; aber er hatte zuwenig Bewegung, sein Herz war nicht so, wie es sein mußte; nach der Schlacht bei Jena, als ganz Paris illuminierte, hatte er als feuriger Patriot seinen Laden ganz besonders schön geschmückt; die Wachsbüste, welche ihn seit langen Jahren zierte, war als Vaterland kostümiert; auf zwei Altären unter ihr brannten Räucherflammen; das Ganze wurde durch einen Halbkreis von Lämpchen eingeschlossen. Als er auf die Straße trat, um den Eindruck zu beobachten, fiel er plötzlich um; ein Herzschlag hatte ihn getötet.

Die Witwe führte das Geschäft mit einem zuverlässigen Gehilfen weiter; sie saß nun vor den Büchern, wie vor zwanzig Jahren ihre Mutter, und die junge Adelaide spielte auf dem Spinett, auf dem sie selber vor zwanzig Jahren gespielt.

Duray war wirklich nach Petersburg gegangen, hatte eine sehr gute Stellung gefunden, sich als zuverlässiger und zugleich künstlerisch empfindender Mann erwiesen; nach kaum zwei Jahren konnte er einen eigenen Salon eröffnen, welcher bald als der vornehmste seiner Art in Petersburg galt.

Die Liebe zu Adelaide trug er im Herzen, aber auch der Begeisterung für die dramatische Kunst blieb er treu. So lernte er die Zofe einer berühmten Schauspielerin kennen und lieben, die mit einer Truppe aus Paris nach Petersburg gekommen war, und nachdem das Mädchen gesehen, daß er ein sehr gutes Geschäft hatte, heiratete er sie. In der ersten Zeit seines Aufenthaltes in Petersburg hatte er oft an Adelaide geschrieben, er hatte auch noch die Nachricht von der Geburt der jungen Adelaide erhalten; nach seiner Verheiratung aber war er begreiflicherweise etwas verlegen und so unterblieb denn der Briefwechsel.

Er unterblieb lange Jahre. Die Ehe Durays war kinderlos, aber sein Vermögen vermehrte sich; die junge Adelaide wuchs heran, wurde ein Backfisch, dann ein junges Mädchen und kam so in die Jahre, daß die Mutter wohl an eine Heirat denken konnte. Sie hatte Duray nicht vergessen, denn von seiner Untreue wußte sie ja nichts.

Nun geschah es, daß die Gattin des guten Duray starb. Sie hatte sich immer zu stark geschnürt, hatte dadurch ein Leberleiden bekommen, das Leberleiden hatte sie mißmutig und etwas zanksüchtig gemacht, und so war Duray denn über den frühzeitigen Tod nicht sehr unglücklich.

Duray war ein frischer Vierziger und ein Mann von beinahe zweimalhunderttausend Franken Vermögen. Wer wird es ihm übelnehmen, wenn seine schöne Jugendzeit in Paris wieder vor seiner Erinnerung auftauchte, die Rue de Vauvenargues mit ihren behaglichen alten Häusern, der Laden des Herrn Meunier mit den weißen Marmortischen und hohen Spiegeln, welche immer aus zwei Glasplatten zusammengesetzt waren; das dunkle Hinterzimmer, Frau Meunier, die lichtlose, schmale Treppe, die Töne des Menuetts, welche von oben niederklangen, indessen er einem Kunden das Zopfband erneuerte und dabei die neueste Theateranekdote erzählte; und Adelaide selber; Adelaide, wie sie damals war, in zierlichen Schuhchen auf hohen Absätzen einhertrippelnd, die Hände in einem spitzenbesetzten Schürzchen, das zarte weiße Häubchen auf dem hochgetürmten gepuderten Haar, immer heiter, immer gutherzig, nie nein sagend, oft verwundert und erstaunt die hübschen Augenbrauen hochziehend. Ach, das war ja freilich alles lange her; aber hatte sie ihm damals nicht versprochen: Harre aus, mein Kind wächst heran! Und er hatte ausgeharrt, das Kind war herangewachsen.

Rußland ist kein Land, in dem ein Franzose heimisch werden kann. Er vermißt die Kultur. Aber Duray sagte sich, daß die Rente sehr niedrig stand, daß er nach Paris zurückgehen, daß er Adelaide, Adelaide der Tochter, ein Vermögen zu Füßen legen konnte.

So schrieb er an Adelaide die Mutter; er erwähnte das Zwischenspiel seiner Ehe nicht weiter und erzählte von dem großen Aufschwung, den Petersburg in kommerzieller Hinsicht genommen hatte, sprach dann von seinem eigenen Vermögen und seiner Absicht, nach Paris zurückzukehren, fragte nach allen Bekannten, nach Herrn und Frau Meunier, nach seinem Freunde Schmitt, nach der jungen Adelaide, deutete zart an, daß wohl in der langen Zwischenzeit noch ein Brüderchen erschienen und auch nun groß gewachsen sein werde, beklagte den schnellen Verlauf der Zeit und sprach begeistert von den Ruhmestaten der französischen Nation. Adelaide schrieb ihm zurück und erzählte alles, was geschehen, und wie nach der Schlacht von Jena die große Illumination gewesen war, und wie ihr seliger Mann die Wachsfigur als Vaterland kostümiert hatte, und wie der Maire ihres Bezirkes gesagt hatte, dieser Ladenschmuck sei der geschmackvollste gewesen, den er gesehen, und wie dann Schmitt gestorben war; und in dieser Art schrieb sie einen sehr langen Brief.

Die Briefe gingen nun eine Weile hin und her; im Viertel wurde es bekannt, daß Duray als reicher Mann zurückkommen und Adelaide die Tochter heiraten wollte; es kamen Geschenke aus Petersburg: ein Kistchen mit feinem Tee, eine schöne silberne Dose, ein köstliches Lackkästchen, Stoff zu einem seidenen Kleid, allerhand wunderbare Süßigkeiten. Adelaide die Tochter freute sich sehr, daß sie verlobt war, erzählte ihren Freundinnen viel davon, wie es in Petersburg herging, schneiderte sich selber das seidene Kleid zurecht und aß mit der Mutter zusammen die Süßigkeiten. Man muß über die Freude des jungen Mädchens nicht verwundert sein; denn Mutter Adelaide hatte ganz vergessen, daß nun gegen zwanzig Jahre verflossen waren, seitdem Herr Duray ein junger, schöner und für alles Edle begeisterter Gehilfe bei ihrem Vater gewesen; vor ihrer Seele stand er noch immer mit den feurigen Augen, dem blassen, feinen Gesicht, der schlanken Figur des jungen Mannes, und so schilderte sie ihn ihrer gläubigen Tochter, nur daß noch ungezählte Reichtümer und besonders eine Menge kostbare Pelze zugekommen waren.

Natürlich konnte Herr Duray sein Geschäft nicht Hals über Kopf verkaufen, und so ging die weitere Abwicklung dieser Geschichte denn nicht so schnell, wie die drei Beteiligten wohl wünschten. Während dieser Zögerung aber erschien eine neue Person auf dem Plan.

Herr Deshoulières war ein junger Mann, der eine Tinktur erfunden hatte, welche die Haut bräunte; es genügte, wenn man täglich fünf Tropfen der Tinktur in das Waschwasser goß. In einer Zeit, wo der Soldat als der ideale männliche Typus erschien, mußte eine solche Erfindung ihren Mann reich machen. Auf einem großen Ball der Vereinigung Pariser Friseure sah Herr Deshoulières von weitem die schöne Adelaide; er erkundigte sich bei einem zufälligen Nachbarn, wer das entzückende Mädchen sei; und dieser wußte ihm auch zu erzählen, was er wünschte: ihren Namen, Wohnung; aber auch die Verlobung mit dem ihr selber noch unbekannten Herrn Duray in Petersburg. Herr Deshoulières sah noch einmal auf Adelaide hin, faßte im Augenblick seinen Plan, nahm den gesprächigen Nachbarn unter den Arm, zog ihn in ein entferntes Zimmer zu einer Flasche Sekt und forschte ihn gründlich aus über Duray. Wir haben gehört, daß Mutter und Tochter ihre Pläne und Hoffnungen nicht verschwiegen hatten, und so konnte denn der Nachbar dem neugierigen jungen Mann eine ganze Menge Einzelheiten erzählen, die zum größeren Teil richtig waren und zum geringeren Teil stilecht von den Nachbarn ergänzt, so daß man Wahrheit und Dichtung nicht mehr unterscheiden konnte. Der junge Mann hatte Phantasie und malte sich noch Weiteres aus, und so stand ihm bald die ganze Situation klar und deutlich vor Augen.

Am anderen Morgen wendete er zunächst eine reichliche Menge seiner Tinktur an, um so recht als ein gebräunter, weitgereister Mann zu erscheinen, wobei es ihm gleichgültig war, ob die Petersburger Sonne das Verfahren rechtfertigte. Dann warf er sich in seinen elegantesten Anzug, besuchte einen berühmten Kürschner und erstand sich einen großen Pelz; im Vorübergehen hatte er bei einem Lithographen Visitenkarten bestellt mit dem Aufdruck: Duray, Salon für Körperkultur, St. Petersburg; diese holte er nun ab, legte sie in ein geschmackvolles Portefeuille; endlich bestieg er eine Droschke erster Klasse, gab die Adresse der beiden Adelaiden an; vor dem Geschäft von Schmitt stieg er aus, zahlte und wies mit nachlässiger Handbewegung das Geld zurück, das ihm der Kutscher herausgeben wollte; hinter den Fenstern oben hatte er flüchtig bereits Mutter und Tochter lauschen sehen; der Lehrling, welcher ihm aus dem Wagenschlag geholfen, geleitete ihn ehrfurchtsvoll in den Laden; er zog seine Visitenkarte, händigte sie dem jungen Menschen ein und beauftragte ihn, anzufragen, ob die Damen empfangen. Ein Schrei der Überraschung ertönte von oben, er eilte durch das dunkle Hinterstübchen die Treppe hoch; die Zimmertür war geöffnet, die Mutter stand vorn, hinter ihr auf den Fußspitzen, ihr über die Schultern sehend, die Tochter; Deshoulières stürzte der Mutter zu Füßen, ergriff ihre linke Hand und führte sie zum Mund; die Mutter legte die rechte aufs Herz und rief: »Ganz der Alte.«

Nun hatte eigentlich der gute Deshoulières keine Ähnlichkeit mit Duray. Duray war lang gewesen, Deshoulières war zierlich und von jener Figur, die in den Vierzigern einen leichten Bauch ansetzt; Duray war brünett und er war blond, und vor allem, Duray mußte jetzt ein Mann in der Mitte der Vierziger sein, und er war etwa fünfundzwanzig. Aber die Erinnerung trügt; Duray war ein hübscher junger Mann gewesen und Deshoulières war es auch; diese Ähnlichkeit genügte der ahnungslosen Madame Schmitt vollkommen.

Adelaide die Tochter hatte sich errötend zurückgezogen und sah angelegentlich durch das Fenster; auf der Straße standen die Nachbarn zusammen und sprachen über die Droschke erster Klasse und den feinen Herrn, der ihr entstiegen war. Die Mutter führte – sagen wir also nun Duray – Duray der Tochter zu, legte die Hände der beiden stumm ineinander und verließ das Zimmer, um Frühstück zu besorgen, denn sie fand, daß man Hunger haben mußte, wenn man von Petersburg kommt.

Wir brauchen die Seligkeit der Liebenden nicht zu schildern; wir brauchen auch nicht zu berichten, welche merkwürdigen Dinge Duray aus Petersburg erzählte, wie wunderlich bei den Frauen durcheinanderging, was sie aus den Briefen wußten, was sie sich selbst dazu gedacht, was Duray nun noch weiter schilderte; sie stellten sich etwa den Salon Durays vor, mit großen Kristallscheiben, silbernen Becken in Malachitplatten eingelassen, geschliffenen Spiegeln in kostbar geschnitzten Rahmen, und auf der Straße einen Bären dahinwandelnd oder eine Schar Wölfe mißtönig heulend. Duray drang auf schnelle Vermählung; er hatte so lange Jahre auf sein Glück gewartet, daß man ihm diese Eile zugute halten mußte. Damals waren solche Dinge in Paris noch recht einfach; die Revolution hatte alle früheren Formen zerstört, die folgenden Kriege hatten noch nicht so recht eine neue Ordnung aufkommen lassen; es gab viele Leute in jener Zeit, welche keine Papiere aufweisen konnten, und nicht selten geschah es, daß ein Krieger heute aus irgendeinem Feldzug zurückkam, ein Mädchen auf der Straße aufgabelte, sich mit ihm kopulieren ließ, und morgen schon wieder weiter zog. Diese Zustände hatten denn auch auf die bürgerlichen Leute Einfluß; so konnte Duray Mutter und Tochter bereden, noch am selben Nachmittag mit ihm zum Maire zu gehen, Gehilfen und Lehrling als Zeugen mitzunehmen und den Ehebund fest zu machen.

Dergestalt schloß Duray seine Geliebte als junge Frau in die Arme genau vierundzwanzig Stunden, nachdem er sie das erste Mal gesehen hatte.

Wie er sich den weiteren Verlauf seines Handstreiches vorstellte, ist nicht leicht zu sagen. Vor allem tröstete er sich damit, daß geschehene Dinge nun eben nicht mehr zu ändern sind, daß er ja doch ein hübscher Kerl war, und daß seine Erfindung eine Goldgrube darstellte. Zunächst dachte er zu erklären, daß sein Gepäck und die Vermögenspapiere nachkommen würden, da er selber die Zeit nicht habe abwarten mögen; dann wollte er gleich vom ersten Tag an ins Geschäft eintreten und wenn möglich den Gehilfen entlassen; und da der Briefträger ja immer morgens zu einer bestimmten Stunde kam, Briefe abfangen, die etwa aus Petersburg von dem echten Duray anlangen mochten.

Noch am späten Nachmittag waren Mutter und Tochter umgezogen: die Mutter in das Mädchenstübchen der Tochter und diese in das große Schlafgemach, in dem einst ihre Eltern und Großeltern geruht. So wachte denn Duray am andern Morgen in dem behaglichen, breiten Ehebett auf; neben ihm auf dem Kopfkissen lag mit geschlossenen Augen, leise atmend durch die halbgeöffneten Lippen, das Lockenköpfchen der Geliebten; friedlich fiel ein Sonnenstrahl schräg durch ein Loch im dunklen Fenstervorhang auf den Boden, und unzählige Sonnenstäubchen wirbelten in dem Strahl; Herr Duray dehnte sich wohlig, Adelaide erwachte halb, war sich erst ihrer Lage nicht bewußt, dann errötete sie über und über und hüllte das Gesicht ins Kissen; schmeichelnd suchte Duray sie zu bewegen, ihn anzusehen; er küßte sie auf den schönen weißen Nacken unterhalb des reizenden Haaransatzes; sie lachte glücklich, ihr Gesicht immer im Kissen; vom nahen Turm schlug eine Glocke langsam neun tiefe Schläge. »Was!? so lange haben wir geschlafen,« rief Adelaide erschrocken aus und richtete sich hoch, dachte dann aber gleich, daß sie ja nicht allein war, und verbarg sich wieder unter der Decke.

»Ins Geschäft!« rief energisch Duray und sprang aus dem Bett, wusch sich, kleidete sich an, küßte die junge Frau zärtlich auf die Stirn und ging nach unten. Mutter und Tochter bewunderten den Eifer und die Tüchtigkeit: ach, er hätte noch gern den schönen Morgen genossen, wenn er nicht an den Briefträger gedacht hätte.

Duray schickte Gehilfen und Lehrlinge fort zu den Hauskunden und blieb dann allein im Laden, alles untersuchend, die Schubkästen herausziehend, die Büchsen öffnend und am Inhalt riechend, die Rasiermesser über den Handballen streichend, die Bürsten und Kämme kopfschüttelnd betrachtend; es wurde ihm klar, der Gehilfe mußte fort.

Während er so beschäftigt war, öffnete sich die Tür. Ein etwas auffällig gekleideter Herr von etwa fünfzig Jahren trat ein, sehr lang und hager gewachsen, gebückt, mit einem Gesicht, das nur aus einer ungeheuren Nase, einem spitzen Kinn und zwei hohen Backenknochen zu bestehen schien. Er grüßte höflich, setzte sich auf einen Stuhl, verlangte frisiert zu werden und begann ein Gespräch: über den Krieg, über die vielen Witwen heutzutage; er erkundigte sich nach dem Geschäft und sah sich um mit einem merkwürdig vertrauten Lächeln; dann fragte er nach den beiden Frauen; Duray hielt es nicht für nötig, die Verheiratung zu erzählen; der Fremde fragte nach dem Ruf der Tochter und fügte erklärend bei, man könne sich heutzutage nicht genug vorsehen, die sanftesten Mädchen würden oft die zanksüchtigsten Frauen. Duray antwortete immer einsilbiger. Der Fremde war frisiert, stand auf, fragte, was er schuldig sei, bezahlte und wollte ein Trinkgeld geben; Duray wies das Trinkgeld zurück, indem er erklärte, er sei der Herr. Der Fremde schüttelte den Kopf und rief aus: »Verkauft! So ein Geschäft! Habe ich nicht geschrieben, sie sollen es behalten!« Duray begann eine schwere Ahnung aufzudämmern; er fragte den Fremden nach seinem Namen; dieser erwiderte, er sei Duray und wünsche die Damen zu sprechen.

Der Augenblick war gekommen. Duray der Falsche schloß die Ladentür und führte den Fremden nach oben. Die beiden Frauen saßen im anmutigsten Morgennegligé am Frühstückstisch und tranken Schokolade; Adelaide die Tochter eilte auf Duray den Falschen zu, schloß ihn in die Arme und machte ihm zärtlich Vorwürfe, daß er seine Gesundheit so wenig schone und nüchtern ins Geschäft gehe. »Die Pflicht, die Pflicht,« erwiderte Duray, indem er sie auf die Stirn küßte.

Inzwischen war der krumme Fremde starr stehengeblieben und hatte seine Hakennase nach der Richtung der Frauen gewendet. Adelaide die Mutter war beunruhigt aufgestanden; das Negligé erschien ihr unschicklich, aber sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Endlich begann der Fremdling: »Ich komme nämlich aus Petersburg.« Duray drückte seine Frau enger an sich, instinktiv drängte auch sie sich an ihn, als ob sie Schutz suchen wollte. »Ach, da sind Sie wohl ein Freund von Duray?« fragte ahnungslos die Mutter Adelaide.

Aber nun geschah etwas ganz Merkwürdiges. Adelaide die Tochter hatte bis nun in ihrem Leben noch keine einzige Probe von besonderem Scharfsinn gegeben; es war ihr freilich ein solcher Beweis noch nie abverlangt. Aber jetzt, in dieser Stellung des Fremden, ihres Gatten, selbst der Mutter, verstand sie plötzlich alles: daß ihr Gatte nicht der richtige Duray war und daß der richtige Duray vor ihr stand. Sie machte sich von ihrem Gatten los, ging mit geballten Fäusten auf den Fremden zu und rief: »Was wollen Sie von mir?« Der Fremde erschrak und zog sich zurück, blitzschnell kam ihm die Erinnerung an seine verstorbene Frau, die oft in ähnlicher Stellung vor ihm gestanden. Dann sagte er schüchtern: »Ich bin doch Duray, ich habe doch aus Petersburg geschrieben.«

Die Schüchternheit entwaffnete die Tochter, die ahnungslose Mutter aber geriet nun in Aufregung; sie rief: »Wie? Duray ist hier, Duray ist mein Schwiegersohn, Sie sind ein Betrüger, mein Herr!«

Noch mehr verschüchtert blickte der echte Duray von einer der drei Personen zur anderen. Endlich sagte er: »Adelaide, erkennen Sie mich denn nicht?« Der Ton machte die Mutter stutzig; sie sah ihn prüfend an, dann brach sie in Weinen aus und sagte: »Ach, seit Schmitt tot ist, habe ich doch keinen ruhigen Tag mehr gehabt. Und es ist nur die Aufregung über die Illumination gewesen.« Die Tränen der Frau, das etwas betroffene Aussehen des unechten Duray gaben dem Fremden wieder einiges Kraftgefühl; er erklärte mit strengem Blick auf den Unechten: »Mir scheint, hier hat jemand sich betrügerisch meinen Namen angeeignet.« Der unechte Duray antwortete ihm: »Mein Herr, Sie werden ausfallend,« aber diese Antwort war eigentlich keine Erklärung. Die Tochter Adelaide fühlte das, sie fühlte auch, wie ihrer Mutter Zweifel über ihren Gatten kamen, wie sie den krummen, dürren, alten, elenden, dummen Fremden genauer betrachtete; sie lachte laut, fiel ihrer Mutter in die Arme und sagte ihr: »Nun will ich es dir nur eingestehen. Du hast recht. Wir haben uns kennen gelernt und hatten uns lieb, und weil du doch durchaus wolltest, daß ich den alten Duray heiraten sollte, so haben wir uns ausgedacht, daß er Duray spielen sollte; in ein paar Wochen, wenn du ihn auch liebgewonnen hättest, wollten wir dir dann alles erzählen.« Als sie das gesagt hatte, brach sie in heftiges Weinen aus und lief aus dem Zimmer; ihr Gatte folgte ihr, und es ist wohl anzunehmen, daß die beiden sich freundlich ausgesprochen haben.

Mutter Adelaide und der echte Duray blieben sich stumm gegenüber sitzen. Nach einer langen Pause sagte sie: »Aber Sie sind ja so alt geworden, Herr Duray, ich hätte Sie nicht wiedererkannt!« »Na, ich bin schließlich in meinen besten Jahren, und Sie sehen auch nicht mehr so aus wie damals,« gab der echte Duray gereizt zurück. »Ach, man fühlt sich doch aber noch jung,« antwortete die Witwe harmlos; sie war sich gar nicht klar darüber, wie wohlbehäbig sie aussah; da wurde dem geplagten Witwer bewußt, daß sie doch ein friedliches und gutes Gemüt hatte und nicht so böse war wie seine verstorbene Frau; es wurde ihm nicht logisch klar, er fühlte nur ein warmes, gutes Rühren in seinem Herzen; und ohne sich weiter zu besinnen, sagte er: »Schließlich passen wir doch auch besser zusammen, als wenn ich Ihre Tochter geheiratet hätte.« Frau Adelaide wischte sich eine Träne aus dem Auge und schwieg, er schwieg auch; nach einer Weile fuhr er fort: »Ich habe genug, daß wir uns zur Ruhe setzen können; der junge Mann behält das Geschäft allein; es ist besser, wenn Alt und Jung für sich ist.« Nach diesen Worten stand er auf und drückte der errötenden Witwe den Verlobungskuß auf die Stirn; sie sagte: »Und ich bin immer noch in der Nachtjacke!«

Fortsetzung der Geschichte von der Taufe

Das Festmahl war endlich in Gang gekommen. Die Gäste wendeten sich den Speisen zu, der Erzähler war unterbrochen, und Einzelgespräche entspannen sich. Sie drehten sich fast alle um den Krieg.

Paul Ernsts Freund Georg v. Lukacs gehörte diesmal zu den Geladenen. Er sprach wichtige Bedenken aus gegen den Krieg, seine Folgen und die Art, wie man ihn in Deutschland erlebt.

Wie die heutige Wirtschaft an die Stelle des selbständigen Einzelarbeiters die Maschine und die organisierte Arbeitergruppe gesetzt hat, welche sie bedient, so daß der Persönlichkeitswert der Arbeit verschwunden ist, so stellt auch der gegenwärtige Krieg nicht Menschen gegenüber, sondern Maschinen und Maschinendiener. Von diesen Dienern wird viel mehr Leistung verlangt, wie von früheren Kriegern; das ist aber nur möglich, indem ihnen das eigentlich Persönliche der Leistung im wesentlichen abgenommen ist. Die Folge des Krieges wird nun eine weitere Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft einerseits und das Entstehen eines Beamtensozialismus andererseits sein, wodurch denn die Lebensmöglichkeit des notwendig unsozialen höheren Menschen immer geringer wird. Deutschland wird in diesem Kriege siegen, weil die Deutschen von allen Völkern am meisten die sittliche Fähigkeit des Gehorchens und Sichunterordnens haben, also die beste Organisation als Volk besitzen. Das ist aber nur möglich durch jene Todsünde des deutschen Idealismus seit Hegel, daß er die Beziehungen, wie der Staat doch nur ist, substantialisiert hat.

Wir können an einem Beispiel die furchtbare Gefahr erkennen. Die junge Offiziersfrau in der Geschichte vom Tafelaufsatz wird wahnsinnig: das Opfer, das sie dem Staat gebracht hat, war zu groß; ein solches Opfer darf man nur Gott bringen; und eine mittelalterliche Frau, die es Gott gebracht hatte, wäre deshalb nicht wahnsinnig geworden, sondern hätte zum mindesten jenen Zustand der Seele erreicht, den die Kirche als Seligkeit bezeichnet; vielleicht aber wäre sie auch eine Heilige geworden. Man sieht doch: der Gegenstand ist nur für eine Novelle geeignet; er müßte aber für ein Drama geeignet sein, wenn die Beziehung der Frau zum Staat wirklich organisch wäre.

Paul Ernst erwiderte ihm, daß das, was der Freund als die Todsünde des deutschen Idealismus bezeichne, lange vor Hegel geschehen sei, nämlich durch Kant. Auch Gott ist ja für die diesseitige Welt, die wir allein haben, nur eine Beziehung, die wir uns zur Substanz, ja zur Persönlichkeit gemacht haben; aber vor Kant wußten wir immer doch, daß das nur ein Symbol war, daß im Grunde Gott das ist, was wir werden sollen. Diesen, wie er es nannte, Mystizismus bekämpfte Kant, indem er die trügerischste, im Diesseitigen bedingteste Äußerung unserer Seele, das Gewissen, zu unserem Gott machte, ein Organ der Anpassung an unsere Umgebung als unser Ziel hinstellte. Hebbel nennt einmal Schillers Wallenstein ideenlos; er konnte die ganze Dichtung Schillers, außer den Jugendwerken, ideenlos nennen; sie war es, weil die Kantische Philosophie nicht ausreichte. Goethe war durch seine Naturanschauung und sein religiöses Gefühl ein organischer Mensch. Aber er war ein naiver Dichter und er wurde durch seine bürgerliche äußere Lage zu sehr in die wirkliche Welt verstrickt. Er hätte, wie er war, in der Zeit Homers ein Homer sein können; in unserer Zeit hatte er erst die wirkliche Welt in sich vernichten und eine neue schaffen müssen. Und hier liegt denn auch der schwache Punkt, durch den unsere klassische Dichtung zusammenbrach: sie blieb in Wahrheit bürgerlich bedingt, wie Kant der eigentliche Philosoph des Bürgertums ist. In diesem Krieg zeigt sich Kant als der Lehrer der Deutschen, und freilich ist dieser Krieg der typische Krieg der bürgerlichen Gesellschaftsordnung. Hegel hat nur einen Schluß gezogen: es blieb ihm kein anderer Schluß möglich; und die Deutschen von heute erfüllen nur das durch die Tat, was ihre klassischen Dichter und Denker im Geist hatten. Georg v. Lukacs nickte und sagte, er könne dem wohl zustimmen. Nun aber scheine ihm die Möglichkeit einer Weiterbildung der Menschheit gegeben durch den russischen Gedanken, und die fürchterlichste Tragik des Krieges würde sein, wenn diese Weiterbildung abgeschnitten würde. Die Anfänge sind in der Dichtung, bei Tolstoi und Dostojewski.

Nehmen wir an, daß der Roman die angemessene künstlerische Form des entwickelten Bürgertums ist; über den Typus des Desillusionsromans – setzen wir Flauberts Education sentimentale als dessen vorzüglichsten Ausdruck – ist die Entwicklung vor jenen beiden Russen nicht hinausgekommen. Tolstoi, rein formal betrachtet, wäre zwar nur der Abschluß der europäischen Romantik; in den wenigen ganz großen Gestalten seiner Romane jedoch ist eine neue Welt aufgezeigt: eine Welt der reinen Seelenwirklichkeit, in welcher der Mensch als Mensch erscheint, nicht als Gesellschaftswesen und auch nicht als isolierte und unvergleichliche, reine und darum abstrakte Innerlichkeit. Aber das bleibt alles Ahnung, Sehnsucht und Polemik; die große Epik ist eine an die Empirie des geschichtlichen Augenblicks gebundene Form und nicht frei, wie die Tragödie; der Roman ist die Form der Epoche der vollendeten Sündhaftigkeit, nach Fichtes Worten. In den Werken Dostojewskis wird die neue Welt als einfach geschaute Wirklichkeit gezeichnet; Dostojewski gehört bereits der neuen Welt an, seine Werke sind nicht mehr Romane, sondern etwas Höheres.

Der junge Professor mischte sich in das Gespräch der beiden und sagte, daß vielleicht der Philolog und Historiker etwas zu den Meinungen des Philosophen und des Dichters geben könne. Er führte ungefähr aus:

Schon vor dem Kriege spürten wir in unserem Volk eine neue religiöse Bewegung. Eine der ersten Erscheinungen in diesem furchtbaren Krieg war, daß diese Bewegung außerordentlich an Kraft zunahm. Sie ist gänzlich formlos, geht vielleicht bei manchen in der Richtung, daß die Kirchlichkeit gestärkt wird; bei sehr vielen aber hat sie durchaus nicht einen kirchlichen Charakter, so daß man annehmen muß, daß bei den anderen die Kirchlichkeit nicht das Erste, sondern das Zweite ist, daß ein neues Gefühl sich in einer vorhandenen Form äußert.

Sehr merkwürdig ist bei diesem allen das spontane Auftauchen des Ausdrucks »Der deutsche Gott«.

Wir sind zu sehr gewohnt, Religion mit Kirche zu verbinden, oder weiter gefaßt, mit irgendeinem mehr oder weniger festen Glaubensbekenntnis. So kann es kommen, daß man religiöse Leute für irreligiös hält, daß sie selber sich dafür halten, und daß man umgekehrt glaubt, das bloße Annehmen kirchlicher Glaubenssätze und die Zugehörigkeit zu einer Kirche, noch dazu wenn dieses Annehmen aus einer Überzeugung kommt und diese Zugehörigkeit bewußt und gewollt ist, sei ein Beweis von Religion. Man sollte an die berühmte Schleiermachersche Definition denken, daß Religion das Gefühl der schlechthinigen Abhängigkeit von Gott ist; ein Gefühl also und zunächst weder ein Gedankenkomplex, noch ein Willensakt; und sollte bedenken, daß »Gott« für jeden Menschen etwas anderes ist, wie für jeden Menschen Welt und Ich etwas anderes ist, daß ich Gott nicht anders definieren kann als das, von dem ich mich schlechthin abhängig fühle. So gebrauchen das Wort auch unsere heiligen Schriften, wenn sie etwa sagen: »denen das Geld ihr Gott ist«. Das Gefühl verbindet sich später mit dem Willen, dann mit dem Gedanken. Wir haben kein Wort für die Form des Geistes, welche bei diesem Vorgang wirkt. Ein befreundeter Sanskritist, mit dem ich über das Problem sprach, schlug vor, wir sollten »Atman« sagen. Es würden viele Irrtümer unmöglich sein, wenn wir ein solches Wort annähmen.

Was die Menschen heute bei uns erleben, das schwebt noch in der Welt des Gefühls und in einem unklaren Willen, auch bei den Kirchengläubigen; die Idee des »Deutschen Gottes« aber versucht bereits eine verstandesmäßige Konstruierung. Mit anderen Worten: hier will eine neue Religion werden.

Ein solches Ringen braucht ja keinen Erfolg zu haben; es ist oft ergebnislos gewesen; es kann auch den Erfolg haben, daß die alten Formen, unsere Kirchen, mit neuer religiöser Inbrunst erfüllt werden und einen neuen Inhalt bekommen, ohne daß den Menschen klar wird: wir haben eine neue Religion. So war zum Beispiel der Pietismus eine neue Religion gegenüber der alten protestantischen Orthodorie, und die moderne protestantische Orthodoxie gegenüber dem Rationalismus. Aber soweit ich verfolgen kann, ist doch diese Betonung des Nationalen etwas ganz Neues, und jedenfalls ist es etwas, das dem Geist des bisherigen Christentums widerspricht, denn der ist übernational.

Der Gedanke des deutschen Gottes müßte aber nun sehr nahe liegen. Wenn ein urteilsfähiger Protestant, der sich nicht durch die Schale irremachen läßt, den englischen Protestantismus, der offiziellen Kirchen wie der Sekten, betrachtet, so muß er doch sagen, daß ein deutscher Katholik ihm verwandter ist; denn die englische Religion ist nichts wie eine Versicherung zu möglichst niedriger Prämie auf persönliches Wohlergehen in diesem und jenem Leben, genau so wie es kindlich im Dekalog ausgedrückt ist: »auf daß es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden«. Und wenn ein deutscher Katholik sich etwa den italienischen Katholizismus betrachtet, so muß er zugeben, daß ihm der deutsche Protestant im wesentlichen Punkt doch näher steht; denn der italienische Katholizismus ist nichts als ein naives Heidentum; er ist eine Organisation, vermittels deren sich der Mensch schlau mit einer großen Macht abfindet. Für uns Deutsche aller Bekenntnisse ist Gott das, dem wir uns vereinigen, wie Paul Ernst sagte, das wir werden müssen. Deshalb steht für uns praktisch immer Christus im Mittelpunkt unseres religiösen Fühlens, wie bei den Engländern Gott-Vater und bei den Italienern die Madonna.

Dadurch, daß Deutschland in zwei Konfessionen geteilt ist, hat man bei uns das Konfessionelle, Trennende immer besonders scharf betont; und in völliger Verkennung der Aufgaben der Religion haben die Konfessionen sich sogar bekämpft. Heute wird es uns schwer, zu verstehen, weshalb Luther und Zwingli sich nicht einigen konnten, und wir sind geneigt, den einzigen Grund in theologischer Starrköpfigkeit zu suchen; sollte nicht eine Zeit möglich sein, wo uns klar würde, wie unbedeutend eigentlich das Trennende zwischen unserem Protestantismus und unserem Katholizismus ist; daß selbst der Ultramontanismus nur dann eine Gefahr ist, wenn er uns als Gefahr erscheint? Wir erleben jetzt, wie in der mohammedanischen Welt der Gegensatz zwischen Schiiten und Sunniten vergessen wird, weil dem Islam große Aufgaben gestellt werden; sollte nicht auch der doch nicht tiefere Gegensatz in der christlichen Welt zu vergessen sein?

Wir haben das Trennende vielleicht nur so hoch bewertet, weil wir das Gemeinsame nicht sahen, weil wir es an einer anderen Stelle suchten, als wo es hingehört.

Wenn Religionen lebendig sind, dann bilden sie sich beständig weiter und bilden sich um zu Neuem. Aber diese Umbildung und Weiterbildung wird ihnen nicht genügend bewußt. Man kann sich die Sache vielleicht so klarmachen.

Die lebendige Religion, das reine Gefühl, ist formlos; solange sie formlos ist, weiß sie nichts von sich, versteht sich oft falsch; sie sehnt sich deshalb nach einem gedanklichen, poetischen oder willensmäßigen Ausdruck. In dieser Sehnsucht ergreift sie meistens vorhandene Formen älterer Religionen, zunächst nur als bloßes Ausdrucksmittel, damit einer sich dem anderen mitteilen kann. Aber sowie das Gefühl ausgedrückt ist, ist es auch starr geworden und etwas anderes, als es war. Vielleicht verschwindet es für einige Zeit, vielleicht bricht ein neuer Strom aus den Seelen über das Erstarrte. Dieses Erstarrte aber bleibt jedenfalls und heißt neue Religion, wird unter Umständen leer, unter Umständen Gefäß für etwas Religionsfremdes oder Religionsfeindliches; und auf jeden Fall halten die Leute hartnäckig an ihm fest, ohne zu ahnen, daß es an sich bedeutungslos ist und Religion nur wird, wenn in ihm Religion erlebt wird. Etwa ein mittelalterlicher Deutscher und ein alter persischer Mystiker erleben ganz dasselbe: der eine erlebt es als Christ und innerhalb der Formen der scholastischen Theologie, der andere als Mohammedaner und innerhalb der Formen der philosophierenden Schiah. Das Wesentliche ist nicht die Philosophie, nicht Christentum und Mohammedanismus, sondern das religiöse Erlebnis, das Gefühl, welches diese Kleider anzog. Man kann sich den Vorgang so anschaulich machen.

Durch die Arbeit vieler Generationen von Dichtern, Philosophen, bildenden Künstlern und Gelehrten war die Seele der antiken Menschheit höher gestiegen, und was früher Religion gewesen war, das erschien ihr nur noch als barbarische Furcht vor dem Unbekannten. Ein neues Gefühl war in den Menschen: sie fühlten, daß sie Kinder Gottes werden konnten. Nun suchten sie in den vorhandenen Formen: sie suchten unter den Göttern, Kulten, Mythen; sie kamen etwa darauf, durch den Mithraskult dieses neue Gefühl zu formen; oder durch gnostische Weltschöpfungsmythen. Da war, so könnte man annehmen, in einer der vielen mystischen Kultgemeinschaften ein Mysterium von der Kreuzigung des Sohnes Gottes vorhanden, das zunächst nur als Dichtung geschaffen war, durch welche die sehnsüchtige Spannung der Gemüter sich lösen konnte, wenn es vor den Gläubigen aufgeführt wurde. Dieses Mysterium wurde nun ergriffen, als historische Tatsache gefaßt, daß in Palästina Gottes Sohn als Mensch gekreuzigt sei, und nun gruppierte sich schnell aus altem und ältestem Material und aus neuen Schlußfolgerungen um diesen Kern alles von Gedanken und Geschichten, was das neue Gefühl brauchte, um sich in mittelbarer Form darzustellen. Alle diese Geschichten und Gedanken sind also nicht irgendwie real im Sinne der gewöhnlichen Wirklichkeit; sie sind auch nicht eigentlich symbolisch; sie sind Ausdruck für ein Gefühl und sind an sich ähnlich zu verstehen, wie ein Traum der Ausdruck für ein Gefühl ist; etwa, um einen trivialen Vergleich zu gebrauchen: wenn man träumt, daß man eine Marmortreppe hinaufsteigt, welcher eine Stufe fehlt, so drückt der Traum aus, daß der Träumende eine Zahnlücke hat; ganz gut hätte der Betreffende aber auch träumen können, daß er an einem Zaun vorbeigeht, in dem eine Latte fehlt; ob er diesen oder jenen oder einen anderen Traum hat, welcher die Zahnlücke ausdrückt, das hängt von Erinnerungen und Assoziationen ab, die mit der Zahnlücke nichts zu tun haben.

Man nehme als Beispiel für einen solchen Ausdruck des Gefühls die Lehre vom ewigen Leben.

Die Zeit ist eine Vorstellungsform, ohne die wir in unserem Leben nicht sein könnten. Religion geht aber auf etwas, das hinter unserem gewöhnlichen, bewußten Leben liegt, und in seltenen Augenblicken einer Hochspannung des Gefühls können wir dann sogar den Eindruck haben, daß die Zeit schwindet. Ein mystischer Dichter versucht diesen Zustand auszudrücken durch den Vers »Wem Zeit wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit, der ist befreit von allem Leid«. Der Zustand ist nicht darzustellen; und wenn wir das, was hier gemeint ist, und das jenseits unseres Vorstellungskreises liegt, doch sagen wollen, so müssen wir das doch wieder mit unseren Vorstellungsformen sagen; wir schneiden verstandesmäßig zwei Eigenschaften der Zeit ab: Anfang und Ende, und sprechen dann von Ewigkeit. Vorstellen können wir uns diese Ewigkeit natürlich auch nicht, wir können sie aber doch wenigstens durch jenen logischen Kunstgriff sagen; es ist das ein ähnlicher Vorgang, wie bei der Mathematik der 3+n-dimensionalen Gebilde; man glaubt zu haben, wo man nie haben kann. Hat die Menschheit aber erst einmal den Begriff der Ewigkeit, so beginnt sie mit Ausmalen, natürlich wieder aus dem Gebiet des äußeren, des wirklichen Erlebens, das mit der Religion gar nichts zu tun hat: man verlegt Lohn und Strafe in die Ewigkeit und stellt sich Gott vor wie einen kurzsichtigen Menschen, der etwa Richter ist, indem man sich dabei natürlich in unlösliche Widersprüche verwickelt; und je nach Seele und Geist des Volkes, der Zeit und des Einzelnen wird dann dieses »Jenseits« mehr oder weniger sinnlich ausgemalt als eine Art Diesseits, das nur nach den Wünschen und Neigungen des Betreffenden neu eingerichtet ist. So kann denn zuletzt, was ursprünglich Ausdruck des religiösen Gefühls war, sogar antireligiöse Lehre werden, im besten Glauben natürlich. Lehren etwa wie Prädestination und Gnadenwahl sind doch eigentlich das Grausigste von antireligiösem Geist, was man sich denken kann, und sie sind ausgegangen von religiösen Denkern. Ich glaube, daß die religiösen Dichter ein reineres Gefühl haben wie die Denker.

Da das Gefühl das Ungreifbare, der Ausdruck aber das Greifbare ist, da das Gefühl häufig schwindet, der Ausdruck aber bleibt, so wird der Ausdruck immer so hochgeschätzt und mit der Religion selber verwechselt.

Wenn nun heute ein neues religiöses Gefühl durch unser Volk geht, das sich bei vielen in den vorhandenen christlichen Ausdrucksmitteln nicht ausdrücken kann, so ist es verständlich, daß die Menschen heute so oft sagen: es ist Sehnsucht nach Religion vorhanden. Es ist das vorhanden, was in Griechenland bei den Besten vorhanden war etwa zu der Zeit, als Sophokles den Ödipus auf Kolonos schrieb, das heißt: es ist lebendige Religion vorhanden, die noch keinen Ausdruck gefunden hat. Das ist das Gemeinsame zwischen Religion, Kunst und Liebe: lebendig sind sie nur, solange sie noch Sehnsucht sind, sobald sie die Erfüllung haben, beginnt ihr Sterben: jede Kunstgeschichte ist eine Geschichte des Verfalls der Kunst, jede Religionsgeschichte des Verfalls der Religion; und jeder Dichter, der eine Liebesgeschichte dichtet, dichtet sie nur bis zu dem Zeitpunkt, da die Liebenden ihr Ziel erreicht haben.

Wir haben in unserer christlichen Lehre das Dogma vom Heiligen Geist. Zu allen Zeiten und bei allen Völkern der Christenheit ist immer wieder die Lehre vom dritten Reich aufgetaucht, das dem Reich des Sohnes folgen soll, das Reich des Heiligen Geistes. Auch heute wieder hört man unklar zwischen der Sehnsucht nach dem Deutschen Gott die Worte vom dritten Reich klingen. Sollte es möglich sein, daß die Menschheit eine rein geistige Religion fände, die keinen Körper mehr braucht, keinen Ausdruck und keine Form, und nur noch Gefühl wäre?

Wir nordischen Völker haben wohl manches im Christentum falsch verstanden, weil wir für historisch und wirklich hielten, was überhistorisch und überwirklich gemeint war; noch heute zeugt ja davon der gänzlich gleichgültige Streit, ob Christus gelebt hat oder nicht. Die Ausdrucksweise des Christentums war uns fremd; und vielleicht ist manche Feindschaft gegen die Religion bei uns lediglich aus solchen Mißverständnissen hervorgegangen. Ob uns Deutschen eine unsinnliche Religion nicht angemessen wäre, eine Religion ohne historischen und dogmatischen Ausdruck? Aber freilich, wie könnten wir dann die wichtigen Dinge mitteilen? Es wäre uns eine neue Offenbarung nötig, die Offenbarung des Deutschen Gottes. Eine alte Welt bricht zusammen in diesem Krieg; sollte die neue Welt, die wir kaum von fern ahnen können, auch eine Religion haben, die wir uns noch nicht vorstellen können, die allem widersprechen würde, was wir kennen: das dritte Reich?

»Darf der Dichter skeptischer sein, wie der Philosoph?« fragte Paul Ernst, indem er sich zu Lukacs wendete, »er darf es gewiß, denn wem wäre starker bewußt als ihm, daß alles Irdische – ach, auch alles Überirdische nur ein Gleichnis ist? Wir müssen nicht mit der intelligibeln Welt beginnen, sondern mit der empirischen. Wir haben eine Sehnsucht, uns zu opfern, uns aufzugeben. Wir nennen das, dem wir uns opfern, Staat; was war jener Offiziersfrau der Staat? Das, vor dem sie selbst und ihr Geschick ihr klein erschien, dem sie sich opferte. Vielleicht ist der Staat eine dämonische Macht; aber ich denke, wenn wir den rechten Sinn haben, dann wird aus dem Dämon ein Gott; denn empirisch-historisch ist Gott ja ein Geschöpf des Menschen, und schon mancher Gott ist aus einem Dämon entstanden. Wollten wir über diesen Krieg mit dem Verstand urteilen, dann müßten wir verzweifeln. Freilich ist er nichts weiter, als eine Fortsetzung des Kampfes, den die Völker in den Zeiten führen, welche sie Frieden nennen, nur daß dieser Kampf mit anderen Mitteln und in anderem Zeitmaß geführt wird. Indessen das ist es ja gerade: der Krieg ist höchstes Leben; und wenn wir nicht an Gott glaubten, dann vermöchten wir das Leben nicht zu ertragen. Nun denken Sie: im ausgehenden Altertum bauten die Leute Häuser, in denen die Gerichtstage abgehalten, Handel und Wandel gepflogen wurden. Die Häuser nannte man Basiliken. Aus den Tempeln der alten Götter, der Götter Platons, konnte die christliche Kirche sich nicht entwickeln; sie entwickelte sich aus der profanen Basilika. Gottes Wege sind unerforschlich. Vielleicht werden spätere Zeiten unseren Staatsbegriff einmal als eine empirisch-historische Notwendigkeit für die Entwicklung der neuen Religion auffassen, wie wir die antike Markthalle als die Ahnherrin der gotischen Kathedrale.«

Herr v. Brake hatte den Sprechenden mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Nun begann er, indem er sich entschuldigte, wenn er nicht alles ganz verstanden haben sollte, und fuhr fort, nach der Ansicht des gemeinsamen Freundes Lukacs müsse er doch nun wohl eigentlich zu der Welt der vollendeten Sündhaftigkeit gehören; und er wolle nicht leugnen, daß das Fichtesche Wort einen tiefen und erschütternden Eindruck auf ihn gemacht habe. In einem Augenblick sei vor seinem geistigen Auge sein ganzes Leben vorbeigehuscht. Das sei doch nun gewiß ein Leben voller Erfolge gewesen. Aber er habe auch gefühlt, daß doch das Wesentliche gefehlt habe. Nun werde er das Wort von der vollendeten Sündhaftigkeit wohl nicht mehr vergessen. Er sei ein einfacher Mann und könne sich nicht anders ausdrücken. Er selber sei ein Geschäftsmann; der Geschäftsmann denke doch nur immer an sich, und wenn etwa der Erfolg des Krieges sein sollte, daß Deutschland nun ein neues England werde, dann wolle er lieber, daß Deutschland den Krieg verliere.

Der alte Herr war in einer wunderlichen Erregung. Die Freunde fühlten, daß hier, indessen mit Messern und Gabeln geklappert wurde, etwas Heiliges in seiner Seele vorging. Sie wollten es schonen, deshalb beschloß Paul Ernst ablenkend das Gespräch, indem er auf den Ausgangspunkt zurückging. Er hielt Herrn v. Lukacs entgegen, daß die russische Seele sklavisch ist, und daß eine sklavische Gesinnung auch hinter der ehrwürdigen Stirn Dostojewskis wohnte. Es sei das große Unglück für das Christentum gewesen, daß es sich nicht ganz bei den Griechen entwickeln konnte, in dem ja seine Hauptwurzeln liegen, und daß es bei den sklavisch gesinnten Kleinasiaten bestimmende Züge erhielt. So sei der Zug von Hysterie nicht zufällig dem Neuen Testament mit Dostojewskis Romanen gemeinsam. Lieber, als an das furchtbar leidende Antlitz Dostojewskis, wolle er an die herrliche Gestalt des Sophokles denken, wie wir sie im Lateran sehen. Die Deutschen sind ein stolzes Volk, und wenn ihnen gelingt, zu ihrer Religion zu kommen, dann wird es eine höhere Religion sein wie die Religion der Russen. Aber freilich, unser Weg ist sehr schwer. Und nun schloß er, indem er bekannte, daß ihn jahrzehntelang die Gestalt des Kreon in der Antigone beschäftigt habe. Als fast Fünfzigjähriger glaube er sie endlich verstanden zu haben. Noch Schiller und Goethe sahen das Schicksal des Mannes nicht; daß es heute möglich ist, dieses Schicksal zu fühlen, das zeigt, daß wir unterirdisch seitdem weitergekommen sind.

Die Freunde fühlten, daß es nötig war, das Gespräch zu beenden. Es entwickelte sich wieder das leichte Durcheinander von Unterhaltungen, wie sie bei Tisch gewöhnlich sind.

Paul Ernst sagte leise zu Herrn v. Lukacs: »Haben Sie die Augen des Herrn v. Brake beobachtet, als er sprach? Nur in Deutschland ist es möglich, daß ein Mann bei einer Festtafel solche Worte sagt.«

Herr v. Lukacs antwortete: »Ich erinnere mich an eine Szene in einem Roman von Tolstoi. Zwei Gutsbesitzer auf der Jagd sprechen über den Sinn des Lebens; und der Dichter fügt hinzu: Nur in Rußland ist es möglich, daß zwei Gutsbesitzer auf der Jagd ein solches Gespräch führen.«

Lächelnd warf Paul Ernst ein: »Sie erinnern sich, daß Dostojewski Tolstois Schriften einmal als ›Gutsbesitzerliteratur‹ bezeichnete – vielleicht könnte jemand den Ausspruch unseres guten Brake eine Bourgeoissentimentalität nennen?«

Inzwischen war das Festmahl beendet. Alle standen auf, es bildeten sich die gewöhnlichen kleinen Gruppen, einige der Herren gingen ins Rauchzimmer. Von einer Gruppe kam das Verlangen, mit den Erzählungen fortzufahren. Lachend fügten sich alle; man setzte sich in einem großen Kreis, und bald hatte man sich geeinigt, und die neuen Erzählungen begannen.

Dieses sind die neuen Erzählungen.

Die Athenamünze

Einem Gelehrten in einer kleinen deutschen Universitätsstadt, welcher verwitwet mit seiner einzigen Tochter zusammenlebte, war ein junger Mann befreundet, der sich in ebenderselben Wissenschaft als Privatdozent niedergelassen, in welcher der alte Herr die ordentliche Professur bekleidete.

An einem Abend waren die drei befreundeten Personen in dem behaglichen Arbeitszimmer des Gelehrten versammelt; rings an den Wänden erhoben sich hochgebaut gefüllte Bücherschränke; auf dem Schreibtisch vor dem Fenster standen sauber geordnete Pappkästchen mit gesammelten Notizen, lagen Papiere; um den runden Tisch in der Mitte saßen die drei, warm leuchtete das Licht der elektrischen Lampe durch einen gelbseidenen Schirm auf den Tisch, auf die Weingläser, eine Flasche Falerner, den Lieblingswein des alten Herrn.

Die junge und anmutige Tochter hatte eine alte Silbermünze in der Hand, die der Vater aus seiner Sammlung vorgeholt; eifrig beschaute sie das Gepräge, indes ihr die Locken in das leicht gerötete Antlitz hingen. »Es ist ein Athenakopf auf der einen Seite,« sagte sie, »die Eule und der Ölzweig auf der anderen, und hier steht auch das Alpha und Theta – das muß eine Münze von Athen sein. Ach, wie merkwürdig ist es doch, zu denken, daß vielleicht Plato dieses Geldstück in der Hand gehabt hat, oder Sophokles, daß es nun hat Jahrtausende in der Erde ruhen müssen, bis es wiedergefunden wurde – weißt du etwas von der Geschichte der Münze, Vater?«

Der Vater goß dem jungen Freunde und sich von dem leuchtenden Wein ins Glas; er sagte: »Betrachte sie genau, das ist ein seltenes Stück; sie ist fast wie vom Prägstock; sicher hat sie ein alter Geizhals aus der Münze bekommen und mit anderen Stücken in einen Topf gelegt und frisch vergraben.« Die Tochter strich die zierlichen Locken zurück und machte ein schmollendes Mündchen, indessen der Vater fortfuhr: »Aber eine Geschichte will ich euch doch erzählen von ihr.«

Nun erzählte er, wie er als junger Mann aus vornehmem Geschlechte früher Offizier gewesen und dann auf die Universität gekommen und ohne besondere Neigungen hier und da gehört hatte, wie ihn gerade die Lust ankam. Dann hatte er sich zu dem damaligen Archäologen hingezogen gefühlt, viel bei ihm gehört, in seinem Seminar gearbeitet, hatte ihn auch in seiner Familie besucht – »ich stand zu ihm genau so wie Sie zu mir, lieber Doktor«, wendete er sich an den bescheiden zuhörenden jungen Mann; dieser zuckte etwas zusammen, verbeugte sich verlegen und sagte »Oh«. Der alte Herr hatte gleich dem Erzähler, der nun selber alt geworden war und jetzt an seiner Stelle saß, eine einzige Tochter gehabt; an einem Abend saß er mit den beiden zusammen – »genau so wie wir heute, es war auch Falerner auf dem Tisch, denn mein Schwiegervater liebte den Falerner gleichfalls, ich habe die Neigung von ihm geerbt« – und zeigte die Münze; er hatte eine schöne Sammlung; »weißt du, Kind, die schönsten Stücke, die ich besitze, sind noch von ihm, ich selber habe nie solches Sammlerglück gehabt; und diese Athenamünze war das Schönste, das er hatte. Seine Tochter, die dann deine Mutter wurde, hielt die Münze in der Hand, gerade so wie du jetzt, und betrachtete sie, freute sich darüber, wie schön, ruhig und klar der Kopf gebildet, wie er in dem unregelmäßigen Mund gut gesetzt war; der alte Herr sagte: ›Ja, das Stück soll einmal nicht in fremde Hände kommen, wenn ich sterbe –, das soll einmal dein künftiger Mann haben.‹ Das junge Mädchen wurde feuerrot bis hinter die Schläfen und ließ die Münze fallen; ich bückte mich, sie bückte sich gleichfalls, wir stießen mit den Köpfen zusammen; da wurde es mir plötzlich klar, daß wir uns lieb hatten, ich faßte ihre Hand; sie sträubte sich, aber ich hielt die Hand fest, ging mit ihr zu dem alten Herrn, der mich und das zappelnde Mädchen erstaunt ansah, und sagte: .Geben Sie sie mir zur Frau. Der Schwiegervater setzte die Pfeife ab, tat wieder einen hastigen Zug und antwortete: ›Das ist noch so eine Geschichte aus Ihrer Husarenzeit her.‹ Das Mädchen wollte sich verzweifelt frei machen, aber ich nahm sie nun auch in den Arm und sagte: ›Freilich, Schwiegervater, die Husaren haben immer Glück bei den Mädchen.‹ ›.Na ja, aber ich bin doch kein Husar,‹ antwortete der alte Herr, weil er nichts Besseres zu sagen fand; da mußte ich lachen, denn er sah in seinem Schlafrock auch gar nicht husarenmäßig aus, deine Mutter lachte mit, zuletzt lachte auch der Schwiegervater, und dann paffte er ein paar Züge, goß ein, und wir feierten die Verlobung.«

Indem der alte Herr, welcher damals der Bräutigam gewesen, diese Geschichte erzählte, paffte er in den Pausen mit seiner Pfeife, denn auch er rauchte, wie damals der Schwiegervater geraucht hatte. »Du hast ja jetzt auch eine Pfeife,« rief lachend die Tochter. Der Vater sah an sich nieder, sah die beiden an, schmerzlich rief er aus: »Bin ich denn jetzt schon so alt?« Aber dann nahm er sich gleich zusammen, lachte und fuhr fort: »Das ist die Geschichte der Münze. Und weil sie nun einmal so eine Geschichte hat, so soll sie auch noch eine weitere Geschichte kriegen. Wenn ich einmal tot bin, dann soll dieses Stück dein künftiger Mann haben.«

Hier errötete das junge Mädchen plötzlich und ließ die Münze fallen; sie bückte sich, der junge Doktor bückte sich, beide stießen mit den Köpfen zusammen, fuhren dann auseinander; alle drei wurden sehr verlegen; am schnellsten hatte die Tochter wieder ihre Sicherheit; sie hob die Münze auf, beugte sich mit ihr zur Lampe und sagte: »Wie diese Unregelmäßigkeit des Randes doch die Schönheit erhöht; sie hätte eine gewisse Banalität, wenn der Rand glatt wäre wie bei unseren heutigen Münzen.« Der alte Herr sprach dann über die damalige Technik der Prägung, und so war das Gespräch aus der Nähe der gefährlichen Gefühle und beklemmenden Gedanken entfernt.

Als der junge Doktor sich verabschiedet hatte, sagte der Vater: »Man spürt bei ihm doch immer die Befangenheit, ja man kann sogar sagen, die Schüchternheit, welche durch seine geringe Herkunft erzeugt ist.« Die Tochter erwiderte: »Du hast eben immer etwas an ihm auszusetzen!« »Ich?« fragte verwundert der alte Herr, »hast du dich denn nicht immer über seine kurzen Hosen lustig gemacht?« Hier brach das junge Mädchen in Schluchzen aus und verließ eilig das Zimmer; der alte Herr schüttelte den Kopf, dachte, daß Weiber unberechenbar sind, auch die allervernünftigsten, nahm seine Münze in die Hand, betrachtete sie mit liebkosenden Blicken und legte sie dann an ihre Stelle in ihr Fach im Schrank zurück zu den anderen.

Kurze Zeit nach dem erzählten Vorfall wurde der alte Herr krank; er glaubte nach Art der Männer sein Ende nahe, und mit der ruhigen Vernunft eines verständigen Gelehrten bereitete er sich auf den Tod vor, obwohl er noch gern behaglich einige Jahre gelebt hätte. Der junge Freund war viel um ihn und machte sich durch allerhand kluge Fürsorge und energische Anordnung bei ihm und der Tochter geschätzt.

An einem Tage, als es ihm schon längst besser ging und der Arzt der Tochter erklärt hatte, daß er nun eigentlich schon das Bett verlassen dürfe, ließ er die Tochter und den jungen Freund vor sich kommen und sagte ihnen etwa folgendes: »Ich hinterlasse dir, meine Tochter, ein Vermögen, das mehr wie hinreichend für dein künftiges Leben ist, magst du nun einen Mann heiraten, welchen du willst. Ich kenne dich als ein verständiges und ordentliches Mädchen, das sicher eine gute Wahl treffen wird, und du weißt, daß ich dir, auch wenn ich nicht so früh abgerufen würde, nie Schwierigkeiten gemacht hätte bei der Wahl deines Gatten. Da du aber bei deiner Vorliebe für Feinheit des Äußeren wahrscheinlich keinen Gelehrten wählen wirst, welche sich ja gemeinlich etwas in ihrer Kleidung vernachlässigen und in ihrem Auftreten leicht schüchtern sind, sondern eher einem Offizier, Diplomaten oder Verwaltungsmann folgst, so habe ich große Sorge um die Dinge, welche mir nach dir, mein Kind, das Liebste sind, das ich auf Erden hinterlasse, nämlich um meine antiken Münzen. Versprich mir, daß du die Sammlung gleich nach meinem Ableben einem der großen Geschäfte überreichst, die du ja kennst, damit sie von diesem öffentlich versteigert wird; so bin ich sicher, daß die einzelnen Stücke wenigstens in pflegende Hände kommen, wenn die Sammlung selber allerdings auch zerrissen wird; aber das ist ja nun eben das allgemeine Los solcher Sammlungen, wie der Tod es für die Menschen ist, und ein philosophischer Mann wird sich über das allgemeine Los nicht beklagen.«

Die Tochter suchte ihn lächelnd zu beruhigen über den erwarteten Tod und versprach ihm dann, weil er drängte, seinen Wunsch zu erfüllen. Aber er verlangte nun das geschriebene Verzeichnis der Sammlung, welches mit im Schranke lag, weil er die wertvollsten Stücke anmerken und mit einem Mindestpreis versehen wollte. Er gab ihr den Schlüssel und entließ die jungen Leute, damit sie das Heft holten.

Als sie vor dem Schranke standen, nahm ihr der junge Mann dienstbeflissen den Schlüssel ab, um aufzuschließen; dabei berührten sich ihre Hände und sie wurden beide verlegen. Dann zogen sie alle Fächer auf, um das Heft zu suchen; da sahen sie in dem einen Fach, dessen Reihen athenische Münzen enthielten, jene Münze, welche sie damals in der Hand gehabt hatten; das Mädchen machte eine unwillkürliche Bewegung, das Fach wieder einzuschieben, der Jüngling griff nachdenklich nach der Münze und betrachtete sie, legte sie dann seufzend zurück.

Eine kurze Weile waren die beiden stumm; dann fragte sie mit Anstrengung: »Weshalb seufzten Sie denn?« Er errötete, stotterte »Oh, nichts …« und fuhr dann angelegentlich fort: »Aber wir müssen das Verzeichnis suchen.«

Nach einer Weile sah sie ihm fest ins Gesicht und sagte: »Für einen Gelehrten sind die Frauen doch eigentlich immer nur Nebensache, nicht wahr?« Er geriet in Eifer und sprach sehr viel, um das Gegenteil zu beweisen; aber sie folgte ihrem Gedankengang, sah ihn wieder fest an und schloß seine begeisterte Rede: »Es ist mir auch lieber so, das ist doch eigentlich die natürliche Auffassung.«

Das Heft fand sich nicht; in Aufregung und Zerstreutheit öffneten sie nochmals Fächer, die sie schon geöffnet hatten; so erblickten sie auch wieder die Reihen der athenischen Münzen; nun nahm das junge Mädchen die alte Münze heraus, betrachtete sie lange, sah dann den jungen Mann eigentümlich an und sagte endlich: »Wir haben ja alle unsere kleinen Schwächen, mein guter Vater wird hoffentlich noch recht lange leben und …« sie vollendete diesen Satz nicht; dann begann sie von neuem: »Wenn einmal die Sammlung zerstreut wird, dann sollen Sie diese Münze vorher bekommen, weil, weil…« sie vollendete auch diesen Satz nicht.

Der junge Mann sagte ganz betroffen: »Aber diese Münze sollte doch Ihr künftiger Gatte haben.«

Sie warf ihm das Geldstück ins Gesicht und lief aus dem Zimmer. Er stand bestürzt, endlich wagte er ihr zu folgen; er fand sie in ihrem Stübchen auf einem Stuhl sitzen, das Gesicht in beiden Händen und heftig weinend. Als sie ihn eintreten hörte, sprang sie auf und rief ihm erregt zu: »Was wollen Sie?« Er zog sich zur Tür zurück, nahm die Klinke in die Hand; da rief sie lachend aus: »Jetzt geht er auch noch wieder fort!« Nun überwand er seine Schüchternheit, oder vielleicht war es auch anders gekommen, denn wie es geschehen war, wußten sie beide nachher nicht so recht; kurz, sie hielten einander im Arme und küßten sich. Indem hörten sie den Gang des Vaters vor der Tür, sie prallten auseinander, das Mädchen nahm ihr Tuch vor das Gesicht; der Vater trat ein im Schlafrock und mit der Pfeife und sagte: »Ich habe mir doch überlegt, daß es besser ist, wenn ich das Bett verlasse, ich habe auch noch etwas Notwendiges zu arbeiten«; aber dann fiel ihm die wunderliche Stellung der beiden auf, er fragte erstaunt: »Aber wie kommt ihr denn hierher?« Da blickte das Mädchen hinter dem Tuch vor mutwillig auf den jungen Mann, dieser ging auf sie zu, legte den Arm um sie und sagte zu dem Vater: »Wir haben es so gemacht, wie Sie uns von sich erzählt haben.« »Glaub ihm nicht,« warf die Tochter lachend ein, »er ist nie Husar gewesen.«

»Das hätte ich doch nie gedacht, daß du einen Gelehrten heiraten würdest,« sagte der Vater. »Habt ihr auch den Münzenschrank wieder zugeschlossen?«

Der Kirschbaum

Ein wilder Kirschbaum blühte am Rande eines Weges, der zwischen grünen Feldern mit handhoher Saat in den stillen braunen Wald führte. Ein junger Ritter saß auf seinem Roß und kam unter den blühenden, von Bienen umsummten Baum, auf den vom blauen Himmel hernieder die Sonne freundlich schien. Plötzlich war es ihm, als fühle er eine Zärtlichkeit gegen den Baum; er hielt an, umarmte den seidenglänzenden glatten Stamm und küßte ihn; wie er das getan, schämte er sich seines törichten Handelns, ließ den Stamm los, ergriff wieder die Zügel und drückte leicht mit den Knien das lustige junge Pferdchen, daß es fröhlich wiehernd und mit dem Kopf nickend sich in eine rasche Gangart setzte.

Da war es ihm, als spüre er hinter sich ein leichtes, federleichtes Wesen sitzen, er wunderte sich nicht und sah sich nicht um; zwei feine Hände in zarten, seidenweichen Handschuhen schoben sich von hinten und schlangen sich um seinen Leib, das leichte Wesen hielt sich an ihm fest. »Wenn ich denn schon träume!« dachte er, zog den einen Handschuh leise von dem Händchen und steckte ihn in die Tasche. Ein silberhelles Lachen ertönte von dem Wesen hinter ihm und eine zarte helle Stimme sagte: »Nun hast du mich gefangen, und wenn ich bei dir bleiben soll, so darfst du mir den Handschuh nie wiedergeben.« Hier wendete er sich um und sah ein wunderliebliches Gesicht, hell wie eine Kirschenblüte, mit blauen, tiefen Augen wie der Himmel und goldenem Haar wie ein reifes Weizenfeld. Er blickte sie erstaunt an, und das Mädchen lachte wieder mit dem Klang eines silbernen Glöckchens. Das Pferdchen hielt still, riß den Kopf zur Erde und kaute am Gebiß, der Jüngling starrte noch immer; da sagte das Mädchen: »Willst du nicht umwenden und zu deinem Hause hinaufreiten? Denn ich bleibe doch nun bei dir.« »Ja, das will ich tun, wenn du nun bei mir bleibst,« erwiderte er, wendete um und ritt seinen Weg zurück. Wie er unter dem Kirschbaum durchkam, rief das Mädchen: »Lebe wohl, lebe wohl.« »Wie, willst du gehen, ich denke, du willst bleiben?« fragte erschrocken der Jüngling; das Mädchen lachte und sprach: »Nicht von dir nahm ich Abschied.«

So brachte er das Mädchen nach Hause, und sie blieb bei ihm; sie küßte ihn und lachte ihm zu mit heiteren, glücklichen Augen; und wenn sie zu ihm lachte, dann vergaß er sein Haus, die Menschen und die Enge, und es war ihm, als liege er ruhig und ohne Gedanken unter einem schönen Baum, in dessen grünem Laube golden die Sonnenstrahlen irren. Sie stand am hohen Fenster und sah ins weite Land hinaus, und Bienen kamen, viele Hunderte, und umsummten sie, sie aber stand ruhig und ohne Angst inmitten des Schwarmes, und zuletzt sagte sie lachend: »Fliegt weiter zum Birnbaum, stiegt weiter zum Schlehdorn. Verblüht ist die Mandel, nun blüht bald der Apfel.« Da zogen sich die Bienen zusammen zu einem dunklen Schwarm und flogen fort.

Nach Wochen war es, als ob ihre weiße, durchsichtige Haut sich leise röten wollte wie eine helle Kirsche; ihre freundlichen Lippen lächelten gütig, und der Jüngling sagte: »Ich denke, du mußt schöne Gaben reichen jedem, der vorüberkommt, Erquickung dem müden Wanderer; ich kann mir nicht anders denken, als daß das so ist; und hast du mir nicht auch Heiterkeit gebracht, Leichtigkeit und Güte?« »Ich will bei dir bleiben,« antwortete sie, »versprich mir, daß du mir nicht nachgeben willst, wenn ich dich einmal um etwas bitte, denn wenn du mir nachgibst, so wird ein Unglück folgen.« »Ach, du Liebe, du hast doch noch nie etwas von mir gebeten,« sprach er, »du bist nur immer fröhlich und bist freundlich zu mir, wenn ich dir ein kleines Geschenk mitbringe, einen Ring oder ein Band oder einen Gürtel oder Ähnliches, so freust du dich, damit ich mich über deine Freude freue, aber dann legst du das Geschenk fort. Bitte doch einmal etwas von mir, damit ich weiß, was dir eine wirkliche Freude machen kann, damit ich es dir kaufe oder suche.« Da wurde das Mädchen ängstlich, in ihren klaren Augen stiegen Tränen auf, sie faltete stehend die Hände und sagte zu ihrem Freunde: »Lieber, ich flehe dich an, wenn ich dich einmal um etwas bitte, so gewähre es mir nicht, denn wenn du es mir gewährst, so folgt ein Unglück.« Da lachte er, küßte sie auf die Stirn und sprach: »Wie bist du doch kindisch!« Aber sie ließ nicht nach mit Flehen, bis er ihr versprach, daß er ihr niemals eine Bitte erfüllen wolle.

Wie dieses nun gewesen war, da erzählte nach einigen Tagen der Jüngling, daß er ausgeritten sei und sei durch Zufall an dem Kirschbaum vorbeigekommen, bei dem er sie damals getroffen im Frühjahr, und der Baum habe voller weiß und roter Kirschen gehangen und habe seine Früchte ihm dargeboten, und ihm sei gewesen, daß er immer habe an sie denken müssen bei dem anmutigen Baum und den schönen Früchten. Da faßte sie auf ihr Herz und sagte zu ihm: »Nun ist schon Sommer, und der Roggen beginnt zu vergilben, nun war ich so lange hier in deinem Hause und habe dir noch nicht eine Bitte gesagt. Jetzt aber bitte ich um etwas, nämlich daß du mich auf deinem Roß mitnimmst zu dem Kirschbaum, denn ich will den Kirschbaum sehen!« Da dachte er daran, daß er versprochen, ihr nie einen Wunsch zu erfüllen, aber er dachte: »Wie kann ich ihr denn abschlagen, um das sie mich bittet? So lange ist sie schon bei mir und hat mich lieb, und noch nie hat sie mir einen Wunsch gesagt; und nun will sie so Kleines.« Deshalb versprach er ihr, daß er mit ihr reiten wolle am anderen Morgen, und stieg am anderen Morgen auf sein Roß und hob sie hinter sich, und sie schob ihre Hände wieder vor, eine Hand mit einem Handschuh und eine bloße Hand, faltete die Hände, und so hielt sie sich an ihm. Wie er aber ritt, da fühlte er, wie ihre Tränen ihm auf den Nacken fielen. Er fragte sie: »Weshalb weinst du?« »Ich weine, weil du mir meinen Wunsch erfüllt hast,« sagte sie. Da dachte er: »Wie gut ist sie, daß sie sich bis zu Tränen freut, weil ich ihr diese Kleinigkeit gewährt habe.«

So kamen sie nun unter den Kirschbaum, der seine Zweige darbot; und wie das Pferd mit ihnen unter dem Kirschbaum war, da sagte das Mädchen: »Nun hast du mir meinen Wunsch erfüllt, und ich freue mich, daß ich wieder unter dem Kirschbaum bin. Aber nun habe ich noch einen zweiten Wunsch, und weil du so gut bist und mich so lieb hast, so bitte ich auch noch um den zweiten.« »Sage mir, was du willst,« antwortete er, »ich will dir erfüllen, was du wünschest.« »Als du mich im Frühjahr fandest, da zogst du mir einen Handschuh aus und nahmst ihn zu dir,« sagte sie, »und ich weiß, daß du ihn noch bei dir führst. So gib mir nun auch meinen Handschuh wieder.« Da lachte der junge Ritter und sprach: »Wenn du doch um ein Großes bitten möchtest, denn Liebe will so gern schenken!« Und damit nahm er den Handschuh vor, und scherzend zog er ihn ihr selber an die weiße Hand, die sie ihm unter seinem Arm hindurch nach vorn reichte.

Aber wie der Handschuh über die Hand gestreift war, da hörte er sie tief seufzen, und unter Weinen sprach sie: »Nun lebe wohl,« und wie er sich erschrocken nach ihr umsah, da war sie verschwunden, und wie er auf seine Brust vor sich sah, über die noch eben ihre Hände geschlungen waren, da waren die Hände verschwunden, durch den Kirschbaum aber ging ein leises Schauern.

Die Stärkere

Der verwitwete Herzog v. Uzès verliebte sich als Fünfzigjähriger in das reizende achtzehnjährige Fräulein v. Monbars. Ein achtzehnjähriges vornehmes Fräulein war im Frankreich des siebzehnten Jahrhunderts gewöhnlich ein unbeschriebenes Blatt; von dem Fräulein v. Monbars aber wurde behauptet, daß schon mehrere Männer ihren Namen auf ihr verzeichnet hatten. Nun, das sei, wie es will; der Herzog fragte die Mutter, die Mutter sprach mit der Tochter, die Tochter lachte, bis sie nicht mehr konnte, und sagte: »Verschimmeltes Brot esse ich nicht.« Die Mutter wurde ernst, stellte ihr alles vor, sprach auch von den ungünstigen Gerüchten, welche über sie gingen; das Fräulein zuckte endlich die Achseln und sagte: »Nun, wie der Herr Herzog will. Er ist sehr mutig.« Die Mutter sah ihr Kind an, dann erwiderte sie in ernstem Ton: »Man erzählt, daß der Herzog seine erste Gattin zwang, einen Giftbecher zu leeren, weil er sie einer Untreue überführt hatte.« Das Fräulein schmollte und sagte: »Du bist so langweilig.« Nun küßte die Mutter sie auf die Stirn, ging ins Nebenzimmer, kehrte mit dem Herzog zurück; der Herzog verbeugte sich tief, küßte ihre Hand und steckte ihr an den einen Finger einen kostbaren Verlobungsring. Sie betrachtete den Ring, rief: »Ach, wie schön,« fiel dem Herzog um den Hals und küßte ihn. Die Mutter lächelte mütterlich und streichelte ihr die Hand.

Die Vermählung wurde bald gefeiert, und da der Herzog keine Schönheit war, so machte man über das junge Paar viele Witze. Der Herzog war klein und dürr und hatte eine ungeheure Hakennase in seinem schmalen Gesicht; der Herr v. Benserade flüsterte der jungen Frau ins Ohr: »Abends hängen Sie ihn doch mit seiner Nase am Kleiderhaken auf?« Als Antwort kniff sie ihn ins Bein, daß er beinahe schrie.

Nun geschah es einmal eines Abends, daß Herr v. Benserade langsam die Rue de Rivoli entlang ging, ab und zu in ein Schaufenster blickte, einem hübschen Mädchen nachsah, einem Bekannten einen Gruß zuwinkte oder mit einem Freunde ein paar Worte und einen Händedruck wechselte; da sprach ihn ein Mann an und überreichte ihm ein Briefchen. Er öffnete das Briefchen und fand, daß es von einer zierlichen Damenhand geschrieben war und die Aufforderung enthielt, dem Überbringer zu folgen. Benserade sah dem Mann noch einmal genau ins Gesicht und machte ihm dann eine Handbewegung, daß er vorangehen solle. Der Mann ging vorauf, Benserade folgte ihm; in einer entlegenen Straße stand ein Wagen, Benserade stieg mit dem Mann ein; der Mann bat um die Erlaubnis, ihm die Augen verbinden zu dürfen; er gestattete es; der Wagen fuhr sehr lange durch Straßen, dann in eine Torfahrt; der Mann half Herrn v. Benserade heraus auf eine kleine Treppe, nahm ihm hier die Binde ab und führte ihn in ein sehr schön möbliertes Zimmer und ließ ihn allein.

Auf einem mit Silbergerät prächtig gedeckten Tisch war ein Essen für zwei Personen angerichtet; Wein stand bereit; ein dreiarmiger silberner Leuchter mit duftenden Wachskerzen erhellte ungewiß den großen Raum: einen geschnitzten breiten Schrank, ein großes Bett mit rotdamastenen Vorhängen, Porträts an den Wänden. Indem Benserade dies alles flüchtig überschaute, öffnete sich die Tür, eine anmutige Dame im grünen schleppenden Seidenkleid, eine Halbmaske vor dem Gesicht, die Haare durch einen Schleier verhüllt, trat in das Zimmer, machte ihm eine Handbewegung nach dem Stuhl und setzte sich; der Mann, welcher Herrn v. Benserade gebracht hatte, erschien und servierte stumm und ernst; ein Gespräch kam in Gang, das von der Dame in jenem hohen Ton geführt wurde, in welchem die Masken sprechen. So gut waren alle Vorbereitungen getroffen, daß Benserade sich vergeblich den Kopf zerbrach, wer sein Gegenüber sein könne, er sah die Eßbestecke an und bemerkte ein Wappen; heimlich nahm er einen kleinen Löffel zu sich und steckte ihn in die Tasche.

Die Unterhaltung, welche zuerst natürlich gezwungen gewesen, belebte sich schnell, der Diener goß Wein ein, die beiden stießen lachend ihre Gläser an; als sie abgegessen hatten, räumte der Diener geräuschlos das Geschirr ab und ließ sie dann allein.

Am anderen Tage war Herr v. Benserade im Louvre. Er trat auf eine Gruppe von Herren zu, zog den Löffel aus der Tasche und zeigte ihn vor, indem er erzählte, er habe ihn zufällig unter seinem Silber gefunden, das Wappen sei ihm fremd, und er möchte gern wissen, wem das Wappen gehöre. Der Löffel wanderte durch einige Hände, endlich rief ein Herr: »Das ist ja dein Wappen, Uzès.« Der Herzog v. Uzès, welcher mit in dem Kreise stand, nahm den Löffel, betrachtete ihn und bestätigte das; es wurde noch verschiedenes Gleichgültige gesprochen, über die Dienstboten und ihre Nachlässigkeit mit dem Silber; dann gingen die Herren auseinander.

Zu Hause ließ der Herzog den Silberdiener kommen, zeigte ihm den Löffel und fragte. Der Mann beteuerte, daß er noch gestern das Silber nachgezählt habe, und es sei alles vorhanden gewesen; er mußte nachsehen und kam dann zurück mit der Nachricht, daß allerdings dieser Löffel fehle. Der Herzog gab ihm einen Verweis und entließ ihn. Dann ging er in die Gemächer seiner Gemahlin.

Er teilte ihr mit, daß er beabsichtige, Paris mit ihr zu verlassen und für einige Wochen auf ein Schloß in der Provinz zu ziehen. Als er das sagte, sah er so finster aus, daß die Herzogin erschrak; aber gleich beherrschte sie ihren Schreck wieder; sie mußte daran denken, daß sie ihn des Abends am Kleiderhaken aufhängen sollte, und lachte. Der Herzog furchte die Stirn, ermahnte sie, Sorge zu tragen für die Dinge, welche sie mitnehmen wolle, und ging dann aus dem Zimmer. Sie setzte ein Briefchen an Benserade auf und schrieb, daß der Herzog alles erfahren habe, und daß Benserade sie rächen solle, wenn sie nicht von der Reise zurückkomme; am Schluß schrieb sie, daß sie ihm nicht zürne, denn sie habe ihn lieb. Dieses Briefchen schickte sie ab, und dann begann sie mit ihren Dienerinnen zu packen.

Die Reise in dem unbehilflichen und hochbepackten Wagen dauerte viele Stunden. Die Gatten saßen einander gegenüber, der Herzog schweigsam, in sich versunken; die Herzogin oft aus dem Fenster in die Landschaft sehend, gähnend und mit dem Händchen sich auf den Mund klopfend, zuweilen einen Versuch zu einem Gespräch machend. Spät am Abend kamen sie zu ihrem Ort. Der Wagen hielt vor einem schwarzen, tiefen Tor, in dem drohend über ihnen ein eisenbeschlagenes Fallgatter hing; ein finsterer Schloßverwalter empfing sie, geleitete sie über eine ausgetretene steinerne Treppe in feuchtkalte Gemächer; als die Herzogin fröstelnd ihren Mantel zusammenzog, erzählte der Mann, daß er in ihrem Zimmer habe heizen lassen. »Es ist das Zimmer, in dem meine erste Frau gestorben ist?« fragte der Herzog; der Mann bejahte; die Herzogin verlangte in scharfem Ton von ihrem Gatten, daß er sie führen solle, und im Abgehen sagte sie ihm ins Ohr: »Welch überflüssiges Pathos.«

Wie sie angekommen waren, setzte sich die Herzogin in einen Stuhl, der Herzog ging auf und ab. »Weshalb sprichst du nicht?« fragte sie ihn. Endlich sagte er: »Ich lasse dir die Wahl, welchen Tod du sterben willst.« »Gib mir das Gift, das du deiner ersten Frau gegeben,« antwortete sie mit ruhiger Stimme. Er trat an den Tisch, nahm ein Pulver aus der Tasche, schüttete es in ein Glas und goß Wasser dazu, dann reichte er ihr das Glas. »Deine Hand zittert ja nicht,« sagte er. »Ich habe gute Nerven,« antwortete sie und setzte das Glas an den Mund.

Da riß er ihr das Glas fort, schleuderte es auf den Boden, daß es zersplitterte und der Inhalt sich ergoß. Sie sah ihn verwundert an, er lief aus dem Zimmer, durch den langen Gang, in die Stube, welche er für sich bewohnte.

»Er hat sich geschämt,« schrieb die Herzogin an Herrn v. Benserade. »Kommen Sie und besuchen Sie mich. Ihnen werde ich treu sein; ich will für Sie sorgen wie eine Mutter, denn so muß man Sie lieben.«

Die Heirat des Verurteilten

Zwei junge Leute trafen sich etwa gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts an einem schönen Frühlingstage vor den Toren von Stockholm. Der eine war stattlich gekleidet und ritt auf einem schönen Pferd, der andere ging bescheiden zu Fuße, und sein Anzug ließ nicht auf eine große Reisekasse schließen.

Der Fußgänger grüßte den Reiter; der Reiter antwortete höflich; es entwickelte sich ein Gespräch; es stellte sich heraus, daß die beiden junge Herren von Adel waren, und nach Stockholm gingen, um sich dem König vorzustellen; der Reiter saß ab, ließ sein Pferd am Wegrand grasen und setzte sich zu dem anderen auf einen Steinhaufen; dann erzählten sie sich ihre Geschichte, deren wesentlicher Inhalt war, daß der Reiter wohlhabende Eltern hatte und Lindstern hieß und der Fußgänger arm war und sich Ridderschwert nannte. Lindstern fand, das Leben habe ihm bis jetzt immer übel mitgespielt, Ridderschwert hatte bis nun noch keinen Grund zum Klagen gefunden. Lindstern machte dem anderen den Vorschlag, sie wollten Freunde sein, Ridderschwert nahm an und eröffnete den Bund mit der Bitte um ein Darlehen von drei Reichstalern, die der Freund gleich aus einem Täschchen vorzog, das ihm seine Mutter selber genäht und um den Hals auf die bloße Haut gehängt hatte, damit es ihm nicht gestohlen werde. Nachdem sie noch eine Weile geplaudert, verabredeten sie ein Gasthaus, wo sie sich treffen wollten; Lindstern schwang sich wieder auf sein Pferd und ritt weiter, und Ridderschwert zog zu Fuß hinter ihm her.

In der Stadt trafen sie sich nach ihrer Verabredung, ruhten sich aus, ließen ihre Kleider in Ordnung bringen und wurden den anderen Tag bei Hofe vorgestellt.

Die Königin gab ein Gartenfest und lud die beiden Herren ein; sie selbst war als Diana gekleidet, ihre Hofdamen als Nymphen, der König als Endymion, der Oberhofprediger als Silen, und wer von den Herrschaften am Hofe sonst noch Geld genug hatte für eine Maske, der stellte nach seinen Fähigkeiten irgendeinen anderen Gott, Halbgott oder mythischen Helden vor. Die beiden Freunde machten runde Augen, wie sie die vielen schönen Mädchen in den anmutigen Gewändern sahen, und Ridderschwert stieß Lindstern in die Seite, daß er braun und blau wurde. Eine Nymphe blieb plötzlich vor den beiden stehen, sah sie schalkhaft an, erhob ihren Speer und zielte auf sie; Lindstern zuckte zurück und Ridderschwert eilte auf sie zu; da wirbelte sie den dünnen Speer hoch in der Hand, lachte hell und eilte leichtfüßig davon über die Wiese, wo Maßliebchen und Veilchen zwischen dem niedrigen Gras blühten. Ridderschwert fragte einen kurzatmigen und dicken Herrn, der eine Lyra in der Hand trug und den Apollo darstellte, nach dem Namen des schönen Mädchens; der Herr antwortete mit stolzglücklichem Lächeln auf dem breiten Gesicht, indem er sich den Schweiß abwischte: »Das ist nämlich meine Tochter, das Fräulein von Palmschild.«

Lindstern war blaß geworden. Er zog Ridderschwert mit sich fort an eine einsame Stelle des Parks, legte die eine Hand auf sein Herz, ergriff mit der anderen die Rechte seines Freundes und rief: »Die ist es.« »Was?« fragte Ridderschwert verwundert. »Die ich liebe,« sagte der andere. Ridderschwert lachte. »Es ist die wahre Liebe, die Liebe auf den ersten Blick,« beteuerte Lindstern. Ridderschwert kaute an seinem Schnurrbärtchen und sagte: »Geschmack hast du, sie ist ein verdammt hübsches Frauenzimmer. Wenn du die kriegst, dann kannst du von Glück sagen.« Hier traten Lindstern die Tränen in die Augen, er sank dem anderen an die Brust und sprach: »Sie wird sicher schon versprochen sein.« »Na, dann frage sie doch,« riet ihm der Freund. Lindstern erwiderte, er werde nie den Mut haben. Ridderschwert lachte und sagte: »Dann werde ich sie fragen.« Lindstern errötete, dann drückte er dem Freunde stumm die Hand und ging von ihm fort. »Eine putzige Kruke, hat Angst vor einem hübschen Mädchen,« sagte Ridderschwert für sich; »aber ein anständiger Kerl; wir wollen sehen, was sich machen läßt.« Er strich sich die Handschuhe glatt, ging wieder zu der Gesellschaft, suchte, bis er Fräulein von Palmschild fand, und trat auf sie zu, verneigte sich und zog tief seinen Hut ab. Die schöne Nymphe errötete; er lachte. »Weshalb lachen Sie?« fragte sie ihn unwillig. »Wir haben uns immer darüber gestritten, ob die Mädchen auch im Dunkeln erröten,« erwiderte er, »und ich habe stets behauptet, das ist nicht der Fall. Aber nun sehe ich, daß Sie nur bis zum Hals erröten, und man sieht doch mehr als nur Gesicht und Hals.« Ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie wendete sich ab. Er ergriff ihre Hand und sprach: »Verzeihen Sie den Scherz, er war zu dreist.« »Was wollen Sie von mir?« fragte sie leise. Hier nun wurde er plötzlich verlegen, er stotterte: »Ich sollte Sie von meinem Freund Lindstern fragen …,« aber mehr konnte er nicht vorbringen. Sie merkte seine Verlegenheit, lachte hellauf, sah ihn unter ihren Tränen schelmisch an und rief ihm zu: »Weshalb fragen Sie denn nicht für sich selber?« Damit lief sie fort, und es war ihm vor seinen trunkenen Augen, als ob die Blumen und Gräser sich unter ihren Tritten nicht bogen.

»Donnerwetter,« murmelte er; »das kann mir keiner übelnehmen«; und damit machte er sich mit langen Schritten hinter der zierlichen Nymphe her. Wirklich erreichte er sie auch nach einiger Zeit wieder; sie stand vor einem dichten Gebüsch und konnte nicht weiter, er stellte sich breit vor sie hin und verhinderte, daß sie ihm vorbeifloh, dann sagte er: »Ich frage für mich.« Da nahm sie ihren Speer, stieß den Verehrer mit dem stumpfen Ende in die linke Weiche, wo die kitzlige Stelle ist, er bog sich vornüber, und nun entwischte sie ihm lachend. Sein Hut war zur Erde gefallen, er hob ihn auf, setzte sich ihn wieder auf den Kopf und sagte zu sich: »So, das ist in Ordnung, jetzt wird der Alte gefragt.«

Wie er aber den Alten aufsuchen wollte, traf er den Freund, der erwartungsvoll beide Hände gegen ihn ausstreckte, um dankbar seine Rechte zu ergreifen, und fragend ausrief: »Nun?« Die Sache war ihm doch fatal, und so antwortete er denn brummig, in einem Tone, als ob der andere schuld sei: »Sie liebt überhaupt mich.« Entgeistet wich Lindstern zurück, sah ihn starr an, plötzlich zog er seinen Degen und rief: »Nimm Deckung.« So fochten sie nun, und da Ridderschwert geschickter und schneller war wie der andere, so lag Lindstern bald auf dem Boden. Das Geklirr der Waffen hatte Menschen herbeigezogen, man ergriff Ridderschwert, der auf den bewußtlosen Körper starrte, beschäftigte sich mit dem Verwundeten; ein Arzt erklärte die Verletzung für sehr gefährlich; der König erschien, Fräulein von Palmschild kam, machte einen langen Hals, und als sie den zerstörten Jüngling erblickte, den die Umstehenden festhielten, fiel sie in Ohnmacht.

Um dem Duellunwesen zu steuern, hatte der König ein scharfes Gesetz gegeben, nach welchem jeder, der einen anderen im Zweikampf verletzte oder tötete, mit dem Tode bestraft werden sollte. So wurde der unschuldige Jüngling denn ergriffen und in ein Gefängnis geschleppt; der König hatte selber die schärfsten Befehle gegeben.

Der dicke Herr von Palmschild liebte seine Tochter zärtlich und mußte alles tun, was sie wollte; so ging er denn zum König und bat für den Verbrecher; der König antwortete ihm, er dürfe nicht begnadigen, so leid ihm auch der junge Mann tue. Fräulein von Palmschild weinte so lange, bis die Königin ihren Gemahl aufsuchte und Fürbitte tat; der König war unerbittlich und sagte, er würde seinen eigenen Sohn hinrichten lassen, wenn er sich duellierte. Lindstern wurde gut gepflegt, und da er ein junger und gesunder Mann war, so genas er wieder; als er eben gehen konnte, erbat er eine Audienz, fiel dem König zu Füßen, erzählte, wie er selber zuerst den Degen gezogen habe und wie sein Freund eigentlich unschuldig sei. Der König antwortete ihm: »Gott hat mich auf meinen Thron gesetzt, daß ich tue, was recht ist, und nicht, was mir gefällt.«

Nun hatten die Richter das Urteil gesprochen und Ridderschwert sollte in einer Woche hingerichtet werden. Da erklärte Fräulein von Palmschild ihrem Vater: »Ich liebe ihn und will mich mit ihm verheiraten, damit ich wenigstens nachher seine Witwe bin und vielleicht einen Sohn von ihm großziehen kann.« Der Vater tat natürlich alles mögliche, um sie von diesem Plan abzubringen, er versprach ihr ein Reitpferd, ein Brokatkleid, einen Brillantschmuck, er schlug ihr vor, sie solle Lindstern heiraten; sie bestand auf ihrem Willen; die Königin küßte sie und sagte ihr, sie sei ein mutiges Mädchen, auch der König sprach sich anerkennend aus; der alte Palmschild weinte und sagte, die Worte der Herrschaften seien sein einziger Trost; und so wurde denn die Hochzeit im Gefängnis gefeiert.

Eine Woche lang lebten die Neuvermählten zusammen. Der König hatte Befehl gegeben, daß ihnen zwei Zimmer und eine Küche im Gefängnis eingeräumt wurden, die junge Frau hatte die Zimmer behaglich und zierlich mit schönen Möbeln ausgestattet, die Küche mit blankem Kupfergeschirr, der König hatte ein köstlich geschnitztes Bett geschenkt, die Königin die Bettwäsche, alle Freunde, Verwandten und selbst die entferntesten Bekannten, ja ganz fremde Menschen, hatten Silbergerät, Teppiche, Bilder und allerlei anderen Schmuck in die junge Wirtschaft gestiftet; und so saßen die beiden behaglich und heiter in ihrer Weltabgeschiedenheit, lachten und trieben Scherz.

Unterdessen aber war Lindstern nicht müßig.

Damals hielt sich gerade eine russische Gesandtschaft am schwedischen Hof auf, und man wußte, daß der König genötigt war, jede mögliche Rücksicht auf die Russen zu nehmen. Lindstern hatte mit den Herren dieser Gesandtschaft freundschaftliche Beziehungen angeknüpft, unter großen Qualen freilich, denn die Russen tranken entsetzlich viel, und zwar reinen Schnaps. So hatte er denn vermocht, sie für seinen Freund zu erwärmen; wie die beiden verheiratet waren, hatte er sie mit den Russen besucht; die junge Frau hatte ein reizendes Essen angerichtet, nach dem Essen hatte man getrunken, gesungen, getanzt, dann hatten alle untereinander Brüderschaft gemacht, dann hatten die Russen die Gläser zerschlagen, und zuletzt hatten sie erklärt, der Zar werde nicht dulden, daß ihr Freund wegen einer solchen Kleinigkeit hingerichtet werde.

Wie nun das Blutgerüst auf dem Schloßhof aufgerichtet war, der ganze Hof versammelt, der gute Ridderschwert mit gebundenen Händen, nacktem Hals und geschorenem Haar ankam, begleitet von seiner geliebten Frau, welche ihre Hand unter seinen rechten Arm geschoben hatte, da erhoben sich plötzlich die Russen, schritten vor die Majestäten, machten eine tiefe Verbeugung und erklärten, daß sie für das Leben des jungen Mannes bäten und ihrem Zaren schreiben wollten, daß sie diese Bitte an die Majestät richteten als ein Zeichen der Freundschaft für den Zaren, denn wenn der Zar die Geschichte des jungen Mannes höre, so werde er sich gewiß freuen, wenn er seinetwegen begnadigt sei.

Der König wollte ja gern begnadigen, und nun er durch die Bitte der Gesandten einen Grund hatte, erhob er sich erfreut und sagte: »Ich erweise gern meinem erhabenen Vetter von Rußland diese Gefälligkeit.« Da freuten sich die Russen so, daß sie in ihrer Begeisterung platt auf die Erde fielen und Hurra riefen, wie sie es vor ihrem Monarchen tun, der alte Palmschild stimmte mit in das Hurra ein, die anderen Leute auch; die junge Frau schnitt mit ihrer Schere, die sie am Gürtel hängen hatte, die Bande des Gefangenen durch, fiel ihm um den Hals und küßte ihn; Lindstern kam zaghaft herbei und wünschte ihr Glück, da fiel sie auch ihm um den Hals und küßte ihn, und das machte Lindstern so glücklich, daß er nun auch seinen Hut schwenkte und noch einmal Hurra rief, als die anderen schon aufgehört hatten zu schreien, was denn ein allgemeines Gelächter und eine große Fröhlichkeit bei allen erzeugte.

Das Geheimnis

Auf einer Wiese am Rande des Waldes von Fontainebleau lag das Gras in Schwaden; drei junge Mädchen gingen jede an einer Schwade entlang mit Rechen und warfen es auseinander; sie hatten anmutige Kleider aus weißem Leinen, und ihre hübschen Gesichter, welche durch die Arbeit und Hitze gerötet waren, wurden durch die reizenden Hauben der Erntearbeiterinnen verschattet. Die Sonne schien blank und strahlend vom blauen Himmel, es war tiefe Mittagsstille; die Zweige und Blätter am nahen Waldrande rührten sich nicht; metallisch glänzende Fliegen summten unten über dem schon schlaff zusammengesunkenen Gras; die Arbeit ging flink; einzelne und verfitzte Halme wurden von dem Rechen in die Luft geworfen; die Mädchen hatten mit kleinen Händen die Rechen fest gefaßt und traten mit zierlichen Füßen in durchbrochenen Schuhen fest auf die Stoppeln.

»Mittag,« sagte die eine; sie hörten mit ihrer Arbeit auf, strichen an den Kleidern herunter, nahmen den Rechenstiel in die Mitte und gingen zu einer Ecke des Waldrandes, wo sie von einem Spitz bewacht in einer Kiepe, in sauberes, weißes Linnen verpackt, ein großes Brot liegen hatten, eine große Schüssel, ein Messer und drei silberne Löffel; zugekorkte Flaschen mit Milch kühlten in einem klaren Bach, der auf einem dunklen Grunde leise plätschernd neben ihnen dahinglitt. Indessen der Spitz schwanzwedelnd um sie herumlief und zuweilen aus Freude leise und bescheiden kläffte, stellten sie die Harken zusammen, breiteten das Linnentuch aus, setzten die große bunte Schüssel in die Mitte, in welche der Töpfer einen frommen Spruch gemalt; die eine zerschnitt das Brot in Würfel, die andere entkorkte die Milchflaschen und goß die Milch auf die Brotstücke. Dann knieten sie nieder und beteten, lagerten sich, indem sie den Kleidersaum über die Fußspitzen zupften; jede nahm ihren silbernen Löffel, und eben wollten sie mit Essen beginnen, als der Spitz wütig bellend auffuhr. Die eine stieß einen lauten Schrei aus, die anderen schrien gleichfalls, und alle sprangen auf; da standen sie drei jungen Männern in Jägertracht gegenüber, welche eben durch den Wald gekommen waren und sich wohl durch ihr lustiges Geplauder und das Klappern der Flaschen hatten anziehen lassen. Der Spitz beroch sie, beruhigte sich schnell und ging zurück, die drei jungen Männer zogen die Hüte und entschuldigten sich höflich, die Mädchen lachten über ihren Schreck. Dann trat eine kleine Pause ein, eine leichte Verlegenheit erschien, die Mädchen stießen sich verstohlen an und kicherten; »Louisen,« sagte leise ermutigend die eine zu der ältesten. Louisen trat kühn einen Schritt vor und lud die Herren mit höflichen Worten ein, an ihrem Mittagessen teilzunehmen, die Herren dankten, man lagerte sich; und da nur drei Löffel vorhanden waren, so mußte immer ein Pärchen abwechselnd mit einem Löffel aus dem gemeinsamen Napf essen. Darüber wurde viel gekichert und gelacht. Bald war die Schüssel geleert. Nun aber schnallte auf den Wink des Herrn, der mit Louisen gegessen hatte, einer der jungen Männer eine Jagdtasche ab; da hatte er wohlverpackt drei gebratene Hähnchen, weißes Brot und eine Flasche Wein. Der Wein wurde in den Bach gestellt, die jungen Männer zogen ihre Weidmesser, und nun machte sich jedes Pärchen einträchtig über ein Hähnchen her, bis von allem nur noch ein Häufchen abgenagter Knochen übrig blieb. Dann wurde der Wein entkorkt, in einen zierlichen, silbernen Becher gegossen, jeder der Herren trank mit einem seinen Kompliment auf seine Dame, die Mädchen zeigten sich zuerst schüchtern, aber dann gab Louisen als die erste Bescheid und die beiden anderen folgten. Nun wurden die Knöchelchen dem braven Spitz gegeben, welcher als ein wohlerzogener Hund die ganze Zeit getan hatte, als interessiere ihn das Essen gar nicht; das Tischtuch wurde wieder zusammengelegt und in den Korb gepackt; dann setzte und legte man sich nieder, um die übrige Zeit der Mittagspause zu verplaudern.

Als die Mädchen aufbrachen, um wieder zu ihren Rechen zu greifen, verabschiedeten sich die jungen Männer; der Kamerad Louisons fragte nach dem Hause ihrer Eltern; hocherrötend beschrieb Louisen es ihm. Dann machten sich die Mädchen wieder fleißig an die Arbeit; das Gras flog flink in die Luft, mit raschen Schritten gingen sie die Schwaden entlang, und beständig erzählten sie dabei einander von den hübschen Jägern: der Hof hielt sich in der Nähe auf, sie kamen zu dem Schluß, daß sie Jagdburschen eines Prinzen oder anderen vornehmen Herrn waren.

Am nächsten Tage, nach Feierabend, kam auf den elterlichen Hof Louisons der eine der Jäger; als er in die Torfahrt trat, sah er Louisen, wie sie mit zwei Melkeimern aus dem Stall kam; er grüßte, indem er sein grünes Hütchen schwenkte, errötend setzte Louisen die Eimer ab und ließ ihren geschürzten Rock nieder; eine Magd trug auf ihren Wink die Eimer in die Milchkammer, sie selber nahm den Fremden an die Hand und führte ihn ins Haus, wo ihr Vater vor dem Tische saß und in ein dickes Rechnungsbuch Eintragungen machte, indessen die Mutter an dem flammenden Feuer des Kamins am Abendbrot hantierte. Der Vater stand auf, gab dem Fremden freimütig die Hand und hieß ihn sich setzen; dann holte er aus dem Keller eine bestaubte Flasche, hielt sie gegen das Licht und sagte: »Das ist von unserm Wein, er ist der beste in der ganzen Provinz; die Händler aus Paris geben mir immer zehn Taler mehr als dem Nachbar«; aber bei uns kommt auch nicht die Spur Dünger auf den Weinberg«; er schloß mit einem Schlüssel von seinem Bund einen Wandschrank auf, holte zwei silberne Becher heraus und setzte sie auf den Tisch, goß ein, hob den Becher und sagte: »Auf das Wohl des Königs«; dann tranken die beiden, der Bauer fragte den Gast: »Nun?« »Großartig!« antwortete der Jäger. »Das wußte ich, daß Sie ein Kenner sind, das habe ich Ihnen gleich angesehen,« schloß befriedigt der Bauer; Louisen stand inzwischen an die Wand gelehnt und sah den beiden zu. Nun deckte die Frau auf der anderen Seite den Tisch mit einem sauberen, leuchtenden Leinentuch mit scharfen Kniffen, und Louisen half ihr; der Gast schaute mit Wohlgefallen auf die anmutigen Bewegungen. »Sie ist ein gutes Kind, sie hat uns immer nur Freude gemacht,« sagte der Vater, Louison verbarg ihr Gesichtchen an seiner Brust, ihr kamen die Tränen. Die Mutter setzte Brot, Butter und Käse auf: »Unser Brot,« sagte der Vater, »es ist das beste im Ort, wie oft hat es mir nicht der Herr Pfarrer gesagt!« Nun nahmen die beiden Männer ihre Stühle und aßen, Louison bediente sie. Wie sie fertig waren, setzten sie sich auf die Bank vor der Haustür; gegenüber lag der Stall, in welchem einmal eine Kuh mit der Kette klirrte, ein Pferd aufstampfte; der Spitz hatte sich zu ihren Füßen gelegt; der Vater beschrieb, wie er seine Weinberge in die Höhe gebracht hatte; nach einer Weile kam die Mutter mit Louison, sie setzten sich auf die andere Bank; die Mutter fragte, ob der junge Mann als Jäger einen anstrengenden Dienst habe, ob die vornehmen Herren sehr launisch seien. Der junge Mann wurde etwas verlegen, der Vater brachte aber das Gespräch schnell wieder auf seine Weinberge; als es dunkelte, brach der Jäger auf, gab jedem zum Abschied die Hand, dankte für die freundliche Aufnahme und ging fort.

Er kam nun öfter; Louison wurde immer vertraulicher mit ihm und plauderte geläufig von allem, das sie auf dem Herzen hatte, der Vater zeigte ihm seine Weinberge und Felder, und sagte auch einmal: »Wer meine Tochter heiratet, der greift in den Glückstopf, sie ist das reichste Mädchen zehn Meilen in der Runde!« Der gute Pfarrer kam an einem Abend, bot dem Fremden eine Prise an und sprach von den kriegerischen Wirren. Einmal sprach Louison zu dem Fremden, sie habe wohl Lust, den König und die Prinzen kennen zu lernen; sie habe gehört, es sei erlaubt, daß man am Sonntag von einer Galerie aus zusehen könnte, wenn die Herrschaften speisten; er könne ihr das doch gewiß verschaffen. Der Fremde runzelte die Stirn und schien ärgerlich, dann wurde er aber schnell wieder freundlich und sagte zu ihr: »Versprich mir, daß du nie dort hingehen willst.« Louison versprach es ihm, aber sie war doch befremdet und wunderte sich, was der Jäger wohl dabei haben mochte, ihr das zu verbieten.

Wie sie am anderen Morgen mit ihren beiden Freundinnen zusammen war, welche ihr damals auf der Wiese geholfen hatten, erzählte sie ihnen von dem Versprechen, das sie hatte geben müssen; die Freundinnen sagten, daß dahinter gewiß ein Geheimnis stecke; Louison weinte, die Freundinnen trösteten sie; aber auch in den nächsten Tagen kam das Gespräch zwischen ihnen immer wieder auf das geheimnisvolle Verbot. Endlich sagte das eine der beiden Mädchen: »Ich fahre am Sonntag mit meinem Vetter nach Fontainebleau; wir spannen die Schecken vor den Leiterwagen; wer mit will, kann mitkommen.« Die andere Freundin bat sogleich, daß sie mitfahren dürfe, und nun bestürmten sie Louison, daß sie sich anschließe. Am Sonntag kam der Jäger nie, weil er da Dienst bei seinem Herrn hatte; sie stellten ihr vor, wie unwahrscheinlich es sei, daß er sie in der Menschenmenge sehe, selbst wenn er sich wirklich im Schloß aufhalte; sie sagten, das Versprechen habe er ihr vielleicht nur aus Scherz abgenommen; sie neckten sie damit, er sei eifersüchtig, und solche üblen Eigenschaften müsse man den Männern frühzeitig abgewöhnen; und so sprachen sie denn allerhand dergleichen, wie Mädchen in solchen Fällen pflegen. Mit etwas schwerem Herzen, und doch von eigener Neugierde getrieben, gab Louison nach.

Noch andere Mädchen aus dem Dorf schlossen sich ihnen an, und so fuhr denn am Sonntagmorgen der Leiterwagen, gezogen von den schönen blanken Schecken im klingenden, messingbeschlagenen Geschirr, geführt von dem Vetter im Sonntagsstaat, mit den geputzten jungen Mädchen in frisch gestärkten Kleidern, mit flatternden bunten Bändern; nach einigen Stunden kamen sie an. Der Bursche stellte sein Geschirr unter, führte die Mädchen, die sich eingehenkelt hatten, durch die dichtgedrängten Menschen; es glückte ihm, Einlaß auf die Galerie zu erhalten, sie gingen hinauf, setzten sich und warteten; endlich kamen unten alle die seinen Herren und Damen und stellten sich auf, zuletzt erschienender König und die Königin, alle verneigten sich tief…

Und hinter dem königlichen Paar kam, in vornehmer, goldstrotzender Tracht, den großen Stern auf der Brust, der Kronprinz, es war der Jäger Louisons.

Louisen stieß einen lauten Schrei aus und wurde ohnmächtig. Die Herrschaften blickten nach oben, der Kronprinz wurde rot, die Mädchen sahen, daß er sie erkannt hatte; sie drängten sich um sie, die Freundinnen brachten sie hinunter, führten sie in ihren Gasthof; als sie sich wieder erholt, kamen die anderen Mädchen mit dem Vetter, sie hatten noch alles gesehen; dann wurden die Schecken wieder angespannt, und sie fuhren nach Hause.

Der Jäger aber kam nie wieder zu Louisen.

Heiratsanträge

Zwei Freundinnen saßen in vertraulichem und wichtigem Gespräch beieinander: eine heitere, gesunde und schöne Frau von noch nicht dreißig Jahren und ein blasses, zartes Mädchen mit schwermütigem Gesichtsausdruck, mit seinen, geistigen Zügen, welche etwa die Mitte der Zwanzig erreicht haben mochte. Sie unterbrachen das Gespräch eine Weile und traten ans Fenster; im winterlichen Schnee unten tobten die Kinder der Frau mit roten, lustigen Gesichtern, schreiend, sich mit Schnee bewerfend, sich kugelnd; die Mutter hatte ihnen lächelnd mit dem Finger gedroht; der Älteste hatte gutmütig-frech die Bewegung der Mutter nachgeahmt, die Freundinnen hatten gelacht, dann hatten alle drei Kinder unten lachend den Finger erhoben, bis die beiden Frauen vom Fenster zurückgetreten waren.

»Was soll ich dir sagen,« sagte die Ältere nach längerem Schweigen. »Ich will dir meine eigene Geschichte erzählen. Du weißt, Curt und ich, wir waren Jugendfreunde. Unsere Eltern hatten wohl gedacht, wie das Eltern so tun, daß wir einmal ein Ehepaar werden sollten. Wir wuchsen zusammen auf, wir prügelten uns und vertrugen uns; Curt beschützte mich und ich tröstete ihn, wenn es in der Schule nicht so recht gehen wollte; als er in den höheren Klassen saß und ich ein Backfisch war, nannte er mich ›Sie‹, holte mich zum Schlittschuhlaufen ab und tanzte in der Tanzstunde mit mir und war vor mir verlegen; als er aus dem ersten Studentensemester nach Hause kehrte, duzte er mich wieder und ich wurde verlegen. An meinem achtzehnten Geburtstage kam er, brachte mir ein merkwürdig teures Geschenk, ein Armband, setzte sich dann mir gegenüber in meinem Mädchenstübchen und fing eine längere Rede an. Ich spürte, daß er mir einen Antrag machen wollte, ich wurde rot und schämte mich und dachte: Wenn er dich nun plötzlich küßt? Er hatte einen schönen neuen Anzug an, der kam mir so komisch vor, daß ich das Lachen verbeißen mußte; er sah an sich nieder, der Schweiß stand ihm auf der Stirn, er zog ein Taschentuch vor; dabei fiel ihm, ohne daß er es merkte, ein Briefchen aus der Tasche auf die Erde.

Ich war ihm ja gut, hätte er nicht so geschwitzt und das Taschentuch gezogen, sondern mich in den Arm genommen und abgeküßt, so wäre alles in Ordnung gewesen. Aber nun mußte ich immer an das Briefchen denken, das auf der Erde lag, ob das wohl ein Liebesbriefchen war von einer anderen, oder ein Brief von einem Freund, oder von seinen Eltern; ich hörte gar nicht mehr auf ihn hin. Dunkel nur fühlte ich, wie er zum Schluß seiner Rede kam, von der ich doch kein Wort verstanden hatte; da sprang ich plötzlich auf, nahm das Briefchen von der Erde, lief ins Eßzimmer und las: es war eine Aufforderung vom Schneider, zur Anprobe zu kommen. Ich fiel auf einen Stuhl und lachte, und indem ich mich nicht zurückhalten konnte, mußte ich immer stärker lachen. Er war mir ins Eßzimmer gefolgt, in dem neuen Anzug, den Hut in der Hand; wie er mich sah, den Kopf auf den Armen über dem Eßtisch liegend und immer heftiger lachend, klappte er mit den Absätzen zusammen, sagte: ›Ich empfehle mich dem gnädigen Fräulein‹ und ging. Meine Mutter kam, fragte mit bekümmerter Miene, was gewesen sei; ich weinte, verbarg mein Gesicht an ihrer Brust; Curt ist an demselben Tag zur Universität zurückgekehrt.

Es war Winter damals; der Schnee lag wie heute, und wir hatten gute Eisbahn. Ich war am anderen Tage draußen auf dem Eis; ein junger Offizier, den ich flüchtig kannte, lief viel mit mir. Ich kann wohl sagen, ich hatte ihn eigentlich noch gar nicht genau angesehen. Er führte mich auf einen unbelebten Teil unserer Eisbahn, ich spürte irgend etwas und wurde verlegen, aber das war ganz anders wie den Tag vorher. Er war sehr erregt und sprach wohl recht töricht; er begann, indem er versicherte, daß er ein anständiger Kerl sei. Dann sagte er, ich sei sehr reich; das hatte ich mir noch gar nicht so klar gemacht, und endlich schloß er, daß er mich trotzdem liebe. Mir war da so zumute, daß ich ihm gar nichts antworten konnte, aber ich bin gewiß sehr rot geworden, denn ich fühlte es heiß im Gesicht. Er sagte, wir müßten nun zu den anderen zurücklaufen; als wir wieder unter den Menschen waren, verabschiedete er sich und fragte, ob er mit meinen Eltern sprechen dürfe. Ich glaube, ich habe da immer noch nichts gesagt. Aber wie ich nach Hause komme und in die Wohnstube trete, da sitzt er dort bei meinen Eltern am Tisch. Er stand auf und wollte mich küssen, ich reichte ihm aber nur die Backe hin.

Wie ich im Bett lag, habe ich viel geweint, und dann bin ich eingeschlafen. Meine Mutter sprach mit mir am anderen Morgen, ob ich ihn denn wirklich so gern habe; ich könne ja wählen, wie ich wolle, es solle mich niemand zwingen, aber ihnen, den Eltern, wäre es so lieb gewesen, wenn ich Curt gewählt hätte. Da wurde mir erst klar, daß ich den anderen liebte, und der ist nun auch mein Mann geworden. Er hat ja seine Fehler, und ich habe es oft nicht leicht mit ihm, aber da muß man sich eben fügen, man hat doch auch die Kinder, und ich bin schließlich eine glückliche Frau.«

Die Freundin sah zu Boden und seufzte. Dann sprach sie: »Ich verstehe, was du meinst. Ich sollte mich in dieser Entscheidung dem Göttlichen anvertrauen und hoffen, daß ich zum Guten geführt werde. Vielleicht sollte man nicht zu viel denken; ich habe vielleicht zu viel gedacht.«

Indem öffnete sich die Tür und die Kinder kamen herein, sie hatten die Mäntel und Schuhe abgelegt; aber die Backen glühten noch, die Hände waren noch kalt und rot. Das Jüngste, ein Mädchen von kaum drei Jahren, kletterte der Tante auf den Schoß und schmiegte sich an sie, mit großen Augen zu ihr hochsehend, die niedersah mit mütterlichem Ausdruck des Gesichtes. Die Mutter verließ mit den beiden anderen Kindern das Zimmer, um das Vesper zu besorgen; das kleine Mädchen auf dem Schoß bettelte: »Eine Geschichte vom Postwagen.« Sie erzählte vom Postwagen, der brachte allerhand Pakete, für alle Kinder in der Stadt, mit Puppen und Puppenstuben. Leise trat ein junger Mann ein und sah auf die Gruppe; das Mädchen wurde glühend rot, ließ das Kind zur Erde gleiten, das sie erstaunt anblickte. Der junge Mann ging auf sie zu, nannte sie mit ihrem Vornamen; da stand sie auf, legte ihre Hand in seine und sagte, indem sie ihn ansah: »Ja, ich will.«

Anakreon

In einem kleinen deutschen Städtchen lebte ein ältlicher Privatgelehrter, der sich seinen bescheidenen Lebensunterhalt durch Nachhilfeunterricht an zurückgebliebene Gymnasiasten erwarb. Er hatte vor langen Jahren Theologie studiert und das erste Examen gut bestanden; weil damals aber ein Überfluß an Theologen war, so schien es ihm nicht so eilig, das zweite Examen zu machen; er hatte sich in der kleinen Stadt niedergelassen und jenen Unterricht begonnen, zunächst in der Absicht, sich durch diesen Erwerb durch, zuschlagen, bis er eine Stellung in Aussicht habe und das zweite Examen machen werde; aber da war ein wunderliches Wesen über ihn gekommen; er las und las und studierte, suchte überall nach alten Büchern und kaufte die auf nach seinem schwachen Vermögen, und schob darüber immer wieder das Examen auf, bis er denn endlich zu alt geworden war für ein anderes Leben und nun dauernd in dem anfänglich als vorübergehend gedachten Zustand beharrte.

Unter anderen Schülern hatte er auch den Sohn eines wohlhabenden Fabrikanten zu unterrichten, in dessen Hause ihm durch die Güte der freundlichen und klugen Frau viel Liebes erwiesen wurde, als eine Art Ausgleich dafür, daß der weltunerfahrene Mann seine Belohnung übermäßig billig anzusetzen pflegte. So war er denn auch einmal an einem schönen Sonntag zu einem stattlichen Kalbsbraten eingeladen; der Hausherr hatte eine bestaubte Flasche Wein aus dem Keller geholt; das Gespräch wurde angeregt, der stille Gelehrte vergaß seine schüchterne Zurückhaltung, und indem zufällig die Rede auf die Freude an Büchern kam, begann er in fast begeistertem Ton:

»Sie sind die treuesten Freunde, die es gibt, denn sie geben uns alles, das sie haben; die anspruchslosesten sind sie, denn jahrelang mögen sie auf dem Brett stehen und vergebens warten, daß wir sie ansehen, und wenn wir dann eines vorziehen und aufschlagen, dann ist da kein Groll und keine Verstimmung, und ist alles so wie am Tage der ersten Bekanntschaft, wenigstens wenn wir selber uns nicht verändert haben. Es gibt keine bessere Gesellschaft wie die Bücher und keine buntere; denn alle Arten von Menschen haben in Büchern ihr Wesen ausgedrückt, aber immer nur ihr wesentliches Wesen; nur die Sonntage ihres Lebens haben sie in ihnen gegeben. Völlige Gleichheit herrscht auf dem Bücherbrett, wie vor Gott, der Weise steht neben dem Narren, der Edle neben dem Schurken, der Vornehme neben dem Geringen, und jeder hat seinen ihm gebührenden Wert. Menschen, die nichts von Büchern verstehen, sagen: ist es nicht dasselbe, ob ich ein Buch borge und lese es, als wenn ich es besitze? Und ist es nicht einerlei, ob es auf Bütten gedruckt ist oder auf Holzpapier, gut oder schlecht gebunden ist? Es kommt doch nur auf den Inhalt an! Solche Menschen wissen nicht, daß ein jedes Buch, wenn es nicht mehr neu ist und eine Geschichte hat, eine Persönlichkeit geworden ist, so daß kein Exemplar einer Ausgabe für den Bücherfreund das Gleiche bedeuten kann; sie wissen nicht, wie Satz und Druck, Papier und Einband sich mit dem Text vereinen und eine neue Freude erzeugen; wie man einen schönen Band zärtlich streichelt, über ein fehlendes Blatt bekümmert ist, sich leise lächelnd an die Geschichte der Erwerbung erinnert, die Spuren der Vorbesitzer verfolgt.« Hier begann sich sein Gesicht leise zu röten, indem er fortfuhr: »Aber wie überall die Barbarei zunimmt, so auch hier. Sie kennen noch nicht die neueste Unsitte, daß man die alten Exlibris aus den Büchern herausschneidet für törichte Sammler und den Büchern dadurch den Reiz ihrer Vergangenheit nimmt. Welche Freude hat ein Bücherfreund, wenn er das Bücherzeichen eines Mannes findet, der vielleicht schon hundert Jahre tot ist, von dem er sich denken kann, daß er ähnliche Neigungen gehabt hat, wie er selber –«

So würde der Gelehrte noch glückselig weiter gesprochen haben, wenn der etwas vorlaute Sohn nicht plötzlich eingeworfen hätte: »Auf dem Boden bei uns liegt ein ganzer Stoß alter Bücher mit Exlibris.« Der Vater sagte, das seien alles wertlose alte Scharteken, die von dem früheren Hauseigentümer zurückgelassen seien; der Gelehrte warf ein, daß man nie wissen könne, ob sich nicht etwas Gutes in solchem alten Haufen befinde, denn die Menschen seien oft ganz ruchlos in der Behandlung alter Bücher; der Junge bot sich an, seinen Lehrer hinaufzuführen; die Eltern lächelten unmerklich, die Tafel wurde früh aufgehoben, und die beiden verließen eilig das Zimmer, um auf den Hausboden zu steigen.

Wirklich lag in dem Bücherhaufen allerlei Wertloses durcheinander von Büchern, die zu ihrer Zeit gelesen und dann in Verachtung gefallen waren: Rottecks Weltgeschichte, Tiedges Urania, Schoedlers Buch der Natur; aber auch schöne Bücher fanden sich, so Rösels Insektenbelustigungen, Goethes Schriften in der alten Ausgabe und wohl noch mehr dergleichen. Der alte Gelehrte sah nicht den ganzen Haufen durch, denn gleich zu Anfang war er auf einen wunderhübschen Anakreon gestoßen, gedruckt von Bodoni auf herrliches Velinpapier, und mit reicher geschmackvoller Verzierung in grünem Maroquin gebunden. Als er dieses schöne Buch in dem trostlosen Haufen erblickte, zwischen Kalkstücken, die vom Ziegelverstrich abgefallen waren, feucht und verstaubt, da schaute er rasch nach dem Jungen, und wie er den mit abgewendetem Gesicht eifrig suchen sah, steckte er das Bändchen heimlich in die Rocktasche. Aber schon in dem Augenblick wurde ihm ängstlich zumute; er mahnte zum Aufbruch, ging verstimmt mit dem Jungen in das Wohnzimmer zurück, erzählte in gedrücktem Tone, daß manches schöne Buch in dem Haufen liege, und daß der Herr des Hauses gut tun werde, das Wertvolle in einem Bücherschrank aufzustellen; dann empfahl er sich plötzlich und eilte mit schnellen Schritten nach Hause.

Er staubte und wischte das Bändchen sorgsam ab; das Exlibris eines Duca di Jelzi war im Vorderdeckel eingeklebt; er schlug zufällig das reizende Gedicht an die Geliebte auf und las:

Dein Spiegel möcht' ich sein,
Daß du mich immer ansähst,
Mich wandeln in dein Kleid,
Daß du mich immer trügst,
Zu Wasser will ich werden,
Daß deine Haut ich wasche,
Will wandeln mich in Narden,
Damit ich, Weib, dich salbe,
Zur Perle um den Hals,
Zur Binde unterm Busen,
Zum Schuh möcht' ich mich wandeln,
Nur daß dein Fuß mich tritt.

Ach, er war ein magerer, verstaubter alter Kandidat von fünfzig Jahren, in einem schwarzen Rock, dessen Nähte glänzten, aber er dachte an Anakreons Geliebte, an einen silbernen Spiegel und ein Gewand aus durchsichtigem Byssus, an duftende Salbe, Perlen, eine Busenbinde und einen kleinen Schuh – an blaue und schimmernde Wogen des griechischen Meeres, strahlende Sonne des Südens, an Licht, Schönheit und Heiterkeit; und an den unbekannten Duca di Jelzi dachte er, der gewiß sein herzogliches Schloß an der sizilischen Küste hatte, ein junger Mann war mit feurigen Augen und mit einer wunderbaren Bibliothek, einem großen Saal voll herrlicher Bücher, dessen Fenster auf die See gingen, in der einst Odysseus gefahren.

Aber da dachte er an den Diebstahl. Hastig packte er das Buch in den Tischkasten, neben Salzfaß, Tischtuch und Eßbesteck. Alle Freude war erloschen, wie wenn eine sonnige Landschaft durch eine Wolke plötzlich verdunkelt wird. Er ging zu seinen Bücherschränken: da standen die beiden Gedichtbände von Pontan im Giuntidruck, Sannazaro in einer alten neapolitanischen Ausgabe, die griechische Anthologie von Aldus; es war Sonntag nachmittag, die Sonne schien durch das Fenster, die Wirtin stellte den Kaffee auf den Tisch; das war die Zeit, wo er sonst seine Bücher zu genießen pflegte; plötzlich erschienen ihm die Bände alle als wertlose Scharteken, die auf einem Boden zwischen Kalkstücken liegen müssen, die Dichter als langweilige und geistlose Verseschmiede. Er suchte sich zu beruhigen: wenn er um das Bändchen gebeten hätte, dann hätte man es ihm ohne weiteres geschenkt; es hatte ja doch nur einen geringen Geldwert; er konnte die Stunden, welche er dem Jungen gab, einige Zeit lang etwas verlängern und dergestalt das Buch heimlich bezahlen; er konnte zwei Mark in die Armenbüchse stecken; im Grunde war es doch nur gewesen, daß ihm das Buch so leid getan hatte. Aber keine Beruhigung half, seine Gemütsverfassung blieb kummervoll.

Als er am nächsten Vormittag von einer Besorgung nach Hause zurückkehrte, fand er auf seinem Zimmer, sauber abgewischt und schön geschichtet, alle Bücher, die er auf dem Boden gesehen; die Frau des Hauses hatte sie ihm durch einen Burschen schicken lassen und war selber gekommen, um sie ihm ordentlich aufzubauen. Da lag nun der Rösel, den er sich so lange gewünscht, der schöne Goethe. Seufzend machte er sich an das Aussuchen, um das Wertlose wieder fortzuschaffen.

Aber wieder erschienen ihm alle die Bücher als ein wertloser Trödel, er dachte an sein verfehltes Leben, an eine Landpfarre, an Familie und sorgenlose Zukunft. Plötzlich stand er auf, nahm den Hut, steckte den Anakreon in die Tasche, ging zu dem Hause seines Schülers und ließ sich bei der Dame anmelden. Diese ging ihm lachend und ihm die Hand bietend entgegen, sie dachte, daß er für die Bücher danken wolle; aber er nahm die Hand nicht, sondern zog den Anakreon aus der Tasche und erzählte alles.

Die gute, kluge und schöne Frau sah ihm ins Gesicht und verstand; sie ergriff seinen Kopf, küßte ihn auf die Stirn und schob ihn wortlos mit seinem Buch aus dem Zimmer; er ging zurück mit jugendlichen Schritten und frohem Gesicht, vor sich hinsummend:

Dein Spiegel möcht' ich sein,
Daß du mich immer ansähst.

Die betrogene Rache

Ein Advokat war in ein junges, schönes und reiches Mädchen verliebt, deren Eltern gestorben waren und sie als unbeschränkte Herrin über ihr Leben und Vermögen und somit als eine etwas törichte Jungfrau zurückgelassen hatten. Unsere Geschichte aber ereignete sich in Paris, gegen den Schluß des achtzehnten Jahrhunderts.

Der Rechtsanwalt war ein tüchtiger Mann in seiner Art mit einer guten Praxis, und es war gegen ihn gar nichts zu sagen; nur, er hatte einen Buckel, und ein Buckel dient selbst dem trefflichsten Mann nicht zur Empfehlung, wenn er auf Freiersfüßen geht, am wenigsten bei einem etwas recht von sich eingenommenen Mädchen. Sie ahnte denn auch gar nichts von den Gefühlen des Mannes, und als er plötzlich in einem reich gestickten und mit Goldborten besetzten roten Samtrock, grünsamtener Kniehose und weißen Strümpfen in Lackschuhen mit roten Absätzen vor ihr erschien, mit einem großen Blumenstrauß in der Hand, und sie zur Frau haben wollte, indem er sein Gesicht in die wunderlichsten Falten legte, da war sie so erstaunt, daß sie erst erschrak und dann in lautes Lachen ausbrach; sie fühlte wohl das Unschickliche, ja Unsittliche ihres Benehmens, aber sie konnte das Lachen nicht anhalten; Gesicht und Figur ihres Liebhabers erschienen ihr immer komischer, als sie seinen Zorn, seine Erbitterung bemerkte, als sie sah, wie er sich erblaßt auf die Lippen biß und mit dem roten Absatz aufstampfte; sie lachte, bis ihr die Tränen kamen; der Advokat schleuderte seinen Strauß in eine Ecke des Zimmers und lief aus der Tür. Als er fortgegangen war, ging ihr Lachen ohne Grund in Weinen über; wie sie sich ausgeweint, sah sie den Strauß in der Ecke liegen; die schönen Blumen dauerten sie, sie dachte, daß sie nun abgeschnitten seien und nur noch kurze Zeit zu blühen hatten; so holte sie ein Gefäß und stellte sie sorgfältig in Wasser.

Buckelige Leute sind wohl meistens rachsüchtig; dieser war in der empfindlichsten Weise verletzt, und so beschloß er eine ganz gehörige Bestrafung.

Es gab damals in Paris noch die Wasserträger; das waren arme Männer vom Lande, meistens aus der Auvergne, welche fleißig, kräftig, intelligent und ordentlich waren und inmitten der so vielfach entarteten städtischen Bevölkerung auch ganz stattlich und gut aussahen, aber in ihren Holzpantoffeln und selbstgewebten Warpanzügen auf das tiefste verachtet wurden. Der Advokat suchte sich unter diesen Leuten einen besonders hübschen und gut gewachsenen jungen Menschen mit aufgewecktem Gesicht aus und machte ihm den Vorschlag, er wolle ihn auf seine Kosten ein Jahr lang sich ausbilden lassen, damit er einen vornehmen Herrn vorstellen könne, unter der Bedingung, daß er ein bestimmtes junges Mädchen heirate, die sehr hübsch und reich sei. Der Auvergnate antwortete ihm lachend: »Wenn Ihr ein Mädchen an den Mann bringen wollt, das ein Hufeisen verloren hat, so sucht nur im Bürgerstand, ein Auvergnate hat Ehre im Leibe.« Der Advokat schwor ihm zu, daß sein Mißtrauen unberechtigt sei, und mußte ihm endlich den Grund seines Vorhabens mitteilen. Der Auvergnate stieß einen langgezogenen Pfiff aus, sagte: »So eine Canaille von Bürger,« und fuhr fort, daß er sich das Mädchen ansehen wolle.

Der Advokat kleidete ihn gut an und führte ihn in eine Gesellschaft, wo er das junge Mädchen traf; er stellte ihn als einen Vetter aus der Provinz vor und gab den anderen zu verstehen, der junge Mann sei von guter Familie und vermögend, aber recht bäurisch aufgewachsen und solle in Paris etwas Schliff bekommen. Als der Auvergnate groß und lang dem beweglichen hübschen Mädchen gegenüberstand und ihr kindliches Lachen hörte, ihre zierlichen Hände und Füße sah und dachte, daß er sie heiraten könne, wenn er wolle, da durchfuhr ihn eine plötzliche Liebe; er wurde über und über rot, und wie ihn das Fräulein fragte, ob er schon das große Karussell gesehen habe, da begann er unbehilflich zu stottern; über ihr Gesicht huschte es wie ein beginnendes Lachen, aber plötzlich fühlte sie unbewußt seine Liebe und wurde gleichfalls feuerrot und verlegen; um der Szene ein Ende zu machen, kniete sie, wie ein kleines Mädchen, und wollte sich zu anderen wenden, er dachte, nun müsse er ihr die Hand geben, und sie legte denn auch ihr Händchen in seine ungeheure und harte Tatze, riß es dann schnell los und verschwand zwischen den übrigen.

Der Auvergnate drängte seinen Advokaten plötzlich zum Aufbruch, schon vor der Tür sagte er: »Ich nehme sie«; als er das triumphierende Lächeln in dem Gesicht des anderen bemerkte, beschloß er, recht vorsichtig zu sein, zog einen Landsmann zur Hilfe, der lesen und schreiben konnte, und machte einen richtigen Kontrakt.

Zunächst nahm er Unterricht in den Elementarfächern, machte sich dann bald selbständig von dem Rate des Advokaten, indem er Mathematik, Geschichte und Sprachen studierte, las mit Verstand und Urteil und entwickelte sehr schnell einen tüchtigen und verständigen Geist. Von der Bauernarbeit auf dem Dorfe her war sein Körper noch mancherlei Übungen gewohnt, die ihm nun zugute kamen; er lernte reiten wie ein Kavalier, lernte fechten und tanzen; sehr bald bewegte er sich in seinen neuen Kleidern, als habe er sie immer getragen; eine gewisse Schüchternheit stand seinem männlichen, offenen Wesen gut; er beobachtete in der Gesellschaft des Advokaten und seiner Freunde sehr gut alle Manieren, knüpfte selber Beziehungen in einem anderen Kreise an, nachdem er durch Zufall Gelegenheit gefunden, einem Offizier bei einem Überfall durch Strolche behilflich zu sein; kurz und gut, er entwickelte sich so vorzüglich, daß sich der boshafte Advokat nicht genug selber beglückwünschen konnte über den psychologischen Scharfblick, den er bei der Auswahl dieses Subjekts bewiesen. »Das ist so einer von denen, auf welche die Weiber gehen wie die Fliegen auf den Zucker,« dachte er bei sich. »Dabei ist er auch noch so ein braver, anständiger Kerl, bei dem der Vormund keine Schwierigkeiten machen kann; na, das wird eine Freude werden, wenn die Enthüllung kommt.«

Sobald der Auvergnate sich gesellschaftlich sicherer fühlte, forderte er den Advokaten auf, ihn wieder mit dem Mädchen zusammenzubringen; alles ging nach seinem Wunsch, er eroberte sich das Herz der Dame; der Vormund kam zu dem Rechtsanwalt und erkundigte sich, und in geschickten Ausdrücken, daß er sich nicht bloßstellte, gab der die scheinbar besten Auskünfte; der Hochzeitstag wurde festgesetzt, erschien endlich, das Paar wurde in der Kirche getraut; die Hochzeitsgesellschaft bestand aus den Verwandten der jungen Frau, einigen Familien, die auch mit dem Advokaten bekannt waren, dem Advokaten, und aus jenen Offizieren, mit denen der junge Mann eine vertraute Freundschaft geschlossen.

Am obersten Ende des Tisches saßen der stattliche junge Gatte und seine glückstrahlende Gemahlin, dann kamen die anderen Gäste, am entgegengesetzten Ende hatte der Advokat seine Stelle bekommen, nach seinem ausdrücklichen Wunsch, den er gegen den Mann geäußert. Als der Braten herumgereicht wurde und die Reihe der üblichen Toaste beginnen mußte, erhob er sich, klingelte an sein Glas und begann seine Rede: heute vor einem Jahre habe er der jungen Frau, die er nun mit gerührtem Herzen sich gegenüber sitzen sehe, einen Antrag gemacht, von dem er damals angenommen, daß er sie ehren müsse; der jungen Frau kam plötzlich der Gedanke eines nahenden Unheils, sie wurde blaß, ihr Mann faßte ihre Hand fest und flüsterte ihr zu, sie solle Mut haben, es werde alles gut ausgehen; der Advokat fuhr fort, er verstehe nun, weshalb sie ihn damals ausgeschlagen, ihre Neigungen seien eben auf eine tiefere Stufe der menschlichen Gesellschaft gerichtet, wie ein Advokat einnehme, denn sie habe ja nun einen Wasserträger geheiratet.

Die Offiziere drehten an den Schnurrbärten und blickten angelegentlich auf ihre Teller, die übrigen Gäste sahen verwundert auf das Paar; die junge Frau schaute mit einem halb ungläubigen stehengebliebenen Lächeln entgeistet auf ihren Gatten; dieser drückte ihr noch einmal beruhigend die Hand, erhob sich dann in seiner ganzen Länge, schritt still mit langen Beinen zu dem Stuhl des Advokaten, der ihn beunruhigt anblickte, packte ihn beim Kragen, hob ihn vom Stuhl und sagte: »So, du Schuft, nun habe ich unseren Pakt erfüllt,« trug den Strampelnden dann am Kragen im steifen Arm durch den Saal, öffnete die Tür, warf ihn hinaus und schloß die Tür wieder. Darauf ging er zu seinem Sitz zurück und erzählte stehend der Versammlung, seine jetzige Frau habe allerdings ein Unrecht begangen, indem sie den Mann, der sie in seiner Art geliebt, ohne Grund beleidigt; aber das sei in der Unerfahrenheit ihres Herzens geschehen, und so eine Albernheit werde nicht wieder vorkommen. Er selber sei damals wirklich Wasserträger gewesen, und der Advokat habe ihn zu seiner Rache gebrauchen wollen; er habe zuerst zugreifen wollen, um aus seiner niedrigen Lage in die Höhe zu kommen; und das sei freilich auch von ihm ein Unrecht gewesen; aber als der Advokat ihm seine jetzige Frau gezeigt, da habe er sofort eine starke Liebe zu ihr gefaßt und habe sich geschworen, er wolle ein Mann werden, der ihrer würdig sei und dessen sie sich nicht zu schämen habe, und ohne diese Liebe würde er bei seinem harten Kopf sich auch nicht in dem einen Jahr die Kenntnisse haben erwerben können, die er nun besitze.

Hier erhob sich nun der älteste der Offiziere, winkte ihm Schweigen zu und fuhr fort: »Ich bin Hauptmann bei der Artillerie, vor dreiviertel Jahren wurde ich in einer üblen Gegend von vier Strolchen angefallen, und es wäre um mich geschehen gewesen, wenn nicht dieser junge Mann mich mit unglaublicher Kühnheit herausgehauen hätte. Als ich ihm dankte und ihn fragte, ob ich ihm nicht irgendwie meinerseits helfen könnte, da eröffnete er mir sein Herz und erzählte mir alles. Zuerst erschien mir ja die Geschichte schmutzig, aber als ich ihn dann näher kennen lernte, da merkte ich, daß er ein Ehrenmann ist, und ein braver Kerl, auf den jedes Regiment stolz sein kann. Ich habe ihn mit meinen Kameraden bekannt gemacht, und die haben in dem halben Jahr auch gesehen, daß er ein wahres Licht von Gelehrsamkeit ist und eigentlich mehr taugt wie wir alle zusammen. Na, nun wollten wir doch dem verdammten Aktenschmierer auch in die Suppe spucken, wir können einige bürgerliche Leutnants einstellen, und so haben wir ihn denn zum Leutnant gewählt, und wenn seine Frau Gemahlin, was sie gewiß tun wird, das Patent bezahlt, so kann er morgen bei uns eintreten. Dann hat sie einen forschen Artilleristen zum Mann.«

An diese Rede schloß der Hauptmann ein Hoch auf das Brautpaar, die junge Frau sah ihrem Mann verklärt ins Gesicht, denn ein Leutnant, wenn er auch nur ein Artillerist war, schien ihr das höchste Wesen auf Erden zu sein, alle erhoben sich, stimmten in das Hoch ein und ließen die Gläser klingen.

Der Advokat, welcher vor der Tür gehorcht hatte, stürmte jetzt herein und schrie: »Fünftausend Franken habe ich bezahlt, die will ich wiederhaben.« Der junge Ehemann wollte ihm schon antworten, er werde sie ihm zurückgeben, aber der Hauptmann erhob sich, zog seinen Säbel blank, fuchtelte ihm damit vor der Nase herum und schrie ihn an: »Wenn du verdammte Mißgeburt dich nicht gleich packst, dann zähle ich dir fünfundzwanzig mit der flachen Klinge auf deinen Buckel.« Der Advokat bekam eine kreideweiße Nasenspitze, machte kehrt und lief aus dem Saal, so schnell er konnte; die Leute draußen hatten inzwischen alles erfahren, und als er erschien, wurde er mit Jubel empfangen, ein junger Kellner, dem er einmal kein Trinkgeld gegeben, nahm ihn auf die Schulter und lief mit ihm auf die Straße, die Menschen sammelten sich, johlten, lachten und schrien, der Advokat riß den Kellner in den Haaren, kratzte ihm ins Gesicht, bis der ihn vornüber in die Menge warf; die Menge stiebte auseinander, er richtete sich mühsam auf und humpelte nach der Richtung seines Hauses, indessen die Straßenjugend ihn mit Steinen und Kot bewarf; zu seinem Glück nahm ihn ein Mietswagen auf, sonst wäre es ihm auf seinem Heimweg noch übel ergangen.

Lisettes Erbschaft

Ein kleiner Geschäftsmann in Paris lebte ehrbar und fleißig mit seiner Frau und einer erwachsenen Tochter. Er wußte nicht viel von der Welt, die Seinigen auch nicht; er verkaufte Glaswaren, und auf Glaswaren verstand er sich, und was er wußte, das hatte er auch Frau und Tochter gelehrt, soweit Frauenspersonen solche Dinge begreifen können, wie Hohlschliff und Doppelschliff, venezianisches und böhmisches Glas, prima und sekunda Kristall; sie verstanden es eben nur praktisch. Seit langen Jahren kaufte er immer nur von denselben drei Fabriken, die eine gute Ware lieferten, keinen billigen Schund, der vor den Augen des Kenners keinen Bestand hatte. Es lag ihm nichts an Kunden, welche immer etwas Neues vorgelegt haben wollen, die an Extraware mäkeln und an soliden Preisen abhandeln; aber wenn jemand vor zwanzig Jahren ein Dutzend gute Gläser bei ihm gekauft hatte, so konnte er ihm immer ein zerschlagenes Stück ersetzen, damit das Dutzend voll blieb; und das war auch etwas wert.

Der eine seiner Lieferanten kam plötzlich außerhalb der Zeit und ersuchte ihn im Laden um eine besondere Unterredung; er führte ihn ins Kontor; dort fragte der Geschäftsfreund, ob er ihn für einen ehrlichen Mann halte; er antwortete: »Wie mich selber, Herr«; der Geschäftsfreund weinte und bat ihn um seine Bürgschaft. Er antwortete, es tue ihm weh, einen tüchtigen alten Geschäftsmann weinen zu sehen, dem die Glasbranche so viel verdanke, und es sei eigentlich kränkend für ihn, daß der andere zu zweifeln scheine, ob er ihm eine so kleine Gefälligkeit erweisen wolle. Der Geschäftsfreund wollte ihm seine Lage auseinandersetzen, aber er schnitt ihm das Wort ab, verlangte den Bürgschein und unterschrieb ihn.

Nach etwa einem Vierteljahr mußte der Geschäftsfreund sich für zahlungsunfähig erklären; die Bürgschaft wurde eingeklagt, und unserem Mann wurde sein ganzes erspartes Geld, seine Vorräte, sein Laden, kurz alles genommen. Als die Gerichtsbeamten fortgegangen waren, sagte er zu seiner Frau: »Mir ist plötzlich so wunderlich zumute, ich will mich zu Bett legen.« Die Frau brachte ihn die Treppe hinauf in die Schlafkammer und tröstete ihn, er solle sich doch keine Vorwürfe machen, für Unglück könne kein Mensch. Er sagte noch: »Am meisten tut mir das Kind leid,« dann war er plötzlich tot.

Wie die Beerdigung vorüber war, ging die Mutter mit der Tochter zu einem unverheirateten Bruder des Verstorbenen, der für einen reichen Geizhals galt; sie hoffte, daß er ihnen helfen werde.

Der Schwager sagte: »Es ist Essenszeit, ihr könnt bei mir mit essen.« Aus einem Schrank holte er ein Stück Brot, Messer, ein Stück kalten Braten, in eine Zeitung eingeschlagen, drei Teller, und setzte das alles auf den Tisch. »Frisches Brot liebe ich nicht,« sagte er, als die Witwe an der harten Kruste schnitt; »altes Brot sättigt besser.« Von dem Braten schnitt er drei kleine Stücke ab und legte auf jeden Teller eins. Man begann zu essen. Plötzlich sagte er: »Ihr übernehmt euch, wenn ihr auf den Kummer so viel eßt; ich hatte nicht daran gedacht, daß das schädlich sein kann«; damit schnitt er von den Fleischstückchen der beiden die Hälfte ab und legte sie zurück auf die Zeitung.

Das Haus des Schwagers lag an einer jener Geschäftsstraßen, in denen die kleinen Gewerbe betrieben werden. Er erzählte, daß der untere Raum früher an eine Frau vermietet gewesen sei, welche die Strohsitze der Stühle auszubessern pflegte und damit sehr viel Geld verdiente. Sie habe die Wohnung aufgegeben unter dem Vorwand, daß sie feucht sei und nur ein einziges Zimmer habe; dabei sei es ganz natürlich, daß man den größten Teil des Jahres die Arbeit auf der Straße verrichte wegen der größeren Helligkeit, man habe also übergenug Raum. Diese Wohnung wollte der Schwager den beiden Frauen vermieten und nicht mehr verlangen, wie er früher bekommen habe, trotzdem die Mieten allgemein gestiegen seien.

Die beiden Frauen griffen zu; in einem halben Tage hatten sie das Flechten der Sitze gelernt, und in kurzer Zeit bekamen sie genügend Kundschaft, um bei angestrengter Arbeit sich sehr bescheiden durchschlagen zu können. Sie waren dem Schwager für seine Hilfe in der Not von Herzen dankbar.

Das junge Mädchen war eine Schönheit. Viele Menschen gingen an ihr vorbei, indessen sie ihren Stuhl zwischen den Knien hielt und mit flinken Händen ihre Arbeit machte, das Köpfchen eifrig niedergebeugt. So verging kein Tag, wo sich nicht irgendein aufdringlicher junger Mann ihr näherte, ihr Schmeicheleien sagte und in mehr oder weniger unzweideutiger Weise anzuknüpfen suchte, und diese jungen Männer waren von jeder Art: Offiziere und Handwerksgesellen, junge Kaufleute, Studenten und Arbeiter. Lisette, so hieß das Mädchen, antwortete nie; sie hatte schnell begriffen, daß das die einzige Möglichkeit war, sich vor den Aufdringlichen zu schützen; aber oft genug beugte sie das Köpfchen tiefer über die Arbeit, errötete und verschluckte Tränen.

Unter den jungen Männern, die täglich an ihr vorbeigingen, war einer, welcher ihr durch eine besondere Bescheidenheit auffiel; er grüßte jedesmal artig, aber richtete nie ein Wort an sie. Sein Anzug war gut und sauber, sein allgemeines Aussehen angenehm; er schien ein ruhiger und gesetzter Jüngling zu sein.

Dieser klopfte nun an einem Sonntag, als die beiden Frauen ruhig und friedlich in ihrem Hause saßen, an die Tür und bat um die Erlaubnis, eintreten zu dürfen. Sie wurde ihm gewährt; er kam in das Zimmer, setzte sich verlegen auf den angebotenen Stuhl und begann nach einigem Zögern folgendermaßen.

»Ich bin Angestellter in einem großen Bankgeschäft. Sie werden wissen, daß unsereins genötigt ist, viel auf das Äußere zu geben, und so entspricht meine Einnahme denn nicht den Vorstellungen, welche Sie nach meiner Kleidung sich machen können. Seit Sie hier wohnen, habe ich Sie täglich mehrmals gesehen, und ich bin so kühn zu sagen, daß ich zu Fräulein Lisette gleich das erstemal, als ich an ihr vorbeiging, eine heftige Liebe faßte. Ich habe mir lange vorgehalten, daß es eine Torheit wäre, wenn ein Mann mit so geringen Aussichten um die Hand eines so reizenden Mädchens anhalten würde, ich habe mir weiter gesagt, wenn selbst das Unglaubliche geschehen sollte, daß ich ihre Zuneigung gewänne, so wäre es doch ein Unrecht von mir, sie in mein dürftiges Leben zu ziehen, die doch jedes Glück und jede Freude genießen sollte.«

Hier stockte der junge Mann beschämt, dann fuhr er fort:

»Nun aber sehe ich, wie vielen Belästigungen das Fräulein ausgesetzt ist, und ich habe mir gedacht, wenn sie meine Gattin wäre, so würde sie mit ihrer ehrwürdigen Mutter doch wenigstens ruhig und ohne Kränkung in meinem Hause leben können. Ich meine doch nicht, daß es eine häßliche Ausnutzung ihrer Lage ist, wenn ich annehme, daß dieser Gedanke sie bestimmen könnte, meinen Antrag wenigstens freundlich anzuhören; und das Fräulein ist wohl für ein besseres Los bestimmt, als ich ihr bieten kann, aber nur zu oft erhält der Vortreffliche nicht das, was er beanspruchen darf, und wenigstens besser wie ihre gegenwärtige Lage ist doch die Lage, in der sie wäre als meine Gattin.«

Als der junge Mann diese Rede beendet hatte, blickte er schüchtern zu den Frauen, denn er hatte sie fast auswendig hergesagt, indem er immer auf den Fußboden sah; Lisette nahm ihr Taschentuch vor die Augen, schluchzte, stand auf und ging aus dem Zimmer auf die Straße; der Jüngling hatte sich gleichfalls erhoben und sah ratlos die Mutter an; diese nötigte ihn, sich wieder zu setzen, erzählte, daß sie früher eine Pendule auf dem Kaminsims gehabt habe und daß Lisette ein gutes Mädchen sei; daß der junge Mann ihr gefallen habe, und daß Lisette gewiß noch eine bessere Partie machen könne; aber die Hauptsache sei doch immer das Herz, und sie wolle sich nur erst nach ihm erkundigen, denn trauen könne man in Paris niemandem, und sie sei auch nicht vertrauensselig, und wenn ihr Mann auf sie gehört hätte, so könnte er noch leben und am Sonntagnachmittag mit ihr und Lisetten spazieren gehen, aber er sei zu gut gewesen. Hierbei fing sie gleichfalls an zu weinen und weinte eine ganze Weile, während der junge Mann nichts mehr zu sagen wußte; dann beruhigte sie sich etwas und erzählte, früher habe sie ein Kristallservice in einem silbernen Gestell für Likör gehabt, aber jetzt könne sie niemandem mehr etwas anbieten.

Ob die Erkundigungen sehr geschickt angestellt wurden, ist nicht bekannt, jedenfalls aber fielen sie günstig aus und die beiden jungen Leute verlobten sich, unter recht anzüglichen Redensarten des Schwagers über den Liebeskitzel beim Bettelvolk und dergleichen.

Der junge Mann erklärte bescheiden, eigentlich sei es ja Sitte, daß man der Braut Blumen bringe; aber das sei doch etwas Unpraktisches, und er bitte um Entschuldigung, wenn er lieber etwas Praktisches schenke; und so brachte er denn bald einen Kleiderstoff, bald Leinen zu Hemden, bald ein wärmendes Tuch für die Mutter und ähnliche Sachen.

Lisette sagte ihm einmal: »Ich nehme ja gern jedes deiner Geschenke, weil ich deine Liebe sehe, aber ich möchte dir auch einmal etwas geben können, was mich ein Opfer gekostet hätte, damit du dich freuen könntest über mich.« Dieser Wunsch erfüllte sich ihr, aber in einer sehr schlimmen Weise. Plötzlich wurde nämlich der Bräutigam von einer merkwürdigen Krankheit befallen, die man heute wohl auf nervöse Ursachen zurückführen würde, damals aber gar nicht verstand: er war gelähmt, konnte nicht gehen, auch die Arme fast nicht bewegen, und mußte beständig ausgestreckt im Bett liegen. Lisette und ihre Mutter gingen zu ihm, ihn zu pflegen; sie mußten ihre Arbeit vernachlässigen, und weil sie nun bis dahin mit aller Anstrengung nur genau so viel verdient hatten, wie sie zum Leben brauchten, und mit der Miete nicht in Rückstand bleiben durften, weil der Schwager ihnen immer sagte, er könne die so günstig gelegene Wohnung gleich jeden Tag vermieten, wenn er wolle, so mußten sie sich im Essen einschränken, und das wurde besonders der guten Lisette recht schwer, welche von Natur einen gesunden Appetit hatte. Auch war die Pflege selber recht anstrengend, denn der Kranke mußte aus dem Bett und in das Bett getragen werden. Zum großen Glück hatte der gute Jüngling nicht schon alle seine Ersparnisse für die Geschenke ausgegeben, wie es sicher der Fall gewesen, wenn die Krankheit erst einen Monat später gekommen wäre; so konnte Lisette denn beim Schlächter ihm ein gutes Stückchen Briesenfieisch oder beim Geflügelhändler eine Taube und anderes derartiges kaufen, was leichtverdaulich und stärkend ist.

Inmitten dieser Aufregungen und Sorgen nun starb plötzlich unvermutet der Schwager, weil er ein verdorbenes Stück Leberwurst gegessen, das er nicht hatte fortwerfen mögen. Die Herren vom Gericht kamen, versiegelten alles, forderten die beiden Frauen auf, ihre Papiere beizubringen, Lisette wurde als Erbin erklärt und fand sich plötzlich als reiches Mädchen von mehreren hunderttausend Franken Vermögen.

Mutter und Tochter besprachen sich nun untereinander, wie sie sich bei diesem Umschwung der Verhältnisse gegenüber dem Verlobten verhalten müßten. Die Mutter sagte: »Du kannst jetzt einen vornehmen Mann heiraten, einen Advokaten oder Arzt, und wenn eine Frau reich ist, so liebt sie der Mann auch und behandelt sie gut. Aber dein Vater sagte immer: Sein Wort muß man halten, und dein Vater hat immer recht gehabt; jetzt sieht man wieder, daß er recht hatte, wie er den Schein unterschrieb; das habe ich immer gesagt, wenn die Leute über ihn redeten; er hat wohl gewußt, was er tat; nun haben wir jetzt die schöne Erbschaft gemacht. Aber dein Bräutigam ist ein kranker Mann, und ein kranker Mann und eine junge Frau, das tut nicht gut.« Die Tochter sagte errötend: »Ja, ich glaube auch, daß Vater immer recht hatte.«

Aber nun überlegten sie sich, wie sie dem Bräutigam eine Mitteilung machen sollten. Die Tochter meinte, es sei besser, wenn sie ihm nichts erzählten, denn weil er arm und nun auch krank sei, so werde er sich bedrückt fühlen, wenn er nun höre, daß sie ein solches Vermögen besitze. Die Mutter erwiderte, er habe doch gewiß Sorgen, denn seine Ersparnisse seien fast aufgebraucht, und die Sorgen schadeten ihm doch sicher. Die Tochter kam auf den Gedanken, ihm zu erzählen, der Bankier, bei dem er gearbeitet, habe sie rufen lassen, sich nach ihm erkundigt und versprochen, alle Kosten der Krankheit zu bezahlen. Nach mancherlei Bereden schien den beiden dieser Plan gut zu sein. So machten sie denn dem Kranken die Erzählung, zu dessen großer Verwunderung, denn er hatte von seinem Herrn einen solchen Edelmut nicht erwartet; er sagte, daß er jetzt bereue, so ungünstig über ihn geurteilt zu haben, und sich vornehmen wolle, von nun an immer Gutes von den anderen Menschen zu denken. Sein Herr hatte einen Lieblingssatz, den er bei jeder möglichen Gelegenheit aussprach: »Erst komme ich, dann komme ich noch einmal, und dann kommen die anderen Leute immer noch nicht«; aber man kann sich ja vorstellen, daß ein solcher Mann seine guten Taten im verborgenen tun will und sich deshalb gern als hartherzig ausgibt.

Die Freude über die geglaubte Wohltat seines Herrn und die Sorglosigkeit wirkten auch günstig auf seine Gesundheit ein; er konnte sich etwas im Bett aufrichten und aß mit größerem Vergnügen die guten Speisen, welche Lisette ihm zubereitete.

Inzwischen wurde die wunderliche Erbschaft der hübschen Stuhlflechterin im ganzen Stadtviertel besprochen und das Gerede kam natürlich auch zu den Ohren der vielen unredlichen Liebhaber. Ein Teil von diesen zog sich beschämt zurück: alle Soldaten, Handwerksgesellen und Ähnliche, deren Stand nun plötzlich tief unter dem reichen Mädchen war; die weitaus meisten aber verwandelten ihre früheren leichtfertigen Absichten in bürgerlich ehrenwerte Pläne und beschlossen, das hübsche Mädchen mit der reichen Mitgift zu heiraten. Da die guten Weiberchen still für sich hin lebten und auch der junge Mann keinerlei Verkehr hatte, so war von der Verlobung nichts bekannt geworden; deshalb kamen denn nun ohne weiteres die Besuche und Briefe der jungen Herren mit den Heiratsanträgen der verschiedensten Art, so daß die beiden in vielfache Verlegenheit versetzt wurden; um Diesem zu entgehen, verließen sie ihre dürftige Wohnung und mieteten sich in einer anderen Straße ein.

Unter den Verehrern fand sich einer, der mit einem besonderen Spürsinn ausgestattet war. Dieser suchte nach einem Grund, weshalb Lisette die ansehnlichsten Bewerber ausschlug, und konnte sich nichts anderes denken, als daß sie bereits einen Geliebten haben müsse. Diesen machte er durch Nachforschungen bald ausfindig, und da stellte es sich heraus, daß er eine entfernte Bekanntschaft mit ihm hatte, auf die hin er ihn wohl besuchen konnte.

Das tat er denn nun auch, erzählte dem Kranken die Erbschaftsgeschichte und hielt ihm dann etwa folgende Ansprache: »Ich kenne Sie als einen billigdenkenden Mann. Sie sind krank, Sie werden nicht dem Glück eines reizenden jungen Mädchens im Wege stehen wollen. Sprechen Sie für mich, Sie haben es nicht mit einem Undankbaren zu tun; es wird immer eine Freude für mich sein, wenn ich für Sie sorgen kann.« Damit verließ er den Erstaunten.

Als nun die beiden Frauen ihn wieder besuchten, berichtete er ihnen, was er erfahren, und fuhr dann fort: »Ich habe eure Pflege mit herzlichem Dank angenommen und habe mir immer gedacht, wenn ich erst wieder genesen wäre, so wollte ich denn Lisette heiraten und euch beiden zu erwidern suchen, was ihr an mir getan. Nun aber sehe ich wohl ein, daß ein Mann wie ich ein so reiches Mädchen nicht beanspruchen kann, und daß es unrecht wäre, wenn ich Lisette nicht ihr Versprechen zurückgäbe. Aber ich möchte um eines bitten: daß sie auf meinen Rat hört, wenn sie einen Gatten erwählt, denn ich habe mehr Kenntnis der Welt wie sie; von dem Mann, welcher bei mir war, würde ich auf jeden Fall abraten.«

Lisette kniete am Bett nieder, ergriff seine Hände und sprach: »Lieber, ich bleibe bei dir, du bist krank und mußt jemanden haben, der dich pflegt.«

»Das ist ein falscher Gedanke,« antwortete er. »Du würdest mir zu viel aufopfern. Und ich weiß ja auch, daß ich nicht ein solcher Mensch bin, welcher eine derartige Hingabe aus übermäßiger Liebe erwarten kann, ich bin nur ein Angestellter wie tausend und zeichne mich durch nichts aus. Früher war die Sache anders, als du arm warst, da konnte ich dir etwas bieten, und wenn es auch wenig genug war und in keinem Verhältnis stand zu deinem Wert, so waren doch die Verhältnisse derartig, daß es für dich gerade einen Wert hatte. Daß du bei mir bleiben willst, das kommt jetzt nur aus der Rechtschaffenheit deines Herzens, die ich ja kenne.«

Lisette stand auf, wurde ganz blaß, kreuzte die Arme über die Brust und sagte: »Du bist krank und kannst dich nicht bewegen, deshalb sage ich es dir, sonst würde das Wort nicht über meine Lippen kommen: Ich habe dich lieb.«

Der Kranke erschrak und fühlte einen heftigen Ruck durch seinen ganzen Körper, er richtete sich auf, sprang aus dem Bett, breitete seine Arme aus und rief: »Lisette.«

»Er ist gesund, er ist gesund,« rief die Mutter; Lisette sank ihr ohnmächtig vor Freude in die Arme.

Das alte Bild

Ein junger Mann saß allein im Wohnzimmer seiner Eltern. Niemand außer ihm war im Hause; die Eltern, Geschwister, Freunde machten eine Vergnügungsfahrt, die Dienstboten waren beurlaubt. Vor den Fenstern in den blühenden Obstbäumen ruhte der Sonnenschein; das Summen der großen Stadt tönte von weitem; er wußte, daß alle Türen geschlossen waren, und daß lange Stunden ihn niemand in seiner Einsamkeit stören würde.

Er saß vor einem großen Bilde, das er schon als Kind geliebt, das ihm so vertraut war, als lebe er in ihm, unter den hohen Bäumen, durch welche man in der Ferne, sichtbar und doch verdeckt, das Schloß sah. Das Bild war von einem der sanften Künstler der Rokokozeit gemalt; da war ein rasenbedeckter Platz in einem Park, der ganz von den ungeheuer großen grünen Bäumen überwölbt war; mit einem eigenen Blaugrün hatte der Maler die Bäume gemalt, das wunderlich einlud zu Träumereien; ganz in bläulicher Ferne glänzte das phantastische Schloß mit vorspringenden und zurückweichenden Säulen und Bogen; es schien schlank und kühn in die Höhe zu streben, mit hohen Fenstern, die von flammenartig nach oben steigenden Ornamenten gekrönt wurden, hohen und schmalen Türen, zierlichen Balkons mit verschlungenen geschmiedeten Geländern, heiter sich schwingenden Treppen, steilen Dächern, deren Flucht unterbrochen war durch anmutig geformte Mansardenfenster. Vorn, auf dem schattigen Rasenplatz unter den vielhundertjährigen Bäumen, lustwandelte eine jugendliche Gesellschaft: auf niedlichen Stöckelschuhen trippelten hübsche Damen mit hochgetürmtem Haar und geschürzten Röckchen; ihnen zur Seite tänzelten junge Herren in Seidenstrümpfen, prächtigen, goldgestickten Röcken, mit dem Gefäß des leichten Degens spielend, der munter und lustig abstand hinter ihnen, oder beteuernd die Hand auf den Arm einer der kleinen Damen legend, oder sich zuwinkend, zierlich mit den dreieckigen Hüten in der Luft agierend. Für sich allein aber, unbeachtet von den anderen, am Stamme eines Baumes stand eine der jungen Damen, ein Blatt Papier in der Hand, das sie traumverloren betrachtete. Hinter ihr zog sich durch das Grün des Gebüsches hin deutlich erkennbar ein kleiner Fußpfad, der zu einem ländlichen Gehöft führen mochte oder vielleicht auch in Windungen zum Schloß lief.

Seit seiner Kindheit hatte der junge Mann das Bild mit liebenden Augen betrachtet, und nach seinen Erlebnissen und Stimmungen hatte er sich geträumt, wie er selber mit in dem Bilde ging, in der Tracht der Herren mit den Seidenstrümpfen, gestickten Röcken, zierlichen Degen und Dreispitzen. Zuweilen küßte er einer von den schönen Damen die Hand, bot ihr den Arm in gleicher Höhe mit dem Kinn; erzählte er witzige Geschichten, über welche die Herren lachten und die Damen lächelten, mit den pfauenfedergeschmückten Fächern rauschend; geriet er in Wortwechsel mit einem von den selbstbewußten Herren, die beiden zogen ihre Degen, die Freunde legten sich ins Mittel, eine der Schönen sank ohnmächtig ihren Genossinnen in die Arme; dann wieder scharte er die Herren um sich durch eine wunderliche Erzählung, die Damen standen von ferne und sahen zu ihnen her; oder er stand inmitten der Damen, trug ein Gedicht vor, das er selber gedichtet, die Damen standen und saßen, traumverloren ihm lauschend, die eine ihm ins Gesicht schauend, die andere im abgewendeten Auge eine Träne zerdrückend, die Herren aber hatten sich eifersüchtig und neidisch zusammengerottet und warfen ihm feindliche Blicke zu.

Aber am meisten hatte er sich doch gedacht, daß er zu der einsamen jungen Dame trat, welche las. Was las sie? Einen Liebesbrief? Ein Gedicht? Einen Brief, den sie selber geschrieben, in welchem sie einem verächtlichen Liebhaber den Abschied gab? Er trat zu ihr, die Linke am Degen, in der Rechten den Hut haltend, verneigte sich und redete sie an: »Weshalb so abseits, schönes Fräulein? Habt Ihr einen Kummer? Sagt ihn mir, oder habt Ihr eine Freude? Teilt sie mir mit; ich will beides mit Euch tragen.« Sie warf ihm einen Blick zu, er solle schweigen vor der übrigen Gesellschaft; dann ging sie mit ihm den Fußweg weiter, der in den Wald führte, in das Bild hinein; er verschwand mit ihr in dem Bilde hinter dem Gebüsch, und nun gingen sie weit in den Park, auf dem schmalen Fußweg, ganz allein; von weitem tönte einmal das Lachen der übrigen Gesellschaft zu ihnen, dann wurde alles still, nur ein Specht klopfte wohl einmal, oder ein Eichhörnchen huschte lautlos über den Weg, einen glatten Stamm hinauf, lugte über ihnen hinter dem Stamm vor auf sie nieder mit seinen schwarzen Perlenaugen.

Nun saß er allein in dem verlassenen Haus, die anderen waren fröhlich miteinander, und Maria war wohl die Fröhlichste. Sie hatte mit seinem Bruder gelacht, er hatte die Stirn gerunzelt; sie bat den Bruder, ihr beim Umhängen des Mantels zu helfen, den er ihr hatte umhängen wollen; er war zurückgetreten, hatte aus dem Fenster gesehen; sie sagte neckend: »Du denkst, daß unsere Lustfahrt verregnen wird,« er bejahte trocken. Sie sagte spottend: »Willst du nicht lieber zu Hause bleiben?« er antwortete, daß er dringende Briefe erledigen wolle. Sie wendete sich zu dem Bruder, nahm seinen Arm und sagte: »Ich freue mich so darauf, mit dir zu tanzen, ich habe noch nie mit dir getanzt.« Er antwortete: »Er tanzt natürlich besser wie ich.« Sie sagte über die Schulter hin: »Das nahm ich ohnehin an, Wilhelm,« und reichte dem Bruder den Arm, daß er den Handschuh zuknöpfen solle. Da war er aus dem Flur fortgegangen, in dieses Zimmer, wo das Bild hing; er hatte alle Geräusche, alles Schwatzen, Lachen, Kichern vernommen, hatte gehört, wie der Kutscher den Pferden zurief, wie der Wagen fortrollte. Dann liefen noch eine Weile die Dienstmädchen durch das Haus, Türen klappten, einmal wurde die Zimmertür geöffnet und schnell wieder zugeschlagen; endlich war das Haus ganz leer, und er hatte abgeschlossen; nun saß er allein vor dem Bild.

Und wie er aufsah aus seinem Nachbrüten, da stand die Dame aus dem Bild vor ihm; sie verbarg schnell den Brief in ihrem Kleide; weshalb hatte sie denn den Brief noch in der Hand? Er erhob sich, da war er gekleidet wie die anderen Herren auf dem Bilde; er wurde verwirrt, sie reichte ihm lächelnd die Hand, er ergriff die Fingerspitzen; da stand er mit ihr am Stamm des hohen Baumes; durch das Gebüsch waren die anderen von ihnen getrennt, sie hörten Lachen, Sprechen, Flüstern, zärtliche leichtsinnige Worte; die Dame sah ihn an, da legte er ihren Arm in den seinen und ging mit ihr den Waldweg; die Stimmen der anderen verloren sich, sie gingen auf dem engen Weg, zwischen Gebüsch, das er mit den Händen festhielt, damit es nicht ihr zierliches Gesicht streifte. Lange gingen sie, und er fühlte ihr Herz klopfen. Baumwurzeln liefen über den Boden; wo das Gebüsch etwas zurücktrat, standen die weißen Sternblumen am Weg; wunderbar ruhig war alles um sie. Sprachen sie denn zusammen? Nein, sie sprachen nicht.

»So lange habe ich dich erwartet,« sagte sie, »so lange Jahre.« Die großen Äste der Bäume hingen über den Weg, der Sonnenschein spielte am Boden, die Blätter über ihnen waren durchleuchtet. Da lief der Pfad aus dem Wald, zwischen zusammenstrebenden Bäumen wie aus einem leuchtenden, flimmernden, bewegten Torbogen; vor ihnen lag eine Wiese, mit blauen, gelben und weißen Blumen, in flimmerndem Grün und leiser Bewegung; zu einer anmutig ausgebogenen Terrasse mit kunstvoll geschmiedetem Eisengitter schwangen sich zwei Treppen, auf der Terrasse stieg das Schloß in die Höhe, mit den hohen Fenstern, den seltsam gewundenen Balkons mit schwarzem und vergoldetem Eisenwerk, den wunderlichen Säulen, Ecken, Winkeln, Vorsprüngen und Einsprüngen, Amoretten, welche auf Balustraden standen und Girlanden hielten, Blumenvasen, mit dem steilen Dach aus grün angelaufenem Kupfer, blitzenden Mansardenfenstern; und sie gingen in langen Korridoren auf bunten Steinplatten; an den Wänden hingen Bilder von Damen und Herren, durch die hohen Fenster strömte Sonnenlicht herein, sie traten in ein Zimmer, und er hielt sie im Arm, er küßte sie und sie küßte ihn, sie sagte: »So lange habe ich dich erwartet, so lange Jahre; über hundert Jahre lang, ehe du geboren, habe ich dich erwartet; allein harrte ich an dem hohen Baume, und die anderen lachten und sprachen, liebten sich und scherzten miteinander; ich aber stand allein, und hatte ein Blatt in der Hand, auf dem ein Gedicht geschrieben steht, das Gedicht ist von dir, ich weiß es auswendig, seit hundert Jahren weiß ich es auswendig. Nun aber haben wir uns gefunden, nun gehören wir zusammen. Die ganzen Jahre habe ich davon geträumt, wie wir durch den Waldweg gehen werden, meinen Arm in deinem Arm, und die Stufen hinaufsteigen, und durch die Korridore gehen in dieses Zimmer hier; nun wollen wir leben in diesem Schloß, wir wollen nicht alt werden, sondern wir bleiben ewig jung, und die Sonne scheint ewig, die Wiese blüht und flimmert, der Wald bewegt leise seine Blätter, ganz weit fort sind die anderen, sie kommen nie zu uns in dieses Schloß, wir sind allein hier, wir sind allein in der Welt.«

Dann aber sagte sie: »Nun will ich dir auch alles zeigen, das uns gehört.« Umschlungen gingen sie durch die Zimmer, da hingen an den Wänden Gobelins, auf denen waren alle Tiere des Waldes abgebildet, Jagden, Schlachten, Liebesgeschichten; Kredenzen waren da, auf denen war aufgestellt silbernes Geschirr aller Art: große Krüge, Schalen, Schüsseln; kristallene Gefäße funkelten, Rubinglas blitzte rotleuchtend; an den Wänden hingen mächtige Geweihe von gewaltigen Hirschen, Elentieren, zierliches Rehgehörn; in Schränken an der Wand standen Waffen und Waidgerät aller Art, kostbar mit Silber und Perlmutter eingelegt, schön und fest gearbeitet; »jeden Tag kannst du auf Jagd gehen, Lieber,« sagte sie; »das Wild kommt bis vor unser Haus«; dann waren da lange Galerien mit Bildern, ein großer Saal mit Schränken voller Bücher; »an den Abenden wollen wir lesen, was die Dichter geschrieben haben,« sagte sie, »wir wollen suchen, ob sie solche Liebe haben singen können wie unsere, solches Glück beschreiben, wie unseres ist, wir wollen unsere Seelen wiegen auf schönen Versen, schmeichelnde Reime sollen unser Ohr umtönen und umklingen, wunderbare Bilder sollen unseren Geist erheitern, und wenn wir müde sind von Glück und Freude, dann wollen wir zufrieden einschlafen und auf den Morgen hoffen, wo wir uns lächelnd begrüßen nach ruhiger Nacht.«

Nun lebten die beiden sehr lange zusammen. Des Morgens warfen die Bäume von links her einen langen Schatten über die Wiese vor dem Hause, dann verkürzte sich der Schatten, dann lag die Wiese im hellen Sonnenschein, das freundliche Licht strahlte durch die Fenster; dann neigte sich die Sonne gegen Abend, von der anderen Seite fielen die Schatten, länger und länger werdend. Auch der Mond glitt auf am Himmel, und in silbernem Glänze leuchteten Busch und Baum und die vielen Kräuter der Wiese. Und wunderlich war alles im Schloß, es schien, als veränderten sich die Zimmer täglich, so viel Neues erschien, so anders sah alles Alte aus, so sonderbar waren die Türen, die Gange.

Ein Zimmer lag an dem Ende eines Ganges, die Tür hatte immer dieselbe Stelle; die Geliebte bat ihn schmeichelnd: »Öffne nicht diese Tür, es wäre ein Unglück für mich, wenn du sie öffnetest, ich müßte weinen, immer müßte ich weinen, wenn du sie öffnetest.« Er lachte über ihre Angst und öffnete nicht die Tür. Aber an einem Tag, nach vielen Tagen, stand er am Ende des Ganges, und stand vor der Tür; da war ihm, als höre er in dem Zimmer Maria sprechen; sie sagte: »Willst du mich denn nicht ansehen?« Wie er diese Stimme hörte, da wurde er von solchem Heimweh ergriffen, daß er auf den Griff drückte, die Tür öffnete und eilig in das Zimmer trat. Da sah er nichts, nur an der Wand war ein Bild; auf dem Bild war die Wohnstube seiner Eltern gemalt, der große Tisch mit dem buntfarbigen Teppich darauf, der Kamin mit der marmornen Einfassung, dem messingenen Feuergerät und das alte Bild an der Wand mit den Bäumen, dem Schloß im Hintergrund, der heiteren Gesellschaft; auf dem Stuhl aber vor dem Bild saß er selber, und vor ihm stand Maria. Da sah er, wie er sich erhob und Marias Hand ergriff, und da stand er auch schon wirklich in der Wohnstube, hielt Marias Hand und sah in ihr bekümmertes Gesicht. »Kannst du mir denn nicht verzeihen?« fragte sie ihn; »es war ja nur Scherz.« Er sah sie noch immer starr an, konnte sich nicht finden. »Es war ja nur Scherz,« wiederholte sie, und fuhr fort: »Willst du denn nicht noch mitkommen? Alle anderen sind schon in den Wagen gestiegen.« Sprachlos sah er noch immer auf sie, dann sah er auf das Bild an der Wand vor ihm, mit den Bäumen, dem rasenbedeckten Platz, auf welchem die heitere Gesellschaft ging, mit dem Schloß im Hintergrund. – »Sie weint ja!« rief er und zeigte auf die Dame, welche allein stand, an einen Baum gelehnt. Maria folgte verwundert seinem Blick. »Sie hat ein Taschentuch in der Hand, eben hat sie sich die Tränen abgetrocknet,« fuhr er fort. »Ja, wirklich,« sagte Maria, »ein Taschentuch hat sie in der Hand; ich hielt es immer für ein Blatt Papier.« Nun setzte er sich in den Stuhl, die Tränen kamen ihm, und er verbarg sein Gesicht in den Händen. »Was ist dir?« fragte sie, »ich wußte ja nicht, daß es dich so kränken würde, ich will ja nie wieder so scherzen; verzeihe mir doch, sieh mich doch an, ich liebe dich ja so sehr.« Sie kniete neben ihm und versuchte, seine tränenüberflossenen Hände von seinem Gesicht zu lösen.

Die Hirtenschalmei

Es war in Frankreich zur Zeit der Restauration. Ein Marschall des Kaisers, der auf dem Schlachtfeld zum Herzog gemacht war und dann beim Umschwung der Dinge sich klug zur siegreichen Seite gehalten, reiste mit seiner Gattin und seinem dreizehnjährigen Sohn in einem vornehmen Wagen mit Extrapost; er wollte seine alte Heimat wiedersehen, wo er als Junge barfüßig die Ziegen geweidet hatte. Auf dem Kutschbock saß neben dem stattlichen, tressengeschmückten Postillon der schwarzgekleidete, glattrasierte, schweigsame Diener; der zweite Postillon ritt auf dem linken Vorderpferd des Viergespannes.

Der Herzog beugte sich aus dem Fenster, nickte einem Bauern zu, der, in schwerfälligen Holzschuhen am Wege stehend, die Hand über die Augen gelegt, dem daherrasselnden, blitzenden Wagen entgegengesehen hatte. Der Mann sprang vor Erstaunen oder Schrecken zurück, verlor einen Schuh, bückte sich und schlüpfte wieder hinein. Der Herzog legte sich in seinem Wagen zurück, lachte, daß ihm der Bauch wackelte, haute mit der flachen Hand der Herzogin auf das Knie und sagte: »Das war Meunier, er hat mich nicht erkannt; der hätte Augen gemacht.« Die Herzogin zog eine verletzte Miene und erwiderte: »Aber bitte, Herr Herzog!« Der Herzog krauste ärgerlich die Stirn und sprach zu seinem Sohn: »Deine Mutter auch nicht, wie er sie vor zwanzig Jahren gesehen hat, mit Mannsstiefeln so hoch, wie sie von ihrem Marketenderwagen herunter für zwei Sous Schnaps verkaufte.« Die Herzogin antwortete: »Ich bin müde, ich will etwas zu schlafen versuchen.«

Die Herzogin schlief oder schien zu schlafen, Vater und Sohn schwiegen. Einmal sah der Vater dem Sohn forschend in das blasse Gesicht und sagte: »Nicht immer so hinter den Büchern sitzen, du brauchst dir doch nichts abgehen zu lassen; wie ich so alt war wie du, da hatte ich andere Backen, und da gab's nur hartes Brot und Magerkäse.« Die Landstraße stieg etwas an, die Pferde gingen langsamer, der Herzog kletterte mit seinem Sohn aus, und die beiden gingen neben dem Wagen her. »Ich kann das Schleichen nicht ausstehen,« sagte er, »lieber laufe ich mir die Sohlen wund.«

»Was hat man nun eigentlich von seinem Leben,« fuhr er fort. »Ich habe doch nun alles, was ich wünschen kann: Ich kann essen, was ich will, die Leute buckeln vor mir, ich habe auch einen guten Magen, aber das alles stillt das Sehnen des Herzens nicht. Wenn ich bei den Schafen geblieben wäre, dann wäre ich gescheiter gewesen. Du sollst es ja einmal besser haben wie ich, du heiratest deine hunderttausend Frank Rente.«

Sie waren hinter dem Wagen zurückgeblieben, nun waren sie allein. Mit einem Male hörten sie die Töne einer Hirtenschalmei. Sie gingen einige Schritte vorwärts, um einen freieren Blick zu bekommen, da sahen sie einige hundert Schritte abseits von der Straße, in dem violett blühenden Heidekraut, auf einem abgerundeten einzelnen Felsblock einen Hirtenjungen sitzen; er hatte die nackten braunen Beine von sich gestreckt, die große Zehe stand ihm hoch in der Wonne seines Blasens; die Schafe lagen in dem Heidekraut, einige gingen langsam Kräuter und Gräser abbeißend, ein Lamm hüpfte mit wackelndem Schwänzchen zu seiner Mutter; der Junge aber saß unbekümmert auf dem Felsen, ganz verloren in sein Blasen und Fingern.

Der Sohn sah zu dem alten Herzog auf; dem rollten die Tränen über die gebräunten Wangen, fielen auf die weiße Weste, die über seinem Bauch sich wölbte; er nahm des Sohnes Hand, der fühlte, wie die Hand des Vaters bebte. So schritten sie zusammen durch das Heidekraut. Ein Schaf sprang erschrocken auf, lief mit wackelndem Vliese fort, andere Schafe erhoben sich und liefen, der Hund kam angerannt und sah die beiden fragend an; endlich setzte der Junge seine Schalmei ab und wendete große dunkle Augen mit ruhigem Gesichtsausdruck auf die Herrschaften.

Der Herzog fragte: »Was machst du denn da?«

»Ich hüte,« erwiderte ruhig der Junge.

Ärgerlich setzte sich der Herzog in die Heide, er riß sich die Weste auf und pustete. Dann sagte er zu seinem Sohn: »Ich habe auch gehütet; aber dann bin ich ausgerissen.«

»Bin auch ausgerissen,« sagte der Junge oben.

»Vierundzwanzig Stunden bin ich gelaufen, bis ich zu den Sansculotten kam,« fuhr der Herzog fort. »Da haben sie mich auf ein Pferd gesetzt und dann ging's los. Aber weißt du, nimm dich bloß vor den Weibern in acht. Was könnte ich jetzt für ein Kerl sein, wenn ich nicht deine Mutter immer am Bein gehabt hätte! Der Kaiser hat oft seine Witze über uns gerissen. Aber ich habe nicht auf ihn gehört; na, er hat auf mich ja auch nicht gehört. ›Majestät,‹ sage ich ihm, ›was wollen wir denn noch! Ich habe für zwei Millionen Güter in Preußen. Ich habe genug.‹ Nein, der wollte immer noch mehr haben.«

»Eine schöne Schalmei!« sagte der Hirtenjunge. »Ich habe auch mein ganzes Schwanzgeld dafür bezahlt.« Er reichte die Schalmei dem jungen Herzog. »Aus Birnbaum,« fuhr der Junge fort; »die Ringe sind aus Knochen, das Mundstück ist aus Horn.«

Der Herzog nahm die Schalmei seinem Sohn aus der Hand, setzte sie an den Mund und spielte. Die beiden Jungen sahen ihm erstaunt zu.

Der Herzog setzte die Schalmei ab und fragte den Hirten: »Wieviel Schwanzgeld kriegst du denn?« »Einen Sou,« antwortete der. »Verdammte Aristokratenbrut,« rief der Herzog. »Kommen auch noch unter die Guillotine,« schloß der Hirt ruhig das Gespräch.

Der junge Herzog sah den Schafen zu, welche ruhig standen und fraßen, dem Hund, welcher sich gelagert hatte, jappend die Zunge aus dem Maul hängen ließ und aufmerksam seinem Herrn ins Gesicht blickte; die Luft zitterte leise durch die Sonnenglut über der blühenden Heide; der Hirt dehnte sich auf seinem Stein, dann legte er sich auf den Rücken, die Arme unter den Kopf und sah in den blauen Himmel, der Hund streckte sich lang aus und blinzelte mit den Augen.

»Wie hast du denn das gemacht, wie du ausgerissen bist?« fragte der junge Herzog den Hirten. »Na, so, bin ausgerissen,« antwortete der. Nach einer Pause fügte er hinzu: »Mein Alter hatte mich zu einem Schneider in die Lehre gegeben, paßte mir eben nicht. Ich, des Nachts aufgestanden, mich angezogen, aus dem Fenster, und fort.«

»Und hast du denn gleich eine Stellung bekommen?« fragte der junge Herzog weiter.

»Gebt mir meine Flöte wieder, Ihr macht sie mir noch kaputt,« antwortete der Junge. »Natürlich, die freuen sich, wenn sie überhaupt einen Jungen kriegen für die Schafe.«

Der Herzog stand auf, nahm seinen Sohn an der Hand, sagte: »Die Lebensverhältnisse im Volk sind einfacher wie in unseren Kreisen, sie nähern sich mehr dem Naturzustand,« und ging mit ihm fort, auf die Landstraße zurück. Die beiden gingen eine Weile, dann trafen sie auf den Wagen, der sie erwartete. Der Diener stand neben dem Schlag, den Zylinder in der Hand, öffnete die Tür, die beiden stiegen ein.

Die Herzogin versteckte ein Fläschchen und sprach: »Und das sage ich Ihnen, Herr Herzog, ich verlange, daß der Herzog von Aumale sich entschuldigt. Ich brauche nicht neben einem kleinen Leutnant zu sitzen. Er ist Herzog und ich bin Herzogin. Was mache ich mir aus seinen Ahnen! Ich habe auch Ahnen. Majestät haben mir gesagt: ›Aber was haben Frau Herzogin für prachtvolles Haar.‹ Habe ich auch …« Und in ähnlicher Weise redete sie weiter.

Vater und Sohn schwiegen; der Vater trommelte mit der Hand auf der Wagentür; der Sohn hatte ein Stückchen Papier aus der Brusttasche gezogen und schrieb verstohlen einige Zeilen auf. »Was schreibst du denn da?« fragte der Herzog; der Sohn errötete tief und antwortete stotternd: »Ich… ich… ich möchte wohl, daß Lamartine das Leben des Hirten besänge.« Der Herzog seufzte tief, dann sagte er: »Daß die von der leichten Kavallerie doch alle so einen verfluchten Wanst bekommen mit den Jahren. Ich bin ganz außer Atem. Wozu bezahlt man eigentlich den Ärzten das viele Geld! Arme und Beine abschneiden, weiter verstehen sie nichts!«

Der Wagen kam in dem Bestimmungsort an; der Postillon auf dem vorderen Pferd blies ein lustiges Stück, alle Leute stürzten zu den Fenstern, im schnellsten Lauf rasselte der Wagen durch die Straßen; vor dem Gasthaus stand der Wirt im besten Anzug, mit einem Orden auf der Brust, die Kellner, der Schlag wurde aufgerissen, die herzogliche Familie stieg heraus; die ganze Zimmerfront war für sie belegt, und auf dem Markt sammelten sich die Leute, um nach den Fenstern hochzusehen, wo die Herrschaften wohnten.

Das Essen wurde gebracht, viele Gänge; der Wirt servierte selber, er sagte: »Hier lasse ich eine Tafel anbringen, daß die Herrschaften in diesen Zimmern gewohnt haben. Das ist eine Ehre für Kinder und Kindeskinder.«

Der junge Herzog aß wenig, er sah oft traurig zu seinem Vater hin. Der streichelte ihm mit der Hand über den Kopf und sagte »Guter Junge, guter Junge«. Nach dem Essen schmiegte er sich an den Vater und fragte: »Darf ich etwas bei dir bleiben?« Der Herzog streichelte ihn wieder und sagte »Guter Junge, guter Junge«. Nach einer Weile schickte er ihn ins Bett; der Junge küßte ihn auf den Mund, küßte der Mutter die Hand und ging. Wie die Alten allein waren, sagte der Vater: »Ja, wenn man den Jungen nicht hätte, dann wüßte man nicht, wozu man lebt.«

Der junge Herzog hatte sich den Anzug des Hirten genau angesehen; er bestand aus einer zerlumpten Hose, die bis an die Knie ging, und einem Hemd; dann war da noch etwas wie ein Mantel, auf dem er saß. Wie er nun allein war, da schnitt er seine Hose ab, suchte sich ein einfaches, ungesticktes Nachthemd aus und nahm eine Reisedecke; das alles legte er zur Seite; und wie es tiefe Nacht war, da zog er das Vorbereitete an, schlich auf den Zehenspitzen die Treppe hinunter, öffnete das Flurfenster, stieg hinaus, drückte es wieder fest und lief dann eilig aus der Stadt. Er ging eine Strecke auf der Landstraße, dann bog er in den Wald.

Am anderen Tag suchten die Eltern nach ihm; sie suchten im ganzen Hause, sie suchten in der Stadt, auf den Landstraßen, in der ganzen Gegend, alle Dienstboten wurden verhört, man schrieb Artikel in der Zeitung, man bot Belohnungen aus, die Polizei gab überall Nachricht im Lande; aber der junge Herzog blieb verschwunden.

Zwei Schwestern

Zwei Schwestern sprachen miteinander über einen jungen Mann, mit dem sie befreundet waren. »Nein,« sagte die ältere, »er wäre für dich kein Gatte. Er ist eine heitere, sorglose und kindliche Natur, gibt sich jedem Impuls hin und muß jemanden haben, der ihn bewahrt vor gefährlichen Folgen seines allzu leichten Gemütes –« Die jüngere Schwester fiel ein: »Und nun meinst du, daß du ihn zu einem Pantoffelhelden erziehen willst, zu einem Manne, der sich in allem nach dir richtet und immer auf deine Weisheit hört –« Die ältere lächelte; sie hatte verständige und heitere große braune Augen in einem schönen und gesunden bräunlichen Gesicht; sie sagte: »Sehe ich dir aus wie eine künftige Xantippe?« Die jüngere errötete, sie gehörte zu jenen Menschen mit weißer Hautfarbe und hellen Augen und Haaren, die so leicht und so tief erröten; sie barg ihr Gesicht an der Brust der älteren und lachte. »Du weinst?« fragte mütterlich die Schwester und richtete das reizende Köpfchen in die Höhe; da standen in den Winkeln der geschlossenen Augen ein paar Tränen, plötzlich aber riß sie sich trotzig los, wischte sich mit einem Taschentuch die Tränen ab und lachte wieder. »Das war nur Aprilregen,« tröstete die andere; sie aber stampfte ärgerlich mit dem Füßchen auf dem weichen Teppich und zerrte mit beiden Händen an ihrem Taschentuch. Zuletzt sagte sie: »Er denkt überhaupt an uns beide nicht, wer weiß, welche er liebt.«

Der junge Mann, wir wollen ihn Gustav nennen, dachte allerdings an beide nicht, er machte sich überhaupt nicht viel Gedanken um junge Mädchen. Aber nun fühlte er sich seit einiger Zeit zu Alice hingezogen, so hieß die ältere der beiden Schwestern, er wußte nicht recht, wodurch eigentlich. Durch Zufall kam es, daß er bei Gesellschaften öfters neben ihr saß; das Dinergespräch hatte gleich das erste Mal unvermerkt eine persönliche Wendung genommen, und als er das zweite Mal sie wieder führen durfte, da war es ihm, als sei er gar nicht von ihr getrennt gewesen und könne in der Unterhaltung gleich fortfahren, wo er das vorige Mal aufgehört; er dachte sich auch: »Sie ist mein Genre, dieser heitere Typus mit dieser leichten Fröhlichkeit und Unbefangenheit. Es gibt zwei Arten von Männern; die einen brauchen den mehr mütterlichen Typus des Weibes, das Weib, welches führt; die anderen haben den Typus der Geliebten nötig, welche durch Lachen und Plaudern unsere Erdenschwere zu heben weiß; ich kenne mich, ich habe zu viel Schwere in meinem Wesen, ich brauche den zweiten Typus.« Er dachte über diesen Gedanken nach; als er wieder mit ihr zusammensaß, sprach er mit ihr von seiner Unterscheidung der Frauen; sie stimmte ihm bei, er mußte von seiner Jugend erzählen; er fand, daß seine Jugend sehr schwer gewesen war; dann fiel ihm auf, wie merkwürdig leicht er sich mit Alice verständigte, sie ahnte alles, was er sagen wollte, und antwortete auf Fragen, die er nur gedacht.

So ging er das letzte Mal mit beständigem Denken an sie nach Hause; am Posten vorbei schritt er durch das Tor, dann über den großen, leeren Kasernenhof, der so trostlos hell aussah im Mondschein; als er die Tür zu seinem Flügel öffnete, kam ihm die Kommißluft entgegen; er ging die Treppe hoch, durch den Korridor, wo an den Türen die Visitenkarten der Kameraden angeheftet waren, öffnete seine Tür; der Mond leuchtete in das Zimmer, das ihm sonst immer so behaglich erschienen; es war plötzlich, als sei es tot; mißmutig zog er den Uniformrock aus und warf ihn auf einen Stuhl; der Bursche hatte ihm den Stiefelknecht zuhanden gestellt; diese Vorsorge ärgerte ihn ohne Grund, und sein ganzes Leben erschien ihm plötzlich als ganz trostlos und elend.

So kam es denn, daß er sich mit Alice verlobte, und da keinerlei Schwierigkeiten vorlagen, so wurde der Hochzeitstag in einer nicht zu entfernten Zeit angesetzt.

Die jüngere Schwester, welcher wir den Namen Marie geben wollen, hatte sich in diesen Wochen an einen Verehrer näher angeschlossen, einen jungen Gelehrten, welcher schon lange eine stille und treue Neigung zu haben schien, aber nicht recht seine Gefühle äußern mochte, da er wohl spürte, daß der hübsche, heitere und glänzende junge Offizier ihm im Wege stand. Als man die Verlobung Alicens veröffentlichte, da wurde zugleich auch Mariens Verlobung bekannt gemacht, und auch ihre Hochzeit wurde auf denselben Tag mit Alicens Hochzeit festgesetzt.

Nun lebten die beiden Schwestern glücklich und zufrieden, eine jede mit ihrem Gatten, in ihrem Haushalt; fast gleichzeitig kam in jeder Familie ein Kind an, und zwar waren es zur größten Freude aller zwei Knaben. Die Mütter besuchten sich, hielten die Kinder nebeneinander und verglichen sie, sie nährten selber, mit glücklichem Stolz schaute jede der Schwestern auf das Kind an ihrer Brust, welches ruhig und still saugte, gerührt und glücklich sahen sie einander in die Augen, Marie reichte der Schwester die Hand, und ihnen beiden kamen die Tränen der Freude. So nahmen die Knaben denn zu, das Rückgrat stärkte sich und sie konnten sitzen; nun bekamen sie bald andere Nahrung bereitet; oft saßen die Schwestern an einem Tisch, jede ein Schälchen vor sich, ein Löffelchen in der Hand, das Kind auf dem Schoß, ihm mit der Linken die Händchen festhaltend, damit es nicht in das Schälchen patschte; dann machten die Kinder die ersten Schritte, vorsichtig, mißtrauisch und ängstlich, sich am Finger der Mutter festhaltend; und so ging nun alles mit ihnen weiter.

An einem Tage aber kam Marie zu ihrer Schwester gefahren, allein, ohne das Kind. Mit blassem, entschlossenem Gesicht setzte sie sich in ihren Stuhl, in aufrechter Haltung, den Hut auf dem Kopf.

»Ich komme in einer Gewissensangelegenheit,« sagte sie.

»Was ist mit meinem Mann?« fragte Alice erschreckt.

»Du machst ihn unglücklich,« rief Marie ihr entgegen.

Alice senkte das Haupt, damit die Schwester ihren Gesichtsausdruck nicht sehen könne, und schwieg. Marie fuhr fort und beklagte sich bitter über sie: die Frau müsse den Mann verstehen, zu dem Zweck müsse sie selber eine Persönlichkeit sein; aber Alice sei nur ein Spielzeug, sie könne ihren Gatten nicht höher führen; der Mann spüre es genau, wenn die Frau einen Mangel im Menschlichen habe, aber er spüre es erst, wenn der Rausch vorüber sei; dieser Rausch sei das große Unglück des Mannes; die Frauen seien viel klarer in ihrem Urteil wie die Männer, denn über sie habe der Rausch keine Gewalt; aber sie seien zu unerfahren; und erst jetzt, wo sie das Leben kenne, sehe sie, Marie, deutlich, wo in ihrer und ihrer Schwester Ehe die Ursache des Unglücks liege. Und als sie das gesagt hatte, zog sie ihr seines Spitzentaschentuch vor und begann heftig zu weinen.

Alice sah sie mit ernstem Gesicht an und erwiderte, ein jeder Mensch müsse eben die Last tragen, welche das Schicksal ihm aufgelegt. Dann fragte sie, wie die Schwester ihren Gatten gefunden habe in der letzten Zeit, ob er vielleicht bedrückt sei. Marie antwortete, sie sei noch gestern abend mit ihm zusammengewesen in einer Gesellschaft; Alice hatte wegen eines leichten Unwohlseins das Zimmer hüten müssen, Gustav aber hatte nicht für sich absagen mögen, da die Wirte durch ihre vortrefflichen Diners berühmt waren; und nun hatte er mit seiner Schwägerin stundenlang allein im Wintergarten gesessen; Marie wurde über und über rot, als sie erzählte, ärgerte sich und sagte: »Dieses Erröten ohne jeden Grund muß ich mir doch endlich abgewöhnen.« Dann nahm sie Abschied, küßte die Schwester auf die Stirn und sagte: »Du hast ja keine Schuld, man weiß eben nicht, wie man zu den Männern sein soll.«

Man behauptet, daß auf Universitäten viele Intrigen vorkommen, und daß ein Professor mindestens so geschickt wie ein Schauspieler seine Kollegen behandeln müsse. Da die Gelehrten von Natur keine besonderen diplomatischen Gaben zu besitzen pflegen, so ergibt sich, daß in dieser Politik der Universitäten die Frauen sehr wichtig sind.

Maries Gatte hatte sich angewöhnt, solche Dinge, welche politischen Scharfsinn erforderten, mit seiner schönen Schwägerin Alice zu besprechen. So besuchte er sie denn auch jetzt wieder, saß an ihrem Teetisch, blickte gespannt durch seine Brillengläser, indessen sie ihm den Tee eingoß, und erzählte ihr ein Vorkommnis, wegen dessen er ihren weiblichen Rat einholen wollte. »Mich wundert, Alice,« sagte er erstaunt, »wie Sie so apodiktisch behaupten können, daß ein Weib dahinter steckt. Ich sehe, offen gestanden, kein einziges Indizium.« Sie antwortete ihm: »Weil es so klug eingefädelt ist.« Er lachte und sagte: »Und diese Klugheit sprechen Sie dem Manne ab?« Sie sah ihn mit einem merkwürdigen Blick an, der ihn betroffen machte, dann sagte sie: »Wenn eine Frau kämpft, dann handelt es sich für sie immer um alles, das sie hat. Der Mann ist reicher, er verteidigt das einzelne Gut nicht so.«

Die jungen Ehepaare pflegten einen Abend in der Woche zusammen zu verbringen, und zwar abwechselnd in dem einen und dem anderen Hause. So befand sich denn Alice mit ihrem Gatten bei ihrer Schwester; man hatte in dem freundlichen kleinen Eßzimmer zu Abend gegessen; und nun war man in das Arbeitszimmer des Hausherrn gegangen, einen großen Raum, der durch Bücherschränke, welche man quer in das Zimmer gestellt, mehrfach geteilt war in behagliche kleine Abteilungen. In der einen Abteilung saß Marie mit Gustav, in der anderen Alice mit dem Gelehrten.

Alice saß zurückgelehnt in ihrem Stuhl, hinter ihr standen ruhig die Reihen der bräunlichen vergoldeten Bücherrücken. Mit einer anmutigen Bewegung ihrer festen und runden Hand strich sie an ihrem dunkelbraunen Haar entlang, in welchem einzelne feine Pünktchen durch das elektrische Licht aufblitzten. Es war zwischen ihr und dem Schwager wie ein Strom. Die beiden anderen nebenan sprachen viel und leidenschaftlich miteinander; in einer Pause ihres Gespräches hörten sie Alice sprechen; nicht jedes Wort verstanden sie, aber sie verstanden:

»Es ist eine Selbsttäuschung, wenn wir uns danach sehnen, verstanden zu werden. Es ist ja gar nichts zu verstehen an uns, als daß naturgemäß jeder Mensch sich selber als das wichtigste Wesen erscheint, das es gibt. Ich habe ja früher auch wohl solche Gedanken gehabt; aber mein Gatte hat mir über sie fortgeholfen. Von ihm habe ich gelernt, daß wir einfach unser bißchen Pflicht erfüllen sollen, dann erscheinen wir uns nicht mehr so wichtig.«

Der Gelehrte sprach etwas, das man nicht verstand. Dann aber hörte man wieder Alices glockenklare Stimme: »Sie haben recht, er hat es nicht leicht bei seiner Veranlagung; er ist auf keine Weise zu beeinflussen, er hört auf niemanden.«

Gustav sah auf seine Uhr und sprach zu Marie, in einem ganz anderen Ton, wie er vorhin gesprochen: »Es wird Zeit zum Aufbruch.«

Jugendsehnen

Ein junger Student hatte eine Liebe zu einem Mädchen in seinem heimatlichen Dorf. Er war der Sohn des Schulmeisters, seine Geliebte war die Tochter des Försters; arm waren sie beide, und ihre Liebe war ganz aussichtslos, denn Gewissensbedenken machten es dem Studenten unmöglich, den sicheren Beruf zu verfolgen, welchen seine Eltern für ihn ausgedacht.

Als er zum letzten Male in seiner Heimat war bei seinen Eltern, besuchte er zum Abschied seine Geliebte. Sie empfing ihn mit heiterem Gesicht auf dem kühlen Hausflur, dessen Wände mit Geweihen verziert waren; die Glocke schellte lange nach; sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn in die Wohnstube. Da saß am Fenster ihre Mutter im weißen Häubchen und nickte ihm lächelnd zu, beugte sich über den Strumpf, den sie in der Hand hatte, und strickte. Ihm war wunderlich befangen, als ob er das alles schon einmal erlebt habe, was nun geschah, das doch ganz einfach und alltäglich war. Auf dem runden Tisch vor dem Sofa lag eine weiße glänzende Decke gebreitet mit scharfen Kniffen, Tassen standen und die Kannen und eine Schüssel mit Kuchen. Der Hund, der zusammengekrümmt in der Ecke lag, erhob seinen Kopf, sah nach ihm, ob er ihn bemerke, klopfte mit dem Schwanz auf die Diele und legte dann den Kopf wieder, mit den Augen alles verfolgend, bis er begann, weiter zu träumen wie er vorher geträumt. Die Mutter kam und setzte sich, die beiden setzten sich; sie sahen sich liebevoll an; das Mädchen wischte eine Träne aus dem Auge und lächelte.

Wie? Ist denn die Zeit nicht, ist die Zeit verschwunden aus der Welt? dachte der Student. Die Uhr hub langsam aus und schlug, vier Schläge. Auch damals hatte die Uhr geschlagen – wie? war damals denn jetzt?

Plötzlich fiel ihm alles auf die Seele: daß er reisen mußte, daß er seine Geliebte nicht wiedersehen sollte, nicht ihre Mutter, nicht dieses stille Zimmer, wo in der Ecke der Hund lag, zusammengekrümmt und träumend. Er sah in das Gesicht der Geliebten, es war naß von Tränen, und er hatte doch nicht gehört, wie sie weinte. Die Mutter streichelte ihr still die Hand, die willenlos auf dem Tische lag. Wie? Nun verzog sich das Gesicht wie zu einem Kinderweinen.

Ungestüm stand er auf, der Stuhl fiel hinter ihm um. Sie hielt die Hände wie abwehrend vor sich; er ergriff ihre Hände, suchte ihr ins Gesicht zu sehen, sie hatte das Gesicht vornübergebeugt, er sah auf ihren glatten, guten Scheitel. Da stürzten ihm plötzlich die Tränen aus den Augen, er ließ die Hände los und eilte aus dem Zimmer.

Seit Tagen standen die Apfelbäume in Blüte, die Bienen summten in den Kronen, die Sonne schien warm vom blauen Himmel, aber Wolken zogen auf, ein Gewitter ballte sich. Er eilte durch die Straßen, da waren an den niedrigen Häusern die Weinstöcke hochgebunden mit den schwellenden Knospen. Auf den Feldern war es grün, handhoch stand das Winterkorn. Er ging durch die Felder, wohl stundenlang; der Donner grollte von fern, die ersten Tropfen kamen. »Es wird eine Wachsnacht,« fiel ihm ein, feucht und warm war die Luft um ihn. Bald rauschte der Regen nieder, Vögel jubilierten. Nun sprangen die Weinknospen auf. Er ging nach Hause, auf seine Kammer, warf sich auf das Bett; unter dem Fenster war der Weinstock, den der Vater gepflanzt hatte, von dem er so viel sprach. Er schlief unruhig ein; früh wachte er auf, der Himmel war grau; in der Nacht hatte der Wein getrieben, Schösse, die einen halben Finger lang waren. »Aber ich darf nicht treiben,« dachte er, und die furchtbare Gewissensangst kam über ihn, daß alles tot war, was anderen als lebend erschien.

Nun lebte er in der großen Stadt; er besuchte Familien und gab Unterrichtsstunden, aber er war allein, denn alle Menschen waren ihm fremd. Aus seinem Fenster sah er in einen toten Hof, wo alte Fässer lagen, über den Arbeiter gingen; ihm gegenüber war ein Fabrikraum, in dem eine Maschine stampfte. Er verließ das stickige Zimmer und ging die Straße hinunter, da waren Häuser neben Häuser gebaut, und Fenster war neben Fenster, es war wie unendlich lange Mauern mit Höhlen, unendlich viele Menschen wohnten in den Höhlen, alle waren fremd. Mit großen Platten war der Fußsteig belegt, der Fahrweg war mit Kopfsteinen gepflastert; Wagen ratterten schwerfällig, auf denen die Kutscher saßen, Menschen huschten vorüber auf dem Steig, mit gespanntem Blick nach vorwärts sehend. Nun war es heiß in den Straßen, stickig; draußen war wohl Sommer, hier gingen Telegraphendrähte quer durch die Luft.

Aus dem Herzen war Angst und Unglück ihm in den Kopf gestiegen, nun war da nur Angst und Unglück in ihm. Einen stinkenden Staub atmete er ein, die Nerven über den Schultern schmerzten ihn, stundenweit führten die Straßen zwischen den Mauern, in denen Höhlen waren für unendlich viele Menschen, die ihn nicht kannten, die da wohnten im Dunkeln und Stickigen, schmutzige Männer, schlumpige Weiber, blasse Kinder; gleichgültig war das alles wie ein Ameisenhaufen; wie, wenn ein Fuß in den Ameisenhaufen trat und Tausende tötete?

Wenn es einen Gott gäbe, dann könnte man leben, dann könnte man leben. Aber was bedeutete das alles? Ist es nicht furchtbar: es gibt Menschen, welche achtzig Jahre alt werden, neunzig Jahre; noch fünfundfünfzig, fünfundsechzig Jahre leben, das ist grausam, eine solche Grausamkeit sollte doch nicht sein.

Das Herz stand ihm still vor Entsetzen; er trat in einen Hausflur, und ein solches Mitleiden mit sich selber überkam ihn, daß ihm die Tränen flössen. Wie? Ich bemitleide mich selber? dachte er. Ist das denn möglich? Kann man sich selber bemitleiden?

Ach, und alles war vergessen, wie weit hinter grauem Staub: die Geliebte, die kühle Luft, das Grün der Felder, die blühenden Bäume, das Summen der Bienen. Hier war ein düsterer Hausflur, schmutzige Dielen, eine ausgetretene Treppe; klebrig alles, man mochte nichts anfassen. Auf dem ersten Treppenabsatz war eine gelbgestrichene Tür, ein Porzellanschild, eine Klingel. Solche Türen, Porzellanschilder und Klingeln waren nun auf jedem Treppenabsatz. »Müller« stand auf dem Schild. Wie, wenn er klingelte, es öffnete ihm jemand, eine Frau vielleicht, und er sagte: »Ich bin so allein, ich habe Angst.« Ach, die Frau würde die Sicherheitskette einhängen, einen Spalt öffnen und fragen: »Was wünschen Sie?« Was sollte er da sagen? Da stand ja auch ein Mann, neben einem zweirädrigen Karren stand er in der Ecke; er hatte die Hände in den Taschen hinter einer großen blauen Schürze. Der hatte ihn schon lange angesehen. Jetzt wollte er sprechen. Er sprach: »Zu wem wollen Sie denn hier?« – »Ich? ach, ich will zu niemandem.« Der Mann schwieg, sah ihn verwundert an.

Man konnte es nicht ertragen, das Ansehen. Er ging aus dem Hausflur auf die Straße zurück. Der Mann hinter ihm bemerkte für sich: »Der hat hier auf dem Boden umsonst pennen wollen.«

Die Laternen waren auf der Straße angezündet und liefen in langer Reihe die Straße hinunter, aus Fenstern und Türen der Läden kam Helligkeit, die Menschen fluteten, strömten. Eine Dirne rührte ihn am Arm, mit schlaffen Gesichtszügen, in zerzauster Kleidung; zerstreut blickte er auf, sah ihr ins Gesicht, sie legte ihren Arm in seinen, ging mit ihm weiter. »Nur ein paar Schritte,« sagte sie. Er sah sie an, sie machte eine befremdete Miene, dann lachte sie kurz auf.

Wie ging sie denn neben ihm, lag ihr Arm in seinem, wie wehte die Feder auf ihrem Hut! Er stieg mit ihr eine Treppe hoch, sie schloß eine Flurtür auf, sie traten in ein Zimmer, Licht wurde angezündet, er setzte sich in einen Stuhl – Da war der runde Tisch vor dem Sofa, über den eine weiße glänzende Decke gebreitet war mit scharfen Kniffen. Lag da nicht in der Ecke zusammengekrümmt der Hund, welcher den Kopf hob, nach ihm sah, mit dem Schwanz auf die Diele klopfte? Am Fenster saß die Mutter mit dem weißen Häubchen auf dem Kopf, nickte zu ihm hin. Das war die Luft der Stube, die reine, ruhige Luft. Nun hatte sie den Hut abgelegt, den Mantel, saß ihm gegenüber und sprach.

Sie sprach: »Weshalb bist du denn fortgegangen? Weshalb hast du denn geweint? Ich habe lange gesucht, ehe ich dich fand.« Da sah er, daß ihr Gesicht naß war von Tränen. »Du hast geweint um mich?« rief er. »Ach, ein Mensch hat geweint um mich.« Nun stürzten ihm aus den Augen die Tränen.

Leise berührte sie seine Hand. »Was wollen wir denn?« sagte sie. »Wir wollen hier zusammensitzen in unserem Stübchen, eine halbe Stunde lang oder eine Stunde lang, denn wir sind ja nicht mehr allein. Wir wollen uns erzählen, vom Wein, der in der Nacht geschossen ist, oder von den Feldern draußen, ob die Ernte gut sein wird, aber wenn du willst, so wollen wir schweigen. Und wenn du eine halbe Stunde oder eine Stunde hier gewesen bist bei mir und der Mutter, dann magst du gehen, du magst gehen, wohin du mußt.«

Da erhob er sich ungestüm, der Stuhl fiel hinter ihm um. Vor ihm stand eine Dirne, die Arme in die Hüften gestemmt, und sah ihm ins Gesicht. Er schrie auf, stürzte aus dem Zimmer, die Treppe hinunter, auf die Straße, wo in zwei Reihen die Laternen liefen, die Helligkeit kam aus den Läden, und die Menschen fluteten und strömten.

Fortsetzung der Geschichte von der Taufe

Der Erzähler der letzten Geschichte hatte geendet, und eben wollte ein Nachbar seine Erzählung beginnen. Man räusperte sich, rückte auf den Stühlen; dieser nahm seine Tasse und trank einen Schluck Kaffee, ein anderer machte eine leise Bemerkung zu seinem Nachbarn.

Plötzlich verspürte man eine merkwürdige Unruhe im Haus; Türen wurden geschlagen, auf den Gängen liefen hastig Leute, ein Fenster klirrte, man hörte Rufen, ein lautes weibliches Klagen erscholl. Die Gäste sahen sich verwundert an, Herr v. Brake erhob sich und ging zur Tür; eine Dame hatte von außen die Tür aufgerissen, stürzte ihm entgegen und rief: »Das Kind ist fort, es ist von den Zigeunern gestohlen.«

Die Anwesenden waren zunächst mehr erstaunt als erschrocken. Zuerst teilte sich die Erregung den Damen mit; dann dem jungen Vater, dann Herrn v. Brake, indessen die anderen Herren noch eine Weile ungläubig waren. Alle aber standen auf, fragten, verließen das Zimmer und kehrten zurück, suchten Erkundigungen einzuziehen, wo man denn die Zigeuner gesehen hatte; Herr v. Brake eilte zum Telephon und benachrichtigte die Polizei; der als Gast anwesende Landrat verlangte, daß ihm ein Pferd gesattelt werde; die Kinderfrau erzählte beständig, daß eine Zigeunerin vor ihr im Gange gestanden habe, wie aus der Erde gewachsen, die ein Bündel im Arm gehabt und ihr zugewinkt habe, zu schweigen.

Bei Taufen ist der Täufling ja gewöhnlich eine nebensächliche Person. Er wird getauft, er bekommt seine Milch, man bündelt ihn aus und wickelt ihn wieder ein, und sonst bekümmert man sich nicht um ihn.

Die junge Frau war nach der Taufe mit dem Kleinen ins Schlafzimmer gegangen und hatte ihm die Brust gegeben. Wegen der versalzenen Suppe war sie dann noch rechtzeitig zum Essen gekommen; sie hatte die letzte Geschichte mit angehört, und nun war es wieder Zeit gewesen, daß er Nahrung bekam. Sie hatte die Gesellschaft unbemerkt verlassen und war zum Schlafzimmer geeilt. Aber wie sie an das Bett des Kindes getreten, da hatte sie nur zerwühlte Kissen gesehen, und das Kind fehlte. Sie hatte geklingelt, das Stubenmädchen war gekommen, sie hatte das Stubenmädchen gefragt, das Stubenmädchen hatte von nichts gewußt; die beiden Frauen waren ängstlich geworden, hatten gesucht, niemand hatte ihnen etwas sagen können. Das ganze Haus war durchforscht, das Kind war nirgends zu finden.

Georg Müller hatte mit Paul Ernst abgemacht, daß er die neue Novellensammlung »Die Taufe« verlegen sollte, weil »Die Hochzeit« ein so fabelhafter buchhändlerischer Erfolg gewesen war. Müller, welcher mit zu den Geladenen gehörte, sah sofort ein, daß der unbefriedigende und unwahrscheinliche Schluß, daß das Kind von Zigeunern geraubt sein sollte, dem Buch sehr schaden mußte. Er beschloß deshalb, mit mehr System nachzuforschen, und vielleicht den merkwürdigen Vorfall aufzuklären.

Er fragte zunächst die Kinderfrau nach der Zigeunerin, und die erzählte denn auch willig, daß es vielleicht mehrere Zigeuner gewesen seien, und daß sie jedenfalls wie aus der Erde gewachsen auf dem Gange vor ihr gestanden hätten. Es wären auch Männer dabei gewesen, und einer hatte ein Gewehr gehabt. Müller fragte weiter, wie die Kinderfrau auf den Gang gekommen sei, und die Frau erzählte, sie sei von dem Kind gekommen, das geschlafen habe wie ein Engel und so gesund ausgesehen habe, was auch kein Wunder sei, wenn man die Eltern betrachte, und der Herr Professor werde ja wohl auch glücklich durch den Krieg kommen, denn bis jetzt habe ihn ja unberufen noch keine Kugel getroffen. Müller unterbrach sie und erkundigte sich, wo sie das Kind zuletzt gesehen habe; die Frau antwortete, sie habe es natürlich zuletzt in ihrer Stube gesehen, wohin sie es aus dem Schlafzimmer gebracht, weil es in dem Schlafzimmer zu kalt für das arme Wurm gewesen sei, und die moderne Hygiene verlange, daß die Kinder warm liegen, weil sie sonst blutarm werden. Nun ließ sich Müller die Stube der Kinderfrau zeigen, sie lag neben dem Schlafzimmer der jungen Mutter; als die beiden die Tür öffneten, sahen sie einen grauen Regenmantel über das Bett der Frau geworfen. »Ach Gott, wie unordentlich!« rief die Frau verwirrt, »was muß der Herr von mir denken, habe ich den Mantel vergessen aufzuhängen,« und damit nahm sie den Mantel von dem Bett. Unter dem Mantel aber lag, zufrieden schlummernd, der Säugling. Er schien zu träumen, daß er trinke, denn er schmatzte behaglich mit den Lippen.

Georg Müller ist Junggeselle und versteht nicht mit kleinen Kindern umzugehen. Deshalb nahm er das Kind nicht selber, sondern bedeutete die Frau, es zu nehmen, die es denn mit verwirrtem Gesichtsausdruck aufhob und zu ihm sagte: »Haben dich die Zigeuner stehlen wollen, mein Goldkind! Die schwarzen Zigeuner! Haue, Haue müssen sie kriegen!« Der Säugling erwachte, rieb sich die Augen, verzog das Gesicht und begann zu weinen.

Die beiden gingen in den Saal, wo die Gesellschaft versammelt war. Die unglückliche junge Mutter lag auf einem Ruhebett ohnmächtig, der junge Gatte und andere Freunde waren um sie beschäftigt. Aber wie das Schreien des Kindes erscholl, da schlug sie die Augen auf, stürzte auf die Frau zu, entriß ihr das Kind und drückte es an ihr Herz.

Die Freude der Mutter über ihr wiedergefundenes Kind ist natürlich nicht zu schildern. Wir berichten also nur, daß sich alle wieder beruhigten.

Nun war ja eigentlich die Feststimmung gestört, und die meisten der Gäste dachten auch daran, nach Hause zu fahren. Aber dann wären doch nicht genug Novellen zusammengekommen. Deshalb bemühte sich Müller, wenigstens einen Teil der Herren, die ja ohnehin nicht so durch den Vorfall aufgeregt gewesen waren wie die Frauen, wieder im Rauchzimmer zu sammeln. Es gelang ihm auch; man setzte sich, jeder steckte sich eine Zigarre an, man kam schnell wieder in behagliche Stimmung, und bald wurde die erste Geschichte erzählt; da war der Bann gebrochen, und die anderen Geschichten folgten.

Dieses sind nun die Novellen, die im Rauchzimmer erzählt wurden.

Förster und Wilddieb

Eine kleine Ortschaft im Harz war zum großen Teil von Bergleuten bewohnt, welche entweder in den staatlichen Manganerzgruben beschäftigt waren oder als Eigenlöhner in Tagbauen, den sogenannten Pingen, auf Eisenstein arbeiteten. Eine solche Pinge kann man sich vorstellen als eine Art Steinbruch von sehr großer Tiefe. Die Eigenlöhner hatten zum größten Teil ein eigenes Häuschen mit etwas Acker und Wiese, hielten wohl eine Kuh und ein paar Schweine, und bildeten so die eigentlich Ansässigen in der Ortschaft. Die Manganbergleute wohnten meistens zur Miete und hatten nur sehr selten Besitz; sie waren zum großen Teil erst zugezogen, als die Mangangruben in Aufnahme kamen.

Die Ortschaft mit ihrer Feldflur lag mitten im Wald. Damals, als die nachfolgende Geschichte spielte, am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, verband noch keine Landstraße sie mit der übrigen Welt. Die angesessenen Leute waren seit alten Zeiten berüchtigte Wilddiebe; man kann sich vorstellen, daß in diesem entlegenen Gebiet jahrhundertelang niemand außer ihnen Anspruch auf das Wild gemacht hatte; und wenn heute ein Mann abends auf seine Wiese ging und einen kapitalen Hirsch sichernd austreten und aufs Geäß ziehen sah, dann war es wohl schwer für ihn, nicht am anderen Abend mit seiner alten Büchse, die er noch vom Urgroßvater geerbt, auf Anstand zu gehen.

In einer herbstlichen hellen Mondnacht kniete ein Wilderer vor einem geendeten Hirsch und schnitt ihm eben mit seinem Taschenknief das Kurzwildbret aus; sein zweiläufiges Gewehr lag vor ihm, der eine Lauf noch geladen. Der Hirsch war am Rand eines Abgrunds gestürzt, des tiefsten der Tagbaue in der Nähe der Ortschaft; ein morsches Gatter, mit langherabhängenden Flechten bewachsen, lief um den äußersten Rand des Abgrunds, der senkrecht nach unten fiel.

Plötzlich sprang dem Knienden der Förster entgegen mit der gespannten Büchse in der Hand; er setzte den Fuß auf das Gewehr des Bergmanns und rief: »Gib dich.«

Der Wilderer schnellte auf, griff sein Messer fester; der Förster hob die Büchse an die Wange; der andere ließ die Arme sinken und sagte mutlos, mit dem Fuß einen Lauf des Hirsches zur Seite stoßend: »Ich kann nicht aus.«

»Du tust mir leid,« erwiderte der Förster, »aber ich kann nicht anders.« »Ja ja, schon gut,« antwortete der Bergmann. »Es ist mir nur um die Frau und die Kinder. Es sind ja nicht nur die zwei Jahre, aber das Haus wird alle. Dann kann mein Junge auf die Mangangrube gehen und meine Frau kann Holz lesen.« »Was soll ich machen?« entgegnete der Förster. »Du bist der Schlimmste, das weißt du selber. Ich muß meine Pflicht tun.« »Dein Glück, daß du so ein schlauer Hund bist,« schloß der Bergmann, »sonst wäre ich auch noch zum Mörder an dir geworden; davor hat mich Gott nun behütet.«

Der Förster befahl dem Mann, sich umzudrehen und ihm vorauszuschreiten. Als aber der Mann das getan und er sich nun bückte, das Gewehr des Wilderers aufzuheben und ihm zu folgen, ging der noch geladene Lauf los. Unwillkürlich prallte der Förster zurück, stieß hart an das Gatter, der morsche Pfosten brach über der Erde ab, er verlor das Gleichgewicht und stürzte vorwärts über das Gatter; er griff mit den Händen in die Luft, überschlug sich, seine Hände faßten eine Wurzel, die aus dem Gestein hervorragte; mit einem fürchterlichen Ruck hängte sich sein Körper an die Arme; ein losgelöstes Gatterstück hing schwingend eine kurze Zeit über ihm, fiel dann über ihm fort in die Tiefe. Der Bergmann legte sich oben glatt nieder und sah nach unten. In dreiviertel Mannshöhe hing der Förster, das Gesicht nach vorn gerichtet; er hing an der äußersten Wurzel einer alten Fichte, die genau am Abgrund überhängend stand; kleine Steinchen bröckelten über ihm hin.

»Hab Erbarmen mit meinen Kindern, hilf mir, daß ich hoch komme,« rief der Förster flehend.

Der Wilderer schnallte seinen Leibriemen ab und legte ihn um die freiliegende Lende der Fichte und befestigte ihn, indem er ihn ganz durch die Schnallenöse laufen ließ; es war eine schmale und zähe Wurzel quer über die Lende gewachsen und verhinderte so das Abgleiten. Dann nahm er den Riemen von seinem Gewehr und schnallte ihn an den anderen Riemen; jetzt fragte er den Förster: »Kannst du dich an mir hochziehen?« Die Wucht des Sturzes hatte dem Förster die Armgelenke taub gemacht, er wußte noch nicht einmal, ob er sich nur würde halten können. Nun machte der Wilderer noch zwei Knoten in seine Riemen, um einen Griff zu haben, und ließ sich dann langsam über dem Förster hinab; der Förster ließ erst die eine Hand von seiner Wurzel los und klammerte sich an den Fuß des Wilderers, klammerte sich dann mit dem anderen Arm, und so trug nun der zusammengesetzte Riemen die beiden aneinander hängenden Männer.

Vorsichtig zog der Wilderer sich an dem Riemen in die Höhe, bis er den ersten Knoten fassen konnte, zog sich dann weiter hoch, bis er den zweiten Knoten faßte, immer den Förster an den Füßen, zog sich dann höher, bis er die Lende des Baumes mit dem einen Arm umklammerte, dann mit dem anderen Arm, und nun schob er sich weiter auf das Ebene, sich in Wurzeln einhakend, und wie er seine Beine hochzog, da kamen die Hände des Försters zum Vorschein, dann der Kopf, und endlich hatte er auch den Förster auf dem Ebenen oben; der hielt aber seine Arme noch eine Weile um die Beine des Mannes geschlungen, dann erst ließ er los.

»Das war ein saures Stück Arbeit,« sagte der Wilderer und besah seine Hände; von drei Fingern an jeder Hand waren ihm die Nägel ausgerissen. »Meine Kinder,« stammelte der Förster, »meine Kinder.« »Du bist ja wie betrunken?« fragte ihn der Wilderer. Der Förster holte seine Schnapsbuttel heraus, trank dem Bergmann zu und reichte sie ihm; der trank gleichfalls und sagte: »Der tut gut.« »Habe ich denn geschrien?« fragte der Förster, »ich habe von gar nichts gewußt.« »Von deinen Kindern hast du gesprochen,« antwortete der Wilderer, »und daß du dich nicht an mir hochziehen kannst; deshalb habe ich dich mit hochziehen müssen.«

Es entstand eine Pause; der Förster sah auf den geendeten Hirsch und sagte: »Er sieht gut aus am Leibe.« Plötzlich erinnerte er sich, wischte über sein Gesicht und fuhr fort: »Ach so.«

Der Wilderer schwieg eine geraume Weile, dann sagte er: »Nun läßt du mich doch aus. Den Hirsch schickst du an den Oberförster, das Gehörn ist dein. Es ist ein ungerader Vierzehnender.« Der Förster schüttelte den Kopf und erwiderte: »Ich habe geschworen.« »Wer alles glaubt, was die Pastoren sagen!« antwortete ihm achselzuckend der Wilderer. »Es ist nicht deshalb, aber Ordnung muß sein,« sagte der Förster. »Du hast mir das Leben gerettet, ohne dich wär ich hin. Aber wenn der Mensch seine Pflicht nicht mehr tut, dann ist alles aus.«

Plötzlich stürzte sich der Wilderer auf den Förster, kniete ihm auf der Brust und umklammerte ihm mit den blutigen Händen die Kehle, indem er schrie: »Dann mußt du doch hinunter«; aber durch die heftige Bewegung kamen die Körper ins Gleiten, der Wilderer fiel zur Seite, schnell warf sich der Förster auf ihn, mit der einen Hand packte er seine Kehle, mit der anderen ergriff er einen schweren Stein und schlug ihm auf den Kopf, daß ihm die Sinne schwanden; neben ihm hingen noch die zusammengeschnallten Riemen, er löste sie vom Baum, wälzte den Mann um und verschnürte ihm die beiden Hände auf dem Rücken. Dann nahm er den abgeschossenen Doppelläufer, denn seine eigene Büchse lag unten in der Pinge, lud, sah den Feuerstein nach; der Wilderer hatte sich wieder aufgerichtet, das Blut lief ihm über die Augen; der Förster zog sein Taschentuch, wischte ihm die Augen, verband die Stirnwunde und setzte ihm die Mütze auf. Dann erhob sich der Wilderer, und indem der Förster ihm mit gespanntem Hahn folgte, gingen die beiden zur Ortschaft hinunter. Die Hunde bellten. Alle Häuser waren dunkel. Als sie am Hause des Wilderers vorbeikamen, fragte der Förster: »Willst du deine Frau und Kinder noch einmal sprechen?« Der Mann schüttelte finster den Kopf und erwiderte: »Ich habe keine Lust auf das Geplärr.« So gingen die beiden weiter auf dem Weg, den die Eisensteinwagen und Kohlenkarren fuhren bis zur Eisenhütte; der Lichtschein glühte durch die Fenster und offene Tür der Hütte; der Mond ging unter, sie schritten im Sternenlicht weiter. »Kannst du vor die Füße sehen?« fragte der Förster; der Bergmann antwortete nicht; gegen Morgen kamen sie in der Stadt an; der Förster schlug an das Gefängnistor; er sagte noch: »Daß du mich gerettet hast, will ich vor Gericht erzählen, das andere braucht keiner zu wissen, das ist meine Sache. Verrate dich nicht, denn wenn ich gefragt werde, so muß ich's sagen.« »Es ist gut,« antwortete der Bergmann. Das Tor wurde geöffnet, der Förster lieferte seinen Gefangenen ab und ging zurück.

In der Gerichtsverhandlung wurde alles erzählt, außer dem letzten Angriff des Wilderers; es ging nicht anders, als daß man den Mann verurteilte, aber die Richter empfahlen ihn dem Herzog zur Begnadigung.

Man wußte, daß der Herzog Wilderer nicht begnadigte. Der Förster zog seine Staatsuniform an und fuhr in die Hauptstadt; er erhielt eine Audienz beim Minister; der Minister sagte: »Ich fühle menschlich,« setzte sich gleich mit ihm in den Wagen und fuhr zum Schloß; die beiden mußten in einem großen Saal warten; der Herzog erschien, der Minister sagte ihm ein paar Worte und forderte dann den Förster auf, zu erzählen. Schweigend, auf die Erde blickend, mit ungeduldigem Gesichtsausdruck hörte der Herzog zu, wie der Förster seine Erzählung beendet hatte, sagte er langsam, ihn gleichgültig ansehend: »Ich habe es mir zum Gesetz gemacht, keinen Wilderer zu begnadigen. Anders kann das Laster nicht ausgerottet werden.« Dem Förster schwoll die Ader auf der Stirn. »Das Laster?« rief er, »Hoheit gehen selber auf die Jagd. Meinen Hoheit, die armen Leute sind aus anderm Teig gebacken?« Erstaunt trat der Herzog einen halben Schritt zurück und sah auf den Minister. Dieser warf verlegen ein: »Der Mann hat doch dem Förster das Leben gerettet mit eigner Lebensgefahr. Der Förster hat es für seine Pflicht gehalten, ihn trotzdem zu verhaften.« »Ich weiß, ich weiß,« antwortete der Herzog. »Was soll ich tun? Der Förster tut mir ja leid, lassen Exzellenz ihm eine Anweisung auf zwanzig Taler ausschreiben.« Der Förster trat ungestüm vor und schrie: »Bin ich ein Menschenverkäufer?« Plötzlich riß er seinen Uniformrock auf, zog ihn aus, warf ihn dem Herzog vor die Füße und fuhr fort: »Da liegt der grüne Rock.« Der Minister zitterte, der Herzog lächelte, wie er den wütenden Mann in Hemdsärmeln und den bebenden Beamten sah; dann ging er auf den Förster zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Er ist ein Kerl, wie er sein muß. Zieh Er Seinen Rock wieder an, der Wilderer wird begnadigt, Seine zwanzig Taler soll Er doch haben.« Dann winkte er den beiden Fassungslosen zu und ging aus dem Saal. Der Minister nahm den Förster wieder in seinen Wagen, aber die beiden sprachen unterwegs kein Wort.

Als der Bergmann nach Hause kam, sagte der Förster zu ihm: »Wir sind quitt, jetzt geht eine neue Rechnung an.« Der Wilderer schüttelte ihm die Hand, dankte ihm und sprach: »Ich habe genug von dem Schreck, noch einmal mag ich das nicht erleben.« »Wer's glaubt, daß es anhält!« erwiderte der Förster, rückte seine Büchse zurecht, pfiff seinem Hund und ging weiter.

Nach einem Jahr wurde der Förster erschossen gefunden. Männer hieben zwei junge Tannen ab, flochten aus Zweigen eine Bahre und trugen ihn in den Ort, die Försterin stürzte aus dem Haus, raufte sich die Haare, die Kinder folgten ihr, schrien und weinten, die Frau warf sich auf den toten Mann; wie sie aufblickte, sah sie dem Wilderer gerade ins Gesicht; er war in der schwarzen Bergmannstracht mit dem Schachthut, er kam eben von der Arbeit. Er ging auf der anderen Seite der Straße und tat, als ob er den Auflauf nicht sehe. Die Frau zeigte mit dem Finger auf ihn und schrie: »Der, der, für den ist er zum Herzog gegangen, hat seine Stelle in die Schanze geschlagen, an seine Kinder hat er nicht gedacht, er hat nur an den gedacht.« Der Mann ging stumm vorüber, die Leute sahen ihm still nach, die Witwe warf sich wieder jammernd über den Toten.

Der Wilderer trat in sein Haus, ein Kind wich scheu zur Seite; die Frau kam; er herrschte sie an und verlangte sein Waschwasser; dann wusch er in der Wohnstube den roten Arbeitsschmutz ab, zog sich aus, ging in den Stall, wo die beiden Kühe standen; sie wendeten ihm die Köpfe zu, er streichelte sie; dann stieg er die Leiter zum Heuboden hoch, knüpfte einen Strick an einen Dachsparren und erhängte sich.

Der Straßenraub

Ein junger Engländer aus gutem Hause wurde wie viele seinesgleichen gegen Mitte des achtzehnten Jahrhunderts von seinem Vater nach Oxford geschickt, um Theologie zu studieren. Er war sehr fleißig in seinen Arbeiten, gehorchte seinen Vorgesetzten pünktlich; und als ein sehr jugendlich aussehender Jüngling mit großen blauen Augen und Wangen, die fast noch den kindlichen pfirsichartigen Hauch auf der Haut zu haben schienen, wurde er von seinen Genossen in mannigfaltiger Weise gehänselt, was er denn immer ernst und besonnen über sich ergehen ließ.

An einem Nachmittag, als eine größere Gesellschaft mit ihm zusammen in einem Zimmer war, machte einer der älteren Studenten den Vorschlag, sie wollten ein Glücksspiel unternehmen. Unser Jüngling – wir wollen ihn Harry nennen – erklärte errötend und stotternd, sein Vater habe ihn gewarnt, sich in solche Spiele einzulassen; einige von den anderen Studenten lachten; der, welcher den Vorschlag gemacht hatte, sagte ernst, er müsse endlich einmal ein selbständiger Mann werden; man wolle ihn natürlich nicht zwingen; aber er sehe doch wohl, wie auffällig er sich von seinen Genossen unterscheide; Harry wurde noch verlegener und erwiderte schüchtern, so wolle er sich denn beteiligen.

Alle setzten sich um den runden Tisch; der Führer nahm eine Roulette aus der Tasche, stellte sie vor sich; jeder zog seine Börse und schichtete ein Häufchen Geld vor seinem Platze auf; dann rief jeder einzelne und setzte seine Münze; das Rädchen schnurrte; der Bankhalter nannte das Gewinnende; die einen schoben ihre Einsätze ihm zu, andere erhielten den Gewinn von ihm.

Harry hatte seinen Nachbarn beobachtet und sich nach ihm gerichtet. Er hatte eine halbe Krone gesetzt und erhielt nun ein Fünfschillingstück. Der Nachbar setzte das Fünfschillingstück und rief; Harry schloß sich ihm wieder an und gewann einen halben Sovereign. Der Nachbar war in die Leidenschaft des Spiels geraten und machte eine mißliebige Bemerkung über den Nachahmer; Harry errötete; und als er sah, wie beim dritten Gang der Nachbar nur wieder seine halbe Krone setzte, warf er seinen halben Sovereign hin. Dieses Mal verlor er, und so fand er sich denn jetzt so reich, wie am Anfang des Spieles.

Nun aber begann er sich zu ärgern, daß das hübsche kleine Goldstück ihm so schnell wieder abhanden gekommen war; er nahm von seinem Geldhaufen einige Münzen und brachte so wieder zehn Schillinge zusammen, die er von neuem einsetzte; auch diese Summe wurde von dem Bankhalter gleichgültig eingestrichen. Harry bekam keine großen Geldsendungen von seinem Vater; der alte Herr hatte sich alles genau ausgerechnet; was sein Sohn verständigerweise gebrauchen konnte, und gab ihm diesen Betrag, aber nicht mehr. So waren denn die zehn Schilling, die er eben verloren, eigentlich bestimmt gewesen für ein Paar neue Schuhe, deren Harry bedürftig war. Er wurde verdrießlich, daß er die Ausgabe nun nicht machen konnte; daß er nur borgen durfte, fiel ihm nicht bei; er malte sich die nassen Füße, den Schnupfen, die Unbequemlichkeiten aus, die er zu erdulden hatte, bis er wieder neues Geld vom Vater bekam; und mit unmutigem Gesichtausdruck wollte er eben vom Stuhl aufstehen. Da traf ihn ein spöttischer Blick des Nachbarn; er biß sich auf die Lippe, blieb sitzen, und setzte wieder zehn Schilling.

Wir wollen nicht das ganze Spiel beschreiben. Es wird genügen, daß Harry immer weiter in eine blinde Wut geriet, seine Einsätze steigerte, sich gegen Ermahnungen verschloß, einmal von einem ungeheuerlichen Einsatz durch die Weigerung des Bankhalters zurückgehalten werden mußte; und am Schluß, nach etwa zwei Stunden, fünfzig Pfund verspielt hatte.

Die übrigen waren ja nicht bösartig und habgierig. Schon bald hatten sie einander zugenickt, daß das Spiel nicht mehr ernsthaft sein solle, daß der Bankhalter zwei oder drei Pfund von ihm nehmen dürfe, wie sonst wohl der größte Verlust eines Spielers war, und daß man ihm sagen müsse, man habe ihm nur eine Lehre gegeben, künftighin vorsichtig beim Spiel zu sein; wie ja denn junge Leute gern in ihrer Weise väterlich gesinnt sind gegen andere, die eine Kleinigkeit jünger sein mögen wie sie. Aber als nun das Spiel aufgehoben war und abgerechnet wurde – denn er hatte natürlich längst kein Geld mehr gesetzt, sondern Gutscheine geschrieben – da benahm er sich wider aller Erwarten so gefaßt und ruhig, daß wohl nicht die Absicht der Spieler sich änderte, aber doch ihre Stimmung eine andere wurde; man war nicht mehr bloß mitfühlend mit der Unerfahrenheit, sondern seine gefaßte Stimmung erzeugte eine widerwillige Achtung; und so wurde stillschweigend der Beschluß gefaßt, ihn noch eine Weile zu ängstigen. Der Bankhalter erklärte trocken, Spielschulden seien zwar Ehrenschulden, die am nächsten Morgen spätestens bezahlt werden müßten; da aber Harry in dieser kurzen Zeit kein Geld werde beschaffen können, so gebe er ihm acht Tage Zeit. Er erwartete, daß Harry zu ihm kommen und ihn anflehen werde, und dann wollte er ihm lachend mitteilen, wie eigentlich alles gemeint war.

Harry verabschiedete sich steif und trocken von den anderen, ging auf sein Zimmer und setzte einen Brief an seinen Vater auf. Er schilderte treu, wie alles gekommen war, verhehlte seine Schuld in nichts, bat den Vater, ihm die verspielte Summe zu schicken, da seine Ehre verpfändet sei, und versprach mit Worten, denen man wohl anmerken konnte, daß er sie halten werde, daß er nie wieder einer solchen Versuchung nachgeben wolle. Den Brief gab er gleich auf; er rechnete aus, daß er spätestens am fünften Tage Nachricht und Geld haben konnte; und wenn er auch betrübt war, daß er seinem Vater den Kummer machte, so erwartete er doch zuversichtlich, daß der ihm helfen werde, wie ihm auch ganz gewiß war, daß er das Gelöbnis späterer Vorsicht als ernst aufnehmen werde. So mischte er sich denn ruhig und mit fast heiterem Gesicht wieder unter die anderen, einen gewissen Ärger bei ihnen erweckend, weil er gar nicht, wie sie erwartet hatten, verzweifelt schien und sie so um ein, wenn auch nicht bösartiges, so doch boshaftes Vergnügen brachte.

Der Vater las den Brief in der Gesinnung, welche Harry erwartet hatte. Er bedachte, daß ein junger Mensch nicht nur durch seine Unerfahrenheit, sondern noch mehr durch seinen Mangel an Geschick und Leichtigkeit im Benehmen notwendig in solche Lage kommen muß, wie sein Sohn ihm beschrieb, daß das Erleben derartiger Dinge ein Teil der Erziehung ist, und daß jede Erziehung Lehrgeld kostet.

Aber eben um das Erlebnis für die Erziehung seines Sohnes um so fruchtbarer zu gestalten, beschloß er, weil ihm der Brief eine zu große Zuversicht in seine Güte zu verraten schien, den Sohn etwas länger warten zu lassen, als er annahm. Er schrieb seinen Brief, besorgte das Geld, suchte einen zuverlässigen Boten aus, und dann berechnete er, indem er einen großen Atlas vornahm, mit Zirkel und Maßstab, wie lange Zeit der Bote gebrauchen mochte; er wollte ihn erst an dem äußersten Zeitpunkt senden, wo er denn gerade noch vor der Beendigung der achttägigen Frist eintreffen konnte.

Indem dieses nun weit entfernt bei dem gutgesinnten und bedächtigen Vater geschah, ließ Harry ruhig die fünf Tage verstreichen; am Abend war er zwar etwas gedankenvoll, aber er tröstete sich, daß der Bote vielleicht nicht so spät auf der Straße sein wolle und die Nacht noch in einem Gasthaus unterwegs bleiben werde. Am andern Morgen, als der Bote nicht kam, wurde er besorgt; die anderen merkten die Veränderung bei ihm und dachten sich wohl, der Vater habe ihm eine Ablehnung zuteil werden lassen; nun wollten sie ihn mit seiner Sorge noch recht schrauben und ängstigen, sie sprachen davon, daß die Frist bald abgelaufen sei, daß man Ehrenschulden auf die Minute bezahlen müsse, sie bedauerten ihn anscheinend, fragten teilnahmsvoll, was der Vater ihm geantwortet habe, beklagten, daß sie selber nicht in der Lage seien ihm auszuhelfen. So geriet der junge unschuldige Mensch in eine ganz verzweifelte Verfassung, wurde endlich grob und wies die heuchlerisch Teilnehmenden aus dem Zimmer, die denn draußen auf dem Gange über seine Kümmernisse weidlich lachten.

Am Abend des sechsten Tages kam immer noch kein Bote. Da faßte der verstörte Jüngling einen Entschluß, wie er nur aus einem ganz unerfahrenen Gemüte kommen konnte.

Damals war die Zeit der Straßenräuberei in England. Männer, die nichts zu verlieren hatten, schnallten den Degen um, steckten den Karabiner in den Sattel, schwangen sich aufs Pferd, ritten vor die Stadt, banden da eine Maske vor das Gesicht und lauerten auf der Landstraße Reisenden auf, von denen sie annahmen, daß sie Geld und Geldeswert bei sich trugen. Das Gewerbe war verbrecherisch, aber nicht gemein, mancher verarmte Kavalier übte es aus; und wenn er auch den Galgen zu erwarten hatte, so war er doch des Mitgefühls seiner Standesgenossen gewiß. So wurde es denn auch mit einer gewissen Ritterlichkeit betrieben; der Überfallene durfte sicher sein, daß ihm kein weiteres Leid zugefügt wurde, wenn er seinen Überfluß hergab, und nicht selten sagte er sich denn wohl auch, daß ja seine eigene Torheit, Geld auf der unsicheren Straße bei sich zu tragen, ihm den Verlust zugezogen habe. So war denn der Einfall des jungen Mannes nicht ganz so phantastisch, wie er uns heute erscheint.

Nach dem Abendessen ging Harry nun auf sein Zimmer, versah sich mit seinen Waffen, steckte die schwarzseidene Maske in die Tasche; dann suchte er den Pferdeverleiher auf, der dem Studenten von manchem lustigen Ausflug wohl bekannt war, und entlieh sich ein Pferd für einen Mondscheinritt, wie er sagte; der Mann sattelte ihm den Gaul, indem er lachend fragte, ob Harry sich den Rittern von der Landstraße anschließen wollte; Harry antwortete ihm heftig, schwang sich auf und trabte los.

Er mochte etwa eine Stunde von der Stadt entfernt sein und befand sich im Mondschein auf der leeren Straße mitten in der einsamen Heide, als er von weitem einen Mann mit einem Wanderstab am letzten Ende seines langgezogenen Schattens ruhig daherwandern sah. Wie er näher kam, erkannte er eine Art Pächter mit rundem Hut und blauem Kittel, der eine Geldkatze umgeschnallt hatte. Aber der Mann hatte natürlich auch ihn gesehen und hatte erkannt, daß er sein Gesicht verdeckt hielt; er stellte sich breitbeinig mitten in den Weg, stampfte mit der linken Hand seinen Stock vor sich und hielt mit der Rechten eine zweiläufige Pistole schußbereit.

Harry fühlte sein Herz in ängstlicher Bewegung. Aber indem er an den renommistischen Ton seiner Genossen dachte, schien ihm das ein Zeichen verächtlicher Feigheit zu sein; er bezwang sich und fragte mit fester Stimme, indem er seinen Karabiner zog, wie der Bauer zu der Frechheit komme, einem Herrn zu drohen. Aber noch ehe er anlegen konnte, hatte der Mann einen Schuß abgefeuert; er hörte die Kugel neben sich pfeifen. Nun schoß er selber, mit bebender Hand zielend; der Bauer schrie: »Ich bin getroffen!« und stürzte vornüber.

Harry stieg vom Pferd und lief zu dem Menschen hin; er wälzte ihn um und sah, wie sein Gesicht sich dunkel färbte; er war ohne jede Bewegung. Das Pferd hinter ihm scharrte mit dem Vorderhuf; hastig zog er sein Messer, schnitt die Geldkatze ab, wickelte sie zusammen und stopfte sie in eine Rocktasche, dann stieg er schnell auf das Pferd und galoppierte, als sei der Tod hinter ihm, nach Oxford zurück. Beim Pferdeverleiher klopfte er nur an den Laden, durch dessen Ritzen Licht fiel, und warf dem Heraustretenden stumm die Zügel zu; der Mann knurrte über die Unhöflichkeit, Harry aber lief durch die Straßen nach seinem Kolleghaus, erstieg die Treppe, wischte in sein Zimmer, schloß die Tür hinter sich und warf sich über sein Bett.

Die Aufregung war so groß gewesen, daß er augenblicklich in Schlaf fiel. Erst gegen Morgen wachte er auf.

Mit bebenden Händen wickelte er die Geldtasche auseinander. Es war eine Tasche aus braunem Leder, auf welcher blaue und rote Lederstückchen zur Verzierung mit bunter Seide aufgenäht waren, so daß sie Muster von Sternen bildeten. Auf dem Baum vor dem Fenster saß eine Drossel und sang in den grauenden Morgen. Er hatte die Drossel oft gehört: sie war der erste Vogel, welcher den Morgen kündete; und mit zufriedenem Sinn hatte er sich oft in seinem warmen Bett umgedreht, wenn er durch ihr Flöten erwacht war.

Die Tasche enthielt mehrere schwere Geldrollen. Er öffnete eine und fand Fünfschillingstücke. Nun überschlug er und berechnete, daß er gerade fünfzig Pfund vor sich liegen hatte. Der Angstschweiß brach ihm aus. Er faßte nochmals in die Tasche und fand noch einen Brief – einen Brief, adressiert an ihn selber, von der Hand seines Vaters.

Er riß ihn auf und überflog ihn. Da stand… »im letzten Augenblick, damit du dir die Lehre recht einprägst, wenn du dich genug beunruhigt hast. Denke nicht, daß dein Vater dich nicht liebt; ich habe keinen Gedanken in meinen schlaflosen Nächten wie dich, du bist ja auch alles, was das Schicksal mir gelassen… Keine Sorge, du bleibst gut, nicht wahr? Gott wird doch einen alten Mann nicht so strafen, daß er seinen einzigen Sohn … Und bis heute hast du mir ja auch doch immer nur Freude gemacht… Du wirst mir auch nie wieder Kummer machen« …

Harry verbrannte Brief und Tasche. Dann zählte er sorgfältig das Geld; die Summe stimmte.

Als die Klingel durch die Gänge ertönte, welche die Studenten aufweckt, ging er zu seinem Waschtisch, machte sich zurecht, kleidete sich um; dann verließ er sein Zimmer und ging zu seinem Gläubiger. Er fand ihn noch am Waschtisch beschäftigt.

»Die Zeit, die Sie mir gegeben haben, ist noch nicht abgelaufen,« sagte er; damit zählte er das Geld auf den Tisch.

»Sind Sie des Teufels?« fragte ihn der andere. »Denken Sie, ich bin ein Bauernfänger? Geben Sie mir zwei Sovereigns, die haben Sie verloren; das andere ist nur markiert gewesen.«

»Das war nur ein Scherz, das alles?« fragte Harry mit bebenden Lippen.

»Mensch, Sie sind doch kein Kind mehr!« sagte der andere. »Sie müssen sich ändern. Sie passen nicht in die Welt.«

»Ich passe nicht in die Welt,« erwiderte Harry; dann machte er eine Verbeugung und ging aus dem Zimmer.

Unbewußte Rache

Herr v. Fronsac war ein vornehmer junger Herr, der an dem liederlichen Hof des Regenten bei der nicht gerade sehr zurückhaltenden Damenwelt die erste Rolle spielte.

In allen Verhältnissen des Lebens erzeugt ein beständiges Glück sehr schnell Überdruß. Auch ein Don Juan braucht Befürchtungen, Sorgen, Angst und Verzweiflung; aber wenn Herr v. Fronsac nur eine leichte Neigung beginnen fühlte, dann flog ihm auch gleich das Herz der auserwählten Schönen zu, und nicht eine der reizenden Schwierigkeiten, über welche wir anderen uns oft so ungerecht beklagen, wurde ihm gemacht. Er war noch sehr jung gewesen, als dieses gefährliche Glück für ihn begann, so jung, daß die erste erfüllte Liebe eher gekommen war, wie die phantastische Sehnsucht des Jünglings sich entwickelt, aus der wir alle uns unser Bild vom Weibe schaffen; und so hatte er denn bereits mit zwanzig Jahren eine verachtende Gleichgültigkeit gegenüber dem gesamten weiblichen Geschlecht erworben. Die Stürme, welche er dadurch im Seelischen unbewußt vermißte, suchte er nun, wie so viele andere, im Sinnlichen; und so, indem er die Frauen nur noch als Werkzeug für seine Begierden auffaßte, schnitt er sich denn zuletzt auch die Möglichkeit ab, einmal aus dem endlich trotz aller Steigerung immer gleichgültiger werdenden Sinnlichen in das allein wahrhaft beglückende, weil allein immer neue, Seelische der Liebe zu gelangen.

Verachtung der Menschen, Gleichgültigkeit, Langeweile, die Unfähigkeit zur Illusion sind unsere wahren Leiden, nicht Krankheit, Armut und äußeres Unglück; sie sind deshalb doppelt gefährliche Leiden, weil sie unzertrennlich von dem sind, das wir Glück zu nennen pflegen, das wir eben nie lassen mögen, auch wenn wir seinen Unwert eingesehen haben, während wir die äußeren Leiden doch selber durch besondere Anstrengungen der Seele zu überwinden vermögen. So dürfen wir uns denn nicht wundern, wenn wir den jungen, schönen, reichen, vornehmen, von allen Frauen geliebten Fronsac in einem dauernden Zustand tiefer Verstimmung finden, den wir nur deshalb nicht Unglück nennen können, weil doch jeder voll Neid Fronsac für den glücklichsten aller Menschen halten wird. Die plastische Phantasie unserer Vorfahren hat eine Hölle mit Teufeln ausgemalt; wir können uns denken, daß sie mit Hölle ein Leben meinten, wie es Fronsac führte, und daß sie seine Hoffart, Schwermut und die Art, wie er andere Menschen behandelte, als teuflisch empfunden hätten.

Herr v. Fronsac fuhr an einem schönen Frühlingsmorgen zufällig durch eine entlegene Straße; da sah er in der Ladentür eines Tischlers eine junge Frau stehen, die einen merkwürdig starken Eindruck auf ihn machte. Ein leichter Sonnenregen sprühte vom blauen Himmel; die junge Frau streckte behend die Hand aus, um ihn zu fühlen, und wendete sich mit einer schnellen Bewegung des Halses zurück in den dunklen Hintergrund des Ladens, wohl um ihrem Mann etwas zu sagen. Wie ein Blitz war es bei der laschen Bewegung zwischen ihren und seinen Augen gewesen; der Wagen rollte schnell vorüber; und Fronsac fühlte, daß sie sich im Augenblick wieder umgedreht hätte, wenn nicht dieser Blitz ihr dunkel ins Bewußtsein gekommen wäre; er dachte sich, daß sie errötet sein müsse.

Der junge Herr hatte natürlich einen geschickten Kammerdiener, der die Techniken und Listen der Liebesabenteuer beherrschte. Er gab zu Hause dem Menschen den Auftrag, sich nach der schönen Frau zu erkundigen, und erfuhr schon am Abend, daß sie seit zwei Wochen Frau Meunier war, ihren Mann sehr liebte, der sie als ganz armes Mädchen aus Liebe geheiratet hatte, daß der Mann ein sehr geschickter und kunstfertiger Meister war, der die kostbarsten Möbel verfertigte, und daß sie jeden Morgen Punkt acht Uhr in St. Eustache zur Messe ging. Der erfahrene Kammerdiener schloß den Bericht mit ernstem Kopfschütteln und fügte hinzu: »Nichts zu machen, gnädiger Herr.« Der junge Herr klopfte ihm lächelnd auf die Schulter und sagte nur: »Frau Meunier!«

Am anderen Morgen pünktlich acht Uhr ging Fronsac langsam auf die Kirche St. Eustache zu. Da kam auch schon mit schnellen, festen und leichten Schritten, in der einen Hand das Gebetbuch, mit der anderen Hand den zierlichen Hut festhaltend gegen den übermütigen Wind, welcher ihr die Röcke nach hinten schlug, um die Ecke die junge Frau. Fronsac folgte ihr, und nachdem sie sich niedergekniet hatte, kniete er sich rechts neben sie. Sie las eifrig in ihrem Gebetbuch und achtete nicht auf den Nachbarn, der Priester erschien zwischen den weihrauchfaßschwenkenden Chorknaben, Fronsac hustete leise, und der Ton kam wohl so absichtlich heraus, daß Frau Meunier unwillkürlich aufmerksam wurde und aufsah. Jetzt erblickte sie ihn, und ein tiefes Rot ergoß sich plötzlich über ihr ganzes Gesicht, Hals und Nacken. Der kniende Fronsac machte eine leichte Verbeugung; mechanisch dankte sie mit einem Kopfnicken, eine neue Blutwelle schoß ihr ins Gesicht, sie nahm das Gebetbuch vor und betete eifrig weiter.

Am nächsten Tag erwartete Fronsac sie am Weihwasserbecken, um ihr das Weihwasser zu reichen; sie schlug die Augen nicht auf, ging still zu ihrem Platz, Fronsac folgte ihr still und kniete neben ihr.

Einige Stunden später fuhr er vor dem Laden vor; der Diener öffnete den Schlag, Fronsac sprang leichtfüßig heraus und schritt durch die Tür; aus dem Hintergrund kam Frau Meunier, wieder blutrot und vergeblich bemüht, das Zittern ihrer Hände zu verbergen. Fronsac begrüßte sie höflich und begann, daß er soviel von den Arbeiten des Herrn Meunier gehört habe und sich nun alles ansehen und Verschiedenes kaufen wolle. Die Frau erwiderte verlegen, sie werde ihren Mann rufen; Fronsac sagte schnell, es sei nicht nötig, ihn in seiner Arbeit zu stören, sie werde selber ihm schon alles zeigen können; in ihrer verlegenen Ungeschicklichkeit konnte die Frau nichts erwidern und führte den Herrn schweigend zu den aufgestellten Möbeln. Da stand ein großer Schrank mit kunstvoll eingelegten Türen; es waren auf ihnen Straßen und Häuser einer Stadt dargestellt; eine Truhe aus Nußbaum hatte eingelegte Bilder einer Wolfsjagd; auf einem großen Lehnstuhl von schönen Formen war das kostbare Leder aufgenagelt, daß die vergoldeten Nagelköpfe zierliche Muster bildeten; und so besah Herr v. Fronsac viele Sachen, die alle mit Geschmack und Geist, nützlich, tüchtig und schön gearbeitet waren. Bei jedem Stück sprach er laut und rasch seine Bewunderung aus; die Frau antwortete einsilbig und verlegen. Nachdem er alles durchgesehen, fragte er nach den Preisen für den Schrank, die Truhe und den Stuhl. Die Frau sah in einem Buch nach, rechnete zusammen, und nannte die Summe von zweitausend Livres. Herr v. Fronsac schien erstaunt und rief aus: »Wie, so billig diese prächtigen Stücke! Sie tun sich selber unrecht, ich gebe dreitausend Livres.« Hier zog er sein Portefeuille und wollte ihr die Scheine geben; indessen faßte sich Frau Meunier, die sich nicht mehr zu helfen wußte, ein Herz; sie enteilte, indem sie eine verlegene Entschuldigung murmelte, und kehrte mit ihrem Gatten zurück. Meunier war ein breitschultriger, ruhiger und gutmütiger Mann. Er begrüßte den Herrn höflich und sagte: »Die drei Stücke sind so ausgezeichnet, wie meine Frau es gesagt hat. Der Schrank scheint ja etwas teuer berechnet, aber ich habe mir meine Arbeitsstunden aufgeschrieben, und es kommt so viel heraus. Das kann nur der Fachmann verstehen. Die Türen sind nicht in Marquetterie, wie die Bärenjagd auf der Truhe, sondern sie sind in Intarsia. Ich mache eine solche Arbeit nicht wieder …« Und so wollte der brave Mann weiter sprechen, als Herr v. Fronsac seine Rede abschnitt, indem er sagte, er finde die Stücke durchaus nicht zu teuer, und dann ihm die zwei Tausendlivrescheine reichte. Darauf nannte er seinen Namen, den die beiden natürlich kannten, die Frau faßte sich plötzlich an das pochende Herz, sie wußte von seinem Ruf und verstand nun mehr von seinem Benehmen ihr gegenüber.

Am nächsten Tage fand sie ihn wieder am Weihwasserbecken, kniete er wieder an ihrer Seite; als sie aus der Kirche schritt, schloß er sich ihr plaudernd an. Frau Meunier nahm ihren Mut zusammen und sagte ihm, es werde auffallen, daß er neben ihr gehe, und sie bitte ihn, ihren guten Namen zu schonen. Betroffen blieb Fronsac stehen, lüftete seinen Hut und verabschiedete sich mit einer Entschuldigung. Die gute Frau machte sich Vorwürfe über ihre Unfreundlichkeit, ging zu Hause in die Werkstätte zu ihrem Mann, der in seiner blauen Schürze an der Hobelbank stand und den Hobel ausklopfte. Wie sie ihm alles erzählt hatte, wurde er nachdenklich und sagte: »Einen guten Kunden soll man ja nicht vor den Kopf stoßen, aber es ist doch wohl richtig, daß du ihm das gesagt hast. Du bist eine schöne Frau, und alte Weiber, die klatschen müssen, gibt es immer. Er versteht etwas von Tischlerarbeit, das habe ich ihm angesehen. Wenn er noch etwas braucht, so wird er schon wiederkommen. Mein Lehrherr arbeitet nicht mehr und bei einem anderen findet er nicht, was er haben will.« Die Frau schüttelte den Kopf und sagte: »Er ist so unglücklich, der hübsche junge Herr, er tut mir sehr leid.« Meunier lachte, küßte sie und antwortete: »Du hast ein gutes Herz, aber wie soll solch ein Herr wohl unglücklich sein, der alles hat, was er begehrt!« Die Frau seufzte und ging fort in ihre Küche.

Am Nachmittag fuhr Herr v. Fronsac wieder vor. Er erzählte, daß er sich ein kleines Landhaus einrichten wolle, wo er mitten in einer schönen Natur seine Stunden der Erholung zu verbringen gedenke. Dieses Haus müsse mit den schönsten Möbeln ausgestattet werden; die gekauften Stücke habe er bereits aufgestellt, und nun wolle er noch Näheres mit Herrn Meunier besprechen über andere Möbel, die er noch hergestellt wünsche. Vor allem brauche er ein Bett, ein sehr breites Bett, das schön eingelegt sein solle nach einer Zeichnung, die er mitgebracht habe. Der Diener holte eine Rolle und entfaltete sie, und nun wies Herr v. Fronsac dem guten Künstler den Entwurf, welchen er sich hatte anfertigen lassen. Am Kopfende war ein Liebespaar gedacht, das sich umarmte, am Fußende das Mädchen, welches sich weinend die Hände vor die Augen hielt, indessen der Ungetreue, ihr gleichgültig den Rücken wendend, sie verließ. An den Seitenstücken hielten in gleichen Abständen aufgestellte Amoretten schwere Blumenranken in den Händen. Der Meister freute sich sehr über den Entwurf, rief seine Frau, um ihn ihr zu zeigen, und sagte mehrmals, wie glücklich er sei, durch eine so reiche Arbeit sein Können zu zeigen. Die Frau mußte eine leichte Verlegenheit bezwingen, die ohne Grund über sie kam, aber dann freute auch sie sich über den schönen Entwurf.

Indem fiel dem Mann ein, daß er Zeichnungen früherer Arbeiten seinem Kunden vorweisen wolle: er entschuldigte sich, ging eilig ins Wohnzimmer hinüber und ließ die beiden allein. Herr v. Fronsac spürte, wie eine neue Verlegenheit über die Frau kam; er ergriff ihre Hand und hielt sie fest, als sie ihm sie entziehen wollte, und sagte leise zu ihr, wie unrecht es von ihr gewesen sei, ihm das einzige Glück zu nehmen, das er sich ausgedacht, die wenigen Schritte neben ihr zu gehen; er warf ihr Grausamkeit und Hartherzigkeit vor und schilderte mit beweglichen Worten sein einsames Leben. Ihre Wangen röteten sich, ihre Augen füllten sich mit Tränen: er fühlte, daß ihr Händchen, welches er hielt, nicht mehr widerstrebte; und als nun der Gatte mit seinen Rollen und Mappen hereinkam und er sie losließ, spürte er einen leichten Druck.

Die weitere Entwicklung des Liebesverhältnisses soll hier nicht dargestellt werden. Der Meister arbeitete mit seinen Gesellen fleißig an den bestellten Möbeln, Fronsac besuchte ihn oft, und als alles fertig war, da hatte er auch die schöne und gute Frau bestimmt, ihn in seinem neuen Landhaus zu besuchen. Als sie in das Schlafzimmer trat und das eingelegte Liebespaar sah, begann sie zu weinen; dann aber sagte sie: »Nein, ich will nicht weinen, ich bin entschlossen,« umarmte und küßte ihn und fuhr fort: »Ich habe dich über alles lieb.«

Eine Weile dauerte nun das Verhältnis so, daß die Frau ihn besuchte, wenn sie unauffällig ihren Mann verlassen konnte. Häufig noch bemerkte er trübe Stimmungen bei ihr und Vorwürfe ihres Gewissens, die sie durch ihre Liebe bezwingen mußte. Da geschah es einmal, daß der Mann auf einige Tage verreiste, um einen Einkauf von edlen Hölzern zu machen. Fronsac bat sie, es ihm zu erlauben, daß nun auch er einmal sie besuchen dürfe. »Es ist meines Mannes Haus,« sagte sie zaghaft, aber dann fügte sie hinzu: »Ach, mir ist ja alles recht, was du willst, ich weiß ja jetzt nichts weiter, als daß ich dich liebe.«

So besuchte denn Fronsac nun sie am Abend, und sie empfing ihn liebevoll, und alles war, wie die beiden gewollt hatten. Gegen Mitternacht verabschiedete er sich von ihr, indem er sagte, es sei besser, wenn er nicht in der Frühe fortgehe, damit niemand von den Nachbarn etwas merke. Nachdem sie ihn aber entlassen hatte, ging er nicht die Treppe hinunter, sondern er ging treppauf. Über dem guten Tischler und seiner schönen Frau wohnte nämlich eine sehr hübsche und junge Witwe, mit welcher Fronsac bei seinen häufigen Besuchen in der Werkstatt gleichfalls eine Bekanntschaft, und, da sie weniger zurückhaltend war wie die Frau Meunier, auch schnell ein Liebesverhältnis geschlossen hatte. Diese erwartete ihn um Mitternacht; er klopfte leise, es wurde ihm geöffnet, er wurde liebevoll empfangen, und in ihren Armen verbrachte Fronsac nun den zweiten Teil der Nacht.

Das Liebespaar war spät eingeschlafen und erwachte erst am Morgen. Vor dem Bett stand mit entgeistertem Blick Frau Meunier. Die gute Frau hatte die Hausgenossin um eine kleine Gefälligkeit bitten wollen, hatte die Türen offen gefunden und war harmlos eingetreten. Fronsac sprang auf, verriegelte die Tür; Frau Meunier sank weinend auf einen Stuhl, Fronsac kniete vor ihr nieder, suchte ihre Hand zu fassen und sprach viele Entschuldigungen; sie entzog ihm die Hand hastig; er stand auf, nahm eine kalte Sprachweise an, brachte seine Kleider in Ordnung; die Witwe hielt sich beschämt im Hintergrund; die Frau warf ihm einen bekümmerten, traurigen Blick zu, ihr Groll war verschwunden bei seinen kalten Worten; er sagte ihr, daß ihre Liebe klein sei und auf bloßer Eitelkeit ruhe, wenn sie ihm als einem jungen Menschen nicht eine Unbesonnenheit verzeihen könne; er ging ans Fenster, trommelte auf die Scheibe und sagte, daß er sich Frauenliebe anders, höher gedacht habe; die gute Frau trat hinter ihn, legte die Hände um seinen Hals, drückte den Kopf auf seine Schulter und sagte: »Ich will nicht kleinlich sein, du sollst wissen, daß ich dich lieb habe.«

Nach einiger Zeit hatte Fronsac wieder eine Verabredung mit der Geliebten, daß sie ihn in seinem Landhaus besuchen sollte. Sie kam, der Diener öffnete ihr die Tür und geleitete sie; als sie in das Zimmer trat, fand sie neben Fronsac an einem Tisch stehend ihre Nebenbuhlerin. Erstarrt lehnte sie sich an die Tür, die der Diener inzwischen wieder geschlossen hatte. Fronsac eilte heiter auf sie zu, ergriff mit beiden Händen die Hände der Willenlosen und sagte: »Verzeihe mir die Überraschung; ich will euch wieder versöhnen.« »Versöhnen?« fragte fast abwesend die Frau. Nun trat auch die Witwe zu ihr, sagte, daß sie doch nicht Herrn v. Fronsac die Freude verderben solle. Sie erwiderte, daß sie nicht im Hause bleiben könne, und schritt zur Türe zurück; Fronsac stellte sich ihr in den Weg, beteuerte seine Liebe, sagte, wenn sie verlange, so solle die andere gehen, beschwor, daß er es gut gemeint habe und den Groll habe aus der Welt schaffen wollen. Sie seufzte, lächelte dann schwer und sagte: »Du bist ein Kind, daß du das denken kannst«; aber sie ließ sich von ihm zurückführen. Die drei gingen ins Eßzimmer, wo ein Tisch schön für sie gedeckt war mit kostbaren Tellern, Kristall und Silber; der Diener brachte die Speisen, die Flaschen wurden entkorkt; Herr v. Fronsac strahlte vor Frohsinn, die Witwe lachte lustig über seine Scherze, und auch das Gesicht der Frau erheiterte sich endlich; und so schien zum Beschluß des Mahles denn jeder Mißklang verschwunden. Später verließen dann die beiden Frauen gemeinsam das Haus, die eine tief beschämt, die andere fröhlich und gutmütig auf sie einsprechend und Reichtum, Geschmack, Schönheit und Vornehmheit des gemeinsamen Liebhabers preisend.

Einige Tage nach diesem Ereignis starb plötzlich der Vater des jungen Fronsac, und dieser erbte nun Titel und Vermögen eines Herzogs von Richelieu. Der Todesfall, die Leichenfeierlichkeiten, die Ordnung der Erbschaft, allerhand gesellschaftliche und politische Verpflichtungen, welche mit dem allen zusammenhingen, nahmen die Zeit des jungen Mannes in Anspruch; er bekümmerte sich längere Zeit nicht um die Geliebte; einmal erhielt er einen zärtlichen Brief von ihr und beschloß auch, ihn zu beantworten, aber dann vergaß er das wieder in dem Trubel; er wollte ja nicht mit ihr brechen, aber sein Interesse war erloschen, andere Frauen drängten sich ihm in den Vordergrund; zuweilen dachte er wohl an sie, aber die Zeit verging von selber, ohne daß er etwas von sich hören ließ.

Etwa ein Vierteljahr mochte nach der Zusammenkunft mit den beiden Frauen in seinem Landhaus vergangen sein, als er zufällig Herrn Meunier auf der Straße sah; er war in schwarzem Traueranzug und schien sehr bekümmert. Herr v. Fronsac ließ den Kutscher halten, rief dem Mann zu, nötigte ihn zum Einsteigen in den Wagen und fragte ihn, wie es ihm und seiner Gattin gehe. Der Mann antwortete: »Ach, Herr Herzog, Sie können es ja nicht wissen, wie wollen Sie etwas von uns kleinen Leuten erfahren, meine Frau ist ja vor vier Wochen gestorben.« Der junge Herzog erschrak leicht, dann fragte er weiter. Der Mann erzählte: »Kein Arzt wußte ihre Krankheit. Es war wie ein innerliches Fieber, wie eine Abzehrung. Sie sagte immer, sie habe keine Ruhe mehr. Sie war ja ein Engel, meine Frau, so gut, so sanft und hingebend; wer das nicht wußte, der hätte wirklich denken müssen, daß ihr Gewissen sie nicht ruhen ließ; so sah sie zuletzt aus, so verwirrt und unstet, namentlich, wenn sie ihre Reden führte. Sie sagte immer, der Teufel habe sich als Engel verkleidet und habe sie verführt, nur der Teufel habe sie verführen können.« Der Mann trocknete sich die Tränen; dem Herzog wurde es heiß. »Und denken Sie,« fuhr der Mann fort, »an Sie hat die Gute immer gedacht; immer hat sie von Ihnen gesprochen; wenn ihre Reden kamen, dann hat sie immer geglaubt, daß ich Böses über Sie sage, und hat Sie immer gegen mich verteidigt … ach, Herr Herzog, Sie wissen ja, wie ich Sie immer hochgeschätzt habe, nie ist ein böses Wort gegen Sie über meine Lippen gekommen. Ja, immer hat sie Sie verteidigt und Gutes von Ihnen gesprochen.«

»Sie müssen aussteigen, Herr Meunier,« sagte der junge Herzog mit rauher Stimme. »Ach ja,« erwiderte der andere, »ich habe in meinem Kummer gar nicht darauf geachtet, daß hier meine Straße ist. Ach, ich achte ja auf nichts mehr. Mir ist das Leben gleichgültig geworden. Aber das war mir doch ein Trost, daß ich noch einmal mit dem Herrn Herzog sprechen durfte.«

Der Mann stieg aus und grüßte, der Herzog erwiderte leicht den Gruß, die Pferde zogen an, und der Wagen rollte fort.

Die Frau des Bahnwärters

Ich saß mit meinem Freunde auf dem Balkon vor meinem Arbeitszimmer. Im Garten unter uns begannen die Frühäpfel an den Bäumen zu schwellen, die Zweige der Stachelbeersträucher bogen sich schwer zur Erde; an den Stangen blühten lustig weiß und rot die hochgekletterten Bohnen.

Über der Balkontür nistete ein Rotschwänzchen. Die Jungen waren schon recht groß und drängten sich in dem Nest; fleißig flogen die Alten ab und zu; wenn sie ankamen, setzten sie sich erst auf den Dachrand uns gegenüber und sahen mißtrauisch zu uns, ob wir sie auch nicht beobachteten; wenn sie uns in unser Gespräch vertieft bemerkten, dann huschten sie eilig auf den Rand des Nestes; ein allgemeines Schreien der Jungen begann; das eine Junge wurde befriedigt, alle verstummten, und die Alte flog wieder davon, um neue Nahrung zu holen.

»Wie friedlich das alles ist,« sagte mein Freund; »und doch ist jede Raupe, jede Fliege, welche der Vogel den Kleinen bringt, ein lebendes Wesen gleich ihm; wir hören den Jubel der Jungen, sehen die liebevolle Ängstlichkeit der Alten; aber der Jammer des zerrissenen Insekts dringt nicht an unser Ohr, seine verzweifelten Windungen sehen wir nicht. Alle drei Minuten etwa kommt das Männchen oder Weibchen mit Beute; vom Morgen bis zum Abend suchen sie für die fünf Jungen, deren gelbe Schnäbel wir von unten auf dem Rande des Nestes liegen sehen; wie viele Leben fallen im Laufe eines Tages qualvoll diesen Tierchen zum Opfer; und wir glauben ein anmutiges, heiteres Bild zu sehen, wenn das Männchen dort ängstlich mit dem Schwanz wippend und einen dünnen Ton ausstoßend mit seiner Fliege im Schnabel auf der Dachrinnenecke sitzt.«

Ohne einen Übergang zu machen, und doch offenbar durch die Vögelchen veranlaßt, erzählte mein Freund mir nun folgende Geschichte.

»Wir haben oft darüber gesprochen, wie wenig bedeutend für unser eigentliches Leben die Moral ist, deren angebliche Gesetze gewöhnlich als so wichtig hingestellt werden; und wie die Lehren unserer Kirche in dem schwankenden, vieldeutigen und umfassenden Begriff der Sünde so sehr viel tiefer sind, wie dieser bürgerliche Moralglaube. Wir haben einmal von der Lehre über die Sünde wider den Heiligen Geist gesprochen, die uns so dunkel und schauerlich erschien. Ich habe nun einen Vorfall erlebt, bei dem mir klar geworden ist, wie wir uns für unsere heutigen Vorstellungen dieses fürchterliche Dogma deuten können.

Etwa eine Viertelstunde von meinem Gutshof, gerade wo die Strecke ziemlich stark bergab geht, liegt, wie du weißt, ein Bahnwärterhäuschen. Der Wärter hat eine Weiche zu besorgen, welche etwa zwanzig Schritte von dem Häuschen entfernt ist. Gleich nach Mittag kommen kurz hintereinander zwei Züge, ein gewöhnlicher Personenzug und ein Schnellzug. Der Mann muß den Personenzug vor seiner Tür stehend erwarten, der auf ein totes Gleis fährt, dann schnell die paar Schritte laufen und die Weiche umstellen für den Schnellzug; der Personenzug hält, bis der Schnellzug vorübergefahren ist; der Wärter stellt die Weiche wieder anders, läuft zu dem Personenzug, winkt, der Personenzug fährt zurück und rangiert wieder auf das große Gleis, um hinter dem Schnellzug herzufahren. Wenn der Mann die Weiche nicht umstellt, so fährt der Schnellzug auf der abschüssigen Bahn mit aller Wucht auf den Personenzug, und Hunderte von Menschenleben werden vernichtet.

Die Leute in dem Wärterhäuschen, ein junges Ehepaar, hatten einen dreijährigen Knaben. Der Vater war ängstlich mit dem Kind und ließ es um die Zeit, wo die Züge kamen, nie vor das Haus. An einem Sonntag bettelte der Knabe, er wolle seine Fahne nehmen und auch vor dem Hause den Zug erwarten, wie der Vater. Auf das Zureden der Mutter erlaubte es der Mann; als der Personenzug langsam heranzog, stand er in seiner Gartentür, in der linken Hand die Fahne schulternd, mit der Rechten den anmutigen Knaben haltend, der mit der anderen Hand die Fahne hielt wie der Vater. Aus dem Fenster sah, die Hand über die Augen gelegt, die Mutter dem heiteren Bilde zu; Führer und Heizer des langsam rollenden Personenzuges nickten und riefen einen Gruß herüber; Reisende lachten und winkten dem Kinde zu, das ernst und fest wie ein Erwachsener mit der Fahne dastand.

Während die letzten Wagen rollten, hörte die Frau in der Küche ihre Kaffeemilch überkochen; sie eilte vom Fenster, rückte ihre Milch ab und streute Salz auf die Herdplatte. Inzwischen hatte der Mann die Hand des Knaben losgelassen, rief der Frau zu, daß sie kommen solle, um ihn zu halten, und lief zu seiner Weiche. Im Laufen sah er sich, getrieben durch irgendeine Angst, indessen schon der Rauch des Schnellzuges vor ihm aufqualmte, einen Augenblick um; da sah er, wie das Kind hinter einem bunten Schmetterling gerade in den Gleisen des Schnellzuges lief. Er rief aus Kräften nach seiner Frau und lief dann weiter zu der Weiche; wie er niederdrückte, sah er sich wieder um; die Frau hatte das Rufen nicht gehört, das Kind lief weiter. Nun rief er dem Kind zu, schrie in seiner Angst; das Kind erschrak, blieb stehen und wußte nicht, was es tun sollte; die Mutter stürzte aus dem Haust; da rasselte schon die Lokomotive klirrend über die Weiche.

Man hat dem Mann nachher eine Anerkennung zuteil werden lassen. Ich finde das falsch, denn er hatte ja nichts getan, wie seine Pflicht. Es gehört mit zu den bürgerlichen Sentimentalitäten unserer Zeit, daß man eine solche Selbstverständlichkeit für etwas Besonderes hält. Ich will ja nicht sagen, daß jeder Mann so gehandelt hätte wie dieser, der sein Kind zum Opfer brachte; aber wer nicht so handelte, der hatte sich einer Pflichtvergessenheit schuldig gemacht.

Für den Bahnwärter war das Stellen dieser Weiche sein Lebenszweck und sein Lebensgrund. Er durfte nur leben, weil man ganz sicher war, dieser Mann wird unter allen Umständen die Weiche stellen. Hätte er einmal einen Menschen ermordet, so wäre er ein Mörder gewesen, natürlich. Aber Gott kann einem Mörder vergeben. Hätte er aber, um sein Kind zu retten, die Weiche nicht gestellt, so hätte er eine Sünde begangen, die Gott nicht vergeben kann, denn er hätte gegen den Grund gefrevelt, der ihm das Leben erlaubt. Das wäre die Sünde gegen den Heiligen Geist gewesen.«

Ich versuchte, eine Einwendung zu machen. Er schnitt meine Worte mit einer Handbewegung ab und fuhr fort:

»Ich weiß, du willst mir sagen, daß meine Deutung nicht mit der üblichen Erklärung der Lehre übereinstimmt, welche von einem Sichverhärten gegen die Wirkung der göttlichen Gnade auf uns spricht. Aber man faßt da den Begriff der göttlichen Gnade zu eng.«

Ich sah in sein Gesicht, als er die folgenden Worte sprach: »Ein jeder von uns lebt, darf leben, nur durch eine besondere göttliche Gnade. Glücklich der Mensch, der weiß, daß er eine Weiche zu stellen hat, damit ihm die Gnade zuteil wird, der nicht zweifeln muß, ob er die Gnade nicht mißbraucht.« Sein Gesicht war fahl geworden, die Augen schienen tief gesunken zu sein.

Nach einer Pause fuhr er fort.

»Bis jetzt ist meine Geschichte ja nicht sehr neu. Ähnliches ist schon oft vorgekommen. Aber nun folgt das Merkwürdige.

Der Mann wurde also wegen seiner Tat belobt und von allen Leuten gepriesen. Ob ihm diese Anerkennungen nicht schmerzlich oder peinvoll gewesen sind, kann ich nicht sagen. Er war ein stiller Mann, der nicht aus sich herausging.

Aber nach einigen Wochen kam die Frau zu mir. Sie verlangte meinen Rat. Ich kann ihren Gedankengang nicht wiedergeben; das ist aber auch nicht nötig. Es kam alles darauf hinaus, daß sie nicht mehr mit dem Mann zusammenleben könne, der vor seinen Augen das Kind habe überfahren lassen, ohne ihm zu helfen, und daß sie sich von ihm scheiden lassen wolle.

Ich versuchte auf die Frau zu wirken; ich sagte ihr: ,Er hat doch seine Pflicht getan.' Die Frau schüttelte den Kopf, zupfte an ihrem Schürzenzipfel und sah dann still zur Erde. Endlich sagte sie: ,Ich kann ja schon nicht an einem Tische mit ihm sitzen. Wenn er kommt, so stehe ich auf. Ich habe keinen Haß gegen ihn; aber ich kann nicht.'

Es wurde mir plötzlich klar: was diese Frau trieb, von ihrem Mann zu gehen, das war dasselbe, was den Mann getrieben hatte, seine Pflicht zu tun. Es wäre eine Sünde wider den Heiligen Geist gewesen, wenn sie bei ihm geblieben wäre. Und so ging sie denn von ihm.

Was mit dem Mann werden soll, weiß ich nicht. Er ist ja doch noch ein junger Mensch. Vielleicht fängt er an zu trinken; ich weiß keinen anderen Ausweg für ihn; denn ich glaube nicht, daß er genug Klarheit hat, um an Gott zu glauben. Ja, wenn er an Gott glauben könnte, so wäre ihm wohl geholfen.

Die Rotschwänzchen fliegen ab und zu und bringen Würmer, Raupen, Käfer und allerhand andere Tiere für ihre Jungen. Wenn wir schwach sind, dann denken wir wohl: das Schicksal dieses Bahnwärters hat keinen anderen Sinn, wie das Schicksal dieser Tierchen, die von den jungen Vögeln verzehrt werden. Aber wenn wir ganz unserer mächtig sind, dann wissen wir: das ist falsch. Es hat doch einen Sinn, daß der Mann seine Pflicht tut, daß die Frau von ihm gehen mußte. Sie haben beide recht gehandelt.«

»Die Frau hat sicher unmoralisch gehandelt,« sagte ich; »dennoch glaube auch ich, daß sie im Rechte war.«

Der Scharfrichter

Ein Scharfrichter war in seinem Beruf ein reicher Mann geworden. Er trieb mancherlei Wissenschaften, und da er mit großem Bedauern verspürte, daß ihm doch zu seinem Lernen der rechte Grund fehlte, so beschloß er, seinen einzigen Sohn, damit der es einmal in diesen Dingen besser habe, studieren zu lassen. Er schickte ihn aber, damit er nicht wegen seiner Herkunft von der Universität abgewiesen werde, in ein fremdes Land, wo man andere Sitten und Gebräuche hatte und bei den vielen ausländischen Studenten nicht sorgsam nach Stand und Namen des einzelnen fragte, sondern ihn gern zu allem zuließ, wenn er nur das Gebührliche bezahlen konnte.

Der Sohn trat denn auch an der fremden Universität so auf, wie es die reichlichen Mittel seines Vaters erlaubten, galt dort für den Sohn eines angesehenen Mannes, besuchte fleißig seine Vorlesungen, hatte Umgang mit den anderen Studenten und später auch in den Familien der Professoren und erwarb im Laufe der Jahre gute Kenntnisse und angenehme Manieren. Wie ihm sein Vater aufgetragen und er selber gewünscht, betrieb er die medizinischen Studien.

Unter seinen Lehrern hatte ihn, wie das so geht, einer besonders in sein Herz geschlossen, weil er in seinem Fach hauptsächlich gearbeitet, hatte ihn in den letzten Semestern als Famulus in sein Haus aufgenommen, ließ ihn an seinen Arbeiten und Unternehmungen teilnehmen, hielt ihn mit an seinem Tisch und behandelte ihn ganz als seinen Sohn. Der Professor hatte eine einzige Tochter; die beiden jungen Leute wurden bald miteinander vertraut, es entspann sich ein Liebesverhältnis zwischen ihnen; der Vater sah natürlich bald alles, aber das Verhältnis war ihm nicht unwillkommen, ja vielleicht hatte er es sogar, nachdem er den guten Charakter, Fleiß und Verstand des jungen Mannes erprobt, selber gewünscht und ihn auch deshalb mit zu sich gezogen; und so nahm er ihn denn eines Tages auf sein Arbeitszimmer und sprach mit ihm. Er sagte ihm, daß er als alter und alleinstehender Mann, denn er war seit langen Jahren Witwer, seine Tochter gern einem Manne geben wolle, der bei ihm wohnen, ihm bei seinen Arbeiten helfen, allmählich manches abnehmen, einige seiner Vorlesungen halten und später einmal ganz in seine Stelle eintreten könne. Der Jüngling, welcher bis dahin sich gedankenlos hatte gehen lassen und nicht an Morgen und Übermorgen gedacht hatte, wurde auf das Tiefste erschüttert durch die Rede seines Lehrers. Er kniete vor ihm nieder, küßte seine Hand und weinte. Der alte Mann war wohl erstaunt über diese Art, dachte aber, daß die große Liebe des Jünglings und das Glück über ihre Erfüllung die Ursache seiner Bewegung sei; deshalb hob er ihn sanftmütig auf und sagte, er wolle seine Tochter rufen, um ihr alles mitzuteilen.

Da aber ergriff der Jüngling seine Hand, hielt ihn zurück, und wie der andere ihn verwundert fragte, was denn mit ihm sei, antwortete er weinend: »Ich liebe Eure Tochter über mein Leben, aber ich kann sie nicht heiraten.« Der alte Mann beugte sich vor und schrie ihm hitzig zu: »So bist du ein Schurke, wenn du dem Mädchen etwas in den Kopf gesetzt hast, das du nicht erfüllen kannst. Hast du schon ein Weib?« Der Jüngling schüttelte den Kopf. »Bist du zu vornehm, um die Tochter eines Gelehrten zu heiraten, der sich für einen Fürsten in seiner Wissenschaft halten darf und einem Fürsten nicht nachzustehen braucht in berechtigtem Selbstgefühl?« Der Jüngling seufzte.

Da sprang der Gelehrte auf und sprach bittere Worte über törichte Standesvorurteile und sagte, daß es nur zwei Arten von Menschen gebe, tüchtige und untüchtige, und alle anderen Unterschiede seien unsinnig, das habe er als Arzt an so viel Krankenbetten gesehen, wo Könige zitterten und Arbeiter lachten, und er selber würde, trotz seines Ruhms und Reichtums, doch einen Schwiegersohn nicht verschmäht haben auch aus der untersten Klasse der Menschen, wenn er nur tüchtig wäre. Hierauf antwortete der andere stockend, er sei eben von solcher Herkunft, daß er noch unter der untersten Klasse stehe. »Wie?« fragte der Alte; »bist du unehelich? Ich hätte es mir denken sollen, daß so ein Kerl wie du nicht in einem schläfrigen Ehebett gezeugt ist. Komm her, gib mir die Hand, wenn das alle deine Sorgen sind.« Der Jüngling aber schüttelte betrübt noch immer den Kopf und sagte endlich in abgebrochenen Worten: »Ich bin ein Scharfrichterssohn.«

Der Alte strich sich verdrießlich den Bart und antwortete: »Das ist ja nicht sehr erfreulich, das habe ich freilich nicht gewußt.« Dann aber erinnerte er sich an seine früheren Reden und fuhr beherzt fort: »Auch das macht mir nichts. Du brauchst es ja niemandem weiter zu sagen, und deine Heimat ist von hier so entfernt, daß ohne dein Geständnis es niemand erfahren wird.«

Die Tochter, welche an der Tür gelauscht hatte, entfernte sich nun geräuschlos und ging in ihr Zimmer; der Vater öffnete die Tür und rief über den Gang nach ihr; nach dem zweiten Ruf erschien sie mit unbefangenem Gesicht und fragte: »Brauchst du etwas, lieber Vater?« Der Vater ließ sie in die Stube kommen, stellte ihr alles vor, sie errötete und wurde verlegen, wendete stockend ein, daß sie doch noch so jung sei und daß sie gedacht habe, sie wolle immer bei ihrem Vater bleiben; der Vater erwiderte, das solle sie ja denn nun eben auch; und so beredete er sie mit Mühe, daß sie dem Antrag des Jünglings zustimmte. Derart wurde nun die Verlobung gefeiert.

Nachher erzählte sie dem Jüngling, sie habe ja wohl gemerkt, daß er nicht aus vornehmem Hause sei, aus allerhand Äußerlichkeiten; so trage er sein Geld immer in einem festen Beutel bei sich und nicht lose in der Tasche, habe auch immer nur eine kleine Summe auf dem Leibe und das Übrige in seiner Lade verschlossen zu Hause; er borge nie und handle den Geschäftsleuten immer herunter, er führe (was er sich noch abgewöhnen müsse) das Messer beim Essen zum Mund und Ähnliches. Da sie aber wisse, daß ihr Vater trotz seiner Reden viel auf Vornehmheit gebe, so habe sie dem einmal erzählt, scheinbar ganz so nebenbei, daß sie ihn gelegentlich auf der Straße in seiner heimatlichen Tracht gesehen mit einem Hut, der mit einer Reiherfeder geschmückt gewesen, und habe ihn gefragt, ob das nicht bei manchen fremden Völkern ein Abzeichen des hohen Adels, von den Grafen an aufwärts, sei. Seitdem sei ihr Vater auf ihn aufmerksam geworden und habe ihn zu sich herangezogen.

Der Student sollte nun zu seinen Eltern reisen, ihnen alles erzählen und um ihre Einwilligung bitten. Er kaufte sich ein Pferd, machte sein Bündel zurecht; am frühen Morgen ging er aus dem Hause seines Schwiegervaters, schritt die breite marmorne Treppe hinunter, stieg auf sein Pferd; von dem zierlich gemeißelten Balkon herab sah ihm seine Geliebte nach, wie er die Straße mit den stattlichen Häusern hinunterritt. Er reiste durch die weite, fruchtbare und lachende Ebene, über das hohe, schneebedeckte Gebirge in sein kaltes, von düsteren Wäldern bedecktes Heimatland; nach Wochen ritt er durch das alte Stadttor, durch die engen Straßen seiner Stadt, die mit niedrigen hölzernen Häusern eingefaßt waren; er kam durch die schmutzigen, ungepflasterten Gassen, wo das niedere Volk wohnte, zu dem Winkel, in welchem neben den Häusern der Dirnen das schmale Haus seines Vaters lag. Vor der Haustür stand eine große Butte mit Wasser, in welcher der alte Scharfrichter mit aufgestreiften Hemdärmeln hantierte. Als der Reiter vor ihm hielt und absprang, sah er ihn unter buschigen Augenbrauen an, dann reichte er ihm den kleinen Finger der nassen Hand und sagte: »Ich habe gestern einem Missetäter Riemen aus der Haut geschnitten, die lege ich heute ins Wasser; gegerbte Menschenhaut, die vom lebendigen Leib abgezogen ist, soll gut sein gegen die Gicht. Hast du darüber etwas auf der Universität gelernt?« Der junge Mann war blaß geworden und fragte nach der Mutter; da kam die Mutter aus dem dunkeln Flur, trocknete sich die Hände an dem kurzen Beiderwandrock und umarmte ihn. »Du bist breit geworden,« sagte sie; »du trägst feines Tuch, das ist uns hier doch verboten; weißt du denn das nicht mehr? Du mußt gleich einen Leinenkittel anziehen.«

Die drei gingen in das Wohnzimmer; da hing an der Wand, der Tür gegenüber, in einem Futteral das große Richtschwert. Der Vater bemerkte den Blick, welchen der Sohn auf das Schwert warf, und sagte: »Ja, ich werde alt, der Arm ist nicht mehr sicher; mein Vater hat sich ja frei gerichtet, aber damals wurde auch noch mehr geköpft wie heute, ich werde die Zahl nicht voll machen. Nun ist es gut, daß du da bist; in vierzehn Tagen ist eine Hinrichtung, die kannst du gleich übernehmen.« »Ich?« rief entsetzt der junge Mann. »Bist du denn nicht mein Sohn?« fragte der Alte ihn ruhig. »Du mußt auch nun heiraten. Ich habe schon mit einem Scharfrichter gesprochen, der eine Tochter hat. Sie ist gesund, eine gute Hausfrau und paßt zu deinen Jahren.« Draußen scharrte das Pferd auf dem Pflaster, dessen Zügel verloren um den Pfosten geschlungen waren. »Es ist wohl im Stall Platz,« sagte der Junge, ging hinaus, führte das stolpernde Pferd durch den Flur in den Stall neben die beiden Ziegen, schirrte es ab und hängte ihm den mitgebrachten Hafersack um. Dann kehrte er langsam in die Stube zurück.

»Du gefällst mir nicht,« sagte der Vater. Er hatte das Richtschwert von der Wand geholt und aus dem Futteral genommen und betrachtete es nun sorgfältig am Fenster. Aus einem Kalender, der auf dem Fensterbord lag, riß er ein Blatt und führte es an der Schneide entlang; das Schwert schnitt das Blatt mit einem quäkenden Tone durch. »So habe ich es von meinem Vater übernommen, so übergebe ich es dir,« fuhr er fort. »Was hast du, du verheimlichst etwas,« schloß er, indem er ihm ins Gesicht sah.»

»Ich – ich habe mich verlobt,« stotterte der Sohn.

»Dort unten?« fragte der Vater.

»Ja,« antwortete er.

Nach einer Pause fragte der Vater: »Nun?«

Er wendete sein Gesicht ab und sagte: »Ich kann nicht Scharfrichter werden. Ich gehe zurück und werde Arzt.«

Der Vater erhob das blanke Schwert mit beiden Händen und schrie ihn an, indessen ihm die Ader auf der Stirn schwoll: »Knie nieder.« Der Junge wich zurück und streckte angstvoll die Hände aus. »Knie nieder!« schrie der Vater von neuem. Die Mutter stürzte in die Stube, lief ihm unterm Arm durch und faßte ihn mit beiden Händen an der Brust am Hemd, das offen war über den grauen Brusthaaren. »Versündige dich nicht an deinem Blut,« rief sie ihm zu, er legte das Schwert auf den Tisch, stieß sie fort, griff dann wieder zum Schwert. Die Mutter stellte sich vor dem Sohn auf, mit beiden Händen den Rock ausbreitend, und rief: »Dann schlage mir den Kopf mit ab.« Dem Sohn klapperten hörbar die Zähne, wie er das schreckliche Gesicht des Alten sah; er sagte leise: »Ich will ja bleiben.«

»Es ist gut,« antwortete der Alte, schob das Schwert wieder in das Futteral und gab es dem Sohn zum Aufhängen; der nahm es mit bebendem Arm.

So schrieb nun der Verlobte an seine Braut, erzählte alles, was geschehen, und gab ihr das Wort zurück.

Die Braut aber, wie sie den Brief gelesen, besorgte sich heimlich Männerkleider, nahm Geld aus dem Schubfache ihres Vaters, indem sie das Schloß mit einem Haken öffnete, kaufte sich ein Pferd und machte sich vorsichtig, ohne daß jemand etwas von ihrem Vorhaben merkte, auf den Weg zur Heimat ihres Verlobten. Ihr Vater suchte lange nach ihr, aber da sie alle ihre Gänge mit großer Schlauheit getan, so konnte er keinerlei Spur von ihr entdecken. So kam sie denn an einem Nachmittag in der fremden Stadt an, fragte sich durch und hielt endlich vor dem Hause des Scharfrichters.

Ihr Verlobter stand vor der Tür, in blauem Leinwandkittel; er hatte einen jener Riemen aus Menschenhaut in Arbeit und reckte ihn; die Arbeit nahm ihn so hin, daß er das Näherkommen des Reiters gar nicht merkte und plötzlich zusammenschrak, wie das Pferd ihm die Mütze vom Kopf stieß; er wollte zurück und blickte auf, da sprang seine Braut aus dem Sattel, eilte auf ihn zu, er stand entgeistet, den halbfertigen Riemen in der Hand, und starrte sie an, sie lachte silberhell auf und umarmte ihn.

Der Vater trat aus der Tür und blickte nach den beiden, dann knüpfte er den Zügel des Pferdes um den Pfahl und machte ihnen eine Handbewegung, daß sie in das Haus treten sollten. Nun standen im Zimmer die beiden Alten und die beiden Jungen einander gegenüber. Dem Mädchen verging das Lachen, als sie in das Gesicht des Vaters blickte, sie flüchtete sich an die Brust des Sohnes, der sah verlegen zur Seite.

»Habt Ihr gewußt, daß ich ein Scharfrichter bin, oder hat Euch mein Sohn etwas vorgelogen?« fragte der Alte.

»Er hat es mir erzählt – nachher,« antwortete sie.

»So, nachher,« sagte er langsam, den Sohn ansehend. Dann fuhr er fort: »Habt Ihr gewußt, daß der Scharfrichter keine Ehre hat und seinem Sohn keine Ehre mitgeben kann?«

Stockend erwiderte sie: »Ich habe mir das nicht so klar gemacht.«

Der Alte sah einen Augenblick mit einem weicheren Ausdruck der Augen auf sie und sagte: »Armes Tier!«

»Ihr seid wochenlang allein durch die Welt gezogen. Das tut kein ehrbares Mädchen,« sagte er dann. »Aber Ihr seid nicht schuld, Ihr habt einen Narren zum Vater, der sein Kind nicht leiten kann.« Dann wendete er sich zu seinem Sohn und fuhr fort: »Bringe das Pferd in den Stall. Dann bestelle das Aufgebot. Du schläfst in der Dachkammer, bis ihr verheiratet seid.«

Das Mädchen riß sich mit einem Ruck von dem Geliebten los, errötend und mit blitzenden Augen sagte sie zu dem Alten: »Jetzt habe ich zum erstenmal einen Mann gesehen. Ich mag Euren Sohn nicht mehr.«

»Nun denn, es ist besser so,« antwortete der.

Sie begrüßte die beiden alten Leute zum Abschied und ging hinaus; ihr Verlobter folgte ihr, löste die Zügel von dem Pfosten und half ihr auf das Pferd. Dann ritt sie ab, und er sah ihr traurig nach.

Der große König

Gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts lebte in einem thüringischen Dorf als Schulmeister ein früherer Soldat aus dem Heer Friedrichs des Großen. Er war Bürger einer freien Reichsstadt, hatte Theologie studiert und war auf einer Wanderung nach einem Dorf begriffen gewesen, wo er eine Pfarrstelle antreten sollte; als er an einem Abend müde in einer Herberge einkehrte, war er preußischen Werbern in die Hände gefallen, die ihn betrunken gemacht, ihm das Handgeld in die Tasche gesteckt und eine Grenadiermütze aufgesetzt hatten, und so hatte ihn denn am nächsten Morgen ein Unteroffizier mit dem Ladestock aufgeweckt und mit noch einigen anderen in Ketten seinem Truppenteil zugeführt. Nachdem die Kriege beendet waren, hatte man ihn entlassen; er war bettelnd durch das Land gezogen und hatte zu seinem Glück, ehe er der Polizei in die Hände fiel, noch eine Schulmeisterstelle gefunden.

In den Soldatenjahren hatte er sich an den Schnaps gewöhnt, und da sein Lohn für Wirtshausunkosten nicht ausreichte, so ließ er sich gern von den Bauern freihalten und erzählte ihnen dafür Geschichten aus seinen Kriegen und Schlachten. Dieses ist eine Geschichte, die er am meisten erzählte.

Es war ein Fahnenjunker zu uns gekommen, der noch ein reines Kind war, erst fünfzehn Jahre alt. Wir lachten immer über ihn, wenn er uns kommandierte, weil seine Stimme noch umschlug, denn wir hatten Kerls unter uns, die schon an die Vierzig waren und aus aller Herren Ländern stammten; mein Nebenmann war ein Ungar, der behauptete, von Adel zu sein; mit dem sprach ich immer Latein. Aber gern hatten wir den Junker doch, er war ja noch ein richtiger Junge.

Er hielt sich viel zu mir, weil ich doch mehr Bildung hatte wie die anderen, und wenn er etwas nicht wußte, so fragte er immer mich. Wir haben auch des Nachts meistens zusammengelegen, und ich habe ihm oft meinen Mantel gegeben, denn so ein Junge, der hat doch noch nicht die Körperwärme wie ein Erwachsener. Er tat auch so kuriose Fragen; er war noch nicht in der Schlacht gewesen und wollte immer wissen, wie es da zuging, und ich beschrieb es ihm denn auch, wie man Essen und Trinken vergißt und sich noch nicht einmal auf das Vaterunser besinnen kann, so ist man weg. Zuletzt fragte er dann immer, ob man Angst hätte, und ob ich glaubte, daß er Angst kriegen würde, und ich sagte ihm dann, daß sich da mancher die Hose vollgemacht hat, der vorher das große Maul hatte, aber er sah mir nicht so aus, er hatte so etwas Bescheidenes und Couragiertes.

So ging das nun eine Weile, und dann kam die Bataille. Wir standen allein, Gewehr bei Fuß, wir sahen nichts mehr von den anderen, nur daß wir den Spektakel von weitem hörten; wir dachten schon, der Alte hat uns vergessen, und freuten uns, daß wir nicht mit los mußten; da kam mit einem Mal ein Offizier übers Feld angeprescht und schrie unserem Hauptmann zu, der Hauptmann kommandierte, und nun vorwärts! Wir liefen zu, was wir konnten, da standen wir mit einem Male hundert Schritt vor einer Batterie, und da ging es auch schon los; wir haben schöne Bücklinge gemacht, aber das half alles nichts; wie ich mich umsehe, da stehen nur noch so einige fünfzig Mann da und gucken sich verwundert an. Ich merke gleich, daß kein Offizier mehr aufrecht ist, und da war mir gerade ein Graben zur Hand; ich schwenke ab und denke: was geht mich die Batterie an! Da ist mit einem Mal der Junker hinter mir und haut mir mit dem flachen Säbel um die Beine, daß ich die Engel im Himmel pfeifen höre, und schreit, was er kann: »Vorwärts, Kerle, wer kein Hundsfott ist!« Ich schäme mich doch vor dem Jungen und laufe ihm nach, und wie ich mich umsehe, laufen ihm die anderen auch alle nach. So sind wir mit einem Mal mitten in der Batterie und stechen zu, wie es gerade kommt. Das weiß man nachher nicht mehr, wie das gewesen ist. Man sticht immer ins Weiche. Also mit einem Mal ruft unser Junker »Viktoria!«. Da sehen wir uns um, richtig, wir sind nur noch Preußen in der Batterie. Ich stehe neben ihm, er fragt mich: »Was nun?« »Vernageln,« sage ich. Einer wirft seinen Tornister ab, kramt Nägel vor, da lag eine Axt, ich mache mich an die Kanonen, vier Stück waren es. Die anderen sahen zu, es war so komisch, es war mir, als ob es nur noch fünf oder sechs Mann sind. »Ei verflucht!« denke ich, »du kannst von Glück sagen.« Richtig, da legt sich einer nach dem anderen hin.

Wie ich fertig bin, wische ich mir den Schweiß ab, der mir in die Augen gelaufen ist und beißt, und sehe mich nach meinem Junker um. Der sitzt da, hat den Rücken an eine Lafette gelehnt, guckt mich mit großen Augen an und hält sich den Bauch. Ich, vor ihm, nehme ihm die Hände weg, knöpfe den Hosenlatz auf, ziehe das Hemd weg, nichts zu machen. Der hat ihm das Bajonett im Bauch umgedreht und wieder herausgerissen. »Es tut nicht weh, Grenadier,« sagt der Junge, seine Lippen waren schon ganz blau. Mir war, als ob ich losheulen sollte, wie ich die Wunde sah, ich hatte den Jungen doch lieb. »Meint Er, daß ich sterben muß, Grenadier?« fragte er mich. »Betet nur Euer Vaterunser, Junker,« sage ich ihm, »Ihr sterbt als ein ehrlicher Kerl.« »Meine Mutter hat ja noch fünf,« sagt er. Da wird mir selber schlecht, ich fasse an die Seite, da ist alles naß, ich merke, daß ich auch etwas abgekriegt habe. Nun weiß ich nicht mehr, wie das war, aber wir müssen wohl eine lange Zeit so gelegen haben, denn wie ich wieder etwas von mir weiß, da sind die Schatten schon ganz lang. Da höre ich von allen Seiten die preußischen Trompeten. »Das ist Viktoria!', sage ich und sehe meinen Junker an, der hat immer noch die großen Augen und wackelt mit den Lippen. Und jetzt schrinnt es mir auch an der Seite, das ist meine Wunde.

Der Junker war wohl nicht mehr ganz richtig. Er sagte: »Das versteht Er nicht, Grenadier. Er kriegt die Fuchtel, aber unsereins hat seine Ehre.« Ich denke mir, er hat gemeint, weil ich habe ausreißen wollen, und er hat die Courage gehabt. Dafür ist eben der Offizier, ich kriege meine zwei Silbergroschen den Tag; ich wäre doch dumm, wenn ich ausreißen könnte und täte es nicht.

Indem kommt der Alte mit seinen Generalen angeritten. Er sah uns an mit seinen blauen Augen, daß es mir kalt den Rücken hinunterlief. Mit dem war nicht gut Kirschen essen. Mir konnte er ja nichts anhaben, ich war blessiert. Ich höre, wie er zu einem Herrn sagt, der neben ihm reitet: »Nein, das ist alles nicht das Richtige, was Sie sagen. Das Merkwürdigste ist die Entnervung der Kerls, daß sie nicht mich, der alle ihre Leiden verursacht, niederknallen.« Das habe ich mit meinen eigenen Ohren gehört, wie er das gesagt hat, und da habe ich bei mir gedacht: »Recht hast du, ich könnte jetzt Pastor sein und neben meiner Frau schlafen und morgens meine schöne warme Roggensuppe essen. Denn eigentlich ist es schändlich, wie du mich gekriegt hast, von einem Glas Kofent werde ich doch nicht besoffen, der Unteroffizier hat mir Schnaps hineingegossen, ohne daß ich es gemerkt habe, ich werde doch nicht den Kuhfuß schleppen, wenn ich eine Pfarre habe! Aber dann müßte schon einer von hinten kommen, denn wenn du ihn anguckst, dann hat er keine Courage. Und das ist auch nicht jedermanns Sache, von hinten schießen.«

Wie die Herren noch auf ihren Pferden sitzen und gucken, denn das war hoch, wo wir lagen, da fängt mein Junker an zu zappeln und stöhnen. Er saß gerade da, wo das Pferd des Alten stand, und das Pferd wird unruhig. Der sieht nieder, blitzt ihn nur so an mit seinen Augen und herrscht los: »Sterb Er anständig, Junker.« Der verstand das schon nicht mehr, aber mir ging das denn doch gegen die Natur, ich denke: »Das Pferd ist ja vernünftiger wie du,« und so sage ich: »Halten zu Gnaden, aber der Junker hat Ew. Majestät die Batterie erobert.« Da sah er sich erst ordentlich um, und da merkte er wohl die Arbeit, die wir gemacht hatten, denn da wurde sein Ton mit einem Male ganz anders. Er fragte mich: »Wie heißt der Junker?« Ich sage: »Soundso,« nämlich der Name ist mir jetzt entschwunden, man hat ja zu viel erlebt. Der König wendet sich um und sagt zu einem von den Herren: »Notieren Sie: »Der und der,« und da sagt er den Namen, den ich eben nun vergessen habe, »der und der ist zum Leutnant befördert.« Na, das war doch eine Ehre für uns, da freut man sich doch, ich also los: »Hurra, der König hoch.« Da lagen noch einige, die schrien mit, aber es klang nur heiser, viel Puste hatten sie nicht mehr in der Lunge.

Der König wendete sein Pferd und ritt ab mit den Herren; ich hörte aber noch, wie der neben ihm zu ihm sagte: »Majestät haben eben die Technik.« Technik ist ein Wort, das aus der griechischen Sprache stammt. Was es hier bedeutet, weiß ich nicht, nur er meinte, daß wir Hurra geschrien hatten, und hatten ihn nicht niedergeknallt. Aber das verstand der Alte eben, gerecht war er, das mußte ihm sein Feind lassen.

Schluß der Geschichte von der Taufe

Es wurde für die fremden Gäste Zeit, aufzubrechen. Man hörte von unten schon das Peitschenknallen der Kutscher, das Rollen der vorfahrenden Wagen; hier und da kam eine Dame und ermahnte ihren Gatten. Dichter und Verleger machten schnell einen Überschlag und fanden, daß die erzählten Novellen wieder einen Band wie die Hochzeit füllen würden, und so stand denn der Beendigung der Festlichkeit nichts mehr im Wege.

Der Novellenband der Hochzeit hatte den meisten der Geladenen sehr gut gefallen; Herr v. Brake meinte freilich, Asmus Semper sei ihm doch noch lieber, aber das komme daher, daß ein Roman sich so schön hintereinander fortlese. Der Landrat schloß sich dem Urteil des Herrn v. Brake an, aber er sagte, wahrscheinlich liege dem Herrn Doktor der Roman mehr wie die Novelle. So war denn nun die ganze Gesellschaft auf den neuen Band der Taufe gespannt und jeder versprach, ihn mit dem wärmsten Interesse zu lesen.

»Und soll das dann nun der letzte Band werden?« fragte die junge Frau den Dichter. Dieser mochte nicht so indiskret sein, auf weitere Tauffeierlichkeiten zu verweisen, und weil ihm nicht gleich etwas anderes einfiel – wie das ja so ist, wenn die Gedanken zuerst nach einer bestimmten Richtung gegangen sind – so schwieg er mit einer gewissen Verlegenheit.

Herr v. Brake aber rief: »Wenn mein Schwiegersohn für eine neue Arbeit den Nobelpreis bekommt, dann sind wir nächstes Jahr um diese Zeit wieder beieinander.«

Der junge Gelehrte errötete und sah den alten Herrn etwas unwillig an, aber die Damen riefen Paul Ernst zu: »Sie haben es gehört, Herr Doktor, das nächste Buch wird der Nobelpreis.«